Read the book: «Sommerleithe»
Klaus Weise
Sommerleithe
Roman

Inhalt
1. Poor boy, you’re bound to die
2. … das kommt vom Rudi-Ralala
3. Pari Banu
4. «Im Westen ist es kalt»
5. Frau Pavel
6. Renates Anfall
7. Die Tage (Those were the days, my friend)
8. Sud und Sühne
9. Der Vatersprachlose. Was ist, wenn nichts ist?
10. «Das Leben nennt der Derwisch eine Reise»
11. Schnappdeckel der Erinnerung
12. Blut und Blumen
13. … finden in der ganzen Welt ihre Käufer!
14. Zweites Königreich
15. Morning has broken
16. Angst im Himmel, ein kurzes Kapitel über das Töten und artfremde Axt
17. Wrigley’s
18. Die Scham, der Stolz und die rohe Leber
19. Each man kills the thing he loves oder: befriedigend –
20. Magic carpet ride und roter Wolf
21. Speaking in tongues
22. Das Glück
23. Lullumann in Russland
24. Chthonisch
25. Wohin (nicht) schauen
26. Wurstdecke und Nasengestrüpp
27. «Zwar, eine Sonne, sagt man, scheint dort auch
28. «Und über buntre Felder noch, als hier …»
29. «… nur schade, dass das Auge modert, das diese Herrlichkeit erblicken soll»
30. «Die Liebe ist ein seltsames Spiel»
31. Fliegende Hunde, ja. Fliegende Teppiche, auch. Aber …
32. Bürgerliches Heldenleben
33. Glitzsch
34. Zweimal Sonne
35. Diamat
36. «Mädel, mach’s Ladel zu, ’s kommt e Zigeunerbu»
37. Kickerlingsberg
38. Juri Alexejewitsch Gagarin
39. Out of the blue, into the black
40. Gilt nur bedingt. Weil ein Ich (welches?) wie ein Kind bedenkt, wie es dächte, wenn es denken könnte, so aber nicht denken kann
41. Endlich – lange drauf gewartet
42. Teilweise Wiederholung. Kann überlesen werden
43. Bitte nicht überblättern. Neu!
44. Zuvor 24.
45. Erinnerungssuppe 2
46. Domsingschule
47. Gott und der Garten
48. Zu neuen Ufern
49. Nicht hart – und auch nicht Schluss
50. Zu noch neueren Ufern
51. Die Erinnerung
52. Vielleicht war alles auch völlig anders
53. «Schulen der Sprachlosigkeit»
54. Abschied
Fine ohne Ende
Über den Autor
Über dieses Buch
Impressum
Sommerleithe
Wortbegehung einer Kindheit diesseits und
jenseits der Zonengrenze
Eine Geschichte als wahr zu bezeichnen,
ist eine Beleidigung für Kunst und Wahrheit zugleich.
Vladimir Nabokov: Vorlesungen über westeuropäische Literatur
Wenn die Natur aus ist, das ist, wenn die Natur aus ist.
Wenn die Welt so finster wird,
daß man mit den Händen an ihr herumtappen muß,
daß man meint, sie verrinnt wie Spinneweb.
Das ist so, wenn etwas ist und doch nicht ist,
wenn alles dunkel ist und nur noch ein roter Schein im Westen,
wie von einer Esse. Wenn …
Die Schwämme … da, da steckt’s. Haben Sie schon gesehen,
in was für Figuren die Schwämme aus dem Boden wachsen?
Wer das lesen könnt.
Georg Büchner: Woyzeck
1.
Poor boy, you’re bound to die
Es begann mit einem Spaß. In einem weit zurückliegenden Damals.
Das Licht wurde ausgeknipst, zwei kräftige Männerhände packten mich, hoben mich nach oben unter die Decke, als wäre ich leicht wie eine Feder, und ich, reflexartig den Schwung ausnutzend, streckte meine Arme aus, umfasste einen schwarzen Räucherspieß, hielt mich fest – und hing im Himmel. In einem Himmel aus Schinken, Wurst und Speck.
Da hing ich nun. Wo niemand jemals vor mir hing. Ganz oben. Ich. Herrscher über ein riesiges Reich. Über den roten Wolf, über Kutter, Kühlhaus, Messer, Hackklotz, Wurstkessel und Räucherkammer, über alles und alle, die mir dienten, damit aus Schweinehälften und Rindervierteln, aus Kälbern, Färsen, Zicklein und Spanferkeln entstehe, was alle wollen und brauchen: etwas zu essen. Nein. Nicht etwas. Sondern Fleisch und Wurst. Und nicht irgendwelches Fleisch und irgendwelche Wurst, sondern das beste Fleisch und die beste Wurst weit und breit. In Lusan, in Gera und darüber hinaus. Ich war der König, der kleine König der elterlichen Metzgerei.
Innerhalb weniger Sekunden wurde ich aus der Welt, in der man mit den Füßen auf festem Boden steht, erhoben in eine andere Welt, eine Welt, in der der Körper schwebt, die Beine und die Füße baumeln und der Kopf auf faszinierende Art verwirrt und berauscht ist.
Und wenn der Boden unter mir auch nicht verschwunden ist, sondern nur sehr, sehr weit weg, erscheint es mir, als hinge ich, wenn nicht im Himmel, so doch zumindest im halben Himmel, im Metzgerhimmel als der Vorstufe zum Himmel.
Wer durfte, wer konnte das in meinem Alter schon erleben! Ich halte mich fest an einem Stock, schwarz wie Ebenholz. Doch nicht ängstlich, wie sich Erwachsene an der Haltestange unter dem Dach der Straßenbahn festhalten würden, wenn plötzlich unter ihren Füßen der lange Gang mit den vollbesetzten Sitzen verschwände, sich mit Fahrer und Schaffner in bedrohliche Tiefe entfernte, in die hinabzustürzen den sicheren Tod bedeutete.
Nein, ich hatte keine Angst, sondern war kraftvoll und stolz. Denn neben mir hingen keine verängstigten Fahrgäste einer Straßenbahn, sondern ihres Wertes und ihrer Würde sich bewusste und sich erhaben fühlende Würste, Schinken und Speckseiten. Sollten sie sich über meine unerwartete Anwesenheit, über das Eindringen eines Fremdlings in ihr Revier gewundert, geärgert oder gefreut haben, so ließen sie sich das, souverän wie sie waren, nicht ansehen und anmerken. Ich glaube, sie waren verwundert, denn noch nie hatte sich ein menschliches Wesen in ihr Reich gewagt. Außer eben ich. Jetzt. Um sie mit meiner Anwesenheit zu grüßen und ihre Anerkennung zu bekommen für mein mutiges Vordringen in ihr Fleischerreich. Meine Freude war riesig. Und ich glaube gespürt zu haben, dass man sie hier oben nach der ersten Verwunderung über meine unerwartete Tat durchaus mit mir teilte.
Tief zu meinen Füßen saßen keine Menschen im Abgrund einer Straßenbahn, sondern dort lag, wie ich ohne hinunterzublicken wusste, in mattem Glanz ein dunkler, einsamer und gnadenlos harter Steinfußboden, der meinen ganzen Mannesmut herausforderte. Denn so schnell die Arme mich gegriffen und in den Himmel gehievt hatten, so schnell senkten sie sich hinab und verschwanden im dunklen Licht der Abendstunde – statt zur Sicherheit neben mir zu verharren, um mich, sollten meine Finger abrutschen und ich in die Tiefe stürzen, aufzufangen, zu retten und auf sicheren Grund zu stellen. Und mit den Armen verschwanden auch die Körper und die lachenden Gesichter der beiden Männer in der Dunkelheit, die schon aus den Ecken kroch, während es draußen noch taghell war. Ich hörte die Tür ins Schloss fallen, hörte, wie der Schlüssel gedreht und das Schloss verriegelt wurde.
Dann war Stille. Ich lauschte in sie hinein – und hörte nichts. Der Raum lag in trägem Dämmerlicht und schwieg. Doch die Faszination, die Freude und der Stolz, hier oben hängen zu dürfen, wurden von der langsam sich ausbreitenden Finsternis geschluckt. Angst beschlich mich – und die Frage: Wie lange würde ich hier oben hängen können, ohne abzustürzen? Soeben noch ein über sich selbst hinauswachsender Abenteurer, war ich nun ein Gefangener, abgehängt im Gestänge einer Welt, die nicht für mich bestimmt war und die ich gerade deswegen neugierig hatte erobern wollen.
Ich war allein. Verlassen. Eingesperrt. Wo war meine Mutter? Auf sie konnte ich mich immer verlassen. Es brauchte keinen Anlass. Hatte ich etwas ausgefressen: Sie war für mich da. Wollte ich sie einfach nur umarmen und ihr einen Kuss geben: Sie war für mich da. Wo war sie, jetzt, als ich sie brauchte?
Mein Vater und sein Geselle Oswald waren Späßen nicht abgeneigt. Sei es, dass mein Vater mich fragte, was er wohl in der verschlossenen Hand halte, und sie dann, wenn ich dreimal falsch geraten hatte, öffnete und ich ein Schweineauge anschaute, das mich anschaute, sei es, dass Oswald – mit Schweineohren am Kopf statt seiner eigenen – aus dem Dunst und Dampf der Wurstküche hervorkam und zur Begrüßung grunzte. Überraschungen dieser Art war ich zwar nicht gewohnt, aber sie waren mir auch nicht gänzlich unvertraut. Mich jedoch unter die Decke zu hängen, zu verschwinden, die Tür von außen abzuschließen, damit mich niemand finden und befreien konnte, und mich wie Wurst, Schinken und Speck austrocknen zu lassen, das war neu. Und lebensbedrohlich – wie die vielen anderen Gefahren, vor denen mein Vater mich immer wieder mit bildhaft-eindringlichen Beschreibungen gewarnt hatte, in die ich mich jedoch allzu gerne mit meiner Phantasie hineinbegab und die auszuschmücken mir ein schauriges Vergnügen bereitete.
Doch das hier war kein Spiel. Es war Wirklichkeit. Kein ängstlich-sehnsüchtiges Gespinst meiner Einbildungskraft, kein Traum, aus dem erwachend ich mich in der behaglichen Wärme meines Bettes im behüteten Elternhaus wiederfinden würde. Im Gegenteil: Mein spielerischer Übermut war verflogen, und was übrig blieb, war pure, zu Erstarrung geronnene Angst. Würde ich meinen Griff lockern in der Hoffnung, aus einem schrecklichen Traum ins weiche Federbett zu fallen und nach dem kurzen Schock des Erwachens beglückt über meine Rettung in die lange Nacht hinein zu schlummern, so würde ich vom Himmel hinabstürzen und mir beim Aufschlagen auf der Erde sämtliche Knochen brechen.
Was nun? Was tun? Ich musste mich festhalten, festhalten, solange ich konnte, das war klar. Aber wie lange würde ich mich festhalten können? Und wenn ich abstürzen würde und zerschellen auf dem steinharten Fußboden, wären fehlende Kraft und mangelnde Willensstärke meine eigene Schuld. Es gab kein Ungeheuer, gegen das ich zu kämpfen, kein Gespenst, das ich zu vertreiben und keinen Drachen, den ich mit dem Schwert oder einer Lanze zu durchbohren hatte, nein, ich war mein eigener Feind, und es lag allein an mir, wie lange ich mich am Räucherspieß würde festhalten können. Noch konnte ich. Noch hatten meine Hände die Kraft, mich im Himmel des Fleischerreiches baumeln zu lassen und sich dem dunklen Sog, der meinen Körper länger und länger werden ließ, zu widersetzen und mich vor dem Absturz zu bewahren. Noch.
Alles um mich herum war ruhig und friedlich, ganz so, als würden die Würste, Schinken und Speckseiten, der Raum und all seine Gegenstände sich zur Ruhe begeben, langsam in einen tiefen Schlaf sinken und den Ereignissen eines neuen Tages entgegenträumen. Doch diese Behaglichkeit konnte ich nicht teilen. War ich doch, wenngleich bleich vor Angst, weder eine weiß gekalkte Zervelatwurst noch, auch wenn mir das Blut in den Kopf geschossen war, ein roter Nussschinken. Ich war: beides. Da ich mich aber nicht selber sehen konnte, konnte ich nicht wissen, wie das aussah: gleichzeitig beides zu sein.
Schwester Salami und Bruder Schinken hatten es bequem, denn sie brauchten sich nicht festzuhalten. Sie wurden gehalten – von Bindfadenschlaufen, durch die schwarze Spieße gesteckt waren, welche mittels einer eisernen Gabel, befestigt an einem langen Holzstab, von starken Männerhänden in das Gestänge unter die Decke gehängt worden waren. Auch war ich keine von den vielen mit weißen Fettflocken gemusterten Mettwürsten, die sich mit braun glänzender Haut wie geknetete und abgeschnürte hungrige Riesenschlangen um Räucherspieße wickeln konnten, um sicheren Halt und Überlebenshoffnung zumindest für die kommende Nacht zu finden. Nein, ich war ein Junge, der zwar ziemlich stark war oder sich so vorkam, aber möglicherweise nicht stark genug, um eine ganze Nacht wie eine Fledermaus am Wurstspieß hängend schlafen zu können. Außerdem, fiel mir ein, jagen Fledermäuse nachts und schlafen am Tag. Nein, es gab kaum Hoffnung zu überleben.
Und die Hoffnung schwand umso mehr, je ruhiger es wurde im Raum. Die Geräusche des Tages waren längst verweht, und die Stille der Nacht hatte sich schleichend ausgebreitet wie die Dunkelheit im Schatten der Dämmerung. Alles war so friedlich, dass es mich nicht überrascht hätte, jetzt die sanfte und geliebte Stimme meiner Mutter zu hören, die mir ein Lied zur guten Nacht singt … wäre da nicht die pochende Panik in meinem Herzen.
Wie lange ich in diesem verführerischen, doch nun mein Leben bedrohenden Himmel hing, weiß ich nicht. Es kam mir unendlich lange vor. Meine Haut, ausgetrocknet zu einer luftgeräucherten Schwarte, zu gelb-bräunlichem Pergament – ein harter Naturdarm, in dem mein schwindendes Leben, mein vertrockneter Körper Saft und Seele aushauchten – war mit Kleidern und Schuhen verwachsen. Ich war eingetrocknet auf die Größe einer Salami. Mein Kopf, ein Schrumpfkopf mit dem Gesicht eines greisenhaften Kindes, wirkte wie aus dem Himmel auf die Schultern gefallen, dort verwachsen mit zwei ausgestreckten, verdorrten dünnen Ärmchen, die in nichts an die geschmeidigen Muskeln und die saftigen Sehnen der Jugend erinnerten, sondern nur an den vertrockneten Mörtel und Staub greisenhafter Alterserstarrung. Kopf, Arme und Rumpf waren zudem umhüllt von einem Geflecht übereinander gewobener Spinnennetze, welche diese menschliche Ruine davor schützen sollten zu zerbröseln, damit sie, sollte es jemals wieder regnen, zu neuem Leben erwachen könne.
Ich atmete nur noch einmal pro Tag, einmal ein, einmal aus, und mein Herzschlag hatte sich diesem Rhythmus angepasst. Meine Hände sind mit dem schwarzen Spieß verwachsene Krallen, von denen ich befürchten muss, dass auch sie bald pulverisiert werden und als feiner Staub auf das Leben unter ihnen herniederrieseln.
Und ist mein Körper auf dem Steinfußboden aufgeschlagen, zerborsten und sein Staub aufgewirbelt wie die Sporen, die ein zertretener Pilz in einer langsam unsichtbar werdenden Wolke auf weite Reise schickt, dann werde ich nicht mehr sein. Dann werden meine Eltern und meine Geschwister schon sehen, was sie davon haben, mich nicht gerettet zu haben, dann werden sie nur noch sagen können: Es war einmal ein König, ein kleiner König …
Man hatte mich vergessen. Die Würste und Schinken neben mir kamen und gingen. Ich war es müde, mich mit ihnen zu befreunden. Ich reduzierte die Energie, die ich benötigte, um zu leben, wie es Schildkröten tun im Winterschlaf. Ob ich nun langsam zerbröselte oder, solange noch ein wenig Lebenssaft in mir gärte, doch noch heruntergenommen und im Laden von der Aufschnittmaschine in hauchdünne Scheiben geschnitten und teuer verkauft würde, war mir egal. Ich wusste, die Gefühle und mit ihnen Schmerz und Hoffnung hatten meinen Körper längst verlassen.
Die Lethargie als Ergebnis des endlosen Hängens wurde nur noch übertroffen von der Wiederkehr des Lebens unter mir. Dort wurde gearbeitet, gelacht, gestritten, geliebt, Geld gezählt, doch nie bekam ich einen Blick, der mir gesagt hätte, ich weiß, dass es dich da oben noch gibt, dass du da bist, wir haben dich nicht vergessen, und deine Zeit wird kommen. Nichts von alledem. Obwohl vorhanden, existierte ich nicht mehr. Als hätte es mich nie gegeben. Manchmal, wenn das zarte Licht der Morgensonne den Raum erhellte, die Schläfer in Wohnungen und Häusern an der Hand nahm und sie vom Schlaftraum der Nacht in den Lebenstraum des Tages führte, wünschte ich, es würde mich verwandeln in eine Urne ganz aus meiner eigenen Asche und mit sonst nichts drin als diesem weichen Licht.
Ich fürchtete mich nicht mehr vor dem Tod und auch nicht mehr vor dem Sterben. Das sanfte Licht der Morgensonne würde mir für immer scheinen und mich erwärmen, mir Trost und Hoffnung spenden. Und wenn das Leben mich vergessen hat, bescheint mich doch das Licht des Todes in meiner Urne. Ob es mir für immer hier scheint oder mich mitnimmt auf seine Reise – mir ist beides recht.
Denn ich wollte wissen, wohin die Reise ging. Da hörte ich von irgendwo, aus Vergangenheit oder Zukunft, die vertraute Stimme meiner Mutter: «Im Westen ist es kalt.» Mit dieser Vorausahnung hatte sie recht, wie sich später herausstellen sollte. Auch wenn es im Westen manchmal heiß zu- und hoch herging.
2.
… das kommt vom Rudi-Ralala
Samstagabends gingen die Gesellen unserer Metzgerei im gegenüberliegenden Gasthaus Zur Kanne feiern. In dessen Tanzsaal mit dem schönen Namen Paradiso – eine Verbeugung vor dem Hit «Paradiso unterm Sternenzelt» aus den frühen 60er Jahren, auf Deutsch gesungen von der amerikanischen Sängerin Concetta Rosa Maria Franconero, bekannt unter dem Namen Connie Francis –, spielte eine Band, es wurde getrunken und getanzt, und meine Schwester, ihre Freundin Monika und ich lagen bei uns im Fenster und beobachteten. Der Feldstecher meines Vaters half uns dabei. Besonders begehrt war er von Renate und ihrer Freundin bei langsamen Liedern. Nie, außer an Abenden wie diesen, sah ich meine Schwester jemals durch ein Fernglas schauen.
Was wir nicht sehen konnten, mussten wir uns denken. Ich spürte körperlich, dass Renate und Monika in ihrer ergänzenden Phantasie mir weit voraus waren und über Dinge tuschelten, die ich mir, selbst wenn ich mehr als bloße Flüsterfragmente gehört hätte, aus Mangel an pubertären Erfahrungen noch lange nicht hätte ausmalen können.
Auch unsere Eltern gingen samstagabends aus. Zweimal im Monat trafen sie sich mit Freunden zum Kegeln in der Wirtschaft Im Pütt. Lag Zur Kanne mit dem Tanzsaal Paradiso nur einen Steinwurf von der Straßenfassade unseres Hauses und der Metzgerei entfernt, so hätte ich mit demselben Stein in entgegengesetzter Richtung den oberirdischen und fensterlosen Tunnel der zu Im Pütt gehörenden Kegelbahn treffen können, jenseits der Mauer, die unseren großen Garten umzäunte und in die am oberen Ende spitze Eisenpickel und bunte Glasscherben einzementiert waren. Diese sollten Einbrecher davon abschrecken, in unser neu erworbenes Reich – Metzgerei, Laden und Wohnhaus – einzudringen, um Würste und Schinken zu stehlen, die Geldkassette zu entwenden, die mein Vater allabendlich an seiner Schlafseite unter dem Kopfende des Ehebettes versteckte, und, sollte er sie nicht freiwillig herausrücken, ihm den Schädel einzuschlagen.
Doch auch die Flucht aus unserem Reich sollte so verhindert werden. Mit einiger Regelmäßigkeit unternahmen unsere beiden Schäferhunde, wenn sie aus ihrem Zwinger in den für sie abgezäunten Teil des Gartens durften und sich unbeobachtet fühlten, den Versuch, das Reich zu verlassen, anstatt es zu bewachen und gegen Eindringlinge zu verteidigen. Mehrmals gelang es Axel und Pluto, mit einem Satz auf die Mauer und mit einem weiteren von der Mauer in die Freiheit zu springen. Doch immer endete ihre Flucht im Zwinger des Tierheims in der Nähe des Mülheimer Flughafens, und jedes Mal, wenn ich sie mit meinem Vater von dort abholte, um sie aus dem einen Zwinger zu befreien und wieder in den Zwinger der Metzgerei zu sperren, überlegte ich, welches Hundeleben sie, hätten sie es frei wählen dürfen, wohl lieber gehabt hätten. Vermutlich wären sie gern, friedlich nebeneinander im Flugzeug sitzend, ins Paradiso für Hunde geflogen.
Wieder zu Hause, versuchte mein Vater, ihnen mit dem Stock den Sprung in die Freiheit aus dem Körper zu prügeln. Das tat weh. Auch mir. Es war ungerecht. Denn sie hatten nichts anderes getan als wir: aus dem Eingesperrtsein in die Freiheit zu entfliehen. Außerdem war es erfolglos. Wieder und wieder versuchten sie, dem Gefängnis des Gartens zu entkommen, der für mich, auch weil in ihm ein schöner Kirschbaum stand, ein Paradies war. Aber Hunde essen keine Kirschen. Schade.
Anfänglich glaubte ich, in dem langen Bau jenseits der Mauer fänden Schießübungen statt. Und dem war ja auch so! Doch wurde nicht mit Pistolen- und Gewehrkugeln geschossen, sondern mit kindskopfgroßen Kugeln, die, wenn sie trafen, die Kegel mit lautem Lärm auseinanderstieben ließen und von denen zweifellos der Ausdruck «mit Kind und Kegel» abstammen musste.
Die Eltern waren also kegeln im Gasthaus Im Pütt. Ihr Verein trug den verheißungsvollen Namen Die Holzköppe. Auch Renate und Monika trugen etwas mit verheißungsvollem Namen – etwas, das für weibliche Teenager dieser Tage üblich war, und vermutlich nicht nur für sie: ein Nachthemd namens Babydoll mit kurzen Ärmeln und kurzen Beinen, beides gepuffert, versteht sich. Dadurch schienen mir ihre Arme und Beine länger zu sein als sonst: als wüchsen sie, mit Händen und Füßen als Blüten und lackierten Finger- und Fußnägeln als matten, pastellkreidig stumpfen, aber an der Oberfläche glänzenden Blütenblättern, aus den mit Stoff bedeckten Zonen ihres für mich geheimnisvollen Körpers heraus wie Blumenstängel aus einem mit Blumenerde gefüllten Stoffsack.
Monika hatte schwarzes Kräuselhaar und einen Silberblick. Sie schielte. Aber sehen konnte sie trotzdem. Mit dem rechten Auge. Nicht nach innen, sondern nach außen, was sie intelligenter, weil weitblickender aussehen ließ als ein zur Nasenspitze gebrochener Blick. Ihre und meiner Schwester Augen verfolgten Rudi, den Vorgesellen unserer Metzgerei, wenn er fast jeden frühen Samstagabend mit seinem silbergrünen VW-Käfer-Cabriolet vom Hof fuhr, manchmal, um eine Dame von irgendwoher abzuholen und anschließend mit ihr im gegenüberliegenden Paradiso zu verschwinden, meist aber ganz einfach, um die wenigen Meter vom Hof der Metzgerei zum Paradiso mit dem Wagen zurückzulegen und dabei von möglichst vielen Gästen gesehen zu werden – von den weiblichen mit Bewunderung und von den männlichen mit Neid. Unseren Beobachtungen nach zu urteilen, hielten Rudis Techtelmechtel selten länger als drei bis vier Wochen. Dann tauschte eine neue Dame mit der alten zuerst den Vordersitz des VW und, zu späterer Stunde, die Rückbank, falls die Gesellenstube gerade anderweitig belegt war. Denn in diesem Fall wurde der Wagen kurzerhand wieder auf dem Metzgereihof geparkt, dort, wo er auch während der Arbeitszeit immer stand. Um nun die praktische Anwendung der Rücksitze in Augenschein nehmen zu können, brauchten Renate, Monika, das Fernglas und ich nur von unserem Zimmer, das zur Straßenseite gelegen war, umzuziehen ins elterliche Schlafzimmer, das uns einen perfekten Blick auf und in den VW eröffnete, solange die Eltern noch kegeln waren.
Eine akustische Untermalung dessen, was im Wageninneren, besonders auf der Rückbank des Cabriolets, geschah, bot das Winseln und Jaulen unserer beiden Schäferhunde Axel und Pluto. Unter dem Glasdach im Hof der Metzgerei, gleich neben dem Parkplatz für Rudis Cabriolet, stand ein Wellblechverschlag, in dem die geputzten Knochen bis zu ihrer wöchentlichen Abholung gelagert wurden. Ein unglaublich stinkiges und in der Sommerhitze Maden ausbrütendes Paradies für die Ratten, die sich durch nichts davon abschrecken ließen, von den Knochen die Fleischreste abzunagen – weder samstagnachts von den Geräuschen, die Rudi und seine Begleiterin von sich gaben, noch von der eifersüchtigen Begleitmusik der beiden Schäferhunde oder von der tagtäglichen Geschäftigkeit der Metzgerei.
Axel war der Aggressivbeißer, Pluto der Angstbeißer. Ihn mochte ich mehr als Axel, den ich wegen seiner Unberechenbarkeit immer ein wenig fürchtete. Ja, Pluto hatte ich richtig in mein Herz geschlossen; er war mein Hund; er hörte mir geduldig und verständnisvoll zu, wenn ich sein weiches Kopfhaar streichelte und ihm, den angenehmen Geruch seines Fells in der Nase, meine Sorgen ins Ohr flüsterte. Schlug mich mein Vater, was gelegentlich vorkam, doch immer zu Unrecht, kläffte Pluto ihn an und war kurz davor, ihn zu beißen, traute sich aber nicht, sondern beließ es beim Zähnezeigen. Mein Vater wusste, Pluto würde nicht zubeißen, nahm einen Räucherspieß und verdrosch ihn, bis er sich mit angelegten Ohren und eingezogenem Schwanz davonmachte.
Da die Hunde tagsüber in ihre große Gartenparzelle gesperrt waren, konnten sie die Ratten in dem Knochenverschlag nicht vertreiben. Das übernahmen, wenn es meinem Vater «zu bunt» wurde – so formulierte er es immer gerne, wenn sich bei ihm Wut und Zorn, die er nicht bewältigen konnte, angestaut hatten –, er und die Gesellen. Sie schnappten sich Stöcke und erschlugen die Ratten, die sie erwischen konnten. Danach war der Betriebsfrieden wiederhergestellt. Der eine summte bei der Arbeit ein Liedchen, der andere sang einen Schlager, und mein Vater pfiff, ein wenig neurotisch wie in einer Schleife gefangen, immer und immer wieder die gleichen sieben Töne einer selbst erfundenen Melodie vor sich hin, von deren Schlichtheit allein er immer wieder aufs Neue ergriffen war. Diese Eigenkomposition, zuverlässig seine einzige, klang folgendermaßen: Da-da – da-da-da – da-da. Und wieder: da-da – da-da-da – da-da und so fort …
Die Ratten waren also erschlagen, am Freitag war geschlachtet worden, das nervöse und ertragreiche samstägliche Ladengeschäft war bedient, die Arbeitsräume gesäubert, und ich hatte die wöchentlichen Einnahmen der Ladenkasse gezählt: Das Papiergeld wurde, sortiert nach Zehn-, Zwanzig-, Fünfzig- und Hundertmarkscheinen, in verschiedenfarbige Banderolen gesteckt, die Münzen wurden in einen Münzzähler aus Bakelit gestapelt und in festes, unterschiedlich müdes grau-bunt gefärbtes Papier eingewickelt und meinem Vater präsentiert – stolz war ich, wenn der Gesamtbetrag 10 000 DM überstieg. Kurzum, ein friedlicher Nachmittag lag still über der Metzgerei … bis der Abend kam, die Eltern endlich aus dem Haus waren und meine Schwester, Monika und ich auf dem Fensterbrett in Anschlag lagen und darauf lauerten, die Gesellen bei ihren nächtlichen Vergnügungen zu beobachten.
Star des Samstagabends, nicht nur für uns, war Max. Typ James Dean, nur bayerisch, stolzierte er in Anzug mit weißem Hemd und dunkelblauer Strickkrawatte, Pomade – entweder war es fit aus der blauen, Wellaform aus der rot-weißen oder Brisk aus der roten Tube, und manchmal glänzte das Haar dermaßen, dass er vermutlich alle drei Haarcremes gleichzeitig benutzt hatte – im schwarzen Haar, das er zu einer geschwungenen und die männliche Stirn weit überragenden Tolle gestaltet hatte, Richtung Wirtschaft über die Straße und verschwand in der Musik und den bunten und sich drehenden Lichtern des Tanzsaales. Die Lieder waren uns nur allzu vertraut; wir konnten sie mitsingen und taten es auch. Mal war die Stimmung im Saal ausgelassen, ja, wild, dann verwandelte sie sich, angeregt von «Samenziehern» genannter Musik, in eine wuschige und kuschlige Atmosphäre, in der die Körper der Tanzenden, wie von einem Magnet angezogen, nicht anders konnten, als sich mit Armen, Beinen und Händen in ständig fließenden Bewegungen zu umschlingen und einander die Zungen möglichst tief im Rachen zu versenken, als wollten sie sich mit Haut und Haaren verschlingen.
Der Dual-Schallplattenspieler, dessen Deckel zugleich Lautsprecher war, hatte uns mit seiner Zehnfach-Single-Wechselmechanik musikalisch und gesanglich bestens trainiert. Renate – es war die Zeit der toupierten Hochfrisuren und der riesigen Taft-Spraydosen, die flächendeckend Westdeutschlands Familien vergifteten – hatte ihn zur Konfirmation geschenkt bekommen, und der charmant-zackige Onkel Wolfgang Kraft aus Zuffenhausen hatte ihr als erstes Plattengeschenk den Schlager «Du wirst rot, wenn ein Mann zu dir sagt, du bist wunderschön, und dir Rosen schenkt. Du wirst rot, wenn ein Mann zu dir sagt, dass er Tag und Nacht nur an dich noch denkt …» von Ivo Robić mitgebracht. Natürlich hat sie die Platte sofort aufgelegt und ist – ich habe mich gewundert, wie schnell so etwas gehen kann – tatsächlich rot im Gesicht angelaufen, ziemlich rot.
Wolfgang Kraft, ein DDR-Flüchtling wie wir, beeindruckte durch sein flott-forsches Auftreten, gute Manieren, charmantes Lächeln, die perfekte Fasson-Frisur seines kurzen, drahtigen Blondschopfs, der selbst beim Tauchen nicht aus der Form geraten wäre, und einen noch perfekteren, auf seinen Körper zugeschnittenen Anzug. Doch das Wichtigste war: Er arbeitete bei Daimler-Benz. Und fuhr auch einen. Und ausgerechnet dieser Mann, dem, wie Mutti es einmal sagte, die Herzen der Frauen zuflogen und der mit einer Schallplatte das Gesicht meiner Schwester röter färben konnte, als ich es je gesehen hatte, ausgerechnet er wurde seines Glücks im Westen beraubt, als er eines Tages mit seinem Mercedes ins Drahtseil einer Straßensperre raste, das nicht nur das Dach von seinem Wagen abtrennte, sondern auch seinen Kopf vom Hals.
Wir – Renate, Monika und ich – sangen also schon die Texte zur Musik der Kapelle im Paradiso mit, während Rudi noch in seinem Cabriolet, kaum zu glauben, aber wahr, die etwa neunzig Meter von der Metzgerei zum Tanzvergnügen fuhr. Wahrscheinlich waren es von seinem überglasten Parkplatz bis zum Hoftor und von dort über die Straße insgesamt eher sechzig Meter, die er fuhr. Aber er fuhr, er musste fahren, denn er wollte sein schnittiges Cabriolet vor dem Eingang zum Tanzlokal präsentieren, um den jungen Frauen zu imponieren und die lästige Konkurrenz zu disqualifizieren und abzuschütteln. Stand sein Wagen am Sonntagvormittag nicht auf dem Platz unter dem Glasdach im Hof, dann hatte Rudi aushäusig übernachtet – auch das war gelegentlich der Fall. Rudi war relativ klein, hatte schütteres Haar und – die beiden oberen Schneidezähne waren übereinandergestellt – ein leicht verschmitztes Lächeln. Er kam aus Ostfriesland. Und war, so hieß es, für einen Ostfriesen erstaunlich oft gut gelaunt. Besonders am Samstag. Denn der Samstag war, wie gesagt, der Ausgehtag der Gesellen. Zudem wurde samstags nur bis zum frühen Nachmittag gearbeitet, und schon am Tag zuvor, am Freitag nach der Arbeit, hatte es Löhnung gegeben – in bar.
Liefen die Geschäfte gut, hatte auch mein Vater gute Laune, witzelte herum und ließ, spendabler Chef, der er war, den Lehrjungen und die Gesellen an seiner Freude teilhaben: Dann gab es einen Schein obendrauf. Wenn nicht, die vereinbarte Summe. Das Ritual des Lohnabholens hatte eine strenge Ordnung. Die Reihenfolge orientierte sich an der Höhe des Verdienstes. Der Sieger kam zuletzt. Und Sieger war Woche für Woche Rudi. Der Vorgeselle. Verlierer, immer, der Lehrjunge Harald. Damit sich aber, so das raffinierte Kalkül meines Vaters, jeder als potenzieller Sieger fühlen konnte, weil er entweder wegen guter Leistung zusätzlichen Lohn erhalten hatte oder, wenn nicht, zumindest so tun konnte als ob, ließ mein Vater alle in der Küche antreten und warten, bis auch der Letzte anwesend war: gewaschen, geduscht, die Haare – bei Rudi waren das nicht so viele – gekämmt und manierliche Zivilkleider angezogen.
Von seinem Büro aus, hinter dem schweren Schreibtisch sitzend, die geöffnete Geldkassette neben sich, mit Ausblick auf den Hof der Metzgerei, überwachte mein Vater das Antreten. Erst wenn er einen Vornamen aufrief, durfte der Angesprochene aus der Küche eintreten ins Büro. Mein Vater griff in die Geldkassette, holte einen Briefumschlag hervor, der mit dem entsprechenden Vornamen beschriftet war – eines der wertvollen und wenigen von meinem Vater höchstpersönlich handschriftlich erstellten Dokumente –, öffnete das Kuvert, nahm die Geldscheine heraus und blätterte sie, einen nach dem anderen, mit Gönnermiene auf den Schreibtisch. Nein. Er entfaltete sie. Kostbar. Wie einen Fächer aus Geld – sah, wenn es Anerkennungsgeld für besonderen Einsatz gab, verschmitzt lächelnd seinem Gegenüber ins Gesicht, um seinerseits aus dessen Gesicht die Belohnung für die Belohnung zu kassieren.
Wie gesagt, Rudi, der Vorgeselle, war der Letzte im Ablauf dieser Zeremonie, denn er verdiente am meisten. Er wäre nur von einem Meister übertroffen worden, aber den brauchte es nicht im Betrieb, denn Meister war mein Vater selber. Aber selbst mit einem Meistergehalt wäre mein Vater nach der Zeit der anfänglichen Entbehrungen und Erniedrigungen im Westen nicht zufrieden gewesen. Es entsprach nicht seiner Mentalität, nur Meister zu sein. Er wollte sein eigener Chef sein. Und das war er.
Also Rudi; er war der Letzte, der seinen wöchentlichen Lohn bekam. Doch das hatte neben dem Vorteil, am meisten zu verdienen, auch einen nicht zu unterschätzenden Nachteil. Denn er musste, nachdem ein Geselle nach dem anderen vor ihm aus dem Büro getreten war, in den Gesichtern lesen, ob der Chef heute spendabel oder geizig sei. Und das war nicht ganz einfach. Manchmal strahlten die Gesichter, manchmal waren sie betrübt. Oder schienen so. Denn oft machten sich die Gesellen einen Spaß daraus, Rudi, den Vielverdiener und beneideten Cabriolet-Fahrer, auflaufen zu lassen, indem sie die Enttäuschung über den verweigerten Zuschlag auf dem Rückweg in die Küche mit einem Lächeln quittierten oder die Freude über einen zusätzlichen Geldschein mit schlechtgelaunter Miene. Gänzlich überfordert war Rudi, wenn sich im stirnrunzelnden Lächeln eines Kollegen Freude und Enttäuschung zu vermischen schienen. Aus Rache für Rudis schnittiges Cabriolet hatten sich die Gesellen im Lauf der Zeit zu wahren Meistern der mimetischen Verstellung perfektioniert, und wenn es die Arbeit erlaubte, hielten auch Mutti und die Verkäuferinnen sich unter irgendeinem Vorwand in der Küche auf, um dieser Freitagnachmittagskomödie als Publikum beizuwohnen.
Ob die Prämie, wenn es eine gab, unterschiedlich hoch oder bei jedem gleich hoch ausfiel – mit Ausnahme des Lehrjungen natürlich –, blieb das ewige Geheimnis meines Vaters. Er wollte keinen Zank unter den Gesellen, und außerdem, so meinte er, würden sie sich mehr anstrengen, wenn sie nicht wüssten, wie viel genau, mit oder ohne Zuschlag, jeder verdiene.
Wie auch immer. Rudi und sein Augapfel von silbergrünem VW-Cabrio waren versorgt mit frischem Geld für Arbeit und gute Dienste in der alten Woche, und endlich konnte die Fahrt ins Wochenende beginnen. Jedoch kostete es Rudi mehr Zeit, das große Hoftor zu öffnen, den Wagen auf die Straße zu fahren, auszusteigen, das Hoftor von innen zu schließen, durch ein kleines hölzernes Tor auf die Straße zu gelangen, erneut in den Wagen einzusteigen, als, saß er endlich darin, zur Stätte des samstagabendlichen Vergnügens zu fahren. War er dann etwa fünfzehn Sekunden später am Ziel angekommen, parkte er den Wagen möglichst direkt vor dem Eingang, stieg stolz aus, zündete sich eine HB an und schaute sich um, denn er wollte wissen, wer ihn gesehen und bewundert hatte bei seiner Ankunft mit dem im ganzen Stadtteil einzigartigen Schlitten. Manchmal würdigte er auch uns eines Blickes, hob zum Zeichen, dass er uns gesehen hatte, die Hand und verschwand anschließend im Paradiso, dem bunten Karussell der Hormone – die, wie ich erst später erlebte, nach ihrer eigenen Musik tanzen und nicht ausschließlich zum Takt der jeweiligen Musik und der sie intensivierenden Lichteffekte.
Rudi war nun für uns unsichtbar – wie er vermutlich meinte. Doch dies war ein Irrtum. Ein großer Irrtum. Denn er konnte ja nicht wissen, dass wir ihn im bunten und trotz aller Lichteffekte, die die 60er Jahre hergaben, irgendwie hilflos-spießig wirkenden Licht dieser Zeit immer noch beobachteten. Mit dem Fernglas unseres Vaters. Es erlaubte uns Einblicke in eine Welt, die für meine Schwester und ihre Freundin so aufregend wie erregend sein musste. Nicht anders konnte ich die aufsteigende Röte unter der Schminke ihrer Wangen deuten und die Tatsache, dass ich nur selten den Feldstecher benutzen durfte, insbesondere bei langsamer Musik. «Und dein Herz – wie es schlägt, wenn er sagt, dass ihm nichts so gut wie dein Mund gefällt …» Mir erschien diese Welt interessant, aber nicht ganz verständlich. «Doch nimm das alles nur nicht so schwer und denke stets daran: Mit siebzehn fängt das Leben erst an!» Wieso erst mit siebzehn? Lebe ich etwa nicht? Ich verstehe das nicht. Wieso siebzehn? Denn so ein Cabriolet fahren wie Rudi, das darf man erst mit achtzehn!
Im Grunde unverständlich, der Text. So unverständlich wie die schwarzen Haare, die eines Samstagabends aus Monikas leicht gespreizten Beinen zwischen der Innenseite ihres rechten Oberschenkels und dem gepufferten Saum des Babydoll-Höschens herausschauten und mich irgendwie entsetzt und doch fasziniert zurückschauen ließen. So viele schwarze Haare! Woher kamen die? Wo gab es diesen Haarwuchs? Zwischen den Beinen eines Mädchens? Einer jungen Frau? Nein. Monika war kein dem Zoo entlaufenes Affenweibchen, auch wenn sie schielte, denn dann hätte sie ja überall Haare haben müssen. Auch nicht die abnorm behaarte Frau mit langem Bart aus dem Zirkus. Nein, Monika war Monika, ein ganz normales Mädchen. Aber die dunklen Haare zwischen ihren Beinen, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich musste hinschauen. Ob ich wollte oder nicht. Ich konnte den Blick nicht abwenden. Klar, da unten rum waren dunkle Haare, schwarz bei Vati und braun bei Mutti. Aber doch nicht bei uns, bei uns Kindern. Und als Monika meinen verstört-faszinierten Blick bemerkte – der mich bannte und festhielt wie der gefrorene Metallmast der Straßenlaterne im Winter, den wir als Mutprobe vorsichtig mit der Zungenspitze berührten und an dem wir festklebten und von dem wir uns nur schmerzhaft befreien konnten, indem wir versuchten, ihn mit unserem Atem aufzutauen –, als Monika also diesen Blick bemerkte, spreizte sie die Beine ein wenig weiter auseinander, ganz so, als genieße sie die Überlegenheit, mir etwas zu zeigen und gleichzeitig etwas anderes vor mir verbergen zu können.
Doch damit nicht genug. Sie war stolz darauf und ließ mich das spüren, etwas zwischen ihren Beinen zu haben, wovon ich in meinem Alter, wie sie vermutlich meinte, nur träumen konnte. Aber weder träumte ich davon, noch verspürte ich Lust, davon zu träumen. Im Freibad, wenn wir auf der Wiese lagen, hatte ich schon oft den Mädchen zwischen die Beine geschaut, denn ich wusste, dass da etwas anders sein musste als bei mir. Doch ich konnte das andere nicht sehen; denn es gab nichts zu sehen. Außer dem schmalen Stoffstreifen des Badeanzugs zwischen den Beinen, hinter dem sich unmöglich irgendetwas Großartiges verbergen konnte. Und doch war mir klar, dass auch sie da was haben mussten, nur wusste ich nicht genau, was. Dass etwas fehlte und gleichzeitig etwas anderes da sein sollte, ohne dass man es sehen konnte, blieb ein tiefes, nicht aufzuklärendes Geheimnis. Unter Wasser hatte ich den Mädchen gelegentlich zwischen die Beine gefasst, um herauszufinden, was da wohl sei, denn was man nicht sieht, kann man ja vielleicht fühlen. Aber es gab nichts zu fühlen. Außer dem nassen Stoff des Badeanzugs. So beschloss ich, dass das Ganze – den Mädchen unter Wasser dorthin zu fassen, wo es nichts zu fassen gibt – eine Mutprobe unter uns Jungens war, bei der ich mittat, um vor den anderen nicht als Feigling dazustehen.
Aber so etwas wie bei Monika hatte ich noch nie gesehen, und nie hätte ich vermutet, dass da unten so etwas wachsen könne. Wachstum ist nur möglich, wo die Sonne scheint, und dass bei Monika da unten die Sonne scheinen sollte, das konnte ich mir nicht vorstellen. Andererseits: Auch Champignons wachsen im Dunkeln. Ich war machtlos: Ich konnte den Blick zwischen Monikas Schenkel nicht abwenden – und entdeckte zu spät, dass sie mich längst im Visier hatte. Ich war mir unsicher, ob sie mich, weil ich ja nach links schaute, also dorthin, wo rechts zwischen Haut und Babydoll der schwarze Haarstrunk hervorlugte, also zu der Seite, auf der ihr rechtes Auge nach rechts außen wegschaute, ob sie also mit ihrem gebrochenen Blick wirklich sehen konnte, wohin genau ich schaute, so wie ich mir auch im Unklaren darüber war, ob sie, wenn sie durch den Feldstecher sah, sah, was Renate und ich sahen, oder ob sie mit dem rechten Auge nach außen um die Ecke gucken und etwas meiner Schwester und mir Verborgenes erspähen konnte. Als ich die Augen hob, rannte mein Blick in den ihren, und mir schien, als lächelte Monika und genoss, was sie in mir verursacht hatte und wovon ich, im Gegensatz zu ihr, bestenfalls den Anflug einer Ahnung hatte, die zu benennen mir die Worte fehlten.
Meist bin ich irgendwann eingeschlafen und habe den Höhepunkt verpasst, dem meine Schwester und Monika – Hermann mit Familiennamen – den ganzen Samstagabend entgegenfieberten: Mit welcher Bekanntschaft würde Max die Freitreppe emporsteigen und im sogenannten Gesellenzimmer verschwinden, und mit welcher würde Rudi in den VW steigen? Waren es dieselben wie am vergangenen Samstag oder neue, und wenn neue – so galt es vermutlich herauszufinden –, welche war die attraktivere von beiden, und was hätten sie, Renate und Monika, zu tun, um ebenso attraktiv zu sein wie diese? Vielleicht wussten meine Schwester und ihre Freundin, was nun, war die Tür verschlossen, auf der Stube über dem Arbeitsraum, in dem tagsüber Rinderviertel und Schweinehälften mit Messer und Säge zerlegt wurden, geschah. Ich wusste es damals nicht. Und ebenso wenig wusste ich, was im Volkswagen geschah, nur, dass die beiden Schäferhunde immer zu winseln und zu jaulen begannen, als wollten sie auch gerne einmal in Rudis schickes Cabrio steigen, um woandershin zu fahren.
Ich erinnere mich aber, dass meine Mutter und die Putzfrau, Frau Schubert – die komischerweise, sie waren ja keine Zwillinge, sondern Mann und Frau, die gleiche grüne Lederjacke trug wie ihr Mann, vielleicht gab es sie im Doppel billiger – die Betten der Gesellen mit weicher, blümchenverzierter Baumwollbettwäsche bezogen, die kuscheliger war als die mir vertraute weiß gestärkt harte. Ich bat Mutti, auch mein Bett mit dieser Bettwäsche zu beziehen, die sich auf der Haut so zart anfühlte – und sie, lieb wie sie war, tat es.
Walter Diercks war der Wirt der Lasterhöhle Paradiso, in der die Kapelle, das sich drehende bunte Licht, Zigaretten, Alkohol, Lippenstift, pomadisiert glänzende und trocken hochtoupierte Haare, miteinander verschlungene Körper und neugierige Hände ihr Bestes gaben und in der die eine oder andere feste Beziehung angebandelt wurde. Aber nicht für ihn. Nicht für Walter. Er war geschieden, hatte einen Sohn, einen recht dicklichen Sohn, und zwei kälberähnliche schwarz-weiß getupfte Deutsche Doggen, und, das war das Besondere, er fuhr einen Ford Taunus 17 M, genannt Die Badewanne. Sie war nicht nur moderner und schöner als unser Opel Rekord 1. 7 L, der zwar über Weißwandreifen verfügte (wichtig, weil sie Sauberkeit demonstrierten), über vier Türen, Schiebedach und Blaupunkt-Autoradio, aber vor allem hatte sie, worauf es ankam: Sie fuhr schneller. Und gab damit sogar noch an: Sie hatte einen Tacho mit einer unglaublichen 160-km/h-Anzeige anstelle der läppischen 140 km/h, die der Tacho unseres Opels als Höchstgeschwindigkeit versprach. Nur 140 Sachen anstelle der sagenhaft schnellen 160! Jeder Popel fährt ’nen Opel, sagte mein Vater gern, und deswegen konnte ich nie verstehen, warum er sich ausgerechnet einen langweiligen Opel gekauft hat und nicht die wahnsinnig moderne Badewanne auf vier Rädern. Oder zumindest etwas Exotisches wie einen Ford Zodiac, den ich in Holland sah, wenn wir zur Nordsee fuhren oder nach Venlo, um Butter, Schokopaste und Schokostreusel einzukaufen.
Und noch etwas hatte Walter Diercks meinem Vater voraus: Auf der Herrentoilette der Gastwirtschaft gab es einen Automaten, den es auf unserem Klo nicht gab. Es war kein Zigarettenautomat – der stand in der Gaststube –, es war ein Automat für Pariser. Steckte man eine Mark hinein, konnte man eine Packung mit drei Parisern herausziehen. Ich wusste nicht ganz genau, wozu sie da waren, die Pariser, hatte allerdings aufgrund meiner Beobachtung und der Auskunft der Älteren einen vagen Eindruck. Wir konnten ihnen begegnen, wenn wir besonders hart geschossene Bälle aus der Hecke hinter unserem Bolzplatz, der an den Garten der Wirtschaft angrenzte, herausklauben mussten. Dort hingen sie unansehnlich im Gestrüpp, schlaffe, trüb verschmierte, hauchdünne und hell gelblich schimmernde Gummischläuche. Einmal habe ich meinen Vater gefragt, als wir nebeneinanderstehend auf der Herrentoilette pinkelten – auch wenn die Eltern im Pütt mit ihren Holzköppen kegelten, besuchte er gelegentlich das Paradiso, weil Walter Diercks guter Kunde war und er bei ihm im Gegenzug Rechnung machen musste –, was aus diesem Automaten herauskomme. Er wich aus, indem er sagte, das wisse er auch nicht, vermutlich Zigaretten, aber da er nicht rauche, könne er das nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber mit Bestimmtheit lügen, das konnte er. Er hat gelogen. Vati hat mich angelogen. Obwohl ausgerechnet er immer gesagt hat, in der Familie lüge, belüge und betrüge man sich nicht, sondern erzähle sich immer alles. Die Wahrheit.
Gut, dass ich es genauer wusste. Mir aber nichts anmerken ließ.
3.
Pari Banu
Die pochende Panik in meinem Herzen … ließ die wunderschöne klare Stimme einer Fee aus 1001 Nächten erklingen. Sie schwebte einher, und bunte, sanft im Wind wehende Tücher von Seide umwehten ihren Körper. Eine hübsche Melodie voller Anmut umschmeichelte mein Ohr, und die Schönheit ihres Feengesichts verzauberte meine Augen – wie sie jeden Sterblichen verzaubern würde, der sie zu sehen und zu hören bekäme. Schwebend und schwerelos war sie erschienen, stand sie vor mir in der Luft und sang für mich und meine Brüder Speck und Schinken und für meine Schwestern, die Würste, und der Blick ihrer Augen versprach uns das Paradies ewiger Glückseligkeit – wenn wir ihr nur folgen würden …
Jegliche Angst vor dem Absturz war verflogen. Noch hielt mich der feste Griff meiner Hände davon ab, vom Wursthimmel auf den Steinboden zu fallen, doch ich spürte bereits, wie sich meine Hände langsam lockerten, um der Fee zu folgen, wohin sie mich auch entführen würde. Doch bevor ich die Hände öffnen konnte, entdeckte ich in ihrem Gesicht das Gesicht meiner Schwester, als hätte es sich in einer tieferen Schicht hinter dem ihren verborgen. Auch sie lächelte, doch so, als hätte ich soeben den Griff meiner Hände gelöst und wäre nun ganz in ihrer Macht – als könnte sie mich abstürzen lassen, oder als sollte ich, von ihr bezirzt, ihr doch vertrauen und ihr durch die Lüfte in alle Schönheiten dieser und anderer Welten folgen … damit sie mich zu guter Letzt doch noch auf dem steinharten Fußboden unseres Fleischerreiches zerschellen lassen konnte? Die Wiederkehr der immer gleichen und schönen Melodie, die sich in einem sanften Kreis drehte und drehte und die mich und jeden, der sie hätte hören können, langsam eingelullt, schläfrig und willenlos gemacht hätte, machte mich stutzig. Reflexartig, wie ich den schwarzen Spieß gegriffen hatte, als Oswalds Arme mich in den Fleischhimmel hoben, verschloss ich meine Finger zu einer Faust, um mein Leben in den Händen zu behalten und nicht unmerklich in den Schlaf zu sinken und abzustürzen.
Meiner Schwester war nicht zu trauen. Vier Jahre älter als ich, war sie mir überlegen. Sie durfte in die Schule, ich musste in den Kindergarten. Ich spürte die Gefahr, die mir drohte, von beiden Seiten, von meiner schwindenden Kraft und von meiner mich in den Schlaf lullenden Schwester. Also versuchte ich, mich hochzuziehen, damit sich meine Beine irgendwo im Gestänge unterhaken könnten und ich Halt fände, um die Arme zu entlasten. Aber die Deckenkonstruktion begann zu wackeln, und neben mir krachten zwei Spieße in die Tiefe … Der Blick nach unten offenbarte ein Schlachtfeld: die richtungslosen Wegweiser weiß gekalkter Zervelatwürste, Mettwürste wie abgetrennte Gliedmaßen, Schinken, die auf dem Fußboden der Metzgerküche lagen wie gefallene Soldaten. Blitzartig wurde mir klar: Es gab keine Rettung. Bald würde auch ich hinunterkrachen, zerplatzen und verstreut auf dem Steinboden liegen; nur dass ich Knochen hatte, die beim Aufprall zerschellen würden, ohne dass sie je ein Arzt wieder zusammenflicken und reparieren könnte. Und selbst wenn ich irgendwie überleben sollte, was unwahrscheinlich schien beim Anblick des Gemetzels am Boden, würde es mir nicht gelingen, mit zersplitterten Knochen zum Fenster zu robben, mich mit Armen und Händen zur Fensterbank hochzuhieven, das Fenster zu öffnen und mich zu befreien – oder zumindest um Hilfe zu rufen.
So vertraut ich auch war mit all den lufttrocknenden Fleischfreunden, die stets unter der Decke hingen, noch nie hatte ich zwischen ihnen gehangen, und noch nie hatte ich mit ihnen von oben hinabgeschaut auf ihre Brüder und Schwestern, die ich aus scheinbar sicherer Höhe hatte abstürzen lassen bei dem Versuch, mich zu retten, und die nun, ihrer stolzen Würde beraubt, kärglich und unordentlich verstreut auf dem Fußboden lagen, den die Friedel, unser buckliges und nicht mehr junges Mädchen für alles, diesen wie jeden Abend geschrubbt hatte und dessen nassen Glanz keiner mehr mit den Schmutzspuren seiner Schritte besudeln durfte. Denn zweifellos war es eine Würde, nicht sofort, wie manche ihrer frischfleischigen Geschwister, verzehrt zu werden, sondern zuvor in stiller Ruhe trocknen zu dürfen und haltbar gemacht zu werden, also länger zu leben als diese.
Von meinem Vater wusste ich, was hier oben wie lange zu hängen hatte; ich kannte die Trockenzeiten von Wurst und Schinken, bevor sie verkauft werden konnten. Doch meine eigene Trockenzeit kannte ich nicht. Ich wusste nur, dass etwas umso teurer wird, je länger es an der Luft trocknet. Denn trocknendes Fleisch verliert Wasser, und für dieses vertrocknete Wasser, das sich in Luft auflöst, also für Luft, muss der Kunde im Laden bezahlen. Er, mein Vater, kaufe ja auch keine vertrockneten Schweine, sondern bezahle für ihr Lebendgewicht, mit Wasser im Fleisch und Blut in den Adern. Trotz dieser Erklärung fand ich es immer ungerecht, dass jemand für etwas bezahlen muss, das nicht mehr da ist, das sich in Luft aufgelöst hat, denn die Luft gehört schließlich allen.
Wieso hatte mein Vater, der mich ihm gegenüber zu bedingungslosem Vertrauen erzogen hatte, wieso hatte ausgerechnet er Oswald nicht daran gehindert, mich in den Wursthimmel zu hängen und dort so lange hängen zu lassen? Als sein Chef hätte er es ihm doch verbieten können. Oder ihn davon abhalten, schließlich war er stärker als Oswald. Oder etwa nicht?
Er musste doch wissen, dass ich keine Bindfadenschlaufe habe, und wenn ich eine hätte, wo sollte die sein? Etwa um den Hals geschlungen? Da wäre ich erstickt. Oder sie hätte mir den Hals gebrochen. Und mir eine Bindfadenschlaufe um die Füße zu wickeln, als könnte man mich beliebig lange kopfunter an einen Räucherspieß hängen, auch das wäre nicht praktikabel, denn mir wäre das Blut in den Kopf gestiegen und schließlich aus Augen, Ohren, Nase und Mund herausgeflossen.
Fragen bedrängten mich; und da ich die mich umschwirrenden und sich verknäuelnden Fragezeichen nicht entwirren und auflösen konnte, fühlte ich mich bald noch hilfloser, verlassener und einsamer, als ich es ohnehin schon war. Wieso hat Vati Oswald nicht daran gehindert, mich im Himmel aufzuhängen? Ja, schlimmer noch – sein Lächeln hat ihn als Oswalds Komplizen, wenn nicht gar als seinen Anstifter, verraten. Wieso ist er mit Oswald, sogar währenddessen noch merkwürdig lächelnd, aus dem Raum geschlichen? Wieso ist das Licht ausgeschaltet worden? Und wieso die Tür verschlossen? Es konnte nur eine Antwort geben: Ich sollte langsam vor mich hin sterben, ohne mich selber retten zu können oder von anderen gesehen und aus meiner Not befreit zu werden.
Doch was habe ich verbrochen? Wofür soll ich bestraft werden? Und wenn schon der Himmel aussieht wie die Hölle, wie wird dann erst die Hölle aussehen? Etwa wie die Räucherkammer unserer Metzgerei? Um in die Hölle zu kommen, muss man am Leben sein. Also werde ich den Sturz überleben. Doch noch nie ist jemand aus der Hölle zurückgekehrt. Wie lange wird das Leben in der Hölle wohl dauern? Ewig. Wie lang dauert ewig? Eine Ewigkeit. So lange, wie ein kleiner Vogel, der alle hundert Jahre einmal seinen Schnabel wetzt am höchsten Berg der Welt, Zeit benötigt, den Berg abzuwetzen, bis er flach ist wie der Strand am Meer. Aber was beginnt dann hinter dieser Ewigkeit? Eine neue Ewigkeit. Weil eine Ewigkeit kein Ende hat. Hinter der Ewigkeit gibt es nichts. Noch nicht einmal ein Nichts. Wenn die Ewigkeit ein Nichts wäre, dann könnte es sie ja nicht geben. Da es sie aber gibt, muss sie etwas sein, und wenn sie etwas ist, muss sie auch ein Ende haben.
Vielleicht langweilt sich die Hölle irgendwann mit mir, wirft mich in eine feuchte und dunkle Ecke und lässt mich sterben?
Auf all diese Fragen gibt es nur eine Erklärung: Ich lebe. Und hierfür soll ich bestraft werden. So viele Menschen, jeden Tag immer wieder neu, leben nicht! Sie leben einfach nicht. Obwohl sie da sind. Aber sie kommen nicht ins Leben. Bleiben in den Bäuchen der Frauen verborgen. Im Dunkel. Und doch könnten sie leben. Es gibt viel mehr Menschen auf der Erde, die nicht leben, als Menschen, die es ins Leben geschafft haben. Genauso gut hätte ich versteckt bleiben können im Leben, und an meiner Stelle hätte ein anderer, von mir aus auch eine andere, das Licht der Welt erblickt. Ich habe die Grenze vom bloßen Da-Sein ins Leben überschritten – und dafür werde ich bestraft. Weil ich jemand anderem das Leben weggenommen, also gestohlen habe. Das ist der Grund, warum ich im Himmel hänge. Um in die Hölle zu kommen. Aus Gründen der Gerechtigkeit, als Erziehungsmaßnahme des Lebens? Und die Hölle, das kann nur die Räucherkammer unserer Metzgerei sein.
Wo bleibt Mutti? Wieso kommt sie nicht, nimmt einen Stuhl, stellt ihn unter mich, steigt herauf, hebt mich aus dem Gestänge, umarmt mich, gibt mir einen Kuss, zaubert aus den Seitentaschen ihrer grünen Strickjacke zwei Paar knallroter Kirschen hervor, hängt sie mir über die Ohren, gibt mir einen zweiten Kuss und lächelt mich an? Wieso geschieht nicht, was zu geschehen hat? Wieso tut sie das nicht? Wo bleibt sie?
Ich war fünf Jahre alt, damals – und seit fünf Jahren König. Naja, vielleicht auch erst vier oder viereinhalb oder vierdreiviertel, aber auf jeden Fall ein König, ein kleiner König. Über drei Königreiche. Und mein zweites Königreich war die elterliche Metzgerei in Gera, Ortsteil Lusan.
Die Dunkelheit ängstigte mich. Obwohl es keine wirkliche Dunkelheit war. Denn Straßenlicht fiel in den Raum, und ich und die gleichgültig vor sich hin hängenden Würste und Speckseiten warfen stumpfe Schatten – oder lebendige, schwankende, wenn Autos vorüberfuhren und das Licht ihrer Scheinwerfer durch den Raum wandern ließen. Dann – als könne ich mit den Bewegungen die Vorüberfahrenden auf mich und meine Lebensgefahr aufmerksam machen – bewegte ich mich, zappelte vorsichtig mit den Beinen, schwenkte, mal mehr, mal weniger, den Körper hin und her, doch stets darauf bedacht, dass weder meine Hände von dem schwarzen Spieß abrutschten noch dieser aus dem Himmelsgestell herausbrach. Doch sie sahen mich nicht, nicht die Kraftanstrengung des Festhaltens, nicht meine Angst vor dem Absturz.
Und sollte mein Schatten mich sehen, so beachtete er mich nicht. Er war einfach nur da und wollte weiter nichts, außer nur da zu sein. Wieso löste er sich nicht von meinem Körper, wanderte durchs Fenster auf die Straße, um dort wild herumzufuchteln, damit jemand käme und mich vom heranschleichenden Tod befreite? Der Schatten meines Körpers lebte durch mich, war mein dunkles, losgelöstes Ich: Gäbe es mich nicht, gäbe es ihn auch nicht. Er würde gnadenlos vom Licht geschluckt. Wieso erschien ihm sein Leben, das ich ihm spendete, so bedeutungslos, dass er nichts unternahm, mich zu retten und, indem er mich rettete, auch sich? Doch er war Knecht, tat stur, was mein Körper ihm befahl, ohne jegliche Anteilnahme und eigenen Willen zu handeln.
Und wenn schon mein Schatten faul und blöd und träge war, wieso wollten dann nicht wenigsten die Schatten von Wurst und Speck und Schinken ausbrechen aus ihrer beengten Existenz und dem engen Raum ihrer Gefangenschaft? Wieso wollten sie nicht ihr schwarzes Licht nach draußen in die Weite scheinen lassen oder auch nur auf einen kleinen Spaziergang schicken durch ein Fenster oder einen Gardinenspalt im Aufenthaltsraum, um eine ihnen verborgene Welt zu entdecken und sie für mich um Hilfe zu bitten?
Sie kannten nur die Welt hier drinnen und schienen zufrieden zu sein mit ihrem dummen Glück. Ich kannte die Welt da draußen, kannte den Weg, den ich nach Hause zu gehen hätte, und würden sie mich befreien, ich nähme die Wurst- und Schinkenschatten mit in die Sommerleithe, sie dürften sich zu uns an den Tisch setzen und mit uns zu Abend essen von all dem, was ihnen hier im spärlichen Licht der Straßenlaterne und der vorüberfahrenden Autos verheißungsvoll, aber unerreichbar entgegenleuchtete.
Oder waren sie gar nicht dumm, sondern stellten sich nur so, registrierten stumm, was um sie herum geschah, verständigten sich in einer für die Menschen unhörbaren und, selbst wenn diese sie hören würden, unverständlichen Geheimsprache, die sie, sollten sie es wollen, jederzeit aufscheinen lassen könnten wie das Menetekel in der Bibel auf der Wand: Mene Mene Tekel Upharsin. Aber sie wollten nicht. Und so blieb alles, wie es war.
Je länger ich hing, umso blasser wurde meine Phantasie; und im bald aufziehenden Schimmer der Morgensonne würden die Schatten erbleichen. Weg aus meinem Kopf! Ihr Schatten, weg! Haut ab! Los! Verschwindet! Denn ich will nur eines: mit meinen Füßen wieder auf der Erde stehen.
Was sich bewegt, lebt; und was lebt, hat Antlitz, hat Gesicht. Augen beginnen silbern zu glänzen, Schweineköpfe glotzen mich an, verziehen ihre Rüssel und grunzen. Schweineohren wachsen zu Elefantenohren und richten sich auf. Was haben sie vor mit mir? Sind sie, die den Tod schon erlebt haben, neugierige Zaungäste meines nahenden Todes? Und kündigt sich nicht grollend und Lichtblitze vorausschickend draußen am Himmel ein Unwetter an, dessen Spektakel meine Reise ins Ungewisse begleiten wird? Meine Hände, die mich festhalten sollten, um mich vor dem Untergang zu bewahren, werden feucht, beginnen zu schwitzen, und der kalte Schweiß des sich anschleichenden Todes mischt sich mit der immer heißer werdenden Glut meiner Angst. Das am Räucherspieß klebende Fett beginnt zu schmelzen, fließt als heißes Öl an meinen Armen herunter, verbrüht meine Haut, sammelt sich als siedend heiße Fettbrühe in meinen Schuhen, und der schwarze Holzstock über mir, an dem ich mich festhalte und der mich hält, verwandelt sich langsam in eine rot glühende Eisenstange, während meine Hände kälter und kälter werden, betäubt von der erfrierenden Hitze und der Glut des Eises.
Es gibt keine Rettung. Niemanden, der die Tür aufschließt, das Licht anknipst und mich befreit aus meinem Geängste und dem Gestänge meiner Pein. Ich bin allein.
Wie gern läge ich jetzt in meinem Bett! Selbst ein schweres Gewitter, vor dem ich mich schon immer unglaublich fürchte, im Bett über mich ergehen zu lassen, wäre besser, als hier zu hängen. Wie viel lieber würde ich, von Bettwäsche umhüllt und verborgen, das Grauen unberechenbar einschlagender Blitze ertragen, das grelle Zittern eines unwirklichen Lichts, diese schrecklichen, alles erhellenden und die Augen erblinden lassenden Sekunden samt dem gleichzeitig peitschenden und knallenden Donner, der, kaum ist er verklungen, sich mit steigernder Wut wieder und wieder laden und blitzschnell wie eine zum Biss hervorschnellende Kobra entladen kann, um irgendwann weiterzuziehen, sich in der Ferne zu verlieren und das Gefühl zu hinterlassen, ich sei noch einmal davongekommen.
Blitz und Donner, das weiß ich, haben Kraft und Gewalt, mich, mein Bett, mein Schlafzimmer, unser Haus, ja, unsere Familie, wenn nicht gar ganz Gera zu vernichten, aber – sie tun es nicht! Sie drohen nur. Um weiterzureisen. Vielleicht haben sie uns unter dem Grollen heranpolternder Gesteinsbrocken und dem Getöse von Paukenschlägen im Licht des Blitzes betrachtet und uns für unwürdig befunden, von ihnen vernichtet zu werden, um sich ihrer Macht würdigere Opfer zu suchen? Stärkere, an denen sich ihre eigene Stärke hätte austoben können? Oder schwächere, um sie verächtlich zu bespötteln?
Neben einem vom Blitz gespaltenen Baum zu stehen, der in Flammen aufgeht, neben verkohlten Kühen auf der Weide oder zerstörten Häusern, aus denen Menschen flüchten, deren Haare und Kleider brennen und die aussehen wie verzweifelt fortrennende Fackeln auf Beinen – all das wäre mir lieber, als hier oben zu hängen. Bedrängt von grunzenden Schweinefratzen.
Schweine fressen alles. Auch mich? Einst hatten die Tiere, die jetzt tot und in Würste und Schinken verwandelt neben mir hängen, Gesichter und Leben, sind herumgesprungen und haben sich des Lebens gefreut. Nun sind sie tot, doch ihre Geister – so etwas gibt es, wie ich aus den Geschichten meiner Mutter weiß, die sie meiner Schwester, Klaus und mir vor dem Einschlafen vorgelesen hat – leben und wollen sich nun an mir rächen. Aber rächen wofür? Was habe ich ihnen getan? Ich habe sie nicht getötet. Oswald und mein Vater haben sie getötet. Sollen sie doch Oswald und meinen Vater neben sich hängen und für ihre Ermordung bestrafen und quälen.
Ich esse ohnehin lieber frisches Brot, bestrichen mit Butter und bestreut mit Salz oder Schnittlauch, als belegt mit dem Fleisch, das jetzt neben mir hängt. Mit einer Ausnahme: Nichts geht über eine Scheibe Brot mit grober Leberwurst. Wenn man die Leberstückchen im Mund spürt, sie mit der Zunge am Gaumen zerdrückt zu einem feucht-mehligen Brei und die Leber ihren Geschmack entfaltet, dann ist dieser Genuss die Veredlung des altehrwürdigen Fleischerhandwerks in Perfektion. Aber weder können die Würste und Schinken, inmitten derer ich hänge, dieses mein Geheimnis wissen noch ahnen. Wie und woher auch?
Oswald! Vor ihm, der mich zuerst zu meiner Freude, dann zu meiner Trübsal himmelhoch gehängt hatte – so freundlich er mir gegenüber war in Gegenwart meiner Eltern –, hatte ich mich, wenn ich mit ihm allein war, immer ein wenig gefürchtet. Außerdem schien er mir, fühlte er sich von mir unbeachtet, etwas Andersartiges auszustrahlen, etwas Finsteres, Verborgenes. Seinem wulstigen Gesicht, seinen wie mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger nach vorne gekneteten Augenwülsten samt wuscheliger Augenbrauen, seinen nach außen gestülpten, viel zu dicken Lippen, den drahtigen kurzen Haaren – die mich immer an den Dutt aus silbernem Draht erinnerten, mit dem Mutti die Tiegel säuberte –, von denen er, obwohl er jünger war als mein Vater, schon viele verloren hatte und unter denen die Schädeldecke hervorschimmerte, aber ganz besonders seinem Lächeln – konnte ich all dem trauen? Oder war es nur eine Verstellung wie bei Rotkäppchen und dem Wolf?
Nichts half. Weder schlimmere Ängste zu beschwören noch meine verzweifelte Situation mit den bunten Bildern meiner Phantasie zu verzieren und zu beschönigen.
Was nur, was hatte ich getan? Was verbrochen, dass ich sterben musste? Noch nie hatte ich den Tod gefühlt. Jetzt war er da.
4.
«Im Westen ist es kalt»
Da nahmen mich die Hände meiner Mutter, pflückten mich aus der Krone des Fleischbaumes und legten mich behutsam ins warme Wasser einer Mulde, in der sonst Wurstmassen vermengt, der Glitsch vom Naturdarm gespült, Schweinezungen von behaarten Fleischerarmen ellenbogentief in großkalibrige Kunstdärme gestopft wurden, die gefüllt waren mit warmer, noch flüssiger roter und mit weißen Speckwürfeln versetzter Blutwurstmasse – und in welcher zur Vorweihnachtszeit Mutti den Teig für die Christstollen ansetzte.
Mein Körper sog das Wasser auf, pumpte sich voll mit Flüssigkeit, die Haut wurde geschmeidig, Schuhe und Kleider wuchsen aus mir heraus, und ich wurde wieder der, als den ich mich kannte. Muttis Hände hoben mich aus der Mulde, das Wasser troff von mir ab, und ehe ich es mich versah, stand ich auf dem Küchentisch – alles war trocken – und wurde von meiner Mutter angezogen. Doppelte Unterhose, doppeltes Unterhemd, ein Hemd, ein Pullover, eine lange Hose und eine warme Jacke. Wieso das? Es war Sommer. Ich frug Mutti, warum ich die Kleider in Schichten übereinander tragen solle, da würde ich doch bestimmt schwitzen, und bekam zur Antwort, in einem Ton, der keine Nachfrage, geschweige denn Widerspruch erlaubte: «Im Westen ist es kalt.»
Im Westen ist es bestimmt nicht kalt, dachte ich. Denn was sollte ein Urlaub im Westen, bei Onkel Willi und Tante Maria, wenn bei uns zu Hause die Sonne schien?
Mutti öffnete die Haustür. Draußen auf der Straße wartete schon das Taxi. Und Vati, Renate und der Fahrer warteten daneben. Längst war das Reisegepäck im Wagen verstaut. Ich ließ Muttis Hand los und ging zu ihnen. Doch Mutti blieb vor der Haustür stehen und schaute zu uns. Was ist? Will sie nicht mitkommen? Irgendetwas stimmt nicht. Die Urlaubsfreude fehlte. Vati ging zu ihr, flüsterte ihr etwas ins Ohr und schaute Mutti noch einmal an. Sein Blick war streng. Wo blieb seine ausgelassene Fröhlichkeit, mit der er uns sonst beschenkte, wenn wir in den Urlaub fuhren? Dann kam er zurück zum Taxi.
Sie schaute ihm nach. Und blieb vor der Tür stehen. Was war geschehen? Wollte sie nicht mit uns in den Urlaub fahren? War sie misstrauisch, weil das Taxi gar nicht wie ein Taxi aussah? Fürchtete sie sich davor, von Vati und Renate diesmal wirklich zu Tode gekitzelt zu werden, wie es letztes Jahr in den Ferien fast geschehen wäre, wenn ich nicht eingegriffen und es verhindert hätte? Mein Vater hatte das Taxi erreicht und schaute noch einmal zurück. Zu ihr? Zum Haus? Würde er jetzt zornig? Aber nichts dergleichen geschah. Auch er stand da. Wir standen einfach alle nur da: Vati, der Taxifahrer, Renate, ich und Mutti. Nur, dass sie woanders stand als wir. Irgendwie waren wir alle ratlos.
Dann drehte sie sich um und wandte uns den Rücken zu. Was tut sie? Sie schaut auf die Tür. Die sie doch schon so viele Male gesehen hat. Nichts war neu, nichts hatte sich verändert. Die Tür war, was sie immer war. Eine Tür. Eine Haustür. Die Tür zu unserem Haus. Durch die wir nach dem Urlaub unser Haus wieder betreten würden. Und wenn sich sonst nichts verändert hatte – Mutti hatte sich verändert. Mein Vater wurde ungeduldig. Und auch der Taxifahrer wollte nicht länger auf der Straße herumstehen. Er wollte endlich einsteigen und losfahren.
Würde Mutti jetzt den Hausschlüssel aus der Handtasche nehmen, die Tür aufschließen, ins Haus gehen und sie hinter sich verschließen? Für immer darin verschwinden? Würde Vati ihr folgen, und alles würde wieder werden und bleiben, wie es immer war in unserem Haus? Nur ohne Urlaubsreise. Oder würde er ohne sie wegfahren? Und was geschähe dann mit Renate und mir? Wir schauten uns an. Würden wir bei Mutti bleiben oder mit Vati allein in den Urlaub fahren? Oder sollten wir uns trennen, um weder Vati noch Mutti allein zu lassen? Doch wer sollte bei Mutti bleiben, wer bei Vati? Dann geschah die Erlösung. Mutti drehte sich zu uns um, kam durch den Vorgarten zum Taxi, stieg ein, und wir fuhren los.
Da geschieht etwas Unerwartetes. Was hat es zu bedeuten? Wir sind noch nicht lange unterwegs, als der Fahrer ein außerhalb von Gera gelegenes Waldschwimmbad ansteuert und hält. Wir Kinder schauen uns an und sind verunsichert. Jetzt steigen wir aus, bekommen von Mutti zwei Badetaschen in die Hand gedrückt, und Vati kauft an der Kasse vier Eintrittskarten. «Zwei Erwachsene, zwei Kinder.» Renate ist beleidigt. Sie ist kein Kind mehr. Zumindest will sie nicht mit mir auf eine Stufe gestellt werden. Vati zahlt. Er hat passendes Geld.
Man muss sich das vorstellen: Gleich zu Beginn der Reise, lange bevor wir das Urlaubsziel erreichen, gehen unsere Eltern mit uns ins Freibad! Aber weder darf Renate ihren Badeanzug noch ich meine Badehose anziehen.
«Was soll das?», denke ich bei mir, «warum gehen wir dann ins Schwimmbad?»
Und schon kommt die Antwort: «Mutti hat zu Hause etwas vergessen, und da ist es doch besser, hier auf sie zu warten, als mit ihr hin- und herzufahren», sagt unser Vater und fügt hinzu: «zumal, wenn ich euch jetzt ein Eis spendiere.»
Das Eis schmeckt gut. Trotzdem kann ich es nicht genießen. Denn ich befürchte, dass Mutti nicht zurückkommen wird, so komisch, wie sie sich heute früh benommen hat. Sie würde allein in unserem Haus zurückbleiben. Aber warum? Und sie würde traurig sein, dass ich nicht bei ihr bin und sie tröste. Vielleicht würde sie sogar weinen?
Doch kaum haben wir unser Eis beendet, geschieht erneut etwas sehr Merkwürdiges. «Nehmt die Taschen und folgt mir!», spricht mein Vater, kaum sichtbar die Lippen bewegend, und dann, als habe er sich mit dieser Art zu sprechen verdächtig gemacht oder ein Geheimnis verraten – aber welches? –, in einem Tonfall, der entspannt wirken soll, es aber nicht ist: «Wir suchen einen ruhigen Fleck, an dem wir unsere Decke ausbreiten können.»
Renate und ich folgen ihm – und sind überrascht, hinter einer Hecke jenseits des Zaunes, der das Waldschwimmbad umschließt, den Taxifahrer zu sehen, der doch Mutti nach Hause und zurück fahren sollte. Was ist passiert? Ein Unfall? Wo ist Mutti? Ist ihr etwas zugestoßen? Ist sie verunglückt? Ist sie tot?
Der Fahrer nickt meinem Vater zu, und mein Vater nickt zurück. Renate und ich wissen noch immer nicht, was geschehen ist. Der Taxifahrer tritt hinter der Hecke hervor, einer Haselnusshecke, aus deren Ästen und Zweigen sich leicht Pfeil und Bogen schnitzen lassen, geht zu einem Eisentor, schließt es auf, unser Vater befiehlt leise: «Geht!», wir gehorchen, und Vati folgt uns. Der Taxifahrer verschließt das Tor. Vati blickt sich um. Als wolle er sich vergewissern, dass uns niemand beobachtet hat.
Hinter der Wegbiegung steht das Taxi. Mutti sitzt auf der Rückbank. Ich lasse den Badebeutel fallen und laufe zu ihr. Sie öffnet die Wagentür, ich werfe mich in ihren Schoß und weine. Vor Freude. Und aus Angst. Was dieser merkwürdige Tag, der mit keinem bisher erlebten zu vergleichen ist, noch alles bringen wird.
Ich saß vorn zwischen Fahrer und Vater, die beiden Frauen saßen hinten. Es muss ein Wartburg 311 gewesen sein, mit dem wir fuhren. Ich weiß dies, denn der Fahrer erfüllte mehrmals meine Bitte, den Wagen zu beschleunigen, sodass die Tachonadel zu meiner Freude die magische Geschwindigkeit von 100 km/h anzeigte. 100 km/h, welch eine Geschwindigkeit! Unser Dreirad fuhr höchstens 50 km/h, wenn überhaupt, und knatterte dabei mit einem Höllenlärm vor sich hin, der, wenn das Dreirad hätte sprechen können, bedeutet hätte: Bitte, bitte quält mich nicht, ich kann nicht mehr! Außerdem hätten meine Schwester und ich samt unserem Gepäck auf der Ladefläche sitzen und darauf achtgeben müssen, dass nicht nur wir, sondern auch die Koffer und Taschen in den Kurven nicht hinunterrutschten. Denn wenn das Dreirad, das keine Federung zu haben schien, durch Schlaglöcher fuhr, hopsten wir wegen der Erschütterung jeweils für Momente unfreiwillig in die Luft und wären Gefahr gelaufen, dass in der Sekunde, in der wir mit dem Gepäck ohne Kontakt zur Ladefläche in der Luft schwebten, das Dreirad unter uns und den Koffern hinwegführe und wir auf der Straße, oder – wenn eine Kurve hinzukäme – im Straßengraben landeten und unsere Eltern weiterführen, ohne es zu bemerken.
Im Wartburg fühlte ich mich sicher, und die schnelle Fahrt bereitete mir Freude. Eigentlich schade, dass Vati keinen Wartburg kaufen konnte, weil der so lange Wartezeiten hatte. Warum uns das Taxi aber nach Ostberlin fuhr und nicht zum Geraer Bahnhof, damit wir von hier mit dem Zug nach Berlin hätten weiterfahren können, blieb trotz der Erklärung der Eltern, so sei es komfortabler, merkwürdig.
Was soll’s. Jedes Mal, wenn die Tachonadel 100 km/h anzeigte, freute ich mich, denn ich zählte mit, wie oft der Wagen diese ungeheure Geschwindigkeit auf unserer Fahrt nach Berlin erreichen würde. Manchmal kam eine Kurve, ein anderes Mal ein entgegenkommendes Fahrzeug, dann eine Ortschaft, der Fahrer musste abbremsen und ich auf den nächsten Höchstgeschwindigkeitsrausch hoffen. Glückte dieser, schaute ich freudig erregt zu meiner Mutter. Sie lächelte mich an. Doch ihr Lächeln war nicht ehrlich. Auch meine Schwester schien die Freude am Rausch der Schnelligkeit nicht zu teilen. Wusste sie, weil sie älter war, mehr als ich? Es herrschte eine gedrückte Stimmung im Wagen. Mein Vater bemühte sich, sie mit Gesprächen aufzulockern, in die er den Taxifahrer zu verwickeln suchte, doch dieser wollte sich nicht mit überflüssigen Gesprächen von der Konzentration auf die Geschwindigkeit ablenken lassen. Da hatte er natürlich recht. Denn reden konnte man ja immer – so schnell fahren nur höchst selten.
Es waren schöne Alleen, durch die wir fuhren. Die Bäume, die Wolken, der Himmel, die Landschaft – alles spiegelte sich auf dem Lack der Motorhaube und in der Windschutzscheibe und rauschte an uns vorüber, ohne dass ich mich daran sattsehen konnte. Irgendwann, ich war wohl eingeschlafen, hielt der Wagen an, und ich erwachte. Pipi machen und Butterbrote essen – und schon ging die Fahrt weiter Richtung Berlin. Wir passierten Leipzig, ohne Tante Marie und Onkel Fritz zu besuchen. Wie lange die Fahrt dauerte, die aus irgendeinem Grund über Landstraßen und nicht über die Autobahn führte, weiß ich nicht, aber irgendwann kamen wir in Berlin an. Ich war wieder eingeschlafen und erwachte erst durch die Stille des Motors, der abgeschaltet worden war oder seinen Geist aufgegeben hatte. Verloren wie ein gejagtes Tier am Ende seiner Kräfte, stand unser Taxi auf einem weiten grauen Platz, sichtbar für alle und zum Abschuss freigegeben. Doch die wenigen Autos, die vorüberfuhren, und die wenigen Menschen, die mehr über den Platz huschten, als dass sie gingen, nahmen von uns nicht die geringste Notiz. Weder schienen wir willkommen zu sein noch zu stören. Wir waren nicht vorhanden. Wir existierten nicht.
Auch den Gebäuden, die mich auf den ersten Blick annehmen ließen, sie umzingelten uns, und wir seien in eine Falle geraten, waren wir gleichgültig – und vielleicht noch nicht einmal das. Wie Verwundete waren sie mit sich selbst beschäftigt. Hilflos. Sollten sie Menschen überhaupt zur Kenntnis genommen haben, dann, um sie abzuweisen. Zu schwer trugen sie an ihrer eigenen Last, als dass sie sich auch noch um Menschen hätten kümmern und sie aufnehmen können. Schon beim Eintreten eines Kindes wären sie in sich zusammengestürzt.
Aber nicht nur der Wartburg bewegte sich nicht mehr und war stumm, sondern auch wir hielten inne und schwiegen. Die Blicke unserer Eltern waren nicht fröhlich – anders als sonst, wenn wir in Urlaub waren. Belastet. Als erwarte uns etwas Schreckliches. Es herrschte eine gespannte Ratlosigkeit. In der jedes Wort tödlich sein konnte. Also dachte ich nur, ohne es auszusprechen: Was war geschehen?
«Sind wir schon im Westen?», frug Renate völlig unbekümmert, und in ihrer Stimme klang mit: hoffentlich nicht!
«Nein. Frag nicht so viel», war die knappe Antwort meines Vaters.
«Aber in West-Berlin?», bohrte ich nach. Und bekam keine Antwort. Und wunderte mich. Aber meine Frage zu wiederholen, traute ich mich nicht. Also schwieg ich und wartete. Wir würden ja wohl nicht die ganze Zeit auf diesem blöden Platz herumstehen. Zumal es zu regnen begonnen hatte. Komisch, dieser Urlaub. Und wieso fahren wir in den Westen, zu Onkel Willi und Tante Maria, wenn es dort kalt ist? An der Ostsee schien fast immer die Sonne. Ich war mir sicher, dass Renate mehr wusste als ich. Aber ich fand keine Gelegenheit, sie zu fragen, ohne dass die Eltern es gemerkt und ihr die Antwort vermutlich verboten hätten.
Und was würde Klaus jetzt denken, wenn er dabei wäre?
5.
Frau Pavel
Bevor ich verraten kann, was es in Walter Diercks Lokal abgesehen von den Kondomen und den paradiesischen Gefilden sonst noch zu sehen gab oder auch nicht zu sehen gab – etwas extrem Augenfälliges und von mir nie Gesehenes –, muss ich mich zuerst dem Balkon von Frau Pavel widmen, dem obersten des Hauses, das die Kneipe Im Pütt und deren Wurmfortsatz, die Kegelbahn, beherbergte.
Das Gebäude war ein Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre errichteter vierstöckiger Neubau und in mehrerlei Hinsicht das genaue Gegenteil des Altbaus, in dem wir wohnten. Dort gab es – jedenfalls stellte ich mir das so vor – gekachelte Bäder mit Dusche, Badewanne und Bidet (wobei ich von einem Bidet nicht die geringste Ahnung hatte, außer dass es, so meine Mutter, «nur etwas für Frauen ist»). Und es gab dort im Gegensatz zu unserem Altbau eine Zentralheizung: keine Ölöfen, wie ich – wer sonst – sie in der kalten Jahreszeit einmal täglich mit je einer Kanne Öl füllen und, waren sie ausgegangen, mit geknickten und aufrecht stehenden wächsernen Ölofenanzünderblättchen neu entzünden musste, ohne dass es dabei zu Verpuffungen, also kleinen Explosionen kam; all dies war nie zu bewerkstelligen, ohne dass ich ein wenig Öl verschüttete und den Rest des Tages mit stinkigen Ölfingern herumlief und den Ölgestank mit den Frühstücksbrötchen und Pausenbroten zerkaute und herunterschluckte.
Neu an den Wohnungen dieses Neubaus, also auch der Pavel’schen, war zudem, dass sie flache Zimmerdecken besaßen, die nicht, wie in Altbauten damals üblich, durch das Einziehen einer Zwischendecke aus Presspappe erst noch verflacht werden mussten. Über Bedeutung und Wichtigkeit dieser Zwischendecken, die sich damals jeder, der es sich leisten konnte, in seinen Altbau einziehen ließ, war ich mir lange nicht im Klaren. Doch mit dem Einsetzen der Pubertät und einer verschärften gesellschaftlichen Empfindung für die Jahre vor ’68, die verlogenen Jahre, kam ich darauf, dass in diesem über unseren Köpfen schwebenden Zwischenreich der Krieg, seine Verbrechen und die Erinnerungen daran weggeschlossen waren – verbannt in luftiges Vergessen, doch jederzeit bereit, durch die dünne, porös werdende und somit nicht erinnerungsresistente Pappe hindurchzurieseln. Und es rieselte. Und rieselte … bis die 68er-Bewegung, vorbereitet und begleitet von der Beatmusik auf BFBS und Hilversum 3 und mitgeschnitten auf dem Grundig TK17L, dieses Provisorium der Verdrängung zum Einsturz brachte.
In der obersten Etage dieses Hauses also, dessen rückwärtige Fassade von unserem Garten, der Wurstküche und dem Hof der Metzgerei aus gut sichtbar war, wohnte Herr Pavel mit seiner Frau. Und einem schwarzen Pudel. Herr Pavel betrieb eine Autohandlung, und sein Bauch war noch kugeliger als sein mit Haaren unterversorgter Kugelkopf. Ob er allerdings die Wohnung mit Balkon in der obersten Etage bekommen hat, weil der Hausbesitzer, wie die Kegelbahn im Erdgeschoss zeigt, ein Faible für Kugeln diverser Größen hatte, weiß ich nicht. Auf jeden Fall war Herr Pavel in meiner Phantasie sagenumwoben.
Erstens hieß niemand damals Pavel, und wenn doch, kannte man so jemanden nicht. Zweitens kam Herr Pavel aus einer anderen Welt. Nicht, weil er irgendwie ulkig aussah, sondern weil er eine Autohandlung betrieb, deren Firmenname kein Mensch aussprechen konnte: Citroën schrieb sie sich und Zitröön wurde sie, wenn man das Wort überhaupt in den Mund nahm, ausgesprochen. Und drittens, weil diese Autofirma, deren Namen niemand annäherungsweise richtig aussprechen konnte, ein sagenumwobenes Auto herausgebracht hatte, das ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte ausdenken können. Sein Aussehen – konnte das ein Auto sein? – war atemberaubend neu und entsprach insofern der Unaussprechlichkeit seines Namens: Citroën. Doch damit nicht genug. Nicht nur für alle in der Metzgerei und alle ihre Kunden, sondern für alle Deutschen diesseits und jenseits der Zonengrenze, also für Gesamtdeutschland, aber auch für Frankreich und den Rest der Welt trug das Modell, von dem ich hier spreche, den Namen Déesse. DIE Déesse.
Atemberaubend wie das Auto war, so unvorstellbar war es, den Eltern auch nur vorzuschlagen, es zu erwerben. Und noch unvorstellbarer, sich Vati hinter dem verbogenen und schräg stehenden Lenkrad einer Déesse sitzend vorzustellen, deren Namen nicht nur er, sondern niemand aussprechen, geschweige denn schreiben konnte – vielleicht mit Ausnahme von Französischlehrerinnen, die sich den Wagen aber nicht leisten konnten. Und wenn dieser unaussprechliche Name eine Bedeutung haben sollte, und wenn man sich vorstellen konnte, dass er eine hätte, wusste man trotzdem immer noch nicht, welche. Und wenn man – was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war – sie herausgefunden haben sollte, dann gäbe es doch wohl zu Recht nur eine, die im damaligen Deutschland eine Göttin sein konnte: die Garbo. «Die göttliche Garbo» – so nannten sie meine Eltern.
Aber der kugelige Herr Pavel fuhr nicht nur eine Déesse, die alles, was auf vier Rädern unterwegs war, alt aussehen ließ, er hatte auch eine Déesse in Gestalt seiner Frau, die unter der Woche, man stelle sich das vor, vormittags, wenn die Sonne schien, in einem weißen Bikini, ja, in einem weißen Bikini, im Liegestuhl auf dem Balkon lag, den schwarzen Pudel ihr zu Füßen, rauchte und sich sonnte, sooft das Wetter es erlaubte.
Sie arbeitete nicht, sie hatte keine Kinder, sie lag rum und blätterte in der Illustrierten, eine Tätigkeit, der tüchtige Frauen nach Auskunft meiner Mutter nur beim Frisör nachgehen. Alle in unserer Metzgerei – die Putzfrauen, die Verkäuferinnen und meine Mutter – waren empört. Auch die Männer waren empört. Aber anders empört. Denn immer, wenn Frau Pavel nahezu nackt im Liegestuhl auf dem Balkon lag, wollten sie erst einmal sehen, und zwar genau sehen, worüber sie anschließend zu Recht empört waren. Ich fand das richtig. Denn grundlos empört zu sein, sich aufzuregen ohne Anlass, wäre in meinen Augen völlig verantwortungslos und unentschuldbar gewesen. Schlagartig, als ob die Kirchenglocken läuteten, hatten sämtliche Männer etwas Wichtiges auf dem Hof zu erledigen, sobald die begnadete, üppige und wohlig rundgeformte Göttin auf den Balkon trat, nein, sobald sie dort erschien.
Sie stützte sich kurz auf das Geländer, beugte sich ein wenig nach vorn – um eigentlich was zu sehen? –, warf dann den Kopf in den Nacken, bevor sie von alledem völlig erschöpft im Liegestuhl versank. Das überirdische Kommando an die Männer hieß nun: nicht mehr arbeiten, sondern gucken. Und da auch das Gucken sehr anstrengend sein kann, wurde an die Arbeitspause und die Guckpause schnell noch eine kollektive Rauchpause angehängt. Leider war mein Vater Nichtraucher. Also muss für ihn das lange Gucken besonders anstrengend gewesen sein. Denn dass ausgerechnet er nicht guckte, existiert in meiner Erinnerung nicht. Oder es taucht nicht auf. Es schien, als hätte er urplötzlich Wichtiges mit den Gesellen zu besprechen. Also gesellte er sich zu ihnen. Und immer wenn ich dem Rudel beim Gucken zuguckte, fiel mir an den Blicken der Männer auf, dass das Wichtige, das es zu besprechen galt, nur eine Zielrichtung kannte: Frau Pavel.
Frau Pavel ging nicht einkaufen. Sie wurde beliefert. Denn eine Göttin stellt sich nicht an, reiht sich nicht ein in die Schlange wartender Hausfrauen, die geräucherten Speck für die Erbsensuppe kaufen. Als sie sich zum ersten Mal Wurst und Fleisch und, für den schwarzen Pudel, gekochte, unglaublich stinkende Kutteln bringen ließ, fiel mir die Aufgabe zu, ihr die Pakete in den vierten Stock zu liefern. Doch danach nie wieder. Es gab Gerangel unter den Gesellen, denn jeder wollte den nächsten Botengang machen. Mein Vater klärte den Konflikt auf seine Weise: Er übernahm die Aufgabe selber. Danach bestimmte die alphabetische Reihenfolge der Vornamen, wer das Fleisch der eigenhändig getöteten Tiere zum Tempel der Mietwohnung in den vierten Stock tragen und den Händen der Angebeteten mit den rot lackierten Fingernägeln darbieten durfte.
Mein Vater hatte ein doppelt schweres Schicksal zu ertragen, denn er war nicht nur der einzige Nichtraucher, sondern auch der einzige Verheiratete in der Männerrunde und bekam von den Frauen, wenn er wieder mal mit seinen Gesellen zum Balkon hochschaute, um Dienstliches zu besprechen, den Spitznamen Hans-guck-in-die-Luft. Er hatte zwar auch noch einen zweiten Vornamen, Herbert, aber der war nicht spitznamentauglich.
Meine Mutter also stand mit den anderen Frauen, die gerade abkömmlich waren, in der Küche. Sie beobachteten die Männer und machten sich lustig über sie, derweil die neue, wassergetriebene Kartoffelschälmaschinentrommel rumpelte und pumpelte, die Kartoffeln von oben nach unten, zur einen, dann zur anderen Seite durcheinanderwirbelte, um ihnen die braune Haut samt ihrer Unreinheiten abzuschleifen. Die Kartoffeln waren mindestens so irritiert wie die Männer, auch sie wussten nicht, wie ihnen geschah. Sie waren es gewohnt, einzeln in die Hand genommen und liebevoll-gekonnt von Hand geschält und nicht grob-maschinell abgerieben zu werden. Also schauten sie sich – jawohl, Kartoffeln besitzen Augen, das sind die Sprossknospen der Knollen – an und fragten sich, was die rumorende Unruhe zu bedeuten habe. Sie redeten durcheinander, ohne sich zu verstehen, polterten lauter und lauter, je schneller die schmirgelpapierraue Drehscheibe sie durcheinanderwirbelte, doch gegen das Durcheinander, das ihren plumpen Knollenkörpern angetan wurde, gab es, dem Gelärme ihres Protestes zum Trotz, kein Ankommen. Also schauten sie hilfesuchend zu den Frauen, die zu den Männern schauten, die zu Frau Pavel schauten, die, um die Gier der Männer und den Neid der langweiligen Haus- und Arbeitsfrauen zu steigern, nach einem Glas griff, die roten Lippen über den Strohhalm stülpte, daran zutschelte und ein rotes Getränk aus dem Glas in ihrem Mund verschwinden ließ. Alle, die das sahen, waren empört. Sie hatte das rote Etwas, das, wie Rudi bemerkte, bestimmt kein Himbeersaft war, ex getrunken!
Dann schaltete sie das Transistorradio an und hörte Schlager. Doch die Musik hätte es nicht gebraucht. Sie spielte längst in den Männern, deren Blicke Frau Pavel auf sich zog, spielte in allen dieselbe Melodie. Du weißt, ich küsse heiß, du weißt, ich brenne gleich, du weißt, dass ich immer alles, alles erreich, ich bin ein Mann, hey jey jey, ich bin ein Mann! Doch Frau Pavel ließ nicht locker. Sie nahm eine Illustrierte und durchblätterte sie in demonstrativer Langeweile mit lackierten Fingernägeln, Seite für Seite. Die Fotos schauten Frau Pavel an. Doch die Blicke der abgebildeten Frauen interessierten Frau Pavel nicht. Sie war selber eine Frau. Und wusste, was für eine. Also schaute sie die Männer an. Die Männer schauten weg und einander an, dann zu den Frauen im geöffneten Küchenfenster; diese lachten die Männer an, dann schauten auch sie weg und schauten einander an – und mit einem leicht resignierten Blick, in dem ein kleines Fragezeichen zu lesen stand, und einem Seufzer gingen sie wieder an die Arbeit; nur meine Mutter blieb stehen. Sie schaute die Kartoffeln an. Doch die konnten nicht mehr zurückschauen. Die neue Kartoffelmaschine hatte ihnen die Kartoffelaugen abgerieben.
Später musste ich erfahren, dass keine Deutsche, sondern Catherine Deneuve die Ikone der Déesse sei. Welch ein Irrtum! Die wahre Déesse war Frau Pavel auf dem Balkon im Ruhrgebiet, vierter Stock, in Mülheim-Dümpten.
Eines Tages waren Herr und Frau Pavel verschwunden. Die Citroën-Niederlassung war noch da. Sie wird einen neuen Betreiber gefunden haben. So wie die Wohnung mit dem Balkon Nachmieter. Aber keiner hat je wieder hochgeschaut. Und selbst wenn dort oben Catherine Deneuve im Bikini erschienen wäre, in der einen Hand eine Muratti Privat rauchend und mit der anderen in kühler Laszivität aufs Geländer gestützt, gegen Frau Pavel hätte sie keine Chance gehabt. Wer Frau Pavel einmal gesehen hat, trägt sie als Phantom der Erinnerung, als Fata Morgana stimulierender Phantasie, als erotischen Prägestempel und lebenslängliche sexuelle Behinderung durch sein amouröses Leben, sämtlichen Phantasmen und Wirklichkeiten anderer Weiblichkeit haushoch – vier Stockwerke – überlegen. Claudia Cardinale? Sophia Loren? Marilyn Monroe? Nein! Nein! Nein!
Was aus dem Verkäufer der fahrbaren Göttin und aus seiner göttlichen Frau geworden ist, weiß ich nicht, wie ich übrigens auch nicht weiß, was den Diven der Fensterbank, Renate und der schwarzbuschigen Monika, in jener Nacht widerfuhr, in der ich vor ihnen in den Schlaf fiel, während sie noch verträumt «ihre» Gesellen mit den alten oder neuen Eroberungen beobachteten. Es muss Heftiges gewesen sein.
6.
Renates Anfall
Denn am nächsten Morgen, die Sonne schien friedlich in das Zimmer, in dem wir zu dritt geschlafen hatten, schrie uns etwas aus dem Schlaf: «Ich ersticke! Ich ersticke!» Renate. Sie war außer sich. Sie tobte. Sie war in Panik – und schrie, wie ich sie zuvor nie schreien gehört hatte. Sie schrie sich die Seele aus dem Leib, als sei der Teufel im Begriff, mit ihr wer weiß was zu tun, und sie müsste nicht nur ihren Körper retten, sondern auch noch ihre Seele, nur wüsste sie nicht, in welcher Reihenfolge, bevor er sie würgte, mit Haut und Haar verschlänge, Besitz von ihr nähme und sie zu seinem willfährigen Instrument machte. Sie sprang im Zimmer umher, sprang aufs Bett und vom Bett herunter, rüttelte an der Türklinke, pochte mit den Fäusten gegen die Tür. Vergebens. Sie konnte die Tür nicht öffnen. «Ich ersticke! Ich ersticke!» Dieses Eingesperrtsein, dieses Nicht-fliehen-Können machte sie rasend. Immer und immer wieder sprang sie gegen den Schrank und warf sich gegen die Wände, als könne sie durch sie hindurchspringen wie Armin Dahl im Fernsehen durch eine Glasscheibe, und schrie dabei: «Ich ersticke! Ich ersticke!» Sie schien den Verstand zu verlieren, wenn sie ihn nicht schon verloren hatte, gepeitscht vom Affentanz des Irreseins.
Monika und ich waren hilflos. Wir konnten nichts tun. Hätten wir versucht, sie anzufassen, um sie zu beruhigen, sie hätte uns mit einem Streich zerklatscht wie Fliegen. Noch nie hatte ich einen derartigen Vulkanausbruch eines Körpers erlebt, noch nie eine derartige, von besinnungsloser Angst gepeitschte Panik; es war, als blickte sie dem Tod ins Auge. Meine Schwester war ein Dynamitbündel im Augenblick der Explosion.
Der Anfall dauert bereits einige Minuten, als mein Vater gegen die Tür klopft und brüllt: «Was ist da los?! Verdammt noch mal! Was ist da los?!» Und meine Schwester brüllt zurück: «Ich ersticke! Ich ersticke!» – «Dann macht doch das Fenster auf! Monika, Dieter, seid ihr da?» – «Ja, wir sind hier!», schreit Monika, und ich: «Sie ist verrückt geworden! Vati, hilf uns, hol uns hier raus!» – «Ich ersticke, ich ersticke!» – «Macht verdammt noch mal das Fenster auf!» Monika stürzt zum Fenster, reißt es auf, und meine Schwester, als würde sie sich gleich aus dem Fenster stürzen, brüllt auf die Straße: «Ich ersticke, ich ersticke!» Monika schreit die Tür an, hinter der mein Vater steht und die er mit seinem Körper aufzudrücken versucht, und sie brüllt: «Das Fenster ist auf, das Fenster ist auf, Renate stürzt sich gleich auf die Straße! Hilfe, Hilfe!» – «Dann haltet sie fest, haltet sie fest, damit sie sich nichts antut!», brüllt er zurück, und mich brüllt er an: «Dieter, mach die Tür auf, los, macht die Tür auf!» Derweil hat Monika versucht, Renate vom Fenster wegzuzerren, doch die schleudert sie von sich, gegen mich, der vor der Tür steht, ich falle zu Boden und brülle: «Der Schlüssel ist weg, es gibt keinen Schlüssel» – «Dann such ihn gefälligst und schließ verdammt noch mal diese Scheißtür auf!» Inzwischen muss meine Mutter auf dem Flur erschienen sein, denn auch sie beginnt zu schreien: «Renate, was ist los? Hörst du mich? Antworte! Renate, Renate!» Doch Renate steht schon wieder vor dem geöffneten Fenster und brüllt, dass es die gesamte Nachbarschaft hören muss: «Hilfe, ich ersticke! Hilfe, ich ersticke!»
Auf der Straße haben sich an diesem sonnigen und an sich beschaulichen Sonntagmorgen bereits einige Leute versammelt. Ratlos schauen sie nach oben zum Fenster: «Was ist da los?» – «Nicht springen, nicht springen!» – «Ich ersticke, ich ersticke!» Meine Mutter: «Du erstickst nicht, Renate, du erstickst nicht! Beruhige dich!» In diesem Chaos denke ich, dass uns nur der Schlüssel retten kann, und beginne ihn zu suchen. Doch ich finde ihn nicht, und meine Schwester tobt und brüllt weiterhin. Plötzlich! – Was ist das? Ein ungeheurer Schlag kracht gegen die Tür und – Ruhe. Ruhe.
Renate, Monika und ich starren auf die Tür. Was war das? Es folgt ein weiterer Schlag. Und ein nächster und noch einer und noch einer. Doch die Tür öffnet sich nicht. Das Schloss hält. Das Türblatt muss mit dem Rahmen untrennbar verschweißt sein. Wieder ein Schlag. Jetzt bekommen auch Monika und ich es mit der Angst zu tun. Wir beginnen zu schreien: «Hilfe, Hilfe!», und weil auch wir plötzlich keine Luft mehr bekommen, schreien auch wir: «Wir ersticken, wir kriegen keine Luft mehr! Hilfe! Wir ersticken!», und je lauter und verzweifelter unsere Schreie, umso wütender und kraftvoller die Schläge, mit denen mein Vater die Tür zu öffnen versucht. Doch plötzlich änderte er seine Strategie. Er drosch nicht weiter auf das Schloss ein, sondern seine Attacke galt dem Türblatt selber, und nach zwei, drei weiteren Hieben hatte, unglaublich, der Axtkopf die Tür durchschlagen, blieb eingequetscht im Holz stecken und schaute uns an: Was hatte die Axt vor? Es schien, als suchte sie, als müsste sie herausfinden, hätte sie die Tür erst zertrümmert, wem zuerst, wem danach und wem zuletzt sie den Schädel spalten würde. Mir, Renate, Monika?
Dann nickte die Axt dreimal mit dem Kopf, offenbar hatte sie sich entschieden. Sie wurde aus dem Schlitz, in dem sie steckte, herausgezogen und donnerte mit unglaublicher Wut erneut auf das Holz nieder. Wir schrien. Mit aller Kraft, zu der unsere Stimmen und Körper fähig waren. Jetzt hatten wir alle drei Angst, nicht mehr nur meine Schwester. Doch Angst ist das falsche Wort. Denn Angst hat man vor etwas, das erst noch kommt und nicht schon da ist. Doch das, was wir hatten, war da. Es war in uns. Auch wenn wir es nicht kannten. Es hatte von uns Besitz ergriffen, und wir waren ihm, was immer es war, ausgeliefert. Noch schlimmer: Unser Zustand fütterte das Ungeheuer, vor dem wir uns derart fürchteten, peitschte die Ausgeburt unserer Angst, katapultierte uns in atemlosen Taumel, dass wir herbeisehnten, wovor wir uns fürchteten, damit es endlich verrichte, wovon wir nicht wollten, dass es geschehe, und wovon wir doch wollten, dass es besser sofort geschehe als später: unsere Vernichtung. Der Zustand der uns zerreißenden Kräfte hatte einen Namen. Panik. Besinnungslose, pure Panik.
Schließlich stand er da, unser Vater, die Axt in den Händen, eingerahmt von zersplittertem Holz, in dem Loch, das er selber aus der Tür herausgedroschen hatte. Unser Vater hatte einen Teil des Wohlstands, den er und meine Mutter unter Mühen und mit kontinuierlichem Fleiß aufgebaut hatten, zertrümmert. Sein Blick war nicht weniger wahnsinnig als der meiner Schwester und der von Monika und mir. Er verhieß nichts Gutes. Die zertrümmerte Tür war erst der Anfang einer unbändigen Zerstörungswut. Seiner. Gleich würde er uns in seiner Rage erschlagen und danach das ganze Haus dem Erdboden gleichmachen. Die Axt fest wie eine Waffe vor seiner Brust in den Händen haltend, brüllte er uns an: «Seid ihr verrückt geworden? Seid ihr völlig verrückt geworden?» Ich dachte, unser Vater sei verrückt geworden, wie er dort vor uns stand. In seiner Brutalität und Unberechenbarkeit; ein Vulkan kurz vor dem erneuten Ausbruch, noch zerstörerischer als der erste. So muss er ausgesehen haben im Krieg, von dem er aber nie anders berichten konnte als mit anekdotenhafter Leichtigkeit und einer Gemütlichkeit in der Stimme des noch einmal Davongekommenen.
Meine Mutter hat sich durch die zersplitterte Tür gezwängt und umarmt Renate. Und Renate umarmt sie, fest. Und beginnt zu weinen. Und Mutter und Tochter, sich in den Armen liegend, weinen. Mein Vater, noch immer die Axt in den Händen, tritt ans Fenster und schaut zu den Leuten, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite versammelt haben und nicht wissen, ob sie soeben Zeugen eines abscheulichen Familiendramas geworden sind: «Alles in Ordnung. Alles ist in Ordnung. Ich weiß auch nicht, was da passiert ist! Die Kinder hatten sich eingeschlossen und plötzlich keine Luft mehr gekriegt.» Und dann, die Axt zum Beweis aus dem Fenster haltend: «Da musste ich die Tür einschlagen.»
Meine Schwester. Sie fürchtete sich schon immer vor Vögeln und deren Geflatter. Nie hat sie ein Zimmer betreten, in dem auch nur ein Kanarienvogel frei herumflog. Außer, sie wusste es nicht. Hatte sie ihn entdeckt, schrie sie sofort hysterisch und flüchtete aus dem Zimmer. Meine Mutter fürchtete sich vor Schlangen. Und weil ich meine Mutter liebe, fürchtete auch ich mich vor Schlangen. Und fürchte mich noch immer. Ich mag sie einfach nicht. Ehe man es sich versieht, wird man hinterhältig gebissen und stirbt elendig. Am Gift. Oder ein Python fällt vom Baum, umschlingt deinen Körper und erwürgt dich.
Meine Schwester, was sie wohl gepackt hatte in ihrer Not? Als sie schrie, sie bekomme keine Luft und müsse ersticken – während sie, die sich vor flatternden Vögeln fürchtete, selber wie ein flatternder Vogel durch ihr Mädchenzimmer flatterte? War es die Hitze, die Mädchen anfällt und sie zu Frauen macht und sie später – so wie meine Mutter sagte, sie habe die fliegende Hitze, von der ich dachte, sie müsse fliehende Hitze heißen – wieder verlässt und sie in einen Zustand versetzt, gegen den der Arzt Tabletten verschreibt, die Brustkrebs verursachen, an dem die Frauen später sterben – so wie meine Mutter? Wollte Renate das Zimmer ihrer Kindheit verlassen, während sie gleichzeitig Angst hatte, es zu verlassen? Ist das bei Frauen so? In diese Richtung gingen meine Fragen, ohne dass ich sie mir so hätte stellen können, damals.
An diesem Sonntagmorgen gab es bei uns wie üblich zum Frühstück zwei Stück Torte für jeden und anschließend gebratene Eier mit Mettwurst und Kümmel, denn unser Vater behielt lieber den salzigen als den süßen Geschmack im Mund.
7.
Die Tage (Those were the days, my friend)
Die Vorstellung, dass mein Vater mit der Axt die Tür einschlagen musste, weil er sich anders keinen Zutritt in die vom nächtlichen Aus-dem-Fenster-Gucken überhitzte Welt des Kinderzimmers verschaffen konnte, gefällt mir noch heute: der Kampf der Axt gegen die aufschäumenden weiblichen Hormone und ihre Gespinste.
Unsere Gesellen wussten immer, wann «unsere Frauen» und später auch Renate, die eine Lehre zur Fleischfachverkäuferin in der elterlichen Metzgerei begonnen hatte, ihre Tage hatten. Ich wusste nicht, was es heißt, die Tage zu haben. Männer hatten nie ihre Tage. Oder sie hatten sie immer. Sie waren gut gelaunt, schlecht gelaunt, verkatert, je nachdem. Es musste sich also um eine spezifisch weibliche Angelegenheit handeln, die ich nicht verstand. Genauso wenig konnte ich mir einen Reim machen auf einen Spruch, dem ich im von mir geliebten Werbefernsehen begegnet bin und der ein großes Geheimnis barg, das weder ich noch mein Freund Paul, der im selben Haus wohnte wie wir und dessen Eltern anscheinend das Geld für einen eigenen Fernseher fehlte, enträtseln konnten:
«Camelia plus – gibt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen.»
Was ist das, und was hat es zu bedeuten? Hatte es mit Kamillentee zu tun, und wenn es heißt: «plus», mit einem besonders starken? Oder Kamillentee mit einem Zusatz? Aber mit welchem? Mit Traubenzucker? Und wieso sollten nur Frauen davon profitieren? Kamillentee tranken wir doch alle sehr oft abends. Und wenn ich ein Gerstenkorn am Auge hatte, was häufig der Fall war, und es nicht geholfen hatte, durch das Astloch eines Holzstückes zu schauen, dann musste ich mein entzündetes Augenlid mit Kamillentee spülen. Wieso sollte also Camelia plus ausschließlich bei Frauen Anwendung finden und nur ihnen Sicherheit und Selbstvertrauen geben? Auch enthielt die Werbung keinen versteckten Hinweis auf des Rätsels Lösung, den Paul und ich übersehen hatten, denn der wäre unseren forschenden Blicken irgendwann aufgefallen. Also blieben wir allein mit den zufriedenen Gesichtern der Frauen im Schwarz-Weiß-Fernsehen der frühen 60er Jahre.
Es musste aber etwas mit dem Schaum in dem Wasserbecken zu tun haben, in dem die Fleischwürste schwammen, damit sie frisch blieben und nicht austrockneten. Denn jedes Mal, wenn sich unbeabsichtigt Schaum auf der Wasseroberfläche bildete, sagten die Gesellen, eine der Verkäuferinnen, die ja ins Wasser greifen mussten, um die Fleischwurstringe zu fassen und herauszuholen, habe ihre Tage. Dieser Schaum im Wasserbecken der Fleischwürste, ob mit oder ohne Knoblauch, schien auch der Geheimpfad zu sein zu einem weiteren ominösen Wort: Die Binde. Bindfäden, auch Wurst- oder Metzgergarn genannt, gab es viele in der Fleischerei, rote, grüne, blau-weiße, naturfarbene und bunt gekringelte. Sie wurden benutzt zum Aufhängen der Ware und zur Markierung unterschiedlicher Zubereitung, also ob zum Beispiel die Fleischwust, der man es ja nicht ansehen konnte, mit oder ohne Knoblauch hergestellt war. Aber die Binde? Die Binde war ein Geheimnis, das ein Junge meines Alters sich nicht erklären konnte. Er – ich – konnte nur darüber spekulieren, und irgendwie landeten die Spekulationen immer wieder in der Hecke hinter unserem Bolzplatz, in der Hecke der irgendwie verschmierten Geheimnisse.
Wir spielten viel Fußball. Zu viert, zu fünft, zu sechst, zu siebt, meist auf ein einziges Tor. Dieses wurde mit zwei Steinen markiert und gab wegen der zu imaginierenden Pfosten und Latte oft Anlass zu Streit. Die Anerkennung eines Tores wurde mal pingelig, etwa bei einer verwandelten Ecke, einem Lupfer, einem Kopfball oder einem Eumeltor, mal großzügig ausgelegt, etwa bei einem Fallrückzieher.
Die unumstrittene Königsklasse eines Tores war der verwandelte Hammerschuss: Der Spieler bombte den anfliegenden Ball direkt, also ohne ihn zu stoppen und ihn maßgerecht für den Schuss zurechtzulegen, mit dem Spann ins Tor oder ließ ihn kurz auf dem Boden aufsetzen, um ihn im Augenblick des Hochspringens mit voller Wucht, ebenfalls mit dem Spann, in den Kasten zu donnern. Dass man die Feinde – in Gestalt der gegnerischen Spieler – und den Gralshüter des Reiches, in das nie, nie der Ball des Feindes eindringen darf – den Torwart –, solchermaßen bezwungen, ja, gedemütigt hatte, brachte Anerkennung und entlockte dem Torschützen fast immer ein befreites Brüllen: «Tor, Tor, Tor!!!» und ein irgendwie in Ziel und Richtung sinnloses, ja besinnungsloses Über-den-Platz-hin-und-her-Rasen, als wäre unser kleiner Schmuddelbolzplatz die ausverkaufte Schalker Glückauf-Kampfbahn mit vor Begeisterung brüllenden Fans.
Doch damit war der Siegestaumel noch nicht beendet, denn jetzt begann ein anderes Spiel: Oft steckte ein solchermaßen gebombter Schuss in der Hecke fest, die ein paar Meter hinter dem Tor den Bolzplatz begrenzte und hinter der ein schmaler Durchgang verlief, jenseits dessen wiederum mit unterschiedlichen Zäunen abgegrenzte Gärten lagen. Dieser Durchgang wurde außer von uns nur selten benutzt – außer, das wussten wir, nach Einbruch der Dunkelheit von Liebespaaren. Was genau sich dort ereignete, davon hatten wir nur eine vage Vorstellung, denn mit Einbruch der Dunkelheit mussten wir zu Hause sein.
Und hier schließt sich der Kreis. Denn der Schütze des Hammertores ließ es sich nicht nehmen, den von ihm selber fest in die Hecke hineingebombten Ball persönlich aus dem Heckengestrüpp herauszuziehen und ihn, die Trophäe seines fußballerischen Könnens, den Mitspielern und Gegnern zu präsentieren, als wäre er der Glücksbringer seines Lebens. Doch bevor er den Ball aus der Hecke befreien konnte, musste er einen Umweg machen, denn die Hecke hatte nur an einer Stelle einen tunnelartigen Durchlass. Und hier begegnete der Torschütze den Relikten der gestrigen Liebesnacht. Oder der vorausgehenden Nächte. Immer, besonders in den wärmeren Jahreszeiten, war die Hecke geschmückt wie zu einem Fest. Nur eben nicht mit bunten Girlanden und Luftballons, sondern mit den inzwischen trüb verklebten Gummischläuchen der Pariser aus Walter Diercks Automat und dem, was die etwas Größeren unter uns die Binde nannten: einem länglichen und einige Zentimeter breiten, gepolsterten Mullbindestreifen an beiden Enden mit Strippen, die aussahen, als könne man sie wie bei einem Verband verschnüren. Diese wattierten Streifen waren unterschiedlich rot gefärbt, mal bräunlich rot, wenn von der Sonne beschienen, mal blass rot, wenn vom Regen verwaschen. Obwohl sie aussahen, als würden sie zum Stillen von Wunden benutzt, besaßen sie aufgrund ihres Vorkommens in der Hecke ein derart abgründiges Geheimnis, dass ich die Eltern nicht nach Herkunft und Zweck zu befragen wagte und dass meine Schwester, von mir darauf angesprochen, irgendetwas daherfaselte, wovon ich mir nicht vorstellen konnte, dass derart Ekliges in jungen Mädchen und Frauen monatlich heranwachsen könne. Klar war nur: Die Binde musste mit den Tagen zu tun haben, die trotz der Kälte im Kühlhaus schäumende Bläschen aus dem Wurstwasser aufsteigen ließen, als befänden sich die Fleischwürste im Zustand der Gärung, und von deren Kunstdarm die Schmiere abgewischt werden musste, bevor sie im Laden verkauft werden konnten.
So wurde die durch den Triumph des Hammertores bedingte Spielpause als Abschluss eines sportlichen Spielzugs auf dem Feld getrübt durch die Befreiung des Balls aus der durchlöcherten und behängten Hecke. Aber der Gang – nicht durch die Tribüne aufs Spielfeld, sondern durch die Hecke zum feststeckenden Ball – mit der Dekoration aus benutzten und schlaff herumhängenden Liebesutensilien, eröffnete den Blick auf ganz andere Spielzüge – Spielzüge, wie Connie Francis sie mit folgendem Refrain besungen hat: «Die Liebe ist ein seltsames Spiel / Sie kommt und geht von einem zum andern / Sie nimmt uns alles, doch sie gibt auch viel zu viel / die Liebe ist ein seltsames Spiel.»
Noch heute blüht diese Hecke in mir auf – bei besonders tollen und spielentscheidenden Fußballtoren.
Die Pariser, die Tage, die Binde, die Bläschen und der Anfall meiner Schwester, all dies hätte mir damals, als ich im Wursthimmel hing, nicht das Geringste gesagt. Doch es war, als hätte ich geahnt, dass das Leben für einen kleinen Jungen wie mich und für das, was aus ihm werden sollte, noch etwas bereithielte, für das es sich lohnte, den Kampf gegen den drohenden Absturz aus dem Himmel zu gewinnen. Je länger ich hing, desto länger wurden meine Arme, und es stand zu befürchten, dass die Gelenke wie auf einer Streckbank – so etwas gibt es in den Folterkammern von Burgen – auskugelten und die Haut riss, ich abstürzte und meine Hände und Oberarme, mittlerweile zu einer Art Leichenstarre verkrampft – auch die gibt es, wie ich seit dem Tod von Opa Nagler wusste –, immer noch den schwarzen Räucherspieß umfasst hielten, während Körper und Kopf auf den Steinkacheln ausbluteten, wo Friedel am nächsten Morgen den Kadaver hätte beseitigen und den Boden schrubben müssen.
Saubermachen, das konnte Friedel wie niemand sonst. Zumindest haben sich meine Eltern nie über sie beschwert. Vielleicht hatte Friedel eine besonders liebevolle Beziehung zum Fußboden, weil sie klein war und ihm so nahe. Außerdem waren Kopf und Hals immer nach vorne gebeugt und zwangen ihren Blick nach unten. Ob sie wohl jemals den Himmel gesehen hat?
8.
Sud und Sühne
Ich brauche sie … sie muss mir helfen. Mich retten. Endlich einmal etwas für mich tun. Mich befreien aus dem Gestänge des Gefängnisses, in dem ich hänge. Jetzt. Jetzt sofort. Sie soll gefälligst auf einem fliegenden Teppich einher schweben, mich aufsteigen, in ein bunt-orientalisches großes Kissen plumpsen lassen und schöne Heimatlieder auf dem Akkordeon spielen, dem schwarz-dunkelrot-perlmuttfarben glänzenden. Endlich wäre ich befreit von meiner Absturzangst, befreit vom einschmeichelnden Feengesang, der mich arglistig und hinterhältig einlullt, um zu töten. Mich zu töten. Unter den vertrauten und lieblichen Tönen der Musik flögen wir heim, als wäre nichts gewesen, und könnten endlich, so wie immer, friedlich zu Hause zu Abend essen. Nur dieses eine Mal soll sie kommen, danach kann sie mich weiterhin drangsalieren, nur dieses eine Mal – und mich retten. Meine Schwester.
Doch das würde nicht geschehen. Es musste eine andere Möglichkeit der Rettung geben. Vielleicht Klaus, mein kleiner Bruder Klaus?
Er war etwa eindreiviertel Jahre jünger als ich. Das ist nicht viel, zu vernachlässigen im Erwachsenenalter, aber mit vier, fünf, sechs Jahren fast ein halbes Leben. Er war dabei und hat mit uns herumgetobt, als wir in der Fleischerküche Fangen spielten, als Oswald mich erwischte, mich an den Oberarmen packte und in den Fleischhimmel hängte. Wir lachten, denn es war ein Riesenspaß. Doch plötzlich waren Vati und Oswald weg. Nur ihre Gesichter schwebten noch einen Augenblick als grinsende Masken im Raum. Dann waren auch sie weg. Verschwunden. Es war dunkel. Ich hing an einem Räucherspieß. Die Tür war verschlossen – und der Spaß nahm ein jähes Ende. Der Schreck fuhr uns beiden in die Knochen. Zumindest mir. Aber ich glaube, ihm auch. Was sollten wir tun? Ich hing im Gestänge unter der Decke, und Klaus stand etwas versetzt unter mir. Ahnte er die Gefahr, dass ich jederzeit abstürzen könnte, und wollte er vermeiden, dass ich auf ihn fallen und ihn verletzen würde? Rechnete er mit meinem Tod?
Wie kann es sein, dass der Tod sich nicht tückisch aus dem Hinterhalt annähert, sondern fröhlich, lachend und mit mir spielend von vorne kommt, sich einen Spaß erlaubt und mich in den Himmel hebt, wo Gott – und nicht der Teufel – wohnt?
Und der erste Zuschauer, der mir beim Sterben zusehen will, hat sich auch schon eingefunden. Er. Mein kleiner Bruder. Mit dem ich immer ein Herz und eine Seele bin. Jedenfalls fast immer.
Er ist zu klein, um mich aus dem Himmel herunterzunehmen, mich vom Fleischbaum zu pflücken, damit ich wieder sicheren Grund unter den Füßen bekomme. Das ist ihm nicht vorzuwerfen – aber dass er aus irgendeinem Grund nicht, wie ich es ihm sage, einen Stuhl vom Küchentisch holt und ihn unter meine Füße stellt, das verstehe ich nicht. Er muss doch die Gefahr erkennen, in der ich mich befinde. Aber er steht einfach nur da und schaut nach oben. Ist er erstaunt, ja, fasziniert davon, wie schnell ein Mensch vom Erdboden verschwinden und sich wenige Sekunden später im Wurst- und Schinkenhimmel wiederfinden kann? Was denkt er wohl? Dass auch ich bald in Wurst und Schinken verwandelt werde und dass das, was neben mir hängt, einst auch lebte, so wie ich jetzt? Noch. Und vielleicht waren die Tiere, denen das Fleisch nach ihrem Tod entnommen wurde, dereinst Menschen wie ich, nur in Tiere verwandelt kurz vor ihrem Tod, weil Menschenfleisch nur Kannibalen essen?
Klaus steht die ganze Zeit unter mir; starr, stumm, versteinert; und glotzt, anders kann ich seinen Blick nicht bezeichnen, als verkünde, was er sieht, eine Botschaft aus einer anderen Welt. Nur welche? Was gibt es da zu sehen, dass er so glotzen muss? Ich, sein verehrter großer Bruder, hänge im Himmel des Fleischerreiches und habe Angst abzustürzen. Das ist alles. Mehr nicht. Aber zu viel, um es noch lange aushalten zu können.
Klaus, lieber Klaus, mein Bruder, bitte hilf mir! Sonst falle ich herunter und muss sterben. Öffne das Fenster, geh auf die Straße und hol Hilfe. Ich kann nicht mehr.
Er hörte mich nicht – oder wollte mich nicht hören. Und was jeder Mensch tut, wenn er schaut, nämlich reflexhaft für den Bruchteil einer Sekunde die Augenlider zu verschließen und sofort wieder zu öffnen, Klaus tat es nicht. Er tat es einfach nicht. Konnte er seinem Blick in diesem Zustand der erwartungsvollen Starre, die herbeisehnt zu sehen, was unaufhaltsam geschehen wird, ohne zu wissen, wann genau, das Augenklimpern verbieten, um dieses Ungeheuerliche, den Sturz vom Leben in den Tod, nur ja nicht zu verpassen?
Er schien darauf zu warten, dass die Schlange endlich das Kaninchen beißt, welches in einer hypnotisierten Bewegungsohnmacht durch den Todesbiss von seiner Angst befreit werden will, denn die Angst vor dem Tod ist schlimmer als der Tod. Und um diesen einmaligen, ja sensationellen Augenblick nicht wegen eines lächerlichen Lidschlags zu versäumen, von dem das Leben unendlich viele, ja zig Milliarden und mehr, bereithält, hatte Klaus seinen Augenlidern befohlen, sich nicht zu schließen. Er war der Zuschauer, der sich den Höhepunkt des Abends unter keinen Umständen entgehen lassen wollte: dabei zu sein und zu sehen, wie ich in den Tod stürze.
Oder wollten umgekehrt seine Augenlider ihn zwingen, etwas zu sehen, wovon sie wussten, dass er es sehen wollte, ohne sich dies allerdings eingestehen zu können? Aber vielleicht war es auch ganz anders: Er sah nicht mich, sondern sich selbst hier oben hängen und wollte dabei zuschauen, wie er selber abstürzen, aufschlagen und sterben würde.
Oder überlegte er, was er wohl tun würde, wenn er hier oben hinge und ich ihn betrachtete, wie er mich jetzt? Doch ich würde ihn nicht betrachten. Ich würde ihm helfen. Ich würde den Stuhl unter seine Füße stellen, hinaufsteigen, die Arme nach ihm ausstrecken und ihm sagen: Jetzt! Er würde in meine Arme fallen, wir beide würden vom Stuhl auf die Kacheln fallen – und wären gerettet. Vielleicht wären wir verletzt, aber tot wären wir nicht.
Klaus war nicht mehr bei sich. War ganz Blick. Doch schaute er nicht mit den Augen, nein, seine Seele schaute durch die Augen aus seinem Körper heraus. Aber was sah sie, verdammt noch mal, dass sie so glotzen musste?
Ich wunderte mich. Wie kann es sein, dass ich mir um ihn mehr Gedanken mache als um mich? Kann er nicht einfach nur aufhören, mich so anzugucken? Bin ich nicht mehr ich? Habe ich mich schon verwandelt? In was denn, um Gottes willen, dass er so gucken muss? Wachsen meinem Kopf Schweineohren, meinem Mund ein Rüssel, grunze ich schon, ohne es selbst hören zu können? Was geschieht mit mir? Bin ich schon tot, und es dauert nur noch eine kleine Weile, bis auch ich es merke?
Doch mit diesen Fragen würde ich mich nicht mehr allzu lange beschäftigen können. Denn ein riesiger Berg, langsam, aber unaufhaltsam, schob sich auf mich zu. Um mich unter sich zu begraben.
Ich versprach Klaus, noch heute Abend im Geheimen mit ihm Westradio zu hören. Aber das bewegte ihn nicht. Ich versprach ihm mein Taschengeld. Auch das überzeugte ihn nicht. Er stand da wie angewurzelt. Schaute in eine andere Welt. Er sah … ja, was sah er? Er sah mich. Inmitten der Sachen, die immer hier oben hängen. Woher also sein geistesabwesender Blick? Und wenn der Geist abwesend war, wo war er anwesend? Was, verdammt noch mal, konnte er sehen, was sich meinen Augen verschloss? Klaus war nicht zu bewegen – und so bewegte er sich auch nicht. Es blieb und es bleibt sein Geheimnis, was er sah. Offenbar etwas zuvor nie Gesehenes.
Lag es daran, dass er von unten heraufguckte, ich jedoch von oben hinunter? Konnte es sein, dass ich genauso schaute wie er und unsere Blicke in Wirklichkeit nicht zwei, sondern ein Blick waren und jeder mit demselben Blick im andern sein eigenes Entsetzen sah und sich fürchtete?
Heißer Dampf steigt auf. Doch trotz der Hitze erfriere ich in der Eiseskälte meiner Angst. Im Brühkessel, ganz nah unter mir, beißen sich Schweineköpfe durch die siedende Metzelbrühe – und Renate spielt eine lustige Melodie. Für einen Augenblick denke ich, vielleicht wird noch alles gut. Die Augen der Schweinsköpfe, die bisher zusammengekniffen waren, öffnen sich, und ihre toten Augen sind nicht tot. Sie beginnen zu leben. Ängstliche, um Hilfe flehende Blicke. Doch wie kann ich helfen, da ich selber gleich in den Brühkessel fallen werde, meine Haut im heißen Wasser verbrennen wird und ich im siedenden Sud ersaufe und elendig verende?
Einige Köpfe beißen sich durch die dampfende Schlachtsuppe, als wollten sie die Wanne, in der sie schwimmen, leer trinken, um die Qualen der heißen, vor sich hin blubbernden Quelle zu beenden, deren Wasser sich mit dem Blut und den aus den abgeschnittenen Köpfen herauslaufenden Säften mischt. Andere prusten die heiße Brühe wie Fontänen in die Luft, um sie aus dem Kessel zu pumpen. Rüssel und Schnauzen, deren Backen frisch gekocht und gesalzen so wunderbar schmecken, beginnen zu quieken, zunächst ganz leise und zart, wie frisch geborene Ferkel, die man am liebsten auf den Arm nehmen möchte, doch dann sich steigernd in den Todeskampf, als sähen sie das Schlachtermesser auf sich zukommen, als spürten sie den Stich, als sähen sie, wie das Messer blutig aus der Wunde herausgezogen wird, verfolgt vom roten sprudelnden Blutstrahl, den das pumpende Herz dem Messer auf seiner Reise zur nächsten Sau hinterherschickt und der nach einiger Zeit gemeinsam mit dem Leben erlischt – ein müdes Rinnsal, das am Boden klebt und sich festhält und bleiben will. Bis es von einem Wassereimer in die Unterwelt der Kanalisation gespült wird.
Doch noch reißen sie die Schnauzen auf, strecken die Zungen hervor, die später zu Zungenwurst verarbeitet werden, und kämpfen und kämpfen, um nicht zu ersticken, zu verbrühen, zu sterben. Will der Gott der Schweine, dass ich geopfert werde, mich selber opfere, um sie zu erlösen? Warten sie darauf, dass ich in den Kessel falle, damit sie mich – ein Opfer ist nur Opfer, wenn es verspeist wird – fressen und sich retten können? Mich, der ich zur Stelle war, wenn Oswald und mein Vater mit nackten Händen die heiße Schwarte des Rüssels und die Schweinebacken vom Schädel streiften, und darauf wartete, dass mir mein Vater, nachdem er es ein wenig gesalzen hatte, vom weichen und sehnigfeuchten Fleisch der Schweinebacke zu probieren gab. Kopffleisch zu essen – war das meine Sünde, für die ich nun büßen musste? Klaus sah, was ich sah, hörte, was ich hörte – und musste mit mir büßen.
Über allem erklang der Lärm von Renates Akkordeon, als ginge es darum, das von heißem Dampf aus dem Brühkessel emporgetragene Sauenquieken in seiner Schrecklichkeit noch zu übertönen. Ich beneidete Renate. Auch wenn die Musik, die sie aus dem Akkordeon quetschte, die Musik der Hölle war. Doch sie spielte und spielte und war nicht hilflos ausgeliefert, so wie ich. Ich war mir sicher, ich wusste: Mit einer anmutigen und lieblichen Melodie, einem einfachen, das Herz berührenden Lied, hätte sie das Schweinegequieke, die Musik der Hölle, verstummen und mich und meinen Bruder in schönere und von einer gütigeren Sonne als der abgestumpften Lampe über dem dampfenden Sudkessel beschienene Gefilde entschweben lassen können.
Festhalten, aushalten, halten … Mir blieb nur eine Möglichkeit, mich zu retten. Ich musste mich selber retten. Aber wie?
9.
Der Vatersprachlose. Was ist, wenn nichts ist?
Mein erstes Königreich war unser Zuhause. Ein kleines Haus mit Vorgarten, Garten und Garage. Meine Eltern hatten es vor meiner und nach der Geburt meiner Schwester erworben, also zwischen 1946 und 1951. Es lag am Stadtrand von Gera, dort, wo die Stadt sich verliert, ausfranst in die Bauernhöfe, Felder, Weiden und Wälder Thüringens, die sie schleichend mit dem vergifteten Blut ihrer Adern durchtränkt und mit ihren Fangarmen, die sie in die Natur treibt, erwürgt, um aus den Kadavern der alten Zeit die neue mit ihren Plattenbauten in den Himmel schießen zu lassen.
Meine Eltern, beide mit Volksschulabschluss, waren arbeitsam. Meine Mutter Blumenverkäuferin, mein Vater Fleischermeister. Das Ergebnis ihres Fleißes war eines der Häuser, die nach dem Ersten Weltkrieg von einem gemeinnützigen Bauverein für Kriegsbeschädigte gebaut wurden und Gartenbewirtschaftung und Kleintierzucht ermöglichten. Die Straße trug und trägt den Namen Sommerleithe. Sommerleithe 15. Für mich war Sommerleithe das wohlklingendste Wort der Welt. Und ist es bis heute. Ich kann es gar nicht oft genug aussprechen: Sommerleithe. Nicht mit dem protestantisch-prosaischen t, sondern mit einem lyrisch-romantischen th. Die Sommerleithe war die Leitplanke des Glücks. Sie flankierte den Sommer meiner ersten Lebensjahre; als sie weg war, war alles weg, was mir vertraut war und was ich liebgewonnen hatte. Was mir Heimat war, wurde zerrissen wie ein soeben beschriebenes Blatt Papier, das – die Tinte ist noch nicht getrocknet – zerrissen und weggeworfen wird und dessen eine Hälfte das Abwasser in die Kanalisation spült und dessen andere der Wind in den Himmel verweht. Jedes Mal werden meine Augen feucht, und ich verfalle in Schwermut und Trauer um die verlorene Zeit, denke ich an diese Königin unter den Wörtern.
Auch wenn er schon lange tot ist, sehe ich das Gesicht meines Vaters vor mir, habe seine weiche, fast zärtliche Aussprache im Ohr, wenn er sich – auch viele Jahre nach der Flucht in den Westen – bemühte (und es nie schaffte), die harten und scharfen Konsonanten von den weichen zu unterscheiden, um die weichen nicht hart und die harten nicht weich auszusprechen. Doch Sommerleithe klang bei ihm stets wie Sommerleidhe, niemals anders. Ich sehe das angestrengte Bemühen in seinem Gesicht, sehe, wie sich sein Mund verzieht und die Lippen sich verformen, ganz so, als wollte er meine Mutter küssen, damit es ihm zumindest dieses eine Mal gelinge, ein t wie ein t, ein p wie ein p klingen zu lassen und nicht wie d und b. Es ist ihm nie gelungen. Tür klang immer wie Dür, Paul wie Baul, tot wie dod und Tod wie Dod. Allerdings bestand er darauf, dass er diesen Unterschied, der in den Ohren der Zuhörer niemals einer war, diesmal deutlich hervorgehoben habe und wir diesen deudlichen Underschied doch hören müssden – ein Handicap nicht nur für meinen Vater, sondern auch, wie sich später beim Dikdad im Deudschunderricht auf dem Gymnasium herausstellen sollte, für mich. Im wechselvollen Leben meines Vaters war, anders als im vielleicht noch wechselvolleren meiner Mutter, seine eigenwillige Aussprache die konstanteste, zumindest aber die dauerhafteste Begleiterin. Die Ausschläge seines Dialekts waren enorm. Zumindest für ihn. Nie für die anderen. Auch wenn er glaubte, zwei Sprachen zu sprechen, Thüringisch und Hochdeutsch, so war und blieb es doch immer nur Dhüringisch.
Von seiner Heimat konnte er sich trennen – entschied sich dazu, als wir in den Westen flohen –, aber nie von seiner Sprache, von ihrem Wohlklang, ihrem Rhythmus und ihrer Melodie. Wenngleich sie sich im Lauf der Jahre ein wenig verschliff und er sich bemühte, sie loszuwerden, um nicht als Flüchtling aufzufallen, erlitt er schwerste, offenbar nie zu therapierende Rückfälle, wenn ihn seine Schwester Marie aus Leibdzsch im Westen besuchte. Das Thüringische schoss aus dem manierlich mit der hochdeutschen Fremdsprache überdeckten Urgrund hervor wie Pilze im Wald nach warmem Regen und verhalf vom Aussterben bedrohten Worten wie Diegel, Nischel, Bemme und Däts zu erneuter Blüte. Sein schweres Asthma – der real existierende Sozialismus, dessen Drangsale er einatmen musste, ohne sich durch Ausatmen Freiheit verschaffen zu können, hatte ihn in Erstickungsanfälle und aus dem Bett meiner Mutter ins Bett auf dem Dachboden getrieben – konnte er in der frischen und befreienden Luft des Westens, in der Luft von Marktwirtschaft und Demokratie, über Nacht ablegen. Aber der Dür, dem Baul und dem Dod konnte er auch hier, sein Leben lang, nicht entrinnen. Aus Liebe zu seiner Heimat? Vielleicht. Später aus Sehnsucht nach seiner Heimat? Auch vielleicht. Aber gewiss aus dem Verlangen nach einer glücklicheren Kindheit, als er, der Vaterlose, sie erlebt hatte. Die Kindheit lag lange zurück, und wenn seine Mutter ihn als letztgeborenes und damit überflüssiges Kind von vielen nicht so geliebt hat, wie er sich das wünschte, so blieb ihm zumindest die Geborgenheit in der Muttersprache und ihrem geliebten Klangbild erhalten. Als Liebessehnsucht, als Liebesbekundung und Liebesersatz hat er sie mitgenommen in sein Leben. Und immer war er glücklich, sein Gesicht entspannte sich, und er strahlte, wenn er sich in der Muttersprache suhlte und in ihr den Weg zurück in den Mund und den Schoß seiner Mutter fand.
Sein Vater war sprachlos. Er wurde vor der Geburt meines Vaters erschossen. Fürs Vaterland. Im Ersten Weltkrieg. Beide haben sich nie gesehen, nie kennengelernt. Und so konnte der Sohn nie die Sprache seines Vaters, die Vatersprache, erlernen. Er, der Vater- und Vatersprachlose, musste sich beides selber beibringen. Den Vater und die Vatersprache.
Seine Mutter habe ihn, wie er mehrmals versicherte – zumindest könne er sich daran nicht erinnern –, nie auf den Arm genommen. Und sollte sein Vater im Moment des Todes und danach sein toter Körper, der im Schlamm und Matsch des Schlachtfeldes vermoderte, versucht haben, väterliche Gedanken und Gefühle zurück in die Heimat zu senden, so wurden diese im Kugelhagel erschossen, von Bajonetten zerfetzt und vom Giftgas erstickt. Allein ein großes väterliches Vakuum hat überlebt.
Die Hoffnung, von seiner Mutter geliebt zu werden, blieb Herzschmerz. Einmal, so erzählte er, sei er im Winter durch das zu dünne Eis des Münchenbernsdorfer Dorfteiches – oder war es einer der familieneigenen Fischteiche? – ins eisige Wasser eingebrochen. Er konnte sich retten, denn der Teich war nicht sehr tief und die Kälte stärker als die Angst vor Schelte. Da rannte er nach Hause und wurde von seiner Mutter zum einzigen Mal in seinem Leben in den Arm genommen. Dann hat sie ihm die nassen Kleider ausgezogen und ihn und seinen Körper warmgerubbelt. Das sei so schön und so wohltuend gewesen, dass es nie hätte aufhören sollen. Doch es hörte auf, und er bekam trockene Kleider angezogen. Wenn etwas sei, habe sie gesagt, könne er immer zu ihr kommen. Und was, wenn nichts sei?
Das ist seine Version. Eine andere lautet gegenteilig: Er als Jüngstgeborener sei das Nesthäkchen der Familie gewesen, an dem, da er nie seinen Vater kennengelernt hatte, Wiedergutmachung zu leisten sei, und mit dem zweitjüngsten Bruder Edwin habe er sich so manches herausnehmen dürfen, das den anderen Geschwistern verboten war.
Seine Mutter, mit dem seltenen Vornamen Prisca, hatte, als ihr Mann im ersten Kriegsjahr, im November 1914, an der Westfront fiel, bereits vier Kinder bei oder nach der Geburt verloren. Es blieben ihr sechs Söhne und eine Tochter: Walter wurde Böttcher und Fischzüchter; Fritz, der Mann von Tante Frieda, die aus Elmshorn stammte und von einem Oberkellner in Hamburg ein uneheliches Kind hatte, genannt Nickel, hervorragende Rote Grütze mit Vanillesoße zubereitete und als eines der ältesten SPD-Mitglieder mit über einhundert Jahren gestorben ist, arbeitete als Böttcher in Elmshorn; Rudolf, genannt Rudel, schlug eine höhere Beamtenlaufbahn ein; Marie, die Fritz Hemann heiratete, der eine Schokoladenfabrik in Leipzig gründete, Geld und ein Auto hatte, aber keinen Führerschein, dafür einen Chauffeur, von dem er sich und seine Frau, also Tante Marie, jeden Sonntag zum Pferderennen fahren ließ, um auf Sieg oder Platz zu setzen; Erich, der das elterliche Gasthaus Hotel Alt-Thüringen betrieb und die SPD-Mitgliedsnummer 1008 (Bezirk Ostthüringen?) trug und Friedas jüngere Schwester Irma ehelichte; Edwin, der Zweitjüngste, geboren 1910, der nach dem Abitur Textilingenieur wurde (in Münchenbernsdorf gab es eine Teppichfabrik, die ihre Produkte mit dem Spruch «Münchenbernsdorfer Teppiche und Läufer / finden in der ganzen Welt ihre Käufer!» bewarb; unter den Nazis arisiert, wurde sie in der DDR dem Volk übereignet), Kommunist war, Zither, Geige und Klavier, das extra für ihn gekauft wurde, spielen konnte und während der Nazizeit sein kommunistisches Parteibuch und Flugblätter hinter der Telefonkabine im großen Ern der Gastwirtschaft versteckte, wofür sein älterer Bruder Erich für einige Zeit ins Gefängnis kam, weil Edwin, als die Nazis beides, also kommunistisches Parteibuch und feindliche Flugblätter, bei einer Hausdurchsuchung entdeckten, untergetaucht war; und schließlich mein am 12. November 1914 als jüngstes Kind der Familie Weise geborener Vater Hans Herbert, der Mediziner, genau genommen Chirurg, werden wollte und, als er das nicht durfte, Frisör, was er aber auch nicht durfte, da er Metzger werden musste, mit der Begründung seiner Mutter: «Essen müssen die Leute immer, auch im Krieg, zum Frisör gehen nicht.» Ihr Mann war, wie gesagt, im Ersten Weltkrieg gefallen. Nicht gut. Nein. Schrecklich. Aber im Krieg fallen viele. Im Zweiten Weltkrieg fielen auch ihre Söhne Walter, Fritz, Rudel und Edwin. Edwin hat zu Weihnachten 41/42 eine Postkarte aus dem Russland-Feldzug in die Heimat gesendet, die aus geplätteter und getrockneter Birkenrinde bestand. Dies war sein letztes Lebenszeichen. Diese Postkarte aus Birkenrinde war etwas Besonderes. Sie hing in unserem Wohnzimmer in der Sommerleithe, auf dessen Fußboden ausnahmslos Teppiche aus dem dreißig Kilometer entfernten Geburtsort meines Vaters lagen. Einige Jahre später, im Westen, war der Fußboden in unserer Wohnung ausschließlich mit Kibek-Teppichen aus Elmshorn ausgelegt, dem Herkunftsort der Kölln-Haferflocken und zweier Schwestern, die vor dem Krieg von zwei Brüdern meines Vaters geheiratet wurden. Zwei Brüder, zwei Schwestern, zwei Hochzeiten – und Teppiche aus zwei in der ganzen Welt berühmten Ortschaften: Münchenbernsdorf und Elmshorn.
Der Beruf des Vaters meines Vaters war Böttcher – in manchen Gegenden auch Küfer genannt. Er war zwar wichtig für das Herstellen von Fässern, wurde aber Anfang des 20. Jahrhunderts zusätzlich benötigt für die Kanalisation, weil Holzrohre billiger waren als Rohre aus Blei oder Eisen. Das Herstellen dieser hölzernen Wasser- und Abwasserrohre warf wohl gutes Geld ab, gemehrt durch Besitz und Betreiben von Gaststätte, Bauernhof und Fischteichen; selbstgezüchtete Fische wurden auf dem freitäglichen Fischmarkt verkauft, und in einem Eishaus wurden im Winter die aus den zugefrorenen Teichen geschnittenen Eisblöcke eingelagert, um sie im Sommer, sofern nicht zur Kühlung eigener Lebensmittel benötigt, zu verkaufen. Hinzu kamen Weideland, Ackerland, Wald und Jagdrevier, die, konnten sie nicht selber bewirtschaftet werden, verpachtet wurden, zum Beispiel an den Bauern Schindler. So kamen die Eltern meines Vaters zu einigem Wohlstand.
Die Familie fuhr einen Opel P4. Doch damit des Luxus nicht genug: Einmal im Jahr veranstaltete Mutter Prisca Weise im Saal der Gastwirtschaft eine private Modenschau, zu der sie das Modehaus Esch aus Gera anreisen ließ. Prisca, Bürgermeistertochter aus St. Gangloff, war nicht nur eine leidgeprüfte alleinerziehende Mutter von sieben Kindern, sondern auch eine umtriebige und erfolgreiche Geschäftsfrau; eine vermutliche starke Person, die den deutsch-französischen Krieg, zwei Weltkriege, die Weimarer Wirren, Weltwirtschaftskrise und Inflation, die Zeit des Nationalsozialismus und den Sozialismus der DDR miterleben, ertragen und aushalten musste. Ob sie politisch engagiert war und die jeweils herrschenden Systeme im Rahmen ihrer Möglichkeiten als alleinerziehende Mutter und Geschäftsfrau mitgestaltet oder unterlaufen hat, ob sie Mitläuferin oder im inneren oder – eher unwahrscheinlich – offenen Widerstand war, entzieht sich meiner Kenntnis. Altersbedingt hatte sie keine Chance, das Regime der DDR zu überleben. Es existiert von ihr ein Porträt, das ich nicht zu entschlüsseln vermag. Darauf wirkt sie vom Leben gezeichnet, ein wenig verhärmt. Vermutlich bringt das Bild ihre Lebenserfahrung zum Vorschein. Aber wenn man das Bild mit ein wenig liebevollen Augen betrachtet, kann man ein verschmitztes Lächeln entdecken, das so etwas sagen will wie: «Ja, ich habe vieles erlebt – und überlebt.» Schade, dass ich sie nicht kennenlernen konnte.
Im Zuge der Begeisterung für den oder aus Angst vor dem Nationalsozialismus erstellte Walter, der älteste Bruder meines Vaters, einen Stammbaum, der die arische Reinrassigkeit der Weises bis zum Dreißigjährigen Krieg nachweisen konnte. Dokumente, die weiter in die Vergangenheit hätten vordringen können, seien, wie fast alles in diesem Krieg, verbrannt. Mein Vater schien stolz zu sein auf diesen Stammbaum. Aber ob er stolz war, reinrassiger Arier zu sein, oder auf die weit zurückreichende Abstammung oder auf beides, kann ich nicht beurteilen. Ich vermute, er war auf beides stolz. Es ist anzunehmen, dass es in der Familie Weise neben Kommunisten und SPDlern wie Edwin und Erich auch stramme Nazis gab. Gehörte mein Vater zu dieser Fraktion? Er hat es verneint. Auch trug er keine SS-Tätowierung. Aber dass er dem nationalsozialistischen Weltbild samt seiner Heilsversprechen abhold war, halte ich für unwahrscheinlich. Verwunderlich war und bleibt, dass meine Mutter, als sie im Sterben lag und ihre Schmerzen mit Morphium gelindert wurden, im Delirium Andeutungen über eine jüdische Vergangenheit machte.
Mein Vater verachtete uns Kinder, wenn wir krank wurden. Wir mussten Beispiel geben und hatten gesund zu bleiben. Gesundheit war oberste Metzgerkinderpflicht. Doch war dies nicht nur moralischer Appell, sondern auch kaufmännisches Kalkül und Verhaltensvorbild für die Belegschaft des Metzgereibetriebs. Damit im Krankheitsfall der Mitarbeiter – und mit diesem Oberbegriff waren neben den Gesellen selbstredend auch die Putzfrauen und Verkäuferinnen gemeint – der Verlust an Arbeitskraft keinen zu großen Verlust an Geld nach sich ziehe. Krankheit wurde von meinem Vater erst akzeptiert, wenn sie für ihn erkennbare Symptome aufwies. Hohes Fieber, Mumps, geschwollene Mandeln, Knochenbrüche oder ein Fleischermesser, das sich ein Geselle beim Arbeiten durch die Hand gestochen hatte, akzeptierte er als sichere Zeichen für eine wirkliche und keine aus Faulheit oder Bequemlichkeit simulierte oder sonstwie zu vernachlässigende Krankheit. Erst wenn wir mit solchermaßen eindeutigen Symptomen aufwarten konnten, ließ er sich herab, meine Schwester oder mich am Krankenbett zu besuchen.
Manchmal fiel meine Mutter um. Zumindest in der DDR. Aus Mangel an Eisen und Kalzium, hieß es. Wie sie dem Eisenmangel begegnete, weiß ich nicht. Vermutlich mit Fleisch, davon gab es bei uns immer genug, also kann das eigentlich nicht zutreffen, und Spinat auch, immer mit Bratkartoffeln und Spiegeleiern. Der Mangel an Kalzium wurde therapiert mit zerstoßener und zu Pulver zerriebener Eierschale, die in Wasser aufgelöst getrunken wurde. Also: Wieso fiel meine Mutter um? In der DDR. Im Westen nie. Vielleicht war dies die weibliche Antwort auf das Asthma meines Vaters.
War mein Vater krank, was selten geschah – ausgenommen die nächtlichen Asthma-Attacken –, wurden seine Krankheiten stets von Anfällen ausgeprägter Wehleidigkeit begleitet. Auch in anderen Angelegenheiten des täglichen Lebens war mein Vater eine durchaus gespaltene Person. Gern trank er Wasser aus Schnapsgläsern, während er anderen Schnaps einfüllte oder einfüllen ließ; gern war er charmant zu Frauen, während er zu seiner eigenen Frau gehässig sein konnte, bis sie weinte, beim verregneten Sonntagsspaziergang den Schirm mit dem schönen Blumenmuster zu Boden donnerte oder für ein paar Tage nach Niederlahnstein zu Onkel Erich und Tante Irma fuhr.
Eine mögliche Scheidung der Eltern war im Westen des Öfteren Gesprächsstoff vor dem Einschlafen zwischen meiner Schwester und mir, solange wir uns ein Kinderzimmer teilten. Einmal – so meine ich mich zu erinnern und bin mir fast sicher, dass es so war, aber es fällt mir schwer, es auszusprechen; ich möchte es nicht aussprechen und kann es nur sagen, indem ich es verschweige – erhob mein Vater, und noch dazu am Heiligen Abend … Eine dunkle Erinnerung. Gut und tief verdrängt. Aber doch nicht ganz. Ein Schnitt in meine Seele. Und aus der Finsternis der Verdrängung, nein, nicht aufleuchtend, sondern Wellen schwarzen Lichts aussendend …, sodass, als ich später eine Sau abstach, es mein Vater war, der vor mir lag, und ich ihm die scharfe Klinge des eigens zum Schlachten, zum Stechen angefertigten Messers von schräg unterhalb des Halses gekonnt in die Brust schob in Richtung des Herzens, das Messer herauszog, sein Blut heraussprudelte und ich ihn mir zu Füßen liegend verenden sah.
Von diesem Vatermord hatte er eine Vorahnung – spätestens, als er mich das erste Mal zum Schweineschlachten auf den Schlachthof mitnahm. Er wusste, hätte ich einmal das erste Schwein geschlachtet, würde ich viele Schweine töten müssen. Er wusste, dass, wer einmal getötet hat, dies immer wieder tun wird – nicht, weil er will, nein, weil er muss –, und dass die Schwelle zwischen Tier und Mensch eine leicht zu überschreitende ist, sobald die Angst vor dem Töten nur ein einziges Mal überwunden ist. Er wusste, dass ich, gefangen im Wiederholungszwang des Tötens, ihn anstelle der Sau vor mir liegen sähe – nur wusste er nicht, wann genau das geschehen würde, und deswegen beobachtete er mich genau, wenn ich an der Reihe war zu schlachten. Wohingegen er, der Vaterlose, seinen Vater nie töten konnte. Er kannte noch nicht einmal ein Bild von ihm, das er beim Vorgang des Schlachtens hätte imaginieren können: Ein Foto seines Vaters ist nie aufgetaucht.
Schlug er mich deshalb – gelegentlich, das letzte Mal, als ich achtzehn war? Aus Gründen seiner angestauten Wut über den Vatermord, den er, der Vaterlose, nicht begehen konnte, wohl aber ich an ihm? Und noch etwas, außer seinem eigenen Charakter, der ihn in Not zu Jähzorn-Ausbrüchen trieb, kam hinzu: Ich. Wie ich war. Wofür ich stand. Mit meiner linken Gesinnung, die alle kriegsgeschädigten Tätersoldaten mit der ihnen eigenen Aggressivität bekämpften, weil sie spürten, dass ihnen nach verlorenem Krieg und Wiederaufbau erneut die Felle wegschwammen …
Hatte er, der die Maxime ausgab, in der eigenen Familie müsse man sich stets alles erzählen und anvertrauen, diesen kategorischen Imperativ nur aufgestellt, um alles von uns zu wissen, von sich selbst aber möglichst wenig preiszugeben – nur das, was seine innere Zensur passieren durfte und für ihn von Vorteil war? Hat ausgerechnet er versäumt zu erfahren, wann ich, sein Sohn, ihn das erste Mal getötet hatte? Ich habe es ihm nie gesagt. Er wusste, dass es geschehen ist. Nur nicht, wann. Und wie oft seitdem.
10.
«Das Leben nennt der Derwisch eine Reise»
Ich versuchte zu finden, wovon Mutti immer geschwärmt hatte – dieses Einzigartige einer Weltstadt, in der das Leben braust und rauscht, der Verkehr, die vielen Menschen – und das ihr stets, erzählte sie davon, das Gesicht erstrahlen und die Augen leuchten ließ. Doch Berlin war trist. Und, obwohl es Sommer war, grau. Nichts von der Buntheit, nichts von der Lebendigkeit und dem Gedränge der Menschen, nichts, wovon es in Gera kaum etwas und in Leipzig nur einen matten Abglanz gab. Nichts von der Hektik, der Lebendigkeit und dem Lärm der Großstadt. Wo waren die Kinos, wo die Theater? Nichts von alledem. Wo waren die Lichter und der Glanz der Stadt, die bis nach Gera strahlten und noch hier das Gesicht meiner Mutter verzauberten und vor Lebensfreude erstrahlen ließen schon beim Gedanken an diese einmalige Stadt? Berlin hatte sein Herz verloren – wenn es je ein Herz hatte.
Die Stadt war eine Enttäuschung. Schlimmer: ein Ort der Bedrängnis, an dem kein Mensch glücklich schien und glücklich werden konnte. Außerdem hatte es zu regnen begonnen. Wir stiegen aus dem Taxi, mussten achtgeben auf unser Gepäck und sollten aufpassen, nicht in Pfützen zu treten. Aber wer wollte freiwillig in Pfützen treten, zumal in Berliner Pfützen, wenn doch die in Gera so viel schöner sind? Selbst der Himmel über Berlin hatte die Stadt aufgegeben. Lustlos, grau und traurig, in müdem Mitleid, beschenkte er die Wasserlachen – auch sie konnten den schlechten Zustand der Straßen nicht übertünchen – mit seinem Abbild, und mein Gefühl sagte mir, dass diese Spende der wässrigen Gnade mehr aus Verachtung denn aus Anteilnahme geschah. Nie käme mir in den Sinn – selbst nicht, um meine Schwester zu necken oder meine Freunde zu ärgern –, dieses deprimierende Abbild der Stadt, das sich auf den Pfützen spiegelte, den fahlen Himmel und die verkommenen Mietskasernen, mit einem Fußtritt beiseitezuwischen. Berlin war dies nicht wert. Nicht einmal diesen Fußtritt verdiente diese Stadt. Zu viel Aufwand, zu viel Zuwendung.
Vati bezahlte den Taxifahrer, gab, wie ich bemerkte, ein sattes Trinkgeld. Die beiden Männer schauten sich an – und verabschiedeten sich. Zu dem Regen und den Pfützen einer lieblosen Stadt mit stummen und stumpfen Menschen war noch etwas hinzugekommen, das ich, obwohl es die Eltern im Auto mitgebracht hatten, zuvor nie an ihnen wahrgenommen hatte und das von der Stadt beschleunigt wurde. Es war die Angst.
Der Platz, auf dem wir standen, war kein Ort, um sich aufzuhalten, den Blick schweifen zu lassen und sich an der unbekannten Großstadt zu erfreuen und neugierig zu sein, was es hier alles zu entdecken gäbe, wovon unser kleines Geraer Leben weder Kenntnis noch den Schimmer einer Ahnung hatte. Schwermut lag über dem Platz, und das Leben, das Berliner Leben, wenn es überhaupt existierte, musste vertrieben worden sein oder sich unsichtbar irgendwohin verkrochen haben. Aber wohin? In Kellerräume und in abgedunkelte Zimmer? Wir stiegen hinab in die U-Bahn. Es war der Eingang zur Hölle. Finsternis, schales Licht, der gekachelte Bauch eines Monsters, das – verschluckt waren wir ja schon – nur noch darauf lauerte, uns zu verdauen, wenn wir blieben, oder uns in noch düsterere Welten zu entführen, indem es uns in eiserne Drachen einstiegen ließ, die plötzlich lärmend, polternd und quietschend aus zu engen Löchern absoluter Finsternis auftauchten, als wären sie auf der Flucht vor einstürzendem Erdreich und müssten dabei schnell noch Menschen verschlingen und fressen, die freiwillig, ja, freiwillig, in ihren Bauch einsteigen und sich in die Tiefe einer Welt entführen lassen, aus der es keine Rückkehr gibt. So deutete ich die Welt hier unten – und der sichtbare und spürbare Zustand meiner Eltern gab mir recht. Wir waren Verlorene, keine Ferienreisenden, und mussten tun, was alle hier unten taten. Einsteigen und wegfahren. In den Tod. Und dass uns der Tod unmittelbar bevorstehe, verrieten die Gesichter der anderen. Sie alle waren kalkweiß, wissend und erstarrt vor dem, was auf sie zukam. Meine Eltern waren mir fremd, verwandelt in kalte und leblose Statuen, die jeden Augenblick, ganz aus sich selbst, aus ihrer Angst heraus, zu einem Häuflein Staub zerbröseln könnten.
Dass ich Angst haben konnte, war mir vertraut. Dass meine Eltern Angst hatten, war mir neu. Aber dass alle Angst hatten, war ein Wirklichkeit gewordener Albtraum, der sich nicht als Schimäre wegwischen ließ wie ein Fehler auf der Tafel. Waren oben in Berlin die Farben gewichen, als habe der Regen sie ausgespült, so war hier unten, im unterirdischen Berlin, der Gedanke verschwunden, dass es jemals Farben gegeben haben könnte. Jegliche Erinnerung war gelöscht. Es herrschte die Angst, die Diktatur des Augenblicks, der ewig dauert. Erstarrte, blickmeidende Gesichter, Schweigen. Als müsste schon jetzt vorweggenommen werden, was uns erst noch erwartete. Dass es uns nicht mehr gibt. Dass es uns nicht mehr geben wird am Ende unserer Reise durch die Unterwelt. Angstverspannte Körper, die sich an Stangen und Schlaufen festhalten und merkwürdig steif, verkrampft und verhärtet herumgewackelt werden von den unberechenbar ausbrechenden Bewegungen der Fahrt im Drachen aus Eisen und Glas. Und von der Unberechenbarkeit vereinzelt sich durch den Wagon bewegender Männer und Frauen, die äugen und beäugt werden von anderen Männern und Frauen, deren Leblosigkeit sich bemüht, lebloser zu sein als leblos, teilnahmsloser als teilnahmslos, um ihr inneres Leben zu verbergen, das hofft, irgendwann wieder hoffen zu können, zu leben und am Leben teilzunehmen. Unbespitzelt.
In einem Berliner Zimmer, neben dem unterirdischen Labyrinth unentwirrbar verschlungener Därme, aus dessen schwarzen Löchern Monsterwürmer auf lärmenden Eisenrädern in Bahnhöfe einrollen, manche Menschen verschlucken, um sie zu verdauen oder weil diese sich verdauen lassen wollen, und andere ausspucken, weil sie unverdaubar sind oder eben dieser Verdauung entfliehen wollen, hinein in eine weitere düstere Erfindung der Stadt, versteckt im Bauch unansehnlicher vierstöckiger Mietskasernen, die diese Stadt überziehen wie Unkraut die Beete im Garten: In einem dieser vermufften Berliner Zimmer mit ihren alten Polstermöbeln, deren dunkler Samtbezug abgewetzt und deren Farben verblichen sind, passierte es: Das dräuende Geheimnis, die Bedrängnis unserer Reise sollte in einer großen Offenbarung gelüftet werden. Wir saßen nebeneinander auf dem Sofa, unsere Körper in- und miteinander verwachsen zu einer erkalteten Skulptur der Angst mit dem Titel Unsere Familie hält zusammen, für immer und ewig, komme, was da wolle!, als mein Vater verkündete: «Wir kehren nie wieder zurück.»
«Und mein Teddy?»
Wir begannen zu weinen. Zuerst meine Mutter, dann ich, Renate und selbst unser Vater. Wir weinten die ganze Nacht. Bis uns irgendwann der Schlaf beruhigte und uns das Ungeheuerliche dieser Katastrophe für ein paar Stunden vergessen ließ.
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