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Klaus Hübner

Bierkämpfe, Barockengel und andere Bavaresken

Kein Twitter, kein Facebook

Von Menschen, Büchern und Bildern

Band 3

Außer der Reihe 43

Klaus Hübner

Bierkämpfe, Barockengel und andere Bavaresken

Kein Twitter, kein Facebook

Von Menschen, Büchern und Bildern

Band 3

Außer der Reihe 43

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Oktober 2020

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Capri23auto (Pixabay, Engel), Albrecht Fietz (Pixabay, Donaudurchbruch), Tom Reckmann (Pixelio, Maßkrug), Felix Mittermeier (Pixabay, Befreiungshalle)

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda Michael Haitel

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda Michael Haitel

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN des Paperbacks: 978 3 95765 211 9

ISBN des Hardcovers: 978 3 95765 212 6

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 881 4

Vorwort

In der Wochenzeitung Die Zeit vom 10. Januar 2019 charakterisiert der 1995 mit dem Büchnerpreis bedachte Dichter Durs Grünbein unsere Gegenwart so: »Jeder sein eigener Handy-Sklave, jeder sein eigener von Computern und Tablets gesteuerter Idiot in der rund um die Uhr aktiven Netzwerkgemeinschaft«. Mir ist das zu pauschal. Jeder? Es gibt viele, die Handy, Computer und Tablet nutzen und trotzdem keine Sklaven oder Idioten sind. Und es gibt eine Menge Leute, die über ihr Tun nachdenken und zu manchem einfach »Nein« sagen. Wer zum Beispiel weder Twitter noch Facebook noch andere angeblich soziale Medien nutzt, wird schon seine Gründe haben. Ein im moralischen Sinne besserer Mensch ist er deswegen noch lange nicht. Ein ignoranter Technik- und Modernitätsverweigerer wohl auch nicht. Was aber dann? Man muss ihn sich nicht zwingend als einen Menschen vorstellen, der eher von Künstlern, Büchern, Bildern, Städten und Landschaften angeregt wird als von noch schnelleren Rechnern und noch spezielleren Apps. Aber man darf. Auch als einen, der weiß, dass es nicht wenige Zeitgenossen gibt, denen es ähnlich geht. Für solche Menschen ist dieses Buch gedacht.

»Das Buch mag den neuen, scheinbar körperlosen, sein Erbe beanspruchenden, in überbordendem Maß Informationen zur Verfügung stellenden Medien in vielem unterlegen und ein im ureigenen Sinn des Wortes konservatives Medium sein, das gerade durch die Abgeschlossenheit seines Körpers, in dem Text, Bild und Gestaltung vollkommen ineinander aufgehen, wie kein anderes die Welt zu ordnen, manchmal sogar zu ersetzen verspricht«, schreibt die 1980 geborene Judith Schalansky im Vorwort ihres 2018 erschienenen Buchs Verzeichnis einiger Verluste. Dass weniger Bücher, vor allem weniger literarische Texte gelesen werden als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, ist ein Faktum. Das verheißungsvoll und schön klingende Wort »Sprachkunstwerk« hört sich heute sehr gestrig an. Wer ist neugierig auf Sprachkunstwerke? Und – um die Schraube noch weiter zu drehen – wer liest heute überhaupt noch Bücher über Bücher? Allzu viele Leute werden es nicht sein. Aber die sind wichtig. Wäre ich davon überzeugt, dass eine umfangreiche Sammlung von Interviews mit Literaten, literarischen Essays, Künstlerporträts, Glossen und Streiflichtern aller Art und obendrein auch noch vielen Buchrezensionen ein altmodisches und tendenziell nutzloses Unterfangen ist, hätte ich auf die Arbeit an diesem Projekt verzichtet und mich stattdessen – lesend natürlich – in einen wundermilden Biergarten zurückgezogen. Oder sonst wohin. Aber ich weiß ganz sicher, dass es immer noch einige, darunter auch relativ junge Leute gibt, die mit Interesse und manchmal mit Begeisterung genau das suchen: Begegnungen mit Literatur, mit Malerei, mit Kulturgeschichte – und mit den Menschen, die sie machen und gestalten. Auch die weiterhin enorme Aufmerksamkeit für Literaturfeste, Autorenlesungen, Ausstellungen und andere Kulturevents spricht dafür. Trotz des allenthalben konstatierten und oft bitter beklagten gesellschaftlichen Bedeutungsverlusts von Kunst und Literatur können sich nur wenige Zeitgenossen ein Leben ganz ohne sie vorstellen. Und, nennen Sie mich ruhig einen Träumer, einen Fantasten oder einen hoffnungslosen Idealisten: Auch heute noch – und höchstwahrscheinlich auch in nächster Zukunft – lassen sich der Kunst und der Literatur soziale Funktionen zuschreiben, die nicht die allerunwichtigsten sind. Die Förderung der Wach- und Aufmerksamkeit für ein lebenswertes und vielleicht sogar schönes Leben – nicht nur für sich selbst – könnte man da anführen, die Erweckung und Intensivierung von Empathie für nicht konforme Mitmenschen und zunächst fremd anmutende Kulturen, die Weiterentwicklung verantwortungsvollen Handelns in Politik und Gesellschaft und noch manches mehr. Ich bin zum Beispiel ziemlich sicher, dass die deutsche Einwanderungs-, Flüchtlings- und Asylpolitik anders und besser aussehen würde, hätten die maßgeblichen Politiker und andere wichtige Entscheidungsträger die spätestens seit den 1990er-Jahren kaum noch zu übersehende interkulturelle Literatur – mit ihren vielfältigen Blicken »von außen« – wirklich wahrgenommen. Ich bin auch recht sicher, dass die intensive Lektüre von Literatur und Dichtung dazu führen kann, die überall festgestellte und kritisierte Verrohung der öffentlichen wie der privaten Sprache zu erkennen, nicht auf sie hereinzufallen oder ihr sogar bewusst entgegenzutreten. Und ich bin … oh weh, doch ein hoffnungsloser Idealist? Urteilen Sie selbst, fangen Sie einfach an zu lesen …

Das Projekt Kein Twitter, kein Facebook ist auf vier Bände angelegt und enthält ungefähr zwei Drittel meiner in den letzten beiden Jahrzehnten entstandenen Texte. Alle wurden leicht überarbeitet. Irgendwelche Positionierungen auf politischen, wissenschaftlichen oder kulturellen »Feldern« sind mit diesem Projekt nicht beabsichtigt. Nachweise der Erstpublikationen finden sich am Ende jedes Einzelbandes. Die Regelkonformität der Rechtschreibung ist der Lesbarkeit untergeordnet. Das modische Thema »Sprache und Gender« bleibt außen vor. Zu danken wäre vielen Freunden und Kollegen, auch wenn sie von meinen Plänen nichts wussten. Einer, der davon wusste, war der Schriftsteller Tiny Stricker, der mich zu diesem Projekt fast schon überreden musste und das mit Feingefühl und Beharrlichkeit getan hat. Danke, Tiny! Voilà, es folgt der dritte Streich …

München, im Juli 2020

Klaus Hübner

Heimelig, rebellisch, bayerisch

In Bayern lief manches anders. Literaturgeschichte – mit viel Tassilo und wenig Polt

Die Bayerische Literaturgeschichte von Klaus Wolf verkauft sich gut. Das scheint von Publikumsseite her zu bestätigen, was der Verfasser in seinem Vorwort, hier wohl eher mit Blick auf die Wissenschaft, so formuliert: »Eine bayerische Literaturgeschichte auf wissenschaftlichem Niveau, die sich gleichwohl auch an ein gebildetes Laienpublikum wendet, stellt ein Desiderat dar.« Von vornherein ist Klaus Wolf, Professor für Deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit mit dem Schwerpunkt Bayern an der Universität Augsburg, vollkommen bewusst, dass jegliches Unterfangen, die Literaturgeschichte einer Region »stilistisch und methodisch einheitlich« darzustellen, ein per se nicht unproblematisches ist. Genau dies wird im Vorwort erörtert. Mit dem »Argument der Übersichtlichkeit«, wie immer man das verstehen darf, wird auf den »Einführungscharakter« des Buches hingewiesen – folglich kann es nicht enzyklopädisch sein, sondern muss exemplarisch vorgehen. Mit dem bis heute maßgeblichen, 1987 von Albrecht Weber herausgegebenen Handbuch der Literatur in Bayern kann und will sich diese ihre Kapitel nach Jahrhunderten ordnende Einführung nicht messen.

Nicht ohne Absicht wurde die genaue Bezeichnung des Lehrstuhls von Klaus Wolf genannt. Denn in den damit angesprochenen Jahrhunderten kennt sich der Verfasser bestens aus; dass er zur Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit gründlich geforscht und vielfach publiziert hat, merkt man seiner Literaturgeschichte gleich an. Wobei Literaturgeschichte richtiger- und unvermeidlicherweise immer als Geistes- und Kulturgeschichte präsentiert wird, meist auch als Sozialgeschichte. Einundzwanzig Seiten zur Literaturpolitik der Agilolfinger, nebst Würdigungen des Hildebrandslieds und des Kudrun-Epos! Danach elf Seiten zur althochdeutschen Literatur des 9. Jahrhunderts, wobei der Hinweis wertvoll ist, dass die auf karolingische Initiative entstandenen althochdeutschen Texte »primär dem besseren Verständnis der dogmatisch unanfechtbaren lateinischen Theologie dienen«. Im für Oberdeutschland katastrophalen Säkulum der Ungarneinfälle kommt die volkssprachliche Literatur kaum noch vor, auch das 11. Jahrhundert gibt nicht allzu viel her. Dann aber! Das Rolandslied des Pfaffen Konrad, geistliche Dichtung aus Windberg, Tegernsee und Freising, die wegen ihres Leben Jesu »wohl als erste deutsche Dichterin« hervorzuhebende Frau Ava, und vor allem: der Minnesang! Hier muss eine auf Bayern konzentrierte Literaturgeschichte festhalten, »dass die frühesten Vertreter mittelhochdeutscher Minnelyrik ganz eindeutig als (sprachlich) bairische Dichter zu betrachten sind«. Weil hier, was bei Einführungen nicht unbedingt üblich ist, zahlreiche interessante Details erörtert werden, zum Beispiel die Bezüge zwischen donauländischem Minnesang und dem in und um Passau herum entstandenen Nibelungenlied, braucht das 12. Jahrhundert wiederum einundzwanzig Seiten. Dem großartigen Wolfram von Eschenbach mit Recht zur Seite gestellt wird der im Umkreis der frühen Wittelsbacher dichtende Neidhart von Reuental. Ausführlich gewürdigt wird natürlich das Nibelungenlied, und da das 13. Jahrhundert noch andere bedeutende Sprachkunstwerke hervorbrachte, zum Beispiel den mehr als zehntausend Verse umfassenden Artusroman Wigalois des Wirnt von Grafenberg oder die im Innviertel zu situierende Verserzählung Meier Helmbrecht, da fränkische Dichter wie Konrad von Würzburg oder Süßkind von Trimberg, auch schwäbische wie Ulrich von Thürheim nicht unerwähnt bleiben dürfen und die Gesänge der Carmina Burana erklärungsbedürftig sind, wird auch dieses Kapitel lang und immer länger. Natürlich ist es für das hochkulturell unterfütterte Selbstbewusstsein der Region nicht unerheblich, dass die Kanzlei Ludwigs des Bayern im 14. Jahrhundert »keinen kleineren Beitrag zur Ausbildung der neuhochdeutschen Schriftsprache« geleistet haben soll als die Prager Kanzlei Karls IV., und natürlich sollen die wenig bekannten mystischen Prosawerke von Christina Ebner oder Adelheid Langmann nicht unter den Tisch fallen. Hans von Schiltberg mit seinen ethnologischen Studien und seinen Aussagen über den Islam gehört wie Johannes von Indersdorf oder Johannes Hartlieb ins 15. Jahrhundert, der Historiker, Maler und Hofdichter Ulrich Füetrer ebenfalls und die frühen Nürnberger Fastnachtspiele auch, und so sind wir zu Beginn des Reformationszeitalters bereits in der Mitte des Buches.

Wie zögerlich sich der Humanismus im Bayernland und an der Universität Ingolstadt durchsetzte, wie sich der Kampf der Konfessionen seit 1517 auch in Oberdeutschland literarisch niederschlug, was die Bayerische Chronik des Aventinus und der 1509 in Augsburg gedruckte Prosaroman Fortunatus auch für spätere Zeiten bedeutet haben, was es mit Nürnberg und Hans Sachs auf sich hat – Klaus Wolf ist zu Hause in der Frühen Neuzeit, und deshalb muss er auch steile Thesen nicht scheuen. Zum Beispiel bezeichnet er die immer noch sehr verbreitete Vorstellung, die Lutherbibel habe die Weiterentwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache bewirkt, ganz schlicht als »Mär« – den »literaturgeschichtlichen Ertrag von Reformation und Gegenreformation« solle man auch für Bayern »weitaus nüchterner als bislang betrachten«. Die leider kaum noch gelesenen Nürnberger Barockpoeten – Georg Philipp Harsdörffer, Johann Klaj, Sigmund von Birken und andere – kommen zu ihrem Recht, wobei immer zu bedenken sei: »Die Schäferidylle an der Pegnitz ist nur vor dem Hintergrund der Kriegsgräuel wirklich verständlich.« Ihnen gegenübergestellt wird die prunkvolle kulturelle Begleitung der Gegenreformation: das Werk von Jacob Balde, das Wirken des Abraham a Sancta Clara oder die Passionsspiele des 17. Jahrhunderts. Die literarische Aufklärung sei, vor allem in Altbayern, »nicht unwesentlich als geistlich-klerikale Initiative zu verstehen«, heißt es im Kapitel über das 18. Jahrhundert – in der jüngeren Forschung zum Werk von Lorenz Westenrieder oder dem des »schwäbischen Cicero« Sebastian Sailer ist genau das im Detail herausgearbeitet worden. In Franken gab es aber auch eine durchgehend protestantisch geprägte Aufklärung, es gab den Ansbacher Rokokolyriker Johann Peter Uz und den Roman Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich, den der Coburger Moritz August von Thümmel geschrieben hat und von dessen Verkaufszahlen Goethe und Schiller nur träumen konnten.

Zum literarisch ertragreichen 18. Jahrhundert hätte man sich noch mehr und noch Genaueres gewünscht – hier jedoch, und auch in den noch folgenden Kapiteln, macht es sich Klaus Wolf ein bisschen zu leicht. Kann man die Vielfalt bayerischer Literatur im 19. Jahrhundert wirklich von den Regenten des Landes her sortieren? Hier Ludwig I. und Ludwig II. und ihre sehr unterschiedlich akzentuierte »romantische Kunstauffassung«, dort Maximilian II. mit seiner Sympathie für die »fortschrittsoffenen Künstler«? Immerhin werden der zu Unrecht vergessene Reiseschriftsteller Ludwig Steub, Johann Andreas Schmeller und sein unverzichtbares Bayerisches Wörterbuch sowie die fränkischen Ausnahmepoeten Jean Paul und Friedrich Rückert gebührend gewürdigt, und dass das 19. Jahrhundert auch eine »Hochzeit der Mundartdichtung« war, kommt ebenfalls nicht zu kurz. Zu kurz jedoch kommen, um nur einige Beispiele zu nennen, der Lyriker August von Platen, Michael Georg Conrad und sein einer Neuentdeckung harrendes Opus Was die Isar rauscht, Deutschlands erster Literaturnobelpreisträger Paul Heyse und die der Krokodil-Gruppe angehörigen Poeten, der aus Bad Kissingen stammende Oskar Panizza oder der so gesellschaftskritisch wie elegant schreibende Ur-Münchner Josef Ruederer.

Das 20. Jahrhundert wird zwar ausführlich dargestellt, mehr als klug arrangiertes Namedropping findet man aber selten. Wer wissen will, worin eigentlich die Bedeutung des Werks von Frank Wedekind oder Thomas Mann besteht, was Rainer Maria Rilke und Stefan George – abgesehen von zeitweiligen Aufenthalten dort – überhaupt mit Bayern zu tun haben, warum Revolution und Räterepublik so intensiv von Literaten geprägt waren oder weshalb der Schwabing-Mythos munter weiterlebt, der muss zu anderen Büchern greifen. Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Marieluise Fleißer, Oskar Maria Graf, Ödön von Horváth und viele andere – sie alle kommen vor, aber oft zu kurz und zu oberflächlich. Dafür erfährt man literarhistorisch weitaus weniger Wichtiges, wohl aus früheren Arbeiten des Verfassers Hervorgegangenes – etwa zum »Renouveau Catholique als europäische Bewegung in Schwaben« oder zu den »Münchner Turmschreibern«. Die sozial und politisch kritische neue Mundartliteratur der 1970er-Jahre wird knapp gewürdigt, dem im Untertitel genannten Gerhard Polt sind nur ein paar nichtssagende Zeilen gewidmet.

Jenseits des Diskutablen ist die knappe Seite über die sogenannte interkulturelle Literatur in Bayern, auf der der aus Teheran stammende, seit 1965 in München lebende großartige SAID ebenso wenig vorkommt wie der Ausnahmepoet Cyrus Atabay oder der Eichstätter Schriftsteller und Übersetzer Akos Doma. Die moderne Lyrik aus Bayern wird eher namenreich abgearbeitet – dass es zwischen den bedeutenden Werken von Günter Eich, Hans Magnus Enzensberger oder Reiner Kunze einerseits und den Versen von Godehard Schramm oder Anton G. Leitner andererseits gravierende Qualitätsunterschiede gibt, geht aus Klaus Wolfs Überblick nicht unbedingt hervor. Nichts gegen Anna Wimschneider, Manfred Böckl oder Tanja Kinkel, nichts gegen den Schwäbischen Jedermann von Hermann Pfeifer oder den Bayerischen Jedermann von Oskar Weber, und auch nichts gegen Weiterungen des genuin Literarischen in Richtung Musik oder Film! Aber angesichts von Literaten wie Wolfgang Koeppen, Tankred Dorst oder Carl Amery wird man festhalten müssen: Im 20. Jahrhundert stimmen die Proportionen und Gewichtungen nicht mehr so ganz, und damit verliert das im Großen und Ganzen durchaus imposante Buch dann doch einiges an Relevanz.

Aus den zweieinhalb das Opus abschließenden Seiten – ihnen folgen noch etwas spärliche Literaturhinweise und ein Register – spricht der Stolz des Autors. Klaus Wolf meint nachgewiesen zu haben, »dass sich Bayern literaturgeschichtlich auf Augenhöhe mindestens mit Österreich oder der Schweiz befindet«. So what? Was das wohl bedeutet? Kann und soll man mit Literaturgeschichten Länderspiele bestreiten? Klaus Wolf ist sich auch ganz sicher, dass man seinem Werk Berechtigung und Notwendigkeit, ja Unausweichlichkeit nicht wirklich absprechen könne. Sein resümierender Schlusssatz lautet: »Bayern kann und konnte es auch allein, wobei das andere Bayern als gesellschaftskritische literarische Potenz immer schon präsent war.« Nichts gegen ein gesundes Selbstbewusstsein – aber ein bisschen klingt's am Ende dann doch wie das zur Genüge bekannte, immer auch etwas protzige »mia san mia«.

Klaus Wolf: Bayerische Literaturgeschichte. Von Tassilo bis Gerhard Polt. München 2018: Verlag C. H. Beck. 368 S.

Literatur und Landschaft. Eine voluminöse Literaturgeschichte Frankens
Literaturgeografie

Dass er ein, wenn nicht der Experte schlechthin für Frankens Literatur und deren Geschichte ist, hat Hermann Glaser, der langjährige Kulturdezernent der Stadt Nürnberg, in unzähligen Vorträgen, Aufsätzen, Radiosendungen und Büchern bewiesen. Im ehrwürdigen Alter von siebenundachtzig Jahren legt der vielfach ausgezeichnete Autor und Kulturpolitiker ein schwergewichtiges Werk vor, das man mit einigem Recht als Summe seiner lebenslangen Bemühungen um die Literatur Frankens bezeichnen darf. Auf dem Erlanger Poetenfest stellte Hermann Glaser das Opus erstmals vor: Franken – Eine deutsche Literaturlandschaft. Er versteht seine Arbeit als Fortführung und Erweiterung der Fränkischen Klassiker aus dem Jahr 1971, einem aus einer Sendereihe des BR-Studios Nürnberg entstandenen, von Wolfgang Buhl herausgegebenen Werk, das das weitverzweigte Thema in Einzeldarstellungen erschlossen hatte. Dem Publizisten und Rundfunkmann Wolfgang Buhl und dem Mediävistikprofessor Horst Brunner wird für ihre Vor- und Mitarbeit gebührend gedankt, andere »Zulieferer« werden erwähnt. Der Verfasser, betont Glaser, sei in der komfortablen Lage gewesen, »sich als umfangreicher Kompilator zu entlasten«, und bei diesem keineswegs unschöpferischen Zusammenstellen spiele das Zitat eine wichtige Rolle. So weit, so gut. Und da die »Geografie der Literatur«, für deren Anerkennung als wichtige Hilfswissenschaft jeglicher Beschäftigung mit Literatur vor allem die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Barbara Piatti seit Jahren eine Lanze bricht, ein Forschungsfeld ist, mit dem schon jeder Literaturinteressierte einmal irgendwie in Berührung gekommen ist, freut man sich auf eine kompetente und erhellende Darstellung der Literaturlandschaft Franken.

Deutschland und Franken

Aber ach! Hermann Glaser hat in seinem ehrenwerten Bemühen, die literarischen Beziehungen und vielfachen Wechselwirkungen zwischen Franken und dem übrigen Deutschland herauszuarbeiten, eine Entscheidung getroffen, über die man vehement streiten kann, ja streiten muss: Er hat dem Fränkischen, das erst ab Seite 355 drankommt, einen umfangreichen ersten Teil vorangestellt, der die Epochen der deutschen Literatur vom frühen Mittelalter bis zu Franz Xaver Kroetz, Herbert Achternbusch und Martin Sperr behandelt – eine ganz konventionelle Geschichte der deutschsprachigen Literatur. Man liest also zunächst einmal einen vollkommen überraschungsfreien germanistischen Grundkurstext, der Glaser als grundfleißigen Kompilator zeigt, aber kaum das bewirken wird, was er eigentlich soll: die Literatur Frankens erkenntnisfördernd zu beleuchten und sie in größeren Zusammenhängen zu verorten. Der Entschluss, sein Opus so beginnen zu lassen, macht den Einstieg unnötig mühsam. Erschwerend kommt hinzu, dass Hermann Glaser völlig zu Recht für sehr vieles berühmt, als wirklich herausragender Stilist jedoch noch nicht groß aufgefallen ist. Wer nicht möchte, dass das spannende Thema in weithin bekannten Fakten zu Oswald von Wolkenstein, Adelbert von Chamisso, Max Frisch oder Christa Wolf untergeht, wer dieses Buch nicht erschlagen und erschöpft zuklappen möchte, bevor es zur eigentlichen Sache geht – dem muss man dringend raten, den gesamten ersten Teil zu überspringen und sich mit den gut zweihundert Seiten zu begnügen, die dem Kernthema der Studie gelten: Franken – Eine deutsche Literaturlandschaft.

Facettenreiche Literaturlandschaft

»Im 11. Jahrhundert beginnt die Geschichte Frankens als Literaturlandschaft«, und zwar mit dem christusfrommen Ezzo-Lied und dem Historienepos vom Herzog Ernst, schreibt Hermann Glaser. Wie zwei der bedeutendsten deutschen Dichter des Mittelalters, Wolfram von Eschenbach mit dem Parzival und Walther von der Vogelweide mit seinen Sangsprüchen, mit Franken verbunden sind, erläutert er eindringlich, und dass das 13. Jahrhundert »als die glänzendste Zeit der Region in der Literaturgeschichte« gelten kann, führt Glaser nicht nur an den Werken des Konrad von Würzburg oder des Wirnt von Grâvenberc einleuchtend vor.

Seinem beeindruckenden Mittelalter-Kapitel folgt eines zu Humanismus und Renaissance, und hier ist der Nürnberger auf seinem ureigensten Gebiet. In dieser »löblichen Stat« wirkten unter anderem Albrecht Dürer und Willibald Pirckheimer, vor allem aber die Handwerker-Poeten, die weithin bekannt, aber zu wenig gelesen sind und dennoch bis ins 20. Jahrhundert hinein nachwirkten, unter ihnen Hans Rosenplüt und Hans Folz, vor allem jedoch der große Hans Sachs. Hermann Glaser versteht es, ihre Dichtungen dem Leser auf wenigen Seiten derart nahezubringen, dass man sich seiner Unkenntnis zu schämen beginnt und sich fest vornimmt, seine Lektürelücken ganz schnell zu schließen. Nürnberg bleibt auch in der Barockzeit eine der wichtigsten Literaturstädte Deutschlands – hier entstand 1644 ein »Pegnesischer Blumenorden«, der es sich zur Aufgabe machte, die deutsche Sprache als Sprache der Literatur und der Wissenschaft zu pflegen. Glaser weiß manch Einleuchtendes zu sagen über Georg Philipp Harsdörffer, Philipp von Zesen, Johann Klaj oder Sigmund von Birken, und seine üppig präsentierten Zitate aus ihren Werken sind überlegt ausgewählt.

Die Bedeutung Frankens als Literaturlandschaft geht dann im 18. Jahrhundert ein wenig zurück, auch wenn der Ansbacher Dichter Johann Peter Uz überregional gelesen wird und Hermann Glaser den 1738 bei Leipzig geborenen Moritz August von Thümmel, der zwanzig Jahre lang Minister im coburgischen Staatsdienst war, als oft übergangenen Meister des ebenso heiter-empfindsamen wie sarkastisch-spöttischen Reiseromans zu seinem Recht kommen lässt. Interessant ist Glasers liebevolle Würdigung des Nürnberger Dialektdichters Johann Konrad Grübel – fränkische Mundartliteratur gibt es, wie er betont, keineswegs erst seit Fitzgerald Kusz. »Stürmer und Dränger hat Franken viele hervorgebracht, aber – mit einer Ausnahme – keinen bemerkenswerten Autor in der Epoche des Sturm und Drang«, heißt es am Anfang des vierten Kapitels. Dass diese Ausnahme, der berühmte Württemberger Literat und Zeitungsmann Christian Friedrich Daniel Schubart, nur mit Ach und Krach dem Frankenland zuzurechnen ist, nimmt der Leser gerne hin. Mit seinen luziden Ausführungen zu Goethe und dessen Dürer-Begeisterung ist Glaser dann ganz in seinem Element, und gerade hier wird deutlich, dass »Literaturlandschaft« weit mehr bedeutet als nur »Geburtsregion«. Das beweisen auch die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1796), mit denen Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck zur Popularität der Ferienregion »Fränkische Schweiz« und zum Ansehen des Nürnberger Kunstgeists Entscheidendes beigetragen haben – wie später auch Joseph Victor von Scheffel, dem man in Gößweinstein ein sehenswertes Denkmal errichtet hat. Dass Hermann Glaser im Abschnitt über seinen Lieblingspoeten Jean Paul alle Register seines Könnens zieht, verwundert nicht. Dort, und auch in den Ausführungen zum Werk des zeitweiligen Bambergers E. T. A. Hoffmann und des Schweinfurter Dichtergelehrten Friedrich Rückert, findet auch der Kenner viel Neues. Das 19. Jahrhundert wird weitgehend mit den Philosophen Stirner, Hegel und Feuerbach bestritten, doch kommen auch später in München wirkende Franken wie Oskar Panizza, Michael Georg Conrad und Ludwig Derleth nicht zu kurz. Oder, später dann, wichtige Autoren des 20. Jahrhunderts wie Jakob Wassermann, Leonhard Frank, Bernhard Kellermann, Ernst Penzoldt oder Hermann Kesten.

Dass sich Glaser ausführlich der in den letzten fünfzig Jahren boomenden fränkischen Mundartdichtung zuwendet, versteht sich von selbst. Mit differenzierten Darstellungen von Schriftstellern, deren Wirken erst von einigen Jahrzehnten begann – Max von der Grün, Gisela Elsner, Hans Wollschläger, Peter Horst Neumann, Natascha Wodin, Ludwig Fels, Gerhard Falkner oder Kerstin Specht –, geht Hermann Glasers Parcours durch die Jahrhunderte dann seinem Ende entgegen.

Der zweite Teil von Franken – Eine deutsche Literaturlandschaft bietet erheblich mehr, als hier aufzuzählen der Ort ist, und er bietet beileibe nicht nur Information über die Dichter, sondern auch Interpretation und begründete Verortung im Fränkischen – selbst Hans Magnus Enzensberger entkommt ihr nicht ganz. Kurzum, die Seiten 355 bis 562 offerieren genau das, was man sich von diesem Glaserschen Lebenswerk von Anfang an erwartet hatte.

Fränkische LiteraTour

Hatte ich schon erwähnt, dass Franken – Eine deutsche Literaturlandschaft durchgängig illustriert ist? Ob Farbe oder Schwarz-Weiß – Kosten und Mühen wurden nicht gescheut, um Glasers Darstellung auch zu einem optischen Genuss zu machen. Das ist gelungen – und nicht hoch genug zu rühmen. Aber es kommt noch besser: Der zweite Teil des Buchs ist mit einer »LiteraTour« verlinkt – auf Seite 11 findet sich ein QR-Code, über den man die Verlagswebsite »www.buchhausschrenk.de« erreicht und damit auch das neue, noch im Aufbau befindliche »Franken-Literatur-Portal«. Hier stößt man auf oft erstaunliche Erinnerungsspuren, die Schriftsteller im Frankenland hinterlassen haben – Geburts- und Wohnhäuser natürlich, Denkmale und andere Memorabilien. Gut! Und sicher noch ausbaufähig, das Ganze! Immerhin – die »Bildpartitur«, wie Hermann Glaser das nennt, kann zu Reisen und Wanderungen zwischen Wolframs-Eschenbach und Joditz oder zwischen Aschaffenburg und Hilpoltstein animieren, die die per se schon sehenswerte Region um anregende Perspektiven bereichert. Wenn schon »Tour«, warum nicht »LiteraTour«?

Zuverlässiges Nachschlagewerk

Man kann meinen Haupteinwand gegen die Struktur des Werks auch ins Positive wenden und sich sagen: Mit dem Erwerb dieses Buches bekommt man eine faktenreiche Geschichte der deutschsprachigen Literatur von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, und dazu erhält man noch eine äußerst kenntnisreiche und farbige Darstellung der Literaturlandschaft Franken, die es bisher in dieser Form nicht gab und in absehbarer Zeit wohl auch nicht geben wird. Dass es sich als zuverlässiges Nachschlagewerk behaupten wird – wozu der Anhang Wichtiges beiträgt –, steht außer Zweifel. Die Zahl derer jedoch, die Hermann Glasers Werk von vorne bis hinten durchlesen werden, wird sich vermutlich in engen Grenzen halten. Ist das schlimm? Nein. Man freut sich auch so über dieses opulente Kompendium – aufschlussreich, gelehrt, anregend und unterhaltsam ist es allemal.

Hermann Glaser: Franken – Eine deutsche Literaturlandschaft. Epochen – Dichter – Werke. Gunzenhausen 2015: Schrenk-Verlag. 581 S.

Sapienti sunt Paioari. Der erste Band des neuen Spindler

Vor fünfzig Jahren begann es zu erscheinen, das Handbuch der bayerischen Geschichte, der legendäre »Spindler«. Nun liegt der erste Band in einer auf dem aktuellen Stand der Forschung vollständig neu geschriebenen Fassung vor. Ein stattlicher Buchziegelstein! Es geht um Bayerisches von der älteren Steinzeit bis zum hohen Mittelalter. Bayerisches? Na ja, was man halt so nennen kann. Dass die Generation von Max Spindler und Karl Bosl da manches zu simpel und vor allem zu eindeutig dargestellt hat, wird bald klar. Die Agilolfinger? Schon recht, aber … Es wäre mehr als vermessen, hier ins Detail zu gehen – es darf höchstens festgestellt werden, dass die »Migratio« in der Tat die »Mater Bavariae« war und ist. Eine kritische Würdigung des studierenswerten neuen Handbuchs überlassen wir natürlich den Historikern und anderen Fachwissenschaftlern.

Kapitel VII führt das kulturelle Leben jener Zeit vor Augen: Wissenschaft und Bildung, Literatur, Kunst, Musik. Man wird gewiss nicht ernsthaft behaupten können, dass dieses fragile frühe Bayern hier an der Spitze des europäischen Fortschritts marschierte. Dennoch schreibt Ludwig Holzfurtner ganz zu Recht, und das ist doch schon mal was: »Bayern stand zwar nie am Anfang, oft aber eben doch schon früh aufseiten der zukunftsweisenden Ideen und trieb diese in maßgeblicher Weise weiter voran, sie um eigene Aspekte erweiternd und mehr als einmal auch auf ein realistisches Maß korrigierend.« Einen lehrreichen Überblick über die lateinische, alt- und frühmittelhochdeutsche Literatur in Bayern bis ins 13. Jahrhundert hinein geben Mechthild und Hans Pörnbacher. Da geht es ums Wessobrunner Gebet, um Heiligenviten, Geistliche Lieder, Chroniken und frühe weltliche Epen, um Geistliche Schauspiele oder den frühen Minnesang. Zuerst aber um ein Wörterbuch aus der Freisinger Schreibschule, das eher seltene lateinische Wörter nicht nur durch geläufigere lateinische Wörter erklärt, sondern auch volkssprachliche Erläuterungen anfügt. Das erste Wort, von dem das Buch seinen Namen hat, nämlich »abrogans«, wird mit dem lateinischen »humilis« und den althochdeutschen »dheomodi« (demütig) erklärt. Öha! Allen Autoren in Bayern und weit darüber hinaus sei gesagt, mit den Worten der Pörnbachers: »Das erste Wort im ersten Buch, das in Bayern entstanden ist, heißt also ›demütig‹!« Bitte unbedingt merken, aufschreiben, über den Schreibtisch hängen! Demut und Klugheit gehören zusammen – ganz besonders in Bayern, wo es viele kluge Leute gibt und auch damals schon gab. In einem Gesprächsbüchlein aus dem frühen neunten Jahrhundert steht beim Eintrag »sapiens homo – spaher (= kluger) man« die ganz klare Aussage: »Stulti sunt Romani, sapienti sunt Paioari« – was man, mit Verlaub, so übersetzen kann: »Olle andern san bleed, mir Bayern san gscheid«. Frühes neuntes Jahrhundert? Ganz aktuell! Auch wenn es vielleicht doch »sapientes« heißen sollte.

Handbuch der bayerischen Geschichte. Band I, 1: Das Alte Bayern. Von der Vorgeschichte bis zum Hochmittelalter. Begründet von Max Spindler. Neu herausgegeben von Alois Schmid. München 2017: Verlag C. H. Beck 726 S.

Statt einer Literaturgeschichte. Eine durchwachsene Aufsatzsammlung zur Literatur in Bayern

Im Jahr 1987 erschien Albrecht Webers Handbuch der Literatur in Bayern. Dass deren literaturwissenschaftliche Erforschung auch danach nicht zum Erliegen gekommen ist, belegt ein Ende 2015 erschienener umfangreicher Sammelband. Sein Herausgeber Waldemar Fromm, der die »Arbeitsstelle für Literatur in München / Bayern« an der Universität München leitet, hat darin fünfzehn einschlägige Arbeiten zusammengestellt, die zwischen 1984 und 2005 zum ersten Mal publiziert wurden, also, wie er in seiner Einleitung schreibt, »nach dem Boom der Regionalforschung in den 1980er-Jahren«. Damit soll ein Forschungsüberblick gegeben werden, weshalb wohl auch der Untertitel des Bandes auf die berühmte Buchreihe Wege der Forschung Bezug nimmt, mit der die in Darmstadt ansässige Wissenschaftliche Buchgesellschaft Generationen von Studenten beglückt hat. Dass und wie sich die Literaturwissenschaft – und mit ihr natürlich auch die Herangehensweise an Regionalliteratur – in den drei zurückliegenden Jahrzehnten verändert hat, das versucht der Herausgeber in seinen sehr knapp geratenen einleitenden Bemerkungen zumindest ansatzweise zu skizzieren.

An einer wissenschaftlich fundierten, umfangreichen und aktuellen Geschichte der Literatur in Bayern wird intensiv gearbeitet. Dieses Buch ist kaum mehr als eine Vorarbeit dazu – der Titel ist hier Programm, und die für eine Darstellung der Literatur in Bayern unangemessene Dominanz der Landeshauptstadt ist auch nicht zu übersehen. Die Zeit vor dem 18. Jahrhundert wird durch einen instruktiven und anregenden Aufsatz von Ernst Hellgardt über den Beitrag Niederbayerns zur deutschen Literatur im frühen Mittelalter, durch einen Essay von Freimut Löser über die geistliche Literatur des Mittelalters am Beispiel von Würzburg und Melk und durch zwei eher akribisch ins Detail als in die Breite gehende Arbeiten von Dieter Breuer über das literarische Leben in München vor 1648 sowie über die oberdeutsche Erzählliteratur des 17. Jahrhunderts abgedeckt. Guillaume van Gemert analysiert die Dichtungslehre des Parnassus Boicus (1725/26), Manfred Knedlik untersucht die Schuldramen des Prüfeninger Abtes Rupert Kornmann (1757–1817), und Michael Schaich beschäftigt sich mit dem Thema »Staat und Öffentlichkeit im Kurfürstentum Bayern der Spätaufklärung«. In einem der besten Beiträge des Bandes skizziert Wilhelm Haefs, auf dessen ungemein aufschlussreiches und überdies extrem spannendes Buch über Leben, Werk und Wirkung von Lorenz Westenrieder nicht oft genug hingewiesen werden kann (Aufklärung in Altbayern, 1998), mit aufmerksamem Blick auf Georg Alois Dietl (1752–1809) die überraschend heterogene Literatur der Spätaufklärung in Bayern. Der älteste Beitrag in diesem Sammelband war schon 1984 nicht ganz unumstritten und hält jedenfalls nicht, was sein Titel verspricht: In »Die Münchner Romantik« umkreist Hans Graßl allerlei Philosophenkram, ohne dass diese wichtige Literaturbewegung insgesamt scharfe Konturen oder gar ein Gesicht erhält. Auch heute noch bestens lesbar hingegen ist die Darstellung von Literatur und literarischem Leben in München um 1855, die Walter Hettche und Johannes John beisteuern. Die Überlegungen von Gabriele Whetten-Indra zum literarischen Leben in der Isarmetropole zwischen 1918 und 1933 wird man ebenso mit Gewinn und Genuss zur Kenntnis nehmen wie die – wie immer ungeheuer materialreichen – Aufsätze von Altmeister Wolfgang Frühwald über die Literatur in der Prinzregentenzeit sowie über die kaum auf einen Nenner zu bringende Literatur in Bayern zwischen 1919 und 1960. Ein fast mustergültiges Beispiel dafür, wie ein literaturwissenschaftlicher Essay aussehen kann, liefert Reinhard Wittmann mit seinen brillanten Beobachtungen zur Münchner Literaturszene unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass man es für nötig erachtet hat, die komplett veralteten Bemerkungen von Helmut Kaffenberger und Waldemar Fromm über die Literatur in Bayern nach 1960 auch noch aufzunehmen, ist allerdings in keiner Weise nachzuvollziehen. Sie bilden einen im Jahr 2016 fast schon peinlichen Schlussakkord zu dieser oft anregenden, insgesamt eher durchwachsenen Sammlung von zuvor verstreut publizierten Bausteinen zu einer zeitgemäßen Geschichte der Literatur in Bayern. Hoffen wir, dass wir nicht zu lange auf eine solche Gesamtdarstellung warten müssen – man vermisst sie nach wie vor schmerzlich.

Waldemar Fromm (Hrsg.): Statt einer Literaturgeschichte. Wege der Forschung. Literatur in Bayern (= Bavaria. Münchner Schriften zur Buch- und Literaturgeschichte. Kleine Reihe 1). München 2015: Allitera Verlag, 432 S.

Männer des Wortes. In Bayern lief die Aufklärung anders

Nein, keinesfalls will ich mich in die Geschichtswissenschaft einmischen, selbst dann nicht, wenn sie bayerische Themen verhandelt. Aber deren Ergebnisse zur Kenntnis nehmen und manches davon auch weitergeben – das schon! Zum Beispiel gibt es, neben unzähligen anderen einschlägigen Publikationen und oft sehr spannenden Büchern, eine gar nicht genug zu rühmende Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte, und es gibt deren sogenannte Beihefte, grundsolide und immer stupend gelehrte Schriften. Sehr spezielle Bücher naturgemäß, zu ganz unterschiedlichen Themen. Niemanden wird da alles interessieren – wie denn auch! Das neueste Beiheft allerdings verdient vielleicht doch größere Beachtung, weil es über seinen engeren Gegenstand hinaus den Blick weitet für historische Prozesse, die auch im heutigen Bayern noch nachwirken.

Das Reichsstift St. Emmeram zu Regensburg erlebte im 18. Jahrhundert unter seinen letzten Fürstäbten eine wissenschaftliche Blütezeit und galt als eines der herausragenden Bildungszentren im gesamten oberdeutschen Raum. Mit seiner Aufhebung ein paar Jahre nach der Inbesitznahme der Stadt durch das Königreich Bayern fand diese benediktinische Glanzzeit ein ziemlich abruptes Ende. Danach dämmerte das bedeutende und höchst sehenswerte Ensemble von St. Emmeram viele Jahrzehnte hindurch vor sich hin, und so ganz aufgewacht ist es bis heute nicht. Aber das ist eine andere Geschichte. Das aus einer Tagung (2012) hervorgegangene Beiheft widmet sich dem Zeitalter der Aufklärung und enthält ein gutes Dutzend Abhandlungen, die die erstaunlich weitreichenden Netzwerke der gelehrten Mönche von St. Emmeram sowie die für deren Unterhalt wichtigsten Persönlichkeiten detailliert vorstellen. Unbedingt empfehlenswert ist die Lektüre der Beiträge von Alois Schmid und Ulrich L. Lehner. Dass sich, wie die meisten »nordlastigen« Epochendarstellungen bis heute nicht wahrhaben wollen, Katholizismus und Aufklärung eben nicht gegenseitig ausschließen und es eine in erster Linie von oberdeutschen Klöstern getragene »Katholische Aufklärung« durchaus gegeben hat, macht Alois Schmid an konkreten Beispielen sehr differenziert deutlich. Bestens dargelegt und begründet sind seine Urteile. Zum Beispiel: »Als Forschungsstätten übertrafen zumindest die großen Klöster ohne Zweifel die Universitäten an Bedeutung; sie entwickelten sich zu wahren Klosterakademien.« Oder: »In den Klöstern fühlte man sich einer zurückhaltenden und moderaten Form der Aufklärung verpflichtet … Von radikalen Brüchen wollten die Patres im Allgemeinen nichts wissen.« In Oberdeutschland habe man, anders als anderswo, vor allem versucht, »die Forderungen der Aufklärung mit denen des Katholizismus zusammenzubringen und für möglichst viele nutzbar zu machen«. Dabei sei die Wissenschaft meistens als »Beitrag zur Stärkung der Religion« angesehen worden: »Die Aufklärung wurde als entscheidendes Mittel zur Beförderung der Gotteserkenntnis verstanden.« Das hatte der Berliner Schriftsteller und »Erzaufklärer« Friedrich Nicolai in seiner einflussreichen Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781 nicht kapiert. Oder nicht begreifen wollen. Was Ulrich L. Lehner über das Verhältnis der Benediktiner zur Aufklärung schreibt, entspricht in vielem der neuesten Forschung, wie sie etwa Steffen Martus in seinem 2015 erschienenen Epochenbild Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert zusammenfasst – dass es in Deutschland nämlich überhaupt keine einheitlich rationalistische Aufklärung gegeben hat, eher »Familien von Aufklärungen«, und dass zu denen eben auch die gelehrten Mönche Süddeutschlands zu rechnen sind. Und dass es für diese Wissenschaftler und Denker vor allem darauf ankam, »ihre Kirche in kritischer und positiver Auseinandersetzung mit dem akademischen Diskurs ihrer Zeit zu erneuern«. Lehner verschweigt nicht, dass das innerhalb des Benediktinerordens durchaus umstritten war. Der Freiheitsdrang der Klosterbrüder jedoch ließ sich nicht mehr effektiv einbremsen: »Mönche wollten ihre Lebensweise derjenigen der Welt anpassen. Gelehrte wollten nicht mehr die langen nächtlichen Gebete im Chor verrichten und Arbeiten im Kloster, sondern sich ganz ihrer Wissenschaft widmen können und so fort.« Am Prozess der Ausbreitung von Akademien, Leihbibliotheken, Kaffeehäusern und Salons als »Orte des gegenseitigen geistigen Austauschs« nahmen auch die Benediktiner teil, und letztlich haben sie zur »Etablierung Bayerns als Wissenschaftsstandort« maßgeblich beigetragen. Bemerkenswerte Ordenspersönlichkeiten hat es damals gegeben, im Bayernland und weit darüber hinaus, und auch zahlreiche Episoden und Anekdoten, denen man gerne näher nachgehen möchte. Und so ist, um das Mindeste zu sagen, dieser schöne Sammelband nicht nur außerordentlich lehrreich, sondern in vielfacher Hinsicht auch sehr anregend.

Bernhard Löffler / Maria Rottler (Hrsg.): Netzwerke gelehrter Mönche. St. Emmeram im Zeitalter der Aufklärung (= Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte, Beiheft 44). München 2015: C. H. Beck Verlag. VIII/399 S.

Die Stadt lesen. Eine kleine Regensburger Literaturgeschichte

Literatur in Regensburg? Und: Regensburg in der Literatur? Für die Gegenwart fallen einem da schon einige Autoren ein, zum Beispiel Eva Demski, Ernst-Wilhelm Händler, Benno Hurt, Barbara Krohn, Sandra Paretti und Albert von Schirnding. Diese sechs Schriftsteller stellt Gertrud Maria Rösch im letzten Beitrag zu einem Gemeinschaftswerk vor, das in nicht weniger als siebenunddreißig Mini-Essays das literarische Leben der Donaustadt zu beleuchten sucht. Für den, dem ein Kurzessay zu wenig ist, sind die nützlichen Lektürehinweise gedacht. »Es gibt bisher kein Kompendium zur Regensburger Literatur«, schreiben die Herausgeber im Vorwort zu ihrer demnach mehr als überfälligen Regensburger Literaturgeschichte, die ausdrückliche eine »kleine« sein möchte – und doch viel »Großes« bietet.

Worum es genau geht? »Unter Regensburger Literatur verstehen wir Werke, die entweder in Regensburg entstanden sind und/oder sich an zentralen Stellen inhaltlich mit der Stadt auseinandersetzen.« Weil dies, fasst man wie hier die Literatur als ein sehr weites Feld, auf wirklich viele Texte zutrifft, musste ausgewählt werden. Die Auswahl ist originell: Persönlichkeiten aus dem Mittelalter, von Otloh von Sankt Emmeram bis zu Andreas Mülner, dominieren die Szene, und keineswegs alle haben literarische Werke im engeren Sinne hinterlassen – der von Claudia Märtl porträtierte Mülner etwa, »Regensburgs Titus Livius«, gilt gemeinhin als »Stammvater der bayerischen Historiografie des 15. Jahrhunderts« und nicht als Dichter. Sein Werk wirkte bis weit in die Frühe Neuzeit hinein, die hier – ebenfalls ungewöhnlich – mehr Raum bekommt als das 18. und 19. Jahrhundert. Im Kapitel über das 16. und 17. Jahrhundert steht ein Geschichtsschreiber wie der berühmte Aventinus ganz selbstverständlich neben Catharina Regina von Greiffenberg, der tiefgläubigen Barocklyrikerin aus Niederösterreich, von deren »Regensburger Andachtsreisen« Rainer Barbey berichtet – ein weiter Literaturbegriff eben. Für die »Goethezeit« wartet die Essaysammlung mit großen Namen auf: Goethe selbst, Hölderlin, Arnim, Brentano, Eichendorff, Mörike – alles schön und gut, und doch muss man kritisch anmerken, dass die Stadt gerade hier mit Dichtern geschmückt wird, für die das ehrwürdige Regensburg kaum mehr als eine winzige Episode in Leben und Werk darstellte. Das gilt auch für Thomas Mann, dessen 1909 erschienene Erzählung Das Eisenbahnunglück, wie Sebastian Karnatz berichtet, auf ein unerfreuliches Erlebnis bei Regenstauf zurückgeht. Damit sind wir im 20. Jahrhundert und gleich bei Georg Britting, dessen heute fast in Vergessenheit geratenes Werk Thomas Zirnbauer auf bewundernswerte Art und Weise lebendig werden lässt – sechs Seiten nur, allerdings absolut herausragend! Florian Sendtner schreibt über »Regensburger NS-Literatur« – und über ihr Gegenteil, The Blue Danube von Ludwig Bemelmans. Thomas Bernhard, der alte Griesgram, der drei Tage in der »schrecklichen Stadt« am Donauknie verbracht hat und nie wieder dorthin zurückgekommen ist, durfte auch nicht fehlen. Nicht nur der Bernhard-Essay verdeutlicht, dass die Kleine Regensburger Literaturgeschichte bisweilen schon sehr weit ausholen musste, um Regensburg als Metropole bedeutender Literatur zu präsentieren. Sei's drum! Interessant ist dieses Buch allemal, anregend – und manchmal auch sehr spannend.

Rainer Barbey / Erwin Petzi (Hrsg.): Kleine Regensburger Literaturgeschichte. Regensburg 2014: Verlag Friedrich Pustet. 288 S.

Aventinus, Schmeller und Britting. Vor drei Jahren ist Eberhard Dünninger gestorben

Mit viel Liebe und enormem Detailwissen hat Bernhard Lübbers, der Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, zusammen mit dem Kunsthistoriker und Verleger Peter Morsbach einen ansehnlichen Gedenkband herausgegeben, der das Leben und Wirken des in Würzburg geborenen, in Regensburg zur Schule gegangenen und beruflich lange in München tätigen Literaturhistorikers und Bibliothekars Eberhard Dünniger umfassend würdigt. Elf kompetente Aufsätze, zahlreiche ansprechende Fotos sowie ein zwanzigseitiges, von Konrad Zrenner besorgtes Verzeichnis aller Veröffentlichungen des großen bayerischen Gelehrten runden sich zu einem anregenden Erinnerungsband. Hervorgegangen ist er aus einem Gedenksymposium, das noch in Eberhard Dünningers Todesjahr im Leeren Beutel zu Regensburg stattfand.

Dünningers Sohn Leonhard, der frühere bayerische Kultusminister Hans Maier, der Münchner Bibliothekar Klaus Kempf und der Regensburger Emeritus Bernhard Gajek beleuchten die Biografie des Verstorbenen. Hier wird der Leser über seine Arbeit im Bayerischen Kultusministerium (1965–1986), seine Leistungen als Generaldirektor der Bayerischen Staatlichen Bibliotheken (1986–1999) und sein lebenslanges Wirken in Forschung und Hochschule präzise informiert. In der zweiten, den Bibliotheken gewidmeten Abteilung gibt Manfred Knedlik einen erhellenden Überblick über die Klosterbibliotheken in der Oberen Pfalz. Bernhard Lübbers beschäftigt sich mit einem Thema, das auch Eberhard Dünninger mehrfach berührt hat: Johann Andreas Schmeller und die Bibliotheken. Die Abteilung Literatur widmet sich zwei ganz unterschiedlichen Autoren und Werken, zu deren Erhellung die Forschungen des Verstorbenen Wesentliches beigetragen haben: Christine Riedl-Valder befasst sich mit den Schriften des Aventinus, und Marita A. Panzer geht den Spuren eines kauzigen und originellen bayerisch-böhmischen Grenzgängers aus dem 19. Jahrhundert nach: Maximilian Schmidt genannt Waldschmidt (1832–1919). Im vierten Teil des Gedenkbands skizziert Peter Morsbach das Bild Regensburgs und der Oberpfalz vor der Napoleonzeit, Peter Styra würdigt Pater Emmeram und Schloss Prüfening, und Jörg Skriebeleit erzählt die Geschichte des Historikers, Archivars, Heimatforschers und Intellektuellen Fridolín Macháček (1884–1954), auf dessen ergreifendes Buch Plzeň – Terezín – Flossenbürg (1946) ihn Eberhard Dünninger hingewiesen hatte. Was einmal mehr zeigt, dass der vielseitige und außergewöhnlich kenntnisreiche Gelehrte, der unter anderem am Trinity College in Dublin studiert hatte, stets über die Grenzen des Freistaats hinausblickte. Ohne Zweifel war Regensburg Eberhard Dünningers Herzensheimat, und mit Sicherheit hat er seine Oberpfalz und sein Bayern geliebt. Zu Hause aber war er im ganzen Abendland.

Bernhard Lübbers / Peter Morsbach (Hrsg.): Bibliotheken, Literatur, Regensburg und die Oberpfalz. In memoriam Eberhard Dünninger (1934–2015). Regensburg 2016: Dr. Peter Morsbach Verlag. 178 S.

Heavy Southbound Traffic. Auf den Spuren von Johann Andreas Schmeller

Als Jugendlicher hörte ich oft Radio. Meistens AFN – American Forces Network. Wegen der Musik. AFN war aber auch einer der ersten Radiosender, der Verkehrsdurchsagen brachte. Unvergesslich: »Heavy southbound traffic on the Nuremberg-Munich Autobahn, especially in the area of the Holledau Triangle«. Dieses Dreieck kannte ich wohl, und ich wusste, dass halb Europa auf der Fahrt vom hohen Norden nach Rom oder Sizilien durch die Holledau musste1. Später stand ich oft genug selbst am Holledau-Dreieck im Stau, und die mit Büschen und Bäumchen bestandene, von Autobahnen vollkommen eingeschlossene Wiese dort kam mir bald vor wie der heimliche Mittelpunkt von Südbayern. Im Zeitalter des unaufhörlichen Lastwagenverkehrs und der immer hässlicher werdenden Gewerbegebiete könnte das wirkliche Zentrum des Landes doch auch ein Autobahndreieck sein, dachte ich mir. Oder sind es doch die Hopfengärten drumherum?

Wenige Kilometer Luftlinie vom Dreieck sieht die Welt vollkommen anders aus. Von »heavy southbound traffic« keine Spur, im Gegenteil: kaum irgendein Traffic! Ohne Navi schaut man hier recht alt aus – wer auf immer schmaler werdenden Straßen mit Kreuzungen ohne jeden Wegweiser versucht hat, nach Rinnberg zu gelangen, weiß das. Eine bayerische Bauernlandschaft von lieblich-herber Anmut bildet die Kulisse für Johann Andreas Schmellers einstigen, eine gute Stunde dauernden Schulweg nach Pörnbach – und zurück. Viel Wald, viel Mais, einige Pferdekoppeln, und vor allem: Hopfen! Im Sommer zuckelt man zwischen gewaltigen Hopfenwänden durch, entgegenkommen sollte einem niemand, schon gar nicht ein Mähdrescher oder ein Milchlaster. Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, im Tal die Kirche von Rohr, gleich daneben Rinnberg. Endlich!

Ein ausgesprochen schönes, aufgeräumtes Dorf mit viel Luft zwischen den Häusern und vielen Blumen. Beim Nussbaum an der Dorfstraße ist eine Hinweistafel aufgestellt. Hier sind wir richtig! »Zurück zu meinen Lieben / Nach Rimberg schwebt mein Geist«. So lautet die Inschrift auf einem schönen, naturbelassenen Stein, hinter dem orangerote Lilien blühen. Rimberg, Rinberg, Rinnberg – so genau nahm man es damals nicht mit der Schreibung der Ortsnamen. Weiter heißt es auf dem Stein: »Johann Andreas Schmeller. *6.8.1785 – †27.7.1852. Verfasser des Bayerischen Wörterbuchs. Die Heimat gedenkt seiner. Landkreis Pfaffenhofen«. Ein paar Meter weiter an der Straße findet man auch noch eine weiße Stadelmauer mit einer Steintafel, die an den im Alter von drei Jahren aus seiner Geburtsstadt Tirschenreuth (»Türschenreut«, wie er selber schreibt) nach Rinnberg gelangten Buben erinnert: »An dieser Stelle stand das Elternhaus des grossen bairischen Sprachforschers Johann Andreas Schmeller. Von 1787–99 verbrachte er hier seine Kindheit.« Floh die Familie aus der armen Oberpfalz? Vertraut man dem Journalisten Gerhard Matzig, ist Tirschenreuth auch heute nicht reich und auf jeden Fall, statistisch betrachtet, die »billigste Stadt Deutschlands«2.

Der alte Schmeller – nein, nicht Heimito von Doderers Romanfigur aus der Strudlhofstiege3, sondern »dieser wundervolle Gelehrte, der das Mundartlexikon gemacht hat«4 – war schon mal bekannter als heute. Nicht nur in der Wissenschaft, bei den Dialektologen, den Mediävisten und den Historikern, sondern auch bei den an der bairischen Mundart interessierten Bürgern des Freistaats. In vielen Haushalten steht noch heute die vollständige Ausgabe seines Bayerischen Wörterbuchs herum, die zum zweihundertsten Geburtstag des »baierischen Grimm« in vier Bänden erschien5. Ob Schmellers Opus Magnum eifrig benutzt wird? Oder doch eher ein Staubfänger ist? In der Bayerischen Staatsbibliothek in München, die ihrem einstigen Bibliothekar vor fünfunddreißig Jahren eine schöne Gedächtnisausstellung gewidmet hat6, wird sein Nachlass verwahrt. Dort findet man alles von und über den oberpfälzischen Korbmacherssohn aus der Holledau, dessen Verdienste insbesondere um die Handschriftenabteilung des Hauses gar nicht genug herausgestellt werden können. Bis dahin allerdings war es ein weiter Weg – von Pörnbach erst einmal ins Seminar des Klosters Scheyern, dann auf die Gymnasien von Ingolstadt und München. Schon 1801 begann er sein Tagebuch – manchmal mit durchaus merkwürdigen Einträgen wie beispielsweise dem vom 22. Juli: »Ein herrlicher Tag. Gestern fiel aus Baufälligkeit ein Haus zusammen, und erschlug etliche Menschen.«7 Der besonders an Pädagogik und Philologie interessierte Schüler war immer in Geldnot und hing ab von wohlmeinenden Gönnern. In Rinnberg entstand 1803 seine erste wissenschaftliche Arbeit: Über Schrift und Schulunterricht. Ein ABC-Büchlein in die Hände Lehrender. Die Studie ist geprägt von der Faszination, die Person und Werk des Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) auf ihn ausübten. Dem wollte er seine Arbeit persönlich vorstellen – vielleicht war auch eine Stelle in der Schweiz drin? Pestalozzis Absage muss Schmeller schwer getroffen haben, denn 1804 traf der Mittel- und Erwerbslose eine unerwartete Entscheidung: Er trat als Soldat in die Dienste des spanischen Königs Karl IV. und marschierte bald von Solothurn bis nach Tarragona. Soldat? Na ja, nach einiger Zeit wurde Schmeller dann doch Hilfslehrer, für Spanisch, Englisch, Französisch und andere Fächer, und zwar am Real Instituto Pestalozziano Militar in Madrid. Von Spanien ging's dann 1808 nach Basel – fünf Jahre lange unterrichtete er dort, durch Vermittlung Pestalozzis, an einer Privatschule, und im Herbst 1812 stellte er fest: »Mir ward menschlicher Besitzthümer keines, nicht Ahnen, nicht Gold, nicht Äcker – nur die Sprache. Die Worte sind mein Grund und Boden, die mir Brod, vielleicht gar Ehre ertragen soll. Nur für des Vaterlandes Worte kann ich wirken.«8

Nachdem Bayern im Oktober 1813 mit dem Vertrag von Ried der Koalition gegen Napoleon beigetreten war, meldete sich Schmeller freiwillig. Er kam, nachdem er im Januar in Rinnberg die Eltern wiedergesehen hatte9, im Februar 1814 zum Jägerbataillon des Illerkreises, hatte aber zumindest nach 1815 dort kaum mehr etwas zu tun. Dreißig Jahre alt war er schon, als er den »ganz in meinem Sinn Sprach forschenden Bibliothekar Scherer« kennenlernte10. Vor allem dieser Mann, der als Direktor der königlichen Hofbibliothek wirkte und auch als Buchhändler, Verleger und Schriftsteller tätig war, machte Schmeller immer wieder Mut, sich mit aller Kraft an die gründliche Erforschung der Dialekte Bayerns zu machen. Joseph von Scherer (1776–1829) war auch nicht ganz unschuldig daran, dass der hochbegabte, fleißige und begeisterte junge Philologe 1816 auf Antrag der Akademie der Wissenschaften vom Militärdienst beurlaubt wurde, um »an einem Wörterbuche der baierischen Mundart« arbeiten zu können11. In den folgenden Monaten durchwanderte Schmeller fast das gesamte Königreich, um intensive Sprachstudien zu betreiben. »Ich bin nun förmlich als WortKlauber ausgerufen«, schrieb er am 20. Mai 1816 in sein Tagebuch12.

Mit diesen Wanderungen begann die immer glänzender werdende Karriere des Dialektologen und Sprachwissenschaftlers Johann Andreas Schmeller. Die Mundarten Bayerns grammatisch dargestellt erschien 1821, zwei Jahre danach wurde er außerordentliches Mitglied der Akademie und 1826 Privatdozent an der Münchner Universität, die ihm im Jahr darauf die Ehrendoktorwürde zuerkannte und ihn fast zwei Jahrzehnte später – nach einigem Hin und Her – auf ihren Lehrstuhl für altdeutsche Sprache und Literatur berief. Schmeller wurde berühmt – schon als er im Januar 1824 nach Rinnberg kam, konnte er seinen alten Eltern zu deren goldener Hochzeit die Glückwünsche des Königs überbringen13. Über Universität und Akademie hinaus wirkte der Gelehrte, dem lebenslang wenig privates Glück zuteil wurde14, Jahrzehnte hindurch segensreich in der durch die Säkularisation gewaltig angewachsene Münchner Hofbibliothek, die 1843 ihren Neubau in der Ludwigstraße bezog15. Sein Ansehen beim Münchner Bürgertum wuchs Jahr um Jahr, selbst wenn wohl nicht jeder Schmellers aufgeklärte, liberale und patriotische Gesinnung teilte. Bei den Fachkollegen wuchs es ebenfalls: Sie wählten den »Begründer der wissenschaftlichen Dialektologie«16 beim ersten deutschen Germanistenkongress in Frankfurt 1846 zum Vorsitzenden der Sektion Sprache. Einstimmig – was in der Wissenschaft mehr heißen will als anderswo!

Am Ende seines Lebens, 1852, umfasste sein Schriftenverzeichnis mehr als hundertfünfzig Werke, keineswegs nur zur Mundartforschung. Ein großer Mann des 19. Jahrhunderts wurde er, der Sohn einfacher Leute aus Rinnberg! Sein Grab liegt unter den Arkaden des Alten Südlichen Friedhofs in München. Und siehe da: An manchen Herbstwochenenden herrscht auch dort »heavy southbound traffic«. Wie immer mal wieder am Holledau Triangle.

Anmerkungen

1 • Die Literatur über die Holledau ist reichhaltig. Eine erste, wenngleich nicht sehr profunde Orientierung vermittelt ein Werk von Petra Becker: Das große Hallertau-Buch. Hopfenland im Herzen Bayerns. Clenze 2008.

2 • Gerhard Matzig: Gebaute Utopie. In: Süddeutsche Zeitung, 19. August 2016, S. 10.

3 • »Der alte Schmeller war ein Techniker und ein Wiener aus der Vorstadt. Das schließt eigentlich schon alles ein, was über diese nicht sehr interessante Persönlichkeit im Einzelnen noch gesagt werden könnte.« Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre. Roman (1951). München 1995, S. 258. Vgl. dazu auch Klaus Nüchtern: Kontinent Doderer. Eine Durchquerung. München 2016, S. 333.

4 • Carl Amery: Auf d’Wahrheit muß’ herauslaufen, auf die sind wir vereidigt. In: Margot Lehner / Peter Laemmle (Hrsg.), Bayerisches Selbstverständnis – bayerische Perspektiven. Prominente im Gespräch mit Norbert Göttler. Eine Sendereihe des Bayerischen Rundfunks. München 1999. S. 79–86, hier S. 85.

5 • Johann Andreas Schmeller: Bayerisches Wörterbuch (1827 / 1837). 4 Bde. München 1985.

6 • Vgl. den Katalog dazu: Johann Andreas Schmeller 1785–1852. Gedächtnisausstellung zum 200. Geburtsjahr. Bearbeiter: Hermann Hauke, Reinhard Horn, Dieter Kudorfer und Karin Schneider. Redaktion: Dieter Kudorfer. München 1985. Siehe auch Waldemar Fromm / Stephan Kellner (Hrsg.) unter Mitarbeit von Laura Mokrohs: »Darf ich Ihnen meinen Wunschzettel mitteilen?«. Die Bayerische Staatsbibliothek in der Literatur. München 2014, bes. S. 34–37.

7 • Johann Andreas Schmeller: Tagebücher 1801–1852. Hrsg. von Paul Ruf. 2 Bände und Registerband (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 47, 48, 48a). München 1954/1957. Eine kommentierte, auch für Reisen oder Biergartenbesuche geeignete Taschenbuch-Auswahl aus den Tagebüchern haben Reinhard Bauer und Ursula Münchhoff zusammengestellt: »Lauter gemähte Wiesen für die Reaktion«. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Tagebüchern Johann Andreas Schmellers. München / Zürich 1990. Hier S. 30.

8 • Ebd., S. 60.

9 • Ebd., S. 76–82.

10 • Johann Andreas Schmeller: Tagebücher 1801–1852 (s. Anm. 5). Band 1, S. 365.

11 • Katalog (s. Anm. 4), S. 20.

12 • »Lauter gemähte Wiesen für die Reaktion« (s. Anm. 7), S. 99.

13 • Ebd., S. 123.

14 • Katalog (s. Anm. 4), bes. S. 24 f.

15 • Näheres zu Schmellers Bibliotheksarbeit ebd., S. 155–204.

16 • Ebd., S. 43. Näheres über Schmellers Sprach- und Mundartforschung sowie über seine Beiträge zur Sprach- und Literaturgeschichte des Mittelalters ebd., S. 39–152. Vgl. auch Ingo Reiffenstein: Johann Andreas Schmeller und die heutige Dialektforschung. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 48, 1981, S. 289–298.

Wer liest Steub? Eine Ausstellung in Aichach

»Das Almenleben hat so viel eingeborne Poesie, dass selbst die Tausende von Schnaderhüpfeln und die schönsten Lieder vom Berge, sowie die süßinnigsten Zithermelodien diesen tiefen und wahren Zauberbrunnen nicht ganz ausschöpfen. Wenn einer einmal einen dreibändigen Walter Scottschen Roman darüber schreiben wollte, der würde sehen was ihm da alles entgegenkömmt – die Almerin selbst mit ihren achtzehn Jahren und ihrem unbewachten Almenherzen, die Jägersburschen mit ihrem Stolz, die Wildschützen mit ihrem Hass …«.

Halt! Um Gottes willen! Geht’s noch? Wer liest denn so was? Ja, es stimmt schon – so was liest praktisch niemand mehr, und wer nicht im Aichacher Stadtmuseum war, der traut sich vielleicht gar nicht, zu solcher Lektüre zu ermuntern. Geschrieben hat diesen Text, in Erinnerung an seine Wanderung auf die Audorfer Almen, der am 20. Februar 1812 in Aichach geborene und am 16. März 1888 in München gestorbene Ludwig Steub, und zwischen zwei Buchdeckeln veröffentlicht hat er ihn in seiner 1860 erschienenen Prosasammlung Das bayerische Hochland. Ein nach wie vor anregendes Werk, trotz düsterem Hochwald und seelentröstendem Mondenschein auf einsamen Triften, und ein ebenbürtiges Gegenstück zu dem 1846 erschienenen und bis zur Jahrhundertwende immer wieder neu aufgelegten Sammelwerk, das Steub bekannt gemacht hat: Drei Sommer in Tirol. Aber dieser »Entdecker Tirols« und Schilderer der bayerischen Alpenregion war nicht nur Reiseschriftsteller – auch Komödien, Novellen, einen Roman und sogar sprachwissenschaftliche Abhandlungen hat er verfasst. Die Rose der Sewi (1879) zählt gewiss zu den gelungensten Dorfnovellen des 19. Jahrhunderts. Doch wer um alles in der Welt kennt heute noch diese schalkhafte Geschichte vom Gasthaus Sebi bei Niederndorf in Tirol? Einer, der zu Steubs Zeiten mit seinen Schwarzwälder Dorfgeschichten weltberühmt wurde, der heute trotz mancher Bemühungen ebenfalls kaum gelesene Berthold Auerbach, hat einmal bedauernd gefragt: »Ist es nicht ein wunderliches oder geradezu gesagt trauriges Geschick, dass man vielen gebildeten Deutschen erst sagen muss, wer Ludwig Steub ist?« Trauriges Geschick? Allerdings!

Gerade noch im Jahr seines zweihundertsten Geburtstags wurde im Aichacher Stadtmuseum die Ausstellung »Ludwig Steub – Sohn der Stadt. Eine Spurensuche« eröffnet, und ein Besuch des selbst dem Münchner wenig bekannten Wittelsbacher Landes lohnt nicht nur zur Spargelzeit. Einen Ausstellungskatalog oder ein Begleitheft gibt es nicht, wohl aber kann und sollte man die Broschüre erwerben, die die Stadt Aichach vor fünfundzwanzig Jahren zum hundertsten Todestag des Dichters herausgegeben hat. Denn da steht viel Interessantes drin, nicht nur zu Steubs Leben, das nur in seinen ersten zehn Jahren mit Aichach zu tun hat. Der »Pionier der modernen Reiseschriftstellerei« wird da gewürdigt, der »literarische Pfadfinder Tirols«, und vor allem wird ein Gedenkblatt von Ludwig Schrott aus dem Jahr 1962 mit dem treffenden Titel Meister der Wanderbilder und Novellen wiederabgedruckt, das einen prägnanten Überblick über das umfangreiche Werk dieses fast vergessenen bayerischen Dichters gibt.

In der übersichtlichen, einleuchtend strukturierten und nicht nur der Hörproben wegen angenehm besucherfreundlichen Ausstellung wird man natürlich erst einmal mit Steubs Geburtsstadt bekannt gemacht, »einem freundlichen Städtchen in der Nähe des Stammschlosses Wittelsbach, mit vielen Brauereien und wenigstens einer Schule«, wie er in seiner 1883 entstandenen Autobiografie schreibt. Ludwig Steubs Vater Andreas amtete dort als Königlich Bayerischer Distriktsstiftungsadministrator, eine Stelle, die mit Verkündigung der neuen Verfassung (1818) überflüssig wurde – 1822 wird er nach Augsburg versetzt, ein Jahr danach nach München. An seine nicht gerade unter rosigen Umständen verbrachte Aichacher Kindheit hat der spätere Schriftsteller fast nur positive Erinnerungen, die ins erste Kapitel seines einzigen Romans Deutsche Träume (1858) hineinverwoben sind – ein Buch, das wie nahezu alles von Steub nur noch antiquarisch aufzutreiben ist. Während seiner Schulzeit am »Alten Gymnasium« in München entwickelt Ludwig Steub eine Vorliebe für Sprachen, und er unternimmt seine ersten größeren Reisen und Wanderungen. Er studiert zunächst Klassische Philologie, später dann das ungeliebte, aber eine Anstellung versprechende Fach Jura. Sein Lehrer Friedrich Thiersch hatte seine Begeisterung für alles Griechische geweckt. 1834 geht Steub als Regentschaftssekretär des Grafen Armansperg ins bayerisch regierte Griechenland – und kehrt zwei Jahre später ernüchtert zurück. Über diese kurze, aber nicht unwichtige Episode seines Lebens, die sein erstes Buch Bilder aus Griechenland (1841) entscheidend inspiriert hat, erfährt der Ausstellungsbesucher alles Wissenswerte. Ludwig Steub, der – auch eine Kunst – sein Engagement für den ungeliebten Brotberuf zeitlebens auf das gerade noch tolerierbare Minimum beschränken konnte, war mit seinen Zeitungsartikeln wesentlich erfolgreicher als mit seinen Büchern. Sogar seine erste Novelle Der Staatsdienstaspirant (1841) erschien zuerst im Stuttgarter Morgenblatt. Den Sammelband Novellen und Schilderungen (1853), der auch die bis ins spätere 20. Jahrhundert immer mal wieder publizierte Novelle Trompete in Es (1848) enthält, mag fast niemand kaufen. Es ist nicht nur erstaunlich, wie viele seiner im Handel schon lange nicht mehr erhältlichen Bücher die Aichacher zusammengetragen haben – noch erstaunlicher ist, dass der Ausstellungsbesucher, wenn er das mag, sie alle in die Hand nehmen und stundenlang in ihnen schmökern kann. Ein Dichter zum Anfassen, wie es heute so schön heißt – gut so!

Auf seiner ersten Tirolreise im Sommer 1842 kommt der Reiseschriftsteller und Kulturanthropologe Ludwig Steub ans Licht, und bald geht es steil aufwärts mit seiner Beliebtheit beim lesenden Publikum. Hinaus aus der Stadt, hinein in die Alpen – jahrelang war das sein Motto, und auf diesem zentralen Teil seines Lebens und Wirkens liegt auch der Schwerpunkt der Aichacher Schau, die dazu überraschend viel Material präsentiert. Die Stadt Brixlegg im Tiroler Inntal, über der 1898 ein in die Felswand gemeißeltes riesiges Reliefbild des Dichters enthüllt wurde, ist bis heute eine der Partnerstädte Aichachs, und im berühmten Berggasthof »Tatzlwurm« zwischen Bayrischzell und Brannenburg am Inn erinnert man immer noch an Ludwig Steub. Dass er keineswegs ein früher Tourist und Gipfelstürmer war, sondern immer die Menschen im Mittelpunkt seines lebhaften Interesses standen, ihre Dörfer und Städte und ganz besonders ihre Wirtshäuser, betont Gerald Deckart in der erwähnten Broschüre: »Die Landschaft war ihm nur wichtig als schöne, liebliche, heitere Umgebung der Wohnplätze der Menschen, als Szenerie, in der sich das menschliche Leben abspielt.« Und ein früher Kritiker des für heutige Verhältnisse äußerst zaghaft beginnenden Alpintourismus war der liberale, manchmal heftig antiklerikale und sogar antidynastische Dichter auch. »Es sind schon genug herinnen«, sagt Steub in der Rolle eines Brixlegger Sommerfrischlers. »Es wäre wirklich jammerschade, wenn auch dieser stille Winkel durch übergroßen Zulauf, Vornehmheit, Equipagen, Lakaien, Toilettenpracht und andere Widerlichkeiten beliebter Sommerfrischörter wieder unzugänglich würde.«

Ludwig Steub, der poetische Wanderer zwischen München und dem Gardasee, bleibt natürlich ein Mann des 19. Jahrhunderts, und deshalb empfindet man heute einiges in seinen Werken als veraltet – die allzu gemütvoll schwärmerische Umständlichkeit seiner Schilderungen und die Beifall heischende Blumigkeit seines Stils können durchaus auch mal nerven. Ist das bei Stifter völlig anders? Sind Hebbels Erzählungen noch guten Gewissens zu empfehlen? Ludwig Schrott meinte vor fünfzig Jahren, dass Ludwig Steubs poetische Reiseschriften, meist lange vor Theodor Fontanes berühmten Wanderungen durch die Mark Brandenburg entstanden, locker deren Niveau erreichten. Darüber kann man streiten. Nicht streiten kann man über die Forderung an die (bayerischen?) Verleger, endlich eine leserfreundliche Werkausgabe in Angriff zu nehmen. Und ebenso wenig kann man darüber streiten, dass ein Besuch des Stadtmuseums Aichach und seiner aktuellen Sonderausstellung ein herzerwärmender Gewinn ist. Auch ohne das unbewachte Almenherz der Almerin.

Ludwig Steub – Sohn der Stadt. Eine Spurensuche. Ausstellung 2012/13 im Stadtmuseum Aichach.

Vergessenes Bayern

Die von Ingvild Richardsen und Waldemar Fromm im Münchner Volk Verlag herausgegebene Buchreihe Vergessenes Bayern möchte »wenig bekannte oder gänzlich unbekannte Seiten der Kulturgeschichte Bayerns« zeigen, weshalb sie von vornherein ein weites Herz haben muss: »Interessante Persönlichkeiten, einmalige Ereignisse und faszinierende Entwicklungen haben darin ebenso ihren Platz wie vergessene Texte oder Chroniken, einstige Bräuche oder alte Rezepte und Esstraditionen … Das Themenspektrum umfasst vergessene Künstlerinnen und Künstler, Schriftsteller, Poeten, Satiriker, Musiker, Maler und Architekten. Erfinder haben ebenso ihren Auftritt wie Juristen, Herrscher und Politiker, Auswanderer, die Bayern in die Welt hinausgetragen haben, Freigeister und Universaltalente.« Wow! Eine beeindruckende Ansage!

Vor zwei Jahren, 2017, erschien der erste Band – Ingvild Richardsen wandelte Auf den Spuren der vergessenen Künstlerinnen von Frauenchiemsee (Untertitel) und legte ein umfangreiches, mit eindrucksvollen Fotos attraktiv ausgestattetes Buch mit dem Titel Die Fraueninsel vor. Dass es Dichter und Maler seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf die kleine Insel mit ihrer uralten Geschichte zog, ist bekannt – doch dass gleich mehrere bis heute interessante Schriftstellerinnen und Frauenrechtlerinnen zur dortigen Künstlerkolonie gehörten, stand nie im Vordergrund und ist inzwischen fast vergessen. Warum das so ist und weshalb das nicht so bleiben sollte, erläutert die Autorin in ihrer konzisen Einleitung – und noch einmal im Epilog. Dazwischen geht es um Leben und Werk von Emma Haushofer-Merk (1854–1925), Carry Brachvogel (1864–1942), Marie Haushofer (1871–1940) und Eva Gräfin von Baudissin (1868–1943). Ingvild Richardsen führt behutsam hin zu den von ihr mit Bedacht ausgewählten Novellen, Versen und Essays, die die immer besondere Atmosphäre der Fraueninsel umspielen und neue Blicke auf vier für ihre Zeit ungewöhnlich moderne, also auch politisch engagierte Künstlerinnen ermöglichen. Und sie so dem Vergessen entreißen. Dass sie, wie Ingvild Richardsen nicht zum ersten Mal betont, als Autorinnen »ersten Ranges« angesehen werden müssten, wird man allerdings nicht unbedingt unterschreiben wollen.

Der zweite Band gilt einer Frau, die mit Sicherheit nicht vergessen ist – ihre Bezeichnung »Wahnmoching« für das Bohème-Schwabing vor 1914 kennt jeder, und auch als Autorin und nonkonformistische Lebens- und Liebeskünstlerin ist Fanny von Reventlow keine Unbekannte. Ob sie als Schriftstellerin wirklich bedeutend ist? Als mutige Frau, energische Mutter und engagierte Zeitgenossin jedenfalls ist sie das, und wer’s nicht glaubt, der lese ihren ohne literarische Spielereien auskommenden Bericht Die Kehrseite des deutschen Wunders, der in Wirklichkeit ein authentischer, traurig düsterer, entschieden antibellizistischer Bodensee-Krimi mit glücklichem Ausgang ist. Dass dieser in der Tat vergessene Bericht, ursprünglich in französischer Sprache verfasst und mit dem Titel L’Envers du miracle allemand versehen, nach hundert Jahren in der Übersetzung von Aline Coulombeau-Ottinger auf Deutsch vorgelegt wird, ist sensationell. Reventlow schildert, wie sie ihrem »Bubi«, dem heiß geliebten, damals zwanzigjährigen Rolf, im August 1917 bei der Flucht über die schwer bewachte Bodensee-Grenze in die neutrale Schweiz geholfen und ihn so vor weiteren Fronteinsätzen bewahrt hat – eine Mutter, die den unbedingten Mut besaß, »einfach nicht mitzutun«, wie ihre Schwiegertochter einunddreißig Jahre später schreiben wird. »Es existiert nicht, dieses deutsche Vaterland, das man immer zu entdecken oder zu erfinden sucht«, heißt es einmal. Franziska von Reventlow artikuliert mehrfach ihre Verachtung von Krieg und Militär und beglaubigt ihre Haltung durch schlichtes Berichten davon, wie es, jenseits aller Politparolen, in den Jahren des Ersten Weltkriegs in München wirklich herging – ernster, rigider und ungemütlicher nämlich als vor 1914. Wohl empfinde sie eine »tiefe Verbundenheit« mit ihrem Land, auch und gerade mit den schönen Landschaften Bayerns, »aber dieses intensive Gefühl des Daheimseins unter Meinesgleichen, des Einsseins mit der eigenen Nation und allem, was ein Vaterland ausmacht, das habe ich vergebens gesucht«. Die Weltkriegsdeutschen gehen ihr vor allem auf die Nerven: »Und was hatte ich mit ihnen, mit dem Krieg, mit all dem zu tun? … Ich war eine Frau, ich war unabhängig. Ach nein, ich war es nicht mehr, ich hing wohl von diesen Uniformen ab und von dem, was sie verordnen würden.« Ja, sie hing von ihnen ab – aber eben nicht ganz, und so endet der Text mit einem Triumph: »Ich hatte dem Kaiser meinen Sohn weggenommen.« Kontrastiert wird Reventlows intensiver Bericht mit entsprechenden Passagen aus den Erinnerungen ihres Sohnes, und alles Wissenswerte drum herum wird im Vor- wie im Nachwort der Herausgeber derart liebevoll dargelegt, dass man ihnen gerne bis ins letzte Detail folgt. Auch dieser Band enthält Fotos – nicht nur den Text irgendwie illustrierende Abbildungen, sondern seltene, ausdrucksstarke und instruktive Fotografien –, und insgesamt zeigt er, was Vergessenes Bayern im allerschönsten Sinne bedeuten kann.

Der dritte, wiederum mit aussagekräftigen Fotos ausgestattete Band, der über den Hofsänger und Gastwirt Joseph Leoni, hinterlässt einen eher zwiespältigen Eindruck. Die Geschichte dieses Musikus aus Palermo, der am Münchner Hof nur mäßig erfolgreich war und stets im Schatten seiner Frau Marianna Schmaus stand, ist auf jeden Fall der Darstellung wert. Für die an Münchner Stadtgeschichte Interessierten schon allein deshalb, weil man von einem einst unweit des Hofbräuhauses gelegenen »Leoni-Weiher« bisher recht selten gehört hat, und natürlich auch, weil die aus eher spärlichen Quellen gearbeitete Studie des Musikwissenschaftlers Christian Lehmann eine Fülle von Einblicken in das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben der Stadt in der Goethe-, Napoleon- und Biedermeierzeit bietet.

Mit seinem Freund, dem Staatsrat Franz von Krenner, fuhr Joseph Leoni immer mal wieder nach Assenbuch am Starnberger See, wo Krenner einen Obstgarten erworben hatte – und dieses idyllische Fischernest wird bald dafür sorgen, dass der Name »Leoni« bis heute bekannt ist. Denn 1824, nach dem Tod seiner Frau, kommt der Sänger zu Geld; im Jahr darauf heiratet er die Schuhmachertochter Rosina Oehler, kauft das Assenbucher Seegrundstück, baut dort ein »ländliches Lusthaus« und erhält das »Tafernrecht«. Das ist der Anfang einer späten Karriere – »Leonihausen«, wie der Ort bald genannt wird, entwickelt sich zu einem beliebten Ausflugslokal, das nicht nur prominente Maler wie Cornelius, Overbeck, Kaulbach oder Rottmann anzieht, sondern auch durch einen Besuch König Ludwigs I. geadelt wird. Joseph Leoni stirbt Ende 1834, Rosina führt das Wirtshaus bis 1861 weiter – da redet niemand mehr von Assenbuch, denn der Ort samt Schiffsanlegestelle heißt nun Leoni, und so heißt er bis heute. Eine Wahnsinnsgeschichte eigentlich!

Christian Lehmann breitet sie in wirklich allen Einzelheiten aus, und das macht sein Buch vor allem im ersten Teil etwas langatmig – dass er »prima erzählen« kann, wie der SZ-Rezensent behauptet, wird man nicht unbedingt unterschreiben wollen. Sicher ist, dass ein wenig Komprimieren der Lesbarkeit nicht geschadet hätte. Dennoch wird man den erhellenden Recherchen des verdienstvollen Autors seinen Respekt nicht versagen – und außerdem macht Joseph Leoni. Ein Italiener am Starnberger See dem Reihentitel alle Ehre.

Man darf gespannt sein, wie es mit Vergessenes Bayern weitergeht. So einleuchtend es ist, dass sich die Herausgeber thematisch nicht einschränken oder gar festlegen möchten – aufpassen müssen sie schon, damit sich ihre Buchreihe nicht allzu heterogen und damit auch ein wenig beliebig gestaltet. Bestimmt werden sie auch im Auge behalten, dass »Bayern« doch wesentlich größer ist als Alt- oder gar nur Oberbayern. Nach drei Bänden lässt sich noch nichts Definitives sagen – unverwechselbare Konturen, also ein »Gesicht«, hat Vergessenes Bayern noch nicht. Aber das kann sich schnell ändern.

Ingvild Richardsen: Die Fraueninsel. Auf den Spuren der vergessenen Künstlerinnen von Frauenchiemsee. München 2017: Volk Verlag. 362 S.

Kristina Kargl / Waldemar Fromm (Hrsg.): Die Kehrseite des deutschen Wunders. Franziska von Reventlow und der Erste Weltkrieg. München 2018: Volk Verlag. 174 S.

Christian Lehmann: Joseph Leoni. Ein Italiener am Starnberger See. München 2018: Volk Verlag. 240 S.

Lustig ist das alles nicht. Über Anna Croissant-Rust

Ob ich eigentlich die Anna Croissant-Rust kenne, hat mich Bernhard Setzwein einmal gefragt. Ich kannte sie nicht. Das war vor einem Vierteljahrhundert, kurz bevor sein wunderbares Buch Käuze, Ketzer, Komödianten erschien, mit elf Aufsätzen über Literaten in Bayern, unter ihnen ein Porträt dieser »bayerisch-pfälzischen Erzählerin«. In seinem prägnanten und einfühlsamen Essay – Setzwein hat ihm den Titel Naturalistin im Biedermeierhäuschen gegeben – steht schon alles drin, was man über diese 1860 in Bad Dürkheim geborene, in Amberg und München aufgewachsene, vor allem zwischen 1893 und 1914 durchaus namhafte und mit einigen Texten sogar recht erfolgreiche Schriftstellerin wissen könnte. Dass ihr äußerst vielfältiges und umfangreiches Werk – Anna Croissant-Rust wurde fast dreiundachtzig Jahre alt – heute nahezu unbekannt ist, haben diverse Wiederbelebungsversuche, zum Beispiel der von Heinz Puknus in der Verlagsanstalt Bayerland, nicht verhindern können. Ob das ein Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg anders werden könnte? In einem verdienstvollen Lesebuch mit exemplarischen Prosatexten bayerischer Schriftstellerinnen ist sie mit der eindrucksvollen, 1896 erstmals publizierten Erzählung Kirchweih vertreten. Nicht nur ihr düsteres Thema – Armut, Krankheit, Verzweiflung, schließlich ein totes Kind – mag nicht jedermanns Sache sein, sondern auch ihre höchst expressive Stakkatosprache: »Nach! nach! – Jetzt! – Endlich! Sie halten an, starren … Sie stößt das junge Mädchen zur Seite, stürzt auf ihn, hoch hält sie das Kind. – ›Du! – – du!‹ – – Schrill, vergurgelnd.« Das war auch um 1900 harte Kost, literarisch gewiss innovativ, für die meisten Leser aber doch zu ungewöhnlich.

Das Elend der Welt, besonders die haarsträubenden Lebensumstände von Frauen aus der Unterschicht, die oft nicht wissen, wie sie sich und ihre kleinen Kinder durchbringen sollen, hat Anna Croissant-Rust zeitlebens tief bewegt. Lustig ist das alles nicht. Das muss man aushalten als Leser von heute, denn sonst wird man den von Edda Ziegler nach dem Text der Erstausgabe von 1914 neu herausgegebenen Erzählzyklus Der Tod erst gar nicht in die Hand nehmen wollen. In diesen siebzehn Prosatexten von maximal je drei Seiten Umfang, die durch siebzehn meisterliche Zeichnungen des berühmten Willi Geiger (1878–1971) eher aufgeschlossen als nur illustriert werden, sind großartige Entdeckungen zu machen. Bilderreiche, ausdrucksstarke expressionistische Dichtung ist das, die mit den weithin bekannten Prosastücken der großen zeitgenössischen Wortkünstler spielend mithalten kann. Im Zentrum dieser tief bewegenden Prosaskizzen steht natürlich, vielfach variiert, eine alle Träume, Wünsche oder Erinnerungen der grundsätzlich sozial deklassierten Protagonisten am Ende unweigerlich bezwingende Gestalt – der Tod. Dass diese Geschichten so faszinierend sind, hat vor allem, wie die Herausgeberin ganz zu Recht betont, mit der »metaphorisch aufgeladenen Sprache einer belebten, vermenschlichten Natur« zu tun: »Der Föhn stöhnt«, »ein blasser Mond stürmt«. Oder der erste Satz von Frühlicht: »Grauweißer Schnee zergeht in den Straßen, fällt faul vom Nachthimmel und klebt sich an die Fenster der Kellerwohnung.« Klar: Wer mag sich ausgerechnet den Tod aufs Nachtkästchen legen? Wenige wahrscheinlich. Die anderen aber haben was versäumt.

Anna Croissant-Rust: Der Tod. Ein Zyklus von siebzehn Bildern mit siebzehn Zeichnungen von Willi Geiger. Hrsg. und mit einem Nachwort von Edda Ziegler. München 2014: Allitera Verlag. 91 S.

Dietlind Pedarnig / Edda Ziegler (Hg.): Bayerische Schriftstellerinnen. Ein Lesebuch. München 2013: Allitera Verlag. 235 S.

Bernhard Setzwein: Käuze, Ketzer, Komödianten. Literaten in Bayern. Pfaffenhofen an der Ilm 1990: W. Ludwig Buchverlag. 299 S.

Von wegen gute alte Zeit. Vor hundert Jahren ging Lena Christ in den Tod

Geldsorgen begleiteten ihr Leben. Irgendwann versah sie unbedeutende Ölgemälde mit Signaturen bekannter Maler und verkaufte sie zu überhöhten Preisen. Sie wurde angezeigt und verstrickte sich in ein Netz von Lügen. Lena Christ sah sich nicht mehr hinaus, wie man im Baierischen sagt. Am 30. Juni 1920 verließ sie ihre Wohnung in der Schwabinger Bauerstraße 40, winkte noch einmal den Kindern, fuhr mit der Trambahn zum Harras und ging zu Fuß den weiten Weg zum Waldfriedhof hinaus. Peter Benedix war schon da, gab ihr, wie sie das vereinbart hatten, das Fläschchen Zyankali und verabschiedete sich. Dann war sie allein. Ihr Grab findet man in Sektion 44 des Münchner Waldfriedhofs.

So schildert Günter Goepfert in seiner noch immer maßgeblichen Biografie die letzten Stunden einer Frau, die mit ihren Lausdirndlgeschichten (1913), mit zahlreichen Prosatexten wie etwa der großartigen Erzählung Die Rumplhanni (1916), mit den Romanen Mathias Bichler (1914) und Madam Bäurin (1919), vor allem aber mit ihren Erinnerungen einer Überflüssigen (1912) in die Literaturgeschichte Münchens und Bayerns eingegangen ist. Ihre Geschichten hatten zu ihrer Zeit einigen Erfolg, waren jedoch schon 1930 weitgehend vergessen und wurden erst in den 1980er-Jahren neu entdeckt. Eine schöne Werkausgabe erschien 1990, Auswahlbände und Taschenbücher gibt es mehrere.

Die harte und traurige Lebensgeschichte der Lena Christ kann noch heute erschüttern, und die immer um Lakonie und Entdramatisierung prekärer Situationen bemühten Erinnerungen bleiben weiterhin eine bedrückende Lektüre. Sie dürfen, wie Josef Hofmiller 1930 feststellte, als »Lena Christs wirklicher Lebenslauf« angesehen werden.

Die 1881 in Glonn bei Ebersberg als lediges Kind einer Handschusterstochter und eines Handlungsreisenden geborene und bei den Großeltern aufgewachsene Lena sei »mit Leib und Seele« daheim gewesen in der von harter Arbeit geprägten, lieblosen und derben, selten auch mal fröhlichen grundkatholischen Bauernwelt ihrer Zeit, betont Goepfert.

Als sie sieben Jahre alt war, holte sie die Mutter nach München. Die große Stadt, gewiss ein gewaltiger Schock für das vom Bauernleben geprägte Landei, sollte sie nicht mehr loslassen. Als die Mutter 1891 einen Sohn bekam und ihm ihre ganze Liebe zuwandte, fühlte Lena sich immer mehr als Überflüssige. Sie wurde in der Schule oft gehänselt, früh zum Mithelfen im Wirtshaus herangezogen und von ihrer herzlosen Mutter erniedrigt und immer wieder brutal misshandelt.

Mit siebzehn flüchtete die »Wirtsleni« ins Kloster Ursberg, ohne dort das erhoffte Seelenheil zu finden, mit zwanzig flüchtete sie in eine Ehe, für die ihr die Mutter am Hochzeitsmorgen wünschte, sie solle »koa glückliche Stund haben, solang’st dem Menschn g’hörst, und jede guate Stund sollst mit zehn bittere büaßn«. So ähnlich kam es dann auch.

Neunundzwanzig musste sie werden, bis sich ihr Leben entscheidend änderte. Sie wurde Diktatschreiberin bei Peter Jerusalem, der sich später Benedix nannte und ihr Ehemann wurde, für kurze Zeit jedenfalls. Er erkannte ihr ungeheures Erzähltalent und ermutigte sie zu den Erinnerungen. Lena Christ wurde Schriftstellerin. Fast neun Jahre lang ging das gut.

Wer einen literarischen Text immer noch als Sprachkunstwerk begreift, sollte sich mit den Erinnerungen nicht zu lange aufhalten. Eine glaubwürdige, überzeugende Autobiografie ist das, gewiss, ein herzzerreißender Aufschrei einer gequälten Seele und ein herausragender Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte der Prinzregentenzeit. Eine »künstlerisch reife Prosadichtung«, wie Hofmiller sagt, ist aber erst Mathias Bichler – und danach Die Rumplhanni. Wahnsinn, diese Sprache! Was für ein wunderbares, kraftvolles und melodisches Süddeutsch! Lena Christ braucht kein Kunstbaierisch wie später die Fleißer oder der Horváth. Sie hat viel Faszinierendes, Denkwürdiges und Nahegehendes zu erzählen.

Aber sie kann mehr. Lena Christ gestaltet unvergessliche Figuren, und sie strukturiert ihre Texte auf erzähltechnisch raffinierte Art und Weise. Sie ist Sprachkünstlerin, nicht nur Zeitzeugin. Das gilt auch und gerade für ihre oft geschmähten, beim Publikum sehr beliebten Prosaskizzen aus dem ersten Kriegsjahr, die heute zu Unrecht kaum mehr gelesen werden: Unsere Bayern anno 14 (1914–1916). Einakter hat sie übrigens auch geschrieben, ohne rechten Erfolg.

Sei’s drum: Wer wissen möchte, wie es vor hundert und mehr Jahren in Oberbayern zuging, kommt um Lena Christs Werke nicht herum. Ihre eigenwillige, unverblümte, manchmal auch saftige Sprache, immer hart an der Grenze zur Mundart, sollte niemanden abschrecken. Solche Texte kennenlernen zu dürfen ist ein Gewinn, den keine Krise dieser Welt zunichtemachen kann.

Lena Christ: Gesammelte Werke. Hrsg. von Walter Schmitz. Drei Bände. München 1990: Süddeutscher Verlag.

Günter Goepfert: Das Schicksal der Lena Christ. Dritte überarbeitete und ergänzte Auflage. München 1989: Süddeutscher Verlag.

Eine Liebeserklärung von gestern. Josef Ruederer – zu Recht in Thomas Schatten

Josef Ruederer, 1861 am Münchner Rindermarkt geboren und 1915 in seiner Vaterstadt gestorben, war, was hauptsächlich dem geschäftstüchtigen Vater zu verdanken war, ein für seine Zeit recht vermögender Mann. Zum Leidwesen des Vaters aber wurde er – ein Schriftsteller. Nicht nur die bayerische Literaturgeschichte kennt seinen Namen bis heute: Er gehörte zu Michael Georg Conrads »Gesellschaft für modernes Leben«, war mehr oder minder eifriger Beiträger viel gerühmter Zeitschriften wie der Jugend oder des Simplicissimus und nahm, wenn man Hans F. Nöhbauer (1984) folgen will, in seinem heute vergessenen Roman Ein Verrückter – Kampf und Ende eines Lehrers (1894) das Thema von Ludwig Thomas Andreas Vöst um zehn Jahre vorweg. Mit seiner 1896 in Berlin uraufgeführten Komödie Die Fahnenweihe hatte er großen Erfolg, acht Jahre später auch mit Die Morgenröte, und nicht zuletzt war er einer der Gründer der »Elf Scharfrichter«. Im Jahr nach seinem Tod erschien der Roman Das Erwachen, der das Residenzstadtleben zur Zeit Ludwigs I. schildert und, wie Albrecht Weber (1987) zusammenfasst, als »Ruederers beste Leistung« gelten darf. Gleichwohl – die Theater und Feuilletons wandten sich bald anderen Themen und Künstlern zu, und viel gelesen hat man den Urmünchner, den Heinz Puknus als »ersten Autor« der Moderne in Bayern bezeichnet hat, nach 1918 dann auch nicht mehr. Die fünfbändige Werkausgabe von Hans-Reinhard Müller (1987) hat daran wenig ändern können.

1907 hat Josef Ruederer München veröffentlicht, zunächst als Beitrag zu einer Stadtführer-Buchreihe. Bald galt diese Hauptstadt-Satire als eines seiner Hauptwerke. Das Schlusskapitel wurde – eine gar nicht so kleine Kanonisierung – 1981 im fünften Band der Bayerischen Bibliothek abgedruckt. Es ist verdienstvoll, dass München unlängst in die von Elisabeth Tworek herausgegebene edition monacensia aufgenommen wurde. Zwei Briefe von Leo Greiner an den Autor, Ludwig Thomas Erinnerungen an Josef Ruederer, die München-Rezension von Josef Hofmiller aus den Süddeutschen Monatsheften sowie Anmerkungen zur Edition, ausführliche Erläuterungen und ein instruktives Nachwort von Waldemar Fromm und Walter Hettche ergänzen den Text. Ein interessantes Zeitdokument in einer originellen Mischung aus Fakten und Fiktionen, auch mit selbstkritischen Erzählerreflexionen, meist grantig im Ton, nicht selten höchst polemisch – gut, dass es wieder bequem greif- und lesbar ist.

Ruederer sieht, das macht schon das erste Kapitel über den Fasching klar, die Mitte des 19. Jahrhunderts blühende und glitzernde Kunst- und Künstlerstadt München immer tiefer untergehen, und er weiß ganz sicher, dass »der Münchner« ein eher behäbiger, auf sein Sach’ achtender, nicht immer humoriger Bierdimpfl ist und keinesfalls ein weltoffener kreativer Kopf. Und dass dieser Münchner die Vergangenheit seiner Stadt, um die es im zweiten Kapitel geht, immer etwas rosiger geschildert haben möchte als sie war, und zwar von einem Einheimischen und nicht von Leuten wie dem Ritter Heinrich von Lang, dessen Memoiren Josef Ruederer zu Recht schätzt und lobt. »Ihn zerriss man gerade nicht in Stücke, aber man tat ihm, was man in Bayerns Hauptstadt jedem tut, der kritisiert und eine halbe Stunde nördlich der Donau geboren ist: man nannte ihn öffentlich einen Preußen, heimlich einen Saupreußen.« Ruederers Kritik richtet sich vor allem gegen den Verfall herkömmlicher Lebensformen und Werte. Die »große, faszinierende Zeit« Ende der Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts, »wo eine Aufführung des Siegfried noch ein Ereignis war, von dem man drei Wochen vorher und drei Wochen nachher sprach«, ist 1907 längst vorbei – »heute, wo die Eintrittspreise ums dreifache teurer sind und die Aufführungen aufs dreifache schlechter«.

Der Münchner Bürger, dem Ruederers drittes Kapitel gilt, geht schon auch einmal in den Kunstverein – natürlich ohne dort ein Bild zu kaufen. Viel wichtiger aber ist es ihm, beim Salvator auf dem Nockherberg seine »Spezln« zu treffen. Und weil nicht nur die Kunstferne dieses von Carl Spitzweg wohl am treffendsten porträtierten Münchners unüberwindbar scheint, schiebt Ruederer im folgenden, merkwürdigerweise »Die Landschaft« betitelten Abschnitt eine veritable apokalyptische Vision ein: Wenn »Unglaube, frecher Übermut, Sittenlosigkeit und Gottesleugnung« überhandnehmen, wird das erschreckliche Untier, das den Walchensee umklammert hält, seinen Schweif strecken, der Kesselberg wird bersten und eine »neue Sintflut« wird über Bayerns Hauptstadt hereinbrechen. Seinen darob wahrscheinlich ungläubig den Kopf schüttelnden Lesern aber sagt der Autor: »Und wenn man das Allerunglaublichste behauptet, zum Beispiel, dass augenblicklich in Deutschland vernünftig regiert wird, dann müsst ihr ebenso daran glauben, als wenn ich den Walchensee ausbrechen lasse.«

Da hat man den selbstironischen Ruederer, den literarisch-feuilletonistischen Polemiker, der im nächsten Kapitel behauptet, ganz anders als das Berliner Theaterpublikum schlucke das Münchner wirklich alles hinunter und wiederhole nur immer wieder: »Besser wie im Schauspielhaus wird nirgends gespielt.« Was der Münchner von 1907 wohl wirklich geglaubt hat – denn Preußens Hauptstadt besucht er äußerst selten, und wenn er’s doch tut, geht er keinesfalls ins Theater: »Der Münchner weiß, dass der Berliner von Kunst nichts versteht.« Dem bürgerlich-wohlhabenden, kunstfernen und klatschsüchtigen München seiner Zeit gilt Ruederers bissige Kritik. Für die Dichtkunst hätten seine Bewohner noch nie viel übrig gehabt, schreibt Ruederer – und wenn, dann höchstens für Ludwig Thoma, den man gern lese, weil seine Schriften niemals verletzend wirkten und er doch so schön auf die Preußen schimpfen könne. Echte Kritik ist das nicht: »Vor Thoma verbeugt sich Ruederer im München-Buch, nicht ohne kleinere Seitenhiebe«, schreiben die Herausgeber in ihrem luziden Nachwort.

Nach ausführlicher Kollegenschelte – zwei, drei Ausnahmen gibt es – kommt Ruederer dann ausführlich auf die Neuesten Nachrichten zu sprechen, die Zeitung, die den »Weißwurstphilistern« allzu oft nach dem Munde redet: »Die ewige Sucht, es allen recht zu machen, die allgemeine Schmuserei, das behäbige Gwapplhubertum … Man ist ja in München, man steckt mitten drinnen im angestammten Spezltum, das sich überall breitmacht, das alles vergiftet, das alles Werdende mit seiner fetten Duzbrudersauce übergießt und jeden ehrlichen Gegensatz auflöst in einen großen, molligen Schnadahüpfl-Akkord.«

Auf der Auer Dult, wo man die Bücher eines gewissen Josef Ruederer für zehn oder fünfzehn Pfennig verhökert, lässt der Autor sein München mit einer bemerkenswert selbstironischen Geste ausklingen: »Das Buch über München ist gut, es ist zum Schieflachen. Ob er recht hat, der wackere Antiquar mit seinem ehrenden Nekrologe? Ob mein Buch wirklich gar so zum Lachen reizt? Ob es gut ist?« Richtig enden aber lässt Ruederer seine Schrift auf dem Turm des Alten Peter, mit einem liebevollen, nicht ganz ernst gemeinten, auf jeden Fall aber alles Kritische entschlossen zur Seite schiebenden Rundblick auf seine Vaterstadt: »Mag die bayrische Regierung noch so fromm werden, mag der Landtag den letzten Groschen nur noch für Heugabeln verwenden oder für Rosenkränze, mögen die Künstler selber die größten Dummheiten begehen – diese Luft können sie alle zusammen nicht umbringen. Und der Polyp im Norden mit den großen Fangarmen kann sie nicht nachmachen.«

Eine zornige, bissige, ätzende Liebeserklärung an das München der Prinzregentenzeit hat man da gelesen – wenn man denn so weit gekommen ist! Denn diese Liebeserklärung ist zuallererst eine von gestern. Sicher, den vom Autor umkreisten »Grundfehler des Münchner Lebens«, dass nämlich einfach »zu viel gelobt« wird, wie Josef Hofmiller 1907 schrieb, den gibt es womöglich auch heute noch, und man darf und muss ihn immer wieder kritisieren. Doch selbst wenn das notorische Spezltum oder die klatschinteressierte Literaturverachtung im heutigen Munich noch lebendig sind – aktuell kann man Ruederers Schrift wirklich nicht nennen, und populär wird sie auch durch diese schöne Neuausgabe nicht werden. Wie denn auch?

Heutige München-Lektüre ist vor allem Lesearbeit. Selbst wenn man Experte für die Sozial- und Kulturgeschichte Münchens ist und einem Namen wie Otto Julius Bierbaum, Frank Wedekind, Max Halbe oder sogar Ernst von Possart durchaus geläufig sind, wird man nicht alles auf Anhieb verstehen. Das Buch ist derart eng an die Zeit seiner Entstehung gebunden, dass es sage und schreibe einhundertundacht oft längere Fußnoten braucht, um dem Text einigermaßen folgen zu können. Dazu kommen die oft willkürliche, durchwegs inkonsequente »Faction«-Mischung und der unkonzentriert fahrige, alles andere als elegante Erzählstil – die legitime Empfindung Leo Greiners, »dass hier etwas gestaltet wurde«, bleibt einigermaßen rätselhaft. Für die Herausgeber ist es gerade der »hohe Grad an Authentizität«, der Ruederers Buch weiterhin lesenswert macht: »Die Widersprüche der Stadt, die Zerrissenheit des Autors und ihre Spiegelungen ineinander sind nicht geglättet.«

Das ist zwar durchaus richtig, macht den Text jedoch nicht unbedingt lesenswerter. Immer drauf auf den bierseligen Spießbürger, zwei witzige Bemerkungen hier, drei originelle Neologismen dort, dazu eine Prise Selbstreflexion – das reicht nicht wirklich aus, um mit den Großen der bayerischen Literatur mithalten zu können, mit einer Marieluise Fleißer etwa oder einem Ödön von Horváth. Dass Josef Ruederer zu keiner Zeit aus dem Windschatten Ludwig Thomas treten konnte, dürfte nach der Lektüre seines München eigentlich niemanden besonders wundern. Tut es aber offenbar doch, wie die Rückseite der Neuausgabe zeigt. Moderne Schreibe hin oder her, offene Form oder geschlossene, Kritik oder Affirmation – nein, einen Vergleich mit Thoma hält dieser Schriftsteller nicht aus. Es ist zu wünschen, dass die Neuausgabe dennoch ihre Leser findet und dass sie mehr befriedigt als nur das antiquarische Interesse und das der Germanistik. Zu erwarten ist es nicht.

Josef Ruederer: München (1907). Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Walter Hettche und Waldemar Fromm. Kommentiert von Walter Hettche, Waldemar Fromm und Marlies Korfsmeyer (edition monacensia). München 2012: Allitera Verlag. 180 S.

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290 p.
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9783957658814
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