Read the book: «Empathische Kommunikation in der Palliativbetreuung»

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Der Autor


Klaus-Dieter Neander, Krankenpfleger, Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivpflege, Palliative Care, (In-)Kontinenz, Pain Nurse, Lehrer für Pflegeberufe, Pflegedienstleiter, B. Sc. Gesundheit und Management, M. M. Master of Mediation. Lehrbeauftragter für Health Care Management, Qualitäts- und Case-Management an der IU Hamburg und Lehrender für Palliative Care an der Apollon-Hochschule Bremen.

Der Illustrator


Jai Wanigesinghe, studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg. Bei seiner Arbeit als freiberuflicher Illustrator liegen seine Schwerpunkte auf den Themen Psychologie, Gesellschaft und Klimakrise.

Klaus-Dieter Neander

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Piktogramme

Definition

Kommunikationsbeispiel

Merke

Internet

1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-040852-4

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-040853-1

epub: ISBN 978-3-17-040854-8

Geleitwort von Tobias Altmann

Wenn man an Marshall B. Rosenberg denkt, kommen vielen von uns sicher unmittelbar Bilder in den Kopf, in denen er mit einer Wolfs- und einer Giraffenpuppe an den Händen zu sehen ist. Manchmal sah man ihn in seinen Seminaren auch mit Wolfs- oder Giraffenohren und gelegentlich sogar mit einer ganzen Stofftiergiraffe auf dem Kopf. Doch das Besondere an M. B. Rosenberg war nicht nur die tiefe Ernsthaftigkeit, die er selbst mit einer Giraffe auf dem Kopf auszustrahlen vermochte, sondern auch seine ansteckende Authentizität und die berührende Kraft seiner Worte. Die von ihm entwickelte Gewaltfreie Kommunikation (GfK) hat über die Jahre hinweg viele Menschen erreicht und bereichert, hat in vielen verhärteten Konflikten echte Lösungen ermöglicht und hat in unzählbaren, oftmals sehr schwierigen Gesprächen zu Entspannung beigetragen und die Gesprächspartner wieder miteinander verbunden.

In den letzten Jahren ist die GfK (oder zumindest einzelne Bausteine davon) von recht vielen Menschen angewandt worden. Einerseits ist eine große Verbreitung natürlich sehr erfreulich, andererseits ist dadurch jedoch auch eine Vielzahl unterschiedlicher Umsetzungsvarianten entstanden, was wiederum auch problematisch sein kann. So sind viele Anwenderinnen und Anwender leider nicht ausreichend tief mit der Grundidee, den vier Schritten und den zugehörigen Differenzierungen, den Voraussetzungen, den Wirkprinzipien etc. vertraut und hinreichend darin erfahren. Zu unbedacht werden oftmals Äußerungen als »zentrale Bedürfnisse« akzeptiert, zu vorschnell wird an einer Lösung gefeilt, zu achtlos werden nonverbale Signale übersehen, zu hektisch wird ein echtes Einlassen auf den Prozess einer zu oberflächlichen Ergebnisorientiertheit geopfert. Mir scheint es wichtig, zu betonen, dass die GfK vielmehr ein Prozess der authentischen Kommunikation ist, auf den man sich als Anwenderin und Anwender einlassen muss, wenn man die Früchte ernten will. Es braucht also nicht nur allgemeines Wohlwollen und die vielzitierten vier Schritte der GfK, sondern auch die wirkliche Auseinandersetzung – sowohl mit dem Gegenüber als auch mit sich selbst.

Entsprechend darf die GfK nicht nur als eine Technik gesehen werden, die wie ein Kuchenrezept angewendet werden kann. Sie erfordert auch (oder vielmehr) eine entsprechende innere Haltung. Beide Aspekte – Technik und Haltung – sind erst in ihrer Kombination wirksam. Die Haltung gibt die Richtung vor, die Technik liefert den Antrieb. Eine reine Anwendung der Technik ohne die passende innere Haltung kann in ungünstige Richtungen führen, Widerstände wecken und sogar in eine gewaltvolle Kommunikation umschlagen, die auf der Oberfläche auch noch gewaltfrei klingen mag. Die innere Haltung ohne die passende Technik bleibt unkonkret und die Energie verpufft. Es lohnt sich also, sowohl genauer auf die Technik zu achten als auch im Herzen gewaltfrei auf unser Gegenüber und gleichzeitig auch gewaltfrei auf und in uns selbst zu blicken.

Das vorliegende Buch gibt zu all diesen und vielen weiteren Aspekten der GfK wertvolle Impulse, dienliche Hinweise, hilfreiche Anleitungen und zudem auch viele pointierte praktische Beispiele. Der besondere Fokus des Buches liegt dabei auf einem sehr wichtigen Bereich im menschlichen Leben, der in den üblichen GfK-Trainings selten eine Rolle spielt, aber uns alle früher oder später intensiv und unumgänglich betrifft, nämlich die eigene Endlichkeit.

Am Ende des Lebens keine Zeit mehr zu haben und doch noch Zeit zu brauchen, um die eigenen Bedürfnisse zu klären, den Mut zu finden, die eigene Verletzlichkeit zu erfahren und sich mit dieser Verletzlichkeit anderen mitzuteilen – für solche Prozesse brauchen wir einen Menschen als Gegenüber, der unseren Prozess geduldig und wertschätzend begleitet, der sich die Zeit für uns nimmt, der unsere inneren Umwege mitgeht und unsere Launen und Anspannungen aushält, und der uns auf dem Weg zur Übernahme der Verantwortung für unsere eigenen Bedürfnisse auch in diesen existenziellen Zeiten kompetent unterstützt. Gerade bei der Pflege anderer Menschen, in der Zeit immer eine kritische Mangelware ist, ist es schwer, sich diese Zeit für einen anderen zu nehmen. Dann zusätzlich jetzt auch noch Fortbildungen zur GfK besuchen und Bücher darüber lesen? Das ist auf den ersten Blick fast schon eine Zumutung.

Allerdings lohnt sich dieser Weg wie kaum ein anderer. Wer sich die Zeit nimmt und wer sich immer wieder neu auf den individuellen Prozess seines Gegenübers einlässt, erfährt die zutiefst erfüllende Verbindung mit diesem Menschen. Die GfK ermöglicht eine authentische, vertraute und produktive Ebene im Gespräch. Und das sowohl für unser Gegenüber als auch für uns selbst als Anwenderinnen und Anwender der GfK.

Ich wünsche diesem Buch viele Leserinnen und Leser, denn es ist reich an Erkenntnissen, intensiv in der praktischen Anwendung und potent für die individuelle Entwicklung. Und nicht nur für professionelle Betreuende und Pflegekräfte: Jeder von uns, der mit dem Thema Tod und Sterben anderer Menschen in Berührung gekommen ist oder kommen kann, wird von diesem Buch profitieren. Und so schwer dieses Thema auch klingen mag, so dankbar kann man sein, wenn man gerade in dieser Zeit von einem Menschen begleitet wird, der auf diese wunderbare Art empathisch zuhören kann, wie es die GfK beschreibt. Egal ob mit oder ohne Stofftiergiraffe auf dem Kopf.


Dr. phil. Dipl.-Psych. Tobias AltmannAkademischer Rat an der Universität Duisburg-EssenEssen, im Frühling 2021

Geleitwort von Kirsten Fehrs

Im Angesicht des Todes die richtigen Worte finden, das passende Schweigen, die hilfreichen Gesten – seit Beginn aller Kultur bemühen sich Menschen darum. Sind doch der Tod des Anderen und das eigene Sterben die unmittelbarsten und tiefsten Leid- und Ohnmachtserfahrungen, die das Leben bereithält. Die ältesten kulturellen Zeugnisse der Menschheitsgeschichte erzählen davon, wie Menschen Abschieds- und Sterberituale und eine ganze Bestattungskultur entwickelt haben, damit sie der Ohnmacht und der grundsätzlichen Infragestellung durch den Tod begegnen können. Er braucht eine Antwort; Tod und Sterben erzwingen Kommunikation. Nicht zuletzt deswegen gibt es Religionen und spirituelle Praxis.

Aber welche Art von Kommunikation ist hilfreich? Damit beschäftigt sich dieses Buch. Klaus-Dieter Neander geht der Frage nach, welchen Beitrag das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation für die letzte Phase des Lebens leisten kann. Sie führt ja auf besondere Weise an Grenzen. Die Selbstwirksamkeit des pflegebedürftigen, schwerkranken oder sterbenden Menschen ist auf existentielle Weise in Frage gestellt. Und umgekehrt werden die Herausforderungen für pflegende, begleitende und mitempfindende Menschen nicht selten zu schwer. Solche Grenzsituationen mit ihren emotionalen Überforderungen können zum Einfallstor für Gewalt werden. Dieses Buch macht darauf aufmerksam und bietet wichtige Hilfestellungen.

Pflege geschieht in ungleichen Beziehungen, Palliativpflege ganz besonders. Ob ambulant oder stationär, ob im familiären oder im beruflichen Kontext: Immer gibt es den einen Menschen, der so stark eingeschränkt ist, dass er auf Unterstützung angewiesen ist. Und es gibt den anderen Menschen, hinreichend leistungsfähig, der diese Unterstützung gibt. So entsteht ein Machtgefälle, das schlicht unauflösbar ist. Umso wichtiger ist es, mit diesem Ungleichgewicht aufmerksam und verantwortlich umzugehen. Gerade das selbstbestimmte Sterben, das immer mehr Menschen sich für ihre letzte Lebensphase wünschen, ist auf sensible, achtsame, respektvolle Begleitung angewiesen. Es braucht eine Kommunikation, die jede Form von Übermacht oder Gewalt vermeidet. Dazu kann das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg eine wichtige Hilfe sein.

Aber auch Schwächere üben Macht aus, und gerade pflegende Angehörige wissen von hoch belastenden Erfahrungen zu berichten. Manche Pflegebedürftige oder Sterbende, körperlich geschwächt und in besonderer Schutzposition, nutzen die Gelegenheit, auf subtile oder weniger subtile Weise zu verletzen, unter Druck zu setzen und die Pflege und Begleitung zur Qual zu machen. Im schlimmsten Fall entstehen Gewaltspiralen, aus denen erst der Tod erlöst. Auch hierfür bietet dieses Buch nützliche Analyseinstrumente und gute Hinweise, wie bewusst reflektierte und eingeübte Kommunikation aus dem Dilemma hilft und der letzten Lebensphase ihre Würde lässt.

Die letzte Lebensphase hat ihre Herausforderungen, sie ist aber für viele Menschen zugleich eine Zeit besonderer Intensität. Rückblick und Lebensbilanz mit all den er-innerten, also neu aktualisierten Lebenserfahrungen prägen diese Zeit ebenso wie die ganz besondere und oftmals so rührende Dankbarkeit für die kleinen Dinge, für Begegnung und Beziehung, für das Leben an sich. Gewaltfreie Kommunikation schafft Raum für diese Tiefe – und sie hilft, den besonderen Schatz dieses Lebensabschnittes miteinander zu teilen. Dank an Klaus-Dieter Neander, dass er darauf so fachkundig aufmerksam macht.

Kirsten Fehrs

Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck (Nordkirche)

Widmung

Dieses Buch widme ich I., die mich über viele Jahre intensiv begleitet und durch Höhen und Tiefen mit mir gegangen ist, zu einer Zeit, als ich – wie ich heute weiß – weit davon entfernt war, Gefühle und Bedürfnisse benennen zu können. Das Privileg, von ihr begleitet worden zu sein, macht mich auch heute noch sehr glücklich und unendlich dankbar.

Mein Lebenspartner Erik hat mich auf das Konzept der »Gewaltfreien Kommunikation« aufmerksam gemacht und damit hat er unsere Beziehung »gerettet« – ohne ihn wäre die intensive Auseinandersetzung mit GfK nie erfolgt. Anja Kenzler bin ich sehr dankbar und verbunden, hat sie mich doch in ihrer fröhlichen und intensiven Seminararbeit mit der Tiefe und Weite der »Sprache des Herzens« vertraut gemacht. Und ich bin den Menschen, die ich in meiner Berufspraxis kennenlernen durfte, dankbar, haben sie mir doch gezeigt, dass die »Gewaltfreie Kommunikation« möglich ist, aber auch Grenzen erfahren muss. Alle Beispiele, die auf realen Gesprächen basieren, wurden dahingehend verändert, dass eine vollständige Anonymität der Personen gewährleistet ist.

Inhalt

1  Geleitwort von Tobias Altmann

2  Geleitwort von Kirsten Fehrs

3  Widmung

4  Vorwort

5  1 Das Konzept der »Gewaltfreien Kommunikation«

6  1.1 M. B. Rosenberg und seine Lehrer

7  1.2 Das »Konzept« der »Gewaltfreien Kommunikation«

8  1.3 Technik vs. Haltung

9  1.4 Die einzelnen Schritte der GfK

10  1.4.1 Schritt 1: Beobachtung

11  1.4.2 Schritt 2: Gefühl

12  1.4.3 Schritt 3: Bedürfnis

13  1.4.4 Schritt 4: Bitte formulieren

14  1.4.5 Optionen suchen

15  1.5 Metapher der GfK

16  1.5.1 Die Giraffe

17  1.5.2 Der Wolf

18  1.5.3 Wolfsshow

19  1.6 Zentrale Begriffe im Konzept der »GfK«

20  1.6.1 Freude, Glück und Wohlbefinden

21  1.6.2 Trauer

22  1.6.3 Angst und Furcht

23  1.6.4 Wut, Ärger und Zorn

24  1.6.5 Ekel

25  1.6.6 Überraschungen

26  1.6.7 Scham, Schuld, Empörung

27  1.6.8 Kränkung – Zusammenhänge zwischen Wut und Scham

28  1.7 Gefühle in der Umgangssprache

29  1.8 Mit Gefühlen umgehen

30  1.8.1 Ich habe Schuld …

31  1.8.2 Der Andere hat Schuld

32  1.8.3 Meine Gefühle wahrnehmen und Bedürfnisse äußern

33  1.8.4 Pseudo- oder Nicht-Gefühle

34  1.8.5 Die Gefühle und Bedürfnisse des Gegenübers wahrnehmen

35  1.9 Bedürfnis

36  1.10 Bitte

37  1.10.1 Keine negativen Bitten

38  1.10.2 Eine Bitte kann abgelehnt werden

39  1.10.3 Eine Forderung nicht als Bitte »verpacken«

40  1.11 Empathie

41  1.11.1 Empathie bei M. B. Rosenberg

42  1.11.2 Empathie in der Neuropsychologie

43  1.11.3 Empathie bei Altmann

44  1.11.4 Selbstempathie

45  1.11.5 Empathie als Gefahr

46  1.12 Respekt

47  1.13 Konflikt

48  1.13.1 Konfliktmodell nach Galtung

49  1.13.2 Konfliktarten

50  1.13.3 Konfliktstufen

51  1.13.4 Konfliktlandkarte

52  2 Gefühls- und Bedürfnis-Analphabetismus

53  3 Warum Gewaltfreie Kommunikation häufig nicht gelingt

54  3.1 Affektlogik oder der »emotionale Rucksack«

55  3.2 Mangelnde Empathiefähigkeit

56  3.3 Hörfilter

57  3.4 Verweigerung

58  3.5 Wenn GfK nervt …

59  4 GfK wissenschaftlich

60  5 Kritik am Konzept der Gewaltfreien Kommunikation

61  5.1 Die kommunikative Ebene

62  5.2 Die Überforderungsebene

63  5.3 Verknüpfung mit esoterischen Ansätzen

64  5.4 Nicht nur reden – tut etwas!

65  6 Tod und Sterben in der Gesellschaft

66  6.1 Die letzte Lebensphase: sterben

67  6.2 Über das Sterben reden – Elisabeth Kübler-Ross

68  6.3 Existentielle Verzweiflung am Lebensende

69  6.4 Worüber reden Sterbende?

70  6.4.1 Vier Themenfelder

71  6.4.2 Patient*innenverfügung

72  6.4.3 »Ich möchte sterben …« – Todeswunschäußerungen

73  6.4.4 Todeswunsch vs. Suizid

74  6.4.5 Sprechen über Todeswünsche

75  6.4.6 Bitte um Sterbehilfe

76  6.5 Worüber reden Angehörige?

77  6.6 Reaktion von Angehörigen auf die Arbeit von Palliativfachkräften

78  6.7 Worüber reden Teams?

79  6.7.1 Palliative Fallbesprechungen

80  6.8 Bewusstes Sterben?

81  6.9 Gutes Sterben?

82  7 Die religiöse Dimension

83  7.1 Der hochreligiöse Mensch

84  7.2 Die spirituelle Anamnese

85  7.3 Leiblichkeit und Spiritualität

86  7.4 Ein kurzer Überblick über die monotheistischen Religionen

87  7.4.1 Christentum

88  7.4.2 Islam

89  7.4.3 Judentum

90  7.4.4 Buddhismus

91  7.5 Zusammenfassung

92  7.6 Signalsprache

93  7.7 Es bleibt eine Narbe zurück

94  8 Über den Tod reden … »gewaltfrei«?

95  8.1 Kommunikationsbedürfnis

96  8.2 Symbolsprache

97  8.3 Nonverbale Kommunikation

98  8.4 Mimik

99  8.5 Körperhaltung

100  8.6 Basale Stimulation®

101  8.7 Kommunikation mit Musik

102  8.8 Unterschiedliche Wege zum Menschen – Kommunikation

103  9 Was in der Kommunikation beachtet werden sollte

104  9.1 Der Lake-Wobegon-Effekt

105  9.2 Besonderheit des »palliativen Kontextes«

106  10 Systemische Überlegungen

107  10.1 Verhältnis Kinder – Eltern

108  10.2 Wenn die Kraft nicht mehr ausreicht

109  10.3 Wenn »Dankbarkeit« gefordert wird

110  11 Gewaltfreie Kommunikation »vertieft«

111  11.1 »Doppeltes Zuhören«

112  11.2 Das Verstandene, das Ungehörte

113  12 Trauern

114  12.1 Warum trauern Menschen?

115  12.2 Das Coping-Modell nach Morse & Johnson (1991)

116  12.3 Das Duale Prozessmodell der Bewältigung von Verlusterfahrungen

117  12.4 Das Traueraufgabenmodell nach William J. Worden

118  12.4.1 Den Verlust des Menschen als Realität akzeptieren

119  12.4.2 Den Schmerz verarbeiten

120  12.4.3 Sich an die neue Situation ohne den Verstorbenen anpassen

121  12.4.4 Den Kontakt halten – auch wenn das Leben weitergeht

122  12.5 Anhaltende Trauerstörung

123  13 Aufgabe der Trauerbegleitung: Sinn geben oder aushalten?

124  14 Religiöse Bewältigung von Trauer

125  15 Frau K.

126  16 Zusammenfassung

127  Literatur

128  Stichwortverzeichnis

Die Uhr1

Ich trage, wo ich gehe,

Stets eine Uhr bei mir;

Wieviel es geschlagen habe,

Genau seh’ ich’s an ihr.

Es ist ein großer Meister,

Der künstlich ihr Werk gefügt,

Wenngleich ihr Gang nicht immer

Dem törichten Wunsche genügt.

Ich wollte, sie wär’ oft rascher

Gegangen an manchem Tag:

Ich wollt’ an manchem Tage,

Sie hemmte den raschen Schlag.

In meinen Leiden und Freuden,

Im Sturme und in Ruh, –

Was immer geschah im Leben,

Sie pochte den Takt dazu.

Sie schlug am Sarge des Vaters,

Sie schlug an des Freundes Bahr’,

Sie schlug am Morgen der Liebe,

Sie schlug am Traualtar.

Sie schlug an der Wiege des Kindes, –

Sie schlägt, will’s Gott! noch oft,

Wenn bessere Tage kommen,

Wie meine Seel es hofft.

Und ward sie manchmal träger,

Und drohte zu stocken ihr Lauf,

So zog sie der Meister mir immer

Großmütig wieder auf.

Doch stände sie einmal stille,

Dann wär’s um sie geschehn,

Kein and’rer, als der sie fügte,

Bringt die zerstörte zum Gehn!

Dann müßt’ ich zum Meister wandern,

Und ach, der wohnt gar weit,

Wohnt draußen, jenseits der Erde,

Wohnt dort in der Ewigkeit.

Dann gäb’ ich sie dankbar zurücke,

Dann würd’ ich kindlich flehn:

[»]Sieh’, Herr, – ich hab’ nichts verdorben,

Sie blieb von selber stehn.«

Text: Johann Gabriel Seidl

Musik: Carl Loewe

1 Johann Gabriel Seidl (1830): Die Uhr. In: Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht (https://nddg.de/gedicht/7650-Die+Uhr-Seidl.html, Zugriff am: 23.08.2021)

Vorwort

Das Lied von der Uhr hat mich schon in Kindertagen fasziniert – ich verstand die Metapher wohl schon recht früh und war in der Lage, das Gedicht zu rezitieren, bevor ich andere zusammenhängende Sätze formulieren konnte. Die Uhr als Metapher des Lebens.

Ich begann meine Ausbildung zum Krankenpfleger 1975 in einem Kreiskrankenhaus. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit Tod und Sterben nun »theoretisch« zu tun. Meine protestantische Mutter, die als »Gemeindehelferin« (heute nennt man diesen Beruf »Diakonin«) und »Krankenhausseelsorgerin« sehr engagiert tätig war, und meine Familie prägten mich insofern, als dass sie mich lehrten, dass Tod und Vergänglichkeit, Abschied nehmen müssen und Menschen zu verlieren zum »Leben« gehören würde, dass sie – egal was sie in ihrem Leben getan oder nicht getan haben – zum »himmlischen« Vater gehen würden, der sie unendlich liebe und dass dem Schmerz des Abschieds vom irdischen Leben der Trost einer »Zukünftigkeit« folgte. Ich hatte gelernt, die Orgel in unserer kleinen Gemeinde zu spielen, und so hatte ich die Möglichkeit, während unzähliger Beerdigungsfeiern nicht nur die evangelischen Lieder zu begleiten, sondern Menschen zu beobachten, die Abschied nehmen mussten: tief, vor Gram gebeugt, weinend, sich ein Taschentuch vor das Gesicht haltend, den Blick starr nach vorne gerichtet, keine Miene verziehend, sich gegenseitig stützend, manchmal streichelte eine Tochter ihre Mutter oder der Sohn nahm seinen Vater in die Arme. So standen sie alle an den offenen Grabstellen, in denen der Sarg verschwand und mit ihnen der Mensch, der in irgendeiner Weise zum Leben derer gehörte, die – wie man so sagt – zurückblieben. Ich war als Kind bei der ein oder anderen Beerdigung dabei gewesen… Ich kann mich aber nicht erinnern, dass mich die Zeremonie tief berührt hätte!

In der Krankenpflegeschule wurde das Thema – meiner Erinnerung nach – eher technisch besprochen: »Versorgung des toten Körpers!«. Als Schüler*innen mussten wir mit einem Kollegen bzw. einer Kollegin die Toten aus dem Badezimmer der Station holen, im Bett über die Flure des Krankenhauses schieben und sie dann in das hinter dem Krankenhaus gelegene Extrahaus bringen, in dem sie in einer Kühlbox gelagert wurden, bis das Beerdigungsinstitut den Leichnam abholte. Der Leichnam, den wir aus dem Badezimmer abholten, war von uns Pflegekräften vorher versorgt worden: Die Kinnlade wurde mit einer weißen, nassen Mullbinde »hochgewickelt«, damit der Mund nicht offen stand. In der Regel legten wir noch ein Handtuch unter den Kopf, damit dieser nicht »nach hinten« wegknickte. Die Haare wurden gekämmt, nicht selten fand ein »Totenwäsche« statt. So versorgt, wurden zwei Bettdecken über den Toten gebreitet, ein oder zwei Kopfkissen daraufgelegt, um den Patient*innen, die uns möglicherweise auf dem Flur oder im Fahrstuhl mit dem Bett sehen würden, zu suggerieren, wir würden lediglich ein durch eine Entlassung frei gewordenes Bett zur Reinigung in den Keller fahren. Wenn irgend möglich, sollte niemand erfahren, dass gerade ein Mensch verstorben war.

Wie gesagt, ich komme aus einer christlich geprägten Familie und einige andere Kolleg*innen, die sich in der Ausbildung befanden, auch, so dass wir einen »Hauskreis« gründeten, der sich mit dem Thema »Tod und Sterben« beschäftigen wollte. Ein Hauskreis, bei dem sich mehrere Menschen »in seinem Namen versammeln« und wo er mitten unter ihnen sein würde (Matthäus 18, 20), ist eine Institution, die besonders im christlich-pietistischen Umfeld dazu dient, gemeinsam die Bibel zu lesen, darüber zu reden, gemeinsam zu singen und zu beten. Der Hauskreis wird als Umsetzung der »Gemeinschaft der Heiligen« verstanden (»heilig« ist in diesem Sinne die Person, die sich in besonderer Weise Gott zugehörig weiß, z. B. indem sie sich ganz bewusst im Kreis Gleichgesinnter zu Gott bekennt, seine Schrift studiert und ihm dienen will).

Wir waren in diesem Hauskreis vielleicht fünf oder sechs Auszubildende, wir erlebten erstmalig auf den Stationen, dass jemand starb, wir waren »irgendwie« anwesend, allein gelassen, mit dem, was wir erlebten. Altgediente Kolleg*innen beeindruckten uns durch den schnoddrigen Umgang mit dem Tod (»Na, das wurde aber auch Zeit!«), mit dem Vokabular (»Machst du mal den Ex fertig!«), selten dadurch, dass sie wahrnahmen, wie uns junge Menschen diese Erfahrungen verunsicherten, dass wir es eklig fanden, wenn wir einen Leichnam waschen sollten oder seine Exkremente vom Hintern wischen mussten. Sie merkten nicht, dass wir eine Scheu davor hatten, den Toten zu berühren, der vor einer Stunde noch mit uns kommuniziert hatte; Profi-Pflegende und Ärzt*innen ließen uns in unserer Verwirrung zurück, wenn wir nach andauernder Reanimation einen Körper inmitten Kanülen und Intubationsbesteck, bei blinkendem Monitor und leise vor sich hin zischendem Beatmungsgerät betrachteten und irgendwie versuchten, das Geschehene einzuordnen. Niemand brachte uns bei, wie wir den Angehörigen, die vor der Eingangstür der Intensivstation bange warteten und – sobald wir das Reanimationszimmer verließen – ahnten, nein, spontan die Gewissheit hatten, dass ein Leben »verlöscht« war, begegnen sollten. Was sagt man den Hinterbliebenen, floskelhaft »herzliches Beileid« oder »wir konnten nichts mehr für ihn*sie tun«?

Seit diesen Tagen (seit über 40 Jahren) wurde ich in den unterschiedlichsten »Settings« immer wieder mit dem Tod konfrontiert: in meiner langjährigen Tätigkeit auf Intensivstationen und im Rettungsdienst, in meiner Tätigkeit bei langzeitbeatmeten Klient*innen in der häuslichen Pflege, in Tätigkeiten im Hospiz oder der ambulanten Palliativversorgung. Ich stand selbst am Grab von Menschen, die mir sehr, sehr viel bedeutet haben und wo das Unfassbare plötzlich über mich hereinbrach: Der Tod meiner Pflegemutter und der meines Schwiegervaters waren für mich die existentiellsten Erfahrungen, die mich betrafen, meine Familie, die Menschen, die ich liebte und die mit mir um »Fassung« rangen. Ich erinnere mich noch gut, als mein Schwiegervater (ein Landwirt in einem kleinen Dorf) verstorben war und wie wohltuend ich es fand, dass das Dorf, die weitere Familie aus einer langen Tradition, uns, die wir eng mit ihm verwandt waren, stützte, indem sie – oftmals wortlos – tat, was getan werden musste: Man kondolierte, vielleicht floskelhaft, aber es tröstete uns, man kam in das Haus meines Schwiegervaters und »war da«, einfach so, hielt mit uns das aus, was uns so unerträglich schien, hielt unser Weinen und Klagen, unsere Erschütterung, unsere Ziellosigkeit einfach »aus« … wie glücklich ich heute noch über diese Erfahrungen bin.

In dem Hauskreis lasen wir damals das Buch »Die Kunst des Sterbens – eine Anleitung« (Mauder 1976) von einem evangelischen Theologen und diskutierten darüber. Aber mir scheint, wir sprachen damals wie der berühmte Blinde über die Farbe. Viele andere Bücher, z. B. von Kübler-Ross (1975), habe ich seitdem zum Thema gelesen und viele persönliche Erfahrungen machen dürfen. Es zeigt sich nach meiner Wahrnehmung, dass auch der festeste Glaube häufig die Angst vor dem Tod nicht zu lindern vermag. Meine Erfahrungen lehren mich, dass wir immer noch »sprachlos« sind angesichts des Todes oder des bevorstehenden Todes.

2014 lernte ich das Konzept der »Gewaltfreien Kommunikation« nach Marshall B. Rosenberg kennen, die »Sprache des Herzens« (M. B. Rosenberg 2013). Ich war und bin fasziniert davon, wie Rosenberg – national und international – den Gedanken entwickelt hat, dass sich Menschen mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen verbinden und diese einander mitteilen sollen. M. B. Rosenberg war davon überzeugt, dass Gewalt auch durch Sprache entsteht bzw. »gewaltvolles Verhalten« seine Ursprünge darin hat, dass eine Person sich ihrer eigenen Gefühle und Bedürfnisse nicht bewusst ist bzw. sie im Gegenüber nicht erkennt.

Mir ist wichtig, den Gewaltgedanken in zwei Richtungen zu benennen: Gewalttätigkeit wird in der Regel so verstanden, dass einer Person einer anderen Person »Gewalt« antut, sie schlägt oder zu irgendetwas zwingt. In der häuslichen (ambulanten) Pflege findet mehr »Gewalt« statt, als wir gemeinhin annehmen – nicht unbedingt im Sinne von körperlicher Gewalt, die auch stattfindet, sondern in Form von Mikroaggressionen: spitze Bemerkungen, gezielte Provokationen, absichtliches Missverstehen usw. M. B. Rosenberg spricht von dieser »Gewalt«, die eben auch in der Sprache liegt, und will mit seinem Kommunikationsmodell eine Möglichkeit anbieten, diese Gewalt zu verhindern. Gewalt richten wir aber auch gegen uns selbst, wenn wir Gefühle nicht zulassen und Bedürfnisse unterdrücken. Das klingt banal, aber wie oft können wir nicht einmal ein Gefühl benennen, das uns bedrückt, es so beschreiben, dass der Gegenüber versteht, warum es mir schlecht geht. Und wir sind häufig völlig überfordert, wenn es darum geht, für uns selbst und mit anderen zu klären, welches Bedürfnis ich mir erfüllen muss und mir erfüllt werden müsste, damit es mir wieder besser gehen kann. Hier hat M. B. Rosenberg ganz klar Zusammenhänge beschrieben, die helfen können, stressige, belastende Situationen zu meistern.

Mit der intensiven Beschäftigung und dem Versuch, »Gewaltfreie Kommunikation« selbst zu praktizieren, stelle ich immer häufiger fest, wie oft wir uns gegenseitig verletzen, weil wir unüberlegt oder wenig empathisch mit dem Gegenüber reden und uns über dessen Reaktion wundern (oder empören oder ärgern). Mit dem Wissen über die »Sprache des Herzens« höre ich in der Praxis der Palliativpflege die Gespräche innerhalb der Beziehungen und Familien, höre die in verletzende Worte gepackte Sprachlosigkeit und spüre die Ängste der todkranken Person und der An-/Zugehörigen. In den Beratungsgesprächen mit Klient*innen und deren Familien gelingt es nicht selten, mit »Gewaltfreier Kommunikation« Unsagbares sagbar zu machen. Und diese Möglichkeit möchte ich den Leserinnen und Lesern eröffnen, ihnen aufzeigen, dass Sprachlosigkeit mit der »Sprache des Herzens« überwunden werden kann und befreiend wirkt:

• für die todkranke, im Sterbeprozess befindliche Person,

• für die An- und Zugehörigen, aber auch

• für die Ehrenamtlichen, Pflegenden, Mediziner*innen und Theolog*innen.

»Palliative Pflegepraxis wird als ›Face-to-Face-Dimension‹ [umschrieben, als ein] Involviert-Sein, Betroffen-Sein, Berührt-Sein. Damit tangiert die Erfahrung des sterbenden Menschen auch stets das Erleben und somit die Persona, das Person-Sein, vom professionell Begleitenden […]. […] [Aber es kommt anscheinend] zu einer Divergenz von Profession und Persona: Während der professionellen Pflegefachperson eine ›Verobjektivierung‹ von Situations(deutung) und Verhalten zugeschrieben wird, wird angenommen, dass auf der anderen Seite ihre Persona eine subjektive Deutung vornimmt und so erspürte Bedürfnisse sterbender Menschen subjektiv beantwortet. Im Rückschluss ist die Face-to-face-Beziehung […] von Fremd- und Betroffen-Sein gekennzeichnet und damit ebenso als notwendige Selbstpflege von professionell Pflegenden zu erbringen.« (Schulze 2014, S. 36f.)

Mit anderen Worten: Die Kommunikation zwischen den Beteiligten muss oder sollte für beide »gut sein«:

»[…] dass ich sagen kann, […], das war für mich auch gut. Auch so eine Begleitung für mich, kostet mich ja Kraft, aber sie muss auch für mich gut sein, wenn ich sehe, ich konnte da einen Schritt weit was bewirken, dass alle aus der Situation gut herausgehen.« (Schulze 2014, S. 37)

Gewaltfreie Kommunikation leistet aus meiner Sicht einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum »Sorge tragen«, denn sich um den Anderen (und sich selbst) (Selbstpflege nach Orem, Cavanagh 1997, Neumann-Ponesch 2011, Moers & Schaeffer 2011) zu sorgen, bedeutet »das Wachstum des Anderen (und sich selbst) zu ermöglichen« (Maio 2019, S. 222). Sorge bedeutet aber auch, »die Unmittelbarkeit ernst zu nehmen, […] sie ist und bleibt in jeder unmittelbaren Begegnung ein Werkstück, das immer wieder neu entworfen und abgestimmt werden muss« (ebd., S. 222) und sie ist »(über-)lebensnotwendig, denn nur die Sorge kann dem hilfsbedürftigen Menschen das Gefühl der Achtung vermitteln und zum Ausdruck bringen, dass man ihm beisteht.« (ebd., S. 224)

Wenn dieses Buch bei Ihnen, liebe Leser*innen, die Idee aufkeimen lässt, dass mit der »Gewaltfreien Kommunikation« vielleicht ein Bruchteil dessen verwirklicht werden kann, was gemeinhin als »umfassende Pflege«, als »empathische Unterstützung« oder einfach als »Menschsein« verstanden werden kann, dann erfüllt es seinen Zweck.

Wir leben in einer medialen Welt und so habe ich vereinzelt Hinweise auf im Internet verfügbare Videos eingefügt, die entweder einen Sachverhalt noch einmal »anders« erklären oder aber wichtige Persönlichkeiten vorstellen, auf die ich in diesem Buch besonders eingehe (z. B. Kübler-Ross u. a.).

Für Beratung bei einzelnen Themen danke ich Pastor Nils Christiansen (Christentum) und Rabbi Dr. Walter Rotschild (Judentum), Herrn Dr. Tobias Altmann, der sich wissenschaftlich mit der »Gewaltfreien Kommunikation« auseinandergesetzt hat, für die kritische Durchsicht des Manuskriptes und sein wohlwollendes Geleitwort und Frau Pastorin Kirsten Fehrs, Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche Norddeutschlands, für die Bereitschaft, das Manuskript zu lesen und ein Geleitwort zu verfassen. Ein besonders herzlicher Dank gilt Jai Wanigesinghe für die wunderbaren Abbildungen, sein Engagement für das Thema und für seinen überbordenden Ideenreichtum, auch komplexe Themen umzusetzen. Diese Abbildungen sind in den Seminaren immer besonders beliebt und helfen, Zusammenhänge noch besser zu verstehen.

Auch in dieser Arbeit ist mir wieder bewusst geworden, wie sehr ein gutes Lektorat hilft, verworrene Sätze zu entknoten und so zu formulieren, dass das geschriebene Wort für alle verständlich ist – mein Dank gilt daher auch und in besonderer Weise meiner Lektorin Frau Anne-Marie Bergter vom Kohlhammer Verlag.

Ein Letztes: Ich schreibe als Gesundheits- und Krankenpfleger und deshalb beziehe ich in diesem Text häufig diese Berufsgruppe ein, was aber nicht bedeuten soll, dass die anderen Personen, die sich um die Palliativbetreuung verdient machen, nicht gemeint wären.


Klaus-Dieter NeanderHamburg, im März 2021

1 Das Konzept der »Gewaltfreien Kommunikation«
1.1 M. B. Rosenberg und seine Lehrer

Marshall B. Rosenberg studierte Psychologie bei Carl R. Rogers (1902–1987) und A. Ellis (1913–2007). Rogers gilt als der Begründer der klientenzentrierten Psychotherapie und dessen Einfluss auf die Gewaltfreie Kommunikation ist unübersehbar. Rosenberg betont in seinem Modell, dass die »Benennung der eigenen Gefühle« von hervorragender Bedeutung für eine gelingende, gewaltfreie Kommunikation sei (M. B. Rosenberg 2013, S. 55ff.). Rogers schreibt: »Es war vor allem unsere Erfahrung [in der Therapie, Anm. vom Autor], dass die Klienten allmählich dahin kommen, ihre wahren Gefühle gegenüber Familienmitgliedern und auch anderen Menschen vollständiger zu äußern. Dies gilt sowohl für die oft als negativ betrachteten Gefühle […] wie auch für die eher positiv einzustufenden Gefühle […].« (Rogers 1976, S. 308) Gefühle sind Emotionen, eine Körperempfindung oder eine Stimmung (Baumgartner et al. 2015, S. 28, vgl. Röhner & Schütz 2012, S. 24) und sie dienen dazu, Kontakt zueinander zu bekommen und die eigenen Bedürfnisse zu erfassen. Auch hier zeigt sich die intensive Zusammenarbeit mit Rogers: »Eine Beziehung [wird] umso hilfreicher sein, je ehrlicher ich mich verhalten kann. Das meint, daß ich mir meiner eigenen Gefühle soweit wie möglich bewußt sein muß. […] Ehrlichkeit meint außerdem noch die Bereitschaft, sich in Worten und Verhalten zu den verschiedenen von mir vorhandenen Gefühlen und Einstellungen zu bekennen und sie auszudrücken.« (Rogers 1976, S. 47) Und: »Ich habe gelernt, dass in jeder wichtigen oder dauerhaften Beziehung anhaltende Gefühle Ausdruck finden sollten.« (Rogers 1992, S. 22)

Rogers war der Überzeugung, dass es nur dann möglich ist, Kontakt zu Klient*innen herzustellen, wenn Kongruenz (Authentizität), »unbedingte Wertschätzung« und »empathisches Verstehen« gelingen (Weinberger 2013, S. 19). Authentizität bedeutet, dass die Pflegefachkraft in Übereinstimmung mit sich selbst ist und sich dessen, was sie erlebt oder empfindet, deutlich bewusst wird. Empathisches Verstehen bedeutet, dass sich die Pflegefachkraft Mühe gibt, den inneren Bezugsrahmen des anderen möglichst exakt wahrzunehmen und dabei insbesondere auf die emotionalen Signale des Gegenübers zu achten.

Kongruenz umschreibt Rogers häufiger mit Begriffen wie »Echtheit – als reales Zugegensein«, »Wertschätzung oder bedingungsfreies Akzeptieren« oder als »präzises einfühlendes Verstehen (Empathie)«. (Rogers 1975, zit. nach Riedel & Heidenreich 2014, S. 212f.). Die Kongruenz zeigt sich in den Begegnungen zwischen der Pflegefachkraft und Klient*in und in der Haltung der Pflegefachkraft:

Definition kongruente Begegnungen

Kongruente Begegnungen zeichnen sich durch Reziprozität und Unmittelbarkeit aus, d. h. durch das sich auf den*die Andere*n einlassen, was auf verbale bzw. nonverbale Art und Weise geschieht.

Definition kongruente Haltung

Kongruente Haltung drückt sich im »Tun« und im »Sein« aus, d. h. das Tun, z. B. in Form eines Gesprächsangebotes, und das Sein, das sich wiederum durch Echtheit und Gegenwärtigkeit präsentiert (Riedel & Heidenreich 2014, S. 215ff.).

In der Palliativpraxis fällt es nicht immer leicht, diesen Anspruch umzusetzen, aber wenn Pflegende Klient*innen auf den »letzten Metern« wirklich helfen und sie aufrichtig und ehrlich begleiten möchten, dann kommen sie nicht umhin, sich mit dem Gedanken der Kongruenz vertraut zu machen. Im Ansatz von M. B. Rosenberg schlagen sich diese für Rogers enorm wichtigen Überlegungen in den Schritten zwei und drei (Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen) nieder.

Ellis begründete die »Rational-Emotive Verhaltenstheorie« (Kriz 2001, S. 147ff.). Rosenberg gibt in seinem Buch Hinweise zur Befreiung von alten Mustern (M. B. Rosenberg 2013, S. 191), die »das menschliche Potential« einschränken und die mit Hilfe von GfK aufgelöst werden. Die Empfehlungen, die M. B. Rosenberg gibt, erinnern sehr an die von Ellis postulierten »irrationalen Überzeugungen«, die er als »Hauptursachen von emotionalen und motivationalen Schwierigkeiten« definiert (Kraiker & Pekrun 1998, S. 720, vgl. Kriz 2001, S. 150): »Ich tauge nichts, wenn ich nicht immer perfekt, kompetent und leistungsfähig bin, oder wenigstens fast immer in den wichtigsten Bereichen.« (Kraiker & Pekrun 1998, S. 720) Ellis hebt in seiner Arbeit hervor, dass »übersteigerte Erwartungen« und irrationale Gedanken für mangelndes Wohlbefinden und Neurosen verantwortlich sind (Kraiker & Pekrun 1998, S. 1019). Als Beispiele dieser Erwartungen führen Kraiker & Pekrun (1998) z. B. an: von anderen total geliebt zu werden, dass der andere sich so verhält, wie man es erwartet. Die Lösungsansätze von Ellis (Kriz 2001, S. 150) und Rosenberg (M. B. Rosenberg 2013, S. 192) sind nahezu identisch.

Marshall B. Rosenberg (1934–2015) bezieht sich ausdrücklich auf Rogers (M. B. Rosenberg 2013, S. 17) und weist darauf hin, dass sein Modell der GfK »nichts Neues« enthielte (M. B. Rosenberg 2013, S. 22), was grundsätzlich z. B. auch über das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun zu konstatieren wäre. Rosenberg erfuhr in seiner Jugend Gewalt sowohl an der eigenen Person (wegen seines jüdischen Nachnamens) als auch in der Rolle des beobachtenden, verängstigten Kindes bei Rassenkrawallen in Detroit. (M. B. Rosenberg 2013, S. 21, Baumgartner et al. 2015, S. 16, Altmann 2015, S. 32). In seiner späteren Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt wurde ihm M. Ghandi (1869–1948) zum großen Vorbild: »Ich nenne diese Methode ›Gewaltfreie Kommunikation‹ und benutze den Begriff Gewaltfreiheit im Sinne von Ghandi.« (M. B. Rosenberg 2013, S. 22, vgl. auch Altmann 2015, S. 33) M. B. Rosenbergs besonderes Interesse war es darzustellen, inwieweit »Sprache« und »Worte« das Potential der Gewalt in sich tragen und zu Verletzungen der Seele und der Würde des Menschen in der Lage sind (ausführlich dazu z. B. Herrmann et al. 2007, Haller 2012, Neander 2016).

1.2 Das »Konzept« der »Gewaltfreien Kommunikation«

Gibt man den Namen M. B. Rosenberg in Google ein, erhält man 193.000 Einträge.2 Sein Buch »Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens« (M. B. Rosenberg 2013) liegt in vielen Sprachen und in deutscher Übersetzung in der 13. Auflage vor. Mit seinem Buch hat Marshall Rosenberg unzählige Menschen beeinflusst und internationale Friedensprojekte und Ähnliches initiiert, befruchtet, gar erst möglich gemacht.

1.3 Technik vs. Haltung

GfK ist allerdings nicht nur eine »Technik« oder »Methode«, sondern vor allem eine Haltung. »Auf einer tieferen Ebene ist sie eine ständige Mahnung, unsere Aufmerksamkeit in eine Richtung zu lenken, in der die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wir das bekommen, wonach wir suchen.« (M. B. Rosenberg 2013, S. 23) Rosenberg legt Wert darauf, dass »[d]as Wesentliche der GFK sich in unserem Bewusstsein [abspielt, Hervorhebung vom Autor]) […] und nicht in den tatsächlichen Worten, die gewechselt werden.« (M. B. Rosenberg 2013, S. 26, vgl. auch Baumgartner et al. 2015, S. 16). Altmann (2015, S. 52) weist daraufhin, dass dieses »Bewusstsein« eine »spezifische Auffassung von Empathie [in der Gewaltfreien Kommunikation darstellt], die von der gängigen Sichtweise der Psychologie abweicht […].«

Nicht selten findet man das Konzept der »Gewaltfreien Kommunikation« reduziert auf die vier Schritte. Die »Gebrauchsanleitungen« in den Veröffentlichungen lesen sich häufig wie Anweisungen zur Anwendung eines Rasierapparates (eine besonders irritierende Beschreibung findet sich z. B. in Huber (2014)). Wenn im Folgenden die von M. B. Rosenberg beschriebenen Schritte hier kurz erläutert werden, dann unter dem Vorbehalt, dass GfK in Seminaren und in ständigen Trainings »erarbeitet und gelebt« werden muss – von »einmal lesen« wird es nicht gelingen.

1.4 Die einzelnen Schritte der GfK

Von Pflegefachkräften wird ein hohes Maß an Empathie erwartet, Pflegende müssen ein »Herz« haben, »mitfühlen« und auf Trauer und Schmerz adäquat reagieren können. So lautet die Forderung – aber können das Pflegende? Sie sind ja nicht anders sozialisiert als der Schalterbeamte am Auskunftstresen der Bundesbahn oder die Verkäuferin oder der Busfahrer. Pflegende ergreifen ihren Beruf, weil sie etwas »mit Menschen« machen wollen – nicht nur »handwerklich«, sondern zwischenmenschlich. Sie beklagen, dass sie nicht genügend Zeit z. B. für Klient*innen haben, die unter starken Schmerzen leiden, und das viel zu schnell ein Medikament gegeben wird, wo doch möglicherweise ein »empathisches Gespräch« genauso, wenn nicht sogar hilfreicher wäre.

Pflegende spüren, dass Klient*innen – wie die Pflegenden selbst – Gefühle und Bedürfnisse haben, aber sie haben kaum Ideen dazu, wie sie mit dieser Wahrnehmung umgehen sollen. Aber Pflegende können als Kolleg*innen recht rabiat miteinander umgehen und wenig empathisch sein. Ich hatte lange überlegt, wie ich meinen Teams das Modell von M. B. Rosenberg vorstellen könnte, bis sich in einer Dienstbesprechung recht spontan die Möglichkeit zum Einstieg ergab.

Als Pflegedienstleiter eines ambulanten Pflegedienstes hatte ich mit den Mitarbeitenden häufiger über Kommunikation gesprochen: über fehlende Kommunikation (Informationen waren nicht angekommen), über schlechte Kommunikation (unangemessene Wortwahl, plötzliche Wutausbrüche) und ähnliche Varianten. Natürlich hatten alle Kolleg*innen von den Kommunikationsmodellen von Schulz von Thun gehört (4-Ohren-Modell), aber bei einer Dienstbesprechung wurde uns klar, dass irgendetwas Wichtiges fehlte: Eine Kollegin trug sehr emotional und aufgeregt ein Problem vor, das sie mit einer nicht anwesenden Kollegin habe. Sie sagte, dass sie nicht bereit wäre, mit dieser Kollegin weiter zusammenzuarbeiten, mit anderen Worten: »Entweder die geht oder ich bin weg!«

Ich griff die Situation auf, notierte am Whiteboard vier Spalten, die ich mit »Situation«, »mein Gefühl« und »meine Gedanken« überschrieb; die vierte Spalte blieb zunächst frei. Ich bat die Kollegin, mit mir gemeinsam die Spalten auszufüllen. Sie brauchte wenig Zeit, um die Situation zu beschreiben, und konnte schnell sagen, was sie gedacht hat. Sehr lange brauchte sie, bis sie ihre Gefühle benennen konnte.

Nachdem wir die drei Spalten ausgefüllt hatten, fragte ich sowohl die Kollegin als auch die anderen Kolleg*innen, was denn wohl in der freien Spalte stehen müsste. Sehr spontan kam die Reaktion: »Was macht man denn mit einer solchen Situation?« Wir diskutierten und irgendwann wurde klar, dass die Kollegin Bedürfnisse nach Anerkennung, Wertschätzung und Respekt hat und dass sie dies (nicht nur) in der beschriebenen Situation vermisst hat. Wir nannten die vierte, freie Spalte »Meine Bedürfnisse«.

Ich fragte die Kolleg*innen, ob sie auch ähnliche Beispiele aus ihrem beruflichen Umfeld hätten, und wir füllten die Tabelle innerhalb von 90 Minuten mit zehn weiteren Beispielen. Die Kolleg*innen waren mit Eifer dabei und – wie sie mir später berichteten – es erleichterte sie ungemein, einmal darüber sprechen zu können. Nachdem wir die Beispiele gesammelt hatten, blieb natürlich die Frage im Raum: »Ja, und jetzt? Was machen wir damit? Jetzt wissen wir, fühlen, denken, wollen … aber davon hat sich die Situation ja nicht verändert.«

Die Kolleg*innen begannen Forderungen zu stellen: »Die soll sich mal für ihr Verhalten entschuldigen!« Ich erwiderte, was denn die Kolleg*innen machen würden, wenn die Person, die sich für ihr Verhalten entschuldigen soll, »Nein« sagt: »Nee, warum sollte ich das tun?« Auf diese Art und Weise lernten wir den Unterschied zwischen »eine Bitte aussprechen« und »eine Forderung aufstellen«. Erstere lässt ein »Nein« zu, öffnet aber den Weg zur Verhandlung. Eine Forderung, die abgelehnt wird, kann im Grunde nicht mehr verhandelt werden und es macht – da waren sich die Teilnehmenden dieser Mitarbeiter*innenbesprechung einig – Sinn, sich genau zu überlegen, ob eine »Bitte« wirklich als »Bitte« gemeint ist (also bereits mitgedacht wird, dass der Gegenüber der Bitte nicht entsprechen will) oder ob man eine Forderung als »Bitte« verklausuliert: »Kannst du das bitte zukünftig unterlassen!« Wie kann eine Bitte aussehen? Etwa so:

»Du hast mich vorhin bei der Kundin ›als zu dumm für den Job‹ bezeichnet (1), das hat mich wütend und traurig gemacht (2), weil mir eine gute und freundschaftliche Zusammenarbeit wichtig ist (3). Ich möchte dich bitten, mir zukünftig direkt zu sagen, wenn ich etwas falsch gemacht habe, könntest du dir das vorstellen? (4)«

Zugegebenermaßen klingt die Formulierung etwas sperrig, aber sie beinhaltet die Beschreibung der Situation (1), erläutert die Gefühle (2), die in der Kollegin hochkamen, und bezeichnet das Bedürfnis, dass die Kollegin gerne erfüllt haben würde (3). Erst auf dieser Basis kann die angesprochene Person eigentlich entscheiden, ob sie der Bitte entsprechen möchte (4). Die Bitte lässt ein »Nein« zu, was dann aber dazu führen könnte (nicht zwangsläufig müsste), dass die Kollegin darüber nachdenken könnte, ob die Bitte vielleicht maßlos war oder mit der Angesprochenen klären könnte, was sie daran hindert, die Bitte zu erfüllen. Die Kommunikation zwischen den Beteiligten ist in jedem Fall besser als in der beschriebenen Situation.

Im Team arbeiteten wir die anderen Beispiele der Tabelle ab, indem auch hier versucht wurde, eine wirkliche Bitte zu formulieren – es war nicht leicht für alle Beteiligten, aber lohnend. Diese »Übung« führten wir in jeder Dienstbesprechung durch – was einerseits dazu führte, dass die Kolleg*innen insgesamt sehr viel achtsamer, offener und empathischer miteinander umgingen und ich – als Pflegedienstleiter – viele Situationen geschildert bekam, die Missstände im Unternehmen aufzeigten und die ich auf diese Art und Weise angehen konnte.

Das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation versucht die individuellen Lebenserfahrungen der Gesprächspartner*innen zu integrieren, was naturgemäß nicht immer gelingt und auch den langeprobten GfKlern mitunter Mühe bereitet. Menschliche Reaktionen, Gefühle, Bedürfnisse entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind immer in die individuelle Biographie eines jeden Einzelnen eingebettet. Gerade im palliativen Kontext kennen die Pflegefachkräfte und die anderen Menschen, die sich aus professioneller Perspektive mit den Klient*innen beschäftigen, diese Biographie nicht (vollständig), so dass besondere Sorgfalt im Umgang und in der Kommunikation mit den Klient*innen und deren An-/Zugehörigen notwendig ist. GfK bietet vielfältige Möglichkeiten, um besser auf die Klient*innen eingehen zu können, was im Konzept der »ganzheitlichen Pflege« grundlegende Bedeutung hat.

Wie erwähnt, hat M. B. Rosenberg vier Schritte der Kommunikation beschrieben, was aus didaktischer Sicht sicher sinnvoll ist, leider aber dazu verführt, das Konzept quasi als »Rezept« misszuverstehen: Man gehe die vier Schritte und ein »gutes« Ergebnis ist garantiert. Dem ist aber nicht so. Denn Rosenberg wollte eine Veränderung der Haltung der Menschen erreichen, kein Rezeptbuch veröffentlichen. Doch sind die Schritte natürlich hilfreich und sollen deshalb hier skizziert werden.

1.4.1 Schritt 1: Beobachtung

Für eine gelingende Kommunikation, gerade wenn sich bei einer der Personen, die das Gespräch führen will oder muss, Ärger entwickelt (hat), ist es unabdingbar, zunächst die Situation zu beschreiben, die zu Unmut, Frust oder Ärger geführt hat. Dabei soll die Beschreibung so formuliert sein, dass sie frei von Bewertung oder Beschuldigung ist – ähnlich einem Foto, das eine Situation erfasst, aber nicht bewertet.

Negativ-Beispiel:

»Immer schmeißt du deine Schuhe in den Flur. Ich finde das ätzend! Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass mich das nervt!«

Positiv-Beispiel:

»Ich sehe, deine Schuhe liegen im Flur.«

Die »neutrale, quasi fotographische« Beschreibung ermöglicht es der angesprochenen Person, die beschriebene Situation zu kommentieren, ohne sich sofort angegriffen zu fühlen, denn das »immer« aus dem Negativ-Beispiel führt sofort dazu, dass die angesprochene Person sich angegriffen fühlt und z. B. sagt: »Wieso immer? Gestern habe ich die Schuhe ins Regal gestellt!«

Negativ-Beispiel:

»Ich habe das Gefühl,es geht Ihnen schlecht.«

Positiv-Beispiel:

»In Ihrem Gesicht sehe ich Sorgenfalten (Mimik!), kann ich etwas für Sie tun?«

Wichtig ist, dass die Beobachtung in diesem Augenblick zählt, eine Beobachtung, die sowohl Umstehende als auch der*die Klient*in selbst bestätigen können. »Gefühle« der Pflegefachkraft können nicht Auslöser für ein helfendes, empathisches Gespräch sein.

Beobachtungen sollen frei von Bewertung sein. Wie schwierig dieser Anspruch zu realisieren ist, mögen folgende Beispiele verdeutlichen, wie sie häufig in Pflegedokumentationen, aber auch in Gesprächen zu finden sind:

Bewertung

»Frau Z. ist überhaupt nicht kooperativ.«

Beobachtung:

»Frau Z. möchte nicht im Bett gewaschen werden, sondern am Waschbecken.«

Bewertung

»Herr A. nervt beim Essen.«

Beobachtung:

»Herr A. hat heute keinen Appetit auf Jogurt, er möchte lieber Milchsuppe essen.«

1.4.2 Schritt 2: Gefühl

Die beschriebene Situation macht etwas mit dem, der die Situation anspricht. Gefühle machen sich körperlich bemerkbar und sind oft das Erste, was einem bewusst wird (Baumgartner et al. 2015, S. 28). Gefühle wie »verzweifelt, entmutigt, traurig, unglücklich« beschreiben die eigene Situation:

»Ich sehe, deine Schuhe liegen im Flur. Das entmutigt mich.«

Wir zögern häufig, Gefühle zu zeigen, weil sie uns angreifbarer machen und wir davor Angst haben. Wenn nach der Beobachtung ein Gefühl beschrieben wird, dann um zu zeigen, was die Beobachtung mit »mir« gemacht hat: Die Beobachtung hat mich traurig oder wütend, fassungslos gemacht, hat mich beglückt oder berauscht.

»In Ihrem Gesicht sehe ich Sorgenfalten, das bedrückt/erschreckt mich.«

Werden eigene Gefühle benannt, überrascht das häufig den*die Gesprächspartner*in und irritiert, weil es in unserem Kulturkreis unüblich ist, (fremden) Menschen gegenüber Gefühle zu zeigen. Wir haben Angst davor, denn wer Gefühle zeigt, macht sich verletzbar. In meiner Praxis der Palliativpflege hat sich immer wieder gezeigt, dass aber gerade dieser Aspekt des Gesprächs dazu führt, dass die andere Person sich auch traute, ihre Gefühle anzudeuten. Die Gespräche gewannen an Tiefe.

1.4.3 Schritt 3: Bedürfnis

Ein Gefühl weist auf ein Bedürfnis hin und dieses Bedürfnis kann nur gestillt werden, wenn die andere Person das Bedürfnis kennt, wenn es ihr mitgeteilt wird. Menschen haben Bedürfnisse nach Autonomie, Integrität, Interdependenz u. a., d. h. sie wünschen sich z. B. Respekt, Unterstützung, Nahrung oder Ruhe. Es erscheint schwieriger, das Bedürfnis zu benennen, aber sich seiner Bedürfnisse klar zu werden, sie zu formulieren und sie der anderen Person zu offenbaren, hilft ihr, die gesamte Situation besser einschätzen zu können.

»Ich sehe, deine Schuhe liegen im Flur. Das entmutigt mich, weil ich das Bedürfnis nach Ordnung habe.«

Werden Gefühl und Bedürfnis mitgeteilt, kann die andere Person besser verstehen, worum es eigentlich geht. Die so angesprochene Person ist weder als solche noch in ihrer Handlung angegriffen oder bewertet/verurteilt worden, sie kann entsprechend reagieren.

»In Ihrem Gesicht sehe ich Sorgenfalten, das bedrückt/erschreckt mich, denn ich möchte, dass es Ihnen gut geht.«

Im pflegerischen Kontext muss die Pflegefachkraft überlegen, ob sie ein Bedürfnis danach hat, dass es der anderen Person gut geht oder ob sie einfach das Bedürfnis »umschreibt« (»…denn ich möchte, dass es Ihnen gut geht.«).

1.4.4 Schritt 4: Bitte formulieren

Die angesprochene Person ist nach den ersten drei Schritten zwar informiert, worum es eigentlich geht, aber sie weiß nicht, was von ihr erwartet wird. Häufig wird quasi erwartet, dass die andere Person doch nun wissen müsse, was erwartet wird (gerade in langen Beziehungen). Aber so verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch ihre Erwartungen und deshalb ist es wichtig, eine konkrete Bitte zu formulieren.

»Ich sehe, deine Schuhe liegen im Flur. Das entmutigt mich, weil ich das Bedürfnis nach Ordnung habe. Ich bitte dich, die Schuhe in das Regal zu stellen.«

Diese Bitte ist praktisch erfüllbar, sollte die Bitte lauten: »Ich bitte dich, dass du besser aufräumst!«, dann wird nicht klar, was genau erbeten wird, denn unter »aufräumen« versteht so ziemlich jede Person etwas anderes.

Definition

Eine Bitte ist nur dann eine Bitte, wenn die angesprochene Person die Erfüllung dieser Bitte auch ablehnen und die bittende Person diese Ablehnung auch akzeptieren kann und wenn die Bitte so konkret ist, dass der Gegenüber eine echte Handlungsoption hat.

Natürlich wird dann verhandelt werden, aber – wie dieses Beispiel zeigt – die Atmosphäre für eine Lösung des Problems ist unbelastet von persönlichen direkten und indirekten Vorwürfen und Bewertungen der Person oder der Handlung.

Wir verwechseln häufig die echte Bitte mit einer unechten Bitte, nämlich einer Forderung: Letztere lässt nicht zu, dass die andere Person diese »Bitte« ablehnt (Baumgartner et al. 2015, S. 46). Lautet die »Bitte«: »Ich möchte, dass du mich verstehst!«, dann wird nicht deutlich, was genau der*die Bittende möchte und sie lässt nicht zu, dass die gebetene Person sagt: »Nein, ich möchte dich nicht verstehen!«

Die Handlungsbitte beinhaltet eine konkrete Handlung, z. B. »Könntest du bitte den Müll rausbringen?«, während die Beziehungsbitte das Ziel hat, Kontakt zur anderen Person herzustellen, aufrechtzuerhalten oder wieder neu zu beleben, z. B. »Kannst du etwas damit anfangen?« oder »Habe ich dich richtig verstanden, dass …«

1.4.5 Optionen suchen

Die Ablehnung einer »echten« Bitte führt in der Regel dazu, dass die beteiligten Personen gemeinsam nach Optionen suchen, um eine Lösung zu finden. Diesen Aspekt beleuchtet M. B. Rosenberg m. E. nach nicht genug, er ist aber gerade in Paarbeziehungen oder in Eltern-Kind-Konflikten von essentieller Bedeutung, denn jedes »Nein« zwingt die Beteiligten nach anderen Lösungen zu suchen, wenn sie denn an einer Lösung überhaupt interessiert sind.

»Ich sehe, deine Schuhe liegen im Flur. Das entmutigt mich, weil ich das Bedürfnis nach Ordnung habe. Ich bitte dich, die Schuhe in das Regal zu stellen.«

Reaktion der angesprochenen Person:

»Ich bin manchmal so eilig, dass ich keine Zeit habe, die Schuhe in das Regal zu stellen, wäre es okay für dich, wenn ich auf jeden Fall abends, bevor ich ins Bett gehe, die Schuhe ins Regal stelle?«

Hier folgt der Bitte ein Angebot und die beteiligten Parteien haben eine weitere Option, die möglicherweise zur Befriedung des Konfliktes führt. In Anlehnung an die Schautafel, die Rosenberg selbst veröffentlicht hat (M. B. Rosenberg 2013, S. 213), stelle ich die beschriebenen Schritte wie folgt dar:


Abb. 1: Die Schritte der »Gewaltfreien Kommunikation« nach Rosenberg (in Anlehnung an M. B. Rosenberg 2013, S. 213, eigene Darstellung)

Der Schritt »Verhandeln« wird bei M. B. Rosenberg nicht explizit benannt, mir erscheint die Benennung aber wichtig, weil er die logische Folgerung daraus ist, dass eine Bitte eben auch abgeschlagen werden kann, was zwangsläufig zu einer Situation des »Verhandelns« führen wird.

Die kurze Skizze der GfK offenbart ein anderes Verständnis von Kommunikation und vom Umgang miteinander und macht deutlich, dass der Verzicht auf Vorwürfe und Bewertungen die Grundvoraussetzung für eine wertschätzende Gesprächsführung darstellt. GfK ist – so zeigt die kurze Einordnung – dem symbolischen Interaktionismus (Mead 1968, vgl. Etzrodt 2003, S. 208ff.) zuzuordnen, dessen Ausgangsthese beschreibt, dass der Mensch sowohl in der natürlichen Welt lebt, aber eben auch in einer symbolischen (Burkhart 2002, S. 54). Menschen handeln gegenüber Dingen entsprechend den Bedeutungen, die diese Dinge für sie haben, wobei die Bedeutungen durch die soziale Interaktion mit den Mitmenschen entsteht und in einem (inneren) Interpretationsprozess benutzt oder auch abgeändert werden können (Blumer 1973, S. 81f.). Um es eher pragmatisch zu formulieren: Person A kennt in einem Kommunikationsprozess weder die Bedeutung, die bestimmte Dinge für sein Gegenüber haben, noch den Entstehungs- und Interpretationsmechanismus, der dazu führt, dass die Person B so reagiert, wie sie reagiert. GfK will helfen, diese Tatsache im Kommunikationsprozess zu klären und möchte so zu einer »gewaltfreien« Verständigung beitragen.

1.5 Metapher der GfK

Die »Gewaltfreie Kommunikation« hat sich möglicherweise auch so großartig verbreitet, weil M. B. Rosenberg mit zwei Figuren arbeitete, die bestimmte Inhalte darstellen sollen. In seinem »Grundlagenwerk« hat er diese Tiere nicht erwähnt, aber in zahllosen Seminaren und Videos hat M. B. Rosenberg sie eingesetzt.

1.5.1 Die Giraffe

Die Giraffe steht für einfühlsame, empathische Kommunikation!

Sie ist das Symboltier (Weckert 2014), nicht nur, weil sie das größte Herz eines Säugetiers hat (ca. 12 kg, nur das Herz eines Blauwals ist deutlich größer).3 Das Herz muss das Blut in den Kopf und somit sehr weit hoch pumpen. Da die Giraffe zudem auch noch das höchste lebende Tier ist, symbolisiert sie damit die Fähigkeit, den Überblick zu behalten, und die Hörner (aus festem Knorpelgewebe) sehen aus wie Antennen. Sie symbolisieren die Fähigkeit, »Schwingungen« wahrzunehmen. Der Speichel der Giraffe vermag Dornen aufzulösen und diese Tatsache wird als Symbol für »das Auflösen kritischer Situationen« interpretiert. Die »Gewaltfreie Kommunikation« wird deshalb auch gerne als »Giraffensprache« bezeichnet und eine Vielzahl von Büchern beschäftigt sich damit.

1.5.2 Der Wolf

Der Wolf steht für aggressive Kommunikation.

Das zweite Symboltier ist der Wolf. Der Wolf ist ein ausgesprochen soziales Tier4, gleichwohl ist er ein Raubtier, der sich holt, was er will, der außerordentlich starke Drohgebärden äußern kann (und dabei sein starkes Gebiss zeigt!) und der sich insbesondere durch »heulen« bemerkbar macht. Die Zähne symbolisieren das »Abwerten« und die »Schuldzuweisung«.

Interessanterweise ist der Wolf in vielen Märchen als der »böse Wolf« bekannt und auch der britische Philosoph Thomas Hobbes bezeichnete den Menschen unter Bezugnahme auf den Komödiendichter Titus Maccius Plautus (etwa 254–184 v. Chr.) als lupus, als Wolf. Denn Hobbes entwarf einen Gesellschaftsvertrag, in dem die Menschen ohne Regierung und Obrigkeit miteinander leben könnten. Ein Gesellschaftsvertrag erschien ihm aber notwendig, weil in dem Naturzustand der Gesellschaft die Menschen sonst Krieg gegen alle führen würden, da »der Mensch ein Wolf« sei (Bühler 2007). M. B. Rosenberg erklärt in dem Video, warum er die Giraffe und den Wolf als »Symboltiere« einsetzt.

Video: Rosenberg über Giraffen und Wölfe

Giraffe NVC (2020, 1. November): Giraffe Language and Jackal Language | Nonviolent Communication explained by Marshall Rosenberg [YouTube] (https://www.youtube.com/watch?v=Xov5z_GJ9Zs, Zugriff am: 18.02.2021)

1.5.3 Wolfsshow

Wir kennen die Situation: Ich fühle mich von einer Person angegriffen, ungerecht behandelt, benachteiligt und mir platzt der Kragen. Zu einer einfühlsamen Kommunikation mit der Person bin ich ganz sicher nicht in der Lage: Meine Wortwahl wird verletzend, ich mache die Person verbal »fertig«. Wenn ich nicht anständig erzogen worden wäre (und nicht Angst davor hätte, dass die andere Person vielleicht schneller und stärker ist als ich), würde ich der Person eine Ohrfeige geben.

Dieses Verhalten wird als Wolfsshow bezeichnet – sie sollte im »stillen Kämmerlein« oder bei einem Spaziergang um den Häuserblock »ausgelebt« werden: ohne Zuschauer*innen und auf jeden Fall in Abwesenheit der Person, die dieses Verhalten in mir ausgelöst hat. Es hat sich mehr als bewährt, wenn in einer solchen Situation zunächst dafür Sorge getragen wird, dass die Wolfsshow abgehalten werden kann:

»Ich bin im Moment nicht in der Lage, mich mit dir auseinanderzusetzen, können wir uns um 13:00 Uhr treffen, damit wir das Problem besprechen können?«

»Ich bin ratlos, weil mich deine Worte getroffen haben. Zunächst brauche ich erst einmal Abstand, lass uns morgen früh darüber reden.«

Die Wolfsshow kann mich »frei« machen, sie kann aber auch – wenn die andere Person dabei ist – Verletzungen setzen, die nicht mehr heilbar sind.

1.6 Zentrale Begriffe im Konzept der »GfK«

Aus meiner Sicht gibt es in dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation mehrere zentrale Begriffe, die M. B. Rosenberg nicht näher definiert hat, sondern in seinem Buch mehr oder weniger allgemein beschrieben hat. Im Folgenden soll herausgearbeitet werden, wie die zentralen Begriffe der »Gewaltfreien Kommunikation« verstanden werden können. Zentrale Begriffe sind – wie wir in den Schritten zwei und drei des Konzepts gesehen haben – »Gefühl« und »Bedürfnis«!

Jeder von uns war schon einmal überwältigt von seinen Gefühlen: die erste Liebe, ein wunderschönes Konzert, ein einmaliges Erlebnis. Im Bruchteil einer Sekunde ist der Mensch wie verwandelt, positiv, angeregt, nahezu entrückt oder wütend, verzweifelt, aggressiv. Meine Emotionen und Gefühle schreiben meine Geschichte und »Gefühle machen Geschichte!« (Ciompi & Endert 2011) (Die ältere Generation ist immer noch »verzaubert« von dem Geständnis von Kennedy: »Ich bin ein Berliner!«). Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe »Gefühl« und »Emotionen« gleichwertig benutzt, sie werden für die Beschreibung derselben »Zustände« eines Menschen genutzt. Glasenapp (2013, S. 14) definiert hingegen:

»Gefühle [Hervorhebung des Autors] sind im Gegensatz zu Emotionen eher eine Alltagsformulierung, die allerdings in einer Allgemeinheit Verwendung findet, die Phänomene einschließt, bei denen es sich nicht um Emotionen im engeren Sinne handelt. (z. B. »Ich fühle mich schlapp!«) Im wissenschaftlichen Kontext beschreibt das Gefühl – im Gegensatz zur »öffentlichen« Emotion – den privaten, subjektiven und nicht objektiv erfassbaren Anteil der Emotion […].« (Glasenapp 2013, S. 14)

M. B. Rosenberg (2013, S. 64) benennt in seiner Liste »Wie wir uns wahrscheinlich fühlen, wenn sich unsere Bedürfnisse nicht erfüllen« das Verb »schlapp« als ein »Gefühl«. Damasio (2013) stellt eine Verknüpfung zwischen Gefühlen und Emotionen her:

»Menschliche Emotionen [Hervorhebung des Autors] betreffen nicht nur sexuelle Lust oder die Angst vor Schlangen. Sie sind auch der Schrecken beim Anblick von Leid und die Befriedigung, die wir empfinden, wenn der Gerechtigkeit Genüge getan wird […]. [Solche] Anlässe für Emotionen und deren Schattierungen hängen von den Gefühlen ab, die durch diese Emotionen hervorgerufen werden. Die Emotionen, die nach außen gerichtet sind, beginnen ihre Wirkung auf den Geist durch die Gefühle, die nach innen gerichtet und privat sind. Doch die vollständige und andauernde Wirkung von Gefühlen bedarf des Bewusstseins, weil das Individuum nur mit den Anfängen eines Selbst-Sinns erkennen kann, dass es Gefühle hat.« (Damasio 2013, S. 50)

Emotionen sind »unscharf« (Glasenapp 2014, S. 14ff., ähnlich auch Montada & Kals 2007, S. 148), weil verschiedene Aspekte in ihrer Gesamtheit »Emotionen« beschreiben:

• der körperliche Aspekt (wir »spüren« die Emotion),

• der qualitative Aspekt (unterschiedliche Menschen reagieren mit unterschiedlichen Emotionen auf bestimmte Situationen),

• der formale Aspekt (einerseits der sichtbare, öffentliche Anteil (Mimik), andererseits der »private«, nur durch Introspektion erfahrbare Anteil),

• der funktionale Aspekt (Emotionen haben spezifische Funktionen, die den Menschen bewegen, etwas zu tun!) und

• der regulative Aspekt (Emotionen stehen in enger Wechselwirkung mit anderen Prozessen der menschlichen Psyche, z. B. Bewusstsein, Aufmerksamkeit, Gedächtnis).

Die körperlichen Aspekte eines Gefühls sind uns sehr bekannt: Wenn wir aufgeregt sind, haben wir oft ein rotes Gesicht, in einer Situation, in der wir Angst haben, entwickelt sich feinperliger Schweiß auf der Stirn, sind wir entspannt und relaxt, ist unsere Atmung und die Stimme ruhiger, sind wir glücklich, strahlen unsere Augen, unsere Bewegungen sind fließender. Traurigkeit zeigt sich durch einen niedergeschlagenen Blick, manche verspüren eine Enge im Brustraum.

»Fühlen heißt, in etwas involviert zu sein.« (Heller 1981, S. 20)

»In etwas involviert sein«, kann alles sein: mein Gegenüber, eine politische Idee, ein bestimmtes Problem, eine kritische Situation – und dieses Involviert-Sein kann »positiv oder negativ, aktiv und reaktiv, direkt und indirekt sein.« (Heller 1981, S. 20) Diese verschiedenen Dimensionen des Involviert-Seins, des »Fühlens« sind Bestandteil unseres Handelns und Denkens (ebd., S. 25) und können im Vordergrund oder Zentrum stehen (z. B. die Furcht selbst steht im Vordergrund, nicht deren Objekt) oder aber im Hintergrund. Gefühle stehen in einer zwischenmenschlichen Beziehung immer (oder zumindest meistens) im Bewusstseinszentrum, z. B. beim Verliebtsein, Freundschaft oder Neid. Doch das Gefühl des Verliebtseins – wer wüsste das nicht – »verblasst« allmählich, es wird zum Hintergrundgefühl, gerade bei längeren Beziehungen. Im palliativen Kontext aber kann dieses Hintergrundgefühl wieder in den Vordergrund rücken. Das folgende Kommunikationsbeispiel verdeutlicht diesen »Wechsel«.

Kommunikationsbeispiel (PFK = Pflegefachkraft, K = Klient*in)

PFK: »Sie sehen heute entspannter, fröhlicher, kräftiger aus als gestern.«

K: »Ja, das stimmt … Mir ist heute Morgen, als ich aufwachte, plötzlich klar geworden, was für eine wunderbare Zeit ich hatte. Wissen Sie, als ich meine Frau kennenlernte, da wusste ich irgendwie sofort: Die ist es! Warum? Fragen Sie mich nicht, ich weiß es nicht. Wie sie lachte, sprach, ihre Gestik,ihre Klugheit – all das faszinierte mich; ich war total verknallt und es war so wunderbar, dass sie mir ihre Liebe geschenkt hat. Seit dem ersten Tag liebt sie mich, trägt mich, begleitet mich, beschützt mich, ist für mich da … Das war alles irgendwie selbstverständlich geworden, aber heute Morgen, da fiel mir auf, was für ein Geschenk diese Frau für mich und mein Leben ist.«

PFK: »Sie klingen verliebt …«

K: »Ja, genau, wie am ersten Tag … Ich möchte ihr das heute auf jeden Fall nochmal sagen. Ich weiß nicht genau wie, es ist ja irgendwie kitschig, aber ICH brauche es, IHR das zu sagen …«

PFK: »Sie möchten das einfach noch einmal ›klarstellen‹, deutlich machen?«

K: »Unbedingt, sie soll wissen – wenn ich nicht mehr da bin –, dass sie mich sehr, sehr glücklich gemacht hat.«

Welcher Aspekt der Emotion z. B. in einem Gespräch mit Palliativpatient*innen »erkennbar« ist, hängt von den genannten Aspekten ebenso ab, wie z. B. von der Sozialisation der Person.

»Emotionen […] bezeichnen die Gesamtheit und das Zusammenspiel aller beteiligten Prozesse: Dies sind körperliche Prozesse; es sind darüber hinaus kognitive Prozesse der Wahrnehmung und Bewertung von emotionsauslösenden Objekten; es sind die subjektiven, mentalen Repräsentationen, die mit Emotionen einhergehen; es sind motivationale Prozesse und damit die mit Emotionen in Zusammenhang stehenden Handlungen […].« (Glasenapp 2014, S. 12, vgl. auch Damasio 2013, S. 49ff.)

M. B. Rosenberg benutzt (zumindest in der deutschen Übersetzung) das Wort »Empathie« nicht. Mir scheint die Differenzierung allerdings nicht unerheblich, da in manchen Seminaren langatmige Diskussionen über das »richtige« Wort geführt werden; nach meiner Auffassung ist Rosenbergs Vokabular mehr »alltagssprachlich« und er subsumiert die Begriffe für Gefühle und Emotionen.

»Ich bin traurig, dass du gehst!«

»Ich freue mich, dass du kommen kannst!«

Häufig werden bei der Beschreibung von »Emotionen«, diese als »gut (angenehm)« oder »schlecht (unangenehm)« bezeichnet:

• gute Emotionen inspirieren die Person, machen sie frei und fröhlich, während

• schlechte Emotionen häufig mit einem schlechten Gewissen vergesellschaftet sind und als schmerzhaft und unangenehm empfunden werden.

Die Wahrnehmung und die Bewertung der Emotion liegt naturgemäß in der Sicht der Person, die diese Gefühle beschreibt. Die angenehmen Gefühle verursachen angenehme Körperwahrnehmungen, die unangenehmen Gefühle hingegen unangenehme Wahrnehmungen in unterschiedlicher Intensität.

Gefühle und/oder Bedürfnisse sind komplexe miteinander verbundene Regungen des Menschen, die des Bewusstseins bedürfen. Nicht immer sind uns die Gefühle klar, die uns gerade überfluten, bedrücken, verwirren – sich dieser Gefühle klar zu werden, sie auszusprechen und dem Gegenüber mitteilen zu können, zeichnet empathische Kommunikation aus. Gefühle zu erkennen, bedeutet aber auch, sich auf sich selbst (und natürlich auch auf den anderen) einlassen zu können. Glasenapp (2014, S. 13) gibt jedoch zu bedenken, dass mit einer positiven oder negativen Bewertung einer Emotion die Möglichkeit beeinflusst wird, die (wie auch immer geartete) Emotion als Ressource zu sehen. Er schlägt eine andere Benennung vor:

Definition adaptive Emotionen

Adaptive Emotionen sind gesunde, unmittelbare Gefühle, die als Richtschnur für unser Handeln dienen können. Sie sind hilfreich und können in sinnvolle Handlungen umgesetzt werden.

Definition maladaptive Emotionen

Maladaptive Emotionen, also ungesunde Emotionen, sind oft durch kritische Lernerfahrungen bis hin zu traumatischen Erfahrungen bedingt und führen in der Folge durch ihre Intensität zu Belastungen und zu zwischenmenschlichen Konflikten.

Die Begriffe sind zwar etwas ungewohnt, helfen aber meines Erachtens sensibler mit der Sprache umzugehen. Die Begriffe »gut« und »schlecht« sind immer bewertend, egal ob sie die betroffene Person selbst nutzt oder eine andere. Gewaltfreie Kommunikation will aber nicht bewerten, sondern helfen, neue Optionen zu finden, die aus einer konflikthaften Situation herausführen können.

Gewaltfreie Kommunikation legt es darauf an, die Person zu respektieren ( Kap. 1.12), so wie sie ist, und nicht, sie zu bewerten. Wird ein Gefühl, eine Emotion als »gut« oder »schlecht« bewertet, fühlt sich die Person ebenfalls bewertet/abgewertet. Dieser Gedanke ist offensichtlich, wenn es sich um »negative Bewertung« handelt und die Person wird sich verteidigen und Gründe anführen, warum sie genau so und nicht anders gehandelt hat. Der Blick wird in die Vergangenheit gerichtet, die Möglichkeiten, die sich aus der neuen Situation ergeben, werden häufig nicht genutzt.

Aber auch »positive Bewertungen« veranlassen die Person, sich retrospektiv zu orientieren, sich selbst zu loben und auf den »Lorbeeren« auszuruhen – aber (so sagt ein Sprichwort!): Das Gute ist des Besseren Feind! Wenn bei allen Beteiligten der Gedanke greift, dass jede Emotion dazu verhelfen kann, neue Optionen für die Zukunft zu entwickeln, dann ist die Differenzierung von Glasenapp auch für die Praxis der Gewaltfreien Kommunikation unverzichtbar.

Ekmann (2017, S. 18) beschreibt Emotionen als einen »Prozess, eine spezielle Art von automatischer Bewertung der Lage, die von unserer evolutionären und persönlichen Vergangenheit beeinflusst ist. Durch sie nehmen wir wahr, wenn sich etwas für unser Wohlbefinden Bedeutsames ereignet, woraufhin sich eine Reihe von physiologischen Veränderungen und emotionalen Verhaltensweisen der Situation anzunehmen beginnen. […] [Sie] können ganz unvermittelt entstehen und tun dies in vielen Fällen auch, oftmals so plötzlich, dass unser bewusstes Selbst gar nicht daran beteiligt ist, ja häufig nicht einmal erkennt, welcher Auslöser in einem bestimmten Augenblick dieses oder jenes Gefühl in uns hervorgerufen hat. Diese Eile kann lebensrettend sein, aber sie kann auch fatale Folgen haben, dann nämlich, wenn wir überreagieren.« (vgl. Weckert 2014, S. 49, Damasio 2013, S. 49ff., Auchter 2019)

Praktisch heißt das für die Anwendung der Gewaltfreien Kommunikation, dass es in den Gesprächen für die Person oftmals sehr schwierig ist, spontan das »Gefühl« zu beschreiben und – unterstützt durch die empathisch zuhörende Person – ein Suchen nach dem Begriff beginnt, der für die betroffene Person (und nur für sie!) stimmig ist:

Kommunikationsbeispiel (PFK = Pflegefachkraft, K = Klient*in)

PFK: »Sie sind traurig, weil Ihr Partner Sie verlassen hat?«

K: »Traurig, nein, ja doch, nein: eher empört! Was bildet er sich ein?«

PFK: »Sie sind verletzt, weil er einfach gegangen ist?«

K: »Ja, verletzt und unheimlich wütend!«

In diesem Beispiel zeigt sich, wie die Person darum ringt, die Emotion oder das Gefühl zu beschreiben, um das es geht. Aber bevor das Gefühl nicht »benannt« ist, bietet sich keine Möglichkeit, dieses Gefühl als Ressource zu sehen. M. B. Rosenberg unterscheidet verschiedene Gefühle:

Definition »primäre Gefühle«

Echte Gefühle (primäre Gefühle): Sie drücken sich körperlich aus und können als Ich-Botschaft formuliert werden. Echte Gefühle sind auch jene, die von Babys »gezeigt« werden: Hunger, Durst etc. Echte Gefühle enthalten keine Schuldzuweisungen.

Beispiel: »Ich bin satt!«

Definition »sekundäre Gefühle«

Sekundärgefühle bestehen aus einer Mischung aus Primärgefühl und bestimmten Verhaltensweisen, z. B. Wut, Ärger, Hass, Scham, Schuldgefühle. Sekundärgefühle bleiben häufig »länger« und diese »Klebrigkeit« (Weckert 2014, S. 58) hat damit zu tun, dass wir bestimmte »Wahrheiten« in uns tragen, die zu ändern wir kaum in der Lage sind.

Beispiel: »Dies und das macht man nicht. Ich habe es aber gemacht, also muss ich mich schämen!«

Sekundärgefühle beschäftigen uns lange Zeit und es lohnt sich daher immer herauszufinden, was dahinter liegt: Welche Denkgewohnheit, welche Tradition, welche Überzeugung führt dazu, dass ein Sekundärgefühl vorhanden ist? »Wesentliches Kennzeichen eines Sekundärgefühls […] ist auch, dass dahinter andere primäre Gefühle stecken. Im Fall von Ärger sind das oft Traurigkeit, Angst, Schmerz, Ohnmacht…« (Rothhaupt 2019, S. 22) Hinter den Sekundärgefühlen stecken immer »Soll-Gedanken«:

Kommunikationsbeispiel (PFK = Pflegefachkraft, E = Ehefrau)

Die PFK kommt verspätet zum Klienten, der seit etwa 30 Minuten wartet. Die Ehefrau öffnet die Tür und schimpft los.

E: »Sie wissen schon, dass wir seit 30 Minuten auf Sie warten? Ich bin völlig unzufrieden mit Ihrer Firma und werde mich bei Ihren Vorgesetzten beschweren – mein Mann liegt im Sterben und Sie haben nichts anderes zu tun, als uns warten zu lassen.«

PFK: »Ich kann nachvollziehen, dass Sie verärgert sind, Sie haben Sorge um Ihren Mann!«

E: »Allerdings, das ist ja wohl auch nachvollziehbar, oder?«

Die Angehörige ärgert sich und lässt diesem Ärger auch freien Lauf, weil sie sich um ihren Ehemann sorgt. Für die Pflegefachkraft, die relativ grob »angefasst« wird, ist es gut, sich darüber im Klaren zu sein, dass der Ärger quasi »Ventil« eines tiefer sitzenden »Soll-Gedankens« ist, nämlich: Die Pflegekräfte sollen pünktlich bei uns sein, mein Mann ist schwerkrank und wir brauchen die Hilfe der Pflegefachkräfte.

Rothhaupt (2019, S. 22) bezeichnet diesen »Soll-Gedanken« auch als Absolutheitsanspruch (in diesem Beispiel gegenüber der Pflegefachkraft) und die Aufgabe eines solchen Konfliktgespräches ist es, den Ärger »zu transformieren«, d. h. herauszufinden, welches primäre Gefühl zu dem Ärger geführt hat (in diesem Beispiel relativ einfach, weil die Ehefrau im Grunde das primäre Gefühl »Angst« ja schon vorgibt).


Abb. 2: Transformation sekundäres – primäres Gefühl (eigene Darstellung)

Definition Pseudogefühle

Pseudogefühle5 (vgl. auch Brand-Hörsting 2019, S. 31) sind Begriffe, die Zuweisungen auf »andere« machen, also eher die andere Person be-/verurteilen: »Ich fühle mich nicht wertgeschätzt«, ist kein Gefühl, sondern sagt letztlich etwas darüber aus, wie ich die andere Person einschätze: Ich gehe davon aus, dass die andere Person mich nicht mag und deshalb mit mir in einer Weise umgeht, die mir unangenehm ist, mich irritiert, verunsichert.

Rosenberg weist zu Recht darauf hin, dass Pseudo- oder Nicht-Gefühle häufig daran erkannt werden können, dass bestimmte Satzbauten verwendet werden (M. B. Rosenberg 2013, S. 60f.):

• Sätze, die nach dem Wort »Gefühl/fühlen« mit »dass, wie, als ob« weitergehen

− »Ich habe das Gefühl, dass du es besser wissen solltest.«

• Sätze mit persönlichem Pronomen, wie ich, du, er, sie, es, wir

− »Ich habe das Gefühl,ich bin immer zur Stelle.«

• Sätze mit Namen oder Hauptwörtern, die sich auf Menschen direkt beziehen

− »Ich habe das Gefühl, Amy ist immer sehr verantwortlich.«

Während primäre Gefühle relativ eindeutig zu erkennen sind und einigermaßen einfach herauszufinden ist, welches Bedürfnis die Person hat, die ein primäres Gefühl zeigt, sind sekundäre und/oder Pseudogefühle deutlich schwieriger für die betroffene Person selbst zu verstehen und somit auch mit erheblicher emotionaler Arbeit zu ergründen, welches Bedürfnis unerfüllt ist.

• »Ich habe Hunger.« (Bedürfnis: ein saftiges Steak verzehren!)

• »Ich schäme mich, weil ich mich falsch verhalten habe.« (Bedürfnis: nach Geborgenheit, Liebe, Verständnis, emotionale Sicherheit …?)

Doch die Umgangssprache benutzt nun einmal sehr häufig Begriffe, die im GFK-Kontext als Pseudogefühl beschrieben werden. Sie können deshalb ja nicht falsch sein – ungenau ja, aber falsch nicht. Menschen, die ein »Pseudogefühl« beschreiben, wollen Gefühle und Bedürfnisse äußern. Aufgabe der »hörenden« Person ist es, die Pseudogefühle zu übersetzen.

Im Umgangsdeutsch sagt man gelegentlich »Ich fühle mich angegriffen!«, möglicherweise soll aber ausgedrückt werden, dass die Person sich unsicher und hilflos fühlt und um Verständnis für eine Situation bittet. Oder man spricht davon, dass man »sich ausgenutzt« fühle und meint, man sei traurig und man braucht Unterstützung und Respekt.

So könnte eine Übersetzung aussehen:

Kommunikationsbeispiel (PFK = Pflegefachkraft, K = Klient*in)

K: »Ihre Mitarbeiterin hat mich heute so angegriffen, weil ich etwas falsch gemacht habe.«

PFK: »Sie sind verunsichert, hilflos, weil Ihnen meine Mitarbeiterin Vorwürfe gemacht hat?«

Die Wissenschaft hat die Grundemotionen benannt: Freude, Trauer, Angst, Wut/Ärger (Glasenapp 2013, S. 115) und Ekel (Ekmann 2010, S. 14) und die Funktionen im Wesentlichen erläutert: Innerhalb der gesellschaftlichen und der individuellen Kultur helfen Emotionen in bestimmten Situationen »angemessen« (oder eben auch unangemessen) zu reagieren; der Körper reagiert auf unterschiedliche Emotionen mit unterschiedlichen (patho-)physiologischen Reaktionen, wie z. B. erröten, schwitzen, Veränderung der Pupillengröße. Die Emotionen/Gefühle signalisieren uns bestimmte Bedürfnisse und sie führen zu Handlungen. (Glasenapp 2013, S. 31f.)

Diese Ausführungen zu Gefühlen und Bedürfnissen zeigen die Komplexität, die gerade in der Palliativversorgung beachtet werden muss:

• Gefühle (Emotionen) sind individuell und doch universell: Wie Menschen also auf die Nachricht einer finalen Erkrankung reagieren, ist unterschiedlich, aber in der Regel in der Mimik zu erkennen.

• Gefühle (Emotionen) führen zu einer Handlung (z. B. weinen, schimpfen etc.): Wie Menschen aber in einer so existentiellen Situation reagieren, kann man nicht vorhersagen. Sie verhalten sich geschäftig oder neutral, sie sind »busy« oder lassen »sich hängen«.

• Gefühle (Emotionen) sind nicht immer bewusst und müssen ggf. erst »erkundet« werden: Gerade in den Gesprächen zwischen den Partner*innen und den Familienmitgliedern und Freund*innen können insbesondere verbale Reaktionen die eigentlichen Emotionen verdecken oder aber der*die Klient*in wundert sich selbst über seine*ihre Reaktion und kann sie sich nicht erklären. GfK will und kann helfen, Bewusstheit zu erlangen.

• Gefühle (Emotionen) sind nicht zu bewerten (gut/schlecht), sondern adaptiv oder maladaptiv: Gerade in der Palliativversorgung gilt es, herauszufinden, wie adaptive Emotionen unterstützt werden können und was für Bedürfnisse möglicherweise erfüllt werden können, um die maladaptiven Emotionen nicht überhand werden zu lassen.

1.6.1 Freude, Glück und Wohlbefinden

Freude erweitert unsere Grenzen um etwas positiv Bewertetes und wir genießen sie. Wir lassen uns von freundlichen Menschen oder einer freundlichen Umgebung anziehen und wir bewegen uns auf sie zu ( Abb. 3).


Abb. 3: Freude (© Jai Wanigesinghe)

Freude »wurzelt […] im elementaren Drang von lebendigen Organismen, zu leben und weiterleben zu wollen […]« (Bosch 2019, S. 144) und die vitalen Impulse dazu werden gesellschaftlich vermittelt. Diese Definition erscheint angesichts des palliativen Kontextes irritierend, denn die Menschen, mit denen wir es in der Palliativbetreuung zu tun haben, wissen ja in der Regel, dass ihr Ende bevorsteht. Möglicherweise wollen sie weiterleben, sie kämpfen um jeden Tag, jede Stunde – aber freudig sind diese Kämpfe nicht. Freude ist aber auch ein Gefühl von Stimmigkeit, vom Überwinden von Widerständen und gibt uns die Chance, »über uns hinausgehen zu können« (Kast 1997, S. 46). Und in der Tat erleben wir diese »Art der Freude« durchaus in der Realität:

Kommunikationsbeispiel (PFK = Pflegefachkraft, K = Klientin)

PFK: (bei der unterstützenden Morgentoilette bei einer Klientin) »Sie machen heute sehr viel mehr selbst, gerade haben Sie sich selbst die Zähne geputzt, gestern hatten Sie dazu gar keine Kraft.«(Beobachtung)

K: »Ich fühle mich heute kräftiger, irgendwie ein bisschen aufgeregt, fast möchte ich sagen: Ich bin fröhlich, ich freue mich.«

PFK: »Sie sind fröhlicher, weil Sie heute mehr Kraft haben, sich selbst zu versorgen?«

K: »Nein. Ich bin fröhlich, freudig aufgeregt, weil ich in der Nacht viel über mein Leben nachgedacht habe und zu dem Schluss gekommen bin, dass es ein gutes Leben war. Und das erleichtert es mir, mich der Tatsache zu stellen, dass das Leben nun bald vorbei ist. Wissen Sie, dass mir klar geworden ist, wie gut ich es gehabt habe, wie viele Menschen mir gerade auch in den letzten Wochen und Monaten beigestanden haben, Menschen, von denen ich das ganz sicher nicht erwartet habe, da konnte ich irgendwie zufrieden werden und es wurde still und ruhig in mir – darüber freue ich mich und das macht mich, zumindest heute, stärker, bei der Morgentoilette aktiver zu sein.«

Das Beispiel zeigt nicht nur die »Transzendenz der Freude« (Kast 1997, S. 47), sondern auch, wie durch die Mitteilung der Beobachtung das Gespräch ganz offen verläuft. Die Klientin erläutert einen ganz anderen Zusammenhang zu ihrer Fähigkeit, sich heute an der Körperpflege mehr beteiligen zu können, als von der Pflegefachkraft vermutet.

Freude ist nicht auf dem Lustaffekt aufgebaut, denn wir können lustig in einer Gesellschaft sein, was aber nicht gleichbedeutend mit »Freude« sein muss. Freude ist – zumindest im palliativen Kontext – meistens eine Gefühlsdisposition (Heller 1981, S. 134). Freude wird verortet in einem »Kontinuum […] [zwischen] Vergnügen und Glücksgefühl« (Demmerling & Landweer 2007, S. 116), denn ein tiefes Glücksgefühl oder das Vergnügen (z. B. an einem Musikstück oder einem Gedicht) ist immer vergesellschaftet mit der »Freude« daran. Thomä (2019) widerspricht dem Gedanken, dass Freude, Glück und Wohlbefinden deckungsgleich seien. »Man freut sich auf oder über etwas. Ohne diesen Anlass hängt die Freude in der Luft und darin liegt […] der Unterschied zu Glück und Wohlbefinden.« (ebd., S. 134).

Glück hingegen beinhaltet ein Zufallselement, das seiner Verfügbarkeit »Grenzen« aufweist, also nicht automatisch und schon gar nicht planbar verfügbar ist. »Glück haben« und »glücklich sein« beinhalten dieses Momentum der begrenzten Verfügbarkeit.

Das subjektive Wohlbefinden beschreibt einen Bereich zwischen den objektiven und subjektiven Bereichen des Wohls (Thomä 2019, S. 137) und umfasst einerseits die existierenden Lebensumstände, andererseits auch die individuelle, subjektive Interpretation derselben. Wohlbefinden lässt sich nur schwer messen (Mayring 2019, S. 140), was letztlich bedeutet, dass der Begriff nur schwer »fassbar« ist. Er lässt sich – ebenso wie der Begriff des Glücks – aus unterschiedlichen Faktoren individuell begründen: finanziell-materielle Faktoren, Berufsstatus und Bildungsstand, gesellschaftliche Partizipation und soziale Integration, Partnerschaft, enge Vertrauensbeziehungen, Gesundheit u. a. (Mayring 2019, S. 141). Darüber hinaus werden mit dem Begriff Glückserleben Kategorien wie Qualität menschlicher Beziehungen, Ekstase, Zeiterleben, Erotik und Bejahung von Leben und Sinnhaftigkeit des Lebens verknüpft.

1.6.2 Trauer

Trauer ist das Thema der Palliativbetreuung: Trauer um die Vergänglichkeit, das bevorstehende Lebensende, die Trauer um den Verlust eines (geliebten) Menschen oder um Vorhaben und Hoffnungen, die nicht mehr erfüllt werden können. Trauer verletzt unsere Grenzen und wir versuchen, das Verlorene oder den Verlorengehenden zu halten ( Abb. 4).


Abb. 4: Trauer (© Jai Wanigesinghe)

Das »Lebensgefühl« Trauer ( Abb. 4) ist eine Gefühlsdisposition, die »immer in Konfrontation mit einem konkreten Objekt« (Heller 1981, S. 144) steht und eine »primäre Involviertheit« offenlegt: »Ich muss demnächst sterben und ich würde doch so gerne noch weiterleben, sehen, wie meine Enkel groß werden.« Trauer lässt sich in der Mimik eines trauernden Menschen relativ einfach identifizieren (Ekmann 2017, S. 138ff.). Es ist ein schmerzliches, gramhaftes Gefühl und die Verarbeitung vollzieht sich häufig in länger dauernden Prozessen, denn die Trauernden leben quasi in der Ambivalenz zwischen Gegenwart und Vergangenheit (Fuchs 2019, S. 123), in der palliativen Situation, also in der Ambivalenz der Gewissheit des bevorstehenden Todes und des Abschiednehmens. Der sterbenskranke Mensch hat Angst vor dem Sterben und muss sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass sein Leben bald Vergangenheit sein wird; der*die An- oder Zugehörige kämpft mit den Erinnerungen an die gemeinsame Zeit und mit der Unfassbarkeit »hier bleiben zu müssen«.

Der plötzliche Tod oder die Überbringung einer infausten Prognose wirken sich traumatisch aus, das (bevorstehende) Ereignis lässt sich nicht begreifen und die Reaktion der Menschen reicht bis zur »Derealisation mit dem Gefühl der Unwirklichkeit und der Verlangsamung des Zeiterlebens« (Fuchs 2019, S. 123):

Kommunikationsbeispiel (PFK = Pflegefachkraft, K = Klient*in)

PFK: »Sie haben Tränen in den Augen, sie sind ganz rot.«(Beobachtung)

K: »Die Hausärztin hat mir gestern gesagt, dass mein Krebsleiden so weit fortgeschritten ist, dass man nichts mehr machen kann. Ich werde bald daran sterben.«

PFK: »Sie fühlen sich traurig und mutlos?«

K: »Ich bin ins Bodenlose gestürzt, wissen Sie, ich habe die ganze Zeit die Hoffnung gehabt, dass diese aggressive Therapie – die mich sehr viel Kraft gekostet hat – erfolgreich sein wird. Jetzt diese Nachricht. Die Zeit steht still … Ich bin noch in dem Besprechungszimmer der Ärztin, höre wieder und wieder ihre Worte: ›Es tut mir leid.‹ In bin voller Angst und zornig.«(Gefühl)

PFK: »Das Gefühl der Angst und des Zorns lähmt Sie, weil Sie gerne Ruhe und Entspanntheit hätten?«

K: »Ja, die Angst lähmt mich und dabei möchte ich Klarheit haben, ob die Diagnose stimmt. (Bedürfnis)Ich überlege, ob ich nicht eine Zweitmeinung einholen soll … Aber wenn ich mich selbst beobachte, dann sehe ich ja auch, dass ich völlig mager geworden bin, total abgenommen habe, das wird schon der Krebs sein, der mich fertig macht.«

PFK: »Sie wünschen sich Klarheit in der Diagnose und der Perspektive?«

K: »Ja, auch für meine Familie.«

Trauer ist universal und in allen Kulturen bekannt und wie die Trauer »gezeigt« wird, ist kulturell sehr unterschiedlich (vgl. Thieme 2019, S. 148). Die Trauerintensität variiert je nach Nähe der verstorbenen Person: »So wird der Tod des eigenen Kindes unter 20 Jahren als sehr großer Verlust mit entsprechend starker Beeinträchtigung erlebt, ebenso der Verlust des Ehepartners: Vergleichsweise wenig bedeutsam ist der Tod ihrer Eltern für die erwachsenen Kinder.« (Wittkowski & Scheuchenpflug 2016, S. 110). Erklärt wird die hohe Trauerintensität mit den Gedanken des »symbolischen Interaktionismus«, in dem dem Begriff »Selbst« ein wichtiger Stellenwert zukommt.

»Das Selbst eines Menschen ist […] nicht ein autonom entwickeltes Bewusstsein, sondern es ist primär das Bewusstsein von den anderen und von ihren Ansprüchen. So schreibt Mead [1968, S. 180]: ›Der Einzelne erfährt sich – nicht direkt, sondern nur indirekt aus der besonderen Sicht anderer Mitglieder der gleichen gesellschaftlichen Gruppe oder aus der verallgemeinerten Sicht der gesellschaftlichen Gruppe als Ganzer, zu der er gehört.‹ Bei der Bildung des Selbst kommt den Familienangehörigen eine hervorragende Bedeutung zu.« (Schmied 2006, S. 72)

Männliche Trauernde schätzen sich direkt nach dem Todesfall statistisch signifikant weniger belasteter ein als Frauen. Die Gesamtveränderung über die Zeit ist bei weiblichen Trauernden im Sinne einer Abnahme der Belastung größer (Wissert 2013). Ähnliche Untersuchungsergebnisse legt auch Kerstin (2007) vor. Noch immer wird wohl von Frauen erwartet, dass sie »mehr« trauern als Männer. Von diesen wird erwartet, dass sie ihre Emotionen im Griff haben und nicht schwach sein dürfen (Görke-Sauer 2005, S. 24f.).

1.6.3 Angst und Furcht

Angst führt dazu, dass wir uns schützen wollen, wir machen uns klein, ducken uns weg, sprechen leise ( Abb. 5). Angst ist ein Grundgefühl, das Menschen und Tiere gleichermaßen fühlen und wichtige biologische Funktionen erfüllt: Flucht, Verteidigung. Somit ist Angst ein Signalsystem, das dem Schutz der Kreatur dient. Angst lässt sich mit biologischen Methoden messen und zeigt sich gleichermaßen in der Subjektivität der Wahrnehmung. (Demmerling & Landweer 2007, S. 64) Die individuelle Wahrnehmung der Angst führt dazu, dass der Mensch nicht in der Lage ist, einen klaren Gedanken zu fassen, er wirkt fahrig, nervös. Angst stellt sich oft als Engegefühl dar: Man bekommt keine Luft, »der Hals ist wie zugeschnürt«, »mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen«.


Abb. 5: Angst (© Jai Wanigesinghe)

Furcht ist der expressivste Effekt, der durch zwei Reizquellen ausgelöst werden kann: durch persönliche Erfahrung oder durch »Mitteilung angeeigneter gesellschaftlicher Erfahrungen«. Wenn ich einmal vom 10-Meter-Brett ins Wasser gesprungen bin, habe ich möglicherweise Angst, dies noch einmal zu tun (Furcht durch persönliche Erfahrung). Ein Bekannter hat mir erzählt, dass im afrikanischen Busch viele sehr giftige Schlangen hausen, so dass ich mich vor Schlangen fürchte (Mitteilung angeeigneter Erfahrungen). (Heller 1981, S. 108) Davon abzugrenzen ist die Angst, die auch als »objektlose Furcht« (ebd., S. 109) bezeichnet wird, weil eben oft nicht klar ist, was die Angst auslöst: Es ist kein Gewalttäter in der Nähe, keine Waffe wird auf mich gerichtet und es streunt auch kein Wolfsrudel durch meinen Garten, trotzdem empfinde ich Angst. Sie wird also nicht durch einen Reiz oder ein Objekt ausgelöst (sie ist »grundlos«) oder anders formuliert: Jeder Reiz oder jedes Objekt kann in mir Angst erzeugen, weil es eben nicht den Reiz oder das Objekt gibt, vor dem sich der Mensch ängstigt.

Kommunikationsbeispiel (PFK = Pflegefachkraft, K = Klient)

Die Pflegefachkraft betreut einen 98-jährigen Herrn, dessen Prostatakrebs in den letzten Monaten dermaßen gestreut hat, dass der Patient eine Wirbelspontanfraktur bekam und unzählige Lungenmetastasen hat. Er bekommt sehr schlecht Luft, rasselnde Atmung, schweißgebadet liegt er auf seinem Sofa.

PFK: »Wie geht es Ihnen heute? Sie schwitzen stark. Haben Sie Schmerzen?« (Teilbeobachtung: schwitzen)

K: »Ach, mir geht es eigentlich wie die letzten Tage, es wird ja nicht mehr lange dauern.« PFK: »Das klingt sehr traurig und bedrückt.« K: »Ja, so ist es ja auch, wissen Sie, ich fürchte mich sehr.«

PFK: »Sie haben Sorge,dass die Schmerzen unerträglich werden könnten?«

K: »Ja, einerseits, ja … Aber davor brauche ich mich eigentlich gar nicht zu fürchten, denn die Schmerztherapie ist sehr gut. Ich habe nur manchmal ein ganz klein bisschen Schmerzen.«

PFK: »Sie brauchen also keine Furcht zu haben, meinen Sie?«

K: »Ja, das meine ich … Aber ich habe trotzdem so ein ungewöhnliches Gefühl, so diffus, ich kann es gar nicht beschreiben.«

PFK: »Sie haben ein Gefühl, das Sie nicht zuordnen können – das macht Sie hilflos?« (Frage nach Bedürfnis)

K: »Ja, irgendwie hilflos, weil ich nicht weiß, wovor ich Angst habe. Das ist es: Ich habe Angst, grausame Angst … vor dem Nichts, dem Verschwinden, dem ›Nicht-Mehr-Sein‹.«

PFK: »Sie sprechen jetzt von Angst, Sie fühlen sich elend, mutlos?«

K: »Ja, das trifft es. Ich habe grundlos Angst, denn wovor sollte ich Angst haben: Ich bin noch nie gestorben, also weiß ich gar nicht, ob ich davor Angst haben muss. Aber ich HABE sie.«

PFK: »Macht Sie diese Angst traurig und einsam?«(Gefühl)

K: »Ja, ich bin einsam, meine Frau ist schon lange tot, meine Tochter ist auch vor mir gegangen. Ich habe niemanden, der jetzt bei mir sein könnte.«

PFK: »Ich kann verstehen, dass Sie das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung haben, nach Begleitung …«

K: »Vielleicht sollte ich doch in ein Hospiz gehen, da hat man mir versprochen, dass dort immer jemand für mich da wäre … Die waren da sehr nett, die Leute, aber ich dachte, ich schaff das alleine …« (Bedürfnis)

Pflegefachkraft und Klient klären in diesem Gespräch die Begriffe Furcht und Angst und die daraus resultierenden Bedürfnisse. Die Furcht, so sagt der Klient, ist unbegründet, denn die Schmerztherapie ist optimal (Quelle der Furcht: persönliche Erfahrung). Der Klient hat »grundlose Angst«, die er nicht einordnen kann, er spürt sie aber. Und die Pflegefachkraft nimmt diese »grundlose Angst« ernst und versucht den diffusen Begriff »Angst« mit Begriffen zu füllen, die es ermöglichen können, ein Bedürfnis zu formulieren: Die Pflegefachkraft greift das »ich habe niemanden« auf und spricht von »Nähe, Zuwendung, Begleitung«. Das Ergebnis dieser Übersetzungsarbeit könnte total falsch sein, weil der Klient zwar beklagt, dass er niemanden habe, andererseits aber froh ist, dass er keine trauernden Menschen um sicher herum hat. Der Klient würde dies artikulieren und so würden Pflegefachkraft und Klient gemeinsam an dem »Bedürfnis« arbeiten.

In einer aufschlussreichen Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (Ahrens & Wegner 2015) wurde gefragt, wovor die Befragten Angst hätten, wenn es um ihr eigenes Sterben geht. Die Studie zeigt, dass die formulierten Ängste mit zunehmendem Alter sinken und die »objektlose Furcht«, wie Heller die »Angst« bezeichnet (Heller 1981, S. 108), doch sehr konkrete Objekte benennt: Atemnot, Schmerzen, Einsamkeit, Sterbedauer.

1.6.4 Wut, Ärger und Zorn

Diese drei Begrifflichkeiten werden häufig synonym verwendet, es lohnt sich aber, eine Differenzierung vorzunehmen: Wut führt dazu, dass wir uns schützen, indem wir uns groß machen, laut werden, Kampfhaltung annehmen und uns gegenüber der Bedrohung abgrenzen, wir legen einen Panzer an ( Abb. 6). Wut und Ärger entstehen also, wenn »die Situationsbeherrschung brüchig wird oder gar die eigenen Handlungsabsichten durchkreuzt werden.« (Demmerling & Landweer 2007, S. 307)


Abb. 6: Wut (© Jai Wanigesinghe)

Der Begriff »Wut« entspringt dem alten deutschen Wort »Leidenschaft«, welches wiederum seinen Ursprung in dem antiken Konzept des »furors«, des Wahnsinns, hat (Lehmann 2019, S. 183). Umgangssprachlich wird gelegentlich das Wort »Zorn« benutzt, wobei dieser Begriff, aus dem Griechischen stammend, ein Affektbegriff ist (vgl. auch Heller 1981, S. 85ff., Demmerling & Landweer 2007, S. 287ff.).

Wut und Ärger verlangen keine »personale Zurechnung des Anlasses« (Demmerling & Landweer 2007, S. 308), denn wir können uns über das Abreißen des Griffes der Cola-Dose ärgern oder über das eigene Verhalten; bei Zorn dagegen ist eine »direkte Zuschreibung der Verantwortung« (auf eine Person oder Situation) typisch. So gesehen sind »Wut und Ärger in einem geringeren Ausmaß strukturiert als Zorn« (ebd., S. 308).

Kommunikationsbeispiel (PFK = Pflegefachkraft, K = Klient)

Die PFK trifft Herrn F. in der Küche an; er soll über die Portnadel seine Ernährung bekommen.

K: (erregt bis aggressiv) »Lassen Sie mich bloß in Ruhe mit dem Zeug, ich will das nicht mehr haben.«

PFK: »Ich sehe, dass die Pumpe abgestellt ist, die Nahrung von gestern ist gar nicht eingelaufen.«(Beobachtung)

K: »Ja, ich habe das Ding abgestellt. Ich bin total sauer und gestresst. Das Ganze nervt mich total – wozu soll ich das Zeug noch nehmen? Ich kratze ja ohnehin bald ab.«(Gefühl)

PFK: »Sie sind sauer, weil Sie keinen Sinn mehr in der künstlichen Ernährung sehen?«

K: »Sauer? Ja, irgendwie sauer, nein, mutlos, wütend trifft es besser. Ich bin eigentlich richtig wütend auf die ganze Situation hier. Da kommen Sie und Ihre Kollegen hier jeden Tag angedackelt und hängen mir das Zeug an – aber ich will ein Steak essen, Wein trinken, mich besaufen … Aber diese Plürre, die Sie mir da anhängen, wird ja nicht dazu führen, dass ich irgendwann wieder normal essen kann, sondern sie führt nur dazu, dass ich nicht am Hunger sterbe, sondern an meinem Krebs. Verstehen Sie, DAS macht mich wütend.«

PFK: »Ja, das kann ich nachvollziehen, dass Sie auf diese Situation wütend sind und vielleicht auch zornig auf uns, die wir Ihnen nur ›Plürre‹ anbieten können?«

K: »Na ja, nee, Sie können ja nichts dafür. Wenn ich überhaupt zornig bin, dann eher auf mich – denn ich wusste ja, dass ich besonders krebsgefährdet bin. Mein Vater und mein Großvater sind auch an Krebs gestorben und trotzdem habe ich geraucht, MIR kann ja sowas nicht passieren, habe ich immer geglaubt.«

PFK: »Okay, Sie sind wütend auf sich, weil Sie sich selbst die Schuld an dieser Situation geben?«

K: »Genau, ich muss einfach ab und zu mal meckern und rumwüten, einfach damit ich zur Ruhe komme und einen Weg finde, diese Situation zu akzeptieren. Ich möchte in Ruhe und ohne Schmerzen sterben.«(Bedürfnis)

PFK: »Sie möchten Ruhe und Entspanntheit in der Ihnen verbleibenden Zeit und deshalb müssen Sie ab und zu mal ›rumwüten‹?«

K: »Genau, aber nun hängen Sie mir mal die Soße an … Ist ja gut, dass es sie gibt, die Soße und SIE als Pflegekraft.« (Herr F. lächelt)

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
19 December 2025
Volume:
317 p. 62 illustrations
ISBN:
9783170408548
Publishers:
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Bookwire
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