Read the book: «Napoleon Bonaparte»

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Der Autor


PD Dr. Klaus Deinet war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Duisburg-Essen. Er ist Autor verschiedener Bücher zur deutsch-französischen Geschichte, u. a. einer Biografie Napoleons III. in dieser Reihe.

Klaus Deinet

Für Ulrich, Jan-Christoph, Anja und Marlene

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Titelbild: Kolorierte Lithografie nach einem Gemälde von James Sant (1820–1916), »St Helena: the Last Phase«, um 1900, in der Glasgow Gallery of Modern Art, vermutlich als Illustration zu dem gleichnamigen Roman von Archibald Philip Primrose, London 1900; Foto: Getty Images.

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-037486-7

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pdf: ISBN 978-3-17-037487-4

epub: ISBN 978-3-17-037488-1

mobi: ISBN 978-3-17-037489-8

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Inhaltsverzeichnis

1  Einführung

2  I. Bonaparte

3  Historischer Abriss

4  Eine Karriere (1769–1796)

5  Machteroberung (1796–1799)

6  Erster Konsul der Republik (1799–1802)

7  Autoritäre Wende und verspielter Friede (1802–1804)

8  II. Das Empire

9  Historischer Abriss

10  Das Verhängnis des Erfolgs (1805–1807)

11  Fünf Jahre der Illusionen (1807–1812)

12  Niedergang und Fall (1812–1821)

13  Schlussbetrachtung: Napoleon nach 200 Jahren

14  Anmerkungen

15  Literatur- und Quellenverzeichnis

16  Abbildungsverzeichnis

17  Register

Einführung

Im Jahr 1855, mitten im Krimkrieg, besuchte die britische Monarchin Queen Victoria mit ihrem Gemahl Prinz Albert und deren Sohn Edward die französische Hauptstadt. Es war der erste Staatsbesuch eines britischen Throninhabers seit der Französischen Revolution. Zu den Feierlichkeiten, mit denen Napoleon III. und seine Gemahlin Eugénie die Besucher beeindrucken wollten, gehörte neben den gewaltigen Abriss- und Neubaumaßnahmen, die der Präfekt Georges-Eugène Haussmann durchführte, der Besuch des Invalidendoms. Dorthin hatte der Sohn Louis Philippes die Gebeine des Korsen von der Insel Sankt Helena im Herbst 1840 gebracht. Vor dem Sarkophag Napoleons I. verharrten die Monarchen in Schweigen; Queen Victoria hatte im Vorfeld sogar dafür gesorgt, dass ihr Sohn, der Prinz von Wales, das Knie vor dem großen Gegner beugte, den sein Urgroßvater auf eine abgelegene Atlantikinsel verbannt und ohne ausreichende ärztliche Hilfe hatte sterben lassen.

Seitdem wurde der Napoleon-Sarg im Invalidendom zu einem internationalen Wallfahrtsort, einem notwendigen Bestandteil einer jeden Parisreise. »Paris […], wo tief in seinem Sarkophage / In Deinem Schoß von seinen Adlern überwacht / Der Kaiser schläft […]« dichtete der expressionistische deutsche Dichter Georg Heym in einem »Sehnsucht nach Paris« betitelten Gedicht, das im Jahr 1913 entstand. Auch heute umkreisen Besucher aus aller Welt den erstaunlich kurzen Marmorsarg, der an zentraler Stelle unter der Kuppel des Invalidendoms auf einem Podest steht, und lesen die dort eingetragenen Namen der siegreichen Schlachten »Austerlitz«, »Iéna«, »Wagram«, »La Moskawa«. Diese letztere, die Schlacht von Borodino, war ein grausames Ringen, bei dem beide Seiten an die 70 000 Mann verloren und an deren Ende die Grande Armée der Weg nach Moskau offenstand. In Moskau hielt Napoleon bis zum Oktober 1812 aus, um dann seinen fatalen Rückzug aus Russland anzutreten.

Was zeigt dieser kurze Blick auf sein Nachleben? Wie bei Alexander dem Großen und wenigen anderen großen Gestalten der Geschichte hat sich der Gegenstand der Verehrung so sehr von seiner historischen Realität gelöst. Napoleons tatsächliche historische Hinterlassenschaft wird in dem Maße überschätzt, wie die seines Neffen unterbewertet wird. Von seinen Zeitgenossen und den nachfolgenden Historikern wurde er zur Überfigur verzeichnet, oft im Bösen, dann im Guten, manchmal in beidem. Das mag daran liegen, dass er – anders als andere große Gewaltmenschen der Geschichte – noch die Möglichkeit hatte, sein Leben zur Legende zu verklären und damit den künftigen Biografen die Feder zu führen. Viele sind ihm darin gefolgt, einige haben sich an seinen Erinnerungen gerieben und liefen Gefahr, ihn zum Vorläufer der Diktatoren des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen. Beides war er nicht. Sein Regime beruhte nicht auf Angst, sondern auf Konsens; er wusste sich mit einer aus der Revolution hervorgegangenen Elite zu umgeben, die aus jugendlichen Heerführern und Verwaltungsfachleuten bestand; und er besaß eine gewinnende Persönlichkeit, die auch Widerspruch zuließ. Hans-Ulrich Thamer hat das Rätsel seiner Wirkung zuletzt mit dem Weber’schen Begriff des Charismas einzufangen versucht.1 Ob er das Rätsel damit gelöst hat, muss allerdings dahingestellt bleiben.

Auf jeden Fall erfreut sich die Gestalt des Korsen einer ungebrochenen Attraktivität bei den Historikern. Allein in den letzten Jahren erschienen, um die Jahrestage seiner Geburt und seiner markantesten Siege und Niederlagen herum gruppiert, mehrere neue Biografien. Adam Zamoyski und Günter Müchler beschreiben ihn als eine Art ›stupor mundi‹, dessen Lebensleistung nicht an ihrem politischen Ergebnis gemessen, sondern als Erlebnis seiner schieren Außergewöhnlichkeit goutiert werden sollte. Volker Hunecke und Patrice Gueniffey versuchen ihm dadurch gerecht zu werden, dass sie sein Leben in eine ›gute‹ und eine ›schlechte‹ Hälfte teilen (mit der Kaiserkrönung als Wasserscheide), wobei letzterer sich auf die erste Lebenshälfte beschränkt, die er dafür umso ausführlicher schildert. Alle vermeiden eindeutige Verurteilungen oder Glorifizierungen, laufen aber dabei Gefahr, dass ihnen die Einheit der Persönlichkeit entgleitet.

Wenn wir dieser stolzen Reihe eine neue, relativ schlanke Biografie hinzufügen, so gilt es vorab, sich vor mehreren Fehlern zu hüten.

1. Napoleon ist nicht en bloc zu fassen, wie es früher häufig geschehen ist. Man wird ihm weder als ›Retter‹ noch als ›Verderber‹ der Französischen Revolution gerecht. Er war nicht der Schlachtengott, dessen militärisches Genie ihn vor jeder politischen Bewertung feit, weil er sich menschlichen Maßstäben entzieht. Und umgekehrt – wie ihn Freiherr vom Stein sah – war er auch nicht die Verkörperung des Bösen, dem beizukommen es der größten Kraftanstrengung bedurfte, die Europa sich je auferlegt hat.

2. Die 15 (bzw. rechnet man die Direktorialzeit mit: 20) Jahre seines politischen Wirkens sollten aber auch nicht in Schubladen zerlegt werden (wie ›das militärische Genie‹, ›der Bändiger der Revolution‹, der ›Neuordner Europas‹ usw.), so als stünden sie unverbunden nebeneinander. Das Phänomen Napoleon ist vielmehr als Prozess zu begreifen. Ein Prozess, der von kometenhaftem Aufstieg über einige wenige Jahre der Mäßigung und des Wiederaufbaus einer von der Revolution erschütterten Nation bis hin zum Übermaß, zur Überdehnung der menschlichen Ressourcen und zu einem ebenso jähen Abstieg führt. Daraus ergibt sich für unsere Erzählung ein chronologisches Fortschreiten, wobei sich das Augenmerk auf die Frage richtet, ob es in diesem Ablauf Punkte gab, wo ein rechtzeitiger Verzicht auf eine weitergehende Expansion alternative Verläufe zugelassen und Frankreich und Europa weitere Opfer erspart hätte.

3. Die Konstante in allen Verästelungen dieses Entwicklungsbogens, dessen schiere Dramatik die Zeitgenossen ebenso in ihren Bann schlug wie die Nachwelt, ist Napoleons Persönlichkeit. Die in seinem Charakter angelegten Impulse erklären nicht nur den frühen Aufstieg, sondern auch das maßlose Weiterschreiten und die Verbohrtheit beim Abstieg. Insofern sind die genannten Versuche, seine Karriere in die erste Hälfte eines ›guten‹ und die andere eines ›schlechten‹ Diktators zu teilen, ebenso wenig überzeugend, wie die Entscheidung Gueniffeys, seine Lebenserzählung einfach im Jahre 1804 abzubrechen und der Biografie den Titel Bonaparte zu geben – gerade so, als hätte der spätere Kaiser Napoleon I. den Bonaparte in sich betrogen und aus dem Revolutionsvollender den Gewaltherrscher gemacht, dessen Leben und Wirken zu erzählen sich nicht mehr lohnte.

Aus dem Genannten ergibt sich: Napoleon Bonaparte ist nur in seiner gesamten Entwicklung, also chronologisch, zu begreifen und in seiner Person als eine Einheit aufzufassen. Deshalb wird Wert auf die frühen Jahre gelegt, in denen sich bestimmte Züge seines Charakters ausgebildet haben, die auch in den Zeiten des Ruhms, als an seinen Entscheidungen das Leben Zehntausender hing, zum Zuge kamen. Wichtig ist angesichts des Übermaßes der zeitgenössischen Zeugnisse, die teilweise in extenso und ohne allzu viele Bedenken ausgebeutet wurden, eine Beschränkung auf verlässliche Quellen. Dabei haben die Selbstzeugnisse, die nunmehr in einer mustergültigen Form vorliegen, keineswegs einen geringeren Aussagewert als die Beobachtungen derer, die mit ihm zu tun hatten und sich dabei oft selbst in ein entsprechendes Licht rücken wollten.2

Eine wenig beachtete, aber nicht zu vernachlässigende Quelle bilden die Zeugnisse deutscher Zeitzeugen, die den jungen Bonaparte aus der Nähe beobachteten – so vor allem Konrad Engelbert Oelsner und Gustav von Schlabrendorf, die beide das Egomanische seines Wesens früh erkannt haben. Für die spätere Zeit ist Armand de Caulaincourt ein Hauptzeuge, dessen von Gabriel Hanotaux edierte Memoiren dem Menschen Napoleon Bonaparte in seiner psychischen Unmittelbarkeit sehr nahekommen. Caulaincourt war nämlich bei der mehrtägigen Rückreise aus Russland im Dezember 1812 der einzige Gesprächspartner Napoleons. Der französische Aristokrat war ein kritischer Verehrer Napoleons und ein glühender Patriot, der bis zur Preisgabe des eigenen Lebensglücks die Interessen Frankreichs und die Charaktereigentümlichkeiten Napoleons miteinander zu versöhnen trachtete: ein hoffnungsloses Unterfangen, bei dem er von Metternich ebenso manipuliert wurde, wie er an Napoleons Starrsinn scheiterte.

Methodisch muss eine kurze Biografie auf viele Details verzichten, die sich in den umfangreichen Werken (von Thiers über Kircheisen bis zu Madelin) in oft langatmiger Fülle ausgebreitet finden. Es geht vielmehr darum, die Scharnierstellen herauszuarbeiten, die zeigen, dass die skizzierte Linie von Auf- und Abstieg kein zwangsläufiges Geschehen war, sondern auf Entscheidungen beruhte, die vielfach – nicht immer – Napoleon selbst traf. Es sollte deutlich werden, dass ihm bis 1813 Handlungsräume zur Verfügung standen, aus denen er Alternativen hätte auswählen können. Der Aspekt ›Deutschland und Napoleon‹, der um das Jubiläumsjahr 2004 herum sehr breit behandelt wurde, wird dagegen im Rahmen des chronologischen Fortschreitens der Erzählung nur gestreift. Ebenso können die zahlreichen Schlachtverläufe, die bis heute das gesteigerte Interesse der Geschichtsschreibung finden, nur kursorisch verfolgt werden, auch wenn sich gerade hier das vielgepriesene Genie des Korsen ebenso zeigte wie die Schattenseiten seines Charakters. Von einzelnen Skizzen wie im Falle von Austerlitz, Aspern-Essling und Waterloo abgesehen, verzichten wir auf detaillierte Schlachtbeschreibungen, verweisen aber auf die akribischen Studien vor allem angelsächsischer Historiker. Nicht durch Detailfülle, sondern durch kritische Akzentuierung soll die vorliegende Biografie die Verzeichnungen und Defizite, die zumal das Bild Napoleons in Frankreich immer noch prägen, aufzeigen und geraderücken.

I. Bonaparte

Historischer Abriss

Ob man ihn nun als ihren Vollender oder als ihren Bezwinger ansieht: In jedem Fall konnte Napoleon Bonaparte später zu Recht von sich behaupten, ein ›Sohn‹ der Französischen Revolution zu sein. Denn ohne diese Revolution ist seine Karriere als Militär wie auch sein Aufstieg an die Spitze der politischen Macht nicht denkbar. Als 1769 Geborener gehörte er zur jüngeren Alterskohorte einer um die Mitte des 18. Jahrhunderts geborenen Generation, die wie keine andere die Geschichte Frankreichs geprägt hat und deren Einfluss noch bis weit in das 19. Jahrhundert hineinreichte.

Diese Verbindung war nicht von Anfang an vorgezeichnet. Als Abkömmling der gerade erst Frankreich einverleibten Insel Korsika verfolgte der junge Offizier die Anfänge der Revolution ab 1789 vornehmlich unter dem Gesichtspunkt, wie er ihre Impulse für seine Heimat nutzbar machen konnte. Erst 1793 plädierte er rückhaltlos für Frankreich, in einem Moment, als nach der Hinrichtung des Königs Ludwig XVI. und der Kriegserklärung der meisten europäischen Monarchen an die junge Republik das Überleben des revolutionären Frankreich an einem seidenen Faden hing. Der tödliche Konflikt innerhalb der Volksvertretung zwischen Girondisten und Jakobinern war zugleich ein Konflikt zwischen der Hauptstadt und der Provinz, nämlich zwischen den hinter den Jakobinern stehenden Pariser Massen und einigen mächtigen Städten des Südens und Westens. Der Konvent, also die 1792 nach allgemeinem Männerwahlrecht gewählte Nationalversammlung der neuen Republik setzte eine provisorische Exekutive in Form des zwölfköpfigen Wohlfahrtsausschusses ein. Dieser mit außerordentlichen administrativen und jurisdiktionellen Befugnissen ausstatteten Notstandsregierung gelang es, das demografische Gewicht der loyal gebliebenen Landesteile und der übergroßen Hauptstadt in die Waagschale des Krieges zu werfen und so der ausländischen Invasion ebenso Herr zu werden wie der separatistischen Tendenzen in Lyon, Marseille und Bordeaux. Bevollmächtigte des Konvents, darunter Bonapartes späterer Protektor Barras, gingen dabei mit äußerster Brutalität vor und ließen Hunderte von Todesurteilen vollstrecken. Mit gleicher Härte verfuhren Sondergesandte des Wohlfahrtsausschusses gegen Armeeführer, die keine Erfolge vorzuweisen hatten. Der erste Gatte von Napoleons späterer Frau Joséphine de Beauharnais endete auf diese Weise 1794 auf dem Schafott.

Zum Symbol der militärischen Wende wurde im September 1793 die wichtige Hafenstadt Toulon, die sich der englischen Flotte ausgeliefert hatte. Indem der junge Artilleriehauptmann Bonaparte Toulon für den Konvent zurückeroberte, verhinderte er ein Zusammenwachsen von Bürgerkrieg und Invasion von außen. Von nun an gingen Revolution und Krieg Hand in Hand, was paradoxerweise zur Folge hatte, dass nach den großen militärischen Erfolgen des Jahres 1794, der Eroberung Belgiens und des linken Rheinufers der Druck auf die Notstandsregierung nachließ und die gemäßigte Mehrheit der Konventsabgeordneten sich der Quasi-Diktatur des Wohlfahrtsausschusses entledigte. Auf die Hinrichtung des Revolutionärs Maximilien Robespierre und seiner Clique, die den Ausschuss und den Konvent über ein Jahr lang unter ihrer Fuchtel gehalten hatten, folgte eine Säuberungswelle, der die meisten der vom Wohlfahrtsausschuss eingesetzten Funktionäre und Armeevertreter zum Opfer fielen. Als Protegé von Robespierres Bruder Augustin wäre die Karriere (und das Leben!) des Artilleriehauptmanns Bonaparte hier fast schon zu Ende gewesen, doch kam es ihm zugute, dass er der politischen Macht noch nicht so nahegekommen war, dass er zum engeren Kreis der Männer um Robespierre gezählt wurde.

Im Nachgang zur ›Gegenrevolution‹ vom 27. Juli 1794 (9. Thermidor) schlug das Pendel weit nach rechts aus, bis hin zu einer Entwicklung, die auf eine Rückkehr der gestürzten Königsfamilie der Bourbonen hinauslief, ähnlich wie es im England des 17. Jahrhunderts nach der Diktatur Cromwells der Fall gewesen war. Eine solche Aussicht konnte nicht im Interesse der führenden Politiker liegen, die fast alle im Januar 1793 für den Tod Ludwigs XVI. gestimmt hatten und im Falle einer Rückkehr der Königsfamilie mit ihrer eigenen Hinrichtung, hätten rechnen müssen. So besannen sich die ›Thermidorianer‹ (so nannten sich die tonangebenden Politiker, eine Mischung aus ehemaligen Handlangern des Terrors wie Barras und von Robespierre ausgebremsten Gemäßigten und Ex-Girondisten wie Reubell) darauf, was die ursprüngliche Aufgabe des Konvents war: Frankreich eine neue Verfassung zu geben. Die neue Republik sollte ein auf dem Zensuswahlrecht fußender Staat sein, mit einer aus zwei Kammern bestehenden Legislative und einer auf fünf Männer aufgeteilten Exekutive, dem sogenannten Direktorium. Die Arbeiter und Kleinhandwerker besaßen in dieser bürgerlichen Republik kein Wahlrecht, ebenso Tagelöhner und solche Bauern, die wenig oder kein eigenes Land besaßen.

Was viele Franzosen empörte, war jedoch nicht der soziale Rückschritt, den die Verfassung von 1795 bedeutete, sondern die Einschränkung, dass per Dekret zwei Drittel der vorhandenen Konventsabgeordneten automatisch den neuen Vertretungskörperschaften angehören sollten. Diese kaum verhüllte Diktatur der ›Immerwährenden‹ führte zum Erbitterungsaufstand des 5. Oktober 1795 (13. Vendémiaire), den die Thermidorianer erbarmungslos niederschlagen ließen, wobei sie sich des arbeitslos gewordenen Bonaparte bedienten.

Von nun an war dessen Aufstieg eng an den weiteren Fortgang der Revolution gekoppelt. Barras machte ihn zum Chef der Inlandsarmee, doch der Ehrgeiz des jungen Korsen ging weit darüber hinaus. Kaum dem drohenden sozialen Absturz entronnen und mit einer Dame aus der Lebewelt der Neureichen und Revolutionsüberlebenden liiert, hätte er es sich in der neuen Pariser Schickeria bequem machen können, wie es seine Brüder und Schwestern taten. Doch er strebte nach Höherem, lechzte nach militärischem Ruhm. Toulon und Vendémiaire genügten ihm nicht. Auf einem Nebenkriegsschauplatz, in Italien, gelang es ihm, das in ihm schlummernde militärische Genie zum ersten Mal erstrahlen zu lassen. Seine Erfolge waren so eklatant, dass sie nicht nur die der anderen Generäle in den Schatten stellten, sondern auch das Direktorium der Republik nötigten, die Ergebnisse seiner Eroberungszüge, die ihre Zielvorgaben weit hinter sich ließen, als vollendete Tatsachen zu akzeptieren, ja ihm letztlich die Entscheidung über Krieg und Frieden zu überlassen.

Von jetzt an gestaltete sich sein Verhältnis zur politischen Macht als mal offener, mal verdeckter Wettkampf. Was Bonaparte hinderte, 1797 bereits nach der Macht im Staat zu greifen, war weniger die Stärke der Regierung als die Konkurrenz seiner Altersgenossen. Denn nicht nur er, sondern eine Handvoll weiterer, wenig älterer Armeeführer waren im Schatten der Siege, die die französischen Armeen außer in Italien auch in Holland und Deutschland und bei einem letzten gescheiterten Invasionsversuch der Engländer auf der Halbinsel Quiberon errangen, zu Hoffnungsträgern aufgestiegen. Dies umso mehr, als die Politiker in diesem zweiten Jahrfünft der Revolution keine glückliche Figur machten. Dabei waren es keineswegs politische Nullen, die jetzt in Paris die Republik führten. Zwar waren keine enigmatischen Führerpersönlichkeiten mehr unter ihnen – die waren fast alle der Guillotine zum Opfer gefallen –, aber die Direktoren waren Routiniers der Revolution, auf Machterhalt geeichte Taktiker oder überlebende Idealisten von 1789.

Doch wurde ihnen nun die von ihnen selbst geschaffene Verfassung mehr und mehr zum Verhängnis. Die jährlichen Wahlen zur Erneuerung von jeweils einem Drittel der Vertretungskörperschaften beförderten Vertreter einer unzufriedenen und von der Revolution enttäuschten Wählerschaft in die Kammern, die sich mal als verkappte Monarchisten, dann wieder als Nostalgiker der Jakobinerherrschaft entpuppten. Die Direktoren wussten sich dieser Bedrohung nur dadurch zu erwehren, dass sie die Wahlen annullieren und die führenden Oppositionellen verhaften ließen; mit dem Ergebnis, dass sie so ihren ohnehin geringen Rückhalt in der Bevölkerung weiter verspielten und die Politikverdrossenheit im Land stieg.

Besonders verhängnisvoll war, dass die Exekutive auf fünf Männer aufgeteilt war, von denen jedes Jahr einer durch das Los ausschied und durch einen von den Kammern gewählten Nachfolger ersetzt wurde. Eine kohärente Politik war so kaum möglich, schwebte doch das Damoklesschwert der Abwahl über jedem von ihnen. Der Fähigste, Reubell, schied so 1799 in einem entscheidenden Moment aus, während nur Barras, der 1795 ins Direktorium gelangt war, die von der Verfassung gewährte volle Amtszeit von fünf Jahren erreichte.

Hinzu kam die ungeklärte Frage von Krieg und Frieden. Während ein Teil der Direktoren, ähnlich wie viele der Abgeordneten, einen baldigen Friedensschluss herbeiwünschten, der Frankreichs Grenzen immerhin bis an die Alpen, die Maas und die Schelde vorgetrieben hätte, also sich im Wesentlichen auf die französischsprachige Bevölkerung der Randgebiete beschränkte, sahen andere, zumal Angehörige der siegreichen Armeen, darin einen Verrat an der Revolution. Für sie kam nur die Rheingrenze in Frage, getreu der von den Girondisten ausgegebenen Parole der ›natürlichen Grenzen‹ Galliens und ungeachtet der Tatsache, dass die linksrheinische Bevölkerung deutschsprachig war und keineswegs einem Anschluss an Frankreich entgegenfieberte. Als zusätzliches Problem erwies sich, dass Bonaparte in Italien bereits einen Satellitenstaat in Form der Cisalpinischen Republik gegründet hatte, was zwar dem ursprünglichen Modell der Girondisten von 1792/1793 entsprach, aber dem vom Direktorium verfolgten Konzept widersprach. Es stand 1796/1797 noch nicht fest, ob ein solcher Friede von den noch im Krieg befindlichen Gegnern Großbritannien und Österreich zu haben war.

Die Spannung zwischen Friedensbefürwortern und Anhängern der Maximallösung verquickte sich mit der inneren Problematik der Republik. Die Protagonisten der ›kleinen Lösung‹ wie Lazare Carnot, immerhin der Organisator der Abwehrsiege von 1793/1794, standen, oft zu Unrecht, im Verdacht, an einer schleichenden Rückkehr zur Monarchie zu arbeiten. Von den Generälen stand ihnen Pichegru nahe, während andere, Jourdan, Hoche und Augereau, vehement für eine Fortsetzung des Krieges eintraten. Bonaparte hielt sich bedeckt, solange der Machtkampf nicht entschieden war. Der Konflikt eskalierte am 5. September 1797 (18. Fructidor) in einer kurzen Kraftprobe zwischen den beiden Lagern, bei der die Gruppe um Carnot unterlag und Hunderte seiner Anhänger in die Verbannung nach Guyana, die ›trockene Guillotine‹, geschickt wurden.

Währenddessen präsentierte der Sieger von Italien sein eigenes Konzept: Er zwang die Österreicher durch seinen Vormarsch auf Wien dazu, die Rheingrenze zu akzeptieren; ein Opfer, das ihnen umso leichter fiel, als er ihnen das von ihm okkupierte Venedig zum Ersatz dafür anbot. Einzig England blieb nun noch im Krieg, das nach einem Jahr mit Russland die sogenannte »Zweite Koalition« einging gegen Frankreich. Währenddessen kamen in Rastatt die vertriebenen linksrheinischen Fürsten zusammen, um unter den spöttischen Augen des Siegers Bonaparte um ihre Entschädigung aus dem verbliebenen Rumpf des geschrumpften Deutschen Reiches zu feilschen. Die nötige Ersatzmasse mussten, wie man wusste, die Bistümer und Abteien des Alten Reiches abgeben.

Bonaparte traf Ende 1797 wieder in Paris ein, sehr zum Unbehagen des Direktoriums, das bestrebt war, ihn rasch wieder loszuwerden. Ein Unternehmen zur Invasion Englands erwies sich als schon in den Voraussetzungen aussichtslos. So kam man, angeregt vom neuen Außenminister Talleyrand, auf den Plan einer Expedition nach Ägypten, eine der – wie ein bekannter Historiker angemerkt hat – überflüssigsten Unternehmungen der revolutionären Epoche. Das stimmt allerdings nicht ganz. Vom militärischen Standpunkt aus gesehen war der Ägyptenfeldzug zwar ein gigantischer Fehlschlag, ähnlich wie fünf Jahre später die Haiti-Expedition. Doch enthielt er für Bonaparte zwei wichtige Lehren für seine weitere Laufbahn: Die Erkenntnis, dass England zur See unbesiegbar war (der britische Admiral Nelson zerstörte wenige Tage nach der Ankunft in Ägypten Bonapartes Flotte und schnitt der französischen Armee damit die Möglichkeit zur Rückkehr ab); und die Erfahrung der Unbeherrschbarkeit der Natur, die er auf dem Rückweg durch die Wüste nach dem fehlgeschlagenen Syrienfeldzug machte. Beide Lehren blieben aber für ihn folgenlos.

Schon 1797 war er der populärste Mann Frankreichs, zumal sein Rivale Hoche kurz zuvor gestorben war. Doch erst das Ausscheiden Reubells aus dem Direktorium und die sich bedrohlich zuspitzende militärische Situation im Sommer 1799, die eine neue alliierte Invasion fürchten ließ, schuf die Voraussetzung für einen erfolgversprechenden Griff nach der Macht. Auf Reubell folgte als Nachfolger im Fünfergremium Emmanuel Joseph Sieyès, der 1789 als Mann der ersten Stunde die Revolution entscheidend auf den Weg gebracht hatte. Von ihm erhofften sich viele eine Überwindung der sich als unbrauchbar erweisenden Verfassung. Sieyès suchte angesichts der äußeren Bedrohung nach einer Verstetigung der Exekutive, um der neojakobinischen Agitation, die nach einer neuen Terreur wie 1792/1793 rief, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das römische Beispiel vor Augen, spekulierte er mit einem Verfassungsmodell, das zwei oder drei Konsuln vorsah. Dabei hielt er nach einem General Ausschau, der nach außen und auf dem Schlachtfeld genug Autorität besaß, ohne dass von ihm zu befürchten war, dass er die Alleinherrschaft anstrebte oder, wie Cromwells früherer Gefolgsmann Monk im England des Jahres 1660, die alte Monarchie zurückholen würde. Bonaparte kam genau im richtigen Moment aus Ägypten zurück, um in diese Leerstelle einzutreten. Wie er dann in den Wochen nach dem Staatsstreich des 9. November 1799 (18. Brumaire) seine Helfer ausmanövrierte und die Macht durch informelle Manöver an sich riss, ging allerdings weit über das hinaus, was Sieyès vorausgesehen und angestrebt hatte.

Die folgenden vier Jahre des Konsulats bilden, im historischen Rückblick gesehen, eine Übergangszeit zum Empire, mit dem Napoleon bis heute identifiziert wird. Aber das konnten die Zeitgenossen noch nicht wissen. Für sie war das Konsulat, das Bonaparte schrittweise in Richtung auf eine Alleinherrschaft ausbaute, der so lange herbeigesehnte Abschluss der Französischen Revolution, nach innen mit den großen Gesetzen wie dem Konkordat und dem Code civil, nach außen mit den Friedensschlüssen von Lunéville und Amiens. Manche Historiker, vor allem die republikanisch Gesinnten, abstrahieren gerne von der Fortsetzung seiner Herrschaft als Kaiser und betrachten die Konsulatsjahre bis heute als Vollendung der Französischen Revolution. Sie können sich dabei auf Napoleons späteres Wort berufen, er habe damit »Granitmassen« in den Boden Frankreichs versenkt, die mehr wögen als seine gewonnenen Schlachten. Tatsächlich hat die administrative Struktur, die damals in erstaunlich kurzer Zeit geschaffen wurde, lange – vielfach bis heute – gehalten.

Aber eine solche Geschichtserzählung lässt den Faktor Napoleon Bonaparte außer Acht. Er hat sich nie mit diesem Ende der Revolution abgefunden, weder mit einem Frankreich in den Grenzen Galliens noch mit einem halb republikanischen, halb monarchischen Zwitterstatus als Erster Konsul auf Lebenszeit. Was er wollte, war das, was alle Gründerväter der Geschichte wollten: Dauer. Und so ließ er sich 1804 zum Kaiser proklamieren und versuchte, aus seinem korsischen Familienclan eine neue europäische Dynastie zu formen, der er fünf Jahre später durch die Heirat mit der Tochter des Habsburgerkaisers die historische Weihe zu geben meinte. Tatsächlich wählte er so den Weg in seinen eigenen Untergang.

Eine Karriere (1769–1796)

Vergleicht man Napoleons frühe Jahre mit denen seiner gleichaltrigen Kameraden wie Hoche, Jourdan, Augereau, Joubert, aber auch den später erbitterten Feinden wie Pichegru und Moreau, so wird schnell klar: Die Armee war der große Katalysator, der talentierten jungen Männern außergewöhnliche Aufstiegschancen bot. In einer Zeit, in der überkommene Schranken wegfielen und jahrhundertealte Strukturen einer hierarchisch gegliederten Ständepyramide wegbrachen, konnten Menschen von ›ganz unten‹ in kurzer Zeit in Spitzenpositionen gelangen. Zunächst noch allmächtiger Diener, ja Retter der Nation unter der Rute des Wohlfahrtsausschusses, entwickelte sich die Armee nach dem Sturz Robespierres rasch zur eigentlichen Macht im Staate. Und spätestens nach dem Fructidorputsch im Jahr 1797, den das Direktorium nur mit Hilfe der Armee inszenieren konnte, war klar, dass die politische Macht jederzeit von der Herrschaft eines siegreichen Generals abgelöst werden konnte. Die Frage war nur noch, wer dieser General sein würde.

Für Napoleon galt es daher, in den Kreis jener Kandidaten zu gelangen, aus dem der künftige »Retter« Frankreichs ausgewählt werden würde. Dieser Aufstieg gestaltete sich keineswegs geradlinig und fand zudem mit einer gewissen Verzögerung statt. Anders als bei Jourdan oder Pichegru hing Napoleons Avancement nicht von einer spektakulär gewonnenen Schlacht oder einem siegreichen Feldzug ab, sondern verlief in Etappen. Diese waren von Wartezeiten unterbrochen, die sehr wohl auch zu seinem vorzeitigen Verschwinden von der politisch-militärischen Bühne hätten führen können und die ihn einmal fast das Leben gekostet hätten. Dass er es dennoch nach ›ganz oben‹ schaffte, verdankte er außer dem Zufall und einigen glücklichen Beziehungen nicht zuletzt seiner stupenden militärischen Begabung.

Der Junge aus Ajaccio (1769–1788)
Franzose – Italiener – Korse

War Napoleon Franzose? Über diese Frage ist viel gestritten worden. Zumal von französischen Historikern wurde sie vehement bejaht. Es sei »noch niemals dagewesen, daß die Franzosen sich einem Manne hingaben, der nicht wenigstens von irgendeiner Seite her zu ihrem eigenen Lande gehört hätte«, erklärte kategorisch Jacques Bainville.1 Nüchterner, aber mit der gleichen Schlussfolgerung, liest es sich bei einem seiner jüngsten britischen Biografen, Andrew Roberts, für den er ein »Korse mit italienischen Wurzeln« war, aus dem »die Erziehung in Frankreich einen Franzosen gemacht hat.«2 Gegen das Hauptargument der Gegenseite, dass er nach Sprache und Herkunft ein Fremder war, wetterte Louis Madelin mit den Worten:

»Ob der Mann, so wie er sich der Welt präsentierte, an den Ufern der Loire, der Seine, des Rheins, der Donau oder der Elbe geboren wurde: wir nennen ihn einen ›Römer‹ durch seinen Charakter, das sagt alles.«3

Damit zielte er auf die spezifisch französische Definition von Nationalität, die jeden, der der ›citoyenneté‹ angehört oder diese aus freien Stücken angenommen hat, unabhängig von seiner Herkunft, Sprache und Hautfarbe als Franzosen ansieht.

Doch es bleibt ein leiser Vorbehalt. Auch wenn Napoleons Vita das Musterbeispiel einer gelungenen Assimilation darstellte, ist es zweifelhaft, dass das Franzose-Sein ihm jemals zur selbstverständlichen Natur geworden ist. Bainvilles Bemerkung, dass die Eindrücke an der Militärakademie in Brienne ihn befähigt hätten, »Frankreich zu verstehen und zu ihm zu sprechen«,4 bestätigt ungewollt diesen Verdacht. Denn um ein Land zu verstehen und »zu ihm zu sprechen«, muss man außerhalb desselben stehen. Selbst in der Art und Weise, wie Napoleon später, zuletzt in seinem Testament, von dem »französischen Volk« gesprochen hat, das er »so sehr geliebt« habe und inmitten dessen er begraben sein wollte, kommt die Distanz desjenigen zum Ausdruck, der von außen gekommen war und der Frankreich als einem Gegenüber begegnete, dem er sich anverwandelte.5

Was aber, wenn nicht Franzose, war er dann? Auch diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Im Jahr von Napoleons Geburt gehörte Korsika gerade seit zwei Jahren zu Frankreich, das die Insel offiziell noch im Namen Genuas verwaltete. Doch hatte die administrative und kulturelle Inbesitznahme schon begonnen und die französische Regierung ließ erkennen, dass sie nicht daran dachte, Korsika jemals wieder den hochverschuldeten Genuesen zurückzugeben. Alles, die militärische Inbesitznahme und die Umwandlung in ein pays d’état – also eine halbautonome Ständeprovinz nach dem Vorbild der Guyenne oder der Bretagne – deutete vielmehr auf eine entschlossene, wenn auch bedachtsame Inkorporierung Korsikas in den französischen Staatskörper hin.

War Napoleon also Italiener? Seine Vorfahren fühlten sich lange Zeit als solche. Sie hatten sich von der Seerepublik Genua, zu der ihre ursprüngliche Heimat Sarzana gehörte, durch Steuervergünstigungen und Aufstiegschancen auf die Insel locken lassen. Hier haben sie es zu einem beachtlichen Wohlstand gebracht, der mit einem Adelstitel einherging. Die vom Festland stammenden Familien bildeten eine schmale Elite in den von Genua kontrollierten Hafenstädten, während das Inselinnere weitgehend sich selbst und seinen archaischen Normen überlassen blieb. Die Angehörigen dieser Familien – die Pozzo di Borgo, Paravicini, Saliceti, Ramolino – heirateten untereinander, solange sie an Ansehen einander ähnelten. Napoleons Vater hatte das Glück gehabt, eine Tochter aus dem Clan der Ramolino, die erst vierzehnjährige Laetitia, zu ehelichen, obwohl der Stern der Buona Parte zu dieser Zeit wegen misslungener Bodenspekulationen schon im Sinken begriffen war.

Aber Napoleon als Italiener zu bezeichnen, wäre ebenso falsch, wie ihn wie selbstverständlich zum Franzosen zu erklären. Gewiss, die Intellektuellen unter seinen Verwandten studierten zumeist auf dem Festland, in Florenz, Pisa oder Neapel, und bedienten sich des Italienischen als einer dem eigenen Idiom nahen Lehnsprache. Aber Napoleon kam erst 1797 als General einer französischen Armee nach Italien und sah sich durchaus nicht als Italiener – auch nicht 1805, als er sich im Dom von Mailand die langobardische Krone aufsetzte. Seine Familie mochte sich im Verlauf seiner Eroberungen und auch noch nach seiner Abdankung allmählich wieder der ursprünglichen Heimat assimilieren. Er selbst tat dies nicht. Kaum etwas brachte ihn später so sehr in Rage, als wenn sein Name italienisch – Buonaparte – buchstabiert wurde. Geschah dies noch dazu mit französischer Aussprache des »u« als »ü«, wie es Chateaubriands berühmtes Pamphlet von 1814 suggerierte, kochte er vor Wut.6

Kindheit in Korsika

Napoleon war also Korse. Aber was besagte das? Die Spezialisten sind sich bis heute uneins, ob man von einer korsischen Nation sprechen kann.7 Im Grunde zerfiel die Inselbevölkerung in die Bauern auf dem Lande und die Bewohner der wenigen Hafenstädte. Mit der Zeit war eine Symbiose zwischen den beiden Zivilisationen entstanden, aber es ist höchst zweifelhaft, ob sich im 18. Jahrhundert bereits eine korsische Identität im eigentlichen Sinne ausgebildet hatte. Gerade deshalb faszinierte Korsika die aufgeklärten Europäer des 18. Jahrhunderts. Die Insel, die seit dem 13. Jahrhundert unter der Herrschaft Genuas stand, versprach ihnen gewissermaßen ein Abbild des ›authentischen Wilden‹, den man eigentlich in Amerika oder im Stillen Ozean verortete, quasi vor den eigenen Toren. Der Schotte James Boswell, der die Insel im Jahr 1764 bereiste, trug mit seinen Publikationen, die am ehesten der Reiseliteratur zugerechnet werden können, wesentlich dazu bei.

Im Licht solcher Reiseliteratur waren die Bauernaufstände, die es seit 1729 gegen die Herrschaft Genuas gab, Vorboten einer künftigen großen Revolution. Das gilt umso mehr, als sich prominente Männer des Festlandes auf die Seite der Aufständischen stellten. Der österreichische Baron von Neuhaus ließ sich von einer ›consultà‹ zum König von Korsika proklamieren und hoffte (vergeblich) auf englischen Beistand. Der Neapolitaner Pasquale Paoli errichtete in der Stadt Corte im Inselinneren eine Art Hof, gründete die noch heute bestehende Universität und ließ sich von Jean-Jacques Rousseau eine eigens für die Insel entworfene Verfassung im Geiste des Contrat social schreiben. Auch versuchte er, die von den Genuesen zu Hilfe gerufenen Franzosen aus den Hafenstädten zu vertreiben.

An seiner Seite befand sich Napoleons Vater, Carlo Buona Parte. Als aber auch dieser Befreiungsversuch 1769 scheiterte und Paoli eine britische Fregatte betrat, um sich nach London ins Exil zu begeben, blieb der einheimischen Elite nur die Wahl, entweder den Weg in den Untergrund zu beschreiten oder sich mit den neuen Herren aus Frankreich zu arrangieren. Die Buona Parte wählten den zweiten Weg. Carlo, der gerade noch Paoli assistiert hatte, wurde als »Charles Bonaparte« die rechte Hand des mächtigen Mannes, den die neue Staatsmacht als ihren Vertreter und Verwalter auf die Insel schickte: Baron Marbeuf.


Abb. 1: Die Eltern Napoleons – links der Vater Carlo Maria Bonaparte (1746–1785) in einem Gemälde aus der Zeit 1766–1779 von Anton Raphael Mengs; rechts die Mutter Laetitia Ramolino (1750–1836) in einem Gemälde (um 1802) von François Gérard.

Die Gestalt Marbeufs, der selbst aus der armen Bretagne stammte und ein Gespür für die Kluft besaß, die sich zwischen der hochzivilisierten Pariser Gesellschaft und den entlegenen und sich selbst überlassenen Provinzen auftat, muss dem Knaben Napoleon zum ersten Mal eine Ahnung von dem vermittelt haben, was »Frankreich« bedeutete. Sein Name stand für Macht, Luxus und Aufstiegschancen. Carlo schaffte es, seine beiden ältesten Söhne in Positionen unterzubringen, die das neue Regime für die ihm Wohlgesonnenen unter dem heimischen Adel bereithielt: einen Platz im Priesterseminar für den erstgeborenen Joseph, die Aufnahme in eines der dem Adel vorbehaltenen Militärinternate für den zweitgeborenen Sohn Napoleon. Ob mit solchem Entgegenkommen ein Preis für anderweitige Dienste entrichtet wurde, die Laetitia dem als Frauenheld verschrienen Gouverneur geleistet hatte, wurde gelegentlich vermutet, blieb aber unbewiesen. Sicher ist, dass die schöne Korsin ihrem umtriebigen Ehemann in vielfacher Hinsicht zur Hand ging. Auf jeden Fall war sie, die manche ihrer 13 Kinder überlebte und erst als 85-jährige Matriarchin im Februar 1836 in Rom starb, die treibende Kraft in der Familie. Eine Notwendigkeit, die sich nicht zuletzt daraus ergab, dass sie den Ehemann schon früh ersetzen musste, der kaum 39-jährig 1785 in Montpellier an Magenkrebs starb.

Wie muss man sich also das erste Lebensjahrzehnt des am 15. August 1769 geborenen Napoleon vorstellen? Dass der Knabe, anders als sein Bruder Joseph, zum »Bestimmer« taugte, hat Laetitia früh an ihm bemerkt. Er sei das schwierigste ihrer Kinder gewesen, hat sie später gesagt, und mehr als einmal habe sie zu Ohrfeigen, einmal auch zu einer Tracht Prügel als Erziehungshilfe greifen müssen, zumal der geschäftige Vater die meiste Zeit abwesend war.8 Auch zeigte sich bald, dass die Anlagen des Jungen über ein bescheidenes Dasein als Advokat oder Notar hinausstrebten und nach mehr verlangten, als es die Insel mit ihren nur rudimentären Bildungschancen bieten konnte. Die Unterrichtsstunden, die ihm der Abbé Recco erteilte, hatten in ihm die Liebe zur Mathematik geweckt. Zu mehr aber, zum Erlernen der französischen Sprache, zu geregeltem Wissenserwerb über die paar Brocken Latein hinaus, die ihm der Kirchenmann beibrachte, war der Aufenthalt auf dem Kontinent erforderlich.

Stationen einer Militärlaufbahn

So teilte Napoleon schon früh die zwiespältige Erfahrung dessen, der aus einem armen Land in eine höherentwickelte Zivilisation wechselt. Denn das starke und spendable Frankreich, das ihm in Bastia, dem Sitz des Gouverneurs, und auf dessen Privatanwesen in Gestalt Marbeufs entgegentrat, hatte auch eine andere, weniger sympathische Seite. Diese lernte er kennen, als der Vater die beiden Ältesten auf eine Reise mitnahm, die ihn als Vertreter der korsischen Stände zum König nach Versailles führte. Die beiden Söhne begleiteten ihn allerdings nicht bis in die französische Hauptstadt. Der Vater ließ die Kinder in Autun zurück, wo sie im Priesterseminar des Bischofs, eines Verwandten Marbeufs, binnen drei Monaten die französische Sprache und Schrift erlernen sollten. Von hier nahm ein anderer Bekannter Marbeufs den Neunjährigen mit nach Brienne-le-Château, wo dem Jungen die dortige Militärakademie zur Ausbildung zugewiesen worden war.

Hier in der Champagne lernte der junge Napoleon die andere Seite der in Aussicht gestellten Assimilation an die französische Kultur kennen. An der Akademie in Brienne, einem der Orte, wo der verarmte, aber umso mehr auf seinen Ruf bedachte französische Adel seine Söhne ausbilden ließ, war er von vornherein der Außenseiter, dem die Rolle des Sonderlings mit einer Selbstverständlichkeit zufiel, als wäre sie ihm angeboren gewesen. Zwar sind die weitschweifigen Memoiren seines Zimmergenossen und späteren Freundes Bourrienne nachweislich nicht immer wahrheitsgetreu, doch sie vermitteln eine gute Impression von der allgemeinen Lage, in der sich Napoleon im Internat befand.9 Daraus ergibt sich das Bild eines stolzen Knaben mit dem unüberhörbaren fremden Akzent, über den sich die Kameraden lustig machten und der seine Rolle als Außenseiter durch trotzige Selbstbehauptung kompensierte. Das lebenslange Ressentiment Napoleons gegenüber dem französischen Adel hat seinen Ursprung in eben jenen Erfahrungen im Internat.

Dennoch waren die Jahre in Brienne (1779–1784) und an der Offiziersschule in Paris (1764/65) sowie die anschließenden Garnisonsaufenthalte in Valence (1785–1788) und Auxonne (1788/89) für Napoleon mehr als eine Diaspora. Hier entdeckte er sein eigentliches Terrain, das Militär, und hier fand er seine neue Heimat, die Armee. Die Militärakademie in der Champagne, die Ecole militaire in der fremden Hauptstadt und das Artillerieregiment La Fère in Valence und Auxonne waren bei aller Härte und Reglementierung des Lebensalltags für den Heranwachsenden Stationen der Wissensaneignung und der Charakterschulung, aber auch der Muße und des Rückzugs in Lektüre und Träumerei. So bildete die Karriere beim Militär für den Jungen aus Korsika nicht nur das geeignete Sprungbrett für eine angesehene und gesicherte Existenz im neuen Vaterland; in der Armee fand auch sein diffuser Ehrgeiz ein angemessenes Betätigungsfeld. Hier verwuchs die angeborene Liebe zum rustikalen Leben mit seiner Lust am Abenteuer, hier konnte er seinen ihm eigenen Drang zum Befehlen und Organisieren ausleben. Das Leben dort, schrieb er seinem Onkel, verlange »genug Beherztheit, um den Gefahren einer Schlacht zu trotzen«, und setze »eine entschiedene Neigung für den Beruf voraus, den schwierigsten übrigens, den es gibt […]«, und den man nicht allein »vom Standpunkt der Garnison aus« beurteilen dürfe.10

Vorbilder und Träume

Zu dem Abenteuer, das das Militär verhieß und das die schlummernden Sehnsüchte in ihm anfachte, kam ein weiterer Anreiz, den ihm vor allem der Aufenthalt in Auxonne vermittelte. Es war die neue Militärstrategie, die seiner Entschlussfreudigkeit und seiner Intelligenz schmeichelte. Er las neben anderen den Essai de stratégie moderne von Jacques Antoine Hippolyte Guibert, eines Bewunderers Friedrichs des Großen, der aus den Schlachten des Preußenkönigs eine neue Strategie des Angriffs destillierte, die auf die vollständige Überwältigung des Gegners abzielte – nicht bloß auf dessen Zurückdrängung oder Schwächung.

Tatsächlich galt unter den neueren Theoretikern die Artillerie als Pionierwaffe. Sie hatte sich seit dem 16. Jahrhundert enorm weiterentwickelt. Die neuen Möglichkeiten der Artillerie beruhten auf einer so noch nicht dagewesenen Manövrierfähigkeit der Kanonen. Diese waren in den bisherigen Kriegen bloße Zusatzwaffen gewesen, mit denen Panik in die feindlichen Linien getragen oder herausragende Punkte im Gelände verteidigt werden konnten. In direkter Kombination mit der vorrückenden Infanterie waren sie bisher jedoch kaum eingesetzt worden. Dafür waren die Kanonen noch zu schwer und ihr Transport zu aufwendig. Das änderte sich durch die Entwicklung leichterer Kanonen, die sich auch während einer Schlacht bewegen ließen. Als Folgerung daraus hatte Guibert die Strategie entwickelt, Kanonen mit der Infanterie zusammenwirken zu lassen, um durch die auf einen einzelnen Punkt gerichtete Feuerkraft überraschende Einbrüche in die feindlichen Linien zu erzielen und diese dadurch aufzurollen. Dafür war allerdings eine Vergrößerung der Heere nötig, und deshalb hatte Guibert auch schon an die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gedacht. Seine Ideen hatten sich allerdings im Ancien Régime als unausführbar erwiesen und überlebten vorerst nur in der Theorie. Es ist aber erwiesen, dass der angehende Artillerieoffizier Bonaparte diese Schriften kannte und durch fortschrittliche Lehrer in Auxonne darauf hingewiesen wurde.11

Den Vorgesetzten entging die Begabung des jungen Korsen keineswegs. Der Regimentskommandeur in Auxonne, Jean-Pierre Du Teil, selbst ein führender Theoretiker der neuen Schule, betraute ihn im Sommer 1788 mit der Durchführung einer Versuchsreihe, bei der die Treffsicherheit und die Belastbarkeit von Kanonen und Mörsern verglichen wurde. Der damals 17-jährige Napoleon beaufsichtigte dabei bis zu 200 Soldaten und 30 Arbeiter, was ihm das Missfallen einiger hochadeliger Kameraden eintrug. Du Teil hatte aber offenbar das Talent des jungen Offiziers erkannt, der die Flugbahnen der Geschosse mittels des Integrals im Voraus errechnete und dabei die Menge des verwendeten Pulvers so konsequent reduzierte, dass sich die Münder der Kanonenrohre nicht mehr zu stark verzogen. Der anstrengende Dienst und das ungesunde Klima im Tal der Saône setzten Napoleon allerdings so zu, dass er sich ein Fieber zuzog, das erst am Ende des Jahres auskuriert war.

Was erwartete sich der angehende Artillerieoffizier Bonaparte von seiner Zukunft? Hier tat sich zwischen Wunschvorstellungen und der Realität noch eine Kluft auf, die der junge Offizier lebhaft empfunden haben muss. »Ruhm« zu erlangen war sicher eines der Mittel, um der Leere zu entgehen, die das Garnisonsleben versprach. Aber wem sollte er nacheifern? Gab es ein konkretes Vorbild? Andere Große der Geschichte haben sich frühzeitig Gestalten gewählt, in deren Fußstapfen zu treten sie sich vornahmen. Napoleon bewunderte antike Feldherren wie Alexander den Großen, Hannibal und Cäsar, weil sie es vermocht hatten, mit einer numerisch unterlegenen Streitmacht, allein auf ihren Mut und ihr Gespür für den rechten Augenblick vertrauend, den Ausgang einer Schlacht zu entscheiden. Noch auf Sankt Helena hat er über die alles entscheidende Rolle des Feldherrn sinniert:

»Nicht vor der karthagischen Armee an den Toren Roms zitterte die Republik, sondern vor Hannibal; nicht das römische Heer unterjochte Gallien, sondern Cäsar; nicht das mazedonische Heer stürzte das persische Reich, sondern Alexander […].«12

Von den jüngeren Feldherren bestanden nur Gustav Adolf und Friedrich der Große vor seinem kritischen Blick, der erste als genialer Angreifer, der zweite, weil er es verstanden hatte, sich gegen eine übermächtige Koalition von Feinden immer wieder Luft zu verschaffen. Aber zum Vorbild taugte weder der eine noch der andere und auch die beiden berühmten französischen Marschälle, der große Condé und Turenne, hielten vor dem moralischen Urteil des jungen Offiziers nicht stand. Sie alle seien nämlich der eigenen Größe mehr als dem Vaterland verpflichtet gewesen.13 Dieses Verdikt ereilte im Übrigen auch den Vernichter der römischen Republik Julius Cäsar.14

Die Suche nach einem Vorbild beschäftigte den jungen Napoleon umso mehr, als da der Vater diese Rolle aufgrund seines vorzeitigen Todes nicht ausfüllen konnte. Zudem hatte er ihn früh als Anpasser durchschaut, während er seine geliebte Mutter lange im Verdacht hatte, dass sie sich der französischen Fremdherrschaft mit Seele und Körper hingegeben habe. So gab es kein Alter Ego, in das er hätte hineinschlüpfen können wie etwa später sein Neffe in seine, Napoleons, Gestalt. Und so füllte diese Leerstelle Korsika aus, genauer gesagt: der Mythos eines Korsikas, den er sich durch Boswell-Lektüre und eigene Studien zurechtlegte. Korsika war für ihn das Bindeglied zwischen einer idealisierten Antike und der Gegenwart. Ein unverbrauchtes Volk, das sich römische Tugenden bewahrt hatte und nur auf die Gelegenheit wartete, um der Gegenwart seine Selbstbefreiung abzutrotzen. Verkörpert sah er dieses ideelle Korsika eine Zeitlang in Pasquale Paoli, der zwar kein militärisches Genie, aber ein charismatischer Patriot und einflussreicher Führer, dazu ein anerkannter Gelehrter war. Der gealterte Aufklärer seinerseits durchschaute bei seiner Rückkehr auf die Insel im Jahre 1790 die Attitüde des jungen Mannes, als er diesem bescheinigte, seine Vorstellungen seien »ganz aus dem Plutarch« entnommen.15 Als sich auch diese in Paoli personifizierte Illusion auflöste und zudem der Mythos Korsika erlosch, trat an die Stelle des unauffindbaren Vorbilds der Glaube an das eigene mächtige Ego.

Jünglingsnöte

Doch noch war es nicht soweit, und die Gegenwart hielt für die kühnen Träume des jungen Offiziers nur wenig Nahrung bereit. Das Kriegsspiel, auch wenn es auf hohem intellektuellem Niveau stattfand, konnte Napoleon nicht wirklich befriedigen, zumal kein Krieg in Sicht war. Die letzte große Auseinandersetzung mit Großbritannien, die Intervention in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf der Seite der Kolonien, hatte zwar zum militärischen Ruhm Frankreichs beigetragen. Allerdings waren die ohnehin überstrapazierten Finanzen seitdem endgültig ruiniert. Das seinem Ende entgegen taumelnde Ancien Régime war viel zu tief in innere Krisen verstrickt, um eine grundlegende Reform in Angriff zu nehmen. Der begabte, aber eigensinnige Jüngling dürfte das gespürt haben. Er muss die Inkongruenz empfunden haben, die zwischen seinen Fähigkeiten und den realen Möglichkeiten ihrer Verwirklichung bestand. Ein Garnisonsleben mit wechselnden Standorten und einem zähen Aufstieg auf der Karriereleiter bis zum Hauptmann (capitaine), allenfalls zum Major (colonel) – das war es, was ihm das überforderte Königtum Ludwigs XVI. bieten konnte.

Hinzu kam, dass die Rahmenbedingungen, die ein solches Offiziersdasein bot, für die Ausbildung eines eigenen Privatlebens ausgesprochen ungünstig waren – darin ähnelten sich Kirche und Armee. Der gerade sechszehnjährige »Nabulione« war noch ein grüner Junge, was den gesellschaftlichen Schliff, sein äußeres Auftreten und die eigene Selbsterkundung auf dem Terrain der Emotionen anging. Daran änderten auch die gelegentlichen Kontakte zu Töchtern aus am Ort ansässigen Honoratiorenfamilien wenig. Die Anknüpfung einer Beziehung, die in eine standesgemäße Ehe führen konnte, wurde durch die Versetzungen von einem Garnisonsstandort zum nächsten verhindert. Erst war er knapp ein Jahr in Valence, ab 1788 dann anderthalb Jahre in Auxonne. Dazwischen lag ein mehrmonatiger Urlaub in Ajaccio, den er großzügig genehmigt bekommen hatte, um die finanziellen Probleme seiner Familie nach dem plötzlichen Tod des Vaters zu beheben. Von Auxonne aus machte er sich dann im Herbst 1789 wiederum für anderthalb Jahre nach Korsika auf.

Seine ersten sexuellen Erfahrungen soll Napoleon laut eigenem Bekunden als 18-Jähriger mit einer Pariser Prostituierten gemacht haben.16 Für einen jungen Mann mit geregeltem Einkommen, aber ohne Familienanschluss war dies durchaus nicht unüblich. Damals befand er sich gerade als Bittsteller in Paris, um die liegengebliebenen Projekte, für die sich sein Vater Carlo hoch verschuldet hatte, weiterzutreiben. Allerdings ohne Erfolg, wie sich bald herausstellte. Man zeigte Paris-Besuchern im 19. Jahrhundert lange noch das ärmliche Zimmer des Hotel de Cherbourg in der Rue du Four-Saint-Honoré, wo er damals abgestiegen war.17 Vielleicht erklärt diese doppelte Ernüchterung seiner frühen Paris-Reise die resignierte Haltung in seinen Briefen, die Klage über den ›ennui‹ des Lebens, die sich bis zur Idee des Selbstmords steigern konnte:

»Immer allein inmitten der Menschen, kehre ich heim, um mich mit meinen Träumen zu beschäftigen und mich der ganzen Lebhaftigkeit meiner Melancholie hinzugeben. Wohin neigt sie sich heute? Auf den Tod zu. In der Morgenröte meiner Tage kann ich noch auf ein langes Leben hoffen. Was also treibt mich an, mich selbst zerstören zu wollen? Gewiss, was soll man in der Welt? Wo ich ja doch sterben muss, wäre es da nicht besser, mich selbst zu töten?«18

Solche Sätze, vermutlich durch die Lektüre Goethes Werther angeregt, dürfen indes nicht überschätzt werden. In ihnen manifestierte sich weniger eine konkrete suizidale Absicht des Heranwachsenden als vielmehr die tiefempfundene Unvereinbarkeit von Ruhm- und Lebensgier einerseits und seiner bescheidenen, von materiellen Sorgen überschatteten Existenz als faktisches Oberhaupt einer vom Niedergang bedrohten Familie. Es war dies eine schlechterdings erdrückende Zukunftsperspektive. Wer konnte wissen, dass kurze Zeit später die scheinbar festgefügte Welt des Ancien Régime zusammenbrechen würde und sich einem Emporkömmling wie ihm ungeahnte Möglichkeiten eröffnen würden, die sich ihm beim Fortbestand der sozialen Strukturen vor 1789 niemals aufgetan hätten? Charles Nodier hat in seinen Betrachtungen zur Französischen Revolution Überlegungen angestellt, was aus Gestalten wie Robespierre und Bonaparte geworden wäre, wenn die Revolution nicht dazwischen gekommen wäre:

»Robespierre, […] ein Provinzadvokat, allenfalls würdig der Akademie von Arras; Bonaparte, nicht mehr als ein guter Offizier, zänkisch, schwer zu nehmen, ein unangenehmer Begleiter, der ein unnützes Genie in sich ausbrütet.«

Nodier fügte hinzu:

»Werfen Sie den einen und den anderen mit unwiderstehlicher Gewalt mitten hinein in eine bis in ihre Fundamente erschütterte Welt, und diese Welt wird ihr Gesicht verändern.«19

Trittbrettfahrer der Revolution (1789–1793)
Frühe Erfahrungen

Für die eigenartige Rolle, die Korsika in der frühen Biografie Napoleons spielte, hat einer seiner jüngsten Biografen, Patrice Gueniffey, eine kluge Formel gefunden. Gueniffey vergleicht seine innere Entwicklung mit der von Einwandererkindern der zweiten und dritten Generation, die sich, obwohl gänzlich in der neuen Heimat akkulturiert, anders als ihre Eltern wieder dem ursprünglichen Herkunftsland zuwenden. Gueniffey gelangt dabei zu der erstaunlichen Erkenntnis, Napoleon »liebte den Franzosen nicht, der er geworden war, und er bemühte sich, der Korse zu werden, der er nicht mehr war.«20 Gueniffeys Bemerkung trifft die zwiespältige Beziehung, in der Napoleon zu beiden ›Vaterländern‹ stand, vergleichbar der Zerrissenheit, die heutige Immigrantenkinder in ähnlicher Lage empfinden.

Diese eigenartige Doppelbindung, die zu einer lebenslangen Ambivalenz zu werden drohte, geriet durch die Revolution in Bewegung, sodass es nicht einfach ist, in Napoleons Äußerungen eine klare Linie zu erkennen. Zwei grundlegende Tatsachen sind zu beachten: Zum einen projizierte er alle Ergebnisse der Revolution auf seine Heimat. Er beurteilte die Französische Revolution also vor allem in Bezug auf Korsika. Zum anderen muss bei den Äußerungen Napoleons zur Revolution gefragt werden, ob er sie als bloßer Zeitgenosse oder als Augenzeuge traf, der quasi beruflich in die Vorgänge involviert war. Dann urteilte in ihm nicht der Fortschrittsgläubige, als der er sich gab, sondern der Militär. Für alle frühen Urteile Napoleons über die Französische Revolution ist aber die persönliche Distanz kennzeichnend, die er zu den Geschehnissen erkennen lässt. Man hätte ihn für einen ausländischen Beobachter halten können.

So erkannte er völlig richtig die Bedeutung der am 8. August 1788 verkündeten Entscheidung des Königs, für den Mai des folgenden Jahres die Generalstände einzuberufen. Denn er hatte begriffen, dass damit für Korsika eine Gelegenheit geschaffen wurde, die bestehende französische Administration loszuwerden. Auch befürwortete er die Bewerbung seines Bruders Joseph als eines der Vertreter Korsikas für die Abordnung zu den Generalständen in Versailles. Zugleich bedauerte er, dass die allgemeine Verunsicherung dem Erfolg »unserer Angelegenheit« – gemeint war die von seinem Vater mit viel Aufwand betriebene Maulbeerbaumschule – hinderlich war.21

Vor Ort, in Auxonne, versah er derweil ohne Bedenken die ihm zugewiesene militärische Aufgabe, nämlich Ordnung zu schaffen und Aufruhr zu verhindern. So auch im April 1789, als er für mehrere Wochen in das Städtchen Seurre abkommandiert wurde, wo er zusammen mit einem anderen Offizier revoltierende Kleinbürger »zur Raison rief«, die verhindern wollten, dass die Getreidevorräte von Wucherern weggeschafft wurden. Seiner Mutter schrieb er:

»Das Volk hat einen Aufstand gemacht und sich gegen seine städtischen Beamten erhoben, es hat Getreidemagazine geplündert, die die Wucherer nach Lyon bringen wollten. Deshalb sind wir als Hundertschaft ausgerückt, um dem Einhalt zu gebieten.«22

Die Motive der Aufständischen waren Napoleon also bekannt, aber er verwandte kein Wort des Verständnisses darauf, sondern erhoffte sich die Lösung der Probleme allein von der Versammlung in Versailles, wobei er nicht mit düsteren Farben sparte:

»Der Augenblick der Stände naht. Man spürt es allenthalben. Die Unruhen in den Städten, den Dörfern, auf dem Land nehmen überhand. Gebe der Himmel, dass diese Flamme des Patriotismus Bestand hat, und dass sich die Dinge nicht verschlimmern. Das fürchte ich. Sie wissen ja, dass sich kurz vor dem Tod immer eine Besserung einstellt.«23

Als die Generalstände schließlich am 5. Mai 1789 zu ihrer Eröffnungssitzung in Versailles zusammentraten, interessierte ihn daran hauptsächlich die Frage, ob er deshalb die Veröffentlichung seines Buches über Korsika verschieben sollte. Die vorausgegangenen Réveillon-Unruhen in Paris, bei denen über hundert Personen zu Tode gekommen waren, streifte er nur mit lässiger Geste. In einem Brief an seinen Bruder Joseph schreibt er etwa:

»Man musste Truppen heranführen, um den Pöbel zu beruhigen, man hat zehn oder mehr von ihnen gehängt und getötet, vielleicht zwanzig, vielleicht dreißig Personen, die Berichte darüber waren übertrieben.«24

Von der ›juristischen‹ Revolution, die sich in den folgenden Wochen in Versailles vollzog, verfolgte er im Wesentlichen nur den äußeren Ablauf, nämlich dass der leitete Minister Necker, der ihm imponierte, gegen das Reformprogramm Ludwigs XVI. vom 23. Juni 1789 opponierte und deshalb zurücktreten musste. Ob er zu diesem Zeitpunkt bereits begriff, welcher Stellenwert dem Ballhausschwur und dem folgenden Nachgeben des Königs gegenüber der nun als ›Assemblée nationale‹ firmierenden Ständeversammlung zukam, ist jedoch mehr als fraglich. Er verfolgte, wie Ludwig XVI. unter dem Eindruck der fortgesetzten Unruhe in Paris das unzuverlässig gewordene Militär aus der Hauptstadt abzog und dadurch den Bastillesturm erst ermöglichte, dessen Dynamik er anschließend nur dadurch dämpfen konnte, dass er die Ergebnisse der Verfassungsrevolution in Versailles anerkannte und den beliebten Minister zurückrief. Diese neuerliche Volte der Regierung scheint der junge Napoleon als das gesehen zu haben, was sie in den Augen eines Soldaten war: als Einknicken vor dem Druck der Straße infolge des Versagens der militärischen Führung und mangelnder Konsequenz in der Haltung des Königs.25


Abb. 2: Europa zu Beginn der Französischen Revolution 1789

Im kleinen Maßstab bekam er Ende Juli 1789 die Gelegenheit, es besser zu machen. Bei den Unruhen, die im Gefolge der ›Grande peur‹ auch die Bourgogne erfassten, sprang er für einen von der Situation überforderten 75-jährigen General ein, schloss sich mit der neugegründeten Bürgerwehr von Auxonne kurz und ließ 35 der Unruhestifter festsetzen. »In einem Monat«, meinte er zu seinem Bruder, würde »alles erledigt sein«.26 Und über die Opfer der Unruhen in ganz Frankreich urteilte er nun, ganz im Sinne der offiziellen Lesart:

»Das war das unreine Blut der Feinde der Freiheit und der Nation, das sich seit langem schon auf ihre Kosten mästete.«27

Von den Männern der Nationalversammlung, die sich daran machten, dem Land eine Verfassung zu geben, hielt er allerdings nicht allzu viel. »Sie kommen langsam voran und schwätzen zu viel«. Insgesamt überwog ein Gefühl gebremster Erleichterung. »Alles das ist brillant, aber es existiert vorerst nur auf dem Papier.« Dass Ludwig zum »Wiederhersteller der französischen Freiheit« gekürt und auf einer Medaille verewigt worden war, ließ er unkommentiert. Ob er ihn damals noch als seinen König ansah – wenn er dies jemals getan haben sollte –, sagen seine Briefe nicht und ist mehr als zweifelhaft. Die Widmung an Necker, die er seinem Buch über Korsika voranstellen wollte, begann mit den Worten:

»Im Namen Ihres Königs.«28

Ganz anders wurde sein Ton, wenn Korsika ins Spiel kam. Als Beleg dafür dienen den Biografen der Brief an seinen Paten und das Schreiben an Paoli. Man muss aber in Rechnung ziehen, dass es sich hier um Schreibübungen eines Jünglings handelt, der sich für einen angehenden Literaten hielt und dem Sprachgestus seiner Vorbilder nacheiferte. Dem Paten, der gleichzeitig Schriftführer der korsischen Stände war und zu einer vorsichtigen Reform neigte, wollte er vor Augen führen, dass der Moment für eine Abschaffung der französischen Administration – »das dreifache Joch des Soldaten, des Richters und des Steuereintreibers« – günstig war und nicht verpasst werden durfte.

»An einem korrupten Hof besitzt die Wahrheit wenig Reize; aber heute hat sich die Bühne gewandelt, man muss auch sein Verhalten ändern. Wenn wir diesen Augenblick versäumen, werden wir für immer Sklaven sein.«29

Der Brief an Paoli begann gleich mit einem verbalen Paukenschlag à la Rousseau:

»Ich ward geboren, als das Vaterland unterging. 5000 an unsere Küsten gespiene Franzosen ertränkten den Thron der Freiheit in Strömen von Blut, dieses ruchlose Schauspiel umfing als erstes mein Blick.«30

Er ging dann zu der schon im anderen Brief gegeißelten Trias über (»unter der dreifachen Kette des Soldaten, des Legisten und des Steuereintreibers leben meine verachteten Landsleute dahin«), um zu seinem eigentlichen Anliegen zu kommen:

»Eine seit geraumer Zeit begonnene Studie in französischer Sprache, die sich aus langem Anschauen speiste, sowie die Auswertung von Erinnerungen, die ich in den Taschen meiner Mitbürger fand, ließ mich auf einen gewissen Erfolg hoffen.«31

Es handelte sich hierbei um die Briefe über Korsika (Lettres sur la Corse), ein etwa 140 Seiten umfassender Extrakt seiner Studien zur Geschichte Korsikas, der den Bogen von der Antike zur Gegenwart spannte. Dabei stellt er die zeitgenössische Unfreiheit einer ruhmvollen Geschichte entgegen, um damit für die Befreiung vom französischen »Joch« aufzurufen. Napoleon hatte das Elaborat seinem Lehrer Dupuy in Valence vorgelegt, der ihm jedoch dringend von einer Veröffentlichung abriet. Daraufhin widmete er es dem Abbé Raynal, den er für seine kritischen Schriften über das Ancien Régime inzwischen mehr bewunderte als Rousseau. Durch die Revolution allerdings hatte dieses Manuskript sein eigentliches Angriffsobjekt verloren, sodass er die Veröffentlichung einstweilen auf Eis legte. Stattdessen wollte er nun aktiv bei der Veränderung Korsikas mitwirken und beantragte – zur Besserung seiner Gesundheit – einen viermonatigen Heimaturlaub, der ihm postwendend gewährt wurde. Seine Abwesenheit sollte sich nach einer abermaligen Verlängerung des Urlaubs inklusive dessen Überziehung bis zum Frühjahr 1791 hinziehen.

Aufenthalt in Korsika 1790/91

Um die verworrenen Vorgänge während dieses Aufenthalts auf der Insel zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass in Napoleons Augen wie in denen der meisten Franzosen die Revolution inzwischen zu einem glücklichen Ende gekommen war und die durch die dramatischen Ereignisse vom Mai bis Oktober 1789 erfolgten Erschütterungen von einem Zustand der Normalität abgelöst wurden. Die Ungleichheit der Bürger untereinander, die Willkür der Justiz, die obszöne Prachtentfaltung des Hofes, wie sie die Gesellschaft des Ancien Régime gekennzeichnet hatten, waren abgeschafft worden; und das Gemeinwesen war mittels der von der Nationalversammlung ausgearbeiteten Verfassung auf ein neues, dauerhaftes Fundament gestellt worden. In diesem reformierten Frankreich sollten alle Entscheidungen, ob auf kommunaler, regionaler oder staatlicher Ebene, unter aktiver Mitwirkung der Bürger bzw. ihrer Repräsentanten stattfinden. Es war nur noch nicht geklärt, wie weit sich die Definition der Aktivbürgerschaft erstrecken und ob sie auch die in einem wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis zu anderen Stehenden, also die Arbeiter, Knechte, Tagelöhner usw., umfassen sollte. Sicher aber war, dass auf der Grundlage eines weit gefassten Wahlrechts Gebietskörperschaften gebildet werden sollten, die auf der Ebene der Gemeinde, des Distrikts und des Departements die alte Verwaltung durch bürgerliche Vertreter ersetzen würden. Diese Körperschaften traten schon 1790 ins Leben und begannen mit der Arbeit. Ausdruck der Reorganisation und des damit einhergehenden neuen Wir-Gefühls war das Föderationsfest am 14. Juli 1790, zu dem Zehntausende Abgesandte aus allen Teilen Frankreichs auf dem Marsfeld in Paris zusammenkamen.

Die politische Elite der Korsen begriff schnell, dass sich ganz neue Perspektiven für ihre Insel auftaten. Nicht im Gegensatz zu Frankreich, sondern im Zusammenwirken mit den neuen Institutionen ließ sich die Lage der Insulaner verbessern. Deren Engagement richtete sich darauf, die alte Verwaltung möglichst rasch loszuwerden und in den neuen Ämtern eigene Leute zu platzieren. Dass sich dieses Ziel nicht gegen, sondern nur im Zusammenwirken mit der allmächtigen Nationalversammlung verwirklichen ließ, verstand nicht nur Korsikas politischer Vertreter des Dritten Standes in Versailles, Antoine Christophe Saliceti, sondern auch dessen Protektor Pasquale Paoli.32 Sie begrüßten die Erklärung der Nationalversammlung vom 30. November 1789, welche die Insel, die formal immer noch als von Frankreich treuhänderisch verwalteter Besitz Genuas fungierte, zum integralen Bestandteil der französischen Nation erklärte. Paoli ließ sich im Frühjahr 1790 für zwei Monate in Paris nieder und wurde von Ludwig XVI. als offizieller Botschafter seines Landes empfangen, bevor er in einem Triumphzug im August 1790 auf die Insel zurückkehrte.

Die Angriffe Napoleons gegen die Trias von Militär-, Justiz- und Steuerbehörde waren also zum Zeitpunkt ihrer Proklamation eigentlich schon obsolet. Es hätte vermutlich gereicht, abzuwarten, bis sich etwas verzögert auch auf der Insel die Arbeit der neuen Institutionen in greifbaren Ergebnissen bemerkbar machten. Für den künftigen Regionalpolitiker Napoleon Bonaparte galt es, sich mit der Nationalversammlung gut zu stellen und Aussagen zu unterlassen, die nach offenem Separatismus klangen. Das war eine nicht immer einfache Gratwanderung, wie die Wortwahl der Inschrift zeigte, die er am Haus der Buonaparte in Ajaccio anbringen ließ. Den Slogan »Evviva la nazione« deutet Gueniffey als Bekenntnis zu Frankreich.33 Diese Interpretation ist jedoch fraglich, denn abgesehen von der Tatsache, dass die Worte in Italienisch bzw. Korsisch abgefasst waren, lässt sich vermuten, dass Napoleon bewusst eine eindeutige Zuordnung vermeiden wollte. Die meisten Bewohner werden die Formel als Bekenntnis zur korsischen Nation begriffen haben. Doch ein explizites und eindeutiges Bekenntnis zu Korsika hätte ihn in direkten Gegensatz zu Frankreich gebracht, was er zu diesem Zeitpunkt nicht wollte. Und so bot ihm dieses Motto einen Weg, um alle außer den Anhängern des Status quo zu bedienen. Die weiteren Lobsprüche bestärken diesen Verdacht. Mit »Evviva Paoli« pries er den Befreier vom genuesischen Joch, und mit »Evviva Mirabeau« feierte er den starken Mann der Nationalversammlung und Vater des Dekrets vom 30. November 1789, den er in eine Reihe mit »ehrenwerten Männern« der Konstituante wie Lameth, Robespierre, Pétion, Barnave und Lafayette stellte.34

Die hektische Aktivität des Leutnants erklärte sich nicht zuletzt aus dem Bestreben seiner Familie, sich bei den nun zu vergebenden Stellen einen gewichtigen Anteil zu sichern. So unterstützte er nachhaltig seinen Bruder bei der Auswahl der Kandidaten für den neuen Departementsrat. Und als Joseph bei der Besetzung einer wichtigen Stelle in der neuen Administration nicht zum Zuge kam, verschaffte er ihm dank seiner guten Beziehungen zu Paoli die Leitung eines der neun Distrikte der Insel. Dabei machte er sich das in der Bevölkerung noch immer vorhandene anti-französische Ressentiment zunutze. Das Argument, dass jemand für die »Fremden« arbeitete, erwies sich als sicherstes Werkzeug zur Erzeugung einer entsprechenden Stimmung und zündete besonders auf dem Lande, wo die Soldaten, Juristen und Steuereintreiber aus Paris am meisten verhasst waren. Ein besonders dankbares Hassobjekt fand er in dem sechzigjährigen General Buttafoco, der für den korsischen Adel in die Generalstände gewählt worden war und der nun in Paris zur äußersten rechten Fraktion gehörte. Ihn stilisierte er in einem offenen Brief geradezu zum Sinnbild des Kollaborateurs. Das umfangreiche Schreiben, in dem der junge Napoleon alle Register seines rhetorischen Talents zog, fand solchen Anklang, dass der Jakobinerklub von Ajaccio den Text zum Druck freigab, wenngleich Napoleon ihn aus eigener Tasche bezahlte.


Abb. 3: Napoleon als Leutnant 1792 (Gemälde von Henri Félix Emmanuel Philippoteaux, 1835)

Der Radikalverbalismus des jungen Korsen darf indessen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Napoleon in den Monaten auf Korsika durchaus rational handelte. Er wollte im Zusammenwirken mit Saliceti und Paolis Bevollmächtigtem Massaria dem »General« bei den anstehenden Wahlen so viele Unterstützer zuführen, dass dieser mit seinen Leuten und ihm selber als rechter Hand eine informelle Herrschaft über die Insel unter französischem Segen errichten konnte. Als Napoleon im Februar 1791 nach Frankreich zurückkehrte, schien dieses Kalkül voll und ganz aufzugehen. Paoli bestimmte, wer zu den Wahlen für die Vertretungskörperschaften kandidieren durfte, und die Departementsversammlung in Orezza gewährte ihm eine Zivilliste von 50 000 Franken, als wäre er ein regierender Monarch.

Die Entwicklung hin auf eine faktische Herrschaft Paolis unter französischem Schirm wäre vermutlich weitergegangen, wenn sich die politischen Gegensätze in Frankreich nicht erneut verschärft hätten. Die erste große Erschütterung, die die Illusion der Einheit von 1790 zerstörte, war die Auseinandersetzung um die Constitution civile du clergé. Sie führte zur Spaltung der katholischen Kirche in Frankreich und mancherorts schon zu einem veritablen Bürgerkrieg, weil sie den strenggläubigen Katholiken, also die überwiegende Mehrheit der ländlichen Bevölkerung, die Revolution entfremdete. In Korsika verstärkte die liberale Gesetzgebung der Konstituante die anti-französischen Gefühle, zumal der Bauern, und destabilisierte das gerade gefundene Gleichgewicht zwischen Alt und Neu. Mit der Kirchenthematik in unmittelbarem Zusammenhang stand ein weiteres Ereignis vom Juni 1791: die missglückte Flucht Ludwigs XVI. nach Varennes und seine erzwungene Rückführung nach Paris. Sie erschütterte den Glauben manches überzeugten Revolutionärs an die Loyalität des Königs. Als die Konstituante im September 1791 nach der Vollendung der Verfassung auseinandertrat und der neugewählten Legislative Platz machte, schien zwar das Werk der Revolution formal zu Ende geführt; in Wahrheit aber zeigten sich hinter der Fassade der Einheit gefährliche Risse.

Zurück in Frankreich

Zu diesem Zeitpunkt hatte Napoleon Korsika wieder verlassen und war zu seinem Regiment nach Auxonne zurückgekehrt. Man hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er seines Postens und damit seines Lohns verlustig ginge, würde er seinen Urlaub weiter eigenmächtig verlängern. In seiner Begleitung befand sich sein dreizehnjähriger Bruder Louis, dessen Erziehung er übernahm und für den er sich in besonderer Weise zuständig fühlte.

In den zehn Monaten, die Napoleon auf dem Kontinent verbrachte, vier in Auxonne, danach sechs in Valence, erlebte er deutlich, dass die Revolution in ein neues Stadium eingetreten war. Während die meisten seiner adeligen Kameraden der ganzen Entwicklung skeptisch gegenüberstanden und einige die Armee verließen, weil sie den von ihnen geforderten Eid auf die Verfassung – nicht etwa auf den König! – verweigerten, schlug in den Städten das patriotische Fieber des Vorjahres in militanten Antiklerikalismus um. Die Frage, ob man die Messe bei einem vereidigten Priester oder einem romtreuen Geistlichen hören sollte (der Papst hatte die Constitution civile verworfen), entzweite Jung und Alt, Stadt und Land, zerriss sogar Familien. »Es gab hier eidverweigernde Priester, die Zwietracht säten, vor allem beim schwachen Geschlecht«, schrieb er aus Auxonne an Joseph.

»Mehr als ein Haushalt war davon betroffen. Ein Teil der Leute ging nicht mehr in die Gemeindekirche [d. h. zu dem konstitutionellen Geistlichen – K. D.], weil sie dann exkommuniziert wurden. Die Gemeindeverwaltung konnte vor einer solchen Störung nicht die Augen verschließen.«35

Das andere drängende Problem war die Frage, ob es Krieg geben würde. In der neugewählten Nationalversammlung zeichnete sich eine Gruppe von Abgeordneten ab, die auf die Konfrontation mit dem Ausland drängten, weil sie dieses in dem nicht unberechtigten Verdacht hatten, mit den Revolutionsfeinden gemeinsame Sache zu machen. Napoleon glaubte nicht an einen bevorstehenden Krieg. Nicht weil er Angst davor hatte – er brannte vielmehr darauf, endlich den Ernstfall kennenzulernen! –, sondern weil er vermutete, dass der Kaiser und die übrigen Mächte Frankreich seiner inneren Gärung überlassen würden, um so ein Übergreifen der Revolution auf ihre Länder zu verhindern.

Zu Beginn des Jahres 1792 fällt ein groteskes Intermezzo auf Korsika, wohin Napoleon abermals zurückkehrte, da er hoffte, hier seine militärische Karriere als Kommandierender eines der neu ausgehobenen Freiwilligenbataillone fortsetzen zu können. Sein Regimentskommandeur Du Teil hatte ihm nochmals einen dreimonatigen Urlaub gewährt, den Napoleon aber wiederum eigenmächtig überzog. Die verworrenen Vorgänge um den »Osterputsch« vom April 1792, wie man die gescheiterte Erstürmung der Zitadelle von Ajaccio genannt hat, die er an der Spitze einer Freiwilligentruppe dem regulären 42. Regiment der Armee entreißen wollte, endeten in einem politischen, vor allem aber persönlichen Fiasko. Napoleon musste sich mit seinen 300 Männern auf Befehl des Departementsrats nach Corte zurückziehen, er hatte sich Paoli entfremdet, der ihn nun endgültig für einen jugendlichen Hitzkopf hielt, und er hatte den Grundstein zu einer lebenslangen Feindschaft zum Pozzo di Borgo-Clan gelegt, dessen Vertreter er bei der Wahl zum stellvertretenden Befehlshaber ausmanövriert hatte.

Vor allem aber wurde er aus der Liste der Armeeoffiziere gestrichen, weil er am 1. Januar 1792 nicht bei der Musterung seines Regiments in Valence erschienen war. Damit war er seiner regulären Einkünfte verlustig gegangen. Zudem musste er sich wegen der Vorgänge um die Zitadelle von Ajaccio in Paris verantworten. In der Zwischenzeit brach aber der Krieg aus, an den er nicht hatte glauben wollen. Dies hatte zur Folge, dass er nicht bestraft und vielmehr zum Hauptmann (capitaine) befördert wurde. Denn in der kritischen Situation des Frühjahrs 1792, als die Adeligen scharenweise der Armee den Rücken kehrten, brauchte das Kriegsministerium jeden Mann, der eine Truppe befehligen konnte.

Paris im Sommer 1792

Die Monate in Paris, wo Napoleon auf seine weitere Verwendung wartete, führten ihn in das Zentrum der Krise. Es war klar, dass der König den Krieg nicht aus vollem Herzen wünschte, auch wenn er sich dafür ausgesprochen hatte. Ja, er behinderte vielmehr die Gesetze, die dessen energische Führung ermöglichen sollten, durch sein Veto. Die Nationalversammlung besaß jedoch keine Handhabe, ihm dies zu verwehren, denn das aufschiebende Veto war dem Monarchen in der Verfassung ausdrücklich erlaubt. Es blieb nur der Weg der Gewalt, vor dem die neuen Abgeordneten allerdings zurückschreckten. Sie versuchten, den Druck der öffentlichen Meinung auf den König derart zu erhöhen, um ihn zum Einlenken zu bewegen, damit die von der Nationalversammlung eingebrachten Gesetze gegen die eidverweigernden Priester sowie für den Aufbau einer Freiwilligenarmee umgesetzt werden konnten.

So ergaben sich einige groteske Szenen, deren Augenzeuge Napoleon wurde. Die erste ereignete sich am 20. Juni 1792, als eine lärmende Menge in die Tuilerien eindrang und die königliche Familie bedrängte. Allerdings legte sich der Unmut, als Ludwig sich eine Jakobinermütze aufsetzen ließ und mit den Eindringlingen auf das Wohl des Vaterlands anstieß. Es ist keine Frage, was den jungen Offizier an dieser Szene am meisten aufgebracht hat: Es war der offensichtliche Verlust seiner Würde, den Ludwig XVI. vor aller Augen akzeptierte und den er sich selber sogar als taktischen Erfolg anrechnete. Gewiss, indem er die beschämende Situation drei Stunden lang durchstand, hatte er die verbalradikalen, aber vor der Gewalt zurückschreckenden Volksvertreter auflaufen lassen und ihnen das politische Patt demonstriert, in das sie sich selbst manövriert hatten. Aber für Napoleon wie für manchen wohlgesonnenen Beobachter hatte Ludwig dadurch den Rest an Achtung, den er ihm noch entgegengebracht hatte, verloren. Als er den unglücklichen Monarchen mit der Jakobinermütze auf dem Kopf in einem Fenster des Schlosses erblickte, soll er nach Aussage Bourriennes einen »kräftigen italienischen Fluch« ausgestoßen haben.36

Noch abstoßender allerdings als diese Geste der Anbiederung empfand er das lärmende Volk. »Wie war es möglich, dieses Gesindel hereinzulassen«, soll er zu Bourrienne gesagt haben. »Man sollte vier- bis fünfhundert mit Kanonen niederschießen, die übrigen würden dann schon davonlaufen.« Nachhaltig empörte er sich über die Abgeordneten, die die Szene danach kleinredeten oder sich gar zu Fürsprechern der Menge aufwarfen. »Diejenigen, die zu sagen haben, sind arme Menschen«, schrieb er seinem jüngeren Bruder Lucien.

»Wenn man das aus der Nähe sieht, muss man zugeben, dass es die Völker nicht wert sind, dass man sich solche Mühe macht, um ihnen zu willfahren. […] Man muss dabei gewesen sein, um zu empfinden, dass der Enthusiasmus nichts als bloßer Enthusiasmus ist und die Franzosen ein überaltertes Volk sind, ohne Vorurteile, aber auch ohne Bindungen.«37

Es sollte noch schlimmer kommen. Nachdem die Nationalversammlung sich als unfähig erwiesen hatte, die Krise zu lösen, riss ein selbsternannter Gemeinderat die Initiative an sich, und am 10. August 1792 stürmten Teile der Pariser Nationalgarde zusammen mit den aus Marseille herbeigeeilten Föderierten unter hohen Opfern das von der Schweizergarde verteidigte Schloss. Es kam zu einem Massaker unter den Verteidigern, von denen einige Hundert ihr Leben verloren. Dem Augenzeugen Napoleon, der am selben Abend den Schreckensort besuchte, bot sich ein erschütternder Anblick, der ihn noch auf Sankt Helena rückblickend zu außerordentlichen Worten greifen ließ:

»Niemals hat mir später eines meiner Schlachtfelder auch nur annähernd den Eindruck so vieler Leiden gemacht, wie es mir hier bei der Menge der toten Schweizer der Fall zu sein schien.«38

Es war aber nicht nur die Angst vor den Taten eines entfesselten Pöbels, die Napoleon überkam und die ihn nie mehr losließ. Er gewahrte auch mit Schrecken, was geschah, wenn die Macht plötzlich den Staatsorganen entglitt. Am Morgen hatte er beobachtet, wie der König mit seiner Familie, vor den Kämpfen fliehend, die Tuilerien verließ und sich unter den Schutz der Nationalversammlung begab. Für Napoleon war dieses Verhalten Defaitismus. Der König hatte das Schlimmste getan, was ein militärischer Führer tun konnte – er hatte seine Getreuen im Stich gelassen und sie der Rache der Feinde ausgeliefert. Dabei erschien ihm der Ausgang des Tages keineswegs von Anfang an entschieden. »Wenn Ludwig XVI. sich zu Pferde gezeigt hätte«, erklärte er noch am gleichen Tag seinem Bruder, »wäre der Sieg gewiss sein gewesen, so erschien es mir wenigstens bei dem Geist, der das Volk noch am Morgen beseelte.«39

So aber erschütterte diese Revolution erneut die Gesellschaft in ihren Grundfesten. Der König dankte ab und wurde mit seiner Familie verhaftet, die Nationalversammlung proklamierte die Republik und beschloss ihre eigene Selbstauflösung. Sie warf damit die erst ein Jahr alte Verfassung über den Haufen und schrieb Wahlen zu einem Konvent aus, dessen Aufgabe es sein sollte, dem Land eine neue, nicht-monarchische Verfassung zu geben. Alle Reformen der Vorjahre waren somit wieder auf Null gestellt, die Departements-, Distrikts- und Kommunalverwaltungen fungierten nur noch kommissarisch und harrten der Dinge, die da kommen würden. Zugleich wurde durch die Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts die Zahl der Wähler um das Dreifache erweitert.

Wieder in Korsika 1792/93

Napoleon konnte unter diesen Umständen nicht länger auf dem Kontinent bleiben. Sein neuerliches Ausweichen nach Korsika zusammen mit seiner neunjährigen Schwester Marianna, die er nicht in der Obhut eines kirchlichen Instituts zurücklassen wollte, glich allerdings fast einer Fahnenflucht, denn eigentlich hätte er wie seine noch bei der Armee befindlichen Kameraden an die Grenze eilen und sich den eindringenden Feinden entgegenstellen müssen. Da aber außer dem »Heiligen römischen Reich« auch Spanien, Neapel und Sardinien-Piemont Frankreich den Krieg erklärt hatten, ließ sich seine erneute Reise zur Not als selbstverfügte Abordnung an die Mittelmeerfront rechtfertigen. In dem Drunter und Drüber, das in den Wochen bis zum Zusammentritt des Konvents in Paris herrschte, gelang es ihm tatsächlich, sein abermaliges Ausweichen auf die Insel den Zuständigen im Kriegsministerium als patriotische Tat zu verkaufen. Als Köder diente ihm dabei der von ihm erfundene Auftrag, dass Frankreich nunmehr auch im Mittelmeer gegen die Feinde der Revolution vorgehen sollte, und zwar in Gestalt eines Überfalls auf die Nachbarinsel Sardinien, die zum Königreich Piemont gehörte. Napoleon machte sich daran, diesen Plan in Ausführung zu bringen.

Es sollte für lange Zeit sein letzter Aufenthalt in Korsika werden. Das Landeunternehmen gegen Sardinien, zu dem er Teile der Freiwilligenverbände aufbot, scheiterte, da die eigenen Leute meuterten. Paoli, dem er sich bereits durch seine Aktion gegen die Zitadelle von Ajaccio entfremdet hatte, zog nun seine schützende Hand endgültig von ihm ab. Joseph, die zivile Hoffnung der Familie, dessen Geburtsurkunde Napoleon eigens zu dem Zweck hatte fälschen lassen, damit er das für den Eintritt in die neuen Ämter nötige Alter vorweisen konnte, war bei den Wahlen zur Legislative gescheitert und verpatzte nun auch seine mögliche Abordnung in den Konvent, da er den »Babbo«, also Paoli, und die führenden Familien gegen sich hatte. Auch standen den Bonaparte-Brüdern viele der wahlberechtigten Bürger und Bauern zunehmend kritisch gegenüber. Sie hatten ihnen in der Hetze gegen Buttafoco und das Ancien Régime beigepflichtet, doch das rigide Vorgehen der französischen Revolutionäre gegen die eidverweigernden Priester rechnete man ihnen zum Nachteil an und machte sie für die Vertreibung der auf der Insel beliebten Kapuziner verantwortlich.

Vollends in den Strudel der sich überschlagenden kriegerischen Ereignisse gerissen wurden die Bonapartes, als sich im neugewählten Konvent Stimmen durchsetzten, die Paoli des Separatismus bezichtigten. Einer der Ankläger Paolis war Napoleons jüngerer Bruder Lucien. Dieser erboste sich darüber, dass Paoli ihn nicht zu seinem Sekretär gemacht hatte. Da dessen Anglophilie bekannt war und die Republik sich seit der Hinrichtung des Königs am 21. Januar 1793 auch im Krieg mit Großbritannien befand, befürchtete man in Paris, Paoli könnte die Insel an die Engländer ausliefern. Saliceti, inzwischen zum radikalen Jakobiner mutiert, kam mit zwei weiteren Konventskommissaren auf die Insel, um einen Haftbefehl gegen Paoli zu vollstrecken. Dagegen revoltierten dessen bäuerliche Anhänger. Deren Wut richtete sich als erstes gegen die Bonapartes, die man im Einverständnis mit den Jakobinern glaubte. Napoleons Einlenkversuch kam zu spät und wurde von Paoli ignoriert. Als Napoleons Haus in Ajaccio von aufgebrachten Paolisten niedergebrannt wurde, begriff dieser, dass seine Zeit in Korsika vorbei war. Er begab sich mit seiner Familie auf ein französisches Schiff, das ihn nach Toulon übersetzte.

So ging Napoleons frühes Engagement für Korsika spurlos zu Ende. Er ist danach, von wenigen Tagen abgesehen, nicht mehr auf die Insel zurückgekehrt. Zu klein – so scheint es im Nachhinein – war der Gegenstand, an den er seinen jugendlichen Elan verschwendet hatte. Aber fühlte er sich nun als Franzose? Selbst wenn er später Frankreich zu Gegenstand seiner Liebe gemacht hat, so ist er doch nie in dem Sinne ein Franzose gewesen, wie es Talleyrand oder Caulaincourt waren. Viel spricht dafür, dass er vielmehr an die Stelle seines alten Fetischs Korsika das eigene mächtige Ego setzte. August Fournier hat den Vorgang vielleicht am besten getroffen, wenn er schrieb:

»Er hat aufhören müssen, Korse zu sein, er hat es nie dahin gebracht, Franzose zu werden. Mit ihm ist auch sein Ehrgeiz heimatlos geworden […].«40

Der geniale Soldat (1793–1796)
Vorläufige Verwendungen

Nachdem Napoleon seine Familie in der Nähe Toulons untergebracht hatte, versuchte er so schnell es ging, wieder Anschluss zur Armee zu finden. Er hatte Glück. In Nizza traf er Jean Du Teil, den Bruder seines inzwischen wegen aristokratischer Gesinnungen hingerichteten Regimentskommandeurs aus Auxonne. Der jüngere Du Teil, der sich auf die Seite der Jakobiner geschlagen hatte, war soeben zum Chef der Alpenarmee ernannt worden, die gegen die Piemontesen und Neapolitaner vorgehen sollte. An einen Vormarsch war aber nicht zu denken, so lange in ihrem Rücken, in den großen Städten des Rhônetals, ein Aufstand tobte, den die aus Paris geflüchteten Girondisten gegen den inzwischen von den Jakobinern dominierten Konvent angezettelt hatten. Um die Revolte niederzuschlagen, hatte der Konvent den General Carteaux mit einigen Freiwilligenbataillonen gegen Marseille in Marsch gesetzt. In Avignon traf diese Abteilung auf ein Vorauskommando aus der im Aufstand befindlichen Hafenstadt. Hierhin war inzwischen auch Napoleon von Du Teil entsandt worden, um die dort stehenden Kanonen in Sicherheit zu bringen.

Es war gewiss kein militärischer Paukenschlag, dass er diesen Auftrag erfolgreich zu Ende führte, zumal ihm die Marseiller die Sache leicht machten und sich zurückzogen. Doch Napoleon wusste seinen ersten Auftritt auf dem französischen Festland geschickt zu vermarkten, indem er ihn durch eine von ihm entworfene Broschüre orchestrierte. »Das Gastmahl von Beaucaire« war ein flammendes Plädoyer für die Einheit der Patrioten. Der Autor vermied darin eine allzu platte Verherrlichung der Jakobiner, indem er die politischen Standpunkte auf verschiedene Personen aufteilte. Doch am Ende legt er einem Soldaten die Botschaft in den Mund, dass man angesichts der Bedrohung durch die äußeren Feinde die inneren Gegensätze ruhen lassen und sich unter der gegenwärtigen Regierung zusammenfinden müsse, auch wenn man ihre Linie nicht in allem billigte.

Zusammen mit Eingaben nach Paris, die seinen militärischen Sachverstand hervorkehren sollten, versuchte Napoleon in diesen turbulenten Wochen, die Aufmerksamkeit wichtiger Männer auf sich zu ziehen, darunter die des Kriegsministers Bouchotte. Da dieser unter der strengen Aufsicht des alles beherrschenden Wohlfahrtsausschusses stand, schien dieser Weg vielversprechend. Es ist ungewiss, ob es ihm tatsächlich gelang, den Minister für sich zu interessieren. Es ist möglich, aber nicht sicher, dass er sich deswegen Ende August 1793 kurz in Paris aufhielt. Sein Gesuch, zur Rheinarmee, also an den entscheidenden Schauplatz des Krieges versetzt zu werden, wurde jedoch abschlägig beschieden.41

Toulon

In dieser Situation kam Napoleon ein Zufall zu Hilfe. Der Befehlshaber des Artilleriekorps der Alpenarmee war verwundet worden. So machten die Armeekommissare Saliceti und Gasparin den »befähigten Hauptmann«, der sie zu beeindrucken wusste, kurzerhand zu dessen Nachfolger.42 Das verhalf Napoleon zu seinem ersten großen Auftritt. Toulon, die wichtige Hafenstadt, war zuvor von den aufständischen Bewohnern den Engländern ausgeliefert worden, weil sie nicht das gleiche Schicksal wie die Marseiller erleiden wollten, die sich den Truppen Carteaux’ ergeben hatten. Für den Wohlfahrtsausschuss war dies einer der kritischsten Momente überhaupt. Eine englische Flotte im Hafen von Toulon bedeutete, dass der Feind die natürliche Schutzhaut durchbrochen hat, die Frankreich aufgrund seiner langen Küstenlinie umgab. Wenn es nicht rasch gelang, ihn wieder von dort zu vertreiben, stand zu befürchten, dass er mit fremden Truppen ins Landesinnere vorstieß. Schon befanden sich neben den Engländern 20 000 Mann piemontesischer, spanischer und neapolitanischer Soldaten auf dem Festland.

Der Verlust der Hafenstadt war umso bitterer, als Toulon aufgrund seiner günstigen geografischen Lage nie ohne eigenes Zutun hätte eingenommen werden können. Die Stadt galt als idealer Marinestützpunkt. Eine doppelte Reede schützte den Hafen und machte eine dort versammelte Flotte von der See her unangreifbar, während steile Berghänge die Stadt zum Landesinneren hin abriegelten. Napoleon, der Toulon durch seine Überfahrten nach Korsika gut kannte, wusste, dass nur eine Abriegelung des inneren Hafens die Engländer vertreiben konnte. Dazu musste die dem Hafen vorgelagerte Halbinsel erobert und durch eine starke Batterie besetzt werden, von wo aus man die im Hafen ankernde englische Flotte beschießen und zum Abzug nötigen konnte. Danach wäre die Einnahme der Stadt eine leichte Aufgabe gewesen, denn ohne die englischen Schiffe war Toulon nicht zu halten. Ein Überrumpelungsangriff auf die Halbinsel hätte die Aktion vielleicht zu einem raschen Erfolg geführt. Doch der Angriff wurde von Carteaux mit zu wenig Nachdruck geführt und machte den Engländern erst die strategische Bedeutung des Vorgebirges bewusst, das sie besetzten und mit einer Bastion – von den Briten »Fort Mulgrave«, von den Franzosen »Klein-Gibraltar« getauft – bestückten.

Dieses Versehen des Generals, der eigentlich von Beruf Kunstmaler war, verzögerte die Rückeroberung Toulons um zwei Monate. Denn nun musste eine ausreichend starke Artillerie herangeführt und ein Angriff durch flankierende Vorstöße vorbereitet werden. Daher drängte Napoleon auf die Ersetzung Carteaux’, mit dem er im Dauerstreit lag. Das Vorhaben gelang. Napoleon war dem General zwar nicht gleichgestellt und konnte nur durch die Kommissare Saliceti und Gasparin zum Ziel kommen, doch schließlich gab Carnot dem Drängen nach und entsandte den erprobten General Dugommier, einen Veteranen des Siebenjährigen Krieges. Dieser ließ den Plan des jungen Artillerieoffiziers in einer modifizierten Form in die Tat umsetzen, wobei der vom Konvent geschätzten Infanterie auf Kosten der als aristokratisch verpönten Artillerie eine bedeutendere Rolle zugestanden werden sollte. Zum Glück für Napoleon erkannte der 55-jährige General die geografischen Prioritäten vor Ort und legte sein Hauptaugenmerk beim für den 18. November 1793 geplanten Angriff auf die Halbinsel.

Napoleon hatte inzwischen seinen Fuhrpark von 13 auf 50 Kanonen erweitert, indem er alle Geschütze aus den benachbarten Departements heranbeorderte. Kaum hatten die französischen Sturmtruppen die Höhe des Vorgebirges erklommen, ließ er das Feuer auf die im Hafen lagernde englische Flotte eröffnen. Die Gegner taten ihm den Gefallen und verließen den Hafen in aller Eile. Die Aufständischen in Toulon erkannten die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage und ergaben sich auf Gedeih und Verderb der siegreichen Konventsarmee und den ihr nachfolgenden Kommissaren. Deren Vergeltung an den »Verrätern« war fürchterlich. Wie zuvor in Lyon, Bordeaux und Marseille wurde die Rache von ehemaligen Priestern, Kleinadeligen und mittellosen Intellektuellen wie Tallien, Collot d’Herbois oder Billaud-Varenne praktiziert. Napoleon machte bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft von Barras, einem ehemaligen Vicomte, der noch wichtig für ihn werden sollte.

Der Sieg von Toulon befreite Frankreich von der Schreckensvision eines Zusammenwachsens von Bürgerkrieg im Inneren und Invasion äußerer Feinde. Toulon war aber mehr als eine Wegmarke der Französischen Revolution. Es bildet nämlich den Beginn der späteren Napoleonlegende. Tatsächlich waren hier schon einige der Elemente anzutreffen, die sich später allmählich zum Korpus des traditionellen Napoleonbildes ordneten. Da war der energische kleine Korse im abgewetzten Rock, der sich nicht schonte, so wie ihn Barras in seinen Memoiren gezeichnet hat:

»Vom ersten Treffen an war ich frappiert von seiner Aktivität. Wir sind normalerweise eingenommen und von einer gewissen Bewunderung erfüllt für den Menschen, der in einer schwachen Physis mehr Kraft vereint, als ihm von Natur gegeben ist. Seine Seele scheint uns seinem Körper überlegen, und wir meinen ihm einen doppelten Triumph zugestehen zu müssen. Aber […] es war nicht allein die mutige Tatkraft in seinem kleinen Körper, diese ständige Bewegung, die körperliche Lebhaftigkeit, die sich vom Kopf beginnend bis in die Extremitäten ausdrückte, die mich für diesen jungen Artillerieleutnant einnahm. Es war in seinem ganzen Wesen eine frappante Ähnlichkeit mit einem der größten, wenn nicht dem größten der Revolutionäre, die auf der Bühne der Republik gestanden haben. […] Nun, dieser Doppelgänger Bonapartes war Marat.«43

An der Seite des Leutnants mit dieser zweifelhaften Physiognomie (Marat war bis zu seiner Ermordung einer der größten Hetzer und »Blutsäufer« der Revolution gewesen!) standen in den Erzählungen der Beteiligten die jungen Offiziere, die Bonapartes Talent erkannten und sich ihm willig unterordneten: der kühne und mutige Jean Andoche Junot, dem Napoleon im englischen Kugelhagel seine Befehle diktierte, und der kluge und treue Michel Duroc. Ihnen sollten sich bald noch Masséna, Victor und Marmont hinzugesellen. So waren mit diesen Gestalten fünf der beständigen Gefährten Napoleons bereits hier, vor Toulon, beieinander, die den Konsul und Kaiser auf seinem weiteren Weg begleiteten und die schließlich mit ihrem vorzeitigen Ende den Untergang ihres Helden vorwegnahmen. Die Erstgenannten starben beide 1813, Junot tötete sich im Wahnsinn mit eigener Hand, Duroc wurde in Markersdorf bei Bautzen von einer preußischen Kanonenkugel getroffen.

Vorerst allerdings musste sich der 25-jährige Napoleon den Ruhm von »Toulon« mit Dugommier und den Kommissaren Saliceti und Gasparin teilen. Der unbekannte Chef des Artilleriebataillons wurde vom Konvent zum General befördert, erhielt aber kein eigenes Kommando. Carnot nutzte die Begabung des Neuen, um ihn mit der Inspektion der gesamten Küste zwischen Marseille und Nizza zu beauftragen. Zwei Monate lang widmete sich Napoleon dieser Aufgabe, dann kam er zur Italienarmee nach Nizza. Deren Oberkommandierender ließ ihm weitgehende Freiheit, und die zuständigen Kommissare, darunter Augustin Robespierre, beauftragten ihn mit der Ausarbeitung eines Feldzugsplans gegen Piemont. Von hochgestellten Personen gefördert, von Kameraden, die ihn schätzten, umgeben und mit der Aussicht auf eine weitere militärische Karriere im Rücken konnte Napoleon seiner Zukunft mit Zuversicht entgegensehen. Er besorgte seiner Mutter und den Geschwistern eine Villa in Mentone und seinem Bruder Lucien eine Stelle als Regimentssekretär. Der korsische Alptraum schien überwunden. Das Frühjahr 1794 dürfte zu den wenigen, wirklich glücklichen Perioden seines Lebens zählen.44

Nach-Thermidor

Aber die Revolution war noch nicht zu Ende. Im Juli 1794 schwang das Pendel in die andere Richtung aus und riss Robespierre und alle mit sich, die sich in seinem Gefolge befanden. Angefangen hatte der Umsturz des Neunten Thermidor (27. Juli 1794) als Putsch einiger Ultrajakobiner, die nach Paris zurückgerufen worden waren und damit rechnen mussten, von Robespierre wegen ihrer übermäßigen Grausamkeit angeklagt zu werden. Ihnen gesellten sich einige Überlebende der Danton-Fraktion zu, die drei Monate zuvor ausgeschaltet worden war. Doch der Sturz des »Tyrannen« und seiner unmittelbaren Gefolgsleute zog weitere Anklagen nach sich. Bald befanden sich die Jakobiner insgesamt unter Generalverdacht. Angespornt von ehemaligen Girondisten machte sich der Konvent daran, seine eigenen Reihen zu säubern. Es reichte, mit dem Diktator in persönlicher Verbindung gestanden zu haben, um unter Anklage gestellt und hingerichtet zu werden.

Napoleon wurde in diesen Strudel hineingerissen, und es fehlte wenig, dass seine Karriere an diesem Punkt schon ihr Ende gefunden hätte. Er hatte das Vertrauen, ja die Hochachtung Augustin Robespierres erlangt, und fast hätte er dessen Angebot angenommen, mit ihm nach Paris zu gehen, wo ihm die Aussicht auf Nachfolge des notorisch überforderten Hanriot, des Befehlshabers der Pariser Nationalgarde, winkte. Aber ein glückliches Vorgefühl ließ ihn im Juni 1794 vor der Reise nach Paris zurückschrecken. Er fühlte sich als Mann der Armee und wollte es bleiben. Wie weit seine Ideen mit denen der Robespierre-Brüder damals übereinstimmten, ist ungewiss. Der Kaiser fand später überaus positive Worte für Robespierre. »Wäre er nicht unterlegen, so wäre er der außerordentlichste Mann, den es je gegeben hat«, sagte er über ihn.45 Gegenüber Las Cases sprach er vom »Sündenbock der Revolution«, auf den man alle Schuld abgeladen hätte, während der »Unbestechliche« dabei gewesen wäre, die Revolution in ihrem Lauf anzuhalten.46 Dabei muss man jedoch bedenken, dass er dieses Urteil in retrospektiver Perspektive als Gefangener auf Sankt Helena und mit dem Blick auf seine eigene Lebensleistung formulierte. Derjenige, der es geschafft hatte, die Revolution zu beenden, war in seinen Augen nicht Robespierre, sondern er, Napoleon.

Am 6. August 1794 wurde Napoleon auf Befehl des Wohlfahrtsausschusses seines Kommandos enthoben und verhaftet. Der Haftbefehl war von Saliceti ausgegangen, der damit seinen eigenen Kopf zu retten versuchte, denn der allmächtige Carnot, der zu Robespierre in einem gespannten Verhältnis gestanden hatte, hatte dem Kommissar gegenüber entsprechende Andeutungen gemacht. Möglich, dass derselbe Saliceti danach Skrupel bekam und sich beim Wohlfahrtsausschuss dafür stark machte, den Haftbefehl rückgängig zu machen. In seinem Schreiben vom 24. August 1794 heißt es:

»Wir sind überzeugt davon, dass uns die Talente dieses Militärs nützlich sein können, die, wie wir nicht verleugnen können, sehr notwendig werden in einer Armee, die er besser als irgend jemand kennt und wo Männer dieser Art überaus selten anzutreffen sind.«47

Napoleon wird gespürt haben, wie nah er sich am Abgrund befunden hatte. Im Hauptquartier in Nizza begrüßte ihn sein alter Chef und bat ihn, einen Schlachtplan für die Italienarmee auszuarbeiten. Dieser Feldzugsplan war in seinen Grundzügen bereits derjenige, der im Frühjahr 1796 zur Ausführung gelangte. Doch vorerst legten die Thermidorianer – so nannten sich die nun tonangebenden Politiker aus ehemaligen Girondisten, Männern der Plaine und ›geläuterten‹ Jakobinern – die Angriffspläne auf Eis und konzentrierten sich auf den Wiederaufbau der Wirtschaft und die Beilegung des immer noch tobenden Aufstands in der Vendée. Tatsächlich standen im Frühjahr 1795 die Zeichen auf Deeskalation. Spanien, Neapel und Preußen schieden aus der Koalition gegen Frankreich aus. Der Konvent verabschiedete eine neue Verfassung, die die künftige Gewalt in die Hände einer aus zwei Kammern bestehenden Legislative und einer Exekutive aus fünf Direktoren legte, die sich in jährlichem Turnus abwechseln sollten. Zugleich sollten die berüchtigten Zwei-Drittel-Dekrete dafür sorgen, dass bei den Wahlen kein abrupter Austausch des Personals erfolgen konnte; nur ein Drittel der Konventsabgeordneten sollte neu gewählt werden, während zwei Drittel der abtretenden Mitglieder automatisch in die beiden künftigen Kammern, den Rat der Alten oder den Rat der Fünfhundert, übernommen wurden. Dagegen machte sich landesweiter Unmut breit. Besonders aus dem großen Lager der schweigenden Mehrheit, die ihre fortdauernde Sympathie für die Monarchie noch nicht offen auszudrücken wagte, aber insgeheim auf den Sturz der »Immerwährenden« wartete, schlug den abtretenden Abgeordneten mühsam unterdrückte Wut entgegen, während die dezimierten Jakobiner, nach einem letzten fehlgeschlagenen Aufstand ihrer verbliebenen Führungskader beraubt, in den Untergrund gegangen waren.

Napoleon, der inzwischen in Paris im Büro des Planungsstabes der Armee eine vorübergehende Verwendung gefunden hatte, scheint sich keiner Seite besonders nahe gefühlt zu haben. Er begrüßte die Verfassung von 1795 als endlich in Aussicht gestellte Rückkehr zu einer Normalität, in der nicht mehr die Massen das Sagen hatten, sondern erfahrene Politiker den Kurs bestimmten. Von der Durchschlagskraft der neuen Exekutive hielt er dagegen nicht viel. Er erkannte, dass diese Konstruktion der Staatsspitze, in der das Prinzip des Misstrauens und der gegenseitigen Kontrolle alles beherrschte, vielleicht in einem beruhigten Lande erfolgreich sein mochte; nicht aber in einer Nation wie Frankreich, wo die Fraktionskämpfe der zurückliegenden Jahre heftige Leidenschaften hervorgebracht hatten und die Rufe nach Rache und Wiedergutmachung keineswegs verstummt waren, sondern sich nach dem Ende der Terrorherrschaft eben wieder hervortrauten. Auch war die äußere Bedrohung durch das Ausscheiden sekundärer Mächte aus der alliierten Koalition noch nicht behoben, wie der Landungsversuch der Engländer auf der Halbinsel Quiberon bewies. Dabei handelte es sich um eine kühne Aktion, mit der die Briten den Rebellen in der Vendée zu Hilfe kommen wollten und die erst in letzter Minute von dem jungen General Hoche vereitelt wurde. Napoleon sprach sich in seinen Briefen an Joseph dafür aus, man möge abwarten und sich die Lage beruhigen lassen. Diese Einstellung stimmte zwar mit der Quintessenz der thermidorianischen Philosophie überein, verkannte jedoch völlig die Tiefe der durch die Revolution aufgeworfenen Gegensätze.48

Das Schicksal seines Bruders Joseph hat seine Zukunftspläne zeitweise in eine ganz andere Richtung gedrängt. Joseph hatte in Marseille die Kaufmannstochter Julie de Clary geheiratet und schickte sich an, in den Levantehandel einzusteigen, sobald ein Friedensschluss in Sicht war. Das brachte seinen Bruder, der sich für die Schwester Julies, Désirée, interessierte und sich sogar mit ihr verlobte, auf die Idee, dem Wohlfahrtsausschuss eine Mission zum Sultan in Konstantinopel vorzuschlagen. Damit sollten die unterbrochenen Beziehungen Frankreichs zur Pforte wiederbelebt und zugleich dem englischen Einfluss am Bosporus ein Riegel vorgeschoben werden. Ein entsprechendes Angebot aus Konstantinopel lag in Paris vor.

Der 13. Vendémiaire

Doch ein viel dringenderer Auftrag kam dazwischen. Weder in der Vendée, noch am Rhein, noch in Italien oder im Orient sollte Napoleon seine nächste Aufgabe finden, sondern in Paris. Dort stand ein Aufstand sogenannter »moderater« Sektionen bevor, die unter den Einfluss verkappter Monarchisten und rachedurstiger ehemaliger Girondisten standen. Die Verkündung des Zwei-Drittel-Dekrets hatte die Hoffnungen dieser Leute auf eine legale Rückeroberung der Macht vernichtet und sie auf den Weg der Gewalt verwiesen, den sie mit Hilfe ihnen ergebener Teile der Nationalgarde verfolgten. Dabei griffen sie wie ihre sansculottischen Vorgänger zum Mittel des Marsches auf den Konvent. Von beiden Seiten der Seine her sollten sich Marschsäulen, die dieses Mal aus den begüterten Vierteln im Westen kamen, dem Konvent nähern und die »Immerwährenden« verjagen.

Die tonangebenden Männer des Wohlfahrtsausschusses wussten, dass im Falle eines Erfolgs dieser Insurrektion dem Drang zur Restauration Tür und Tor offenstand. Es war zu erwarten, dass Frankreich sich dann wie England nach dem Ende von Cromwells Protektorat rasch in eine Monarchie zurückverwandelte. Die überlebenden »Königsmörder« – also alle, die im Konvent für den Tod Ludwigs XVI. gestimmt hatten – mussten damit rechnen, wie ihre Vorgänger in England im 17. Jahrhundert hingerichtet zu werden. Unter den Männern, für die es um das Überleben ging, befanden sich prominente Personen wie Barras, Fréron, Tallien und Fouché. Diese Perspektive und eine gewisse Routine im Umgang mit Pariser Aufständen, die die Revolution ihnen beigebracht hatte, gab der Gruppe die nötige Energie, um der erwarteten Großdemonstration beherzt und unter Aufbietung militärischer Gewalt entgegenzutreten. Dazu brauchten diese Männer der Feder und des Wortes einen Militär, der genug Entschlusskraft aufbrachte und ohne minuziöse Anweisungen rasch und eigenständig zu handeln in der Lage war und der dabei aber von eigenem politischem Ehrgeiz möglichst frei und zu seinem Fortkommen ganz auf ihre künftige Protektion angewiesen sein sollte.

Abb. 4: Napoleon bezwingt den royalistischen Aufstand vor der Kirche Saint Roch (Stich von Charles Monnet; Erscheinungsjahr unbekannt)

Barras fiel der korsische Hauptmann ein, den er während der Belagerung von Toulon kennengelernt hatte. Er brachte seine Kollegen dazu, Napoleon als seinen Adjutanten mit der Verteidigung des Konvents zu beauftragen. Und dieser handelte, wie man es von ihm erwartete: Er sammelte ein paar verlässliche Teile der Nationalgarde um sich und ließ im Tuileriengarten und vor der Kirche Saint Roch einige Kanonen auffahren, die auf die Treppe und die Eingangstüren des Gotteshauses gerichtet waren. Als sich die von dem unerwarteten Widerstand irritierten Demonstranten der nördlichen Marschsäule hier versammelten – die südliche war gar nicht über die Seine gekommen – und der an sie ergangenen Aufforderung sich zu zerstreuen keine Folge leisteten, sondern zu wüsten Beschimpfungen übergingen, gab Napoleon seinen Kanonieren den Feuerbefehl. Zahlreiche Personen sanken innerhalb von Sekunden auf den Treppenstufen nieder, die anderen zerstoben in alle Richtungen, viele starben. Der Aufstand war zu Ende, bevor er richtig begonnen hatte.

Die Wirkung der Tat war zwiespältig. Zwar war der Sieg des Konvents unbestritten und die Propagandamaschinerie bemühte sich, die Aufständischen als eine Horde von ehemaligen Aristokraten und Königsanhängern zu verunglimpfen. Doch die Brutalität, mit der Napoleon auf die Menge hatte feuern lassen, rief Empörung hervor. Auch die Sansculotten hatten bei ihren Märschen auf den Konvent Kanonen mitgeführt – jedoch mehr als Drohung denn als militärisches Mittel. Die Kanonen hatten lediglich bei heftiger Gegenwehr gefeuert, etwa beim Sturm auf die Bastille oder bei der Eroberung der Tuilerien. Das war nun jedoch nicht der Fall gewesen. Die siegreiche Revolution hatte zum ersten Mal gegen unbewaffnete und zum Teil unbeteiligte Bürger die Artillerie eingesetzt – ganz so, als ob es sich um Feinde handelte, die sich zu einer Feldschlacht stellten. Insofern bedeutete der 13. Vendémiaire eine weitere Stufe der Brutalisierung des inneren Krieges und der Name Napoleons verband sich unvermeidlich mit dieser Erfahrung.

Auch diese Tat wurde als zweite Ruhmestat in den Kanon der Versatzstücke des Legendenbildes Napoleons aufgenommen. Allerdings spielte der 13. Vendémiaire eine weniger herausragende Rolle als »Toulon«. Während seine späteren Bewunderer aus dem linken Spektrum das Niederkartätschen einer, wenn auch von rechts motivierten, Volksmenge schamhaft herunterspielten, suchten die Vertreter der ›Schwarzen Legende‹ die Tat für ihr Bild des menschenverachtenden Militärherrschers auszuschlachten. Beides überzeugt nicht. Napoleon selbst hat sich später dem moralischen Urteil gestellt und die Tatsache, dass er anfangs mit Kugeln geschossen und nicht nur Warnschüsse gegen die Volksmenge abgefeuert hatte, mit dem Argument des kleineren Übels gerechtfertigt.

»Es ist eine übelverstandene Menschlichkeit, in einem solchen Augenblick nur Pulver zu gebrauchen, und anstatt das Leben der Menschen zu retten, schließlich eine unnöthige Verschwendung an Menschenblut zu verursachen.«49

Die Schonung kostete immerhin zwischen 200 und 400 Aufständische das Leben. Es war das arithmetische Vernunftargument des Militärs, das hier den Ausschlag gab.50

Joséphine de Beauharnais

Immerhin hatte der Auftritt Napoleon die Freundschaft von Barras eingebracht. Es war allerdings eine zweifelhafte Verbindung, die er einging, denn der neue Protektor war eher anrüchig als vertrauenerweckend. Barras war Napoleon als Henker der Aufständischen von Marseille und Toulon bekannt, deren politische Ziele Napoleon verabscheute, deren Bestrafung er aber für exzessiv hielt. Zudem galt der ehemalige Vicomte als gewiefter Taktiker und war überdies ein Frauenverführer, der seine Intrigen ebenso vom Schreibtisch wie vom Schlafzimmer aus betrieb. Zusammen mit Tallien, der seine Geliebte Thérèse Cabarrus überall herumzeigte, nachdem er sie vor dem Schafott gerettet hatte, gehörte Barras zu den großen Gewinnern des Neunten Thermidor. Sie inszenierten sich ganz offen als Überlebenskünstler der Revolution und stellten ihren neuen Reichtum schamlos zur Schau.

Die Beförderung zum Kommandierenden der Armee des Inneren brachte Napoleon neben dem Renommee auch eine Verbesserung seiner materiellen Lebensverhältnisse. Er residierte in einem ehemaligen Palais, verfügte über ein Jahresgehalt von 24 000 Francs und kommandierte eine Armee von 40 000 Mann. Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf seinen Lebensstil, wenngleich er das Image des einfachen Soldaten, das er sich in Toulon zugelegt hatte, noch beibehielt. Als solchen hat ihn Junots Gemahlin porträtiert:

»Wenn ich mir […] Napoleon vorstelle, wie er 1795 den Vorplatz des Hotels de la Tranquillité betrat und ihn mit linkischen, unsicheren Schritten überquerte, mit seinem schäbigen runden Hut, den er tief ins Gesicht gedrückt trug, mit seinem unordentlichen Haar, das dazwischen hervorgerutscht war und auf den Kragen seines grauen Mantels fiel, […] ohne Handschuhe, die, behauptete er, eine überflüssige Ausgabe seien, mit schlecht gearbeiteten, schlecht gewichsten Stiefeln – kurzum, wenn ich mir seine ganze jämmerliche Erscheinung von damals in Erinnerung rufe und mir dann sein späteres Bild vor Augen halte, dann kann ich ihn kaum wiedererkennen.«51

Aber das erwies sich lediglich als Durchgangsstadium. Aus dem schlecht gekleideten, ärmlich wirkenden General ohne Aufgabe wurde allmählich eine Neuentdeckung in den Salons der Thermidorianer – allen voran dem der Madame Tallien – und ein Geheimtipp für reifere Damen, die in ihm offenbar das eigenwillige Flair des ehrgeizigen, aber noch ungeschliffenen jungen Mannes witterten. Eine von diesen war Joséphine de Beauharnais ( Abb. 5). Die 32-jährige Witwe zeichnete eine exotische Anmut aus – sie war die Tochter französischer Siedler auf Martinique –, deren Aura durch den tragischen Verlust ihres Gatten noch verstärkt wurde. Dieser, ein General ohne Fortüne, war der letzten großen Terrorwelle zum Opfer gefallen. Wie Thérèse Cabarrus, die sie im Gefängnis kennengelernt hatte, war auch sie Barras’ Geliebte geworden. Allerdings war sie von diesem gleichsam abgelegt worden, als sie – Mutter der damals 12-jährigen Hortense und des 14-jährigen Eugène – anfing sich Hoffnungen auf eine Ehe zu machen. Der Vicomte suchte sein schlechtes Gewissen dadurch zu beschwichtigen, dass er ihr einen Nachfolger vermittelte, der zugleich zum Versorger taugte. Darum verfiel er erneut auf seinen jungen Protégé. So jedenfalls will es eine Überlieferung wissen, die Intentionalität unterstellt, wo in Wahrheit Kontingenz regierte und das Ergebnis Schicksal nennt. Der Ursprung der Beziehung zwischen Napoleon und Joséphine geht jedenfalls auf einen Zufall zurück, bei dem Eugène den Postillon d’amour spielte.52 Der Rest bleibt der Fantasie überlassen. Man darf aber vermuten, dass der Reiz, der von der ebenso liebenswerten wie rätselhaften Frau ausging, einen erlebnishungrigen jungen Mann nicht unberührt ließ. Marmont und andere Zeitzeugen vermuteten daher wohl zu Recht, dass Napoleon ausnahmsweise nicht aus Ehrgeiz oder Ruhmsucht, sondern aus einem mächtigen emotionalen Impuls heraus handelte. Und Joséphine, die bei aller Verliebtheit kühl kalkulierend nach einer sicheren Bindung Ausschau hielt, wollte die Chance nicht verstreichen lassen und stimmte angesichts der bevorstehenden Abreise Napoleons einer »Blitzheirat« zu.


Abb. 5: Porträt der Kaiserin Joséphine de Beauharnais, 1763–1814 (Firmin Massot um 1812)

Machteroberung (1796–1799)

Alle Biografen Napoleons sind sich darin einig, dass der Italienfeldzug von 1796/97 den eigentlichen Beginn seines kometenhaften Aufstiegs bedeutete. Er war es, der Napoleon in Konkurrenz zu den verbliebenen Resten der politischen Macht, aber auch im Wettbewerb mit den anderen mächtigen Armeeführern, zu einer Instanz machte, an der man nicht mehr vorbeikam. Die anschließenden Kommandos – das erste abgebrochene Invasionsunternehmen gegen England, der Rastatter Kongress, schließlich der Ägyptenfeldzug – waren nur noch der Versuch der Politiker, den unverzichtbaren Mann so zu beschäftigen, dass er den französischen Waffen nutzte, ohne der politischen Macht zu nahe zu kommen.

Mit dem italienischen Feldzug erweitert sich der biografisch-militärische Horizont der frühen Jahre bis 1795 zu einem umfassenden politischen Epochenbild. Um die Rolle Napoleons in den Winkelzügen der Jahre bis zum Staatsstreich zu begreifen, ist es nötig, die Gesamtlage in Europa ebenso ins Auge zu fassen wie die komplexen, durch ein Jahrzehnt gemeinsamer Erfahrungen bedingten Freund- und Feindschaftsbeziehungen innerhalb des revolutionären Personals. Erst dann enthüllt sich der zweite große Schritt, den Napoleon in diesen vier Jahren tat, wobei Zufälle und Brüche eine noch größere Rolle spielten als in der jugendlichen Frühphase seiner Karriere. Aus innerer Zwangsläufigkeit jedenfalls kam Napoleon nicht da an, wo er an der Wende des Jahrhunderts stand: an der Spitze der politischen Macht.

Italien (1796/97)
Mythos und Realität

Kaum ein anderer Lebensabschnitt Napoleons, vom Ägypten-Abenteuer und dem Russland-Desaster abgesehen, ist so mit Bildern und Legenden überwuchert wie der Italienfeldzug von 1796/97. Dieser Umstand allein macht es nicht leicht, in den vielstimmigen Erzählungen die Wahrheit von der Dichtung zu trennen. Grob gesagt lassen sich zwei Erzähltraditionen unterscheiden:

1. Die Meistererzählung, die sich auf das Mémorial gründet, schildert die Vorgänge als den unerhörten und völlig überraschenden Siegeslauf einer schlecht ausgerüsteten und durch lange Untätigkeit demotivierten Armee, die unter dem Ansporn ihres jungen Anführers zu einer verschworenen Einheit erblüht und von einem Sieg zum nächsten eilt, bis Napoleon sie im April 1797 vor die Tore Wiens führt. Dieser Version sind bis heute die meisten Historiker gefolgt.

2. Andere Erzähler bestreiten die militärischen Fakten zwar nicht, betonen aber das Risiko, das zwischenzeitlich mit diesem Feldzug einherging. Sie geben zu bedenken, dass die Siege Bonapartes das Direktorium von einer auf einen baldigen Friedensschluss zielenden Strategie abbrachten und es zu einer Eroberungspolitik verleiteten, die die alte girondistische Idee des Revolutionsexports wiederaufnahm. Und sie beklagen, dass der gefeierte Feldherr im Rausch des Erfolgs über die Weisungen aus Paris hinausging und zum ersten Mal in den Revolutionskriegen ein erobertes Land systematisch ausplündern ließ.

Diese zweite Lesart hat im 20. Jahrhundert in Gugliemo Ferrero ihren prominentesten Vertreter gefunden. Ferrero sah im Italienfeldzug die Geburtsstunde einer rücksichtslosen Eroberungspolitik und zugleich einer aus der Angst geborenen Kriegshysterie, die mit Unterbrechungen das ganze 19. Jahrhundert hindurch anhielt und deren endgültige Überwindung er – sein Buch entstand vor 1936 im Genfer Exil – erst von der Niederringung der faschistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts erwartete.

Beide Erzählversionen bilden diametral unterschiedliche Beleuchtungen desselben Sachverhalts, denn die aktuelle Forschung, auch die französische, leugnet nicht die imperialistische Attitüde Napoleons und sieht das Italien-Abenteuer als Vorlauf zum späteren Empire, auch wenn sie mit Gueniffey die Deutung Ferreros als zeitbedingte Übertreibung ablehnt.1 Welcher dieser Deutungen man auch zuneigen mag – der Vergleich der beiden konträren Standpunkte hilft, das Wesentliche im Auge zu behalten.

Da ist zunächst der militärische Aspekt. Das Riesenwerk Louis Madelins enthält in seinem zweiten Band (L’avènement de Bonaparte) eine suggestive Karte des Italienfeldzugs ( Abb. 6). Darin ist mit einem kräftigen Stift das Gebiet umrissen, das die französische Armee bis zum Waffenstillstand von Leoben unter ihre direkte Kontrolle brachte. Es ist ein langer schwarzer Streifen, der mit einigen Verdickungen von der Küste Liguriens über die Lombardei bis nach Mantua reicht, um von da, wie der Kopf einer Schlange, immer schmaler werdend, seine Zunge durch die Ostalpen hindurch bis in die Nähe des Wiener Beckens vorzustrecken. Die Aussage ist klar: Hier fand ein gigantisches Überrumpelungsmanöver statt, ein sich mehrmals erneuernder, immer nur kurz unterbrochener, scheinbar unaufhaltsamer Vormarsch bis zum Herzen des Feindes. Skandiert wurde dieser Siegeszug durch die klingenden Namen der Orte, die noch heute an Pariser Straßen und Brücken von gewonnenen Schlachten künden: Lodi, Castiglione, Arcole, Rivoli.

Die Karte Madelins enthüllt aber noch mehr. Sie zeigt, wie überaus riskant der Vormarsch war und es bis zum Schluss des Feldzugs, bis Leoben, blieb. Ein gelungener Flankenstoß der Österreicher, eine Wiederaufnahme des Krieges durch das schon vorher neutralisierte Neapel oder durch die gleich zu Beginn des Feldzugs aus den Kampfhandlungen ausgeschiedenen Piemontesen hätte nicht nur den Weitermarsch der französischen Armee gefährdet, sondern die gesamte Eroberung wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen lassen. Diese Eventualität wurde an den beiden zu Recht berühmten Schlachten bei den Orten Arcole und Rivoli unter hohen Verlusten vereitelt. Zusätzlich kam hier


Abb. 6: »Campagne d’Italie 1796/97« (Italienfeldzug). Die Karte von Louis Madelin soll die Kühnheit der Strategie Napoleons illustrieren; sie zeigt aber auch das große Risiko, das er einging.

auch die Geografie Napoleon zu Hilfe. Denn die zerklüftete Apenninenhalbinsel ließ sich zwar nur schwer in Gänze kontrollieren, zumal wenn eine Seemacht wie England die Küsten bewachte, doch sie besaß in der Poebene und speziell in Mantua eine Drehscheibe, von der aus der Zugang zu dem langgestreckten Stiefel beherrschbar war. Wer diese Pforte besaß und behauptete, überwachte ihre Verbindungen zum Kontinent und brachte die kleineren Staaten Mittelitaliens, Parma, Modena, Lucca, die Toskana und den Kirchenstaat, in seine Abhängigkeit.

Der Plan

Der kühne Plan lag dem Generalstab in Paris in verschiedenen Versionen vor. Es ist davon auszugehen, dass dieser Plan nicht nur Bonapartes Handschrift trug, als er im Sommer 1795 den Befehlshabern der Alpen- und der Italienarmee, Kellermann und Schérer, vorgelegt wurde. Was die bizarre Vorstellung, über Italien nach Wien zu marschieren, im Geist eines biederen Revolutionsgenerals auslöste, zeigte die Reaktion des damaligen Chefs der Alpenarmee Kellermann, der nur den Kopf geschüttelt und gesagt haben soll, der Plan entspringe dem Gehirn eines Wahnsinnigen, der schleunigst eingesperrt gehöre. Der Übermittler dieser Anekdote, Louis Gustave Le Doulcet de Pontécoulant, der im Jahr 1795 im Wohlfahrtsausschuss für die Kriegführung zuständig war, fügte in seinen Erinnerungen die beschwichtigende Bemerkung hinzu:

»Man sollte aus diesem seltsamen Urteil jedoch keine zu ungünstige Vorstellung von den Talenten und Einsichten dieser beiden Generäle gewinnen, […] die beide in dem System des Temporisierens der alten Schule erzogen waren und daran gewöhnt waren, nur an der Spitze einer vollständig ausgerüsteten Armee in einen Feldzug zu ziehen, die von ihren Munitionswagen begleitet wurde und Nahrungsmittel für mindestens sechs Monate mit sich führte.«2

Und er ergänzte, was Schérer später darüber gesagt haben soll:

»Nur ein Bonaparte konnte ausführen, was ein Bonaparte sich ausgedacht hatte.«3

Carnot ließ den Italienplan umarbeiten und seine extremsten Konsequenzen, also den Vormarsch bis Wien, unter den Tisch fallen. Für ihn, der einen Friedensschluss auf der Basis der »natürlichen Grenzen« anstrebte (wobei noch offen war, ob damit die Maas oder der Rhein gemeint war), bildete Italien im bevorstehenden Feldzug einen Nebenkriegsschauplatz, der die Österreicher beschäftigen und sie daran hindern sollte, ihre ganze Macht gegen eine durch Süddeutschland vorrückende französische Hauptarmee zu wenden. Diese von Moreau und Jourdan befehligte Armée du Rhin et de Moselle sollte wie bereits im Vorjahr den Rhein überschreiten und durch Württemberg und Bayern bis nach Österreich vordringen. Hier erwartete Carnot die Hauptschlacht und, im Falle eines Sieges, einen Frieden mit dem Kaiser, der dann auch England und Russland (das bisher noch nicht mit Soldaten in die Kämpfe eingegriffen hatte) zur Aufgabe der Feindseligkeiten nötigen sollte.

In Italien verfolgte die Politik Carnots nicht mehr als die Sicherung der Alpengrenze, unter Einschluss von Savoyen und Nizza. Der König von Sardinien-Piemont war nicht bereit, auf das ehemalige Kernland des Hauses Savoyen zu verzichten, so lange er nicht militärisch besiegt war. Das Kalkül des Wohlfahrtsausschusses ging daher dahin, ihm die Lombardei als Ersatz anzubieten. Diese musste aber vorher von Frankreich den Österreichern entrissen werden; und allein zu diesem Zweck war der Italienarmee die Aufgabe zugewiesen worden, von der ligurischen Küste aus in die piemontesische Tiefebene am oberen Po vorzudringen, wobei die Piemontesen von den Österreichern getrennt werden sollten, sodass man beide einzeln schlagen konnte. Ein Offensivunternehmen also, aber mit der Absicht, das bereits Erreichte zu sichern; mehr nicht. Ein Separatfrieden mit Piemont war das Minimalziel auf diesem Weg.

Piemont und Lombardei

Dass die ersten Kämpfe tatsächlich zum Rückzug der Piemontesen und zu ihrem Ausscheiden aus dem Krieg führten, ohne dass eine wirklich entscheidende Schlacht stattgefunden hätte, lag an der unorthodoxen Taktik Napoleons, der genau das tat, was die aus der Kriegsschule des 18. Jahrhunderts kommenden Befehlshaber der Koalition nicht erwarteten. So wiederholte er trotz erheblicher Widerstände mehrmals seine Angriffe auf den Pass zwischen den beiden Zuflüssen der Bormida, der die Kommunikation zwischen den verschiedenen Flügeln der österreichischen Armee sicherte, bis er diese Verbindung zerstört hatte. Dann wandte er sich gegen die Piemontesen, die sich in Ceva verschanzt hatten. Aber als er die Festung im ersten Ansturm nicht nehmen konnte, begann er nicht etwa eine längere Belagerung, sondern marschierte an den verdutzten Piemontesen vorbei in Richtung Cherasco bzw. Turin. Der piemontesische General Colli, der mit einer solchen Risikobereitschaft seines Gegners nicht gerechnet hatte, verließ daraufhin seine sichere Stellung und zog sich schleunigst in Richtung Turin zurück, während die Österreicher notgedrungen den Umweg über Alessandria nehmen mussten, um Colli zu Hilfe zu kommen. Der österreichische Feldherr hatte schon zu einem Flankenstoß auf Napoleons Armee angesetzt, als ihn die Nachricht von der Unterzeichnung des französisch-piemontesischen Waffenstillstands erreichte. Ihm blieb nichts übrig, als sich zur Deckung Mailands hinter den Po zurückzuziehen, während Piemont kampflos den von den Bergen herabsteigenden Franzosen anheimfiel.

Bereits an dieser ersten größeren Aktion des Feldherrn Bonaparte zeigten sich paradigmatisch die Charakteristika seines späteren Vorgehens. Er konzentrierte seine Verbände auf einen Punkt, in diesem Fall den Pass zwischen Ceva und Montenotte. Er ging ein hohes Risiko ein, um den Gegner durch die Intensität der Kämpfe und das Tempo seines Vormarsches von Gegenstößen abzuhalten. Und er vermied es, seine Armee aufzuspalten. Er setzte also alles auf eine Karte und hatte damit Erfolg, solange die Gegner sich von seiner Vorgehensweise einschüchtern ließen und nicht bereit waren, gleichfalls ein höheres Risiko einzugehen. Um nochmals den von 1815 zurückblickenden Pontécoulant zu zitieren:

»Indem er [= Napoleon] sein System, die Armee aus dem Gebiet des Feindes zu versorgen und ganz auf Sieg zu setzen, bis ins Extreme trieb, hat er durch sein eigenes Beispiel gezeigt, dass dieses System auch seine Gefahren hatte; das entschuldigt den alten Kellermann und den vorsichtigen Schérer, beides Generäle, die in den alten Prinzipien aufgewachsen waren, wenn sie vor einem Unternehmen zurückschreckten, wo allein der Erfolg vorgesehen war, wo Kühnheit ebenso vonnöten war wie Glück, wo der kleinste Fehler, der geringste Rückschlag eine der wichtigsten Armeen der Republik hätte zerstören und das Schicksal Frankreichs in Mitleidenschaft ziehen können.«4

Der Italienfeldzug bedeutete jedoch nicht nur in militärischer Hinsicht den Eintritt in eine neue Ära, sondern mit ihm begann auch für alle Welt sichtbar der Stern Napoleons zu strahlen. Bonaparte hatte sich zunächst penibel an seine Anweisungen aus Paris gehalten, um nicht den Eindruck zu erwecken, er würde eigenmächtig handeln. Noch war er der durch günstige Umstände in seine Stellung gelangte und durch militärische Erfolge darin bestätigte junge General, auch wenn er bereits erfolgreich daran arbeitete, die Scharmützel der ersten Wochen zu glänzenden Siegen aufzupolieren.

Der Durchbruch, im Realen wie in der Propaganda, gelang ihm, als die französische Armee nach Überquerung des Po am 10. Mai 1796 den Sieg über die schon auf dem Rückzug befindlichen Österreicher an der Brücke bei Lodi einfuhr. Der preußische Militärschriftsteller Carl von Clausewitz erkannte »dieses Gefecht um eine einzelne Brücke, diesen Stoß mit einer einzigen Kolonne« als den eigentlichen Initiationsmoment für die Napoleonlegende, weil er dadurch »hier Glück und Freude, dort Scham und Furcht, an einem dritten Ort Besorgnis und Behutsamkeit hervorgerufen« habe. Die »sogenannte Schlacht bei Lodi« bedeutete für den Theoretiker des modernen Krieges den Sieg der Moral über die Strategie und bildete damit einen der entscheidenden Wendepunkte von der alten zur neuen Militärdoktrin.

»Wenn man nun sagt: der Sturm von Lodi ist strategisch nicht motiviert gewesen, Bonaparte konnte am andern Morgen diese Brücke umsonst haben, – so hat man dabei nur die räumlichen Verhältnisse der Strategie im Sinn. Aber ist denn jenes moralische Gewicht kein Gegenstand der Strategie? Wer das bezweifeln kann, dem ist es noch nicht gelungen, den Krieg in seiner Gesamtheit, in seinem lebendigen Dasein aufzufassen.«5

Doch der Tag von Lodi veränderte auch den Blick des Siegers auf sich selbst. Dominique de Villepin hat Lodi, gestützt auf zahlreiche Äußerungen Napoleons auf Sankt Helena, zur Geburtsstunde von Napoleons Glauben an seine Berufung erklärt. »An diesem Abend sah ich mich nicht mehr bloß als einfachen General«, soll der Kaiser später darüber gesagt haben, »sondern als jemand, dem es aufgegeben war, das Schicksal der Völker zu bestimmen. Ich erblickte mich bereits in der Geschichte.«6

Als ihn wenige Tage später die Anordnung des Direktoriums erreichte, dass er das Kommando der Italienarmee mit dem bedächtigen Kellermann teilen sollte (Carnot befürchtete offenbar, dass der Erfolg dem jungen General zu sehr zu Kopfe steigen würde), nahm er die Übergabe Mailands, die ihm der italienische Abgesandte überbrachte, zum Anlass, um sich zugleich als künftigen Überwinder der Revolution zu stilisieren.

»Ich spürte, dass ich mehr wog als sie, dass ich stärker war als eine Regierung, die einen solchen Befehl erteilte; dass ich fähiger war zu regieren als sie, […] die Frankreich zugrunde richten würden; dass es mir bestimmt war, es zu retten.«7

Es war dies freilich eine Einschätzung, die er aus einem Abstand von 25 Jahren, kurz vor seinem Tod, abgab. Als die französische Armee am 15. Mai 1796 in das zu ihrem Empfang geschmückte Mailand einzog, hatten weder der General noch das Direktorium eine Vorstellung davon, was nun mit dem eroberten Land geschehen sollte und wie mit den Lombarden zu verfahren war.8 Obwohl es unter den Direktoren Annexionisten gab wie den Elsässer Reubell und den Ex-Girondisten La Réveillière-Lépeaux, setzte sich zunächst die pragmatische Linie Carnots durch, der Mailand lediglich als Tauschobjekt für Savoyen und Nizza vorsah. Das Problem war, dass die Österreicher und das sie flankierende Großbritannien erst zu einem Frieden gezwungen werden mussten.

Die Beute Italien

Was sollte inzwischen aus der besetzten Lombardei werden? Aus dem überschwänglichen Lob, das die Herren in Paris dem General spendeten, ging vor allem eines hervor: dass sie es nicht wussten. »Welch ruhmreicher Erfolg«, hatte das Direktorium Bonaparte nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Cherasco in einer Instruktion vom 7. Mai 1796 geschrieben, »noch ein Sieg über die Österreicher, und Italien ist unser.«9 Nun war der Sieg da und wenn nicht »Italien«, so doch die Lombardei in der Hand der Franzosen, aber ein politisches Konzept für die nächste Zukunft gab es nicht. Würden die Piemontesen Mailand aus der Hand der siegreichen Franzosen überhaupt annehmen? Immerhin schloss Turin noch im Mai 1796 auf der Grundlage des Waffenstillstands von Cherasco in Paris Frieden und schied damit aus der Koalition aus. Doch König Viktor Amadeus III. weigerte sich, den geplanten Ländertausch offiziell in den Vertrag aufzunehmen, wie er auch dem angebotenen Bündnis mit der Republik auswich. Er wollte zwar »den Frieden mit dem Teufel schließen, weil er der Stärkere ist«, wie Ferrero anmerkte, aber nicht, »sich mit ihm verbünden, um gemeinsam auf Raub auszugehen.«10

Was das Direktorium und der General umgehend ins Werk setzten, war, aus dem eroberten Gebiet Geld herauszuholen. »Vor allem«, hieß es in der besagten Instruktion, brauche man »in Mailand keine Rücksicht walten zu lassen; ziehen Sie hier soviel Kontributionen und Geld ein, solange der erste Schrecken währt, den das Nahen unserer Armeen verbreitet.«11 Das Prinzip, dass der Krieg den Krieg ernährt, stammte aus dem Dreißigjährigen Krieg und war von Wallenstein und Gustav Adolf zur Perfektion getrieben worden. Im 18. Jahrhundert war das Verfahren jedoch in Verruf geraten. Erst die Thermidorianer hatten den Grundsatz wiederbelebt und bei der Eroberung Hollands erstmals in ziemlich rüder Weise zur Anwendung gebracht, als sie der neugegründeten »Batavischen Republik« eine Kontribution von 100 Millionen Gulden auferlegten. Es war also keineswegs eine neue Maßnahme, wenn Bonaparte den Lombarden eine Kriegsabgabe von 20 Millionen Francs abverlangte. Die Höhe der Kontribution war allerdings enorm und die Tatsache, dass er ihnen zugleich eine neue Verwaltung aufzwang, deren Hauptaufgabe darin bestand, ihnen dieses Geld abzupressen, ging noch über das holländische Beispiel von 1795 hinaus.

Hinzu kam, dass das Direktorium in Italien gewissermaßen ein Reservoir von Denkmälern und Kunstobjekten aus einem zivilisatorisch höherstehenden Zeitalter sah. Diesem antiken Erbe – so glaubte man – hatten sich seine dekadenten Nachfahren nicht mehr als würdig erwiesen, sodass in einer Art kultureller translatio imperii dieses nun auf die siegreiche französische Republik übergegangen sei. Im neuen Rom, also Paris, sollten die Kunstgüter zusammengetragen und in einem Nationalmuseum der Menschheit zugänglich gemacht werden. So zynisch diese Begründung klingen mochte: Sie entsprach der offiziellen Lesart der republikanischen Selbstvergewisserung, die sich an der römischen Antike maß und sich mit den Vorbildern des Altertums – und nur mit ihnen! – auf gleicher Augenhöhe wähnte. Die Thermidorianer hielten umso sturer an diesem Glauben fest, als ihnen nur zu gut bewusst war, dass ihnen die Mehrheit der Franzosen entglitt. Das gleiche Beharren auf republikanischen Traditionen und Werten fand sich allenthalben in der Kulturpolitik dieser zweiten Hälfte des revolutionären Jahrzehnts.12

Hat Napoleon diese Auffassung geteilt? Hat er seine »Unentbehrlichkeit für das Direktorium und seine Popularität beim dem französischen Publikum […] durch den allmählich zur Sturzflut anschwellenden Strom von Reichtümern, die er nach Frankreich sandte«, noch zusätzlich verstärken wollen, wie es ihm Jacques Presser vorwarf?13 Ferdinand Boyer hat ihn partiell entlastet, indem er feststellte, dass er nur der Ausführungsgehilfe der »professionellen Gier« seiner Auftraggeber gewesen sei, und dass er als Konsul und als Kaiser zurückhaltender mit den Kulturgütern der Besiegten umgegangen sei.14 Das mag zutreffen. Und dennoch dürfte der Eindruck, zumal auf die in Paris lebenden Ausländer, niederschmetternd gewesen sein. Für Konrad Engelbert Oelsner war Italien 1796 und nicht die Terreur der Jahre 1793/94 die entscheidende Wegmarke, die ihn an der Französischen Revolution irrewerden ließ.15 Auch wenn Napoleon nicht der Erfinder dieses Kulturraubes war – die Kommissare des Konvents hatten im Rheinland und in Holland ähnlich gewütet –, so heftete sich dieses hässliche Phänomen doch an seinen Namen.

Dabei darf man sich nicht von der Tatsache täuschen lassen, dass er mit den Italienern in ihrer Muttersprache verkehrte. Bonaparte trat in Italien immer als der Vertreter Frankreichs auf – auch und gerade, wenn er mit ihnen Italienisch redete. Er selbst pochte umso intensiver darauf, je besser er sein Gegenüber zu kennen glaubte und sich die Ähnlichkeit in der Sprache und im Habitus zwischen Korsen und Italienern vergegenwärtigte. Vielleicht war es auch eine unbewusste Distanzierung von seiner eigenen Herkunft, die hier zum Zuge kam.16 Es gibt Beispiele, wo er Unterhändler aus Venedig oder Parma mit wohlinszenierten Wutanfällen derart einschüchterte, dass sie ihm willenlos nachgaben. Am ehrlichsten war wohl sein späteres Urteil gegenüber Talleyrand, als dieser ihm zum Erfolg der von ihm in Gang gesetzten Gründung einer Cisalpinischen Republik gratulierte:

»Sie kennen diese Völker schlecht. Sie verdienen es nicht, dass man 40 000 Franzosen für sie sterben lässt. Ich erkenne an Ihren Briefen, dass Sie immer noch von einer falschen Hypothese ausgehen. Sie glauben, die Freiheit würde ein Volk zu großen Dingen befähigen, das schwach, abergläubisch, dumm und feige ist. Das, was Sie wünschen, dass ich machen soll, sind Wunder, und das kann ich nicht. In meiner Armee ist kein einziger Italiener außer, glaube ich, 1500 Bengeln, die man in den Straßen der größten italienischen Städte aufgelesen hat und die plündern und zu nichts taugen. Vielleicht wird sie [= die cisalpinische Republik; K. D.] in vier oder fünf Jahren 30 000 Mann passabler Truppen haben, wenn sie ein paar Schweizer dazutun, denn man müsste ein sehr geschickter Gesetzgeber sein, um ihnen das Waffenhandwerk schmackhaft zu machen. Es ist eine sehr entnervte und sehr feige Nation.«17

Inzwischen wandelte sich der Charakter des italienischen Feldzugs. Aus der ›Diversion‹ zum Zwecke der Unterstützung der Hauptarmee auf dem Kriegsschauplatz in Deutschland und der Erringung eines Pfands für den bevorstehenden Friedensschluss wurde eine Eroberung, die sich nach außen als Befreiung der Italiener aus jahrhundertelanger Fremdherrschaft las, in Wirklichkeit aber auf die Ausplünderung eines angeblich zurückgebliebenen Nachbarlandes hinauslief. Der Übergang von der einen zur anderen Politik vollzog sich gleitend und wurde in Paris später und anders wahrgenommen als in Mailand. Dort baute sich Napoleon, spielerisch und nur zum Schein auf seine angeblichen italienischen Wurzeln setzend, mithilfe einheimischer Publizisten eine Propagandamaschinerie auf, die ähnlich wie die der deutschen Jakobiner 1792/93, aber in ihrer Breitenwirkung ausgedehnter als diese, das Frankreich der Revolution im Allgemeinen und den siegreichen General im Besonderen als den Erlöser vom Ancien Régime feierte: ein Slogan, der im Verbund mit der vermeintlichen Rückständigkeit Italiens unter jungen Intellektuellen des Landes bereitwillige Aufnahme fand, sich allerdings auf deren Zirkel beschränkte. Dass die Franzosen sich indes nicht mit der Rolle der Befreier zufriedengaben, zeigte einige Wochen nach dem Einzug in Mailand die brutale Art und Weise, wie sie Aufstände von Kleinbauern in Mittelitalien niederschlugen, die sich gegen die erhöhten Steuern auflehnten. Dem städtischen Bürgertum erschienen die Besatzer den Kontributionen zum Trotz als kleineres Übel, wenn dadurch der Übergang zu einem ›freien‹ Italien bewirkt wurde.18

Kämpfe um Mantua

Napoleon wusste, dass die Poebene zu einer »Mausefalle« werden konnte,19 wenn ihm die Österreicher mit einem neuen Heer entgegentraten. Wenn ihm dann auch noch die Piemontesen in den Rücken fielen, wäre seine Lage äußerst prekär geworden. Daher beschränkte er sich auf einen kurzen Schlag gegen Livorno und einen Zug durch die Toskana, zu dem ihn das Direktorium aufforderte. Er tat dies jedoch erst, als die Direktoren die ihn kränkende Aufsplitterung des Oberbefehls zurücknahmen. Er wolle sich nicht »einem Deutschen unterwerfen, an dem ich weder die Prinzipien noch den Ton schätze«, hatte er seinen Freund Barras wissen lassen.20 So begnügte er sich damit, seinem Unterführer Augereau die Plünderung der Romagna zu überlassen und die Venezianer zur Herausgabe von Verona zu nötigen. Dadurch glaubte er, dem erneuten Ansturm eines kaiserlichen Heeres gewachsen zu sein.

Dieses erschien unter der Führung des 70-jährigen Generals Wurmser früher als erwartet bereits im Juli 1796, um die Besatzung der noch in österreichischer Hand befindlichen Festung Mantua zu entsetzen. Wurmsers Manko war, dass er seine den Franzosen weit überlegene Streitmacht in zwei Heeressäulen aufgeteilt hatte, von denen eine unter Quosdanovitch entlang des Gardasees, die andere unter seinem Kommando durch das Etschtal auf Verona zumarschierte. Bevor sich beide vereinigen konnten, wurden sie in zwei Schlachten, bei Loano und Castiglione, geschlagen. Masséna und Napoleon teilten sich den Erfolg. Quosdanovitch zog sich nach Innsbruck zurück; die abgedrängten Verbände Wurmsers wurden anschließend ausmanövriert, sodass sich der kaiserliche Feldherr mit den verbliebenen Truppen in die Festung Mantua retten musste.

Der Jubel in Paris schwoll an, aber der glückliche Held wusste, dass ihm der Endkampf um Italien noch bevorstand und dass die Österreicher noch einen weiteren Versuch unternehmen würden, um Mantua freizukämpfen und Mailand zurückzuerlangen. Zugleich hatten ihm die Absetzbewegungen italienischer Regierungen, die den Vormarsch Wurmsers begleiteten, gezeigt, wie brüchig seine Herrschaft in Italien immer noch war. Das brachte ihn dazu, offen auf die Karte der Revolutionierung der Halbinsel zu setzen und die dortigen ›Jakobiner‹, zumal die in den Fürstentümern Mittelitaliens und im Kirchenstaat, zu unterstützen. Anfang Oktober 1796 konfrontierte er in einer Art Staatsstreich das Direktorium mit der bevorstehenden Gründung einer Cispadanischen Republik, die Parma, Modena und die Romagna mit Ferrara und Bologna umfassen sollte. Für den Fall, dass die Direktoren ihm den Segen für diese Maßnahme verweigerten, drohte er wie schon im Mai mit seinem Rücktritt und der Rückkehr nach Frankreich. Die Aussicht, den populären General – den einzigen Heerführer der Republik, der in diesem Jahr Siege vorweisen konnte – als Anführer einer Fronde der Armee in Paris zu sehen, reichte der Regierung, um ihm die Eigenmächtigkeit durchgehen zu lassen.

Inzwischen war nämlich der andere Teil des Plans gescheitert, mit dem Carnot im Jahr 1796 den Frieden erzwingen wollte. Die Armeen Jourdans und Moreaus, die bis nach Bayern vorgedrungen waren, mussten sich in zwei Gefechten dem Erzherzog Karl geschlagen geben und gingen im Laufe des Herbstes auf ihre Basis am Ober- und Mittelrhein zurück. Somit entfiel der ursprüngliche Zweck des Italienfeldzugs, doch da die Republik in Italien siegreich war, verlagerte sich das Hauptaugenmerk wie von selbst auf diesen Kriegsschauplatz. In den Überlegungen Napoleons und seiner Umgebung tauchte nun erstmals der Gedanke auf, nach einem Sieg Bonapartes in Italien eine weitere Kompensation zu schaffen, die Österreich im Tausch für die Anerkennung der Rheingrenze angeboten werden konnte. Dass es sich dabei um Venedig oder um Teile des venezianischen Festlandes handelte, war offenkundig, wurde aber noch nicht explizit ausgesprochen.

Der Winterfeldzug 1796/97 schien dieses Vorhaben zu krönen. Der Sieg war so vollständig, wie ein militärischer Erfolg nur sein konnte, doch wurde er mit äußerstem Risiko errungen. Der zum Entsatz Wurmsers anrückende Alvinczy, ein Veteran des Siebenjährigen Krieges und ein von Napoleon hochgeschätzter Militär, erschien im November 1796 mit weit überlegenen Kräften in Friaul. Napoleon versuchte ihn auszumanövrieren und ihn in ein Sumpfgelände zu locken, wo die numerische Überlegenheit der Österreicher nicht zum Zuge kommen konnte. An der Brücke von Arcole kam es am 15. November 1796 zum entscheidenden Gefecht, bei dem Napoleon wiederum seine persönliche Risikobereitschaft in kritischen Situationen bewies. Obwohl seine Offiziere bereits vergeblich mit tapferem Beispiel vorangegangen, aber von der kroatischen Besatzung der Brücke zurückgeschlagen worden waren, ergriff er eine Fahne und stürmte allein voran. Das berühmte Bild stimmte in diesem Falle – anders als bei Lodi, wo er vom Ufer aus befehligt hatte – mit den Tatsachen überein, auch wenn seine tollkühne Aktion nicht zu der Eroberung der Brücke führte, sondern nur die Panik abfing, die sich unter seinen Soldaten auszubreiten begann, und sie zum Weiterkämpfen motivierte.


Abb. 7: Napoleon auf der Brücke von Arcole in einem Gemälde von Antoine-Jean Gros (1796)

Alvinczy erneuerte seinen Versuch Anfang Januar 1797 noch ein letztes Mal, diesmal mit katastrophalem Ausgang. Die Niederlage, die Napoleon ihm am 17. Januar 1797 bei Rivoli zufügte, bevor er seine zersplitterten Kräfte zusammenführen konnte, machte die Situation der Belagerten von Mantua unhaltbar und ließ Wurmser kapitulieren. Damit befand sich ganz Oberitalien unter französischer Kontrolle. Einem Friedensschluss schien nichts mehr im Wege zu stehen – jedenfalls, wenn er sich auf das ursprüngliche Ziel, den Tausch der Lombardei mit Piemont, beschränkte und wenn Österreich sich ganz aus der Apenninenhalbinsel zurückzog.

Der Vormarsch auf Wien

Der Sieg von Rivoli hatte Napoleon für das Direktorium unangreifbar gemacht. Er erhielt jetzt endlich die zugesagten Verstärkungen, was ihn instand setzte, den Bestand seiner Armee auf etwa 80 000 Mann zu erhöhen. Auch machte sich das Direktorium nun seine ursprüngliche Strategie des Zangenangriffs auf Wien zu eigen, wobei die beiden Armeen in Deutschland, die unter dem Kommando von Hoche und Moreau standen, mit der Italienarmee zusammenwirken sollten. Auf diese Weise wollte das Direktorium den Kaiser endgültig zum Frieden zwingen.

Zwischen den beiden Flügeln der Franzosen stand Österreichs bester Heerführer, Erzherzog Karl, mit einer Streitmacht von nahezu 100 000 Mann, die er allerdings zwischen seiner Nord- und Südflanke aufteilen musste. Napoleon schickte ihm in Tirol seinen Unterführer Joubert mit 20 000 Mann entgegen, während er selber mit Masséna über die Julischen Alpen nach Kärnten vorstieß. Es war ein riskanter Vormarsch, der bei einem beherzten Zugriff der Österreicher in einem Desaster hätte enden können. Aber der Erzherzog wagte angesichts eines bevorstehenden Angriffs der Rheinarmeen nicht den vollen Einsatz gegen die Südflanke und setzte nur zu einzelnen Rückzugsgefechten an. Als sich die Vorhut Napoleons Anfang April 1797 der steirischen Stadt Leoben näherte, war der Kaiser zu einem Waffenstillstand bereit.

Vom militärischen Standpunkt aus erfüllte dieses Unternehmen alle Elemente eines Husarenritts und hat Bewunderer wie Kritiker gefunden. Statt auf die Armeen in Deutschland zu warten, exponierte sich Napoleon in extremer Weise und lief beständig Gefahr, von seiner Basis abgeschnitten zu werden. Was ihn rettete, war wieder einmal die schiere Kühnheit seines Angriffs. Der französische Vormarsch verlief so schnell, dass der Erzherzog mehrmals zu spät kam, um ihn wirkungsvoll abzufangen. Allerdings war auch klar ersichtlich, dass die französische Armee das Wiener Becken nicht hätte kontrollieren können. Dafür fehlte ihr schon allein die notwendige Kavallerie. Hätten die Österreicher also die Nerven behalten, wäre das Unternehmen möglicherweise zu einer Katastrophe für die Franzosen geworden. Clausewitz sah es als erwiesen an, dass »Bonaparte dem Erzherzog den Waffenstillstand angetragen hat, um aus einer Lage herauszukommen, die mit jedem Schritt bedenklicher zu werden schien.«21

Man hat gerätselt, was Napoleon zu diesem Abenteuer motiviert hat. Die plausibelste Antwort lautet: sein Ehrgeiz. Er wollte die Siegespalme nicht mit Moreau und Hoche teilen, sondern den Ruhm des Friedenserzwingers allein einstreichen. Allerdings war er klug genug, diese Absicht zu kaschieren, indem er das Direktorium beständig mit Anfragen bombardierte, ob die beiden Heerführer inzwischen über den Rhein gegangen wären, um ihm zu Hilfe zu kommen. Gleichzeitig versuchte er – seine Kompetenzen wie schon im Falle Piemonts überschreitend – Erzherzog Karl mit einem Waffenstillstandsangebot zu überrumpeln, um rechtzeitig vor dem erwarteten Eingreifen der beiden anderen ein handfestes Ergebnis vorweisen zu können. Der Habsburger war jedoch zu schlau, um sofort darauf einzugehen. Dadurch zwang er Napoleon zu dem exponierten Vorstoß bis Leoben. Das Angebot des Kaisers kam in letzter Minute, bevor Napoleon das ganze Unterfangen hätte abblasen müssen.

Das Ende der Seerepublik Venedig und die Gründung der Cisalpinischen Republik

Zwischen dem Waffenstillstand von Leoben und dem Frieden von Campo Formio hatten zunächst wieder die Diplomaten das Wort. Es ging darum, zu welchem Frieden der Kaiser bereit war. Franz II. hatte bereits im Vorfeld wissen lassen, dass er als Kaiser nicht befugt war, alleine über die Endgültigkeit der Rheingrenze zu entscheiden. Dafür sei das Reich in Form seiner Institutionen, allen voran des sogenannten Immerwährenden Regensburger Reichstages von 1663, zuständig. Das war zwar formaljuristisch durchaus zutreffend, aber realiter dennoch eine fromme Ausrede, denn nachdem Preußen 1795 aus dem Krieg ausgeschieden war, gab es keine Macht, die Frankreich den Zugriff auf diese »natürliche« Grenze hätte streitig machen können. Allerdings war Franz formal im Recht, und es bedurfte noch eines Kongresses, damit der Vertrag, den die Republik mit dem Hause Österreich schloss, von den Reichsständen abgesegnet wurde. Worüber der Kaiser aber ohne Mitwirkung des Reichstags verhandeln konnte, war die Zukunft der außerhalb der Reichsgrenzen liegenden Länder, also der venezianischen Gebiete. Denn Venedig besaß, anders als der Piemont und die meisten der mittelitalienischen Kleinstaaten, seit dem frühen Mittelalter den Status einer vom Reich eximierten Republik.

Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet dieser Sonderstatus den Untergang beschleunigte. Dass Österreich zur Abrundung seiner Territorien an Dalmatien, Istrien, Friaul und eventuell Venedig ein viel größeres Interesse hatte als an so entfernten Provinzen wie Flandern und Brabant, ja selbst Mailand, war kein Geheimnis. Insofern war es für den Wiener Außenminister Thugut naheliegend, das Gebiet der Seerepublik oder doch Teile davon als Kompensationsmasse für den Rhein und die Lombardei ins Spiel zu bringen. Bei diesem Geschäft kam dem Korsen die Tatsache entgegen, dass die Venezianer zu seinen erbittertsten Gegnern gehörten. Bereits im Frühjahr 1796 hatten sie zähneknirschend die Besetzung Veronas hinnehmen müssen. Die Kämpfe zwischen Wurmser, Alvinczy und Napoleon hatten sich größtenteils auf venezianischem Territorium abgespielt, dessen Souveränität von beiden Kriegsmächten nicht respektiert wurde. Als eine venezianische Batterie auf dem Lido am 17. April 1797, also am Tag, bevor der Vorfrieden von Leoben unter Dach und Fach war, ein französisches Kriegsschiff abschoss, ergriff Napoleon die Gelegenheit beim Schopf. Er ließ auf dem Festland in Mestre, Venedig gegenüber, seine Kanonen auffahren und stellte dem Senat der Stadt ein Ultimatum, das diesem nur wenige Tage zur Unterwerfung und Auslieferung der Stadt ließ. Danach drohte er mit der vollständigen Zerstörung der jahrhundertealten »Königin der Meere«. Der Senat kapitulierte ohne Verzögerung und wich einer Marionettenregierung von französischen Gnaden. Diese Regierung war jedoch gleichsam auf Abruf eingesetzt, bis im Friedensvertrag, über den inzwischen in Mailand und danach in Passariano und Campo Formio verhandelt wurde, eine nachhaltige Entscheidung gefunden würde.

Das Schicksal Venedigs war ein Fanal, mit dem sich Napoleon selber die Maske des Befreiers Italiens vom Gesicht riss. Selbst die wohlmeinendsten unter seinen italienischen Anhängern verloren nun den Glauben daran, dass von ihm die Selbstständigkeit ihrer Nation zu erwarten war. Nur scheinbar im Widerspruch dazu stand die von ihm forcierte Gründung einer neuen Schwesterrepublik. Sie sollte unter Einschluss der Lombardei die soeben aus der Taufe gehobene »Cispadanische Republik« ersetzen, deren politische Vertretungskörperschaft sich als ein heillos zerstrittener Haufe von Lokalgrößen erwiesen hatte. Jetzt erhoffte er sich vom Beitritt Mailands und der Lombarden zu einer mit der Cispadana vereinigten »Cisalpinischen Republik« die Gründung einer überlebensfähigen Einheit, von der er natürlich vor allem die Aushebung einer »Lombardischen Legion« und die tätige Unterstützung französischer Interessen erwartete. Denn die neue Grenze eines künftigen italienischen Staatswesens zu Österreich würde an der Etsch verlaufen, und es stand nicht zu erwarten, dass die Koexistenz einer Tochter der Revolution mit einer der Hauptmächte des Ancien Régime in friedlichen Bahnen verlaufen würde. Und in der Tat erhoben die Vertreter des Kaisers bei den Friedensverhandlungen heftige Einwände gegen diese Pläne und wünschten, dass sich Frankreich an Italien »desinteressiere«. Für die italienischen Patrioten gab es dagegen keine Wahl: Sie mussten die Ergebnisse des Krieges akzeptieren und zogen die Neuschöpfung von französischen Gnaden einer Rückkehr zu den alten Zuständen vor.

Mombello und der 18. Fructidor

Was letztlich aus Oberitalien wurde, hing jedoch nicht nur von Napoleon und Österreich, sondern auch von der politischen Entwicklung in Paris ab, die auf eine neue Krise zusteuerte. Napoleon tat gut daran, sich in der Auseinandersetzung zwischen Moderaten wie Carnot und Kriegsbefürwortern wie Reubell nicht festzulegen, solange er nicht wusste, wer daraus als Sieger hervorgehen würde. Vielmehr hielt er sich die Hände frei und sandte Zeichen in verschiedene Richtungen. Er machte kein Hehl daraus, dass er die Direktoren verachtete und Frankreich eine stabilere Regierung wünschte, damit der künftige Frieden abgesichert wäre. Aber er trat auch dem Eindruck entgegen, er suchte als General die Rückkehr in eine von wem auch immer geführte Monarchie vorzubereiten. Als die verkappten Royalisten bei den Wahlen im Mai 1797 erneut ein weiteres Drittel der Abgeordnetenplätze eroberten, sah er sich genötigt, zu diesem Zweck seinen Unterführer Augereau mit einem Detachement von 10 000 Mann in die Bannmeile von Paris zu schicken. Die offizielle Begründung war, um dem Direktorium gegen einen eventuellen Aufstand der Monarchisten beizustehen. Tatsächlich ging es aber darum, die Moderaten unter den Direktoren wie Carnot einzuschüchtern und den Radikalen um Reubell den Rücken zu stärken.

Napoleon residierte inzwischen in Mombello am Lago Maggiore. Und man wird nicht fehl in der Annahme gehen, dass ihm diese Monate den Gefallen an der Ein-Mann-Herrschaft beibrachten. Er tafelte öffentlich unter freiem Himmel, empfing die Abgesandten italienischer und deutscher Fürsten und lebte mit Joséphine, die schon vorher nach Mailand gekommen war, in einem sanften Eheglück. Dies hinderte Napoleon freilich nicht, seinem neuentdeckten Hang zur Promiskuität nachzugeben, wozu die zahlreichen Bittstellerinnen ihm reichlich Gelegenheit verschafften. Es war dies wohl seine persönliche Reaktion darauf, dass er sich der Neigung seiner Frau zu Fehltritten bewusst geworden war.22 Als er nämlich nach seiner Rückkehr aus Mittelitalien im Juni 1796 Joséphine nicht in Mailand vorgefunden hatte, dürfte ihm klargeworden sein, dass sie ihn mit einem Liebhaber betrog. Er hatte sich daraufhin einige Tage eingeschlossen, dann aber sein Eheleben weitergeführt, als wäre nichts geschehen. Die eigene Untreue war und blieb seine Art, den erlittenen Schock nach einer kurzen und heftigen Phase der Eifersucht zu kompensieren. Das half ihm, rasch wieder zur Tagesordnung überzugehen und seine Kräfte nicht an der häuslichen ›Front‹ zu verausgaben.

Am 4. September 1797 kam der Machtkampf in Paris zur Entscheidung. Es war sein ehemaliger Förderer Barras, der in dem Streit, bei dem es nur noch vordergründig um den richtigen Frieden ging, den Ausschlag gab. Als dieser bei der durch das Los bestimmten Neubesetzung des Direktoriums sein Amt behielt, schlug das Pendel der Entscheidung gegen die Gruppe um Carnot aus. Um ein angeblich monarchistisches Komplott zu vereiteln, putschten die drei radikalen Vertreter inklusive Barras gegen die beiden gemäßigten Direktoren und die sie unterstützenden Abgeordneten der Kammern. Dabei versicherten sie sich der Hilfestellung und Dienste der Armee. Die Soldaten brauchten nicht einzugreifen – die bloße Drohung reichte aus, um die Gemäßigten in den Kammern einzuschüchtern. Und so wurden 53 der Neugewählten aus den Kammern ausgeschlossen und zwei Direktoren unter Anklage gestellt. Einer von den zweien war Carnot.

Nur wenige Tage nach dem Fructidorputsch, wie man die Kraftprobe unter den Direktoren benannte, unterzeichnete Napoleon in Passariano den Frieden mit Österreich. Er stand wiederum, wie schon in Leoben, unter enormem Zeitdruck, denn es lagen verschiedene Fassungen auf dem Tisch, deren Durchsetzung von der jeweiligen politischen Konjunktur und dem Geschick bzw. der Durchsetzungsfähigkeit der Verhandler abhing. In Johann Ludwig von Cobenzl, dem österreichischen Verhandlungsführer, besaß er einen wenn auch nicht ebenbürtiges, so doch hartnäckigen Widerpart.

Über die deutschen Verhältnisse war man sich ziemlich schnell einig. Da mit Carnot der wichtigste Befürworter einer moderaten Grenzziehung entlang der Maas ausgeschieden war, musste sich der Kaiser in den Verlust sämtlicher links des Rheins gelegenen Gebiete des Deutschen Reiches schicken. Offen blieb somit nur, welches Pfand Franz II. für das Versprechen, die Rheingrenze im Reich durchzusetzen, abgeben würde. Bonaparte begnügte sich damit, dass Mainz ab sofort unter französische Kontrolle kam, während der linke Niederrhein mit Kleve formal noch bei Preußen verblieb. Damit war beiden Seiten gedient. Denn so machte der Kaiser sich davon frei, bei der künftigen Neugestaltung Deutschlands für Preußen eintreten zu müssen. Berlin sah sich mithin auf Hilfe aus Paris verwiesen, um das von ihm heiß begehrte Hannover zu bekommen, was folgerichtig die Engländer verprellt und Preußen de facto zum Bundesgenossen Frankreichs gemacht hätte.

Im Vordergrund der Gespräche in Passariano stand jedoch die Frage, ob es in Italien einen Bonaparte-Frieden unter Einschluss der Cisalpina oder einen österreichischen Frieden ohne diese geben würde. Wie ein halbes Jahr zuvor in Leoben ging es also primär um Napoleon und die Frage, ob er als der eigentliche Sieger vom Platz gehen würde. Die Pariser Annexionisten, denen der Fructidorputsch den Rücken gestärkt hatte und die sich eine Zeitlang in seinem Glanz wärmten, wollten, dass Österreichs Macht gänzlich aus Italien verschwände. Dafür sollte es durch die zu erwartenden Säkularisationen in Deutschland, Salzburg und Passau, entschädigt werden. Wenn der Kaiser sich dieser Forderung nicht beugte, tönte es aus Paris, sollte Hoche noch im ausgehenden Jahr auf Wien marschieren und den Frieden diktieren.

Doch diese Rechnung hatten Reubell und seine Freunde ohne Napoleon gemacht. Da dieser wusste, dass Cobenzl sich einer solchen Drohung nicht beugen würde, beeilte er sich, dem Österreicher eine Beute anzubieten, die ihn den unangenehmen Brocken der Cisalpina zu verdauen half. Diese Beute war Venedig bzw. das, was von Venedig noch übrig war. Die Regierung der Rumpfrepublik verschwand ein knappes halbes Jahr nach ihrer Installierung sang- und klanglos von der politischen Bühne und machte einer österreichischen Administration Platz.

Rastatt – Paris – Ägypten (1797–1799)
Napoleon am toten Punkt

Napoleon hatte dem Direktorium gegenüber versichert, er wolle lieber »in die Menge zurückkehren [und] den Pflug des Cincinnatus aufnehmen«, als sich in die Reihe derjenigen Militärs einreihen, die durch ihren »mangelnden Respekt vor den Magistraten […] so viele Republiken zerstört und Staaten vernichtet« hätten.23 Dieses Angebot muss jedoch im weiteren Kontext betrachtet werden. Es war nämlich ein Anhang eines der periodisch wiederkehrenden Rücktrittsangebote, mit denen Napoleon die Direktoren nötigte, ihm unangenehme Beschlüsse zurückzunehmen oder von ihm geschaffene faits accomplis nachträglich abzusegnen. Einzig Reubell bot ihm Paroli. Als Napoleon nach seiner Rückkehr wieder einmal mit seiner Demission drohte, entgegnete dieser prompt:

»General, hier ist Papier, hier ist Tinte. Schreibt!«24

Man tut also gut daran, Napoleons Rolle in den beiden Schwellenjahren vor seinem eigentlichen Machtantritt im Dezember 1799 nicht zu überschätzen. Die Rückkehr aus Italien, wo er als Prokonsul eine Art Nebenregierung geleitet hatte, führte ihn über ein kurzes Intermezzo in Rastatt, wo er sich im Kreis der Diplomaten nicht wohl fühlte, zurück nach Paris. Allerdings vermochte er dort seine Stellung nicht dauerhaft zu klären. Er befand sich vielmehr in einer unangenehmen Zwischenlage. Bei einem großen Teil der Bevölkerung enorm populär wurde er im gleichen Maße zum Schreckbild bekennender Republikaner, wie zur Anlaufstelle aller Arten von Intriganten, die ihn in ihr jeweiliges Spiel hineinzuziehen hofften. Darunter befanden sich auch Abgesandte der königlichen Brüder, die in ihm einen zweiten »Monk« witterten. Dabei handelt es sich um jenen General, der 1660 nach der Cromwell-Diktatur die Stuarts auf den englischen Thron zurückgeführt hatte. Andererseits suchten ihn Kollegen wie Kléber dazu zu überreden, das verhasste Direktorium aufzulösen. Doch Napoleon stellte sich für solche Vorschläge taub.

Am Anfang dieser Zwischenzeit war Napoleon für einige Tage der unbestrittene Mittelpunkt des Kongresses. Dieser war in der kleinen Residenzstadt Rastatt zusammengetreten, um die politisch und militärisch längst abgesegnete Rheingrenze mit der inneren Struktur des Deutschen Reiches in Übereinstimmung zu bringen. Im Klartext hieß dies, dass diejenigen Reichsfürsten, die ihrer Gebiete links des Rheins verlustig gehen würden, auf dem rechten Rheinufer entschädigt werden sollten. Napoleon wurde von Beauftragten der Fürsten und Städte hofiert und mit Geschenken überhäuft, um ihn für die eigenen Ziele einzunehmen. Der 27-jährige Friedrich Hölderlin, der sich damals als Begleiter seines Freundes Sinclair im Auftrag des Fürsten von Homburg in Rastatt aufhielt, hat dieses unwürdige Schauspiel miterlebt und beschrieben.25 Napoleon und seine Umgebung belustigten sich über das kriecherische Verhalten der deutschen Kleinfürsten. Wie in Mombello zeigte er sich allen Bestechungsversuchen gegenüber resistent. Dennoch sah er es nicht ungern, wenn seine Untergebenen sich die Hände schmutzig machten. Denn er wusste wohl, dass seine weitere politische Karriere davon abhing, einen Kreis ihm verpflichteter Personen um sich zu scharen, sich selber jedoch nicht erpressbar zu machen.

Wieder in Paris

Da die Beratungen in Rastatt sich in die Länge zogen, kehrte Napoleon Anfang Dezember 1797 nach Paris zurück und bezog wieder das Haus Joséphines in der Rue Chantereine, welche man zu seinen Ehren in »Rue de la Victoire« umbenannt hatte. Am 19. Dezember 1797 bereitete ihm das Direktorium einen Empfang, an den sich Oelsner später noch erinnerte:

»Ich war zugegen, wie Bonaparte in dem großen Hofe des Luxemburg […] feierlich von dem Directorium empfangen wurde. Meine ganze Aufmerksamkeit war auf den jungen Mann gerichtet, der in so kurzer Zeit zum höchsten militairischen Rufe in Europa sich emporgeschwungen hatte. Er erschien. Tausend Harrende erhoben sich von ihrem Sitze. Ein Zuschauer stürzte vom Dache des Luxemburg zu Boden. Die Haltung Bonaparte’s hatte nichts Jugendliches. Er glich einem müden Reiter und erinnerte mich, trotz des Unterschiedes im Alter, an Friedrich II., den ich in seinen letzten Jahren zu Fuß gesehen hatte. Er trug seine schon gebrauchte Generalsuniform, schwarze Stulp-Handschuhe und Stiefel mit schmutzigen Ueberschlägen. Diese Nachlässigkeiten waren absichtliche. Ihm die Hand gebend, hinkte Talleyrand an seiner Seite. […] Der Anblick des diplomatischen Paares hatte etwas Ominöses und Finsteres. Bonaparte’s Gesichtsfarbe war gelbgrün, das Gesicht hager, aber die Züge waren edel und nicht weniger als gemein. Glück und Wohlleben haben nachher seinen Teint verschönert. Wie er damals aussah, schildert mit Treue ein Kupferstich, der nach einer Zeichnung von Legros gearbeitet ist. In keinem späteren Gemälde erscheint er mit so genialem Ausdruck. In seiner kurzen und treffenden Allocution an das Directorium sagte er sehr richtig, was er in der Folge gänzlich vergessen zu haben scheint: ›Die Epoche der Repräsentativ-Verfassungen sei für die Völker eingetreten.‹«26

Was Oelsner sowohl faszinierte als auch abstieß, war ein Vorgang, der sich gleichzeitig auf Napoleons Gesicht abspielte:

»Während der langen Rede wandte sich Bonaparte sehr oft um, um diesem und jenem seiner Bekannten ein freundliches Lächeln zuzuwerfen. Dieses Lächeln war mir auffallend wegen der Anmuth, womit es erschien, wegen der frostigen Schnelligkeit, womit es verschwand ohne Uebergang, ohne Nachspiel. Es kam nicht vom Herzen.«27

In der blasierten Indifferenz, die Bonaparte bei dieser Gelegenheit zur Schau trug, spiegelte sich seine Distanziertheit gegenüber den braven Republikanern in seiner Umgebung wider, deren Gebräuche und Wertvorstellungen ihm zunehmend anachronistisch vorkamen. Die traditionelle Feierlichkeit zum Gedenken an die Hinrichtung Ludwigs XVI. am 21. Januar 1798 ließ er nur widerwillig über sich ergehen. Offenbar hatte ihm Talleyrand begreiflich gemacht, dass eine Absage einen Affront gegen das Direktorium bedeutet hätte. Überhaupt war die Bekanntschaft mit Talleyrand das einzige zukunftweisende Ergebnis dieses Pariser Intermezzos, während Sieyès, auf den damals viele ihre Hoffnungen auf einen Neuanfang richteten, ihm die kalte Schulter zeigte. Napoleon und Talleyrand waren sich trotz der offen zutage liegenden Unterschiede sympathisch. So war dieser Abkömmling aus der Hocharistokratie, der seine politische Laufbahn als Bischof begonnen hatte, hemmungslos korrupt und hielt bei Verhandlungen von Separatverträgen mit kleinen deutschen Reichsständen bedenkenlos die Hand auf.28 Gemeinsam war ihnen aber die Verachtung der Direktoren und deren Maßlosigkeit, was den Glauben an die Machbarkeit politischer und militärischer Projekte anging – eine Einstellung, die sich vor allem aus der Unterwürfigkeit speiste, die die deutschen und italienischen Kleinfürsten diesen beiden Vertretern Frankreichs entgegenbrachten.

So sah sich Talleyrand bereits als Vermittler eines französisch-osmanischen Bündnisses, das er mit Hilfe des genialen Generals gegen England und Russland ins Feld zu führen gedachte, um so zum einen England aus dem Mittelmeer zu vertreiben und zum anderen, um Russland die Krim abzujagen und es so auf den Besitzstand vor der Regierungszeit der großen Katharina zurückzuwerfen. Er plante, als Sonderbotschafter nach Konstantinopel zu gehen, um dem Sultan diese Ideen schmackhaft zu machen. Zugleich gedachte er Selim III. die Besetzung Ägyptens durch die Franzosen als einen freundlichen Akt zu verkaufen. Daraus wurde jedoch nichts, weil er aus Karrieregründen das Außenministerium nicht aufgeben wollte. Es sollte nicht der letzte »Verrat« Talleyrands an Napoleon bleiben.

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18 December 2025
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497 p. 29 illustrations
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9783170374881
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