Read the book: «Ganz nah und doch so fern - Jugendbuch»

Font::

Kirsten Holst

Ganz nah und doch so fern – Jugendbuch

Übersetzt Gabriele Haefs

Saga

Ganz nah und doch so fern – Jugendbuch ÜbersetztGabriele Haefs Original Min ven ThomasCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1987, 2020 Kirsten Holst und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726569483

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

1

Wenn ich mir das jetzt so überlege, dann habe ich manchmal das Gefühl, daß alles – alles, was dann später geschehen ist – in Wirklichkeit mit dem Info-Wochenende bei Hannah angefangen hat, kurz nachdem wir in die 2 g gekommen waren. Das ist jetzt schon fast zwei Jahre her. Ein Jahr und zehn Monate, um es ganz genau zu sagen.

Es war das Wochenende, an dem Thomas mit Anne im Bett war, obwohl er keine Lust dazu hatte, und an dem ich nicht mit Agathe im Bett war, obwohl ich große Lust dazu gehabt hätte.

Es war auch das Wochenende, wo Samstagnacht oder eher Sonntagmorgen das Fest und seine Teilnehmer so ziemlich in Auflösung übergingen – wo Lisbeth eine Flasche Rotwein ins Schwimmbecken fallen ließ und Fotto ins Rhododendronbeet kotzte. Aber wie Mini richtig bemerkte, wäre es umgekehrt schlimmer gewesen; schließlich hat ein Bad im Rotwein noch niemandem geschadet. Mini faßte seine Bemerkung übrigens in bedeutend mehr und bedeutend schlimmere Worte, er kann den Mund einfach nicht aufreißen, ohne daß sich ein ganzer Abfallhaufen herauswälzt. Ich glaube, das hängt damit zusammen, daß er nur 1 Meter 70 groß ist, wenn ihr versteht, was ich meine.

Es stimmt natürlich nicht, daß alles an diesem Wochenende angefangen hat, das weiß ich genau. Irgend etwas wäre sicher auf jeden Fall passiert. Auch wenn wir damals keine Ahnung davon hatten – der Countdown hatte doch schon längst begonnen. Trotzdem habe ich immer noch das Gefühl, daß einiges anders gekommen wäre, wenn wir nicht genau an diesem Wochenende in genau diesem Haus zusammengewesen wären.

Was ich jetzt am allerunglaublichsten finde, ist eigentlich, daß dieses Wochenende für einige von denen, die dabei waren, so gut wie gar nichts bedeutete. Für sie war es vielleicht nicht anders als viele andere Wochenenden. Vielleicht war ich der einzige, unter dem die Erde zu beben anfing. Aber das habe ich selbst erst später richtig wahrgenommen, nachdem meine ganze Welt in Zeitlupe einen Purzelbaum geschlagen hatte.

Genau so, in Zeitlupe, sehe ich es jetzt, während ich versuche, Zusammenhang und Überblick zu erhalten. Mich daran zu erinnern versuche, was in den letzten beiden Jahren gesagt und getan worden ist. Es ist so viel passiert, daß ich Zusammenhang und Überblick noch immer nicht gefunden habe, auch wenn ich jetzt ein bißchen mehr begreife. Wenn man etwas aus der Entfernung betrachtet, kann man plötzlich ein Muster sehen, das nicht zu erkennen war, als man noch mittendrin steckte, und manches versteht man dann ganz von selbst. Das Problem ist bloß, daß man sich an alles mögliche durcheinander erinnert und daß es schwer ist, die unwichtigen Details von den wirklichen Ereignissen zu unterscheiden. Die Details erschienen damals so wichtig. Sie hatten Ähnlichkeit mit Ereignissen, und die eigentlichen Ereignisse wirkten dagegen bloß wie unwesentliche Details.

Es gibt bestimmt Leute, die mich für bescheuert halten werden, weil ich damals nicht sofort kapiert habe, was Sache war, und weil ich nichts unternommen habe, um den Lauf der Geschichte zu ändern, zumindest den Lauf dieser Geschichte. Ab und zu kommt mir das auch selbst so vor, aber es ist so verflixt leicht, hinterher klüger zu sein, und damals wußte ich einfach nicht genug.

Irgendein Schlaumeier sagt bestimmt auch: »Na und? So einen Knuff versetzt uns das Leben eben manchmal, und alle jungen Leute müssen da durch, um erwachsen zu werden.«

Das kann nur einer sagen, der das nicht mitgemacht hat. Ich finde, es ist genug passiert, mehr als genug.

Übrigens hielten wir uns selbst für erwachsen. Wir hatten die Lage voll im Griff und durchschauten alles. Wir waren genauso unbesiegbar wie die spanische Armada. Und die ist bekanntlich 1588 von den Engländern vernichtend geschlagen worden. Wir waren achtzehn Jahre alt oder zumindest fast achtzehn. Wir hatten das Wahlrecht und den Führerschein (oder würden beides bald haben), wir hatten ein Recht auf unsere eigenen Meinungen, wenn wir damit niemandem schadeten, aber wir konnten mit all dem überhaupt nichts anfangen. Wir waren Schulkinder, du meine Güte, die reinsten Babys waren wir! Ich zumindest war eins. Das größte Baby von uns allen, ein richtiges Riesenbaby!

Tatsache ist jedenfalls, daß ich in vieler Hinsicht ungeheuer unerwachsen war. Ich habe nämlich erst vor kurzem in einer Zeitung gelesen, daß zweiunddreißig Prozent aller dänischen Jungen von fünfzehn Jahren ihr erstes sexuelles Erlebnis schon hinter sich haben. Ich aber war fast achtzehn und hatte noch nie mit einem Mädchen geschlafen.

Und zwar, weil ich in Agathe verliebt war. In die Frau, nicht in ihren Namen. Ich hatte Agathe immer für einen scheußlichen Namen gehalten, bis ich sie sah. Und dann war ich hin und weg von ihr und dem Namen. Ich weiß nicht, wo sie sich vorher versteckt hatte, ich entdeckte sie nämlich erst, als ich schon seit zwei Monaten aufs Gymnasium ging. Sie ging nicht in meine Klasse, aber eines Tages sah ich sie plötzlich in der Mensa. Dort saßen Hunderte von Schülern, aber ich sah nur sie. Die anderen verschwanden einfach, so wie sich die Wasser teilten, als die Israeliten durch das Rote Meer gingen.

Sie war die schönste Frau mit dem tollsten Gang und den scheußlichsten alten, geflickten Hosen, die ich je gesehen hatte. Ich wußte sofort, daß sie Agathe heißen mußte, es konnte gar nicht anders sein. Ich war vom Fleck weg so ungeheuer verknallt, daß ich bloß noch dumm grinsen und schwachsinnige Sprüche loslassen konnte, während ich in Wirklichkeit am liebsten meine Jacke vor ihr auf den Boden geworfen hätte, damit sie unbeschmutzt übers Parkett hätte wandeln können. Ich hätte mir auch die Hose vom Leibe gerissen, wenn das irgendwas gebracht hätte, aber sie würdigte mich keines Blickes, sondern schritt mit geradem Rücken und hochgereckter Nase an mir vorbei. Und so ging es weiter. Ich liebte sie, aber sie haßte mich – und ich konnte mir nicht einmal vorstellen, warum. Ich hatte ihr nie etwas getan, hatte sie nie belästigt, hatte keine zwei Worte mit ihr gewechselt, und trotzdem haßte sie mich.

Wenn ich abstoßend häßlich gewesen wäre, hätte ich das ja noch einsehen können, aber das war ich nicht. Meine Mutter behauptete immer, ich sei der flotteste Typ am ganzen Gymnasium. Das denken sicher alle Mütter von ihren Söhnen, und natürlich war es eine wüste Übertreibung. Der flotteste Typ war eindeutig Thomas, das fanden er und ich jedenfalls. Aber Nummer zwei zu sein war ja schließlich auch nicht schlecht. Leider ließ Agathe sich davon überhaupt nicht beeindrucken, eher im Gegenteil. Und deshalb litt ich in meiner unerwiderten Liebe und meiner Jungfräulichkeit still vor mich hin, denn wenn ich nicht mit Agathe ins Bett konnte, dann wollte ich mit überhaupt keiner ins Bett. Es wäre mir fast wie Untreue vorgekommen. Thomas verstand das, aber Mini wäre vor Lachen fast vom Stengel gefallen, als mir das ihm gegenüber einmal herausrutschte. Er zappelte auf seinem Stuhl herum und gakkerte dermaßen, daß er das Gleichgewicht verlor, nach hinten umkippte und krachend mit dem Hinterkopf auf den Boden aufschlug. Leider bekam er davon nicht einmal eine Gehirnerschütterung.

Aber zurück zum Wesentlichen. Alles fing wie gesagt in Hannahs Haus an, und auf irgendeine Weise hatte das Haus etwas damit zu tun. Es war so anders als alles, woran wir gewöhnt waren, daß wir selbst auch ein bißchen anders wurden. Nicht viel, aber genug. So wie eine kleine Abweichung am Anfang ausreicht, um eine Bowlingkugel an allen Kegeln vorbeisausen zu lassen.

Entscheidend waren das Haus, die Umgebung und die ganze Atmosphäre dort draußen, nicht Hannah selbst. Vor dem Wochenende hatte ich sie kaum gekannt, und hinterher kannte ich sie auch nicht besser, obwohl ich jetzt sehr viel mehr über sie wußte.

Sie war am Ende des ersten Gymnasiumsjahres plötzlich neu in unsere Schule gekommen, aber wir landeten erst später in derselben Klasse. Sie ware eine von dieser zurückhaltenden, unauffälligen Sorte, die man nicht sieht, solange man nicht gerade über sie stolpert. So erschien sie mir jedenfalls damals, aber auch das war ein Punkt, an dem ich nicht besonders klar sah.

Vom Aussehen her erinnerte sie mich an Marleen Merlin, diesen Stummfilmstar, mit ihren langen, dunklen Haaren, dem spitzen Gesichtchen und der Brille. Sie wäre eigentlich sehr niedlich gewesen, wenn sie nicht so eine scheußliche Haltung gehabt hätte. Das hört sich vielleicht schwachsinnig und rückständig an, aber so war es eben. Sie reckte den Kopf vor und den Hintern zurück, und ihre Schultern zog sie über die Ohren. Normale Menschen hätten am ganzen Körper einen Krampf, wenn sie auch nur eine halbe Stunde so herumlaufen müßten, aber Hannah schien das nichts auszumachen. In alten Zeiten sagten die Väter immer zu ihren Kindern: »Halt dich gerade!«, und Hannahs Vater hätte ihr einen großen Dienst erwiesen, wenn er das gesagt hätte. Womöglich hat er es ja auch getan, aber dann hat es nichts geholfen, und inzwischen war er tot, das wußte ich immerhin. Ich wußte auch, daß sie und ihre Eltern in Indien gelebt hatten und daß ihre Mutter gestorben war, als Hannah elf war. Sechs Jahre später war sie nach Dänemark übergesiedelt, weil sie dort Abitur machen wollte. Kurz darauf kam ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, und Hannah zog in unsere Gegend.

Sie wohnte draußen auf dem Land, und ich nahm an, daß sie zu Verwandten gezogen war. Aus irgendeinem Grund, vielleicht weil sie ein bißchen altmodisch wirkte, hatte ich die Vorstellung, daß sie bei alten Menschen lebte, bei ihren Großeltern oder Großtanten oder so, und daß sie in einem kleinen weißen Steinhaus wohnten. Das Haus war wirklich weiß, aber ansonsten stimmte keine von meinen Vermutungen.

Ursprünglich hatten wir für unser Info-Wochenende ein Ferienhaus mieten wollen, aber offenbar waren wir zu spät dran, denn wir konnten einfach keins auftreiben. Heutzutage veranstaltet ja jeder Heini sein Info-Wochenende, schon die neunten Klassen fangen damit an.

Die Mädchen hatten die Organisation übernommen. Sie fanden heraus, daß erst im Dezember wieder Ferienhäuser frei wären, und das kam für uns nicht in Frage. Wir hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, noch etwas zu finden, als Hannah plötzlich mit leichtem Zögern sagte: »Wir könnten es natürlich draußen bei mir machen.«

2

Bei Hannah? Ich dachte zuerst, das sollte ein Witz sein. Wir waren zwar eine kleine Klasse mit nur sechzehn Schülern, aber ich konnte mir trotzdem nicht vorstellen, wie diese ganze Bande samt zwei, drei Lehrern sich in ein kleines weißes Steinhaus quetschen sollte, in dem schon Großväter, Großmütter und alte Tanten saßen. Aber die Mädchen waren wild begeistert. Später ging mir auf, daß sie natürlich etwas gewußt hatten, was ich nicht wußte.

»Für das ganze Wochenende?« fragte Mini skeptisch.

Er dachte offenbar das gleiche wie ich.

»Ja, natürlich!« krähten die Mädchen im Chor. »Das wird spitze!« »Aber, ich meine, hast du denn genug Schlafplätze für uns alle? Für alle zusammen?« fragte Mini vorsichtig. Er hatte ganz offenbar Angst, Hannah zu verletzen, aber er hörte sich trotzdem sehr skeptisch an.

»Ja«, antwortete Hannah. »Das wird schon gehen. Wir haben ja auch noch den Hühnerstall.«

Den Hühnerstall! Es wurde wirklich immer besser!

»Da stecken wir die Lehrer rein«, sagte Fotto mit einem Grinsen. »Ja, das hab’ ich mir auch überlegt. Das ist sicher die praktischste Lösung«, meinte Hannah, ohne eine Miene zu verziehen.

Ich freute mich auf die Gesichter, die die Lehrer machen würden, wenn sie hörten, daß sie in einem Hühnerstall schlafen sollten. Womöglich legten sie dann Eier!

»Aber ein paar von euch müssen einen Schlafsack mitbringen«, fügte sie fast wie um Entschuldigung bittend hinzu.

Ich glotzte sie überrascht an. Was hatte sie sich denn vorgestellt? Daß wir den Greisen die Bettdecken klauen würden?

Die Mädchen waren Feuer und Flamme. Sie quasselten alle wild durcheinander, hundert Wörter pro Sekunde, und wir anderen konnten nicht den kleinsten Mucks dazwischenwerfen. Sie planten schon alles in sämtlichen Einzelheiten. Mädchen planen gern – besonders die Details. Sie sind die geborenen Sekretärinnen. Wenn wir dabeigeblieben wären und wenn ich zugehört hätte, wäre ich von Hannahs Haus nicht so überrascht gewesen, aber wir verdrückten uns, als uns aufging, daß wir überflüssig waren. So lief es immer, wenn etwas organisiert werden mußte. Die Mädchen regelten alles, denn sie konnten das viel besser als wir – dachten sie. Im letzten Moment warfen sie uns dann allergnädigst noch ein paar Aufträge an den Kopf, so wie man einer Hundemeute Knochen hinwirft. Zum Beispiel: »Ach, Mini, du sorgst doch für Tischplatten und Böcke?« Oder: »Claus, sei ein Schatz und bring doch bitte zwölf Stühle mit.« Und dann konnte man nur noch dankbar sein, zwölf Stühle an Land ziehen, selbst wenn man sie stehlen mußte, und sie auf den Gepäckträger laden.

Aber diesmal gab es keine Aufträge. Niemand sollte sich um Tische und Stühle kümmern, niemand sollte die Getränke besorgen, niemand sollte überhaupt irgendwas tun. Alles wurde ohne unsere Einmischung geregelt. Von den Mädchen, nahm ich an, oder von unsichtbaren Händen. In Wirklichkeit erledigten Hannah und ihre Ayah alles.

Wir waren siebzehn, als wir freitags am frühen Abend mit einem gemieteten Bus losfuhren. Vierzehn Schüler und drei Lehrer: Palle, Niels Ole und unsere absolut ungenießbare Mathelehrerin Hetty Ibsen. Es waren nur vierzehn Schüler, weil Hannah ja schon draußen war und weil der Stumme Truls sich an nichts beteiligte. Niemand wußte, warum, und niemand interessierte sich dafür. Er war eine Größe für sich, ein Einzelgänger. Lisbeth hatte einmal behauptet, er gehöre irgendeiner Sekte an, aber wir hatten uns geeinigt, daß er einfach bloß verrückt war.

Das Haus war die erste Überraschung, Hannahs Ayah die zweite. Ich fahre viel Rad, und ich war hier oft vorbeigekommen, aber das Haus hatte ich noch nie gesehen. Es lag verborgen hinter Bäumen und einer mehrere Meter hohen Hecke. Von außen konnte man höchstens ein Stück vom Dach und im Winter etwas Weißes erkennen, das war alles.

Und jetzt lag das Haus plötzlich in all seiner Pracht da, mitten in einem schönen, gepflegten Garten voller Blumen, eine Art angloindischer Bungalow, wie man sie aus Filmen kennt, fast ganz von einer Terrasse umgeben. Es gab ein riesiges Eßzimmer und einen fast genauso großen Wintergarten, der nach Süden schaute, außerdem eine Bibliothek und eine große Diele. Im anderen Flügel lagen vier Schlafzimmer, alle mit Bad, und hinter der Küche hatte die Ayah ihre winzige Wohnung.

Es war das »Sommerhaus« von Hannahs Eltern gewesen. Jetzt wohnte sie das ganze Jahr über hier, und sie mußte sicher ein Vermögen allein für die Heizung blechen.

Hannahs Ayah war eine alte Inderin im Sari, die barfuß im Haus herumlief. In der Stadt hätte sie in dieser Kleidung Aufsehen erregt, aber hier paßte sie gut zu dem indischen Kram und dem vielen Messingzeug, das hier herumstand.

Im Eßzimmer war der Tisch gedeckt, als wir kamen. Was mich am meisten beeindruckte, war, daß es zwölf völlig gleiche Stühle gab. Ich kannte niemanden, der zwölf identische Stühle hatte, nicht einmal Thomas, und dabei war sein Vater Möbelfabrikant.

Die Mädchen hatten, sicher auf ausdrückliche Aufforderung der Lehrer hin, beschlossen, daß wir freitags eine leichte Mahlzeit und nur ein Glas Wein oder Bier bekommen würden, denn schließlich sollten wir an diesem Abend und am Samstagvormittag das kommende Schuljahr planen – in allen Einzelheiten!

Aber schon am Samstagnachmittag nahmen wir Rache dafür, und Samstagabend servierte die Ayah ein Festmahl mit Strömen von Wein, weshalb einige von uns schon vor Mitternacht blau waren. Aber wenn jemand erwartet, daß deshalb etwas Dramatisches passierte, dann wartet dieser Jemand vergeblich. Obwohl das Ganze an diesem Wochenende anfing, geschah nichts, was uns aufgefallen wäre, jedenfalls damals nicht.

Das Wetter war schon seit Tagen ganz phantastisch, wie es im August eben sein kann. Die Dunkelheit umschloß uns warm und samtweich, und darum fand das Fest hauptsächlich im Garten statt. Vielleicht lief deshalb alles ziemlich friedlich ab, aber ich glaube, wie gesagt, auch, daß es etwas mit Hannahs Haus zu tun hatte.

Abgesehen davon, daß alle pausenlos mit und ohne Bekleidung ins Schwimmbecken sprangen, daß Fotto sich übergab und daß die Hollywoodschaukel zusammenbrach und zwei Blumentöpfe umriß, passierte kein Unfall, niemand lief Amok und bearbeitete die kostbaren Teppiche mit dem Rasenmäher oder warf mit den Möbeln um sich.

Ich war nicht blau, ich betrinke mich nie. Deshalb half ich Fotto aufs Klo, als ihm schlecht wurde. Es war harte Arbeit, denn er ist zwar kleiner als ich, aber anderthalbmal so schwer. Er ist um die 1 Meter 80 groß und wiegt hundert Kilo. Er frißt und säuft wie ein Schwein, und zu irgendeinem Zeitpunkt wird ihm immer schlecht. Trotzdem machen wir uns nie über ihn lustig, anscheinend haben wir uns also an ihn gewöhnt. Die einzige Anspielung auf seine Fülle ist sein Name. Fotto bedeutet ursprünglich »fetter Otto«, aber ich glaube, auch daran erinnert sich kaum noch jemand.

Als er seine angeregte Unterhaltung mit der Kloschüssel beendet hatte, schleppte ich ihn in den Wintergarten und ließ ihn auf das helle Ledersofa fallen. Ich zog ihm die Schuhe aus, tippte ihn mit einem Finger an, worauf er umkippte, und deckte ihn zu. Ich hoffte, daß er sich jetzt leergekotzt hatte, denn dem hellen Sofa und den echten Teppichen würden solche Attacken sicher nicht gut bekommen.

Dann suchte ich mir meinen Schlafsack, brachte ihn in den Wintergarten, rollte ihn aus und stellte eine Tischlampe auf den Boden, weil ich noch lesen wollte. Mit einem Buch, das ich in einem Regal in der Bibliothek gefunden hatte, machte ich es mir unter dem Flügel gemütlich.

Die anderen kamen jetzt nach und nach ins Haus und beschlagnahmten die Schlafzimmer – paarweise oder in Gruppen. Irgendwer lärmte immer noch am Schwimmbecken herum, aber ich mochte nicht nach draußen gehen. Ich kann gut darauf verzichten, mit Leuten zusammenzusein, die sternhagelvoll sind.

Ich las, Fotto schnarchte, und nach und nach wurde es fast im ganzen Haus still.

3

Durch Fottos Schnarchen hindurch konnte ich die Uhr auf dem Kaminsims die Sekunden verticken hören. Es hörte sich an wie eine alte Jungfer, die eifrig, aber völlig sinnlos die Nacht in kleine Scheibchen schnitt. Schnipp-schnapp, schnipp-schnapp.

Jetzt räusperte die Uhr sich leise, zögerte kurz und schlug dann. Ich zählte die Schläge. Sechs. Unwillkürlich schaute ich auf meine Uhr, eine Rolex, die mein Vater mir zur Konfirmation geschenkt hatte. Wahrscheinlich hatte er sie in irgendeiner obskuren Kneipe billig erstanden, aber die Uhr war in Ordnung, sie ging auf die Sekunde genau, wie auch die Uhr auf dem Kaminsims. Natürlich. Es war unvorstellbar, daß in Hannahs Haus irgend etwas nicht ordnungsgemäß funktionierte.

Ich drehte mich mühselig um. Ich lag nun schon seit vier Stunden hier unter dem Flügel und fühlte mich am ganzen Körper wie gerädert. Außer Lisbeth hatte mich niemand gestört. Sie hatte mehrfach hereingeschaut, um zu fragen, ob ich ihre Zigaretten gesehen hätte. Jedesmal hatte ich schon lange vorher ihre Klagerufe gehört: »Wer zum Henker hat meine Kippen geklaut? Wer zum Henker hat meine Kippen geklaut?«

Ich hatte nur noch zehn Seiten zu lesen. Ich hatte gelesen und gelesen und gelesen und gelesen. Vier Stunden lang. Die Flucht des Hirsches von Christian Winther. Ein richtig berühmtes klassisches Werk, an die hundertfünfzig Jahre alt, glaub’ ich. Natürlich hatte ich schon oft von diesem Buch gehört, aber ich hatte es nie näher angeschaut, deshalb hatte ich keine Ahnung, worum es da ging, als ich mich hinlegte und das Buch aufmachte. Ich wäre fast wieder aufgestanden und hätte mir in der Bibliothek ein anderes Buch geholt, als ich entdeckte, daß das ja Reime waren, richtige altmodische Herz-und-Schmerz-Reime. Ich lese eigentlich ganz gern Gedichte, doch diese hier wirkten einen Tick zu verstaubt.

Aber ich hatte einfach keinen Nerv mehr, wieder aufzustehen, und außerdem dachte ich, ich würde bestimmt ganz toll davon einschlafen können. Also überflog ich ohne große Begeisterung die ersten Seiten. Und dann war ich von der Geschichte plötzlich gefangen. Es war ja ein Roman in Reimen, wer hätte das ahnen können? Und der Dichter verstand sein Handwerk wirklich. Ich hatte richtig fühlen können, wie sich die kleinen Haare in meinem Nacken sträubten, als ich die Strophe zu Anfang des Buches gelesen hatte:

Die Zeit der Ritter und die Zeit der Gilden

hat mir die Sinne, hat mein Herz entfacht.

Des Haders viel – es blitzte von den Schilden,

es stieg der Hengst und wetterte zur Schlacht;

doch auch mit weichen, zartgestimmten Tönen

aus jener Zeit kann ich das Herz versöhnen.

Es gab Handlung und Spannung, viel Liebe, glückliche wie unglückliche, es gab Treue und Verrat und eimerweise Tränen, es gab sogar Sex, und das verblüffte mich sehr. Aus irgendeinem Grund ist es nur schwer vorstellbar, daß es Sex schon in alten Zeiten gegeben hat; das kommt einem genauso merkwürdig vor wie der Gedanke, daß die eigenen Eltern ein Sexualleben haben. Einige von ihnen jedenfalls.

Es war ein seltsamer Zufall, daß mir das Buch ausgerechnet in dieser Nacht in die Hände gefallen war, denn es war vielleicht die einzige Nacht in meinem Leben, in der ich es lesen konnte. Wegen der Stimmung, der Stimmung der Nacht und meiner eigenen, und weil ich Agathe hatte – oder besser gesagt, weil ich sie nicht hatte. Sie haßte mich nämlich offenbar immer noch.

Draußen wurde es langsam hell. Ich knipste die Lampe aus und sah in den Garten hinaus, wo Bäume und Büsche morgengrau und unbeweglich standen, als ob sie noch nicht ganz wach wären, oder wie Tänzer, die in starrer Haltung darauf warten, daß das Rampenlicht eingeschaltet wird.

Kein Wind rührte sich, und am blassen Himmel war keine einzige Wolke, es würde also ein ebenso prachtvoller Tag werden wie gestern.

Wenn ich das Buch ausgelesen hätte, wollte ich ausgiebig laufen und ans Meer zum Schwimmen gehen, um meine Knochen wieder an ihren richtigen Platz zu schütteln, sie schienen unter meiner Haut wild durcheinandergeraten zu sein.

Ich knipste die Lampe wieder an, legte mich besser zurecht und versuchte, eine halbwegs bequeme Position zum Liegen zu finden. Ich hatte gerade wieder angefangen zu lesen, als eine durchdringende, klagende Stimme mich geradezu aus dem Buch herausheulte. »Wer zum Henker hat meine Kippen geklaut?«

Wieder Lisbeth. Mußte dieses wahnsinnige Weibsbild denn nie schlafen? Rasch löschte ich das Licht, schloß die Augen und stellte mich schlafend. Vielleicht war das eine überflüssige Sicherheitsmaßnahme, vielleicht würde sie dieses Zimmer erst gar nicht betreten. Sie konnte sich doch verflixt noch mal selber sagen, daß ich ihre Zigaretten weder vor drei noch vor zwei noch vor einer Stunde und folglich auch jetzt noch nicht gesehen hatte.

Das konnte sie nicht.

Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen, und Lisbeth kam wie ein gereizter Zyklop ins Zimmer getrampelt.

»Wer zum Henker hat meine Kippen geklaut?«

Die Schritte näherten sich dem Flügel und hielten neben mir inne. »Claus!« Sie trat mich mit fünf langen, harten Zehen in meine wunden Rippen. »Knackst du?«

Ja, ich schlief. Das konnte sie doch wohl sehen, die blöde Kuh.

Sie trat ein bißchen fester, bohrte ihre Zehen zwischen meine Rippen, und ich hätte fast laut aufgestöhnt.

»Knackst du?« wiederholte sie ungeduldig.

Dann schwieg sie erwartungsvoll, und ich kniff meine Augen fest zusammen.

»Claus, zum Teufel, du elender Blödi, ich weiß genau, daß du nicht knackst. Du tust bloß so! Wenn du wirklich schlafen würdest, dann wärst du jetzt aufgewacht.«

Ich unterdrückte ein Grinsen. Das war typische Lisbethlogik.

Sie trat mich immer noch in die Seite, es schien fast automatisch abzulaufen. Ich konnte genausogut aufgeben.

»Okay, dann schlaf’ ich eben nicht«, sagte ich und schlug die Augen auf.

»Ich hab’s ja gewußt. Du siehst übrigens ganz schön niedlich aus, wenn du knackst – auch wenn du gar nicht wirklich knackst. Was machst du hier?«

»Ich lese.«

»Du kannst doch wohl nicht die ganze Nacht lesen – und bei dem Licht! Hier unter dem Flügel ist es doch stockfinster!«

»Ich hab’ das Licht ausgemacht, als du gekommen bist.«

»Warum denn? Wolltest du nicht mit mir reden?«

Sie klang nicht einmal verärgert, nur neugierig.

»Nein. Jetzt kommst du schon zum viertenmal hier reingeplatzt. Warum mußt du dich ausgerechnet an mir austoben? Warum weckst du nicht lieber Fotto?«

»Fotto! Das geht doch gar nicht. Der ist voll wie eine Strandhaubitze, schläft wie ein Ochse und schnarcht wie ein Schwein. Außer dir ist in dieser Bude einfach kein Mensch wach und nüchtern.« »Aber du bist doch auch wach – und wie!«

»Aber nüchtern bin ich nicht.«

»Warum suchst du dir keinen Schlafplatz? Für ein paar Stunden solltest du dich schon aufs Ohr hauen. Warum wuselst du bloß so rum? Du spukst schon die halbe Nacht wie die Weiße Frau durch die Gegend. Wo steckt denn Søren?«

»Der pennt.« Sie setzte sich auf den Boden, beugte sich vor und stützte sich auf die Ellbogen, um mich unter dem Flügel hindurch anblicken zu können.

»Und du hast meine Kippen wirklich nicht gesehen?«

»Nein, hab’ ich nicht. Das hab’ ich dir schon vor drei Stunden und vor zwei Stunden und vor einer Stunde erzählt. Wo zum Henker sind meine Kippen? Das hat sich wie eine endlose Litanei durch die frühen Morgenstunden gewunden.«

»Wie poetisch! Was zum Kranich ist eine Litanei?«

»Ein Klagegesang«, antwortete ich. »Manchmal beeindruckst du mich wirklich, Lisbeth.«

»Echt?« rief sie erfreut. »Meine Güte, ich hätte so gern eine Kippe! Warum beeindrucke ich dich?«

»Weil deine Unbildung monumental ist.«

»Ba!« Sie schnitt mir eine Grimasse. »Bloß weil ich nicht weiß, was eine Litanei ist. Das weiß ja wohl kein normaler Mensch.«

»Ich schon.«

»Ja.« Sie grinste, und ich hielt klüglich den Mund. Eine Diskussion mit Lisbeth ist wie ein Gefecht mit einem Spiegelkabinett. Ehe man sich versieht, ist alles verwandelt, verzerrt und total absurd, und am Ende weiß man nicht mehr, ob man selbst oder sie hier völlig verrückt geworden ist.

Sie kam mit ihrem Gesicht ganz nah an meins heran und hauchte mir ihren Fuselatem voll in die Nase, während sie eindringlich fragte: »Hast du meine Kippen wirklich nicht gesehen?« Ich holte tief Luft und wollte gerade mit gewaltigem Nachdruck losreden, als sie mir zuvorkam: »Gut! Gut! Reg dich ab! Du hast sie also nicht gesehen, und das hast du mir schon viermal oder vierhundertmal oder viertausendmal erzählt, aber irgendwer hat sie geklaut. Ich finde es ganz schön übel, andrerleuts Kippen zu mopsen, wo wir hier draußen mitten im ödesten Niemandsland sitzen und nicht einmal die kleinste Fluppe aufzutreiben ist.«

»Aber deshalb brauchst du dich doch nicht so anzustellen! Als ich ins Haus gegangen bin, hattest du eine Zigarette in der Hand, du hast also vor vier Stunden erst geraucht.«

»Vor vier Stunden erst! Ein halbes Fest ohne Kippen! Das ist einfach zu arg. Aber du kannst das natürlich nicht raffen, du bist ja so verdammt heilig und rauchst selber nicht. Ich möchte wetten, das war Mini, dieser elende kleine Mistkerl! Das würde ihm ähnlich sehen. Der hatte schon vor Mitternacht alles weggepafft, und trotzdem hatte er immer eine Kippe in der Hand, wenn ich ihn gesehen habe. Aber meinst du, er hätte mich auch nur einmal ziehen lassen? Er ist ein richtiger kleiner Stinker, und ein Miststück von einem Dieb.«

»Geh jetzt schlafen, Lisbeth«, sagte ich müde.

»Willst du denn nicht reden?«

»Nicht über deine Zigaretten.«

»Na gut, worüber reden wir dann?«

»Über nichts. Ich will das Buch hier auslesen.«

»Hast du heute nacht ein ganzes Buch gelesen?« rief sie ungläubig. »Ich sag’ ja immer, du bist einfach knatschverrückt.«

»Außerdem können meine zarten Nerven zu dieser Tageszeit deine Sprache nicht verkraften. Du hörst dich ja fast genauso übel an wie Mini!«

»Zarte Nerven! Du hast überhaupt keine Nerven. Du hast nicht einmal Gefühle. Dir ist es scheißegal, daß irgendwer meine Kippen geklaut hat.«

»Na und?«

»Du bist vielleicht öde«, sagte sie und stand auf. »Ich muß wohl Søren wecken gehen und in seinen Armen Vergessen suchen.« »Hau schon ab!« antwortete ich müde.

Sie lachte und rappelte sich hoch.

Ich sah ihr nach, als sie zur Tür ging. Ich wäre so gern in Lisbeth verliebt gewesen. Das hätte alles viel einfacher gemacht. Jetzt hatte sie zwar Søren, aber früher hatte sie sich für mich interessiert. Das war in der neunten Klasse, doch damals kümmerte mich das alles noch nicht. Ich bin eben immer schon ein bißchen langsam gewesen.

Mit Lisbeth wäre alles so leicht. Sie sagt, was sie denkt und fühlt und meint; sie schreit es fast von den Dächern. Und für sie ist Sex so natürlich und notwendig wie das Atmen. Ich wäre bestimmt schon längst nicht mehr Jungfrau, wenn ich mich in sie verliebt hätte. Sie war nur einfach nicht mein Typ. Vielleicht kannte ich sie zu gut. Sie war lieb, sie war verrückt, sie war nicht so dumm, wie sie vorgab, und ich mochte sie wirklich von allen Mädchen am besten leiden, aber ich hätte mich niemals in sie verlieben können.

Ich fand sie auch zu groß und grob – in jeder Hinsicht. Sie war zu sehr wie ein Junge. Obwohl sie lange blonde Haare hatte, hatte sie nichts vom »blonden Dummchen«; mit ihren hellen Nasenhaaren, der Flachsmähne und den fast weißen Wimpern und Augenbrauen über meeresblauen Augen sah sie eher aus wie ein junger Wikinger. Ihre Figur war schon feminin, mit großen Brüsten, breiten Hüften und kräftigen Oberschenkeln. Sie war ziemlich attraktiv, wenn man diesen Typ mochte. Søren ging das so. Er war nicht bloß scharf auf sie, sondern total schwachsinnig lallend verschossen, so sehr, daß es manchmal fast komisch wirkte.

Ich fragte mich, ob ich mit meiner lächerlichen Verliebtheit in Agathe wohl auch so komisch wirkte. Und das tat ich bestimmt.

Ich seufzte, legte mich zurecht und machte mich an die letzten Seiten.

4

Die Sonne war schon ein ganzes Stück über den Horizont gestiegen, als ich nach dem Laufen am Strand ankam. Sie verteilte großzügig Goldflecken auf dem Wasser, es funkelte und glitzerte, und ich mußte die Augen zusammenkneifen. Ich setzte mich auf einen großen Stein, um zu verschnaufen und mich etwas abzukühlen, ehe ich in die Wellen sprang. Als ich in der fünften Klasse war, hatte ich einen Schulkameraden, der nach einer langen, heißen Radtour sofort ins Wasser gewetzt war und nie mehr herauskam. Seither war ich vorsichtig. Hoch oben über mir schrien sich die Möwen die neusten Fischkurse zu, aber abgesehen von ihren langen, scharfen Schreien war alles so still, daß ich hören konnte, wie die Wellen über den Strand züngelten.

Es war ein schöner Morgen, und ich saß eine Weile da und genoß ihn einfach, aber dann begann ich zu frösteln, denn die Luft war noch ziemlich kalt, obwohl es später sicher heiß werden würde. Rasch zog ich mich aus, rannte in großen Sprüngen durch das seichte Wasser, warf mich auf den Bauch und kraulte los. Nach der kalten Luft kam mir das Wasser fast warm vor. Warm und doch sauber. Aber natürlich konnte es trotzdem verschmutzt sein. Ein Stück weiter die Küste hinunter war Badeverbot erlassen worden. Ich stand wieder am Strand und zog mich gerade an, als Thomas und Mini den Strandweg hinunterkamen. Thomas’ 191 Zentimeter ragten über Minis 170 auf. Sie sahen aus wie Pat und Patachon.

»Warst du schon schwimmen?« rief Mini von weitem.

»Ja.«

»Und wie war’s?«

»Spitze!«

»Du hast deine Uhr ja anbehalten«, sagte Mini, als sie bei mir angekommen waren.

»Die ist wasserdicht und so stabil, daß ich sogar zwischen Korallen tauchen kann, ohne daß etwas kaputtgeht.«

»Na, das muß ja rasend nützlich für dich sein«, grinste Mini. »Ist die nicht kalt?«

»Die Uhr?«

»Die See, du Idiot!«

»Die ist spitze, das hab’ ich dir doch gesagt. Fast warm. Viel wärmer als die Luft.«

»Das ist ja auch das mindeste, was wir erwarten können«, meinte Mini.

Er hatte sich noch vor Thomas ausgezogen und lief ins Wasser, aber als es ihm bis zum Nabel reichte, brüllte er los, machte mit einem Luftsprung kehrt und kam wieder herausgeplatscht. »Spitze, du Arschloch!« rief er anklagend. »Das ist doch saukalt!« »Ist es nicht, du mußt bloß richtig untertauchen.«

Ich sah ihm nach, als er wieder ins Wasser lief. Er war zwar klein, sah aber nicht mehr aus wie ein Junge. Er wirkte fast erwachsener als wir anderen, mit seiner Matte von schwarzen Haaren auf der Brust. Einer etwas fadenscheinigen Matte zwar, aber immerhin. Er sah aus wie ein erwachsener Mann, nur eben wie ein kleiner Mann.

Thomas kraulte in einer geraden Linie drauflos. Typisch Thomas! Voll ins offene Meer. Alle guten Ratschläge, immer am Ufer entlang schwimmen und so, waren ihm schnurzegal. Er nahm wohl an, daß wir ihn im Notfall retten würden. Oder besser gesagt, er kam erst gar nicht auf die Idee, daß etwas passieren könnte. Ihm doch nicht. Nicht Thomas, the golden boy. Wonderboy! Zähneklappernd kam Mini wieder aus dem Wasser. »Meine Fresse, das war ja vielleicht kalt. Das war verdammt noch mal kein Vergnügen! Ich kann Baden überhaupt nicht ausstehen, ist doch total unnatürlich. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, daß wir im Wasser herumplatschen, dann hätte er uns Kiemen und Schwimmhäute zwischen den Zehen verpaßt.«

»Wenn du es so schrecklich findest, warum machst du’s dann?« Mini grinste. »Um nicht als Waschlappen bezeichnet zu werden. Ich mache die schwachsinnigsten Sachen, um nicht Waschlappen genannt zu werden. Das muß ich einfach, weil ich so klein bin. Sag mal, wo zum Teufel will der denn noch hin?«

Er zeigte auf den kleinen Punkt weit draußen, der Thomas’ Kopf war.

»Jetzt macht er kehrt«, sagte ich.

»Leih mir mal dein Handtuch«, sagte Mini und sah sich danach um. Seine Lippen waren blau vor Kälte.

»Ich hab’ kein Handtuch dabei.«

»Kein Handtuch!« rief er vorwurfsvoll. »Du bist mir vielleicht ein Heini! Erst lockst du mich mit haufenweise falscher Reklame ins Wasser, und dann hast du nicht mal ein Handtuch. Ich bring’ dich vor Gericht, wenn ich an Lungenentzündung eingehe!«

»Alles klar. Lauf eine Runde, dann wird dir schon warm.«

Er wetzte zweimal hin und her, dann kam er keuchend und nach Luft schnappend wieder zurück zu dem Stein, auf dem ich hockte, wühlte in seinen Hemdtaschen und zog ein zerknülltes Päckchen Zigaretten hervor.

»Miese Kondition«, stellte ich fest. »Sind das Lisbeths Kippen?« »Ja, es ist ungesund, daß sie so viel raucht«, antwortete er ohne Hemmungen. »Außerdem waren nur noch vier übrig. Aber Hannah hat versprochen, zum Frühstück neue zu besorgen.«

»Für dich ist es genauso ungesund.«

»Weiß ich doch. Wenn ich rauche, wachse ich nicht mehr. Das haben sie mir schon erzählt, als ich gerade mal elf war, und gestimmt hat’s auch.«

Er warf die leere Packung weg.

»Schwein«, sagte ich automatisch.

»Sonst ist es hier gut, was?« fragte er.

»Zu viele Steine«, sagte Thomas, der jetzt auch aus dem Wasser gekommen war und sich neben uns trockenschüttelte.

»Ich meine nicht den Strand. Den könnt ihr von mir aus an die Russen verscheuern. Aber das andere, Haus und Garten und alles. Sie ist einfach steinreich. Geld wie Heu. Dallas kann da nicht mithalten.«

»Du übertreibst wie immer, Mini«, sagte Thomas.

»Kohle hat sie jedenfalls, und nicht zu knapp. Stell dir vor, achtzehn Jahre und den Hintern voll Geld. Sie kann tun und lassen, was ihr gerade paßt. Ach, wenn ich das doch wäre.« »Vielleicht hätte sie lieber ihre Eltern behalten«, meinte Thomas trocken.

»Aber wieso denn?« fragte Mini, und es hörte sich wirklich an, als ob er das ernst gemeint hätte.

Wir gingen im Gänsemarsch den schmalen Strandweg entlang zurück zum Haus. Thomas zuerst, dann Mini und zuletzt ich. Obwohl Thomas und ich jeder für sich genommen ganz normal aussehen, wußte ich doch, daß wir zusammen mit Mini wie Leibwächter wirkten, weil wir fast gleich groß und gleich gebaut waren. Manchmal ging mir das auf den Keks, aber Mini machte es überhaupt nichts aus, im Gegenteil, oft nutzte er es aus. Wenn wir zum Beispiel in der Disco waren und er mit seinem großen, dreckigen Mundwerk auf eine Schlägerei zusteuerte, dann zeigte er bloß auf uns und sagte: »Ihr könnt das mit meinen Freunden klären. Ich schlage mich aus Prinzip nie. Hat mir der Arzt verboten.«

Zum Glück hatte noch nie jemand dieses Angebot wahrgenommen; wir müssen so total abschreckend ausgesehen haben, daß ich immer noch nicht weiß, ob ich mich überhaupt prügeln kann.

Aber natürlich hätten wir es im Notfall gemacht, schließlich waren wir seine Freunde, und wie Mini zu sagen pflegte: »Freunde hat man, um sie zu mißbrauchen.«

Wir drei waren befreundet seit dem Tag, an dem ich zum erstenmal in meiner neuen Klasse gestanden und leicht verloren in all die fremden Gesichter gestarrt hatte. Damals war ich zwölf, wir waren gerade hierher nach Lilleby gezogen, und es war der reine Zufall, daß ich in dieselbe Klasse kam wie Mini und Thomas – und übrigens auch wie Lisbeth.

Freundschaft erinnert auf eine Weise an Verliebtheit. Sie entsteht spontan, fast ehe man sich richtig kennengelernt hat. Es muß mit unserer Chemie zu tun haben, oder mit einer unerklärlichen gegenseitigen Anziehungskraft, die man sofort spürt. Manchmal verschwindet sie ebenso rasch, wie sie gekommen ist, aber richtige Freundschaften halten ewig, glaube ich.

Ich wußte jedenfalls sofort, daß wir drei Freunde werden könnten, und das wurden wir dann ja auch.

Vor allem Thomas und ich. Mini war schon immer ein wenig zu unruhig, zu schwer greifbar gewesen, er hatte zu viele kluge Sprüche drauf und zuviel Hihi, Haha, große Worte und große Gesten. Man konnte nur schwer an ihn herankommen. Außerdem wohnte er auf dem Land, und deshalb sahen wir außerhalb der Schule nicht viel von ihm.

Aber Thomas – mit ihm war es von Anfang an eine richtige Freundschaft. Ich bewunderte ihn auch ein bißchen. Er war dreizehn, hatte die magische Grenze zwischen Kind und Teenie überschritten. Damals hatten die wenigen Monate Altersunterschied eine phantastische Bedeutung.

Wir hatten die gleichen Interessen und die gleichen Ansichten – das heißt, ich übernahm die von Thomas.

Ich fuhr auch mit ihm ins Sommerlager, weil Thomas, der schon öfter dabeigewesen war, das toll fand. Bei meiner ersten Fahrt lernte ich »Hölzchen wachsen« kennen, oder genauer gesagt, eine etwas sozialere Ausgabe dieses Spiels.

Ich stand in unserem Schlafsaal und wollte gerade meinen Rucksack auspacken, als Thomas kam und fragte, ob ich beim Hölzchenwachsen mitmachen wollte.

Ich wußte nicht, was das bedeutete – vieles hier schien in einer Art Geheimsprache abzulaufen. Weil ich das nicht zugeben wollte, antwortete ich einfach nur: »Wo?«

»Zwei Schlafsäle weiter.«

Wir mußten anklopfen und ein Losungswort nennen, und als wir eingelassen worden waren, war mir sofort klar, warum. Dort saßen nämlich ein paar muntere Jungs auf ihren Etagenbetten und holten sich einen runter.

Ich hatte mich verhört. Thomas hatte nicht »wachsen« gesagt, sondern »wichsen«, und dieses Spiel war mir durchaus vertraut, nur hatte ich es noch nie zusammen mit anderen gemacht.

Wir wetteiferten miteinander, und ich schnitt gar nicht schlecht ab, schließlich traf ich zu Hause in meinem Zimmer immer den Papierkorb.

Anfangs hatte ich es im Badezimmer gemacht, aber wenn ich das zu lange blockierte, dann klopfte meine Mutter an die Tür und fragte: »Du piddelst doch wohl nicht an dir herum?«

Nein, das meinte sie nicht damit, sie dachte, ich drückte mir Pickel oder Mitesser aus. Ich wußte nie, was ich antworten sollte, aber ich kann mir vorstellen, daß sie mich in Ruhe gelassen hätte, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte.

So oder so, ich bewunderte Thomas, und ich beneidete ihn. Er hatte einfach alles im Griff, verfügte über irgendeine Form von angeborener Autorität, und als wir richtig in die Pubertät kamen und ich nur noch aus Armen und Beinen, großem Mund und Adamsapfel bestand, wuchs er nur einfach gleichmäßig vor sich hin, und alles verlief bei ihm ganz harmonisch, als ob es eine Aufgabe wäre, die er so gut wie möglich lösen wollte.

Damals sagte Mini eines Tages zu mir: »Meine Fresse, Mann, was ist der Unterschied zwischen dir und der Polizei vor hundert Jahren?«

»Was?« fragte ich.

»Die Polizei vor hundert Jahren hatte Pickelhauben, aber du hast bloß Pickel!«

Er hatte recht, ich sah aus wie ein wandelndes Geschwür, während Thomas’ Haut einfach nur »erwachsener« wurde und bei ihm der Bartwuchs einsetzte.

Morgens beguckte ich mich im Spiegel und wünschte, ich könnte so aussehen wie Thomas. Wie das Idol, the golden boy, wonderboy, nach dem alle Mädchen verrückt waren.

Aber auch wenn die Pickel nach und nach verschwanden und ich Arme und Beine unter Kontrolle bekam – ich würde doch nie so aussehen wie Thomas. Ich würde niemals sein Filmstargesicht und die tollen dunklen Haare bekommen. Ich tröstete mich damit, daß er sicher später eine Glatze kriegen würde; sein Vater hatte nämlich eine. Aber vor allem würde ich niemals dieses gewisse Etwas bekommen, das Thomas zu jemand ganz Besonderem machte.

Er war nicht so verrückt wie Mini, und er war längst nicht so albern wie ich, aber trotzdem lachten wir viel miteinander. Wir trieben auch zusammen Sport, zuerst Fußball, später Schwimmen und Federball, aber als wir so fünfzehn, sechzehn wurden, verloren wir das Interesse daran. Thomas jedenfalls. Unser Schwimmtrainer war stocksauer, als wir aufhörten, in Gedanken hatte er uns schon als Olympiasieger gesehen. Wir hatten den richtigen Körperbau dazu, behauptete er, und die Kraft – aber leider fehlte uns die Energie. In den letzten beiden Jahren, bevor Thomas wegging, brachten wir bloß noch ein paar Radtouren und ein bißchen Joggen zustande, und als Thomas dann als Austauschschüler in Amerika war, fing ich an, mit Lisbeth Federball zu spielen.

Er fuhr Ende August in die USA, kurz nachdem wir aufs Gymnasium gewechselt waren. In Lilleby gibt es kein Gymnasium, deshalb kamen wir aufs Gymnasium in die nächstgrößere Stadt, nach Storeby, wo Agathe, Anne und die meisten anderen aus unserer Klasse wohnen und das nur zwölf Kilometer von Lilleby entfernt liegt.

Thomas wollte eigentlich ein ganzes Jahr in den USA bleiben, aber er kam schon Anfang Mai zurück, weil sein Vater einen Herzinfarkt gehabt hatte. Ich fand das ziemlich schwachsinnig, denn dem Vater ging es gar nicht so schlecht, und aus irgendeinem Grund konnte Thomas kein neues Visum mehr bekommen, wenn er erst einmal nach Hause gefahren war. Das behauptete er jedenfalls, aber ich hatte auch das Gefühl, daß er Ärger mit einem Mädchen gehabt hatte, auch wenn er das nicht direkt so sagte. Ich ging davon aus, daß ich eines schönen Tages erfahren würde, was wirklich los gewesen war, schließlich erzählten wir uns immer alles.

Es war typisch Thomas, daß er wieder in die Klasse hineinglitt, als ob er niemals fortgewesen wäre.

»Was ich verpaßt habe, holen wir in den Sommerferien nach«, sagte er.

Es war auch typisch, daß er einfach erwartete, daß ich mit ihm zusammen lernen würde. Wir büffelten los, und ich ging das gesamte Pensum des Schuljahres zweimal durch, aber trotzdem war Thomas besser als ich. Im Vergleich mit ihm würde ich immer Nummer zwei bleiben.

Ich war glücklich darüber, daß er sich nicht für Agathe interessierte, denn er hätte sie mir jederzeit wegschnappen können, da war ich mir sicher. Thomas bekam immer, was er haben wollte, er brauchte bloß darauf zu zeigen. Aber zum Glück hatte er nie auf Agathe gezeigt.

Statt dessen wollte er offenbar Anne. Ehe er losgefahren war, waren die beiden ein bißchen zusammengewesen, und nach seiner Rückkehr ging es einfach so weiter, als ob nichts passiert wäre – ob er nun drüben eine andere gehabt hatte oder nicht.

Jetzt betrachtete ich Thomas, wie er da auf dem Strandweg vor mir herging, und zwei Zeilen, die ich nachts gelesen hatte, jagten mir durch den Kopf:

So kräftig und geschmeidig,

als ginge er zum Tanz.

Damit könnte Thomas gemeint sein, dachte ich. So würde er immer gehen, und wenn es zu seiner eigenen Hinrichtung wäre. Ich habe ja schon gesagt, daß ich damals ein Riesenbaby war, und es war eine kindlich-romantische, sentimentale Vorstellung, die mit dem Buch und diesem ganz besonderen Augustmorgen zu tun hatte – aber in diesem Moment erschien mir Thomas wirklich so.

5

Als wir zurückkamen, war auf der östlichen Terrasse vor dem Eßzimmer ein riesengroßes Frühstücksbüfett aufgebaut.

»Hannah muß ja schon früh aufgestanden sein«, stellte Mini fest. »Das hat doch nicht Hannah gemacht, du Dussel«, sagte ich. »Das war die Ayah.«

»Ja, die Ayah, die Ayah«, grinste Mini. »Ich glaub’, so eine schaff’ ich mir später auch an. Das ist besser und billiger als eine Ehefrau.« »Traust du dich auch, das vor den Ohren der Mädchen zu sagen?« sagte Thomas lachend.

Die Ayah hatte schwer geschuftet. Sie hatte alles allein gemacht, war auf ihren nackten Zehen herumgerannt und überall und nirgends gewesen. Nach dem Abendessen am Freitag waren einige Mädchen aufgestanden, um abzuräumen, aber Hannah hatte sie daran gehindert.

»Laßt das nur stehen. Darum kümmert sich die Ayah.«

»Aber wir können doch helfen!«

Hannah hatte den Kopf geschüttelt. »Lieber nicht ... Sie, na ja, um ehrlich zu sein, ihr verliert in ihren Augen das Gesicht, wenn ihr das macht.«

Wir glotzten sie allesamt an.

»Wir verlieren das Gesicht?« fragte Agathe verwundert.

»Ja.« Hannah sah ein bißchen verlegen aus, aber ich konnte nicht feststellen, ob sie sich wegen uns oder wegen der Ayah genierte. »Es ist nicht leicht zu erklären, aber – versteht ihr, es ist nicht euer Job, und deshalb ... Sie ist doch an andere Normen gewöhnt, nicht wahr?«

Agathe nickte und sah aus, als ob sie das wirklich verstanden hätte. Ich wußte aber nicht so recht, ob uns anderen das auch gelungen war.

Hannah kam gerade aus dem Eßzimmer, als Thomas, Mini und ich die Terrasse betraten. Sie sah frisch, gesund, ordentlich gebügelt und etwas altmodisch aus in ihrem weißen Rock und der rosa Bluse.

Sie begrüßte uns mit ihrem schnellen, leicht verlegenen Lächeln, das über ihr Gesicht huschte und dann sofort wieder verschwand. »Da steht das Frühstück«, sagte sie. »Fangt einfach schon an, ich sag’ nur schnell den anderen Bescheid. Und auf dem Tisch im Eßzimmer liegen Zigaretten, Mini.«

Vom Schwimmbecken her war Gejohle und Lachen zu hören, die meisten waren also wohl schon auf.

Mini verschwand im Eßzimmer und kehrte mit einer Packung Zigaretten in der Hand zurück. »Eigentlich ist sie ja wirklich süß«, sagte er und steckte sich eine Zigarette an. »Auch aussehensmäßig, meine ich.«

»Da haben wir Mini – verkauft sich für eine Kippe«, feixte ich. »Aber du hast recht, sie ist wirklich süß, sie müßte sich nur endlich mal gerade halten.«

»Man kann auch gut mit ihr reden«, warf Thomas dazwischen. »Wir haben fast die ganze Nacht miteinander verquatscht.« »Hannah und du?« rief ich und sah ihn überrascht an. »Ich dachte, du warst mit Anne zusammen?«

Thomas errötete ein bißchen. »Nicht die ganze Nacht«, sagte er kurz, und ich musterte ihn verstohlen. Irgend etwas stimmte da doch nicht zwischen ihm und Anne!

Nicht alle waren im Schwimmbecken. Kaum hatten wir uns gesetzt, da kam Fotto steif und mit zerzausten Haaren und feuerroten Augen aus dem Haus gewankt.

»Meine Fresse, mir tut vielleicht die Birne weh!« stöhnte er und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Das komplette dänische Baubataillon hämmert in meinem Schädel herum. Meint ihr, hier läßt sich irgendwo ein Bier auftreiben?«

»Bier? Du brauchst wohl eher Kaffee«, sagte Thomas und hielt die Kaffeekanne abwartend über Fottos Tasse.

»Na, dann in Gottes Namen Kaffee«, seufzte Fotto, und Thomas goß ein.

Søren kam kurz darauf angestapft, er war offenbar auch nicht schwimmen gewesen. Er sah ein bißchen erschöpft aus und glotzte Fotto müde an.

»Meine Güte, Jungs, was für Augen!«

»Du solltest die mal von innen sehen, brrrr!« Fotto schüttelte sich, dann richtete er seine beiden rotumrandeten Strahler auf mich. »Sag mal, hab’ ich das geträumt, oder hast du dich die ganze Nacht unterm Flügel herumgerollt?«

»Das mußt du geträumt haben«, antwortete ich. »Du kannst es nicht gesehen haben, du hast schließlich wie ein Faultier mit Polypen geschnarcht, seit du dich hingelegt hast – oder besser gesagt, seit ich dich hingelegt habe. Ich habe mich auch nicht herumgerollt. Aber es stimmt schon, ich habe unterm Flügel gelegen.«

»Mit einer Lampe?« beharrte er. »Hast du wirklich mit einer Lampe geschlafen?«

»Auch das.«

Fotto versuchte, den Kopf zu schütteln, gab es aber schnell wieder auf. »Warum zum Kranich hast du denn unterm Flügel geschlafen?« fragte er. Seine Stimme hörte sich an, als ob seine Stimmbänder dringend rasiert werden müßten.

»Weil er so musikalisch ist«, antwortete Thomas grinsend.

»Ach so«, meinte Fotto zerstreut, als ob das eine total vernünftige Erklärung gewesen sei. Er betrachtete aus zusammengekniffenen Augen das Brötchen, das er sich geistesabwesend auf den Teller gepackt hatte, und schüttelte sich. Dann kniff er ein Auge zu und sah mich mit dem anderen fragend an.

»Was wolltest du denn mit der Lampe?«

»Licht haben.«

»Wozu?«

»Zum Lesen.«

»Du hast gelesen? Die ganze Nacht? In einem Buch?«

Jetzt hatte er beide Augen aufgerissen. Sie sahen aus wie die Rücklichter eines alten Ford Taunus.

»Die Antwortet auf alle drei Fragen lautet ja.«

»Du bist ja einfach nicht mehr normal! Was war das denn für ein Buch? Ein Porno?«

»Ja, was glaubst du denn?«

»Aber was für einer?«

Ich konnte nicht mehr antworten, denn jetzt kamen die anderen vom Schwimmbecken herbeigestürzt. Lisbeth trat hinter Sørens

Stuhl, beugte sich über ihn, legte ihm die Arme um die Schultern und stieß mit ihrem Kinn gegen seinen Kopf.

»Hallo, Schnuffel!« sagte sie. »Geht’s gut?«

»Nach dieser Nacht wohl kaum«, antwortete Søren trocken.

Fotto ließ sich nicht ablenken. »Was war das für ein Buch?« fragte er starrsinnig, obwohl es ihm in Wirklichkeit wahrscheinlich schnurzegal war. Er selbst machte nie ein Buch auf.

»Die Flucht des Hirsches«, sagte ich.

»Ha, das kenn’ ich gut«, rief Lisbeth. »Das ist von Hausgaard. Aber dafür brauchst du doch nicht die ganze Nacht!«

»Liebe Lisbeth«, sagte ich geduldig. »Da mußt du irgendwas falsch verstanden haben. Es ist wahrhaftig nicht von Hausgaard, und außerdem ist es ziemlich umfangreich.«

»Von wem ist es denn?«

»Von Christian Winther.«

»Den kenn’ ich nicht«, sagte Lisbeth und fügte kichernd hinzu: »Der ist sicher nicht von hier.«

»Wie hast du’s bloß bis in die 2 g geschafft, ohne von der Flucht des Hirsches und Christian Winther gehört zu haben?« fragte Thomas.

»Das ist meine Kunst. Du ahnst gar nicht, mit welch phänomenalem Unwissen ich in die 2 g gekommen bin. Man muß sich bloß ein bißchen Mühe geben.«

Das hörte sich seltsam an, aber wir verstanden, was sie meinte. »Claus sagt ja selber, daß meine Unbildung momentan ist!« fügte sie triumphierend hinzu.

»Nicht momentan, du Knalltüte!« Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe mo-nu-men-tal gesagt, und das ist durchaus nicht dasselbe.« »Nicht?« fragte Lisbeth gleichgültig und rülpste so ungeniert über Sørens Kopf, daß seine Haare vornübergeweht wurden.

»Lisbeth, du Schwein!« rief Anne. »Wir essen.«

»Macht doch nichts«, sagte Lisbeth. »Eßt nur weiter, mich stört das nicht.«

Ich sah Søren an. Er sah total selig aus, so als ob er sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als von Lisbeths Riesenmundwerk angerülpst zu werden.

Ich konnte es nicht fassen. Der Mann mußte doch ein Masochist oder so was sein.

Anne und Agathe saßen auf derselben Tischseite wie ich, nur einige Stühle weiter weg, und ich konnte Agathe nicht sehen, wenn ich mich nicht regelrecht über den Tisch werfen wollte. Aber mir war aufgefallen, daß Thomas ihnen nur kurz zugenickt hatte, als sie an den Tisch gekommen waren, und daß weder sein noch Annes »Hallo« besonders überschwenglich geklungen hatten. Offenbar hatten sie sich im Laufe der Nacht zerstritten. Vielleicht hatte er etwas gewollt, was sie nicht wollte, und sie konnte manchmal ganz schön energisch und abweisend sein. Andererseits war es nicht sehr wahrscheinlich, daß sie es nicht schon früher miteinander gemacht hatten, sie waren schließlich über ein Jahr zusammen, wenn man Thomas’ USA-Aufenthalt mitzählte.

Niemand war auch nur im geringsten überrascht gewesen, als Thomas und Anne sich zusammengetan hatten. Es wirkte fast wie ein Naturgesetz, daß der tollste Typ und die hübscheste Frau der Schule ein Paar bildeten. Ich hielt zwar Agathe für die hübscheste, aber bei einer Abstimmung hätte sicher Anne den Sieg eingesackt, denn sie war auf diese leicht banale Fotomodellweise hübsch, die die meisten toll finden. Miss Provinzkaff. Das macht ja auch nichts – nur war mir eben Agathe lieber, die doofe Nuß.

Ich hatte gehofft, daß alles besser werden würde, wenn wir erst in die 2 g und damit in eine Klasse kämen. Dann mußte sie doch einfach feststellen, daß ich intelligent, charmant, sympathisch und bescheiden war. Sie würde mich und mein wahres Ich kennenlernen, sagte ich mir – ich sagte es übrigens auch Thomas und Mini –, und dann würde sie begreifen, daß sie keinen Grund hatte, mich so einfach zu hassen.

Am ersten Morgen nach den Ferien gab ich mir schreckliche Mühe. Ich duschte so lange, bis ich rot wie ein Krebs war, und ich übergoß mich mit Duftwässerchen und Deos, bis ich stank wie ein ganzer Puff und Rikke, meine kleine Schwester, sich demonstrativ die Nase zuhielt. Ich hatte mich sogar zum erstenmal in meinem Leben richtig naß rasiert, und das hatte mir einen langen Schnitt am Kinn eingebracht.

Zum Glück war es noch so früh gewesen, daß ich fast meine normale Farbe zurück hatte, daß die Wunde nicht mehr blutete und daß der Duft fast ganz verflogen war, als ich in der Schule ankam. Die zehn Kilometer auf dem Fahrrad hatten auch mitgeholfen, die übermäßige Wirkung des Deos zu tilgen, aber das alles hatte dann nicht das geringste erreicht.

Aus irgendeinem Grund kam Agathe ein wenig zu spät, und für einen wilden, erwartungsvollen Augenblick war ich davon überzeugt, daß mein Glück gemacht war, denn es gab nur noch einen leeren Platz – und zwar neben mir. Normalerweise saß ich ja neben Thomas, aber er und Anne – vielleicht vor allem Anne – hatten beschlossen, daß sie in diesem Jahr zusammensitzen wollten.

Agathe kam mit ihrer leeren Tasche in der Hand in die Klasse und durchschaute die Lage auf einen Blick. Sie blieb bei der Tür stehen und sah Palle, unseren Klassenlehrer, an.

»Wo soll ich sitzen?« fragte sie, und ihre Stimme zitterte leicht. »Tja, die große Auswahl hast du ja nicht mehr«, antwortete Palle. »Du wirst dich wohl mit Claus zufriedengeben müssen.«

»Neben dem soll ich sitzen?«

Das hörte sich an, als ob ich Frankensteins Monster wäre oder an Aussatz oder Beulenpest litte. Ich konnte irgendwo hinter mir Mini kichern hören.

»Ja, warum nicht? Jetzt setz dich schon, Agathe«, sagte Palle. Agathe blieb stehen. Ihr Gesicht war rot und ihre Stimme ein bißchen schrill, als sie fragte: »Können Claus und Anne nicht die Plätze tauschen?«

»Warum sollten wir?« meinte Anne. »Stell dich doch nicht so an, Agathe.«

Hört, hört! sagte ich zu mir selber.

»Kann ich denn keinen Einzeltisch haben? Es muß doch ein paar Einzeltische geben!«

Es war peinlich. Jeder konnte merken, daß sie mich haßte und daß sie total wütend war, weil sie neben mir sitzen sollte. Alle meine Träume und Luftschlösser zerfielen zu Staub. Keine Chance! »Jetzt setz dich erst mal dahin!« meinte Palle genervt. »Nach eurem Info-Wochenende können wir ja sehen, ob eine Umplazierung nötig ist. Claus frißt dich doch nicht.«

Sie mußte nachgeben, aber gutwillig tat sie es bestimmt nicht. Sie kam mit zusammengepreßten Lippen zu meinem Tisch und setzte sich so weit von mir weg wie möglich, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

An den folgenden Tagen sagte sie »hallo«, wenn ich »hallo« sagte, und weitere Bemerkungen fielen nicht zwischen uns. Ach, war das schön!

Aber ich hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Ich vertraute auf das Info-Wochenende. Ich weiß nicht, welches Wunder ich erwartet hatte – jedenfalls passierte keins. Ich hatte Agathe am Samstagabend dreimal zum Tanzen aufgefordert, und jedesmal hatte sie mit einer blödsinnigen Entschuldigung abgewunken. Erst mußte sie aufs Klo, dann wollte sie lieber austrinken, und schließlich hatte sie sich den Fuß verknackst. So ein Quatsch!

Aber das war ihre Sache, sagte ich mir. Es gab zum Glück noch andere Frauen auf der Welt, sie sollte sich bloß nicht einbilden, sie wäre etwas Besonderes. Das Problem war bloß, daß sie es für mich eben doch war.

Ich saß versunken in meinen düsteren Gedanken an Hannahs Frühstückstisch, als Mini plötzlich rief:

»Attention, mes amis! Jetzt kommen die Lehrer!«

»Und dabei war es gerade so lustig«, seufzte Thomas. »Aber okay, send in the clowns!«

6

Ein unterdrücktes Kichern wanderte um den Tisch, und wir alle sahen uns unwillkürlich nach den Lehrern um, die langsam über den immer noch taunassen Rasen auf uns zutrotteten.

»Hetty bläst sich ja richtig auf«, sagte Mini. »Die hat bestimmt ein Ei gelegt.«

»Warum habt ihr sie überhaupt eingeladen?« fragte Thomas. »Sie ist doch einfach gräßlich.«

»Sie hat es selber angeboten«, erklärte Lisbeth. »Und wir konnten doch nicht einfach nein sagen.«

»Warum nicht?« fragte Thomas.

»Sie ist ja immerhin unsere Mathelehrerin.«

»Ja, Gott soll uns schützen!« sagte Thomas. »Aber daß ihr das das Recht gibt, zu unserem Info-Wochenende mitzukommen, kann ich einfach nicht einsehen. So viel Mathe haben wir nun auch wieder nicht.«

»Habt ihr sie gestern abend gehört?« kicherte Lisbeth. »Als wir am Becken saßen und Wein tranken und fetzige Rockmusik gehört haben, da hat sie plötzlich gefragt: ›Habt ihr den Mond gesehen? Der steht jetzt über der Ekliptik.‹ Oder darunter. Oder wo immer der nun gestanden hat. Was sagt ihr dazu?«

»Typisch!« antwortete Mini. »In Hetty gibt es nicht mehr Sinn für Romantik, als Honig in einer Kröte ist.«

»Psssst!« fiel Anne ihm ins Wort. »Die können dich hören!«

Wir verstummten allesamt, und deshalb herrschte ein peinliches Schweigen, als die Lehrer am Tisch ankamen.

»Ach, was seht ihr frisch aus«, gackerte Hetty, auf ihre übliche, überdrehte Wir-sind-ja-alle-eine-große-Familie-Tour.

»Saugut gesagt, Hetty!« rief Mini überschwenglich. »Hast du das die ganze Nacht geübt?«

So redet er immer mit ihr, freundlich-ironisch, und die Alte rafft nicht, daß er sie bloß verarschen will.

Wir nutzten die Gelegenheit, um unser unterdrücktes Lachen loszuwerden, und prusteten ungeniert los, während Hetty sich verwirrt umsah, ohne zu begreifen, was denn nun so witzig sein sollte. »Wir sind frisch«, erklärte Lisbeth. »Wir haben schon gebadet, während ihr euren Rausch ausschlafen mußtet.«

Gut gebrüllt, Lisbeth! Denn die Lehrer hatten sich durchaus nicht zurückgehalten; sie hatten alle drei auch ganz schön gebechert. »Du kannst hier sitzen«, sagte Fotto in seiner Gemeinheit und erhob sich galant für Hetty. »Ich glaube, ich geh’ noch eine Runde an der Matratze horchen, bis der Bus kommt. Ich hab’ die ganze Nacht kein Auge zugemacht.«

Das war auf alle Fälle eine fette Lüge.

»Du siehst auch ganz schön mitgenommen aus«, sagte Palle, als er sich setzte.

»Mitgenommen! Das ist nicht das richtige Wort, ich bin tot! Es ist ein mieser Witz, daß ich hier stehe. Ich bin überhaupt ein mieser Witz«, endete Fotto theatralisch und fuchtelte mit seinen Pinguinpfoten.

»Aber so schlimm kann das doch gar nicht sein«, tröstete ihn Hetty mit ihrem verständnisvollsten Lächeln.

»Schlimm! Viel schlimmer. Frag bloß meinen Vater. Das sagt der schon seit meiner Geburt.«

Das konnte sogar stimmen. Fottos Mutter war siebenundvierzig, als sie ihn bekamen, und ich glaube, beide Eltern fanden den Witz etwas daneben.

»Erzähl mir nix von Vätern!« rief Lisbeth. »Die sind ja wohl so ungefähr das Übelste, was es gibt. Mich kribbelt’s am ganzen Körper, wenn meiner anfangt zu predigen, und das tut er andauernd. Er ist so stockkonservativ, daß man es einfach nicht glauben will. Ich meine, der Mann ist doch Arzt, aber er glaubt wirklich immer noch, daß der Pastor die kleinen Kinder zusammen mit dem Trauschein bringt.«

Mich interessierte diese ganze Debatte im Augenblick nicht die Bohne, aber über Väter im allgemeinen war ich mit den übrigen am Tisch durchaus einer Meinung.

»Meiner ist einfach ein Waschlappen«, sagte Thomas mit freundlicher Nachsicht.

Das hätte der Regalfabrikant hören sollen, dachte ich. Aber es war etwas dran. Jedenfalls war es Thomas’ Mutter, die in dieser Ehe das Zepter schwang.

»Ich bin überzeugt, ihr übertreibt«, protestierte Hetty. »Irgendwer von euch muß doch auch etwas Positives über Väter zu sagen haben.« Ihre glubschigen Pekinesenaugen wandelten suchend um den Tisch, aber niemand sagte etwas. Das Schweigen wurde so peinlich, daß sie mir fast leid tat.

»Ja«, sagte ich deshalb. »Ich.«

»Na, das hab’ ich mir doch gedacht!« Hetty lächelte erleichtert und sah mich auffordernd an, während ich langsam den letzten Bissen zerkaute. Dann schluckte ich und sagte laut und deutlich: »Meiner ist tot.«

Man konnte wirklich Mitleid mit ihr kriegen. Zuerst ließ sie ihr Kinn sinken und glotzte bloß blöd vor sich hin, dann sah sie die anderen an, als ob sie fragen wollte, ob das auch wirklich stimmte, und schließlich nahm sie schweigend einen Schluck Kaffee, während sich an ihrem Hals zwei rote Flecken zeigten.

Einen Augenblick lang schwiegen alle, dann bot Hannah, die gute Gastgeberin, schnell mehr Kaffee an, und gleichzeitig kam Palle Hetty zu Hilfe.

»Was habt ihr denn so die ganze Nacht gemacht?« fragte er.

Das war nicht besonders intelligent, aber etwas Besseres war ihm wohl in der Eile nicht eingefallen.

Natürlich war es Lisbeth, die ihm eine entsprechende Antwort gab: »Tu bloß nicht so, mein lieber Palle, als wüßtest du nicht, womit man sich in einer rauschenden Festnacht vergnügen kann.« Es klang ziemlich anzüglich, und alle lachten.

»Laßt uns aus dem Spiel«, meinte Niels Ole, der dritte Lehrer im Bunde. »Wir sind um kurz nach zwei ins Bett gegangen und haben im Hühnerhaus in aller Unschuld geschlafen.«

»Dieses Häuschen ist wirklich toll«, sagte Hetty. Sie war nicht leicht zum Verstummen zu bringen. »Zwei hübsche kleine Schlafzimmer, jedes mit einem eigenen Bad.«

Es klang, als wollte sie extra betonen, daß es zwei Zimmer gegeben hatte. Als ob irgendwer Hetty Ibsen etwas unterstellen würde!

»Und mit wem hast du also geschlafen?« fragte Mini freundlich, und wieder errötete Hetty, während Palle und Niels Ole plötzlich einen scheußlichen Geschmack im Mund zu haben schienen. »Wir können übrigens auch Claus aus dem Spiel lassen«, meinte Lisbeth. »Der hat unter dem Flügel gelegen und die ganze Nacht brav gelesen. Noch dazu Gedichte. Aber Claus war ja schon immer ein Fall für sich.«

Entweder wußte sie mehr über Die Flucht des Hirsches, als sie zugeben wollte, oder das mit den Gedichten war einfach nur gut geraten.

»Stimmt das, Claus?« rief Hetty überrascht. »Ja, aber warum denn bloß?«

»Warum nicht?« fragte ich genervt. Ich hatte gedacht, ich hätte sie endlich zum Mundhalten gebracht, aber sie glotzte mich schon wieder aus ihren leeren Spiegeleiaugen an. Sie war abscheulich, und ich war wütend auf Fotto. Wenn diese fette Fuhre nicht abgehauen wäre, dann säße ich jetzt nicht Hetty gegenüber.

»Ich mein’ ja nur, hier sind so viele süße Mädchen, da hättest du doch sicher eine spannendere Beschäftigung finden können.« Sie ließ ihren Blick um den Tisch wandern und lächelte.

Ehe ich antworten konnte, sagte Mini leise und vertraulich zu ihr: »Ja, verstehst du denn nicht, Hetty, Claus interessiert sich nicht für Mädchen.«

»Nicht?« fragte Hetty unsicher und sah ihn verwirrt an.

»Nein. Bist du noch nie auf die Idee gekommen?«

»Nein ... nein, eigentlich nicht.« Sie lächelte entschuldigend. Sie fand wohl, daß das ihrer Aufmerksamkeit einfach nicht hätte entgehen dürfen. Wo sie doch immer damit protzte, daß sie einen »Ganzheitsüberblick« über ihre Schüler hätte. Eine richtige Pädagogin mußte alles, einfach alles über ihre Schüler wissen, das war ihre Grundüberzeugung.

Sie sah mich fragend an. »Stimmt das, Claus?«

Ich warf ihr einen verstohlenen Blick zu. Mit ihr konnte ich jedenfalls nichts anfangen, mit ihren fettigen Haaren, ihrem Hängebusen, ihrem schlappen Jeansrock und ihren blassen Spargelbeinen in den flachen braunen Sandalen. Sie sah aus, als ob sie in der heißesten Zeit der Frauenbewegung verlegt und durch einen Irrtum erst zehn Jahre später wiedergefunden worden wäre.

Ich konnte auch mit Agathe nichts anfangen, mit dieser sauren Gurke, oder mit Lisbeth, die mir das alles mit ihrer blöden Bemerkung eingebrockt hatte, oder mit meiner nervigen kleinen Schwester. Mini hatte schon recht – ich konnte mit Mädchen überhaupt nichts anfangen.

»Natürlich stimmt das«, sagte ich. »Was haben Mädchen schon, was wir nicht haben?«

Das war nun keine intelligente Bemerkung, und Søren brach gleich in aasiges Lachen aus. »Ich könnte durchaus zwei Dinge nennen«, sagte er und stupste Lisbeths eine Brust an.

Mini senkte die Stimme. »Du kannst es schließlich auch gleich erfahren, Hetty. Claus zieht Knaben vor.«

»Ja, aber immer«, sagte ich für einen Moment voller Überzeugung, und dachte an die Wichtel, die ich im Fußball trainierte. Natürlich waren die mir lieber als ein Haufen flennender kleiner Mädels. Davon war damals im Verein auch die Rede gewesen, aber ich hatte abgelehnt.

Uns war klar, daß unsere Bemerkungen mißverstanden werden konnten; darauf hatte Mini es schließlich angelegt, aber ich glaube nicht, daß wir wirklich dachten, Hetty könnte uns auf den Leim gehen. Aber genau das tat sie, und sie genoß jede Sekunde davon. Ihre Pekinesenaugen strahlten vor Sensationslust, sie bekam wieder rote Flecken am Hals, und sie befeuchtete sich mit der Zunge die Lippen, als sie sich zu mir vorbeugte und ihren Blick über mein Gesicht gleiten ließ, klebrig wie eine Schnecke auf Wanderschaft: »Weißt du, was ich finde, Claus?« fragte sie und stierte mich an.

Ich schüttelte den Kopf, ich hatte keine Ahnung, was sie fand, und es war mir auch völlig egal.

»Ich finde es ganz toll, daß du das so einfach zugibst. Ganz toll.« Ich zuckte mit den Schultern. »Warum nicht? Es ist doch so.« Mini bebte vor unterdrücktem Lachen, und Lisbeth gab ein paar seltsame Hustentöne von sich, aber zum Glück stand Hetty auf, ehe alle losprusteten: sie wollte nämlich packen.

»Meine Fresse«, lachte Mini, sobald sie außer Hörweite war. »Wie blöd darf jemand eigentlich sein?« Er sagte mit Falsettstimme: »Ich finde das ganz tall, sießer Claus. Echt tall!« Er schüttelte den Kopf. »Die Frau ist doch total schwachsinnig!«

»Also bitte«, sagte Palle mit Lehrerstimme.

»Na, entschuldige mal«, sagte Mini. »Ich weiß ja, daß sie eure Kollegin ist und so weiter, aber sogar ihr müßt das doch sehen können. Die Alte ist verrückt, alles kann man ihr einreden.«

»Eben deshalb weiß ich nicht, ob euer kleines Spielchen eben sehr klug war«, antwortete Palle.

»Es war total idiotisch!« warf Thomas dazwischen. Er klang gereizt, fast schon wütend. »Und es war blöd von dir, auf den Witz einzugehen, Claus.«

»Ach, hör doch auf!« sagte Mini abwehrend. »Es war bloß ein Jux. Und sie hätte es schließlich nicht so verstehen müssen. Das war doch ihre eigene schmutzige Phantasie.«

»Ihr wißt genau, daß sie hört, was sie hören will, und daß sie sich immer für die ›spannendste‹ Interpretation entscheiden wird. Sie ist vielleicht nicht dumm, aber sie ist total eingleisig, und das ist gefährlich.«

Palle und Niels Ole waren aufgestanden. Sie hatten offenbar keine Lust, sich noch weiter an der Diskussion zu beteiligen, und das konnte ich gut verstehen. Denn dann würden sie Hetty verteidigen müssen, und das war sogar für Lehrer eine hoffnungslose Aufgabe. Das einzig Positive, das sich über sie sagen ließ, war, daß sie ein Superexamen hingelegt hatte. Und an ihr konnte man ja sehen, wie viel, oder besser gesagt, wie wenig das wert war!

»Keine Panik, Thomas«, sagte Mini. »Sogar Hetty muß doch raffen, daß das bloß ein Jux war, wenn sie es sich gut überlegt.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, erwiderte Thomas. Er klang immer noch nicht nur genervt, sondern sogar besorgt, und dafür konnte ich einfach nicht den geringsten Grund entdecken.

»Ich hoffe, das Frühstück hat trotzdem geschmeckt«, sagte Hannah, die perfekte Gastgeberin, und beendete damit die Diskussion. Aber natürlich sollte Thomas recht behalten. Es gab jeden Grund zur Besorgnis.

7

Der Bus setzte uns schließlich dort ab, wo er uns am Freitag aufgelesen hatte, und ich ging den Rest meines Heimweges zu Fuß.

Wir wohnen in einem Reihenhaus. Im letzten von zehn total identischen kleinen roten Häusern, Haus – Garage, Haus – Garage, Haus – Garage, in der ganzen Straße. Es ist nicht ganz so öde, wie es sich anhört, auch wenn an diesem Tag alles ungewöhnlich langweilig und sonntäglich trist aussah.

Wir waren erst vor zehn Monaten dort eingezogen. Vorher hatten wir in einer Wohnung in einem älteren Zweifamilienhaus gelebt, und wir waren gern umgezogen. Wir hatten jetzt mehr Platz, und das Haus war viel besser eingerichtet.

Auf dem Weg zu unserem Haus überlegte ich, ob ich an den Strand gehen oder ein paar Stunden schlafen sollte. Ich wurde langsam müde, aber es kam mir einfach nicht richtig vor, bei diesem schönen Wetter im Haus herumzuhängen, man wußte ja nicht, wie lange es anhalten würde, und außerdem schlafe ich auch nicht gern tagsüber.

Das Haus wirkte leer und verlassen, als ich in die Diele kam, und ich nahm an, daß meine Mutter und Rikke am Strand wären. Aber als ich die Tür zu meinem Zimmer aufmachte, rief meine Mutter: »Bist du das, Claus?«

»Ja, wo steckst du?«

»In der Küche. Komm, laß dich ansehen!«

Sie schien zu erwarten, daß ich mich in den beiden Tagen bis zur Unkenntlichkeit verändert hätte.

Sie saß am Tisch in der Eßecke und nähte.

»Du nähst?« rief ich überrascht, weil das eigentlich nicht ihre starke Seite ist. »Warum bist du nicht an der frischen Luft? Ich dachte, ihr wärt am Strand!«

»Rikke ist auch gegangen. Und gestern waren wir fast den ganzen Tag am Strand. Das hat mir gereicht. Ich hab’ mich dermaßen verbrannt, daß ich heute nacht im Stehen schlafen mußte. Ist das nicht schwachsinnig? Wenn du meinen Rücken anfaßt, dann schrei’ ich.«

Ich hatte ihren Rücken schon jahrelang nicht mehr angefaßt, dann tickte sie nämlich immer total aus. Mit fünfzehn, sechzehn Jahren hatte es mir ein ganz gemeines Vergnügen bereitet, ihr auf die Schulter zu schlagen oder einen Stoß in den Rücken zu verpassen, aber das hatte sie mir schnell wieder abgewöhnt. »Das kannst du mit deinen Kumpels machen«, hatte sie dann gefaucht. »Du weißt ja gar nicht, wie hart du schlägst.«

»Was nähst du denn da?«

»Diesen elenden Duschvorhang, siehst du das nicht? Der ganze Saum ist aufgerissen.«

»Das ist er doch schon lange.«

»Ja, aber er näht sich nicht von allein, oder? Und ich hab’ bisher weder Zeit noch Lust gehabt, mich darum zu kümmern. Es dauert eine Ewigkeit, so was mit der Hand zu nähen.«

»Warum hast du Mo-Mo nicht darum gebeten?«

»Weiß ich nicht. Dann müßte ich ihn ja erst mal rüberbringen, und jetzt – jetzt ist er jedenfalls genäht, fast wenigstens.«

»Es ist aber auch zu blöd, daß du keine Nähmaschine hast.« »Nein, um Himmels willen, was sollte ich denn mit so einem Monstrum? Dann müßte ich ja ständig nähen. Normalerweise übernimmt doch sowieso Mo-Mo alles hier im Haus, was genäht werden muß.«

Das stimmte. Mo-Mo ist meine Großmutter, und sie ist verdammt geschickt. Sie näht sehr gern, und sie kann es auch gut, deshalb ist es immer Mo-Mo, die unsere Hosen länger oder kürzer macht, neue Reißverschlüsse einnäht und so. Es ist seltsam, daß meine Mutter in dieser Hinsicht überhaupt keine Ähnlichkeit mit ihr hat. Ich habe viele Jahre lang geglaubt, alle Frauen würden gern nähen und meine Mutter sei in dieser Hinsicht etwas unnormal.

Jetzt musterte sie mich.

»Und, hast du ein schönes Wochenende gehabt?« fragte sie. »Du siehst ein bißchen kaputt aus.«

»Bin ich auch. Ich hab’ heute nacht nicht geschlafen, aber sonst war es wohl ziemlich gut.« »Es war wohl ziemlich gut«, wiederholte sie. »Das klingt aber nicht überzeugend.«

»Das war nicht so gemeint, es war wirklich gut. Sehr gut. Anders.« »Nun erzähl schon. Muß ich dir wirklich jedes Wort aus der Nase ziehen? Fang mit dem Anfang an. Mußtest du denn jetzt bei ihrer Großmutter schlafen?«

Ich lachte. »Erstens ist das ein ziemlich trüber Gedankengang von dir, zweitens haben wir überhaupt nicht geschlafen, und drittens habe ich nicht bei ihrer Großmutter geschlafen, weil sie nämlich keine hat. Und sie hat auch keinen Großvater, keinen Onkel, keine Tante oder sonstwen. Nein, das ist gelogen, sie hat einen Onkel, aber mit dem redet sie nicht mehr.«

»Warum nicht?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Wegen einer alten Familienfehde, glaube ich, aber genau weiß ich es nicht.«

»Hat sie denn wirklich überhaupt keine Familie? Irgendwen muß sie doch haben!«

»Warum muß sie das? Ihre Großeltern sind tot, sie hat keine Geschwister, und ihr Vater hatte auch keine. Ihre Mutter hatte nur den einen Bruder, mit dem Hannah wie gesagt keinen Kontakt hat, also ... keine Familie, keine Probleme.«

»Arme Kleine! Heißt das, daß sie mutterseelenallein da draußen haust?«

»Nein, sie hat ihre Ayah, und außerdem kommt jeden Tag ein Gärtner.«

Mutter sah mich überrascht an. »Ihre ›Ayah‹? Das ist doch ein indisches Kindermädchen, oder nicht?«

»Ja«, sagte ich. »Woher weißt du das?«

Sie lächelte mich nachsichtig an. »So was weiß man einfach, mein Junge. Aber wovon lebt sie? Am Hungertuch nagt sie ja wohl nicht gerade, wenn sie eine Ayah und einen Gärtner hat.«

»Nein, auf Sozialhilfe ist sie absolut nicht angewiesen. Sie hat haufenweise Geld. Ihre Eltern waren reich, und ihr Vater war noch dazu an Kopf und Hintern versichert, und er ist ja bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.«

»Das hast du schon erzählt. Aber wer kümmert sich um alles?« »Keine Ahnung. Das meiste erledigt sie wohl selber, und vielleicht hat sie irgendeinen uralten Familienanwalt, der sich um die Finanzen kümmert.«

»Trotzdem muß es ein seltsames Leben sein«, meinte Mutter nachdenklich. »Einfach gar niemanden zu haben.«

»Manchmal ist das vielleicht sehr lustig«, widersprach ich. »Und sie hat ja die Ayah.«

»Hm«, brummte Mutter und zündete sich eine Zigarette an.

»Du rauchst zuviel«, sagte ich automatisch. Das sage ich immer, wenn sie sich eine ansteckt, es ist fast schon ein Reflex geworden. »Weiß ich doch«, antwortete sie. Das tut sie jedesmal, aber es hilft überhaupt nicht. »Was habt ihr gemacht?«

»Alles mögliche. Gegessen und getrunken, über die Schule gequatscht und noch mehr gefressen und getrunken. Im Schwimmbecken herumgeplatscht und ...«

»Gab’s da auch ein Schwimmbecken?«

»Da gab’s einfach alles.«

Ich riß mich zusammen und beschrieb ihr das Haus und die Ereignisse des Wochenendes – nur in großen Zügen natürlich, man soll seinen Eltern schließlich nicht alles erzählen.

»Heißt das, daß du letzte Nacht überhaupt nicht geschlafen hast?« fragte sie erschüttert, als ich meinen Bericht beendet hatte. Sie starrte mich an, als ob sie damit rechnete, daß ich jeden Moment aus Schlafmangel tot umfallen könnte.

»Ja. Ich hab’ doch gelesen.«

»Was hast du gelesen?«

»Die Flucht des Hirsches«, antwortete ich und kam mir etwas schwachsinnig vor.

»Stimmt das?« rief sie hingerissen. »Das war aber auch höchste Zeit. Und wie auf dem nordischen Riesen lastet der türmende Schnee, ist mir auch zugewiesen ein ungeheures Weh«, deklamierte sie, während sie mit der Zigarette dazu den Rhythmus dirigierte.

Ich sah sie verblüfft an. »Meine Güte! Kennst du das? Kannst du’s auswendig?«

»Natürlich kenn’ ich es, das gehört zur Allgemeinbildung. Aber ich kann es nicht auswendig, ich kann nur diese eine Strophe. In alten Zeiten gab’s das als Konfirmationsgeschenk.«

»Als Konfirmationsgeschenk! Das ist doch nichts für solche Gören! Hast du’s auch bekommen?«

Sie sah mich gekränkt an. »Ich habe gesagt, in alten Zeiten.Bei uns gab’s den Fänger im Roggen.«

»Aber woher kennst du es dann?«

»Ich glaube, wir haben Auszüge daraus in der Schule gelesen, genau weiß ich es nicht mehr. Ich kann mich aber noch gut daran erinnern, daß ich es einmal in den Sommerferien bei meiner Tante und meinem Onkel gelesen habe.« Einen Moment lang machte sie ein sehnsüchtiges Gesicht. »Es regnete, und ich lag oben in einem Mansardenzimmerchen mit Blümchentapete und weißen Mullgardinen und las und las. Es war sehr romantisch.« Sie seufzte. »Ich hab’s übrigens geerbt, es steht hier im Regal.«

Gereizt schlug sie nach einer Fliege, die ihren Kopf umschwirrte. »Wirklich? Warum hast du das nie gesagt?«

»Hab’ ich doch, Mensch! Als ich noch geglaubt habe, es wäre meine Aufgabe, dir Kultur zu vermitteln. Ich hab’ es dir nicht nur gesagt, ich hab’ dir das Buch in die Hand gedrückt, und du hast es aufgeschlagen und mit allen Anzeichen von Abscheu und Entsetzen gesagt: ›Igitt! Das reimt sich ja alles!‹ Und dann hast du es mit spitzen Fingern weggelegt, als ob du dir eine ansteckende Krankheit daran holen könntest.«

Ich grinste. »Heute nacht hätte ich das beinahe schon wieder so gemacht, aber dann habe ich einen Blick hineingeworfen und hing fest. Aber trotzdem, wie kann man das Konfirmanden geben! Und noch dazu damals! Darin wimmelt’s doch bloß so von Sex!« »Aber auch von Liebe und Romantik. Apropos, wie steht’s mit Tante Agathe? Die hast du überhaupt noch nicht erwähnt.« »Nenn sie bloß nicht Tante Agathe«, sagte ich genervt. »Entschuldigung«, lachte sie. »Aber das ist so verlockend.« »Jedenfalls hat es nicht geklappt.«

»Kein bißchen?«

»Nix.« »Aber du mußt doch mit ihr getanzt oder wenigstens mit ihr geredet haben.«

»Ich hab’ nicht mit ihr getanzt, aber dreimal mit ihr geredet. Ich habe sie gefragt, ob sie mit mir tanzen wollte, und sie hat nein gesagt. Ungeheuer amüsant. Sie haßt mich.«

»Unsinn«, sagte Mutter.

»Doch, sie haßt mich, Mutter. Entweder blickt sie glatt durch mich durch, oder sie starrt mich angewidert an, als ob die Katze mich gerade ins Haus geschleppt hätte. Und du hättest sie damals in der Schule erleben müssen, als sie erfahren hat, daß sie neben mir sitzen muß – sie war außer sich vor Wut!«

»Ja, das hast du mir erzählt, aber warum? Es muß doch einen Grund geben. Es muß irgendwas geben, was du noch nicht erzählt hast.«

»Nein, gibt es nicht.«

»Vielleicht hast du es vergessen, aber du mußt irgendwann etwas zu ihr gesagt haben, was sie sauer auf dich gemacht hat. Das muß so gewesen sein, Claus. Es muß einen vernünftigen Grund geben.« Meine Mutter glaubt an vernünftige Gründe. Sie glaubt überhaupt an die Vernunft. Ich kapiere einfach nicht, wie sie über vierzig sein und immer noch glauben kann, daß es immer für alles einen vernünftigen Grund gibt.

»Ehrlich, Mutter«, sagte ich. »Vor heute abend habe ich keine zwei Wörter mit ihr geredet. Vielleicht gefallt ihr meine Nase nicht. Kann doch sein, daß sie Jungs mit blauen Augen und mausgrauen Haaren haßt.«

»Unsinn! Du siehst gut aus, du hast Ähnlichkeit mit deinem Vater.«

Auf diesen Vergleich hätte ich gut verzichten können.

Mutter stand auf und legte mir den Duschvorhang über die Arme. »Hängst du den bitte auf?«

Wieder schwirrte die Fliege um sie herum, und sie schlug erfolglos mit einem Vorhangzipfel nach ihr.

»Was wir hier im Haus brauchen, ist ein entomologischer Lufttraffikregulator«, sagte ich und ließ die Fliege nicht aus den Augen. »Ein was?«

»Ein entomologischer Lufttraffikregulator. Für die Fliegen.«

Ich hatte diese Bezeichnung nicht erfunden, aber sie war ganz schön stark. Ich konnte sehen, wie sich ihre innere EDV-Anlage in Gang setzte und alles schnurrte und blinkte.

Mutter hatte mit diesen Wortspielen angefangen. Das erste hatte sie mitgebracht, als sie von einem Wochenendseminar zurückgekommen war und ich sie fragte, was sie denn abends gemacht hätten. Sie antwortete, es sei »unter anderem zu rhythmischer Umgruppierung der unteren Extremitäten gekommen«. Ich hielt das für etwas Schweinisches, Gruppensex oder so, bis mir endlich aufging, daß sie getanzt hatten.

Ich ging nach oben, hängte den Vorhang auf und beschloß zu duschen, wo ich schon einmal hier war.

Ich trocknete mich gerade ab, als Mutter an die Tür klopfte und triumphierend rief: »Eine Fliegenklatsche!«

The free sample has ended.

Age restriction:
0+
Volume:
230 p. 1 illustration
ISBN:
9788726569483
Publishers:
Translator:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books