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Kerstin Teschnigg

Novemberrosen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG

Kapitel 1 15 Jahre später – 17. November

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9 Ein neues Jahr

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13 Es endet wie es begann

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20 Und wieder kommt alles anders…

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23 25. Juli – JA!

Kapitel 24 2 Jahre später – 12. Oktober

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33 – 10. November

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42 – 10 Wochen später

EPILOG

Impressum neobooks

PROLOG

Leise schließe ich das Gartentor hinter mir, es ist schon spät, sehr spät. Um ganz genau zu sein, ich bin zu spät, wie immer. Im Haus ist alles dunkel, es brennt kein Licht. Das ist gut. Ich überlege kurz, ob ich nicht besser den Hintereingang nehmen soll. Nein, keine gute Idee, Dad könnte noch in seinem Arbeitszimmer sein, und dann bin ich fällig. Ich schleiche weiter zur Tür und krame in meiner Jeansjacke um meinen Hausschlüssel heraus zu holen. Mist. Diese Scheißstufen. Ich stolpere über die erste Stufe vor dem Hauseingang hinauf, dabei fällt mir auch noch der Schlüssel, gefolgt von einem Scheppern in der nächtlichen Stille, aus der Hand. Schnell hebe ich ihn wieder auf und versuche ihn möglichst leise ins Schloss zu stecken. Bevor mir das gelingt geht die Tür auch schon mit Schwung auf. Ich stolpere erschrocken die Stufen welche ich gerade so mühsam erklommen habe wieder hinunter. Upps. Dad sieht gar nicht erfreut aus, ich muss grinsen, seine Miene sieht zu lustig aus. Ich warte auf meine Standpauke, je schneller er anfängt, desto schneller ist es vorbei. Erfahrungssache.

„Kannst du mir sagen was es zu lachen gibt? Es ist nach Mitternacht, morgen musst du zur Schule.“

Er zeigt wütend auf seine Armbanduhr. Ja, ich weiß wie spät es ist. Ich beiße mir auf die Unterlippe und verdrehe die Augen. Ich nehme die Stufen wieder in Angriff und versuche ihn zu ignorieren. Eins, zwei, drei, hopp ich bin oben, geht doch. Ich stehe dicht vor ihm, er lässt mich nicht durch und baut sich einschüchternd vor mir auf. Ich versuche nicht zu wackeln, es ist ein komisches Schauspiel.

„Du bist betrunken.“

Er schüttelt den Kopf, seine Worte klingen abwertend, was mich aber absolut kalt lässt. Seine Augen verengen sich zusehends. Ich nehme eine Haarsträhne, die sich aus meinem Zopf gelöst hat zwischen meine Zähne und kaue darauf herum, ich muss noch immer grinsen, ich kann einfach nicht aufhören, ich bemühe mich ja, aber wenn ich ihn ansehe, muss ich noch mehr lachen. Er packt mich am Ärmel meiner Jacke, zieht mich in den Flur und wirft die Tür hinter mir zu. Ich zucke kurz zusammen.

„Du glaubst du kannst machen was du willst? Du glaubst ich lasse mir das von dir gefallen? Da täuscht du dich! Für dein Verhalten wird es Konsequenzen geben, das habe ich dir schon vor ein paar Tagen gesagt, aber scheinbar interessiert dich das nicht! Mir reicht es jetzt!“ Seine Stimme erhebt sich, es ist mir egal, ich lehne mich lässig an den Türstock und lasse ihn reden. Bla, bla, bla, immer dasselbe Geplänkel, jedes Mal.

„Ehrlich, ich weiß nicht mehr was ich mit dir machen soll Luisa. Du bist fünfzehn. Ich kann dein Verhalten nicht verantworten.“ Er schüttelt verzweifelt den Kopf.

Ja ich weiß, ich bin fünfzehn, fast. Ich liebe es ihn zur Verzweiflung zu bringen, es ist wie ein Spiel. Wie lange dauert es heute bis er ausrastet? Ich bevorzuge es keine Antwort zu geben, er weiß sowieso alles besser und mein Schweigen bringt ihn noch mehr in Rage.

„Warst du wieder mit diesem Ben zusammen?“, fährt er indes fort.

Ich finde er hat genug gefragt, über Ben spreche ich sowieso nicht mit ihm, daher setze ich zum Rückzug an und versuche mich an ihm vorbei zu drängen. Ich will auf mein Zimmer gehen, er hält mich unsanft am Arm fest und schüttelt mich ein wenig, als wolle er mich zur Vernunft zwingen.

„Du bleibst hier. Wir sind noch nicht fertig.“

„Doch sind wir, lange schon. DAD.“

Ich versuche erneut an ihm vorbei zu kommen, was wieder nicht glückt.

„Ich verbiete dir jeglichen Kontakt mit diesem Jungen, er ist kein Umgang für dich. Ich werde diesen Typen anzeigen! Du bist minderjährig und er achtzehn! Sieh nur was aus dir geworden ist. “

Er mustert mich mit einem abfälligen Blick, als würde ich ihn anekeln. Ich stemme meine Hände in meine Hüften.

„Ja, was ist aus mir geworden? Ich bin nicht mehr dein süßes Mädchen und ich will es auch nicht sein. Ich scheiße auf diese falsche Familienidylle! Zeig ihn doch an, wenn dich das glücklich macht, aber dann bin ich weg. Für immer!“

Trotz allem was ich intus habe, meine ich das ganz ernst, ich lasse mir von ihm nichts mehr gefallen.

„Luisa! Deine Mutter würde…“

Seine Stimme wird immer lauter, das beeindruckt mich immer noch nicht, aber mit Mum lasse ich mir nicht drohen.

„Lass Mum da raus, sie hat damit nichts zu tun!“

Jedes Wort über meine Mutter klingt wie eine Lüge aus seinem Mund. Wenn sie nur hier wäre, sie würde mich verstehen. Er sieht mich weiterhin mit böser Mine an, sagt aber kein Wort mehr. Am liebsten würde ich ihm vor die Füße spucken, aber das ist wohl keine so gute Idee. Mein Tonfall ist scharf, auch wenn ich mich in Anbetracht meines momentanen Zustandes schwer tue einen ordentlichen Satz zu sprechen, fauche ich ihn an.

„Geh doch zu deiner geliebten Alice.“

Er schüttelt verzweifelt den Kopf, ich boxe mich endgültig an ihm vorbei und laufe die Treppe hoch in mein Zimmer, wo ich die Tür hinter mir zuwerfe, sie versperre und mich aufs Bett schmeiße. Ich hasse ihn, er ist so ein Ignorant. Es dauert nicht lange und es klopft an meiner Tür, ich reagiere nicht.

„Es ist spät. Heute lasse ich dich in Ruhe, aber es geht so nicht weiter, wir sprechen uns morgen.“

Er kann mich mal, ich will kein Wort mehr von ihm hören, nicht heute und nicht sonst irgendwann. Ich stecke meinen Kopf unters Kissen und warte. Nach einiger Zeit lausche ich, ob ich ihn noch hören kann. Alles ist ganz leise, er scheint zu Bett gegangen zu sein. Ich stehe auf und öffne vorsichtig die Tür. Alles mucksmäuschenstill. Ich schließe die Tür wieder, gehe zum Fenster und mache es mit so wenig Geräusch wie nur möglich auf. Ich setze mich auf die Fensterbank und schwenke meine Beine galant nach draußen. Geht doch, so betrunken bin ich also wirklich nicht. Dad hat wie immer übertrieben, aber er übertreibt ständig. Mit ein wenig Schwung springe auf das Vordach der Veranda und klettere das Rosengitter hinunter. Au, Scheiße, die Rosen sind ganz schön stachelig, ich springe lieber ab, bevor ich mich noch weiter piekse und lande unsanft auf meinem Allerwertesten im Gras. Na bitte, geht doch, man könnte zwar eleganter landen, aber was soll´s. Ich steige auf mein Fahrrad das in der Auffahrt steht und fahre die dunkle Straße entlang, die nur durch den Mond in ein sanftes grau getaucht schimmert. Gut, dass ich ein paar Seitenstraßen kenne, die eine Abkürzung zu Bens Haus sind. Mein Fahrrad lehne ich an den weißen Gartenzaun und öffne das Gartentürchen. Es quietscht ein bisschen. Im Haus ist alles finster, aber in Bens Zimmer leuchtet ein schwaches Licht. Rufen kann ich um diese Zeit schlecht, wenn ich nicht die ganze Straße wecken will. Ich überlege, dann hebe ich ein paar kleine Kieselsteine aus dem Rosenbeet auf und werfe den ersten an Bens Fensterscheibe und warte kurz. Keine Reaktion. Ich versuche es noch einmal und gleich noch einmal. Ah, da ist er ja, er öffnet das Fenster und schaut suchend in die Dunkelheit. Ich gehe einen Schritt näher und winke ihm.

„Luisa?“, flüstert er und sieht mich überrascht an.

Ich fuchtle wortlos mit meinen Händen, ob er nicht vielleicht herunter kommen kann. Er signalisiert mir, dass ich leise sein soll und er gleicht komme. Ein paar Augenblicke später öffnet er auch schon die Tür und steht vor mir. Er ist ganz zerzaust und trägt nur Boxershorts und ein weißes Shirt.

„Mensch Luisa…Was machst du hier? Warum bist du nicht nach Hause gegangen? Du weckst noch Mum.“

Ich dachte er freut sich, wenn ich noch zu ihm komme, sieht aber nicht so aus, meine Mundwinkel verziehen sich gekränkt.

„Ich kann auch wieder gehen…“, schmolle ich.

„Nein…sei nicht albern.“

Er kommt heraus und schließt ganz leise die Tür hinter sich, dann nimmt er meine Hand und wir gehen durch den Garten, wo zwischen Blumenbeeten idyllisch eine Hollywoodschaukel steht.

„Setzt dich. Was ist los? Ist etwas passiert?“ Er sieht mich fragend an.

„Ich dachte du freust dich, wenn ich komme.“

„Es ist ein Uhr morgens, dein Vater wird mich umbringen, wenn er merkt, dass du hier bist.

„Merkt er doch nicht. Ich war vorhin zu Hause, er hat eine Megaszene gemacht, ich bleibe keinen Tag mehr in diesem Haus. Ich habe mich rausgeschlichen.“

Ben lehnt sich seufzend auf der Schaukel zurück. Er nimmt meine Hand und zieht mich zu sich zurück und legt seinen Arm um mich.

„Du kannst nicht hierbleiben.“

Ich sehe ihn ungläubig an, das ist jetzt nicht sein ernst.

„Soll ich mitten in der Nacht wieder mit dem Fahrrad zurück?“

Er zuckt mit den Schultern.

„So bist du ja auch hergekommen, oder?“

„Gut, verstehe, wenn ich dich wirklich brauche, dann kneifst du.“

Ich springe von der Schaukel wie eine aufgescheuchte Tarantel.

Er packt mich am Zipfel meines T-Shirts und zieht mich zurück, ich stolpere dabei fast und plumpse wieder hin.

„Psssssst, wenn meine Mum wach wird, haben wir beide ein Problem.“

Ich schmolle noch immer.

„Es war ein Fehler herzukommen, ich bin eben nur irgendein Mädchen für dich, hätte ich mir denken können.“

Aus mir spricht eine leicht betrunkene fast fünfzehnjährige, ich bereue den Satz, nachdem ich ihn ausgesprochen habe, so werde ich ihm wohl kaum imponieren.

„Blödsinn, du weißt genau dass das nicht stimmt und natürlich kneife ich nicht, aber bitte benimm dich nicht wie ein launischer Teenager.“

Er sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, dann greift er in die Tasche seiner Boxershorts und holt einen Joint heraus, und kratzt sich hinterm Ohr, das macht er immer wenn er nachdenkt. Unter dem Sitzpolster der Schaukel zieht er eine Schachtel Streichhölzer hervor.

„Wie gut dass ich die letztens hier versteckt habe.“

Er grinst zufrieden, dann zündet er den Joint an und nimmt einen langen Zug den er genussvoll durchzieht. Er lehnt sich wieder zurück und zieht ein weiteres Mal daran, bevor er ihn mir reicht. Es ist nicht das erste Mal, dass ich etwas rauche, und trotzdem nimmt er mir den Joint nach zwei tiefen Zügen aus der Hand.

„Übertreib es nicht...“

Seine dunklen Augen funkeln im Mondlicht, ich lehne mich an ihn und lege meinen Kopf auf seine Brust. Ich fühle mich leicht wie eine Feder im Wind, da ist nur mehr er und alles andere drängt sich weit in den Hintergrund meiner Gedanken. Das gefällt mir, ich schließe meine Augen und lächle. Er streicht mir die Haarsträhne die sich aus meinem Zopf gelöst hat aus dem Gesicht und schiebt sie hinter mein Ohr. Dann beugt er sich zu mir und küsst mich. „Gehen wir rein, es ist ganz schön frisch.“

„Ich dachte ich kann nicht hier bleiben?“

Er steht auf, nimmt meine Hand, drückt den Rest des Joints in der Wiese aus und wirft ihn in den Kanaldeckel neben der Tür als wir daran vorbei gehen.

„Dein Dad bringt mich sowieso um, also was soll es, aber sei bloß leise dass meine Mutter nicht wach wird.“

Er legt mahnend den Zeigefinger auf seine Lippen. Ich ziehe meine Schuhe aus und schleiche fast geräuschlos hinter ihm die Stiege hoch. Wir verschwinden in seinem Zimmer. Die kleine Nachttischlampe brennt und hüllt das Zimmer in ein schummrig warmes Licht. Der Joint hat seine Wirkung nicht verfehlt, ich fühle mich ganz leicht und locker. Ich ziehe meine Jacke aus und lege sie auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Ben lehnt an der Tür und verfolgt mich mit seinen Blicken.

„Was soll ich nur mit dir machen?“

Er flüstert und seine Stimme klingt anders als sonst, ich zucke nur mit den Schultern. Dann kommt er auf mich zu und küsst mich.

„Es ist spät und du solltest längst schlafen.“

Ich nicke, sollte ich, aber jetzt bin ich hier. Er löst meinen Haargummi vom Zopf und wuschelt meine Haare ein bisschen durch, bevor er auf das Bett deutet, so als wolle er mir zeigen ich soll hingehen, was ich tue und mich darauf setze. Währenddessen zieht er sein Shirt aus und steht nur noch mit seiner Boxershorts bekleidet vor mir, danach legt er sich aufs Bett und zieht mich zu sich. Ich schnappe kurz nach Luft, mein Hals fühlt sich wie zugeschnürt an. Was soll das werden? Was hat er vor? Er streicht sanft über meine Haare und sieht mir tief in die Augen, bevor er mir mein Shirt über den Kopf zieht. Ich wehre mich nicht, aber ich habe ein bisschen Angst, ich merke wie meine Knie von selbst zu zittern beginnen und mir ein Schauer über den Rücken läuft. Er drückt seine Nase an meine Wange und streicht sanft damit darüber.

„Du brauchst keine Angst haben…“

Er flüstert mir die Worte ganz ruhig in mein Ohr, während er meinen Hals küsst und mit seiner Hand meinen BH Träger hinunter fährt. Ich stoppe ihn und er lässt sofort von mir ab. Ich setzte mich ein wenig auf. Ich weiß nicht ob ich das gerade wirklich will.

„Stimmt etwas nicht?“

Seine Stimme klingt jetzt ernster, ich schäme mich ein wenig, aber ich habe wirklich Angst.

„Ja…Nein…“ Ich stottere vor mich her. „Ich… Ich … Habe noch nie…Ich habe keine Ahnung was ich machen soll…“

Betreten sehe ich auf meine Hände, die sich zittrig und feucht anfühlen. Ich merke wie ich rot werde, jetzt lacht er mich bestimmt aus, ich blicke vor Scham weg.

„Vielleicht sollte ich doch besser gehen“, murmle ich beschämt, ohne ihn anzusehen.

Er fasst mein Kinn und hebt mein Gesicht, sodass ich ihm direkt in die Augen schauen muss und gibt mir einen langen Kuss.

„Bleib hier…“ Er streicht über meine Wange. „Ich mache nichts was du nicht auch willst.“

Will ich? Keine Ahnung, aber es fühlt sich nicht falsch an, wenn dann mit ihm. Plötzlich sind meine Gedanken wieder ganz klar, trotz Alkohol und Joint. Ich lege mich wieder aufs Bett und ziehe ihn zu mir. Während ich tief in seine Augen schaue, nicke ich ihm unmissverständlich zu. Ich lege meine Arme um seinen Hals, und er presst sich fest an mich. Seine Haut auf meiner fühlt sich unglaublich gut an, auch wenn ich vor Angst, oder ist es Aufregung, keine Ahnung, kaum noch atmen kann. Ich schließe meine Augen und schmiege meine Nase an seinen Hals. Kann es sein, dass er einfach nur wundervoll ist? Kann es sein, dass er der Eine ist? Kann es sein, dass ich nie wieder auch nur eine Sekunde ohne ihn sein will? Kann es sein, dass ich ihn liebe? Ich versinke ihn ihm, er in mir, wir ineinander. Niemals werde ich ihn mehr loslassen, niemals. Ich bin wie in Trance und vergesse meine ganze Angst und alles um mich herum. Irgendwann liege ich nur noch in seinen Armen und bereue nichts.

„Ben…“

Ich bin müde und aufgedreht zugleich, aber überglücklich nicht gegangen zu sein.

„Ja?“

Er gibt mir einen Kuss auf die Stirn, ich kuschle mich noch fester an seine Brust.

„Ich muss gehen, es wird bald hell, wenn Dad….“

Er lässt mich nicht ausreden und legt seinen Zeigefinger auf meine Lippen.

„Jetzt noch nicht, komm her, ich lasse mein Mädchen nicht mitten in der Nacht allein draußen herumspazieren, da kann dein Dad machen und sagen was er will.“

Er zieht mich noch ein wenig fester an sich. Er zeichnet meine Lippen mit dem Finger nach und gibt mir anschließend einen langen Kuss.

Ich verlasse ihm Morgengrauen das Haus, Ben begleitet mich ein Stück, bevor ich auf mein Fahrrad steige und nach Hause fahre. Meine Haare wehen im frischen Morgenwind, vor Glück schließe ich kurz meine Augen. Ja, ich bin glücklich, mir geht es richtig gut, ich kann alles tun was ich will. Nein, ab jetzt mache ich nur mehr WAS ICH WILL. Mit ihm. Wir beide gemeinsam.

Kapitel 1 15 Jahre später – 17. November

„Ja, ja Lizzy, mach ich kein Problem, ich bin schon auf dem Weg…“

Es ist einer dieser Novembertage, keiner von den schönen an denen die Sonne den Nebel durchbricht und die letzten bunten Blätter auf den Bäumen leuchten lässt. Nein, es einer von den ungemütlichen, feucht kalten Tagen am Ende des Jahres. Der Wind bläst mir eisig ins Gesicht, ich grabe meine Nase tief in meinen warmen Schal. Meine Finger sind schon ganz starr und dunkelrot von der feuchtkalten Nebelluft. Außerdem kann ich meine Handschuhe nicht anziehen, weil ich mein Handy fest an mein Ohr drücke. Das ist bei dem ungemütlichen Wetter sogar angenehm, so kommt zumindest der Wind nicht daran. Lizzy, meine beste Freundin, quatscht mich schon zwei Straßen lang voll, wie öde ihr letzter Nachtdienst war, und dass momentan scheinbar gar nichts Spektakuläres im Krankenhaus passiert. Nicht, dass mich das nicht interessieren würde, aber ich bin einfach nicht zum Quatschen aufgelegt. Lizzy ist Ärztin im gleichen Krankenhaus in dem ich als Hebamme arbeite, und jetzt gleich habe ich Nachdienst. Ich habe ihr gerade versprochen davor noch etwas im Kaufhaus an der Ecke zu besorgen, für Andy, ihren Verlobten. Mache ich gern, liegt auf dem Weg ins Krankenhaus. Es fühlt sich so gut an als ich durch die Drehtür gehe und mir der warme Wind von drinnen entgegen weht. Es ist ein mehrstöckiges Kaufhaus in dem man alles bekommt was man braucht, oder auch nicht. Von Accessoires, Kleidung Schuhen, Taschen und natürlich auch Kosmetik. Für die meisten Menschen beginnt um diese Zeit schon der Feierabend und so tummeln sich viele geschäftig herum um scheinbar wichtige Erledigungen zu tätigen. Langsam scheint sich die vorweihnachtliche Hektik unter den Geschenkejägern auszubreiten. In der Pafumerieabteilung herrscht heute auch reger Betrieb, alle Verkäuferinnen wuseln sehr beschäftigt herum und so bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten. Herrenbeauty, das ist eigentlich gar nicht so mein Thema. Als Single bin ich diesbezüglich nicht so auf dem Laufenden. Während mich die Kaufhausmusik berieselt schaue ich mich um. Mittig im Regal bestaune ich einen außergewöhnlichen Flacon. Wenn etwas so schön eingepackt ist, kann es eigentlich nur gut riechen denke ich mir, und lasse mich dazu hinreißen das Wässerchen auf einen Duftstreifen zu sprühen und daran zu schnuppern. Riecht ganz gut, und ja das würde mir gefallen, aber wie gesagt, kein Anlass zum Kaufen. Als ich so nebenbei in die Spiegelwand neben dem Regal schaue, fällt mir auf wie zerrsaust ich vom Wind aussehe. Meine Wangen sind ganz rot von der Kälte, meine Nase gleicht der einer Schnapsdrossel. Na toll, so bleib ich ewig Single. Mit wenig Mühe versuche ich zu retten was nicht zu retten ist, und streiche die abstehenden Strähnen die sich aus meinem Zopf gelöst haben zurecht, als mir plötzlich ein Zuschauer meines irreparablen Frisurschadens auffällt. Ein gutaussehender Mann beobachtet mich aus der Ferne. Im Spiegel sehe ich in seine Richtung. Ja wirklich gutaussehend, sehr sogar, vermutlich habe ich mich getäuscht dass er gerade zu mir sieht, aber sein Blick schweift wieder in meine Richtung. Ich drehe mich schnell weg vom Spiegel, das Parfumfläschchen immer noch fest in meiner Hand. Unauffällig, zumindest versuche ich unauffällig zu sein, mustere ich ihn aus dem Augenwinkel im Regalspiegel. Anzug, Krawatte, schwarzer Mantel, dunkles perfekt gestyltes Haar, sehr elegant und gepflegt sieht er aus. Wie ein Banker, oder Anwalt. Er steht am Tresen der Accessoire Abteilung gleich gegenüber und bespricht etwas mit der Verkäuferin die einige Schächtelchen auf das Glaspult gelegt hat, deren Inhalt ich von hier aus nicht bestimmen kann, während er immer wieder einen Blick zu mir herüber wirft. Als ich mich zum Regal zurück bewege, um das Parfum abzustellen, merke ich, dass er in meine Richtung kommt. Ich versuche ganz beiläufig zu ihm zu schauen, aber ich glaube das gelingt mir nicht so dezent, wie ich es mir erhofft habe. Shit, meint er wirklich mich? Ich sehe mich suchend um, ob da noch jemand ist, aber da steht er schon neben mir und lächelt mich an.

„Entschuldigung, Sie haben Ihren Handschuh fallen gelassen, den werden Sie noch brauchen, draußen ist es eisig.“

Ich stehe total überfordert da. Hat er mich tatsächlich angesprochen? Er ist groß und stattlich, seine tiefblauen Augen strahlen mich an. Er schaut mich immer noch erwartungsvoll ob meiner Antwort an, meinen schwarzen Handschuh in seiner rechten Hand haltend. Ich bin perplex und lächle etwas verlegen.

„Ähm… Danke, das ist mir gar nicht aufgefallen, sehr aufmerksam von Ihnen.“, stoße ich etwas unbeholfen hervor.

Meinen Handschuh immer noch in seiner Hand, zeigt er auf den Flacon, den ich noch in Händen halte.

„Und? Wie ist es?“

Ich starre auf den Flacon. Meinem Blick ist anscheinend meine Verwirrung zu entnehmen, er strahlt mich immer noch an, es kommt mir fast so vor als wäre er von meiner Überforderung belustigt.

„Eigentlich habe ich keine Ahnung von Männerkosmetik…“, stammle ich.

„Guten Tag, wie kann ich den Herrschaften behilflich sein?“, säuselt plötzlich eine blonde Verkäuferin, die als Barbie Double durchgehen könnte neben mir und platzt in unsere Unterhaltung. Jetzt habe ich endgültig den Faden verloren. Mein Handschuhretter nimmt mir den Flacon aus der Hand und gibt ihn der Verkäuferin.

„Das nehme ich bitte“, sagt er zu ihr und zwinkert mir zu.

Dann drückt er mir meinen Handschuh in die Hand und berührt dabei ganz leicht meine Finger. Kurz bin ich mir nicht sicher, ob mir heiß oder kalt ist, auf jeden Fall stehe ich komplett neben mir, unfähig ein Wort zu sagen. Der Mann muss denken ich bin nicht ganz richtig.

„Darf ich sonst noch etwas für Sie tun?“

Die Barbie schaut mich fragend an, glücklicher Weise fällt mir wieder ein, warum ich eigentlich hier bin.

„Ja, von Khiels den After Shave Balsam bitte.“

„Gerne Miss.“

Stumm folge ich der Verkäuferin, die vor uns her wieselt, er immer noch an meiner Seite.

„Sie kennen sich ja doch mit Männerkosmetik aus?“

Er schaut mich fragend an, während wir zum Regal mit der Männerpflege gehen. Mehr als ein Schulterzucken fällt mir momentan nicht ein. Er fährt unbeirrt fort.

„Mit Damenparfum kennen Sie sich aber aus, oder?“

Ob ich mich mit Damenparfum auskenne? Häh? Es wird immer skurriler.

„Wieso?“, frage ich mit bestimmt ziemlich verwundertem Blick.

„Ich brauche noch ein Geschenk, Parfum kommt doch bei Damen immer gut an, was meinen Sie womit könnte ich da richtig liegen?“

Ich habe zwar keine Ahnung, warum gerade ich ihm jetzt eine Duftberatung geben soll und ich habe wirklich keine Lust ein Geschenk für seine Frau, oder Freundin auszusuchen. Die Verkäuferin schaut auch ziemlich verdutzt aus der Wäsche, sagt aber kein Wort.

„Ich glaube, ich bin da nicht die Richtige, dafür gibt es hier wunderbares Fachpersonal.“

Die Verkäuferin lächelt gekünstelt, aber er lässt nicht locker.

„Was würden Sie denn nehmen, zum Beispiel fürs Büro, oder für die Arbeit?“

„Gar kein Parfum“, entgegne ich bestimmt nach kurzem Überlegen, was ihm wiederum einen überraschten Blick entlockt.

„In meinem Job kommt Parfum nicht so gut an“, füge ich hinzu, jetzt scheint er neugierig zu werden.

„Ich bin Hebamme“, ergänze ich, bevor er etwas sagen kann, obwohl ihn das eigentlich gar nichts angeht, aber ich versuche die Fragerei abzukürzen. „Wie alt ist denn die Dame?“

„Welche Dame?“

Jetzt sieht er mich fragend an.

„Für die Sie das Geschenk brauchen.“

„Ja natürlich…fünfundzwanzig bis dreißig“, antwortet er etwas verdutzt darüber, dass ich nun doch behilflich sein will. Also für seine Frau wird es zumindest nicht sein, von der würde er ja das Alter hoffentlich genau wissen. Ich überlege kurz.

„Nehmen Sie Miss Dior Blooming Bouquet, das passt immer.“

„Sehr gute Wahl. Darf ich Ihnen das zum Probieren aufsprühen?“, bringt sich die Verkäuferin wieder ein.

„Nein Danke, ich verlasse mich da auf den Geschmack von Mrs…“ er unterbricht sich kurz und sieht mich an. „Bitte entschuldigen Sie, ich habe mich nicht vorgestellt. Max Deveraux.“ Er streckt mir freundlich seine rechte Hand entgegen.

„Luisa Miller“, erwidere ich etwas verlegen sein Händeschütteln.

Sein Händedruck ist fest und seine Hände sind angenehm warm.

„Ich verlasse mich da auf Mrs. Miller. Ich brauche bitte drei Stück davon“, fährt er fort, nachdem er meine Hand wieder losgelassen hat.

„Wie Sie wünschen“, entgegnet die Verkäuferin.

Drei Stück?! Ich bin so blöd, was mache ich hier eigentlich? kein Zweifel, er ist charmant und sieht gut aus, aber welcher normale Mann kauft denn drei gleiche Parfums?

„Drei?“, rutscht mir ungewollt mit entgeistertem Unterton heraus.

„Ja, für alle dasselbe, dann gibt es keinen Anlass, das sich eine der Damen benachteiligt fühlt.“

Er sagt das ganz selbstverständlich, er scheint sich jedenfalls dabei nichts zu denken. Was? Hat er einen Harem? Ich glaube, ich höre nicht richtig, ich habe Mühe mich zurück zu halten, aber schließlich geht mich das nichts an. Ich kenne diesen Mann nicht und ich muss jetzt auch los, also erspare ich mir einen weiteren Kommentar. Ich lehne eine Geschenkverpackung für den After Shave Balsam dankend ab und bezahle. Er bittet die Verkäuferin seine Sachen einzupacken und mit den anderen Einkäufen aus der Accessoires Abteilung in seine Firma zu schicken.

„Natürlich sehr gerne Sir“, säuselt die Barbie.

„Also dann, ich muss jetzt auch los, auf Wiedersehen.“

Ich verabschiede mich und gehe los Richtung Ausgang, aber er folgt mir erneut.

„Mrs. Miller…“

Ich bleibe noch einmal stehen, er berührt fast freundschaftlich meinen Oberarm.

„Danke für Ihre Hilfe.“

Ich bin von so viel unerwarteter Körpernähe total verblüfft und stehe reglos da, mehr als ein „Gerne“ bekomme ich nicht heraus und das Schlimmste, seine Berührung fühlt sich gut an, richtig gut.

„Ich würde mich gerne für Ihre Hilfe revanchieren, aber mein Fahrer ist schon da und Sie scheinen es auch eilig zu haben.“

Er zeigt nach draußen wo am Fahrbahnrand eine schwarze Limousine parkt.

„Das ist nicht nötig, keine Ursache“, erwidere ich. „Ich muss zur Arbeit.“

„Darf ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen?“

„Nein Danke, das ist sehr nett. Ich steige gleich da vorn in die U-Bahn.“ Ich blicke auf meine Uhr. „Ich bin wirklich schon spät dran.“

Ich bilde mir ein seinem Blick ein wenig Enttäuschung zu bemerken. Ich bin ein weiteres Mal mehr als überrascht. Ich steige doch zu keinem Mann ins Auto den ich gerade mal eine Viertelstunde kenne und wenn er noch so gut aussieht. Als wir am Ausgang angekommen sind, treffen sich unsere Blicke noch einmal.

„Schön Sie kennen gelernt zu haben und passen Sie auf Ihren Handschuh auf.“

Er lächelt mich ein letztes Mal an.

Ich nicke etwas verlegen. „Ja, das finde ich auch und Danke noch einmal, ich hätte ihn bestimmt schon bald vermisst, also den Handschuh…“

„Auf Wiedersehen Luisa Miller.“

Er legt seine Hand kurz auf meine, bevor er die Drehtür durchschreitet. Ich ertappe mich dabei ihm ungewollt lange nachzuschauen.

„Auf Wiedersehen…“, sage ich noch vor mich hin, bevor ich mich besinne, ist er schon ins Auto gestiegen und fährt weg. Ich gehe nach draußen und atme die frische nebelfeuchte Luft tief ein. Was war das bitte? Noch nie hat es sich so gut angefühlt meine Handschuhe anzuziehen. Auf dem Weg in die Klinik muss ich immer wieder über diese Begegnung nachdenken. Komisch, eigentlich mache ich mir über solche Dinge gar keine Gedanken, aber ich erwische mich dabei wie ich lächeln muss.

Der Nachtdienst gestaltet sich heute ruhig. Ich habe mich auf die Betreuung von Frühgeburten spezialisiert, betreue aber auch ganz normale Entbindungen. Meine Gedanken sind heute Nacht nicht ganz bei der Sache, das war wirklich eine eigenartige Begegnung vorhin. Am liebsten bin ich im Babyzimmer und schaue in die unschuldigen Gesichter der Kleinen. Hier gibt es immer etwas zu tun und trotzdem gelingt es mir heute nicht mich abzulenken. Immer wieder muss ich an die blauen Augen und das Lächeln denken. Vergiss es, sage ich mir vor, er hat dich schon längst vergessen und verschwendet vermutlich keinen Gedanken mehr an dich, du siehst ihn sowieso nie wieder. Außerdem möchte ich nicht die Vierte sein, die ein Parfum bekommt. Ich lasse mich auf den Sessel im Babyzimmer fallen und versuche auf andere Gedanken zu kommen.

„GUTEN MORGEN!“

Meine Kollegin reißt mich voller morgendlicher Energie aus dem Schlaf. Ich bin wohl eingenickt.

„Guten Morgen, sorry ich bin kurz eingedöst, es war eine ruhige Nacht.“

„Schön, dann schau mal ins Schwesternzimmer, da ist schon ordentlich was los…von Ruhe keine Spur“, entgegnet sie mir mit schelmischem Unterton.

Ich habe keine Lust zu fragen was sie meint und freue mich auf einen Kaffee. Im Schwesternzimmer angekommen grinsen mich meine Kolleginnen an. Auf dem Tisch steht ein riesiger Strauß mit unzähligen rosa Rosen.

„Der ist für dich, sieht nach Verehrer aus!“ Da ist auch eine Karte dabei“, zwinkert mir die Stationsschwester zu.

Die Mädels platzen fast vor Neugier. Ich stehe regungslos vor dem Strauß.

„Ist bestimmt ein Geschenk von dankbaren Eltern.“, antworte ich recht sachlich, während ich mir einen Kaffee einschenke und weder dem Strauß, noch der Karte Beachtung schenke, zumindest so lange bis sich die Meute verzogen hat. Außerdem traue ich mich gar nicht nachzusehen was auf der Karte steht. Ich glaub so nervös war ich das letzte Mal in Schule als Lizzy und ich heimlich Liebesbriefe geschrieben haben. Dieser Mann wird mir wohl keine Blumen geschickt haben? Er weiß doch nicht mehr als meinen Namen.

„Hey Luisa, guten Morgen. Alles klar bei dir? Du siehst aus, als ob du ein Gespenst gesehen hast?“

Lizzy klopft mir auf die Schulter. Wenn morgens Zeit ist, kommt Sie mich gerne vor Ihrem Dienst auf meiner Station besuchen. Der Auflauf im Schwesternzimmer hat sich blitzartig aufgelöst, als der Stationsarzt grimmig die Ansammlung mit einem „Heute nichts zu tun?“ zerschlagen hat. Mein Dienst ist für heute vorbei und ich bin froh, dass ich allein mit Lizzy endlich den ersten Schluck von meinen Kaffee nehme. Stumm blicke ich zuerst Lizzy und dann die Blumen am Tisch an.

„Blumen für dich, cool, von wem?“ Ihre Stimme erhebt sich vor Aufregung.

„Keine Ahnung, also ich weiß nicht, bin mir nicht sicher, ähhm, hab die Karte noch nicht gelesen.“

Sie schaut mich verwirrt an, fragt mich ob ich neuerdings die Sprache verloren habe, und warum ich die Karte nicht lese. Da ich selbst vor Neugier fast platze, nehme ich die Karte aus dem Strauß. Sie ist weiß in sich gemustert mit einem rosa Rand, passend zur Farbe der Blumen. In gefühlter Zeitlupe öffne ich den Umschlag:

Liebe Luisa,

Danke noch einmal für Ihre Hilfe. Ich würde mich wirklich nur allzu gerne bei Ihnen bedanken. Vielleicht treffen wir uns auf einen Kaffee?

Ich freue mich auf Ihren Anruf. Max.

Darunter noch eine Telefonnummer, alles in schöner Handschrift.

Oh mein Gott, das ist ja unglaublich, woher weiß er wo ich arbeite? Womöglich ist er ein Agent, ein Spion? Nein Blödsinn, zu viel James Bond…So schwer war das bestimmt nicht heraus zu finden, trotzdem, ich fasse es nicht. Ich starre immer noch ungläubig auf die Karte.

„Wer ist bitte MAX?“

Ich zucke erschrocken zusammen. Lizzy schielt mir über die Schulter und platzt vor Neugier. Ich mache die Karte schnell zu.

„Das erzähle ich dir heute Abend, du musst zu deinem Dienst, und ich gehe jetzt nach Hause.“

Mir klopft mein Herz, und meine Hände zittern ein wenig, ich muss mich erst wieder fangen, bevor ich ihr alles erzähle.

„Na gut, ich bin sowieso schon spät dran, aber heute Abend musst du mir alles erzählen!“ Sie zappelt aufgeregt neben mir und ich fühle mich innerlich mindestens ebenso zappelig, versuche es aber lässig zu überspielen. Ich stehe noch ein paar Minuten vor dem Strauß, fast hätte ich auf meine Dienstübergabe vergessen. In der Umkleide schaue ich in den Spiegel und ich finde, trotz Nachtdienst sehe ich heute ganz gut aus. Ich streiche meine dunklen Haare im Nacken zusammen und lächle mich selbst im Spiegel an. Heute wird ein guter Tag. Wird auch wirklich einmal Zeit für gute Tage. Zuhause stelle ich die Rosen ans Fenster neben dem Esstisch. Die Karte liegt am Tisch und ich sitze daneben. Zum Schlafen bin ich viel zu aufgedreht und gar nicht müde. Ich sehe abwechselnd auf die Rosen, dann auf die Karte, und auf mein Handy. Soll ich anrufen? Jetzt schon? Sieht aus, als ob ich es nötig hätte. Besser noch warten? Ich will nicht den Eindruck erwecken ihm nachzulaufen, er soll ruhig zappeln. Was soll ich überhaupt sagen? Ich warte auf Lizzy, sie weiß immer was zu tun ist. Oder soll ich doch nicht anrufen, bringt vermutlich sowieso nichts? Keine Ahnung. Eigentlich habe ich keine Lust für solche Spielchen die sich am Ende immer als Flop herausstellen. Wer schickt denn heutzutage noch Rosen an eine Unbekannte? Das gibt es doch nur im Film. Ich habe mir abgewöhnt mich euphorisch in irgendwelche amourösen Abenteuer zu stürzen. Zu Lizzys Leidwesen die mich immer gern verkuppeln will. Lizzy und ich führen sozusagen eine Mädels WG und teilen uns eine Wohnung. Zumindest noch zurzeit. Sie ist verlobt und wird im nächsten Jahr heiraten. Die beiden haben auch schon fast den Kauf eines wunderschönen Hauses etwas außerhalb der Stadt abgeschlossen, sofern alle Formalitäten klar gehen, werde ich bald allein in der Wohnung sein. Ich kann mir das zwar noch nicht vorstellen, aber ich werde mich daran gewöhnen müssen. Lizzy und ich sind seit Kindertagen beste Freundinnen. Unsere Familien sind seit jeher eng verbunden, und es fühlt sich an, als ob wir Schwestern wären, vor allem weil ich ein Einzelkind bin. Wir haben so viel gemeinsam erlebt, sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Genau wie ihr Bruder Matthew, der seit ich denken kann von allen Matt genannt wird. Er ist aber die meiste Zeit rund um die Welt unterwegs, wir sehen uns zu meinem Leidwesen leider viel zu selten. Normalerweise bin ich nach dem Nachdienst immer k.o., aber heute wusle ich schon den ganzen Vormittag durch die Wohnung. Es ist jetzt 14.45 Uhr. Lizzy kommt gegen 19.00 Uhr. Ich beschließe mich sportlich abzulenken und fahre zum Schwimmen ins Sportbad. Ich gehe schon seitdem ich fünf bin zum Schwimmtraining. Als Kind habe ich richtig professionell im Verein trainiert und war auch gut vorn dabei, aber mit den Jahren verschieben sich die Prioritäten im Leben, wenn auch nicht immer freiwillig. Jetzt mache ich es aus Spaß und speziell heute um den Kopf frei zu bekommen.

Es ist Abend geworden. Ich rühre in der Spaghetti Soße. Kochen ist immer eine gute Ablenkung, denn das Schwimmen hat mich auch nicht weiter gebracht. Ich wundere mich über mich selbst warum mir die Sache nicht aus dem Kopf geht, es waren doch nur wenige Augenblicke, in denen ich mit ihm zu tun hatte. Aus dem Augenwinkel schiele ich wieder auf den Rosenstrauß, der sich im Fenster spiegelt. Ist es nun besonders romantisch einen solchen Strauß zu bekommen, oder eher aufdringlich und altmodisch? Auf jeden Fall sind es die schönsten Rosen, die ich je bekommen habe. Jetzt denke ich schon den ganzen Tag über etwas nach, was ich schon längst hätte erledigen können. Ich könnte die Karte auch einfach wegwerfen und alles vergessen. Ich könnte aber auch… da höre ich die Tür zufallen. Gut das sie endlich da ist, sie weiß immer Rat.

„Hey Luisa, ich habe einen riesen Hunger!“ Lizzy plumpst sichtlich erschöpft auf den Küchenstuhl und grinst mich an, nachdem sie die Blumen auf der Fensterbank bewundert hat.

„Ich will jetzt genau wissen von wem die Blumen sind!“ Sie mustert die Karte. „Schöne Handschrift für einen Mann, also Arzt ist er sicher nicht!“, analysiert sie jeden Satz. „Hast du angerufen?“

„Nein. Ich weiß nicht…ich hab auf dich gewartet.“

„Erzählst du mir jetzt bitte einmal wie du zu Max und seinen Rosen kommst? Ich platze fast vor Neugier!“

Ich seufze. „Natürlich, vorher gibst du ja doch keine Ruhe.“

Spaghetti schlürfend lauscht Lizzy meinem Erlebnis und ist sichtlich amüsiert über meine Begegnung.

„Na bitte, das hast du alles mir zu verdanken, sonst wärst du gestern nie in das Geschäft gegangen.“ Sie schiebt mir das Telefon vor die Nase. „Du rufst jetzt an.“

„Lizzy, ich weiß nicht, ob das wirklich einen Sinn macht…der Mann kauft drei gleiche Parfums, was würdest du dir denn dabei denken? Am Ende ist alles eine Enttäuschung…und wer bitteschön spricht Frauen in einem Kaufhaus an?“

„Ach Luisa…er wird schon kein Frauenmörder sein…“ Sie stößt einen kurzen amüsierten Lacher aus, wird dann aber gleich wieder ernst. „Er hat dir die Rosen geschickt, folglich musst du einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, und wenn er ein Arsch ist, dann weißt du es zumindest nachher.“

Direkte Worte von Lizzy, wie immer. Genau das sind die Weisheiten einer Freundin, solche Ratschläge kann einem sonst keiner geben, aber Scherz beiseite, es stimmt, wenn ich nicht anrufe, werde ich ewig darüber nachdenken.

„Er ist bestimmt Mitte vierzig und sicher verheiratet, alles was er will ist ein bisschen Spaß, und dafür bin ich nicht die Richtige.“

„Warum denn nicht? Meinst du ein bisschen Spaß würde dir schaden? Woher willst du denn das alles wissen und außerdem, du musst ihn ja nicht gleich heiraten“, belehrt sie mich.

Meine Argumente gegen ein Treffen interessieren sie absolut nicht, und so gebe ich irgendwann doch nach.

„Na gut, na gut, sonst hörst du wohl nie auf, ich ruf jetzt an.“

Ich nehme allen Mut zusammen und räuspere mich, bevor ich nervös die Nummer wähle und warte bis es auf der anderen Seite läutet. Zweimal, Dreimal, Viermal. Super, er geht gar nicht ran. Ich wusste es. Zeitverschwendung. Was mache ich eigentlich? Die Sache ist doch zu aufgelegt, alles ein Flop. Wahrscheinlich doch verheiratet und sitzt um diese Zeit beim Abendessen mit der Familie und mustert die Schularbeiten der Kinder, oder doch Arsch, oder beides. Es läutet immer noch, in meinem Kopf spielen sich wirre Geschichten ab und ich fange an mich über mich selbst zu ärgern. Was denke ich mir eigentlich, das ist doch lächerlich. Kurz bevor ich auflegen will höre ich: „Max Deveraux.“

Ich zucke kurz zusammen, ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass er noch abnimmt. Seine Stimme klingt ganz ernst. Mein Herz klopft, mit einem Mal fühle ich mich unglaublich angespannt.

„Hallo…Hier spricht Luisa. Luisa Miller“, stammle ich.

Mist, ich weiß immer noch nicht, was ich sagen soll, aber viel Zeit darüber nachzudenken habe ich jetzt nicht.

„Hallo Luisa, ich habe gar nicht mehr damit gerechnet das Sie mich noch anrufen. Ich bin gerade in einem Meeting.“

Jetzt klingt er wieder ganz freundlich, ich würde fast meinen er freut sich wirklich meine Stimme zu hören.

„Ich wollte Sie auch gar nicht stören…“, entschuldige ich mich immer noch stammelnd und nicht wissend was ich sagen soll.

„Nein, nein, das macht nichts. Ich freue mich sehr, dass Sie anrufen. Ich kann nur momentan schlecht sprechen. Wenn Sie Zeit haben würde ich Sie gerne morgen auf einen Kaffee treffen?“

Innerlich springe ich vor Aufregung, obwohl ich der Meinung bin, die Sache nimmt ein unerwartetes Tempo an. Ich kenne den Mann doch gar nicht, mehr als seinen Namen und dass er einen Chauffeur hat, weiß ich nicht von ihm, und dass er Parfum für seine Freundinnen kauft.

„Luisa? Sind Sie noch dran?“

„Ja… Ja natürlich, ich bin dran.“

Auch wenn ich es noch so sehr wollte, ich würde es nicht übers Herz bringen ihm einen Korb zu geben, daher nehme ich die Einladung an, er wird also hoffentlich kein Frauenmörder sein. Wir vereinbaren ein Treffen in einem kleinen französischen Café das er zwar nicht kennt, ich aber war schon öfter dort, und es ist gleich neben der U-Bahn Station, ich kann also im Notfall schnell flüchten.

„Ich freue mich auf morgen“, sage ich noch und bin von meinen Worten selbst überrascht. Ich höre ein „Ich mich auch“, bevor ich auflege.

Meine Wangen glühen und mein Herz klopft wie verrückt, und das alles wegen eines Telefonates und einer Verabredung.

„Da hat wohl jemand ein Date…“, neckt mich Lizzy grinsend, die meine Aufregung natürlich gleich bemerkt.

„Kein Date, nur Kaffee trinken.“

Ich bessere sie mit hochgezogenen Augenbrauen aus.

„Ja, Ja…nenn es wie du willst.“ Sie verdreht belustigt die Augen.

Ich sage dazu gar nichts mehr, ich werde morgen mit ihm einen Kaffee trinken, das wird es dann vermutlich auch gewesen sein. Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück und lächle den Rosenstrauß betrachtend. Was für ein Tag…Ich atme tief durch. Ich nehme mir trotz allem vor die Angelegenheit sachlich anzugehen. Keine voreiligen Entschlüsse, ich habe keine Lust auf Enttäuschungen.

Kapitel 2

„Guten Morgen Süße, gut geschlafen?“

Lizzy hopst mir mit bester Laune entgegen. Ich schleppe mich unmotiviert und verschlafen in die Küche. Der Frühstückstisch ist schon gedeckt und Andy, Lizzys Verlobter, packt gerade frische Croissants aus einer Papiertüte. Der Duft des frischen Gebäcks umschmeichelt meine Nase. Durch das Küchenfenster strahlt angenehm die Sonne, die sich heute durch den New Yorker Nebel gekämpft hat auf meine Rosen.

„Guten Morgen, Andy, ich dachte, du kommst erst morgen von deiner Geschäftsreise zurück?“

Er arbeitet für eine große Telekommunikationsfirma, die gerade eine riesige Fusion anstrebt und ist deshalb viel unterwegs. Er sieht mich müde an und schnauft kurz durch.

„Ja die Verhandlungen gestalten sich doch schwieriger als gedacht, wir mussten den Termin leider erfolglos abrechen, aber dafür bin ich schon einen Tag früher wieder zurück.“

Heute ist Freitag, ich habe meinen letzten Nachdienst für diese Woche, am Wochenende hab ich zum Glück frei. Ich muss an meine Verabredung denken, mein leerer Magen zieht sich zusammen, die Angelegenheit macht mich weiterhin unglaublich nervös.

„Dein Tee ist fertig, und es gibt deine Lieblingscroissants!“

Lizzy schiebt mich zu meinem Stuhl.

„Wir haben heute noch viel vor bis zum Nachmittag, schließlich hat Luisa heute ein Date!“ Lizzy grinst Andy an, der verwundert seine Lippen kräuselt. Richtig zu interessieren scheint ihn das aber nicht, er liest weiter in seiner Zeitung.

Ich verdrehe meine Augen und seufze. „Ich gehe auf keinen Ball Lizzy, ich gehe nur Kaffee trinken.“

„Trotzdem. Ich hab heute gegoogelt.“

„Was hast du gegoogelt?“, frage ich an meinem Tee nippend nach.

„Max Deveraux. Na da hast du ja einen dicken Fisch an Land gezogen!“

Sie steht auf und holt ihr Tablet an den Frühstückstisch.

„Ich habe gar nichts an Land gezogen.“

Ich bin mir nicht sicher, ob ich wissen will was sie gefunden hat. Sie hat einen Artikel in einem Wirtschaftsblatt herausgesucht. Unter dem Titel „Die TOP 100 Aufsteiger des Jahres“ ist ein Portrait von Max, daneben noch ein anderer Mann, beide sehr bussinesslike.

Lizzy liest mit sichtlicher Bewunderung vor:

„Max Deveraux, 45 Jahre und Richard Menson, 46 Jahre, führen ihr Unternehmen seit zehn Jahren sehr erfolgreich und konnten auch in diesem Jahr wieder eine Spitzenplatzierung im Ranking der besten Unternehmen in New York einnehmen. Deveraux und Menson haben sich auf die Verwertung insolventer Großbetriebe spezialisiert und erwirtschaften damit jährlich Millionengewinne.“

Sogar Andy hat sich von seiner Zeitung abgewandt und lauscht aufmerksam. Na toll! Jetzt ist er auch noch Spitzenunternehmer und ich trinke Tee aus meiner Kindertasse mit kleinen Blumen und Herzen drauf.

„Sonst steht nichts da? Familienstand? Kinder? Allergien? Haustiere?“, frage ich spitz.

Jetzt verdreht sie die Augen. „Jetzt hör doch bitte endlich auf so skeptisch zu sein, du erstickst ja jede Romantik im Keim. Wirst du schon noch herausfinden.“

Ich lasse ihre Worte unkommentiert, denn ich finde es nicht besonders toll, wenn ich während ich mich schon verliebt habe herausfinde, dass ich es mit einem verheirateten Mann zu tun habe. Wäre nicht das erste Mal dass mir das passiert. Soviel zur Romantik. Lizzy erklärt mir beim Abräumen des Frühstücksgeschirrs, dass Manager bestimmt sehr aufs Äußere einer Frau wertlegen. Sie schlägt mir etwas schadenfroh ein totales Umstyling vor. Genervt höre ich mir ihre Vorschläge an. Ich soll doch ihr dunkelblaues Kostüm, das sie zu ihrer Approbation getragen hat ausborgen und meine weiße Spitzenbluse dazu anziehen. Am besten noch die schwarzen High Heels dazu, das wäre bestimmt unglaublich chic.

„Lizzy, ich gehe einen Kaffee trinken. Ich ziehe ganz bestimmt dazu kein Kostüm mit High Heels an, ganz egal, ob das gut ankommt oder nicht. Ich werde mich mit Sicherheit für niemanden verkleiden und wenn er der Präsident ist. Wenn ihm nicht gefällt wie ich aussehe, soll er sich eine Rechtsantwaltstussi aufreißen.“

„Ja, ja, da hast du wohl recht. Du bist wie du bist. Außerdem hast du ihn bestimmt schon längst mit deinem süßen Lächeln und deinen strahlend grünen Augen verzaubert.“

So wie ich gestern aussah, kann ich mir das zwar nicht vorstellen, aber zumindest hab ich heute die Chance ihm eine halbwegs passable Frisur zu präsentieren. Ich bin ganz froh darüber, dass Lizzy und Andy den Tag bei Lizzys Eltern verbringen wollen und ich ein paar Stunden für mich allein habe.

„Macht es dir wirklich nichts aus wenn wir jetzt fahren?“, fragt sie mich, während sie Ihren Mantel anzieht.

„Nein, alles ok.“

Ich drücke sie zum Abschied noch kurz und sie flüstert mir noch viel Glück ins Ohr. Sie ist ganz aus dem Häuschen wegen der Sache, obwohl ich mir nicht allzu viele Hoffnungen mache. Trotzdem stehe ich jetzt vor meinem Schrank und überlege was ich anziehen soll. Ich entscheide mich doch für die weiße Spitzenbluse, aber in Kombination mit einer Strickjacke, Jeans und Stiefelletten. Das passt meiner Meinung nach perfekt zum französischen Café. Meine frisch gewaschenen Haare haben sich wieder einmal erfolgreich gegen meine Rundbürste gewehrt, und für das Glätteisen ist jetzt keine Zeit mehr, ich bin sowieso schon spät dran. Nun fallen sie in leichten, weichen Wellen über meine Schultern. Ich stehe vor dem Spiegel meiner Garderobe und begutachte mich noch einmal kritisch, bevor ich meinen schwarzen Mantel überziehe.

„Sei immer du selbst!“, hat meine Mutter immer zu mir gesagt. Ich habe ihre Stimme ganz klar in meinem Ohr, als ich die Tür hinter mir zuziehe. Sie war so eine schöne, kluge Frau, in diesem Moment wäre ich gerne ein kleinwenig mehr wie sie. Das kleine Café liegt ganz unscheinbar in einer Seitengasse an der Ecke eines nostalgisch anmutenden Hauses. Draußen ist es leicht dämmrig geworden und das sanfte Licht aus dem Café scheint einladend auf die Straße hinaus. Ich bleibe kurz stehen. Warum mache ich das eigentlich? Das ist doch alles Irrsinn. Alles ist in wunderbarer Ordnung und gut so wie es ist. Soll ich wegen einem Mann alles durcheinander bringen? Er ist sowieso nichts für mich, und ich nichts für ihn. Jetzt kann ich noch gehen. Ja ich gehe wieder, er wird es schon verkraften, und ich sowieso. Ich drehe mich um und setze zum Rückzug an. Nach drei Schritten bleibe ich aber wieder stehen und blicke auf meine Handschuhe. Ich atme tief durch. Es ist nur ein Kaffee. Nur ein Kaffee Luisa, dreh jetzt nicht gleich durch. Er hat sich Zeit für mich genommen, es wäre unfair ihn jetzt sitzen zu lassen. Er ist ein netter höflicher Mann. Ich gehe wieder zur Tür und steige die drei Stufen hinauf, bevor ich die große Glastür öffne, über der ein Messingschild hängt auf dem in geschwungen Lettern „Café la douceur“ steht. Ich war schon öfters hier. Es ist klein und gemütlich, an den runden dunklen Holztischen stehen Stühle in französischem Bistro Stil mit grün weiß gestreifter Polsterung. Der dunkle Holzboden ist glänzend poliert, wenn man das Café betritt, fällt einem sofort die große Glasvitrine mit einer bestechenden Auswahl an verführerischer Patisseriekunst ins Auge. Es duftet herrlich nach frischem Kaffee, an den Wänden hängt zeitgenössische Kunst, die sich perfekt in das Flair der Umgebung einfügt. Es ist ein bisschen altmodisch, die Möbel sind leicht abgenutzt, aber es hat Stil. Die Kellnerinnen tragen weiße Spitzensschürzen, auf denen „La douceur“ aufgestickt ist. Man kann sich leicht einen Überblick über die Gäste verschaffen, und so sehe ich auch gleich Max der ganz rechts hinten an einem Ecktisch Platz genommen hat und gerade telefoniert. Als er mich erblickt bricht er sein Telefonat ab, steht auf und kommt mir ein paar Schritte entgegen. Irgendwie passt er gar nicht in das Ambiente des Cafés. So straight und beschäftigt zwischen den Schülern und Studenten die in ihre Bücher schauen, oder sich auf einen abendlichen Plausch getroffen haben. Ich muss mich zusammenreißen, um ihn nicht offensichtlich zu mustern. Anzug, weißes Hemd, grau-weiße Krawatte, die schwarzen Schuhe glänzen frisch poliert, er ist wirklich eine Erscheinung. Ich kenne keinen Mann der so ein perfektes Äußeres hat, außer vielleicht Matt, Lizzys Bruder. Er ist Rechtsanwalt, und im Anzug macht er auch eine sehr gute Figur, trotzdem kein Vergleich. Mr. Deveraux ist wirklich ein schöner Mann, und das stelle ich nicht oft fest.

„Schön, dass Sie gekommen sind Luisa“, begrüßt er mich mit einem strahlenden Lächeln und nimmt mir meinen Mantel ab.

Ich habe kaum Luft zum Atmen, als ich ihn auch begrüße und wir an dem kleinen runden Tisch Platz nehmen.

Es dauert nicht lange, und schon kommt eine rothaarige Kellnerin zu unserem Tisch. Sie erinnert mich irgendwie an Pippi Langstrumpf, nur ohne Zöpfe.

„Was darf ich Ihnen bringen?“, fragt sie mit französischem Accent und knabbert ungeduldig an ihrem Stift. Max schaut mich in Erwartung meiner Bestellung an.

„Café au lait bitte.“

„Für mich bitte einen Espresso. Kuchen?“

Ich blicke zur Kuchenvitrine, obwohl ich immer den Zitronenkuchen nehme. Ob es schicklich ist Kuchen zu essen?

„Der Zitronenkuchen soll hier besonders gut sein“, meint er, als ob er meine Gedanken lesen könnte.

„Es ist der beste der Stadt“, erwidere ich mit einem Lächeln.

„Dann nehmen wir bitte zwei Stück.“

„Natürlich gerne Monsieur.“

Die Kellnerin wieselt davon. Da ich nicht weiß, was ich sagen soll, bedanke ich mich erst einmal für die Blumen.

„Danke für die schönen Rosen, sie sind traumhaft. Ich war sehr überrascht, habe ich Ihnen überhaupt erzählt wo ich arbeite?“

„Nein, aber es war nicht so schwer das ausfindig zu machen, ich konnte Sie ganz leicht mit Ihrem Namen auf der Homepage des Krankenhauses finden.“

Als die Kellnerin mit dem Tablett ankommt, lehnt Max sich ganz entspannt am Sessel zurück.

„Ich habe Sie gestern einfach so stehen lassen, das ist eigentlich nicht meine Art.“

Er blitzt mich an, ich muss auf seine schönen Hände schauen. Ich hoffe keinen Ehering zu entdecken und nein, da ist keiner. Er ist unglaublich höflich und zuvorkommend.

„Sie sind also Hebamme, ein sehr schöner Beruf.“

„Ja, ich liebe meine Arbeit. Es ist vor allem ein wunderschönes Gefühl einem so zerbrechlichen Geschöpf den Weg ins Leben zu bereiten. Babys sind so unglaublich stark und trotzdem zerbrechlich. Eine werdende Mutter und auch der Vater sind bei einer Geburt in einem Ausnahmezustand, den sie im normalen Leben nie wieder so erleben werden. Das ist die Herausforderung in meinem Beruf, und ich liebe es. Haben Sie Kinder?“

Die Frage sprudelt ungewollt aus mir heraus, ich glaube ich bin ein bisschen rot geworden und habe ein wenig Angst vor der Antwort. Er schlägt ein Bein über das andere, es scheint als hätte ihn meine Frage etwas überrascht.

„Nein, ich habe keine Kinder, aber so wie sie das beschreiben, wäre es vermutlich schön welche zu haben.“

Irgendwie klingt das fast ein bisschen traurig, aber trotzdem bin ich erleichtert über die Antwort. Kein Ehering, keine Kinder, wobei den Ring kann man ja abnehmen. Wir unterhalten uns noch lange über alles Mögliche, die Zeit vergeht so schnell, ich vergesse fast, dass ich noch zur Arbeit muss.

„Es tut mir leid Max, ich würde gerne noch mit Ihnen plaudern, aber ich habe auch heute wieder Nachtdienst, und wenn ich nicht zu spät kommen will muss ich jetzt los.“

„Ja natürlich, die Zeit ist ja wie im Flug vergangen.“

Er winkt die Kellnerin her und bezahlt, während ich meinen Mantel vom Kleiderständer nehme. Als ich hinein schlüpfen will, nimmt er ihn mir ab und hilft mir hinein.

„Haben Sie Kinder?“, fragt er mich fast beiläufig, während ich in meinen Mantel schlüpfe.

„Nein ich habe keine Kinder, das liegt vermutlich auch daran, dass mir der Mann dazu fehlt.“

Ich drehe mich zu ihm um und kann in seinem Blick erkennen, dass ihm meine Reaktion etwas überrascht. Ich befürchte mein Ton war unangemessen schroff.

„Bitte verzeihen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, aber zumindest weiß ich jetzt, dass die Männerkosmetik nicht für Ihren Freund ist, was mich ehrlich gesagt doch freut.“

Ich erwidere seinen Blick und lächle ihn an, während ich mir denke wie unnötig das jetzt war.

„Nein zumindest nicht für so einen „Freund“, außerdem würde ich mich dann nicht mit Ihnen hier treffen. Ich wollte nicht so forsch sein, Entschuldigung.“

Er lächelt zurück, ich versuche die Situation möglichst galant zu überspielen.

„Sie sind kein Amerikaner, oder? Dafür sind Sie viel zu höflich“, frage ich ihn.

Er schaut mich verwundert an und erklärt mir, dass er Ire ist, aber seit über zehn Jahren in New York lebt. Wir verlassen das Café, irgendwie hab ich kein gutes Gefühl, vielleicht bin ich doch zu viel ich selbst. Draußen ist es kühl geworden, Er zieht seine schwarzen Lederhandschuhe über.

„Soll ich Sie noch zum Krankenhaus bringen? Mein Fahrer steht eine Straße weiter.“

„Danke, das ist wirklich nett, aber ich nehme die U-Bahn.“

Ich schlage die Gelegenheit zum Mitfahren ein weiteres Mal aus.

Er streicht fast beiläufig über meinen Arm.

„Es wäre schön Sie wieder zu treffen, Luisa.“

Auch wenn mein Verstand versucht es abzuwehren, mein Herz hüpft mit den Schmetterlingen in meinem Bauch um die Wette. Ich gebe mir Mühe mir meine Begeisterung nicht anmerken zu lassen. Ich nicke wortlos und ich glaube ein verlegenes Lächeln huscht mir über die Lippen. Bevor ich antworten kann, klingelt sein Telefon und ruiniert die Situation. Er nimmt meine Hand zum Abschied und verspricht mir mich anzurufen. Ich drehe mich um und gehe los Richtung U-Bahn. Als ich mich umdrehe, treffen sich unsere Blicke, während er mir noch einmal zuwinkt verschwindet er auch schon hinter dem nächsten Haus.

Kurz vor sieben Uhr schaffe ich es gerade noch pünktlich ins Krankenhaus. Auf dem Weg zum Aufzug kommt mir ein bekanntes Gesicht aus der Ferne entgegen. Mein Vater. Dr. Frank Miller. Er ist Chefarzt der Chirurgie im Krankenhaus, und scheinbar auf dem Weg nach Hause.

„Hi Dad, ich bin spät dran.“

„Ja das sehe ich, wo kommst du den her, du bist heute so chic?“

„Nicht anders als sonst, Dad.“

Ihm entgeht auch nichts, aber er fragt nicht weiter nach. Er küsst mich auf die Wange und erinnert mich an unser wöchentliches Mittagessen am Sonntag. Wie könnte ich es vergessen. Ich winke ihm noch flüchtig hinterher und steige in den Lift. Mein Vater, der einflussreiche Herr Doktor. Er hat wirklich schon vieles bewegt in diesem Krankenhaus, er ist ein toller Arzt und macht seinen Job außerordentlich. Ich konnte seine Erwartungen in mich leider nicht erfüllen. Er hätte mich immer gerne als Spitzenchirurgin und seine Nachfolgerin gesehen, aber mein Traum war das nie, ich habe ihm diese Illusion schon sehr lange genommen. Ich wollte schon als kleines Mädchen in die Fußstapfen meiner Mutter als Hebamme treten. Ich fand es immer spannend ein neues Leben auf die Reise ins Leben zu begleiten. Ärzte waren mir immer zu selbstverliebt in ihren Beruf, Götter in Weiß eben. Ich steige aus dem Lift, nein heute schwebe ich aus dem Lift, ich muss für mich selbst grinsen. Zeit, um alles für die heutige Nacht zu checken habe ich nicht, denn mir läuft bereits Dr. Cooper entgegen.

„Notsectio Luisa, wir brauchen Sie dringend, wo bleiben Sie denn?“

Der Alltag ruft mich zurück in meinen Beruf und ich habe gerade noch Zeit mich umzuziehen und mich OP fertig zu machen. Alles geht ganz schnell. Eine junge Mutter mit einem Notkaiserschnitt, 30. Schwangerschaftswoche. Dr. Cooper führt den Kaiserschnitt wie immer routiniert durch, ich kann schon das Köpfen des Winzlings sehen. Es ist ein kleines Mädchen. Er legt sie mir vorsichtig auf das vorbereitete Tuch.

Ich schaue das Baby durch die Scheibe des Inkubators an. Es sieht so winzig aus, aber ganz friedlich, als es an der Tür klopft. Ich winke den frisch gebackenen Vater herein.

„Hallo Mr. Mayr, kommen Sie, ihrer Tochter geht es gut.“

Er traut sich erst gar nicht richtig sein Baby anzuschauen. Ich erkläre ihm alles, schlussendlich kann ich ihn doch noch dazu bewegen seine Tochter zu bestaunen. Es ist mittlerweile Mitternacht geworden, als ich das erste Mal auf die Uhr schaue. Inzwischen ist auch noch eine andere Geburt auf die Station gekommen. Die werdende Mutter hatte einen Blasensprung und klagt bereits über Wehen in kurzen Abständen. Heute hab ich keine Zeit um durchzuschnaufen. Um 05.21 Uhr halte ich den kleinen, kerngesunden Lewis in Händen.

Die junge Frühchen Mutter von vorhin hat sich vom Notkaiserschnitt bereits gut erholt, als ich sie kurz vor meinem Dienstende noch auf der Station besuche. Als ich im Schwesternzimmer einen Schluck Kaffee nehme schaue ich das erste Mal seit gestern Abend auf mein Handy. Ich habe ein paar neue Nachrichten erhalten.

18.47 Uhr Lizzy: Und wie war es? Kannst du dich vielleicht bitte mal melden? Ich sterbe vor Neugier?

19.21 Uhr Matt: Hi Luisa, bin am Wochenende in NY. Morgen Mittag Pizza und Cocktails mit Lizzy und Andy? Freue mich. Kuss Matt

20.21 Uhr Max: Danke für den Abend im Café. Ich hoffe Sie bald wieder zu treffen. Max.

Klingt ziemlich verhalten, aber es gibt noch eine weitere Nachricht.

23.54 Uhr Max: Liebe Luisa, ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich denke den ganzen Abend an Sie, ich muss Sie unbedingt wieder treffen. Es ist eigentlich nicht meine Art SMS zu schreiben, aber ich kann nicht schlafen, ohne dass Sie wissen wie sehr ich an Sie denke. Gute Nacht, Max.

Er denkt an mich, er denkt an mich…es juckt mich in den Fingern, ich will sofort zurück schreiben, aber ich tue es nicht, er soll sich nur ein bisschen anstrengen um meine Gunst zu gewinnen. Ich bin froh als der Nachdienst zu Ende ist und verlasse das Krankenhaus. Zwei Tage frei. Endlich. Während ich zur U-Bahn spaziere überlege ich, ob ich nicht doch auf die SMS antworten soll, aber ich bleibe hart zu mir. Zu Hause angekommen falle ich erschöpft in mein Bett, ein paar Stunden schlafen, ich bin todmüde. Heiteres Gelächter aus der Küche weckt mich. Ich öffne noch etwas schlaftrunken meine Augen, es ist früher Nachmittag. In der Küche sitzen Lizzy, Andy und Matt. In dem Trubel habe ich ganz vergessen, dass er heute kommt. Er springt freudig auf als er mich sieht und drückt mich zur Begrüßung, was ich abgeschlagen erwidere.

„Hey Luisa, ich dachte schon, du stehst heute gar nicht mehr auf! Freust du dich denn gar nicht mich zu sehen?“

Er schüttelt mich ein bisschen, fast als wolle er den restlichen Schlaf aus mir herausrütteln. Dann knuddelt er mich abermals, ich komme mir vor wie eine Gummipuppe.

„Doch natürlich freue ich mich, aber ich bin noch total k.o.“ Ich gebe ihm einen kleinen Schubs. „Du lässt dich doch nie hier blicken.“

Bevor wir unser Geplänkel fortführen können, schiebt mich Lizzy aus der Küche.

„WIE IST ER? WIE WAR ES?“

Ich strecke mich erst einmal durch, es ist lustig wie sie vor mir her zappelt vor Neugier.

„Bekomme ich nicht vorher wenigstens einen Kaffee?“, spanne ich sie weiter auf die Folter.

„Du bekommst schon noch deinen Kaffee, außerdem warum willst du jetzt Kaffee? Du trinkst doch nie Kaffee um diese Zeit? Also komm schon, raus mit der Sprache.“

Sie gibt mir einen kleinen Rempler, um endlich etwas aus mir heraus zu bekommen.

„Tja wie soll ich sagen, ich möchte jetzt einfach gerne einen Kaffee.“

„Willst du mich verarschen?“ Sie verdreht vorwurfsvoll die Augen und macht einen Schmollmund.

Ich gebe ihr einen kleinen Schubs.

„Er ist sehr nett und unglaublich höflich, ich möchte nur keine voreiligen Schlüsse ziehen.“

„Ach Luisa…Und wie geht es jetzt weiter? Triffst du ihn wieder?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Ich weiß es noch nicht, aber ich denke, es wäre schön.“

Dieser Satz reicht aus, um sie wieder zum Lächeln zu bringen. Nach meinem Kaffee werfe ich einen Blick auf mein Handy. Drei Anrufe in Abwesenheit von Max, er scheint sich wirklich für mich zu interessieren, ich verspüre ein ungewohnt aufgeregtes Gefühl im Bauch. Ich beschließe mich zuerst zu duschen und anzuziehen, bevor ich zurück rufe. Ich binde gerade meine Haare zusammen, als ich mein Handy summen höre. Noch einmal Max, ich grinse für mich selbst und hebe ab.

„Hi.“

Meine Freude über seinen Anruf hallt in meiner Stimme wieder.

„Hallo Luisa.“ Kurze Stille. „Störe ich Sie?“

Er wiederum klingt sehr angespannt, fast genervt würde ich sagen.

„Nein, natürlich stören Sie mich nicht“, antworte ich verwundert.

„Gut.“ Wieder ein kurzes Schweigen. „Also ich würde Sie heute gerne zur Eröffnung der Ausstellung einer guten Bekannten einladen, natürlich nur, wenn Sie Zeit und Lust haben.“

Irgendwie klingt er sehr kurz angebunden, gestern war er ganz anders, aber ich freue mich über seine Einladung, wahrscheinlich ist er im Stress.

„Ja sehr gerne, die Freude ist ganz meinerseits.“

Er würgt mich in meinen Worten fast ab. Ich schüttle für mich selbst verwundert den Kopf.

„Ich komme Sie dann um 19.30 Uhr abholen. Schreiben Sie mir bitte noch eine SMS mit Ihrer Adresse.“

„Ja gerne, mache ich.“

Bevor ich noch etwas sagen kann, verabschiedet er sich auch schon und legt auf. Komisch. Ich tippe gleich die SMS mit meiner Adresse, er antwortet darauf nicht weiter. Jetzt war er wirklich seltsam drauf, aber ich treffe ihn wieder. Ich muss wieder grinsen.

„Lizzy!“, rufe ich lauthals und es dauert nicht lange, bis sie ihren Kopf zur Tür herein streckt.

„Was ist denn los? Brennt es?“

Ich schmunzle und zeige auf mein Handy. „Heute Abend treffe ich ihn wieder.“

„Wusste ich es doch, der lässt jetzt nicht mehr locker, mach jetzt bloß keinen Blödsinn“, ermahnt sie mich. „Die Jungs warten schon, bist du soweit, wir wollen los.“

„Was für einen Blödsinn sollte ich schon machen?“

„Ich kenne dich Luisa…aber jetzt mach, wir wollen los.“

Ja, ich bin schon so weit.“

Kapitel 3

Wir sitzen gemeinsam in einer kleinen Pizzeria, ich lausche amüsiert den Geschichten von Matt. Als Jurist bei einer großen Fluggesellschaft erlebt er wirklich immer Spannendes bei seinen Reisen quer durch Amerika. Ich hätte mir früher nie gedacht, dass er einmal einen so seriösen Beruf ergreifen wird. Er war immer der coole, durchtrainierte und braungebrannte Sunnyboy. Immer von hübschen Mädchen umgeben, und die hat er reihenweise gekillt. Obwohl, das hat sich nicht wirklich geändert, zumindest was die Frauen betrifft. Ich frage mich, ob er jemals die Richtige für sich finden wird. Nach seinem Studium hat er sehr viel Zeit damit verbracht das Surferimage aufrecht zu halten, immer auf der Suche nach der perfekten Welle. Das war auch der Grund, warum er sein Anwaltspraktikum in Florida verbracht hat. Tagsüber Anzug, Badehose nach der Arbeit. Irgendwie ist er immer noch der coole Sunnyboy, jetzt eben im Anzug mit seinen schönen hellbrauen Locken lässig zurück gegelt. Seine Haut ist immer leicht gebräunt, mit einem smarten Lächeln auf den Lippen. Er ist eben Matt, auch wenn er mit den Jahren zumindest ein wenig reifer geworden ist. Ich nasche an meiner Pizza, obwohl ich gar keinen Hunger habe. Plötzlich fällt mir ein, auf einer Vernissage werden alle bestimmt im Abendkleid sein, oder im Cocktailkleid? Keine Ahnung, ich habe beides nicht. Ich möchte Max auf keinen Fall blamieren…Ich möchte mich nicht blamieren…Shit. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und tippe eine SMS an ihn.

Hi Max, ich bin mir nicht sicher welcher Dresscode für den heutigen Abend der Richtige ist? Luisa.

Diesmal dauert es nicht lange und er antwortet mir.

Max: Luisa, Sie sehen in ALLEM gut aus, machen Sie sich keine Sorgen, ich bin mir sicher, Sie finden das Richtige. Kein Dresscode. Bis später. Max.

Das hilft mir jetzt sehr weiter, denke ich mir. Ich schubse Lizzy, die gerade genüsslich an einer Olive knabbert.

„Ich habe nichts anzuziehen, für die Ausstellung heute Abend…“

Lizzy denkt kurz nach, diese Sprechpause nutzt Matt sofort um nachzufragen.

„Welche Ausstellung?“

Ich komme erst gar nicht dazu eine Antwort zu geben, das übernimmt Andy für mich.

„Mr. Deveraux…sehr erfolgreicher Typ und scharf auf unsere Luisa.“

Er zwinkert Matt zu.

„Ah…das klingt ja hochinteressant“, dann nimmt er einen Schluck von seinem Bier. „Du wirst dich doch neuerdings nicht von einem Mann verbiegen lassen?“

„So das reicht jetzt“, mischt sich Lizzy wieder ein. „Hier lässt sich niemand verbiegen, aber Luisa und ich gehen jetzt shoppen, wir sehen uns dann zu Hause.“

„Sie schiebt ihren Teller zur Seite und zwinkert mir zu.

„ Shopping Time.“

„Sehen wir uns später noch?“, frage ich Matt und gebe ihm noch einen Kuss auf die Wange zum Abschied.

„Das will ich hoffen, bis dann.“

Wir schlendern zum Kaufhaus an der nächsten Ecke und fahren mit der Rolltreppe in den dritten Stock. Bevor wir uns umsehen können, stöckelt uns schon eine hübsche Verkäuferin entgegen. Nachdem ich ihr kurz den Anlass meines kurzfristigen Shoppingvorhabens schildere, schreitet sie auch schon zur Tat.

„Am besten Sie nehmen etwas Schlichtes, damit können Sie nie falsch liegen.“

Sie zeigt mir einige kurze schwarze Kleider und eines in einem Aubergineton, ganz dunkelviolett, fast schwarz. Alle sehen zumindest am Bügel toll aus.

Gut, dann probiere ich die einmal.“

„Sie braucht auch passende Schuhe, ergänzt Lizzy, am besten recht hoch…“

Mein Augenrollen ignoriert sie und schiebt mich in die Kabine.

„Du brauchst Schuhe, hohe Schuhe. Punkt.“

Als ob ich ständig in Schlappen unterwegs wäre, sie übertreibt wieder einmal hoffnungslos. Ich probiere die Kleider, zwei davon passen mir erstaunlicherweise wirklich richtig gut. Eines davon ist kurz, sehr figurbetont und schwarz aus einem glatten edel glänzenden Stoff, das mir entgegen meiner Erwartung wirklich sehr gut steht. Ich kann mich gar nicht erinnern dass meine Figur so gut in einem Kleid aussieht. Ich muss mich selbst bestaunen. Das auberginefarbene ist aus einem samtigen Stoff und reicht mir bis knapp übers Knie. Es hat kurze Ärmel, die gerade meine Schultern bedecken, und einen aufregenden, aber nicht zu verführerischen Ausschnitt. Es sieht sehr elegant aus. Lizzy überredet mich beide zu kaufen, man weiß ja nie, wofür man die Kleider brauchen kann. Dazu schwarze spitze High Heels mit einem Bleistiftabsatz von mindestens 10 cm. Ich komme mir zwar vor wie ein Storch, der Storch der die Babys bringt, wie passend, aber sie sehen wirklich richtig gut aus. Ich würde sogar sagen sexy. An der Kasse trifft mich zwar fast der Schlag, aber zumindest bin ich jetzt beruhigt und freue mich auf heute Abend.

„Jetzt müssen wir uns nur noch etwas mit deinen Haaren überlegen.“

Lizzy scheint voll in ihrem Element und erklärt mir, wie es zu Hause mit dem Beauty Programm weiter geht. Nach einer Rundumerneuerung von Kopf bis Fuß, sitze ich mit frisch lackierten, dunkellila Fingernägeln, passend zur Farbe des Kleides, im Bademantel auf meinem Bett, inzwischen Lizzy meine Haare bearbeitet. Meine schulterlagen Haare bekommen sanfte Wellen. Ich muss sagen, wenn ich mich so im Spiegel betrachte, macht sie das wirklich gut. Kurz vor 19.15 Uhr schlüpfe ich in das auberginefarbene Kleid und in meine Schuhe. Musternd betrachtet Lizzy ihr Gesamtkunstwerk.

„Du sieht einfach unglaublich aus Luisa, also wäre ich ein Mann, wir würden nie bei der Vernissage ankommen!“

Ich schüttle wortlos mit einem Grinsen den Kopf, aber ja, es stimmt, ich sehe ziemlich gut aus. Schon lange habe ich mich nicht mehr so herausgeputzt.

Ich ziehe gerade meinen Mantel über und zupfe meine Strümpfe noch einmal zurecht, als Matt aus der Küche lugt.

„Wow Luisa…“ Er kommt zu mir den Flur. „Schön siehst du aus…“

Er überlegt kurz, während er mich von oben bis unten mustert.

„Nein… Scheiße du siehst heiß aus, ich weiß nicht ob ich dich so gehen lassen kann…“

„Ach Matt, ich wüsste nicht, seit wann du das entscheiden könntest. Hab ich da etwas verpasst? Mach dir keine Sorgen um mich, du kennst mich ja…“

Er nickt und lächelt mich mit seinen strahlend weißen Zähen an. „Schönen Abend.“

Als er wieder in der Küche verschwindet, klingelt es auch schon an der Türe. Ich drücke auf die Gegensprechanlage.

„Miss Miller, der Wagen wäre da.“

Der Wagen wäre da? Ok, na gut. Ich bin verwundert, so wurde ich auch noch nie abgeholt, aber ich wurde auch noch nie von einem Mann mit Chauffeur abgeholt, daran muss ich mich erst gewöhnen.

„Ich bin gleich unten“, antworte ich.

„Ich wünsche dir einen schönen Abend Luisa, du siehst wunderschön aus, tu nichts was ich nicht auch machen würde“, ruft mir Lizzy noch nach, als ich im Stiegenhaus verschwinde. Draußen steht bereits die Limousine, die ich schon kenne. Ein schwarzer Mercedes mit getönten Scheiben. Davor ein älterer Mann im dunkelgrauen Anzug mit schwarzen Lederhandschuhen.

„Guten Abend Miss Miller.“

Er lächelt mich höflich an, bevor er mir die hintere Fahrzeugtür öffnet, wo ich Max auf der der anderen Seite sitzen sehe. Er hätte höflicherweise auch aussteigen können, denke ich mir und steige ein. Max gibt dem Fahrer ein Zeichen.

„Toni geben Sie uns zwei Minuten bitte.“

Der Fahrer schließt mit einem höflichen Nicken die Autotür. Ich komme gar nicht dazu etwas zu sagen, er blickt mich mit ernster Miene an.

„Guten Abend Luisa, bevor wir fahren, muss ich etwas loswerden.“

Sein Ton klingt ernst, sehr ernst. Ich fühle mich verunsichert, irgendetwas stimmt hier so ganz und gar nicht.

„Sie müssen ein paar Dinge über mich wissen. Es ist eigentlich nicht meine Art Frauen in einem Kaufhaus anzusprechen, und auch nicht ihnen Blumen in die Arbeit zu schicken. Ich verbringe keine Verabredungen im Café und ich schreibe keine SMS, und schon gar nicht telefoniere ich einer Frau nach.“

Ich atme einmal kurz tief durch, was soll das und was will er denn von mir? Ich lasse mich zu einer voreiligen Antwort hinreißen.

„Haben Sie aber alles getan, wenn ich mich recht erinnere.“

Er reagiert nicht auf meinen Einwand.

„Luisa, wenn Sie spielen wollen, bin ich nicht der Richtige. Dazu habe ich keine Zeit und auch keine Lust, dafür gibt es bestimmt andere.“

Meine Aufregung schwenkt schnell in Ärger um, was bildet er sich eigentlich ein, ich habe IHN ja weder gebeten mir Blumen noch SMS zu schicken.

„ICH verstehe dieses Spiel hier gerade nicht. SIE haben mich zu diesem Abend eingeladen. Was wollen Sie denn von mir hören? Ich kann auch gerne wieder aussteigen.“

Meine Hand wandert wie von selbst Richtung Türschnalle.

Er greift über mich und nimmt meine Hand von der Türschnalle. Das ist nicht gerade die Art von Date, wie ich sie mir vorstelle. Ich kann mich doch nicht so getäuscht haben? Doch seine Hand auf meiner fühlt sich so gut an, dass diese wie von selbst von der Türschnalle gleitet. Er hat so schöne Hände und lange schlanke Finger, das ist mir schon im Café aufgefallen. Dieser Mann ist wirklich perfekt, nur dass ich gerade nicht weiß warum er so ein Tamtam macht.

„Ich will, dass Sie mich jetzt zur Vernissage begleiten, aber nur wenn Sie es auch wollen.“

Ganz kurz ist es totenstill im Wagen, ich würdige ihn keines Blickes und schaue schmollend aus dem Fenster, mein rechter Zeigefinger klopft unbewusst auf die Verkleidung der Autotür.

„Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Ja, Sie wollen, oder Nein, Sie wollen nicht“, ergänzt er kühl und fährt weiter fort. „Sie sind eine höfliche Person, ich glaube, Sie wissen nicht ganz genau was Sie wollen, aber ich möchte nicht dass sie irgendetwas nur aus Höflichkeit mir gegenüber tun. Sie wollten ja schon vor dem Café lieber wieder umdrehen als hinein gehen, oder täusche ich mich?“

Ja wollte ich, Mist, ich wusste nicht, dass er das mitbekommen hat. Aber es ist wahr, was will ich eigentlich? Seine augenblickliche Autorität gefällt mir nicht, oder doch? Ich weiß es nicht und trotzdem sprudelt mir renitent ein „Ja gut, ich komme mit.“ heraus. Ich sehe ihn nicht an und kaum ausgesprochen ärgere ich mich über dieses knappe ja gut, ich komme mir vor wie ein trotziger Teenager. Wenn diese Vorstellung hier nicht bald eine andere Richtung einschlägt, sehe ich kein Licht mehr für diesen Abend. Er atmet scharf ein, während er seine Beine ausstreckt und sich zurücklehnt, als ob er alle Zeit der Welt hätte, sagt aber kein Wort. Ich weiß genau er wollte das so nicht hören, jetzt komme ich mir richtig belämmert vor. Ich muss hier raus. Oben in der Wohnung sind meine Freunde und die schätzen meine Gesellschaft, und zwar so wie ich bin. Ich greife erneut zur Tür, aber jetzt öffne ich sie auch und habe bereits einen Fuß draußen auf der Straße.

„Ich glaube, das wird nichts mehr, ich will auch Ihre kostbare Zeit nicht in Anspruch nehmen“, murmle ich, als er mich am Arm etwas weniger sanft, als ich erwarten würde zurück hält.

„Mach die Tür wieder zu.“

Ich kann mich nicht erinnern, wann wir zum DU gekommen sind, ich drehe mich wenig beeindruckt zu ihm, zu meiner Verwunderung schmunzelt er.

„Mach die Tür bitte wieder zu, wir sind noch nicht fertig, ich warte auf eine Antwort.“

Seine Stirn legt sich in Erwartung meiner Reaktion in leichte Falten, seine Hand, die gerade noch meinen Arm gehalten hat, liegt jetzt wie selbstverständlich auf meiner Hand und er sieht mir tief in die Augen. Oh Gott, diese Augen, es fällt mir schwer mich von ihm abzuwenden, und erst seine Hand auf meiner…So geht das nicht. Luisa cool bleiben, lass dich nicht einkochen, du bist keine von seinen Püppchen. Es gelingt mir kaum zu widerstehen, der Moment, in dem mein Kopf sich nicht mehr gegen mein wie wild klopfendes Herz wehren kann, ist genau jetzt eingetroffen. Trotzdem kocht es in mir und es sprudelt nur so aus mir heraus.

„Was ist denn das Problem bitte?“

Ich kann die Frage einfach nicht zurückhalten, aber schlimmer kann es sowieso nicht mehr werden. Er sieht mich einen Moment lang nur an.

„Das Problem?“ Er reibt mit seinem Zeigefinger über sein Kinn. „Keine Reaktion auf meine Nachricht, kein Rückruf? Ganz ehrlich, das passt mir nicht, anscheinend habe ich dich nicht sonderlich beeindruckt. Ständig checke ich mein Handy, nur um zu sehen ob du dich gemeldet hast, das mache ich normalerweise nicht.“ Er macht eine kurze Pause. „Ich erkenne mich selbst nicht wieder, nur damit du weißt, wie beeindruckt ich von dir bin. Das ist das Problem.“

Ich befürchte meine Augen sind weit geöffnet und ich muss mir ein Schmunzeln verkneifen.

„Ach so ist das…Ich glaube, es handelt sich lediglich um ein Verständigungsproblem, ich vermute diese Sache lässt sich leicht aus der Welt schaffen.“

Ich blicke in sein Gesicht und sehe, wie sich seine Stirn entspannt und er lächelt, dann gebe ich ihm die hoffentlich gewünschte Antwort.

„Ich begleite dich sehr gerne. Ich habe mich den ganzen Tag schon darauf gefreut.“

„Sehr schön, mir geht es genauso, also dann können wir jetzt endlich los fahren?“

Ich nicke, er klopft an die Fensterscheibe und gibt Toni ein Zeichen, dass wir startklar sind. Er steigt ein und wir fahren los.

„Die Frau meines Geschäftspartners ist die Künstlerin der Ausstellung, Selma Menson. Sie kommt aus Mexiko. Sie fotografiert.“

Während er erzählt lockert sich die Spannung merklich.

„Du siehst umwerfend aus, ich hätte dich sowieso nicht aussteigen lassen.“

Seine Augen glänzen, aber ganz so einfach mache ich es ihm nach dem was gerade vorgefallen ist, nicht.

„Du hattest Glück dass ich überhaupt eingestiegen bin, ich erwarte mir das meine Verabredung mich abholt und nicht der Chauffeur.“

Ich blicke entschuldigend zu Toni in den Rückspiegel.

„Bitte verzeihen Sie, aber das hat nichts mit Ihnen zu tun.“

Max zieht die Augenbrauen hoch. „Du hast nicht auf meine Nachrichten und Anrufe reagiert, zuerst dachte ich, dir ist etwas zugestoßen, aber dann habe ich mir noch viel Schlimmeres vorgestellt.“

Ich verschränke meine Arme. „Was kann denn schon so Schlimmes passieren?“

Ich warte auf eine Antwort, aber er geht nicht auf meine Frage ein, sondern knüpft an das vorige Thema an.

„Aber du hast völlig recht, von meiner guten Erziehung scheint nicht mehr viel übrig zu sein, ich hätte dich natürlich selbst abholen müssen, bitte entschuldige, kommt nicht wieder vor.“

Meine Arme sind immer noch trotzig verschränkt. Es scheint ihm zu gefallen, dass ich mich ein bisschen auflehne, aber weil ich dieses Thema jetzt endgültig abschließen will, nehme ich seine Entschuldigung mit einem Lächeln an. Er liegt damit dass er mich nicht beeindruckt hätte ja sowas von daneben, wundert mich außerdem, dass ihn das beschäftigt. Wir bleiben vor der Galerie stehen. Er steigt aus und öffnet mir selbst die Autotür, dabei reicht er mir seine Hand die ich höflich annehme. Ich versuche möglichst elegant aus dem Auto zu steigen, seine Blicke bestätigen mir, dass ich für heute das richtige Outfit gewählt habe.

„Du siehst bezaubernd aus Luisa.“

Er schließt die Autotür, während ich mein Kleid zurechtzupfe und wir zum Eingang gehen. Ich beuge mich etwas zu ihm.

„Ich wäre vorhin nicht ausgestiegen, so einfach mache ich es dir nicht“, hauche ich in sein Ohr. Er lächelt, und reicht mir seinen Arm in den ich mich einhänge.

„Doch, du wärst ausgestiegen meine Liebe, da bin ich mir ziemlich sicher, aber jetzt bist du da, und ich werde dafür sorgen dass es so bleibt.“

Er zwinkert mir zu, und mir fällt darauf ausnahmsweise nichts ein. So schnell wirst du mich nicht durschauen, dafür werde ich sorgen, denke ich mir. Das Gebäude ist modern, fast futuristisch und besticht mit seinen großen Glas- und Stahlfronten. Drinnen tummeln sich schon viele Gäste. Er öffnet mir die Tür und wir betreten die Galerie. Der Boden ist aus hellem Beton, alles sieht ganz klar aus. Mir fallen sofort die unglaublichen Fotos auf, die in dieser kargen Umgebung wunderbar zur Geltung kommen. Landschaftsbilder und Portraits in unglaublicher Farbintensität und ausdrucksstarken Gesichtern. Eine hübsche schwarzhaarige Frau steuert schnurstracks auf uns zu und lacht Max freudig an.

„Hallo Max, wie schön, dass du gekommen bist!“

Sie spricht mit mexikanischem Accent und umarmt ihn. Das muss also die Künstlerin sein.

„Selma, darf ich dir Luisa vorstellen, Luisa, das ist Selma, die außergewöhnliche Künstlerin des Abends.“

„Max du Schmeichler. Luisa, schön Sie kennen zu lernen.“

Sie schüttelt mir freundlich die Hand, „Bitte sehen Sie sich um, ich hoffe Ihnen gefallen meine Bilder.“

Sie winkt einen Kellner herbei, der verschiedene Cocktails serviert. Max sieht mich an, und zeigt wortlos auf einen Martini, ich nicke ihm zustimmend zu, er nimmt zwei Gläser vom Tablett. Ich bin wirklich überwältigt von den Fotos. Eines besticht mich ganz besonders. Eine unbekleidete Frau sitzt mit dem Rücken zum Betrachter am weißen Strand und blickt auf das blaue Meer, im Hintergrund der rot gefärbte Himmel vom Sonnenuntergang. Ihre salznassen schwarzen Haare bedecken ihren Rücken fast zur Gänze.

„Gefällt Ihnen das Bild?“, höre ich hinter uns eine Stimme.

Ich drehe mich um, um zu sehen wer uns anspricht.

„Richard, ich hab schon gedacht du schwänzt die Eröffnung…“, witzelt Max.

„Luisa, das ist Richard, mein Geschäftspartner und Selmas Ehemann. Obwohl er sie gar nicht verdient hat.“

Richard boxt Max freundschaftlich in die Seite.

„Ja, da hast du vermutlich recht. Selma ist mein größter Glücksfall, aber jetzt zu dir mein Freund, diese reizende junge Dame wird wohl nicht zu dir gehören, oder?“

„Doch Richard, auch ich habe hin und wieder Glück, darf ich dir Luisa vorstellen.“

Richard schüttelt mir euphorisch die Hand.

„Ja mein Lieber, da hast du wohl wirklich Glück…“, dann zeigt er wieder auf das Foto.

„Das Modell auf dem Foto ist Selma. Ich habe das Bild bei unserem letzten Urlaub in ihrer Heimat gemacht. Sozusagen bin ich hier der Künstler.“

Ich spreche ihm meine Bewunderung aus, und muss sagen, er ist ein netter Typ. Wir unterhalten uns, als ob er mich schon ewig kennt. Dann kommt auch noch Selma dazu, und führt mich durch ihre Ausstellung. Sie hat alles, was man sich von einer Mexikanerin vorstellt. Wunderschöne dunkle Haare und Augen, und einen bestechenden Teint, samt beneidenswerter Figur, und ihr Temperament lässt sich kaum verbergen. Nach drei Martins fühle ich mich ganz leicht und beschwingt, langsam leeren sich die Räumlichkeiten.

„Wir werden auch aufbrechen“, flüstert mir Max ganz sanft ins Ohr.

Wir verabschieden uns, und verlassen die Galerie in Richtung Auto, wo Toni mir bereits die Autotür aufhält.

„Ich glaub ich hatte einen Martini zu viel“, lächle ich Max an.

Er erwidert mein Lächeln. „Soll ich dich schon nach Hause bringen? Ich dachte wir könnten uns noch etwas unterhalten, nur wir zwei.“

„Nur wir zwei… das klingt sehr gut“, erwidere ich.

„Toni, bitte bringen Sie uns in die Skyrise Bar.“

„Sehr gerne Sir.“

Die Skyrise Bar kenne ich nur von außen, ich war noch nie zuvor in dem Lokal, schien mir bisher immer zu nobel und versnobt, aber vielleicht kann ich heute meine Meinung ändern. Es sieht alles sehr elegant aus. Eine lang gezogene indirekt blau beleuchte Bar erstreckt sich durch den sonst eher dunklen Raum. Im hinteren Bereich spielt ein Piano und einige Paare tanzen. Rundherum stehen Glastische mit gemütlichen Polstersesseln. Wir setzen uns an einen Tisch, direkt neben dem langen Glasfenster, von dem aus man einen guten Blick nach draußen hat. Die Lichter der Bar spiegeln sich in der nebelnassen Straße. Max bestellt sich einen Whisky, und ich nehme ein Glas Champagner. Zugegeben, meine Füße sind keine High Heels gewohnt, und so lehne ich mich gemütlich im Sessel zurück, um meinen Beinen etwas Erholung zu gönnen. Max sitzt seitlich neben mir, gerade so, dass er mich berühren könnte, wenn er das wollte.

„Ich hätte dich im Auto nicht so anfahren dürfen. Es tut mir leid, aber ich möchte keine Missverständnisse.“

Ich wundere mich, dass er noch einmal davon anfängt, vor allem, weil ich nach drei Martins befürchte nicht mehr so gefasst wie vorhin zu sein. Deshalb sprudelt es auch gleich unkontrolliert aus mir heraus.

„Die will ich auch nicht. Max bitte versteh mich nicht falsch, aber ich bin vor ein paar Wochen dreißig geworden, und an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem ich gewisse Dinge einfach nicht mehr erleben möchte. Ich bin doch ganz normal und du…du bist…“ Ich stocke kurz, kann mich aber nicht mehr zurückhalten. „Ich bin doch keine Frau für dich, ich passe gar nicht in deine Welt, keine Ahnung was du suchst, aber ich will und kann keine Geliebte sein, und unsere Konfrontation vorhin bestätigt eigentlich nur, was mir mein Kopf seit unserer ersten Begegnung sagt.“

Hab ich das wirklich gesagt? Ich merke wie mein Gesicht heiß wird. Er schaut mich überrascht an, mein Ausbruch dürfe unerwartet gekommen sein. Er wartet kurz bis ich mich beruhigt habe.

„Was sagt dir denn dein Kopf Luisa?“, fragt er ganz ruhig, er lehnt sich erwartungsvoll ob meiner Antwort auf seinem Sessel zurück, und schlägt die Beine übereinander.

„Was mir mein Kopf sagt? Ein Mann wie du kann alle Frauen haben. Du siehst gut aus, du bist erfolgreich und gebildet, und vermögend noch dazu, ich kann mir nicht vorstellen dass du gerade auf mich gewartet hast. Also entweder bist du verheiratet, oder du suchst keine fixe Beziehung, keine Ahnung.“

Er nimmt seine Krawatte ab, und öffnet den ersten Knopf vom weißen Hemd, fast so als bräuchte er mehr Luft zum Atmen.

„Also das sagt dir dein Kopf. Verstehe, du hast dir also schon ein konkretes Bild von mir gemacht?“

Er nippt an seinem Drink. Ich zucke mit den Schultern, darauf will ich wirklich nicht antworten, aber er fährt fort, ohne auf eine Antwort von mir zu warten.

„Glaub mir, die meisten Frauen nehmen liebend gern die Rolle einer Geliebten ein, träumen von Geld und Reichtum, und den Annehmlichkeiten die dieser Umstand mit sich bringt.“

„Du kennst dich also gut aus mit den Geliebten…Hast du für deine Geliebten die Parfums gekauft?“, unterbreche ich ihn.

In Anbetracht seiner Antwort, nehme ich vorsorglich einen großen Schluck Champagner.

„Ja, ich kenne mich sehr gut mit Geliebten aus. Leider willst du keine von ihnen sein, was ich sehr bedaure, denn in Anbetracht der Tatsache, wie du dich dagegen wehrst, hätte das sehr reizvoll werden können.“

Ich verschlucke mich an meinem Getränk, und die Kohlensäure steigt mir in die Nase, kurz muss ich nach Luft schnappen. Er klopft mir zärtlich auf den Rücken, und nachdem ich wieder Luft bekomme, streicht er weiter über meinen Arm, bis zu meiner Hand.

„Das war ein Scherz, es gibt keine Geliebte. Ich habe nur Weihnachtsgeschenke für unsere Chefsekretärinnen gekauft“, schmunzelt er.

Mir ist gar nicht zum Lachen zumute, langsam normalisiert sich meine Atmung wieder. Er lehnt sich wieder am Sessel zurück.

„Aber wenn du es ganz genau wissen willst, ich war verheiratet.“

Ok, er ist geschieden, jetzt weiß ich das auch. Ich hoffe wir sind endlich mit dem Thema durch, unbewusst klopfe ich mit meinen Fingerspitzen auf der Sessellehne.

„Du musst dich nicht rechtfertigen“, entgegne ich knapp.

„Nein das muss ich nicht.“ Kurze Stille. „Meine Frau ist vor zwölf Jahren gestorben.“

Wieder Stille. Shit. Ich weiß nicht, ob ich jetzt etwas sagen soll, oder nicht.

„Das tut mir Leid…ich wollte nicht…“

Ich muss lernen meinen Mund zu halten.

Er hebt seine Hand, und schließt kurz die Augen, ich habe das Signal, nichts mehr zu sagen, verstanden.

„Als Laura die Diagnose Gehirntumor bekam, war sie im vierten Monat schwanger. Eine Behandlung war somit nur unter Gefährdung des Ungeborenen möglich, das wollte sie auf keinen Fall riskieren, ich konnte ihr das nicht ausreden. Sie wollte das Kind unbedingt, und nach der Geburt mit der Chemotherapie beginnen. Leider hat sie das nicht mehr geschafft, zwei Monate später fiel sie ins Koma, und starb einige Wochen darauf, und unser Kind mit ihr.“

Er blickt auf, ich kann ihm kaum in die Augen sehen, ich fühle mich einfach nur schlecht, ich würde mich am liebsten in Luft auflösen. Es herrscht kurz Stille zwischen uns, bevor ich einfach nicht mehr still sein kann.

„Ich wollte dich nicht in diese Situation bringen.“ In diesem Moment fühle ich mich ihm so nah wie nie zuvor. „Es tut mir leid.“

Er legt seine Hand auf meine. „Laura war eine wundervolle Frau, und ich habe sie geliebt, es ist lange her. Es ist alles gut, mir geht es gut.“

Ich kann nur mit Mühe unterdrücken, dass mir Tränen in die Augen steigen, ich presse meine Lippen fest aufeinander. Es kann ihm nicht gut gehen, niemandem kann es gut gehen, wenn er einen geliebten Menschen verliert, und ich weiß das nur zu gut. Er drückt meine Hand ein wenig.

„Es muss einfach weitergehen. Das Leben legt uns viele Prüfungen auf, keiner weiß wozu, und doch hat alles einen Sinn.“

Ich nicke. „Meine Mutter ist gestorben als ich vierzehn Jahre alt war. Sie hatte Krebs. Sie ist einfach gegangen, einfach so. Ich hätte sie noch gebraucht. Ich kann verstehen, was du fühlst.“

Ich merke wie mir eine Träne, die sich nicht aufhalten ließ, über Wange rollt. Ich habe schon Jahre nicht mehr über meine Mutter gesprochen. Ich will einfach nicht daran denken, dass sie mich verlassen hat, außerdem ist das nur ein kleiner Teil aus meiner verkorksten Jugend, von all den Dingen, von denen mir lieber wäre, wenn er sie nicht erfährt, und sie ist nicht die einzige die ich verloren habe. Er streicht mir die Träne von der Wange, am liebsten würde ich ihm jetzt um den Hals fallen und küssen.

„Das Leben fügt uns zeitweise unerträgliche Schmerzen und tiefe Wunden zu, und dann gibt es Tage, an denen man in ein Kaufhaus geht, und ein zauberhaftes Lächeln rettet einen.“

Seine Worte entlocken mir ein Lächeln, während ich meine Nase mit einer Serviette abtupfe.

Er steht auf und nimmt meine Hand.

„Genug jetzt, dieser Abend gehört uns, komm wir tanzen.“

Ich weiß zwar nicht, ob das jetzt das Richtige ist, aber irgendwie ist es mir im Moment auch egal. Der Pianist spielt ein ruhiges Lied. Ich schmiege mich sanft an seine Brust, und er fühlt sich so unglaublich gut an. Er drückt mich an sich und ich vergesse alles um mich herum, ich schließe meine Augen. Er riecht so gut. Seine Hand streicht sanft über meine Wirbelsäule, und ich schmelze unter seiner Berührung, vor ein paar Stunden noch konnte ich mir das noch nicht einmal vorstellen. Es ist schon spät geworden, als wir das Lokal verlassen. Toni erwartet und bereits beim Wagen.

„Toni, bringen wir Luisa nach Hause, es war ein langer Abend.“

„Sehr gerne Sir“, antwortet er, und macht die Tür hinter mir zu.

Ich lehne meinen Kopf während der Fahrt sanft an Max Schulter, und schlafe dabei fast ein, er fühlt sich so unglaublich vertraut an.

„Du bist dreißig?“, fragt er mich auf einmal völlig aus dem nichts.

Ich nicke. „Ja, warum?“

„Ich dachte du bist jünger, du siehst jünger aus.“

Ich fasse das wortlos als Kompliment auf. Keine Ahnung wie er darauf kommt, ich hoffe ich bin ihm jetzt nicht zu alt.

Der Wagen hält vor meinem Wohnhaus. Er gibt Toni ein Zeichen, dass er nicht auszusteigen braucht. Er steigt selbst aus, öffnet mir die Autotür, und streckt mir seine Hand entgegen, die ich gerne annehme.

„Ich möchte nicht, dass du traurig bist, ich bin es auch nicht, vor allem nicht wenn du bei mir bist.“

Er streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Es ist ein magischer Moment, es scheint als würde die Luft zwischen uns knistern.

„Ich bin nicht traurig. Danke für den schönen Abend“, sage ich leise und lächelnd.

„Gute Nacht, ich hoffe es folgen noch viele schöne Abende.“

„Ja das wäre wirklich schön.“

Ich löse mich von seiner Hand, drehe mich um, und gehe Richtung Tür, bevor ich sie öffne werfe ich ihm noch einen Blick und ein Lächeln zu.

„Gute Nacht Max.“

Er hebt die Hand und winkt mir nach, dann gehe ich hinein. Die Tür fällt schon fast ins Schloss, ich erschrecke kurz, weil er sie plötzlich und unerwartet noch einmal aufdrückt. Es geht alles ganz schnell. Er zieht mich zu sich, und umschlingt mich fest mit beiden Armen. Dann küsst er mich mit sanftem, aber energischem Druck. Obwohl ich den ganzen Abend darauf gewartet habe, kommt es jetzt doch so überraschend, dass ich beinahe keine Luft bekomme, und mein Herz klopft mir bis zum Hals. Er entlässt mich kurz aus seinem Armen, bevor er mit seinen Händen mein Gesicht umfasst, und mich noch einmal ganz zärtlich küsst. Wenn er mich nicht halten würde, wäre ich jetzt umgefallen, so wackelig fühlen sich meine Knie an, es ist wie ein Rausch.

„Ich muss dir noch etwas sagen…“, haucht er mir ins Ohr.

„Ja, was denn?“

Ich bin immer noch in Trance.

„Hör zwischendurch auch auf dein Herz, nicht nur auf deinen Kopf.“

„Mache ich gerade“, flüstere ich, während er mir zärtlich übers Kinn streicht.

„Und heb dein Telefon ab, ich stehe nicht so auf Verständigungsprobleme.“

„Lässt sich einrichten“, schmunzle ich.

Er zwinkert mir noch einmal zu, bevor ich etwas widerwillig die Türe schließe.

Ich stehe ein paar Sekunden nur so da, ich atme tief durch, mein ganzer Körper kribbelt, meine Knie zittern, und mein Kopf hat den Kampf gegen mein Herz eindeutig verloren. Zum Glück. Hoffentlich. Zumindest für heute.

Kapitel 4

Mir kommt es vor als wäre ich gerade eingeschlafen, als Lizzy plötzlich meine Zimmertür aufreißt und herein stürmt.

„Sag mal, stehst du heute gar nicht auf?! Es ist schon 09.00 Uhr vorbei und ich warte und warte! Wie war der Abend gestern, ist denn etwas passiert?“

Lizzys rotblonde Locken wackeln ganz aufgeregt auf ihrem Kopf.

„Was soll den passiert sein?“, stelle ich mich etwas dumm. Sie rollt mit ihren Augen.

„Ach komm schon stell dich nicht so an!“

„Es tut mir leid.“

Ich ziehe einen gespielten Schmollmund.

Lizzys Mund steht offen vor Schreck über meine Antwort. Ich muss lachen, aber sie scheint das gar nicht lustig zu finden.

„Es tut mir leid, ich glaub ich habe mich verliebt“, führe ich meinen Satz zu Ende.

Sie springt mich vor Freude an und umarmt mich mit einem schrillen Aufschrei.

„Das ist ja wunderbar!!!“

Bevor ich aufstehen darf muss ich ihr alles erzählen, wobei ich die Details mit Max Frau auslasse, ich finde das ist keine Sache zum weiter erzählen. Endlich ist sie zufrieden und folgt Andys Apell zum Frühstück.

„Ich komme gleich nach!“, rufe ich ihr hinterher.

Vorher muss ich aber noch eine SMS schreiben, auch wenn Max mir gestern erklärte dass er das eigentlich nicht tut…

Guten Morgen, auch auf die Gefahr hin, dass ich keine Antwort bekomme weil du keine SMS schreibst…Ich denke an dich und zwar die ganze Zeit. Luisa.

So jetzt aber raus aus dem Bett. Weit bin ich noch nicht gekommen als mein Handy piepst. Eine Nachricht, so schnell, unglaublich.

Max: Guten Morgen liebste Luisa, in deinem Fall ist ALLES anders. Es war ein wundervoller Abend und ich hoffe auf Wiederholung, vor allem die Verabschiedung scheint mir ausbaufähig. Max.

Meine Wangen glühen schon bevor ich den ersten Schritt aus dem Bett gemacht habe wenn ich das lese und bevor ich zurück schreiben kann klingelt auch schon mein Handy.

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen. Ist das ein Test ob das Telefon abhebe?

„Nein.“ Er lacht. „Ich wollte dir die Arbeit ersparen mir noch eine SMS zu schreiben. Ich finde es viel schöner deine Stimme zu hören. Ich hoffe du hast gut geschlafen?“

„Wie kommst du darauf, dass ich noch eine SMS schreiben wollte? Ich weiß doch das du davon nicht begeistert bist.“ Ich muss schmunzeln weil ich mir seinen Blick vorstelle. „Ich habe ganz wunderbar geschlafen und du?“

„Nur kurz, ich sitze bereits im Büro. Es gibt leider Probleme mit einer Firmenübernahme. Ich werde heute Abend noch nach Shanghai fliegen.“ Er klingt leicht genervt über diesen Umstand. „Viel lieber würde ich dich sehen.“

Ich bin auch nicht gerade begeistert von meiner heutigen Sonntagsgestaltung, Familienessen.

„Ja…wäre mir auch lieber dich zu sehen, aber ich werde dann auch gleich unterwegs zu meinem Vater sein…Familientradition – gemeinsames Sonntagsessen. Wann kommst du zurück aus Shanghai?“

Max erklärt mir, dass er nicht genau weiß wie lange es dauern wird, mich aber sicher heute Abend noch anruft.

„Ja das wäre schön, aber vergiss mich nicht bis dahin.“

„Nach dem Kuss von gestern kann ich dich nie wieder vergessen.“

Wenn ich daran denke kribbelt es schon wieder in meinem Bauch, ich fühle mich wie ein verliebter Teenager.

„Ach ja…?“, entgegne ich fast beiläufig, aber innerlich glühend.

„Ja!“, antwortet er. „Ich muss jetzt auflegen, ich melde mich.“

Nach dem Frühstück starte ich in den Familiensonntag. Mein Vater lebt außerhalb der Stadt in einem beschaulichen Vorort. Es ist genau die richtige Gegend für Familie, Kind, Hund und die ganze Gartenzaunidylle. Als Kind habe ich die Zeit hier sehr genossen. Ich werde schon erwartet und wie jeden Sonntag, vorausgesetzt ich muss nicht arbeiten, immer das gleiche Prozedere, mein Vater erzählt mir bei einem Aperitif vom Klinikalltag, während Alice das Mittagessen vorbreitet. Die beiden haben recht schnell nach dem Tod meiner Mutter geheiratet, einer der Gründe, warum mir die gemeinsamen Sonntage eigentlich nicht so viel bedeuten. Ich konnte mich nie damit abfinden warum man nach dem Tod eines geliebten Menschen einfach so tut, als ob nichts gewesen wäre, obwohl ich weiß das mein Vater bereits als meine Mutter noch lebte ein Verhältnis mit Alice hatte. Sie ist Gynäkologin und arbeitete damals im selben Krankenhaus wie mein Vater. Heute arbeitet sie in einem Privatkrankenhaus. Ich weiß zwar das mein Vater nicht schuld daran war das meine Mutter starb, aber ich glaube sie ist an ihrem Kummer zerbrochen. Sie hat zwar nie darüber gesprochen und alles still hingenommen, aber das kann einem doch nicht egal sein. Dafür habe ich meinen Vater jahrelang gehasst. Trotzdem ist er alles was mir von meiner Familie geblieben ist. Ich versuche heute einfach über den vergangenen Ereignissen zu stehen. Ich selbst habe früher auch wenig Positives dazu beigetragen um unser Verhältnis zu verbessern, jetzt bin ich älter und reifer geworden und versuche das zu ändern. Ich werde nie die Augen meiner Mutter vergessen als ich an Ihrem Todestag an ihrem Krankenbett stand, auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte, wusste ich dass sie sterben wird. Während sie meine Hand hielt, schaute sie meinen Vater an und bat ihn immer für mich da zu sein, egal was passiert.

„Sie ist alles was wir haben, Frank. Sie ist alles was unser Leben ausmacht. Sie ist alles was ich Liebe. Versprich mir, dass du gut auf sie Acht gibst, ich kann es nicht mehr.“

Mein Vater strich ihr wortlos über die Haare. In dieser Nacht starb meine Mutter. Fünf Tage vor meinem vierzehnten Geburtstag. Sie war 39 Jahre alt, nur wenige Jahre älter als ich jetzt. Sie war die schönste Frau die ich in meinem Leben je gesehen habe. Ich weiß heute, dass mein Vater sich bemühte mir ein guter Elternteil zu sein, aber ich wollte es nicht zulassen. Ich habe einfach alles getan um ihn zu verletzten, nur um mir selbst Schmerzen zu ersparen. Zumindest dachte ich das damals, aber in Wirklichkeit wurde mein Schmerz immer schlimmer. Unsere Vater – Tochterbeziehung ist nach wie vor verkorkst, ich finde einfach nicht den richtigen Draht zu ihm. Ich habe das Gefühl ihn immer wieder zu enttäuschen, daher habe ich es aufgegeben ihn beeindrucken zu wollen und lebe mein Leben so gut es mir gelingt. Ich denke nicht gerne an die Zeit nach dem Tod meiner Mutter zurück, sie fehlte mir in jeder Hinsicht. Niemand war mehr da mit dem ich reden konnte. Niemand der mich verstand. Niemand der mich nahm so wie ich war. Sie fehlt mir heute noch. Doch dann war da eines Tages Ben. Er war in der Klasse von Matt und drei Jahre älter als ich. Da ich erst knapp fünfzehn war machte der Altersunterschied viel aus, aber mir war das egal. Er faszinierte mich einfach, alles was er tat und sagte war für mich richtig. Er war nicht regelkonform, er machte was er wollte, kam und ging wann es ihm passte. Das war zu der Zeit für mich einfach unglaublich anziehend, zu tun was nicht erlaubt ist und sich wo es geht zu widerstreben. Ben war meine erste große Liebe und es war nicht schwer ihn zu lieben, auch wenn er ein Draufgänger war. Er war unglaublich intelligent und einfühlsam, auch wer er nach Außen auf cool machte. Zu mir war er immer liebevoll und für mich da, er nahm mich so wie ich war und ich tat dasselbe für ihn. Auch wenn es weder meinen noch Matts Eltern passte, wir waren eine eingeschweißte Clique und verbrachten eigentlich die ganze Zeit miteinander. Wenn ich heute darüber nachdenke, muss diese Zeit für Dad die Hölle gewesen sein, aber damals wollte ich genau das. Ich wollte dass er leidet, so wie ich gelitten habe. Ich habe mit fünfzehn bereits eine stattliche Anzahl an Drogen konsumiert und entging zweimal knapp einer Alkoholvergiftung. Nichts habe ich ausgelassen und Ben war das perfekte Gegenstück für mich in dieser Zeit. Es grenzt an ein Wunder das ich heute ein normales Leben führe, zumindest nach außen hin, in meinem Inneren kämpfe ich immer noch mit mir. Ich habe vieles erlebt und durchgemacht wofür ich mich heute noch mehr schäme als damals, ich weiß nicht ob ich jemals wirklich damit leben kann ohne täglich darüber nachzudenken. Lizzy ging zu der Zeit bereits aufs Internat, ihre Eltern empfanden es wäre das Beste für sie und wahrscheinlich war es das auch, obwohl sie sowieso immer das brave, vernünftige Mädchen war. Ich bin damals ständig abgehauen, traf mich mit Ben, ging nicht zur Schule, machte nur was ich wollte. Vermutlich wäre ich mit Ben durchgebrannt, doch unser Leben sollte sich nicht so vorhersehbar entwickeln, weder meines, noch seines. Es war der 4. Juli, danach war nichts mehr so wie zuvor. Wir trafen uns an einem kleinen See um am Lagerfeuer zu feiern und die Feuerwerke zu sehen. Ben war schon einige Wochen lang total verändert. Apathisch, fahrig und unberechenbar, wir hatten uns oft in den Haaren und ich verstand damals nicht warum er sich so verändert hatte. Ich wünschte mir er wäre wie immer. Ich vermisste seine Nähe, aber er wandte sich immer mehr von mir ab. Heute kenne ich den Grund dafür, aber damals konnte ich nicht verstehen was in ihm vorging. Es war eine klare Vollmondnacht. Matt und ich fuhren gemeinsam zum See, natürlich hab ich mich von zu Hause weggeschlichen, was an diesem Abend ganz einfach war, da Dad Nachtdienst im Krankenhaus hatte. Wir saßen einige Stunden zusammen und es war eine feuchtfröhliche Party, samt allerlei verbotenem Zeugs. Auch wenn wir viele Regeln brachen, Matt passte immer auf mich auf wie ein großer Bruder. Das führte oft zu wilden Streitigkeiten zwischen ihm und seiner damaligen Freundin Nicky. Als wir da so saßen fiel mir plötzlich auf das Ben und Nicky nicht mehr bei uns waren. Ich spürte sofort dass etwas nicht stimmte. Ich suchte Ben und ich fand ihn auch. Gemeinsam mit Nicky in der Hütte am See in einer eindeutigen Situation. Für mich brach in diesem Moment eine Welt zusammen. Ben war alles für mich, es brach mir das Herz. Ich wollte einfach nur weg, ich fühlte mich so betrogen, so benutzt und weggeschmissen. Niemals hätte ich gedacht dass er mir so etwas antun würde, ich hätte alles für ihn getan. Es gab einen riesen Auflauf und eine wilde Streiterei, bevor Matt und ich kurz nach Mitternacht mit dem Auto vom See wegfuhren. Er hätte auf keinen Fall mehr fahren dürfen, aber ich war einfach nur froh, dass er mich von dort weg brachte. Das ist die ganze Erinnerung, die ich an diesen Abend noch habe. Am nächsten Tag erwachte ich im Krankenhaus mit einer Lungenquetschung, vier gebrochenen Rippen und einem offenen Schienbeinbruch am rechten Bein. Wir hatten einen schlimmen Unfall auf der Heimfahrt. Matt kam mit einem leichten Schädelhirntrauma davon und konnte das Krankenhaus noch am selben Tag verlassen, aber mich hat es wirklich schlimm erwischt. Ich hatte großes Glück am Leben zu sein. Den darauf folgenden Wirbel kann man sich vorstellen. Für mich lief alles um mich herum ab wie ein Film. Es war nur den Interventionen und Kontakten von Matts und meinem Vater zu verdanken, dass dieser Unfall ohne weitere großartige und strafrechtliche Folgen für uns blieb. Die einzige Bedingung war, dass ich ab dem nächsten Schuljahr ein Internat besuchen musste und dieses sollte weit weg von meinem zu Hause sein, Matt hatte bereits einen Studienplatz in London. Doch der schlimmste Schlag sollte mich erst einige Stunden später treffen. Als Matt mich im Krankenhaus besuchte, frage ich ihn warum Ben sich nicht bei mir meldet und warum er mich nicht besuchen kommt. Ich konnte einfach nicht verstehen, dass ich ihm von einer auf die andere Minute so egal sein konnte. Auch wenn ich so wütend war über das was er tat, ich hätte ihm vermutlich verziehen. Matt schaute mich nur an und sagte kein Wort. So habe ich ihn vorher noch nie erlebt und seither auch nie wieder. Ich werde nie seinen Blick vergessen und ich werde nie das Gefühl in meinem Herzen an diesem Tag vergessen. Ich wusste sofort dass etwas nicht stimmt, es war der Klang seiner Stimme.

„Luisa…Du musst jetzt stark sein... Ben ist heute Morgen in der Hütte am See gefunden worden.“ Matt stockt, seine Stimme klingt wie abgeschnürt, er kann kaum sprechen. „Er ist vermutlich an einer Überdosis gestorben. Er hat sich scheinbar schon länger Heroin gespritzt.“

Wäre mein mit Schrauben durchbohrtes Bein nicht gewesen, wäre ich diesem Moment vermutlich davon gelaufen. Ich konnte vor lauter Schmerz noch nicht einmal weinen, ich fühlte mich als wäre mein ganzer Körper leer. Ich machte mir solche Vorwürfe. Warum hat er das getan? Ich hätte es verhindern können, ich hätte nicht wegfahren dürfen, vielleicht wäre er jetzt noch am Leben. Es gab nur eine Person die ich noch mehr hasste als mich selbst, Nicky. Der Gedanke an sie lässt noch heute das Blut in meinen Adern stocken. Zum Glück sah auch Matt das damals wie ich und trennte sich von ihr. Warum habe ich nicht gemerkt was mit ihm los war? Er hätte nicht sterben dürfen. Ich habe mit fünfzehn schon alles erlebt, was andere ihr ganzes Leben nicht erleben wollen, ich hasse mich für diese Zeit und ich wünschte alles wäre anders gekommen. Mein Vater entschied sich für ein Mädcheninternat in der Schweiz. Tausende Kilometer von meiner Familie und meinen Freunden entfernt. Es war keine Strafe mehr für mich weg zu müssen, ich war einfach nur froh alles hinter mir lassen zu können, manchmal wünschte ich mir einzuschlafen und nicht wieder aufwachen zu müssen, ich hatte mein Leben aufgegeben. Ich war so voller Schmerz, Wut und Traurigkeit ich hatte alle verloren die ich liebte und die mich lieben habe ich enttäuscht und verletzt. Trotzdem lebte ich mich dort langsam ein und meine Ausbildung zur Hebamme hat mir so viel Freude bereitet, dass ich wieder zurück ins Leben fand. So verbrachte ich viele Jahre in der Schweiz. Erst mehr als zwölf Jahre später war ich nach einer gescheiterten Beziehung mit einem Arzt, der mir erfolgreich verschwieg dass er verheiratet ist, bereit wieder zurück zu kehren. Angekommen bin ich aber noch immer nicht, immer wieder das Gefühl etwas fehlt in meinem Leben.

Nach dem Essen brauche ich ein bisschen frische Luft und spaziere die Siedlungsstraße entlang, mein Vater ließ sich nicht abwimmeln mich zu begleiten. Wir gehen wortlos die Straße hinunter. Im Novemberwind fallen die letzten Blätter von den Ahornbäumen die die Straße säumen.

„Willst du dir vielleicht nicht doch überlegen das Studium für Pränatalmedizin anzufangen? Ich glaube das wäre wirklich etwas für dich.“

„Du wirst deine Hoffnungen dass ich in deine Fußstapfen als Ärztin trete leider über Bord werfen müssen.“

Ich schüttle vehement den Kopf. Er schnauft tief durch, wohlwissend das ich mir nicht viel einreden lasse und ändert das Thema.

„Ich freue mich schon auf Weihnachten. Es wird bestimmt wieder schön wenn wir alle gemeinsam die Feiertage verbringen.“

Daran hab ich gar nicht mehr gedacht. Wir fahren schon seit vielen Jahren gemeinsam mit Lizzy, Matt und deren Eltern gemeinsam in den Weihnachtsurlaub, das ist ein Fixpunkt im Terminkalender, mittlerweile ist natürlich auch Andy mit dabei. Ich finde das eigentlich immer ganz schön. Landhausidylle an einem romantischen See, es fühlt sich immer so altmodisch an, aber gemütlich.

„Ja, das wird bestimmt wieder lustig und ich hoffe es schneit uns in diesem Jahr nicht wieder so ein, da,s wir eine Zwangsverlängerung wie im letzten Jahr einlegen müssen.“

Da muss sogar mein Vater schmunzeln. Als wir zurückkommen hat Alice bereits Kaffee gemacht und es gibt frische Kekse. Sie ist wirklich eine gute Köchin, ich bin mir zwar nicht sicher, ob sie das alles nur macht um mir zu imponieren und meine Zuneigung zu gewinnen, oder ob sie es wirklich gern macht. Irgendwie kann ich meinen Vater verstehen, Alice ist eine wunderschöne, gebildete Frau. Es scheint sie hat immer alles im Griff. Ihre roten Haare sitzen stets perfekt, egal um welche Uhrzeit. Ihre Kleidung ist immer makellos und elegant, ich glaube sie schläft sogar perfekt gestylt, sie ist so stilvoll. Auch wenn es die Etikette vermutlich nicht erlaubt, kann ich es mir nicht verkneifen auf mein Handy zu schauen, aber das verhält sich ruhig, keine Anrufe.

„Sehen wir uns nächste Woche?“, fragt mich mein Vater als ich in meinen Mantel schlüpfe.

„Ich weiß noch nicht Dad, wir sehen uns ohnedies im Krankenhaus. Ich gebe dir Bescheid.“

Wir verabschieden uns und gerade als ich ins Auto steigen will höre ich mein Handy piepsen.

Max: Ich bin gut gelandet, aber leider herrscht hier das totale Chaos. Da ich nicht einschätzen kann wie die Gespräche verlaufen, wollte ich mich noch bei dir melden. Ich rufe dich an sobald es möglich ist. Ich hoffe es dauert nicht mehr lange bis ich dich sehe. Max.

Ich schreibe gleich zurück.

Du machst das schon. Melde dich einfach wenn du Zeit hast. Bis dann. Luisa

Max: Melde mich so schnell ich kann .Kuss Max.

Als ich zu Hause ankomme ist es draußen schon fast dunkel. Neben meinem Schrank am Boden stehen meine schwarzen High Heels. Ich glaube wir werden doch noch gute Freunde, meine Heels und ich, zumindest scheinen sie einen guten Eindruck hinterlassen zu haben, ich werde sie jetzt wohl öfter tragen.

Kapitel 5

Montag. Heute war ein richtiger Montag. Es war von Dienstbeginn bis Dienstschluss nichts so wie es sein soll. Zuerst habe ich fast verschlafen, dann gab es aus unerklärlichen Gründen kein Warmwasser und ich musste kalt duschen. Auch im Krankenhaus lief nichts so wie es sollte. Außerdem habe ich bis jetzt noch nichts von Max gehört. Ich hoffe das ist kein schlechtes Zeichen. Jetzt bin ich zu Hause und packe meine Tasche zum Schwimmtraining. Darauf hab ich zwar auch keinen Bock, aber es muss ein, die Bewegung wird mir gut tun. Ich schwimme lustlos meine Längen und habe das Gefühl nicht von der Stelle zu kommen, jedes Tempi kostet mich Kraft. Montags trainiere ich immer im Team. Ich absolviere zwar keine Wettkämpfe zum Leidwesen meines Trainers, aber dazu habe ich keine Lust, ich will mich nicht mehr mit anderen messen. Meine Mutter war in ihren jungen Jahren eine sehr begabte Leistungsschwimmerin und hat mich bereits früh mit dem Sport vertraut gemacht, mit dem Erfolg, dass ich mit zwölf Jahren Jugendmeisterin in meiner Klasse wurde. Hätte eine gute Sportlerin aus mir werden können, aber nach dem Tod meiner Mutter hat mir das nichts mehr bedeutet. Jetzt mache ich es nur mehr für mich und vielleicht ein bisschen für meine Mum.

„So Mädels, Schluss für heute. Luisa, alles ok bei dir? Heute nicht deine Bestform…“

Mein Trainer ist grundsätzlich nie zufrieden, aber heute muss ich ihm beipflichten, nicht meine beste Leistung, ich fühle mich nicht fit. Nach einer langen heißen Dusche ist mir noch immer kalt und ich liege schon früh im Bett. Lizzy hat Nachtdienst und Andy ist wieder unterwegs im Dienste der Telekommunikation. Immer noch keine Nachricht von Max. Ich bin eigentlich nicht der Typ der so darauf wartet, aber diesmal scheint alles anders zu sein. Ich werfe noch einmal einen Blick aufs Handy, bevor ich meine Nachtischlampe ausknipse. Nichts. Hoffentlich habe ich mich nicht komplett in ihm getäuscht und er hat inzwischen gemerkt, dass ich nicht zu ihm passe. Mist, genau das wollte ich nicht, mir ständig Gedanken machen müssen. Ich darf mich da nicht so hineinsteigern. Auch wenn ich erschöpft bin dauert es lange bis ich einschlafen kann. Ich wälze mich hin und her, aber irgendwann besiegt mich die Müdigkeit, als mich plötzlich das Läuten meines Handys aus einem Albtraum reißt. Ich bin im Traum ins Wasser gefallen und bekomme keine Luft, ich kann nicht atmen, ich habe das Gefühl gleich zu ersticken. Ich brauche ein paar Sekunden, bevor ich abheben kann.

„Ja…“

Ich kann kaum sprechen, mein Herz klopft mir bis zum Hals und ich bin schweißgebadet.

„Luisa?“

„Ja.“

Ich atme hörbar tief durch, langsam bekomme ich wieder Luft.

Alles in Ordnung bei dir?“

„Ja… ich glaube schon.“

Meine Stimme ist leise und zittrig.

„Du klingst aber nicht als ob es dir gut geht?“

Er hört sich sehr besorgt an, daher versuche ich ihn zu beruhigen.

„Es geht schon wieder, ich hatte gerade einen schlimmen Traum, aber du hast mich jetzt zum Glück geweckt.“

„Entschuldige ich wollte dich nicht wecken, aber in dem Fall war es wohl gut. Ich hatte Probleme mit dem Handy, sonst hätte ich mich schon früher gemeldet, ich dachte du bist bestimmt noch wach.“

Ich blicke auf meinen Wecker, es ist erst kurz nach 22 Uhr.

„Für gewöhnlich bin ich das auch, aber ich war einfach so müde.“

Ich fühle mich so erschöpft, als hätte mich ein Panzer im Schlaf überrollt.

„Ist wirklich alles in Ordnung Luisa? Du klingst gar nicht gut. Was hast du denn geträumt?“

„Mach dir bitte keine Sorgen, es geht mir gut, es war einfach nur ein wirrer Traum.“

Er lässt sich nur schwer davon überzeugen, dass es mir gut geht, aber dann erzählt er mir dass er immer noch in Shanghai ist. Wie es aussieht kommt er frühestens Ende der Woche zurück. Es fällt mir nicht leicht mich zu verabschieden, ich möchte einfach nicht allein sein, auch wenn es nur seine Stimme am Telefon ist. Ich liege noch lange wach bis ich endlich einschlafe. Der Rest der Woche verläuft durchwachsen, ich werde das Gefühl nicht los das ich irgendetwas ausbrüte. Doch ich habe jetzt keine Zeit krank zu sein, denn Max hat seine Rückkehr für Freitag angekündigt und allen Anfangsschwierigkeiten zum Trotz, freue ich mich auf ihn. Ja ich freue mich sogar außerordentlich.

Dienstag: Tagdienst. Mittwoch: Tagdienst. Donnerstag: Nachdienst. 14 Geburten, keine Frühgeburten. Ich habe diese Woche meine freien Tage geopfert, da eine Kollegin krank ist. Endlich Freitag und das Wochenende habe ich frei. Ich brunche gegen Mittag gemütlich mit Lizzy in einem kleinen Café in unserer Straße, das haben wir schon so lange nicht mehr gemacht. Wir plaudern über die bevorstehende Hochzeit. Da ich ihre Trauzeugin sein werde, gibt es eine Menge Vorbereitungen. Die Hochzeit ist im Mai. Das Kleid und die Location sind bereits ausgesucht, trotzdem gibt es noch so viel zu tun. Max hat mich gerade vorhin angerufen, er ist seit den frühen Morgenstunden wieder in NY. Wir werden heute einfach nur Essen gehen. Kein großes Programm, darüber bin ich froh weil ich immer noch schlapp bin, obwohl es mir eigentlich egal ist was am Programm steht. Ich freue mich schon ihn zu sehen. Kaum zu glauben wie schnell man einen Menschen vermissen kann, den man erst so kurz kennt. Ich deute dass einmal als gutes Zeichen, hätte ich mir vor etwas mehr als einer Woche noch nicht vorstellen können.

Um Punkt 19.00 Uhr läutet es an meiner Tür. Meine High Heels und ich warten schon, also ich in meinen High Heels. Ich habe mich heute für das kleine Schwarze entschieden und meine Haare zu einem strengen Knoten aufgesteckt, ich fühle mich ein bisschen wie Evita Peron, aber dunkelhaarig. Unten wartet bereits der Wagen. Heute ist Max bereits ausgestiegen und erwartet mich mit einem sichtlich zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er kommt auf mich zu und grinst mich an.

„Guten Abend Mrs. Miller.“

Er zwinkert mir verschmitzt zu und reicht mir seine Hand.

„Guten Abend. Heute so förmlich Mr. Deveraux?“, antworte ich, während ich meine Hand in seine lege die er sofort fest umschließt.

„Ja ich dachte mir die Abholszene ist zuletzt nicht besonders gut gelungen und verlangt nach einer neuen Version.“

Er zieht mich an sich und mein Gesicht ist nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. „Besser so?“

„Ausbaufähig“, entgegne ich, auch wenn ich am liebsten sofort meine Lippen auf seine pressen würde.

Sanft streicht er über meine Wange, bevor er mich fest an sich drückt und dann sanft küsst. Ich will ihn gar nicht los lassen und Ja es fühlt sich noch immer gut an. Sogar sehr gut, nein sogar außerirdisch gut.

Ich lächle zufrieden, was er erwidert.

„Ich habe dich wirklich vermisst.“

„Überraschender Weise ich dich auch“, necke ich ihn am Weg zum Wagen.

„Du versuchst mich aber nicht herauszufordern meine Liebe, oder?“

„Nein wie kommst du darauf?“

Er öffnet mir die Autotür.

„Komm, steig ein, es ist eiskalt, du erkältest dich noch in deinen Hauch von nichts an Strümpfen.“

Ich gebe ihm einen zarten Kuss, bevor ich einsteige und er kopfschüttelnd, aber immer noch mit einem Zahnpastawerbungslächeln die Tür hinter mir schließt.

„Guten Abend Miss Miller“, begrüßt mich Toni freundlich, was ich höflich erwidere.

„Sag mal fährst du eigentlich nie selbst, oder hast du keinen Führerschein?“, frage ich ihn als er sich neben mich setzt. Er reibt sich seine Hände, draußen ist es wirklich eiskalt.

„Ich bin es einfach gewohnt chauffiert zu werden, ich nutze die Zeit im Auto um Telefonate zu erledigen, oder Termine vorzubereiten. Toni fährt einfach viel besser als ich. Stimmt´s Toni?“

Toni blickt im Rückspiegel zurück zu uns.

„Mr. Deveraux fährt lieber die schnellen sportlichen Autos.“ Er lächelt mir zu.

„Schnelle, sportliche Autos? Wie ein richtiger Aufreißer eben.“

Ich muss grinsen und den Kopf schütteln.

„Du hältst mich also für einen Aufreißer Typen? Die vorgefertigte Meinung der Luisa Miller.“ Er schmunzelt amüsiert. „ Das wäre ein toller Buchtitel. Wie werde ich dir das nur abgewöhnen?“

„Ich würde sagen, du beweist mir das Gegenteil, ganz einfach.“

„Ich befürchte es wird nicht ganz so einfach werden dir etwas zu beweisen, aber glaub mir ich werde dich schon überzeugen, dass du dich täuscht.“

Da ist sie wieder, seine Hand auf meiner, er drückt sanft meine Finger und das reicht schon aus das mich ein warmer Schauer durchfährt. Viel Überzeugungskraft muss er nicht aufwenden, ich sage nichts weiter dazu und erwidere den Druck seiner Hand. Wir erreichen das Restaurant am Hudson River, der Ausblick ist einfach unglaublich. Die Lichter der Nacht spiegeln sich im Fluss. Das Lokal ist gut gefüllt. Für uns ist ein gemütlicher Tisch reserviert. Während dem Essen unterhalten wir uns über die Ereignisse der vergangenen Woche, ich muss ihn dauernd ansehen und ich bewundere seine schönen Hände. Noch vor einer Woche dachte ich nie, dass ich mich so verlieben könnte, und das von einer Minute auf die andere. Doch es ist tatsächlich passiert. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich ihn regelrecht anhimmle. Dann muss ich mich selbst bremsen, ich will es ihm nicht so leicht machen, zumindest soll er nicht merken, dass er mich längst gefangen hat. Der Kellner trägt den Hauptgang ab und fragt ob wir ein Dessert möchten.

„Wollen wir?“, fragt er mich.

„Dessert geht immer“, stimme ich zu.

Wir bestellen, der Kellner gießt noch etwas Rotwein ein.

„Ich muss noch etwas loswerden.“

Max sieht mit einem Mal ernster aus und er klingt auch so, nicht gut denke ich mir.

„Unser letzter Abend ist nicht ganz so verlaufen wie ich es mir gewünscht habe. Ich möchte das es ab jetzt um uns geht, und zwar nur um uns.“

„Glaubst du wirklich du kannst das?“

„Ja, da bin ich mir sicher.“

Er rückt seine Dessertgabel akribisch an den Tischrand.

„Ich meine, du hast deine Frau verloren.“

Und ich habe Ben und meine Mutter verloren. Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen bis jetzt noch nichts von Ben erzählt zu haben, aber das erfordert die ganze Geschichte und ich habe Angst er sieht mich dann anders. Ich schiebe den Gedanken schnell beiseite, das hat Zeit.

„Ich werde Laura nie vergessen, so wie du deine Mutter immer in Gedanken behalten wirst.“

Der Kellner bringt das Dessert.

„Ich habe sie über die Maßen geliebt und viele Jahre versucht Schmerz und Verlust zu verdrängen, aber ich habe irgendwann verstanden dass ich das nicht kann. Es musste mir einfach gelingen mein Leben weiter zu leben. Seit ein paar Tagen gelingt mir das richtig gut. Es geht um dich und um mich.“ Er macht eine kurze Pause. „Und im besten Fall um uns.“

Ich steche ein Stück von meinem Schokokuchen mit flüssigem Kern ab, die Schokolade ist noch ganz lauwarm. Er meint es also ernster als ich bisher dachte, das macht mich ganz unruhig auf meinem Stuhl, was ich nur schwer verbergen kann.

„Um uns also? Warum ich?“, frage ich vorsichtig.

Er greift über den Tisch und nimmt meine Hand. „Weil ich genau dich will.“

„Aber ich mache doch gar nichts Besonderes und was wenn ich dir schon bald auf die Nerven gehe? Wenn alles zu kompliziert ist und…“

Ich weiß nicht recht was ich sagen soll, er macht mich verlegen und dieses „weil ich dich will“ klingt äußerst bestimmt, aber so das es mir durch und durch geht und zwar im positiven Sinn.

„Luisa, ich will dich. Weil du so bist wie du bist. Genau deshalb. Punkt.“

Mein Herz klopft mir schon wieder bis zum Hals, wenn sich das nicht bald legt, bekomme ich noch einen Herzanfall. Er lächelt mich an und beißt sich auf seine Unterlippe.

„Du hast etwas Schokolade an deiner Lippe, du glaubst gar nicht was ich dafür geben würde sie dir herunter küssen zu dürfen.“

Ich merke wie ich rot werde, während ich meine Serviette nehme. Ich versuche das Thema zu wechseln.

„Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass meine beste Freundin im Mai heiraten wird? Ich werde Trauzeugin sein.“

Etwas Besseres ist mir auf die Schnelle nicht eingefallen, als ob ihn das interessieren würde. Sichtlich amüsiert über den schnellen Themenwechsel legt er seine Serviette rechts neben ihm auf den Tisch und lehnt sich gemütlich zurück.

„Sehr schön, obwohl du bestimmt der Braut die Show stehlen wirst.“

Er beugt sich wieder ein wenig über den Tisch und flüstert mir zu.

„Ich habe dir heute noch nicht gesagt wie umwerfend du aussiehst.“

Er streicht mir ganz beiläufig unter dem Tisch über mein Knie, ich muss kurz meine Augen schließen. Meine Reaktion scheint ihm zu gefallen. Das Thema lässt sich also doch nicht wechseln, aber eigentlich gefällt es mir für ihn begehrenswert zu sein. Es gefällt mir sogar sehr, aber noch besser gefällt es mir ihn zappeln zu lassen, daher gehe ich auch darauf nicht weiter ein. Die Zeit ist schnell vergangen und wir entschließen uns aufzubrechen. Da man vor dem Restaurant nicht parken kann, müssen wir ein paar Schritte laufen. Ich genieße die frische Luft, obwohl es ganz schön kalt geworden ist. Einige Schneeflocken mischen sich unter die kühle Luft, es sieht aus als ob Zuckerwatte durch die Luft wirbelt. Ich schmiege mich eng an Max der seinen Arm um mich legt und mich fest an sich zieht.

„Ist dir kalt?“, fragt er mich besorgt.

„Nur ein bisschen…und mir tun meine Füße weh…“

„Ich verstehe gar nicht warum ihr Frauen euch diese Qualen antut, aber es sind nur noch ein paar Schritte bis zum Wagen.“

„Um euch Männer zu beeindrucken“, antworte ich, während ich in den Wagen steige.

Er macht die Tür zu, bevor er auf der anderen Seite einsteigt.

„Für EUCH Männer? Wenn dann für mich und dazu brauchst du keine High Heels, auch wenn du unglaublich sexy damit aussiehst. Zieh sie aus.“

„Warum?“

„Zieh sie aus.“

Ich weiß zwar nicht was es bringen soll, aber ich bin froh dass ich sie ausziehen kann. Er nimmt meine Beine und legt sie über seinen Schoß.

„Deine Füße sind eiskalt.“

Wärmend breitet er seinen Mantel darüber und streicht mir sanft über meine Schienbeine.

„Der Anstand sagt ich muss die Lady jetzt nach Hause bringen, es ist schon spät.“

Da sind sie wieder, seine guten Manieren, ich muss für mich selbst schmunzeln.

„Kenne ich nicht diesen Anstand“, grinse ich und rücke etwas näher an ihn.

Meine Antwort entlockt ihm ein breites Lächeln.

„Ich würde dir gerne etwas zeigen, natürlich nur wenn du willst.“

„Du hältst meine Beine in deinem Wagen fest, mir bleibt gar nichts anderes übrig.“

Wir fahren stadtauswärts. Es schneit immer noch leicht. Es geht ein Stückchen bergauf, vorbei an schön beleuchteten Häusern und Villen. Ein Haus exklusiver als das andere, es ist eine noble Gegend. Ich blicke rechts aus dem Wagen und unter uns erstrahlen tausende Lichter der nächtlichen Stadt. Toni bleibt stehen.

„Der Blick auf die Stadt ist hier am schönsten. Wie findest du es? Möchtest du aussteigen?“

„Ja gerne. Es ist wundervoll“, schwärme ich.

Ich schlüpfe in meine Schuhe und steige aus. Max legt seinen Mantel über meine Schultern, was ich außerordentlich nobel von ihm finde, es ist wirklich kalt und jetzt friert er bestimmt. Wir stehen auf einem kleinen Plateau. Die Aussicht ist atemberaubend und ich merke erst gar nicht das Toni weg fährt. Wir stehen noch ein paar Minuten so da. Ich habe mich ganz dicht an ihn gekuschelt, die Schneeflocken werden jetzt immer dichter, langsam hüllen sie die Straße in einen weißen Teppich.

„Ich glaube wir gehen jetzt besser, sonst brichst du dir mit den Schuhen noch den Hals.“

„Gehen? Wo ist denn der Wagen? Du willst jetzt aber nicht dass ich den ganzen Weg in die Stadt zurückgehe, oder?“

Ich sehe mich suchend nach Toni um.

„Ich laufe eigentlich ganz gern, aber ich kann dich auch tragen wenn du willst.“

Er schmunzelt mich an. Ich bin mir nicht sicher ob das ein Witz ist, oder ob er es ernst meint.

„Mein Haus ist da unten, siehst du das offene Einfahrtstor.“

Ich sehe es, das hat er galant geschafft mich hierher zu bringen denke ich mir, so viel zu den guten Manieren und dem Anstand.

„Zeigst du mir jetzt deine Briefmarkensammlung?“, frage ich mit sarkastischem Unterton.

„Ja, natürlich, gerne, ich wusste nicht dass du an Briefmarken interessiert bist.“

Er scheint ziemlich amüsiert über meine Frage zu sein, was auch mich zum Lächeln bringt, zumindest mangelt es ihm nicht an Schlagfertigkeit. Wir gehen die paar Schritte vom Plateau zum Haus. Es ist ein moderner Architekturbau mit vielen Glasfronten. Das automatische Tor schließt sich hinter uns, als wir die Auffahrt hinauf gehen.

„Du hast bestimmt Lust etwas Warmes zu trinken, oder? Deine Hände sind eiskalt.“

Mir ist wirklich kalt, vor allem meine Füße fühlen sich schon ganz taub an. Ich nicke zustimmend. Max bleibt kurz stehen, während er die Tür öffnet.

„Du willst doch mit hinein kommen oder?“

Natürlich will ich, mir ist eiskalt, außerdem was bleibt mir jetzt wo ich schon einmal hier bin anderes übrig. Ich nicke, bevor er mich zur Tür hineinschiebt, so als wollte er verhindern dass ich es mir noch einmal anders überlege. Im Haus setzt sich die Moderne fort. Es ist alles sehr clean und chic. Viele helle Farben und obwohl alles sehr geschmackvoll ist, merkt man das hier eine Frau im Haus fehlt. Er nimmt mir den Mantel ab. Ich schlüpfe aus meinen Schuhen, Gott fühlt sich der warme Fußboden unter meinen eiswürfelkalten Füssen gut an. Er führt mich durch den Flur in einen offenen Wohnraum. Durch ein großzügiges Wohnzimmer mit offenem Kamin erreicht man über zwei Stufen die Küche mit einem gemütlichen kleinen Tisch und zwei Stühlen. Dahinter an einer langen Glasfront steht ein großer Esstisch mit sechs Sesseln. Im Wohnzimmer vor dem Kamin stehen ein großes dunkelgraues Sofa und ein Fernseher. Alle Farben sind gedeckt, die Einrichtung ist edel uns stilvoll.

„Was möchtest du trinken? Tee, Kaffee, Wein?“

Er wirft einen Blick in den Kühlschrank, während ich mich noch immer mit Bewunderung umsehe.

„Ich habe sogar eine Flasche Champagner“, offenbart er seine Entdeckung im Kühlschrank.

„Am liebsten Tee bitte“, antworte ich und sehe mich weiter um.

Er legt sein Sakko und die Krawatte ab und setzt den Teekessel auf. Die riesigen Glasfronten sind außergewöhnlich und erlauben einen tollen Blick über die gesamte Gegend.

„Du hast ja einen Pool!“, stelle ich freudig fest.

„Ja, aber ich komme viel zu selten dazu ihn zu benutzen, der Architekt war der Meinung ich brauche einen.“

Ich erzähle Max von meiner Leidenschaft zum Schwimmen, während er das Wasser in eine Teekanne mit den getrockneten Teeblättern gießt. Ich beobachte das Prozedere andächtig.

„Was machst du denn wenn du nicht arbeitest?“, frage ich neugierig.

Er überlegt kurz. „Jetzt wo du mich so direkt fragst, ich arbeite eigentlich immer. Das ist schrecklich oder?“

„Ja schon. Das kann doch nicht gut für dich sein“, entgegne ich leicht entsetzt.

„Montags spiele ich sofern ich da bin mit Richard Tennis, aber vielleicht schaffst du es ja mich vom Arbeiten abzuhalten.“

Ich zucke mit den Schultern, ich kann mir nicht vorstellen wie mir das gelingen sollte. Während der Tee zieht, zündet er das Feuer im Kamin an. Danach setzten wir uns auf das Sofa im Wohnzimmer. Ich genieße den warmen Tee. Meine Schulter lehne ich an ihn, er streicht mir zärtlich über eine Haarsträhne die sich aus meinem Knoten gelöst hat.

„Ist dir noch kalt?“, fragt er mich.

„Nein, zum Glück sind meine Füße auch wieder aufgetaut.“

Ich würde gerne hier bleiben, aber ich bin mir nicht sicher ob das richtig ist. Es geht mir jetzt doch alles zu schnell, vielleicht ist es besser wenn ich jetzt nach Hause fahre, womöglich hat er sonst ein falsches Bild von mir. Ich will nicht so eine Art von Beziehung – keine Geliebte.

„Du siehst so nachdenklich aus?“

Er streicht sanft meinen Arm mit seinem Zeigefinger hinunter.

„Das hast du ziemlich gefinkelt eingefädelt, mich hierher zu bringen, Machst du das immer so?“

„Toni kann dich jederzeit nach Hause bringen, er wartet auf meinen Anruf. Ich wollte nicht, dass du das falsch verstehst.“

Er sieht mir tief in die Augen und ich kann mich seinem Blick nur sehr schwer entziehen. „Luisa was ist nur los mit dir?“, frage ich mich selbst.

„Ja…es ist schon ziemlich spät geworden, ich denke ich möchte doch nach Hause“, entgegne ich, weil ich finde es wäre das Beste so.

„Natürlich. Ich gebe ihm Bescheid.“

Er scheint zwar nicht enttäuscht zu sein, zumindest lässt er es sich nicht anmerken, aber manchmal ärgere ich mich über mich selbst, weil ich einfach nicht weiß was ich will. Ich glaube ich will gar nicht nach Hause. Ich sehe ihn an, während er telefoniert. Ich befürchte es hat mich richtig erwischt, es kribbelt in meinem Bauch und überhaupt hab ich ein seltsames Gefühl, das meinen ganzen Körper durchströmt und das Schlimmste ist, ich kann nichts dagegen tun, ich hasse es die Kontrolle zu verlieren. Kurz schließe ich die Augen und atme tief durch. Ich stehe schon einmal auf und gehe zum Kamin auf dem Bilder und Fotos stehen von Leuten die ich natürlich nicht kenne. Auf einem ist Max mit einer hübschen Frau mit langen dunklen Haaren zu sehen. Sie hat ein wunderschönes warmes Lächeln. Daneben steht das Hochzeitsfoto von ihm und seiner verstorbenen Frau, vermute ich zumindest. Sie war zierlich, mit langen brünetten Haaren. Sie lächelt Max an, nein das ist mehr als ein Lächeln, sie himmelt ihn an, so wie ich es jetzt tue.

„Toni wird gleich da sein.“

Er kommt zu mir und umschlingt mich von hinten, ich lehne mich an ihn. Gott warum will ich nach Hause?

„Wer ist das?“, frage ich, und zeige auf das Bild mit der Frau.

„Meine Schwester Nigella, sie lebt mit ihrem Ehemann in meinem Elternhaus in Irland. Ich hoffe du lernst sie bald kennen. Leider sehe ich sie viel zu selten, ich weiß jetzt schon, dass sie dich mögen wird.“

„Sie ist sehr hübsch, gutes Aussehen liegt also in deiner Familie.“

„Ja sie ist eine schöne Frau, ich hatte als großer Bruder alle Hände voll zu tun, sie war ständig von Verehrern umschwärmt und schau da ist meine Mutter, sie ist leider gestorben als ich fünfundzwanzig war, das Bild entstand einige Monate vor ihrem Tod.“

Er zeigt auf ein Foto auf dem er mit Nigella und seiner Mutter zu sehen ist. Nigella sieht ihr sehr ähnlich.

„Sie sieht doch noch so jung aus?“

„Sie ist einfach eines Tages umgefallen, Gehirnblutung.“

„Das ist ja schrecklich…und dein Vater?“

„Ich habe keinen Vater…er hat uns verlassen als Nigella und ich noch sehr klein waren, er war ein Mistkerl. Er hat meine Mutter belogen und betrogen, wenn er betrunken war geschlagen und sie mit einem Haufen Schulden sitzen gelassen.“

Ich bereue es gefragt zu haben, ich dachte, nur ich hatte eine beschissene Jugend, keine Ahnung was ich darauf sagen soll, aber ich komme gar nicht dazu etwas zu sagen.

„Kein Problem, ich bin lange darüber hinweg, er ist mir egal, meine Schwester ist meine Familie, ich sehe sie leider nur viel zu selten.“

Er ist mir immer einen kleinen Schritt voraus und es kommt mir so vor als ob er meine Gedanken lesen könne, es ist wirklich gespenstisch. Ich ziehe seine Arme fester um meine Mitte. Ich blicke noch einmal auf das Hochzeitsbild.

„Deine Frau und du, ihr seht sehr glücklich aus und sie ist unglaublich hübsch.“

Kurz ist es ganz still bevor er antwortet.

„Das waren wir. Jetzt machst du mich glücklich und zwar genau in diesem Moment.“

Ich drehe mich zu ihm, lege meine Arme um seinen Hals und lehne mein Gesicht an seine Brust. Seine Nähe fühlt sich himmlisch an. Ich schließe meine Augen und kann und will an nichts mehr denken und ich will auch nicht mehr sprechen. Ich öffne zwei Knöpfe von seinem Hemd und schmiege mich fest an ihn.

„Das weißt du nach so kurzer Zeit schon?“, frage ich leise.

„Ja.“

„Und wie glücklich würde es dich machen wenn Toni nicht mehr kommen müsste?“

Ich bin mir nicht sicher ob ich das wirklich sagen wolle, aber jetzt hab ich es wohl getan. Es ist einfach so aus mir heraus gesprudelt.

„Es würde mich sehr glücklich machen, aber du musst nichts tun nur um mich glücklich zu machen, das weißt du oder?“, fragt er mich, während er mir einen Kuss hinter mein Ohr haucht.

Nickend ziehe ihn ganz fest zu mir und küsse ihn. Er reißt sich noch einmal los von mir was ihm nicht ganz leicht zu fallen scheint.

„Bitte bleib heute Nacht bei mir“, sagt er ein wenig atemlos.

Ich beiße mir auf die Unterlippe und spüre wie sich meine Wangen röten, dann nicke ich etwas verlegen.

„Dann gebe ich Toni Bescheid dass er Feierabend machen kann.“

Nachdem er ihn noch einmal angerufen hat, nimmt er mich wieder in den Arm. Ob es das Richtige ist zu bleiben weiß ich nicht, aber eines weiß ich sicher, es fühlt sich gut an. Ich streiche mit meinen Finger durch seine Haare, über seinen Hals bis zu seiner Brust. Sanft öffnet er meinen Haarknoten, meine Haare fallen locker über meine Schultern. Ich lege meinen Kopf und meine Haare zur Seite. Er küsst mich sanft vom Hals bis zum Schlüsselbein. Ich spüre wie mein Puls in meiner Halsschlagader pocht und sich die Haare auf meinen Armen wie elektrisiert aufstellen. Ganz langsam öffnet er den Reißverschluss meines Kleides. Ich halte kurz den Atem an. Es gleitet an meinen Schultern über meine Hüften hinunter zu Boden. Ich vergrabe meine Nase und Lippen in seinen Hals, ich fühle während ich noch ein paar Knöpfe von seinem Hemd öffne mit meinen Fingern die Haare auf seiner Brust und streiche über seinen Oberkörper. Er schiebt die Träger meines BH ganz sanft über meine Schultern und fährt zärtlich die Linien meines Dekolletees nach. Dann streicht er zärtlich mit seiner Hand über meine Haare und meinen Hals.

„Du bist so schön Luisa, alles an dir ist wunderschön.“

Ein verlegenes Lächeln huscht über meine Lippen, ich bekomme kaum Luft zum Atmen, es scheint, dass ich in Liebesangelegenheiten ziemlich außer Übung bin.

„Willst du jetzt die Briefmarkensammlung sehen?“, haucht er mit kehliger Stimme in mein Ohr.

Ich sehe ihn überrascht an.

„Ja…warum eigentlich nicht, ist sie denn sehenswert?“

Ich kann mir ein leises Kichern nicht verkneifen. Er erwidert mein Lächeln, bevor er mich ohne Vorwarnung aufhebt und in sein Schlafzimmer trägt. Ich sinke in die weichen Kissen und rieche den zarten Duft von frisch gewaschener Bettwäsche. Er beugt sich über mich, ich ziehe ihn ganz fest an mich heran und schließe meine Augen. Ich habe das Gefühl alles um mich herum dreht sich. Sein Körper auf meinem fühlt sich schwer an, aber ich drücke ihn noch fester an mich und grabe meine Nase und meinen Mund in seine Haut. Ich möchte dass er mich nie wieder los lässt, fest drücke ich meine Fingerspitzen in seinen Rücken.

„Du musst mich nicht so fest halten, ich laufe nicht weg, ein bisschen Luft musst mir schon lassen“, flüstert er in mein Ohr, es ist wirklich unheimlich, kann er wirklich Gedanken lesen?

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „

Aber vielleicht flüchte ich ja.“

Er drückt sich wieder fest an mich, sodass ich Mühe habe zu atmen, seine Nasenspitze berührt meine.

„Das glaube ich nicht.“

Ich lege meinen Kopf zurück und meinen Hals frei, so als würde ich mich ihm ergeben, während ich sanft über seinen Rücken streiche. Er nimmt meine linke Hand und führt sie an seinen Rippen entlang über seinen Oberkörper bis zu seiner Hosentasche. Meine Fingerspitzen folgen sanft seiner Anweisung. Ich greife in die Hosentasche in der ich ein bekannt knisterndes Material ertaste und hervorziehe. Ich halte das glitzernde Päckchen zwischen meinen Fingern.

„Du scheinst jedenfalls gut vorbereitet zu sein?“

Er streicht mir unbeirrt sanft über den Hals. „In deinem Fall schon.“

„Also doch Aufreißer?“

„Nein. Sicherheitsbetont“, entgegnet er.

Er drückt seine Lippen auf meine. Ich habe keine Möglichkeit mehr auch nur noch ein Wort dazu zu sagen. Ich gebe jegliche Kontrolle über mich ab und lasse mich einfach fallen. Jede Faser meines Körpers saugt seine Nähe förmlich auf. Unfähig auch nur einen weiteren Gedanken des Zweifels zu fassen, ergebe ich mich meinem Drang alles beherrschen zu wollen. Das Bauchgefühl hat also endlich den Kopf besiegt, zumindest für diesen Moment.

Ich liege fest an ihn gekuschelt und schlafe fast ein. Seine Hand liegt sanft auf meinem Bauch, was gut ist, denn sonst würde ich mit den Schmetterlingen die sich daran befinden wohl davonfliegen. Er schmiegt sein Gesicht liebevoll an meinen Hals, ich spüre seinen Atem auf meiner Haut. Es ist ein unwahrscheinlich vertrautes und warmes Gefühl, ich bin froh geblieben zu sein. Eigentlich kann ich mir gar nicht mehr vorstellen überhaupt jemals wieder zu gehen.

„Bin ich jetzt deine Geliebte.“, frage ich leise in sein Ohr.

„Luisa…“, haucht er. „Ist es denn so schlimm geliebt zu werden?“

„Nein…aber…“

Ich kann nicht aussprechen weil er seine Lippen auf meine drückt.

„Hör jetzt auf nachzudenken und mach deine Augen zu.“

Er haucht mir unzählige Küsse die kaum meine Haut berühren auf den Hals. Ich schließe zufrieden meine Augen.

Als ich auf aufwache wird es draußen schon hell. Die Jalousien sind leicht geöffnet und verschaffen mir einen Blick nach draußen. Es hat aufgehört zu schneien. Ich drehe mich auf die andere Seite, aber ich liege allein im Bett. Max ist scheinbar schon aufgestanden, ich habe gar nichts gemerkt, so tief habe ich lange nicht geschlafen. Auf seinem Nachttisch steht ein Wecker, es ist erst kurz vor sieben Uhr. Am Bettrand liegt sein weißes Hemd ich ziehe es über und kuschle mich hinein, es fühlt sich wunderbar an. Ich sauge den Duft seines Aftershaves am Hemdkragen ein, ich muss meine Augen noch einmal kurz schließen. Ich tapse aus dem Zimmer um zu sehen wo er ist. Er sitzt vertieft am kleinen Küchentisch mit dem Kopf über dem Laptop, als er mich sieht, lächelt er mich an und klappt den Computer zu. Ich gehe hinüber und setzte mich auf seinen Schoß.

„Guten Morgen, arbeitest du schon?“

„Guten Morgen.“ Er zieht mich zu sich und küsst mich zärtlich. „Ja, aber wenn ich dich so ansehe, hätte ich besser im Bett bleiben sollen.“

Er haucht mir einen Kuss in den Nacken. „Willst du noch immer flüchten?“

Ich drehe mich zu ihm und schüttle den Kopf, während ich in seine blauen Augen sehe. „Eigentlich wollte ich nie flüchten.“

Er streicht durch meine Haare die bestimmt wüst zerzaust sind und mustert mich in seinem Hemd.

„Steht dir gut mein Hemd, sieht an dir besser aus als an mir. Hast du gut geschlafen?“

„Ich habe lange nicht mehr so gut geschlafen, schon gar nicht in einem fremden Bett.“

„Schön. Hoffentlich kommt das nicht so oft vor, ich meine dass du in fremden Betten aufwachst?“

„Ich weiß nicht worauf du hinaus willst, aber nein, außer ich werde von einem Aufreißer mit einem Vorwand in fremde Häuser gelockt.“

„Klingt nach Vorwurf? Aber tut mir leid, ich habe kein schlechtes Gewissen und zum letzten Mal, ich bin kein Aufreißer.“

Er grinst süffisant, während er sanft mit seiner Fingerspitze von meiner Nasenspitze abwärts zum Hals über mein Dekolletee streicht und dann weiter über meinen Bauch und meinen rechten Oberschenkel, bis er an der Narbe auf meinem Schienbein stoppt. Er sieht mich fragend an.

„Autounfall. Ist schon lange her“, sage ich unaufgefordert. „Manche Verletzungen heilen, hinterlassen aber hässliche Narben, manche Verletzungen hinterlassen keine sichtbaren Narben, heilen aber nie“, füge ich noch hinzu.

Ich bin froh, dass er nicht weiter nachfragt, was mein Bein betrifft. Ich lege meine Hand auf sein Herz und gebe ihm einen Kuss, bevor ich von seinem Schoss aufstehe.

„Frühstückst du auch noch mit mir, oder schmeißt du mich gleich raus?“, frage ich etwas vorlaut, vielleicht auch um von meinem Bein abzulenken.

„Ich werde dich doch nicht mühevoll hierher locken und dann ganz einfach wieder raus schmeißen, das war nicht der Plan Mrs. Miller.“

Er steht auf und geht zum Kühlschrank. „Was hättest du denn gerne?“

„Tee wäre prima ansonsten bin ich nicht so wählerisch.“

„Ich sehe einmal nach was Magda eingekauft hat.“

Mein fragender Blick entgeht ihm nicht, und so erklärt er mir, dass Magda seine Haushälterin ist. Sie erledigt für ihn alles rund um Haus und Garten. Er ist sich sicher, dass sie ganz erfreut sein wird mich kennen zu lernen.

„Und Magda ist eine junge sexy Polin, oder wie darf ich sie mir vorstellen? Ich würde schon gerne wissen wer dein Bett macht…“, merke ich spöttisch an.

„Ich muss sagen für jemand der nur ein Herrenhemd trägt, bist du ganz schön vorlaut, aber ich danke dir, das hört sich gut an, ich werde darüber nachdenken ob ich Magda ein paar freie Tage gönne und dafür eine junge sexy Polin engagiere.“

Er sagt, dass ganz beiläufig, während er den Teekessel aufsetzt. Kopfschüttelnd schenke ich seiner Aussage keine weitere Beachtung, scheint mir so am besten. Während dem Frühstück erklärt er mir, dass er eigentlich geplant hat dieses Wochenende nur mit mir zu verbringen und nicht zu arbeiten, aber leider ist es jetzt doch anders gekommen. Ein wichtiger Geschäftspartner hat sich kurzfristig angekündigt. Er muss noch heute gemeinsam mit Richard nach Philadelphia fliegen.

„Ich habe vorhin schon mit ihm telefoniert, ich möchte dass du mich begleitest. Selma kommt auch mit und ihr könnt gemeinsam ein paar Stunden verbringen bis wir fertig sind. Natürlich nur, wenn du einverstanden bist?“

Ich zögere, ob es schon der richtige Zeitpunkt ist bei einem wichtigen Geschäftstermin dabei zu sein, aber nach kurzem Überlegen stimme ich doch zu.

„Ich hab nichts anzuziehen, also nicht hier.“

„Wieso? Mein Hemd steht dir doch gut?“, neckt er mich.

Ich stehe auf um das Frühstücksgeschirr abzuräumen, zuvor beuge ich mich noch lasziv über den Tisch zu ihm. Nachdem ich unter dem Hemd nichts trage verschafft ihm das mit ziemlicher Sicherheit einen reizvollen Ausblick.

„Also gut, ich kann auch nur im Hemd mitfliegen, ganz wie du willst, wenn das förderlich für deine Geschäfte ist.“

Er sagt kein Wort, aber seinem Blick nach zu urteilen gefällt ihm was er sieht.

„Ich befürchte so kommen wir nicht einmal bis zum Auto…“

„Gut…ich wundere mich sowieso schon warum dieser Aufzug dich kalt lässt.“

Ich öffne einen weiteren Knopf am Hemd. Er lehnt sich zurück, seine Augen glänzen.

„Lässt dich also doch nicht kalt?“

Ich öffne noch einen Knopf, auch wenn ich nicht nach unten sehe weiß ich, dass jetzt nicht mehr viel verborgen sein dürfte.

„Du bist ganz schön frech.“

„Meinst du?“ Ich beuge mich zu ihm und gebe ihm einen langen Kuss.

„Dann gehe ich mal unter die Dusche, hauche ich in sein Ohr.

Er zieht mich ohne Vorwahrung auf seinen Schoß.

„Später, ich helfe dir schon einmal beim Ausziehen.“

Er öffnet die restlichen Knöpfe vom Hemd und umfasst fest meine Hüften.

Ich grinse zufrieden.

Nachdem ich geduscht habe schlüpfe ich wieder in meine Sachen von gestern Abend. Wir machen uns auf den Weg zu meiner Wohnung. Max fährt heute selbst, Toni hat frei. Privat fährt er einen schnittigen dunkelgrauen BMW und zwar ein BMW 6er Gran Coupé hab ich mir erklären lassen, also doch Aufreißer Schlitten. Er hält mir galant die Wagentür vor meiner Wohnung auf. Da mich schon den ganzen Vormittag eine Frage beschäftigt, muss ich das jetzt auf der Stelle klären. Er geht hinter mir die Treppe zur Wohnung hinauf, vor der Wohnungstür bleibe ich kurz stehen, lege meine Arme um ihn und küsse ihn, worüber er ziemlich überrascht zu sein scheint. Ich wandere mit meinen Händen zu seinen Hosentaschen und greife hinein. Er blickt mich mit großen und überraschten Augen an.

„Suchst du etwas?“

„Ich wollte nur nachsehen ob du eigentlich immer so gut vorbereitest bis wie gestern Abend?“

Er lacht auf und nimmt meine Hände wieder aus seinen Taschen.

„Sagen wir es so, ich habe es darauf ankommen lassen und gehofft, dass es so kommt.“

Ich kräusle meine Lippen. „Also habe ich es dir zu leicht gemacht?“

Er nimmt mein Gesicht zwischen seine Hände und gibt mir einen weiteren Kuss, dann flüstert er in mein Ohr.

„Zum Glück war es nicht ganz so schwer wie ich es befürchtet hatte, worüber ich außerordentlich froh bin.“

Ich muss die Augen verdrehen, schüttle den Kopf und gehe in die Wohnung, er folgt mir.

Lizzy und Andy sitzen gerade beim Frühstück.

„Guten Morgen, ich bin gleich wieder weg ich muss mich nur kurz umziehen.“

Lizzys Mund steht offen als ich Max vorstelle, sie sieht komplett planlos aus und das kommt nicht oft vor. Trotzdem lasse ich die drei kurz allein und ziehe mich um. Ich habe gerade meine Haare fertig frisiert als es an der Tür klopft. Max steckt seinen Kopf ins Zimmer.

„Nimm auch gleich für morgen noch mit was du brauchst, ich hoffe du bleibst so lange bei mir?

„Wenn du mich so lange aushältst?“

„Ich hab keine Bedenken, aber im Notfall bin ich mir sicher wir finden eine Ablenkung.“

Er blinzelt mir zu.

„Deine Hosentaschen sind leer“, entgegne ich beiläufig.

Jetzt schüttelt er den Kopf und verdreht die Augen.

„Ich glaube wir beide haben noch viel Spaß zusammen…“

Ich hoffe das richtige Outfit für heute gewählt zu haben, Max sieht immer besonders gut und elegant aus. Ich bin mir nicht sicher ob ich da so richtig dazu passe und betrachte mich noch einmal im Spiegel. Die dunkle Hose sitzt knackig auf meinen Hüften und dazu trage ich eine seidige rosa Bluse mit Stehkragen. Meine Haare habe ich locker hochgesteckt. Max scheint es zumindest zu gefallen. Lizzy kann ihre Aufregung kaum verbergen und flüstert mir noch ins Ohr wie toll sie Max findet, bevor wir gehen. Als wir am Flughafen ankommen, warten Selma und Richard schon in der Maschine die bereits auf dem Rollfeld steht.

„Sag bloß du hast auch noch ein Flugzeug?“, frage ich mit Bewunderung.

„Nein leider, da muss ich dich enttäuschen, unser Geschäftspartner stellt uns die Maschine zur Verfügung, aber ich bin mir sicher du wirst den Flug dennoch genießen."

Selma ist sichtlich erfreut mich wieder zu treffen und auch ich bin froh dass sie dabei ist, alles ist so ungewohnt für mich. Sie schiebt mich gleich zum Platz neben ihr.

„Die Männer wollen sich bestimmt noch ein wenig vorbereiten, ich freue mich dass du mitkommst, es ist doch in Ordnung wenn wir du sagen? Wir werden uns jetzt vermutlich öfter sehen?“

„Ja gerne natürlich.“

Ich setzte mich neben sie, Max und Richard sitzen gegenüber und besprechen noch einige Details zum bevorstehenden Termin. Max sieht kurz auf und lächelt mir zufrieden zu, als er sieht dass ich mich gut unterhalte. Die Zeit vergeht schnell, Selma ist wirklich eine lustige aufgeweckte Person.

„Ich freue mich für Max, dass er dich kennen gelernt hat. Er scheint sehr glücklich zu sein“, flüstert sie mir ins Ohr.

„Das bin ich auch, er ist ein beeindruckender Mann.“

Selma nickt zustimmend. In Philadelphia angekommen werden wir bereits von einem Wagen erwartet der uns in die Stadt zum Termin bringt, dieser findet in einem wunderschönen, luxuriösen Hotel statt.

„Wir werden inzwischen ein bisschen die Stadt unsicher machen“, freut sich Selma

„Ich brauche dringend neue Schuhe, schließlich muss Richard sehen wofür er sein Geld verdient, wenn er schon am Wochenende arbeiten muss.“

Richard rollt mit den Augen, scheint seiner Frau aber nichts entgegnen zu wollen. Bevor wir uns trennen stellt mir Max aber noch seinen Geschäftspartner vor, auch seine Frau ist mit dabei. Andrew Hanson und seine Frau Claire. Sie kommt unüberhörbar aus Frankreich. Ich wechsle ein paar Worte auf Französisch mit ihr, worüber sie sich sichtlich freut. Max schaut mich komplett verwundert an.

„Du sprichst fließend Französisch?“

„Ich habe fünf Jahre ein französisch geführtes Mädcheninternat in der Schweiz besucht“, kläre ich ihn auf.

Er ist sichtlich überrascht.

„Claire würde uns sehr gern begleiten“, frage ich Selma die sofort einverstanden ist.

Während Max und Richard mit Andrew den Termin wahrnehmen, haben wir einen wundervollen Tag in der Stadt. Wir bummeln und shoppen und ich hätte mir nicht gedacht, so viel Spaß zu haben. Zum Abschluss nehmen wir noch einen Cocktail in einer gemütlichen Bar. Claire und Selma sind unglaublich nett, die Zeit vergeht wie im Flug. Vollbepackt mit Tüten kehren wir am Abend in das Hotel zurück. Die drei Männer erwarten uns bereits mit einem Aperitif an der Hotelbar. Meinem Eindruck nach ist der Termin gut verlaufen und alle erfreuen sich bester Laune. Max nimmt mich zur Begrüßung völlig selbstverständlich in den Arm und gibt mir einen Kuss.

„Hattest du einen schönen Tag?“

„Ja, es war ein erfolgreicher Tag.“

Ich zeige auf meine Tüten.

„Bei uns auch“, entgegnet er zufrieden.

Wir essen gemeinsam. Ich fühle mich richtig wohl. Es ist spät geworden als wir am Flughafen zum Rückflug nach New York eintreffen. Wir sitzen im Flugzeug bereit zum Abflug, als Max die Stewardess um eine Flasche Champagner und Gläser bittet, scheint also wirklich alles gut gelaufen zu sein.

„Also Ladys, das habt ihr wirklich grandios hinbekommen, das müssen wir feiern!“

Richard trippelt nervös wie ein kleiner Junge auf seinem Sitz.

„Der Deal ist unter Dach und Fach!“, ergänzt Max. „Und das haben wir nur euch zu verdanken. Andrew war so begeistert davon wie ihr Claire aufgenommen habt. Sie hatte in letzter Zeit gesundheitliche Probleme und der heutige Tag hat ihr scheinbar richtig gut getan.“

Ich freue mich, obwohl ich die ganze Aufregung gar nicht verstehen kann. Claire ist eine sehr nette Person und meiner Meinung nach haben wir nichts getan was außergewöhnlich war, und nichts was ich nicht sonst auch tun würde. Wir stoßen an, Max und Richard plaudern noch ausgelassen darüber wie gut alles gelaufen ist. Selma und ich unterhalten uns noch über den erfolgreichen Shopping Tag.

„Würde mich freuen wenn wir noch viel Gelegenheit haben etwas gemeinsam zu unternehmen. Ich hoffe Max tauscht mich nicht allzu bald aus, du hast ja schon bestimmt viele Damenbekanntschaften von Max miterlebt“, scherze ich mit dem Hintergedanken etwas mehr über seine Verflossenen zu erfahren.

„Glaub mir, es ist nicht Max Art jede Bekanntschaft so ernst zu nehmen.“

Klingt jetzt nicht gerade wie ein Plus für eine feste Beziehung, hätte ich besser nicht gefragt. Selma beugt sich näher zu mir. „Ja sicher, da gab es einige Frauen, aber eben Bekanntschaften, nichts ernstes.“ Sie denkt kurz nach. „Er hat noch nie eine Frau zu einem Geschäftstermin mitgebracht, ehrlich gesagt habe ich ihn noch nie so erlebt wie heute mit dir. Ich glaube du hast ihm so richtig den Kopf verdreht.“

Das wiederum klingt sehr gut. Es war ein anstrengender Tag und ich bin schon ziemlich müde als wir zurück zu Max Haus fahren, ich habe Mühe meine Augen offen zu halten.

„Du hast mich heute ein weiteres Mal überrascht.“

Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel.

„Fünf Jahre in einem Schweizer Mädcheninternat?“

Er blickt zu mir herüber als würde er eine Erklärung erwarten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jetzt dazu etwas sagen will, schließlich ist der Grund für meine Ausbildung dort nicht gerade einen abendlichen Smalltalk mit einem Mann den ich erst so kurz kenne wert. Vielleicht sieht er mich dann mit anderen Augen. Ich bin nicht stolz auf meine Vergangenheit, der richtige Zeitpunkt wird schon kommen, aber dieser Moment ist auf keinen Fall passend dafür.

„Mein Vater sah sich nach dem Tod meiner Mutter nicht meiner Erziehung mächtig.“

Ich mache eine kurze Pause und blicke auf meine Hände. „Außerdem war er damit beschäftigt seine Affäre zu heiraten. Ich hätte sie nie als Mutterersatz akzeptiert und so war es vermutlich die beste Entscheidung für mich und ihn.“

Auch wenn das jetzt meinem Vater gegenüber ein bisschen unfair ist, sehe ich das für den Moment als beste Erklärung und gelogen ist es nicht, es ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Ich entnehme Max Blick ein wenig Unverständnis.

„Glaub mir ich bin ein absoluter Fan von guten Schulen und solider Ausbildung, aber in deinem Fall bin ich mir dieser Entscheidung nicht sicher. Er hat seine Affäre geheiratet und dich ins Internat gesteckt?“

Jetzt ist sein Blick entgeistert. Ich nicke nur, mehr will ich dazu momentan nicht sagen, er scheinbar aber schon.

„Bitte versteh mich nicht falsch, du bist eine äußerst wohlerzogene und sensible Frau, aber genau deshalb glaube ich du hättest eine Familie gebraucht, du hast doch schon deine Mutter verloren?“

„Es ist gut so wie es war, meine Mum hätte niemand ersetzten können“, antworte ich leise, seine Worte sind warmherzig und doch fühle ich mich schlecht ihm nur die halbe Wahrheit erzählt zu haben.

„Ich kenne deinen Vater nicht, ich kann zwar nicht verstehen warum er so drastisch gehandelt hat, aber es steht mir auch nicht zu darüber zu urteilen.“

Ihm ist scheinbar nicht entgangen das mir dieses Thema zu schaffen macht.

„Bist du nach dem Internat gleich wieder zurückgekommen?“

„Nein, ich habe meine Ausbildung in der Schweiz absolviert und dort einige Jahre gelebt, so lange bin ich noch nicht zurück in New York.“

„Haben die Schweizer Männer denn keine Augen im Kopf?“ Er schaut mich ungläubig an. „Kann doch nicht sein, dass du dort keinem den Kopf verdreht hast? “

Ich schüttle nur den Kopf gepaart mit einem verlegenen Lächeln. Wir warten kurz bevor sich das Einfahrtstor öffnet, er beugt sich zu mir herüber.

„Gut so. Jetzt hast du mir den Kopf verdreht, zum Glück bist du zurückgekommen.“

Er wirkt so stark in seinem Anzug und der Krawatte, aber wenn er mich so ansieht ist er einfach nur süß, ich streiche ihm zärtlich über sein Gesicht, bevor das Tor offen ist und wir in die Garage einfahren. Ich dusche noch heiß und falle dann völlig fertig ins Bett. Meine Nase drücke ich in Max Kissen. Als er sich an mich schmiegt, mir sanft über die Haare streicht und mir einen Kuss in den Nacken gibt, wache ich noch einmal kurz auf.

„Ich wollte dir noch etwas sagen“, flüstert er in mein Ohr.

Ich öffne noch einmal kurz meine Augen.

„Jede Narbe heilt Luisa, auch die im Herzen, es braucht nur die richtige Medizin und ich glaube ich habe meine gefunden.“

Ich liege mit dem Kopf zum Fenster gedreht als ich aufwache. Draußen ist es schon hell und es stürmt und schneit. Ich drehe mich auf die andere Seite, heute liegt Max neben mir und wartet scheinbar schon darauf, dass ich munter werde. Er lächelt mich mit einem „Guten Morgen“ an.

„Heute noch nicht beim Arbeiten?“, frage ich noch müde.

„Nein, heute nicht. Heute nur wir beide.“

Er umschlingt mich fest. Ich schließe meine Augen noch einmal und schmiege mich fest an ihn.

Beim Frühstück fällt mir das Sonntagsessen bei Dad ein. Ich rufe ihn kurz an, wobei er nicht versteht warum ich heute keine Zeit habe, aber ich ignoriere seine Einwände, für mich gibt es jetzt wirklich Wichtigeres. Danach führt mich Max durch das ganze Haus. Es hat nur ein Geschoss mit Ess- und Wohnbereich, Schlafzimmer, Kleiderzimmer Bad, Gäste-WC und einem Wirtschaftsraum. Im Untergeschoß befindet sich noch Max Büro und ein Gästezimmer mit Gästebadezimmer. Es gibt auch einen Durchgang in die Garage. Das Haus ist durchdacht bis in das letzte Detail ich bin wirklich beeindruckt.

„Hast du hier schon mit deiner Frau gelebt?“

„Ich habe mit meiner Frau nie in den USA gelebt. Wir lebten in Irland nahe dem Haus meiner Schwester. Lauras Bruder wohnt jetzt mit seiner Frau dort. Ich musste nach Lauras Tod einfach weg, ich brauchte Veränderung. Richard war mein bester Freund seit dem Studium und als uns die Idee unserer eigenen Firma bei einigen Whisky kam, war ich sofort dafür alles aufzugeben und neu anzufangen. Das haben wir dann auch getan und den Rest der Geschichte kennst du ja. Ich habe einige Jahre in einer kleinen Wohnung in der Stadt gelebt bis Selmas Bruder, ein aufstrebender junger Architekt, mit der Idee für dieses Haus zu mir kam. Als er mir das Grundstück zeigte, konnte ich einfach nicht widerstehen.“

„Das kann ich gut verstehen, die Aussicht ist unglaublich, besonders von diesem Fenster aus. Das Licht spiegelt sich hier so wunderschön.“

Er stellt sich neben mich.

„Ja, tatsächlich. Ich habe hier noch gar nie so bewusst hinaus gesehen. Du siehst viele Dinge aus einem anderen Blickwinkel, das gefällt mir.“

„Das einzige was ich momentan sehe ist, dass ich unglaubliches Glück hatte dich zu treffen, ich habe noch nie einen Mann wie dich kennen gelernt.“

Ich lege meine Arme um seinen Hals. Ja er ist etwas Besonderes und trotzdem habe ich nicht den Mut ihm alles von mir zu erzählen. Wir verbringen den Tag gemütlich, am Nachmittag kuschle ich mich auf dem Sofa an ihn, ich wünsche mir die Zeit könnte still stehen.

„In ein paar Wochen ist Weihnachten. Ich werde meine Schwester besuchen und wir werden dann gemeinsam ein paar Tage in Island verbringen, zwar gekoppelt mit einigen Terminen aber ich bin zuversichtlich das die schnell erledigt sind. Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen ohne dich zu sein, würdest du mich begleiten?“

Ich bin überrascht, damit habe ich nicht gerechnet. Meine Feiertage sind schon verplant, das ich plötzlich an Weihnachten nicht mehr allein bin, damit war vor ein paar Wochen noch nicht zu rechnen.

„Wir machen zu Weihnachten immer Familienurlaub, auch Lizzy und ihre Familie sind mit dabei. Das ist bei uns Tradition geworden seit ich ins Internat gekommen bin, es war die einzige Möglichkeit die Feiertage gemeinsam zu verbringen.“

Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, obwohl es vielleicht besser so ist, alles ist noch ziemlich frisch. Max scheint ein wenig enttäuscht zu sein, zeigt aber Verständnis.

„Verstehe, ich weiß zwar noch nicht wie ich das aushalten werde, aber wir haben bestimmt noch viele Möglichkeiten das nachzuholen.“

Er küsst mich liebevoll auf die Stirn. Das hoffe ich auch, am liebsten würde ich aber alles absagen und mit ihm kommen, es fällt mir schon schwer über den heutigen Abschied nachzudenken.

„Bringst du mich nachher nach Hause?“

„Möchtest du nicht hier bleiben?“

„Ich muss morgen schon um sieben Uhr im Krankenhaus sein.“

„Ich bringe dich morgen früh hin.“

Er zieht mich auf seinen Schoß und vergräbt seine Nase in meinen Haaren.

„Das heißt aber früh aufstehen morgen.“

„Ich denke dann wird es Zeit ins Bett zu gehen.“

Als er mit seinen Händen unter mein Shirt fasst und mich fest an sich zieht, hat er mich längst überredet. Er streicht zärtlich über die Haut auf meinem Rücken, jedes Haar auf meinem Körper stellt sich zustimmend auf.

„Jetzt schon ins Bett gehen?“, flüstere ich ihn sein Ohr und küsse seinen Hals.

„Ich habe kein Wort von schlafen gesagt“, entgegnend er.

„Schade.“

Ich inszeniere einen enttäuschten Blick der ihn zu überraschen scheint, bevor ich weiterspreche.

„Ich dachte du schläfst mit mir.“

Mir steigt über meine eigenen Worte etwas Röte zu Gesicht, ihm scheint das aber zu imponieren, seine Augen funkeln mich an. Er zieht mir mein Shirt über den Kopf und küsst mich innig. Dann dreht er mich mit einem Ruck auf das Sofa und legt sich auf mich.

„Du bringst mich um den Verstand, keine Ahnung wie ich jemals ruhig neben dir schlafen kann.“

Ich genieße jede Berührung und schließe meine Augen, Ich werde gleich den Verstand verlieren. Das ist das letzte woran ich noch denke. Um 05.30 Uhr reißt mich der Weckton meines Handys aus dem Schlaf. Ich öffne schlaftrunken meine Augen, Max Arme sind fest um mich geschlungen. Ich drücke den Wecker ab. Er sieht kurz auf und zieht mich noch fester an sich, ich habe Mühe mich zu bewegen

„Bleib hier“, grummelt er müde.

Das würde ich am liebsten auch tun, ich bin so müde, aber ich möchte nicht zu spät zur Arbeit kommen. Daher löse ich mich schweren Herzens mit mehreren Küssen aus seiner Umklammerung und hoffe, dass mich die Dusche munter macht. Max hat inzwischen Tee gemacht und mir sogar ein Frühstücksbrot gestrichen. Mir fehlt heute der Appetit und auch sonst bin ich schlapp, aber ihm zuliebe beiße ich ein paarmal ab.

„Komm ich fahre dich jetzt, sonst kommst du noch zu spät.“

Im Wagen muss ich ihn die ganze Zeit ansehen, ich kann es selbst nicht ganz glauben, aber ich habe mich wirklich ganz und gar verliebt.

„Alles ok Luisa?“

„Ja.“ Ich schnaufe tief durch. „Ich werde dich nur so vermissen, musst du wirklich die ganze Woche weg?“

Er lächelt mich an. „Ich vermisse dich auch jetzt schon, aber ja ich muss. Du kannst mich jederzeit begleiten. Du an meiner Seite, das könnte ich mir sehr gut vorstellen.“

Sein Vorschlag schmeichelt mir, obwohl ich mir niemals vorstellen könnte meine Arbeit aufzugeben. Ich löse mich nur schwer aus seiner Umarmung vor dem Krankenhaus und sehe ihm noch hinterher bis der Wagen in der Ferne verschwindet.

Kapitel 6

Die Wochen bis Weihnachten vergehen wie im Flug. Ich habe im Krankenhaus viel zu tun und auch Max ist beruflich viel unterwegs. Wir haben wenig Zeit uns zu treffen, die Woche vor Weihnachten sehe ich ihn gar nicht mehr, weil er bereits unterwegs nach Europa ist. Das passt mir zwar gar nicht, aber es lässt sich nicht ändern, er hat mir auch wiederholt angeboten ihn zu begleiten. Vielleicht hätte ich es doch tun sollen, sogar Lizzy hat mich ermutigt den Familienurlaub zu schwänzen, aber meine Beziehung zu Max ist noch frisch und so hat, wenn auch widerwillig, meine Familie Vorrang.

Am 23.12. breche ich gemeinsam mit meinem Vater und Alice in unseren Weihnachtsurlaub auf. Das Haus ist wirklich idyllisch gelegen und schmiegt sich romantisch in die weihnachtliche Landschaft. Alice und Lizzys Mum Betty machen sich gleich an die Vorbereitungen für das Weihnachtsessen, die zwei sind begnadete Köchinnen. Die Männer fahren in die Stadt um einige Einkäufe zu erledigen. Lizzy und ich übernehmen die Weihnachtsdekoration. Vor dem Abendessen lümmeln Andy und Matt mit einem Bier am Sofa, während wir den Baum fertig schmücken.

„Du bist sichtlich erfreut über unseren Familienurlaub heuer“, stichelt mich Andy an.

„So wie jedes Jahr“, antworte ich forsch.

„Wieso hast du deinen Lover nicht mitgebracht?“, legt Matt noch ein Schäufelchen nach.

„Also ich würde dich an seiner Stelle zu Weihnachten nicht allein lassen“, fügt er noch spitz hinzu.

Langsam werde ich sauer und Lizzy versucht die beiden zu bremsen. Scheinbar ist mein Liebesleben interessanter für Andy und Matt als ich vermutet habe.

„Deshalb hast ja du auch deine Freundin dabei, oder Matt?“

Sie blitzt ihn böse an. Matt ist einer der Sorte Männer die grundsätzlich keine fixe Beziehung anstrebt, so empfinde ich das zumindest. Da gibt es mal hier und mal da eine Freundin, die dann meist blond, langbeinig und sportlich durchtrainiert ist. Auch wenn Betty keine Gelegenheit auslässt ihrem Sohn zu sagen, dass es nun endlich an der Zeit wäre „die Richtige“ zu finden, frönt er weiter dem Junggesellenleben.

„Ich habe gar keine Freundin liebes Schwesterchen, aber Luisa hat ja einen Freund wie ich gehört habe.“

Er grinst mich an, ich ignoriere seine Ansage und drehe mich zum Baum.

„Der Engel muss noch auf die Baumspitze, hilfst du mir Andy.“

Lizzy wackelt mit dem Engel vor Andys Nase, er springt sofort auf um einer möglichen Auseinandersetzung mit ihr zu entgehen.

„Ihr schafft das ohne mich, ich brauche frische Luft.“

Ich habe das Gefühl mir platzt gleich der Kragen. Ich ziehe meine Jacke und Stiefel an und gehe nach draußen wo es gerade ausgelassen schneit. Lizzys Dad Robert und mein Dad hacken Brennholz im Schuppen und gönnen sich dazu einen Drink. Hier draußen haben sie es mit Sicherheit gemütlich denke ich mir und stapfe an ihnen vorbei.

„Wohin des Weges junge Frau?“, ruft mir Robert noch nach.

„Den Weihnachtsfrieden suchen“, entgegne ich sarkastisch.

Ich gehe ein paar Schritte durch den Schnee und genieße die Ruhe an der kalten frischen Luft, es wird schon dunkel. Ich schließe die Augen und atme tief durch. Wie gern würde ich jetzt Max Stimme hören, aber ich weiß dass er jetzt im Flugzeug sitzt, aber über eine Nachricht von mir freut er sich bestimmt:

Ich vermisse dich. Ich hätte doch mit dir kommen sollen. Ich hoffe die Tage vergehen schnell. Viele Küsse, ich umarme dich, Luisa.

Neben mir taucht plötzlich Matt auf, scheinbar hat er jetzt doch ein schlechtes Gewissen, ich kenne ihn. Er stellt sich dicht neben mich.

„Ich habe schon vergessen wie schön es hier ist.“

Er atmet ein und mit einem lauten Seufzer aus.

„Und ich habe vergessen dass du ein Arsch bist“, entgegne ich trocken.

Er ist es zwar gewohnt das ich mir kein Blatt vor dem Mund nehme, dafür kennen wir uns zu lang, damit hat er jetzt aber sichtlich nicht gerechnet. Er sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Und du bist eine Zicke. Ich hab das nicht so gemeint. Warum bist du so unentspannt?“ „Doch du hast das so gemeint, und leider hast du ja auch irgendwie recht, aber ich wollte hier mit euch sein und ich bin keine ZICKE.“

Er legt seinen Arm freundschaftlich um meine Schulter.

„Tut mir leid, aber ich will nicht, dass er dich unglücklich macht. Bist du sicher du verrennst dich da nicht in etwas, ist er nicht zu alt für dich?“

„Ich bin mir auf jeden Fall sicher dass dich das gar nichts angeht.“ Ich boxe ihm freundschaftlich in die Seite, was ihn nur einen kurzen Lacher kostet. Schnell drückt er mir einen Kuss auf die Wange. Alice ruft uns bereits zum Abendessen, wir stapfen im Schnee zurück zum Haus.

Ich liege schon im Bett als ich eine Nachricht bekomme.

Max: Habe vor dem zu Bett gehen einen Brief an den Weihnachtsmann geschrieben. Den habe ich in meinen alten Weihnachtsstrumpf gesteckt. Ich hab mir gewünscht dass du bei mir bist. Vielleicht erhört er meinen Wunsch ja noch. Ich umarme und küsse dich. Max.

In Irland ist es jetzt mitten in der Nacht, deshalb verkneife ich mir einen Anruf, obwohl ich es wirklich gern tun würde, aber ich antworte noch auf die Nachricht.

Warum bist du noch wach? Ich hoffe du bist in keiner Bar und scharst die Damen um dich und tröstest dich, weil ich nicht bei dir bin? Ich zumindest liege schon im Bett, Gute Nacht, ich vermisse dich, vergiss mich nicht. L.

Ich knipse gerade die Nachttischlampe aus, als ich prompt eine Antwort erhalte.

Max: Keine Bar, keine Damen. Nur DU Luisa. Ich liege auch im Bett. Schlafen kann ich aber nicht. Der Gedanke von dir im Bett hilft mir nicht weiter. Gute Nacht? Ohne dich nicht möglich, Ich küsse dich. Max.

Ich muss einfach noch zurück schreiben.

Mach deine Augen zu und träum von mir. Ich mache das jetzt auch. Schlaf gut Liebster. Eine Million Küsse, deine Luisa.

Ich kuschle mich fest in meine Decke und stelle mir vor wie er mich festhält und schließe meine Augen.

Heute ist Heiliger Abend. Alice und Betty haben sich ein feudales Weihnachtsmenü vorgenommen. Alle haben Küchenverbot, sogar Lizzy und ich. Darüber bin ganz froh. Der Rest der Familie hat sich für einen Spaziergang im Wald entschieden und so machen wir uns auf den Weg. Als wir auf dem Rückweg sind geht mein Dad ein Stück mit mir.

„Warum sprichst du nicht mit mir Luisa?“, fragt er mich.

Ich schaue ihn verwundert an.

„Ich spreche doch mit dir, warum?“

„Ich meine du erzählst mir nichts.“

„Ich wüsste nicht was es zu erzählen gibt, vor allem nichts was dich interessiert, Dad.“

„Du glaubst das mich nicht interessiert was meine Tochter macht? Ich wäre froh wenn du mit mir sprechen würdest wie eine Tochter mit ihrem Vater.“

Ich sehe ihn stumm an, bevor ich ihm antworte.

„Dad, hast du nicht schon vor vielen Jahren entschieden, dass ich niemals deinen überzogenen Ansprüchen gerecht werde? Nach dem Tod von Mum war zwischen uns nichts mehr wie zuvor. Du hast mich allein gelassen mit meinen Gefühlen. Weder das was ich tue, noch mit wem ich zusammen bin ist und war jemals richtig. Was willst du denn von mir hören? Es würde dir sowieso nicht gefallen und dir würden ein dutzend Gründe dagegen einfallen. Du hast Ben gehasst und kein Mann den ich liebe wird jemals deinen Vorstellungen entsprechen.“

Er schüttelt mit enttäuschtem Blick den Kopf.

„Glaubst du das wirklich? Ich habe so viele Jahre versucht zu dir durchzudringen. Gib nicht mir die ganze Schuld daran dass es ist wie es ist.“

„Ich gebe dir keine Schuld, ich bin selbst schuld. Ss gab eine Zeit da habe ich alles falsch gemacht und das werde ich nie wieder gut machen können.“

Ich weiß nicht ob ich jetzt traurig, oder wütend sein soll. Ich stapfe energisch durch den Schnee und lasse meinen Vater hinter mir zurück.

„Luisa, lauf nicht weg.“

Er ruft mir hinterher, aber ich drehe mich nicht mehr um, ich will nicht mehr reden. Im Haus duftet es schon herrlich und der Tisch ist festlich gedeckt. Ich gehe noch auf mein Zimmer um mich umzuziehen,

„Die Kerzen müssen noch angemacht werden“, bittet mich Alice, als ich nach unten komme.

„Ach Luisa, ruft sie mir nach, vorhin war ein Bote da, der hat etwas für dich abgegeben. Es liegt da drüben am Schrank.“

Ich gehe zum Schrank wo ein braunes Paket liegt. Ich öffne es, darin finde ich ein Kuvert und ein kleines Päckchen. Auf dem Kuvert steht geschrieben:

Bitte erst nach dem Abendessen öffnen. Ich wünsche dir frohe Weihnachten, in Liebe Max.

Obwohl ich das Kuvert und das Päckchen am liebsten vor Neugier sofort aufreißen würde, gehe ich nach oben und lege es auf mein Bett. Das ist wieder typisch Max, er amüsiert sich bestimmt darüber, dass ich jetzt keine Sekunde mehr still sitzen kann. Alice und Betty haben sich wirklich alle Mühe mit dem Essen gegeben. Es ist ein schöner Abend, wir sitzen noch lange gemütlich zusammen. Lizzy, Andy, Matt und ich haben uns bereit erklärt den Abwasch zu übernehmen. Einen Schlummertrunk mit den anderen habe ich ausgeschlagen, endlich in meinem Zimmer bin ich schon so neugierig auf den Inhalt des Päckchens das ich fast platze. Was mache ich jetzt zuerst auf? Kuvert oder Päckchen. Ich entscheide mich für das Paket. Ich öffne es ganz vorsichtig. Aus einer türkisenen Schachtel eines New Yorker Traditonsschmuckhauses blitzt mir eine rosegoldene Kette mit einem kleinen Herzanhänger komplett mit glitzernden Steinen besetzt entgegen. Ich nehme die Kette aus der Schachtel und bin überwältigt, sie sieht einfach bezaubernd aus. Dann öffne ich das Kuvert. Darin sind ein Brief und ein Flugticket. Auf der Karte steht:

Liebste Luisa,

da es meine Pflicht als Weihnachtsmann ist ALLE Wünsche zu erfüllen, überbringe ich dir dieses Flugticket. Alle Liebenden sollen an Weihnachten vereint sein.

Frohe Weihnachten, der Weihnachtsmann

Das Ticket ist für morgen am späten Abend ausgestellt. Zielflughafen Keflavik, Island. Damit habe ich nicht gerechnet. Obwohl ich meine Entscheidung schon gefällt habe, beschließe ich noch eine Nacht darüber zu schlafen. Zuvor schreibe ich aber noch eine SMS:

Lieber Max, frohe Weihnachten, ich hoffe alle deine Wünsche gehen in Erfüllung. Der Weihnachtsmann hatte einen weiten Weg zu mir, aber er hat mich erreicht, die Kette ist wundervoll. Gute Nacht, Luisa.

Kapitel 7

Ich wache frühmorgens auf. Im Haus ist alles noch ganz still. Ich blicke auf das Nachkästchen auf dem das Ticket liegt. Keine Nachrichten auf meinem Handy. Es ist 05.30 Uhr. Ich stehe auf und gehe ganz leise nach unten. Am Sessel vor dem Kamin sitzt mein Vater. Er hat bereits das Feuer im Kamin angemacht, es ist wohlig warm im Raum.

„Hab ich dich geweckt?“, fragt er mich.

„Nein, ich konnte nicht mehr schlafen, ich mache Tee, möchtest du auch einen?“

Er nickt mir zu. Ich stelle den Teekessel auf, während ich warte gehen mir so viele Dinge durch den Kopf. Ich setze mich in eine Decke gewickelt auf das Sofa neben dem Kamin und nippe an meinem Tee. Eine Zeitlang schauen wir wortlos ins Feuer, dann aber blickt mich Dad ernst an.

„Als du damals deinen Unfall mit Matt hattest dachte ich, dass ich dich verlieren werde. Ich habe deiner Mutter versprochen für dich da zu sein. Ich konnte es nicht. Du warst so weit weg von mir. Ich war dir kein guter Vater und ich bin es bis heute nicht.“

Ich schaue wortlos in meine Teetasse. Ich wundere mich, dass er jetzt davon anfängt, aber er spricht weiter.

„Du wurdest gerade an deinem Bein operiert als Ben plötzlich im Krankenhaus aufgetaucht ist. Er hat einen riesen Tumult auf der Station veranstaltet, weil er unbedingt zu dir wollte. Ich habe ihm gesagt, er soll verschwinden und sich nie mehr in deiner Nähe blicken lassen.“

Ich traue meinen eigenen Ohren nicht. „Ich dachte immer er kam nicht mehr ins Krankenhaus?“

Er geht nicht auf meine Frage ein.

„Einige Wochen später kam Bens Mutter zu mir ins Krankenhaus und gab mir einen Abschiedsbrief von Ben für dich.“

„Du hast mir nie einen Brief gegeben?“ Ich schüttle meinen Kopf.

Dad blickt zu Boden. „Ich dachte damals es wäre so das Beste für dich, heute weiß ich dass es falsch war. Es tut mir leid.“

Ich fühle mich wie gelähmt, das ist doch nicht wahr.

„Was heißt, es tut dir leid? Was stand in dem Brief, hast du ihn gelesen? Was hast du damit getan?“

Er sieht mich traurig an, aber das ist sein Problem, ich bin unendlich wütend auf ihn.

„Ja ich habe ihn gelesen. Ich werde es nie vergessen denn es waren nur drei Zeilen:

Ich habe dich enttäuscht und dir wehgetan, das hast du nicht verdient.

Ich weiß ich kann nie mehr gut machen was geschehen ist.

Ich werde dich für immer lieben.“

Mir laufen haltlos die Tränen übers Gesicht.

„Das ist nicht wahr, oder? Das ist doch alles nicht wahr! Das hast du nicht getan Dad!“

Er steht auf und will mich trösten, aber ich weise ihn zurück, auch in seinen Augen stehen Tränen. Ich springe wütend und enttäuscht vom Sofa auf.

„Ich werde heute noch abreisen, ich habe einen Mann kennen gelernt! Ich möchte bei ihm sein. Das alles hier ist doch eine riesen Lüge!“

Dad nickt wortlos, beim Verlassen des Wohnzimmers sagt er mir noch leise hinterher:

„Pass auf dich auf. Verzeih mir bitte.“

Ich drehe mich noch einmal um.

„Ernsthaft Dad? Du verschweigst mir das so lange Zeit? Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, es hat für mich keinen Sinn ergeben und das weißt du. Ich lebe immer mit einem Fuß in meiner Vergangenheit. Das hättest du nicht tun dürfen, vielleicht wäre Ben heute noch am Leben wenn du ihn nicht weggeschickt hättest.“

Ich stapfe wütend die Treppe hinauf und gehe auf mein Zimmer. Ein paar Minuten später klopft es leise an meiner Tür. Lizzy hat den Wirbel mitbekommen. Ich erzähle ihr alles und zeige ihr das Ticket.

„Ich packe jetzt und dann bin ich weg.“

Ich drücke sie fest, bevor ich meine Sachen packe. Als ich nach unten komme sitzen bereits alle am Frühstückstisch. Die Stimmung ist seltsam angespannt, gut wenn ich gleich weg bin, zumindest können die Anderen dann den restlichen Urlaub genießen. Ich stelle meine Tasche im Flur ab und setzte mich auf meinen Platz.

„Ich fahre heute noch zurück in die Stadt. Kann mich wer zum Bahnhof bringen, ansonsten ruf ich mir ein Taxi.“

„Ich bring dich“, sagt Matt zwischen zwei Schlucken Kaffee.

Ich starre stumm in meine Tasse und bin immer noch fassungslos über Dads Worte, ich bin unfähig ihn anzusehen und froh als ich endlich bereit zur Abfahrt im Flur stehe.

„Ich wünsche dir frohe Weihnachten.“

Ich drücke Lizzy fest zum Abschied, sie ist die einzige die mir wirklich fehlen wird.

„Frohe Weihnachten, genieße die Tage, du tust das Richtige“, sagt sie bevor ich in den Wagen steige.

Matt und ich sprechen nicht viel während der Fahrt zum Bahnhof. Erst kurz bevor wir ankommen sieht er mich eindringlich an.

„Glaubst du wärst glücklich geworden wenn alles anders gekommen wäre? Du kannst was passiert ist nicht mehr ändern. Lass die Vergangenheit endlich hinter dir, es ist kein Zufall, dass man seine Augen vorne am Kopf hat und nicht hinten.“

„Vielleicht hätte er nicht sterben müssen Matt.“

„Er wollte es so, wenn es an diesem Tag nicht passiert wäre, dann vielleicht an einem anderen. Es gibt immer einen richtigen Weg, man muss ihn nur einschlagen. Wir selbst sind das beste Beispiel dafür, und das weißt du genauso gut wie ich.“

Er bleibt auf der Haltespur stehen. Er nimmt meine Hand und hält sie fest.

„Du bist nicht schuld Luisa, es hätte nichts geändert wenn dein Dad Ben zu dir gelassen hätte. Er wollte einfach nicht mehr und womöglich hätte er dich noch mit in sein schwarzes Loch gerissen.“

„Wir haben so viel Mist gemacht.“ Ich schüttle den Kopf.

„ES IST VORBEI.“ Er sagt das ganz langsam und eindringlich, so als wollte er, dass seine Worte tief in mich dringen. Ich nicke seufzend, allerdings weiß ich nicht, ob es jemals wirklich vorbei sein wird.

„So und jetzt ab, bevor du deinen Zug verpasst. Ich glaube es wartet jemand auf dich und ich hoffe für ihn, dass er schätzen kann was für eine wunderbare Frau du bist. Sonst trete ich ihm in seinen Briten Arsch.“

„Er ist Ire Matt“, stupse ich ihn lächelnd.

„Ja dann eben in seinen irischen Arsch…“, grinst er.

Wir drücken uns fest zum Abschied bevor ich aussteige. Zum Glück hatte ich während der Zugfahrt noch Zeit um zu checken was ich alles für Island brauche. Ich habe keine Ahnung was Max vorhat, aber ich packe vorsichtshalber eine bunte Auswahl an Reiseutensilien ein, um für alles Mögliche gerüstet zu sein. Um Punkt 17.00 Uhr klingelt es an der Tür, das muss mein Taxi zum Flughafen sein. Mein Flug geht um 20.00 Uhr, ich sollte somit die Zeitverschiebung miteingerechnet in den frühen Morgenstunden in Island landen. Am Flughafen ist es heute vergleichsweise ruhig, an den Weihnachtsfeiertagen wollen anscheinend alle lieber zu Hause sein. Ich checke ein und fliege zum ersten Mal in meinem Leben Bussiness Class, ganz schön komfortabel. Bevor wir starten, schaue ich noch einmal auf mein Handy. Einen Nachricht von Lizzy.

Lizzy: Guten Flug Süße! Melde dich sobald du gelandet bist. Ich wünsch dir schöne Ferien, Kuss Lizzy.

Die Flugzeit verstreicht schnell, vor allem weil ich bestimmt mehr als die Hälfte davon verschlafen habe. Während ich an der Gepäckschleuse auf meinen Koffer warte, höre ich bereits mein Handy summen.

Max: Ich hoffe du bist gut gelandet ich warte in der Ankunftshalle auf dich. Ich kann es kaum erwarten dich in den Arm zu nehmen.

Ich antworte sofort:

Woher weißt du denn überhaupt dass ich im Flugzeug war? Du bist dir ja ganz schön sicher… ;-)

Sofort erhalte ich eine weitere Nachricht:

Max: Ja ich bin mir sicher. (Man könnte aber auch prüfen, ob das Ticket eingelöst wurde, nur um ganz sicher zu gehen.) Bis gleich.

Gerade als ich zurück schreiben will entdecke ich meinen Koffer aus dem Augenwinkel. Ich marschiere los Richtung Ankunftshalle und freue mich riesig. Ich war noch nie in Island und ich bin froh hergekommen zu sein, aber am meisten freue ich mich auf Max. In der Halle warten einige Leute. Ich blicke mich um und suche ihn, sehe ihn aber nicht. Ich stelle meinen Koffer ab. Komisch, ich dachte er wartet schon. Plötzlich spüre ich seine Hände hinter mir an meinen Hüften. Er flüstert mir ins Ohr: „Du wartest aber nicht auf mich oder?“ Er drückt mir einen Kuss auf die Wange. „Ich wollte dich ein bisschen zappeln lassen, von wegen ganz sicher und so…aber lang hab ich es nicht geschafft.“

Ich drehe mich um und freue mich so ihn zu sehen. „Du bist unmöglich.“

Ich falle ihm um den Hals, ich muss kurz meine Augen schließen und genieße seine Nähe.

„Fröhliche Weihnachten. Schön dass du hier bist.“

Ich lächle ihm bestätigend zu. „Frohe Weihnachten, dein Draht zum Weihnachtsmann ist ziemlich gut.“

Schmunzelnd nimmt er meinen Koffer. Draußen ist die Luft kalt und frisch, aber nicht so kalt wie zurzeit in New York. Ein mäßiger Wind bläst mir durch die Haare.

„Wie war dein Flug?“, fragt er mich, während wir zum Auto gehen.

„Sehr gut, Danke, ich habe die meiste Zeit geschlafen.“

„Das ist doch gut. Wir fahren zu unserer Unterkunft, ich habe für unseren Aufenthalt ein Haus etwas weiter draußen gemietet, Nigella und Sam sind schon ganz gespannt dich kennen zu lernen.“

„Das bin ich auch. Ach ja und Danke für die wunderschöne Kette, ich dachte wir warten mit den Geschenken bis nach Weihnachten?“

„Ich konnte es einfach nicht abwarten, an dir sieht sie noch viel schöner aus als erwartet.“

„Du bist ein Schmeichler“, necke ich ihn. „Schmuckstücke in dieser Preisklasse stehen jeder Frau“, ergänze ich noch.

„War denn ein Preisschild dran?“, fragt er mich grinsend.

Ich schüttle den Kopf. „Nein, aber ich kann mir das gut vorstellen.“

„Die Sache ist die, du würdest mit allem um den Hals wundervoll aussehen, aber wirklich gerecht kann dir nicht einmal diese Kette werden, so schön bist du.“ Er blinzelt mich verwegen an.

„Hör bitte auf Max, sonst werde ich noch rot“, entgegne ich verlegen.

„Bist du schon.“ Er grinst mich schelmisch an, ich bevorzuge es aus dem Fenster zu sehen. Wir fahren den Weg zum Haus entlang, das an einer kleinen Straße vor einem grünen Hügel liegt. Es ist aus Holz gebaut und die Fensterläden sind weiß gestrichen. Die Einfahrt ist mit Steinen gepflastert und wird von einer kleinen Steinmauer gesäumt.

„Das Grasdach ist hier Tradition“, erklärt er mir.

Als wir in die Einfahrt einbiegen, fällt mir hinter dem Haus noch ein kleineres Nebengebäude auf.

„Vorne ist das Wohnhaus, dahinter gibt es noch eine Sauna und einen Wellnessbereich.“

Ich staune nicht schlecht. Als ich die Autotür öffne, springt bereits Max Schwester aus dem Haus und obwohl ich sie noch nie gesehen habe umarmt sie mich sofort liebevoll.

„Nigella, bitte lass die junge Frau doch erst einmal herein kommen!“, ruft ein freundlicher Mann aus der Tür, das muss dann wohl Sam sein. Max stellt uns vor, die beiden sind wirklich sehr sympathisch.

„Ich habe uns Frühstück gemacht, du musst ja am Verhungern sein.“

Der Tisch ist schön gedeckt und es duftet herrlich. Im Haus sieht es so aus, wie man es von draußen vermutet, gemütlich, warm, einladend.

„Nigella ist eine begnadete Köchin“, lobt Max seine Schwester.

„Und du ein unverbesserlicher Schmeichler“, stellt sie mit einem Nicken fest.

„Das habe ich ihm heute auch schon gesagt“, entgegne.

Wir sitzen gemütlich am Tisch und genießen das gemeinsame Frühstück. Nigella erzählt mir alles Mögliche, von ihrer Schaffarm, von Max als er ein kleiner Junge war und das er immer nur Flausen im Kopf hatte. Vom Eierdieb bis zur unerlaubten Autofahrt im Alter von zwölf Jahren. Sie ist wirklich lustig und sehr hübsch, sie hat dieselben bestechend blauen Augen wie Max, der sie ermahnt nicht alle seine Schandtaten zu erzählen.

„Nein, das ist schon gut so, ich muss ja wissen mit wem ich es tun habe“, lache ich, außerdem sind seine sogenannten „Schandtaten“ im Vergleich zu meiner Vergangenheit nicht erwähnenswert, nein sogar liebenswert.

„Wir machen heute noch eine kleine Erkundungstour, ich denke ihr werdet uns bestimmt ein paar Stunden entbehren können.“ Sam zwinkert Max zu.

Ich helfe Nigella gegen ihren Willen den Tisch abzuräumen und die Küche sauber zu machen, bevor die beiden aufbrechen. Max nimmt meinen Koffer und zeigt mir unser Zimmer.

„Ich habe für morgen einen Ausflug geplant, ich hoffe du hast warme Kleidung mit dabei?“

„Ja, ich habe mich noch vor dem Abflug schlau gemacht, ich denke ich bin gerüstet.“

“ Er streicht mit seinem Zeigefinger über das Herz an der Kette und über mein Dekolletee.

„Ich bin wirklich froh, dass du gekommen bist.“

Ich ziehe ihn näher zu mir und küsse ihn sanft.

„Ich kann mir nicht vorstellen wo anders sein zu wollen“, antworte ich.

„Was meinst du? Eine Runde schwimmen?“

„Finde ich grundsätzlich eine gute Idee, Badeanzug habe ich aber keinen dabei, vermutlich das einzige worauf ich vergessen habe.“

„Brauchst du nicht.“ Er küsst mich spitzbübisch.

Ich liege eingekuschelt in einem Bademantel neben ihm auf einer Wellnessliege und schaue in das offene Feuer vom Kamin, ich bin glücklich, aber müde, die vorangegangen Ereignisse in New York habe ich weit beiseitegeschoben.

„Morgen machen wir also einen Ausflug und was haben wir sonst noch so vor?“, frage ich gähnend.

„Übermorgen habe ich am Vormittag einen Termin, der sollte aber nicht allzu lange dauern, am Abend sind wir zu einem Dinner eingeladen, einige Geschäftspartner mit ihren Ehefrauen werden dabei sein.“

„Kommen Richard und Selma auch?“

„Nein, die sind noch in Mexiko bei Selmas Familie auf Weihnachtsurlaub, aber Daniel aus unserer Rechtsabteilung wird mir bei meinen Terminen hier unter die Arme greifen, da es sich hauptsächlich um Vertragswesen handelt, da ist er der Spezialist. Er wird morgen ankommen und im Hotel in der Stadt wohnen. Nigella und Sam werden auch mit zum Dinner kommen. Ich werde mir so viel freie Zeit wie nur irgendwie möglich für dich nehmen und am besten wir fangen jetzt gleich damit an.“

Er beugt sich über mich und öffnet den Knoten meines Bademantels, bevor er mich fest mit seinen Händen umschlingt und an sich drückt. Ich küsse sanft seinen Hals bis hinauf zu seinen Lippen. Er hält mich fest, ich bin ihm ausgeliefert, aber es fühlt sich himmlisch an.

Am nächsten Morgen brechen wir früh zu unserem Ausflug auf. Wir sehen uns beeindruckende Seenlandschaften, Wasserfälle und Geysire an. Die Natur mit ihren sanften Hügeln und den atemberaubenden Farben ist faszinierend. Zum Schluss besuchen wir noch einen traumhaften Gletschersee. Das Licht spiegelt sich zauberhaft wie in einem Märchen im Gletscherwasser, ich bin überwältigt von so vielen Eindrücken. Ich genieße die gemeinsame Zeit und ich wünsche mir einfach nur, dass es immer so bleibt. Jede Minute mit ihm ist so als würden wir uns ewig kennen. Jede Geschichte die er erzählt lässt mich an seinen Lippen hängen. Am liebsten würde ich ihn ständig festhalten, ich kann mich nicht erinnern jemals solche Gefühle gehabt zu haben. Zurück in unserem Haus erwartet uns Nigella bereits mit dem Abendessen. Ich habe zwar einen Riesenhunger, bin aber so müde, dass ich fast am Tisch einschlafe. Es ist, als ob alle Last von mir abfallen würde. Ich gehe schon vor Max zu Bett, er und Sam gönnen sich noch ein Glas Wein vor dem Kamin. Ich lasse ihnen gern die Zeit sich unter Männer zu unterhalten, auch wenn er mich ein wenig widerwillig allein gehen lässt. Ich merke nur noch unterbewusst wie er sich zu mir legt und mir meine Decke liebevoll über die Schultern zieht. Ich wache erst wieder auf, als ich das Rauschen der Dusche aus dem Badezimmer nebenan höre. Ich bin noch so müde und bleibe einfach liegen. Max kommt aus dem Bad und beugt sich über mich um mir einen Kuss auf die Stirn zu geben.

„Ich muss los, bleib noch im Bett“, flüstert er mir ins Ohr. „Ich bin spätestens am Nachmittag zurück, mach dir einen schönen Tag.“

Er haucht mir einen weiteren Kuss hinters Ohr.Ich sehe noch mit halb geschlossen Augen zu wie der sich seine Krawatte bindet und dann zu seinem Termin aufbricht, bevor ich noch einmal eindöse, als ich aufstehe ist es bereits später Vormittag geworden. Nigella sitzt am Sofa vor dem Kamin und liest ein Buch.

„Guten Morgen, ausgeschlafen? Du siehst heute blass aus, geht es dir gut?“ Sie legt das Buch weg und bietet mir einen Platz neben ihr auf dem Sofa an.

„Ich bin einfach nur müde, alles gut.“

Ich setzte mich zu ihr, sie hat recht ich fühle mich heute wirklich müde und schlapp, ist bestimmt die Zeitverschiebung.

„Ich habe noch frischen Tee in der Küche, was möchtest du Essen?“

„Eigentlich nur Tee, Danke, bleib sitzen ich hole mir eine Tasse.“

„Ist nicht einfach, dass Max so viel geschäftlich unterwegs ist, oder?“, schaut sie mich fragend an als ich mich wieder zu ihr setzte.

„Ja schon, aber ich wusste das als wir uns kennen gelernt haben.“

„Trotzdem ist das eine ganz schöne Probe für eine Beziehung“, ergänzt sie.

„Auch wenn er nicht viel Zeit hat, er schafft es immer wieder die wenigen Stunden zu einem Highlight werden zu lassen, er ist etwas ganz Besonderes.“

Ich merke wie ich schwärme und Nigella lächelt zufrieden, es scheint ihr zu gefallen, Max ist ihr sehr wichtig. Sam unterbricht unser Frauengespräch, als er mit einem Korb Holz ins Haus kommt. Wir unterhalten uns noch über dies und das, bevor ich mich entscheide noch einen kleinen Spaziergang rund ums Haus zu machen. Gut dass ich meine Laufschuhe mitgenommen habe. Morgen werde ich, wenn es die Zeit und das Wetter erlaubt, eine Runde drehen, die Landschaft ist wirklich wunderschön und lädt ein sich draußen zu bewegen. Der Tag vergeht schnell und Max ist am späteren Nachmittag wieder zurück. Für mich stellt sich den ganzen Nachmittag schon wieder die Frage der Kleiderwahl für das Dinner am Abend. Ich habe einfach keine Erfahrung mit solchen Anlässen und Max ist mir bei meinen Bedenken auch keine große Hilfe. Er meint nur, alles passt so lange ich mich wohlfühle. Gut dass ich mir Lizzys schwarzen Jumpsuit mit den Spitzenärmeln ausborgen durfte, der sollte meiner Meinung nach den Zweck des heutigen Abends erfüllen. Meine Haare flechte ich locker seitlich und stecke sie im Nacken fest, das ist mir heute unerwartet gut gelungen. Max knöpft sich gerade sein Hemd zu, als ich nur in Unterwäsche aus dem Bad komme. Er mustert mich mit durchdringendem Blick.

„Tolle Haare, Unterwäsche noch besser, aber so kannst du nicht mitkommen.“

„Warum? Ist etwas nicht in Ordnung?“ Ich blicke an mir hinunter, kann aber keinen Makel feststellen. Ich steige in den Jumpsuit und bitte ihn mir den Reißverschluss zu schließen.

„Du siehst unglaublich sexy aus in deiner Wäsche“, haucht er mir ins Ohr.

„Die sieht ja keiner, weißt ja nur du was ich drunter trage.“

„Ja und das ist ausreichend, um mich den ganzen Abend schwer konzentrieren zu können.“

„Etwas mehr Beherrschung mein Herr bitte.“ Ich zupfe grinsend meine Ärmel zurecht und warte wie am Präsentierteller stehend auf eine Reaktion.

Er lächelt und schüttelt belustigt über meine Pose den Kopf.

„Ich habe großes Glück mit dir.“

Das Dinner findet in einem noblen Hotel in der Stadt statt. Wir fahren gemeinsam mit Nigella und Sam hin. Alles ist edel eingedeckt und geschmückt. Max stellt mich seinem Kollegen Daniel vor. Er ist gestern Abend angekommen, er ist Rechtsanwalt und Spezialist für alle rechtlichen Angelegenheiten der Firma. Er ist ein gut aussehender sportlicher Typ Anfang vierzig würde ich sagen, und sehr nett. Wir folgen der Aufforderung des Gastgebers und nehmen an der edel gedeckten Tafel Platz. Es werden mehrere Gänge serviert und das Essen war bis jetzt köstlich. Max sitzt mir gegenüber, rechts neben mir ein junger modisch gestylter adretter Mann. Er erzählt mir, dass er seit dem Vorjahr einen top honorierten Job in der Werbeabteilung einer großen Firma völlig unerwartet übernommen hat. Wir unterhalten uns prächtig und ich müsste schon sehr falsch mit meiner Vermutung liegen, dass er dem männlichen Geschlecht zugeneigt ist. Max ist sichtlich damit beschäftigt unserer Konversation zu folgen, was ihm aber scheinbar nur schwer gelingt, weil sein Sitznachbar ein wichtiger Kunde ist. Nach dem Essen reicht der Gastgeber noch einen Digestif im Rauchersalon, ich bleibe am Tisch sitzen, mein Tischnachbar als einziger Mann auch, was meine Vermutung nun endgültig festigt. Bevor Max aufsteht beugt er sich noch ein Stück über den Tisch zu mir.

„Ok wenn ich dich kurz allein lasse?“

„Ja natürlich, geh nur“, nicke ich ihm bestätigend zu.

„Wir bestellen einen Espresso und unterhalten uns noch einige Zeit, als sich mein Sitznachbar zu mir wendet.

„Es tut mir leid, ich plaudere wirklich außerordentlich gerne mit Ihnen, sie sind eine willkommene Abwechslung zu den Anzugaffen, aber ich muss Sie jetzt leider verlassen, ich habe noch ein Date.“

Er zupft mir meinen Spitzenärmel zurecht und blinzelt mir mit einem eindeutigen Grinsen zu, bevor dem Tisch verlässt. Er wirft seine halblangen blonden Haare koket zurück, ich muss schmunzeln, er ist wirklich eine Erscheinung. Nigella unterhält sich schon die längste Zeit mit der Dame schräg gegenüber, ich werfe einen Blick auf mein Handy, keine Anrufe, ich scheine also keinem ernsthaft zu fehlen. Nach dem letzten Schluck Espresso stehe ich auf und gehe zur Toilette. Die Gespräche am Tisch hauen mich nicht um und ich hoffe, dass Max bald aus dem Rauchersalon zurück sein wird. Ich lasse mir absichtlich Zeit und trödle ein bisschen herum, außerdem ist ein Jumpsuit eine richtige Herausforderung was den Toilettengang betrifft. Auf der Suche nach meinem Lippenbalsam krame ich noch in meiner Tasche, als ich das WC verlasse. Plötzlich steht Max vor der Tür, ich laufe fast in ihn hinein, ich weiche vor Schreck auf die Brust greifend einen Schritt zurück, schließlich rechne ich nicht mit ihm vor der Damentoilette.

„Meine Güte, du hast mich erschreckt.“

„Wo ist er?“, blafft er mich an.

Er straft mich mit einem bitterbösen Blick, wofür ich den verdient habe, weiß ich allerdings nicht.

„Wo ist wer?“, frage ich vorsichtig nach.

„Luisa ich habe dir schon einmal gesagt ich habe keine Lust auf Spielchen.“

Er stemmt aufgebracht seine Hand neben mir in die Wand, er klingt alles andere als freundlich. Ich verstehe immer noch kein Wort, was meinem entgeisterten Blick zu entnehmen sein müsste.

„Ich habe genau gesehen, dass du dem Typen nachgelaufen bist nachdem ihr getuschelt habt. Den ganzen Abend hast du ihn angehimmelt und er dich betätschelt.“

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, er ist eifersüchtig, auch wenn er sich gerade lächerlich macht finde ich es süß wie er sich aufregt.

„Du bist doch nicht etwa eifersüchtig? Das hier ist die Damentoilette.“

Ich zeige etwas amüsiert auf das Schild an der Tür und hoffe ihn so besänftigen zu können. Er packt meine Hand unsanft am Knöchel.

„Stell dich nicht dumm, ich habe euch beobachtet, fällt dir nichts Besseres ein als dich dem Nächstbesten an den Hals zu werfen sobald ich den Tisch verlasse und mit ihm…“

Er stoppt mitten im Satz und schnaubt aufgeregt durch, bevor er weiterspricht.

„Du machst mich vor meinen Geschäftspartnern lächerlich und jetzt machst du dich auch noch über mich lustig.“

An seiner linken Schläfe tritt eine kleine Ader hervor, die habe ich noch nie gesehen. Kein gutes Zeichen vermute ich, er ist richtig wütend und ich werde es jetzt auch. Ich weiß kurz nicht ob ich mich wundern, oder über seine Worte ärgern soll, während ich mich von seiner Hand zu lösen versuche, die er aber nicht loslässt, sondern noch fester hält. Jetzt tut es richtig weh. Keine Ahnung was er sich da gerade zusammendichtet, außerdem ist er grob und das gefällt mir absolut nicht.

„Bist du betrunken? Was ist denn los mit dir? Du tust mir weh.“ Ich reiße meine Hand los und mein Tonfall ist unmissverständlich scharf, das lasse ich mir auch von ihm nicht gefallen. „Du bist doch total verrückt! Was glaubst du denn was ich da drinnen gemacht habe?“

Er steht mir gegenüber, ohne eine Spur von Einsicht.

„Ja was hast du denn getan?“, fährt er mich an.

“Ich sehe keine Veranlassung dir über irgendetwas das ich getan habe Rechenschaft abzulegen. Ich erkenne dich nicht wieder, DU machst dich hier gerade mehr als lächerlich.“

Ich funkle ihn böse an und gehe mein Handgelenk reibend ein paar Schritte Richtung Speiseraum.

„So geht das nicht Luisa!“, ruft er mir nach.

Ich drehe mich noch einmal um, ich bin so geladen ich könnte jeden Moment in die Luft gehen.

„Ja genau, völlig richtig! SO GEHT DAS NICHT!“, entgegnete ich giftig. „Ich kann auch genauso gut morgen wieder zurück nach New York fliegen, wenn ich deinen Vorstellungen nicht entspreche. Es ist nicht in meinem Sinn dich lächerlich zu machen, das lasse ich mir von dir nicht vorwerfen, du wolltest das ich hierher komme.“

Als ich den Satz ausgesprochen habe, tut es mir schon leid und ich weiß, dass diese Ansage vorschnell von mir war. Ich habe ihn mit meinen Worten getroffen, das sehe ich ihm an, aber ich kann dazu nichts mehr sagen, denn Nigella kommt Richtung Toilette. Er sagt auch kein Wort mehr und verschränkt bockig seine Arme.

„Ah, da seid ihr ja. Ich habe euch schon gesucht. Sam und ich wollten aufbrechen, ist es ok wenn ihr dann ein Taxi zurück nehmt?“

Sie ist zwar wie immer fröhlich gestimmt, ihr scheint aber dennoch nicht zu entgehen, dass ihr Erscheinen gerade ziemlich unpassend ist.

„Ich komme mit euch“, sage ich bestimmt bevor Max ein Wort sagen kann, wohlwissend dass er die Veranstaltung zu diesem Zeitpunkt noch nicht verlassen kann. Nigella ist zwar verwundert, fragt aber nicht mehr weiter nach. Ohne ein weiteres Wort mit ihm zu wechseln lasse ich ihn stehen und verlasse das Hotel. So kann er mit mir nicht umgehen, ich bin wütend und koche innerlich, versuche mir aber vor Nigella und Sam nichts anmerken zu lassen. Als wir zurück im Haus sind, spricht sie mich dennoch an.

„Ich weiß es geht mich nichts an, aber was ist denn passiert Luisa? Du bist kreidebleich und Max würde dich doch nie ohne ein Wort gehen lassen.“

Ich zucke mit den Schultern. „Keine Ahnung was passiert ist.“ Ich würde am liebsten heulen, aber ich reiße mich zusammen. „Ich bin müde, Gute Nacht Nigella.“

Sie streicht mir gutherzig über die Schulter. „Gute Nacht, morgen sieht die Welt wieder anders aus.“

Ich lege mich ins Bett und ärgere mich über Max und mich selbst, vielleicht habe ich ja überregiert, aber ich habe nichts Falsches getan. Er hat sich unmöglich benommen, nicht ich. Ich will doch gar nicht weg, aber so kenne ich ihn nicht, ich verstehe gar nicht was ihn geritten hat. Ich schlafe schon als er zurückkommt und erschrecke kurz über sein Gepolter. Ich linse unbemerkt auf die Uhr, es ist schon nach vier Uhr morgens. Seiner mangelnden Koordination nach zu urteilen, hat er jetzt wirklich ein paar Drinks zu viel intus. Er plumpst samt Kleidung ins Bett und legt seinen Arm auf mich und murmelt etwas unverständliches, ja definitiv zu viele Drinks. Ich mache schnell die Augen zu und stelle mich schlafend, um einer möglichen Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Seine Hand liegt auf meinem Bauch, es fühlt sich trotz dem vorangegangen Streit so gut an, ich kann ihm einfach nicht böse sein. Er schnarcht leise, das höre ich heute auch zum ersten Mal, liegt vermutlich am Alkohol. Ich muss schmunzeln und halte seine Hand fest, bevor ich wieder einschlafe.

Ich bin schon vor sieben Uhr aus dem Zimmer geschlichen um eine Runde laufen zu gehen. Max liegt noch wie bewusstlos im Bett, ich habe ihm ein Aspirin und ein Glas Wasser auf den Nachttisch gestellt. Auch wenn ich ihn schon gerne zur Rede gestellt hätte, ließ ich ihn schlafen, die Nacht war ohnehin kurz und anstrengend. Nur Nigella und Sam sind scheinbar noch früher wach gewesen als ich, sie kommen mir gerade als ich das Haus verlasse von ihrem Morgenspaziergang entgegen. Damit Max seinen Termin nicht verpasst, bitte ich Nigella ihn zu wecken, denn ich glaube nicht, dass er von selbst munter wird. Ich hoffe die frische Luft bringt meinen Kreislauf etwas in Schwun. Langsam laufe ich zuerst ein paar Kilometer geradeaus und den grünen Hügel auf einer steinigen Schotterstraße hinauf. In Topform bin ich nicht gerade, aber ich kämpfe mich hinauf. Die Luft ist frisch und kalt, es fühlt sich an als würde mir der Sauerstoff zu Kopf steigen. Oben angekommen bin ich so außer Atem, ich muss kurz stehen bleiben um durchzuschnaufen. Ich schließe kurz meine Augen und hole tief Luft, doch mit einem Mal wird mir schwarz vor Augen, ich verliere den Halt und rutsche weg. Blöderweise stürze ich genau mit meinem linken Oberschenkel auf einen spitzen Steinvorsprung. „Shit.“ sage ich zu mir selbst. Ich sammle mich ein paar Momente lang, dann stehe mit Mühe wieder auf. Die Hose hat einen Riss, aber das ist das geringste Problem, ich habe eine ziemlich tiefe Wunde am Oberschenkel und die blutet ordentlich.

„Aua. Mist.“ Ich setzte mich kurz noch einmal auf den Boden und versuche die Blutung irgendwie zu stillen, was mir nur dürftig gelingt, ich spüre wie das warme Blut langsam mein Bein hinunter rinnt. Es geht momentan wirklich alles schief. Langsam humple ich zum Haus, das ist ganz schön weit, aber ich kämpfe mich zurück. Ich sehe Max gerade noch aus der Ferne in einen Wagen einsteigen und wegfahren.

„Luisa, um Himmels Willen, du blutest ja, was ist denn passiert?!“ Nigella trifft fast der Schlag als ich ins Haus komme.

„Ist nicht so schlimm…“, versuche ich sie zu beruhigen. Ich bin voller Blut an den Händen, es sieht vermutlich schlimmer aus als es ist.

Sam stützt mich und hilft mir auf einen Sessel, bevor er sich ansieht was passiert ist. Während ich erkläre, dass ich ausgerutscht bin, holt Nigella Desinfektionsmittel.

„Doch es ist schlimm, das muss ordentlich gesäubert und genäht werden“, entgegnet er.

Na toll, das hat mir noch gefehlt, aber es sieht wirklich nicht so schön aus.

„Ich rufe Max gleich an, er ist gerade vorhin erst weggefahren“, sagt Nigella aufgeregt, während sie das Blut rund um die Wunde abwischt.

„Nein, nein das ist nicht nötig, ich ruf ihn später an, er soll sich keine unnötigen Sorgen machen, er hat wichtige Termine“, beruhige ich sie.

Sam sucht auf der Liste neben dem Telefon die Nummer vom örtlichen Arzt. Der fordert uns auf gleich zu kommen und so fahre ich mit den beiden los, ich komme mir vor wie ein kleines Mädchen, so umsorgen sie mich. Der Arzt schaut sich die Wunde an und beschließt sie mit ein paar Stichen zu nähen. Während er wartet bis die Betäubung wirkt misst er meinen Blutdruck und schaut sich meine Pupillen an.

„Sie haben ziemlich niedrigen Blutdruck, haben sie öfter Schwindelanfälle?“, fragt er mich.

„Nein eigentlich nicht, ich bin etwas müde, aber sonst bin ich ok.“

„Lassen Sie in New York ihr Blutbild checken“, rät er mir, während er meine Wunde näht.

Mit einem großen Pflaster versorgt, fahren wir wieder zurück. Nigella meint wir brauchen jetzt erst einmal ein ordentliches Frühstück, welches sie zubereitet während ich mich umziehe.

Erst als ich Lizzy anrufen will, fällt mir mein leerer Akku auf. Als ich das Handy am Ladekabel anschließe und einschalte sehe ich, dass ich bereits drei neue Nachrichten von Max bekommen habe.

Max: Wir müssen dringend reden. Bitte ruf mich an, du kannst mich bis 09.00 Uhr telefonisch erreichen. Max.

Dringend reden, wenn dann habe ich mit ihm zu reden. Ich bin immer noch gekränkt über das was gestern vorgefallen ist. Ich schaue auf die Uhr, es ist schon nach elf Uhr, also brauche ich jetzt nicht mehr anzurufen, ich lese die nächste Nachricht.

Max: Nachdem du nicht anrufst bist du anscheinend sauer, was ich verstehen kann. Es tut mir leid. Melde dich bitte.

Und gleich noch eine Nachricht:

Max: Ich mache mir langsam Sorgen. Meine Reaktion gestern war unangebracht. Du haust nicht einfach so ab, oder? Ich hoffe du bist nicht am Weg zurück nach NY?

Also doch Reue, das macht mich ein bisschen schadenfroh, aber weil ich nicht möchte das er leidet, zumindest finde ich er hat jetzt genug gelitten, antworte ich:

Unangebracht trifft es ziemlich gut. Mein Akku war leer. Bis später. Luisa.

Max Antwort folgt sofort.

Ich komme so schnell ich kann, der Termin dauert aber noch ein bisschen. Ziemlich knappe Antwort, du bist also sauer. Bis dann. Max.

Ich schreibe nichts mehr darauf zurück, er soll sich ruhig seine Gedanken machen. Meine Wunde tut jetzt doch etwas weh, daher nehme ich nach dem verspäteten Frühstück die Schmerztablette die mir der Arzt mitgegeben hat und lege mich ein bisschen hin. Ich wache erst wieder auf, als Max ins Zimmer kommt. Er setzt sich auf die Bettkante auf meiner Seite des Bettes und streicht mir über die Haare. Er sieht fertig aus, die lange Nacht ist nicht ohne Spuren geblieben.

„Hey Süße. Was machst du denn? Nigella hat mir von deinem Unfall erzählt. Warum hast du mich nicht angerufen, ich wäre sofort gekommen.“

Er ist ziemlich besorgt, so tragisch ist es nun wirklich nicht.

„Ist nicht so schlimm, nur ein Kratzer.“

„Nachdem was ich gehört habe glaube ich das nicht. Lass mal sehen.“

Da ein dickes Pflaster auf der Wundnaht klebt kann ich nicht viel herzeigen, aber er sieht sich die Verletzung trotzdem an. Mittlerweile ziert ein riesiger Bluterguss meine Haut rund um das Pflaster.

„Wie ist das denn passiert, hast du Schmerzen? Sieht jedenfalls schmerzhaft aus.“

Er zieht die Augenbrauen hoch, als könnte er meine Schmerzen fühlen.

„Nein es geht schon, ich bin einfach nur ausgerutscht, alles gut, also bitte vergessen wir es, die Wunde ist in ein paar Tagen wieder verheilt.“

Ich ziehe die Decke wieder über mein Bein so als wollte ich nicht, dass er länger hinschaut. Er merkt genau, dass ich verärgert bin, auch wenn ich es versuche es nicht zu zeigen.

„Wie geht es dir? Du siehst müde aus“, frage ich.

„Ich habe den ganzen Tag mit den Nachwirkungen einer Flasche Whisky gekämpft. Mir ist noch immer schlecht und mein Kopf brummt, aber das geschieht mir vermutlich recht.“

Ich sage dazu nichts und schlüpfe bis zu Nasenspitze unter die Decke. Er zieht sich Sakko und Schuhe aus, nimmt seine Krawatte ab und legt sich zu mir ins Bett. Er vergräbt seine Nase in meinen Haaren. „Ich bin so froh, dass du nicht weg bist…und wegen gestern…“

Es ist ihm merklich unangenehm darüber zu sprechen und mir eigentlich auch.

„Ich habe dir Unrecht getan, es tut mir wirklich leid.“

„Ja das hast du, und du hast mir wehgetan, das macht niemand mit mir.“

Er schämt sich dafür, er wagt es kaum mich anzusehen.

„Ja, das ist unverzeihlich. Keine Ahnung was du jetzt von mir denkst, vermutlich bin ich nicht besser als mein Vater, ich kann dir doch nicht wehtun, das ist doch Wahnsinn. Ich könnte mir nicht verzeihen wenn du deshalb zurück nach New York fliegst.“ Er schüttelt mit geschlossen Augen den Kopf. „Fliegst du zurück?“

Er sieht völlig verzweifelt aus, so schlimm war es nun auch nicht. Ich drücke ihn fest an mich. „Ich bin noch hier, also nein und du bist nicht wie dein Vater, aber es hat mich erschreckt wie du über mich denkst. Ich war mir sicher du kennst meine Gefühle für dich, ich habe nichts, aber auch gar nichts getan, was dich eifersüchtig machen hätte können. Außerdem, obwohl es nichts weiter zur Sache tut, hast du nicht gemerkt dass der Typ schwul ist?“

„Ich weiß nicht, ist er das? Vielleicht wollte ich es nicht bemerken. Natürlich hast du nichts falsch gemacht, keine Ahnung mir ist plötzlich eine Sicherung durchgebrannt als du weg warst, und dann hast du mich vielleicht ein kleinwenig provoziert.“

Es scheint ihm ernsthaft Leid zu tun, provoziert finde ich zwar überspitzt, aber ich gehe nicht weiter darauf ein.

„Glaub mir, es gibt wirklich keinen Grund zur Eifersucht.“

Ich schmiege mich fest an ihn und er hält mich ganz fest.

„Nein, du hast recht, aber…“ Er stockt kurz.

„Was aber?“, frage ich ungeduldig nach.

„Bis vor kurzem wäre mir das alles sowas von egal gewesen. Ich hätte vermutlich noch das Rückflugticket auf den Frühstückstisch gelegt, aber mit dir ist alles anders.“

Er streicht mit seinem Finger über meine Fingerknöchel.

„Ich könnte es nicht ertragen dich zu verlieren.“ Jetzt umgreift er meine Hand fest. „Ich liebe dich Luisa.“

Mir bleibt kurz die Luft weg, damit habe ich nicht gerechnet. Ich glaube mir hat das noch nie ein Mann ernsthaft ins Gesicht gesagt. Mein Herz klopft und mir ist heiß und kalt zugleich. Ich lächle ihn sprachlos an, bevor er mich küsst. Es ist zwar keine Rechtfertigung für sein Verhalten von gestern, aber ich finde trotzdem dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Er legt seine Arme um mich und ich drücke mich fest an ihn.

„Lass mal sehen.“

Er streicht über mein Gelenk, obwohl es gar nicht mehr weh tut, dann haucht er sanft ein paar Küsse darauf. „Besser?“

„Ja, aber so schlimm war es nicht, alles gut, es hat mich einfach nur erschreckt“, entgegne ich.

„Ich verspreche dir, das kommt nie wieder vor.“

Wir liegen noch lange nur so da und ich bin einfach nur glücklich. ER LIEBT MICH und ich liebe ihn, aber sagen konnte ich ihm das heute noch nicht, keine Ahnung warum, es will einfach nicht über meine Lippen, auch wenn ich es schon so lange in meinem Herzen fühle.

Ben streckt mir seine Hand entgegen, aber ich kann mich nicht bewegen, ich komme nicht von der Stelle, ich fühle mich wie gefesselt. Je mehr ich versuche mich loszureißen, desto weiter entfernt er sich von mir. So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann seine Hand nicht greifen, obwohl ich mich so nach seiner Berührung sehne, ich schaffe es einfach nicht. Bald sehe ich ihn nur mehr ganz schemenhaft in der Ferne und höre ihn noch leise sagen: „Ich werde dich für immer lieben.“ Ich rufe ihm mit letzter Kraft hinterher, aber er ist schon fast verschwunden. „Nein bitte, bitte nicht, bitte Ben bleib.“

„Luisa, wach auf.“

Ich bin völlig außer Atem, als mich Max aus meinem Albtraum wachrüttelt, ich weiß erst gar nicht wo ich bin, aber ich bin froh, dass er da ist.

„Du hast geträumt.“ Er nimmt mich fest in den Arm, ich merke wie sich meine Atmung wieder normalisiert, mein Herz schlägt mir bis zum Hals.

„Du bist ganz heiß, ich glaube du hast Fieber, hoffentlich hat sich deine Wunde nicht entzündet.“

Er greift mir besorgt auf die feuchte Stirn.

„Nein, es geht mir gut, mach dir keine Sorgen bitte, es war nur ein Traum.“

Langsam beruhige ich mich wieder. Er ist aufgestanden um mir ein Glas Wasser zu holen. Sanft streicht er mir die nassen Haarsträhnen auf meiner Stirn aus dem Gesicht, während ich ein paar Schlucke trinke.

„Geht’s wieder?“

Ich nicke ihm zu. Ich lege meinen Kopf auf seine Brust, ich lausche dem Rhythmus seines Herzschlages, während er seinen Arm über meine Schulter legt.

„Ich brauche dich mehr als du mich Max.“

„Du fantasierst, schlaf jetzt weiter.“

Er zieht mir die Decke über die Schulter.

„Du liebst mich…“ murmle ich erschöpft.

„Ja, das tue ich, mehr alles andere.“

Er drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Zufrieden schließe ich meine Augen, es dauert lange bis ich wieder einschlafen kann, ich kuschle mich fest an ihn und lasse ihn den Rest der Nacht nicht mehr los. Nein ich lasse ihn nie wieder los.

Am Morgen sitzen wir alle gemeinsam beim Frühstück. Mein Oberschenkel tut zwar noch weh, aber der Albtraum der letzten Nacht hat mich mehr mitgenommen als die Schmerzen.

„Morgen ist Silvester, ich dachte du und Nigella habt bestimmt Lust auf ein bisschen Shopping?“

Max streicht mir liebevoll über die Hand. Wir sind auf einem Silvesterball eingeladen und da gibt es eine Kleidervorschrift. Männer im Smoking, Damen im langen Kleid. Damit kann ich natürlich nicht dienen, ich besitze nicht einmal ein langes Kleid.

„Ich dachte wir fahren nachher gemeinsam in die Stadt, ich bin mir sicher ihr findet etwas Passendes.“

„Das ist eine tolle Idee, wir müssen für Sam auch noch einen Smoking leihen.“

Nigella drückt Max im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange. Ich nehme einen Schluck von meinem Tee, bevor ich meine Hand auf seinen Oberschenkel lege, was ihm ein überraschtes Lächeln entlockt. Ich erwidere sein Lächeln. Ich muss immerzu an den Traum denken. Speziell dieser Traum fühlte sich so real an, dass ich ein richtig schlechtes Gewissen ihm gegenüber habe. Ich würde ihm so gerne alles erzählen, aber ich habe Angst vor seiner Reaktion. Er sagt er liebt mich, aber was wenn er seine Meinung dann ändert?

„Worüber denkst du nach?“

Er reißt mich aus meinen Gedanken.

„Nichts, gar nichts. Ich bin einfach nur froh, dass du da bist.“

„Sicher?“

„Ja ganz sicher.“

Es braucht schnell einen Themenwechsel. Ich stehe auf und lege meine Arme von hinten um seinen Hals. Er drückt seinen Kopf an meine Brust.

Ich dachte wir wollen shoppen?“

„Natürlich, wenn du bereit bist?“

Ich drücke ihm einen Kuss auf die Wange. „Bin ich.“

„Tja, dann auf zum Shoppen.“

Ich stehe in einem langen schwarzen Kleid vor dem Spiegel in einer exquisiten Boutique die ausschließlich Abendmode führt. Max und Sam haben sich entschlossen uns beim Kleiderkauf allein zu lassen, damit sie sich morgen total von unserem Anblick überraschen lassen können. Ich glaube eher sie wollen einfach nur ein Bier trinken gehen. Nigella hat sich bereits für ein dunkelrotes Samtkleid mit tiefem Ausschnitt bis über die Schultern entschieden. Ich finde sie sieht darin mit ihrer blassen Haut und den dunklen Haaren aus wie Schneewittchen, einfach wunderschön. Die Verkäuferin kommt mit einem anderen Kleid am Bügel zur Umkleidekabine.

„Probieren Sie bitte dieses Kleid, ich glaube es ist perfekt für Sie.“

Sie hängt es in meine Kabine. Es hat einen dunkelblauen langen luftigen Tüllrock und das ärmellose eng anliegende Oberteil ist aus dunkelblau-gold besticktem Jacquard. Es sieht schon am Bügel unglaublich aus. Als ich in der Kabine hineinschlüpfe sehe ich auch das Preisschild, auch unglaublich, unglaublich teuer. Ich komme vorsichtig hinter dem Vorhang hervor, Nigella steht der Mund offen. Die Verkäuferin bringt mir gleich die passenden Schuhe dazu. Offene goldene High Heels. Ich schlüpfe hinein und stelle mich vor den Spiegel. Ich fühle mich wie aus einem Hollywoodfilm entsprungen.

„Sie müssen zu dem Kleid ihre Haare aufstecken damit man ihren schönen Hals sieht“, rät mir die Verkäuferin. Ich wusste gar nicht, dass ich einen schönen Hals habe, ich drehe mich um mich von allen Seiten sehen zu können.

„Das musst du nehmen, es ist wie für dich gemacht.“ Nigella ist begeistert. „Du siehst unglaublich aus.“

„Ja es ist traumhaft, aber es ist viel zu teuer, das kann ich nicht nehmen.“

„Max hat gesagt wir sollen kaufen was uns gefällt, also mach dir da mal keine Sorgen, er wird begeistert sein, wenn er dich sieht.“

„Ja das weiß ich schon, aber ich habe ein schlechtes Gewissen, gleich das teuerste Kleid aus dem gesamten Sortiment zu nehmen…“

Nigella stellt sich hinter mich vor den Spiegel, nimmt meine Haare hoch und deutet eine Aufsteckfrisur an.

„Papperlapapp. Er liebt dich, also vermute ich ihm ist der Preis von dem Kleid herzlich egal.“

Ich schaue sie erstaunt an. „Hat er dir das gesagt?“

Sie schmunzelt. „Auch wenn er es mir nicht gesagt hätte Luisa, ich habe Augen im Kopf und ich kenne meinen Bruder.“

Er liebt mich also wirklich, mir ist ganz mulmig im Bauch. Es fallen mir keine Argumente mehr gegen das Kleid ein. Mit fetter Beute verlassen wir das Geschäft. Max und Sam erwarten uns bereits in einem kleinen Bistro. Max freut sich, dass wir fündig geworden sind, noch kennt er den Preis des Kleides nicht. Ich hoffe er freut sich dann immer noch, ich schiebe den Gedanken beiseite. Zurück in unserem Haus checkt er seine Mails, während ich unter der Dusche stehe. Im Bademantel und mit Handtuchturban setzte ich mich aufs Bett um das Pflaster meiner Wunde zu wechseln.

„Sieht schon ganz gut aus“, mustere ich die Naht, der blaue Fleck leuchtet mittlerweile in schillernden blauen und violetten Tönen.

„Also ich finde es sieht richtig fies aus.“

Er kann gar nicht richtig auf meinen Oberschenkel schauen, er verzieht mitleidig sein Gesicht. Ich muss lachen und klebe ein frisches Pflaster drauf. Er macht seinen Laptop zu.

„Luisa, darf ich dich etwas fragen.“

„Ja, natürlich.“

Ich sehe ihn erwartungsvoll an.Er setzt sich neben mich aufs Bett, da er etwas zögert seine Frage zu stellen bin ich etwas besorgt, vielleicht hat er den Preis vom Kleid gesehen? Er sieht ernst aus.

„Dein Albtraum gestern Nacht, ich wollte dich erst nicht fragen, aber wer ist Ben?“

Ich bin kurz perplex und sprachlos über seine Frage. Bens Namen aus seinem Mund zu hören, damit habe ich nicht gerechnet. Ruhig bleiben Luisa, bleib ganz ruhig.

„Du hast im Traum mehrmals Ben gerufen“, setzt er fort.

Ich versuche meine Gedanken, die gerade Karussell in meinem Kopf fahren, zu ordnen. Ja ich wollte ihm einmal alles erzählen, aber dann wenn ich darauf vorbereitet bin, dann wenn ich es will. Ich merke wie ich nervös werde, es muss ein komisches Bild auf ihn machen.

„Die Frage ist dir unangenehm, es tut mir leid, du musst nicht darüber sprechen wenn du nicht willst.“

Es fühlt sich für ihn bestimmt eigenartig an, wenn ich den Namen eines anderen Mannes im Traum rufe, ich würde mir auch so meine Gedanken machen wenn er Frauennamen im Traum ausspricht. Ich schließe kurz die Augen und atme langsam ein und aus.

„Er ist niemand auf den du eifersüchtig sein musst, er ist jemand aus meiner Vergangenheit. Leider habe ich daran keine guten Erinnerungen und ich spreche auch nicht gerne darüber.“

Er nickt und streicht mir über den Arm. „Ich bin deshalb nicht eifersüchtig, es geht mich auch nichts an.“

„Doch, doch. Ich dachte zwar ich könnte es noch etwas hinauszögern dir davon zu erzählen, aber ich will keine Geheimnisse vor dir haben. Nicht mehr.“

Er sagt nichts und scheint überrascht, aber auch erwartungsvoll. Ich weiß nicht wie ich anfangen soll, ich habe das Gefühl mein Gesicht glüht förmlich. Ich nehme erst einmal den Handtuchturban von meinem Kopf ab, der fühlt sich so heiß wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch an.

„Es gibt einen Teil in meinem Leben, an den ich nicht gerne zurück denke, ich habe vieles getan, das ich heute bereue und ich habe Angst, dass du mich anders siehst, wenn ich dir alles erzähle.“

Er nimmt meine Hand. „Also wenn du niemanden umgebracht hast, wird es schon nicht so schlimm sein.“

Er lächelt, aber ich kann das Lächeln nicht erwidern, er hat keine Ahnung davon, wie ernst es ist.

„Doch es ist schlimm. Bitte Max, das ist kein Spaß, ich habe wirklich Angst vor deiner Reaktion.“

„Lass mich bitte selbst entscheiden was ich denke, du kannst mir alles erzählen wenn du willst, du musst aber nicht.“

„Jetzt stecke ich mittendrin, ich muss.“

Ich nehme all meinen Mut zusammen um ihm zu sagen was ich selbst nicht gerne höre. Irgendwie bin ich auch froh endlich alles loszuwerden.

„Alles fing kurz nach dem Tod meiner Mutter an. Ich habe viel Mist gebaut und wäre schlussendlich fast selbst daran gestorben.“

Es sprudelt nur so aus mir heraus, es ist als ob ein Stein nach dem anderen von mir abfällt. Ich erzähle alles, von den Drogen und dem Alkohol, von Ben, von unserem Unfall und von Bens Selbstmord bis zu den Problemen mit Dad. Alles von Anfang bis zum Ende. Max hört mir geduldig zu und verzieht keine Miene. Ich kann seinen Blick nicht einordnen, was mich ziemlich verunsichert, aber jetzt gibt es sowieso kein Zurück mehr.

„Ich glaube ich habe das noch niemals jemanden so im Detail erzählt“, sage ich abschließend tief ausatmend. Alles ist draußen und wenn ich so zu ihm sehe habe ich plötzlich Angst vor dem was er jetzt sagt, aber er sagt kein Wort und streicht monoton mit seinem Finger über die Knöchel meiner Hand. Erst nach ein paar Augenblicken sieht er mich wieder an.

„Du warst fünfzehn Jahre alt und danach kamst du deshalb ins Internat?“

Ich nicke.

„Was hast du denn genommen?“

Fühlt sich ein bisschen nach Verhör an, aber ich kann verstehen, dass er es wissen will.

„Am Anfang Cannabis und Marihuana, danach Extasy einmal Kokain ich habe viel getrunken, eigentlich so ziemlich alles.“

Er verzieht keine Miene. „Hast du einen Entzug gemacht?“

„Nein, das war nicht nötig, ich war lange genug im Krankenhaus und auf Reha nach dem Unfall. Du kennst ja meine Narbe am Bein. Ich habe den Absprung gerade noch so geschafft, ohne gröbere Beeinträchtigungen.“

„Du hast seither nie mehr etwas genommen, oder?“

Die Frage schockiert mich etwas, aber dennoch verstehe ich sie.

„Nein natürlich nicht, ich würde es auch nie wieder tun, glaub mir ich habe genug erlebt um ein Leben lang genug davon zu haben.“

„Und es hat dir nie gefehlt?“

Ich schüttle den Kopf mit gesenktem Blick.

„Gefehlt hat mir nur das Gefühl weg von der Realität und dem Schmerz zu sein. Das ging sehr leicht wenn ich etwas genommen habe, danach fühlte sich alles gut und leicht an. Alle Probleme ließen sich so für einige Zeit verdrängen. Ich musste erst lernen die Wirklichkeit zu akzeptieren, das Leben so wie es ist, das war nicht einfach.“

Er schweigt kurz. „Hast du ihn geliebt?“

Ein komisches Gefühl in meinem Magen macht sich breit, ehrlich gesagt fällt es mir schwer das zu beantworten. Wie fühlt sich denn Liebe mit fünfzehn Jahren an? Er war alles für mich, er war der erste Mann in meinem Leben. Er war da, als ich ihn brauchte nachdem meine Mutter starb. Ja vermutlich habe ich ihn geliebt, auf meine eigene Art und Weise.

„Damals dachte ich Liebe fühlt sich so an, jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, aber es tat unglaublich weh ihn zu verlieren. Er tat mir weh, und er hat mich einfach so zurück gelassen.“

Ich versuche etwas aus seinem Gesicht ablesen zu können, was mir aber zu meinem Leidwesen weiterhin nicht gelingt.

„Denkst du noch oft an ihn?“

Jetzt ist es ein Verhör. Was will er denn noch alles hören? Ich beherrsche mich um meine Augen nicht zu verdrehen.

„Für mich ist das Schlimmste, dass ich mich nie von ihm verabschieden konnte, er war einfach weg von einem Tag auf den anderen. Ich denke oft darüber nach, ob ich seinen Tod hätte verhindern können.“ Ich senke meinen Kopf. „Ich weiß erst seit ein paar Wochen wie sich richtige Liebe anfühlt Max. Noch nie habe ich für jemanden so empfunden wie für dich und jetzt weiß ich nicht einmal, ob deine Gefühle für mich noch dieselben sind. Ich habe Angst. Angst davor, dass mich meine Vergangenheit immer und immer wieder einholt.“

Ich warte auf eine Reaktion von ihm, aber er sitzt nur da und sieht mich an, so als ob er noch auf etwas warten würde.

„Willst du jetzt den ganzen Abend so dasitzen und mich anschauen?“, frage ich darum schnell.

„Solange bis du fertig bist Luisa.“

Ich bin fertig und von einer Sekunde auf die andere macht mich seine undurchschaubare Reaktion so unsicher, wie ich schon lange nicht mehr war. Er ist ein Gentleman, ein feiner Mann und ich komme mir vor wie ein abgetragener Lumpen. Das wir aus zwei verschiedenen Welten kommen, ist mir seid unserer ersten Begegnung klar, aber so klar wie in diesem Moment war es mir noch nie.

„Ich bin nicht so makellos wie du es bis jetzt vielleicht gedacht hast. “

Mehr bringe ich nicht mehr heraus, es fühlt sich an als würde mir jemand die Kehle zuschnüren, am liebsten würde ich heulend davon laufen. Ich stehe auf, ich habe Angst vor seiner nächsten Frage, und Angst davor was er jetzt von mir hält.

„Wohin willst du denn jetzt?“ Er hält meine Hand fest und zieht mich zurück. „Setzt dich bitte wieder hin.“

Ich befolge seine Anweisung ausnahmsweise ohne Widerstand. Er wischt mir zärtlich eine Träne die sich nicht mehr zurückhalten ließ von meiner Wange, bevor er seine Arme um mich legt.

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass sich deshalb an meinen Gefühlen zu dir irgendetwas ändert?“

Ich zupfe nervös an meinem Pflaster, er legt sanft seine Hand auf meine um mich davon abzuhalten. Er fasst mein Gesicht sanft am Kinn und dreht mein Gesicht so zu ihm das ich seinem Blick nicht mehr ausweichen kann.

„Nichts was du je getan hast würde meine Liebe zu dir ändern.“

Sein Blick ist tief und durchdringend, seine Stimme ist ernst aber einfühlsam.

„In deiner Jugend ist einiges schief gegangen. Na und, sieh dich an, du bist eine wunderbare Frau, auch wenn du den ersten Anlauf verpatzt hast, beim Zweiten hast du alles richtig gemacht. Ich bewundere dich, du hast dich nicht aufgegeben, auch wenn du allen Grund dazu gehabt hättest. Nicht viele schaffen es ihr Leben zu ändern, du hast aus deinen Fehlern gelernt.“

Sanft streicht er mit seinem Daumen über mein Kinn und schenkt mir ein Lächeln.

„Ich hatte mich aufgegeben. Ich war ganz unten, es gab für mich keinen Grund am Leben zu sein, aber irgendwie hab ich es geschafft. Meine Mum hat mir schon früh beigebracht, dass nichts im Leben aus Zufall passiert und man den Weg den man geht selbst bestimmen kann, das war mein Antrieb.“

Er fasst mein Gesicht mit beiden Händen und küsst mich lang, bevor er mich ganz fest an seine Brust zieht.

„Deine Mutter war eine kluge Frau, genau wie du, und das mit fünfzehn, das ist außergewöhnlich.“

Es ist komisch, ich fühle mich jetzt wirklich besser, ich habe nicht gedacht das er es so ruhig aufnimmt, ich hätte es ihm schon viel früher sagen sollen. Ich bin total am Ende und müde. Ich lasse mich zurück aufs Bett fallen und schnaufe tief aus.

„Auch wenn dir das vermutlich nicht gefällt, ich verstehe jetzt deinen Vater. Er hat aus Liebe so gehandelt, das Internat hat dir geholfen dein Leben in den Griff zu bekommen. Glaub mir hätte ich eine Tochter, ich würde sie in den letzten Winkel der Welt verbannen, damit sie so einen Mist kein zweites Mal macht, auch wenn es mir noch so wehtun würde.“

Bravo, jetzt ist er auch noch auf Dad`s Seite, aber vielleicht hat er recht. Ich hoffe ich komme nie in die Situation eine solche Entscheidung treffen zu müssen, leicht hatte Dad es wirklich nicht mit mir.

„Außerdem musst du dich von Ben verabschieden um deine Vergangenheit ruhen lassen zu können, du musst endlich loslassen. Am besten du sprichst mit seiner Mutter wenn du zurück in New York bist.“

„Ich bin mir nicht sicher ob sie erfreut ist mich wiederzusehen.“

„Das wirst du dann schon herausfinden.“

Vermutlich hat er auch in dem Fall recht. Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber jetzt möchte ich über all das nicht mehr sprechen. Ich bin froh, dass er nicht mehr weiter bohrt. Er weiß jetzt alles von mir und er liebt mich trotzdem. Morgen ist Silvester. Ich habe in diesem Jahr gelernt was wahre Liebe bedeutet und ich hätte nie gedacht das ein Mensch mein Leben so verändern kann. Ich habe einmal gelesen, ein neues Jahr kann nur ein neues Jahr werden wenn man Neues zulässt. Könnte diesmal klappen, ich bin zuversichtlich.

Kapitel 8

Heute haben wir unser Ferienhaus verlassen und sind in die Stadt in eine schicke Suite im Stadthotel übersiedelt. Hier wird heute auch der Silvesterball stattfinden. Vorhin war ich noch einmal beim Arzt um meine Wunde ansehen zu lassen, er ist ganz zufrieden, dann bin ich es auch. Eine Narbe mehr, naja auch egal, in circa zehn Tagen soll ich mir die Fäden ziehen lassen. Das werde ich dann wohl am besten gleich selbst übernehmen. Im Hotel herrscht schon geschäftiges Treiben und die Vorbereitungen für den Abend laufen auf Hochtouren. Nigella ist beim Frisör während Max, Sam und Daniel an der Hotelbar sitzen als ich gerade zurückkomme.

„Und was sagt der Arzt?“

Max deutet auf den Barhocker neben ihm.

„Tja, muss wohl amputiert werden, mein Bein ist vermutlich nicht mehr zu retten.“

Ich zucke mit den Schultern und drücke ihm einen Kuss auf die Wange.“

„Freut mich, scheint also alles ok zu sein.“

Wie erwartet geht er nicht auf meinen Scherz ein. Ich setze mich auf den Barhocker und bestelle mir einen Tee.

Sam schaut auf die Uhr. „Nigella ist schon seit zwei Stunden beim Frisör, kann das wirklich so lange dauern? Was ist mit dir Luisa, keine Aufhübschung für heute Abend?“

„Mal sehen, lass dich überraschen“, entgegne ich in meiner Tasse rührend.

Ehrlich gesagt hab ich keine Lust den halben Tag beim Frisör zu sitzen, aber eine Hochsteckfrisur wie von der Verkäuferin empfohlen wäre schon toll.

„Brauchst du alles nicht, du bist sowieso schon so schön, dass ich alle Hände voll damit zu tun habe potentielle Rivalen von dir fern zu halten.“

Max küsst mich liebevoll hinterm Ohr.

„Ah da kommt sie ja, endlich, ich wollte schon einen Suchtrupp nach dir ausschwärmen lassen.“

Sam umarmt seine Frau, die ihn ob ihrer neuen Frisur zur Vorsicht ermahnt. Sie sieht wahnsinnig elegant aus, wie eine Hollywood Diva.

„Darauf trinken wir jetzt noch eine Runde.“

Daniel winkt den Barkeeper her. Ich höre mein Handy in der Tasche klingeln.

„Ich gehe nur kurz ran, es ist mein Dad.“ Ich hüpfe vom Barhocker und gehe in den Nebenraum.

„Hi Dad.“

„Hallo Luisa, ich wollte mich nur vergewissern ob bei dir alles in Ordnung ist. Du hast dich seit deiner Abreise nicht mehr gemeldet.“

„Danke, mir geht es gut, es ist wunderschön hier. Hattet ihr schöne Tage am See?“

„Ja, es hat geschneit. Ich wollte dir noch einen guten Rutsch in das neue Jahr wünschen.“

„Danke Dad, das wünsche ich dir auch. Geht es allen gut?“

„Natürlich.“

„Gut, wir sehen uns ja bald. Grüß alle von mir.“

„Bis bald Luisa.“

„Dad.“ Ich stocke kurz. „Es tut mir leid wegen unserem Streit.“

Kurz ist es ganz leise am anderen Ende.

„Das braucht es nicht. Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Wir haben beide Fehler gemacht, ich war nicht immer fair zu dir“, falle ich ihm ins Wort.

„Luisa, du bist doch mein Mädchen.“

Ich fühle mich plötzlich wieder wie das kleine Mädchen von damals, als Dad mich in dem Arm nahm und sagte: „Luisa du bist mein Mädchen, meine Prinzessin auf dem schönsten Stern im Universum.“ Dann hob er mich hoch und wirbelte mich durch die Luft.

„Ja ich bin dein Mädchen, gutes neues Jahr Dad.“

Wir verabschieden uns mit dem Versprechen uns bald in New York zu sehen und dann noch einmal in Ruhe über alles zu sprechen. An der Bar ist gerade die neue Runde Getränke eingetroffen, ich trinke den letzten Schluck von meinem Tee aus.

„Alles ok bei deinem Dad?“

Ich weiß, er merkt genau, dass mir das Telefonat nahe geht, ich möchte aber nicht darüber sprechen, ich habe meinen Sprechbedarf bereits gestern gesprengt.

„Er hat mir ein gutes neues Jahr gewünscht.“

Ich lächle ihn an, was mir nur recht verkrampft gelingt, es fällt mir wirklich schwer ihm etwas vorzumachen und das weiß er.

„Ich leg mich ein bisschen hin.“

Ich küsse ihn auf die Wange, er sieht mich verwundert an.

„Ist sicher alles in Ordnung Luisa?“

„Ja klar, es ist alles ok, ich habe nur keine Lust mehr hier zu sitzen, ich bin müde und es wird noch ein langer Tag heute.“

Ich streiche ihm über die Wange.

„Ich komme mit, warte auf mich.“ Er hält meine Hand fest.

„Bleib doch noch sitzen, ihr habt es doch gerade so gemütlich.“

„Bist du ganz sicher?“

„Ja sicher, aber trink nicht zu viel“, flüstere ich ihn sein Ohr und gebe ihm noch einen Kuss. Nigella verspricht mir auf die Jungs aufzupassen.

„Wenn du möchtest, helfe ich dir später mit deinen Haaren?“, ruft sie mir noch hinterher.

„Ja gerne!“ Ich nicke ihr zu und gehe zum Lift.

Als sich die Lifttür schließt atme ich tief durch. Ich war so viele Jahre weg von meiner Familie und doch fühlt es sich heute komisch an das erste Mal zum Jahreswechsel allein zu sein, aber manche Dinge ändern sich eben und jetzt ist Max da, alles ist anders. Ich lasse mich aufs Bett fallen und zappe durchs TV Programm, wo ich bei einem Liebesfilm hängen bleibe, ich kuschle mich in die Decke. Meine Naht zwickt unangenehm und ganz allgemein fühle ich mich nicht in Bestform. Schon seit ein paar Wochen habe ich das Gefühl etwas auszubrüten. Mir fallen gerade die Augen zu, als mich das Klacken der Tür wieder munter werden lässt. Max ist verwunderlicher Weise schon da und springt zu mir ins Bett.

„Schon da?“, frage ich überrascht, freue mich aber.

„Ich kann dich schließlich nicht allein lassen in dem großen Bett, ich hätte es keine Sekunde länger ausgehalten.“

Er küsst mich stürmisch vom Ohr bis zum Hals.

„Bitte Max, ich sehe gerade fern und ich bin müde.“

Ich deute zum Fernseher wo gerade Richard Gere unter der Dusche steht.

„Ernsthaft? Richard Gere?“

Er verdreht die Augen. Ich schmunzle frech, obwohl Richard Gere absolut nicht mein Typ ist, wofür ich einen kleinen Klaps auf den Hintern kassiere.

Das lasse ich mir nicht einfach so gefallen, ich befreie mich von meiner Decke, während ich mich auf ihn setzte halte ich seine Arme und Hände fest über seinem Kopf.

„Willst du Streit, wir hatten doch vereinbart keine Gewalt.“

Meine Ansage kostet ihn einen Lacher, auch ich muss lachen und drücke dabei seine Hände noch fester zurück, zur Strafe.

„Korrigiere mich bitte wenn ich mich täusche, aber ich habe das Gefühl du bist hier gerade gewalttätig.“

Er grinst breit, macht aber keine Anstalten sich zu wehren.

„Ja das kann schon sein…Jetzt lasse ich dich nicht mehr los.“

Ich küsse seinen Hals liebevoll, ohne locker zu lassen. Erst nach ein paar Augenblicken packt er meine Arme und rollt mich scheinbar ohne Mühe auf den Rücken und legt sich auf mich. Sein Gesicht ganz dicht neben meinem Ohr spüre ich seinen Atem in meinen Haaren, meine Arme drückt er fest an meinen Körper. Ich kann mich auf keinen Fall mehr bewegen, aber ich finde es keineswegs unangenehm, ganz im Gegenteil, ich versuche auch gar nicht mich zur Wehr zu setzen.

„Ich hoffe sogar sehr du lässt mich nie mehr los“, haucht er atemlos.

Meinen Körper durchströmt eine unglaubliche Wärme, ich drücke meine Nase an seinen Hals. Ich liebe seinen Duft, ich atme tief ein.

„Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, dass es mir fast den Verstand raubt.“

Die Worte verlassen meine Lippen förmlich von selbst. Seine Augen strahlen zufrieden, dann presst er seine Lippen leidenschaftlich auf meine und drückt sich noch ein wenig fester an mich.

Im Fernsehen läuft gerade eine Talkshow die ich beiläufig ansehe inzwischen ich mir die Fingernägel lackiere. Max ist gerade im Bad und rasiert sich.

„Wirklich schade, dass wir morgen schon zurück nach New York müssen.“

„Ja, finde ich auch, ich hätte mich schon fast an dich gewöhnt“, entgegne ich.

Er schaut mit Rasierschaum im Gesicht aus dem Bad. „Du wirst dich noch so an mich gewöhnen, dass du dir nicht mehr vorstellen kannst ohne mich zu sein.“

„Ist schon passiert“, murmle ich konzentriert den Nagellack sauber aufzutragen und sicher dass er mich nicht hören kann.

„Ich weiß.“ Er steht plötzlich hinter mir und ich zucke vor Schreck zusammen.

„Du sollst mich nicht erschrecken.“

„Und du sollst nicht frech sein.“

Er streicht meine Haare zur Seite und gibt mir einen Kuss in den Nacken. Ich lege meinen Kopf zurück und bekomme noch einen Kuss auf den Mund.

Max zupft sich gerade seine schwarze Fliege zurecht, als es an der Tür klopft. Ich sitze noch immer im Bademantel da und experimentiere mit meinen Haaren. Nigella steht in ihrem Schneewittchenkleid in der Tür, um den Hals trägt sie eine außergewöhnliche Perlenkette mit einem diamantbesetzten Verschluss in Form einer Rose, bildschön.

„Du siehst unglaublich aus und diese Kette erst.“ Ich mustere sie bewundernd.

„Die habe ich von meinem lieben Bruder zu meinem vierzigsten Geburtstag bekommen, wenn es um guten Geschmack geht kann man ihm nichts vormachen.“

Sie zwinkert Max zu. Er streicht seiner Schwester liebevoll über die Schulter und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Da hat sie ohne Zweifel recht. Ich schaffe nicht einmal eine halbwegs plausible Frisur ohne fremde Hilfe, ich hoffe der gute Geschmack hat ihn bei mir nicht verlassen. Max steht bereits geschniegelt und gestriegelt da, er sieht so heiß aus in seinem Smoking, ich himmle ihn schon wieder an.

„Am besten du gehst mit Sam schon mal vor“, schlägt Nigella vor. „Wir haben hier noch zu tun.“

„Na gut, wie ihr wollt, wie es aussieht werde ich hier nicht gebraucht. Wir sehen uns dann unten.“

Im Gehen drückt er uns beiden noch einen Kuss auf die Wange.

„So und jetzt kümmern wir uns um deine Haare.“

Sie stürzt sich sofort auf Kamm, Glätteisen und Haarklammern und schafft mit wenigen Griffen was ich vermutlich in zwei Stunden nicht vollbracht hätte.

„Kein Frisör hätte das besser gemacht“, bewundere ich mich selbst im Spiegel. „Danke.“

Ich schlüpfe in Kleid und Schuhe und betrachte mich zufrieden im Spiegel. Es war wirklich eine gute Wahl das Kleid zu nehmen, an den Preis denke ich besser nicht mehr und ich hoffe, das Max bei seiner Kreditkartenabrechnung nicht der Schlag trifft.

„Perfekt, so können wir gehen“, stellen wir bei einem letzten Blick in den Spiegel prüfend fest.

Heute gehe ich nicht die Treppe hinunter, nein ich schreite. Etwas vorsichtig um nicht hinten auf das Kleid zu treten und womöglich noch einen ungewollten Stunt hinzulegen. Max und Sam plaudern unten in der Empfangshalle und sehen uns zuerst gar nicht hinunter kommen. Dann aber schaut Max zufällig zur Treppe und ich bemerke wie er ein zweites Mal zu uns blickt, als ob er seinen Augen nicht trauen kann. Er kommt mir ein paar Schritte entgegen und reicht mir seine Hand.

„Ich bin sprachlos. Du siehst atemberaubend aus.“

„Danke, du aber auch, ich bin mir nicht sicher ob du noch so voller Bewunderung bist wenn du den Preis von dem Kleid siehst.“

„Um mit der schönsten Frau des Abends Silvester feiern zu dürfen, ist mir kein Preis zu hoch.“

„Darf ich Sie zu ihrem Tisch begleiten?“

Ein im Butlerstyle gekleideter Kellner mit weißen Handschuhen führt uns zu unserem Tisch. Ich fühle mich heute wie eine Prinzessin, mit einem traumhaften Prinzen an meiner Seite. Meinem Prinzen. Während der Kellner die Vorspeise aufträgt, lege ich meine Hand auf Max Oberschenkel der links von mir sitzt. Er neigt sich ein wenig zu mir und zwinkert mir zu. „Willst du mich aus der Verfassung bringen?“

Ich schenke ihm mein schönstes Strahlelächeln um ihm zu zeigen wie gut es mir geht. „Meinst du das gelingt mir?“

„Ja zweifellos.“

„Mir hätte in diesem Jahr nichts Besseres als du passieren können.“

Ich nehme seine Hand und gebe einen Kuss darauf.

„Das geht mir genauso Luisa.“

Kurz vor Mitternacht tanzen wir gerade und ich schmiege mich fest an ihn, als er auf seine Uhr blickt.

„Wir müssen jetzt los.“

„Wohin müssen wir jetzt noch?“

„Überraschung, komm.“

Grundsätzlich bin ich nicht so der Typ für Überraschungen, aber er hat ein Händchen dafür und bislang hat mir auch immer alles gefallen. Wir verlassen den Saal und steigen in den Lift. Der Page im Lift lächelt verlegen als wir einsteigen, er weiß scheinbar schon Bescheid wohin die Reise geht. Wir fahren bis ganz nach oben, als wir aussteigen ist das ganz Stockwerk dunkel. Es sind nur einige Kerzen am Gang angezündet die uns den Weg weisen. Wir sind ganz allein, Max nimmt mich an der Hand und führt mich weiter. Ich folge ihm bis wir einen großen Raum erreichen in dem einige große Tische und Stühle stehen, auch hier sind mehrere Kerzen entzündet. Auf einem Tisch stehen eine Flasche Champagner und zwei Gläser, alles sieht sehr romantisch aus.

„Von hier oben hat man einen wunderschönen Blick auf das Feuerwerk. Ich dachte es wäre schön wenn wir das ganz allein genießen können, wir gehen nach draußen auf den Balkon.“ Er gießt den Champagner ein. Auf einem Sessel hängt mein Mantel.

„Du denkst auch wirklich an alles“, stelle ich bewundernd fest.

„Damit du dich nicht auch noch erkältest, eine Verletzung für diese Woche reicht aus.“

Wir gehen nach draußen, ich lehne mich mit dem Glas in der Hand an ihn. Um Mitternacht startet das Feuerwerk, ich komme mir vor als wäre ich mittendrin. Max nimmt mich ganz fest in den Arm.

„Ich wünsche dir, das alles was du dir je gewünscht hast in Erfüllung geht. Ein glückliches neues Jahr Luisa.“

Ich streiche durch seine Haare. „Ich wünsche dir auch ein gutes neues Jahr. Ich habe jetzt schon mehr als ich mir je gewünscht habe, ich habe dich.“

Wir küssen uns lange und er hält mich ganz fest in seinen Armen.

Ich würde diesen Moment am liebsten einfrieren, ich war noch nie im Leben so glücklich wie heute.

Kapitel 9 Ein neues Jahr

Leider vergingen die Tage in Island viel zu schnell. Wir sind seit drei Tagen zurück in New York und der Alltag hat uns wieder. Max ist unterwegs und kommt frühestens am Ende der Woche zurück. Ich habe auch schon zwei arbeitsame Tage hinter mir. Morgen ist Lizzys Geburtstag, sie freut sich schon so darauf. wir werden gemeinsam am Abend mit Andy und Matt feiern. Ich räume gerade das Geschirr vom Abendessen ab, während mir Lizzy noch alle Neuigkeiten der vergangenen Tage detailliert erzählt, darin ist sie Spezialistin.

„Max kommt morgen doch hoffentlich auch zu meinem Geburtstag? Ich würde mich freuen“, fällt ihr plötzlich ein.

Ich erkläre ihr, dass er erst morgen Nacht zurückkommt und ich mir nicht sicher bin ob er dann noch Lust dazu hat.

„Wie du meinst, ich dachte nur du hältst es ohne ihn nicht mehr aus.“

Meine Gefühle lassen sich anscheinend nur mehr schwer verbergen.

„Blödsinn. Außerdem sehe ich ihn ja das ganze Wochenende noch.“

Genau in dem Moment klingelt mein Handy, Max ist dran, also ich glaube ja es gibt keine Zufälle.

„Hi, wir haben gerade von dir gesprochen.“

„Na hoffentlich nur Gutes. Alles in Ordnung bei dir?“

„Ja, ja… morgen ist Lizzys Geburtstagsfeier, sie wollte wissen ob du auch kommst, aber du wirst erst spät ankommen, oder?“

„Mein Flieger landet um 22.00 Uhr. Danach könnte ich noch dazu stoßen wenn du das willst.“

„Eigentlich wäre ich lieber allein um mit anderen Männer flirten zu können, das ist jetzt blöd…“

Ich kann gar nicht fertig sprechen, als er mir schon ins Wort fällt.

„Kein Problem ich bin da ganz flexibel, ich lasse dir gerne deine Flirts, ich werde mich zwischenzeitlich mit der Stewardess vergnügen.“

Ok, das ging daneben. Er lässt sich einfach nicht von mir aufziehen, die Retourkutsche ist bei mir angekommen.

„Ganz wie du meinst“, antworte ich möglichst trotzig.

„Du kannst mich nicht auf den Arm nehmen, wenn du möchtest das ich komme gib mir Bescheid wo ihr seid.“

„Natürlich will ich dass du kommst. Ähm…und wie war das gemeint mit der Stewardess? Ich fange an mir Sorgen zu machen.“

„Luisa, du hast angefangen. Gute Nacht, ich freue mich dich morgen zu sehen.“

„Ich mich auch, ich kann es kaum erwarten, Gute Nacht.“

Richtig gut habe ich nicht geschlafen und heute Morgen hat mein Kreislauf wieder einmal total verrückt gespielt. Ich werde wohl doch demnächst zur Blutabnahme gehen, ich verstehe gar nicht woher das kommt. Lizzy ist heute schon den ganzen Tag total durch den Wind vor lauter Geburtstagsstress. In der Früh kam bereits ein Bote der einen riesigen Strauß rote Rosen für sie abgegeben hat, von Andy natürlich, der kam nämlich erst vorhin von seiner Geschäftsreise zurück. Danach waren auch noch ihre Eltern unangekündigt da um ihr zu gratulieren. Jetzt haben wir uns gerade fertig gemacht und warten noch bis Andy umgezogen ist und Matt kommt. Es dauert nicht lange da klingelt es auch schon an der Tür.

„Happy Birthday, Schwesterchen!“

Er hebt Lizzy hoch und wirbelt sie zwei Runden durch die Luft.

„Bitte hör auf mir wird schlecht bevor ich auch nur einen Schluck getrunken habe!“, tadelt sie ihn zum Spaß.

Er lässt sie hinunter und gibt mir einen Kuss auf die rechte Wange.

„Der Urlaub hat dir gut getan wie es aussieht.“

Ich nicke und bevor ich etwas sagen kann plaudert auch schon Lizzy los.

„Also Max ist wirklich ein Gentleman, du musst dir einmal das Kleid ansehen das sie bekommen hat, ein Traum, es gibt eben noch richtige Männer.“

Matt rollt mit den Augen und wird von Andy lautstark mit einem „Bla, bla, bla…“ unterstützt.

„Wo ist er denn? Sind wir keine standesgemäße Gesellschaft?“ Matt sieht mich fragend an.

„Blödsinn, er arbeitet“, verteidige ich mich.

„Aber er kommt nach, ihr seid doch nur eifersüchtig“, unterstützt mich Lizzy.

„Na dann ist ja gut. Ich bin schon gespannt. Können wir jetzt los?“

Matt zeigt ungeduldig auf die Uhr. Wir brechen auf und gehen zuerst etwas Essen, danach besuchen wir einen kleinen Club in dem wir schon öfters waren. Da wir keine zwanzig mehr sind und trotzdem Spaß haben wollen, ist es gar nicht so einfach die passenden Lokale zu finden, aber hier ist es richtig gemütlich. Die Musik ist abwechslungsreich und nicht so laut das einem die Ohren wegfliegen. Das Gästepublikum ist auch angenehm. Es ist mittlerweile kurz nach 22.00 Uhr geworden und ich tippe noch schnell eine SMS an Max.

Ich hoffe du bist nicht zu sehr mit der Stewardess beschäftigt. Wir sind im Club Linus. Bis gleich. Ich liebe dich.

Lizzy bestellt für uns Cocktails. Matt hat bereits eine süße Blondine aufgerissen, die er mit vollem Einsatz angräbt. Er ist wirklich unverbesserlich. Lizzy und Andy shaken eine Runde auf der Tanzfläche ab. Iverfolge das Geschehen aufmerksam von meinem Barhocker aus. Die Blondine entfernt sich mit ihrer Freundin, Matt kommt wieder zurück zu unserem Platz und stellt sich neben mich. Ich sehe ihn fragend an.

„Tussis“, schüttelt er den Kopf.

Ich gebe ihm ermahnend über seine Wortwahl einen Schubs in die Seite. Daraufhin packt er mich an der Hand.

„Dann musst eben du mit mir tanzen.“

Er zieht mich auf die Tanzfläche, mir bleibt gar keine andere Wahl. Ich habe schon fast vergessen wie lustig die Abende mit ihm sind. Er wirbelt mich durch die Gegend, mir ist schon ganz schwindlig ist, ich bin froh als mich Lizzy ablöst. Zurück an der Theke ist mir richtig heiß, ich fächere mir mit der Getränkekarte Luft ins Gesicht. Andy nimmt gerade einen Schluck von seinem Bier.

Ich muss schnell zur Toilette…“, informiere ich ihn.

Er nickt mir zu, während ich schon loswackle. Plötzlich fühle ich mich als hätte ich schon zehn Cocktails getrunken. Auf der Toilette lasse ich erst einmal kaltes Wasser über meine Pulsadern laufen, viel scheint das aber nicht zu helfen, der kalte Schweiß steht mir auf der Stirn. Ich gehe zurück und lehne mich an die Theke. Lizzy schaut mich besorgt an.

„Du bist so blass, geht es dir nicht gut?“

„Ja… Nein.. ich weiß nicht. Ich hätte gern ein Glas Wasser“, stottere ich.

Andy gibt dem Barkeeper Bescheid und reicht mir das Glas, während ich daran nippe, sehe ich wie Max den Club betritt. Ich bin so froh, dass er genau jetzt kommt. Ich stelle das Glas weg und merke wie mir auf einmal schwarz vor Augen wird und ich einknicke. Als ich wieder zu mir komme hält mich Max fest und schaut mich erschrocken an. Ich sehe nur verschwommen die Gesichter der anderen um mich herum, alles dreht sich.

„Luisa?“ Erstreicht besorgt über mein Gesicht. „Was ist los mit dir?“

Ich versuche mich ein wenig aufzusetzen. „Es ist alles ok…es geht gleich wieder…“

„Max schaut Lizzy vorwurfsvoll an. „Hat sie getrunken?“

„Ich habe nicht zu viel getrunken“, verteidige ich mich selbst und versuche schneller als es mir gelingt aufzustehen, während mich er mich weiterhin stützt. Alles dreht sich und mir ist kotzübel.

„Ich möchte jetzt gehen, es tut mir leid Lizzy.“

Wir gehen Richtung Ausgang, er sieht mich mit leicht vorwurfsvollem Blick an, was ich absolut nicht nachvollziehen kann.

„Ich habe nicht getrunken, glaubst du mir das bitte, keine Ahnung was mit mir los ist.“

Alles um mich herum dreht sich, ich habe Mühe einen Schritt vor den anderen zu setzten. Die Musik und Geräusche hören sich plötzlich ganz dumpf an. Es ist als würde ich in einen Sog gezogen werden, ich klammere mich fest an ihn und verliere das Bewusstsein. Ich komme erst wieder zu Besinnung als ich mit einer Sauerstoffmaske vor dem Gesicht im Notarztwagen liege. Alle um mich herum wirken sehr geschäftig. Ein Sanitäter hält mir die Maske vors Gesicht und Lizzy artikuliert aufgeregt mit dem Notarzt. Nur Max ist ganz ruhig neben mir und hält meine Hand.

„Da bist du ja wieder. Du hast mir einen richtigen Schrecken eingejagt.“

Ich drücke seine Hand und versuche mir ein Lächeln abzuringen. Der Arzt beugt sich über mich und erklärt mir, dass wir jetzt ins Krankenhaus fahren und bittet alle bis auf das Notfallteam auszusteigen.

„Wir kommen ins Krankenhaus hinterher.“

Max verabschiedet sich und gibt mir noch einen Kuss auf die Stirn. Es fühlt sich gar nicht gut an so allein im Krankenwagen. Ich fühle mich gar nicht gut. Ich habe Angst. Was ist denn los mit mir? Lizzy hat veranlasst, dass ich in die Notaufnahme vom Krankenhaus in dem wir arbeiten komme, und auch gleich meinen Dad verständigt. Dort angekommen fühle ich mich schon besser, auch wenn ich ganz allein daliege, da keiner der anderen zur Familie gehört dürfen sie nicht zu mir, auch nicht Max. Ein junger Arzt checkt mich gerade durch als mein Vater ins Zimmer kommt. Er springt respektvoll auf. Mein Dad reißt ihm sein Stethoskop aus der Hand.

„Blutdruck, Puls, haben sie schon Blut abgenommen?“

Er fährt den Arzt an, der vor Aufregung keinen Ton herausbringt.

„Dad, bitte lass doch den Doktor seine Arbeit machen, ich bin gerade erst aufgenommen worden“, beruhige ich ihn.

Er setzt sich zu mir aufs Bett und schaut mich besorgt an, während er mit seiner kleinen Lampe in meine Augen leuchtet. Inzwischen ist eine junge Krankenschwester herein gekommen die mir hilft das schicke Krankenhausnachthemd überzuziehen.

„Muss ich hier bleiben? Mir geht es schon wieder besser, es war bestimmt nur ein kleiner Kreislaufkollaps.“

Ich schlüpfe aus meiner Hose und meinen Socken.

„Du bleibst auf jeden Fall hier. Was hast du denn am Oberschenkel gemacht?“, fragt er mich, während er gerade die Utensilien für die Blutabnahme auf den Tisch neben mich stellt und mein Pflaster sieht.

„Kleiner Unfall in Island, ich bin gestürzt.“

Er löst das Pflaster ab und sieht sich die Wunde an.

„Warum bist du denn gestürzt?“

„Keine Ahnung, ich bin ausgerutscht“

Er schüttelt den Kopf und legt mir die Manschette zur Blutabnahme an. Er schaut mir noch einmal in die Augen.

„Hast du getrunken?“

Jetzt werde ich langsam sauer, glauben denn alle ich bin neuerdings Alkoholikerin.

„Scheinbar darf man nur umkippen wenn man besoffen, oder bekifft ist, ich bin beides nicht, das wirst du ja an meinem Blutbild sehen“, blaffe ich ihn an.

Er sieht mich zerknirscht an und will etwas sagen, aber es klopft an der Tür. Lizzy steckt ihren Kopf herein.

„Darf ich kurz reinkommen?“

Er nickt ihr zu und ordnet dem jungen Arzt an mir eine Infusion anzulegen und mich für die Station fertig zu machen.

„Ich bringe das Blut ins Labor und komme dann noch einmal zu dir wenn du auf dem Zimmer bist.“

Er streicht mir besorgt über die Hand und verlässt die Notaufnahme.

„Mein Gott Luisa, was ist denn los mit dir? Warum hast du nichts gesagt?“

Lizzy umarmt mich voller Sorge.

„Es tut mir leid, dass deine Party jetzt im Eimer ist, du hast dich so gefreut.“

„Das ist doch jetzt komplett egal, du musst wieder auf die Beine kommen. Ich bringe dir etwas zum Anziehen für morgen vorbei.“

„Das reicht auch morgen früh. Ist Max draußen?“

„Ja.“

Eine reichlich knappe Antwort für Lizzy, ich schaue sie erwartungsvoll an, während ich einen Zugang für die Infusion gelegt bekomme. Sie zögert, da stimmt doch etwas nicht ich weiß es. „Was ist los Lizzy, raus mit der Sprache?“

„Du sollst dich nicht aufregen.“

„Ich rege mich gerade auf.“

„Er und Matt sind vorhin ziemlich aneinandergeraten, aber nachdem dein Vater genau in dem Moment gekommen ist, hat er den beiden vorgeschlagen sich zu beruhigen, oder der Sicherheitsdienst „entfernt“ sie. Bitte reg dich nicht auf.“

„Warum haben sie sich gestritten?“

„Ist nicht wichtig Luisa, du sollst dich jetzt ausruhen.“

„Ist es doch, wie soll ich mich denn ausruhen wenn die sich draußen die Köpfe einschlagen?“

Ich bin etwas irritiert über das was gerade abläuft.

„Max hat Matt gefragt, ob er dir irgendwelche Drogen gegeben hat. Matt ist darauf hin total ausgeflippt. Er meinte ob Max dir deine Vorgeschichte jetzt bei jeder Gelegenheit vorhalten will und ob er nicht verstanden hat, dass du dein Leben schon vor langer Zeit geändert hast, genau wie er selbst. Ich glaube Max macht sich nur unglaubliche Sorgen um dich und Matt hat überreagiert. Er hat das bestimmt nicht so gemeint.“

Ich kann dazu nichts mehr sagen, ich bin enttäuscht das er so von mir denkt und auch von meinem Dad. Beide würden mir zutrauen wieder Drogen zu nehmen und das kränkt mich mehr als die Ungewissheit warum ich hier liege. Lizzy verspricht mir morgen meine Sachen vorbei zu bringen. Ich bin inzwischen in mein Zimmer gekommen und meine Infusion tröpfelt langsam in meine Vene. Es ist spät geworden und ich vermute, dass mein Dad alle nach Hause geschickt hat. Meine Tasche ist auch nicht da, also habe ich auch kein Handy um ihn anzurufen. Als ich schon fast einnicke kommt Dad noch einmal zu mir ins Zimmer.

„Die Blutwerte werde ich erst morgen früh bekommen, wir warten noch ein paar spezielle Werte ab, brauchst du noch etwas?“

„Hast du alle nach Hause geschickt?“

„Ja du brauchst Ruhe, aber dein neuer „Freund“ lässt sich nicht vertreiben, er meint er wartet bis es dir besser geht und er zu dir kann. Er und Matt haben sich da draußen unmöglich benommen.“ Er schüttelt verärgert den Kopf.

„Dad, ich habe nicht getrunken und ich habe auch nichts genommen, die Bluttests kannst du dir sparen. Ich bin wirklich enttäuscht, dass du so etwas von mir denkst, du weißt genau ich mache das nicht mehr.“

„Ja natürlich weiß ich das. Es tut mir leid, aber ich mache mir große Sorgen um dich. Das wäre die einfachste Diagnose für deine Symptome gewesen. Ich kann mir so nicht erklären was dir fehlt.“

„Vielleicht eine übergangene Grippe, ich war in letzter Zeit etwas angeschlagen.“

„Wäre möglich, morgen wissen wir mehr. Jetzt musst du schlafen.“

„Bitte lass Max fünf Minuten zu mir.“

„Er hat sich wie ein Schuljunge mit Matt aufgeführt da draußen, das ist ein Krankenhaus und kein Bolzplatz.“

„Bitte, Dad.“

„Gute Nacht Luisa. Ich bin morgen früh wieder da.“

Er geht Richtung Tür und dreht sich noch einmal um.

„Fünf Minuten, ansonsten schmeiß ich ihn persönlich raus.“

„Danke.“

Ich werfe ihm einen Kuss durch die Luft nach, was ihn zum Lächeln bringt. Kurz darauf klopft es leise an der Tür, Max kommt herein. Er stellt sich vor mein Bett und klopft nervös auf das Bettgitter, während er mich besorgt ansieht. Bevor er ein Wort sagen kann weise ich ihn an mir zuzuhören.

„Ich habe dir alles über mich erzählt, alles wofür ich mich schäme und mir jahrelang Vorwürfe machte. Ich bin wahrlich nicht stolz auf meine Vergangenheit. Ich habe dir vertraut und dir fällt nichts Besseres ein, als meinem Freund vorzuwerfen mir Drogen zu geben, oder sogar selbst welche zu nehmen? Du hast mir noch vor ein paar Tagen gesagt ich soll die Vergangenheit hinter mir lassen.“

Er will etwas sagen aber ich bin noch nicht fertig. „Mach das nie wieder. Ich sage das heute ein EINZIGES MAL weil ich dich liebe.“

Mehr kann ich nicht sagen, mein Hals fühlt sich wie zugeschnürt an. Er setzt sich zu mir aufs Bett und sieht total zerknirscht aus.

„Es tut mir leid. Ich weiß, es war dumm von mir, ich hatte solche Angst um dich. Ich konnte dir nicht helfen, ich habe einfach die Nerven verloren und dem Erstbesten der mir untergekommen ist versucht die Schuld zu geben.“

Eine ältere resolute Krankenschwester wieselt ins Zimmer, dreht die Infusion ab und gibt mir noch eine Tablette.

„So, Anordnung vom Chef, der Besuch schläft sich jetzt auch aus und kommt bitte morgen Vormittag wieder.“

Max steht auf und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.

„Gute Nacht, du wirst sehen morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Alles wird gut.“ Er streicht mir zum Abschied noch über die Hand. „Ich liebe dich Luisa.“

Die Krankenschwester verlässt hinter Max das Zimmer und macht das Licht aus. Ich befürchte die Tablette war eine Schlaftablette und tut ihren Dienst, ich werde sehr müde und schlafe tief ein.

Obwohl es erst acht Uhr morgens ist, habe ich bereits einen Marathon an Untersuchungen vom CT bis EKG und Ultraschalluntersuchung hinter mir. Dr. George Hops, ein guter Freund und Kollege meines Vaters hat sich meiner Untersuchung angenommen und lässt keinen Winkel meines Körpers aus um auch nichts zu übersehen. Auch eine gynäkologische Untersuchung blieb mir nicht erspart. Als ich zurück auf mein Zimmer komme wartet Max schon auf mich, er ist in der Zwischenzeit gekommen. Lizzy hat ihm meine Sachen mitgegeben die am Sessel neben dem Bett stehen. Ich hoffe jetzt endlich duschen zu dürfen und den Kittel gegen meine Kleidung eintauschen zu können. Er küsst mich zur Begrüßung und umarmt mich ganz vorsichtig, als ob mir was abrechen könnte.

„Keine Angst, mir passiert schon nichts wenn du mich umarmst.“

„Schön, dass du nie deinen Humor verlierst Luisa.“

Er umarmt mich noch einmal ordentlich und ich erwidere es, sozusagen um ihm zu zeigen dass ich nicht mehr böse bin.

„Die Schwester hat mir gesagt du hattest einige Untersuchungen auf der Gynäkologie?“

Er wirkt etwas befangen bei der Frage.

„Ja, aber keine Sorge ich bin nicht schwanger“, beruhige ich ihn.

In dem Moment kommt mein Dad herein. Toll, volle Konfrontation mit den Männern meines Lebens und das gleich auf nüchternen Magen. Ich stelle die beiden einander vor und Max entschuldigt sich für sein Verhalten von gestern, ob das meinen Dad so richtig interessiert kann ich nicht einschätzen, er scheint etwas durch den Wind zu sein.

„Darf ich mich jetzt duschen und umziehen, oder gibt es zuvor noch etwas zu untersuchen?“

„Nein, mach das, ich lasse dir noch etwas zu Essen bringen. Du bekommst dann später noch eine Infusion.“ Dad sieht sich mein Krankenblatt an.

„Kann ich nicht nach Hause?“

Ich hoffe nicht länger hier bleiben zu müssen, es scheint ja alles in Ordnung zu sein. Bevor ich eine Antwort bekomme steckt George seinen Kopf zur Tür herein.

„Ich würde gerne in einer Stunde eine Befundbesprechung machen, wir treffen uns dann in meinem Besprechungszimmer“, ordnet er an.

Ob das gut oder schlecht ist kann ich seiner Miene nicht entnehmen, typisch Ärzte. Während ich dusche holt Max sich einen Kaffee, als er zurück kommt esse ich gerade das Joghurt von meinem Frühstück, richtig Appetit habe ich nicht.

„Kommst du mit zur Befundbesprechung? Ich möchte nicht allein gehen.“

„Bist du sicher dein Vater ist damit einverstanden? Ich befürchte er ist nicht so erfreut meine Bekanntschaft gemacht zu haben.“

Ich nehme noch einen Löffel voll aus dem Joghurtbecher.

„Den ersten Eindruck hast du vorbildlich versaut würde ich sagen.“

„In den letzten zwölf Stunden habe ich so einiges versaut würde ich sagen.“

Er steht auf und geht zum Fenster, als ob er mir nicht in die Augen sehen kann. Ich stehe auf und stelle mich hinter ihn und lehne mich an seinen Rücken.

„Also bist du doch nicht perfekt, habe ich mich wohl getäuscht, aber weißt du, ich bin sehr froh darüber, jetzt muss ich nicht immer versuchen dir nachzueifern im perfekt sein.“

Ich schubse ihn ein kleinwenig an.

„Du bist die warmherzigste Person die ich jemals getroffen habe, du machst es einem wirklich nicht schwer dich zu lieben Luisa.“ Er dreht sich zu mir um. „Ich hätte mich gefreut.“

Ich schaue ihn fragend an. „Worüber?“

„Wenn du schwanger gewesen wärst.“ Er legt seine Arme um mich. „Wir müssen los, dein Arzt wartet bestimmt schon.“

Etwas perplex über seine Worte schlüpfe ich in meine Sweatjacke. Wir gehen Richtung Besprechungsbüro wo uns George bereits erwartet und einen Platz anbietet. Wir warten noch auf meinen Vater, der natürlich wissen will was die Untersuchungen ergeben haben. Ich rutsche zappelig auf meinem Stuhl herum. Max legt seine Hand beruhigend auf meinen Oberschenkel. Da ist er wieder der Perfekte, ganz geduldig, kaum aus der Ruhe zu bringen, so wie ich ihn kennen gelernt habe.

„Ah Frank, da bist du ja.“

George bietet meinem Vater ebenfalls einen Platz an. Der lehnt den Stuhl jedoch ab, sieht zuerst Max und dann mich mit einem Blick an, den kein Wort beschreiben könnte. Bevor aber einer von uns etwas sagt, erkennt George die Situation und fängt an mit seinen Ausführungen. Dad lehnt sich rechts etwas seitlich zum Fenster und hat somit Blick auf Georges Unterlagen und auf mich.

„So Luisa, wir haben wirklich viele Untersuchungen durchführt, dein Dad hat keine Ruhe gegeben, damit wir alles ausschließen können. Organisch konnte ich auch nichts finden, das ist gut.“

Ich merke wie ich etwas gelöster werde, das klingt ja ganz beruhigend denke ich.

„Da du mir aber bei der Untersuchung erzählt hast, dass du in letzter Zeit unter Kreislaufproblemen leidest und manchmal grippeähnliche Symptome hast, habe ich eine spezielle Blutuntersuchung angeordnet. Diese Untersuchung erlaubt mir jetzt eine relativ sichere Diagnose.“

Ich merke wie mir etwas heiß wird, aus dem Augenwinkel sehe ich wie Max zu mir sieht. Er nimmt wie selbstverständlich meine Hand und hält sie ganz fest.

„Und die wäre?“, frage ich ungeduldig.

„Du leidest an einer eher seltenen Autoimmunerkrankung. Häufiger Schwindel, Fieber, Leistungsabfall, Gewichtsverlust, Gliederschmerzen, all das sind Symptome für diese Erkrankung, das Blutbild hat mir meine Vermutung leider bestätigt.“

Er reicht die Befunde meinem Dad, der sie sich mit ernster Miene durchsieht. George legt seine Brille ab und lehnt sich etwas auf seinem Stuhl zurück, als ob er meine Reaktion abarten würde.

„Ich habe nicht abgenommen“, überlege ich.

Dad sieht von den Unterlagen auf. „Du hast in den letzten drei Monaten bestimmt mehr als fünf Kilogramm abgenommen.“

Ich überlege und ja vielleicht hat er recht, das ihm das überhaupt aufgefallen ist, aber ich habe das eher als eine Nebenwirkung von der Arbeit und meinem neu entflammten Liebesleben gesehen und war eigentlich ganz froh darüber ein paar Kilos verloren zu haben.

„Was heißt das jetzt, also was passiert jetzt? Muss ich ein Medikament nehmen?“

Max sitzt immer noch ganz ruhig neben mir.

„Ganz so einfach ist es nicht. Diese Krankheit greift deine Zellen an, in späterer Folge können somit auch Organe und Nerven in Mitleidenschaft gezogen werden, oder sich chronische Entzündungen, oder Lähmungen entwickeln. Glücklicherweise bist du noch in einem frühen Stadium und wir können es recht gut mit einer Art Chemotherapie behandeln.“

Wenn ich das Wort CHEMOTHERAPHIE höre, läuten in meinem Kopf alle Alarmglocken. Ich habe gesehen wie meine Mutter an Krebs gestorben ist, und dieses Wort habe ich aus meinem Wortschatz vor vielen Jahren verdrängt. Ich weiß nicht was mich mehr schockt, die Diagnose, oder die Behandlung dafür. Ich springe von meinem Sessel auf, Max versucht mich beruhigend zurückzuziehen, aber ich lasse mich nicht besänftigen.

„Ich habe doch keinen Krebs! Ich brauche keine Chemotherapie, oder habe da etwas falsch verstanden?“

Ich werde leicht hysterisch. Dad kommt zu mir herüber und hält mich an den Schultern fest.

„Beruhige dich jetzt bitte und hör George zu.“

Er schiebt mich auf meinen Sessel zurück und da ist es wieder, da kleine Mädchen von früher, ich widerspreche ihm nicht.

„Es ist keine Chemotherapie im herkömmlichen Sinne, aber es funktioniert ähnlich, die kranken Zellen werden damit bekämpft und wenn alles wie ich hoffe klappt, ist eine komplette Heilung nicht ausgeschlossen.“

Komplette Heilung nicht ausgeschlossen? Innerhalb von wenigen Augenblicken ändert sich alles grundlegend, ich fühle mich, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen.

„Welche Nebenwirkungen hat diese Therapie denn? Bleibt mir überhaupt eine Wahl?“

Ich versuche absichtlich das Wort CHEMO auszublenden.

„Die Nebenwirkungen sind je nach Patient unterschiedlich, Übelkeit, Hautekzeme, Nasenbluten. Schließlich sollen alle kranken Zellen beseitigt werden und das schadet auch deinen gesunden Regionen.“ George ist immer noch sehr sachlich. „Ohne Behandlung wirst du sehr schnell, sehr krank werden.“

„Fallen mir die Haare aus?“

„Es ist eine mögliche Nebenwirkung aber sehr selten.“

Ich starre auf meine Hände und bin sprachlos und voller Angst, warum muss das sein? Gerade jetzt wo es mir so gut geht. Mein Vater nimmt sich jetzt doch einen Stuhl und setzt sich neben mich.

„Wie sieht dein genauer Behandlungsplan aus?“, fragt er George.

„Wenn du einverstanden bist, möchte ich heute noch ein paar Voruntersuchungen durchführen, morgen kannst du dann nach Hause. Montag beginnen wir mit der ersten Gabe in Form einer Infusion, das passiert ambulant und sofern es dir gut geht kannst du danach wieder nach Hause. Dieses Prozedere wiederholen wir dann noch zwei Mal im Abstand von etwa zehn Tagen, in einem guten Monat wirst du somit die Therapie abgeschlossen haben Luisa. Ob sie den gewünschten Erfolg gebracht hat, werden wir erst circa acht Wochen später feststellen können.“

Alle sitzen da und keiner sagt mehr ein Wort. Ich schaue zu Max, der schaut auf den Boden, mein Dad blättert wieder in den Blutwerten, und George hat sich in Erwartung meiner Entscheidung wieder in seinem Sessel zurück gelehnt.

„Nachdem mir ja sowieso keine Wahl bleibt.“

Max hält meine Hand wieder fest.

„Gut dann besprechen wir dann später noch alle Details. Fürs erste sind wir fertig.“

George steht auf und bringt uns zur Tür.

„Ich brauche frische Luft“, sage ich am Gang zu Max, und laufe schnurstracks zur Tür des Raucherbalkons.

„Du darfst dich jetzt nicht erkälten, ich hole dir deine Jacke.“

„Ist doch egal, es kann sowieso nicht mehr schlimmer werden.“

Ich öffne die Tür, draußen ist die Luft kalt und feucht. Ich atme tief durch, er steht hinter mir. Ich drehe mich zu ihm und kann ihm seine Beunruhigung ansehen.

„Ich habe Angst.“

„Ich weiß. Ich auch, aber ich werde alles tun um dich zu unterstützen.“

„Du hast doch keine Zeit, ich kann dich damit nicht belasten, du hast sowieso so viel um die Ohren.“

„Was heißt denn bitte belasten? Glaubst du ich lasse dich das allein durchstehen? Ich möchte das du bei mir bist während deiner Therapie, ich werde mir die Zeit nehmen. Du brauchst mich jetzt.

„Du bietest mir aber nicht gerade an bei dir einzuziehen?“ Ich bin kurz perplex über sein Angebot. „Wir sind erst seit ein paar Wochen zusammen?“

„Doch, genau das meine ich und jetzt gehen wir wieder hinein, es ist kalt.“

Ob ich das wirklich will, weiß ich in dem Moment nicht und ob es so eine gute Idee ist auch nicht, aber ich will auf keinen Fall allein sein, da hat er recht. Morgen kann ich zumindest aus dem Krankenhaus raus. Auch wenn ich die Situation nicht ändern kann, ich muss mich erst damit abfinden. Ich habe keine Ahnung was mich in den nächsten Wochen erwartet und das macht mir Angst.

„Nein so weit geht es mir gut, mach dir keine Sorgen… Ja ich freue mich natürlich wenn du mich besuchen kommst…Ist kein Problem, ich weiß es war alles etwas viel, mach dir keine Gedanken mehr.“

Ich telefoniere mit Matt, der sich besorgt um meinen Gesundheitszustand erkundigt.

„Ja, morgen werde ich die erste Therapie Infusion bekommen, es wird schon alles gut gehen.“

Irgendwie habe ich das Gefühl ich versuche mir selbst die Angst zu nehmen, indem ich mir das immer wieder vorsage: Es wird schon alles gut gehen. Eine Pflegehelferin kommt in mein Zimmer und räumt das Geschirr vom Frühstück ab, an meiner Vene hängt noch eine Aufbauinfusion, danach darf ich heute nach Hause.

„Ja bis bald, ich melde mich morgen Abend bei dir, bye.“

Ich lege auf und beobachte wie die letzten Tropfen der Infusion in meiner Ader verschwinden.

George war bereits vorhin bei mir und hat mich noch alle Papiere für meine Entlassung und für die ambulante Behandlung morgen unterschreiben lassen. Für die nächsten sechs Wochen bin ich einmal fix krankgeschrieben. Am liebsten würde ich mir die Infusion gleich selbst abhängen, aber ich warte geduldig bis jemand kommt. Max ist auch noch nicht da. Da ist auch schon die Krankenschwester und nimmt mir die Infusion ab.

„Den Zugang lassen wir gleich für morgen so.“

Sie klebt mir ein Pflaster über das kleine Röhrchen das in der Haut meiner Hand bleibt, toll den ganzen Tag eine Nadel in der Vene.

„Guten Morgen die Damen.“

Max ist heute scheinbar gut gelaunt und kommt mit einem Star Bucks Becher mit Kaffee für mich zur Tür herein.

„Ich dachte du hast Lust auf einen ordentlichen Kaffee.“

Er gibt mir einen Kuss zur Begrüßung.

„Warst du schon in der Stadt?“, frage ich ihn.

„Ich war schon im Büro. Damit ich morgen bei dir sein kann.“

„Du bist heute aber gut gelaunt.“

Ich nehme einen Schluck vom Kaffee, der richtig gut schmeckt genau wie ich ihn mag.

„Weil ich dich jetzt mit nach Hause nehme.“

Ich bin auch froh hier raus zu kommen, aber ich befürchte das Schlimmste habe ich noch vor mir, aber das spreche ich jetzt besser nicht aus. Ich krabble aus dem Bett und schlüpfe in meine Sneakers und Jacke, während Max noch die Sachen die am Tisch liegen in meine Tasche packt.

„Hast du sonst noch etwas?“

Ich sehe mich noch einmal um.

„Nein, müsste alles sein.“

Wir fahren bei meiner Wohnung vorbei um die wichtigsten Dinge die ich für diese Woche brauche abzuholen. Es ist keiner zu Hause, Lizzy ist mit Andy unterwegs, auf meinem Bett liegt ein Zettel:

Ich wünsche dir alles Gute für morgen, ich rufe dich später noch an. Kuss Lizzy.

Ich packe alles zusammen was ich brauche. Max steht neben dem Schrank und schaut sich Fotos die an der Wand hängen an.

„Du warst schon immer süß.“

Er blickt auf ein Foto von mir, auf dem ich mit Lizzy und Matt zu sehen bin. Matt in der Mitte, Lizzy rechts von ihm und ich an seiner linken Seite sitzend. Meine langen dunklen Haare sind offen und oben am Kopf habe ich einen abstehenden Zopf der aussieht als ob ich eine Palme am Kopf hätte.

„Da war ich etwa acht Jahre alt, die Frisur ist verboten“, schmunzle ich.

„Und Matt hat alle Mädels fest im Griff, da dürfte sich bis heute nicht viel geändert haben“, merkt Max an. „Du bist ihm sehr wichtig, ich glaube er ist ein bisschen in dich verliebt.“

Ich staune über seine Bemerkung, wie kommt er denn darauf? Matt und ich sind seit Kindertagen Freunde, aber da war nie mehr und wird auch nie mehr sein.

„Wie kommst du darauf er wäre in mich verliebt?“

Er zuckt mit den Schultern. „Nur so ein Gefühl, ich habe bereits am eigenen Leib erfahren wie wichtig du ihm bist. Du bist aber auch mir sehr wichtig, daher bin ich mir nicht sicher, ob er und ich so gute Freunde werden, denn teilen werde ich dich keinesfalls.“

Ich schüttle den Kopf, ich habe dieses Platzhirschgehabe noch nie verstanden und will mich auch jetzt nicht damit auseinandersetzen, Matt ist mein bester Freund und Max liebe ich, damit hat sich das Thema für mich erledigt. Er zeigt auf das schwarzweiß Bild von mir und meiner Mutter, welches auf meinem Nachtkästchen neben dem Wecker steht. Ich denke ich bin darauf zwölf oder so.

„Du siehst aus wie deine Mutter, genauso schön, du hast große Ähnlichkeit mit ihr.“

Ich selbst kann das nicht beurteilen, aber jetzt wo er es sagt, hat er schon recht.

„Möchtest du es mitnehmen? Wir können es auf den Kamin zu den anderen Bildern stellen wenn du willst?“

Es überrascht mich immer wieder wie sensibel er sein kann und genau weiß was in mir vorgeht.

„Ja gerne, das wäre wunderbar.“

Er nimmt es vom Nachttisch und packt es vorsichtig in die Tasche.

„Hast du alles?“

„Ich glaube schon, ach ich brauche noch etwas aus dem Badezimmer.“

Er macht den Reißverschluss meiner Tasche zu, beim Verlassen meines Zimmers entlockt ihm der Blick auf meine High Heels, die wie immer neben dem Schrank stehen, ein Lächeln das mir nicht entgeht.

„Ich glaube die brauche ich momentan nicht.“

Er streicht mir über die Wange. „Du brauchst sie bestimmt bald wieder und darauf freue ich mich schon.“

Ich schaue noch einmal zurück in mein Zimmer als ich die Türe schließe, die nächste Zeit werde ich also nicht hier sein, fühlt sich komisch an.

Im Haus angekommen öffnet Max die Tür seines Kleiderzimmers. Es ist riesig. Er macht eine Schranktür auf der rechten Seite auf, oben am Schrank geht automatisch das Licht an. Ich bin beeindruckt über so viel Luxus in einem Ankleidezimmer, vor allem wenn es einem Mann gehört.

„Diese Seite vom Schrank ist leer, hier kannst du gerne alles aufhängen, oder Magda macht es morgen.“

Er stellt meine Tasche auf die Sitzbank die mittig im Raum steht.

„Ich mache das gleich selbst.“

Ich tue mich mit dem Gedanken Personal für mich arbeiten zu lassen etwas schwer.

„Gut dann mache ich inzwischen etwas zu essen.“

Viel habe ich nicht einzuräumen und bin schnell fertig damit. Bevor ich das Zimmer in Richtung Küche verlasse, mache ich noch eine Runde und bin fasziniert wie viele Anzüge, Hemden und Krawatten ein Mann haben kann. Alles riecht so gut. Nach Max. Ich streiche mit meiner Hand über die feinen Stoffe.

„Was kochst du denn?“ Max rührt in einem Topf, ich schaue ihm neugierig über die Schulter.

„Ich wärme nur auf. Kochen ist nicht so meine Stärke, gut das Magda etwas vorgekocht hat.“

Riechen tut es jedenfalls gut.

„Magda weiß was Männer wollen.“, ziehe ich ihn ein bisschen auf.

Nach dem Essen räume ich noch meine Kosmetiktasche im Badezimmer aus. Ich stelle meine Zahnbürste neben die von Max, es kommt mir ganz komisch vor meine Sachen neben seine zu stellen. Ich stehe vor dem Waschbecken und lasse den Anblick von meiner Zahnbürste neben seiner auf mich wirken. Ich muss schmunzeln, als ich den Parfumflacon unserer ersten Begegnung auf dem Regal sehe. Max steckt seinen Kopf zur Badezimmertüre herein.

„Findest du alles, oder brauchst du etwas?“

„Nein, ich hoffe ich habe dir nicht zu viel Platz abgeknöpft, oder Unordnung gemacht.“

Er schüttelt den Kopf. „Wie kommst du denn darauf. Ich muss ein wichtiges Telefonat führen, ich gehe kurz in mein Büro hinunter, ist das ok für dich?“

„Ja sicher. Ich dusche inzwischen.“

„Dann bleib ich vielleicht besser doch da und halte dir das Handtuch.“

„Nein, nein ich schaffe das schon, geh du nur.“

Ich drücke ihm noch einen Kuss auf und schiebe ihn zur Tür hinaus.

Als ich zurück ins Wohnzimmer komme läuft der Fernseher und im Kamin flackert gemütlich ein Feuer. Er macht sich gerade einen Drink.

„Möchtest du auch etwas? Stört dich der Fernseher?“

„Nein Danke. Was schaust du denn?“

Ich ziehe mir meinen Kuschelmorgenmantel über und lümmle mich auf das Sofa.

„Nichts bestimmtes, ich hab einfach nur eingeschaltet, such du etwas aus.“

Er setzt sich neben mich.

Ich zappe ein bisschen durch und bleibe bei einer Liebeskomödie hängen, wohlwissend das der Film bestimmt nicht seine erste Wahl gewesen wäre. Er nimmt eine Decke und legt sie mir über. Ich schmiege mich an ihn, er legt seinen Arm um mich.

„Ich habe solche Angst.“

Ich merke genau, dass er tief durchatmet und leise seufzt. Er gibt mir einen Kuss auf mein Haar und streicht sanft darüber.

„Ich bin bei dir, mach dir keine Sorgen, es wird alles gut gehen.“

Ich kuschle mich auf seinen Schoß und bin richtig froh bei ihm zu sein.

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710 p. 1 illustration
ISBN:
9783750220904
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