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Kerstin Hornung

Hinter verborgenen Pfaden

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

1. Waldoria

2. Pal’dor

3. Die Falkenburg

4. Elbischer Besuch

5. Der Auftrag des Königs

6. Flimmernde Luft

7. Der Rat

8. Der Weg in den Wald

9. Im Alten Wald

10. Aufbruch

11. Das Gnommesser

12. Abschied

13. Ala’na zweifelt

14. Auf der Flucht

15. Die Falle

16. Die Pforte

17. Die Entscheidung

18. Krähen

19. Das Wildmoortal

20. Von Krähen und Gnomen

Namensregister

Sprache

Danksagung

Impressum neobooks

Titel

Kerstin Hornung

Hinter

verborgenen

Pfaden

Der geheime Schlüssel

Band I

Impressum

© 2021 Kerstin Hornung

Redaktion: Hanna Drotleff

Umschlaggestaltung: Sophie Simón

Umschlagmotiv: ©tomertu

Schriftdesign: Imres Fraktur

Auflage 3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Widmung

Für Simon und Hanna


Prolog

Die Hoffnung eines ganzen Geschlechts ruhte auf dem winzigen Geschöpf, das nackt und zerbrechlich wie ein Vogeljunges im Moos lag. Im Mondlicht schimmerten die zarten Glieder wie Tau, und es wimmerte leise und kraftlos.

Jar’jana sah es an.

Es war das erste Kind, das nach Jahrzehnten im Reich der Elben geboren war, und die vorgeburtlichen Prophezeiungen verhießen ihm Kraft und Liebe gepaart mit göttlichem Beistand. Sie hatte diese Hoffnung in sich getragen und sie behütet. Sie hatte darauf vertraut, dass alle guten Vorhersagen eintrafen. Doch angesichts dieses zerbrechlichen und schwachen Wesens, das sie alleine hier im Wald zur Welt gebracht hatte und das jetzt mehr tot als lebendig dalag, schwand all ihre Zuversicht.

Überdeutlich wurde ihr klar, dass sie noch nie ein Kind gesehen hatte und nicht wusste, was sie tun musste.

Die dreizehn vergangenen Monde waren eine schwere Last für sie gewesen. Von den übermächtigen Erwartungen ihrer Familie erdrückt und überhäuft mit den Ratschlägen der Weisesten ihres Volkes, hatte sie sich auf den Weg der Besinnung gemacht, um sich innerlich auf die Geburt vorzubereiten. Ihren Aufbruch hatte sie, so lange wie möglich, hinausgezögert und gebetet, ihr Gefährte Fari’jaro möge doch noch rechtzeitig zurückkehren. Doch seit Tagen konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihm etwas Furchtbares geschehen war. Wie oft hatte sie sich in den letzten Wochen gefragt, ob sie ihn nicht doch hätte bitten sollen, bei ihr zu bleiben. Aber sie hatte ihm die Möglichkeit, noch einmal frei von Verantwortung an einer Jagd teilzunehmen, nicht nehmen wollen. Es war schließlich nicht zu erwarten gewesen, dass diese Jagd so lange dauern würde.

Und jetzt war auch noch das Kind zu früh gekommen.

Laut den Berechnungen von Ala’na der Weisen wären noch vier Wochen Zeit gewesen. Vier Wochen, in denen Jar’jana erst die Ruhe des Waldes in sich aufnehmen sollte, um dann auf der Warte ihre Seele mit der des Kindes in Einklang zu bringen, bevor die Zeit der Geburt und des Lebens begann. Im geborgenen Kreis ihrer Liebsten, unter dem fürsorglichen Blick der drei Schicksalsnornen, hätte sie schließlich das Kind in die Arme nehmen sollen.

Doch die Kleine hatte sich nicht an die Rituale der Elben gehalten.

Vorsichtig streckte Jar’jana die Hand nach ihrer winzigen Tochter aus und berührte ihre Wange. Sie fühlte sich an wie der Flügel eines Schmetterlings. Sanft strich sie ihr über die kleine Brust und über die Ärmchen.

»Lume’tai«, flüsterte sie, nahm ihr Kind auf den Arm und hielt es unsicher.

Jar´jana wusste nicht, wie lange sie so dagesessen hatte. Schließlich löste sie Lume’tai von ihrem Körper und betrachtete das friedliche Gesicht. Die Kleine war makellos schön. Dünne Härchen glitzerten auf ihrem Kopf, die Hände waren zu winzigen Fäustchen geballt, die Fingernägel wie Perlen am Ende jeden Fingers.

Sie strich mit einer Hand über die Wange ihrer Tochter, und Lume’tai schlug die Augen auf. Wie gebannt starrte die Elbin ihr Kind an. Solche Augen hatte sie noch nie gesehen.

»Wirst du leben?«, hauchte sie.

Die Augenlider des Kindes flatterten. Beim Einatmen röchelte es in seinen Lungen.

»Oh, Lume’tai!« Tränen der Verzweiflung flossen über Jar’janas Wangen, perlten an der samtenen Haut des Kindes ab und versickerten im Waldboden.

Weinend streichelte sie den kleinen Kopf, die Arme, die Beine. Ihre Finger erkundeten die zarte, fast durchsichtige Haut, die kühl und stellenweise noch feucht war. Jar’jana erschrak. Weder Kälte noch Hitze konnte einem erwachsenen Elben etwas anhaben, aber galt das auch für ein Neugeborenes. Ein zu früh Geborenes?

Sie riss einen großen Streifen aus ihrem Unterrock und wickelte Lume’tai darin ein, dann legte sie sich, ihr Kind im Arm, auf den weichen Waldboden und versuchte, zu Kräften zu kommen.

Sie erwachte von fremdartigen Geräuschen. Lauschend richtete sie sich auf, wurde aber sogleich von starken Schmerzen im Unterleib übermannt. Durch das dichte Blätterdach sah sie den Morgen heraufziehen. Doch es war kein ruhiger Morgen. Irgendetwas störte den Frieden des Waldes. Sie horchte, aber sie konnte nicht erkennen, was es war.

Lume’tais Köpfchen war im Schlaf leicht zur Seite gefallen. Vorsichtig legte Jar’jana die Kleine ins Moos und versuchte aufzustehen. Stöhnend sank sie zurück. Die Schmerzen waren furchtbar, sie keuchte. Aber hier im Wald konnte sie nicht länger bleiben. Sie musste sofort nach Hause. Ihre Eltern mussten ihr sagen, was mit dem Kind zu tun war.

Mit schwindenden Kräften stemmte sie sich auf die Beine. Alles um sie herum schien sich zu drehen. Sie stützte sich an einen Baum und bemühte sich, ihre Sinne beisammenzuhalten.

Die Bewegung in der Ferne wurde deutlicher. Etwas, das vorher nicht da gewesen war, kam taumelnd auf sie zu.

Eine böse Vorahnung beschlich Jar´jana und eine nie dagewesene Angst bemächtigte sich ihrer. Sie löste sich von dem Baum. Ihr Kleid war blutgetränkt. Schwarze Kreise tanzten vor ihren Augen, und die Schmerzen wurden noch schlimmer. Da schallte ein Horn in der Ferne. Vor Pal’dor!? Waren das Kampfgeräusche? Wurde die Stadt angegriffen?

Das konnte nicht sein. Die Stadt war verborgen. Niemand konnte Pal’dor finden. Nur geheime Pfade führten dorthin, und die Eingänge waren versteckt. Es gab strenge Rituale, die man befolgen musste. Keiner entdeckte zufällig die Tore. Niemand konnte die Stadt angreifen.

Jar’jana taumelte, ihre Sinne drohten zu schwinden. In ihrem Kopf drehte sich alles.

Lume’tai erwachte. Sie wimmerte leise.

Jar’jana musste sie hier fortbringen. Sie benötigten beide Hilfe. Die Ältesten mussten erfahren, dass das Ritual gestört war, dass es keine Geburt unter den blanken Sternen auf der Warte geben würde.

Unerträgliche Schmerzen zwangen Jar’jana zu Boden. Auf Knien rutschte sie zu ihrem Kind. Sie spürte die Dunkelheit, die ihre Arme nach ihr ausstreckte und sie zu überwältigen drohte. Verzweifelt, aber kraftlos wehrte sie sich dagegen. Dann brach sie neben ihrem Kind zusammen.

1. Waldoria

Mit einem Buch hatte sich Philip auf den Dachboden verzogen. Er hatte sich ein Nest aus Decken gebaut, das gut verborgen hinter einem Haufen alter und kaputter Möbel lag, die sein Vater irgendwann reparieren wollte.

Sein Reich.

Unten im Haus gab es keinen Platz, an dem er ungestört lesen konnte. Seine fünf jüngeren Brüder taten alles dafür, um ihn den ganzen Tag zu stören. Und wenn die Plagegeister einmal nicht um ihn herumschwirrten, hielt ihn seine Mutter mit Botengängen und Hilfsdiensten auf Trab. Ab und zu musste er auch dem Vater in der Schmiede helfen. Vor allem dann, wenn dessen Gehilfe Ruben sich um seine gebrechliche Mutter kümmerte.

Mit einem leisen Seufzen lehnte sich Philip zurück und strich über den ledernen Einband des Buches, das ihm sein Lehrer unter größter Geheimhaltung anvertraut hatte. »Pal’dor«

Das Bild einer schlanken, hochgewachsenen Gestalt mit langen Haaren und fließenden Kleidern zierte den Deckel. Das Wesen sah menschlich und doch fremdartig aus. Die gerade Nase und das vorspringende Kinn wirkten entschlossen, die Augen sahen ihm alt und wissend entgegen. In einer Hand hielt die Gestalt ein dickes Buch, in der anderen einen Speer. In kunstvollen Windungen verband sich die Speerspitze mit dem reichverzierten Schaft.

Philips Finger folgten dem Muster, dann schlug er das Buch auf und begann zu lesen.

»Philip! Phiiilip!!!« Die Stimme der Mutter klang ungeduldig. »Wo bist du? So antworte doch! Philip!!!!«

Philip stöhnte leise. Sollte er sich melden, oder würde sie irgendwann aufgeben?

»Philip Gordinian, ich weiß, dass du im Haus bist!«

Er stand auf und streckte sich. Dann versteckte er das Buch in einer Schublade. Seine Mutter würde nicht aufgeben, ehe sie ihn gefunden hatte. Widerwillig kletterte er die Dachbodenleiter hinunter.

»Hat er dir wieder ein Buch mitgegeben?«

Erschrocken fuhr Philip herum und blickte geradewegs in das Gesicht seiner Mutter.

»Äh … ja. Woher weißt du …?«, stammelte er verdutzt.

»Ach Junge! Ich hoffe, dort oben ist es zum Lesen hell genug.« Sie strich ihm über den Arm. »Ich muss gehen. Bei Elvira ist es so weit. Pass du auf die Zwillinge auf.«

Hinter ihrem Rücken verdrehte er die Augen und folgte seiner Mutter zur Tür.

Draußen stand ein hagerer junger Mann, den Hut hielt er mit beiden Händen fest. Als er sie sah, wirkte er sichtlich erleichtert. Das erste Kind, tippte Philip im Stillen.

»Wenn es spät wird, bring die Kleinen ins Bett. Und achte darauf, dass sich auch Jacob, Josua und Johann die Füße waschen, bevor sie ins Bett gehen. Bleibt nicht zu lange wach!«

»Ja, Mutter«, versprach Philip seufzend.

Seine Mutter schenkte ihm ein liebevolles Lächeln. Obwohl ihm deutlich anzusehen war, wie sehr ihm die Aussicht, auf seine Geschwister aufzupassen, missfiel, wusste sie, dass sie sich auf ihn verlassen konnte. Mit seinen fast sechzehn Jahren, war er schon beinahe erwachsen. Dass er immer noch zur Schule gehen durfte, war ein Privileg. Nur wenige seines Alters hatten die Möglichkeit, das zu tun. Er verdankte es zu einem Großteil seiner Mutter und dem Geld, das sie als Hebamme verdiente.

»Wird Vater rechtzeitig zu Hause sein?«, fragte Philip.

Seine Mutter band sich eine Haube um und griff nach ihrer Tasche. »Wahrscheinlich nicht. Er hat wieder viel zu tun.« Sie zwinkerte ihm zu.

Damit war Philip klar, dass sein Vater am Morgen zum Jagen in den Wald gegangen war. Das tat er öfter, um die Vorräte in der Speisekammer zu ergänzen, aber dadurch würde er länger brauchen, um sein Tagwerk in der Schmiede zu vollbringen.

Philip war also auf sich allein gestellt. Er sah seiner Mutter nach, wie sie mit energischem Schritt den hageren Mann einholte und das Tempo für den weiteren Weg vorgab. Als sie um die Ecke bog, drehte er sich leise brummend um und ging zurück ins Haus.

Ein Blick in den Garten machte Philip klar, dass die vierjährigen Rabauken-Zwillinge, die Gunst der Stunde genutzt hatten, um zu türmen. Da sein mittlerer Bruder Josua vermutlich mit seinem Freund am Teich spielte, war anzunehmen, dass Jaris und Jaden ihm gefolgt waren.

Philip machte sich auf den Weg, sie dort einzusammeln. Erst schlüpfte er zwischen zwei Gartenzäunen hindurch und folgte dem ausgetretenen Pfad, der an einem kleinen Mäuerchen entlangführte. Dann lief er ein paar Schritte bergan über die Streuobstwiese. Von der leichten Erhebung aus konnte er die Trauerweide am Ufer des Teiches sehen. Es war ein mächtiger Baum, dessen Äste bis ins Wasser hingen und die dadurch ein wunderbares Versteck vor neugierigen Blicken boten.

Früher war er selbst gerne dort gewesen und hatte sich eingebildet, dass ihn niemals jemand dort finden könnte. Doch dann war Jacob zur Welt gekommen, nur ein Jahr später Johann. Beide hatten sich an seine Fersen geheftet, sobald sie laufen konnten, und mit der Ruhe war es vorbei. Wenn Philip aus der Schule kam, warteten die beiden schon auf der Türschwelle und ließen ihn nicht mehr aus den Augen, bis sie abends im Bett lagen. Er hatte sie geärgert, bis sie heulten, oder war ihnen, so schnell er konnte, davongerannt. Sie ließen sich einfach nicht abschütteln.

Mit der Geburt von Josua änderte sich einiges. Winzig klein kam er an Philips achtem Geburtstag zur Welt. Eine Frühgeburt. Die Mutter brauchte lange, um sich von den Strapazen zu erholen. Da sie sich kaum um Josua kümmern konnte, bedurfte der Kleine die Aufmerksamkeit der gesamten Familie.

Oftmals wimmerte er den ganzen Tag über und ließ sich durch nichts und niemanden davon abbringen. Während Philips andere Brüder jedes Mal, wenn man in ihr Körbchen sah, wieder ein Stückchen gewachsen waren, blieb Josua winzig. Oft weinte Mutter, wenn sie ihn stillte.

Doch eines Tages begann auch Josua seine Umgebung genauer zu beobachten, versuchte sein Köpfchen zu heben, und an seinem ersten Geburtstag stand er plötzlich im Bettchen.

Dreieinhalb Jahre später stellte die Geburt der Zwillinge noch einmal den Familienalltag auf den Kopf.

Inzwischen hatte er die Weide erreicht, aber er konnte weder Josua noch die Zwillinge sehen. Plötzlich sprang ihm etwas auf den Rücken, während gleichzeitig seine Beine umklammert wurden. Philip strauchelte und fiel kopfüber in den Teich.

»Seid ihr vollkommen verrückt geworden?«, schimpfte er los, kaum, dass er seinen Kopf aus dem Wasser gezogen hatte. Die braunen Haare hingen ihm nass ins Gesicht, und er funkelte Jaris und Jaden aus seinen grünen Augen wütend an. »Wenn Mutter erfährt, dass ihr weggelaufen seid, zieht sie euch den Hosenboden stramm!«

»Sie ist sowieso nicht zu Hause«, antwortete Jaris frech.

»Ach ja! Was du alles weißt.«

»Da kam dieser Hinkebein-Mann, der wollte, dass sie mitgeht und da …«

»Habt ihr euch gedacht, dass dies die beste Gelegenheit ist, was Verbotenes zu tun?«, beendete Philip den Satz. »Habt ihr zwei Josua gesehen?«

»Nööö!«

»Jaaa!«, antworteten die Zwillinge im Chor.

Ach so, dachte Philip bei sich, den haben sie also vertrieben.

»Dann müsst ihr mir helfen, ihn zu suchen.«

Jaris und Jaden wollten gerade damit beginnen, sich jammernd über diese Ungerechtigkeit zu beschweren, als Philip sie barsch unterbrach.

»Ansonsten erzähle ich Mutter, wo ich euch gefunden habe«, drohte er.

Missmutig fügten sich die Zwillinge.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück zum Haus, denn sie brauchten alle erstmal trockene Kleidung.

Philip vermutete, dass er Josua, nachdem die Zwillinge ihn am Teich verscheucht hatten, im alten Turm finden würde.

Der verfallene Turm war der einzige noch übrig gebliebene Wehrturm der alten Stadtmauer.

Stand man ganz oben, konnte man über die Mauer hinweg den Alten Wald sehen und hatte gleichzeitig einen atemberaubenden Blick auf die Stadt.

Das war jedoch nicht der Grund, warum Josua und sein Freund Lennart sich hierher zurückgezogen hatten.

Für die beiden Siebenjährigen bedeutete der Turm ein sicheres Versteck, wo sie ungestört waren. Die unterste Stufe war hoch genug, so dass Jaris und Jaden sie nicht erreichen konnten, und Lennarts Schwestern machten um den Turm einen großen Bogen, seit sie gehört hatten, dass es darin spukte.

Philip schwang sich auf die unterste Stufe des Turmes und kletterte die bröckelnden Treppen nach oben. Er fand Josua und Lennart im alten Wächterhäuschen, wo sie völlig versunken waren in ihr Spiel mit Holztieren und Rittern.

»Was los?«, fragte Lennart.

Josua antwortete an Philips Stelle. »Er schaut bloß, wo ich bin.«

»Sieh zu, dass du pünktlich zum Abendessen zu Hause bist«, forderte Philip seinen Bruder auf und ging. Nach den zwei Älteren Jacob und Johann musste er nicht suchen. Die konnten überall sein, aber wenn er schon mal hier war, wollte er den Rückweg über den Kirchenanger nehmen. Auf dem Platz stand ein alter Kirschbaum, der jede Menge Früchte trug. Dass der noch nicht leergeplündert war, lag einzig und allein an seiner stattlichen Größe. Philip beschloss, sich mit den Zwillingen ein paar Kirschen zu holen.

Schon von Weitem sah er, dass sich eine Horde Kinder um den Baum drängte, und als er dort ankam, erreichte sein Bruder Jacob gerade den untersten Ast des Kirschbaums. Johann saß bereits in einer höhergelegenen Astgabel und angelte nach Kirschen. »Was sagst du dazu?«, rief Johann stolz.

»Toll«, knurrte Philip. »Jetzt werde ich nie mehr rechtzeitig hier sein, um auch nur eine Kirsche abzubekommen.«

»Eine kann ich dir schon mitbringen«, gab Jacob grinsend zurück.

Philip sah hoch zu Johann.

»Wirf deinen kleinen Brüdern mal ein paar von den Kirschen ’runter.«

»Wir sind nicht klein!«, brüllten die Zwillinge im Chor.

»Dann klettert doch selbst hier hoch, ihr Zwerge.«

Das brauchte Johann nicht zweimal sagen, denn schon versuchte Jaris sich am Baumstamm hochzuziehen, während Jaden von unten kräftig schob.

»Ihr seid mutig, das muss belohnt werden«, beschloss Jacob, hangelte sich noch ein paar Äste weiter nach oben und zupfte für jeden seiner kleinen Brüder eine Handvoll Kirschen ab.

Doch statt auch Philip ein paar Kirschen zuzuwerfen, stopfte er alle weiteren Früchte, die er pflückte, sofort in sich hinein. Das Wasser lief Philip im Mund zusammen.

Wenn er Kirschen wollte, musste er sie sich selbst holen. Er sprang, griff den untersten Ast des Baumes und zog sich an ihm hoch. Eichhörnchenflink stieg er den sonnenreifen Köstlichkeiten entgegen, pflückte sich so viele wie möglich in den Mund und verstaute einige in seinem Hemd, ehe er vom Baum heruntersprang.

»So ihr beiden«, rief er seinen kleinen Brüdern zu, »jetzt geht’s ab nach Hause.«

Jaris maulte, Jaden jammerte, bis Philip versprach, zuhause eine Geschichte von den Waldfeen zu erzählen.

»Ich will die mit den Schiffen und dem Meer!«, bestimmte Jaden energisch.

»Ihr wollt also die Geschichte hören, wie die Elben ihre Schiffe bauten und mit ihnen über das Meer fuhren, um sich die ganze Welt zu unterwerfen?«

Die Zwillinge nickten eifrig.

Philip hatte diese Geschichte schon hundert Mal erzählt und sie hing ihm zum Hals heraus. Es gab so viele Geschichten über die Feen, die auch Elben genannt wurden. Viele dieser Geschichten standen in engem Zusammenhang mit dem Alten Wald. Diese liebte Philip am meisten. Der Alte Wald, das Geheimnis vor der Haustür, faszinierte ihn und er beneidete seinen Vater, der der Einzige in der Familie war, der den Wald betreten durfte. Die Geschichten, die man sich in der Stadt über den Wald erzählte, hatten es allerdings alle in sich und so verstand er auch, warum seine Mutter das Betreten des Waldes absolut verboten hatte. Zu viele Menschen, die in den Wald gegangen waren, waren nie wieder gesehen worden, und Gründe dafür gab es so viele, wie Leute, die davon erzählten. Selbst jene, die sich vor der langen Hand des Königs versteckten, hielten sich nur in den Randgebieten auf.

Philip überlegte, wie er seine Brüder davon überzeugen konnte, eine echte Waldelbengeschichte hören zu wollen. Das alte Volk der Elben hatte laut Sage einst überall hier in Ardelan gelebt, bevor die Menschen das Land für sich beanspruchten. Es gab viele Geschichten, die erzählten, dass die Elben seither ein Dasein im Verborgenen führte. Und welcher Ort wäre dafür geeigneter als der Alte Wald? Mehr als einmal hatte Philip von seinem Lehrer Theophil wissen wollen, ob zumindest manche dieser Geschichten auch tatsächlich mit in der Geschichte des Landes zusammenhingen, doch er hatte nie eine befriedigende Antwort erhalten. Nur immer wieder neue Bücher und weitere Fragen.

Seine Gedanken schweiften zu dem Buch, das jetzt gut versteckt auf dem Dachboden wartete. Noch so ein Geheimnis, von dem niemand wissen durfte und wieder ging es um Elben und eine Elbenstadt im Wald. Der Schreiber behauptete, das Buch beruhe auf Tatsachen, aber Philip fiel es schwer, das zu glauben. Andere Bücher, die Theophil ihm geliehen hatte, erzählten von wagemutigen Menschen, die den gesamten Wald durchwandert hatten. Da war jedoch nie davon die Rede, dass jemand auch nur auf die kleinste Spur einer Besiedlung gestoßen wäre. Nicht einmal auf Ruinen. Diese Bücher hatte der Lehrer Theophil jedoch bereitwillig auch anderen Schülern ausgeliehen. Ob das Buch, das Philip jetzt hütete, wohl von größerem Wert war, und der Lehrer Beschädigungen fürchtete? Oder fürchtete er möglicherweise, dass sich …

Philip wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen, als ihm sein Vater vor dem Haus entgegentrat.

»Wo ist Phine …, äh … eure Mutter?«, fragte er aufgeregt.

»Was machst du so früh hier?«, wollte Philip mit einer Gegenfrage wissen, aber Feodor Gordinian antwortete ihm nicht.

»Die Elvira bekommt ein Kind«, rief Jaris und lief seinem Vater in die Arme. Jaden stürzte sofort hinterher. Feodor fing seine kleinen Söhne auf und nahm jeden auf einen Arm, dabei sah er Philip erwartungsvoll an. In seinen Augen brannte Ungeduld aber auch Ratlosigkeit und er wirkte hilflos und erschöpft. Philip hatte ihn noch nie so gesehen. Der Vater war kein Mann vieler Worte. Er tat, was er tun musste, ohne jemals ungeduldig oder gar wütend zu werden und er hatte immer eine Lösung zur Hand. Selbst wenn einer seiner Söhne sich an einem Werkstück versuchte und alles schiefging, konnte er gelassen danebenstehen und trotzdem so weiterhelfen, dass es am Ende gut wurde.

Heute war er jedoch alles andere als ein ruhender Fels.

»Mutter ist erst vor einer Stunde gegangen. Soll ich nachfragen, ob sie dort kurz entbehrlich ist?«, fragte Philip.

Sein Vater schüttelte den Kopf. »Bring die Kleinen zu Gertraud und komm dann sofort in die Schmiede. Ich brauche deinen Rat.« Damit setzte er die Zwillinge auf den Boden, strubbelte ihnen noch einmal durch die Haare und eilte Richtung Schmiede davon. Philip sah ihm ratlos nach.

Jaris und Jaden brüllten um die Wette.

»Ich geh nicht zur Nachbarin!«

»Ich will Papa wiederhaben!«

»Du hast uns eine Geschichte versprochen!«

»Ihr habt gehört, was Vater gesagt hat!« Philip ging zwischen seinen Brüdern in die Hocke. »Ich muss jetzt gehen und Vater helfen. Ihr wartet solange bei Gertraud. Keine Widerrede!«

»Aber unsere Geschichte …?«

»Die werde ich nicht vergessen«, versprach Philip.

Der Weg zur Schmiede führte Philip wieder am alten Turm vorbei, dann rechts die Straße hinunter. Nach etwa dreißig Schritten auf der schmalen, abschüssigen Gasse überquerte er die neue Hauptstraße, die vom Waldtor in die Stadt führte. Im Schatten der südlichen Stadtmauer stand die Schmiede.

Philip bog in die leicht gewundene Sackgasse, die von der Hauptstraße zur Schmiede hinunterführte ein. Sein Vater war nirgendwo zu sehen, ebenso wenig Ruben, sein Gehilfe. Tür zur Schmiede war zu, so, als wäre niemand da.

»Vater?« Philip zögerte, und drückte vorsichtig die Klinke hinunter. Abgesperrt!

»Vater?«, rief Philip nun etwas lauter. Drinnen bewegte sich etwas, dann wurde am Schloss gerüttelt, und schließlich erschien Feodors Gesicht im Türspalt. Seine Hand packte Philips Arm, zog ihn zur Tür hinein und sperrte rasch hinter ihm zu. Nach dem warmen und hellen Sonnenschein draußen war es in der Schmiede düster. Der Schmiedeofen, der sonst immer ein angenehmes Licht verbreitete, war kalt. Aus dem Dunkel hörte Philip ein leises Geräusch, das entfernt an das Maunzen eines Kätzchens erinnerte.

»Komm mit.« Feodor führte seinen Sohn in den hintersten Winkel der Schmiede.

Langsam gewöhnten sich Philips Augen an das Dunkel, und er konnte erkennen, dass auf dem Handwagen, den Vater immer benutzte, um sein Werkzeug zu transportieren oder eben um ab und zu Wild aus dem Wald ohne größeres Aufsehen in die Stadt zu bringen, etwas lag, das seltsame Töne von sich gab.

Ein Tier? Vater war nicht zimperlich, ein verletztes Tier hätte er sofort von seinen Qualen erlöst. Was also lag auf dem Wagen? Philip machte einen Schritt darauf zu.

»Sei vorsichtig«, mahnte Feodor. »Sie kratzt und beißt, wenn sie wach ist.«

Jetzt erkannte Philip, dass eine Frau unter der schmierigen Decke lag. Ihr goldenes Haar umrahmte ihren Kopf wie ein Strahlenkranz. Sie regte sich nicht. Philip fand sie wunderschön. Sprachlos stand er da.

»Sie hat stark geblutet«, sagte Feodor. »Phine könnte ihr und dem Kind helfen.«

Erst jetzt bemerkte Philip das winzige Geschöpf auf dem Bauch der Frau. Als er es ansah, bewegte es sich und gab wieder diesen leise maunzenden Laut von sich.

»Wir bringen sie nach Hause, und ich hole schnell Mutter. Elvira bekommt bestimmt ihr erstes Kind, es kann also noch eine ganze Weile dauern, bis es wirklich da ist. Komm, wir …«

Feodor packte Philip am Arm und hinderte ihn daran, sofort loszustürmen.

»Warte! Warte.« Erst als er sicher war, dass Philip stehenbleiben würde, ließ er seinen Arm los. »Ich habe sie im Wald gefunden. Sie hat dort heute Nacht alleine ihr Kind geboren …«

»Ein Grund mehr, Mutter zu holen. Die kennt sich doch mit sowas aus!«, rief Philip nun selbst ganz aufgeregt, weil sein Vater sich so anstellte. Falls diese Frau ihr Kind heimlich zur Welt gebracht hatte, konnte diese Geburt für sie doch immer noch geheim bleiben. Er setzte schon an, seinem Vater genau das zu erklären, aber der schob ihn zurück zu dem Wagen. »Schau sie dir genau an Philip, sie ist kein Mensch«, flüsterte er.

Was sollte das heißen, kein Mensch? Mit offenem Mund starrte Philip seinen Vater an, doch der hielt seinem Blick stand und deutete mit einer Kopfbewegung an, er solle genau hinschauen. Philip betrachtete das bleiche Gesicht. Da lag eine wunderschöne Frau mit hohen Wangenknochen und einer geraden Nase. Selbst in diesem Zustand wirkte es stolz und anmutig. Trotzdem war da auch etwas in ihren Gesichtszügen, das sie fremd wirken ließ. Philip konnte es nicht beschreiben, aber ein wenig erinnerte sie ihn an die Gestalt auf dem Deckel von Theophils Buch.

Konnte das überhaupt sein? Das würde ja bedeuten, dass es im Wald tatsächlich Wesen gab, die keine Menschen waren? Neugierig streifte er mit der Hand ihre Haare zurück und erhaschte einen Blick auf ihre Ohren. Sie waren klein und vollkommen, doch am oberen Ende liefen sie spitz zu. Erschrocken zog Philip die Hand zurück.

Kein Mensch, dachte er wieder. Sein Kopf schwirrte. Es kam ihm vor, als hätte man ihn aus seinem Leben gerissen und in eine seiner Geschichten getaucht. Das alles konnte überhaupt nicht wahr sein. Doch je länger er das Wesen betrachtete, desto offensichtlicher wurden die Unterschiede. Ihr Haar war glänzend schön, in einer Farbe wie flüssiger Honig, durch den die Sonne schien. Ihre Haut war makellos und elfenbeinweiß. Er wünschte sich, ihre Augen zu sehen, doch sie waren unter den Lidern geheimnisvoll verborgen und von einem Halbmond nussbrauner Wimpern umkränzt. Sein Herz pochte wild gegen die Brust. Es gibt wirklich Elben. Es ist wahr, dachte er. Es ist wahr, es ist wahr! Doch was von all den Geschichten stimmte wirklich? Und was sollten sie jetzt mit ihr anfangen?

»Sag mal«, überlegte Feodor laut und brachte Philip in die Wirklichkeit zurück. »Elvira ist doch Matthias` Frau?« Er massierte sich mit beiden Händen die Schläfen.

»Ja«, brummte Philip geistesabwesend, während er immer noch auf den Wagen starrte und zu begreifen versuchte, was er hier gerade erlebte.

»Er wohnt gleich hinter dem Waldtor auf der anderen Straßenseite. Du solltest deine Mutter doch holen.« Feodor sah Philip an, der mit roten Wangen unschlüssig dastand.

»Jetzt gleich?«

»Lauf! «

Philip wollte der Aufforderung nachkommen, aber seine Beine bewegten sich nur schwer von der Stelle. Auf dem Weg zur Tür fiel ihm plötzlich Ruben ein.

»Wo ist Ruben?«

»Dem hab ich gesagt, dass ich krank bin, und hab ihn heimgeschickt. Lauf jetzt«, forderte Feodor ungeduldig.

Philip stürmte die Einfahrt hoch, rannte die Hauptstraße entlang am Waldtor vorbei und stand schließlich vor dem Haus, in dem seine Mutter alles für die bevorstehende Geburt vorbereitete.

Er klopfte. Als niemand öffnete, klopfte er noch einmal und drückte dann die Türklinke hinunter. Die Tür sprang auf.

»Hallo!«, rief er, als ein hagerer Mann aus dem Zimmer trat.

»Ja?«

»Ich suche meine Mutter«, sagte Philip.

»Ach, du bist das!« Jetzt erkannte der Mann ihn auch. »Sie ist bei meiner Frau.«

In dem Moment erklang ein markerschütternder Schrei aus dem Nebenzimmer, der Mann erbleichte und stürmte durch die Tür, aus der der Schrei gekommen war.

Gleich darauf wurde er rückwärts aus dem Zimmer geschoben.

»Entspann dich, Matthias«, befahl die Hebamme. »Sonst jag ich dich aus dem Haus.«

»Aber … Aber sie hat Schm…«

»Unter Schmerzen bringen alle Frauen ihre Kinder zur Welt. Elvira ist eine starke und gesunde Frau, das …« Ihr Blick fiel auf Philip, und sie verstummte. Einen kurzen Augenblick sahen sich Mutter und Sohn schweigend an.

»Vater braucht dich in der Schmiede«, sagte Philip endlich.

Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht.

»Braucht er einen Arzt?«

»Nein, er braucht dich«, antwortete er.

»Du kannst jetzt nicht gehen, Josephine. Was wird aus meiner Frau?« Matthias sprang vor die Tür, um ihr den Ausgang zu versperren. Sie legte ihm die Hände auf die Schultern.

»Deiner Frau geht es gut, Matthias. Das Kind lässt sich noch etwas Zeit. Und ich bin gleich wieder da.«

»ABER …«, protestierte Matthias.

»Hör zu. Ich lasse dir Philip hier.« Sie sah Philip eindringlich an. »Wenn irgendetwas ist, dann schickst du ihn. Du weißt doch, wo die Schmiede ist! Ich bin sofort wieder da!«

Matthias wirkte nicht beruhigt, aber er trat zur Seite und ließ Josephine durch.

Einen Moment später, sie war kaum zur Tür hinaus, standen sich die beiden Männer sprachlos in der Küche gegenüber. Matthias sah aus, als könnte er jeden Moment ohnmächtig werden. Aber auch Philip war von den Erlebnissen noch ganz mitgenommen. Ein qualvolles Stöhnen aus dem Nebenzimmer brachte zumindest Matthias zur Besinnung. Er ging zu seiner Frau. Philip hörte ihn leise mit ihr reden, dann kam er wieder heraus und sagte:

»Elvira will wissen, was los ist.«

Philip folgte Matthias in die Stube.

Elvira saß in einem weiten Nachthemd auf dem Bett. Sie wirkte angespannt und atmete tief ein und aus, während sie ihren kugelrunden Bauch streichelte.

»Deine Mutter hat gesagt, dass alles in Ordnung ist mit meinem Kind«, sagte sie gepresst. »Was ist mit deinem Vater?«, fragte sie.

Philip zuckte mit den Schultern. Er konnte Elvira doch nicht erzählen, dass der Vater eine Elbin im Wald gefunden hatte.

»Nichts«, murmelte er.

Elvira sah ihn zweifelnd an. »Wegen nichts wird er Phine bestimmt nicht von einer Geburt wegholen.«

»Es geht … um etwas anders«, stammelte Philip. Elvira nickte ihm aufmunternd zu. Er würde nicht drum herumkommen, ihr eine plausible Erklärung zu geben. Während er jedoch noch fieberhaft nachdachte, was er sagen sollte, gewährte ihm die nächste Wehe etwas Bedenkzeit.

»Kann ich Euch etwas bringen?«, fragte er, in der Hoffnung verschwinden zu können. Er kannte Geburten nur vom Hörensagen. So unmittelbar dabei zu sein, überforderte ihn.

»Nee, es geht schon wieder.« Sie lächelte tapfer. »Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, lenkt mich das von den Schmerzen ab. Also erzähl!«

»Es ist nicht so aufregend«, behauptete Philip. »Eine entfernte Base meines Vaters ist plötzlich in der Schmiede aufgetaucht. Sie wollte etwas zu essen haben und was zum Anziehen für ihr Kind. Aber mein Vater ist der Meinung …«

»Stammt sie nicht von hier aus Waldoria?«, fragte Elvira neugierig.

Philip schüttelte den Kopf.

»Nein, nein«, sagte er. »Es ist … Vater hat es mir gesagt, aber ich hab‘s vergessen. Sie kommt aus einem kleinen Dorf weiter südlich.«

»Und was macht sie hier?«

»Nichts … wie gesagt, sie wollte gleich weiter, aber sie ist anscheinend krank, und dann hat sie auch noch dieses Kind …«

Eine weitere Wehe verschaffte Philip etwas Zeit, um seine Geschichte auszubauen. Als Elvira wieder ruhiger atmete und sich ihre Gesichtszüge zu entspannen begannen, fuhr er fort.

»Er hofft jetzt natürlich, dass meine Mutter es schafft, sie davon zu überzeugen, eine Weile zu bleiben.«

»Dafür holt er sie von meiner Geburt weg?« Die Enttäuschung stand Elvira ins Gesicht geschrieben.

»Es ist ein sehr kleines Kind. Kaum älter als drei Tage«, versuchte Philip sie zu beschwichtigen. »Ein Neugeborenes und eine Wöchnerin gehören doch nicht auf die Straße.«

»Das stimmt schon«, räumte Elvira ein. »Aber wieso ist sie dann überhaupt unterwegs?«

»Ganz genau weiß ich das auch nicht, ich hab nur gehört, dass sie etwas von einem Überfall gestammelt hat und davon, dass sie zu ihren Eltern will. Es muss etwas Schreckliches geschehen sein.« Jetzt hatte er Elviras Mitgefühl geweckt. »Sie hat getobt und auf meinen Vater eingeschlagen, als er sie zurückhalten wollte. Die Ereignisse scheinen ihr den Verstand geraubt zu haben.« Zufrieden dachte Philip, dass er jetzt, für den Fall, dass die Elbin und ihr Kind einige Tage bei ihnen blieben, eine glaubwürdige Erklärung gefunden hatte. Falls sie es nicht taten, würde diese Geschichte auch das erklären.

Plötzlich fasste sich Elvira an den Bauch und krümmte sich.

»Matthias! Die Fruchtblase …«, stöhnte sie und sah peinlich berührt auf ihr nasses Nachthemd. Plötzlich schien ihr bewusst zu werden, dass Philip kein Kind mehr war.

»Hol deine Mutter«, keuchte sie. »Schnell!«

Fluchtartig verließ Philip die Stube. Er hörte Matthias und Elvira miteinander tuscheln. Sie stöhnte jetzt in kürzeren Abständen. Wahrscheinlich würde es wirklich nicht mehr lange dauern.

Er hatte das Waldtor noch nicht erreicht, da kam ihm seine Mutter bereits entgegen.

»Was ist mit der … der …?«, fragte er.

»Es geht ihr nicht gut, aber dein Vater weiß, was er jetzt tun muss. Hilf ihm dabei. Wie geht’s Elvira?«

»Die Fruchtblase ist geplatzt«, erwiderte Philip. »Sie hat mich ganz schön ausgefragt.«

Phine grinste und strich Philip über den Arm.

»Geh zu deinem Vater, er braucht dich«, sagte sie.

»Ich habe ihr erzählt, sie wäre eine Cousine von Vater … auf der Flucht …«

Phine nickte. »Darüber sprechen wir nachher«, sagte sie und wandte sich zum Gehen.

»Wird sie … Wird sie bei uns bleiben?«, fragte Philip stockend.

»Vorerst.«

2. Pal’dor

Der Warnruf des Tores hatte mit einem schrillen Summen begonnen, das sich langsam in ein immer tieferes Grollen verwandelte. Ohne die Rituale zu befolgen, hatte jemand die geheimen Pfade betreten und die äußerste Schutzgrenze von Pal’dor durchbrochen. Ala’na stand auf dem weißen Balkon vor ihrem Schlafgemach und schaute beunruhigt in die Ferne. Doch selbst mit ihren scharfen Augen konnte sie nicht mehr erkennen als ein paar Blättchen, die sich ein wenig zu schnell in der leichten Brise wiegten.

Besorgt sah sie die ersten für einen Kampf gerüsteten Elben die Pfade hinuntereilen.

Auch jenseits der Stadtgrenzen war es unruhig. Der ganze Wald befand sich in Aufruhr. Ala’na konnte dies mehr spüren als sehen.

Hoffentlich war Jar’jana in Sicherheit.

Die Ursache der Störung konnte sie jedoch nicht erkennen. Das Grollen des beschädigten Tores wurde zwar leiser, aber draußen im Wald nahm das Chaos zu. Der Lärm und das Ungeschick deuteten darauf hin, dass es Menschen waren. Menschen vor Pal´dor?! Das war in den letzten tausend Jahren so gut wie nie vorgekommen. Aber wer konnte schon in die Köpfe der Menschen sehen? Unruhig und wankelmütig, wie sie waren, waren sie immer für eine Überraschung gut. Dass sie den Wald normalerweise fürchteten, war immer ein beruhigender und zusätzlicher Schutz für Pal’dor gewesen, aber möglicherweise hatten die Menschen sich von ihrer Angst losgesagt. Immerhin schien ihr Leben außerhalb des Waldes auch nicht ungefährlich zu sein. Warum sonst trauten sich in letzter Zeit immer mehr von ihnen immer tiefer? Ala’na verfolgte ihr Treiben mit Hilfe des Sees Latar’ria schon seit vielen Monden. Bisher hielten sie sich hauptsächlich im Norden des Waldes auf und sie benahmen sich so, dass der Wald sie duldete.

Hatte sie in letzter Zeit vielleicht etwas übersehen? Hatte sie sich zu sehr darauf verlassen, dass sie an sich harmlos waren? In den letzten tausend Jahren war es selbst den engsten und vertrautesten Menschenfreunden nie gelungen, die Tore von Pal’dor zu finden. Aber Menschen lebten und starben so schnell, dass man als Elbe schnell den Überblick verlieren konnte.

Wie lange war es her, dass der letzte Mensch die Stadt besucht hatte? Hundert oder hundertfünfzig Jahre?

Der kluge Theobald aus Waldoria war regelmäßig gekommen. Jahrelang. Er suchte in Pal’dor Wissen und Frieden und fand auch Freundschaft. Eines Tages brachte Theobald ein Kind mit. Einen Jungen, der das beschauliche Leben von Pal´dor aufgewühlt und umgekrempelt hatte. Selbst in hunderten von Jahren würde man sich an dieses Kind erinnern. Ala’na erinnerte sich gerne an ihn. Er hieß Peredur und war der jüngste Sohn des damaligen Menschenkönigs. Theobald war beauftragt worden, für dieses Kind Sorge zu tragen, damit es das Kriegsgräuel jener Tage nicht miterleben musste. Als er mit dem Jungen nach Pal’dor kam, war der König tot. Theobald sprach von Thronraub und Verrat, von Unrecht und Mord und wollte das Kind in Sicherheit wissen.

Es war sein letzter Besuch in Pal’dor. Als er die Stadt verließ, lauerten ihm die Häscher des Thronräubers im Wald auf und brachten ihn zur Strecke, noch bevor jemand ihm zu Hilfe eilen konnte.

Daraufhin nahmen Ala’na und ihr Gefährte Rond’taro dieses Kind wie ihr eigenes auf.

Peredur war wie Quecksilber. Er hüpfte, er rannte, er kletterte auf Bäume und Mauern. Ruhig war er nur, wenn er schlief oder, wenn man ihm eine Geschichte erzählte.

Als er größer wurde, lernte er mit der gleichen Energie, mit der er vorher gespielt hatte. Seine dunklen, ständig zerzausten Haare fielen in Locken auf seine Schultern, und Ala’na erinnerte sich immer noch an seine grünen Augen, umrahmt von dunkeln Wimpern. Innerhalb weniger Jahre wuchs er zu erstaunlicher Größe heran, und die junge Sili’rana suchte oft seine Nähe. Stundenlang saßen die beiden am See, redeten und lachten und kümmerten sich wenig um die Gepflogenheiten, die solchen Treffen vorauszugehen hatten. Ala’na war besorgt, konnte sich aber der sprühenden Lebensfreude dieses jungen Mannes selbst nicht entziehen.

Er war der letzte Mensch gewesen, der in Pal’dor gelebt hatte, doch wie alle Menschen war er vergänglich. Ala’na konnte nicht umhin, auch heute noch den Stolz zu bewundern, mit dem er damals das Geschenk der Unsterblichkeit zurückgewiesen hatte. Und so war er gegangen wie so vieles, was gut und schön war in dieser Welt.

Jetzt endlich konnte sie von ihrem Aussichtspunkt aus etwas erkennen. Sie konzentrierte sich und richtete ihren Blick in die Ferne. Ein leises Stöhnen, gefolgt von einem erleichterten Aufatmen entwich ihren Lippen, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und durchquerte mit fliegenden Kleidern ihr Schlafgemach.

Wenige Minuten später lief sie die Pfade von Pal’dor entlang, der Gruppe Jäger entgegen, die bereits seit vielen Tagen zurückerwartete. Erst kurz bevor sie sie erreichte, mäßigte sie ihren Schritt und beruhigte ihren Atem. Sie war schließlich Ala’na die Weise oder die Alte, sie hatte mehr gesehen und erlebt als die meisten hier. Sie war Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, und gewiss hatte sie in den letzten tausend Jahren hier niemand mehr wie ein Kind laufen gesehen. Sie zog ein paar Strähnen ihres langen, wallenden Haares auf die Brust, dann trat sie mit gemessenen Schritten der Gruppe entgegen.

»Rond’taro, ich grüße dich.« Der Glanz ihrer Augen sprach deutlichere Worte, als ihre Lippen es tun konnten. Ihr Blick fiel auf den Rest der Truppe und wurde trüb. Es war nur knapp die Hälfte derer, die ausgezogen waren, und sie sahen müde und abgekämpft aus. Einer blutete aus frischen Wunden. Ala’na begrüßte auch sie mit einem gemessenen Kopfnicken.

»Ala’na! Meine Augen sind erfreut, dich wiederzusehen.« Rond’taro stieg von seinem Pferd und fasste seine Gefährtin an beiden Händen.

»Was ist dort draußen los?«, fragte sie. »Wo sind die anderen?«

»Ruf den großen Rat zusammen. Ich bringe schlechte Nachrichten. Alle müssen davon erfahren.«

Ala´na warf ihm einen prüfenden Blick zu und biss die Zähne zusammen. Indem Rond´taro zum Rat rief, versagte er ihr die Möglichkeit, gleich Antworten zu erhalten.

»Da sind Menschen im Wald!?« Den Vorwurf in ihrer Stimme konnte nur Rond’taro hören. Er streichelte mit dem Handrücken beschwichtigend über ihren.

»Sie tragen die Farben des Königs. Wir ritten auf das Tor der Morgenröte zu, aber die Sonne hatte ihren Stand noch nicht erreicht, als sie plötzlich durch das Dickicht brachen und uns sofort angriffen. Ich wollte keinen weiteren Kampf riskieren. Leron’das«, er deutete auf den blutenden Elben, »schoss ein paar Warnpfeile ab und hielt uns den Rücken frei, während wir das Tor öffneten. Ein Pfeil hat ihn getroffen, die Heilerin Iri’te sollte bald nach ihm sehen.«

»Konnte euch jemand folgen?«, fragte Ala’na besorgt. Das Verhalten der Menschen war sehr ungewöhnlich, aber nicht das, was Rond´taro nach dem großen Rat verlangen ließ. Wieso dieser Angriff?, fragte sie sich trotzdem.

»Es folgte uns keiner. Als auch der Letzte von uns hindurch war, haben wir das Tor notdürftig verschlossen. Aro’gen und Lilli’de sind jetzt dort, sie sprechen die Worte des Verbergens und Verschließens.«

Ala’na nickte. Alles hatte seine Ordnung in Pal’dor, jeder wusste, was er zu tun hatte, und erfüllte seine Aufgaben. Niemand beherrschte das Verschleiern von Orten so gut wie diese beiden Elben. Sie war beruhigt, trotzdem lauschte sie noch einmal prüfend nach dem Grollen.

»Wie geht es Jar’jana?«, erkundigte sich Rond’taro. »Der letzte Mond ist gestern angebrochen.«

Ala’na war ein wenig überrascht, dass er sofort darauf zu sprechen kam.

»Sie ging wie geplant auf ihren Weg. Ihre Vertraute und Freundin seit frühen Kindertagen, Sili’rana, erwartet sie spätestens morgen bei Sonnenuntergang auf der Warte.« Ala’na brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, dass auf Rond’taros Stirn eine steile Sorgenfalte sichtbar wurde.

»Es sind sehr viele Menschen im Wald«, gab er zu bedenken.

»Sie hat ihren Aufbruch so lange wie möglich hinausgezögert«, sagte Ala’na. Wieder ein Vorwurf und sie zwang sich nach vorne zu sehen, obwohl sie gerne einen Blick auf die Jäger geworfen hätte. War Jar’janas Gefährte Fari’jaro unter ihnen?

Rond’taro sagte nichts, atmete aber hörbar aus.

»Die vorgeburtliche Prophezeiung ist gut. Sie verheißt uns ein Kind von großer Stärke …«, versuchte Ala’na sich selbst Mut zu machen.

»Die Prophezeiung!?« Rond’taros Stimme war wie immer leise und bedacht, aber Ala’na hörte den spitzen Unterton. Sie wusste, dass er nichts von vorgeburtlichen Prophezeiungen hielt.

»Es wird erst mal ein Kind sein. Ein kleines, hilfloses Wesen, das alles lernen muss, ehe es irgendeiner Bestimmung folgen kann. Du weißt, was ich denke, und ich habe …«, er sah sie sanft lächelnd an, »wir haben unser Bestes dafür getan. Nicht ein Kind allein kann unsere Zukunft bestimmen, wir brauchen mehr, viele mehr.« Er warf einen Blick nach hinten zu seinen Gefährten der letzten Reise. Wieder grub sich die Sorgenfalte in seine Stirn. Sein Blick ging zu Boden und er flüsterte. »Ich habe in wenigen Tagen mehr Tapfere verloren, als Kinder in den letzten fünfhundert Jahren hier geboren wurden.« Er sah Ala’na eindringlich an. »Fari’jaro ist nicht mehr am Leben …«, hauchte er. Dann ging sein Blick wieder zu Boden.

Als sie die ersten Gebäude der Stadt erreichten, richtete Rond’taro noch einmal seine Aufmerksamkeit auf die erschöpften Jäger.

»Ihr Tapferen von Pal’dor! Wir haben unsere Aufgabe erfüllt. Wir sind weit geritten, und ihr seid mutige Gefährten gewesen. Geht jetzt nach Hause und ruht euch aus. Der Rat wird einberufen, und jeder von euch wird erzählen, was er gesehen und gehört hat. Wenn sich übermorgen das Tor der Dämmerung öffnet, haltet euch bereit. Im Rat werden wir entscheiden. Lebt wohl, Freunde.«

Der See Latar’ria lag in einer kleinen Waldlichtung. Ala’na näherte sich ihm besonnen, wie sie es immer tat, und lauschte dem Flüstern der Wellen, die unruhig, stumpf und grau ans Ufer rollten. Sie breitete ihre Arme aus, murmelte leise Worte und beruhigte Latar’ria, bis sich die Wellen glätteten und das Wasser seinen natürlichen Glanz wiederhatte. Erst als der See still wie ein Spiegel dalag, begann sie damit, eine Verbindung zu den magischen Quellen in jeder der fünf Elbenstädte aufzubauen, um diese zum großen Rat zu bitten.

Die Städte Mar’lea am Meer und Lac’ter im Engelsee waren leicht zu benachrichtigen, denn sie lagen an großen Gewässern. Munt’tar hingegen befand sich hoch in den südlichen Bergen. Die Bäche dort waren kaum größer als Rinnsale aus Gletscherwasser, die unruhig über die Steine spritzten. Descher’latar war noch schwieriger zu erreichen, denn sie lag jenseits dieser Berge an der Grenze zwischen Steppe und Wüste. Viele Antworten auf ihre Fragen konnte Ala’na höchstens erahnen.

Vier der fünf großen Elbenstädte hatte sie nun benachrichtigt, und jetzt richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die letzte – Frig’dal.

Es war die mit Abstand abgeschiedenste Stadt im gesamten Land Ardea’lia. Eis und Schnee hielten das Hochland im Norden beinahe das gesamte Jahr über fest im Griff. Zwischen weißen Hügeln lag Frig’dal, die Stadt aus Eis. Ala’na war in jungen Jahren einmal dort gewesen und andächtig zwischen den spinnwebzarten Kunstwerken aus Eis entlanggegangen.

Als sie jetzt die Stadt zum wiederholten Male anrief, fröstelte sie bei dem bloßen Gedanken an die schaurige Kälte dort. Niemand antwortete. Sie versuchte es erneut, der See war heute sehr unruhig, und Ala’na merkte, wie diese Unruhe langsam auf sie übergriff. Sie konzentrierte sich auf das innere Bild, das ihr von der Stadt geblieben war, dann hob sie beide Arme, breitete sie langsam aus, atmete tief ein und rief:

»Die nördliche Stadt aus ewigem Eis, in den Hügeln und Tälern des Hochlands. Fließendes Wasser und plätschernder Quell klopfe an bei deinem Bruder dem Eis. Zeig mir den Spiegel Ogla’ra!«

Latar’ria knirschte und knackte. Eiskristalle bildeten sich am Ufer und breiteten bald eine zerbrechliche Eisdecke auf dem See aus.

»Ala’na ruft den Rat nach Pal’dor …« Das Eis knackte und zersprang mit einem Mal.

Schwarzes Wasser spritzte aus dem See. Ala’na wich zurück.

Latar’ria war launisch seit jeher. Verbindungen ins Eis waren noch nie einfach gewesen, aber heute steckte mehr dahinter als bloß der Unwille dieses Wassers, eine feste Form anzunehmen. Etwas wühlte den See auf. Etwas veränderte sich.

Frig’dal hatte nicht geantwortet, aber zumindest war ihre Nachricht durchgegangen. Auch im eisigen Norden wusste man, dass ein Aufruf zum Rat verbindlich war.

Regungslos stand Ala’na noch eine ganze Weile vor dem See.

Es gab viele Dinge, die sie tun musste.

Als erste Mutter war es ihre Aufgabe, nach dem verletzten Leron’das zu sehen. Er war zwar nicht mit ihr verwandt, aber er hatte an der Seite ihres Mannes gekämpft und gehörte damit zur Familie.

Sie musste Vorbereitungen für den Rat treffen, ebenso wie für die Geburt auf der Warte.

Ala’na beschloss mit einem Besuch bei Leron’das zu beginnen, dann konnte sie Rond’taro von ihm berichten, ehe sie das Ratstreffen vorbereitete.

Ihren Ritt zur Warte würde sie erst einmal verschieben. Jar’jana sollte noch nicht erfahren, dass Rond’taro zurückgekehrt war. Ala’na fürchtete sich davor, Jar’jana die Nachricht von Fari’jaros Tod zu überbringen, und wollte diesen Moment so lange wie möglich hinauszögern.

Was für ein Tag, dachte sie bei sich. Gestern war alles noch nach Plan verlaufen.

Jar’jana hatte am Vormittag ihr Abschiedsritual befolgt und war zum höchsten Stand der Sonne auf ihren Weg gegangen. Als sie durch das Sonnentor hinaus in den Wald ging, konnte Ala’na ihre Schritte noch eine Zeitlang verfolgen. Schon am Vortag hatte sie die Aussicht, dass Jar’jana zwei Tage lang alleine im Wald sein würde, mit Sorge erfüllt. Die Veränderungen, von denen der See zeugte, trugen auch heute nicht zu ihrer Beruhigung bei und nun wusste sie auch noch, dass es im Wald von Menschen nur so wimmelte. Es war der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um als werdende Mutter im Wald zur Ruhe zu kommen. Dabei hatte gerade Jar’jana diese Ruhe dringend nötig. Die Erwartungen hatten sie stark unter Druck gesetzt.

In Pal’dor waren in den letzten tausend Jahren kaum zwei Dutzend Kinder geboren worden. Die letzte Geburt lag fast hundert Jahre zurück.

Ala’na versuchte, ihre treibenden Gedanken zu sammeln. Es gab Dinge, die sie nicht beeinflussen konnte, mahnte sie sich. Sie würde warten müssen, bis die Nachricht von der Warte kam.

Entschlossen glättete sie ihre Kleider, zupfte die Ärmel zurecht und machte sich auf den Weg, um das zu tun, was sie tun musste.

Leron’das ging es den Umständen entsprechend gut. Er hatte einige Streifschüsse an Armen und Beinen, die stark geblutet hatten, die allerdings keine große Herausforderung für die Heilkunst Iri’tes darstellten. Um seinen Oberkörper war ein dicker Verband gewickelt. Ein Pfeil hatte seine leichte Jagdrüstung aus Leder an der Schwachstelle unter dem Arm durchbohrt und war tief in seinen Körper eingedrungen. Iri’te hatte den Pfeil entfernen können und die Wunde gereinigt, allerdings musste Leron’das noch einige Tage liegen und sich schonen.

Als er Ala’na sah, lächelte er tapfer und versuchte, sich in seinen Kissen aufzurichten. Ala’na ließ sich auf seiner Bettkante nieder und nahm seine Hand.

»Ich danke dir, Leron’das, für deine Tapferkeit«, sagte sie. »Ich danke dir, dass du dein Leben eingesetzt hast, um das deiner Gefährten zu schützen, und ich danke dir, dass du Pal’dor geschützt hast.«

Leron’das lächelte, aber sein Blick wurde trüb.

»Ich bedaure, Ala’na, dass ich nicht mehr tun konnte. Viele meiner Gefährten sah ich sterben, ohne sie beschützen zu können. Es tut mir leid, Ala’na, dass ich nicht mehr für Fari’jaro, den Mann deiner Urenkelin, tun konnte.« Leron’das sah eine Weile stumm auf seine grün durchmusterte Decke. »Er starb in meinen Armen. Sein letzter Gedanke galt Jar’jana und dem Kind.« Er seufzte, und Ala’na konnte ein leichtes Pfeifen hören, das seine verletzte Lunge beim Einatmen machte.

»Ich muss ihr die letzten Grüße und Wünsche ihres Mannes überbringen.« Er sah Ala’na aus großen dunklen Augen an. Tränen schimmerten darin.

»Jar’jana ist gestern beim höchsten Stand der Sonne auf ihren Weg gegangen. Die Nachricht wird sie erschüttern, und ich bin froh, dass sie heute nicht mehr hier ist. Der Verlust, den sie erleiden muss, trifft auch uns alle tief.«

Eine ganze Weile sagte keiner von beiden ein Wort. Ala’na betrachtete Leron’das genau. Trotz seiner undurchdringlichen Miene konnte sie deutlich erkennen, wie bewegt er war. Was mochten er und seine Gefährten in den letzten Wochen erlebt haben? Die Hälfte von ihnen war nicht zurückgekehrt, und die restlichen hatten einen gehetzten Ausdruck in den Augen. Rond’taro, das ärgerte sie immer noch, hatte umgehend nach dem Rat verlangt und ihr somit jede Möglichkeit genommen, etwas über den Verlauf seiner Reise zu erfahren, ehe es im Rat zur Sprache kam. Zu gerne hätte sie gewusst, was vorgefallen war.

Rond’taro neigte nicht zu unüberlegten Handlungen und hätte sich bei dem kleinsten Anzeichen von Gefahr zurückgezogen. Er kannte die Quellenberge wie kaum ein anderer. Jeder winzige Eingang in die weitläufigen Höhlen war ihm vertraut. Die Mehrzahl dieser Höhlen war zudem verschleiert.

Vor langer Zeit waren die Quellenberge Elbenland gewesen. Als die Elben die alte Heimat Nordarea’lia verließen, um dem Schatten zu entkommen, segelten sie über die Eissee und fanden dieses Land. Sie ließen ihre Langboote durch das Delta des Engelsflusses über den Engelsee und dann weiter stromaufwärts fahren, bis schließlich vor den Quellenbergen das Wasser zu seicht wurde. Hier ankerten sie und erforschten die Berge. Sie nannten sie Re’n Dal und ließen sich in den Tropfsteinhöhlen unter den Bergen nieder. Die Natur hatte hier gigantische Wunderwerke geschaffen, und die Elben taten ihr Bestes, um die selbst gegrabenen Gänge in ähnlicher Schönheit zu gestalten. Die Halle der Erkenntnis und der Große Ratssaal waren Gesamtkunstwerke der Elben und Mutter Natur.

Allen Elben war damals klar, dass die Höhlen in Re’n Dal nur ein vorübergehender Aufenthaltsort sein konnten. Einige wollten wieder auf das Meer hinaus und weitere Länder entdecken. Andere sprachen davon, in ihre Heimat zurückzukehren. Es gab aber auch viele unter ihnen, die bleiben und sich in diesem Land, das sie Ardea’lia (hügeliges Land) nannten, niederlassen wollten.

An den vielen unterschiedlichen Wünschen entbrannte im Laufe von beinahe zwei Jahrhunderten ein Streit, der wie eine klaffende Wunde im Fleisch des elbischen Volkes war.

Die Eissee war in der Zwischenzeit, bis auf wenige Wochen im Jahr, vollständig zugefroren und ließ somit keine Schiffe durch. Obwohl an eine Heimreise nicht mehr zu denken war, ließen sich einige Elben auf der Insel im Engelsee nieder. So entstand die Stadt Lac’ter.

Nach Mar’lea zog es die, denen der weite Ozean fremde, friedvollere Länder versprach. Alle anderen besiedelten das Land und teilten es mit den wenigen Menschen, die zu der Zeit hier wohnten. Doch nicht alle Elben waren mit dem Zusammenleben zufrieden. Vielen waren die Menschen zu unzuverlässig, und sie zogen sich daher in Gebiete zurück, die abgeschiedener lagen. Manche wählten die schwindelnden Höhen, andere die Wüste oder das ewige Eis.

Sechs Städte entstanden so, und lange Zeit sprach niemand davon, Ardea’lia zu verlassen. Der Schatten aus Nordarea’lia gehörte der Vergangenheit an. Neue Generationen von Elben folgten. Selbst Ala’na, als eine der Ältesten in Pal’dor, war schon auf der Warte geboren worden.

Sie war so tief in ihren Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass Leron’das eingeschlafen war.

Sie strich ihm sanft eine blonde Strähne aus der Stirn und verließ den Raum.

»Iri’te, er schläft. Ich danke dir, dass du so gut für ihn gesorgt hast. Er war sehr tapfer.«

Iri’te senkte nur leicht den Kopf, um sich ihrerseits für Ala’nas freundliche Worte zu bedanken.

Als Ala’na nach draußen trat, schimmerte durch die Bäume das Licht der frühen Mittagsstunde.

Es war ein wunderbar warmer Frühsommertag. Ala’nas trübe Stimmung hellte etwas auf. An Tagen wie diesen konnte eigentlich gar nichts Schlimmes geschehen. Und doch hatten Menschen vor den Toren von Pal’dor gelauert, und Rond’taros bereits angeschlagene Truppe angegriffen. Pures Glück hatte Leron’das vor dem Tod bewahrt.

Nicht auszudenken, wenn es plötzlich für all die unwissenden Menschen einen leibhaftigen Beweis für das Vorkommen von Elben im Blauen Wald gegeben hätte. Und dazu noch den Beweis, dass auch sie – wie die Menschen – bluteten und starben.

Seit tausend Jahren lebten die Elben verborgen vor der Welt dort draußen und zeigten sich nur auserwählten Menschen, die ihnen freundlich zugetan waren. Trotzdem hielten sich die Schauergeschichten über Dämonen und Erntenvernichter, die einst von den Zauberern in die Welt gesetzt wurden, standhaft. Von dem freundschaftlichen Verhältnis zu den Menschen, die hier lebten, bevor die Eroberer aus dem westlichen Nachbarland Mendeor die Berge überwanden, wusste heute kaum einer.

Nach dem großen Krieg wurden sie von den neuen Besatzern gejagt und die wenigen Menschen, die noch ihre Freunde waren, lebten zu kurz, um die Erinnerungen wach zu halten. Heute gab es, wenn überhaupt, nur noch eine Handvoll Menschen, die eingeweiht waren und die wahren Geschichten der Elben, den Herzen der anderen näherbrachten. Es war eine kleine Hoffnung, dass nicht alles verloren war.

Oder war es Rond’taro, der diese Hoffnung in Ala’nas Herz wachhielt?

Er hatte die Hoffnung nie aufgegeben. Nicht nach dem großen Krieg, als die alten Gräben zwischen den Elben wieder aufbrachen und viele das Land verlassen wollten, und auch später nicht, als er Generation für Generation die Nähe der Schriftgelehrten suchte, die die letzten Geheimnisse von Ardea’lia bewahrten.

Rond’taro – Ala’na lächelte verträumt, als sie daran dachte – war kaum hundert Sommer alt gewesen, als er sich nach dem großen Krieg im Rat erhob, um für den Erhalt seiner Heimat zu kämpfen

»Dies ist auch unser Land. Viele von uns sind hier geboren. Wir dürfen uns nicht von den Eindringlingen, deren Leben im Vergleich zu unserem nur einen kurzen Augenblick dauert, verscheuchen lassen. Viele Menschen, die hier leben, sind unsere Freunde. Die Opfer, die wir und sie in diesem Krieg gebracht haben, wiegen schwer. Ich bin nicht bereit, meine Eltern und Geschwister zu verraten, die ihr Leben für dieses Land geopfert haben.« Mit seinen Worten hatte er Ala’na aus der Seele gesprochen, und sie war in heftiger Liebe zu ihm entbrannt. Eine Liebe, die heute nach zehn Jahrhunderten immer noch glühte.

Jetzt stand Ala’na vor ihrem Haus. Sie war so überwältigt von ihren Gedanken und der Erinnerung an den Anfang ihrer großen Liebe, dass sie nun ihre Schritte beschleunigte, um schneller bei Rond’taro zu sein. Beinahe musste sie über sich selber lachen, denn es war nun bereits das zweite Mal an diesem Tag, dass sie ihrem Mann entgegenlief.

Etwas außer Atem trat sie in das Zimmer, in dem Rond’taro geschlafen hatte. Er stand am Fenster und drehte sich nun zu ihr um.

»Du warst in Gedanken, meine Liebe.« Er lächelte.

»Die Menschen, Rond’taro, ich verstehe sie nicht. Was tun sie hier im Wald? Wir hatten Freunde unter ihnen …«

Rond’taro strich ihr sanft mit der Hand über das Haar.

»Die Freunde, die du meinst, meine Liebe, sind seit tausend Jahren tot. Selbst Peredur, der wie ein Sohn für uns war, lebt seit siebenundneunzig Jahren nicht mehr. Er war ein alter Mann, als er starb«. Der Schmerz dieses Verlustes ließ ihn heute noch atemlos zurück. Leise und bedauernd fügte er hinzu: »Ala’na, es gibt dort draußen niemanden, der uns kennt, und wir kennen die Menschen nicht mehr.«

Ala’na senkte den Kopf. »Manche fehlen mir heute noch, und ich wünschte, ihre Zeit wäre nicht so kurz gewesen.« Langsam ließ sie ihre Stirn an Rond’taros Brust sinken. »Ich bin froh, dass du zurückgekehrt bist.«

Er legte seine Arme um sie, und eine Weile standen sie so da, schließlich löste sie sich von ihm und blickte ihn an.

»Der Rat«, begann sie. »Ich weiß, dass wir nichts besprechen können, ehe die Versammlung beginnt, ich will nur wissen: Waren es Menschen, die euch in den Quellenbergen angegriffen haben?«

Er sah sie an. Lange blieb sein Gesicht bewegungslos. In seinen Augen konnte Ala’na sehen, wie er sich im Stillen über ihre Neugier amüsierte. Sie wollte sich gerade abwenden, als er sagte:

»Keine Menschen. Keine Menschen, bis auf jene vor Pal’dor.«

3. Die Falkenburg

Am frühen Nachmittag kam Agnus von Wildmoortal auf dem steilen Weg, der hinauf zur Falkenburg führte, eine große Gruppe berittener Krieger entgegen, so dass er ausweichen musste.

Verwundert bemerkte er, während er auf seiner Stute langsam den Berg hoch ritt, dass die Krieger, kaum im Tal angekommen, die Straße verließen und auf den Wald zuritten. Müde und durstig, wie er war, machte er sich jedoch darüber keine weiteren Gedanken.

Als er kurz darauf das erste Burgtor erreichte, lag der Vorhof dahinter wie ausgestorben. Die Gatter der Pferdekoppeln standen weit offen und Wachen konnte er keine entdecken. Agnus sprang aus dem Sattel und lief zu Fuß weiter, sein Pferd folgte ihm am Zügel. Auch das zweite Tor passierte er, ohne dass er nach seinem Anliegen gefragt wurde. Er schritt durch das gewaltige Torhaus in die Vorburg und stand unvermittelt im größten Chaos, das er sich vorstellen konnte.

Als er verwirrt stehen blieb und versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen, stieß ein Knecht, der mit einem schweren Sack beladen war, mit ihm zusammen. Die unfreundlichen Worte, die dieser hervorstieß, wurden von dem Sack verschluckt.

Agnus sprach den nächsten Mann an, doch dieser stolperte, von dem Gewicht des Sackes nach vorne geneigt, weiter, ohne ihn zu beachten. Auch der nächste und übernächste Versuch sich weiterhelfen zu lassen, schlugen fehl.

Es war schon viele Jahre her, dass Agnus zum letzten Mal in der Königsburg gewesen war. Damals noch in Begleitung seines Vaters. Er erinnerte sich, dass es irgendwo im innerersten Bereich der Burg einen Brunnen gab. Den musste er finden. Dann würde er sich in den Schatten setzen und darauf warten, dass jemandem auffiel, dass er nicht hierhergehörte.

Ganz knapp gelang es ihm, einem weiteren sackbeladenen Mann aus dem Weg zu gehen, dabei dachte er an seine eigene beschauliche Burg im Wildmoortal, wo er jeden kannte, der ein und aus ging. Weiter oben entdeckte er das nächste Tor. Ein grimmiges Grinsen trat in sein vernarbtes Gesicht.

»Komm Lisia«, brummte er seiner Stute zu, und sie folgte ihm mit hängendem Kopf. Lisia war mutig und zäh, schnell wie der Wind, wenn es sein musste, und stark wie ein Bär, doch die weite Reise hatte sie erschöpft.

Auch an dem dritten Tor, das in den innersten Bereich der Burg führte, fragte ihn niemand, wohin er wollte und was er in der Burg zu suchen hatte. Er stand sozusagen vor der Tür des Königs, aber niemand scherte sich um ihn. Dabei sah er gewiss nicht wie ein hoher Herr aus. Seine Kleidung war staubig von der achtzehntägigen Reise und verriet nichts über seinen gesellschaftlichen Stand. Nicht, dass Agnus darauf Wert gelegt hätte. Ganz im Gegenteil, es war ihm sogar angenehmer, wenn niemand wusste, wer er war.

Er wechselte lieber ein offenes Wort mit einfachen Menschen, als mit hohen Herren höfliche Heucheleien auszutauschen.

Agnus fand einen Trog und stellte ihn neben dem Brunnen ab, dann löste er den Haken der Brunnenkette und ließ den Eimer in die Tiefe fallen. Im Wildmoortal waren die Brunnen flach, aber hier sah er den Wasserspiegel kaum. Als der Eimer auf dem Wasser aufschlug, hörte Agnus nur ein dumpfes Geräusch. Mühsam kurbelte er ihn wieder hoch, packte die schaukelnde Kette und hievte den Eimer über den Rand, wo er erst für sein Pferd sorgte, ehe er selbst durstig trank.

»Gibt es dort, wo du herkommst, kein Bier?«

Agnus verschluckte sich beinahe vor Schreck, als er die Stimme hinter sich hörte. Er setzte seine grimmigste Miene auf.

»Bei mir zu Hause werden Gäste am Tor empfangen und müssen sich nicht ihr Wasser mit den Pferden teilen«, knurrte er und drehte sich langsam um. Etwas verwirrt durch die vornehme Kleidung, die nicht zu der saloppen Wortwahl seines Gegenübers passte, deutete er eine Verbeugung an.

Der andere lachte und streckte Agnus die Hand entgegen.

»Walter Vogelsang«, sagte er, besah sein Gewand und fügte hinzu, »Hofmusiker. Ich soll heute noch vor der Gesellschaft des Königs spielen und habe mich ein wenig feingemacht.« Jetzt erst bemerkte Agnus die Laute, die über der Schulter des anderen hing, und ein Lächeln erhellte seine Miene.

»Agnus aus dem Wildmoortal«, stellte er sich vor. »Gegen ein Bier hätte ich nichts einzuwenden, wenn du mir sagst, wo ich eins bekommen kann.« Er klopfte seiner Stute leicht den Hals. »Aber erst muss mein Pferd in einen Stall. Über etwas Heu würde es sich auch freuen.«

»Liegt alles auf unserem Weg. Folge mir«, erwiderte Walter Vogelsang.

Sie verließen den inneren Bereich der Burg durch ein kleines Tor am hinteren Ende und kamen auf einen schmalen Weg, der zwischen der äußeren und der inneren Burgmauer verlief und in die Vorburg führte. Zuerst ging es steil bergab. Dann öffnete sich der Weg zu einem leicht abfallenden Platz, um den mehrere ineinander geschachtelte Häuser standen.

Walter Vogelsang verschwand durch eine der Türen. Etwas unschlüssig blieb Agnus stehen, doch da tauchte der Musikant wieder auf und winkte ihn zu sich.

»Komm nur mit«, rief er.

»Aber …«

»Da ist ein Platz für dein Pferd.«

Hinter der Tür befand sich ein enger, gepflasterter Gang, der rechts und links von Häusern begrenzt wurde. Dahinter lag ein winziger Garten, rechterhand ein kleiner Stall. Zwei Ziegen und ein Pferd standen darin.

»Wem gehört denn dieser kleine Bauernhof?«, fragte Agnus belustigt.

»Meiner Mutter«, antwortete Vogelsang. »Das Pferd gehört mir«, fügte er eitel hinzu.

»Ich danke dir und deiner Mutter im Namen meines Pferdes für eure Gastfreundschaft«, sagte Agnus, als sich Lisia genüsslich über das Heu hermachte. Sie war deutlich größer und kräftiger als Walter Vogelsangs Schimmel. Lisia schnaubte zufrieden, als Agnus ihr zum Abschied zärtlich auf das Hinterteil klopfte.

»Und jetzt kommen wir zu deinem Bier«, sagte Walter Vogelsang gut gelaunt.

Sie traten auf den kleinen Platz. Agnus blinzelte in die Sonne.

»Wohnst du da? Bei deiner Mutter?«, fragte er und versuchte zu erraten, wie alt der Barde sein konnte. Er war nicht besonders groß und knabenhaft um die Brust, aber er hatte eine Stimme, die ihn reifer wirken ließ.

»Eine Kammer bei ihr habe ich noch«, erwiderte Vogelsang leichthin. »Die Gesellschaften, die der König veranstaltet, häufen sich nicht gerade, und die guten Zeiten, in denen ein Barde immer sein Auskommen bei Hofe hatte, sind leider vorbei.«

»Vor allem, wenn er sich teure Kleidung und ein Pferd leistet«, bemerkte Agnus trocken.

Walter grinste spitzbübisch und flüsterte dann verschwörerisch: »Der König sollte sich trotzdem etwas mehr Spaß gönnen und vor allem nach einer neuen Frau Ausschau halten, statt immer nur im stillen Kämmerlein mit diesem schauderhaften Grießgram zu brüten.«

Ganz schön waghalsig, der junge Walter, dachte Agnus. Einfach mit einem Wildfremden über den König und seinen Berater zu lästern, könnte leicht ins Auge gehen, vor allem, weil der König nicht gerade als offenherziger Mensch bekannt war. Ob der König wieder heiratete oder nicht, war Agnus an sich aber herzlich egal. Seiner Meinung nach wäre es ohnehin besser gewesen, er hätte es überhaupt nie getan. König Levian hatte einfach nur das Glück gehabt, Eleonore, die einzige Tochter des letzten Königs Willibald IV. heiraten zu dürfen. Als der alte König einige Monate nach der Hochzeit starb, bestieg Eleonore hochschwanger den Thron. Sie gebar einen Sohn, der kaum eine Woche überlebte. Königin Eleonore folgte ihm nur wenige Tage später. Daraufhin wurde Levian zum König gekrönt. Böse Zungen behaupteten, dass er, Sohn einer adligen Familie aus dem Nachbarland Mendeor, ohnehin nur das Königreich gewollt hatte, und nicht die hässliche Eleonore.

»Du bist schweigsam, Fremder«, riss Walter Agnus aus seinen Gedanken. »Erzähl, was führt dich in diese trockene Gegend? Haben dich die Mücken aus den Sümpfen vertrieben?«

»Wenn die Mücken meine Sorge wären, dann wäre ich zu Hause geblieben. Da ist die Luft nicht so staubig, und es ist auch bei weitem nicht so hektisch wie in diesem Bienenstock«, knurrte Agnus zurück.

»Ich merke, du magst unsere Burg nicht. Aber das Burgleben hat auch seine guten Seiten. Es ist immer etwas los. Nicht immer so viel, wie in den letzten Tagen – leider – aber ich liebe all diese vornehmen Gäste, die meine Kunst zu würdigen wissen. Und jetzt auch noch dieses Fest ...« Walter verneigte sich gekonnt. »Aber ich merke schon, du willst es beschaulicher. Darum gehen wir jetzt zum Mauerwirt. Da ist es um diese Zeit schön ruhig. Außerdem«, er schubste Agnus mit dem Ellbogen freundschaftlich in die Rippen, »muss ich mir unbedingt noch etwas Mut antrinken.« Er lachte vergnügt.

Agnus begann, den Barden zu mögen.

Sie bogen in eine schmale Gasse ein. Sie war so schmal, dass Agnus fürchtete, mit seinen breiten Schultern zwischen den Mauern stecken zu bleiben. Am Ende des Ganges klopfte Walter mit der Faust gegen eine winzige Tür, die in das Mauerwerk eingelassen war.

»Mach auf, Beinhart, du hast Kundschaft!«, rief er, und seine volle Stimme hallte zwischen den Wänden wider.

Sie hörten, wie jemand zur Tür schlurfte. Dann knarrte ein Schlüssel im Schloss. Ein riesiger Kopf schob sich durch die Türöffnung.

»Geh nach Hause, Walter, du weißt, ich öffne nicht vor dem letzten Schlag der Abendglocke«, brummte der bärtige, zerzauste Schädel.

Walter zog Agnus am Ärmel aus dem dunklen Gang und schob ihn vor den Hünen.

»Ich habe einen Gast mitgebracht. Dieser Mann ist weit geritten und hat mächtigen Durst«, erklärte er. »Außerdem«, ein schalkhaftes Grinsen zog über sein Gesicht, »ist er entsetzt über die Gastfreundschaft auf unserer schönen Burg. Stell dir vor, so etwas spricht sich herum. Wie stehen wir dann da?«

»Hör doch auf zu quatschen, Walter. Dann kommt rein.« Damit öffnete der Bärtige die Tür und trat zur Seite.

Agnus musste sich bücken.

»Hab Dank, Beinhart«, sagte Walter förmlich.

»Schluss jetzt mit deinem höfischen Getue«, brummte dieser. »Du hast Glück, dass die Jagdgesellschaft des Königs noch nicht zurück ist und ich in der Metzgerei gerade nichts zu tun habe.« Er streckte Agnus eine riesige Pranke entgegen. »Hartmut«, stellte er sich vor, und mit einem hämischen Seitenblick auf Walter fügte er hinzu: »Nur Walter nennt mich Beinhart, weil er, im Gegensatz zu mir, nichts verträgt und schon bei dem Geruch von Bier besoffen unterm Tisch liegt.«

»Ich bin Agnus und komme aus dem Wildmoortal«, erwiderte Agnus und schüttelte die Hand des Wirts. Beinhart oder Hartmut war ein Bär von einem Mann. Agnus war zwar nicht kleiner als der andere, aber neben Hartmut kam er sich richtig schmächtig vor.

»So, genug der Förmlichkeiten fürs Erste. Bring uns mal ein paar Krüge Bier, dann können wir weiterreden.« Walter packte Agnus am Ärmel und steuerte mit ihm Richtung Theke, wo er sich gleich auf einen Hocker schwang. Rechts neben der Theke gab ein kleines Fenster den Blick in einen Innenhof frei. Auf der anderen Seite des kleinen Raumes befanden sich lediglich zwei Öffnungen in der Mauer, nicht größer als Schießscharten.

»Dies war früher einmal eine Waffenkammer und ist nun die beliebteste Kneipe in der Burg«, erklärte Walter. »Die einzige Kneipe in der Burg. Bei Einbruch der Dunkelheit werden die Tore verschlossen, und wer dann nicht drin ist, kommt bis zum nächsten Morgen auch nicht mehr herein, aber auch ebenso wenig hinaus.«

»Dafür kann tagsüber jeder bis vor das Schlafgemach des Königs schlendern, ohne ein einziges Mal nach seinem Anliegen befragt zu werden«, erwiderte Agnus.

»Das ist nur heute so«, versicherte Walter. »Normalerweise stehen an jedem der drei Haupttore die Wachen des Königs und leiten einen so lange von dem einen zum nächsten, bis man am Ende ganz vergessen hat, warum man eigentlich hier ist.«

»Die sind heute fast alle in den Wald geritten«, rief Hartmut von hinten. »Erst ist vor dem Morgengrauen die Jagdgesellschaft des Königs aufgebrochen und vor kurzem noch mal eine ganze Truppe.« Krachend stellte er das Bier auf die Theke.

»Die Truppe hab ich gesehen, als ich herkam«, sagte Agnus. »Nur frage ich mich, was jagen so viel Mann in einem Wald? Drachen?«

»Ich habe alles für ein ordentliches Wildbret vorbereitet«, brummte Hartmut. »Rezepte für Drachen kenne ich nicht.«

Walter lachte schallend.

»Eine Jagd und eine Abendgesellschaft, ich fürchte, vor morgen früh werde ich keine Audienz beim König bekommen«, überlegte Agnus laut.

»Morgen?« Walter lachte noch lauter. »Du bist ein wahrer Spaßvogel, Agnus. Der König empfängt selbst einflussreiche Grafen und Barone erst nach Tagen. Ich fürchte, du wirst dich auf eine laaaange Wartezeit einrichten müssen.«

Agnus sah ihn böse an. Schließlich zuckte er mit den Schultern.

»Dann werde ich den Prozess wohl etwas beschleunigen müssen«, sagte er vieldeutig. »Die Probleme im Wildmoortal müssen behoben werden – das sollte selbst dem König ein Anliegen sein.«

Beinhart und Walter warfen sich einen vielsagenden Blick zu.

»Was gibt es denn für Probleme im Sumpf«, fragte Walter neugierig.

Agnus nahm einen kräftigen Schluck Bier. »Das ist schnell erzählt. Wir haben Gnome im Tal.«

»Gnome!?«, rief Walter ungläubig. »Du meinst diese Gestalten aus den alten Geschichten. Helfer der Zauberer sollen sie gewesen sein?«

Agnus nickte. »Ich habe es erst auch nicht glauben wollen, aber eines Tages hat ein Bauer so ein Geschöpf auf frischer Tat ertappt und ihm kurzerhand mit der Axt den Schädel gespalten.« Er schnaufte. »Es war kein Tier und auch kein Mensch, im Maul hatte es Raubtierzähne, die Ohren sahen aus, als ob die Mäuse daran geknabbert hätten und die Haare erinnerten an ein struppiges Fell, mausgrau und verdreckt. Seine Arme waren so lang, dass sie bis unter die Knie reichten und es trug um die entsprechenden Körperregionen Felle. Ein grauenvoller Anblick.«

»Und davon willst du dem König erzählen!? Warum?«

»Was für eine Frage!? Du hast es doch gerade selbst gesagt. Gnome sind die Helfer der Zauberer. Wo ein Gnom, da ein Zauberer.«

»Vielleicht hat sich das Geschöpf in den Bergen verirrt und ist zufällig bei euch im Tal angekommen«, gab Hartmut zu bedenken. »In Mendeor soll es ja noch genügend Zauberer und Gnome geben.«

»Das stimmt, aber dieser Gnom war nicht der Einzige, der gesehen wurde und auch nicht der Einzige, der erschlagen wurde«, knurrte Agnus. »Das Tal ist voll davon.«

»Hast du dafür Beweise?«, wollte Walter wissen.

»Was für Beweise?«, fragte Agnus verständnislos.

»Was weiß ich? Einen Kopf zum Beispiel.«

»Beim heiligen Albarus«, knurrte Agnus angewidert. »Wir haben Sommer. Ich kann doch so einen stinkenden Schädel nicht drei Wochen übers Land tragen!«

»Aber ohne Beweise wird der König dich auslachen, Agnus«, behauptete Walter ungerührt. »Er wird glauben, dass ihr in den Sümpfen zu viel Selbstgebrautes trinkt.«

»Der König kommt aus Mendeor, dort weiß bestimmt jedes Kind, wie ein Gnom aussieht. Aber dass ihr mir nicht glaubt, hätte ich mir gleich denken können.«

»Agnus, keiner von uns zweifelt, dass es bei euch in den Sümpfen solche Gestalten gibt, aber …« Walter und Hartmut sahen sich bedeutungsvoll an.

»Was heißt, bei euch in den Sümpfen?«, polterte Agnus los. »Das ist kein Ungeziefer, das einfach so auftaucht. Wir haben Gnome, also gibt es irgendwo in der Gegend einen Zauberer. Und Zauberer dürfen nirgendwo in Ardelan geduldet werden.«

»Vielleicht sind es ja gar keine Gnome«, unkte Walter.

Agnus seufzte und schüttelte vor so viel Unwillen, dieser Tatsache Glauben zu schenken, den Kopf. Aber im Grunde hatte er es nicht anders erwartet. Er musste die ganze Geschichte erzählen.

»Vor etwa zwei Jahren«, erklärte er, »wurde in den Hügeln südlich vom Wildmoortal ein alter Festungsturm wiederaufgebaut, und ein Mann zog dort ein. Die Bauern, die ihre Felder unterhalb der Hügel bewirtschaften, erzählten bald, dass es in dem Turm nicht mit rechten Dingen zuging. Nächtelang brannte Licht im Inneren. Den Turm kann man von unten gut sehen, denn er steht auf dem Ebelsberg und das ist der höchste Berg in den Helmsholmhügeln. Bald verbreitete sich das Gerücht, dass der Fremde in dem Turm ein Zauberer ist. Ich gehörte zu denen, die dieses Gerücht zunächst nicht glaubten.« Agnus nahm einen Schluck Bier. »Bauern, aber vor allem ihre Frauen, sind jedem gegenüber misstrauisch, der sich anders verhält als sie. Bald darauf jedoch verschwanden nachts Hühner, Enten und Gänse aus den Ställen. Es wurden Fallen aufgestellt, um die Füchse und Marder, die wir als Ursache dafür hielten, zu fangen, aber ein beklemmender Beigeschmack blieb, denn die Ställe waren geschlossen und weder Füchse noch Marder können Türen öffnen.« Zufrieden stellte Agnus fest, dass Walter und Hartmut aufmerksam zuhörten. »Von nun an achteten alle darauf, die Ställe und Schuppen stets zu verrammeln, selbst die Fenster wurden mit Brettern vernagelt. Und doch fehlte morgens immer wieder Kleinvieh. Im Frühling verschwanden die Lämmer. Schafe und selbst Wachhunde wurden regelrecht niedergemetzelt. In den Schatten unter den Stelzenhäusern gibt es jetzt Nacht für Nacht seltsame Bewegungen und keiner traut sich nach Einbruch der Dunkelheit alleine und unbewaffnet aus dem Haus.« Agnus atmete tief durch. »Wir haben versucht, mit dem Mann im Turm zu sprechen. Er behauptet, Wissenschaftler zu sein und im Auftrag des Königs in diesem Turm seinen Erfindungen nachzugehen. Da die Helmsholmhügel ab dem Riedelberg nicht mehr zum Wildmoortal gehören, sondern ureigenster Besitz des Königs sind, können wir nichts machen. Der König muss den Mann wegschicken. Aber unabhängig davon, ob dieser Mann ein Zauberer ist oder nicht, ist der König seinen treuen Lehnsherren auch zu Treue verpflichtet und muss ihnen in einer Notsituation beistehen.« Agnus beendete seine Ausführungen und schaute finster in sein Bier. »Und wir sind in einer Notsituation!«, fügte er leise hinzu.

»Da hast du aber eine ganz schön schwierige Aufgabe«, bemerkte Walter mitfühlend und klopfte Agnus auf die Schulter. »Du musst dem König klarmachen, dass er einem Zauberer erlaubt hat, sich auf seinem Land niederzulassen. So einen Fehler wird der König nicht gerne zugeben wollen. Abgesehen davon hast du keinen Beweis, dass es ein Zauberer ist. Ich meine, ich kenne viele Geschichten über Zauberer, sie sind Meister darin, andere zu täuschen und sich herauszureden. Und was bleibt dem Mann auch anderes übrig als es zu tun. In Ardelan ist seit mehr als fünfhundert Jahren Zauberern der Zutritt verboten.« Walter schwieg bedeutungsvoll. »Als Ihre Vertreibung begann, sollen sie reihenweise an Eichen erhängt worden sein und im Prinzip droht jedem Zauberer heute, das gleiche Schicksal. Ich frage mich nur, was damals mit ihren Gnomen passiert ist? Darüber gibt es keine einzige Geschichte. Tatsache aber ist: Sowohl Zauberer als auch Gnome hat es seither hier nicht mehr gegeben.«

Hartmut nickte zustimmend. Agnus sah von dem einen zum anderen.

»Der König stammt aus Mendeor, er hat bestimmt genug von Zauberern gehört. Dort soll es ja noch genügend geben«, sagte er entschieden. »Und was bleibt mir anderes übrig, als mit meiner Geschichte zum König zu gehen?«

»Denk dir eine andere aus«, schlug Hartmut halbherzig vor.

Agnus spürte, wie die Wut in ihm hochkochte. Er hatte keine andere Geschichte zu erzählen, er wusste, was er gesehen hatte und wie es in seiner Heimat zuging. Er kannte die Verzweiflung seiner Leute, und er durfte auf keinen Fall unverrichteter Dinge wieder nach Hause reiten. Seine Bauern arbeiteten hart, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In der Gegend gab es keine großen Märkte, auf denen sie ihre Waren verkaufen konnten, und die Steuern, die der König in den letzten Jahren stetig erhoben hatte, lasteten schwer auf vielen Haushalten. Keiner konnte es sich leisten, eine gute Legehenne zu verlieren, geschweige denn ein Schaf oder womöglich eine Kuh.

Es herrschte allgemeine Angst in der Bevölkerung, und die sonst so geselligen Sumpfländer verschanzten sich abends in ihren Häusern. Agnus fürchtete, sie würden bald den Ebelsberg stürmen, diesen angeblichen Wissenschaftler Nestalor Wasoro aus seinem Turm ziehen und an der nächsten Eiche erhängen. Doch das galt es erst mal zu verhindern. Der König würde in diesem Fall Recht sprechen, und ein Meuchelmord könnte schwerwiegende Folgen haben.

»Ihr glaubt mir immer noch nicht«, sagte er nach einer Weile geknickt. Er wusste selbst nicht, warum es ihm so wichtig war, dass diese beiden Fremden ihm glaubten. Sie würden ihm nicht helfen können.

»Es ist nicht so, dass wir dir nicht glauben wollen«, begann Walter. »Aber Gnome!? Gnome kommen wirklich nur noch in Geschichten vor.«

»Ja! Und jetzt stell du dir mal vor, hier herrschen bald wieder Zustände wie zu den Zeiten vor König Peregrin dem Ersten. Hätten er und der heilige Archiepiskopos damals nicht alle Zauberer beseitigt, könnte heute immer noch niemand seine Kinder unbeaufsichtigt auf die Straße lassen, dafür wüsste jeder, wie Gnome aussehen. Aber zumindest würde ich nicht wie ein Trottel dastehen und versuchen zu erklären, was mir selbst noch unerklärlich ist«, knurrte Agnus. »Stell dir vor, diese alten Zeiten kämen wieder.«

»Friede Freund, Friede«, bemerkte Hartmut milde. »Ich glaube dir. Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht verstehen, als solche, die wir verstehen.« Als hätte er schon zu viel gesagt, setzte er seinen Krug an den Mund und trank durstig. Mit dem Handrücken wischte er den Schaum aus seinem Bart und starrte eine Weile ins Nichts.

»Stell dir vor, diese alten Zeiten kämen wieder«, murmelte er schließlich. »Stell dir vor …«

»Jetzt hör aber auf«, mahnte Walter.

»Meine Großmutter sagte das auch immer«, behauptete Hartmut versonnen.

»Dass du aufhören sollst?«, scherzte Walter.

»Nein, du Hornochse, sie sagte: ›Stell dir vor, die alten Zeiten kämen wieder!‹«

»Wozu, damit hier überall Gnome umherspringen?«

Hartmut rang sich ein Lächeln ab. »Sie träumte wohl eher davon dem Schönen Volk zu begegnen. Den Elben. Einmal hat sie mir erzählt, ihr Onkel Theobald hätte eine Elbenstadt im Wald gekannt.«

Walter stöhnte theatralisch. »Jetzt fang bloß nicht wieder von diesem Uronkel Theobald an.« Er schubste Agnus in die Rippen und zwinkerte ihm zu. »Beinhart gibt gerne mit seinem gelehrten Uronkel an. Er behauptet, dieser Onkel wäre seinerzeit im Königshaus verkehrt. Damals noch in der alten Königsstadt Corona – wohlbemerkt! Wahrscheinlich aber eher so wie Beinhart mit einem geräucherten Schinken und einer Leberwurst in jeder Hand.« Er lachte über seinen eigenen Scherz. »Bin ich froh, dass der König eure Geschichten nicht kennt. Der würde euch sofort an meiner Stelle einstellen.«

»Nein, lass mal, wenn ich zu singen anfange, wird es bald gar keine Gesellschaften bei Hofe geben«, konterte Hartmut lachend.

»Du bist einfach hoffnungslos engstirnig, Walter«, bemerkte Agnus grinsend. »Du bist jung und hast außer diesen Mauern wahrscheinlich noch nichts von der Welt gesehen. In jeder Geschichte steckt ein Funken Wahrheit, aber das kannst du nicht wissen.«

Hartmut lachte nun schallend, und Walter versuchte, ein bedrücktes Gesicht zu machen. Er murmelte: »Das ist überhaupt nicht wahr. Ich hab schon viel von der Welt gesehen«, ehe er selbst zu lachen anfing.

»In ein paar Tagen reite ich zurück ins Wildmoortal. Komm doch mit und lerne die Gastfreundschaft der Sümpfe kennen«, sagte Agnus.

»Und auch den einen oder anderen Gnom!«, ergänzte Hartmut und lachte so laut, dass die ganze Theke vibrierte.

4. Elbischer Besuch

Als Philip zurück in die Schmiede kam, war sein Vater gerade dabei, Werkzeug zusammenzusuchen und auf einen Haufen zu legen. Philip blieb unschlüssig hinter der Tür stehen.

»Steh nicht rum. Wir brauchen saubere Tücher – falls du welche findest«, forderte ihn sein Vater unwirsch auf.

»Was hast du mit dem Werkzeug vor?«

»Ich will es so auf den Wagen legen, dass sich niemand fragt, was wir durch die Straßen schieben«, erwiderte der Vater.

»Bringen wir sie jetzt wirklich nach Hause?«, fragte Philip. Sein Herz hämmerte.

Der Vater nickte, ohne die Arbeit zu unterbrechen. Seine Bewegungen wirkten wie immer routiniert und gelassen. In Philips Bauch hingegen rumorte es gewaltig. Die Aufregung ließ ihn von einem Bein aufs andere tänzeln, und seine Hände zitterten. In seinem Kopf tobten die Gedanken. Es gab Feen … Elben im Wald ... Wie es in Theophils Buch stand. Ob der davon wusste? Was würde er sagen, wenn er es erfuhr? Durfte er das überhaupt wissen?

»Du starrst Löcher in die Luft!«, mahnte der Vater.

Philip setzte sich in Bewegung, jedoch war er nicht ganz bei der Sache. Die Vorstellung, am helllichten Tag mit einem neugeborenen Elbenkind und dessen Mutter auf dem Handwagen seines Vaters quer durch Waldoria zu laufen, beflügelte seine wildesten Phantasien. Was geschah, wenn die Elbin aufwachte und zu schreien anfing? Was, wenn sie einfach aufstand und in den Wald lief? Was, wenn der Säugling brüllte?

Erschrocken fuhr er zurück, da er beinahe mit seinem Vater zusammengestoßen wäre.

»So geht das nicht«, sagte dieser. »Wenn du so aufgeregt bist, bemerkt jeder, der uns sieht, dass etwas nicht stimmt.« Er packte seinen Sohn am Arm und drückte ihn auf einen Schemel. Philip wusste nicht, was er sagen sollte. Sein Kopf, eben noch voller Gedanken und Vorstellungen, war auf einmal leer.

»Deine Mutter sagt, dieser – ähm –«, Feodor zögerte, »Frau ... geht es sehr schlecht, aber es ist nicht hoffnungslos. Sie hat Fieber und muss zu allererst einmal in ein sauberes Bett.« Er räusperte sich. »Das Kind ist sehr schwach. Es braucht viel Wärme, sonst überlebt es nicht. Wir sollen es ordentlich zudecken und nahe zu seiner fiebernden Mutter legen.« Sein Blick flog unruhig hin und her, dann sagte er: »Was wir brauchen, sind also saubere, warme Tücher, um das Kind auf dem Bauch seiner Mutter festzubinden. Dann legen wir etwas von dem Werkzeug neben die beiden und decken alles so zu, dass man nur noch einen Teil vom Werkzeug sieht. Alles Weitere besprechen wir daheim.«

»Aber …«, begann Philip.

»Daheim!«, unterbrach ihn sein Vater knapp und ging zu dem Werkzeug, das er zusammengesucht hatte.

Philip fühlte sich zurechtgewiesen. Warum sollte keiner wissen, dass es Elben gab? Schließlich erzählte jeder Geschichten über dieses Volk. Andererseits – es waren nur Geschichten, keiner glaubte an die Existenz dieser Wesen. Oder etwa doch? An all den Märchen über die Elben hatte sein Vater nie besonderes Interesse gezeigt. Trotzdem hatte er sie erkannt, während Philip, der bestimmt alle Erzählungen und Gedichte über Elben kannte, erst gar nicht auf den Gedanken gekommen war, es könnte sich um dergleichen handeln. Und Mutter? Sie hatte sich überhaupt nichts anmerken lassen. Fast könnte man glauben, es handele sich für sie um die natürlichste Sache der Welt.

»Dort drüben sind Tücher«, riss der Vater Philip aus seinen Gedanken. Philip bemerkte den gehetzten Ausdruck in den Augen des Vaters und verwarf seine vorangegangenen Überlegungen. Natürlich durfte niemand wissen, dass es sich bei der Frau und dem Kind um Feen handelte.

Eilig brachte er die Tücher zum Wagen.

Da schlief sie wie ein Engel mit ihrem goldenen Haar. Jeder Atemzug ließ das Blatt, das sie als Anhänger um den Hals trug, auf den blauen Wogen ihres Kleides schaukeln. Der schmale Körper zeichnete sich deutlich unter dem fließenden Stoff ab. Sie war unsagbar schön. Philip konnte seine Augen kaum von ihr abwenden. Sein Herz pochte wild in der Brust. Mit hochrotem Kopf sah er auf das Kind, das sein Vater schon auf den Bauch dieses makellosen Wesens gelegt hatte. Als er das Kind zudeckte, streifte er den Körper der Elbin. Seine rauen Finger kratzten an dem seidigen Kleid. Er spürte die Hitze ihres Körpers, die ihm knisternd von den Fingerspitzen direkt in den Bauch fuhr. Seine Ohren glühten vor Verlegenheit. Gleichzeitig wünschte er, sie noch einmal zu berühren. Wünschte, sie würde ihre Augen aufschlagen und ihn ansehen.

Plötzlich bemerkte er, dass ihn sein Vater schmunzelnd ansah. Er dachte, sein Herz müsste nun endgültig zerspringen, sein Kopf glühte wie das Schmiedefeuer, das normalerweise brannte.

»Sie ist sehr schön«, sagte sein Vater leise und verständnisvoll. »Ich hab mich kaum getraut, sie zu berühren. Aber jemand musste ihr helfen …« Er lächelte schmal. »An diesen Tag wirst du dich dein Leben lang erinnern.« Er schloss seinen Sohn in die Arme und drückte ihn einen Moment an sich. »Bald wirst du endgültig erwachsen sein. Dabei kommt es mir vor wie gestern, als du auf dem Arm deiner Mutter lagst und kaum mehr warst als dieses winzige Wesen. Mein Sohn!«

Die Beklemmungen an diesem Tag schienen nicht enden zu wollen. Sein Vater hatte ihn schon seit Jahren nicht mehr umarmt. Philip rang um Fassung, wandte sich ab und tat so, als würde er nach der größeren Plane Ausschau halten. Als er seinem Vater das gewachste Tuch in die Hand drückte, bemühte er sich, die Elbin nicht anzuschauen. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie Feodor vorsichtig den Stoff über den Wagen legte. Zärtlich. Ein Stich fuhr ihm in die Brust, und er fragte sich, wie Mutter nur damit einverstanden sein konnte, dass ihr Mann eine andere so … so … umsorgte?

Er öffnete das Tor der Schmiede und war beinahe erstaunt zu sehen, dass die Welt da draußen noch die Alte war. Sein Vater stand mit dem Handwagen hinter ihm. Jetzt, im hellen Tageslicht, wirkte er angespannt und müde. Misstrauisch sah er sich um und überprüfte dann noch einmal den Sitz der Plane, ehe er mit dem Wagen die Schmiede verließ und darauf wartete, dass Philip das Tor abschloss.

»Bringen wir es hinter uns«, murmelte er und straffte die Schultern.

Sie sprachen kein Wort, während sie die Hauptstraße überquerten. Als sie in die schmale Gasse, die zum alten Turm hochführte, einbogen, atmeten sie beide erleichtert auf. Kein Mensch war hier zu sehen. Philip half dem Vater, den Wagen das steile Stück hochzuziehen. Nur ihre Schritte und das Knirschen der Räder waren zu hören.

»Wo sind eigentlich Jacob, Johann und Josua?«, fragte der Vater plötzlich.

Philip, dessen Gedanken um nichts anderes als den Inhalt des Wagens kreisen konnten, fuhr erschrocken zusammen.

»Junge, Junge«, lachte Feodor und schüttelte den Kopf. »Du bist aber schreckhaft heute.«

Philip grinste verlegen zurück.

»Josua ist im Turm, Jacob und Johann plündern gerade den Kirschbaum«, erklärte er, froh darum, dass vor dem Abendessen mit keinem der drei zu rechnen war.

»Sag bloß, die kommen auf den Baum rauf!«

»Doch. Sehr zum Leidwesen ihrer Kameraden.«

»Wann warst du zum ersten Mal auf dem Baum?«

Philip zögerte. Wollte sein Vater jetzt wirklich über derlei unwichtige Dinge sprechen?

»Vor etwa zwei Jahren«, antwortete er. »Als ich endlich groß genug war und hoch genug springen konnte, um den untersten Ast zu erreichen.« Er erinnerte sich noch gut an diesen Tag, denn damals war ihm zum ersten Mal aufgefallen, dass er so groß wie sein Vater war. »Jacob und Johann klettern am blanken Stamm hoch«, berichtete er. »Ich weiß nicht, wie sie sich überhaupt festhalten können.«

Feodor lachte. Die Ablenkung war ihm gelungen. Philip atmete wieder gleichmäßig und gelöst, und die Anspannung in seinem Gesicht war verschwunden.

Als sie jedoch um die nächste Ecke bogen, wäre Philip um ein Haar wie angewurzelt stehengeblieben, denn er erkannte schon von weitem zwei Nachbarinnen, die schwatzend vor ihrem Haus standen. Eine der beiden entdeckte sie sofort und winkte ihnen zu. Es war Edeltrud, die in der ganzen Stadt als Klatschweib bekannt war. Feodor zog Philip, dessen Herz wild in der Brust hämmerte, unnachgiebig weiter. Um sich zu beruhigen, atmete er langsam ein und aus und wieder ein und aus. Freundlich lächeln, beschäftigt tun und weitergehen, dachte er, aber seine Knie waren weich und das Lächeln, zu dem er sich zwang, tat ihm jetzt schon weh.

»Wenn wir dort sind, lenkst du sie ab, und ich bringe den Wagen in den Schuppen«, zischte der Vater. »Lass dich nicht auf ihr Geschwätz ein.«

Philip spürte die Hitze, die sich hinter seinen Ohren breitmachte und hoffte, dass sein Gesicht nicht wieder zu glühen anfing.

»Ach, die Gordinian-Männer«, rief Edeltrud und sorgte somit dafür, dass jeder, ob auf der Straße oder im Haus, bescheid wusste. »Wo ist denn die Phine?«, brüllte sie ebenso laut in breiter Waldoria-Mundart. »Wir wollten sie zum Tee bei Martha abholen, wo doch morgen Sonntag ist.«

»Grüß dich, Edeltrud«, sagte Feodor, als sie nahe genug herangekommen waren. »Phine ist nicht da. Dem Matthias seine Elvira bekommt heut ihr Kind.«

Philip war erstaunt über die Ruhe, die sein Vater selbst in dieser Situation ausstrahlte.

»Ach, heut schon«, murmelte Edeltrud.

Feodor steuerte den Wagen an ihr vorbei, um ihn in den Schuppen zu schieben, da streckte sie die Hand nach der Plane aus.

»Sag mal Feodor, ist das mein Rechen da auf deinem Wagen?«

Philips Herzschlag setzte für zwei Takte aus. Aber sein Vater war auf Zack und schob den Wagen wie zufällig in die andere Richtung, so dass Edeltrud das Ende der Plane nicht zu fassen bekam.

»Tut mir leid«, knurrte er. »Den hast du dermaßen verbogen, das dauert noch.« Den kurzen Moment, den sie brauchte, um sich ihrer Freundin zuzuwenden und verschwörerisch zu grinsen, nutzte er, um den Karren durch die Schuppentür zu schieben und diese hinter sich zu schließen.

»Feodor!«, rief Edeltrud aufgebracht.

Philip hatte nicht einmal Zeit, erleichtert durchzuatmen, als sie sich schon zu ihm umdrehte.

»Was ist denn mit dem los?«

»Nichts«, antwortete Philip so unschuldig wie möglich.

»Früher hat er nie so lange gebraucht, um mein Werkzeug zu reparieren. Und dann versteckt er sich auch noch in seinem Schuppen!« Sie rüttelte an der Schuppentür. »Feodor!«

»Er hat …« Hektisch suchte Philip nach einer Ausrede, mit der sich dieses Weib zufriedengeben würde. »Er ist krank … Fieber! Schon seit Tagen. Vermutlich ist es ansteckend.«

Edeltrud wich einen Schritt zurück.

»Ich muss gehen, Mutter hat gesagt, er muss ins Bett … Tut mir leid, wegen des Rechens …«, stammelte er, eilte ins Haus und drückte eiligst die Tür zu.

Er hörte noch, wie Edeltrud zu ihrer Freundin sagte: »Das kommt davon, weil der Bub immer noch zur Schule geht. Den hätt der Feodor schon vor Jahren in die Lehre nehmen können. Stattdessen …«, dann hatte er den Riegel von innen zugeschoben und rannte durch die Hintertür hinaus und in den Schuppen.

Im dämmrigen Licht sah er seinen Vater das Werkzeug vom Wagen heben.

»Das ist wirklich ihr verdammter Rechen«, brummte er, ohne sich umzudrehen.

Philip blieb andächtig vor dem Wagen stehen. Das Kind war wach und bewegte unbeholfen seine Ärmchen, gab aber keinen Ton von sich.

»Wo legen wir sie jetzt hin?«, überlegte Feodor.

»In meine Kammer, da haben sie Ruhe. Ich kann ja bei den Zwillingen schlafen«, schlug Philip vor. Die Aussicht mit Jaden und Jaris ein Zimmer zu teilen, war zwar nicht sehr erbaulich, aber für diese goldhaarige Fee war er zu jedem Opfer bereit.

»Also gut, hilf mir, sie vom Wagen zu heben, dann trage ich sie rauf. Du bringst den Säugling.« Der Vater nahm das Kind von ihrem Bauch und legte es behutsam zur Seite. Sofort begann es leise zu wimmern, aber für lautere Töne schien ihm zum Glück die Kraft zu fehlen.

Vorsichtig zogen Feodor und Philip die Fee an den Rand des Wagens. Sie öffnete kurz die Augen, als Feodor seinen Arm unter ihre Schultern schob. Ihr Kopf sank kraftlos gegen seine Brust. Philip raffte mit zitternden Händen ihr blutiges Kleid, bis der Vater den anderen Arm unter ihre Beine geschoben hatte. Er wünschte sich, er könnte dieses Wesen genauso in seinen Armen halten. Wehmütig sah er seinem Vater nach, bis er hinter der nächsten Tür verschwunden war.

Das Kind begann zu weinen, und Philip besann sich auf seine Aufgabe. Vorsichtig hob er das winzige Geschöpf hoch. Bisher hatte er ihm wenig Beachtung geschenkt, doch als er es jetzt ansah, hörte es auf zu greinen und blickte ihm aus veilchenblauen Augen entgegen.

Als die Zwillinge zur Welt gekommen waren, war Philip zwölf Jahre alt gewesen. Er erinnerte sich noch gut an diese Zeit. Er konnte sich aber nicht erinnern, dass sie ihn jemals so angesehen hätten.

»Ich helfe dir.« Es war ein Versprechen. Ein Gelübde, ähnlich dem, das zur Weihe eines Kindes am Tag der Wintersonnwende in der Kirche abgelegt wurde. Und es war nicht weniger bindend. Zufrieden gähnte das Kind, und Philip folgte dem Vater die schmale Treppe hinauf.

Dieses Feenwesen in seinem Bett zu sehen brachte Philip ein weiteres Mal vollends durcheinander. Einerseits war er froh und stolz und sehr zufrieden mit seiner Rolle als Zweitretter und edelmütiger Kavalier, der sein Schlafgemach hergab, andererseits war er verlegen und wusste nicht, ob dieses wunderschöne, edle Wesen nicht deutlich bessere Betten gewohnt war. Außerdem fürchtete er, dass er und sein Vater etwas falsch machen könnten. Etwas, was womöglich ihren Tod bedeuten würde.

»Leg das Kind wieder auf ihren Bauch«, sagte Feodor. Philip sah den Säugling noch einmal an, und wieder begegnete ihm dieser klare, wissende Blick. Auch als das Kind auf dem Bauch seiner Mutter lag, ließ es Philips Blick nicht los.

»Mach’s gut, Elbchen«, flüsterte er und strich ihm sanft über die Wange. Dann trat er einen Schritt zurück und überließ alles Weitere seinem Vater.

Gemeinsam verließen sie wenig später das Zimmer. Hinter der Tür blieben sie stehen und sahen sich an. Sie hatten es geschafft. Sie hatten eine Elbin und ihr Kind, ungesehen von Passanten und adleräugigen Tratschweibern, in ihr Haus gebracht. Alle Anspannung der letzten Stunden fiel von ihnen ab. Plötzlich mussten sie lachen.

»Und jetzt stehlen wir das Nachthemd des Königs«, witzelte Philip.

»Aber das wird dem nackten Kind nicht passen«, gab Feodor trocken zurück und schlug Philip mit der flachen Hand anerkennend auf den Oberarm. »Lass uns auf dem Dachboden nachsehen, was von euren Hemdchen und Windeln dort noch herumliegt.«

Der staubig stickige Geruch auf dem Dachboden begrüßte Philip und erinnerte ihn daran, dass er erst vor wenigen Stunden hier gelesen hatte. Damals erschien ihm hier alles, wie ein verborgenes Paradies, jetzt erdrückte ihn die Hitze, die sich unter den Schindeln staute.

Zielstrebig steuerte sein Vater direkt auf das verborgene Deckennest zu und öffnete den ersten windschiefen Schrank. Philip wusste, dass in dem Schrank nichts weiter als ein dreibeiniger Stuhl stand. Trotzdem schaute er seinen Vater in der Hoffnung auf ein Wunder über die Schulter.

»Da steht der Stuhl also. Erzähl bloß deiner Mutter nicht, dass wir ihn gefunden haben, sonst muss ich dieses marode Erbstück doch noch reparieren …«

»Meine Lippen sind versiegelt.«

Der Vater riss die nächste Schublade auf und kam, weil er auch darin nicht fündig wurde, immer näher an Philips Versteck heran. Dass seine Mutter wusste, wo er sich versteckte, war seit heute klar, aber in wenigen Minuten würde auch der Vater das Geheimnis kennen, dachte Philip wehmütig.

Er durchstöberte gerade sämtliche Schubladen, ohne jedoch weiter auf das Deckennest zu achten.

Philip hielt den Atem an, als er plötzlich die Schublade herauszog.

»Pal’dor«, las der Vater laut.

»Ich … äh …«, stammelte Philip. Aber Feodor hatte das Buch bereits zurückgelegt.

»Das Buch solltest du lesen. Vielleicht steht etwas drin, was wir wissen müssen.«

Etwas verdutzt schaute Philip seinen Vater an. »Lehrer Theophil hat es mir erst heute mitgegeben.«

»Weiser Theophil! Ich glaube ja schon lange, dass er ein klein wenig in die Zukunft sehen kann.«

Plötzlich entdeckte Philip in einer Nische etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte. »Ich hab was«, rief er und zerrte eine verstaubte Wiege hervor.

»Wo die ist, wird bestimmt auch der Rest sein.« Feodor begann die Schränke in der Nähe zu durchwühlen und fand bald darauf einen Leinensack, in dem viele kleine Hemdchen und Wickeltücher eingelagert waren.

Mit reicher Beute stiegen sie die Treppe hinunter und breiteten alles auf dem Küchentisch aus. Obwohl die Sachen in einem Leinensack im Schrank aufbewahrt worden waren, war das meiste ziemlich angestaubt. Feodor kratzte sich am Kopf und begann die Kleidung zu sortieren. Als er alles hatte, was er brauchte, klemmte er es sich unter den Arm und ging nach oben. Philip konnte nicht widerstehen, seinem Vater zu folgen.

Feodor legte erst eine Decke dann das Kind auf den Tisch, der in Philips Zimmer unter dem Fenster stand. Vorsichtig schälte er es aus den Fetzen, in die es notdürftig gewickelt war. Philip stutzte. Das kleine Elbchen sah anders aus, als seine Brüder es in dem Alter getan hatten. Es war etwas ganz Besonderes.

Ein Mädchen!

Ein kleines Mädchen hatte es unter diesem Dach noch nicht gegeben.

Beim Anziehen jammerte es, und Philip fürchtete, der Vater mit den großen Händen könnte ihm wehtun.

»Schau, sie ist wie alle Kinder, sie mag einfach nicht angezogen werden«, sagte Feodor lächelnd. »Dabei ist das gar nicht schlimm, und du wirst sehen, kleine Fee, danach fühlst du dich bestimmt viel besser«, flüsterte er, wickelte den Rest der Windel um ihren Bauch und schnürte die Bänder des Hemdchens darüber zusammen. Dann steckte er die Beinchen in etwas, das wie ein kleiner Sack aussah, und band auch diesen fest. Zum Schluss setzte er ihr noch ein winziges Mützchen auf und hob sie hoch.

»Jetzt siehst du wie ein richtiger kleiner Mensch aus«, sagte er und legte sie zurück auf den Bauch ihrer Mutter. »Ein etwas weniger blutiges Kleid wäre für sie wahrscheinlich auch nicht schlecht, aber ich denke, damit warten wir doch lieber auf deine Mutter.« Er sah Philip mit einem Augenzwinkern an. »Allerdings müssen wir ihr Wadenwickel machen, damit das Fieber etwas nachlässt.« Er zog Philip aus dem Zimmer.

Gemeinsam gingen sie in die Küche hinunter. Feodor bereitete die Wadenwickel vor und stieg dann noch einmal nach oben. Diesmal blieb Philip auf dem Hocker in der Küche sitzen. Um sich abzulenken, trennte er die sauberen Windeln von denen, die erst noch gewaschen werden mussten. Doch er konnte nicht umhin, sich vorzustellen, wie sein Vater der Elbin das Kleid bis zu den Knien hochschob, um die kalten Tücher anzubringen.

»Was für ein Tag«, murmelte er.

Der Stapel mit den sauberen Sachen war deutlich kleiner als der andere, also musste der Waschtag wohl oder übel vorgezogen werden. Philip zündete ein Feuer an und stellte den großen Wassertopf auf den Ofen, als sein Vater in die Küche kam und sich schwer auf einen Hocker sinken ließ.

»Wir haben zwei Märchenwesen im Haus. Wie lange wird es dauern, ehe die halbe Stadt das weiß?«, fragte er.

»Hm«, machte Philip. »Eine Geschichte dazu würde es schon geben, aber die kommt erst in die Stadt, wenn Elvira ihr Kind hat.«

»Aha …«, sagte der Vater, »und was ist das für eine Geschichte?«

Philip grinste. »Ich habe Elvira erzählt, deine entfernte Cousine wäre mit ihrem Kind überraschend bei uns aufgetaucht.«

Der Vater sah ihn skeptisch an.

»Sie hat mich ausgefragt!«, verteidigte sich Philip. »Was hätte ich ihr sonst erzählen sollen?«

»Ich mach dir doch keine Vorwürfe. Bis deine Mutter wiederkommt, müssen wir trotzdem versuchen, unsere Gäste auch vor deinen Brüdern geheim zu halten, dann überlegen wir gemeinsam, wie es weitergeht.« Feodor kratzte sich am Kopf. »Wenn das nur gutgeht.«

»Die Wäsche und die Wiege sollten wir in diesem Fall erst mal in das Zimmer der Elbin stellen«, meinte Philip und räumte die Sachen vom Tisch. »Weiß Ruben eigentlich, dass du in den Wald gehst?«, fragte er unvermittelt.

»Nein!«, brummte Feodor. »Wo denkst du hin. Was ich im Wald tue, nennt sich Wildern und kann mich meinen Kopf kosten.«

Nach der Gutenachtgeschichte für die Zwillinge ließ sich Philip auch noch von Josua dazu überreden, eine Geschichte von Thomas dem Waldläufer zu erzählen. Jacob und Johann hörten zu, obwohl sie sich erst noch über Josua lustig gemacht hatten. Alle fünf schliefen schon, als Phine erschöpft nach Hause kam. Philip setzte sich müde zu seiner Mutter an den Küchentisch.

»Das ging doch schnell bei Elvira«, sagte er.

»Ja …«, antwortete Phine. »Wie geht es unseren Gästen?«

»Es ist ein Mädchen«, erwiderte Philip, und seine Mutter lachte.

»Ich muss nach ihnen sehen. Dein Vater sagte, sie wäre am Nachmittag ein paar Stunden wach gewesen.« Damit ging sie nach oben, und Philip blieb alleine in der Küche zurück.

Nachdem er eine Weile Löcher in die Luft gestarrt hatte, dachte er daran, sein Buch vom Speicher zu holen. Es gab sowieso keine Geheimnisse mehr, und das Wissen würde ihnen von Nutzen sein. Aber er war so erschöpft, dass er stattdessen den Kopf auf der Tischplatte ablegte.

Er erwachte, als er die Schritte seiner Mutter auf der Treppe hörte. Schnell rieb er sich die Augen und versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Sein Nacken fühlte sich steif an, und auf einer Wange spürte er deutlich den Abdruck der Tischkante.

»Wie geht es ihr?«, fragte er.

Phine sah besorgt aus, sie wiegte den Kopf hin und her. »Sie hat Fieber, sie hat Schmerzen, und sie hat Angst«, sagte sie. »Und sie weiß gar nichts von Kindern und vom Kinderkriegen. Wenn ich sie richtig verstanden habe, ist ihr Kind, das erste Kind überhaupt, das sie aus der Nähe gesehen hat.« Die Hebamme seufzte. »Und ich weiß in dieser Hinsicht nichts von Elben … also werde ich für Mutter und Kind das tun, was ich für jede andere Mutter und ihr Kind auch tun würde, und hoffen, dass es reicht.«

Philip stutzte. In dieser Hinsicht? Gab es denn eine Hinsicht, in der seine Mutter etwas über Elben wusste?

»Ich habe ein Buch, aber ich habe noch nicht viel darin gelesen …«, sagte er, dann fiel ihm etwas ein. »Das Elbenkind, Mutter, es hat mich direkt angesehen …«

»Lume’tai«, sagte Phine. »Die Kleine heißt Lume’tai, das heißt Sternenglanz oder Sternenstrahl, hat sie mir gesagt. Du hast recht, sie ist ein besonderes Kind, kein Menschenkind kann einen so ansehen, schon gar nicht, wenn es noch so jung ist.«

Philip wagte nicht zu fragen, wie die Elbin hieß, denn er fürchtete, rot zu werden. Deshalb nickte er nur und sagte gar nichts. Seine Mutter holte die Teekanne vom Herd und brachte sie auf den Tisch. Sie stellte drei Tassen dazu und setzte sich.

»Wir müssen darüber reden, wie es weitergeht«, sagte sie.

Wie aufs Stichwort trat Feodor in die Küche.

»Ich habe schon gehört, dass ihr euch fürs Erste etwas ausgedacht habt«, begann Phine. »Aber was meint ihr, wie lange wir es schaffen, diese Lügen aufrechtzuerhalten?«

Lügen … , dachte Philip empört. Das klang ja gerade so, als hätte er irgendeine Wahl gehabt, etwas anders zu erzählen.

»Wenn sie gesund ist, geht sie sowieso wieder weg«, brummte er beleidigt. »So lange sollten meine Lügen Bestand haben.«

»Erzähl mir noch mal, was du Elvira erzählt hast«, forderte die Mutter ihn auf, ohne auf seinen beleidigten Ton einzugehen. Der Vater nickte ihm aufmunternd zu. Philip verzog das Gesicht und schilderte dann, wie Elvira ihn ausgefragt hatte und von der Geschichte, die er ihr aufgetischt hatte, in der die Base und ihr Mann unterwegs überfallen worden waren. Weil er den zweifelnden Blick seiner Mutter bemerkte, schmückte der die Geschichte noch weiter aus. In der Wolfsschlucht südlich von Waldoria hatten Diebe das junge Paar überrascht. Er war bei dem Versuch, seine hochschwangere Frau zu verteidigen, in der Schlucht abgestürzt, aber ihr war die Flucht geglückt. Durch den Schock und die Anstrengung war das Kind zu früh zur Welt gekommen, und die Base hatte es gerade noch so bis Waldoria geschafft.

»Hast du schon mal daran gedacht, dich als Geschichtenerzähler bei Hof vorzustellen?« Feodor lachte und handelte sich damit einen tadelnden Blick von seiner Frau ein.

»Wir können nicht endlos Geschichten erfinden, irgendwann finden wir uns in unserem eigenen Lügengarten nicht mehr zurecht.«

»Aber wir können auch nicht sagen, dass ich beim Wildern auf der Flucht vor den Jägern des Königs zu weit in den Wald gelaufen bin und da eine blutende Elbin und ihr neugeborenes Kind gefunden habe«, brauste Feodor auf. »Mal abgesehen davon, dass wir mit einem solchen Fund die ganze Stadt in Aufruhr versetzen würden«, fügte er ruhiger hinzu.

Philip staunte über seinen sonst so besonnenen Vater.

»Also gut«, lenkte Phine ein. »Es bleibt uns sowieso nichts anders übrig, als bei Philips Geschichte zu bleiben, denn es gibt nichts, worüber man besser tratschen kann als über Widersprüche.«

»Wenn’s nur Elvira wäre«, seufzte Feodor. »Aber wir haben beim Nachhausekommen auch noch Edeltrud getroffen.«

»Was hast du der erzählt?«, rief Phine und musterte Philip streng.

»Er hat ihr nur gesagt, dass ich krank bin«, sprang der Vater ein. »Das hatte ich Ruben bereits erzählt.«

»Ja, und wo ist dann das Problem?«

»Sie hat nur uns beide gesehen. Keine Frau, kein Kind«, erläuterte Philip. »Daran wird sie sich erinnern, wenn …«

Seine Mutter winkte ab. »Wenn’s nur darum geht, dann erzählen wir, dass ich deines Vaters Base vorhin mitgebracht habe.«

»Ach …«, spöttelte Feodor.

Philip grinste.

Josephine warf beiden einen vernichtenden Blick zu, schmunzelte dann aber auch. »Wissen die Buben etwa schon …«

»Nein.«

»Dann ist ja gut. Jetzt müssen wir uns nur noch gegenseitig unseren Tagesverlauf erläutern, damit wir uns nicht in Widersprüche verwickeln und damit wir die Realität nicht gänzlich aus den Augen zu verlieren«, sagte Phine. »Zuallererst würde ich gerne wissen, wo du sie gefunden hast.«

»Jar’jana?«, fragte Feodor.

Jar’jana, rauschte es in Philips Ohren. Der Name klang eigenartig und fremd, gleichzeitig lieblich wie Musik. Sein Herz schlug schneller, als er an ihr bleiches Gesicht dachte. Bei dem Gedanken an ihren schmalen Körper und das blutverschmierte Kleid krampfte sich sein Magen zusammen.

Es dauerte eine Weile, bis er merkte, dass der Vater bereits zu erzählen begonnen hatte.

»… Morgengrauen, da hatte ich auf der Lichtung einen jungen Rehbock im Visier, als der plötzlich von einem fremden Pfeil getroffen, vorne einknickte. Eine Weile geschah nichts, dann brachen einige Reiter aus den Büschen und jagten das verletzte Tier, aber keiner gab den tödlichen Schuss ab. Die Reiter gehörten zu einer königlichen Jagdgesellschaft. Der König selbst ritt mit.« Die Mutter zog scharf die Luft ein, aber der Vater redete weiter. »Die ganze Jagdgesellschaft preschte dem Bock hinterher in den Wald. Mir war klar, dass ich so schnell wie möglich verschwinden musste, als in der Ferne plötzlich ein Horn erschallte. Augenblicklich donnerten die Reiter wieder über die Lichtung zurück und entfernten sich nach Norden.«

Phine gab einen erstickten Laut von sich.

Feodor lächelte sie besänftigend an. »Als sie an meinem Versteck vorbei waren«, fuhr er fort, »habe ich mir meinen Wagen geschnappt, aber auf direktem Weg zurück konnte ich jetzt nicht, also bin ich erstmal tiefer in den Wald hineingelaufen.«

Philip beugte sich vor und lauschte gespannt.

»Ich war bereits weiter vorgedrungen, als jemals zuvor. Die Bäume wurden größer und es gab keinen Busch mehr, in dem ich mich hätte verstecken können, als ich plötzlich ein Kind weinen hörte.« Feodor machte eine kurze Pause, um einen Schluck von seinem Tee zu trinken. »Ich bin dem Geräusch gefolgt, und da lagen sie. Jar’janas Atem ging so flach, dass ich im ersten Moment glaubte, sie wäre tot. Aber als ich sie auf den Wagen heben wollte, wachte sie auf. Sie wehrte sich so lange, bis sie wieder das Bewusstsein verlor. Mit einem weiten Hacken nach Süden habe ich mich dann zurück zur Stadt durchgeschlagen. Es hat fünf Stunden gedauert, bis ich in der Schmiede war …« Erschöpft strich sich Feodor über die Augen. »Den Rest der Geschichte kennt ihr ja.«

»So weit im Wald bist du gewesen?« Phines Stimme klang besorgt und vorwurfsvoll.

Feodor zuckte mit den Schultern. »Der Wald … ich weiß auch nicht, wie ich es beschreiben soll. Er war freundlich zu mir. Vielleicht ist er doch nicht so wild und gefährlich, wie wir alle hier glauben.« Er lächelte sie zärtlich an.

Phine nahm seine Hand und presste sie an ihre Lippen. Philip sah verschämt zur Seite. Was für ein verwirrender Tag.

»Philip! Der heutige Tag war für uns alle eine Herausforderung. Du warst mir und deinem Vater eine große Hilfe. Danke«, sagte seine Mutter milde.

Er wehrte ab, freute sich aber trotzdem über das Lob. »Andere machen eine Lehre oder verdienen Geld, während …« Weiter kam er nicht, denn Phine unterbrach ihn.

»Andere sind nicht du. Du bist klug und solche Tage wie heute machen deinem Vater und mir besonders deutlich, wie wichtig es ist, dass du die Möglichkeit erhältst, dich weiter zu entwickeln. Darum haben wir beschlossen, dass du noch in diesem Sommer ins Monastirium Wilhelmus gehen sollst, um deine Studien fortzusetzen. Was denkst du?«

Philip war sprachlos. Eines Tages im Monastirium Wilhelmus zu studieren, war ein heimlicher Traum von ihm. Ein Traum, den er nie zu Ende zu träumen wagte, denn das Studium war für all jene, die nicht als Mönch dem kirchlichen Orden beitreten wollten, sehr teuer. Wie kam seine Mutter nur ausgerechnet jetzt darauf? Hatten sie nicht genügend andere Sorgen?

»Aber«, stammelte er. »Wie … ich meine … gerade jetzt …«

»Ach Junge«, sagte Feodor. »Lass uns ein andermal in Ruhe darüber reden. Heute ist es spät, und morgen wird ein langer Tag. Lasst uns ins Bett gehen.«

Phine räumte die Teetassen in den Spülstein. »Ich werde noch einmal nach Jar’jana sehen und dann versuchen, ein paar Stunden zu schlafen.«

»Gute Nacht«, sagte Feodor und machte sich auf den Weg ins Schlafgemach.

Philip schlich die Treppe leise nach oben. Vor seinem Zimmer, in dem jetzt die Elbin lag, blieb er stehen und lugte durch die angelehnte Zimmertür. Jar’jana lag im Bett und bewegte sich nicht. Seine Mutter saß auf der Bettkante, ihre Hand tastete nach der Stirn der Elbin. Plötzlich raschelte es und Jar’jana hob den Kopf. Ihr Haar floss wie ein Wasserfall über ihre Schulter, als sie sich auf den Ellbogen stützte und in die Wiege sah. Das viel zu weite Nachthemd, das sie jetzt trug, tat ihrer überirdischen Schönheit keinen Abbruch. Ihm wurde heiß und kalt.

»Ihr solltet versuchen, sie anzulegen«, sagte seine Mutter leise.

Aus großen Augen, sah Jar’jana sie an, dann huschte ihr Blick zur Tür. Philip fuhr ertappt zurück und entfernte sich eilig und mit glühenden Wangen in den Garten. Die Nacht war angenehm lau. Eine ganze Weile stand er nur still da und lauschte den Geräuschen der Nacht. Irgendwo rauften zwei Katzen. Ein Hund bellte in der Ferne, Frösche quakten im Teich. Philips Gedanken drehten sich um Jar’jana. Er malte sich aus, wie es wäre, mit ihr zu sprechen, durch ihr Haar zu streichen. Bin ich verliebt, dachte er. So etwas Dummes. Verliebt?! Das war ja wohl die aussichtsloseste Verliebtheit, die es überhaupt geben konnte. Bestimmt ist sie viel älter als ich, dachte er. Sie ist schließlich gerade Mutter geworden. Sie ist eine Elbin, und ich bin ein Mensch … Aber sie ist so schön. Er seufzte leise. Sein Vater hatte recht, diesen Tag würde er bestimmt nie vergessen, denn er war für ein Märchenwesen entbrannt, das er nicht haben konnte. Trotzdem war es wunderbar, dass es sie gab.

Er drehte sich um und ging zurück ins Haus.

5. Der Auftrag des Königs

Die Burg war strategisch sehr gut angelegt, stellte Agnus fest, als er aus der Stube des königlichen Sekretärs, wo er um eine Audienz mit dem König ersucht hatte, wieder auf den Hof trat. Sie thronte hoch oben auf dem Falkenberg, der steil wie ein Finger aus der Landschaft hervorragte. Nur ein Weg führte hinauf, und das war die gewundene Straße. Das Außenwerk der Burg bildete ein übersichtliches Plateau, das mit nur wenigen Metern fester Mauer und einem gewaltigen Torhaus gesichert werden konnte, den Rest des Schutzwalls übernahm der Berg selbst. Die mittlere Mauer, ebenfalls sehr dick und wehrhaft, zog einen großen Kreis um die Vorburg. Hinter dieser Mauer fiel der Felsen auf nahezu allen Seiten senkrecht ab, nur zum Außenwerk hin senkte er sich sanft. Die Hauptburg war noch einmal durch eine Mauer und massive Tore abgegrenzt und mit einem eigenen Brunnen versehen. Ein Angriff oder eine Belagerung war nicht erfolgversprechend, da es keinen Platz gab, wo ein großes Heer herangeführt werden konnte. Agnus bezweifelte, dass vernünftige Belagerungsmaschinen auf dem Weg überhaupt heraufgeschoben werden konnten.

Als er nun mit großen Schritten den Burghof durchquerte und sich überlegte, ob er sich mit oder ohne sein Pferd in die Stadt begeben wollte, sah er durch das innere Tor und über die mittlere Mauer hinweg, eine lange Kolonne Reiter auf der Straße heraufkommen. Die Jagdgesellschaft des Königs kehrte zurück.

Ihr voraus ritt der König selbst. Er trieb sein schwitzendes Pferd im Galopp an Agnus vorbei bis vor seinen Wohnturm, wo er aus dem Sattel sprang und sofort wütenden Schrittes die Tür hinter sich zuwarf. Schnaubend und stampfend riss sein Pferd den Kopf hoch und versuchte, verängstigt von dem Lärm und dem Durcheinander in dem immer voller werdenden Hof, einen Ausweg für sich zu finden.

Einigermaßen beeindruckt beobachtete Agnus das Treiben, das sich plötzlich überall um ihn herum abspielte. Vor der Tür zum Wohnturm brachte ein weiterer Reiter sein Pferd zum Stehen. Seinem Wappen nach handelte es sich um Herzog Valerian von Erdolstin, den Bruder des Königs. Agnus sah sich weiter um. Die meisten Männer trugen die Wappen der umliegenden Grafschaften auf ihren Jagdrüstungen, nur wenige kamen von weiter her.

»Sei gegrüßt, Agnus von Wildmoortal«, sprach ihn plötzlich jemand von hinten an. Agnus fuhr herum und stand unvermittelt vor Graf Hilmar von Weiden, der, wenn man es so nennen wollte, sein Nachbar war.

»Hilmar! … Schön dich zu sehen an diesem Ort so fern unserer Heimat.« Er hätte damit rechnen müssen, dem Grafen hier zu begegnen. Hilmar von Weiden war seit vielen Monaten von Zuhause fort, und seine Frau hatte erwähnt, dass er sich bei Hof aufhielt.

Der Graf lachte und klopfte Agnus sichtlich erfreut auf die Schulter. »Was machst du hier? Ich nehme an, dass es nicht die Einladung zu König Levians kleinem Fest war, die dich hierhergelockt hat.«

»Einladung zu was?«, fragte Agnus verwirrt. »Nein, eine Einladung habe ich nicht bekommen, dafür ist das Wildmoortal nicht wichtig genug …«

»Oder du bist einfach nicht gesellig genug«, bemerkte Hilmar, der selten auf einer Feier fehlte und sich auch sonst keine Zerstreuung entgehen ließ. Sehr zum Missfallen seiner Frau. Aber Hilmar war auch hilfsbereit und weltgewandt, und Agnus schätzte die Nachbarschaft mit ihm sehr. Die Grafschaft derer von Weiden erstreckte sich von den Helmsholmhügeln über die gesamte Länge des Säbelflusses bis fast zum Engelsee und hatte mehr als die siebenfache Größe des Wildmoortals.

»Du hast recht, ich mache mir nichts aus der feinen Gesellschaft«, erwiderte Agnus schmunzelnd.

»Aber da du schon mal da bist, solltest du heute Abend auf jeden Fall dabei sein.« Ein nachdenklicher Zug beschattete die Miene des Grafen.

»Ach, ich weiß nicht«, wehrte Agnus ab. »Für eine dermaßen edle Veranstaltung habe ich kein Gewand in meinem Reisegepäck.« Eigentlich hatte er vorgehabt, sich heute Abend in Waldoria ein gemütliches Wirtshaus zu suchen und der Gerüchteküche der Städter zu lauschen.

»Das ist keine Ausrede. Meine Truhe ist bis zum Rand voll, da wird sich bestimmt etwas für dich finden. Sei für heute mein Gast. Wo übernachtest du?«

»Mir wurde da ein Gasthaus in der Stadt …«

»Agnus, als Mann deines Standes, wirst du selbstverständlich nicht irgendwo in der Stadt schlafen. Ich nehme an, du bist in einer sehr wichtigen Angelegenheit unterwegs. Darum gehen wir jetzt sofort zum Verwalter. Im Gästehaus des Königs ist zwar einiges los, aber ein Zimmer für dich wird sich bestimmt noch finden. Es wäre doch gelacht, wenn der Baron von Wildmoortal in einer Spelunke haust, während er auf eine Audienz beim König wartet.«

Widerspruch war zwecklos, so viel war klar. Wenn sich Hilmar von Weiden erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann ließ er nicht locker, bis er sein Ziel erreicht hatte. Die Aussicht, dass Agnus im Gästehaus des Königs schlafen sollte, um dann auch noch den Abend mit all den Hochwohlgeborenen zu verbringen, behagte ihm überhaupt nicht.

»Also gut, dann lasse ich mir eben hier ein Zimmer geben«, lenkte er dennoch ein, und als Hilmar ihn erfreut angrinste, fragte er: »Was wird denn heute gefeiert?«

»Na ja, Feier ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Gesellschaft nannte es der König. Nach dem heutigen Tag gibt es einiges, was er erklären oder zumindest bekannt geben will. Aber es wird auch etwas zu trinken geben, und die eine oder andere schöne Dame wird uns bestimmt die Ehre zu einem Tanz erweisen. Das hoffe ich zumindest, denn der König ist da eher so wie du; von großer Geselligkeit hält er nicht viel.«

Agnus wusste nicht, was ihm mehr missfiel. Die Aussicht auf einen steifen Gesellschaftstanz oder eine Gemeinsamkeit mit dem König zu haben.

»Bei seinem Geburtstag vor einem halben Jahr«, redete Hilmar weiter, »ist der König als Erster gegangen, dabei hat sein Barde einiges zu bieten. Es ist wirklich ein Jammer, dass der Bursche nicht öfter zum Einsatz kommt.«

Agnus grinste und meinte: »Den Barden habe ich bereits kennengelernt, der ist wirklich in Ordnung.«

Jetzt lachte Hilmar schallend. »Dann bist du ja doch nicht so ein Trauerkloß, wie ich dachte.«

»Bei einer weiteren Bemerkung dieser Art werde ich dich zum Zweikampf herausfordern müssen.« Agnus versuchte ernst zu bleiben, denn es war gerade diese saloppe Ehrlichkeit, die er an Hilmar mochte.

Der Verwalter, ein dicker Mann mit verkniffenem Gesicht, schrieb mit spitzen Fingern Agnus’ Namen zu den übrigen in das Gästebuch. Immer wieder musterte er dabei den Baron verstohlen, so, als könne er nicht glauben, dass er der war, für den er sich ausgab. Hilmar stand daneben und verwirrte den Mann mit Zwischenfragen und Sonderwünschen.

»Warum musstest du den Mann ärgern?«, fragte Agnus, als sie außer Hörweite waren.

»Ich mag ihn nicht. Er gängelt jeden, der nicht höhergestellt ist, und ist anmaßend«, erwiderte Hilmar. Auf halbem Weg zum Gästehaus blieb er plötzlich stehen. »Wo ist deine Kutsche?«

Agnus lachte los. In einer Kutsche war er zum letzten Mal bei seiner Hochzeitsfeier gesessen.

»Mein Pferd! Das steht gut und sicher.«

»Aber nicht im königlichen Stall, nehme ich an.«

»Natürlich nicht. Die Stallknechte haben schon genug damit zu tun, die erschöpften Pferde eures Jagdausflugs zu versorgen«, bemerkte Agnus spitz.

Hilmar lockerte seinen Kragen. »Darüber möchte ich auch noch mit dir sprechen. Später«, sagte er nachdenklich.

Die Truhe, in der Hilmar seine Kleidung aufbewahrte, war voll mit samtweichen Beinkleidern, reichbestickten Tuniken, so wie mit Gold beschlagenen Mänteln. Gezielt suchte der Graf eine Weile, beförderte dann einen Stapel Wäsche zutage und streckte ihn Agnus entgegen.

»Das hier dürfte dir passen.«

Agnus strich über das seidene Hemd, das zuoberst lag, und überlegte, ob er überhaupt ein dermaßen feingewebtes Hemd besaß. Im Gegensatz zu ihm war Hilmar immer tadellos und standesgemäß gekleidet. Selbst für die Jagd hatte er ein besticktes Hemd unter seinem wappengezierten, ledernen Waffenrock getragen, das jetzt aber deutlich verschwitzt an ihm klebte.

»Danke«, brummte Agnus. Er kam nicht umhin, sich trotz seiner Freundschaft mit Hilmar, wegen dieser Leihgabe unwohl zu fühlen.

»Ach …« Hilmar winkte ab. »Ich freue mich, dich heute hier zu wissen. Ein ehrliches Gesicht zwischen all den heuchelnden Masken zu sehen, ist immer eine Wohltat.« Er zerrte an den Verschlüssen seiner ledernen Armschützer und warf sie auf den Boden, dann setzte er sich auf sein blütenweißes Bett und zog die Stiefel aus. Gedankenverloren betrachtete er seine wackelnden Zehen. »Ich sage dir, das war eine Jagd. So etwas hast du noch nicht erlebt«, seufzte er, während er seine blauen Augen auf Agnus richtete, ohne ihn wirklich anzusehen. »Alles seltsam von Anfang an. Wir hatten keine Treiber dabei, nicht einmal Hunde«, berichtete er. »Vor dem Wald wurden wir in drei Gruppen geteilt. Der Bruder des Königs, Herzog Valerian, ritt mit einer Gruppe nach Norden. Der König blieb mit der zweiten Gruppe vor dem Wald stehen und wartete. Ich war in der dritten Gruppe, deren Führung Graf Bärenbach, dem alten Hochstapler, oblag. Wir ritten eine knappe Meile nach Süden, ehe wir in den Wald einbogen.«

Agnus trat von einem Bein auf das andere. Der abwesende Gesichtsausdruck des Grafen und dessen Bedürfnis, die Ereignisse des Tages zu schildern, beunruhigten ihn.

»Alle waren verwirrt, denn diese Art zu jagen, war keinem geläufig. Bärenbach schien auch gar nicht die Absicht zu haben, nach Wild Ausschau zu halten. Er hielt uns ständig zurück, was die Stimmung deutlich verschlechterte. Jetzt weiß ich, dass er auf etwas ganz anders wartete als wir.« Hilmar schüttelte den Kopf, erhob sich von der Bettkante und stellte sich vors Fenster. »Der Morgen graute«, erzählte er weiter, »als ein Horn zum Angriff blies. Bärenbach schien nur auf dieses Signal gewartet zu haben. Ohne Rücksicht auf uns oder die Pferde bahnte er sich einen Weg durch das Unterholz.« Wieder schüttelte Hilmar den Kopf, starrte aber weiterhin aus dem Fenster. »Wahnsinn, absoluter Wahnsinn sage ich dir. Ich dachte, dass sowohl der Herzog von Erdolstin, von dessen Gruppe das Signal kam, als auch Bärenbach den Verstand verloren hatten. Schließlich befanden wir uns auf der Jagd und nicht im Krieg, aber als wir bei den anderen ankamen, sah es im Wald tatsächlich wie auf einem Schlachtfeld aus. Felhorn und Wilberg bluteten aus frischen Wunden, und überall auf dem Boden lagen so viele Pfeile herum, als hätte eine Hundertschaft Bogenschützen auf Herzog von Erdolstin und seine Truppe gewartet.«

Nun drehte sich Hilmar zu Agnus um, und zum ersten Mal, seit er zu erzählen begonnen hatte, sah er ihm in die Augen. »Aber was für Pfeile das waren … Einen habe ich mitgenommen, der liegt noch in meiner Satteltasche.« Mit wenigen großen Schritten durchquerte der Graf den Raum und begann in seinen Taschen zu wühlen. »Mein Neffe, Vinzenz von Hohenwart, war mit der Gruppe des Herzogs geritten. Du kennst Vinzenz. Er ist ein vernünftiger Mann«, sagte Hilmar und sah Agnus eindringlich an.

Natürlich kannte Agnus Vinzenz von Hohenwart, er war sein zweiter Nachbar. Nur, dass Vinzenz sich auch hier auf der Burg aufhielt, wusste Agnus nicht.

»Auf dem Rückweg hat er mir erzählt, dass etwa ein Dutzend eigenartig gekleidete und noch seltsamer aussehende Wesen wie aus dem Nichts im Wald auftauchten und der Herzog sie sofort angriff. Aber genau so plötzlich, wie sie erschienen waren, waren sie auch wieder verschwunden. Ein einziges dieser Wesen soll all die Pfeile verschossen haben. Die Männer mussten hinter den Bäumen in Deckung gehen.« Der Graf presste die Lippen zu einem Strich zusammen. »Kannst du dir vorstellen, dass jemand so schnell schießen kann, dass er fünfzehn Mann damit in Schach hält?«

Agnus verneinte.

Hilmar begann wieder in seiner Tasche zu wühlen. Dabei redete er weiter. »Den ganzen Vormittag waren wir auf der Suche nach einer Spur dieser seltsamen Kreaturen. Irgendwann kam die königliche Wache hinzu, aber gefunden haben wir nichts. Nur diese wunderschönen Pfeile.« Hilmar hielt den Pfeil in seiner geöffneten Hand.

Der Farbverlauf begann bei einem hellen Braun an der Spitze und verdunkelte sich bis zu den nachtschwarzen Federn am Ende. Die Eisenspitze verband sich durch eingelassene Metallfäden in einem komplizierten Muster mit dem Holz. Als Agnus mit dem Finger über den Pfeil strich, konnte er keinerlei Unebenheiten spüren.

»Was meinst du, wer diese Männer waren?«, fragte er. »Glaubst du, der König hat sie erwartet oder wollte sie abfangen?« Bruchteile alter Geschichten verdichteten sich in Agnus´ Kopf. Gnome liefen durchs Wildmoortal, seltsame Geschöpfe durch den Wald. Plötzlich schien ihm nichts mehr unmöglich.

»Abfangen! Ha!« Hilmar schnaubte. »Die Jagd war ein Vorwand. Der König wollte uns etwas zeigen. Vielleicht wollte er eines dieser Wesen fangen. Gewiss ist, dass wir nur deswegen in den Wald geritten sind. Niemand hat ein Tier geschossen. Wohl aber behauptet Graf Wilberg, dass er den verwegenen Schützen der anderen tödlich getroffen hat.«

»Was denkst du, wird heute Abend über den Vorfall gesprochen?«

»Sicher, Agnus. Sicher. Darum ist es mir auch so wichtig, dass du dabei bist. Ich habe schon den ganzen Tag das Gefühl, den Verstand zu verlieren.« Hilmar lächelte beklommen. »Vinzenz, aber auch einige andere behaupten, die fremden Reiter im Wald gehörten zu dem Alten Volk. Den Elben.«

»Hmm«, sagte Agnus nachdenklich. Und dann noch einmal: »Hmm.«

»Ist das alles, was dir dazu einfällt?«, fragte Hilmar, ungläubig darüber, dass Agnus ihm scheinbar keinen Vortrag über die Unmöglichkeit seiner Behauptung halten wollte.

»Es scheint, dass die alten Geschichten erwachen. Sie werden Wirklichkeit«, erläuterte Agnus, selbst verblüfft von dieser Erkenntnis.

»Was redest du da? Alte Geschichten werden Wirklichkeit? Ich dachte, du seist ein vernünftiger Mann.«

»Das bin ich. Aber sag du mir, wann warst du zum letzten Mal zu Hause?«, fragte Agnus, heftiger als gewollt. »Weißt du denn gar nichts von dem, was sich dort bewegt?«

»Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«, konterte Hilmar, überrascht über den barschen Ton des Freundes.

»Gnome sind im Moor, und falls sie auf deiner Weidenburg noch nicht waren, dann doch bestimmt in den Höfen deiner Untertanen, die näher an den Helmsholmhügeln wohnen als du«, knurrte Agnus.

Hilmar sah ihn fassungslos an. Er wusste, dass Agnus bei Dingen, die sein Land betrafen, keine unüberlegten Schlüsse zog.

»Deshalb bist du hier.«

Agnus nickte ernst.

»Wann hast du deine Audienz beim König?«

»Pfff«, zischte Agnus. »Irgendwann. Vielleicht morgen, vielleicht nächste Woche oder in einem halben Jahr …«

Hilmar fuhr in seine Stiefel und stapfte zur Tür. »Wenn es soweit ist, gehe ich mit dir zum König«, sagte er fest und sah Agnus nachdenklich an. »Bist du dir sicher, dass es Gnome sind?«

Agnus nickte.

»Dann ist dieser … dieser … Mensch auf dem Ebelsberg wirklich ein Zauberer?«

»Davon gehe ich aus.«

Jetzt nickte Hilmar so, als wüsste er, was zu tun sei. »Wir sehen uns nachher«, sagte er und verließ entschlossen den Raum. Eine ganze Weile blieb Agnus noch an derselben Stelle stehen. Er war zufrieden, dass Hilmar ihm geglaubt hatte. Zu zweit konnten sie beim König bestimmt mehr erreichen. Hoffnungsfroher als in den letzten Tagen begab er sich in die ihm zugeteilten Gemächer.

***

»Jetzt hast du den Beweis dafür, dass ich dir den richtigen Mann geschickt habe.«

»Das nennst du einen Beweis? Ein paar sinnlos verschossene Pfeile und zwei verwundete Männer.«

»Es sind keine gewöhnlichen Pfeile, das weißt du so gut wie ich, und ich sage dir, wir haben auch einen von ihnen verletzt …«

»Verletzt? Angeblich verletzt, aber nicht gefangen. Wie soll ich jetzt beweisen, dass es nicht bloß ein paar Landstreicher waren. Ein paar von denen, die eigentlich in meinen Kerker gehören, weil sie meine Steuern nicht bezahlen?«

»Beruhige dich, Bruder. Du bist der König. Die Pfeile und die Augenzeugen werden ausreichen, um zu bestätigen, dass es hier in deinem Land immer noch verborgene Feennester gibt. Deine Nachforschungen haben sich bestätigt, und der Zauberer, den ich dir geschickt habe, hat sich als nützlich erwiesen. Trotzdem bist du unzufrieden!« Herzog Valerian von Erdolstin hatte noch viel mehr zu sagen, aber er versuchte, sich zu bremsen, denn er kannte die schlechte Laune seines Bruders, die auf einen Fehlschlag folgte, nur zu gut.

»Kann ich dieser Kreatur denn überhaupt trauen?«, entgegnete der König zornig. »Genauso gut kann er sich das alles für uns ausgedacht haben. Nach Jahren der Tatenlosigkeit behauptet dieser Dosdravan nun, seine Gnome hätten in den Quellenbergen eine Gruppe Elben aufgestöbert. Er kann mir zwar keinen Beweis dafür liefern, will aber wissen, dass sie bis hierher in den Wald vordringen werden.« Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Seit Jahren saugt er mir das Geld aus der Tasche. Erst will er einen Turm in den Quellenbergen. Dann lässt er sich seine ganze Ausrüstung von Steuergeldern, die mir zustehen, bezahlen. Danach wünscht er sich einen zweiten Zauberer auf dem Ebelsberg, nur weil dort die andere Quelle des Engelsees ist. Ich bezahle also wieder den Aufbau eines Turmes und verbaue mir damit mein schönstes Jagdgebiet. Was meinst du, wie viele brauchbare Hirsche in den Helmsholmhügeln jetzt noch durch die Wälder streichen, nachdem es in der ganzen Gegend von diesen grässlichen Gnomen nur so wimmelt?« König Levians Faust fuhr auf die Tischplatte nieder. »Gibt es in deinem verdammten Land keine Zauberer, die über eine weniger große Gnomschar verfügen?«

Valerian seufzte still und erklärte dann seinem Bruder geduldig, was dieser ohnehin wusste.

»Mächtige Zauberer verfügen nun mal über viele Gnome. Du wolltest einen mächtigen Zauberer, und es waren seine Gnome, die schließlich die Elben in den Quellenbergen aufgespürt haben.«

Der König lachte wild. »Die ganze Brut gehört ausgerottet.«

»Du wirst dich schon entscheiden müssen. Willst du Elben jagen oder Gnome töten?«, erwiderte Herzog Valerian grimmig.

Wütend griff Levian den silbernen Pokal und warf ihn an die Wand. Er hinterließ damit einen dunklen Rotweinfleck an der hölzernen Täfelung.

»Du weißt ganz genau, dass ich keine andere Wahl habe. Ich brauche den Zauberer und die Gnome, um die Elben zu fangen.«

»Dann beschwer dich nicht«, mahnte Valerian. Er war müde und spürte die Erschöpfung eines anstrengenden Tages.

»Aber natürlich beschwere ich mich«, rief König Levian aufgebracht. »Die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen. Die Elben wollen mir mein Land stehlen. Vor meiner Burg liegt ein Ozean aus Bäumen, der ihnen Schutz bietet und von dem aus sie mich jederzeit angreifen können.« Wie ein eingesperrtes Raubtier lief der König in seinem Schlafgemach auf und ab. »Ich bin der König eines Landes, das mir nicht unterliegt. Der Wald gehört den Elben und im Süden regiert der Archiepiskopos, der sich das Oberhaupt der Gläubigen nennt.« Glaub nicht, dass mein Wort dort im Süden von Bedeutung ist. Der Heilige Vater«, Levian zog eine Grimasse, »hat keine Ahnung von der Bedrohung, die hier lauert. Aber dieser machthungrige Scharlatan wäre unverfroren genug, in meinem eigenen Land einen Krieg gegen mich anzuzetteln, wenn er erfährt, dass ich zwei Zauberer hierhergerufen habe.«

Valerian kannte die Verträge, die den ardelanischen König und den Heiligen Vater, den Archiepiskopos, in Eberus banden. Es war ein fünfhundert Jahre alter Pakt, in dem sich die Kirche und die Krone schworen, keine Zauberer im Land zu dulden.

»Er wird es nicht erfahren«, beruhigte er seinen Bruder. »Wenn du, wie ich dir geraten …«

Levian trat wütend gegen einen Stuhl, riss den Beistelltisch um und zerschmetterte einen Krug, dann warf er sich auf sein Bett und vergrub den Kopf in den Händen wie ein Kind.

»Einer von den Verrätern dort draußen läuft bestimmt nach Eberus«, murmelte er erstickt.

»Keiner wird es wagen, Lev. Alle deine Grafen sind an den Eid, den sie dir gegeben haben, gebunden und jeder von ihnen weiß, dass der Archiepiskopos stur genug ist, dir, trotz der Spannungen, die zwischen euch herrschen, jeden Verräter auszuliefern – gleichgültig, was er ihm berichtet.«

Levian rappelte sich auf. Er sah seinen Bruder hinter einem Vorhang aus zerzausten Haaren wütend an.

»Alle, bis auf dich«, zischte er.

»Bist du vollkommen verrückt geworden?«, rief Valerian empört. »Ich bin dein Bruder. Ich würde dich nie verraten, und das weißt du!«

»Nein?«, kreischte Levian zurück. »Und was hast du heute im Wald getan? Die Elben standen vor dir, und du hast sie ziehen lassen.« Verzweifelt grub er den Kopf in die Hände. »Einer! Ein Einziger hätte mir genügt.«

»Lev«, sagte Valerian sanft. Er kannte die plötzlichen Stimmungsumschwünge seines Bruders nur zu gut und war schon immer der Überzeugung gewesen, dass seine Wut nur der Ausdruck tiefer Verzweiflung war. »Ich glaube nicht, dass sie so böse sind, wie du denkst. Sie hätten uns leicht überwältigen können, wenn sie es gewollt hätten …«

»Geh weg, Valerian, dein Anblick macht mich wütend. Ich kann dieses Volk nicht in meinem Land dulden. Auch nicht die Zauberer und erst recht nicht diesen machtgierigen Eunuchen in Eberus. Niemanden, der mächtiger ist als ich, niemanden, der meine Macht nicht anerkennt, und niemanden, von dem ich abhängig bin. Geh weg und bring mir diesen Zauberer, damit ich ihm eigenhändig den Kopf abreißen kann.«

Valerian verließ die Kemenate des Königs langsam und würdevoll, obwohl dieser einen Schuh vom Boden aufhob, um ihn nach ihm zu werfen. Die Drohgebärden seines Bruders und seine Temperamentausbrüche beeindruckten ihn lange nicht so wie dessen Untertanen. Dennoch war der Herzog zornig. Was bildete sich Levian ein, ihm in diesem Ton zu befehlen? Valerian war schließlich nicht sein Untergebener. Er war sein älterer Bruder. Siebter in der Thronfolge des mendeorischen Kaisers. Das Herzogtum von Erdolstin lag jenseits der Grenze hinter dem Kaisergebirge im Westen und gehörte zu Mendeor, der Wiege der menschlichen Zivilisation. Der Name Erdolstin war bis weit über alle Grenzen bekannt, und zu einem nicht geringen Teil war das Valerians Verdienst. Der König von Ardelan, Levian von Vrage stammte aus der zweiten Ehe von Valerians Mutter. Nach dem frühen Tod von Valerians Vater hatte seine Mutter ein weiteres Mal geheiratet, um sein Erbe so lange verwalten zu können, bis er selbst dazu in der Lage war.

Es gab nichts Gutes über den alten Vrage, seinen Stiefvater, zu berichten, außer dass er gut rechnen konnte. Er hatte die Mutter verprügelt, seine Kinder sowieso. Mindestens die Hälfte aller Dienstmägde hatte er vergewaltigt, und wenn sie dann ein Kind erwarteten, hatte er sie rausgeworfen. Zwei Halbschwestern waren frühzeitig gestorben, eine hatte sich vom Turm der Kapelle gestürzt, da war sie zwölf, die andere war sogar noch jünger gewesen, als sie angeblich verunglückt war.

Valerian konnte seinen Halbbruder gut verstehen, als dieser die Vorteile seiner herzoglichen Verwandtschaft nutzte und die zwar nicht besonders schöne, aber immerhin sehr kluge zukünftige ardelanische Königin, Eleonore zur Frau nahm. Diese Heirat war die beste Art, sich seinem Vater restlos zu entziehen.

Viele Jahre hatte Valerian seinen Bruder danach nicht gesehen, da der Herzog im Auftrag des Kaisers in den südlichen Provinzen unterwegs gewesen war. Als er wiederkam, war Levian von dem Gedanken besessen, dass sein Land von diesem feenhaften Volk bedroht wurde. Er hatte eine alte Schriftrolle entdeckt, welche von den Elben berichtete, und später war ihm von irgendwoher noch eine zweite zugetragen worden. Fortan war Levian fest davon überzeugt, in großer Gefahr zu schweben. Er verlangte nach einem Zauberer.

Nun waren Zauberer in Mendeor zwar durchaus bekannt, aber nicht beliebt. Einen Zauberer brauchte man, um ein Haus an einem steilen Berghang zu bauen oder auf sumpfigem Grund. Manchmal riefen die Leute einen Zauberer, wenn das Vieh aus ungeklärten Gründen einging oder kein Regen fiel. Mancher Zauberer behauptete, mit seinen Tränken Totgesagte gesund machen zu können oder aber auch durch seine Beschwörungen jemandem zu schaden, sogar bis hin zum Tod. Die Zauberer waren mit Vorsicht zu genießen und hatten zudem meist ein Gefolge an Gnomen, die noch unbeliebter waren. Deshalb lebten Zauberer abgeschieden in von Menschen kaum bewohnten Gebieten.

In Ardelan hingegen gab es schon seit mindestens fünfhundert Jahren keine Zauberer mehr. Valerian zweifelte nach wie vor an der Richtigkeit, sie wieder ins Land zu rufen und das, obwohl er heute die fremden Wesen, die sein Bruder so sehr fürchtete, mit eigenen Augen gesehen hatte. Den Anblick würde er sein Leben lang nicht vergessen.

Mit ungeahnter Geschwindigkeit waren ihre Pferde durch den Wald herangestürmt, und dabei waren sie beinahe lautlos. Aufrecht saßen sie auf ungesattelten Tieren, in deren Mähnen grüne Bänder eingeflochten waren. Hinter einem Baum verborgen hatte Valerian sie nur wenige Schritte von der Stelle entfernt, an der sie plötzlich zum Stehen kamen, belauert.

Obwohl die Elben kein Wort miteinander gewechselt hatten, waren sie auf Valerians Angriff vorbereitet, doch nur einer von ihnen hatte sich den Menschen entgegengestellt. Seine Pfeile waren so schnell in alle Richtungen geflogen, dass die Menschen es nicht wagen konnten, ihre Deckung zu verlassen. Dabei hatte Valerian aber ständig das Gefühl, dass der Schütze bewusst danebenschoss. Graf Wilberg, dieser übereifrige Hitzkopf, hatte sich natürlich sofort todesmutig in die Schusslinie gestellt und seinerseits auf dieses fremde Wesen geschossen, was ihm einen wohlverdienten Pfeil in seinen Bogenarm eingebracht hatte. Wann es Baron Felhorn erwischt hatte, konnte Valerian nicht genau sagen. Dann, als hätte sich die Erde aufgetan und die Elben samt ihren Pferden verschluckt, war plötzlich alles vorbei. Obwohl der Herzog sofort alles absuchen ließ, war keine Spur mehr von ihnen zu finden gewesen. Bis auf die Pfeile, die überall herumlagen. Staunen, Ehrfurcht aber auch Angst sorgten für eine eigenartig prickelnde Stimmung unter den Männern - bis Levian mit seinem Gefolge eintraf.

Valerian rollte die Augen, als er daran dachte, und machte sich auf den Weg, um einen Boten nach Dosdravan Liminos, dem Zauberer, zu schicken, der bestimmt noch irgendwo im Wald umherirrte. Sollte ihm Levian doch ruhig den Kopf abreißen.

***

»Wenn ich es dir doch sage, er ist mit dem Grafen von … ich weiß es nicht mehr … der, der hier seit Monaten ’rumläuft. Mit dem ist er in das Gästehaus des Königs gegangen, und ich hatte den Eindruck, dass sich die beiden gut kennen.« Beinhart sah Walter grimmig an.

»Du meinst Graf von Weiden? Der, der bald jeden zweiten Abend an der Abendtafel des Königs sitzt? Den meinst du nicht?«, fragte Walter skeptisch.

»Doch genau den meine ich!« Beinhart war ziemlich aufgebracht.

»Eigentlich ist der ja ein netter Kerl, einer, der meine Musik und meine Späße zu würdigen weiß.«

»Darum geht es nicht, du aufgeblasener Trottel. Du hast mir einen Mann ins Haus gebracht, der … der … stell dir vor, der erzählt etwas von uns dem König. Wir hängen wahrscheinlich schon morgen alle beide vor dem unteren Tor.«

»Beinhart, beruhige dich. Was sagt dir deine Menschenkenntnis?«

»Wenn ich Menschenkenntnis hätte, wäre ich dann mit dir befreundet?«, schimpfte Beinhart. »Ich habe nachgefragt. Er heißt tatsächlich Agnus, aber nicht aus dem Wildmoortal, sondern Baron Agnus Ferdinand VON Wildmoortal. Ihm gehört das gesamte verdammte Tal, und schon allein der Anstand gebietet uns eine ordnungsgemäße Verbeugung und ein Hochwohlgeboren oder zumindest ein Herr Baron«, knurrte Beinhart.

»Mist! Aber da hätten wir auch gleich darauf kommen müssen, als er davon gesprochen hat, diesen Zauberer vom Berg zu jagen. Ich dachte mir gleich, dass er für einen Boten ziemlich großspurig daherredet. Und warum zieht sich der Kerl nichts Vernünftiges an?« Während Walter laut überlegte, schaute Hartmut immer finsterer.

»Du hast dir’s also gleich gedacht! Ha! Falls du überhaupt weißt, wie das geht: Denken.«

»Immerhin hat er noch sein Pferd bei mir stehen, und wir waren freundlich zu ihm … und …« Walter machte eine kurze Pause. »Wenn es ihm wichtig gewesen wäre, dass man ihn mit seinen Titeln anspricht, dann hätte er dafür gesorgt, dass wir es tun. Beinhart, überleg mal. Eigentlich war er doch fast schon ein Freund. Komm, schau nicht so finster, es wird schon alles gut sein.«

»Gut?! Gut fühlt sich anders an. Aber vielleicht hast du recht …« Hartmut atmete einmal tief durch. Er verzog sein bärtiges Gesicht und verabschiedete sich mit einem kräftigen Schlag auf Walters Schulter, der diesen beinahe zu Fall gebracht hätte.

***

Ein magerer Junge hatte Agnus ein Schreiben überbracht, in dem stand, dass Hilmar ihn vor der abendlichen Veranstaltung in seinen Gemächern sprechen wollte. Agnus blieb genügend Zeit, um noch einmal nach seinem Pferd zu sehen, ehe er sich umziehen musste.

Langsam schlenderte er durch den inneren Bereich der Burg zu dem hinteren Tor und dann den steilen gepflasterten Weg hinunter zum Platz. Eine Weile schaute er sich die Eingänge und Türen der umliegenden Häuser an, bis er den richtigen entdeckte. Als er den Stall betrat, wieherte Lisia zur Begrüßung. Sie war gut versorgt, das Wasser frisch, und auch Heu war genügend vorhanden. Agnus streichelte ihren Kopf, und sie schnupperte mit der Nase an seinem Wams, in der Hoffnung einen Apfel oder eine Möhre in seinen Taschen zu finden. Agnus hatte immer eine Kleinigkeit für sein Pferd dabei. Schließlich waren sie Gefährten, und Agnus war es wichtig, sein Pferd mit Respekt zu behandeln.

»Du bist mein gutes Mädchen«, flüsterte er seiner Stute ins Ohr, klopfte ihren Hals und wandte sich dann dem Ausgang zu.

Zumindest der Gaul hat einen guten Platz zum Schlafen, dachte er zufrieden und schloss die Stalltür.

»Herr Baron«, hörte er da eine Stimme hinter sich und fuhr herum.

»Ach, du bist es, Walter. Ich sehe, du hast mein Pferd schon versorgt, ich danke dir.«

Walter verbeugte sich und sagte: »Stets zu Diensten.«

Agnus runzelte die Stirn und fing dann an zu lachen. Von den umliegenden Mauern schallte sein Lachen zurück.

»Aber ansonsten geht es dir gut?«, fragte er immer noch lachend.

»Danke der Nachfrage«, antwortete Walter förmlich.

»Du kannst mit dem Unsinn wieder aufhören. Ich habe zur Kenntnis genommen, dass sich ein paar meiner Mängel bis zu dir herumgesprochen haben, aber jetzt ist Schluss damit.«

»Aber …«, sagte Walter, »wenn mich jemand hört. Es geht nicht …«

»Es hat sich nichts verändert seit heute Vormittag. Ich bin immer noch Agnus und du und dein Freund seid bis jetzt immer noch die einzig freundlichen Menschen, die ich auf dieser Burg kennengelernt habe. Dieses Hochwohlgeboren strengt mich gewaltig an, und jetzt soll ich mich auch noch zu diesen Gecken auf dem Fest des Königs gesellen.«

Walter sah Agnus ernst an. »Ich werde auch da sein, und ich werde zu einer angemessenen Anrede verpflichtet sein. Aber ich bin froh, dass ich mich nicht in Euch getäuscht habe, und würde mich noch mehr freuen, Euch an einem anderen Abend wieder beim Mauerwirt zu sehen.«

»Ich werde kommen, aber nur, wenn ich dort nicht Baron sein muss, mein Freund.« Agnus lächelte und legte Walter die Hand auf die Schulter.

»Ich danke dir«, antwortete Walter leise.

In Gedanken versunken lief Agnus zurück in sein Quartier und zog sich um, ehe er sich auf den Weg zu seiner Verabredung mit Hilmar machte.

»Ob du es glaubst oder nicht«, begann Hilmar, »als ich vorhin einen meiner Männer mit einem Brief an meine Frau in die Heimat schicken wollte, habe ich ihm gesagt, dass er sich in den südlichen Provinzen ein wenig umhören soll, weil mir zu Ohren gekommen ist, dass da irgendetwas möglicherweise sein Unwesen treibt. Da fragt er mich tatsächlich, ob ich das Gerücht von den Gnomen gehört hätte, die jetzt überall in den Helmsholmhügeln umherlaufen sollen.« Hilmar presste die Lippen aufeinander.

»Wie ich es dir gesagt habe«, bemerkte Agnus knapp. »Aber wieso wusste er davon?«

»Die Viehzüchter des Königs aus den Helmsholmhügeln haben schon vor Wochen einen Abgesandten ins Schloss geschickt«, fuhr Hilmar fort, »aber der König will ihn nicht anhören. Ich sag dir, Agnus, ich habe meinen Mund fast nicht mehr zubekommen.«

»Wieso hat dir keiner davon berichtet?«, fragte Agnus.

»Sie sagen, sie wären sich nicht sicher gewesen, ob sie selbst sowas glauben wollten, und fürchteten ich würde sie auslachen, wenn sie mir von dem Gerede erzählt hätten.«

»Vielleicht gelingt es uns noch heute Abend, unbefangen mit dem König zu sprechen«, schlug Agnus vor.

»Wir müssen, Agnus! Lieber heute als morgen. Es muss etwas geschehen! Solange es nur die Rinder des Königs betrifft, ist es mir ja noch relativ egal, aber wenn diese Kreaturen jetzt schon im Moor sind, dann treiben sie sich bestimmt auch auf den Wiesen und in den Wäldern entlang des Säbelflusses und vielleicht auch schon in meinem Garten auf der Weideninsel herum.« Aufgeregt lief Hilmar mit großen Schritten im Raum auf und ab.

»Deine Frau ist tüchtig, ich denke, in deinem Garten werden sie noch nicht sein …«

»Du hast recht, Annamarie würde sie, wenn es notwendig ist, mit dem Besen erschlagen oder zumindest mich damit wieder in ihr Schlafgemach scheuchen.« Er grinste beinahe verlegen und fügte hinzu. »Es wäre schon schön, mal wieder zu Hause zu sein.«

Agnus sagte nichts. Für ihn gab es auf der ganzen Welt nur einen Ort, an dem er leben wollte, und es gab auch nur eine Frau, an deren Seite er sein wollte. Amilana. Sie war die Mutter seiner Kinder, und nur mit ihr wollte er alt werden. Aber das Altwerden hatte noch ein paar Jahre Zeit. Sie hatten erst zwei Söhne und eine winzige Tochter, und Agnus konnte sich gut vorstellen, noch ein paar Rabauken mehr in seiner Halle toben zu sehen, und auch noch ein paar Töchter, die so schön werden würden wie ihre Mutter.

Er war noch keine drei Wochen von zu Hause weg, und die Sehnsucht nach seinen Lieben begann bereits, ihn zu quälen.

In der Halle des Königs war einiges los. Die Tische waren eingedeckt, und Agnus und Hilmar begaben sich zu den ihnen zugewiesenen Plätzen, doch während Hilmar ganz selbstverständlich Höflichkeiten oder kleine Scherze mit dem einen oder anderen austauschte, musste sich Agnus beherrschen, um nicht unruhig an den Aufschlägen seines Hemdes zu zupfen. Sein Kragen kratzte, und das Wams war um die Brust herum etwas zu eng, so dass er immer befürchtete, die Nähte könnten bei einer unbedachten Bewegung aufplatzen. Stocksteif setzte er sich auf den Stuhl. Als er sich von da aus umsah, bemerkte er erst, dass die Stimmung im Raum nicht festlich oder erwartungsfroh war, sondern, dass auch einige andere Gäste sehr angespannt wirkten, und viele Gespräche nur im Flüsterton geführt wurden. Er wollte gerade aufstehen, um sich zu Hilmar zu gesellen, als König Levian die Halle betrat. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt und sein Blick flog über die Menge. Einen kurzen Moment lang war Agnus dem König zugetan, weil dieser scheinbar auf eine große Ankündigung seines Erscheinens durch Fanfaren oder Ähnliches verzichtet hatte, doch dann traf ihn der eiskalte Blick aus den blassblauen Augen seiner Majestät, und Agnus gefror das Blut in den Adern. Im gleichen Moment ertönte doch noch eine Fanfare. Das Gemurmel verstummte sofort und alle Blicke richteten sich auf den König. Es war plötzlich so still, dass man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören können.

»Verehrte Gäste.« Die Stimme des Königs ließ Agnus einen weiteren Kälteschauer über den Rücken rieseln. Levians Ton war so schneidend, als ob er ein Todesurteil verkünden und nicht seine Gäste begrüßen würde. »Wie ich sehe, seid ihr zahlreich erschienen, und das ist gut so. Lasst uns beten.« Er nickte dem Episkopos von Waldoria, einem der bedeutendsten Vertreter der Gläubigen im nördlichen Teil Ardelans, zu. Dieser begann in monotonem Singsang, sein Gebet herunterzuleiern. Während Agnus sich noch fragte, warum jemand, der so wenig Begeisterung für seinen Glauben übrighatte wie dieser Mann, ein so hohes Amt in der Kirche einnahm, unterbrach Levian mit einem knappen »Das genügt« die Litanei. Agnus zog unwillkürlich die Augenbrauen hoch, doch der Episkopos trat nur einen halben Schritt zurück und war sofort still.

»Es sind nur ein paar Worte, die ich euch zu sagen habe«, setzte der König an. »Diejenigen, die heute bei der Jagd dabei waren, wissen es schon, und vielleicht hat auch der eine oder andere bereits davon erfahren.« Er machte eine kurze, bedeutungsvolle Pause. »Wir wurden heute von Geschöpfen angegriffen, deren Anwesenheit in diesem Land, ja auf dieser Welt, widernatürlich ist. Manche nennen sie die Alten, andere sagen, es wären Feen, doch die Gelehrten der frühen Tage nannten sie Elben. Jahrhundertelang galten diese Wesen als ausgestorben, doch aus gut unterrichteten Kreisen weiß ich schon seit geraumer Zeit, dass sie wieder zum Angriff auf die Menschheit rüsten. Dass sie es wagen, eine gut gerüstete Truppe am hellen Tag in unmittelbarer Nähe der Falkenburg zu überfallen zeigt, wie fortgeschritten ihre Rüstungspläne sind und dass wir keine Zeit zu verlieren haben.«

Das Murmeln, das sich im Saal erhob, beendete der König mit einer energischen Handbewegung und einem eisigen Blick.

»Zum Schutz von Ardelan und meinem Volke«, erhob sich seine Stimme, »habe ich zwei Fachkundige aus Mendeor kommen lassen. Die Kirche«, er deutete mit dem Kopf auf den Episkopos »hat ihnen die Absolution erteilt, weil sie unserem Land einen großen Dienst erweisen. Diese Männer werden uns mit ihren besonderen Fähigkeiten bei unserem Krieg gegen die Elben beistehen. Mit ihrer Hilfe wird es uns gelingen, das Feenvolk aus seinen Verstecken zu vertreiben.«

Betretenes Schweigen folgte. Fragende Blicke läuteten das erste leise Gemurmel ein. Was für fachkundige Männer mit besonderen Fähigkeiten gab es in Mendeor, die sich auf einen Krieg mit den Elben verstanden? Eine der anwesenden Damen brach mit einem spitzen Schrei auf ihrem Stuhl zusammen, als das Wort Zauberer immer deutlicher zu vernehmen war. Unsicherheit und Angst wurden spürbar.

»In den nächsten Wochen werde ich ein Heer einberufen«, fuhr der König fort. »Ich vertraue darauf, dass ihr alle mir die Männer hierherschickt, die ihr mir, eurem König, im Kriegsfall schuldig seid. Wenn wir die Feen erst in ihren Nestern gestellt und ausgeräuchert haben, wird es zu einer Schlacht kommen, wie es sie seit tausend Jahren nicht mehr gab. Wir werden die Geschichte neu schreiben und die Schlacht, die unsere Vorväter vor tausend Jahren im Wilmustal schlugen, wiederholen. Aber diesmal wird keines dieser Geschöpfe überleben.«

Die Selbstzufriedenheit, mit der der König seine Gäste verunsicherte, und zum Krieg aufrief, ließ Agnus die Fäuste ballen.

»Und nun esst und trinkt.« Mit diesen Worten trat der König hinter seinen rotsamtenen Stuhl und verließ den Saal durch eine kleine Tür in einer Wandnische. Zeitgleich gingen die Türen auf, und die Pagen brachten die Speisen und Getränke. Heftiges Gemurmel erfüllte den Saal.

Agnus ließ sich auf seinem Stuhl zurücksinken. Er spürte, wie eine Naht im Wams nachgab, und leerte den gerade aufgefüllten Weinkelch in einem Zug. In seinem Kopf summten die Worte des Königs – … zum Schutz von Ardelan und meinem Volke habe ich zwei Fachkundige aus Mendeor kommen lassen.

Er fühlte sich leer, hohl und ausgebrannt. Achtzehn lange Tage war er geritten und hatte weder sich noch sein Pferd geschont, doch jetzt würde er unverrichteter Dinge zu seinen Leuten zurückkehren und ihnen erklären, was unerklärlich war. Den »Fachkundigen« mit seiner Gnomenschar, der auf dem Ebelsberg hauste, würden sie nicht loswerden und im Gegenzug musste Agnus dem König auch noch mehr als hundert waffenfähige Männer schicken.

Ein Page füllte seinen Kelch erneut und Agnus kippte den schweren Wein, ohne abzusetzen, in sich hinein. Erleichterung brachte er jedoch auch nicht.

Als Walter Vogelsang seinen zweiten wichtigen Auftritt in diesem Jahr darbot, lag Agnus bereits im Bett. Er hielt die Fäuste geballt und starrte zur Decke, bis die Erschöpfung und der viel zu viel und viel zu schnell getrunkene Wein wirkten und er in einen gnädigen Schlaf fiel.

6. Flimmernde Luft

Philip war müde und unkonzentriert. Zwei Nächte in Folge war er sehr spät zu Bett gegangen und hatte zudem unruhig geschlafen. Die Anwesenheit der Elbin im Haus - in seinem Bett - beherrschte jeden seiner Gedanken und die Notwendigkeit immer darauf bedacht zu sein, kein falsches Wort zu niemandem zu sagen, tat ihr Übriges. Noch nie hatte er seinen Brüdern in so kurzer Zeit so viele Unwahrheiten aufgetischt, ohne mit einem frechen Grinsen zuzugeben, dass er sie genarrt hatte. Dass es sich bei der angeblichen Base um eine Elbin handelte, durfte keiner wissen.

Seine Mutter hatte beinahe den ganzen Sonntag in Jar’janas Zimmer verbracht, und jedes Mal, wenn sie in die Küche gekommen war, wirkte sie nachdenklich und besorgt. Philip wagte gar nicht nachzufragen, wie es ihr ging, lauschte aber angespannt, auf Mutters leise Zwischentöne.

Auch jetzt im Unterricht dachte er nur an Jar’jana. Er merkte zwar, dass sein Lehrer ihn immer wieder tadelnd ansah, aber er konnte einfach nicht aufhören an sie zu denken und zu gähnen.

Als die Mittagsglocke läutete, entließ Lehrer Theophil seine acht Schüler. Es waren ausnahmslos Buben zwischen zwölf und fünfzehn Jahren. Nur die Hälfte von ihnen kam aus Waldoria. Die anderen waren die Söhne wohlhabender Bürger aus den Städtchen Mendebrun und Markt Krontal, einer von ihnen war der jüngste Sohn Baron Felhorns. Laurenz von Felhorn würde gemeinsam mit Philip in diesem Sommer die Klasse verlassen. Soweit Philip gehört hatte, sollte er danach in der Schreibstube des Königs eine Stellung erhalten, da die Mittel des Barons erschöpft waren. Tjalf, der Sohn eines berühmten Arztes, ließ keine Gelegenheit aus, sich über diesen Umstand lustig zu machen.

»Philip, auf ein Wort«, donnerte Theophil, als Philip sich gerade seine Sachen unter den Arm klemmte. Aus dem Augenwinkel konnte er noch Tjalfs hämisches Grinsen sehen. Er schnitt dem Jüngeren eine Grimasse, legte seine Schreibtafel zurück auf das Pult und wandte sich dem Lehrer zu.

Theophil kramte so lange in seinen Unterlagen, bis der letzte Schüler den Raum verlassen hatte, und brummte dann: »Mach die Tür zu!«

Philip gehorchte.

»Was war heute los mit dir? So habe ich dich noch nie erlebt«, kam Theophil ohne Umschweife zur Sache.

»Entschuldigung … ich … ich habe zu wenig geschlafen«, brummelte Philip.

»Ich erwarte Konzentration, wenn du hier bist«, erklärte Theophil und fügte dann milde lächelnd hinzu. »Ich hoffe, es liegt nicht an dem Buch, das ich dir geliehen habe.«

»Nein, ich hatte auch noch nicht viel Zeit, um darin zu lesen«, gestand Philip.

Theophil nickte, sah ihn aber über sein Augenglas hinweg prüfend an. »Du wirst alles, was du heute verträumt hast, bis morgen nacharbeiten. Die Geschichte unseres Landes ist ein wichtiges Thema. Verstanden?!«

Philip nickte.

»Haben deine Eltern entschieden, wie es hiernach weitergeht?«, fragte der Lehrer mit gesenkter Stimme.

»Mutter erwähnte, dass ich im Monastirium Wilhelmus studieren solle. Aber …«

»Das ist gut. Eine sehr gute Entscheidung«, lobte der Lehrer. »Ich werde dem Abt gleich ein Schreiben zukommen lassen. Du musst noch viel lernen.« Er nickte zufrieden. »Eine sehr gute Entscheidung«, wiederholte er, stand auf und begann, nach etwas zu suchen. Dabei murmelte er unverständliche Worte, huschte von einem Schrank zum anderen und suchte darin wie ein Vogel, der im Gras nach Würmern stochert. Dann drehte er sich zu Philip um. »Jetzt kannst du gehen.«

Philip verneigte sich. »Auf Wiedersehen, Herr Lehrer«, sagte er und verließ den Raum.

Kaum stand er draußen in der Sonne, erwachten auch seine müden Lebensgeister wieder. Beschwingten Schrittes ging er nach Hause. Sein Herz klopfte erwartungsfroh in der Brust. Vielleicht würde er sie heute sehen. Allein der Gedanke an sie ließ ihn seinen Schritt beschleunigen. Vielleicht war sie ja diesmal wach und … Er wagte nicht, sich auszumalen, was geschehen würde, wenn sie ihn zum ersten Mal ansah. Wenn sie mit ihm sprach. Er war sich ganz sicher, dass ein Wort von ihr sein ganzes Leben verändern konnte.

Obwohl die Sonne warm auf seinen Rücken schien, fröstelte er plötzlich.

»Sag mal, stehst du auf deinen Ohren? Ich brüll mir die Seele aus dem Leib.« Jacob kam keuchend angelaufen.

»Wo kommst du denn jetzt her?«, fragte Philip verwundert.

»Nachsitzen! So wie du.« Er grinste breit.

»Ich bin nicht nachgesessen«, wehrte sich Philip.

»Natürlich nicht, großer Bruder. Aber ich. Und ich sag dir, diesen Zirkus mach ich nicht länger mit. Ich such mir eine Lehrstelle, oder noch besser, ich werde Ritter und ziehe in den Kampf, so wie früher.« Jacob grinste. Die Sommersprossen tanzten frech auf seiner Nase, und er wedelte mit dem Arm, als würde er ein Schwert führen.

»Träum weiter«, lachte Philip. »Als Sohn eines Schmieds wirst du niemals Ritter.«

»Ja, ja. Ich weiß, wir liefern nur das Zubehör«, knurrte Jacob schmollend. »Trotzdem schufte ich lieber in der Schmiede, als mich länger in dieser blöden Schule abzumühen. Wofür gibt es die bloß?«

»Damit Hornochsen wie du Lesen und Rechnen lernen«, gab Philip lachend zurück. »Sei doch froh, früher konnte es sich kaum einer leisten, was zu lernen. Erst König Willibald der II. hat in Waldoria die Schule bauen lassen und so zumindest der Stadtbevölkerung ermöglicht, an ein Mindestmaß an Bildung zu gelangen.«

»Ach, halt die Klappe«, wehrte Jacob ab. »Mir reicht’s für heute mit Vorträgen. Auf jeden Fall werde ich nicht zur Schule gehen, bis ich fünfzehn Jahre alt bin wie du, dazu habe ich wirklich keine Lust. Ein Gelehrter in unserer Familie reicht erstmal.«

Philip versetzte seinem Bruder einen leichten Schlag auf den zerzausten Hinterkopf, und der boxte ihn dafür in die Seite.

»Was hast du angestellt, dass du wieder nachsitzen musstest?«

»Gar nichts. Du weißt doch selbst, was für eine taube Nuss der Lehrer Jodokus ist. Der versteht gar keinen Spaß. Ich musste zwanzigmal schreiben ›Ich darf im Unterricht nicht mit Kreide werfen‹. Zwanzigmal! Aber das mach ich morgen wieder, dann werd ich bloß besser zielen, damit er’s nicht wieder an den Kopf bekommt.«

Philip hatte an diesem Nachmittag genug zum Lernen, und so verschwand er gleich nach dem Essen auf den Dachboden. Aber er fand keine Ruhe. Er hörte, wie seine Mutter in den Garten hinausging, und wusste, dass er für eine Weile alleine im Haus war. Auf leisen Sohlen schlich er die Leiter hinunter und vor der Tür von Jar’jana auf und ab, bis er endlich ein Geräusch hörte, das ein Eintreten rechtfertigte. Im dämmerigen Licht konnte er die blonden langen Haare sehen, die kreuz und quer über dem Kissen lagen. Jar’janas Gesicht konnte er nicht finden.

»Kann ich Euch helfen?«, fragte er vorsichtig.

Die Decke bewegte sich, und jetzt erkannte er, dass sie mit dem Gesicht zur Wand gelegen hatte. Als sie sich zu ihm umdrehte, hörte er sein Herz laut hämmern. Bestimmt hörte sie es auch.

Sie hatte die gleichen veilchenblauen Augen wie Lume’tai, und sie sahen ihn so erschrocken an, dass Philip am liebsten weggelaufen wäre. Aber er blieb.

»Braucht Ihr etwas?«, fragte er tapfer.

»Bist du gekommen, um mich zu holen?«, flüsterte sie. »Hat Varsa´ra dich geschickt?«

Sie redet wirr, dachte Philip enttäuscht. »Niemand hat mich geschickt. Ich dachte nur …«

»Ich spüre die Nähe von As’gard.« Ihre Hand griff nach seiner. »Das Vergessen ist nicht mehr fern.« Sie seufzte. »Fari’jaro ist mir vorausgegangen. Varsa’ra hat seinen Faden abgeschnitten. Aber Lume’tai wird leben. Wie geht es ihr?«

Hilflos sah Philip in die Wiege.

»Sie schläft«, sagte er schlicht. Er spürte seine grobe Hand zwischen ihren zarten feingliedrigen Fingern und trieb losgelöst von der Wirklichkeit, wie in einem Traum, von dem er nicht wusste, was für eine Wendung er nehmen würde.

»Es ist so schön, dich wiederzusehen. Du warst sehr lange fort. Du musst zu Ala’na gehen. Du musst ihr sagen, dass noch nicht alles zu spät ist. Die letzte Prophezeiung ist eingetreten. Nate’re ist hier! Sag Ala’na, Nate’re ist bei meinem Kind. Lume’tai wird leben. Geh für mich nach Pal’dor – sie sollen es alle wissen, ich …« Jar’jana stockte und ließ seine Hand los.

Philip spürte eine Bewegung hinter sich und drehte sich um.

Seine Mutter stand in der Tür. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten.

»Was tust du hier drin?«, fragte sie.

»Ich habe etwas gehört und dachte, sie braucht …« Philip stockte, denn der Blick, mit dem ihn seine Mutter musterte, war streng, besorgt und gleichzeitig wild. Hilflos stand er zwischen den beiden Frauen. Stand zwischen zwei Welten und wusste plötzlich nicht mehr, wo er hingehörte. Seine Mutter verkörperte alles, was ihm vertraut und lieb war. Aber Jar’jana hatte soeben eine Tür aufgestoßen. Sie hatte ihm einen neuen Weg gewiesen, zu Orten, von denen er bisher nicht einmal geträumt hatte. Wie ein Reh scheute er vor dem Unbekannten zurück und ging zu seiner Mutter. Fühlte sich wie ein reuiger Sünder, der wieder aufgenommen werden wollte.

Er war nur noch einen halben Schritt von ihr entfernt, als sie ihm auswich und an Jar’janas Bett trat. Verloren stand Philip im Raum.

Etwas war geschehen, aber er konnte es nicht begreifen, er wusste noch nicht einmal, was es war, aber er fühlte sich verraten. Seine Mutter hatte ihn stehenlassen und sich mit der Elbin verbündet.

Gedanken, die er nicht zu Ende dachte und Gefühle, die er nicht beschreiben konnte, brachen über ihn herein. Er machte auf dem Absatz kehrt und rannte aus dem Zimmer. Er lief aus dem Haus und blieb erst stehen, als er am Teich an der großen Weide ankam.

An den Stamm gelehnt, starrte er ins Wasser. Sein Atem ging schnell. Es dauerte eine Weile, bis es ihm gelang, zumindest seine Gedanken zu ordnen. Der Gefühle, die so stark in ihm brannten, und die er nicht verstand, konnte er nicht Herr werden.

Jar’jana hatte zu ihm gesprochen, doch den Sinn ihrer Worte hatte er nicht verstanden. Offensichtlich hatte sie ihn mit jemandem verwechselt. Trotzdem war ihr Auftrag klar gewesen: Geh nach Pal’dor! Dass es diese Stadt im Wald wirklich gab, überraschte ihn jetzt kaum noch. Er musste dafür sorgen, dass Jar’jana und Lume’tai wieder zurückkehren konnten. Er musste beide nach Hause bringen. Wahrscheinlich hatte seine Mutter das gehört. Wahrscheinlich war es ihr nicht recht. Mit Sicherheit sogar. Sie war sehr ängstlich, wenn es um den Alten Wald ging.

Aber sie hatte nichts gesagt. Nur ihr Blick war anklagend und enttäuscht gewesen. Oder traurig? Philip konnte es nicht sagen. Seit Jar’jana im Haus war, benahm Mutter sich eigenartig. Sie hütete die Elbin wie eine Glucke ihre Küken. Es war, als hätte Philip eine unsichtbare Grenze überschritten, als er in ihr Zimmer ging. Als hätte er etwas Verbotenes getan.

Wütend warf er einen Stein ins Wasser. Er fühlte sich alleine im Niemandsland, als säße er zwischen zwei Türen, die ihm ein Luftzug beide vor der Nase zugeschlagen hatte.

Trotzig ließ er sich ins Gras sinken, den Kopf an den rauen Stamm gelehnt. Die Sonne schien warm zwischen den Ästen der Weide hindurch, und der Wind spielte leicht mit ihren langen Zweigen, so dass diese leise rauschten. Er schlief ein.

Als er wieder aufwachte, war bereits später Nachmittag. Philip gähnte und das schlechte Gewissen meldete sich. Weder hatte er die Arbeit erledigt, die der Lehrer ihm aufgetragen hatte, noch hatte er in dem Buch auf dem Speicher gelesen, um etwas über diese geheimnisvolle Stadt im Wald zu erfahren. Er hatte noch nicht einmal Holzspäne für das Feuer gehackt, um die ihn seine Mutter beim Mittagessen gebeten hatte.

Als er in die Küche kam, knetete die Mutter gerade einen großen Klumpen Brotteig. Josua saß auf einem Hocker, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, und schaute missmutig drein.

Philip warf seiner Mutter einen kurzen Blick zu. Sie machte ihm ein stummes Zeichen, dass er sich um Josua kümmern sollte. Philip unterdrückte ein Seufzen und setzte sich zu seinem Bruder an den Tisch.

»Was ist los?«, fragte er.

»Nichts.«

»Ihr könntet die Wäsche in dem Korb da hinten waschen«, mischte sich Phine ein. Es war ein Angebot an beide, damit sie in Ruhe miteinander sprechen konnten, das verstand Philip, aber zum Wäschewaschen hatte er heute weder Zeit noch Lust. Ein leises Seufzen entfuhr ihm. Er spürte den Blick seiner Mutter. Diesmal bittend.

»Wäsche waschen ist gut, um auf andere Gedanken zu kommen«, behauptete er.

»Frauenarbeit«, brummte Josua abweisend.

»Ja«, knurrte Philip zurück. »Aber wenn du dir dafür zu fein bist, könntest du auch den Sack Mehl da wieder in den Keller tragen oder Holzspäne hacken.«

Bei dem Versuch Holz zu hacken, hatte Josua sich erst im Frühling einen beachtlichen Schnitt im Schienbein eingehandelt, und den schweren Mehlsack würde er wahrscheinlich nicht einmal aufheben können. Josua seufzte resigniert.

»Das Wasser hier«, die Mutter deutete auf einen großen Topf, »ist für die Wäsche.«

»Glaubst du, dass Vaters Base bei uns bleibt?«, fragte Josua, als sie beide, mit den Armen bis zum Ellbogen im Waschtrog, Säuglingswäsche wuschen.

Philip zuckte mit den Schultern.

»Das wäre gut, weil diese Jana dann Mutter bei der Hausarbeit helfen könnte. Wäsche waschen ist blöd.«

»Zumindest werden die Finger davon richtig sauber«, bemerkte Philip und begutachtete seine aufgeweichten Hände.

»Ich will keine sauberen Hände«, protestierte Josua. »Nur reiche Säcke haben saubere Hände.« Er warf das Hemdchen zurück ins Wasser und fing an zu heulen. »Lennart hat das auch gesagt.«

»Was?«, fragte Philip, aber jetzt verstand er, woher Josuas schlechte Laune kam. Lennarts Vater war Ackerbürger. Seine Familie wohnte zwar in der Stadt, doch sie führten ein Bauernleben. Im Sommer, wenn die meiste Arbeit auf den Feldern war, mussten alle mithelfen. Das bedeutete, dass Lennart ab jetzt nicht mehr zur Schule ging, bis die Ernte eingefahren war, und nachmittags auch keine Zeit mehr zum Spielen hatte.

»Lenart hat gesagt, dass wir reiche Säcke sind.«

»Wie kommt er darauf?«

Josua wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und sah Philip böse an. »Weil alle bei uns zur Schule gehen, weil wir ein Haus und eine Schmiede haben und weil du schon größer bist als sein Vater und immer noch keine Lehrstelle hast«, zählte er zornig auf. »Warum hast du keine Lehrstelle wie alle anderen?«

Mit dieser Frage aber vor allem diesem vorwurfsvollen Ton hatte Philip nicht gerechnet.

»Ich wollte gerne weiter zur Schule gehen«, sagte er. »Mutter und Vater waren damit einverstanden. Aber darum sind wir doch keine reichen Säcke.« Er rubbelte wild an einer Windel und dachte daran, was für ein Gerede es im Ort geben würde, wenn er in diesem Sommer tatsächlich im Monastirium Wilhelmus mit dem Studium begann. Wie seine Eltern das bezahlen wollten, war ihm ohnehin schleierhaft.

Als er aufblickte, sah er Mutter in der Tür stehen. Sie lächelte.

»Ihr macht das wirklich gut.«

Josua murmelte etwas vor sich hin, erfreut klang er nicht.

»Ich hab ein wenig Zeit. Ich könnte euch etwas erzählen.«

»Eine Geschichte«, brummte Josua ohne jede Begeisterung. Wahrscheinlich wäre es ihm, genau wie Philip, lieber gewesen, die Mutter hätte an ihrer Stelle die Wäsche gewaschen.

Josephine aber setzte sich auf die schmale Holzbank neben der Tür und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.

»Eine wahre Geschichte«, begann sie. »Damit du verstehst, Josua, dass das, was heute unser Wohlstand ist, durch das Leid vieler anderer zustande kam. Die Schmiede, so wie ihr sie kennt, wurde nach dem letzten Krieg erbaut.«

Philip erinnerte sich, dass Theophil in der Schule über diesen Krieg gesprochen hatte. Es war vor etwa hundertfünfzig Jahren der letzte Krieg zwischen Ardelan und Mendeor gewesen. Ardelan hatte dem übermächtigen Nachbarn getrotzt, aber die Verluste waren gewaltig. Corona, einst die Hauptstadt von Ardelan, war vollständig zerstört worden. Nach dem Krieg hatte König Willibald Corona als Königsitz aufgegeben und die Falkenburg errichten lassen. Dadurch war Waldoria vom kleinen Provinzstädtchen zur Hauptstadt geworden.

»Als Waldoria immer größer wurde, musste die alte Stadtmauer abgerissen und eine neue gebaut werden. Dies war die Gelegenheit für euren Urahnen, die Schmiede zu errichten. Er hat sie sich Stein für Stein vom Mund abgespart, in dem Glauben, jedem seiner beiden Söhne durch dieses Opfer zu einem Erbe verholfen zu haben. Doch einer seiner Söhne starb bei einem Unfall. Der andere bekam sieben Kinder, die ihn beerben konnten. Doch dann wütete eine Seuche in der Stadt, die seine Frau und sechs seiner Kinder dahinraffte. So befand sich der gesamte Familienbesitz selbst nach zwei Generationen immer noch in einer Hand.«

Josua hatte aufgehört, die Wäsche zu rubbeln. Seine Hände hingen ins Wasser.

»Es war wie ein Fluch, der über diesem Haus hing. So wie das Haus und die Schmiede von Generation zu Generation weitervererbt wurden, schien auch der Fluch einer hohen Kindersterblichkeit weitervererbt zu werden. Drei Ehefrauen eures Urgroßvaters starben gemeinsam mit ihren Kindern im Kindbett und erst im hohen Alter gebar ihm seine vierte Frau einen Erben, euren Großvater. Doch auch er hatte wenig Glück. Von den fünf Geschwistern eures Vaters erlebten drei ihren ersten Geburtstag nicht. Einer seiner Brüder starb im Alter von zehn Jahren, als er von einem Baum herunterfiel. Einzig seine Schwester, eure Tante Irmtraut aus Mendebrun, lebt heute noch.« Phine seufzte. »Das, was wir heute als Glück oder Wohlstand bezeichnen können, hat eine lange Tradition von Tränen.«

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511 p. 3 illustrations
ISBN:
9783754182086
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First book in the series "Der geheime Schlüssel"
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