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Kerstin Hornung

Die Nähe der Nornen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titel

Impressum

Widmung

Rückblick: Band 1

Rückblick: Band 2

Prolog

1. Der Fluch der Wahrheit

2. Die rothaarige Elbin

3. Der goldene Schlüssel

4. Der Verdacht

5. Die Herren des Westens

6. Die Bibliothek

7. Machtlos

8. Das Heer im Siebenbachtal

9. Das Wiedersehen

10. Bündnisse

11. Gefangen im Nirgendwo

12. Niemandsland

13. Scheidewege

14. Kriegsrat

15. Bedrängnis

16. Entsetzen

17. Im Schatten

18. Der Cade’re

19. Die Bestimmung

20. Zurück

Epilog

Auszüge aus dem heiligen Buch

Namensregister

Sprache

Danksagung

Impressum neobooks

Titel

Kerstin Hornung

Die

Nähe

der

Nornen

Der geheime Schlüssel

Band III

Impressum

Texte © 2021 Kerstin Hornung

Redaktion: Julia Feldbaum; Hanna Drotleff

Umschlaggestaltung: © Sophie Simón

Umschlagmotiv: © tomertu

Schriftdesign: © Imres Fraktur von Manfred Klein

© English Towne von Dieter Steffmann

Innenausstattung: © Kerstin Hornung

Auflage 3 -

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Widmung

Für Simon und Hanna


Rückblick: Band 1

Hinter verborgenen Pfaden

Vor tausend Jahren lebten Elben und Menschen friedlich nebeneinander, bis ein großer Krieg das Gleichgewicht ins Wanken brachte und sich die Elben aus dem Leben der Menschen zurückzogen. Nur eine kleine Gruppe von Menschen bewahrte seither das Wissen über das Alte Volk. Sie nannten sich: Der geheime Schlüssel.

In der Stadt Waldoria, in unmittelbarer Nähe des Alten Waldes, lebt Philip mit seinen Eltern und fünf jüngeren Brüdern. Wie die meisten Menschen kennt er viele Geschichten und Legenden, die sich um den Wald ranken. Eines Tages erhält er von seinem Lehrer Theophil ein Buch, in dem es um ein weiteres Mysterium des Waldes geht: Pal’dor, eine geheime Stadt der Elben.

Philip ist hin- und hergerissen. Einerseits glaubt er, dass es Elben nur in Märchen gibt, andererseits widerspricht dem die Tatsache, dass sein Lehrer ihm dieses Buch unter dem Siegel größter Verschwiegenheit geliehen hat. Während er noch abwägt, findet sein Vater im Wald die kranke Elbin Jar’jana und ihr neugeborenes Kind. Für Philip ist klar, dass er dem wunderschönen Wesen helfen muss, wieder nach Hause zu gelangen, erst recht, nachdem König Levian zur Verblüffung seiner Untertanen, die Elben zu Feinden erklärt und zum Krieg gegen sie rüstet.

Gemeinsam mit seinem Lehrer will Philip in den Alten Wald gehen, um die Stadt zu suchen. Theophil versucht bereits seit vielen Jahren, die Heimat der Elben ausfindig zu machen, doch der Weg, der seinem Urgroßvater noch offenstand, blieb ihm bislang verborgen. Vor der Abreise überreicht sein Vater Philip ein Kettenhemd. Ein Familienerbstück, sagt er, doch das Hemd ist von Elben hergestellt worden.

Mit vielen Fragen, Hoffnungen und Träumen im Gepäck begibt sich Philip auf die Reise. Der Alte Wald lässt ihn und Theophil ein, doch die Eingänge nach Pal’dor bleiben ihnen verborgen. Nach Tagen des Wanderns und Suchens tritt Philip barfuß auf die Spitze eines Gnommessers, das tief im Waldboden steckt.

Der Schmerz, der von dieser Wunde ausgeht, ist unnatürlich heftig und greift in kürzester Zeit auf sein ganzes Bein über. Er benebelt seine Sinne und so bemerkt Philip die nahenden Reiter zu spät. Unverhofft steht er König Levian und dem Zauberer Dosdravan gegenüber.

Theophil eilt Philip zu Hilfe und wird dabei von einem Pfeil tödlich verletzt. Mit letzter Kraft erklärt er Philip, wohin er fliehen muss.

Verängstigt und von starken Schmerzen geplagt, schlägt sich Philip durch den Wald zu einem kleinen Dorf durch, in dem Mathilda, eine Verwandte seines Lehrers, wohnt. Dort kommt er aber nur für kurze Zeit unter, denn die Verfolger sind ihm dicht auf den Fersen. Mathilda leiht ihm ihren Esel Lu, um seine Spuren zu verwischen und ihm die tagelange Reise nach Saulegg zu Elomer, einem Freund Theophils, der ein Mitglied des geheimen Schlüssels ist, zu erleichtern. Doch Philips Kräfte schwinden schnell. Bald ist er nicht mehr in der Lage, seine entzündete Wunde selbst zu versorgen, und bricht in einem Wäldchen kraftlos zusammen.

In Pal’dor, der Stadt im Wald, herrscht zur gleichen Zeit große Aufregung. Eine Gruppe Elben ist in den Quellenbergen von Gnomen überfallen worden. Spuren von Zauberern sind an verschiedenen Orten im Land zu erkennen und sogar Menschen suchen nach dem Alten Volk. Die Erkenntnis, dass sie wieder gejagt werden, erschüttert sie. Fünfhundert Jahre ist es her, dass die Zauberer von den Menschen des Landes verwiesen wurden. Für die Elben bedeutete dies eine gewisse Sicherheit. Nun bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre Tore wieder zu verstärken. Trotzdem können sie sich nicht restlos zurückziehen. Eine ihrer heiligen Hallen ist von dem Zauberer entdeckt und entweiht worden. Diese gilt es wieder zu verschließen. Auch die Elbin Jar’jana, die mit ihrem Neugeborenen spurlos im Wald verschwand, muss gefunden werden. Sollte sie dem Zauberer in die Hände fallen oder bereits gefallen sein, wäre das Ende der Welt besiegelt. Einige Elben sprechen sich bereits dafür aus, über das östliche Meer davon zu segeln und Ardea’lia für immer zu verlassen.

Für Ala’na die Weise, kommt das nicht infrage. Sie hat gemeinsam mit ihrem Gefährten Rond’taro bereits den Krieg vor tausend Jahren miterlebt und sich trotzdem dafür entschieden, zu bleiben. Außerdem weiß sie, dass die Regentschaft des derzeitigen Menschenkönigs auf wackeligen Beinen steht. Levian von Vrage durfte nur darum Anspruch auf den Thron erheben, weil die Menschen in dem Glauben leben, dass die alte Königslinie von Kronthal ausgestorben ist. Dieses Herrschergeschlecht pflegte einst eine zarte Freundschaft zu den Elben. Als die Königslinie durch Verrat ausgelöscht wurde, nahmen die Elben Peredur, den jüngsten Sohn der königlichen Familie, bei sich auf. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Pal´dor, doch als er erwachsen wurde, kehrte zu den Menschen zurück und lebte unter dem falschen Namen Peredur Coronval in seiner Geburtsstadt Corona. Auf Thron erhoben weder er noch seine Nachfahren Anspruch.

Die Hoffnung, in Peredurs Erben Verbündete zu finden, und die Notwendigkeit, herauszufinden, was aus Jar’jana und ihrem Kind geworden ist, bewegt schließlich Leron’das, den jüngsten Elben aus Pal’dor, dazu, sich als Mensch verkleidet auf den Weg zu machen.

Bald schon entdeckt er eine Spur der verschwundenen Elbin und folgt ihr bis zu Philips Elternhaus. Doch er kommt zu spät. Obwohl Philips Mutter, Josephine, für die Elbin getan hat, was sie konnte, ist diese im Kindbett verstorben. Zurückgeblieben ist ihr Kind, Lume’tai.

Leron’das erkennt in Josephine den Funken jenes göttlichen Wesens, das für die Elben gleichbedeutend mit Geburt und Leben ist, und er entschließt sich, das Kind bei ihr zu lassen. Gleichzeitig verspricht er ihr, Philip zu suchen und ihm zu helfen.

Nach Tagen findet er ihn mehr tot als lebendig und rettet ihm mit seiner Heilkunst das Leben. Sie beschließen, noch ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen. Auf ihrer Reise entdeckt Philip, dass es einige Verbindungen zwischen ihm und den Elben gibt, von denen er bislang nichts ahnte. Doch diese sind so vage, dass er sie auch mit Leron’das’ Hilfe nicht ergründen kann. Schließlich erreichen sie den Ort, an dem der geheime Freund von Lehrer Theophil wohnt. Zu spät erkennt Leron’das die Falle. Statt einem Mitglied des geheimen Schlüssels erwartet sie ein Zauberer, der Philip sofort gefangen nimmt. Leron’das gelingt es gerade noch, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Doch Philip ist nicht der Einzige, der dem Zauberer ins Netz gegangen ist.

Walter Vogelsang, einst Spielmann am Königshof, ist auf verschlungenen Wegen ebenfalls von Theophil mit dessen Taschen im Gepäck hierhergeschickt worden. Durch Folter hat der Zauberer ihm bereits mehr Wahrheiten entlockt, als ihm lieb ist. Als sich nun mit Hilfe von Leron’das die Möglichkeit ergibt, zu fliehen, ergreift er sie, ohne zu zögern.

Die drei Gefährten, ratlos und auf der Flucht, versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Leron’das ist bestrebt, Philip in Sicherheit zu bringen, weil er es dessen Mutter versprochen hat. Er muss allerdings nach Corona, um den Auftrag zu erfüllen, mit dem er von zuhause aufgebrochen ist. Als Walter daher vorschlägt, ins Wildmoortal zu reisen, um dort bei einem Freund unterzukommen, fällt die Entscheidung schnell.

Walter und Philip sollen ins Wildmoortal gehen und dort versuchen, Gefolgsleute für den rechtmäßigen Königserben zu finden, während Leron’das nach Corona reist, um diesen zu suchen.

Das Blutbad und die Flucht in Saulegg sind jedoch nicht unbemerkt geblieben. Die Zauberer haben Krähen als Späher ausgesandt, und diese sind Philip und Walter ständig auf den Fersen. Da hilft es auch nichts, dass Philip sich ein Pferd kauft, um dadurch schneller und unauffälliger voranzukommen. Ihr Ziel bereits vor Augen, werden sie von einer Horde Reitern aufgespürt und gejagt. Kurz darauf erscheint ein weiterer Reitertrupp. Ein Entkommen scheint unmöglich, da stolpert auch noch Philips Pferd und er stürzt aus dem Sattel. Da die Reiter zweier unterschiedlicher Grafschaften entstammen, die im ständigen Wettstreit miteinander sind, entscheiden wenige Fuß Land darüber, welche Gruppe die Gefangenen abführen darf. Philip und Walter werden in die Säbelau gebracht. Das Glück ist auf ihrer Seite. Graf von Weiden ist mit Walters Freund Agnus von Wildmoortal befreundet. Zudem eint die beiden hohen Herren ein gemeinsames Anliegen. Sie bekämpfen die Gnome, die ihre Ländereien unsicher machen. Für kurze Zeit endet Philips Flucht im Wildmoortal. Aber er ist alleine in der Fremde, und das Versprechen, das er Leron’das gegeben hat, bindet ihn.

Rückblick: Band 2

Die Stadt der Könige

Als die Herren des Westens (Agnus von Wildmoortal, Hilmar von Weiden und Vinzenz von Hohenwart) die Gnomplage auf ihren Ländereien eindämmen können, sieht Philip endlich die Zeit gekommen, ihnen von dem letzten Prinzen der Kronthaler Königslinie zu erzählen, der dank der Elben überlebt hat.

Der Elbe Leron’das ist währenddessen in der Stadt Corona auf der Suche nach den Nachkommen genau dieses Prinzen. Ehe er jedoch eine brauchbare Spur findet, heftet sich ein Zauberer an seine Fersen, und Leron’das ist gezwungen, die Stadt unverrichteter Dinge zu verlassen. Er flieht nach Munt´tar, der höchstgelegenen Elbenstadt.

Philip gelingt es, das Interesse der Grafen an der Geschichte um den letzten rechtmäßigen Thronfolger der alten Könige zu wecken, aber sie fordern Beweise, die Philip in der Bibliothek im Monastirium Wilhelmus zu finden hofft. Doch die Grafen stimmen einer solch weiten Reise nicht zu. Stattdessen bietet Hilmar von Weiden Philip an, in seiner eigenen Bibliothek mit den Nachforschungen zu beginnen.

Obwohl Philip enttäuscht ist, nimmt er das Angebot an.

Auf der Weidenburg kommt er Hilmars Tochter, Arina, näher. Philip verliebt sich heillos in das schöne Mädchen, doch Arina zeigt ihm die kalte Schulter. Verwirrt und verletzt sucht er sein Heil in den Büchern.

Zur gleichen Zeit versucht Philips Mutter, Josephine, mehr über ihre geheimnisvollen Nornenfähigkeiten herauszufinden. Durch Zufall bemerkt sie, dass die Nähe des Elbenkindes Lume’tai sie stärker macht. Bei einem ihrer Streifzüge durch das Sphärische trifft Josephine auf Ala’nas Geist. Die Elbin hatte ihn, in der Hoffnung, ihrem Gefährten Rond’taro beistehen zu können, mit dem Wasser geschickt. Doch nun irrt ihr Geist körperlos umher und kann ihren Gefährten nicht finden, denn in den Quellenbergen, wo sich Rond’taro mit einer Gruppe Elben aufhält, hat der Zauberer einen Nebel über das Land gelegt, der alle Sinne der Elben verwirrt.

Mithilfe ihrer besonderen Gaben, gelingt es Josephine, den Nebel zu vertreiben. Gleich darauf können die Elben sich den Weg in die Halle der Erkenntnis freikämpfen. Doch die Halle ist völlig zerstört und Rond’taro wird von einer dunklen Vision heimgesucht. Er sieht, dass es dem Zauberer Dosdravan gelingen wird, eine rothaarige Elbin in seine Gewalt zu bringen. Sie wird dem Zauberer einen Nachkommen gebären, durch den Dosdravan unsterblich und damit zum mächtigsten Wesen der Welt wird. Alle Elben, die nicht fliehen, werden sterben.

Diese Vision stürzt Rond’taro in tiefe Resignation, sodass er, selbst als es Ala’na gelingt, mit ihm in Verbindung zu treten, nicht erkennt, dass seine Gefährtin in Gefahr schwebt.

Josephine ist klar, dass sie Ala’na helfen muss, zurück in ihren Körper zu gelangen. Dies ist jedoch unmöglich, da Ala’nas Körper in Pal’dor liegt und die Stadt im Wald durch den Zauberer und das Heer des Königs von der Außenwelt abgeschottet ist.

Philip verbringt den ganzen Winter in Hilmar von Weidens Burg. Eines Tages erreicht ihn ein Brief von einem Freund seines Lehrers Theophil, mit der Aufforderung, sich sobald als möglich in die Heimatstadt seiner Mutter, nach Corona, zu begeben.

Da Hilmar nicht weiß, ob Vinzenz von Hohenwart in der Zwischenzeit auf seiner Reise in die Königsburg und von dort ins Monastirium Wilhelmus etwas herausfinden konnte, sieht er jetzt die Gelegenheit, mit den Männern des geheimen Schlüssels in Verbindung zu treten, und dadurch vielleicht an die Beweise zu gelangen, dass es noch Erben der alten Königslinie gibt.

Damit Philip unerkannt reisen kann, überschreibt ihm Hilmar ein Stück Land und verleiht ihm einen Adelstitel.

Als Arina erfährt, dass ihr Vater und Philip gemeinsam nach Süden reisen wollen, fordert sie zornig eine Erklärung und Hilmar zieht sie ins Vertrauen. Durch die Komplizenschaft legt sie ihre abweisende Haltung Philip gegenüber ab. Alle Barrieren zwischen ihr und Philip schmelzen dahin.

Leron’das, der zur Wintersonnwende noch einmal sein Glück in Corona versucht, muss erneut fliehen. Von Dekan Resilius erhält er in letzter Minute den Hinweis, sich ins Monastirium Wilhelmus zu begeben und dort nach den Aufzeichnungen von Eridius zu fragen. Auf dem Weg ins Monastirium erfährt der Elbe, dass sich der König ebenfalls im Kloster befindet. Vorsichtig nähert er sich dem Ort seiner Bestimmung. Wochenlang arbeitet er als Hilfskraft in der Küche, bis er sich endlich dazu entschließt, sich dem Abt Benidius, der ein verständiger Mensch zu sein scheint, zu öffnen. Gleichzeitig fasst auch Vinzenz von Hohenwart den Entschluss, mit dem Abt zu sprechen. Es kommt zu einer schicksalhaften Begegnung dieser drei Männer. Doch der König enttarnt Leron’das und setzt seine Wachen auf dessen Fersen. Der Abt gerät zwischen die Fronten und der König sticht ihn nieder.

Mit letzter Kraft schleppt sich Benidius in den geheimen Stollen, in dem Vinzenz und Leron’das die Wahrheit über den rechtmäßigen König von Ardelan erfahren, und übergibt Vinzenz den Schlüssel zu dieser Tür.

Vinzenz von Hohenwarts Weg ist damit klar. Da er weiß, dass es noch einen Erben aus dem Geschlecht der Kronthaler Könige gibt, reist er nach Hause, um Verbündete für seinen Kampf gegen König Levian zu suchen.

Leron’das geht zurück nach Munt´tar, von wo aus er die Elben dazu veranlassen will, dem neuen König den Weg zu bereiten, wie es in der Prophezeiung, die er im Kloster entdeckt hat, steht:

Der König wird wiederkehren. Boten werden ihm vorausgehen, wie sie die Menschen nicht oft gesehen haben.

Aufgrund dieser Prophezeiung bricht Almira’da, Leron’das heimliche Geliebte, nach Eberus auf.

Philips und Hilmars Vorbereitungen für die Reise nach Süden sind getroffen. Ein Stück weit wollen sie gemeinsam reisen, ehe sich ihre Wege trennen. Hilmar will in Eberus das Oberhaupt der Kirche für ihre Sache erwärmen, während Philip in Corona alles in Erfahrung bringen soll, was für ihr weiteres Vorgehen vonnöten ist.

Arina gelingt es, ihren Vater zu überzeugen, dass er sie mitnimmt.

Sie kommen jedoch nicht weit, da entführt der Zauberer, der seit der Vernichtung seiner Gnomarmee einen Groll gegen die Herren des Westens hegt, Arina. Nach einem kurzen aber heftigen Kampf, der mit dem Tod des Zauberers endet, gelingt es Philip, Arina zu befreien. Doch dadurch fliegt die heimliche Beziehung zwischen Philip und Arina auf, und gleichzeitig erfährt Philip, dass möglicherweise elbisches Blut in seinen Adern fließt.

In der Zwischenzeit hat Rond’taro erfahren, was mit Ala’na geschehen ist. Gemeinsam mit seinen Gefährten bahnt er sich einen Weg zurück nach Pal’dor. Dort wird bereits alles Mögliche versucht, um Ala’na den Weg, der nur über den See Latar’ria zurück in ihren Körper führt, zu öffnen. Ala’na sammelt derweil ihren verstreuten Geist in dem kleinen Teich in Waldoria. Josephine, unterstützt von dem winzigen Elbenkind Lume’tai, hilft ihr dabei. In einer nächtlichen Aktion gelingt es ihnen, eine Verbindung zwischen den Teichen herzustellen, durch die Ala’na zurück nach Pal’dor gelangen kann.

Doch der Zauberer ist Ala’na auf den Fersen und entdeckt dabei Josephine.

Hals über Kopf muss Josephine mit ihrer Familie die Stadt verlassen. Sie flüchten in den Wald. Die Häscher des Zauberers sind ihnen dicht auf den Fersen. Josephine, die stärker denn je die Norne des Lebens – Nate’re – in sich spürt, stellt sich den Verfolgern in den Weg, um die Kinder zu schützen. Denen gelingt die Flucht, doch Josephine gerät in die Gewalt des Zauberers und verschwindet spurlos.

In Eberus lässt der Heilige Vater die rothaarige Elbin Almira’da verhaften und in den Kerker sperren. Er will nicht, dass von dem verschollenen Prinzen geredet wird, denn dies passt nicht in seinen Plan.

Am Ziel seiner Reise, erfährt Philip, dass ein Elbe sein Urgroßvater ist, aber auch, dass Josephine und Feodor nicht seine leiblichen Eltern sind, denn diese kamen kurz nach seiner Geburt gewaltsam ums Leben. Josephine, die Schwester von Philips leiblicher Mutter, nahm ihn als Säugling bei sich auf und brachte ihn in Sicherheit, denn sein Leben war in Gefahr.

Die Nachricht, die sein ganzes Leben ins Wanken bringt, trifft Philip völlig unvorbereitet: Er selbst ist der, den er die ganze Zeit gesucht hat.

Er ist der letzte und einzige Nachfahre der Kronthaler Könige.

Prolog

Als sich das Dunkel auf Josephine herabsenkte, brachte es Vergessen mit sich.

Klebrig wie Honig glitten ihre Gedanken ohne Sinn und Ziel, doch sobald sie an etwas rührten und sie einen Hauch von etwas Bekanntem zu spüren glaubte, perlten sie wie Quecksilber ab und nahmen ihren zähen Fluss wieder auf.

Zeit war ein Begriff.

Raum war ein Gefühl.

Schatten eine Tatsache.

Licht gab es nicht. Zumindest nicht, solange sie auf dem zähen Fluss ihrer Gedanken trieb. Nur manchmal senkten sich die Träume der Nacht auf das Dunkel und unterbrachen das stete Nichtsein. Manchmal endete die Nacht durch ein Erwachen, aber es war nur ein Hinübergleiten und stecken bleiben. Die Nacht jedoch war klar. Die Nacht war frei. Die Nacht war gut. Die Nacht brachte Leben. Die Nacht brachte Wahrheit. In der Nacht gab es nur das Vergessen der Nacht.

Und Träume …

1. Der Fluch der Wahrheit

Philip hatte die Wahrheit wissen wollen, doch nun traf sie ihn wie ein Keulenschlag aus dem Dunkel. Das war eindeutig zu viel Wahrheit für nur eine einzige Nacht. An die Tatsache, dass ein Elbe zu seinen Vorfahren gehörte, hatte er sich schon beinahe gewöhnt, aber dass die Menschen, bei denen er aufgewachsen war, denen er vertraute und die er liebte, nicht seine Eltern waren, konnte er noch nicht begreifen.

Alles, was ihm in seinem Leben Halt und Sicherheit gegeben hatte, war mit einem Schlag zerbrochen. Sein ganzes Leben baute auf einer Lüge. Ausgedacht von ein paar Menschen, die es für richtig hielten, es nach ihrem Willen umzukrempeln und ihm nichts davon zu sagen. Er war wütend und er war traurig. Wütend, weil er sich hilflos fühlte, traurig, weil er alles verloren hatte. All die Wochen und Monate, in denen er allein und fern seiner Heimat umhergeirrt war, hatte er sich gewünscht, dass alles wieder so wurde wie Früher. Aber nun konnte nichts mehr so werden.

Die große Familie, in der er aufgewachsen war, war nicht seine. Er hatte keine Eltern und keine Geschwister. Er war allein. Ganz allein.

Blind starrte er auf den Schlüssel in seiner Hand. Dass er der Erbe der alten Könige sein sollte, hatte er noch nicht begriffen. Es gab nur den Namen seines Vaters, eines Mannes, den er nicht kannte und von dem er nichts wusste, außer, dass er tot war. Tot wie seine Mutter – und er war alleine.

Es gab nur noch Philip – und noch nicht einmal das. Sein Name war Philmor, und Philmor war ein ganzes Jahr älter als Philip.

Was blieb jetzt noch von ihm übrig? Früher hatte er manchmal Kraft daraus geschöpft, zu wissen, wer er war und wo er herkam. Doch jetzt gab es das alles nicht mehr. Plötzlich hatte er keine Vergangenheit mehr … und keine Zukunft.

Dekan Resilius verneigte sich vor ihm und sagte »mein König«, aber Philip konnte damit nichts anfangen. Er ließ den Schlüssel fallen, sprang auf und rannte davon. Die Lichtung hielt ihn gefangen. Dunkler, verfilzter Wald, der nirgendwo hinführte, und der nahe Abgrund waren seine Wächter. Vor dem abfallenden Hang blieb Philip stehen und sah in die Ferne.

Ein silberner Streifen zeichnete sich am Horizont ab. Nach und nach wuchs eine milchige Sonne aus dem Boden.

Unverwandt sah er ihr zu, wie sie Zoll um Zoll höher stieg und runder wurde.

»Deine Urgroßmutter, meine Tochter Helena, stand morgens oft auf einer Anhöhe und sah der Sonne beim Aufgehen zu. Sie sagte, dass sie in dieser stillen Morgenstunde ihren Liebsten, und damit meinte sie dich und Josephine, am nächsten wäre.«

Philip drehte sich zu Frendan’no – dem Elben, der sein Ururgroßvater war – um. In seinem Gesicht stand eine hilflose Frage, die seine Lippen nicht erreichte.

»Ich wusste bis vor Kurzem nichts von der Bestimmung deines Vaters«, erklärte der Elbe. »Alles, was ich über ihn wissen wollte, sah ich in seinen freundlichen grünen Augen und in der Liebe, die er deiner Mutter und dir entgegenbrachte.«

Bei dem Wort Mutter zuckte Philip zusammen. Seine Mutter war Josephine. Sie hatte seine Tränen getrocknet und seine Wunden versorgt. Sie hatte an seinem Bett gesessen, und unter ihre Decke war er geschlüpft, wenn ihn wilde Träume aus dem Schlaf rissen. Sie hatte ihn angelogen.

»Ich verstehe deine Trauer und ich spüre deinen Schmerz. Du glaubst, alles verloren zu haben, aber so ist es nicht. Josephine hat dich vergöttert und sie tut es heute noch. Ich war zufrieden damit, dass sie dich zu sich nahm. Es war richtig so. In meinem Herzen haben Felicitas und Josephine immer den gleichen Stellenwert gehabt. Zürne ihr nicht. Sie hätte es dir bestimmt selbst gesagt, doch die Zeit ist ihr dazwischengekommen. Phine erfuhr auch erst am Tag ihrer Verlobung von meiner Existenz.« Frendan’no machte eine kurze Pause. »Ein Geheimnis zu bewahren, ist eine Last, doch irgendwann gewöhnt man sich daran und es wird schwer, den Moment zu finden, an dem es Zeit ist, es zu lüften. Ich bin mir sicher, dass sie dich schützen wollte, indem sie dir die Last dieses Geheimnisses ersparte. Du wurdest ihr Kind, möglicherweise hatte sie Angst davor, dich zu verlieren.«

Frendan’nos Worte vermochten Philips Schmerz nicht zu lindern, sie zügelten nur seine Wut. Die Trauer blieb. Bei seiner Mutter … bei Phine, verbesserte er sich, konnte er sich zumindest noch einreden, dass sie eine nahe Verwandte war, aber wer war Feodor? Wer war der stille Mann mit den großen, rauen Händen? Wer war der Mann, der ihn im wilden Galopp über die Streuobstwiese getragen hatte, so wie er es heute noch manchmal mit den Zwillingen machte? Er war doch sein Vater! Und doch war er es nicht. Was hatte Feodor gesagt, als er Philip das Kettenhemd überreichte? Philip grübelte, aber die Worte wollten ihm nicht einfallen. Es war das letzte Mal, dass er seinen Vater gesehen hatte, aber die Worte fielen ihm nicht ein.

Verzweifelt sah er sich nach allen Seiten um, als ob er sie noch irgendwo finden könnte. Der Kloß in seinem Hals wurde immer dicker. Fast hatte er das Gefühl, er müsste daran ersticken.

Wie durch einen Schleier sah er die Gestalten bei den Zelten. Olaf, der sich gähnend am Hinterkopf kratzte und dann erstaunt vor dem Eingang des Zeltes stehen blieb, als er merkte, dass sich über Nacht einiges draußen verändert hatte. Leron’das, der sich mit Dekan Resilius unterhielt, zwei weitere Elben, die aus einem der Zelte kamen und aus der Glut wieder ein kleines Feuer entfachten.

Die Sonne stieg höher und löste sich aus dem Dunst. Ihre Strahlen streiften die Hügel und Täler, brachten Bäche zum Glitzern und Wiesen zum Leuchten.

Philip hatte keinen Boden mehr unter den Füßen, keinen Halt mehr in dieser Welt. Er sah nicht die Hand, die Frendan’no ihm reichte und auch nicht die ratlosen Gesichter der anderen, als er an ihnen vorbei in das Zelt stürmte und sich die Decke über den Kopf zog.

»Hör zu! Langsam wird mir das ganze Theater hier unheimlich.« Olaf saß auf den Boden und sah Philip an. Dieser lag seit fast zwei Tagen nur teilnahmslos auf dem Rücken und starrte den weißen, spinnwebfeinen Vorhang über seinem Bett an, als ob er all die Weisheit dieser Welt in ihm zu finden glaubte.

»Du liegst da und sagst kein Wort. Die Schönen huschen wie Schatten über die Wiese und beachten mich kaum. Ich bin doch kein Schaf, aber so komme ich mir vor. Wenn ich bäh mache, erhalte ich ein wohlwollendes Lächeln, wenn ich etwas frage, geschieht das Gleiche. Niemand spricht mit mir. Niemand sagt mir, was los ist. Selbst dieser Leron’das, der am Anfang noch beinahe normal wirkte, wird immer eigenartiger, seit der Dekan Resilius sich auf den Weg nach Eberus gemacht hat.« Olaf seufzte. »Du antwortest mir noch nicht einmal, wenn ich mit dir spreche.« Er räusperte sich. »Was ist denn geschehen? Resilius sagte mir, ich solle dich fragen, denn ihm würde es nicht zustehen, darüber zu reden. Das ist auch so etwas! Ich bin ein einfacher Mann. Ich spreche selbst unseren Dorfprediger mit Hochwürden an, aber Resilius sagt, ich gehöre jetzt zum Kreis des Vertrauens … Verstehst du das? Er ist der zukünftige Episkopos von Corona, der wichtigste Mann der Kirche nach dem Archiepiskopos und Gott, und er sagt: Sag Du zu mir, ich heiße Resilius. Ich kann damit nicht umgehen. Wenn ich zu Hause bin und Du zum alten Gerus sage, dann zieht er mir heute noch die Ohren lang, wie damals als Kind, als ich auf dem Friedhof hinter den Grabstein gepinkelt habe.«

Philip rührte sich immer noch nicht.

Olaf stand auf. »Sprich wieder mit mir. Sag mir, was ich tun soll.« Er wandte sich ab und ging zum Ausgang. Als er die Zeltklappe zurückschlug, murmelte Philip:

»Es tut mir leid.«

Olaf blieb stehen und drehte sich zu ihm um. »Hast du was gesagt?«

Philip richtete sich auf und sah Olaf an. »Es tut mir leid. Ich weiß nicht weiter. Ich bin verwirrt. Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Mir brummt der Kopf.«

»Ist schon gut, lass dir Zeit, ruh dich aus«, lenkte Olaf ein.

»Ich werde dir sagen, was geschehen ist. Ich bin es dir schuldig.« Philip setzte sich jetzt aufrecht hin, sah Olaf eine Weile traurig an und senkte dann den Blick zu Boden.

»Ich habe erfahren, dass ich nicht der bin, der ich zu sein glaubte. Meine Eltern sind nicht meine leiblichen Eltern, denn die starben kurz nach meiner Geburt.«

Olaf setzte sich neben Philip. »Das tut mir leid. Heißt das etwa, dass du nicht der Baron von Wasserfurt bist?«

Philip zuckte mit den Schultern. »In gewisser Weise heißt es das.«

»Es geht um Arina … ich meine, um die junge Gräfin. Stimmt’s! Du glaubst, dass der Graf sie dir jetzt nicht mehr zur Frau gibt? Wenn es darum geht, ich schweige wie ein …«

»Darum geht es nicht. Ihr Vater weiß, dass ich kein Baron von Wasserfurt bin. Er wollte, dass ich einer werde. Es ging nur darum, dass mich auf der Reise keiner erkennt. Hast du es denn vergessen? Der König und der Zauberer suchten nach mir, als ich in der Säbelau ankam.« Philip zuckte erneut mit den Schultern. »Die ganze Maskerade hat nicht viel genutzt, ein Zauberer hat mich dennoch aufgespürt.«

»Moment! Gib mir einen Moment, um zu verstehen, was du mir sagst. Hilmar von Weiden weiß, dass du kein Abkömmling derer von Wasserfurt bist, und verleiht dir trotzdem diesen Titel. Er schenkt dir ein Stück von seinem Land und erlaubt dir, dich als Verlobter seiner Tochter auszugeben.« Olaf pfiff durch die Zähne. »Alle Achtung! Er muss ΄ne Menge von dir halten.«

Philip zuckte wieder mit den Schultern, es schien alles zu sein, wozu er fähig war. »Wären Agnus und Walter nicht gewesen, hätte er mich möglicherweise sofort ausgeliefert. Ich hatte einfach nur ein bisschen Glück.«

»So kann man das auch nennen. Aber jetzt verstehe ich deine Sorgen erst recht nicht.«

Philip sah Olaf von der Seite an. »Ich habe keine Eltern, und die, die ich dafür hielt, haben es nicht für nötig befunden, mir das zu sagen.«

»Haben sie dich irgendwie schlecht behandelt, geschlagen, niedere Arbeiten verrichten lassen?« Olaf versuchte, mitfühlend auszusehen, aber es war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht nachvollziehen konnte, was Philip derart aus der Bahn warf.

Philip holte tief Luft. Jetzt, da er begonnen hatte, darüber zu sprechen, wollte er es Olaf erklären. »Sie haben mich nie schlecht behandelt, wir hatten ein gutes Verhältnis, aber … aber das ist das Schlimmste daran. Ich dachte, sie wären meine Familie ... doch ich gehöre nicht dazu.«

»Das ist Blödsinn«, sagte Olaf. »Entschuldige, dass ich dir das so sage, aber es ist ausgemachter Blödsinn. Deine Eltern wussten die ganze Zeit über, dass du nicht ihr Kind bist, und haben dich trotzdem so behandelt, als wärst du es. Glaubst du wirklich, dass sich etwas daran geändert hat, nur, weil du es jetzt auch weißt?«

»Ja! Für mich hat sich was geändert. Sie hätten es mir selbst sagen müssen.«

»Du bist kleinlich.«

»Bin ich nicht!«, rief Philip empört. »Mein Leben ist eine Lüge, nichts stimmt, alles ist erstunken und erlogen. Ich heiße nicht Philip, sondern Philmor, und bin ein ganzes Jahr älter, als ich dachte. Ich wurde dort unten in Corona geboren. Mein Urgroßvater ist ein Elbe und mein Vater war der rechtmäßige Erbe der Könige von Kronthal, ehe jemand sein Leben und das meiner Mutter deswegen auslöschte.« Philip sprang auf und stürmte aus dem Zelt.

Zurück blieb ein ratloser Olaf, der auf die wehenden Stoffbahnen an der Zeltöffnung starrte.

Frendan’no holte Philip ein, bevor der den Wald erreicht hatte, und ging schweigend neben ihm her. Als seine Schritte langsamer wurden und der gehetzte Ausdruck aus seinen Augen verschwand, setzte der Elbe zum Sprechen an.

»Ich habe gehört, was du deinem Freund gesagt hast«, begann er.

Philips Kopf war leer, er wusste nicht mehr, was er Olaf gesagt hatte. Zumindest konnte er sich nicht an seine Worte erinnern.

»Du bist verletzt und immer noch zornig, aber du richtest deinen Zorn gegen die Falschen«, mahnte der Elbe. »Deine Mutter – Felicitas – nannte dich Philip. Vom ersten Tag an nannte sie dich so. Ich nehme an, dass du bei deiner Weihe nur deshalb als Philmor in den Kirchenbüchern eingetragen worden bist, weil der Umbruch nahe schien, weil dein Vater sich darauf vorbereitete, sein Geburtsrecht geltend zu machen.«

Philip blieb stehen.

Frendan’no sah ihn beinahe schuldbewusst an. »Seit ich mich damit beschäftige, und das tue ich noch nicht sehr lange«, gestand er, »weiß ich, dass die damalige Königin, Eleonore, einige Wochen nach deiner Geburt starb. Die Kunde von ihrem Tod erreichte die Stadt Corona ein paar Tage vor dem Weihfest.«

»Wie hieß mein Vater?«, fragte Philip leise.

»Clemens«, antwortete Frendan’no. »Viele deiner Vorfahren hießen so, zumindest steht es so in den Aufzeichnungen der Kirchenarchive. Es gab auch etliche Philmors und Peredurs. Die Listen sind nicht sehr abwechslungsreich.«

»Gab’s noch irgendeinen Philip?«

Frendan´no schmunzelte. »Wäre es denn wünschenswert?«

Philip zuckte mit den Schultern. Er wusste es selbst nicht. Es war nur so ein Gedanke, weil so viele Vornamen mir P anfingen. Mit einem ziehenden Schmerz in der Magengegend wurde ihm bewusst, dass alle seine Brüder einen Namen trugen, der mit J begann. Alle außer ihm! Inbrünstig wünschte er sich, dazuzugehören, wieder einer von ihnen zu sein. Aber dieses Privileg wurde ihm genommen. Er war ein Außenseiter.

Frendan’no wich nicht von seiner Seite, aber seine Nähe wirkte nicht aufdringlich, sondern fühlte sich an wie die natürlichste Sache der Welt. Er war das, was er in all den Jahren, für seine Tochter und alle seine Kindeskinder gewesen war. Ein guter Geist, der seine Hand schützend über ihn hielt. Philip spürte den Hauch einer Erinnerung und die Geborgenheit, die in ihr lag.

Als sie Stunden später zurück ins Lager kamen, war Philip ruhiger. Der Schmerz und das deutliche Gefühl etwas verloren zu haben, blieben jedoch bestehen.

Die Wiese lag dunkel vor dem leicht rötlich schimmernden Himmel über der Schlucht. Das Feuer glimmte behaglich und leuchtete einen Fleck auf der freien Fläche aus. Schattenhafte Gestalten saßen um die Glut.

Als Philip und Frendan’no aus dem Dunkel in den Lichtkreis des Feuers traten, sprang Olaf auf und verbeugte sich tief. Sein Knie berührte den Boden.

Philip sah ihn verständnislos an. »Was tust du da?«, fragte er.

»Ich neige mein Haupt vor dem verschollenen König und bitte um die Gnade, Euch dienen zu dürfen.«

»Bist du von allen guten Geistern verlassen. Hör sofort mit dem Unsinn auf.«

Olaf erhob sich zwar, aber seinen Blick hielt er gesenkt, und er sah aus, als ob er jederzeit bereit wäre, wieder auf die Knie zu fallen.

Aus Philips Unverständnis wurde Fassungslosigkeit, doch bevor er sich über sein weiteres Empfinden klarwerden konnte, berührte ihn Leron’das leicht am Arm.

»Es freut mich, dass du dich nun zu uns gesellst. Wenn du willst, könnten wir jetzt gemeinsam ein Mahl einnehmen.«

Auch Leron’das wirkte förmlich und steif. Philip setzte sich ans Feuer. Er hatte einen Bärenhunger und keine Lust, sich über das eigenartige Verhalten seiner Freunde Gedanken zu machen. Aus dem Kessel duftete es verführerisch.

Während des Essens wurde nicht viel gesprochen, aber als Philip seine leere Schüssel von sich schob und sich zufrieden streckte, spürte er Leron’das΄ Blick auf sich ruhen. Olaf sammelte hektisch Philips Geschirr ein und ging mit einem der Elben davon.

»Wir haben viel zu besprechen, und wenn du erlaubst, würden wir dir gerne bei der einen oder anderen Sache beratend zur Seite stehen«, begann Leron’das. »Es ist nicht leicht für dich. Auch für mich war es überraschend und erschreckend zugleich, als ich erfuhr, dass du derjenige bist, den ich die ganze Zeit über gesucht habe. Destina’riu, die Norne des Schicksals, war mir wohlgesonnen, doch ich war nicht in der Lage, diese Gunst zu erkennen. Ich bin froh, dass du es bist. Schon allein deine Herkunft gibt uns Elben Grund, zu hoffen.«

Philip suchte Worte, fand aber keine. Offensichtlich ging Leron’das davon aus, dass er sich in den vergangenen Tagen Gedanken über das Erbe seines unbekannten Vaters gemacht hatte, aber dazu war er noch gar nicht gekommen. Es gab noch keine Verbindung zwischen dem verschollenen König und Philip. Er fühlte sich überrumpelt und sein kaum gefundenes Gleichgewicht geriet wieder ins Wanken. Er dachte an Olaf, der in dieser scheußlichen Demutshaltung vor ihm niedergekniet war. Sie waren doch Gefährten. Freunde. Obwohl Olaf glaubte, Philip sei Herr über ein übersichtliches Stück Land.

Er schüttelte den Kopf. »Ich bin das nicht«, murmelte er. »Ich kann das nicht.«

»Wer, wenn nicht du?«, fragte Leron’das. In seinen Augen stand jedoch keine Frage, sondern eine Aufforderung, die Philip erschreckte. Er wusste, wie viele Hoffnungen auf Peredurs Erben lasteten. Agnus, Hilmar, Vinzenz – sie alle warteten nur darauf, sich ihm anschließen zu können. Die Elben – sie hatten ihn gesucht, um ein neues Zeitalter einzuläuten.

Wie viele Hoffnungen hatte Philip selbst in diesen unbekannten König gesteckt? Hoffnungen, die jetzt wie Seifenblasen in der Luft zerplatzt waren. Heute wusste Philip um die Leichtfertigkeit, zu glauben, dass einer von königlichem Geblüt reichen würde, um dem Zauberer und König Levian die Stirn zu bieten.

Wer war Peredurs Erbe? Ein unreifer Junge ohne Einfluss – ohne Familie. Was konnte er schon vollbringen, außer, all die, die gehofft hatten, zu enttäuschen.

Philip hatte hier auf diesem Berg nicht nur seine Familie verloren, sondern auch seine Freunde. Sie brauchten einen starken König. Aber das war er nicht, und darum war es besser, wenn sie niemals erfuhren, was er hier auf diesem Berg erfahren hatte. Nie wieder konnte er ihnen unter die Augen treten. Niemals von diesem Berg hinabsteigen. Es gab dort unten keinen Platz mehr für ihn.

Und Arina … So schnell es ging, schob er den Gedanken beiseite, aber er konnte nicht verhindern, dass der Schmerz sich noch tiefer in sein Herz bohrte. Frendan’nos Nähe schenkte ihm die Geborgenheit einer warmen Stube in einer stürmischen Winternacht.

»Bring mich weg von hier«, bat Philip ihn. »Bring mich irgendwo hin, wo mich niemand findet.«

»Du kannst dich vor deiner Verantwortung nicht verstecken. Du bist der letzte Erbe der Kronthaler Könige«, sagte Leron’das bestimmt.

»Ich bin niemand.« Philip stand auf.

Geschmeidig wie eine Katze stellte sich ihm Leron’das in den Weg. »Du kannst jetzt nicht gehen! Dein Vater starb, bevor er seiner Bestimmung folgen konnte. Deine Mutter trug dich, die letzte Hoffnung …«

»Der, der mein Vater war, ist Schmied und meine … Mutter trägt viele Hoffnungen, nicht zuletzt Lume’tai, die eure Hoffnung ist. Ich bin ein einfacher Junge aus Waldoria, ich bin kein König!« Er wandte sich an Frendan’no. »Zeig mir den Hang, an dem meine Urgroßmutter stand.« Dann ließ er Leron’das stehen, um seine Sachen zusammenzusuchen. Als er wieder heraustrat, ging er zielstrebig zu den Koppeln. Dort warteten der Esel Lu und sein Pferd Erós, die ihm trotz aller Widrigkeiten dieser Zeit als Gefährten erhalten geblieben waren.

Leron’das stand ebenfalls dort und streichelte den Esel zwischen den Ohren. Er sah nicht auf, obwohl er Philips Kommen bemerkt haben musste.

»Erinnerst du dich noch an den Tag am Bach? Erinnerst du dich noch an den Tag, als ich mit Walter und dir über die Nachkommen von Peredur sprach? Damals war ich fest davon überzeugt, dass es viel mehr sein müssten, denn in Pal’dor war bekannt, dass Peredur drei Kinder hatte. Die Anzahl seiner Enkel und Urenkel hätte folglich erheblich sein müssen. Als ich jedoch nach langem Suchen endlich die Stammbäume in den Händen hielt, stellte ich fest, dass die Norne Varsa’ra unter den Menschen wütet wie eine Sichel im Kornfeld. Du und Walter, ihr wolltet dafür sorgen, dass ein Heer für den Königserben bereitsteht.«

»Das haben wir mehr oder weniger getan. Wir haben Vinzenz, Hilmar und Agnus davon erzählt und sie haben sich um alles Weitere gekümmert.«

»Aber wenn du dich deinen Aufgaben nicht stellst, werden sie es umsonst getan haben. Sie brauchen einen König. Sie brauchen dich. Sie vertrauen dir.«

»Wüssten sie, wer der Nachkomme Peredurs ist, würden sie es nicht tun. Ich kann das nicht. Ich habe keine Ahnung davon, was getan werden muss. Ich weiß nicht, was richtig und was falsch ist. Niemand würde mir folgen, niemand, der auch nur einen Funken Verstand hat, würde mehr in mir sehen, als einen zu groß geratenen Tollpatsch.« Er streichelte seinem Pferd über die Nüstern. »Es ist noch kein Jahr her, da lag ich sterbend in einem Wald. Es ist noch kein Jahr her, da haben die Mächte dieser Welt sich in den Kopf gesetzt, mir Stück für Stück mein Leben zu rauben. Jetzt ist es ihnen gelungen. Ich habe kein Leben mehr. Auf meiner Vergangenheit lasten so viele Lügen. Darauf lässt sich keine Zukunft aufbauen.«

»Das stimmt alles nicht. Aber wenn ich dir das hier und heute erkläre, wirst du mir nicht glauben. Geh mit Frendan’no hinauf in die Berge. Niste dich ein zwischen Steinen und ewigem Eis. Finde deine Wurzeln, die sowohl dort oben als auch hier unten liegen und schau nach Norden, bis du die Zinnen von Waldoria entdeckst. Aber bedenke, dort oben steht die Zeit still, während hier unten deine Freunde einen verzweifelten und derzeit hoffnungslosen Kampf führen.« Leron’das ließ den Kopf hängen. »Es gibt zwei Menschen, die wissen, wer du bist«, murmelte er. »Sie lieben dich und sie werden es dir nicht verübeln, wenn du dich nicht zeigst, aber sie wissen es und werden bis zuletzt hoffen.«

Philip wandte sich ab. Leron’das΄ Worte trafen ihn, aber er wusste nicht mehr, was er denken, was er fühlen sollte. Hilflos suchte er nach Worten, die es erklären konnten.

»Seit ich mein Elternhaus verlassen habe, weiß ich, dass es Geheimnisse gibt, von denen sie mir nichts erzählt haben. Nach und nach habe ich in schmerzlichen Erfahrungen selbst einiges herausgefunden, und es erschien mir wichtiger, denn je, nach Corona zu kommen.« Er drehte sich um und sah den Elben an. »Es ist so schrecklich! Ich habe keinen Boden mehr unter den Füßen. All die furchtbaren Dinge, die geschehen sind: Theophils Tod, meine Flucht durch den Wald, die Stimme des Zauberers in meinem Kopf, sie bekommen ein ganz anderes Gewicht. Aber auch das Stillschweigen meiner Eltern.« Er begann, sein Pferd zu satteln.

»Trägst du noch das Hemd der Albara’n?«, fragte Leron’das.

Philip hielt überrascht inne. »Ja«, sagte er.

»Ich habe herausgefunden, wie du dazu kamst.«

Philip war sich nicht sicher, ob er noch eine weitere Wahrheit hören wollte, oder ob es nicht besser war, etwas nicht zu wissen. Doch er sagte nichts und Leron’das fuhr fort.

»Peredur hatte eine Geliebte in Pal’dor. Meine traurige Base Sili’rana. Sie schenkte ihm das Hemd zum Abschied, als er Pal’dor für immer verließ. Das Hemd und die Silberpappel, die er auf dem Turmberg einpflanzte. Zwischen ihren Wurzeln vergrub er sein Geheimnis, den goldenen Schlüssel der Könige. Solltest du je den Wunsch verspüren, das Vermächtnis deiner Ahnen zu kennen, werde ich dich zu der Türe bringen. Sie zu öffnen, liegt allein in deiner Hand.«

Frendan’no sagte, dass er Philip den beschwerlichen Weg in die Berge gerne durch geebnete Pfade erleichtert hätte. Aber da Philip die Höhe nicht gewohnt war, gab es für ihn nur die Möglichkeit, Schritt für Schritt höher zu steigen, dann wieder hinab in das nächste Tal zu gehen und schließlich weiter hinauf.

Viele Tage gingen sie gemeinsam in einem endlosen Labyrinth von Tälern zwischen schroffen Bergflanken nach oben. Obwohl sie keinen einzigen Gipfel erklommen, stieg ihr Pfad beständig an. Manche Täler waren so schmal und tief, dass die Sonne ihren Grund nur um die Mittagszeit für einige Augenblicke streifte.

Nach vier Tagen standen sie zum ersten Mal auf einem Gipfel. An den Hängen unter ihnen lagen verstreut einige Bergdörfer und Hirtenhäuser. Dabei waren viele Hänge so steil, dass es aussah, als würde der Berg senkrecht aus dem Boden wachsen.

Wie lebte es sich wohl in einem solchen Gebirgsdorf, wo man den ganzen Winter über von der Außenwelt abgeschottet war? Sogar hier im Süden, wo die Winter dafür bekannt waren, mild und schneearm zu sein, gab es in dieser Höhe, auch jetzt mitten im Launing, noch weitläufige Schneefelder.

»Wenn du dein Auge bemühst, kannst du vielleicht schon den Pia’tar de Giaz sehen, auf dem Munt’tar liegt. Die Menschen hier oben nennen ihn Elbenstein.« Frendan’no lächelte verschmitzt. »Dabei lautet seine richtige Bezeichnung Eisstein.«

»Wissen die Menschen hier oben von euch?«, fragte Philip.

»Wenn du fragst, ob manche von ihnen schon einmal in Munt’tar waren, dann sage ich: nein. Rond’taro ist meines Wissens der Einzige, der in den letzten tausend Jahren die Tore einer Elbenstadt für Menschen geöffnet hat. Aber wir treffen die Menschen ab und an in der Stille der Berge. Wenn Lawinen Dörfer überrollen, versuchen wir, ihnen zu helfen. Manche von ihnen nennen uns deswegen auch Lawinendämonen.«

»Das ist nicht die Form von Dankbarkeit, die zu erwarten wäre«, sagte Philip empört, aber Frendan’no lächelte mild.

»Es geht uns nicht um ihre Dankbarkeit. Wenn sich ein Schaf verläuft, helfen wir ihm auch zurück zu seiner Herde, und sobald es sie sieht, rennt es blökend davon. Die Berge sind wilde, unberechenbare Geschöpfe. Wer hier wohnt, liebt sie. Die Menschen wie die Elben und die Tiere. Wir alle wissen um diese Liebe des anderen, und trotzdem bleibt jeder am liebsten unter seinesgleichen.«

Philip nickte und versuchte, unter all den weißen Spitzen die eine auszumachen, die Frendan´no Eisstein genannt hatte.

»Aber meine Urgroßmutter war doch in Munt’tar«, bemerkte Philip plötzlich.

»Sie war meine Tochter, eine halbe Elbin, auch wenn sie sich für ein menschliches Leben entschieden hatte.«

»Wie geht das?«, fragte Philip. »Kann man sich das aussuchen?«

Frendan’no lachte. Es war das erste Mal, dass Philip ihn lachen hörte, aber als der Elbe Philips verständnislosen Blick bemerkte, wurde er wieder ernst.

»Es gibt viele Entscheidungen, die man in einem Leben treffen kann, auch in einem kurzen Menschenleben. Wusstest du, dass dein Vorfahre Peredur auch die Wahl zwischen Sterblichkeit und Unsterblichkeit hatte? Du hast diese Wahl auch, aber in deinem Fall verhalten sich die Dinge etwas anders.«

»Ich verstehe nichts!«, gestand Philip.

»In den frühen Zeiten, als die Menschen und die Elben noch nebeneinander in Frieden lebten, kam es öfter vor, dass sich zwei ungleiche Wesen ineinander verliebten. Die Liebe ist das Wichtigste, aber sie ist nicht das Einzige, was benötigt wird. Blut besiegelt einen solchen Bund und ein Ort der Macht. Die meisten von uns werden an einem solchen Ort geboren.«

»Dann kann also jeder Mensch unsterblich werden?«

»Wenn er von einem Elben geliebt wird und diese Liebe auf Gegenseitigkeit beruht.«

»Das heißt, Peredur wurde von einer Elbin geliebt«, stellte Philip fest. Leron’das hatte dies bereits erwähnt, aber damals war Philip nicht nach Geschichten zumute gewesen.

Frendan’no nickte. »Von mehr als einer. Er wuchs in Pal’dor auf.«

»Aber wieso habe ich diese Wahl?« Endlich hatte Philip jemanden gefunden, der bereitwillig seine Fragen beantwortete.

Frendan’no lächelte. »In deinen Adern fließt mein Blut, und auch wenn du nicht Rosis Schoß entsprungen bist, so bist du dennoch in gewisser Weise auch mein Kind und genau so liebe ich dich. Wenn du es willst, wird dein Leben so lange währen, wie deine Verbundenheit mit den Elben besteht.«

»Warum hat Rosi das nicht gemacht? Warum keins ihrer Kinder bisher?« Philip bereute seine Frage, kaum, dass er sie ausgesprochen hatte.

Frendan’nos Gesicht wurde traurig, das Licht in seinen Augen trübe, aber er antwortete trotzdem. »Warum Rosi es nicht tat, kann ich nicht sagen. Viele Nächte dachte ich darüber nach. Sie hat meinetwegen viel erduldet, aber sie scheute sich, mit mir zu gehen. Meine Tochter und auch deren Kinder, genauso wie deine Mutter und Josephine erfuhren von mir erst nach ihrem Eintritt ins Erwachsenenalter. Sie alle hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits für ihr Leben gebunden.«

Philip spürte Frendan’nos Blick, aber er fürchtete sich davor, ihn anzusehen. Er fürchtete sich davor, in den Augen des Elben den Wunsch zu sehen, der in dessen Worten mitgeschwungen war. Er dachte an Arina. Zum ersten Mal seit jener Nacht auf der Lichtung ließ er den Gedanken an sie zu. Es war schmerzhaft. Philip hatte ihr versprochen, nach Eberus zu reisen, und er wünschte sich mehr als alles andere, er könnte dieses Versprechen einhalten. Würde sie verstehen, dass er sich auf gar keinen Fall zu erkennen geben konnte? Mehr denn je zweifelte Philip daran, dass es eine Zukunft für sie beide gab, aber er wusste, dass, solange sie lebte, solange er lebte, ein Funken Hoffnung in ihm glühen würde. Er konnte den Weg, den Frendan’no ihm gezeigt hatte, nicht gehen.

»Wenn es in meiner Macht liegt, werde ich dafür sorgen, dass meine Brüder, die nicht meine Brüder sind, beizeiten von dieser Möglichkeit erfahren«, versprach er. Frendan’no senkte seinen Blick und verstand, dass Philip seine Wahl getroffen hatte.

Sie wanderten den Rest des Tages am Kamm weiter und suchten sich für die Nacht einen windgeschützten Platz an der Südseite des Berges. Philip mochte Frendan’nos stille Vertrautheit. Er wusste, dass der Elbe nichts von ihm verlangen würde, was er nicht selbst wollte, und dass er zu keinem Zeitpunkt sein Handeln wertete. Er war für ihn da, bereit, ihm zu helfen, seine Bürde zu tragen und ihm beizustehen, wenn er ihn brauchte.

Philip lag schlaflos auf dem Rücken und dachte über alles Mögliche nach. Seine Gedanken waren wirr und zusammenhanglos, aber am Ende aller Dinge kam er immer wieder zu der Ausweglosigkeit seiner Situation.

»Was soll ich tun, Frendan’no? Leron’das will, dass ich mich stelle, aber das kann ich nicht. Alle Menschen, die ich kenne, hoffen auf einen starken Mann, der sie führt. Sie hoffen auf einen, der König Levian die Stirn bietet und die Zauberer aus dem Land vertreibt. Doch ich kann das nicht. Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so hilflos gefühlt. Alles, was zu mir gehört hat, wurde mir entrissen. Ich weiß nicht einmal mehr, wer ich bin.«

Frendan’no schwieg und Philip vermutete, dass er schlief. Schließlich drehte er sich auf eine Seite und schloss die Augen.

»Was du tun sollst, kann ich dir nicht sagen«, begann Frendan’no unverhofft. »Ich will dich auch nicht mit den Hoffnungen und Wünschen anderer belasten, wenn du doch eigene Wünsche und Hoffnungen hast. Obwohl ich mich nach Kräften bemühe, dir klarzumachen, dass du nichts verloren hast, sondern nur etwas Vergangenheit dazugekommen ist, kann ich dir den Schmerz nicht abnehmen. Du sagst, du weißt nicht mehr, wer du bist. Aber ich sehe noch viel von dir, ich spüre noch viel von dir und der Kraft, die in dir steckt. Eines Tages wirst du sie auch wieder spüren. Eines Tages wirst du möglicherweise verstehen, was du wirklich verloren hast und auch, dass du dadurch etwas anderes dazugewonnen hast.« Er machte eine Pause. »Es ist nicht jeder zum König geboren, selbst wenn das Blut vieler Könige in seinen Adern fließt. Wären die Dinge anders verlaufen, wärst du nicht der geworden, der du heute bist. Aber wenn du mich fragst, ich glaube, dass du ein guter König für die Menschen sein könntest. Jedoch bin ich kein Mensch. Wir Elben beugen unser Haupt nicht vor einem König, aber wir verneigen uns in Anerkennung selbst vor dem Geringsten, wenn ihm dies gebührt. Grübel nicht länger. Schlaf!«

Aber Philip schlief nicht. Obwohl Frendan’no gewusst hatte, wer der Erbe der alten Könige war, hatte er auf dem Markt in Corona gestanden und hatte sein Kommen verkündet. Obwohl oder deswegen?

»Seit wann wusstest du, dass ich nach Corona kommen würde? Seit wann wusstest du, dass ich es bin, der …«

Frendan’no seufzte, setzte sich auf und zog die Beine unter sich. »Noch nicht sehr lange, dies sagte ich bereits. Vor Umlauf des ersten Frühlingsmonds kam Leron’das nach Munt’tar und berichtete von der Prophezeiung, die besagt, dass der König wiederkommen und ihm Boten vorausgehen würden, wie sie die Menschen nicht oft gesehen haben. Leron’das war der festen Überzeugung, dass wir Elben diese Boten sein werden. Ich war bereit, mit ihm zu gehen, nicht zuletzt meiner Schwester zuliebe, die um Leron’das fürchtet. Als wir in Corona ankamen, brachte er mich auf einem geheimen Pfad zu Resilius und dort erfuhr ich den Namen des letzten verborgenen Königs. Da erst wusste ich, dass du es bist.« Er lächelte versonnen. »Leron’das wurde ganz still, als er erkannte, dass ein Name allein oft nichts über die Person verrät, die dahintersteckt. Erst als ich ihn bat, dir entgegenzureiten, erwachte er aus seiner Starre.«

»Deine Schwester ist das Herz von Munt’tar?«, fragte Philip ungläubig.

»Hat er sie so genannt?«, fragte Frendan’no zurück.

Philip nickte. »Er sagte, sie sei nach Eberus gegangen, um …« Die Erinnerung an das Gespräch, dass er mit Leron’das auf dem Turmberg geführt hatte, schnürte ihm die Kehle zu. Eberus, Eberus, Eberus. Wie lange war es her, dass er sich, noch unbeschwert und von Sehnsucht beflügelt, ausgemalt hatte, er könnte gemeinsam mit Leron’das in die Stadt der Kirche reisen und bei Sonnenuntergang auf das Meer hinaussehen. Arina leise seufzen hören, ihre Hand in seiner. Den Wind auf der Haut, der verspielt an ihren Haaren riss und die herausgezupften Strähnen in ihrem Nacken kräuselte.

Heftig wünschte er sich sein Leben zurück. Sein unzulängliches, kleines Leben. Ein Leben mit Träumen, mit Hoffnung … mit Liebe. Er wollte wieder Philip sein und sich wie Philip fühlen.

»Philip?«

»Es ist nichts mehr von mir übrig.« Er rollte sich in seine Decke und kehrte Frendan’no den Rücken zu.

Frendan’no saß eine Weile stumm da, dann begann er leise zu erzählen. »Felicitas war die Ältere – beinahe zwei Jahre älter als Josephine. Sie war ein aufgewecktes Kind und sie stand oft ungeduldig vor der Wiege ihrer Schwester, als ob diese nicht schnell genug groß werden würde, um mit ihr zu spielen. Dann konnte Josephine endlich laufen. Felicitas nahm sie überall hin mit und zeigte ihr alles. Als die letzte große Seuche in Corona wütete, war Felicitas kaum älter als vier Jahre.« Er seufzte leise. »Die Menschen starben reihenweise und der Gestank, der aus der Stadt drang, war überwältigend. Erst starb die Mutter der Mädchen, dann ihr Vater. Die beiden Kinder klammerten sich in ihrer Trauer aneinander. Obwohl Josephine die Jüngere war, war ihre Kraft ungleich stärker. Als Felicitas die ersten Anzeichen der Krankheit zeigte, wich Josephine nicht mehr von ihrer Seite. Helena fürchtete, dadurch beide Kinder zu verlieren, aber sie brachte es nicht übers Herz, sie zu trennen. Wider Erwarten erholte sich Felicitas und behauptete steif und fest, dass Josephine sie geheilt hätte.«

Philip hörte Frendan’no zu und vergaß seine Zweifel. Er tauchte ein in die Geschichte über zwei Schwestern, die beide seine Mutter waren. Kurz bevor er einschlief, begannen die Grenzen zu verschwimmen. Die fremde Felicitas, die ihn zur Welt gebracht hatte, bekam ein Gesicht, und er bekam ein Gefühl für sie. Das Gefühl, sie zu kennen.

In den nächsten Tagen wurde der Weg beschwerlicher. Sie überquerten Geröllfelder und mussten nicht selten weit ins Tal hinabsteigen, damit Erós ihnen folgen konnte. Schließlich erreichten sie die Stelle, an der die Pferde aus Munt’tar untergebracht waren.

»Hier musst du dich von deinen Tieren verabschieden«, sagte Frendan’no. Philip übergab Erós und Lu in die Gesellschaft einer ansehnlichen Herde, die auf einer weitläufigen Alm über der Baumgrenze weidete. Obwohl ringsum viel Schnee lag, war die Wiese saftig grün und ein in den Fels gehauener Stall bot Schutz vor Wind und Wetter.

Philip sah hinunter auf unzählige Gipfel, aber wenn er sich umdrehte, ragten hinter ihm die Eisgiganten in den Himmel.

Von der Pferdewiese bis Munt’tar waren sie weitere vier Tage unterwegs. Philip kämpfte gegen Schwindel und Kurzatmigkeit und war gleichermaßen berauscht wie beklommen, als er die Welt unter seinen Füßen immer kleiner werden sah. Die Kälte kroch ihm bis in die Knochen, und er konnte sich kaum noch vorstellen, wie es gewesen war, als die Sonnenstrahlen ihn wärmten und nicht nur gleißend in den Augen brannten. Trotzdem merkte er, wie sein Herz weit wurde. Immer öfter blieb er stehen, aber nicht nur, um zu Atem zu kommen, sondern auch, um seine Augen an der Herrlichkeit dieser majestätischen Landschaft zu weiden. Manchmal lauschte er der Stille so lange, bis sie durch seine Ohren in seine Seele drang und ihn alles vergessen ließ. Hier oben herrschte die Zeit nicht, und er war dem Himmel so nahe, dass ihn nichts bedrückte.

2. Die rothaarige Elbin

Elfrieda hatte den vorderen Gebäudeflügel des Archieristos noch nie gemocht. Der Lärm der Straße war hier überall zu hören. Schmutz und Staub drangen durch jede noch so kleine Ritze. Dies machte die regelmäßige Reinigung der öffentlichen Räume umso notwendiger.

Heute hatte Elfrieda eine ganze Armee von Mädchen damit beauftragt, die Böden zu schrubben und Staub zu wischen. Sie hoffte, dass bei dem Durcheinander, das sich daraus ergab, keiner merken würde, dass sie selbst fehlte. Siebzehn Jahre Dienst im wichtigsten Hause der Kirche – einem Haus, welches das Wohlwollen des Herrn hätte erwecken sollen, nun aber täglich Beweise dafür erbrachte, dass es hinter Gottes Angesicht lag – hatten nicht ausgereicht, um ihre Schritte auch nur ein einziges Mal in die Verliese zu lenken.

Doch heute würde sie es tun. Sie musste es tun, denn ihre bisherigen Versuche, dem rothaarigen Wesen zu Hilfe zu kommen waren gescheitert. Viel zu lang hatte sie gebraucht, um herauszufinden, wer der Elbin regelmäßig das Essen brachte. Dann hatte sie weitere kostbare Zeit darauf verschwendet, mit dem taubstummen Mann Kontakt aufzunehmen und ihn in ihren Plan einzubeziehen. Schließlich musste sie sich eingestehen, dass er nicht nur taubstumm, sondern auch einfältig war. Es selbst zu versuchen, war ihre letzte Möglichkeit, und sie hoffte inständig, dass sie nicht zu spät kam, denn die Elbin befand sich seit mehreren Wochen dort unten.

Die Kerker lagen in dem u-förmig angeordneten Gebäudekomplex auf der geschlossenen Seite. Für den Fall, dass jemand es wagen würde, ihr, der obersten Haushälterin, den Zutritt zu verweigern, hatte sie ein Schreiben verfasst und es mit dem Siegel des Heiligen Vaters versehen.

Der Wachmann, der vor der obersten Tür herumlungerte, ließ sie jedoch ungefragt passieren, als sie, mit Putzeimer und Schrubber bewaffnet, an ihm vorbeirauschte. Er war neu und wusste nicht, dass ihr Aufgabenbereich normalerweise vor dieser Tür endete.

Die Treppen, die nach unten führten, waren verdreckt und zum Teil abgesplittert. Die Luft roch faulig und feucht. Je weiter Elfrieda hinabstieg, umso dichter wurde der Gestank. Das Atmen fiel ihr schwer. Zwischen den beiden Türen, die die Welt dort oben von der darunter trennten, hallte jeder ihrer Schritte. Ihr Herz schlug heftig in der Brust, aber weniger aus Angst davor aufzufliegen, als davor, was sie hinter der nächsten Tür erwarten würde.

Unter welch unwürdigen Bedingungen fristeten die Menschen, über die im Namen Gottes gerichtet werden sollte, hier ihre Tage? Elfrieda war der Meinung, dass ein allmächtiger Gott es nicht nötig hatte, durch die Hand eines Menschen zu strafen, und darum Menschen nicht das Recht hatten, dies in seinem Namen zu tun.

Als sie die nächste Tür öffnete, trieb ihr der Gestank die Tränen in die Augen. Die Hand schützend vor Mund und Nase gepresst, sah sie sich in dem dämmerigen Raum um. Sie hatte fest damit gerechnet, auch hier mindestens einem Wachmann zu begegnen, aber der Vorraum war leer. Elfrieda stellte den schweren Eimer in eine Nische und steuerte, dicht an die Wand gedrängt, den hinteren Teil der Verliese an, wo sie die Elbin vermutete. Hin und wieder hing eine Öllampe an der Wand. Ihr eigener langer Schatten verfolgte sie aus dem einen Lichtkreis in den nächsten. Es war gespenstig still. Darum erschreckte sie der erste Laut, der hinter einer der schweren Eisentüren erschallte, so sehr, dass sie sich mit einem leisen Aufschrei in eine Nische drängte. Erst als sich ihr Herzschlag etwas beruhigt hatte und das Rauschen des Blutes in ihren Ohren leiser wurde, erkannte sie, dass jemand sang. Die Stimme war rau, eine Melodie war kaum zu erkennen, und das Geräusch von schleifenden Eisenketten mischte sich immer wieder dazwischen.

Nachdem Elfrieda sich nach allen Seiten umgesehen hatte und immer noch keine Bewegung in dem Gang wahrnehmen konnte, schlich sie weiter. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, aufrecht und mutig zu sein. Das Schreiben, das ihren Aufenthalt hier unten rechtfertigen sollte, steckte schließlich in der Tasche ihres derben Rockes. Sie hoffte, dass niemand merken würde, dass es sich um eine Fälschung handelte. Zumindest nicht, solange sie hier unten war.

Natürlich würde es keinem auffallen, beruhigte sie sich selbst. Niemand wusste, dass sie des Schreibens mächtig war. Sie war schließlich eine Frau, und obwohl sie über eine kleine Armee von Dienstmägden gebot, war sie doch nur eine Hausbedienstete. Außerdem zweifelte sie daran, dass auch nur einer der Wachen mehr als das Siegel des Archiepiskopos erkennen würde.

Der Plan war gut, aber sie hatte nicht mit der bedrückenden Macht dieser Gewölbe gerechnet. Nicht mit diesem Gestank.

Obwohl ihr Herz immer noch heftig flatterte, zwang sie sich dazu, mit straffen Schultern und entschlossenen Schritten weiterzugehen. Es war ausgeschlossen, dass sich kein Wachposten hier aufhielt. Andererseits war sie jetzt schon so weit in den Kerker vorgedrungen und niemandem begegnet, dass sie der Verdacht beschlich, jemand müsste die Wachen weggeschickt haben. Der Gedanke war noch nicht zu Ende gedacht, da war sie sich sicher, dass es nur so sein konnte.

Wer hatte die Macht, die Wachen wegzuschicken? Der Archiepiskopos selbst. Aber der Archiepiskopos würde diesen Keller niemals betreten. Abgesehen davon, dass es hier erbärmlich roch und zudem feucht und dreckig war, hätte er mindestens hundert Schritte von seinem Audienzsaal bis hierher gehen müssen. Dann die schmalen Stufen hinunter – es war vollkommen abwegig. Wäre er hier, hätte sie keinen Schritt auch nur in die Nähe der Tür tun können. Wer … Elfrieda blieb wie angewurzelt stehen, denn plötzlich wusste sie, wer sich in den Verliesen aufhielt. Wenn er es war, dann war er genau dort, wo sie hinwollte.

Flucht, nur weg von diesem Ort, war ihr erster Gedanke, doch gleichzeitig zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. Sie konnte nicht gehen und die Elbin dem Zauberer überlassen. Hastig raffte sie ihre Röcke und eilte den Gang hinunter.

***

Feodor saß vor dem Feuer und starrte in die Glut. Kein Gedanke passte mehr in seinen Kopf, er fühlte sich müde, ausgebrannt und einsam.

Einsam! Obwohl er den ganzen Tag seine Kinder um sich hatte und von überall freundlichen Zuspruch erhielt. Doch nach wie vor wusste niemand, wo sich Phine befand, und nach wie vor war Lume’tai nicht bereit, sich von jemand anderem halten und trösten zu lassen als von ihm oder einem seiner Söhne. Sie hielt ihn gefangen hier an diesem fremden Ort. Sie verhinderte, dass er sich mit seinen immer noch wunden Knochen auf die Suche nach seiner Frau machen konnte.

Manchmal war er zornig auf Lume’tai. Sie war hier zu Hause unter ihresgleichen, aber alles, was sie wollte, war die Nähe derer, die ihr vertraut waren. Von dem zufriedenen Kind, das er kannte, war nichts mehr da. Es war genauso verschwunden wie seine Zuversicht, genauso verschwunden wie Phine …

Oft hielt er die Kleine im Arm und erklärte ihr, was unerklärlich war. Er bat sie, ihn freizugeben, damit er Phine suchen konnte, aber Lume’tai sah ihn mit ihren großen, blauen Kinderaugen an und kuschelte dann ihr Köpfchen trostsuchend an seine Brust.

Die Elben näherten sich nur scheu und ehrerbietend, wenn er so mit ihr dasaß. Offensichtlich hatte sie Großes geleistet. Aber es überstieg Feodors Auffassungsgabe, zu verstehen, von was die Rede war, wenn sie sagten, sie hätte den Lichtkreis geschlossen und Machtworte gespiegelt. Möglicherweise würde Ala’na es ihm erklären. Aber sie war noch so geschwächt, dass sie nur für ihren engsten Familienkreis zu sprechen war. Manchmal sah Feodor Rond’taro auf den Pfaden von Pal’dor.

Obwohl er immer freundlich war und sich stets nach seinem Befinden erkundigte, wirkte er irgendwie abwesend.

Solange Feodor noch in Iri’tes Obhut gelegen war, hatte er ab und an über Ala’nas Gesundheitszustand Auskunft erhalten. Nicht viel und nur das, was ihn unmittelbar betraf, aber es vermittelte ihm zumindest einen kleinen Eindruck davon, wie sehr sich die Elbin angestrengt haben musste, um Josephine zu finden. Es zeigte ihm aber auch, was seine Frau und Lume’tai geleistet hatten, um ihr den Weg zurück in ihren Körper zu ermöglichen.

Feodor schüttelte den Kopf. Das alles war so fern von seinem Leben, es war so unglaublich und unverständlich wie das Buch, das Josua neulich in der Hand hatte, mit den Bildern unbekannter Tiere und voll mit Runen, die er nicht entziffern konnte.

Er fühlte sich ausgesetzt in dieser fremden Welt, deren Regeln er nicht kannte.

Immerhin blühten seine Söhne langsam auf. Josua war der Erste gewesen, der sich neugierig in diese neue Welt stürzte. Jaris und Jaden hatten die Vorteile auch schnell herausgefunden und ließen sich wie streunende Katzen an allen möglichen Stellen verwöhnen. Schließlich waren ihnen die beiden Großen gefolgt, wobei sich Johann am schwersten tat. Aber auch ihn brachte seine kindliche Neugier weiter, als Feodor zu gehen vermochte.

Nach seiner ersten Erleichterung, alle in Sicherheit zu wissen, wurde ihm immer beklemmender bewusst, dass er an einem Ort war, an den er nicht gehörte. Zwar war er keine vier Stunden Fußmarsch von seiner Heimatstadt entfernt, aber er hätte genauso gut auf einem anderen Stern sein können. Und das alles ohne Phine.

Zum ersten Mal in seinem Leben fragte sich Feodor, worauf er sich eingelassen hatte.

Als die alte Helena ihnen damals vor fast siebzehn Jahren eröffnete, dass ihr Vater ein Elbe aus Mu … Ma … – der Name dieser Elbenstadt fiel ihm nicht mehr ein – war, hatte er das stillschweigend aufgenommen und zu seiner Liebe hinzugezählt wie ein Muttermal an einer geheimnisvollen Stelle.

Er spürte heute noch einen Hauch von dem schlechten Gewissen, das er verspürt hatte, als er Josephine mit sich nahm, obwohl sie nicht seine angetraute Frau gewesen war. Die Notwendigkeit, dies zu tun, stand damals vor dem Anstand, und da seine Absichten ehrenhaft waren, hatte er sie und das Kind ihrer Schwester, keusch – und darauf legte er großen Wert – bis ins Kloster Wilhelmus gebracht, wo der Abt erst die Trauung und dann die Weihe des Kindes übernommen hatte.

Philip war ihm so schnell ans Herz gewachsen wie später jedes seiner leiblichen Kinder, und manchmal vergaß Feodor, dass dieses Kind nicht sein eigen Fleisch und Blut war. Wo war Philip? Wie ging es ihm? Mit Phine war auch der lose Kontakt zu seinem Ältesten abgerissen. Irgendwie ahnte sie meistens, ob es ihm gut oder schlecht ging und sie wusste, ob er lebte. Erst seit Philip nicht mehr da war, spürte Feodor den Druck der Verantwortung, die er damals leichtherzig übernommen hatte und die ihn nie belastet hatte, solange der Junge in seinem Haus lebte, wuchs und gedieh und sich zusehends zu einem verantwortungsbewussten Menschen entwickelte. Als Philip das Erwachsenenalter erreichte, hatte Feodor Phine einmal gefragt, ob es nicht an der Zeit wäre, ihm die Wahrheit zu sagen. Aber Phine war der Meinung gewesen, dass es besser wäre, noch ein Jahr zu warten und ihn solange in dem Glauben zu lassen, dass er das Mannesalter noch nicht erreicht hatte. Doch der Tag der Aussprache war nie gekommen, und es reute Feodor mehr als alles andere, dass ein Fremder Philip die Wahrheit seiner Herkunft erklären würde.

Traurig dachte er daran, dass nichts so gekommen war, wie es hätte kommen sollen. Die Zufriedenheit, die ihm früher innewohnte, wenn er den Jungen ansah, war durch Zweifel und Ängste erstickt worden. In letzter Zeit dachte er oft daran, dass Philip ein Sohn von Königen war. Manchmal dachte er es mit Stolz, doch meistens mit Kummer und Schmerz. Die Mitglieder des geheimen Schlüssels hatten schon Philips Vater auf den Thron vorbereitet und Feodor zweifelte nicht, dass sie es auch mit Philip versuchen würden. Das Land brauchte einen neuen König! Aber warum ausgerechnet seinen Sohn?

Lume’tai rekelte sich, schlug die Augen auf, und als sie ihn nicht sofort bemerkte, begann sie zu schreien.

»Ich lass dich nicht allein, kleiner Engel«, flüsterte Feodor und hob sie sacht aus ihrem weißen Bettchen. Er setzte sie auf seinen Schoß und tröstete sie, bis sie sich beruhigt hatte und ihn aus den kleinen Seen, die ihre Augen waren, ernst ansah.

»Phine hat gesagt, du bist unser kleines Mädchen. Am Anfang und am Ende halte ich ein Kind in den Armen, von dem ich weiß, dass es nicht meins ist, aber mein Herz ist blind, es erkennt keinen Unterschied zwischen dir und meinen Söhnen.« Er seufzte. Er wusste, dass er nicht an Phine denken durfte, solange Lume’tai wach war, darum stand er auf und ging langsam unter den Bäumen spazieren. Immer noch schmerzten seine Glieder und er fühlte sich wie ein alter Mann.

***

Vor der nächsten Ecke blieb Elfrieda wie angewurzelt stehen. Die Luft war zum Schneiden dick. Sie flimmerte und knisterte vor Spannung. Elfrieda konnte nichts Genaues erkennen. Der neue Gang war beinahe noch düsterer als der, in dem sie stand. Sie lauschte. Selbst wenn es stimmte, dass Menschen gegen die Macht eines Zauberers gefeit waren, so war er immer noch ein Mann und ihr körperlich überlegen. Möglicherweise war er bewaffnet. Außerdem galt sein Wort mehr als ihres. Sie konnte nur verlieren. Trotzdem war es zu spät, um umzukehren. Vorsichtig lugte sie um die Ecke. Funken sprühten und in ihrem verglimmenden Licht stand eine verhüllte Gestalt. Elfrieda spürte, wie sich die Härchen an ihren Armen sträubten und ihr ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief. Die Gestalt stand genau an der Stelle, an der die Zelle der Elbin sein musste. Sie kam zu spät.

Zitternd lehnte sie sich an die staubige Wand und schloss verzweifelt die Augen. Die schlurfenden Schritte hörte sie erst, als sie schon ganz nah waren. Erschrocken stieß sie sich von der Wand ab und huschte den Gang zurück. Wo war die letzte Nische gewesen? Ihr Herz jagte wild und drohte, ihr aus der Brust zu springen. Ihre Augen suchten die kahlen Wände nach einem Versteck ab und in ihren Ohren dröhnten die nahenden Schritte wie Trommelschläge. Bald würde er um die Ecke biegen und sie sehen. Sie fühlte sich wie eine Maus, die auf freiem Feld ein Versteck vor dem wachsamen Auge der Eule sucht. Ein Blick über die Schulter sagte ihr, dass er sie noch nicht entdeckt hatte, doch da verfingen sich ihre Füße in einem der Unterröcke. Sie stolperte, konnte jedoch gerade noch verhindern, der Länge nach hinzufallen, indem sie sich an dem Riegel einer Zellentür festhielt. Fast lautlos glitt er zurück. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Stöhnen. Egal was hinter dieser Tür war, es konnte nicht schlimmer sein, als das, was jeden Moment um die Ecke biegen musste. Sie zog sie noch etwas weiter auf, quetschte sich hindurch und blieb regungslos stehen. Sie wusste, dass sie die Tür noch mindestens hinter sich hätte zuziehen müssen, aber irgendetwas sagte ihr, dass die verhüllte Gestalt bereits um die Ecke gebogen war und die Bewegung der Tür bemerken würde.

In der Zelle war es dunkel wie in einer Gruft. Elfrieda schob sich vorsichtig noch etwas tiefer in den Schatten und hoffte, dass sie über nichts stolperte, was sie verraten würde. Sie musste ihre Zähne zusammenbeißen, damit sie nicht laut klapperten, so sehr zitterte sie. Zweimal hörte sie noch das Klackern der Absätze auf dem rauen Steinboden, dann war es still. Elfrieda hielt den Atem an. Etwas raschelte, dann gab es einen Donnerschlag und sie stand in vollkommener Finsternis. Der graue Schatten im Türspalt war verschwunden.

Er hat mich eingesperrt, dachte sie seltsam ruhig.

Irgendwo in ihrem Kopf rebellierten ein paar verirrte Gedanken, aber sie griffen nicht über. Vollkommen von sich gelöst, sank sie zu Boden. Ihr Herz schlug ruhig und gleichmäßig, ihre Hände lagen schwer auf dem feuchten Boden.

Eingesperrt.

Sie konnte nicht sagen, wie lange sie regungslos dagesessen hatte, ehe die Starre langsam von ihr abfiel. Ob schon Abend war? Ihr Gesäß fühlte sich taub an, und die Knie schmerzten, als sie sich aufrichtete. Sie tastete sich an der Wand entlang, bis sie das kalte Eisen der Tür unter ihren Fingern spürte.

Vorsichtig drückte sie dagegen, dann mit ihrem ganzen Körper, aber die Tür bewegte sich nicht. Noch nie in ihrem Leben hatte sich Elfrieda so sehr nach einem Funken Licht gesehnt. Das Gefühl, nicht atmen zu können, wurde übermächtig. Nur mit äußerster Willenskraft gelang es ihr, einen wütenden Schrei zu unterdrücken. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben und zu überlegen.

Ruhig bleiben, überlegen, ruhig bleiben, überlegen … Ihr sonst so reger Verstand war unfähig, auch nur den kleinsten vernünftigen Gedanken zu formen. Sie stand vor der Tür, den Kopf an die kalten Eisenbeschläge gelehnt. Die Zeit rauschte vorbei oder stand still. Es war bedeutungslos. Niemand wusste, dass sie hier unten war. Wenn sie still ausharrte, würde sie hier sterben. Wenn sie sich bemerkbar machte, lief es auf das Gleiche hinaus. Als sich die erste Verzweiflung gelegt hatte, fiel ihr ein, dass die Tür nur einen Riegel gehabt hatte, kein Schloss.

Einen Riegel, kein Schloss. Sie schaukelte diesen Gedanken eine Weile. Ohne zu einem weiteren Ergebnis zu kommen, steckte sie die Hände in die Taschen ihres Rockes, um zumindest ihre kalten Finger aufzuwärmen.

Das Pergament war noch drin – und noch etwas anderes. Etwas Kleines, Hartes. Elfrieda betastete es, dann kam langsam die Erinnerung zurück. In ihrer Naivität hatte sie ein kleines Messer eingesteckt, mit dem sie die Stricke der Elbin hatte zerschneiden wollen, falls diese gefesselt war. Jetzt schüttelte Elfrieda nur den Kopf wegen ihrer Dummheit. Wenn hier unten jemand gefesselt war, dann doch bestimmt mit Ketten.

Trotzdem fühlte sich das Messer irgendwie beruhigend an. Sie holte es heraus und begann, es in jede Ritze der Tür zu schieben, die sie finden konnte. Schließlich höre sie Metall auf Metall kratzen. Sie hatte den Riegel gefunden.

Energisch drückte sie das Messer gegen den Riegel und versuchte, ihn soweit zur Seite zu schieben, wie die enge Ritze es erlaubte. Sie wusste nicht, ob sie Erfolg gehabt hatte, aber sie zog das Messer ein Stück zurück, setzte es erneut an und schob wieder.

Ihre anfängliche Freude legte sich schnell und wich sturer Beharrlichkeit. Es war Elfriedas einzige Hoffnung, und sie war nicht bereit, sie aufzugeben, solange sie noch Kraft in den Fingern hatte. Nach einiger Zeit merkte sie, dass sie vor Anstrengung schwitzte. Immer wieder wischte sie die Hände an ihrem Rock trocken.

Ihre Beharrlichkeit wurde zu Zorn, der mit der zunehmenden Taubheit ihrer Finger wuchs. Elfriedas Hand rutschte ab und sie stieß den Finger schmerzhaft gegen die schartige Tür. Ein leiser Fluch entrang sich ihrer Kehle, und dann sprang ihr – als hätte Gott selbst ihren Fluch gehört – das Messer aus der Hand. Klirrend fiel es zu Boden.

Der Grat zwischen Zorn und Verzweiflung war schmal. Tränen liefen über Elfriedas Wangen, während sie auf allen vieren den schlüpfrigen Boden nach dem Messer abtastete. Als sie es endlich fand, wusste sie, dass die Mächte sich gegen sie verschworen hatten. Der Schmerz biss sie wie ein hinterhältiges Tier, und als sie ihre Finger reflexartig zum Mund führte, schmeckte sie unter all dem Schmutz ihr Blut.

Elfrieda legte sich das Messer auf den Schoß und wickelte ihren Finger fest in einen ihrer Unterröcke ein. Während sie still da saß und darauf wartete, dass das Pochen nachließ, dachte sie an die treibenden Wolken über den Hügeln ihrer Kindheit. Würde sie sie je wiedersehen? So viele Jahre waren vergangen, so viele Wolken waren vorbeigezogen. Sie erinnerte sich an die vielen Tage, in denen der Himmel immer bedeckt gewesen war. Einheitlich grau und schwer wie Blei lag eine Wolkenschicht am Himmel, als ob sich die Welt mit ihr zugedeckt hätte und darunter trieben dunklere und hellere, größere und kleinere Wolkenfetzen im Wind. Regen, mal dick und nass, dann wieder so fein, dass er für das Auge kaum sichtbar war, rieselte aus diesen Wolken und weichte die Wiesen und Felder auf. Wenn dann aber nach Tagen ein Riss in der Wolkendecke entstand und der blaue Himmel oder gar die Sonne dahinter zum Vorschein kamen, legte sich ein Zauber über die Welt, der mit Worten kaum zu beschreiben war.

Elfrieda prüfte ihren Finger mit den Lippen und befand, dass er wieder einsatzfähig war. Tastend bewegte sie sich auf die Tür zu, zurück zu der Stelle, an der sie den Riegel vermutete.

Mit zitternden Fingern setzte sie das Messer in die Ritze, presste es fest gegen das Metall und schob, zog es zurück, setzte es an und schob. Noch einmal, und als sie es erneut gegen die Tür drückte, öffnete sie sich einen Spalt breit. Das dämmerige Licht der Lampen auf dem Gang war für Elfrieda wie das Wolkenloch ihrer Kindheit. Es erfüllte sie mit Glück und Erleichterung, mit Hoffnung und Leben. Es kam ihr vor, als hätte sie noch nie etwas Schöneres gesehen als dieses Licht.

Blinzelnd steckte sie den Kopf durch den engen Spalt. Der Gang war leer. Elfrieda lauschte, konnte aber nichts hören. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor die Tür. Der Drang nach Freiheit war stark, aber sie hatte nicht vergessen, wer in den Gängen der Verliese umherschlich. Als sie draußen stand, war ihr erster Gedanke, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Doch dann fiel ihr die Elbin wieder ein.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit sie zum ersten Mal um diese Ecke gelugt hatte. Es konnte ein Augenblick oder eine Ewigkeit her sein. Die Dunkelheit der Zelle hatte sie jeden Zeitgefühls beraubt. Sie fühlte sich zum Umfallen müde. Es war früher Nachmittag gewesen, als sie hier herunterkam. Möglicherweise war es jetzt nach Mitternacht. In den Gängen war es still.

Jetzt war nicht die Zeit, um über ihre körperlichen Befindlichkeiten nachzudenken. Sie musste handeln.

An die Wand gepresst, lief sie den Gang entlang. Niemand durfte sie jetzt entdecken. Ihre Kleidung hatte in der Zelle sehr gelitten. Sie war zerknautscht und verdreckt. Den selbst geschriebenen Auftrag würde ihr kein sehender Mensch mehr abnehmen. Sie atmete schwer.

Der Gang war länger, als er aussah. Sie fühlte sich, als ob sie mindestens eine halbe Meile gelaufen wäre, aber ihrem Ziel war sie nicht viel nähergekommen. Der Raum wirkte verzerrt. Unwirklich. An der dunkelsten Stelle lehnte sie sich an die Wand, um zu verschnaufen. In ihrem Bauch prickelte es unangenehm, und als sie einen Blick zurückwarf, sträubten sich ihre Nackenhaare. Sie hatte sich keine zehn Schritte von der Ecke entfernt.

Ihre wachsende Angst drohte, in Panik umzuschlagen. Mit geballten Fäusten atmete sie noch dreimal bewusst ein und aus, dann stieß sie sich ab und lief weiter. Sie achtete nicht mehr darauf, sich versteckt zu halten, denn sie hatte keine Kraft mehr, um sie für Heimlichkeiten zu verschwenden. Wenn sie erwischt wurde, und davon ging sie aus, wollte sie vorher zumindest noch die Zelle der Elbin erreichen. Sie wollte … wollte …

Obwohl es keine Hoffnung gab, war es doch ihre Pflicht als Mitglied des geheimen Schlüssels, diesem schönen, rothaarigen Wesen mitzuteilen, dass es noch Menschlichkeit gab und dass nicht alles Wissen verloren war. Aber vor allen Dingen wollte sie vor ihrem Tod, eine aus dem Alten Volk sehen. Sie wollte einmal in ihrem Leben Elben sehen.

Seit dem Tag in der Kammer des Priesters, als sie das vollkommene Buch mit den perlmuttfarbenen Seiten in der Hand gehalten hatte, brannte diese Sehnsucht in ihr. Der Priester hatte ihr Begehren geschürt und sie war eine willige Schülerin gewesen. Als sie ihr Elternhaus verließ, hatte er alles in die Wege geleitet und ihr Türen geöffnet, von denen sie nicht einmal ahnte, dass es sie gab. Als sein Leben endete, wurde sie an seiner Stelle im Kreis der fünf Weisen des geheimen Schlüssels aufgenommen. Doch es war kein Geschenk. Sein Tod, obwohl friedlich und zur rechten Zeit, hatte ihr mehr Kummer bereitet, als der ihres Vaters nur wenige Jahre später.

Elfrieda stolperte und wäre beinahe gestürzt, so plötzlich endete die Raumzerrung. Einen Moment war es, als wäre sie aus einem Traum erwacht, und sie hatte Mühe, sich zu orientieren.

»Kommst du zu mir?«, fragte eine leise, melodische Stimme, die sie unter Hunderten erkannt hätte, obwohl sie noch nie zu ihr gesprochen hatte.

»Ja«, hauchte sie atemlos. »Ich will dir helfen.«

»Ich wusste, dass du es versuchen würdest, aber ich hatte gehofft, du würdest nicht kommen.« Die Stimme klang traurig und Elfrieda konnte nicht sagen, woher sie kam.

»Du wusstest es?«, fragte Elfrieda erstaunt.

»Ich sah dich auf der Straße und in der verborgenen Kammer. Ich sah deine Augen. Die Augen sind die Fenster zu eurer Seele.«

»Wo bist du?«, fragte Elfrieda und drehte sich im Kreis auf der Suche nach einer Tür. Sie fand aber keine.

»Ich bin gleich hier, aber du wirst mich nicht finden. Niemand wird mich finden, dafür hat er gesorgt.«

»Aber es muss einen Weg geben!«, rief Elfrieda aufgebracht. Es gab immer einen Weg und eine Tür. Sie war bloß verborgen, aber sie war noch da. Suchend tasteten ihre Hände die Wände ab.

»Bring dich in Sicherheit«, flüsterte die Stimme.

»Nein!«, widersprach Elfrieda. »Es gibt keine Sicherheit. Ich werde das ganze Gebäude einreißen, wenn es nötig ist.«

Die Elbin lachte. Wie ein Glöckchen, silberhell, klang ihr Lachen.

»Ihr Menschen seit wie ein Regenbogen, ihr schillert in allen Farben.«

Elfrieda verstand nicht, was es in dieser Situation zu lachen gab. Sie kämpfte mit der schier übermächtigen Müdigkeit, mit der Verzweiflung und der Tatenlosigkeit zu der sie verdammt war.

»Wie heißt du, Menschenkind?«

»Elfrieda«, murmelte sie.

»Ich danke dir, Elfrieda, dass du mich nicht vergessen hast.« Die Stimme klang wieder ernst. »Aber nun musst du gehen. Ich habe einen Auftrag für dich. Mein Bruder wird nach mir suchen. Bring ihm die Nachricht von mir. Sag ihm …« Sie stockte. »Sag ihm …« Ihre Stimme zitterte. »Ich werde meinen letzten Weg antreten, denn das Los, das mir hier auf Erden beschieden ist, bin ich nicht bereit, zu ertragen. Sag ihm, es tut mir leid. Ich war überheblich. Ich dachte, ich wäre der Macht eines Zauberers gewachsen, doch ich rechnete nicht damit, dass er andere Pläne mit mir hat …« Sie schwieg, aber ihre Verzweiflung und Angst waren beinahe gegenständlich.

Elfrieda liefen Tränen über die Wangen, obwohl sie nicht genau verstand, was die Elbin mit andere Pläne meinte.

»Ich werde in der Stadt jemanden finden, der dir hilft.«

Wieder lachte die Elbin, aber diesmal klang es unendlich traurig. »Ich werde nicht mehr leben, wenn du wiederkommst.«

»Aber«, protestierte Elfrieda, »das geht nicht. Deine Zeit ist noch nicht gekommen!«

»Doch, Elfrieda! Bald wird ein mächtigerer Zauberer, als der da oben, in die Stadt kommen. Meinetwegen. Weil dieser hier mich nicht überwältigen konnte, weil ich noch lebe, will er mich nun seinem Meister zum Geschenk machen. Aber ich werde nicht die Braut eines Zauberers.« Ihre Stimme brach. Sie schluchzte leise. Es war das furchtbarste Geräusch, das Elfrieda jemals gehört hatte. Es brach ihr das Herz, die Elbin weinen zu hören.

»Ich werde Menschen finden, die dir helfen. Tu nichts Voreiliges. Noch ist der Zauberer nicht in der Stadt. Ich spreche mit dem Archiepiskopos. Er wird verhindern, dass ein Zauberer hierherkommt. Das ist eine Stadt der Kirche, und die Kirche duldet keine Zauberer.«

»Hinter seinen Fenstern brennt kein Licht. Seine Gier nach Macht vernebelt seinen wachen Verstand. Er wähnt sich kurz vor dem Ziel und wird alles tun, um es zu erreichen. Leichen säumen seinen Pfad. Warne die Menschen, die sich dem verschollenen König anschließen wollen, vor dem Archiepiskopos. Das Wohl vieler lastet auf deinen Schultern. Geh, Elfrieda, und erfülle deine Aufgaben.«

»Aber meine Aufgabe ist hier«, protestierte Elfrieda. »Noch ist nicht Zeit für dich, zu gehen«, stieß sie mit der tiefsten Inbrunst ihrer Überzeugung aus. »Du musst leben. Bitte! Lebe!«

»Weißt du denn nicht, welches Leid mein Leben der Welt bescheren kann? Halte mich nicht zurück. Lass mich gehen … Varsa’ra. Die Welt, so wie sie heute ist, wird es sonst nicht mehr geben. Das Dunkel wird kommen. Zauberer werden die Welt regieren.«

Irgendwelche alten Geschichten tobten in Elfriedas Kopf. Welche waren wahr, welche Legenden? Und warum nannte die Elbin sie Varsa’ra? War das nicht eine der Nornen?

»Ich verspreche dir, dass ich zu verhindern versuche, dass der Zauberer hierherkommt. Aber versprich du mir, dass du lebst, solange er nicht hier ist.«

»Das sind viele Versprechen für einen Tag, der gerade erst heraufzieht. Doch ich beuge mich dem Willen einer Norne und verspreche dir, geduldig zu sein. Aber wenn deine weltlichen Mittel versagt haben, Varsa’ra, und meine Reise beginnt, werde ich deinen Beistand brauchen.«

»Wie heißt du?«, fragte Elfrieda scheu.

»Almira’da.«

»Almira’da«, wiederholte Elfrieda. »Ich werde dich niemals vergessen.«

***

Ala’na saß in einem hohen Stuhl aus gewunden Ästen. Sie hielt die Augen geschlossen, aber sie hob ihren Kopf, als Feodor den Raum betrat. Unschlüssig blieb er hinter der Tür stehen. Sie sah aus wie eine Königin, und als solche hätte er vor ihr niederknien und seine Stirn bis auf den matt glänzenden Holzboden senken müssen. Es nicht zu tun, kam ihm unnatürlich oder zumindest frevelhaft vor. Sie lächelte.

»Sei gegrüßt, Feodor, setz dich zu mir.« Sie deutete auf einen zweiten Stuhl, der nicht weniger aufwendig gearbeitet war als ihr eigener.

»Ihr seid zu gütig, Ala’na«, sagte er.

»Du bist ein Mensch«, stellte sie fest. »Ich bin eine Elbin. Es besteht kein Grund, förmlich zu sein. Ich stehe in deiner Schuld, meine Unachtsamkeit hat dich in eine gefährliche Situation gebracht. Setz dich zu mir und nimm meine Entschuldigung an.« Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, und er ging immer noch zögernd zu dem Stuhl, den sie ihm zugewiesen hatte.

»Es besteht kein Anlass, sich zu entschuldigen. Gerne hätte ich noch mehr ertragen, wenn Ihr … wenn du nur meine Frau gefunden hättest.«

Ein Schleier der Trauer legte sich über Ala’nas feine Züge und Feodor bereute seine Worte.

»Es sind immer noch Elben auf der Suche nach ihr. Selbst wenn es hundert Jahre dauert, wir werden sie finden.«

Feodor senkte den Kopf und erwiderte nichts. Hundert Jahre waren zu lang für ihn. Zu lang für Josephine.

Ala’na lächelte ihn scheu an. »Sie hat mehr für mich getan, als ich jemals zu hoffen gewagt hätte, und sie hat es getan, obwohl sie wusste, dass es gefährlich ist. Das macht sie zu meiner Schwester. Wir Elben sind sehr vorsichtig, wenn wir Verbindungen eingehen, denn sie überdauern die Ewigkeit.«

Auch darauf wusste Feodor nichts zu antworten. Er fühlte sich wie ein Trottel, denn so sehr er auch nach frommen Worten suchte, ihm vielen keine ein.

Zum Glück raschelte Lume’tai in ihrem Wägelchen und lenkte ihn kurz ab. Sie schlief und nuckelte an ihrem Daumen. Als er wieder zu Ala’na sah, lächelte sie verklärt.

»Du hast sie mitgebracht. Ich danke dir.«

»Ich kann nirgendwohin gehen ohne sie. Sie leidet. Sie ist noch so klein.«

»Sie hat heute schon mehr Kraft als viele hier in Pal’dor. Deutlich mehr als ihre Mutter. Generationen von Elben werden sie verehren.«

»Sie tun es jetzt schon«, brummte Feodor. »Aber es ist nicht gut für sie, sie lehnt es ab«, fügte er hinzu, ohne auf Ala’nas hochgezogene Augenbraue zu achten. »Sie ist ein Kind und will auch so behandelt werden. Was sie braucht, ist Schutz und Liebe. Erwartungen und Ehrerbietung machen ihr Angst.« Er war sich plötzlich ganz sicher, dass dies Lume’tais Problem war. »Sie ist ein Kind«, wiederholte er.

»Möglicherweise hast du recht. Wir sind ein altes Volk, in unserem Leben währt die Kindheit nur einen Augenblick, und Kinder haben wir nicht viele. Jedes für sich ist etwas Besonderes, aber Lume’tai ist noch mehr als das. Sie hat den See Waldo’ria geöffnet – im Schlaf! Und auf der Warte hat sie meine Worte der Macht gebündelt und den Lichtkreis geschlossen. Weißt du, was das bedeutet, Feodor?«

Feodor schüttelte den Kopf.

»Pal’dor war eingeschlossen. Der Zauberer hatte seine Macht unter den Bäumen verteilt und uns in dieser Stadt eingesperrt. Als ich meine Kraft gegen seine richtete, um Josephine zu suchen, bin ich ein allzu großes Risiko eingegangen. Möglicherweise hätte er die Stadt danach finden können, aber Lume’tai bündelte meine Worte und schloss den Kreis. Dadurch ist nicht nur Pal’dor frei, der ganze Wald bis zu Warte ist der Radius eines Kreises. Kein Zauberer kann in diesen Kreis eindringen. Es ist der stärkste Schutz, der jemals bestand.« Ala’na lächelte. »Lume’tai ist das mächtigste Wesen, das seit Nuri’ja der Seefahrerin geboren wurde, und sie hat sich dafür entschieden, ihre Liebe den Menschen zu schenken.«

»Nun, ganz so ist es nicht, denn ich bin der einzige Mensch in meiner Familie. All die Jahre war mir das nicht wirklich klar. Der elbische Urahne meiner Frau hatte keine Bedeutung für mich. Erst seit ich die Kinder in diesen Wald führen musste, spüre ich es …« Seine Stimme brach und er schämte sich dafür.

Ala’na lächelte milde. »Armer Feodor«, flüsterte sie. »Du bist einsam.«

Ihre Worte waren Trost in seinen Ohren.

»Aber bedenke, Feodor, in welch außergewöhnlicher Situation du dich befindest. Nate’re schenkte dir fünf Kinder. Kein Mensch hat jemals so viel Liebe erfahren.«

Feodor kämpfte mit dem Kloß in seinem Hals. »Sieben«, murmelte er. »Sie sagte: Jedes Kind, das in unserem Haus aufwächst, ist unser Kind. Aber jetzt ist sie nicht hier. Ich fürchte um sie aber auch um meinen ältesten Sohn, Philip.« Es kam Feodor vor, als ob ein Damm gebrochen wäre und er erzählte Ala’na alles. Er erzählte, wie er vor siebzehn Jahren unverhofft Philips Vater geworden war. Er erzählte von den Jahren danach, bis zu dem Tag, an dem Philip in den Wald aufbrach. Ala’na lauschte und stellte ab und zu eine Frage. Als Feodor erschöpft endete, fühlte er sich von einer schweren Last befreit.

Ala’na nickte langsam. »Die Fäden des Schicksals laufen an einem Punkt zusammen. Große Veränderungen liegen in der Luft. Die Dinge fügen sich ineinander und ergeben langsam einen Sinn. Leider gibt es nicht viel, was ich sagen kann, um dich zu beruhigen, Feodor. Ich war zu lange krank und noch nicht in der Lage, eine Verbindung zu den anderen Elbenstädten aufzunehmen. Von meinem Sohn Alrand’do habe ich allerdings erfahren, dass Leron’das, der aufgebrochen war, um einen rechtmäßigen Thronerben zu suchen, inzwischen denjenigen, den er suchte, gefunden hat. Bis heute jedoch ahnte ich nicht, dass es dein Sohn ist.« Sie lächelte aufmunternd.

Feodor konnte nicht umhin, den Kopf stöhnend in seine Hände zu pressen. Leron’das hatte damals in Waldoria nicht gesagt, mit welchem Auftrag er zu den Menschen geschickt worden war. Weder Feodor noch Josephine waren auf den Gedanken gekommen, dass es wichtig sein könnte, ihm von Philips Herkunft zu erzählen. Sie waren nicht auf den Gedanken gekommen, weil es nicht wichtig war. Damals ging es nur um ihren verlorenen Sohn, und um den ging es Feodor heute immer noch.

»Wenn du etwas über Philip erfahren könntest … Wenn ich doch nur wüsste, wie es ihm geht.«

Es vergingen mehrere Tage, in denen Feodor nichts von Ala’na hörte. Wäre er nicht immer und überall von dieser stillen, geheimnisvollen Welt umgeben, hätte er glauben können, das Gespräch mit ihr sei seiner Fantasie entsprungen. Wenn er alleine mit geschlossenen Augen in seinem Bett lag und nur den ruhigen Atem seiner Kinder im Schlaf hörte, spürte er immer noch die faszinierende Macht, die von Ala’na ausgegangen war.

Sie verwirrte ihn, trotzdem wünschte er sich, sie wieder zu sehen. In seinem Bauch fühlte es sich an wie eine jugendliche Schwärmerei. Wie das ungeduldige Warten eines verliebten Knaben auf die nächste Begegnung mit dem Mädchen seiner Wahl. Gleichzeitig wusste er, dass dem nicht so war. Natürlich war Ala’na eine bemerkenswerte Frau. Eine sehr schöne Frau. Aber was er sich von ihr erhoffte, war, dass sie ihm über die berichten konnte, die ihm mehr als alles andere auf der Welt fehlten.

Wenn er schlief, kam Phine zu ihm, doch sie war wie Nebel. Sie zerfloss. Zurück blieb nur ihr Gesicht. Doch noch im Erwachen merkte Feodor, dass es Ala’nas Gesicht war. Von Angst und Reue gepeinigt warf er sich den Rest der Nacht in seinem Bett herum. Die Schlaflosigkeit der Nächte machte die Erlebnisse der Tage noch unwirklicher. Schließlich kam er endgültig zu dem Schluss, dass die Welt der Elben nicht seine Welt war. Doch wenn er drauf und dran war, seine Sachen zu packen, um selbst nach Phine zu suchen, sah ihn Lume’tai aus großen blauen Augen an, und er wusste, dass er nicht gehen konnte.

Feodor neigte nicht dazu, sich zu wichtig zu nehmen, aber er spürte, dass sie ihn hier brauchten. Auch wenn seine Kinder in der Stadt sicher waren, durfte er sie nicht im Stich lassen. Phine hätte das nicht gebilligt. Aber sie war irgendwo dort draußen und möglicherweise brauchte sie ihn auch.

Er fühlte sich zerrissen.

Dann kam endlich eine Nachricht von Ala’na. Ein junger Elbe – der mindestens hundert Jahre älter war als Feodor – näherte sich ihm leise und sagte, dass Ala’na sich nun stark genug fühlte, um den See Latar’ria zu befragen. Feodor nahm seine Worte zur Kenntnis, konnte allerdings so wenig damit anfangen, dass ihm nicht einmal eine Frage dazu einfiel. Als er nichts erwiderte, redete der Elbe weiter. »Sie lässt fragen, ob du sie begleiten willst.« Feodor wusste immer noch nicht, worum es ging, aber er begriff, dass es eine große Ehre war, die ihm zuteilwurde.

»Ich werde sie sehr gerne begleiten«, antwortete er.

Der Elbe neigte leicht seinen Kopf und entfernte sich dann ebenso leise, wie er gekommen war.

Feodor war versucht, ihm hinterherzurufen, wann er sie denn begleiten sollte, aber rufen war vollkommen unüblich in dieser Stadt, in der die lautesten Wesen eindeutig seine übermütigen Söhne waren. Also wartete er. Ungeduldig, aufgeregt und bang.

Erst am nächsten Tag kam der Elbe wieder und brachte ihn zu Ala’na.

Sie stand am grasbewachsenen Ufer eines Teiches, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den ganzen Wald zu spiegeln, und redete leise mit einem Elben, den Feodor im ersten Moment für Rond’taro hielt. Als der sich jedoch zu ihm umdrehte, erkannte er, dass es Alrand’do war.

Feodor hatte ihn nicht mehr gesehen, seit er mit schmerzenden Gliedern in Pal’dor aufgewacht war. Das Wiedersehen versetzte ihm einen Stich, der ihm die Luft nahm und ihn taumeln ließ.

Alrand’do neigte den Kopf und entfernte sich wortlos, aber Ala’na lächelte schöner als die Sonne und streckte Feodor beide Hände entgegen.

Ohne ihn sehen zu können, merkte sie dennoch, dass er Alrand’do nachsah.

»Du kennst meinen Sohn«, sagte sie. »Ich habe ihn gebeten, zu bleiben, aber er fürchtet sich vor Menschen.« Sie lächelte schelmisch.

»Das glaube ich nicht«, erwiderte Feodor, hielt dann aber erschrocken inne. Er wollte Ala’na auf keinen Fall das Gefühl geben, dass er ihren Worten nicht traute.

»Doch«, widersprach sie. »Er hat große Furcht vor den Menschen. Er fürchtet sie, weil sie sein Herz erwärmen. Er fürchtet sie, weil sie ihm Kummer bereiten. Alrand’do hält Menschen für wankelmütig, weil sie so schnell sterben und sein weiches, liebendes Herz damit nicht umgehen kann.«

»Es ist sehr schmerzhaft, jemanden zu verlieren, den man liebt«, erwiderte Feodor leise.

Ala’na legte ihm ihre schmale Hand auf den Arm. Sie tröstete, aber sie linderte nicht den Schmerz. »Ich weiß, Feodor. Darum bist du heute hier.«

»Hast du etwas von Phine erfahren?« Die Hoffnung war schmerzhaft, aber der traurige Schatten auf Ala’nas Gesicht, der sie zunichtemachte, ließ ihn gepeinigt aufstöhnen.

»Nicht von Josephine. Trotzdem glaube ich, dass es dir Freude bereiten wird.«

Feodor schwieg. Sein Herz klopfte bis zum Hals, aber er wagte nicht, Philips Namen auszusprechen, aus Angst, sie könnte Nein sagen.

»Setz dich zu mir ans Ufer. Erschreck nicht. Der See, Latar’ria, wird sich verändern. Sie ist so klar und durchscheinend, aber auch empfindlich wie ein heißblütiges Ross. Nur in ihren tiefsten Tiefen brodelt noch die Dunkelheit.«

Ala’na ließ ihre Augen über den Teich gleiten, als könnte sie ihn sehen. Geschmeidig ließ sie sich sinken und Feodor setzte sich schwerfällig wie ein Ochse neben sie. Mehr denn je spürte er den Unterschied zwischen sich selbst und ihr. Sie breitete ihre Arme aus, der weite Ärmel fiel zurück und entblößte ihre zarten Handgelenke. Feodor sah beschämt weg, direkt auf seine eigenen plumpen Finger.

Ala’na murmelte Worte in der fremden Sprache der Elben, dann entspannte sie sich und griff nach seiner Hand. Feodors Herz setzte einen Schlag lang aus, ehe es lospolterte wie Geschirr, das vom obersten Brett herunterfällt und auf dem Weg zur Erde alles mit sich reißt.

Die erste Veränderung des Sees bemerkte er erst, als sie bereits geschehen war. Einen Moment lang war er so überrascht, dass er nach Luft schnappte. Ala’na drückte beruhigend seine Hand. Die ihre lag leicht wie eine Feder in seiner, und ihm war, als würde er einem Geist durch die luftigen Gefilde des Himmels folgen. Von dem Wald, der sich im See gespiegelt hatte, war nichts mehr zu sehen, stattdessen toste ein Wildbach in einem steinigen Bett schäumend einen steilen Abhang hinunter. Die Gewalt der Natur zog Feodor vollständig in ihren Bann. Als das Gesicht einer Elbin in dem See auftauchte, war er enttäuscht.

»Isi’la, ich grüße dich«, sagte Ala’na.

Trotz der relativ langen Zeit, die Feodor schon in Pal’dor lebte, nahm er immer noch anerkennend wahr, dass sich die Elben in seiner Gegenwart immer in der Sprache der Menschen miteinander unterhielten, um ihn nicht auszuschließen. Trotzdem war er ein Fremder, weil er sich selbst wie einer fühlte.

»Ala’na, es freut mich, dich zu sehen.«

»Ich habe jemanden mitgebracht. Feodor wartet ungeduldig auf das, was du mir gestern bereits sagtest.«

»Feodor«, die Elbin am andern Ende der Welt neigte leicht ihren Kopf und Feodor tat es ihr gleich, schwieg aber, denn in der Aufregung war ihm ihr Name entfallen.

Sie sah zur Seite und streckte ihren rechten Arm aus. Gleich darauf erschien ein zweites Gesicht im Spiegel des Sees. Feodor klappte der Kiefer nach unten. Er sah es und konnte es nicht glauben. Seine Lippen formten stumme Worte, die Welt um ihn herum drehte sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Seine Augen versanken im See. Er streckte den Arm aus, um das Gesicht zu berühren, aber dabei ließ er Ala’nas Hand los und das Bild verschwand, als wäre es nie da gewesen.

3. Der goldene Schlüssel

Ala’na griff nach seiner Hand. Es kribbelte in seinen Fingern, in seinem Arm, und dann konnte er wiedersehen, doch alles, was er sah, war das traurige Gesicht der Elbin, die ihn mitfühlend musterte. Die Enttäuschung war wie eine Schlucht, und Feodor stürzte kopfüber hinein.

»Es tut mir leid, Feodor. Ich wollte Philip überraschen. Ich dachte, es würde ihn freuen. Er ist so traurig, irgendwie verwirrt. Ich spüre seine Unsicherheit, seine Suche nach sich selbst. Ich dachte, wenn er dich sieht, würde er einen Teil dessen finden, was er sucht. Es tut mir leid.«

»Dann weiß er es?«, fragte Feodor, aber als er es aussprach, wusste er bereits die Antwort. »Er weiß es!«, fügte er hinzu.

»Was auch immer es ist, ich weiß es nicht. Frendan’no schweigt und auch Leron’das sagt kein Wort«, murmelte Isi’la.

»Ist Leron’das bei euch?«, fragte Ala’na.

»Er kam gestern im Mantel der Nacht. Die Dinge entwickeln sich nicht so, wie er es wünscht. Er wollte mit dem Rat sprechen.«

»Wenn du erlaubst, Isi’la, würde ich gerne mit ihm sprechen.« Ala’na hielt immer noch Feodors Hand und band ihn damit ans Geschehen, doch Feodor wünschte sich, nur noch einmal Philips Gesicht sehen zu können. Ein Gesicht, das ihm so vertraut war, aber das sich in den vergangenen Monaten stark verändert hatte. Als er ging, war er ein Knabe, doch heute trug er das Gesicht eines Mannes. In seiner Seele aber war er verwundet. Es schmerzte Feodor zutiefst und es ärgerte ihn, denn er selbst hatte es verdorben. Er hatte sich der einzigen Möglichkeit beraubt, mit Philip zu sprechen. Erst jetzt wurde ihm klar, welche wunderbare Möglichkeit Ala’na ihm gegeben hatte, aber er hatte sie nicht genutzt.

»Ich grüße dich, Feodor«, sagte Leron’das und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

»Leron’das«, krächzte Feodor. Auch der Elbe hatte sich verändert. Seine Haare waren länger und mit feinen geflochtenen Zöpfen geziert, und in seinen Augen hatte er ein fiebriges Leuchten. Etwas wie Glück und Kummer in einem.

»Es ist lange her, seit wir uns zuletzt sahen. Ich wollte, ich hätte dir berichten können, dass ich deinen Sohn fand.«

»Doch dann hast du herausgefunden, dass ich nicht sein Vater bin. Möglicherweise hätten wir uns einiges erspart, wenn wir …«

»Es lohnt nicht zu hadern, Feodor«, tadelte Ala’na milde.

Zorn und Tränen stiegen in Feodors Kehle auf. »Ich bin ein Mensch, ich hadere! Ich hab sie verloren und auch ihn.« Feodor ließ Ala’nas Hand los und lief in den Wald. Tränen, die keiner sehen sollte, kullerten über seine Wangen.

***

Philip lief, so schnell er konnte. Er hasste jeden Stein, der unter seinen Füßen wegrutschte und jede Felsnase, die er umkrümmen musste. All der Kummer, den er mühsam unter einer Decke des Schweigens hielt, kochte in ihm hoch. Er hatte seinen Vater gesehen und dann war er plötzlich verschwunden gewesen. Herausgerissen aus seinem Leben. Verschwunden. Philip wollte niemanden sehen. Er wollte Stille und Einsamkeit, damit er sich so fühlen konnte, wie sich seine Seele anfühlte, ohne dass ihn jemand zu trösten oder aufzumuntern versuchte. Er stolperte und schürfte sich beide Hände an den scharfen Steinen auf, doch der Schmerz war gut. Er war real und lenkte ihn ein wenig von seinem eingeschnürten Herzen ab.

Er hatte gehofft, hier oben Abstand zu bekommen. Abstand, der es ihm ermöglichte, wieder klar zu denken. Doch hier gab es nur zwei Richtungen, nach oben oder nach unten. Er war eingesperrt in dieser Welt. Zwar stockte ihm jedes Mal der Atem, wenn er auf das Land zu seinen Füßen sah, jedoch nur, weil er wusste, dass es dort unten ein Leben gab, welches ihn ausgestoßen hatte. Frendan’no tat sein Bestes, um ihm seine Trauer, Wut und Verzweiflung abzunehmen, aber Frendan’no konnte nicht das ersetzen, was er verloren hatte.

Schließlich blieb Philip atemlos stehen. Die Höhe machte ihm immer noch zu schaffen. Er ermüdete schnell. Zornig setzte er sich auf einen Stein und musterte seine geschundenen Hände.

Er wusste nicht, wie lange er so dagesessen hatte, als sich Frendan’no neben ihm niederließ. Er sagte nichts, saß einfach nur da, aber seine Anwesenheit besänftigte Philips Trauer und zügelte seine Wut.

»Gibt es keinen anderen Ort, an dem ich leben kann?«, fragte er schließlich.

»Du kannst an jedem Ort leben«, antwortete Frendan’no.

»Ich kann überhaupt nicht leben.«

Sie schwiegen beide.

»Leron’das würde gerne mit dir sprechen«, sagte Frendan’no schließlich.

»Leron’das würde mich gerne dazu zwingen, die Welt zu retten. Leron’das glaubt, dass ich nur dort unten auftauchen muss und schon sind alle glücklich und zufrieden«, knurrte Philip.

»Du tust ihm unrecht.«

Philip antwortete nicht. Er starrte hinunter auf den Nebel, der die Welt verhüllte. »Habe ich dir schon einmal von Arina erzählt?«, fragte er plötzlich. »Sie ist die Tochter des Grafen von Weiden. Sie ist so …« Er seufzte. »Ich habe mich kaum getraut, sie anzusehen, denn ich war nur ein einfacher Junge. Aber sie kam zu mir. Frendan’no, ich liebe sie so sehr, dass es wehtut. Wir waren so gut wie verlobt ...« Für einen Moment schloss er verzweifelt die Augen. »Alles ist kaputt. Nichts mehr ist so, wie es war.«

»Aber sie liebt dich doch noch?«, fragte Frendan’no leise.

»Sie weiß nicht, wer ich bin. Ich weiß es selbst nicht.«

Frendan’no legte seine feingliedrige Hand auf Philips Arm und sah ihn von der Seite an.

»Ich weiß einiges über die Gepflogenheiten der Menschen, aber so einen Unsinn habe ich noch nie gehört.«

Philip sah überrascht auf. Frendan’no war immer so zurückhaltend mit seiner eigenen Meinung, dass diese Worte einer Zurechtweisung gleichkamen.

»Wenn sie dich liebte, als du in ihren Augen noch ein unbedeutender Junge warst, was sollte sie daran hindern, dich zu lieben, wenn sie erfährt, dass du ein Abkömmling von Königen bist?«

»Du weißt nicht, was alle von diesem Abkömmling erwarten. Das ist, als wollte man ein Hemd anziehen, welches einem Riesen gehört. Keiner wird sehen, dass ich es bin, der darin steckt. Es ist nur ein Haufen Stoff, der mich restlos unter sich begräbt.«

»Nun, wenn das so ist, dann wird wohl kein Mensch der richtige König sein. Dann wird die Falkenburg in der Hand eines Wahnsinnigen bleiben, und Zauberer werden das Land für ihn regieren. Es stellt sich höchstens die Frage, was aus den Menschen wird, die jetzt schon beschlossen haben, sich dagegen aufzulehnen. Und was aus den Elben wird, die an ihrer Seite kämpfen.«

»Frendan’no!«, rief Philip und sprang auf. »Wie kannst du nur? Warum tust du das?«

Auch Frendan’no war aufgestanden und sah Philip ernst an. »Almira’da, meine Schwester, ist nicht aus Eberus zurückgekehrt. Man munkelt, dass sich selbst in der Stadt der Kirche Zauberer aufhalten.« Damit drehte er sich um und ließ Philip stehen.

Fassungslos starrte er ihm hinterher. »Weiß Leron’das davon?«, flüsterte Philip. »Weiß Leron’das davon?«, murmelte er vor sich hin. Er fühlte sich schuldig, ohne in der Lage zu sein, auch nur das Geringste daran zu ändern.

***

Leron’das ahnte es schon lange. Die drei Nornen weilten gemeinsam auf Erden. Aber alles, was anfangs wie ein Geschenk ausgesehen hatte, verwandelte sich zunehmend in einen Albtraum. Das warme Gefühl, das ihm beschert gewesen war, als er Nate’re begegnete, zog nun, da er erfahren hatte, dass sie sich in der Gewalt eines Zauberers befand, sein Innerstes kalt zusammen. Wie ein leises Echo hallten Ala’nas Worte, die sie an ihn richtete, als er Pal’dor verließ, in seinem Inneren: Die Drei mögen dir hold sein. Und sie waren es gewesen. Mehr, als er ahnte, mehr, als ihm lieb war. Destina’riu, das Schicksal, wies ihm den Weg zu Nate’re, dem Leben, die alles, was er suchte, hütete. Aber weil er blind war, führte das Schicksal ihn anschließend in die Irre und trotzdem immer wieder zu Orten, die ihm neue Offenbarungen bescherten. Doch dabei folgte ihm auf Schritt und Tritt Varsa’ra, der Tod. Wenn es Leron’das gelang, ihm rechtzeitig auszuweichen, traf er einen anderen. Oder hatte es Varsa’ra gar nicht auf ihn abgesehen, sondern zählte nur die Stunden der Menschen, wie sie es immer tat? Leron’das schüttelte den Kopf.

Es war bestimmt nichts so wie immer. Unmöglich. Nate’re hatte ein Kind gehütet, das ein König werden sollte. Destina’riu zeigte diesem Kind einen Weg zu den Elben, die ihm auf eine Art verbunden waren, wie sonst keinem Menschenkind vor ihm, und Varsa’ra schonte es. Soweit schien alles in bester Ordnung zu sein und Leron’das konnte nicht umhin, sich zu fragen, ob es seine Schuld war, dass nun alles aus den Fugen geriet. Er hatte Peredurs Erben nicht erkannt, obwohl es für jeden andern Elben offensichtlich gewesen wäre. Ala’nas nur mühsam aufrechterhaltene Fassade und ein paar gezielte Fragen hatten ihm bestätigt: Philips Ähnlichkeit mit seinem Vorfahren Peredur war nicht von der Hand zu weisen.

Aber wie hätte er ihn erkennen sollen? Er war der einzige Elbe in Pal’dor, der Peredur nicht gekannt hatte. Trotzdem gab es Hinweise. Das Kettenhemd, Philips unnatürliche Reaktion auf die Wunden der Gnomklinge. Aber Leron’das war diesen Hinweisen nicht nachgegangen. Pal’dor war verschlossen und ein fernes Ziel beherrschte damals seine Gedanken. Das Schicksal hatte mit ihm gespielt. Mit ihnen allen.

Was wäre geschehen, wenn er ihn gleich erkannt hätte? Damals in dem Eichenwäldchen, in dem er ihn mehr tot als lebendig gefunden hatte?

Hätte er diesem verängstigten, verdreckten Jungen gesagt, dass er der rechtmäßige König von Ardelan war? Gewiss nicht. Er hätte versucht, ihn schonend auf diese Aufgabe vorzubereiten, ihm Zeit gelassen, zu lernen und zu erkennen. Als er ihn jedoch wieder traf, schien das Ziel so nah.

Zu nah – das wusste er heute. Er hatte sich von Philips zielstrebigem Auftreten blenden lassen und den empfindsamen Jungen aus den Augen verloren. Dabei hätte er es besser wissen müssen. Selbst ein Mensch reifte nicht in wenigen Monaten vom Kind zum Mann. Und welcher aufrechte, vernünftige Mann könnte sein Leben von heute auf morgen gegen ein anderes eintauschen? Leron’das schämte sich, weil er Philip nicht der Freund gewesen war, der er ihm hätte sein sollen.

Er war regungslos dabeigestanden, als dem Jungen alles genommen wurde, woran sein Herz hing, und hatte ihn dann aufgefordert, die Verantwortung für tausende Menschen und Elbenleben zu übernehmen.

Dass Philip ihn nicht sehen wollte, war mehr als verständlich. Still stieg er hinauf zu der Felsspalte, in der er mit Almira’da zusammen gewesen war. Es war ein Ort, den er Zuhause nennen würde, ein Ort, an dem er ihre Nähe spüren konnte.

Nachdem Ala’na von Nate’res Verschwinden berichtet hatte, hatte er nicht gewagt, die verstört wirkende Isi’la zu bitten, ihm einen Weg nach Mar’lea zu öffnen. Allzu deutlich hätte er damit gezeigt, an wem sein Herz hing, und sein und Almira’das Geheimnis preisgegeben.

Nun versuchte er, sich damit zu trösten, dass er ihr ohnehin nichts Erfreuliches hätte berichten können. Er scheute sich davor, ihr einzugestehen, dass sich durch seinen Fehler der angekündigte König womöglich gar nicht zu erkennen geben würde.

Aber jede Faser seines Körpers sehnte sich nach ihrer Nähe, nach ihren warmen Lippen und dem Leuchten ihrer smaragdfarbenen Augen.

Von seinem hohen Aussichtspunkt aus konnte Leron’das Frendan’no auf einem der Pfade entdecken. Selbst aus der Ferne sah er, dass ihn etwas bedrückte. Etwas, das schwerer wog, als die Last, die er ohnehin tagtäglich mit sich trug.

Leron’das΄ Augen folgten Frendan’nos Pfad zurück, und da entdeckte er Philip hinter einem Felsvorsprung. Dem Himmel so nah musste das Leben doch irgendwie leichter sein, aber davon war im Moment nirgendwo etwas zu spüren. Selbst auf die Entfernung konnte Leron’das Philips blanke Panik und den Schmerz frisch aufgerissener Wunden spüren.

Isi’las und Ala’nas Plan, Feodor und Philip zueinander zu bringen, war vollkommen fehlgeschlagen. Sie hatten ihn damit nur ein weiteres Mal überrumpelt.

Leron’das starrte den Fels an, der ohne Almira’da doch nur irgendein Fels war, dann stieg er hinab.

»Ich weiß, dass du mich nicht sehen willst. Ich weiß, dass du nicht mit mir sprechen willst, aber hör mich bitte an.«

Philip schloss die Augen. Es schien, als warte er auf einen Regen, vor dem es kein Entrinnen gab.

»Es tut mir leid, dass ich dich bedrängt habe. Es tut mir leid, dass ich dich schutzlos der Wahrheit ausgeliefert habe. Es tut mir leid, dich so leiden zu sehen. Zu meiner Verteidigung bleibt mir nur zu sagen: Ich glaube an dich, und wenn ich ein Mensch wäre, würde ich dir bedingungslos folgen, und ich bin mir sicher, andere würden das auch tun …«

»Schluss damit«, unterbrach ihn Philip. »Der Anfang war gut, den Rest will ich nicht hören.«

»Gut, darüber wollte ich eigentlich nicht mit dir sprechen. Ich bin gekommen, um dir meine Freundschaft anzubieten. Ich verspreche, nicht länger in dich zu dringen.«

Philip sah Leron’das an. »Ich dachte, wir sind Freunde?«

Leron’das senkte den Blick. »Leider habe ich mich in letzter Zeit nicht wie ein Freund verhalten. Statt für dich in dieser schweren Zeit da zu sein, habe ich dich zusätzlich unter Druck gesetzt. Ich war so besessen von der Vorstellung, dass Rond’taros Prophezeiung eintreten würde, dass ich nicht bedacht habe, was das für dich bedeuten muss.«

»Ach Leron’das …« Philip setzte sich auf einen Stein und stützte seinen Kopf in die Hände. Er schien den Tränen nahe zu sein, aber seine Augen blieben trocken. »Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Das hier ist kein Platz für mich, und es scheint nirgendwo einen Platz für mich zu geben.« Er sah Leron’das von unten herauf an. »Was ist aus Olaf geworden? Ist er Hilmar nachgereist?«

Leron’das setzte sich neben Philip. »Er wartet.«

»Aber worauf?«

»Auf dich. Ich habe versucht, ihn zurückzuschicken, aber er hat sich geweigert, zu gehen. Er sagt, dass nur sein Herr ihn irgendwo hinschicken kann.«

»Ich bin doch nicht sein Herr, wann wird er das verstehen. Eine Zeit lang glaubte ich, wir wären Freunde, doch dann eröffnete er mir, dass er mir verpflichtet ist, durch den Titel den mir Hilmar verliehen hat. Ich will das nicht. Verstehst du das?«

»Jeder hier versteht das. Wir sind Elben. Wenn wir dienen, tun wir das aus freien Stücken, doch wir dienen nur denen, die wir lieben. Keiner gebietet über einen anderen und wir folgen nur, wem wir vertrauen. Bei den Menschen ist das anders … aber das weißt du selbst. Trotzdem glaube ich, dass unser elbisches Prinzip in gewisser Weise auf Olaf zutrifft. Er ist dir verbunden, er vertraut dir. Natürlich folgt er den Gesetzmäßigkeiten der Menschen, aber da er die Wahrheit kennt, wäre es ihm freigestanden, zu seinem Grafen zurückzukehren. Was ihn daran hindert, ist seine Loyalität dir gegenüber.«

»Dann werde ich ihn wohl zurückschicken müssen. Irgendjemand wird Hilmar und den anderen sagen müssen, dass der König nicht kommen wird.«

»Du bist grausam.«

»Die Realität ist grausam.«

»Ist es dir vollkommen gleichgültig, was aus ihnen wird?«, fragte Leron’das.

»Gleichgültig!«, rief Philip. Tränen standen in seinen Augen. »Wie könnte es mir gleichgültig sein. Aber ich kann ihnen nicht helfen, ich bin der Sohn eines Schmieds aus Waldoria.« Eine Träne löste sich und tropfte auf seine Hände. »Ich wünschte, dem wäre wirklich so«, flüsterte er. »Ich habe Feodor gesehen. Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn alles, was gut und standhaft schien, von jetzt auf gleich zusammenbricht. Ich habe darauf gebaut, doch jetzt fühle ich mich wie ein Baum ohne Wurzeln.«

»Aber du hast Wurzeln, die bis in die Gebeine der Erde hineinreichen, alles, was dir genommen wurde, ist die Stütze, die dich zu einem aufrechten Baum hat wachsen lassen.«

»Ich bin kein Baum! Das kann man nicht vergleichen.«

»Du hast damit angefangen, und ich finde, es ist ein schöner Vergleich. Bäume flüstern mit meiner Seele, seit ich denken kann. Viele ihrer Sprossen müssen gestützt werden, damit sie gerade wachsen, bis sie aus eigener Kraft stehen können.«

Philip schwieg und starrte hinunter. Er hatte schon lange keinen Baum mehr gesehen. Wie lange versteckte er sich bereits auf diesem Berg?

»Hast du mit Feodor gesprochen?«, fragte Leron’das unvermittelt.

»Nein. Ich ... konnte nicht.«

»Glaubst du nicht, dass er gerne mit dir gesprochen hätte?«

»Ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll.«

»Dann hör ihm zu. Lass ihn sprechen. Er liebt dich. In erster Linie bist du sein Sohn.«

»Sein Sohn«, wiederholte Philip tonlos und wünschte sich, er müsste in der Schmiede den Ambos reinigen, den Boden fegen oder das Feuer schüren, während Feodor, die dicke Lederschürze umgebunden, mit konzentrierter Miene das glühende Eisen prüfte.

Die Zeit schien rückwärts zu laufen. Am Tag seines Abschieds wirkte Feodors Gesicht nachdenklich und traurig, obwohl Philip nur für einige Tage in den Wald gehen wollte, um Pal’dor zu finden. Philip erinnerte sich, dass er ihm und auch sich selbst Mut machen wollte, als er sagte, dass er die Stadt finden würde. Feodor hatte geantwortet: So wird es sein. Das waren die letzten Worte, die er zu ihm gesagt hatte: So wird es sein.

Jetzt, da sie ihm eingefallen waren, fühlte er sich seltsam erleichtert.

»Ich werde mit ihm sprechen, wenn Isi’la mir den Weg öffnet.« Am liebsten wäre er sofort losgerannt, aber Leron’das hielt ihn zurück.

»Ala’na ist noch nicht kräftig genug. Du wirst einige Tage warten müssen, ehe die beiden Spiegel wieder in Verbindung treten können.«

Die Tage waren unendlich lang. Rastlos wanderte Philip auf den Pfaden von Munt’tar. Frendan’no war wortkarg wie die Steine, die ihn umgaben. Er saß auch wieder öfter an dem Hang, der das Grab seiner Tochter barg und starrte in die Ferne. Manchmal unterhielt sich Philip mit Leron’das, doch auch der wirkte getrieben. Frendan’no hatte ihm offensichtlich noch nichts von dem Verschwinden Almira’das erzählt.

Warum nicht? Wäre sie Philips Schwester, wäre er schon längst aufgebrochen, um selbst nach ihr zu suchen, und er hätte jeden mitgenommen, der bereit wäre, ihm bei der Suche behilflich zu sein. Philip fand, das Leron’das es wissen sollte. Er dachte an Arina, aber der Gedanke raubte ihm den Atem. Entschlossen stapfte er den Hang hoch und setzte sich neben Frendan’no.

»Du musst es ihm sagen«, begann er hastig, ehe er es sich anders überlegen konnte.

»Wozu? Er kann sowieso in keine Stadt gehen, in der sich ein Zauberer aufhält.«

»Dann begleite ihn!«

»Das kann ich nicht!«, knurrte Frendan’no.

»Was? Wieso kannst du nicht?«

Frendan’no antwortete nicht.

»Ich habe dich was gefragt. Warum kannst du nicht mit ihm gehen? Sie ist deine Schwester und ich sehe doch, wie sehr dir ihr Verschwinden zu schaffen macht.«

Frendan’no sah Philip an, dann richtete er seinen Blick wieder in die Ferne. »Isi’la kann jetzt mit Pal’dor sprechen«, sagte er.

»Was?«, fragte Philip erneut, aber da sah er die Elbin selbst. »Ich komme wieder. Wenn du es ihm nicht sagst, mach ich es.«

Frendan’no sah ihn nicht an, aber er nickte geistesabwesend. Philip schüttelte den Kopf. Er hatte das unangenehme Gefühl, das Frendan’no seinetwegen hier oben blieb. Langsam ging er den Hang hinunter.

In einer elbischen Stadt gab es nie einen Grund zur Eile. Philip hatte noch keinen hier laufen sehen. Er selbst tat es nicht, weil er ungern in den nächsten Abgrund stürzen wollte.

Isi’la wartete geduldig zwischen den spitzen, schlanken Steinhäusern. Sie begleitete ihn auf den engen Pfaden, vorbei an zarten, mit Blumenranken verzierten Säulen und unter Durchgängen mit kuppelförmigen Dächern, zu dem springenden Quell Violen’ta. Als sie sich neben dem Wasser niederließ und ihre Hand kurz in die eiskalten Fluten tauchte, spürte Philip sein Herz bereits bis zum Hals schlagen. Er zwang sich zur Ruhe, konnte aber nicht verhindern, dass seine Finger zappelten und er von einem Bein aufs andere trat. Schließlich sah er Bäume im Wasser. Ihr Grün erfüllte seine Augen und ließ ihn die Luft anhalten, dann stand er unvermittelt Feodor gegenüber.

Was sollte er sagen? Guten Tag, Vater, wäre normal gewesen, aber Feodor war nicht sein Vater. Er sah schlecht aus. Dunkle Augenringe und eingefallene Wangen erzählten von den Sorgen, die ihn quälten. Wieso war er überhaupt bei den Elben? Wo waren die Jungs und Mutter …?

»Philip«, flüsterte Feodor.

»Vater«, sagte Philip. Seine Stimme zitterte und Tränen brannten hinter seinen Augen.

»Ich bin froh, dich zu sehen. Wir haben uns große Sorgen um dich gemacht.«

Philip lächelte tapfer. »Auch ich bin froh, dich zu sehen. Es tut mir leid, dass ich beim letzten Mal …«

»Ach was. Mir tut es leid. Ich habe so viel falsch gemacht.«

Es war Philip unangenehm, zu sehen, dass die Augen seines Vaters in Tränen schwammen.

»Ich weiß, dass du die Wahrheit bereits kennst. Aber du hättest sie nicht so erfahren sollen. Wir hätten es dir sagen müssen – bevor du gingst.« Feodor quälte sich sichtlich.

»Niemand konnte wissen, dass ich so lange wegbleiben würde. Niemand konnte wissen, dass sich die Dinge so entwickeln würden.« Diese Entschuldigung hatte sich Philip in so vielen Nächten vorgehalten, doch jetzt, im Angesicht seines gramgebeugten Vaters, bekam sie erst das richtige Gewicht.

»Es ist so, dass ich meistens gar nicht daran dachte, es dir zu sagen, weil es bedeutungslos war. Für mich warst du immer mein Sohn und für deine Mutter … ich meine Phine …« Als er ihren Namen aussprach, zitterte seine Stimme. »Sie war wie eine Bärin, wenn es darum ging, dich zu schützen.«

Wie hatte er nur jemals zweifeln können, fragte sich Philip. Wie hatte er nur jemals glauben können, dass sich irgendetwas geändert hatte?

»Ich muss zugeben, dass ich erschüttert war«, gestand er. »Ich dachte, ich ... ich fühlte mich verraten. Ausgestoßen ... und ich fürchtete, keine Familie mehr zu haben.«

Eine Träne löste sich aus Feodors Augen und floss ihm langsam über die Wange, bis sie in dem ordentlich gestutzten Bart versickerte. »Solange ich lebe, wirst du mein Sohn sein«, versicherte er.

Philip lächelte befreit. Der feste Knoten, der seine Brust eingeschnürt hatte, löste sich, und er konnte wieder frei atmen.

»Wie geht es euch?«, fragte er. »Wieso bist du in Pal’dor, Vater?« Philip konnte deutlich sehn, dass sein Vater sich nur mühsam aufrecht hielt, während er versuchte, tapfer zu lächeln.

»Sag du mir erst, was du erlebt hast. Du bist so erwachsen geworden. Ein richtiger Mann. Der Bart steht dir gut.«

Philip fasste an sein Kinn. Offensichtlich hatte er es in den letzten Tagen versäumt, den Bart abzuschaben.

Er erzählte mit wenigen Worten, wie er aus dem Wald geflohen war – seine Verletzung, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte, ließ er aus. Er erzählte, wie er Leron’das getroffen hatte und Walter, und dass er dann mit Walter ins Wildmoortal gegangen war. Er erzählte von Hilmar und Agnus – Arina ließ er aus und auch seine Erhebung zum Baron von Wasserfurt – von der Reise nach Süden und schließlich von seiner Ankunft in Corona.

»Aber jetzt musst du mir sagen, wie du Pal’dor gefunden hast. Ist Lume’tai jetzt endlich bei ihrer Familie?«

»Lume’tai gehört genauso zu uns wie du, Philip. Und ich habe Pal’dor nicht gefunden, viel mehr hat Pal’dor uns gefunden. Wir mussten fliehen, der Zauberer hat uns entdeckt.«

»Ich habe Leron’das gleich gesagt, dass er Lume’tai nicht bei euch hätte lassen dürfen!«

»Nein. Hör zu«, unterbrach ihn Feodor. »Lume’tai gehört zu uns! Sie hat zusammen mit Phine Großes geleistet, aber der Zauberer hat sie beide entdeckt, und wir sind in den Wald geflohen. Die Elben haben uns geholfen, aber deine Mutter ist …ist …Phine ist verschwunden.«

»Nein!«, flüsterte Philip entgeistert. Das durfte nicht wahr sein!

Aber sein Vater nickte und eine weitere Träne floss über seine Wange. Als er seine Stimme wieder unter Gewalt hatte, sagte er: »Viele hier suchen nach ihr. Nur ich kann nicht … wegen der Kinder.«

Einen flüchtigen Augenblick lang war Philip versucht – so wie früher – sich anzubieten, auf die Jungs aufzupassen, doch dann wurde ihm klar, dass diese Zeit endgültig vorbei war.

»Ich werde sie suchen«, hörte er sich sagen.

»Philip, nein! Wahrscheinlich hat sie der Zauberer in seiner Gewalt. Er ist mächtig und in deinen Adern fließt elbisches Blut. Keiner hier spricht mit mir darüber, aber ich reime mir meinen Teil zusammen. Der Zauberer strebt nach Unsterblichkeit und damit nach schier grenzenloser Macht. Dafür braucht er Elben. Ich weiß nicht, wie viele, ich weiß nicht, wozu. Deine Mutter hat Kräfte, die mir selbst unbegreiflich sind, und ich weiß, dass viele hier fürchten, er könnte ihre Kräfte für seine Zwecke missbrauchen. Es sind ausschließlich Männer, die nach deiner Mutter suchen. Bei uns Menschen wäre das selbstverständlich, aber unter den Elben ist das scheinbar nicht so, doch in diesem Fall scheinen sich alle einig zu sein. Der Zauberer braucht für seinen teuflischen Plan eine Frau. Ich hoffe, es ist nicht Phine …« Seine Stimme brach.

»Aber einer von uns muss sie doch suchen. Wir müssen sie finden, und ich habe bereits Arina gefunden und einem Zauberer entrissen.«

»Wer ist Arina?«, fragte Feodor.

Philip wurde rot bis an die Haarwurzeln. Würde er jetzt daheim in der Küche sitzen, hätte er möglicherweise nach Ausflüchten gesucht und sein süßes Geheimnis noch eine Weile für sich behalten, aber nun sah er seinen Vater an und sagte: »Sie ist die Tochter des Grafen von Weiden. Ich liebe sie.«

Feodor lächelte flüchtig. »Hör zu, Philip. Es ist wichtig, dass Phine gefunden wird, aber ich will nicht, dass du dich auf die Suche nach ihr machst. Wenn du stark genug bist, um von dem Berg, auf dem du dich versteckst, herunterzusteigen, solltest du dir vorher überlegen, was du mit deinem Leben anfangen willst. Seit ich hier in Pal’dor bin, habe ich Elben gesehen, die sich rüsteten, um sich den Menschen im Westen bei ihrem Kampf anzuschließen. Ich habe mir geschworen, dass ich dich in dieser Hinsicht niemals beeinflussen werde. Gott ist mein Zeuge, das mir nichts fernerliegt …«

»Dann sag es nicht.« Philip schloss die Augen. »Sag es nicht«, flüsterte er.

Isi’la fasste Philip leicht an die Schulter. »Ala’na ist erschöpft, sie wird die Verbindung nicht mehr lange halten können.«

Er nickte und verabschiedete sich von seinem Vater. Als er längst nur noch die schäumenden Wellen des springenden Quells vor Augen hatte, starrte er immer noch hinein, so als könnte er Antworten erhalten.

Zum ersten Mal seit Wochen fühlte er sich so, als würde er wieder mit beiden Beinen den Boden berühren. Der lähmende Schmerz in seiner Brust war atemlosem Herzrasen gewichen. Die ganze Familie war von dem Zauberer vertrieben worden und Mutter hatte er in seiner Gewalt. Almira’da war in Eberus spurlos verschwunden. Vinzenz und Agnus machten sich zum Kampf bereit, und Arina ging mit Hilmar geradewegs einem weiteren Zauberer entgegen.

Philip erinnerte sich, an die stille Würde, mit der sie ihre Verletzungen und ihre Angst eingesetzt hatte, um mit ihrem Vater Verbündete gegen den König und seine Zauberer zu finden.

Und Philip saß auf einem Berg und versteckte sich vor der Welt. Ließ alle im Stich. Dabei war Theophil tot, weil ihm Philips Leben wichtiger war als sein eigenes.

Er atmete tief ein. Jetzt musste er mit Leron’das und Frendan’no sprechen.

Leron’das traf er zufällig auf einem der Pfade und Frendan’no saß immer noch am Hang und starrte in die Ferne. Philip schritt entschlossen aus und Leron’das folgte ihm stumm.

»Ich muss mit euch beiden reden«, begann er, als er oben angekommen war.

Frendan’no sah ihn einigermaßen erstaunt an, denn so viel Tatendrang hatte er noch nie in Philips Stimme gehört.

»Ich habe soeben mit meinem Vater gesprochen, und vieles von dem, was er mir sagte, beunruhigt mich zutiefst.« Er machte eine kurze Pause und wunderte sich still über seine nüchternen Worte. Sein Herz war voller Angst um seine Mutter, voller Zweifel, Trauer und Verwirrung, aber seine Worte sagten darüber nichts.

»Während ich hier oben saß und mich selbst bemitleidete, hat Dosdravan meine Familie vertrieben und meine Mutter verschleppt.« Jetzt zitterte seine Stimme doch.

Frendan’no stöhnte auf, drückte die Fingerspitzen an die Schläfen und schloss gequält die Augen.

»Elben aus Pal’dor suchen sie«, erläuterte Philip. »Aber er kann sie sonst wohin gebracht haben. Er könnte sie als Köder benutzen, er könnte … Ich wage nicht, daran zu denken, was er könnte und was er bereits getan hat. Ich kann nicht länger tatenlos bleiben. Aber da ich meinem Vater versprechen musste, mich nicht selbst auf die Suche nach ihr zu begeben, bleibt mir nur noch eine Wahl. Ich muss den Zauberer aufhalten.« Er sah erst Leron’das, dann Frendan’no an. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er fürchtete sich, diesen Weg zu gehen. Er fürchtete, zu versagen und alle Hoffnungen zu zerstören.

»Ich werde mich als Philmors Erbe zu erkennen geben und damit Dosdravan und König Levian herausfordern.«

»Tu nicht Unüberlegtes«, warnte Frendan’no. »Du wirst viele Feinde in dem Land dort unten haben. Mehr als die Zwei.«

»Ich kann sie ihm nicht kampflos überlassen. Sie ist meine Mutter …« Er schluckte, aber der Kloß in seinem Hals wollte nicht weichen.

Leron’das lächelte zufrieden. »Meinen Bogen und mein Schwert stelle ich in deinen Dienst.« Er neigte den Kopf, aber Philip sah ihn ernst an und sagte:

»Tu nichts Voreiliges, Leron’das, noch kennst du nicht die ganze Geschichte. Sag es ihm, Frendan’no.«

Frendan’no atmete tief ein und aus. »Soeben hast du mich aus meiner Pflicht dir gegenüber entlassen, aber Leron’das an dich gebunden. Ich werde es ihm nicht sagen.«

Aus der Pflicht entlassen?, dachte Philip aufgebracht. Frendan’no war also tatsächlich nur seinetwegen hier oben geblieben, statt nach seiner Schwester zu suchen. Ehe er Worte für seine Empörung fand, fiel sein Blick auf Leron’das, der angespannt und beunruhigt Frendan’no musterte. Er wusste, dass Leron’das nach dieser eindeutigen Aussage Frendan’no nicht bedrängen würde.

»Dann tu ich es«, zischte Philip. »Früher oder später wird er es doch erfahren.«

»Ich habe mir gewünscht, deine Entschlossenheit kennenzulernen, doch nun bin ich nicht sicher, ob ich wusste, was ich mir da wünschte«, sagte Frendan’no mit einem spöttischen Lächeln in den Augen.

Leron’das war bleich, wie das Eis das ihn umgab. »Es geht um Almira’da«, hauchte er.

Frendan’no nickte. »Sie ist in Eberus verschollen.«

»Wie lange schon?«

»Zu lange«, erwiderte Frendan’no ausweichend.

»Wie lange?«

»Sie hätte kurz nach dem Übergang in den zweiten Frühlingsmond nach Mar’lea zurückkehren müssen.«

Philip erschrak. Er wusste zwar nicht genau, ob die Monde der Elben mit denen der Menschen übereinstimmten, aber der zweite Frühlingsmond war für ihn der Launig, und der hatte begonnen, ehe er und Olaf Corona erreicht hatten. Wie lange war das her? Philip versuchte, die Tage zu zählen, aber es gelang ihm auf die Schnelle nicht.

»Seit wann weißt du das?«, fragte Leron’das. Seine Augen glühten fiebrig.

»Lange genug, um jemanden zu finden, der sich in Eberus umhört. Lange genug, um krank vor Sorge zu sein.«

»Frendan’no!«, stieß Philip atemlos aus. »Warum hast du es mir nicht eher gesagt?«

Frendan’no sah ihn still und ernst an. Philip konnte nicht umhin, sich zu schämen. Er hatte sich wie ein Kind benommen und war in seinem Schmerz vollkommen aufgegangen, dabei hatte ihm Frendan’no immer und immer wieder gesagt, dass er nichts verloren hatte, sondern dass nur etwas hinzugekommen war.

An den Gedanken, dass die Eltern, die er kannte, nicht von Anfang an seine Eltern gewesen waren, konnte er sich noch immer nicht vollständig gewöhnen, aber wenn er rational darüber nachdachte, wusste er, dass es ihm nie an etwas gefehlt hatte und nie fehlen würde. Trotzdem hätte er sie gerne gekannt, die Mutter, die ihm das Leben geschenkt hatte, und auch den Vater, der König werden sollte. Was wäre er für ein Mensch geworden, wenn es wirklich so gekommen wäre?

Leron’das und Frendan’no unterhielten sich leise. Sie schienen vergessen zu haben, dass er auch noch dabeistand. Tatsächlich gab es andere Dinge, mit denen er sich jetzt befassen musste. Etwas, wogegen er sich vollständig gesperrt hatte – seine wahre Herkunft. Und dann musste er sich überlegen, wie er weiter vorgehen wollte. Es war leicht, zu sagen, er würde den König herausfordern, aber es dann tatsächlich zu tun, kam einem Selbstmord gleich.

Sollte er zurück ins Wildmoortal reiten, wo Agnus bereits Männer um sich sammelte? Oder nach Eberus, um sich die Unterstützung der Kirche zu sichern? Arina zu sehen, war nur ein flüchtiger Gedanke, den er schnell von sich schob. Für sie wollte er nur Philip sein. Mit ihr wollte er barfuß im Sand den Sonnenaufgang beobachten. Aber dazu würde es wohl nie kommen.

Vielleicht sollte er erst herausfinden, wie seine Vorväter mit so einer Situation umgegangen wären. Schon einmal wurden die Zauberer aus dem Land vertrieben.

Wieder wurde ihm bewusst, dass er keine Ahnung hatte. Was tat ein König? Du bist überhaupt kein König, wies er sich in Gedanken zurecht. Allenfalls ein später Nachfahre. Aber die Menschen würden ihn beobachten und nur darauf warten, dass er Fehler machte. Jeder Fehler konnte seinen Tod bedeuten oder schlimmer noch, den Tod derer, die ihm vertrauten. Für einen Moment war er versucht, seinen Plan wieder fallen zu lassen. Er war viel zu jung und viel zu unerfahren. Aber dann dachte er an seine Mutter und an seinen gramgebeugten Vater, er dachte an Amilana und Agnus, an Hilmar und Vinzenz. Sie brauchten niemanden, der ihnen sagte, was sie tun mussten, aber sie brauchten jemanden, unter dessen Banner sie kämpfen konnten. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sie ihn brauchten. Philip ging hinunter in das Haus mit den langen, schmalen Fenstern, das er mit Frendan’no teilte. Er durchwühlte seine Sachen, bis er das Kästchen fand. Vorsichtig öffnete er den schartigen Deckel.

Der blaue Samt war an manchen Stellen dünn geworden und auch der goldene Schlüssel zeigte Gebrauchsspuren. Vorsichtig strich Philip mit dem Finger darüber, ohne den Mut zu finden, ihn in die Hand zu nehmen.

So, wie er vor ihm lag, bestand kein Zweifel. Es war der Schlüssel, den er bereits auf dem Wappen in Hilmars Bibliothek gesehen hatte. Der Schlüssel, der seit Peregrin das Wappen der Kronthaler Könige zierte.

»Welche Türe öffnest du?«, fragte Philip. Er erinnerte sich vage, dass Leron’das ihm angeboten hatte, ihn zu der Tür zu bringen, aber Leron’das hatte jetzt andere Sorgen.

4. Der Verdacht

Als Valerian von Erdolstin vor etwas mehr als dem Umlauf eines halben Jahres auf seinem Herzogsitz in Mendeor angekommen war, schlossen sich die grauen, bedrückenden Mauern seines Elternhauses um ihn wie eine Gruft. Sein Stiefvater hatte ihn hochmütig und kalt empfangen, als wäre er ein Bittsteller. Erst nach Tagen war er bereit gewesen, Valerian Einblick in die Verwaltung zu gewähren und es hatte noch weitere zwei bis drei Wochen gedauert, bis der Herzog den nötigen Überblick hatte, um seinen Stiefvater zu sich rufen zu lassen und ihn all seiner Aufgaben zu entbinden.

Wie er bereits vermutet hatte, war dieser damit nicht einverstanden, aber Valerian blieb standhaft und schließlich zog sich der Alte auf seinen Ruhesitz zurück. Nicht, ohne seinem Stiefsohn unmissverständlich klarzumachen, was er von seinen Fähigkeiten hielt.

Tatsächlich war es ein hartes Stück Arbeit gewesen, die Dinge in die Richtung zu lenken, die Valerian sich vorstellte. Als sich nach Wochen endlich kleine Erfolge einstellten, kam der Brief von seinem Bruder Levian an, in dem er Valerian anflehte, umgehend zurück zur Falkenburg zu reisen.

So manche Nacht hatte sich Valerian darüber geärgert, dass Levian immer dann auf seine Hilfe angewiesen war, wenn es ihm am ungelegensten kam. Trotzdem wollte er ihm beistehen. Das Bedürfnis seinem Bruder zu helfen, war für den Herzog so stark wie der Drang eines einsamen Wolfes, ein Rudel zu finden. Doch wie immer hatte Levian in keinster Weise praktisch gedacht. Was nützte ein Hilferuf, der bei Einbruch des Winters über die Berge geschickt wurde? Der Bote, der das Schreiben überbracht hatte, litt bereits an schwersten Erfrierungen, als er den Herrensitz von Erdolstin erreichte. An eine Überquerung der Berge war zu dem Zeitpunkt nicht zu denken gewesen. Die Winterstürme machten den Pass unpassierbar und selbst die Eilbotschaft, die Valerian auf dem weiten Weg über den Hettiggraben geschickt hatte, konnte frühestens vier bis fünf Wochen vor ihm die Falkenburg erreichen.

Der Winter hatte Valerian immerhin die Zeit verschafft, einen fähigen Verwalter für seine Burg zu finden. Jemanden, der etwas Wohnlichkeit und Wärme in die kalten grauen Mauern brachte, fand er nicht.

Mit der ersten Schneeschmelze machte er sich auf den Weg nach Ardelan, um dem Ruf seines Bruders zu folgen.

In der Kutsche las er wiederholt den Brief seines Bruders und fragte sich, was so dringend gewesen sein konnte, dass Levian einen derart flehenden Ton anschlug. Nicht einmal ein zehntausend Mann starkes Heer, das die Burg belagerte, könnte ihn unter normalen Umständen dazu bewegen, sich in diesem Maße zu erniedrigen. Valerian hoffte, dass er nicht zu spät kam.

Seine Reise ging schleppend voran. Die Wege über den Pass waren so früh im Jahr nur schwer befahrbar. Mehrere Tage musste er in zweifelhaften Unterkünften ausharren, da Neuschnee die Weiterfahrt behinderte. Erst zum Ende des Lenzmondes erreichte er ardelanischen Boden, hatte aber zu dem Zeitpunkt noch mindesten drei Wochen Fahrt vor sich.

Wie immer, wenn die Berge hinter ihm lagen, genoss er die Reise durch dieses hügelige Land und mit jedem Tag, den er weiterfuhr, konnte er dem Frühling bei seiner Arbeit zusehen.

Als er in der zweiten Hälfte des Monats Launig Markt Krontal erreichte, beschloss er, ein bis zwei Tage zu rasten, ehe das letzte Stück seiner Reise bis zur Falkenburg antrat. Er wusste, dass Levian ihm nicht viel Zeit zum Ausruhen gewähren würde und dass man in Markt Krontal so manches einfacher erfuhr als auf der Falkenburg.

Nach Wochen in der Kutsche war er froh, sich endlich die Beine vertreten zu können. Den Brief seines Bruders trug er in der Brustasche seines Wamses.

Obwohl er eine Pause bitter nötig hatte – und mehr als er mussten seine Männer und die Pferde ausruhen – spürte er doch das schlechte Gewissen, das an ihm nagte.

Ohne auf etwas Bestimmtes zu achten, außer Klatsch und Tratsch, schlenderte er über den Markt. Es war der erste sonnige Tag nach einer ganzen Woche Regenwetter und das trieb die Menschen auf die Straße. Stimmengewirr, das nur durch die lauten Rufe der Händler übertönt wurde, erfüllte die Luft. Es wurde gefeilscht und gejammert und manches, was wie ein erbitterter Streit aussah, entpuppte sich am Ende als lohnendes Geschäft für Käufer und Verkäufer. Zunehmend entspannte sich Valerian und die Last der letzten Monate bröckelte von ihm ab.

»Edler Herr wünscht Ihr, das schöne Stück zu kaufen. Gewiss werdet Ihr nirgendwo anders einen so hervorragend gearbeiteten, außerdem noch so schön verzierten und preisgünstigen Gürtel finden.«

Valerian starrte auf den breiten Ledergürtel in seiner Hand und nahm erst jetzt bewusst wahr, dass er ihm gefiel. Er war schlicht und die schwarze Stickerei würde gut zu Levians düsteren Kleidungsstücken passen. Er lächelte. Wahrscheinlich war es unpassend Kleidung für einen König, auf einem Markt zu kaufen, aber der musste es ja nicht zwingend erfahren.

»Was soll er denn kosten?«, fragte er.

Der Händler musterte Valerian kurz und nannte einen Preis, der den Wert des Gürtels um das Vier- bis Fünffache überstieg.

Der Herzog war zwar durchaus bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen, aber auf keinen Fall wollte er sich über den Tisch ziehen lassen. Mit entrüsteter Miene legte er den Gürtel zurück und wandte sich zum Gehen. Er schritt langsam, damit der Händler Zeit hatte, den Preis zu senken. Als er ihn durch sein Desinteresse auf die Hälfte des Preises heruntergehandelt hatte, drehte sich Valerian um und nannte seinen Preis. Nun konnte der Händler endlich zeigen, wie viel Schauspieltalent in ihm steckte. Er jammerte, er litt. Sieben Kinder, die allesamt Hunger litten, führte er ins Feld, bis sie sich schließlich auf einen Preis einigten, der Valerian akzeptabel erschien und für den Händler das Geschäft des Tages war.

»Ich habe den Herren noch nie auf diesem Markt gesehen«, plapperte der Mann, während er den Gürtel aufrollte. »Zweifellos könnte ich mich erinnern. Eurer Aussprache nach zu urteilen, kommt Ihr nicht aus Ardelan?«

Endlich eine Gelegenheit, zu plaudern, dachte Valerian. »Ich komme aus Mendeor«, bestätigte er. »Waldoria ist mein Ziel. Wie ich gehört habe, soll dort einiges los sein.«

»So kann man das auch ausdrücken«, brummte der Mann.

»Dann stimmen die Gerüchte?«, fragte Valerian ins Blaue und hoffte, dass er den anderen damit zum Reden bewegen konnte.

»Wenn es nur Gerüchte wären.« Der Mann schlug sich mit der Faust vor die Brust, wie zur Abwehr böser Geister. »Um die Stadt ist es schlecht bestellt. Die Menschen dort leben in Angst. Hunderte von Soldaten haben vor den Toren der Stadt, im Alten Wald, bereits den Tod gefunden, und wenn Ihr mich fragt, werden weitere sterben, wenn sie nicht endlich Ruhe geben.« Er beugte sich vor und warf einen prüfenden Blick über die Schulter, als ob er erwartete, dass jemand direkt hinter ihm stand. »Nicht einmal der Zauberer kann verhindern, dass die Elben überall umherlaufen.«

»In Waldoria gehen Elben um?«, fragte Valerian ungläubig.

»Doch nicht dort! Aber die Alten sind in vielen anderen Städten gesehen worden. Bisher immer friedlich und atemberaubend schön. Sie sprechen von einem König aus dem alten Geschlecht …« Er stockte, als ob ihm jetzt erst bewusstwurde, dass er mit einem Fremden über Dinge sprach, die ihn ohne Weiteres den Kopf kosten konnten. Mit einem verlegenen Hüsteln zog er sich weit hinter seinen Stand zurück. »Gerüchte, Klatsch und Tratsch. Ihr kennt die einfachen Menschen.«

Valerian nickte dem Mann zum Abschied zu und entfernte sich mit zusammengezogenen Augenbrauen. Er konnte kaum glauben, dass die scheuen Elben, die er vergangenen Sommer im Wald gesehen hatte, in den Städten unterwegs sein sollten. Und was war das für ein Gerücht über einen König aus dem alten Geschlecht? Doch nur, weil niemand sonst in der Thronfolge stand, war Levian damals König geworden. Sein Bruder war selten so ungehalten gewesen, wie in der Zeit, als das von der Kirche geprüft wurde.

Valerian wusste aber, dass in nahezu jedem Gerücht ein Fünkchen Wahrheit steckte. Nur war die Wahrheit manchmal nicht sofort zu entdecken. Er musste versuchen, Genaueres zu erfahren. Möglicherweise war es nur der von Levian angeschürte Elbenwahn, der die Fantasie der Menschen beflügelte. Doch wenn es stimmte, was der Händler erzählte, dann hatte Levian ein nicht unerhebliches Problem.

Valerian schlenderte weiter. Er kaufte an weiteren Ständen Dinge, die er nicht brauchte, und verwickelte die Menschen ins Gespräch. Mit Fragen wie, »Habt Ihr das von den Elben gehört?«, brachte er viele Händler zum Reden. Wenn er jedoch auf das Heer bei Waldoria zu sprechen kam, schürte er Unmut. Fast jeder hatte einen Sohn oder Bruder, der dienen musste. Die Unzufriedenheit war groß, der Feind nicht greifbar, die Heerführung zweifelhaft und die Verluste hoch. Die Leute waren unruhig. Das Land litt unter den Vorbereitungen auf einen Krieg und die Angst vor dem Zorn der Elben war groß.

Die Gerüchte waren widersprüchlich. Jene, die behaupteten Elben gesehen zu haben, sprachen von friedlichen Wesen. Andere, die Söhne im alten Wald verloren hatten, von einem mächtigen Feind. Worin sich alle einig waren, war die Meinung, dass man nicht gegen sie kämpfen sollte.

Ganz frisch schienen zudem die Geschichten von der Entrückung des Waldes. Es hieß, dass sich über dem Wald eine Art Nebel gebildet hatte, sagten die einen, ein Luftflimmern behaupteten andere. Angeblich konnte man ihn nicht mehr betreten, und selbst wenn dies gelang, lief man anschließend nur im Kreis.

Die meisten dieser Berichte endeten mit den Worten: »Der alte Wald war schon immer eigen. Jedes Kind weiß das.«

Manche unterstellten dem Zauberer, diese Veränderung heraufbeschworen zu haben. Andere behaupteten, dass er bloß ein nichtsnutziger Angeber sei, doch die meisten hatten einfach nur Angst, weil man nicht auf die Warnungen der Alten gehört hatte.

Ein Vorwurf, den sich kaum einer traute, offen auszusprechen war: »Der König hat die bösen Geister im Wald geweckt und die Elben erzürnt.«

Immer wieder hörte Valerian dieselben Sätze: »Wer im Dachsbau stochert, braucht sich nicht wundern, wenn er gebissen wird.«

»Schlafende Hunde soll man nicht wecken.«

»Man betritt nicht die Höhle eines schlafenden Bären.«

Und schlimmer: »Böses zieht Böses an.«

»Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück.«

Und dann erfuhr Valerian unvermittelt, dass sich der König derzeit nicht in der Falkenburg aufhielt, sondern bereits im Spätherbst nach Süden gereist war. Um den Beistand der Kirche zu erbitten, hieß es.

Das allerdings konnte sich Valerian nicht vorstellen. Was Levian von der Kirche hielt, wusste er nur zu gut. Außerdem konnte er kaum auf deren Unterstützung zählen, nachdem er Zauberer ins Land gerufen hatte.

Als Valerian abends in dem harten Bett lag, wälzte er sich unruhig hin und her. Er hatte genug erfahren, um beunruhigt zu sein, und auch genug, um sich ausmalen zu können, warum Levian ihn auf die Falkenburg bestellt hatte. Zornig warf er sich von einer Seite auf die andere. Wenn Levian nicht in der Lage war, sein Land selbst zu regieren, und nun von ihm erwartete, dass er für ihn die Kohlen aus dem Feuer holte, dann war er eindeutig zu weit gegangen. Valerian war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sofort umzukehren, und dem, seinem Bruder eine schallende Ohrfeige zu verpassen.

Spät fiel er schließlich in einen unruhigen Schlaf.

***

»Der Archiepiskopos will was?«, brüllte Levian so laut, dass man ihn zweifellos auch noch im nächsten Gebäudeflügel hören konnte. Dabei lief er unaufhörlich auf und ab.

»Er hat es bereits getan, Majestät. Eure Gemächer sind durch die kirchliche Garde abgeschottet. Sie kontrollieren jeden, der hinein- und hinausgeht. Der einzige Weg, den sie Euch gestatten, ist der Gang eines reuigen Sünders nach Eberus.« Der Mann, Darentor von Wallhaus, stand mit gesenktem Kopf vor dem König. Er war von niederem Adel und hatte sich König Levian im Monastirium freiwillig in den Dienst gestellt, in der Hoffnung, dadurch mehr Ansehen und auch etwas mehr Reichtum zu erlangen.

»Ist der vollkommen verrückt? Das übersteigt bei Weitem seine Befugnis. Ich werde ihn zerquetschen wie eine Fliege«, raste Levian. Rote Flecken bedeckten seinen Hals und seine bleichen Wangen oberhalb des ungepflegten Bartes. »Schickt mir sofort einen Schreiber. Ich werde dafür sorgen, dass der Fettwanst seine Entscheidung bereut. Erst wenn Eberus in Schutt und Asche liegt, werde ich ruhen.«

»Majestät, keines Eurer Schreiben wird dieses Haus verlassen.« Die Miene des Mannes war wie aus Stein, aber er hatte die Schultern ein wenig nach oben gezogen, als erwartete er einen Schlag.

In den letzten Monaten war er fast so etwas wie ein Berater für den König gewesen. Er hatte dafür gesorgt, dass seine Majestät die gewünschten Bücher aus der Bibliothek bekam, und hatte mit ihm die Inhalte erörtert. Er hatte geglaubt, Levian Zorn und seinen Unmut zu kennen, doch das Verhalten, das dieser jetzt an den Tag legte, jagte ihm Angst ein.

»Du wirst zu Dosdravan gehen«, sagte der König plötzlich in normaler Lautstärke, aber sein Ton war so eisig, dass er die Luft im Raum abzukühlen schien. »Er soll sofort hierherkommen.«

Darentor fürchtete sich davor, König Levian zu erklären, dass niemand, der in seinem Dienste stand, dieses Kloster verlassen konnte. Der verhängte Arrest betraf jeden, der sich in Levians Nähe aufhielt. Die königliche Wache war abgeführt worden. Im Kloster wimmelte es nun von Männern der kirchlichen Garde.

»Ich werde tun, was Ihr befehlt«, hörte er sich sagen.

»Ihr seid ein eitler Gecke, Wallhaus. Wenn Euch gelingt, was Ihr versprecht, werde ich über eine Belohnung nachdenken … ansonsten«, er machte eine bedeutungsvolle Pause und zog dann langsam und genüsslich seinen Daumen am Hals vorbei.

Darentor senkte erschrocken den Blick. »Ihr werdet zufrieden sein, Majestät«, versicherte er schnell.

Darentor suchte Tag und Nacht nach einer Möglichkeit, das Monastirium zu verlassen und verfluchte den Tag, da er sich dem König wie eine Hure angeboten hatte. Er verfluchte seinen Stolz und seine Eitelkeit.

Zwei bis dreimal täglich bestellte der König ihn nun zu sich und erkundigte sich nach dem Fortgang seiner Bemühungen. Jedes Mal empfing er ihn mit dem Vorwurf: »Ihr seid immer noch hier.« Dann übertrug er Darentor weitere Aufgaben, die meist nichts mit seinem übergeordneten Auftrag zu tun hatten. Am Ende jeder Unterredung sah er ihn aus zusammengekniffenen Augen an, verzog seinen Mund zu einem Lächeln, das nichts Gutes zu bedeuten hatte und deutlich machte, dass es für den König eine willkommene Abwechslung wäre, Darentors Kopf rollen zu sehn.

Darentor Wallhaus hing an seinem Kopf und wollte ihn keinesfalls verlieren. Immer hektischer suchte er nach einer Fluchtmöglichkeit. Er wollte möglichst viel Abstand zwischen sich und dem König schaffen, und er nahm sich vor, niemals wieder in dessen Nähe zurückzukehren, insofern sich dies irgendwie vermeiden ließ. Nach einigen Tagen kam ihm der Zufall zu Hilfe. An einer Wäscheleine entdeckte er früh am Morgen die Kutte eines Mönchs. Hastig zog er sie herunter und versteckte sie. Die Mönche verließen ab und an das Kloster, um die Gärten jenseits der Mauern zu pflegen, und Darentor hatte tatsächlich noch ein zweites Mal Glück. Es gelang ihm, sich unbemerkt einer dieser Gruppen anzuschließen. Mit gesenktem Kopf und heftig pochendem Herzen folgte er den Mönchen durch das Haupttor den gewundenen Pfad hinunter. Als das Tor außer Sichtweite war, ließ sich Darentor zurückfallen, und in einem Moment, der ihm am günstigsten erschien, lief er, so schnell er konnte, in den Schutz eines Pinienwaldes. Er hielt sich nicht damit auf, falsche Fährten zu legen. Falls jemand von der archiepiskopoischen Garde merkte, dass er nicht mehr da war, wüsste jeder, wo er ihn suchen musste. Darum rannte er geradewegs nach Norden. Seine Lungen brannten, seine Beine zitterten und sein Hals war trocken, aber er gönnte sich keine Pause. Für ihn galt es nur noch, so schnell wie möglich den Auftrag des Königs zu erledigen und dann noch schneller zu verschwinden. Eine Belohnung würde es für ihn nicht geben. Die größte und einzige Belohnung, die er erwartete, war die, aus dem Dunstkreis des Königs entlassen zu sein und ihn nie wieder betreten zu müssen. Ab und zu blieb Darentor stehen und lauschte, ob ihm schon jemand auf den Fersen war, dann lief er weiter.

***

Aribald Langwasser saß mit sieben Männern an einem kleinen Feuer und war zufrieden. Es war eines von etwa fünfzehn Feuern und an jedem von ihnen wärmten sich etliche grimmig aussehende Rebellen. Nach all den Jahren, die Aribald sinnlos vergeudet hatte und die aus ihm weniger als den Schatten seiner selbst gemacht hatten, merkte er nun zunehmend, dass er lebte.

Einst nannte er sich Baron und besaß ein nicht unerhebliches Stück Land in den Quellenbergen. Ein schönes Herrenhaus und ein gut gefüllter Weinkeller gehörten auch dazu, aber in seinem jugendlichen Leichtsinn hatte er zu viele ausschweifende Feste gefeiert und nächtelang Freunde, die er heute nicht mehr kannte, beim Würfeln freigehalten.

Wann er begonnen hatte, schon vor dem Frühstück einen Krug Wein zu leeren, konnte er heute nicht mehr sagen. Genau so wenig, wie ihm die Jahre im Gedächtnis geblieben waren, die er in einem Nebel aus Alkohol zugebracht hatte. Nur verschwommen erinnerte er sich heute an den Fremden, der in sein Haus gekommen war und der ihm, trotz seiner herrischen und unfreundlichen Art, immer willkommen gewesen war, weil er stets einige Krüge guten Rotwein mit sich führte. Aribald Langwasser wusste nicht mehr, was für einen Handel er mit dem Mann eingegangen war, aber nach einem dieser Besuche erwachte er in seinen eigenen Verliesen, an Armen und Beinen gefesselt. Der Nebel, in dem er lebte, bekam damals zum ersten Mal einen Riss und er spürte seinen Körper wieder. Doch nur zu seiner Qual. Tagelang zerrte er an seinen Ketten und brüllte dabei wie ein Tier, bis ihn die Erschöpfung niederzwang und er besinnungslos in seinen eigenen Exkrementen liegen blieb.

Dieser verzweifelten Raserei folgte stille Resignation. Die blutenden Wunden an Armen und Beinen vernarbten und Aribald begnügte sich mit dem abgestandenen Wasser und dem trockenen Brot, das ihm ab und zu hingestellt wurde. Sein vom jahrelangen Alkoholmissbrauch abgestumpfter Verstand ließ ihn nicht einmal mit seinem Schicksal hadern. Regungslos lag er Tage und Wochen da und starrte in das Dämmerlicht. Genauso dämmerig waren auch seine Gedanken. Er schlief, er wachte, aber er nahm nichts von all dem wahr, bis er eines Nachts brutal aufgerüttelt und dann niedergeschlagen wurde. Als er erwachte, war die Luft leichter und es gab Geräusche von fließendem Wasser. Seine Ketten hingen nicht länger an der Wand, sondern waren an einer Schiene am Boden befestigt. Schwerfällig ging er einige Schritte und staunte über die weitläufige Halle, in der er sich befand. Doch plötzlich wimmelte es in der Halle von gebeugten Kreaturen.

Aribald war sich damals sicher, in der Hölle angekommen zu sein, aber auch dies nahm er nur zu Kenntnis, es bewegte ihn nicht. In gewisser Weise war er wirklich tot gewesen und diese Hölle nur ein weiterer Beweis dafür, dass er in seinem Leben alles falsch gemacht hatte.

Teilnahmslos erledigte er die Arbeit, die ihm von den Kreaturen aufgetragen wurde, und nahm die Schläge in Kauf, wenn er sie nicht ordnungsgemäß oder schnell genug durchgeführt hatte. Bis eines Tages ein Engel zu ihm sprach und ihn daran erinnerte, dass er früher mal einen Namen hatte. Und ein Leben.

Ihre Stimme war Trost und sie berührte einen Teil in ihm, von dem er nicht wusste, dass es ihn noch gab. Durch diese Stimme fühlte er, dass er immer noch ein lebendes Wesen war, doch als sie ging, war die Dunkelheit um ihn herum finsterer denn je. Alles, was ihn am Leben hielt, war ihr Versprechen wiederzukommen.

Heute wusste er, dass es kein Engel gewesen war, der mit ihm gesprochen hatte. Als die Elben kamen und ihn aus der unterirdischen Halle befreiten, lauschte er, ob ihre Stimme dabei war. Und obwohl alle ihre Laute wie Musik in seinen Ohren klangen, fehlte ihm doch jene eine.

An dem Tag, als Aribald zum ersten Mal wieder das Licht der Sonne sah, ließ er sein altes Leben hinter sich. Er war hundert Tode gestorben und den Baron von Langwasser, der er einst gewesen war, gab es nicht mehr.

Die Elben hatten ihm ein neues Leben geschenkt und mit dem wollte er nicht so unachtsam umgehen wie mit dem ersten. Er behielt nur seinen Namen als Erinnerung und Mahnung und verließ die Quellenberge, die einst seine Heimat waren.

Seit er wieder in der Gesellschaft von Menschen weilte, merkte er, wie seine Lebensenergie zurückkehrte. Sein Körper erinnerte sich daran, dass er früher einmal kraftvoll gewesen war. Er lernte, das Lachen befreien konnte und ein derber Scherz unter Gleichgestellten Balsam für die Seele war. Selbst die eine oder andere Schlägerei hatte die Wirkung eines Sommergewitters, nach dem die Luft wieder rein und klar war.

Viel Zeit zum Grübeln blieb ihm in dem Rebellenlager, in dem er jetzt lebte, ohnehin nicht. Um die Versorgung einer so großen Truppe zu gewährleisten, war einiges an Aufwand nötig. Die erfahrenen Kämpfer und geschickten Jäger kümmerten sich um das leibliche Wohl, während die anderen – so wie er – im Lager Ordnung hielten, Beeren und Holz sammelten, Zelte flickten und Pfeile schnitzten.

Knut war ein verwegener, hitzköpfiger Anführer. Er konnte die Männer begeistern und auch in schier ausweglosen Situationen noch einen positiven Gedanken finden, der aufmunternd wirkte. Aber bei der nicht abreißenden Schwemme an Notsituationen war es bereits zu einigen Abspaltungen gekommen. Aribald zweifelte nicht daran, dass ohne den bedachten Gunar weit weniger von der Truppe, die im Winter aus der Armee des Königs geflohen war, übriggeblieben wäre.

Gunar war der Mann im Hintergrund und wahrscheinlich der Einzige, der mitten in einem Streit Knut unverblümt die Meinung sagen konnte, ohne dass dieser ihn niederschlug. Zwar hörte Knut durchaus auch auf das, was andere ihm rieten, aber bei keinem gab er dies so offen zu wie bei Gunar. Knut war das Schwert, aber Gunar das Schild, und schon nach kurzer Zeit merkte Aribald, dass die Männer mit ihren Sorgen zu Gunar gingen. Wenn Gunar bei den Feuern saß, so wie jetzt, trank er immer mäßig und mit Bedacht. Genau wie Aribald hörte er nur zu und beobachtete die anderen.

»Du trinkst nie mit den Männern.«

Aribald fuhr zusammen. »Ich habe genug getrunken für dieses eine Leben«, antwortete er. »Mehr als genug.« Dann starrte er ins Feuer und schwieg.

»Dein Name war weithin bekannt dafür.«

Wieder zuckte Aribald zusammen, löste seinen Blick aber nicht aus dem Feuer. »Ein zweifelhafter Ruhm.«

»Wohl wahr«, lachte Gunar rau. »Doch könnten wir alle etwas Ruhm gebrauchen.«

»Ich habe mein altes Leben hinter mir gelassen.« Aribald sah den Rebellen von der Seite an, aber dieser blickte ihm offen in die Augen. »Von dem, was früher mir gehörte, ist mir nur mein Name geblieben, der mich mahnt, nicht zu vergessen, aus welch tiefen Abgründen ich entkommen bin.«

»Keiner hier ist ohne Vergangenheit. Selbst diejenigen, die gerade mal sechzehn Sommer alt waren, als sie dem Heer des Königs beitreten mussten, haben sich damals, bei dem Kampf im Wald, von allem losgesagt und einen Teil ihres Lebens hinter sich gelassen. Was uns hier zusammenhält, ist Angst und ein gemeinsamer Feind. Einen, den alle fürchten.« Gunar lachte. »Auf Dauer wird das für unseren Zusammenhalt jedoch nicht reichen. Erst gestern haben sich wieder einige zusammengetan und sind nach Süden aufgebrochen. Knut ist ein hervorragender Kämpfer, aber er hat mit zu vielen hier zusammen getrunken. Die Männer sehen nicht zu ihm auf. Schon jetzt sind wir nicht mehr als ein Haufen Diebe und werden alle an einem Galgen enden.«

Aribald hörte zu. Er ahnte, worauf Gunar hinauswollte, aber er konnte ihn weder unterbrechen noch konnte er sich dazu durchringen, etwas dazu zu sagen.

»Wir haben Kundschafter, die uns berichten, dass sich die Kirche auf einen Krieg vorbereitet. Manche sind der Meinung, wir sollten uns ihnen anschließen. Knut ist dagegen und auch ich halte nichts davon. Der Heilige Vater in Eberus hat schon oft gezeigt, was er mit Verrätern macht.«

»Und dieses neue Gerücht von dem unbekannten Nachfahren aus dem Geschlecht der Kronthaler Könige, was hältst du davon?«, fragte Aribald.

Gunar zuckte mit den Schultern. »Es ist ein Gerücht, keiner weiß was Genaues.«

»Und die Elben?«, fragte Aribald weiter.

»Machst du Witze! Die meisten hier fürchten die Elben mindestens so sehr wie den Zauberer. Sie und dieser geheimnisvolle Wald sind es doch, die immer mehr Männer nach anderen Auswegen suchen lassen.«

»Der Wald?«, fragte Aribald verständnislos. »Aber er bietet uns doch Schutz.«

Gunar lachte freudlos. »Wir alle haben mindestens einen Kameraden an den Wald verloren. Zugegeben, das war, bevor wir uns ihm ausgeliefert haben, aber dennoch erinnern sich die Männer noch an jede Handbreit Weg, den wir ihm blutend abgetrotzt haben.«

Aribald nickte. Jetzt verstand er, warum jeder hier lieber einen weiten Fußmarsch in Kauf nahm, um Feuerholz zu suchen, statt sich an einem der Bäume zu vergreifen. In seiner Heimat in den Quellenbergen erzählte man sich auch Geschichten über den Wald, aber die letzten hatte er als Kind gehört.

»Ich habe Elben gesehen«, sagte Aribald unvermittelt.

Gunar bekam kugelrunde Augen. »Gesehen?«, fragte er ungläubig.

»Gesehen«, bestätigte Aribald. »Ich saß mitten unter ihnen. Sie haben meine Wunden versorgt und mich gepflegt. Sie bekämpfen den Zauberer. Sie haben alle seine Gnome getötet und …« Aribald stockte und verzichtete auf die Geschichte von dem weggesprengten Berg. Selbst heute bekam er eine Gänsehaut, wenn er daran dachte. Die Elben waren mächtige Wesen. Sie verfügten über Kräfte, die ihm nicht geheuer waren, und er vermutete, dass es viele Gründe gab, sie zu fürchten. Doch mindestens genauso viele Gründe gab es, es nicht zu tun. Wenn er an die bescheidene Freundlichkeit dachte, mit der sie sich ihm genähert hatten, wurde sein Herz weit.

Gunar sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an, als schätzte er ab, ob Aribald wirklich die Wahrheit sagte. Nach einer Weile beschloss er offensichtlich, ihm zu glauben.

»Diese Geschichte wirst du mir bald genauer erzählen müssen. Einstweilen bitte ich dich, dir zu überlegen, ob du diesem Haufen Männer zu etwas Würde verhelfen willst, indem du deinen Stand für unsere Sache in die Waagschale wirfst. Viele wären froh, wenn sie sich unter dem Banner eines großen Herrenhauses einen könnten. Selbst wenn es sich dabei um die Baronie Langwasser handelt.«

Nachdem Gunar ging, starrte Aribald so lange in die Flammen, bis nur noch schwach glimmende Kohlen davon übrig waren.

Früher war er der Baron der Säufer und Verschwender gewesen und jetzt sollte er der Baron der Rebellen und Diebe werden? Wusste Knut von Gunars Vorschlag? War er bereit, seine Führerrolle abzugeben, oder hatten er und Gunar sich gedacht, dass es gut wäre, ein neues Aushängeschild zu haben? Ein letzter Funken Würde verbot Aribald, der Handlanger dieser beiden Männer zu werden. Dann wollte er doch lieber wieder alleine weiterziehen. Mit etwas Glück würde er im Wald alles finden, was er zum Leben brauchte. Er sorgte schließlich für alle Menschen hier wie eine mürrische Mutter.

Zwei Tage vergingen, an denen Aribald weder Gunar noch Knut zu Gesicht bekam. Im Lager ging alles seinen gewohnten Gang. Aribald hatte Glück und fand einige Vogelnester, die er räuberisch plünderte. Die Männer, mit denen er das Feuer teilte, quittierten diesen Fund mit einem anerkennenden Schulterklopfen, denn er bereicherte ihr Nachtmahl. Auch Aribald war zufrieden. Er lag entspannt zwischen den Wurzeln einer großen Eiche und starrte durch ihre jungen Blätter in den Himmel. Zwar hörte er das Hufgetrappel, das einen Kundschafter ankündigte, aber er war viel zu träge und vollgefressen, um sich zu erheben. Was immer der Bote zu berichten hatte, er würde es gewiss noch früh genug erfahren.

Er lauschte dem Flüstern des Windes und dem Rascheln in den trockenen Blättern des Vorjahrs. Seine Gedanken waren frei und sorglos. Müdigkeit lähmte seine Glieder und die Geräusche aus dem Lager vermischten sich mit den ersten Traumbildern, als ihn plötzlich jemand an der Schulter packte und unsanft schüttelte.

»Knut will dich sehn!«

»Was?«, stammelte Aribald verschlafen.

»Jetzt beweg dich halt, dann wirst du’s schon erfahren.«

Aribald stand auf, gähnte und klopfte den Staub aus seiner Hose, ehe er zu Knuts Feuer hinüberging.

Gunar saß dort und unterhielt sich mit einem Mann, dessen Gesicht und Namen Aribald nicht kannte. Zwei weitere Männer, Uribert und Hubert, unterhielten sich ebenfalls. Knut war nicht da.

Als Aribald in den Lichtkreis des Feuers trat, sahen alle auf, und Gunar winkte ihn sofort herbei.

»Gut, dass du kommst. Knut wird auch bald hier sein, er holt nur noch Fergal und Dersthorn.«

Aribald nickte. Die beiden Männer, die Gunar erwähnt hatte, waren Hauptleute wie Uribert und Hubert an den größten Feuern, wo sich hauptsächlich die Krieger aufhielten. Kaum zu glauben, dass alle Männer hier im Heer des Königs als Soldaten eingesetzt gewesen waren, wo doch so viele nur wenig Erfahrung mit Schwert und Bogen hatten.

Kurz darauf erschien Knuts narbiges Gesicht im Feuerkreis. Ihm folgten der Hüne Dersthorn und der drahtige Fergal. Sie musterten Aribald misstrauisch.

»Was tut der da?«, fragte Dersthorn.

»Das erfährst du, wenn es soweit ist«, erwiderte Gunar knapp.

In dem Krug, der herumgereicht wurde, war nur reines Quellwasser, was Aribald klarmachte, wie ernst dieses Gespräch werden würde.

»Jetzt erzähl’s noch mal«, forderte Knut den fremden jungen Mann auf.

»Ich hab sie getroffen«, begann der hastig. Seine Wangen glühten und sein Blick flatterte unruhig hin und her.

»Fang von vorne an, Erich. Keiner hier versteht, wovon du sprichst«, mahnte Gunar ruhig.

Erich nickte. »Ich war unterwegs, um herausfinden, was in jener Nacht geschehen ist, als dieses Licht im Wald war. Ich wollte so nahe wie möglich an Dosdravans Lager herankommen, aber das ist nicht mehr möglich. Es war richtig unheimlich, ich kann das nicht beschreiben. Eigenartig. Und dann habe ich sie gesehen.« Gunar warf ihm einen aufmunternden Blick zu und Erich fügte hinzu: »Die Elben!«

Die Männer am Feuer sahen sich erstaunt, erschrocken und fragend an, aber ehe der Erste eine Frage stellen konnte, machte ihm Gunar auch schon ein Zeichen, zu schweigen.

»Erst dachte ich, ich könnte mich vor ihnen verstecken«, fuhr Erich fort. »Aber einer kam direkt auf mich zu und brachte mich in ihr Lager. Es war ganz nah, aber ich konnte es nicht sehen, bis ich es betrat. Es war wie hinter einem Spinnwebvorhang. Nein, nicht ganz. Es war da und doch nicht da …« Er sah die verständnislosen Blicke der anderen und ließ die Schultern hängen. »Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll«, sagte er zu Gunar.

Aribald wusste, was er meinte. Er erinnerte sich noch an den Ort, der plötzlich da war, ohne dass man ihn vorher sehen konnte, und auch an das Gefühl, durch etwas Spinnwebfeines hindurchzugehen.

»Red ruhig weiter. Wir werden nie alles verstehen, was mit den Elben im Zusammenhang steht.«

Erich holte tief Luft und fuhr dann fort. »Sie haben mich ausgefragt und ich habe ihnen geantwortet …«

»Du hast uns verraten?!«, brüllte Fergal und sprang auf.

»Mein Gott, du bist ja noch hitzköpfiger als Knut«, fauchte Gunar ihn an. »Setz dich sofort hin und hör zu.«

Widerstrebend setzte sich Fergal auf den Boden, aber er sah Erich drohend an.

»Sie wussten, dass wir hier im Wald leben und es schien sie nicht weiter zu stören. Sie wollten wissen, ob ich eine Frau gesehen habe.«

Dersthorn grinste breit. »Schön wär’s«, flüsterte er Hubert zu, der direkt neben ihm saß.

»Und dann baten sie mich, euch zu fragen, ob wir ihnen helfen könnten, diese Frau zu suchen. Es schien ihnen sehr wichtig zu sein.«

»Wie sollen wir eine Elbenfrau suchen?«, fragte Uribert skeptisch.

»Es ist keine Elbenfrau. Ich glaube, sie ist ein Mensch. Der Zauberer hat sie verschleppt.«

»Genau, und nur um dem nicht zu begegnen, sind wir hier im Wald«, knurrte Fergal. »Warum sollten wir uns wegen einem Weib in Gefahr bringen.«

»Mann, du bist so ein Trottel«, zischte Knut. »Verstehst du denn überhaupt nichts? Die Elben wollen sich mit uns verbünden, der Grund kann dir egal sein. Erzähl mal, wie das Lager der Elben aussah«, forderte er Erich auf. »Aber beschreib’s ihm so, wie du es mir vorhin beschrieben hast.«

»Sie hatten Zelte aus weichem Stoff, aber darin war es warm und still wie in einer guten Stube.«

»Wir verbünden uns doch nicht mit den Feen, nur weil ihr Lager besser ist als unseres«, knurrte Hubert.

»Schluss jetzt. Erst erzählt Erich zu Ende, dann könnt ihr sprechen«, beendete Gunar die Diskussion.

Erich sah verwirrt von einem zum anderen und wusste offensichtlich nicht mehr, an welcher Stelle er unterbrochen wurde.

»Wir sollen ihnen helfen, eine Frau zu suchen, die der Zauberer verschleppt hat«, half ihm Aribald auf die Sprünge.

Das scheue Lächeln ließ Erich noch jünger erscheinen. »Genau«, sagte er. »Und dann waren da noch vier Menschen. Männer aus dem Westen, nahe den Bergen. Ihr Herr – Hohenwart war sein Name – sucht Verbündete, die sich mit ihm gegen den König auflehnen. Als ich alles gehört hatte, haben sie mich zurückgeschickt und haben gesagt, dass ich sie benachrichtigen soll, wie wir … wie ihr euch entscheidet.«

»Ich bin dagegen«, sagte Fergal prompt. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er beleidigt war, weil Knut ihm über den Mund gefahren war.

»Wogegen?«, fragte Gunar gelassen.

Fergal sah ihn böse an und antwortete nicht.

Plötzlich spürte Aribald Gunars Blick auf sich ruhen. Er wusste, dass es an der Zeit war, seine Geschichte zu erzählen, aber er spürte Widerwillen, seine Erfahrung, die er wie einen Schatz hütete und an dem er seine Seele wärmte, diesen Männern vor die Füße zu werfen.

»Auch ich habe Elben gesehen«, hörte er sich dennoch sagen.

Erichs Augen leuchteten auf und ein zaghaftes Lächeln erschien in seinem Gesicht.

»Sie retteten mein Leben, als dies schon längst nichts mehr wert war. Wenn sie jemanden brauchen, der ihnen bei der Suche behilflich ist, dann werde ich ihnen helfen, selbst wenn ich dafür durch den Thronsaal des Königs gehen muss oder durch den tiefsten Höllenschlund.«

»Dann geh doch«, brummte Fergal. »Wir sind hier bisher auch ohne dich ganz gut zurechtgekommen. Und ohne die Elben auch.«

»Ein paar Verbündete könnten wir schon brauchen«, bemerkte Uribert nachdenklich. »Und wenn wir ihnen helfen, helfen sie uns vielleicht auch.«

»Das sind Feen«, gab Dersthorn zu bedenken. »Wie sollen wir ihnen helfen, wenn sie es selbst nicht können. Außerdem weiß jeder, wie gefährlich sie sind.«

»Weiß das wirklich jeder? Oder sind wir vielleicht alle für dumm verkauft worden? Wie viele hier haben ihre Stimmen gehört, ehe wir das Heerlager verlassen haben. Sie haben niemals einem von uns etwas getan.« Knut hatte die Augenbrauen fest zusammengezogen und sah so finster aus, wie man sich einen Räuberhauptmann nur vorstellen konnte. »Ich sage, wir machen es. Und ich sag euch auch, warum. Der König will die Elben bekämpfen, dafür ist ihm jedes Mittel und jedes Opfer recht. Wir sind Geächtete. Fällt einer von uns dem König in die Hände, ist er mausetot. Die Feinde des Königs sind meine Freunde!«, rief er enthusiastisch.

»Du bist bereit, dich auf Dämonen einzulassen?«, fragte Fergal skeptisch.

»Elben sind keine Dämonen!«, riefen Aribald und Erich wie aus einem Mund.

In der Stille, die diesem Ausruf folgte, sahen sich die beiden Männer einen Augenblick lang an, dann sagte Aribald: »In der alten Mundart, die heute in meiner Heimat kaum noch einer spricht, ist Elbe das Wort für Leben. Und noch heute beglückwünschen sich die Menschen bei der Geburt eines Kindes mit den Worten: Möde da seei Elben. Wenn ihr ihre Stimmen gehört hättet, ihre Augen gesehen hättet … Sie sind friedfertige Wesen. Sie sind alt und weise, schön und bestimmt auch gefährlich. Doch glaube ich nicht, dass sie sich je gegen ihre Verbündeten stellen würden.«

Erich nickte, aber nicht alle an dem Feuer schienen überzeugt zu sein. Auch Knut sah es und seine Miene wurde noch finsterer.

»Nicht alle sind so mutig wie du«, besänftigte ihn Gunar. »Du musst den Männern auch Angst zugestehen. Elben sind Wesen, die die meisten nur aus Geschichten kennen und einige dieser Schauergeschichten kennst sogar du. Wie soll man auf etwas bauen, was so unfassbar ist, dass man es kaum glauben kann. Ich meine, wir sollten uns mit den Elben treffen und dann entscheiden.«

»Ich denke, das ist ein guter Vorschlag«, sagte Aribald.

»Wer bist du überhaupt, dass du hier denken darfst?«, fragte Fergal herausfordernd.

»Aribald Langwasser. Ehemals Baron in den östlichen Quellenbergen.«

Es war zum ersten Mal, dass er seinen Namen und seine Herkunft in einem Atemzug aussprach.

»Ihr seid Aribald Baron von Langwasser, Herr?«, fragte Hubert.

Erst jetzt fiel Aribald auf, dass er in dem Tonfall sprach, der in den Dörfern um den Wohnsitz der Langwassers gebräuchlich war. Enttäuschung stand in den Augen des Mannes, als er Aribald musterte.

»Der war ich früher einmal.«

»Es hieß, Ihr seid krank … äh …«

»Tot kommt der Sache näher.«

»Aber … verzeiht, Herr. Ich bin froh, dass es Euch bessergeht.«

»Hubert ist dein Name?« Der Mann nickte. »Ich bin Aribald. Den Baron gibt es nicht mehr. Alles, was ich besaß, gehört nun Dosdravan Liminos.«

Hubert wurde bleich und starrte Aribald entsetzt an.

Jetzt erst dämmerte Aribald, was für ein hirnloser Idiot er gewesen war. Seine Untertanen hatten ihn über Jahre kaum zu Gesicht bekommen. Und obwohl ihm sein Land nicht mehr gehörte, wusste niemand, dass seit Jahren ein neuer Herr über die Langen Wasser herrschte. Was führte dieser Zauberer im Schilde? Warum …? Langsam erkannte Aribald, dass er immer noch eine Rolle spielte. Er war der Sündenbock. Sein Land war der geheime Unterschlupf des Zauberers. Was auch immer der tat, er tat es in Aribalds Namen. Und wer außer ihm kannte schon die weitläufigen Verliese unter den Mauern seiner alten Burg? Mehrere Dutzend Menschen konnte der Zauberer darin verschwinden lassen. Vielleicht auch die Frau, die die Elben suchten. Wer würde sie dort suchen, wenn das Land eigentlich einem versoffenen Baron gehörte?

5. Die Herren des Westens

Erschöpft erreichte Vinzenz mit zwei seiner Männer die nördliche Brücke ins Wildmoortal. Die Notwendigkeit, schnell zu sein, und dabei gleichzeitig weitere Verbündete zu finden, hatte seine Nächte kurz und die Wegstrecken lang gemacht. Zwei Mal wechselte er unterwegs die Pferde, doch sich selbst schonte er nicht.

Die Männer ertrugen das alles klaglos, wurden aber im Laufe der Reise immer stiller. Dafür liebte Vinzenz sie. Seine eigene Müdigkeit spürte er erst, seit sein Ziel in greifbare Nähe rückte. Jeder Knochen und jeder Muskel in seinem Körper schmerzte und beim Anblick der Brücke dachte er mit Grauen daran, dass er noch eine weitere Stunde reiten musste. Am liebsten hätte er sich sofort in das satte Gras gelegt, um ein paar Tage lang nur zu schlafen.

Nicht ohne Neid bemerkte er die Erleichterung in den Augen seiner Männer. Sie freuten sich auf ein weiches Bett, auf ein paar Krüge Bier, wahrscheinlich auch auf ihre Frauen, die sie bald wiedersehen würden. Was aber erwartete Vinzenz? Vorbereitungen auf einen Krieg, Sorgen und weitere Ängste.

Endlich konnte er das Haus am Ersesberg sehen. Der Anblick war ihm vertraut und er spürte nun doch, wie auch sein Herz vor Freude schneller schlug.

»Jetzt haben wir es bald geschafft«, sagte er erleichtert. »Ich danke euch. Für den Rest der Woche habt ihr frei. Erholt euch! Wer weiß, wie viel Zeit uns dafür bleibt.«

»Ihr solltet Euch auch etwas Ruhe gönnen, Herr«, erwiderte Frendar, der Ältere der beiden.

Vinzenz zuckte leicht mit den Schultern, aber die Fürsorge tat ihm gut.

»Du kennst doch die Herrin Amilana«, krächzte Berenz. »Die wird ihn schon ins Bett scheuchen. Wenn es sein muss mit dem Schwert.« Die Männer lachten und Vinzenz lachte mit, obwohl er wenig Hoffnung hatte, sich in nächster Zeit erholen zu können. Agnus hatte die Menschen auf den unweigerlich bevorstehenden Kampf vorbereitet, das war Vinzenz auf seinem Ritt durch die Säbelau bereits aufgefallen. Viele Männer trugen Waffen und waren wachsam und misstrauisch. Selbst die Bauern, die ihre Felder bestellten, hatten Mistgabeln und Äxte dabei, die sie für ihre Arbeit gar nicht brauchten. Schwerter und Lanzen lagen zudem oft in Decken gewickelt auf den Ochsenkarren.

Es war beruhigend und beängstigend zugleich. Am meisten fürchtete Vinzenz, falsche Entscheidungen zu treffen oder vielleicht bereits getroffen zu haben. Seit er wieder heimischen Boden unter den Füßen hatte, kam ihm alles, was er auf seiner Reise erlebt hatte, noch unwirklicher vor. Sein Aufenthalt im Monastirium Wilhelmus, seine Begegnung mit Leron’das und dann noch dieser Stollen mit den geheimen Schriften, den ihm Benidius gezeigt hatte.

Wieder nestelte Vinzenz an der Tasche, in der er den Schlüssel eingenäht hatte, fassungslos darüber, dass er ihn nun trug – den Schlüssel zum geheimen Wissen.

Der Hof am Ersesberg war menschenleer, die Bretterbuden verweist.

Die Ruhe war nahezu gespenstig. Selbst ohne die Heerscharen an Kindern, die bis vor kurzem hier Zuflucht gesucht hatten, war der Ersesberg immer ein belebter Ort gewesen.

Als Vinzenz unter dem zweiten Torbogen durchritt, bemerkte er erleichtert, dass zumindest das Haus nicht verlassen war. Eine von Hilmars Kutschen stand vor den Ställen und die Tür zum Haupthaus stand sperrangelweit offen.

Durch das Trappeln der Hufe aufgeschreckt, kam ein Stallbursche angelaufen und gleich darauf erschien Amilana in der Türöffnung.

»Vinzenz!«, rief sie erfreut. Sie lief auf ihn zu und nahm ihn freundschaftlich in den Arm. »Dem Himmel sei Dank. Wir haben uns solche Sorgen gemacht.«

»Es ist schön, wieder hier zu sein«, erwiderte Vinzenz gerührt.

Amilana ließ ihn los und musterte ihn kritisch von oben bis unten, dann sah sie in die müden Gesichter der Männer.

»Geht in die Küche und lasst euch zu Essen geben. Ich sorge dafür, dass jedem von euch danach ein sauberes Bett zur Verfügung steht«, sagte sie zu ihnen, dann sah sie wieder Vinzenz an. »Du siehst schrecklich aus!«

Sie packte ihn am Ellenbogen und zog ihn mit sich. Vinzenz wusste, dass ihm seine Männer spöttisch grinsend hinterhersahen, aber es war ihm gleichgültig. Die Wärme, die der herzliche Empfang ihm bescherte, war angenehm wie ein prasselndes Kaminfeuer an einem stürmischen Wintertag. Obwohl Amilana nur wenige Jahre älter war als er selbst, ließ er sich gerne von ihrer freundschaftlich, mütterlichen Fürsorge aufnehmen und tragen.

Er fühlte sich wieder wie der Junge, der mit aufgeschlagenen Knien und blutenden Händen nach Hause kam. Seine Mutter hatte ihn dann immer in den Arm genommen und seine Wunden versorgt, wohl wissend, dass er jemanden brauchte, der ihm den Schmerz von der Haut pustete. Einen Schmerz, den er so lange tapfer ignoriert hatte, bis er ihn in ihrer Geborgenheit preisgeben durfte. Ihr plötzlicher Tod kurz nach dem Unfall seines Vaters war der härteste Schlag gewesen, den Vinzenz schon in jungen Jahren verwinden musste.

»Agnus ist nicht zu Hause, aber Annamarie von Weiden ist hier«, erzählte Amilana. »Es ist viel geschehen, seit du fortgegangen bist. Nicht viel Gutes, aber davon wollen wir jetzt nicht sprechen. Ich bin so froh, dich an einem Stück und gesund wiederzusehen.« Sie lachte und drückte seinen Arm.

Annamarie, obwohl mit Vinzenz verwandt, begrüßte ihn weit weniger herzlich. Sie hauchte ihm einen angedeuteten Kuss auf die Wange, aber das Lächeln ihrer Lippen erreichte die Augen nicht. Während der gesamten Mahlzeit nestelte sie nervös an der Tischdecke und ihr Blick konnte seinem nicht standhalten. Sie redeten über Belanglosigkeiten, bis Vinzenz sich satt in einem Sessel zurücklehnte.

»Sind Arina und Toralf auch hier?«, fragte er seine Tante.

Annamarie saß stocksteif auf ihrem Stuhl. Tränen glitzerten in ihren Augen.

»Arina fuhr mit Hilmar und Philip nach Eberus«, antwortete Amilana an ihrer Stelle. »Toralf ist mit meinen und vielen anderen Kindern in Derdesklamm untergebracht.«

Annamarie von Weiden nickte nur und tupfte sich die Augen mit einem blütenweißen, spitzengesäumten Taschentuch.

»Onkel Hilmar hat Arina nach Eberus mitgenommen?«, fragte Vinzenz erstaunt.

»Es ist so schrecklich«, stöhnte Annamarie und presste sich das Taschentuch vor den Mund, nur um sich sofort wieder die Augen damit abzutupfen. »Stell dir vor, der Zauberer hat sie entführt, kaum, dass sie die Säbelau verlassen hatten. Mein armes, kleines Mädchen …«

Aber der Zauberer Nestalor Wasoro war doch tot! Langsam dämmerte Vinzenz, dass Nestalors Tod und Arinas Entführung zusammenhingen. Also hatte nicht Agnus ihm den Garaus gemacht, sondern Hilmar.

»Was ist mit ihr …?«, fragte er besorgt.

»Es geht ihr gut«, beschwichtigte ihn Amilana.

Er stellte viele Fragen, um sich ein Bild von dem zu machen, was hier in den letzten Monaten vorgefallen war. Annamarie reagierte jedoch oft abweisend und verwies ihn auf Agnus, der in den nächsten ein bis zwei Tagen zurückerwartet wurde. Vinzenz wurde immer gereizter.

Schließlich stand Amilana energisch auf und schickte ihn ohne Umschweife ins Bett.

Während Vinzenz sich zu seinen Gemächern schleppte, nahm er sich vor, Amilana allein zu befragen, denn bei dem Gespräch am Abend war ihm eins zweifelsfrei klargeworden: Annamarie war mit der gegenwärtigen Situation ganz und gar überfordert und hatte offensichtlich beschlossen, sie zu ignorieren.

***

Agnus runzelte nachdenklich die Stirn und lauschte aufmerksam dem Bericht des Kundschafters. Nachdem die Krähen plötzlich wieder verschwunden waren, was mindestens genau so unangenehm war wie ihre ständige Anwesenheit, tauchten jetzt immer mehr sogenannte Reisende, aber auch andere zwielichtige Gestalten an allen möglichen Stellen in der Säbelau auf.

Auch die, über die der Kundschafter soeben berichtete, waren ganz sicher nicht harmlose Bauersleute auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Spione, soweit das Auge reichte, und die Grenze zur Säbelau war ein kaum zu kontrollierendes Gebiet. Was war das Wildmoortal dagegen für ein beschauliches Fleckchen Erde? Wenn die beiden Brücken erst mal abgerissen waren, konnte man es mindestens so gut verteidigen wie eine Burg. Aber die endlos ebene Fläche der Säbelau verfügte nicht über eine so standhafte natürliche Abwehranlage, wie es der Säbelfluss für das Wildmoortal war.

»Sie haben wirklich Kinder dabei?«

»Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen. Mehr Kinder als Männer.«

Agnus kratzte seinen Bart.

»Sie sollen einen Eid leisten. Einen, der ihnen unmissverständlich klarmacht, dass ich mir ihren Kopf persönlich holen werde, wenn sie ihn brechen. Verflixt! Was sind das nur für Menschen, die ihre Kinder für solche Zwecke benutzen?«

»Nun ja … sie sind flink wie Karnickel und bei der Anzahl merkt keiner, wenn das eine oder andere fehlt.«

»Du meinst, eine Mutter könnte nicht merken, wenn eines ihrer Kinder fehlt?«, fragte Agnus ärgerlich.

»Nein, Herr, ich meine uns. Wir werden nie den Überblick haben, wo all diese verlausten Kinder sind, was sie auskundschaften und wem sie es erzählen.«

»Kinderkrieg«, stöhnte Agnus.

Es war schwer, ein weiches Herz gegen die harte Wirklichkeit zu verschließen. Er kam sich vor, als hätte man ihn von der Insel der Glückseligen vertrieben. Ein Kampf war in seinen Augen immer noch Männersache. Dass seine Frau unbedingt mitmachen wollte, war schon schlimm genug, aber dass der Feind Kinder benutzte, war mehr als verwerflich.

Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, die Kinder zu schützen, und der Notwendigkeit, zu verhindern, dass sie seine Stellungen ausspionierten, lief er auf und ab wie eine eingesperrte Wildkatze.

»Wir schicken sie weg!«, sagte er entschlossen.

»Dann werden sie es in wenigen Tagen an einer anderen Stelle erneut versuchen«, gab der Kundschafter zu bedenken.

»Dann müssen wir ihnen wohl eine Lüge auftischen. Etwas, was sie unbedingt ihren Herren überbringen werden. Sagt ihnen … sagt, wir erwarten in Kürze einen großen Trupp aus Mendeor und können sie nicht auch noch versorgen.«

»Aus Mendeor?«, fragte der Kundschafter. »Können wir von dort überhaupt Hilfe erwarten?«

Agnus verzog das Gesicht, als hätte er auf etwas sehr Saures gebissen. »Nein, aber die wenigsten wissen, wessen Herzogtum unmittelbar hinter der Grenze liegt, und die, die es wissen, werden von einer solchen Neuigkeit mehr als überrascht sein. Vielleicht verschafft uns das eine Verschnaufpause.«

Der Pass und seine Verteidigung bereiteten Agnus schon lange Kopfzerbrechen. Einige seiner Späher behielten die Straße Tag und Nacht im Auge und darum wusste er, dass sich Herzog Valerian von Erdolstin wieder in Ardelan befand. Seitdem hatte Agnus die Anzahl der Männer am Pass verdoppelt und sie nach Stellen suchen lassen, von denen aus die Passstraße in wenigen Stunden verschüttet werden konnte. Ein Feind im Rücken war gewiss der schlimmste Feind.

Als der Kundschafter davonritt, schickte Agnus ein Stoßgebet zum Himmel, dass die Spitzel den Köder schluckten und sich mit ihrer Kinderschar vom Acker machten. Wenn König Levian sie mit Kindern bekämpfen wollte, dann hatte er jetzt schon gewonnen.

»Heuchlerisches, kriminelles Gesindel«, fluchte er, dann schwang er sich in den Sattel und ließ Lisia nach Hause laufen.

***

Die Hitze war schier unerträglich und das noch vor dem Ende des Launigs. Hilmar schätzte, dass sie in wenigen Tagen Eberus erreichen konnten. Vielleicht schon zum ersten Tag des Wonnemonds.

Nach den vielen Wochen unterwegs sehnte er sich nach Gesellschaft wie eine Blume nach Wasser. Da kam ihm ein Feiertag in einer großen Stadt nur gelegen. Das Blütenfest war die beste Gelegenheit, um mal wieder ausgelassen zu feiern, und für den einen Tag konnte er sich bedenkenlos dem Vergnügen hingeben. Bestimmt würde so eine Feier auch Arina, die seit Philips Abschied sehr bedrückt wirkte, guttun.

Ihre Ernsthaftigkeit hatte sie zweifelsfrei von ihrer Mutter. Obwohl Hilmar seine Frau liebte und sie hin und wieder auch vermisste, konnte er doch ohne Last sein Haus verlassen. Er genoss sogar die Freiheiten, die ihm seine Reisen bescherten. Er sonnte sich gerne in der Gesellschaft anderer Frauen, was ihm den Ruf eingebracht hatte, dass er sich mit solchen auch vergnügte. Das eine oder andere Mal hatte er dies gewiss auch getan, vor allem, als er noch jünger gewesen war, doch meistens beschränkte er sich darauf, sie zu umgarnen und sich umgarnen zu lassen. Der eine oder andere Kuss gehörte da wohl dazu und bestätigte Hilmar, dass er auch heute noch, mit über vierzig Jahren, ein attraktiver Mann war und auch junge Frauen ihn anhimmelten.

Wieder tupfte er sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und riss nervös an den Rüschen seines Hemdes, um seine Unterarme von deren Last zu befreien.

Wieso brauchte dieses Mädchen nur wieder so lange? Hilmar war wirklich der Letzte, der sich beschwerte, wenn sich eine junge Frau Zeit nahm, um sich hübsch zu machen. Aber egal, was Arina tat, ihre Wangen waren immer blass und ihre Augen groß und traurig. Nur selten hielt sie sich damit auf, zumindest etwas Farbe in ihr Gesicht zu pudern oder ihre schönen Lippen zu schminken. Auch ihre Haare hielt sie in letzter Zeit denkbar schlicht und verbarg einen Großteil davon zusätzlich unter einer Spitzenhaube. Was also dauerte so lange?

Endlich kam sie. Sie sieht aus wie eine Witwe, zuckte es Hilmar durch den Kopf. Ihr Gang wirkte schwer und sie sah aus, als hätte sie Bauchschmerzen. Könnte auch das Monatsblut sein. Aber der Gedanke überzeugte Hilmar nicht.

Der Graf kannte die Liebe und die Sehnsucht und den Schmerz, denn meistens gingen diese drei Hand in Hand. Er kannte das Gefühl, dass jede Minute des Wartens zu lang war und Tage zur Ewigkeit wurden. Natürlich war das bei seinem flatterhaften Wesen immer spannend und schön gewesen, und er musste seiner ernsthaften, beständigen Tochter zugestehen, dass sie mehr darunter zu leiden hatte als er.

Trotz ihrer Jugend schien es ihr – aber auch Philip – sehr ernst mit der Liebe zu sein, was ihn als Vater entlastete und gleichzeitig mit Eifersucht erfüllte. Arina war seine Tochter. Er erinnerte sich noch gut daran, wie die Hebamme mit ihr aus dem Zimmer seiner Frau gekommen war und ihm dieses zerbrechliche, kleine, perfekte Wesen in die Arme gelegt hatte.

Manchmal sah er auch heute noch den Ausdruck in ihrem Gesicht, mit dem sie als Zweijährige Sandkuchen gebacken hatte. Wenn sie strahlte, funkelten immer die goldenen Sprenkel in ihren braunen Augen. Dieses Strahlen wollte er ungerne mit einem anderen Mann teilen, auch wenn dieser andere Mann Philip hieß und ihm ans Herz gewachsen war.

Was war nur an dem Jungen, das es einem so leicht machte, ihn zu lieben? Agnus hatte einmal etwas Ähnliches gesagt, erinnerte Hilmar sich.

»Wir können fahren«, sagte Arina und ging geradewegs auf die Kutsche zu.

»Wenn du willst, könnten wir bei dem herrlichen Wetter auch erst ein Stück reiten«, schlug Hilmar vor.

Arina schüttelte müde den Kopf. »Ich hab nicht gut geschlafen.« Ihr Ton war abweisend.

»Dann ruh dich noch ein wenig aus, ich reite nebenher.« Hilmar versuchte, seine Stimme ruhigzuhalten, aber er war wütend. In letzter Zeit nahm sie nicht ein einziges Angebot an. Sie wollte sich nicht aufmuntern lassen. Am liebsten hätte er sich mit ihr gestritten, aber das hätte ihre Weiterfahrt nur noch einmal verzögert, und außerdem wusste er, dass er gegen eine schlecht gelaunte Frau nur verlieren konnte. Auch wenn diese Frau seine Tochter war. Aber jetzt war es zu spät, um sie übers Knie zu legen. Das hätte er machen müssen, als sie ein Kind gewesen war, doch er hatte es nie übers Herz gebracht. Im Stillen war er immer stolz gewesen auf den kleinen Dickkopf. Oft musste er sich das Lachen verkneifen, wenn sie mit geballten Fäusten und hochroten Wangen vor ihm stand und versuchte, ihren Willen durchzusetzen.

Jetzt erst merkte er, dass es das war, was ihm fehlte. Ihr Willen! Sie war so schlapp, fast schon leblos.

»Arina!« Sie drehte sich um und sah ihn aus ihren dunklen Augen ernst an.

»Ist es immer noch wegen Philip?«

Sie zog die Augenbrauen fragend nach oben und schüttelte dann langsam den Kopf. Ein geheimnisvolles Lächeln glitt über ihre Lippen. »Ich hab einfach nur schlecht geschlafen. Wahrscheinlich wegen der ungewohnten Wärme.« Jetzt lächelte sie Hilmar doch noch etwas strahlender an und winkte ihm mit den Fingern, ehe sie die Tür der Kutsche schloss und die Vorhänge zuzog.

Hilmar hielt es nicht lange auf dem Pferderücken aus. Obwohl ihm der Wind angenehm um die Nase wehte und in den goldenen Morgenstrahlen die Landschaft wie verzaubert wirkte, ließ ihm die Sorge um Arina keine Ruhe. Einmal mehr verfluchte er seine Leichtfertigkeit. Er hätte sie zuhause lassen sollen. Wobei würde sie ihm schon helfen können? Vor allem, da sie dermaßen in ihrer Trauer aufging.

Zornig sprang er aus dem Sattel, drückte einem seiner Männer die Zügel in die Hand und stieg in die Kutsche zu seiner Tochter.

»Wir müssen miteinander sprechen«, sagte er und ließ sich auf den gepolsterten Sitz ihr gegenüber plumpsen.

Arina sah ihn überrascht, fast schon erschrocken an, aber Hilmar achtete nicht auf ihr Mienenspiel. Mit einem Taschentuch wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

»In ein paar Tagen werden wir in Eberus sein. Noch weiß ich nicht, was uns dort erwartet. Frode ist vorausgeritten und hört sich um, aber wir brauchen einen Plan, der uns schnell und sicher ans Ziel bringt. Wir haben wenig Zeit, denn ich möchte sobald als möglich wieder nach Hause fahren. Im besten Fall gelingt es uns, uns die Unterstützung des Archiepiskopos zu sichern. Bestimmt weiß König Levian bereits von unserem Widerstand. Noch ist er uns gegenüber ganz klar im Vorteil. Er hat Unmengen an Männer ausgehoben und eine Truppenstärke, die uns weit überlegen ist. Das sind die schlechtesten Voraussetzungen, um sich gegen ihn aufzulehnen. Wenn uns die Kirche nicht zu Hilfe kommt, sind wir verloren.«

»Aber die Kirche wird uns doch gewiss unterstützen«, sagte Arina. »Selbst hier im Süden hat doch jedes Kind schon von den Zauberern gehört.«

»Das ist es, was mich am meisten beunruhigt. Obwohl es jeder weiß, sehe ich nirgendwo jemanden, der versucht, etwas dagegen zu unternehmen.«

»Die größeren Orte haben wir doch umfahren …«

»Aber erst, seit ich weiß, dass der König im Monastirium Wilhelmus sitzt wie die Made im Speck.« Hilmar seufzte. »Ich fürchte, er hat die Kirche unterwandert. Wir müssen sehr vorsichtig sein, sonst sitzen wir in einem Verlies, lange bevor wir auch nur in die Nähe des Archiepiskopos gekommen sind.«

»Du siehst das alles viel zu schwarz. Wenn sich dieser Königserbe zu erkennen gibt, wird sich alles zum Guten wenden. Du hast doch selbst gehört, wie in den Straßen über ihn gesprochen wird. Es ist bestimmt auch dem Archiepiskopos nicht entgangen.«

Hilmar lächelte Arina an. Er wollte ihr nicht widersprechen. Sie war so jung und glaubte noch an das Gute, aber seine Erfahrungen in der Löwengrube bei Hofe und sein Wissen um all die Intrigen, die Menschen spannen, um ihre Macht zu sichern, ließen ihn seine Situation weniger optimistisch einschätzen.

»Trotzdem«, sagte er zögernd. »Wir müssen sehr vorsichtig sein. Noch herrscht nicht offener Krieg, und solange es so ist, hat keiner sich klar für eine Seite entschieden. Viele Grafen und Barone, Episkopalen und Würdenträger wägen noch ab, welche Partei die Stärkere ist. Es gibt viel zu verlieren und weit weniger zu gewinnen. Wir selbst bauen auf einen Unbekannten, und das ist leichtsinniger als alles, was ich in meinem Leben bisher getan habe.«

»Sich einem größenwahnsinnigen König zu verweigern, der Unheil über das Land bringt, ist nicht leichtsinnig. Was bitte gibt es zu gewinnen, wenn Zauberer wieder ungehindert durch die Lande ziehen dürfen!«, stieß Arina hervor. »Abgesehen davon haben Episkopalen und andere Würdenträger der Kirche doch sowieso keine andere Wahl, als sich der Kirche anzuschließen.«

Hilmar lachte freudlos. »Hast du eine Ahnung, was die alles können, wenn es um die Sicherung ihrer Macht und ihres Geldes geht. Außerdem vergisst du, dass die Kirche noch nicht auf unserer Seite ist. Wir sind erst auf dem Weg dorthin, um ihre Unterstützung zu erbitten.«

»Hm«, antwortete Arina und lehnte sich zurück. Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe. »Wir hätten nicht aufhören dürfen, die Grafschaften abzuklappern. Wir hätten sie auf unsere Seite ziehen müssen.«

»Hätten wir, aber die Gefahr, an den Falschen zu geraten, war einfach zu groß. Die wenigsten Adligen des Südens sitzen im Thronsaal des Königs. Ich kenne nicht viele von ihnen und auch die nur flüchtig. Außerdem werden wir einige von ihnen ohnehin in Eberus treffen. Das Blütenfest dürfte eine gute Gelegenheit sein, ihnen auf den Zahn zu fühlen. Ich baue fest darauf, dass einige der jüngeren Männer nach dem Abend bereit sein werden, um deiner Schönheit Willen in jeden Kampf zu ziehen.« Hilmar grinste, aber Arina sah ihn entgeistert an.

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522 p. 5 illustrations
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