Read the book: «Love in Boothbay Harbor: Sammelband mit allen vier Büchern der romantischen Serie»

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Love in Boothbay Harbor
… wenn alles verloren scheint - Sammelband mit vier Liebesromanen
Kerry Greine

Impressum

Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages!

Im Buch vorkommende Personen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2017 dieser Ausgabe Obo e-Books Verlag,

alle Rechte vorbehalten.


M. Kluger

Fort Chambray

Apartment 20c

Gozo, Mgarr

GSM 2290

Coverdesign: Wolkenart - Marie-Katharina Wölk, www.wolkenart.com

Inhalt

Eine Chance für die Zukunft

Hoffnung am Horizont

Stumme Verzweiflung

Cappuccinoliebe

Lust auf mehr?

Über den Autor

OBO e-Books

Eine Chance für die Zukunft

1

Mist, das ist ja mal wieder typisch. Ich will gerade den Coffeeshop verlassen, als ich gegen etwas pralle. Meine morgens so lebensnotwendige Dosis Koffein ergießt sich über meine neue Jacke. Zum Glück ist es jetzt im Juni schon so warm draußen, dass ich auch ohne Jacke nach Hause gehen kann. Ansonsten würde jeder mein peinliches Missgeschick bemerken. Nachdem ich mich kurz gesammelt habe, sehe ich erst, gegen was ich da eigentlich gelaufen bin. Ein breiter, sehr männlicher Rücken. Ein enges, dunkelgraues T-Shirt schmiegt sich um die schlanke Taille, die sich nach oben hin in einem kräftigen Kreuz verbreitert.

„Oh, Entschuldigung, ich war in Gedanken …“, sage ich automatisch und gucke kurz zu dem Gesicht hoch, das sich mir in diesem Moment zudreht und gehe an ihm vorbei auf die Promenade am Hafen.

Als ich schon ein paar Meter weiter gegangen bin, hält mich plötzlich jemand am Arm fest.

„Annie …?“

Irgendwo in meinem Unterbewusstsein regt sich etwas, noch bevor ich mich umgedreht habe. Ich kenne diese männliche Stimme, den Klang, wie sie leise meinen Namen ausspricht. Ich drehe mich um und schaue hoch.

Für einen Moment ist mir, als bliebe die Zeit stehen. Ich werde zurückkatapultiert in einen heißen Sommerabend vor vier Jahren.

Vier Jahre zuvor

Mein Bruder Chris hat mich zu einer Wohltätigkeitsparty mitgenommen. Nicht, dass ich mir jemals auch nur den Eintrittspreis hätte leisten können. Seine IT-Firma war eine der Sponsoren dieser Party, daher bekam er zwei Eintrittskarten, um sich auf der Feier, auf der von den Reichen unserer Stadt Gelder für soziale Kinderprojekte gesammelt werden sollten, zu zeigen.

Man hatte für diese Veranstaltung ein altes Herrenhaus mit weitläufigen Gärten ausgesucht und ein Zelt für mehrere hundert Personen aufstellen lassen. Im Zelt standen lange Reihen mit Tischen, wunderschön dekoriert mit teuer aussehenden Leinentischdecken, edlem Porzellan und echtem Silberbesteck.

Ein Streichquartett spielte ruhige Klassik im Hintergrund, während wir ein mehrgängiges, köstliches Menü verzehrten. Nach dem Essen wurde eine Reihe von Reden gehalten, die die wohlhabenden Gäste zum Spenden animieren und über die geplanten Projekte informieren sollten.

Nachdem der offizielle Teil des Abends beendet war, wurde auf einer kleinen Tanzfläche zum Tanzen aufgefordert. Daneben befanden sich eine kleine Bar und einige Stehtische mit cremefarbenen, glänzenden Hussen. Kellner gingen mit Tabletts voll Champagner zwischen den Leuten umher.

Mir war warm, es war stickig im Zelt und ich wollte mich draußen ein bisschen abkühlen. Ich nahm mein Abendhandtäschchen, das ich mir, genau wie das kurze weinrote Cocktailkleid, extra für heute Abend gekauft hatte und ging nach draußen.

Die Gartenanlagen waren mit Fackeln geschmückt, die die verschlungenen Wege in ein flackerndes Halbdunkel tauchten. Ich wanderte langsam durch die Gärten und die warme, sommerliche Brise spielte mit meinem kurzen Kleid.

Ich wollte diesen Abend in vollen Zügen genießen und mich endlich einmal wieder richtig amüsieren. Ein paar Wochen vorher hatte ich erfahren, dass mein Freund mich mit meiner vermeintlich guten Freundin und Arbeitskollegin betrogen hatte. Okay, es war jetzt nicht die große Liebe, sondern vielmehr die Bequemlichkeit, die uns die letzten zwei Jahre zusammengehalten hatte, trotzdem tat der Verrat mir weh und mein Selbstbewusstsein war doch stark angeknackst. Nachdem der Schmerz und die Wut jetzt abgeklungen waren, wollte ich mir heute Abend beweisen, dass ich auch als Single auf einer Party, über die morgen noch dazu die ganze Stadt sprechen würde, meinen Spaß haben kann.

Aber leider war das Ganze doch eher eine dumme Idee. Ich gehörte nicht auf dieses gesellschaftliche Parkett der Reichen und Schönen. Ich war nur eine kleine Journalistin in der Presseabteilung eines Pharmakonzerns. Ich würde hier nie dazugehören und war mir nicht mal sicher, ob ich das überhaupt wollen würde.

Völlig in meine Gedanken versunken stolperte ich auf einmal über einen Stein am Boden, den ich in der Dunkelheit nicht gesehen hatte. Ich machte einen Schritt nach vorne, aber in den ungewohnt hohen Schuhen zu meinem schicken Kleid fand ich so schnell keinen Halt auf dem Kies des Gartenwegs. In dem Moment, als mir noch durch den Kopf schoss, na super, jetzt leg ich mich auch noch lang, wurde mein Fall von zwei starken Armen aufgehalten. Ich wurde abrupt mit dem Rücken an eine breite Brust gedrückt, sodass mir einen Moment die Luft wegblieb und ich mich nicht rühren konnte.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Haben Sie sich wehgetan?“ fragte eine tiefe, raue Stimme und ich wurde sanft umgedreht. Ich musste den Kopf in den Nacken legen um meinen Retter anzusehen. Geschätzte 1,90 Meter groß, schwarze Haare, die ein bisschen zu lang waren und Augen, deren Farbe ich in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, obwohl sie mich intensiv musterten. Er trug ein schwarzes, weiches Hemd zu einer ebenfalls schwarzen Anzughose. Beides sah aus, als wäre es maßgeschneidert und sehr teuer. Das Jackett, Pflicht auf so einer Veranstaltung, hatte er anscheinend auf Grund der Wärme irgendwo abgelegt. Er war umwerfend. Ich spürte, wie mir beim Blick in seine Augen die Röte ins Gesicht schoss und ich instinktiv den Atem anhielt, nachdem ich den Duft seines Aftershaves tief in mich eingesogen hatte. Ich merkte erst, dass er mir eine Frage gestellt hatte, als er wieder fragte: „Sind Sie okay? Oder haben Sie sich verletzt?“

Ich konnte nur nicken. Noch immer hielt er mich fest an seinen unglaublichen Körper gepresst. Ich konnte seine harten Bauch- und Brustmuskeln durch das Hemd an meinem Oberkörper fühlen. Mir wurde ganz heiß und mein Hals war trocken.

„Kommen Sie, da drüben habe ich eine Bank gesehen. Setzen wir uns erst einmal und dann erzählen Sie mir, was Sie hier so ganz allein in der Dunkelheit machen.“

Ich kam nicht auf die Idee, ihn zu fragen, was ER denn hier allein machte. Er legte seinen Arm um meine Taille und führte mich zu der Bank. Langsam erwachte ich aus meiner Starre und konnte endlich wieder sprechen.

„Danke! Sie haben mich gerade vor einer riesigen Peinlichkeit bewahrt. Ohne Sie wäre ich wahrscheinlich hingefallen und hätte mir hier die Blöße gegeben.“

Oje, hatte ich das wirklich gerade gesagt? Das war ja noch schlimmer als mein atemloses Schweigen vorhin.

„Ich glaube, dass Sie unter dem Kleid durchaus sehenswert sind …“

Was war denn das jetzt? Flirtete er etwa mit mir? Nein, er wollte bestimmt nur einen Scherz machen. Was sollte jemand wie er ausgerechnet an mir finden? Nicht, dass ich hässlich wäre. Ich selbst finde mich einfach nur … unauffällig. Mit meinen 1,67 Meter eher normal klein, lange, dunkelbraune, lockige, normale Haare und eine schlanke, normale Figur. Das Einzige, was an mir ungewöhnlich ist, sind meine hellen, grün-blauen Augen mit langen, schwarzen Wimpern. Richtig geschminkt und zurechtgemacht bin ich, glaube ich, durchaus ansehnlich. Aber eigentlich bin ich eher so ein sportlicher Typ in Jeans und Pulli und mit einem einfachen Pferdeschwanz.

„Meinen Sie nicht, dass es hier hinten im Garten ein wenig zu dunkel ist, um das zu beurteilen?“

Meine Antwort war ausgesprochen, bevor ich überhaupt darüber nachgedacht hatte.

„Das stimmt, hier wäre es zu dunkel, wenn Sie mir nicht schon den ganzen Abend über aufgefallen wären. Sie sind mit dem dunkelhaarigen Mann im grauen Nadelstreifenanzug hier und haben bisher nicht so ausgesehen, als würden Sie sich besonders wohlfühlen. Ihr Freund?“

Ich war ihm den ganzen Abend über aufgefallen? Okay, er flirtete tatsächlich mit mir.

„Nein, mein Bruder Chris. Seine Firma ist einer der Sponsoren heute Abend.“

„Oh, gut …!“

Während ich mich noch fragte, was er mit „gut“ meinte, merkte ich schon wie er seinen Arm hinter mich auf die Rückenlehne der Bank legte und dann weiter mit mir über den Abend und die Party plauderte. Ich war auf einmal ganz entspannt und fühlte mich gleichzeitig kribbelig.

Der Wind hatte ein paar Strähnen aus meiner schicken Hochsteckfrisur gelöst, die mir ums Gesicht wehten. Während wir uns weiter über alles Mögliche unterhielten, spielte er mit meinen umher wehenden Haaren und strich sie mir ganz sanft hinter die Ohren. Dabei streifte er leicht mit dem Daumen über meine Wange. Nur der Hauch einer Berührung, aber mich durchfuhr ein Schaudern. Ich schaute hoch und sah direkt in seine beeindruckenden Augen. Er musterte mich mit einem intensiven Blick, der mir eine Gänsehaut verursachte. Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund, während seine Augen über mein Gesicht glitten und an meinem Mund hängen blieben. Ich war schon wieder außer Atem und mir wurde heiß.

Er beugte sich zu mir herüber und ich schluckte trocken, als ich in seinen Augen sah, was er vorhatte. Ich hörte einen leisen Seufzer. Als mir gerade klar wurde, dass ich es war, die geseufzt hatte, berührte sein Mund auch schon meine Lippen. Ganz sanft und vorsichtig strich er darüber, als wollte er mir Zeit geben mich an das Gefühl zu gewöhnen. Immer wieder streichelte er meinen Mund mit seinen Lippen, dann mit seiner Zunge. Mit einem weiteren Seufzen öffnete ich meinen Mund ganz leicht. Darauf hatte er anscheinend nur gewartet. Seine Zunge tauchte, vorsichtig erst, dann immer weiter in meinen Mund und verwöhnte ihn. Er strich mir mit der Zunge über die Zähne und wagte sich weiter vor, bis meine Zunge ihn fand.

Der Kuss wurde drängender, immer leidenschaftlicher. Ich hörte sein leises Stöhnen und legte meine Hände auf seine Schultern. Sein Arm war von der Rückenlehne zu meiner Taille gerutscht und streichelte mich ganz leicht, während er mich dichter an sich zog. Den anderen Arm hatte er auf meinen Oberschenkel gelegt. Ich spürte, wie sich seine Finger in mein kurzes Kleid gruben. Ich wollte mehr, so viel mehr. Mit einem letzten Kosten seiner Zunge auf meinen Lippen zog er sich langsam zurück. Sein Atem ging abgehackt, als er flüsterte.

„Was machst du mit mir …? Du schmeckst so wunderbar, ich kann nicht aufhören. Vielleicht sollten wir eine Runde gehen, um uns etwas abzukühlen.“

Er nahm mich bei der Hand und zog mich auf den Gartenweg zurück. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Wie lange war es her, dass er mich aufgefangen hatte? Zehn Minuten? Eine Stunde? Ich wusste es nicht und es war mir auch eigentlich egal. Ich wollte nur wieder seinen Mund auf meinem spüren. Seine Hände auf meinem Körper. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Bisher kannte ich jeden Mann, der mich küsste zumindest ein paar Dates lang. Aber auch das war mir egal. Ich kam mir vor wie in einem Traum, als wir in der lauen Sommernacht Hand in Hand durch die Gärten des Herrenhauses spazierten. In der Ferne konnten wir die Musik der Feier hören, aber wir waren so weit weg, dass uns keiner der anderen Gäste begegnete.

Die Wege mit den Fackeln hatten wir lange hinter uns gelassen und nur der Vollmond am wolkenlosen Himmel erhellte uns den Weg. Er legte den Arm um mich und zog mich dicht an seinen harten Körper, ich legte meinen Kopf an seine Schulter. Wir sprachen nur wenig und hin und wieder schauten wir uns einfach nur an. Vor uns tauchte ein kleiner See in der Dunkelheit auf. Das Mondlicht spiegelte sich im Wasser und leichte Wellen kamen mit leisem Plätschern an das grasbewachsene Ufer. Wir blieben stehen und sahen uns lange in die Augen. Dann beugte er sich zu mir herunter und flüsterte: „Ich kann nicht anders, ich muss dich wieder küssen.“

Mir stockte der Atem.

„Ja …!“, keuchte ich, da lagen seine Lippen auch schon auf meinen. Seine Hand grub sich in meine Haare als er meinen Kopf an sich zog, während die andere meinen Rücken streichelte. Ich ging auf die Zehenspitzen um ihm noch näher zu sein und legte meine Hände auf seine Brust. Durch sein Hemd konnte ich seine Muskeln spüren, die sich unter meinen Fingern zusammenzogen. Er küsste mich voller Leidenschaft, ließ seine Zunge mit meiner spielen, während er mit der Hand tiefer wanderte und meinen Hintern umfasste. Er stöhnte auf, als er mich dichter zog und mein Unterleib sich an seine beeindruckend harte Männlichkeit presste. Ich merkte, wie sich die Feuchtigkeit immer mehr zwischen meinen Beinen sammelte. Ich wollte mehr. Ich wollte alles.

„Wenn wir nicht gleich aufhören, gibt es kein Zurück mehr. Wenn du nicht bis zum Ende bleiben willst, solltest du jetzt schleunigst das Weite suchen“, presste er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor.

Da wurde ich mutig. In der Anonymität der Nacht fragte ich: „Und wenn ich bleiben will …?“

Ich hörte, wie er scharf Luft holte. Dann war sein Mund auch schon wieder auf meinem und seine Zunge teilte meine Lippen. Ich versank in seinem Kuss, schmeckte wie sehr er mich wollte. Da hob er mich hoch. Ich schlang meine Beine um seinen Bauch und spürte seine Erregung an meiner sensibelsten Stelle. Ich merkte, wie der Reißverschluss meines Kleides an meinem Rücken geöffnet wurde. Das Oberteil rutschte über meine nackten Brüste hinunter. Ich trug keinen BH, weil das Kleid ihn nicht verbergen würde. Eine kühle Brise strich über meine bereits harten Brustwarzen. Er stöhnte auf und küsste sich einen Weg zu meinem Ohr. Als er das Ohrläppchen in den Mund nahm keuchte ich vor Erregung auf und begann, mich auf seinem Arm zu bewegen. Ich rieb meinen Unterleib an seiner Männlichkeit bis er laut stöhnte: „Wenn du so weitermachst, ist das Ganze beendet, bevor wir richtig anfangen.“

Ich versuchte still zu halten, aber ich wollte mehr. Sanft legte er mich in das kühle Gras, fuhr mit der Hand unter mein Kleid und streichelte meine Oberschenkel. Sein Mund bahnte sich einen Weg meinen Hals hinunter bis er meine Brust erreichte. Vorsichtig küsste er meine rechte Brustwarze und nahm sie in den Mund, während seine Hand sich meinem Hintern näherte. Er legte sie auf meine Pobacke und drückte leicht zu. Dann wanderte er weiter zu meinem empfindlichen Zentrum und schob seine Finger unter meinen Slip. Ich keuchte und meine Hüften fingen an zu zucken. Seine Lippen verwöhnten meinen Busen, saugten an der harten Knospe. Mir schoss die Leidenschaft wie ein Blitz in den Unterleib, während er die andere Brust mit der Hand streichelte.

Ich wand mich unter ihm und stöhnte. Mit zitternden Fingern griff ich nach ihm und knöpfte sein Hemd auf. Er half mir, es über seine kräftigen Schultern zu streifen und zog es aus. Im Mondlicht bewunderte ich seinen gestählten Oberkörper. Er war so schön. Die harten Brustmuskeln, der flache Waschbrettbauch. Ich erkundete ihn mit den Händen, fühlte seine leichte Brustbehaarung unter meinen Fingerspitzen. Dann folgte ich dem Weg der Haare, die sich über dem Bauch zu einer schmalen Linie verjüngten und in seiner Anzughose verschwanden. Seine Hände wanderten über meinen Körper, während er mich bewundernd ansah. Mein Kleid hing verknotet um meine Taille. Er zog es mir aus und mein Slip folgte. Ich öffnete seine Hose und zog sie ihm samt der engen Boxershorts über die Hüfte. Weiter kam ich nicht, da strichen seine Hände schon über meinen Bauch und zwischen meine Beine. Er küsste mich wieder voller Verlangen und legte sich vorsichtig auf mich, sein Gewicht auf die Unterarme gestützt. Dann schob er sein Knie zwischen meine Schenkel und ich spreizte sie. Behutsam drang er in mich ein und bewegte sich langsam in mir. Ich hob ihm meine Hüften entgegen und er steigerte das Tempo. In meinem Bauch ballte sich die Lust zusammen, ich stand kurz vor der Klippe. Er küsste mich wieder, drang mit der Zunge in meinen Mund und stürzte mich so über den Rand. Während ich noch kam, stieß er noch ein paar Mal keuchend hart in mich, dann spürte ich, wie er sich in mir ergoss.

Er rollte sich neben mich und zog mich dabei in seine Arme. Während unser Atem sich langsam beruhigte, strich er sanft über meinen Rücken und hielt mich fest. Es war unglaublich, ich hatte noch nie zuvor einen One-Night-Stand gehabt und jetzt ausgerechnet hier, nachts an einem See, auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung mit einem Mann, vom dem ich nicht einmal den Namen wusste. Allmählich klärte sich mein Bewusstsein und mir dämmerte, was ich da gerade getan hatte. Jetzt, wo wir so still nebeneinander lagen, hörte ich auch die Musik und die Stimmen der Party wieder. Wir waren anscheinend einen Bogen gelaufen und der Feier näher, als wir gedacht hatten.

Oh nein, was, wenn uns jemand erwischte. Ich entwand mich seinem Arm und stand auf. Mit schläfrigem Blick sah er mich erstaunt an.

„Wo willst du hin?“

Schnell schlüpfte ich in mein Kleid, zog den Reißverschluss hoch und griff nach meinem Abendtäschchen, das im Gras lag.

„Ich muss gehen …“

Ich drehte mich um und ging in Richtung der Stimmen.

„Sehen wir uns wieder? Wie kann ich dich erreichen? Ich weiß noch nicht einmal deinen Namen.“

Ich ging schneller und sah über die Schulter, dass er aufgestanden war und sich in seine Hose kämpfte.

„Annie. Ich heiße Annie“, beantwortete ich nur noch seine letzte Frage, bevor ich auf den Weg zum Herrenhaus einbog. Ich warf noch einen Blick zurück auf ihn, wie er da am See stand, nur in seiner Hose, mit dem gemeißelten, nackten Oberkörper vom Vollmond beschienen. Der Wind trug noch einmal leise seine Stimme zu mir: „Annie …“

2

Er ist es. Vor mir steht der Mann, den ich eben im Coffeeshop umgerannt habe. Ich habe ihn nur kurz aus dem Augenwinkel gesehen, aber er ist eindeutig derselbe, wie in jener verhängnisvollen Sommernacht auf der Wohltätigkeitsveranstaltung. Der Mann, von dem ich seit vier Jahren immer wieder träume und mich frage, wer er ist. Zum ersten Mal sehe ich ihn im hellen Sonnenlicht. Ich bewundere sein schönes markantes Gesicht. Die schwarzen Haare sind noch immer eine Spur zu lang, seine schiefergrauen Augen sehen mich gerade so intensiv an, als könnte er in meinen Gedanken lesen, wie in einem Buch. Sein muskulöser Oberkörper zeichnet sich deutlich unter dem engen T-Shirt ab, seine langen Beine stecken in einer schwarzen Cargohose. Seine Haut ist leicht gebräunt, als käme er gerade aus dem Urlaub. Langsam kehrt mein Verstand in die Wirklichkeit zurück und ich merke, dass ich ihn noch immer anstarre.

„Annie? Geht es dir gut? Du bist ja kalkweiß!“

Er klingt besorgt. Seine Hand liegt noch immer auf meinem Arm. Ich sehe, wie er die andere zu meinem Gesicht hebt, als wolle er mir über die Wange streichen. Ich zucke zurück und er lässt mich sofort los.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken“, sagt er.

Ich bin zu geschockt, ich kann es nicht glauben, dass er tatsächlich vor mir steht. Er sieht noch besser aus, als in meiner Erinnerung. Was macht er hier, in meiner Kleinstadt, hier am Hafen. Ich muss hier weg ... ist mein einziger Gedanke.

„Sie müssen mich mit jemandem verwechseln“, kann ich grade noch herausbringen, bevor mir die Stimme versagt. Schnell drehe ich mich um und gehe weiter. Sehr glaubhaft, nachdem ich ihn gerade gefühlte zehn Minuten lang angestarrt habe. Er muss bemerkt haben, dass ich ihn genauso erkannt habe, wie er mich. Ich reiße mich zusammen, um nicht loszurennen. Zum Glück steht mein Auto nur ein paar Meter entfernt. Ich springe hinein und fahre los. Im Rückspiegel sehe ich ihn auf dem Fußweg stehen. Sieht er enttäuscht aus? Oder bilde ich mir das nur ein?

Ich zittere am ganzen Körper nach dieser Begegnung, fühle seine Hand noch auf meinem Arm, als hätte ich mich verbrannt.

Ich weiß nicht, wie lange ich wie blind durch die Gegend fahre. In meinem Kopf wirbeln Gedanken, Fragen umher. Was macht er hier? Wir sind 160 Meilen von Boston entfernt, wo damals die Feier stattfand und ich gelebt habe. Ein paar Monate vor der Veranstaltung habe ich hier in Boothbay Harbor von meiner Patentante ein Häuschen mit einem verwilderten Garten geerbt. Ein bisschen außerhalb dieses, im Sommer von Touristen bevölkerten, Hafenstädtchens. Das Grundstück liegt direkt an einem Abhang, von dem aus man über eine Treppe an einen kleinen Strand kommt. Eigentlich ein ideales Ferienhaus, vor allem für eine Großstadtpflanze wie mich. Zumindest war ich das, bis sich mein Leben vor vier Jahren grundsätzlich änderte. Es passierte einfach zu viel in zu kurzer Zeit, ich brauchte Abstand und einen Neuanfang. Den habe ich hier in meinem Strandhäuschen gefunden. Irgendwann schlage ich den Weg nach Hause ein. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren.

In meiner Einfahrt bleibe ich kurz stehen und betrachte mein Zuhause, während die Erinnerungen und Gedanken weiter wie ein Platzregen auf mich einprasseln.

Ich sehe das kleine Holzhäuschen, das an drei Seiten von einer überdachten Veranda gesäumt wird. Links vom Haus schmiegt sich meine Garage an die Hauswand und rechts kann ich den Abhang erkennen, der zum Meer führt. Das alles hier war vier Jahre lang meine Oase, mein sicherer Zufluchtsort. Obwohl die Sonne weiterhin warm vom wolkenlosen Junihimmel strahlt, kommt es mir vor, als hätte sich meine Welt verdunkelt. Er ist hier. In meiner Stadt, in meiner Sicherheit.

Ich parke mein Auto und gehe langsam ins Haus. Eigentlich wartet mein Schreibtisch auf mich. Ich muss dringend mein angefangenes Buch fertigstellen. Damals habe ich meinen Job bei der Pharmafirma aufgegeben und bin aus meinem WG-Zimmer, in dem ich immer noch seit dem Studium gelebt habe, ausgezogen. Bei der Arbeit konnte ich den Anblick meiner ehemaligen Freundin mit meinem Ex nicht mehr ertragen und ich hatte auch schon lange vor dem Abend der Wohltätigkeitsfeier nach einer eigenen Wohnung gesucht. Mit 25 Jahren dachte ich, es wäre langsam an der Zeit mir etwas Eigenes zu suchen. Nach weiteren Katastrophen hatte ich ein paar Wochen später einfach meine Sachen gepackt und bin hierher, in das Haus meiner Patentante gezogen, um meine Wunden zu lecken und mich auf meine neue Zukunft vorzubereiten. Ich fing an, Bücher zu schreiben, Thriller um genau zu sein. Spannend und blutrünstig bis ins Detail, um mich von meinem eigenen Leben abzulenken und zu entfliehen. Ich hatte vorher gewusst, dass die Verlage sicher nicht auf jemanden wie mich warteten und trotzdem fand ich eine Verlegerin.

Meine Bücher verkaufen sich gut, das hätte ich gar nicht so erwartet und irgendwann hatte ich als Autorin mein bescheidenes Auskommen, solange ich weiter schreibe und meine Abgabetermine einhalte. So wie jetzt. Meine Verlegerin wartet dringend auf das nächste Kapitel. Aber ich kann mich nicht konzentrieren. Nicht nach diesem Morgen, dieser Begegnung mit meiner Vergangenheit und irgendwie auch immer noch Gegenwart. Nur noch eine Woche bis zum Abgabetermin. Ich habe mir diese letzte Woche extra komplett freigeschaufelt um keinerlei Ablenkung zu haben und mich ganz dem Schreiben widmen zu können. Und jetzt? Na toll, denke ich und fange an, mich statt zu schreiben, dem dringend nötigen Hausputz zu widmen. Vielleicht kann ich mich durch Fenster putzen und Bäder schrubben so weit auspowern, dass ich ihn endlich aus meinen Gedanken verbannen kann. Vielleicht schaffe ich es auch später noch ein paar Seiten an meinem Thriller weiterzuschreiben. Aber ich kann mir selbst nichts vormachen. Immer wieder sehe ich sein schönes Gesicht vor mir, spüre seine Hand auf meinem Arm und das Kribbeln, das mich bei dieser Berührung durchlief.

Ich darf ihn nicht wiedersehen, schießt es mir durch den Kopf.

Reiß dich zusammen, Annie, du wirst ihn nicht wiedersehen! Mach dir nichts vor, sage ich mir immer wieder. Es war ein Zufall, dass ich ausgerechnet IHN im Coffeeshop über den Haufen gerannt habe. Er ist bestimmt nur auf Stippvisite hier in der Stadt. Es ist schließlich Freitag und viele Leute kommen über das Wochenende aus der Stadt hierher, um auszuspannen und an den Strand zu gehen. Und nach meiner glorreichen Reaktion auf ihn und meiner Weigerung ihn zu erkennen, wird er sowieso beim nächsten Mal einen großen Bogen um mich machen. Warum sollte ein Mann wie er auch noch einmal jemanden ansprechen, der ihn angeblich nicht mehr kennt. Aber warum hat er mich angesprochen? Ich verstehe meine kleine Welt nicht mehr.

Als mir auffällt, dass ich seit fast zehn Minuten meinen Küchentisch abwische, packe ich die Putzsachen weg und setze mich an den Schreibtisch, versuche doch noch ein wenig zu arbeiten. Aber ich starre nur auf den Bildschirm und mein Kopf ist überall, bloß nicht bei meinem Buch.

Okay, Zeit zum Abendessen, stelle ich fest, als ich auf die Uhr sehe. Wieso ist es eigentlich schon Abend und wo ist dieser Tag geblieben? Ich mache mir etwas zu essen und setze mich mit meinem Teller auf die Couch - Fernseher an und Nachrichten schauen. Ich bekomme nichts mit. Nach dem vergeblichen Versuch noch einem Film zu folgen, schalte ich den Fernseher aus und gehe früh ins Bett. Wann stand ich eigentlich das letzte Mal so neben mir, wie heute?

3

Erstaunlicherweise erwache ich am nächsten Tag ausgeschlafen und gut gelaunt. Ich konnte tatsächlich schlafen. Allerdings habe ich das diffuse Gefühl, ich hätte von ihm geträumt. Aber der Traum ist nicht greifbar. Vielleicht bin ich ihm gestern gar nicht begegnet? Wahrscheinlich war das mein Traum, unser Zusammenstoß im Coffeeshop. Ich mache mir einen Kaffee und springe schnell unter die Dusche. Nicht weiter darüber nachdenken, heute schreibe ich, nehme ich mir ganz fest vor, obwohl ich genau weiß, dass das gestern kein Traum war. Er war real, genau wie seine Berührung. Ich setze mich mit meinem Kaffee an den Laptop und schaffe es, jeden Gedanken an ihn zu verbannen.

Fünf Stunden später habe ich ein gutes Stück des neuen Kapitels geschafft. Wenn ich so weiterschreibe brauche ich gar nicht mehr diese ganze Woche, um es fertigzustellen. Ich speichere die Dateien ab. Draußen lacht die Sonne wieder vom strahlendblauen Himmel bei angenehmen 25 Grad. Das muss ich ausnutzen. Shopping? Oder Strand? Gesellschaft? Oder allein? In Erinnerung dessen, was gestern in der Stadt passiert ist, entscheide ich mich für Strand. Allein. Nur für den Fall, dass die zufällige Begegnung gestern doch kein Traum war, für eine weitere wäre ich definitiv noch nicht bereit. Ich schlüpfe in meinen hellgrünen Bikini und mache mich mit einem guten Liebesroman – ja, ich schreibe Thriller und lese lieber Liebesromane – auf den Weg zu der kleinen Bucht neben meinem Haus. Zum

Glück ist es dort einsam und verlassen, weil sie versteckt und abseits der Touristenströme liegt. Nachdem ich mich im flachen Wasser etwas abgekühlt habe, lege ich mich in die Sonne und vertiefe mich in die romantische Geschichte. Schade, dass es so etwas nur im Buch gibt, denke ich noch.

Auf einmal ist er da. Mit nacktem Oberkörper liegt er neben mir auf der Seite. Seine Hand streicht mir über die Wange und dann weiter nach unten bis zu meiner Taille. „Annie …“ Er beugt sich über mich und küsst mich ganz sanft. Mein Bauch fängt an zu kribbeln, der Kuss ist so schön, ich will mehr …

Ich muss eingeschlafen sein. Durch meine geschlossenen Augenlider merke ich, dass die Sonne verschwunden ist. Es ist kühl geworden. Nur langsam komme ich zu mir, verlasse diesen wunderbaren Traum und öffne die Augen. Die Sonne geht allmählich unter, es ist anscheinend schon Abend. Noch ganz befangen vom Schlaf, stehe ich auf und gehe zurück.

Das restliche Wochenende komme ich mir vor wie ein Schlafwandler. Alles, was ich mache, geschieht automatisch, ohne nachzudenken. Ich esse, schreibe und schlafe.

Am Montagmorgen klingelt mein Wecker wieder um sieben und ich nehme meine Wochentagroutine wieder auf. Aufstehen, duschen, anziehen, kleines Frühstück. Um acht Uhr sitze ich wie jeden Tag unter der Woche in meinem Auto auf dem Weg zum Coffeeshop, um koffeingestärkt im Supermarkt einkaufen zu gehen. Als ich mein Auto um die Ecke vom Coffeeshop abstelle, zögere ich kurz. Die Erinnerung an meinen letzten Besuch hier am Freitag lässt sich nicht verdrängen. Ich versuche mir einzureden, dass er bestimmt schon wieder zurück in Boston ist, in meinem Kopf war er ja nur ein Wochenendtourist.

Trotzdem sehe ich mich genauer um, als ich auf den Coffeeshop zugehe, kann ihn aber natürlich nirgendwo entdecken. Mit meinem Caramellatte in der Hand trete ich den Rückweg an – und bleibe mitten in der Tür wie angewurzelt stehen. Da, gegenüber des Ladens, an die Mauer zum Hafen gelehnt, steht er. Von Ferne merke ich, wie ich angerempelt werde und sich jemand an mir vorbeidrängelt. Automatisch mache ich einen Schritt zur Seite, aus der Tür heraus, während ich ihn mit offenem Mund anstarre und mein Gehirn versucht, diesen Schock zu verarbeiten.

Seine Haare sind vom Wind leicht zerzaust, sein Kinn ziert ein Dreitagebart, was ihn irgendwie gefährlich aussehen lässt, aber auch unglaublich sexy. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, sodass ich befürchte, er könnte es hören. Statt der Cargohose von Freitag trägt er heute eine Jeans, die sich eng an seine muskulösen Oberschenkel schmiegt. Er sieht umwerfend aus. Und er sieht mich die ganze Zeit an, während ich hier stehe wie festgewachsen. Langsam stößt er sich von der Mauer ab und kommt auf mich zu. Meine Beine lösen sich wie von selbst aus ihrer Starre, ich werde wie magnetisch von ihm angezogen. Am Rand der Promenade bleiben wir voreinander stehen. Ich kann mal wieder nichts sagen, mein Kopf ist leergefegt und ich habe das Gefühl, ich bekomme nicht genug Luft.

„Was machst du hier?“, krächze ich.

„Ich wollte dich sehen und mich bei dir entschuldigen. Ich habe gehofft, dass dieser Laden eine Regelmäßigkeit für dich ist. Und bevor du wieder vor mir wegläufst, ich weiß, dass du mich am Freitag auch erkannt hast, Annie. Es tut mir leid, dass dich mein Anblick so erschreckt hat, aber als ich dich in dem Coffeeshop sah, musste ich dich einfach ansprechen.“

„Warum?“, frage ich atemlos.

„Gute Frage …!“, sagt er und fährt sich mit der Hand durch die Haare, als wäre er selber ratlos.

„Es ist mir noch nicht oft passiert, dass Frauen vor mir weglaufen. Und du sogar gleich zweimal“, lacht er leise und spielt damit auf unsere Nacht vor vier Jahren an.

„Nein, im Ernst. Du bist mir nach jenem Abend einfach nicht aus dem Kopf gegangen. Ich bin eigentlich nicht der Typ für One-Night-Stands, erst recht nicht mit Frauen, deren Namen ich noch nicht einmal weiß. Ich habe damals versucht, dich zu finden, aber du warst verschwunden. Keiner kannte dich oder wusste, wo du bist. Ich hatte ja auch nur deinen Vornamen – es ist doch dein richtiger Vorname?“

Auf einmal guckt er so fragend wie ein Hundewelpe, dass ich lachen muss.

„Ja, ich heiße wirklich Annie. Annie Briggs.“

„Sehr angenehm, Annie Briggs. Ich bin Colin Mitchell“, sagt er mit einem Lächeln, das mein Herz klopfen lässt. Colin heißt er also. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie er wohl heißen mag. Colin passt zu ihm. Auf einmal ist meine innere Anspannung verschwunden. Ich genieße es hier zu stehen, in der morgendlichen Sonne, neben ihm und zu wissen, er ist meinetwegen gekommen. Colin sieht mich an, mustert mein Gesicht mit seinem durchdringenden Blick aus den stahlgrauen Augen. Vielleicht kann ein kleiner Flirt meinen Tag heute noch verschönern, denke ich als sich mein Mund automatisch zu einem Lächeln verzieht.

„Ich würde dich ja gerne auf einen Kaffee einladen, aber da war ich wohl zu spät“, bemerkt Colin mit Blick auf meinen To-go-Becher in der Hand.

„Hast du stattdessen Lust auf einen Spaziergang durch den Hafen?“

Auf einmal werde ich wieder unsicher. Ich schaue auf meinen Kaffee.

„Das ist nett, danke. Aber ich muss weiter“, ziehe ich mich zurück und will mich umdrehen. „Annie, bitte. Geh nicht. Gib mir wenigstens deine Telefonnummer. Ich will nicht nochmal vier Jahre brauchen, um dich wieder zu finden.“

Ich zögere. Es gibt einfach zu viel, was er nicht über mich weiß. Zu viel, was ich ihm irgendwann erklären müsste, wenn wir uns wiedersehen würden. Aber ich kann ihn nicht einfach hier stehen lassen. Vier Jahre lang habe ich ihn immer wieder vor Augen gehabt. Jedes Wort, jeden Blick, jede Berührung von ihm in Gedanken noch einmal erlebt. Vier Jahre lang hatte er für mich keinen Namen. Und jetzt? Ich weiß, es wird nicht besser, wenn ich jetzt einfach gehe. Ich hätte sogar das Gefühl, wieder vor ihm wegzulaufen. Ich kann nicht zurück zu meinem Leben vor unserem Wiedersehen, kann ihn nicht wieder ausblenden, wie die letzten Jahre.

Colin.

In Gedanken sage ich wieder seinen Namen. Was ist schon eine Telefonnummer? Versuche ich mich zu beruhigen. Er wird sowieso nicht anrufen. Außerdem stehe ich nicht im Telefonbuch, er kann also meine Adresse nicht herausfinden. Es sei denn ich gebe sie ihm selbst. Nur eine Nummer. Und wenn er wider Erwarten doch anruft, kann ich immer noch sehen, was weiter passiert.

„Okay“, sage ich und gebe ihm meine Telefonnummer. Er speichert sie in seinen Kontakten und grinst mich augenzwinkernd an.

„Danke! Was für ein toller Tag! Noch nicht einmal neun Uhr und ich habe schon die Nummer einer wunderschönen Frau bekommen.“

Ich rolle lachend mit den Augen. Wunderschöne Frau? Er übertreibt maßlos! Als hätte er meine Gedanken gelesen, beugt er sich zu mir runter und flüstert mir mit rauer Stimme ins Ohr: „Du bist wirklich wunderschön, Annie. Besonders, wenn du lachst.“

Bevor ich verarbeitet habe, was er gerade so ernst gesagt hat, nimmt er mich freundschaftlich in den Arm und drückt mir einen schnellen Kuss auf die Wange.

„Ich ruf dich an! Verlass dich darauf.“

Dann lässt er mich los und ich erinnere mich daran, dass ich ja gesagt habe, ich müsse gehen.

An der Ecke drehe ich mich noch einmal um. Er steht noch an der Promenade und schaut mir nach, der Wind zaust seine Haare und mir bleibt mal wieder die Luft weg, so gut sieht er aus. Er winkt mir kurz zu und ich gehe weiter. Ganz in Gedanken bei ihm fahre ich nach Hause.

Dort angekommen merke ich, dass ich vergessen habe einkaufen zu gehen. Na ja, dann müssen die Reste in meinem Kühlschrank für heute ausreichen. Ich muss ja nur mich versorgen.

Den Rest des Tages über versuche ich mir einzureden, dass ich nicht auf seinen Anruf warte. Warum sollte Colin mich auch anrufen? Wir haben uns ja heute Morgen erst gesehen. Also setze ich mich vor den Computer und schreibe weiter. Es läuft gut, irgendwie verliere ich mich voll in meiner Geschichte, obwohl mir so viel durch den Kopf geht. Bis zum Nachmittag habe ich das Kapitel abgeschlossen. Ich muss es nur noch überarbeiten, aber das hat bis morgen Zeit. Ich fahre den Computer herunter und denke wieder an heute früh zurück. In Gedanken gehe ich das Treffen noch einmal durch. Findet er mich wirklich schön? Wenn nicht, warum hat er es dann gesagt? Aus Höflichkeit? Andererseits hat er mir ja schon einmal gesagt, dass ich durchaus sehenswert sei, und ich weiß ja, wohin das damals geführt hat …

Ich verbringe den Nachmittag auf meiner Veranda mit meinem Liebesschmöker. Diesmal ohne einzuschlafen. Abends beschließe ich, doch noch kurz zum Supermarkt zu fahren und meinen leeren Kühlschrank zu füllen. Als ich wiederkomme habe ich einen Anruf in Abwesenheit von einer unterdrückten Nummer, ich habe mein Handy zu Hause vergessen. Mist, sollte Colin tatsächlich angerufen haben? Obwohl wir uns vorhin erst gesehen haben? Nein, wahrscheinlich war das nur irgendein Werbeanruf oder jemand hatte sich verwählt, beruhige ich mich selber, bevor ich wieder ins Grübeln verfalle.

4

Am nächsten Morgen mache ich mich auf den üblichen Weg zu meinem geliebten Caramellatte. Als mein Kaffee frisch auf dem Tresen des Coffeeshops steht und ich gerade danach greifen will, legt sich eine große Hand auf meine Schulter.

„Guten Morgen, Annie!“, höre ich Colins Stimme.

Ich zucke zusammen und er nimmt sofort seine Hand weg.

„Ich habe dich schon wieder erschreckt. Entschuldige! Das scheint eine schlechte Angewohnheit von mir zu werden.“

Ich atme tief durch und drehe mich langsam zu ihm um.

„Nein, ist schon okay“, sage ich, „Ich habe nur nicht damit gerechnet, dich hier zu sehen.“

„Ich habe dich gestern Abend nicht erreicht, als ich angerufen habe, deshalb dachte ich mir, ich versuche es heute Morgen wieder hier. Hast du Zeit, deinen Kaffee im Sitzen zu trinken?“ Ich überlege kurz. Ein Kaffee, was kann das schaden? Mein Kapitel ist fertig, heute ist erst Dienstag und ich habe noch bis Freitag Zeit zum Überarbeiten, bevor meine Verlegerin es bekommt.

„Ja, ich habe ein bisschen Zeit“, antworte ich nervös lächelnd.

Ich finde einen Tisch in einer ruhigen Ecke, während Colin sich auch mit Koffein versorgt und sich dann zu mir setzt. Einen Moment lang mustert er mich eindringlich über den Rand seines Bechers, als wollte er meine Gedanken lesen, während er vorsichtig an seinem heißen Kaffee nippt. Ich rutsche unruhig auf meinem Stuhl hin und her und versuche seinem Blick auszuweichen.

„Was ist los? Entspann dich! Wir trinken nur einen Kaffee zusammen“, sagt er leise und legt seine Hand auf meine. Die Berührung soll wohl beruhigend sein, bewirkt aber bei mir eher das Gegenteil. Er merkt es wohl, denn er nimmt seine Hand wieder weg. Komisch, ich habe sofort das Gefühl, als würde etwas fehlen, und ich spüre noch immer die Wärme, die er hinterlassen hat.

Ich atme tief durch und sage: „Es ist einfach nur lange her, dass ich mit einem Mann Kaffee trinken war.“

Ich war noch nie gut in ersten Dates und irgendwie kommt es mir so vor, als wäre das hier eins. Er zieht nur fragend die Augenbrauen hoch, sagt aber nichts dazu. Stattdessen fragt er mich, was ich beruflich mache. Ich erzähle ihm, dass ich Autorin bin und diese Woche einen Abgabetermin habe. Wir reden über unsere Geschmäcker bei Büchern, die Stadt und den Hafen mit seinen Touristen und andere unverfängliche Themen. Die Zeit rennt viel zu schnell. Nach unserem Kaffee gehen wir noch ein bisschen am Hafen spazieren. Irgendwie habe ich das Gefühl, als wollten wir uns beide nicht voneinander trennen. Nach einem Sandwich auf die Hand zum Mittagessen muss ich leider langsam nach Hause, um heute noch ein bisschen zu arbeiten. Colin bringt mich zu meinem Wagen, der noch immer beim Coffeeshop steht. Er nimmt mich zum Abschied kurz in den Arm und gibt mir wieder einen Kuss auf die Wange. Als er hochkommt, funkeln seine Augen und einen Moment glaube ich, er will mich küssen. Richtig. Auf den Mund. Ich halte die Luft an, aber da ist der Moment auch schon vorbei und er schiebt mich Richtung Auto.

„Danke für den tollen Vormittag, meine Süße!“, höre ich noch, da tritt er auch schon ein paar Schritte zurück.

Ich möchte nicht gehen, aber ich muss. Er fehlt mir sobald ich im Wagen sitze und ich muss mich zwingen nicht wieder zu ihm zu laufen und mich in seine starken Arme zu werfen. Komisch, so etwas habe ich noch mit keinem anderen Mann erlebt. Nur Colin hatte bisher diese Anziehungskraft auf mich. Auf der Fahrt nach Hause fällt mir ein, dass ich ihn noch gar nicht gefragt habe, was ihn hier in diese Kleinstadt verschlagen hat oder was er eigentlich beruflich macht. Ich muss ihn unbedingt danach fragen und ich habe keinen Zweifel daran, dass ich ihn wiedersehen werde, aber bis abends höre ich erst mal nichts mehr von Colin und arbeite konzentriert.

Am Mittwochmorgen steht er schon mit zwei Bechern Kaffee vor dem Coffeeshop, als ich ankomme. Lächelnd reicht er mir meinen Caramellatte, bevor er zur Begrüßung seinen Mund leicht auf meine Wange legt.

„Hast du Zeit?“, fragt er.

Ich kann nur nicken. Was hat dieser Mann nur an sich, dass ich in seiner Gegenwart ständig atemlos bin? Und wieso fühle ich mich so magisch von ihm angezogen? Schweigend gehen wir los, dieselbe Runde durch den Hafen wie gestern. Wir betrachten die Schiffe, die dort liegen und unterhalten uns so entspannt, als würden wir uns schon ewig kennen. Heute Morgen ist es nicht so warm, wie die letzten Tage und ich schaudere unter dem kühlen Wind.

„Ist dir kalt?“, fragt Colin und legt mir freundschaftlich den Arm um die Schulter.

„Komm her, ich wärme dich!“

Er zieht mich näher zu sich, als uns Leute entgegenkommen und ich genieße seine Wärme und das Gefühl in seinem Arm zu sein. Ein angenehmes Kribbeln breitet sich in mir aus. Wir spazieren wieder stundenlang durch die Stadt und reden. Zwischendurch bleiben wir stehen oder setzen uns kurz auf eine Bank. Und die ganze Zeit bleibt sein Arm auf meiner Schulter. Es ist, als wolle er mich nicht wieder loslassen. Gegen Mittag bringt Colin mich zu meinem Wagen. Er muss sich verabschieden, hat noch einen wichtigen Geschäftstermin. Gerade will ich endlich fragen, was er beruflich macht, da sagt er: „Am liebsten würde ich bei dir bleiben. Ich mag mir gar nicht vorstellen, jetzt arbeiten zu gehen. Können wir uns heute Abend wiedersehen?“

Er guckt mich bittend aus seinen faszinierenden Augen an, nimmt meine Hände in seine und streichelt mit den Daumen sanft über meine Handrücken. Die Berührung fährt mir direkt in den Bauch. So etwas habe ich schon seit … ja, seit vier Jahren nicht mehr erlebt. Seit jenem Abend mit ihm. Dem Abend, über den wir noch immer nicht gesprochen haben, obwohl er die ganze Zeit zwischen uns steht. Wir müssen endlich darüber reden was damals passiert ist. Vielleicht ist ein Treffen heute Abend keine schlechte Idee. Ich hole tief Luft.

„Okay, heute Abend.“

Ich schaue ihm in die Augen, als er sich langsam zu mir vorbeugt. Er sieht mich an, als wolle er um Erlaubnis fragen für das, was er gleich tun wird. Ich kann mich nicht rühren, obwohl ich weiß, was kommt. Ich habe schreckliche Angst davor, schaffe es aber auch nicht, einen Schritt zurückzutreten. In Zeitlupe senkt sich sein Mund auf meine Lippen. Er küsst mich. Ein kleiner, fast schon keuscher Kuss, aber mir wird heiß von Kopf bis Fuß. Mühsam kann ich ein Aufstöhnen unterdrücken, als er sich mir viel zu schnell wieder entzieht.

„Ich muss los, meine Süße“, flüstert er, seine Stirn an meine gelegt.

„Wir sehen uns später. Soll ich dich abholen? Um sieben?“

„Nein!“, beeile ich mich zu sagen, „Schick mir einfach eine SMS, wo ich hinkommen soll. Ich fahre gern selbst. Und jetzt ab mit dir, sonst kommst du noch zu spät. Wir sehen uns dann um sieben.“

Ich schiebe ihn von mir und steige schnell ins Auto. Das wäre beinahe schiefgegangen. Fast hätte ich ihm meine Adresse gegeben. Er darf nicht wissen, wo ich wohne, bevor ich nicht mit ihm gesprochen habe.

5

Ich bin so aufgeregt. Colin hat einen Tisch in einem noblen Restaurant direkt an einer Felsklippe über dem Meer reserviert. Ich stehe frisch geduscht vor meinem Kleiderschrank und frage mich, was zum Teufel ich anziehen soll. Ich bin eher so der Jeans-und-T-Shirt-Typ und gehe normalerweise nicht so schick weg. Nach langem hin und her entscheide ich mich für ein türkises Sommerkleid mit einer weißen Strickjacke dazu. Die Farbe betont meine sommerliche Bräune und passt zu meinen grün-blauen Augen. Meine Haare lasse ich offen in großen Locken bis auf den Rücken fallen. Ich trage meistens einen einfachen Pferdeschwanz oder einen unordentlichen Knoten, weil es praktischer ist, aber heute kommt es mir so, zu diesem schicken Restaurant, einfach passender vor.

Ich treffe pünktlich ein und Colin erwartet mich schon auf dem Parkplatz vor der Tür. Ich habe das Gefühl, seine Augen glühen, als er mich von oben bis unten ansieht.

Er nimmt mich in den Arm und flüstert mit rauer Stimme: „Du bist so wunderschön! Am liebsten würde ich hier sofort mit dir verschwinden!“

Ich halte die Luft an und merke wie sich die mittlerweile vertraute Wärme bei seinen Berührungen, gemischt mit einem Gefühl der Angst in mir breit macht. Da hat er mich schon wieder losgelassen und führt mich zum Eingang. Beim Hineingehen legt er mir eine Hand auf den unteren Rücken. Meine Haut fängt an zu kribbeln und ich fühle mich sicher und beschützt.

Nachdem man uns an unseren Tisch in einer Nische mit wunderbarem Blick auf das Meer gebracht hat, kommt der Kellner mit den Speisekarten. Wir bestellen unser Essen und dazu einen Rotwein, den Colin ausgesucht hat. Nachdem der Kellner gegangen ist, um unsere Bestellungen weiterzugeben, unterhalten wir uns entspannt. Es ist so leicht mit Colin zu reden. Er hat an allem Interesse, ist sehr intelligent und hat einen ganz wunderbaren Sinn für Humor. Er fragt mich nach meiner Arbeit als Autorin und meiner Familie. Familie … Jetzt ist wohl der Moment der Wahrheit gekommen, denke ich. Ich merke, wie ich mich innerlich anspanne und tief Luft hole, um ihm etwas zu sagen, was ich schon längst hätte machen sollen.

„Bist du glücklich?“

Ich bin so überrascht von seiner Frage, dass ich ihn erst nur schweigend anstarre. Langsam sickern seine Worte zu mir durch und verdrängen, was ich ihm gerade erklären wollte.

Ich denke darüber nach. Bin ich glücklich? Mit meinem Leben? Ich glaube, ich bin mittlerweile zumindest zufrieden. Ich verdiene durch meine Bücher jetzt keine Millionen, aber es reicht zum Leben. Ich habe nicht viele Freunde hier im Ort, eigentlich nur meine beste Freundin Jules, die allerdings gerade für ein halbes Jahr beruflich in Japan ist. Trotzdem kenne ich genug Leute hier, um immer menschlichen Kontakt zu haben, wenn mir danach ist. Meine Eltern und mein Bruder wohnen 160 Meilen entfernt in Boston, trotzdem versuchen sie mir zu helfen, so gut es eben auf diese Distanz geht, wie auch diese Woche, damit ich mein Buch fertigschreiben kann. Ihnen fiel es, nach allem was vor vier Jahren passiert ist, sehr schwer mich hierher ziehen zu lassen. Sie konnten meine Entscheidung nicht verstehen, aber eigentlich habe ich selbst es nie bereut. Ja, ich glaube, ich bin so glücklich, wie ich es sein kann.

„Wo bist du, Annie? War die Frage so schwer? Oder zu persönlich?“, seine Stimme dringt leise in mein Bewusstsein.

„Was? Nein …, ich meine, doch …“, stottere ich, noch halb in meinen Gedanken versunken. „Doch, ich glaube, ich bin glücklich. Warum fragst du?“

„Du wirkst manchmal so weit weg, nachdenklich, wie in einer anderen Welt.“

Zum Glück rettet mich in diesem Moment der Kellner, der unsere leeren Teller mitnimmt. Schnell wechsele ich das Thema. Mir ist der Mut vergangen, ihm mein Geheimnis anzuvertrauen.

„Was machst du eigentlich hier? Bist du beruflich in der Stadt?“, frage ich ihn endlich, um von mir abzulenken.

„Ja, sozusagen. Ich habe gerade den Hauptsitz meiner Firma hierher verlegt. Ich vermittele Personenschützer an Reiche und Berühmte. Außerdem erstelle ich Sicherheitssysteme für Privatleute und Firmen. Überwachungskameras, Alarmanlagen und so etwas. Ich hatte hier in der Gegend mehrere Aufträge und habe mich ganz einfach in dieses Städtchen verliebt. Ich wollte schon länger aus Boston weg und na ja, hier bin ich nun.“

Ach herrje, mir schießen mehrere Gedanken auf einmal durch den Kopf. Er hat eine Sicherheitsfirma? Wohnt und arbeitet er jetzt hier? Ist er kein Tourist? Heißt das, ich werde ihm immer wieder über den Weg laufen? Ich bin total verwirrt. Damit habe ich nicht gerechnet.

„Und wo wohnst du jetzt?“, frage ich ihn.

„In einem Penthouse, direkt am Hafen, nur ein paar Minuten vom Coffeeshop entfernt. Wenn du magst, zeige ich es dir morgen. Man hat einen tollen Blick über die ganze Bucht von da oben.“

Ah ja, das erklärt, warum er immer zu Fuß am Hafen ist. Hat er Penthouse gesagt? Das klingt danach, als hätte er Geld. Zu viel Geld, um an jemandem wie mir interessiert zu sein. Was mache ich dann hier? Was will er von mir?

Kurze Zeit später hat Colin bezahlt und wir stehen auf. Er nimmt meine Hand und wir gehen raus auf den Parkplatz.

„Wollen wir noch einen Spaziergang auf den Klippen machen? Da oben führt ein Pfad lang, von dem man eine herrliche Aussicht auf die Stadt hat“, fragt Colin.

Ich will mich noch nicht von ihm trennen, nicht zurück nach Hause. Auf einmal kommt mir die Vorstellung an mein Häuschen einsam vor. Ich möchte nicht einsam sein, nicht heute Abend. Ich habe nur noch zwei Tage Zeit zu machen, wonach mir gerade ist und das will ich ausnutzen. Ich möchte die Zeit mit Colin einfach nur genießen. Die letzten Tage hatte ich das Gefühl, dass die Spannung zwischen uns knistert. Ich möchte einfach wissen, ob es tatsächlich so ist. Kann jemand wie er, an mir Interesse haben? Ich möchte wissen, was passiert, wie es weitergeht mit uns.

Langsam gehen wir den Klippenpfad entlang, Colins Arm liegt um meine Schultern und ich schmiege mich eng an ihn. In der Ferne sehe ich Schiffe auf dem Meer schaukeln, ein Leuchtturm schickt sein zuckendes Licht über die Bucht und als wir um eine Biegung kommen, sehe ich meine kleine Heimatstadt. Es ist atemberaubend, das alles zu sehen. In der Dunkelheit leuchten die Lichter des Hafens und der Stadt. Es wirkt, als würde sie sich gegen die felsigen Klippen schmiegen.

„Komm, ein Stück weiter ist eine Aussichtsplattform“, sagt Colin.

Schweigend gehen wir weiter, während er mich dichter an sich zieht. Oben angekommen stelle ich mich an die kleine Mauer, die die Besucher der Plattform vor dem Sturz von den Klippen bewahrt. Ich lege meine Hände darauf. Die Steine sind noch warm von der Sonne heute. Ich spüre, wie Colin hinter mich tritt, kann seinen frischen Geruch riechen. Dasselbe Aftershave wie vor vier Jahren. Er legt seine Hände um mich herum, zu meinen auf die Mauer. Ich fühle seinen warmen Atem an meiner Wange. Ansonsten berührt er mich nicht. Noch nicht. Ich ahne, was gleich kommt und fange an zu zittern. Vorfreude? Oder Angst? Ich weiß es selbst nicht, aber ich will es herausfinden.

„Frierst du?“, fragt Colin und tritt von hinten näher. Ich spüre seinen kräftigen Oberkörper an meinem Rücken und lasse mich langsam gegen ihn sinken. Er legt einen Arm um meinen Bauch und zieht mich dicht an sich. Er küsst mich vorsichtig auf den Hals und vergräbt sein Gesicht in meinen Haaren. Einen Moment verharren wir so, dann dreht er mich in seinen Armen um, ohne mich loszulassen.

Seine schiefergrauen Augen wirken fast schwarz und er schaut mir direkt in die Augen, als wollte er wieder in ihnen lesen. Dann senkt er seinen Mund langsam auf meinen. Er streichelt meine Lippen mit seinen. Ganz sanft berührt er mich mit seiner Zunge, bittet um Einlass. Ich zögere kurz, dann lasse ich ihn gewähren. Als seine Zunge auf meine trifft, überläuft mich ein Schauder. Er drückt mich an sich und der Kuss wird leidenschaftlicher, unsere Zungen spielen miteinander, mir wird heiß. Seine Hand wandert vorsichtig über meinen Rücken bis zu meinem Hintern und streichelt ihn, die andere vergräbt er in meinen Haaren, hält meinen Kopf fest bei sich. Ich will mehr, lasse meine Hände über seine Brust und weiter über seinen Rücken streichen. Mit einem leisen Stöhnen löst er seine Lippen von meinen und küsst sich einen Weg, meinen Hals hinunter zu meinem Dekolleté. Er kostet meinen Brustansatz, während seine Hände vorsichtig über meinen Busen streichen. Ich versteife mich kurz, muss mich daran gewöhnen, dass er mich dort berührt. Sofort richtet er sich auf und auf einmal sind seine Lippen wieder auf meinen.

„Scht“, flüstert er an meinem Mund. „Keine Angst, ich werde dir nicht wehtun.“

Hat er meine Reaktion bemerkt? Bevor ich länger über seine Worte nachdenken kann, küsst er mich noch einmal voller Leidenschaft, löst sich dann von mir und schiebt mich ein Stück von sich, um mich anzusehen. Sein ernster Blick ruht auf mir, als er mit heiserer Stimme sagt: „Lass uns zurückgehen. Sonst enden wir heute genau wie damals … Dieses Mal möchte ich dich in einem Bett haben. Aber nicht heute Abend, nicht so schnell, wir haben Zeit.“

Seine Worte bringen mich ganz in die Wirklichkeit zurück. Was mache ich hier? Ausgerechnet mit Colin. Ich merke einen Knoten der Angst in meinem Bauch. Ich bin mir sicher, Colin hat meine Reaktion bemerkt. Was denkt er jetzt von mir? Damals war ich ein One-Night-Stand und jetzt mach ich hier auf prüde? Auf dem Rückweg denke ich nur darüber nach, während Colin mich an der Hand zu meinem Auto führt. Dort gibt er mir noch einen kurzen Kuss und wünscht mir eine gute Nacht.

6

Am nächsten Morgen mache ich mich freudig auf den Weg zum Coffeeshop. Nachdem ich die halbe Nacht darüber nachgedacht habe, was hier eigentlich gerade in meinem Leben passiert, habe ich beschlossen, einfach mal in den Tag hineinzuleben und zu genießen, was da jetzt kommt. Ich habe ja nur noch heute und morgen die Zeit dazu. Gestern Nachmittag habe ich mein Buchkapitel fertig korrigiert und nachher treffe ich meine Verlegerin um es durchzusprechen. Danach kann ich mich in aller Ruhe auf den Schluss meines Buches konzentrieren. Aber jetzt sehe ich erst einmal Colin zu unserem morgendlichen Kaffeeritual. Er erwartet mich schon mit zwei Bechern in der Hand und einem warmen Lächeln auf den Lippen.

„Hallo mein Sonnenschein. Hast du gut geschlafen?“, fragt er, als ich ihm einen Becher abnehme und legt vorsichtig die Arme um mich.

Ich schaue zu ihm hoch, in sein schönes, markantes Gesicht und seine strahlenden Augen. Sanft küsst er mich. Er schmeckt nach Kaffee und dem Rest seiner Zahnpasta. Ich möchte in seinen Armen und seinem Kuss versinken, ich könnte ewig hier stehenbleiben, auf der Promenade am Hafen, während die Sommersonne warm auf uns herab scheint.

Während wir uns immer noch küssen, höre ich das Tuten der auslaufenden Schiffe und das Geschrei der Möwen über uns. Und ein leises Klingeln. Colin brummt unwirsch an meinem Mund.

„Tut mir leid, das ist mein Handy. Ich muss da leider rangehen. Könnte wichtig sein.“

Er zieht sich zurück und lässt mich los. Während er ein paar Schritte weggeht, zieht er das Telefon hervor und nimmt den Anruf entgegen. Er sieht nicht begeistert aus und je länger das Gespräch dauert, desto kälter wird sein Blick. Er scheint demjenigen am anderen Ende deutlich seine Meinung zu sagen. Oh, oh, das sieht nicht gut aus. Ich habe ihn bisher noch nie wütend erlebt, aber ich bin mir sicher, das möchte ich auch nicht. Nach ein paar Minuten legt er auf und kommt mit grimmigem Blick auf mich zu.

„Es tut mir so leid. Einer meiner Mitarbeiter hat Mist gebaut und ein komplettes Alarmanlagensystem bei einer großen Firma lahmgelegt. Der Kunde ist stinksauer und will nur noch mit dem Chef, also mit mir, arbeiten. Ich muss da leider hin und das wieder ausbügeln. Ich weiß, ich wollte dir heute meine Wohnung zeigen, aber das holen wir nach. Versprochen. Ich melde mich bei dir, vielleicht können wir uns ja heut Abend noch sehen. Hast du Zeit?“

Ich überlege kurz, mein vorletzter freier Abend, ja, ich habe Zeit. Und die möchte ich mit ihm verbringen. Mit der Verlegerin bin ich bis heute Abend durch.

„Ja, klar. Melde dich einfach, wenn du fertig bist.“

„Okay, danke. Entschuldige nochmal. Ich habe mir den Tag irgendwie anders vorgestellt.“

Ja, ich auch … Aber er kann ja nichts dafür. Das ist wohl der Preis, den man zahlen muss, wenn man so erfolgreich ist. Er küsst mich noch einmal zum Abschied, leidenschaftlicher und länger, als es sich morgens mitten auf der Promenade gehört. Seine Zunge spielt mit meiner, bis mir die Knie weich werden und ich mich an ihn lehnen muss. Dann löst er sich widerwillig von mir.

„Damit du mich nicht vergisst …“, flüstert er noch atemlos und merklich aufgewühlt, bevor er davongeht.

Und was mache ich jetzt? Irgendwie kommt mir der Tag auf einmal nicht mehr so schön vor. Ich fühle mich leer, als hätte Colin einen Teil von mir mitgenommen. Er fehlt mir jetzt schon. Komisch, vor einer Woche noch kannte ich ihn nicht – na ja, mal abgesehen von jener Nacht – und jetzt weiß ich ohne ihn nichts mit mir anzufangen.

Ich bummele noch ein bisschen ziellos herum und mache mich dann auch auf den Weg nach Hause. Dort setze ich mich an den Computer und checke das erste Mal seit dem Wochenende meine E-Mails. Jules, meine beste Freundin, hat aus Japan geschrieben. Wir kennen uns schon seit unserem Studium in Boston und waren vom ersten Moment an die besten Freunde. Mittlerweile ist sie für mich, und auch für meinen Bruder Chris, fast wie eine Schwester. Und jetzt hat sie fast schon eine Vermisstenanzeige aufgegeben, weil ich mich so lange nicht gemeldet habe. Normalerweise schreiben wir uns mehrmals die Woche und wissen immer, was die Andere gerade macht. Trotzdem vermisse ich sie sehr und freue mich darauf, wenn sie im Herbst endlich wieder hier ist. Es ist einfach nicht dasselbe, nur per E-Mail in Kontakt zu stehen, mit seiner besten Freundin muss man reden können und sich sehen.

Jules weiß noch nichts von Colin und unserem Wiedersehen. Ich schreibe ihr eine lange Mail und versuche, die letzten Tage irgendwie in Worte zu fassen. Sie ist eine der Wenigen, der ich von der Nacht vor vier Jahren und somit von Colin, wenn auch ohne Namen, erzählt habe. Jules weiß auch alles, was danach passiert ist, deshalb hoffe ich, dass sie meine Situation jetzt versteht und mir einen Rat geben kann, was ich machen soll. Nachdem ich die E-Mail endlich abgeschickt habe, mache ich mich fertig und gehe zum Treffen mit meiner Verlegerin.

Sie ist begeistert. Ich freue mich jedes Mal wieder, wenn sie meine Ideen und Umsetzungen gut findet. Ich weiß zwar durch den Verkauf meiner Bücher, dass ich anscheinend wirklich schreiben kann, aber irgendwie bleibt immer eine kleine Unsicherheit, wenn ich etwas Neues anfange. Gutgelaunt fahre ich nach Hause, mit einem Kopf voller Ideen, wie mein Buch weitergehen soll. Kaum angekommen piept mein Handy. Eine Nachricht von Colin. Er schafft es heute leider nicht mehr, aber bis morgen Mittag ist er durch, schreibt er. Ob ich ihn um zwölf Uhr am Coffeeshop treffen will, er hätte eine Überraschung für mich. Klar will ich! Schade, dass er heute Abend keine Zeit mehr hat, aber auf der anderen Seite kann ich so gleich alle meine neuen Ideen zu Papier beziehungsweise Notebook bringen, ohne weitere Ablenkung. Ich verliere mich so in meiner Geschichte, dass ich erst spät in der Nacht meinen Computer herunterfahre und todmüde, mit brennenden Augen ins Bett torkele.

Am nächsten Morgen mache ich mich gutgelaunt auf den Weg zu meiner Koffeindosis. Als mir klar wird, dass dies der erste Kaffee dieser Woche wird, den ich allein trinke, dämpft das meine Stimmung ein bisschen. Na ja, heute Mittag sehe ich ihn wieder.

Ich verbringe den Vormittag mit Einkaufen und Hausarbeit. Ab morgen ändert sich mein Leben, wie ich es diese Woche hatte, wieder schlagartig. Ich freue mich darauf, habe aber auch ein schlechtes Gewissen, weil ich Colin noch nichts von dieser weiteren Person in meinem Leben erzählt habe, die ab morgen wieder eine Menge Wirbel hier veranstalten wird. Später, denke ich mir und nehme mir ganz fest vor, es ihm heute endlich zu sagen.

Um Punkt zwölf stehe ich vor dem Coffeeshop. Colin ist schon da und gibt mir zur Begrüßung einen seiner heißen Küsse, bei denen die Schmetterlinge in meinem Bauch Cha Cha Cha tanzen.

„Hallo mein Sonnenschein. Lust auf eine kleine Ausfahrt?“

Er führt mich zu einem alten Mustang Cabriolet. Ein wunderschöner, dunkelroter Oldtimer mit cremefarbenen Ledersitzen und offenem Verdeck. Mir bleibt vor Staunen der Mund offen stehen.

„Atmen Süße, es ist nur ein Auto.“

Nur ein Auto? Ja, in einer Welt wie der Seinen, sicher. In meiner Welt ist so etwas ein unbezahlbarer Traum! Und ich darf darin mitfahren. Voller Ehrfurcht steige ich in das Schmuckstück, ich liebe alte Wagen.

Wir fahren über die Serpentinen an den Klippen entlang, hoch zu dem Leuchtturm, den wir neulich – ist es wirklich erst zwei Tage her? – aus der Ferne blitzen gesehen haben. Oben angekommen parkt Colin den Mustang im Schatten und wir steigen aus. Er nimmt einen großen Korb vom Rücksitz, der mir bisher gar nicht aufgefallen ist und dann gehen wir ein paar Schritte durch den Wald, der hinter dem Leuchtturm ist. Nach ein paar Minuten kommen wir an eine Lichtung. Von hier aus hat man einen wahnsinnigen Blick über das Meer und die Bucht. Kleine Schiffe und beeindruckende Yachten schaukeln träge in der Mittagssonne auf dem Meer. Fischerboote ziehen in der Ferne ihre Netze durch die ruhige See. Ich genieße den atemberaubenden Ausblick bis Colin hinter mich tritt und seine Arme um meinen Bauch schlingt.

„Na, mein Schmetterling, gefällt es dir?“

„Oh Colin, es ist wunderschön. Ich wusste gar nicht, dass es hier so verwunschene Plätze gibt. Es kommt mir vor, wie ein Traum.“

„Nein, du träumst nicht. Komm, es ist angerichtet“, sagt er, nimmt meine Hand und dreht mich um. Während ich den Ausblick bewundert habe, hat Colin ein köstlich aussehendes Picknick vorbereitet. Gebratene Hähnchenschenkel, knackige Salate, duftendes, frisches Brot, eingelegte Oliven, eine Käseplatte mit Weintrauben und sogar eine Flasche Weißwein in einem Kühler warten auf einer karierten Decke auf uns.

„Ich hoffe du hast Hunger. Ich glaube, ich habe mal wieder ein bisschen viel gemacht“, sagt er und küsst mich auf den Hals.

Ich merke erst jetzt, dass mein Magen tatsächlich knurrt, ich habe heute Morgen ganz vergessen zu frühstücken. Ich könnte, glaube ich, ein halbes Schwein verdrücken. Während wir das Essen genießen, albern wir ausgelassen herum und stecken uns gegenseitig kleine Häppchen in den Mund. Irgendwann werden unsere Albereien eindeutiger und wir füttern uns gegenseitig mit Stückchen, die wir zwischen unsere Lippen nehmen, was natürlich zu heißen Küssen führt. Ich habe mich schon ewig nicht mehr so ausgelassen und sorglos gefühlt. Und so begehrt. Nachdem wir satt sind, räumen wir die Reste wieder in den Korb und strecken uns auf der Decke in der Sonne aus. Colin zieht mich in seine Arme und ich lege meinen Kopf auf seine Schulter, mein Bein über seins und döse vor mich hin. Eine intime Pose, aber irgendwie fühlt es sich richtig an.

Ich muss eingeschlafen sein. Im Dämmerzustand merke ich seine Hand, wie sie träge meinen Rücken streichelt. Er küsst sanft mein Haar. Ich schaue schläfrig zu ihm auf und sehe, wie er mich intensiv mustert. Die Schatten sind länger geworden, seine Augen sehen jetzt fast schwarz aus. Er wirkt ein bisschen gefährlich, aber ich habe keine Angst vor ihm. Nicht mehr. Er rollt mich auf den Rücken, eine Hand auf meinem Bauch, und beugt sich über mich. Dann küsst er mich, seine Zunge teilt fast sofort meine Lippen und dringt in meinen Mund ein. Ich höre, wie er leise aufstöhnt. Seine Hand wandert streichelnd nach oben. Er fährt mit dem Handrücken über meinen Busen. Meine Brustwarzen richten sich unter der Berührung auf und mich durchfährt die Lust nach mehr. Ich seufze auf, als er eine Hand unter mein T-Shirt schiebt, meinen Bauch streichelt und sich wieder auf den Weg zu meinen Brüsten macht.

„Ich will deine Haut spüren, ich will sie schmecken“, raunt er und zieht mein Shirt hoch. Langsam löst er sich von meinen Lippen und legt seinen Mund auf meinen Bauch. Ich winde mich unter seiner Berührung, mein Körper kribbelt, als ich seine Zunge auf meiner Haut spüre. Seine Hand streicht über meine Oberschenkel runter bis zum Knie und an den Innenseiten wieder hoch. Ich bin verloren, ich zerre an seinem T-Shirt, schiebe es hoch und lege meine Hände auf seine nackte Haut. Ich will ihn spüren, jetzt.

In dem Moment klingelt sein Handy.

7

Es ist, als würde mir jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gießen. Auf einmal bin ich hellwach. Was mache ich hier? Am helllichten Tag, mitten auf einer Lichtung. Colin wird nicht der Einzige sein, der dieses Fleckchen hier kennt. Jederzeit könnte jemand hier vorbeikommen. Ich bin aufgebracht und wütend auf mich selbst, dass ich das hier zugelassen habe. Während Colin fluchend nach seinem Handy kramt und rangeht, richte ich schnell meine Klamotten und stehe auf. Er telefoniert nur kurz und dreht sich dann zu mir um. Unsicher sehe ich ihn an und bleibe bewegungslos stehen, warte auf eine Reaktion von ihm. Als er mich neben der Decke stehen sieht, blitzen seine Augen kurz auf. Ich kann den Ausdruck nicht deuten, so schnell ist er wieder verschwunden. Langsam kommt er auf mich zu und nimmt mich in den Arm, hält mich einfach nur fest an seine breite Brust gedrückt, als wollte er mir Sicherheit geben.

Er küsst mich auf den Scheitel und flüstert: „Entschuldige, das habe ich so nicht geplant. Nicht hier …“

Ein paar Minuten bleiben wir einfach nur stehen. Ich lehne mich an ihn und schließe die Augen, gebe mich ganz dem beruhigenden Gefühl seiner Umarmung hin, bis Colin sich vorsichtig von mir löst.

„Wir sollten langsam fahren, bevor es dunkel wird.“

Arm in Arm gehen wir zurück zum Auto.

„Was hältst du davon, wenn wir unterwegs etwas einkaufen und dann zu mir fahren. Ich koche uns etwas und zeige dir meine Wohnung.“

Mir war gar nicht klar, wie spät es geworden ist. Mittlerweile ist es schon Abend. Ich will mich noch nicht von ihm trennen, deshalb nehme ich seinen Vorschlag gerne an. Wir kaufen in einem Supermarkt ein paar Steaks und Kartoffeln und fahren zu ihm.

Seine Wohnung ist im fünften und damit obersten Stock eines alten, umgebauten Speicherhauses direkt am Hafen. Diese Speicher wurden vor einigen Jahren komplett saniert und in einzelne wunderschöne, aber leider unbezahlbare, Wohnungen aufgeteilt. Colins Penthouse erstreckt sich anscheinend über die komplette Grundfläche des Hauses. Es ist riesig, bestimmt 300 Quadratmeter groß, aufgeteilt in großzügig geschnittene Räume. Er führt mich zuerst in sein Wohnzimmer. Gegenüberliegend der Tür ist eine komplett verglaste Wand mit Blick auf den Hafen. Am Horizont versinkt die Sonne gerade im Meer, während am Hafen die Lichter eingeschaltet werden. Die Wände des Zimmers sind an zwei Seiten in hellem Creme gestrichen, die dritte Wand wurde original mit den roten Backsteinziegeln gelassen. Das gibt dem Raum Gemütlichkeit. Ein riesiges, beigefarbenes Ecksofa steht im Raum, mit Blick auf die Fensterfront. In der Ecke ist ein Kachelofen eingebaut und daneben steht ein Esstisch für mindestens acht Personen. Insgesamt wirkt das ganze Zimmer sehr heimelig. Ich fühle mich hier sofort wohl, obwohl ich durch die Größe doch etwas erschlagen bin. Links geht es in die Küche. Colin ist schon vorgegangen um das Essen vorzubereiten, während ich mich umsehe. Ich folge ihm und lande im Küchentraum eines jeden Hobbykochs. Funkelnde Edelstahlgeräte, ein sechsflammiger Gasherd mit Grillfläche daneben, Arbeitsflächen aus Schiefer. Helle Holzschränke, eine Frühstückstheke mit vier Barhockern und frische Kräuter in bunten Töpfen lassen auch die Küche warm und einladend wirken.

Colin legt gerade das Fleisch auf den Grill, während die Kartoffeln schon im Ofen brutzeln. „Magst du einen Wein aufmachen?“, fragt er.

„Steht im Kühlschrank.“ Und deutet mit dem Kopf hinter sich.

„Gläser stehen im zweiten Schrank rechts oben.“

Ich hole den teuer aussehenden Wein aus dem Kühlschrank, öffne ihn und schenke uns ein. Colin kommt mit seinem Glas in der Hand zu mir und stößt damit kurz an meins.

„Darauf, dass wir endlich hier sind“, flüstert er kryptisch und küsst mich. Schnell löst er sich wieder von mir und geht zurück zu seinem Fleisch.

Während des Essens unterhalten wir uns entspannt. Colin hat zu den Steaks mit Kartoffeln noch eine Gemüsepfanne gezaubert. Es schmeckt köstlich. Mir fällt auf, dass ich noch nie von einem Mann bekocht wurde. Daran könnte ich mich durchaus gewöhnen. Ich habe zwar nichts gegen kochen, aber manchmal ist es auch schön, sich einfach verwöhnen zu lassen. Nach dem Essen räumen wir gemeinsam die Küche auf. Das ist wie die Illusion eines Lebens als richtiges Paar. Aber wir sind kein Paar und werden es wohl auch nie werden. Der Gedanke stimmt mich irgendwie traurig.

„Hey, wo bist du schon wieder?“

Colins Stimme reißt mich aus meinen trübsinnigen Überlegungen.

„Komm her!“

Er zieht mich schwungvoll in seine Arme und fängt an mich zu kitzeln.

„Jetzt wird nicht gegrübelt. Wir wollen den schönen Abend genießen.“

Ich muss lachen und versuche ihn zurück zu kitzeln. Es ist so leicht mit ihm herumzualbern. Kichernd mache ich mich los und flüchte ins Wohnzimmer. Schon an der Tür hat er mich wieder eingefangen und drückt mich fest an sich. Als ich hoch sehe, sind seine Augen schon wieder fast schwarz. Sein Atem geht ein bisschen zu schnell. Er drückt mich gegen die Wand neben der Tür und küsst mich stürmisch. Sein Oberkörper drängt sich gegen meinen, seine Hände streichen an meinen Seiten hinab zu meinem Hintern. Plötzlich merke ich, wie er mich hochhebt, als würde ich nichts wiegen. Automatisch schlinge ich meine Beine um seine Taille, seine Hände halten mich unter dem Po, während er mich leidenschaftlich küsst. Genau so hat er mich schon einmal gehalten, wird mir bewusst. Vor vier Jahren. Es ist so lange her, so viel ist seitdem passiert. Ich merke, wie die Wand an meinem Rücken verschwindet. Colin trägt mich durch das Wohnzimmer über den Flur. Ich nehme meine Umgebung nicht mehr wahr, kann mich nur noch auf seine Zunge konzentrieren, die meinen Mund erforscht. Jegliche Angst, die ich heute Nachmittag noch verspürt habe, ist wie weggeblasen. Ich halte mich an seinen Schultern fest, bis er mich vorsichtig auf die Füße stellt. Als ich die Augen aufmache, sehe ich, dass wir in seinem Schlafzimmer sind. Colin zerrt an meinem Top, während ich gleichzeitig versuche, ihm sein T-Shirt auszuziehen. Unsere restliche Kleidung folgt, landet in einem Haufen auf dem Fußboden. Ich spüre seine Hände überall auf meinem nackten Körper, er mustert mich mit intensivem Blick und stöhnt leise auf.

„Du bist so wunderschön, Baby. Ich will dich so sehr.“

Er hebt mich wieder hoch und legt mich vorsichtig auf seinem Bett ab. Bevor ich weiß, wo ich bin, liegt er schon neben mir und küsst mich stürmisch, während seine Hände über meine Brüste streicheln. Sein Mund löst sich von meinem und zieht eine feuchte Spur zu meinem Hals. Als seine Zunge vorsichtig mit meinem Ohrläppchen spielt, stöhne ich auf und meine Hüften fangen an zu zucken. Ich wusste gar nicht, dass mein Ohrläppchen eine erogene Zone ist. Ich will mehr, ich will ihn spüren. Ich kann auch nicht aufhören ihn anzufassen und fahre immer wieder über seinen gestählten Oberkörper, erkunde jeden Muskel, lasse seine kurzen Brusthaare durch meine Finger gleiten. Ich spüre seine Härte an meinem Oberschenkel und das macht mich noch heißer. Er streichelt meinen Bauch und wandert langsam mit der Hand immer tiefer, bis er meine intimste Stelle erreicht.

„Colin, bitte …!“, wimmere ich auf.

„Was, bitte …? Was möchtest du?“, fragt er leise stöhnend.

„Dich, Colin, ich will dich! Jetzt!“

Mehr Aufforderung braucht es nicht. Er kniet sich zwischen meine Beine und streift sich schnell ein Kondom über, das er vorhin auf den Nachttisch gelegt hat, dann schiebt er meine Beine weiter auseinander und legt sich auf mich. Er küsst mich ausgiebig und ich spüre seine Erektion zwischen meinen Beinen zucken. Als er sein Becken vorschiebt um in mich einzudringen, halte ich kurz die Luft an. Er hat es gemerkt, denn er unterbricht den Kuss und sieht mich an.

Atemlos fragt er: „Ist alles okay? Sollen wir lieber aufhören?“

Aufhören? Wo ich schon so weit gekommen bin? Auf gar keinen Fall!

„Nein, hör nicht auf. Es ist einfach nur … na ja, lange her …“, antworte ich zögernd und hebe mein Becken einladend an. Er dringt vorsichtig in mich ein und ich merke ein kurzes Ziehen als er mich weitet. Dann fühlt es sich nur noch unglaublich gut an. Ich bin ausgefüllt von Colin. Ich werde vor Freude ganz euphorisch, möchte lachen und mein Glück ausleben. Langsam fängt er an, sich in mir zu bewegen und ich merke, wie die Leidenschaft mich immer höher trägt. Ich spreize meine Beine noch weiter und seine Bewegungen werden schneller. Es ist so schön! Sein Mund sucht meinen, seine Zunge spielt mit meiner. Das und die Reibung in mir reichen, ich werde über die Klippe meines Höhepunktes gestoßen. Noch im Nebel der Leidenschaft spüre ich kurze Zeit später, wie Colin sich nach einem letzten Stoß versteift und mir folgt.

Wir liegen aneinander gekuschelt, ruhig. Colin hat sich herum gerollt und mich halb auf sich, in seine Arme gezogen. Wir sind beide total schläfrig. Seine Hand streichelt träge meinen Rücken, mein Arm liegt quer auf seiner Brust, meine Finger spielen mit seinen Brusthaaren.

„Wie lange?“, fragt Colin leise, als wäre er schon im Halbschlaf und meint meine Aussage von vorhin.

„Vier Jahre...“

Wortlos zieht er mich dichter zu sich heran und schläft ein.

Ich sollte jetzt eigentlich gehen, es ist spät geworden und morgen … na ja, morgen ist mein Leben wieder anders. Ich mag nicht. Nur einen Moment möchte ich noch hier liegen, in Colins Armen und seiner Sicherheit. So schnell wird die Gelegenheit nicht wieder kommen.

8

Ich muss eingeschlafen sein. Ich liege noch immer in Colins Armen, der neben mir selig schläft. Draußen herrscht ein diffuses Halbdunkel, die Sonne geht gerade auf. Keine Geräusche dringen hier hoch in sein Penthouse. Ich suche nach einem Anhaltspunkt und entdecke seinen Radiowecker auf dem Nachttisch. Oh nein, 6 Uhr morgens! Ich habe die ganze Nacht in Colins Armen verbracht. Ich winde mich aus dem Bett, um Colin nicht zu wecken. Sofort fährt sein Arm wie suchend über die Matratze, wo ich eben noch gelegen habe. Schnell suche ich meine Sachen zusammen und schleiche mich leise aus dem Schlafzimmer. Auf dem Flur ziehe ich mich an und verlasse seine Wohnung. Auf dem Weg zu meinem Auto schreibe ich ihm noch schnell eine SMS.

„Entschuldige, ich musste gehen. Montag im Coffeeshop?“

Ich weiß nicht, ob er mich nach dieser Nacht überhaupt wiedersehen möchte, aber ich hoffe, ihn Montag tatsächlich zu treffen.

Als ich zu Hause ankomme, ist es schon fast 7 Uhr. Wie ich meine Mutter kenne, steht sie in spätestens zwei Stunden bei mir auf der Matte. Und mit ihr Lilly, meine 3-jährige Tochter. Erholt und verwöhnt nach einer Woche Urlaub bei den Großeltern.

Ich springe schnell unter die Dusche und wasche mir schwermütig Colins Geruch ab, während meine Kaffeemaschine mir einen extrastarken Kaffee brüht. Den brauche ich jetzt dringend. Mit dem ersten Becher setze ich mich noch schnell an den Laptop und checke meine E-Mails. Post von Jules. Eine sehr kurze Antwort auf meine lange Mail von neulich. Nur drei Worte.

„Rede mit ihm!“

Tja, reden … Das ist mir auch klar. Sie hat ja recht. Aber dazu habe ich jetzt keine Gelegenheit mehr.

Tatsächlich klingelt es um fünf Minuten vor neun an meiner Haustür, als ich gerade bei meiner dritten Tasse Kaffee angekommen bin. Die Tür ist noch nicht ganz offen, da stürmt mir mein kleiner Wirbelwind jubelnd in die Arme.

„Mama, Mama, ich bin wieder da!“

Ich habe sie so vermisst. Auch wenn ich in der letzten Woche viel erlebt habe, sobald mein Kind nicht bei mir ist, fühle ich mich wie amputiert. Ich drehe mich mit ihr auf dem Arm lachend im Kreis, bevor ich sie vorsichtig absetze.

„Es war so toll bei Granny und Gramps!“

Strahlend erzählt Lilly mir von ihren Abenteuern der letzten Woche, vom Kuchen backen und Schwimmen gehen, vom Zoobesuch und Sommerblumen pflanzen. Ihre Begeisterung kennt keine Grenzen. Für ihre drei Jahre spricht sie außerordentlich gut aber manchmal verhaspelt sie sich noch, wenn sie zu schnell, zu viel auf einmal erzählen will. Deshalb ist es ein bisschen schwer ihr zu folgen. Wir gehen ins Wohnzimmer und ich hole meiner Mutter auch einen Kaffee. Ein paar Minuten später ist Lilly in ihr Zimmer verschwunden. Das kann dauern bis sie wiederkommt. Jetzt werden erst einmal alle Kuscheltiere begrüßt, alle Spielsachen bespielt und das Zimmer wieder neu in Besitz genommen. Dieses Kind hat so viel Energie, ich weiß nicht, wo sie die immer hernimmt. Wahrscheinlich sind aber alle Dreijährigen so. Kaum ist Lilly verschwunden sieht meine Mutter mich an.

„Was ist passiert?“

„Wie kommst du darauf, dass irgendetwas passiert wäre?“, frage ich zurück.

„Ich kenne dich. Du bist meine Tochter. Du konntest mir noch nie etwas verheimlichen.“

Das stimmt. Selbst vor vier Jahren, als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin mit Lilly, hat sie aus mir alles herausgekriegt. Die ganze Geschichte des Abends der Wohltätigkeitsfeier.

Okay, dann mal los. Ich erzähle ihr alles, was letzte Woche geschehen ist. Alles, was ich über Colin weiß. Sie hat natürlich schon von ihm gehört, aber jetzt hat er auch für sie einen Namen.

„Colin Mitchell? DER Colin Mitchell?“

Ich verstehe nicht ganz was sie damit meint.

„Der Mann von der Party damals ist DER Colin Mitchell?“

Sie ist total neben der Spur. Und ich total verwirrt.

„Ich weiß nicht genau. Wer ist denn DER Colin Mitchell?“, frage ich verunsichert. Ist das jetzt gut oder schlecht?

„Was, hast du ihn denn nie gegoogelt?“

Nein, habe ich nicht. Ein paarmal habe ich darüber nachgedacht, aber eigentlich wollte ich nichts über ihn wissen, was er mir nicht selbst über sich erzählt. Okay, jetzt komme ich wohl nicht darum herum. Wenn meine Mutter erst loslegt …

„Colin Mitchell ist der begehrteste Junggeselle Bostons. Er besitzt eine sehr gut gehende Sicherheitsfirma, hat sich vom kleinen Personenschützer ganz allein hochgearbeitet. Außerdem hat er Millionen im Immobiliengeschäft verdient. Ihm gehört die halbe Stadt.“

Sie übertreibt mal wieder maßlos! Während ich die neuen Informationen noch verarbeite und was das für mich und Lilly bedeuten könnte, hätte ich fast verpasst, was meine Mutter noch sagt.

„Angeblich gehört ihm auch hier in Boothbay Harbor einiges. Er hat wohl die alten Speicherhäuser am Hafen vor ein paar Jahren gekauft und komplett sanieren lassen. Weißt du, diese schicken, teuren Wohnungen mit Blick auf die Bucht.“

Ich verschlucke mich fast an meinem Kaffee. Was? Die Speicherhäuser, in denen auch sein Penthouse liegt, GEHÖREN ihm? Meine Mutter redet schon weiter.

„Na ja, passen würde es ja. Er ist zumindest Single. In den Klatschzeitungen habe ich gelesen, dass ihm eine Frau vor ein paar Jahren das Herz gebrochen hat. Sie ist einfach aus seinem Leben verschwunden und er hat sie nie wiedergesehen. Ist aber schon eine Weile her. War wohl kurz nachdem du weggezogen warst.“

Mir wird auf einmal heiß und kalt. Ich merke, wie mir alles Blut aus dem Gesicht weicht und habe plötzlich einen Kloß im Hals. Ich muss hier weg, brauche ein bisschen Abstand, um das zu verdauen.

„Ich glaube es ist Zeit fürs Mittagsessen. Ich geh mal kochen. Würdest du nach Lilly sehen?“ kriege ich gerade noch krächzend heraus und verschwinde in der Küche, ohne auf ihre Antwort zu warten.

Nachdem ich Nudelwasser aufgesetzt habe, spritze ich mir erst einmal kaltes Wasser ins Gesicht. Colin wurde das Herz gebrochen? War ich …? Nein! Denk nicht so etwas! Ihr hattet nur einen One-Night-Stand! Ich versuche meine Gedanken zum Schweigen zu bringen, aber es klappt nicht. Immer wieder kommt dieser Was-wäre-wenn-Gedanke hoch, gefolgt von Warum-die-letzte-Woche? und Was-will-er-von-mir?

Das Nudelwasser kocht längst und ich hab noch nicht einmal mit der Soße angefangen. Ich kann mich nicht konzentrieren. Nicht einmal auf so etwas banales, wie eine Tomatensoße. Irgendwann steht das Essen auf dem Tisch. Die Nudeln sind verkocht und die Soße leicht angebrannt. Habe ich auch schon besser hingekriegt …

Na ja, Lilly schmeckt es und meine Mutter guckt mich nur erstaunt an. Nudeln mit Tomatensoße zu kochen habe ich von ihr gelernt, als ich ungefähr zehn Jahre alt war. Und selbst meine ersten Versuche waren besser als das hier.

Nach dem Essen macht meine Mutter sich auf den Heimweg und Lilly einen Mittagsschlaf. Ich setze mich jetzt doch an den Computer und gebe Colins Namen in eine Suchmaschine ein. Meine Mutter hatte recht. Ich finde tausende von Einträgen und Fotos von ihm. Anscheinend ist er ein schwerreicher Mogul. Alles was Colin in die Hand nimmt, wird zu Gold. Mir wird ganz schlecht. Ich bin niemals gut genug für ihn. Ich werde nie zu ihm gehören, egal was in den nächsten Wochen noch passiert. Diese Erkenntnis lässt mir die Tränen in die Augen schießen. Ich versuche sie herunterzuschlucken, aber es geht nicht. Seit jener Nacht vor vier Jahren habe ich nicht mehr geweint. Tränen ändern eh nichts. Sie machen nur dicke Augen und Kopfschmerzen. Aber alles schlucken nützt nichts, ich kann es noch so sehr versuchen, sie strömen mir ungehindert über das Gesicht. Nach einem halbstündigen Weinkrampf fühle ich mich total ausgelaugt. Meine Augen sind zugeschwollen und ich habe die erwarteten Kopfschmerzen. Ich schaue auf die Uhr. In wenigen Minuten wird meine Tochter aus ihrem Mittagsschlaf erwachen und meine ganze Aufmerksamkeit fordern. Schnell gehe ich ins Bad, wasche mir das Gesicht und versuche meine verquollenen Augen zu überschminken.

Den Rest des Nachmittags lenke ich mich von meinen Problemen ab, indem ich mich vollständig Lilly widme. Wir spielen ausgiebig mit ihren Puppen im Garten in der Sonne, ich schubse sie auf der Schaukel an, bis mir die Arme weh tun und wir gehen noch ein bisschen an den Strand zum Muscheln sammeln. Nach dem Abendessen und einer langen Vorlesegeschichte geht Lilly brav ins Bett. Der Tag hat anscheinend auch sie geschafft.

Ich lege mich emotional und körperlich völlig erschöpft auf die Couch, als mein Handy piept. Ups, 7 neue Nachrichten und drei Anrufe in Abwesenheit. Ich habe den ganzen Tag nicht darauf geschaut. Die Anrufe waren von Colin. Die SMS auch.

„Wo bist du?“ kam heute Morgen gegen zehn Uhr.

Danach: „Ruf mich bitte an“

„Annie, was ist los?“

„Ich mache mir Sorgen! Warum gehst du nicht ans Telefon?“

„Warum antwortest du nicht?“

„Bitte rede mit mir! Ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich will dich sehen!“

Okay, die siebte ist von meinem Bruder: „Ruf mich an. Wir müssen über Colin reden!“

Oh, meine Mutter hatte anscheinend auf der Rückfahrt nichts Besseres zu tun, als meinen Bruder gleich auf den neuesten Stand zu bringen. Ich kann jetzt nicht mit Chris reden. Das alles ist noch viel zu neu und ich bin viel zu aufgewühlt. Colin kann ich auch nicht zurückrufen. Ich schreibe ihm nur eine SMS zurück.

„Ich habe keine Zeit, lass uns Montag reden.“

Die Antwort kommt umgehend.

„Gott sei Dank redest du wieder mit mir! Was ist passiert? Ich vermisse dich!“

Er vermisst mich? Wie kann das sein?

Montag werde ich alles mit ihm klären. Wenn Lilly im Kindergarten ist, habe ich bis nachmittags Zeit mit ihm zu reden, bevor ich sie wieder abholen muss.

Diesmal wirklich!

9

Den ganzen Sonntag über mache ich es mir mit Lilly gemütlich. Nach einem ausgedehnten Frühstück packen wir unsere Badesachen ein und gehen an den Strand. Es ist wieder ein wunderschöner, sonniger Tag. Ich hoffe, der Sommer bleibt so schön. Wir haben ja erst Ende Juni und die Zeit bis zum Herbst ist noch lang. Ich überlege, ob ich Ende Juli mit Lilly noch ein paar Tage wegfahre. Bis dahin habe ich hoffentlich mein Buch komplett fertig und kann mir ein paar Tage Nichtstun leisten. In der letzten Zeit habe ich so viel gearbeitet, dass Lilly manchmal ein bisschen zu kurz gekommen ist. Heute machen wir es uns erst einmal am Strand gemütlich. Wir toben im seichten, warmen Wasser und springen über die Wellen. Wir bauen Sandburgen mit vielen Wassergräben und spielen ausgiebig Ball. Gegen Mittag essen wir eine Kleinigkeit, die ich eingepackt habe und danach schläft Lilly völlig erschöpft auf ihrem Handtuch ein. Ich hänge meinen Gedanken nach und überlege, wie ich Colin am besten erkläre, dass ich eine Tochter habe. Wie viele Männer gibt es, die eine Beziehung anfangen, wenn es schon ein Kind gibt? Vor allem solche Männer wie Colin, die an jedem Finger zwanzig Frauen haben könnten. Ich weiß es nicht. Ich hatte seit Jahren keinen Freund mehr. Wird er gehen, wenn er von Lilly erfährt? Der Gedanke macht mir wahnsinnige Angst. In der einen Woche ist er mir so nahe gekommen. Wenn ich nur an ihn denke, habe ich schon Schmetterlinge in Bauch. Und dann seine Küsse … Mir wird ganz heiß. Am liebsten würde ich ihn sofort anrufen. Ich vermisse ihn und merke, dass ich, voll in Gedanken, seinen Namen in den Sand geschrieben habe. Oh nein, ich bin doch kein Teenager mehr. Bin ich etwa dabei mich in ihn zu verlieben? Oder warum verfalle ich in solche Tagträume?

Lilly wird wach und ich muss mich wieder zusammenreißen. Wir spielen noch eine Weile am Strand, aber irgendwie hat meine Tochter schlechte Laune und möchte zurück. Als wir nach Hause kommen, gehen wir erst einmal beide unter die Dusche und waschen uns den Sand und das Salzwasser ab. Danach setzt sich Lilly im Bademantel an den Tisch und puzzelt, während ich in der Küche das Abendessen vorbereite. Heute gibt es wieder eines von Lillys Lieblingsgerichten. Ich habe das Gefühl, nach einer Woche ohne sie, muss ich sie ein bisschen verwöhnen. Es gibt Hähnchenschnitzel mit Kartoffelpüree und Erbsen, aber irgendwie hat Lilly keinen rechten Hunger. Sie spielt nur mit ihren Erbsen bis ich aufgebe und den Tisch abdecke. Danach kuscheln wir uns noch ein bisschen auf das Sofa und sehen einen Zeichentrickfilm. Lilly schläft in meinen Armen ein, und das noch vor ihrer eigentlichen Schlafenszeit. Die Tage bei ihrer Granny haben meine Tochter anscheinend mehr geschlaucht, als ich dachte. Ich trage sie in ihr Bett und decke sie zu. Dann bleibe ich noch einen Moment stehen und betrachte sie beim Schlafen. Sie ist so hübsch, mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn ich sie sehe und ich kann auch nach über drei Jahren nicht fassen, dass dieses kleine Wunder zu mir gehört. An die Umstände ihrer Entstehung denke ich gar nicht. Ich sehe nur ihre blonden Locken, die großen, grau-blauen Augen mit den langen schwarzen Wimpern und die rosa Pausbäckchen. Ich liebe meine Tochter so sehr, ich würde alles für sie tun. Ein bisschen wehmütig verlasse ich ihr Zimmer und lasse sie schlafen. Im Wohnzimmer sehe ich, dass ich eine neue SMS auf meinem Handy habe. Colin.

„Hey mein Engel! Hast du morgen Vormittag Zeit? Ich würde gern etwas mit dir unternehmen.“

„Ich habe Zeit bis nach dem Mittag. Was hast du vor?“, schreibe ich zurück.

Sofort kommt die Antwort.

„Überraschung … Zieh einen Bikini an!“

Hm, Überraschung? Bikini? Ich hab keine Ahnung, was er planen könnte. Colin steckt voller Überraschungen. Aber ich muss mich wohl bis morgen gedulden.

Am nächsten Morgen erwacht Lilly gut gelaunt und krabbelt zum morgendlichen Kuscheln in mein Bett. Das ist ein Ritual, das wir noch aus Babyzeiten beibehalten haben. Morgens nach dem Aufwachen wird ausgiebig gekuschelt und sie erzählt mir, was sie heute machen will. Na ja, erst geht’s in den Kindergarten. Nachdem ich sie hingebracht habe, fahre ich wie jeden Morgen zum Coffeeshop. Colin erwartet mich schon mit zwei Bechern in der Hand. Auch das scheint ein morgendliches Ritual zu werden. Kaffee mit Colin. Als ich näher komme habe ich Gelegenheit ihn ausgiebig zu betrachten. Er sieht so gut aus, dass mein Herz wie immer höher schlägt. Heute trägt er wieder eine schwarze Cargohose, die seine langen Beine betont und ein helles T-Shirt, das sich eng an seinen muskulösen Oberkörper schmiegt. Ich muss an unser letztes Treffen denken und daran, wie dieser Oberkörper nackt aussieht. Die kräftigen Oberarme, die breite Brust und der klar definierte Waschbrettbauch. Ich habe das Gefühl, seine weiche Brustbehaarung noch immer an meinen Fingern zu spüren. Unwillkürlich mache ich eine Faust, als würde ich mich hinein krallen. Ich habe das Gefühl, dass er mich auch mustert, während ich langsam auf ihn zugehe. Ich trage heute eine kurze weiße Shorts, die meine Beine länger wirken lässt und dazu ein hellblaues Trägertop. Die Haare habe ich zu einem einfachen Pferdeschwanz hochgebunden und nur ein bisschen Wimperntusche aufgelegt. Es ist schon recht heiß heute Morgen.

Als ich zu ihm trete, sehe ich, dass seine Augen fast schwarz sind. Er sieht mir intensiv in die Augen und zieht mich dann in seine Arme. Sein Mund stoppt kurz vor meinen Lippen und er flüstert mit rauer Stimme: „Darauf habe ich das ganze Wochenende gewartet.“

Dann küsst er mich. Er streicht mit seiner Zunge vorsichtig über meine Lippen. Immer wieder. Ich öffne meinen Mund, aber er lässt sich Zeit meine Lippen mit seiner Zunge zu erkunden, bevor er in meinen Mund eindringt und unsere Zungen sich finden. Er zieht mich näher und ich spüre an meinem Bauch seine wachsende Erregung. Mein Kopf ist wie leer, ich kann nur noch fühlen. Alles, was ich ihm heute sagen wollte, ist wie weggeblasen. Leise stöhnend löst er sich von mir.

„Was machst du nur mit mir? Am liebsten würde ich dich hier sofort ausziehen. Mitten auf der Promenade.“

Ups, mir war nicht klar, dass er genauso auf mich reagiert, wie ich auf ihn. Wenn ich ihn sehe, habe ich auch das dringende Bedürfnis uns die Kleider vom Leib zu reißen. Na ja, nach der letzten Woche hätte ich es mir wohl denken können, aber ich war so damit beschäftigt, verunsichert zu sein, dass mir das wohl entgangen ist. Ein schönes Gefühl, so eine Wirkung auf so einen Mann zu haben.

„Komm mit. Die Überraschung wartet.“

Colin zieht mich in Richtung Hafen und über die Anlegestege. Vor einer beeindruckenden Yacht mit einer kleinen Gangway bleiben wir stehen.

„Willkommen an Bord, meine Süße“, sagt Colin, nimmt mich an der Hand und zieht mich an Bord. Mir bleibt der Mund offen stehen. So etwas habe ich bisher nur aus der Ferne gesehen. Eine luxuriöse Yacht. Alles vom Feinsten. Ich sehe die Brücke mit den Steuerinstrumenten, eine großzügige Kabine, eine kleine Küche und ein Sonnendeck am Heck mit Liegen, auf denen mindestens zwei Personen Platz haben. Alles ist mit glänzendem, dunklem Walnussholz verziert und die Armaturen auf der Brücke funkeln im Sonnenlicht.

„Ich hoffe, du bist seefest“, reißt Colins Stimme mich aus meinem Staunen.

„Äh … ja, bin ich.“

„Okay, dann wollen wir mal ablegen.“

Er zieht die Gangway hoch und geht ins Steuerhaus. Da überprüft er diverse Instrumente, von denen ich keine Ahnung habe und startet den Motor. Leise blubbernd legen wir ab. Nach einer gemütlichen Fahrt durch den Hafen, peilen wir das offene Meer an. Ich schaue zurück. Ich habe den Hafen noch nie von dieser Seite aus gesehen. Ich wollte mit Lilly immer mal eine Rundfahrt machen, aber irgendwie ist es noch nicht dazu gekommen. Colin steht jetzt am Steuerrad.

„Möchtest du auch mal?“, fragt er mich.

„Ich weiß nicht. Nicht, dass ich einen Felsen treffe oder so …“, ich bin unsicher. Die Yacht wirkt so groß und ich habe Angst etwas kaputt zu machen.

„Ich helfe dir, komm her.“

Ich stelle mich an das Ruder und Colin hinter mich. Er legt seine Hände um mich herum neben meine auf das Steuer und erklärt mir, was ich machen muss. Er ist mir so nah, dass ich sein Aftershave riechen und seine Wärme hinter mir fühlen kann. Ich werde allein durch diese Nähe schon kribbelig und trete unruhig von einem Bein auf das andere.

„Ganz ruhig, es kann nichts passieren. Ich bin ja da.“

Colin hat meine Unruhe wohl irgendwie falsch verstanden. Als er sich über mich beugt um etwas zu erklären, streift seine glatt rasierte Wange über meine. Ich schaudere und merke, wie auch Colin kurz der Atem stockt.

Als wir eine halbe Stunde unterwegs sind, ankern wir auf dem offenen Meer. Colin hat wieder seinen Picknickkorb dabei, gefüllt mit Leckereien zum Frühstück. Wir gehen auf das Sonnendeck und essen genüsslich. Ich habe Shorts und Top ausgezogen und lege mich im Bikini auf eine der Sonnenliegen. Colin trägt auch nur noch eine enge Badeshorts, die seinen schönen Körper betont. Er legt sich neben mich und ich kuschele mich automatisch an seine Brust. Er füttert mich und berührt mich zwischendurch immer wieder. Ich vergrabe meine Hand in seinem Brusthaar, lasse es streichelnd immer wieder durch meine Finger gleiten. Als ich zu ihm aufschaue, sehe ich in schwarze Augen. Komisch, seine eigentlich schiefergrauen Augen werden anscheinend immer schwarz, wenn er in irgendeiner Form erregt ist.

Er zieht meinen Kopf zu sich hoch. Das Frühstück ist vergessen. Leidenschaftlich dringt Colins Zunge in meinen Mund, seine Hände wandern über meinen Körper. Ich merke, dass er die Schleifen an meinem Bikinioberteil löst und es mir auszieht. Schnell löse ich mich von seinem Mund und rutsche ein Stück hinunter. Ich lege meine Lippen auf seine Brust, küsse ihn dort, lasse meine Zunge über seine harten Muskeln streifen, während meine Hände sich langsam tiefer bewegen. Seine Finger krallen sich in die Unterlage der Liege, er schließt die Augen und gibt sich meiner Berührung hin. Ich sehe, wie sich seine Männlichkeit unter der Badehose abzeichnet und streiche mit der Hand darüber. Ein leises Keuchen ist die Antwort und seine Erektion zuckt. Dadurch mutiger geworden, schiebe ich meine Hand in seine Shorts und nehme ihn in die Hand. Gemächlich streichele ich ihn und Colin hebt sein Becken meinen Bewegungen entgegen. Er ist steinhart. Ich höre Colins unregelmäßigen Atem und spiele mit meiner Zunge in seinem Bauchnabel. Er schmeckt so gut. Plötzlich werde ich herum geworfen, dass ich auf dem Rücken liege. Colin beugt sich über mich und saugt zärtlich an meiner Brust. Seine Hand streichelt meinen Bauch und die Lust schießt mir pulsierend in den Unterleib. Automatisch hebe ich meine Hüften etwas an, schon streift Colin mir die Bikinihose ab. Er kniet sich zwischen meine Beine und zeichnet mit seinen Lippen Muster auf meinen Bauch, bis ich anfange mich unter ihm zu winden und mein Atem nur noch stoßweise kommt. Sein Mund wandert tiefer, während er meine Beine mit seinen Schultern weiter spreizt. Dann spüre ich seinen Atem warm über meine intimste Stelle streichen. Eine kurze Berührung seiner Zunge und ein Schaudern überläuft mich. Er verwöhnt mich mit seinem Mund, bis mein Innerstes sich zusammenzieht. Ich bewege mein Becken im Takt seiner Zunge und merke, wie sich mein Höhepunkt nähert. Da fühle ich, wie sich zwei Finger in mich schieben, während er mit der anderen Hand meine Brust umfasst und mit der harten Knospe spielt. Ich kann mich nicht mehr zurückhalten und komme, während seine Finger sich rhythmisch in mir bewegen.

Ich bemühe mich noch, wieder zu Atem zu kommen, nach einem unglaublichen Höhepunkt, als er sich zwischen meine immer noch gespreizten Beine kniet. Er hat seine Shorts ausgezogen, ein Kondom aus seiner Brieftasche geholt und zieht es sich gerade über. Ich kann den Blick nicht von seiner Erektion abwenden und merke, wie mein Bauch schon wieder anfängt zu kribbeln. Ich will ihn in mir spüren. Er legt sich vorsichtig auf mich und gleitet in mich hinein. Langsam fängt er an sich zu bewegen und ich spüre, wie er mich ausfüllt. Durch die Reibung in meinem Inneren, baut sich meine eigene Erregung wieder auf. Seine Stöße werden schneller und ich lege meine Beine um Colins Hüften, um ihn noch dichter an mich zu ziehen. Hart stößt er in mich und ich höre an seinem Stöhnen, dass er kurz davor ist zu kommen. In dem Moment, als er auf dem Gipfel ist, entlädt sich auch in mir ein weiterer, noch intensiverer Höhepunkt als der erste.

Schwer atmend bricht Colin auf mir zusammen und rollt sich, noch in mir, auf den Rücken, sodass ich auf seinem Bauch zu liegen komme. Ich schmiege mich in seine Arme und genieße, wie er mir den Rücken streichelt und mir einen liebevollen Kuss aufs Haar gibt. Irgendwann löst er sich von mir und entsorgt das Kondom. Dann legt er sich wieder neben mich und zieht mich an sich. Wir widmen uns noch einmal dem leckeren Essen, der Sex hat uns hungrig gemacht, während wir aneinander gekuschelt daliegen.

„Warum bist du Samstagmorgen einfach verschwunden?“, fragt er auf einmal leise.

Ich wusste, dass diese Frage kommen würde. Was soll ich nur sagen? Er klingt fast ein wenig traurig. Oder bilde ich mir das nur ein? Ich weiß nicht so recht, was ich darauf sagen soll. Jetzt wäre die Gelegenheit, ihm von Lilly zu erzählen, aber ich kann nicht. Ich will diesen intimen Moment nicht zerstören, also sage ich nur: „Na ja, ich bin nicht absichtlich eingeschlafen und ich wusste nicht, ob du mich gleich über Nacht dahaben wolltest.“

Jetzt scheint er verletzt zu sein. Er schiebt mich ein bisschen von sich und richtet sich auf die Ellenbogen auf, um mich anzusehen.

„Natürlich wollte ich dich über Nacht dahaben! Ich weiß ja nicht, was du von mir denkst, aber normalerweise schmeiße ich Frauen nach dem Sex nicht raus, als wären sie billige Nutten. Davon abgesehen habe ich noch nie eine mit in das Penthouse genommen. Du warst die Erste. Ich habe eigentlich geplant, dich die ganze Nacht in meinen Armen zu halten und uns am nächsten Morgen, nach einer weiteren Runde, Frühstück zu machen. Ich hätte gern den Tag mit dir verbracht.“

Bei den letzten Worten wird seine Stimme wieder sanfter.

„Äh … meine Mutter ist Samstag zu Besuch gekommen. Deshalb musste ich weg.“

Lahme Ausrede, aber nicht ganz gelogen. Um das Thema zu wechseln, frage ich Colin nach seiner Familie.

Er ist Einzelkind, als Säugling adoptiert und seine Eltern scheinen sehr liebevolle Menschen zu sein. Während er von ihnen erzählt, nehmen seine Augen einen weichen, liebevollen Ausdruck an. Zu seinem Bedauern wohnen seine Eltern 800 Meilen entfernt, sodass er sie leider nicht so häufig sehen kann, wie er gerne würde. Immer wieder berührt Colin mich, küsst mich zärtlich, streicht mir liebevoll über den Arm und sieht mich mit warmem Blick an. Ich genieße die Zeit mit ihm so sehr. Mir wird klar, dass ich wirklich auf dem besten Weg bin, mich rettungslos in Colin zu verlieben.

Nach dem Essen werde ich schläfrig, mir fallen die Augen zu und ich höre im Halbschlaf nur noch ein Flüstern: „Endlich habe ich dich gefunden, meine Cinderella.“

Habe ich die Worte nur geträumt? Ich hoffe nicht.

Ich werde wach, als mir jemand zärtlich über den Rücken streicht.

„Ich wollte dich nicht wecken, aber ich glaube, wir müssen mal ein bisschen Sonnenmilch nachcremen. Nicht, dass deine wunderschöne Haut verbrennt. Die Sonne auf dem Meer ist tückisch.“

Schläfrig lasse ich ihn die Creme auf meinem noch immer nackten Körper verteilen. Er liegt hinter mir und ich fühle, wie seine Männlichkeit an meinem Hintern wächst, als er meine Brust und meinen Bauch eincremt. Da kann ich nicht widerstehen und greife hinter mich. Ich nehme ihn sofort in die Hand und massiere ihn. Colin stöhnt auf und seine Hand wandert zwischen meine Beine. Ich bin schon wieder bereit für ihn. Er dreht sich schwer atmend auf den Rücken und angelt nach einem Kondom. Ich nehme es ihm aus der Hand und streife es ihm über. Dann setze ich mich auf Colins Bauch und nehme seine Härte in mir auf, während wir uns stürmisch küssen.

Nachdem wir uns etwas erholt haben, ziehen wir uns langsam an und machen uns mit der Yacht auf den Weg zurück zum Hafen. Es ist spät geworden, schon früher Nachmittag. Gleich muss ich Lilly aus dem Kindergarten abholen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Colin wieder nichts von ihr erzählt habe, obwohl es eine Gelegenheit gab.

Als wir gerade angelegt haben und uns anschicken von Bord zu gehen, klingelt mein Handy. Der Kindergarten. Sofort schlägt mein Herz schneller. Der Kindergarten ruft nur im Notfall an. Ich entschuldige mich kurz bei Colin und gehe ein paar Schritte außer Hörweite. Mit zitternden Fingern nehme ich den Anruf an. Lilly ist krank, sie hat hohes Fieber. Sie haben schon ein paarmal versucht mich zu erreichen, aber anscheinend hatte mein Handy auf dem Meer keinen Empfang. Ich muss sofort los.

Als ich mich umdrehe, steht Colin hinter mir. Mir ist gerade völlig egal, was von dem Gespräch er mitbekommen hat. Als er mich anschaut, wird sein Blick besorgt.

„Annie, was ist los. Ist was passiert?“

Ich habe das Gefühl, mir dreht sich der Magen um vor Sorge. Ich will nur hier weg und zu meiner kleinen Lilly.

„Ein Notfall. Ich kann es jetzt nicht erklären, ich muss los.“

Er zieht mich noch kurz in die Arme und streicht mir einmal über den Rücken.

„Scht, ganz ruhig, du zitterst total. Bist du sicher, dass du Auto fahren kannst? Oder soll ich dich bringen?“

Bringen? Nein! Alles, bloß das nicht! Ich muss hier weg. Weg von Colin und zu Lilly.

„Danke. Es geht schon. Ich melde mich.“

Schnell drücke ich ihm noch einen Kuss auf und dann renne ich auch schon zu meinem Auto.

10

Im Kindergarten angekommen finde ich Lilly auf der Couch im Mitarbeiterzimmer. Sie schläft. Ihre Erzieherin ist bei ihr, als ich hereinkomme. Sofort entschuldige ich mich, dass mein Handy aus war und ich den Anruf erst so spät bekommen habe.

„Das macht doch nichts, das passiert uns doch allen manchmal, dass wir in einem Funkloch stecken oder der Akku leer ist“, beruhigt mich Megan, die Erzieherin.

Ich habe trotzdem ein total schlechtes Gewissen. Meine Kleine liegt hier und ist krank, während ich mich auf einer Yacht amüsiere. Ich frage die Erzieherin, wie lange sie schon kränkelt und hier schläft. Heute Morgen war ja noch alles gut.

„Ja“, bestätigt sie mir, „vormittags war Lilly noch gut gelaunt. Gegen Mittag wurde sie dann auf einmal so ruhig und wollte auch nichts essen, und das ist bei Lilly ja echt ungewöhnlich. Dann sagte sie, sie hätte Kopfschmerzen und wir haben gemerkt, dass sie Fieber bekommt. Das war aber erst vor ungefähr zwei Stunden. Also kein Grund, sich Vorwürfe zu machen.“ Ich kann mir nicht helfen, ich mache mir trotzdem Vorwürfe. Warum habe ich nicht gemerkt, dass sie krank wird. Sie hat gestern Abend schon nicht gut gegessen und war den Nachmittag über total unausstehlich, obwohl sie sonst immer so gut gelaunt ist.

Warum bin ich überhaupt mit Colin rausgefahren? Warum habe ich nicht gleich am Coffeeshop mit ihm geredet? Ich weiß schon, weil ich ein Feigling bin. Und weil Colin mich mit seinen Küssen zum Schmelzen bringt. Ich wollte das ausnutzen, solange es dauert. Also, in meiner Vorstellung, bis er von Lilly erfährt.

Besorgt trage ich meine schlafende Tochter zum Auto und setze sie in ihren Kindersitz. Dann rufe ich beim Kinderarzt an und bekomme tatsächlich sofort einen Termin. Ich trage sie in die Praxis und halte sie auf dem Arm, während der Arzt sie untersucht. Lilly hat sich einen fiesen Grippevirus eingefangen. Er verschreibt mir ein paar Medikamente und schickt mich mit einem neuen Termin für Freitag nach Hause.

Lilly geht es wirklich schlecht. So kenne ich meinen Spatz gar nicht. Wenn sie sonst mal krank war, war sie immer eher ruhig und hat viel geschlafen. Jetzt weint sie die ersten zwei Tage andauernd und ich liege fast nur neben ihr und halte sie in den Armen. Zwischendurch mache ich Wadenwickel gegen das Fieber und versuche sie zum Essen und Trinken zu überreden. Nachts stehe ich auf und wechsele die verschwitzten Laken. Ich schaffe es nicht einmal in Ruhe duschen zu gehen. Diese Woche ist das erste Mal in den drei Jahren mit Lilly, dass ich wünschte, ich wäre nicht allein und hätte jemanden, mit dem ich mich abwechseln könnte, der mich ein bisschen unterstützt.

Am Mittwoch und Donnerstag geht es Lilly schon wieder besser. Sie wird ruhiger und weint nicht mehr so viel. Jetzt kann sie auch wieder schlafen, ohne dass ich neben ihr liege. Wir sehen reichlich Zeichentrickfilme und essen ungesundes Zeug, was es sonst seltener gibt, aber Hauptsache, sie isst wieder etwas. Auf mein Handy habe ich seit Montag nicht mehr gesehen, mittlerweile ist der Akku alle und auch mein Buch liegt total brach. Ich habe seit Tagen mit niemandem außer Lilly gesprochen und war nur draußen, um die Post hereinzuholen.

Am Freitag müssen wir zum Arzt. Der Himmel ist zum ersten Mal seit Wochen wieder bewölkt. Mittlerweile ist es Anfang Juli und das erste richtige Sommerhoch scheint vorbei zu sein. Die Luft riecht nach Regen und ein frischer Wind weht vom Meer herüber.

Lilly ist glücklicherweise wieder fast gesund und läuft vor zum Auto in der Einfahrt. Seit Montag habe ich es nicht geschafft, den Wagen in die Garage zu stellen.

Als ich gerade aufschließen will, um Lilly einsteigen zu lassen, hält an der Straße neben meiner Einfahrt ein Motorrad. Der Fahrer macht den Motor aus, steigt ab und kommt auf mich zu. Ich denke noch, der will bestimmt nach dem Weg fragen, als er seinen Helm abnimmt. Vor mir in der Einfahrt steht Colin. Ich keuche auf vor Schreck und taumele zurück bis ich an die Autotür stoße. Wie betäubt starre ich ihn wortlos an, bis ich wie von Ferne Lillys Stimme höre.

„Hallo! Wer bist du denn?“

Colin dreht sich zu ihr um und sieht danach wieder zu mir. Fragend. Dann lässt er sich auf ein Knie nieder und streckt meiner Tochter die Hand hin.

„Hallo! Ich bin Colin. Und wer bist du?“, lächelt er sie strahlend an.

Mehr Aufforderung braucht sie nicht. Sie ergreift seine Hand, in der ihre fast komplett verschwindet und erzählt begeistert.

„Ich bin Lilly und das da ist meine Mom Annie.“

Er wirft mir einen Blick über die Schulter zu und ich habe das Gefühl, ich kann sehen, wie sich seine Augen verdunkeln. Er mustert mich einmal von oben bis unten und zwischen seinen zusammengezogenen Augenbrauen erscheint eine Falte. Ich kann den Ausdruck in seinen Augen nicht deuten. Die Angst vor seiner Reaktion lässt mein Herz wie verrückt schlagen. Mir rauscht das Blut in den Ohren und ich fange an zu zittern.

Irgendwann höre ich, dass die beiden sich weiter unterhalten.

„Ach, du warst krank? Das tut mir leid. Und jetzt musst du zum Arzt, damit der sagen kann, dass du wieder gesund bist?“

„Ja, genau. Und wenn ich gesund bin, darf ich Montag wieder in den Kindergarten. Da durfte ich die ganze Woche nicht hin. Ich hatte Fieber. Ganz doll. Und dann hat Mummy mir so komische Wickel gemacht und Medizin gegeben. Einen Heilesaft.“

Colin sieht über die Schulter kurz zu mir, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder meiner Tochter widmet.

„Kindergarten. Soso. Wie alt bist du denn? Kindergarten ist doch erst mit drei?“

Ich kann kaum glauben, was ich da höre. Horcht Colin gerade meine Tochter aus? Und was soll dieser Blick zu mir immer? Bevor ich einschreiten kann, hat mein kleiner Wirbelwind schon wieder weiter gequasselt.

„Ich bin schon lange drei! Ich bin nämlich ein Widderzeichen! Und was bist du?“

Colin scheint etwas verwirrt. Sie meint ihr Sternzeichen. Meine Freundin Jules steht total auf Astrologie und Lilly kannte ihr Sternzeichen schon bevor sie wusste, in welcher Stadt sie wohnt. Ich nutze sein Schweigen und sage Lilly, dass sie einsteigen soll. Als ich sie angeschnallt habe und die Tür schließe, steht Colin hinter dem Auto und sieht mich durchdringend an.

„Du hast eine dreijährige Tochter?“ zischt er mit zusammengebissenen Zähnen.

„Wann zum Teufel wolltest du mir das sagen?“

Oh nein, er ist jetzt richtig sauer. Bevor ich antworten kann, sehe ich wie die Erkenntnis in sein Gehirn vordringt. Seine Augen werden groß. Ungläubig sieht er auf den Wagen, in dem meine Tochter sitzt.

„Ist sie …?“

Weiter kommt er nicht. Ich will diese Frage nicht hören und unterbreche ihn sofort.

„Jetzt nicht, Colin! Wir müssen los.“

Schnell steige ich ein und knalle die Autotür hinter mir zu.

Anscheinend fällt ihm der Arzttermin wieder ein, denn er tritt zurück als ich den Motor starte und aus der Einfahrt zurück auf die Straße setze. Im Rückspiegel sehe ich, wie er uns bewegungslos hinterherstarrt. Ich versinke in meinen Gedanken bis Lilly fragt: „Mummy, kennst du den Mann?“

Ja, ich kenne ihn. Wie gut, kann ich einer Dreijährigen wohl nicht erklären. Ich sage ihr, er wäre einfach ein Bekannter und hoffe, dass sie nicht weiterfragt.

Als wir im Wartezimmer sitzen, ist der erste Schreck über die Begegnung abgeklungen und ich frage mich zum ersten Mal, woher Colin meine Adresse hatte. Ich weiß ganz sicher, ich habe sie ihm nie gegeben, um genau das zu verhindern, was eben passiert ist. Warum nur war ich zu feige mit ihm zu reden? Jetzt ist die Katastrophe perfekt. Colin ist nicht blöd. Er wird ungefähr eine Millionen Fragen haben und ich habe keine Antworten für ihn.

Das Wochenende rauscht wie im Nebel an mir vorbei. Lilly ist wieder komplett fit und tobt durch Haus und Garten. Ich versuche mich abzulenken, schreibe ein bisschen an meinem Buch weiter, lande aber in Gedanken immer wieder bei Colin und sehe sein erstauntes Gesicht vor mir, als ihm dämmert, was Lilly ihm da gerade erzählt hat. Ich frage mich immer wieder, woher er meine Adresse hat. Sie ist nirgendwo verzeichnet. Ich habe Angst vor den Fragen, die er zwangsläufig irgendwann stellen wird.

Am Samstag schreibe ich Jules eine lange E-Mail und bringe sie auf den neuesten Stand, erzähle, wie Colin plötzlich in meiner Einfahrt stand und von Lilly erfahren hat.

Ein paar Stunden später kommt ihre Antwort.

„Annie, es bleibt dir nichts anderes übrig. Liebst du ihn? Dann rede mit ihm und erzähl ihm ALLES! Ansonsten wirst du ihn verlieren.“

Ich glaube es ist zu spät. Ich habe ihn bereits verloren. In dem Moment, als er Lilly kennenlernte, habe ich ihn verloren. Der Gedanke lässt mich nicht mehr los. Ich habe das Gefühl, es bricht mir das Herz. Ja, anscheinend liebe ich ihn. Ich bin so verzweifelt, dass ich mich in den Schlaf weine. Nachts werde ich wach und bin total verheult, mein Kissen ist klatschnass. Ich weiß, ich hatte einen Albtraum, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Die letzten Wochen waren für mich eine emotionale Achterbahnfahrt, ich bin total erledigt und muss mich zusammenreißen, um meine Laune nicht an Lilly auszulassen.

Sonntagabend kommt eine SMS von Colin. Kurz und knapp.

„Wir müssen reden. Morgen früh. Coffeeshop.“

Ich weiß nicht so recht, was ich darauf antworten soll. Colin ist anscheinend echt sauer, und das zu Recht. Selten habe ich so einen Mist gebaut. Ich bin feige und schreibe nicht zurück.

In der Nacht zu Montag finde ich wieder keinen Schlaf, werfe mich nur unruhig im Bett hin und her. Um fünf Uhr morgens stehe ich auf und gehe duschen. Als ich Lilly wecke, bin ich schon komplett angezogen. Kuscheln im Bett fällt heute mal aus, ich bin zu angespannt.

Im Kindergarten werde ich natürlich gleich angesprochen, ob ich jetzt Lillys Grippe hätte, ich wäre so blass. Na toll. Also super gewappnet für ein Gespräch mit Colin.

Als ich am Coffeeshop ankomme, steht er wie immer schon da. Diesmal allerdings ohne Kaffee. Okay, ich atme tief durch und trete auf ihn zu.

„Wenn du noch einen Kaffee brauchst, ich warte hier“, brummt er mich an und schaut mir nicht einmal in die Augen, als er mit mir spricht. Innerlich ziehe ich den Kopf ein und gehe schnell in den Laden.

Mit einem Becher in der Hand komme ich wieder heraus. Er zeigt vom Hafen weg in Richtung Strand, da ist an einem Montagmorgen um diese Zeit nichts los. Am Strand können wir in aller Ruhe reden. Schweigend gehen wir los. Ich weiß nicht, was ich sagen soll und das erste Mal ist es zwischen uns ein angespanntes, unbehagliches Schweigen. Am Strand nehme ich meine Sandalen in die Hand und laufe barfuß weiter bis Colin anfängt zu sprechen.

„Du hast also eine dreijährige Tochter.“

Was soll ich sagen?

„Ja, Lilly.“

„Wie lange sind wir jetzt zusammen?“

Zusammen? Meint er so richtig? Eine Beziehung? Bevor ich antworten kann spricht er weiter.

„Wir haben so viel geredet, uns von unserem Leben erzählt, von unseren Familien und du hast es nicht für nötig befunden, mit einem Satz deine Tochter zu erwähnen?“

Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

„Gehört deine Tochter nicht zu deinem Leben? Ist sie nicht deine Familie? Bedeutet sie dir nichts? So sieht es nämlich für mich aus, wenn du sie verschweigst, als wäre sie dir peinlich.“

Mir schießen die Tränen in die Augen und ich schlucke heftig dagegen an. Ich habe nicht damit gerechnet, dass er mich so angreift.

„Du hast doch gar keine Ahnung! Meine Tochter ist mein Leben, ich würde alles für sie tun!“

Ich schreie allen Frust heraus, während er immer ruhiger, immer böser wird.

„Ach ja? Hast du mir deshalb nichts von ihr erzählt? Warum Annie? Warum durfte ich nichts von ihr wissen? Wie kann man sein eigenes Kind so verleugnen?“

Verleugnen? Das habe ich nie gewollt. Aber irgendwie hat er Recht, ich habe sie ihm gegenüber tatsächlich verleugnet.

„Ich hatte Angst.“

Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, vor lauter unterdrückten Tränen.

Colin zuckt zurück, als hätte ich ihn geschlagen.

„Du hattest Angst? Vor mir? Weshalb? Habe ich dir je einen Grund gegeben, Angst zu haben? Meinst du nicht, ich habe gemerkt, dass du am Anfang bei jeder Berührung zurückgezuckt bist. Ich weiß zwar nicht warum, aber habe ich mich nicht bemüht, dir das zu nehmen? Hast du mir nicht vertraut, als wir miteinander geschlafen haben? Hat dir das alles nichts bedeutet?“

Ich merke, wie wir vom Thema abschweifen. In diese Richtung darf unser Gespräch nicht gehen.

„Ich hatte Angst, dass du mich nicht mehr sehen willst.“

Ich antworte nur auf seine ersten Fragen, der Rest hat Zeit.

„Dass ich dich nicht mehr sehen will? Nur weil du eine Tochter hast? Das ist doch Schwachsinn!“

Jetzt ist er es, der laut wird.

„Ist es nicht vielmehr so, dass du mir Lilly vorenthalten wolltest, weil sie auch meine Tochter ist?“

Er rauft sich die Haare, dann packt er mich an den Schultern und schüttelt mich kurz, als ich schweige.

„Ich bin nicht blöd, ich weiß wie lange eine Schwangerschaft dauert und ich weiß auch, wann Widder geboren werden. Antworte mir Annie! Ist Lilly meine Tochter?“

Ich schluchze auf, kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich kann ihn nicht ansehen und blicke zu Boden, als ich leise sage: „Ich weiß es nicht …“

Er lässt mich so abrupt los, dass ich nach hinten stolpere.

„Du weißt es nicht?“, jetzt klingt er nicht mehr nur wütend, auch erstaunt. Und verletzt. „Wie kannst du nicht wissen, wer ihr Vater ist? Mit wie vielen Männern hast du zu der Zeit geschlafen? Bist du nach dem Quickie mit mir gleich dem Nächsten an den Hals gesprungen? Wie viele Möglichkeiten gibt es denn Annie? Nur zwei? Oder noch mehr?“

Ich merke, dass er mich mit jedem Wort verletzen will, so, wie ich ihn anscheinend verletzt habe.

Leise fügt er noch hinzu: „Ich hätte dich nie für eine Schlampe gehalten. In den letzten zehn Jahren hatte ich drei Gerichtstermine, weil Frauen mir ein Kind anhängen wollten. War das auch dein Plan? Wolltest du, dass ich mich in dich verliebe, um mir dann das Kind unterzuschieben? Oder denkst du genau anders herum und willst mir mein Kind vorenthalten?“

Ich starre immer noch auf meine Füße, meine Tränen tropfen in den Sand, ich kann nicht aufhören zu weinen.

„Es tut mir leid“, bringe ich nur leise krächzend heraus.

Colin geht, lässt mich allein hier stehen. Nach ein paar Metern dreht er sich noch einmal zu mir um.

„Spar dir deine Tränen, damit erreichst du bei mir gar nichts. Ich will einen Vaterschaftstest. Und wenn ich dich darauf verklagen muss. Wenn Lilly meine Tochter ist, habe ich ein Recht auf sie.“

Er wendet sich endgültig ab und verlässt den Strand. Ich lasse mich in den Sand sinken, weil ich keine Kraft mehr habe zu stehen. Dann lege ich den Kopf auf die Arme und schluchze hemmungslos bis meine Tränen versiegen.

11

Irgendwie schaffe ich es nach Hause zu kommen und mich in meinem Bett zusammenzurollen. Mir tut alles weh, als hätte ich mir tatsächlich Lillys Grippe eingefangen. Ich weiß aber, dass mir körperlich nichts fehlt. Es ist erst zehn Uhr morgens, kommt mir aber vor, wie später Abend. Ich bin so müde und will nur noch schlafen. Bewegungslos starre ich den ganzen Tag an die Decke bis es Zeit wird, Lilly vom Kindergarten abzuholen. Ich funktioniere, bis Lilly ins Bett geht, auch wenn ich mich wie betäubt fühle. Dann liege ich wieder da und mache nichts.

So geht das die nächsten zwei Wochen. Ich stehe auf, mache meine Tochter fertig, fahre sie in den Kindergarten und lege mich zu Hause auf die Couch oder ins Bett. Nachmittags hole ich sie ab, fahre sie zum Spielen oder spiele selbst mit ihr bis sie ins Bett geht und ich wieder auf mein Sofa. Aber egal, was ich mache, ich bin nicht mit dem Herzen dabei, kann mich an nichts mehr erfreuen und es fällt mir von Tag zu Tag schwerer, Lilly eine heile Welt vorzuspielen, den Anschein zu machen, als ginge es mir gut, obwohl mein Herz in Trümmern liegt und ich mich eigentlich nur komplett von allem abschotten möchte. Ich weiß, dass ich dringend etwas essen sollte, aber ich kann nicht. Ich bekomme fast nichts herunter und wenn ich etwas esse, schmecke ich nichts. Auch ohne auf die Waage zu steigen, weiß ich, ich habe diverse Kilo abgenommen. Meine Jeans schlackern um meine Hüften und ich kann im Spiegel deutlich meine Rippen, meine Beckenknochen sehen. Noch immer habe ich das Gefühl, mir tut alles weh. Innerlich bin ich total kalt, als wäre ein Teil von mir abgestorben. Seit Tagen habe ich mich nicht mehr geschminkt oder mein Telefon abgenommen. Ich liege nur da und grübele und immer wieder gehen mir Colins Worte durch den Sinn. Wie kann ich ihm jetzt noch erklären, wie es wirklich war? Es würde nur nach einer blöden Ausrede klingen. Außerdem scheint sein Bild von mir festzustehen. Ich bin eine Schlampe, die mit jedem ins Bett geht.

Irgendwann klingelt es gegen Abend an meiner Tür. Ich will nicht öffnen, aber Lilly rennt sofort los. Mein Bruder Chris steht unangemeldet davor und mustert mich schweigend von oben bis unten. Je länger er mich ansieht, desto mehr verdunkelt sich sein Blick.

„Ach herrje, siehst du scheiße aus!“

Na danke. Solche Kommentare haben mir gerade noch gefehlt.

„Was willst du Chris?“

„Ich wollte nur mal sehen, wie es dir geht. Du reagierst weder auf Anrufe, noch auf E-Mails. Ich habe mir Sorgen gemacht.“

Was soll ich sagen?

„Es geht mir gut. Ich lebe noch, du kannst wieder gehen.“

Ich versuche ihn aus der Tür zu schieben, aber da kenne ich meinen Bruder wohl schlecht. So leicht lässt er sich nicht abwimmeln.

Chris schickt Lilly auf ihr Zimmer zum Spielen. Er will anscheinend ernsthaft mit mir reden und wenn er sich so etwas in den Kopf gesetzt hat, wird man ihn nicht wieder los. Da kann ich auch gleich aufgeben und es hinter mich bringen.

„So, jetzt erzähl mal Schwesterherz. Was ist passiert?“

Er nimmt mich in den Arm und führt mich zur Couch. Da zieht er mich in seine Arme und bettet meinen Kopf an seiner Schulter, streichelt mir über den Rücken. Mehr braucht es nicht, bei mir brechen alle Dämme. Schluchzend erzähle ich ihm alles, was in den letzten Wochen passiert ist. Angefangen mit der Begegnung im Coffeeshop – wovon er ja von unserer Mutter schon gehört hat – bis hin zu dem Streit am Strand. Er hört geduldig zu, ohne mich zu unterbrechen, obwohl er bei meinem Geheule wohl nur die Hälfte versteht. Nachdem ich endlich alles losgeworden bin und sein T-Shirt von meinen Tränen durchnässt ist, geht es mir etwas besser.

„So, du gehst jetzt schön in die Badewanne und siehst zu, dass du mal wieder aussiehst wie ein Mensch. Ich zaubere uns in der Zeit etwas zu essen und mache uns einen Wein auf. Und dann überlegen wir uns, was wir machen.“

Es ist schön, dass jemand anderer einmal die Verantwortung für mein Leben übernimmt und mir sagt, was ich machen soll. Als ich im Bad in den Spiegel sehe, erschrecke ich. So schlimm habe ich wohl noch nie ausgesehen. Gut, dass Chris gekommen ist.

Nach der Badewanne fühle ich mich wieder etwas mehr wie ein menschliches Wesen. Auch wenn ich immer noch ausgemergelt aussehe, habe ich zumindest wieder etwas Farbe im Gesicht.

Als ich in die Küche komme, stellt Chris gerade das Essen auf den Tisch. Lilly sitzt schon brav auf ihrem Stuhl und himmelt Onkel Chris an. Eigentlich kann ich ganz gut kochen, aber mein Bruder schlägt mich um Längen. Auch wenn ich noch nicht wieder so richtig Appetit habe, es schmeckt köstlich.

Ich habe bei dieser einen Mahlzeit mehr gegessen, als in den letzten zwei Wochen an einem ganzen Tag. Nach dem Essen schickt er mich mit einem Glas Wein auf die Couch und geht Lilly baden und zu Bett bringen. Wenn er die Kleine schon mal sieht, lässt er sich das nicht nehmen. Als sie eingeschlafen ist, gesellt er sich zu mir und wir überlegen gemeinsam, was ich machen könnte.

Einerseits will ich keinen Vaterschaftstest, weil ich nicht hören will, dass Colin Lillys Vater ist. Er würde denken, ich hätte das so geplant. Andererseits möchte ich aber auch nicht erfahren, dass Colin NICHT ihr Vater ist, weil diese Alternative noch schrecklicher wäre. Aber wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, Colin wird auf einen Test bestehen. Die Frage ist nur wann. Seit zwei Wochen warte ich bangend auf eine Aufforderung, einen Brief seines Anwalts oder was auch sonst man macht, um so einen Vaterschaftstest zu erzwingen. Ich kann das Warten nicht mehr ertragen, irgendetwas muss geschehen und zwar möglichst sofort.

Heute ist Dienstagabend, Chris hat ein paar Tage frei und bleibt bis zum Wochenende bei mir. Nachdem wir die Flasche Wein geleert haben, bin ich ziemlich angetrunken. Normalerweise trinke ich nicht so viel und habe auch nicht so oft die Gelegenheit dazu. Durch den Alkohol mutig geworden, schreibe ich Colin eine SMS. Schließlich hat er mir mit dem Test gedroht und dann nichts mehr von sich hören lassen.

„Wie geht es jetzt weiter?“

Nachdem die SMS raus ist, sehe ich, dass es schon weit nach Mitternacht ist. Ups, hoffentlich habe ich ihn nicht geweckt. Ich will ihm nicht noch mehr Gründe geben, sauer auf mich zu sein. Schließlich liebe ich ihn immer noch. Das ist mir in den letzten zwei Wochen sehr klar geworden. Würde ich ihn nicht lieben, hätte er mich niemals so verletzen können und mir wäre es nicht so schlecht gegangen.

Als nicht gleich eine Antwort kommt, gehe ich ins Bett. Chris hat mir versprochen, Lilly morgen früh fertig zu machen und in den Kindergarten zu bringen, damit ich mich mal wieder ausschlafen kann. Er will so viel Zeit wie möglich mit seiner kleinen Nichte verbringen. Er meint, er sieht sie sowieso viel zu selten, weil er so viel arbeitet und nicht gerade um die Ecke wohnt.

Am nächsten Morgen erwache ich erst nach elf Uhr. Ich habe das erste Mal seit Wochen wieder gut geschlafen und fühle mich ausgeruht und voller Energie.

Als ich frisch geduscht nach unten komme, sitzt Chris in meiner Küche und liest Zeitung.

„Dein Handy hat vorhin geklingelt. Ich wollte nicht einfach rangehen.“

Ich schaue nach und sehe, dass Colin angerufen hat. Und eine SMS von ihm.

„Morgen 14 Uhr bei Dr. Mollardt. Speichelprobe abgeben. Bring Lilly mit.“

Na, freundlich ist anders. Er ist anscheinend noch immer stinksauer. Ich kann es irgendwie verstehen. Als ich Chris die SMS zeige, fragt er: „Bist du sicher, dass du ihn liebst? Dein Colin scheint ein ganz schöner Stinkstiefel zu sein.“

Ja, ich bin sicher. Leider. Er ist nämlich nicht mehr MEIN Colin.

Wir verbringen den Tag in der Stadt und gehen bummeln. Wir schlendern durch die Julisonne, holen uns mittags eine Kleinigkeit zu essen und setzen uns an den Hafen. Wie oft bin ich mit Colin hier entlanggegangen? Ich werde wieder wehmütig, als ich daran denke. Kurz glaube ich, sein Gesicht zu sehen, aber es ist zu schnell wieder in der Masse der Touristen verschwunden.

Nachdem wir Lilly aus dem Kindergarten geholt haben, gehen wir gemeinsam an den Strand. Wir essen Eis und bauen Sandburgen. Abends gehen wir noch in ein Restaurant an der Promenade, bevor wir nach Hause zurückkehren.

In der nächsten Nacht schlafe ich wieder schlecht. Der Wein am Vorabend hatte anscheinend eine beruhigende Wirkung auf mich, die mir jetzt fehlt und ich wälze mich im Bett herum, weil ich Angst vor dem Treffen mit Colin morgen Mittag habe. Lilly holen wir nach dem Mittagessen aus dem Kindergarten ab, um pünktlich bei Dr. Mollardt zu sein.

Ich habe versucht, meine Schlaflosigkeit der letzten Nacht zu überschminken, aber man sieht noch deutlich die Schatten unter meinen Augen. Zusammen mit der Gewichtsabnahme und den schlackernden Klamotten gebe ich nicht wirklich ein schönes Bild ab, aber ich muss ja niemanden beeindrucken.

Chris kommt zur moralischen Unterstützung mit und als wir in der Praxis ankommen, ist Colin schon da. Wie immer überpünktlich. Er hat sich verändert in den letzten Wochen. Seine schwarzen Haare sind noch länger geworden und er hat wieder einen Drei-Tage-Bart, was ihn gefährlich aussehen lässt. Seit unserer ersten Begegnung vor dem Coffeeshop waren seine Wangen immer glatt rasiert. Zusammen mit den mal wieder schwarzen Augen und der Falte zwischen den zusammengezogenen Augenbrauen, ist er ziemlich einschüchternd.

Ich halte unbewusst die Luft an, als er mich bemerkt. Kurz flackert etwas in seinen Augen auf. War das Sorge? Zu schnell um etwas zu erkennen, ist sein Blick wieder ausdruckslos.

Er mustert Chris und nickt ihm kurz zu, dann entdeckt er Lilly und kniet sich sofort auf den Boden. Seine Augen werden weich und die Falte verschwindet während er sie anspricht.

„Hey Lilly! Kennst du mich noch? Wie ich sehe bist du wieder ganz gesund. Und ich glaube, du bist sogar ein Stück gewachsen, seit wir uns gesehen haben.“

Lilly, die kleine Verräterin, ist natürlich sofort begeistert und redet auf ihn ein, bis der Arzt uns holen kommt. Dann flüchtet Lilly sich schnell auf meinen Arm. Sie hat ein bisschen Angst vor fremden Ärzten. Colin sieht ihr hinterher. Wehmütig? Als er sieht, dass ich ihn beobachte, verschließt er sich sofort wieder und wendet sich ab.

Wir werden nacheinander in das Sprechzimmer geführt und geben unsere Speichelproben für den Test auf einem Wattestäbchen ab. Der Arzt sagt noch, dass das Ergebnis vier bis sechs Wochen dauern wird und dann sind wir auch schon entlassen.

Als wir auf die Straße treten, steht Colin auf einmal hinter mir. Er hat die ganze Zeit kein Wort zu mir gesagt, aber jetzt spricht er mich an.

„Na, da hast du dich aber schnell getröstet. Und der Neue darf sogar Papi spielen.“

Ich bin so erstaunt, dass ich zu spät realisiere, was er eigentlich gesagt hat. Mein Bruder hat ihn anscheinend sofort verstanden, denn Chris springt vor und drückt Colin mit dem Unterarm an seiner Kehle an die Wand.

„Pass auf, was du sagst, Arschloch! Ich bin ihr Bruder!“, faucht er Colin mit zusammengebissenen Zähnen an. Ich sehe, dass Chris ihn am liebsten schlagen würde, aber ich kann mich nicht rühren, um die beiden zu trennen. Ich bin wie erstarrt.

„Da solltest du aber besser auf deine Schwester aufpassen, bevor sie wieder schwanger wird und nicht weiß, wer der Vater ist“, krächzt Colin und versucht sich loszumachen.

Da kennt er meinen Bruder aber schlecht. Mir frisst sich der Schmerz über seine Worte durch die Eingeweide und ich habe das Gefühl mich übergeben zu müssen. Durch das Rauschen in meinen Ohren höre ich, wie Chris noch sagt: „Du kennst sie nicht. Und hättest du sie je gemocht, hättest du nach IHRER Version gefragt und sie nicht mit Vorwürfen überhäuft. Meine Schwester hat nichts falsch gemacht. Sie war das Opfer!“

Damit schubst er Colin weg, dreht sich um und geht zu Lilly, die ein paar Meter vorgelaufen ist. Die Kleine hat glücklicherweise nichts von dem handfesten Streit mitbekommen, sondern ist versunken in den Anblick von ein paar Möwen, die sich um ein Stück Brot zanken.

Ich stehe noch immer wie festgewachsen, zu erschüttert bin ich über das, was Colin gerade über mich gesagt hat. Ich merke, wie mir die Knie weich werden und ich anfange zu zittern, als Chris mich am Arm fasst und zum Auto führt.

12

Zu Hause angekommen, habe ich das Gefühl, in ein Loch zu fallen. Ich höre immer wieder Colins Worte und kann nicht glauben, dass das derselbe Mann ist, den ich auf der Yacht im Sonnenschein geliebt habe. Ist das wirklich noch nicht einmal vier Wochen her? Ich habe das Gefühl, mein Leben ändert sich mit jeder Sekunde, die vergeht. Ich versinke in meinen Gedanken, während Chris sich um Lilly kümmert.

Am Freitag geht Lilly nicht in den Kindergarten, Chris möchte seinen letzten Tag mit ihr genießen. Morgen nach dem Frühstück fährt er wieder nach Hause. Er geht mit ihr in den Zoo, während ich versuche mich vom Grübeln abzuhalten und ein bisschen zu arbeiten. Als Lilly abends im Bett ist, trinken wir wieder einen Wein und reden. Chris rät mir, Colin zu vergessen. Wie kann ich etwas für jemanden empfinden, der mich so niedermacht. Ich weiß, dass er recht hat, aber ich kann ihn nicht vergessen. Ich kenne seine lieben Seiten zu gut. Die Fürsorge, die Zärtlichkeit, sein Lachen, all das habe ich noch deutlich vor Augen und vermisse es. Außerdem kann ich ihn nicht aus meinen Gefühlen ausschließen, wenn ich ihn womöglich demnächst dauerhaft in meinem Leben haben werde. Sollte Colin tatsächlich Lillys Vater sein, wird er sie regelmäßig sehen wollen. Er würde sein Kind niemals im Stich lassen, soviel steht fest. Vermutlich würde er sie mit seiner Liebe überschütten und ich stünde als Zaungast in der ersten Reihe. Nein, ich muss mich zusammenreißen und mich irgendwie mit der Situation arrangieren. Für Lilly.

Mit diesem Gedanken gehe ich schlafen. Für Lilly lasse ich mich sogar von Colin beschimpfen.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen verabschieden wir Chris. Es war gut, dass er hier war. Er hat mir diese Woche sehr geholfen und es geht mir, trotz des kleinen Einbruchs nach dem Arztbesuch, deutlich besser.

Nachdem er gefahren ist, machen Lilly und ich uns auf den Weg in die Stadt. Wir wollen ein paar Klamotten einkaufen und neue Schuhe für mein Töchterchen. Gemütlich schlendern wir durch die Einkaufsstraße. Nachdem wir alles bekommen haben, hole ich Lilly ein Eis und wir gehen auf den Spielplatz in der Nähe des Hafens. Sie war so geduldig beim Einkaufen, jetzt darf sie sich ein bisschen auspowern. Ich setze mich auf eine Bank am Rand, stelle die diversen Einkaufstüten neben mir auf den Boden und beobachte sie. Auf einmal höre ich, wie sie nach Colin ruft. Tatsächlich, da steht er, am Rand des Spielplatzes und hockt sich gerade hin, als Lilly auf ihn zuläuft. Er trägt eine kurze Sporthose und ein ärmelloses T-Shirt, das sich eng an seinen kräftigen Oberkörper schmiegt. Selbst auf die Entfernung kann ich sehen, das er verschwitzt ist, anscheinend war er gerade joggen. Ich merke, wie mir der Mund trocken wird, so gut sieht er aus. Am liebsten möchte ich mich sofort wieder in seine starken Arme schmiegen und vergessen, was zwischen uns war, was er mir unterstellt und vorgeworfen hat.

Die beiden unterhalten sich wie alte Freunde. Ich weiß nicht recht, wie ich reagieren soll. Soll ich zu den beiden hingehen oder lieber sitzen bleiben? Gerade stehe ich auf, da nimmt Lilly Colins Hand und zieht ihn zu mir herüber.

„Guck mal Mummy, Colin ist auch hier!“

Sie freut sich so ihn zu sehen, als würden die beiden sich schon ewig kennen. Sie scheint Colin echt in ihr Herz geschlossen zu haben. Ich kann es ihr nicht verdenken. Wie die Mutter, so die Tochter …

„Ja, Spatz, das ist schön“, bringe ich heraus, obwohl ich das Gefühl habe, dass mir ein Knoten den Hals abschnürt.

Colin starrt mich undurchdringlich an. Lilly hat indessen schon wieder ein paar Freunde entdeckt und rennt zum Sandkasten. Wir stehen neben der Bank und schweigen uns an, mustern uns gegenseitig. Ich würde am liebsten meine Hand heben und ihm die zu langen, schwarzen Haare zurückstreichen. Er trägt noch immer den Bart und sieht aus, als hätte auch er in letzter Zeit nicht sonderlich gut geschlafen. Er sieht mich an, als wolle er etwas sagen, aber er schweigt und lässt den Blick von mir weg über den Spielplatz schweifen. Auch ich kann ihn nicht länger ansehen, weil es so weh tut und blicke zu Boden. Da dreht er sich langsam um, weg von mir.

Ich möchte nicht, dass er geht und sage: „Colin, ich …“

Er unterbricht mich ohne sich umzudrehen.

„Nein Annie, lass gut sein.“

Schnell geht er vom Spielplatz und verschwindet zwischen den Fußgängern auf der Straße. Ich wollte ihn fragen, woher er meine Adresse hatte, aber anscheinend redet er jetzt gar nicht mehr mit mir.

Samstagabend übernachtet Lilly bei Amy, einer Freundin aus dem Kindergarten, und ich nutze die freie Zeit, um mein Buch fertigzustellen. Ich blende die Wirklichkeit aus und tauche ein in die Geschichte meiner Fantasie. Es fühlt sich an, wie eine Flucht vor der Realität und irgendwie ist es das wohl auch, war es immer schon. Wenn ich schreibe, kann ich alles um mich herum vergessen, in meiner eigenen kleinen Welt leben und schaffe es, allen Schmerz zu vergessen, solange die Worte aus meinen Fingern strömen.

Als ich Lilly Sonntagabend wieder abhole, bin ich mit dem Buch fertig. Nur noch Korrektur lesen und es ist abgeschlossen und dann habe ich ein bisschen Zeit, bevor ich das nächste beginne.

Ich habe fast die ganze Nacht und den ganzen Sonntag durchgearbeitet und fühle mich jetzt völlig zerschlagen. Mein Kopf tut weh und es kommt mir vor, als wäre ich unter einen Zug gekommen.

Abends gehe ich mit Lilly zusammen um acht ins Bett und schlafe sofort ein. Als ich am nächsten Morgen aufwache, merke ich schon, ich bin krank. Anscheinend habe ich mir jetzt eine Grippe eingefangen. Mein Hals ist zugeschwollen, ich bin heiser, mir tut alles weh und ich glaube ich habe Fieber. Ich schaffe es kaum aufzustehen, aber Lilly muss in den Kindergarten. Ich bringe sie hin und schleppe mich zum Coffeeshop. Vielleicht hilft ein bisschen Koffein gegen den Schwindel, der mich immer wieder überkommt und bringt meinen Kreislauf ein bisschen in Schwung. Ich schleiche, den Blick fest auf den Boden gerichtet, mit meinem Kaffee aus der Tür, als ich mal wieder mit jemandem zusammenpralle.

Trotz Krankheit reagiert mein Körper sofort und meine Nase nimmt seinen Geruch wahr. Bevor ich hochsehe, weiß ich schon, es ist Colin.

Oh nein, nicht das auch noch. Ich will nur hier weg, ich bin zu einer weiteren Konfrontation einfach nicht in der Lage. Nicht heute. Ich möchte auch nicht, dass er mich in diesem Zustand sieht. Ich bin nicht geduscht und trage irgendwelche nicht zueinander passenden Joggingklamotten. Schminken war heute Morgen auch nicht drin und noch dazu bin ich käsebleich. Schnell schiebe ich ihn beiseite und gehe einfach weiter, ohne ihn anzusehen. Mir ist so schwindelig und ich muss mich konzentrieren, damit ich nicht stolpere.

Da fasst er mich von hinten am Arm und hält mich fest.

„Annie, was ist los?“

Er klingt besorgt. Nein, das kann nicht sein. Colin hasst mich.

Ich versuche meinen Arm zu lösen, aber er hält mich eisern fest und zieht mich über die Promenade in eine ruhige Ecke. Ich taumele hinter ihm her und wäre bestimmt ein paar Mal hingefallen, wenn er mich nicht so festhalten würde. An der Hafenmauer hebt er vorsichtig mein Gesicht zu sich hoch, damit er mich ansehen kann. Er sieht tatsächlich besorgt aus. Ich bin kurz davor in Tränen auszubrechen und möchte einfach nur nach Hause, bevor ich hier auf der Straße zusammenklappe. Heftig drehe ich meinen Kopf weg, entreiße ihn seiner Hand.

„Lass mich in Ruhe, Colin. Egal, was du willst - jetzt nicht!“

Die erste Träne rollt über meine Wange, bevor ich es verhindern kann. Wieder versuche ich meinen Arm freizubekommen. Durch die abrupte Bewegung nimmt der Schwindel zu. Ich sehe nur noch verschwommen, alles dreht sich. Ich muss hier weg und zwar schnell. Langsam werde ich panisch.

„Verdammt Annie, was machst du hier? Du gehörst ins Bett, du bist krank!“

Ich höre noch seine Stimme, als um mich herum alles schwarz wird.

13

Als ich wieder zu mir komme, liege ich in meinem Bett. Colin sitzt neben mir.

„Wie spät ist es?“, krächze ich heiser. „Lilly …“

„Lilly geht es gut. Ich habe im Kindergarten angerufen und gefragt, wer eine Vollmacht hat, sie abzuholen und denen erklärt, dass du krank bist. Sie ist jetzt bei Amy und bleibt die Nacht über dort.“

Woher weiß er …? Mein Gehirn ist nicht in der Lage, die Frage zu Ende zu denken, die mir kurz durch den Kopf schießt. Ich kann kaum meine Augen aufhalten, fühle mich wie in Watte gepackt. Hauptsache, Lilly ist versorgt. Bei ihrer besten Freundin Amy ist sie super untergebracht.

Ich fühle Colins kühle Hand auf meiner Stirn.

„Komm, Süße, trink ein bisschen. Du hast über 40 Grad Fieber, du musst viel trinken.“

Er legt mir den Arm um die Schultern und hebt mich vorsichtig an. Dann setzt er sich halb hinter mich und stützt mich mit seinem Körper, während er mir einen Becher an die Lippen hält. Nachdem ich einen Schluck genommen habe, legt er mich wieder hin und streicht mir sanft das Haar aus dem Gesicht. Ich hab das Gefühl, zu träumen. Ist das wirklich gerade Colin, der sich hier so aufopfernd um mich kümmert? Der Colin, der mich für die letzte Schlampe hält?

„Schlaf noch ein bisschen, gleich kommt der Arzt.“

Ich mache die Augen zu und schlafe sofort ein.

Colin weckt mich sanft, als der Arzt da ist. Es ist Doktor Mollardt, vom Vaterschaftstest. Anscheinend Colins Hausarzt. Er untersucht mich, lässt Medikamente da und gibt Colin Anweisungen, wie er mich zu pflegen hat. Ich kann mich während des Ganzen kaum rühren. Ich bin so müde.

„Nein, lass mich los! Ich will das nicht! Du tust mir weh! Hilfe! Bitte helft mir“, ich erwache von meinen eigenen Schreien aus dem Albtraum.

„Scht, ganz ruhig Süße. Ich bin ja da. Ich passe auf dich auf. Niemand wird dir weh tun. Du hast geträumt.“

Colin murmelt besorgt beruhigende Worte vor sich hin und ich komme langsam zu mir. Es ist anscheinend mitten in der Nacht, denn im Zimmer ist es stockdunkel. Ich zittere am ganzen Körper, mir klappern die Zähne und ich kann nicht sprechen. Colin sitzt neben mir auf dem Bett, streichelt mir vorsichtig übers Haar und trocknet die Tränen, die mir über die Wangen laufen. Als er sieht, dass ich wieder richtig wach bin, legt er sich neben mich und zieht mich in seine Arme. Nur langsam beruhige ich mich und das Zittern lässt nach, während er mir über den Rücken streicht und mit sanfter Stimme mit mir spricht. Er fragt nicht nach dem Traum. Er hält mich einfach nur fest und ich schmiege mich an ihn und fühle mich sicher und beschützt in seiner Umarmung. Nachdem ich wieder okay bin, will ich von ihm wegrutschen, aber er zieht mich noch dichter an sich.

„Bitte, bleib einfach liegen. Nur noch ein bisschen.“

Er klingt so traurig, dass es mir das Herz bricht. Ich kuschele mich wieder an ihn und atme seinen Geruch tief ein. Ich habe das Gefühl, diesen Moment speichern zu müssen. Er ist etwas besonderes, was so wahrscheinlich nicht wiederkommen wird. Nachdem wir einige Minuten ganz still gelegen haben, frage ich ihn leise: „Woher wusstest du, wo ich wohne?“

Die Frage, die mir seit Wochen nicht aus dem Kopf geht.

Er schweigt lange und ich denke schon, er wird nicht mehr antworten, da sagt er mit einem humorlosen Lachen: „Was denkst du denn? Ich habe eine Securityfirma. Wir finden jede Adresse raus, wenn wir wollen.“

Hm, stimmt. Er hat mir mal erzählt, dass er auch Privatdetektive angestellt hat und immer wieder eng mit der Polizei zusammenarbeitet.

Wir bleiben weiter so aneinander geschmiegt liegen und schweigen. Als ich denke, dass Colin eingeschlafen ist, flüstere ich noch: „Es tut mir leid.“

Ein paar Sekunden ist Stille, dann antwortet er so leise, dass ich fast glaube, es mir eingebildet zu haben: „Ja, mir auch …“

Am nächsten Morgen geht es mir etwas besser. Das Fieber ist nicht mehr ganz so hoch und ich kann wieder ein bisschen schlucken. Als ich aufwache ist Colin weg und ich bin verunsichert, weil ich nicht weiß, wie ich ihm gegenübertreten soll. Es gibt so viel zu klären zwischen uns, aber die Intimität und die Zweisamkeit letzter Nacht geben mir die Hoffnung, dass doch noch nicht alles verloren ist zwischen uns. Vorsichtig stehe ich auf und gehe auf wackligen Knien nach unten. Das Treppensteigen strengt mich an. Unten angekommen bleibe ich kurz stehen und halte mich am Schrank fest, weil mir wieder schwindelig wird. In dem Moment kommt Colin aus der Küche und sieht mich.

„Was zum Teufel soll das werden? Du bist immer noch krank und sollst liegen bleiben.“

Die Augenbrauen zusammengezogen funkelt er mich wütend an. Meine Gedanken von eben lösen sich in Luft auf. Jetzt, im Morgenlicht, sieht Colin eher so aus, als würde er bereuen, sich gestern zu mir gelegt zu haben. Wieder einmal fühlt es sich an, als würde mein Herz in Stücke reißen.

„Ich … äh … Mir geht es wieder besser. Ich wollte mir etwas zu trinken holen“, stottere ich.

„Dir geht es besser, ja? Deshalb klammerst du dich so an den Schrank? Mädchen, du bist kurz vor dem Zusammenklappen. Ich möchte dich nicht noch einmal vom Boden auflesen müssen.“

Bei seinen Worten ist er zu mir gekommen und hat mich auf seine Arme gehoben. Er ist anscheinend echt sauer. Aber ich fühle mich wohl in seinen Armen und sicher, auch wenn es furchtbar weh tut, seinen Geruch zu riechen und seine Wärme zu spüren. Während er mich wieder ins Bett trägt, lege ich meinen Kopf auf seine Schulter und schließe die Augen. Am liebsten würde ich ewig hier bleiben, aber er legt mich murrend ins Bett und geht aus dem Schlafzimmer.

„Frühstück kommt gleich“, höre ich nur noch.

Tatsächlich ist er ein paar Minuten später mit einem Tablett wieder da. Er hat mir Toast mit Marmelade, Rühreier, Joghurt mit frischen Beeren und frisch gepressten Orangensaft gemacht.

„Iss, du bist sowieso schon viel zu dünn.“

Das ist ihm aufgefallen? Er hat mich doch schon seit Wochen nicht mehr wirklich angesehen. Ich frage mich wieder, was das in der letzten Nacht war? Und wieso ist er heute wieder so muffig, ja geradezu sauer auf mich? Es zwingt ihn doch keiner hier, den Krankenpfleger zu spielen und er hat sich freiwillig zu mir gelegt.

Ich bekomme nicht viel zu essen runter, dann bin ich wieder müde und kann meine Augen kaum offen halten.

Fast den ganzen Vormittag verschlafe ich, aber jedes Mal, wenn ich zwischendurch aus meinem Dämmerzustand aufwache, sitzt Colin im Sessel am Fenster. Er hat einen Laptop auf dem Schoß und scheint zu arbeiten, aber er sieht nie zu mir hoch.

Gegen Mittag werde ich richtig wach. Ich habe nur noch erhöhte Temperatur und es geht mir zunehmend besser. Auch mein Kopf fängt langsam wieder an zu arbeiten, der dumpfe Nebel ist fast verschwunden. Colin hat mir eine Hühnersuppe gekocht. Während ich langsam esse, frage ich Colin, wie ich nach Hause gekommen bin. Anscheinend bin ich tatsächlich mitten in der Stadt zusammengeklappt und Colin hat mich hergebracht und ins Bett geschafft. Dann hat er Lillys Kindergarten über seine Firmenkontakte ausfindig gemacht und mit denen telefoniert. Die Telefonnummer von Amys Mutter hat er an meiner Pinnwand gefunden und organisiert, dass Lilly dort schlafen konnte. Er hat sogar eine Tasche für Lilly gepackt und auch ihren liebsten Plüschhund nicht vergessen. Und das Ganze, während ich hier hoch fiebernd im Bett lag. Ach ja, den Arzt hat er ja auch noch herbestellt. Ich kann mich nur noch ganz dunkel an die Untersuchung erinnern. Ich bin echt beeindruckt. Er scheint ein Organisationstalent zu sein. Muss er wahrscheinlich auch, sonst hätte er es nie so weit gebracht und wäre beruflich nicht da, wo er heute ist. Ich frage mich nur, warum er das alles macht. Ausgerechnet für mich.

Nach dem Essen will ich duschen, das gibt erst einmal große Diskussionen.

„Nein, du gehst nicht alleine duschen!“, wettert Colin.

„Es geht mir gut, ich schaffe das alleine.“

Er rauft sich die Haare und funkelt mich wütend an.

„Ach ja, so wie es dir heute früh gut ging, als du dich kreidebleich an den Schrank geklammert hast? Nein Annie, vergiss es!“

Fieberhaft überlege ich, wie ich es schaffe zu duschen, ohne dass er daneben sitzt und mich beobachtet. Ein Kompromiss muss her!

„Okay, ich gehe duschen, lasse aber die Badezimmertür auf und sollte ich tatsächlich zusammenklappen, darfst du mich retten.“

Zögernd mustert Colin mich und lässt sich mit seiner Antwort Zeit. Er sieht nicht glücklich aus mit dieser Lösung, aber er willigt ein.

„Na gut, aber versprich mir, dass du mich SOFORT rufst, wenn irgendetwas sein sollte.“

Ich verspreche es und darf endlich allein ins Bad.

Irgendwie ist mir nicht ganz wohl dabei, mich vor der offenen Tür auszuziehen, aber eigentlich hat er ja Recht. Ich wäre heute früh wieder fast zusammengeklappt und so würde er es wenigstens sofort mitbekommen.

Das warme Wasser macht mich in der Tat etwas schwindelig, nachdem ich aus der Dusche komme. Ich wickele mich schnell in mein Handtuch, setze mich kurz auf den Badewannenrand und stecke den Kopf zwischen die Knie. So findet mich natürlich Colin.

„Verdammt Annie, was machst du da? Du solltest doch rufen, wenn irgendetwas ist!“

Jetzt ist er wieder wütend. Ich kann ihm ja schlecht sagen, dass ich nicht wollte, dass er mich nackt sieht, also komme ich wieder hoch.

„Geht schon wieder. Alles gut.“

So strahlend wie möglich lächele ich ihn an, um meine Worte glaubhaft zu machen. Es nützt nichts, Colin glaubt mir kein Wort. Er sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, legt mir wortlos den Arm um die Schultern und hält mich auf dem Weg ins Schlafzimmer fest. Er will mir sogar beim Anziehen helfen, aber ich schmeiße ihn rigoros raus. Das schaffe ich! Danach gehe ich vorsichtig nach unten, wo Colin mich schon erwartet. Wir wollen Lilly gemeinsam vom Kindergarten abholen, da Colin ja keine Vollmacht hat und ich noch nicht wieder Auto fahren sollte.

Meine Tochter läuft als Erstes Colin in die Arme, als hätte sie ihn ewig nicht gesehen und hätte ihn schrecklich vermisst. Er fängt sie auf, wirbelt sie im Kreis und setzt sie auf seine Schultern. Mit strahlenden Gesichtern kommen die beiden auf mich zu und in diesem Moment glaube ich zum ersten Mal, eine Ähnlichkeit zwischen den beiden zu sehen. Kurz wünsche ich, es wäre so und Colin wäre ihr Vater. Er wäre ein großartiger Vater für meine Lilly.

Zurück zu Hause bin ich schon wieder total erschöpft. Ich habe zwar kein Fieber mehr, bin aber noch schnell müde und schlapp, außerdem macht mich dieses emotionale Auf und Ab von Colin völlig fertig und ich bin verunsichert. In der einen Minute ist er liebevoll und fürsorglich und in der nächsten wütend und vorwurfsvoll. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.

Colin legt mich mit einer Decke auf die Veranda, damit ich noch ein bisschen frische Luft bekomme, außerdem kann ich von dort aus in den Garten sehen, wo er mit Lilly spielt. Die beiden beschäftigen sich den ganzen Nachmittag miteinander und haben anscheinend viel Spaß, während ich vor mich hin döse. Im Halbschlaf höre ich sie lachen und toben, als würden sie sich schon ewig kennen. Ich mache mir Sorgen, dass Lilly sich zu sehr an Colin hängt. Was ist wenn er wieder aus unserem Leben verschwindet? Wenn er nicht ihr Vater ist? Ich habe Angst, dass es ihr genauso das Herz brechen wird, wie mir. Ich weiß, wie weh das tut.

Das Abendessen verbringen wir fast wie eine richtige Familie. Wir sitzen am Esstisch, Colin hat gekocht. Die beiden albern herum und er hilft ihr, das Essen kleinzuschneiden. Es ist so normal, dass es mich innerlich zerreißt. Der Schmerz und der Liebeskummer, den ich noch immer habe, branden wie in Wellen über mich hinweg. Am liebsten würde ich in mein Bett flüchten und mir die Decke über den Kopf ziehen, um mich vor der Welt und vor allem vor Colin zu verstecken. Aber ich halte durch, ich bade Lilly und stecke sie in ihren Schlafanzug. Als ich ihr noch ein Buch vorlesen will, sagt sie: „Nein Mummy, Colin soll.“

Ich bin erstaunt und auch ein bisschen traurig, als ich Colin das Buch gebe und ihr Gute Nacht sage. Colin läuft mir echt den Rang ab bei meiner Tochter.

Ich gehe früh schlafen und hoffe, dass ich morgen wieder ganz gesund bin, damit Colin nicht mehr ständig um mich herum schleicht. Sein Verhalten verwirrt mich. Einerseits kümmert er sich liebevoll um mich und ist in Lillys Gegenwart richtig freundlich zu mir, andererseits zieht er sich zurück, sobald wir allein sind, spricht nur noch das Nötigste und ist total mürrisch.

Nachts werde ich wach. Ich brauche einen Moment, um mich in der Dunkelheit zu orientieren. Was hat mich geweckt? Ich schaue mich um und erkenne schemenhaft Colin, der auf meiner Bettkante sitzt. Ich rolle mich auf die Seite und sehe zu ihm hoch. Wie in Zeitlupe hebt er seine Hand und streichelt mir über die Haare. Hatte ich wieder einen Albtraum? Nein, es fühlt sich nicht so an. Schweigend nehme ich seine Hand und ziehe ihn neben mich auf das Bett. Er legt sich hin und nimmt mich schweigend in die Arme. Zärtlich küsst er mich aufs Haar und streichelt meinen Rücken. Ich hebe mein Gesicht zu ihm und seine Lippen streifen immer wieder über meine.

Allmählich vertieft er den Kuss und wir werden leidenschaftlicher. Seine Hände wandern unter mein T-Shirt und schieben es hoch, während unsere Zungen langsam miteinander spielen. Ich streife ihm das Shirt ab und streichele seinen muskulösen Oberkörper. Seine Lippen wandern tiefer, küssen meine Brüste. Er schiebt seine Hand zwischen meine Beine und streift mir mit einer schnellen Bewegung den Slip ab, während ich gleichzeitig seine Jeans öffne, herunterziehe und seine Erregung umfasse.

Ich bewege meine Hand auf und ab und spüre, wie er einen Finger in mich schiebt. Da hebe ich mein Becken leicht an, will ihn tiefer in mich ziehen. Ich bin bereit für ihn, so wie er für mich. Kein Wort haben wir gesprochen, nur unser leises Stöhnen ist im dunklen Zimmer zu hören. Wir atmen beide schneller, wollen mehr vom anderen spüren. Schnell strampelt er seine Hose ab, schützt sich mit einem Kondom, legt sich zwischen meine Beine und dringt vorsichtig in mich ein. Kurz verharrt er, lässt mich spüren, wie er mich ausfüllt, dann fängt er an sich langsam zu bewegen. Die ganze Zeit über sieht er mir mit ernstem Blick tief und wortlos in die Augen und schiebt sich mit jedem langsamen Stoß weiter in mich. Mein Herz schlägt wie verrückt vor Zärtlichkeit für diesen wunderschönen, großen Mann. Tränen brennen in meinen Augen und ich habe das Gefühl, meine Gedanken und Gefühle sind so offensichtlich, wie noch nie zuvor, mein Herz quillt über vor Liebe für ihn und ich glaube, ihm geht es genauso. Ich hoffe es so sehr.

Wir werden nicht schneller, lieben uns lange und gemächlich, bis wir beide gleichzeitig intensiv und herzerschütternd kommen. Er bleibt in mir, während ich einschlafe und hält mich ganz fest in seinen Armen. Eine einzelne Träne läuft mir über die Wange.

14

Am nächsten Morgen springt meine Tochter gut gelaunt in mein Bett, im gleichen Moment, als mein Radiowecker anspringt. Von Colin keine Spur. Ich helfe meiner Tochter beim Anziehen und wir gehen runter zum Frühstücken. Colin ist tatsächlich gegangen. Habe ich die letzte Nacht nur geträumt? Hat er mich in Wirklichkeit gar nicht so voller Liebe und Zärtlichkeit geliebt? Ich bin verunsichert. Nachdem er sich die letzten Tage so um mich gekümmert hat, dachte ich, es gibt vielleicht doch eine kleine Chance, alles zu bereinigen. Aber er ist tatsächlich weg. Sein Laptop, der gestern noch in der Küche lag, ist verschwunden, seine Schuhe stehen nicht mehr an der Tür. Nichts deutet darauf hin, dass er zwei Tage und Nächte hier im Haus war. Warum ist er einfach so wieder gegangen, ohne sich zu verabschieden? Irgendwie macht es mich traurig, dass er nicht mehr hier ist und ich fühle mich etwas einsam.

Ich mache meine übliche Runde über den Kindergarten und den Coffeeshop und bin eine Stunde später wieder zu Hause. Ich hatte die kleine Hoffnung, ihn unterwegs zu treffen oder zumindest eine SMS zu bekommen, aber nein, keine Spur von ihm. Wenn ich mich trauen würde, würde ich zu ihm gehen und versuchen, mit ihm zu reden. Ich möchte herausfinden, ob sich nach letzter Nacht doch etwas zwischen uns verändert hat, aber ich traue mich nicht. Ich habe Angst, dass er seine Meinung über mich nicht geändert hat. Das könnte ich nicht ertragen, dann lebe ich lieber erst einmal mit der Ungewissheit.

Ich versuche ein bisschen zu arbeiten und meinen Krimi Korrektur zu lesen, aber ich kann mich nicht konzentrieren. Immer wieder gehen mir die wunderschöne letzte Nacht und dann der heutige Morgen durch den Kopf. Ich zweifele echt an meinem Verstand. Als ich die Unsicherheit nicht mehr aushalte greife ich zu meinem Handy, um ihn anzuschreiben. Nach langem Zögern schreibe ich: „Wo bist du?“

Dasselbe hat er mir geschrieben, nachdem ich nach unserer ersten gemeinsamen Nacht einfach gegangen bin. Vielleicht fällt ihm der Wortlaut ja auf.

Ich tigere vom Wohnzimmer in die Küche, hole mir etwas zu trinken, setze mich wieder an den Schreibtisch nur um gleich wieder aufzustehen. Mein Herz schlägt wie verrückt, so nervös warte ich auf eine Antwort. Aber mein Handy bleibt stumm. Ich versuche mich mit Fenster putzen abzulenken, aber es nützt nichts. Alle paar Sekunden nehme ich mein Telefon zur Hand und überprüfe den Posteingang. Keine neuen Nachrichten.

Irgendwann mache ich mich auf, um Lilly aus dem Kindergarten abzuholen.

Im Kindergarten rede ich noch kurz mit ein paar anderen Müttern und wir verabreden uns auf den Spielplatz zu gehen. Es geht mir zwar wieder recht gut, aber ich bin immer noch ein bisschen schlapp. Auf dem Spielplatz kann ich mich auf der Bank ein bisschen ausruhen und Lilly hat Gesellschaft beim Spielen. Ich setze mich in die Sonne und sehe ihr zu, mein Handy in der Hand. Keine neuen Nachrichten.

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass Colin nicht mit mir reden will, mir nicht erklären will, warum er einfach verschwunden ist, sonst hätte er längst geantwortet. Ich bin traurig darüber, habe ich doch gehofft, wir könnten uns doch noch aussprechen und alles klären, was zwischen uns steht.

Ich schaue zu, wie die Kinder spielen und bemühe mich, mich möglichst normal mit den anderen Müttern zu unterhalten und meine Gedanken und Gefühle zu verschließen. Mein Liebeskummer geht schließlich niemanden etwas an. Plötzlich sprintet Lilly los und läuft zum Rand des Spielplatzes. Gerade will ich sie zurückrufen, da sehe ich Colin. Er steht vorgebeugt mit ausgebreiteten Armen da, fängt meine quietschende Tochter auf und wirbelt sie hoch in die Luft. Ich kann ihrer beider Lachen bis hierher hören. Sie sehen so glücklich zusammen aus, dass es mir einen Stich versetzt. Nein, keine Eifersucht, es ist nur ein „so-hätte-es-immer-sein-können“.

Langsam stehe ich auf und gehe zu den beiden. Als Colin mich sieht, wird sein Blick ausdruckslos, ja fast schon hart. Ist das wirklich derselbe Mann, der sich die letzten Tage aufopferungsvoll um mich gekümmert hat? Derselbe, der gerade lauthals lachend mit meiner Tochter getobt hat?

„Was machst du hier?“, frage ich ihn.

Toller Gesprächsstart, Annie …

Er sieht an mir vorbei und antwortet: „Keine Sorge, ich stalke dich nicht. Ich bin zufällig hier vorbeigekommen und sah Lilly im Sandkasten. Ich wollte ihr nur kurz hallo sagen.“

Als ich ihn nur verwundert ansehe, versucht er sich zu verteidigen.

„Ich mag deine Tochter. Sie ist ein wunderbares Kind. Es macht mir einfach Spaß, Zeit mit ihr zu verbringen.“

„Hey, ich hab doch gar nichts dagegen gesagt.“

Nein, dazu bin ich viel zu erstaunt ihn hier zu sehen.

„Hast du meine SMS bekommen?“

Na toll, genau das wollte ich eigentlich nicht sagen, aber es ist heraus, bevor ich nachgedacht habe. Sehr erwachsen, Annie. Du klingst, wie ein schmollender Teenager.

„Zwischen uns hat sich nichts geändert, Annie“, antwortet er knapp.

Großartig, er hält mich anscheinend immer noch für ein Miststück, das mit jedem Kerl ins Bett geht, der nicht bei drei auf dem Baum ist. Wird sich das jemals ändern? Ich befürchte nicht, es sei denn, ich sage ihm die Wahrheit. Aber wahrscheinlich würde er mir nicht einmal zuhören, so wie er im Moment drauf ist. Lilly zieht an meinem Hosenbein.

„Darf ich ein Eis Mummy? Bitte!“

Als ich nicke, fragt Colin, ob er mit ihr Eis essen gehen darf. Der Kiosk steht ein paar Meter weiter am Rand des Spielplatzes. Ich schicke Lilly schon los, vielleicht spricht Colin noch mit mir, wenn sie nicht direkt daneben steht und alles hört.

„Warum machst du das? Warum bist du hier?“, frage ich ihn direkt.

„Ich mag Lilly sehr und ich glaube, sie mag mich auch. Egal wie der Test ausfällt, ich möchte nicht einfach wieder aus ihrem Leben verschwinden. Ich glaube, das wäre nicht gut für sie und würde ihr wehtun. Ich würde gern öfter Zeit mit ihr verbringen, wenn ich darf.“

Wow, der Mann hat echt Einfühlungsvermögen. Ich bin immer wieder beeindruckt, dass er sich über so ein kleines Kind solche Gedanken macht und sich so sehr in sie hineinversetzen kann. Wenn er tatsächlich ihr Vater sein sollte, hätte Lilly wohl den Hauptgewinn in der Super-Daddy-Lotterie. Kann ich ihr das verwehren? Kann ich meinen Schmerz über Lillys Glück stellen? Egal, ob Colin ihr Vater ist, er scheint echtes Interesse an ihr zu haben. Auch jetzt, während wir reden, lässt er Lilly keine Sekunde aus den Augen. Liegt vielleicht aber auch daran, dass er mich nicht ansehen will.

Ich frage mich nur, wie ich damit klarkommen würde, ihn regelmäßig zu sehen, denn das würde ich ja zwangsläufig auch. Ich beschließe, es für Lilly zu schaffen. Ich muss einfach meine eigenen Gefühle hinter Lillys stellen. Mit einem Kloß im Hals antworte ich nur: „Lilly würde sich sicher freuen. Du darfst sie jederzeit besuchen. Ruf mich einfach an.“

„Mach ich.“

Damit dreht er sich um und geht zu Lilly. Die beiden essen ihr Eis und schaukeln danach noch ausgiebig, während ich wieder auf die Bank gehe und sie traurig beobachte. Wie gern würde ich jetzt mit ihnen herumtoben. Aber ich bin nur ein Zaungast. Und so wird es jetzt wohl häufiger sein. Auf einmal muss ich meine Tochter teilen. Zeit sich daran zu gewöhnen.

Colin hält Wort und ruft mich tatsächlich an. Alle paar Tage treffen wir uns, damit er mit Lilly spielen kann. Er kümmert sich rührend um sie und macht alles mit. Selbst eine Verkleidung als Prinzessin ist ihm nicht zu peinlich. Drei Wochen sind seit dem Nachmittag auf dem Spielplatz vergangen. Am Anfang haben wir uns immer dort, am Strand oder an anderen öffentlichen Orten getroffen, aber irgendwann hat Lilly einfach keine Ruhe mehr gegeben und wollte unbedingt in ihrem eigenen Zimmer und unserem Garten mit Colin spielen. Seitdem kommt Colin zu uns. Während die beiden spielen, arbeite ich meistens, damit ich nicht wie das fünfte Rad am Wagen danebensitze.

Lilly will mich immer überreden mitzuspielen, aber ich kann nicht, und ich glaube, es wäre Colin auch nicht Recht. Mein Buch ist fertig korrigiert und liegt bei meiner Verlegerin. Jetzt habe ich Zeit, mir eine neue Geschichte zu überlegen. Ich sitze vor meinem Computer und höre die beiden im Garten lachen. Es tut mir immer noch weh, Colin zu sehen und nicht berühren zu dürfen. Ich sehne mich danach, in seinen starken Armen zu liegen und einfach festgehalten zu werden. Die Testergebnisse müssten jetzt bald kommen. Ich habe Angst davor, was dabei herauskommt.

Heute Abend soll Colin das erste Mal seit meiner Krankheit mit uns Abendbrot essen. Ich habe einen Auflauf vorbereitet, den ich jetzt in den Ofen schiebe. Ich decke den Tisch und rufe die beiden zum Essen herein. Fast wie eine richtige Familie, denke ich wieder einmal, als Colin mit Lilly auf den Schultern in die Küche kommt. Kurz schnürt sich mir der Hals zu und ich schlucke hart und verbanne meine sowieso unerfüllbaren Sehnsüchte.

Beim Essen versucht Colin sich normal mit mir zu unterhalten. Er ist nicht mehr so wortkarg wie noch vor ein paar Wochen, aber immer noch reserviert und eher kühl. Trotz allem wollen wir vor Lilly den Eindruck erwecken, uns gut zu verstehen.

Plötzlich fragt Lilly: „Bist du jetzt mein Daddy, Colin?“

Wir zucken beide zusammen und Lilly spricht weiter: „Im Kindergarten haben alle Kinder einen Daddy, auch wenn er nicht bei denen wohnt.“

Tja, was soll man einer Dreijährigen darauf antworten? Ich bin wie vernagelt und habe keine Antwort auf ihre Frage, deshalb wechsele ich schnell das Thema und hole den Nachtisch. Der Schokoladenpudding lenkt Lilly von ihrer Frage ab. Die Aufmerksamkeitsspanne bei Dreijährigen ist zum Glück noch sehr gering.

Nach dem Essen muss Colin sie natürlich baden und ins Bett bringen. Sobald er da ist, bin ich echt abgeschrieben. Aber gut, sie hat nicht so richtig eine männliche Bezugsperson. Im Kindergarten arbeiten nur Frauen und mein Bruder wohnt zu weit weg. Sie genießt es einfach und das soll sie auch.

Ich setze mich mit einem Glas Wein auf die Veranda und warte auf Colin. Als er herauskommt, setzt er sich schweigend zu mir. Ich hole noch ein Glas und schenke ihm ein. Colin starrt auf das Meer, während er gedankenverloren einen Schluck trinkt. Nach einer gefühlten Ewigkeit bricht er endlich das Schweigen.

„Lilly schläft. Wollen wir ein paar Schritte am Strand laufen?“

Huch? So hat er ja seit Wochen nicht mit mir geredet. Als wären wir einfach nur Freunde, die sich einen netten Abend machen wollen.

Wir gehen zu dem Abhang, der zum Strand hinunter führt und unsere Schultern berühren sich kurz. Sofort tritt Colin einen Schritt zur Seite. Okay, wohl doch keine Freunde. Was machen wir dann hier? Ich warte gespannt, dass Colin etwas sagt. Ich bin sicher, er möchte etwas besprechen, aber erst einmal schweigt er nur.

Nachdem wir ein paar Minuten am Strand entlanggegangen sind, fängt er auf einmal an zu sprechen: „Ich hoffe sehr, dass Lilly meine Tochter ist.“

Er klingt traurig und sieht mich bei diesen Worten nicht an.

„Du wärst ein großartiger Vater“, antworte ich leise.

Ich höre, wie Colin scharf Luft holt und seine Stimmung in Sekundenbruchteilen umschlägt. Sein Körper spannt sich neben mir an, seine Hände ballen sich zu Fäusten, dass die Knöchel weiß hervortreten. Leise flucht er vor sich hin, bevor er sich zu mir umdreht und mich aus schwarzen Augen wütend anfunkelt.

„Und der Andere? Oder soll ich sagen die Anderen? Wäre der auch ein toller Vater für Lilly? Hat er auch einen Test gemacht und wartet und hofft und bangt seit Wochen auf das Ergebnis?“

Ich keuche auf und stolpere ein paar Schritte zurück. Dass er mich so angreift hatte ich nicht erwartet.

„Es gibt keinen Anderen. Es gab nie einen Anderen. Nicht so, wie du denkst.“

Er packt mich an den Schultern und hält mich fest, hasserfüllt starrt er mich an.

„Warum zum Teufel hast du das dann behauptet? Warum erzählst du mir, du wüsstest nicht, ob ich ihr Vater bin, wenn es angeblich doch keinen Anderen gab?“

Auf einmal werde ich auch wütend, versuche mich von ihm loszumachen und schlage auf seine Brust ein, aber er rührt sich keinen Millimeter. Stattdessen beugt er sich vor und flüstert mir ins Ohr:

„Wie kann man nur so verlogen sein?“

Da setzt alles in mir aus, ich schreie auf. Mit aller Kraft trete und schlage ich nach ihm. Meine Augen füllen sich mit Tränen, so wütend bin ich, aber ich schlucke sie hinunter. Ich stoße immer wieder meine Fäuste vor seine Brust, um ihn loszuwerden, während ich ihn anschreie: „Ich wurde vergewaltigt, du arrogantes, selbstherrliches Arschloch!“

Sofort lässt er mich los und zuckt zurück, als hätten ihn meine Worte mehr getroffen, als meine Schläge. Ich taumele kurz, dann drehe ich mich um und renne über den Strand zurück nach Hause. In meine Sicherheit.

15

Wieder im Haus verschließe ich alle Türen und gehe ins Schlafzimmer. Noch immer rollen mir Tränen der Wut übers Gesicht und ich kann nicht aufhören zu weinen. So viel, wie in den letzten Wochen, habe ich in den ganzen letzten Jahren nicht geheult. So allmählich wird das eine ganz schlechte Angewohnheit von mir. Das muss sich schleunigst wieder ändern. Allerdings hat mich auch seit Jahren nichts und niemand mehr emotional so sehr getroffen, wie Colin. Ich krieche in mein Bett und lasse den Tränen freien Lauf, bis sie von selbst versiegen. Zwischen meinen Schluchzern, höre ich es unten an der Tür klopfen. Dann klingelt mein Handy neben mir auf dem Nachttisch. Und noch einmal. Nach dem dritten Anruf mache ich es aus. Ich will jetzt nicht mit Colin reden. Ich schlafe unruhig ein und werde wieder von Albträumen geplagt. In meinem Traum erlebe ich die Nacht vor vier Jahren noch einmal.

Als ich am nächsten Morgen Lilly weggebracht habe und den Coffeeshop ansteuere, steht Colin davor. Na toll. Ich mache auf dem Absatz kehrt und steige wieder in meinen Wagen. Also kein Caramellatte heute. Mir fällt ein, dass mein Handy noch aus ist und mache es schnell an. Nicht, dass wieder etwas im Kindergarten los ist und ich das Telefon nicht höre. Einmal reicht!

Diverse Anrufe von Colin und zwei SMS. Eine von gestern Abend und eine von gerade eben.

Gestern kam: „Es tut mir leid! Bitte rede mit mir!“

Und eben fast dasselbe: „Bitte, gib mir die Chance, mich zu entschuldigen. Lauf nicht vor mir weg!“

Ich antworte nicht darauf, will nicht hören, was er zu sagen hat. Jetzt nicht, ich brauche erst einmal etwas Abstand. Ich überlege, ob ich mit Lilly nicht einfach ein paar Tage wegfahre. Warum nicht? Es ist immer noch Sommer, das Wetter ist schön und ich muss im Moment nicht arbeiten. Bevor ich es mir anders überlegen kann, greife ich zum Telefon.

„Hey Mom! Ich hab mal wieder Sehnsucht nach der Großstadt. Habt ihr in der nächsten Woche Zeit? Kann ich mit Lilly kommen?“

Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, fröhlich zu klingen, meine Mutter hat den siebten Sinn einer jeden Mutter.

„Was ist passiert Annie?“

Da hilft nur leugnen, ich kann nicht darüber reden.

„Gar nichts“, sage ich betont lachend.

„Ich habe mein Buch fertig und wollte mir ein paar Tage Urlaub gönnen. Außerdem war ich schon ewig nicht mehr bei euch.“

Sie scheint nicht ganz überzeugt, aber ich bin wie immer herzlich willkommen.

Okay, es sieht ein bisschen aus wie Flucht, aber das ist es nicht. Ich habe ja schon vor Wochen überlegt, mit Lilly ein paar Tage loszufahren, wenn mein Buch fertig ist. Und genau das mache ich jetzt. Zumindest rede ich es mir ein.

Als ich sie aus dem Kindergarten abhole, melde ich sie für die nächste Woche ab. Lilly verabschiedet sich ausgiebig von Megan, ihrer Erzieherin, und ihren Freundinnen und ist begeistert, als sie hört, wo es jetzt hingeht. Ich schnappe mir ihren Rucksack und sie rennt aufgeregt zum Auto. Nachdem ich sie angeschnallt habe, steht Colin plötzlich neben meinem Wagen. Lilly kann ihn von ihrem Kindersitz aus zum Glück nicht sehen, weil er hinter ihr steht. Er fasst mich nicht an, aber baut sich vor mir auf, sodass ich nicht an ihm vorbeikomme. Das Auto steht mit der Beifahrerseite und der Front an einer Wand, Colin steht am Heck. Ich sitze in der Falle.

„Lass mich vorbei, Colin.“

„Bitte Annie, ich will nur mit dir reden.“

Er hebt die Hände, als wollte er zeigen, dass er nichts Böses im Sinn hat.

„Nein, Colin, lass gut sein. Ich habe mir genug Beleidigungen von dir angehört.“ Auf einmal bin ich nur noch müde. Ich kann und will nicht mit ihm reden, keine Entschuldigungen hören, keine Erklärungen abgeben. Aber das scheint ihn nicht zu interessieren oder er ignoriert es einfach, denn er spricht weiter.

„Annie, bitte. Es tut mir wirklich leid. Ich war so verletzt und habe total überreagiert. Dein Bruder hatte recht. Ich hätte dir zuhören sollen, anstatt dich mit Anschuldigungen zu überhäufen.“

„Tja, dazu ist es jetzt zu spät und jetzt lass mich endlich durch!“

In diesem Moment höre ich eine andere Kindergartenmutter.

„Ist alles okay, Annie? Brauchst du Hilfe?“

Colin ist kurz abgelenkt, als er sich zu der anderen Frau umdreht und ich schlüpfe an ihm vorbei.

„Danke Tessa, alles okay“, rufe ich ihr zu und steige schnell in mein Auto. Colin geht nur beiseite und schaut mir hinterher, als ich aus der Parklücke und vom Kindergarten wegfahre.

Lilly plappert aufgeregt die ganze Fahrt über durch und ich lasse mich gern von ihrer Begeisterung anstecken und verdränge die Begegnung mit Colin eben in die hinterste Ecke meines Gehirns.

Eine Woche Urlaub bei ihren Großeltern und diesmal sogar mit Mummy, Lilly freut sich so sehr. Das letzte Mal, dass sie ihre geliebte Granny gesehen hat, ist schon wieder acht Wochen her. Wir haben schon Mitte August, dieser ereignisreiche Sommer ist fast vorbei und ich glaube, nach so viel Aufregung habe ich mir einen Urlaub verdient.

Bei meiner Mutter lassen wir uns so richtig verwöhnen. Sie kocht unsere Lieblingsgerichte, geht mit Lilly in den Zoo und ins Schwimmbad, während ich einfach im Garten liege und nichts mache oder mit meinem Vater beisammen sitze und von meinem neuen Buch erzähle.

Mein Vater ist ein großer Fan von meinen Krimis und verschenkt sie auch bei jeder Gelegenheit an Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen. Es freut mich immer wieder, zu sehen, wie stolz mein Vater auf mich ist.

Meine Eltern fanden es damals vielleicht nicht so gut, dass ich weggezogen bin, aber den Schritt zur freien Autorin haben sie immer sehr begrüßt. Sie waren sowieso der Meinung, ich würde mein Talent in dieser Pressestelle beim Pharmakonzern nur vergeuden.

Mit meiner Mutter mache ich mir einen Frauentag mit ausgiebigem Shoppen und einem Besuch in einem Spa, wo wir uns mit Massagen und Masken verschönern lassen, während mein Vater auf Lilly aufpasst und versucht, ihr das Angeln beizubringen.

So allmählich bekomme ich auch meine abgenommenen Kilo wieder drauf. Kein Wunder, bei der Pflege und Verpflegung meiner Mutter.

So vergehen die ersten Tage und meine Eltern schneiden das Thema Colin nicht an. Wahrscheinlich haben sie von Chris schon von meinem Absturz und dem Zwischenfall beim Arzt erfahren. Ich bin noch lange nicht über Colin hinweg, werde es vielleicht auch niemals sein, aber noch hält meine Wut auf ihn die Traurigkeit in Grenzen. Ich bin so sauer über seine Beleidigungen und darüber, wie er mich in die Defensive gedrängt hat, bis ich ihm die Wahrheit buchstäblich an den Kopf geknallt habe. Und ich bin auch auf mich selbst sauer, dass ich es ihm überhaupt gesagt habe. Ich wollte es ihm nicht erzählen, nach allem, was er über mich gesagt hat und wenn, dann zumindest nicht so. Ich verdränge die Gedanken an Colin die ganze Woche über und bemühe mich nur, meinen Spaß zu haben. Mein Handy habe ich mit Absicht gar nicht erst mitgenommen, weil ich nicht in Versuchung kommen wollte, ihn anzurufen oder seine SMS zu lesen. Davon hat er mir mit Sicherheit welche geschrieben.

Am Freitagabend, als mein Urlaub fast zu Ende ist, kommt Chris vorbei. Wir werfen den Grill an und genießen unser Familientreffen. Es ist schon lange her, dass wir einmal alle beisammen waren. Es ist mein letzter Abend. Morgen nach dem Frühstück fahren Lilly und ich wieder nach Hause. So kann sie sich Sonntag noch ein bisschen von der Fahrt erholen, bevor am Montag der Kindergarten wieder losgeht. Meine Eltern übernehmen nach dem Essen gemeinsam Lillys Abendritual von baden, Geschichte lesen und ins Bett bringen, während ich mit Chris in der lauen Sommernacht im Garten sitzen bleibe. Mein Bruder schweigt lange, als die drei ins Haus gegangen sind, was ungewöhnlich ist für ihn. Er starrt in den Garten und sagt auf einmal: „Colin hat mich angerufen.“

Ich bin völlig perplex. Bitte was?

Er sieht mich an und spricht weiter: „Ich glaube, ich habe ihn falsch eingeschätzt. Er hat mir von eurem Streit erzählt und was du ihm da an den Kopf geworfen hast, bevor du weggelaufen bist. Ich weiß, es ist allein deine Sache, aber ich finde, du solltest mit ihm reden. Er macht sich wirklich Sorgen um dich.“

„Woher hatte er deine Nummer?“

Chris zieht nur eine Augenbraue hoch und sieht mich an. Ach ja, Securityfirma … Ich vergaß …

„Was hat er dir erzählt?“

Wenn Colin ausgerechnet Chris anruft, nach dem, was vor der Arztpraxis passiert ist, scheint an den Worten meines Bruders etwas dran zu sein.

„Ich glaube, er hat nichts ausgelassen. Er hat mir sogar erzählt, wie er dich letzte Woche am Strand angegriffen hat. Also verbal. Oder hat er dir wehgetan?“, fragt Chris alarmiert.

Als ich nur den Kopf schüttele, entspannt er sich wieder und spricht weiter.

„Es tut ihm wirklich leid. Er klang ziemlich fertig und hat mich angerufen, weil er dich nicht erreichen konnte und du auch nicht zu Hause warst.“

„Ich hab mein Handy nicht mitgenommen“, werfe ich ein.

Christ nickt nur wissend.

„Rede mit ihm. Ich glaube, er hat mehr verdient, als die reine Aussage, dass du vergewaltigt wurdest. Vor allem, wenn er tatsächlich Lillys Vater sein sollte. Dann seid ihr beide gemeinsam Eltern und werdet immer miteinander zu tun haben.“

Ich erzähle Chris, wie liebevoll Colin sich die letzten Wochen um Lilly gekümmert hat und dass ich nicht glaube, dass er geht, nur weil Lilly nicht von seinem Blut ist. Er liebt die Kleine abgöttisch, sie hat ihn völlig verzaubert, das sehe ich jedes Mal wieder. Zumindest durch Lilly werden wir immer verbunden sein. Egal, was der Test sagt.

Meine Eltern gesellen sich wieder zu uns und wir wechseln das Thema. Aber ich bin nicht mehr so richtig bei der Sache, Chris‘ Worte zwingen mich zum Nachdenken. Den Rest des Abends bin ich mit meinen Gedanken beschäftigt und nachts finde ich keinen Schlaf.

16

Kaum sind wir am nächsten Tag wieder zu Hause, fängt Lilly an zu drängeln, dass sie Colin sehen will. Sie hat ihn in der einen Woche anscheinend sehr vermisst. Sie fragt mich den ganzen Nachmittag über so oft, dass ich irgendwann nachgebe und mein Handy hole, um Colin eine SMS zu schreiben. Huch, 22 Anrufe in Abwesenheit. Alle von Colin. Hm, mein Bruder hatte wohl recht, er hat sich Sorgen gemacht.

Ein paar SMS sind auch im Postfach. Er fragt wo ich bin, warum ich nicht zu Hause bin und schreibt, dass er Lilly vermisst und sich Sorgen macht, wo wir stecken.

Okay, nachdem er Lilly in den letzten Wochen so oft getroffen hat, hätte ich ihm vielleicht sagen sollen, dass ich in den Urlaub fahre.

Ich schreibe ihm: „Bin wieder zu Hause. Hast du Lust, Lilly zu treffen?“

Fast sofort nach dem Abschicken, klingelt mein Handy. Colin ruft an. Ich zögere erst und gehe dann ran.

„Hey, du bist wieder da“, seine Stimme klingt ganz weich und auch ein bisschen besorgt.

„Ja, ich war bei meinen Eltern. Lilly würde dich gerne sehen. Hast du Lust?“

Er lacht auf.

„Natürlich habe ich Lust! Ich habe den kleinen Spatz seit fast anderthalb Wochen nicht gesehen. Ich habe sie vermisst.“

Ob ihm bewusst ist, dass er denselben Spitznamen für sie benutzt, wie ich? Wir verabreden uns für den nächsten Nachmittag und Colin scheint sich wirklich zu freuen. Ich dagegen bin jetzt schon nervös, bei der Vorstellung ihn morgen wiederzusehen.

Am Sonntag ist Lilly total aufgeregt und will sogar einen Kuchen für Colin backen. Also verbringen wir den Vormittag in der Küche.

Nach ihrem Mittagsschlaf kommt Colin. Lilly springt ihm wie immer sofort in die Arme und lässt sich durch die Luft wirbeln. Dann erzählt sie ihm, was sie alles bei Oma und Opa erlebt hat und dass es jetzt einen Kuchen gibt, den sie alleine gebacken hat. Na ja, was man mit drei Jahren so alleine nennt. Er kommt zum Glück nicht dazu, mich großartig zu begrüßen und mustert mich nur lächelnd, bevor Lilly ihn in den Garten zieht.

Ich habe unseren Gartentisch unter einem großen Baum auf dem Rasen aufgestellt. Langsam folge ich den beiden mit der Kaffeekanne in der Hand. Während wir den Kuchen essen, erzählt Lilly immer noch, sodass wir beide nicht wirklich zu Wort kommen. Ich habe das Gefühl, der Kuchen schmeckt wie Sägespäne und bringe kaum etwas runter, so nervös bin ich. Ich habe Angst, dass er mich auf unseren letzten Streit anspricht, aber er hat nur Augen für Lilly und wirft mir nur ab und zu einen intensiven Blick zu, bei dem ich jedes Mal wegsehen muss, weil mir die Röte ins Gesicht schießt.

Nachdem meine Tochter satt ist, rennt sie zur Sandkiste, um ihren Puppen auch einen Kuchen zu backen. Ich vermeide es, Colin anzusehen und stehe auf, um den Tisch abzudecken.

Da legt er seine Hand auf meine und ich blicke automatisch hoch.

„Du siehst gut aus, Annie. Erholt.“

Er lächelt freundlich, aber ich glaube einen Funken Unsicherheit in seinen Augen zu sehen.

„Äh … Danke“, stottere ich und will meine Hand unter seiner wegziehen. Er umschließt meine Finger und lässt mich nicht los. Seufzend lasse ich mich wieder auf den Stuhl fallen.

„Bitte Annie, wir müssen reden. Für Lilly.“

Okay, damit hat er mich. Für Lilly mache ich alles. Seufzend sehe ich auf die Tischplatte vor mir.

„Ich weiß“, flüstere ich.

„Aber nicht heute, nicht vor Lilly. Ich erkläre dir alles, aber lass mir ein bisschen Zeit.“

Noch einmal drückt er kurz meine Hand und lässt mich dann los, weil Lilly auf ihn zu rennt und auf seinen Schoß krabbelt. Über ihren Kopf hinweg sieht er zu mir herüber und nickt.

„Ich warte.“

Am nächsten Morgen bleibe ich mit meinem üblichen Kaffee vom Coffeeshop an der Hafenmauer stehen und betrachte das Meer, während ich mit mir hadere, was ich machen soll. Soll ich wirklich das Gespräch mit Colin suchen oder lieber doch nicht. Ich habe es ihm versprochen und er hat Recht, für Lilly müssen wir alles Ungesagte klären. Aber heute? Oder warte ich noch? Ich habe Angst davor, ihm alles zu erzählen, ich will sein Mitleid nicht, könnte es nicht ertragen, wenn er mich dadurch anders behandelt.

Es ist gerade erst halb neun, aber ich beschließe, das Schicksal entscheiden zu lassen und schlage den Weg zu seinem Penthouse ein. Wenn er schon zur Arbeit gefahren ist oder keine Zeit hat, warte ich ab. Sollte er da sein, wenn ich klingele, werde ich mit ihm reden, beschließe ich.

Vor der Tür bleibe ich noch einige Minuten stehen und traue mich nicht, auf den Knopf zu drücken. Okay, Annie. Augen zu und durch. Ich mache mir selber Mut und klingele. Nach ein paar Sekunden wird der Summer gedrückt und ich trete ein. Während ich mit dem Fahrstuhl hoch fahre, verlässt mich schon wieder der Mut, aber jetzt kann ich nicht mehr umkehren. Die Fahrstuhltür öffnet sich und vor mir steht Colin. Ich kann mich nicht rühren, ich starre ihn nur wie versteinert an.

Als die Türen sich wieder schließen, springt er vor und zieht mich am Arm aus dem Fahrstuhl. Die Berührung durchfährt mich wie ein Blitz und mein Körper reagiert sofort auf seine Nähe und seinen Geruch. Er scheint gerade aus der Dusche zu kommen. Seine schwarzen Haare kringeln sich feucht über den Ohren, er hat ein Handtuch um den Hals geschlungen, sein muskulöser Oberkörper ist nackt und seine langen Beine stecken in einer Sporthose. Ich schlucke hart, als ich ihn betrachte, mein Mund ist wie ausgedörrt.

„Annie …“ reißt er mich aus meiner Trance.

„Komm rein.“

Er hält mir die Tür auf und ich trete ein. Im Flur bleibe ich unschlüssig stehen, während er die Wohnungstür schließt. Noch immer habe ich kein Wort gesagt, fällt mir auf.

„Können wir reden?“, krächze ich heiser.

Irgendwie versagt mir gerade die Stimme.

„Natürlich“, erwidert er leise, legt mir sanft eine Hand auf den Rücken und führt mich ins Wohnzimmer.

Ich sinke auf die Couch und starre auf meine im Schoß vergrabenen Hände. Colin fragt, ob ich etwas trinken möchte und ich bitte um Wasser. Vielleicht hilft das gegen meine trockene Kehle. Er holt das Wasser und setzt sich neben mich ans andere Ende der Couch. Allmählich fallen mir meine Manieren wieder ein.

„Entschuldige, dass ich dich so überfalle. Du hast wahrscheinlich gar keine Zeit. Ich hätte anrufen sollen.“

Ich will aufstehen, aber er hält mich zurück und zieht mich zurück auf die Couch.

„Annie, ganz ruhig. Ich habe Zeit. Was ist los?“

„Ich … äh …also …“

Ich knete meine Finger, so nervös bin ich.

„Annie, warum bist du hier? Möchtest du mir erzählen, was damals passiert ist?“

„Willst du es denn wissen?“ Meine Stimme ist nur noch ein Flüstern. Ein Wunder, dass er mich überhaupt versteht.

„Natürlich will ich es wissen.“

Fast klingt er empört, dass ich so etwas überhaupt frage.

Als ich nicht weiterspreche, rückt er ein Stück näher und legt seine Hand auf meine Finger, die ich immer noch knete und drückt sie aufmunternd.

„Was ist damals passiert, Annie?“

„Ich wollte das nicht. Es tut mir leid.“

Meine Stimme ist erstickt vor ungeweinten Tränen.

„Scht, Annie. Das weiß ich doch. Alles ist gut. Erzähl mir, was damals passiert ist. Bitte!“

Ich hole tief Luft und gehe in Gedanken zu jenem Abend vor vier Jahren zurück.

„Nachdem ich dich am See zurückgelassen hatte, wollte ich zurück zur Party. Ich hatte vor, dort auf dich zu warten. Ich hatte gerade den besten Sex meines Lebens mit einem absoluten Traummann. Der Abend mit dir sollte noch nicht enden. Ich habe gehofft, dich im Zelt wieder zu treffen und … ich weiß nicht, noch ein bisschen zu tanzen und zu sehen, wohin es führt. Ich hätte dir meine Telefonnummer gegeben, wenn du mich danach gefragt hättest. Ich habe es mir so schön ausgemalt und hatte dich nur am See zurückgelassen, weil ich Angst hatte, dass jemand uns erwischen könnte.“

Unsicher blinzele ich zu ihm hoch und versuche zu lächeln. Colin erwidert das Lächeln tröstend und drückt wieder meine Hand, die er noch immer festhält, als wollte er mir damit Unterstützung geben. Dann atme ich einmal zittrig tief durch und erzähle weiter, den Blick fest auf unsere ineinander verschlungenen Finger gerichtet.

„Auf dem Rückweg bin ich wohl einmal falsch abgebogen und stand auf einmal in der Dunkelheit in einer Sackgasse. Der Weg endete an einer kleinen Bank mit jeder Menge Büschen drum herum. Ich wollte umkehren, als ich auf einmal von hinten gepackt wurde. Ich versuchte mich umzudrehen, aber derjenige schlug mir ins Gesicht. Ich sah nur kurz blonde Haare im Mondlicht. Der Mann war deutlich kleiner als du, kaum größer als ich, aber mit kräftigem Körperbau. Er hielt mir von hinten den Mund zu, damit ich nicht schreien konnte. Ich bekam kaum noch Luft. Dann zog er mich hinter die Büsche und warf mich bäuchlings auf den Boden. Ich versuchte mich zu wehren, wollte nach ihm treten, irgendetwas, aber er schlug immer wieder zu, überall hin, während er mein Kleid hochriss. Er flüsterte mir ins Ohr, ob ich das Partyflittchen wäre, und dass ich ja anscheinend jeden ranlassen würde. Also sollte ich mich jetzt nicht so zieren.“

Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, ich schlucke immer wieder gegen die Tränen an, die mir bei der Erinnerung in die Augen steigen, als ich weiterspreche.

„Er schob mir ein Stück Stoff, seine Krawatte oder so, in den Mund und drückte meine Beine auseinander und... und vergewaltigte mich. Es tat so weh. Ich hatte noch nie solche Schmerzen. Und ich konnte nichts tun. Egal, wie sehr ich mich gewehrt habe und versucht habe mich unter ihm herauszuschieben, er hielt mich immer fester, wie ein Schraubstock und schlug dabei immer wieder auf mich ein. Nachdem er fertig war, stand er auf und trat nach mir. In den Bauch und die Rippen und ich konnte nicht einmal mehr schreien, weil ich solche Schmerzen hatte und dann hatte er auf einmal einen Stein in der Hand und schlug mich damit bewusstlos.“

Ich schluchze leise auf, kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Colin rutscht zu mir herüber und zieht mich auf seinen Schoß. Ich lege mein Gesicht in seine Halsbeuge und er hält mich ganz fest und murmelt mir beruhigende Worte ins Ohr, während ich weine. Vorsichtig streichelt er immer wieder über den Rücken, bis ich mich langsam beruhige.

Irgendwann zittere ich nur noch, meine Tränen sind versiegt. Colin reicht mir ein Taschentuch und fragt mich leise: „Geht’s wieder?“

Als ich nur nicke, sagt er: „Du musst nicht weiter erzählen. Es tut mir leid, dass ich so darauf gedrängt habe, dass du mit mir sprichst.“

„Nein, es ist okay. Ich bringe es zu Ende. Du sollst alles wissen.“

Ich bleibe in seinen Armen, auf seinem Schoß sitzen und erzähle langsam weiter.

„Als ich wieder zu mir kam, war er weg. Ich versuchte mich aufzurappeln, aber mir tat alles weh. Irgendwann kam ich auf die Füße. Mein Kleid hing in Fetzen und ich konnte überall Blut an mir sehen. Dann schleppte ich mich durch die Dunkelheit zurück zum Parkplatz. Ich wich allen Lichtern aus, damit mich keiner der anderen Gäste bemerkt. Dann versteckte ich mich hinter dem Auto meines Bruders und rief ihn an. Das Handy hatte ich zum Glück in meiner Tasche. Er kam sofort heraus und brachte mich ins Krankenhaus.“ Unruhig knibbele ich an den Nagelhaut meines Daumens. Es ist so schwer, mir das alles wieder in Gedächtnis zu rufen, was ich so lange verdrängt habe. Dennoch soll Colin die Wahrheit erfahren.

„Auf dem Weg dahin wurde ich wieder ohnmächtig. Als ich aufwachte, lag ich in einem Krankenbett, angeschlossen an Maschinen. Fast zwei Tage waren seit der Vergewaltigung vergangen. Ich hatte einen Schädelbruch und innere Blutungen gehabt. Und natürlich jede Menge Prellungen. Nach gut zwei Wochen durfte ich das Krankenhaus verlassen. Ich zog zu meinen Eltern und lag eigentlich nur noch im Bett. Ich wollte nichts mehr hören und sehen von der Welt. So ging das ein paar Wochen. Dann musste ich zur Nachkontrolle beim Gynäkologen und der hat festgestellt, dass ich schwanger bin. Ich war an jenem Abend schwanger geworden, aber ich weiß nicht, ob von dir oder …“ Kurz sehe ich zu Colin auf, ob er versteht, was ich damit sagen will. Sein Blick ist wie versteinert, aber er nickt kaum merklich. Schnelle spreche ich weiter.

„Na ja, jedenfalls entschied ich mich, dieses Baby zu behalten. Egal was passiert war, das Kind konnte nichts dafür. Ich kündigte meinen Job und zog aus meiner WG hierher, in das Haus meiner Patentante. Meine Eltern waren nicht gerade begeistert, aber ich wollte mein Leben wieder selbst in die Hand nehmen. Für das Baby und mich. Ich machte eine Therapie und fing an, Krimis zu schreiben. Meine Therapeutin meinte irgendwann einmal, meine Bücher wären meine Art, den Überfall zu verarbeiten. Vielleicht hatte sie Recht. Auf jeden Fall habe ich diesen Abend trotz allem nie bereut. Wenn dieser Abend nicht gewesen wäre, hätte ich Lilly nicht. Und sie ist das Beste, was mir je passiert ist.“

Nach ein paar Minuten Schweigen schaue ich wieder auf, sehe in Colins wunderschöne Augen und versuche zu scherzen: „Hey, es besteht immer noch die Chance, dass ihr Vater ein gutaussehender Traumtyp ist.“

Colin geht darauf ein und sagt lächelnd: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Lilly von mir ist. Ich hatte als Kind genauso viel dummes Zeug im Kopf, wie sie.“

Wieder ernst flüstere ich: „Aber Lilly ist blond und wir sind beide dunkelhaarig.“

Ich lege den Kopf wieder an seine Schulter und schließe die Augen. Ich bin total erschöpft. Das alles wieder durchzumachen, und sei es nur durch Erzählen, hat mich völlig ausgelaugt. Ich höre, wie Colin noch flüstert: „Ich war als Kind auch blond“, dann schlafe ich in seinen Armen ein.

17

Ich erwache in Colins Armen. Er hat uns auf die Couch gelegt und meinen Kopf an seine Brust gebettet. Er streichelt mir über den Rücken und küsst von Zeit zu Zeit sanft mein Haar. Als er merkt, dass ich wach bin, fragt er leise: „Hey mein Engelchen. Geht’s dir gut?“

„Ja, ich bin okay.“

Meine Stimme ist noch heiser von den ganzen Tränen.

Colin drückt mich fest an sich und flüstert mit erstickter Stimme: „Es tut mir so wahnsinnig leid. Ich war so ein Idiot. Ich hätte dich von Anfang an fragen sollen, was dir passiert ist. Ich wusste doch, dass irgendetwas gewesen sein muss. Du bist bei jeder Berührung zurückgezuckt. Das hat mir zu denken gegeben, aber ich wollte dich nicht drängen und habe nicht nachgefragt. Spätestens, als du nicht sagen konntest, ob ich Lillys Vater bin, hätte ich eins und eins zusammenzählen müssen. Du bist nicht so …“

„Warum hast du nicht?“

Ich spüre, wie er unbehaglich mit den Schultern zuckt und schaue ihn an. Seine Augen sind dunkel umwölkt und mustern mich intensiv und durchdringend. Er holt tief Luft und spricht stockend und sichtlich aufgewühlt weiter.

„Ich war verletzt. Ich habe einfach verbal um mich geschlagen und wollte dir weh tun. Keine sehr erwachsene Reaktion, ich weiß.“

Er lacht bitter auf.

„Weißt du, vor vier Jahren habe ich eine Nacht mit einer wunderschönen Frau gehabt, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich habe sie gesucht, konnte sie aber nicht wiederfinden. Du warst meine Cinderella, Annie. Vier Jahre lang. Und dann habe ich dich im Coffeeshop getroffen und wollte dieses Mal einfach alles richtig machen. Ich habe noch nie für jemanden so empfunden, wie für dich. Und dann merke ich, dass du mir den wichtigsten Teil deines Lebens vorenthalten hast, und vielleicht auch meines Lebens. Das tat so weh.“ Ich spiele gedankenverloren mit Colins Haaren auf der Brust. Colin holt zittrig Luft, bevor er weiterspricht.

„Als wir uns beim Arzt trafen, habe ich gesehen, dass es dir anscheinend genauso schlecht geht, wie mir. Du warst so blass und viel zu dünn. Als hättest du seit Wochen weder geschlafen noch gegessen. Am liebsten hätte ich dich in den Arm genommen und gesagt, dass alles gut wird. Aber ich war zu stur und habe lieber noch einen drauf gesetzt. Chris hat genau richtig gehandelt. Ich glaube, hätte ich eine kleine Schwester, ich hätte jemanden wie mich zu Brei geschlagen.“

„Hätte Chris auch, wenn Lilly nicht da gewesen wäre“, werfe ich ein und lächele zu ihm hoch.

„Ich habe noch eine Frage. Die Nacht, als ich krank war … Also, haben wir da …?“

„Ja, ich wollte dich eigentlich nur noch einmal halten und habe mich zu dir gelegt. Na ja. Eins führte zum Anderen. Aber glaub mir, das war das Unglaublichste, Schönste, was ich je erlebt habe.“

„Warum bist du dann gegangen?“

„Weil sich nichts geändert hatte. Ich war immer noch verletzt und wollte dich nicht sehen, weil es einfach zu weh tat.“

„Wieso dann Lilly?“

„Weil ich sie liebe.“

Ich blicke erstaunt zu ihm auf.

„Sieh mich nicht so an, Annie. Egal, ob Lilly meine Tochter ist oder nicht, sie ist ein wundervolles Kind. Ich liebe diesen kleinen Spatz und würde alles für sie tun. Wirklich alles.“ Ich bin so gerührt, dass mir die Tränen in die Augen steigen und auf Colins Brust tropfen.

„Hey, nicht weinen mein Schatz.“

Er zieht mein Gesicht zu sich hoch und küsst meine Tränen weg. Sein Mund findet meinen und ich öffne seufzend die Lippen. Seine Hand fährt unter mein T-Shirt und streicht mir über den Rücken, während unsere Zungen immer leidenschaftlicher miteinander spielen. Ich löse meinen Mund und lege ihn auf seine Brust. Ich knabbere an Colins Brustwarzen und er stöhnt auf. Meine Hand fährt über seinen harten Bauch und wandert tiefer in seine Sporthose. Er trägt nichts darunter und ich streichele seine Erektion. Er wirft den Kopf in den Nacken.

„Oh Gott, Annie …“

Ich verreibe die ersten Tropfen seiner Lust mit meinem Daumen auf der Spitze. Dann knie ich mich hin, ziehe ich ihm die Hose aus und wandere mit meinen Lippen über seinen Bauch bis zu seiner Männlichkeit. Vorsichtig lasse ich meine Zunge darüber gleiten, er schmeckt so gut. Bevor ich ihn in den Mund nehmen kann, werde ich herum geworfen und lande mit dem Rücken auf der Couch. Colin kniet über mir und atmet schwer. Mit einem Ruck zieht er mir das Shirt aus und mit dem nächsten landen meine Hose und mein Slip auf dem Boden. Seine Augen sind tiefschwarz vor Leidenschaft, als er seinen Mund auf meine Brust senkt. Er saugt fest an meinen Brustwarzen und ich stöhne laut auf. Ich will mehr, ich kann es nicht erwarten, ihn in mir zu spüren. Seine Hand liegt zwischen meinen Beinen und spielt mit meiner Knospe. Mir wird schwindelig vor Lust und ich kann nur noch fühlen. Danach habe ich mich seit Wochen gesehnt. Seine Lippen gleiten über meinen Bauch und lösen seine Hand zwischen meinen Beinen ab. Als ich dazu noch seine Finger in mir spüre, komme ich mit einem lauten Schrei.

Wie von Ferne höre ich Colin stöhnen. Er rutscht zu mir hoch und legt mein Bein über seine Schulter. Dann stößt er heftig in mich hinein, füllt mich mit seiner Männlichkeit. Immer wieder gleitet er hart in mich, dringt jedes Mal tiefer ein und reizt eine Stelle in meinem Inneren. Ich habe das Gefühl, den ersten Orgasmus noch nicht hinter mir zu haben, als ich schon vom nächsten überrollt werde. Wir kommen gemeinsam lang und heftig, bevor Colin schwer atmend auf mir zusammenbricht.

Liebevoll streichelt er mich und hält mich fest, bis unsere Herzen wieder langsamer schlagen und wir in der Lage sind, unsere Augen zu öffnen. Minutenlang sehen wir uns nur an, dann senkt Colin seinen Mund verzückt lächelnd auf meinen und haucht an meinen Lippen: „Das war unglaublich“, bevor er mich zärtlich küsst. Er angelt nach einer Decke und zieht sie über uns. Wir kuscheln uns aneinander und unterhalten uns leise. Immer wieder sagt er mir, wie schön er mich findet und wie glücklich er ist, dass wir wieder zusammen sind. Ich habe Schmetterlinge im Bauch, wenn ich ihn nur ansehe.

Irgendwann merke ich, wie mir etwas warm die Beine hinunterläuft. Oh nein, vor lauter Eile uns zu spüren, haben wir das Kondom vergessen.

Als ich es Colin sage, lächelt er nur und meint: „Wenn etwas passiert, dann ist es so. Dann bekommt Lilly ein Geschwisterchen.“

Na, das nenne ich mal entspannt. Aber er hat ja recht, jetzt können wir es sowieso nicht mehr ändern.

Wir lassen uns diesen tollen Tag nicht verderben. Ich gehe unter die Dusche, während Colin schnell ein paar geschäftliche Anrufe erledigt. Er muss heute nicht mehr arbeiten und wir haben den Rest des Tages für uns und Lilly. Nachdem auch Colin geduscht und angezogen ist, gehen wir an den Hafen. Wir wollen die letzten Sonnentage genießen. Bald kommt der Herbst und mit ihm die Stürme hier an der Küste. Es ist schon fast September, der Sommer ist so gut wie vorbei. Für die nächsten Tage hat der Wetterbericht Regen und kältere Temperaturen angekündigt.

Wir spazieren Hand in Hand umher und lassen uns einfach treiben, bis es Zeit ist Lilly abzuholen. Als wir gemeinsam im Kindergarten ankommen, ist Lilly außer sich vor Freude. Sie springt Colin wie immer in die Arme und er trägt sie zum Auto. Den ganzen Nachmittag über spielen wir drei zusammen. Colin und ich können uns kaum beherrschen, wollen uns ständig berühren, aber Lilly zuliebe reißen wir uns zusammen. Wir wollen ihr noch nicht sagen, dass wir jetzt ein Paar sind, sondern auf das Ergebnis des Vaterschaftstests warten. Aber sobald Lilly schläft, können wir nicht mehr die Hände voneinander lassen und lieben uns leidenschaftlich in meinem Bett.

Leider muss Colin nachts gehen, nicht, dass Lilly ihn am nächsten Morgen in meinem Bett findet. Aber morgens am Coffeeshop werde ich wieder von ihm mit zwei Bechern erwartet. Die nächsten Tage nutzen wir jede freie Minute um zu reden und uns zu lieben. Colin hat seine beruflichen Termine verschoben, damit er die restliche Woche Zeit für mich und Lilly hat.

Nachmittags holen wir den kleinen Spatz ab und verbringen die Zeit bis zum Schlafengehen zu dritt. Der angekündigte Regen kommt tatsächlich und wir gehen morgens nach unserem Kaffee zu ihm oder zu mir. Am Donnerstagmorgen kommt endlich das langersehnte Testergebnis. Wir sitzen gerade in Colins Wohnung und haben den Kamin an, weil es draußen schon ganz schön kalt geworden ist. Mit Jeans und Pullis kuscheln wir auf dem Sofa, als der Postbote klingelt. Colin nimmt den Brief entgegen und kommt freudestrahlend ins Wohnzimmer.

Seine Hände zittern, als er mir den Umschlag zeigt und er sagt: „Bevor ich ihn aufmache … Ich wollte dir nur sagen, egal, was das Ergebnis ist, Lilly ist für mich jetzt schon, wie meine eigene Tochter. Auch wenn der Test etwas anderes besagen sollte, ich liebe sie, wie mein eigenes Kind und das wird auch immer so bleiben. Kein Test der Welt könnte etwas an meinen Gefühlen ändern.“

Ich bin so gerührt, dass mir die Tränen in die Augen schießen und auch Colin hat verdächtig glasige Augen, als er den Umschlag aufreißt. Er liest den Brief und schweigt. Seine Gesichtsfarbe ändert sich zu schneeweiß und dann wird er knallrot. Eine einzelne Träne rollt aus seinem Augenwinkel über seine Wange, als er zu mir hochsieht.

„Ich habe eine Tochter“, flüstert er ehrfürchtig.

Dann springt er auf einmal auf und ab, reißt mich in seine Arme und wirbelt mich herum, dass mir schwindelig wird.

„Wir haben eine Tochter! Sie ist unsere Tochter! Ich bin Lillys Vater!“ schreit er jetzt überglücklich.

Mir laufen die Tränen über die Wangen und ich strahle ihn an. Sein Mund senkt sich auf meinen und er küsst mich voller Leidenschaft. Kurz löst er sich von mir und flüstert leise: „Jetzt sind wir eine richtige kleine Familie“, dann zieht er mich auf den Boden und wir lieben uns leidenschaftlich im Schein des Kaminfeuers.

18

Die nächsten Tage und das Wochenende vergehen viel zu schnell und schon ist wieder Montag. Wir haben Lilly noch nichts von uns gesagt, geschweige denn, ihr erklärt, dass Colin wirklich ihr Daddy ist. Irgendwie hat es sich nicht ergeben und wir wollten unser kleines Geheimnis noch ein paar Tage für uns behalten. Nach dem gemeinsamen Kaffee am Montagmorgen muss Colin in sein Büro im Penthouse. Sein Urlaub ist vorbei, die Arbeit hat ihn wieder. Ich fahre nach Hause und arbeite auch ein bisschen an einem neuen Buch, als es an meiner Tür klingelt. Der Postbote hat ein Einschreiben für mich. Komisch, ich habe noch nie ein Einschreiben bekommen. Ich betrachte den Umschlag, bevor ich mich an den Küchentisch setze, um ihn zu öffnen. Er kommt vom Gericht. Ich habe keine Ahnung, was die von mir wollen könnten.

Ich lese den Brief und kann den Inhalt erst nicht erfassen.

Dem Gericht liegt eine Sorgerechtsklage von Colin Mitchell betreffs Lilly Briggs vor. Ich soll nächste Woche Freitag zur Anhörung erscheinen. Als Beweismittel liegt das Ergebnis eines Vaterschaftstests vor.

Immer wieder lese ich, was da steht, bis mir die Bedeutung klar wird. Mir steigt die Magensäure bitter hoch und ich übergebe mich ins Spülbecken, mein Körper wird wie von Krämpfen geschüttelt, immer wieder muss ich würgen. Wie konnte er mich so hintergehen? Er spielt mir hier den Verliebten vor und in Wirklichkeit versucht er, mir meine Tochter wegzunehmen. Ich kann ja verstehen, dass er in ihrem Leben auch offiziell eine Rolle spielen möchte, aber warum hat er nicht mit mir geredet? Warum verklagt er mich gleich. Das Ergebnis liegt seit vier Tagen vor und er hat schon einen Anwalt eingeschaltet und Klage einreichen lassen. Ich habe das Gefühl, in meinem Kopf setzt irgendetwas aus, so sauer bin ich auf einmal.

Ich schnappe meine Tasche und springe ins Auto. Meine Jacke habe ich in der Aufregung total vergessen, obwohl es gerade wie aus Eimern schüttet. Ich rase in die Stadt, ohne um mich herum etwas wahrzunehmen und parke im absoluten Halteverbot. Dann renne ich durch den strömenden Regen und klingele an seinem Penthouse Sturm. Der Aufzug braucht mir zu lange und ich sprinte sofort die Stufen hoch, als Colin den Summer drückt.

Oben angekommen sieht er meine tropfnasse Erscheinung und wird blass. Schnell zieht er mich in die Wohnung, bevor ich zu Atem komme und sieht mich besorgt an.

„Annie, was ist denn passiert? Ist etwas mit Lilly? Annie sprich mit mir! Bitte!“

Wie kann er so sein? Ich starre ihn an und merke, wie ich immer wütender werde. Ich knalle ihm den Brief vor den Bauch und schubse ihn rückwärts gegen die Wand. Er ist so perplex, dass er taumelt. Wie wild schlage ich mit den Fäusten auf ihn ein, die Tränen laufen mir über das Gesicht, sodass ich nicht sehe, wo ich hinschlage. Er versucht mich festzuhalten, aber ich schreie ihn an: „Finger weg, du mieses Arschloch!“, und seine Hände sinken herab.

„War das von Anfang an DEIN Plan? Wolltest du mir meine Tochter aus Rache wegnehmen? Wie kannst du es wagen, das Sorgerecht einzuklagen?“

Immer wieder lasse ich meine Fäuste mit aller Kraft auf ihn einschlagen, ich bin wie von Sinnen, wie im Rausch.

Ich muss ihn mit meinen Schlägen tatsächlich getroffen haben, ihm rinnt das Blut aus der Nase. Der Anblick bringt mich ein bisschen zur Besinnung, ich werde auf einmal eiskalt innerlich und mich überkommt eine fast schon tödliche Ruhe. Erst jetzt merke ich, dass er nicht einmal versucht hat, meine Attacke abzuwehren, als wüsste er selbst, dass er es nicht anders verdient hat. Ich kann seinen Anblick nicht länger ertragen und wende mich ab. Als ich die Tür öffne, hält er mich zurück.

„Bitte Annie, geh nicht weg. Es tut mir leid. Lass es mich erklären.“

„Der Brief erklärt alles, Colin“, sage ich ohne ihn anzusehen und deute auf das Schreiben vom Gericht, das auf dem Boden liegt.

„Ich werde meine Tochter nicht aufgeben. Sie ist mein Leben und das weißt du. Wir sehen uns vor Gericht, Colin.“

Damit verlasse ich seine Wohnung. Als ich in den Fahrstuhl steige, sehe ich noch einmal sein Gesicht. Das Blut tropft ihm ungehindert aus der Nase auf sein weißes Shirt und seine Augen schwimmen ebenso in Tränen wie meine.

Wie in Trance fahre ich nach Hause und rolle mich auf der Couch zusammen. Schon wieder hat er mir das Herz gebrochen. Er will mir das Liebste wegnehmen, das ich habe, meine Lilly. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Schluchzend greife ich zum Telefon, durchsuche meine Kontakte und drücke auf wählen.

„Chris …“

Ich kann nicht weitersprechen, als mein Bruder abnimmt, aber er versteht mich anscheinend auch so.

„Annie, was ist passiert? Bist du verletzt?“, antwortet er und als ich nicht reagiere: „Ganz ruhig. Ich komme so schnell ich kann. Bist du zu Hause?“

„Ja“, bringe ich gerade noch heraus, dann lege ich das Telefon weg. Ich habe keine Kraft mehr.

Kurz darauf wird an meiner Tür Sturm geklingelt. Colin.

„Bitte Annie. Lass uns reden“, höre ich ihn durch die Tür.

„Annie mach auf! Ich habe den Anwalt am Tag des Tests beauftragt. Ich dachte, du würdest sie mir vielleicht vorenthalten wollen. Ich will dir Lilly nicht wegnehmen. Du bist ihre Mutter.“

Ich vergrabe meinen Kopf unter den Kissen, damit ich ihn nicht mehr hören muss. Irgendwann scheint er aufzugeben, es herrscht Stille.

Nach nicht einmal anderthalb Stunden klingelt es wieder. Diesmal ist es Chris, der von draußen ruft.

„Annie? Ich bin es. Mach auf.“

Ich schleppe mich zur Tür und falle direkt in Chris‘ Arme, als meine Beine mir den Dienst versagen. Mir ist so schwindelig. Es ist erst gute drei Stunden her, dass der Postbote bei mir geklingelt hat, aber es kommt mir vor, als wären schon Tage vergangen. Chris trägt mich zurück aufs Sofa und bettet meinen Kopf an seiner Schulter. Er hält mich fest im Arm, während ich ihm schluchzend von dem Brief und der Klage erzähle. Ich lasse nichts aus, nicht einmal, dass Colin meinetwegen geblutet hat. Er ist stolz auf mich, dass ich mich so gewehrt habe.

Bis zum Nachmittag überlegen wir gemeinsam, was jetzt zu tun ist. Dann fährt Chris los um Lilly abzuholen und ein bisschen einzukaufen, während ich eine Anwältin anrufe, die wir im Telefonbuch gefunden haben und danach versuche mein Gesicht zu restaurieren und die Spuren des Tages zu überschminken. Lilly soll sich schließlich nicht zu Tode erschrecken, wenn sie mich sieht. Ich möchte die nächsten Tage mit ihr so gut es geht genießen. Wenn Colin die Klage weiter durchzieht, sieht es für mich wahrscheinlich eher schlecht aus. Er ist stinkreich und kann sich die besten Anwälte der Welt leisten, während ich noch nicht einmal einen Anwalt kenne. Außerdem gewinnt Geld doch sowieso immer.

Am nächsten Morgen hole ich mir keinen Kaffee, sondern fahre direkt zu der Anwältin, mit der ich gestern noch telefoniert habe.

Wir setzen uns in ihr Büro und ich erzähle ihr die ganze Geschichte von Colin und mir. Na ja, fast. Die Vergewaltigung lasse ich aus, die tut hier ja nichts zur Sache. Sie macht mir wenig Hoffnungen, dass ich das alleinige Sorgerecht behalten werde. Es wird mindestens auf ein geteiltes hinauslaufen. Colin ist bewiesenermaßen ihr Vater und hat ein Recht auf seine Tochter. Außerdem bestätigt sie meine Befürchtung bezüglich seines Geldes. Wir besprechen noch ein paar Strategien und Möglichkeiten, dann mache ich mich auf den Heimweg. Wir wollen am Tag vor der Verhandlung noch einmal miteinander sprechen.

Chris bleibt bis zum Wochenende und unterstützt mich, wo er nur kann und ich bin in jeder freien Minute mit Lilly zusammen. Immer mit den Gedanken im Hinterkopf, wer weiß, wie lange noch. Von Colin höre ich nichts mehr, nach diesem Verrat könnte ich auch nicht mit ihm reden, ohne womöglich wieder handgreiflich zu werden.

Am Montag vor der Verhandlung bekomme ich eine fiese Magen-Darm-Grippe. Ich behalte kaum noch etwas bei mir und kann eigentlich nur trinken. Innerhalb weniger Tage habe ich wieder 5 Kilo abgenommen und sehe aus wie ein Hungerhaken, aber ich will bei Gericht kämpfen. Für Lilly. Und so ziehe ich am Freitagmorgen, als Lilly im Kindergarten ist, meinen schwarzen Hosenanzug an, schminke mich besonders sorgfältig und mache mich auf den Weg zum Gericht. Damit lasse ich Colin nicht durchkommen, nehme ich mir fest vor.

19

Vor dem Gerichtsgebäude treffe ich mit Colin zusammen. Ich sehe ihn heute das erste Mal seit vier Jahren in einem Anzug. Er sieht so gut aus, dass mir die Knie weich werden, aber ich bleibe standhaft. Bevor er mich ansprechen kann, eile ich an ihm vorbei in die große Eingangshalle. Dort wartet schon meine Anwältin auf mich und gemeinsam gehen wir die Treppen hoch. Ich schicke sie schon einmal vor in den Verhandlungsraum, während ich noch einen Abstecher auf die Toilette mache. Mir ist schon wieder schlecht und ich muss mich übergeben. Nachdem ich mich wieder ein bisschen hergerichtet habe, trete ich aus dem Raum, in der Hoffnung, bis nach der Verhandlung durchzuhalten, ohne mich auf den Tisch des Richters zu entleeren. Colin erwartet mich an die Wand gegenüber der Toilette gelehnt. Die Arme vor der breiten Brust verschränkt mustert er mich undurchdringlich.

„Alles okay? Du bist so blass“, fragt er.

„Ja, mir geht’s gut. Ich habe wohl etwas Falsches gegessen“, winke ich ab und gehe schnell an ihm vorbei zu der Verhandlung.

Ich setze mich neben meine Anwältin auf die eine Seite des Tisches, während Colin mir gegenüber neben seinem Anwalt Platz nimmt. Der Richter sitzt am Kopfende. Er beginnt die Verhandlung und legt noch einmal die Fakten dar, als Colin darum bittet etwas sagen zu dürfen. Überrascht erteilt der Richter ihm das Wort. Colins Anwalt scheint nicht zu wissen, worum es geht, er sieht seinen Mandanten nur verwirrt an.

„Bitte Euer Ehren, ich möchte hier nicht unnötig ihre Zeit verschwenden, deshalb habe ich darum gebeten, sprechen zu dürfen. Ich weiß, das kommt jetzt ein bisschen überraschend, aber ich möchte meinen Antrag auf Sorgerecht zurückziehen.“

Colins Anwalt fängt hektisch an, auf ihn einzuflüstern und ihn von seinem Vorhaben abzubringen, während meine Anwältin nur ungläubig von einem zum anderen sieht. Ich erstarre, ich habe mich wohl verhört? Was ist das denn jetzt für eine Nummer? Ich bin ratlos und überlege noch, was das soll, als der Richter aufbraust.

„Mr. Mitchell, was zum Teufel soll das? Wieso reichen Sie erst eine - wie ich betonen möchte - absolut gerechtfertigte Klage ein, um dann mitten in der Verhandlung alles wieder umzuwerfen? Haben wir nicht alle Besseres zu tun, als hier zu sitzen?“

Ich glaube, er hat den Richter echt verärgert.

„Darf ich meine Entscheidung bitte erklären?“, fragt Colin.

„Natürlich! Ich bitte darum!“, schimpft der Richter, sichtlich aufgebracht. Colin sieht zu mir, mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck.

„Okay, also, ich ziehe die Klage zurück unter der Bedingung, eine von mir festgelegte Summe, sagen wir, als rückwirkende Alimente, an Annie und Lilly Briggs zahlen zu dürfen, sowie natürlich eine laufende monatliche Zahlung in ebenfalls von mir festgelegter Höhe. Ich habe eine Erklärung dazu vorbereitet, die von Annie Briggs zu unterschreiben wäre.“

Jetzt ist der Richter vollends verwirrt und hat hektische rote Flecken im Gesicht.

„Das ist ja wie im Irrenhaus hier!“, tobt er.

„Sie können sich die Zahlung Ihrer Unterhaltskosten doch nicht aussuchen. Das ist schon noch gesetzlich geregelt und bezieht sich auf Ihre Einkünfte.“

Ich bin total sprachlos und kann ihn nur mit offenem Mund anstarren. Colin wirft mir einen intensiven Blick zu, schiebt einen Stapel Papiere über den Tisch in Richtung des Richters und erklärt ohne mich aus den Augen zu lassen: „Das ist mir durchaus bewusst. Ich habe hier eine Aufstellung meiner Vermögensverhältnisse, sowie meine letzte Steuererklärung. Wie sie den Unterlagen entnehmen können, beläuft sich mein Gesamtvermögen auf etwas über 20 Millionen US-Dollar.“

Ich schnappe hörbar nach Luft und mir wird schon wieder übel. Ich hatte keine Ahnung, wie reich er tatsächlich ist. Langsam atme ich ein und aus, um meinen Magen zu beruhigen und die aufsteigende Übelkeit niederzukämpfen. Colin merkt es anscheinend, aber er sieht mich nur besorgt an und spricht weiter.

„Die Erklärung besagt, dass ich Annie und Lilly für jedes vergangene Jahr inklusive der Schwangerschaft 2 Millionen Dollar zahle, macht insgesamt 8 Millionen, sowie monatlich 20.000 Dollar für ihren Unterhalt bis zum Ende von Lillys Ausbildung.“

Mir rauscht das Blut in den Ohren. Das kann nicht wahr sein. Einen Moment herrscht Totenstille im Raum, bis auf einmal alle zugleich anfangen zu sprechen. Der Richter lamentiert darüber, dass der Betrag deutlich über dem Maß sei, meine Anwältin redet mir zu, die Erklärung unbedingt zu unterschreiben und Colins Anwalt sieht aus als bekäme er gleich einen Herzanfall und versucht alles, um ihn umzustimmen. Alle reden durcheinander, sodass mich zunächst keiner hört, als ich leise sage: „Nein.“

Ich atme tief durch, um den Schwindel in meinem Kopf zu vertreiben und versuche es noch einmal lauter: „NEIN! Auf gar keinen Fall!“

Plötzlich ist wieder Stille und alle starren mich an.

„Ich werde so eine Erklärung nicht unterschreiben. Ich lasse mich nicht kaufen!“

„Bitte, Euer Ehren, könnte ich kurz einen Moment mit Annie allein sprechen?“, fragt Colin.

Der Richter sieht von Einem zum Anderen, während Colin seinen Anwalt abschüttelt. Meine Anwältin und der Richter sehen mich fragend an, bis ich nicke. Zögernd verlassen alle den Raum.

Colin kommt um den Tisch, setzt sich auf den Stuhl, auf dem eben noch meine Anwältin gesessen hat und sieht mich durchdringend aus schwarzen Augen an.

„Nein Colin, ich nehme dieses Geld nicht! Vergiss es!“, fange ich an, aber er unterbricht mich sofort.

„Das ist nicht verhandelbar, Annie. Entweder nimmst du das Geld, oder ich setze die Klage fort.“

„Ich will dein Geld nicht. Ich wollte nie dein Geld, Colin.“

„Das weiß ich. Ich habe nie etwas anderes vermutet, aber du hast ein Recht auf dieses Geld. Ich bin als Lillys Vater sowieso zu Unterhaltszahlungen verpflichtet.“

„Ja, aber nicht in dieser Höhe!“, langsam erhole ich mich von dem ersten Schock und werde sauer.

„Das Geld ist mir egal. Nur ihr seid mir wichtig. Ich war vier Jahre lang nicht für dich da, habe jeden Meilenstein im Leben meiner Tochter verpasst. Du musstest allein für euch aufkommen und jetzt möchte ich einfach nur, dass du versorgt bist. Ich möchte, dass ihr beide ein sorgenfreies Leben führen könnt und wenn ich schon nicht für euch beide sorgen darf, dann nimm bitte wenigstens dieses blöde Geld. Es bedeutet mir nichts, aber euch liebe ich“, er sieht mir mit intensivem Blick in die Augen.

Bitte was? Ich habe das dringende Bedürfnis, den Kopf zwischen die Beine zu stecken, bevor ich hier zusammenklappe und Colin mich mal wieder auffangen muss. Aber ich bleibe tapfer sitzen und starre ihn mit großen Augen und offenem Mund an.

„Was hast du gerade gesagt?“, flüstere ich ungläubig.

„Ich habe gesagt, dass ich euch liebe. Ich liebe dich, Annie. Mehr als ich dir sagen kann. Wahrscheinlich habe ich dich vom ersten Augenblick vor vier Jahren an geliebt.“

Mein Herzschlag setzt einen Moment aus, bevor er mit doppeltem Tempo wieder einsetzt. Aber ich kann seinen Worten noch nicht trauen, ich muss mir erst sicher sein.

„Warum dann diese Klage?“

Ich kann nicht fassen, was er gerade gesagt hat. Er liebt mich? Oder ist das ein Trick? Aber was könnte er damit bezwecken? Ich bin völlig ratlos.

„Als wir den Test gemacht haben, war ich so furchtbar sauer und verletzt, das habe ich dir ja schon erzählt. Ich dachte wirklich, dass du mir nichts von Lilly gesagt hattest, um sie mir vorzuenthalten. Ich habe Dr. Mollardt angewiesen, eine Ausfertigung des Testergebnisses direkt an meinen Anwalt zu schicken und ihn schon diese blöde Klage vorbereiten lassen. Wenn das Ergebnis positiv sein sollte, sollte er die Klage sofort einreichen. Ich habe sie dann in dem ganzen Trubel einfach vergessen. Erst als du neulich morgen auf mich eingeprügelt hast, ist es mir wieder eingefallen.“

Er schaut wirklich zerknirscht aus.

„Warum hast du sie nicht einfach zurückgezogen?“

Er zuckt traurig mit den Schultern.

„Du hast nicht mehr mit mir gesprochen und ich dachte, dass ich mit dieser finanziellen Erklärung eine Möglichkeit hätte, mit dir zu reden. Ich wollte dir alles erklären und dir sagen, wie sehr ich dich und Lilly liebe, aber wenn du mich schon nicht heiraten willst, dann nimm bitte wenigstens dieses verdammte Geld, damit ich weiß, dass ihr zumindest finanziell versorgt seid.“

Moment mal, heiraten? Mir geht das hier gerade ein bisschen zu schnell. Eben sagt er, dass er mich liebt und jetzt will er heiraten?

„Heiraten?“, frage ich tonlos.

Er hat es geschafft, er hat mich mit seinen Worten weichgekocht und in mir steigen schon wieder die Schmetterlinge auf. Ich liebe ihn immer noch.

Colin zieht etwas aus der Hosentasche, geht vor mir auf die Knie und nimmt meine zitternde Hand in seine. In der anderen hält er eine kleine Schmuckschatulle, die er vorsichtig öffnet. Auf dunkelrotem Samt liegt ein wunderschöner Platinring mit vielen kleinen, glitzernden Diamanten darauf.

„Natürlich will ich dich heiraten, Annie. Warum sonst, sollte ich diesen Ring mit mir herumschleppen. Ich habe ihn an dem Morgen gekauft, an dem du den Brief bekommen hast und hatte somit keine Gelegenheit, dich um deine Hand zu bitten. Annie, ich liebe dich mehr als mein Leben, ich möchte dich festhalten und nie wieder loslassen. Ich möchte, dass ihr meinen Namen tragt und wir eine richtige Familie sind. Du, Lilly und ich. Ich möchte rund um die Uhr Lillys Daddy sein“, er grinst mich an und legt vorsichtig eine Hand auf meinen Bauch.

„Und wenn mich nicht alles täuscht, auch noch für einen kleinen Wurm, der in deinem Bauch heranwächst.“

Was meint er denn jetzt schon wieder? Er muss mir meine Verwirrung angesehen haben, denn er spricht weiter.

„Ich glaube nicht, dass du etwas Falsches gegessen hast, Annie. Kann es sein, dass etwas anderes an deiner Übelkeit schuld ist?“

Oh! Langsam dämmert es mir. Das vergessene Kondom … Das ist über zwei Wochen her und ich glaube, ich bin tatsächlich überfällig. Nach dem Stress der letzten Zeit, habe ich das total verdrängt. Mir steigen die Tränen in die Augen, als ich langsam und unsicher nicke um Colins Frage zu beantworten und meine Hand sich automatisch auf meinem Bauch auf seine legt. Bin ich wirklich schwanger?

„Hey, Baby, nicht weinen.“

Colin zieht mich hoch und nimmt mich zärtlich in die Arme.

„Du musst mich nicht heiraten, nur weil wir noch ein Baby bekommen. Nur wenn du wirklich möchtest.“

Möchte ich?

„Ja!“, flüstere ich mit vor Tränen heiserer Stimme.

„Ja, Colin, ich möchte dich heiraten!“

Er drückt mich fest an sich und flüstert mir immer wieder ins Ohr, wie sehr er mich liebt und mich vermisst hat. Wir vergessen alles um uns herum und halten uns aneinander fest, wollen uns nie wieder loslassen.

Ewigkeiten später geht die Tür auf und unsere Anwälte und der Richter schauen misstrauisch in den Raum. Die habe ich ja total vergessen. Colin legt mir seinen Arm um die Schultern und die andere Hand streichelt vorsichtig über meinen Bauch, als er sich zu ihnen umdreht.

„Es ist alles geklärt. Es gibt keine Klage und auch keine finanzielle Erklärung. Meine Verlobte und ich müssen jetzt los – einen Schwangerschaftstest machen.“ Er strahlt in die Runde.

Dann hebt er mich auf seine starken Arme und trägt mich aus dem Raum, während die anderen uns nur sprachlos hinterherschauen.

„Ich liebe dich Annie Briggs, meine Cinderella.“

Hoffnung am Horizont

1

Das Flugzeug schlingert kurz, als es in ein Luftloch fällt. Oh herrje, ich hasse fliegen. Zum Glück setzen wir gerade zur Landung an. Nach den Turbulenzen der letzten Stunde habe ich das Gefühl, meinen Mageninhalt nicht mehr lange kontrollieren zu können. Das Flugzeug setzt nicht gerade sanft auf dem Rollfeld auf, doch die Passagiere klatschen alle artig. Schließlich hat der Pilot uns unbeschadet durch die Luftlöcher gebracht und wir sind nicht abgestürzt. Ich atme tief durch, als die Anschnallzeichen endlich erlöschen und alle Leute gleichzeitig versuchen, auf die Ausgänge zuzuströmen. Zum Glück habe ich gleich wieder festen Boden unter den Füßen. Noch schnell meine Koffer holen und dann nichts wie ab nach Hause.

An den Gepäckbändern ist wie erwartet ein Riesengedränge. Ich werde von allen Seiten geschubst, Ellenbogen rammen in meine Rippen und eine Frau mit Highheels tritt mir voll auf die Zehe. Das gibt bestimmt einen blauen Fleck. In diesem Tumult schaffe ich es nicht einmal in die Nähe der Bänder. Na ja, dann hole ich mir halt erst einen Gepäckwagen. Suchend schaue ich mich um, während ich durch die Ankunftshalle stolpere. Als ich endlich einen ergattert habe und zurück zum Gepäckband komme, auf dem auch mein Gepäck gleich ankommen dürfte, leert sich die Halle allmählich und ich halte nach meinen Koffern Ausschau. Nur noch wenige fahren auf dem Band im Kreis, aber meine sind leider nicht dabei. Ich warte noch zehn Minuten, aber sie tauchen nicht auf. Oh bitte, nicht das auch noch. Da bin ich froh, nach über dreißig Stunden unterwegs, endlich nach Hause zu kommen und jetzt darf ich mich noch auf die Suche nach meinen Koffern machen. Ich gehe zum Schalter meiner Fluglinie und frage die gelangweilt aussehende Dame dahinter. Erst guckt sie mich sekundenlang nur an, als würden wir nicht dieselbe Sprache sprechen, aber dann kommt sie tatsächlich in Bewegung. Nach einigen Minuten Suche im Computer hat sie die ernüchternde Auskunft „Ist wohl in Toronto hängen geblieben.“

In Toronto??? Okay, da hatte ich einen Zwischenstopp auf dem Weg von Tokio hierher, aber der Zwischenstopp dauerte fünf Stunden! Man sollte doch meinen, das wäre genug Zeit, zwei Koffer umzuladen. Ich bin zu erschöpft, um lange mit ihr zu diskutieren. Bringt sowieso nichts, sie hat ja meine Koffer nicht verschlampt und kann auch nichts für meine schlechte Laune. Nachdem sie mir erklärt hat, dass mir die Koffer nach Hause gebracht werden, sobald sie da sind, mache ich mich auf den Weg zum Taxistand. Nur noch ein Taxi da, jetzt aber schnell. Ich greife schon nach der Tür, als ich unsanft zur Seite geschubst werde und beinahe auf meinem Hintern lande. Ein Typ im Businessanzug sieht aus mindestens 1,95 Meter mit schokobraunen Augen auf mich hinab und zieht spöttisch eine Augenbraue hoch, als ich ihn anblaffe.

„Hey, das ist mein Taxi!“

Er grinst nur.

„So? Steht da dein Name dran? Krieg dich ein, Mädchen, das hier ist ein Taxistand, da gibt’s noch mehr von diesen Wagen. Ich habe es eilig.“

Spricht, steigt ein und zieht die Tür so schnell hinter sich zu, dass ich keine Chance mehr habe, zu reagieren. Nicht, dass mir so schnell irgendetwas Sinnvolles als Erwiderung eingefallen wäre. Normalerweise bin ich nicht auf den Mund gefallen, aber der Typ hat mir echt die Sprache verschlagen und ich bekomme meine offene Klappe nicht mehr zu.

Mädchen? Hat er mich gerade Mädchen genannt? Für wie alt hält der mich? Zwölf? Okay, ich gebe mit Sicherheit kein schönes Bild ab, in meiner grauen Jogginghose und dem Kapuzenshirt. Meine Schminke hat sich im Laufe der letzten Stunden verabschiedet und meine ursprünglich zu einem straffen Knoten geschlungenen, rotbraunen Haare haben sich halbwegs gelöst und stehen in alle Richtungen ab. Ich muss furchtbar aussehen, aber Mädchen? Auch wenn ich nur 1,63 Meter klein bin und schon immer für jünger gehalten wurde, als ich bin, mit siebenundzwanzig bin ich von Mädchen schon ganz weit entfernt. Heute scheint aber auch wirklich alles schiefzugehen. Na ja, genau genommen die kompletten 48 Stunden, die ich jetzt geschätzt schon auf den Beinen bin.

In Tokio, wo ich das letzte halbe Jahr verbracht habe, um einen Windpark zu planen, zu berechnen und den Beginn des Aufbaus zu überwachen, musste ich am Tag meines Abfluges noch ins Büro, um meinen Nachfolger einzuweisen. Eigentlich sollte der schon seit einer Woche da sein, um die Übergabe zu erleichtern, aber irgendwie hatte er anscheinend Besseres zu tun gehabt und war erst am Abend vor meinem Abflug angekommen, sodass wir die halbe Nacht und den Morgen über, alles in Windeseile besprechen mussten, bevor ich zum Flughafen aufgebrochen bin. Dort angekommen war mein Flieger überbucht und ich konnte von Glück sagen, dass man mich überhaupt mitgenommen hat. Da unser Flugzeug dann auch noch technische Schwierigkeiten hatte, sind wir schon mit fünf Stunden Verspätung in Tokio gestartet und somit ist meine Pufferzone für ein bisschen Schlaf in Toronto von zehn auf fünf Stunden zusammengeschrumpft. Zu wenig Zeit, um ein Hotel aufzusuchen und in der Wartehalle auf harten Plastikstühlen schlafen, geht gar nicht. Also bin ich jetzt seit geschätzten 48 Stunden ohne Schlaf und ich habe das Gefühl, mein Körper vibriert und mein Magen wehrt sich gegen alles vor lauter Kaffeekonsum, während mein Gehirn im absoluten Leerlauf arbeitet. Immer noch kochend vor Wut über diesen arroganten Mistkerl, der mir mein Taxi weggenommen hat, sehe ich dem davonfahrenden Wagen nach und lehne mich erschöpft gegen eine Säule vor dem Flughafengebäude.

Ich schaue hoch in den grauen, wolkenverhangenen Himmel. Nicht ein Sonnenstrahl stiehlt sich durch die Wolken und ich fange an zu frösteln. Die Luft riecht nach den Abgasen der vielen Autos und Reisebusse, die im Minutentakt vor dem Flughafen anhalten, ihre Passagiere und deren Gepäck entladen oder einladen und wieder abfahren. Der Gestank lässt die Übelkeit, die mich seit den Turbulenzen quält, noch stärker werden. Ich muss unbedingt aus der Stadt raus, nach Hause und endlich wieder die frische Meeresluft atmen. Nach Hause. Kann man es so nennen? In den letzten Jahren habe ich meine Wohnung kaum mehr als ein paar Wochen im Jahr genutzt, weil ich ständig beruflich in der ganzen Welt unterwegs war. Von Dänemark bis Japan, überall sind im Laufe der Jahre von mir geplante Windparks entstanden.

Nach ungefähr zwanzig Minuten kommt ein weiteres Taxi, das mir diesmal auch keiner vor der Nase wegschnappt. Aufatmend lasse ich mich in die Polster fallen und gebe dem Fahrer meine Adresse. Er pfeift kurz und fragt, ob ich wüsste, was das kostet, wenn er mich da hinfährt. Ja, weiß ich! Wenn ich irgendwie die Möglichkeit sähe, die Strecke von gut 160 Meilen von Boston nach Boothbay Harbor noch selbst zu fahren, ohne am Steuer einzuschlafen, hätte ich einen Mietwagen genommen, aber ich kann nicht mehr. Und die Firma, bei der ich bis gestern gearbeitet habe, zahlt meine Reisekosten. Auch das Taxi über diese Strecke.

Ein letztes Mal will ich die Annehmlichkeiten, die der Job mit sich brachte, genießen, denn ab morgen bin ich arbeitslos. Ich habe nach diesem letzten Auftrag in Japan gekündigt und überlege mir jetzt in Ruhe, was ich in meinem Leben weiter machen möchte. Auf jeden Fall nicht mehr durch die Weltgeschichte reisen und Windparks planen. Ich möchte sesshaft werden und eine Arbeit haben, die mich wirklich ausfüllt. Die letzten Jahre haben mich ausgebrannt und ich sehne mich nach Ruhe und Beständigkeit. Was, weiß ich noch nicht so genau, aber mir wird schon etwas einfallen. Ich habe in meinem bisherigen Job genug verdient, um mir viele Monate freizunehmen und zum ersten Mal in meinem Leben einfach zu tun und zu lassen, was ich möchte und wie lange ich es möchte.

Mit diesem Gedanken schlafe ich ein und werde erst von einem Rütteln an meiner Schulter wieder wach. Das Taxi hat vor meinem Haus gehalten und der Fahrer hat mich geweckt, damit ich ihn bezahle. Ich schnappe mir meine Handtasche, mein einziges Gepäck im Moment und wanke, noch völlig schlaftrunken, ins Haus.

In meiner kleinen Wohnung im Erdgeschoss lasse ich die Tasche einfach fallen und reiße erst einmal alle Fenster auf. Nach sechs Monaten Abwesenheit ist es ein bisschen muffig hier. Auch wenn meine beste Freundin Annie ab und zu hier war, um meine Post durchzusehen und zu lüften, merkt man doch, dass die Wohnung unbewohnt war. Genau genommen war sie ja nie so wirklich bewohnt. Langsam gehe ich durch die Räume und sehe mich um. Hier muss einiges geschehen. Im Schlafzimmer steht ein wunderschönes Bett mit geschwungenem, eisernem Bettgestell, aber ich habe noch nicht einmal eine passende Tagesdecke dafür.

An den Fenstern hängen nur praktische Jalousien, die den Raum zwar wunderbar abdunkeln um zu schlafen, aber keinerlei Gemütlichkeit bringen. Ein kleiner weißer Nachttisch mit dazu passendem Kleiderschrank ergänzen den Rest der Einrichtung. Im Wohnzimmer sieht es nicht besser aus. Kein Bild ziert meine Wand, das fliederfarbene Sofa ist der einzige Farbklecks zwischen einem dunklen Sideboard an der einen Wand und dem Fernsehschrank gegenüber. Nicht einmal einen Esstisch habe ich hier stehen, obwohl der Platz dafür durchaus da wäre. Zum Essen muss ich in meiner kleinen Küche sitzen, da gibt es einen Tisch für vier Personen. Ansonsten ist es auch hier bekümmernd karg. In den nächsten Tagen oder Wochen werde ich aus dieser Wohnung ein Heim machen, nehme ich mir fest vor. Morgen mache ich mir einen Plan und gehe einkaufen. Aber im Moment bin ich so müde, ich will nur noch schlafen. Ich springe unter die Dusche, um den Schmutz der langen Reise abzuwaschen und ziehe mir einen Schlafanzug an. Nachdem ich alle Fenster wieder fest verschlossen habe, falle ich in mein Bett und schlafe die nächsten zwölf Stunden durch.

Als ich erwache, ist es fünf Uhr morgens. Okay, ich bin wohl durch die Zeitverschiebung etwas durcheinander. In Tokio ist es jetzt bereits zwölf Uhr mittags. Mittag! Der Gedanke erinnert meinen Magen daran, dass ich seit Ewigkeiten nichts gegessen habe und er knurrt vernehmlich. Das Essen im Flugzeug war eine Katastrophe, bestehend aus grauen, matschigen Nudeln und einer angeblichen Tomatensoße mit Hühnerfleisch, was aber absolut ungenießbar war. Somit habe ich mich die letzten zwei Tage nur von Keksen und Schokoriegeln aus den Flughafenkiosken ernährt. Nicht unbedingt gesund, wenn man wie ich auf seine Figur achten muss. Ich bin zwar nicht wirklich dick, aber doch an gewissen Stellen deutlich gerundet. Meine beste Freundin Annie behauptet, ich hätte eine Figur, wie ein Pin-up-Girl der fünfziger Jahre und die Männer würden auf solche Rundungen stehen, aber ich glaube, sie will nur nett sein. Ich kann jedenfalls nicht feststellen, dass mir die Männer die Bude einrennen. Im Gegenteil. Meine letzte und einzige Beziehung ist schon ewig her und war nicht gerade von Erfolg gekrönt. Na gut, ich hatte jetzt auch nicht sonderlich viel Zeit und Lust, mich um Männerbekanntschaften zu kümmern, aber ab sofort wird sich das ändern. Ich werde mein Leben neu in die Hand nehmen, beschließe ich, als ich mich schnell unter die Dusche stelle und danach eine weite Hose und einen ebenso weiten Pulli überziehe. Mir ist ein bisschen flau im Magen vor Hunger und ich weiß, dass ich absolut nichts im Haus habe. Also muss ich erst einmal einkaufen, bevor mein neues Leben beginnen kann.

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634 p. 7 illustrations
ISBN:
9783968160122
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