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Katica Fischer

FABIANS WEG

Blutbande I

Roman

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutsche Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten.

Die Charaktere und Handlungen in diesem Roman sind allesamt fiktiver Natur. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt, sondern rein zufällig.

© 2018 Katica Fischer

www.katica-fischer.de

Einbandgestaltung:

Amela Mecavica

und K. Fischer

Bereitstellung und Vertrieb:

neobooks (Neopubli GmbH, Berlin)

1

Das Sprechzimmer der Ärztin war mit hellen Möbeln und farbenfrohen Vorhängen ausgestattet, was eine entspannend wirkende Atmosphäre schuf. Dennoch fühlte sich das Ehepaar, welches schweigend vor dem Schreibtisch saß und auf die Ergebnisse der Untersuchung wartete, sichtlich unbehaglich.

Elisa Andersen war eine geschmackvoll gekleidete, zierliche Frau. Ihr brünettes, schulterlanges Haar umrahmte in sanft schimmernden Wellen ein kleines herzförmiges Gesicht, das von großen braunen Augen und einem sinnlichen Mund beherrscht wurde. Sie war sehr nervös, was sich nicht nur an ihrer angespannten Sitzposition, sondern auch an ihren Fingern zeigte, die ein ums andere Mal ein Papiertaschentuch zusammenfalteten, nur um es im nächsten Moment wieder auseinanderzunehmen. Karl Andersen hingegen war ein stämmiger, rotblonder Endvierziger von hohem Wuchs. An seinen Schläfen und im dicht wachsenden Schnurrbart zeigten sich erste Silberfäden. Auf seiner Stirn und um die grauen Augen hatten sich tiefe Falten in die helle Haut gegraben, welche davon zeugten, dass er meist mit verkniffener Miene herumlief. Der dunkle Maßanzug, das weiße Hemd und die ordentlich gebundene Krawatte saßen tadellos. Allerdings schien ihm der Schlips zu eng zu sein, denn er hob immer wieder seine Rechte, um den Knoten ein wenig von seiner Kehle wegzuziehen.

Den Blick stur auf einen Punkt an der gegenüber liegenden Wand richtend, biss Karl die Zähne so fest zusammen, dass seine Kieferknochen deutlich hervortraten. Er war jetzt schon zwölf Jahre verheiratet, konnte aber nach wie vor keinen Stammhalter vorweisen, dachte er gereizt. Mittlerweile war seine Frau von allen möglichen Ärzten untersucht worden, immer mit dem Ergebnis, dass mit ihr alles in bester Ordnung war. Doch statt froh zu sein, dass ihr nichts fehlte, und darauf zu vertrauen, dass es mit der Schwangerschaft irgendwann doch noch klappen würde, war sie nicht müde geworden, ihm einzureden, dass er sich ebenfalls untersuchen lassen müsse. Ihr liefe die Zeit davon, hatte sie immer wieder betont, was er für absolut albern hielt, da sie ja erst dreißig Jahre alt war. Dennoch hatte er schließlich eingewilligt, dass seine Zeugungsfähigkeit von fachkundigen Leuten bestätigt werden sollte, damit sie endlich Ruhe gab. Und nun war endlich der Tag gekommen, wo sie es schwarz auf weiß zu sehen bekommen würde!

Als die Tür aufging und die Ärztin hereinkam, straffte sich der große Mann noch ein wenig mehr. Seine Begleiterin schien indes noch kleiner zu werden, während ihr Blick wie gebannt an der Medizinerin hing, die sich nun mit ernstem Gesicht hinter ihren Schreibtisch setzte.

„Ich habe leider schlechte Nachrichten“, begann Doktor Wießner. „Die Untersuchungsergebnisse haben bestätigt, dass Sie, Herr Andersen, weder auf natürlichem Wege noch mit medizinischer Unterstützung Kinder zeugen können.“

Karl fühlte seine Hände kaum noch, so kalt waren sie mit einem Mal. Also doch nicht so abwegig, wie er bisher hatte glauben wollen, dachte er schockiert. Seine Männlichkeit brachte tatsächlich nichts Vernünftiges hervor – mal ganz abgesehen von einem enormen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.

„Aber …“ Er schluckte hart, bevor er weitersprach: „Wie kann das sein?“

„Ich hatte ja schon bei unserem ersten Gespräch gesagt, dass es viele Ursachen für eine Sterilität bei Männern gibt“, antwortete die Ärztin ruhig. „Die bekannteste dürfte eine Mumps-Erkrankung im Erwachsenenalter sein. …“

Während Doktor Wießner weitere infrage kommende Ursachen aufzählte, hörte Karl schon gar nicht mehr hin, denn er war nun im Geiste damit beschäftigt, herauszufinden, wann er das letzte Mal krank gewesen war. Da ihm diesbezüglich aber nichts einfallen wollte – er war schon immer hart im Nehmen und noch nie ein Jammerlappen gewesen! – fühlte er wütende Frustration in sich aufsteigen. Er hatte sich aus eigener Kraft vom Sohn eines Handwerkers aus ärmlichsten Verhältnissen zu einem Unternehmer hochgearbeitet, der voller Stolz auf das Erreichte zurückblicken konnte, erinnerte er sich. Die Vorstellung, dass sein europaweit bekannter Maschinenbau-Betrieb später von seinem eigenen Sohn übernommen und weitergeführt werden würde, hatte ihn dabei stets vorangetrieben. Aber jetzt … Sollte wirklich alles umsonst gewesen sein? Würde sein Lebenswerk am Ende von einem Fremden übernommen werden, der sich ins gemachte Nest setzte, ohne je etwas für sein Glück getan zu haben? Hatte er etwa dafür wie ein Verrückter geschuftet?

„Sie sagen also, es gibt Krankheiten, die dazu führen können, dass ein Mann nicht mehr ganz Mann ist?“ Seine sonst ziemlich laut und befehlsgewohnt klingende Stimme drohte jeden Moment zu versagen. „Und es gibt keine Möglichkeit …“ Er schluckte wiederholt, was deutlich machte, wie schwer es ihm fiel, die richtigen Worte zu finden. „Ich meine … Die Medizin macht doch heutzutage fast alles möglich.“

„Nein, in Ihrem Fall gibt es derzeit keine Behandlungsmethode, die wirklich Erfolg versprechend wäre.“ Die Ärztin ließ ein bedauerndes Lächeln sehen. „Es tut mir leid.“

Karl nickte nur. Einen kurzen Blick in die Richtung seiner Frau werfend, stand er gleichzeitig auf und ging zum Fenster hinüber, um stumm hinauszustarren. Aus, dachte er immerfort. Der Traum von einem Stammhalter war nun endgültig ausgeträumt.

Elisa saß unterdessen wie versteinert da. Eigentlich hätte sie jetzt erleichtert sein sollen, dachte sie, denn sie musste nicht länger die Schuld bei sich selbst suchen. Trotzdem bereute sie nun, ihren Mann zu dieser unseligen Untersuchung gedrängt zu haben, weil sie wusste, dass die Kenntnis um seine intimste Schwäche ihn von nun an Tag und Nacht verfolgen würde, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte. Sie wusste auch, er würde ihr nicht verzeihen, dass sie die treibende Kraft gewesen war, die seine Schmach ans Tageslicht gezerrt hatte. Nein, er würde nichts sagen. Aber sie würde es zu spüren bekommen!

Sie war kaum beim letzten Gedanken angekommen, da fühlte die kleine Frau eine leichte Gereiztheit in sich aufsteigen, die mit einer gewissen Befriedigung einherging. Karl würde aufgrund seiner Zeugungsunfähigkeit sicher keine Minderwertigkeitskomplexe bekommen oder gar aus Kummer darüber sterben! Aber sie hatte jetzt endlich Klarheit und konnte daher ihre eigene Hoffnung endgültig aufgeben. Es tat zwar weh, zu wissen, dass sie nie ein eigenes Kind haben würde, doch verzweifeln würde sie darüber nicht. Schließlich drehte sich das Leben einer Frau nicht mehr bloß um Kind, Küche und Kirche. Würde sie sich eben mehr ihren Hobbys und ihren Freundinnen widmen, um ihre Zeit sinnvoll auszufüllen, während er seinen Geschäften nachging.

„Ich danke Ihnen für alles.“ Das Gesicht der Ärztin fixierend, stand Elisa nun ebenfalls auf und lächelte dabei gezwungen. „Auf Wiedersehen.“

Doktor Wießner erhob sich, mit der Absicht, ihre Besucher zu verabschieden. Doch hatte sie kaum Elisas Hand erfasst, da fiel ihr ohne jeden Übergang die junge Frau ein, die kurz vor dem Ehepaar bei ihr gewesen war. Die Welt war doch wirklich verrückt, schoss es ihr daraufhin durch den Sinn. Hier verzehrte sich ein Paar nach einem Kind, konnte aber keines bekommen. Die Sechzehnjährige bekam eines, wollte es aber nicht haben. Wie ungerecht doch das Leben war! Andererseits konnte man dem Schicksal bestimmt ein Schnippchen schlagen, nicht wahr?

„Sie wissen, dass heutzutage eine Schwangerschaft trotz Sterilität des Partners möglich ist“, begann sie vorsichtig.

Auf Elisas Gesicht machte sich eine verwirrt anmutende Miene breit, während sie ihr Gegenüber mit großen Augen ansah.

„Wie meinen Sie das?“, wollte sie wissen.

„Eine Spermaspende könnte helfen“, begann Doktor Wießner zu erklären. „Es haben schon viele Paare auf diese Weise …“

„Nein!“ Karl war schon bei den ersten Worten der Medizinerin wie unter einem Schlag zusammengefahren und kam nun mit langen Schritten zum Schreibtisch zurück, um seine Frau am Arm zu fassen und mit einer besitzergreifenden Geste an sich zu ziehen. „So etwas kommt überhaupt nicht infrage! Das wäre ja … Für mich wäre das Ehebruch!“ Elisa gehörte ihm allein! Wenn sie nicht seine Kinder gebären konnte, sollte sie überhaupt keines haben. Niemals würde er zulassen, dass der Samen eines anderen Mannes in ihr Wurzeln fasste und heranwuchs. Schon die Vorstellung, dass das Kind in ihrem Körper nicht seines wäre, war grauenhaft!

Die Ärztin runzelte kurz die Stirn und nickte dann, so als wolle sie sich selbst etwas bestätigen. Er war eine ziemlich egoistische und zudem äußerst dominante Persönlichkeit, stellte sie im Stillen für sich fest. Selbst das Wissen, dass der größte Wunsch seiner Frau niemals in Erfüllung gehen würde, wenn er nicht nachgab, ließ ihn nicht von seinem Standpunkt abweichen. Was seine Partnerin in diesem Moment dachte, oder wie sie sich fühlte, schien im völlig gleichgültig zu sein. … Nun ja … Vielleicht gab es doch noch eine Chance für ihre liebenswerte Patientin.

„Es gäbe da auch noch die Möglichkeit einer Adoption“, sagte sie mit ruhiger Stimme. „Haben Sie schon einmal daran gedacht, ein Kind zu adoptieren?“ Weil nun in beiden Augenpaaren ihrer Besucher leises Interesse aufglomm, fühlte sie sich in ihrem Vorgehen bestätigt. „Was auch immer Sie jetzt tun“, fuhr sie fort, „bedenken Sie auch diese Möglichkeit. Es gibt so viele Kinder, die ohne Eltern aufwachsen müssen. Da ist man froh um jedes, das in eine intakte Familie aufgenommen wird.“

„Was für eine verrückte Idee.“ Karl hatte den Vorschlag der Ärztin unkommentiert gelassen und sich stattdessen sehr kurz angebunden verabschiedet. Doch jetzt, auf dem Weg zur Praxis hinaus, begann er den Gedanken in einem anderen Licht zu sehen. Er erwog nun tatsächlich das Für und Wider, und kam am Ende zu einem Entschluss. Ja, so würde es gehen, dachte er euphorisch. Seine Frau würde ein Baby haben können, ohne dass sie durch einen anderen Mann besudelt wurde. Und er würde endlich eine vollständige Familie erhalten!

„Aber es würde ein völlig fremdes Kind sein“, versuchte Elisa einzuwenden. Als sie jedoch die Vorfreude und die Entschlossenheit im Gesicht ihres Mannes registrierte, war sie froh, ihren Widerspruch so leise vorgebracht zu haben, dass er ihn gar nicht erst gehört zu haben schien. Er meinte es ja nur gut, ermahnte sie sich selbst. Außerdem … Vielleicht wurde ja gar nichts daraus.

*

Mehrere Wochen vergingen, in welchen Karl Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um als Adoptivvater anerkannt zu werden, und dabei Stück für Stück seinem Ziel näher rückte. Elisa indes verfolgte seine Bemühungen mit ängstlicher Zurückhaltung und war dabei innerlich so angespannt, dass sie bald meinte, jeden Moment in tausend Stücke zerbrechen zu müssen. Zum einen wünschte sie sich, man möge ihr die ganze Sache ersparen, indem man den Antrag einfach ablehnte, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnte, ein fremdes Kind wie ihr eigenes lieben und umsorgen zu können. Andererseits fürchtete sie eine negative Entscheidung vonseiten der Behörden, weil ihr damit auch die Möglichkeit genommen würde, endlich Mutter sein zu dürfen. Am Ende gab sie es auf, ständig darüber zu grübeln, was werden würde, denn es blieb ihr ohnehin keine Wahl. Karl hatte entschieden, dass er unbedingt einen Sohn haben musste, also würde er seinen Willen auch bekommen – so wie immer.

Um sich abzulenken, kramte Elisa ihre Staffelei hervor und begann wieder zu malen. Was Jahre zuvor als natürliches Talent entdeckt und dann in entsprechenden Kursen an der Volkshochschule zu einem handwerklich sicheren Können ausgebildet worden war, war zu einem Hobby geworden, allein dazu bestimmt, ein schöner Zeitvertreib zu sein. Doch jetzt entwickelte es sich zu einer Tage füllenden Tätigkeit. Und weil sie in relativ kurzer Zeit mehrere hochwertige Leinwände und diverse Malutensilien kaufte, zog sie die Aufmerksamkeit des Geschäftsinhabers auf sich, der neben seinem Laden auch eine kleine Galerie besaß. Und so fanden vier von ihren Werken ihren Weg in dessen Ausstellung, um kurz darauf einem neuen Besitzer übergeben zu werden. Dass sie dabei einen erstaunlich hohen Preis erzielten, verwunderte Elisa genauso sehr, wie die Tatsache, dass man baldmöglichst noch mehr Bilder von ihr haben wollte.

*

Es war ein Tag vor Elisas einunddreißigsten Geburtstag, da kam Karl freudestrahlend nach Hause und verkündete voller Stolz, sie seien nun als Adoptiveltern anerkannt und stünden ab sofort auf der Warteliste für einen Säugling.

Elisa war immer noch hin-und hergerissen, und wusste daher nicht so recht, sollte sie sich mit ihrem Mann über den Erfolg seiner Hartnäckigkeit freuen, oder doch Angst vor der Zukunft und dem fremden Wesen haben, welches man ihr früher oder später anvertrauen würde. Am Ende schalt sie sich eine Närrin, weil sie sich von ihrer eigenen Furcht lähmen ließ, und stürzte sich dann in hektische Aktivitäten, wohl wissend, dass sie nur auf diese Weise die nervtötende Wartezeit überstehen würde. Karl hatte zwar entschieden, in welchem Raum des großen Hauses das Kind sein Reich haben sollte. Allerdings war noch nichts vorbereitet. Und so kümmerte sie sich zunächst darum, dass das künftige Kinderzimmer in freundlichen Farben gestrichen und mit passenden Gardinen ausgestattet wurde. Danach bestellte sie die notwendigen Möbel, kaufte Babykleidung in verschiedenen Größen und meldete sich schließlich zu einem Säuglings-Pflegekurs an.

*

Am zehnten Mai des Jahres Neunzehnhundertneunundsiebzig, also fünf Monate nach dem Besuch bei Elisas Ärztin, bestellte man das Ehepaar Andersen in die gynäkologische Abteilung des Hamburger Stadtkrankenhauses. Sie waren kaum da, da legte man Elisa ein Bündel in die Arme, welches ausschließlich aus einer flauschigen Decke zu bestehen schien. Bei näherem Hinsehen wurde dann ein rosiges Säuglingsgesicht sichtbar, das sich im Schlaf entspannt hatte.

Die kleine Frau war vom ersten Augenblick an überzeugt, nie etwas Liebreizenderes gesehen zu haben. Sie war in der Tat dermaßen fasziniert von dem engelsgleichen Babyantlitz, welches von einem dichten Schopf seidig glänzender heller Haare umgeben war, dass sie alles andere um sich herum vergaß. Die winzige Stupsnase und die hellen Augenbrauen betrachtend, bewunderte sie für einen Moment die ungewöhnlich langen Wimpern des schlafenden Jungen, und war dann wie verzaubert von dem feinen Lächeln, das plötzlich auf seinen Lippen lag. Wunderschön, dachte sie ein ums andere Mal. Ein Baby, wie aus einem Bilderbuch. Und doch … Sie war sich immer noch nicht ganz sicher, ob sie es auch so lieben konnte, wie sie eigentlich wollte. Es war immer noch das Kind einer anderen! Würde sie dieses Wissen je verdrängen oder gar vergessen können, fragte sie sich voller Selbstzweifel.

Karl ahnte nichts von den Ängsten, mit welchen sich seine Frau plagte. Aber, selbst wenn er davon gewusst hätte, wäre seine einzige Reaktion darauf ein ungeduldiges Abwinken gewesen. Er schaute daher zufrieden lächelnd auf seine Frau hinunter, und genoss das Gefühl tiefster Genugtuung, welches sein gesamtes Bewusstsein erfüllte. Geschafft, dachte er. Eiserner Wille und unermüdliche Ausdauer zahlten sich eben immer aus!

*

Der hohe schrille Schrei endete in einem jämmerlichen Weinen, was Elisa sofort aus dem Bett trieb. Leise, um ihren nach wie vor laut schnarchenden Mann nicht zu wecken, schlich sie auf Zehenspitzen zum Ausgang. Gleich darauf verließ sie das Schlafzimmer und zog am Ende behutsam die Tür hinter sich zu. Während sie ein paar Sekunden später das Kinderzimmer betrat, knipste sie gleichzeitig die Deckenbeleuchtung an und eilte dann mit schnellen Schritten zu dem Kinderbett, um den kleinen Jungen herauszuheben.

Fabian war mittlerweile zehn Monate alt und hatte die größten Schwierigkeiten mit den Zähnen, die immer im Vierer-Pack durchzustoßen schienen. Aufgrund der damit einhergehenden Schmerzen biss er in alles hinein, was er gerade erreichen konnte, weil dies kurzzeitig ein wenig Linderung brachte. Und so kam es, dass Elisas Hand, die eigentlich auf seine Wange gelegt worden war, um ihn beruhigend zu streicheln, zum Ziel der kleinen spitzen Schneidezähnchen wurde. Als sie daraufhin einen unterdrückten, aber dennoch hörbaren Schmerzlaut ausstieß, ließ er sofort wieder los. Die Augen vor Schreck weit aufgerissen und angefüllt mit Tränen, starrte er atemlos zu ihr hinauf. Dann hob er eine Hand und patschte unbeholfen in ihr Gesicht, um es anschließend mit unsicheren Bewegungen zu streicheln.

„Ma?“ Weil sie nicht gleich reagierte, versuchte es der Kleine noch einmal: „Mam … Ma?“

Elisa meinte plötzlich, sie würde von einer alles überspülenden Woge liebevoller Zärtlichkeit überrollt, und hielt unwillkürlich die Luft an. Ihr Herz schlug ihr mit einem Mal in harten schnellen Stößen bis zur Kehle hinauf, sodass sie fürchtete, es würde jeden Moment aus ihrer Brust springen. Es war nicht mehr wichtig, dass sie nach mehreren Nächten ohne ausreichenden Schlaf völlig übermüdet und so ziemlich am Ende ihrer Kräfte war. Was in diesem einzigartigen Moment zählte, war allein die Wärme des kindlichen Körpers, der in ihren Armen lag, und das Gefühl tiefer Verbundenheit mit dem Jungen. In diesem Augenblick vergaß sie alle Vorbehalte, die sie insgeheim noch gegen das Kind einer anderen gehegt hatte. Auch verdrängte sie nun vollends, dass es nicht ihr eigen Fleisch und Blut war. Stattdessen fühlte sie nur noch tiefe, bedingungslose Liebe für den Winzling, der sie aus großen, grünen Kulleraugen ansah, und der sie für seine Mutter, also den Fixstern seines Universums hielt.

„Schon gut, mein kleiner Liebling“, hauchte sie leise. „Es ist alles gut. Mama ist ja da.“

2

„Na, mein Sohn. Schau mal, was der Papa für dich hat!“

Obwohl das Kind keinen wirklichen Grund hatte, den Vater zu fürchten, schreckte es doch jedes Mal zusammen, sobald es ihn hörte, denn Karls Stimme hallte unangenehm laut durch die hohen Räume des Hauses. Zudem trat er stets so autoritär und unnahbar auf, dass es an ein Wunder gegrenzt hätte, hätte der kleine Junge Anderes als größten Respekt vor ihm empfunden. Und so schaute Fabian dem Vater wieder einmal total eingeschüchtert entgegen, als dieser mit einem Paket unter dem Arm auf ihn zukam und kurz vor ihm in die Hocke ging. Die hölzernen Tierfiguren waren nun genauso vergessen wie das Spiel, das er kurz zuvor auf dem Wohnzimmerteppich kauernd gespielt hatte.

„Was ist denn, mein Sohn? Du guckst ja, als wollte ich dich fressen.“ Das letzte Wort war kaum ausgesprochen, da verfiel Karl in glucksendes Gelächter. Gleichzeitig öffnete er den Deckel des Kartons, den er mittlerweile auf dem Boden abgestellt hatte. „Komm schon“, forderte er im jovialen Tonfall. „Guck dir an, was ich extra für dich gekauft hab.“

Fabian gehorchte, denn zum einen hatte er mittlerweile den ersten Schrecken überwunden, und zum anderen war er von Natur aus neugierig, sodass er nun wissen wollte, was in dem Paket war. Als er jedoch die verschiedenen metallischen Bauteile entdeckte, die fein säuberlich in extra dafür vorgesehene Fächer einsortiert waren, wandelte sich seine Vorfreude rasch in Ratlosigkeit.

„Na, was sagst du?“ Karl merkte, dass der Junge keine wirkliche Begeisterung angesichts des Baukastens empfand, wollte dies jedoch nicht wahrhaben. „Toll, nicht wahr! Ist so ’n richtiges Tüftelpaket, weißt du. Kann man tolle Sachen mitmachen.“

Fabian war hin-und hergerissen. Einerseits freute er sich tatsächlich darüber, dass der Vater ihm ein Geschenk gekauft hatte, obwohl weder Weihnachten noch sonst ein Feiertag war. Andererseits wusste er immer noch nicht so recht, was er mit den merkwürdig geformten Blechteilen anfangen sollte. Zudem traute er sich nicht, dies offen zu sagen, weil er nicht als dummes Kind angesehen werden wollte. Also tat er am Ende genau das, was von ihm erwartet wurde: Er zog den Karton näher zu sich heran und begann auszupacken.

„Das ist wirklich ein schönes Geschenk. Vielen Dank, Papa.“ Den Kopf tief gesenkt, hielt er zwei Metallstücke in den Händen und versuchte zu entschlüsseln, was sie darstellen sollten, kam jedoch zu keinem brauchbaren Ergebnis. Daher legte er sie beiseite und nahm dafür zwei andere Teile auf, in der Hoffnung, bei diesen beiden mehr Erfolg zu haben.

Unterdessen beobachtete Karl das Geschehen mit wachsender Ungeduld. Als das Kind jedoch wiederholt zu neuen Bauteilen griff, nur um sie nach kurzer Betrachtung wieder wegzulegen, fuhr er unbeherrscht dazwischen, indem er mit beiden Händen zupackte und die herausgeholten Metallstücke in den Karton zurückwarf.

„Ich seh’ schon“, grollte er. „Es gefällt dir nicht! Dabei hab’ ich so viel Geld dafür ausgegeben. Aber egal. Wird sich halt ein anderes Kind darüber freuen. Ich bring es nämlich zurück in den Laden.“

Fabian hatte sich fast zu Tode erschrocken, als ihn der Vater völlig unverhofft wegschubste, um an den Karton herankommen zu können. Entsprechend verängstigt hockte er jetzt am Boden, nicht recht wissend, wie er sich weiter verhalten sollte. Am Ende richtete er sich vorsichtig auf. Dabei fühlte er Tränen an seinen Wangen hinab laufen und wischte sich mit dem Ärmel seines Pullovers das Gesicht ab. Den breiten Rücken des Vaters betrachtend, stand er wie festgenagelt auf der Stelle, insgeheim sicher, dass dieser mit dem Schimpfen noch längst nicht fertig war und nur durch das wieder Verschließen des Geschenk-Kartons abgelenkt wurde. Erst als seine Mutter hereinkam, in den Händen ein mit Kuchenplatte und Limonade-Krug beladenes Tablett, warf er sich herum und floh aus dem Wohnraum.

„Was ist denn los?“, wollte Elisa wissen, während sie sichtlich verwirrt dem Jungen nachsah, der Hals über Kopf die breite Treppe zu seinem Zimmer hinauf hetzte.

„Nix besonderes“, schnappte Karl wütend, indem er sich nun ebenfalls aufrecht hinstellte. „Dein lieber Sohn hat mir nur gerade zu verstehen gegeben, dass er mein Geburtstagsgeschenk nicht mag. Sonst war nix.“

„Was?“ Ihre Augen huschten über den Baukasten, der jetzt unter Karls rechtem Arm klemmte, suchten dann das Gesicht ihres Mannes, in dem Enttäuschung und Zorn zu erkennen waren, und wanderten dann erneut zu dem Paket. „Wieso Geburtstag? Der ist doch erst in zwei Monaten.“

„Ja und?“, blaffte er. „Hab’ ich’s halt nicht abwarten können! Ist das denn so schlimm?“

„Nein, schlimm ist das nicht.“ Sie stand mittlerweile neben ihm und verrenkte sich den Hals, um die Altersangabe entziffern zu können, die seitlich auf der Verpackung aufgedruckt war. „Aber unüberlegt.“ Bevor ihr Mann etwas erwidern konnte, stellte sie das Tablett auf dem Wohnzimmertisch ab und langte gleich im Anschluss nach dem Baukasten, um Karl sogleich die Empfehlung des Herstellers vor die Nase zu halten. „Ab zehn Jahre“, las sie zusätzlich laut vor.

„Was?“, fragte er mit verständnisloser Miene.

„Das Ding wird für Kinder ab zehn Jahre empfohlen“, erklärte sie geduldig. „Also musst du dich nicht wundern, wenn Fabian nichts damit anfangen kann, mein Lieber. Er ist ja noch nicht einmal fünf.“

Für einen Moment wollte es scheinen, als würde Karl aus der Haut fahren, angesichts der nachsichtigen aber für ihn peinlichen Belehrung durch seine Frau. Doch dann stieß er ein unüberhörbar unechtes Lachen aus.

„Du glaubst wohl, ich hätt’s nicht gesehen, ja? Aber das ‚ich wohl“, behauptete er nun von oben herab. „Ich wollte nur mal testen, wie intelligent er ist, sonst nix.“

„Seine Intelligenz ist für sein Alter völlig in Ordnung“, erklärte sie, indem sie gleichzeitig die Limonade-Karaffe und die Kuchenplatte vom Tablett auf den Tisch stellte. „Allein seine künstlerische Begabung ist außergewöhnlich. Du solltest dir mal die Bilder ansehen, die er malt. Es ist wirklich erstaunlich, was er in seinem Alter schon zustande bringt.“

„Bilder, pah! Es reicht, dass meine Frau dauernd mit Farben herum kleckst. Ich brauch’ nicht noch einen sogenannten Künstler in meinem Haus!“ Karl schätzte die Werke alter Meister. Er akzeptierte auch, dass seine eigene Frau ein gewisses Talent besaß, denn sonst hätte sie sicher keines ihrer Bilder verkaufen können. Allerdings brachte er wenig, um nicht zu sagen gar kein Verständnis für die jungen Leute auf, die Jahre ihres Lebens damit vergeudeten, die schönen Künste zu studieren, nur um hernach der Gesellschaft zur Last zu fallen, weil sie keine vernünftige Arbeit verrichten konnten, um sich selbst ernähren zu können. „Er soll sich gefälligst mit vernünftigen Dingen befassen! Schließlich muss er mal meinen Maschinenbau-Betrieb übernehmen und sollte beizeiten darauf vorbereitet werden!“

„Er ist doch noch ein kleines Kind“, versuchte sie zu beschwichtigen.

„Ja und?“, wischte er den Einwand beiseite. „Als ich so alt war, wie er jetzt ist, hab’ ich mir nichts sehnlicher gewünscht als einen Baukasten, hab’ ihn aber nicht bekommen, weil kein Geld für Spielzeug übrig war. Der undankbare Bengel kriegt alles, was es für teures Geld zu kaufen gibt, macht sich aber noch nicht einmal die Mühe, so zu tun, als freue er sich über mein Geschenk!“

„Willst du wirklich, dass er dir etwas vorheuchelt, was er gar nicht fühlt?“ Elisa sah ihren Mann mit großen Augen an. „Ja?“

„Nein!“ Karls Zorn hatte mittlerweile ein wenig nachgelassen. Dennoch war er noch weit davon entfernt, den Vorfall wirklich objektiv zu sehen. „Ich … Ach, lasst mich doch in Ruhe!“ Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da warf er sich herum und stapfte mit langen Schritten aus dem Raum.

Elisa blieb auf der Stelle stehen und sah ihm mit gerunzelter Stirn nach. Warum nur, fragte sie sich. Wieso wurde er in letzter Zeit immer so schnell wütend? Und weshalb hackte er ständig auf dem Jungen herum? Nichts war ihm recht, was auch immer der Kleine tat. Und sie selbst musste sich auch immer öfter in Acht nehmen, wie und was sie sagte, denn jedes falsche Wort konnte zu einem hässlichen Streit führen. Ob er Schwierigkeiten im Betrieb hatte? Ja, das musste es sein, dachte sie. Es gab sicher Probleme, die ihn belasteten, die er aber nicht mit ihr besprechen wollte. Ihn danach zu fragen würde jedoch völlig unnütze Liebesmüh’ sein, denn er hatte noch nie über geschäftliche Dinge mit ihr geredet, und würde es auch in Zukunft sicher nicht tun.

*

An Fabians fünften Geburtstag beschloss Karl, dass er ihn in einem Internat unterbringen würde, denn er war der Meinung, dass der Junge eine ordentliche Ausbildung brauchte. Unter „ordentlicher Ausbildung“ verstand er eine strenge und daher kompromisslose Erziehung, die nicht in Elisas nachgiebige und daher schwache Hände, sondern in die von ausgebildeten Fachleuten gehörte. Außerdem war er der Meinung, dass die Vorsorge für die Zukunft nicht früh genug beginnen könne. Auch behagte ihm Fabians zurückhaltendes Wesen nicht, denn es entsprach nicht seiner Vorstellung eines aufgeweckten und tatkräftigen Jungen, der auch mal über die Stränge schlug und sich damit wissentlich in Gefahr brachte, eine entsprechende Strafe erdulden zu müssen. Wäre Fabian tatsächlich ein rotzfrecher Bengel gewesen, der vor nichts und niemandem Angst oder Respekt verspürte, Karl hätte dennoch die gleiche Entscheidung getroffen. Doch das wollte sich der große Mann nicht so offen eingestehen. Stattdessen lobte er sich selbst für die geniale Idee, denn er war überzeugt davon, dass man in einem Internat eine Persönlichkeit mit Format aus dem Jungen machen würde, die exakt seinen eigenen Idealen entsprach.

Der eigentlich wahre Grund für Karls einsame Entscheidung war wohl eher ein bisher unterdrückter Widerwille gegen das Kind, das nicht sein eigenes war und welches dennoch so viel Liebe und Aufmerksamkeit durch Elisa erfuhr, wie kein anderes Wesen. Nein, dass er eifersüchtig war, das hätte er niemals zugegeben. Dennoch war er jedes Mal versucht, die beiden auseinanderzureißen, sobald er sie in einer zärtlichen Umarmung antraf, denn allein diese Geste führte ihm stets vor Augen, dass er ein Außenstehender war, dem man keinen Zugang zu dieser innigen Gemeinschaft gewähren wollte. Dass Fabian nur aufgrund seiner Ruppigkeit vor ihm zurückschreckte, und sich nicht traute, seine Zuneigung offen zu zeigen, sah er nicht.

„Sag das noch einmal. Was hast du getan?“ Elisa hatte die Erklärung ihres Mannes verstanden, konnte jedoch nicht glauben, dass sie richtig gehört haben sollte. Die Hände so fest zusammenballend, dass ihre Fingernägel sich schmerzhaft in ihre Handflächen bohrten, sah sie ihn mit weit aufgerissenen Augen an und hoffte, er würde jeden Moment in Gelächter verfallen und das Ganze somit als Scherz enttarnen.

Aber diesen Gefallen tat Karl seiner Frau nicht. Stattdessen musterte er sie von Kopf bis Fuß, so als sähe er sie tatsächlich zum allerersten Mal, und verzog dabei sein Gesicht zu einer abweisenden Miene, womit er deutlich machen wollte, dass er ihre Reaktion für höchst unpassend hielt.

„Ich habe den Jungen in einem Internat angemeldet“, wiederholte er. „Ich habe mir einige angesehen und mich am Ende für ein Haus in der Nähe von Hannover entschieden.“ Sein Tonfall machte deutlich, dass er weder Kritik an seinem Verhalten dulden noch die Richtigkeit seiner Entscheidung in Zweifel gezogen sehen wollte. „Es wird Zeit, dass er seine Ausbildung beginnt. Außerdem hat er dort viele gleichaltrige Spielkameraden.“

Nicht wahr, dachte Elisa unterdessen. Das konnte einfach nicht wahr sein!

„Wieso Internat? Und warum so weit weg?“, fragte sie heiser. „Gleich um die Ecke ist eine hervorragende Grundschule. Und außerdem … Er ist ja erst vor drei Monaten fünf geworden und daher noch viel zu jung, um eingeschult zu werden!“

Das hatte man ihm auch im Internat gesagt, erinnerte sich Karl. Dennoch hatte er darauf bestanden, dass man Fabian aufnahm, und dafür dann eine nicht unerhebliche Extra-Summe zusichern müssen, weil ja eine besonders intensive Betreuung für den vermeintlich hochbegabten und daher frühzeitig einzuschulenden Jungen nötig werden würde. Und nun war alles geregelt und so weit festgelegt, dass es peinlich gewesen wäre, hätte er jetzt einen Rückzieher gemacht. Nein, dachte er trotzig, es gab kein Zurück. Elisa würde zwar eine Weile brauchen, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Aber am Ende würde sie sich damit abfinden und wieder die liebevolle und aufmerksame Ehefrau und Geliebte werden, die sie früher gewesen war, und die er sich zurückwünschte.

„Selbstverständlich hätte er hier zur Schule gehen können“, erwiderte er gereizt. „Aber dann würde nix Gescheites aus ihm werden, denn du würdest ihn weiterhin verhätscheln und verweichlichen, so wie du es bisher auch getan hast. Und genau das will ich verhindern.“ Sein herablassender Ton machte deutlich, wie gering seine Wertschätzung für die pädagogischen Fähigkeiten seiner Frau war. „Ich will einen gescheiten und verantwortungsvollen Nachfolger. Und genau das werden die im Internat aus ihm machen. Ob es dir nun passt oder nicht, ist mir gleich.“ Mit diesen Worten wandte er sich brüsk ab und ging zum Bar-Schrank, um sich einen großen Cognac zu genehmigen.

Elisa stand wie vom Donner gerührt und wusste, was auch immer sie jetzt sagte, es würde nichts nützen. Das Einzige, was sie vielleicht mit einem weiteren Widerspruch erreichen würde, wäre ein lautstarker Streit, den man im ganzen Haus hören konnte. Und Karl würde noch mehr trinken! In letzter Zeit bediente er sich nämlich immer öfter aus der hauseigenen Bar, um seinen Ärger hinunterzuspülen. Das wiederum machte ihn dann noch reizbarer und triebhafter, als er ohnehin schon war. Besser, sie hielt den Mund, stellte sie im Stillen für sich fest, während sie sich langsam herumdrehte, um anschließend den Raum zu verlassen. Es kostete sie zwar immer mehr Überwindung, das gehorsam kuschende Weibchen zu spielen, doch blieb ihr keine andere Wahl, wollte sie das Leben ihrer Familie nicht unnötig schwer machen.

Familie. Dieses Wort kreiste immerfort durch Elisas Kopf, während sie die Treppe zum Schlafzimmer hinaufstieg. Karl hatte sich bei der Ankunft des Kindes wie ein Schneekönig gefreut, erinnerte sie sich wehmütig. Die ersten Monate waren zwar ein wenig schwierig, weil das Baby ausschließlich von ihr versorgt wurde und dabei oft krank gewesen war. Doch die folgenden glücklichen Jahre hatten sie für all die Sorgen und Strapazen durchwachter Nächte entschädigt. Fabian war ein überaus liebenswertes und anschmiegsames Kind, das anfangs mit seinem Lachen und seiner Lebensfreude die düstere Atmosphäre des riesigen Hauses vertrieben hatte. Aber nach und nach war der Junge dann immer stiller und ernster geworden, was vermutlich an Karls despotischem Auftreten lag. Dennoch vermittelte er ihr nach wie vor noch das Gefühl, gebraucht und geliebt zu werden, was sie von ihrem Mann leider nicht behaupten konnte. Karl forderte zwar jede Nacht sein Recht, doch schien er mit dem Herzen längst nicht mehr dabei zu sein, was nicht ohne Folgen geblieben war. Sie ließ ihn machen, empfand selbst aber kaum noch Freude an der körperlichen Vereinigung.

Elisa hielt die Klinke der Schlafzimmertür bereits in der Hand, da wurde ihr mit einem Mal klar, dass es längst keine Familie mehr gab. Sie mimte zwar noch Karls Ehefrau, hatte sich aber emotional schon so weit von ihm entfernt, dass es ihr schwerfiel, nachzuvollziehen, wieso sie ihn überhaupt jemals begehrt hatte. Die einzige Erklärung, mutmaßte sie nun im Nachhinein, konnte vielleicht in ihrem jugendlichen Alter begründet gewesen sein. Als sie Karl kennengelernt hatte, war sie erst siebzehn Jahre alt gewesen und gerade im Begriff, eine Ausbildung zur Sekretärin zu beginnen. Er dagegen war bereits ein erfolgreicher Geschäftsmann, der Eindruck machen und sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzen konnte. Er hatte es verstanden, ihr das Gefühl zu vermitteln, sie sei der einzige Grund, warum er überhaupt atmete, sodass sie sich in der Tat geliebt wähnte und ihm daraufhin alles schenkte, was sie zu geben imstande war. Aber mittlerweile kannte sie seinen wahren Charakter. Er legte sehr großen Wert darauf, dass man ihn für einen noblen Menschen hielt, dem man allzeit Hochachtung und Respekt entgegenzubringen hatte. Dabei war er in Wirklichkeit ein eiskalter und egoistischer Mann, den die Sorgen und Nöte anderer nicht im Mindesten interessierten.

Einer Eingebung folgend, ließ Elisa die Schlafzimmertür geschlossen und ging stattdessen zum Kinderzimmer, mit der Absicht, nachsehen zu wollen, ob mit Fabian alles in Ordnung war. Doch machte sie kaum die Tür auf, da wurde sie durch den Lichtschein überrascht, der das Zimmer taghell machte.

Davon ausgehend, dass der Junge etwas von der Auseinandersetzung mitbekommen hatte und nun völlig verunsichert und verschreckt in seinem Bett saß, ging sie hinein. Allerdings stand sie kaum drinnen, da wurde sie aufs Neue überrascht, weil er sich nicht wie erwartet unter seiner Decke verkroch, sondern auf dem Teppich hockte. Um ihn herum lagen in einem chaotisch anmutenden Durcheinander verschiedene Papierstücke und einzelne Metallteile.

Karls Geburtstagsgeschenk war eine Variante des Baukastens für Kleinkinder gewesen, erinnerte sich Elisa, während sie das Chaos überblickte, welches auf dem Boden herrschte. Aber herausgekommen war bisher nichts wirklich Befriedigendes, auch wenn Fabian sich täglich mit dem Ding auseinandersetzte. Und nun sah es so aus, als wollte er auch noch die Nacht zum Tage machen, um so mehr Zeit zu haben, damit er die Erwartung des Vaters endlich erfüllen konnte.

„Hallo, Schätzchen.“ Sie tippte ihm vorsichtig auf die Schulter, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Anschließend ließ sie sich vorsichtig neben ihm nieder. „Was machst du?“, wollte sie wissen. Weil er sie daraufhin bloß völlig verwirrt ansah, erkannte sie, dass er gerade aus sehr konzentrierten Überlegungen herausgerissen worden war, und wiederholte ihre Frage.

„Ich probiere was aus“, erklärte er mit einem zaghaften Lächeln, wandte sich jedoch sofort wieder den verstreuten Papieren zu. „Papa ist böse auf mich, weil ich mit den Sachen aus dem Baukasten nichts machen kann. Darum versuche ich es zu lernen. Es ist nur … Ich kann diese Blätter nicht verstehen!“ Die Baupläne zusammenraffend, hielt er sie gleich darauf mit einer hilflosen Geste der Mutter entgegen.

Elisa konnte ebenso wenig nachvollziehen, wie die Pläne zu deuten waren, wie das Kind, hatte jedoch den Vorteil, dass sie lesen konnte. Und so folgte sie wiederum einer Eingebung, indem sie die Blätter entgegennahm, um sie nach Seitenzahlen zu ordnen. Dabei kam sie einem anderen Umstand auf die Spur, der sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf: Das nötige Vorgehen war Schritt für Schritt bildlich erklärt. Allerdings waren die Pläne mittlerweile so durcheinander, dass es für Fabian unmöglich war, der notwendigen Reihenfolge der Arbeitsschritte zu folgen. Es wäre eigentlich Karls Aufgabe gewesen, sich mit dem Kleinen hinzusetzen und ihm alles zu zeigen, dachte sie ärgerlich. Aber jetzt war es sowieso egal. Würde halt sie dem Jungen Starthilfe leisten.

„Pass mal auf, mein Schatz“, sagte sie im begütigenden Tonfall. „Hier“, sie deutete auf die erste Abbildung des Bauplanes. „Siehst du? Hier steht eine Eins. Das muss der erste Schritt sein. Wenn du diese Teile zusammengefügt hast, kommt das nächste Bild dran.“ Mit dem Zeigefinger zur nachfolgenden Abbildung wandernd, registrierte sie gleichzeitig das neu erwachte Interesse in den kindlichen Augen und lächelte. „Hier, siehst du? Hier steht die Zwei. Dort ist die Drei.“

Fabian folgte mit den Augen den Fingern seiner Mutter und schluckte sichtlich.

„Das … Ich …“, stammelte er am Ende völlig überwältigt. „Das habe ich nicht gewusst. Mama, es ist ja ganz einfach! Warum habe ich das nicht gleich gemerkt?“, rief er aus. Gleich darauf zog er den Karton mit den restlichen Bauteilen zu sich heran und fügte innerhalb weniger Minuten eine kleine mechanische Figur zusammen. Diese hielt er dann wie eine Siegestrophäe hoch. „Schau mal, Mama, so ist es endlich richtig! Das muss ich Papa zeigen!“

Er wollte aufstehen, um zum Vater zu laufen. Aber Elisa hielt ihn sogleich am Ärmel seines Schlafanzuges zurück.

„Bleib’ hier, Schatz. Papa geht es nicht gut.“ Sie fühlte ihre Wangen brennen, denn die Lüge, die sie gerade gebraucht hatte, war ihr überaus peinlich. Dennoch nahm sie sie nicht zurück, sondern beschloss, dass sie gleich mit dem Jungen reden wollte, bevor Karl dies auf seine gefühllose Art tat. Eine grauenhafte Aufgabe, gewiss. Trotzdem musste sie es tun, damit man Fabian nicht womöglich direkt an den Kopf warf, dass er in diesem Hause nicht länger erwünscht war. „Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.“ Ihre Stimme zitterte leicht. „Papa hat dich in einer besonders guten Schule angemeldet. Diese Schule ist aber ziemlich weit weg von hier, deshalb musst du auch dort wohnen.“

Es dauerte einen Moment, bis Fabian den Sinn der mütterlichen Worte erfasste. Doch dann wurden seine Augen dunkel vor Schreck.

„Aber ... Aber …“ Er schluckte krampfhaft. „Aber ich kann doch die Teile jetzt richtig zusammenbauen.“ Die ersten Tränen kullerten bereits an seinen Wangen hinunter. „Papa braucht mich nicht mehr auf diese Schule schicken“, presste er hervor. „Jetzt kann ich doch die Baupläne richtig verstehen. Er muss mich nicht wegschicken.“ Bevor man ihn erneut aufhalten konnte, rappelte er sich auf und rannte dann zur Tür. „Ich gehe jetzt zu ihm und zeige ihm, dass ich es kann. Ich will nicht weg“, weinte er. „Ich will hierbleiben.“

Elisa konnte gar nicht so schnell folgen, wie er zum Zimmer hinaus und dann die Treppe hinunter hetzte. Endlich im Wohnzimmer angekommen, fand sie den Jungen am Hals ihres Mannes hängend, der in seinem Lieblings-Sessel eingedöst war, und meinte, ihr Herz würde jeden Moment in tausend Stücke zerspringen, als sie dessen verzweifeltes Flehen hörte: „Bitte Papa, ich werde nur noch mit dem Baukasten spielen! Ich kann es jetzt richtig machen, weißt du! Bitte, schick mich nicht weg!“

Karl war durch die unverhoffte Umarmung überrumpelt worden und ließ das Kind zunächst gewähren. Allerdings brauchte er nicht lange, um gereizt aufzufahren, denn das Betteln des Jungen rührte an seinem Gewissen, was ihm ein unangenehmes und höchst unwillkommenes Gefühl von Schuld verursachte. Fabian grob von sich stoßend, stand er gleichzeitig auf und sah den weinenden Jungen dann von oben herab mit angewiderter Miene an.

„Was soll das Theater?“, grollte er angriffslustig. „Hat dir deine Mutter nicht gesagt, dass es eine endgültige Entscheidung ist? Nein? So ist es aber!“ Ungeachtet der Verzweiflung, die ihm aus dem kindlichen Gesicht entgegensprang, fasste er den Fünfjährigen am Arm, um ihn dann ungeduldig zu schütteln. „Hör gefälligst auf zu heulen“, verlangte er barsch. „Dein Geplärr hilft dir auch nicht. Du gehst ins Internat, und das ist mein letztes Wort!“

„Hör auf“, verlangte Elisa, indem sie den Jungen aus dem Griff ihres Mannes befreite, um ihn anschließend hinter sich zu schieben, damit er außer Reichweite des Angetrunkenen sei. „Du bist ja nicht mehr bei Sinnen!“

Für einen Augenblick sah es so aus, als würde Karl nun auf seine Frau losgehen, um sie für ihre Aufmüpfigkeit zu strafen. Am Ende zuckte er aber bloß die Schultern, was mehr als deutlich machte, wie gleichgültig es ihm war, was sie über ihn dachte. Gleich darauf wandte er sich ab und tappte zur Hausbar, um sich einen neuen Drink zu holen.

Elisa nahm unterdessen den völlig verstörten Jungen bei der Hand und brachte ihn zu seinem Zimmer hinauf. In dieser Nacht blieb sie bei ihrem Sohn und damit zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit dem Ehebett fern. Nein, sie wollte nicht nur das Kind trösten, gestand sie sich ein, als Fabian endlich schlief. Ihr Wegbleiben diente auch ihrem eigenen Wohlbefinden, denn sie hätte es nicht ertragen, die Hände ihres betrunkenen Mannes auf ihrem Körper zu spüren oder seinen nach Alkohol stinkenden Atem zu riechen, ohne Brechreiz zu bekommen.

Dem regelmäßigen Atem des Jungen lauschend, grübelte sie in der Dunkelheit lange darüber nach, wie sie sich in Zukunft verhalten sollte. Sie könnte die Scheidung verlangen, überlegte sie. Allerdings würde sie damit das Risiko eingehen, dass man ihr das Kind unwiderruflich wegnahm. Karl würde weder ihren Wunsch nach Freiheit noch ihren Anspruch auf Unterhalt einfach so akzeptieren, denn sie konnte in der Tat keinen besseren Beweggrund angeben, warum sie plötzlich nicht mehr mit ihm zusammenleben konnte als die Erkenntnis, dass sie ihn nicht mehr mochte. Nein, er würde nicht versuchen, sie gewaltsam an seiner Seite zu halten. Allein seine Selbstherrlichkeit würde ihm das nicht gestatten! Aber es war ihm zuzutrauen, dass er das alleinige Sorgerecht für den Jungen erstritt, nur um sie von Fabian fernzuhalten und sie damit zu strafen. Und das durfte sie nicht zulassen, entschied sie. Was auch immer man ihr abverlangte, sie musste mitspielen, wollte sie ihrem Sohn eine einigermaßen glückliche Kindheit sichern!

Der Morgen graute bereits, als Elisa endlich zu einem Entschluss kam: Auch wenn es für Fabian grausam erscheinen mochte, war es vermutlich besser für ihn, wenn er nicht mehr Karls Launen und dem Psychoterror ausgeliefert war, der damit einherging. Vielleicht … Es war anzunehmen, dass ihr Mann ein exklusives Internat gewählt hatte, welches über gut ausgebildete Pädagogen verfügte, sodass der Junge in gute Hände kam. Und sie selbst … Sie würde Karl nicht verlassen. Zumindest nicht sofort. Aber sie würde ihn strafen, indem sie ihm fortan mit offen gezeigter Gleichgültigkeit begegnete. Und sie würde dafür sorgen, dass sich Fabian ihrer Liebe stets sicher sein konnte und nie das Gefühl haben musste, sie billige das Verhalten des Vaters.

3

Elisa schloss den Koffer und schaute dann voller Mitleid zu dem Jungen hinüber, der zusammengekauert auf seinem Bett hockte. Er hatte seit dem Abend, an dem sie ihm von dem Internat erzählt hatte, kein Wort mehr gesprochen, erinnerte sie sich bedrückt. Er blickte sie immer nur mit seinen todtraurigen Augen an, sagte aber nichts. Das ehedem rundliche Gesicht, welches noch vor ein paar Tagen von einem Wust brauner Locken umrahmt gewesen war, wirkte jetzt durch den ordentlichen Kurzhaarschnitt spitz und völlig versteinert. Und seine leicht vorgebeugte Körperhaltung erinnerte an einen alten Mann, der sowohl seine gesamte Kraft als auch all seine Lebensfreude verloren hatte. Wenn man ihn so ansah, dachte sie mit schuldbewusster Hilflosigkeit, wollte es einem scheinen, als trüge er eine schier unerträgliche Last mit sich herum und hätte zudem jede Hoffnung auf Beistand aufgegeben.

„Du musst keine Angst haben“, versicherte sie leise, indem sie sich zu ihm setzte, um seine Stirn zu küssen. „Es sind viele andere Kinder dort, weißt du. Mit denen kannst du dann nach Herzenslust spielen und lustige Streiche aushecken. Das wird dir sicher gefallen.“ Mit dem Zeigefinger hob sie sein Kinn an, um ihm in die Augen schauen zu können, und küsste ihn dann erneut auf Stirn und Wangen. „In den Schulferien hole ich dich wieder nach Hause“, versprach sie dabei. „Du wirst sehen, es ist gar nicht lange bis dahin. Und dann machen wir uns eine schöne Zeit. Du kannst dir ja schon mal überlegen, was du dann gerne unternehmen würdest. Ja? Und sobald du das weißt, rufst du mich an. Überhaupt: Wenn du es nicht mehr aushältst, rufst du mich an. Egal, wann und ganz egal wie spät es ist. Ich hole dich dann sofort ab. Versprochen!“ Sie hatte sich fest vorgenommen, nicht zu weinen. Allerdings fühlte sie in diesem Augenblick ihre Augen brennen, was ein sicherer Hinweis darauf war, dass sie verräterisch glänzten, und verwünschte im Stillen ihre Schwäche. Als Fabian sie dann auch noch umarmte, um sich für einen kurzen Moment mit aller Kraft an sie zu drücken, verlor sie fast die Beherrschung. Allein die massige Statur ihres Mannes, die unvermittelt im Türrahmen aufgetaucht war, löste eine Zornwelle in ihr aus, die jegliche Schwäche fortspülte. Es würde der Tag kommen, grollte sie insgeheim, an dem er bereuen würde, die Liebe, die man ihm entgegengebracht hatte, durch Gemeinheit vergolten zu haben!

Karls finsterem Blick ausweichend, schob sich die kleine Frau vom Bettrand. Danach half sie dem Jungen in die leichte Jacke und langte am Ende nach dem eigenen Blazer.

„Wir sind so weit“, verkündete sie, indem sie ihren Mann zum ersten Mal seit vielen Tagen voll ansah, und dabei so viel Kälte in ihren Blick legte, dass dieser sichtlich zusammenfuhr. Die offizielle Aufnahmefeier für die sogenannten Neulinge war am Vortag gewesen, erinnerte sie sich böse. Doch das hatte Karl ihr verschwiegen, sodass sie erst am vergangenen Nachmittag durch die besorgte Nachfrage des Internatsleiters darüber informiert worden war. Ob Karl den Termin verwechselt oder einfach nur vergessen hatte, vermochte sie nicht einzuschätzen, traute ihm aber mittlerweile zu, dass er die Zeremonie bewusst versäumt hatte, weil er den vermeintlich sinnlosen Zeitaufwand gescheut hatte. Also war dem Jungen nicht nur das Erlebnis eines besonderen Tages, sondern auch die Freude an einer prall gefüllten Zuckertüte entgangen! Dass er die Geschenke trotzdem erhalten würde, war keineswegs tröstlich, denn die würden ihm zum Abschied ausgehändigt werden, damit er durch das Auspacken ein wenig abgelenkt sei, während seine Eltern ihn in einem fremden Haus inmitten fremder Menschen zurückließen.

Die Fahrt zum Internat verlief still und ereignislos. Als schließlich die Umrisse des ehemaligen Landgrafen-Sitzes in Sichtweite kamen, machte Karl eine kurze Bemerkung zu den jetzigen Besitzern, erntete dafür aber bloß einen gleichgültigen Blick von seiner Frau. Fabian indes saß immer noch mit gesenktem Kopf im Fond und schien keinerlei Interesse an seiner Umgebung zu haben. Selbst als sie vom Schulleiter empfangen und in dessen Büro gebeten wurden, wo die organisatorischen Dinge des Internat-Alltags, sowie die Hausordnung besprochen werden sollten, blieb der Junge zurückhaltend und stumm. Allein das Mobiliar weckte nach einiger Zeit seine Aufmerksamkeit, sodass er bald nur noch Augen für die Antiquitäten hatte, mit welchen der Raum ausgestattet war. Das waren schöne, gemütliche Sachen, dachte er für sich. Fast wie zu Hause. Und die Schnitzereien waren auch toll. Aber die Bilder in den Rahmen waren scheußlich, denn sie zeigten bloß lauter komisch angezogene Leute, die bestimmt nie Spaß an etwas gehabt hatten, so finster wie sie guckten.

Während seine Eltern mit dem Schuldirektor redeten, schaute Fabian ohne wirkliches Interesse aus einem der großen Fenster. Als er schließlich einen Mann in Arbeitskleidung bemerkte, der sich mit einem merkwürdig aussehenden Werkzeug an einer dicht wachsenden Hecke zu schaffen machte und dabei von einem kleinen struppigen Hundewelpen umsprungen wurde, richtete er sich ein wenig auf, um besser hinaussehen zu können. Für einen kurzen Augenblick vergaß er fast, wo er sich befand, und beobachtete aufmerksam das übermütig spielende Tier. Doch nur einen Atemzug später sank er wieder in sich zusammen, denn die laute Stimme seines Vaters verkündete nun, dass ja wohl alle Fragen geklärt seien und er sich nun verabschieden wollte.

Karl stürmte nicht sofort aus dem Büro des Schulleiters zu seinem Auto. Er nahm sich aber auch nicht mehr Zeit, als notwendig war, um Fabians Koffer in dessen künftiges Zimmer zu bringen und einen kurzen Rundblick durch den gemütlich wirkenden Raum zu schicken. Gleich darauf nickte er in die Richtung des Jungen, schüttelte dann die Hand des Erziehers, der ab sofort für das Kind zuständig sein würde, und war auch schon aus der Tür hinaus, bevor überhaupt jemand etwas sagen konnte.

Elisa war die Situation so peinlich, dass sie sich am liebsten im nächsten Mauseloch verkrochen hätte. Da dies jedoch nicht möglich war, beschränkte sie sich darauf, das mitgebrachte Geschenk an ihren Sohn zu übergeben, damit er es endlich aufmachen konnte. Danach umarmte sie Fabian ein letztes Mal voller Zärtlichkeit, und folgte dann ihrem Mann, der bereits mit laufendem Automotor auf sie wartete.

*

Während der ersten Tage im Internat war Fabian so krank vor Heimweh, dass er weder etwas essen noch mitgehen wollte, um die anderen Kinder kennenzulernen. Das gute Zureden seines Betreuers blieb daher genauso ohne Erfolg, wie die Bemühungen des Internatsleiters, der es mit gut gemeinter Strenge versuchte. Selbst die Aussicht darauf, dass er jederzeit mit dem kleinen Hund des Hausmeister-Ehepaares spielen konnte, wenn er das wollte, vermochte ihn nicht aus seinem Zimmer zu locken. Er vermisste seine Mutter so sehr, dass es ihn körperlich schmerzte. Gleichzeitig wurde jeder Gedanke an sie immer öfter von einem Gefühl tiefer Enttäuschung begleitet, denn die Frage, warum sie das alles zugelassen hatte, ließ sich nicht länger verdrängen. Auch sein Vater fehlte ihm. Allerdings konnte er seine Gefühle für den großen Mann nicht mehr so eindeutig definieren, wie er es nur drei Wochen zuvor getan hatte. Schmerzliche Sehnsucht nach dem poltrigen, meist übel gelaunten Riesen wechselte sich ab mit trotziger Wut, die meist dann in ihm aufwallte, wenn er zu ergründen suchte, was man eigentlich von ihm erwartete. Am Ende glaubte er, begriffen zu haben, dass er nur durch besonders gutes Benehmen das Wohlwollen seines Vaters wiedererlangen und so erreichen konnte, dass man ihn wieder nach Hause holte. Also tat er fortan alles, was man von ihm verlangte, ohne auch nur einmal zu murren.

Elisa rief täglich an, um sich nach dem Befinden ihres Sohnes zu erkundigen. Da ihr die Antworten des Betreuers aber nicht wirklich glaubhaft schienen, setzte sie sich an einem Freitagmorgen kurzerhand ins Auto und fuhr zum Internat, um sich selbst ein Bild zu machen.

Die kleine Frau hätte blind sein müssen, um die seelische Not ihres Sohnes nicht zu sehen. Also nahm sie sich kurzerhand ein Zimmer in einer Pension unweit des Internats, und rief anschließend ihren Mann an, um ihn zu informieren, dass sie ein paar Tage lang nicht nach Hause kommen würde. Wo genau sie steckte, sagte sie ihm nicht, auch wenn ihr bewusst war, dass er sich das denken konnte. Sie war nicht seine Sklavin, redete sie sich selbst gut zu. Auch, wenn er dies vielleicht glaubte. Sie war nicht sein Eigentum, sondern ein mündiger Mensch, der für sich selbst entscheiden konnte!

Fabian indes nahm die Anwesenheit seiner Mutter mit sehr gemischten Gefühlen auf, denn sie sprach weder bei ihrer Ankunft noch während der folgenden beiden Tage den ersehnten Satz aus. Selbstverständlich freute er sich darüber, dass sie da war und ihre Zeit ausschließlich mit ihm verbrachte. Auf der anderen Seite wollte er, dass sie gleich wieder nach Hause fuhr, damit er den grausamen Moment der Trennung schnellstmöglich hinter sich bringen konnte.

„Du musst dir gar keine Sorgen machen“, versicherte er bei der letzten gemeinsamen Mahlzeit am Sonntagabend bewusst munter. „Mir geht’s hier ganz gut. Ich habe Freunde, weißt du. Und ich kann mit Tobi spielen. Ist alles gar nicht so schlimm wie ich am Anfang dachte.“

Elisa spürte, dass man ihr nicht die ganze Wahrheit sagte, nahm die Aussage des Jungen aber trotzdem mit einiger Erleichterung auf. Nichtsdestotrotz plante sie schon ihren nächsten Besuch und freute sich darauf.

*

Regeln zu befolgen fiel Fabian genauso leicht, wie das Lernen im Unterricht, was seinen Lehrern außerordentlich gut gefiel. Bei seinen Mitschülern und den Erziehern wurde sein angepasstes und höchst zurückhaltendes Verhalten jedoch nur zu Beginn des ersten Schuljahres als eine normale Reaktion geduldet. Doch nach und nach wurde er gezwungen, sich der Erkenntnis zu stellen, dass er es nicht jedem recht machen konnte. Gehorchte er den Forderungen seiner meist älteren Mitschüler, die ihn zu allerlei Streichen anstifteten, wurde er von der Lehrerschaft mit empfindlichen Strafen belegt. Folgte er den Anweisungen der Pädagogen, wurde er von seinen Altersgenossen als Streber angesehen und im besten Fall nur gemieden. Also ging er schließlich dazu über, den Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, indem er zum Einzelgänger wurde, der ausschließlich seine Bücher im Kopf hatte. Lieber wollte er von seinen Mitschülern gehänselt werden, als sich Ärger mit den Lehrern einzuhandeln. Obwohl er noch sehr jung war, hatte er bereits begriffen, dass sie letztlich die Macht besaßen, ihn wieder nach Hause zurückkehren zu lassen. Wenn er nämlich gute Noten und nur positive Beurteilungen bekam, glaubte er, würde sein Vater sicher mit sich reden und ihn zurückkommen lassen.

*

Die ersten Ferien im Haus seiner Eltern begannen für Fabian in hoffnungsvoller Erwartung. Doch schon beim ersten Zusammentreffen mit Karl wurde ihm klargemacht, dass er sich keinerlei Illusionen bezüglich einer Meinungsänderung vonseiten des Vaters machen durfte.

„Hoffe nur, die reguläre Schulzeit reicht trotz der vielen Pausen aus, um euch alles beizubringen, was ihr fürs Leben braucht“, quetschte Karl statt einer Begrüßung hervor. „Zwei Wochen“, er schüttelte missbilligend den Kopf, „man soll’s nicht glauben.“ Das Gesicht zu einer verächtlichen Miene verzogen, musterte er den Jungen einmal kurz von Kopf bis Fuß. „Dir schmeckt es wohl nicht im Internat, nein? Na, deine Mutter wird bestimmt dafür sorgen, dass du ein paar Pfund zunimmst, bevor sie dich wieder zurückbringt. Sie tut einfach alles für ihren kleinen Schatz. Gibt ja sonst nix wichtigeres für sie.“ Damit ließ er sowohl Fabian als auch seine Frau einfach stehen.

Elisa gab sich alle Mühe, das hässliche Verhalten ihres Mannes vergessen zu machen und ihren unglücklichen Sohn aufzumuntern, indem sie Ausflüge mit ihm unternahm oder einfach nur für ihn da war. Aber es wollte ihr einfach nicht gelingen, ein Lächeln auf das schmale Jungengesicht zu bringen.

Karls allgegenwärtige Präsenz schüchterte Fabian tatsächlich so sehr ein, dass er wie ein geprügelter Hund durchs Haus schlich, sobald er den Vater in der Nähe wusste. Allerdings war es nicht nur der Anblick des großen, stets finster dreinblickenden Mannes, der ihn auf Distanz hielt. Der Junge war sich plötzlich ganz sicher, dass er von seinem Vater niemals wirklich akzeptiert, geschweige denn geliebt werden würde. Nichtsdestotrotz hatte er ihn gerne und wollte nichts anderes als ihn zufriedenzustellen.

*

Fabian selbst merkte es nicht, aber in seinem Inneren vollzog sich allmählich eine grundlegende Wandlung. Menschliche Zuneigung hing offenbar davon ab, ob er gehorsam war oder nicht. Und selbst wenn er alles tat, was man von ihm verlangte, war dies keineswegs eine Garantie dafür, dass er von Enttäuschungen verschont wurde. Also schien es ihm besser, wenn er niemanden mehr so nahe an sich heranließ, dass man ihm wehtun konnte.

Die erste Person, die diese Veränderung zu spüren bekam, war Elisa. Sie wurde zwar bei ihrem nächsten Besuch voller Freude begrüßt, bemerkte aber sofort, dass Fabians Umarmung längst nicht so fest und liebevoll war, wie sonst. Selbst schuld, gestand sie sich ein. Hätte sie mehr Courage bewiesen und sich offen gegen Karl aufgelehnt, ihr Sohn besäße nun ein anderes Bild von ihr.

4

Fünf Jahre lang ertrug Fabian die Demütigungen und körperliche Misshandlungen, die ihm vonseiten seiner Mitschüler zugemutet wurden, ohne sich dagegen aufzulehnen. Manchmal schwamm er stundenlang im hauseigenen Schwimmbad eine Bahn nach der anderen, nur um den anderen aus dem Weg zu gehen. An anderen Tagen holte er sich Tobi, den kleinen Terrier des Hausmeisters, und streifte mit diesem durch die umliegenden Wälder, nur um die Zeit totzuschlagen, bis er sich ins Bett legen und so seine Ruhe haben konnte. Dann, eines Nachmittags, wurde es ihm zu viel, sodass er sich gegen seine Peiniger auflehnte. Daraufhin entbrannte eine brutale Schlägerei, in deren Verlauf er all seine Wut an seinen Gegnern abreagierte. Am Ende lagen zwei jeweils um ein Jahr ältere Jungen halb besinnungslos am Boden, während er selbst zum Schuldirektor ging, um sich zu stellen.

Da er die Schuld freiwillig auf sich genommen hatte, akzeptierte Fabian die Strafe, die daraufhin über ihn verhängt wurde, ohne sichtbare Regung. Doch brachte diese Episode auch etwas Positives mit sich, denn fortan wurde er nicht mehr so oft körperlich angegriffen. Hätte er gewusst, dass man ihm jetzt aufgrund seines aggressiven Ausbruchs mit widerwilligem Respekt begegnete, er hätte sich wohl sehr gewundert. Auch die Tatsache, dass man insgeheim seinen Mut bewunderte, weil er sich gegen eine vermeintlich unbezwingbare Übermacht durchsetzen konnte, wäre seinerseits auf große Skepsis gestoßen. Aber, selbst wenn ihm das bewusst gewesen wäre, hätte sich nichts an seinem Verhalten geändert. Für ihn zählte nach wie vor nur die Anerkennung der Lehrer. Und seine Bücher waren ihm wichtig. Er besaß mittlerweile eine große Auswahl verschiedenartigster Werke. Allein Tobi akzeptierte er als Freund und liebte ihn aufrichtig, denn bei dem kleinen Terrier war er sich hundertprozentig sicher, dass dessen Zuneigung ehrlich gemeint und an keine Bedingungen geknüpft war.

Es gab jedoch noch eine andere Veränderung. Allerdings nahm Fabian sie kaum wahr, da sie sich nicht auf seine reale Umwelt, sondern nur auf sein Gemüt auswirkte. Er träumte wiederholt von einem überirdisch schönen Geschöpf mit grünen Augen, welches ihm die Hände entgegenstreckte, um ihn dann in eine liebevolle Umarmung zu ziehen. Beim Erwachen war die Erinnerung an das Traumwesen zwar nicht mehr da, doch das seltsam beruhigende Gefühl, nicht mehr ganz so allein zu sein, begleitete ihn durch den Tag. Es kam ihm plötzlich so vor, als würde die Sonne ein wenig heller scheinen, und die Einsamkeit seiner Tage sei ein bisschen erträglicher. Selbst der Gedanke an die kommenden Ferien, und das zwangsläufig damit einhergehende Zusammentreffen mit dem Vater, war ihm nicht mehr so unangenehm wie sonst.

*

„Überraschung!“ Elisas Wangen glühten vor Vorfreude, während sie ein großes Paket auf das Bett ihres Sohnes legte, um gleich im Anschluss den schlaftrunkenen Jungen zu umarmen. „Alles Liebe zu deinem Geburtstag!“ Sie hatte es einfach nicht abwarten können, rechtfertigte sie sich. Außerdem wollte sie sichergehen, dass er nicht verschlief, weil sie mit ihm wegfahren und einen schönen Tag erleben wollte.

Fabian wurde an diesem Tag vierzehn Jahre alt, hatte mit seinen Altersgenossen jedoch nicht sehr viel gemein, denn er wirkte weit älter und reifer als sie, was nicht zuletzt an seiner ernsten und meist verschlossen wirkenden Miene lag. Er war jetzt um eine ganze Kopflänge größer als seine Mutter, und besaß die schlanke Statur eines Sportlers, was er den vielen Stunden im Schwimmbad verdankte, die er während der Schulzeit regelmäßig absolvierte.

„Los, du Schlafmütze, mach dein Geschenk auf.“ Das Paket auf den Schoß des mittlerweile sitzenden Jungen schiebend, lachte Elisa ihn an.

„Was ist es denn?“, wollte er wissen, während er das Geschenkpapier entfernte.

„Das wirst du schon selbst herausfinden müssen“, beschied sie ihm fröhlich.

Unterdessen hatte Fabian einen einfach wirkenden Karton ausgepackt und öffnete den Deckel, um dann einige Sekunden lang sprachlos auf den Inhalt zu starren. Er hatte vor einigen Wochen die Biografie eines bekannten Holzschnitzers gelesen, erinnerte er sich, und Bilder von dessen Werken gesehen. Seither wünschte er nichts mehr, als mit seinen eigenen Händen ähnliche Schätze herstellen zu können. Und nun schenkte ihm seine Mutter eine schwere Lederschürze samt umfangreichem Schnitzwerkzeug, so als hätte sie genau gewusst, dass er diese Dinge ganz dringend brauchte, damit er endlich mit der Arbeit beginnen konnte.

„Woher weißt du immer so genau, was ich mir am meisten wünsche?“, fragte er, indem er gleichzeitig nach Elisa langte, um sie an sich zu ziehen.

„Schon vergessen?“, tat sie empört. „Ich kenne dich seit vierzehn Jahren! Da muss ich doch erraten können, was dir Freude machen würde.“ Sein Haar noch ein wenig mehr zerzausend, stand sie auf. Ja, dachte sie für sich, irgendwie schien sie ein besonderes Gespür für die Dinge zu haben, die ihn bewegten. Seit seiner Kleinkinder-Zeit war es ihr stets gelungen, seine Gemütsverfassung richtig einzuschätzen und auch immer das richtige Geschenk zu finden, sodass es noch nie ein enttäuschtes Gesicht am Gabentisch gegeben hatte. Allerdings stand es nicht in ihrer Macht, sein innigstes Verlangen zu befriedigen, denn das konnte nur Karl. Es blieb ihr also nur übrig, ihm seinen zweitgrößten Wunsch zu erfüllen. Nämlich die Möglichkeit, totem Holz zu neuem Leben zu verhelfen.

„Ich konnte nicht länger mit ansehen, wie du mit deinem alten Taschenmesser an allen möglichen Ästen herum säbelst“, erklärte sie, indem sie das Paket nahm, um es auf seinen Schreibtisch zu legen, damit es aus dem Weg sei. „Also habe ich dir eine vernünftige Ausrüstung besorgt.“ Seine Decke vollends wegziehend, scheuchte sie ihn mit der anderen Hand aus dem Bett. „Und jetzt los, ab ins Bad. Frühstück wartet.“

Mutter und Sohn verbrachten einen amüsanten Tag in einem Freizeitpark und kehrten dann pünktlich nach Hause zurück, mit der Absicht, gemeinsam mit Karl zu Abend essen zu wollen.

Doch Karl dachte gar nicht daran, sich an den gedeckten Tisch zu setzen. Die Haustür hinter sich zuwerfend, stapfte er direkt weiter in den Wohnraum, um sich erst einmal einen großen Drink zu gönnen.

Elisa verzichtete darauf, ihrem Mann hinterherzulaufen und ihn zu holen. Trotz ihrer Verärgerung gab sie sich weiterhin fröhlich. Sie schaffte es sogar, ein paar Happen zu essen, und drängte den merklich betroffenen Jungen schließlich zum Aufbruch, weil sie ihn ins Kino einladen und dadurch für ein paar weitere Stunden aus der feindlichen Atmosphäre seines Elternhauses retten wollte.

Bei ihrer Rückkehr war Fabian so müde, dass er sich sogleich für die Nacht verabschiedete, um dann direkt die Treppe hinaufzugehen. Elisa indes bemerkte, dass im Wohnraum immer noch Licht brannte, und ging hin, um nach dem Rechten zu sehen.

Wie erwartet saß Karl in seinem Lieblings-Sessel, in einer Hand ein Glas haltend, während seine andere die fast leere Schnapsflasche umklammert hielt.

„Du hast ihm noch nicht einmal gratuliert.“ Sie wusste schon im Voraus, dass ihre Worte auf taube Ohren treffen würden, beschloss aber, dass sie diesmal nicht ohne Kommentar zur Tagesordnung übergehen wollte, so als sei nichts gewesen. „Für jeden Fremden hast du wenigstens ein Mindestmaß an Höflichkeit parat. Warum nicht auch für deinen Sohn?“, fragte sie beherrscht.

„Pah, Sohn!“ Karls Gesicht verzog sich zu einer angewiderten Maske, während er erneut sein Glas zum Mund führte, um den restlichen Inhalt in einem Zug hinunterzustürzen. „Dieser nichtsnutzige kleine Scheißer hat es ja noch nicht einmal für nötig befunden, sich für mein Geschenk zu bedanken“, grollte er.

„Meinst du etwa das Geld, das du ihm auf den Tisch gelegt hast, bevor du in aller Herrgottsfrühe sang-und klanglos verschwunden bist?“, fragte sie. Bevor er jedoch eine Erwiderung formulieren konnte, fuhr sie schon fort: „Damit du es weißt, ich hab’s gleich wieder weggeräumt, weil noch nicht einmal eine Karte dabei war.“

„Ja und?“, blaffte er. „Was hätt’ ich denn drauf schreiben sollen? Für mein liebes Kind etwa? Oder doch besser, für den Bastard, den niemand wollte und den ich Blödmann in mein Haus geholt hab?“

„Du bist …“ Sie brach unvermittelt ab, weil er das Glas nach ihr warf, sodass sie ausweichen musste, wollte sie nicht Gefahr laufen, dass es sie am Kopf traf. Einen Sekundenbruchteil später zerschellte es an der Wand hinter ihr, wobei die Glasscherben nach allen Seiten wegspritzten.

„Was?“ Er machte den Eindruck, als wollte er auch noch die Flasche in ihre Richtung schleudern, ließ diese dann aber bloß zu Boden fallen. „Ich habe ihn zwar adoptiert, aber das heißt noch lange nicht, dass ich ihn deshalb auch so verhätscheln und betütteln muss, wie du es tust“, schrie er mit einem Mal los. „Du scheinst vergessen zu haben, woher er kommt! Aber ich nicht! Für mich ist er immer noch ein Bastard, den irgendeine Hure geworfen und dann seinem Schicksal überlassen hat! Er kann von Glück reden, dass ich es war, der ihn aufgenommen hat, denn durch mich wird er einmal ein reicher Mann sein. Also hat er, verdammt noch mal, ein bisschen Dankbarkeit und Respekt zu zeigen!“

Jetzt zeigte er endlich einmal sein wahres Gesicht, stellte Elisa unbeeindruckt fest, während sie ihren Mann betrachtete, der sich mit ungewohnter Behändigkeit aus dem Sessel hochgehievt hatte und ihr nun aus glasigen Augen entgegen stierte. Er wollte, dass man ihm für seine vermeintliche Großzügigkeit die Füße küsste, ungeachtet dessen, dass sein Geschenk nichts Anderes war, als die berechnende Geste eines selbstherrlichen Menschen, der sich in dem Glauben wiegte, anhand seines Geldes und seines Willens alles und jeden nach seinen Wünschen formen zu können. Aber das konnte er nicht! Er war ja nur ein armer Wicht, der in dem Wahn lebte, er sei ein Gigant. Außerdem war er ein Säufer, der weder seine Wortwahl noch sich selbst unter Kontrolle hatte. Ein Süchtiger, der sein Hirn nach und nach durch ungezügelten Alkoholkonsum vergiftete und damit immer mehr zerstörte!

Elisa schluckte hart. Wann hatte sie eigentlich aufgehört, Karl als Menschen zu respektieren? Sie wusste nicht mehr, wann sie begonnen hatte, ihn zu verachten. Aber das war im Grunde auch gar nicht wichtig. Viel wichtiger war die Frage, was sie mit ihrer Erkenntnis anfangen würde. Nicht viel, gab sie sich sogleich selbst zur Antwort. Die Situation war immer noch die gleiche wie seit fast neun Jahren. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sie seit dieser Zeit ein eigenes Schlafzimmer besaß, welches für ihn absolut tabu war.

Unfähig ihren betrunkenen Mann länger anzusehen, der sich nun daranmachte, die nächste Flasche zu öffnen, wandte sich die kleine Frau ab, mit der Absicht, den Raum zu verlassen. Doch hatte sie die Drehung kaum zu Ende gebracht, da fand sie sich Auge in Auge mit Fabian wieder, der jetzt in der halb offenen Wohnzimmertür stand und so bleich wie ein Bettlaken war.

„Oh, mein Gott.“ Ihre Worte waren kaum zu hören, so leise waren sie ihr entschlüpft. Dennoch reichte allein ihr Wispern aus, um den reglos dastehenden Jungen aus seiner Erstarrung zu reißen, sodass er sich augenblicklich herumwarf und die breite Treppe hinauf hetzte.

Es grenzte an ein Wunder, dass Fabian nicht stürzte, denn er nahm gleich drei Stufen auf einmal, um so schnell als möglich von den Menschen wegzukommen, die er bisher für seine Eltern gehalten hatte. Nicht sein Vater! Nicht seine Mutter! Er war also von irgendeiner Frau geboren und dann einfach weggeben worden, weil er nicht in ihren Lebensplan gepasst hatte. Er war so etwas wie ein wertloses Stück Holz, mit dem niemand etwas anfangen konnte. Ein Klotz am Bein, den man notgedrungen weiter mit sich herumschleppte, weil er nun einmal da war und nicht einfach wieder zurückgegeben werden konnte!

Zutiefst bestürzt, weil er die Wahrheit über seine Herkunft zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt und außerdem auf die hässlichste Weise überhaupt erfahren hatte, stand Elisa ein oder zwei Sekunden auf der Stelle, und rannte dann selbst so schnell die Stufen hinauf, wie sie nur konnte. Endlich an der Tür des Kinderzimmers angekommen, atmete sie ein paar Mal tief durch, ermahnte sich dabei selbst zur Beherrschung, und ging schließlich hinein.

Fabian indes stand mit dem Rücken zum Fenster und starrte der Frau, die er bisher für seine Mutter gehalten hatte, mit brennenden Augen entgegen. Als sie jedoch auf ihn zukam, mit der eindeutigen Absicht, ihn in die Arme nehmen zu wollen, wich er seitlich aus.

„Bitte, mein Junge.“ Unfähig die eigenen Tränen länger zurückzuhalten, stand Elisa weinend da und streckte verlangend die Hände nach ihm aus. „Stoß mich nicht weg. Ich habe dich zwar nicht geboren, aber du bist dennoch mein Kind!“

„Es ist also wahr.“ Fabians Züge schienen aus Stein gemeißelt. „Ich gehöre gar nicht zu euch.“ Er hatte nicht lauschen wollen, erinnerte er sich. Er war ja schon fast in seinem Zimmer gewesen und nur deshalb wieder runtergegangen, weil er sich noch etwas zu trinken hatte holen wollen. Und da … Seine Mutter … Also die Frau … Sie hatte die Wohnzimmertür nicht richtig geschlossen, sodass er sowohl ihre Worte als auch die Antwort darauf hören konnte. Und dann hatte irgendetwas gepoltert, was ihn veranlasst hatte, die Tür ein bisschen weiter zu öffnen, damit er nachsehen konnte, was da los war. Und dann … Wie hatte man es noch ausgedrückt? Ach ja, man hatte ihn als Bastard irgendeiner dahergelaufenen Hure bezeichnet, den man an den nächstbesten dummen weitergereicht hatte, damit dieser sich mit ihm abplagen sollte!

Hätte er sich in diesem Augenblick einfach auflösen können, Fabian wäre auf der Stelle verschwunden. Weil das aber nicht ging, stand er einfach nur da, und ließ sich völlig teilnahmslos von der weinenden Elisa umarmen. Das Herz so schwer und kalt, dass er meinte, es würde jeden Moment aufhören zu schlagen, fühlte er sich auch sonst wie erfroren, und schluckte wiederholt, weil seine Kehle so eng war, dass er kaum noch atmen konnte. Weg, schoss es ihm mit einem Mal durch den Sinn. Er musste weg hier. Niemand sollte gezwungen sein, seine Anwesenheit zu ertragen, nur weil er mal ein Papier unterschrieben hatte, diese Entscheidung aber mittlerweile bereute.

„Bring’ mich ins Internat zurück“, presste er schließlich hervor. „Heute noch.“

Elisa nickte nur und ließ ihn gleich darauf los, um die Hände für ein Taschentuch freizuhaben. Sie konnte sich gut vorstellen, was in seinem Kopf vorging, war momentan jedoch nicht in der Lage, irgendetwas dazu zu sagen, weil ihr die richtigen Worte nicht einfallen wollten. Zudem verstand sie seinen Wunsch, denn auch sie wollte nichts lieber tun, als auf der Stelle zu gehen. Aber das war nicht so einfach, ermahnte sie sich selbst. So ein Schritt musste gut überlegt sein, damit man ihn später nicht bereuen musste.

5

Tobi dicht auf den Fersen durchstreifte Fabian Tag für Tag den umliegenden Wald des Internats-. Dabei ignorierte er hartnäckig das miserable Wetter, welches pünktlich zu Beginn der Sommerferien angefangen hatte und seit nunmehr sechs Wochen andauerte. Zum einen interessierte er sich tatsächlich für die verschiedenen Baumarten, die hier wuchsen, weil er in ihnen lebendige Wesen sah, in deren verborgenem Inneren geheime Kräfte schlummerten. Zum anderen war er froh über jede Minute, die er nicht in dem düsteren Gebäude des Wohntraktes verbringen musste, weil da noch zwei andere Jungen waren, die wegen geschäftlichem Auslandsaufenthalt der Eltern ihre Ferien ebenfalls im Internat verbrachten, und die er nicht leiden konnte. Ein anderer Grund war das Bedürfnis nach absoluter Ungestörtheit, denn im Haus wollte man ihn ständig mit irgendetwas beschäftigen, damit er sich nicht langweilte.

Gleich nach der Aufdeckung seines „Geheimnisses“ hatte er einfach abhauen und von Hamburg aus als blinder Passagier auf irgendeinem Frachter in die weite Welt fahren wollen, erinnerte er sich. Doch war dieser Impuls relativ schnell der Vernunft gewichen, denn ihm war schnell klar geworden, dass er sich damit seine gesamte Zukunft verbaut hätte. Er musste einen Schulabschluss vorweisen, wollte er später einen Beruf erlernen, der es ihm ermöglichte, seinen Lebensunterhalt selbst zu finanzieren, redete er sich selbst gut zu. Allerdings bezweifelte er mittlerweile, dass er das Ende seiner Schulzeit unbedingt in einer privaten Bildungsanstalt abwarten musste, die sich ihre Dienstleistungen teuer bezahlen ließ. Na ja, die Alternative gefiel ihm auch nicht sonderlich, denn nach Hause, also in das Haus der Leute, die ihn aufgenommen hatten, wollte er nicht. Nein, dachte er, das war völlig indiskutabel. Nie wieder wollte er mit diesem kalten, lieblosen Mann zu tun haben, den er bisher Vater genannt hatte. Da ging er lieber in ein Kinderheim! Einzig Elisa … Er brachte es im Moment einfach nicht fertig, sie weiter Mutter zu nennen, auch wenn er sie nach wie vor über alles liebte. Also, sie würde ihm auf jeden Fall sehr fehlen. Aber wenn er nicht mehr da war, würde es auch ihr besser ergehen, dachte er bitter. Jetzt, endlich, sah er klar. Die ewigen Streitereien der beiden hatten immer nur einen einzigen Grund gehabt, nämlich das fremde Kind! Aber das sollte jetzt ein Ende haben, beschloss er. Sobald er in einem Heim untergebracht war, würde Elisa sich nicht mehr um ihn kümmern müssen und konnte somit Frieden mit ihrem Mann schließen.

Da er endlich eine Entscheidung gefällt hatte, beschloss Fabian, dass er umgehend an Elisa schreiben wollte. In Gedanken bereits mit der Formulierung seiner Bitte beschäftigt, betrat er den Jungen-Wohntrakt des Internats und wollte sogleich zu seinem Zimmer hinauf. Doch auf halber Strecke zur Treppe hin traten ihm unverhofft zwei bekannte Gestalten in den Weg, sodass er stehen blieb.

„Na, Lulatsch! Hast du wieder Wurzeln gesucht?“ Einer der Jungen grinste abfällig, während sein Blick über das Holzstück in Fabians Hand huschte, um dann hinaufzuwandern und an dessen unbewegtem Gesicht hängenzubleiben. „Und? Haste nu’ endlich ein passendes Stück gefunden, um das Leck in deinem Holzkopf zu stopfen?“

Fabian war es gewohnt, dass man ihn immer mal wieder vonseiten seiner Mitschüler mit allen möglichen Beleidigungen zu provozieren versuchte, und hatte im Grunde kein Problem damit, die verletzenden Worte durch schlagfertige und nicht minder verletzende Erwiderungen zu vergelten. Allerdings begegnete er den Streit suchenden meist nur mit gleichmütiger Gelassenheit, weil er sich ihnen sowohl körperlich als auch geistig überlegen fühlte. Oder er ging einfach weiter und tat dabei so, als hätte er nichts gehört. So auch an diesem Tag. Er hatte Besseres zu tun, dachte er, als sich auf ein albernes Wort-Duell einzulassen, denn zu mehr hatten die beiden ohnehin keinen Mumm. Allein das hochzufriedene und unübersehbar gehässige Grinsen seiner Widersacher ließ ihn dann doch noch einmal stehen bleiben und die beiden aufmerksam von Kopf bis Fuß betrachten. Irgendetwas hatten die zwei gemacht, stellte er am Ende seiner Musterung fest. Und dieses Etwas war mit Sicherheit nichts Gescheites. Aber das sollte ihm egal sein, entschied er, indem er sich wieder in Bewegung setzte. Was auch immer sie gemacht hatten, sie würden sich früher oder später dafür verantworten müssen.

Sobald er sein Zimmer erreichte, musste Fabian seine Meinung über die beiden Jungen revidieren, denn zumindest in einem Punkt schien er sich gewaltig geirrt zu haben. Es konnte ihm nicht egal sein, was sie getan hatten, gestand er sich ein, während er mitten in seinem Reich stand und das heillose Durcheinander überblickte, welches im gesamten Raum herrschte. Sie hatten offenbar nicht nur seinen Schreibtisch und die Wäschekommode durchsucht, sondern auch das Schloss des Schrankes geknackt, in dem er seine persönlichsten Dinge verwahrte. Was genau sie gesucht oder mitgenommen hatten, konnte er nicht auf Anhieb erkennen, war sich jedoch sehr sicher, dass sie nicht mit leeren Händen wieder gegangen waren. Na gut, dachte er, würde er halt erst einmal aufräumen und dabei eine Bestandsaufnahme machen, um zu sehen, was fehlte. Und sobald er Gewissheit hatte, würde er sich die beiden vorknöpfen und ihnen eine Abreibung verpassen, die sie nicht so schnell wieder vergessen würden!

Fabian hatte kaum begonnen, Ordnung zu schaffen, da schlug jemand mit der Faust gegen seine Tür, nur um sie im nächsten Moment einen Spaltbreit zu öffnen und mit atemlos klingender Stimme zu rufen: „Du sollst sofort zu Raake kommen!“

Die Stirn gerunzelt legte er daraufhin das Buch bei Seite, welches er gerade vom Boden aufgehoben hatte, und machte sich dann umgehend auf den Weg. Zum einen wollte er den Schulleiter nicht warten lassen, weil er wusste, wie ungehalten dieser werden konnte, wenn man seinen Anordnungen nicht sofort Folge leistete. Zum anderen war er neugierig, zu erfahren, was der Direktor so kurz nach seiner Rückkehr aus seinem Urlaub von ihm wollte. Doch hatte er kaum das Büro betreten, da stieg Unbehagen in ihm auf, weil vor dem antiken Schreibtisch des Schulleiters zwei Gestalten standen, die ihm wohlbekannt waren.

„Komm erst einmal richtig herein und mach die Tür zu“, befahl Herr Raake mit gepresst klingender Stimme.

Fabian gehorchte.

„Es gibt eine sehr ernste Anschuldigung gegen dich“, begann der Schulleiter, sobald der Angesprochene den Schreibtisch erreichte, um dort abwartend stehen zu bleiben.

„Ja?“ Fabian war nicht anzusehen, wie unwohl er sich insgeheim fühlte, während er seinem Gegenüber offen in die Augen sah.

„Ist es richtig, dass du eigenes Schnitzwerkzeug besitzt?“, wollte man von ihm wissen.

„Ja“, antwortete er, ohne zu zögern.

„So etwas wie das hier?“ Ein Messer enthüllend, an dessen schmaler Klinge die Spitze abgebrochen war, und das bisher unter einem Tuch auf seiner Schreibtischplatte gelegen hatte, wies Herr Raake zusätzlich mit dem Zeigefinger seiner anderen Hand auf das beschädigte Werkzeug.

„Ja.“ Fabian konnte sich einfach keinen Reim darauf machen, was das Ganze sollte. Doch dann sah er genauer hin, entdeckte neben dem beschädigten Messer die grob heraus gekratzten Strichmännchen in der ansonsten glatt polierten Holzoberfläche des Möbelstückes, und erkannte mit einem Mal, dass da etwas ganz Übles im Gange war. Er wollte etwas sagen, brachte jedoch keinen Ton hervor, so schockiert war er, angesichts der blanken Zerstörungslust, welcher eine nahezu unbezahlbare Antiquität zum Opfer gefallen war. Oh ja, er kannte den Wert des Schreibtisches. Antike Möbel faszinierten ihn nicht weniger als moderne Holzskulpturen zeitgenössischer Künstler. Daher konnte er gut nachvollziehen, welcher Schaden da angerichtet worden war. Als ihm dann auch noch aufging, dass diese gemeine Tat ihm selbst angelastet werden sollte, schluckte er erschrocken.

„Das … Sie glauben doch nicht …“ Er stockte mitten im Satz, unfähig weiterzusprechen. Der Schulleiter war bisher einer der wenigen Menschen gewesen, die ihm mit einer gewissen Sympathie begegnet waren, ja hin und wieder sogar echtes Interesse an seinem Befinden gezeigt hatten. Außerdem war er stets darum bemüht gewesen, ein gerechter Mann zu sein. Doch jetzt schien alles anders. Für ihn war der Fall offenbar schon geklärt.

„Ist das dein Messer?“, wollte Herr Raake wissen.

„Ich … Vielleicht. Ich weiß nicht“, stammelte der Gefragte heiser. „Jemand war in meinem Zimmer …“, wollte er erklären, brach dann aber unvermittelt ab, weil man ihm mit einer herrischen Handbewegung das Wort abschnitt.

„Du willst dich also herausreden, ja?“ Das Gesicht des Direktors rötete sich noch ein bisschen mehr, was deutlich machte, dass auch sein Zorn wuchs.

„Nein! Ich …“ Fabian wollte schwören, dass er unschuldig war, wurde jedoch auf ein Neues zum Schweigen angewiesen.

„Man hat mir gesagt“, herrschte der Schulleiter sein Gegenüber böse an, „dass die Werkräume des Schul-Traktes verschlossen waren, sodass in den Ferien niemand an solches Werkzeug hätte herankommen können, ohne sich vorher den Schlüssel aushändigen zu lassen. Nur du hättest solche Dinge in deinem Zimmer und würdest auch in deiner Freizeit damit arbeiten. Stimmt das?“

„Ja. Aber …“ Fabian war erneut versucht, von dem Einbruch in sein Zimmer zu berichten, ließ es dann aber doch sein, wohl wissend, dass man ihm ohnehin nicht glauben würde. Egal, stellte er im Stillen für sich fest, er würde sowieso nicht mehr lange hier sein. Also brauchte es ihn auch nicht mehr zu kümmern, wer wie über ihn dachte. Das Einzige, was ihm zu schaffen machte, war die Tatsache, dass ein kostbarer Gegenstand beschädigt worden war, allein um ihm eins auszuwischen. Außerdem machte es ihn wütend, dass Karl die Folgekosten für diesen Streich würde bezahlen müssen, weil er selbst nicht die Mittel besaß, um für die Reparatur aufzukommen. Dabei hatte er sich doch gerade erst geschworen, dass er dem Mann, der ihn adoptiert hatte, ab sofort nicht mehr als unbedingt notwendig auf der Tasche liegen wollte!

Weil der vermeintliche Übeltäter jetzt nur noch stumm dastand, betrachtete Herr Raake dies als Schuldeingeständnis. Immer noch am Rande eines Wutausbruches, schickte er die beiden anderen Jungen hinaus und befahl dann Fabian, er sollte vor seinem Schreibtisch Platz nehmen.

„Warum?“, wollte er wissen, sobald dieser saß. „Wieso, um alles in der Welt, hast du das getan?“

„Ich war es nicht“, erklärte der Beschuldigte mit steinerner Miene, wohl wissend, dass man ihm nicht glaubte, und dass er sich nun eine Standpauke von mindestens fünf Minuten Länge würde anhören müssen.

Wie erwartet, folgte tatsächlich ein wortgewaltiger Ausbruch vonseiten des Schulleiters, an dessen Ende wiederum die Frage nach dem Warum stand.

„Ich kann das gar nicht gewesen sein, denn ich war während der Ferien nicht ein einziges Mal in diesem Raum hier.“ Fabians Stimme klang ruhig und beherrscht, obwohl in seinem Inneren ein wahrer Sturm der Entrüstung tobte. „Wenn Sie aber meinen, dass ich der ideale Sündenbock bin, dann bitte. Ich kann Ihnen nicht vorschreiben, was Sie denken sollen. Aber ich war’s trotzdem nicht.“ Kaum zu Ende gesprochen stand er auf. „Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich jetzt gerne gehen. Ich möchte meine Eltern informieren, dass ich nicht länger hierbleiben will. In einem Haus, in dem allein die Denunziation nach einem gemeinen Streich ausreicht, um aus einem Unschuldigen einen Verbrecher zu machen, kann ich nicht leben.“ Woher er den Mut nahm, so unverfroren aufzutreten, wusste er selbst nicht so genau. Aber mit einem Mal fühlte er sich ganz ruhig und gelassen, so als gäbe es in der Tat nichts, was er zu fürchten hätte.

Währenddessen starrte Herr Raake mit finsterem Blick auf seinen Schützling, und wusste augenscheinlich nicht, wie er sich nun weiter verhalten sollte. Sein Zorn war beileibe nicht weniger geworden, doch rumorten in seinem Hirn jetzt ein paar Gedanken, die sich nicht länger ignorieren ließen. Was, fragte er sich nun, wenn Fabian wirklich unschuldig war. Konnte er sich tatsächlich auf die Aussage zweier Schlitzohren verlassen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit andere für ihr eigenes Fehlverhalten verantwortlich machen wollten? Nein, entschied er, während er zustimmend nickte, um Fabian anzuzeigen, dass dieser gehen durfte. Man konnte ihm Strenge und auch eine gewisse Kompromisslosigkeit nachsagen, aber nicht Dummheit oder gar blinde Vergeltungssucht. Die beiden, die angeblich beobachtet hatten, wie Fabian aus dem Fenster des verschlossenen Büros kletterte, waren zu schnell zur Stelle gewesen, um ihren Schulkameraden anzuschwärzen. Er selbst hatte den Schaden gerade erst entdeckt, da waren sie schon da gewesen, um von ihrer angeblichen Beobachtung zu berichten. Nun, er würde sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen, nahm er sich vor, während er dem hoch aufgeschossenen Jungen nachsah, der nun sein Büro verließ. Und sobald er zu einem brauchbaren Ergebnis gekommen war, würde sich der wahre Schuldige nicht nur vor ihm, sondern auch vor den eigenen Eltern verantworten müssen.

In der folgenden Nacht geschah etwas höchst Seltsames: Die silbernen Strahlen eines hell scheinenden Vollmondes machten den Gebrauch anderer Lichtquellen überall dort überflüssig, wo sie ungehindert in das Hausinnere eindringen konnten. Und so waren nicht nur die Flure dank fehlender Gardinen an den Fenstern gut zu überblicken, sondern auch viele Schlafräume, weil man dort die Zeit bis zum Einschlafen mit der Betrachtung des ungewöhnlich groß erscheinenden Erdtrabanten überbrückt hatte. Nun, gegen Mitternacht erschien plötzlich ein Wesen auf der Bildfläche, das noch nie zuvor so deutlich sichtbar in Erscheinung getreten war. Junker John – so wurde das ortsansässige Gespenst allseits genannt – hatte einst mit seinem Pferd eine alte Kräuterfrau über den Haufen geritten, weil sie nicht schnell genug aus dem Weg getreten war, was dazu geführt hatte, dass sie ihn wegen seiner Boshaftigkeit verfluchte und wenig später starb. Und so spukte er seit seinem eigenen Tod auf seinem ehemaligen Besitz herum. Es gab keine Erlösung für ihn, denn er hatte in den vergangenen vierhundert Jahren nichts dazugelernt. Im Gegenteil. Je länger sein Gespenster-Dasein währte, umso schlimmer führte er sich auf. Entsprechend seinem garstigen Wesen sah auch seine Gestalt ziemlich übel aus.

In dieser besonderen Nacht trug Junker John also eine so grässliche Fratze zur Schau, dass einem das Blut in den Adern gefrieren wollte bei seinem Anblick. Seine hohe hagere Gestalt war vollständig in dunkle Gewänder gehüllt und wurde von einem Schatten begleitet, dessen Form noch bedrohlicher wirkte als er selbst. Der Geist bewegte sich nahezu lautlos durch die mondhellen Flure des Jungen-Wohntraktes, nur hin und wieder kurz stehenbleibend, um zu lauschen. Ungeachtet der vielen, interessanten Opfer, die hinter den einzelnen Türen in ihren Betten lagen und friedlich schliefen, hatte die Spukgestalt ein bestimmtes Ziel. Und so fanden sich gleich nach Mitternacht zunächst ein Bursche und kurze Zeit später auch ein anderer einem gemeinen Ungeheuer ausgeliefert. Von jetzt auf gleich durch ein zusammengeknülltes Papiertaschentuch geknebelt und dann so schnell ins eigene Bettzeug eingewickelt, dass sie sich nicht mehr rühren konnten, mussten die Heimgesuchten das Kommende wehrlos über sich ergehen lassen. Das Gespenst sprach nicht eine Silbe, doch meinten die Angegriffenen, den fauligen Atem des Monsters zu riechen, während es ihre Gesichter mit seinen messerscharfen Klauen bearbeitete.

Beide Attacken dauerten im Einzelnen nicht länger als eine Minute, doch schien es den beiden Opfern, als würden sie eine ganze Ewigkeit gefangen gehalten. Als man sie schließlich wieder sich selbst überließ, waren ihre Matratzen durchnässt und ihre Schlafanzughosen ziemlich schmutzig. Gelähmt vor Angst lagen sie in ihren Betten und benötigten eine geraume Weile, um sich von ihrem Bettzeug zu befreien. Weitere Minuten brauchten sie, um genügend Mut für den Weg ins Badezimmer zu sammeln und dort in den Spiegel zu schauen. Weil sich da aber kein Blut auf ihren Gesichtern zeigte, sondern nur ein paar leichte Kratzer und rote Flecken, die zudem schon verblassten, begannen sie zu ahnen, dass sie in dieser Nacht wohl selbst Opfer eines hinterhältigen Streiches geworden waren. Gleichzeitig wurde ihnen klar, dass sie zur alleinigen Zielscheibe des allgemeinen Spottes und der Schadenfreude werden würden, falls sie darüber redeten. Also entsorgten sie schnell die Schmutzwäsche und wendeten die nassen Matratzen, um die peinlichen Spuren zu vertuschen. Jeder für sich dachte auch kurzzeitig an einen Vergeltungsschlag, verwarf diese Idee aber gleich wieder, denn sie hatten sich mittlerweile viele Feinde geschaffen und wussten daher nicht genau, wer davon das vermeintliche Gespenst gewesen sein könnte.

Fabian indes lag hochzufrieden in seinem Bett und grinste voller Genugtuung zum Mond hinauf. Fantasie war doch etwas Wunderbares, dachte er für sich. Herumliegende Baumrinde, Moos und verwelkende Blätter waren in der Tat zu mehr zu gebrauchen, als nur Kompost zu werden! Nun, der Legende von Junker John würde mit Sicherheit kein weiteres Kapitel hinzugefügt werden, denn den heutigen Zwischenfall würde man mit Sicherheit nicht öffentlich diskutieren. Dennoch war damit zu rechnen, dass seine beiden Mitschüler, auf Wochen hinaus, nicht ohne Angst zu Bett gehen würden.

6

Elisa hatte sich nach Erhalt des Briefes sofort auf den Weg gemacht und war nun sichtlich müde nach der langen Autofahrt. Fabians merkwürdig klingender Wunsch überraschte sie ein wenig, da sie bisher immer geglaubt hatte, dass er im Internat gut aufgehoben und einigermaßen zufrieden gewesen sei.

„Aber wieso?“, wollte sie nun wissen.

„Ich will ihm weitere Kosten ersparen“, erklärte er, wobei er bewusst vermied, Karls Namen zu nennen oder ihn gar als Vater zu betiteln.

„Die Wahrheit bitte“, forderte sie mit bewusst strenger Miene.

„Das ist die Wahrheit“, erklärte er tonlos. „Das Internat kostet ein Vermögen. Und ich will nicht, dass er noch länger für mich bezahlt.“

„Eine Heimunterbringung ist aber auch nicht umsonst zu haben“, erwiderte sie. „Da er nicht auf die Gnade des Staates angewiesen ist, um seiner Familie Essen und ein Dach über dem Kopf bieten zu können, wird er bis zu deiner Volljährigkeit, besser gesagt, solange für deine Bedürfnisse aufkommen müssen, bis du für dich selbst sorgen kannst.“

„Ich … Das …“ Darüber hatte er sich in der Tat gar keine Gedanken gemacht, gestand sich Fabian beschämt ein. Dennoch wollte er seinen Wunsch nicht gleich wieder aufgeben. „Und wenn er die Adoption rückgängig macht?“, setzte er neu an. „Wenn er mich verstoßen würde, dann wäre er doch auch nicht mehr für mich verantwortlich, oder?“

Elisa schwankte für einen Moment zwischen Lachen und Weinen. Einerseits fand sie seine Frage überaus amüsant, weil sie deutlich machte, dass er immer noch ein Kind war, dem das Verständnis für gewisse Dinge völlig abging. Andererseits war sie zutiefst betroffen, angesichts seiner inneren Zerrissenheit, die sich kurzzeitig auf seinem Gesicht wieder spiegelte.

„Das kann er nicht.“ Um Haltung bemüht, lächelte sie den Jungen liebevoll an. „Zum einen wird Karl kaum bereit sein, seinem eigenen Ansehen selbst zu schaden, weißt du. Er hat sich in der Öffentlichkeit bisher immer nur als stolzer Vater eines hochbegabten Sohnes dargestellt, dem nichts zu teuer ist, nur damit sein Stammhalter die beste Ausbildung bekommt, die man für Geld erhalten kann. Also wird er das Risiko bestimmt nicht eingehen, dass man ihn für einen Lügner hält, der zudem seinen vertraglich vereinbarten Verpflichtungen nicht nachkommt. Außerdem würde ich niemals zulassen, dass er so etwas tut, weil du immer noch mein Sohn bist. Nein, mein Lieber, so einfach ist das nicht.“

„Aber ... Aber …“ Fabian suchte sichtlich nach Worten, fand auf Anhieb nicht die passenden, und schluckte ein paar Mal, um den Kloß loszuwerden, der plötzlich in seiner Kehle steckte und der immer größer zu werden schien. „Ich will aber weg hier“, brachte er am Ende mit erstickter Stimme hervor. „Es … Ich halte es nicht mehr aus! Hier ist es wie in einem Gefängnis, verstehst du! Jeden Tag der gleiche Trott. Und immer dieselben Gesichter.“ Jetzt, da er meinte, ein glaubwürdiges Argument gefunden zu haben, wurde auch seine Stimme sicherer. „In einem Heim würde ich nur wohnen, weißt du. Ich könnte endlich in eine öffentliche Schule gehen. Und neue Leute kennenlernen, wann immer ich das will. Ich … Ich … Es kann ruhig ein großes Heim sein. Und es würde mir auch nichts ausmachen, das Zimmer mit jemand anderem zu teilen. Bitte, hol mich hier weg!“

„Dann komm doch nach Hause“, bot sie an, war sich jedoch gleichzeitig im Klaren darüber, dass er diese Möglichkeit niemals wieder in Betracht ziehen würde.

„Ich habe kein Zuhause mehr“, erklärte Fabian dumpf. „Besser gesagt, ich hatte nie eines. Es wäre nicht gut, wenn ich wieder in euer Haus kommen würde.“

Elisa wollte etwas erwidern, doch kam sie nicht dazu, denn er fuhr bereits fort: „Ich weiß schon, was du jetzt sagen willst. Aber du machst dir da selbst etwas vor. Ich bin kein kleines Kind mehr, weißt du. Ich kann sehr wohl erkennen, ob ich erwünscht bin oder nicht. Bei ihm bin ich nicht erwünscht. Also werde ich ihn auch nicht mehr belästigen. Und du wirst ohne mich im Schlepptau auch besser dran sein. Zumindest wird er meinetwegen nicht mehr eifersüchtig sein.“

Elisa war kaum überrascht darüber, dass er die Situation so gut einzuschätzen wusste, denn sie hatte mittlerweile oft genug erlebt, dass er eine ausgezeichnete Beobachtungs-und Kombinationsgabe an den Tag legte, wenn es sich um die Beurteilung eines bestimmten Vorganges handelte. Jetzt war also endlich der Zeitpunkt gekommen, da sie dem Jungen beweisen konnte, dass ihr sein Wohl mehr am Herzen lag als irgendetwas anderes auf der Welt.

„In Ordnung“, sagte sie beherrscht. „Was hast du dir überlegt? Hast du einen bestimmten Wunsch, wo du hinwillst?“ Da sie selbst noch keine konkreten Pläne hatte, wollte sie es ihm überlassen, in welche Himmelsrichtung es gehen sollte.

„Wie wäre es mit Kassel? Da gibt’s bestimmt ein Heim, das noch Platz hat.“ Wie er ausgerechnet auf diese Stadt kam, wusste Fabian selbst nicht so genau. Aber plötzlich war der Name in seinem Kopf aufgeblitzt und ließ sich partout nicht mehr verdrängen. Fast wollte ihm scheinen, als versuche eine geheimnisvolle Macht ihn dazu zu bringen, dass er keine Alternative akzeptierte. Und so blieb er dabei, weil ihm zum einen tatsächlich keine andere Stadt einfiel, er zum anderen aber auch nicht länger darüber nachdenken wollte, wohin er gehen sollte: „Ja, Kassel wäre gut. Da will ich hin.“ Da er nun zu einer Entscheidung gelangt und zudem sicher war, dass seine Mutter … In seinem Herzen war sie die Einzige, die diese Bezeichnung tragen durfte! Sie würde ihm seinen Wunsch erfüllen, da war er sich sicher. Allein darum fühlte er sich jetzt unendlich erleichtert. Sogar ein leichtes Lächeln brachte er fertig, während er eine Schublade seines Schreibtisches öffnete, um einen Gegenstand herauszuholen, der in weißes Seidenpapier eingewickelt war. „Das möchte ich dir schenken“, erklärte er, indem er eine kleine Holzfigur aus dem Papier schälte. „Es ist nur eine Übungsarbeit. Aber ich dachte, es würde dir vielleicht gefallen.“

Elisa fand nicht einfach nur Gefallen an der Frauenfigur aus Erlenholz. Sie war buchstäblich baff, als sie feststellte, dass sie ihr eigenes Abbild in Händen hielt. Dass die Gesichtszüge noch ein wenig grob wirkten, störte sie nicht im Geringsten, denn Haare, Halsschmuck und Abendkleid waren dafür umso filigraner dargestellt.

„Wer hat dich dabei angeleitet?“, wollte sie wissen.

„Niemand“, erwiderte er achselzuckend. „Ich hab‘ es nach Gefühl gemacht.“

*

Elisa sah keinen Sinn darin, die Sache in die Länge zu ziehen. Also ging sie gleich nach ihrer Rückkehr zu ihrem Mann in den Wohnraum, um mit ihm zu sprechen.

„Was will er?“ Gleich im Anschluss fluchte Karl wie ein Bierkutscher, genehmigte sich dann einen weiteren Schnaps, und maß am Ende seine Frau von Kopf bis Fuß mit einem vernichtenden Blick, bevor er sie anherrschte: „Du und dieser verfluchte Bastard! Seid ihr bekloppt, oder was? Wieso ist das Internat nicht mehr gut genug? Und wieso Heim? Wollt ihr mich etwa mit Absicht vor aller Welt lächerlich machen? Ja?“ Im Grunde war es ihm nur recht, dass Fabian nicht mehr in dem teuren Internat bleiben wollte, denn dadurch war eine Menge Geld zu sparen. Es freute ihn auch, dass der Junge nicht an eine Rückkehr nach Hause dachte, was ihm den Anblick des verhassten Bengels bis auf Weiteres ersparte. Allerdings dachte er nicht im Traum daran, einer Heimunterbringung zuzustimmen, denn die Möglichkeit, dass dieser Umstand durch irgendeinen dummen Zufall bei seinen Geschäftspartnern bekannt wurde, verursachte ihm größtes Unbehagen. „Es kommt überhaupt nicht infrage, dass der kleine Mistkerl in ein Heim geht, verstehst du“, wütete er. „Meinetwegen such’ ein anderes Internat für ihn aus. Aber solange er nicht volljährig ist, wird er gefälligst das tun, was ich ihm befehle!“

„Das Heim erschien ihm die einzige Möglichkeit zu sein, dich finanziell zu entlasten.“ Warum ließ sie sich überhaupt auf Diskussionen ein, fragte sie sich entnervt. Warum versuchte sie immer noch, das negative Bild zu ändern, das der sture Suffkopf sich von dem Jungen gemacht hatte, um seine eigene Charakterschwäche zu kaschieren? Selbstverständlich musste Karl informiert werden, denn er war immer noch einer von Fabians Erziehungsberechtigten. Aber im Grunde war die Entscheidung längst gefallen! Sie allein würde ab sofort darüber bestimmen, wie die Dinge laufen sollten. „Ich denke, es ist auch in deinem Sinne, wenn ich mich um eine private Unterbringung kümmere“, sagte sie beherrscht.

„Ach ja? Willst du ihn vielleicht als Dauergast in einem Hotel einquartieren? Ohne eine Aufsichtsperson, die darüber wacht, dass er keine Dummheiten macht? Und überhaupt! Wer soll das eigentlich bezahlen? Was ist, wenn ich mich weigere, die Kosten für seine Hirngespinste zu tragen?“, schnappte Karl angriffslustig. „Ha! Daran hast du nicht gedacht, gib es zu! Also sag diesem Bastard, dass er nicht die leiseste Chance hat, seinen Willen zu bekommen!“

„Ich bin ja auch noch da“, stellte Elisa mit gleichmütig klingender Stimme fest.

„Da lach ich mich ja tot!“ Karl betrachtete seine Frau mit abfälliger Miene. „Du hast wohl vergessen, dass du genauso auf mein Geld angewiesen bist, wie dieser nichtsnutzige Hurensohn! Und wenn ich nicht mitspiele, könnt ihr euch eure bekloppten Pläne in die Haare schmieren!“

Elisa betrachtete das zornig gerötete Gesicht ihres Mannes und wunderte sich insgeheim darüber, dass seine verletzenden Worte sie kaum berührten. Natürlich war ihr seine laute Stimme unangenehm. Aber sein Geschrei machte ihr schon lange keine Angst mehr. Sie hatte sich bisher stets gefügt, erinnerte sie sich, weil sie die Situation für Fabian nicht noch verschlimmern wollte. Nun, der Junge war mittlerweile im Bilde, was seine Herkunft betraf, und sie selbst nicht mehr abhängig von Karls Wohlwollen – weder finanziell noch sonst wie. Auch wenn er es bisher nicht wahrgenommen hatte, so steuerte sie doch schon seit etlichen Jahren ihren Anteil zur Haushaltskasse bei, und finanzierte darüber hinaus ihre persönlichen Ausgaben allein aus der eigenen Tasche. Es war daher gar nicht mehr notwendig, weiterhin den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, nur damit sie vor unliebsamen Diskussionen verschont wurde.

„Ich habe es versprochen“, erklärte sie mit beherrschter Stimme. „Und du wirst mich nicht davon abbringen.“

Dass im nächsten Moment Karls Hand mit einem laut klatschenden Geräusch auf ihrer Wange landete, ließ Elisa zunächst vor lauter Schreck zurücktaumeln und den Atem anhalten. Doch dann straffte sie sich. Man hätte meinen können, sie wüchse tatsächlich um mehrere Zentimeter, während sie sich mit böse funkelnden Augen vor ihm aufbaute.

„Du hast mir dieses Kind regelrecht aufgezwungen, damit du endlich eine vollständige Familie vorzeigen konntest“, zischte sie. „Dann, als ich Fabian lieben gelernt hatte, hast du ihn mir wieder weggenommen, weil ich dich angeblich seinetwegen vernachlässigt habe. Hältst du dich für den lieben Gott, oder was?“ Ihre Stimme wurde immer lauter. „Glaubst du wirklich, du kannst die Menschen herumschubsen, wie es dir gerade in den Kram passt, und auf ihren Gefühlen herumtrampeln? Ja? Also da irrst du dich gewaltig, mein Lieber. Jetzt ist nämlich Schluss! Ich habe die Nase voll!“ Ohne jede Vorwarnung holte sie aus und schlug ihm gleichfalls mitten ins Gesicht. „Das war die Vergeltung für den ersten und einzigen Schlag, den du mir je zugefügt hast. Du wirst mich nie wieder anfassen“, stieß sie zornig hervor. „Wenn du mich auch nur noch einmal anrührst, sind wir geschiedene Leute.“

„Du … Du …“ Die Hände erhoben, so als wollte er ihr jeden Moment an die Kehle gehen, starrte er sie an und fand keine Worte, um das Ausmaß seiner Wut deutlich zu machen.

„Was?“ Die Lider zu schmalen Schlitzen verengt sah sie zu ihm hinauf. „Sprich dich ruhig aus“, forderte sie ihn auf. „Gib mir einen weiteren Grund, und ich reiche die Scheidung gleich morgen früh ein.“ Dass jedes ihrer Worte wie ein Peitschenhieb auf ihn wirkte, sah sie mit Genugtuung. „Dein Geld kannst du dir übrigens sonst wo hinstecken, verstehst du! Ich kann nämlich dank der Farbkleckserei, die du ach so unbedeutend findest, dafür sorgen, dass Fabians Wunsch erfüllt wird!“ Mit dem letzten Wort drehte sie sich auf dem Absatz herum und eilte mit schnellen Schritten durch den Raum zur Tür. Jetzt war das Maß voll, grollte sie innerlich. Sie würde sich nun nicht länger davon abhalten lassen, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es sich wünschte!

7

Ein Pappschild in den Händen, auf welchem in Großbuchstaben ein Name geschrieben stand, spähte Kerstin Paulus der ankommenden Eisenbahn entgegen, mit welcher ihr neuer Schützling ankommen sollte. Seine Mutter hatte ihn ursprünglich selbst bringen wollen, erinnerte sie sich. Aber dann hatte es einen Unfall gegeben, sodass sie nun mit einem gebrochenen Bein und gequetschten Rippen im Krankenhaus lag und von dort aus den Umzug ihres Sohnes per Telefon managte.

Bei der Erinnerung an Elisa Andersen runzelte Kerstin die Stirn. Eine sichere Bleibe suche sie für Fabian, hatte die kleine Frau erklärt, weil sie nicht die Möglichkeit habe, auf die Hilfe von Verwandten zurückzugreifen. Dabei war sie jeglicher Frage nach ihrem Mann ausgewichen. Auch über sich selbst hatte sie nicht viel gesagt. Aber die Wärme und Zärtlichkeit in ihrer Stimme, wenn sie über Fabian sprach, machte mehr als deutlich, dass sie ihren Sohn über alles liebte. Da war wohl eine hässliche Trennung im Gange, mutmaßte Kerstin, denn eine andere Erklärung gab es nicht dafür, warum der Junge vorübergehend in einer Pflegefamilie versorgt werden sollte. Offenbar war schon geklärt, zu wem er nach der Scheidung gehen würde, sodass man ihn aus der Schusslinie der Gegenpartei heraushalten wollte, bis auch alles andere geregelt war.

Die bedrückenden Gedanken abschüttelnd, konzentrierte sich die blonde Frau erneut auf den mittlerweile anhaltenden Zug. Weil da aber kein allein reisender Teenager ausstieg, fühlte sie Sorge in sich entstehen. Wo war der Junge? Hatte man ihn vielleicht nicht rechtzeitig zum Bahnhof gebracht? Und wenn ja, warum hatte man dann nicht angerufen und Bescheid gesagt?

„Sie warten auf mich.“ Fabian war mit als Erster ausgestiegen und hatte zunächst einmal unschlüssig dagestanden, weil sich gleich drei blonde Frauen auf dem Bahnsteig befanden, die auf jemanden zu warten schienen. Als ihm schließlich das Pappschild in den Händen der einen aufgefallen war, hatte er die mollige, sportlich gekleidete Mittvierzigerin zunächst einmal gründlich gemustert. Und nun lächelte er sein sommersprossiges Gegenüber unverbindlich an. „Ich bin Fabian Andersen. Und Sie sind sicher Frau Paulus.“

Kerstins Kinnlade fiel buchstäblich ins Bodenlose, wobei sie ihren neuen Schützling aus weit aufgerissenen Augen anstarrte. Nicht möglich, schoss es ihr dabei durch den Sinn. Das konnte doch gar nicht sein! Oder doch? Seine Mutter hatte bei ihrem letzten Besuch kein aktuelles Foto zur Hand gehabt, dafür aber eine genaue Personenbeschreibung hinterlassen, welcher er auch entsprach. Allerdings hatte die kleine Frau vergessen, zu erwähnen, dass ihr Sohn eher einem Hunger-Gandhi als einem gesunden Teenager glich! Er war sehr groß für sein Alter – sie selbst war nicht gerade klein, wurde jetzt aber um eine halbe Kopflänge überragt – und wirklich sehr schlank. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten, und die Wangen wirkten hohl. Auf seiner Oberlippe bildete dunkler Flaum schon so etwas wie einen Schnurrbart. Und seine Stimme klang bereits mehr nach einem jungen Mann als nach einem Kind. Allein der Ausdruck seiner Augen machte deutlich, dass er keineswegs so selbstsicher war, wie es einem auf den ersten Blick vorkam.

„Meine Mutter hat mir versichert, dass mich jemand am hiesigen Bahnhof abholen würde.“ Fabian war es gewohnt, seine Gefühle nicht offen zu zeigen, sodass er in der Tat ganz gelassen wirkte, obwohl ihn die Sprachlosigkeit seiner künftigen Pflegemutter zutiefst verunsicherte. Selbst die Tatsache, dass es ihm absolut unangenehm war, so unverhohlen gemustert zu werden, verstand er zu verbergen, während er seinerseits die blauäugige Frau mit der modernen Kurzhaar-Frisur höflich anlächelte. „Da Sie aber eindeutig kein Mann sind, gehe ich davon aus, dass Sie Frau Paulus sind. Ja?“

Die nüchterne Feststellung, die eines gewissen Humors nicht entbehrte, machte Kerstin bewusst, dass sie immer noch wie eine Statue dastand und ihr Gegenüber mit offenem Mund anstarrte. Zudem war sie nicht wenig über sich selbst verwundert, denn es war lange her, dass jemand sie derart aus der Fassung gebracht hatte, dass sie ihre gute Erziehung, vor allem aber den Gebrauch ihres recht umfangreichen Wortschatzes vergaß.

„Entschuldige bitte, aber ich bin ein bisschen überrascht“, gestand sie schließlich mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen, indem sie ihm gleichzeitig auch die Hand zum Gruß reichte. „Man hat mir nämlich nicht gesagt, dass du schon ein junger Mann bist. Also hab’ ich auf einen Teenager gewartet.“ Bei näherer Betrachtung konnte man sein wahres Alter trotzdem erkennen, revidierte sie insgeheim ihr vorangegangenes Urteil. Sie hatte sich wohl durch seine Aufmachung in die Irre führen lassen. Seine Kleidung war ausnahmslos schwarz, was ihn schon an sich sehr distanziert und unnahbar wirken ließ. Zudem erinnerte sie eher an einen Trauer-Anzug als an ein jugendliches Outfit. Es war allein sein braunes Haar, welches den super ordentlichen Eindruck ein bisschen störte, denn es war von Natur aus gelockt, sodass augenscheinlich weder der strenge Herrenschnitt noch sorgfältiges Kämmen ausreichten, um es zu bändigen.

Hätte sie in diesem Moment ihren Gefühlen nachgeben dürfen, Kerstin hätte ihren neuen Schützling am liebsten in die Arme genommen und ein paar aufmunternde Worte gemurmelt. Da sie jedoch mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen besaß, verzichtete sie auf solch gefühlsduseliges Gehabe, wohl wissend, dass man eine körperliche Annäherung weder erwartete noch dulden würde. Also lächelte sie nur, während sie seine Hand wieder losließ.

„Ist das alles, was du mitgebracht hast?“, wollte sie wissen, wobei sie mit dem Kinn in die Richtung seines Koffers wies.

„Da ist nur was zum Anziehen drin“, erwiderte er. „Der Rest meiner Sachen steckt in einer großen Holzkiste, die man mir in den nächsten Tagen nachschicken wird.“

„Okay, dann wollen wir mal.“ Das Pappschild zusammenklappend, schob sie es gleich darauf in den nächstbesten Papierkorb, und machte sich dann auf den Weg zum Ausgang des Bahnhofes.

Eine halbe Stunde später fand Fabian sich in der Zufahrt des Paulus-Anwesens wieder und konnte nicht fassen, dass das Gebäude tatsächlich so etwas wie ein Heim sein sollte, in dem insgesamt vierzehn Kindern eine vorübergehende Zuflucht geboten wurde. Es war wohl Ende des vorigen Jahrhunderts erbaut worden, mutmaßte er, denn die hohen schmalen Fenster waren von wunderschönen Stuck-Ornamenten überdacht. Nachträglich installierte Roll-Läden, die in einem satten Dunkelgrün schimmerten, waren zum Teil heruntergelassen und kontrastierten stark zu dem weißen Anstrich der Fassade. Der Rahmen und das Grundgerüst der Eingangstür waren ebenfalls dunkelgrün gestrichen, wobei der Mittelteil vollständig aus einem bunten, in Blei gefassten Glasmosaik bestand, welches eine hoch aufgeschossene junge Frau in einem flatternden langen Kleid darstellte, die einen übergroßen und reich gefüllten Blumenkorb in der einen Hand hielt, während sie mit der anderen eine einladende Geste machte.

Eine sehr gepflegte Jugendstil-Villa, fasste Fabian seine Beobachtungen zusammen, und blickte dann erneut zum ersten Stockwerk hinauf, wo links und rechts des Gebäudes zwei Türme ähnliche Erker hervorsprangen.

„Willkommen in deinem neuen Zuhause.“ Kerstin hatte gerade so lange gewartet, dass er sich einen ersten Eindruck machen konnte. Aber jetzt strebte sie ins Haus, denn da wartete noch viel Arbeit auf sie. Ihrem neuen Schützling ein aufmunterndes Lächeln schenkend, stieg sie mit ihm die Eingangstreppe hinauf und wollte gerade die Haustür öffnen, als diese auch schon aufging.

Im ersten Moment schien da niemand zu sein. Als Fabian jedoch nach unten schaute, entdeckte er ein winziges Wesen, das zunächst mit großen Augen zu ihm hinaufsah und dann zielstrebig auf ihn zu trat, mit der eindeutigen Absicht, auf den Arm genommen werden zu wollen. Die Kleine schien ihm merkwürdig vertraut, fast so, als kenne er sie schon sehr lange. Und doch war er sich sicher, sie noch nie zuvor gesehen zu haben. Sie konnte nicht älter als vier oder fünf Jahre sein, dachte er bei sich, während er sein Gepäck abstellte.

Fabian hatte kaum den schmächtigen Körper des Kindes berührt, da traf es ihn wie ein starker Stromschlag, sodass er im ersten Moment ein wenig zurückzuckte. Doch dann packte er die Taille des Mädchens und nahm es hoch.

Sie war hübsch, stellte er nach einem prüfenden Blick auf die Kleine fest. Mit ihren weißblonden Haaren und den klaren grünen Augen sah sie fast wie ein kleiner Engel aus. Aber sie war dünn – viel zu leicht. Außerdem hatte sie Angst! In der Tat, stellte er verwundert fest, während sie ihre Ärmchen um seinen Nacken schlang, um sich anschließend mit aller Kraft an ihn zu drücken. Sie wurde von einer schier bodenlosen Furcht gefangen gehalten, die so intensiv von ihr ausstrahlte, dass er glaubte, dieses Gefühl würde auch auf ihn selbst übergreifen.

„Du hast ein kleines Wunder vollbracht.“ Kerstin war durch das Verhalten des kleinen Mädchens nicht weniger überrascht als der Neuankömmling. Dennoch wirkte sie nach außen hin völlig gelassen, während sie den zutiefst verunsichert wirkenden Jungen anlächelte. „Pia ist seit sechs Wochen bei uns und hat bis heute nicht ein Wort gesagt. Außerdem durfte keiner von uns sie je so halten, denn sie lässt sich normalerweise niemals freiwillig anfassen.“ Fabians Koffer aufnehmend, hakte sie sich gleich darauf bei ihm ein, zog ihn samt seiner Last ins Hausinnere und dirigierte ihn dann zur Treppe, welche augenscheinlich in das obere Stockwerk führte.

„Du kriegst das linke Turmzimmer“, flüsterte die Kleine in sein Ohr, lockerte dabei die Umarmung, um sich leicht zurücklehnen zu können, und lächelte ihn an. „Es ist genau neben meinem, weißt du.“

Fabian hörte die Worte kaum, so fasziniert war er von dem sonnigen Lächeln des Kindes. In diesem Augenblick empfand er eine so tiefe Zuneigung zu dem winzigen Wesen in seinen Armen, dass ihm buchstäblich das Herz aufging und die Kehle eng wurde. Ein ums andere Mal schluckend, um leichter atmen zu können, versuchte er die Gefühle in seinem Inneren zu verstehen, kam jedoch nicht dahinter, warum ausgerechnet ein wildfremdes Mädchen ihn derart aus dem Gleichgewicht brachte, wo er doch nichts besser beherrschte, als jede Art von Emotion von sich fernzuhalten. Nein, er war beileibe kein gefühlloser Klotz! Aber die Nähe zu anderen Menschen barg stets die Gefahr, dass man zurückgestoßen oder gar bewusst verletzt wurde. Und genau diese Befürchtung war es, die ihn gelehrt hatte, misstrauisch und zurückhaltend gegenüber seinen Zeitgenossen zu sein. Aber jetzt, in diesem Augenblick, war plötzlich alles anders, denn bei Pia war er sich absolut sicher, dass sie ihn um seiner selbst willen mochte, ihre Zuneigung also an keinerlei Bedingungen knüpfte.

„Du bist wie ich“, wisperte sie kaum hörbar. „Darum hab’ ich dich gern.“

Fabian erwiderte nichts darauf, denn zum einen musste er nun die Treppe hinauf und dabei aufpassen, dass er nicht stolperte und mit Pia hinfiel. Zum anderen war er viel zu aufgewühlt, um die richtigen Worte zu finden. Also hielt er sie bloß fest und drückte sie liebevoll an sich.

Dass er tatsächlich eines der Zimmer beziehen sollte, deren eine Hälfte aus einer sonnendurchfluteten Nische bestand, während die andere eher ein wenig schattig wirkte, weil es keine weiteren Fenster gab, als die, die sich im Halbrund des Erkers befanden, ließ Fabian relativ kalt. Selbstverständlich registrierte er, dass die Möblierung des Raumes modern und sehr gemütlich war. Und natürlich war er dankbar dafür, dass nur ein Bett darin stand. Da er jedoch kaum Wert darauf legte, ob seine Umgebung schön aussah oder nicht, weil er sich ja bloß als vorübergehender Gast betrachtete, wäre er auch mit einer sogenannten Besenkammer zufrieden gewesen, solange er nur die Tür hinter sich schließen und die Welt aussperren konnte.

„Wir haben nicht sehr viele Regeln“, erklärte Kerstin, indem sie Fabians Koffer auf das Bett hievte, um sich anschließend daneben zu setzen und einmal tief durchzuatmen. „Aber die, die wir in unserer Gemeinschaftsordnung aufgestellt haben, müssen alle im Haus beachten. Die wichtigste davon lautet; tue nichts Unüberlegtes und keinem etwas an, was du dir selbst nicht zumuten oder antun würdest.“ Das kleine Mädchen betrachtend, das immer noch an seinem Hals hing, lächelte sie leicht, bevor sie fortfuhr: „Wir bemühen uns, ohne überflüssigen Streit und ohne Aggressionen zusammenzuleben, verstehst du. Große Verbote gibt es nicht, weil wir davon ausgehen, dass die älteren von euch genug Verstand haben, um zu wissen, was richtig und was falsch ist, und die kleineren ohnehin ständig unter Aufsicht sind. So, das wäre erst einmal alles. Und jetzt entschuldige mich. Ich will mal sehen, wie weit unser Abendessen ist.“

Fabian war es gewohnt, dass man ihn zunächst eine Weile nur beobachtete, um sich ein Bild von ihm machen zu können – im Grunde machte er es nicht anders. Daher war er auf einen langweiligen Abend eingestellt, den er in irgendeiner Ecke des gemeinschaftlichen Wohnraumes oder in seinem eigenen Zimmer verbringen würde. Doch schon beim Betreten des großen Speisezimmers, in welchem ein paar Kinder verschiedener Altersstufen den Tisch deckten, wurde er mit einem freundlichen Hallo empfangen und augenblicklich zur Mithilfe angehalten. Pia zwangsweise ständig im Schlepptau, weil sie den hinteren Saum seines Sweatshirts nicht loslassen wollte, lernte er dann nach und nach alle Anwesenden mit Namen kennen, und fühlte sich schon nach kürzester Zeit nicht mehr ganz so fremd, wie noch eine Stunde zuvor. Insgeheim verwunderte es ihn zwar, dass niemand ihn auf seine Herkunft ansprach oder nach seiner Familie fragte, war jedoch gleichzeitig auch unendlich froh darüber, denn er wollte nicht über sich reden. Dass es seinen neuen Hausgenossen ähnlich ging, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, reagierte aber instinktiv genau richtig, indem er ebenfalls keine indiskreten Fragen stellte.

Kerstin hatte lange gezögert, doch die späte Stunde mahnte schließlich zur Vernunft. Und weil sie davon ausging, dass das Kind eher auf Fabian als auf jeden anderen hören würde, wollte sie seine Hilfe in Anspruch nehmen.

„Pia muss ins Bett“, raunte sie dem Jungen zu. „Sie schläft gleich im Sitzen ein.“

„Was? Ich …“ Der Angesprochene war in eine angeregte Unterhaltung mit Joachim Paulus vertieft gewesen und wusste daher nicht auf Anhieb, was man nun von ihm erwartete. Als er jedoch die mit Tränen gefüllten Augen des Mädchens bemerkte, welches sich immer noch eng an seiner Seite hielt, erkannte er, dass man die vorangegangene Feststellung nicht ohne Hintergedanken gemacht hatte. „Gut“, nickte er. „Ich mach das.“ Kaum zu Ende gesprochen nahm er Pia auf die Arme und ging mit ihr hinaus.

Die Zurückbleibenden indes atmeten hörbar auf, weil das allabendliche tonlose Weinen, welches keinen von ihnen je unberührt gelassen hatte, diesmal ausblieb.

In der oberen Etage angekommen setzte Fabian die Kleine ab und ließ sich dann deren Zimmer zeigen. Als er schließlich alle Details gesehen hatte, machte er ein Spiel aus dem Zubettgehen: Nach einem Abstecher ins nächstgelegene Badezimmer, wo sowohl Pias Zähne als auch ihr Gesicht gründlich geschrubbt und die Haare so lange gebürstet wurden, bis sie knisterten, geleitete er sie zu ihrem Zimmer zurück. Dort zelebrierte er das Umkleiden wie den Kleiderwechsel einer königlichen Person und hob sie am Ende mit Schwung in ihr Bett.

„Wenn du aufwachst und Angst bekommst, dann kommst du zu mir.“ Er sah die Kleine eindringlich an, wohl wissend, dass es genau das war, was sie von ihm hören wollte. „Das machst du doch, nicht wahr?“ Als das Kind zustimmend nickte, beschloss er spontan, dass er noch eine kleine Geschichte zum Besten geben wollte, begann zunächst aber mit einer Erklärung: „Ich decke dich jetzt schön zu, mache diese kleine Lampe an, und gehe dann wieder zu den anderen, weil ich ihnen noch gute Nacht sagen muss. Und sobald ich das gemacht hab, komme ich noch einmal zu dir und gucke nach, ob die Traum-Fee dich schon zu einer Reise mitgenommen hat.“ Wie erwartet, wurden die Augen des Mädchens riesengroß, was ihn lächeln ließ. „Hast du etwa noch nie von der Traum-Fee gehört?“, fragte er mit sanfter Stimme. Doch bevor Pia antworten konnte, erzählte er auch schon: „Sie ist ein wunderschönes Wesen, weißt du. Sie kommt jede Nacht zu allen Kindern dieser Welt, um ihnen schöne Träume zu bringen. Aber man muss bereit sein und schlafen wollen, denn nur im Schlaf kann man ihr Geschenk empfangen. Sie kann machen, dass man im Traum alles sein kann, was man möchte, und auch tun kann, was man sich sonst nicht traut. Außerdem kann sie einen in jede Welt mitnehmen, die man sich wünscht, und Dinge sehen lassen, die in der Welt der Wachen nie zu sehen sind. Ich bin mit ihr oft im Märchenland gewesen, weißt du. Dort hat es mir besonders gut gefallen, weil es da Elfen, Zwerge und viele andere wunderschöne Zaubergeschöpfe gibt.“ Als er drei Jahre alt gewesen war, hatte seine Mutter von einem Schutzengel gesprochen, erinnerte er sich, während er die Kleine zudeckte und am Ende einen sanften Kuss auf ihre Stirn hauchte. Na ja, aus dem himmlischen Wesen, welches in Gottes Auftrag nicht nur seinen Alltag, sondern auch seinen Schlaf überwachen sollte, war dank seiner Fantasie relativ schnell eine magische Gestalt geworden, die er Chris genannt und wie einen unsichtbaren aber stets präsenten Spielkameraden angesehen hatte. Als dann die Zeit gekommen war, da er auf sich allein gestellt den Alltag im Internat bewältigen musste, war Chris zu seinem einzigen und besten Freund geworden, stets da, wenn er Trost oder das Gefühl gebraucht hatte, da sei jemand, der seinen Kummer mit ihm teilte. Und nun hoffte er, Pia würde aus der Vorstellung, dass ein gutes und sehr mächtiges Wesen über sie wache, nicht nur ein Gefühl sicherer Geborgenheit gewinnen, sondern auch Kraft und Zuversicht für die Zukunft schöpfen. „Ich wünsche dir eine gute Nacht, meine Kleine.“ Nach einem weiteren Kuss auf die kindliche Stirn richtete er sich auf.

„Aber …“ Pia schluckte sichtlich, bevor sie fortfuhr: „Wenn … Du machst das Licht nicht wieder aus, ja. Es … Ich kann es nicht leiden, wenn es ganz doll dunkel ist und man gar nichts mehr sehen kann, wenn man die Augen aufmacht.“

„Die Lampe bleibt die ganze Nacht an, wenn du das möchtest“, versicherte er.

„Und du lässt auch nicht zu, dass jemand anderer sie ausmacht?“, wollte sie wissen.

„Niemand darf sie ausmachen“, versprach er. „Und in meinem Zimmer lasse ich auch eine an, damit du mich findest, wenn du mich brauchst. Gut?“

„Ich habe dich furchtbar lieb.“ Die Lippen zu einem erleichterten Lächeln verzogen, richtete sie sich schnell auf und versetzte ihm einen herzhaften Kuss auf die Wange. „Als ich noch ganz klein war, hab’ ich Gott gebeten, dass er mir jemanden schicken soll, der mich versteht. Danach wusste ich auf einmal, dass es dich gibt und hab’ dich gerufen. Und jetzt bin ich froh, weil du endlich bei mir bist.“ Sich wieder hinlegend, strahlte sie ihn weiterhin an. „Geh ruhig“, sagte sie. „Ich will jetzt nämlich die Augen zu machen und auf die Traum-Fee warten.“

„Ich habe dich auch sehr lieb“, raunte er weich, während er aufstand, um anschließend den Raum zu verlassen. Aber warum war das so, fragte er sich, während er die Tür vorsichtig hinter sich zuzog. Wieso hatte er bei diesem Kind das Gefühl, als wäre es ein Teil seiner selbst? Lag es vielleicht nur daran, dass Pia genauso einsam und verlassen wirkte, wie er sich immer fühlte? Oder war es einfach nur grenzenloses Mitleid, das ihn bewog, Zuneigung zu einem kleinen Mädchen zu empfinden, welches ausgerechnet ihn zu seiner Bezugsperson auserkoren hatte? Er wusste es nicht, gestand er sich ein. Ebenso wenig konnte er sich erklären, warum sich seine Gedanken seit der ersten Begegnung mit Pia ständig um seine leiblichen Eltern drehten. Selbstverständlich hatte er sich in den vergangenen Wochen oft mit der Frage beschäftigt, wer ihn gezeugt und wer ihn geboren hatte, nur um ihn dann wie ein Stück Müll wegzuwerfen. Nächtelang hatte er wach gelegen, im Geiste damit beschäftigt, sich auszumalen, wie die beiden Menschen wohl aussahen, von denen er abstammte. Am Ende war er dann zu dem Entschluss gekommen, dass er das gar nicht so genau wissen wollte, weil es im Grunde ja ohnehin keine Bedeutung hätte. Aber jetzt musste er wieder ständig daran denken, dass er seine wahren Wurzeln nicht kannte. Sein Vater konnte ebenso eine hochgestellte Persönlichkeit sein, als auch ein gemeiner Mörder. Und seine Mutter … Nein, rief er sich selbst zur Räson, nie, niemals wollte er die Frau, die ihn in die Welt gesetzt und dann schmählich im Stich gelassen hatte, mit dieser Bezeichnung betiteln! Er würde ihr irgendwann eine passende Bezeichnung geben, nahm er sich vor. Aber nicht gleich. Nicht an diesem Abend.

„Schläft sie schon?“

Fabian sah erschrocken hoch, denn ihm war zuvor entgangen, dass Kerstin auf ihn gewartet hatte und ihm nun am unteren Treppenabsatz entgegentrat.

„Ja“, antwortete er nach kurzem Zögern. „Allerdings habe ich ihr versprechen müssen, dass niemand ihre Nachttischlampe ausmacht.“

„Oh …“ Kerstin biss sich kurz auf die Unterlippe, bevor sie fortfuhr: „So was Blödes. Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen, dass sie Angst im Dunkeln hat? Ich … Na ja, die einzige Entschuldigung, die ich anführen könnte, ist die Tatsache, dass sie selbst nie etwas gesagt hat. Aber das ist nicht wirklich akzeptabel, nicht wahr?“ Sie wandte sich in die Richtung des Wohnzimmers, wobei sie Fabian mit einer einladenden Geste zum Mitkommen aufforderte. „Du … Sie scheint einen Narren an dir gefressen zu haben, sodass ich fürchte, dass du die nächste Zeit wenig Freiraum für dich haben wirst.“ Da die Tür zum Gemeinschaftsraum erreicht war, blieb sie stehen, um ihn wieder voll anzusehen.

„Das macht mir nichts“, versicherte er ernst. „Ich mag sie sehr.“

„Ja, das merkt man“, erwiderte Kerstin mit einem halbherzigen Lächeln auf den Lippen. „Und deshalb möchte ich dir etwas über sie erzählen: Sie ist im März sieben Jahre alt geworden, in ihrer gesamten Entwicklung aber erst auf dem Stand einer Vierjährigen. Sie ist ein Kind, das viel Aufmerksamkeit und Liebe braucht, also jemanden, der nahezu rund um die Uhr für sie da ist, was dir schnell zu viel werden könnte. Also überlege dir gut, ob du dich wirklich auf sie einlassen willst. Falls du nämlich in ein paar Tagen die Geduld verlierst und sie wegstößt, wird sie das kaum verkraften können.“ Weil Fabian nicht gleich zu verstehen schien, entschied sie sich zu einer näheren Erklärung: „Sie ist ursprünglich adoptiert, mit zwei Jahren allerdings zu Pflegeeltern abgeschoben worden. Ich meine, es seien in der Folgezeit drei oder vier Familien gewesen, in welchen sie betreut wurde. Sie blieb jedoch nirgends sehr lange, weil man nicht mit ihr zurechtkam. Na ja, das letzte Paar hat wohl versucht, sie mit unnachgiebiger Strenge und Gottesfurcht zu erziehen, hat damit aber vermutlich weit mehr Schaden angerichtet als all die anderen zuvor. Als sie uns letztlich anvertraut wurde, war ihr Körper völlig ausgemergelt und mit Misshandlungsspuren übersät. Außerdem wollte sie weder sprechen noch sich anfassen lassen, sodass wir sie erst einmal in Ruhe gelassen haben, bis sie sich ein bisschen erholt hatte. Und jetzt … Es scheint so, als ob sie beschlossen habe, dass du der Einzige bist, dem sie vorbehaltlos vertrauen kann. Und ich weiß nicht genau, ob ich das gut finden soll, oder nicht?“

„Wieso?“, wollte Fabian wissen, wobei ihm der Schock nicht im Geringsten anzusehen war, den er angesichts von Kerstins Eröffnung empfand. Adoptiert, kreiste es ihm immerfort durch den Sinn. Pia war nicht besser dran als er! War das vielleicht der Schlüssel zu ihrer merkwürdig innigen Beziehung?

„Na ja …“ Kerstin biss sich erneut auf die Unterlippe, bevor sie fortfuhr: „Sie ist unbestritten in ihrem Verhalten gestört und könnte somit zu einer nicht einzuschätzenden Belastung für dich werden, weil du ja absolut keine Erfahrung mit so was hast. Wenn sie sich aber wiederum abgelehnt fühlt, könnte es passieren, dass sie sich noch mehr in sich selbst zurückzieht und nie wieder Vertrauen zu einem anderen Menschen fasst.“

Was nur verständlich wäre, schoss es ihm daraufhin durch den Kopf.

„Ist schon in Ordnung“, ging er dann auf die Warnung seines Gegenübers ein. „Ich weiß, was ich mir zutrauen kann und was nicht.“ Ja, bekräftigte er insgeheim seine eigene Entscheidung, er wollte sich um Pia kümmern, auch wenn das hieß, dass er dafür Nachteile für sich selbst in Kauf nehmen musste. Schließlich wusste keiner so gut wie er, wie es sich anfühlte, wenn man niemanden hatte, der bedingungslos zu einem stand. Was hatte die Kleine vorhin gesagt? Hatte sie nicht erwähnt, sie habe Gott um Beistand gebeten? War es nicht denkbar, dass der allwissende Schöpfer den sehnlichsten Wunsch eines unschuldigen Kindes erfüllte, indem es ihm einen Menschen mit ähnlicher Hintergrundgeschichte schickte? Ja, entschied er, so musste es sein. Er war dazu bestimmt, die Herzenslast des Mädchens ein bisschen erträglicher zu machen.

8

Von seinen neuen Mitschülern wurde Fabian zunächst voller Neugierde aufgenommen. Als man jedoch von seinen guten Noten erfuhr, schlugen ihm jäh unverhohlener Neid und Misstrauen entgegen. Doch das legte sich schnell, sobald man herausfand, dass er bloß leicht und schnell lernte. Allein die fast schon aufdringliche Aufmerksamkeit der Mädchen in seiner Klasse stürzte ihn vorübergehend in arge Verwirrung. Bedingt durch seinen eigenwilligen Kleidungsstil, der ihn älter erscheinen ließ, als er tatsächlich war, und sein ernstes Auftreten, welches im krassen Gegensatz zu dem noch oft sehr albernen und meist übertrieben großtuerischen Gehabe seiner Geschlechtsgenossen stand, war er plötzlich der absolute Mittelpunkt des weiblichen Interesses. Da ihm seine Mitschülerinnen im Internat immer nur Gleichgültigkeit entgegengebracht hatten, war es eine völlig neue Erfahrung für ihn, jetzt so umschwärmt zu werden. Anfangs fühlte er sich denn auch sehr geschmeichelt. Welcher heranwachsende Junge hätte sich da nicht toll gefühlt? Daher wurde er ein bisschen zugänglicher. Als ihm jedoch aufging, dass man sich durch seine Freundschaft eine gewisse Berühmtheit versprach, und bloß aus Geltungssucht seine Nähe suchte, zog er sich ernüchtert zurück. Die Bemühungen seiner Klassenkameradinnen jetzt eher gleichmütig als erfreut zur Kenntnis nehmend, widmete er sich wieder ausschließlich seinen Büchern, was bei seinen Verehrerinnen rasch zu einem beleidigten Stimmungsumschwung führte. Und so war er schon bald wieder der steife Lulatsch, der arrogante Blödmann, oder der verlachte Bücherwurm, der keine Ahnung vom Leben hatte. Doch das störte ihn nicht im Mindesten, denn jetzt lief wieder alles so, wie er es seit Jahren gewohnt war. Er wollte gar keine Freunde! Für einen Einzelgänger gestaltete sich das Leben nämlich viel einfacher, weil der weder Rücksichten nehmen noch Kompromisse schließen musste, die den eigenen Interessen nur hinderlich waren.

Trotz seiner Differenzen mit seinen Mitschülern war Fabian so froh und ausgeglichen, wie schon lange nicht mehr, denn sobald er aus der Schule zurückkehrte, flog ihm Pia förmlich entgegen, um ihn mit ihrer Zuneigung zu überschütten. Keinen Augenblick ließ sie ihn aus den Augen, während er sein Mittagessen vertilgte. Anschließend saß sie still in seinem Zimmer, wenn er seine Schularbeiten erledigte, und malte Bilder für ihn. Allerdings fühlte er bei deren Anblick eher Schrecken als Freude.

Warum Pia anhand von schwarzen und braunen Bunt-oder Filzstiften oder dunklen Wasserfarben ausschließlich grausliche Monster und schreckliche Szenen malte, wagte Fabian nicht zu deuten. Er ging aber davon aus, dass sie damit ihre größten Ängste offenbarte. Hin und wieder lieh er die Zeichnungen und Aquarelle an Kerstin aus, die sie wiederum mit einem Kinderpsychologen besprach. Aber Pia selbst sprach er niemals darauf an, aus Furcht, er könne mit seinen Fragen etwas bei ihr auslösen, was er nicht kontrollieren, geschweige denn wiedergutmachen konnte. Stattdessen spielte er mit ihr alberne Spiele, tobte sich dabei selbst zum ersten Mal völlig ungeniert auf dem hauseigenen Spielplatz aus, und bereute dabei nicht eine Sekunde, die er dem Kind widmete.

*

An einem sonnigen, aber kalten Oktobertag kam Fabian wie gewohnt von der Schule zurück und wurde schon im Vorgarten von seiner kleinen Freundin erwartet. Die Arme weit ausgebreitet, fing er sie aus dem Lauf heraus auf, um sie dann voller Zärtlichkeit an sich zu drücken.

„Ich habe dich so lieb. Ich habe noch nie jemanden so furchtbar liebgehabt. Es tut richtig weh, weißt du.“ Seinen Nacken loslassend, umfasste Pia seine Wangen mit beiden Händen und machte Anstalten, ihn küssen zu wollen. Doch dann verlor ihr Gesicht plötzlich alle Farbe, wobei ihre Züge zu einer starren Maske wurden. Goldene Lichtpunkte blitzten auf einmal in dem intensiven Grün ihrer Augen auf, während ihr Blick durch ihn hindurch auf etwas gerichtet wurde, was nur sie wahrnehmen konnte.

„Minka liegt auf der Treppe“, ließ sie in einem monoton klingenden Tonfall verlauten. „Und Kerstin fällt.“ Das letzte Wort war kaum zu Ende gebracht, da schwand die maskenhafte Starre aus dem Gesicht der Kleinen. Sich leicht schüttelnd, so als wollte sie etwas loswerden, was sie störte, sah sie Fabian mit großen Augen an und erweckte dabei den Eindruck, als wüsste sie gar nicht mehr, was sie soeben gesagt hatte.

Pia erinnerte sich tatsächlich nicht daran, was geschehen war. Sie wusste bloß, dass sie wieder einmal weggetreten war und in dieser Zeit vermutlich etwas von sich gegeben hatte, was niemand hören wollte. Daher fühlte sie Panik in sich aufsteigen, weil sie nun fürchtete, man würde sie wieder als scheußliche Satansbrut bezeichnen und vor ihr zurückschrecken, so als sei sie eine eklige Kröte, die man nicht anfassen wollte. In ihrer Angst klammerte sie sich so fest an den Jungen, den sie mehr als alles andere auf der Welt liebte, dass diesem das Atmen schwer wurde. Gleichzeitig begann sie zu tonlos weinen.

Fabian indes war viel zu erschrocken über ihre unheimliche Wandlung, als dass er sich Gedanken über den Sinn ihrer Worte gemacht hätte. Davon ausgehend, dass sie eine Art epileptischen Anfall gehabt hatte, drückte er sie seinerseits an sich und hoffte dabei von Herzen, dass es nicht schlimmer kommen würde. Doch dann ging ihm auf, was sie gesagt hatte, sodass er augenblicklich von großer Sorge um die Pflegemutter erfüllt wurde.

„Ist ihr was passiert?“, wollte er wissen.

„Wem?“, fragte Pia erstickt, indem sie ihr Gesicht noch ein wenig fester in seine Halsbeuge drückte.

„Kerstin.“ Die Kleine mit sanfter Gewalt ein wenig von sich wegschiebend, suchte er gleich darauf den Blickkontakt zu ihr. „Du hast gerade gesagt, dass sie über Minka gefallen ist. Und ich möchte jetzt wissen, ob ihr dabei was passiert ist.“ Das weißblonde Haar aus dem feuchten Gesicht wischend, ließ er am Ende seine Hand auf ihrer Wange liegen, um sie mit dem Daumen sanft zu streicheln. Dabei sah er sie so eindringlich an, als wollte er die Antwort auf seine Frage von ihren Lippen ablesen.

„Ich weiß nicht.“ Pia hatte sichtlich Mühe, seinem Blick standzuhalten. „Hab’ ich das wirklich gesagt?“

„Weißt du das denn nicht mehr?“, wunderte er sich.

„Ich …“ Hätte man sie mit Prügel bedroht, sie hätte nicht furchtsamer dreingesehen. Entsprechend steif hielt sie sich, und wagte sich dabei kaum noch Luft zu holen. „Ich … Es ist …“ Sie musste es erklären, ermahnte sie sich selbst. Vielleicht … Er war anders als die anderen und würde es bestimmt verstehen! „Manchmal trete ich einfach so weg, weißt du, und sage dabei Sachen, die böse sind. Ich mach das bestimmt nicht mit Absicht. Es ist nur … Wenn ich wegtrete, ist es so, als hätte man mich auf einmal in ein Zimmer gesperrt, wo es dunkel und ganz still ist. Ich denke, ich bin ruhig. Aber in Wirklichkeit sagt mein Mund schlimme Wörter.“

Fabian schwieg zunächst, um das Gesagte zu überdenken. Am Ende runzelte er die Stirn, was deutlich machte, dass ihm etwas an ihrer Aussage nicht ganz einleuchten wollte. Allerdings fand er nicht die Gelegenheit, seine Frage in Worte zu fassen, denn Pia kam ihm zuvor.

„Ich kann mich ganz bestimmt nicht erinnern“, versicherte sie. „Aber ich weiß, dass ich immer böse Sachen sage, wenn ich wegtrete, weil es mir die Leute erzählt haben, bei denen ich früher gewohnt hab. Sie haben erst nur mit mir geschimpft, weil ich dummes Zeug geblubbert hätte. Aber dann … Sie haben gesagt, ich wäre besessen, und wollten mich nicht mehr bei sich haben. Darum wurde ich wieder woanders hingebracht. Ich … Mein letzter Papa hat mich verhauen und dann in der Kirche ganz lange vor einem Jesusbild knien lassen, damit der Teufel aus mir herauskäme und ich wieder brav werde. Ich … Das Beten hat nicht geholfen, weißt du. Und dann … Er ist sehr böse geworden und hat mich wieder gehauen. Ich weiß auch nicht, wie es passiert ist, aber ich bin dann wieder weggetreten und erst in einem Krankenhaus wieder wach geworden. Danach hat es nicht lange gedauert, bis Kerstin kam, um mich zu holen. Ich … Sie ist so lieb, weißt du. Deshalb hab’ ich mir vorgenommen, dass ich nie wieder böse sein würde. Es … Ich dachte, wenn ich nicht rede, kann auch nichts Böses aus meinem Mund kommen. Und … Ich hab’ es irgendwie geschafft, nicht wegzutreten. Es … Heute ist es zum ersten Mal wieder passiert. Aber ich will das nicht! Ich werde mir ganz viel Mühe geben, damit es nicht wieder passiert! Ich … Du glaubst mir doch, ja?“

Fabian merkte, dass das Kind immer noch von einer schier bodenlosen Furcht beherrscht wurde, und zog es daraufhin wieder an sich, um es anhand einer liebevollen Umarmung zu beruhigen. Dabei fiel ihm wieder seine Besorgnis um seine Pflegemutter ein, sodass er mitsamt seiner Last umgehend zum Haus ging. Minka, eine weiß gestiefelte schwarzbraune Katze, gehörte zwar zum Paulus-Haushalt, streunte aber lieber durch die Nachbarschaft, als auf dem eigenen Grundstück gegen Maus und Co vorzugehen. Gegen Abend kam sie manchmal heim, um sich das bereitgestellte Futter zu holen, blieb dabei aber immer vor dem Hinterausgang sitzen, weil sie anschließend gleich wieder weiterwollte. Dass sie ausnahmsweise mittags zurückgekehrt und ins Haus gelaufen war, erschien ihm zwar ungewöhnlich aber nicht wirklich verwunderlich. Katzen waren nun einmal unberechenbare Individualisten, dachte er.

Fabians Hand war noch nicht ganz auf der Klinke, da wurde die Tür von innen geöffnet. Und im nächsten Moment trat ihm Joachim entgegen, der offenkundig auf dem Weg nach draußen war. Also grüßte er kurz und tappte sogleich an dem Pflegevater vorbei. Dabei schaute er die Treppe zum Obergeschoss hinauf und entdeckte auf der drittletzten Stufe den faul ausgestreckten Körper der Katze. Kerstin hingegen war gerade im Begriff, von der Galerie aus die mit Teppich bespannten Stufen herabzukommen. Dabei sah sie jedoch nicht zu Boden und somit auf ihren Weg, sondern auf den Einkaufszettel in ihrer Hand.

„Pass auf!“, schrie Fabian, indem er Pia hastig absetzte. „Minka ist direkt vor dir!“ Die Warnung war noch nicht ganz ausgesprochen, da lief er schon hin, um die Pflegemutter auffangen zu können, falls sie wirklich stürzte. Dabei scheuchte er das dösende Tier auf, sodass es wie angestochen aufsprang und im nächsten Moment vollkommen verschreckt zur Galerie hoch raste, um sich angriffslustig buckelnd in die nächstbeste Ecke zu drücken.

„Du liebe Zeit!“ Kerstin hatte gerade noch rechtzeitig stoppen können und stand nun leicht schwankend auf der obersten Stufe. In der Linken nach wie vor ihren Einkaufszettel festhaltend, klammerte sie sich mit der Rechten am Geländer fest. „Wärst du nicht gewesen, hätt’ ich mir jetzt vielleicht das Genick gebrochen. Dumme Mieze!“ Dem immer noch fauchenden Tier einen bösen Blick zuwerfend, kam sie anschließend die Treppe herunter und lächelte dabei Fabian dankbar an. „Ein Glück, dass du sie rechtzeitig bemerkt hast.“

Die Lippen zu einem gezwungenen Grinsen verzogen, nickte er bloß. Gleich darauf flog sein Blick zu Pia zurück, die immer noch an der Haustür stand und nicht recht zu begreifen schien, was da gerade geschehen war. Sie hatte die Gefahr vorausgesehen, schoss es ihm durch den Sinn. So als wäre sie in der Zeit vorausgeeilt, um etwas Schlimmes in Erfahrung zu bringen, damit sie es hinterher durch eine Warnung verhindern konnte. Allerdings schien sie das …

„Die anderen haben schon gegessen“, unterbrach Kerstin seine Überlegungen. „Deine Portion hab’ ich im Backofen warm gestellt.“ Ein weiteres Mal tief durchatmend, ging sie zur Garderobe, um ihre Jacke zu holen und dann ihrem Mann nach draußen zu folgen.

Fabian indes hatte ganz andere Sorgen als seinen leeren Magen. Pia zu sich heranwinkend, nahm er sie gleich darauf auf den Arm und stieg mit ihr zu seinem Zimmer hinauf. Er musste mit ihr reden, nahm er sich vor. Sie besaß offenbar eine Gabe, die nicht nur äußerst ungewöhnlich war, sondern auch sehr beängstigend für sie sein musste, weil sie es nicht verstehen konnte. Und ihre Umwelt hatte das offenbar ebenso wenig vermocht! Ja, sie war fast zu einem seelischen Wrack gemacht worden, weil keiner die vermeintlich festgesetzten Grenzen seines Verstandes verlassen hatte, um sich neuen Ideen zuzuwenden. Na ja, er selbst konnte auch nicht wirklich begreifen, was mit ihr los war, gestand er sich ein. Aber er würde nicht den gleichen Fehler machen, wie die anderen vor ihm. Er wollte sich nicht mit bloßen Vermutungen zufriedengeben, sondern sicheres Wissen erlangen, nahm er sich vor. Vielleicht … Wenn das ihr Problem war, gab es vielleicht eine Möglichkeit, ihre traumatisierte Psyche zu therapieren! Sie brauchte wahrscheinlich ganz dringend fachliche Hilfe! Die jedoch konnte nur greifen, wenn sie zuerst einmal neues Vertrauen zu ihren Mitmenschen fasste und ihre Fähigkeiten selbst als etwas Normales anzusehen lernte.

„Du …“ Pia schluckte schwer. „Du hast mich doch noch lieb?“

„Aber klar hab’ ich das“, versicherte er, indem er die Tür seines Reiches öffnete, um eintreten zu können. „Es gibt nichts, was mich davon abhalten könnte, dich gern zu haben.“

„Auch meine Hände nicht?“, wollte sie wissen, sobald sie drinnen waren.

„Auch deine Hän …“ Fabian stockte, denn mit einem Mal meinte er wieder ihre Finger auf seinen Wangen zu spüren und erinnerte sich jäh an das merkwürdige Prickeln, welches sie auf seiner Haut ausgelöst hatten. „Du …“ Er räusperte sich ausgiebig und setzte dann neu an: „Was ist mit deinen Händen?“

Pia brauchte ein bisschen Zeit, um sich die Antwort zurechtzulegen, denn es war nicht einfach, das in Worte zu fassen, was sie ihm mitteilen wollte. Doch dann straffte sie die schmächtigen Schultern und sah ihn wieder voll an.

„Wenn ich wen anfasse“, begann sie mit belegter Stimme, „dann kann ich fühlen, was er fühlt. Und ich merke gleich, ob er mich mag oder nicht.“ Sie schluckte hart, bevor sie fortfuhr: „Und bei dir … Da ist mehr! Ich … Ich kann es nicht richtig beschreiben, weißt du. Als ich dich zum ersten Mal richtig gesehen und angefasst hab, da war es, als ob ich endlich was gefunden hätte, was mir die ganze Zeit gefehlt hat. Das war komisch, weißt du. Es war, als wären du und ich zwei verlorene Teile von etwas, die endlich wieder an ihrem richtigen Platz angekommen sind.“ Sie empfand immer noch sehr viel Furcht, was man ihr auch deutlich ansehen konnte. Dennoch hielt sie den Blickkontakt aufrecht. „Du glaubst mir doch, ja?“

„Ja, ich glaube dir“, versicherte er mit sanfter Stimme, indem er sie auf die Stirn küsste, um sie dann auf der Kante seines Bettes abzusetzen. „Aber du musst mir noch mehr darüber erzählen, damit ich es besser verstehen kann.“ Er wollte weiterhin in Augenhöhe mit ihr sein und kniete sich daher vor sie hin. Auch in ihm hatte sich gleich bei ihrem ersten Zusammentreffen dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit festgesetzt, erinnerte er sich dabei. Ein schon fast unheimlich anmutendes Empfinden von tiefer Verbundenheit. Warum das so war, konnte er sich nach wie vor nicht erklären, nahm es aber als gegeben hin, weil es ihm müßig erschien, Antwort auf eine Frage suchen zu wollen, die nicht wirklich wichtig war. Er liebte sie von ganzem Herzen. Nur das zählte!

„Ich …“ Wieder schwieg sie eine geraume Zeit. „Es sind nicht nur meine Hände“, gestand sie schließlich. „Ich … Wenn Leute, die ich besonders gern hab’, in der Nähe sind, dann merke ich das. Es ist … Jeder fühlt sich anders an, aber alle sind wie warmer Wind. Und manchmal kann ich hören, was andere Leute denken.“

„Oh wow.“ Er zweifelte nicht eine Sekunde lang daran, dass sie die Wahrheit sagte. Allerdings hatte er einige Schwierigkeiten damit, das ganze Ausmaß ihres Geständnisses zu begreifen. Natürlich gab es Leute, hielt er sich vor Augen, die telepathische und visionäre Kräfte besaßen. Aber die mussten doch vorher in irgendeine Art von Trance fallen, bevor sie ihre Gabe gebrauchen konnten! Oder nicht? War es möglich, dass die Kleine einfach so in die Köpfe anderer hineinhorchen konnte?

„Ich horche ganz bestimmt keinen aus“, versicherte sie in seine Überlegungen hinein. „Und gehen tut es auch nicht immer. Aber dich kann ich einwandfrei und ganz deutlich hören, wann immer du an mich denkst – sogar, wenn du in der Schule bist.“

Das klang so unglaublich, dass Fabian am liebsten losgeprustet hätte. Doch blieb ihm das Lachen buchstäblich im Halse stecken, denn Pias Lippen waren fest geschlossen, während sie die letzten Sätze formuliert und in sein Hirn gepflanzt hatte. Allein ihr Blick fesselte den seinen, sodass er die Augen nicht abwenden konnte.

„Du kannst hören, was ich denke?“, brachte er endlich mit heiserer Stimme hervor.

„Nein, nicht alles.“ Diesmal sprach sie tatsächlich. „Sachen, die du mit niemandem teilen willst, haben keinen … Sie sind nicht zu verstehen, weißt du. Es ist, als ob da eine Wand drum herum ist, die keinen Ton durchlässt.“

Das war beruhigend zu wissen, dachte er.

„Meine Schule ist aber ziemlich weit weg von hier.“ Er zwang sich zu einem lockeren Plauderton, in der Hoffnung, dass seine folgende Frage nicht wie eine gemeine Unterstellung aufgefasst werden würde: „Bist du sicher, dass ich es bin, den du hörst? Kann es nicht …“

„Zwischen uns ist ein ganz besonderes Band“, unterbrach sie ihn, wobei sie gleichzeitig den Kopf schüttelte, was eine Reaktion auf seine unausgesprochene Frage darstellte. „Es macht, dass ich deine Stimme sogar dann hören kann, wenn du am anderen Ende der Stadt bist.“

Diese Behauptung erschien ihm nun doch ein bisschen übertrieben. Als ihm jedoch einfiel, dass er in letzter Zeit häufig ihre Stimme vernommen hatte, obwohl sie nicht in Hörweite gewesen war, schluckte er hart. Es waren also keineswegs Erinnerungen an ihr kindliches Geplapper, die ihn hin und wieder vom Unterricht ablenkten, erkannte er. Wie auch immer sie es anstellte, es gelang ihr offenbar tatsächlich, ihn zu kontaktieren, wann immer sie Lust dazu verspürte! Nein, er fand das gar nicht beängstigend, denn laut ihrer eigenen Aussage waren ihr Grenzen gesetzt, die sie nicht überwinden konnte. Und er vertraute ohne jeden Vorbehalt darauf, dass sie in dieser Beziehung niemals lügen würde. Dennoch war er nun gewarnt und würde in Zukunft ihre Gabe … Nein, berichtigte er sich sogleich selbst. Sie besaßen beide dieses Talent. Wäre es anders, er könnte ihre mentalen Botschaften weder auffangen noch verstehen! Also musste er der Sache unbedingt mehr Beachtung schenken. Und lernen. Er musste diese neu entdeckte Gabe erforschen und wenn möglich weiterentwickeln. Es konnte ja sein, dass sich daraus ein gewisser Nutzen ziehen ließ!

„Ist doch toll!“ Seinen Mund zu einem sorglosen Lächeln zwingend, sah er Pia offen an. „Wir zwei werden also nie ein Telefon brauchen, wenn wir mal weit voneinander weg sind aber trotzdem miteinander reden wollen!“

„Vielleicht liegt das daran, dass wir Geschwister sind“, erwiderte sie ernst.

Fabian hörte zwar die Worte, begriff aber deren eigentlichen Sinn nicht sofort. Als ihm jedoch aufging, was sie gerade gesagt hatte, lachte er. Sie wäre nicht das erste von allen verlassene Kind, das sich selbst eine imaginäre Familie schuf, indem es Wildfremde zu Verwandten erklärte, dachte er.

„Ich habe das nicht erfunden“, reagierte sie auf seine unausgesprochene Feststellung. „Ich weiß genau, dass du mein Bruder bist. Ich habe gefühlt, dass da noch jemand ist, der zu mir gehört, da war ich fast noch ein Baby. Und als du dann hier ankamst, wurde das Band zwischen uns noch fester. Ich … Gott hat mir ein Zeichen geschickt, weißt du. Als du mich zum ersten Mal in den Arm genommen hast, hat er gemacht, dass ich das Band spüre, das zwischen uns ist. Danach war ich mir ganz sicher, dass wir von der gleichen Frau geboren wurden.“

War das möglich, fragte er sich unterdessen. Konnte das wirklich sein? Warum nicht, gab er sich selbst zur Antwort. Wer auch immer ihn in die Welt gesetzt hatte, konnte auch ein zweites und vielleicht auch ein drittes Mal ohne jeden Skrupel sein Kind im Stich gelassen haben!

Beim letzten Gedanken angekommen, fühlte Fabian einen solch großen Druck auf dem Herzen, dass er meinte, es würde jeden Moment zerquetscht werden. Gleichzeitig schoss eine Welle des Zorns wie eine Feuerwalze durch sein Hirn, was ihn kurzzeitig die Beherrschung verlieren ließ.

„Verfluchtes Miststück!“ Er merkte noch nicht einmal, dass seine Finger Pias Arme ergriffen hatten und sie nun wie Schraubstöcke umfingen. Als ihm jedoch eine Welle hilfloser Qual entgegenschwappte, die eindeutig von ihr ausging, und er zudem neue Tränen in ihre Augen schießen sah, kam er augenblicklich wieder zur Besinnung. „Nicht doch, mein kleiner Engel.“ Seinen schmerzhaften Griff lösend, zog er das Kind gleich darauf an sich, um es anhand einer zärtlichen Umarmung zu beschwichtigen. „Dich hab’ ich doch nicht gemeint. Es tut mir leid. Wirklich! Ich bin nur so wütend auf … Aa, verdammt! Ich weiß ja noch nicht einmal, wie ich sie nennen soll!“ Das Mädchen fest an sich gedrückt, atmete er ein paar Mal tief durch und bezwang so seinen Drang, einige unflätige Beschimpfungen von sich zu geben. „Ist schon gut“, murmelte er am Ende, indem er Pia wieder ein bisschen von sich wegschob, um ihr ins Gesicht schauen zu können. „Du musst keine Angst haben. Ich bin nicht böse auf dich. Ich bin bloß ein bisschen durcheinander, das ist alles.“

Innerlich noch ein wenig unsicher, weil er nicht so recht wusste, wie genau es nun weitergehen sollte, beschloss Fabian, dass er später mit der Pflegemutter sprechen wollte. Dabei hoffte er von Herzen, dass man ihn nicht als einen armen Irren ansehen würde, der sich mit hanebüchenen Geschichten wichtigmachen wollte. Allerdings würde er die Sache mit dem Gedankenlesen unter den Tisch fallen lassen, nahm er sich vor, denn er konnte sich gut vorstellen, wie Kerstin darauf reagieren würde. Pia hatte schon genug Probleme, da musste man nicht noch neue schaffen! Hatte er selbst nicht eben gerade noch gefürchtet, man könne seine intimsten Geheimnisse in Erfahrung bringen, ohne dass er dies merkte? Nun, er vertraute der Kleinen blind, denn er war überzeugt, dass sie nie etwas tun würde, was gegen den Willen ihrer Mitmenschen war. Aber andere würden das garantiert nicht tun! Sie würden Pia wie ein heimtückisches Monster ansehen und womöglich noch schlimmer behandeln als sie es bisher getan hatten. Nein, das wollte er auf keinen Fall zulassen. Schließlich war es völlig ausreichend, dass er davon wusste.

„Sie ist was?“ Kerstin glaubte im ersten Moment an einen Scherz und war versucht, eine entsprechende Erwiderung vom Stapel zu lassen. Als sie jedoch Fabians todernste Miene registrierte, nahm sie sich zusammen. Es war nicht seine Art, solche Witze zu machen, rief sie sich in Erinnerung. An der Geschichte war vielleicht doch etwas dran? „Erzähle.“

„Sie ist eine Seherin“, wiederholte er. „Die zudem ein hochsensibles Gespür für die Gefühle und Ängste ihrer Mitmenschen besitzt.“ Er war sich bewusst, dass man seinen Worten mit berechtigtem Zweifel begegnete. Dennoch verlor er nicht den Mut, denn ihm war ebenso klar, dass Pias zukünftiges Leben allein durch sein Engagement erleichtert werden konnte. Wenn er nicht für Hilfe sorgte, würde alles so weitergehen wie bisher, denn sie würde ihr „Handicap“ keinem anderen anvertrauen! „Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, warum bis jetzt niemand so richtig mit ihr zurechtkam. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass ein normaler Erwachsener, also jemand, der so etwas für absoluten Hokuspokus hält, damit umgehen kann.“ Pias Warnungen waren vermutlich auf taube Ohren gestoßen, mutmaßte er, weil sie zum einen bestimmt nicht immer so zeitnah erfolgt waren, wie an vergangenen Nachmittag, und sich außerdem niemand wirklich damit auseinandergesetzt hatte. Allein ihr Verhalten, welches sie während einer Vision zeigte, musste wie eine gut einstudierte Theater-Szene aufgefasst worden sein, denn nur so waren der Widerwillen und die Wut zu erklären, die man dem Kind in der Vergangenheit entgegengebracht hatte. „Sie haben sie wahrscheinlich für ein freches, vorlautes Ding gehalten und bestraft, sobald sie auch nur den Mund aufmachte. Kein Wunder, dass sie es irgendwann aufgab, überhaupt etwas zu sagen.“

Zu Kerstins anhaltenden Zweifeln kam nun Sorge hinzu.

„Woher weißt du, dass sie dich nicht beschwindelt hat?“, wollte sie wissen. „Kann es nicht sein, dass sie für dich bloß etwas ganz Besonderes sein will, damit du ihr weiter deine …?“

„Ich hab’s am eigenen Leibe zu spüren bekommen“, unterbrach er mit ruhiger Stimme. „Sie sah mich an, schien aber meilenweit weg zu sein, während sie mir von Minka auf der Treppe erzählte. Ich war nur deshalb rechtzeitig da, um dich zu warnen, weil sie mich zuvor darauf aufmerksam gemacht hat, dass dir ein schlimmer Unfall bevorsteht. Nein“, kam er einem Einwurf zuvor, indem er zusätzlich die Rechte zu einer abwehrenden Geste hob. „Das war weder Zufall noch eine logische Schlussfolgerung. Du weißt selbst, dass Minka sonst nie ins Haus kommt. Und selbst wenn Pia das Tier vorher bemerkt hätte, hätte sie es selbst weggescheucht, damit niemand zu Schaden kommt, statt rauszugehen und im Vorgarten auf mich zu warten, damit ich es tue.“

Kerstin überdachte das Gesagte noch einmal sehr gründlich. Am Ende ihrer Überlegungen beschloss sie, dass sie die fantastisch anmutende Geschichte ihres Gegenübers vorerst ohne eine Bewertung hinnehmen würde, um dann nach einem ausführlichen Gespräch mit dem für Pia zuständigen Psychologen entsprechende Schritte einzuleiten. In der Zwischenzeit wollte sie weitere Details in Erfahrung bringen, denn sie war ja von Natur aus neugierig und im Grunde gar nicht mehr abgeneigt, Fabians Behauptung als glaubwürdige Aussage zu akzeptieren. Immerhin gab es auf der ganzen Welt ernst zu nehmende Wissenschaftler, die sich mit solchen Phänomenen auseinandersetzten, redete sie sich nun selbst gut zu. Wenn die Kleine tatsächlich eine derartige Begabung besaß, konnte man das bestimmt anhand wissenschaftlicher Tests prüfen.

„Und warum du?“ Das gleichmütige Gesicht des Jungen betrachtend, klappte sie gleichzeitig das Haushaltsbuch zu, welches sie vor seinem Eintritt in ihr Büro auf den neuesten Stand gebracht hatte. „Wieso vertraut sie ausgerechnet dir ihr Geheimnis an, wo sie dich gerade mal seit zwei Wochen kennt?“

„Weil sie mich für ihren Bruder hält“, erwiderte er ernst. „Ja, ja, ich weiß“, kam er wiederum einem Einwand zuvor, sobald er die überraschte Miene seines Gegenübers registrierte, die zusehendes betroffener wurde. „Auch das hört sich absolut verrückt an. Aber es ist möglich.“ Die Worte waren kaum heraus, da wurde ihm klar, dass er eine Erklärung folgen lassen musste, weil Kerstin nach wie vor keine Ahnung davon hatte, was mit ihm los war. „Elisa Andersen ist nicht wirklich meine Mutter, weißt du. Irgendeine andere Frau hat mich geboren und dann zur Adoption freigegeben. Und da ich nicht genau weiß, von wem ich abstamme, kann es sein, dass Pia und ich wirklich verwandt sind.“ Für ihn war es längst Gewissheit, dass das Mädchen und er wie zwei Blätter von ein und demselben Baum waren, die ein gnadenloser Schicksals-Wind mit sich gerissen und durch puren Zufall an ein und derselben Stelle fallen gelassen hatte, sodass sie aufeinandertreffen konnten. Doch sprach er das nicht aus, weil er es nicht beweisen konnte und daher nicht Gefahr laufen wollte, dass seine Glaubwürdigkeit doch noch infrage gestellt wurde.

Ja, jetzt verstand sie die Sache auf jeden Fall besser, stellte Kerstin unterdessen für sich fest. Auch wenn sie immer noch nicht ganz begriff, wie Pia dazu kam, einen wildfremden Jungen als ihren Bruder anzusehen, konnte sie doch nachvollziehen, warum die Kleine sich so sehr zu ihm hingezogen fühlte. Verwandte Seelen fanden sich sozusagen blind. Und das Bedürfnis nach einem unverrückbaren Fixpunkt im eigenen Leben sorgte für alles Weitere. Die vermeintliche Gewissheit, einen nahen und dazu auch noch fürsorglichen Verwandten neben sich zu haben, war mithin der beste Trost, dem man sich wünschen konnte!

„Ich werde Doktor Zöller gleich morgen früh bitten …“ Weiter kam sie nicht, denn Fabian fiel ihr ins Wort: „Nein, lass sie vorerst ganz in Ruhe. Bitte! Sie braucht im Moment keinen Psychomenschen, sondern nur jemanden, der sie gernhat und ihr zuhört, ohne sie analysieren zu wollen.“

Und du? Was brauchst du, fragte Kerstin im Stillen. Bist du wirklich so stark und abgeklärt, wie du tust? Oder bist du nicht doch nur ein kleiner Junge, der seine Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe kaum bändigen kann und deshalb ein kleines verstörtes Mädchen in sein Herz schließt, damit die Einsamkeit erträglicher wird?

„Gut“, reagierte sie endlich auf seine Bitte. „Aber wenn du nicht mehr weiterweißt, kommst du schleunigst zu mir, okay! Du musst da nämlich nicht allein durch, auch wenn du vielleicht meinst, dass das von dir erwartet wird.“

„In Ordnung“, stimmte er zu und stand auch schon auf, um zu gehen. Obwohl er sein erstes Ziel erreicht hatte, war er keineswegs erleichtert, denn die Überzeugung, dass man erst den Anfang eines langen und vermutlich ziemlich steinigen Weges in Angriff genommen hatte, bescherte ihm ein flaues Gefühl in der Magengegend. Was, fragte er sich, wenn es niemanden gab, der Pia wirklich helfen konnte? Oder wenn jemand meinte, sie wieder in eine andere Pflegefamilie geben zu müssen? Er selbst würde stets für sie da sein, das hatte er ja geschworen. Aber es stand nicht in seiner Macht, über ihren Aufenthaltsort zu bestimmen.

Fabian war schon fast in seinem Zimmer, da meinte er Pias Ruf gehört zu haben und ging hin, um nach ihr zu sehen. Da sie aber tief und fest schlief und dabei ein Lächeln auf den Lippen trug, erkannte er, dass sie wohl gerade einen schönen Traum erlebte, in welchem auch er eine Rolle spielte. Zudem ging ein Gefühl zufriedener Sicherheit von ihr aus, was ihn so weit beruhigte, dass er, ohne weiter über mögliche Probleme nachzudenken, in sein Zimmer ging, um sich schlafen zu legen.

9

Schon bei ihrem Erkundungs-Besuch in Kassel hatte für Elisa festgestanden, dass auch sie in dieser Stadt ein neues Zuhause finden wollte. Da sie selbst jedoch durch Fabians Belange vereinnahmt worden war, hatte sie einen Makler mit der Suche nach einem passenden Haus beauftragt, welches sie zu kaufen gedachte. Wenige Tage später waren ihr dann mehrere Angebote vorgelegt worden, die zu prüfen waren. Also war sie hingefahren, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Am Ende hatte sie sich dann für ein kleines, von Grund auf saniertes Häuschen aus den späten Fünfzigern entschieden, weil es nicht nur eine gemütliche Grund-Atmosphäre, sondern auch einen großen, von Licht durchfluteten Wintergarten besaß, den sie zu ihrem Atelier machen wollte. Dass die Garage noch voller Gerümpel gestanden hatte und der weitläufige Garten komplett vernachlässigt gewesen war, hatte sie nicht gekümmert. Auch die Tatsache, dass sich zunächst eine Malerkolonne durchs Haus arbeiten und sie selbst eine Putzorgie würde veranstalten müssen, bevor man die neuen Möbel aufstellen konnte, war ihr unwichtig erschienen. Für sie hatte bloß gezählt, dass sie so bald als möglich einziehen konnte, um keine Sekunde länger als unbedingt nötig in Karls Nähe bleiben zu müssen. Auf der Rückfahrt nach Hamburg war sie dann in eine Massenkarambolage verwickelt und anschließend schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Und weil sie dort für mehrere Wochen in einer Streck-Vorrichtung liegen bleiben musste, in welcher ihr mehrfach gebrochenes Bein wieder gerichtet werden sollte, war sie gezwungen gewesen, ihr gesamtes Vorhaben per Telefon abzuwickeln.

Ende Oktober waren die Verletzungen endlich so verheilt, dass Elisa wieder ohne Krücken laufen konnte. Auch die Vorbereitungen ihres neuen Heims waren mittlerweile so weit gediehen, dass man es einrichten konnte. Daher fuhr sie per Bahn nach Kassel, besuchte dort verschiedene Möbelhäuser, um ihre Bestellungen aufzugeben, und bat dann ihren Taxichauffeur, er sollte sie zum Paulus-Anwesen bringen. Karl wusste noch nichts, und sollte ihre Entscheidung erst am letzten Tag erfahren, denn sie verspürte wenig Lust, die Zeit bis zu ihrem Umzug mit sinnlosen Streitereien zu verbringen. Aber ihren Sohn wollte sie jetzt endlich einweihen.

„Tut mir leid“, erklärte Kerstin voller Bedauern, sobald sie die Besucherin erkannte „aber Fabian ist gar nicht da. Er hat vor ein paar Tagen unweit von hier eine Schreinerei aufgetan, wo er sich Holzabfälle für seine Schnitzereien holt. Aber Sie können gern auf ihn warten.“ Ihren Gast in den Wohnraum geleitend, rückte sie sogleich einen Sessel zurecht, der unweit des breiten Fensters vor einem Tisch mit einem scheinbar vergessenen Brettspiel stand. „Er kommt meist zügig wieder zurück, weil er seine Freundin nicht so lange allein lassen will.“ Elisas verwunderten und zugleich ein wenig befremdeten Blick auffangend, lachte sie. Gleich darauf deutete sie mit dem Kinn in die Spielecke, wo ein kleines blondes Mädchen hockte und in einem Bilderbuch blätterte. „Pia ist sozusagen Fabians siamesischer Zwilling. Seit er hier angekommen ist, sind die zwei unzertrennlich.“ Für einen Augenblick unschlüssig zwischen dem Kind und der Besucherin hin und her blickend, nickte sie am Ende, so als wollte sie sich selbst etwas bestätigen. „Verzeihen Sie, aber ich müsste dringend in die Küche zurück. Unsere Gerda ist nämlich nicht mehr die jüngste und braucht ein bisschen Hilfe. Wollen Sie vielleicht einen Kaffee? Oder etwas anderes?“

„Nein, danke“, erwiderte Elisa freundlich. „Ich möchte nichts.“

Da man sie daraufhin sich selbst überließ, lehnte sie sich entspannt zurück. Die Dekoration des mit hellen Möbeln ausgestatteten Raumes betrachtend, lobte sie im Stillen die glückliche Wahl der Farben, und schaute dann zur Spielecke hin, wo das kleine Mädchen immer noch in dem Bilderbuch blätterte, dabei aber den Eindruck erweckte, als wäre es nicht mehr wirklich bei der Sache.

Insgeheim die zarte Schönheit des Kindes bewundernd, fand sich die kleine Frau urplötzlich selbst durch einen aufmerksamen Blick fixiert und spürte dabei ein eigenartiges Prickeln im Nacken, welches sogleich auf ihren Rücken übergriff, um dort jedes Härchen einzeln aufstehen zu lassen. Sie wusste, die feinen Züge und den Mund mit den vollen Lippen hatte sie schon einmal irgendwo gesehen, konnte sich jedoch nicht erinnern, wo das gewesen sein sollte. Außerdem empfand sie plötzlich den Wunsch, zu dem Mädchen hinüberzugehen, um es aus nächster Nähe ansehen zu können. Also stand sie auf und schlenderte langsam zu der Spielecke hinüber, um sich dort schließlich in die Hocke zu begeben, damit sie auf gleicher Augenhöhe mit der Kleinen sei.

„Du bist also Pia, ja?“, fragte sie freundlich. „Ich bin Elisa“, stellte sie sich anschließend selbst vor. „Ich bin Fabians Mama.“ Die Hand ausstreckend, wollte sie gleich darauf die Finger des Kindes erfassen, wurde jedoch durch eine panisch anmutende Abwehr-Geste aufgehalten. „Oh!“ Ihre betroffene Gekränktheit schwand so rasch, wie sie entstanden war, als sie begriff, dass ein Händedruck keineswegs zu den üblichen Begrüßungsritualen kleiner Kinder zählte. „Entschuldige“, bat sie daraufhin zerknirscht. „Ich wollte dich ganz bestimmt nicht erschrecken.“ Während sie sprach, schlüpfte sie aus ihren Schuhen und setzte sich dann neben die Kleine auf den dicken Spiel-Teppich. Sie merkte wohl, dass das Mädchen ängstlich vor ihr zurückwich, wollte aber nicht gleich wieder aufspringen. Also saß sie da und strich mit langsamen, bedachten Bewegungen ihren Rock glatt. „Du magst Fabian wohl gern?“, fragte sie, indem sie einen imaginären Fussel von der Oberfläche abzupfte.

Pia wusste, welche Rolle Elisa in Fabians Leben spielte, denn deren Porträt stand auf seinem Schreibtisch und sein Herz war voller Liebe für seine Mama. Nichtsdestotrotz hielt sie sich sorgsam aus der Reichweite der fremden Frau, denn sie wollte keinen Körperkontakt zulassen, aus Angst, dies könnte zu einem ihrer gefürchteten Blackouts führen. Zudem war sie ein wenig verunsichert, weil sie einige Gedankengänge der Besucherin nicht entschlüsseln konnte, da diese so sorgsam abgeschirmt waren, als würden sie bewusst gegen „Spionage“ geschützt werden. Als sie jedoch den sehnsüchtigen Schimmer in den braunen Augen sah, die ihr unendlich traurig erschienen, vergaß sie ihren Vorsatz und fasste reflexartig nach der Hand, die jetzt ruhig im Schoss der kleinen Frau lag, mit der Absicht, ein paar aufmunternde Worte sagen zu wollen. Doch hatte sie die warme Haut kaum berührt, da zuckte sie auch schon wieder zurück, ganz so, als hätte sie sich daran verbrannt. Zu viel, dachte sie voller Schrecken. Da war einfach zu viel Traurigkeit und Weh, als dass sie es hätte ertragen können!

„Ja, aber ich mag ihn anders als du“, ging sie nun auf Elisas Frage ein. „Er ist mein Bruder.“ Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da rappelte sie sich auch schon auf, um sogleich einen Schritt zurückzuweichen. Zum einen schien es ihr zu gefährlich, weiter neben der Frau sitzenzubleiben, weil deren Bedürfnis nach Zuwendung so stark von ihr ausstrahlte, dass sie nicht lange würde widerstehen können, ihr einfach um den Hals zu fallen. Zum anderen fühlte sie Fabians heranrückende Nähe und wollte ihm entgegenlaufen.

„Was … Aber …“ Elisa war wie vor den Kopf geschlagen und wusste daher nicht gleich, wie sie mit der Aussage des Kindes umgehen sollte. Doch nur einen Augenblick später schalt sie sich selbst eine Närrin, weil sie kindliche Fantasien für bare Münze nahm. Dem Mädchen nachblickend, das jetzt davon trippelte, tastete sie nach ihren Schuhen, zog sie an und stand dann ebenfalls auf.

Die kleine Frau hatte sich kaum aufgerichtet, da ging die Tür auf. Und im nächsten Moment erschien Fabian auf der Schwelle.

Leicht gebückt und die Arme schon ausgebreitet, mit der Absicht, Pia hochheben zu wollen, blieb der Junge mitten in der Bewegung wie eingefroren stehen, als er seine Mutter bemerkte. Sein offenes Lachen schwand und machte Platz für eine überraschte und zugleich ein wenig besorgte Miene. Gleich darauf stellte er sich gerade hin, um sie kurz aber gründlich zu mustern.

„Ja, hallo!“ Er hatte mit ihrem nächsten Besuch nicht vor den Winterferien gerechnet, denn er war davon ausgegangen, dass sie immer noch in ärztlicher Behandlung war und die weite Fahrt noch zu anstrengend für sie sei. Dass sie die Strapazen der Reise dennoch auf sich genommen hatte, nur um ihn jetzt schon zu sehen, bescherte ihm umgehend ein leichtes Schuldgefühl. „Wen haben wir denn da?“ Pia bei der Hand nehmend, ging er hin, um die Mutter anhand einer liebevollen Umarmung zu begrüßen.

„Sie will dich wegholen“, ließ ihn die Kleine auf ihre Art wissen.

Fabian blieb keine Zeit, um eine Erwiderung zu formulieren, denn Elisa beanspruchte nun seine gesamte Wahrnehmung. Nein, er konnte nicht wirklich erfassen, was in ihrem Kopf vorging, gestand er sich nach einem hoch konzentrierten aber erfolglosen Versuch ein. Er konnte nur die Äußerlichkeiten bewerten. Allerdings waren die sehr aussagekräftig! Sie sah schlecht aus, was aber nicht nur eine Folge des Unfalls sein konnte. Die dunklen Ringe unter ihren Augen und ihre erschreckende Magerkeit machten deutlich, dass sie in den letzten Wochen auch nervlich sehr angespannt gewesen sein musste.

„Du hast dir ja ein süßes kleines Ding angelacht.“ Elisa merkte, dass er sich Sorgen um sie machte, und fühlte sogleich Unbehagen. Also versuchte sie, seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu lenken, was ihr auch zu gelingen schien, denn seine ernste Miene wich einem leichten Lächeln.

„Ja, das stimmt.“ Fabian erinnerte sich jäh an Pias Botschaft und hatte plötzlich das Bedürfnis, unmissverständlich klarzustellen, dass er das Mädchen auf gar keinen Fall wieder sich selbst überlassen würde. Was auch immer seine Mutter vorgehabt haben mochte, sie würde ihre Pläne aufgeben müssen! „Pia ist nicht nur meine Freundin, sondern auch meine kleine Schwester.“

Für eine Sekunde hielt Elisa diese Erklärung für einen makabren Scherz. Als sie aber den Ausdruck seiner Augen sah und nahezu den gleichen Blick von dem winzigen Mädchen auffing, traf es sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ja, natürlich, dachte sie, die Kleine war die exakte Kopie des dreijährigen Fabian. Dieselbe Gesichtsform! Das gleiche weißblonde feine Haar! Und selbst der melancholisch anmutende Zug um ihrer beider Mund war identisch! Aber das … War das möglich?

„Wir haben zumindest ein gemeinsames Elternteil“, fuhr Fabian fort, sobald er sich sicher war, dass Elisas Aufnahmefähigkeit nicht länger von ihren Überlegungen blockiert wurde. „Und ein seltsamer Zufall wollte es, dass wir uns hier finden.“ Weil man ihn daraufhin fragend und zweifelnd zugleich ansah, fuhr er fort: „Nein, ich bin nicht verrückt geworden. Und verulken will ich dich auch nicht. Es ist so, wie ich es gesagt hab.“ Einen kurzen Blick mit Pia wechselnd, nickte er der Kleinen gleich darauf zu, so als wollte er einem Vorschlag zustimmen, und fuhr dann fort: „Ich kann dir keine Beweise liefern, denn ich habe keine. Aber ich bin mir absolut sicher, dass in ihren Adern das gleiche Blut fließt, wie in meinen. Daher habe ich beschlossen, dass ich sie nicht mehr allein lasse, verstehst du. Egal, was passiert, ich lasse nicht zu, dass man sie wieder von mir trennt.“

Während Fabian noch sprach, meinte Elisa, sie sei in einem verwirrenden Traum gefangen, und hatte daher die größten Schwierigkeiten, seinen Ausführungen zu folgen. Doch war sein letztes Wort kaum zu Ende gebracht, da wusste sie, dass nicht nur ein neues Leben, sondern auch eine neue Aufgabe auf sie wartete.

„Na gut.“ Zunächst das trotzig wirkende Gesicht ihres Sohnes betrachtend, schaute sie gleich darauf zu dem Mädchen hinunter, welches sich an seiner Hand festklammerte. Dabei prüfte sie noch einmal den Einfall, der ihr gerade durch den Sinn gegangen war, nur um zu dem gleichen Ergebnis zu kommen, wie zuvor. „Dann zieht mal beide eine Jacke über. Wir gehen ein Haus angucken.“ Weil man sie nun gleich aus zwei Augenpaaren ein wenig verwirrt ansah, ließ sie umgehend eine Erklärung folgen: „Ich will umziehen, bin mir jetzt aber nicht mehr ganz sicher, ob das Haus wirklich groß genug ist. Also geht ihr mit, denn ich will eure Meinung dazu hören.“

„Und …“ Fabian hatte mittlerweile begriffen, dass es da eine gravierende Veränderung im Leben seiner Adoptiveltern gab, wusste aber nicht so recht, wie er seine Frage formulieren sollte. „Warum wollt ihr von Hamburg weg? Ist er …“

„Nein“, unterbrach Elisa mit ruhiger Stimme. „Du hast das falsch verstanden. Ich werde allein umziehen.“ Seinem bestürzten Blick ruhig standhaltend, bemühte sie sich um einen sachlichen Tonfall, als sie fortfuhr: „Es hat sich herausgestellt, dass mein Mann andere Ansichten zu einer Partnerschaft hat als ich. Also bleibt er in Hamburg, während ich hier leben werde. Und zwar mit euch zusammen. Ich will nämlich die Pflegschaft für Pia beantragen.“

„Das …“ Fabian war hin-und hergerissen. Zum einen fühlte er sich zutiefst schuldig, denn er ging davon aus, dass allein er für die Trennung verantwortlich war, und dass diese nicht nur Ärger, sondern auch viel Schmerz für seine Mutter mit sich gebracht hatte. Zum anderen war er ihr zutiefst dankbar für ihre Liebe und Loyalität, und hätte zudem Freudensprünge machen können, weil sich für ihn und die kleine Schwester endlich ein annehmbarer Weg in eine geordnete Zukunft abzeichnete. „Das willst du wirklich tun?“

„Ja natürlich“, erwiderte Elisa fest, indem sie zusätzlich nickte, um ihren Entschluss zu bekräftigen. „Aber jetzt ab mit euch!“ Nein, leicht würde es nicht werden, gestand sie sich ein, während sie den beiden zur Garderobe folgte, wo auch ihre Jacke hing. Aber sie würde nicht lockerlassen, beschloss sie, bis sie ihren Willen durchgesetzt hatte. Außerdem war der Gedanke an eine kleine Tochter so verlockend, dass sie gar nicht mehr anders konnte. Zumal Pia tatsächlich das bezauberndste und liebenswerteste kleine Mädchen war, das sie je zu Gesicht bekommen hatte.

Am Abend des gleichen Tages unterbreitete Elisa dem Ehepaar Paulus ihre Pläne und bekam von diesem die prompte Zusage, dass man ihr Anliegen auf jeden Fall unterstützen werde. Das gemütliche Gästezimmer samt bequemem Bett dankbar annehmend, verbrachte sie dennoch eine unruhige Nacht im Haus ihrer Gastgeber, weil sich das sorgenvolle Grübeln einfach nicht einstellen ließ. Und so nahm sie am nächsten Morgen ziemlich müde ein leichtes Frühstück zu sich, bevor sie sich ein Taxi bestellte, welches sie zum Bahnhof bringen sollte.

Das stetig stärker werdende Unbehagen wegen der bevorstehenden Auseinandersetzung mit Karl bewusst verdrängend, erstellte Elisa während der langen Bahnfahrt im Geiste eine Packliste aller Dinge, die sie unbedingt mitnehmen wollte, und erlaubte sich erst kurz vor Hamburg einen ersten Gedanken an ihren Mann. Ihre Ehe bestand schon seit vielen Jahren nur noch auf dem Papier, sodass er sie kaum als Geliebte vermissen dürfte. Allerdings würde er bestimmt nicht erfreut sein, ab sofort eine bezahlte Haushälterin beschäftigen zu müssen. Nun, was auch kam, sie musste es endlich hinter sich bringen, redete sie sich selbst gut zu. Sie hatte sich nicht zuletzt auch um ihrer selbst willen für mehr Eigenverantwortung und Selbstbestimmung entschieden!

Das düster wirkende Backsteingebäude betretend, das in ihrer Abwesenheit noch größer und abweisender geworden schien, erschauerte Elisa unwillkürlich, während sie den Eingangsbereich durchquerte und dann Jacke und Seidenschal an die Garderobe hängte.

„Ach, Madame ist auch mal wieder zu Hause!“

Sie hatte gemeint, er sei noch nicht daheim, denn das Haus hatte bei ihrem Eintreten absolut still und verlassen gewirkt. Entsprechend verschreckt reagierte sie nun, als er urplötzlich in der Tür des Wohnzimmers auftauchte, um sie mit kalten Augen anzustarren. Da er aber unübersehbar betrunken war, entschied sie, dass sie sich an diesem Abend auf keine Diskussion einlassen, sondern erst am nächsten Morgen von ihrem Auszug berichten würde.

Die Lippen trotzig aufeinandergepresst, ging die kleine Frau an ihrem Mann vorbei, ohne ihn anzusehen, um gleich darauf die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hinaufzusteigen. Dass er ihr folgte, merkte sie zwar, dachte sich jedoch nichts dabei, weil sie davon ausging, dass er in seinen eigenen Schlafraum wollte. Als sie dann aber die Tür zu ihrem Reich erreichte, wurde sie unversehens von hinten am Arm gepackt und grob herumgedreht.

„Was …“ Weiter kam sie nicht, denn er drückte so fest zu, dass sie nur noch keuchte, weil der Schmerz so groß war.

„Meine liebe Ehefrau verreist, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. Und dann kommt sie nach Hause und hat es noch nicht einmal nötig, mich zu begrüßen, wie es sich gehört!“ Karls mühsam unterdrückte Wut war kaum zu übersehen. Elisa nah an sich heranziehend, stierte er sie zwischen zusammengekniffenen Lidern aus glasigen Augen an. Dabei packte er immer noch fester zu, sodass sie bald meinte, ihr Oberarm würde jeden Moment zerquetscht.

„Du tust mir weh“, brachte sie endlich heraus.

„Oh, entschuldige“, tat er übertrieben zerknirscht, indem er ihren Arm gehen ließ. Doch gleich darauf packte er sie um die Taille und zog sie an sich, um sie dann mit aller Kraft an sich zu pressen, sodass sie überhaupt keine Gelegenheit fand, ein wenig Abstand zu ihm zu gewinnen. „Wie ungezogen von mir“, tadelte er sich selbst mit einer Stimme, aus der weder Schuldbewusstsein noch Bedauern herauszuhören waren. „Böser Bursche. Ja, ich bin ein ganz böser Bengel!“ Ein hinterhältiges Grinsen auf den Lippen beugte er sich vor, mit der Absicht, sie küssen zu wollen. Allerdings erwischte er nicht ihren Mund, sondern bloß ihre Wange, weil sie sich geistesgegenwärtig abgewandt hatte, um nicht seinen nach Alkohol stinkenden Atem riechen zu müssen. Da er also wiederum nicht das erhielt, was er eigentlich begehrte, wurde in seinem Hirn auch noch das letzte Fünkchen seiner Selbstkontrolle ausgeblasen, sodass er vollkommen ausrastete. Durch seine Begierde angestachelt, die schon seit vielen Jahren nicht mehr von seiner eigenen Frau befriedigt worden war, missachtete er fortan jeden Anflug moralischen Anstandes und menschlicher Rücksichtnahme. Die Tür in ihrem Rücken so unbeherrscht aufstoßend, dass sie aufschwang und mit voller Wucht an die dahinterliegende Wand krachte, drängte er sie gleich darauf zum Bett, wo er sie schließlich mit roher Gewalt unter sich zwang, um sich das zu nehmen, was sie ihm nicht freiwillig geben wollte.

Elisa wehrte sich nur kurz gegen seine brutalen Hände und den Ansturm seines massigen Körpers. Doch dann hielt sie still und ließ es über sich ergehen, instinktiv wissend, dass sie anderenfalls weit mehr Schmerz und Erniedrigung würde erdulden müssen. Als er schließlich von ihr abließ und beinahe augenblicklich zu schnarchen anfing, sobald er sich zur Seite gerollt hatte, stand sie auf und ging ins angrenzende Badezimmer. Trotz des Schmerzes, den sie beim Reinigen ihres geschundenen Körpers auslöste, duschte sie sich sehr gründlich und wunderte sich dabei über die eigenartige Ruhe, die sie empfand. Nicht eine Träne wollte sich aus ihren Augenwinkeln lösen. Aber ihre Kehle war so eng, dass sie kaum genügend Atem schöpfen konnte.

Eine Stunde später saß Elisa wieder in einem Taxi. Und nach weiteren fünfzig Minuten hockte sie wieder in einem Zugabteil, den Blicken und Kontaktversuchen ihrer beiden Mitreisenden bewusst ausweichend, indem sie sich schlafend stellte. Das würde Karl büßen, dachte sie immerfort. Selbstverständlich war sie bis zu einem gewissen Grad selbst schuld. Hätte sie ihn beizeiten verlassen, er hätte gar nicht die Gelegenheit gehabt. Trotzdem würde das, was er heute getan hatte, weder verziehen noch vergessen werden!

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Volume:
460 p.
ISBN:
9783754175040
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