Read the book: «Rassekaninchen»
Rassekaninchen
Oryctolagus cuniculus f. dom.
Kathrin Aretz

Bildnachweis
Titelbild:
Bild Seite 1: Farbenzwerg und Roter Neuseeländer
Fotos: K. Aretz
Die in diesem Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse, Dosierungsanleitungen etc. wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und sorgfältig überprüft. Da inhaltliche Fehler trotzdem nicht völlig auszuschließen sind, erfolgen diese Angaben ohne jegliche Verpflichtung des Verlages oder des Autors. Beide übernehmen daher keine Haftung für etwaige inhaltliche Unrichtigkeiten. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, gespeichert oder vervielfältigt werden.
eISBN: 978-3-86659-439-5
Auflage 2020
© 2008 Natur und Tier - Verlag GmbH
An der Kleimannbrücke 39/41
48157 Münster
www.ms-verlag.de
Geschäftsführung: Matthias Schmidt
Lektorat: Kriton Kunz & Christian Ehrlich
Layout: Nick Nadolny
Inhalt
Vorwort
Rassen und „Nichtrassen“
Haltung
Ernährung
Zucht und Genetik
Angora
Belgische Bartkaninchen
Deutsche Riesen
Deutsche Riesenschecken
Deutsche Widder
Farbenzwerge
Fuchskaninchen
Hasenkaninchen
Hermelin
Holländer
Jamora
Kleinsilber
Lohkaninchen
Löwenkopf
Marder
Rote Neuseeländer
Russen
Satin
Zwerg-Rexe
Zwergwidder
Rasseeinteilung des „Zentralverbands Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter e.V. (ZDRK)“
Weitere Informationen
Weiterführende und verwendete Literatur
Weitere Titel dieser Reihe
Vorwort
Von rund 23,1 Millionen Heimtieren, die in über einem Drittel der deutschen Haushalte leben, liegen Kleintiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Mäuse & Co. mit 6,1 Millionen Exemplaren auf Platz zwei der Beliebtheitsskala. Eines der am häufigsten gehaltenen Kleintiere ist ganz sicherlich das Kaninchen, das man in deutschen „Wohnzimmern“ in den vielfältigsten Formen und Farben antrifft. Damit hat sich der Stellenwert des Kaninchens innerhalb kürzester Zeit stark gewandelt.
Die Rassezucht, also die Auslese nach bestimmten äußerlichen Merkmalen wie Größe, Form, Fell und Farbe, begann in Deutschland erst im Jahr 1870. Durch verschiedene Faktoren, beispielsweise die Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkriegs, kam es in der Kaninchenzucht immer wieder zu Rückschlägen. In Kriegszeiten wurden Kaninchenrassen hauptsächlich nach ihrer Wirtschaftlichkeit hinsichtlich der Fleisch- und Fellgewinnung beurteilt. Erst nach 1945 konnten sich auch kleinere Rassen in den verschiedensten Formen und Farbenschlägen weiter entwickeln oder neu herausbilden. Mit zunehmender Zucht und Verbreitung der kleinen und Zwergrassen wurde die Heimtierhaltung des Kaninchens um einiges einfacher. Der planmäßigen Zucht nach bestimmten Merkmalen ist es zu verdanken, dass sich Kaninchenliebhaber heute an kleinen und großen, Kurz- und Langhaarrassen sowie Kaninchen mit Hängeohren erfreuen können.
In diesem Buch möchten wir Ihnen grundlegende Informationen über Haltung und Zucht sowie die Genetik von Rassekaninchen vermitteln – und natürlich die Freude, die diese wunderhübschen Tiere ihren Pflegern bereiten. Um Ihnen einen weiteren Einblick in die faszinierende und vielfältige Welt der Rassekaninchen zu geben, stellen wir Ihnen eine Auswahl sehr unterschiedlicher Typen vor, von denen jeder seinen Reiz und seine eigene Geschichte hat.
Kathrin Aretz, im Frühjahr 2008

Es gibt eine große Vielfalt an unterschiedlichsten Kaninchenrassen wie z.B. die absolut gegensätzlichen Hasen- und Lohkaninchen.Foto: K. Aretz

Gerade nicht anerkannte Rassen wie dieses Langhaarkaninchen findet man häufig in Zoofachgeschäften.Foto: K. Aretz
Rassen und „Nichtrassen“
Die häufigsten Kaninchen in der Heimtierhaltung sind kleine, normalhaarige Rassen. Wenn man hier von „Rassen“ spricht, muss man unterscheiden zwischen anerkannten Rassen, nicht anerkannten Rassen (bzw. Farbenschlägen) und Mischlingen. Anerkannt und im Standard aufgenommen werden Kaninchenrassen durch den „Zentralverband Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter e.V. (ZDRK)“. Der ZDRK wurde 1945 gegründet und ist mit rund 149.000 Mitgliedern die führende Dachorganisation für bundesdeutsche Rassekaninchenzüchter. Die Struktur des ZDRK gliedert sich in 20 Landesverbände, denen wiederum über 300 Kreis- und Bezirksverbände mit jeweils mehr als 7.000 Kleintierzuchtvereinen angehören. Derzeit anerkannt sind 88 Kaninchenrassen in insgesamt 370 verschiedenen Farbenschlägen. Die Reinrassigkeit ihrer Kaninchen garantieren Züchter, indem sie ihre Tiere im Zuchtbuch des jeweiligen Vereins eintragen lassen und die Kaninchen anhand einer Tätowierung in beiden Ohren kennzeichnen. Nicht tätowierte und nicht im Zuchtbuch eingetragene Tiere dürfen weder auf Kaninchenschauen bewertet noch zur Zucht im Verein eingesetzt werden.

Die mittelgroßen Rheinischen Schecken zählen zu den selten gezüchteten Kaninchenrassen.Foto: K. Aretz

Langhaarige Widderkaninchen werden vom ZDRK nicht als Rasse anerkannt, sind in der Heimtierhaltung aber umso beliebter.Foto: K. Aretz
Im Gegensatz dazu sind einige Rassen wie Löwenkopfkaninchen, Cashmere-Zwergwidder und Rex-Widder zwar stark verbreitet in der Heimtierhaltung, wurden vom ZDRK bisher aber nicht als Rasse anerkannt. Der Grund hierfür liegt u. a. darin, dass die Tiere noch nicht reinrassig sind (die Nachkommen sehen nicht „genauso“ aus wie die Elterntiere) und es noch keine einheitlichen Rassemerkmale gibt. Auf der anderen Seite existieren (gerade in Tierhandlungen) zahlreiche Mischlinge, die in Größe, Form und Farbe stark variieren und keiner Rasse angehören. Teilweise werden in Zoofachgeschäften auch Kaninchen angeboten, die zwar aus einer Rassezucht stammen, aber nicht dem idealen Rassetyp entsprechen und daher für die Zucht ungeeignet sind.
Für die Liebhaberhaltung ist es selbstverständlich unwichtig, ob es sich um ein reinrassiges Tier oder einen Mischling handelt. Dennoch hat jeder Kaninchenfreund seine ganz persönlichen Vorlieben und mag lieber kleine oder große Rassen, Widderkaninchen, Lang- oder Kurzhaarrassen oder bestimmte Fellfarben und -zeichnungen. Je nach Platzangebot in Wohnung und Garten eignen sich für eine Kaninchenhaltung durchaus auch mittelgroße oder große Rassen. Selbst Langhaarrassen wie das Angora oder Jamora trifft man in der Heimtierhaltung an.

In einer Gehegehaltung, in der sich die Tiere jederzeit in einer Holzhöhle zurückziehen können, fühlen sich Kaninchen am wohlsten.Foto: K. Aretz
Haltung
Für Züchter wie Heimtierhalter stellt sich zunächst die Frage, wie man seine Kaninchen am tiergerechtesten unterbringt. Dies hängt natürlich im Wesentlichen davon ab, wie groß der Bestand ist bzw. ob weitere Tiere hinzukommen und wie viel Platz einem in Garten und Wohnung zur Verfügung steht. Als Heimtiere gehaltene Kaninchen leben meistens in einem Käfig oder selbst gebauten Stall mit in der Wohnung. Die Käfiggröße für zwei Kaninchen (kleine Rassen) sollte mindestens 150 X 60 X 50 cm betragen (TIERÄRZTLICHE VEREINIGUNG FÜR TIERSCHUTZ E.V. 2004). Darüber hinaus benötigen Kaninchen täglich Auslauf sowie die Möglichkeit der natürlichen Beschäftigung (Knabbern, Buddeln, Verstecken etc.).
Während ein Hobbyhalter meist nur 2-10 Kaninchen unterbringen muss, braucht ein Züchter mit etwa 20-100 Tieren deutlich mehr Platz. Eine mögliche Haltungsform ist die Käfighaltung in Innen- oder Außenställen bzw. eine Kombination beider Stalltypen. Am häufigsten sind Mehretagenställe mit einzelnen Buchten, die entweder (überdacht) im Freien oder in einem separaten Gartenhaus stehen. Außenstallanlagen haben den Vorteil, dass die Tiere dem Klima im Freien ausgesetzt sind, was sich positiv auf die gesundheitliche Verfassung auswirkt. Selbstverständlich muss hier darauf geachtet werden, dass die Kaninchen vor Zugluft, Feuchtigkeit und Hitze geschützt sind. Innenstallanlagen bieten zwar ein konstanteres Klima, bergen jedoch ein höheres Krankheitsrisiko, wenn nicht für eine richtige Ent- und Belüftung gesorgt ist. Die natürlichste Form der Kaninchenhaltung sind Innen- und Außengehege, in denen miteinander vertraute Häsinnen und ihre Jungtiere in Gruppen zusammen gehalten werden können. Eine solche Haltung in Freiland-Bodengehegen ist in jedem Fall die tiergerechteste Lösung, da nur eine Gruppenhaltung dem natürlichen Verhalten des Kaninchens absolut gerecht wird. Alle Faktoren einer Außengehegehaltung, also der Kontakt zu Artgenossen, ständiger Auslauf und der Einfluss des Außenklimas, wirken sich positiv auf die Gesundheit und die körperliche Verfassung der Tiere aus (AZERNIKOVA 2005). Allerdings besteht hier eher die Gefahr einer Ansteckung mit Kokzidien, die über den Kot in den Boden eindringen und über den Nahrungskreislauf zum Kaninchen zurückgelangen. Daher sollte das Gehege einer solchen Freiland-Bodenhaltung regelmäßig an eine andere Stelle gerückt werden, damit sich der Boden regenerieren kann. Weiterhin ist zu beachten, dass alle Häsinnen möglichst in einem Alter von 2,5-3 Monaten und gleichzeitig (!) eingesetzt werden. Keinesfalls dürfen ausgewachsene, nicht miteinander vertraute Häsinnen in einem kleinen Territorium zusammengebracht werden. Dies gilt insbesondere für trächtige oder säugende Häsinnen. Da auch die Fläche eines Geheges nur begrenzt ist (bei kleinen Rassen pro Tier mindestens 0,4 m2), sollte die Gruppe aus höchstens fünf Häsinnen oder 20-25 Nachwuchstieren bestehen. Damit sich die Kaninchen nicht unkontrolliert vermehren, sollten Rammler ab einem Alter von etwa zehn Wochen von den Häsinnen getrennt werden. Veränderungen innerhalb einer Gruppe sollte man vermeiden, da sich sonst neue Rangordnungen bilden müssen, was mit mehr oder weniger starken Kämpfen einhergeht. Wer diese Regeln beachtet, dem bietet die Gruppenhaltung in Gehegen alle Vorteile einer artgerechten und gesunden Haltung.

Kaninchen benötigen viel Auslauf und sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten.Foto: K. Aretz

In Gesellschaft eines Artgenossen fühlen sich Kaninchen am wohlsten.Foto: K. Aretz

Heu ist besonders wichtig für die Verdauung.Foto: K. Aretz

Frischfutter wie Gemüse, Obst und Kräuter darf in der gesunden Kaninchenernährung keinesfalls fehlen.Foto: K. Aretz
Ernährung
Die Nahrung des Wildkaninchens besteht hauptsächlich aus Gräsern, Kräutern, Rinden und Zweigen. Da das Verdauungssystem unseres Hauskaninchens genauso funktioniert wie das seiner wild lebenden Verwandten, unterscheiden sich ihre Anforderungen an die Nahrung im Prinzip nicht. Deshalb verzichten viele passionierte Kaninchenhalter mittlerweile gänzlich auf die Gabe von Trockenfutter und ernähren ihre Tiere (mit Ausnahme der größeren Rassen) ausschließlich mit Heu, Frischfutter (Obst, Gemüse, Kräuter etc.) und ggf. etwas getrocknetem Obst und Gemüse. In der Kaninchenzucht dagegen ist die Fütterung mit Trocken- bzw. Kraftfutter – zusätzlich zu Heu und Frischfutter – nicht wegzudenken. Von Futtermittelherstellern (z. B. Muskator, deuka, Havens, Berkel, Raiffeisen, UNION etc.) gibt es eine große Auswahl verschiedenster Futtersorten in gepresster Form (Pellets) und als Mischfutter. Letzteres hat den Nachteil, dass das Kaninchen einzelne Bestandteile wie z. B. Getreidekörner heraussucht und die Pellets dafür liegen lässt, und ist deshalb nicht empfehlenswert. Beim Verfüttern von Pellets gilt es jedoch, die genauen Inhaltsstoffe der verschiedenen Futtersorten zu überprüfen. Typische Bestandteile des Futters sind Luzerne, Weizenkleie, Malzkeime, Weizen sowie Zusatzstoffe wie Vitamine und Spurenelemente. Unterscheiden muss man bei der Zusammensetzung zwischen den Anteilen an Rohprotein (Eiweiß), Rohfaser, Fetten, Kohlehydraten, Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen. Proteine werden durch die Aneinanderreihung von Aminosäuren gebildet und dienen als Bausteine für Muskeln, Knochen, Fellhaar, Blut und Organe. Die essenziellen Aminosäuren können nicht vom Körper selbst gebildet werden, müssen also übers Futter aufgenommen werden. Der Gehalt an Rohprotein liegt je nach Futtersorte und Hersteller bei etwa 17 %.
Für einen gut funktionierenden Magen- und Darmtrakt benötigt das Kaninchen viel Rohfaser. Rohfaser erhält das Kaninchen vor allem durch hochwertiges Heu (ad libitum, also ständig verfügbar) – idealerweise vom ersten Schnitt, da diese Sorte grober ist und einen höheren Anteil an Rohfaser und Nährstoffen enthält. Aber auch im Trockenfutter sollte der Rohfaseranteil mindestens 17 % betragen. Gepresstes Trockenfutter für Kaninchen in der Heimtierhaltung (z. B. Bunny, JR Farm etc.) hat sogar einen Rohfaseranteil von bis zu 20 %.
Wie viel Trockenfutter ein Kaninchen benötigt (zusätzlich zu Heu und Frischfutter), hängt insbesondere von folgenden Faktoren ab: Verdaulichkeit des Futters, Umweltbedingungen (z.B. Außentemperatur), Rasse, Größe, Lebensalter, Kondition und Aktivität des Tieres. Kaninchenfutterhersteller bieten verschiedene Pelletsorten an, die auf Rasse und Gewicht abgestimmt sind, und geben Fütterungsempfehlungen zur Tagesration pro Kilo Körpergewicht. Für trächtige und säugende Häsinnen werden größere Mengen angeraten, für Jungkaninchen gibt es spezielles Absetzfutter. Trotz der Zufütterung von Pellets bilden Heu und Frischfutter stets Hauptbestandteile der gesunden Kaninchenernährung. Selbstverständlich ist, dass den Tieren darüber hinaus stets frisches Trinkwasser zur Verfügung steht.

In der artgerechten Kaninchenernährung bildet hochwertiges Heu den wesentlichen Hauptbestandteil.Foto: K. Aretz

Die Kaninchenzucht erfordert viel Erfahrung und tiefgreifende Kenntnisse über Genetik und Vererbung.Foto: K. Aretz
Zucht und Genetik
Das Züchten von Kaninchen bedeutet, dass man die Tiere planmäßig nach bestimmten Rassemerkmalen selektiert und verpaart, damit die Nachkommen dem gewünschten „Ideal“ näher kommen. Da es Kaninchen in den unterschiedlichsten Größen, Formen, Farbenschlägen, Zeichnungen und Fellstrukturen gibt, ist seine Zucht sehr reizvoll. Viele Hobbyzüchter versuchen sogar neue Rassen zu erzüchten, indem sie den Farbenschlag der einen Rasse mit der Fellstruktur einer anderen kombinieren. Die Kaninchenzucht schließt allerdings nicht nur die Überlegung mit ein, welche Tiere miteinander verpaart werden, sondern erfordert auch viel Erfahrung und einige Grundkenntnisse in der so genannten klassischen Genetik. Diese untersucht, in welchen Kombinationen die Gene, die für die Ausprägung bestimmter Merkmale verantwortlich sind, an die Nachkommen vererbt werden und inwiefern sich das auf die phänotypischen Merkmale (das äußere Erscheinungsbild) auswirkt. Neben dem Phänotyp besitzt das Tier auch viele versteckte innere Erbanlagen (Genotyp), die auf die nächsten Generationen übertragen werden. Welche Merkmale das äußere Erscheinungsbild (Größe, Form, Fellfarbe etc.) prägen, hängt u. a. davon ab, ob die Gene dominant (vorherrschend) oder rezessiv (zurücktretend) sind. Werden zwei reinerbige (homozygote) Kaninchen miteinander gekreuzt, die sich in einem Merkmal (z. B. der Fellfarbe) voneinander unterscheiden, so zeigen die Nachkommen ein einheitliches (uniformes) Erscheinungsbild in der Fellfarbe, deren Gen dominant war (1. Mendelsches Gesetz, Uniformitäts- oder Gleichförmigkeitsregel). Stimmt die F1-Generation bezüglich des Merkmals mit dem einen Elterntier überein, während das des anderen nicht in Erscheinung tritt, handelt es sich um eine „dominant-rezessive Vererbung“. Steht die F1-Generation bezüglich der Merkmale zwischen beiden Elterntieren, spricht man von einer „intermediären Vererbung“. Kreuzt man die Mischlinge der F1-Generation untereinander, werden die Merkmale in der F2-Generation in einem Zahlenverhältnis von 1 : 2 : 1 (intermediärer Erbgang) oder 3 :1 (dominantrezessiver Erbgang) vererbt (2. Mendelsches Gesetz, Spaltungsgesetz). Das 3. Mendelsche Gesetz (Unabhängigkeitsgesetz) besagt, dass sich jedes Merkmal ohne Bindung an eine andere Erbanlage vererbt, also beispielsweise vererben sich Fellfarbe und -struktur getrennt voneinander. Neben der gezielten Kombination verschiedener Merkmale können auch durch sprunghafte Veränderungen im Erbgefüge (Mutationen) neue Merkmale und damit neue Kaninchenrassen entstehen. Genaueres zum Thema Vererbung und Zucht finden Sie in entsprechenden Fachbüchern oder Schulbüchern der Oberstufe.

Vererbungsschema:
B = Erbanlage für braunes Fell
b = Eranlage für weißes Fell
Zuchtmethoden und weitere Aspekte der Kaninchenzucht
In der Kaninchenzucht unterscheidet man verschiedene Methoden. Bei der Reinzucht werden nicht miteinander verwandte Elterntiere derselben Rassen miteinander verpaart. Werden miteinander verwandte Tiere verpaart, handelt es sich je nach Verwandtschaftsgrad um enge, mäßige oder weite Inzucht. In der Linienzucht werden die Nachfahren eines „durchgezüchteten“ Paares (die Elterntiere dieses Paares wurden also über Generationen immer wieder mit anderen Tieren mit denselben Merkmalen verpaart) mit den Stammeltern zurück vergepaart bzw. die Nachkommen untereinander gepaart, um auf diese Weise eine Stammlinie zu erzüchten. Dies kann zu Inzuchtproblemen führen. Eine Kreuzungszucht wird betrieben, wenn man bestimmte Merkmale einer fremden Rasse oder eines anderen Farbenschlags in die eigene Rasse einkreuzt.

Ein Wurf Marderkaninchen – drei Phänotypen.Foto: K. Aretz

Jungtiere der Rasse Englische Schecken.Foto: K. Aretz

Farbenzwerg-Häsin mit ihren beiden Jungtieren.Foto: K. Aretz
Auf diese Weise nehmen die Tiere allmählich die Merkmale der fremden Rasse an (Verdrängungszucht).
Neben den nötigen Kenntnissen über Genetik und Zucht benötigt man natürlich geeignete Rassetiere. Hier wird nicht nur nach optimalen Rassemerkmalen, sondern auch nach Gesundheit, Aufzuchtsleistung, Frohwüchsigkeit (schnelles Wachstum) etc. selektiert. Darüber hinaus erfordert eine zielgerichtete Zucht die Führung eines Zuchtbuchs (Abstammungsnachweis), mit dessen Hilfe man alle positiven und negativen (Rasse-) Merkmale der miteinander verwandten Tiere zurückverfolgen kann. Nicht zuletzt muss sich ein Züchter auch darüber im Klaren sein, was mit den Kaninchen geschehen soll, mit denen er nicht weiterzüchten kann oder möchte. Für diese Tiere muss ein neues, artgerechtes Zuhause gefunden werden, was oftmals kein leichtes Unterfangen darstellt.

Wegen seiner langen Wolle ist die Pflege des Angoras aufwändiger als die anderer Rassen.Foto: K. Aretz
Angora
Eine sehr alte – wenn nicht sogar die älteste – Kaninchenrasse ist das Angorakaninchen, das schon vor rund 300 Jahren als Wolllieferant geschätzt wurde. Geburtsstätte des weißen Langhaarkaninchens ist allem Anschein nach Großbritannien, wo es im Jahr 1708 wahrscheinlich erstmalig in der Literatur erwähnt wurde. 1723 brachten englische Seeleute die ersten Angoras zum europäischen Festland (Bordeaux, Frankreich) und behaupteten aufgrund des Exportverbotes aus England, dass die „Seidenhasen“ aus dem Orient (Ankara) kämen. Durch diesen Schwindel kam das Angorakaninchen zu seinem Namen. Im Jahr 1777 kamen die „englischen Seidenhasen“ erstmals auch nach Deutschland, wo Pfarrer Meyer aus Obernbreit am Main entscheidend zu ihrer Verbreitung (auch ins umliegende Ausland) beitrug. Die Haltung der damals etwa 4-6 kg schweren Angorakaninchen erfolgte in Kaninchengärten, Ställen und Scheunen. Das Interesse an der Angorawolle wuchs stetig, und so veranlasste die Hauptabordnung der Kurfürstlichen Sächsischen Ökonomischen Gesellschaft 1790-1792 weitere Kreuzungsversuche der „Seidenkaninchen“. Durch eine gezielte Zucht konnte der Wollertrag kontinuierlich gesteigert werden und lag 1796 bei schätzungsweise 180-250 g jährlich pro Tier (heute sind es etwa 1.000-1.300 g, Spitzentiere bringen es auf über 2.000 g). In den Kriegszeiten des 19. Jahrhunderts kam die Angorazucht jedoch zum Erliegen (mit Ausnahme einiger Farmen in Billiglohnländern wie China) und hat sich seitdem nur kurzzeitig erholt. Die Ursache hierfür ist der Preisverfall der Wolle. Wegen seiner Seltenheit hat die „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V.“ (GEH) das Angorakaninchen in Kategorie I (extrem gefährdet) der Roten Liste der bedrohten Nutztierrassen aufgenommen und bemüht sich um den Erhalt der genetischen Ressourcen dieser überaus seltenen Haustierrasse.
Körperbau, Form und Fell
Als Ziel haben sich Züchter ein mittelgroßes Kaninchen gesetzt, das neben einer guten Körperform über besondere Rassemerkmale verfügt: Körper, Kopf, Ohren und Läufe sind mit dichter Wolle bedeckt. Wegen seines voluminösen Wollkleids ist die Körperform des Angoras schwieriger zu erkennen als bei normalhaarigen Rassen. Dennoch sollte der Körper leicht gestreckt, walzenförmig und breit gebaut sein. Das Normalgewicht dieser Langhaarrasse beträgt 3,5 kg, das Höchstgewicht 5,25 kg. Die Läufe sind kräftig und mittellang. Der Kopf ist kurz, breit (mit breiter Stirn und Schnauze) und dicht am Rumpf angesetzt. Die kräftigen Ohren werden aufrecht getragen und entsprechen in ihrer Größe dem Körper des Tieres.
Entscheidende Beurteilungskriterien dieser Rasse sind natürlich Wolldichte und - länge. Damit der Haarboden (die Fellhaut) voll bedeckt ist, muss das Wollhaar sehr dicht und am ganzen Körper gleichmäßig verteilt sein. Die Wolle soll mindestens 6 cm lang sein und eine gesunde, kräftige, nicht zur Filzbildung neigende Struktur besitzen. Neben weißen (albinotischen) Angorakaninchen sind vom ZDRK alle einfarbigen Tiere zugelassen.

Angorakaninchen werden selten gezüchtet.Foto: K. Aretz
The free sample has ended.