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Karl Pilny
Korea Inc.
Thriller

Saga

Prolog

Berlin fror.

Der verharschte Schnee an den Seiten der Boulevards türmte sich noch, grau und schmutzig, doch tagsüber zeigte die Sonne bereits, wie sich Frühling anfühlen könnte. Kurz nach Mittag war an diesem Februartag das Brandenburger Tor in strahlend kaltes Licht getaucht.

Wer vom Brandenburger Tor unter den Linden entlangflaniert, erreicht in zwanzig Minuten die große Baustelle am Schlossplatz. Hier hatte sich sechzig Jahre zuvor, als rings die Stadt in Trümmern lag, noch das gewaltige Stadtschloss erhoben, das 1950 gesprengt wurde, um dem riesigen Palast der Republik Platz zu machen. Nachdem man „Erichs Lampenladen“ Stein um Stein abgetragen hatte, sollte dort nun das Stadtschloss wiederauferstehen – ganz, als seien die Jahrzehnte von Zerstörung und Wiederaufbau, der Umbrüche und brutalen Ideologiewechsel nichts als ein unruhiger Traum gewesen.

Wenige Meter nördlich, hinter dem großen Dom – einst gewissermaßen die kaiserliche Hauskapelle des Hohenzollernschlosses –, befindet sich an der Spree eine der vielen Haltestellen der Berliner Ausflugsdampfer. Bei der kleinen Stadtrundfahrt fährt man die Innenstadt ab: zunächst spreeabwärts bis zum Reichstag und danach spreeaufwärts an der Museumsinsel vorbei bis nach Treptow.

Ebendiesen Weg hatte heute die „Alexander von Humboldt“ eingeschlagen. Das großzügig ausgestattete Ausflugsschiff zog seine gewohnte Pendelroute durch das Herz der Metropole. Hinter den Panoramafenstern des schwimmenden Salons blickten Touristen aus aller Welt auf das winterliche Berlin hinaus: Straßen, Brücken, Häuser, historische Stätten; winterlich graue Grünflächen dazwischen. Bauten. Zeichen. Chiffren. Manche Fassaden trugen Aufschriften. Vom Grill Royal leuchtete Love herüber, in unwirtlichem Blau glitt DDR Museum vorbei, dann eine blutrote Leuchtschrift: Capitalism kills.

Schließlich war die Oberbaumbrücke passiert und die Skulptur des „Molecule Man“, die am Zusammentreffen der Stadtteile Friedrichshain, Kreuzberg und Alt-Treptow dreißig Meter aus dem Wasser ragt, markierte den Wendepunkt. Die „Alexander von Humboldt“ drehte bei. Während an den gemütlich im Salon sitzenden Passagieren das wechselnde Panorama vorbeizog, befand sich auf dem Sonnendeck darüber an diesem frostigen Februartag kein Mensch. Fast keiner.

Dann tauchte das kleine Mädchen auf. Gelangweilt war sie durchs Schiff geschlendert, hatte an einer Tür gerüttelt, vor der ein Schild hing, das sie nicht lesen konnte. Sehr zu ihrer Freude hatte die Tür sich geöffnet, und nun war sie hier oben, genoss zitternd die Sonnenstrahlen und den kalten Wind. Endlich das Abenteuer, das Papi ihr versprochen hatte. Ob er sie wohl schon vermisste?

Sie stellte sich an die Reling und sah über die Kulisse der vorbeiziehenden Großstadt hinaus. Das Schiff näherte sich dem steinernen Gewölbe der Schillingbrücke. Die dunkle Brücke machte dem Mädchen Angst. Sie warf lange Schatten. Wie der Eingang in einen Tunnel. Und jetzt kam die Decke so nah, als wollte sie sich auf sie herabstürzen. Instinktiv zog das Mädchen den Kopf ein. Vielleicht sollte sie lieber zurück nach unten gehen.

Aber schon wieder blauer Himmel über ihr. Am Horizont ragte am Alexanderplatz der Fernsehturm. Um den hohen Turm besser sehen zu können, schlenderte sie in Richtung Bug. Aber da war noch ein Häuschen mit großen Fenstern, in dem ein Mann saß, den Blick starr nach vorn gerichtet. Was machte der da?

Sie fasste das niedrige Häuschen genauer ins Auge und nun sah sie etwas Verwunderliches. Ein paar Schuhe. Schwarz. Oben auf dem Dach des Häuschens. Schuhe in einer gleichfalls schwarzen Hose. Kein Zweifel, da oben lag jemand. Schlief er? War er krank? Es schien ihr nicht richtig, dass da oben jemand lag.

Das Schiff glitt unter einer weiteren Brücke hindurch. Gut, dass der Mann dort oben lag, jetzt hätte er nicht aufstehen dürfen.

Da hörte sie Rufe von unten. Ein aufgelöst wirkender Mann kam auf Deck gestürzt. Als er das Mädchen sah, trat ein erleichterter, dann zorniger Blick auf sein Gesicht. „Ich hab dich überall gesucht. Du darfst doch nicht einfach fortgehn. Komm sofort mit runter.“

„Aber hier ist es so schön, Papi. Und der Wind ist lustig.“ – „Aber man darf heute gar nicht hoch. Da unten ist ein Schild. Mich wundert, dass die Tür nicht abgeschlossen war.“ – „Da vorn in dem Häuschen ist doch auch jemand.“ – „Das ist aber der Kapitän, der das Schiff führt.“ – „Und wer ist das auf dem Dach?“ – „Wie bitte?“ – „Schau doch, die schwarzen Schuhe!“ – „Tatsächlich, das ist aber ...“ Ein beunruhigter Ausdruck trat in sein Gesicht. Er ging auf die Kapitänskajüte zu, in deren Innern der Schiffsführer ungerührt nach vorn blickte. „Hallo? Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Erst als er seine Frage wiederholt hatte, richtete sich die Gestalt auf dem Kajütendach auf. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und wirkte wenig erfreut, Vater und Tochter hier oben auf dem Sonnendeck zu sehen. Das Mädchen fand, dass die schwarze Gestalt mit der komischen Kapuze über dem Kopf ausgesprochen böse blickte. Wie ein Teufel. Und die Augen waren komisch.

Hinter der schwarzen Gestalt kam die nächste Brücke näher. Besonders niedrig, dunkel, breit. Der Teufel vor dem Tor zur Hölle.

Die Gestalt zischte etwas Bedrohliches. Aus einer Sporttasche neben sich hatte sie einen ovalen Gegenstand gezogen. Was war das? So was hatte das Mädchen noch nie gesehen. Ihr Vater offenbar schon, denn er stieß einen erschreckten Schrei aus, der jedoch vom ohrenbetäubenden Quietschen der Bremsen eines auf den Schienen rechts der Spree vorbeifahrenden Zuges weitgehend verschluckt wurde. Er stürzte auf die schwarze Gestalt zu, stemmte sich aufs niedrige Kajütendach, versuchte, ihr das Ding aus der Hand zu reißen. Die schwarze Gestalt war viel kleiner, aber drahtig und durchtrainiert. Es gab ein kurzes Handgemenge; dann riss sich die Gestalt los, duckte sich rasch nach hinten weg. „Papi!“, schrie das Mädchen.

Aber da war die Brücke schon zur Stelle, hatte ein grauer Stahlträger seinen Kopf gerammt und seitlich weggerissen. Mit blutigem Schädel klatschte der Mann in die Spree. Wie in Zeitlupe legte sich der Schatten der Brücke über alles.

Mit einer lichten Höhe von vier Metern gehört die Jannowitzbrücke zu den niedrigsten Brücken im Berliner Stadtzentrum.

Die schwarze Gestalt rutschte vom Kajütendach. Jetzt musste alles schnell gehen. In seiner Kajüte hatte der Kapitän endlich gemerkt, dass um ihn herum etwas vorging. Doch er konnte die Geräusche nicht einordnen und das Dämmerlicht unter der Brücke erschwerte die Orientierung. Schon war die Gestalt in die Kajüte gehuscht.

Als das Schiff Sekunden später die Brücke passiert hatte, saß am Steuer eine kleine, schwarze Gestalt. Hinter ihr lag ein menschlicher Körper. Die stoßweise aus seinem Hals quellende Fontäne wurde schwächer, erlosch, ging in ruhiges Fließen über. Die schwarze Gestalt am Steuer davor spähte angestrengt nach Backbord.

Dort, am Ufer der Spree, thronte wie ein gestrandetes Raumschiff ein mächtiger Achtziger-Jahre-Bau. Silbrig und hellblau spiegelten sich die Strahlen der Februarsonne in den kalten Metallkacheln der Fassade. Ein abweisender Koloss, ein Riesenwesen aus einer anderen Galaxie, das sprungbereit geduckt am Ufer zu lauern schien. Eine Anzahl dunkel gekleideter Herren, gerade nach draußen getreten, stand auf dem Vorplatz. Das große Gebäude mit seinen sieben Stockwerken war in den letzten Tagen der DDR als Sitz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes errichtet worden. Seit über einem Jahrzehnt beherbergte es nun die chinesische Botschaft. Von einer Säule rechts am Portal blickte reglos die Plastik eines chinesischen Wächterlöwen über den drei Meter hohen Hochsicherheitszaun, der den Vorplatz umgab, sowie über den im Moment unbesetzten kleinen Polizeistand jenseits der Straße Märkisches Ufer auf die Spree hinaus.

Entschlossen riss die kleine, schwarze Gestalt das Steuer herum, zog einen scharfen Bogen durch die beckenartige Erweiterung der Spree hinter der Brücke, lenkte das Schiff bedenklich nahe an der Ufermauer wieder auf die Brückenbögen zu. Dann sprang sie aufs Sonnendeck hinaus. In der linken Hand hielt sie den ovalen Gegenstand. Im letzten Moment bevor das Schiff wieder unter die Brückenbögen glitt, holte sie aus und warf ihn mit athletischer Kraft und geschulter Präzision in einem hohen Bogen hinüber.

Augenblicke später ein donnerndes Geräusch. Vom Botschaftsgebäude her erhebt sich ein blitzender Feuerball und dicker Rauch.

Schon ist das Schiff unter der Brücke hindurch. Die schwarze Gestalt wendet sich um, zieht ein Messer, Blut frisch an der Klinge. In wenigen Sekunden muss das Schiff mit der Ufermauer kollidieren. Der Zeitpunkt dieses Zusammenstoßes sollte später auf exakt 13.02 Uhr datiert werden. Mit dem Blutmesser in der Hand tritt die schwarze Gestalt an das Mädchen heran, das nichts von alledem begriffen hat.

Nur, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Wo ist Papi?

Das Mädchen schluchzt. Der schwarze Teufel kommt näher, hebt das verschmierte Messer. Das Mädchen starrt dem schwarze Teufel in die Augen. Aus Kleinemädchenaugen, in denen endlich die ersten Tränen perlen. Die schwarze Gestalt zögert kurz, flucht unverständlich und springt über die Reling hinab in die eiskalte Spree.

Erst jetzt beginnt das Mädchen brüllend zu weinen.

Erster Teil
Der Film
Einen Tag zuvor, Berlin, Hotel Grand Hyatt

„Ach, entschuldigen Sie, wie ungeschickt von mir.“

Der großgewachsene Mann mit den graublauen Augen hatte, während er sich suchend im Raum umsah, durch eine allzu heftige Ellbogenbewegung aus Versehen eine neben ihm vorbeieilende Gestalt gerammt, die ihrerseits seine Bewegung nicht bemerkt hatte, da sie gerade angestrengt damit beschäftigt war, bei ihrer erhöhten Geschwindigkeit nichts von dem randvollen Champagnerkelch in ihrer rechten Hand zu verschütten – eine Bemühung, die jene ruckartige Ellenbogenbewegung nun zum Scheitern verurteilt hatte.

„Tut mir sehr leid, ich hab Sie nicht gesehen.“ Mit verkniffener Miene blickte er ins zornige Gesicht einer hochgewachsenen Blondine mit schulterlangem Haar und einer Nase, die ihn, wiewohl im Grunde nicht unhübsch, eigentümlich an ein Ferkel erinnerte. Mit Erleichterung nahm er zur Kenntnis, dass er nur einige Tropfen über den Ausschnitt ihres schulterfreien Glitzerkleides verschüttet hatte, das ihren üppigen Busen ein wenig zu sehr zur Geltung brachte.

Das nun nicht mehr ganz randvolle Champagnerglas fest in der Hand, funkelte ihn die große Blonde zornig an. Dann rümpfte sie verächtlich die Ferkelnase, schimpfte etwas auf Deutsch, was der kantige Brite nicht recht verstand – „Schieb ab, Trottel“? – und verschwand hinter ihren drei schick gekleideten männlichen Begleitern, die sich nun dicht um sie scharten, um ähnliche Kollisionen fortan tunlichst zu vermeiden. Dann war sie auch schon davongerauscht. Die Dame hatte es offensichtlich eilig, sich in eine der geschlossenen Gesellschaften in den verschiedenen Konferenzräumen des ausgebuchten Hotels zu begeben.

Jeremy Gouldens war sich sicher, die nicht mehr ganz jugendfrische Blondine schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Aber woher kannte er sie nur? Eine typisch deutsche Walküre – vielleicht Sängerin in Bayreuth? Nein, nein. Er fuhr durch sein dünner werdendes, graumeliertes Haar, kratzte sich. Dann, als er begriff, schlug er sich mit der Hand an die Stirn. Nebenan im Theater am Potsdamer Platz feierte die Berlinale ihren letzten Abend, und er war im Hotel nun wirklich nicht der Einzige, der etwas mit der Filmindustrie zu tun hatte – vermutlich war es heute sogar schwer, überhaupt jemanden zu finden, der nicht auf die eine oder andere Weise mit der Medienwelt zu tun hatte. Ein Großteil der nationalen und auch ein Teil der internationalen Filmprominenz war in Berlin zu Gast – selbst George Clooney sollte gesichtet worden sein –, und natürlich konnte Jeremy die große Blonde nur irgendwo auf der Leinwand oder dem Bildschirm gesehen haben. Schließlich hatte er sich in den letzten Jahren, seit er häufig in der Schweiz war und viel mit Deutschen zu tun hatte, jede Menge deutsche Filme angesehen, schon um seine eingerosteten Sprachkenntnisse aufzubessern. Ach, kam ihm jetzt, war das nicht vielleicht diese Schauspielerin gewesen, die immer die tapfere Heldin ist und am Ende die Welt oder zumindest irgendwelche verfolgten Kinder, Flüchtlinge, Wale rettet? Wahrscheinlich hatte die bedeutende Dame seinen Rempler für die plumpe Anmache eines Autogrammjägers gehalten.

Wie auch immer, Jeremy hatte für große, blonde, europäische Schauspielerinnen momentan keinen Bedarf, selbst wenn sie erfahrene Weltenretterinnen waren. Er war auf der Suche nach einer eher zierlichen, schwarzhaarigen Schauspielerin mit asiatischen Zügen. Mit genau so einer sollte er heute nämlich verabredet sein.

Er sah auf die Uhr. Galten Koreaner nicht als besonders pünktlich? Ihm selbst war jedenfalls eingeschärft worden, bei Geschäftsterminen mit Koreanern immer pünktlich zu erscheinen. Nun gut, ein wirklich offizielles Treffen war der Termin heute auch wieder nicht.

Erneut ließ er seinen Blick über das in der Lobby versammelte internationale Publikum schweifen. Die Frauen schienen einander an Putz und Kleiderpracht übertreffen zu wollen; daneben wirkten die Herren in ihren dunklen Anzügen, an denen die Krawatte meist das Bunteste war, eher farblos und unauffällig. Seltsam, dachte Jeremy, dass es bei den Menschen in Sachen Schmuck und Schönheit genau umgekehrt ist wie bei Pfauen, Paradiesvögeln, Zierfischen oder fast überall sonst in der Tierwelt, wo das Männchen stets das auffälligere, buntere Wesen ist. Aber, Jeremy sei ehrlich, ist es im Grunde nicht gut so? Seitlich in der Tizian Lounge drängte sich das feiernde Publikum aus mehr oder weniger prominenten Gästen und sonstigen Medienmenschen, vermischt mit allerlei Schaulustigen beim „Celebrity spotting“. Durch die Kollision mit der Weltenretter-Walküre neugierig gemacht, vertiefte er sich in die wechselnden Bilder und Szenen vor seinen Augen und meinte nun, weitere vertraute Gesichter ausmachen zu können. Fast hatte er das Gefühl, sich selbst mitten in einem Film zu befinden. Als Statist? Oder würde nun gleich jemand mit einer Frage an ihn herantreten und die Kamera genau auf ihn zoomen?

Ach ja, der Film. Sein Film. Seit langem lag das Drehbuch zu seinem halbautobiografischen Filmprojekt Yellow Submarine in Jeremys Schublade – sowie in einigen anderen Schubladen von Produzenten, Agenten, Regisseuren, Schauspielern –, aber der Beginn der Dreharbeiten verzögerte sich weiter. Jeremy war eigens nach Berlin geflogen, in der Hoffnung, beim Filmfestival der Sache vielleicht den entscheidenden Ruck zu geben, aber nun war der letzte Berlinale-Abend gekommen und es hatte sich kein Erfolg eingestellt. Jeremy wusste, dass auch er an den Verzögerungen seinen Anteil hatte; vor allem mit seiner Pingeligkeit in gewissen Besetzungsfragen hatte er sich selbst Stolpersteine in den Weg gelegt.

„Ah, der sehr verehrte Herr Jeremy Gouldens, da sind Sie ja endlich!“ Der kleine dickliche Asiate mit seiner schrillen Krawatte legte die Hände an die Seite und machte eine betont tiefe Verbeugung. Jeremy wusste, dass J. D. Lee, der lange in Amerika gelebt hatte und nun seit Jahren in Hongkong residierte, äußerlich zwar viel Wert auf die traditionellen koreanischen Höflichkeitsformen und -formeln zu legen schien, sie in Wirklichkeit aber nur eher ironisch zitierte – vergleichbar einem älteren Wiener, der einer steifen Hamburger Dame scherzhaft einen Handkuss gibt. J. D. Lee war einer der albernsten Menschen, denen Jeremy je begegnet war, und doch tat er alles, was er machte, so lächerlich es auch sein mochte, im vollsten Ernst und ohne jemals zu lachen, so dass sich Jeremy manchmal fragte, ob sich J.D. dieser Lächerlichkeit überhaupt bewusst war. Trotzdem war er in seiner Arbeit ein hervorragender Mann; ein quirliger Mensch mit jeder Menge Kontakten, einer unermüdlichen Energie und einem sprühenden Ideenreichtum. An J. D. lag es jedenfalls nicht, dass die Umsetzung des Filmprojekts ins Stocken geraten war.

„Wo haben Sie denn gesteckt, ich habe Sie schon überall gesucht!“, fuhr der kleine Koreaner fort und runzelte dabei die Stirn, was spielerisch wirkte, ohne dass Jeremy sich da hätte sicher sein können.

Jeremy verkniff es sich, „Das Gleiche wollte ich Sie gerade fragen“ zu sagen, auch wenn es stimmte. Er hatte seit zwanzig Minuten mit seinen unübersehbaren 1,85 Metern hier am Empfang gestanden und die Eingangstür im Blick gehabt, und das konnte sich J. D. auch denken. Dem Koreaner war es offenbar lieber, eine Lüge in den Raum zu werfen, als sich für seine Unpünktlichkeit zu entschuldigen. Jeremy hakte die Sache ab, indem er sie unter dem Oberbegriff „Mentalitätsunterschiede der Völker“ katalogisierte – was diesen Punkt betraf, hatte er während seiner Aufenthalte in Ostasien so viele Erfahrungen gemacht, dass ihn nichts mehr wunderte.

Statt eine bloßstellend korrigierende Antwort zu geben, ging Jeremy lieber zur Gegenfrage über: „Wo haben Sie denn die koreanische Schauspielerin gelassen, mit der Sie mich heute unbedingt bekanntmachen wollten? Sie ist meine letzte Hoffnung, dass mein bisher ergebnisloser Berlinale-Besuch doch noch zu einem Erfolg wird.“

„Keine Sorge, die wird uns schon nicht im Stich lassen“, winkte J. D. ab. „Und selbst wenn – im Herbst ist wieder das Filmfestival in Pjöngjang. Da sollten wir auch hingehen. Dort können wir vielleicht erfolgreicher Kontakte knüpfen als hier auf der Berlinale. Sie wissen, Nordkorea ist ein filmbegeistertes Land, dessen Machthaber frühzeitig erkannt haben, welch wertvolles Propagandamittel der Film ist.“

„Im Herbst? Pjöngjang?“ Typisch für die jähen Sprünge, die J.D. machen konnte! Ganz ernst gemeint war das wohl nicht. J. D. hatte sicher seine Hintergedanken, warum er das Thema ansprach. „Bis dahin ist es aber noch ein ganzes Weilchen hin! Außerdem wird Ihnen als Südkoreaner in Nordkorea sowieso kein Visum erteilt.“

„Ach was, jemand wie ich kommt überall hin. Wenn ein bisschen Geld und Beziehungen im Spiel sind ... Und es könnte sich für uns auszahlen, auch da ein wenig die Fühler auszustrecken.“

Jeremy seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass J. D. von dieser abstrusen Pjöngjang-Geschichte anfing. Jeremy hatte J.D. Lee vor einigen Wochen in Hongkong kennengelernt, wo er auf der Suche nach einem gut vernetzten Insider aus der ostasiatischen Filmwelt gewesen war, der ihm bei der Realisierung seines Filmprojekts helfen konnte. Er brauchte einen „Fixer“, der alles zentral arrangierte, und J. D. schien ihm der richtige Mann zu sein. Um ihn zu engagieren, hatte Jeremy zunächst einiges an Überzeugungsarbeit leisten müssen und dabei den Mund vielleicht ein wenig zu voll genommen. Ambitioniertes internationales Filmprojekt, Schauplätze in Japan und China, Starbesetzung, Anspruch, Spannung und Hollywood-Qualität. Viel Arbeit warte auf J. D., aber auch viel Geld. Da hatte der rührige Koreaner zugeschlagen und sogleich allerlei Hebel in Bewegung gesetzt.

Der brisante politische Inhalt des Drehbuchs, das sich mit der Aufarbeitung der japanischen Kriegsverbrechen in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts beschäftigte, hatte allerdings zur Folge, das viele der von J. D. geöffneten Türen sogleich wieder knallend zugeschlagen wurden. In Japan, so wurde schnell klar, war der Film nicht zu machen, und auch China zeigte sich zögerlich. Nachdem J. D. auch in seinem Heimatland Südkorea auf Schwierigkeiten gestoßen war, hatte er das Projekt ungefragt auch den zuständigen Stellen im Norden des geteilten Landes vorgelegt. Von dort wurde ihm signalisiert, dass man sich eine Realisierung, eventuell als international finanzierte Koproduktion, unter bestimmten Bedingungen vorstellen könne. Mit J. D.s Vorstoß vertraut gemacht, zeigte sich Jeremy entsetzt. Das vielleicht brutalste Regime der Welt an seinem Film profitieren und sein Drehbuch womöglich in ein antijapanisches Propagandamachwerk umfunktionieren lassen? Er hatte geglaubt, J.D., der in der Erfüllung seiner Aufgaben wenig Skrupel kannte, unmissverständlich klargemacht zu haben, dass etwas Derartiges mit ihm nicht zu machen war. „Ich habe Ihnen doch mehrmals gesagt, dass ich diese Nordkorea-Pläne nicht weiterverfolgen möchte“, betonte er.

J. D. verzog sein Gesicht. „Aber es sind nicht diese Nordkorea-Pläne! – Es sind jetzt andere.“

„Inwiefern denn? Dann schießen Sie mal los.“ Jeremys Stimme klang eher lahm als begeistert. Doch als Geschäftsführer der Gao-Feng-Stiftung, die sich unter dem Motto „Verarbeiten statt Vergessen“ die Versöhnung zwischen Japan, China und Korea zum Ziel gesetzt hatte und die über ein in Planung befindliches „Freundschaftszentrum“ womöglich bald schon auch in Nordkorea aktiv werden sollte, konnte er es sich nicht leisten, das Thema einfach zu übergehen. Zudem hatte er mittlerweile auch sozusagen literarische Interessen an dem in mehrfacher Hinsicht verschlossensten Land der Welt.

J. D. fuhr fort: „Sie haben bei unserer letzten Begegnung den Plan erwähnt, die für den Film so wichtigen historischen Rückblenden zu den Kriegsverbrechen Japans in China und Korea besser als Trickfilmsequenzen zu drehen, um sie nicht gar so brutal wirken zu lassen. Haben Sie schon von den SEK-Trickfilmstudios in Pjöngjang gehört?“ Jeremy schüttelte den Kopf.

„Aber Produktionen wie König der Löwen und Pocahontas sind Ihnen ein Begriff? Und all diese Zeichentrickserien, wie sie hier in Deutschland auf Kika rauf- und runterlaufen. Briefe von Felix?, Lauras Stern?“ J. D. ließ keine Gelegenheit aus zu zeigen, dass er sich in allen Bereichen des Business bestens auskannte.

„Sehe ich aus, als würde ich mir das deutsche Kinderprogramm ansehen? Aber was soll das alles mit Nordkorea zu tun haben?“

„Die SEK-Trickfilmstudios sind einer der wenigen legalen Bereiche der nordkoreanischen Wirtschaft, die richtig florieren. Wie Sie wissen, ist die Produktion von Animationsfilmen sehr arbeitsaufwendig. Und in Nordkorea kostet die Arbeitskraft fast nichts. Daher werden viele internationale Trickfilmproduktionen gegen harte Devisen in Nordkorea gezeichnet. Das zahlt sich für beide Seiten aus.“

Davon hatte Jeremy noch nichts gewusst. Die Vorstellung, dass abgehärmt-graue Nordkoreaner in freudlosen Räumen für einen Hungerlohn lustige bunte Bilder für die westlichen Traumfabriken zeichneten, die den verwöhnten mitteleuropäischen Kindern abends beim Chipsknabbern über die Glotze gaukelten, um ihnen vor Augen zu führen, wie gut und heil die Welt ist, erschien Jeremy grausig grotesk.

„Immerhin sind die Produktionsbedingungen in Nordkorea unglaublich günstig. Angeblich bekommt so ein nordkoreanischer Animationszeichner umgerechnet nur etwa drei Dollar im Monat. Das ist weltweit konkurrenzlos. Wir könnten in diesem Punkt viel Geld sparen und müssten dann in anderen Bereichen weniger knapsen.“

„Aber gibt es da nicht so etwas wie ein Embargo?“

„Ach was, Embargo. Wenn alle Engländer so zimperlich sind, verstehe ich nicht, wie ihr je euer Empire habt aufbauen können.“

„Trotzdem – eine Kooperation mit diesem heillos korrupten und bankrotten Land, wo alle gehirngewaschen sind und ständig der Strom ausfällt? Stelle ich mir sehr problematisch vor! Denken Sie nur an die Sache mit dem gewaltigen Ryugyong-Hotel in Pjöngjang, das seit Jahrzehnten im Bau ist und nun lange Jahre als Investitionsruine dastand, bis es die Kempinski-Gruppe 2013 eröffnen wollte. Aber die Kempinski-Leute verzweifelten an den Nordkoreanern und der ganze Deal ist geplatzt. Jetzt wird gemunkelt, die Nordkoreaner seien dabei, einen Teil des Gebäudes für diverse andere Zwecke einzurichten, aber das Ganze scheint mir sehr chaotisch zu sein.“

In diesem Bereich kannte sich Jeremy aus; ja, er konnte förmlich ein Lied davon singen. In einem Stockwerk des Hotels sollte nämlich das sogenannte „Freundschaftszentrum“ zur Annäherung und Versöhnung der beiden Teile des gespaltenen Landes entstehen, das von Jeremys Gao-Feng-Stiftung gefördert wurde. Der zugehörige Briefwechsel füllte schon viele Ordner, doch nach wie vor gab es unzählige offene Fragen und Unstimmigkeiten, die im Wesentlichen daraus resultierten, dass sich die Nordkoreaner von nichts und niemand in die Karten schauen lassen wollten und Jeremy keinen richtigen Ansprechpartner hatte, da die ohnehin schon verwirrenden Namen des vorgesehenen Leitungspersonals ständig wechselten. Trotzdem hatte er großes Interesse daran, das „Freundschaftszentrum“ im höchsten Gebäude der koreanischen Halbinsel Wirklichkeit werden zu lassen, jenem auch Hotel of Doom genannten Monstrum. Jeremy hatte Fotos gesehen: Wie ein riesiger schwarzer Vogel hockte das überdimensionierte Gebäude im Zentrum Pjöngjangs und wirkte in der Tat mehr wie ein düsterer Turm des Verhängnisses als wie der monumentale Prunkbau zum Preis der Größe Nordkoreas und seines gütigen Staatsgründers Kim Il Sung, als der es geplant gewesen war.

Als 1987 mit dem Bau begonnen wurde, hatte das Gebäude binnen zwei Jahren zum höchsten Hotel der Welt werden sollen. Bei Einstellung der Arbeiten 1992 war immerhin die Endhöhe von 330 Metern erreicht. Doch bis die Baumaßnahmen mehr als fünfzehn Jahre später wiederaufgenommen wurden, waren andere natürlich schneller gewesen. Jeremy musste an das Shanghai World Financial Center denken, ein Gebäude, das für sein Leben eine schicksalhafte Bedeutung angenommen hatte. Dort hatte man ähnliche Rekordpläne gehegt und nach Bauunterbrechungen den Kürzeren gezogen, am Ende war dabei jedoch eine lebendig genutzte architektonische Meisterleistung herausgekommen, während das nordkoreanische Pendant ein stummes Mahnmal geblieben war – und damit eine sinnlose Ruine und gigantische Geldverschwendung in einem Land, in dem sich ein Großteil der Bevölkerung noch immer von Gras und Rinde ernähren musste.

„Ich glaube nicht, dass man den größenwahnsinnigen Protzbau des Ryugyong-Hotels mit der Arbeit der SEK-Studios vergleichen kann“, riss ihn J. D.s Stimme aus seinen Überlegungen. „Dort hat man sich gezielt auf die Arbeit als Zulieferer eingerichtet. Da geht es um Devisenbeschaffung, nicht um Propaganda. Ich finde, wir sollten auf alle Fälle mal hinfliegen und uns das anschauen. Und Sie können gleich vor Ort für Ihr Romanprojekt recherchieren.“

Letzteres klang allerdings verlockend. Vor einigen Jahren, als Jeremy seine Anwaltstätigkeit für längere Zeit hingeschmissen hatte und auf einer Jacht durch die Südsee schipperte, um sich in der Nachfolge Jack Londons als Schriftsteller zu erproben, hatte er nicht nur an mehreren Roman- und Filmprojekten über Japan und dessen blutige Geschichte gearbeitet (aus denen dann das Drehbuch zu Yellow Submarine hervorging), sondern auch an einem weiteren Filmplot, das die Verwicklungen des geteilten Korea ins Zentrum stellte: Spionage, Entführungen, kriegerisches Kettenrasseln. Irgendwann hatte er den Entwurf, wie so viele andere auch, unfertig liegengelassen. Als nun der junge Diktator Kim Jong Un für eine neue Eskalation sorgte und dem Globus in Erinnerung rief, welches Pulverfass der ostasiatische Raum nach wie vor ist, und zur gleichen Zeit die Umsetzung seiner Filmpläne ins Stocken geriet, hatte sich Jeremy an den Korea-Drehbuchentwurf erinnert und beschlossen, ihn zu einem Roman umzuarbeiten. Dazu kam, dass Jeremy durch seine Stiftungstätigkeit und seine Zusammenarbeit mit der auf Ostasien spezialisierten Zürcher Century Bank immer wieder auch mit Korea und seiner fortdauernden Teilung konfrontiert wurde. In einigen Details war der alte Entwurf inzwischen zwar von der Geschichte überholt, aber von der Grundanlage her erschien er ihm aktueller denn je, und so hatte er sich in den Pausen, die ihm seine sonstigen Tätigkeiten ließen, erneut an die Arbeit gemacht, die gleichwohl noch nicht weit gediehen war. Ein Besuch des sozusagen letzten Landes hinter dem Eisernen Vorhang könnte seiner Arbeit vielleicht den entscheidenden Schub geben.

„Nun gut, ich glaube, Sie haben mich überzeugt. Wenn Sie Nordkorea besuchen wollen, komme ich mit. Ich wollte ohnehin zur Einweihung des Freundschaftszentrums nach Pjöngjang fliegen – wenn es jemals so weit kommt. Aber anrüchige Deals sind mit mir nicht zu machen. Kontakte knüpfen dagegen kann nicht schaden. Dann schauen wir uns im September eben dieses absurde Filmfestival an.“

„Nein, so lange will ich wirklich nicht warten, der Film ist ja jetzt schon in Verzug. Das organisiere ich uns gleich in den nächsten zwei Wochen. Auch wenn mich, unabhängig davon, das Festival natürlich reizen würde. Immerhin gilt der junge Oberste Führer als ein großer Filmfan, der auf James-Bond-Filme steht und die Sophie Marceau aus Die Welt ist nicht genug attraktiv findet. Vater Kim Jong Il hat das nordkoreanische Standardwerk über Filmkunst verfasst und sogar südkoreanische Filmstars in den Norden verschleppen lassen. Die Entführung des Filmtraumpaars Shin Sang Ok und Choi Eun Hee – er Regisseur, sie Schauspielerin –, die während ihres neunjährigen Zwangsaufenthalts in Nordkorea sieben Filme drehen mussten, darunter Pulgasari, die nordkoreanische Version von Godzilla, hat in den Achtzigern für Schlagzeilen gesorgt.“

Jeremy staunte immer wieder, mit welcher Leichtigkeit J. D. sein enzyklopädisches Filmwissen abspulen konnte. Die Geschichte von den Schauspielerentführungen kannte er allerdings schon aus seinen eigenen Recherchen: wahrlich der Stoff für einen Thriller.

Jeremy bedauerte, dass seine vielfältigen beruflichen Aktivitäten ihm nur wenig Zeit ließen, sich seinen literarischen Plänen zu widmen. Zum einen war da seine fortgesetzte Anwaltstätigkeit: Auch wenn er nun nicht mehr als Partner fungierte, so war er doch als „Of Counsel“ – also in beratender Funktion – weiterhin für seine alte Sozietät Lexman & Lexman tätig, die nun im 310 Meter hohen Büroturm „The Shard“ in London residierte. Daneben war er zudem ein gern gesehener Keynote-Speaker, der auf Konferenzen zum Thema Ostasien Vorträge hielt. In dieser Funktion war er gerade im Moment sehr gefragt. Schließlich war Ostasien ein Thema von ungebrochener Aktualität, und die Spannungen im fernöstlichen Bereich wuchsen. Viele Entwicklungen, vor denen Jeremy schon seit Jahren warnte, hatten sich unvermindert fortgesetzt und leider schien nun vieles so zu kommen, wie er es prophezeit hatte. Die Spannung zwischen den Koreas hatten sich verschärft, das Säbelrasseln zwischen China und Japan war selbst im fernen Europa unüberhörbar geworden und manche sahen aufgrund der Ähnlichkeiten zu 1914 gar den Dritten Weltkrieg heraufziehen.

Vor diesem Hintergrund wurde Jeremys dritte Hauptbeschäftigung, die Tätigkeit für die Gao-Feng-Stiftung mit Sitz im schweizerischen Zug und Büros in Zürich, Kyoto, Shanghai und London immer wichtiger. Schließlich war es Zweck der Stiftung, die unbewältigte Vergangenheit des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten und durch „Verarbeiten statt Vergessen“ zu einer Versöhnung von Tätern und Opfern von damals, von Japanern, Chinesen und Koreanern, beizutragen. Mit fünf Milliarden Dollar Kapital von ihrem Gründer, dem reichlich extravaganten greisen Chinesen Gao Feng, großzügig ausgestattet, widmete sich die Stiftung verschiedensten Projekten, wie etwa der Einrichtung von Informationszentren und Begegnungsstätten, darunter eben auch das geplante Freundschaftszentrum in Pjöngjang.

Als Geschäftsführer und Stellvertreter des Stiftungsvorsitzenden Gao Feng, der nach wie vor in Shanghai lebte, war Jeremy das Gesicht der Stiftung nach außen sowie oberste Kontrollinstanz nach innen und hielt sich deswegen häufig in der Schweiz auf. Einmal im Jahr, Ende Februar, flog er nach Shanghai, um Gao Feng den gemäß den strengen Satzungsauflagen der Stiftung jährlich anzufertigenden Ethikbericht vorzulegen. Schon bald sollte es wieder so weit sein. Daher würde es für Jeremy nach Verlassen der Berlinale nur für eine Stippvisite bei seiner Frau Cathy in London reichen. Ihre Ehe kam bei all den zu absolvierenden Terminen eindeutig zu kurz. Doch selbst für ein schlechtes Gewissen fehlte Jeremy meist die Zeit.

„Wo wir gerade beim Thema koreanischer Film und koreanische Schauspielerinnen sind – haben wir uns nicht verabredet, weil Sie mir eine solche vorstellen wollten?“, kam Jeremy auf den Ausgangspunkt ihres Gesprächs zurück. „Wo bleibt Ihr angekündigtes Wunderkind?“

J. D. Lee schlug sich mit der flachen Hand auf die gleichfalls recht flache Stirn. „Die hätte ich fast vergessen. Ja, wo bleibt sie ... Aber nur ruhig. Ich habe mich mit ihr für 21 Uhr in der Vox Bar verabredet. Da ist noch viel Zeit. Doch ich werde durstig. Ringsum Menschen mit Gläsern in der Hand, und meine Kehle ist trocken. In der Vox Bar haben sie immerhin eine anständige Sake-Auswahl, wenn auch keinen koreanischen Soju, wie ich zu meinem Bedauern festgestellt habe. Und es gibt über zweihundert Sorten Whisky.“ Letzteres überzeugte Jeremy. „Was stehen wir hier dann noch hier herum?“

London, Chelsea

An jenem Abend öffnete Cathy Gouldens-Wong die Tür des herrschaftlichen Backsteinbaus in der King’s Road am Sloane Square in London, in dem sie, zumindest meldeamtlich, gemeinsam mit ihrem Gatten wohnte, um eine kalte, abweisende Wohnung vorzufinden. Sie wusste, dass ihr Mann, wie so oft, irgendwo auf dem „Kontinent“ unterwegs war, und doch enttäuschte sie die Leere und Dunkelheit, die ihr aus der geöffneten Tür entgegenschlug.

Immerhin war nicht eingebrochen worden. Davor hatte sie bei jeder Rückkehr in dieses unheimlich wirkende Haus Angst, seit sie vor etwa einem Jahr von einer Urlaubsreise nach Kalifornien zurückgekommen waren, nur um feststellen zu müssen, dass in der Zwischenzeit jemand ihre Sachen durchwühlt und diverse Wertgegenstände entwendet hatte.

Die letzten Tage hatte Cathy bei einer ihrer wenigen Freundinnen hier in Europa, einer Hongkong-Chinesin, verbracht, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ein Landhaus in den Cotswolds besaß. Es war schön gewesen, der Besuch dort hatte sie abgelenkt, aber heute war Cathy dennoch die Decke auf den Kopf gefallen und sie hatte überstürzt ihren Koffer gepackt. Irgendwie hatte sie das Glück dort nicht mehr ausgehalten, die strahlende Hausfrau, der fürsorgliche Gatte, die beiden so wohlerzogenen Knaben, von denen der ältere kürzlich in Eton eingeschult worden war. War es etwa Neid, was sie empfunden hatte? Nein, versicherte sie sich, sie hatte nur das drückende Bewusstsein nicht mehr ertragen, dass ihre Freundin und deren Familie offenbar etwas besaßen, was Cathy bislang verwehrt geblieben war. Vor diesem Bewusstsein hatte sie die Flucht ergriffen und gehofft, sich mit ihrer luxuriös ausgestatteten Stadtwohnung im privilegierten Chelsea trösten zu können.

Doch als sie jetzt die Tür öffnete und ihr die leere Wohnung entgegengähnte, bereute sie ihre Entscheidung sogleich. Das Haus, das Jeremy von seinen Eltern und Großeltern geerbt hatte, war wie ein altes britisches Gespensterschloss, in dem ein Geist wohnte, der keinen Eindringling duldete und alles tat, um ihn zu vergraulen. Sie, die in Los Angeles geborene Chinesin mit US-Pass, die zuletzt lange Jahre in Shanghai gewohnt hatte, war hier nie wirklich heimisch geworden.

Nein, Cathy fühlte sich hier nicht wohl. Nicht im Haus, nicht in England. Aber ihre Ehe, ihre Erwartungen und Hoffnungen hatten das lange kompensiert. Doch nun fühlte sie sich auch in ihrer Ehe nicht mehr wohl. Und das Wetter machte ihr zu schaffen, natürlich. Regen und graue Häuser, und all das Grau des Landes an den grauen Gesichtern der Menschen abzulesen.

Keine Frage, London war eine der großen Weltstädte, Zentrum des Kapitals und der Kultur. Trotzdem: Wie sehr vermisste sie Shanghai, die Buntheit, die Gerüche, die Intensität der Menschen, die Geschwindigkeit, den Abwechslungsreichtum. Engländer waren Zyniker, und ihr sense of humour war, so Cathys Überzeugung, nichts als Selbstschutz und letztlich eine Art Galgenhumor. Sie mochte den britischen Humor nicht besonders, genauso wie sie die Briten nicht recht mochte. Sie spürte, dass darunter eine sehr nüchterne Weltsicht lauerte. Eine, die ihr wiederum aus China vertraut war. Da gab es auch keine falschen Sentimentalitäten, vor allem nicht im Geschäftsleben. Nur in der Familie, die heilig war, gab es unbedingte Loyalität und Gehorsam den Eltern gegenüber. In China hatte diese Weltsicht viel mit dem noch immer tief verankerten Konfuzianismus zu tun, auch wenn der gute alte Konfuzius seit der Kulturrevolution oft verteufelt worden war. Cathy hatte sich in letzter Zeit vertiefter mit Konfuzius beschäftigt und fand, dass es in manchen Punkten durchaus Zeit war für eine Renaissance seines Wertekanons. Trotzdem war ihr das alles einfach zu nüchtern, es fehlte eine metaphysische Perspektive, und diese pragmatische Weltsicht, wie sie auch aus dem trockenen Humor der Briten zu sprechen schien, machte ihr Angst. Da musste es doch mehr geben, das war noch nicht alles, und über dieses „Mehr“, das da sein musste, damit das Leben sich lohnte, einen Zweck und ein Ziel hatte, machte man doch keine Witze. Das war eine ernste Sache.

Über all das hatte sie sich erst kürzlich mit Jonathan unterhalten – ein alter Freund von Jeremy, der in Shanghai ein hohes Tier bei der dortigen Niederlassung der Schweizer Großbank UBS gewesen war, dann aber seinen Posten hatte aufgeben müssen. Nun leitete Jonathan die Londoner Zweigstelle der Zürcher Century Bank, wo er unter anderem für die Verwaltung der Konten der von Jeremy betreuten Gao-Feng-Stiftung zuständig war. Der gut aussehende Mitvierziger hatte sich zu einer Art Seelentröster für Cathy entwickelt. Nicht, dass sie irgendwelche Absichten gehabt hätte. Aber hier war jemand, der zuhörte, sie akzeptierte, wie sie war. Das tat ihr gut. Besonders wenn Jeremy unterwegs war. Und er war viel unterwegs. Hongkong, New York, mal Peking, Tokio und immer wieder die Schweiz. Fast schien es ihr, er verbringe mehr Zeit in der Schweiz als in London. Für seine Stiftungstätigkeit musste er oft in Zug und noch häufiger in Zürich sein.

Cathy mochte auch die Schweiz nicht. Die Berge waren schön, aber die Menschen schienen ihr sonderbar und sie verstand sie nicht, selbst wenn sie mit ihrem eigentümlichen Akzent, der mehr nach Rachenkrankheit klang, Englisch redeten. Und im Vergleich zu London oder gar Shanghai wirkte Zürich ziemlich provinziell. Die Schweiz erschien ihr wie ein einziges großes Schließfach mit ein paar Pförtnern dazu. Man fährt hin, bringt sein Vermögen in Sicherheit, wechselt ein paar höfliche Worte mit dem Pförtner und verschwindet. Dass Jeremy dort arbeitete, ging ihr nicht in den Kopf. Na gut, aber er arbeitete ja mit Geld. Vor allem arbeitete er wohl mit diesem stets todschick gekleideten und teuer parfümierten, rotgefärbten Bankierstöchterchen, der Leiterin des Anlageausschusses der Gao-Feng-Stiftung, Chloe Bodmer, Tochter und Augapfel von Beat Bodmer, der die junge Century Bank in den neunziger Jahren gegründet hatte und der als ein ausgesprochener Asienkenner galt, weshalb die Gelder der Stiftung gerade von dieser Bank verwaltet wurden. Mit Chloe stimmte sich Jeremy über die Angelegenheiten der Stiftung ab. Gefühlte zweimal pro Woche. Und jetzt, nachdem Bankgründer Beat kürzlich fast einem Herzinfarkt erlegen wäre und im Sanatorium war, während die überforderte Chloe von einem auf den anderen Tag die Geschäfte hatte übernehmen müssen, würde es eher noch öfter werden. Cathy fragte sich dennoch, ob es hier in London letztlich nicht wichtigere Dinge gab, um die sich Jeremy weitaus weniger kümmerte als um all die Geschichten mit Cloe – schließlich war er verheiratet.

Doch selbst wenn Jeremy einmal in London war, beschäftigte er sich mehr mit seinen Film- und Buch-Hirngespinsten als mit seiner Frau. Cathy hasste Jeremys Filmprojekt, für das er jetzt direkt von Zürich nach Berlin geflogen war, zweifellos um dort mit jungen japanischen Schauspielerinnen herumzuturteln, während sie hier in der kalten Wohnung mutterseelenallein war. Auch gefiel ihr nicht, dass das Drehbuch zu seinem Film ziemlich unverhohlen den traumatischen Verlust seiner früheren japanischen Geliebten verarbeitete. Vor einigen Jahren hatte diese Geliebte nach über einem Jahrzehnt Funkstille wieder mit ihm Kontakt aufgenommen, und Cathy hatte das Gefühl, als habe sie damit die Kette von Abenteuer und Unglück der folgenden Tage überhaupt erst ausgelöst. Nur ungern dachte Cathy an jene Ereignisse zurück. Sie war zusammen mit vielen anderen hoch oben auf dem Shanghai World Financial Center von skrupellosen Verbrechern als Geisel genommen worden, die, als chinesische Nationalisten getarnt, in Wirklichkeit von ultranationalistischen japanischen Hardlinern gesteuert worden waren. Und während sie im SWFC so viel durchmachen musste, war Jeremy in Japan herumgeirrt, auf der Suche nach seiner verschollenen Geliebten, die aber für immer verschollen geblieben war. Am Ende war es ihm immerhin gelungen, schlimmeres Unheil zu verhindern und Cathy zu befreien, wobei sie sich bis heute fragte, ob er nicht einfach nur unverschämtes Glück gehabt hatte. Sie würde ihn ja gerne als großen Helden betrachten – wenn er sich in ihrer Gegenwart nur etwas heldenhafter aufführen würde!

Jedenfalls: Nach all den schlimmen Erlebnissen von damals hatte sie die Nase voll von dieser Vergangenheit und besonders auch von Jeremys Filmplänen, die irgendwie mit alledem zusammenhingen. Damals hatte er ihr gesagt, die Sache sei nun erledigt – aber warum ließ er dann sein Drehbuch nicht einfach in der Schublade ruhen? Wollte er das Ganze erneut aufwühlen, sich in seinem uralten Jammer suhlen? Das hielt sie nicht aus. Vielleicht sollte er mal eine Psychotherapie machen. Aber wer weiß, welche Ideen ihm so ein Therapeut in den Kopf setzen würde. Pah, Therapie. Wenn sie wenigstens Kinder hätten, dann hätte Cathy etwas, was ihrem Leben Inhalt geben könnte. Aber selbst das brachte er nicht zustande. Okay, sie beide nicht. Aber mit einem anderen Partner hätte es vielleicht geklappt.

Bestimmt hätte sie sich eher mit Jeremys Filmprojekt versöhnen können, wenn der ursprünglich geplante Produzent Kim Park den Film wirklich hätte machen können. Ein intelligenter, athletischer, gut aussehender Koreaner, der einst beinahe Cathys Geliebter geworden wäre. Aber Kim lag im Koma, seit er zusammen mit Jeremy das Schiff der Geiselnehmer geentert hatte, um Cathy zu befreien, und ihn beim Kampf mit ihrem wahnsinnigen Entführer John Huang eine Kugel ins Hirn getroffen hatte. Irgendwo in einer Klinik in Shanghai stand ein Bett, in dem blicklos an die Decke starrte, was einst Kim Park gewesen war – angeschlossen an zahllose Maschinen wie totes Gemüse.

Sie schaltete den elektrischen Ofen an, in dem ein rotes Glühen aus Plastik den Eindruck erwecken sollte, es handele sich um echtes Feuer – typisch britischer Kitsch –, dann ging sie an ihren Schreibtisch und fuhr den Computer hoch. Sie schenkte sich ein Glas Chardonnay aus ihrem Geburtsland Kalifornien ein und scrollte durch ihre Mails. Das meiste war lästiger Müll, der es irgendwie geschafft hatte, ihren Spamfilter auszutricksen. Doch plötzlich leuchteten Cathys Augen auf. Eine Mail von Coco, der Modejournalistin und Cathys bester Freundin, die sie schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Hi Cathy, was machst du so in London? Hier in Shanghai ist gerade herrliches Frühlingswetter und jede Menge los – Partys, Einladungen, Modeschauen, man kommt aus dem Feiern gar nicht mehr raus. Aber bestimmt ist dein Leben mit Jeremy ähnlich aufregend. Wann kommt denn jetzt der Klapperstorch, hast lange nichts mehr von dir hören lassen! Weißt du schon, was es ist? Vielleicht kannst du ja vorher nochmal nach Shanghai kommen, würde mich jedenfalls freuen, dich endlich mal wieder in die Arme zu schließen!

Ich drücke dich schon mal ganz fest, deine Coco

Berlin, Hotel Grand Hyatt, Potsdamer Platz

„Na dann: Cheers!“ Jeremy hielt dem kleinen Koreaner auffordernd sein Glas entgegen. Der schielte an ihm vorbei und verzog die Lippen zum Anflug eines Lächelns, das aber, wie immer wenn J. D. einmal lächelte, eher gezwungen als herzlich wirkte. Dann wandte er sich mit einer kleinen Verbeugung von Jeremy ab, legte die flach ausgestreckte rechte Hand unter sein Glas und wölbte die linke um es herum und nahm einen Schluck. Wieder fiel Jeremy die eigenartige, ironisch wirkende Art auf, wie J.D. die althergebrachten koreanischen Gepflogenheiten beachtete, die mittlerweile auch in Korea selbst mehr und mehr in Vergessenheit gerieten und daher im Ausland umso deplatzierter wirkten: Man schaut sich beim Prosten traditionell nicht in die Augen und zum Trinken dreht sich der Jüngere vom Älteren weg.

Jeremy nahm einen großen Schluck aus seinem hohen Glas. Er war ziemlich durstig, und so hatte er sich zunächst ein bayrisches Hefeweizenbier bestellt, bis er sich einen Überblick über die etwa 250 Whiskys der Bar verschaffen konnte.

„Ah, das war gut“, sagte er, als er das Glas absetzte. „Im Allgemeinen finde ich das deutsche Bier ja überschätzt. Da heißt es deutsche Bierkultur und so weiter, und dann bekommt man nur diese immer gleiche Plörre einer Handvoll Großkonzerne vorgesetzt. Da lob ich mir die Vielfalt in England, wo es noch im kleinsten Pub zwanzig Sorten gibt. Hier gibt es ja noch nicht einmal Real Ales! Pah, Bierkultur! Aber Weizenbier, zugegeben, das können sie.“

„Tja, da geht es mir ähnlich. Auch wenn ich am liebsten Soju oder Cheongju trinke, die koreanischen Reisgetränke, muss ich zugeben, dass der japanische ‚Kubota Manju‘-Sake hier auch ganz manierlich ist. Und obwohl man Reiswein dazu sagt, ist Sake im Grunde eher eine Art starkes Bier, wussten Sie das? Ich meine, viele Biere werden aus Reis gebraut und Sake eben auch, nur ist die Fermentation anders und der Sake alkoholischer. Wir trinken also irgendwie beide Bier.“

J. D. schien die Feststellung, dass beide irgendwie das Gleiche tranken, wichtig zu sein. „Ja gut“, sagte Jeremy, „dann werde ich mir noch einen Scotch dazubestellen – auch Bier. Nur eben destilliert.“

J. D., der eifrig nickte, schien die Ironie der Antwort entgangen zu sein. „Dann bestellen Sie mir doch einen mit, mein sehr verehrter Herr Jeremy Gouldens, Sie sind ja so ein großer Single-Malt-Experte.“

Jeremy war so unbescheiden, nicht zu widersprechen, und orderte für sich einen 21-jährigen Caol Ila, während er für J. D., den er mit den Rauch- und Torfaromen der Hebrideninsel Islay nicht überfordern wollte, einen alten Glenlivet aus dem Sherryfass wählte.

„Jetzt erzählen Sie mir doch etwas über die Dame, derentwegen wir hier sitzen und das Spesenbudget unseres Films strapazieren.“

J.D. nickte wieder. „Sie werden sie gleich kennenlernen. Kurze Geschichte: Sie hat vor etwa zehn Tagen bei mir in Hongkong vorgesprochen; momentan arbeitslose Nachwuchsschauspielerin, die nach einer Rolle sucht. Hatte den Tipp von einer Freundin, die sich schon um die Rolle bemüht hatte, aber aufgrund Ihrer, mein sehr verehrter Herr Jeremy Gouldens, besonderen, äh ... Vorgaben abgelehnt wurde. Hatte bei ihr das Drehbuch gesehen und war ganz begeistert. Ihre Referenzen waren allerdings etwas dürftig – eine Handvoll zweifelhafte Kleinstrollen in Billigproduktionen und Werbefilmchen. Auf ihr Drängen hin habe ich sie trotzdem Probe sprechen lassen, hübsch und selbstbewusst ist sie ja. Und da muss ich sagen: Schauspielen kann die Frau, alle Achtung! Das Drehbuch schien sie schon halb auswendig zu können. Vielleicht trotzdem etwas zu kindfraumäßig für die Rolle: Nach meiner bescheidenen Ansicht muss da eine richtige Powerfrau her. Immerhin, jetzt ist sie extra nach Berlin gekommen, und ich dachte, Sie sollten sie sich einmal ansehen.“

„Powerfrau?“, fragte Jeremy nachdenklich zurück. Kindfrau schien ihm da vielversprechender.

„Na klar, was denn sonst, all die Actionszenen.“ J. D. klopfte mit seinem leeren Sakeglas dreimal kräftig auf den Tisch. „Powerfrau!“ Dabei wirkte er irgendwie fordernd und zappelig.

Jeremy erinnerte die Geste daran, dass es nach den verwirrenden traditionellen Trinksitten Koreas als unhöflich gilt, sich nachzuschenken, weil man erst dem anderen nachschenkt, dessen Glas aber leer sein muss. Galt das bei traditionsbewussten Leuten wie J. D. dann auch für die Bestellungen in Bars? Hieß das nicht umgekehrt, dass es unhöflich war, den anderen durch ein nicht geleertes Glas warten zu lassen, bis er endlich bestellen konnte? Jeremy nahm einen mächtigen, leerenden Zug aus seinem Weizenglas. Ah, verflucht, die deutsche Kohlensäure! Er versuchte sein Aufstoßen unhörbar zu machen. Irgendeinen Höflichkeitsreflex musste er in der Tat ausgelöst haben, denn kaum hatte er das Glas abgesetzt, war J. D. aufgesprungen, um Nachschub zu holen. „Nochmal zwei solche internationale Bierchen“, sagte er mehr zu sich selbst, ehe Jeremy widersprechen konnte.

Während sich J. D. um neue Getränke bemühte, dachte Jeremy zum wiederholten Mal über die Besetzung seiner weiblichen Hauptrolle nach. Es stimmte, keine der bisherigen Anwärterinnen hatte ihn zu überzeugen vermocht. An jeder hatte er etwas auszusetzen gehabt, konnte genau begründen, warum es so jedenfalls nicht ging. Was nicht ging, wusste er jeweils genau zu benennen. Aber wenn J. D. dann fragte, wie sie stattdessen sein sollte, vermochte Jeremy keine konkrete Antwort zu geben. Offenbar wusste er es selbst nicht so recht. Jeremy nahm sich vor, in Zukunft mehr Kompromisse einzugehen, um den Film nicht weiter aufzuhalten. Aber – Powerfrau? Nein, eher etwas Zartes, Verletzliches. Unschuldiges. Ein geheimnisvoll dunkles japanisches Vögelchen, das hilflos im Netz flattert und dann zitternd in der Hand des Helden liegt, nachdem er es gerettet hat.

J. D. war wieder zurück, die hübsche, aber etwas überfordert wirkende Bedienung brachte Sake und Weizenbier, und das Gespräch ging auf andere Themen über. Nun war es schon weit nach 21 Uhr und die rätselhafte Kindfrau ließ weiter auf sich warten. Korea würde heute jedenfalls keinen Pünktlichkeitswettbewerb gewinnen.

Sie waren beim dritten Paar Weizenbier und Sake angelangt, als Jeremy klar wurde, dass er so nicht weitermachen konnte. Den Kampf 0,5-Liter-Weizenbier gegen 5 Zentiliter Sake musste er unweigerlich verlieren, er war schließlich kein Fass. Gegen den Drang zu rülpsen ankämpfend, zwängte er den Rest seines Glases zwischen die Dauben seines Leibes, machte J. D. unmissverständlich klar, dass er, als großer Bewunderer Japans, jetzt bitte auch auf Sake umsteigen wolle, und entschuldigte sich für einen Moment.

Da lob ich mir, wenn es schon absurde Trinksitten sein müssen, das britische Rundenzahlen, dachte er sich auf dem Weg zur Toilette. Da zahlt einfach jeder, sobald ein Glas leer ist, im Wechsel für je ein Getränk der anderen mit, und wenn einer nicht mitkommt, bleibt er eben vor einer Batterie sinnlos gefüllter Gläser sitzen.

Dann fiel ihm noch ein, dass er das mit dem „großen Bewunderer Japans“ vielleicht besser nicht hätte sagen sollen. Schließlich war ganz Korea vierzig Jahre lang japanisch gewesen, die Japaner hatten sich dort auf eine Weise verhalten, die nicht gerade dazu geeignet gewesen war, sich unter den Koreanern Freunde zu machen, und die gegenseitigen Animositäten waren nach wie vor groß, wie er oft genug selbst hatte erfahren müssen. Aber ... Ach, Teufel auch! Schließlich bezahlte er J. D. dafür, dass er sich hier in dieser teuren Bar teuren Sake hineinkippte und sich Jeremys Geschwätz anhörte.

Als er sich die Hände wusch, merkte Jeremy, dass er heute noch nichts Richtiges gegessen hatte und sich die drei schnell gestürzten Bier nun deutlich bei ihm bemerkbar machten. Gut, dass es jeder bei dem einen Whisky belassen hatte! Er goss sich kaltes Wasser über den Kopf. Es kühlte, ohne aber für Klarheit zu sorgen. Versonnen betrachtete er sein etwas verbraucht wirkendes Gesicht im Spiegel, machte sich dann auf den Rückweg zur Bar. Die Stimmen der Menschen rechts und links verschwammen zu einem wogenden Brausen und er schien wie auf Wolken durch die Reihen zu schweben.

Schwebend näherte er sich ihrem Dreier-Tischchen, wo bisher nur zwei Stühle besetzt gewesen waren und auch jetzt nur zwei Menschen saßen, und plötzlich wurde das Brausen zu einem tosenden Donnern und eine Trommel begann wilde Wirbel zu schlagen. Und im Getöse der Trommel rissen die Wolken auf und ein strahlender Sonnenschein durchdrang sie, dass es fast in den Augen schmerzte. Dann für einen Moment gespenstische Stille. Vom Tosen der rasenden Trommel einmal abgesehen. Aber das war nur sein Herz. Und dann war auch der Lärm wieder da, Menschen, die durcheinanderredeten und lachten, Gläser, die klirrten, im Hintergrund die gedämpfte Lounge-Musik, Stimmen, die einander zu übertrumpfen suchten. Alles aber wurde in weite Ferne gedrängt durch eine einzige glashelle, hohe Stimme, nicht laut, aber schön und vernehmlich wie eine Nachtigall.

„Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Herr Gouldens.“

Die zierliche Frau erhob sich, legte die Arme an die Seite, verbeugte sich tief. Dann lächelte sie ihn mit einem hintergründigen Strahlen an, präsentierte ihre Visitenkarte. Mie Chang und so weiter, Schauspielerin, eine Mobilnummer. Jeremy brauchte einen Moment, um aus seiner Erstarrung zu erwachen und ihr nun seine Karte zu reichen. So macht man das in Korea. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns.“ Jeremy vergaß, dass sie ja schon dort gesessen hatte und er aus ihrer Sicht nun der Neue war, der an ihrem Tisch Platz nahm. Verwirrt ließ er sich auf seinen Stuhl fallen. Ihm gegenüber hob Mie die Grünteetasse, nahm einen kleinen Schluck, lächelte ihn an. In welchem Film war er da nur gelandet?

London, Chelsea

Cathy versetzte den Computer in den Ruhemodus, nahm noch einen Schluck aus ihrem Weißweinglas, dann strich sie sich über die Augen. Sie ordnete die Papiere auf dem Schreibtisch, dabei fiel ihr die Einladung des Bankenvereins zum exklusiven Charity-Dinner im Dorchester Hotel in Mayfair in die Hände. Stimmt, da hatten sie sich schon vor ein paar Wochen angemeldet. Ihr Blick fiel auf das Datum und sie erschrak. Das war ja schon übermorgen! Ob Jeremy noch daran dachte? Eigentlich wollte er übermorgen nach Hause kommen. Aber sicher konnte man sich bei ihm nie sein. Bestimmt hatte er das Dinner völlig vergessen. Ihrem zur Muffeligkeit neigenden Göttergatten waren solche Anlässe ja eher egal bis lästig. Sie dagegen liebte Veranstaltungen wie diese: mit einer gewissen Exklusivität, mit Anspruch, edlem Geschmack und interessanten Leuten. Sie gehörten zu den wenigen Dingen, die sie aus ihrem Londoner Mauerblümchendasein zurück ins Leben der Welt rissen, Aufregung und Noblesse in ihren tristen Schnürsenkelregen-Alltag brachten. Wahrscheinlich würde Jeremy zu spät kommen, oder einfach keine Lust haben und nach der langen Reise lieber zu Hause seine Füße hochlegen und statt Champagner seinen Furunkelsalben-Whisky trinken wollen. Ungerührt vermieste er ihr auch noch die wenigen Freuden, die ihr geblieben waren. Aber das würde sie nicht mit sich machen lassen. Beim nächsten Telefonat musste sie ihn unbedingt an das Dinner im Dorchester erinnern und ihm unmissverständlich klarmachen, dass sie mit ihm dort hingehen würde. Wenigstens einmal wieder einen schönen, beschwingten Abend unter der feinen Gesellschaft Londons haben.

Und dann? Wenn das Dinner vorbei war? Wieder der öde englische Alltag? Vielleicht sollte sie wirklich nach Shanghai fliegen, wie Coco ihr vorgeschlagen hatte. Coco würde sich freuen, das wusste sie. Vielleicht könnte sie dort einmal abschalten, alles vergessen. Mit sich ins Reine kommen und über die Beziehung mit Jeremy nachdenken. Sich der Wahrheit stellen, auch wenn sie vielleicht schmerzlich war.

Sie schenkte sich nach. Und, ja, sie würde Kim Park im Krankenhaus aufsuchen. Kim, der in sie verliebt gewesen war, mit dem sie eine einzige, schöne Nacht verbracht hatte, die vielleicht doch kein Fehler gewesen war, wie sie es sich immer einzureden versucht hatte. Kim, der schließlich sein Leben für sie hingegeben hatte, sein menschliches Leben, als ihn die Kugel in seinem Hirn zu einer Art fleischlicher Pflanze gemacht hatte. Vielleicht brauchte er sie. Vielleicht fehlte ihm nur eine mitfühlende Hand, die ihm aufgelegt wurde, und er würde durch sein Koma hindurch spüren, dass da noch jemand war, dass er gebraucht wurde, dass noch nicht alles vorbei war. Sie kannte Geschichten von solchen Heilungen, und man musste kein Wundertäter sein, um so etwas zu vollbringen, denn schließlich gab es, da war sie sich sicher, verborgene psychische Prozesse, vor denen die allzu kopflastigen Mediziner und Wissenschaftler dieser Welt ihre Augen verschlossen, weil sie sie nicht begreifen und steuern konnten.

Doch das waren Träume. Oder nicht? Sie würde morgen früh aufstehen und dann weiter in diesem nassen, kalten, nebligen London mit seinen grauen Menschen mit grauen Gesichtern und grauen, verregneten Seelen auf Jeremy warten und versauern, weil er nicht kam, und sich nur Tag für Tag etwas vormachen. Aber war das denn das Leben? Glauben, es würde irgendwann, bald, anders werden? Dabei wurde sie nur von Tag zu Tag älter und faltiger.

Seufzend stand sie auf, ging ins Bad, sich nachtfertig machen, kroch dann schlotternd in ihr immer noch viel zu kaltes, viel zu großes, viel zu leeres Bett und versuchte lange vergeblich einzuschlafen.

Berlin, Potsdamer Platz

„Aber Japan hat doch aus dem Desaster von Fukushima zumindest ein wenig gelernt oder etwa nicht?“

Jeremy hörte höchstens mit halbem Ohr zu. Er fühlte sich leicht und glücklich. Die Welt um ihn herum erschien ihm immer noch unwirklich und sie schien zunehmend nur noch unwirklicher zu werden, aber das war okay so. Er genoss diese Welt. Wirklich.

Diese Stupsnase. Das feine Lächeln. So strahlende Augen.

„Somit hätte die Katastrophe letztlich doch etwas Gutes gehabt, auch wenn das vielleicht makaber klingt, nicht?“

J. D. hatte Jeremy an die reichhaltige Whiskyauswahl der Vox Bar erinnert und beschlossen, sich vom Experten eine vertiefte Einführung geben zu lassen. Dabei hatte sich allerdings herausgestellt, dass der feiste Koreaner auf diesem ihm fremden Gebiet erstaunlich schlecht geeicht war. Zunehmend war er in seinen Gesprächsbeiträgen unkonzentrierter und alberner geworden – natürlich stets ohne eine Miene zu verziehen. Und irgendwann hatte er sich einfach umgedreht und die asiatisch aussehenden Damen am Nebentisch angesprochen, die dort mit zwei europäischen Herren saßen.

„Auf alle Fälle ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass sich etwas Derartiges niemals wiederholt. Oder wie sehen Sie das?“

Es hatte sich ein Gespräch J.D.s mit den vieren am Nebentisch entwickelt und Jeremy war froh gewesen, den in diesem Zustand und an diesem Abend ohnehin lästigen J. D. los zu sein, aber bald hatten die vom Nebentisch ihre Stühle herübergezogen und sich vorgestellt: ein skandinavischer Dokumentarfilmer und ein deutscher Reporter für ein Reisemagazin, die mit den zwei Damen – wohl Vietnamesinnen – in nicht näher durchschaubaren Beziehungen standen. J. D. hatte Jeremy als renommierten Ostasienexperten vorgestellt, woraufhin beide Männer angefangen hatten, ihn mit Fragen zur aktuellen politischen Lage in Fernost zu löchern – wenn nicht gerade J. D. mit Wünschen im Hinblick auf Jeremys Whisky-Expertise dazwischenging.

„Jetzt empfehlen Sie mir doch mal so ein rauchiges Torfmonster von dieser schottischen Insel, von der Sie gesprochen haben.“

Jeremy konnte stundenlang mit Verve über politische Entwicklungen im Fernen Osten dozieren (seine Frau Cathy konnte ein Lied davon singen) und er liebte die theoretische und praktische Beschäftigung mit schottischem Whisky und inzwischen auch mit amerikanischem Bourbon, aber heute fiel es ihm in beiden Fällen schwer, sich auf die Thematik zu konzentrieren. Wollte er doch am liebsten einfach nur sitzen, schauen, zuhören und sich ungeahnt wohlfühlen.

Das schwarze Haar. Das runde Kinn. Dunkel leuchtende Augen.

Aber er musste sich zusammenreißen. „Fukushima, ja ...“, begann er. Wie war noch einmal die Frage gewesen? „Fukushima dürfte in der Tat einen Wendepunkt bedeuten, aber wohin die Wende geht und ob sie von Dauer ist, ist noch keineswegs gesagt. Vorher war die Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan praktisch inexistent gewesen, jetzt wollen knapp siebzig Prozent den Ausstieg. Trotzdem ist Japan von einem Ende der Atomenergie viel weiter weg als ihr in Deutschland. Aber da hat es ja auch erst einen Ausstiegsbeschluss und dann einen Ausstieg vom Ausstieg und schließlich den Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg gegeben. Mit einer Energiewende, die mittlerweile auch wieder rückgewendet wird, so wie ich das mitbekommen habe, so dass nun sicher bald der Ruf nach dem Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg laut werden wird.“ Jeremy war verwirrt. War er so betrunken? Nein, er referierte die nüchterne Faktenlage der deutschen Energiepolitik. „Auch in Japan hat es unter der Regierung Naoto Kan einen Ausstiegsbeschluss gegeben, den hat die Regierung Abe aber wieder zurückgenommen, sehr zur Freude der daran nicht ganz unbeteiligten Atomlobby von Tepco und Co. Die sehr wirksame Pro-Atom-Propaganda von Wirtschaft und rechter Politik kann sich immerhin auf das nicht zu leugnende Faktum berufen, dass Japan – wie natürlich auch Deutschland – kaum eigene Bodenschätze oder Energieträger wie Erdöl hat, wobei Japans Insellage das Problem noch verschärft. Da ist es schwierig, dauerhaft auf die Option Atomkraft zu verzichten. Deutschland hat immerhin die Braunkohle, und ich finde ...“

„Rauchiges Torfmonster!“ J. D. schien den Begriff zu lieben.

... finde dich umwerfend. Willst du mir allen Verstand rauben?

„Aber politisch muss der Super-GAU doch Veränderungen bewirkt haben“, meldete sich der skandinavische Dokumentarfilmer dazwischen. Jeremy wollte seinen Blick auf ihn richten, aber er konnte ihn nicht von diesen Mandelaugen abwenden, die seit einiger Zeit nur stumm im Raum schwebten und ihn anlächelten. Er wollte in diesen Augen ertrinken und alles andere vergessen. Können Augen denn lächeln? Ja, entschied er, definitiv. Und kann man in Augen ertrinken? Auch das geht. Leider nicht ohne irgendwann wieder aufzutauchen.

„Ja, wie gesagt, Fukushima hat das Problem der Rohstoffknappheit nur verschärft und daher in vielen Punkten eher zu einer Radikalisierung geführt als zu einem Umdenken. Siehe die Streitereien mit China um die Senkaku-Inseln und weitere Gebiete, wo große Rohstoffvorkommen vermutet werden. Der Rechtsruck nach der erneuten Wahl von Shinzo Abe zum Premier hat zusätzliches Öl ins Feuer gegossen. Überall wird die Uhr zurückgedreht. Und die ultranationalistischen Kreise um das offiziell zerschlagene rechte Netzwerk Waguni träumen schon von einer nuklearen Bewaffnung. Im Land von Hiroshima!“ Jeremy nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Und was das Torfmonster betrifft“, wandte er sich an J. D., „ist der zehnjährige Laphroaig wohl nach wie vor unübertroffen – jedenfalls in seiner Preisklasse.“

Den halblaut gemurmelten Zusatz hatte J. D. nicht mehr gehört, der sich bereits erhoben hatte und zur Bar gewankt war. Jeremy machte sich allmählich Sorgen, dass der heutige Abend den Rahmen seines entsprechenden Budgetpostens doch deutlich sprengen würde. Gut, Geld war bei dem Film nicht das Hauptproblem, Gao Feng mit all seinen Reichtümern war entschlossen, das Projekt zu einem Erfolg zu machen, aber Jeremy war gewissenhafter Rechner und Haushalter genug, um darauf zu achten, dass alle Ausgaben in einem verantwortbaren Rahmen blieben. Schließlich musste er Gao Feng nicht nur über die korrekte und ethisch vertretbare Anlage der Stiffungsgelder, sondern auch über die Filmausgaben Rechenschaft leisten.

Der deutsche Reisejournalist nickte. „Ich bin mal gespannt, wie das mit den Senkaku-Inseln weitergeht. Klar, wenn die Arktis weiter abtaut, sind dort noch mehr Bodenschätze und Gasvorkommen zu holen – aber das dauert noch. Und der Wettbewerb ist größer, da sind noch Russland, die USA, Kanada; selbst wir in Europa versuchen ein Stückchen vom Kuchen abzubekommen. Die Senkaku-Inseln sind für China und Japan im wahrsten Wortsinn naheliegender.“

„Allerdings hat auch China jede Menge eigene Probleme“, warf der Skandinavier eifrig ein. „Dicke Luft durch Smog, Unruhen, Korruption, soziale Spannungen, Spekulationsblasen, Rufe nach mehr Demokratie, Separatisten, blutige politische Richtungskämpfe ...“

„Nicht zu vergessen an der Brust einen unberechenbaren Vasallenstaat wie Nordkorea, der ungehemmt nukleares Know-how zum Beispiel an den Iran und wer weiß wen noch liefert“, wusste der Deutsche hinzuzufügen. „Und wahrscheinlich am liebsten die Atombombe an alle verkaufen würde, die ihm die nötigen Devisen dafür verschaffen. Deswegen testen die sie ja! Eine Art große Werbevorstellung für interessierte Terroristengruppen und Schurkenstaaten.“

„Na ja, Nordkorea, halb so wild“, ging J. D. dazwischen, der nun wieder von der Theke zurückgewankt kam. „Dieser sehr verehrte Herr hier“ – er wies mit der Hand auf Jeremy – „und meine Wenigkeit werden in Kürze da hinfliegen. Und im Herbst wollen wir das Filmfestival in Pjöngjang besuchen. Und dann führen wir die entscheidenden Gespräche, die schließlich die Wiedervereinigung Koreas und überhaupt die Befriedung Ostasiens herbeiführen werden.“ Dazu nickte er gewichtig. Jeremy wusste natürlich, dass auch J. D. wusste, dass seine Worte bestenfalls aufgeschnitten, eher aber einfach irgendein Blödsinn waren, um sich wieder ins Gespräch zu bringen und die beiden meist schweigenden Vietnamesinnen zu beeindrucken. Wenn sie nicht schwiegen, tuschelten sie. Auf Vietnamesisch. Und kicherten.

„Ach, ist ja interessant“, sagte der Dokumentarfilmer. „Da müssen Sie mir mehr erzählen. Da wollte ich nämlich auch schon immer mal hin, zu diesen Filmfestspielen. Da laufen ja auch Dokumentarfilme. Natürlich nur Systemverträgliches. Und das gemeine Volk bekommt diese Filme ohnehin nicht zu Gesicht.“

Die Bedienung kam an ihre Tische und stellte sieben Whiskygläser ab, womit Jeremys Budgetpläne endgültig ruiniert waren. Mie lächelte leise und bestellte mit halblauter Stimme noch eine Tasse Grüntee. Mit einer leichten Handbewegung verrückte sie ihr Whiskyglas um einige Zentimeter in Jeremys Richtung. Sie brauchte nichts zu sagen. Er verstand sie, als kenne er sie schon seit Ewigkeiten.

„Was meinen denn Sie als Südkoreanerin zu meinem Plan, uns in Nordkorea nach Hilfe bei der Verfilmung von Yellow Submarine umzusehen?“, wandte sich J. D. plötzlich an Mie.

Mie, die sich wie die Vietnamesinnen eher darauf beschränkte, die Herren reden zu lassen, zog kurz die fein geschwungenen Brauen zusammen, als überlege sie. Dann legte sich wieder ihr Lächeln um ihre Lippen. „Im September? Beim Filmfestival? Soll denn der Film so lange warten?“ Sie warf Jeremy einen strahlenden Blick zu.

Jeremy, so gern er sich darin sonnte, verwirrte dieser Blick mehr als alles andere. „Nein, nein, das muss ... jetzt muss er das wohl nicht mehr.“ J. D. vergaß kurz seinen Rausch und musterte Jeremy verwundert, der weiter nach Worten suchte. „Ich glaube, wir können das jetzt so schnell wie möglich angehen und ...“

„Man kann doch mit diesem steinzeitstalinistischen Terrorregime unmöglich gemeinsame Sache machen!“, meinte da der deutsche Reisejournalist zum skandinavischen Dokumentarfilmer und verfiel in seiner Erregung in seine Muttersprache.

„Ich finde ...“, begann der andere, der offenbar Deutsch recht gut verstand, auch wenn er jetzt verzweifelt nach den entsprechenden Worten klaubte, um seinen Gedanken Ausdruck zu geben.

„Das auf keinen Fall“, antwortete Jeremy ebenfalls auf Deutsch. „Aber wer sich versöhnen will, muss aufeinander zugehen.“

„Oh, Sie sprechen Deutsch!“ Jeremy wiegelte ab: „Ein wenig ...“

„Nein, Ihr Deutsch ist ziemlich gut.“

Jeremy verfiel wieder ins Englische. „Vielen Dank fürs Kompliment, aber Sie übertreiben. Meine Großmutter stammte aus Berlin, musste aber wie so viele in den Dreißigern das Land verlassen. Sie ging nach England, traf meinen Großvater und heiratete ihn. Meine Mutter hat noch perfekt Deutsch gesprochen – ich habe von ihr und Großmutter zwar viel gelernt, das meiste aber später vergessen. Erst seit ich häufig in der Schweiz bin, habe ich viel getan, um mein Deutsch aufzufrischen: Sprachkurse besucht, deutsches Fernsehen geschaut und so weiter. Allerdings habe ich immer schon ein Faible für deutsche Kultur, Literatur und Musik gehabt.“

„Echt? Hier aus Berlin stammt Ihre Großmutter?“ Der Deutsche hatte seine Nordkorea-Empörung sogleich vergessen und fand nun Jeremys Herkunft wesentlich interessanter. Derweil begannen J. D. und der Skandinavier ein Gespräch über Whisky. Mies lebendige Augen richteten sich wieder auf Jeremy. Ihm wurde warm ums Herz.

„Ja, ich habe mir vorgenommen, morgen, an meinem letzten Tag in Berlin, ein wenig Familienforschung zu betreiben und auf den Spuren meiner Großmutter zu wandeln. Sie entstammt einer Bankiersfamilie und wohnte in einer Villa auf Schwanenwerder. Wissen Sie, wo das ist? Hier habe ich die genaue Adresse: Inselstraße 40a.“

„Ja, das ist eine Reichensiedlung draußen am Wannsee.“

„Wannsee, wo damals diese Konferenz war?“

„Nun gut, Berlin ist voller Orte und Namen, die mit schrecklichen Erinnerungen beladen sind. Aber das ist eine tolle Gegend dort draußen. Sehr viel Natur. Sie werden bestimmt einen schönen Ausflug haben, vor allem wenn morgen wieder so ein strahlender Februartag ist.“

„Ja, denke ich auch“, meinte Jeremy, bemerkte, dass sein Whiskyglas leer war und griff gedankenverloren nach demjenigen Mies, das sie in seine Richtung bewegt hatte. Er suchte ihre Mandelaugen, fand sie und wollte erneut darin ertrinken. Doch plötzlich schwand ihr Lächeln und ihre Augen wurden schwarz. „Ich muss jetzt leider gehen, es ist schon spät“, sagte sie und stand auf. „Ich höre von Ihnen, ja?“

J. D. wollte ansetzen, etwas daherzuplappern, aber Jeremy kam ihm zuvor. „Sie hören mit Sicherheit von mir, Mie. Mit Sicherheit. Aber können Sie nicht doch noch ein Weilchen bleiben?“

„Das ist leider nicht möglich.“

„Sehr schade. Aber ich darf Sie vielleicht hinausbegleiten?“

Sie zuckte die Schultern. „Das ist wirklich nicht nötig.“

Jeremy war schon aufgestanden und neben ihr. Draußen leuchteten hell die Lichter des Marlene-Dietrich-Platzes. Ganz Berlin war ein einziger Film. Und Jeremy und Mie waren die Hauptpersonen, die übrige Welt nur bedeutungslose Statisten. Kalt und klar war die Nacht, und wären die Lichter Berlins nicht so hell gewesen, Jeremy hätte hinauf in die Sterne und hinter den Sternen hinaus in die Unendlichkeit sehen können, die sich mit dem gesamten Universum rings um Berlin ballte, wie um es schützend zu wärmen.

Da brach es aus Jeremy heraus. „Wie wäre es, wenn Sie morgen mitkommen würden nach Schwanenwerder? Wir machen einen Spaziergang, ich zeige Ihnen das Haus meiner Großmutter, wir kehren irgendwo ein, essen eine Kleinigkeit ...“

Sie drehte sich um, lachte ihn an. „Wollen Sie das wirklich?“

„Ja, ich will, natürlich will ich. Sagen wir am Nachmittag, nicht zu spät, fünfzehn Uhr? Draußen am Wannsee?“

„Mal sehen.“ Sie zögerte, aber es war kein unwilliges Zögern. Eher ein einladendes Zieren, so kam es Jeremy vor.

„Oder sollen wir uns vielleicht besser irgendwo in der Stadt ...“

In diesem Moment wurde Jeremy von der Seite angestupst. Ein junger Deutscher, offensichtlich stark alkoholisiert. „Mann, he! Sind Sie nicht dieser Schauspieler, dieser ...?“, fragte er auf Deutsch.

„Bitte, was soll das, was für ein Schauspieler?“, antwortete Jeremy. Er hatte Mühe, höflich zu bleiben. Eben noch war er Mittelpunkt und Hauptrolle des Universums gewesen. Jetzt wünschte er sich nur noch raus aus diesem Film.

„Na siehste, er hat ’nen amerikanischen Akzent!“, lallte ein zweiter, der zum Anstupser hinzugetreten war. „Bingo, Volltreffer!“

„Was für ein Schauspieler, fragen Sie noch? Na dieser, dieser ... dieser Schauspieler halt. Aus Hollywood eben. Der, der, wo zur Berlinale gekommen ist.“

„Nein, bitte. Ich bin Brite und bitte um Respektierung meiner Privatsphäre.“ Die betrunkenen Deutschen murmelten etwas Unverständliches und wankten von dannen.

Als sich Jeremy mit einem teils ungehaltenen, teils verlegenen Lächeln wieder umwandte, war Mie in der Nacht verschwunden.

Küsnacht bei Zürich

Der kurze Moment der erfüllenden Ekstase war schon von ihr gewichen, als sich sein schweißnasser Körper von ihr löste und zur Seite rollte. Klamm und klebrig, irgendwie schutzlos lag sie auf dem Rücken, und mit einem Mal waren auch die Sorgen wieder da, die sie eben noch himmelweit unter sich zurückgelassen geglaubt hatte.

„Musst du denn morgen früh wirklich nach London fliegen?“

Er zündete sich seine obligatorische Zigarette an. Fuhr sich durchs kurze, rötliche Haar. Lachte kurz auf. „Schatz: Wir haben doch alles durchgesprochen. Ich muss ehrlich sagen, ich bin ziemlich müde und morgen muss ich sehr früh raus und zum Flughafen.“

„Aber kann das nicht noch einen Tag warten? Jetzt, wo ich das alles zum ersten Mal ohne den Rat meines Vaters zu bewältigen habe, lässt du mich allein? Du weißt, wie überfordert ich mich fühle.“

Der schwere Herzinfarkt Beat Bodmers, der bisher die Bankgeschäfte ganz allein geleitet hatte, machte Chloe nach wie vor sehr zu schaffen. Ihr Vater schwebte zwar nicht mehr in akuter Lebensgefahr, aber er bedurfte auf strenge ärztliche Anweisung hin größter Schonung, auf seinen Beistand konnte Chloe also bis auf weiteres nicht rechnen. Umso mehr setzte sie auf Jonathan, der sich mehr und mehr zu Beats rechter Hand entwickelt hatte.

Jonathan strich ihr beruhigend durchs rote Haar. „Du schaffst das. Ich weiß das. Außerdem kannst du mich ja jederzeit anrufen.“

„Jederzeit? Du bist in letzter Zeit oft genug nicht zu erreichen. Und ich habe einfach dieses mulmige Gefühl. Nicht nur, was die Prüfung der Stiftung durch die Finanzaufsicht angeht. Sondern auch, was die Bankgeschäfte meines Vaters betrifft. Und ich habe erst angefangen, mich in die Unterlagen einzuarbeiten.“

„Es wird schon alles gutgehen, Chloe. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“ Er nahm einen tiefen Zug von seiner Benson & Hedges.

„Sollten wir Jeremy nicht in die ganze Sache einweihen?“

„Auf keinen Fall!“ Er schüttelte heftig den Kopf. „So peinlich darauf bedacht, dass die Anlagen der Bank immer mit der Stiftungssatzung übereinstimmen, wie der ist, macht er uns eine Riesenszene.“

„Ich fände es trotzdem besser, wenn wir ihm gegenüber offener sein könnten. Er weiß ja nicht mal, dass wir schon seit Monaten ein Paar sind! Ich will unsere Beziehung nicht mehr verheimlichen.“

„Musst du auch nicht. Nicht mehr lange. Sobald Beat wieder auf dem Damm ist, sollten wir es ihm sagen und dann zügig die Hochzeit vorbereiten. Aber bis dahin möchte ich alle Irritationen mit Jeremy vermeiden. Du weißt doch, wie misstrauisch Jeremy sein kann, wie er nachbohrt, wenn er merkt, dass man ihm etwas verschweigt. Mein Gott, diese Hyperkorrektheit! Und das gerade in der Gao-Feng-Stiftung! Gao selbst hat doch mit seinen chinesischen Triaden früher ganz andere Dinge gedreht und ist darüber zu Reichtum gekommen. Jetzt ist er ein alter Mann und will mit der Stiftung sein Vermächtnis weißwaschen. Als Geldwäschebeauftragte der Century Bank weißt du besser als ich, dass nicht hinter jeder Geldverwendung für löbliche Zwecke gleich böse Hintergedanken oder die dunklen Schatten der Vergangenheit stecken müssen.“

Chloe hatte bisher eigentlich nicht den Eindruck gehabt, dass Jeremy übermäßig misstrauisch war. Und die letztlich wohl nicht ganz blütenweiße Herkunft der Gao-Feng-Reichtümer war ohnehin ein alter Hut: Kaum jemand, der in China ein Milliardenvermögen aufgebaut hat, dürfte das auf restlos saubere Weise getan haben. „Die Geschäfte, die Gao irgendwann mal getätigt haben mag, haben doch nichts mit der Stiftung von heute zu tun. Und deren Satzung sieht nun mal ausschließlich Anlagen vor, die in jeder Hinsicht ethisch vertretbar sind.“

„Ach, Chloe. Das ist doch Augenwischerei von vorgestern. Die Finanzwelt ist heute so schnell und unübersichtlich, dass sich das eine Geschäft nicht vom anderen lösen lässt. Ethisch vertretbar? Was heißt das schon? Ist unsre Finanzwelt an sich ethisch vertretbar? Keine Ahnung. Ich glaube, das ist eine falsche Begrifflichkeit. Wer mit dem Getreidepreis spekuliert, macht legale Geschäfte, verdient damit sein Brot. Dass infolgedessen irgendwo auf der Welt Menschen verhungern, weil sie ihr Brot nicht mehr bezahlen können ... Das ist wahrscheinlich, aber im Einzelnen so komplex, dass es nicht nachvollziehbar ist. Es gibt immer Gewinner und Verlierer. Damit die Finanzwelt funktioniert, muss sie über Leichen gehen – auch wenn sie meist schön unsichtbar bleiben –, wer da nicht mitmacht, hat im Bankgeschäft nichts verloren. Und was wäre die Alternative? Soll das Finanzsystem zusammenbrechen? Das würde nur noch mehr Leichen geben.“

Chloe schwieg. Sie kannte Jonathans zynische Ansichten. Da schwang immer auch ein wenig Bitterkeit mit, wie von einem enttäuschten Idealisten. Doch da war noch eine Sache, die ihr auf dem Herzen lag. „Ich habe heute mit Dr. Welti telefoniert. Er meint, er sei da auf ein paar Unklarheiten gestoßen und bräuchte Erklärungen. Ich habe gesagt, er soll sich morgen mit dir in Verbindung setzen.“

„Hast du gut gemacht. Typisch junger Paragrafenreiter, dieser Welti. Selbst noch grün hinter den Ohren und will anderen besserwisserische Vorschriften machen. Der aufgeblasene Wichtigtuer kann ruhig ein paar Tage schmoren. Ich fliege morgen erst mal nach London. Das hat alles noch Zeit, wenn ich zurückkomme. Dieser eitle Schnüffler!“ Mit Verve drückte er die Kippe im Aschenbecher aus, wickelte sich in die Decke und drehte sich demonstrativ zur Wand.

„Wie du meinst, Jonathan.“ Sie wusste, dass Jonathan den jungen Rechnungsprüfer von der Revisionsgesellschaft Fiducia sogar noch weniger mochte als dessen älteren Kollegen Stirnimann. Trotzdem schien ihr mehr hinter Jonathans heftiger Reaktion zu stecken als nur persönliche Aversionen. Es war letztlich Jonathan, der über das von ihm geleitete Londoner Büro der Century Bank den größten Teil der Anlagengeschäfte der Gao-Feng-Stiftung abwickelte, besonders was die üppigen Zinserträge anging. Chloe wusste, dass er bei diesen Anlagen beträchtlichen Geschäftssinn, aber auch eine nicht ungefährliche Risikobereitschaft an den Tag legte und außerdem die strengen ethischen Vorgaben der Stiftung sehr weit auslegte. Sie, die Tochter des Eigners der Century Bank, hatte aufgrund ihrer Position im Stiftungsrat und im Anlageausschuss diese Geschäfte mitzuverantworten, was für sie immer wieder einen schwierigen Spagat zwischen dem risikofreudigen Jonathan Creed und dem reichlich skrupulösen Geschäftsführer Jeremy Gouldens bedeutete. Das alles war lange gutgegangen, doch mittlerweile waren gewisse Unregelmäßigkeiten aufgetreten, die vor dem Geschäftsführer zu verbergen ihrer Ansicht nach nicht länger zu rechtfertigen war. Über diesen Punkt hatten sich Jonathan und Chloe schon des Öfteren gestritten. Jonathan hatte sie immer wieder davon überzeugt, dass es sich dabei nur um eine vorübergehende Angelegenheit handele und dass es besser sei, keine schlafenden Hunde zu wecken. Da hatte sie die Ankündigung einer Prüfung durch die Finma, die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht, vor kurzem kalt erwischt und eine hektische Betriebsamkeit in Gang gesetzt.

Der erregte Anruf von Dr. Welti heute ließ allerdings darauf schließen, dass besagte Spürhunde schon wach waren und Witterung aufgenommen hatten. Und auch wenn Jonathan ihr immer versichert hatte, dass diese Unregelmäßigkeiten erstens nahezu unmöglich zu entdecken und zweitens zwar „kreativ“ waren, aber nicht eigentlich „illegal“, deutete seine aggressive Reaktion doch darauf hin, dass auch er sozusagen Angst hatte, gebissen zu werden.

Und noch etwas beunruhigte sie. „Ich hab sie wieder gesehen.“

„Mh?“, murmelte Jonathan, schon halb eingeschlafen. Sie hatte ihn stets um seinen seelenruhigen Schlaf in jeder Situation beneidet.

„Die dunklen Männer. Als ich heute Abend aus der Bank bin, standen sie auf der anderen Straßenseite. Und als ich vorbeikam, haben sie mich komisch angelächelt und sich alle drei gleichzeitig tief verbeugt. Irgendwelche Chinesen oder so. Die sind mir jetzt schon öfter über den Weg gelaufen. Vielleicht waren es nicht immer dieselben. Erst war es auch nur einer. Und dann waren es zwei. Aber immer dieses Lächeln und die Verbeugung. Heute hatten sie auch so einen großen Hund dabei. Der hat nicht gelächelt. Der hat die Zähne gefletscht.“

„Ostasiaten machen sich nicht viel aus Hunden. Außer gegrillt. In Korea auch als Fleischauflauf oder erfrischender Sommereintopf.“

Sie ging nicht auf ihn ein. „Als ich vorbei war, hat der Hund hinter mir angefangen zu bellen. Ganz wild, wie wenn nachts ein Wachhund anschlägt. Ich hatte Angst, sie könnten ihn auf mich loslassen.“

„Kein Wunder, dass du schlecht schläfst, wenn du schon tagsüber auf offener Straße Alpträume hast. Ihr Schweizer mit eurer Fremdenangst! Die ganze Welt soll ihr Geld zu euch bringen, aber die Menschen selbst sollen gefälligst draußen bleiben. Weißt du eigentlich, dass du deinen ganzen Millionenreichtum, deinen Platinschmuck, dieses Haus in der teuersten Wohngegend am Zürichsee, dass du all das ebenjenen chinesisch aussehenden Männern verdankst, die ihr Geld so brav zur guten Familie Bodmer in die Schweiz bringen?“

„Vielleicht ist es gerade das, was mir Angst macht.“

Jonathan antwortete nicht. Während seine Atemzüge neben ihr gleichmäßiger wurden und schließlich in leises Schnarchen übergingen, wurde der Druck in ihrer Brust immer stärker, verwandelte sich in den Drang davonzurennen. Sie wusste, was sie jetzt tun musste. Sie ging ins Bad, drehte die Brause auf. Etwa eine halbe Stunde stand sie so da, ließ das Wasser laufen und rieb sich mit Seife, Shampoo und Körperlotion ein, bis sie wieder ruhig war. Sie trug ihr Parfüm auf, zog sich ein neues Nachthemd an, schlüpfte ins Bett. Ich hätte den Bettbezug noch wechseln sollen, dachte sie bekümmert, als sie in Jonathans beruhigendes Schnarchen eintauchte, doch ich will ihn nicht wecken. Im nächsten Moment war sie vor Erschöpfung eingeschlafen.

Berlin, Weißensee

Dr. Johannes Habrecht löschte das Licht. Morgen war auch noch ein Tag. Neben ihm im Bett schnarchte seine Frau Magda in langen, vibrierenden Zügen. Habrecht hatte vor vielen Jahren aufgehört, sich an diesem Schnarchen zu stören. Jetzt, wo er begann, ein alter Mann zu werden, hatte dieses Schnarchen vielmehr etwas Beruhigendes, Konstantes, einschläfernd Vertrautes. Er mochte Routinen, mochte die Dinge, an die er sich gewöhnt hatte. Er mochte das allnächtliche, gleichmäßige Schnarchen seiner Frau.

Es war nicht immer so gewesen, dass er das Gleichbleibende so geschätzt hatte. Obwohl: Schon seine Jugend im Osten der Stadt war geradlinig verlaufen. Was nicht heißt, dass sie in allem systemkonform gewesen wäre, was auch daran lag, dass er aus einem protestantisch geprägten Elternhaus kam. Wiewohl nie SED-Mitglied, war er lange in der FDJ aktiv gewesen, und aufgrund seiner großen Begabung und weil er, vom Protestantismus abgesehen, nie negativ aufgefallen war, war es ihm gelungen, einen Studienplatz an der Humboldt-Universität zu ergattern, wo er 1987 zu einem kernphysikalischen Thema promoviert hatte. Damals hatte er es sich in seinem Leben bereits bequem eingerichtet, und es hätte von ihm aus so weitergehen können. Er war sich bewusst gewesen, dass die DDR nicht die beste aller Welten war, aber wer hätte das auch erwarten sollen? Immerhin hatte sie einen Dr. Habrecht aus ihm gemacht. Doch dann, 1988, hatte er seine spätere Frau kennengelernt. Er hatte sich verliebt, und das hatte sein Leben durcheinandergewirbelt. Schon ein Jahr später war er mit ihr und Tausenden anderen auf der Straße gestanden und hatte „Wir sind das Volk!“ skandiert. Inmitten dieser unruhigen Tage hatten sie geheiratet und sich gemeinsam beim Neuen Forum engagiert. Da war es ihm gewesen, als sei er aus einem langen Schlaf erwacht und jetzt könne er endlich etwas bewegen, verändern. Dann die Wiedervereinigung: Plötzlich hatte er sich in einer neuen Welt wiedergefunden und sich mit ihr arrangieren müssen. Natürlich hatte ihn diese Welt mehr verändert, als er sie zu verändern vermocht hatte. Er trat der CDU bei und wurde in den Nachwendejahren weit nach oben getragen.

So hatte seine Diplomatenlaufbahn begonnen, die freilich, kaum hatte er einen mittleren Posten im Außenministerium ergattert, wieder ins Stocken geraten war. Auf diesem Posten war er geblieben, bis heute. Sein wiedererstarktes Bedürfnis, Veränderungen nie allzu groß werden zu lassen, hatte seinen Karrieretrieb einschlafen lassen. Alles war anders geworden, doch bald war auch dieses andere wieder altvertraut. Selbst jetzt, nach 25 Jahren, war er sich nicht sicher, ob das Neue wirklich besser war als das Alte. Sicher war nur: Er wollte das Alte nicht zurück. Aber er wollte auch nichts neues Neues mehr. In seiner diplomatischen Funktion hatte er sich seit langem auf eine Vermittlerfunktion für Ostasien spezialisiert, und er machte seine Sache gut, wie es hieß. Er verhandelte dahin und dorthin, hatte tief im Bauch immer das unverrückbare Gefühl, dass sich im Grunde nichts änderte, war aber ganz zufrieden damit. Solange alles blieb, wie es war, würde seine Vermittlertätigkeit jedenfalls gebraucht werden.

Er wälzte sich einmal in seinem Bett herum. Jetzt würde er einschlafen können. Von Magdas Schnarchen in den Schlaf gewiegt.

Ob sein Leben umsonst war? Manchmal hatte er sich das gefragt, früher. Nein, war die Antwort. Denn ohne ihn und sein diplomatisches Geschick wäre womöglich alles schlimmer geworden. Vielleicht war es ja mit sein Verdienst, wenn alles blieb, wie es war. Und das war viel wert auf dieser chaotischen Welt. In seinem tiefsten Inneren war er überzeugt, dass das Universum so angelegt ist, dass das Chaos größer und alles immer schlimmer wird. Und dass es die menschliche Aufgabe ist es, diese Entwicklung möglichst zu bremsen. Als Physiker war er auch überzeugt, dass sich das alles zwangsläufig aus dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik herleiten ließ, der stark vereinfacht besagt, dass die Unordnung im Universum stets zunehmen muss und daran nicht zu rütteln ist. Er wollte ja auch nicht rütteln. Er wollte so gut wie möglich bewahren und das Schlimmere aufhalten.

Er dämmerte dahin und sein Schnarchen mischte sich mit dem seiner Frau zu einer seltsam harmonischen Kakophonie. Doch das beharrlich klingelnde Telefon riss ihn aus seinen beginnenden Träumen.

Er stand schlaftrunken auf und hob ab. „Ja? ... Ach, Sie sind’s ... Probleme, welche Probleme denn? ... Ach so ... Ich sage Ihnen ja, diese Koreaner wissen selbst nicht, was sie wollen ... Jaja, ich weiß, dass Sie das auch wissen. Trotzdem bin wohl ich derjenige, der mal wieder für ...“ Er hielt inne. Schließlich seufzte er. „Gut, verstehe. Ich bin mir durchaus im Klaren, wie sehr es uns wieder zurückwerfen würde, wenn sie das Treffen abblasen. Aber noch ist nichts verloren. Ja, ich werde da sein. Halb elf, chinesische Botschaft. Mal wieder für euch die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Ist gut, dafür bin ich ja da – euer treuer Johannes Habrecht. Gute Nacht gleichfalls, Herr Korff.“

Mal wieder alles richten. Damit alles blieb, wie es war. Das Chaos ein Stück auf Abstand halten. Einen Tag. Dann sehen wir weiter.

Berlin, zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor

Berlin leuchtete. Obschon viele Fenster dunkel waren, pulste hinter anderen das Leben. Um den Marlene-Dietrich-Platz feierte das Berlinale-Publikum in den Veranstaltungsstätten, den Hotels, in Kneipen und Clubs die letzte Nacht. Auch im Regierungsviertel war vielfach helles Licht, da tagte noch so manche Runde, debattierten Ausschüsse, besprachen sich Berater mit ihren ministerialen Vorgesetzten. Etwas dunkler war es in den weit über die Stadt verstreuten Botschaften von über hundert Ländern der Welt, was aber nicht hieß, dass dort nicht auch noch allerlei Aktivitäten im Gang waren. Reges nächtliches Treiben herrschte etwa in der chinesischen Botschaft, die am Märkischen Ufer wie ein gestrandetes UFO an der Spree lag. Selbst in der nordkoreanischen Botschaft in der Glinkastraße, wo normalerweise nur ein paar spärliche Lichter brannten, waren heute viele Fenster erleuchtet, als sei dort ein Fest im Gang. Und auf dem Gelände der britischen Botschaft neben dem Hotel Adlon am Brandenburger Tor waren Arbeiter damit beschäftigt, die so wichtigen Antennen auf dem Dach des Botschaftsgebäudes zu warten. Nicht nur die Freuden der Partygänger, sondern auch so manche harte Arbeit scheute in der wiedervereinten deutschen Hauptstadt offenbar das Licht des Tages.

Auch Jeremy war noch unterwegs. Nachdem er vergeblich den Umkreis des Hotels nach Mie abgesucht und erfolglos versucht hatte, sie über die Nummer auf ihrer Visitenkarte zu erreichen, hatte er sich irgendwann auf der Alten Potsdamer Straße wiedergefunden und beschlossen, nicht mehr zu J. D. in die Vox Bar zurückzukehren, sondern einen Spaziergang durchs nächtliche Berlin zu machen. Er ging unter kahlen Bäumen an den aufragenden Fassaden der zugleich posh und prollig wirkenden Gebäude des neuen Berlin entlang, bis sich vor ihm braunrot der Kollhoff-Tower in die Höhe reckte. Dann überquerte er den Potsdamer Platz und folgte der Ebertstraße. Gut fünfzehn Jahre zuvor war hier noch Niemandsland gewesen. Ein Todesstreifen für die Menschen und ein Paradies für Kaninchen. Was wohl aus den Kaninchen geworden war? Nun, jede politische Veränderung hat Gewinner und Verlierer. Doch Jeremy versuchte vergeblich, sich mit Gedanken an die wechselvolle Geschichte Berlins abzulenken. Immer wieder schweiften seine Gedanken zu den Szenen, Gesprächen, Blicken und Anblicken des Abends zurück.

Falling, yes I am falling, and she keeps calling me back again ... Was war das für ein Lied, das ihm da im Kopf herumging? Ach, natürlich, seine Lieblingsband aus Liverpool, Help!-Album. I’ve just seen a face, I can’t forget the time or place, where we just met ...

Er folgte der nächsten Straße nach rechts. Vor der unspektakulären Kulisse mehrstöckiger rotgrauer Wohngebäude informierte eine Tafel über „Mythos und Geschichtszeugnis Führerbunker“. Auf der Freifläche über dem Ort, wo sich der Diktator erschossen hatte, parkten jetzt Autos. Die Geschichte geht weiter. Jeremy bog ab, erreichte ein dunkles Feld aus unzähligen Betonquadern. Sein Smartphone klingelte. War sie das? Er warf einen Blick aufs Display. J. D. Ach so. Er drückte ihn weg, ging weiter. Unvermittelt war er tief zwischen die düsteren Stelen geraten, die ihn wie ein Labyrinth verschlucken wollten. Aber das wahre Labyrinth war in seinem Kopf. Falling, yes I am falling ...

Natürlich liebte er Cathy. Sie wollten zusammen glücklich werden, Kinder haben. Nur dass ihnen beides in ihren kurzen Ehejahren nicht gelungen war. Jeremy war kein Katholik, der an die Unauflöslichkeit der Ehe glaubte. Aber er war ein aufrechter Brite mit Prinzipien. Er glaubte an die Treue und Zugehörigkeit zweier verheirateter Menschen als eine ethische Verpflichtung, auch dann, wenn das schwer zu fassende Etwas, das man „Liebe“ nennt, zwischen ihnen vielleicht erloschen war. Zumindest was den hormonellen Glücksrausch anbelangte. Aber heute Abend hatte Mie etwas in ihm wiedererweckt, was er, unbemerkt, lange vergessen hatte, und jetzt wurde ihm bewusst, wie unendlich es ihm doch gefehlt hatte. Ein Gefühl, das er seit den ersten Tagen der rasenden Verliebtheit in Cathy nicht mehr verspürt hatte. Oder etwa nicht? Jeremy, sei ehrlich: Du hast es auch in den ersten Tagen der Verliebtheit in Cathy nicht gespürt. Deine Verliebtheit ist nie eine rasende gewesen. Nicht die in Cathy.

Ein Gefühl also, das er seit den ersten Tagen der rasenden Verliebtheit in Yukiko nicht mehr verspürt hatte. Yukiko, seine große Liebe, damals in Japan, die er verloren hatte, weil die Schatten der dunklen Vergangenheit sich zwischen sie drängten. Als sie vor wenigen Jahren wieder mit ihm Kontakt aufgenommen hatte, war es zu spät gewesen. Und jetzt war sie tot, ohne dass sie sich noch einmal begegnet wären.

Ja, das war das Gefühl, das ihn heute Abend erst in Rausch und Euphorie versetzt hatte und ihn jetzt noch zugleich mit Glück und einem Empfinden von schmerzlich nagender Leere erfüllte, das so intensiv war, dass er, so angetrunken er sein mochte, unmöglich an Schlaf denken konnte, sondern ziellos weiter durch das nächtliche Berlin streifen musste, bis in dieses stelenbesetzte Herz der Finsternis hinein. Ein Gefühl wie damals bei Yukiko. Konnte es sein, dass er Cathy nie richtig geliebt hatte? Dass er sich das nur vorgemacht hatte, um sich aus dem Schatten der Vergangenheit zu befreien? Dass Yukiko bisher die einzige wahre Liebe seines Lebens gewesen war? Und jetzt war dieser schwarze Schatten wiederauferstanden, bedrängend, bedrohlich und so süß und verführerisch. Es war fast unheimlich, wie sehr ihn Mie an Yukiko erinnerte. Streich das „Fast“. Es war unheimlich.

Der gleiche zierliche Körperbau, auch wenn Mie etwas kräftiger war, die gleichen großen, dunkel strahlenden Mandelaugen, das gleiche offen getragene schwarze Haar. Die kleine Bewegung der Hand, wenn sie ihr glänzendes Haar zurückstrich; die Art, wie sie lachte, die immer seltsam verschämt wirkte; die Art, wie sie sich kleidete. Das zurückhaltende, stets gefasste Wesen. Selbst solche Kleinigkeiten wie die Tatsache, dass Mie den ganzen Abend über nur grünen Tee zu sich genommen hatte. Yukiko hatte niemals Alkohol angerührt – auch nie geraucht hatte sie – und am liebsten Matcha getrunken, schaumig geschlagenen japanischen Pulver-Grüntee. Fast als wäre Mie eine verschollene jüngere Schwester Yukikos. Aber das konnte nicht sein.

Yukiko war damals, als er sie verloren hatte, Anfang zwanzig gewesen. Jetzt wäre sie Mitte bis Ende vierzig. Mie war eindeutig älter als Yukiko damals und jünger als sie jetzt gewesen wäre. Sehr exakte Aussage, Jeremy! Eine Spanne von 25 Jahren! Geht das nicht etwas genauer? Aber Jeremy, der Mie den ganzen Abend über angestarrt hatte, stellte fest, dass er sich schwertat, ihr Alter einzugrenzen. Sicher war sie unter vierzig. Aber wie so manche fernöstliche Frau wirkte sie seltsam alterslos. Sie hätte Mitte zwanzig und Ende dreißig sein können, und beides hätte Jeremy nicht überrascht.

Das Alter war also ein Unterschied. Gab es noch andere? Sicher. Yukiko war Japanerin gewesen und Mie war Koreanerin, auch wenn man es ihr nicht ansah – vielleicht hatte sie, wie viele Koreaner, auch japanisches Blut in den Adern. Die andere Kultur musste natürlich gewisse Unterschiede mit sich bringen, wenngleich Jeremy in dieser Richtung nicht das Geringste aufgefallen war. Yukiko war stets fröhlich, aufgeweckt und wissbegierig gewesen, jedenfalls am Anfang, bevor sich die Wolke über ihre Beziehung gelegt hatte. Mie dagegen schien, auch wenn sie lächelte, eine rätselhafte Schwermut zu umgeben. Sie hatte heute Abend nicht viele Fragen gestellt, fast als würde sie, auf unerklärliche Weise, längst alles wissen. Vielleicht war das eine Folge des Altersunterschieds: die Abgeklärtheit eines Lebens, das viel erlebt und erlitten hatte. Vielleicht war Yukiko zuletzt ebenfalls so geworden, da waren so viele Rätsel, die ihre letzten Jahre umhüllten. Die Rätselhaftigkeit des Wesens war also auch eine Gemeinsamkeit der beiden Frauen? Ja und nein. Yukiko war auf andere Art rätselhaft gewesen, und vieles davon hatte er schließlich verstanden, die Gründe ausgelotet, wenn sich ihm auch längst nicht alles erschlossen hatte. Das Rätsel Mie jedoch – er wusste nicht, woher der Gedanke kam, empfand ihn aber sofort als zwingend – schien ihm prinzipiell unverständlich. Er kannte sie kaum zwei Stunden und war bereits restlos davon überzeugt. Als bezöge sie all ihre Lebenskraft aus diesem Rätsel und würde sich mit der Lösung ihres Rätsels förmlich selbst auflösen. Vielleicht war es das, was sie auch etwas unheimlich machte, so dass sie Jeremy, bei allem Gefühl des Hingezogenseins, ein wenig Angst machte. Vor Yukiko hatte er nie Angst gehabt.

Natürlich waren da, was die Unterschiede anbelangte, auch so äußerliche Punkte wie die Tatsache, dass Yukiko Jura studiert hatte, während Mie eine bisher wohl eher erfolglose Schauspielerin war – was im Grunde alles war, was er über sie wusste. Jeremy fiel auf, dass sie letztlich nicht viel miteinander gesprochen hatten, und das meiste war mehr oder weniger belanglos gewesen. Doch das war nicht wichtig. Die Anwesenheit war wichtig, die Aura, die Nähe, das rätselhafte Gefühl von Einverständnis. Jeremy hatte ihr allerlei Fragen gestellt, über sich, ihre Arbeit, ihr Leben. Gespannt hatte er ihren Antworten gelauscht oder vielmehr dem Klang dieser Stimme, und jetzt wurde ihm bewusst, wie wenig vom Inhalt der Antworten bei ihm hängengeblieben war. Natürlich würde sie die Filmrolle bekommen, ob sie nun große Erfahrung vorweisen konnte oder nicht; sie war unbedingt die ideale Besetzung, das hatte er auf den ersten Blick gesehen. Aber selbst das war in diesem Moment nicht das Wichtigste: Das Wichtigste war, wie es mit ihnen jetzt weitergehen sollte. Konnte es denn überhaupt weitergehen? Nein. Aber es musste.

Nachdem ihn sein Weg immer tiefer in das leicht abschüssige Rund zwischen den gespenstischen Betonblöcken hinabgeführt hatte und er mehrmals abgebogen war und darüber die Orientierung verloren hatte, stellte er nun fest, dass das Labyrinth, in dem er sich befand, kein wirkliches Labyrinth war. Es gab keine Sackgassen, keine verwinkelten Gänge mit Abzweigungen, es gab nur dieses große Feld aus rechteckigen Blöcken, und er musste nur stur durch schwarze Nacht geradeausgehen, egal in welche Richtung, um wieder hinauszugelangen.

Mach das, Jeremy: Geh stur geradeaus. Die Stelen wurden niedriger, und er gelangte an das Licht einer Straße.

Natürlich: Nicht Mie selbst war unheimlich. Nicht einmal ihre Ähnlichkeit mit Yukiko war es; es gab so viele Asiatinnen, die einander ähnlich waren, jedenfalls für seine europäischen Augen. Das Unheimliche war vielmehr, was aus dieser Ähnlichkeit folgte. Jeremy hatte Angst, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er hatte Angst, dass sich alte Abgründe wieder öffneten und ihn verschlangen. Angst, sich zu verlieben und in einen Strudel gerissen zu werden, aus dem er sich nicht mehr befreien konnte. Angst, alles zu verlieren, was er sich mit Cathy aufgebaut hatte. Angst vor einer Wiederholung seiner Lebensgeschichte, nur mit anderen Vorzeichen.

Wie war es noch, dieses Marx-Zitat von der Wiederholung der Geschichte als Farce? Hobbyphilosoph Jeremy kramte in seinem Gedächtnis und ihm fiel der Zusammenhang wieder ein. Marx bezog sich da auf ein Zitat seines Lehrmeisters Hegel, das besagte, dass „alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen“. „Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“, habe er vergessen hinzuzufügen, so Marx. Und Marx hatte vergessen, so Gouldens, dass jede Farce auch eine Tragödie sein kann, je nach Blickwinkel, je nachdem, wo man persönlich steht. Jeremy hatte Angst vor der Tragödie, hatte Angst vor der Farce.

Vor ihm eröffnete sich der Blick auf das gelb beleuchtete Brandenburger Tor. Hier hatte sich einst die Berliner Mauer erhoben. Jeremy erinnerte sich an seinen ersten Westberlin-Besuch Mitte der achtziger Jahre. Er könnte dieses Tor, das so lange ein Symbol der geteilten Stadt gewesen war, jetzt durchschreiten und unter den Linden nach Osten gehen. Aber Jeremy entschied, dass er am Endpunkt seiner nächtlichen Wanderung angelangt war. Oben auf dem Tor hell bestrahlt die Quadriga: Eine geflügelte Frau, die Friedensbotin, lenkt ihren Wagen, von vier Pferden bespannt, auf die Fahrt ins Ungewisse.

Jeremy verspürte den Impuls, Cathy anzurufen, jetzt, mitten in der Nacht. Doch sicher schlief sie, und sie war nie gut gelaunt, wenn er sie weckte. Aber vielleicht konnte er schon morgen zurückfliegen, nicht erst übermorgen, und sie überraschen. Ihrer Ehe Frieden und Versöhnung bringen. Ja, morgen, gleich nach Schwanenwerder, würde er sich bemühen, noch einen Flug zu ergattern. Oder, das war wohl realistischer, zumindest früh am Morgen darauf. Und Mie dann schleunigst vergessen. Jedenfalls diese Mie und alles, was sie in ihm auslöste. Sie war nur ein Traum gewesen. Ein wiedererwachter Traum aus der Vergangenheit, in dem man nächtlich trunken schwelgt, über den man tags indes nur den Kopf schütteln kann.

Aber die Rolle sollte sie bekommen. Klar. Das war eine Sache der Kunst, nicht der persönlichen Gefühle. Interesseloses Wohlgefallen.

Auf einmal tat ihm Cathy leid. Er ließ sie zu viel allein. Wo sie doch eine schwere Zeit durchmachte. Erst vor wenigen Wochen hatte sie wieder eine Fehlgeburt gehabt. Dabei hatten sie sich doch alle Mühe gegeben. Nein, er würde nicht so schnell aufgeben. Liebe war nicht nur ein Gefühl, sondern eine Verantwortung, Verpflichtung.

Entschlossen richtete er seine Schritte zurück, hin zum Hotel.

Aber wie rätselhaft schön die schwarze Mie gelächelt hatte. Und so gern wäre er darin versunken. In ihrem Lächeln, ihren Mandelaugen.

Er winkte einem Taxi. Nichts wie zurück ins Hotel.

Küsnacht

Als Chloe Bodmer am Morgen aufwachte, war das Bett neben ihr leer. Jonathan war in aller Frühe aufgebrochen und hatte sie, von einem nicht allzu wohlriechenden Abschiedskuss abgesehen, schlafen lassen, und das war auch gut so. Chloe, tendenziell eher ein Nachtmensch, neigte zu Migräne, wenn sie vor acht Uhr geweckt wurde.

Sie schlüpfte in ihre Pantoffeln und stellte sich erst einmal ausgiebig unter die Dusche. Dann ging sie nach unten, um Kaffee zu kochen. Als sie die Zeitung aus dem Rohr zog, fiel ein Kuvert heraus, wie sie, mit Werbung gefüllt, des Öfteren Zeitungen beiliegen. Als sie es aufhob, bemerkte sie, dass es mit drei großen roten Ausrufezeichen versehen war, per Hand mit dickem Edding aufgetragen. Neugierig geworden, griff sie hinein und zog ein Blatt der Berner Zeitung hervor. Ein Artikel war rot umrandet. Er trug die Überschrift: „Bestialischer Mord im Oberland. Marcus B. von Hunden zerrissen?“ Sie erinnerte sich an einen kurzen Bericht in den Nachrichten gestern. Da war allerdings kein Name gefallen. Mit stockendem Herzen las sie weiter.

Grindelwald. Eine schreckliche Entdeckung machte die Polizei gestern in einem Chalet bei Grindelwald. Als sie, auf einen anonymen Hinweis hin, ein abgelegenes Haus an der Oberen Gletscherstrasse inspizierten, stiessen die Polizisten auf die stark verstümmelte Leiche des Berner Unternehmers Marcus B. (31). Die Leiche, die offensichtlich schon seit einigen Tagen dort gelegen hatte, wies zahlreiche Bisswunden am ganzen Körper auf, der rechte Unterarm und ein Teil des rechten Fusses fehlten. Ersten gerichtsmedizinischen Untersuchungen gemäss wurden die Bisswunden von mindestens zwei grösseren Hunden zugefügt. Noch ist unklar, ob sie auch die Todesursache darstellen. Striemen am Hals deuten darauf hin, dass Marcus B. auch gewürgt wurde – mutmasslich waren mindestens zwei Täter an der Gräueltat beteiligt. Noch ist das Tatmotiv völlig unklar. Obwohl auch Wertgegenstände aus dem Haus verschwanden, geht die Polizei nicht von einem Raubmord aus. Die Umstände lassen eher auf einen Rachemord oder eine rituelle Tötung schliessen. Der alleinstehende Berner Unternehmer war zum Skifahren nach Grindelwald gefahren. Bekannte beschreiben ihn als freundlich, aber verschlossen. Über persönliche Feinde oder mögliche mafiöse Kontakte seiner Firma ist nichts bekannt. Denkbar ist allerdings eine Verbindung ins Rotlichtmilieu – Marcus B.s Firma „Princesse bizarre“ handelte mit Intimschmuck und erotischen Accessoires und er soll seine Waren auch direkt in einschlägigen Kreisen vertrieben haben. Die Ermittlungen dauern an.

Marcus B.? 31 Jahre alt? Sie kannte einen Marcus, der so alt war, ein ehemaliger Mitschüler: Marcus Berghof. Chloe setzte sich an den Computer, gab im Suchfenster „Marcus“ und „Princesse bizarre“ ein. Etwa siebzig Funde. In den Meldungen zur Gräueltat war der Nachname immer mit „B.“ abgekürzt, aber die Seiten zur Firma ließen keinen Zweifel: Marcus B. war Marcus Berghof.

Und der hatte mit Intimschmuck gehandelt? Marcus? Dabei war er immer so ein biederes Bübchen gewesen! So geschockt sie auch war zu erfahren, dass er auf eine derart bestialische Weise zu Tode gekommen sein sollte – dass er in so ein Schmuddelgeschäft eingestiegen war, fand sie fast genauso unglaublich, ja, anständige Bankierstochter, die sie war, geradezu empörend. (Dass auch sie, als angesehene Bankierin, ihre Piercings natürlich nur an Stellen tragen konnte, wo sie im normalen Kundenverkehr nicht auffielen, stand für sie auf einem ganz anderen Blatt; Privatsache ist eben Privatsache.)

Marcus – wie lange hatte sie ihn nicht mehr gesehen? Womöglich schon seit der Matura nicht mehr. Kaum zu glauben, dass sie mal mit dem „gegangen“ war, wie man seinerzeit gesagt hatte. Mein Gott, die Geburtstagsfete bei ihm, Mirjam und sie die einzigen Mädchen, mit Apfelkorn und Flaschendrehen. Wie gut, dass es da noch kein Facebook gegeben hat! Damals, mit fünfzehn, hatte er immer nach Amerika auswandern und Profi-Basketballspieler werden wollen. Was hatte er sie damit genervt! Aber daraus war nichts geworden. Und jetzt handelte er also mit Intimschmuck? Nein. Jetzt war er tot. Aber warum sollte den jemand ermorden? Wie war das nochmal? Von Hunden zerrissen? Was für eine Todesart war das denn? Und, Frage der Fragen, wer hatte ihr das Kuvert in den Briefkasten gesteckt?

Plötzlich lief es ihr kalt über den Rücken. Sie musste an die drei Asiaten gestern denken, mit ihrem wütend kläffenden Hund. Was hatte das alles zu bedeuten? Ihre Haut begann zu jucken, und sie fühlte sich irgendwie schmutzig. Sie musste ins Bad.

Berlin, Weißensee

Johannes Habrecht blickte, den Rasierer in der Hand, aus dem Badezimmerfenster seiner Wohnung in der Indira-Gandhi-Straße an der Grenze der Stadtteile Weißensee und Alt-Hohenschönhausen. Jetzt, wo die Bäume unbelaubt waren, konnte er direkt auf den gegenüberliegenden Auferstehungs-Friedhof schauen. Der Tag versprach, zwar frostig, aber schön zu werden. Habrecht beschloss, die rund sieben Kilometer zur chinesischen Botschaft mit dem Fahrrad zu fahren. Straßen und Radwege waren seit einigen Tagen schneefrei und gestreut, und beim Fahrradfahren konnte er am besten nachdenken.

Seine Frau saß bereits am Frühstückstisch. Wie jeden Morgen trank er zwei Tassen Kaffee mit Milch und Zucker, dazu gab es ein perfekt weichgekochtes Frühstücksei. Es folgten ein Brötchen mit Aufschnitt und eine Schale Müsli mit Kleie – für die Verdauung. Er konnte sich heute Zeit lassen, er musste erst um 10.30 Uhr an der Botschaft sein.

Bei Tisch erfuhr er von seiner Frau, dass heute überraschend Katharina, die jüngste ihrer drei Töchter, zum Abendessen kommen würde. Während die älteste nach einem abgebrochenen Theologiestudium auf Psychologie umgesattelt hatte und nun in einem Heim für suchtanfällige Jugendliche bei Basel arbeitete und die mittlere, das Sorgenkind, momentan in einem Aschram im südindischen Coimbatore nach sich selbst suchte, war die jüngste, Katharina, in seine naturwissenschaftlichen Fußstapfen getreten und studierte Chemie in Heidelberg. Waren dort schon Semesterferien? Er hatte sie jedenfalls seit Weihnachten nicht mehr gesehen und freute sich sehr auf die Wiederbegegnung.

Nachdem ihm Magda noch die obligatorische Wurststulle für zwischendurch geschmiert hatte und sie sich den gleichfalls obligatorischen, mehr formellen als zärtlichen Abschiedskuss gegeben hatten, setzte er sich seine russische Uschanka-Pelzmütze auf, schlüpfte in Jacke und Handschuhe, stieg die vier Stockwerke nach unten und schwang sich aufs Fahrrad. In eher gemächlichem Tempo fuhr er den Radweg an der Indira-Gandhi-Straße Richtung Süden, passierte den jüdischen Friedhof Weißensee rechts und die Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei links und dachte über die vor ihm liegenden Herausforderungen nach.

Auch wenn der Himmel über Berlin heute strahlend blau war, so zogen weit im Osten doch düstere Wolken auf. Ganz in der Tradition von Papa und Großpapa hatte der junge nordkoreanische Diktator Kim Jong Un den starken Mann markiert, mächtig auf den Tisch gehauen und dabei viel wertvolles Porzellan zerschlagen. Habrecht erinnerte das an einen gekränkten Jungen, der sich von seinen Eltern vernachlässigt fühlt und daher irgendetwas Schlimmes anstellt, um die in seinen Augen eigentlich schuldigen Eltern zu bestrafen und ihnen die Augen zu öffnen. Und der junge Kim hatte allen Grund, sich vor seinem Volk und der Welt zu beweisen und durch eine außenpolitische Provokation von der inneren Misere im Land abzulenken.

Also hatte Kim neue Atomwaffentests durchgeführt, den Waffenstillstandsvertrag gekündigt, der 1953 den drei Jahre zuvor vom Norden begonnenen Koreakrieg beendet hatte, den Atomreaktor Yongbyon wieder hochgefahren, die der wirtschaftlichen Annäherung dienende Sonderwirtschaftszone Kaesong zeitweise geschlossen und gleich noch nicht nur mit Bomben, sondern mit der Bombe gedroht. Ein atomarer Angriff auf die Vereinigten Staaten sei „endgültig genehmigt“ worden, hieß es vonseiten der Volksarmee. Und Seoul würde sich ohnehin „in ein Flammenmeer verwandeln“.

Habrecht bog nach rechts in die Hohenschönhauser Straße ab, fuhr am Volkspark Prenzlauer Berg vorbei und erreichte über die Oderbruchstraße die Landsberger Allee. Rechts und links der sechsspurigen Durchgangsstraße mit Radweg kahle Bäume und etwas heruntergekommene Plattenbauten, in denen zu leben einst, als die Straße noch Leninallee hieß, ein großes Privileg gewesen war.

Habrecht wusste mittlerweile, dass mit einem Erstschlag zu drohen im Grunde nur die nordkoreanische Art war zu sagen: „Kommt, Jungs, lasst uns mal miteinander reden.“ Es gibt Menschen, die Probleme haben, den ersten Schritt zu tun, wenn sie auf andere zugehen wollen, und daher zunächst aggressiv auftreten. Und dass Staaten in ihrem Agieren oft die gleichen irrationalen Verhaltenszüge an den Tag legen wie kleine Kinder, darüber machte sich Habrecht längst keine Illusionen mehr. Trotzdem war er sich auch im Klaren, wie viel nüchternes Kalkül hinter dem riskanten Drohgebaren steckte – das bei aller marktschreierischer Rhetorik stets ernst genommen werden wollte. Also folgte die unweigerliche Eskalationsspirale, und die Welt schaute gebannt zu, wie weit an den Rand des Abgrunds sich die Seiten wohl diesmal wagen würden. Und vom Blick in den Abgrund war der Schritt in den Abgrund niemals weit. Die lächerliche Farce konnte sich unversehens doch in eine furchtbare Tragödie wandeln.

Wenn man nachts in Berlin an der U-Bahn von irgendeinem Durchgeknallten mit dem Messer bedroht wird, weil man ihn angeblich angerempelt oder ihn einfach nur falsch angeschaut hat, tut man meist recht, nicht in Kohlhaas-Manier die Stellung zu halten, sondern man wiegelt ab, entschuldigt sich womöglich, tritt zur Seite. Genauso wenig hatten die USA oder Südkorea Lust, sich aus irgendeinem uneinsichtigen Grund vom Babydiktator im Norden mit Bomben bewerfen zu lassen. Also begütigt man, macht Angebote, schlägt Gespräche vor. So, wie jetzt wieder. Und wenn die Angebote verlockend genug geworden sind, wechselt das Rumpelstilzchen in Pjöngjang von wütend auf schmollend und freut sich, sein „Recht“ durchgesetzt zu haben. Nun sei aber die andere Seite in der Bringschuld. 1994, als die Welt wieder einmal kurz vor einem neuen Koreakrieg stand, hatte das Ganze für Papa Kim Jong Il schon mal funktioniert und sich für den Norden im Nachhinein als recht lukrativ erwiesen. Warum sollte dieser Coup nicht noch einmal klappen? Mit nur wenig bösem Willen könnte man die Sache schlicht „Erpressung“ nennen.

Um dergleichen ging es also mal wieder, morgen bei dem Treffen in der Borsig-Villa draußen in Tegel. Das war Diplomatie. Hier kannte sich Habrecht aus. Ein Treffen zur Vorbereitung eines Treffens in Pjöngjang, das wiederum die Wiederaufnahme der Treffen im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche einleiten sollte – jener der gegenseitigen Annäherung dienenden Konsultationen über das nordkoreanische Atomwaffenprogramm, die seit 2003 zwischen den beiden Koreas, China, Japan sowie Russland und den USA geführt worden waren, bis Nordkorea sie 2009 abgebrochen hatte.

Er passierte die rotbraunen Backsteinmauern und schweigenden Tannen des altehrwürdigen Georgen-Parochial-Friedhofs von Friedrichshain. Hier befand sich das Familiengrab der Habrechts, in dem auch Johannes eines Tages seine letzte Ruhe finden würde.

Aber noch gab es viel zu tun. Zum Beispiel heute. In letzter Minute waren, wie er gestern spätabends von Korff erfahren hatte, aufseiten der nordkoreanischen Delegation noch allerlei Irritationen entstanden, die ausgeräumt werden mussten, sonst drohte der morgige Termin zu platzen und damit die ganze Kette möglicher Kontakte schon zu Beginn abzureißen. Da war Habrecht gefragt, der Spezialist für die delikaten Fälle. Deshalb das heute noch schnell eingeschobene Treffen in der chinesischen Botschaft zur Vorbereitung der Gespräche morgen, die dann ihrerseits vorbereitend zur weiteren Sondierung ... und so weiter. Den Nordkoreanern passte etwas am Protokoll für die in der Borsig-Villa geplanten Unterredungen nicht und China hatte sich als sozusagen „neutraler“ Vermittler erboten, diese Irritationen bei einem Treffen am Rande der heutigen Konferenz zum Thema der ostasiatischen Wirtschaftsbeziehungen in seiner Botschaft auszuräumen. So verwickelt wurde es also schon im ersten Vorfeld, wenn die Hälfte der Partner für die anzustrebenden Sechs-Parteien-Gespräche (Russland, Japan, Südkorea) noch gar nicht beteiligt war. Weiter verkompliziert wurde die Sache dadurch, dass „offiziell“ auch China und die USA nichts mit den Borsig-Gesprächen zu tun hatten: Blieb also nur ein seltsames nordkoreanisches Selbstgespräch in Deutschland.

Offiziell war die nordkoreanische Delegation heute lediglich bei der Konferenz über „Chancen und Risiken grenzüberschreitender Wirtschaftsbeziehungen in Ostasien“ in der chinesischen Botschaft zu Gast. Morgen besuchte sie dann die Tagung „East meets West“ in der Akademie Auswärtiger Dienst, in deren Zusammenhang auch deutschnordkoreanische Gespräche über ein Kulturaustauschprogramm stattfinden sollten, die auf eine Wiedereröffnung des 2009 geschlossenen Goethe-Informationszentrums in Pjöngjang abzielten. Die USA dagegen unterhielten nach wie vor keine diplomatischen Beziehungen zu Nordkorea, mit dem sie offiziell noch im Kriegszustand waren, und somit fanden auch keine diplomatischen Treffen statt – es sei denn im abgesteckten Rahmen des multilateralen Sechs-Parteien-Dialogs. Die morgen im Anschluss an die „East meets West“-Gespräche geplante Begegnung zwischen hochrangigen ehemaligen US-Diplomaten und der nordkoreanischen Delegation in der neben den Gebäuden der Akademie Auswärtiger Dienst befindlichen Borsig-Villa hatte also eher privaten Charakter. Deutschland, als sozusagen siebte Partei, trat bei alledem nur als Vermittler in Erscheinung. Das war alles sehr verwickelt, aber das war Habrecht als altgedienter Fernost-Diplomat gewohnt. War er doch einerseits erfahren genug und andererseits seine Position hinreichend unbedeutend, um ihn zu einem idealen Akteur im Rahmen der sogenannten Track-II-Diplomatie zu machen: jener formal inoffiziellen Expertenkontakte zwischen verfeindeten Staaten, wenn das „erste Gleis“ der Gespräche auf Regierungsebene blockiert ist, wie zwischen den USA und Nordkorea der Fall. Immer wieder waren es da die Deutschen gewesen, die in diesem schwierigen Konflikt die Vermittlerrolle übernahmen. Anders als die USA hatten sie eine Botschaft in Pjöngjang. Und aufgrund ihrer einzigartigen Geschichte auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs verfügten sie über Kanäle, die anderen Ländern verschlossen waren. Die Deutschen hatten vierzig Jahre in einem geteilten Land gelebt – die Koreaner taten es heute noch. Nach der Wiedervereinigung war das politische Berlin in die Fußstapfen beider deutscher Staaten getreten und hatte bis zu einem gewissen Grad auch deren jeweils spezielle Beziehungen zu dem einen oder dem anderen Korea übernommen. Und so war Deutschland (und für Deutschland Dr. Johann Habrecht) als Vermittler geradezu prädestiniert, wenn es Irritationen auszuräumen galt.

Irritationen. Der ganze Prozess der Konfliktvermittlung in Ostasien war von Irritationen begleitet. China im Konflikt mit Japan. Taiwan im Konflikt mit China. Chinas belastete Beziehung zu Nordkorea als „großer Bruder“ und letzter Verbündeter, der aber die Eskapaden des kleinen Bengels mit zunehmendem Unwillen verfolgte. Die problematischen Beziehungen Japans zu beiden Koreas. Die verfahrene Situation der Koreas untereinander. Die Rolle der USA als Schutzmacht Japans, Taiwans und Südkoreas, die aber immer mehr an Boden verlor, während China und Russland ihren Einfluss ausweiteten.

Die Koreafrage stand gleichsam im Brennpunkt all dieser fernöstlichen Konflikte, und Habrecht wusste, dass sich daran so schnell nichts ändern würde. Denn so sehr sich die Lust auf einen echten militärischen Konflikt auf allen Seiten in Grenzen hielt – die Betonköpfe, die es überall gab, einmal ausgenommen –, war doch an einer echten Lösung ebenso kaum einem gelegen. China, das seine Einflusszone nicht verlieren wollte, konnte an einer Wiedervereinigung wenig Interesse haben, den unwahrscheinlichen Fall vielleicht ausgenommen, dass diese unter „kommunistischen“ Vorzeichen geschah. Japan hätte ein wiedererstarktes vereintes Korea nur zu fürchten. Südkorea, nach siebzig Jahren der getrennten Wege plötzlich von Millionen hungernder, fremd gewordener Brüder aus dem Norden überrannt, stünde vor Belastungen, denen gegenüber die Billionenkosten der deutschen Wiedervereinigung Peanuts wären – das Wirtschaftsgefälle zwischen den Koreas war jetzt viermal größer als damals zwischen den Deutschlands. Im Fall eines Zusammenbruchs des Kim-Regimes würde die vom Süden zum Norden hin errichtete Mauer das Land nicht mehr vor Panzern schützen müssen, sondern vor anbrandenden Flüchtlingswellen. Und der Norden selbst? Auch wenn das Volk hungerte, lag doch die Macht in den Händen einer korrupten Nomenklatura, die im Luxus schwelgte – sollte sie ihre Privilegien durch eine Reise ins Ungewisse gefährden? Schon jedes bisschen Öffnung des Landes musste zudem enthüllen, wie sehr das Regime sein Volk über Jahrzehnte belogen hatte, und das könnte rasch sein Todesurteil sein.

Dennoch, so monolithisch die nordkoreanische Staatsführung auf den ersten Blick wirken mochte, Habrecht wusste, dass es spätestens seit der Machtübernahme des jungen Kim mächtig im Gebälk knirschte. Hinter den Kulissen tobte ein mit harten Bandagen geführter Machtkampf, der Ende 2013 aller Welt offenbar geworden war, als Kim sogar seinen mächtigen Mentor, den eigenen Onkel Jang Song Thaek, hatte hinrichten lassen. Wohin wollte der unberechenbare junge Diktator? Und: Wer würde sich letztlich durchsetzen können?

Fragen, über die Johannes Habrecht nur spekulieren konnte. Wichtig war, dass sich diese Risse und Brüche von oben nach unten durch das gesamte Machtgebäude des Landes zogen und dass die damit verbundenen Unwägbarkeiten die Verantwortungsträger aller Etagen einerseits hektisch und zappelig machten, sie andererseits aber geradezu lähmten. Offenbar hatte niemand einen Plan, wohin die Reise gehen sollte, und so hatte jeder höchst berechtigte Angst vor jedem, wollte sich nicht zu weit vorwagen. Ein ganzes Land war dabei, in einen spannungsgeladenen Stillstand zu verfallen. Die Ruhe vor dem Sturm?

Am Platz der Vereinten Nationen bog Habrecht nach links in die Lichtenberger Straße ab. Jetzt war es nicht mehr weit.

Das alles waren schwierige Voraussetzungen für die heutigen Vermittlungsgespräche. Da musste Habrecht ran. Eigentlich hätte statt seiner Diethard Schischkoff, MdB, von der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe teilnehmen sollen, aber dem waren, wie Habrecht spätabends von Walter Korff erfahren hatte, andere Verpflichtungen dazwischengekommen. Zum Mittagessen, zu dem die deutsche Seite ins direkt neben der chinesischen Botschaft gelegene China-Restaurant „Ming Dynastie“ geladen hatte, wollte Schischkoff dann aber, zusammen mit Korff, erscheinen. Typisch, dachte sich Habrecht. Ich muss die Kastanien aus dem Feuer holen – sie kommen zum Essen. Hoffentlich würde er sich dann wenigstens absetzen können. Er war kein großer Freund von chinesischem Essen. Auch wenn er die Köstlichkeiten der „Ming Dynastie“ – wie Schweineohrensülze mit Chiliöl, eingelegte Hühnerfüße oder Quallensalat mit acht Kostbarkeiten – nicht wirklich verschmähte und als in allen Bereichen erfahrener Diplomat ohnehin stets verschlang, was immer man ihm auf den Teller legte, war ihm ein anständiges Eisbein oder eine Leber mit Kartoffelpüree lieber als dieses quabbelige chinesische Zeug, das nach nichts schmeckte. Gut, am Eisbein gab es auch Quabbeliges. Aber das schmeckte wenigstens.

Korff hatte nichts davon gesagt, dass Habrecht beim Essen dabei sein musste, oder? Nein. Korff hatte sich überhaupt kurz gefasst, wie es seine Art war. Habrecht schüttelte es jedes Mal innerlich, wenn er an Walter Korff dachte. Kaum einer seiner diplomatischen Kollegen aller Länder war ihm so unsympathisch wie sein umtriebiger Landsmann, der seit langen Jahren sein Leben damit verbrachte, zwischen Pjöngjang und Berlin zu pendeln. Und das offenbar in mehrfacher Beziehung. Dieser windige Pseudodiplomat, der überall seine Finger drin hatte. Habrecht wusste natürlich, dass Korff eine wichtige Arbeit leistete und, Immunität hin oder her, bei seinen Missionen oft Kopf und Kragen riskierte, trotzdem mochte es Habrecht lieber aufrecht, offen und ehrlich. Diplomatie war Diplomatie, und Geheimdienst war Geheimdienst, und wenn man beides vermischte, konnte nichts Gutes herauskommen. Korff und seine zwielichtigen Kontakte; Korff und sein Agieren jenseits der Ränder der Legalität. Wer sich so eng mit Schurkenstaaten einließ wie Korff, stand in Gefahr, selbst zum Schurken zu werden. Habrecht war sich im Klaren, dass er Korff mit dem, was er über seine Aktivitäten wusste, gehörig in Schwierigkeit bringen könnte. Natürlich würde Habrecht schweigen. Petzen war seine Sache nicht, und Diskretion ist die erste Pflicht eines guten Diplomaten.

Gut, die Diskrepanzen zwischen Habrecht und Korff hatten eine lange Geschichte. Habrecht verachtete Korff, seit er Mitte der Achtziger von dem jungen, ehrgeizigen Stasimann verhört worden war, bevor der seine Laufbahn in Moskau und anderen Bruderländern fortgesetzt hatte. Wäre es damals nach Korff gegangen, hätte Habrechts Karriere eine andere, unschöne Bahn genommen. Dumm nur, dass sie später in der gleichen Behörde wieder aufeinandergetroffen waren. Natürlich hatte Korff wiederum Habrecht nicht verziehen, dass Habrecht eine ständige mahnende Erinnerung an eine Zeit darstellte, an die Korff nicht erinnert werden wollte – das heißt, er wollte vor allem jedenfalls nicht, dass die Welt an den Korff jener Zeit erinnert wurde. Was Habrecht verstehen konnte. Dennoch machte es Korff nicht sympathischer.

Er hatte das Spreeufer erreicht und steuerte das kalt in der Sonne liegende Gebäude der Botschaft an, als sein Handy klingelte. Er stieg vom Rad. Korffs Nummer. Schon wieder. Seufzend hob er ab. „Ja ... ja, sicher ... bin fast da. Wie bitte? Natürlich. Ja. Natürlich bleibe ich zum Mittagessen!“ Seufzend stieg er wieder auf. Quallensalat.

Berlin-Mitte

Die Botschaft der Demokratischen Volksrepublik Korea in der Glinkastraße, ein typischer DDR-Plattenbau aus den siebziger Jahren als Geschenk an den sozialistischen Bruderstaat, wirkte nahezu ausgestorben. Stumm lagen auf sechs Stockwerken Zimmer an Zimmer hinter milchigen Fenstern und grauen Vorhängen. Auf dem Dach thronte, weithin sichtbar, eine riesige, mit Querstreben versehene Antenne, die an das Grätengerippe eines Riesenfischs erinnerte.

Einst hatte die Botschaft bessere Tage gesehen. Damals waren hier über hundert Menschen beschäftigt gewesen, für die es sogar ein eigenes Schwimmbad gegeben hatte. Jetzt war nur etwa ein Zehntel davon verblieben; Menschen, die, waren sie alt genug, mit Wehmut auf jene gute alte Zeit zurückblickten. Die meisten Botschaftsangestellten entstammten jedoch einer weit jüngeren Generation. Nach der Wiedervereinigung war die Botschaft zunächst geschlossen und durch ein „Büro für den Schutz der Interessen der Demokratischen Volksrepublik Korea“ ersetzt worden. 2001 waren dann offizielle diplomatische Beziehungen aufgenommen und auf dem alten DDR-Gelände die nordkoreanische BRD-Botschaft eröffnet worden. Das protzige Gebäude war inzwischen jedoch viel zu groß, und das chronisch geldknappe Land hatte entsprechende Konsequenzen gezogen und das Hauptgebäude kurzerhand verpachtet – unter anderem an ein Hostel für Globetrotter aus aller Welt, die nun dort in Achtbettzimmern nächtigten, ohne auch nur zu ahnen, den „Boden“ welches Landes sie da betreten hatten. Die Botschaft selbst war dagegen in das ehemalige Nebengebäude an der Mohrenstraße umgezogen, das für die verbliebenen Mitarbeiter und deren Familien mehr als ausreichte.

Zwar mochte die Botschaft ein gesichtsloser Plattenbau sein, doch stand sie keinesfalls auf geschichtslosem Boden. Am gleichen Ort hatte sich zuvor das Hotel Kaiserhof befunden, eines der Lieblingshotels Adolf Hitlers, von dem es nur wenige Schritte sowohl zum alten Berliner Machtzentrum um die Reichskanzlei in der Wilhelmstraße als auch zum neuen NS-Machtzentrum mit Hitlers Neuer Reichskanzlei in der Voßstraße waren. Was nach dem Krieg noch an Trümmern geblieben war, wurde von der jungen DDR radikal entfernt, der einst für Berlin so zentrale Wilhelmplatz verschwand unter Plattenbauten und im Umkreis wurde das Botschaftsviertel von Ostberlin eingerichtet. Direkt neben der im modernen brutalistischen Stil gebauten Botschaft der Tschechoslowakei in der DDR war etwa zeitgleich das Botschaftsgebäude der Volksrepublik Korea errichtet worden.

Es war in der Botschaft meist ruhig und beschaulich. Was, wie der Botschafter fand, durchaus seine Vorteile hatte. Seit gestern Abend die Delegation aus Pjöngjang eingetroffen war, hatte sich allerdings ein leiser Abglanz der alten Größe und Geschäftigkeit über die Botschaft gelegt, was den jungen Botschafter einerseits stolz machte, andererseits aber mit Arbeit, Stress und Problemen verbunden war.

Der neue Botschafter war erst seit wenigen Wochen im Amt. Was aus seinem Vorgänger geworden war, wusste er nicht. Der hatte bis zu seiner überraschenden Abberufung seine Tätigkeit in aller Ruhe und Diskretion wahrgenommen. Nur einmal hatte er in der deutschen Presse für kleinere Schlagzeilen gesorgt, als er beim Schwarzfischen in der Havel erwischt worden war: Die polizeiliche Aufforderung zur Einstellung seines verbotenen Tuns nahm er, so der Polizeibericht, „wohlwollend und lächelnd zur Kenntnis und setzte die Straftat fort“. Aber solche diplomatische Immunität galt nicht im Heimatland: Ob jenen Vorgänger wohl das gleiche Schicksal ereilt hatte wie dessen Schweizer Kollegen, der nach 22 verdienstvollen Jahren abgelöst worden war, nur um in der Heimat hingerichtet zu werden? Davon berichtete jedenfalls die Propagandamaschinerie der westlichen Medien. Der neue Botschafter verbot sich besser jeden Gedanken daran.

Unterstützt wurde der diplomatisch noch nicht sonderlich erfahrene neue Botschafter von einigen Attachés, Wachsoldaten, Sekretärin nen und sonstigem Personal. Dazu kamen noch die Herren von der „Vereinigungsfront“, einem der mindestens vier nordkoreanischen Geheimdienste. Sie alle befanden sich hier mitten im Feindesland, und das wussten sie. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, Informationen zu sammeln, um den vereinten Angriffen einer neidischen Welt auf ihr geliebtes Heimatland zuvorzukommen, alles zu verhindern, was ihm schaden, und alles zu befördern, was ihm nutzen konnte.

Und ihr Heimatland war vielfach in Gefahr. Nur mit größten Anstrengungen war es sechzig Jahre zuvor im siegreichen Vaterländischen Befreiungskrieg gelungen, den Überfall der räuberischen Yankee-Imperialisten durch die heldenhaften Truppen der Volksrepublik zurückzuschlagen. Dabei hatten sie jedoch die südliche Hälfte ihres Landes verloren, die nach wie vor von den Imperialisten besetzt gehalten wurde. Nach wie vor musste Choson, die Demokratische Volksrepublik Korea, mithin unermüdlich auf das Ziel einer Wiedervereinigung hinarbeiten – unter der weisen Leitung ihres Obersten Führers Kim Jong Un, der bereits in jungen Jahren die Stärke und Führungskraft bewiesen hatte, um die Nachfolge des Geliebten Führers Kim Jong Il anzutreten, des Ewigen Generalsekretärs. Dieser Leitung sich freudig und aufopferungsvoll zu unterwerfen war oberste Pflicht des gesamten Botschaftspersonals. Den Prinzipien der weisen Juche-Politik des Staatsgründers, des Großen Führers und Ewigen Präsidenten Genosse Kim Il Sung, folgend, würden sie alle ihre Lebenskraft unablässig in den Dienst des Obersten Führers stellen. Hatte die Juche-Philosophie doch, über alles Denken von Marx, Lenin und selbst Stalin hinausgehend, bewiesen, dass Choson der Mittelpunkt der Welt und somit als allein in sich ruhendes Land über alle anderen Länder gestellt ist. Dies weckte natürlich den Neid der minderwertigen Staaten und ganz besonders der Yankee-Imperialisten. Angesichts der vielfachen Bedrohung von allen Seiten war aus der Juche-Doktrin konsequent die Songun-Politik gefolgt, seit 2009 das offizielle zweite Standbein des Landes. Und da diese Politik so einfach und einleuchtend ist, enthält schon ihr Name das ganze Prinzip: „Militär zuerst!“

Es hatte geklopft. Der Botschafter rieb sich die Stirn, hinter der ein unangenehmer Kopfschmerz pochte. Es folgte ein energisches „Herein!“. Die Tür öffnete sich und Kyok Kwon Il trat ein.

Er war mittelgroß, Mitte fünfzig und unauffällig korrekt in einen dunkelgrauen Anzug mit einem weißen Hemd und einer dunkelblauen einfarbigen Krawatte gekleidet. Seine wachen Augen funkelten den Botschafter hintergründig an. Kein Zweifel: Er hatte hier einen hochintelligenten – und entsprechend gefährlichen – Mann vor sich.

Sofort sprang er auf, legte die Arme an den Körper und verbeugte sich tief vor dem Eintretenden. Der reagierte mit einer ähnlichen Verneigung, die jedoch nicht ganz so tief ausfiel. Der Botschafter hatte Kyok Kwon Il erst am Vorabend kennengelernt. Ein hochrangiger Diplomat aus Pjöngjang, der als zweiter stellvertretender Delegationsleiter für die inoffiziellen Gespräche mit den Yankee-Imperialisten morgen angereist war. „Ich bin höchst erfreut, dass Sie mich mit Ihrer Anwesenheit beehren, Genosse Kyok Kwon Il.“

Kyok nickte lächelnd. „Ich sehe, Sie bereiten sich auf den Aufbruch vor, Genosse?“ Es lag ein Unterton in Kyoks Stimme, den der Botschafter nicht zu deuten wusste. Woran der andere diese Aufbruchsvorbereitungen ablesen wollte, war ihm zudem unklar.

„Ja. Sie wissen, wie sehr die Chinesen Pünktlichkeit schätzen.“

Kyok nickte und sah den Botschafter an. Der bemerkte ein Aufflackern in den Augen seines Gegenübers, das nichts Gutes zu verheißen schien. Übergangslos begann Kyok: „Ich hatte die unschätzbare Freude, heute Morgen mit einem Anruf aus Pjöngjang beehrt zu werden. Von keinem Geringeren als Generaloberst Choe Ryang Kee.“

Der Botschafter erstarrte. Äußerlich bemühte er sich, sich nichts anmerken zu lassen. Der Generaloberst war einer der höchsten Militärs der fünftgrößten Armee der Welt und folglich ein sehr mächtiger Mann. Dass Kyok Kwon Il zu diesem Mann direkten Kontakt hatte, ließ auch ihn mächtiger erscheinen, als er es dem Protokoll nach war.

Kyok machte eine bedeutungsschwere Pause. „Sie wissen vielleicht, dass es der Generaloberst nicht sonderlich schätzt, wenn Gespräche mit den Yankee-Hunden geführt werden“, fuhr er fort und blickte weiter starr ins Gesicht des Botschafters, in dem sich kein Mienenspiel bemerkbar machte. „Wer auch nur mit ihnen spreche, setze sich dem Pesthauch ihrer Verderbnis aus, mache es dem dekadenten kapitalistischen Virus leicht, überzuspringen. Insofern erübrige sich im Grunde auch das Vorbereitungsgespräch in der chinesischen Botschaft, so die Überzeugung des Generalobersts. Gerade heute, am Tag des strahlenden Sterns, sollten wir die Chinesen lieber meiden, die den Kommunismus verraten und uns so oft düpiert haben.“

Der Botschafter verkrampfte sich innerlich noch mehr. Das fiel Pjöngjang aber früh ein. Das Treffen sollte in einer knappen Stunde beginnen. Warum hatte man ihn, den Botschafter, nicht benachrichtigt? Wie sollte er jetzt reagieren? „Welche Position vertritt, wenn ich fragen darf, Genosse Pak Song Rim in diesem Punkt?“, fragte er steif.

Pak Song Rim war der eigentliche Verhandlungsführer. Ein verdienstvoller hoher Diplomat, der als junger Mann noch im Vaterländischen Befreiungskrieg gekämpft hatte, mittlerweile allerdings hochbetagt und kränklich war, so dass man mit ihm nur noch eingeschränkt rechnen konnte. Gestern Abend bei der kleinen Begrüßungsfeier war er allerdings, soweit sich der Botschafter zu erinnern vermochte, noch äußerst guter Laune gewesen.

„Ich habe ihn heute noch nicht sprechen können.“

„Und Genosse Lee Hyun Hae?“ Lee Hyun Hae war der erste Stellvertreter Pak Song Rims und damit der eigentlich Entscheidungsbefugte, wenn Pak Song Rim verhindert war.

Kyok zuckte die Schultern. Schwieg. Der Botschafter hatte bereits am Abend bemerkt, dass Kyok und Lee einen sehr distanzierten Umgang miteinander pflegten. Nebenbei hatte ihm Lee mit der gebotenen Zurückhaltung deutlich gemacht, dass Seine Exzellenz, der Oberste Führer, große Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme der Gespräche setzte. Den heutigen Termin ungenützt verstreichen zu lassen würde wohl auch das Treffen morgen platzen lassen. Das konnte Lee nicht wollen. Es sei denn, er hatte entsprechende Order aus Pjöngjang. Wo er nur blieb? Wenn sowohl Pak als auch Lee aus irgendwelchen Gründen nicht auftauchten, war der Botschafter in einer sehr schwierigen Lage. Er musste sich Gewissheit verschaffen.

„Handelt es sich bei dem ... äh ... Geäußerten aus dem hochverehrten Munde des Generaloberst Choe also um einen offiziellen Befehl?“

Kyok zögerte. „Ist es nicht die erste Pflicht eines Untergebenen, seinen Vorgesetzten jeden Wunsch von den Lippen abzulesen und ihn pflichteifrig zu erfüllen?“

Also kein offizieller Befehl. Der Botschafter überlegte. Bei zwei sich widersprechenden gleichrangigen Anweisungen – Derartiges war schon wiederholt vorgekommen – war abzuwägen, welcher Befehlsgeber hochrangiger und mächtiger war, und zudem, das war sehr wichtig, auch zu berücksichtigen, wer wohl in einigen Wochen der Hochrangigere und Mächtigere sein würde. Erschwerend kam hinzu, dass Hochrangigkeit und Mächtigkeit nicht immer dasselbe waren und dass es oft besser war, sich dem Mächtigeren zu beugen, wiewohl die Ranghöhe das eigentlich Ausschlaggebende sein müsste.

Der Fall war auch hier schwierig: Generaloberst Choe Ryang Kee war um ein Vielfaches mächtiger als Lee Hyun Hae. Aber Lee Hyun Hae bezog seine Direktiven wiederum aus dem unmittelbaren Umfeld des Obersten Führers, der hochrangigsten und unanfechtbarsten Stimme der gesamten zivilisierten Welt. Damit war der Fall klar. Zumal von Generaloberst Choe offenbar kein direkter Befehl vorlag.

Der Botschafter sah den zweiten stellvertretenden Delegationsleiter an und sagte dann, jedes Wort sorgfältig wählend. „Ich denke, verehrter Genosse Kyok, wir sollten uns in dieser Sache so verhalten, wie es die übereinstimmende Ansicht der Delegationsleitung ist und wie es dem weisen Willen unseres geliebten Obersten Führers entspricht.“

„Ohne Zweifel“, antwortete Kyok Kwon Il. Dann räusperte er sich: „Es ist nur so, dass ich Sie nicht in die chinesische Botschaft begleiten werde, Genosse. Generaloberst Choe hat mir einen anderslautenden Auftrag erteilt. Entschuldigen Sie mich bitte bei der übrigen Delegationsleitung. Ich bin mir sicher, Sie werden meine Positionen würdig und in meinem Sinne vertreten. Viel Glück! Leben Sie wohl.“ Mit einer nur angedeuteten Verneigung schlüpfte er durch die Tür hinaus.

Der Botschafter sah ihm mit zusammengekniffenen Brauen nach. Dann erhellte sich sein Blick. Da kam jemand. Lee Hyun Hae. Endlich. Mit äußerst knapper Begrüßung waren der erste und der zweite stellvertretende Delegationsleiter aneinander vorbeigegangen.

„Kommen Sie, Genosse Botschafter. Der Wagen wartet bereits. Sie wissen, wie sehr die Chinesen Pünktlichkeit schätzen.“

„Wird der verehrte Genosse Delegationsleiter Pak Song Rim uns begleiten? Gerade er war es ja, der auf das heutige Treffen in der Botschaft bestanden hat, das ansonsten gar nicht erst stattgefunden hätte.“

„Er ist leider ... unpässlich. Sie wissen, die Begrüßungsfestlichkeiten gestern. Der hochverehrte Genosse hat, äh ... das deutsche ... Essen nicht vertragen. Leider ist er momentan nicht bei bester Gesundheit. Ich werde für ihn die Gespräche leiten.“

Der Botschafter nickte und stand auf. Das Essen war eigentlich koreanisch gewesen. Er hatte selbst noch einen dicken Kopf.

Berlin, Potsdamer Platz

Jeremy war früh aufgestanden, weil er nicht mehr schlafen konnte. Nach zwei Aspirin, einem kontinentalen Frühstück und einem kurzen Fitnessprogramm im Olympus Spa auf dem Dach des Hotels hatte er beschlossen, sich die Zeit bis zum Mittag mit einem weiteren Spaziergang zu vertreiben. Der Tag war sonnig, Jeremys Kopf nun wieder klar, und es war sein letzter Tag in Berlin.

Er verließ gut gelaunt das Hotel, schlug den gleichen Weg wie die Nacht zuvor ein, überquerte den Potsdamer Platz, bog dann aber von der Ebert- in die Voßstraße ein. Der Tag war wirklich herrlich. Er ertappte sich dabei, wie er eine Melodie vor sich hin pfiff. I feel good in a special way, I’m in love and it’s a sunny day ... Er schmunzelte. In love? Das war doch wohl etwas übertrieben. Dennoch: Good day sunshine! Im Gehen versuchte er, Mie anzurufen, erreichte sie aber nicht, was seine Laune ein wenig dämpfte. Dann versuchte er Cathy anzurufen. Erreichte sie nicht. Bei ihr sprang immerhin die Mailbox an, doch Jeremy sprach nur ungern auf Anrufbeantworter. Später.

Zwischen dem Restaurant „Peking Ente“ und dem graubraun glitzernden futuristischen Klotz der tschechischen Botschaft klingelte sein Handy. Mie? Cathy? Nein – J. D. Seufzend nahm Jeremy den Anruf an. Er erwartete, dass J. D. wegen Jeremys plötzlichen Verschwindens ungehalten sein könnte, aber zu seiner Überraschung erwähnte J. D. die ganze Sache mit keinem Wort. Möglicherweise war J. D. sein gestriger Zustand peinlich. Außerdem war J. D. ja ein Koreaner, der stets auf die Wahrung der traditionellen Werte von Gibun und Nunchi achtete, die für Nichtkoreaner schwer zu begreifen sind. Wichtig ist in ihrem Zusammenhang, sich stets um eine harmonische, respektvolle Beziehung zum anderen, den höflichen, zurückhaltenden Umgang und die Wahrung des inneren Gleichgewichts zu bemühen und in diesem Sinne alles zu vermeiden, was zu Irritationen führen könnte.

„Gratuliere“, posaunte Jeremy ins Telefon. „Ich würde sagen, Sie haben diesmal ins Schwarze getroffen!“

„Ja?“ J. D. wirkte ein wenig überrascht.

„Ich bin entschlossen, Mie Chang die Rolle zu geben. Sie hat mich überzeugt. Genau das, was ich gesucht habe.“

„Ist das nicht etwas vorschnell? Ich meine, ihre Referenzen ...“

„Sie haben selbst gesagt, dass sie gut Schauspielen kann, ich teile diesen Eindruck und das reicht mir. Sie können also gleich die Verträge fertig machen. Rufen Sie sie bitte umgehend an und erinnern Sie sie bitte auch daran, dass wir uns heute treffen wollten.“

J. D. zögerte kurz. Dann, wie aus der Pistole geschossen: „In Ordnung, sehr verehrter Herr!“ Jeremy legte auf und atmete durch. Vielleicht gelang es J. D. ja besser, sie zu erreichen.

Aus einer grauen Gittertür hinter einer Parkplatzzufahrt rechts kam mit überhöhter Geschwindigkeit ein schwarzer Mercedes geschossen und bog am Zietenplatz in die Mohrenstraße ein. Jeremy war gerade noch rechtzeitig zur Seite gesprungen. Er warf dem Auto einen wütenden Blick nach und sah, dass neben dem Nummernschild der Aufkleber „CD“ prangte: Diplomatenkennzeichen. Typisch. Die brauchen sich nicht um Verkehrsvorschriften zu scheren, sind ja immun – wenn auch nicht gegen Unfälle.

Hinter dem Tor ein hellgrauer, etwas heruntergekommen wirkender Plattenbau. Auf der Seite zum hoch umzäunten Hinterhof hin, aus dem das Auto gekommen war, hing einsam und schlaff ein trostloser Basketballkorb. Ein zweiter lag demontiert daneben. Neugierig geworden umrundete Jeremy das graue Gebäude mit seinen dunkel türkisfarbenen Fensterfronten und blieb vor einem seitlich neben dem Vordertor an der Glinkastraße angebrachten Schaukasten stehen, in dem ein paar alte Fotos hingen. Der ungelenk und grammatisch fehlerhaft formulierte Begleittext handelte vom 15. April, dem Geburtstag der „großen Sonne“, und endete mit den Worten: Unter kluger Führung des hoch verehrten Generalobersts Kim Jong Un verwirklicht Songun-Korea weit reichende Zukunftspläne und Ideal. Der in der Geschichte jährlich zu begehende Tag der Sonne wird auf ewig als der größte Feiertag der Kim-Il-Sung-Nation und ein gemeinsamer Frühlingsfesttag der Menschheit bleiben.

Oben vorm Schaukasten ein goldenes Metallschild: „Botschaft der demokratischen Volksrepublik Korea“. Darüber die rot-blau-weiße Fahne. Das Land schien Jeremy zu verfolgen. Good day sunshine! Zeit, dass er seinen Thriller fertig bekam.

Einer spontanen Anwandlung folgend drückte er auf den Klingelknopf neben der Tür. Schließlich schien es J.D. ernst damit zu sein, für sie beide eine Reise dorthin organisieren zu wollen, und da konnte es, wenn er schon einmal hier war, nicht schaden, sich die üblichen Touristikbroschüren mit Einreisebedingungen geben zu lassen; dafür waren Botschaften auf der ganzen Welt ja da. Während er wartete, warf er einen Blick durchs Gittertor. Das Gebäude wirkte verlassen. Unter den Bäumen an der Seite traten zwei etwa zehnjährige Mädchen mit schwarzen Pferdeschwänzen hervor. Sonst tat sich nichts.

Er klingelte erneut, wartete weiter. Die Mädchen lachten und rollten mit Inlineskates über den Innenhof. Kein Lebenszeichen sonst. Erst jetzt fiel Jeremy auf, dass jemand links hinter dem Tor Blumentöpfe mit prächtig rot blühenden Blumen aufgestellt hatte. Davor ein handgemaltes Schild: 16. Februar – Tag des strahlenden Sterns. War das nicht heute? Geburtstag des Geliebten Führers, wie der „Tag der Sonne“ ein hoher Nationalfeiertag. Die Blumen mussten dann Kimjongilien sein, die eigens für diesen Tag gezüchtete Begonienart.

Jeremy ging. Darum sollte sich mal schön J. D. kümmern.

Küsnacht

„Was heißt hier, du wirst bedroht? Jetzt mach mal halblang! Das wird mir jetzt, um ganz ehrlich zu sein, langsam zu ...“

„Jonathan, ich habe die ganze Zeit versucht, dich zu erreichen. Warum gehst du nicht ans Telefon?“

„Was heißt, ich gehe nicht ans Telefon? Ich war im Flugzeug, Schätzchen. Ich habe hier wichtige Gespräche vor mir, du weißt ja gar nicht, was alles daran hängt. Wahrscheinlich werde ich so bald wirklich nicht mehr ans Telefon gehen können. Aber jetzt habe ich ein paar Minuten Luft, also erzähl mir nochmal alles, langsam, geordnet und ausführlich und bitte nicht in diesem hysterischen Tonfall.“

Chloe holte tief Luft, riss sich zusammen und fing noch einmal von vorn an. Von den Ostasiaten mit dem Hund. Von dem Kuvert, das ihr irgendwer ins Zeitungsrohr gesteckt hatte. Vom Mord an Marcus B. Von ihrer gemeinsamen Schulzeit (dass sie ein Jahr lang auf ihre damalige kindliche Weise „zusammen“ gewesen waren, hielt sie für nicht so wichtig, dass es einer Erwähnung wert gewesen wäre).

Jonathan blieb ungerührt. „Und was ist da der Zusammenhang?“

„Das weiß ich doch nicht. Aber es ist schon ein bisschen viel Zufall, oder? Die Ostasiaten bedrohen mich mit Hunden, mein ehemaliger Mitschüler wird von Hunden zerrissen, und dann steckt mir auch noch jemand den Zeitungsbericht dazu in den Briefkasten. Verstehst du nicht, dass das diese Asiaten sein müssen, die mir drohen wollen? Und das gerade jetzt, wo Vater so krank ist und ich mich nicht mit der Bitte um Rat und Hilfe an ihn wenden kann!“

„Den Zeitungsartikel hat dir sicher jemand reingesteckt, der weiß, dass du Marcus’ Mitschülerin warst, ein Bekannter oder so. Jetzt bleib mal am Boden, meine kleine Verschwörungstheoretikerin!“

„Davon weiß hier aber niemand – das heißt, diese Asiaten müssen es wohl irgendwie wissen. Ich sag dir doch, die wollen mir drohen!“

„Weshalb? Womit? Ich sehe, um ganz ehrlich zu sein ...“

„Du weißt genauso gut wie ich, dass die Century Bank mit allen möglichen Leuten aus Ostasien Geschäfte macht. Und ich glaube, du weißt noch besser als ich, dass das nicht immer die saubersten Geschäfte sind. Da geht es um irgendwelche dieser krummen Dinger, die ihr – du oder mein Vater oder du in seinem Auftrag – über die Bank abwickelt. Mir wird die Sache zu heiß. Du musst die Finger davon lassen, Jonathan, sonst sage ich’s Jeremy! Oder ich geh zur Polizei.“

Am anderen Ende herrschte kurz Stille, in die man einen Vogel zwitschern hören konnte, bis er vom fernen Rollen einer Straßenbahn übertönt wurde. Dann meldete sich Jonathan mit mühsam beherrschter Stimme zurück: „Erstens, Chloe, mache ich keine ‚krummen Geschäfte‘, wie du das nennst. Rechtlich ist alles höchstens Grauzone. Zweitens sollte man am Telefon auch mit spaßeshalber gemachten Bemerkungen vorsichtig sein, schließlich weiß man nie, wer alles mithört. Drittens, Chloe, selbst wenn das alles stimmen würde, was du dir da an haarsträubenden Sachen zusammenreimst ... Gut, gesetzt den Fall also, das stimmt alles und da droht dir wirklich jemand ... dann wäre es, um ganz ehrlich zu sein, immer noch das Sicherste, dich ruhig zu verhalten. Ich meine, wenn die dir drohen wollen – dann jedenfalls nicht, damit du alles groß ausposaunst, sondern weil sie dich einschüchtern wollen. In solchen Fällen empfiehlt es sich dann aber auch, ein wenig ... na ja ... schüchtern zu sein. Hast du das verstanden? Es ist ganz wichtig, dass du das verstanden hast. Bitte, höre in diesem Punkt auf mich. Ich bin mir sicher, dein Vater würde dir jetzt den gleichen Rat geben. Mach ihm keine Schande oder bring dich gar in Gefahr, indem du etwas Unüberlegtes tust. Ja?“

„Ja. Ich versteh schon. Ich soll erst einmal gar nichts machen.“

„Korrekt. Bald, wahrscheinlich übermorgen Abend, komme ich zurück und dann besprechen wir in Ruhe, wie wir weiter vorgehen. Ist es jetzt gut, mein Schatz? Ich drücke dich ganz fest, ja?“

„Ja. Vielleicht hast du recht. Aber ich hab trotzdem Angst.“

„Etwas Angst und Vorsicht kann nie schaden. Aber wenn du dich richtig verhältst, wird schon nichts passieren. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Ich denk an dich. Ich melde mich, ja? Küsschen.“

Er hatte aufgelegt. Chloe wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und trat auf den Balkon, um sich eine „Eve 120“ anzuzünden. Sie liebte diese dünnen, langen, femininen Zigaretten mit ihrem raffinierten Parfümaroma. Es war ein klarer Tag und in der Ferne konnte sie die weißen Häupter der Alpen sehen. Ein paar Häuser weiter bellte ein Hund. Sie zuckte zusammen. Drinnen, auf dem Esszimmertisch, lag immer noch aufgeschlagen das rotumrandete Zeitungsblatt.

Berlin, Chinesische Botschaft

Dr. Johannes Habrecht sah auf die Uhr. 12.40 Uhr. Dann würde er ja wohl bald erlöst sein. 12.45 Mittagspause. Alle Termine, die er bisher in der chinesischen Botschaft wahrgenommen hatte, hatten pünktlich begonnen und pünktlich ein Ende genommen. Darauf war Verlass. Erlöst? Zu Quallensalat und tausendjährigen Eiern mit Korff und Diethard Schischkoff, MdB: 13 Uhr Mittagessen, in der „Ming Dynastie“. Die Gespräche im Rahmen der Konferenz über die grenzüberschreitenden Wirtschaftsbeziehungen in Ostasien wurden am Nachmittag fortgesetzt, da musste Habrecht aber nicht mehr mit dabei sein. Er hatte seine Aufgabe erledigt. Wie so oft zur allseitigen Zufriedenheit. Ob Schischkoff das ohne ihn wohl genauso gut hinbekommen hätte?

Johannes Habrecht ließ seinen Blick über den im würdevollen Rot der chinesischen Kaiserpaläste gestrichenen Saal schweifen. Die Mehrzahl der etwa achtzig Teilnehmer waren Deutsche und Chinesen, doch hatten sich neben der kleinen nordkoreanischen Delegation auch einige Amerikaner, Japaner und Südkoreaner unter das Publikum gemischt. Die meisten wirkten ähnlich gelangweilt wie er. Habrecht merkte, dass er dem zu Ende gehenden Vortrag des chinesischen Wirtschaftsattaches nicht die geringste Beachtung geschenkt hatte. Worüber hatte er nochmal gesprochen? Habrecht war ein erfahrener Diplomat, und zu den wichtigen Befähigungen eines erfahrenen Diplomaten gehört es nun mal, zu wissen, wann man „scharfstellen“ muss und wann man abschalten kann. „Scharfstellen“, das war häufig nur eine Sache von wenigen Augenblicken. Der entscheidende Moment, in dem man die entscheidende Frage stellen muss. Wie bei Großkatzen, Geparden; den ganzen Tag dösen und lauern sie – das natürlich schon wesentlicher Bestandteil ihrer „Arbeit“, die auch sie gewissermaßen im Halbschlaf erledigen. Und dann der kurze, entscheidende Sprint, höchste Wachheit, höchste Konzentration, höchste Anstrengung von Körper und Geist. Dann ist die Beute erlegt. Oder auch nicht.

Was Habrecht anging, so war dieser wichtige Moment des Tages eine Phase von einigen Minuten in der Pause der Konferenz gewesen. Ein kurzes Gespräch mit dem nordkoreanischen Botschafter, dem Delegationsleiter und dem chinesischen Botschaftsrat. Es war Habrechts erstes Treffen mit dem neuen Botschafter gewesen, und als Delegationsleiter war statt des Habrecht seit langen Jahren bekannten Pak Song Rim unangekündigt sein junger Stellvertreter Lee Hyun Hae gekommen. Das Nichterscheinen Paks hatte Habrecht wenig verwundert. Pak war ein halbseniler Vertreter des alten Kaders, dem zudem ein gewisses Problem nachgesagt wurde und der vermutlich nur deshalb noch nicht ausgemustert worden war, weil er einer der wenigen niemals weggesäuberten Veteranen war, die als junge Kerle noch im Koreakrieg gekämpft hatten und durch die Hand des Großen Führers Kim Il Sung persönlich in Amt und Ehren gelangt waren. Inzwischen war er wohl zu alt, um einer Säuberung zum Opfer zu fallen, aber immer noch tauglich, um als Grüßaugust für irgendwelche scheinbar wichtigen diplomatischen Missionen in Erscheinung zu treten.

Habrecht hatte den jungen Botschafter als einen etwas gehemmten, nicht sehr entscheidungsfrohen Mann erlebt – damit entsprach er dem Bild fast jeden Nordkoreaners, den er in seiner diplomatischen Laufbahn kennengelernt hatte –, aber letztlich schien er ihm erfreulich zugänglich. Ein Pragmatiker, soweit er ihn durchschaute. Gehirngewaschen waren sie natürlich alle, lebten in einer Welt der Täuschung, wie man sie von außen kaum begreifen kann. Die eigentliche Überraschung war aber der stellvertretende Delegationsleiter Lee Hyun Hae gewesen. Ein gleichfalls junger, karrierebewusster Mann, offenbar aus dem direkten Umfeld Kim Jong Uns. Wenn er alles richtig anstellte und das entsprechende Maß an Ehrgeiz an den Tag legte – nicht zu wenig, aber keinesfalls zu viel –, könnte er noch weit kommen. Genauso wahrscheinlich war allerdings, dass er schon bald weggesäubert wurde – so, wie der Kerl vorgeprescht war. War das der frische Wind aus Pjöngjang? Johannes Habrecht, der sein Lebenswerk dem Versuch gewidmet hatte, die Welt, wie sie war, zu bewahren, und sie nicht noch schlimmer werden zu lassen, war das fast zu frischer Wind.

Nun gut, der junge Diktator wollte eben zeigen, dass er nicht einfach nur in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters trat, sondern sich über diesen Fußstapfen nach und nach auch eine eigenständige Gestalt zu erheben begann, die mit den ruhmreichen Leistungen von Vater und Großvater mithalten konnte. Ob sich in dem abgeschotteten Land nun wirklich etwas zu verändern begann? Gar zum Besseren? Oder zumindest zum Nicht-mehr-noch-Schlechteren?

Angenehm überrascht war Habrecht auch darüber gewesen, dass sich die von Walter Korff befürchteten Irritationen schnell als heiße Luft erwiesen hatten. Einige Feinheiten des Protokolls: Wem wann zuerst das Wort erteilt wurde, wer wo wann wem die Hand schütteln würde und derlei Kinderkram mehr, mit dem sich Habrecht nur zu gut auskannte. Die Punkte waren schnell ausgeräumt.

Wie erwartet beendete der Wirtschaftsattaché seinen Vortrag Punkt 12.45 Uhr. Im Hinauseilen wurde Habrecht vom Asienkorrespondenten einer großen Tageszeitung aufgehalten. Er servierte ihm einige jener vorgefertigten Gemeinplätze, die er für solche Gelegenheiten parat hatte und die im Grunde immer passen, und es gelang ihm, Routinier, der er war, allen heiklen Punkten und somit allen echten inhaltlichen Aussagen geschickt auszuweichen. Als er den Journalisten endlich abgewimmelt hatte, ging er zur Garderobe und holte seine Aktentasche. Wie immer hatte er das Gefühl, dass sie durchsucht worden war, weshalb er darin grundsätzlich keine vertraulichen Dokumente aufbewahrte. Dann schritt er auf die kleine Gruppe um den nordkoreanischen Botschafter zu. „Es ist mir eine Ehre, Sie heute zum Essen begrüßen zu dürfen“, wandte er sich an Delegationsleiter Lee Hyun Hae, von dem er vermutete, dass er der protokollarisch Ranghöchste war. „Herr Schischkoff von der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe wird gleich hier sein, um uns zu begleiten.“

Die Konferenzgäste hatten begonnen sich für die Mittagspause zu zerstreuen. Die meisten nutzten das bereitgestellte Catering im Bankettsaal der Botschaft, einige waren aber auch hinausgegangen, um auf dem Vorplatz eine Zigarette zu rauchen und die Strahlen der Vorfrühlingssonne zu genießen.

Habrechts Handy klingelte. Korff. Schon wieder. „Schischkoff und ich werden uns leider ein wenig verspäten, wir stehen im Stau.“ Korffs Stimme klang tonlos, fast mechanisch, wie immer. Habrechts für feinste Nuancen geschultes Gehör meinte trotzdem, eine gewisse Anspannung herauszuhören. „Am besten, Sie warten alle gemeinsam in der Botschaft auf uns. Es kann sich nur um Minuten handeln. Ach, und ist der Botschafter in der Nähe? Gut. Teilen Sie ihm bitte mit, dass er sich unbedingt sofort mit einem gewissen Kyok Kwon Il in Verbindung setzen soll, das ist sehr wichtig. Es gibt da Neues aus Pjöngjang. Alles klar? Also – Sie warten in der Botschaft, bis gleich.“ Korff machte eine Pause, um dann zögernd hinzuzufügen: „Oder gehen Sie selbst meinetwegen schon mal auf den Vorplatz und gönnen sich eine Zigarette. Aber erst geben Sie unbedingt dem Botschafter Bescheid!“ Eine gewisse Schärfe hatte in Korffs letzten Worten gelegen. Habrecht hätte noch Fragen gehabt, aber Korff hatte aufgelegt. Idiot.

Habrecht wandte sich an den Botschafter und gab ihm die Neuigkeit weiter. Als er die Bitte um einen Anruf bei Kyok Kwon Il äußerte, sah er, wie der Botschafter zusammenzuckte. Eher Unangenehmes also. Der Botschafter machte ein paar Schritte zur Seite, wo er, zur Wand gedreht, gestikulierend auf sein Handy einzureden begann. Das würde etwas Längeres werden. Lee Hyun Hae blieb, halb Habrecht, halb dem Botschafter zugewandt, unsicher lächelnd zwischen ihnen im Raum stehen. Auch er wirkte mit einem Mal angespannt.

Habrecht empfand es plötzlich als unhöflich, hier zu stehen und womöglich den Eindruck zu erwecken, die beiden Männer belauschen zu wollen. „I’ll be back in a minute“, sagte er zu Lee. „Just take your time and wait here.“ Der Diplomat schenkte ihm ein starres Lächeln.

Habrecht trat durch die verspiegelte Tür nach draußen. Rechts und links die beiden schwarzen Skulpturen chinesischer Wächterlöwen, die die Botschaft vor allen Gefahren beschützten. Ein dritter thronte hoch oben auf der weißen Säule links der Eingangstür. Habrecht blickte über den kleinen Polizeistand auf der anderen Straßenseite hinweg auf die Spree. Nicht nur die Löwen bewachten die Botschaft. Der Polizist war gerade aus seinem Unterstand getreten und hatte die Straße überquert, um mit seinem Kollegen drüben ein paar Worte zu wechseln. Sie steckten die Köpfe zusammen und lachten. Die Februarsonne strahlte frühlingversprechend herab und alle Menschen waren guter Dinge. Was für ein herrlicher Sonnentag! Habrecht warf einen Blick auf die Uhr. Punkt eins. Eine Handvoll Männer in dunklen Anzügen standen auf dem umzäunten Vorplatz verteilt, unterhielten sich, einige rauchten. Habrecht zog eine Zigarette aus dem Päckchen in seiner Jacketttasche. Die erste des Tages. Seit jeher rauchte er die alte Ostmarke „Cabinet“, die zusammen mit ihm die Wende überlebt hatte.

Woher Korff das mit den Neuigkeiten aus Pjöngjang wohl hatte? Und warum hatte Kyok seinen Botschafter nicht einfach selbst angerufen? Korff und seine zwielichtigen Geheimnisse!

Habrecht kannte Kyok nur flüchtig, wusste aber einiges über ihn. Offenbar war er zusammen mit der Delegation in Deutschland eingetroffen. Nicht zum ersten Mal. Nach außen hin war Kyok ein höherer außenpolitischer Diplomat, der politisch vor allem durch markige Sprüche bei gleichzeitiger Tatenlosigkeit auffiel. Eindeutig einer von der Betonkopffraktion, mit engen Kontakten bis in höchste Militärkreise. Habrecht vermutete, dass ihm sein diplomatisches Agieren hauptsächlich als Tarnmantel für allerlei windige Geschäfte diente. Geldschiebereien, Devisenbeschaffung, mit dem Embargo belegte Luxusgüter besorgen. Korff, der Kyok schon aus DDR-Zeiten kannte, hatte näher mit Kyok zu tun, wahrte darüber aber eisernes Stillschweigen. Noch so ein windiger Kerl. So gesehen passte es, dass Korff im Auftrag Kyoks anzurufen schien. Zwei Schurken unter einer Decke.

Unter der Jannowitzbrücke passierte das Ausflugsschiff mit der Aufschrift „Alexander von Humboldt“, das Habrecht schon mehrmals aufgefallen war. Habrecht war öfters zu allerlei Anlässen in der chinesischen Botschaft. Um 13 Uhr war Mittagspause und immer Punkt 13 Uhr fuhr dieses Schiff vorbei. Deutschland, Land der Pünktlichkeit – da fahren selbst die Ausflugsdampfer auf die Minute genau. Nur die Ostasien-Diplomaten sind nicht pünktlich. Zumindest nicht heute.

Jetzt galt es also nur noch, den Quallensalat im Lokal nebenan hinter sich zu bringen. Voller Vorfreude dachte er an die Wiederbegegnung mit seiner Tochter heute Abend. Was Katharina wohl zu berichten wusste? Sie war jetzt im vierten Semester, nicht? Wie doch die Zeit verging. Ehe man sich’s versah, gehörte man zum alten Eisen.

Wieso wechselt das Schiff auf einmal seinen Kurs? Ist der Kapitän volltrunken? Sieht fast so aus, als wollte der hier mitten auf der Havel wenden. Der hat Nerven. Kommt der schnurstracks ...

Ein greller Blitz und ein ohrenbetäubender Knall. Ein heftiger Schlag seitlich ins Gesicht und vor die Brust schleuderte ihn nieder. Dr. Johannes Habrecht sah noch kurz seinen offenen Bauch und was da alles hervorquoll, er wollte schreien, aber da war nur unendliche Stille und Dunkelheit um ihn. Und er konnte sie nicht aufhalten.

Berlin, Insel Schwanenwerder

Jeremy schritt zwischen dichten Hecken, hohen Bäumen und Mauern sowie versteckt liegenden Villen entlang und suchte nach der Hausnummer 40a. Sie musste wohl am anderen Ende der kleinen Insel liegen, die seit über hundert Jahren über eine Brücke mit dem Festland verbunden war. Trotz all der Idylle von Natur und See hatte die Insel etwas Abweisendes, fast Bedrohliches. Kein Mensch war auf den Gehwegen zu sehen. Die Häuser lagen in ihren Verstecken hinter hohen Mauern und Hecken wie ausgestorben. An einem Hauseingang entdeckte er eine Überwachungskamera. An keinem einzigen der schmiedeeisernen Tore bemerkte er ein Namensschild. Wer hier wohnte, wollte ungestört bleiben. Jeremy kam sich wie ein böser Eindringling vor. Dabei war er nur auf der Suche nach seinen Wurzeln.

Er war mit der S-Bahn S 1 zum Bahnhof Nikolassee hinausgefahren und hatte sich dort ein Taxi genommen. Mehrfach hatte er noch versucht, Mie zu erreichen, doch ihr Telefon blieb ausgeschaltet. Er hatte halb gehofft, sie in der Hotellobby zu treffen oder zumindest von der Rezeption eine Nachricht zu erhalten, aber nirgendwo ein Zeichen von ihr. Ihm blieb die schwache Hoffnung, dass sie vielleicht tatsächlich um drei draußen am Wannsee auftauchte. Immerhin war Jeremys Anfrage das Letzte gewesen, was sie zusammen gesprochen hatten. Und sie hatte nicht Nein gesagt.

Jeremy hatte sich direkt an der Brücke absetzen lassen, um die Insel mit ihren rund vierzig Häusern zu Fuß zu erkunden. Erstaunliche Ecken gab es in Berlin. Er blieb vor den fünf blasslila Gedenktafeln stehen, die auf Deutsch und Englisch über Geschichte und Geschicke der Insel und ihrer Bewohner informierten, und studierte sie interessiert. Schwanenwerder, ein gerade mal 25 Hektar großes Eiland, war in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts von einem findigen Kaufmann parzelliert und zu einem exklusiven Wohnort für die schnell wachsende Gruppe der neureichen Unternehmer und Bankiers deklariert worden. Darunter viele jüdische Familien wie die, der Jeremys Großmutter entstammte. Die Grundstücke waren begehrt: Man wohnte hier am Busen der Natur und dank der ausgebauten Zugverbindung vom Wannsee ins Zentrum war man schnell im Herzen der Hauptstadt.

Doch dann kam die Machtergreifung Hitlers. Die jüdischen Familien auf Schwanenwerder waren in den folgenden Jahren allesamt gezwungen worden, ihre Grundstücke zu verkaufen – meist zu Spottpreisen und an hochrangige Repräsentanten des NS-Staates. Albert Speer kaufte sich ein Grundstück, Hitlers Arzt Theodor Morell hatte hier gewohnt, und es hatte Pläne gegeben, dass der Führer selbst nach Schwanenwerder übersiedelte. Sein Propagandaminister hatte gleich mehrere Grundstücke auf der Insel besessen.

Jeremy hatte sich so in seine Gedanken verloren, dass er jetzt erst bemerkte, dass er eine Gabelung erreicht hatte und vor ihm wieder der Weg lag, den er vorhin gekommen war. Er begriff, dass die Inselstraße einen runden Bogen um die Insel schlug. Gegenüber, hinter einem hohen, mit Eisenspitzen besetzten Zaun, ein flacher weißer Bungalow mit der Hausnummer 10. Er musste also am Haus seiner Großmutter vorbeigegangen sein. Er wollte gerade umkehren, da nahm eine kleine Tafel am Hauseingang seinen Blick gefangen: „Hier wirkte Shepard Stone, ein Amerikaner von Geburt, ein Berliner aus Neigung“ und „Gründer des Aspen Institute Berlin“. Hier befand sich also die Berliner Niederlassung des Aspen-Instituts, einer US-amerikanischen Denkfabrik, die sich darauf spezialisiert hat, im Dialog mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik Wege zur Lösung der verzwicktesten politischen Probleme der Welt zu finden. Die Amis hatten eben ein Talent, sich die Filetstücke herauszupicken. Für ein Institut, das sich die Ermöglichung unmöglicher Treffen zum Ziel gesetzt hat und schon Begegnungen zwischen Arafats Palästina und Baraks Israel oder auch diskrete Gespräche zwischen Vertretern der USA und Nordkoreas vermittelt hatte, war es natürlich verständlich, dass es sich für derlei diplomatisch heikle Missionen lauschige Plätzchen fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit suchte.

Im Bungalow hinter dem hohen, gusseisernen Zufahrtstor waren in allen Fenstern die Rollladen herabgelassen. Es wirkte unbewohnt, wozu indessen der metallicfarbene Wagen nicht passte, der, von Bäumen verdeckt, ein Stück oberhalb neben dem ebenfalls verlassen wirkenden weiß gestrichenen Nebengebäude parkte.

Was Jeremys Einbildungskraft im Moment aber stärker gefangen nahm als der Gedanke an die Rolle des Aspen Institute bei der Lösung der politischen Probleme der Gegenwart, war die Erinnerung daran, gelesen zu haben, wer lange vorher hier an der Stelle des jetzigen Aspen-Hauses gewohnt hatte. Nämlich der Mann, der einst in sein Tagebuch geschrieben hatte: „Wir werden als die größten Staatsmänner in die Geschichte eingehen oder als ihre größten Verbrecher“, und auch recht behalten hatte – mit Letzterem. Typisch deutsch, dass eine Gedenktafel dazu fehlte: Hier, Inselstraße 10, hatte sich einst der „Bock von Babelsberg“ seinen palastartigen Sommerwohnsitz eingerichtet. Nicht nur um die Aussicht zu genießen und dem deutschen Volk ein in den Wochenschaubeiträgen verbreitetes deutsches Familienidyll vorzugaukeln, sondern auch um seinen zahlreichen Affären mit den Damen der Berliner Filmwelt zu frönen.

Angewidert schüttelte Jeremy den Kopf. Ein hinkender Zwerg mit zu groß geratenem Kopf und Hakennase, der Propagandaminister der arischen Nation. Selbst war Goebbels das beste Beispiel dafür gewesen, was die Aufgabe von Propaganda ist: Ihren gleißenden Mantel so über die Wirklichkeit zu hängen, dass die Augen der Menschen für die Wahrheit geblendet werden. Eifrig hatte Goebbels mitgeholfen, Millionen Juden und andere „Nichtarier“ in die Gaskammern zu schicken. Nur wenige Hundert Meter von hier, im Haus der Wannseekonferenz, war all das beschlossen worden. Scheinbare Idylle und schlimmste Gräueltaten liegen oft nahe beieinander. Grimmig kickte Jeremy einen Stein über die Straße – er schlug mit dumpfem Knall gegen das gusseiserne Zufahrtstor des Aspen-Hauses. Volltreffer.

Hinter sich hörte Jeremy ein leises Pfeifen. Er fuhr herum. Aus dem Schatten eines niedrigen Umspannhäuschens, an dem ein großes Schild mit der Aufschrift „Hochspannung! Vorsicht, Lebensgefahr!“ prangte, hatte sich die Gestalt eines unauffällig grau gekleideten Mannes gelöst, der eine unmissverständliche Winkbewegung machte.

Jeremy wandte sich vom Haus weg und ging auf ihn zu. „Entschuldigen Sie, ich suche hier nur ...“

„Sie haben hier gar nichts zu suchen. Machen Sie, dass Sie wegkommen. Und hören Sie auf, hier mit Steinen um sich zu treten, wenn Sie sich keine Schwierigkeiten einhandeln wollen, ja?“

Jeremy konnte ein Pistolenhalfter an der Hüfte des Mannes erkennen. Was war das für ein Typ? Ein Polizist in Zivil? Das Haus wurde offensichtlich überwacht. Was lag da in der Luft?

Der Mann war wieder hinter das Häuschen getreten. Als Jeremy die Stelle passierte, wo er eben noch gestanden hatte, warf er einen neugierigen Blick nach rechts. Es war niemand mehr zu sehen. Seltsam.

London, Chelsea

„Ja?“, die Stimme am anderen Ende der Leitung klang verschlafen. Mist, sie hatte mal wieder nicht an die Zeitverschiebung gedacht.

„Entschuldige, Coco, hab ich dich geweckt?“

„Hey, Cathy! Wie geil ist das denn! Nein, nein, war nur ein bisschen vor der Glotze am Dösen. Ist erst halb elf oder so, bin ja eher ein Nachtmensch. Mensch, wie geht’s dir denn? Schön, von dir zu hören. Hast du meine Mail gelesen? Was macht der Nachwuchs?“

„Das, ähm ...“ Cathy suchte vergeblich nach Worten. Dann entrang sich ein nicht enden wollender Schluchzer ihrer Brust.

„Oh Gott, ich verstehe. Wie ist das bitter. Total bitter, verdammt.“

„Das war jetzt schon die zweite“, brachte Cathy mühsam hervor. „Und dabei haben wir alles getan. Die Ärzte sind sich nicht sicher, ob wir überhaupt noch Kinder bekommen können.“

„Oh Cathy, du tust mir so leid!“

„Schon gut. Ich bin im Grunde schon drüber weg. Nur manchmal, in Momenten wie jetzt, weißt du, da ...“

„Mensch, ist doch klar! Das geht an die Nieren. Gerade wenn man unbedingt Kinder bekommen will, wie Jeremy und du. Habt ihr schon mal über Adoption nachgedacht?“

„Weißt du, ich bin mir im Moment gar nicht mehr sicher, ob ich überhaupt noch Kinder will. Es läuft im Moment nicht so gut mit Jeremy. Er ist fast nie zu Hause, und wenn er mal da ist, hat er tausend andere Dinge im Kopf und kümmert sich nicht richtig um mich.“

„Echt? Immer der Stress mit diesen scheiß Männern! Manchmal denke ich, Mei-Ling hat es echt einfacher: Die weiß, was sie hat.“ Mei-Ling war ihre gemeinsame Freundin, eine lesbische Regisseurin von Independent-Filmen. „Aber andererseits, auf den Spaß im Bett möchte man ja auch nicht verzichten. Du weißt, ich hatte immer ein ungutes Gefühl mit dir und Jeremy. Der ist doch eigentlich zu alt für dich, bringt’s nicht mehr richtig – glaubst du, er hat ’ne andere?“

„Ich weiß nicht, ob es das ist, Coco. Aber, wenn du schon fragst, er ist ziemlich viel drüben auf dem Kontinent, trifft sich in Zürich mit diesem rothaarigen, stinkreichen Bankierstöchterchen ...“

„Ich sag’s ja, Männer! Undankbar, schwanzgesteuert, geldgierig! Und das gerade jetzt, wo du ihn so dringend bräuchtest. Zieht Leine und turtelt mit anderen herum. Auf so einen würde ich pfeifen!“

„Nun ja, Coco, ich weiß ja gar nicht, ob da wirklich was ist.“

„Dann musst du’s rausfinden. Stell ihn zur Rede. Vor die Entscheidung: du oder die Schweiz. Und wenn er dir was vorschwindelt, wie ich vermute, kannst du ihm ruhig ein wenig nachspionieren. Kennst du da jemand, bei dem du mal nachhaken könntest?“

Cathy überlegte. „Na ja, gut, er hat einen Freund, Jonathan. Der ist auch ständig zu irgendwelchen Bankgeschäften in der Schweiz, aber eigentlich arbeitet er hier in London. Mit ihm verstehe ich mich ganz gut. Wir wollten uns die Tage sowieso mal treffen.“

„Dann horch den doch mal aus. Klar, Männer halten zusammen, das ist ein verschworenes Pack, aber meistens sind sie dumm und können nicht gut lügen. Wirst ja sehen, ob er irgendwelche Ausflüchte macht, und dann nagel ihn fest. Und wenn es wirklich nichts mehr ist mit Jeremy, dann kommst du zu mir nach Shanghai. Mensch, du versauerst doch drüben in England. Cathy, glaub mir, das ist nichts für dich! Nicht auf die Dauer! Ich hab’s dir schon immer gesagt.“

„Vielleicht sollte ich mich wirklich mal nach Flügen umsehen.“

Berlin, Insel Schwanenwerder

Jeremy machte, dass er vom Aspen-Haus mit seinem mysteriösen Bewacher wegkam, und ging die Inselstraße zurück. Irgendwie musste er die Hausnummer 40a übersehen haben. Er dachte an die blutige Geschichte des 20. Jahrhunderts in Ost und West und an sein Filmprojekt, das nicht die Verbrechen von Goebbels und Co, sondern die zeitgleichen Untaten der verbündeten Japaner thematisierte. Noch immer war keine einzige Szene gedreht, auch wenn eine der entscheidenden Fragen nun geklärt war. Er musste an Mie denken und an seine Euphorie und Verwirrung vom Vorabend. Sicher hatten da die geistigen Getränke eine Rolle gespielt. Heute, am hellen, klaren Wintertag, würde sich alles in jeder Beziehung viel nüchterner gestalten. Nur schade, dass Mie sich nicht meldete und offenkundig nicht nach Schwanenwerder gekommen war. Nun gut: auch etwas Ernüchterndes.

Dann dachte er an Cathy. Sobald er das Haus seiner Großmutter gefunden hatte, wollte er sie anrufen, direkt an Ort und Stelle. Sie mussten an ihrer Beziehung arbeiten. Dringend. Momentan waren sie eindeutig dabei, sich auseinanderzuleben, auch wenn er sich das meist nicht eingestehen wollte. Wenn es nur mit dem Kinderkriegen geklappt hätte! Bei Cathys erster Fehlgeburt im vergangenen Jahr hatte er sich ihr noch ganz nah gefühlt, hatte das Gefühl, das gemeinsame Unglück habe sie nur weiter zusammengeschweißt. Bei der zweiten schweren Fehlgeburt vor wenigen Wochen war das anders gewesen. Für Cathy war es ein Trauma, und es kam ihm so vor, als könne er seitdem nicht mehr wirklich zu ihr durchdringen. Fast, als würde sie ihm irgendwie die Schuld an ihrem Unglück geben, das er weder von ihr abzuwenden noch körperlich zu teilen vermocht hatte.

Eine überwachsene Einfahrt führte nach links von der Inselstraße ab. Davor ein Holztor mit Schild: „Privatweg. Durchgang verboten“. Hier war er vorhin vorbeigegangen. Jeremy stellte verwundert fest, dass das Tor unverschlossen war. An einem Baum dahinter entdeckte er ein verwittertes Schild. „40a“, daneben ein Pfeil nach rechts. Kurzentschlossen folgte er dem Fahrweg zwischen dicht gepflanzten Tannen, Douglasien und Fichten, bis er an einem weiteren, nun schmiedeeisernen Tor anlangte. Das war verriegelt. Durch kahle Buchen und Birken hindurch konnte er etwa zwanzig Meter weiter ein Gebäude ausmachen. Ja, das war es. Inselstraße 40a. Eine ockergelb gestrichene, gut hundert Jahre alte Villa. Jeremy erinnerte sich an vergilbte Schwarzweiß-Fotos aus dem Fotoalbum seiner Mutter und fühlte sich in der Zeit zurückversetzt. Viele der alten Villen waren nach dem Krieg abgerissen worden, um pompösen Neubauten Platz zu machen. Doch das Geburtshaus seiner Großmutter war stehen geblieben. Schweigend lag das Haus, verwunschen, braune Blätter bedeckten die Zufahrt, die Fensterläden dicht, kein Licht. Dennoch drückte Jeremy auf den Klingelknopf. Nichts geschah. Vermutlich gehörte das Haus inzwischen einem reichen Industriellen, der im Winter auf Ibiza oder Bali residierte. Doch wenn Jeremy jetzt einfach über den Zaun oder die Steinmauer stieg, würde die Alarmanlage losgehen. Er warf einen Blick auf die Uhr. Halb vier. Zwecklos, noch zu warten.

Er machte ein Foto mit seinem iPhone und wandte sich zum Gehen. Da fiel ihm ein, dass er ja Cathy hatte anrufen wollen. Er wollte gerade wählen, als er ein Geräusch unter den Tannen rechts der Einfahrt hörte. Hinter der Mauer. War doch jemand zu Hause und kam nun, um ihn hereinzulassen? Oder zu verjagen? Eine Gestalt trat aus den Schatten. Zierlich, schwarze Haare, glänzende Mandelaugen, weiblich.

Berlin, Treptow

„Nein und nochmals nein, wir haben noch keine Anhaltspunkte, wer diese Schweinerei angerichtet hat. Wir ermitteln. Und wenn wir dauernd gestört werden, können wir nicht weiterkommen. Wiederhören!“

Oberkommissar Hartmut Seitz’ aufmüpfige blonde Haartolle wippte im Takt, als er mit dem Telefonhörer auf den abgenutzten Schreibtisch aus blasser Eiche klopfte. Wutentbrannt starrte er aus dem Fenster seines Zimmers im dritten Stock eines nach außen hin recht unscheinbaren roten Backsteinbaus. Hier war seit 2004 das GTAZ angesiedelt, das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum von BKA und Verfassungsschutz. Es war noch keine drei Stunden her, dass die Granate den Vorplatz der chinesischen Botschaft verwüstet hatte. Die Nachrichten überschlugen sich und gingen über die Liveticker. Alle möglichen Theorien machten die Runde, wurden vom Nächsten als Gewissheit ausposaunt und mussten im Viertelstundentakt dementiert werden. Vier Tote, acht Schwerverletzte, vom Attentäter keine Spur. Unter den Toten ein Wachmann sowie zwei chinesische Geschäftsleute und ein deutscher Diplomat, Gäste einer Konferenz zur Wirtschaftsentwicklung in Ostasien. Schiff nach dem Rammen der Ufermauer schwer beschädigt, aber alle an Bord mit dem Schrecken und leichten Verletzungen davongekommen – mit Ausnahme des toten Kapitäns und eines Passagiers, der mit einer frischen Kopfwunde in der Spree ertrunken war. Aufschlüsse zum Tathergang erwartete man sich von der Aussage eines kleinen Mädchens, der Tochter des Ertrunkenen, vermutlich der einzige Augenzeuge des Verbrechens auf dem Schiff.

Schon wieder klingelte das Telefon. Verflucht! Aber diesmal immerhin kein störender Politiker oder Journalist, sondern Waltraud Bronner, die Polizeipsychologin. „Wir haben jetzt die Aussage des Mädchens, auf die Sie so gedrängt haben, obwohl die Kleine noch völlig verstört ist. Sie sagt, da war eine böse schwarze Person mit einer Tasche auf dem Kabinendach. Sie nennt sie den Teufel.“

„Schwarze Person? Ein Ne...äh, Maximalpigmentierter?“

„Herr Seitz, bitte, es ist nicht schwer, sich politisch korrekt auszudrücken. Aber, nein, das können wir ausschließen. Dem Mädchen ist nämlich der ausgeprägte Epikanthus medialis der Gestalt aufgefallen.“

„Wie bitte? Epik... wie? Das waren die Worte der Kleinen?“

„Nein, natürlich nicht.“ Waltraud Bronner seufzte. Zögerte. „Also gut: Das Mädchen sagt, der Teufel hatte Schlitzaugen.“

Berlin, Insel Schwanenwerder

„Mie! Was machen Sie hier?“

„Ist die Frage nicht etwas unhöflich, verehrter Herr? Ich dachte, wir haben eine Verabredung. Oder habe ich Sie da missverstanden?“

„Nein ..., das heißt, ja, entschuldigen Sie ... Ich dachte nur ...“ Sie lächelte ihn undurchdringlich an, was ihn vollends aus der Fassung brachte. Das Lächeln wirkte zugleich vorwurfsvoll wie ironisch und spielerisch, so dass es Jeremy unmöglich war zu entscheiden, ob sie den Vorwurf ernst meinte. Seine offenkundige Verwirrung ließ ihr Lächeln nur breiter werden. Aber es schien eher ein liebevolles Lächeln zu sein. Ihre Mandelaugen strahlten und sofort war er wieder ihrem Bann verfallen. „Ich dachte nur, Sie kämen nicht und ... Ich freue mich so, dass Sie da sind!“ Das war vielleicht ein wenig zu enthusiastisch aus ihm herausgeplatzt – schließlich hatte er es hier mit einer reservierten Asiatin zu tun, die er kaum kannte –, deshalb schob er sofort nach: „Aber wie sind Sie auf das Grundstück gekommen?“

„Durch die Gartenpforte am See. Aber ...“ Sie griff von innen nach der Klinke des Seitentürchens am Tor und siehe da: Die Tür öffnete sich. „... heraus geht es durch die Vordertür.“

„Moment!“ Jeremy trat hinein. „Jetzt möchte ich selbst noch einen näheren Blick auf das Geburtshaus meiner Großmutter werfen.“

„Bitte sehr.“ Mie machte eine tiefe Verbeugung wie ein koreanischer Pförtner vor einer hochgestellten Persönlichkeit und wies die Auffahrt zur ockergelben Villa hinauf. „Wir sind ungestört. Hier war mit Sicherheit seit Wochen keiner zu Hause.“

Während sie sich dem Haus näherten, erfuhr Jeremy von Mie die Einzelheiten ihres unverhofften (und doch so erhofften) Erscheinens. Tatsächlich war er der Unpünktliche gewesen. Mie war pünktlich um drei am Haus gewesen, und als Jeremy nicht erschienen war, hatte sie begonnen, das Umfeld zu erkunden. Beim Versuch, um das Haus herumzugehen, hatte sie sich jedoch in einem Gewirr aus vermeintlichen Gehwegen, Büschen und Mauern verirrt und war plötzlich unten am Wannsee-Ufer gestanden. Nun hatte sie sich einen Weg durch Schilf und Schlamm bahnen müssen, bis sie sich vor einer Gartenpforte mit der Aufschrift „Inselstraße 40a“ wiedergefunden hatte.

„Und nun bin ich hier.“

Ja, das war sie. Ihr schwarzes Haar glänzte in der schwächer werdenden Nachmittagssonne und ihre dunklen Augen blitzten, wie wenn es einzelnen Sonnenstrahlen gelingt, durch dichtes Astwerk einen Weg auf den schwarzen Spiegel eines verborgenen Waldsees zu finden. Schön war sie. Schön, rätselhaft und abgründig – wie der Waldsee. Und mutig. Brach die einfach in das Grundstück einer leerstehenden Millionärsvilla ein, als sei das das Selbstverständlichste der Welt!

„Hier ist also Ihr eigentliches Elternhaus?“ Sie waren vor der stattlichen ockergelben Villa angelangt, die mit ihren verschlossenen Fensterläden aus braunem Holz wie schlafend dalag.

„Nein, nicht eigentlich mein Elternhaus. Meine Großmutter mütterlicherseits, eine geborene Goldmann, ist hier aufgewachsen, bevor die Familie in den dreißiger Jahren zum Verkauf des Hauses gezwungen wurde. Sie ist dann nach London emigriert. Das Haus wurde zwangsversteigert. Vermutlich hat es sich irgendeine Nazigröße unter den Nagel gerissen. Keine Ahnung, wer heute hier wohnt.“

„Momentan offenbar niemand. Jedenfalls nicht heute.“

„Sicher das Sommerhäuschen eines reichen Unternehmers, der über schmutzige Waffengeschäfte mit Despotenstaaten ein Vermögen angehäuft hat, das er den Winter über auf den Bahamas zum Fenster hinauswirft, während andere dafür hungern und sterben müssen.“ Jeremy zuckte die Schultern. „Meines Wissens hat die Familie meiner Großmutter nach dem Krieg ein Verfahren zur Rückerstattung angestrengt, das aber unter fadenscheinigen Begründungen abgewiesen wurde. Gleich nebenan befand sich übrigens die Reichsbräuteschule, wie ich gelesen habe. Dort wurden die angehenden Frauen der SS-Größen in den Grundlagen von Rassenkunde und Vererbungslehre unterrichtet mit dem Ziel, sie im Sinne der nationalsozialistischen Familienpolitik für die arische Fortpflanzung zu instrumentalisieren. Indoktrination bis ins Ehebett hinein! Können Sie sich ein derart totalitäres Regime vorstellen, das es sich zum Ziel gesetzt hat, bis in die intimsten Bereiche seiner Bürger einzudringen und sie zu kontrollieren? Der reinste Orwell! Und doch hat es das wirklich gegeben – hier, auf dieser friedlichen Insel, unter diesen hundertjährigen Bäumen.“ Jeremy machte mit den Armen eine ausladende Bewegung. „Was sagen Sie dazu?“

Mie zögerte, wirkte irritiert und schien nach den passenden Worten zu suchen. Mit einem jähen Schreck merkte Jeremy, dass er sich zu weit hatte mitreißen lassen. Er hatte hier eine Art erstes Rendezvous mit Mie, einer Koreanerin – ein Volk das höfliche Reserviertheit über alles stellt –, und ließ sich sogleich über die Intimbereiche des Ehelebens aus: ein schwerer Verstoß gegen die Regeln von Gibun und Nunchi. Schnell irgendwas sagen, Jeremy!

„Haben Sie vorhin nicht etwas von Gartenpforte und Wannsee-Ufer erwähnt? Bei meinem Rundgang habe ich feststellen müssen, dass es zwischen den Häusern nirgendwo einen Zugang zum Wasser gibt. Das wollen die elitären Bewohner wohl so. Damit der Pöbel wegbleibt. Wollen wir denen nicht ein Schnippchen schlagen? Am Ufer hat man sicher einen schönen Blick auf die sinkende Sonne.“

„So ein Zufall, das Gleiche wollte ich gerade vorschlagen! Dort unten ist auch eine Bank, da ist es sehr schön.“

„Also, gehen wir!“, antwortete Jeremy erleichtert. „Wenn uns bis jetzt keiner gestört hat, wird auch keiner mehr kommen.“ Mit Mie an seiner Seite machte sich eine gelöste Abenteuerstimmung in ihm breit. Das war eine Frau, mit der man wahrlich Pferde stehlen könnte. Und jetzt hatte sie genau das Gleiche sagen wollen. Wieder ein Beweis dafür, wie ähnlich sie dachten und wie sie sich geradezu intuitiv verstanden. Wie Seelenverwandte. Wie damals er und Yukiko. Diese gefühlte Seelenverwandtschaft war auch der Grund gewesen, warum er eben so vorgeprescht war. Wie oft hatte er mit Yukiko über dunkle Vergangenheiten gesprochen – auch über das Dritte Reich, aber mehr über dessen damaligen Bündnisgenossen Japan und dessen schreckliche Kriegsverbrechen – und dabei kein Blatt vor den Mund genommen. Er, so wurde ihm bewusst, war unversehens in seine alte Rolle gegenüber Yukiko zurückgefallen, hatte für einen Moment vergessen, dass er hier nicht die altvertraute Japanerin, sondern eine fremde Koreanerin vor sich hatte. Lass dich nicht gehen, Jeremy! Du bist hier mit einer netten Schauspielerin, die du zur Hauptrolle deines Films auserkoren hast. Erträum dir nicht das Blaue vom Himmel herunter!

Kurze Zeit später saßen sie schweigend nebeneinander auf einer grün gestrichenen Bank unten am Ufer und sahen in die späte Nachmittagssonne und über den Großen Wannsee und die hier seenartig verbreitete Havel hinaus. Ein atemberaubender Anblick aus Blau und Grün und dem leuchtenden Schimmer über dem Wasser, mit dem die Sonne eine Verbindungsstraße zum anderen Ufer zu legen schien. Über diese Straße wollte Jeremy mit Mie auf ihren gestohlenen Pferden reiten, im goldenen Licht, immer der großen Sonne folgen, auf dass sie nie untergeht!

Mie hatte sich dicht neben Jeremy gesetzt, ohne ihn aber zu berühren, und die körperliche Nähe verschlug ihm die Sprache. Er wollte sie so viel fragen – ob sie mit J. D. gesprochen und die Rolle angenommen hatte, warum er sie telefonisch nicht hatte erreichen können, was sie überhaupt für ein Mensch war und welche Bedeutung sie im Begriff stand, für sein Leben anzunehmen. Aber Ersteres konnte noch ein wenig warten, die Frage nach den Anrufen könnte ihr unangenehm sein, gegen ihr koreanisches Taktgefühl verstoßen, und er würde sie also zurückstellen, bis er das mit der Rolle geklärt hatte. Und auf die beiden letzten Fragen hätte wohl auch sie keine Antwort gewusst.

So war er oft auch neben Yukiko gesessen, vor langen Jahren, sie hatten stumm geschwiegen, und er hatte sich ihr, der Japanerin aus einer fernen, fremden Kultur, die zugleich auch einfach eine schöne, begehrenswerte Frau war, so nah und zugleich so fremd gefühlt. Solange er schwieg, konnte er sich ganz auf diese Nähe konzentrieren, sie in sich aufsaugen und genießen. Und so schwieg er. Auch jetzt. Und Mie schien es offenbar ebenso zu gehen. Die Seelenverwandte.

Über das Gras neben ihnen hüpfte eine Amsel, ohne Scheu pickte sie hierhin und dorthin, flatterte ein Stück näher, pickte weiter. Beide richteten sie ihre Blicke auf die Amsel, als sei sie das interessanteste und seltenste Wesen der Welt. Ein Lied kam Jeremy in den Sinn. Eines seiner Lieblingslieder. Als Jugendlicher hatte er es sogar einigermaßen auf der Gitarre spielen können. Halblaut fing er an zu singen.

Blackbird singing in the dead of night

Take these broken wings and learn to fly

All your life – you were only waiting for this moment to arise

Blackbird singing in the dead of night

Take these sunken eyes and learn to see

All your life – you were only waiting for this moment to be free

Blackbird fly, blackbird fly – into the light of the dark black night

Mie sah ihn zuerst überrascht, dann leicht belustigt an und schließlich schien sie einfach nur zu lauschen. Als er geendet hatte, fragte sie: „Ein englisches Kinderlied? Sehr hübsch!“

Jeremy fuhr zu ihr herum: „Sagen Sie bloß, das kennen Sie nicht? Blackbird von den Beatles!“

Mie eröffnete ihm, leicht entschuldigend, dass sie sich nie viel aus westlicher Popmusik gemacht habe. Auch nicht aus K-Pop. Sie mochte die alte koreanische Musik. Volkslieder. Keinen seichten Pop.

„Aber Blackbird ist mehr als Pop! Das ist große Kunst. Mit einer großen politischen Aussage! Die Amsel, so hat Paul McCartney erklärt, das ist die unterdrückte schwarze Frau, die sich erhebt und frei wird. Das ist eine Hymne an die Bürgerrechtsbewegung, an Frauen wie Angela Davis und so weiter. Und ein großes poetisches Bild für die Freiheit als Ziel und Verheißung. So wie in dem deutschen Lied Auf einem Baum ein Kuckuck, wenn Sie schon Volkslieder wollen. Das hat mir meine Großmutter immer vorgesungen, als ich ein Kind war. Sie, die politisch Verfolgte, aus der Heimat Vertriebene, hat sich immer sehr für die Freiheit eingesetzt. Da geht es um einen Kuckuck, der auf einem Baum sitzt und singt, und dann wird er vom bösen Jäger erschossen und ist tot – aber im nächsten Jahr ist er wieder da und singt. Meine Großmutter hat erklärt, dass das Lied eine versteckte politische Hymne aus dem 19. Jahrhundert darstellt. Die Freiheit wird sich immer durchsetzen, egal wie oft und von wie vielen sie mit Waffengewalt, mit Mord- und Totschlag unterdrückt wird. Der Drang zur Freiheit ist nicht totzukriegen und wird letztlich siegen. Der Moment zum Aufsteigen, Davonfliegen und Freisein wird endlich kommen. We shall overcome!“

Jeremy merkte, dass er sich erneut in eine seltsame Erregung geredet hatte. Er sprang auf, hob einen flachen Kiesel vom Ufer auf und warf ihn knapp über der Wasserlinie in den windstillen See hinaus. Er sprang vier- oder fünfmal auf, bevor er im Wasser versank. Dann richtete sich Jeremy auf und blickte in der beginnenden Abenddämmerung nach Westen in Richtung Kladow und zur Pfaueninsel hinaus. „Kaum zu glauben, dass irgendwo dort drüben vor fünfundzwanzig Jahren noch die Mauer stand“, sagte er dann, zu Mie gewandt. „Macht Ihnen das nicht Hoffnung auch für die Zukunft Ihres Landes?“

Wieder dieses verlegen-höfliche Lächeln. Wieder hatte er sich zu weit hinreißen lassen. Man sprach, höflichkeitshalber, Koreaner nicht auf die Teilung ihres Landes an. Aber jetzt war es zu spät, schnell das Thema zu wechseln. Mie wandte ihm ihr Gesicht zu. „Ich sehe, Sie sind ein politisch bewegter Mensch“, sagte sie, weiterhin lächelnd. „Ein Mann mit einer Vision. Das ist gut, wenn man Filme macht.“

„Richtig.“ Jetzt war sie also in einer für sie eher unangenehmen Situation selbst aufs Thema zu sprechen gekommen. Clever. „Das sehe ich auch so. Mein Film soll seinen Beitrag dazu leisten, alte Gräben zu schließen und die Welt ein klein wenig besser zu machen. Ein Film für Freiheit, Aufklärung und Versöhnung. Mie –“ Er streckte pathetisch die Hände aus. „Wollen Sie meine weibliche Hauptrolle werden?“

Sie sah ihn mit einem belustigten, aber freundlichen Lächeln an, als habe ihr gerade ein reicher älterer Herr einen überschwänglichen, aber nicht ganz ernst zu nehmenden Heiratsantrag gemacht.

Sie schwieg einen Moment, wie grübelnd. „Vielleicht schon“, sagte sie dann. „Aber haben Sie sich das auch gut überlegt?“

„Sehr gut. Und jetzt ist es genug. Oh, Mie – dai suki desu!“, entfuhr es ihm. Zu spät bemerkte er, dass er erneut zu weit vorgeprescht war und sich dazu noch peinlich in der Sprache vergriffen hatte.

Sie lachte nur und antwortete in einem langen, wohlklingenden Wortschwall. Nicht alles verstand er, zu eingerostet waren seine Japanischkenntnisse. Ihre dagegen waren verblüffend. Dass sie sich freue, sagte sie. Dass auch er ihr keineswegs gleichgültig sei. Und dass es ihr eine Ehre wäre, ihm eines Tages die koreanische Entsprechung seiner Worte beizubringen. So oder so ähnlich ihre Antwort.

„Ach, Mie, entschuldigen Sie, ich bin heute so verwirrt!“ Und zu Recht: Erst erinnerte sie ihn auf geradezu unheimliche Weise an seine verlorene Liebe aus Kyoto, und jetzt sprach sie auch noch ein makelloses Japanisch. Diese Frau war wirklich voller Rätsel.

Berlin, Treptow

Hartmut Seitz schenkte sich Kaffee nach, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, massierte sich die Schläfen. Und überlegte. Viel hatte die Befragung des Mädchens nicht erbracht. Es konnte nicht einmal zweifelsfrei geklärt werden, ob es sich bei der „Gestalt“ nicht auch um eine Teufelin gehandelt haben könnte. Die enorme Distanz, die beim Granatenwurf überwunden worden war, ließ eher auf einen durchtrainierten Mann schließen, doch gab es auch athletische Frauen, die so weit werfen konnten. Blieben als einziger weiterer Anhaltspunkt die Schlitzaugen. Bei einem Attentat auf die chinesische Botschaft waren schlitzäugige Attentäter zwar wenig verwunderlich, aber es war immerhin eine Spur. Allerdings kamen immer noch alle möglichen schlitzäugigen Nationalitäten, Ethnien, Menschen in Frage.

Auch die Befragung der zufälligen Augenzeugen im Umkreis der Jannowitzbrücke war wenig ergiebig geblieben. Einigen war das riskante Drehmanöver mitten auf der Spree aufgefallen, manche meinten auch, flüchtig eine dunkle Gestalt auf dem Sonnendeck wahrgenommen zu haben, aber dann hatte die Explosion alle Blicke auf sich gezogen. Am interessantesten war vielleicht noch die Aussage eines Obdachlosen, der auf einem Matratzenlager unter der Jannowitzbrücke hauste. Der (allerdings reichlich alkoholisierte) Mann wollte gesehen haben, wie „ne Jestalt mit em Buckel“ etwas von Bord geworfen habe, sie sei dann aber „plötzlich wech jewesen“. Aufgefbrdert, die Gestalt näher zu beschreiben, war auch aus diesem Mann nicht mehr rauszubekommen gewesen als: „Na, mit’m Buckel halt. Am Rücken.“ Ja, wo auch sonst? Was immerhin darauf hinweisen könnte, dass die Gestalt, die vermutlich unter ihrer schwarzen Kleidung einen Neoprenanzug getragen hatte, um im kalten Spreewasser schwimmen zu können, auch mit einer Sauerstoffflasche ausgestattet gewesen war. Dann war sie wohl irgendwo fernab unbemerkt ans Ufer gegangen.

Schlitzaugen ... Hartmut Seitz hatte wenig Erfahrung mit Ostasiaten. Schließlich war das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum vornehmlich zur Bekämpfung des islamistischen Terrors eingerichtet worden. Wenn es stattdessen um irgendwelche Streitigkeiten zwischen Chinesen, Japanern und so weiter ging, war er nicht zuständig. Vielleicht würde er die Angelegenheit bald schon vom Hals haben.

Berlin, Insel Schwanenwerder

„Wissen Sie was? Wir fahren jetzt gemeinsam in die Stadt und gehen noch was Schönes essen, was meinen Sie? Koreanisch, deutsch, italienisch, französisch, japanisch ... was Sie wollen. Vielleicht nicht unbedingt englisch. Auch wenn das Essen meines Heimatlandes besser ist als sein Ruf, heb ich mir das doch lieber für zu Hause auf.“ Jeremy strahlte Mie an und sprudelte wie ein Wasserfall. Sie hatte zugesichert, die Rolle zu übernehmen, die Details sollte J. D. mit ihr ausmachen. Als Jeremy sie in seinem Überschwang umarmte, hatte sie sich ihm nicht entzogen, sondern sich ihm dezent entgegengedrückt, so zumindest sein Eindruck. Er hatte sie allerdings rasch wieder losgelassen; hier ging es um seinen Film und das Besiegeln einer rein professionellen Beziehung. „Na, was halten Sie davon? Also, mich hat der Nachmittag an der frischen Luft richtig hungrig gemacht.“

Mie lächelte ihr rätselhaftes Lächeln. „Ganz, wie Sie meinen.“

„Dann rufe ich uns jetzt ein Taxi.“ Jeremy griff nach dem Kärtchen des Taxiunternehmens, das ihn hergebracht hatte, und wählte die Nummer. „Es ist in etwa fünf Minuten hier“, berichtete er Mie.

Sie gingen den Fahrweg zur Inselstraße zurück. Von der anderen Seite kamen einige Spaziergänger des Weges. Die einzigen Menschen, von Mie abgesehen, denen Jeremy in seinen zwei Stunden hier draußen begegnet war. „Wir können dem Taxi ja noch ein Stück entgegengehen“, schlug er vor. „Es kann uns wohl kaum verfehlen. Schließlich gibt es nur diese eine Straße. Auch wird mir allmählich kühl.“ Und dann war da noch dieser Druck auf seiner Blase.

„Gerne. Ganz wie Sie wollen.“

Jeremy blickte sich in der einsetzenden Dämmerung um. Die Spaziergänger waren ein Stück weiter unter den Bäumen verschwunden. Da fiel ihm ein, dass er doch noch einen anderen Menschen auf der Insel gesehen hatte. Diesen seltsamen Typen unten am Aspen-Haus. Ob er immer noch dort war und ihn jetzt erneut anpflaumen würde? Er erzählte Mie von seiner merkwürdigen Begegnung. „Der wirkte echt unheimlich und hat gemeint, ich soll abhauen. Eigentlich möchte ich ihm oder seinen Kollegen nicht nochmal über den Weg laufen.“

Mie kniff kurz die Brauen zusammen und musterte ihn. Dann kehrte ihr Lächeln zurück. „Ich kann ja schon mal schauen, ob die Luft rein ist“, schlug sie scherzhaft vor.

„Nein, wo kommen wir da hin, ich werde Sie doch nicht allein gehen lassen. Aber ich, äh ... vielleicht ...“ Unruhig trat er von einem Bein auf das andere. Er müsste sich jetzt dringend mal in die Büsche schlagen, aber ihr das zu sagen, erschien ihm höchst unromantisch.

Musste er auch nicht. Plötzlich lachte sie auf. „Versteh schon. Bis gleich.“ Und war davongestürmt. Jeremy seufzte. Diese Frau hatte ihn mal wieder durchschaut. Und war immer für eine Überraschung gut. Er sah sich um, ob die Spaziergänger nicht zurückkamen, überquerte die Straße und trat hinter einen der großen Bäume am Zaun. Puh, war wirklich höchste Zeit. Jetzt nichts wie ihr nach.

Ein Wagen fuhr vor, hupte. Er wandte sich um. Oh schon, das Taxi! „Se hatten eene Taxe jerufen?“ Er sprang auf den Beifahrersitz.

„Ins Zentrum. Aber erst müssen wir die Frau auflesen, ein Stück die Straße hinunter. Sie haben sie sicher gesehen.“ Der Fahrer grunzte etwas Unverständliches im Berliner Dialekt.

Sie rollten am Aspen-Haus vorbei. Aus den Ritzen der Rollladen drang schwaches Licht. Mindestens zwei Autos standen seitlich hinter den Bäumen. Vom mysteriösen Überwacher nichts zu sehen. Aber etwas ging dort vor. Vielleicht wieder eines dieser internationalen Krisen-Vermittlungstreffen? Und, verdammt, wo war Mie? Auf einmal wurde es viel zu schnell dunkel. Unheimlich schnell.

Das Taxi rollte über die Brücke. Konnte sie überhaupt so weit gekommen sein, auch wenn sie rannte? Warum hatte sie nicht auf ihn gewartet? Er selbst hätte spätestens hier an der Brücke gewartet. Jeder vernünftige Mensch würde das tun. „Halt! Halten Sie an. Wir müssen die Frau einladen.“ Der Taxifahrer warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. „Na jut, aber hier is et jerade schlecht halten.“

„Halten Sie schon! Oder wenden Sie bei der nächsten Gelegenheit. He – da war eine Kreuzung; dort auf dem Kopfsteinpflasterweg hätte man doch wenden können, warum haben Sie das nicht getan?“ Was war da los? War er an einen Verrückten geraten? Oder waren die deutschen Taxifahrer alle so ... unflexibel?

Er konnte Mie doch nicht im Stich lassen! Jeremy zog mit fahrigen Fingern sein Handy hervor und wählte ihre Nummer. Dabei fiel ihm siedend heiß ein, dass er sie doch nicht gefragt hatte, warum sie nie ans Telefon ging. Wahrscheinlich gab es irgendeine banale Erklärung dafür – eine veraltete Nummer auf der Karte, eine Störung, ein Fehler seinerseits bei der Ländervorwahl –, aber sie hatte ihm diese Erklärung eben nicht gegeben, also war damit zu rechnen, dass es auch diesmal nur in die Leere der Sphären tuten würde.

Es tutete in die Leere der Sphären. „Verdammt, sind Sie schwer von Begriff? Jetzt wenden Sie doch! Die zierliche, schwarzhaarige Frau, Koreanerin! Die müssen Sie bei der Herfahrt gesehen haben.“

„Ik hab überhaupt keenen jesehen. Nur Sie, wie Se an den Baum jepinkelt ham. Se wissen ja wohl, dass dat in diesem Land verboten is. In Berlin kostet Se dat dreißig Euro, wenn Se erwischt wern.“

„Hören Sie, ich habe jetzt wirklich andere Sorgen. Sie wenden jetzt oder ich steige hier mitten auf freier Strecke aus.“

„Moment ...“ Der Taxifahrer ergriff sein Funkgerät. Eine metallisch klingende Stimme gab ihm halblaute Anweisungen. „Jut ... verstehe ... wird jemacht ... muss nur aufpassen, dat der mir nich rabiat wird.“ Dann wandte er sich zu Jeremy um. „Tut mir leid, Meester, Anweisung von oben.“

Der Taxifahrer bog in eine Waldstraße ein, die definitiv nicht in der Richtung lag, aus der Jeremy heute Nachmittag gekommen war. Aber noch immer machte er keinerlei Anstalten zu drehen. Stattdessen fuhr er tiefer in den dunklen Wald hinein.

„He, soll das jetzt eine Entführung sein, oder was? Vielleicht verwechseln Sie mich mit wem? Ich werde mich über Sie beschweren.“

„Nun machense mal halblang, Meester. Jeschieht allet nur zu Ihrer Sicherheit. Wir sin gleich da.“

Vor ihnen wurden in der Dunkelheit Scheinwerfer sichtbar. Dort parkten mehrere Wagen. Mitten im Wald. Das Taxi hielt. Drei Männer traten auf das Auto zu. Einer hatte eine Taschenlampe in der Hand. Ein anderer eine Waffe. Jeremy rüttelte an der Tür, aber sie ließ sich nicht öffnen. Der dritte Mann öffnete von außen. „Steigen Sie aus und machen Sie keinen Quatsch“, sagte er auf Englisch mit kaum hörbarem deutschen Akzent. „Wir bringen Sie zu Ihrem Hotel zurück, Mister Gouldens. Ganz umsonst. Guter Service, nicht wahr?“

Jeremy erstarrte. Wie konnten die seinen Namen wissen? Er zwang sich, ruhig zu bleiben. „Hören Sie, ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie von mir wollen – aber ich hoffe, Sie sind ein Gentleman: Auf dieser Insel wartet eine Frau auf mich, der ich versprochen habe ...“

Sein Gegenüber verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. „Schon gut, können wir alles auf der Fahrt klären. Los, steigen Sie ein, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit. Zigarette?“

Eigentlich rauchte Jeremy, wenn überhaupt, fast nur noch Zigarren, aber in manchen Situationen ... Beklommen zog er aus dem hingehaltenen dunkelgelben Päckchen mit blauem Aufdruck eine deutsche Filterlose.

Wenige Minuten später hatte der unauffällige graue Mercedes bereits das Kreuz Zehlendorf erreicht und raste auf der ehemaligen Strecke der hundert Jahre zuvor gebauten ersten deutschen Autobahn AVUS mit hoher Geschwindigkeit dem Stadtzentrum zu.

London, Chelsea

Cathy war sauer – seit ihrem Telefongespräch mit Coco am frühen Nachmittag hatte sie es ungefähr jede Viertelstunde bei Jonathan probiert, aber es war immer nur die Mailbox dran gewesen. Jetzt beschloss sie, es aufzugeben. Sie würde sich nicht zum Affen machen. Nicht für Jeremy und auch nicht für seinen Freund. Coco hatte recht: scheiß Männer! Es hatte gutgetan, sie so von der Leber weg lästern zu hören. Coco, die dann doch gleich wieder mit dem nächstbesten in die Kiste sprang, solange er nur athletisch genug gebaut war, einen knackigen Arsch und wenig Hirn hatte. Nein, Cathy war nicht wie Coco. Trotzdem würde sie in ihrer trostlosen Lage das Gespräch mit der Freundin gut brauchen können. Mittlerweile war Cathy entschlossen, sie in Shanghai zu besuchen. Mochte Jeremy sagen, was er wollte. Wahrscheinlich würde er gar nichts sagen. Womöglich würde er nicht mal merken, dass sie weg war. Scheiß Männer!

Auch Jeremy hatte, wie sie sehen konnte, heute vergeblich versucht sie anzurufen. Aber nur ein einziges Mal! Typisch. Wenn sie jemanden sprechen wollte, wählte sie sich die Finger wund, und Jeremy probierte es ein müdes Mal und damit war sein Gewissen beruhigt. Der konnte sie mal. Sie versuchte es bei Jonathan. Wieder nichts. Sie fühlte sich einsam. Wollte eine menschliche Stimme hören. Coco in Shanghai schlief, die konnte sie nicht anrufen. Teufel auch. Dann eben doch Jeremy. Schließlich war morgen das Charity Dinner im Dorchester Hotel, und sie hatte nicht vor, dieses Top-Event wegen seiner Unzuverlässigkeit sausen zu lassen. Sie wählte seine Nummer.

Immerhin. Er ging sofort dran. „Ach, du bist’s. Ist gerade ganz schlecht, Cathy. Du, ich kann jetzt wirklich nicht. Ich melde mich, ja?“

Und war schon wieder weg. Arschloch. Wütend schleuderte Cathy ihr Smartphone durchs Zimmer. Irgendwas klirrte. Als sie das Gerät aufhob, war ein Sprung im Display. Ein Spiegelbild ihrer Seele.

Auf den Straßen von Berlin

„Ihre Anrufe können Sie später erledigen“, sagte der Fahrer, zufrieden, dass Jeremy auf sein drohendes Kopfschütteln prompt reagiert hatte. „Jedenfalls dann, wenn Sie sich uns gegenüber kooperativ zeigen.“

„Jetzt verraten Sie uns erst mal, was Sie da draußen auf Schwanenwerder zu suchen hatten.“ Die zweite Stimme kam aus dem Rücksitz. Sie hatte einen stärkeren deutschen Akzent, der guttural klang. Jeremy wandte den Kopf, konnte im dunklen Auto aber nur die massige Silhouette eines Mannes erkennen, dessen Kopf im Dunkeln lag.

„Erst sagen Sie mir, wer Sie sind! Sind Sie etwa Polizisten oder so? Dann zeigen Sie mir bitte Ihren Ausweis.“

Der Mann auf dem Rücksitz lachte dröhnend. „Oder so – ja, da mögen Sie recht haben. Wie Sie bestimmt wissen, gilt Berlin als die europäische Hauptstadt der Agenten. Alle spionieren sie hier herum: unsere Feinde, unsre Freunde, Briten wie Amis, Chinesen wie Russen und so weiter. Was glauben Sie, wie viele ausländische Diplomaten hier herumlaufen, die in Wahrheit nichts als getarnte Agenten sind?“

„Okay, Sie sind also vom Geheimdienst“, versuchte Jeremy die Sache auf den Punkt zu bringen. „Und Sie halten mich für einen ausländischen Spion. Warum? Ist jeder, der die Insel Schwanenwerder besucht, ein ausländischer Spion? Gehen die alle dorthin? Dafür war dort heute aber verdammt wenig los – in Ihrer Agentenhauptstadt.“

„Nein, nicht alle. Aber eben der eine oder andere. Und die beschäftigen uns. Es hat heute, wie Sie vielleicht wissen, in Berlin einen terroristischen Anschlag gegeben.“ Nein, das wusste Jeremy noch nicht. Seine ehrliche Überraschung musste überzeugend gewirkt haben, denn nun mischte sich der Fahrer erklärend ins Gespräch: „Jemand hat von einem Schiff auf der Spree aus eine Handgranate auf die chinesische Botschaft geworfen. Vier Tote und viele Verletzte.“

Jeremy war für einen Moment sprachlos. Anders als London war Berlin bislang nicht als bevorzugtes Ziel politisch motivierter Anschläge aufgefallen. Dann fragte er: „Gibt es schon einen Verdacht?“

„Klar. Glauben Sie, wir haben Sie zum Vergnügen aufgegabelt?“

Wie bitte? Konnten die allen Ernstes meinen, Jeremy habe eine Verbindung zum Anschlag? „Hören Sie, werter Herr Geheimdienstler. Soviel ich weiß, befindet sich die chinesische Botschaft im Zentrum. Was hat das mit Schwanenwerder da draußen zu tun?“

„Das wissen wir noch nicht“, meldete sich der Mann auf der Rückbank wieder zu Wort. „Aber vielleicht können Sie uns das sagen?“

Vielleicht wollten sie ja nur seinen Expertenrat. Immerhin war er ein renommierter Fachmann in Sachen Fernost, und wenn die seinen Namen kannten, wussten sie das wohl auch. Jeremy kam ein Einfall. „Vielleicht gibt es eine Verbindung zu diesem Aspen-Institut?“

„Aha!“, kam die Stimme des Mannes. „Inwiefern denn?“

Jeremy hatte plötzlich das Gefühl, man versuche ihn in die Falle zu locken. „Hören Sie mal. Ich bin Fernostexperte, wie Sie vielleicht wissen. Momentan recherchiere ich für einen Thriller über den Koreakonflikt. Und als vor einigen Jahren ein Anschlag auf das SWFC in Shanghai verübt wurde, hatte ich direkt damit zu tun: bei der Aufklärung, nicht bei der Ausführung. Meine jetzige Frau ist damals entführt worden und ich hab sie befreit. Macht mich das etwa verdächtig?“

„Wir wollen nur wissen, was Sie wissen. Und wenn Sie schon so ein Experte sind, wie Sie sagen, dann erzählen Sie bitte weiter! Was wissen Sie über dieses Haus auf Schwanenwerder?“

„Nun, bekanntlich bemüht sich das Aspen-Institut um Vermittlung in den kniffligen Konflikten der Welt. Und da gibt’s in Ostasien jede Menge. Vielleicht liefen in dem Haus irgendwelche Gespräche.“

„Geht das nicht noch etwas genauer?“

„Nein, geht es nicht“, antwortete Jeremy wahrheitsgemäß.

„He, wenn Sie wirklich ein solcher Experte sind, sollten Sie nicht den Ahnungslosen mimen“, mischte sich der Fahrer ungehalten wieder ins Gespräch. „Sie wissen so gut wie wir, dass sich das Aspen-Institut schon seit Jahren nicht mehr auf Schwanenwerder befindet.“

„Was?“ Jeremy fiel aus allen Wolken. „Aber ich bin doch vorbeigegangen. Da war diese Tafel für den Aspen-Gründer und dann dieser Wachmann oder wer immer das war, der mich fortgeschickt hat.“

„Die Gedenktafel ist ja auch geblieben. Aber das Institut ist 2010 nach Mitte umgezogen, und das Haus wurde lukrativ an privat verkauft. Jetzt hören Sie doch auf, uns naive Märchen aufzutischen!“

Mittlerweile hatten sie die Autobahn verlassen und quälten sich durch den dichten Abendverkehr der Innenstadt.

„Sie halten sich wohl für sehr clever, was?“, kam die Stimme vom Rücksitz. „Aber wir können auch anders. Wenn Sie vermeiden wollen, dass die Sache für Sie ausgesprochen unangenehm wird, dann beantworten Sie unsere Frage.“

„Welche denn?“ Sie hatten Jeremy mittlerweile so viele Fragen gestellt, dass ihm regelrecht der Kopf schwirrte.

„Na, die erste. Immer der Reihe nach. Was Sie heute Nachmittag da draußen auf Schwanenwerder zu suchen hatten.“ – „Ich habe das Haus meiner Großmutter besucht.“ – „Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen.“ – „Nein, kann ich nicht. Ihr Deutschen habt sie in den Dreißigern aus dem Land gejagt und sie ist inzwischen verstorben.“ – „Nun ja, nicht so pauschal, bitte. Nicht wir persönlich. Wie hieß denn Ihre Großmutter? Damals?“ – „Sara Josephine Goldmann.“

„Mh“, grunzte der Korpulente. „Und da kommen Sie zufällig gerade heute an der Inselstraße 10 vorbeigeschnüffelt, um nachzusehen, ob der Name Ihrer Großmutter auf dem Klingelschild steht.“

„Ich wüsste nicht, dass dergleichen in Deutschland verboten ist. Klar, ihr mögt es nicht, wenn man in einer Geschichte herumstochert, über die ihr gern den Mantel des Vergessens breiten würdet. Das kenne ich von den Japanern. Deshalb ist ja auch keine Goebbels-Gedenktafel an dem Haus. Aber dass man hier gleich vom Geheimdienst verhaftet wird, wenn man auf den Spuren von Schandtaten des NS-Regimes an der eigenen Familie wandelt, ist mir neu.“

Dem dicken Deutschen platzte der Kragen. „Jetzt machen Sie aber mal ’nen Punkt, ja! Ist Ihnen eigentlich klar, wie verdächtig Sie sind? Dass wir allen Grund haben, in Ihnen einen terroristischen Staatsfeind der Bundesrepublik Deutschland zu vermuten? Und wenn Sie es nicht sind – dann seien Sie froh, dass Sie noch am Leben sind.“

Ringsum nun wieder Bäume und Sträucher. Der Tiergarten. Sie waren fast am Hotel. Ob die ihn auch wirklich dort absetzen würden? Jeremy wagte es kaum zu hoffen. Noch immer hatte er nicht die leiseste Ahnung, was man von ihm wollte. Er war entweder ein terroristischer Staatsfeind oder konnte froh sein, am Leben zu sein? Hallo?

„Jetzt hören Sie mal zu.“ Der dicke Schattenmann holte tief Luft. „Entweder Sie erklären sich bereit, mit uns zu kooperieren, dann können Sie jetzt ins Hotel gehen und sich morgen zu einer vertieften Befragung bei uns in der BND-Zentrale in der Chausseestraße melden.“

„Und wenn nicht?“

Der Mercedes hielt an einem Taxistand an der Eichhornstraße vor dem Park Hyatt. „Verdacht auf Beteiligung an terroristischen Straftaten, Verdunklungs –, Fluchtgefahr. Da gibt’s genug Gründe, Sie unsren Kollegen von der Polizei zu übergeben. Wie auch immer die Sache ausgehen wird: Die Nacht werden Sie dann jedenfalls nicht so bequem verbringen wie da oben im Hyatt.“

Jeremy, obwohl er innerlich vor Wut kochte, sah keinen Grund, dieses Angebot zurückzuweisen. „Ich habe nichts zu verbergen. Ja, ich komme morgen in die Chausseestraße. Dann kann ich jetzt gehen?“ „Wenn Sie uns zuvor noch einen Blick auf Ihr Handy und in Ihre Brieftasche werfen lassen ...“ Zögernd händigte Jeremy dem Fahrer das Gewünschte aus. Er durchstöberte Jeremys Brieftasche, zog den Pass heraus, reichte ihm die Brieftasche zurück. „Sie können gehen.“

„Mein Pass und mein Smartphone?“

„Können Sie sich morgen beides Punkt 13 Uhr in der neuen BND-Zentrale abholen. Sagen Sie dem Pförtner, dass Sie einen Termin im Büro von Dr. Fels haben. Keine Angst, Sie bekommen alles wieder. Ach, noch was: Lassen Sie sich heute auf keinen Fall nochmal im Umkreis von Schwanenwerder blicken! Sonst könnten Sie sich ernste Probleme einhandeln.“ Der Fahrer stieg aus, ging um den Wagen herum, öffnete Jeremy die Tür. „Dann bis morgen, Mister Gouldens.“

„Bis ... Nein, halt, eins noch: Was ist denn jetzt mit dieser Frau? Ich war auf Schwanenwerder mit einer Frau verabredet.“

„Die Frau? Aha, persönliche Interessen! Versteh schon.“ Jeremy konnte förmlich ein Zwinkern in seiner Stimme hören. „Wir kümmern uns um die kleine Japse. Keine Sorge. Bis morgen dann. Gute Nacht!“

Und schon war der dunkle Mercedes davongebraust.

Berlin, Treptow

Im GTAZ, dem Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum der deutschen Sicherheitsbehörden, liefen weiterhin die Drähte heiß. Der Anschlag hatte international hohe Wellen geschlagen. China verlangte zügige Aufklärung und verdächtigte sogleich japanische Nationalisten, worauf Japan mit erbitterten Kommentaren reagierte. China kritisierte daraufhin Deutschland indirekt, indem es darauf hinwies, dass ein „falsches Verständnis von Demokratie und Menschenrechten“ die staatliche Sicherheit unterhöhlen und solchen Anschlägen Vorschub leisten könne, worauf deutsche Oppositionspolitiker heftig reagierten, während sich die Regierung eher kleinlaut auf die üblichen „entschiedenen Verurteilungen“ des Anschlags beschränkte. Zusätzliche Aufregung entstand, als am Nachmittag das Gerücht die Runde machte, die Handgranate sei mit einer radioaktiven Substanz verunreinigt gewesen, was aber von den Behörden rasch dementiert worden war.

„Ich habe da ein ganz dummes Gefühl.“ Oberkommissar Hartmut Seitz saß in seinem mit Akten zugemüllten Zimmer im dritten Stock und blickte seinem Gegenüber, Dr. Friedrich Fels vom BND, starr in die Augen. „Irgendwann stellt sich doch heraus, dass wir den Menschen nicht die volle Wahrheit gesagt haben. Dann muss wohl wieder mal die Polizei den Kopf hinhalten und das BND ist fein raus.“

„Schmutzige Bomben sind darauf angelegt, für Panik unter der Zivilbevölkerung zu sorgen. Das wollten wir in diesem Fall unbedingt verhindern, da schließlich keinerlei Grund zur Panik besteht.“

„Weil diese schmutzige Bombe in Wirklichkeit wiederum hochrein war. Diesen Punkt habe ich immer noch nicht verstanden.“

„Also, nochmal: Schmutzige Bomben nennt man bekanntlich konventionelle Sprengvorrichtungen, die mit radioaktivem Material kontaminiert sind, das durch die Explosion verteilt wird und die unmittelbare Umgebung verseucht. Anders als bei einer Atombombe findet also keine Kettenreaktion statt. Für solche Bomben kommen giftige Radioisotope wie etwa Cäsium oder Plutonium in Frage. Nun hat sich herausgestellt, dass unsere Handgranate mit Spuren von hochangereichertem, nahezu reinem Uran 235 kontaminiert war, also genau jenem Stoff, den man für echte Atombomben braucht – in größeren Mengen von verheerender Wirkung, in so geringer Beimengung aber praktisch harmlos. Glauben Sie mir: Wir haben niemanden gefährdet, indem wir das nicht an die große Glocke gehängt haben. Und für die internationale Sicherheit war es wichtig, jenen, die hier ein gefährliches Statement abgeben wollten, eben keine Bühne zu verschaffen.“

„Die Uranbeimengung war also nur von symbolischer Bedeutung?“

„Genau das. Hier wollte jemand zeigen, was er kann. Wozu er fähig ist. Dass er radikal und zu allem bereit ist. Dass er schmutzige Bomben bauen kann. Und mehr als das. An hochangereichertes Uran kommt keiner so leicht ran. Aber die hatten das. Und wenn sie noch mehr da von haben, dann ...“

„Dann haben wir die Bombe in den Händen von Terroristen. Das alte Schreckensszenario wäre endlich wahr geworden. Aber wer kann das sein? Wer sind diese Schlitzaugen? Ich bin ja nach wie vor der An sicht, dass dieser Anschlag gar nicht in unserem Zuständigkeitsbereich liegt. Das ist doch ein anderes Kaliber als damals die Sauerland-Gruppe, der wir das Handwerk gelegt haben, als sie einen islamistischen Sprengstoffanschlag vorbereitete. Hier haben wir es eher wieder mit durchgeknallten Japsen oder so zu tun, die ihre alten Rechnungen mit China auf unsere Kosten begleichen wollen. Haben wir eigentlich schon das Datum überprüft? Ich meine, asiatische Terroristen wählen für ihre Anschläge ja gerne irgendwelche symbolischen Jahrestage. Das war vor ein paar Jahren in Shanghai auch schon so.“

„Richtig, aber der 16. Februar scheint da nichts herzugeben.“

„Und dann hat es auch noch einen deutschen Ostasien-Diplomaten erwischt: Dr. Johannes Habrecht, der sich, wie unsere Recherchen ergeben haben, gerade in der chinesischen Botschaft befand, um ein Vermittlungsgespräch mit einer nordkoreanischen Delegation zu führen, in dem es wiederum um die Vorbereitung eines diplomatischen Geheimtreffens morgen Abend in der Borsig-Villa ging. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass da irgendein Zusammenhang besteht.“

„Und der wäre? Von den Schlitzaugen mal abgesehen.“

„Das weiß ich noch nicht. Da waren noch zwei weitere Diplomaten, der Bundestagsabgeordnete Schischkoff, deutsch-koreanische Parlamentariergruppe, und ein Kerl namens Korff, die hätten sich eigentlich mit Habrecht und den Nordkoreanern zum Mittagessen treffen sollen, kamen aber erst an, als das Ding schon explodiert war. Ich habe mit beiden Gespräche geführt. Schischkoff scheint mir integer zu sein, aber diesem Korff traue ich nicht über den Weg. Ich bin mir sicher, der schmierige Kerl wusste mehr, als er mir gesagt hat. Wieso lachen Sie jetzt? Ach so ...“ Seitz wusste, was nun kommen würde.

„Korff lassen Sie ruhig meine Sorge sein. Um den kümmern wir uns schon.“ Auf Fels’ meist so grau und ausdruckslos wirkende Züge legte sich ein wissendes Grinsen. Seitz hasste das. Er riss sich hier den Arsch auf und dann kamen diese arroganten Geheimdienstler und wussten immer schon mehr, rückten jedoch nicht heraus damit. Er war erfahren und frustriert genug, um gar nicht erst weiterzufragen. Er kannte sie alle, ihre Floskeln. Nationale Sicherheitsinteressen, komplexe internationale Verwicklungen, absolute Geheimhaltungsstufe, hochbrisante Sache, Aufklärung schön und gut, aber wir dürfen unsere Kontaktleute nicht gefährden, sonst richten wir am Ende mehr Schaden als Nutzen an. Seitz wusste nur zu gut, dass es in Deutschland ein Trennungsgebot zwischen Nachrichtendiensten und Polizei gab, auf das sich Fels in seiner Geheimniskrämerei berufen konnte. Aber welchen Sinn hat so ein „Gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum“ dann überhaupt, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht?

Ungefragt ließ Fels dennoch sein Sprüchlein vom Stapel. „Wissen Sie, wir sind da an einer hochbrisanten Sache dran, die absoluter Geheimhaltung und äußerster Behutsamkeit bedarf. Da könnten einige Menschenleben gefährdet und Leute unnötig gewarnt werden. Deshalb, nochmal: Lassen Sie Walter Korff mal unsre Sorge sein.“

Seitz sah Fels starr an. „Und was ist mit der Sache oben am Wannsee? Gibt es da auch eine Verbindung, die Sie mir verschweigen?“

Fels zuckte die Schulter. „Darüber werden wir mehr wissen, wenn wir unsere Aktion auf Schwanenwerder abgeschlossen haben.“

„Das heißt, sie dauert noch an? Bis so weit in die Nacht?“

Fels erhob sich, griff nach seiner Jacke. „Bisher hat sich dort noch nichts getan. Außer dass wir, wie ich höre, einen verdächtigen Engländer aufgegriffen haben. Ich fürchte, da ist was schiefgelaufen.“

Seitz’ Telefon klingelte. Er hob ab, gab Fels ein Zeichen, einen Moment zu warten. „Okay, ich verstehe ... Ja, schicken Sie es mir gleich rüber.“ Dann legte er auf. Sah Fels starr an. „Es ist ein Bekennervideo aufgetaucht. Von wegen Schlitzaugen.“

Küsnacht

Anders als etwa die schlossartige Residenz der Rockröhre im Ruhestand, Tina Turner, und ihres deutschen Gatten lag das Anwesen der Familie Bodmer nicht unten am Ufer des Sees, sondern es befand sich, unweit der Villa des russischen Oligarchen Wiktor Felixowitsch Wekselberg, an der Goldbacher Straße oben auf dem Hügel.

Natürlich war es nicht das einzige Haus der Familie. Unter ihren Schweizer Besitztümern war neben dem Chalet in Gstaad vor allem das alte Stammhaus in Liebefeld bei Bern zu nennen. Das Haus in Küsnacht hatte Beat Bodmer erst kurz nach der Jahrtausendwende erworben, als seiner anfänglich schwächelnden Bankenneugründung Century plötzlich die Gelder nur so zuflossen. In seiner nachempfundenen Bauhaus-Ästhetik war es nicht unbedingt schön, aber eben schön gelegen. Von außen sah es aus wie ein Bunker. Unverputzter Beton unterstrich die kantige Fassade. Wie das Maul eines Haifischs hatte sich das Haus tief in den Hang hineingefressen. Aus den riesigen Panoramafenstern hatte man einen fantastischen Blick über den See.

Chloe Bodmer hatte ihren Bunker auf dem Berg den ganzen Tag nicht verlassen. Heute Morgen, bald nach Lektüre jenes ominösen Zeitungsartikels und nachdem sie sich erst einmal ausführlich ihrer Morgentoilette gewidmet hatte, hatte sie bei der Bank angerufen und sich krankgemeldet. Sie hätte es nicht ertragen, noch einmal auf jene drei Ostasiaten mit dem Hund zu stoßen. Sie war sich fast sicher, wäre sie ihnen heute begegnet, wären zwei Hunde dabei gewesen.

Sie fühlte sich nicht wohl, ganz allein in dem großen Haus. Chloe hatte ihren Hauptwohnsitz inzwischen eigentlich in ihrem Penthouse in der Stadt, hatte ihr altes Jugendzimmer in Küsnacht aber behalten. Jetzt, wo Beat im Spital war, empfand sie es nachgerade als ihre Pflicht, das Familienheim zu hüten. Nach wie vor liebte sie das luxuriöse Anwesen oben auf dem Hügel der Reichen. Hier hatte sie in ihrer Jugend rauschende Partys gefeiert, hier war sie der Schwarm der besten Kreise Zürichs gewesen, hier hatte sie ihre Unschuld verloren.

Aber heil war auch diese Welt niemals gewesen. Heil: Das war, als die Bank ihren Sitz noch in Bern gehabt hatte. Als ihre Eltern noch zusammen gewesen waren. Als ihre Mutter nur so viele Tabletten genommen hatte, dass sie irgendwann wieder aufwachte. Und die Geschäfte zwar schlecht liefen, doch die Menschen gut schliefen. Zumindest einer: sie, die junge, unbekümmerte Gymnasiastin Chloe.

Damals war sie mit Marcus zusammen gewesen, dem Basketballtrottel. Der natürlich irgendwie ganz nett war. Der ihr den ersten Kuss gegeben hatte. Und das schon einige Monate vor dem Flaschendrehen an seinem fünfzehnten Geburtstag.

Da hatten ihr auch einige andere Küsse gegeben. Doch das zählte nicht. Wer war da eigentlich noch dabei gewesen, am Ende dieser Geburtstagsparty, als alles etwas aus dem Ruder lief? Mirjam, klar, Miguel, Marcus’ portugiesischer Basketballpartner, und dann dieser seltsame Koreaner Pak. Oh nein, nicht wieder diese blöde Geschichte. Sie zuckte zusammen. Nicht wieder diese blöde Geschichte. Bitte nicht.

Sie hatte in ihrem Herzen nie daran geglaubt. Damals nicht, als er gegenüber Marcus davon geprahlt haben sollte. Ihm ein Foto zeigte, das ihn, Pak Un, neben einem Mann zeigte, der angeblich der koreanische Staatsführer war. Marcus interessierte sich damals nicht für Dinge, die mit Basketball nichts zu tun hatten, und so hatte er mit dem Bild nichts anfangen können. Und auch jetzt, als die Zeitungen das Gerücht verbreitet hatten, hatte Chloe alledem kaum Beachtung geschenkt. Pak Un mit seinem albernen Trainingsanzug und den Nike-Air-Jordan-Turnschuhen. Der immer bei Marcus abgeschrieben hatte. Mit den Rettungsringen am Bauch, die er sich auch durch unermüdliches Basketballspiel nicht hatte abtrainieren können. Der Sohn eines Diplomaten aus der koreanischen Botschaft, mein Gott, sie waren damals im Schulhaus Steinhölzli alle etwas Besseres gewesen. Der nordkoreanischen Botschaft, aber das hatte für sie keinen Unterschied gemacht. Für sie war er immer ein Rüpel gewesen, und das hatte Pak Un bei jener Geburtstagsparty ja auch bewiesen.

Kurz danach hatte er die Schule vom einen auf den anderen Tag verlassen, und keiner hatte je erfahren, was aus ihm geworden war, jedenfalls über lange Jahre hinweg. Nicht, dass sie das sonderlich interessiert hätte. Aber jetzt ... Ein Koreaner in ihrer Klasse. Dann diese lächelnden Ostasiaten mit ihrem Hund. Essen die Koreaner nicht Hunde? Marcus jedenfalls hatten wiederum die Hunde gegessen. Zumindest Teile von ihm. Und jemand hatte ihr den Artikel ins Zeitungsrohr gesteckt. Das gehörte alles irgendwie zusammen. Und das waren keine angenehmen, keine harmlosen Zusammenhänge.

Sie trat auf den Balkon hinaus. Sie brauchte jetzt noch eine „Eve 120“. Vom Balkon konnte sie bis hinunter auf die dunkle Wasserfläche schauen. Von irgendwo dort unten drang grelles Hundegekläff herauf. Das schien ihr ein ganzes Rudel zu sein.

Ohne eine Valium würde sie heute Nacht nicht schlafen können. Mindestens eine. Aber erst einmal unter die Dusche.

Berlin, Potsdamer Platz

Teaser: Der englische Rechtsanwalt Adrian Bell und seine japankoreanische Freundin Hana-ko am Strand. Lachen, Küsse, weichgezeichnete Bilder. Dann verzweifelte Schreie, die Leinwand wird schwarz. Dazu in großen Lettern der Filmtitel: „Korea Incorporated“. Während der Vorspann läuft, ertönt im Hintergrund das in ganz Korea beliebte Volkslied „Arirang“, das von der tragischen Trennung zweier Liebenden erzählt, die hoffen, bald wieder vereint zu sein. Zwischen Vorspann und eigentlichem Filmbeginn das Bild eines vereisten Sees vor dem Hintergrund schneebedeckter Gipfel. Dazu wiederholt eine tiefe Stimme aus dem Off die Liedstrophe:

So viele Sterne es im klaren Nachthimmel gibt

So viele Träume gibt es in unserem Herzen

Dort drüben, da ragt der Berg Paektu

wo selbst mitten im Winter die Blumen erblühn

Handlung: Adrian Bells Freundin Hana-ko verschwindet während eines gemeinsamen Ausflugs an die japanische Westküste spurlos. Bell erhält von hinten einen Schlag auf den Kopf und kann sich an nichts mehr erinnern. Dennoch wird er verdächtigt, seine Freundin umgebracht zu haben, und flieht aus dem Land. Während Hana-ko für tot erklärt wird, hört Bell nie auf zu glauben, dass sie noch lebt, und durchzieht auf der Suche nach ihr die Welt. Häufig hält er sich dabei in Südkorea auf – dem Land, aus dem Hana-kos Vorfahren während der japanischen Besatzungszeit verschleppt worden sind.

Als die Spannungen zwischen den Koreas erneut eskalieren, arbeitet Bell als Korrespondent für die BBC. Als „embedded journalist“ ist er auf einem südkoreanischen Kriegsschiff unterwegs, als es in der Nähe der umstrittenen Insel Yeonpyeong zu einem Feuergefecht kommt. Ein nordkoreanisches Patrouillenboot sinkt und Bells Schiff rettet einen Teil der Besatzung aus den Fluten. Einer der Männer kommt ihm auf unheimliche Weise bekannt vor. Als er die Südkoreaner davon in Kenntnis setzt, unterziehen sie den Mann einer sogenannten „Weißen Folter“ mittels harscher Verhörmethoden. Der Mann gesteht, Teil eines Teams gewesen zu sein, das im Auftrag des nordkoreanischen Geheimdiensts zahlreiche Japaner entführt hat, darunter Hana-ko, die nun in Pjöngjang lebe und in den Propagandafilmen des Regimes die böse japanische Verführerin mime. Bell besorgt sich daraufhin zahlreiche nordkoreanische Filme, erkennt Hana-ko in vielen Szenen wieder und verliebt sich nur noch wahnsinniger in sie.

Während sich der Koreakonflikt zuspitzt, setzt sich Bell in der Mandschurei mit Schlepperbanden in Verbindung, die ihn auf abenteuerlichen Pfaden über die Weißen Berge bis nach Pjöngjang schleusen. Es gelingt ihm, Hana-ko wiederzufinden, und sie verbringen eine rauschhafte Nacht miteinander. Sie planen, durch einen versteckten Tunnel in den Süden zu fliehen. Doch zuletzt verhält sich Hana-ko rätselhaft traurig und verschwindet ohne Abschied.

Am nächsten Tag erscheint Hana-ko nicht am vereinbarten Treffpunkt. Bell gerät in einen wilden Strudel der Ereignisse. (Das noch näher ausführen!) Er wird verhaftet und zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach wenigen Wochen wird er unter mysteriösen Umständen entlassen. Es stellt sich heraus, dass ein enger Bekannter des Lagerkommandanten der hohe Parteifunktionär Kim Ko Ryu ist, dem Hana-ko nach ihrer Entführung als Frau zugeteilt wurde, was sie Adrian verschwiegen hat. Kim hat ihr den Weg in die Filmkarriere eröffnet, und auch wenn sie ihn nicht wirklich liebt, empfindet sie doch tiefe Dankbarkeit für den Mann, der ihr alle Wünsche von den Lippen abliest. Erneute Wiederbegegnung von Hana-ko und Adrian, diesmal im pompösen Luxusanwesen ihres Mannes. Hana-ko überredet ihren Mann zu einem Fluchtversuch zu dritt, der ihnen, auf skurrile Weise, in einer Privatmaschine des Geliebten Führers zunächst auch gelingt. Über den Wolken stoßen sie zusammen mit Champagner an, doch noch ehe auch Adrian einen Schluck aus seinem Glas nehmen kann, sinkt Hana-ko vergiftet zu Boden. Aus dem Hintergrund stürmt eine Gruppe bewaffneter nordkoreanischer Soldaten in die Kabine. Bell glaubt Hana-ko tot und stürzt sich in den Kampf, mit dem Wunsch zu sterben. Wider Erwarten gelingt es ihm, alle Angreifer zu besiegen. Da hört er den Hilferuf der nur scheinbar Toten (im Champagner war ein Betäubungsmittel), die ihn vor Kim Ko Ryu warnt, der sein falsches Spiel mit ihnen treibe. Kim tritt Adrian mit der Waffe in der Hand entgegen und teilt ihm mit, wenn er Hana-ko retten wolle, müsse er zuerst ihn töten. Adrian zögert einen Moment, da stürzt sich Hana-ko mit letzter Kraft von hinten auf ihren Gatten. Aus Kim Ko Ryus Waffe löst sich ein Schuss, Adrian und Kim sinken getroffen nieder. Sie wirft sich auf den totgeglaubten Geliebten und wird erneut ohnmächtig. Im Hintergrund Wagner, Liebestod. Da erwacht Adrian – in Wirklichkeit hat ihn nur ein Streifschuss der Kugel getroffen, die als Querschläger den alten (seit der Erkenntnis, dass Hana-ko ihn nicht wirklich liebt, seines Lebens überdrüssigen) Kim getötet hat. Auch Hana-ko schlägt lächelnd die Augen auf.

In einer Schlussszene sieht man Adrian und Hana-ko mit glücklich entspannten Gesichtern nackt im Bett liegen. Fazit: Der Himmel ist ein Platz auf Erden, und besser als der Liebestod ist das Liebesleben. Im Abspann dann Beatles: Got to get you into my life!

Ja, Schluss und Anfang gefielen ihm richtig gut. Vielleicht etwas theatralisch, aber effektiv. In der Mitte dagegen war noch einiges an Arbeit nötig. Jeremy seufzte. Nach all der Aufregung des Tages konnte er nicht schlafen, und um sich abzulenken, hatte er seinen Entwurf hervorgeholt. Niemand außer ihm wusste, dass (von Dutzenden unzusammenhängenden Skizzenblättern abgesehen) von seinem Korea-Roman bisher nicht mehr existierte als der alte Drehbuchentwurf aus seiner Schublade. Er wusste, dass er damit die Liebesgeschichte nicht gerade neu erfunden hatte. Und doch: Die Sache hatte Potenzial. Und das würde er nun entfalten.

Wenn nur nicht alles durch die Wirklichkeit überrollt würde. „Die kleine Japse“, hatte dieser Geheimdienstmensch gesagt, als Jeremy nach Mie gefragt hatte. Dabei hatte Jeremy immer nur von einer „Frau“ gesprochen. Das konnte nur bedeuten, dass sie von Mie wussten. Und wahrscheinlich wussten sie auch, wo sie war. In den Abendnachrichten hatte Jeremy gehört, dass die Polizei nach einem Attentäter, Mann oder Frau, ostasiatischen Aussehens fahndete. Für ihn gab es nun kaum einen Zweifel mehr: Mie befand sich in den Händen des Geheimdiensts. Zwar nicht des nordkoreanischen, sondern des deutschen. Trotzdem war es unheimlich, wie sich Wirklichkeit und Erfindung manchmal überschnitten. Noch einmal begann er zu lesen: Adrian Bells Freundin Hana-ko verschwindet während eines gemeinsamen Ausflugs an die japanische Westküste spurlos ...

Berlin, Treptow

Eine schwarz vermummte Gestalt, nur ein stechend blickendes Auge ist durch einen schmalen Schlitz sichtbar. In der rechten Hand hält sie eine Handgranate. Der Hintergrund kahl, Beton, ein Kellerraum. Die Gestalt spricht gebrochen Englisch. Kehliger Akzent. „Der chinesische Staat tritt die Rechte seiner islamischen Bürger mit Füßen. Seit das kommunistische China 1949 Ostturkestan besetzt hat, wurden über vier Millionen Muslime durch das Regime getötet. Das Regime hat 30000 Moscheen zerstört und in der Nähe der Städte systematisch Atombombentests durchgeführt, um den Lebensraum der islamischen Bürger zu zerstören. Aber wir werden es ihnen mit gleicher Münze zurückzahlen. Heute in Berlin, unser Warnschuss, morgen schon in Peking und überall dort, wo man die Rechte von Muslimen beharrlich aufs Gröbste missachtet. Der chinesische Staat hat es nicht länger mit einem Aufruhr irgendwo in seinen fernen Provinzen zu tun. Wir sind jetzt eine islamische Armee, in der sich Muslime aus der ganzen Welt unter dem Ziel vereinen, ein neues Kalifat zu errichten, in dem Allahs getreuen Dienern ihre alte Macht und Würde zurückgegeben wird und wo alle, Araber und Nichtaraber, Weiße, Schwarze, Chinesen, Inder, in der Liebe Allahs zusammenleben. Wer aber die Muslime in Kaschgar oder Urumchi angreift, hat den gesamten Islam angegriffen. In fünf Jahren wird das Kalifat ein Gebiet von Spanien bis Ostturkestan erobert haben und die chinesischen Unterdrücker aus dem Land jagen. Ihr mögt es Terrorismus nennen – wir nennen es Kampf um Freiheit und Recht, unseren geheiligten Kampf auf dem Wege Allahs.“ Mit aggressiver Geste streckte der Vermummte den Arm mit der Handgranate in die Kamera. Dann wurde der Bildschirm schwarz.

Die beiden Männer im Raum schwiegen. Fels fand zuerst Worte. „Ich muss gestehen, das kommt selbst für mich etwas ... überraschend. Muslimische Separatisten aus der Unruheprovinz Xinjiang – Ostturkestan. Wir wissen zwar, dass die IS-Terroristen auch Chinesen ausbilden. Aber dass gerade die hier einen Anschlag verüben ...“

Seitz seufzte. „Tja, hätte nicht gedacht, dass mich mein Bauchgefühl mal trügt. Doch wieder mein Zuständigkeitsbereich: islamischer Terrorismus. Dabei hätte ich schwören können, dass da irgendwelche Japsen oder Koreaner dahinterstecken. Echte Schlitzaugen!“

London, Chelsea

Jonathans Stimme wirkte angespannt, aber freundlich. „Entschuldige die späte Störung, aber du hast gesagt, ich soll zurückrufen. Was gibt’s so Dringendes, Cathy? Du hast es siebzehn Mal bei mir probiert.“

Cathy hatte bereits im Bett gelegen und sich die trüben Gedanken ein wenig mit dem neusten Liebesroman von Nicholas Sparks vertrieben. Doch war sie froh, dass sich Jonathan noch meldete. Geflissentlich überhörte sie seinen gezwungen heiteren Tonfall. Siebzehn Mal? Jonathan war als Banker ein notorischer Rechner und mit Zahlen stets sehr genau. „Dringend? Nein, eigentlich wollte ich mich einfach mal mit jemandem unterhalten. Ich bin gestern Abend vom Land zurückgekommen und seither fällt mir im leeren Haus die Decke auf den Kopf. Sag mal, wieso gehst du den ganzen Tag nicht ans Telefon?“

„Wir haben hier sehr schwierige ... Besprechungen. Bis in die Nacht hinein. Bin gerade erst fertig geworden.“

„Wegen Jeremys Stiftung?“

„Ähm, ja, das heißt ... nicht direkt. Es sind ziemlich komplexe ...“

„Na ja, ist auch egal. Sind für mich ohnehin alles böhmische Dörfer. Bist du in London? Meinst du, wir können uns treffen?“

„Was denn, heute noch? Also heute ... heute ist es etwas schlecht, um ganz ehrlich zu sein. Morgen ... morgen bin ich in London.“

„Du bist gar nicht in London? Bist du noch in der Schweiz? Sag mal, hast du meinen Göttergatten da irgendwo gesehen? Hat er nicht gerade erst eine Besprechung mit seiner kleinen Freundin Chloe gehabt?“ Ruhig mal ein bisschen auf den Busch klopfen, Cathy!

„Mit Chloe? Nein, nein. Übermorgen. Übermorgen wollte er in die Schweiz kommen, soviel ich weiß. Wegen des Ethikberichts.“

Also eine Nacht London, wenn überhaupt, dann gleich wieder in die Schweiz. Und das musste sie jetzt hier von Dritten erfahren, weil er nicht anrief und sie auch noch abwürgte, wenn sie es einmal selbst versuchte. Unter diesen Bedingungen konnte sie ihr Charity-Dinner vergessen. Dorchester Hotel lebe wohl! Plötzlich reifte ein böser Gedanke in ihr. Ja, das hatte er verdient.

„Hättest du dann vielleicht morgen Abend Zeit, Jonathan?“

„Ja klar, warum nicht? Zu allen Schandtaten bereit!“

Ich auch, dachte Cathy. Laut sagte sie: „Ich habe hier eine Einladung für ein exklusives Charity-Dinner des Bankenvereins morgen im Dorchester Hotel. Hättest du Lust mitzukommen?“

„Klar, warum nicht. Aber was ist mit deinem Herrn Gemahl?“

„Keine Ahnung, der treibt sich wohl in Berlin mit irgendwelchen japanischen Miezen mit großgeschminkten Manga-Augen herum.“ Jonathan lachte auf. Cathy fand Jonathan sehr sympathisch, aber sein Lachen mochte sie nicht. Es hatte so etwas Hechelndes. Außerdem lachte er oft über Dinge, die nicht zum Lachen waren. Wie jetzt.

„In letzter Zeit nimmt er sich allzu viel raus, finde ich. Kommt kaum noch nach Hause, ruft nicht an, behandelt mich wie Luft, aber ich soll schön die treusorgende Ehefrau spielen. Da mache ich aber nicht mehr mit. Ich glaube, der hat mal einen Denkzettel verdient.“

„Und dazu hast du mich auserkoren?“ Es lag ein vorsichtiger Argwohn in seiner Stimme, der Cathy aufhorchen ließ. Da hatte sie sich doch etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Niemand mochte es, im Rahmen von Partnerstreitigkeiten dazu benutzt zu werden, dem anderen eins vor den Bug zu geben, um dann weggeworfen zu werden, sobald der gewünschte Zweck erreicht ist.

„Ach was, du kennst doch Jeremy. Selbst wenn er wider Erwarten noch aufkreuzt, ist er wahrscheinlich nur froh, wenn er abends nicht fort muss. Der legt doch lieber die Füße hoch und schlürft seinen moorigen Whisky.“ Das war leider allzu wahr. Sie hatte wiederholt versucht, Jeremy eifersüchtig zu machen, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken – es hatte nie geklappt. „Ich will da einfach hingehen, und natürlich will ich nicht allein hin. Du begleitest mich also?“

„Wann fängt es an?“ – „Auf der Einladung steht zwanzig Uhr Champagnerempfang. Bis es mit dem Essen losgeht, ist es sicher mindestens neun.“ – „Gut, das müsste zu machen sein. Soll ich dich abholen? Vielleicht schaffe ich es sogar früher und wir können vorher in der Lounge vom Quaglino’s noch etwas trinken, wenn es dir passt.“ – „Abgemacht. Dann also bis morgen.“ –„Ich freu mich.“

Lächelnd griff Cathy wieder nach ihrem Liebesroman. Selbst ist die Frau. Sie würde morgen zum Dinner ins Dorchester gehen. Jeremy hin, Jeremy her. Das bisschen Spaß ließ sie sich nicht nehmen. Und aus Jonathan würde sie schon herauskitzeln, was er über Jeremy und diese feine Chloe wusste. Sie kannte ihre Tricks.

Küsnacht

Es war für Chloe Bodmer an diesem Morgen kein leichter Gang, nach kargem Frühstück und einer umso ausgiebigeren Wellness-Dusche die Treppe hinunterzusteigen und die Zeitung aus dem Rohr zu ziehen. Wieder fiel ein weißes Kuvert heraus. Mit klopfendem Herzen hob sie es auf. Diesmal hatte man sich gar nicht erst die Mühe gemacht, rote Ausrufezeichen aufzumalen. Aber der entsprechende Artikel war wieder umringelt. Sie hätte ihn auch so gefunden.

Mord an ehemaligem Liebefeld-Steinhölzli-Schüler immer mysteriöser Bern. Im Mordfall am Berner Unternehmer Marcus B. sind die Ermittler noch nicht weitergekommen. Doch scheint eine Verwicklung ins kriminelle Umfeld des Rotlichtmilieus (wir berichteten) zunehmend unwahrscheinlich. Eine gewagte Hypothese hat gegenüber der Berner Zeitung der Journalist und Geheimdienstexperte F. A. Schliermeyer geäussert. Er wies darauf hin, dass B. während seiner Schulzeit im Steinhölzli in Liebefeld die gleiche Klasse besuchte wie der angebliche Sohn eines nordko reanischen Botschaftsangehörigen, der von 1998 bis 2000 unter dem Namen Pak Un Schüler der siebten bis neunten Klasse war. Neben einem Klassenkameraden portugiesischer Nationalität, dessen gegenwärtiger Verbleib unbekannt ist, war B. der einzige Schüler, mit dem Pak Un näheren Kontakt pflegte. Beide teilten eine Begeisterung für das Basketballspiel und besuchten sich gegenseitig. Schliermeyer hegt nun keinen Zweifel daran, dass es sich bei Pak Un in Wirklichkeit um den gegenwärtigen nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un handelte. „Marcus B. wurde bei lebendigem Leib von Hunden zerrissen“, so Schliermeyer, „und auch der junge Diktator in Pjöngjang soll seinen eigenen Onkel Jang Song Thaek von Hunden zerreissen haben lassen – eine unter dem Namen ‚quan jue‘ bekannte, äusserst brutale Exekutionsart. Ich glaube an keinen Zufall.“ Gefragt, welche Motivation hinter der Gräueltat stecken solle, antwortete der hochbetagte, doch nach wie vor sehr alerte Schliermeyer: „Diktatoren überhöhen sich systematisch zu göttergleichen Überwesen. Sie sehen es nicht gern, wenn es Zeugen aus der Zeit vor dieser Überhöhung gibt, die sie als normale, unvollkommene Menschen kennengelernt haben und darüber berichten können. So sorgte schon Adolf Hitler dafür, die eigene Person im wahrsten Wortsinn ‚mit aller Gewalt‘ zu verklären; er tat alles, damit die Spuren seiner Herkunft verwischt wurden und etwa die ungewöhnliche Häufung von Geisteskrankheiten in seiner Verwandtschaft nicht publik wurde. Zudem liess er Reinhold Hanisch, den Freund aus den Tagen im Wiener Männerheim, ermorden, nachdem er Informationen über Hitlers frühe Jahre hatte publizieren lassen. In Nordkorea ist der Führerkult seit Kim Il Sung Staatsdoktrin. Was daran rührt, wird ausgemerzt. Der junge Diktator hat auch seine Jugendgeliebte Hyon Song Wol ermorden lassen, obwohl sie als Sängerin des berühmten Pochonbo Electronic Ensemble ein Star war. Mit Hyon Song Wol verband Kim eine langjährige romantische Liebesbeziehung, direkt nachdem er 2000 von der Schweiz nach Korea zurückgekehrt war. Kim eliminiert gnadenlos alle, die an seinen Mythos rühren könnten. Ich würde mich nicht wundern, wenn noch weitere Personen aus dem ehemaligen Schweizer Umfeld des Diktators ihr Leben lassen müssten.“

Der letzte Satz war mit rotem Edding unterstrichen. Wie auch das Wort Jugendgeliebte.

Berlin, Kreuzberg

Walter Korff, der sich soeben eine Ladung eingelegten Chinakohl in den Mund geschoben hatte, schmatzte anerkennend. „Das Kimchi hier ist wirklich Extraklasse – fast so gut wie im berühmten Ongnyu-Restaurant in Pjöngjang. Nur ist dort die Inneneinrichtung schöner.“ Er warf einen zweifelnden Blick über den Raum. Mit seinen rustikalen Holzbänken, der grauen Betondecke, über die sich metallverkleidete Leitungen zogen, den Neonlampen und der roten Blechwand an der Rückfront verströmte das Restaurant „Kimchi Princess“ den Charme einer Universitätsmensa aus den siebziger Jahren. „Tja, es gibt eben durchaus Dinge, die in Pjöngjang besser sind als in Berlin“, stellte er sodann fest, nahm die vor ihm stehende 0,375-Liter-Flasche Soju, schenkte die kleinen Schnapsgläser voll und prostete seinem Gegenüber zu: „Auf die guten alten Tage! Auf die deutsch-koreanische Freundschaft.“ Er nahm sein Glas und leerte es in einem Zug. Das fast geschmacklose koreanische Nationalgetränk, das ein wenig wie mit Wasser und Zucker versetzter Wodka schmeckte, übte eine wohltuende Wirkung auf seinen etwas angeschlagenen Magen aus.

Der Koreaner mit den wachsam funkelnden Augen verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln, trank ebenfalls und beugte sich wieder über seinen Teller – Bul Nak, scharfer Tintenfisch mit Rindfleischstreifen, direkt am Tisch gegart. Korff fiel erneut die Geschwindigkeit auf, mit der Kyok sein Essen wölfisch in sich hineinstopfte, als könnte ihm jeden Moment jemand den Teller wegreißen. Dann schob er entschieden seinen eigenen Teller weg, der nur zur Hälfte geleert war. Es war an der Zeit, zum Thema zu kommen. Schließlich hatte er gleich noch einen Termin in der Chausseestraße.

„Schlimm, das mit dem Anschlag dieser islamischen Separatisten auf die chinesische Botschaft gestern, nicht?“ Korff fuhr sich durch sein kurzes, graublondes Haar.

Kyok hielt in seinem Schlingen inne. „Es hätte schlimmer kommen können.“ Um seine Lippen lag ein schwer einzuordnendes Grinsen.

„Kam’s aber nicht“, unterstrich Korff. „Was hatten Sie denn so Eiliges am Telefon mit dem Botschafter zu besprechen?“ Kyok schlürfte geräuschvoll ein großes Stück Tintenfisch in sich hinein. „Der Botschafter ist ein junger Mann“, sagte er sodann. „Noch unerfahren. Er muss seine Lektion lernen, wenn er ein guter Botschafter sein will.“ Korff nickte. Auch so eine Eigenart, die Kyok, den er nun schon so lange kannte, mit vielen seiner Landsleute beiderseits des 38. Breitengrades gemeinsam hatte: Auf allzu viele Fragen folgte eine Antwort, die bestenfalls indirekt zu nennen war. „Welche Folgen wird der Anschlag für die auf heute Abend angesetzten Gespräche haben?“, fragte Korff weiter. „Nach meinen Informationen werden sie stattfinden – der nordkoreanischen Delegation ist nichts geschehen und die Chinesen sind heute nicht beteiligt. Oder wissen Sie Gegenteiliges?“

„Der stellvertretende Delegationsleiter Lee Hyun Hae wird wieder die Verhandlungsführung übernehmen“, berichtete Kyok. „Unserem Obersten Führer ist sehr an einem Zustandekommen der Gespräche gelegen. Ich selbst werde dem Anlass erneut fernbleiben – zu heiß.“

Korff quittierte den versteckten Hinweis mit einem Nicken. „Wir werden uns darum kümmern. Und was ist mit dem eigentlichen Delegationsleiter Pak Song Rim? Ist er wieder unpässlich?“

Kyok wiegte den Kopf hin und her, versteckte ihn dann tief in seiner Schüssel und hantierte eifrig mit den Stäbchen, bis alles blitzblank war. Er leckte sich die Lippen und begann: „Der verehrte Genosse Pak Song Rim ist ein alter, kranker Mann. Er ist noch gestern Abend zur Erholung in die Schweiz gefahren. Mit dem Nachtzug. Er wird kaum je wieder nach Deutschland zurückkehren.“

Korff nickte erneut. „Der alte Fuchs. Tut, als wäre er scheintot, und dann schlägt er doch allen ein Schnippchen. Dann weiß er also, dass wir ihm auf den Fersen sind, diplomatische Immunität hin oder her. Irgendetwas ist gestern schiefgelaufen, draußen am Wannsee. Die Sache könnte brenzlig werden. Und was es wohl mit diesen chinesischen Islamisten auf sich hat?“ Doch Kyok setzte wieder sein undurchsichtiges Lächeln auf. Korff wusste, dass heute nichts mehr aus ihm herauszuholen war. Er sah auf seine Uhr, seufzte, griff nach seiner Jacke. „Ich habe leider einen dringenden Termin.“ Der Koreaner deutete eine kleine Verbeugung an. Korff wandte sich zum Gehen, drehte sich dann noch einmal um. „Danke für den kleinen ... Tipp gestern.“

„Keine Ursache. Gleichfalls danke für die, wie soll ich sagen ... diskrete Reaktion eines verständnisvollen alten Bekannten.“

„Wir werden uns natürlich auf die übliche Weise erkenntlich zeigen. Vielleicht fällt Ihnen bis zu unserem nächsten Treffen noch die eine oder andere Zusatzinformation ein. Dann gibt’s einen Zuschlag.“

Kyok lächelte und nickte leicht. Dann sagte er: „Tut mir leid, dass Sie Ihren ... geschätzten Kollegen verloren haben.“

„Wo gehobelt wird, fallen Späne“, antwortete Korff mit ungerührtem Achselzucken, trat auf die Manteuffelstraße und ging zur Skalitzer Straße hinunter. In zehn Minuten musste er in der Chausseestraße sein. Sollte er ein Taxi rufen? Aber die U-Bahn war jetzt wohl schneller. Ächzend stieg er die Stufen zum Görlitzer Bahnhof hinauf.

Berlin, BND-Zentrale, Chausseestraße

Dr. Friedrich Fels saß in seinem erst vor wenigen Wochen mehr provisorisch bezogenen Büro, in dem er sich noch immer nicht heimisch fühlte, kritzelte mit dem Kugelschreiber Krakellinien über das vor ihm liegende Papier und fasste in Gedanken zum x-ten Mal den Ergebnisstand seiner geheimdienstlichen Ermittlungen zusammen.

13.02 Uhr hatte der Anschlag auf die chinesische Botschaft stattgefunden, für den nun eine uigurische Splittergruppe der Terrororganisation Islamischer Staat die Verantwortung übernommen hatte. Aber im Moment interessierte Fels etwas anderes: Etwa eine halbe Stunde später hatte ein schwarzer Mercedes mit Diplomatenkennzeichen und getönten Fenstern die nordkoreanische Botschaft in der Glinkastraße verlassen und war stadtauswärts gefahren. Mitarbeiter des Geheimdiensts, die die Botschaft routinemäßig überwachten, waren dem Wagen gefolgt, hatten ihn aber im dichten Verkehr aus den Augen verloren. Überwachungskameras auf der Autobahn hatten den Mercedes jedoch kurz vorm Kreuz Zehlendorf aufgezeichnet. Und zwar, interessanterweise, zweimal innerhalb weniger Minuten: einmal auf dem Weg stadtauswärts, einmal auf dem Weg stadteinwärts. Zehn Minuten später hatte ein metallicfarbener Hyundai Genesis mit mehreren Insassen ostasiatischen Aussehens die Brücke nach Schwanenwerder passiert und war auf das Gelände des Hauses Inselstraße 10 eingefahren.

Das Haus, ehemaliger Sitz des Aspen-Instituts, jetzt im Besitz eines Schweizer Geschäftsmannes, der sich aber fast nie dort blicken ließ, stand schon länger im Visier des BND, da der Verdacht bestand, dass über diese Adresse brisante illegale Geschäfte organisiert wurden. Nun gab es ganz konkrete Hinweise, dass der Besuch der nordkoreanischen Delegation in Berlin letztlich nicht nur dem vorgeschobenen Kulturdialog mit Deutschland und auch nicht allein dem inoffiziellen Treffen mit ehemaligen US-Diplomaten dienen sollte, sondern daneben auch, wie so oft, der Devisenbeschaffung für das klamme Regime in Pjöngjang. Da ging es um Geschäfte. Und Geschäfte Nordkoreas in Europa waren in diesen Zeiten des Embargos zumeist illegale Geschäfte. Teils mehr oder weniger harmloser Art, wie wenn es sich um die Beschaffung exquisiter Luxusgüter und edler Genussmittel von altem Cognac bis zu japanischem Wal-Sushi für die Diktatorenfamilie handelte; oder auch um den Kauf von Feuerwehrautos, Geigerzählern, Telefonabhöranlagen und Ähnlichem. Teils aber waren das auch sehr dunkle Geschäfte. Und hier war der Geheimdienst gefragt. Da ging es um Drogenhandel und Waffenschmuggel, Verkauf und Einkauf von Nuklearmaterial, Falschgeld, Devisenbetrug und vielerlei mehr.

Friedrich Fels war sich sicher, dass sein verdienter „inoffizieller Mitarbeiter“ – ein treffender Begriff, so missverständlich er im heutigen Deutschland sein mochte – Walter Korff, mit all den undurchsichtigen Kontakten und alten Seilschaften, die bis in seine Stasizeit zurückgingen, noch einiges mehr über die Details dieser Geschäfte wusste. Wenn der Moment gekommen war, würde er schon mit der Sprache rausrücken müssen, Informantenschutz hin oder her.

Drahtzieher hinter all diesen Aktivitäten sollte ein mächtiger nordkoreanischer General sein, über den man kaum mehr wusste, als dass er wohl nicht nur ein Phantom der westlichen Geheimdienste war: der sogenannte „Puppenspieler“. Offenbar entstammte er jenem militärischen Umfeld, in dem die Säuberungsaktionen des jungen Diktators – der nicht einmal vor seinem Onkel, dem zweitmächtigsten Mann im Staat, Halt gemacht hatte – besonders stark wüteten. Den Puppenspieler hatte Kim aber bislang in Frieden gelassen, obwohl er, als hoher Militär, dem hingerichteten Onkel nahegestanden haben dürfte. Vielleicht weil Kim seine Macht insgeheim fürchtete? Oder weil er auf ihn und seine Auslandskontakte, diese Schwarzhandel- und Devisenmaschine, in seiner bedrängten Lage nicht verzichten konnte?

Während der reiche Schweizer Geschäftsmann mit seinem Anwesen auf Schwanenwerder offenbar nur als Vermittler fungierte, der den illegalen Kontakten einen Treffpunkt zur Verfügung stellte, operierte als der eigentlich aktive Mittelsmann auf europäischer Seite, so die kolportierten Informationen, ein britischer Staatsbürger mit großen Erfahrungen im Geschäft mit den Staaten Ostasiens. Seine Identität war ebenfalls unklar. In Geheimdienstkreisen hatte sich der Codename „der Kofferträger“ eingebürgert – wiewohl diese Koffer wohl meist virtueller Natur waren und vor allem aus Geldschiebereien von Konto zu Konto rund um die Welt bestanden.

Der Plan des Geheimdiensts hatte vorgesehen, alle verdächtigen Personen, die den Ort des vermutlichen Treffens auf Schwanenwerder aufsuchten, zu beschatten, sobald sie das Haus verließen. Kurz vor dem Hyundai mit den Insassen ostasiatischen Aussehens war dort auch ein Kleinwagen mit vier Männern eingetroffen, von denen zwei dunklerer Hautfarbe mit eher vorderasiatischen Gesichtszügen gewesen waren und der dritte ein hellhäutiger Europäer mit rötlichem Haar. Doch dann hatte den ganzen Nachmittag und Abend über offenbar niemand das Haus verlassen. Und noch bis jetzt, Mittag des nächsten Tages, nicht. Dennoch war dem deutschen Geheimdienst dort am Vorabend ein in der Tat verdächtiger britischer Staatsbürger mit rotblond-graumeliertem Haar in die Hände gefallen: Er hatte am Vormittag, wie aus Videoaufzeichnungen hervorging, die nordkoreanische Botschaft aufgesucht und war nachmittags auf Schwanenwerder gesichtet worden, wo er sich mit einer ostasiatischen Frau getroffen hatte. Zudem hatte er über viele Jahre als Anwalt in Japan und China gewirkt und fungierte gegenwärtig als Geschäftsführer der um Versöhnung im ostasiatischen Raum bemühten Gao-Feng-Stiftung. Nach außen sicher eine ehrenwerte und untadlige Sache, aber doch mit einem leichten „Geschmäckle“, so der Eindruck von Friedrich Fels (der seine Stuttgarter Herkunft, ganz Geheimdienstler, in Berlin stets erfolgreich zu verschleiern gewusst hatte): Immerhin wurden dem Stifter, Gao Feng, Kontakte zur chinesischen Mafia der Triaden nachgesagt.

Trotz aller Indizien hatte Fels dennoch Zweifel, ob es sich bei Jeremy Gouldens um den gesuchten Kofferträger handelte. Vielleicht war er nur zufällig – oder über weniger zufällige, aber ihn nicht direkt belastende Ostasienkontakte – in die Sache reingerutscht.

Fels’ Sekretärin klopfte an die Tür. „Herr Gouldens ist eingetroffen.“ Dann würde er sich gleich ein besseres Bild von dem zwielichtigen Engländer verschaffen können. Er sah auf die Uhr. Punkt eins. Wo blieb Korff? Der Verhörexperte der speziellen alten Schule war sehr erfahren darin, einem Verdächtigen auf den Zahn zu fühlen.

Küsnacht

„Hier ist der Anschluss von Mirjam und Jobst Meier. Leider sind wir nicht zu Hause, aber über eine Nachricht würden wir uns freuen.“

„Hallo Mirjam, hier ist deine alte Freundin Chloe. Ich hoffe, du bist gesund und wohlauf. Du hast sicher gehört, was mit unserem Klassenkameraden Marcus passiert ist. Es gibt da ein paar Dinge, über die ich gern mal mit dir persönlich reden möchte. Sei doch so lieb und ruf mich zurück.“ Seufzend legte Chloe auf. Das war jetzt schon der fünfte Anrufversuch gewesen; immerhin hatte sie sich endlich durchringen können, auf den Anrufbeantworter zu sprechen. Eine aktuelle Mobilnummer von Mirjam hatte sie nicht. Hoffentlich lag sie nicht mit zerrissenem Leib und fehlenden Gliedmaßen über ihr Haus verteilt.

Plötzlich vermisste sie die Freundin so sehr, dass ihr ein geradezu körperlich fühlbarer Schmerz durch die Brust zog. Waren es jetzt zwei, waren es drei Jahre, dass sie sich das letzte Mal gesehen hatten? Chloe war noch bei Mirjams Hochzeit gewesen, aber bald danach hatte sich die Freundschaft merklich abgekühlt, was vor allem daran gelegen hatte, dass Chloe mit Mirjams reichlich paranoid wirkendem Mann Jobst nicht viel hatte anfangen können und ihre wenigen Treffen zu dritt in einer sehr angespannten Atmosphäre stattgefunden hatten. Seither hatte sich ihr persönlicher Kontakt darauf beschränkt, dass sie einander an ihren Geburtstagen anriefen. Chloe hatte die Hochzeit mit Jonathan nun als endgültigen Termin einer Wiederbegegnung mit der alten Freundin anvisiert. Doch das konnte noch dauern. Noch viel zu lang. Frühestens im Spätherbst, so hatten Jonathan und Chloe vereinbart. Aber wenn da irgendwer durch die Gegend zog und Jagd auf Chloes ehemalige Mitschüler machte, zählte jeder Tag.

Nein, sie würde jetzt nicht noch einmal anrufen. Heute würde sie einfach mal spontan sein. Wenn es nur nicht zu spät war.

Berlin, Chausseestraße

Fels hatte den Engländer im Befragungsraum etwa zehn Minuten lang durch eine nur von dieser Seite her durchsichtige und schalldurchlässige Scheibe beobachtet, ohne dass ihm etwas Besonderes aufgefallen war, und wollte nun endlich zu ihm hinübergehen, da trat Walter Korff durch die Tür. „Entschuldigen Sie die Verspätung, aber ich hatte ein wichtiges Treffen mit einem meiner Spezialfreunde.“ Korff und seine Spezialfreunde. Alles war bei ihm immer speziell.

„Und?“ – „Es gibt, wie bereits vermutet, Grund zur Annahme, dass es beim Borsig-Treffen heute Abend erneut zu einem Zwischenfall kommen könnte. Ich habe bereits unsere Freunde vom BKA kontaktiert, damit sie entsprechende Vorkehrungen treffen. Und noch was: Dieser tattrige alte Koreaner Pak Song Rim, offizieller Delegationsleiter der Nordkoreaner, ist uns durch die Lappen gegangen. Er hat sich noch gestern Abend in die Schweiz abgesetzt, während der BND vor dem Haus in der Inselstraße gewartet hat, dass diese Jungs rauskamen. Wahrscheinlich hat sich die ganze Bagage durch die Hintertür und mit dem Boot über die Klare Lanke davongemacht – da haben Ihre Leute wohl versagt. Immerhin haben wir ja unseren verdächtigen Engländer.“ Korff wandte sich der Scheibe zu. „Ah, das ist er also?“

„Ja und nein. Engländer ist er, ja, und nicht unverdächtig. Trotzdem glaube ich eher nicht, dass er der ist, den wir suchen. Unsere Männer vor Ort haben angegeben, dass er wie ein normaler Tourist vorbeigeschlendert ist. Sonst hätten sie ihn auch nicht weggescheucht.“

„Dann hat er sich dort noch ein, zwei Stunden lang mit einer Frau ostasiatischen Aussehens herumgetrieben – nachdem er erst am Vormittag um die nordkoreanische Botschaft geschlichen ist. Und das soll ihn nicht verdächtig machen?“

„Er hat sich nicht herumgetrieben, sondern das ehemalige Wohnhaus seiner Großmutter besichtigt. Wir haben das überprüft. In dem Haus hat tatsächlich mal eine gewisse Sara Josephine Goldmann gewohnt, und sie ist wirklich die Großmutter eines Jeremy Gouldens. Was er über seine deutschen Wurzeln sagt, stimmt.“

„Na gut, wenn man das denn deutsche Wurzeln nennen mag“, gab Korff achselzuckend zurück. Fels runzelte die Stirn, überging die Bemerkung aber. Irgendwas war dort drüben mit der Entnazifizierung offenkundig schiefgelaufen. „Und sein Handy?“, fragte Korff weiter.

„Gestern hat er mit seinem koreanischen Filmagenten telefoniert und einmal seine Frau in London angerufen. Und ständig eine andere Nummer gewählt, die wir nicht identifizieren konnten. Ortung Fehlanzeige, das Handy ist abgeschaltet.“

„Die mysteriöse Ostasiatin.“

„Vermutlich. Er war mit ihr zusammen auf der Insel, das steht fest. Unsere Leute haben beide bei ihrer Inselpatrouille gesehen, als er das Taxi gerufen hat, und daraufhin entschieden, das Taxi zu stoppen. Merkwürdig nur, dass niemand die Frau gesehen hat, als sie auf die Insel gekommen ist oder sie verlassen hat. Aber vielleicht haben wir es ja wirklich nur mit einer Kette seltsamer Zufälle zu tun. Schließlich stimmt es auch, dass Gouldens an einem Film über Japan und China arbeitet und deshalb die Berlinale besucht hat. Er ist Ostasienkenner und verfügt über gute Kontakte in den Raum. Er hat vor ein paar Jahren eine wichtige Rolle bei der Beendung der Geiselnahme in Shanghai gespielt und ist dafür bekannt, in Wespennestern herumzustochern. Außerdem ist er Geschäftsführer einer Stiftung zur Förderung der Versöhnung zwischen Japan, Korea und China. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir hier einen abgezockten Kriminellen vor uns haben.“

„Sie wissen, dass ich auf sentimentale Bauchgefühl-Sachen nicht viel gebe. Aber ich sehe, worauf Sie hinauswollen.“

„Genau. Da drüben sitzt ein Mann, der uns vielleicht hilfreich sein kann. Möglich, dass er auf irgendeine Weise an dieser Sache beteiligt ist, als Schuldiger, als Unschuldiger oder irgendwo in der breiten Grauzone dazwischen, die wir nur zu gut kennen. Dass er unser ominöser Kofferträger ist, glaube ich nicht; schließlich hat er das Haus gar nicht betreten. Wir sollten herausfinden, was er weiß, und uns seiner Mitarbeit versichern. Er hat angegeben, dass er zu einem Korea-Roman recherchiert. Können wir ihn nicht zu einem Rechercheur in eigener Sache machen? Natürlich geht es nicht ganz ohne Offenheit. Wenn wir etwas von ihm wissen wollen, müssen wir bereit sein, ihm den einen oder anderen vertraulichen Brocken hinzuschmeißen, und ihn dazu bringen, dass er anbeißt. Was halten Sie davon?“

Wieder zuckte Korff die Achseln. „In Vertraulichkeit bin ich ganz gut. Lassen Sie mich machen. Sobald ich Ihnen ein Zeichen gebe, verlassen Sie den Raum und verfolgen die Sache von hier aus.“

„Gut, gehen wir hinein.“

Zürich

Energisch drückte Dr. Urs Welti von der Treuhandgesellschaft Fiducia seine Zigarette im übervollen Aschenbecher aus. Schenkte sich mit zittrigen Fingern die nächste Tasse Kaffee ein. Zog eine neue Parisienne Noire aus dem Päckchen. Gut, dass er zumindest in seinem Büro rauchen durfte. Und jetzt, wo sein einziger Partner, Kurt-Anton Stirnimann, im Urlaub war, auch in der kleinen Kaffeeküche. Das war aber schon der einzige Vorteil seiner Abwesenheit. In allen anderen Bereichen vermisste Welti seinen Kollegen von Tag zu Tag mehr. Wieso musste er ihn auch gerade jetzt mit all den dringenden Entscheidungen alleinlassen! Denn wenn Stirnimann im Urlaub war, war er im Urlaub. Der kreuzte mit dem Cocktailglas in der Hand auf seiner Jacht durch die Karibik und war für niemanden zu erreichen. Welti hatte es längst aufgegeben, auf Stirnimanns Mailbox zu sprechen.

Welti war jung, intelligent und ehrgeizig, trug stolz seinen nagelneuen Doktortitel. Nur an der Berufspraxis fehlte es ihm noch. In diesem Punkt griff er gern auf die langjährige Erfahrung seines Partners zurück. Welti wusste, dass er noch viel zu lernen hatte. Und er wollte auf keinen Fall einen Fehler machen. Und hier hatte er es mit einem wichtigen Kunden zu tun, mit dem er es sich nicht verscherzen durfte. Aber je weiter er prüfte und bohrte, desto abgründiger schien ihm die Sache. Nahm allmählich gar strafrechtliche Dimensionen an.

Im Grunde war es eine Routinearbeit. Die Schweizer Finanzaufsicht Finma hatte sich für eine Prüfung bei der Gao-Feng-Stiftung mit Sitz in Zug angemeldet, deren Gelder und Geschäfte von der Zürcher Century Bank verwaltet wurden. Die Finma, die für die Geldwäschereibekämpfung zuständige Behörde, war 2009 eingerichtet worden, um das Schweizer Finanzsystem vor dem Missbrauch durch zwielichtiges Gesindel zu schützen. Stiftungsgründer Gao Feng in Shanghai und Geschäftsführer Jeremy Gouldens hatten entschieden, die Bücher sicherheitshalber zunächst von der kleinen Revisionsgesellschaft Fiducia prüfen zu lassen. Dabei ging es auch darum, den jährlichen Ethikbericht vorzubereiten, zu dem die Stiftung laut Satzung verpflichtet war, und in diesem Zusammenhang zu überprüfen, ob bei der Anlage der Gelder die in der Stiftungssatzung festgelegten strengen moralischen Kriterien eingehalten worden waren – keine Spekulation mit Agrarrohstoffen, kein Geschäfte mit Waffen und dergleichen. Zunächst hatte alles nach einer schnell erledigten, alltäglichen Aufgabe ausgesehen. Die Bücher schienen vorbildlich geführt, keine Verstöße gegen die Compliancekultur der Stiftung waren ersichtlich. Doch sobald Welti noch einen Schritt weiterging und hinter diese makellose Fassade blickte, ergaben sich immer mehr Fragen und Ungereimtheiten. Und irgendwie wollte sich niemand finden lassen, der ihm auf diese Fragen eine Antwort gab. Gouldens verwies auf die Bank, die Geldwäschebeauftragte der Bank, Chloe Bodmer, verwies auf den Leiter des Londoner Büros, Jonathan Creed, der für die Geldanlage der Stiftungsgelder zuständig war, aber der war praktisch nie zu erreichen. Und jetzt hatte zu allem Überfluss auch noch den Bankbesitzer Beat Bodmer ein schwerer Herzinfarkt ereilt.

Dr. Weltis Fragenliste war lang. Er war auf Hinweise gestoßen, dass die Century Bank bei der Anlage der Stiftungsgelder ihre Sorgfaltspflichten verletzt hatte. Gelder in Millionenhöhe waren in einer verwirrenden Vielfalt von Transaktionen hin und her geschoben worden, bis sich die Wege nicht mehr nachvollziehen ließen. Häufig verloren sich die Spuren bei halbseidenen Offshore-Banken und Sitzgesellschaften von Vaduz bis nach Macao und den Kaimaninseln. Die wiederholte Überweisung von gestückelten Kleinbeträgen in kurzer Zeit an gleiche Konten legte den Verdacht auf „Smurfing“ nahe – Verschleierung hoher Zahlungen durch Aufteilung in eine Vielzahl von Tranchen. In diesem Zusammenhang war Welti immer wieder auf den Namen einer dubiosen Firma namens „Koryo Capital“ gestoßen, über die er bisher nicht mehr hatte in Erfahrung bringen können, als dass es sich dabei um eine auf der Kanalinsel Guernsey ansässige Sitzgesellschaft handelte – also wohl nicht viel mehr als eine Briefkastenfirma. Wer sich hinter Koryo Capital verbarg, hatte Dr. Welti noch nicht herausgefunden, und womöglich wusste es auch die Bank selbst nicht. Letzteres wäre ein klarer Verstoß gegen das „Know Your Customer“-Prinzip, das Banken verpflichtet, ihre Kunden und die wahren wirtschaftlich Berechtigten (also diejenigen, die letztlich den Zugriff auf die Kontengelder haben) identifizieren zu können. Offenbar waren hier Geschäfte mit Partnern gemacht worden, die ihren Offenlegungspflichten nicht nachkamen, und die zuständigen Mitarbeiter der Bank hatten ihre Pflicht zur Legitimationsprüfung und damit ihre Pflicht zur Kontenwahrheit vernachlässigt. Für all das brauchte Welti überzeugende Antworten. Denn so ungern er einen wichtigen Kunden von Fiducia verprellen wollte, stand doch umgekehrt fest, dass es seine unumstößliche Pflicht war, mögliche illegale Praktiken zu benennen und aufzudecken. Schließlich würde die unbestechliche Finma dergleichen ohnehin auf die Spur kommen. Da durfte sich Fiducia auch nicht in den leisesten Ruch bringen, ein Auge zugedrückt zu haben.

Eine weitere Auffälligkeit, die Urs Welti stutzig machte, war die rätselhafte Häufung von anonymen Großspenden an die Stiftung in den letzten Wochen. Es war zwar nicht das erste Mal, dass die Stiftung anonyme Spenden erhielt, aber im vorliegenden Fall gab es nicht einmal Kontenverbindungen, die sich zurückverfolgen ließen; die Spenden waren in Teilen sogar bar oder über Kurierdienste wie Western Union auf Konten der Gao-Feng-Stiftung eingezahlt worden. Dr. Welti hatte die vage Vermutung, dass diese Spendenzuflüsse mit den Kontenbewegungen in Richtung Koryo Capital und Co zusammenhingen, doch fehlten ihm alle Beweise hierfür. Eine etwa zeitgleiche weitere Großspende in beträchtlicher Höhe hatte er auf eine Briefkastenfirma auf den Kanalinseln zurückführen können, hinter der letztlich wiederum offenbar ein südkoreanisches Start-up-Unternehmen namens Brainweb steckte, das spezielle medizinische Mikrochips und computergesteuerte Implantate einer neuen Generation entwickelte. Bestand hier auch eine Verbindung? Auffällig war, dass diese Spende ausdrücklich dem alleinigen Verwendungszweck „Einrichtung des Freundschaftszentrums, Ryugyong-Hotel, Pjöngjang“ vorbehalten war. Urs Welti nahm sich vor, dieses Unternehmen einmal unter die Lupe zu nehmen.

Zum wiederholten Male wählte er die Mobilnummer von Jeremy Gouldens. „Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.“ Dr. Welti schenkte sich seufzend Kaffee nach. Warum schaltete der sein Natel nicht an? Dann würde er sich jetzt eben auf die Fährte dieser rätselhaften Gesellschaft Koryo Capital setzen. Irgendwie musste er an das Register der wirtschaftlich Berechtigten kommen, herausfinden, wer die Namen und Köpfe waren, an die hier die Gelder flossen.

Er zündete sich eine neue Parisienne Noire an.

Berlin, Chausseestraße

Der kleine Gesprächsraum im nagelneuen, noch immer unfertigen Hauptquartier des BND war zwar angenehm temperiert, dennoch überkam Jeremy das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Was nicht nur am Geruch von frischer Farbe und Lack lag, der über dem Raum hing, sondern auch daran, dass seine Nervosität und Verärgerung mit jeder Minute stieg, die man ihn hier sitzen ließ.

Den Vormittag hatte Jeremy mit ergebnislosen Anrufen und ergebnislosem Grübeln zugebracht. Jetzt waren es auf einmal uigurische Islamisten aus dem Westen Chinas, die den Anschlag verübt hatten. Aber Mie blieb verschwunden. War sie wirklich in der Gewalt des Geheimdienstes? Nun, er hoffte es jetzt zu erfahren. Nach einem Spaziergang in der Pracht eines sonnigen Wintertags, der schon ein wenig nach Schneeglöckchen und Vorfrühling roch, war Jeremy pünktlich in der Chausseestraße angelangt. Der Anblick, der sich ihm dort bot, hatte ihn regelrecht erschlagen. Die mehrere Hundert Meter lange BND-Zentrale war ein grünlich graues Ungeheuer von Gebäudekomplex, wie ein steinerner Krake, der seine Arme in alle Richtungen ausstreckt, um Menschen und anderes Kleingetier zu verschlingen; dabei von einer auf bedrohliche Weise „futuristischen“ Architektur, die den Eindruck erweckte, als sei die BRD damals der DDR beigetreten und nicht umgekehrt. Kein Zweifel, Deutschland wollte mit diesem Komplex, in dem bald Tausende arbeiten sollten, demonstrativ unter Beweis stellen, dass es in Zukunft nicht mehr hinter den Kollegen von CIA, FBI und NSA bis MI6 und Mossad zurückstehen wollte.

Jeremy hatte an der Pforte nach Dr. Fels gefragt und war zwischen Baugruben, Bauwägen, gelblichen Pfützen und schmutzigen Schneeresten hindurch zu einem der schon einigermaßen fertigen Gebäudetrakte gewiesen worden. Dort hatte man ihn über Fluchten von Korridoren, über Treppen und Fahrstühle zu dem Konferenzraum geleitet, wo er jetzt wartete. Und wartete. Er wollte gerade aufstehen und sich bei der Dame im Vorraum beschweren, als sich die Tür öffnete und zwei Männer hereintraten. Der eine, etwas Gedrungenere, war Ende fünfzig, hatte einen Bürstenhaarschnitt und blondes, leicht ergrautes Haar. Er wirkte muskulös, doch war unter seiner schwarzen Lederjacke sein deutlicher Bauchansatz nicht zu übersehen. Der andere war jünger und wirkte verhältnismäßig farblos – eine typisch deutsche Beamtenpersönlichkeit, die vermutlich auch die Geheimdiensttätigkeit zu einer langweiligen, nüchternen Routinearbeit machen konnte.

„Entschuldigen Sie die kleine Verspätung, Mister Gouldens“, begann der Farblose. „Mein Name ist Fels und das ist Herr Korff vom diplomatischen Auslandsdienst. Wir hätten da ein paar Fragen.“

Der andere hatte sich inzwischen seiner Lederjacke entledigt und sie ungeniert über die Stuhllehne geworfen. Darunter war eine geschmacklos karierte Krawatte und ein offenbar maßgeschneiderter Anzug zutage getreten, der dem korpulenten Mann dennoch saß, als sei er von der Stange. Aus der Tasche zog er ein Zigarettenpäckchen mit dem Aufdruck „f6“. „Es stört Sie doch nicht, wenn ich rauche?“, warf er süffisant grinsend in den Raum. Es klang mehr nach Drohung als nach Frage. Seine Stimme hatte jenen gutturalen, typisch ostdeutschen Tonfall – als würde er sich bei jedem Wort verschlucken –, den Jeremy gestern auch an dem obskuren dunklen Mann auf dem Rücksitz des grauen Mercedes wahrgenommen hatte. Für einen Moment überlegte er, ob es die gleiche Person gewesen sein konnte; aber der Mann gestern hatte noch beleibter gewirkt. Jeremy entschied sofort, dass ihm dieser Korff zutiefst unsympathisch war. Er hoffte, ihm nie wieder über den Weg laufen zu müssen. Aber erst einmal diese Begegnung hinter sich bringen.

„Jetzt erzählen Sie uns bitte noch einmal in allen Einzelheiten, was Sie nach Berlin geführt hat, und besonders, was Sie gestern den ganzen Tag so getrieben haben“, begann der Farblose, Fels. Er war offenbar das eigentlich zuständige hohe Tier beim BND, was den undurchschaubaren Korff allerdings wenig zu beeindrucken schien.

„Lassen Sie sich ruhig Zeit, dann dauert es nicht so lang“, ergänzte Korff mit einem kryptischen Lächeln, nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und beugte sich weit vor, so dass Jeremy direkt in die roten Äderchen seiner unangenehmen wasserblauen Augen blickte.

Als Jeremy das BND-Gebäude zweieinhalb Stunden später verließ, verspürte er das dringende Bedürfnis, in einen klaren Bergsee zu springen und durchs Wasser zu tauchen, bis er allen Schmutz von sich abgewaschen hatte und sein Kopf wieder klar war. Noch immer hatte er weiche Knie und so setzte er sich für einige Minuten auf eine winterlich kalte Bank, um durchzuschnaufen und nachzudenken.

Zuerst war das Gespräch ganz erträglich verlaufen. Jeremy hatte erzählt, die beiden Männer hatten zugehört und nur hin und wieder kurze Nachfragen gestellt. Mit der Zeit waren sie jedoch zudringlicher geworden und hatten versucht, ihn einzuschüchtern, besonders dieser Widerling, Korff. Sie suchten nach Widersprüchen in Jeremys Aussagen, nach Schlingen, in denen er sich verfangen könnte, und als sie nichts fanden, bemühten sie alle möglichen Geheimdienstschlichen, drohten ihm mit unangenehmen Konsequenzen, wollten ihm Angst machen. Offenbar waren sie überzeugt, dass er ihnen etwas verheimlichte, und es wurmte sie, dass sie es nicht aus ihm herauslocken konnten. Sein Klingeln bei der nordkoreanischen Botschaft, seine Anwesenheit auf Schwanenwerder, sein Treffen mit einer Asiatin – alles schien ihn verdächtig zu machen.

Dann hatte sich der farblose Fels dringender Termine halber verabschiedet, und sobald sie beide allein waren, änderte Korff seine Strategie und wurde geradezu anbiedernd, was Jeremy fast noch unangenehmer war. Dennoch beschloss er, auf sein Entgegenkommen einzugehen und es dazu zu benutzen, um nun umgekehrt Informationen aus dem sächselnden Widerling herauszukitzeln. Womit er sich, wie ihm nun klar wurde, vermutlich genau auf das Spiel eingelassen hatte, das Korff mit ihm zu spielen und zu gewinnen beabsichtigt hatte.

Aber jedes Spiel hat seine Grenzen.

Vor allem hatte Jeremy mehr über den Verbleib Mies herausfinden wollen. Aber hier biss er auf Granit. Entweder Korff wusste wirklich nicht, wohin sie verschwunden war, oder er wollte es ihm nicht sagen. Jeremy erschien es zunehmend unwahrscheinlich, dass sie sich in der Tat im Gewahrsam des Geheimdiensts befand. Aber natürlich konnte es auch nur bewusste Taktik sein, diesen Eindruck zu erwecken.

Und dann hatte dieser Widerling versucht, den Spieß umzudrehen. „Mie Chang, sagten Sie? Eine koreanische Schauspielerin? Gut, wir werden das überprüfen. Bis dahin kann ich Sie nur warnen und Sie bitten, die Augen offenzuhalten. Womöglich ist diese Frau gar nicht so unschuldig, wie sie sich Ihnen gegenüber darstellt.“ Er hatte Jeremy eine Visitenkarte in die Hand gedrückt und hinzugefügt: „Im Klartext heißt das, ich möchte von Ihnen auf dem Laufenden gehalten werden. Lassen Sie mich wissen, sobald Sie wieder Kontakt mit ihr haben, und berichten Sie alles, was Sie durch sie und über sie in Erfahrung bringen können. Was haben Sie nun als Nächstes vor?“

Jeremy hatte nur mit Mühe die Fassung bewahren können. Er sollte seine Schauspielerin, zu der er doch ein Vertrauensverhältnis aufbauen wollte, im Auftrag eines fremden Landes ausspionieren? Was nahm sich dieser zwielichtige Kerl vom „diplomatischen Außendienst“, was auch immer sich hinter dieser harmlosen Bezeichnung verbarg, da heraus? Wollte der Geheimdienst in die persönlichen Beziehungen zweier Menschen eindringen, um sie zu unterminieren? Dennoch nahm Jeremy die Visitenkarte entgegen und beschloss, sich zur Vermeidung weiterer Schwierigkeiten lieber kooperativ zu zeigen. Natürlich hatte er nicht vor, Korff je anzurufen. Ohne auf Mie einzugehen, hatte er also möglichst gleichmütig geantwortet, dass er noch heute zu seiner Frau nach London zurückfliegen wolle. „Morgen reise ich dann nach Zürich, wo ich in Stiftungsangelegenheiten zu tun habe und Gespräche mit unserer Treuhandgesellschaft und dem Revisor Dr. Welti anstehen, in denen es unter anderem um den Ethikbericht der Stiftung geht, der übernächste Woche dem Stiftungsgeber vorgelegt werden soll.“

„Als Vermögensverwalter und Treuhänder der Stiftungsgelder fungiert die Zürcher Century Bank von Beat Bodmer, nicht wahr?“, bohrte Korff nach. Jeremy war abermals überrascht gewesen, wie viel diese Leute über ihn und seine Tätigkeit wussten.

„Ja. Mittlerweile führt aber Tochter Chloe Bodmer die Geschäfte für ihren erkrankten Vater. Er hat vor ein paar Tagen einen schweren Herzinfarkt gehabt und es ist fast ein Wunder, dass er überlebt hat. Von einem Tag auf den anderen ist sie jetzt für die angelegten Milliarden einer Bank zuständig. Eine schlimme Zeit für Chloe.“

„Sie wissen, dass Century Verbindungen nach Nordkorea hat?“

„Die Bank ist auf Geschäfte mit Ostasien spezialisiert – deshalb ‚Century‘: weil das 21. Jahrhundert das asiatische Jahrhundert ist. Sie hat dort Partner in vielen Ländern, allerdings nicht in Nordkorea, wo das aufgrund des Embargos gar nicht möglich ist.“

„Bei Ihren Recherchen dürften Sie wohl auch auf die Tatsache gestoßen sein, dass die nordkoreanische Nomenklatura Devisen kofferweise außer Landes schleppt und sie dann, teils über Mittelsmänner und ostasiatische Banken, besonders in Macao, teils auch direkt, mit gefälschten Pässen und ähnlichen Tricks, auf sicheren Banken in Europa anlegt. Das heißt im Regelfall: in der Schweiz. Unter anderem, wie wir vermuten, eben auch bei Century.“

„Das müssen Sie erst einmal beweisen. Wenn Sie dabei auf meine Hilfe zählen, muss ich Sie enttäuschen: Ich kann Ihnen versichern, dass ich keinerlei Einblick in das Kundengeschäft von Century habe. Die Bank verwaltet für uns nur die Anlage der Stiftungsgelder und da hat sie stets korrekt gearbeitet.“

„Century war bis vor einigen Jahren Europas größter Finanzpartner der Banco Delta Asia in Macao. Sagt Ihnen der Name etwas?“

„War das nicht die mit dem Falschgeldskandal?“

„Richtig. Die sogenannten Superdollars: Hundert-Dollar-Scheine, so perfekt gefälscht, dass sie sich kaum vom Original unterscheiden lassen. Die US-Geheimdienste haben herausgefunden, dass sie im Auftrag des Office 39 produziert wurden. Also der nordkoreanischen Geheimorganisation zur Devisenbeschaffung etwa mit Drogen- und Waffenhandel und Versicherungsbetrug, deren Profite jedoch allein dazu dienen, den luxuriösen Lebensstil des Herrscherclans zu finanzieren. Dem Office 39 unterstehen etwa 120 Außenhandelsunternehmen des Landes. Auch wenn sich das Office inzwischen um einen etwas legaleren Anstrich bemüht, macht Nordkorea mit seinen kriminellen Geschäften noch immer Milliardengewinne. Seit nun Portugal vor vielen Jahren, als Macao noch seine Kolonie war, Nordkorea dort verschiedene Handelsprivilegien zugestanden hat, ist Macao der wichtigste nordkoreanische Finanzplatz zum Handel mit der Welt. Dort hat der Kim-Clan allein bei der Delta Asia Bank 25 Millionen Dollar gebunkert – auf 40 Konten verteilt. Unseres Wissens hat Century seine Geschäftsbeziehungen zu Delta Asia inzwischen abgebrochen, hält aber weiterhin Bankkontakte nach Macao. Und praktisch jede Bank dort ist letztlich in Geschäfte mit Nordkorea verwickelt. Bei der Vielzahl kleiner Institute mit häufig wechselnden Namen und Besitzern fällt es allerdings schwer, den Überblick zu behalten. Wir wissen auch, dass Beat Bodmer wiederholt nach Macao geflogen ist. Wir möchten herausfinden, was er dort gemacht hat.“

„Warum fragen Sie ihn nicht einfach? Er ist ein redlicher Mann, und ich bin mir sicher, er wird Ihnen Rede und Antwort stehen.“

„Sie wissen so gut wie ich, dass er sich im Moment in einer Rehaklinik befindet und in keiner Weise vernehmungsfähig ist. Da lassen die Schweizer Ärzte nicht einmal den eigenen Geheimdienst ran. Mit seiner Tochter Chloe wäre es vielleicht einfacher ...“

„Wenn Sie glauben, mich als Ihren Handlanger und Schnüffler in die Sache hineinziehen zu können, haben Sie sich geschnitten.“

„Sie täten schon im eigenen Interesse gut daran, sich genauer über die Geschäfte der Bank Ihrer Stiftung zu informieren.“

„Chloe kenne ich gut genug, um mich für sie zu verbürgen. Ihre Bankgeschäfte werden stets mit der typischen Schweizer Korrektheit getätigt. Ich bin mir sicher, das gilt auch für ihren Vater.“

„Schweizer Korrektheit heißt nicht immer ethische Korrektheit. Mein guter Mister Gouldens: Ich darf Ihnen nicht viel verraten, aber eine Hand wäscht die andere, und wenn ich offen zu Ihnen bin, sind Sie es vielleicht auch zu mir. Also nur so viel: Der BND ist einem schmutzigen Deal auf der Spur, der unter anderem vermutlich über jenes ehemalige Aspen-Haus auf Schwanenwerder abgewickelt wird, an dem Sie gestern gesehen wurden. Und diese Spuren führen einerseits zurück bis in innerste Kreise der Nomenklatura in Pjöngjang und andererseits, über Zwischenstationen wie Macao und die Kanalinseln, weiter zu Banken in der Schweiz und Liechtenstein, die im Verdacht stehen, wissentlich oder unwissentlich mit der finanziellen Abwicklung dieses Deals in Verbindung zu stehen. Eine dieser Banken ist eben Century. Noch haben wir nichts in der Hand. Aber wir raten Ihnen, vorsichtig zu sein und Ihre geschäftlichen Verbindungen genaustens zu prüfen. Sie wollen sich doch nicht leisten, dass Ihre saubere Stiftung mit einer Bank in Verbindung gebracht wird, über die mögli cherweise die anrüchigsten Geschäfte laufen?“

„Natürlich nicht. Aber ich bitte Sie, solange Sie keinerlei ...“

„Sie wissen bestimmt, wie eng die Kim-Dynastie mit der Schweiz verbandelt ist. Nicht nur, was das Finanzielle angeht: In diesem Punkt ist die Schweiz natürlich mit der ganzen Welt verbandelt. In Genf zum Beispiel werden am Zentrum für Sicherheitspolitik auf Schweizer Kosten regelmäßig nordkoreanische Offiziere geschult – auch an der Waffe: Da dürfen die schon mal mit Schweizer Sturmgewehren herumballern. Kim Jong Il hat seine Kinder in verschiedene Schweizer Internate gesteckt. Und vielleicht haben Sie auch gehört, dass erst vor wenigen Tagen ein ehemaliger Mitschüler des heutigen Diktators Kim Jong Un in der Schweiz auf bestialische Weise ermordet worden ist.“

Nein, das hatte Jeremy noch nicht gehört. „Und was hat das alles mit den Vorgängen hier in Berlin zu tun?“

„Wir wissen es nicht. Vielleicht gar nichts. Wir halten unsere Augen und Ohren offen. Tun Sie das auch, Mister Gouldens. Sie befinden sich nahe am Zentrum von Ereignissen, die vielleicht etwas mit Ihnen zu tun haben, vielleicht auch nicht. Vielleicht werden diese Ereignisse erst in Zukunft etwas mit Ihnen zu tun haben; als würden Sie sie magisch anziehen. Vielleicht wissen Sie mehr darüber, als Sie uns verraten. Machen Sie, was Sie wollen. Wir haben nichts gegen Sie in der Hand. Und ich bin nicht einmal offiziell beim Geheimdienst – betrachten Sie dies hier also als einen rein freundschaftlichen, privaten Gesprächsaustausch. Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Seien Sie vorsichtig, kooperieren Sie mit uns. Und trauen Sie keinem. Außer uns.“

Das sagen immer die, denen man am wenigsten trauen sollte, hatte sich Jeremy gedacht. Laut aber sagte er: „Hatte ich Ihnen nicht gesagt, dass ich zu einem Thriller recherchiere? Sie geben hier vor, mich abschrecken zu wollen, und dann liefern Sie mir nur Material, um mir den Mund wässrig zu machen. Ist das etwa Absicht?“

Korff verzog die Mundwinkel zu einem in seiner Überheblichkeit fast dämonisch wirkenden Grinsen. „Wenn Sie Betaleser zu Ihren Rechercheergebnissen brauchen, möchte ich gerne Ihre erste Adresse sein.“ Dann legte er die Stirn in Falten, nahm ein Blatt Papier und schrieb darauf einen Namen, eine E-Mail-Adresse und eine Telefonnummer. „Das ist so ein bisschen unser Kontaktmann in dieser Sache, Friedhelm Albrecht Schliermeyer. Eine Mischung zwischen Geheimdienstzuträger, rein privat, versteht sich, und Enthüllungsjournalist, wenn es so etwas gibt. Mittlerweile über achtzig und ohne Angst vor dem Tod. Melden Sie sich mal bei ihm und sagen Sie ihm einen Gruß von Walter Korff.“

Dann war der undurchsichtige Unsympath aufgestanden, hatte seine schwarze Lederjacke genommen und den Raum verlassen.

Jeremy begann zu frösteln. Er stand von seiner Bank auf und hüllte sich fester in seine Winterjacke. Schwanenwerder, die Century Bank, Mie, Diktatorensöhnchen in der Schweiz, das sollte am Ende alles irgendwie zusammenhängen? Oder auch nicht? Und was war mit dem Anschlag auf die chinesische Botschaft? Ihm fiel auf, dass davon, dem eigentlichen blutigen Ereignis dieser Tage, nur am Rande die Rede gewesen war. Fast als wäre das für den deutschen Geheimdienst gar nicht mehr so wichtig. Was aber war dann wichtig?

Noch immer benommen kehrte er ins Hyatt Hotel zurück, um vor der Fahrt zum Flughafen Tegel seinen Koffer abzuholen. Er war schon im Gehen, da fiel der netten Dame an der Rezeption noch etwas ein. „Halt, einen Moment, das sollte ich Ihnen ausrichten: Es war jemand da und hat nach Ihnen gefragt. Hat dies hier hinterlassen.“ Sie schwenkte eines der hoteleigenen Briefkuverts.

„Junge Frau? Schwarze Haare? Ostasiatisches Aussehen?“

Das könne sie nicht sagen, bedauerte die Hotelangestellte, „war bei meiner Kollegin in der anderen Schicht“. Jeremy riss das Kuvert auf, entnahm einen kleinen Zettel und las die wenigen, in einer zierlichen Handschrift geschriebenen Worte: War schön gestern. Mir geht es gut. Tut mir leid, dass wir uns verfehlt haben. Ich melde mich! Mie

Bern

„Ja, ich werde das prüfen, versprochen. Bei unserem Treffen morgen weiß ich sicher schon Näheres. Ja, ich fahre noch heute Abend von Bern zurück. Wie bitte? Warum das eine was ist? Eine ‚verwandte Angelegenheit‘? Das habe ich wirklich gesagt? Na ja, Mirjam und ich, wir hatten da einen Mitschüler ... Ach, das ist jetzt am Telefon zu kompliziert; ehrlich gesagt, weiß ich es selbst nicht, ich hoffe, ich weiß morgen mehr. Dann also bis morgen, Jeremy.“

Chloe beendete das nun schon dritte Telefongespräch ihrer Autofahrt und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Musste sie jetzt ab? Nein, das war erst die Autobahnausfahrt Bern-Wankdorf. Mirjam und ihr Mann wohnten in Oberbottigen, einem Stadtteil von Bern, der aber eigentlich nur ein stadtnahes Bauerndorf war, um das herum man einige Siedlungen für Pendler errichtete hatte. Chloe musste erst bei der übernächsten Ausfahrt, Bern-Brünnen, abfahren.

Hatte sie Jeremy zu viel verraten? In ihrer Verwirrung und dem Bedürfnis, nicht den Eindruck zu erwecken, als verschweige sie etwas, hatte sie ihm von ihrer Fahrt zu Mirjam erzählt, als habe das etwas mit jenen womöglich nicht ganz sauberen Privatkundengeschäften ihres Vaters zu tun, nach denen Jeremy sie befragt hatte. Mittlerweile war sie davon überzeugt, dass hier ein Zusammenhang bestand, auch wenn sie sich über dessen Natur nicht im Klaren war. Gott sei Dank hatte Jeremy nicht nachgehakt.

Jetzt war also eingetreten, was sie lange befürchtet hatte. Jeremy hatte, woher auch immer, Hinweise darauf erhalten, dass Beat Geschäftsbeziehungen mit Leuten unterhielt, mit denen er eigentlich keine Geschäfte machen durfte. Und Chloe hatte es natürlich immer gewusst. Gewusst und weggeschaut. Wie man etwa weiß, dass ein Familienmitglied Alkoholiker ist, aber keiner bringt es je zur Sprache. Dann wird es nicht so schlimm sein. Dann muss sich auch nichts ändern, es geht ja alles weiter wie bisher. Und man ängstigt sich vor dem Tag, wo es nicht mehr so weitergehen kann. Der Tag wird kommen, das weiß man. Aber ob morgen oder in fünfzehn Jahren, das weiß man nicht. Und so schiebt man alles von sich weg.

Jetzt konnte es Chloe nicht länger wegschieben. Jeremy hatte auch erwähnt, dass er als Nächstes mit Dr. Welti von der Revisionsgesellschaft sprechen wolle – schon da sie soeben selbst mit Welti telefoniert hatte, vermutete sie Schlimmes. Selbst Jonathan würde nun nicht mehr vor Jeremy verborgen halten können, dass es eine direkte Verbindung zwischen der Anlage der Zinserträge der Gao-Feng-Stiftung und den unerlaubten Geschäften Beat Bodmers gab. Welcher Art diese Verbindung war, konnte auch Chloe bisher nur erahnen. Aber es gab sie, das schloss sie nicht zuletzt aus Jonathans hektischem und oft widersprüchlichem Gebaren der letzten Tage. Mittlerweile war sie überzeugt, dass Jonathan viel stärker in die Geschäfte ihres Vaters eingeweiht und darin verwickelt war, als sie bisher geahnt hatte.

Das Telefongespräch, das sie vor Jeremys Anruf irgendwo auf der Strecke zwischen Olten und Solothurn mit Jonathan geführt hatte, hatte sie in ihrem Verdacht nur bestätigt. Von ihrer spontanen Fahrt nach Bern hielt er selbstverständlich nichts. Dass Mirjam nicht ans Telefon gehe, bedeute nicht gleich, dass ihr etwas zugestoßen sei. Das wusste Chloe natürlich auch. Und selbst wenn ihr etwas zugestoßen war – sei es da nicht unverantwortlich, wenn sich Chloe in die gleiche Gefahr begebe? Sie solle am besten sofort kehrtmachen und nach Küsnacht zurückfahren. Diese Sätze hatten Chloe hellhörig gemacht. Verrieten sie ihr doch endgültig, dass Jonathan ihre Befürchtungen nicht mehr als paranoide Spinnerei abtat. Er wusste, dass sie bedroht wurde. Und womöglich auch, warum. „Jonathan: Wenn du mich wirklich liebst, dann musst du mir sagen, was hier gespielt wird. Dann fahr ich auch zurück nach Zürich. Versprochen.“

„Gut. Ja, tu das. Und ich verspreche dir dafür, dass ich dir alles sage, was ich weiß. Aber nicht hier am Telefon. Ich hab dir schon mal gesagt, man weiß nie, wer alles mithört. Ich bin wahrscheinlich morgen Abend zurück in Zürich, hörst du? Dann alles Weitere. Fahr heim und bleib am besten zu Hause in Küsnacht; Beat hat das Haus so gut sichern lassen, dass dir da kaum etwas passieren kann. Bleib ruhig und tu so, als ob gar nichts wäre. Am besten zu keinem ein Wort. Und jetzt nimmst du die nächste Ausfahrt und drehst um, ja?“

An der nächsten Ausfahrt, Luterbach, fuhr Chloe geradeaus weiter.

Dass Jonathan am Telefon nicht mehr offen sprechen wollte, war auch so eine neue Marotte von ihm. Hatte er vielleicht wirklich Grund zu befürchten, dass sein Handy abgehört wurde? Waren ihm Polizei und Geheimdienste womöglich schon auf den Fersen?

Das zweite Telefongespräch während ihrer Fahrt nach Bern – noch vor Jeremys Anruf – hatte sie mit Dr. Welti von der Revisionsgesellschaft Fiducia geführt, jenem mittlerweile geweckten „schlafenden Hund“, der eine Witterung aufgenommen hatte, von der er nicht ablassen würde. Er hatte aufgeregt gewirkt und Chloe gebeten, sich so schnell wie möglich mit ihm zu treffen. Jeremy und Jonathan könne er nicht erreichen. Chloe konnte sich schon vorstellen, warum Jonathan die Anrufe von Dr. Welti nicht annahm. Das Gespräch mit Welti hatte viele von Chloes Befürchtungen bestätigt und andere noch übertroffen. Sie hatten vereinbart, sich noch heute Abend, direkt nach Chloes Rückkehr aus Bern, gegen 20.30 Uhr zusammenzusetzen.

Aber zuerst stand der Spontanbesuch bei Mirjam Meier an. Chloe erreichte die Ausfahrt Bern-Brünnen und bog am Kreisverkehr nach rechts in die Bottigenstraße ab. Nun war sie gleich da.

Sie fasste zusammen, was sie zu wissen glaubte. Marcus hatte aus irgendeinem Grund sterben müssen, weil er einst mit dem mutmaßlichen Sohn des damaligen nordkoreanischen Diktators befreundet gewesen war. Und dieser Tod hatte auch etwas mit ihr, Chloe, zu tun, die mit den beiden die gleiche Klasse besucht hatte. Deshalb hatte man ihr die Zeitungsartikel ins Rohr gesteckt. Auch ihre Begegnungen mit den ostasiatischen Männern waren kein Zufall. Sie hatten entweder etwas mit den Vorfällen um Marcus’ Tod zu tun oder damit, dass ihr Vater (und mit ihm vermutlich Jonathan) illegale Geschäfte machte: mit Nordkorea. Wieder Nordkorea – das musste auch irgendwie zusammenhängen. Aber was hatte der Mord mit den Bankgeschäften ihres Vaters zu tun? Und was war bei alledem Chloes Rolle?

In Oberbottigen bog sie nach links zur Siedlung Matzenriedstraße ab. Eines der hässlichen zweistöckigen Beton-Flachdachhäuser rechts gehörte Mirjam und ihrem Mann. Das vierte in der zweiten Reihe. Chloe parkte ihren Wagen am Straßenrand und stieg die Treppen zur Wohnsiedlung hinauf. Erst als sie das Haus erreicht hatte, fiel ihr ein, dass der eigentliche Eingang vorn lag, hier waren nur die Gartentüren. Sie müsste also die ganze Reihe aneinandergebauter Häuser zurücklaufen. Dann stellte sie fest, dass die niedrige Gartentür unverschlossen war, und beschloss, es auf diesem Weg zu probieren. Sie schritt über den Rasen zum Haus. Nichts Auffälliges. Kein Hundegebell. Keine Blutspuren. Sie erreichte die Hintertür und klopfte. Keine Antwort. Seltsam. Sie drückte gegen die Tür. Sie ließ sich öffnen. Nanu? Chloe wusste, wie entnervend ängstlich Mirjams Gatte war; so einer ließ eigentlich keine Tür unverschlossen. Sie trat ein. „Hallo?“, rief sie mit gedämpfter Stimme. Plötzlich hatte sie aller Mut verlassen.

Da hörte sie hinter sich vom Gartenweg her Schritte. Sie fuhr herum und blickte in die Mündung einer auf sie gerichteten Waffe.

Berlin, Chausseestraße

„Glückwunsch, Korff! Sie sind eben ein echter Diplomat! Sie haben soeben einen neuen Mitarbeiter für uns angeheuert.“

„Na, wir werden sehen. Ich glaube, der ist sturer, als wir dachten. Noch habe ich ihn jedenfalls nicht so weit. Aber ich bin mir sicher: Das heute wird nicht unser letztes Gespräch gewesen sein.“

„Interessant, was er über diese Koreanerin erzählt hat. Der schien doch wirklich zu glauben, wir hätten sie in unserer Gewalt.“

„Ich wünschte, es wäre so – was immer es mit ihr auf sich hat.“

„Meinen Sie, die hat was mit der Schwanenwerder-Sache zu tun?“

„Ich meine im Moment gar nichts. Ich war auch überzeugt, dass die Nordkoreaner hinter dem Anschlag auf die Botschaft stecken. Und dann bekennen sich diese beknackten Islamisten dazu!“

„Die Nordkoreaner? Die hatten ihre eigenen Leute da drinnen!“

„Eben deshalb. Da läuft gerade einiges schief in dem Land.“

„Und Ihnen hat ein Vögelein geflüstert, dass ein nordkoreanisches Komplott hinter dem Anschlag steckt?“

„Das musste ich aus meinen Informationen schließen, ja.“

„Korff – wenn Sie am Ende sogar von den Anschlagsplänen gewusst und sie nicht vereitelt haben, sind Sie einen entscheidenden Schritt zu weit gegangen! Ich fordere Sie hiermit auf, Ihre Geheimnistuerei ein für alle Mal zu beenden und alles auf den Tisch zu legen. Sonst kann ich mich nicht mehr schützend vor Sie stellen.“

„Ach ja?“ Korffs Miene war unbeeindruckt, steinern. „Und was ist mit denen, vor die ich mich schützend stellen muss? Kommen Sie, wir haben oft genug darüber gesprochen. Sie wissen, dass es da um Netzwerke geht, die aufzubauen Jahrzehnte gedauert hat. Das gibt man nicht um eines flüchtigen Erfolgs willen auf. Und wegen der saftlosen Drohungen einer sesselpupsenden Geheimdienst-Nase wie Ihnen schon gar nicht. Ich sag Ihnen eins: Wenn Sie mich machen lassen, sind wir in einigen Wochen am Ziel und dann sprechen wir uns wieder. Ich weiß, ich hab so manches auf dem Gewissen. Aber wenn Sie mir Steine in den Weg legen, wird ein Unheil geschehen, das Sie wirklich nicht auf dem Gewissen haben wollen, glauben Sie mir!“

Fels wollte auffahren, besann sich dann aber. Er wusste, dass es Korff im Grunde bedauerte, dass es die gute alte Stasi nicht mehr gab, und dass er auf alles stolz war, was er von damals zu bewahren gewusst hatte, nicht zuletzt seine Nordkorea-Seilschaften. Auch wenn es Fels nicht behagte, musste er zugestehen, dass der BND den alten Stasi-Connections viel verdankte und Korff mit seinem speziellen Verschwiegenheitskodex beachtliche Erfolge hatte erzielen können. Dieser Korff: in zwei politischen Systemen mit allen Wassern gewaschen, bis er in jeder Beziehung aalglatt geworden war.

„Gut. Wahrscheinlich ist es wirklich besser, wenn ich nichts weiter weiß. So verliere ich schon mal nicht meinen verpupten Sessel, wenn es Ihnen an den Kragen geht. Also: Ich fasse zusammen, was ich jetzt weiß: Wir haben diese Islamisten. Wir haben die Nordkoreaner. Und wir haben den Anschlag. Und dazwischen gibt es eine Verbindung. Auf Schwanenwerder haben sich unsere Ostasiaten offenbar mit irgendwelchen Vorderasiaten getroffen. Da gibt es auch eine Verbindung. Unwahrscheinlich, dass die nur um Kamele geschachert haben. Und diese Handgranate war ... das klingt alles nicht gut, Korff!“

Der seufzte leise. „Fels, ich sag es Ihnen doch.“

Berlin

Jeremy hatte zunächst Chloes Nummer gewählt, dann diejenige Weltis von Fiducia. Welti hatte, wie Jeremy jetzt feststellte, in der Zeit, seit er sein eben zurückerhaltenes Handy gestern dem Geheimdienst überlassen musste, selbst mehrfach versucht, ihn zu erreichen. Nun hatte wiederum Jeremy Dr. Welti nicht erreicht und bei Chloe war ständig besetzt. Als sie zuletzt doch abgenommen hatte, war sie recht einsilbig gewesen. Was wohl auch daran lag, dass sie gerade im Auto saß und die Verbindung nicht besonders gut war. Sie hatte von ihrem kranken Vater erzählt und davon, dass er gewisse Kunden stets persönlich betreut habe. Sie sei momentan in einer schwierigen Lage, da sie dringend der Einweisung in jene Geschäftsbereiche bedürfe, die bislang allein ihrem Vater vorbehalten gewesen waren, Beat aber aufgrund seiner Herzkrankheit absolut geschont werden, alle Anstrengungen und Aufregungen von ihm ferngehalten werden müssten. Auf die Frage hin, ob Beat mit Privatpersonen aus Nordkorea finanzielle Beziehungen unterhalte, hatte sie für einen Moment geschwiegen. Nordkoreanern sei es nicht gestattet, in der Schweiz Konten zu eröffnen, sagte sie dann. Schon gar nicht sogenannten PEPs, politisch exponierten Personen, bei denen Geldwäscheverdacht bestehe. Aber sie werde das prüfen. Sie sei in einer verwandten Angelegenheit gerade zu ihrer alten Schulfreundin Mirjam in Bern unterwegs. Morgen, wenn Jeremy in die Schweiz komme, wisse sie mehr. Vielleicht wusste sie wirklich nicht mehr, als sie sagte. Aber für ihn bestand kein Zweifel, dass sie mehr ahnte. Und dass das eher ungute Ahnungen waren. Und dann dieser merkwürdige Satz von der verwandten Angelegenheit (oder Verwandtenangelegenheit?). Was hatten die nordkoreanischen Finanzbeziehungen in die Schweiz mit ihrer ehemaligen Schulfreundin zu tun?

Jeremys nächster Anruf, da saß er schon im Taxi zum Flughafen, galt seinem Freund Jonathan, der mit seinen Verwaltungs- und Finanztätigkeiten die direkte Schnittstelle zwischen der Gao-Feng-Stiftung und der Century Bank der Familie Bodmer war. Jonathan ging ausnahmsweise sofort ran. „Hey Jeremy, altes Haus, wo treibst du dich denn wieder rum? Hab gestern mit deiner besseren Hälfte telefoniert. Solltest dich mal wieder zu Hause blicken lassen. Familiensegen und so. Hast du sie inzwischen mal angerufen?“

Cathy, verdammt. Das hatte er gleich nach dem Mittagessen erledigen wollen. Aber er hatte gar kein Mittagessen gehabt. „Ja, ja, nein, mach ich gleich. Bin noch hier in Berlin und hatte heute einen sehr hektischen Tag. Hast du mal fünf Minuten Zeit?“

„Im Moment ist’s gerade schlecht, um ganz ehrlich zu sein, aber worum dreht sich’s denn?“ Jeremy schilderte ihm knapp die Verdächtigungen, die Korff gegenüber der Century Bank geäußert hatte, ohne aber seine Quelle zu nennen und konkreter zu werden.

„Das ist doch Quatsch, du kennst doch den alten Beat! Ein redlicher Schweizer von echtem Schrot und Korn. Zu schlimm, dass ihm das mit dem Herzinfarkt passiert ist. Für den leg ich meine Hand ins Feuer. Aber wir sollten uns mal zusammensetzen und die Sache bereden. Bin momentan in London nicht abkömmlich, aber soviel ich weiß, kommst du ja morgen in die Schweiz. Ich bin spätestens übermorgen wieder dort, und dann können wir ... Moment, ist gerade laut hier.“

Jeremy wollte dem Freund gerade mitteilen, dass er noch heute nach London fliege und sie sich am Abend gleich treffen könnten, da hörte er hinter Jonathan vernehmlich ausgelassene Stimmen, einen Sprechchor, Gegröle. Ha – ho – he – Herta BSC! Ha – ho – he ... Jeremy war irritiert: Ähnliche Rufe hatte er zuvor selbst auf der Straße gehört. Ein Berliner Fußballverein. Hatte der heute womöglich ein Champions-League-Spiel gegen Arsenal oder Chelsea? Jeremy war kein großer Fußballfan, aber er glaubte doch zu wissen, dass der Berliner Club dieses Jahr nicht in der Champions League spielte.

„Jonathan? Sagtest du nicht gerade, du bist in London?“ – „Nein. Wie kommst du darauf? Gerade bin ich auf dem Weg nach London. Stecke im Moment auf dem Flughafen Tegel in Berlin fest. Zwischenlandung. Hab keinen direkten Flug bekommen.“ – „Na, so was, ich bin, wie gesagt, auch in Berlin und gerade auf dem Weg nach Tegel.“ – „Na prima, großartig! Wann geht denn dein Flug?“ – „In etwa zwei Stunden. 18.10 Uhr.“ – „Vergiss es, die machen hier gerade mächtig Stress von wegen erhöhte Sicherheitsstufe. Terrorwarnung und so. Keine Ahnung, was da los ist. Die meisten Flüge scheinen sich um ein bis zwei Stunden zu verspäten. Jedenfalls meiner, wie ich grade erfahren habe. Eigentlich hätte ich um 16.50 Uhr fliegen sollen. Es bleibt jedenfalls genug Zeit, was zusammen zu trinken und die ganze Angelegenheit durchzusprechen. Mensch, Zufälle gibt’s!“

Wirklich, ein Zufall. Aber Jonathan hatte eher nervös als erfreut geklungen. Und warum hatte er nicht gleich gesagt, dass er ebenfalls in Berlin war? Sein Freund war manchmal sehr merkwürdig. Undurchschaubar. Hatte sich nie gern in die Karten blicken lassen.

Bern-Oberbottigen

„Keine Bewegung oder ich schieße!“ Chloe bemerkte, dass die Pistole in seiner Hand leicht zitterte. Er hatte in den wenigen Jahren erstaunlich viele Haare verloren, aber trotzdem erkannte sie ihn schneller als er sie. „Jobst?“, grüßte sie fragend. Er blickte sie irritiert an. Aus dem Augenwinkel sah Chloe, wie sich den Gang hinab eine Tür öffnete. Eine Frau im Bademantel mit nassen Haaren trat heraus. Die war in den kurzen Jahren aber ganz schön auseinandergegangen.

„Chloe! Was machst du denn hier? Tu das Ding weg, Jobst!“ In Mirjams braunen Augen blitzte es unternehmungslustig wie eh und je. „Du kannst einen aber auch erschrecken.“

Chloe konnte nicht erkennen, ob diese Feststellung nun auf sie oder Jobst mit der Pistole gemünzt war. „Entschuldigung, ich bin von der falschen Seite gekommen und da bin ich durch die Gartentür gegangen. Ich habe geklopft und als niemand reagiert hat, bin ich rein und hab gerufen. Ich hatte einfach große ...“ Chloe verstummte. Wenn Jobst schon einen normalen Besucher mit vorgehaltener Waffe empfing, war er vielleicht nicht der richtige Mensch, um ihm von ihren Ängsten zu erzählen.

„He, ich war unter der Dusche und habe gesungen. Oops! ... I Did It Again von Britney, weißt du, wie wir früher in der Schule. Die alten Lieder sind doch immer noch die besten. Da könntest du jemand erschießen, ohne dass ich es höre.“ Sie warf ihrem Mann einen strafenden Blick zu. „Gut, dass das nicht passiert ist.“

Der hatte die Waffe seitlich auf dem Schuhschrank abgelegt und wirkte zerknirscht. „Entschuldige, Mirjam, und vor allem du, Chloe. Ich war draußen in der Garage, um die Einkäufe reinzuholen – wir waren den ganzen Tag in der Stadt und sind eben erst zurückgekommen. Da höre ich ein Geräusch von der Gartentür und sehe, dass sich da eine dunkle Gestalt herumtreibt, die versucht, ins Haus zu kommen. Da habe ich dann sicherheitshalber die Pistole genommen und ...“

„Gut, dass wir nicht in Amerika leben“, warf Mirjam dazwischen. „Da hätte er dich gleich erschossen und vor Gericht Recht bekommen. Weil er sich bedroht gefühlt hat.“

„Das ist, wie du weißt, eine Schreckschusspistole, Mirjam. Damit kann man niemand erschießen – zumindest braucht es sehr viel Pech dazu. Und ansonsten: Ja, ich fühlte mich bedroht. Hier haben sich in letzter Zeit komische Typen rumgetrieben, weißt du, Chloe.“

„Was für komische Typen denn?“, fragte Chloe gespannt.

„Ach komm, jetzt überfall sie nicht gleich mit deiner Paranoia! Ich meine, hast du ja schon getan ... Aber jetzt lass dich erst mal drücken, alte Freundin! Was für eine Überraschung! Wieso hast du nicht angerufen, ach, du hast meine neue Natel-Nummer gar nicht, richtig? Ja, Jobst mag es nicht, wenn ich sie weitergebe. Kann ich dir was anbieten? Wasser, Saft, Tee? Oder gleich ein Gläschen Begrüßungssekt? Wir haben einen guten Crémant aus dem Jura. Mensch, du weißt gar nicht, wie ich mich freue, dich wieder zu sehen. Hast ein bisschen zugelegt, oder? Na ja, wir sind halt alle keine fünfzehn mehr.“

Berlin, Tegeler See

Die Borsig-Villa auf der Halbinsel Reiherwerder ist von drei Seiten her vom See umgeben. Der mit dem Bau von Dampflokomotiven unermesslich reich gewordene Großindustrielle Ernst Borsig ließ sich das protzige, dem Potsdamer Schloss Sanssouci nachempfundene Palais in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg erbauen, um seinem Reichtum ein Denkmal zu errichten. Heute gehört die Villa der Akademie Auswärtiger Dienst und dient als Gästehaus des Außenministeriums. In ebendieser Villa sollte an diesem Februarnachmittag das inoffizielle Treffen der nordkoreanischen Delegation mit hochrangigen ehemaligen US-Diplomaten stattfinden. Offiziell kreuzten sich die Wege der beiden Gruppen überhaupt nicht. Die beiden im Gästehaus einquartierten US-Vertreter waren Teilnehmer einer Tagung zum Thema Brennpunkt Ostasien, die von der DGAP, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, veranstaltet wurde, einem Thinktank, ähnlich dem Aspen-Institut, der seine Zentrale in der Rauchstraße im Botschaftsviertel Berlin-Tiergarten hat. Die koreanische Delegation wiederum war zu Gast bei einer Kulturkonferenz unter dem Motto „East meets West“, die ebenfalls nicht in der Villa Borsig, sondern in den direkt daneben gelegenen neuen Gebäuden der Akademie Auswärtiger Dienst stattfand, wo das Auswärtige Amt Fortbildungsmaßnahmen veranstaltet. Die Borsig-Villa war gewählt worden, weil sie sich leicht abschirmen lässt und sich hier eine diskrete Begegnung gut arrangieren ließ. Punkt 17 Uhr, unmittelbar mit dem Ende der Kulturkonferenz, sollten die nordkoreanischen Delegationsteilnehmer von einer gepanzerten Limousine am Akademiegebäude abgeholt und die wenigen Meter zur Villa hinüberkutschiert werden, wo in einem Zimmer im ersten Stock die US-Diplomaten auf sie warteten.

Nach dem Attentat vom Vortag und einer Gefahrenwarnung aus Geheimdienstkreisen waren die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt worden. Beamte der GSG 9 hatten die Umgebung weiträumig abgeriegelt. Der Tegeler See war auf einer Linie nördlich der Inseln Scharfenberg und Lindwerder bis hinüber zur Bernauer Straße für den Schiffsverkehr und das Landgebiet zwischen der DLRG-Rettungsstation an der Lieper Bucht und dem Malchseegraben für den Auto- und Fußgängerverkehr gesperrt worden. Diese Zone endete kurz vor der Landzunge, die die Nebenbucht Große Malche vom Tegeler See trennt. Dort steht unter alten Eichen die imposante Skulptur „Der archaische Erzengel von Heiligensee“, ein Denkmal für die in Berlin-Heiligensee verstorbene Künstlerin Hannah Höch.

Keine zehn Meter vom „archaischen Erzengel“ entfernt stieg an diesem sonnigen Februarnachmittag, von Bäumen und Schilf verdeckt und für die weiter oben an der Großen Malche positionierten Polizisten unsichtbar, eine in einen schwarzen Neoprenanzug gehüllte Gestalt lautlos in die eisigen Fluten des Tegeler Sees. Der kleine Buckel auf ihrem Rücken war eine Sauerstoffflasche. Das Wasser war hier flach, aber tief genug, dass man schwimmen und untertauchen konnte. Eine zweite dunkle Gestalt, die nun nicht mehr von Hilfe sein konnte, entfernte sich in Richtung Gabrielenstraße. Ein paar Luftblasen stiegen an die Oberfläche, und bald war da unter Wasser nur noch ein dahingleitender Schemen, der vielleicht eher ein Hecht oder ein anderer großer Raubfisch sein konnte. Doch steuerte der große Fisch nicht die streng bewachte Halbinsel Reiherwerder an, sondern wählte einen etwas längeren Weg. Als sich von den Bootsstegen des Ruder-Clubs Tegel 1886 her ein blau gestrichenes Polizeiboot näherte, tauchte der dunkle Fisch tiefer ab. Das Polizeiboot fuhr weiter, um nahe der Gaststätte Seepavillon am nördlichen Ende von Reiherwerder Position zu beziehen. Weitere Polizeiboote patrouillierten südlich zwischen der Lieper Bucht und der Südseite der weiter draußen im See liegenden unbewohnten Insel Hasselwerder.

Der große Fisch stieg wieder auf. Mit kräftigen Zügen schwamm er knapp unter der Wasseroberfläche auf das gut fünfhundert Meter entfernte Nordufer von Hasselwerder zu. In den Schatten der dicht am Ufer stehenden Bäume tauchte er auf, verwandelte sich wieder in eine schwarze Gestalt und verschwand im Buschwerk. Aus einem Versteck zog die Gestalt das Präzisions-Scharfschützengewehr M 40, das, zerlegt und in einem wasserdichten schwarzen Sack verpackt, zwei Tage zuvor dort verborgen worden war. Mit geübten Handgriffen setzte sie die Waffe zusammen und schraubte ein Infrarot-Zielfernrohr auf. Damit konnte man noch über eine Entfernung von einigen Hundert Metern hinweg ein Ei treffen. Die Gestalt band es sich mit Gummischlaufen auf den Rücken ihres Neoprenanzugs und kroch nahezu unsichtbar zwischen den Baumstämmen auf die der Halbinsel Reiherwerder zugewandte Spitze der kleinen Insel zu. Sie kannte den Weg.

An der Spitze der Insel neigte eine Weide ihre kahlen Äste ins Wasser und bot in den wachsenden Schatten der Dämmerung hinreichend Schutz vor etwaigen drüben auf Reiherwerder positionierten Scharfschützen. Die dunkle Gestalt befand sich nun direkt gegenüber dem etwa 250 Meter entfernten Bootssteg der Borsig-Villa, von dem, zwischen entlaubten Bäumen, ein schnurgerader Weg die wenigen Meter bis zum ringförmigen Vorplatz der Villa führte. Stolz wehte die deutsche Flagge auf dem Dach des stattlichen neobarocken Baus.

Die Gestalt blickte auf ihre Taucheruhr. 16.57 Uhr. Punkt 17 Uhr sollte die Veranstaltung in der Akademie Auswärtiger Dienst beendet sein und unmittelbar danach eine Mercedes-Limousine auf den Vorplatz der Villa gerollt kommen. Die Gestalt würde warten, bis der Wagen hielt und die Türen sich öffneten. In dem Moment, wo die Insassen den Wagen verließen, musste sie handeln. Sobald die Ausgestiegenen auch nur zwei, drei Schritte zur Villa hin zurückgelegt hätten, wären sie aus diesem Winkel nicht mehr zu erreichen.

Minuten vergingen. Die Gestalt atmete tief durch. Wenn sich der Wagen weiter verspätete, würde es schwierig. 17.09 Uhr war Sonnenuntergang, dann wäre es bald zu dämmrig für einen präzisen Schuss.

Dann, Autoscheinwerfer. Ein dunkler Wagen fährt langsam an, stoppt. Jemand steigt aus. – Halt, noch nicht. Der Fahrer.

Der Chauffeur geht um den Wagen herum, öffnet die Türen. Eine vorn, zwei hinten. Drei Männer in Anzügen kommen heraus. Das ist der Augenblick, auf den die dunkle Gestalt gewartet hat. Jetzt.

Konzentriert hebt sie das lange Gewehr, legt an, zielt sorgfältig, atmet ein und hält die Luft an. Jetzt, oder es ist zu spät.

Der Finger krümmt sich am Abzug. Jetzt.

Die dunkle Gestalt drückte ab. Es klickte.

Flughafen Tegel

Unweit des Tegeler Sees, inmitten der Jungfernheide lag der Flughafen Tegel, der eigentlich längst hätte geschlossen werden sollen, aber wacker noch immer seinen Dienst tat. Seine Schließung mit Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg war beschlossene Sache, doch da dessen Eröffnung regelmäßig ausblieb, würde auf Tegel auch weiter Verlass sein. Und das war auch gut so. Der sechseckige Flughafen, nach Plänen des Architekten Meinhard von Gerkan bis 1975 gebaut, war einer der praktischsten Flughäfen der Welt. War man einmal im Innenkreis des Sechsecks, konnte man an jedem beliebigen Schalter einchecken und beinahe direkt aufs Rollfeld gehen. Wenn keine große Schlange an der Gepäckabfertigung war, konnte man also binnen 15 Minuten vom Taxi im Flugzeug sein.

An diesem Tag allerdings waren die Schlangen lang und die Verwirrung groß. Was genau los war, konnte Jeremy niemand sagen. Jedenfalls waren im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die chinesische Botschaft die Sicherheits- und Personenkontrollen verschärft worden, auch wurde gemunkelt, dass die Gefahr weiterer Anschläge bestand und selbst der Flughafen zur Zielscheibe werden könnte.

In ebendem Moment, da das Taxi Jeremy im Innenhof des Terminals absetzte, hatte sein Handy geklingelt. Dr. Welti. Endlich. „Sie haben bei mir angerufen, Herr Gouldens? Ich habe es auch schon mehrmals bei Ihnen probiert. Ich hätte nämlich ein paar Fragen.“

„Gut, ich auch. Dann schießen Sie los.“

Das Ergebnis des Telefonats trug nicht gerade zu Jeremys Beruhigung bei. Zwar wusste auch Dr. Welti nichts Genaueres über illegale Geschäfte der Century Bank mit Nordkorea, doch war er, was die Gao-Feng-Stiftung selbst anging, bei der Überprüfung der Geschäftsbücher auf einige Vorgänge gestoßen, die er nicht recht einordnen konnte. Es hatte auf den Konten der Stiftung einen auffälligen Zu- und Abfluss von Geldern in Millionenhöhe gegeben, der unter anderem über Gesellschaften in Liechtenstein gelaufen war. In diesem Zusammenhang bestand auch der Verdacht auf Veruntreuung von Stiftungsgeldern. Außerdem waren die Überweisungen in Dutzende Tranchen von jeweils knapp unter hunderttausend Franken gestückelt worden, ein Indiz, dass jemand den gesetzlich vorgeschriebenen gesonderten Nachweis von Geldtransfers von über hunderttausend Franken hatte umgehen wollen. Mehrmals sei Dr. Welti dabei auf eine auf den Kanalinseln ansässige Sitzgesellschaft mit dem Namen „Koryo Capital“ gestoßen. Der Name sagte Jeremy nichts. Aber er klang nicht gut. Mit Chloe Bodmer habe Dr. Welti schon über seine Bedenken gesprochen und sie habe zugesagt, ihn noch heute zu einem Gespräch in Zürich aufzusuchen; Jonathan Creed, der für derlei Transaktionen zuständig sei, habe er aber noch nicht erreichen können. Na, dem werde ich gleich mal gründlich auf den Zahn fühlen, dachte sich Jeremy.

„Ich muss noch das eine oder andere überprüfen, aber in ein paar Stunden sehe ich bestimmt klarer“, hatte Welti hinzugefügt. „Daher sollten wir uns so bald wie möglich zusammensetzen und diese Dinge besprechen. Wenn es nach mir ginge, am besten noch heute Abend.“

Jeremy war erschrocken. „Ist es denn so eilig? Ich bin gegenwärtig in Berlin und wollte heute noch weiter nach London. Ich plane, morgen Nachmittag in Zürich zu sein, reicht das denn nicht?“

„Morgen bin ich den ganzen Tag verplant. Ich komme erst übermorgen wieder nach Zürich.“ Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass Dr. Welti am nächsten Tag einen Privattermin hatte, den er nicht absagen wollte: ein „Outdoor-Event“, so Welti. Er hatte seinem siebzehnjährigen Neffen und Patenkind zum Geburtstag eine Mountainbike-Fahrt in den Bergen versprochen. Konkreter, eine Teilnahme am nur einmal im Jahr stattfindenden renommierten „Glacier Bike Downhill-Rennen“ in Saas-Fee. Deshalb sei ihm dieser Tag „heilig“. Heute Abend sei er aber verfügbar, wenn nötig bis spät in die Nacht, auch wenn er morgen in aller Früh aufbrechen müsse. Wenn Jeremy es einrichten könne, noch nach Zürich zu kommen, umso besser, ansonsten werde er den Abend für weitere Recherchen nutzen.

„Gut, dann werde ich es mir überlegen, ob ich nicht doch heute noch kommen kann, ich kann es aber nicht versprechen. Eigentlich müsste ich dringend zu meiner Frau nach London fliegen.“

Für diesen Fall wolle Dr. Welti heute Abend noch ein Dossier über seine bisherigen Ergebnisse anlegen und es Jeremy mailen, damit er übermorgen bei ihrem Treffen vorbereitet sei. Jeremy hatte ihm daraufhin seine private E-Mail-Adresse gegeben, da er auf die Mails an die Stiftung nur von seinem Büro aus Zugriff hatte, er aber möglichst noch am Abend einen Blick in Weltis Dossier werfen wollte.

Und jetzt saß Jeremy seinem alten Freund Jonathan gegenüber, den er seit Jugendjahren kannte, dann aber lange aus den Augen verloren hatte. Ihre Wege hatten sich wieder gekreuzt, als Jeremy in Shanghai als Anwalt arbeitete. Jonathan Creed war dort während dieser Zeit ein hohes Tier bei der UBS-Bank gewesen. Kurz nach Jeremys Übersiedlung nach London hatte Jonathan seinen Posten bei der Bank aufgeben müssen. Die Zürcher Century Bank, die mit der Verwaltung der Stiftungsfinanzen betraut war, suchte damals einen kundigen Banker als Leiter ihres Londoner Büros, und Jeremy war es gelungen, Beat Bodmer davon zu überzeugen, dass Jonathan für diesen Posten genau der Richtige war. Seither war Jonathan für die Anlage der Stiftungserträge zuständig, und für Jeremy war es sehr günstig, seinen Freund auch als Finanzgeschäftspartner, an den er sich jederzeit wenden konnte, in seiner Nähe zu haben. Von kleineren Diskrepanzen, vor allem was unterschiedliche Ansichten zum Thema Anlagerisiko und -moral anging, einmal abgesehen, hatten sie bisher gut zusammengearbeitet. Jeremy hoffte, dass dies auch in Zukunft so bleiben würde.

Sie hatten im Bistro Leysieffer im zentralen Abflugbereich des Flughafens Platz genommen, wo sie die Anzeigetafeln gut im Blick hatten. „Koryo Capital“, wiederholte Jonathan grübelnd. Er betrachtete seine manikürten Finger und die Manschetten des maßgeschneiderten Hemdes von Turnbull & Asser, das er unter seinem perfekt sitzenden Maßanzug aus der Savile Row trug. Jonathan hatte schon immer hohen Wert auf schicke und teure Kleidung gelegt. Dann blickte er Jeremy aus seinen stahlblauen Augen direkt ins Gesicht. „Koryo Capital – ja, das sagt mir etwas.“

„Was ist das für eine Firma?“

„Schwer zu sagen. Einer der Kontakte, die ich von Beat übernommen habe. Der hat da ein ganzes Netzwerk aufgebaut. Junge, ich sag dir, von dem Alten können wir uns alle noch ein Scheibchen abschneiden. Hoffentlich ist er bald wieder auf den Beinen.“

„Wo kommt diese Firma her?“

„Nun ja – England. Also Großbritannien. Sitz auf den Kanalinseln.“

„Aber Koryo heißt doch Korea. So hieß dort ein mächtiges Reich im Mittelalter. Wird der Begriff nicht vor allem von nordkoreanischen Staatsunternehmen verwendet: Air Koryo und so weiter?“

„Nein, das verwendet der Süden genauso. Ich kann dir versichern, dass Koryo Capital kein nordkoreanisches Staatsunternehmen ist. Du weißt, es gibt ein Embargo gegen das Land, und in der Schweiz ist es sogar nordkoreanischen Privatbürgern nicht gestattet, ein Konto zu eröffnen, geschweige denn staatlichen Unternehmen. Ein ehrwürdiges Haus wie das von Beat Bodmer würde also den Teufel tun, an den Schweizer Gesetzen vorbei mit denen Geschäfte zu machen.“

„Allerdings hat die Century Bank, wie ich erfahren habe, lange Zeit Geschäfte mit der Banco Delta Asia in Macao gemacht, die auf einer schwarzen Liste der USA steht, weil sie im Verdacht steht, gefälschte Dollarscheine aus Nordkorea in Umlauf gebracht zu haben.“

„Das ist ein alter Hut. Jeremy: Ich weiß von Beat, dass er nach diesem Skandal 2007 alle Kontakte zur Delta Asia abgebrochen hat.“

„Es gibt Geschäftsbeziehungen zu weiteren Banken in Macao.“

„Jeremy: Century hat Geschäftsbeziehungen zu so gut wie allen Bankenzentren im Fernen Osten. Nur eben nicht nach Pjöngjang.“

„Und wer steckt dann hinter Koryo Capital?“

„Jeremy, ich bin nicht Jesus. Ich bin ein Geschäftsmann, ich lege Gelder an, achte darauf, dass die Rendite stimmt, und vermehre so den Besitz der wohltätigen, ehrenwerten Gao-Feng-Stiftung. Wie du weißt, ist die moderne Finanzwelt ein sehr komplexes Gebilde und oft ist es schwer nachzuvollziehen, mit wem und womit man seine Geschäfte macht. Als es 2007 zum großen Bankencrash kam, waren sehr viele Geldanleger ausgesprochen überrascht zu erfahren, ihr Geld über viele Ecken letztlich in die faulen Kredite überschuldeter amerikanischer Häuslebauer gesteckt zu haben. Shit happens, Jeremy, und niemand ist ganz davor gefeit, dass auch ihm dergleichen passiert. Du weißt, du kannst mir vertrauen, wegen meiner Geschäfte hat die Stiftung bisher jedenfalls keinen Penny verloren. Aber, um auf dieses obskure Koryo Capital zurückzukommen: Ich werde der Sache nachgehen. Versprochen. Wenn wir uns übermorgen in Zürich treffen, weiß ich schon mehr. Ich verstehe nur nicht, welche Probleme Dr. Welti und seine Treuhandgesellschaft Fiducia mit dieser Sache haben. Um ganz ehrlich zu sein: Meines Erachtens ist der Junge allzu, na ja ... übereifrig. Kannst du mir seine Bedenken genauer darlegen?“

Jeremy erzählte in allen Details den Inhalt seines Gesprächs mit Dr. Welti. „Er ist da anscheinend gerade mitten in etwas drin und ziemlich aufgeregt. Am liebsten würde er sich gleich heute Abend noch mit mir treffen; ich bin noch am Überlegen, ob ich das wirklich ...“

„Ich sag’s ja, übereifrig. Das wird doch bis morgen Zeit haben!“

„Morgen fährt er mit seinem Neffen zu einer Mountainbiketour ins Berner Oberland und bleibt dort über Nacht, daher geht es erst übermorgen wieder. Auf alle Fälle aber mailt er mir heute noch seine bisherigen Erkenntnisse, wenn ich es nicht mehr nach Zürich schaffe.“

„Na, hoffentlich kann er beim Radeln seinen überstürzten Leistungsdrang abreagieren. Überhaupt: Mountainbike? Im Februar?“

„Klar. Biken im Schnee ist gerade groß in. Sie wollen nach Saas-Fee fahren. Da gibt es ein Rennen den Gletscher hinunter.“

„Dann lass ihn ruhig fahren. Und du fliegst nach London. Heut noch in die Schweiz, ich glaub’s ja nicht! Da plustert sich aber einer auf. Ich bin mir jedenfalls sicher, das wird sich alles als heiße Luft erweisen. Zerbrich dir nicht den Kopf, du hast genug andere Sorgen. Apropos, hast du Cathy inzwischen angerufen?“

Cathy! Jeremy überlief es siedend heiß. So viele Telefonate wie er seit seinem Besuch in der BND-Zentrale geführt hatte ... „Gut, dass du mich erinnerst. Das mache ich gleich nachher.“

„Mach es jetzt.“ Jonathan sah auf die Uhr, dann nahm er den letzten Schluck aus seiner Pilstulpe. „Ich hab noch etwa zwanzig Minuten, bis ich zu meinem Flug muss. Ich lass dich jetzt mal auf eine Zigarettenlänge allein und du bringst deine Eheangelegenheiten in Ordnung. Viel Erfolg! Und das mit der Schweiz erwähnst du lieber gar nicht erst.“ Er lachte sein leises Lachen, das Jeremy irgendwie an das Hecheln eines Hundes erinnerte und das zu den Eigenheiten seines Freundes gehörte, die er weniger mochte. Dann war Jonathan auch schon aus dem Raum und Jeremy hatte Cathys Nummer gewählt.

Anders als von Jonathan vorgeschlagen, würde Jeremy einfach an Cathys nüchternen Verstand appellieren, ihr die Sachlage erklären und letztlich sie entscheiden lassen, ob es unter den gegebenen Umständen überhaupt sinnvoll war, für ein paar Stunden nach London zu hetzen. Sie war sofort am Apparat. „Hallo Schatz, ich bin’s. Jeremy.“

„Jeremy? Ich kenn keinen Jeremy. Oh, jetzt erinnere ich mich, lang, lang ist’s her. Doch nicht etwa Jeremy Gouldens, mein verschollen geglaubter Göttergatte? Was verschafft mir die unglaubliche Ehre?“

Der bösartig ironische Tonfall an der Grenze zum Umschlagen in blanke Wut verriet nichts Gutes. Dieses Gespräch würde kein leichtes sein. Dann überschlug sich ihre Stimme auch schon. Was ihm denn einfalle, tagelang nichts von sich hören zu lassen und sie dann einfach abzuwürgen, wenn sie ihn anrufe, und wieder 24 Stunden in die Versenkung abzutauchen. Ob er vergessen habe, dass er verheiratet sei? Nein, habe er nicht. Dass er sich für heute Abend in London angekündigt habe? Natürlich auch nicht, das sei ja ausgemacht und deshalb sei es auch nicht nötig, dass er anrufe, solange nichts dazwischenkomme, wobei er bei der Gelegenheit vorsichtig nachhaken wolle, ob... Und dass heute Abend das Charity Dinner im Dorchester Hotel stattfinde, für das sie sich vor Wochen angemeldet hätten? Charity Dinner. Gut, das hatte er doch tatsächlich vergessen.

„Klar, das Dinner.“ Vergiss die Schweiz, Jeremy. Hier ist Schadensbegrenzung angesagt. „Das Dorchester-Dinner ... das ist eben auch ein Grund, warum ich anrufe. Heute Abend um acht, nicht wahr? Hör mal, Schatz, hier in Berlin gibt es eine Terrorwarnung und alle Flüge haben Verspätung. Es ist dumm, aber ich glaube, ich werde es wohl leider nicht mehr rechtzeitig schaffen. Wenn ich Glück habe, kann ich noch nachkommen. Könntest du nicht vielleicht ...“

Eine Flut von Vorwürfen und Verwünschungen ergoss sich über ihn. Mit jedem Ansatz, sich zu entschuldigen, schien er alles nur schlimmer zu machen. „Vielleicht hätten wir uns lieber gar nicht erst anmelden sollen“, brachte er schließlich heraus. Er wusste, dass es sinnlos war, das jetzt zu sagen, aber ihm fiel nichts anderes ein. Außerdem merkte er, dass er allmählich anfing wütend zu werden und dass seine Strategie, ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er den verständnisvollen Dulder mimte, einmal mehr nicht aufging. „Schon aus ethischen Gründen. Schließlich gehört das Hotel dem Sultan von Brunei, der in seinem Land gerade die Scharia einführt, die für Schwule und Ehebrecher den Tod durch Steinigung vorsieht. Das Hotel wird international von einem Großteil der Prominenz boykottiert.“

Aber der Appell an Cathys ausgeprägtes moralisch-soziales Gewissen fruchtete heute nicht. „Ach was, Prinzessin Kate hat kürzlich auch dort getafelt. Außerdem sind das alles doch nur fadenscheinige Ausflüchte. Als ob du nicht schon vor ein paar Wochen von diesem Scharia-Dings gewusst hättest.“ Was stimmte. Nur daran gedacht hatte er nicht. Fakt war, dass er sich aus all dem High-Society-Schnickschnack nichts machte. Im Unterschied zu seiner Frau.

„Weißt du was“, platzte es aus ihr heraus. „Du kannst mir gestohlen bleiben. Wenn du dich lieber in Berlin und Zürich mit andern Frauen rumtreibst – bitte schön. Ich finde schon jemand, der mit mir hingeht. Die Männer in London sind auch nicht hässlicher als die Frauen in Zürich. Und mein Begleiter wird mit Sicherheit nicht Jeremy Gouldens heißen. Pah! Wer ist das überhaupt?!“ Sie hatte aufgelegt.

Berlin, Tegeler See

Es klickte wieder und wieder, als die dunkle Gestalt in rasender Geschwindigkeit panisch den Abzug betätigte. Aber nichts geschah. Schon hatten die drei Männer in Anzügen die wenigen Schritte in den Hof der Borsig-Villa zurückgelegt, waren unerreichbar hinter der hellbraunen Fassade verschwunden. Die dunkle Gestalt im Neoprenanzug zischte einen halblauten Fluch. Versagt. Warum hatte plötzlich die Waffe versagt? Warum hatte sie versagt? Und was jetzt?

Als sie sich wie hilfesuchend zur Inselseite umdrehte, erstarrte sie. Aus dem Schatten der Bäume trat ein Mann in einem grün-braunen Tarnanzug, ein Gewehr in der Hand. Die Gestalt warf ihr nutzloses Scharfschützengewehr zur Seite und griff instinktiv nach dem Tauchermesser, aber es war zu spät. „Hände weg und stehen bleiben, oder ich schieße!“, rief Polizeikommissar Kramer von der GSG 9 und legte an. Die Gestalt machte einen Hechtsprung ins Wasser. Noch in der Luft traf sie ein Schuss aus Kramers Gewehr. Die Gestalt tauchte auf und ließ einen hohen Schrei der Wut und Verzweiflung fahren. Ringsum färbte sich das Wasser rot. „Das Spiel ist vorbei, kommen Sie heraus“, rief Polizeikommissar Kramer, „Sie haben keine Chance.“

Die Gestalt ruderte noch ein paarmal wild mit Armen und Beinen und blieb dann reglos im Wasser liegen. War das eine Finte? Wie auch immer, Kramers Auftrag lautete, den Attentäter auf jeden Fall lebend zu erwischen. Er legte die Waffe ab, sprang ins seichte Wasser, griff vorsichtig nach der reglosen Gestalt. Nichts. Er packte zu und zog sie zu sich. Aus einem klaffenden Durchschuss am Oberschenkel troff Blut. Eine schwere, aber keinesfalls tödliche Wunde. Kramer schleppte den Körper ans Ufer, legte ihn ins schlammige Gras, drückte ihm seine Hand an die Brust, fühlte nach dem Herzschlag. Nichts. Aber er fühlte etwas anderes. Fleisch, wo er keines vermutet hätte. Er riss der Gestalt die Kapuze ihres Taucheranzugs vom Kopf. Schwarzes Haar quoll hervor, länger als vermutet. Sie war hübsch. Sehr sogar.

Dann legte er ihr die Hand an den Hals, konnte aber auch hier keinen Puls feststellen. Kramer beugte sich zu ihr herab, um mit den üblichen Wiederbelebungsmaßnahmen zu beginnen. Mund-zu-Mund-Beatmung? Da roch er den leicht bitteren, süßlichen Duft, der von ihren bläulich verfärbten Lippen aufstieg. Er erinnerte ihn auf fast schon angenehme Weise an Marzipan.

Kopfschüttelnd richtete er sich wieder auf und sah seufzend über den abendlichen See hinaus.

Berlin, Flughafen Tegel

„Und, wie ist das Gespräch gelaufen?“ Das mitleidige Lächeln auf Jonathans Lippen verriet, dass man Jeremys Gesicht das Ergebnis nur zu deutlich ansehen konnte. Er nahm seufzend einen Schluck aus seinem Weizenglas. „Du hast recht, war keine gute Idee, das mit Zürich heute Abend. Ich hab es lieber gar nicht erst erwähnt. Sie war ohnehin schon etwas ... ungehalten.“ – „Tja, Frauen ...“ – „Ja, da hat sich wohl einiges zwischen uns aufgestaut. Das werde ich heut Abend wohl nicht alles in Ordnung bringen können. Aber wenn ich jetzt wegbliebe, würde ich es nur schlimmer machen. Hilft alles nichts, ich muss da durch.“ Er kratzte sich grübelnd am Kopf. Dann fiel ihm etwas ein. „Jonathan, kannst du einem alten Freund einen Gefallen tun?“

„Gern, wenn es sich einrichten lässt.“

„Ich wollte heute eigentlich mit Cathy zu so einem Charity Dinner gehen. Im Dorchester Hotel. Das heißt, eigentlich wollte Cathy mit mir gehen. Du weißt ja, ich lege zu Hause lieber die Beine hoch und schenk mir einen Lagavulin ein; gerade an einem Tag wie heute, nachdem ich über eine Woche unterwegs war. Natürlich würde ich trotzdem hingehen, schon ihr zuliebe, aber ich werde das zeitlich nicht schaffen, deswegen ist sie stinksauer. Jetzt sucht sie einen Begleiter. Und dein Flug geht ja gleich, bei dir könnte es noch reichen.“

„Versteh schon. Klar.“

„Vielleicht kannst du sie ja mal anrufen.“

Jonathan überlegte, setzte an, als wolle er etwas sagen, biss sich auf die Lippen, schnaubte kurz, und für einen Moment legte sich wieder jenes mitleidige Lächeln auf seine Züge. Dann sagte er jovial: „Kein Problem, alter Freund. Um ehrlich zu sein, hab ich heut sowieso noch nichts Richtiges gegessen und könnte einen Happen vertragen.“

„Sei einfach ein bisschen freundlich zu ihr, kümmere dich um sie und bring sie auf bessere Gedanken. Aber erzähl ihr bitte nicht, dass ich dich darum gebeten habe, so was verträgt sie gar nicht. Vielleicht kannst du ja ein gutes Wort für mich einlegen. So dass sie mir nicht gleich den Kopf abreißt, wenn sie heut Nacht nach Hause kommt.“

„Tja, es hat eben seine Vor- und Nachteile, wenn man eine dermaßen temperamentvolle Frau heiratet. Aber ich werde mir alle Mühe geben, ihr einen schönen Abend zu machen. In dem Punkt kannst du dich auf mich verlassen.“

Bern-Oberbottigen

„Nein danke, ich muss noch fahren.“

„Ach was, du kannst ... du musst heute hierbleiben.“ Ungerührt befüllte Mirjam Chloes Glas. „Wir haben uns so lange nicht gesehen. Und unser Gästezimmer ist sowieso immer gerichtet.“

„Ich habe heute Abend noch ein wichtiges Gespräch wegen der Bank, weißt du. Jetzt, wo mein Vater krank ist, geht es da drunter und drüber.“ Chloe dachte mit Bauchschmerzen an ihr bevorstehendes Treffen mit Dr. Welti. Wenn sie pünktlich sein wollte, musste sie zügig aufbrechen. Dabei war sie noch gar nicht dazu gekommen, ihr eigentliches Anliegen ernsthaft anzusprechen. Sooft sie es versucht hatte, Mirjams sorglos mäandernder Redefluss hatte stets schnell eine andere, unerwartete Richtung genommen.

Dem Begrüßungs-Crémant war, nach einer raschen Tasse Kaffee und dem Rückzug von Jobst, der die Freundinnen lieber allein ließ, ein etwas plumper Chasselas vom Bieler See gefolgt. Dazu hatte Mirjam ein rustikales Zvieri bereitet, mit Weggli und Bauernbrot, Bündnerfleisch und großlöchrigem Käse aus dem nahen Tal des Flüsschens Emme sowie – darauf war Mirjam besonders stolz – Appenzeller Mostbröckli; aus Pferdefleisch, wie sie betonte. Als Chloe, die eine leidenschaftliche Reiterin war und selbst vier Shagya-Araber-Stuten besaß, auf ihre Vorbehalte gegenüber dem Verzehr dieser Freunde des Menschen verwies, antwortete Mirjam unbekümmert: „Weißt du, dass die besten Appenzeller Mostbröckli die aus Hundefleisch sein sollen? Leider sind die mittlerweile schwer zu bekommen, da die kommerzielle Verwendung von Hundefleisch als Nahrungsmittel in der Schweiz 2005 verboten wurde und die Appenzeller Bauern jetzt nur noch für den Eigenbedarf herstellen dürfen. Ich mag zwar Hunde – lebend, meine ich – und komme gut mit ihnen aus, aber irgendwie würde mich das schon reizen. Ich meine, man soll alles mal probiert haben, oder nicht? Einfach damit man weiß, ob einem nicht etwas entgeht. Tja, zur Not müssen wir doch mal nach Vietnam oder Korea fliegen.“

Chloe zuckte bei der Kombination „Hund“ und „Essen“ zusammen – egal, wer nun in wen biss. Aber das war jetzt vielleicht ein guter Einstieg. „Apropos Korea ...“

„Komm, jetzt probier doch mal.“ Die Freundin hielt ihr eine der hauchdünnen Räucherfleischscheiben hin. Todesmutig griff Chloe zu und biss hinein. Es schmeckte wie Fleisch. Eigentlich gut. Und immerhin kein Hund. Sie spülte das luftgetrocknete Pferd mit einem ordentlichen Schluck Weißwein hinunter. Vielleicht sollte sie Welti doch absagen. „Und ist total mager und gesund. Nicht, dass mich etwas Fett stören würde, ist schließlich ein wichtiger Geschmacksträger.“

Man sieht’s, dachte Chloe. Ein neuer Anlauf: „Apropos Hund, ich würde gern nochmal auf die Sache mit Marcus zurückkommen.“

„Tja, ein Jammer, dass es eines so scheußlichen Anlasses bedurft hat, dass wir wieder einmal zusammenkommen. Trotzdem: Ich glaube, du fantasierst dir da was zusammen. Was soll sein Tod denn mit Pak zu tun haben, wie du vorhin gemeint hast? Oder gar mit uns? Allmählich kommst du mir fast so paranoid vor wie mein Mann. Nein, sagen wir halb so paranoid. Jedenfalls ungeheuer paranoid.“

„Er hat seinen eigenen Onkel von Hunden zerreißen lassen, Mirjam. Unser netter Mitschüler Pak Un. Die Meldung ging um die Welt. Und nun ist Marcus, sein ehemaliger Mitschüler, auf die gleiche Weise gestorben. Und das soll nichts miteinander zu tun haben?“

„Ach, soviel ich weiß, ist nicht einmal bewiesen, dass Pak Un und Kim Jong Un wirklich der gleiche Mensch sind. Ich meine, ich habe mir Bilder angesehen, ich erkenne da keine große Ähnlichkeit. Diese Koreaner schauen sowieso alle gleich aus. Gut, etwas pausbäckig ist Pak auch gewesen. Aber so fett? Nach nur fünfzehn Jahren?“

Schau dich doch selbst an, dachte Chloe. Mirjam prustete fröhlich auf. „Ja, ja, ich weiß, was du denkst, sag’s lieber nicht. Klar, Menschen können sich verändern. Körperlich und vom Wesen her. Ich hab Pak ja nie sonderlich gemocht – aber dass der gnadenlos Menschen zu Hunderten hinrichten lassen soll, bis in engste Familienkreise hinein ... also, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“

„Der Schüler Adolf hat auch keine Juden ermorden lassen. Und es besteht leider kein Zweifel, dass es auf der Welt viel mehr gibt, als wir uns vorstellen können. Selbst in unseren schlimmsten Alpträumen.“

„Mag sein. Aber doch nicht hier bei uns. Nicht in Oberbottigen.“

„Lass uns einfach mal sammeln, was wir von Pak wissen. Vielleicht stoßen wir auf irgendeine Spur. Schließlich ist das nun ein halbes Leben her, und zwei Gehirne erinnern sich besser als eins.“

Mirjam hob ihr Glas: „Auf die Gehirnzellen! Und die gute, alte Zeit, als wir zu den Liedern von Britney getanzt haben. Oops! I did it again, I played with your heart, got lost in the game, oh baby, baby.“

Chloe musste schmunzeln. „Zurück zu Pak. Ich hab ihn noch gut vor mir. Immer trug er diese Trainingsjacke.“

„Und die neusten Nike-Turnschuhe, blitzblank. Sein ganzer Stolz. Der eitle Schwachkopf. Weißt du noch, wie er am Anfang immer getreten hat, wenn ihm etwas nicht passte? Wie er ausrasten konnte? Wie er andere Jungs aus den nichtigsten Gründen angespuckt hat?“ Nein, das wusste Chloe nicht mehr. „Dann hat er sich aber relativ schnell eingepasst. Ich weiß noch, wie er mitten im Schuljahr in die Klasse gekommen ist. Dass er aus einem ‚kriegsversehrten Land‘ komme, hat die Lehrerin gesagt. Das hat meine Fürsorgeinstinkte aktiviert. Doch dann ist er immer mit einem Mercedes von der Schule abgeholt worden, der arme Kriegsversehrte. Da sind die guten Mirjam-Fürsorgeinstinkte wieder eingeschlafen.“

„Ich weiß nur noch, wie er ständig in der Nase gebohrt hat. Da sind bei mir sämtliche Bemutterungsinstinkte eingefroren.“

„Na ja, etwas hat er mir schon leidgetan. Immer der ernste Blick. Hast du ihn je lachen sehen? Und wenn er sein Basketball nicht gehabt hätte, wäre er völlig isoliert gewesen, schon weil er kaum Deutsch konnte. So hat er aber mit Marcus und Miguel seine basketballverrückten Freunde gefunden. Die drei und ihr Sport – die waren eine Zeit lang ganz dicke, bis Pak dann plötzlich von der Schule verschwunden ist. War das nicht auch die Zeit, als du und Marcus ...?“

„Volltreffer. Tja, meine wilde Jugendzeit.“

„Got lost in the game, oh baby, baby. Oops! You think I’m in love that I’m sent from above. I’m not that innocent.“

Definitiv schon etwas beschwipst. „Trotzdem habe ich mit Pak nicht viel zu tun gehabt. Es stimmt, er war öfters mal bei Marcus zu Hause oder Marcus hat Pak in seiner Wohnung in der Kirchstraße besucht, wo er mit seinen Betreuern gewohnt hat, irgendwelche obskuren Koreaner, die kein Deutsch konnten. Dort haben sie sich dann chinesische Actionfilme angeschaut, Bruce Lee und Jackie Chan. Da war ich aber nie dabei. Gut, als die Freundin von Marcus bin ich ihm schon öfters mal über den Weg gelaufen. Aber mit Mädchen hat es Pak ja sowieso nicht gehabt. Ich weiß bis heute nicht, ob er uns gegenüber eher schüchtern oder einfach nur verächtlich gewesen ist.“

„Wahrscheinlich beides. Obwohl, wenn er sich unbeobachtet glaubte, hat er dich in der Schule ja immer so angestarrt. Ich glaube fast, der war in dich verknallt.“ – „Ach Quatsch, das bildest du dir doch nur ein. Ich glaube eher, dass er dich angestarrt hat.“ – „Vielleicht hat er ja alle Mädchen angestarrt. Typisch verklemmter Sonderling, der sich nichts traut. Aber nach außen hin so tun, als wären wir Mädchen praktisch inexistent.“ – „Na ja, bis auf das eine Mal.“ – „Bis auf ein Mal, korrekt. Da ist er aufgetaut. Aber ordentlich.“ – „Du erinnerst dich also noch?“ – „Marcus’ Geburtstagsparty? Mensch, Chloe, daran hab ich sicher über zehn Jahre nicht mehr gedacht. Aber klar erinnere ich mich. An das meiste jedenfalls. Dieser scheußliche Apfelkorn.“ – „Du hast gekotzt.“ – „Genau. Das heißt ... das ist eben der Teil, an den ich mich nicht mehr erinnere. Aber ist das jetzt wichtig? Du, Chloe, ich hol uns nochmal so ein Fläschchen, ja?“

Und weg war sie. Chloe schwirrte der Kopf. Sie nutzte Mirjams Abwesenheit für einen kurzen Anruf bei Dr. Welti. Für heute Abend war Zürich jedenfalls gestorben. Aber Welti war ein Gentleman. Ja, kein Problem. Morgen? Nein, morgen ginge nicht, wichtiger familiärer Anlass. Outdoor. Übermorgen sehr gerne. Außerdem würde eventuell Herr Gouldens noch heute Abend bei ihm eintreffen, der könne Chloe ja dann morgen in Kenntnis setzen. Uf Wiederluege.

Jeremy? Flog heute noch in die Schweiz? Dann musste bei der Stiftung wirklich Land unter sein. Chloe schenkte sich ein Glas Wasser ein und versuchte sich jenen fünfzehnten Geburtstag ins Gedächtnis zu rufen. Der scheußliche Apfelkorn. Der scheußliche Koreaner.

Mirjam kam zurück. Wollte die Flasche öffnen und stellte fest, dass sie sich im Regal vergriffen hatte und die Flasche statt des üblichen Drehverschlusses einen „Zapfen“ hatte. Sie verschwand, um den Korkenzieher zu suchen, und ließ Chloe mit ihren Gedanken allein.

Zuerst war es eine ganz normale Geburtstagsfeier gewesen, auf der Schwelle vom Kinder- zum Jugendgeburtstag. Statt lustige Spiele zu spielen, hatten sie zusammen Pizzableche belegt, alkoholfreie Cocktails gemixt und sich Musikvideos auf MTV angesehen. Britney Spears und so weiter. Bis Marcus dann irgendwann diese Flasche Apfelkorn hervorgezaubert hatte. Da waren die meisten schon gegangen. Außer Mirjam und ihr, den einzigen Mädchen, waren nur noch Marcus und Miguel da gewesen. Und eben Pak. Es war, soweit sie sich erinnerte, das einzige Mal, dass er je bei einer ihrer Partys dabei war.

„Der isch aba guat.“ Mirjam ließ ihrem Probierschluck ein reich gefülltes Glas folgen und beschickte Chloes Glas auf ähnliche Weise. Chloe erhaschte einen Blick auf das Etikett. Statt des leichten Schweizer Chasselas hatte Mirjam im Nachbarregal des Weinkellers einen gereiften burgundischen Montrachet erwischt, der wohl irgendetwas zwischen 40 und 400 Franken gekostet hatte. Jedenfalls endlich ein Wein in einer Kategorie, die Chloe etwas zu sagen hatte.

„Kannst du dich noch daran erinnern, dass du ihn geküsst hast? Bevor du gekotzt hast?“ – „Pak? Wahrscheinlich war das ebender Grund, warum ich gekotzt hab.“ – „Wer ist denn auf die Idee mit dem Flaschendrehen gekommen?“ – „Keine Ahnung. Einer der Jungs, wahrscheinlich Marcus. Fand es wohl lustig, seinen koreanischen Freund in die dekadenten Spielchen der westlichen Jugend einzuweisen. Der hat sich erst etwas geziert, aber später, so ab dem dritten Glas Apfelkorn, hat er ganz schön die Sau rausgelassen. Also, ich meine ... Zunge hatten wir jedenfalls nicht ausgemacht.“

Verschwommene Erinnerungen stiegen in Chloe auf, an eine Zeit, da alles Sexuelle noch verwirrend, verboten, diabolisch und wunderbar war, Lust und Schuld eng beieinanderlagen. Wie der Mädchen gegenüber sonst so abweisende Koreaner plötzlich kaum mehr zu bändigen gewesen war, das pubertäre Spiel plötzlich zu kippen drohte: in einen Abgrund, der voller Verheißung war. Unheimlich, mit welcher Gewalt sich der Kerl einfach nahm, was er wollte, und wenn es nur ein Kuss war; brutal, animalisch, aber doch (und eben deshalb) auch von einem verführerischen exotischen Reiz. Und dann war Mirjam auf der Toilette verschwunden, und Marcus und Miguel durchstöberten die Bar von Marcus’ Vater nach Flaschen, bei denen es nicht auffallen würde, wenn etwas fehlte, und sie war mit Pak allein im Raum gewesen und dann ... Und dann? Sie war offenbar auch sehr betrunken gewesen. Dann waren sie übereinander hergefallen. Tatsächlich. Jetzt erinnerte sie sich wieder. Er über sie? Sie über ihn? Vielleicht die Welt über sie beide, sie wusste es nicht. Aber dass sie diesen Moment all die Jahre über vergessen – verdrängt? – hatte ... Und da war noch was, da lag ihr noch etwas auf der Zunge ... nicht nur der fremde, würzige Geschmack des sich gegen sie drängenden Asiaten. Was war das ...

„Wie ist der Abend denn ausgegangen?“

Chloe schreckte hoch. Mirjams Frage riss sie aus dem Flashback in ihre Jugend. Nein, es war nicht wirklich etwas passiert. Ihre Jungfräulichkeit hatte sie erst Jahre später verloren, erst in Küsnacht. Aber irgendwas war eben doch geschehen, in jener Küssnacht in Liebefeld.

„Entschuldige mich bitte einen Augenblick.“ Einen Moment später stand sie im Bad, kippte sich Wasser übers Gesicht, rieb sich Hände und Arme mit Seife ein. Minuten darauf war sie wieder bei Mirjam im Wohnzimmer. Und die war unerbittlich.

„Jetzt sag schon. Das große Finale!“

„Nix Finale. Antiklimax. Ich erinnere mich jetzt, dass Pak noch versucht hat, mich zu küssen, als ihr alle aus dem Raum wart. Ganz ohne Flasche. Aber dann bist du wieder reingekommen, Gott sei Dank, mit kreidebleichem Gesicht, und kurz darauf hat ihn, wie immer, der Mercedes abgeholt. Marcus’ Vater hat uns nach Hause gebracht. Wir haben ihm irgendwas vorgeschwindelt, du hättest dir an den Erdnussflips den Magen verdorben oder so. Wie das damals eben so war.“

„Tja, die wilden Jahre. Aber man kann nun mal nicht ewig fünfzehn sein. Und dreißig plus hat auch Vorteile. Prost!“ Sie ließen die Kelche klirren. „Und dann?“, fragte Mirjam. „Wie ging das mit Pak eigentlich weiter? Waren wir nicht noch ...“

„Am Montag drauf war er abweisend wie immer. Ich bin ihm auch aus dem Weg gegangen. Klar, bei den peinlichen Erinnerungen.“

„Und du meinst, deshalb hat er Marcus jetzt umbringen lassen? Weil ihm das mit dem Flaschendrehen peinlich ist? Damit keiner erzählen kann, dass er in seiner Jugend mal knülle mit Mädchen geknutscht hat? Das ergibt doch keinen Sinn. Vielleicht machen die drüben in Nordkorea so was. Aber doch nicht hier in der Schweiz.“

Ja, seufzte Chloe. Das sah sie ähnlich.

„Außerdem ist da immer noch Miguel, der meines Wissens jetzt irgendwo in Brasilien im Regenwald Paranüsse anbaut, dort dürfte er schwer zu finden sein. Und du und ich natürlich.“

„Nun gut“, sagte Chloe langsam. „Das ist eben das Problem. Das ließe sich ändern.“ Ruckartig wandte sie sich zu Mirjam. „Du, ich bräuchte jetzt dringend mal eine Zigarette. Habt ihr einen Balkon oder soll ich vor die Tür gehen?“

Flughafen Tegel

„Entschuldigen Sie, wenn Sie bitte mitkommen würden?“

Beim Check-in wimmelte es von Polizei. Jeremy war von zwei männlichen Polizisten einer sehr detaillierten Leibesvisite unterzogen worden, man hatte ihn genauestens befragt, wo er herkomme und wo er hinwolle, und dann hatten sie seinen Pass haben wollen. Ein Polizist war damit für einige Minuten in einem Nebenraum verschwunden. Der reichte ihm nun den Pass zwar zurück, jedoch mit besagter Aufforderung verbunden.

„Aber warum denn?“ Der Polizist murmelte etwas von erhöhten Sicherheitsvorkehrungen und weiteren nötigen Kontrollen. „Nun gut, wenn es nicht lange dauert. Ich muss nämlich zu meinem Flug, wissen Sie.“ Mit Befriedigung hatte Jeremy soeben noch zur Kenntnis genommen, dass seine Maschine wider Erwarten und im Unterschied zu den meisten anderen Flügen an diesem Tag pünktlich um 18.10 Uhr starten sollte. Da blieb nicht mehr viel Zeit. „Wir kümmern uns darum”, so die vage Antwort des Polizisten. Dann führte man ihn durch ein paar Türen und Gänge in einen Raum der Polizei, verschloss die Tür hinter ihm und ließ ihn dort sitzen.

Jeremy bemühte sich, entspannt zu bleiben. War er doch gerade wieder einigermaßen guter Dinge gewesen. Er würde heute noch zurück bei Cathy sein, zumindest irgendwann am späten Abend, und Jonathan würde das Seine tun, Cathy bis dahin versöhnlicher zu stimmen. Außerdem hatte ihn Jonathans gelassene Besonnenheit angesichts der von Dr. Welti vorgebrachten Verdächtigungen beruhigt. Sicher würden sich die irritierenden Kontobewegungen als harmlos erweisen. Es war schon eine große Hilfe, einen so gefassten, nüchternen Freund zu haben, besonders wenn man Cathys Hysterie dagegenhielt. Männerfreundschaften waren eben aus einem anderen Schrot und Korn als die verschiedenartigen Formen der Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die doch meist in irgendeiner Form erotisch aufgeladen sind und dadurch bei allem damit verbundenen Schönen mitunter sehr verkompliziert werden.

Jeremy saß Minute um Minute allein und wurde immer unruhiger. Er wollte gerade laut zu fluchen anfangen und an die verschlossene Tür hämmern, da öffnete sie sich und zwei Polizisten traten ein, ein älterer Mann und eine recht appetitliche junge Frau, die offensichtlich noch in der Ausbildung war. „Sie werden sich leider noch ein wenig gedulden müssen“, erfuhr er. Auf seine erregte Nachfrage hin wurde ihm mitgeteilt, dass sich sein Name auf einer Liste von „zu überprüfenden Personen“ gefunden habe und diese Überprüfungen noch nicht abgeschlossen seien. Dann schloss sich die Tür wieder.

Nun fluchte Jeremy doch laut auf. Er blickte auf die Uhr. Zehn Minuten vor sechs. Wenn er nicht in den nächsten fünf Minuten hier rauskam, konnte er seinen Flug nach London mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vergessen.

Liste von Verdächtigen? Klar hatten ihn die Deutschen verdächtigt. Daher war er gestern aus seinem Taxi heraus sozusagen verschleppt und seither zweimal vom Geheimdienst vernommen worden. Aber das hatte sich inzwischen doch erledigt. Das hatte er mit dem Widerling Korff und seinem farblosen Kollegen Fels alles geklärt.

Mit den beiden ja. Aber nicht mit den Listen der Polizei. Dann gab es wohl nur eine Lösung. Jeremy fluchte erneut. Dann lachte er bitter. Noch vor wenigen Stunden hatte er sich geschworen, niemals diese Telefonnummer anzurufen. Seufzend kramte er nach der Visitenkarte. Er musste es länger klingeln lassen. Der Herr war offensichtlich gerade beschäftigt. Dann endlich ein Klickgeräusch. „Ja? Ach, unser britischer Gentleman. Das hätte ich ja nicht gedacht, dass Sie sich so schnell bei uns melden, freut mich sehr! Na, neue Erkenntnisse? Fassen Sie sich bitte kurz, es hat gerade gewisse ... nun ja, gewisse Vorkommnisse gegeben, die meine ganze Aufmerksamkeit erfordern.“

Jeremy beeilte sich, sein Anliegen durchzugeben. „Ist gut, keine Sorge, wir kümmern uns darum“, war die knappe Antwort Walter Korffs, dann hatte er auch schon aufgelegt. Ganz beruhigen konnte Jeremy diese Aussage nicht, schließlich hatte er den gleichen Spruch erst vorhin von der deutschen Polizei gehört, ohne dass der Ankündigung Taten gefolgt waren. Doch war er sehr erleichtert, als sich nach wenigen Minuten die Tür öffnete, die junge Polizistin und ihr Begleiter wieder eintraten und er mit einer knappen Entschuldigung nach draußen entlassen wurde.

Noch blinkte die Boarding-Anzeige für seinen Flug. Last Call. Sein Gate war acht Nummern weiter. Das Handy in seiner Tasche begann wild zu läuten. Keine Zeit jetzt. Lange war er nicht mehr so gerannt.

Leider war er nicht mehr der Schnellste. Er hatte gerade sein Gate erreicht, als die junge Polizistin ihn eingeholt hatte. „Es tut mir sehr leid. Ein Herr Korff möchte Sie sprechen. Es ist dringend. Rufen Sie ihn bitte sofort zurück.“ Erneut begann Jeremys Handy zu klingeln. Er ging ran. Die unangenehme Stimme des Widerlings.

„Entschuldigen Sie, Mister Gouldens. Nur noch eine Frage: Hat sich Ihre koreanische Freundin inzwischen bei Ihnen gemeldet? Aha. Aber nicht persönlich? Dann bräuchten wir leider nochmal Ihre Hilfe, Mister Gouldens, schon in Ihrem eigenen Interesse. Wir müssen Sie bitten, eine Identifizierung vorzunehmen.“ – „Eine Identifizierung? Wenn ich noch eine Minute warte, verpasse ich meinen Flug.“ – „Tut mir leid. Wir kümmern uns um einen Ersatz.“ – „Aber warum gerade ich? Ich kenne in Berlin doch niemanden!“ – „Eine Frau, Mister Gouldens. Ostasiatisches Aussehen. Passt genau auf Ihre Beschreibung.“

Jeremy stockte das Herz. „Eine Frau? Was ist mit ihr?“

„Nun ja, sie ist ... genau gesagt nicht direkt eine Frau. Genau gesagt handelt es sich um eine Frauenleiche.“

Bern-Oberbottigen

„Du, Jobst, wir machen noch eine kleine Runde um den Block, ja? Wir sind in einer halben Stunde wieder da.“

„Muss das sein? Draußen ist es stockdunkel. Wenn wieder diese Typen herumschleichen? Lasst euch wenigstens von mir begleiten.“

Chloe war hellhörig geworden. „Was sind das denn für Typen?“ Sie hatte schon gleich nach der Begrüßung versucht, Jobst zu diesem Punkt auszufragen, aber Mirjam war immer wieder mit ihren humorigen Bemerkungen dazwischengegangen, hatte alles als eine Art harmlosen Verfolgungswahn abgetan. Zuletzt hatte Jobst entnervt den Raum verlassen, ohne dass Chloe viel aus ihm hatte herausbekommen können. Gut – wenn der Kerl sie mit gezogener Waffe empfing, dann hatte er wohl wirklich eine Störung. Oder eben allen Anlass dazu. Mirjam konnte Chloe in diesem Punkt keine Hilfe sein: Sie war – und war es immer schon gewesen – mindestens in dem Grad unbekümmert, leichtsinnig und sorglos wie Jobst mit paranoider Bangigkeit auf Schutz und Sicherheit bedacht war. Gegensätze ziehen sich an.

„Ihr glaubt es mir ja eh nicht. Aber ich hab sie schon zweimal gesehen. Standen drüben, hinter dem Fußballplatz, mit ihrem Lieferwagen an der Durchgangsstraße und haben herübergestarrt. Ich glaube, sie hatten Feldstecher dabei. Dunkle Anzüge. Mehrere Männer.“

„Hatten sie Hunde?“, fragte Chloe mit beklommener Stimme.

„Hunde? Wieso? Aber ... Jetzt, wo du’s sagst, fällt mir ein, dass von dort drüben immer wieder Hundegebell rübergekommen ist.“

„In Oberbottigen wimmelt es von Hunden“, warf Mirjam ein.

„Die standen da ganz schön lange und haben das Gelände inspiziert. Und gestern war das Auto wieder da. Grauer Lieferwagen. Außerdem ist irgendwer mal nachts ums Haus geschlichen.“

„Der Fuchs“, ging Mirjam dazwischen.

„Füchse bellen nicht“, meinte Jobst düster.

„Wie sahen diese Männer denn aus? Waren sie ...?“ Chloe verkniff sich den Rest. Wenn sie nach asiatischen Männern fragte, würde Jobst bestimmt zurückfragen; und wenn sie ihm dann von ihren eigenen Erfahrungen berichtete, würde er vollends in Panik geraten. Chloe erinnerte sich an das, was Jonathan ihr eingeschärft hatte: Am besten zu keinem ein Wort, verhalte dich ruhig und unverdächtig. Keep a low profile, das waren seine Worte gewesen.

„Das konnte ich nicht erkennen. Männer in dunklen Anzügen. Irgendwie wirkten sie verdächtig.“

„Natürlich, für dich ist ja alles verdächtig“, schnaubte Mirjam. „Denkst bei allem immer nur das Schlimmste, hältst jeden für einen Verbrecher und benimmst dich entsprechend. Und wenn die Leute dann dir gegenüber unfreundlich sind, fühlst du dich in deinem Verdacht bestätigt. Aber man muss die Dinge anders angehen. Wir werden uns jetzt mal ein bisschen umschauen. Und wenn wir diese verdächtigen Typen sehen, fragen wir sie einfach freundlich, was sie vorhaben, und kraulen ihren Hunden die Ohren. Dann werden wir schon sehen, ob sie als Nächstes die Knarre ziehen.“

„Ich habe euch jedenfalls gewarnt.“

Berlin, Polizeistation Tegel

Ein roter Backsteinbau. Daneben ein altes Industrietor. Dahinter, einige Dutzend Meter weiter, ein angestrahltes Gebäude. Der Borsig-Turm im Zentrum der ehemaligen Eisenbahnfabrik des gleichnamigen Industriellen ist eines der bedeutendsten Industriedenkmäler Berlins. Doch Jeremy war im Moment nicht nach Sightseeing zumute.

Mie war auf Schwanenwerder einfach verschwunden. Sein Verdacht, der Geheimdienst habe sie in seinen Fängen, hatte sich nicht bewahrheitet, sofern man denen Glauben schenken durfte. Doch jetzt sollte Jeremy eine tote Frau identifizieren, von der der Geheimdienst annahm, sie könne eventuell Mie sein. Das ergab nur dann einen Sinn, wenn sie nicht vom Geheimdienst festgehalten wurde.

Nein, falsch. Es ergab auch dann keinen Sinn. Unter keinen Umständen der Welt ergab es Sinn, dass Mie tot sein konnte. Es musste ein Irrtum vorliegen. Jeremy war sich hundertprozentig sicher. Warum dann das beklommene Gefühl, das ihm die Brust zu zerreißen drohte?

Er wurde in ein von kaltem Neonlicht grell ausgeleuchtetes Zimmer geführt. Walter Korff erwartete ihn, schüttelte ihm die Hand, dankenswerterweise diesmal ohne sein süffisantes Grinsen. Das machte ihn um keinen Deut sympathischer.

Korff stellte ihn der Rechtsmedizinerin vor, einer gewissen Frau Dr. Dürkopp-Freiesleben. Sie war um die fünfzig und musterte Jeremy ausdruckslos aus bunt geschminkten Augen. Jeremy fand, dass sie ein wenig an einen exotischen Vogel erinnerte, vielleicht einen Kakadu. Ohne weitere Worte führten ihn Korff und Frau Dr. Dürkopp-Freiesleben in ein nicht minder grell und kalt erleuchtetes Nebenzimmer. Ein lang gestreckter Tisch. Ein ausgebreitetes weißes Laken. Darunter die Umrisse eines menschlichen Körpers. Jeremy schluckte den Drang hinunter, einfach aus dem Raum zu rennen und dieses surreal makabre Schauspiel ins Reich der Alpträume zu verbannen.

„Sind Sie bereit?“, fragte Korff. Jeremy konnte nur schlucken und nicken. Korff gab der papageienhaften Rechtsmedizinerin ein Zeichen. Sie zog der Leiche das weiße Laken vom Kopf.

Mie! Mie? War das Mie?!

Jeremy verschwamm alles vor den Augen und ihm schlug das Herz so heftig, dass er das Gefühl hatte, ihm würden die Lungen zusammengedrückt, bis sie platt waren wie Wiener Schnitzel. Er bekam keine Luft mehr. Gleichzeitig glaubte er, sich gleich erbrechen zu müssen. War es so, wenn man ohnmächtig wurde? Oder kam jetzt der Herzinfarkt? „Kann ich ... kann ich mich setzen?“

Die Medizinerin hatte ihm bereits einen Stuhl hingeschoben, auf den er jetzt herabsackte. Etwa eine Minute lang herrschte völlige Stille im Raum, von Jeremys Keuchen und Herzklopfen einmal abgesehen.

„Das ist also die Frau, die Sie vermissen ...?“, begann Korff.

„Ja ... das heißt: nein ... Will sagen: Ich weiß es nicht.“

„Was heißt, Sie wissen es nicht? Sie waren doch mit ihr zusammen! Sie müssen doch wissen, wie sie aussieht.“

„Ja, natürlich ... Das heißt: Ich bin mir nicht sicher. Natürlich, ja, ich war mit ihr zusammen. Zweimal. Gestern und vorgestern. Mit Mie, meine ich. Aber ich bin mir nicht sicher, ob diese Frau hier Mie ist.“

I’ve just seen a face, I can’t forget ...

„Es besteht also eine Ähnlichkeit?“

„Ja. Ähnlichkeit. Große Ähnlichkeit.“ Das war es. Ähnlichkeit. Das Wort bedeutete eine gewaltige Erleichterung für Jeremy. Fast schien es ihm, als könne es Mie nachträglich das Leben retten. Nur dieses eine Wort. Nur eine Ähnlichkeit.

„Dann muss ich Sie bitten, noch einen genaueren Blick auf die Dame zu werfen.“ Jeremy nickte, erhob sich auf wackligen Beinen.

Eigentlich war der Anblick nicht schlimm. Eine schlafende Schönheit. Und eine Schönheit war es, zweifellos, auch wenn sie niemand mehr aus ihrem Schneewittchenschlaf würde erwecken können, der vergiftete Apfel für immer in der Kehle festsaß. Dabei hatte sie so hochrote Wangen, die fast lebendig wirkten!

Nun gut, Jeremy, erfüll deine Pflicht. Der genauere Blick. Schwarze Haare. Wie Mie. Die Länge stimmte. Der Farbton auch. Für eine Ostasiatin eher bleicher Teint, bogenförmiger Mund, zarte Stupsnase, nicht so breit wie bei vielen Koreanerinnen, rundes Kinn, schmale Mandelaugen. Auch das stimmte. Ein dunkelbraunes Muttermal am Hals. Hatte Mie ein Muttermal am Hals gehabt? Jeremy konnte sich nicht erinnern. Verflucht, er hatte die Frau doch stundenlang angestarrt! Nein, Jeremy hielt sich daran fest, eher kein Muttermal. Vielleicht ein ganz kleines. Zurück zur Frau vor ihm: keine Ohrringe, keine Ohrlöcher, die Fingernägel unlackiert. Wie bei Mie. Beim genaueren Hinsehen schien ihm die Frau zwar schön, aber doch nicht so schön. Die Wangen etwas eingefallen. Kleine Krähennester in den Augenwinkeln. War sie etwa älter? Vielleicht nicht. Die bleichen, leicht bläulichen Lippen weniger voll und etwas nach unten gezogen, was dem Gesicht einen leicht bösartigen Ausdruck gab. Aber das könnte alles auch nur Folge dessen sein, was mit der Frau passiert war. Tote tendieren dazu, nicht mehr so hübsch zu sein wie Lebende.

„Schauen Sie sich mal ihre Arme an“, forderte Korff und zog das Laken noch etwas weiter herunter. „Fällt Ihnen etwas auf?“

Die Arme? Nein. Frauenarme eben. Obwohl sie recht dick waren. Fast wie Männerarme. „Sie sind kräftig“, sagte Jeremy.

„Verdammt kräftig“, pflichtete Korff bei. „Das sind durchtrainierte Athletenarme. Sehr muskulös. Damit könnte man eine Handgranate vierzig Meter weit werfen. So etwas muss auffallen. Hatte Ihre Bekannte, Mie Chang, muskulöse Arme?“

Jeremy erinnerte sich daran, dass Mie bei ihren beiden Treffen weite, langärmlige Blusen getragen hatte. Er hatte von ihren Armen nicht viel mehr gesehen als ihre Handgelenke. Trotzdem schien es ihm, als hätten ihm derartige Muskeln bei einer Frau doch auffallen müssen. Allerdings hatte er ihr ja immerzu ins Gesicht gestarrt. Nicht auf die Arme. Nicht einmal auf die Brust. Nun ja, fast nicht. Dennoch: Jeremy hatte den Eindruck, dass Mie nicht so muskulös gewesen war. Wieder hatte er ihr ein kleines Stückchen ihres Lebens gerettet. Keine Sorge, Mie, ich krieg das schon noch hin, dass du das nicht bist.

„So muskulös? Nein, ich glaube nicht. Aber sie hat weite Blusen getragen. Ich habe ihre Arme gar nicht gesehen.“

Korff stieß schniefend die Luft aus. „Sie sind uns wirklich eine große Hilfe, Mister Gouldens. Vielleicht hätten wir Sie doch besser nach London fliegen lassen sollen. Wie genau kannten Sie die Frau überhaupt? Haben Sie Sex mit ihr gehabt? Etwaige intime Details, die uns weiterhelfen könnten? Tattoos? Arschgeweih? Intimpiercing?“

Jeremy hatte den Eindruck, dass ihn Korff bewusst provozieren oder ihm auch einfach nur wehtun wollte, um seinen Frust loszuwerden. Er drehte sich zu dem unsympathischen Deutschen um, holte tief Luft und sagte mit gefasster Stimme, jedes Wort deutlich akzentuierend: „Sehr geehrter Herr, ich kann Ihnen nicht mehr sagen, als ich bereits gesagt habe. Ich kann nur versichern, dass ich nicht mit Sicherheit bestätigen kann, dass es sich bei dieser Frau um Mie Chang handelt. Es könnte sein, aber ich glaube und hoffe, dass sie es nicht ist. Ich bitte Sie inständig, weiter nach ihr zu suchen. Wenn ich jetzt gehen dürfte? Ich fühle mich gerade sehr ... schwach.“

„Gut, Mister Gouldens. Wir bringen Sie ins Superior Mercure Airport Hotel unmittelbar am Flughafen. Da haben wir bereits ein Zimmer für Sie reserviert. Geht natürlich auf unsere Kosten. Da können Sie gleich morgen früh den erstbesten Flug nehmen und fliegen, wohin Sie wollen.“ Dann wandte sich Korff der Gerichtsmedizinerin zu. „Frau Dr. Dürkopp-Freiesleben, Sie können jetzt gehen, warten Sie draußen.“ Mit einem letzten ausdruckslosen Vogelblick verließ die Ärztin den Raum. „Und nun zu Ihnen, Mister Gouldens. Ich möchte nur betonen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, Vermisste zu suchen – wir sind hier dabei, Verbrechen zu bekämpfen. Dabei ist uns die Leiche dieser Frau, nun ja ... in die Hände gefallen.“

Jeremy durchzuckte ein Gedanke. „Sie haben sie also ... getötet?“

„Nein“, gab Korff zurück. „Ich dürfte Ihnen das alles eigentlich nicht sagen, aber ich baue nun mal auf Ihre Kooperation und hoffe, dass im Gegenzug auch Sie uns helfen werden. Also ...“ Er hob das Laken an. „Sehen Sie hier die Fleischwunde am Schenkel? Das waren wir. Ein gezielter Schuss eines unserer GSG-9-Männer. Schmerzhaft, aber nicht tödlich. Wir haben die Frau erwischt, wie sie ein Attentat ausüben wollte, und als sie zu fliehen versuchte, musste unser Mann schießen. Aber daran ist sie nicht gestorben. Sie hat sich umgebracht.“

„Und wie?“

„Sie hat auf eine Zyankalikapsel gebissen. Wie einst Himmler, als ihr Engländer die wahre Identität eures Gefangenen herausfandet.“

Jeremy fiel ein anderes Beispiel ein, auf das er bei seinen Recherchen gestoßen war. „Oder wie ein nordkoreanischer Agent, wenn er Gefahr läuft, enttarnt zu werden.“ Jeremy erinnerte sich an die verrückte Geschichte der Agentin Kim Hyun Hee, die 1987 eine Bombe in einem südkoreanischen Verkehrsflugzeug platzierte. Damit sollten die Olympischen Spiele in Seoul 1988 torpediert, Südkorea destabilisiert und letztlich eine Wiedervereinigung nach den Bedingungen des Nordens herbeigeführt werden. Die Bombe explodierte und riss 115 Menschen mit in den Tod. Die erhofften politischen Folgen blieben allerdings aus, und Kim Hyun Hee und ihr Kompagnon gerieten beim Versuch, sich abzusetzen, auf dem Flughafen von Bahrain als verdächtige Personen ins Visier der Ermittlungen. Als sie festgenommen werden sollten, zerbissen beide in Zigaretten verborgene Zyankalikapseln. Hees Kompagnon starb, sie konnte gerettet werden, wurde nach ihrer Genesung zum Tode verurteilt, dann begnadigt, konvertierte zum Christentum und schrieb einen Insiderbericht über ihr Agentenleben.

Korff warf Jeremy einen scharfen Blick zu. „Ich gebe zu, Ihr Vergleich trifft es genauer.“

„Dann war es vielleicht gar kein Vergleich? Sondern ich habe ins Schwarze getroffen?“

Korff verzog die Lippen, stülpte sie vor. „Sagen wir mal: Es ist eine Möglichkeit. Durchaus. Noch wissen wir nichts Genaues.“

„Und die Nordkoreaner stecken letztlich womöglich auch hinter dem Anschlag auf die Botschaft? Und das mit den Islamisten ist ein Fake? Immerhin war gestern der Geburtstag von Kim Jong Il.“

Korffs Blick blieb starr. „Wie gesagt, wir wissen nichts Genaues.“

Jeremy war einerseits völlig erschlagen und verwirrt. Er wollte nur noch hier raus und anfangen loszuheulen oder sich betrinken oder einen Halbmarathon rennen oder ... er wusste nicht was. Erst war da Yukikos Verschwinden und ihr rätselhafter Tod gewesen, mit dem er sich Schritt für Schritt hatte abfinden müssen, und dann kam Mie, die wie die wiederauferstandene Yukiko wirkte, und plötzlich verschwand sie ebenfalls, und jetzt war sie womöglich ebenfalls tot, auch wenn Jeremys Bauchgefühl dagegen sprach, aber das waren vielleicht nur die falschen Hoffnungen, die er sich einredete, um nicht völlig durchzudrehen. War das nun die Geschichte, die sich als Farce wiederholte? Eine grausame Farce.

Andererseits war er zugleich hellwach, und seine geschärften Sinne sagten ihm, dass dieser Korff mehr wusste, als er sagte, und womöglich würde dieses Wissen ja dazu beitragen können, Jeremys Verwirrung zumindest ein wenig zu lindern. Diese Chance durfte er sich nicht dadurch entgehen lassen, dass er sich seinen Instinkten ergab und blind aus dem Raum stürmte, wie es sein erster Impuls gewesen war. „Hören Sie“, sagte er deshalb. „Sie haben mich gebeten, zu kooperieren. Gut, ich bin dazu bereit. Wie Sie sehen. Schließlich bin ich hierhergekommen und habe dafür meinen Flug sausen lassen, was mir nicht zuletzt jede Menge Ärger mit meiner Frau einbringen wird. Aber wenn ich kooperieren soll, dann muss ich auch wissen, worin. Dann muss ich wissen, welches Spiel hier gespielt wird. Sagen Sie mir, was Sie wissen, dann kann ich auch sagen, ob ich Ihnen helfen kann.“

„Einverstanden.“ Walter Korff nickte. „Ich habe Ihnen ohnehin schon zu viel anvertraut, um Sie hier einfach aus dem Spiel lassen zu können. Aber vielleicht suchen wir uns dafür einen angenehmeren Ort. Ohne diese stumme Ohrenzeugin hier.“ Er beugte sich über den Kopf der Toten. „Hübsches Ding, wirklich. Ein Jammer, dass sie gestorben ist, um niemals in Versuchung zu kommen, uns zu sagen, was hier wirklich gespielt wird. Offenbar wusste sie viel, wenn sie diesen Preis zu zahlen bereit war.“ Mit einem bekümmerten Kopfschütteln zog er ihr das Laken wieder über den Kopf.

Bern-Oberbottigen

Der Abendspaziergang hatte Chloe gutgetan. Die frische Luft und ihre Eve-Zigaretten taten ein Übriges, ihre Stimmung zu heben. Mirjam hatte der Freundin ihr Leid mit ihrem Mann geklagt, der nicht nur überall Bedrohungen erkannte, sondern auch noch Hypochonder war: Alle paar Wochen erkrankte er an einer neuen tödlichen Krankheit. Und Mirjam gleich mit. „Wenn man ihm glaubt, ist es geradezu ein Wunder, dass ich nicht schon längst an Brustkrebs gestorben bin wie damals meine Mutter. Wahrscheinlich verlangt er von mir demnächst, dass ich mir prophylaktisch die Brüste wegoperieren lasse wie Angelina Jolie.“ Dazu lachte sie gutmütig. Das, worin andere ein therapiebedürftiges pathologisches Phänomen gesehen hätten, war für Mirjam nur eine liebenswerte Schrulle. So ging sie durchs Leben. Immer noch. Sie hatte sich die alte Sorglosigkeit ihrer Kindertage, die andere mit den ersten unausweichlichen Schicksalsschlägen verlieren, bis ins Erwachsenenleben bewahrt. Fast bewunderte Chloe sie um diese Leichtigkeit, auch wenn ihr eine solche Weltsicht doch allzu blauäugig und damit gefährlich erschien. Im Bankgeschäft hätte Mirjam jedenfalls nicht arbeiten dürfen – sie an Chloes Stelle, und Century wäre längst bankrott. Hier und heute, bei diesem abendlichen Spaziergang, half ihr Mirjams Unbekümmertheit jedoch, die eigenen drückenden Ängste ein wenig, nun, nicht zu vergessen, aber sie doch leichter zu machen. Es war fast so, als sei man an Mirjams Seite vor Leid und Dunkelheit der Welt gefeit.

Sie waren an der Schule vorbei zur Durchgangsstraße gegangen. Natürlich hatten sie an der von Jobst benannten Stelle hinter dem Fußballplatz nichts Verdächtiges bemerkt, schon gar keine lauernde Männer in dunklen Anzügen. Chloe fiel aber auf, dass man von hier aus in der Tat einen besonders guten Blick auf Mirjams Haus hatte, ohne von drüben gesehen zu werden; jedenfalls solange man nicht an einen hypermisstrauischen Kontrollfreak wie Jobst geriet.

Sie schlugen einen Bogen über die Felder und kehrten an einem kleinen Wäldchen vorbei zur Siedlung zurück. Chloe versuchte an das Gespräch von vorhin anzuknüpfen. „Hattest du nach dieser Party bei Marcus eigentlich nochmal näheren Kontakt mit Pak?“

„Wir haben uns noch einmal an der Aare getroffen, weißt du das nicht mehr? Er hatte dir doch diesen Zettel unter die Bank gesteckt. Er scheint wirklich sehr in dich verknallt gewesen zu sein.“

Stimmt, das hatte Chloe tatsächlich vergessen. Warum nur vergaß sie so was? „Wollte er nicht mit uns baden gehen oder so? Und hatte eine Flasche Apfelkorn besorgt?“

„Mit dir wollte er baden gehen, mit dir! Ich bin ja nur mitgekommen, weil du dich nicht allein getraut hast. Na ja, er war ja auch spooky, mit dem wär ich auch nicht allein irgendwo hingegangen. Aber aus dem Baden wurde nichts, das Wasser war so kalt.“

„Und irgendwann ist Marcus dazugekommen, nicht?“

„Gaanz zufällig, ja. Weil du ihm vorher Bescheid gegeben hast. Das hat Pak dann nicht gepasst und er ist beleidigt abgezogen. Mitsamt seinem Apfelkorn. Klar: noch so ein Grund, Marcus fünfzehn Jahre später umbringen zu lassen.“

„Dein Mann wäre davon wahrscheinlich überzeugt.“

„Meinem Mann erzählen wir von alledem besser kein Sterbenswörtchen. Sonst holt der gleich die Polizei. Wenn sie überhaupt kommen, heißt das. Er ist schon bestens bekannt bei den Jungs.“

Das konnte sich Chloe gut vorstellen. Doch etwas anderes beschäftigte sie im Moment mehr. Sie erinnerte sich nun, dass Marcus tatsächlich eifersüchtig auf seinen koreanischen Freund gewesen war: Auch Marcus hatte damals vermutet, dass sich Pak für Chloe interessierte. Sie wusste noch, wie er ihr einmal entnervt erzählt hatte, wie Pak ihn wieder über sie ausgefragt hatte. Alles habe er über sie wissen wollen. Auch wie sie wohne und was ihr Vater arbeite und ob er als kapitalistischer Bankier denn reich sei und so weiter. Sie hatte damals zumindest in Ansätzen gewusst, dass es um die Bank sehr schlecht bestellt war. Ob sie Marcus da eingeweiht hatte? Vermutlich. Damals hatte sie noch geglaubt, eine Frau solle vor dem Mann, den sie liebt, keine Geheimnisse haben. So naiv war sie gewesen.

„Kurz danach war er dann weg“, fuhr Mirjam fort. „Das dürfte höchstens zwei, drei Wochen nach dieser Sache an der Aare gewesen sein. Vom einen auf den anderen Tag kam er nicht mehr in die Schule und keiner wusste, was aus ihm geworden war. Hatte denn Marcus nochmal Kontakt zu ihm?“

„Ich glaube, sie haben sich noch ein paar Briefe geschrieben, aber das war’s dann. Kann sein, dass er mich mal von ihm hat grüßen lassen, weiß ich nicht mehr. Wir waren ja dann auch nicht mehr lange zusammen, und seitdem habe ich kaum noch Kontakt zu ihm gehabt.“

Aber etwas war da doch noch. Irgendetwas habe ich vergessen ...

Sie erreichten die Wohnsiedlung Matzenriedstraße. Ein Stück weiter unten heulte ein Motor auf. Ein dunkles Auto brauste zur Durchgangsstraße davon, bog nach rechts ab Richtung Autobahn.

Als Chloe ihren parkenden Wagen passierte, sah sie, dass ein weißes Blatt unter den Scheibenwischer geklemmt war, das sich vorhin noch nicht dort befunden hatte. Ein Strafzettel, der sie informierte, dass sie wegen „falschen Parkierens gebüsst“ worden sei? Hier draußen? Um diese Zeit? Wohl kaum. Ohne dass Mirjam es merkte, zog sie das Blatt im Vorbeigehen heraus und steckte es in die Tasche.

Fünf Minuten später, im Badezimmer, holte sie es wieder hervor, entfaltete es. Darauf ein Foto. Ein Hund. Er sah so aus wie der Hund, den die ostasiatischen Männer vor der Bank bei sich gehabt hatten. Der Hund trug einen Maulkorb. Darunter war etwas geschrieben. In Blockbuchstaben. Drei englische Wörter: Silence is life.

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