Read the book: «A votre santé»

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Für Tante Klaraund alle, die ihre Vorliebe für Sprücheund Geschichten geerbt haben.

Karl L. Holtz

A VOTRE SANTÉ!

DER COACH IM WEINBERG

2021


Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann

Umschlagfoto: © kishivan – stock.adobe.com

Redaktion: Dr. med. Nicola Offermanns

Satz: Nicola Graf, Freinsheim, www.nicola-graf.com

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Erste Auflage, 2021

ISBN 978-3-8497-0403-2 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8337-2 (ePUB)

© 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

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INHALT

PROLOG

WIE ALLES ANFING: DER BAUM DER ERKENNTNIS

WAS LÄSST SICH ÜBER WEIN UND COACHING SAGEN?

Was ist denn Wein und was ist eigentlich ein Coach?

Supervision und Coaching sind Beratungsformen im beruflichen Kontext

Was ist ein guter Coach? Und ein guter Wein?

Wie teuer darf ein Wein sein? Was darf Coaching kosten?

Wie alt darf ein Wein sein? Und wie alt ein Coach?

Designerwein und Selbstoptimierung

WEIN, COACHING UND GESUNDHEIT

The French paradox

Wer heilt, hat recht? Arnau de Vilanova

Wie schaffe ich nun den Übergang zur Coaching-Szene?

Ein Selbstversuch: »Arnau und Milton«

DER COACHING-PROZESS – DIE WEINPRODUKTION

Der Weinberg

Terroir und System

Planung und Visionen – die Pflege des Weinbergs

22 Regeln zur Pflege des Weinbergs aus dem Tractatus vini

Die Sache mit dem Unkraut – wer definiert was?

Stress, Resistenz und Resilienz

Resistenz und Resilienz im Weinbau

Stress, Resilienz und Burn-out

Cui bono?

Zurück zu den Wurzeln

Im Weinkeller

Cuvée or not Cuvée

It’s simple but not easy – der lange Weg zum Genuss

Ab in den Keller

DIE WEINPROBE

Probieren und Studieren

Soll man es also lassen?

Welcher Wein für welche Kunden?

Welches Coaching für welche Kunden?

Im Wein liegt Wahrheit – aber welche?

Ein mögliches Modell und seine Faustregeln

Die Repräsentationsheuristik

Verfügbarkeitsheuristik

Der Pathologie-Bias in der Praxis

Neugier ist gut beim Probieren (und Studieren)

Wie viele Weintrinker können nicht irren?

Bullshit

EPILOG

LITERATUR

ÜBER DEN AUTOR

Prolog
Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Diese Aussage meiner Tante Klara kam mir wieder in den Sinn, als ich über das Thema Wein und Coaching nachzudenken begann. Damals, ich war noch klein, haben mir die Aussagen meiner Großtante nicht so imponiert. Ich war noch zu jung, um die tiefere Bedeutung ihrer Sprüche angemessen zu würdigen.

»Wer die Form beherrscht, darf sich darüber hinwegsetzen«, sagte sie beispielsweise. Ich war damals genervt, meinte sie doch vor allem meine Tischgewohnheiten. Aber heute zitiere ich diese Aussage gerne – vor allem, wenn ich unseren Ausbildungsteilnehmern nahelegen möchte, dass ein gewisses strukturiertes Vorgehen im Beratungs-, Supervisions- oder Coachingprozess hilfreich dafür sein kann, den Kopf für wichtigere Kommunikationsaspekte frei zu haben. Ja, ich zitiere sie so häufig, dass ich wiederholt gefragt werde, ob es die Tante Klara denn wirklich gegeben habe.

Also, ich war zu jung, um damals auf das erstgenannte Zitat angemessen einzugehen. Wie gerne hätte ich aus heutiger Position mit ihr darüber diskutiert, ob es nun erkenntnistheoretisch alles oder gar nichts gibt. Ich finde wenige Gesprächspartner, die mir heute darüber erschöpfend Auskunft geben können. Aber wenn sie den Titel dieses Buchs lesen, haben sicher viele seufzend diesen Spruch auf den Lippen: »Es gibt nichts, was es nicht gibt!« Und sie würden noch deutlicher ein »Auch das noch« anhängen, wenn sie durch den Titel angeregt mal das Internet zum Thema Wein und Coaching bemühen. Und wenn sie daraufhin die Definitionen von Coaching aufrufen würden, hätten sie schon eine Erklärung: »Kein Wunder, bei der Vielzahl an Definitionen – mit Coaching geht ja wohl auch alles.« Das ist erkenntnistheoretisch natürlich eine andere Frage als die, ob es alles gibt.

Und ich muss erklären, dass ich mit der Auswahl dieses Themas nicht der Beliebigkeit das Wort reden, sondern auf ein paar interessante Zusammenhänge hinweisen möchte.

Ich muss vorausschicken: Ebenso lange, wie mich Coaching fasziniert, bin ich in meinem Weinberg in Südfrankreich unterwegs. Ich musste, so will es das europäische Gesetz, vor einigen Jahren einen Sachkundenachweis für meine Qualifikation als Winzer vorlegen. Für meine Ausbildung zum Coach gab und gibt es noch kein Gesetz. Ferner will ich hier nicht diskutieren, welche Weiterbildung und Zertifizierung anspruchsvoller war. Da beides aber nahezu parallel verlief, war ich mir manchmal nicht sicher, aus welchem Tätigkeitsbereich die Erkenntnisse stammten, die mich professionell und privat weiterbrachten. In der Nachbetrachtung stellte ich Analogien her, häufiger jedoch wurden durch den einen Bereich Suchprozesse ausgelöst, die sich im anderen niederschlugen. Häufig musste ich ob einer neuen Zusammenschau schmunzeln.

Es war, als ob ich einen guten Witz verstanden hatte bzw. in bestem Metaphernverständnis ein Aha-Erlebnis gehabt hatte, indem zwei Gegenstandsbereiche, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, sich zu einer neuen Erkenntnis zusammenfanden. Mir schien, als ob mir je nach Schwerpunktsetzung mal Sachverhalte über den Prozess der Weinbereitung, mal über die des Coachingprozesses vertrauter wurden. Es waren manchmal triviale, manchmal skurrile Zusammenhänge, aber wenn sie mir in Erinnerung blieben, waren sie für mich immer bedeutsam.

Meine Hoffnung ist, dass Sie als Leserin und Leser zumindest einige der Parallelen nachzeichnen und damit sowohl ihr Wissen über den Wein als auch über das Coaching vertiefen können. Ich hoffe, dass Sie sich darauf einlassen können. Was mir Zuversicht gibt, ist die Vermutung, dass sich wohl kaum einer ein Buch über »Kartoffeln und Supervision« zugelegt hätte. So sehr ich den Landwirt und seine schwere Arbeit achte und manchmal mit ihm leiden kann, hätte ich mir nie einen Kartoffelacker zugelegt. Vielleicht liegt es daran, dass die Arbeit im Weinberg ja eh schon metaphorisch vorbelastet ist. Und Coaching macht mir aufgrund seiner vielfältigen Variationen und Kontexte schlichtweg mehr Spaß als Supervision. Aber der Kartoffelacker ist schon der schwerwiegendere Grund.

Es wäre mir nun nicht recht, wenn man mir nach dem Gesagten die Auffassung unterstellte: Supervision verhält sich zum Coaching wie der Kartoffelacker zum Weinberg. Das habe ich nicht gemeint – obwohl man andererseits auch über diese Aussage nachgrübeln kann und ich schon deutlich unpassendere Vergleiche gehört habe.

Wie alles anfing: Der Baum der Erkenntnis

Die Geschichte, die Lucas Cranach hier illustriert, ist eigentlich bekannt. Aber es scheint einige neue Erkenntnisse zu geben, dass sie sich nicht unbedingt so wie gemeinhin überliefert zugetragen haben muss. Es ist nach neueren Erkenntnissen nicht unwahrscheinlich, dass Adam und Eva über die paradiesischen Streuobstwiesen gegangen sind und Obst aufgelesen haben, das sich schon in einem fortgeschrittenen Gärungsprozess befunden hat. Die Erkenntnis lag auf der Hand: Wenn uns ein höheres Wesen schon so ausgestattet hat, dass wir Neues ausprobieren und uns daran ergötzen können, dann lass uns doch sesshaft werden und die damit verbundenen Bewusstseinsprozesse kultivieren. (Dass auf dem Bild schon ein erster Coach auftaucht, wird uns weiter unten beschäftigen.)

Eine solche Interpretation legt der US-Archäologe McGovern nahe. Unsere Vorfahren verspürten die ungewöhnliche und wohl nicht unangenehme Wirkung des Alkohols im Blut und kamen zur Erkenntnis: Mehr davon! Sie antizipierten somit einen der zentralen Grundsätze des lösungsfokussierten Ansatzes von Steve de Shazer: »Wenn etwas funktioniert, mach mehr davon!« Dies war die Triebfeder – so McGovern, ein Nachfahre trinkfester Iren –, dass die ersten Menschen sesshaft wurden, um so besser für Nachschub sorgen zu können:


Abb. 1: Adam und Eva im Paradies (Ausschnitt), Lucas Cranach d. Ä., 1530, Kunsthistorisches Museum, Wien

»Energiereichen Zucker und Alkohol in sich hineinlaufen zu lassen war eine fabelhafte Lösung, um in einer feindlichen und rohstoffarmen Umgebung zu überleben. (…) Die vorhandenen Indizien deuten darauf hin, dass unsere Vorfahren in Asien, Mexiko und in Afrika Weizen, Reis, Mais, Gerste und Hirse vor allem kultivierten, um alkoholische Getränke zu produzieren«

(McGovern 2007, S. 14).

Dies war die neolithische Revolution, die rund 11.000 v. Chr. begann. Und da die Herstellung von Getreide und von Bier doch ein recht komplizierter Vorgang war und sich gärendes Obst einfacher aufbereiten ließ, spricht einiges dafür, dass weinähnliche Getränke schon relativ früh zur Verfügung standen. McGovern fand in der neolithischen Ausgrabungsstätte Hadschdschi Firus Tepe im Zagros-Gebirge im Nordwesten Irans vorzeitliche Weinregale mit luftdicht verschlossenen Karaffen. Bereits damals wurde dem Getränk das Harz der Pistazie zugesetzt. Dies dürfte eine antibiotische Wirkung gehabt haben und wurde somit auch zu medizinischen Zwecken eingesetzt. Schon früh haben Menschen also die präventive wie kurative Bedeutung alkoholischer Getränke erkannt, und so verwundert es nicht, dass Ausbau wie Distribution von Schamanen und Dorfalchimisten verfeinert wurden.

Und da Letztere neben ihrer medizinischen Kompetenz auch ihre beraterischen Angebote gemacht haben dürften, können wir weiter spekulieren, dass auch damals schon im Kontext berauschender Getränke die ersten Coachs ihre professionellen Nischen suchten. Deren Intention lautete möglicherweise: Probiert doch mal was Neues aus, wenn das Bisherige unbefriedigend oder schädlich war (s. de Shazers weitere Maxime); traut euch doch, euch eures eigenen Verstandes zu bedienen. Diese Intention schien in ihrer Ambivalenz und mit dem innewohnenden Risiko ja auch das Vor-Bild der Schlange im cranachschen Paradiesgarten zu bestätigen. Schamanen, Medizinmänner und Coachs waren in der Folgezeit dafür verantwortlich, einen geschützten Rahmen anzubieten, in dem sich das Risiko des Neuen moderieren ließ. Das Erbe paradiesischer Streuobstwiesen lastet auf der Menschheit. Es ist zumeist gut, wenn immanentes Erkenntnisstreben moderiert wird. »Für unsere frühen Vorfahren war moderater Alkoholkonsum von Vorteil, und sie haben sich biologisch daran angepasst«, vermutet McGovern (ebd.). Aber die paradiesischen Streuobstwiesen boten noch weitere Früchte der Erkenntnis. Nicht nur die Weinbranche, auch das Coachinggewerbe profitierte von den sich darin abzeichnenden Ambivalenzen.

Aber ist es nicht ein bisschen weit hergeholt, in dem von uns nachgezeichneten Mythos die Schlange mit dem Coach in Verbindung zu bringen? Beruhigen wir uns: In vielen Mythen, und schon gar in dem hier angesprochenen ist vieles weit hergeholt, und die Deutungen der Geschichte über den paradiesischen Verlust spiegeln seit Jahrtausenden die Interessen derjenigen wider, die um eine Deutungshoheit bemüht waren. Der hebräische Begriff amrun, mit dem die paradiesische Schlange charakterisiert wurde, bedeutet zunächst »klug«. So, wie sie geschaffen wurde, war sie nicht nur eines der intelligentesten Tiere, sondern sie besaß auch die Fähigkeit, ruhig zu verharren und abzuwarten, bis ein ihr zusagendes Subjekt vorbeikam. Sie war, wie die Katze und andere Spezialisten, nicht darauf angewiesen, sich ständig an die sich verändernde Umwelt anzupassen und unterwegs zu sein. Sie wartet ab und beobachtet, was ihr Klientel eigentlich will, und ihre Spezialisierung liegt darin, im günstigen Augenblick günstige Fragen zu stellen, und das heißt zumeist solche Fragen, die den Klienten in seinem Erkenntnis- und Entwicklungsgewinn weiterbringen. Hierbei vermeidet sie Ratschläge, weil sie weiß, dass dies die sicherste Methode ist, um die Veränderungsbereitschaft zu bremsen. Und wie macht sie das? Sie stellt zunächst einmal Fragen – möglichst keine geschlossenen, also Ja-/Nein-Fragen wie der Berufsstand der Sportjournalisten (»War es ein gutes Gefühl, dass Sie und Ihre Mannschaft diesmal alle Vorgaben Ihres Trainers umsetzen konnten?«). Im biblischen Beispiel fragt sie: »Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von den Früchten der Bäume im Garten?« Es ist eine Frage, die nicht »zu« macht, sondern eine, die Suchprozesse auslöst. Und so antwortet Eva: »Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt’s auch nicht an, dass ihr nicht sterbt.« Und schon hat die Schlange den Fuß in der Tür. Sie kann zurückfragen: Was ist denn damit gemeint? Und sie gibt die kleine Hilfestellung durch ein alternatives Deutungsmuster: »Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; sondern Gott weiß, dass, welches Tages ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist« (1. Buch Moses, Kap. 3, Vers 5).

Ach so ist das, denkt Eva, und schon sieht sie das Ganze anders, nämlich »dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er lieblich anzusehen und ein lustiger Baum wäre, weil er klug machte«. Die Folgen dieser Intervention sind bekannt und gewaltig, sodass später einige Exegeten vom Urknall sittlicher Autonomie (Dohmen 1998, S. 268) sprechen werden. Unsere Vorfahren erkannten nicht nur einander, sie machten sich auch auf den Weg, mit der erworbenen Erkenntnis von gut und schlecht zu einer eigenverantworteten Lebens- und Wirklichkeitsgestaltung zu gelangen.

Nun ist es klar: Der Mensch kann sich nicht mehr ethisch gleichgültig verhalten, er muss zwischen Handlungsalternativen wählen und entscheiden.

Es war also eine kluge Intervention der Schlange, nicht nur für die eigene berufliche Zukunft, indem sie in der Folgezeit vor allem von denen als (hinter)listig und »des Satans« bezeichnet wurde, denen die Entwicklung der Menschen zu reflexiven und autonomen Wesen suspekt vorkam.

Wir sollten annehmen, dass der Schlange die Ambivalenz künftigen menschlichen Handelns bereits bewusst war. Zum Menschenbild beraterischen Handelns gehörte schon 1000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, dass der aus seiner Unmündigkeit entlassene Mensch »selbst das Förderliche« seines »eigenen Lebens bestimmen« wollte »und scheinbar auch« konnte, aber damit zumeist auch frei war, »Minderungen des eigenen Lebens und Schädigungen des ihm verbundenen Lebens heraufzuführen« (Steck 1970, S. 107).

Und so sind wir wieder bei der Verantwortung für uns und unsere Umwelt und natürlich auch beim verantwortlichen Umgang mit den Weiterentwicklungen der ersten, vergorenen Früchte von den Streuobstwiesen unserer Erkenntnis.

Es bliebe noch nachzutragen, dass es vermutlich keine Äpfel waren, sondern, so auch die Erkenntnis von McGovern, gärende Feigen. Auch das mit der Erkenntnismöglichkeit von Gut und Schlecht in Zusammenhang gebrachte Feigenblatt spricht dafür. Und natürlich sollten wir nachtragen, dass die Schlange wohl auch dazu beigetragen hat, mit den zunehmend komplexeren Entscheidungen der Menschen ein – wenn auch bis heute noch nicht präzise herausgearbeitetes – Berufsbild von Helfern und Unterstützern ins Gespräch zu bringen.

Aber: Wie sich alkoholische Getränke voneinander unterscheiden und zu unterscheiden haben, ist heutzutage präzise festgelegt. Wie diese für die Autonomie und Entscheidungsfreiheit, für die Unmündigkeit und Selbstzerstörung des Menschen verantwortlich sind, wird eingehend erforscht. Der Aufgabenbereich und die Funktion unterschiedlicher Hilfesysteme im Beratungskontext sind demgegenüber noch sehr vage und aufgrund häufig nicht nachvollziehbarer Kriterien definiert. Von daher können wir bisher von Wirksamkeitsstudien auch nicht viel erwarten. Wer sich Wein nennen darf, wissen wir inzwischen – wer sich Coach nennen sollte, nicht.

Was lässt sich über Wein und Coaching sagen?
Was ist denn Wein und was ist eigentlich ein Coach?

Eine überflüssige Frage? Der Weinliebhaber wird sagen: »Sicher nicht, denn ich möchte beim Kauf einer Flasche Wein Hinweise darauf haben, auf was ich mich einlasse.« Und in der Regel weiß er, welche Informationen für ihn wichtig sind. Er möchte sicher sein, dass in der Flasche, deren Etikett ihm Wein verspricht, auch tatsächlich Wein enthalten ist. Und wenn das Produkt einmal nicht den Vorschriften und den damit verbundenen Erwartungen entspricht, wird er sich zu Recht getäuscht fühlen und erwarten, dass ein bewusstes Abweichen von den wohldefinierten Kriterien auch entsprechend sanktioniert wird.

Es kommt weniger darauf an, wie kreativ das Etikett gestaltet ist, sondern eher darauf, wie der Wein ausgebaut wurde. Für die Geschmackserwartungen kommt es weniger darauf an, wie vollmundig oder blumig der Wein genannt wird, sondern darauf, welche Rebsorten oder auch welcher Alkoholgehalt enthalten sind. Es gibt viele Kriterien, nach denen sich ein Weinkenner richten kann, einige Informationen dazu sind auf der Flasche enthalten, andere kann man online erfragen, wieder andere kann er mit dem Weinhändler seines Vertrauens diskutieren.

Natürlich wird es Abweichungen geben: Weine müssen nicht immer sortentypisch sein, ein hoher Alkoholgehalt kann durch die anderen Inhaltsstoffe des Weines eingebunden sein. Ein kreativer Ausbau kann zu überraschend interessanten, wenn auch nicht erwartungskonformen Ausprägungen führen. Aber: Im Allgemeinen kann man sich auf die Auszeichnungen verlassen, wenn man sich ein wenig mit der Materie vertraut gemacht hat.

Das bedeutet nun nicht, dass eindeutig benannte Weine auch allen Kennern gleich schmecken müssten. Es gibt Vorlieben, Vorerfahrungen und Kontexte, welche die Beurteilung des Weins sehr stark beeinflussen. Und es gibt natürlich subjektive Voraussetzungen, die auch bei Weinkennern, etwa bei Blindverkostungen von Experten, zu sehr unterschiedlichen Aussagen hinsichtlich der Qualität führen. Dazu später mehr.

Die Frage danach, was denn eigentlich ein Coach ist, lässt sich demgegenüber viel schwerer beantworten. Wenn wir sagen, ein Coach ist jemand, der coacht, dann stimmt das zunächst, ist aber eine Tautologie. Und selbst, wenn wir jetzt wüssten, was Coaching ist, müssten wir uns darauf einigen, ob jeder, der coacht, ein Coach ist, oder ob wir unter dieser Bezeichnung für unsere Zwecke den professionellen Coach meinen, also jemanden, der zu dieser Tätigkeit eine spezielle – möglichst wissenschaftlich fundierte – Qualifikation mitbringt und diese auch in einem professionellen Rahmen umsetzt. Ein Coach wäre also jemand, der unter bestimmten Voraussetzungen in einem näher zu definierenden Kontext coacht.

Ansonsten könnten wir in freier Abwandlung der Aussage »Intelligenz ist das, was ein Intelligenztest misst« zunächst einmal festhalten: Coaching ist das, was ein Coach tut. Und so, wie die Aussage zur Intelligenz darauf verweist, dass es unzählige Theorien und Definitionen von Intelligenz gibt, die jeweils in dem zugehörigen Intelligenztest erfasst werden, so könnten wir uns damit zufriedengeben, dass es eine Vielzahl von Coachinganlässen und -strategien gibt, die durch den jeweiligen Coach und seine Theorie von Coaching vorgegeben werden.

Aber ebenso, wie die obige Aussage zur Intelligenz hinterfragt werden muss, ist natürlich auch die Tätigkeitsbeschreibung eines Coachs nicht willkürlich. In der Intelligenzforschung hat man sich auf eine Reihe übereinstimmender Kernthesen einigen können, zur wissenschaftlichen Standortbestimmung des Berufsbildes Coach ist eine Zusammenschau wesentlicher Merkmale dringend erforderlich.

Die gegenwärtige Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass es mindestens so viele Coachingkontexte wie Weinlagen zu geben scheint: Frisurencoachs, Tanzcoachs, Lerncoachs, natürlich den Sportcoach, den Gesundheitscoach, den Mentalcoach usw.

Jede Definition über das, was Coaching ist, ist ja nicht nur ein Streit über Worte, jede Definition ist als Aussage darüber zu verstehen, was zu dem Begriff gehört und was nicht, welche Merkmale unabdingbar und welche marginal sind. Definitionen sind also als Versuch zu verstehen, eine Theorie darüber zu formulieren, was denn eigentlich der Fall ist. Diese Definitionen sind per se nicht richtig oder falsch, sie sind als Einladungen von Definierern oder Theoretikern zu verstehen, empirische Sachverhalte mal unter einer bestimmten Fragestellung und in dieser Zusammenschau zu sehen. Manchmal – ja: häufiger, als man annehmen sollte – sind solche Einladungen auch werbewirksame Angebote, gewissermaßen zu einer (theoriegeleiteten, erkenntnisleitenden?) Tupperware-Veranstaltung. Die Wissenschaftstheoretiker nennen so etwas dann interessenbezogene, persuasive Definitionen (Gabriel 2004). Diese sind im Übrigen in der Definition von Weinen seit einiger Zeit untersagt (»Gesundheitswein«, »für Diabetiker geeignet« etc.).

Gesundheitsbezogene Angaben müssen bei alkoholischen Getränken mit Inkrafttreten der sog. Health-Claims-Verordnung (HCVO) entfallen. Für Getränke mit einem Alkoholgehalt von mehr als 1,2 Volumenprozent dürfen nach Art. 4 Abs. 3 der HCVO überhaupt keine gesundheitsbezogenen Hinweise angegeben werden.

Bei all der Vielfalt unterschiedlicher Sorten und Ausbaumethoden gibt es für Wein ein zentrales Definitionsmerkmal:

Wein ist ein Getränk, das von Früchten der Weinrebe stammt und laut EU-Gesetzgebung mindestens 8,5 Volumenprozent Alkohol enthält. Hierzu zählen auch Variationen wie Likörwein, Schaumwein und noch nicht ausgegorene Neue Weine (Federweißer), nicht aber per definitionem Obstweine (weinähnliche Getränke) oder weinhaltige Getränke (Weinschorle, Sangria). Getränke, die aus stärkehaltigen Grundstoffen vergoren werden (z. B. Reiswein), dürfen noch nicht einmal als weinähnlich bezeichnet werden.

Wenn man also von Wein spricht, weiß man auch, worüber man spricht. Und das Wissen um einen Sachverhalt soll förderlich für den tagtäglichen Diskurs sein.

Gibt es nun auch solche zentralen, unabdingbaren, für eine Definition des Coachings notwendigen Merkmale – möglichst solche, die auch von anderen Formen unterstützenden Handelns verschieden sind? Wie unterscheidet sich Coaching von Supervision, Beratung, Therapie oder Begleitung? Ist Coaching dasselbe wie Beratung und Supervision (als Beratung im beruflichen Kontext), nur teurer, weil u. a. Führungskräfte und Experten am Werk sind? Und wenn der Vater seinen Sohn als Lerncoach coacht, kann er das eigentlich nur tun, wenn er in seinem Zögling eine künftige Führungskraft sieht? Denkt das Bildungsministerium Baden-Württemberg daran, im Ländle eine künftige Führungselite und Experten zu bilden, wenn sie Lehrern die Funktion von Lerncoachs zuweist?

Gibt es dann, wenn man sich auf eine trennscharfe Definition des Coachings geeinigt hat, in Analogie zur Weinsystematisierung auch so etwas wie

 ▸ Coaching im weiteren Sinne

 ▸ coachinghaltige Strategien

 ▸ coachingähnliche Strategien und dann noch

 ▸ Kriterien, wann Interventionen nicht mehr als Coaching bezeichnet werden sollten?

Und vor allem ist die Frage interessant: Warum gibt es diese klaren Kriterien beim Wein, aber noch nicht beim Coaching?

Man kann vermuten, dass es mit der längeren Tradition des professionellen Weinbaus zusammenhängt. Wird ein Metier professionell betrieben, hat der Erzeuger auch ein Interesse daran, auf dem Markt zu bestehen. Und das schafft man dadurch, dass man sich qualitativ abgrenzt, also die Unterschiede zu anderen betont. Diese Betonung der Unterschiede hat im Weinbau sicherlich dazu geführt, dass Qualitätskriterien diskutiert, Unterschiede analysiert wurden und mit dieser Diskussion auch eine wissenschaftliche Erforschung relevanter Merkmale einsetzte. Das Ergebnis dieser langen Tradition kann sich sehen lassen: Aus dem unspezifischen Getränk Wein wurden qualitativ unterschiedliche Weine, Tafelwein, Landwein, Qualitätswein einerseits, aber auch eine selbstbewusste Darstellung unterschiedlicher Qualitäten in den verschiedenen Anbauzonen, die nebeneinander bestehen konnten und Angebote für individuelle Vorlieben und Anlässe machten. Aus dem Entweder-oder wurde so nach und nach ein Je-nachdem. Natürlich spielten hier auch geschicktes Marketing und ein Bestreben nach Manipulation des Publikumsgeschmacks mit. Mosel- und Bordeaux-Weine sind unvergleichbar und können unvergleichlich gut sein, beide beziehen sich auf notwendige Merkmale, was einen guten Wein ausmacht. Die wissenschaftliche Begleitung der Weinwirtschaft hat entscheidend zu dieser kontrollierten Vielfalt beigetragen, aber man muss sich dessen bewusst sein, dass es auch in der Wissenschaft keine »unbefleckte Erkenntnis« (Nietzsche) gibt.

Jede Definition will ja nicht die wirkliche Wirklichkeit beschreiben, sie ist vielmehr als eine Einladung eines Wissenschaftlers zu verstehen, ihm bei seiner Zusammenschau empirischer Sachverhalte, seiner Theorie, zu folgen. Diese Definition und die damit verbundene Theorie ist ein möglicher Ordnungsversuch, bei dem sie sich nun daran beweisen muss, ob sie die gemeinten Phänomene auch praktikabler erklären und vorhersagen kann. Definitionen sind also nicht richtig oder falsch, sie sind mehr oder weniger nützlich oder viabel. In der Anfangszeit der Unterschiedsbildung sind die Reaktionen der Fachwelt zunächst heftiger und pointierter – ich erinnere mich an die frühen Auseinandersetzungen zwischen Psychoanalyse und Verhaltenstherapie. Nach und nach geht man aber bereitwilliger auf die Unterschiede ein und versucht, diese für die Präzisierung eigener Denkmodelle zu nutzen. Bei aller Konzilianz anderen Modellen gegenüber darf aber nicht vergessen werden, dass die Theorienbildung – auch die eigene – stets von mehr oder weniger impliziten Interessen geleitet wird. Manche Akzentuierungen von Qualitätsunterschieden bei Weinen stellen sich bei genauerer Betrachtung als übertrieben dar. Im Laufe der Zeit und mit zunehmender Kennerschaft weiß der Konsument aber, solche Übertreibungen zu relativieren.

Eine ähnliche Entwicklung wie in den Anfangsjahren der Qualitätsdiskussion im Weinbau kann man auch auf dem relativ jungen Feld der Coachingbranche beobachten. Die Definitionen einzelner Coachingverbände lassen dieses interessengeleitete Handeln erkennen. Der Kuchen – um mal ein anderes Genussmittel heranzuziehen – muss ja erst noch verteilt werden.

Beginnen wir mit der Definition des Round Table, eines Zusammenschlusses verschiedener führender Coachingverbände.

Coaching als bestimmtes Beratungsformat wird zunächst von der Expertenberatung abgegrenzt (im angloamerikanischen Raum wird eine Unterscheidung zwischen Counseling und Consulting getroffen, zwischen Experten und Prozessberatung; in unserem Sprachraum wird auf Anregung der DGfB1 u. a. zwischen informativer und reflexiver Beratung unterschieden):

» Im Unterschied zur reinen Fachberatung versteht sich Coaching als eine Form der reflexiven Beratung, in der die Ressourcen des Klienten erschlossen werden und der Klient zur selbständigen Aufgabenbewältigung befähigt wird. Coaching setzt daher die Bereitschaft zur aktiven Beteiligung des Klienten voraus – auch dann, wenn die Beratungsleistung durch Dritte (insbesondere durch den Arbeitgeber) finanziert wird« (Roundtable Coaching 2014, S. 2).

Ein Unterschied zur (reflexiven) Beratung wird also nicht gemacht. Unterschieden und somit als nicht dazugehörig definiert wird lediglich Expertenberatung, Weiterbildung und Psychotherapie genannt. Das ist ein großes Stück aus dem Kuchen sozialer Unterstützungssysteme. Wenn wir eine imaginierte Getränkekarte bemühen, ist nahezu alles Wein, drei weinähnliche Getränke werden in Abgrenzung genannt. Eine solche Aufteilung durch den Round Table ist nachvollziehbar, wird doch im Folgenden auch auf die Notwendigkeit verwiesen, eine qualifizierte Ausbildung anzustreben:

» Dem Roundtable der Coachingverbände ist es ein besonderes Anliegen, die Qualifizierung zur Ausübung des Coachings im Kontext vergleichbarer Qualifizierungen für andere gesellschaftlich anerkannte Angebote reflexiver Unterstützungsdienstleistungen (wie etwa Erziehungsberatung, Psychotherapie, Berufs- und Laufbahnberatung, Supervision, Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Organisationsberatung) zu verorten. Auch die Differenz zu Qualifizierungsangeboten im Bereich vorrangig verfahrensbasierter Angebote (wie etwa Mediation oder Moderation) ist zu markieren« (ebd., S. 3 f.).

Hier tauchen nun wieder weitere Unterstützungssysteme auf, die verwirren mögen, weil sie nun doch zu den »reflexiven« gehören, aber diese Unterschiede, die einen Unterschied machen sollten, müssen wohl bei der Konzeption der Ausbildungsgänge thematisiert werden. Hier sehe ich noch einige Schwierigkeiten, gehört doch zu den ethischen Imperativen des Round Table, dass der »einem humanistischen Menschenbild verpflichtete« Coach »ein demokratisch-pluralistisches Gesellschaftsverständnis« haben und »die gesellschaftlichen und religiösen Deutungskonzepte des Klienten« achten soll. Gleichzeitig distanziert er »sich öffentlich von allen Lehren oder ideologisch gefärbten, sektenhaft ausgerichteten oder manipulativen und dogmatischen Bildungsangeboten« (ebd.). Es ist löblich, hier noch einmal an die Neutralitätspflicht des Beraters zu erinnern, insofern sie den aktuellen Coachingprozess betrifft. Ob eine solche unbefleckte Erkenntnis allerdings auch für eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung (»Lehren«) und für öffentliches (zumeist ideologisch beeinflusstes) Handeln gilt, ist fraglich – einmal abgesehen von den ständigen, und dann noch öffentlichen, Auseinandersetzungen mit Auftraggebern im Profit- und Non-Profit-Bereich.

Der DBVC2, Mitglied des Round Table und nach eigenem Selbstverständnis der führende Verband im deutschsprachigen Raum, der sich auf Business Coaching und Leadership fokussiert (dies wird im amerikanischen Urverständnis vom Private Coaching unterschieden), grenzt das Coaching naheliegenderweise auf sein Klientel ein. Er versteht darunter

»die professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen mit Führungs-/Steuerungsfunktionen und von Experten in Unternehmen/Organisationen. Zielsetzung von Coaching ist die Weiterentwicklung von individuellen oder kollektiven Lern- und Leistungsprozessen bzgl. primär beruflicher Anliegen.

Als ergebnis- und lösungsorientierte Beratungsform dient Coaching der Steigerung und dem Erhalt der Leistungsfähigkeit. Als ein auf individuelle Bedürfnisse abgestimmter Beratungsprozess unterstützt ein Coaching die Verbesserung der beruflichen Situation und das Gestalten von Rollen unter anspruchsvollen Bedingungen.

Durch die Optimierung der menschlichen Potenziale soll die wertschöpfende und zukunftsgerichtete Entwicklung des Unternehmens/ der Organisation gefördert werden« (DBVC 2019, S. 17).

Hier ist Coaching also Beratung, Begleitung und Unterstützung. Aha, denkt der Weinkenner: Beratung ist gewissermaßen der Wein und Coaching ist ein weinhaltiges Getränk. Und er fühlt sich durch die nachfolgenden Ausführungen in seiner Ansicht bestärkt: Zum einen können Expertenberatung und Training bei bestimmten Fragestellungen noch dem »weinhaltigen Getränk Coaching« zugefügt werden, zum anderen lässt sich Coaching auch noch dem Mentoring zuschütten, zum Wohle des Klientels.

Ein weiterer Partner des Round Table, die Deutsche Gesellschaft für Supervision (DGSv), hat sich naturgemäß zunächst schwergetan, Coaching als gleichwertige Beratungsform zur Supervision anzuerkennen, was vor allem

» dadurch außerordentlich erschwert wird, dass der Begriff coaching durch seine unkontrollierte Nutzung weitgehend entgrenzt ist und jeder Abgrenzungsversuch immer auch die Gefahr der Abwertung seriöser und professioneller Beratungsangebote nach sich ziehen kann – sowohl im Coaching wie in der Supervision« (DGSv o. J.).

Und erst, als sich der Verband nach langen, auch inhaltlichen Diskussionen entschlossen hat, sich in Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching umzubenennen, wird eine Weiterbildung in Supervision und Coaching vorgeschlagen. Weiterhin fällt es jedoch schwer, eine Unterscheidung festzumachen, da Coaching nur den bisherigen Definitionsversuchen angehängt wird:

» Supervision ist ein wissenschaftlich fundiertes, praxisorientiertes und ethisch gebundenes Konzept für personen- und organisationsbezogene Beratung in der Arbeitswelt. Sie ist eine wirksame Beratungsform in Situationen hoher Komplexität, Differenziertheit und dynamischer Veränderungen. Die Beratungsinhalte von Supervision und Coaching sind definiert im Bezugsdreieck von Person, Rolle, Institution/Organisation. Im supervisorischen Prozess geht es besonders um die Reflexion von Erfahrungen, Prozessen und Bedingungen, die Systematisierung komplexer Zusammenhänge, das Verstehen von Strukturen und Prozessen, die Analyse und Klärung/Lösung von Konflikten. Bildungs- und Qualifizierungsprozesse Ziele von Supervision und Coaching sind die Erweiterung der Wahrnehmungs- und Deutungsmöglichkeiten, ein vertieftes Verstehen von Erfahrungen, Ereignissen und Handlungen in ihren vielfältigen Bezügen und Wechselwirkungen, die Erhöhung der persönlichen, sozialen und professionellen Kompetenz insbesondere zur Problemlösung in kritischen Situationen und selbst-bewusstes, kompetentes Handeln« (Positionspapier der DGSv 2019).

Supervision und Coaching sind Beratungsformen im beruflichen Kontext

Präzisere Unterschiede, bezogen auf die Klientel, macht demgegenüber die Gesellschaft für Supervision und Coaching e. V. Berlin:

Supervision ist ein professionelles Beratungsangebot, mit dem Ziel, die Qualität beruflicher Arbeit zu sichern und weiterzuentwickeln.

In einem vertrauensvollen Dialog zwischen Supervisor/in und Supervisand/in werden aktuelle Themen und Fragen, schwierige Situationen und Konflikte aus dem beruflichen Handlungsfeld reflektiert und Lösungsoptionen entwickelt.

Coaching ist ein der Supervision entsprechendes Beratungsangebot, das sich speziell an Führungs- und Leitungskräfte richtet. Im Mittelpunkt der Beratung stehen vor allem Themen des Managements und der Personalführung.

Wenn wir zusammenfassend versuchen, zentrale Bestimmungsstücke des Coachings herauszustellen, dann finden wir bei nahezu allen Definitionen Übereinstimmung darüber, dass

 ▸ Coaching eine besondere Form von Beratung ist

 ▸ diese sowohl Prozess- als auch Expertenberatung sein kann

 ▸ diese personenzentriert ist, d. h. zwischen Individuen stattfindet und Aufträge bzw. Ziele von Individuen zum Gegenstand hat

 ▸ es sich hierbei vorwiegend um berufliche Themen handelt.

Wenn Individuen Hilfe bei ihren konkreten Handlungsvollzügen benötigen, lässt sich eine Spezifizierung im Beratungsprozess wie folgt darstellen:

Wenn anzunehmen ist, dass die Hilfesuchenden über die Kompetenzen verfügen, die Herausforderungen ihres (beruflichen wie privaten) Lebens eigenständig zu meistern, dies aber durch innere wie äußere Bedingungen gegenwärtig nicht eigenständig schaffen, dann ist Beratung die geeignete Unterstützungsform (ansonsten ist an Anleitung, Begleitung, Therapie, Training etc. zu denken; zur Systematik möglicher Hilfesysteme siehe u. a. Ludewig 1992, S. 123).

Bezieht sich das Anliegen vornehmlich auf einen beruflichen Kontext, dann bieten sich als mögliche Beratungsformate Supervision oder Coaching an.

Wie die beiden Formate Supervision oder Coaching voneinander abzugrenzen sind, wird gegenwärtig noch eingehend diskutiert und hängt auch mit dem historischen Selbstverständnis beider Angebote zusammen: Supervision ursprünglich als Unterstützungssystem im beruflichen Kontext sozialer Berufe, Coaching als Weiterentwicklung von spezifischen Trainingsansätzen im Sport, welche auch Persönlichkeitsentwicklung einbezogen. (Der Coach war ursprünglich der Kutscher, der dafür zu sorgen hatte, dass die Pferde sicher und wohlbehalten das Ziel erreichten.) Aufgrund der spezifischen Förderung von Spitzensportlern setzte sich zunächst der Anspruch durch, Coaching vor allem zur »Unterstützung von Personen mit Führungs-/Steuerungsfunktionen« (s. Definition der DBVC) zum Zwecke der Leistungsoptimierung einzusetzen. Supervision demgegenüber schien eher die Methode der Wahl, wenn es sich um Probleme, Konflikte oder Beeinträchtigungen in den Arbeitsabläufen von ausführenden Individuen oder Teams handelte.

Auch wenn sich inzwischen die Einsicht durchgesetzt hat, dass beide Formate im beruflichen Kontext unabhängig von der Besoldungsstufe ihre Berechtigung haben, hält sich doch mehr oder weniger ausgesprochen die Auffassung, dass beide berufliche Beratungen sind – das Coaching nur eben die elitärere, teurere Variante. Dies schlägt sich unter anderem in Vergleichen nieder wie: »Coaching verhält sich zu Supervision wie eine wendige Yacht zu einem Luxusliner« (Pohl 2019, S. 3).

Coaching ist der Champagner, Supervision der wärmende, besinnlichere Portwein. Beide führen nach hinreichendem Zuspruch dazu, die Welt anders zu sehen, alte Gewissheiten infrage zu stellen sowie sich wieder zuversichtlicher und handlungsfähiger zu fühlen. Viele Konsumenten werden den Weg zu den neuen Erkenntnissen irgendwie als unterschiedlich erleben, Champagner mag herausfordernder wirken, Port wärmt, tröstet und stärkt die Zuversicht, dass man durch eigenes Zutun auch missliche Lagen verändern kann. Diese Unterscheidung mag an den Erwartungen an das Getränk, am Kontext und – vielleicht zu einem geringeren Teil – an der Art des Weines liegen.

Da ich ungern mit meinen Weinerfahrungen in Beratungssituationen gehe, habe ich mir (und wir vom ILBS3) folgende Unterscheidungsmerkmale überlegt, wie ich die beiden Beratungsformate je nach Kontext und Fragestellung vorschlage:

» Coaching ist eine entwicklungsorientierte Form der Beratung und Begleitung, die berufliche und private Inhalte umfassen kann und auf Freiwilligkeit, Vertraulichkeit und der gegenseitigen Akzeptanz von Coach und Coachee basiert.

Entwicklungsorientiert meint vorrangig die zielbezogene Stärkung und Erweiterung personaler, emotionaler und sozialer Kompetenzen. Dies soll den Coachee dabei unterstützen, kontextbezogene Ziele zu entwickeln und sein individuelles Handlungspotenzial zu größerer Entfaltung zu bringen. Somit wird er befähigt, bestehende und zukünftige Problem- und Konfliktsituationen eigenständig lösen zu können sowie gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen zieldienlicher und auf eine dem individuellen Potenzial angemessenere Weise zu bewältigen.

Das Coaching wird in Form einer begrenzten Reihe von Sitzungen durchgeführt und nimmt dabei Bezug auf kontextbezogene Problem-, Konflikt- und Herausforderungssituationen des Coachee. Im Vordergrund steht jedoch weniger die Veränderung dieser Situationen in spezifischen Kontexten. Diese werden vielmehr als Orientierungspunkte bei der Entfaltung und Veränderung individueller Handlungsmöglichkeiten gesehen und bewusst nicht auf Einzelsituationen oder -kontexte reduziert« (Holtz 2017).

Supervision schlage ich vor allem dann vor, wenn weniger die Entwicklungsorientierung von Individuen oder Teams im Vordergrund steht, sondern die konkrete Veränderung von Problemlagen oder Konflikten im beruflichen Kontext. Es versteht sich von selbst, dass es zwischen beiden Beratungsformaten fließende Übergänge gibt. Es ist jedoch hilfreich, diese Übergänge im Prozess wahrzunehmen – zu wissen, welchen Hut man gerade aufhat –, da sich hieraus veränderte Angebote an den Klienten (z.B. Aspekte der Anleitung, Begleitung etc.) ergeben.

Wenn ich zu Hause mit Freunden eine Weinprobe vorbereite, richte ich mich in der Auswahl zum einen nach den Vorlieben und Erwartungen meiner Gäste. Zu einem zufriedenstellenden Verlauf des gemeinsamen Abends gehört jedoch auch, dass ich darlege, was mich vor diesem Hintergrund dazu bewogen hat, die vorgestellten Weine auszusuchen. Gegebenenfalls biete ich auch Speisen an, die den Wein noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen. Und jeder Gast hat natürlich die Möglichkeit, meine Auswahl für sich zu akzeptieren oder sich an dem einen oder anderen Vorschlag nicht zu beteiligen. Und wenn ich nun noch hinreichend zurückhaltend mit meinem Angebot bin (ein Kurzzeitberater würde sagen: Wenn ich nicht mehr tue, als nötig ist), dann kann ein solcher Abend gelingen. Diese Zurückhaltung bezieht sich natürlich auch auf meine Wertungen und die Darstellung meiner Vorlieben, d. h. auch darauf, wie groß meine Redeanteile an dem Abend sind.

Was ist ein guter Coach? Und ein guter Wein?

Zur Beantwortung dieser Fragen mag es allgemeine Qualitätsüberlegungen geben – aber auch subjektive, den eigenen Bedürfnissen und Vorlieben entsprechende. Ein wichtiges Kriterium ist unser Eindruck darüber, ob der Winzer bzw. der Coach »sein Handwerk versteht«. Es ist die Frage nach der Professionalität. Während man den Eindruck hat, dass in den USA, wo das Coaching ja seinen Ausgang genommen hat, eher die Frage im Vordergrund steht: »Was kann der Coach?«, stellt sich bei uns zunächst die Frage: »Was hat der Coach für eine Ausbildung?« Auch bei uns war im Mittelalter ein »Professor« eher einer, der für eine bestimmte Meinung, Überzeugung, »Berufung« und für besondere Fähigkeiten einstand (von lat. profiteri), heute ist ein Professor jemand, der – sicherlich aufgrund seiner speziellen Fähigkeiten und Motivation – eine bestimmte akademische Karriere durchlaufen hat, die sich inzwischen auch nach europäisch vergleichbaren Qualitätskriterien (EQR)4 einstufen lässt und das Berufsbild umschreibt. Und so meint »professionell« hierzulande auch ein Qualitätsmerkmal, das sich anhand bestimmter Kriterien beschreiben lässt.

Zu diesen Kriterien, wann man von einer bestimmten Profession bzw. von professionell spricht, gehören:

 ▸ Es gibt einen bestimmten verbindlichen Wissensbestand z. B. über die Tätigkeitsmerkmale und die erforderlichen Kompetenzen der Berufsausübenden. Dieser manifestiert sich günstigstenfalls in einer gemeinsamen Theorie über eine Praxis, die unterschiedlichen Theorien zur Art der Berufsausübung noch genügend Platz lässt.

 ▸ Es gibt – zumeist staatlich geregelte – Aus- und Weiterbildungsvorschriften, die in Curricula transparent nachvollziehbar und überprüfbar sind.

 ▸ Auf dem Wege zur Professionalisierung arbeiten die damit befassten Institutionen auf ein Leistungsmonopol hin. Nur derjenige, der die genannten Voraussetzungen erfüllt, darf entsprechend tätig sein.

 ▸ Die Nachfrage einer Profession wird durch ein allgemein anerkanntes gesellschaftliches Bedürfnis bestimmt, das im gesamtgesellschaftlichen, staatlichen Kontext durch ein Mandat zur Berufsausübung festgelegt ist (vgl. hierzu auch Migge 2011, S. 19).

Die Psychotherapeuten haben in der Auseinandersetzung mit dem Heilpraktikergesetz die Schritte zur Professionalisierung vorangebracht. Die Winzer haben allgemeine Berufsqualifikationen von der Meisterprüfung bis hin zum Önologiestudium mit Bachelor- und Masterstudiengängen, die sich den europäischen Qualitätskriterien EQR und DQR5 vergleichbar zuordnen lassen. Die Beratungsverbände, zunächst die der Berufsberatung, sind auf einem guten Weg zur Professionalisierung (vgl. die Bemühungen der DGfB). Und auch die Coachingverbände (z. B. der RTC6) diskutieren die nächsten Schritte eingehend.

Was hier verhandelt wird, sind zunächst die notwendigen allgemeinen Ausbildungs- bzw. Ausbaukriterien. Aber diese bilden zunächst nur einen allgemeinen Rahmen: So, wie es unterschiedlich sorgfältige und (kosten)intensive Produktionsprozesse beim Wein gibt, finden wir auch sehr unterschiedliche Ausbildungsgänge auf dem Weg zum professionellen Coach. Die Einigung auf einige grundlegende Qualitätskriterien tut not, wie man den Bestrebungen der Dachverbände des Coachings entnehmen kann. Andererseits sollte darauf geachtet werden, dass durch solche Vorgaben unterschiedliche Angebote – die Innovation, Fragestellung, Kontext und Andersartigkeit repräsentieren – nicht nivelliert werden.

Steht man dem umfangreichen Angebot also hilflos gegenüber?

Was wären Kriterien, die uns helfen, Enttäuschungen zu vermeiden?

Das Problem beginnt ja schon im Vorfeld: Woran erkenne ich einen guten Winzer bzw. einen guten Coach? Der Önologe mit einem Masterstudiengang (EQR 8) macht ja nicht kraft seiner Ausbildung einen besseren Wein als der Winzermeister (EQR 6). Wie praxisrelevant und hilfreich bei der Qualitätssicherung und -steigerung sind denn die einzelnen Ausbildungsgänge? Auch dies wird Gegenstand wissenschaftlicher Forschung in den einzelnen Professionen sein, aber derjenige, der vor einem Weinregal oder dem Klingelschild eines Coachs steht, wird deren Befunde nur selten als hilfreich ansehen.

Es liegt nahe anzunehmen, dass diese Beurteilung mit meinen Erwartungen zu tun hat. Und die lassen sich wie bei einer guten Auftragsklärung anhand der »vier großen A« konkretisieren:

1 1. Was ist der Anlass?

2 2. Was ist das Anliegen?

3 3. Was ist das Angebot?

4 4. Was ist der Auftrag?

Auf dem Weg zur Weinverkostung ist der Anlass wie im richtigen Leben zumeist unterschiedlich: Suche ich einen Wein zum abendlichen Kerzendinner? Will ich mich besaufen, wenn ich zum erstgenannten Ereignis eine Absage erhalten habe? Will ich mit Gleichgesinnten eine herausfordernde Weinprobe veranstalten oder suche ich zur abendlichen Lektüre auf dem Balkon einen unkomplizierten Sommerwein?

Wenn es denn stimmt, dass die menschliche Spezies sich u.a. dadurch auszeichnet, dass sie ständig auf der Suche nach neuen Erfahrungen ist, wird man sich am ehesten bei einem Weinhändler seines Vertrauens einfinden, der je nach Anliegen maßgeschneiderte Angebote macht – vielleicht auch die von ihm gewählten Beschränkungen aufzeigt, dass er z.B. aus guten Gründen keine Besäufnisweine im Sortiment hat.

Es gilt jedoch vor allem, dass der Anlass sehr stark mit unseren Erwartungen verknüpft ist (die sind es ja auch, die enttäuscht werden können). Aber ein guter Weinhändler wird die Auswahl als Co-Konstruktionsprozess begreifen, in dem er Erwartung, Anlass und Anliegen auf dem Hintergrund seiner Expertise und seines Angebots reflektiert. Möglicherweise wird das Anliegen spezifiziert und unmerklich modifiziert, und dieser Prozess wird einen Einfluss darauf haben, ob der Wein in der nachfolgenden Verkostung als gut, d.h. angemessen und zielführend erlebt wird.

Natürlich kann ich diese »probatorische Sitzung« auch umgehen und direkt als selbst ernannter Weinkenner aus den Regalen des Supermarkts eine Auswahl treffen. Inzwischen gibt es hier unendlich viele verschiedene Weine, und ich treffe häufig Bekannte, die mir mit leuchtenden Augen berichten, dass sie dort beispielsweise einen Merlot gefunden hätten, der dem von mir neulich präsentierten, doch etwas tanninhaltigen Wein deutlich überlegen sei – und der sie nun, da sie sich reichlich damit eingedeckt hätten, als täglicher Weingenuss begleiten würde. Die leuchtenden Augen meines Gegenübers halten mich dann zumeist davon ab, dieses Gespräch fortzusetzen. Das liegt zum einen daran, dass ich mein Sendungsbewusstsein und meine Besserwisserei in Bezug auf Wein nach Aussagen meiner Frau doch etwas zügeln sollte. Zum anderen habe ich beim Coaching gelernt, dass (abstruse) Ideen leichter der Selbstreflexion zugänglich sind, wenn man sie nicht ständig kommentiert, sondern unwidersprochen im Raum stehen lässt. Und wenn diese arrogante Haltung für mein Selbstwertgefühl noch nicht ausreicht, denke ich an eine Aussage der Sommeliere und Weinautorin Paula Bosch:

» Solche Massenweine, die sich überall in den Regalen großer Handelsketten finden, muss es selbstverständlich auch geben. Allerdings haben sie mit einem komplexen, nachhaltigen Geschmackserlebnis ebenso wenig gemein wie ›Scheibletten‹ mit einem handgeschöpften Rohmilchkäse aus den Vogesen. Massenfertigung ist nun einmal das Synonym für Uniformität, und das beantwortet auch die Frage, was eigentlich von ›Aldi‹-Weinen zu halten ist« (Bosch 2001, S. 80).

Obwohl: Die Supermarktketten bieten heutzutage, vornehmlich in Frankreich, zunehmend anspruchsvollere Käsesortiments an. Dennoch, wer nicht vornehmlich nach eingeschweißten Käsescheiben sucht, sollte in den Vogesen über die Route des Cretes fahren und vor Ort, bei einem Glas Riesling oder Gewürztraminer den dortigen Bargkass probieren. Bei »Lidl France« wird man ihn wahrscheinlich jetzt, 20 Jahre nach Boschs Aussage, ebenfalls vorfinden.

Was also ist ein guter Wein? Neben den Kriterien, dass er frei von offensichtlichen Geschmacksbeeinträchtigungen (Weinfehlern) sein sollte, ist ein guter Wein wohl einer, der Anlass, Anliegen und Erwartungen entspricht. Auch hier gibt es wohl kein richtig oder falsch (sogar über Weinfehler lässt sich trefflich streiten, s.u.), sondern ein angemessen bzw. viabel. Ein guter Wein wäre demnach ein Wein, der dem Anlass und den Anliegen genügt.

Aber ist gut dann nicht nur genügend? Gibt es auch Kriterien, die einen sehr guten Wein ausmachen? Hierzu eine kleine Achtsamkeitsübung (so nennt man das gegenwärtig) mit unterschiedlichen Käsesorten:

Stellen Sie sich vor, Sie hätten die oben zitierten Käsescheiben aus der Plastikfolie befreit und neben ein Stück Rohmilchkäse, z. B. einen mittelalten Comté, gelegt. Sie können, wenn Sie wollen, die Augen schließen und an beiden Käsesorten riechen. Welchen Unterschied nehmen Sie wahr? Beide Käse riechen nicht schlecht, aber die Komplexität der Geruchswahrnehmung – nicht nur die Intensität, sondern die Vielfalt der Geruchsempfindungen – dürfte für den Rohmilchkäse sprechen. Genießen Sie die Vielfalt, und ich bin sicher, Sie haben zunächst das Bedürfnis, den Comté in den Mund zu stecken. Sie kauen darauf herum, behalten ihn im Mund und spüren mit all Ihren zur Verfügung stehenden Rezeptoren ein Bouquet an Sinneseindrücken, die sich zu verändern scheinen, die einladen, von einer Geschmacksnuance zur anderen zu wandern. Sie werden Assoziationen haben, Sie müssen diese nicht unbedingt benennen. Genießen Sie weiterhin die unterschiedliche Vielfalt und das sich einstellende harmonische Erlebnis.

Und nun, wenn Sie mögen, schlucken Sie den Käsebissen herunter, spüren Sie dem Abgang und dem nachhaltigen verbleibenden Geschmack im Munde nach. Wo überall spüren Sie noch etwas: Genießen Sie diese Erfahrung, solange Sie mögen, und kommen Sie dann, ganz in Ihrem Tempo, hierhin zu uns zurück.

Natürlich hätten Sie diese Erfahrung auch mit den Käsescheiben beginnen können, wenn Sie hätten vergleichen wollen. Es wäre sicherlich ein Unterschied, ob Sie - im Vergleich - die Scheibletten vor oder nach dem Comté probieren. Im ersteren Falle hätten die Käsescheiben noch eine gewisse Chance.

Das Besondere an solchen Achtsamkeitsübungen ist, dass mit zunehmender Übung die Sinne geschärft und immer mehr Nuancen wahrgenommen werden. Es ist also wichtig, dass Sie sich auf eine solche Erfahrung einlassen wollen: Sie sind es, der zum Experten für bestimmte Genüsse und Sinneswahrnehmungen wird. Nicht jeder will das, und das ist auch in Ordnung: Wenn Sie sich betrinken wollen, wenn Sie einen »leichten« Rosé zum Piquenique mitnehmen wollen, möchten Sie sich zumeist gar nicht auf obige Geschmackserlebnisse einlassen. Sie fokussieren vielleicht lieber auf Ihren Weltschmerz oder auf die Sie umgebende Natur, und der Wein ist Ihr treuer Begleiter. Das ist in Ordnung.

Aber vielleicht möchten Sie auch einmal der Qualität von Wein nachspüren und Ihre Weinkennerschaft nicht nur dadurch erweitern, dass Sie Etiketten und Jahrgänge mit den dazugehörenden Beschreibungen sammeln.

Guter Wein enthält unendlich viele Geschmacksnuancen, welche durch unterschiedliche Inhaltsstoffe und Ausbauprozesse entstehen (s.u.). Weinkenner sind der Überzeugung, deren wahrgenommene Qualität als Kriterium für guten und sehr guten Wein zu nehmen. Je mehr Sie im Mund an Komplexität und Vielfalt wahrnehmen, die tunlichst zu einem harmonischen Blumenstrauß geordnet werden kann, desto »größer« ist der Wein. Und dazu gehört auch, wie lange er uns in angenehmer Erinnerung bleibt – zunächst, wie lang der Abgang ist. Ein guter Wein ist nicht einfach weg, wenn er den Mund verlässt. Wenn wir ihn hinunterschlucken, spüren wir am Gaumen das, was der Franzose mit caudalie (von lateinisch cauda = »der Schweif«) bezeichnet. Die Länge des Schweifs, das heißt die Zeitdauer des Nachklangs (eine caudalie entspricht einer Sekunde), ist ein Qualitätskriterium. Die meisten Weine schaffen keine 20 Sekunden. Wenn Sie 60 und mehr caudalies zählen, sind Sie in ihrer Weinwahl ein Glückspilz gewesen, und ich hoffe, Sie haben den Wein nicht selber gekauft, sondern wurden dazu eingeladen. Und natürlich ist ein subjektiv großer Wein häufig einer, der, unter welchen (auch Kontext-)Bedingungen auch immer, nach Jahren noch in der Erinnerung als rundes, einmaliges Geschmackserlebnis auftaucht. So der 1966er Chambolle-Musigny, den ich vor Jahren probierte und dessen Verkostungsanlass ich hier nicht weiter ausführen möchte.

Und was ist nun ein guter Coach? Wo und wie entwickelt sich in einem Erstgespräch dieses runde Gefühl nach Komplexität, Vielschichtigkeit und Harmonie?

Neben der Erfüllung bestimmter Qualitätskriterien, die die Ausbildung und professionelle Haltung bestimmen, richtet sich die Beurteilung ebenfalls nach den Kriterien der Angemessenheit: Inwieweit kann ein Coach meinen Anlässen und den co-konstruktiv gefundenen Anliegen entsprechen? Inwieweit kann ich nach einer möglichen probatorischen Sitzung feststellen, ob er in der Lage ist, mit mir gemeinsam meine Neugier und Zuversicht auf Veränderung zu stärken, mich zu motivieren und mich auf neue Erfahrungen einzulassen?

Und die Erwartungen und Anliegen sind sehr unterschiedlich. Auch hier gibt es Ratsuchende, die Scheibletten bevorzugen und in den Illustrierten oder Bahnhofsbuchhandlungen nach Coachingtipps in Form gedruckter Ratgeber suchen. Es gibt auch Suchende, die im Sinne bunter und interessanter Weinetiketten (sieht der Coach aus wie George Clooney oder Julia Roberts? Oder ist er ein Motivationsspeaker wie Bruce Willis?) sehr zufrieden sind oder sich sicher fühlen, wenn sie die angesagten Gurus kontaktieren dürfen wie bei einer ehrfürchtigen Begegnung mit hoch klassifizierten Châteaux aus dem Bordeaux. Und das sind, wie die Therapieforschung zeigt, relevante Kriterien. Eine vertrauensvolle und zuversichtliche Beziehung erklärt ein gehöriges Maß an Veränderungsvarianz, welches den Einfluss der durchgeführten Methoden deutlich übertrifft. Erste, etwas überschwängliche Studien lagen bei ca. 30 %, neuere Befunde zeigen einen Varianzanteil von 5–12 % für diesen sogenannten Beziehungsaspekt. Das scheint auf den ersten Blick nicht viel zu sein, und dieser Anteil erklärt eben nicht alles. Aber auch die spezifischen »therapeutischen« Interventionen bewegen sich »nur« in einem Prozentsatz von 1–15 % der Erfolgsvarianz. Bedeutsamer zeigen sich demgegenüber die Varianzanteile für die Persönlichkeitsmerkmale der Klienten (ca. 30 %) sowie außertherapeutische kontextuelle Faktoren von bis zu 47 % (z. B. Norcross a. Lambert 2011).

Es gibt Hinweise darauf, dass auch in Beratungssituationen von ähnlichen Anteilen auszugehen ist. Von daher dürfte ein kontextueller Ansatz, der im Sinne systemischen Denkens die Wechselwirkungen der Variablen berücksichtigt, eine angemessene Vorgehensweise sein. Die Veränderungsmotivation beispielsweise – die Lust auf Neues und das Zutrauen in das Andere – kann im Coachingprozess durch zielgerichtete Interventionen angeregt werden – vorausgesetzt, es gelingt, diese mit den bisherigen Erfahrungen, den Ressourcen und bisherigen Lösungsversuchen der Klienten angemessen zu verbinden. Und je authentischer und in der Klientenwahrnehmung kompetenter ein Coach zu einer anregenden Veränderungsbereitschaft beiträgt, desto erfolgversprechender scheint der gemeinsame Coachingprozess zu sein.

Und was bedeuten diese Überlegungen für die Weinverkostung? Vielleicht bewegen sich auch die Varianzanteile für das Geschmackserlebnis, die wir an objektiven Merkmalen des Weins festmachen können, nur im mittleren Bereich. Empfehlungen, Persönlichkeitsvariablen und der soziale Kontext mögen ebenfalls nicht unerheblich zur Gesamtvarianz beitragen. Und so kommt es, dass, wie Tante Klara schon damals betonte, »Geschmäcker eben verschieden sind«. Es gibt einige, die einen moussierenden Lambrusco mögen, andere bevorzugen auch Lambrusco, aber den anderen. Ich kenne Leute, die vor allem auf den Wein von Günther Jauch bei Aldi schwören, andere wiederum beißen gerne in tanninige junge Bordeaux, vor allem wenn »Châteaux« auf dem Etikett steht. Und wenn man nun als Gastgeber zu einer Weinprobe einlädt, die bei den Gästen Lust auf Neues wecken soll, dann sollte man zum einen authentisch die Auswahl begründen – z. B. mit einer kleinen Geschichte, wie man zu dem Wein sehr persönlich in Kontakt gekommen ist –, zum anderen dies aber immer mit den Erfahrungen und Vorlieben seiner Gäste verknüpfen, um die Lust, sich auf etwas Neues einzulassen, nicht zu riskant werden zu lassen.

Die Grundannahme ist: Lust auf etwas Neues ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. In typischen Beratungssituationen ist sie häufig aufgrund der geschilderten Problemsituation blockiert, Widerstände bei Weintrinkern sind auch nicht selten. Oftmals kann man jedoch deutlich machen, dass ein Widerstand gegenüber neuen Erfahrungen (»Das haben wir schon immer so gemacht«, »Bei dem Wein wissen wir, was wir haben«) um einiges anstrengender ist, als sich auf Neues einzulassen. Nur darf man die Einladung zu neuen Erfahrungen nicht besserwisserisch und apodiktisch ankündigen. Man wird ein gemeinsames erfolgreiches neues Erlebnis am ehesten erreichen, wenn man neben dem Kontext weitere Grundbedürfnisse seiner Mitmenschen berücksichtigt: das Bedürfnis nach Kompetenzerleben, das nach Autonomie und Individualität sowie das Bedürfnis nach sozialem Eingebundensein (vgl. Deci u. Ryan 1993; Grawe, Donati u. Bernauer 1994). Ach – beinahe hätte ich ein zentrales Bedürfnis vergessen: das nach Lustgewinn und Unlustvermeidung (Epstein 1993). Schließlich soll das Ganze ja auch Spaß machen.

Bei der Beratung und beim Coaching gelingt es mir schon recht gut, diese Variablen einzubeziehen. Bei den Weinverkostungen scheitere ich häufig daran – und meine Frau erklärt mir dann im Nachhinein: »Du hättest nicht so viel über dich und deinen Wein erzählen sollen, deine Gäste wollten lieber probieren und auch mal über ihre Eindrücke und Erfahrungen mit ähnlichen Weinen berichten. Du hättest Fragen stellen sollen und nicht Antworten geben.«

Sicherlich ist eine angemessen zurückhaltende Kommunikation Teil der Ausbildung von Weinverkäufern und Sommeliers. Aber gibt es eigentlich Supervisionen für sendungsbewusste, aber unglückliche Weingastgeber?

Wie teuer darf ein Wein sein? Was darf Coaching kosten?

»Es gibt keine teuren Weine, nur schlechte«, pflegte Tante Klara zu sagen. Diese Aussage könnte man auch so verstehen, dass gute Weine in nahezu allen Preiskategorien auftauchen können. Wenn wir unsere Überlegungen des vorigen Kapitels über die Definition guter Weine einbeziehen, ist dies nachvollziehbar.

Die Frage lässt sich auch so spezifizieren: Kann ich vom Preis eines Weines etwas über dessen Qualität erfahren? Ja und nein: Es wird Untergrenzen geben, die keinen seriösen Produktionsprozess vermuten lassen. Ausnahmen hiervon deuten auf einen ruinösen Preiskampf im Verkauf zulasten des Winzers und der Arbeitskraft von Erntehelfern hin. Nach meinen Erfahrungen kostet eine Glasflasche mit Korken und Etikett ca. 0,75 €, dann muss ja noch abgefüllt und verpackt werden, Erntehelfer, Düngemittel, Werbung, Produktionsstätten, Steuern kosten ein Übriges, sodass ich die gesamten Produktionskosten mal mit mindestens 3,50 € veranschlagen würde. Ein 5 €-Wein ist demnach kein großer Gewinn für den Erzeuger, der zum Teil wahrscheinlich dann durch EU-Subventionen kompensiert wird. Es gibt Hochrechnungen anderer Autoren, die für anspruchsvolle Weine von einem Selbstkostenpreis von ca. 15 € ausgehen.

Darüber hinaus wird ein sorgfältiger Ausbau des Weines je nach Qualität auch noch kostenintensiver sein: Die Beschäftigung eines Önologen, die Auswahl qualitativ hochwertiger Holzfässer, die Umstellung auf biologische Anbauweise usw. sind weitere Faktoren, die zur Preissteigerung beitragen. All diese Überlegungen lassen mich zu dem Schluss kommen: Ein nach den Regeln der Kunst, d. h. unter Berücksichtigung nicht nur sorgfältiger, sondern auch gediegener Ausbaumethoden produzierter Wein lässt eine vertretbare Obergrenze von ca. 35 € erkennen. Für diesen Preis kann man einen interessanten und individuell bemerkenswerten Wein herstellen. Natürlich kann man auch für 7 oder 10 € hervorragende, ansprechende Weine finden.

Weinproben zeigen aber häufig, dass solche Weine uniform und gefällig, aber austauschbar sind. Sie sind von guter Qualität, entsprechen weitestgehend einem gepflegten Publikumsgeschmack. Sie sind Wein, wie er sein sollte, aber häufig nicht, wie er sein könnte. Aber es gibt – der Wein ist ein höchst lebendiger Organismus – auch Ausnahmen.

Ist dann nun alles, was über 35 € kostet, überzogen und nur den großen Namen geschuldet? Nicht unbedingt. Auf der Suche nach gehobenen Käuferschichten haben einige Weingüter versucht, ihre Weine noch interessanter auszubauen. Das betrifft zum einen die aufwändige Selektion der Trauben, z. B. beim Château d’Yquem. Ferner wurden u. a. Weinbau-Spezialisten angeheuert, die individuelle und raffinierte Weine kreierten und sich dafür natürlich auch gut bezahlen ließen. Als Urahn dieser Tradition kann der »Weinbau-Guru« Giacomo Tachis gelten, der vor über 50 Jahren für das Weingut Antinori den Sassicaia schuf – zu einer Zeit, als der andere Kultwein der Toscana, der Brunello di Montalcino, zu einem edlen Geheimtipp der aufstrebenden Toscana-Fraktion wurde (und eine Menge durchschnittlichen Wein gleichen Namens nach sich zog). Die Erfolgsgeschichte solcher Weine war legendär, solange die Individualität und nahezu künstlerisch gestaltete Eigenart aufrechterhalten werden konnte.

Bei all den Preissteigerungen: Die Chance, einen außergewöhnlichen Wein für 20–35 € zu erwerben, ist groß. In diesem Preissegment können Spitzenwinzer mit der nötigen Ausstattung bemerkenswerte Weine herstellen. Und das sind nicht nur die großen Namen. Es gibt unzählige vin de garage – von kleinen Weingütern und Tüftlern hergestellte Garagenweine – die großartig sind und den Kreativ-Nimbus der Napa-Valley-Garagen fortsetzen. Auf der anderen Seite gibt es noch die großen Namen, die dann aber auch mitbezahlt werden.

Tante Klara würde sagen: »Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.« Eine gediegene Ausbildung kostet etwas, aber sie zahlt sich auch aus. Tante Klara war einem guten Tropfen gegenüber nicht abgeneigt. Gegen Ende ihres Lebens wollte sie aber gesünder leben und sprach gut und gerne dem Melissengeist zu. Die Erfahrung und die gesundheitlichen Versprechungen der Klosterfrauen begleiteten sie bis zum Schluss.

Wie sieht es nun bei den Coachs aus? Auch hier dürfte kein Meister vom Himmel gefallen sein, aber auch hier gibt es neben den Garagen-Coachs noch diejenigen, die einen gesteigerten Werbeaufwand und ein gediegenes Ambiente in ihre Gehaltsvorstellungen einpreisen und ihren Status als Gurus versilbern möchten.

Sprechen wir also von den Coachs, die eine gediegene Ausbildung und eine professionelle Anbindung an qualitätssichernde Berufsverbände haben. Wie lassen sich hier die Scheibletten von den würzigen Comtés und Tome de Pyrenées abgrenzen?

Noch haben die Anzahl der Coachs nicht die Anzahl der Weingüter und die unterschiedlichen Coachingprofile nicht die Anzahl französischer Käsesorten erreicht, aber wenn die Ausbildungsangebote in gleichem Maße wachsen, wird sich das Verhältnis bald umdrehen. Einige befürchten sogar, dass bei dem gegenwärtigen exponentiellen Anwachsen des Marktes in einigen Jahren mehr Coachs als Einwohner vorzufinden sind. (Wein ist demgegenüber eine schneller verderbliche Ware, auch wenn die häufig zitierten Weinseen hier einiges befürchten lassen.)

Auch auf dem Coaching-Markt sind die Preisvorstellungen sehr unterschiedlich. Kolportiert wurden im Jahre 2015 Tageshonorare von durchschnittlich 1.200 €, bei einer Spanne von 180 € bis 15.000 € (deHaan 2015). In einer kürzlich durchgeführten Untersuchung, bei der geschulte, berufserfahrene Testkäufer im Rhein-Main-Kreis bei 794 Coachs anonym nach dem Preis für eine private Coachingstunde nachfragten (Maurer 2020), ergaben sich Preisspannen von 45 € bis 446 €. 57,4 % der Coachs verlangten Honorare zwischen 51 € und 150 € für 1 Stunde, lediglich 2,3 % ließen sich die Sitzung mit mehr als 250 € vergüten. Die Preissteigerung in den letzten 4 Jahren lag bei 18,9%, d.h. einem jährlichen Zuwachs von 4,7%. Alle befragten Coachs gehörten überregionalen Coachingverbänden an, 88,4% davon den Verbänden, die dem qualitätsorientierten Round Table der Coachingverbände (RTC) angeschlossen waren.

Nun ist es schwierig, die Aus- und Weiterbildungskosten der Coachs in ein vergleichbares Verhältnis zu setzen, da diese bei den ca. 300 Weiterbildungseinrichtungen in unserem Sprachraum zwischen ca. 300 € und 17.000 € liegen und demgemäß die fachlichen Voraussetzungen und Anforderungen sehr unterschiedlich sind.

Rechnen wir aber einmal die Ausbildungs- und Nebenkosten, ähnlich wie bei unserer Wein(mädchen)rechnung, mit ein, dürfte das in der Untersuchung festgestellte durchschnittliche Honorar von ca. 130 € inkl. MwSt. angemessen sein. Das wäre – analog zum Wein zu 35 € – etwa das anzupeilende Coachinghonorar ohne Kreativ- und Guru-Zulage.

Aber wie in der Weinbranche ist der geforderte Preis auch hier von anderen Bedingungen abhängig. Auch hier sind Angebot und Nachfrage, das vermutete Renommée sowie weitere Faktoren von Bedeutung.

Da ist zum einen die Feldkompetenz: Je nach Fragestellung sind im Coaching – eher als in allgemeinen prozessorientierten Beratungen – die jeweiligen Vorkenntnisse gefragt. Im Sportcoaching wird wie beim Training eine erfolgreiche Karriere des Coachs in der jeweiligen Sportart die finanziellen Vorstellungen beeinflussen. Im Persönlichkeitscoaching dürfte auf die Feldkompetenz in psychologischen oder psychotherapeutischen Feldern geachtet werden. Wenn ein Frisurencoach Prominente berät, nehmen wir als Beispiel die Bundeskanzlerin, dann erhöht sich dadurch die finanzielle Attraktivität des Urhebers, vor allem, wenn – wie in unserem Beispiel – deutlich sichtbar ist, wie erfolgreich das Coaching war. Der Erfolg mag auch noch auf die direkten Schüler des Meisters abstrahlen. Und die Strahlkraft der Meisterschüler finden wir auch in den »Master«-Auszeichnungen in aufbauenden Weiterbildungen wieder. Oftmals ist es wie bei den alten Weingütern: Wenn einmal der große Name etabliert ist, dann werden auch einige Rückschläge und Fehlentwicklungen nur langsam die Nachfrage zurechtrücken. Auch bei einigen Guru-Coachs hat sich gezeigt, dass die von ihnen behaupteten Qualifikationen eher den eigenen Wunschvorstellungen als den tatsächlich erbrachten Vorleistungen entsprachen. Geschadet hat es ihnen nicht, weil sie u. a. von einem System gestützt wurden, das der Maxime huldigt: Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg. Und das ist einer der wenigen Fälle, wo Tante Klaras Sprüche mal nicht zutrafen. Bei gegebenem Anlass pflegte sie zu sagen: »Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, aber schon mancher vom Gerüst.«

Fassen wir zusammen. Ein herausragender Wein kann für ca. 35 € produziert werden, von einer Coaching-Stunde zu ca. 130 € kann man eine qualifizierte Beratung erwarten.

Höhere Preisvorstellungen können in beiden Bereichen zu außergewöhnlichen Erfahrungen führen, und vielleicht sollte man sich mal auf das Abenteuer einlassen, sich im oberen Preissegment zu bewegen. Meine bisherigen Erfahrungen waren eher ernüchternd. Einmal hätte es beinahe geklappt, als wir uns mit Freunden zum Jahrtausendwechsel eine Flasche Château d’Yquem Jahrgang 1970 gönnen wollten. Alle schwärmten von dem Geschmackserlebnis. Nur ich schmeckte wegen einer starken Erkältung so gut wie gar nichts und konnte nur gläubig zuhören

Wie alt darf ein Wein sein? Und wie alt ein Coach?

Sollte es sich bewahrheiten, dass in unserer Gesellschaft die leistungsoptimierte Jugend den Erfahrungen und der Abgeklärtheit des Alters vorgezogen wird, dann ist die Entwicklung im Weinsektor deren Spiegelbild. Weine werden eher für den frühen Verbrauch produziert. Den Vorstellungen alter Weinhasen, sich von edelfirnen und ausgereiften Weinen begeistern zu lassen, begegnet man zunehmend mit Unverständnis. Und die tagtäglichen Erfahrungen bestätigen diese Erkenntnis. Einige Weinliebhaber haben sich vor Jahren einen Weinkeller angelegt, Geburtsjahrgänge und Weine für bestimmte Gelegenheiten zurückgelegt und müssen nun feststellen, dass diese Weine leider ihre besten Jahre im Keller zugebracht haben. Die ursprünglich violett-rote Farbe präsentiert sich in einem undurchsichtigen Braun, der Wein schmeckt schal, nach Frucht oder Säure sucht man vergebens.

In der Tat gibt es Weine, die für einen alsbaldigen Verbrauch produziert werden, und Weine, die auch heute noch tunlichst gelagert werden sollten. Die Lagerfähigkeit hängt von verschiedenen Faktoren ab, z.B. von den Rebsorten oder der Art des Ausbaus. Wein ist ein lebender Organismus, und auch in der Flasche verändert sich die Qualität in die eine oder andere Richtung. Säuren und Tannine werden abgebaut, einige Rebsorten (z. B. Cabernet Sauvignon und Mourvedre) scheinen ihr volles Potenzial erst in der Flasche zu entfalten. Das einzigartige Zusammenspiel von Säuren, Alkohol, Luftzufuhr, Schwefel und unterschiedlichen anderen natürlichen Inhaltsstoffen lässt Weine reifen und führt bisweilen erst nach Jahren zu einem optimalen Genuss. Weine werden dadurch komplexer, bauen Ecken und Kanten ab und entwickeln Aromen, die zu grandiosen Geschmackserlebnissen führen können. Weinkenner behaupten, dass ganz große Weine ihr Potenzial und ihre Komplexität auch schon in der Jugend erkennen lassen.

Analogien zur menschlichen Entwicklung legen aber nahe, dass je nach »Reife« sehr unterschiedliche Aromen im Vordergrund stehen können, die primären (fruchtbetonten) Aromen der Jugend, die sekundären (würzigen) des mittleren Lebensalters und die tertiären (balsamischen) Aromen des Vorruhestands mit ihren Anklängen an Waldboden, Unterholz und Leder. Und nicht bei allen läuft die Entwicklung – wie im richtigen Leben – immer glatt und geradlinig. Einige pubertieren früher oder später, beginnen sich wieder zu verschließen, werden sperrig und wenig genießbar, und man tut gut daran, sich mit ihnen auf später zu vertrösten. Aber all das sind Weine, die eine Veranlagung zur Komplexitätsentwicklung mitbringen, und auch hier gilt Tante Klaras Maxime: »Man ist immer so alt, wie man sich fühlt.«

Ich habe es auch damals schon so verstanden, dass es weniger auf das chronologische Alter als vielmehr auf das biologische und psychologische Alter ankommt. Sicher gehört zum biologischen Alter auch die genetische Grundausstattung in ihrem Wechselspiel mit Umweltbedingungen. Auch bei den Weinen gibt es Exemplare, die ihr Potenzial in der Jugend, und andere, die es erst im reifen Alter entfalten. Und es gibt ganz große Beispiele, gewissermaßen die Goethes und Beethovens unter den Weinen, die auf jeder Altersstufe eine gewaltige Komplexität erkennen lassen und die man, je nach Vorlieben und Stimmung, auf unterschiedlichen Stufen genießen kann.

Dennoch gilt: Angebot und Nachfrage im Spiegel unserer gesellschaftlichen Vorstellungen haben dazu geführt, dass gegenwärtig mehr Weine produziert werden, die schon in der Jugend ihr volles Potenzial entfalten und denen man im Alter nichts sehnlicher wünscht, als dass sie baldmöglichst in den wohlverdienten vorgezogenen Ruhestand gehen.

Da viele Weine jedoch nach der Abfüllung in einen schockähnlichen Ruhezustand verfallen, empfiehlt es sich, die meisten zumindest ein paar Monate liegen zu lassen. Es ist wie bei einer zu flotten Geburt, bei der ein neuer Erdenbürger erst noch eine gewisse Zeit mit einer ausreichenden Sauerstoffsättigung zu kämpfen hat und ein Verbleib auf der Intensivstation zu erwägen ist.

Gibt es aber Kriterien, um beim Erwerb eines Weines dessen Lagerfähigkeit und Entwicklung im Keller vorherzusehen?

Ein burgundischer Winzer hat mir einmal seine Daumenregel verraten:

 ▸ Unter der Voraussetzung eines dunklen und genügend feuchten (ca. 60–70 %) Weinkellers, der erschütterungs- und geruchsfrei relativ konstante Temperaturen von 10–16° C bietet, empfiehlt sich folgendes Vorgehen:

 ▸ Man öffnet die gekaufte Flasche nach den Regeln der Kunst und probiert ca. 0,1 l.

 ▸ Dann verkorkt man die Flasche leicht und stellt sie in den wohltemperierten Keller.

 ▸ Am nächsten Tag verfährt man ebenso und prüft die Geschmacksveränderung gegenüber dem Vortag. So verfährt man auch an den Folgetagen, bis man den Eindruck hat, der Höhepunkt des Genusses sei erreicht und werde nun überschritten. Die Anzahl der Tage bis zu diesem Zeitpunkt soll nun der Anzahl der Jahre entsprechen, in denen der gelagerte Wein sich wie verkostet entwickelt.

Meine bisherigen Erfahrungen mit dieser Methode lassen mich annehmen, dass man so zumindest Hinweise darauf bekommt, ob ein Wein über einen überschaubaren Zeitraum hinweg Entwicklungspotenzial hat.

Die Frage, ob nun der junge oder der alte Wein der angemessenere ist, lässt sich also aufgrund der Komplexität der Bedingungen nicht einfach beantworten.

Lässt sich die Frage nach dem optimalen Alter eines Coachs nun leichter und eindeutiger beantworten? Wohl kaum. Auch hier haben wir eine gewisse Tradition und implizite Vorannahmen. Da Erfahrung wohl mit dem Alter korreliert, Feldkompetenzen erst mal erworben werden müssen und die erfolgreich Innovativen zumeist eine längere Odyssee bis zur Anerkennung hinter sich gebracht haben, gehen viele Ratsuchende davon aus, dass Kompetenz etwas mit Alter zu tun hat. Auch die Coachingverbände scheinen, zumindest implizit, dieser Meinung zu sein. Erstrebenswert ist die Ausbildung als »Senior-Coach«, die Anforderungen an eine solche Qualifikation sind zumeist ein Mehr an Praxiserfahrung und zusätzliche, auf die vorherigen Weiterbildungsgänge aufbauende Kriterien. Die bereits oben erwähnte jugendorientierte Leistungsgesellschaft goutiert zwar die jungen, dynamischen Shooting-Stars. Aber es ist wie bei den jungen enthusiastisch aufgebauten Fußballtrainern, die viel kreatives und motivationsförderndes Potenzial mitbringen, bei denen das mehr oder weniger sachkundige Umfeld jedoch mahnend darauf hinweist, doch erst mal die ersten Krisen nach anfänglich euphorischen Erfolgen abzuwarten.

Und doch ist es wie beim Wein: Junge wie alte haben ihre spezifischen »Aromen«, und die Konsumenten haben bestimmte Erwartungen und Anlässe, die nicht allgemein mit der komplexen Strukturiertheit des Gegenübers, die sich ja erst im Alter zu voller Blüte entfaltet, bedient werden können.

Wir hatten bereits gehört, dass bei außergewöhnlichen Weinen diese Komplexität ja auch schon in sehr jungen Jahren aufscheinen kann. Und komplexe Strukturiertheit kann auch zum Selbstzweck werden, wenn etwa der Senior-Coach vor lauter selbstgefälliger Komplexität die ebenso komplexen Bedürfnisse seines Gegenübers gar nicht angemessen wahrnehmen kann.

Andererseits gibt es auch junge Shooting-Stars – ich denke da an einige sogenannte Motivationscoachs, die ihren Mangel an fundiertem Wissen lautstark mit Binsenweisheiten und Bullshit aus dem Esoterikkästchen der Psychologie und Neurowissenschaften kaschieren. Wenn ein Weinkenner einen Wein als laut oder zu laut bezeichnet, dann meint er damit häufig, dass statt Komplexität etwas im Vordergrund steht, das auf den allerersten Blick Aufmerksamkeit erheischt, dann aber die Unausgewogenheit des Gesamtkonzepts sehr schnell deutlich werden lässt.

Auch hier also das Fazit wie beim Wein: Es gibt gute und sehr gute junge wie alte Coachs. Aber neben dem Methodenrepertoire tragen ja nun auch noch andere Variablen zur Veränderungsvarianz bei. Je nach Fragestellung und persönlichen Vorlieben ist eine gelingende Beziehungsgestaltung von sehr vielen Bedingungen abhängig. Erlebte Authentizität und wahrgenommene Empathie, das subjektive Gefühl, dass die wahrgenommene Beziehung tragfähig sein kann, wird nur mittelbar vom Alter beeinflusst.

Vor Jahren machte ich eine Weiterbildung bei Frank Farelly, dem Begründer der provokativen Therapie. Ich war neugierig auf die Workshops, da mir humorvolle Provokationen eine Bereicherung meiner Interventionen versprachen. Zunächst war ich jedoch enttäuscht und fand keinen Bezug zu den Beispielen in den Therapiegesprächen. Bisweilen hatte ich den Eindruck, dass die in die Therapien eingestreuten Provokationen platteste und derbe Witzchen waren, die vielleicht Klienten aus dem mittleren Westen goutierten. Es war nicht mein Humor, und ich war trotz allem überrascht, wie diese Direktheiten bei den »mitteleuropäischen« Klienten zu Veränderungsprozessen führten. Kurz: Ich habe mich nach einiger Zeit aus dieser Art Provokation ausgeklinkt, aber es war auch etwas für mich dabei. Auf meine Frage nach der Qualifikation eines erfolgreichen Therapeuten sagte Farelly (pers. Mitteilung):

» Als ich meine grauen Haare bekam, wusste ich, dass ich die zwei wesentlichen Eigenschaften hatte, die einen guten Therapeuten auszeichnen: Die grauen Haare für das würdevolle und die Hämorrhoiden für das sorgenvolle Aussehen.«

Nun muss eine langjährige sitzende Lebensweise nichts mit Kompetenzsteigerung zu tun haben, Psychotherapie ist ja auch nicht Coaching. Dennoch geistert der etwas unscharfe Begriff der Lebenserfahrung durch die Professionalisierungsdebatten der Coaching-Verbände. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür: die Seniorität (vgl. Migge 2011).

Aber nicht jeder sucht – wie oftmals die Führungselite selbsternannter Weinkenner – die Edelfirne der Großen Gewächse.

Designerwein und Selbstoptimierung

In den USA hat sich die Unterscheidung zwischen Business- und Life-Coaching eingebürgert. Es gibt einige Anzeichen dafür, dass die Anliegen des Business, verbunden mit der Trainermentalität des »höher-weiter-schneller« einen Trend zur Selbstoptimierung eingeläutet haben, der – wie die Fitnesswelle – allen Beschäftigten offen oder unausgesprochen nahelegt, Leistungssteigerung in allen nur denkbaren Bereichen zu praktizieren. Einige Autoren sprechen schon von einer neuen Ersatzreligion – mit den Coachs und Fitnesstrainern als neuen (Hohe-)Priestern (z. B. Linke 2018). Und in der Tat folgen sehr viele mit den leuchtenden Augen der Bekehrten einer versprochenen Win-win-Situation, die dem Individuum und der Firma gleichermaßen zukommen soll. Die Grundbedürfnisse des Menschen nach Kompetenz und Autonomie (Selbstoptimierung) sowie nach sozialer Zugehörigkeit (im Betrieb) scheinen auf ideale Weise getriggert zu werden. Coachs berichten bereits, dass Kursangebote zu Stressabbau, Achtsamkeitsintensivierung und Wellness von den Mitarbeitern nur dann angenommen werden, wenn sie im Gewande der Selbstoptimierung auf der nach oben offenen Coachingskala daherkommen.

Und wie die Merkmale des Business-Coaching (ausgehend von US-amerikanischen Tendenzen) nach und nach in das Life-Coaching übernommen werden, hat die Nachfrage nach Selbstoptimierung nun den gesamten Coachingbereich erreicht. Gesundheitscoaching entfernt sich von einer gesunden Lebensführung wie die Erfüllung im Beruf von der Selbstausbeutung. Lern- und Elterncoaching läuft Gefahr, die unendliche Selbstoptimierung so früh wie möglich zu implantieren. Tante Klaras mit reichlich Entbehrungsgeschichten begleitete Aussage: »Ihr sollt es später einmal besser haben« verändert sich in die implizite Grundannahme: »Es ist nie zu früh, aus unseren Kindern Spitzensportler mit Nobelpreishoffnungen zu machen.«

Nun hat Darwin ja nie behauptet, dass der allseitig Kompetenteste und Tüchtigste die besten Überlebenschancen hat. »Survival of the fittest« bedeutet bekanntermaßen, dass derjenige gute Zukunftschancen hat, der sich den sich ändernden Umweltbedingungen am ehesten anpassen (to fit) kann. Und hiermit ist nicht die wahnwitzige Anpassung an Modetrends gemeint. Und auch nicht das Sich-Versammeln in einer nivellierenden Mitte. Dies wird dankenswerterweise in den Präambeln und Menschenbildannahmen einiger Beratungs- und Coachingverbände reflektiert.

Die Deutsche Gesellschaft für Beratung (DGfB) beispielsweise betont auf ihrem Wege zur Qualitätsentwicklung die reflexive Funktion von Beratung, die nicht nur davon ausgeht, dass der Mensch ein rationales, reflektierendes Wesen ist, sondern dass eine angemessene Beratung auch immer Reflexion der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beinhalten sollte. Verhalten heißt immer, sich in ein Verhältnis setzen zu etwas, und diese Verhältnisse, zu denen auch der Coach und die expliziten und impliziten Auftraggeber gehören, sind naturgemäß Inhalte eines Beratungs- oder Coachinggesprächs.

Und es lohnt sich für den Coach auch, bereits im Vorfeld der Weiterbildung und in der professionellen Supervision die gegenwärtig bevorzugten Konzepte der lösungs-, kompetenz- und ressourcenorientierten Grundannahmen und Methoden zu reflektieren (Illouz 2019). Analytische, behavioristische, nondirektive, humanistische, systemische u. a. Therapiemodelle haben immer auch die jeweiligen gesellschaftlichen Produktionsbedingungen widergespiegelt und bis in pädagogische Konzepte ausgestrahlt. Man könnte vermuten, sie trafen auf eine entsprechend aufnahmebereite und aufgeklärte Gesellschaft. Nun könnte man aber auch darüber spekulieren, ob die Modelle nicht die psychologische Begleitung und Befriedung gesellschaftlicher Konflikte widerspiegelten. Ob Therapeuten wie Coachs nicht aufkommende gesellschaftlich bedingte Konflikte stromlinienförmig handhabbarer machen sollten.

Mainstreaming ist überschaubarer, schränkt aber die Vielfalt menschlicher Darstellungsmöglichkeiten und Ausdrucksformen ungemein ein. Führen die Beihilfen zur Selbstoptimierung mit ihren impliziten Annahmen von vorhersehbaren, optimal designten Persönlichkeiten nicht zu einer Verarmung sozialen Zusammenlebens und unbefriedigter Neugier auf die Vielfalt menschlicher und damit kulturell bedeutsamer Ausdrucksformen?

Wobei wir mit einem conferencemäßigen Übergang schon bei den Designerweinen wären.

Der Ausbau des Weins im Keller ist zumeist die Begleitung eines prinzipiell unvorhersagbaren Ergebnisses, ein nur mittelbar zu beeinflussender Prozess, um die Entwicklung eines lebenden Organismus in einigermaßen geregelten Bahnen zu halten.

Wie schon bei der Erziehung der Reben im Weinberg hat auch der Weinbauer in Analogie zum Pädagogen eine didaktische Struktur, die er – wie ein professioneller Lehrer – praxisorientiert gelernt hat und mit seinem persönlichen Stil und seinen Wahrnehmungen über die bisherige Entwicklung in Einklang bringen will. Wohl dem, der die Vielfalt seiner Zöglinge im Auge behält, er erspart sich viele Enttäuschungen – schon gar, wenn er zunehmend häufiger feststellt, dass seine Schüler im Wesentlichen doch nur das tun, was sie wollen.

Auch hier gilt: Der Wein ist – im Sinne systemischer Denkmodelle (z. B. Maturana und Varela) – ein autopoietisches Wesen, das Informationen von außen zwar aufnimmt, dann aber eigenständig entscheidet, was ihm angemessen erscheint.

Der Winzer sollte also Angebote machen – und das schon ab Beginn der Pflanzung – und den Wein so in seiner Entwicklung begleiten. Der Versuch, ihm über ein strenges Korsett eine bestimmte Entwicklung instruktiv zu verordnen, muss scheitern. Kein zufriedener Pädagoge möchte die Erfahrung mit den Schülern missen, die sich im Rahmen günstiger Lernbedingungen zu individuellen Persönlichkeiten – mit Ecken und Kanten – entwickeln. Und es wäre gut für die Gesellschaft, wenn sie diese Ergebnisse gegenüber einer uniformen Zurichtung auf Numerus-clausus-Kriterien angemessen honorieren würde.

Ohne die Analogie zu pädagogischen Bemühungen allzu sehr strapazieren zu wollen: Auch im Weinbau gibt es natürlich zusätzliche Hilfen bis hin zu »sonderpädagogischen« Maßnahmen, wenn Entwicklungsprozesse aus dem Ruder laufen oder die individuellen Entwicklungspotenziale und Vorschädigungen besondere Maßnahmen nahelegen.

Stets ist der Winzer Lernbegleiter, der Hilfen anbietet, wenn Entwicklungsprozesse nachhaltig gestört erscheinen. Aber auch hier gibt es Kellermeister, die sofort mit massiven Maßnahmen reagieren, um die allgemeinen Geschmackserwartungen zu bedienen, und andere, die Verhaltensstörungen als herausforderndes Verhalten oder als eigenständige Lösungsversuche zugrunde liegender Schwierigkeiten deuten, entsprechend moderat reagieren und neugierig auf den weiteren gemeinsamen Entwicklungsprozess sind.

Zu den besonderen Maßnahmen im Weinbau gehören etwa Kryoextraktion, Umkehr-Osmosen, Crossflow-Filtration oder Vakuumverdampfung, man kann die riskanten Eigenhefen durch Reinzuchthefen ersetzen, man kann auf die traditionelle Maischegärung verzichten. Kein Lehrer wird das Risiko eingehen, vor versammelter Elternschaft einzugestehen, dass er einen ganzen Jahrgang unzureichend auf das Leben vorbereitet hat. Kein Winzer kann es sich erlauben, einen ganzen Jahrgang aus dem Verkehr zu ziehen. Und doch merkt man: Ein solchermaßen geretteter Wein ist trinkbar – manchmal sogar ohne Fehl und Tadel –, wird von vielen aber als langweilig oder ausdrucksarm zurückgewiesen.

Kommen wir noch einmal auf die Optimierungsidee des amerikanischen Business-Coaching zu sprechen. Hier bewegt man sich ja nicht im »unteren« sonderpädagogischen Bereich, hier sollen ja nicht Lerndefizite ausgeglichen werden: Angestrebt wird vielmehr »Hochbegabung« in möglichst vielen Kompetenzbereichen und für möglichst viele. Auch hierzu muss man zunächst einmal eine Analyse der Kompetenzen machen, die dem Anforderungsprofil entsprechen, und dann werden diese verstärkt ausgebaut.

Was Anklänge an die Schöne neue Welt hat, findet sich wieder in der Tendenz, Designerweine zu produzieren. Ausgehend von einer Analyse des zahlungskräftigen Publikumsgeschmacks werden Weine in die einzelnen Bestandteile zerlegt, physikalisch und biochemisch bearbeitet und dann wieder optimiert zusammengesetzt. Es ist das Schicksal von Barbiepuppen und Erdbeerjoghurt: So sehen die perfektionierten Produkte aus, und verzweifelte Eltern stellen fest, dass weder andere handgemachte Spielzeuge noch richtige Erdbeeren im Joghurt die Kids von ihren Präferenzen abbringen.

Unter Designerweinen verstehen wir hier also nicht die begradigten, mit sonderpädagogischen Maßnahmen, evtl. sogar mit Holzspänen statt mit Fassreife ausgebauten Weine. Es sind besonders gestylte Weine, die sich vor allem deswegen als raffiniert bezeichnen lassen, weil sie wie das Rohöl in einer Raffinerie in ihre Bestandteile zerdampft und zerschleudert werden. Der komplexe Ausbauprozess in der Wechselwirkung aus Estern, Terpenen und Pyrazinen wird in die einzelnen Substanzen zerlegt und dann in einer optimalen Abstimmung wieder zusammengefügt. Hinzu kommt nur so viel Alkohol (bis zu 14 %), dass der Wein steuerlich günstig bleibt, nicht zu sehr nach Sprit schmeckt und mit der ebenfalls dosiert zugesetzten Säure optimal harmoniert. Die dazu benötigten Geräte, die »Schleuderkegel-Kolonnen« kosten ein paar Millionen, sie sollen einem Gerücht zufolge den Uran-Isotopen-Schleudern entlehnt worden sein, die man für den Bau von Wasserstoffbomben konzipiert hatte.

Die Eigenschaften eines Weines, die dem gehobenen Weingeschmack entgegenkommen, werden solchermaßen optimiert – besser geht’s nicht. Aber auch hier arbeitet man daran, auch diese Optimierung noch weiter zu optimieren.

Ich habe Freunde, auf deren ausgewogenes Weinurteil und Neugier eigentlich Verlass ist, und deren Persönlichkeitsstruktur ich nicht mit der einiger fitnessbewusster Halbmarathonläufer gleichsetze, die von diesen Weinen schwärmen.

Was noch nachzutragen wäre: In der sonderpädagogischen Fachliteratur gibt es den Ausdruck der »erlernten Inkompetenz«: Reaktionen der Umwelt auf eine frühe Diagnose der »Behinderung« – genauer müsste es heißen: einer vermuteten Schädigung – führen dazu, dass die Eigenständigkeit der so bezeichneten Kinder nicht angemessen, weil immer durch eine vermeintliche Schon- und Unterstützungseinstellung beeinträchtigt, gefördert wird und sich so erst zu einer Behinderung auswächst (vgl. Holtz 1994). Hier werden also erst durch das Wirken der relevanten Bezugspersonen Inkompetenzen und Defizite generiert.

Darüber hinaus werden im Mainstream definierte Inkompetenzen auch als solche wahrgenommen, obwohl sie für die Bewältigung von Schwierigkeiten und die Bedürfnisbefriedigung von Individuen häufig die angemessene Reaktion darstellen, um eine befriedigende Entwicklung zu gewährleisten. Watzlawick und andere haben in der Tradition Milton H. Erickson darauf hingewiesen, dass als Symptome oder Probleme bezeichnete Verhaltensweisen häufig individuelle Problemlösungsversuche kennzeichnen, die es wertzuschätzen und zu unterstützen gilt. Beim Coaching werden diese Ideen bereits berücksichtigt, »Probleme« werden als Hinweise auf individuelle Lösungsversuche gesehen, die vielleicht noch nicht erfolgreich sind, die man aber als Ressourcen unterstützen und zielgerichteter gemeinsam ausrichten kann. Außerdem kann es für das Selbstkonzept und die Selbstwerterhöhung von Individuen äußerst hilfreich sein, dass man von außen definierte Inkompetenzen als kompetente Strategien ansieht, die eigene Entwicklung glaubwürdig und viabel voranzubringen.

Mehr Mut zur Inkompetenz! Wer will mir einreden, dass ich bestimmte Kompetenzen unbedingt brauche? Vielleicht sind Übergewicht und die zu dessen Erhalt bevorzugten Nichtaktivitäten doch gesünder, als uns die Verkäufer von Fitnessuhren nahelegen wollen. Vielleicht sind schweijksche Demonstrationen kognitiver und sozialer Inkompetenz doch überlebenswichtiger als eine bedingungslose Kompetenzorientierung (schon Tante Klara wusste aus Erzählungen ihres Mannes aus dem Kriege 70/71 zu berichten, in denen der Spieß mit der Frage »Wer kann Klavier spielen?« Freiwillige für Sonderkommandos aussuchte).

Fritz Simon hat vor einigen Jahren die Vorzüge eigener Inkompetenzorientierung aufgezeigt (Simons systemische Kehrwoche), Gunther Schmidt hat plausible Argumente dafür, Burn-out – wie auch andere Symptome und Probleme im Sinne des Ansatzes von Milton H. Erickson – als kompetente Entwicklung des Organismus anzusehen (Schmidt 2011), die es zu unterstützen gilt.

Wie weit sollte also der Eingriff in die Entwicklung des Organismus Wein gehen?

Wollen wir hier die Schöne neue Welt oder sind uns die Anklänge an Fehlentwicklungen und ungewöhnliche Untertöne eine willkommene Gelegenheit, die Persönlichkeit des Weins und des Winzers gebührend zu feiern?

Natürlich müssen wir uns nicht alles bieten lassen.

Wir werden darauf zurückkommen, wenn wir weiter unten über Weinfehler nachdenken. Und schon im nachfolgenden Kapitel werden wir den Umgang mit Paradoxien im Gesundheitssystem am Beispiel des »French paradox« unter ähnlicher Perspektive diskutieren.

1 Deutsche Gesellschaft für Beratung e. V.

2 Deutscher Bundesverband Coaching e. V.

3 Institut für lösungsorientierte Beratung und Supervision.

4 Europäischer Qualitätsrahmen für lebenslanges Lernen.

5 Deutscher Qualifikationsrahmen.

6 Roundtable Coaching e. V.

Wein, Coaching und Gesundheit
The French paradox

Trotz all der kalenderspruchaffinen Lebensweisheiten ist es meiner Tante Klara doch nicht gelungen, ein sehr hohes Alter zu erreichen. Vielleicht hing es mit ihrem unerschütterlichen Glauben an die Wirksamkeit von Melissengeist zusammen, der »im Prinzip« schon zutreffend, von der Dosierung her, zumindest in Klaras fortgeschrittenem Alter, aber wohl kontraindiziert war. Es war ja nicht nur die unnachahmliche Mischung aus (Heil-)Kräutern, sondern auch der unvergleichlich hohe Anteil an Alkohol, der kurzfristige Linderung von manchen Beschwerden versprach, mittelfristig aber Nebenwirkungen zeitigte, die man besser mit Arzt oder Apotheker abgesprochen hätte.

Auch in der Coaching- und Weinbranche gibt es so manche Gesundheitstipps, die »im Prinzip« wohl zutreffend, in der oft marktschreierisch vorgetragenen Verallgemeinerung bestenfalls Bullshit (Frankfurt 2014; Wirl u. Ebert 2017), schlimmstenfalls aber Aufruf zur Körperverletzung sind. Und damit meine ich nicht nur einige misslungene Aufstellungs- und NLP-Angebote, die zumeist von wenig professionellen Adepten durchgeführt werden.

Ähnlich verhält es sich mit dem sogenannten French paradox:

Ende der Siebziger-Jahre entdeckten Forscher in Frankreich (!), dass die Bewohner südlicher Regionen, obwohl sie sich fettbetont und kalorienreich ernährten und intensive Zigarettenraucher waren, weniger Herzinfarkte erlitten als die Bewohner anderer Regionen und Länder. Dies wurde vor allem auf ein Merkmal französischer Lebensweise zurückgeführt: das regelmäßige, jedes Essen begleitende Gläschen Rotwein.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Rotweinvermarktung in Frankreich zum damaligen Zeitpunkt in einer tiefen Krise steckte – allein schon deswegen nicht, weil die Weinvermarktung in Frankreich nach Aussagen der Interessenverbände schon seit mindestens 100 Jahren in einer tiefen Krise steckt. Weinproduzenten freuten sich, Weinfreunde nahmen die Argumente gerne auf, und Wissenschaftler beantragten Fördermittel für weitergehende Studien. Theoretisch erklärbar war die gesunde Wirkung des Weines anhand seiner Inhaltsstoffe, vor allem der Polyphenole, und hier insbesondere solche aus der Schale der Trauben, die bei der Rotweinbereichung ja während der Gärung länger in der Maische verbleiben.

Wie andere pflanzliche Stoffe, man denke an Tante Klaras Melissengeist, sollte auch das beispielsweise identifizierte Resveratrol die Blutfettwerte verbessern, einer Arteriosklerose vorbeugen und somit das Infarktrisiko senken.

Auf dem Europäischen Kardiologenkongress 2008 wurden die Befunde von Forschungsergebnissen an mehr als 200.000 Teilnehmern präsentiert: Ein maßvoller Weinkonsum sollte das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um ca. 30 % reduzieren.

Ich weiß nicht, ob die Forscher schon damals in ihren Veröffentlichungen angeben mussten, von wem sie Fördergelder und andere materielle Unterstützung bezogen. Auch ohne diesen Hinweis ist offenkundig, dass es selbst in der strengen Wissenschaft keine »unbefleckte Erkenntnis« geben kann. Die Auswahl der vom Forscher als relevant erachteten Variablen und die Vorannahmen möglicher Wechselwirkungen bestimmen ja schon das Forschungsdesign. Und so mehrten sich bald auch die Stimmen, die das Wohlergehen der mediterranen Völker auf andere Variablen zurückführten: die spezifischen genetischen Besonderheiten, die sonstigen Ernährungsgewohnheiten, die durch das mediterrane Klima geförderten häufigeren sozialen Kontakte an frischer Luft usw.

Ein Befund ließ sich jedoch nicht relativieren: Alkohol ab einer gewissen Menge schadet der Gesundheit. Er beeinflusst das Immunsystem, schädigt die Verdauungsorgane und erhöht das Krebsrisiko für Mundhöhle, Rachen, Kehlkopf und Speiseröhre. Darüber hinaus ist er eine Kalorienbombe, die u. a. den Fettabbau beeinträchtigt. Eine Flasche Wein entspricht ungefähr dem Kaloriengehalt einer Tafel Schokolade. (Apropos Schokolade: Gibt es nicht auch Untersuchungen über die heilsame Wirkung stark kakaohaltiger Schokolade?)

Und so nimmt es auch nicht Wunder, dass nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 6.9.2012 Pfälzer Winzer ihren Wein nicht mehr als »bekömmlich« anpreisen dürfen. Und ehe nun hämische Gedanken aufkommen: Auch Winzer anderer Regionen dürfen so nicht werben. Kein Getränk mit mehr als 1,2 Volumenprozent Alkohol darf derartige »gesundheitsbezogene Aussagen« enthalten - also eigentlich auch nicht Melissengeist.

Aber was heißt »bekömmlich«? Empfohlen wird ein Trinken in Maßen. Wenn es denn stimmen sollte, dass Weintrinker gesellige Menschen sind, welche die vielfältigen Genusserlebnisse in Verbindung mit abwechslungsreichen Speisen genießen und ihre positive Grundeinstellung nicht vornehmlich zu Zeiten des Vollrauschs pflegen, dann stärken sie auch auf diesem Wege ihr Immunsystem und reduzieren, bei moderatem Genuss, ihre Anfälligkeit gegenüber alkoholtypischen Erkrankungen. Ein »Prosit« oder »Wohl bekomms« in angenehmer sozialer Atmosphäre könnte auch vom biopsychosozialen System positiv wahrgenommen werden.

»Es gibt mehr alte Trinker als alte Ärzte«, pflegte Tante Klara zu sagen. Den zumeist in ziemlicher Einsamkeit konsumierten Melissengeist hat sie wohl nicht als diesbezügliches Getränk wahrgenommen.

Und noch eins: Ich habe den Eindruck, dass unter den Schöpfern tröstlicher Kalendersprüche und auch gehaltvollerer Aphorismen deutlich mehr Weintrinker sind als etwa bei den Entwicklern und Übersetzern von Gebrauchsanweisungen. Auch wenn Tante Klara mein Favorit ist: Die meisten zitierwürdigen Sprüche kenne ich von begnadeten Trinkern – Shakespeare und Goethe, z.B. der wohl bekannteste Spruch aus seinem Götz von Berlichingen: »Der Wein erfreut des Menschen Herz.«

Nun ist es nicht so, dass die Coachingbranche von Paradoxien verschont bliebe. Vielleicht kann sie besser damit umgehen, zumindest die systemisch orientierten Fachleute. Fritz Simon hatte in der Tradition von Luhmann auf den angemessenen Umgang mit paradoxen Situationen vorbereitet. Schon vorher waren einige Standesvertreter regelrecht vernarrt in die Möglichkeiten paradoxer Interventionen. Und dennoch kamen, gewissermaßen durch die Hintertreppe, einige Paradoxien in das nicht sonderlich theoriengestählte Denkgebäude, deren Ambiguität nicht sofort wahrgenommen wurde. Es waren u. a. das Hawaii-Paradoxon (Werner) sowie das Israelische Paradoxon (Antonovsky), dem sich bald das Angloamerikanische Paradoxon (Seligman) beigesellte.7

Sehr vereinfacht gesagt schien sich folgende Gesundheitsmaxime durchzusetzen: Es kann einem so dreckig gehen wie nur möglich, der Mensch verfügt »von Haus aus« über individuelle protektive »Eigenschaften«, die ihn dazu befähigen, trotz allem ein erfülltes und glückliches – und somit gesundes – Leben führen zu können. Um es mit dem Weinkonsum zu vergleichen: Auch die körperlichen und psychischen Gefahren eines intensivierten Alkoholkonsums sind vernachlässigbar im Vergleich zu den sozio-psychologischen und physiologischen Vorzügen von Geselligkeit und Phenolen unterschiedlicher Provenienz. Der protektive Anteil der letztgenannten Variablen überwiegt bei Weitem den möglichen Schaden – ja, sie können sogar kompensatorisch, gesundheitsförderlich wirken.

Im von mir so genannten Israelische Paradoxon postulierte Antonovsky aufgrund der Überlebensgeschichten von Holocaust-Opfern die überlebensförderlichen Variablen des Kohärenzgefühls, d. h. der subjektiven Wahrnehmung von Traumatisierten, ihr Leben als verstehbar, bewältigbar und bedeutsam zu beurteilen. Diese Befunde bildeten die Grundlage der sog. Salutogenese, eines Theoriegebäudes, das nun nicht die traumatisierenden Prozesse und die damit verbundenen Schädigungen – wie in der klassischen Pathogenese –, sondern die gesundheitsförderlichen Bedingungen in den Fokus der Interventionen stellte. Es war weniger ein Krankheits- als vielmehr ein Gesundheitsmodell. Die Frage war: Was hält Menschen trotz widriger vergangener oder gegenwärtiger Bedingungen gesund? Und Antonovsky stellte fest: Krankheit und Gesundheit sind keine Gegensätze, sondern beide Begriffe sind auf einem Kontinuum anzusiedeln, mithilfe dessen sich die Befindlichkeit eines Menschen beschreiben lässt. Die Frage lautet also nicht mehr wie im klassischen Krankheitsmodell: Wie lassen sich Defekte lindern oder beseitigen, sondern auch: Wie lassen sich darüber hinaus die Gesundheitsanteile – als Ressourcen gesunder Lebensführung – stärken?

Ein weiteres Paradoxon, nennen wir es das Hawaii-Paradoxon, wurde ein wenig später heftig diskutiert. Emmy Werner (2006) stellte in einer Längsschnittstudie bei unterprivilegierten und verarmten Ureinwohnern Hawaiis fest, dass sich einige trotz massiver Beeinträchtigungen in der Kindheit zu erfolgreichen, im Sinne amerikanischer Kriterien lebenstüchtigen Menschen entwickelten. Deren Fähigkeit, sich – von allen negativen Erfahrungen relativ unbeeindruckt – im vorherrschenden Gesellschaftssystem zu behaupten, nannte sie Resilienz. Dieser Begriff war vorher vornehmlich Zahnärzten und Materialprüfern vertraut, bezeichnete er doch die Fähigkeit von Materialien, sich bei Belastungen wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückzubilden. Resilienz war nach diesem Verständnis also die Fähigkeit, von massiven Eindrücken der Umwelt möglichst unbeeinflusst zu bleiben.

Auch diese Befunde mehrten die Hoffnung, geeignete Bedingungen bereitstellen zu können, um präventiv oder kompensatorisch gegenüber belastenden und schädlichen Umwelterfahrungen aktiv zu werden.

Sie passten hervorragend in Theoriengebäude, die in der Entwicklungspsychologie etwa von Cicchetti im Rahmen einer Entwicklungspathologie, vorher vom Piaget-Schüler Kohlberg und Mitarbeitern, in der Soziologie sowie in der Psychotherapie von Verhaltenstherapeuten (Ullmann u. Krasner 1969; Keupp 1974) und vor allem von Milton H. Erickson postuliert wurden.

War es notwendig und zielführend, bei psychischen Verhaltensbesonderheiten, die von der Gesellschaft als störend angesehen wurden, das klassische medizinische Modell zugrunde zu legen? Aus der Tradition heraus, die Psychopathologie in den klassischen medizinischen Kanon aufzunehmen, war das nachvollziehbar. Aber vor allem die Orientierung an zu behandelnden Defekten schien vielen Fürsprechern eines alternativen Pathologiemodells nicht nachvollziehbar. War es nicht eher die unzureichende Ausstattung mit entwicklungsförderlichen Ressourcen, ein ungünstiges Verhältnis von schädigenden und protektiven Faktoren, welches zum Zustandsbild eines entwicklungsbeeinträchtigten Individuums führte? Und war die Etikettierung eines solchen Prozesses als abweichend nicht auch und vor allem einem gesellschaftlichen Erwartungshorizont und spezifischen gesellschaftlichen Interessen geschuldet? War die Verhaltensauffälligkeit vielleicht sogar die beste Möglichkeit eines Individuums, im Rahmen seiner einschränkenden Bedingungen mit den vorfindbaren »objektiven« Schwierigkeiten umzugehen?

Auf diesen fruchtbaren Boden alternativer Pathologie und Entwicklungsmodelle fielen die Befunde von Antonovsky, Werner und deren Mitarbeitern. Es waren Modelle, die Anlass boten, die zum Teil postulierten Paradoxien zugunsten eines angemessenen Gesundheitsmodells auflösen zu können. Auch diese alternativen Ansätze eröffneten ein erfolgversprechendes Forschungsfeld, das in der Abkehr vom »medizinischen Modell« nicht nur sozialwissenschaftlichen Zugangsweisen, sondern bald auch dem ganzen Spektrum alternativer Denkmodelle und deren vorschnellen Gesundheitsempfehlungen den Weg ebnete. Um bei unserem French paradox zu bleiben: Aus der Empfehlung, die Inhaltsstoffe des Weines auf seine gesundheitsfördernde Wirkung hin zu analysieren und in die Gesundheitsempfehlungen aufzunehmen, wurde die von Weintrinkern etwas zu schnell und umso bereitwilliger verstandene Empfehlung: »Trinkt mehr Rotwein, und ihr bleibt gesund.«

Meines Erachtens war es einer der größten Fehler, das kritisierte medizinische Defektmodell (d.h., es wird ein quasi-organischer Defekt postuliert) in ein Defizitmodell (mit dem Fokus auf Minusvarianten von Kompetenzen) umzuwandeln (s. auch die Diskussion in der Sonderpädagogik, Holtz et al. 1984). Es galt von nun an als angesagt, nur noch die vorhandenen Kompetenzen und Ressourcen eines Individuums in den Blick zu nehmen und Kataloge von optimal ausgeprägten Merkmalen zu erstellen. Ein Credo der Beratungslandschaft war: Die erforderlichen Ressourcen und Kompetenzen sind ja eigentlich vorhanden, aber durch widrige gegenwärtige Umstände blockiert oder verschüttet. Aufgabe eines Coachs war es dann nicht, Ratschläge zu geben, wie man diese erwerben oder stärken könne, sondern durch geeignete Interventionen, zumeist Fragen, diese Blockaden zu überwinden und den Klienten mit dem guten Gefühl zu entlassen, dass er es ja eigentlich selbst gewesen sei, der seine vorher nicht zur Verfügung stehenden Ressourcen freigeschaufelt habe.

Und spätestens hier wurde das in der Paradoxie enthaltene Dilemma deutlich: Im Prinzip war es richtig, auch an die eigenen Kompetenzen und Ressourcen zu erinnern. Aber bei jeder Thematisierung solcher Eigenschaften und Fähigkeiten musste ja auch damit gerechnet werden, dass es innere wie äußere Bedingungen gab, die nur zu einer schwachen und unzureichenden Ausprägung führen konnten. Und es gab sicher auch Gewohnheiten und Verhaltensbesonderheiten, die sich nicht in Kompetenzen und Ressourcen umformulieren ließen (Holtz 2006). Ferner waren Wechselwirkungen anzunehmen, welche je nach vermuteter Transaktion die eine oder andere Auswirkung haben konnten.

Begünstigt wurde diese optimistische Aufforderung zur ausschließlichen Benutzung der »sunny side of the street« dann endgültig durch das angloamerikanische Paradox der Positiven Psychologie, welches all die genannten Vorarbeiten auf unnachahmliche und konsequente Weise aufgriff. Schon in der amerikanischen Verfassung war das Streben nach Wohlergehen und dem Glück der Freiheit ein erklärtes Ziel. Mit dem Gründungsmanifest Seligmans und seines Mitstreiters Csikszentmihalyi (den Eingeweihten als Erfinder des Flow-Konzepts bekannt) zur Positiven Psychologie (Seligmans u. Csikszentmihalyi 2000) – das sich für einen an wissenschaftlichem Denken orientierten Leser mehr wie ein Offenbarungsmanifest liest – begann mit diesem Jahrtausend die wissenschaftliche Erforschung und Propagierung menschlichen Glücks als Voraussetzung allseitigen Wohlergehens.

Ich will hier nicht auf all die Auswüchse eines erbarmungslos positiven Denkens für die helfenden Berufe eingehen, hierzu empfehle ich das ausgezeichnete Buch von Cabanas und Illouz (2019). Festzustellen ist jedoch, dass die hilfreichen Modelle der Salutogenese und der Resilienzforschung in den Strudel einer glückstrunkenen Psychoszene gerieten, die auch die Coachingszene nicht verschonte, ja, sich ihrer sogar ausgiebig bediente. Glück war nun nicht mehr ein bisweilen aus paradoxen und unvorhersehbaren Wechselwirkungen innerer und äußerer Bedingungen entstehender Prozess, zumeist in einer intensiven Auseinandersetzung mit menschlichem Leid. Glück wurde eine quantifizierbare Eigenschaft menschlicher Lebensverwirklichung, die somit nicht nur zu einer ökonomischen Wirkgröße wurde, sondern auch zu einer Kompetenz, die trotz aller widriger Umstände und sozialer wie finanzieller Ungleichheiten in den Schulen als Lernfach angeboten wurde. In seinem Buch Wie wir aufblühen wandte sich Seligmann (2015) explizit an all die »Persönlichkeitsentwickler«, wie Elaine Swan sie nannte – all diejenigen, die nicht in Heilberufen tätig waren und sich somit noch ein wenig dem medizinischen Denkmodell verpflichtet fühlten, sondern diejenigen, die sich in einem falsch verstandenen salutogenetischen Ansatz z.T. der Methoden der Psychotherapie bedienten, um Menschen dabei zu unterstützen, optimaler, arbeitsfähiger und glücklicher zu werden.

»Make coaching great again« – Seligmann sprach explizit den riesigen Coachingmarkt an:

»Die Positive Psychologie in der Praxis als Coach oder Therapeut anzuwenden, Schülern in der Schule Übungen der Positiven Psychologie zu geben, kleine Kinder mit Positiver Psychologie zu fördern, Feldwebel in der Hilfestellung zur Überwindung Posttraumatischer Belastungsstörung zu schulen, andere Positive Psychologen zu treffen und einfach nur über Positive Psychologie zu lesen – all das macht Menschen glücklicher. Die Menschen, die in dieser neuen Disziplin arbeiten, gehören zu den Personen mit dem größten Maß an Wohlbefinden, die mir je begegnet sind« (zit. nach Cabanas u. Illouz 2019, S. 32).

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Volume:
294 p. 7 illustrations
ISBN:
9783849783372
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Bookwire
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