Read the book: «Zijas Perlen»
Karl Friedrich Kurz
Zijas Perlen
Roman
Dritte Auflage
Saga
Zijas Perlen
© 1929 Karl Friedrich Kurz
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711518465
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Meiner lieben Schwägerin
Rosa Adelheid
Weggenossen
Ein Dampfer fährt durchs Rote Meer nach Süden.
Im tiefen Himmel steht der Mond als eine blanke Scheibe, grünlich schillernd und unglaubhaft nah. Er bildet keinen Kreis. Seine obere Seite ist eingedrückt und ein wenig zerzaust. Aber er scheint doch so hell, dass man die Löcher an den Blöcken der hochgezogenen Ladebäume deutlich erkennen kann. Die Blöcke umkränzen den Mast wie eine Reihe Totenschädel. Unter den Kolbenstössen der Maschine zittern sie unaufhörlich.
Südwärts streicht der Wind. Auf spitzen Wellen knistert der Schaum und glitzert fahl im Mondlicht. Der Rauch aus dem Schornstein steigt in gerader Linie zu Riesenhöhe empor, wächst als eine schwarze Säule in den leeren Nachthimmel und breitet sich hoch oben aus wie die Krone eines ungeheuren Baumes.
Schon zwei Tage lang stand dieser schwarze Baum über dem Dampfer und überschattete ihn. Zuweilen rieselt es wie feiner Regen aufs Deck herab. Das ist Russ und kein Wasser, denn der Himmel hat seit Wochen keine Wolken.
Der Dampfer steuert den Kurs auf Bab el Mandeb, das Tor der Tränen.
Qualvolle Hitze erfüllt ihn. Nicht der geringste Windzug kühlt seine Stahlwände. In den engen Räumen scheint die Luft zu kochen, und sie ist stickig und schwer, verdorben vom Kohlenstaub und den Dünsten aus dem Maschinenraum. An der Holzvertäfelung wölbt sich der Lack zu Blasen und springt ab. Zwischen den Planken quillt das Pech auf.
Die Menschen hat ein unruhiger Fiebertaumel erfasst. Sie gehen wie im Traum mit aufgedunsenen Gesichtern und bangen, stieren Augen. Das ist die Hölle.
Die Menschen haben sich lange gegen die Hitze gewehrt. Aber allmählich wurde ihr Wille gelähmt. Wenige sind nur noch, die sich nicht unterworfen haben.
Auf dem obersten Deck geht Omsky mit langen Schritten hin und her, vom schwarzen Schornstein bis zum niedern Bord, auf dem die Brandeimer stehen. An der einen Seite seines Weges hat er die Rettungsboote, an der andern die Luftschächte der Innenräume. Die Boote beben und zerren unablässig in ihren Tauen. Über den Schächten sind die Luckenfenster weit geöffnet. Sie gemahnen an mächtige Vögel, die ihre Schwingen zum Fluge breiten.
Omsky ist in Port Said auf den Dampfer gekommen. Er ist hoch und schmal mit verwittertem Gesicht und scharfen Zügen. Seine Augen sind grau und klar, manchmal scheinen sie zu brennen, so hell sind sie. Omsky hat noch mit keinem geredet. Man sieht ihn nur stets auf seiner Wanderung.
Hinter der langen Reihe der Luftschächte im gespannten Segeltuch über einem Rettungsboot liegen Basil Nada, ein Kaufmann aus Damaskus, und der Forscher Nordau.
„Warum haben Sie denn nicht ein Schiff bis nach Dschidda genommen?“ fragt Basil Nada schläfrig. „Von Dschidda geht doch eine grosse Karawanenstrasse nach Mekka. Und von dort haben Sie den alten Weg nach Sana.“
„Diesen Weg kenne ich,“ entgegnet der Forscher. „Er ist lang und teuer. Ich habe wenig Zeit. Ich verfüge auch nur über geringe Mittel. Deshalb werde ich den Kapitän überreden, dass er bei Hodeida unter die Küste geht.“ Plötzlich beugt er sich vor und flüstert: „Ich will nach Marib!“
„Nach Marib?“
„Dem alten Saba, der einstigen Hauptstadt des Sabäerreiches.“
Für einen Augenblick erwacht Basil Nada aus seiner müden Gleichgültigkeit.
„Oh — oh! Sie werden nie nach Marib kommen! Die Araber werden Sie umbringen.“
Es gibt eine Pause. Dann sagt Nordau in verändertem Tone: „Ich bin dort gewesen, fast drei Jahre lang ... Wie Halevy verkleidete ich mich als armen Juden. Die Araber sind viel zu stolz, als dass sie einen unbewaffneten Juden angreifen würden. Das liegt unter ihrer Würde ... Ja — ich war in Saba ... Und ich habe vieles gefunden und verborgen.“
Basil Nada ist in der Tat sehr schläfrig. Mitternacht muss vorüber sein. Man wird sich auch diese Nacht wieder hier auf dem schmutzigen Segeltuch zum Schlafen legen müssen, unter der Krone des Rauchbaumes, aus dem es Russ regnet.
„Was haben Sie denn gefunden?“
„Ungeheuere Schätze! Sagenhafte Reichtümer, Dinge, die von unermesslichem Werte sind ...“
Nordau wird eifrig. Er vergisst Hitze und Russ.
„Ich bin den Spuren Eduard Glasers gefolgt ... Wie hat man diesem Deutschen doch unrecht getan! Er war einer der kühnsten Forscher aller Zeiten. Jahrelang lebte er in Tunis und in Ägypten, um sich mit den Sitten und der Sprache der Araber vertraut zu machen. Als Moslem verkleidet drang er ins Innere Jemens vor. Und er erwarb sich die Freundschaft vieler Stämme. Noch heute redet man in den Lagern von ihm. Im zivilisierten Europa aber liessen die Gelehrten seine Entdeckung nicht gelten und missgönnten ihm seinen Erfolg.“
Basil Nada steht Nordaus Wissenschaft kühl gegenüber. Jedoch Schätze sind auch für ihn von Wichtigkeit. Er zündet sich eine Zigarette an.
„Welcher Art sind die Sachen, die Sie gefunden haben?“
„Inschriften, Kunstgegenstände — ganze im Sande versunkene Städte ...“
Enttäuscht sinkt der Kaufmann aus Damaskus wieder auf das Segeltuch zurück.
„Sie hätten Gold finden sollen, mein Bester, oder Edelsteine.“
„Gold?! Was ich fand, ist mehr wert als Gold. Ich habe alles im Sande vergraben. Viele Kamellasten ... Man muss eine Expedition ausrüsten. Der Weg ans Meer ist beschwerlich und lang. Das wird viel Geld kosten. Ich habe in meiner Heimat Hilfe für die grosse Sache gesucht. Vergebens. Man behandelte mich mit Misstrauen und Spott ... Aber jetzt werde ich es auf eigene Faust machen. Vielleicht geht es mir dabei, wie jenem Siegfried Langen, den die Beduinen beim Baden erschlugen ... Wissen Sie, was sein letztes Wort war?“
Nein, das weiss der Kaufmann aus Damaskus nicht.
„Amân — Gnade.“
So. Inwiefern man das denn überhaupt wissen kann?
Man kann das wissen, denn seine Mörder erzählten es.
Dann allerdings — aber Basil Nada meint, dass dieser Nordau von einer Idee besessen sein müsse. Es ist ihm wenig erwünscht, sich mit einem Besessenen einzulassen. Es scheint ihm auch ganz nutzlos, einem Besessenen zu widersprechen.
Basil Nada ist gewohnt mit realen Dingen zu rechnen, Handel zu treiben mit Muselman, Nazarener und Franke; für versunkene Städte hat er keinen Sinn. Nun lässt er den Forscher reden und raucht schweigend.
Basil Nada will nach Aden fahren. Er will von Aden hinaufziehen ins unwegsame Persien bis nach Teheran, um Teppiche zu kaufen. Übrigens passt es ihm nicht, dass das Schiff bei Hodeida unter die Küste gehen soll. Basil Nada kennt diese gottverlassene Küste ein wenig und weiss, dass sie gefährlich ist. Daher lauscht er den mit Erregung geflüsterten Worten Nordaus mit Unbehagen und stiller Ablehnung. Er hört sie wie ein unliebsames Geräusch und denkt dabei an sein neues prächtiges Haus in Damaskuscham. An die enge gelbe Gasse denkt er, an den zweimal gekrümmten Weg zur Gartenpforte. Hinter der Gartenpforte liegt es wie ein kleines Paradies. Orangenbäume blühen, eine Fontäne plätschert im runden Becken aus schwarzem Marmor. Die kleinen Wege sind mit roten Fliesen ausgelegt. Und Feridêh füttert die Tauben. Feridêh ist wie ein schmales Mädchenkind. Sie zählt nicht mehr als sechzehn Sommer. Sie ist vor kurzem sein Weib geworden und der Gipfel seines Wohlstands ...
Die Zigarette ist ausgeraucht und fliegt in kurzem Bogen über das Segeltuch in die Tiefe, aus der es rauscht und gurgelt und brodelt.
Auf Armeslänge vom Kaufmann funkeln zwei Augen. Eine heisere Stimme flüstert: „... grosse Städte liegen in der Wüste verschüttet — ich habe sie gesehen. Mächtige Wasseranlagen bis ins ferne Gebirge ... Einmal war es ein reiches Land, das gepriesene Land aus der Bibel ... Und über allem ruht noch das Geheimnis ...“
Von der Back her, aus dem Matrosenlogis kommen die Klänge einer Ziehharmonika, bald leiser, bald lauter, als ob die Tür, hinter der der Spieler sitzt, ohne Unterlass geschlossen und geöffnet werde.
Am Eisengeländer der Brüstung lehnt der Heizer Omar, der Freiwache hat und nun übers blinkende Meer hinausschaut.
Omar grübelt ... Hinter dem Meer liegt viel Land. Gebirge liegen da, Wüsten, Städte und Dörfer. Und dort, weit hinten, liegt eine Stadt, die heisst Damaskuscham. Ein kleines Stück hinter Damaskuscham ist eine Karawanserei, Feigen- und Mandelbäume werfen ihren Schatten über den Brunnen. Hinter dem Brunnen liegt ein Garten. Im Garten ganz verborgen steht eine Hütte. Das ist Omars Hütte ... Omar sieht sie so klar und deutlich im Dämmerschein, weit hinten ...
Als der grosse Krieg kam, hat man Omar von Hasne fortgeholt, man hat ihm Waffen gegeben, befahl ihm zu kämpfen. Er versteht das alles auch heute noch nicht. Aber da es gegen Ungläubige ging, kämpfte er gerne. Man hat ihm später die Waffen wieder abgenommen und gab ihm dafür die Freiheit zurück. Das war in einer fremden Stadt. Niemand kümmerte sich mehr um ihn. Nun kann er den Rückweg zu seiner Hütte nicht mehr finden. Aber, Inschallah — wenn es Gott gefällig ist, wird er Hasne wiedersehen. Alles steht doch in Allahs Hand. Aber es ist schwer, dieses Leben unter den Ungläubigen, die gottlos sind und in fremder Zunge reden und tun und essen und trinken, was der Koran verbietet.
Auch Omar ist müde. Bei Allah — sein Blut ist flüssiges Blei. Und hier auf diesem mächtigen schwarzen Schiff ist keine Ruhe. Omar geht über das Vordeck der Tür zu, aus deren Spalt zugleich mit der Musik ein gelber Lichtschein quillt.
In der Stickluft des Roof spielt der Däne Erikson und singt mit heiserer Stimme das endlose Lied von der roten Edith in Londonderry. Es liegt Verzweiflung und Sehnsucht in dieser brüchigen Stimme, eine Schwermut, die gar nicht zum üppigen Gesange passt. Selbst Omar greift der Gesang ans Herz, obgleich er von Eriksons Sprache kein Wort versteht.
Es ist eine Stunde nach Mitternacht, als sich dieses zuträgt:
Omar ist auf seinem Wege von der Reling zum Roof bei der grossen Lucke angelangt. Von der Brücke herunter kommen zwei dünne Glockenschläge. Ein Mann tritt irgendwo am Bug aus dem Schatten hervor, um auf der grossen Glocke über dem Matrosenlogis das Glockenschlagen zu wiederholen. Auf dem Bootsdeck steht Omsky auf seiner Wanderung still. Er steht bei den Feuereimern und schaut auf die fernen Berge, die als blaue Schatten aus der blauen Nacht auftauchen. Basil Nada liegt, die Hände unter dem Kopf verschränkt, unter dem Segeltuch. Er möchte sich eine Zigarette anstecken. Doch auch diese geringe Arbeit kostet Anstrengung. Der Forscher redet noch immer wie im Fieber von den Wundern des untergegangenen Sabäerreiches.
Der Offizier auf der Brücke setzt die Signalpfeife an die Lippen. Aber noch ehe ein Ton daraus dringt, erhebt sich im Bauche des Schiffes ein Schreien und Zischen und Poltern. Eine turmhohe Dampfsäule schiesst zum Himmel auf. Für wenige Sekunden ist Tumult und blendende Helle. Dann ist das Schiff verschwunden, und jähe Stille liegt auf dem Wasser.
Das grosse Schiff fiel auseinander. Seine Feuer und seine Lichter erloschen. Das Wasser gurgelt. Eine fahle Wolke schwebt über der Stelle, wo eben noch ein schwarzes Schiff fuhr. Der Wind erfasst die Wolke und treibt sie südwärts. Wellen rauschen.
Der Mond scheint grünlich.
Die Wellen schaukeln unförmige Trümmer auf und nieder.
Nicht viel blieb übrig von dem Dampfer, der so gross war wie sechs Häuser.
Zwischen den Trümmern bewegt sich ein Punkt. Es ist der Kopf Omars.
Es bewegt sich noch ein Punkt. Es ist der Kopf Omskys.
„Hieher!“ schreit Omsky.
Eine harte, knarrende Stimme. Eine Stimme, die viele Befehle gegeben hat. Sie gemahnt an Eichenholz oder zähes Leder.
Omsky hat zwischen all dem Zersplitterten und Formlosen, das ihn umgibt, ein Boot gefunden. Weiss Gott, ein Boot, das auf dem Kiel liegt und schwimmt und über die Wellen hüpft und unberührt ist vom Wahnsinn, der vor wenigen Sekunden ausgebrochen und alles in Fetzen riss.
Omsky bemerkt Omars Kopf. Darum ruft er.
Omar versteht diese Zunge nicht. Aber wie das Tier den Laut erfassen und deuten kann, so weiss Omar, was der Ruf sagen will.
Omsky schwingt sich ins Boot und streckt Omar die Hand entgegen.
„Rudere!“ befiehlt Omsky und zeigt auf die Riemen, die an den Bänken festgezurrt sind. Omar rudert. Damit ist das Verhältnis zwischen ihm und Omsky festgelegt. Es sind zwei Menschen im Boot. Einer von ihnen ist der Herr, der andere der Knecht. Ein Zustand der Ordnung.
Omar rudert langsam. Er zieht Kreise. Sein Hals streckt sich lang.
Die Wellen werfen Schiffstrümmer gegen die Bootsplanken.
Omsky steht aufrecht, versucht mit dem Ohr das Brausen des Wassers zu durchdringen und mit dem Auge das Mondlicht, das spukhaft ist und allen Dingen ein unwahres Ansehen gibt.
Und da schwimmt über zerbrochenen Bootsplanken ein Stück Segel. Holz und Tuch sind in ganz unbegreiflicher Weise verwickelt. Unbegreiflich ist auch, dass dieses seltsame Floss zwei Menschen tragen kann. Aber es trägt sie. Und die zwei Menschen liegen da und rühren sich nicht. Es kostet nicht geringe Mühe sie ins Boot zu ziehen.
Erst im Boot kommt der eine zu sich und stammelt: „Sie haben ihn niemals erschlagen ... Nein, er lebt noch ... Aber mich haben sie getötet ...“
Nordau, der Forscher, weilt noch immer im Lande Saba.
Der Kaufmann Basil Nada aber liegt mit schlappen Gliedern auf dem Bund des Bootes. Er gibt kein Lebenszeichen von sich. Man kümmert sich vorläufig nicht um ihn, denn man hat anderes und Wichtigeres zu tun.
Man rudert zwischen Trümmern hin und her und sucht nach Leben. Man findet kein Leben mehr.
Ganz kläglich sind die Überreste, die das Meer nicht verschlucken wollte.
Der Dampfer ist durch die Explosion auseinandergefallen wie ein elendes Spielzeug aus Pappe. Daran ist nichts Verwunderliches. Ein Dampfkessel platzte durch irgendeine lächerliche kleine Ursache. Ein Dampfer wird nicht an seinem Bestimmungsort eintreffen. Viele Schiffe bleiben auf dem Meer. Man vergisst sie bald.
Von diesem hier wird man nicht die geringste Spur finden. Der Wind treibt die wenigen Überreste an die Küste. Unfruchtbar und menschenleer ist diese Küste wie wenige auf dem Erdenrund. Vielleicht mag einmal ein Beduine Wrackstücke im Sande finden. Was ihm davon nützlich ist, wird er sich aneignen. Aber ganz sicher wird er niemals eine Nachricht senden in die Welt hinaus, die er nicht kennt und die ihn nichts angeht.
Nun sind also nur diese vier Menschen im Boot. Das Boot hat sich gleichsam losgelöst von dem grossen schwarzen Schiff, das unermüdlich von Meer zu Meer hastete, hat sich von ihm abgesondert, so, wie ein Kalb sich von der Kuh löst.
Dadurch ist eine neue kleine Welt entstanden.
Diesen vier Menschen war ein jähes Ende in der Flut nicht bestimmt. Das Schicksal hat für sie eine seltsame Wanderung vorgesehen.
Omsky ist ein aktiver Mensch. Er muss sich mit irgend etwas beschäftigen. Er will jetzt das Trümmerfeld absuchen.
Sie rudern eine Stunde zwischen den Wrackstücken und suchen. Sie rudern zwei Stunden und füllen das Boot. Holzteile, die vor kurzem noch als Notwendigkeit oder als Zierde im mächtigen Leib des Dampfers eingefügt waren, liegen jetzt zersplittert neben Basil Nada. Sie haben zum grössten Teil derart ihre Form verloren, dass nicht mehr zu bestimmen ist, wohin sie einmal gehörten. Aber man findet auch ein paar Eimer, eine grosse verlötete Blechbüchse, ein Wasserfass, das ganz leer ist und ein paar Flaschen, die zur Hälfte leer sind und deren glänzende Hälse wie grüne Kerzenflammen auf den Wellen tanzen.
Omsky fragt einmal, ohne den Kopf zu wenden: „Sind Sie verwundet.“
„Nein. Aber nun ist meine Expedition verloren. Alles, was ich besessen, ist mit dem Schiff in die Luft geflogen. Alles ist hin. Warum haben Sie mich nicht den Wellen überlassen?“
Omsky sagt: „Das Schiff hat jetzt wohl den Grund erreicht. Wir aber leben. Und wenn Sie Ihre Hände rühren können, dann fassen Sie mit an. Es handelt sich vorläufig nur darum, das Leben zu bergen.“
Basil Nada erwacht aus einem Dämmerzustand und erfasst sofort seine Lage. Sein Rücken liegt im Wasser. Aber da das Wasser warm ist, merkt er es kaum anders als eine angenehme Erfrischung. Auch der Wind, der über ihn hinstreicht, kühlt.
„Was wollen Sie?“ fragt Nordau mürrisch. „Wir werden es hier nicht lange aushalten. Morgen wird uns die Sonne ausgedörrt haben, denn es ist doch kein Tropfen Trinkwasser da ...“
Das stimmt. Soviel weiss Omsky auch. Es gab einmal eine Zeit, in der auch Omsky den Dingen ihren Lauf lassen wollte. Das ist vorbei. Er will jetzt wieder der Meister seines Schicksals sein.
Seine Meinung ist, dass man nicht weit von der Fahrstrasse der Dampfer abgetrieben sein könne. Und man werde voraussichtlich im Laufe des Tages aufgefischt werden, meint er.
„Das Wasser steigt im Boot!“ ruft Basil Nada.
Die Freude, dem Tode entgangen zu sein, hat den Kaufmann eine kurze Weile mit Gleichgültigkeit auf die Lage blicken lassen. Doch da er gewahr wird, dass ihm das Wasser in die Ohren läuft, fährt er erschreckt in die Höhe.
„Das Boot ist leck!“
Es kommt plötzlich eine grosse Beweglichkeit über Basil Nada. Er packt das Wasserfass, das ihm am nächsten liegt, und wirft es über Bord.
„Was plagt Sie, Mann?“ fragt Omsky.
Das Boot müsse erleichtert werden, behauptet der Kaufmann. Alles müsse hinausgeworfen werden, wenn man nicht ersaufen wolle.
Damit ist Omsky durchaus nicht einverstanden. Nein, im Gegenteil, es ist noch immer seine Ansicht, möglichst viel vom Untergang zu retten.
„Sie sagten doch selber, das wir hier nur auf den nächsten Dampfer warten,“ schreit der Kaufmann in weinerlichem, zänkischem Tone. „Wozu soll uns denn der ganze Kram hier dienen?“
Das hat ja ebenfalls seine Richtigkeit. Aber Omsky weiss, was er will.
„Dass im Laufe des Tages ein Dampfer in unsere Nähe kommen wird, ist wahrscheinlich. Ob er uns aber bemerkt oder auffischt, ist schon mehr zweifelhaft.“
„Und dann?“ fragt Basil Nada mit Ungeduld und Bekümmerung.
Omsky gibt keine Antwort. Er weist mit einer Kopfbewegung hinüber zu den Schattenbergen.
„Irgendwo müssen wir Menschen finden ...“
Hier mischt sich Nordau mit einer Art Schadenfreude in die Unterhaltung.
„Menschen?! Der Küstenstrich ist fast unbewohnt, nur Sand. Es gibt dort nahe dem Meere nicht einmal eine Karawanenstrasse. Wie aber sollen wir in Tuchschuhen und mit leeren Taschen den weiten Weg wagen?“
Auch das ist richtig. Omsky, der Händler, der Forscher — alle drei haben recht. Omar rudert.
Omar rudert und verflucht leise, aber voll Inbrunst das Schiff, die Erbauer des Schiffes, sämtliche Heizer und ihre Anverwandten bis ins fünfte Glied. Und ausserdem flucht er dem Dampfkessel und des Dampfkessels Glauben. Aber er rudert unverdrossen, weil es von ihm verlangt wird.
Vor der Rettung des Forschers und des Kaufmanns war ein Herr und ein Knecht im Boot. Die Lage war klar und übersichtlich. Jetzt aber sind drei Herren im Boot und drei Meinungen. Das verwirrt die Verhältnisse und birgt Gefahren.
Omsky hat als erster das Boot, das herrenlos war, erstiegen. Er hält sich für des Bootes Eigentümer und Herr. Er ist der Ansicht, dass sein Wort hier in erster Linie Geltung habe.
Man werde bis morgen mittag liegen und warten, so entscheidet er. Aber länger warten werde man nicht. Zeige sich bis dahin kein Dampfer, dann steuere man der Küste zu.
Und Omsky sagt noch: „Wem das nicht passt, der mag seinen eigenen Weg gehen.“
Nordau schaut Basil Nada an und macht mit den Augen ein Zeichen. Auch der Kaufmann macht ein deutliches Zeichen. Das verdriesst Omsky. Mit steifem Nacken wendet er sich herum.
„Es ist nützlich,“ erklärt er, „dass alle Zweifel zerstreut werden. Wo jeder redet, wird nichts getan. Und alles geht schief. Ich will nicht in diesem Boot liegen und warten, ob es mir vergönnt wird, gerettet zu werden oder zu verdursten. Ich will leben.“
Es wird nun über diese Sache nicht mehr geredet. Obschon sich noch vieles sagen liesse. Denn, wenn Leute verschiedener Meinung sind, brauchen sie nach Worten nicht lange zu suchen.
Die vier im Boot sind zu verschiedene Menschen, als dass sie derselben Meinung sein könnten. Ausserdem ist nach dem Erlebnis der Nacht der Wunsch nach Ruhe in ihnen. Der Forscher und der Kaufmann legen sich im Achterteil des Bootes nieder. Omsky macht sich im Bug ein Lager zurecht. Omar schöpft mit seinem Fes das Wasser aus. Dann streckt er sich auf der Ruderbank aus und schläft, bis ihn Basil Nada mit einem linden Fusstritte weckt und ihm befiehlt, das Boot von neuem leer zu schöpfen.
Der Führer
Alle vier schlafen noch, als über dem fernen Gebirge die Sonne aufgeht. Es ist keine rote Kugel, sondern ein ungeheurer Knäuel wirbelnden Feuers, das da über die dunklen Felsengipfel emporschiesst und unerschöpfliche Glutmassen auf das längst ausgedörrte Land und das allzu blaue Meer schleudert.
Der Wind weht immer noch aus Norden. Wellen hüpfen, Wellen rauschen. Sie singen das ewige Lied, das voll Schönheit, aber ohne Erbarmen ist.
Zuerst erwacht Omar. Laut gähnend streckt er sich und wischt die letzten Fetzen des Schlafes aus den Augen.
Das Boot hat sich über Nacht von den andern Überresten des Dampfers entfernt und schwimmt jetzt in friedlicher Einsamkeit.
Omar schöpft mit der hohlen Hand Wasser aus dem Meer und verrichtet die morgendlichen Waschungen, wie sie der Koran vorschreibt. Dann legt er die Hände wie Fächer hinter die Ohren und betet. Voller Inbrunst ist sein Gebet, denn seine Sehnsucht nach der Heimat ist grösser denn je zuvor.
Vom Bug und vom Heck des Bootes betrachten drei Augenpaare den andächtigen Beter. In diesen Blicken ist teils Gleichgültigkeit, teils Spott.
Die drei Herren beugen nicht ihre Knie in Demut. Ihre Gesichter sind stolz. Unmöglich kann man sich die einfältige Andacht des Arabers darein denken. In den zerknitterten und noch feuchten Anzügen haben sie aber schon viel von ihrer äusseren Würde verloren. Eine einzige Nacht hat ihnen vieles von ihrer Vornehmheit genommen.
An Omar ist keinerlei Veränderung wahrzunehmen. Seine weiten dunklen Hosen und sein blauer Kittel sehen heute nicht schmutziger und elender aus als gestern. Und seinem gelben Gesicht merkt man nicht das geringste an, dass er in dieser Nacht nur wenige Stunden auf der schmalen Ruderbank geschlafen hat.
„Allah ist gross,“ murmelt Omar. „Alle Dinge sind ihm möglich. Wenn es sein Wille ist, wird er mich wieder zurückführen in meine Hütte ...“
Omar sitzt wieder auf seinem Platz und wartet auf Befehle, gehorsam und zuverlässig. Unbeholfen lächelnd schaut er von einem zum andern.
Wo Omar zu Hause sei, möchte Basil Nada wissen.
Omar, verwundert, in seiner eigenen Zunge angeredet zu werden, starrt den Kaufmann mit offenem Munde an. Dann glänzt sein Gesicht auf in kindischer Freude.
„O Efendim — Allah möge deinen Tag segnen! Das ist ein froher Morgen. O Freude, deine Stimme zu hören! Wo meine Hütte steht, willst du wissen, Vater der Güte? Sie steht drei Meilen hinter Damaskuscham. Bei El Veit teilt sich die Strasse ... eine Karawanserei liegt dort ...“
Omar hätte noch lange geredet und dem grossen Herrn von seiner Heimat erzählt. Denn seit Jahren ist dies nun die erste Gelegenheit, sich einem andern in seiner eigenen Sprache mitzuteilen. Jedoch der Kaufmann fährt wie ein Keil dazwischen.
„Bei El Veit ... Bruder Kohlenschaufler, dann sind wir also Landsleute. Hast du vielleicht den Namen Basil Nada in Damaskuscham nennen hören?“
Ob Omar diesen Namen gehört hat? Wer kennt diesen Namen nicht? Omars Freude ist grenzenlos. Er meint, Allah selber habe ihn geführt. Allah selber habe ihn zu diesem mächtigen Herrn geschickt, der in einer grossen Stadt durch seinen Reichtum und sein Glück bekannt war. Sicherlich wird der grosse Mann sich des armen Bruders erbarmen und ihm aus der Not helfen. Omar beginnt von seinen Fahrten zu erzählen, von seinem langen Leidenswege. Viel Unglück ist über ihn gegangen seit man ihn fortholte in den grossen Krieg. Beim Koran, selbst der fromme Beduine Eyub hat nicht mehr gelitten. Möge Allah die Franken und Ungläubigen ganz und gar verderben, denn sie sind die Ursache von allem Bösen.
Omar meint auch, dass es einem so grossen und reichen Manne wie Basil Nada, dessen Name jedermann in der Stadt mit Ehrfurcht ausspreche, niemals übel ergehen könne und dass alle Dinge sich nach seinen Wünschen biegen müssen.
Nordau fühlt sich dazu berufen, des Arabers Jubel ein wenig zu dämpfen.
„Du irrst, o Omar,“ sagt er nicht ohne Spott. „Dem Kawadscha geht es bei deinem Barte heute nicht viel besser als dir selber. Wir stecken nämlich alle in der gleichen Falle.“
Omsky hat sich zum Führer der Schar aufgeworfen. Aber er versteht von dieser Unterhaltung kein Wort. Das trennt ihn noch mehr von den andern und macht ihn misstrauisch gegen sie.
Nun ist das so, dass die Wünsche eines jeden hier im Boot eine andere Richtung haben. Omar will in seine Heimat zurück, da er die Tücken der Fremde erfahren. Nordau verlangt nach nichts anderem, als nach der Expedition nach Marib. Der Kaufmann möchte so schnell als möglich nach Persien kommen, wo ein gutes Geschäft seiner wartet. Omskys Ziel ist Java.
Omsky war Offizier und hat seine Heimat aus ganz bestimmten Gründen verlassen.
Nur in einem stimmen alle vier überein. Sie alle sehnen sich aus dem Boote fort.
Omsky öffnet mit dem Taschenmesser die Blechbüchse. Sie ist mit Schiffszwieback gefüllt. In den aufgefischten Flaschen sind Wein und Branntwein. Da kein anderer Proviant vorhanden ist, macht es Omsky nicht grosse Schwierigkeiten, die Rationen auszuteilen. Die Rationen sind nicht gross.
Man widerspricht Omsky nicht. Doch man dankt ihm auch nicht. Es wäre unrichtig, zu behaupten, dass in diesem Boote Freundschaft und Liebe herrsche.
Das Boot schaukelt auf dem indigoblauen Wasser. Es wiegt in sanftem Schaukeln vier unzufriedene Menschen, die in ganz natürlicher Weise nur an sich selber denken.
„Wir sind in der Nacht ein gutes Stück dem Lande zugetrieben,“ stellt Nordau fest. „Die Fahrstrasse der Dampfer liegt aber weiter draussen.“
Omsky gibt auf diese Bemerkung keine Antwort. Omsky weiss, dass schweigende Entschlossenheit wertvoller ist als eine lange Auseinandersetzung. Es scheint ihm nicht von Wichtigkeit, ob das Boot einige Meilen abgetrieben ist oder nicht. Er hat scharfe Augen. Er entdeckt über den dunklen Wogen ein dünnes Rauchfähnlein. Ach, es ist noch, wie der Schatten eines Hauches, mehr zu ahnen als zu sehen. Es birgt vielleicht die einzige Möglichkeit zur Rettung.
Bald bemerken auch die andern den Rauch, und es packt sie eine zitternde Erregung.
Je näher der Rauch kommt, desto aufgeregter werden ihre Stimmen, desto gespannter der Ausdruck ihrer Gesichter.
Zwei Stunden nähert sich die Hoffnung. Aus dem dünnen Rauchfaden wird ein schwarzer Riesenbaum, unter dem ein Schiff heranfährt. Masten, Schornstein, ein grauer Rumpf steigen allmählich aus der Flut.
Im Boot rudern sie. Sie geben ihre ganze Kraft her. Sie keuchen und der Schweiss tropft von ihnen. Ein jeder weiss, um was es hier geht.
Aber ihre Anstrengung gleicht dem Lauf eines Träumenden, der sich in Ängsten müht und doch nicht vom Fleck kommt. Nein, ihre Kräfte sind zu gering zu einem Wettlauf mit dem fremden Schiff.
Das Schiff fährt vorbei. Es ist nicht mehr fern, aber es fährt vorbei und beachtet nicht die winkenden Tücher und hört nicht die heulenden Notrufe.
Ein zweiter Dampfer kommt übers Meer herauf und ein dritter. Alle fahren vorüber und kümmern sich nicht um das Boot, das als kleines Pünktlein im flimmernden Wasser liegt.
Alle drei Dampfer kamen von Norden her. Die Hitze erfüllte sie und machte sie zur Hölle. Es fuhren darauf Menschen, die in schwerem Fieber gingen, die stumpf und gleichgültig waren und die das einsame Boot im Sonnenglaste nicht bemerkten und auch nicht bemerken wollten.
Die Sonne ging in steilem Bogen in die Höhe. Jetzt ist es Mittag, und der Schatten verkriecht sich ängstlich unter allen Dingen.
„Heiss ist es — beim Koran!“ stöhnt Omar und lässt das Ruder sinken. In seinen braunen Augen flackert Angst auf. Aber bald besinnt er sich auf die fremden Herren, die das Schicksal mit ihm zusammengebunden hat. Er ist es gewöhnt, geführt zu werden und andern zu vertrauen. Er weiss auch, dass die Franken und die Ungläubigen vielerlei vermögen. Ja, sie sind die reinen Teufelskerle.
Sowie Omsky bemerkt, dass auch der dritte Dampfer nicht den Kurs ändert und seiner Wege fährt, verliert er keine Minute zu unnützen Betrachtungen. Er bindet zwei Ruder zusammen, breitet das Tuch aus, dem der Forscher und der Kaufmann ihre Rettung verdanken. Er trennt die dünnen Taue los, schneidet und knüpft —
Omar hat bald begriffen, was hier geschehen soll. Omar fasst überall geschickt mit an und versteht auch ohne Worte die Wünsche dieses hellen Herrn, den er allein als Führer anerkennt.
Nordau und Basil Nada sitzen niedergedrückt von Enttäuschung und schauen ohne Anteilnahme auf die fleissigen Hände ihrer Kameraden.
Bald wird der Mast gesetzt, und das Segel blafft im Winde. Das ist freilich ein elendes Segel von abenteuerlicher Form. Doch der Wind verachtet es nicht und füllt es. Da bekommt das Boot auch schon Fahrt.
Omsky steuert mit einem Ruder. Er steuert der Küste zu.
„Wenn man jetzt ordentlich essen und trinken könnte,“ meint der Forscher, „dann wäre diese Fahrt zu ertragen.“
Auch der Händler wird dadurch ermutigt, dass hier etwas getan wird. Er betrachtet Omsky jetzt mit versöhnlicheren Blicken.
Omsky erklärt: „Vor allem handelt es sich darum, dass wir Trinkwasser bekommen. Mit dem Proviant werden wir lange aushalten.“
Ein Schatten im Mond
Am Abend nähern sie sich der Küste. Der Wind hat aufgefrischt, und das Meer zerschlägt sich an den Korallenriffen zu weissem Gischt. Es liegt ein breiter Schaumgürtel vor dem Lande.
Omsky sitzt mit weit vorgerecktem Kopfe und späht nach einer sicheren Fahrrinne. Aber da er in dieser Gegend unbekannt ist, gerät er unversehens in einen Hexenkessel. Kochendes Wasser umgibt das Boot plötzlich auf allen Seiten. Lärmendes Wasser, das in boshafter Weise gurgelt und klatscht und zischt, Wasser, das bellt und lacht.
Das Boot bekommt einen scharfen Stoss und neigt sich zur Seite. Eine Welle hebt es vom harten Felsen und schleudert es auf einen andern, der es nicht freundlicher empfängt. Das ist so, als trieben gefühllose Götterhände mit diesen vier zappelnden Menschenfiguren ein wunderliches Spiel. Ein winziges Fleckchen des Entsetzens und der Todesangst ist das Boot in der Unendlichkeit des fast sündhaft blauen Wassers und der blendend hellen Küste.
Das Brausen der Wellen und das Gepolter der Brandung überschreit das Krachen und Splittern der Planken und überbrüllt auch die Menschenstimmen.
Vom zerschmetterten Boot lösen sich allerlei Dinge, die mit einem Male ein eigenes Leben bekommen. Helle und dunkle Dinge zerstreuen sich, verschwinden in Schaumperlen, hüpfen über grünlich schimmernde Wogenkämme. Einige bleiben unten, andere treiben See und Wind dem nahen Strande zu.
Omsky und Omar schwimmen Seite an Seite. Nicht weit hinter ihnen schwimmt der Forscher. Der Kaufmann hält sich, an das leere Fass geklammert, über Wasser. Denn er kann nicht schwimmen. Das Fass aber steuert in stetem Umdrehen seinen eigenen Kurs. Doch es nähert sich ebenfalls, wenn auch auf Umwegen, dem Strande.
Nun steht Omsky am Lande und sieht den Kaufmann treiben. Hinter dem Korallengürtel ist das Wasser ruhig. So kann Omsky auch noch ein paar kleine Dreiecke sehen, die schnell auf den Kaufmann zusteuern.
Basil Nada ist kaum noch zehn Schritte vom Lande. Aber da seine Fahrt nur gering ist, müssen ihn die schnell segelnden Dreiecke erreichen, bevor er festen Fuss fassen kann.
Omsky kennt diese Dreiecke, denn er hat sie an der Küste Ostafrikas oft gesehn. Er macht einige lange Sätze dem Strand entlang und stürzt sich wieder in die Flut. In kräftigen Stössen arbeitet er sich zum Kaufmann hin.
„Zappeln Sie — schreien Sie, so laut Sie es vermögen! Schreien — schreien!“
„Was ist?“ fragt ängstlich Basil Nada.
„Schreien!“
Omar ist Omsky nachgesprungen. Auch er erreicht Basil Nada.
„O Efendi, du musst mit beiden Beinen ausschlagen wie ein Pferd, sonst reissen sie dir die Haie aus!“
„— Haie?“ keucht Basil Nada und winselt wie ein junger Hund.
„Sie kommen, Efendi!“
Zu beiden Seiten des Kaufmanns halten sich seine Retter und peitschen mit Armen und Beinen das Wasser auf, dass es schäumt. Sie stossen Fass und Kaufmann an den Strand. Und so wird Basil Nada abermals vorm Tode bewahrt.
Basil Nada liegt eine Zeitlang im Sande. Sein Atem geht stossweise und keuchend.
Omsky und Omar haben sich bei ihm niedergelassen. Auch der Forscher kommt zu ihnen und setzt sich auf einen Stein. Er scharrt mit der Schuhspitze im Sand. Alle drei blicken auf das unruhige Wasser, lauschen auf das Donnern der Brandung und den schweren Atem des Kaufmanns und schweigen.
Das Meer beginnt nun einen Teil der Dinge, die im Boot gewesen, an den Strand zu spülen. Darunter sind ein paar Planken.
Omsky erhebt sich und beginnt unverdrossen zu sammeln. Dabei hilft ihm der Araber.
Nordau ist bei Basil Nada geblieben. Er betrachtet ihn mit kaltem Interesse. Doch als der Kaufmann die Augen aufschlägt, nickt er ihm zu.
„Jawohl, verehrter Herr, jetzt sitzen wir auf dem Trockenen.“
Der Kaufmann dreht sich auf die Seite.
„Man hätte draussen warten sollen,“ sagt er mit heiserer Stimme. „Ganz sicher hätte uns ein Dampfer aufgenommen.“
Der Forscher hebt ein wenig die Schultern. Es scheint ihm unnütz, länger mit dieser Möglichkeit zu rechnen. Spöttischen Blickes folgt er Omsky, der am Strande hin und her läuft und das wenige aufliest, was das Meer ihm nun sozusagen als Almosen wieder hinwirft.
Dieser Mensch spielt hier Anführer, als ob Gottvater selber ihn zum Herrn über alle Dinge gesetzt hätte! denkt der Forscher. — Gut, mag er sich plagen.
Dem Forscher Nordau ist ohnedies die Sache verekelt. Seine Hoffnung, seine Ausrüstung, sein Geld, alles ist hin. Wie soll er nun zu einer Expedition kommen?
Er hat sein halbes Leben und sein ganzes Vermögen einer einzigen Sache geopfert. Er ist bis zu diesem Tage nie verzagt. Jetzt aber glaubt er nicht mehr daran, dass es ihm je gelingen könnte, die Schätze von Marib zu holen. Und in verbissenem Ingrimm zürnt er dem Menschen dort, der ihn aus dem Wasser zog.
„Wenn man wenigstens etwas zu trinken hätte,“ seufzt Basil Nada.
Wenn Männer verärgert sind, greifen sie zum Tabak. Nordau sucht in den Rocktaschen. Er findet ein paar aufgeweichte Zigaretten und eine Schachtel Streichhölzer. Basil Nada fährt ebenfalls in die Tasche. Dabei beklagt er sich aufs neue: „Man hätte es nicht dulden sollen ... Man hätte draussen warten sollen. Man hätte ihn zwingen sollen ...“
Wie man das denn hätte anstellen müssen? fragt der Forscher neugierig. Diesen Menschen zwingen — Wie? Der Forscher schaut Basil Nada prüfend ins Gesicht.
„Nun wir sind doch zwei ... und der Araber ... wenn man ihm die Sache klargemacht hätte ... Ach, es ist eigentlich unsere eigene Schuld, dass wir jetzt hier im Sande liegen.“
Trotzdem, bedenkt sich der Forscher, er hat uns das Leben gerettet. Ohne sein Eingreifen hätten uns ganz sicher die Wellen gefressen. Überhaupt ist es vielleicht gar nicht so sinnlos, was er jetzt tut.
Der Forscher sagt das teils aus Lust zum Widerspruch, teils weil ihm das Gerede des Kaufmanns ärgerlich ist. Er steht auf und streut die Streichhölzer und die Zigaretten über den Stein hin.
„Was machen Sie da?“
„In einer Stunde wird alles trocken sein. Dann wird man wenigstens rauchen können.“
Merkwürdig, wie wenig es oft bedarf, den Menschen in eine andere Stimmung zu versetzen. Diese lächerlich kleine Verrichtung gibt dem Forscher wieder seine Tatkraft zurück. Er geht zu Omsky und hilft ihm.
„Ist er denn verletzt?“ fragt Omsky, mit dem Kopf zum Kaufmann hinweisend.
„Nein, das glaube ich nicht.“
Omsky ruft: „Wenn Sie aufstehen können, gehen Sie dem Strande entlang bis zu jener Felsenschlucht dort im Norden. Vielleicht finden Sie dort Wasser.“
Basil Nada dreht sich um. Er hat diesen Befehl weder gehört noch verstanden. Da liegt er auf der Seite, und die Wüstensonne zeichnet sehr klar seine Formen. Auch die nassen Kleider bemühen sich nicht weiter, die Verhältnisse dieses menschlichen Wesens zu enthüllen.
Was an Basil Nada zuerst auffallen muss, das sind die fast unmöglich langen Arme. Sie liegen wie zwei Krücken an seinen Seiten. Auch die Beine haben den Rumpf bis weit unter den Westenrand gespaltet, so dass der viel zu grosse Kopf über der zu schmalen Brust sich auch nicht gut ausnimmt.
Basil Nada hat tiefschwarzes Haar, das ihm bis weit in die Stirn hinein wächst, dazu rote breite Lippen. Nun bewegt er diese Lippen und murmelt allerlei, was vielleicht ihn selber angeht, vielleicht auch diesen Fremden.
Basil Nada ist es nicht mehr gewohnt, dass man in dieser Weise mit ihm verkehrt. Wenn Basil Nada durch die Strassen von Damaskus geht, begleitet ihn der riesenstarke Neger Abulfeda, der den roten Sonnenschirm über ihn hält und die Leute anschreit, so dass Basil Nada unbehelligt durchs grösste Gedränge kommt. Viele Menschen grüssen ihn auf der Strasse und viele drängen sich heran und sind glücklich, wenn sie den Saum seines Kleides erhaschen. Niemand aber wird es wagen, ihm zu befehlen.
So ungefähr beginnen des Kaufmanns Betrachtungen. Doch sie müssen wohl andere Wege finden. Denn er erhebt sich schliesslich doch und marschiert, wenn auch mit deutlichem Widerwillen, der Schlucht im Norden zu.
Draussen auf dem Wasser gleiten die dunklen Dreiecke hin und her. Omar ruft von einem steilen Felsen herab und fuchtelt mit beiden Armen. Omsky und Nordau laufen hinzu und können auf wenige Meter einen ungeheueren Hai liegen sehen. Er liegt auf der Seite, kaum handtief unter der Oberfläche des Wassers und schielt aus dem schmalen Schlitz seines Katzenauges herauf.
Nordau greift in die Rocktasche und steht dann mit gestrecktem Arm. Er zielt umständlich.
„Sie haben eine Waffe?“ fragt Omsky überrascht.
Der Forscher sagt: „Sie sind gewiss ein guter Schütze, das sieht man Ihren Augen an. Ich aber kann nie etwas treffen. Versuchen Sie es. Es stecken noch zwei Patronen im Magazin. Schiessen Sie dem Scheusal das Auge aus.“
Omsky aber ist der Meinung, man solle die Kugel zu einer besseren Gelegenheit sparen. Sie bewerfen den Hai mit Steinen.
„Wasser! Wasser!“ ruft Basil Nada mit schriller Stimme.
Durch tiefeingefressene Rinnen im roten Porphyr plätschern dünne Wasserbänder. Sie kommen von einer hohen, steilen Wand her, die wie eine finstere Burgmauer in die Luft ragt. Das Wasser sammelt sich in Vertiefungen, rein und köstlich, wie in gemeisselten Marmorbecken.
Sie trinken und tauchen ihre Hände ins Wasser und tauchen auch ihre brennenden Gesichter darein.
An einer Stelle, die durch hohe Felsen vom Winde geschützt ist, macht Omar ein Feuer. Omsky und Nordau holen das Segel. Und nun steht ein kleines Zelt da. Basil Nada lehnt sich mit dem Rücken gegen den Felsen und raucht.
Das Zelt steht am Rande eines weiten Tals, das ganz mit hellem Sande angefüllt ist. Hohe Berge ragen auf allen Seiten. Die Berge schillern zart wie Perlmutter. Es wird Abend.
Omar nähert sich zögernd dem Kaufmann und bittet leise: „Herr nimm mich mit in das Land der Adschèm — bei Allah! Ich will dir ein treuer Diener sein. Und ich will dann auch mit dir zurückkehren nach Escham. Denn wahrlich, ich bin es müde, länger in dieser verruchten Fremde herumzufahren. Denn sie ist voll des Bösen.“
Basil Nada hat in der Nacht seine Brille verloren. Nun sieht er wohl die Ferne gut; aber nur mangelhaft kann er die nahen Dinge unterscheiden. Omars Gesicht steht vor ihm, auf der einen Seite vom Feuerschein beleuchtet, auf der andern von der Dunkelheit schon ausgewischt. Basil Nada vermag es nur undeutlich zu erkennen. Er ist zurückhaltend.
„Ich will mir das noch überlegen,“ meint er ausweichend. „Was soll ich übrigens jetzt mit einem Diener? Hier, wo man mir Befehle erteilt und wo ich auch nicht mehr in der Hand habe als du.“
„Sag’ das nicht. Efendi! Ein Grosser, wie du, kann immer Nutzen haben von einem ergebenen Knecht, der ihm zu jeder Stunde beisteht. Und dann kann man auch am Gefolge am besten den Herrn erkennen. Du musst auch bedenken, dass du in ein wildes Land ziehst. Und für zwei ist die Gefahr stets geringer, als für einen einzelnen. Ich aber habe mir schon längst gewünscht, mich einem Mächtigen anzuschliessen. Es ist war, heute nacht habe ich alles verloren, was ich in der langen Zeit in der Fremde ersparte, und niemand wird es mir je zurückgeben. Aber ich will dennoch nicht klagen. Denn nur durch dieses Unglück war es für Omar, den geringen Knecht, möglich, in deine Nähe zu kommen, o Herr. Und das ist wahrlich ein grosses Glück, kennt doch jedes Kind in Damaskuscham deinen Namen und nennt ihn mit Ehrfurcht.“
Es ist etwas in Omars Stimme, das dem Kaufmann gefällt. Ja, wenn er es sich überlegt, muss er diesem einfältigen Burschen recht geben. Auch für den reichen Kaufmann könnte es ein gewisser Vorteil sein, einen ergebenen Diener um sich zu haben.
„Gut denn,“ sagt er. „Es sei also nach deinem Wunsche. „Ich will dir acht Gurusch im Monat geben für den Anfang. Wenn du mir aber treu dienst, will ich dich auch dann in meinem Dienst behalten, wenn wir wieder in Escham sind.“
Omar erfasst des Kaufmanns Hand und küsst sie.
„Allah mehre deine Habe, mein Gebieter!“ murmelt er erfreut.
„Es gibt zwei Möglichkeiten,“ erklärte der Forscher Omsky. „Entweder müssen wir dem Strande folgen oder den Flusslauf entlang ins Gebirge steigen, um die Karawanenstrasse nach Mekka zu erreichen.“
Omsky meint, dass ein Marsch der Küste entlang sehr lang werden könne, da die Städte weit auseinander liegen in diesem Lande. Die Gefahr auf dieser Wanderung würde in der Hauptsache der Durst sein.
Dem stimmt der Forscher zu. Die Regenflüsse seien gewiss schon alle versiegt, meint er. Der Marsch durchs Gebirge sei aber mindestens hundert Kilometer lang. Und das, Verehrtester, ist auch kein Kinderspiel.
Welchen Weg der Forscher vorschlagen würde?
Man sollte auf alle Fälle an der Küste bleiben. Hinter jedem Bergrücken könne doch eine Ortschaft liegen.
„Gut. Versuchen wir es!“ sagt Omsky.
Nach einer Pause fragt er: „Sie kennen dieses Land?“
„Ich habe mich drei Jahre lang im Lande Saba aufgehalten.“
Ei, der Kuckuck, wundert sich Omsky. Und ob der Forscher nun wieder dorthin ziehen wolle, um nach Altertümern zu forschen?
Beide schauen einander für eine Sekunde in die Augen. Diese Sekunde legt einen weiten Graben zwischen sie.
Sie drehen sich dem Feuer zu und schweigen. Dann streckt sich Omsky im Sande aus, verschränkt die Hände hinter dem Kopf und starrt in den Himmel, der wie dunkle Seide schimmert.
Tief ruht der Himmel auf den schwarzen Bergen. Wenige grosse gelbe Sterne funkeln. Der Sand leuchtet fahl im Sternenlichte.
Das ganze weite Tal ist erfüllt von der Stimme des Windes. Das klingt wie dunkler ferner Orgelton.
Ab und zu zerrt ein Luftwirbel lange Flammenzöpfe aus dem Feuer.
Basil Nada ist unter das Zeltdach gekrochen. Omar legt sich aussen auf das Tuch, damit der Wind es nicht fortblase, und beginnt auf diese Weise seinem Herrn zu dienen.
Der Forscher liegt mit geschlossenen Augen und kämpft immer mit demselben Gedanken, den er wie einen grossen Stein hin und her wälzt.
Auch in Omsky ist eine grosse Frage. Die Orgeltöne des Windes formen sich ihm zu einem Sang. Es wird ein Lied. Er hörte es an einem Frühlingstage. Anny hat es gesungen. Nun strömt ihre Stimme von allen Seiten ihm entgegen.
Im Rauschen einer Nacht ...
Die Worte umflattern ihn wie Vögel im Sturm. Und die Erinnerung steht auf und begräbt die Gegenwart.
Es war ein Frühlingstag — jener Tag ist die Ursache, dass er nun hier liegt unter fremden Sternen.
Damals kam ihre Stimme durch die kahlen Äste der alten Bäume. Sie stürzte sich auf ihn. Damals hasste er sie, die Worte, die Stimme und alles zusammen. Er hasste ihren Gang, ihre grauen Augen, ihr schmales, bleiches Gesicht, den Mund, der viel zu rot und gross war. Man soll nie die Ehrlichkeit umgehen. Er hasste das alles in eigentümlicher kalter Glut.
Ein Märzentag war es. Er stand im Hof. Der Himmel war niedrig und starrte von schmutzigen Farben, die Erde ein Gemisch von nassem Schnee und Morast. Das grosse Haus stand darin, kalt und finster. Die Welt war ohne Freude.
Er hatte seinen Koffer gepackt, denn am Morgen wollte er fort, denn das alles war eine sinnlose Qual. Ja, er sehnte sich nach dem kommenden Morgen, der ihm die Freiheit wiedergab. Er ersehnte den Morgen und fürchtete ihn.
Da war es, dass ein Traum begann. Der Traum hat noch kein Ende genommen. Es gibt also doch Dinge, die man nicht von sich werfen und hinter sich liegenlassen kann ...
Omsky fährt in die Höhe. War das nicht das Telephon in der Garage? Nein, es war nur ein Windstoss, der das Zelttuch hob und die beiden leeren Flaschen umwarf. Glas klirrte in einem mit weissem Sand ausgefüllten Talkessel, den wohl seit hundert Jahren keines Menschen Fuss betreten hat.
Und dennoch kommt da ihre helle, hochmütige Stimme durch die Nacht.
„Jawohl, gnädiges Fräulein!“
Der Forscher stützt sich auf den Ellbogen und fragt gähnend: „Wie? — Sagten Sie etwas?“
„Ich? — Nichts ... Vielleicht träumte ich ...“
„Sie redeten. — Ja, wir haben heute allerlei erlebt.“
Aus der dunklen Bergwand steigt der Mond. Sein oberer Rand ist noch mehr eingedrückt als in der vorigen Nacht, gleichsam zerfasert. Die weite Rundung aber steht in der trockenen wolkenlosen Luft in lüsterner Nacktheit. Ein Stück weit gleitet er über den dunklen Felsenrand. Dann zeigt sich etwas Seltsames. Es schiebt sich ein schwarzer Schatten vor die helle Mondscheibe, ein Schatten, der sich bewegt.
Der Forscher sieht ihn. Omar sieht ihn.
„Was ist das?“ ruft Nordau und springt auf die Füsse.
„Dschinni!“ flüstert Omar leise. Er drückt die Handballen in die Schläfen und wimmert vor Angst.
Ein Reiter. Er hebt beide Arme. Er stürzt. Das Kamel ist unter ihm zusammengebrochen.
Jetzt ist er fort.
Über dem schwarzen Felsenrücken steht der blanke Mond. Leer wie der Himmel ist der Berg.
„Was war das?“
„Ein Reiter, den unser Feuer anlockte.“
„Ein Dschinni!“ flüstert Omar. „Oh, Efendim, das war ein böser Geist.“
„Es kann kein Räuber sein,“ sagt der Forscher. „Ein Räuber hätte sich nicht gezeigt.“
Omsky macht ein paar Schritte vom Feuer weg, um besser sehen zu können. Er ruft über die Schulter: „Wie weit mag es wohl sein bis dort hinauf?“
„Eine Stunde, vielleicht zwei. Man sieht unglaublich weit in diesem Lande und täuscht sich leicht in den Entfernungen.“
In der Nacht liesse sich nichts unternehmen, meint Omsky. Man könne nicht in den schwarzen Felsen herumklettern. Man müsse also bis zum Morgen warten.
Omar berührt den Arm des Forschers.
„Was sagt der Kawadscha?“
„Er will morgen früh auf den Berg dort klettern.“
Über diese Mitteilung gerät Omar ausser sich.
„Das war doch ein Dschinni, o Herr — ein böser Geist. Sage dem Kawadscha, dass er nicht hingehen darf. Es würde sein Verderben sein. Bei Allah — es würde grosses Unglück über uns alle kommen. Bitte, sage es ihm.“
Der Forscher schaut Omar belustigt in das bebende Gesicht. Dann meint er: „Sag’ es ihm doch selber, du Sohn des Löwen.“
Zu des Forschers Verwunderung wirft sich Omar vor Omsky nieder und fleht ihn mit vielen Worten an, den Gedanken, einen Dschinni zu suchen, aufzugeben. Er umklammert dabei Omskys Knie.
„Was will er denn?“ fragt Omsky.
Der Forscher erklärt es ihm lachend.
„Steh auf, du Narr!“ sagt Omsky unwillig und schiebt ihn weg.
Seines Geschickes Lenkerin
Omar schaufelt mit den Händen Sand aufs Feuer, um es auszulöschen. Er meint auf diese Weise den bösen Wüstengeist irrezuführen.
Als der Forscher zu Basil Nada kriecht, legt sich Omar wieder bescheiden auf seinen Platz ausserhalb des Zeltes und beobachtet Omsky, der lange steht und zu den Bergen hinüberschaut.
Es muss die dritte Stunde der Nacht sein, überlegt Omar. Da gehört die Wüste nicht mehr den Menschen. Möge Allah diesem Fremden guten Schlaf geben, dass er bis zum Morgen sein Vorhaben vergisst.
Die Nacht ist trotz der Winde heiss. Omsky streckt sich im Sande aus und schliesst die Augen. Aber ebensowenig, wie Omar durch das Erlöschen des Lagerfeuers die Geister bannen kann, vermag Omsky durch das Schliessen der Augen die Bilder seines Traums zu vertreiben. Sie kommen zu ihm und umflattern ihn.
... Felder, Dörfer, schneekalte Märzenluft — Herden grauer Buchenstämme, Tannen — Tannen. Auf gepflügten Äckern liegt nasser Schnee und punktiert die Furchen. Endlos dehnt sich das Land in sanften Hügeln. — Anny steuert.
Wenn freier Weg vor dem Wagen liegt, fährt sie toll. Er sitzt an ihrer Seite.
Er meint zuweilen ein Jauchzen zu hören im Lärm des Motors. Ihre Lippen sind leicht geöffnet. Es liegt ein merkwürdiges Lächeln darauf.
Anny hat graublondes Haar, ganz feines, wie Seide. Ein paar lose Löckchen flattern im Nacken.
Warum drückt Omsky denn die Lider zusammen?
Er kann diesen weissen Nacken, der kühl und blass wie Perlmutter schillert, nicht länger sehen, sonst muss er sich darüber beugen, ihn zu küssen.
Und es ist ihm ganz einerlei, dass der schwere Wagen mit Sechzigkilometerfahrt über die schmale und aufgeweichte Strasse rennt.
Überhaupt ist es fraglich, ob das noch eine Fahrt ist. Hängt man denn nicht in einer bebenden Schaukel? Und das Land mit seinen Wäldern und Wiesen und Dörfern fliesst in schnellem Wirbel unten vorbei. Fliesst wie ein gewaltiger Strom, den die märztollen Bäche in rasendem Taumel ins Meer jagen — in die Unendlichkeit.
Was ist das heute mit dem Mädchen? Sie hat noch kein Wort geredet. Hat ihm nicht einen Blick zugeworfen, einen dieser kalten, spöttischen Blicke. Warum, zum Teufel, wendet sie denn so viel Mühe und Grausamkeit daran, ihn zu demütigen? Jeder ihrer Atemzüge sagt es ihm doch, dass er nichts gilt, dass er gar nicht mitgezählt im Leben dieser jungen Dame. Gut, er hat sich damit abgefunden. Er wirft keinen Blick in diese Höhe.
Und doch ist das jetzt so, als ob Milliarden von Elektronen von Körper zu Körper fluteten. Herrgott, das alles ist dreimal verfluchter Wahnsinn.
Die Polster schaukeln. Eine schlammige Dorfstrasse hemmt die Fahrt. Wasser spritzt rauschend unter den Rädern. Eine Kirchenglocke läutet, und man merkt mit Verwunderung, dass es Abend wird. Bleich steht der Himmel über den Dächern.
Hinter dem Dorf eine lange Strasse — und dann wieder Wald. Und jetzt wird es Zeit umzukehren.
„Glauben Sie, dass wir auf diesem Seitenwege vorwärtskommen können?“
„Die Gegend ist mir fremd. Ich will aussteigen und es untersuchen.“
„Schliessen Sie die Tür.“
Der Weg führt drei- bis vierhundert Meter in den Wald hinein, macht ein paar sinnlose Krümmungen und verliert sich. Doch, zum Henker, da kommt ja die Limousine hinterhergefahren.
Er hebt die Hand. Der Weg ist unfahrbar.
Anny lacht. Und da ist es schon so dunkel, dass ihr Gesicht hinter der dicken Schutzscheibe nicht mehr zu erkennen ist. Nur das Lachen ist zu hören. Ein helles, klingendes Lachen, das Omsky, den Chauffeur, verwirrt.
Sie überlässt ihm den Platz am Lenkrad, und er fährt rückwärts. Er fährt kaum zehn Meter, und dann steht der Motor still. Bestürzt springt Omsky auf, den Schaden zu suchen. Den Schaden findet er bald. Der Benzinbehälter ist leer.
„Sie haben wohl vergessen nachzufüllen?“ sagt sie. „Und das ist jetzt eine feine Geschichte.“
„Gnädiges Fräulein, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,“ verplappert er sich im Eifer. Es ist doch schwer, seine Vergangenheit ganz zu überwinden.
„Ja — was macht man nun?“ fragt sie.
Unmöglich, ihr Gesicht zu sehen. Aber in ihrer Stimme schwingt heller Silberklang.
Er schlägt vor: „Ich kann zum nächsten Dorf laufen, Benzin holen, oder auf alle Fälle einen Wagen ...“
„Unsinn! Glauben Sie denn, dass ich eine Stunde oder länger allein hier im dunklen Walde bleibe?“
Das kann ihr wirklich nicht zugemutet werden. Es war ungeschickt, ihr mit diesem Vorschlage zu kommen.
Aber der zweite ist nicht viel besser.
„Gnädiges Fräulein könnten vielleicht mit mir gehen.“
Da hört man wieder das Lachen, das ihn in gleicher Weise demütigt und beglückt. Er wundert sich, dass er dieses Lachen noch nie hörte.
„Mit meinen dünnen Lackschuhen soll ich auf dieser schlechten Strasse den weiten Weg machen? Nach zweihundert Schritten müssten Sie mich tragen.“
Das hätte ihn sicherlich nicht erschreckt. Nein, dieser Gedanke brauchte ihr nicht schon wieder Anlass zur Heiterkeit zu geben.
„Wissen Sie keinen besseren Rat?“
Da sagt er und wird sich mit Verwunderung bewusst, dass er plötzlich seinen Hass vergessen hat: „Wenn ich nicht allein gehen soll und Sie mich nicht begleiten wollen, dann bleibt nur eins übrig ...“
Er wagt es nun doch nicht, den Satz zu vollenden.
Er steht vor der offenen Tür. Er steht, ihren Augen und ihrem Spott freigegeben.
„Nämlich?“ fragt sie hinterhältig zum Wagen hinaus.
„... dann muss ich hier bei Ihnen bleiben ...“
„Das wäre eine Lösung,“ meint sie.
Er fühlt ein warmes Knistern bis in die Fingerspitzen.
Zu allem Überflusse beginnt es nun zu schneien. Der Wald ist nur noch eine schwarze Wand. Die Tannenwipfel scheinen es eilig zu haben, die letzte Tageshelle vom Himmel fortzustossen.
„Worauf warten Sie? Es wird kalt, wenn die Tür noch lange offen steht.“
„Soll ich nicht die Notlaterne anstecken?“
„Damit uns möglicherweise Wegelagerer überfallen.“
Anny sitzt jetzt im hintern Teil des Wagens.
Er schliesst die Tür und steigt zum Führersitz.
Ja, diese Sache ist nun in der Tat ein wenig verwickelt. Da steht ringsum der grosse Wald. Das nächste Dorf mag eine Stunde fern liegen. Und Omsky sitzt da, und es ist Nacht. Und hinter ihm sitzt die junge Dame, aus der man nicht klug werden kann. Wie aber das mit dem Benzin gekommen ist, das kann er durchaus nicht verstehen. Dass er den Behälter vor der Abfahrt füllte, soviel ist sicher und gewiss. Nun hätte er grosse Luft, wieder auszusteigen, um die Sache gründlich zu untersuchen. Aber er wagt nicht, sich zu rühren.
So ist das hier. So steht es mit Omsky, der den grossen Krieg mitgemacht und sich stets zu helfen wusste.
Er hört hinter sich ihre Atemzüge.
Sie schläft, denkt er. Warum kann ihm das in irgendeiner Weise eine Enttäuschung sein?
Er beginnt, sich allerlei Fragen vorzulegen. Zum Beispiel möchte er gerne wissen, warum das Leben gerade ihn zu einem besonderen Ballspiel ausersehen hat.
Es war ein Augenblick in seinem Leben, der alles umstürzte und in Unordnung brachte. Das war in einer Strasse, als man ihm das goldene Portepee abriss und in den Schmutz stampfte. Er hatte es mit seinem Blute geheiligt. Das war der Anfang des Elends. Das hat sein Leben zerbrochen.
Aber dieses blonde Mädchen, das da in der Dunkelheit hinter ihm sitzt, das nimmt ihm nun auch noch das letzte, den kleinen Hochmut, hinter dem er sich verbergen möchte.
In müder Ironie denkt er an die frohen Abenteuer seiner Jugend. Und er denkt mit Hohn und doch zugleich mit einer Art Verzweiflung, dass die Zeit ihn stets im Stiche lasse.
Aus der Dunkelheit fragt es: „Schlafen Sie?“
„Nein.“
Und dann: „So sagen Sie endlich etwas. Man kann doch nicht so sitzen und schweigen.“
Ihm wird nun befohlen zu reden. Aber er schweigt.
„Man sagt, Sie seien Offizier gewesen — stimmt das?“
„Bitte, das gehört nicht mehr zu mir.“
Ihr Lachen erfüllt den kleinen Raum wie weiches Flötenspiel. Wenn er in diesem Augenblicke sein Gesicht hätte sehen können, wäre er sicherlich verwundert gewesen. Aber es ist kein Spiegel da und überdies rabenschwarze Finsternis.
„Was gehört eigentlich von Ihnen noch hieher?“
Versteht sie denn wirklich nicht, dass sie ihn mit dieser unangenehmen Frage kränken muss? Wie kann man so taktlos sein?
Nein, sie merkt nichts von allem. Und taktlos ist sie, ganz ohne Grenzen.
„Warum antworten Sie denn nicht?“
„Ich überlege mir Ihre Frage.“
„Ah!“
Das war ohne Zweifel ein Aufruf der Befriedigung. Und das verblüfft ihn, denn er hat erwartet, dass sie ihn nun wieder ihre Überlegenheit fühlen lässt.
Früher glaubte er die Frauen zu kennen — die Weiber — haha. Aber nun kommt er sich doch ordentlich verblödet vor. So steht es also um unsere Wissenschaft, mein Freund. Mit dreiundzwanzig bildet man sich ein, diese Wesen bis auf den hintersten Grund zu durchschauen, so wie man einen Schrank überblickt. Mit zweiunddreissig entdeckt man plötzlich rätselhafte Anzeichen und merkt alsgemach, dass das hübsche Schränklein mehrere Geheimfächer hat, die nicht ohne besonderen Schlüssel zu öffnen sind.
Er hört das scharfe Klappen ihres Täschchens. Papier raschelt.
„Mögen Sie Schokolade?“ fragt sie in ungewohnter Freundlichkeit. „Etwas anderes ist nicht da.“
„Für mich hat das nichts zu bedeuten. Ich bin auch gar nicht hungrig ...“
„Da! — Wo stecken Sie denn?“
Er streckt seine Hand vorsichtig in die Dunkelheit. Ist denn das ein Möbelwagen? Überall ist nur leerer Raum.
Plötzlich fühlt er etwas an seiner Wange. Er riecht mit dem Kakaoduft das Leder ihres Handschuhs.
„Verzeihung.“
„Wieso denn? Machen Sie einmal den Mund auf.“
Jetzt hat er das Stücklein Schokolade im Munde und auf der Zunge einen verdammt bitteren Geschmack.
Ach so — denkt er — zur Abwechslung spielt sie jetzt mit mir eine andere Rolle. Ich soll wohl nun zu einer Dummheit verlockt werden. Zuerst Zucker und dann die Ohrfeige. —
Er meint, dass ihm zu diesem Spiel jegliche Begabung fehle. Und überdies will er nicht.
„Ich bin ganz sicher,“ erklärt sie, und man hört es zwischen ihren Zähnen knacken, „ich bin ganz sicher, dass jetzt meine Mutter im Haus herumstürmt und in Angst um mich transpiriert.“
Er bestätigt: „Ihre Frau Mutter wird gewiss sehr unruhig werden.“
„Wie stellen Sie sich das nun vor — was kann man wohl unternehmen, uns zu suchen? Man hat natürlich zu Hause keine Ahnung, wohin ich gefahren bin.“
„In diesem Falle dürfte die Nachforschung recht schwierig werden, und es ist wenig Aussicht, dass man uns in der Nacht noch auffinden wird.“
„Das ist auch meine Meinung.“
Es scheint ihr sogar Spass zu machen, eine Nacht zu verschwinden.
„Wir sind bis morgen früh sozusagen allein auf der Welt. Später wird man darüber lachen — und es war ein hübsches Abenteuer.“
Omsky meint, dass einige Menschen ganz unverdientes Glück haben und viele ohne Grund vom Leben schlecht behandelt werden. Aber das ist nun auch wahr, dass für die nächsten Stunden dieses eigenwillige und trotz allem feine Mädchen dem unglücklichen Omsky näher sein wird als irgendeinem andern. Doch diese Betrachtungen führen auf Abwege.
„Wenn man nun zu Hause nicht wüsste, wie hochmütig ich bin“, sagt sie, „und was für ein gediegener junger Mann Sie sind, könnte man sogar auf den Gedanken kommen, Sie hätten mich entführt. Nicht wahr?“
Er meint, dass sei ein ziemlich billiger Witz. Diese junge Dame scheint ja allerhand Hintergründe zu haben.
Und die junge Dame? Ach, sie plappert nur drauflos und achtet nicht mehr sonderlich auf die Worte. Jawohl, ihre Gesprächigkeit und ihre gute Laune, das wird alsgemach verdächtig. Kommt das wohl daher, weil in ihrem Blut tausend Frühlingslieder singen?
Gewiss ist, dass eine Kraft sie treibt, eine Kraft, so urgewaltig und unbändig, wie die braunen Märzenwasser, die draussen über alle Hügel strömen.
Pause. Aber das ist keine Stille, die die Welt in Frieden hüllt. Nein, in diesem Wagen, der da einsam und lichtlos im finsteren Walde steht, brüten zwei Gewitter.
„Und morgen wollen Sie uns also verlassen?“
„Ja.“
„Haben Sie schon eine andere Stelle? Es soll doch schwer sein in diesen Zeiten.“
„Fürs erste werde ich zu einem Onkel aufs Land gehen.“
„Haben Sie denn noch Verwandte?“
„Ganz weitläufige.“
Nun ärgert er sich schon wieder. Was kümmert es sie, ob er Verwandte hat? Wozu nun diese Anteilnahme? Soll er vielleicht auch dafür sich erkenntlich zeigen?
Er kann dieser Unterhaltung nicht länger Geschmack abgewinnen.
„Sind Sie immer so schweigsam gewesen?“ fragt sie in unermüdlicher Bosheit weiter.
„Früher war alles anders,“ gesteht er mit einem Male treuherzig.
Und er sagt noch, obschon er sich im gleichen Augenblick über seine plumpe Offenheit greulich ärgert: „Das Unglück verblödet den Menschen.“
Nun gibt es eine lange Pause.
Man hört den Schnee an den Wagenfenstern knistern. Der Schnee streicht ganz sachte und weich über das Glas. Es ist der einzige Laut, der die Nacht erfüllt, der die Welt erfüllt.
„Ich will Ihnen jetzt etwas sagen.“
Er beugt sich gegen sie hin und lauscht, nicht nur mit seinen Ohren, denn in ihrer Stimme ist ein eigenes Schwingen. Seine ganze Seele steht in Erwartung.
„Ich bin zwar nur ein junges Mädchen und verstehe nicht viel vom Leben. Aber mir scheint, das grösste Unheil, das einen Menschen treffen kann, ist, wenn er sich selber wegwirft.“
Da er stumm bleibt, fügt sie noch hinzu: „Wenn man ein Stallknecht ist und sich damit zufrieden gibt, ein Stallknecht zu sein, wird man es immer bleiben.“
Wie lässt sich nun das wieder mit ihrem kecken Gerede von vorhin zusammenreimen? Will sie ihm wohl gute Lehren mitgeben auf die Reise? Dann verschwendet sie allerdings ihre Teilnahme an einen Unwürdigen.
Sie lässt ihm aber gar nicht Zeit, sich gründlich zu verdriessen. Nein, dieses temperamentvolle Fräulein hat schon wieder einen neuen Gesprächsstoff gefunden und lässt sich durch sein Schweigen durchaus nicht einschüchtern.
„Es wird hier allmählich kalt,“ sagt sie.
Sogleich steigert sie noch ihre Behauptung: „Ich beginne zu frieren.“
Er tastet nach der weichen Kamelhaardecke und streckt sie über die hohe Rücklehne. Sie wird von unsichtbaren Händen in Empfang genommen. Das Leder der Polster knirscht leise.
Nun meint er wirklich mit seinen Augen die Finsternis durchdringen zu können. Er meint zu sehen, wie sie ihre Glieder in die Decke schmiegt. Vielleicht ist es der kleine Seufzer, der ihm diese Vorstellung vermittelt.
Das Schneetreiben hat etwas nachgelassen. Man sieht durch die Fenster den Boden, der einen bläulichen Schimmer hat.
Wie ein Christabend ist das — fährt es ihm durch den Sinn. In seine zerrissene Seele, die in Finsternis und Kälte steht, fällt zitternder Lichtschimmer und fernes Glockengeläute.
Die Stimme aus dem dunklen Hintergrunde reisst ihn aus seiner kindischen Rührung.
„Sind noch mehr Decken da?“
Er wird dieses Gespräch nie vergessen können, denn es ist mit goldenen Worten in sein Gedächtnis gegraben. Es leuchtet in Flammenschrift auf einem nachtschwarzen Grunde.
Es sind keine Decken mehr da. Dieser Aufenthalt war bei der Abfahrt nicht vorgesehen.
Er könnte aber seinen Mantel anbieten.
Damit streckt er ihn auch schon hinüber.
Sie protestiert in grossem Eifer.
„Das nicht. Nein, auf keinen Fall werde ich das annehmen. Ich will nicht, dass Sie meinetwegen dort sitzen und frieren.“
Warum soll er denn nicht dasitzen und ihretwegen frieren dürfen? Das wäre noch lange nicht das Schlimmste. Zuweilen könnte er auch ein wenig draussen im Schnee marschieren. Das wärmt.
„Nehmen Sie ihn ruhig an. Ich bin gegen Kälte ziemlich unempfindlich.“
Sie bestätigt es.
„Das habe ich schon bemerkt. Aber trotzdem dürfen Sie nicht die ganze Nacht so dortsitzen, sonst werden Sie morgen krank sein. Und dann können Sie uns ja auch nicht verlassen.“
„Ich habe“, sagt er mit einer gewissen Feierlichkeit, „eine lange Winternacht bis zum Gürtel in einem überschwemmten Graben gestanden.“ Aber er schämt sich auch gleich seiner Wichtigkeit. Er fügt hinzu: „Das hat mir nicht einmal einen Schnupfen eingetragen.“
Der Mantel wurde aus seiner Hand genommen. Die Stimme sagt, und kein Zweifel, jetzt bebt sie merkbar: „Damals waren Sie im Krieg, und jetzt sind Sie im Frieden. Damals wurde Ihnen befohlen, im kalten Wasser zu stehen. Das ist heute nicht so. Ich bin vielmehr der Ansicht, dass Sie zu mir herüberkommen sollten. Ich nehme Ihren Mantel nur unter der Bedingung an, dass Sie sich ebenfalls darunter wärmen.“
Ihm wird bei diesem Vorschlage etwas schwindlig. Ja, es ist ungefähr so, als höre er einen grossen Schwarm boshafter Fliegen um seinen Kopf summen. Ganz sicher, er hat ihre Worte nicht recht verstanden. Das — nein, das ist nun ganz und gar undenkbar und unsinnig und einfach unmöglich.
Er sitzt still und wartet.
„Sie sind ein eigensinniger Mensch und vollständig unbeweglich,“ sagt sie in schmollendem Schelten. „Als man Sie hiess, eine Nacht lang im eiskalten Wasser zu stehen, gehorchten Sie. Jetzt aber haben Sie nicht den Mut, zu mir zu kommen und sich zu wärmen.“
Er sagt: „Gnädiges Fräulein, mich friert durchaus nicht.“
Er denkt, dass sie mit ihm spiele, wie die Katze mit der Maus und dass sie grausam und ohne Gnade sei.
„Nun denn, in des Herrn Namen, so befehle ich Ihnen also, herüberzukommen und mich zu wärmen.“
Sie sagt auch noch, um die Sache richtig zu erklären: „Wenn wir beide uns mit Ihrem Mantel zudecken, werden wir uns gegenseitig wärmen — nicht wahr? Wenn ich aber die lange Nacht hier friere, werde ich ganz gewiss morgen todkrank sein. Denn ich bin nicht so unempfindlich gegen Kälte wie Sie.“
Keine Flucht ist möglich — noch viel weniger ein geordneter Rückzug.
Herrgott, das wird die Katastrophe.
Was vom Schicksal bestimmt ist zu geschehen, das geschieht, allem Menschenwillen zum Hohn.
Er sitzt ihr gegenüber. Er kann im schwachen Schneeschimmer ganz zerflossen das Helle ihres Gesichts erkennen. Das Summen in seinen Ohren wird stärker und stärker. Er wendet den Kopf zum Fenster. Ist denn der Himmel voll von riesengrossen roten Sternen?
„Wie können Sie mich denn wärmen, wenn Sie drei Schritte von mir entfernt sitzen? Kann man nicht die Sitzpolster ausziehen?“
Doch, man kann die Sitzpolster ausziehn. Aber die roten Riesensterne wirbeln jetzt durcheinander wie Raketen. Unter diesem himmlischen Feuerwerk muss man schwindlig werden.
„Meine Füsse sind schon zu Eis gefroren.“
In hilflosem, leisem Wimmern streckt sie ihm ihre Füsse hin.
Er streift die Lackschuhe davon und wärmt diese bebenden Füsse mit seinen Händen, wärmt sie mit seinem Atem, wärmt sie mit dem Hauch seines Mundes. Er streichelt sie mit zuckenden Fingern. Und auch sein Herz zuckt.
Und dann bricht sein Widerstand zusammen. Dann vergisst er seinen grossen Hass, dann senkt er ganz langsam seine Stirn gegen ihr Knie und murmelt in ohnmächtiger Verzweiflung: „Herr — Gott — das geht über meine Kraft ...“
Ein Sklave hat einmal eine Königin geliebt. Dafür musste er einen Giftbecher austrinken. In der Liebe ist jedes Weib eine Königin. Gut. Omsky ist bereit zu sterben.
Nun liegt er still und wartet auf die Ohrfeige.
Aber durch die Dunkelheit kommen zwei zaghafte Hände. Weiche, warme Hände. Sie tasten in mädchenhaft ungeschickter Weise über seinen Scheitel, über seinen Nacken, streicheln sein Gesicht, pressen seine Wangen. Alles geschieht rührend und hilflos und ohne Überlegung. Und alles ist einfältig und stark. Es ist Glaube und Ehrlichkeit.
„Endlich — endlich ...“
Ein schluchzendes Lachen ist das oder ein lachendes Schluchzen.
„Herr im Himmel — welche Mühe hat das gekostet!“
Während einer Stunde reden sie viele unsinnige Dinge und stammeln kluge Worte. Und beides ist lautere Glückseligkeit.
Anny sagt: „Das war eine Verzweiflungstat — doch ich fand keinen andern Weg. Ich konnte dich doch so nicht ziehen lassen. Du hast dich mit deinem Unglück umpanzert und es mir schwergemacht. Wie ein Igel zeigtest du von allen Seiten nur Stacheln. Aber ich wollte nicht aus Feigheit dich gehen lassen ... Natürlich ist das ein Skandal. Aber er war notwendig. Still — sage nichts ... Und morgen musst du fort. Du darfst keinen Tag länger in unserem Hause sein ...“
Allmählich taucht er wieder an der Oberfläche des Geschehens auf.
„Was heisst denn das alles?“ fragt er.
„Muss ich denn noch einen Schritt machen? Ich liebe dich und will dich heiraten ...“
So ist das. Unsere Grossmütter haben sich ihre Männer vielleicht noch in etwas anderer Weise geholt.
„Ich bin zum Soldaten erzogen,“ sagte er trübe. „Und diese Herrlichkeit ist vorbei ...“
Sie hört nicht auf ihn.
„Warum habe ich dich denn geplagt? Ich wollte doch nur, dass du dich dagegen auflehnen solltest. Du musst wieder an dich selber glauben. Dann wird alles gut.“
Sie beugt sich über seinen Kopf und flüstert: „Du bist noch immer krank am Kriege. Aber jetzt bin ich zu dir gekommen, dir zu helfen.“
Im Laufe der Nacht sagt Anny: „Du musst nach Java.“
„So?“
Jawohl, kluge Frauenliebe hat alles geordnet. Den Zufall und ferne Dinge hat sie sich dienstbar gemacht. Ist nicht der vertrauten Freundin eine grosse Erbschaft zugefallen, eine Pflanzung auf Java? Man braucht einen zuverlässigen Vertreter. Dazu hat man Omsky ausersehen.
Alles ist schon vorbereitet. Das Schiff geht in wenigen Tagen. Bald wird er in eine andere Welt kommen und vergessen lernen. Bis zum Herbst wird er wieder zurück sein.
Tief unten ist Omsky gewesen. Aber nun steigt er in steile Höhe. Er versteht, dass das nicht alles Spiel und Zufall gewesen.
Am Morgen untersucht er den Benzinbehälter, dessen Hahn offen steht.
„Alles musste mit Gewaltmitteln zum Abschluss gebracht werden,“ sagt Anny, „sonst wärst du mir im letzten Augenblicke doch noch entflohen, aus Hochmut und Eigensinn. Aber jetzt kannst du mich nicht sitzenlassen.“
Auf dem Rückweg fahren sie über eine Brücke. Weit unten braust der Fluss. Anny lenkt wieder den Wagen. Ihr Gesicht blüht, feucht schimmern ihre Augen.
Eine grosse Furcht flackert in Omsky auf. Irgendeine finstere Macht hebt seine Hand. Ein Griff ins Lenkrad würde ihn befreien von Leid und Freude und allem zusammen.
Sein Glück wird ihm plötzlich zur Bürde. Wenn man nun das Brückengeländer überrennen würde ...
In diesem Augenblicke berührt Annys Knie sein Knie. Es ist nur ein leiser Druck. Dadurch wird die natürliche Abwicklung der Geschehnisse gestört. Fremder Einfluss hemmt seine Hand ...
In jener Märzennacht begann sein Traum. Der Abschied, das Meer, die Reise, das liegt alles ausserhalb. Mit dem Schiffbruch ist er wieder erwacht. Jetzt durchbraust ihn der mächtige Strom des Lebens.
Im Felsental orgelt der Wüstenwind. Der Himmel ist hoch. Der Himmel ist voll von funkelndem Zauber.
So begann Omskys Reise. Sie wurde in fröhlicher Operettenmusik geboren. Das Leben kennt auch diese Töne.
Der Richter
Es war eine blaue Nacht, durch die der schmale Mond als ein feuriges Schiff segelte.
Am Rande der grossen Wüste lag die Stadt als eine bleiche reglose Wolke. Gleich weissen Lanzen stachen die Minarette daraus in den leeren Himmel. Aus den Gärten kam das Geheul des Schakals. Das Wasser des Flusses gurgelte aufdringlich laut und legte in tändelnder Anmut silberne Ringe und Schlaufen um die Steine.
Warm war die Nacht und erfüllt von einer bangen, lauernden Ruhe.
Am dunkelsten lag der Schatten unter den hohen Zypressen im Garten des grossen Beg Zija.
Durch den Garten schlich Saáde.
Die Zypressen schwiegen; aber die Seide an Saádes Kleid raschelte leise. Und Saádes Herz hämmerte laut. Saádes Blut rauschte so laut wie das Meer, wenn es seine Wogen über den Sand wirft.
Saáde kam vom Harim her.
Seit sieben Jahren hatte sie den Harim nicht zwischen Sonnenniedergang und Sonnenaufgang verlassen. Der Garten war seit sieben Jahren ihre Welt.
Saáde schlich dem Tore zu.
Als sie vor sieben Jahren durch dieses Tor eingetreten, war Saáde ein kleines Mädchen mit dünnen Armen und grossen schwarzen Augen, die schon das Elend des Lebens gesehen. Damals kannte Saáde die Armut von Angesicht. Jetzt war sie ein Weib und blühte im Frühling ihres Lebens. Jetzt kannte sie den Reichtum und die Schmerzen der Liebe.
Saáde schlich dem Tore zu, bei dem Ibrahim wartete. Ibrahim wollte sie entführen, wollte sie hinausführen in die grosse Welt jenseits der Mauer. Jene Welt lag noch als blasse Erinnerung auf dem Grunde ihrer Seele.
Das war um die fünfte Stunde der Nacht.
Zwei starke, wohlgenährte Esel standen im Walde hinter der Strasse verborgen. Ibrahim war mutig und stark und klug. Er hatte alles gut vorbereitet. Ihm vertraute Saáde ihr Leben an. Er würde die Erfüllung ihrer Wünsche sein.
Wenn die Sonne aufging, wollten sie die Ebene schon weit hinter sich haben und am Fusse des Gebirges sein, wo drei Karawanenstrassen sich kreuzen. Dann würden Zijas Häscher ihre Spur kaum mehr finden.
Aber als Saáde das Tor erreichte und Ibrahim sie auf die Strasse hob, begannen die Esel zu schreien. Das Geschrei drang in die Stille der Nacht wie eherne Posaunen. Die Wächter liefen herzu, und Saáde und Ibrahim wurden gefangen.
Ibrahim erstach im Kampf zwei seiner Verfolger. Aber er hatte zu viele gegen sich. Sie trugen ihn, an Armen und Füssen gebunden, ins Serail zurück.
Als die Sonne über die Wüste heraufkam, war alles geschehn Saáde sass wieder in ihrer Kammer, bewacht von zwei alten Sklavinnen, deren zahnlose Münder hämisch lächelten. Sie konnten die Freude nicht verhehlen, dass die Favoritin gefallen war.
Man meldete es Zija, dem Gebieter, als er die morgendlichen Waschungen beendet und vom Dache des Hauses niederstieg nach dem Gebet. Zija schwor bei Allah, die beiden Frevler zu züchtigen. Er schwor es auch beim Bart des Propheten und raufte sich seinen eigenen, der lang und weiss war.
Zija sass den ganzen Tag beim Brunnen im Schatten des hundertjährigen Feigenbaums. Und sein Gesicht war so finster und zerfurcht, dass keiner es wagte, sich ihm zu nähern.
Der Schmerz Zijas war gross und sein Zorn ungeheuer.
Viele Frauen waren durch sein reiches Leben gegangen. Aber er war alt und weiss geworden, bis er die grosse Offenbarung der Liebe erlebte. Saáde hatte etwas in seinen Sinnen geweckt, was dort verborgen lag und schlief. Etwas, das er ohne sie niemals erfahren hätte.
Nur der Wüstenwanderer kennt den grossen Durst. Zija hatte ihn manches Mal ertragen. Aber der Durst der Wüste war Labsal im Vergleich zu seinem Durst nach Saádes Liebe.
Kostbarer als alle Habe war ihm diese Liebe. Sie liess ihn nimmer zur Ruhe kommen, da sie gemischt war mit Furcht. So glich sie einem Feuer, das sich mit seinen eigenen Flammen nährt.
Zija, der Gebieter, der nehmen und fordern konnte, wie es ihm beliebte, hatte sich unbewusst unter das Joch dieser Liebe gebeugt.
Man kann den Leib eines Weibes zwingen. Ihre Seele kann man nicht zwingen. Den Leib kann man hinter vergitterten Harimsfenstern verbergen. Die Seele aber flattert hinaus wie ein kleiner Vogel, der sich leicht im Himmel verliert.
Dabei war Saáde von niederer Herkunft und nichts anderes als die Tochter einer Sklavin.
Schönheit und Liebe fragt nicht nach Rang und Herkunft.
Dieser Tag war für Zija, den grossen Beg, in Wirklichkeit ein Abschied vom Leben. Als ein mächtiger Strom rauschte das Leben an ihm vorbei, herrlich, schillernd, brutal und düster — Zija aber musste sich jetzt abwenden von seinem Gestade, der grossen Wüste des Alters zu.
Bei Allah — das war ein böser Tag für den grossen Beg, der zu den Mächtigsten und Reichsten der Stadt zählte.
Er sass den ganzen Tag am Brunnen im Schatten des uralten Feigenbaumes. Um ihn her gurrten die Tauben. Aus dunklem Laub leuchteten goldene Apfelsinen. Die Rosen hüllten ihn in ihren Duft. Doch sein Ohr blieb taub, sein Auge blind, sein Sinn stumpf. In seiner Brust war ein kaltes Sprudeln an der Stelle, wo das Herz liegt. Und es war zugleich auch eine Glut, die nimmer erlöschen wollte.
Zija sann auf Strafe und Rache.
Am Abend dieses Tages kamen Boten vom Wali. Zija musste mit einer Botschaft von grosser Wichtigkeit ans andere Ende der Wüste reiten.
Auf dem Kamelrücken, in der nächtlichen Stille unter dem Zelt, in der dumpfen Ruhe des brennenden Mittags, stets und überall umkreisten ihn dieselben Gedanken. Sie folgten ihm auf seinem langen Wege gegen Morgen und folgten ihm auf dem langen Wege gegen Abend. Seine Gedanken waren rote Liebe und schwarze Trauer.
Den Schmerz, den er mit sich nahm auf die Reise, brachte er wieder heim. Doch da waren seine Augen wieder ruhig geworden, und er beugte nicht länger seinen Nacken vor dem Schicksal. Ein kranker Mann war fortgezogen, ein stiller Mann kehrte zurück.
Zija kam in sein Haus am Abend vor dem heiligen neunten Monat. Er verrichtete, als der Muezzin vom Minarett rief, auf dem Dache seines Hauses die frommen Waschungen, kniete auf dem Teppich nieder, legte die Daumen hinter die Ohren und neigte sich tief gegen Mekka in ernstem Gebet.
Es war das erstemal, dass Zijas Seele in Not geraten. Nun rief er inbrünstiger als sonst Allahs Beistand an.
Allah ist gnädig.
Schweres Unrecht ist Zija widerfahren von Saáde und Ibrahim. Inschallah — wenn Gott will, wird Zija die rechte Strafe finden.
Strenger als gewöhnlich hielt Zija die Fasten des Ramadan. Vom Augenblicke am Morgen, da man einen schwarzen Faden von einem weissen unterscheiden konnte, bis zur finsteren Nacht kam weder Speise noch Trank über seine Lippen, und er betrat auch nicht den Harim.
Am Morgen des Tages, der dem Ramadan folgte, sass Zija im festlichen Gewande an der hinteren Wand des Selamlik.
Der ernst und streng dort auf der Polsterbank sass und sich den weissen Bart strich, war Zija, der Kadi, der Gericht halten wollte. Er sass vor dem Nargileh, und seine Augen folgten wie im Traume den blauen Rauchwölklein. Diese Augen schienen die Sünder, die mit bleichen Gesichtern vor ihm standen, nicht zu sehen.
Zija begann: „Mein Herz ist betrübt, o Saáde, Tochter meiner Seele. Du warst das Licht meiner Augen und die Freude meines Lebens. Sag’, warum hast du dich von mir gewendet? Ach, nun sind meine Augen trübe, und mich quält der Tag mit seiner Helle, und mich foltert die Nacht mit ihrer Finsternis. Doch Allah ist gross über alles! ... Erinnerst du dich noch, o Saáde, was du damals warst, als ich dich fand in deinem elenden Dorf, vom Hunger verheert und entstellt von Furcht und Armut? Du lagst neben deiner sterbenden Mutter, und du warst wahrlich nichts als ein Bündel Elend. Keiner hat dich in jenen schlimmen Tagen beachtet, denn alle sahen nur ihre eigene Not, die — beim Koran! — gross war. Ich aber habe dich mit mir genommen. Nichts sollte dir mangeln in meinem Hause. Und du bist die erste geworden unter den Frauen des Harims. Dennoch kam der Tag — verflucht sei er! — da du Schande gebracht hast über mein Haupt. Doch Allah ist gerecht — er hat dich in meine Hand zurückgegeben.“
Während Zija sprach, stand Saáde mit weissem und starrem Gesicht, und nur ihre Knie zitterten ein geringes. Ihre dunklen Augen hingen am Antlitz des alten Beg. In ihren Augen war Angst. Es war darin auch Trotz.
Zija beachtete nicht Saádes Augen. Er wandte sich an Ibrahim.
„Auch dich, Ibrahim, habe ich damals dem sicheren Tode entrissen. Deine Hütte stand neben Saádes Hütte, und es erwartete dich dasselbe Schicksal. Auch dich habe ich aufgenommen. Und ich habe dich wahrlich nicht gehalten wie einen Knecht, sondern wie meinen eigenen Sohn. Sag’, o Ibrahim, warum hast du das getan, was das Gesetz jedem Rechtgläubigen verbietet?“
Ibrahim warf sich dem Scheich zu Füssen und rief: „O Herr, Vater der Güte, vergib! Übel habe ich gehandelt an dir. Strafe mich! Strafe mich hart, wie mein Unrecht gross ist. — Doch schone, ich bitte dich, Saáde, die nur geringe Schuld hat. Sieh, in meinem Kopfe ist der Gedanke zu dieser Tat geboren worden. Ich habe Saáde überredet ... Und dann bedenke auch, mein Wohltäter, dass du mich in deine Nähe riefst, wenn Saáde unverschleiert vor dir tanzte. Du selber hast mir ihre Schönheit gezeigt. Hast du denn nie bedacht, dass ich nicht mehr der schmale Knabe bin, den du in jener Hütte fandest? Bei Allah — gross ist meine Schuld —, aber gross war auch die Macht, die mich vom rechten Wege fortriss und in den Abgrund stiess. Du bist mächtig und klug, o Beg, eine Stütze des Glaubens — aber nimmer kannst du dem Wind gebieten, noch kannst du mit deinen Händen die Wolke aufhalten, die über dein Haus zieht. Mein Kopf gehört dir — nimm ihn! Mein Blut gehört dir — lass es fliessen dort hinten an der Mauer. Aber schenke Saáde deine Verzeihung. Lass nicht sie das Unrecht vergelten, das ich begangen.“
Zija rauchte lange. Mit halb geschlossenen Augen sass er, und es war eine dumpfe Stille im Raum. Hinter den Fenstern sass gelb und stechend das Sonnenlicht. Ringsum an den Wänden kauerte das Grauen.
Endlich hob Zija den Kopf: „Bei Allah! — klug hast du deine Worte gewählt, o Ibrahim. Du hast nicht geblökt wie ein Zicklein, das die ersten Sprünge macht um den Schatten seiner Mutter. Nein, du hast geredet wie ein Mann, der die Welt mit klaren Augen sieht. Es ist wahr, auch die Dschinni sind vor ihrem Fall Engel gewesen. Recht hast du, Jüngling! Ihr beide seid einer Macht unterlegen, gegen die der Menschenwille schwach ist. Und auch auf mein Haupt fällt ein Teil der Schuld. Wahrlich, mir fehlt die Weisheit, euer Richter zu sein. So mag denn Allah selber entscheiden, denn er allein ist weise.“
Bei diesen Worten hob Zija den Deckel von einem Korbe, darin fünf Feigen lagen, drei grüne und zwei gelbe. Er nahm von den gelben in jede Hand eine. Und er legte seine Hände nebeneinander und streckte sie aus.
Er sagte: „Von diesen Feigen ist eine vergiftet ... Wählt! ... Wähle du zuerst, Ibrahim.“
Laut und feierlich fuhr Zija fort: „Das gelobe ich bei Allah, dem Allmächtigen, wer von euch morgen, wenn der Muezzin zum Gebet ruft, noch am Leben ist, dem werde ich verzeihen, dem werde ich das Tor öffnen. Er möge hinausziehen in die Welt ... Warum wählst du nicht, Ibrahim?“
Ibrahim stöhnte.
„Das verlange nicht von mir, o Vater der Güte! Nimm mein Blut, und lass Saáde leben.“
Doch Zija erwiderte: „Dein Blut, o Ibrahim, soll nicht durch mich fliessen, denn ich habe dich geliebt wie meinen Sohn Mansur, den Allah — sein Wille geschehe in allen Dingen! — zu früh von mir genommen hat. In dir erhoffte ich die Stütze meines Alters. Wähle also ... Wenn Allah dir vergeben will, so werde auch ich dir vergeben, und ich werde deine Schuld aus meinem Gedächtnis löschen.“
Ibrahim verschränkte die Arme auf dem Rücken.
„Du magst mir, o Herr, die Augen ausstechen, die mich zur Sünde verführten. Du magst mir die Zunge abschneiden, die Saáde zur Flucht überredete. Du magst meine Hände verbrennen, die sie berührten. Aber das, o Efendi, verlange nicht, denn ich kann es nicht tun.“
Zija hob seine Augen und schaute Saáde an.
„Saáde, du hattest den Mut, das Haus der Frauen in der Nacht zu verlassen, obschon du wusstest, dass darauf die Strafe des Todes steht. Du siehst, dass Ibrahim verzagt ist. Mag er also aus deiner Hand Freiheit oder Strafe empfangen.“
Ganz nahe kamen ihr Zijas Hände. Zijas Hände berührten fast ihre Brust. Ein Zucken ging durch Saádes Körper. Mit schnellen Fingern griff sie zu. Sie steckte beide Feigen in den Mund und presste die schmalen, weissen Hände darauf.
Die Wächter eilten herzu. Doch Zija wehrte ihnen.
Zija lächelte. Es war ein düsteres Lächeln, das grosses Leid kündete.
Saáde warf sich nieder, kroch zum grossen Beg hin und umschlang seine Knie.
„O du mein Gebieter, o du mein Vater, o du Becher meines Glücks! — Glaube nicht Ibrahims Worten! Nur ich allein bin schuldig. In mir erwachte der Wunsch nach der freien Welt meiner Jugend. Darum habe ich Ibrahim zur Flucht überredet. Jetzt will ich allein die Strafe auf mich nehmen. Allah sei mein Zeuge, dass ich dich liebe, o Vater der Barmherzigkeit — wie ich dich liebe! Aber ich kann es nicht hindern, dass ich auch ihn liebe, der einst mit mir dort hinten in der grossen Ebene im Sande spielte. Ja, ich liebe auch Ibrahim. Und durch mich ist er in diese grosse Not gekommen. Deine Güte gegen uns war ohne Grenzen. Allah hat meinen Tod bestimmt. Nimm also mein Leben und schenke Ibrahim deine Gnade.“
Zija schaute eine Weile auf Saádes dunklen Scheitel, dann sagte er: „Du wolltest Ibrahim retten?“
„So ist es, o mein Gebieter. Da du gelobt hast, einem von uns deine Gnade zu schenken, so kann es jetzt nur Ibrahim sein.“
„Und doch irrst du, o Saáde. Und du hast eine neue Sünde begangen, denn du wolltest nicht Allahs Willen anerkennen. Dein Wille ist aber nur der Wille eines schwachen Weibes. So wisse denn, die zwei Feigen, die du gegessen, waren nicht vergiftet, und sie werden dir auch keinen Schaden tun. Ich wollte damit nur euere Herzen prüfen. Und jetzt kann ich sehen, wie gross euere Liebe ist. Du weisst aber, meine Taube, dass der Prophet selber den Harim das Unverletzliche nennt ... So hört nun auf das, was ich euch sage! Von mir fordert das Gesetz, dass ich euch strafe. Mein Herz aber hängt an euch, und durch meine Hand soll euch nicht das Leben gekürzt werden. Auch ich selber habe gesündigt, denn ich hätte die Versuchung von euch fernhalten können und habe es im Dünkel meiner Macht unterlassen. So will denn auch ich einen Teil der Sühne auf mich nehmen. Gut denn! Sehet hier die drei grünen Feigen. Durch sie soll Allah urteilen. Eine von ihnen birgt den sicheren Tod. — Wähle du jetzt, o Ibrahim! Wenn Allah mir das Ende bestimmen sollte, so würde euch beiden das Leben gehören. Wähle nun und zwinge mich nicht, das zu tun, was ich euretwegen und meiner selbst willen vermeiden möchte. Bei meinem Barte — weigerst du dich noch länger, so wird Saáde, ehe die Sonne in der Wüste versinkt, vor deinen Augen sterben. Du aber wirst dadurch die Freiheit gewinnen.“
Ibrahim griff in den Korb.
„Allah ist gnädig!“ murmelte er und ass die Feige.
Zija hielt Saáde den Korb hin und sagte: „Lege dein Geschick in die Hände Allahs, der allezeit gerecht ist.“
Dieses Mal nahm Saáde gehorsam nur eine der Früchte.
Zija schickte die Wächter fort. Dann ass er die dritte Feige. Er sass eine Weile mit geschlossenen Augen. Endlich sagte er: „Tanze, Saáde! Tanze heute noch einmal. Tanze noch ein letztes Mal für mich.“
Saáde tanzte. Sie tanzte zuerst ungelenk und mit steifen Gliedern und erloschenen Augen. Bald aber erwärmte sie sich an der Glut ihres jungen Leibes.
Mit versonnenem Blick schaute der alte Beg ihr zu.
Als der Tanz zu Ende war, zog er aus seinem Gewande hervor ein Päcklein, das in ein Seidentuch gewickelt war. Er löste die Schnur.
Er sagte: „Wenn es Allahs Wille ist, o Saáde, wirst du morgen mit Sonnenaufgang dieses Haus verlassen. Es wäre erbärmlich von mir, wenn ich dich dann wieder in Armut und Not hinausstossen wollte, ins Elend, dem ich dich einmal entrissen. Nein, das kann ich nicht tun. Ich werde dir mein Haus und meine Kaffeebäume in Sadvan schenken. Dort magst du mit Ibrahim, wenn es so bestimmt ist, in Frieden leben.“
Zija schwieg eine Weile und schaute durchs Fenster ins Grün der Bäume. Dann fuhr er fort: „Du hast mir viel Glück geschenkt, o meine Liebe. Und dafür sollst du nun deinen Lohn erhalten. Sieh diese Perlen! Ich habe sie im Laufe vieler Jahre gesammelt, und es gibt nicht ihresgleichen, weder in Hidschas noch in Jemen. Ich habe sie gesammelt, um die Frau, die mir das Geheimnis der Liebe offenbarte, auszuzeichnen. Keine andere kann es sein als du, Saáde. Denn ich liebe dich auch noch heute, nachdem du viel Schande und Kummer über mich gebracht hast. Nachdem ich dein Herz erforscht und es leer gefunden habe. Das muss die grosse Liebe sein, die nur schenken will, die nicht fordert und niemals zürnen kann. — Erst in dieser Stunde wird mir selber das alles offenbar. Ja, du hast diese Liebe in mir geweckt, wie der Sonnenstrahl die Blume in der Knospe weckt. Und das Wunder bleibt bestehn, ob du nun auch von mir gehst. Hinter jedem Tage steht die Nacht. Hinter jedem Menschenglück der Tod. Und doch freut uns der Morgen. Und doch freut uns der Frauen Lächeln. Denn wir leben nicht in der Ewigkeit. Wir leben im Augenblick. Ein schöner Augenblick ist wie ein Stern — sein Licht kann hundert Jahre lang den leeren Raum durchfluten. Er strahlt noch lange, nachdem der Stern selber erloschen ist. Ich musste dich strafen, o Saáde, und ich musste Ibrahim strafen, weil der Koran es von mir fordert. Aber es ist mir nicht gegeben, dich zu hassen oder dir zu fluchen — nein, ich danke dir! Nimm also die Perlen. Die Hand, die sie schenkt, segnet dich. Es ist ein grosser Reichtum, den ich jetzt in deine Hand lege. Bewahre ihn gut, o Tochter meiner Seele.“
Zija liess das schimmernde Geschmeide mit Zärtlichkeit durch seine Hände gleiten. Dann legte er es um Saádes Hals.
Es waren mehr als hundert Perlen, gross und auserlesen an Form und Schönheit. Saáde küsste den Saum von Zijas Kleid, und ihre Tränen tropften darauf. Und sie stammelte in heisser Verwirrung: „Habe Dank, o Vater der Güte! Möge Allah deine Tage segnen.“
Zija klatschte in die Hände. Die Wächter führten Saáde in den Harim und Ibrahim ins Haus der Männer zurück. Lange blieb Zija allein und rauchte. In seinen Augen, die die Farbe dunklen Bernsteins hatten, lag ein wehes Lächeln.
Zur Zeit des Sonnenuntergangs, als die Hitze des Tages vorbei war und erfrischende Luft vom Gebirge herüberwehte, ging Zija in den Garten.
Er ging bis zum Flusse hinab und schaute dem Spiel der Wellen zu.
Gegen die Stadt hin wölbte sich eine Steinbrücke in sehr hohem Bogen über den Fluss. An den Ufern standen zwischen braunroten Felsen blaugrüne Tarfabäume. Im Abendschein hatte ihr Laub einen frischen Ton bekommen, und sehr weiss hoben sich die Mauern der Häuser davon ab.
Der Fluss nahm alle Bilder in sich auf, zerpflückte sie mit seinen Wellen und verstreute sie an den Ufern.
Alles ist Spiel, dachte der grosse Beg. Auch wir gehen durchs Leben wie ein unruhiges Wasser, das die wahre Gestalt der Dinge nicht zu erfassen vermag. Wir streifen nur die Ufer der Wirklichkeit. Und nichts kann unser eigen werden ... Aber Allahs Wille steht hinter allem ...
Dann ging er auf das Dach seines Hauses und blieb dort lange über die Stunde des Gebets. Er forschte mit müden Augen in den Sternen. Der Nachthimmel kündete ihm in irgendeiner Weise, was der Fluss ihm erzählte.
Am andern Morgen, als noch Dämmerstille den weiten Garten erfüllte, kam aus der Höhe des Himmels des Ezan heller Ruf:
„Allah ist gross! Allah ist gross! Allah ist gross!
Ich bezeuge, dass kein Gott ist ausser Allah!
Und ich bezeuge, dass Mohammed sein Prophet ist!
Kommt zum Gebet!
Kommt zum Heil!
Gebet ist besser denn Schlaf ...“
Zija trat in Ibrahims Kammer.
„Möge dein Morgen glücklich sein, o Ibrahim!“
Ibrahim sprang auf vom Mindar und starrte dem Beg mit weiten Augen ins Gesicht.
„Der Wächter hat dir das Tor geöffnet, o Ibrahim. Ich selber öffne dir die Tür dieses Hauses. Ziehe hinaus in die Welt, und mein Segen begleitet dich ... Saáde ... Höre, o Ibrahim ...!“
Ibrahim stürmte in Verwirrung durch die Kammertür.
„Saáde —“ murmelte er. „Saáde!“
Er hörte nicht mehr auf das, was Zija ihm nachrief. Er rannte durchs Gartentor — hinaus in die Welt.
Ibrahim eilte auf der Strasse dem Gebirge zu.
Auf dem Dache des Hauses stand der Scheich, beschattete mit der Hand seine Augen und schaute dem fliehenden Ibrahim nach.
„Allah ist gross ... und gerecht in allen Teilen,“ sagte Zija und stieg vom Dache nieder.
Grüngolden erhob sich jetzt der junge Tag hinter den dunklen Schattenmassen der Bäume. Eine Nachtigall schluchzte.
Zija ging zum Harim.
In Ehrfurcht grüsste der Wächter.
„Allah segne deinen Tag, o Herr!“
Die beiden alten Negerinnen, die vor Saádes Kammer wachten, haschten nach dem Saum seines Kleides.
Leise öffnete Zija die Tür.
Zitterndes Licht erfüllte den Raum. Eine Ampel hing an dünner Kette aus dem hohen Gewölbe der Decke. Ihr Licht verblasste im Morgenschein. Die Koransprüche, die in breitem Kranze die Wände zierten, schimmerten wunderbar im Doppelspiel des Lichtes und in ihren eigenen gedämpften Farben. Die Luft war erfüllt vom Dufte der Akazienblüten, die ein Baum ans Fenster streckte.
Saáde lag tief in den Seidenkissen und schlief. Es war da schon so hell, dass Zija ihre weissen Zähne hinter den leicht geöffneten Lippen hervorschimmern sah. Um ihren weichen Nacken lag das Perlenband.
Zija betrachtete Saáde gesenkten Hauptes. Leise ging er zum vergitterten Fenster und wartete.
Von den Dächern herunter flatterten die Tauben und sammelten sich gurrend um das Marmorbecken des Brunnens. Über die Gartenmauer kam fern, verwischt und dumpf, der Lärm der erwachenden Stadt. Weit draussen in der Ebene fiel ein Schuss.
Saáde redete im Traum unverständliche Worte. Sie murmelte hastig und mit stossweisem Atem. Sie schrie laut auf und erwachte.
Zija trat an ihr Lager.
„O du meine Seele,“ begann er behutsam und leise. „O du meine Augen, o du meine Liebe ...“
Saáde starrte ihn einen Atemzug lang verständnislos und schlaftrunken an. Plötzlich kam aus ihrem Halse ein pfeifen des Röcheln.
„Du bist frei, o Saáde! Allah verzeihe dir, wie ich dir verziehen habe ...“
Saádes Augen wurden ganz dunkel.
„Ibrahim wandert schon auf der Strasse. — Bei meinem Barte — er flieht vor seinem Glück! ... Beeile dich, o Saáde, sonst entrinnt er dir. Er ist auf dem Weg ins Gebirge ...“
Saáde sagte nichts. Sie sank langsam vornüber. Ihr Gesicht vergrub sich in den Kissen, und die Arme lagen seltsam verkrümmt unter ihrem Leibe.
Bekümmert liess sich Zija neben ihr nieder, hob ihren Kopf empor und bettete ihn in seinen Schoss. Er liebkoste mit leisen Fingern ihre Hände und sagte: „Bei Allah — ich wollte nur das Gute mit dir, o Freude meiner Augen! Gegen Brauch und Gesetz habe ich gehandelt. Ich habe die Sünde auf mich genommen und euch beiden verziehen. Mit meinem Segen und reich beschenkt will ich euch ziehen lassen ... Komme endlich zu dir, meine Teure, erwache! Freue dich am Morgen, der der Anfang deines Glücks sein soll.“
Saáde schlug die Augen auf. Ohne sich zu rühren, schaute sie dem Beg ins Gesicht. In ihrem Blick war Unglaube, Trauer und Auflehnung. Und es war auch ein wenig Hass darin.
„Warum zweifelst du an der Wahrheit meiner Worte, o Saáde?“
Saáde schwieg. Das war ein Schweigen des Widerspruches und der Anklage.
„Sieh, es ist kein Groll mehr in meinem Herzen. Du bist die Sonne meines Lebens gewesen, o Saáde. Das ist freilich wahr. Aber jeder Tag, ach, auch der schönste, geht zur Neige. Man kann die Sonne, die Freude und Licht spendet, nicht mit den Fäusten zurückhalten ... Mein Tag neigt sich. Nun will es in meiner Seele Abend werden. Aber ich möchte meine Nacht nicht füllen mit den hässlichen Schatten des Grolls und des Hasses. Wahrlich, das wäre unklug und nicht würdig eines Mannes, dem Allah viel Güte erwiesen in einem langen Leben. Nein, meine Augen sollen sich, ehe ich sie schliessen muss, noch satt trinken an der Welt und an Allahs unfassbaren Wundern ... So, wie ich dein Antlitz beim Abschied sehe, so wird es in meinen Gedanken stehenbleiben. Warum sollte ich dich, o Saáde, betrüben? Und glaube mir, meine Liebe, es ist ein grösserer Gewinn, die Macht in der Hand zu haben und sie nicht gebrauchen, als damit andern ihr Glück zu nehmen.“
Wie der Scheich so leise auf sie einsprach, wunderte sich Saáde. Der Klang seiner Stimme war ihr ungewohnt und drang ihr ganz bis zum Herzen. Sie begriff nicht völlig den Sinn seiner Worte. Nur so viel verstand sie, dass immer noch viel Liebe und Güte darin war. Ja, die Güte seiner Worte umfloss sie von allen Seiten wie ein kühles Bad, das das Fieber ihres Blutes linderte.
Mit bedrückter Stimme fragte sie: „Wenn Ibrahim noch lebt, warum ist er dann von mir gegangen?“
„Irgendein böser Geist muss ihm die Augen verdunkelt und die Ohren verstopft haben. Er lief davon und hörte nicht auf meine Worte. Aber nun will ich meine Leute ausschicken, dass sie ihn suchen und zurückbringen.“
Saáde drehte ihr Gesicht zur Seite.
„Er wird nie mehr zurückkehren, denn er glaubt doch, dass ich für ihn gestorben sei.“
Sie griff nach dem Perlenbande an ihrem Halse und legte es in des Scheichs Hände zurück.
„Nimm es wieder von mir, o Vater der Gnade. Wozu soll es mir jetzt noch dienen? Ich brauche nicht den Reichtum und nicht den Schmuck, denn meine Seele ist krank, und mich verlangt nur nach dem Schatten der Nacht.“
Zija liess die Perlen langsam durch seine Finger gleiten. Dabei dachte er in tiefer Beschämung: Nur Allah allein hat das Recht, mit dem Schicksal der Menschen zu spielen. Nur ihm kommt es zu, die Bilder der Erde im Flusse aufzufangen, sie in Fetzen zu reissen und achtlos an den Ufern zu zerstreuen. Nur er allein kann die Sterne in die Nacht setzen und wieder vom Himmel stossen, wie es ihm beliebt. Alles, was er tut, ist wohlgetan, denn er ist Gott. Die Menschen aber sind unwissend. Sie dürfen nicht mit ihren Händen in sein Spiel greifen, geht es doch stets um grosse Dinge. Und Menschenhände sind immer unbeholfen.
In tiefem Ernst verliess der Scheich Saáde.
Auf dem Hofe rief er alle seine Diener zusammen und befahl ihnen, die Pferde zu satteln und hinauszureiten, den Bergen zu, um Ibrahim zu suchen.
„Aber ihr sollt nicht euere Hand gegen ihn heben,“ sagte er. „Ihr sollt alle Gewalt vermeiden. Ihr sollt ihn nur bitten, dass er zurückkehren möge und dass ich ihm Dinge von grosser Wichtigkeit mitzuteilen hätte.“
Und dann rief er Saáde auf den Balkon und sprach ein paar Worte mit ihr, dass alle ihre Stimme hören konnten.
Die Diener ritten in die Ebene hinaus.
Am Abend kamen sie zurück und hatten keine Spur gefunden.
Erst spät in der Nacht trat Abu Bekr, der mit Zija alt und weiss geworden, in des Begs Zimmer und berichtete: „Ich habe ihn gesehn, o Efendi. In einem Wadi, abseits der Strasse, fand ich ihn. Und wie! Beim Grabe meines Vaters — elend sieht er aus! Er hat sich die Brust zerschlagen und das Haar zerrauft. Er hat sich selber und seine Eltern verflucht. Und was das Schlimmste ist, er glaubte meinen Worten nicht. Nein, er will nicht zurückkehren, denn er fürchtet deine Rache. Und er will auch nicht glauben, dass Saáde lebt.“
Abu Bekr stand vor seinem Herrn und fuchtelte in Erbitterung wild mit seinen Händen.
Zija sass mit unterschlagenen Beinen am Boden der offenen Halle. Er hörte stumm den Bericht seines Dieners an und zeigt sich würdig und zurückhaltend, wie es sich für einen Mann seines Standes schickt.
„Dieser Sohn eines Hundes ist deiner Gnade nicht wert, o Vater der Weisheit,“ ereiferte sich der Diener. „Wer darf es wagen, an deinem Worte zu zweifeln?! Möge ihn Allah verderben!“
Zija strich sich den wohlgepflegten Bart.
„Da sagst du etwas ganz und gar Verkehrtes, Abu Bekr. Ibrahim ist nicht im Unrecht in dieser Sache. Nein, ich habe gestern, als noch Zorn und Trauer meinen Verstand trübten, zweimal eine Unwahrheit gesagt. Und jetzt darf ich mich nicht darüber wundern, wenn die, die ich belog, mir nicht mehr glauben wollen. Denn nun ruft eine Lüge der andern ... Lass mich jetzt allein, dass ich nachdenke und ein Mittel finde, alle Täuschung zu vernichten. Dass du Ibrahim gefunden, das sage niemand, denn das Gerede der Menschen macht eine missliche Sache nur noch schlimmer.“
„Hören ist gehorchen,“ sagte Abu Bekr, verneigte sich tief und ging. Doch man konnte es deutlich an seinem Gesichte sehen, dass er unzufrieden war mit der Milde seines Herrn.
Am Abend des nächsten Tages rief Zija seinen Diener Abu Bekr wieder zu sich und verliess mit ihm das Haus.
Es war das in der ersten Stunde der Nacht. Der Mond stand als schmale Sichel weit unten in der Ebene. Obschon sein Licht nur schwach war, trat doch das helle Gemäuer der Häuser klar und deutlich aus der Nacht hervor, und Abu Bekr brauchte die Laterne, die er mitgenommen, nicht anzuzünden.
Sie folgten der Strasse dem Flusse entlang. Aus den Gärten drangen noch die lebhaften Stimmen von Menschen, die die erfrischende Kühle der beginnenden Nacht genossen. Da und dort aus dem matterleuchteten Viereck eines Fensters kam das Geklapper von Kochgeschirr oder das Geschrei von Kindern. In dunklen Türöffnungen stritten sich die Hunde um die Küchenabfälle. Wenn die Hunde zudringlich wurden, vertrieb sie Abu Bekr mit seinem Stocke.
Vor der Schenke Chalils blieb Zija eine Weile stehn. Der Duft von Kaffee und gerösteten Bohnen drang bis auf die Strasse.
Es war ein offener Raum, halb Terrasse, halb Keller. Das hintere Ende verlor sich im Dunkel. Der zitterige Lichtschein einiger Öllampen fiel über kleine Tische, von denen die vordersten schon ausserhalb des Hauses im Garten standen. Viele der Gäste hockten auf der Erde und hatten die Speisen und Getränke auf Brettern oder niedern Schemeln neben sich stehen.
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