Read the book: «Von früher und heute. Wiener Skizzen»
Karl Adolph
Von früher und heute
Wiener Skizzen
Saga
Von früher und heute. Wiener Skizzen
© 1924 Karl Adolph
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711570029
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Das Märchen
Niemals kam der Vater abends um sieben Uhr heim, ohne sich erst in der Küche gründlich das von Maschinenfett und Russ geschwärzte Gesicht sowie die noch viel schwärzeren Hände zu reinigen. Nach diesem Verfahren, eines zivilisierten Europäers würdig, erschien er in dem gemieteten kleinen Kabinett, wo sich aus einem der darin befindlichen zwei Betten zwei magere Kinderarme dem Eintretenden entgegenstreckten.
Denn nichts als diese Ärmchen vermochte der Kleine zu bewegen. Die Beine waren und blieben steif für alle Ewigkeit. So hatte es eine unerbittliche Notwendigkeit der Natur angeordnet, und in dem Sinne nahmen es die Ärzte, nahm es schliesslich der Vater und ganz unbewusst der kleine Dulder selbst, der niemals im Leben (es war ja noch so kurz, kaum vierjährig) das gelernt, was man strampeln heisst. Er konnte nur in Sehnsucht seine kleinen Arme gebrauchen.
Den ganzen lieben langen Tag lag er in seinem Bette, wenn ihn nicht die um geringes Geld dazu gemietete Quartierfrau heraushob, in das Zimmer trug und auf das alte Sofa setzte, um mittlerweile im Kabinett die Betten von Vater und Kind zu „machen“.
Mein kleiner, aber trotz alledem lustiger Dulder vergnügte sein kaum vierjähriges Dasein, so gut es ging, mit seinen Spielsachen. Ach, wie sahen die aus! Da waren darunter einige Ausschneide- und Ankleidebildchen, eine Eisenbahn, die zur Weihnachtszeit (wenn ich einem gewissen Herrn Kohn glauben darf) zum Selbstkostenpreis siebzig Heller gekostet, eine zerbrochene Rechenmaschine, ein unvollständiges Zusammenlegebild, einige alte, zusammengetragene, geschenkte, zerfetzte Bilderbücher und dann Überbleibsel eines von wem immer geschenkten Ankersteinbaukastens. Zu erwähnen wäre noch ein Tennisball, ein geflickter Gummiball und eine fast unmögliche Puppe. Derart war sie nämlich an Armen und Beinen mitgenommen worden. Auch hatte sie die Perücke verloren und erwies sich als ein mit einem Kahlkopf versehenes kleines Ungetüm.
Wenn der Vater erschien, kreischte das Würmchen laut auf vor Freude über das Erscheinen seines einzigen und liebsten Freundes und breitete ihm sehnend die mageren Ärmchen entgegen.
Und dann lächelte der ernste, sonst fast niemals lächelnde Mann und beugte sich über das Bett, um sein Kind zu betasten und seinen rauhen, struppigen, von Maschinenöl duftenden Bart über dessen Gesicht zu breiten, was er küssen nannte. Und in diesem Augenblick war lallende und unbewusste, verschwiegene Religion in beider Herzen.
Das waren die Feier- und Weihestunden des Vaters. Ich vermag nicht anzugeben, wie klein das Kabinett war, wie dürftig, wie dumpfig — aber ich kann mit aller Beruhigung und Herzensfreude sagen: es waren zwei glückliche Menschen darinnen.
Es war nicht allzu lange, dass deren drei waren ... Der Vater brachte gewöhnlich das Abendessen mit oder liess es von der Quartierfrau aus dem nächsten Gasthause holen. Dazu trank er ein Glas Bier, dann machte er es sich bequem, zündete seine Pfeife an, und nun wurde es erst recht vergnügt, indem Vater und Sohn sich ansahen, der erste schweigsam, der andere in der Sprache redend, die wohl Engel sprechen müssen, einfach lallend, oft kreischend, kurz, mit der Sprache des Kindes, das weiter nichts ausdrücken kann als die ernstesten, erhabensten und reinsten Dinge, die wir später alle nicht mehr verstehen: Freude, Dankbarkeit und Liebe.
Und das war so bis zum heutigen Tage geblieben.
Aber heute hatte der Kleine, nachdem ihn sein Vater, wie gewöhnlich, lange Zeit paffend angestarrt, dessen rauhe, schwarze Hand mit seinen kleinen Händchen umfasst und die Aufforderung getan:
„Vatta, tsäl ma a Tsicht.“
Es hiess wirklich nichts anderes, als der Vater solle eine Geschichte erzählen. Der aber war über die neue Zumutung ganz starr und sah seinen Sprössling mit einer Miene an, die nur höchstes Erstaunen ausdrückte. Woher war dem Kleinen eine solche Idee angeflogen gekommen?
Darüber zerbrach sich der Ältere (bildlich genommen, denn solche Ausdrücke darf man beileibe nicht ernst nehmen) den Kopf. Aber der Junge beharrte auf seinem Verlangen.
Die Ursache dieses war, dass sich die Quartierfrau bei der Umlagerung des kleinen, plauderlustigen und neugierigen Menschenkindes zu einer Art von Erzählung eines Märchens verstiegen hatte. Und wie alles Wurzel schlägt, ob Unkraut oder gedeihliches Korn, also hatte das Märchen Wurzel geschlagen und drängte nach Ausbreitung auf dem einzigen Nährboden, den es besitzt, dem einer kleinen Kinderseele.
„Vatta, tsäl ma a Tsicht ...“
Die Mahnung war eine so dringende, dass der Vater von dem Wolkenheim des Erstaunens glatt auf dem Boden der Wirklichkeit ankam und endlich begriff, dass die Zeit des gegenseitigen väterlichen Anstarrens und kindlichen Kreischens einer anderen gewichen war: der eines geistigen Austausches.
Und plötzlich stand das Märchen hinter dem schweigsamen Manne, und seine Berührung verlieh ihm Worte. Nicht glänzende, von oratorischem Geiste getragene. Nein, so zusammengestoppelte Worte, wie sie ein einfacher Geist für einen noch einfacheren zu finden vermag.
Dabei half eine schon lang vergessene Erinnerung an eine Frau, die ihm vor vielen Jahren derlei erzählt, und diese Frau war eine Nachbarsfrau gewesen, da er selbst noch so klein, mutterlos und verlassen in seinem Bette lag wie heute sein Kind.
Also begann er:
„Es war amal a grosser Ries’ ...“
„Du, Vatta, was is a Ties’?“
„A Ries’ is so gross ...“
„Wie toss denn?“
„No, a Ries’ is halt recht gross ... So wia der Stephansturm.“
Es war eine jedenfalls äusserst glücklich gewählte Vergleichsform, da der Kleine den Stephansturm nie gesehen’ noch beschreiben gehört hatte. Aber sei es, weil er ein Wiener war — er gab sich mit der Auskunft zufrieden.
„Und was hat der Ties’ ’tan?“
„No ... der Ries’ is amal in’ Wald gangen ...“
„Vatta, was is a Ald?“
„A Wald ... ja, a Wald, das san lauter Bam’.“
„Bamm?“
„Ja, wasst, solche Bam’ wia in’ Park, wo m’r manchmal hingengan.“
„Und wia viel Bamm?“
„O je! So viel ... No ja, halt lauter Bam’. Und der Ries’ is in dem Wald an’ Zwergl begegn’t ...“
„Vatta, was is a Wergl?“
„A Zwergl? Der is so viel klan.“
„Techt tlan?“
„Recht klan. So klan ... no, so klan wia du.“
„To tlan? ... Und was hat der Wergl ’tan?“
„Ja ... der Zwergl hat den Riesen begegn’t.“
„Und was hat der Wergl und der Ties’ ’tan?“
„Dö san halt in’ Wald spaziert und san so ’gangen, immer weiter ’gangen. Do hat der Ries’ g’mant, i hab’ an’ Hunger. Schau’n m’r, dass m’r wo a Hütten finden.“
„Was is a Itten?“
„Das is a klan’s Haus. Und da san s’ zu an’ Haus ’kumma, da ha’m s’ an’klopft. Auf das schaut beim Fensta a alte Hex’ aussi und fragt: Wer is dada?“
„Vatta, was is a Ex?“
Der Erzähler blieb diesmal dem Unterbrecher eine Antwort schuldig und fuhr in seiner Erzählung voll Eifer fort:
„Der Ries’ hat g’sagt, mir san dada. Und der Zwergl hat aa g’mant: Mir san dada und ha’m an’ Hunger. Und die Hex’ hat g’sagt: Nur der Zwergl kann in mein Haus eini, denn für’n Ries’n hab’ i kan’ Platz. Und da hat der Ries’ zum murr’n ang’fanga und die Hex’ a alte Hex’ g’schimpft. Und der Zwergl is in die Hütt’n ganga, zu der Hex’, und hat den Ries’n ausg’lacht. Die Hex’ hat eahm viel zum ess’n geb’n ...“
„Techt viel?“
„Natürlich, recht viel. Und viele guate Sach’n.“
Die Augen des Horchenden erglänzten.
„Was denn alles Tut’s?“
„No, an’ Schinken, an’ Kas und Wuchteln und Kaffee und Dschokolad ...“
„Und Bacherei?“
„Viel Bacherei und Zuckerln ...“
„Und an’ Mog’ntudl aa? Und Twetgen und Äpfl’n und an’ Milireis? ...“
„All’s hat er kriagt, aa a guat’s Banfleisch mit Essigkren und a Schweinernes und Hendeln und ...“
„... an Dudlhupf! ...“
„Den hat er aa kriagt.“
„Und der arme Ties’,“ forschte der mitleidige Zuhörer, „hat der nits tiagt?“ Der Erzähler erlahmte in seiner Einbildungskraft. Aber da berührte ihn wieder das Märchen, dass er den Faden fand aus dem Irrgang, in den er nach Art von Stegreiferzählern geraten. Und nun stellte sich neben das Märchen die Phantasie und berührte den Mann. Und dann kam der Schlaf und berührte den Kleinen und später den Vater, und dann kam der Traum und liess beide ein seliges Märchen weiter erleben.
Und alle kamen allabendlich getreulich wieder, bis einst einer kam und das Recht an dem Kleinen forderte. Alle traten schweigend zurück — das Märchen hatte ein Ende.
Ein Totschlag
Also erzählen Sie!“ sagte der Vorsitzende zu dem wegen meuchlerischen Totschlages Angeklagten. Dieser begann: „Ich habe meinen Verteidiger gebeten, mir selbst die Vertretung meiner Angelegenheit zu überlassen. Er möge es nicht als Misstrauen in seine Fähigkeiten auffassen. Aber wie der natürliche Aufschrei der Not fester ins Ohr dringt als der gekünstelte der Darstellung, so glaube ich, meine Herren Geschwornen, wird meine einfache Erzählung Sie mehr dem Motiv meiner Tat nähern, als es die mittelbare Darstellung des Herrn Verteidigers vermöchte.
„Der Tatverhalt ist folgender: Mich hat ein Mensch tötlich beleidigt, und ich schlug ihn hinterrücks nieder. Ich leugne nichts und werde mich bemühen, auch nichts zu beschönigen, soweit es die in mir empörte menschliche Natur zulässt. Verzeihen Sie, wenn ich mich meines Opfers nur insoweit erinnere, dass ich eine unnütze, gefährliche Bestie aus dem Wege geräumt habe.
„Ich bin das, was man einen ‚gebildeten Proleten‘ nennt. Ein Mann mit aufgestapeltem Wissen, fähig zu hohen Berufen, aber unfähig, sein Brot durch Lastentragen zu verdienen. Meine Hände vertragen keine Schwielen, und mein Hirn — leider Gott! — es war weniger zu gebrauchen als meine Hände. Allen fehlte die rauhe Rinde der Erwerbsfähigkeit.
„Ich mute den Herren des hohen Gerichtshofes nicht einmal die Vorstellung zu, dass sie es probieren möchten, tagelang mit ungesättigtem Magen herumzulaufen, nächtelang im Freien zu schlafen, solange es die milde Natur gestattet; denn das, was Obdachlosen oft als Obdach zugemutet wird, konnte ich nicht ertragen. Ein Deklassierter ist eben anspruchsvoll, zu seinem Unheil.
„Bisher jedoch war auch mein Magen ebenso anspruchsvoll wie der Ihre — das heisst, ich konnte gewisse Fleischgattungen nicht ohne Widerwillen, ja Abscheu auch nur nennen hören. Aber jetzt waren mir Stücke aus einer Pferdefleischauskocherei ein Leckerbissen geworden. Begreifen Sie doch! ... Ein Feiertagsbissen. Nun etwas weiter ... Wie ich zu Hundefleisch kam ... Eines Tages irrte ich ausserhalb der Stadt durch die Felder. Wie gern durchwanderte ich einst diese. Wo ich als Kind Gott den allmächtigen Herrn gelobt, der Blumen und Falter gerade zu meinem Vergnügen geschaffen hatte, sank ich hin, verlassener als die hungrigste Bestie.
„Der Hunger des ‚verschämten Armen‘ hatte mich ohnmächtig, willenlos, feig, verzweifelt gemacht.
„Da, am Rande des Feldes, sitzt auf einem Stein ein Mensch und kaut an einem Stück Fleisch. Ja: Fleisch, sage ich Ihnen, den Begriff werden Sie nie ermessen. Ich könnte vielleicht sagen, das Wasser rann mir im Munde zusammen — doch hat die Sprache keinen Ausdruck für die Empfindung meines damaligen tierischen Hungers.
„Mein Anblick muss erbarmungswürdig gewesen sein. Doch — nicht das! Meine Augen müssen gesprochen haben, mit der schreienden Sprache die die Natur den leidenden Kreaturen als leider nur immer zu stumpfe Waffe mitgegeben hat.
„Ob Tier — ob Mensch! Mich haben solche Blicke stets gerührt ... Doch ich verirre mich nun. Ich sage, mein Anblick oder die Sprache meiner Augen müssen es gewesen sein, die den armen, am Wege lungernden Slowaken veranlassten, mir den widerlichen Brocken anzubieten.
„Ich wusste noch nicht, was ich ass.
„Als ich gesättigt war und mir dessen bewusst wurde, den treuesten, dankbarsten Freund unseres Geschlechtes gefressen zu haben ... Worte sagen nichts — Tränen alles. Der arme, landstreicherische Slowak ... wie gütig war er und doch wie grausam, als er grinsend sagte: ‚Hund is gut zum Fressen, sehr gut.‘ Ich war zu gesättigt und zu müde von der Sättigung, um Abscheu empfinden zu können. Und so dankbar war ich. Ich stand neben dem Menschen, der mehr Tier war als der Hund, der uns zum Frasse gedient. Aber war ich jetzt erhaben über diesen armen, unwissenden Mitbruder? Wodurch denn? Dass ich mehr gelernt hatte, mehr verstand von Dingen, die mir nichts nützen konnten, um den Hunger zu stillen?
„Gütig, wie die meisten selbst Darbenden sind, reichte mir der brave Slowak noch seine Schnapsflasche (wohl sein kostbarster Besitz), und ich trank — während mir unaufhaltsam Tränen über die Wangen rollten, sich an der Flasche brachen und sie mit dem köstlichsten Nass in Berührung brachten, das je die Fläche dieses Glases benetzte. Dann griff der arme Kerl in seine Tasche, wühlte in ihr herum und brachte endlich — einen Kreuzer zum Vorschein, den er mir treuherzig reichte. Lachen Sie, meine Herren Geschwornen! Es gibt noch Leute, die ihr Letztes teilen oder verschenken.
„Wahrhaftig, dem Andenken dieses Parias war ich es schuldig, die menschliche Gesellschaft von einer Unzier zu reinigen; jener Edle wäre noch heute beschmutzt, lebte die dahingestreckte Bestie noch.
„Einen Kreuzer! ... Merken Sie den Betrag! Denn nun komme ich zur Sache, zur Tat, die mich vor diese Schranken gebracht hat. Zur Tat, die ich nicht bereue und niemals bereuen werde im Erinnern an den mildtätigen slowakischen Landstreicher, der Hunde fing, um sie zu fressen.
„Vielleicht haben die sogenannten Wilden recht, die meinen, alle Eigenschaften des getöteten Geschöpfes gingen auf seinen Verzehrer über ... ich hatte zum mindesten die Dankbarkeit des Hundes in meine Seele — gefressen.
„Wie ich die nächste Nacht und den folgenden Tag verlebte? Meiner Treu ... ich weiss es heute selbst nimmer. Ich schlief im Gehen, im Stehen, beim Sprechen, ich war ein Automat ... Ich habe selbst nicht mehr so viel Bewusstsein, dass ich mich elend, verzweifelt gefühlt hätte. Nur einer Empfindung bin ich mir bewusst: wenn ich Hunden begegnete, war ich tief ... tief traurig. Wie wenn ich im Jenseits mit unauslöschlicher Trauer ein nie zu Verzeihendes, einen Vatermord oder was Ähnliches beklagt hätte. Ich weiss auch nimmer, wer der unselige Wohltäter war, dem ich zehn weitere Kreuzer verdankte. Jedenfalls auch einer der Kategorie, die die Hälfte von dem verschenkt, was sie besitzt.
„Es war nach einer bösen, kalten Nacht. Ich verschmähte bis dahin, mich einem Asyl anzuvertrauen; ich Narr vermeinte noch immer, meinem ‚Menschen‘ damit etwas zu vergeben. Statt mich in die Reihen meiner Brüder zu flüchten, zog ich es vor, wie ein aus der Herde gestossenes Tier in der Einsamkeit zu irren.
„Ich jagte durch die Strassen wie gehetzt oder wankte wie ein Betrunkener. Ich rannte, statt zu schreiten, nur um mich warm und wach zu halten und böse Gedanken von mir zu bannen.
„Elf Kreuzer! Ach, was wissen Sie von solchem Reichtum! Er machte mir die Nacht erträglich, verstehen Sie? Der Gedanke daran, er rettete mir damals das Leben und brachte mich am Ende hieher, um Rechenschaft abzulegen wegen der ausgelöschten Existenz einer unnützen Kreatur.
„Auch — Mensch!
„Wäre der arme slowakische Vagabund nicht gewesen, vielleicht — ich sage nur vielleicht — hätte ich den anderen geschont.
„Und nun kam es so. Mit meinen elf Kreuzern in meiner Tasche erwartete ich den anbrechenden Morgen.
„Ach, das ist ein Gefühl, der Sonne entgegenzuträumen!
„Man öffnet zuerst die Bäcker- und Branntweinläden. Es herrscht keine angenehme Luft in letzteren, aber man kann ruhen. Bald erscheint der Bäcker, und mit angenehm bezwingendem Geruch duftet das frische Gebäck. Seligkeit, hineinzubeissen und dann ein kleines Gläschen Branntwein, Tropfen um Tropfen, zu schlürfen! Das träge gewordene Blut wird reger, die Apathie wird zu momentaner Energie, und man versöhnt sich für Augenblicke mit der besten dieser Welten. Möge einer nur die rasende, hungrige, gierige Sehnsucht kennen, dass ein verschlafener Aufwärter die Rollbalken öffne! Wie scheu, gehetzt und doch wie getröstet tritt man ein in solche von ‚anständigen‘ Leuten verfemte Orte. Noch der Geruch des Menschenschweisses, eingesperrt seit dem letzten Abend — o, was tut der Herdentrieb! Man ist glücklich, wieder einen Menschen zu sehen, zu sprechen, ein Dach über sich zu fühlen statt des stummen, erbarmungslosen, sterneglitzernden Nachthimmels.
„Eine Wollust der Sättigung, des Wärmegefühls, des Geborgenseins hatte mich überkommen. Es war eine Orgie der erwachten Lebenslust. Die Nacht, die böse Nacht der Heimlosen war wieder einmal vorbei, und es schien die Sonne ... Ach, zweien wäre wohler gewesen, hätten sie diese Sonne damals nicht aufgehen sehen. Plötzlich das Rollen von Wagenrädern, das vor dem Lokal innehielt. Lachende Männer- und Weiberstimmen ... Herein traten in Begleitung zweier elegant geputzter Dirnen zwei Männer jener Sorte, denen man das Beiwort ‚Kavalier‘ beilegt. Zur Abwechslung wollten sie wohl einmal einen gemeinen Branntweinladen aufsuchen.
„Es dünkt mich zur Zeit unerhört, was die Gesellschaft alles befahl, trank und mit klingender Münze dem Aufwärter überzahlte. Auch ich hatte das einmal getan. Aber jetzt ... Ach, nur einige dieser rollenden, glitzernden Münzen zu besitzen! Wie viele Tage und Nächte wären mir rosig und heimisch gemacht worden!
„Mochte mein Gesicht so gesprochen hoben, war die Verwahrlosung, in der ich mich damals befand, der Dolmetsch meiner Gedanken — kurz, meine hilflose Bescheidenheit erweckte eine Abart des Humors in den Gefühlen des einen der lustigen Gesellschaft.
‚Schau nur,‘ meinte der eine Kavalier, ‚wie gut es dem Plebs eigentlich geht. Kaum aus den Federn und schon in der Butike.‘
„Dabei lachte er gewaltig und steckte damit die anderen an. Auch der Aufwärter grinste pflichtschuldig zu dem Witz — und ich lächelte ebenfalls. Gewiss, ich lächelte, wie alle Unterdrückten, Verfluchten lächeln, wenn ihr einigermassen gesättigter Magen es gestattet.
„Ich war einst ein stolzer Mensch. Ha! Hätt’ einer früher gewagt, mir das zu sagen, was ich jetzt geduldig anhörte! So jedoch lächelte ich, in der kriecherischen, hündischen Erwartung, die gute Laune der Herren Kavaliere würde sich für mich durch eine einzige dieser vielen Münzen lohnend machen. Und dann war ich im Augenblick gegen die Menschheit so grossmütig. Die fortgesetzte Entbehrung, manchmal gelindert, macht stets verzeihend und aller Erbitterung entsagend.
„Nun weiss ich, warum das Volk so geduldig ist.
„Mein Aussehen mag ein höchst heruntergekommenes gewesen sein, ein traurig-drolliges, das den Menschenfreund zu erschüttern imstande ist, auf rohe Naturen aber zur Bestialität aufreizend wirkt.
„Wie schon erwähnt, hafteten meine Blicke mit einer Art hypnotisierender Begehrlichkeit auf den verschiedenen Münzen, die ab und zu auf das Schenkbrett geworfen wurden.
‚He, Landstreicher oder was du da bist,‘ redete mich der Kavalier an, und ich merkte an seinem breiten Jargon, der gedehnten Aussprache des Deutschen, den Trans-Ausländer, ‚wenn du Geld verdienen willst, lass mich einen Jux machen, wie ich ihn gern zu Hause mache!‘
„Geld verdienen! O wie gern! Welchen Jux meint der hochgeborne Herr, den ich am liebsten geohrfeigt hätte? Aber Geld verdienen, der bösen, schaurigen, eisigen Sturmnacht für einige Zeit entgehen — das gab den Ausschlag.
‚Du bist, scheint mir, so eine Art Intelligenzprolet, desto besser. Stelle dich her und glotze nicht so aufrührerisch. Halte dich gerade! Ich gebe dir eine Ohrfeige, und du erhältst dafür hundert Kronen. Bin heute in einer lustigen Stimmung. Hältst du gut, ohne zu mucken, darfst du noch Schnaps trinken, was dir gefällt. Einverstanden?‘
„Ich schloss nach diesem Vorschlag die Augen, vielleicht sekundenlang. Aber was während dieses Zeitraumes alles an mir vorbeizog, welche Erwägungen ich anstellte, welche Vergleiche ich zog — all das zu schildern, ist mir jetzt unmöglich. O meine Herren, bedenken Sie, ich wählte zwischen Schmach und erhabenem Menschentum. Ich sank, ich ward ein Verbrecher an diesem. Statt den frechen, abscheulichen Verächter der Menschenwürde niederzuschlagen, gleich im richtigen Augenblick, ging ich ein feiges Kompromiss ein: erdulden die Schande — aber dann war die Rache ...
„Hundert Kronen konnten mich aus dem ärgsten Jammerleben herausretten. Ich konnte wieder Mensch werden, wie ich es gewohnt war, meine gesellschaftliche Position wieder erringen, konnte den frechen Trunkenbold vor meine Pistole zwingen — Larifari! Der Hunger ist stärker als die Ehre, meine Herren. Man kann das Leben missachten, es der fürchterlichen Entscheidung der Schlacht anheimstellen, es für das Leben eines gehassten Feindes aufopfern, es selbst vernichten, qualvoll, aber rasch. Niemals jedoch dem Verhungern weihen, wo rings der Überfluss lockt und aufreizt.
„Zuvor noch hatte mich die karge Sättigung, die Wärme der wenigen Tropfen Branntwein erquickt; die Zukunft hatte freundlich gelockt. Jetzt frage ich mich: was denn weiter? Ein Tag, viele andere standen mir bevor, die ich nutzlos in den Strassen, auf den Bänken der winterlichen Anlagen, vor den Läden der Juweliere, Delikatessenhändler, Schneider — verlungerte. Hätte ich doch die Museen betreten dürfen! Aber in meiner Kleidung ... Dann kam sie wieder, die böse Nacht, diese grauenvollste Feindin des Herdentieres — Mensch ohne Stall.
„Und was mich weiter bewog, den infamen Vorschlag in Erwägung zu ziehen: es waren indessen schon mehrere jener traurigen Gäste erschienen, die, wie ich, frierend und gedankenlos durch das Chaos von Strassen, glänzenden Strassenlaternen, geschlossenen Toren, drohenden Pickelhauben, durch all den Jammer gewandert waren. Aber weniger elend, weniger unglücklich, denn sie trugen die Uniform des Elends, der Verkommenheit. Kein Strahl erhabenen Stolzes leuchtete ihnen, sie wussten es selbst nicht, die Ärmsten, dass sie Menschen seien. Der in ihrem Sinne so verschieden von dem meinen unerhörte Vorschlag machte ihre Augen blitzen. Ich war ein Glücklicher, ein Bevorzugter. Welche Schmach hätten diese Unseligen um solcher Summen willen ertragen? Durfte ich diese günstige Gelegenheit versäumen? Einen Schlag! Nur einen einzigen, meinetwegen dann noch einen zweiten ... dritten ... die Entehrung kennt keine Potenz. Aber das Geld kennt sie.
„Mein demütiges Senken, meine Haltung mochten das Einverständnis gewesen sein. Ha! noch jetzt brennt mich die Wange — es war geschehen. Ja, es war geschehen. Ein Gelächter der Anwesenden brachte mich zu mir zurück. Zu meinen Füssen flatterte etwas, es war eine Banknote.
‚Einen Schnaps noch,‘ sagte mein Entehrer, ‚dass ich in Schwung komme.‘ Er stürzte ein Gläschen, das ihm bereitwilligst und schnellstens eingeschenkt wurde, hinunter.
‚So, Prolet ... jetzt gib acht!‘
„Eine zweite Ohrfeige klatschte auf meiner Wange.
„Ich bog mich. Die betrunkenen Dirnen kreischten laut, die Gäste, meine armseligen Genossen, wieherten, und der Schenker hielt sich den Leib vor Lachen.
„Aber ich hielt stand.
„Die Nacht, die böse — böse Winternacht! Und der funkelnde, kalte, unbarmherzige, höhnische Sternenhimmel! Meine Herren! Sie können sich bei bestem Willen eine solche Nacht der Obdachlosigkeit nicht vorstellen. Die ärmste Maus hat ihren Schlupfwinkel, nur die gottähnliche Kreatur Mensch darf so umherwandern. Ich sage es nochmals, um in Ihren Augen für die mir angetane Schmach einigermassen gerechtfertigt dazustehen.
„Also ich hielt stand. Aber im Aufblitz meines Blickes mochte etwas gelegen sein, das Drohung war, das Vorsicht gebot. Und in diesem Sinne mochte es der Begleiter des schon bald rasend betrunkenen Kavaliers genommen haben, denn er hemmte die zum dritten Schlage erhobene Hand.
„Aber der Betrunkene machte sich los.
‚Was weisst du von einem solchen Schwein! Da schau her ... nochmals um hundert Kronen ...‘
„Und — er spuckte mir ins Gesicht.
„Das tat er. Und ich tat das andere.
„Wie er sich taumelnd umgedreht, ergriff ich eine auf dem Schankpult stehende Sodawasserflasche und zerschmetterte ihm den Schädel. Mag sein, dass es nicht ritterlich ist, einen Gegner von hinten zu töten. Aber war das ein Gegner? Einen wütenden Hund habe ich getötet ... weiter nichts.
„Ihr Urteil, meine Herren Geschwornen, mag es wie immer lauten, wird an meiner Befriedigung nichts ändern. Ich war diese Tat dem armen slowakischen Hundefänger schuldig.“
Nach kurzer Beratung sprachen die Geschwornen den Angeklagten von der Anklage des meuchlerischen Totschlages frei.
Der Riskonto
Eine alte Pfründnerin, die kleine, bucklige, zittrige Hafnerin, hatte ihren Riskonto verloren, auf dem ein Gewinst von vier Gulden, das heisst acht Kronen stand. Die alte Hafnerin rechnete konsequent nur nach Gulden und Kreuzern. Vom Eck der Gasse her, beim Kaufmann, musste der Verlust erfolgt sein. Dort hatte sie ihr Sacktuch aufgeknotet und zehn Heller aus ihrem Schatze entnommen. Ausser einigem Bargeld enthielt er auch den gewinstreichen Riskonto.
„Was suachen S’ denn, Muatterl?“ fragte ein Strassenkehrer die immer erregter auf- und abtrippelnde und suchend gebeugte Alte.
„Marrand Anna — vielleicht hab’n S’ ’hn g’seg’n. A Rischkonta war’s, a gelber.“
„Kunnt’ mi’ net erinnern, Muatterl. So a Papierl waht der Wind davon, und ma’ hat gar ka’ Idee, wohin? War was drauf?“
„A Amba war’s.“
„Ui jegerl! No, war’n a paar schöne Vierterln Wein g’wes’n.“
„Ja freili’, für Euchere Männergosch’n war’ alles nur auf an’ Wein. Helfen S’ mir liaba suach’n!“
„Was suacht denn die Frau?“ fragte der daherschlendernde Wachmann angesichts der aufs neue aufgeregt suchenden Pfründnerin den Strassenkehrer.
Der erklärte den Sachverhalt.
„War was drauf?“ forschte der Wachmann.
„No ... a Amba, sagt s’.“
„A Amba? Gabert grad a paar Vierterln Wein.“
Die alte Pfründnerin hatte das Wort erlauscht.
„An’ Wein? Sunst weiter nix? Ob ma’ von an’ Mannsbild was anders hörert als vom Saufen. Schauts liaber, vielleicht find’ts ’n aner.“ Und sie ging daran, ein altes, im Rinnstein liegendes Zeitungspapier, das der Strassenkehrer schon tagelang vergessen hatte, umzukehren.
„Was suacht denn dö Frau?“ fragte ein Kohlenträger, der mit seiner leeren Butte daherkam und sehr neugierig war.
„An’ Rischkonta.“
„War was drauf?“
„Mir scheint, a Amba oder Ambasolo,“ sagte der Strassenkehrer.
„War’ grad recht auf a Sprüngerl ins Wirtshaus. Gabert a paar schöne Vierterln Wein ...“
„Was suacht denn dö Frau?“
Die Frage war allgemein geworden. Denn der Kohlenträger hatte seine Butte niedergestellt und las schmutzige Papiere auf, unter die sich vielleicht der Gewinstzettel verirrt haben konnte. Auch der Strassenkehrer hatte sich der Aktion angeschlossen, indem er mit der Eisenspitze seines Besens desgleichen tat. Der Wachmann wollte nicht zurückbleiben und nahm das Schleppeisen seines Säbels zu Hilfe.
„Was wird denn g’suacht?“
„A Rischkonta soll valur’n ganga sein. Mit an’ Terna!“
„Fix Laudon no’mal, da kunnt’ ma’ amal scho’ urndli’ drahn. Da gangt scho’ was oba!“
„Was wird denn g’suacht? Was wird denn g’suacht?“
Binnen kurzem beteiligte sich mit Inbegriff einer zahlreichen Strassenjungenschaft jeder Vorbeigehende an der Entdeckung des kostbaren Stückchens Papier. Als dürfte dieses nicht ein solches, sondern eine schwere Münze gewesen sein.
Allgemein wurde der Meinung Ausdruck gegeben, dass man sich viel Wein und viele „Drahrer“ um das verlorene Geld kaufen könnte. Die alte Hafnerin als Verlustträgerin war ganz vergessen. Man suchte. Mit Leidenschaft. Aus Sport.
Endlich ein Aufschrei.
„Da is das Malefizviech. In Sack hab’ i’s g’habt, und i hab’ g’mant, i hätt’s eing’wickelt g’habt. Na, an den Schrocken wir’ i denken, und wann i hundert Jahr’ alt wir’!“
„Was war’s denn eigentli’?“
„Ah nix. Dö narrische Alte macht a Angeh’n weg’n an’ Rischkonta, auf dem a Dreckerl von an’ Amba war.“
Die Aufklärung des wahren Sachverhalts mochte der Ansammlung ein Ende.
Man ging erregt auseinander.
Nur der Wachmann, der Strassenkehrer und der Kohlenträger fanden Worte des Unmuts wegen der verschwendeten Zeit, die das Suchen erfordert hatte.
„Weg’n der verruckten Schacht’l ihr’n blöden Rischkonta versam’ i mein G’schäft,“ sagte der Kohlenträger.
„Gengan S’ ham!“ herrschte der Wachmann die alte Pfründnerin an. „An’ Auflauf ha’m S’ g’macht, dass dö ganze Gassen rebellisch is.“
Der Strassenkehrer begann unmutig brummend wieder sein nervenzerrüttendes Tagewerk. Man konnte nur vernehmen:
„Jetzt ... auf a paar Vierterln Wein hätt’s grad g’längt.“
Karlis Freude
Klein Karli der Hausmeisterin und die kleine Erna der Partei vom zweiten Stock im Hintertrakt hatten Streit bekommen. Karli, den seine vier Lebensjahre entschuldigen müssen, hatte in aller Fremdheit des Begriffs männlicher Ritterlichkeit der Erna eine „geschmiert“. Erna war um ein Jahr älter, aber sie schrie trotzdem gottsjämmerlich. In den Streit der Kinder mischten sich die Mütter (es klingt nicht so wunderlich), und es entspann sich, wie stets, ein lebhaftes Für und Wider.
„Dass du dich stets mit den Kindern abgeben musst, ich hatte es dir schon so oft verboten,“ tadelte Ernas Mutter ihr weinendes Töchterchen. Das Wort war aufgegriffen worden.
„Kindern? — Wer san denn dö Kinder? Sö bringen dös so aussa, wia: a verwahrloste Bagaschi. Natürli’, Beamtenkinder kennan net alle sein. Was si’ halt heit all’s Beamter schimpft. Hint’ nix, vurn nix, aber d’ Nasen hoch, und in der Aktentaschen schleppen s’ d’ Erdäpfeln und d’ Ruab’n ham. Aber natürli’ a Aktentaschen. Da hab’ i scho’ g’fressen, wan i an’ so an’ plederten Kerl, den ’s G’wand z’ weit und der Mag’n z’ eng is, mit aner Aktentaschen siech.“
„Auf Ihre Gemeinheiten gehe ich nicht ein. So ordinär kann sich nur der Pöbel benehmen,“ konnte Ernas Mutter nur mühsam erwidern.
„Na — nobel werd’n m’r aa no’ sein. Weil Sö glaub’n, als Beamtenfrau ... Bitt’ Ihna, dö zwa Zimmer und Vurzimmer, wo S’ eh dös ane Zimmer vermiet’ hab’n, damit Ihna der Zins nix kost’t, wer’ m’r no’ jeden Tag anbringa. Und dann nehman m’r uns anständige Arbeiter von der Staatsdruckerei oder von aner Zeitung. Dö Leut’ müass’n für eahnere paar Gulden aa a Arbat niederleg’n, net wia die Herrn ‚Beamten‘ in eahnere Kanzlei’n, dö scho’ frei hab’n, wo a Arbeiter erst wieder anständig zum arbeiten anfangen muass.“
Ernas Mutter hatte nicht die Kraft, sich zu einer geschickten Erwiderung emporzuraffen.
„So eine Ordinärheit!“ vermochte sie nur zu stammeln.
„Jawohl. Mir Weana san scho’ amal net anderscht. Und du Hundsbua, miserabler, wannst di’ no’ amal abgibst mit die Kinder von solche Leut’, derlebst was.“ Damit erhielt Karli ein tüchtiges Kopf-, einige Rücken- und Steissstücke, dass er heulend in die elterliche Wohnung entfloh.
Karli hatte sich in seinen ersten kurzen Lebensjahren schon die Redeweise eines Erwachsenen angeeignet, und zwar in breitester Weise. Zum Gaudium aller Parteien, als deren Liebling er galt, trotzdem er der Hausmeisterische war.
Nachmittags erzählte er:
„Da Voda hat ’sagt, a Ruah will er ha’m daham, hat er ’sagt. D’ Muatta hat ’sagt, der Voda is a Tepp. Ja — das hat s’ ’sagt.“ Karli grinste spitzbübisch.
„Und was hat der Vatta g’sagt?“ forschte man.
„Der Voda hat ’sagt, die Muatta is a tumme Tans, sie is im Hirn an’brennt, hat er ’sagt. Ja, das hat er ’sagt.“
Niemand zweifelte an der Ehrlichkeit Karlis. Man überschüttete ihn mit Liebkosungen. Die kleine Erna durfte den ganzen Tag über nicht hinuntergehen. Sie sass am Fenster und sah traurig und neidvoll in den Hof — — —
Das war eine Zeit! Erschütternd, lähmend hatten sich unvermeidliche Ereignisse vollzogen. Schwer, unheilvoll, dräuend. Kriegserklärung um Kriegserklärung. Die Erde dröhnte buchstäblich vom Tritt der aufmarschierenden Bataillone. Der Weltkrieg war ausgebrochen. Mit der Wucht eines Sturmes, der Wälder hinwegfegt wie Kehricht, war das Grosse auf den Plan getreten. Das Überwältigende, wie ein Naturereignis sich Vollziehende.
Was hatten dagegen alle sich abspielenden kleinlichen Ereignisse der Alltäglichkeit zu bedeuten? Was alle Zänkerei, die gerade nur einen tiefen Friedenstag belebend zu unterbrechen vermag, vorausgesetzt, dass man an Zänkereien Gefallen findet.
Wie Blitzschläge fuhr es auch in die beiden Familien von Karlis und Ernas Eltern. Der eine hatte Hammer und Kelle, der andere die Feder mit der Flinte vertauscht. Merkwürdig, wie unähnlich sich sonst die Männer im Berufe sahen, die Feldgraue verwischte jeden Unterschied. Sie waren beide Krieger, sonst nichts, die für geraume Zeit aufgehört hatten, an ihre bürgerlichen Berufe zu denken.
An die Grenzen! An die Grenzen! Das Vaterland ruft! — — —
Als sich die zwei begegneten, tauschten sie einen herzlichen Händedruck. Ihre Weiber mochten bisher geschmollt haben miteinander und — nun, es ist Weibesart, einen Schatten der Verstimmung auch anderen mitzuteilen — den Männern etwas von ihrem Groll beigebracht haben. Zum Teufel mit so Dummheiten!
Ernas Vater war sehr ernst. Er verliess einen nur mühsam durch Vermieten aufrechterhaltenen Hausstand. Denn auch die beiden Mieter des einen Zimmers, ein kleiner Beamter wie er und ein Student, waren unter die Waffen gerufen worden.
„Werd’n m’r scho’ mach’n,“ tröstete der Hausbesorger; „d’ Frau und d’ Klane nehman si’ halt derweil a Kabinett, d’ Möbeln stell’n m’r am Bod’n, und wann’s unser Herrgott will, dass m’r wieder hamkumma, bleibt all’s beim alten. A Kündigung und gar a Pfändung gibt’s jetzt net, aber i man’, m’r mach’n in Hausherrn ’s Herz net schwerer, als nur sein kann. Bitt’ Ihna, bei seine fünf Häuser geht Rebbach gnua drauf. Jetzt bin i ka’ Hausmasta mehr, meine Alte muass er a g’halten, — no, mit ’n Zins san m’r ja aa aus ’n Wasser.“ — — —
Die Männer waren eingerückt. Ernas Mutter wehrte sich gegen die Verminderung ihres Hausstandes. Wer konnte dafür, dass der Ernährer weggeholt worden war und die beiden netten Mieter auch, die bisher so pünktlich ihren Zins bezahlt hatten? Und das war doch nur eine Bosheit der Hausmeisterischen, als sie anfragen liess, wann sie die Wohnung zu kündigen gedenke?
Gerade nicht! Ihr Mann war was Besseres, nicht ein gewöhnlicher Maurer, an dem man oft nicht anstreifen durfte, um sich nicht zu beschmutzen.
„Dö blöde Gans wird m’r’s bald z’ bunt mach’n,“ erklärte Karlis Mutter im Hof einer Versammlung von Weiblichkeit. „Was glaubt s’ denn eigentli’? Von was will s’ denn in Zins zahl’n? Dö paar Netsch, dö er ham’bracht hat, hab’n grad auf a Batzl Zuaspeis und Brot g’längt. In Zins hab’n dö zwa Melakn am Zimmer ’zahlt. No jetzt ... Mein Mann hat ihr’s so guat g’mant. D’r Hausherr liasst ja aa für a Vierteljahr reden, aber i bitt’ Ihna, zu was braucht so was a so a Trumm Wohnung? Weg’n dö paar Scherb’n? D’r Tandler gibt kane hundert Kronen für dös G’lump, dös, mir scheint, eh beim Ratenjuden no’ net aus’zahlt is. I fürchtert mi’ der Sünden mit dera Strachmacherei.“ ...
„Mutta, i möcht’ gern in ’n Hof obigeh’n, mit ’n Karli spiel’n,“ sagte die kleine Erna.
„Net dass d’ di’ unterstehst, Mistmensch ölendigs. Derer Hausmasterbruat kräul i allweil no’ net hint’n eini. Und wannst den Bankerten, den Karli, no’mal anschaust, hast es mit mir z’ tuan. Was glaubt dös Luader eigentli’ von unseran’? Wer is denn schon a Hausmasta? D’r gar Neam’d, der letzte Dreck.“
Das war Klein-Ernas Mutter, die nicht lange zuvor nur zu stammeln vermocht hatte: „So eine Ordinärheit ...“
„Und justament. Wann’s aa net christlich ausschaut. Dö Funsen muass die Kündigung hab’n. Unserans is aa von kan’ Bam obibeut’lt wur’n. Was bild’t si’ dö Guldenzwanz’ gkreuzer-Beamtin denn ein, wer s’ is? Weil s’ so g’schrauft hochdeutsch red’t?“
Aber eines Tages hörte man ein schrilles Schreien. Nicht „g’schrauft hochdeutsch“.
„Mein Mann, mein armer Mann! Wer gibt mir mein’ Mann wieder? Heinrich! Heinrich! Es is do’ net mögli’? Du wirst uns ja do’ net allan lass’n?“
Unten im Hofe weinte Karlis Mutter um die Wette mit den anderen Frauen. „Das arme, arme Weib! Um Gottes will’n! Karli, i bitt’ di’, schau, das d’ recht zu unsern Herrgott bet’st, dass uns net aa so was passiert. Er soll uns unsern Vattern erhalten!“
Und der kleine Karli vergnügte sich etwas später mit der kleinen Erna.
„D’Muatta hat ’sagt, mir därf’n jetzt wieder spül’n mitanand’.“ — — —
Klein-Bertas Pfingsten
Die Klassen der Bürgerschulen hatten schon die letzten Wochen ein stetig wachsendes Mass von Erregung gezeigt. Buben wie Mädels waren zumeist nur von einem Gedanken eingenommen: der Firmung.
Der Religionsunterricht vermittelte den jugendlichen Hörern zwar die Bedeutung des hohen Festes. Aber dass die Erklärung doch, wie alles Abstrakte, Symbolische, nur wenig Eindruck hinterliess, gehört in das Gebiet der Menschen- und Religionsgeschichte. Alle Völker haben ja immer nur den Schall für das Wort genommen. Und die Aussendung des Heiligen Geistes in Verbindung mit goldenen Uhren, Lebzelten, Praterfahrt und allem Drum und Dran bei Buben und Mädels gehört zu den liebenswürdigsten Verquickungen von Poesie und Prosa.
Die meisten hatten zu erzählen von ihren Paten und Patinnen, von ihren realen Zukunftshoffnungen in Form von Geschenken, mit ganz alleinigem Ausschluss des heiligen Geistes.
„Wann m’r mein Göd ka’ Präzisionswerk kauft, soll er’s zum Tandler trag’n. Mein’ Bruadern hat vur zwa Jahr’ der seine net nobel ang’schmiert. D’r Mantel nix wert, ’s Werk a Holler. D’r Schätzmaster hat ganz anfach g’lacht.“
Der Schätzmeister war ein öffentlicher Beamter in einem nur allzu bekannten Amte gewesen.
„A echte Omega hat heut allani no’ an’ Wert,“ fügte mit der Bedeutsamkeit des Kenners einer hinzu.
Das war ein Patriziersohn der Bürgergilde. Sein Vater war vielfach angenehm versippt und durch Geschäftsverbindungen mit einflussreichen, wohlhabenden Bekannten in der Lage, dem Sprössling den ihm gebührenden Paten zu wählen.
Und abseits von dieser jugendlichen Aristokratie stand die nicht geringe Zahl derer, denen das Pfingstfest keinerlei Beschwerungen irgendwelcher Art verursachte. Auch die feurigen Zungen senken sich nicht auf Krethi und Plethi herab. Nämlich nicht in Form von silbernen oder goldenen Uhren. Und mit dem Geist allein durfte man dem einfältigsten Schätzmeister nicht kommen.
In den Mädchenklassen nahm die Toilettefrage gebührendermassen einen Hauptteil des Interesses in Anspruch. Und da diese mit Automobilen, Fiakern und verschiedenen Unterhaltungen in Einklang stand, war der Gesprächsstoff ein noch weit ergiebigerer.
Und auch hier stand die Schar derer abseits, deren Los es scheint, bei allen Gelegenheiten abseits zu stehen. Als ob alle Engel ein unergründliches Interesse daran hätten, nur einem besonderen Kern der Menschheit dienlich zu sein.
Auf dem Gange hatte sich in der Zehnerpause ein Mädchen in eine Fensternische zurückgezogen, und über sein Gesicht rollten Tränen, die sie verstohlen abzuwischen bemüht war. Wie unter Erwachsenen, gibt es unter Kindern Teilnahmslose, Neugierige, Mitleidige und Spötter.
Einige Kameradinnen hatten die Zeichen eines bedrückten Gemütes wohl bemerkt und drangen nun mit Fragen um die Ursache in die Kleine.
„Mein Gott, weil s’ ka’ Firmgodl kriagt,“ warf plötzlich eine mit der unbarmherzigen Aufrichtigkeit ein, die oft brennenderen Schmerz verursacht als eine tötliche Wunde.
Die Spuren der Tränen auf dem Gesicht des Mädchens versiegten fast augenblicklich unter einer aufschiessenden Röte. Ja, das war’s; das Geheimnis, das ängstlich gehütete Geheimnis eines Schmerzes, der fast übermächtig schien, war durch eine taktlose, ja lieblose Bemerkung vor den Augen der Freundinnen enthüllt worden. Du lieber Himmel! Wenn man von den körperlichen Schmerzen absieht, wer ermisst den jeweiligen Umfang eines Leides auf seine sogenannte Berechtigung hin?
Klein-Berta wird sich vielleicht einst über den Treubruch eines Geliebten genau so härmen, vielleicht über die Liederlichkeit des Gatten, den Undank der Kinder, die Bosheit der Nachbarinnen — und stets wird sie bei einem Vergleich an die jetzige Stunde denken: könnte ich noch um derartige Tränen weinen! Aber nun glaubte sie, ihr Herz müsse brechen vor Schmerz und Scham.
Bald vierzehnjährig, vor dem Schulaustritt stehend, wird sie ungefirmt bleiben für alle Lebenszeit. Wenn nicht zu dieser Zeit, wann denn wird sie eine Patin finden? Vielleicht bis sie alt geworden? Wem konnte sie dann berichten von den Herrlichkeiten des Tages, wem konnte sie die erhaltenen Geschenke zeigen? All die Ungerechtigkeit des Glückes anderer kam ihr zum trostlosesten Bewusstsein. Und dazu die kindliche Scham, ihr unschuldiges Geheimnis so öffentlich, so roh, mit voller Wahrheit und Deutlichkeit vor die Öffentlichkeit gezerrt zu sehen. Die Freundin hatte sicher ohne Böswilligkeit, ohne Neigung, das Gefühl einer anderen zu verletzen, die Äusserung getan.
Aber die Armut ist entsetzlich verwundbar. Und gar bei einem Kindergemüt. Diesem gilt sie noch als eine grosse Schande. Wahrlich, ein paar sonnige Erinnerungen aus der Zeit der grossen Geheimnisse, voll Märchensehnsucht, aus der Zeit der Kindheit, würden manchen Erwachsenen vor einem strauchelnden Schritt bewahren.
„Is’s wahr, desweg’n wanst?“ drängten die Fragen teils neugierig, teils mitleidig auf die wie mit Blut Übergossene.
„Net wahr is ... net wahr is,“ stammelte diese endlich. Und dann, weil der Schmerz jedenfalls zu übermächtig zurückgedrängt worden war, entstürzten endlich ihren Augen die befreienden Bäche von Tränen, und der ganze Körper bebte vor Weinen.
Mochte was immer die abgeleugnete Ursache dieses Leidausbruches sein — die Teilnahme, das Mitleid siegten, und man tröstete sie mit viel natürlicher Schonung der wirklichen Ursache. Auf die Frage eines herbeitretenden Lehrers erklärten alle einstimmig, die Malinger Berta habe so viel Kopfweh, dass sie deshalb weinen musste.
Der Lehrer vermittelte bei seinem Kollegen, und das Mädchen durfte nach Hause gehen.
Bertas Mutter war eine mit vier Kindern gesegnete Witfrau. Das sagt alles, da sie überdies noch durch „Bedienengehen“ und Reibarbeiten ihre Jungen zu erhalten hatte. Und arme Bedienerinnen verfügen über keine intimen Bekanntschaften mit Hausfrauen und Selchermeistersgattinnen, um sie zu bitten, ihr Kind zur Firmung zu führen. Man verliert durch ein solches Ansuchen höchstens seinen Verdienst im Hause. Die Mutter wäre wohl geneigt gewesen, irgendeine Patin aus ihren Kreisen für ihr Kind zu wählen, mit dem besonderen Bedeuten, dass ein Geschenk irgendwelcher Art gänzlich ausser dem Bereich jeder Berechnung liege. Es würde wohl eine traurige Firmung sein, aber dem heiligen Christenbrauch war doch genügt.
Aber welche Nachbarin, Freundin oder Bekannte war in der Lage, selbst nur das einfache christliche Opfer zu bringen? Geringe Auslagen stellten sich von selbst ein, abgesehen von dem Zeitverlust und der — Kleiderfrage. Entweder man war „Godl“ oder war es nicht. Und wenn diese Klippe der Godlschaft siegreich umschifft worden wäre — woher das weisse Kleid, die weissen Schuhe, den Kranz nehmen? Sicher, auch ein anderes Kleid und schwarze Schuhe hätten es getan. Aber ... Eine so ganz verpatzte, unwürdige Firmung hätte das Mutterherz für sein Kind nicht ertragen. Vielleicht war es im nächsten Jahr möglich, nur in diesem nicht.
Und zur Stunde, da ein kleines Mädchen die ersten Tränen eines grossen Schmerzes weinte, zerbrach sich eine Frau beim Abreiben eines kalkbespritzten Türstockes den Kopf, wie es vielleicht doch möglich wäre ...
Die Wohnung der Witwe Malinger bestand aus einem Zimmer, einer winzigen Küche und einem ebenso winzigen Kabinett, eine Anordnung der Räume nach Zahl und Grösse, die in wohltätigster Weise für den Leibesumfang des Spekulanten, die Zunahme der Sittlichkeit und des Kindertodes sowie der Tuberkulose zu zeugen geeignet ist. Doch das sind keine Pfingstgedanken. Zu Pfingsten muss alles licht und fröhlich und lieblich sein. Glocken müssen klingen, Sänge schallen, und wir lieben die Gedanken an so banale Dinge, wie Kinderelend und Tuberkulose, nicht im mindesten. Es war davon auch nur so eine nebensächliche Erwähnung und soll es bleiben.
Das Zimmer bewohnte die Mutter mit ihren vier Kindern und einem weiblichen Wohngenossen, einer sogenannten Bettfrau. Das winzige Kabinett, dessen Fenster, wie das der Küche, auf einen dunklen, schmutzigen Gang zeigte, beherbergte eine alte Frau, die in den Vormittagsstunden ebenfalls einige Bedienungen hatte und abends — nun, in einem grossen Etablissement das war, was man Toilettefrau benennt, obwohl bei diesem Worte alle Begriffe von wirklichen Toiletten schwinden müssen. Nicht etwa, dass die alte Frau etwas mit seidenen und atlassenen Roben und Pelzen zu tun hatte. Aber man weiss ohnehin.
Bis zur Frühstunde hielt sie ihr Beruf vom Hause. Man ahnte gar nicht, mit wie wenig Schlaf sie sich begnügen konnte. Da der Volksmund drastische, bezeichnende Ausdrücke liebt, hatte die alte Frau im Hause einen für ihren Beruf weniger gewählten.
Sie war eine mürrische, verschlossene Person, die ihr kleines Heim in peinlichster Ordnung hielt und dem Verkehr mit Hausnachbarn brummig aus dem Wege ging. An dem heutigen Nachmittag hatte sie einiges in ihrem Kasten geordnet. Und bei dem Öffnen einer Schachtel, die viel verlebte Andenken an einstigen Putz enthielt, kam ein weisses, eigentlich schon ganz gelbes, verknittertes Kränzlein zutage.
Was war es nur? Die alte Frau musste einige Zeit nachsinnen, welch festlicher Gelegenheit dieses Kränzlein gedient. Dann fiel es ihr ein. Das war der Firmungskranz gewesen. Wie weit war dieser einstige Zauber! Und wie es so geht, dass leblose, lange nicht gesehene Dinge urplötzlich so laut zu reden anfangen, dass man meint, eine menschliche Stimme hätte einem eben etwas von vergessenen Tagen ins Ohr gegellt, so überschlug sich dieses vergilbte Kränzlein fast in Erzählungen von erhofften Wundern, vielen Aufregungen und Leiden und den Erfüllungen eines weissen Kleides, eines Gebetbuches in Samteinband, mit einer Madonna della Sedia darauf, unter Glas in einem ovalen Metallrahmen. Und von Lebzelten und Ringelspiel und all dem, was alte Pfingsterinnerungen wachruft. Der ersten bitteren Tränen dachte sie, da ihr das Kleid nicht gefallen hatte und die Schuhe nicht passen wollten. Und dass sie von der Mutter geohrfeigt, abends vom Vater mit einem Rohrstaberl getröstet wurde, und wie dann alles über die Massen schön und feierlich und jubelvoll verlaufen.
Und das Kränzlein, das immer aufdringlicher wurde, erzählte von noch vielen anderen Kränzen, seinen Geschwistern. Vom Myrtenkranz und Schleier und Myrtenkränzlein über wachsbleichen Kindergesichtern, schweren Blumenkränzen auf düsteren Särgen und auf Gräbern. Aber von seiner eigenen Geschichte erzählte es immer und immer wieder am liebsten. Wie es über Tränen törichten und einfältigen Kindertrotzes und über Tränen hoher Seligkeit sich gewiegt, wie es bewahrt wurde bis auf den heutigen Tag, schier seiner einstigen Trägerin gleich an jetzigem Aussehen.
Noch lange danach, als es schon in seiner Pappschachtel neben anderen Zeugen einstiger schöner und schwerer Tage geborgen lag, rumorte das Kränzlein noch immer mit seinen Erzählungen. Daraufhin nahm seine Herrin aus einer im Schranke hängenden Umhüllung etwas hervor, das sich als ein schweres, graues Seidenkleid erwies. Das einzige kostbare Andenken an Zeiten, da sie sich noch nichts von ihrem späteren Beruf träumen liess. Wie das Kränzlein einmal, hatte es zu schöne Stunden gesehen, als dass sie sich hätte von ihm trennen mögen. Wen wird es einst kleiden, wenn sie nicht vorzieht, es einmal ins Grab mitzunehmen?
Und darauf zog sie unter schön geschichteter Wäsche eine kleine Kassette hervor, darin lag viel, viel mehr, als einst der Weg zur Grube kostete. In vielen arbeits- und entbehrungsreichen Zeiten hatte sich der Notschatz vermehrt. Für eine „schöne Leich’“ hauptsächlich und viele Messen.
Aber das einmal rebellisch gewordene Kränzchen tobte noch lauter als zuvor, wie wenn ihm eine Beeinträchtigung widerfahren wäre:
„Nichts da! Wer wird einst hinter deinem Leichenbegängnis einhergehen? Und alle geleierten Messen, werden sie je an dein Ohr dringen? Lege dein Geld auf Zins an, auf wucherischen Zins, gib mir eine Schwester, die auf einem anderen, jüngeren Haupte strahlt! Und wenn dieses Haupt einmal so weiss ist wie das deine, wird das dann auch vergilbte Kränzchen Geschichten erzählen aus einer lustigen, wunderschönen Zeit ...“
Und am Abend hatte die alte Frau die Mutter in ihr Kabinett gerufen, sie über die Aussichten befragt, die irgendeine Patenschaft hätte, und auf die dahinlautende trostlose Auskunft sich ganz einfach selbst als „Godl“ angetragen. Dann war sie ausgegangen.
Als Klein-Berta von dieser Anordnung erfuhr, war sie ausser sich. Eine solche Firmgodl! Die Kinder würden sie auslachen, ja geradezu verhöhnen. Eine solche Wartefrau! Bis sie von der Mutter zwei gründliche Ohrfeigen erhielt und ins Bett gejagt wurde. So viele Tränen, wie an dem heutigen Tag und Abend, waren schon lange nicht geflossen.
Am nächsten Schultag hatte sich Berta schon hinlänglich getröstet und mit dem Gedanken abgefunden, eine „Godl“ zu besitzen, die — nun ... Aber eine Godl war es doch, und wer sie war, wer braucht es zu wissen? Kinder sind den Grossen gar zu gleich.
Es ist eine gar zu banale Geschichte bisher und gewinnt jetzt erst einiges Leben. Am Pfingsttag war das Tor des Hauses, in dem Frau Malinger wohnte, stark von Frauen umlagert.
„D’ Malinger Berta wird zur Firmung g’führt.“
„Wer redert davon, wenn ma’ net wusst’, dass ’s a urndliche Firmung werd’n soll. Jessas! Sollt’ das eppa der Fiaker sein? Wissens S’, die Täg’ hat ma’ scho’ so was munkeln g’hört. Bitt’ Ihner, bei die Zeiten an’ Luxusfiaker. Just zu Pfingsten ...“
„Und die Firmgodl soll am Kaminet wohnen und wo angaschiert sein, aber net als Primadonna. Hör’n S’ m’r auf. Wann a G’lumpert amal anfangt Strach z’ machen ...“
„An’ Bettler hat no’ nia a Ross derreiten kinna. Aber jetzt ... Sie kumman.“
Es war wie ein Pfingstmärchen.
Der vor dem Tore stehengebliebene Fiaker war einer, der sich sehen lassen konnte. Eine Blume von fast Sonnenblumengrösse hatte er im Jackett. Die Pferde hatten einige Blümlein, und die Peitsche war verziert. Und ihm näherte sich Klein-Berta in einem so wundervollen weissen Kleide, mit so wundervoll gewelltem, offenem Haar, in dem ein herrlicher, künstlicher Myrtenkranz thronte. Die Schuhe entsprachen der anderen Pracht.
Aber wer war die alte Dame im grauen, obwohl sehr unmodernen Seidenkleid? Doch nicht ...?
Und von einem Fenster herab sah eine vor Glück weinende Frau, neben ihr drei von der Sonne ausgebleichte Köpfe ...
„Ah, so was! Das G’schäft lern’ i aa auf meine alten Täg’. Hab’n S’ Ihner’s ang’schaut? Und so was reibt ... Na ja, mi’ geht’s nix an.“
Es ist meist der Ausdruck gebräuchlich, von Personen, die zu gelegener Zeit als Helfer in irgendeiner Not auftreten, als von Rettungsengeln zu sprechen. Was unsere Phantasie oft gegen einen solchen Vergleich auch einzuwenden hätte. In den meisten Schilderungen, die sich mit solchen Persönlichkeiten als Deus ex machina beschäftigen, steigen diese aber von einer sozialen Stufenhöhe herab. Meist sind es adelige Damen, Gutsbesitzersfrauen oder Bankiersfrauen, zum mindesten Gattinnen renommierter Geschäftsmänner.
Aber es ist nicht einzusehen, dass eine Dame, die — nun, dass eine solche alte Dame nicht zu einer Art von Pfingstengel werden könnte. Auch die alten Apostel von einst waren noch nicht, wie ihre heutigen Puppen, in Gewänder von Seide und Gold gekleidet gewesen.
Also Segen auf die alte Frau, die — nun, man weiss ja — die aber für die dumme, kindisch-eingebildete Malinger Berta so recht zu einem Pfingstengel geworden war. Denn der Firmling sollte alle Freuden auskosten, die es für einen Firmling gibt. Das wackere Kränzchen hatte zu energisch Fürsprache eingelegt. Mein Gott! Ein paar anscheinend unnütz ausgegebene Gulden mehr — sie vermögen es, was für Millionäre ihre Millionen nicht vermögen: den Himmel herunterzuholen, ein liebliches Fest lieblich und für alle Erinnerung bewundernswert schön zu gestalten.
Am nächsten Tag erschien Klein-Berta mit einem stolz-seligen Gesicht in der Schule und zeigte ein mit beinernem Deckel verziertes Gebetbuch und eine sehr hübsche goldene Uhr vor, erzählte von einer ersten seligen Fahrt im Fiaker und von hunderterlei anderen Dingen, von denen wir Grossen nur sehr stumpf Kenntnis nehmen können. Wir alle können nur das Schicksal der goldenen Uhr voraussagen. Viele Schätzmeister werden sie prüfen und taxieren. Und um eins werden sich alle Schätzmeister der Welt nicht kümmern: um ein kleines Kränzchen, das, wenn Klein-Berta es bewahrt wie seine Patin, vielleicht auch einst Wunder wirken wird. Unsere Welt ist ja von Wundern so voll, nur muss man sie in Liebe deuten können.
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