Read the book: «Ordo Templi Magica»
Karin Bachmann
Ordo Templi Magica
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
1. Auflage
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte beim Autor
Coverfoto © Karin Bachmann
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Liebe Leser,
es gibt Tage, die sind verregnet, wüst und grau. Da gibt es nichts Schöneres, als mit einem Buch, gemütlich eingekuschelt in eine warme Decke, in eine spannende Geschichte einzutauchen. Ich wünsche euch dabei viel Vergnügen!
Karin Bachmann
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
An den Leser
2012
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Zweites Buch Auf der Suche nach dem Schatz der Templer
Kapitel 28
Kapitel 29
Anmerkung der Autorin
Endnoten
2012
Kapitel 1
Professor Paul Neumann, Wissenschaftler und Archäologe, hielt für heute seine letzte Unterrichtsstunde in Geschichte. Auch während der Zeit des Lehrens widmete er sich seinen Altertumsforschungen und der Archäologie. Es war manches Mal schwer, zeitlich alles unter einen Hut zu bekommen. Doch er hatte oft den richtigen Riecher, wenn es darum ging etwas Altertümliches aufzudecken, und er ließ sich auch nicht so leicht von seinem Ziel abbringen, wenn er sich einmal in ein Thema verbissen hatte. Doch um nicht ganz den sozialen Anschluss zu verlieren, hielt er als Hochschullehrer besagten Unterricht in Geschichte an der Uni in Köln.
Seine Mutter und auch seine glücklich verheiratete, ältere Schwester meinten oft, dass er schon längst ein verschrobener Wissenschaftler wäre, tief vergraben in seinen Forschungen, wenn er nicht ein wenig mit den jungen Leuten zu tun hätte. Seine beiden liebsten Frauen, wie er sie immer nannte, waren sehr um ihn besorgt, bei jedem Besuch im elterlichen Heimatdorf versuchten sie ihn an die „passende Frau“ zu bringen. Doch in Bezug auf ein weibliches Wesen an seiner Seite und auch für Familienplanung, war ihm noch nicht die „Richtige“ begegnet. So ging er mal mit dieser und mal mit jener netten Dame aus, er hatte nichts gegen eine gute Unterhaltung und ein gutes Essen einzuwenden. Auch, wenn anschließend nach dem Essen eine Einladung in das Bett einer der Damen kam, hatte er nicht wirklich etwas dagegen, doch er machte immer deutlich klar, dass er keine Dauerbeziehung wollte.
Er war Anfang dreißig, hatte markante Wangenknochen und leicht welliges, braunes Haar, welches er im Nacken sehr kurz trug. Seine Nase war etwas zu groß geraten, aber durch sein herrliches Lachen und die ebenmäßig weißen Zähne war er ein durchaus sympathischer, anziehender Mann. Meistens trug er Jeans und unter den Studenten wäre er kaum aufgefallen, hätte er nicht diesen sicheren und stolzen Gang gezeigt. Die meisten seiner Studentinnen schwärmten für ihn, doch ließ er sich auf kein einziges Spiel mit ihnen ein, denn wie schnell hatte man einen guten Ruf zu verlieren. Wobei damit nicht gemeint war, dass er sie nicht auch einmal aufzog, doch er verteilte seine „Gunst“ sehr gleichmäßig unter den Studenten. Er war beliebt, da er seinen Unterricht immer sehr anschaulich und lebendig gestaltete, und er vermittelte Vertrauen. Nach dem Unterricht waren noch des Öfteren Gespräche im Gang, die ihn in vertrauliche Probleme einbezogen. Er versuchte immer, souverän zu bleiben und, wenn gewollt, Ratschläge zu geben.
Diesmal standen noch einige Studentinnen und Studenten vor seinem Pult und er meinte: „Wollt ihr denn heute gar nicht nach Hause gehen?“
Da fiel ihm auf, dass er ein Mädchen schon längere Zeit nicht mehr in seinem Unterricht gesehen hatte. So fragte er Melissa:
„Was ist eigentlich mit Andrea los? Ist sie krank?“
„Wir haben uns alle schon gefragt, warum sie nicht mehr kommt, ich werde heute mal bei ihr vorbeischauen!“, war ihre Antwort.
Am Abend, Paul saß gerade vor einer noch brutzelnden Pfanne mit Rühreiern und Speck, sein Kopf steckte, wie sollte es auch anders sein, in einem Buch über Archäologie, da klingelte es an seiner Haustür.
Paul stand auf, steckte sich noch den letzten Rest Brot in den Mund und ging an die Tür, um zu öffnen. Erstaunt sah er Melissa ins Gesicht, die ziemlich verwirrt aussah. Er mochte es nicht, wenn ihn weibliche Schülerinnen, und dann auch noch alleine, besuchten, aber ein Blick in Melissas Gesicht genügte ihm, um sie hereinzubitten.
„Setzt dich erst mal!“, sagte er, dabei räumte er schnell noch einige Papiere und verschiedene Bücher zusammen, die, verteilt auf alle freien Flächen, wie dem Wohnzimmertisch und auf der Couch, herumlagen. Den Stapel legte er auf die Kante seines Sideboards, auf dem schon mehrere Stapel lagen. Melissa setzte sich nun auf die äußerste Kante der Couch und druckste herum.
„Willst du was trinken?“, fragte Paul höflich, doch als er nur ein Kopfschütteln zur Antwort bekam, da sagte er:
„Dann schieß mal los, was ist passiert? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!“
Melissa schluckte noch einmal und begann: „Ich war vorhin noch bei Andrea zu Hause. Ihre Eltern haben mir die Tür aufgemacht und ich hatte den Eindruck, dass sie am liebsten die Tür auch gleich wieder vor meiner Nase geschlossen hätten. Ich fragte nach Andrea und bekam zur Antwort, sie sei krank.“
„Ja, und? Was beunruhigt dich daran so sehr?“
„Es war die Art, wie sie mich angeschaut haben und beide haben so seltsam herumgedruckst und sich gegenseitig immer wieder sonderbare Blicke zugeworfen.“
Paul brummte nur. Melissa fuhr fort:
„Aber das ist noch nicht alles. Als ich fragte, ob ich Andrea sehen könnte, ich wolle ihr einige Aufgaben erklären, da schmissen mich die beiden fast aus dem Haus. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu gehen. Als ich am Gartenzaun angekommen war, da drehte ich mich noch einmal um und sah Andrea an einem Fenster im zweiten Stock … Ich habe sie fast nicht mehr erkannt!“
„Seltsam“, antwortete Paul. Er war schon in Gedanken, was es damit auf sich haben könnte.
„Ja, sehr seltsam, als ich Andrea sah, habe ich im ersten Moment gedacht, ich sähe einen Geist. Sie machte ein so hilfloses Gesicht! Und sie war total abgemagert, als bekäme sie schon sehr lange nichts mehr zu essen! So knochig sieht man nicht aus, wenn man krank ist, sie sieht eher verhungert aus!“
Melissa hatte sich richtig in Fahrt geredet und Paul versuchte sie nun zu bremsen.
„Jetzt beruhige dich erst mal wieder, ich werde morgen, als ihr Lehrer, mal bei ihr zu Hause vorbeischauen. Vielleicht ist auch alles ganz harmlos, vielleicht hatte sie eine schlimme Magendarm-Infektion, da nimmt man in kurzer Zeit auch sehr schnell ab.“
Melissa war nun erleichtert, dass sie sich entschieden hatte, zu ihrem Lieblingslehrer zu gehen. Sie war sich sicher, er würde sich darum kümmern, so erhob sie sich und ging langsam zur Tür.
„Danke, dass Sie mich nicht gleich als verrückt abgestempelt haben!“
„Nun, für ein dummes Mädchen halte ich dich nicht und auch ich komme in meinem Beruf oft nur durch Intuition weiter, mit normalem Verstand bleibt man nicht selten auf der Stelle stehen. Was sich nun daraus ergibt, wenn ich bei Andrea vorbeischaue, das bleibt abzuwarten!“
Melissa nickte und sagte dann: „Tschüss, und einen schönen Abend, Herr Professor Neumann!“
„Danke, dir auch, Melissa!“
Paul zog sich nachdenklich in die Küche zurück, um noch kurz abzuwaschen, er nahm sich vor, am nächsten Tag bei Andrea vorbeizuschauen.
„Nein! Neeein! Ich habe keine Sünden begangen! Warum lasst ihr mich nicht in Ruhe? Ich kann nicht mehr!“
„Du hast einen bösen Dämon in dir, der muss ausgetrieben werden!“
Dann ein schrecklicher Schrei in der Stille der Nacht, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ!
Nach der Schule schaute Paul bei Andreas Eltern vorbei. Erst nach mehrmaligem Läuten öffneten sie ihm die Tür. Er stellte sich als Andreas Lehrer vor und bat darum, ins Haus kommen zu dürfen. Sehr unwillig wurde er dann ins Wohnzimmer gebeten. Paul wollte nicht voreingenommen sein, doch auch ihm kamen die Eltern von Andrea sehr komisch vor. Nun, es war ja nicht jeder gleich auf dieser Welt, nicht jeder konnte herzlich und überschwänglich sein. So fragte Paul nach Andrea: „Ich habe gehört, Andrea geht es nicht so gut. Darf ich fragen, was ihr fehlt? Sie hat schon sehr viel vom Unterricht versäumt, deswegen mache ich mir Sorgen!“
Andreas Eltern drucksten herum und Paul sah sich veranlasst etwas resoluter vorzugehen. Er stand rasch auf und ging auf die Stufen zu, die ins nächst höhere Stockwerk führten.
„Ich kann sie doch sicher kurz sprechen?!“ Mit diesen Worten versuchte er die Treppen hinaufzugehen. Doch der Vater von Andrea sprang ihn regelrecht an und zog ihn wieder nach unten.
„Das ist keine sehr gute Idee! Sie braucht viel Ruhe!“ Eine peinliche Pause entstand.
„Dann sagen Sie mir doch, was hat Andrea denn für eine Krankheit? Ist sie ansteckend?“
Fast war der Vater von Andrea versucht einfach zu bejahen, doch die Mutter war zu sehr unter Druck geraten und sie presste heraus: „Sie ist besessen, in ihr steckt ein Dämon! Wir müssen ihr helfen! Ich möchte sie bitten, nichts darüber in der Schule zu erzählen, wir wollen es ihr nicht unnötig schwer machen!“
„Das heißt also, sie ist in psychologischer Behandlung?“, fragte Paul. Der Vater bejahte und die Mutter schüttelte den Kopf, doch dann nickte sie schnell. Paul fand das wiederum sehr seltsam. Der Vater drängte ihn nun zur Tür, was er ihm insgeheim nicht einmal verübeln konnte, normalerweise war er nicht der penetrante Typ, aber wenn es nicht anders ging? Was blieb einem übrig!
So ging er über den Gartenweg Richtung Straße und auch er schaute noch einmal zurück. Sein Augenmerk galt vor allem dem Fenster im zweiten Stock und da sah er eine gespenstisch-blasse Gestalt mit riesigen, angstgeweiteten Augen, die ihm nachblickte. Doch sofort war sie verschwunden und an ihrer Stelle sah er die Mutter am Fenster stehen, die resolut die Vorhänge zuzog. Er hatte den Eindruck, dass die Eltern vor allem vermeiden wollten, dass irgendjemand an Andrea herankam oder gar mit ihr sprach. Sie war total isoliert worden.
Paul machte sich gerade sein Frühstück, als er noch immer darüber nachgrübelte, was er gestern gesehen hatte und was er unternehmen könnte. Sollte er die Polizei informieren? Doch was könnten die ausrichten? Andrea war krank und zu Hause, was sollte daran falsch sein? Er konnte im Moment nichts tun, doch ein wenig erinnerte ihn der Fall an das dunkle Mittelalter, warum, das konnte er nicht so genau sagen. Es war einfach Intuition.
In der Schule nach dem Unterricht sprach ihn Melissa an: „Haben Sie Andrea besucht?“ Paul wartete, bis alle anderen Schüler aus dem Unterrichtsraum gegangen waren und antwortete dann:
„Ich war im Haus und habe versucht zu Andrea vorzudringen, doch es ist auch mir nicht gelungen! Irgendwas, das sagt mir mein Gefühl, ist komisch, doch leider sind mir die Hände gebunden! Was soll ich deiner Meinung nach tun?“
Melissa zuckte die Schultern und die beiden sahen sich fragend an.
„Ich werde auf jeden Fall die Sache im Auge behalten!“, versprach Paul. Zusammen verließen sie den Raum und im Treppenhaus trennten sich ihre Wege.
Kapitel 2
Was hatte noch die Mutter von Andrea gesagt? Sie ist besessen, in ihr steckt ein Dämon! Besessenheit, also eine Inbesitznahme der betroffenen Person durch einen Dämon! Das wiederum ließ ihn an Dämonenaustreibung, also Exorzismus denken. Doch da schüttelte er den Kopf, in der heutigen Zeit konnte er sich das nicht vorstellen.
So nahm er sich wieder seine momentanen Studien vor und vertiefte sich in die Geschichte des Johanniter- und des Templerordens.
Er war vor einigen Monaten in Jerusalem auf dem Tempelberg gewesen und anschließend hatte er Akkon besucht. Er kannte fast jede Templerwirkstätte im Mittelmeerraum und in Deutschland.
Der Templerorden war ein adliger Ritterorden und etwa um 1118 gegründet worden, was Paul jedoch interessierte, war das Ende des Ordens. War der Orden ursprünglich aus dem bewaffneten Pilgerschutz französischer Ritter hervorgegangen, und fanden auch die allgemein bekannten Kreuzzüge statt, so wurde durch die Anklage von Sodomie, Ketzerei, Inquisition, Götzendienste und Häresie dem Orden sehr schnell ein Ende bereitet.
Im September des Jahres 1307 erging ein Haftbefehl, von König Philipp IV. dem Schönen, weltweit und zeitgleich an alle Tempelritter. Damals, so hieß es, wurden bis auf zwölf Ritter alle gefasst. Diese konnten entkommen, sogar ein Würdenträger war dabei.
Manche bekamen eine lebenslange Haft, andere wurden zum Tode verurteilt durch Verbrennung auf dem Scheiterhaufen in Paris. Das waren Geoffroy de Charnay und der letzte Großmeister Jacques de Molay. Dieser sprach auf dem Scheiterhaufen einen Fluch über den Papst aus, dass dieser binnen eines Jahres sterben werde, was dann auch wirklich eintraf.
Alle Güter der Templer wurden an die Johanniter übergeben, die Besitzungen fielen an die Kirche.
Nach einer anderen Überlieferung sollen die letzten Tempelritter auf Burg Lahneck (bei Lahnstein) einen heldenhaften Kampf geführt haben und dort gefallen sein. Wieder andere Quellen besagen, dass außerhalb von Philipps Machtbereich nicht alle Templer verhaftet worden waren, manche sogar völlig in Ruhe gelassen wurden. Doch nachdem die Führungselite fehlte, war auch die Macht der Templer gebrochen, ihre Aktivitäten beschränkten sich auf lokale Dinge. In Spanien wurden sogar zahlreiche Templer freigesprochen, die Anklage entbehrte als Ganzes jeder Grundlage, denn nur vereinzelt hatte es Verfehlungen gegeben. Es wurden neue Orden gegründet, sogar mit päpstlicher Bestätigung, viele geflohenen Templer fanden in diesem Orden Aufnahme.
Paul konnte sich gut vorstellen, dass damals zwar nicht sofort wieder ein Orden mit solch großer Macht hervorgegangen war, aber, dass sich dieser sicher mit der Zeit hätte entwickeln können, eventuell auch im Untergrund. Doch das war alles spekulativ.
An diesem Wochenende wollte er nach Mainz fahren, denn er war auf einen Anhaltspunkt gestoßen, der ihn neugierig gemacht hatte. Die Templer waren damals vertreten in Trier, Köln, Mainz, Aachen und in Berlin-Tempelhof. Zwar gab es kaum noch Überreste der Anlagen, doch es gab in jedem Ort mehrere Kirchen, und da wollte er anfangen.
So warf er seine Sporttasche mit dem Nötigsten in seinen Kofferraum und fuhr los. Die Sonne meinte es heute gut und so hatte er das Dach seines kleinen Cabriolets geöffnet. Der Fahrtwind wehte ihm angenehm durchs Haar und im Radio lief ein neuer Popsong. Da er nur wenige Jahre älter war, als seine Studenten, hörte auch er am liebsten die moderne Musik. Einige Hits sang er lautstark mit, doch dann forderte der Verkehr seine ganze Aufmerksamkeit, wieder eine dieser leidigen Baustellen und ein kleiner Stau.
In Mainz angekommen, suchte er sich einen Parkplatz und machte einen kleinen Bummel durch die Altstadt.
Er besuchte die Kirche St. Emmeran, dann die St. Johanniskirche, es gab nichts Bemerkenswertes in Bezug zu den Templern. Zum Schluss ging er zum Mainzer Dom St. Martin, er würde hier sicher nichts Aufregendes finden, doch er wollte einfach noch einmal alle Statuen, Bilder und Reliefs in sich aufnehmen.
Er stand gerade vor einem Relief, einem Grabdenkmal am Fuße einer Blendarkade, als ihm ein Zeichen unterhalb des Sockels auffiel. Er trat näher und erkannte einen keltischen Knoten in einem Kreis. In der Mitte des keltischen Knotens allerdings, fand er ein ganz kleines, einem Templerkreuz ähnlich, umgedrehtes Kreuz. War dies ein keltisches Symbol und warum war es bisher noch nicht entdeckt worden? Das konnte er sich jedoch nicht vorstellen. Er nahm eines seiner Fachbücher heraus, die er, genauso wie seine Kamera in einer Umhängetasche immer mitführte, und im dazugehörigen Bildband suchte er das Relief. Auf dem Bild war das Zeichen nicht zu sehen. Daraufhin untersuchte er das Zeichen näher und ihm fiel ein feiner Haarriss auf und ein kleiner Farbunterschied des Materials, was darauf hindeutete, dass das Zeichen erst später hinzugefügt worden war. Was hatte das zu bedeuten? War er auf einen Anhaltspunkt eines magischen Ordens gestoßen?
Das keltische Kreuz stand normalerweise für Harmonie zwischen materiellen und spirituellen Komponenten. Doch dieses keltische Zeichen deutete auf einen Orden hin, und das umgedrehte Kreuz in Form eines Templerkreuzes in der Mitte, war eher ein Satanszeichen. Normalerweise zierte die Mitte eines keltischen Kreuzes ein Knotensymbol, welches für Unendlichkeit, aber auch für den dauerhaften Bestand von Freundschaft und Liebe stand. Er untersuchte auch die anderen Statuen, doch ihm fiel nichts weiter auf. Was ihm zu denken gab war, dass das Zeichen unter der Statue, also im Untergrund, oder um es anders auszudrücken, in der Hölle abgebildet war. Er fuhr mit seinem Finger die endlosverschlungene Linie des keltischen Knotens entlang. Dann berührte er vorsichtig das Satanskreuz in der Mitte und in diesem Moment lief ihm ein eisiger Schauer über den Rücken.
Dreizehn Mal stieg die Rauchsäule aus der Räucherpfanne zur gewölbten Decke empor und aus dreizehn Männerkehlen ertönte ein monotoner Gesang. Schwarze Roben raschelten, als sie aneinander rieben, während ein geheimnisvolles, grünes Licht über dreizehn Köpfen erschien. Brennende Fackeln tauchten die Stätte in ein gespenstisches Licht- und Schattenspiel. Und wieder ein schriller, unmenschlicher Schrei!
Paul nahm seine Hand wieder weg und schüttelte über sich selbst den Kopf. Er schoss noch einige Fotos, skizzierte und vermaß seinen Fund und ging dann zurück zu seinem Auto.
Er beschloss am nächsten Tag nach Aachen zu fahren und auch dort nach einem solchen Zeichen zu suchen. Und tatsächlich fand er auch hier unter einem Apostel das keltische Symbol mit dem Satanskreuz in der Mitte. Akribisch beendete er auch hier seine Recherchen und fuhr dann nach Hause. Bis spät in die Nacht saß er noch über allerhand Unterlagen, die er im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte. Er kam zu dem Schluss, dass auch im Kölner Dom solche Zeichen zu finden sein mussten. Seit mehreren Jahren war er aktiv an den Ausgrabungen des Alten Kölner Doms beteiligt und er hatte dort unten jeden Stein umgedreht. Das Grabungsareal war riesig, es wurde allerdings erst seit 1946 archäologisch erforscht. Er war sich jedoch ziemlich sicher, dass dort unten nichts zu finden war, so wollte er sich nochmals dem Neuen Dom zuwenden. Wie gut, dass er nach Köln gezogen war, denn um nicht ständig seine Zeit mit Autofahrten von seinem Heimatort nach Köln zu verschwenden, hatte er kurzerhand die Stelle als Hochschullehrer an der Universität angenommen, und er hatte dadurch auch noch ein regelmäßiges Einkommen.
Kapitel 3
Im Lehrerzimmer ging es heute sehr lebhaft zu, erst dachte Paul, es läge am vergangenen Wochenende und man erzählte sich die neuesten Erlebnisse, doch dann wunderte er sich doch, denn die meisten Kollegen machten ernste Gesichter. So sprach er einen Kollegen darauf an: „Was ist denn hier los? Ist etwas passiert?“
„Ja hast du es denn noch nicht in den Nachrichten gehört? Es sind schon wieder zwei Mädchen spurlos verschwunden. Eine davon besucht unsere Universität!“ Paul war nun auch geschockt, was ging da vor sich?
Nach dem Unterricht rief er Melissa zu sich: „Hast du noch mal etwas von Andrea gehört?“ Melissa schüttelte müde den Kopf.
„Nein, leider nichts!“ Paul zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen und sagte: „Pass auf dich auf, Melissa!“ Das Mädchen nickte bang, denn natürlich hatten alle von den vermissten Mädchen gehört. Dann drehte sich Paul um und verließ den Unterrichtsraum.
Am späten Nachmittag untersuchte er alle Reliefs, Bilder und alle zwölf Apostel im Kölner Dom. Nichts. Aber dann unter dem Erzengel Raphael wurde er fündig. Es war nur ein sehr kleines Zeichen, aber es war eindeutig vorhanden, wieder war es unten am Sockel angebracht. Wie nach dem alten Glauben, oben ist der Himmel und unten die Hölle.
Zu Hause vergrub er sich wieder in seine Aufzeichnungen und nahm die Pfarrkirche St. Gereon, eine von zwölf romanischen Basiliken in der Altstadt Kölns, näher unter die Lupe. Die Geschichte von St. Gereon reichte bis in die römische Zeit zurück und war eines von mehreren Doppelklöstern der Prämonstratenser. Der Doppelorden war schwer umstritten gewesen, denn weibliche und männliche Brüder und Schwestern waren unter einem Dach untergebracht, das wurde nicht gerne gesehen. Gegründet wurde der Orden etwa 1121, und 1141 siedelten die Schwestern in ein anderes Kloster um.
Außerdem rankten sich Legenden um den heiligen Gereon von Köln und die Blutsäule. Der untere Teil der Säule steht in einer fast drei Meter hohen Nische. Die Säule ist seit 1794 nicht mehr vollständig, französische Revolutionstruppen sollen sie nach Paris gebracht haben, auf dem Transportweg zerbrach sie und wurde am Wege liegengelassen. Nur der Stumpf wurde in die Pfarrkirche zurückgebracht, mehrere, kleinere Bruchstücke hatten sich mit der Zeit verloren.
Die Säule trägt eine lateinische Inschrift mit folgendem Wortlaut:
„Adde fidem, fuit hic pridem fusus cruor idem
Ad lapidem, si dem me male, punit idem.”
Nach einer alten Übersetzung lautet die Inschrift:
„Schenke mir Glauben, vor langer Zeit wurde hier eben dieses Blut an dem Steine versprengt, zeig’ ich mich übel, er straft.“
Oder in einem Reim ausgedrückt:
„Glaub es:
Rein an diesem Stein soll einst das Blut geflossen sein.
Sollt ich schuldig sein, so ist hier die Strafe mein.“
Also besagte die Säuleninschrift, dass die Stätte als ein Gottesurteil zu sehen war. Wer eine Blutschuld auf sich geladen hatte, der trat vor diese Säule und erwartete seine Strafe oder Rehabilitation. Man brachte Verdächtige oder Beschuldigte vor die Säule, und hier beschworen sie ihre Unschuld.
Doch welches Blut war laut der Inschrift geflossen? War es das Blut der Soldaten der Kölner Abteilung der Thebäischen Legion und ihrem Anführer Gereon, oder wurde die Säule mit dem Blut der Märtyrer durch deren Hinrichtung bespritzt?
In der Sage galt die Säule auch als „die Schreckliche“, da der merowingische König Theuderich II. bei einem Besuch von St. Gereon auf geheimnisvolle Weise ums Leben kam, nachdem er seinen Bruder Theudebert und dessen kleinen Sohn hatte ermorden lassen.
Sein Kopf brummte ob der Gedanken, die ihm parallel zu den Legenden durch den Kopf zogen. Die Kirche St. Gereon wurde im Krieg zerstört und bei einem Wiederaufbau nach dem Krieg wäre es denkbar gewesen, unterirdische und geheime Bauten anzulegen. Ähnlich wie unter dem Kölner Dom, jedoch nicht zugeschüttet, sondern nachträglich angelegt. Aber das war alles spekulativ.
Kurz bevor er müde sein Bett sank, dachte er noch mal an Andrea. Vielleicht sollte er deren Haus beobachten? Irgendetwas lief da schief, nur was?
Eine Studentin von Paul, sie war im letzten Semester und studierte Archäologie und Geschichte, hatte es ihm besonders angetan. Er fand ihre Augen so faszinierend und überhaupt ihre ganze Ausstrahlung. Er mochte sie gerne, sie war eine der Besten und würde einen guten Abschluss machen. Doch er hütete sich, ihr in irgendeiner Weise zu nahe zu kommen, obwohl er schon einige Male in Versuchung gewesen war sie zum Essen einzuladen. Vielleicht konnte er sie einmal nach den Abschlussklausuren treffen. Ihr Name war Susann und er hatte den Eindruck, dass auch sie ihn mochte.
Er schüttelte leicht seinen Kopf, um die Gedanken an Susann abzustellen und schweren Herzens konzentrierte er sich wieder auf den Unterricht. Er musste aufpassen, dass er von seinen Studenten nicht beim Träumen erwischt wurde, denn so etwas bekamen diese gleich spitz. In der Mittagspause ging er zu seinem Wagen und fuhr zum Haus von Andreas Eltern. Er parkte gegenüber und beobachtete das Haus, während er in sein belegtes Brötchen biss, welches er sich mitgebracht hatte. Eine Nachbarin kam vom Einkaufen, ein kleiner Junge mit einem Roller fuhr ständig die Straße auf und ab, aber sonst passierte überhaupt nichts. Seufzend startete er den Motor und fuhr zurück zur Universität. Er nahm sich vor, es noch mal nach dem Unterricht zu versuchen.
Schon seit zwei Stunden saß Paul wieder in seinem Auto und beobachtete das Haus. Diesmal hatte er ein wenig weiter vom Haus entfernt geparkt, er wollte schließlich nicht entdeckt werden. Es dämmerte bereits und er wollte gerade aufgeben, als sich die Haustür öffnete. Er sah das Ehepaar herauskommen und der Vater von Andrea hatte ein unförmig eingepacktes Paket auf dem Arm, welches die Form eines Menschen hatte. Paul stutzte, was war das? Schaute da ein Arm aus der Ummantelung? Die Mutter sah sich ziemlich auffällig nach allen Seiten um und öffnete hektisch die rückwärtige Tür des Autos. Der Vater legte seine eingewickelte Last auf dem Rücksitz ab und schloss die Autotür. Wie der Blitz saßen beide im Auto und preschten los. Paul hatte alle Mühe schnell seinen Wagen zu starten und hinterherzukommen.
Er merkte, dass Andreas Vater den Weg zur Pfarrkirche St. Gereon einschlug. Das wiederum erstaunte ihn sehr und gab ihm erneut Rätsel auf.
Das Ehepaar fuhr um die Kirche herum. Anschließend trugen sie ihr Paket durch einen von Büschen verdeckten, engen Durchgang zur rückwärtigen Kirchenwand. Paul konnte nicht erkennen, was vor sich ging, nur, dass sie ohne das Paket wieder zu ihrem Auto zurückkamen und wegfuhren. Paul stieg aus und ging ebenfalls durch den von der Straße aus nicht einzusehenden Durchgang. Kurz darauf stand er vor einer Mauer, von dem Paket keine Spur. Romanische Bögen verzierten die rote Wand, doch nirgends war ein Eingang. Paul lief an der Mauer entlang und kam wieder zum Ausgangspunkt zurück, irgendwas war hier doch faul. Es wurde inzwischen dunkel und er konnte kaum noch etwas erkennen. So ging er zurück zu seinem Auto und holte eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach. Er hoffte, dass die Batterien noch eine Zeitlang halten würden. Der Lichtkegel seiner Lampe fuhr jede Ritze und jeden Stein ab und fast übersah er das Zeichen, er schwenkte den Lichtstrahl zurück und ging näher. In einer Mauerritze fand er wieder das keltische Symbol mit dem Satanskreuz in der Mitte. Paul konnte es nicht fassen, durch einen Riesenzufall war er nun hierhergekommen und entdeckte dieses magische Zeichen an einer Stelle, an der er niemals danach gesucht hätte. Er fasste es an, rüttelte und klopfte, es bewegte sich nicht, doch irgendwo musste hier ein Eingang sein. Er suchte weiter und nach wenigen Minuten entdeckte er ein zweites Zeichen, auf gleicher Höhe, nur in einer etwa ein Meter entfernten Mauerritze.
Er steckte sich die Taschenlampe in die Tasche seiner Jacke. Mit beiden Händen gleichzeitig berührte er nun die Zeichen und lautlos glitt ein Teil der Steinmauer wie von Geisterhand zur Seite. Schnell nahm er seine Taschenlampe wieder zur Hand und ging vorsichtig ins Innere, hinter ihm schloss sich automatisch die Steinmauer.
Vor ihm verzweigten sich verwirrend viele Gänge und es gab mehrere Treppen, die nach einem kleinen Bogen einfach an einer Wand endeten, ein Labyrinth wie im alten Ägypten. Paul folgte der einzigen Treppe, die weit nach unten führte, etwas anderes wäre baulich auch nicht möglich gewesen. Er fragte sich jetzt schon, wie er hier je wieder herausfinden würde. Da hörte er plötzlich ein Summen und er folgte dem schmalen Gang, der sich wiederum gabelte. Paul ging nun nach seinem Gehör, das Summen stellte sich als Gesang heraus, ähnlich wie in einer Kirche, aber irgendwie unheimlich. Ganz entfernt, am Ende des Ganges, sah er eine brennende Fackel an der Wand hängen, aber er sah auch einen maskierten, breitschultrigen Mann, vermutlich eine Art Türsteher. Er schlich sich vorsichtig näher, doch an diesem riesigen Koloss kam er nicht vorbei, er musste sich etwas anderes überlegen.
Für so ein unterirdisches Labyrinth war es nötig eine richtige Belüftung zu haben, also versuchte er sich die Gänge nochmals ins Gedächtnis zu rufen. Er ging eine Biegung zurück und da hörte er das Brummen eines Lüftungsschachtes. Er suchte den Lüftungsdeckel und nahm ihn aus seiner Verankerung. Der entstandene Durchlass war gerade groß genug um hineinzukriechen, was er dann auch tat. Er robbte einige Meter und kam an einen weiteren Lüftungsschlitz. Die Geräusche und der Gesang waren hier deutlich zu hören, er machte seine Taschenlampe aus, sah durch die Schlitze hindurch und erstarrte.
Unter ihm war eine riesige Säulenhalle, ringsum waren die Säulen bestückt mit brennenden Fackeln. Einige in Stein gehauene Figuren standen in dafür vorgesehene Nischen und waren durch den Fackelschein gespenstisch beleuchtet. Genau in der Mitte des Raumes stand ein Steinaltar, und dieser war in eine Wolke aus Rauch gehüllt.
Paul schluckte mehrmals und musste sich sehr zusammenreißen, denn er meinte, er wäre mitten im finsteren Mittelalter, die Geschichte selbst holte ihn ein. Er sah rings um den Altar maskierte Gestalten in schwarzen Roben. Ihre Augen konnte man hinter den Masken nur erahnen, nur dunkle Löcher starrten einen an. Er zählte die Personen, die kreisförmig um den Altar standen und kam auf die Zahl dreizehn.
Die Dreizehn galt als eine magische Zahl und auch Masken wurden zu magischen und kultischen Zwecken benutzt.
Die dreizehn Maskierten sangen monoton und durch die hohe Deckenwölbung hallten die Stimmen laut und ergreifend wider. Paul zog eine Gänsehaut über die Arme, als der Rauch sich langsam verzog und er auf dem Altar einen Menschen liegen sah. In verschiedenen Religionen wird der Rauch auch heute noch als Reinigungsritual angewandt.
Doch dann gefror ihm das Blut in den Adern, als er erkannte, wer auf dem Altar lag. Es war Andrea, sie war nur noch ein Häufchen Haut und Knochen. Über ihrem Körper lag ein großes Tuch. Er konnte durch die Lüftungsschlitze nicht sehr viel mehr erkennen, doch er sah, dass Andreas Augen geschlossen waren. Nun trat ein Maskierter, vermutlich, wenn man von einem Orden ausging, der Großmeister zum Altar. Das Tuch wurde von Andreas Körper weggezogen und ihr Körper war völlig nackt. Dann nahm der Großmeister ein Schwert in die Hand, in der anderen hatte er einen lebenden Hahn. Andrea riss nun die Augen auf und auf ihrem Gesicht zeichnete sich Angst und Entsetzen ab. Ihre Augen waren riesig in ihrem hageren Gesicht und sie wollte sich aufsetzen, doch dazu fehlte ihr die Kraft. Nun traten vier Maskierte hinzu, jeder hielt eine Gliedmaße von Andrea, um sie festzuhalten. Der Großmeister ging nun dreimal um den Altar herum und murmelte Formeln und Beschwörungen. Plötzlich war es ganz still in der Säulenhalle und er schlug mit dem Schwert dem Hahn den Kopf ab. Das Blut spritzte er über Andreas Körper und Andreas Mund formte sich zu einem schrillen, entsetzlichen Schrei. Doch damit noch nicht genug, mit dem Schwert trennte der Großmeister eine Hahnenkralle ab und fuhr damit über Andreas Körper, er verteilte das Blut mit der Kralle.
Paul wurde es schlecht, vor allem, weil er Andrea nicht helfen konnte. Gegen all die Personen hätte er nicht die geringste Chance. Andrea hörte nicht auf zu schreien, Paul sah nicht genau, was vor sich ging, denn der Rücken des Großmeisters verdeckte einen Teil von Andreas Körper. Ihre Schreie wurden immer leiser und endeten schließlich in einem Wimmern. Der Großmeister trat in den Kreis der Maskierten zurück und Paul konnte nun Andrea sehen und erstarrte. Der Großmeister war mit der Kralle in Andreas Haut gefahren und hatte darin herumgerissen. Paul hielt sich die Hand vor den Mund und unterdrückte mit großer Mühe einen Würgereiz. Er schloss die Augen um die Quälerei nicht mehr sehen zu müssen. Andrea lag leblos da, ihre Augen waren starr an die Decke gerichtet und ihre Gliedmaßen hingen seitlich herab. Er kniff die Augen zusammen um mehr zu erkennen, doch er hatte den Eindruck, dass Andreas Brustkorb sich nicht mehr hob und senkte. Hatte sie aufgehört zu atmen?
Paul rutschte rückwärts aus dem Lüftungsschacht und montierte mit zitternden Fingern das Lüftungsgitter an seinen Platz. Er hörte vereinzelt Stimmen nahen und versuchte sich schnellstmöglich durch das Labyrinth zum Ausgang zu kämpfen. Die Steinmauer ging durch eine Lichtschranke automatisch auf, was sein Glück war, und er rannte nach draußen. Er bog um die Ecke der Kirchenmauer und erbrach sich jämmerlich. Dann atmete er einige Male tief durch und ging dann langsam zu seinem Auto.
Noch einige Zeit beobachtete er den „Eingang“ dieser grauenvollen Stätte. Immer wieder sah er vereinzelt, noch immer Maskierte, den engen Durchgang benutzen und im Dunkel der Nacht verschwinden. Das Einzige, was er erkennen konnte war, dass es sich ausschließlich um Männer handelte.
Doch Andrea wurde nicht wieder herausgebracht. Er musste unbedingt wissen, was mit ihr geschehen war. So wartete er noch eine weitere Stunde ab, und als sich nichts mehr regte, ging er zurück zur rückwärtigen Kirchenmauer und öffnete die Geheimtür. Er schlich sich durch die Gänge, immer wieder blieb er stehen und lauschte. Es brannte keine Fackel mehr und das Licht seiner Taschenlampe wurde immer schwächer. Er war wieder an dem Punkt angekommen, an dem er durch den Lüftungsschacht gerobbt war. Nun ging Paul den Gang weiter und stand wieder vor der Frage, welcher von drei Gängen wohl in Frage kommen könnte. Er entschied sich für die Mitte und hatte auf Anhieb Glück. Treppen führten in mehreren Ebenen nach unten und schließlich war er in der großen Säulenhalle angekommen. Es war ein gigantischer Raum und an Prunk und Pracht war nicht gespart worden, doch Paul hatte im Moment andere Sorgen und beachtete den feudalen Raum nicht.
Er war am Altar angekommen, doch Andrea war, wie zu erwarten, nicht mehr da. Alles war gesäubert worden, vom Blut war nichts mehr zu sehen. So schaute sich Paul um und sah eine große Nische, in der eine Säule stand. Es erinnerte ihn sehr an die Blutsäule einige Meter über ihm in der Pfarrkirche St. Gereon. Diese sah genauso aus und wurde anscheinend verehrt, wenn man die vielen Kerzen und Schalen betrachtete, die ringsum standen. Er tauchte einen Finger in eine Schale mit einer dunklen Flüssigkeit, dann nahm er den Finger wieder heraus und schüttelte sich. Es war rot wie Blut. Doch was auch immer die maskierten Brüder hier unten abhielten, zuerst musste er Andrea suchen, sie brauchte ärztliche Hilfe, wenn es nicht schon zu spät war.
In der großen Säulenhalle waren hinter den Säulen geschickt kleine Nischen angeordnet, im inneren Bereich der Nischen fühlte man sich unbeobachtet. Paul war in eine solche Nische hineingegangen und konnte die große Halle nicht mehr sehen, stand man jedoch vor der Säule, konnte man alles im Inneren der Nische genauestens beobachten. Paul durchsuchte jede Ecke, konnte Andrea jedoch nirgends entdecken. Er sah noch eine Treppe, die wohl auf die Galerie führte, die ringsum oberhalb der Säulenhalle auskragte. Er nahm zwei Stufen auf einmal und sah sich oben um. Auch hier gab es mehrere kleine Kammern, die aber alle leer waren. Paul war verzweifelt, er wusste genau, niemand hatte Andrea wieder nach draußen gebracht. Wo war sie? Gab es noch mehr Geheimgänge und Verstecke? Er irrte noch lange durch die Gänge und musste schließlich aufgeben, seine Taschenlampe wurde zusehends blasser und würde ihm bald nicht mehr nützlich sein.
Als er auf die Uhr sah, da war es schon drei Uhr in der Nacht, er beeilte sich, dass er aus diesem Labyrinth wieder herauskam, bevor an seiner Taschenlampe das Licht ausging.
Paul fuhr nach Hause und ließ den heißen Strahl der Dusche hart auf seinen Körper prasseln. Er hatte das Gefühl, er müsse den ganzen Schmutz von sich abwaschen. Danach ging er, nur bekleidet mit einem Handtuch um seine schlanken Hüften, an den Kühlschrank und holte sich eine Flasche Bier, die er fast in einem Zug austrank.
Er ging ruhelos durch den Raum, konnte sich nicht beruhigen. Auf alle Fälle musste er zur Polizei gehen, und er wollte noch genauere Erkundigungen über diesen Orden oder diese Sekte einziehen, wer wusste schon, was da sonst noch so alles bei Nacht passierte. Und er war enttäuscht und wütend, er fragte sich, was wohl aus Andrea geworden war.
Außerdem hatte er nur noch Ekel und enormen Abscheu für Andreas Eltern übrig. Wie konnte man sein Kind nur so behandeln? Er konnte es nicht verstehen. Er dachte daran, was Andreas Eltern ihrer Tochter angetan hatten. Sie hätten ihre Tochter lieber zu einem Psychiater bringen sollen, wenn das überhaupt nötig gewesen war, denn er hatte von Andrea nicht den Eindruck gewonnen, dass sie von irgendetwas besessen gewesen wäre. Sie hatte immer einen ganz normalen Eindruck auf ihn gemacht.
Durch die typische Durchführung von Ritualen sollte die befallene Person von fremdem Bewusstsein befreit, also die sogenannten Dämonen ausgetrieben werden.
So war auch das kirchliche Amt des Exorzisten in der katholischen Kirche zu finden. Doch sicher nicht auf solch brutale Weise.
Doch etwas Gutes hatte diese Aktion gehabt, er hatte einen enorm guten Orientierungssinn und hatte sich alles gut eingeprägt, er würde gleich morgen noch eine Skizze anfertigen. Er sah auf die Uhr und schüttelte den Kopf, morgen war schon längst heute, denn in zwei Stunden musste er schon wieder zum Unterricht. Also zog er sich an und ging erst einmal zur Polizei.
Kapitel 4
Zuerst musste er warten, bis ein Beamter Zeit für ihn hatte, denn es waren einige Betrunkene aufgegriffen worden, die handgreiflich geworden waren. Als er dann schließlich an der Reihe war, da merkte er schon, dass der Beamte damit überfordert war. Also musste er auf den Kommissar warten, dieser war aber gerade erst im Begriff aufzustehen. Geduld war sonst immer eine seiner Stärken gewesen, aber in dieser Angelegenheit nicht. Er tigerte den mit grauem Linoleum ausgelegten Gang im Polizeirevier auf und ab, noch wenige Minuten mehr, und er hätte einen Pfad getreten.
Kommissar Bruckner war genauso, wie man sich einen Kommissar kurz vor dem Ruhestand vorstellte. Er trug dunkelblaue Stoffhosen und ein weißes Hemd, ein Trenchcoat, den er auch gleich auszog und an die spinnenförmige Garderobe hängte, vervollständigte das Bild. Er hätte auch nicht den Schönheitspreis gewonnen, denn sein Gesicht sah dem des Fernsehkommissars Derrick der gleichnamigen Serie recht ähnlich. Jedoch war er ein wenig füllig, was dem guten Essen seiner Frau zuzuschreiben war, und doch hatte er noch nichts von seinem Biss eingebüßt, sich in komplizierte Fälle ein zudenken und gelegentlich auch zu lösen.
Kommissar Bruckner hörte sich die Geschichte Pauls in Ruhe an und zuckte dann bedauernd mit den Schultern. Er könne erst handeln, wenn eine Vermisstenanzeige vorläge, der oder die Vermisste mindestens einen Tag fehlte, und solange keine Verletzte oder gar Tote auftauche, solange wären ihm die Hände gebunden. Mit anderen Worten, er könne nicht viel tun. Er machte Paul allerdings den Vorschlag mit ihm zusammen zu Andreas Eltern zu gehen. Vielleicht könne man da etwas erreichen. Und in der Sache mit den Ritualen des Ordens, da könne er Paul auch nicht viel Hoffnung machen, denn inzwischen sei ja, laut Paul, alles wieder aufgeräumt und nichts deutete mehr darauf hin, dass irgendetwas Verbotenes stattgefunden hatte. Paul deutete an:
„Ich werde keinesfalls aufgeben! Ich weiß, was ich gesehen habe! Ich werde versuchen, mich in den Orden einzuschleusen, wenn auch als letzten Ausweg.“
Kommissar Bruckner schaute Paul über den Rand seiner Brille tief in die Augen:
„Sie wissen, dass es kaum ein Entkommen aus so einer Sekte oder eines Ordens gibt, wenn Sie erst einmal dabei sind! Ist Ihnen das klar?“, fragte er eindringlich. Paul nickte bestätigend.
„Ich kann es Ihnen nicht verbieten“, fügte der Kommissar noch an, „doch passen Sie auf sich auf!“
Kommissar Bruckner erhob sich etwas schwerfällig aus seinem Bürostuhl und meinte: „Na, dann wollen wir mal!“ Paul schaute ihn fragend an. „Zu Andreas Eltern“, fügte er erklärend hinzu. Paul rief in der Universität an und ließ sich für einen halben Tag freistellen.
Auf dem Weg zu Andreas Eltern fragte Paul den Kommissar, ob es Neuigkeiten von den vermissten Mädchen gäbe. Bedauernd schüttelte Kommissar Bruckner den Kopf.
„Nein, wir haben nicht den geringsten Anhaltspunkt! Mehr darf ich darüber nicht sagen, und das was ich gesagt habe, war schon zu viel!“
„Danke!“
Paul und der Kommissar klingelten ununterbrochen, doch es wurde nicht geöffnet. Da rief der Kommissar mit lauter Stimme: „Polizei, öffnen Sie die Tür!“ Das schien gewirkt zu haben, denn kurz darauf stand Andreas Mutter im Türrahmen. Ihr Gesicht wirkte ängstlich und man sah, dass sie geweint hatte. Der Kommissar drückte kurzentschlossen die Tür auf und fragte schon beim Hineingehen: „Können wir mal kurz reinkommen?“ Sie gingen ins Wohnzimmer und da saß Andreas Vater vor dem Fernseher. Er hatte eine Flasche Bier in der Hand und auf dem Tisch standen einige weitere, leere Flaschen. Andreas Mutter verteidigte ihn und meinte:
„Er trinkt sonst nie, wissen Sie, wegen seinem Glauben!“
Das war natürlich ein Stichwort für Kommissar Bruckner.
„Und warum trinkt er heute, ausnahmsweise?“
„Ehm …, ihm geht es nicht gut!“
„Wie geht es denn Andrea?“, schoss Paul dazwischen.
Wieder zögerte Andreas Mutter sehr lange und brach dann schließlich in Tränen aus.
„Wo ist sie?“, fragte Kommissar Bruckner. Sie zeigte nur mit dem Finger zur Treppe, die nach oben führte. Bruckner und Paul rannten fast gleichzeitig nach oben und da lag Andrea. Totenbleich, ihre Atmung war fast nicht mehr vorhanden. Kommissar Bruckner erfasste die Lage sofort und rief einen Krankenwagen. Andreas Mutter stand nun auch im Raum und weinte bitterlich.
„Was haben Sie sich dabei gedacht, Ihre Tochter hier oben liegen zu lassen? Sie mussten doch gesehen haben, dass sie sehr krank ist und sofort in ein Krankenhaus gebracht werden muss!“, sagte der Kommissar.
„Ich wollte schon längst einen Arzt holen, aber mein Mann hat es verboten! Wegen seinem Glauben, wissen Sie!“
„Allmächtiger!“, stöhnte der Kommissar. Paul war inzwischen an Andreas Bett getreten und fühlte ihren Puls. Der Krankenwagen kam nach fünfzehn Minuten und Andrea bekam sofort Infusionen angehängt. Der Notarzt bestätigte den Verdacht von Paul und sagte: „Total unterernährt!“ Paul fügte leise hinzu: „Verhungert!“
„Können Sie mir sagen, Frau Peters, wie es kommt, dass Andrea total unterernährt ist?“
„Sie durfte doch nichts essen, sonst hätte die Dämonenaustreibung doch nicht gewirkt! Wissen Sie, sie war besessen!“
Inzwischen wimmelte das Haus nur so von Polizei, Andreas Vater war schon abgeführt worden, er war nicht ansprechbar. In Andreas Zimmer verhörte Kommissar Bruckner noch immer Andreas Mutter. Er versuchte die ganze Wahrheit herauszufinden und dies würde am erfolgreichsten in Andreas Zimmer sein.
„Wie kommen Sie darauf, dass Andrea besessen war? Welche Anhaltspunkte gab es da?“
„Sie hat immer wieder von einem Mann gesprochen, dass sie von ihm träumt und mit ihm fortgehen will. Mein Mann hat ihr verboten von diesem Mann zu träumen, und wegzugehen, das ging schon mal gar nicht! Da hat Andrea hysterisch rumgeschrien, dass sie es bei uns nicht mehr aushält. Sie war besessen von diesem Teufel und davon mussten wir sie doch erlösen!“
Paul wurde schlecht, vermutlich hatte sich Andrea nur verliebt und wollte diesem Elternhaus baldmöglichst entfliehen.
„Wo ist denn dieser Mann zu finden? Wie heißt er?“, fragte der Kommissar weiter.
„Das weiß ich nicht, ich dachte, den Mann gäbe es nur in ihrer Fantasie!“
Paul dachte, dass das ja noch schlimmer war, ein gesundes Mädchen fast umzubringen, weil sie Fantasie hatte! Er war fassungslos!
„Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, dass Andrea vom Teufel träumt?“
„Sie war besessen von ihm, er hat ihr ganzes Denken in Besitz genommen, das kann nur ein Dämon sein!“
Der Kommissar musste sich räuspern und so fragte Paul:
„Wie sind Sie denn an Hilfe gekommen, um den Dämon auszutreiben?“
„Nun, der Bruder meines Mannes ist in so einem Orden und der hat uns zu einer Teufelsaustreibung geraten. Er hat dann auch alles in die Hand genommen, wir mussten Andrea nur abliefern und wieder abholen! Und inzwischen ist sie auch geheilt, sagt der Bruder meines Mannes!“
Keine Stunde später saßen die Eltern von Andrea in Untersuchungshaft, und Andrea kämpfte um ihr Leben.
Paul hätte gerne mehr über diesen angeblichen Orden erfahren, aber dazu kam es nicht mehr, denn der Kommissar hatte genug gehört.
Am nächsten Tag stieß Paul bei seinen akribischen Nachforschungen auf einen Orden, der sich Ordo Templi Magica nannte. Es war nicht ganz sicher, ob es sich um einen Orden oder eher um eine Sekte handelte, doch auch hier gab es zahlreiche keltische Symbole und viele magische Zeichen.
Jedenfalls gab es in dieser Sekte eine Rangordnung wie in einem Orden. Zuerst kam der Großmeister, ihm folgte der Großkontur, dann der Großmarschall.
Die heidnisch-religiöse Magie arbeitet vorrangig mit der These: Es ist mein Wille, wenn es dein (oder Gottes) Wille ist. Der Großmeister, oder der Magier, ist ein Vertreter, der versucht, die Interessen seiner Mitmenschen als Bittender zu vertreten und häufig auch als Heiler zu praktizieren. Meistens wurde mit magischen Techniken gearbeitet, das hieß, das normale Bewusstsein und das rationale Denken wurde durch mentale Techniken vorrübergehend vernichtet. In der dadurch entstandenen Bewusstseinsleere wird so der Zugang zu einer anderen Existenzebene geschaffen.
Durch Trancezustände oder meditative Zustände, welche in die persönliche Identifikation eingreifen, erreichten die Magier psychologisch die Beherrschung ihrer Ordensbrüder oder auch ihrer Anvertrauten.
Das diente oft nur dazu, die eigene, innere Existenz neu zu gestalten, aber natürlich auch, um unkontrollierte gesellschaftliche Macht anzustreben, wie es oft bei Sekten der Fall war. Die Freiheit von Individuen wurde durch Einschränkung der Meinungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, wirtschaftlicher Ausbeutung der Mitglieder und auch durch sexuellen Missbrauch beschnitten. Durch Kulte und Rituale bewegte sich alles um die eine Person, die des Führers oder des Großmeisters, oftmals auch durch grenzenlose Verehrung.
Die Durchsetzung der Ziele allerdings wurde durch harte Milieukontrolle in der Umgebung der Mitglieder erreicht, unter anderem durch mystische Manipulationen, Fasten, Schlafentzug oder auch Forderung nach Reinheit. Das Mittel zur Leugnung der Existenzberechtigung anderer war natürlich ideal, um, wie in einem Horoskop, alles so zu drehen, wie der Führer es gerade brauchte. Wer die Wahrheit der Sekte nicht erkannt hatte, zählte nicht, und hatte somit keine Existenzberechtigung.
Durch Bekennung von Sünden vor der Gemeinschaft, hatte der Großmeister seine Gruppe vollkommen in der Hand.
Paul wusste all dies theoretisch, er wusste auch, wie gefährlich es werden würde in diese Sekte hineinzugelangen. Aber wenn es keine andere Möglichkeit gab, würde er es versuchen.
Kapitel 5
Grauenvolle Minuten lang wehrte sich das Mädchen, bis es kraftlos zusammensackte. Eiskaltes Wasser berührte ihren am Boden liegenden, nackten Körper und sie schrie auf. Der Wasserstrahl war hart und sie kauerte sich in Embryohaltung zusammen, versuchte sich zu schützen, indem sie die Arme um ihren Körper schlang. Doch der Strahl hatte kein Erbarmen.
Paul hatte inzwischen eine große Kanne mit Kaffee geleert und schleppte sich mehr schlecht als recht in die Universität. Er war schon sehr spät dran und deswegen war er nicht erst in das Lehrerzimmer gegangen, sondern gleich in den Hörsaal. Hier standen fast alle Studenten in einem Pulk zusammen und hatten sehr ernste Gesichter. Was war denn nun schon wieder passiert? Paul trat hinter sein Pult und setzte seine helle Ledertasche ab, als die Studenten ihn gleich umringten.
„Haben Sie es schon gehört? Es fehlt schon wieder ein Mädchen!“, sagte Tim, ein schwarzhaariger, aufgeweckter Junge.
„Nein!“, Paul zögerte, „wisst ihr mehr darüber?“
„Gabi aus der Parallelklasse ist verschwunden!“
„Sie wollte zu Ursels Geburtstagsparty kommen und ist nicht aufgetaucht!“
„Vorgestern war ich noch mit ihr zusammen!“
Alle sprachen durcheinander. Paul musste erst mal wieder Ruhe in die Klasse bringen und bat: „Nehmt doch bitte eure Plätze ein!“
Nach einigen Minuten räusperte sich Paul und sagte: „Es ist wirklich sehr schlimm, was hier im Moment passiert!“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort.
„Für die Mädchen unter euch ist es sicher auch enorm schwierig, ich empfehle euch, geht nirgends alleine hin, sucht euch immer eine Begleitung! Ich will euch keine Angst machen, aber mir scheint, es ist das Beste, vorsichtig zu sein! Möchte noch jemand etwas dazu sagen?“ Paul schaute sich im Hörsaal um, die meisten schauten betroffen, doch es meldete sich niemand mehr. Paul seufzte.
„Nun, dann wollen wir versuchen, uns auf den Unterricht zu konzentrieren! Wir machen bei den Ausgrabungen in Ägypten weiter …“
Am späten Nachmittag, Paul hatte gerade einige Klausuren korrigiert, klingelte es an seiner Tür. Es war Kommissar Bruckner, er bat um ein Gespräch. Paul führte ihn ins Wohnzimmer und bot dem Kommissar etwas zu trinken an, was dieser dankend annahm. Der Kommissar schaute sich in Pauls Wohnzimmer um und fühlte sich gleich wohl. Die gemütliche Couch lud mit den bunten Kissen zum Faulenzen ein, und die helle Wohnzimmerwand aus Buchenholz war mehrfach unterbrochen durch Regale, die das Ganze auflockerten. Überall waren Bücher verstreut, nicht wenige standen in den Regalen und lagen in mehreren Stapeln auf dem Tisch. „Setzten Sie sich doch, Herr Bruckner!“, bat Paul. Der Kommissar legte seinen Mantel über die Lehne eines Sessels und setzte sich seufzend.
„Was führt Sie zu mir?“, fragte Paul neugierig.
„Leider keine angenehme Aufgabe!“, sagte der Kommissar.
„Viel lieber würde ich mich privat mit Ihnen unterhalten und dabei ein schönes Bierchen trinken, aber nun ist wieder ein Mädchen verschwunden. Sie haben es sicher schon gehört?!“ Paul nickte.
„Ja, ich habe es von den Studenten gehört. Die Mädchen haben inzwischen alle Angst aus dem Haus zu gehen, was ich gut verstehen kann. Viele von ihnen leben in Studentenwohnheimen und sind weit weg von ihrem zu Hause, andere haben das Glück, bei ihren Eltern zu wohnen, aber die Angst geht um. Ich habe den Mädchen empfohlen nirgendwo alleine hinzugehen.“ Der Kommissar nickte bedächtig.
„Ist wohl eine gute, erste Sicherheitsmaßnahme, aber auf Dauer kann es natürlich nicht so weitergehen. Der eigentliche Grund meines Hierseins ist sehr ernster Natur. Sie sagten mir, dass Sie sich in den Orden einschleusen würden, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gäbe?“ Paul nickte bestätigend.
„Ich vermute, dass die vermissten Mädchen in engem Zusammenhang mit dem Orden stehen, in dem auch Andrea fast umgekommen wäre. Und Sie, als Archäologe und Geschichtslehrer, haben den besten Durchblick, was die Rituale und das Drumherum betrifft. Sie können meinen Vorschlag natürlich ablehnen, das ist Ihr gutes Recht, doch ich möchte Sie bitten uns und den Mädchen zu helfen.“
Paul nahm einen großen Schluck Mineralwasser aus seinem Glas und seufzte.
„Ich sehe auch keine andere Möglichkeit, und ich vermute genauso wie Sie, dass die Mädchen durch die Organisation des Ordens verschwinden.“
„Bedenken Sie alles in Ruhe, Sie wissen, in welche Gefahr Sie sich begeben! Auch würden Sie Ihren Unterricht sicherlich einige Zeit vernachlässigen müssen. Ich möchte jedoch niemanden einweihen, vor allem nicht die Schulleitung. Es ist schon so schwer genug, dass nichts davon an die Presse kommt.“
„Ja, da haben Sie recht, je weniger davon bekannt wird, desto einfacher werden die Nachforschungen sein!“, antwortete Paul.
„Wenn Sie sich dafür entscheiden“, fuhr der Kommissar fort, „sollten Sie bedenken, dass Sie ganz alleine auf sich gestellt sind. Sie werden kaum eine Möglichkeit finden, um mit mir in Kontakt zu treten. Wir vermuten, dass einige Mitglieder des Ordens in der Universität ihre Spitzel haben, oder sogar im Hörsaal sitzen, um die einzelnen Mädchen auszukundschaften. Deswegen dürfen wir niemandem vertrauen! Ich gebe Ihnen bis morgen Bedenkzeit!“
Paul wollte schon spontan Zusagen, doch der Kommissar war schon aufgestanden und ging an die Tür. Er winkte ab und sagte nur:
„Morgen komme ich wieder vorbei!“
Dann war er auch schon verschwunden.
Paul verbrachte eine weitere schlaflose Nacht, er erwog das Für und Wider. Doch im Grunde seines Forscherherzens war er schon mitten in der Planung. Er überlegte sich, wie er zu diesem Orden vorstoßen könnte, ohne Verdacht zu erwecken, und wie er von diesem Orden aufgenommen werden könnte. Am liebsten würde er eine winzige Kamera mitnehmen, doch durfte bei ihm nichts gefunden werden, was ihn auffliegen lassen konnte. Einige Male stand er wieder auf und tigerte durchs Schlafzimmer, doch irgendwann in den frühen Morgenstunden hatte er sich für den Einsatz entschieden, und danach konnte er endlich einschlafen.
Heute war Samstag und es fand kein Unterricht statt. Die Klingel seiner Haustür riss Paul aus dem Schlaf und total übernächtigt tapste er zur Tür, um zu öffnen. Der Kommissar begrüßte ihn im Vorbeigehen und steuerte auf seine offene Küche zu.
„Ich habe ein paar frische Brötchen mitgebracht!“, war sein aufgeräumter Kommentar.
„Ich mache schon mal Kaffee, während Sie sich duschen und anziehen!“ Paul war ziemlich verdattert, vielleicht lag es auch an seinem noch sehr langsam arbeitenden Gehirn. So fragte Paul:
„Habe ich etwas verpasst?“
Der Kommissar lächelte und meinte:
„Sie haben sich doch schon dafür entschieden, oder täusche ich mich?“ Paul nickte müde. Zufrieden brummend setzte der Kommissar die Kaffeemaschine in Gang.
Bei einem knusprigen Brötchen und einer herrlich duftenden Tasse Kaffee waren Pauls Lebensgeister wieder geweckt. Auch die ausgiebige Dusche hatte dazu beigetragen.
Er war gespannt, was Kommissar Bruckner ihm mitteilen wollte.
„Wir brauchen einen unverdächtigen Mittelsmann, Paul, ich darf Sie doch Paul nennen?“ Paul nickte.
„Ich bin Hans! Also, um zur Sache zu kommen, haben Sie eine Idee, wie wir das handhaben könnten? Vor allem sollten Sie absolutes Vertrauen zu dieser Person haben!“ Da Paul sich in der vergangenen Nacht schon viele Gedanken darüber gemacht hatte, brachte er auch gleich seinen Vorschlag an.
„Das Einzige, was an meinem Plan nicht gelingen könnte, wäre, dass Melissa nicht mitmachen möchte. Das könnte ich ihr allerdings auch nicht verdenken.“
Hans klopfte Paul auf die Schulter und meinte: „Eine gute Idee, ich mache mir keine Sorgen, bei ihrem Charme …“ Paul verkniff das Gesicht und zog die Nase kraus.
„Ich möchte sie nicht dazu überreden, sie muss schon freiwillig mitmachen. Vielleicht bringe ich sie dadurch auch in Gefahr!“
Bruckner erhob sich, schüttelte Paul die Hand und wünschte ihm viel Erfolg.
„Passen Sie auf sich auf!“, waren seine letzten Worte, bevor er ging.
Kapitel 6
Blut – überall war Blut! Und es tat so weh, sie wollte nicht mehr hier sein, sie wollte aus diesem Albtraum erwachen!
Frisches Blut bahnte sich in hellroten Rinnsalen einen Weg an der Säule entlang. Einzelne Tropfen verschmolzen miteinander, um sich gemeinsam am Fuße der Säule in einer Lache zu sammeln. Zwei Schwerter lagen gekreuzt vor der Säule und wurden mit frischem Blut benetzt.
Paul telefonierte mit Melissa. Er fragte sie, was für ein Gefühl sie bei ihrer Klausur hätte. Melissa war bis zu seinem Anruf recht guter Dinge gewesen, doch nun wurde sie doch unsicher.
„Könnten wir uns kurz treffen und alles in Ruhe besprechen?“, fragte Paul.
„Ja, klar! Wo?“
„Am besten treffen wir uns im Park vor der Universität. Bis gleich!“
Melissa starrte den Hörer an und wunderte sich, der Professor hatte ihre Antwort nicht abgewartet, sondern schon aufgelegt.
Im Park schaute sich Paul unauffällig um und führte Melissa an eine etwas abgelegene Parkbank.
„Ich habe mit dir etwas Wichtiges zu bereden, es betrifft keineswegs deine Noten, um die brauchst du dir keine Sorgen zu machen!“
Erleichtert setzte sich Melissa neben Paul.
„Zuerst möchte ich dich bitten, niemandem von diesem Gespräch zu erzählen. Niemandem! Hast du verstanden?“
„Ja, versprochen!“
„Nun gut, dann fangen wir an. Zuerst die gute Nachricht, Andrea ist auf dem Weg der Besserung. Du kannst sie im Luisen- Krankenhaus besuchen, wenn du möchtest.“
Melissa fasste sich an ihr Herz und seufzte erleichtert.
„Gott sei Dank! Das ist nur Ihnen zu verdanken!“
Sie sagte das mit solcher Überzeugung, etwas anderes kam für sie dabei nicht in Frage. Bescheiden nickte Paul.
„Ja, und es ist leider eine sehr komplizierte Geschichte. Es sind nun noch mehr Mädchen verschwunden und der Kommissar und ich haben einen begründeten Verdacht. Ich muss nun diesem Verdacht nachgehen, natürlich unter äußerster Geheimhaltung und dazu brauche ich einen Vermittler zwischen mir und dem Kommissar. Ich brauche jemanden, zu dem ich vollstes Vertrauen habe und der zuverlässig ist. Außerdem erfordert es ein wenig Mut.“
Hier hielt Paul inne und beobachtete Melissas Gesicht. Darin spiegelte sich alles Mögliche wider, von Erstaunen bis zu Verehrung.
„Ich dachte dabei an dich!“
Nun war die Bombe geplatzt. Melissa sah ihn entgeistert an.
„Ich?“
Dann ging ein Strahlen über ihr Gesicht, dass ihr geliebter Professor zu ihr, Melissa, Vertrauen hatte, darüber freute sie sich sehr. Doch dann wurde sie ernst und fragte:
„Wie kann ich helfen? Was muss ich tun?“
Paul erläuterte ihr seinen Plan.
„Wir wissen, dass deine Noten nicht allzu schlecht sind, doch ich muss dich ab und zu alleine sprechen, ohne irgendwelche Zuhörer. Deswegen schlage ich eine Nachhilfestunde vor, die von mir immer kurzfristig angesetzt wird. Dann setzen wir uns kurz zusammen und tun so als ob. Dabei gebe ich dir Informationen weiter, die ausschließlich für den Kommissar bestimmt sind. Du darfst aber nicht dein Handy benutzen, für den Fall, dass es abgehört wird. Du triffst dich mit dem Kommissar und zwar als seine Haushaltshilfe. Eine Studentin braucht doch immer Geld und so tust du, als würdest du bei ihm privat sauber machen.“
Melissa war Feuer und Flamme.
„Das ist doch ein guter Plan!“, meinte sie.
„Es gibt nur einen Haken. Du kannst keine Begleitung mitnehmen, du wärst immer alleine unterwegs. Das ist leider ein großes Risiko!“
„Ich habe einen Freund, ich könnte ihn doch bitten, dass er mich zu meiner ‚Putzstelle‘ bringt und mich dann auch wieder abholt. Er begleitet mich seit den Vorfällen sowieso überall hin. Er holt mich auch immer von der Uni ab.“ Paul nickte erleichtert.
„Das könnte gehen. Ich möchte aber nochmals darauf aufmerksam machen, dass es gefährlich werden könnte, und zu niemandem ein Wort, auch nicht zu deinem Freund!“ Melissa nickte ernst.
„Okay. Wie geht es jetzt weiter?“
„Ist dein Freund in der Nähe?“ Melissa nickte.
„Dann ruf ihn jetzt an, er soll dich abholen. Ich werde solange hier warten. Hier habe ich die Adresse von Kommissar Bruckner und seine Telefonnummern. Am besten prägst du dir alles gut ein und vernichtest dann die Karte!“
Paul hoffte sehr, an alles gedacht zu haben und auch, dass er Melissa nicht in Gefahr brachte. Er würde noch Sorgen genug haben, sich selbst wieder heil aus der Sache herauszubringen, mit der er noch nicht einmal angefangen hatte.
Kapitel 7
Paul versuchte noch einmal des Nachts in die unterirdischen Räume des Ordens zu gelangen, doch es war immer jemand außerhalb des Eingangs postiert, verborgen hinter dichtem Gestrüpp patrouillierte eine Wache. Also waren sie jetzt vorsichtiger geworden, als bei seinem ersten heimlichen Besuch, das erschwerte seine Nachforschungen gewaltig. Er hatte gehofft, noch einmal die Räumlichkeiten und jeden Winkel untersuchen zu können. Doch er hatte ja eine Skizze angefertigt, durch die er sich die Örtlichkeiten sehr gut eingeprägt hatte. Es gab mehrere Gänge, die von der großen Säulenhalle hinausführten, aber nur zwei, die nicht in einer Sackgasse endeten. Mehrmals schlich er um die Kirche St. Gereon herum, konnte aber keine Hinweise auf weitere Ausgänge finden.
Es war nun schon wieder eine Woche vergangen, es war Freitagabend, und er hatte nichts erreicht. Er hatte sich in mehreren Bars herumgetrieben, hatte unauffällig Gespräche belauscht, hatte versucht manche vielversprechende Person auszuhorchen, aber er war nicht wirklich weitergekommen. Doch kleinste Hinweise setzte er wie ein Puzzle zusammen und konnte so wenigstens den Bruder von Andreas Vater ausfindig machen. Er hoffte, durch ihn in die Bruderschaft eingeführt zu werden. Aber als er genauer nachbohrte, stellte sich heraus, der Bruder von Andreas Vater war nur ein ganz kleines Licht in der Ordensrangordnung, eher ein Diener, also keiner von den dreizehn Ranghöchsten.
An diesem Abend lag er wieder vor dem Eingang des Ordens auf der Lauer und wartete auf eine günstige Gelegenheit. Er wusste selbst nicht, was das sein könnte, doch dann, als er eine Stunde nutzlos in seinem Auto verbracht hatte, kam ihm ein Gedanke. Er würde einfach die Konfrontation suchen. Er kramte in seinem Kofferraum, er meinte sich erinnern zu können, dort letzte Woche noch eine Skimütze gesehen zu haben. Und tatsächlich, da war sie. Er schnitt sich zwei Löcher für die Augen frei und zog sie sich über sein Gesicht. Er schaute, dass er seine Taschenlampe, natürlich mit neuen Batterien, bei sich hatte, sie war winzig und passte in jede Hosentasche. Am liebsten hätte er sich bewaffnet, doch da machte er sich keine Hoffnungen, eine Waffe würde er sicher nicht an den Wachen vorbeischmuggeln können.
So schritt er selbstbewusst und zielstrebig auf den Wachmann zu, den man von der Straße aus nicht sehen konnte. Dieser war entsprechend erschrocken, hatte er doch nicht mit jemandem gerechnet, der fremd war und nicht zum Orden gehörte. Paul sprach ihn auch direkt ziemlich forsch an und machte so gleich seine Stellung klar. So sprach man nur, wenn man es gewohnt war, Befehle zu geben, oder wenn man sich in reichen Gesellschaftsschichten bewegte. Der Wachmann telefonierte sofort mit seinem Boss und fragte nach, was er machen solle. Er nickte zweimal, was sein Boss am andere Ende nicht sehen konnte und legte nach einem „Jawohl, sofort!“ wieder auf.
Er kam auf Paul zu und tastete ihn nach Waffen ab. Als einziges zog er die Taschenlampe und Pauls Handy heraus und als er die Taschenlampe als unverdächtig einstufte, gab er sie Paul zurück, das Handy behielt er. Die Steinmauer glitt zur Seite und öffnete so den Durchlass, allerdings von jemandem, der von innen herauskam, wahrscheinlich, damit Paul den Öffnungsmechanismus nicht sehen sollte. Zwei Wächter, die aus der Tür heraustraten, nahmen ihn in ihre Mitte und brachten ihn ins Innere. Dort wurden seine Augen verbunden und er wurde, so kam es Paul vor, absichtlich im Zickzackkurs durch die Gänge geführt. Als Paul Weihrauch wahrnahm, da wusste er, dass sie sich in der großen Säulenhalle befanden. Auch hallten ihre Schritte hier viel heller. Dann bogen sie nochmals ab und drückten Paul auf eine kalte Steinbank. „Warten!“, lautete der Befehl. Paul dachte, dass deren Wortschatz nicht gerade berauschend war, aber wahrscheinlich waren die Wächter nur einfache Befehlsempfänger. Sie nahmen ihm die Augenbinde ab, seine Skimütze allerdings durfte er aufbehalten.
Es verging fast eine Stunde, bis sich der Großkontur, also die rechte Hand des Großmeisters, mit ihm befasste. Er bat ihn in eine Kammer, Kerzen und Fackeln erhellten den Raum nur bedingt. Es gab einige dunkle Ecken und Nischen, die für Paul nicht einsehbar waren. Er war auf der Hut, aber er schaute sich unauffällig um. Er registrierte eine Art Paravent und vermutete noch weitere Zuhörer.
Der Großkontur bat ihn Platz zu nehmen, blieb aber selbst stehen. Es war psychologisch ein guter Schachzug, auf den Gegner hinunterzuschauen. Doch Paul ließ sich davon nicht beirren, er war es gewohnt, von den vielen Blicken seiner Studenten täglich beobachtet zu werden. Als er an seine Studenten dachte, da fielen ihm auch gleich die vermissten Mädchen wieder ein, und die Aufgabe, die er hier zu erfüllen gedachte. So straffte er die Schultern und wartete ab. Der Großkontur sah ihn erst einige Minuten schweigend an, vermutlich um ihn zu testen und um ihn einzuschüchtern. Paul blieb eisern. Dann endlich räusperte sich der Großkontur und fragte: „Was führt Sie zu uns?“ Paul antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Ich möchte Ordensmitglied werden!“
„Woher haben Sie von diesem Orden erfahren? Niemand weiß um unseren Orden, er unterliegt strengster Geheimhaltung. Also, wer hat uns verraten?“ Paul überlegte nur kurz, dann sagte er herausfordernd: „Sagen wir einmal so, direkt verraten hat Sie niemand, aber durch unvorsichtige Handlungsweise sind mir einige Dinge aufgefallen und denen bin ich nachgegangen.“
Diese Aussage schien dem Großkontur einzuleuchten.
„Und was genau stellen Sie sich vor, was wir hier tun? Wissen Sie wie es in einem Orden zugeht?“
„Da ich mich schon lange mit dem Gedanken trage in einen Orden einzutreten, habe ich mich natürlich mit dem Ordensleben an sich schon lange befasst.“
„Wir sind aber kein gewöhnlicher Orden, es gibt hier einige Besonderheiten. Was wissen Sie darüber?“
„Im Großen und Ganzen nur, dass es hier einige Riten gibt, die ich persönlich absolut für nötig befinde, die aber bisher in keinem anderen Orden zelebriert werden. Darum ist dies ja wohl auch ein geheimer Ort, nicht wahr?“, schob Paul seine Frage hinterher.
Plötzlich ertönte eine rauchige Stimme hinter dem Paravent: „Genug jetzt, ich übernehme den Gast!“
Hinter dem Paravent kam eine mächtige Gestalt in einem riesigen schwarzen Umhang hervor, vor dem Gesicht eine grausig aussehende Maske. Die Maske erinnerte Paul vor allem an die verzerrten Masken der Schamanen und an die der Medizinmänner in Afrika. Er nahm wahr, dass der Großkontur eine Verbeugung andeutend, die Kammer verließ. Paul erhob sich von seinem Stuhl und nickte dem Großmeister kurz zu. Durch den Fackelschein beleuchtet, sah der maskierte Großmeister wirklich zum Fürchten aus, doch Paul ließ sich davon nicht beirren. Dahinter war ein Mensch, wenn er allerdings an die Torturen dachte, die dieser „Mensch“ seinen Mitmenschen angedeihen ließ, so zweifelte er daran es mit einem Menschen in diesem Sinne zu tun zu haben. Höchstens ein machtbesessener Irrer konnte sich solche Foltermaßnahmen ausdenken, wie er, Paul, sie schon gesehen hatte. Ganz zu schweigen von den Methoden und Ritualen, die er noch nicht kannte. Im Grunde genommen hatte er einen gehörigen Respekt vor diesem Monster, doch er durfte sich nichts anmerken lassen.
„Sie sind schon ziemlich weit in mein Refugium vorgedrungen und ich behalte Sie lieber im Auge, als dass Sie weiter Ihre, nennen wir es einmal, Forschungen betreiben. Es gibt allerdings feste Regeln, bei Nichteinhaltung drohen äußerst üble, aber nützliche Strafen. Es wäre ihnen also nicht geraten mir zuwider zu handeln. Außerdem werde ich alles über Sie in Erfahrung bringen, aber Sie werden von mir nichts wissen. Ziehen Sie die Maske ab!“ Der Ton war wie der Befehl eines Generals an seine Soldaten. Paul gehorchte, obwohl ihm sehr flau in der Magengegend war. Der Großmeister umrundete ihn, Paul hatte sich nicht wieder gesetzt, und betrachtete ihn eingehend. Dann schaute er ihm in die Augen. Paul hielt mit starren Blick stand, wobei Paul nur in zwei gruselige, schwarze Höhlen blickte und kein Auge dahinter entdecken konnte. Der Großmeister schien zufrieden zu sein, er verlangte Pauls Ausweis, er musste seinen Beruf angeben, seine Arbeitsstelle und sogar seine Sozialversicherungsnummer. Mit anderen Worten, er wurde komplett durchleuchtet und seine Daten waren nicht mehr geschützt.
„Die anderen Ordensmitglieder werden nicht erfahren, wer Sie sind, die Daten sind bei mir gut aufgehoben!“, versicherte der Großmeister. Allerdings gab sich Paul nicht der Illusion hin, das zu glauben, denn er wusste, er würde nun auf Schritt und Tritt beschattet und beobachtet werden, nur so hatte ein solcher Orden seine Mitglieder in der Hand. Vielleicht wussten die maskierten Ordensmitglieder wirklich nicht, wer er war, aber der Großmeister hatte sicher genug Abschaum beschäftigt, die ihm alle Informationen zuverlässig weitergaben. Paul war jedenfalls auf der Hut, er würde von nun an jeden Schritt, den er tat, sorgfältig abwägen.
„Ziehen Sie nun ihre Maske wieder an, der Großkontur wird sich um Sie kümmern.“
„Wie geht es nun weiter?“, wagte Paul noch zu fragen.
„Ob Sie wirklich zu unserem Orden passen, werden wir in einer besonderen Sitzung abwägen!“
Dann verschwand der Großmeister wie durch Geisterhand hinter seinem Paravent und Paul hörte, wie sich eine Tür dahinter öffnete. Also gab es auch aus den Kammern noch kleine Hintertüren, durch die jederzeit jemand hereinkommen oder hinausgehen konnte.
Kaum war der Spuk vorbei, als der Großkontur vor ihm stand. Als erstes gab er Paul sein Handy zurück, dann nahm er ihn mit vor die Tür der Kammer, dort wurden wieder seine Augen verbunden. „Eine reine Vorsichtsmaßnahme, solange Sie noch nicht offiziell unserem Orden angehören!“, sagte er entschuldigend. Dann nahmen ihn wieder zwei Wächter in ihre Mitte und geleiteten ihn in eine andere Kammer, die jedoch noch ein weiteres Stockwerk tiefer lag. Paul konnte sich daran erinnern, dass im untersten Stockwerk nur kleine Abstellkammern und Geräteräume für Utensilien waren. Und richtig, als ihm die Augenbinde wieder abgenommen wurde, befand er sich in einer Art Kleiderkammer. Sauber aufgereiht hingen schwarze Umhänge und Masken an einer Stange. In einem Regal standen schwarze Schuhe und auch schwarze Hosen und Hemden lagen bereit. Paul erinnerte das dunkle Schwarz in diesem mysteriösen, unterirdischen Gewölbe sehr an eine Beerdigung. Doch bei Beerdigungen blitzte hier und da noch etwas weißes auf, was er hier gänzlich vermisste.
Ihm wurde nun passende Kleidung gegeben, nachdem er nach seiner Konfektionsgröße gefragt worden war. Paul dachte mit Galgenhumor, nun wissen sie sogar noch meine Schuhgröße und meine Kragenweite.
Er wurde alleine gelassen, um sich umzuziehen und sich unerkannt die Maske vor sein Gesicht zu ziehen.
Paul versuchte dem Gespräch zu lauschen, welches vor der Kammertür geführt wurde. Er bekam nur Bruchstücke mit, aber er reimte sich einiges zusammen.
„… Mutprobe, er muss eine Aufnahme bestehen … so ausgefallen war das bei uns damals noch nicht!“
Paul hatte genug gehört und ihm schauderte schon jetzt vor dem, was auf ihn zukam. Doch da musste er nun durch. Er durfte sich nicht verdächtig machen, indem er sich weigerte irgendetwas nicht zu tun. Es war nur schlimm, dass es genug Menschen gab, die an solchen quälerischen Handlungen ihre Freude hatten und denen eingeredet wurde, dass sie alles richtig machten und ihre Sünden alle vergeben wären.
Als er fertig war, wurden seine Augen erneut verbunden und er wurde in eine Kammer geführt, die jeglicher Einrichtung entbehrte. Man gab ihm ein großes Buch und eine Kerze, er solle sich darin versenken. Die Tür schloss sich hinter ihm und er starrte im Kerzenlicht die kahlen Wände an. Es war kühl und in Ermangelung einer Sitzgelegenheit schritt Paul erst einmal die Wände ab. Er vermutete irgendwo eine Kamera, konnte im ersten Moment aber nichts entdecken.
Also legte er den Umhang ein paar Mal zusammen, legte ihn nahe einer Wand und setzte sich darauf. Das Buch zog er auf seine Oberschenkel. Es war in Leder gebunden und ziemlich schwer. Sein Blick fiel auf die gegenüberliegende Wand und zuerst dachte er, an der Wand säße eine Stubenfliege. Als diese sich aber nicht bewegte, schaute er genauer hin und sah einen leichten Glanz. Also doch eine Kamera, dachte er. Seine Maske hatte er noch an, also würde er diese auch nicht leichtsinnigerweise abnehmen, wer wusste schon, wer die Kameraaufzeichnungen ansah.
Er sah auf dem Ledereinband des Buches das Keltische Symbol, in dessen Mitte das Satanskreuz prangte. Er fuhr mit dem Finger die Goldprägung nach und als er mittig über das Satanskreuz fuhr, rieselte ihm auch jetzt ein eisiger Schauer über den Rücken.
Entschieden schlug er das Buch auf. Regeln über Regeln fand er auf den ersten Seiten. Beinahe wie die zehn Gebote in der Bibel, jedoch ausführlicher und ähnlich der Suren im Koran.
Was er alles nicht durfte und sollte, war hier ausführlich festgehalten, Paul fragte sich, wie man unter diesen Umständen sein altes Leben weiterführen konnte, wahrscheinlich sehr eingeschränkt. Er nahm sich fest vor, ab sofort sein Handy nur noch für Lappalien zu benutzen, vermutlich wussten sie durch Ortung seines Handys immer, wo er sich in Zukunft aufhalten würde. Er musste zumindest das Schlimmste annehmen.
Die Liste der Regeln war zugleich mit den passenden Strafen beschrieben, so dass man erst gar nicht in Versuchung kam, einen Fehltritt zu begehen.
Außerdem musste man schwören, dass nie ein Wort nach außen dringen durfte. Dafür bezahlte man mit dem Leben.
Nach einigen Seiten kamen die Bedingungen um in den Orden einzutreten, unter anderem die ausnahmslose Verehrung des Großmeisters gepaart mit gebührendem Respekt. Hätte Paul nicht schon mitbekommen, welche Gräueltaten der Großmeister abhielt, man hätte diesen für einen Heiligen gehalten.
Dann gab es einen Leitspruch, der alles rechtfertigte, was der Führer als Wahrheit verkündete. Egal, ob es moralisch verwerflich war, oder sogar kriminell, durch die Leugnung der Existenzberechtigung anderer, die nicht an den Orden und seine Macht glaubten, hatten die anderen Menschen keine Rechte, und konnten somit gebraucht oder sogar vernichtet werden.
Paul gruselte es innerlich, konnten die Menschen ohne mit der Wimper zu zucken so etwas einfach akzeptieren und hier im Orden frisch und fröhlich mitwirken? Würde sich ein normal veranlagter Mensch auf so etwas einlassen? Anscheinend ja, denn es gab enorm viele Sekten und diese hatten auch regen Zuspruch. Eine Leitfigur, die einem sagte, wo es langging, die einem Dinge versprach, die mit göttlicher Reinheit gleichzusetzen waren, die sich allerdings erst nach dem Ableben erfüllen würden, und schon waren die Menschen am Nacheifern. So einfach war das.
Aber Paul vermutete noch etwas anderes. Den Willen eines Menschen konnte man auch formen, Gehirnwäsche einmal ausgeklammert. Durch Trance und Meditation wurde der Geist frei und da konnte man ein Samenkorn einpflanzen.
Was Paul jedoch nicht wusste, die meisten Mitglieder wurden erpresst. Sie hatten einen schlechten Lebenswandel und mussten vor allen Mitgliedern eine Beichte ablegen. Dadurch wurden sie mit ihrem eigenen schlechten Lebenswandel bei der Stange gehalten. Denn ihre geheime Identität konnte jederzeit vom Großmeister aufgehoben werden und damit hatte er sie in der Hand. Waren die Mitglieder, oder solche, die es erst werden wollten, an diesem Punkt angekommen, konnten sie schon nicht mehr zurück.
Paul kam es vor, als seien Stunden vergangen, die Kerze war fast heruntergebrannt. Er konnte nicht mehr knien und erhob sich mühsam, sein Bein war eingeschlafen. Er schritt die wenigen Meter in seiner Zelle, wie er sie insgeheim nannte, auf und ab. Bisher hatte er niemanden mehr gesehen oder gehört, vielleicht ließen sie ihn hier eingesperrt und vergaßen ihn einfach, wer wusste das schon. Er hörte seinen Magen lautstark gegen das unfreiwillig auferlegte Fasten protestieren, und nun war auch die Kerze erloschen. Er hatte zwar noch seine Taschenlampe, doch was hätte es für einen Sinn, leere Wände zu beleuchten. So setzte er sich wieder, legte seinen Kopf gegen die Wand und versuchte ein wenig zu schlafen.
Kapitel 8
Nach weiteren Stunden ging die Tür auf und der Lichtschein einer Fackel erhellte den Raum. Paul war noch etwas benommen, denn richtigen Schlaf hatte er nicht bekommen. Sein Genick war steif und sein Körper fühlte sich unbeweglich an. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr bestätigte die Uhrzeit sein Gefühl, es war zwei Uhr in der Nacht, eine Zeit, in der er sonst selig schlief.
Man bat ihn mitzukommen, seine Augen wurden nicht verbunden, denn er wurde nur zwei Räume weitergeführt. Hier waren Duschen, Waschbecken und auch Toiletten. Ein Mann sagte ihm, er solle sich gründlich reinigen, denn die Reinigung sei ein wichtiger Punkt ihrer Rituale. Das hatte Paul natürlich in dem großen Buch des Ordens schon gelesen.
So ging er zuerst einmal auf ein Örtchen, das war schon seit einiger Zeit nötig und zog sich dann aus, um zu duschen. Seine Maske musste er nun abnehmen, es war niemand im Raum und er konnte nur hoffen, dass hier nicht auch überall Kameras angebracht waren. Er hielt aber seinen Kopf ständig gesenkt, vielleicht konnte er so sein Gesicht verbergen. Frische Handtücher lagen bereit und er wollte gerade in seine Kleidung schlüpfen, als er merkte, dass sie verschwunden war. Nur seine Maske war da. Also zog er sich diese über und schlang ein frisches Handtuch um die Hüften. Kaum war er damit fertig, ging auch schon die Tür auf und er wurde in ein weiteres Zimmer geleitet. Er musste sich in die Mitte des Raumes stellen und die Arme ausbreiten. Drei vermummte Gestalten zündeten Weihrauchkessel an und schwenkten damit herum. Die drei Gestalten umrundeten ihn und der Rauch umnebelte seine schlanke Gestalt. Eine Reinigungszeremonie, dachte Paul. Die drei Männer sangen unaufhörlich mit monotoner Stimmlage und Paul tränten schon die Augen vom Rauch, als endlich dieses Zeremoniell beendet wurde. Sie verbanden seine Augen und führten ihn wieder hinaus. Diesmal ging es die Treppe wieder hinauf, Paul konnte sich gut vorstellen, wo er sich befand. Er war sehr froh über seinen guten Orientierungssinn. Ihm war etwas kalt, denn er lief noch immer in seinem Handtuch durch die Gegend. Was würde da noch auf ihn zukommen, fragte er sich bang.
Die Augenbinde wurde ihm wieder entfernt und er sah sich mindestens den Blicken von dreißig Augenpaaren ausgesetzt, die alle aus dunklen Löchern ihrer Maske auf ihn starrten. Jeder von ihnen trug eine schwarze Robe und nun stimmten sie einen Gesang an, der Paul frösteln ließ. In der großen Säulenhalle schallten die Töne wider und es klang ergreifend und gleichzeitig gruselig-gespenstisch. Seine Nackenhaare stellten sich unweigerlich auf, doch er atmete tief durch, um sich wieder zu beruhigen. Der steinerne Opfertisch war nicht weit entfernt. Er stand jedoch genau in der Mitte der maskierten Männer. Der Kreis, der um ihn gebildet worden war, war wie mit einem Zirkel gezogen. Keiner stand auch nur einen Millimeter verkehrt. Diese Perfektion hatte irgendwie etwas Beängstigendes. Der monotone Gesang wurde immer lauter, bis er in einem Paukenschlag endete. Genau diesen Augenblick nutzte der Großmeister für sein Erscheinen und effektvoll quoll weißer Rauch hinter ihm auf. Es machte den Eindruck, als sei er eben aus dem Nichts aufgetaucht. Paul dachte noch, was man so alles mit Lichttechnik und Effekten wie Rauch, machen konnte, war schon gewaltig beeindruckend. Schlagartig verstummten alle, es war so still im Raum, dass noch nicht einmal ein Atmen zu hören war, geschweige denn ein Räuspern oder Hüsteln. Plötzlich wurde ihm sein Handtuch weggezogen und Paul stand nur noch in seiner Maske vor diesen schwarzen, lauernden Ordensbrüdern.
„Du wirst jetzt deine Sünden bekennen und Reue zeigen, denn ohne Reue und Vergebung wird deine Seele niemals rein sein!“, hallte die Stimme des Großmeisters durch die Säulenhalle.
Paul nahm es noch sportlich, er dachte nur: Das auch noch!
„Fang an, Sünder, was hast du zu bereuen!“ Effektvoll hallte die Stimme wie ein Echo nach.
Paul wusste beim besten Willen nicht, was er nun erzählen sollte, da fuhr die Stimme des Großmeisters unerbittlich fort:
„Uns ist zu Ohren gekommen, dass du kleinen, netten Studentinnen nachstellst!“
Paul erschrak, was sollte das, das war niemals die Wahrheit! Und was erlaubte sich dieser Orden, ihn zu verleumden und für etwas zu beschuldigen, was er niemals getan hatte! Das war Rufmord! Doch Paul bezwang seinen Unmut und seinen aufwallenden Zorn, das war alles nur deren Taktik, erkannte er, und er durfte nicht auffallen. So widersprach er nicht, vielleicht konnte er so sogar deren Vertrauen gewinnen.
„Bekenne dich schuldig und du wirst reingewaschen sein!“
„Ich bekenne mich schuldig!“, quetschte Paul unter seiner Maske hervor.
„Uns ist zu Ohren gekommen, dass du kleine, nette Studentinnen mit nach Hause nimmst und sie besteigst!“
Paul wurde schlecht bei diesen heimtückischen Worten.
„Bekenne dich schuldig und du wirst reingewaschen sein!“
Paul hatte den Sinn dieses Rituals verstanden, er war so vor den anderen Ordensmitgliedern entblößt und gedemütigt und er wurde erpressbar. Er schluckte schwer, als er antwortete:
„Ich bekenne mich schuldig!“
„Hast du sonst noch etwas zu bekennen, dann äußere dich hier!“
Paul verneinte.
„Hast du niemals unreine Gedanken gehabt, als du an eine bestimmte Studentin gedacht hast? Stehe zu deinen Sünden und bekenne dich!“
Paul dachte sofort an Susann, doch davon konnten die Ordensbrüder nun wirklich nichts wissen, wahrscheinlich behaupteten sie so etwas einfach aufs Geratewohl, denn welcher Mann hatte nicht ab und zu „unreine Gedanken“?
So bekannte sich Paul auch dazu.
„Sag mir den Namen und dann wirst du sie für immer vergessen!“
Paul schaltete schnell, er nannte einen weiblichen Namen, der nicht unter seinen Studentinnen vorkam.
„Sonja!“
„Bekenne dich dazu niemals mehr an Sonja zu denken!“
Das war Pauls leichteste Übung, denn er kannte keine Sonja.
„Ich bekenne mich dazu, niemals mehr an Sonja zu denken!“
Nun schritt der Großmeister auf ihn zu und fuchtelte mit einem Stab, welcher gekrönt war mit dem keltischen Kreuz über seinem Kopf herum. Dabei murmelte er unablässig irgendwelche Formeln und unverständliche Sätze. Paul konnte ein wenig Latein, so erkannte er schnell, Latein war es nicht. Eine andere Sprache auch nicht und so vermutete er, es war reine Erfindung, um die Ordensbrüder zu beherrschen. Denn durch Unbekanntes waren Menschen oft beeindruckt und mit Staunen erfüllt und folgten so dem Führer, egal, was dieser von sich gab.
Von mehreren Seiten kamen nun die Ordensbrüder und brachten ihm seine Kleidung zurück. Er zog sich bedächtig langsam an, um zu zeigen, dass er nicht eingeschüchtert war. Als er schließlich seinen Umhang geschlossen hatte, wurde es plötzlich still im Saal.
Dann hörte er wieder die Stimme des Großmeisters, alle Masken hielten starr den Blick auf den Großmeister gerichtet.
„Wir haben eine schöne Aufgabe für dich! Du wirst heute ein Opfer bringen! Du wirst uns heute beweisen, dass du zu uns gehörst!“
Wie auf ein geheimes Zeichen richteten sich nun alle Augen auf die Säule. Daneben stand eine komplett in Weiß verhüllte Gestalt, ein großes Tuch bedeckte sie vom Kopf bis zum Boden, so, wie man sich als Kind ein Gespenst vorstellte. Paul konnte nicht erkennen, wer es war, von der Statur und Größe her sah die Gestalt eher weiblich aus.
Die Ordensbrüder bildeten nun eine Art Spalier und er wurde gemeinsam mit dem Großmeister hindurchgeführt. Vor der Säule blieben sie stehen und der Großkontur, der zu seiner Linken zu stehen kam, erklärte ihm in leisen Worten die Bedeutung der Säule.
„Die Säule wird verehrt und durch regelmäßige Blutopfer wird die Gemeinschaft gestärkt“, sagte er.
Paul sah die inzwischen dunkelbraun verkrusteten Spuren voriger Blutopfer, er sah ein Schneidebrett aus Marmor und ein langes Messer. Das Schneidebrett hatte rundum eine Nut, die mit einer Ausgussnase in einem Auffangbehälter endete. Hier wurde das Blut aufgefangen. Paul fand es schrecklich, doch er dachte an Tieropfer. Umso schlimmer, als ein Ordensbruder den Arm der weiß vermummten Gestalt hob und mit der Umhüllung ihre Hand auf das Schneidebrett legte. Der Großmeister legte nun das Messer in Pauls rechte Hand und Paul strauchelte ein wenig. Was wurde da von ihm verlangt? War es das wert? Was sollte er tun? Ihm schossen so viele Gedanken auf einmal durch den Kopf, er war nicht fähig auch nur einen dieser Gedanken zu greifen.
„Du weißt was du zu tun hast!“, sagte der Großmeister mit laut hallender Stimme. „Fang an mit dem kleinen Finger!“
Paul wurde übel, sein Magen rebellierte, doch da er seit Stunden nichts gegessen hatte, konnte er nur sauren Magensaft schmecken.
Er sollte einer Person den kleinen Finger abschneiden. Er fragte sich, was er sonst tun könnte. Sollte er alles auffliegen lassen? Würde er dann jemals lebend wieder hier herauskommen? Doch war es nicht seine Aufgabe herauszufinden, wo all die Mädchen abgeblieben waren? Deswegen war er hier, damit nicht noch mehr geschah, als jetzt schon passiert war. Das gab den Ausschlag. Er straffte die Schultern und legte seine Hand auf die weißumhüllte Hand. Er bemerkte nicht die leiseste Regung. Was war los mit dieser Person? Merkte sie nicht, was hier mit ihr vorging? War sie betäubt worden? Hatte sie diese neue Droge bekommen, die einen Menschen vollkommen willenlos machte? Oder war sie vielleicht hypnotisiert und in Trance versetzt worden? Das wären mögliche Erklärungen. Paul merkte, dass der Großmeister ungeduldig wurde und zögerte nicht länger. Er tastete die Finger ab und fühlte die Glieder. Er wollte so wenig wie möglich abschneiden, wenn möglich nur die Fingerkuppe. Er atmete noch einmal tief durch und machte einen schnellen, sauberen Schnitt. Er konnte nur hoffen, dass das Messer einigermaßen sauber war. Ein kleines Stück des kleinen Fingers fiel auf das Brett, das Blut lief in die Rinne und dann in die Schale. Erst als genug Blut in der Schale war, wurde die Hand weggezogen. Jetzt zog jemand das weiße Tuch vom Körper der Gestalt und Paul durchfuhr es heiß, er erkannte die verschwundene Gabi aus der Parallelklasse. Sie war komplett nackt und ihre Augen blickten glasig geradeaus. Sie hatte noch nicht einmal gezuckt, als Paul ihr die Fingerkuppe abgeschnitten hatte. Paul hielt sich am Tisch fest, um nicht umzufallen. Was hatte er getan? Doch nun waren die Würfel gefallen, es war zu spät. Zufrieden befahl der Großmeister, das Mädchen zu versorgen und legte seine linke Hand auf die Schulter von Paul.
„Für deine erste gute Tat nicht schlecht, beim nächsten Mal nimmst du den ganzen Finger, wenn ich es dir befehle!“ Dabei drückte er ziemlich schmerzhaft seine Hand an Pauls Schulter zusammen. Doch Paul stand noch so unter Schock, dass er es kaum bemerkte.
Gute Tat, was für ein Hohn, dachte Paul, als die Worte endlich in seinem Gehirn ankamen.
Das Blut in der Schale wurde nun an die Säule gespritzt und der Großmeister murmelte wieder allerhand unsinnige Sprüche und Formeln. Mit einem Schwert machte er Zeichen in der Luft um dann die Spitze in Blut zu tauchen. Dann nahm er Pauls Hand, legte diese auf das Schneidebrett und verrieb mit der Messerspitze das Blut auf Pauls Handrücken. Paul versuchte nicht zu zucken, er erwartete das Schlimmste. Aber es folgte nur weiteres Beschwörungsgemurmel. Der Großmeister nahm das Schwert wieder weg, übergab dieses an den Großkontur.
Mit großem Brimborium schritt der Großmeister nun wieder auf die Nische zu, aus der er auch vor einer Stunde erschienen war. Dort drehte er sich zu seinen Anhängern um und verkündete laut:
„Unser neuer Ordensbruder ist hiermit in die Gemeinschaft aufgenommen!“ Dann gab es wieder einen Paukenschlag, Rauch und grünes Licht schwabbelte um den Großmeister herum und er war verschwunden.
Der Großmarschall, der die ganze Zeit rechts des Großmeisters gestanden hatte, klatschte dreimal kurz in die Hände, ein Zeichen für alle Ordensbrüder, denn sie waren nun in ihre Nischen und Kammern entlassen. In wenigen Sekunden war die große Säulenhalle leer, nur noch der Großmarschall und Paul waren übrig.
„Komm, Bruder Paul, ich geleite dich zu deiner Kammer!“
Paul ließ sich erschöpft auf dem einfachen Klappbett nieder. Wenigstens hatte er hier eine Decke. Er zog nur seinen Umhang aus und legte sich schlafen.
Ziemlich früh am Samstagmorgen wurde Paul geweckt. Es kam ihm so vor, als sei er gerade erst ins Bett gegangen und als er auf seine Uhr schaute, war das auch so. Er wurde kurz im Waschraum abgeliefert, und nachdem er sich gewaschen hatte wieder abgeholt. Ein wenig erinnerte das Ganze Paul an ein Gefängnis und im Grunde genommen war es das ja auch.
Durch mehrere Gänge, immer wieder auf und ab, geleitete ihn ein Wächter in den sogenannten Meditationsraum. Er hatte während seiner ersten Erkundungstour in der letzten Woche diesen Raum gesehen, aber nicht ganz den Sinn erfasst. Nun erinnerte er sich wieder daran, dass er sich über die vielen Matten am Boden gewundert hatte. Jeder Bruder nahm auf einer Matte Platz. Paul schaute sich bei den anderen ab, was zu tun war. Wie in einer Moschee knieten sie nebeneinander auf ihren Matten und als der Großmeister erschien verneigten sie sich dreimal, alle gleichzeitig, und brachten ihre Stirn auf den Boden. Die Maske wurde niemals abgenommen, bei einigen war sie sicherlich schon eingewachsen, dachte Paul. Er machte das Ganze mit und versuchte im Rhythmus zu bleiben. Dann begann der Großmeister zu singen und als er endete, setzten die anderen Ordensbrüder im Chor ein. Paul kannte die Gesänge nicht, so war er ruhig. Nach einer guten halben Stunde, Paul meinte schon es nähme kein Ende mehr, drehten sich alle auf den Rücken und streckten sich aus. Die Hände lagen locker neben dem Körper. Paul passte sich an. Der Großmeister sprach in ruhigem, einschläferndem Ton, er bat, die Augen zu schließen und sich treiben zu lassen. Nach einer Weile sagte er: „Eure Gedanken lösen sich in Nichts auf, eure Konzentration ist hier bei mir.“ Dann begann der Großmeister zu summen und Paul hatte große Mühe wach zu bleiben. Wurden sie jetzt in einen Zustand versetzt, der sie willenlos machte? Paul wehrte sich verbissen gegen die einlullende Wirkung, doch er hatte durch den Schlafentzug und auch sein unfreiwilliges Fasten kaum eine Chance weiterhin wach zu bleiben. Er versuchte an alles Mögliche zu denken, sich abzulenken, aber irgendwann war er eingeschlafen.
Kapitel 9
Paul wurde durch ein schnippendes Geräusch wach und fühlte sich ausgeruht und fit, nur sein Magen knurrte unentwegt. Er machte die Augen auf und versuchte sich zu erinnern, wo er war. Dann überfielen ihn schlagartig die Eindrücke, die er in den letzten Stunden erlebt hatte und er erinnerte sich wieder daran, wo er sich aufhielt. Auf jeden Fall in großer Gefahr, weil er nicht wusste, was die letzten Stunden mit ihm oder ihnen allen geschehen war.
Der Großmeister bat sie, sich zu recken und zu strecken und sich dann nochmals ihm zuzuwenden.
Wieder verneigten sich alle drei Mal in des Großmeisters Richtung und als dieser gegangen war, diesmal ohne Knall und Rauch, standen die Brüder auf und gingen schweigend zur Tür hinaus. Paul trottete einfach mit, was blieb ihm auch anderes übrig. Die Gruppe ging in einen Saal, der mit einem langen Tisch und gut dreißig Stühlen ausgestattet war. Rechts des Raumes war eine kleine Theke aufgebaut, dahinter stand ein Bruder und teilte Essen aus. Paul hätte in diesem Moment unbesehen alles gegessen, so großen Hunger hatte er inzwischen. In einem einfachen weißen Teller bekam er zwei Kellen dicke Erbsensuppe und eine Scheibe Brot. Zusätzlich wurde ihm noch ein Löffel in die Hand gedrückt. Jeder nahm am Tisch Platz und es gab außer den Geräuschen, welcher der Löffel im Teller verursachte und ein gelegentliches Schlürfen, keine Unterbrechung des Schweigens. Paul hätte gerne Fragen gestellt, aber er passte sich lieber an. Vielleicht ergab sich noch eine andere Gelegenheit für seine Fragen. Vertrauen jedoch konnte er niemandem, das war ihm mehr als klar, er musste hier ganz alleine durch.
Interessiert beobachtete er seine Brüder, wie sie mit dieser Maske aßen. Dabei schoben sie die untere Hälfte der Maske, die nur aus einem Stück Stoff bestand ein wenig in die Höhe, damit der Mund frei war. Paul machte es ihnen nach und schaufelte die Suppe hungrig in sich hinein. Er war froh, dass damit endlich das Magenknurren ein Ende hatte.
Er dachte an Gabi und wie es ihr wohl ging. Er hoffte, dass ihre Wunde gut versorgt worden war und dass sie nicht länger gequält werden würde. Doch das war sicherlich ein frommer Wunsch, wenn er da an Andrea dachte. Jedenfalls wusste er nun sicher, dass die verschwundenen Mädchen hier in diesem Orden festgehalten wurden, vermutlich als Opfergaben, wie auch immer die Opfer ausarten würden.
Am Samstagabend wurde Paul vom Großmarschall auf eine großzügige Spende angesprochen. Darüber hatte Paul schon bevor er in den Orden kam nachgedacht und auch mit dem Kommissar darüber gesprochen. Sie hatten sich auf eine Summe geeinigt, die offiziell natürlich von Paul kam, aber in Wirklichkeit von einem Fond gespeist wurde, welcher bei Entführungsfällen als Lösegeld eingesetzt wurde. Dieses Geld wurde nun Paul zur Verfügung gestellt. Der Großmarschall zeigte ihm eine Kassette an einer Wand, da könne er seine Spende bei seinem nächsten Besuch einwerfen. Kein Scheck, keine Überweisung oder dergleichen. Nur Bares ist Wahres. Da die Kassette einen großen Einwurf-Schlitz hatte, handelte es sich bei den Spenden nicht um geringe Summen.
Paul nickte bestätigend, um seinen guten Willen zu zeigen. In seinem Inneren verfluchte er die ganze Ordenssippschaft, die sich auf anderer Leute Kosten ein gutes Leben machte.
Auch der Sonntag beinhaltete ein meditatives Erlebnis. Diesmal wurden sie, während monotoner Singsang im Hintergrund ablief, durch magische Techniken bearbeitet. Paul konnte sich hinterher nicht mehr erinnern, was genau stattgefunden hatte, doch sein Gehirn fühlte sich leicht an und er hatte Mühe, seine Gedanken zu sortieren. Er musste dringend an die frische Luft und in sein altes Leben zurück, sonst wurde er hier noch verrückt.
Am Sonntagabend war die Stimmung sehr gelöst, die Ordensbrüder sprachen miteinander, ab und zu war auch ein Lachen zu hören. Paul kam sich vor, wie in einer anderen Welt, denn bis vor wenigen Minuten hatten alle geschwiegen.
Nach dem Abendessen und einer Reinigung im Waschraum brachen die Brüder in den großen Saal auf. Ein Bruder zu Pauls Linken sprach ihn an. Paul war ganz erschrocken, wie konnte man unter all den vermummten Gestalten erkennen, dass gerade er der Neue war? Vermutlich kannten sich die anderen Ordensmitglieder schon sehr lange und natürlich auch die Art und Weise, wie sie sich bewegten, ihre Statur oder ihre Gesten.
So wandte sich Paul der Maske neben ihm zu.
„Heute wirst du wohl noch nicht mitmachen können, aber tröste dich, es ist auch toll, wenn man nur beobachtet und das nächste Mal wird für dich auch etwas dabei sein!“, meinte die Maske.
Da Paul bisher nur schlechte Erfahrungen in diesen Räumlichkeiten gemacht hatte, war er nicht direkt erpicht darauf, an allem teilzuhaben.
Ihm fiel auf, dass der Saal mit roten Bahnen aus Samt geschmückt worden war. Goldtressen veredelten den Eindruck und doch sah es aus wie in einem Bordell, nobel zwar, aber eben ein Bordell. Paul wartete gespannt ab und verhielt sich zurückhaltend. Er wollte nicht unbedingt durch irgendeine unvorsichtige Bewegung im Mittelpunkt stehen. Auf dem Opfertisch stand eine große Glasschale und darin befanden sich kleine weiße Karten. Außerdem registrierte Paul, dass die Kammern rund um die Säulenhalle bestückt waren mit angenehm weichen Unterlagen und Unmengen von Kissen. Die Brüder sammelten sich alle um den Opfertisch und der Großmarschall nahm ein goldenes Glöckchen in die Hand und klingelte damit. Fast wie an Weihnachten wenn es zur Bescherung ging, dachte Paul. Die Tür, die vom geheimen Eingang herführte, ging auf und es wurden mehr als zwanzig Damen hereingeführt. Alle Damen hatten die Augen verbunden und ausnahmslos alle waren nur knapp bekleidet. Sie gingen im Kreis und jeweils an einer Kammer oder Nische wurde eine der Damen hineingeführt.
„Sie müssen ihre Augenbinden anbehalten“, wisperte mir der Bruder von vorhin zu. Ich erkannte ihn an seiner Stimme wieder. Als alle Damen in den Nischen untergebracht waren, trat der Großmarschall auf die Glasschale zu und zog hintereinander die Kärtchen. Auf den Kärtchen standen nur Nummern und der Bruder neben Paul erklärte, jede Nummer sei eine Nische, gezählt wurde ab der Blutsäule im Uhrzeigersinn. Die Brüder standen in einer Runde um den Großmarschall, dieser gab beliebig die Karten an die Brüder weiter. Wie beim Roulett, dachte Paul.
Paul bekam kein Kärtchen und er war sehr froh darüber. Er bekam mit einigen anderen Brüdern einen Platz zugewiesen, an dem er mehrere Nischen beobachten konnte, jedoch ohne von den Personen in den Nischen gesehen zu werden. Paul ahnte schon was nun kommen würde - eine Orgie! Er war noch nie für irgendwelche sexuellen Spielchen und Machenschaften gewesen und er wollte auch jetzt nicht damit anfangen. Innerlich schüttelte er sich, er war mehr für Zärtlichkeit, und vor allem unbeobachtet!
Nach kurzer Zeit wurde die Geräuschkulisse immer ausgelassener, stöhnende und schreiende Leiber klatschten in allen Figuren und Formen aufeinander. Paul schloss die Augen und hoffte, man würde es im dunklen Licht nicht erkennen. Die Nischen waren diesmal ziemlich gut ausgeleuchtet, damit auch die „Spanner“ etwas davon hatten. Paul fand es eklig, wie Sodom und Gomorra. Als auch die Brüder neben ihm zu stöhnen anfingen, war er versucht sich die Ohren zuzuhalten. Er hatte sicherlich schon öfter nackte Frauen gesehen und auch manchen Porno, aber das hier, das ging zu weit. Die Frauen waren ganz sicher käuflich, es wurde ihnen auch nach seiner bisherigen Einschätzung kein Leid angetan. So wie es aussah, kamen die Damen öfter, denn keine dieser Damen verletzte die Regel nicht ihre Augenbinde abzunehmen, oder beging irgendeinen anderen Verstoß.
Endlich war es vorbei, die Damen wurden wieder aus den Nischen geführt und unter Gelächter und Liebesgeflüster zum Ausgang hinausbegleitet.
Nach einer kurzen Ansprache des Großkonturs durften sich die Brüder nun nach Hause begeben. Am nächsten Wochenende würde man sich wiedersehen.
Paul versuchte unbemerkt in einen Gang zu schlüpfen, er wollte versuchen Gabi zu finden, doch er wurde gleich entdeckt und zum Ausgang gedrängt. Auch außerhalb nahm niemand die Masken ab, die Brüder wurden in größeren Abständen hinausgelassen, jeder hatte natürlich ein Interesse daran, nicht erkannt zu werden und so hielt sich jeder an die Abmachung. Die Männer eilten zu ihren Autos, die selbstverständlich nicht direkt vor dem Eingang standen, und machten sich auf den Nachhauseweg. Paul fragte nach, ob es auch einige Brüder gebe, die über die Woche hier bleiben würden und seine Frage wurde bejaht.
„Scheibenkleister!“, murmelte Paul vor sich hin. „Was hast du gesagt Bruder?“
„Nichts, nichts!“ Fast hätte Paul sich verraten.
Endlich konnte auch Paul seinen Heimweg antreten. Er war hundemüde und in drei Stunden war die Nacht schon wieder vorbei, er musste ja in die Uni.
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