Read the book: «Delikatessen für die Sinne (Band 2)»

Jutta Dethlefsen wurde 1946 in Pinneberg /Schleswig-Holstein geboren und lebt seit 1988 in Flensburg.
Ihre Tochter Xenia ist das Wichtigste in ihrem Leben. Dann folgen Schwiegersohn Holger, der Rest der Familie und Kätzchen Paula.
Ihre große Liebe zum Schreiben entdeckte sie schon als Kind bei den ersten Schreib- und Leseversuchen.
Spannende Eindrücke ihrer zahlreichen Auslandsreisen lässt sie gerne in ihre Geschichten einfließen. Sie bedient die unterschiedlichsten Genres für ihre spannenden Kurzgeschichten.
Die Leidenschaft für die Literatur sei ihr angeboren, glaubt sie.
Weitere Hobbys sind das Entwerfen und Fertigen von Bekleidung und das Aufarbeiten von Antiquitäten.
Sie beginnt gerade ihren ersten Roman zu schreiben.
Jutta Dethlefsen
DELIKATESSEN
FÜR DIE SINNE
Band 2
Kurzgeschichten
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei Jutta Dethlefsen
Coverfoto »red rose with notes paper on piano«
© neirfy (Fotolia)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Für meine Tochter Xenia
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Die Lüge
Annäherungen
Das Geburtstagsgeschenk
Du bist nicht allein
Fügungen
Klavierstunden
Illegal
Paul
Licht und Schatten
Die Grillfestbekanntschaft
Der Elisensee
Der neue Rock
Das rote Spielzeugauto
Schutzengel
Sternenbewohner
Das Scheusal
Die Versuchung
Strandgut
Zwei Wege
Eine Mutter
Gebrannte Mandeln
Der Hochzeitstanz
Schneeschmelze
Eine Entführung
Ein kleines Mädchen
Zerstörtes Land
Die Tapferkeitsmedaille
Der werfe den ersten Stein
Der neue Nachbar
Das Arrangement
DIE LÜGE
Sie öffnete das Fenster, schaute auf die glatte Oberfläche des Sees. Sie zeigte sich, wie ein übergroßes, ausgebreitetes Laken. Am Horizont vereinten sich Himmel und Wasser, küssten sich und flüsterten miteinander. Worüber? Über die Wahrheit? Kannten sie die?
Ihr Blick erfasste das kleine Bootshaus vor dem Steg.
Hätte sie doch nicht allein zurückkommen sollen? Das Verdrängen hatte jahrelang gut funktioniert und nun? Warum tat sie sich das an?
Ihr Mann Enno hatte gleich gesagt: »Übergib das Anwesen mitsamt dem Krempel einem Makler und wühle nicht in der Vergangenheit.«
Aber irgendetwas in ihr verlangte die Rückkehr. Sie hatte beschlossen, sich der Vergangenheit zu stellen.
Mira verließ den Raum, der ihr Kinderzimmer gewesen war. Sie stieg die knarrenden Treppenstufen hinab. Eine Hand umfasste krampfhaft das Geländer.
Wann war sie das letzte Mal in diesem Haus gewesen? Als sie vor acht Jahren den Vater zu sich nach Berlin holte, um ihn in eine Pflegeeinrichtung zu geben? Damals hatte sie sich hier nicht lange umgesehen. War zu erschüttert über die Senilität ihres Vaters, hatte ein paar Kleidungsstücke zusammengepackt und fluchtartig mit ihm das Haus verlassen. Bis Berlin hatte er zusammengesunken auf dem Beifahrersitz gesessen und auf ihre Fragen keine Antworten gegeben. Die Hände ergeben im Schoß gefaltet schauten seine Augen etwas, das sich ihren Blicken entzog.
Vater wurde 91 Jahre. Eine Antwort war er ihr bis zu seinem Tod schuldig geblieben. Auch später in der Einrichtung fixierte er schweigend irgendeinen nicht vorhandenen Fleck auf der Tapete, sobald sie Fragen stellte. Er begab sich mental an einen fremden Ort, ohne ihr Zutritt zu gewähren. Dabei hätte allein er den Knoten des Taus lösen können, das ihr die Brust verschnürte und nachts für Albträume sorgte.
Wie gut, dass sie Enno hatte! Er akzeptierte sie mit ihren Ängsten. Das war bestimmt nicht immer leicht für ihn. Sie hatte jede Therapie verweigert und irgendwann hob er nur noch resigniert die Schultern.
Sie erinnerte sich gut daran, wie schweigsam der Vater wurde und wie sich seine Mine verfinsterte, sobald sie als Kind und Heranwachsende nach der Mutter fragte.
Einmal gab es diesen Streit mit ihrem Vater. Wieder war sie mit Fragen zu ihm gekommen. Er hatte sie angebrüllt: »Mira, Mira, verdammt, lass endlich die Vergangenheit ruhen. Zum letzten Mal, ich verbiete es dir, mich jemals wieder zu fragen!« Er hatte den Arm gehoben, als wenn er sie schlagen wollte, ließ ihn aber erschöpft sinken und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Seine Schultern bebten in lautlosem Schluchzen.
Sie war sehr erschrocken, hatte lange Zeit nicht mehr zu fragen gewagt. So kannte sie ihren Vater nicht. Nie hatte er im Zorn die Hand gegen sie erhoben. Er war ein stiller, nicht besonders zärtlicher Vater, aber hilfsbereit und gerecht. Die Tür zu seinem Herzen hatte sie jedoch nie wirklich öffnen können.
An diesem Tag war für sie etwas unwiederbringlich verloren gegangen.
Sie verließ das Haus, ging in das entfernte Berlin und nahm eine Arbeit auf.
Der Kontakt zum Vater beschränkte sich nach ihrem Auszug auf zwei Besuche von ihm in Berlin, einem Weihnachtsbrief im Jahr und ihren gelegentlichen Anrufen.
Die Inhalte der Kommunikation waren verkrampft und leer.
In den Räumen, in die sie nun zurückgekehrt war, verspürte sie keine Vertrautheit, nur Angst. Das Haus barg für sie ein dunkles Geheimnis, das mit ihrer Mutter zusammenhängen musste.
Für einen Moment schob sie erfolgreich die Erinnerungen beiseite, stieß die Haustür auf und stapfte durch das kniehohe Gras zum Bootshaus hinunter. Dornengestrüpp zerriss ihr das Kleid, hinterließ blutende Striemen auf ihren nackten Beinen. Sie spürte sie nicht. Das Bootshaus war verschlossen. Wo war der Schlüssel hingekommen? Sie rieb mit dem Handrücken über die verdreckte Fensterscheibe, um besser hineinsehen zu können.
Drinnen behinderten Spinnweben die Sicht, aber einige Einrichtungsgegenstände aus ihrer Kindheit waren zu erkennen.
Sie setzte sich auf eine Stufe zum Bootshaus und schloss die Augen. Wieder kamen die Erinnerungen. Sie sah ihre Mutter mit ihren braunen, gutmütigen Augen und dem vertrauten Lächeln im Gesicht aus dem Gemüsegarten kommen. Sie, Mira saß auf der Schaukel. Mutter war groß und kräftig. Nun stellte sie die Schüssel mit dem Gemüse ins Gras und gab der Schaukel einen kräftigen Stoß. Mira jauchzte und kreischte. Mutter hob die Schüssel wieder auf und Mira schaute ihr nach, wie sie mit wehenden Röcken in der Küche verschwand.
Abends, wenn der Vater nach Hause kam, lag Mira schon im Bett. Dann stiegen traurige, melancholische Klavierklänge wie Perlen bis zu ihr hinauf in das Zimmer. Mutter spielte für den Vater. Er liebte ihr Klavierspiel, aber er lobte sie nie. Jedenfalls hatte Mira das niemals vernommen. Manchmal waren auch andere Töne zu hören. Dann stritten sie miteinander. Meistens endete es mit Mutters Schluchzen.
Mira hatte gelauscht, aber den Inhalt des Streits nie verstanden. Sie zog sich die Bettdecke über den Kopf. Für Stunden konnte sie danach nicht einschlafen.
Eines Tages, Mira war etwa vier Jahre alt, erzählte der Vater ihr am Frühstückstisch, dass Mutter in der Nacht gestorben wäre und man sie schon abgeholt hätte. Sie sollte auf dem Friedhof in der entfernten Stadt beerdigt werden. Er erklärte ihr rücksichtslos mit wenigen Worten den Vorgang einer Beerdigung und drückte sie kurz an sich. Seine Augen wirkten leblos, wie die eines Blinden.
Für Mira war es unfassbar zu hören, dass man ihre geliebte Mutter in der Erde verbuddeln würde. Sie war hilflos weinend auf seinen Schoß geklettert, verkrampfte die kleinen Hände in seiner Weste und flehte: »Papa, Papa, sie dürfen keinen Sand auf Mama schütten, das mag sie nicht. Du weißt doch, im Sommer unten am See schimpfte sie ständig über den Sand, der ihr bis in den Badeanzug kroch.« Die Tränen erstickten die weiteren Worte. Endlich stammelte sie: »Wir beide haben sie ausgelacht und sind mit Sand in den Händen hinter ihr hergelaufen.« Erneut überkam sie ein Weinkrampf, dann flüsterte sie nur noch einmal: »Papa, du darfst nicht zulassen, dass sie Sand auf sie schütten! Sie mag es nicht.«
Es hatte keine Beerdigungsfeier und keinen Friedhofsbesuch gegeben. Später hatte der Vater kurz erwähnt, es hätte auf Mutters Wunsch denn doch eine Seebestattung gegeben. Das war gelogen, das spürte sie.
Ihre Eltern hatten im Ort keine Freundschaften geschlossen. Über Verwandte wurde nie gesprochen. Gab es keine?
Der Vater hatte keine Frau wieder in sein Leben gelassen.
Sie öffnete die Augen, ihr Rücken schmerzte. Wonach suchte sie? Wonach?
Mira ging ein paar Schritte auf den Bootssteg hinaus. Sanft rollten die Wellen an das Ufer, streichelten den warmen Sand, zogen sich zurück, nur um einen erneuten spielerischen Anlauf zu nehmen. Mira wandte ihren Blick in alle Richtungen. Wo der Garten begann, sah sie ein schlichtes kniehohes Holzkreuz stehen. »Komisch«, sinnierte sie, »das habe ich hier nie gesehen.« Das Kreuz war aus dickem, grob behauenem Holz gefertigt und sah aus, als würde es viele Jahre Wind und Wetter trotzen können. Der Namenszug allerdings war unleserlich geworden. Ein »H« war schwach zu erkennen. Mira konnte den Buchstaben nicht zuordnen.
Bis auf das Schlagen der Wellen, das Zirpen der Grillen und das Schnattern der Enten, die in Formation vorüberzogen, gab es keine Geräusche. Mira ging zurück zum Wohnhaus.
Erschrocken blieb sie stehen. An der Rückseite des Hauses, bei der Kellertreppe, lehnte ein Mann mit stark verkrümmtem Rücken an der Mauer. Er trug eine schmutzige, braune Hose, die in Brusthöhe von Hosenträgern gehalten wurde und stachelige Waden preisgab. Die Füße steckten in Holzschuhen unbestimmbarer Farbe. Ein graues, unförmiges Shirt bedeckte den Oberkörper. Er drehte sich zu Mira um. Seine Augen funkelten. Speichel troff unkontrolliert aus seinem Mund.
Als er verängstigt mit der Hand auf Mira zeigte, versuchte er krampfhaft und stotternd einen Namen zu rufen der wie Henene klang.
Mira erinnerte sich an ihn. Wusste um seine Behinderung und dass er in Zusammenhang mit dem Krieg von ihrem Vater im Bootshaus versteckt wurde. Es hatte Streit mit der Mutter gegeben. Die Ursache für den Streit war, dass der Vater sich mit dem Verstecken damals in Gefahr begeben hatte. Mira hatte den Zusammenhang nicht verstanden. Wie alt mochte der Behinderte jetzt sein und wollte er ihr etwas sagen? Sie beachtete ihn nicht, ging ins Haus, um nach dem Schlüssel für das Bootshaus zu suchen.
Schränke und Kartons wurden erfolglos geöffnet. Gerüche schlugen ihr entgegen, riefen Erinnerungen wach. Mutters Kleiderschrank war und blieb seit ihrem Tod verschlossen. Vater behauptete, den Schlüssel im See versenkt zu haben. Später hätte sie sich Mutters Sachen gerne angeschaut, aber sie traute sich nicht, mit ihrem Vater darüber zu sprechen. Alles, was mit Mutter zusammenhing, waren Tabuthemen.
Es dunkelte. Mira betätigte den Lichtschalter neben Mutters Schrank. Die Glühbirne flackerte und erlosch.
»So ein Mist, auch das noch. Ich suche mir jetzt einen Gasthof. Hier will ich nicht schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag.« Sie wandte sich zum Gehen.
Als sie einen letzten Blick auf Mutters Schrank warf, überkam sie eine Unruhe, die es nicht zuließ, zu gehen. Nein, heute noch musste sie diesen Schrank öffnen. Vielleicht verbarg er mehr als Mutters Bekleidung.
Sie ging in die Küche, holte ein Messer und machte sich an dem Schloss zu schaffen. Erfolglos. Mira fluchte. Nun versuchte sie, den Schrank ein wenig vorzuziehen. Vielleicht ließ sich die Rückwand lösen? Als sie die Finger hinter den Schrank schob, spürte sie einen Metallgegenstand, der an einem Nagel befestigt war und nun zu Boden fiel.
Mira knipste die Flurlampe an, um den Schein für den Schrank zu nutzen. Sie tastete auf dem Fußboden unter dem Schrank nach dem Gegenstand. Da war er! Ein Schlüssel! Der Schrankschlüssel? Es war bestimmt der Schrankschlüssel!
Miras Herz klopfte zum Zerspringen. Sie nahm aus ihrer Handtasche ein Feuerzeug, beleuchtete die Schranktür und versuchte den Schlüssel im Schloss zu drehen. Er passte, die Schranktür sprang knarrend auf. Modriger Geruch schlug ihr entgegen. Im Schein des Feuerzeugs erkannte sie Kleider und Schuhe. Sie sah an der Innenseite der Tür einen weiteren angebrachten Schlüssel und wusste in dem Moment, in welches Schloss er passte.
Sie lief mit dem Schlüssel durch das taunasse Gras, blieb wieder im Gestrüpp hängen, zerrte an dem Kleid, bis der Stoff nochmals zerriss.
Es hatte aufgefrischt. Sie hörte die Wellen gurgelnd gegen das Ufer schlagen. Inzwischen gab es kein Tageslicht mehr. Es raschelte im Gestrüpp. In der Dunkelheit hatte die Umgebung alles Vertraute verloren.
Der Schlüssel passte zum Bootshaus. Sie stand in der geöffneten Tür, suchte im Schein des Feuerzeugs erfolgreich nach dem Lichtschalter. Ein Tier huschte zu ihren Füßen in Richtung Garten. Über ihrem Kopf verließen Fledermäuse eilig den breiten Dachüberstand.
Mit den Händen zerriss sie dicke Spinnweben. Sie verfingen sich in ihren Haaren.
Ein Gartentisch, Stühle, eine Truhe und ein Gartengrill waren mit toten Fliegen bedeckt. Das kleine Ruderboot aus ihrer Kindheit hatte jegliche Farbe eingebüßt.
Vor der Truhe zögerte sie einen Moment herzklopfend. Der Deckel ließ sich mühelos öffnen.
Sie starrte auf einen verschnürten Stiefelkarton, ahnte, dass der Inhalt ihre Fragen beantworten würde.
Sie nahm den Karton heraus, pustete die Fliegen vom Tisch, bevor sie ihn dort abstellte.
Auf dem Deckel stand in der Handschrift ihres Vaters: Für Mira.
Mit dem Feuerzeug durchtrennte sie das Band. Dann entfernte sie entschlossen den Deckel. Ein Briefkuvert bedeckte den Inhalt.
Adressiert war der Brief an Miras Vater, abgestempelt in Kalifornien.
Mit zitternden Händen entfaltete sie die Bögen und las:
»Lieber Rainer!
Endlich habe ich die Kraft und den Mut, dir zu schreiben. Wie du siehst, bin ich nach Amerika ausgewandert. Ich habe bei einer alten Dame eine Anstellung im Haushalt gefunden. Meine Sprachkenntnisse sind inzwischen recht gut, ich komme zurecht.
Ich möchte dich um Verzeihung bitten für mein heimliches Verschwinden. Geplant war es schon lange vorher. Wie hast du Mira mein Fortgehen erklärt? Immer wieder sehe ich ihr Gesicht und ihren traurigen Blick vor mir. »Lieber Rainer«, die Anrede fällt mir noch heute nicht schwer, ich habe dich sehr geliebt, aber Helenes Schatten stand zwischen uns. Du liebtest nur sie, öffnetest dich für niemanden mehr.
Die Lüge, mit der Mira leben muss, lastet schwer auf meinem Herzen.
Nachts in unserer Umarmung hast du häufig Helenes Namen geflüstert. Weißt du, wie schmerzhaft das war? Du hast dich umgedreht, als wenn du dich dafür schämtest, mit mir geschlafen zu haben. Ich habe die Tränen deiner Enttäuschung gesehen. Wenn du eingeschlafen warst, dann habe ich geweint, und immer wieder gehofft, dass die Zeit etwas ändern würde. Wie habe ich Helene um dich beneidet! War ich doch so sehr in dich verliebt, lange bevor sie deinem Werben nachgab. Sie konnte jeden haben, warum wollte sie dich auch noch in ihrer Sammlung? Rainer, glaube mir, sie liebte dich nicht wirklich, dazu war sie viel zu eitel.
Ich spürte häufig deinen Hass, weil ich nun Helenes Platz eingenommen hatte. Aber eure Mira war doch noch so klein, sie brauchte eine Mutter. Dafür war ich dir recht, für mehr reichte es nicht. Ich glaube, selbst auf Mira warst du zornig, machtest sie verantwortlich für Helenes Tod. Aber Mira trifft keine Schuld.
Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr, um deine Liebe zu kämpfen. Nur das Kind ließ mich noch eine Weile zögern. Ich konnte mich auch nicht mehr mit dir auseinandersetzen. So habe ich diesen Weg gewählt in der Erkenntnis: Liebe kann man nicht erzwingen.
Helene war meine Schwester und ich habe sie mit ihren Fehlern geliebt. Aber glaube mir, sie hätte dich ohnehin verlassen. Sie wollte auch keine Kinder, hatte sie mir gestanden. Fürchtete um ihre Figur. Und als sie mit Mira schwanger ging, sagte sie mir einmal, dass ihr das niemals wieder passieren würde.
Ich habe ihren Tod nicht gewollt, er kam mir nicht gelegen, wie du im Streit mit mir einmal behauptet hast.
Ich war sofort für Mira und dich da. Habe den Haushalt aufgelöst, bin mit euch auf das Land in das kleine Haus am See gezogen. Ich habe dich in aller Stille geheiratet und mit dir eine neue Geburtsurkunde für die Kleine angefordert, auf der ich als Mutter eingetragen wurde. Das war in den ersten Nachkriegsjahren nicht schwer. Es waren so viele Papiere verloren gegangen. Aber es war eine Lüge und sie wiegt schwer auf meinem Gewissen.
Mira konnte nicht weiterlesen, starrte auf die Zeilen, ohne etwas zu erkennen. Die Buchstaben sprangen sie an wie Raubtiere.
Da stand es: Die Frau, die sie für ihre Mutter gehalten hatte, war nicht ihre Mutter!
Es dauerte zwei, drei Minuten, bis sie weiterlesen konnte.
»Lieber Rainer, höre endlich auf, dir die Schuld zu geben an Helenes Tod. Du hättest ihn nicht verhindern können. Niemand ist verantwortlich für das Geschehene. Helene wurde doch nie gefunden, und auch kein Abschiedsbrief, der eine Schuldzuweisung beinhaltete, nur ihre Kleider fand man am Ufer.
Lass die Vergangenheit ruhen, du kannst sie nicht mehr gestalten. Und aufklären lässt sich auch nichts mehr. Es ist vorbei.
Für immer Deine Grete.«
Mira ließ den Brief auf ihren Schoß sinken. So aufgewühlt war sie noch nie gewesen.
Ob Vater auf den Brief geantwortet hatte? Sie schüttelte den Kopf, glaubte es nicht.
Die Gedanken wirbelten durcheinander. Hatte sie nicht immer gespürt, dass es etwas zu klären gab? Nun hielt sie den Beweis in den Händen. Und doch blieben viele Fragen für immer unbeantwortet.
Vielleicht war ihre richtige Mutter wirklich eine Egoistin gewesen, aber Vater hatte sie über alles geliebt. Der Gedanke zumindest fühlte sich gut an.
Mira entnahm dem Karton ein weiteres unbeschriebenes Kuvert. Darin befand sich ein Foto, das Porträt einer schönen, jungen Frau. Die Haut wirkte transparent wie edles chinesisches Porzellan. Die kühn geschwungenen Brauen wölbten sich über großen, verträumt blickenden Augen. Unter den vollen Lippen beendete ein kleines, energisches Kinn das ovale Gesicht. Helle Locken vervollständigten den engelhaft unschuldigen Anblick.
Den Hals schmückte eine dünne Kette mit einem Amulett.
Auf der Rückseite des Fotos stand nur »Helene« - ohne Jahreszahl.
Das also war ihre Mutter.
Der Karton barg noch einen Seidenschal. Sie schmiegte ihr Gesicht hinein und nahm einen schwachen, fremden Geruch wahr. Den Geruch ihrer Mutter? Seltsam, nach so vielen Jahren!
In einem Samtkästchen lag eine hellblonde Locke. Mutters Haare, denn Vaters und Miras waren brünett. Sie wickelte die Locke um ihren Zeigefinger, bevor sie das Haar behutsam zurück in das Kästchen legte.
Der Karton beinhaltete noch feine, weiche, hellbraune Lederhandschuhe und ein paar Babysachen, ganz sicher von ihr, Mira.
In Seidenpapier gewickelt fand Mira das Amulett, das ihre leibliche Mutter auf dem Foto trug. Der Verschluss klemmte, bevor er nachgab. Auf der einen Seite ein Babyfoto von Mira, auf der anderen eins von einem lachenden jungen Mann, ihrem Vater.
Auf dem Boden des Kartons lag ein Foto von der Frau, die Mira für ihre Mutter gehalten hatte. Sie trug ein Baby auf dem Arm. Daneben strahlend der Vater. So hatte sie ihn nie erlebt, so glücklich. Und doch nur eine Lüge? Welches Foto war die Lüge?
ANNÄHERUNGEN
Eine Verabredung mit Florian. Wahnsinn! Er hatte mich in das nobelste italienische Restaurant der Stadt eingeladen.
Noch war er für mich Herr Mertens. Aber in meinen Gedanken nannte ich ihn schon Florian oder Flori. Das durfte natürlich niemand wissen.
Florian Mertens war der Prokurist der Firma, in der ich ein Praktikum absolvierte.
Natürlich hatte ich schon herausbekommen, dass er geschieden und doppelt so alt war wie ich. Das störte mich nicht, er sah umwerfend aus. Brad Pitt war eine graue Maus gegen ihn.
Auf dem Betriebsfest hatte er sich mit mir unterhalten, das heißt, ich hatte versucht, geistreich auf seine Fragen zu antworten. Egal, er hatte mich für den kommenden Freitag eingeladen und wollte mich um 19.30 Uhr von zu Hause abholen.
Mir schwebte vor, das hautenge Minikleid mit den Spaghettiträgern anzuziehen. Ich hatte es im vorigen Jahr für Claudias Hochzeit gekauft. Warm genug war es jetzt im Juli, ich würde ohne Jacke auskommen, besaß auch keine passende. Mein letztes Geld war gestern draufgegangen für ein paar sündhaft teure, schwindelerregend hohe Stilettos, sogenannte High Heels. Darauf gehen konnte ich noch nicht. Ich übte es gerade, als mein sechzehnjähriger Bruder Ben den Kopf durch die Zimmertür steckte.
»Wow, ich wollte dir Pfefferspray für dein Rendezvous empfehlen. Man weiß ja nie. Aber gegen die Waffen«, er zeigte auf meine Schuhe, »ist Pfefferspray nur ein Papierkügelchen, wenn es um Selbstverteidigung geht.« Er grinste frech, dann zog er den Kopf zurück. Glaubte er wirklich, ich würde mit diesen Kostbarkeiten nach ihm werfen, wie ich es manchmal mit den Hausschlappen tat?
Meine Gehübungen auf den stelzenartigen Gebilden erinnerten an einen Zirkusclown. Im Fernsehen auf dem Catwalk sah es irgendwie anders aus. »Hoffentlich schlägt er nach dem Essen keinen Verdauungsspaziergang vor«, sinnierte ich, bevor ich in das Kleid schlüpfte, das heißt, zu schlüpfen versuchte.
Oh jeh! Wie war das eingelaufen in der Reinigung! Dass es aus synthetischem Gewebe war und somit nicht einlaufen konnte, verbannte ich aus meinem Denkvermögen. Vielleicht hatten auch die Tierchen, die man Kalorien nennt, sich mit dem Kleid beschäftigt.
»Ben!«, rief ich, und noch einmal wie ein Mensch in Todesnot: »Ben!«
Die Ohren mit dem MP3-Player verstöpselt, trabte er endlich gelangweilt ins Zimmer. Er schaute mich fragend und amüsiert an, wie ich da halbwegs in dem Kleid feststeckte.
»Ben, du musst mir helfen, ich bekomme den Reißverschluss im Rücken nicht zu.«
Für sein Grinsen hätte ich ihn erschlagen mögen. Ich verkniff mir jede Bemerkung, da nur er momentan im Hause und ich auf ihn angewiesen war.
»Das schaffe ich auch nicht«, hörte ich ihn murmeln und wesentlich deutlicher: »Alle zehn Zentimeter kosten dich fünf Euro.« Als er den Reißverschluss endlich geschlossen hatte, war ich um zwanzig Euro ärmer.
»Denkst du, ich bin die Europäische Zentralbank?«, zischte ich wütend.
Ben zuckte kurz mit den Schultern und summte zu der Musik aus seinen Kopfhörern, als er den Raum verließ. Ich hatte mich schon häufig gefragt, ob er überhaupt noch hören konnte ohne die Dinger.
Nase pudern, Lippenstift. Schon wieder Schweißperlen auf der Oberlippe, dick wie Regentropfen.
Das pünktliche Klingeln des Herrn Mertens hatte mein Bruder erstaunlicherweise wahrgenommen. Er lief vor mir zur Haustür und öffnete neugierig. Bestimmt hatte er gelauert, um nichts zu verpassen.
Mein viel zu enges Kleid und die unglaublich hohen Schuhe erlaubten mir nur einen würdevollen, gemächlichen Gang über den Flur. Jedenfalls hoffte ich, dass Herr Mertens dort im Türrahmen meine schwankenden Minischritte so deutete.
Diese trippelnde Art zu gehen musste ihn an eine japanische Geisha erinnern.
Gott sei gedankt, sein Auto stand gleich vor der Tür! Die zwanzig Meter dorthin auf diesen Ungeheuern, die sich tatsächlich Schuhe nannten, kamen mir vor wie der Pilgerpfad nach Santiago de Compostela. Natürlich hätten die Folterinstrumente an meinen Füßen wenigstens eine Nummer größer sein sollen. Doch welcher Mann findet solche Schuhe in 40 oder 41 noch sexy? Zehen zusammenrollen und durch.
Sein Auto, ein, niedriger Sportwagen, stand platt auf der Straße wie eine Flunder vor der Zubereitung auf der Küchenanrichte.
Herr Mertens hielt mir galant die Beifahrertür auf. Ich starrte entsetzt auf das flache Etwas, das ein Auto war.
Wie um alles in der Welt sollte ich in meinem Outfit charmant diese Niederungen erreichen? Zu Hause hatte ich Auto ein- und aussteigen geübt, abgeschaut im Fernsehen bei der Queen von England. Zuerst den Po auf den Sitz, die Beine nachziehen. Das ging in dem Kleid nicht. Die Queen stieg bestimmt niemals in ein oder aus einem Auto, dessen Bodenblech die Straße berührte.
Ungraziös, mit den Füßen zuerst, als würde ich eine schwankende Segeljacht betreten, stieg ich in das Cabriolet. Immerhin, es war mir gelungen, ohne vorher Kleid und Schuhe auszuziehen.
Die Fahrt zum Restaurant verlief aufregend. Herr Mertens machte mir Komplimente über mein Aussehen, dann plauderte er über dieses und jenes. Doch keine seiner Themen ließ die Möglichkeit zu, mit den ebenfalls zu Hause einstudierten, geistreichen Argumenten zu antworten. Meine Fähigkeit zu sprechen, hatte ich kurzfristig verloren. Wie konnte es auch anders sein mit meinem Traumprinzen in einem Sportwagen in einer warmen Sommernacht. Dazu ich in einem mehr atemraubendem als atemberaubendem Kleid und Schuhen, die sich unaufhaltsam mit meinen gequälten Füßen zu einer Materie vereinten.
Nach ein paar Minuten endete die Fahrt vor dem Restaurant. Herr Mertens eilte um die Flunder, um mir die Beifahrertür aufzuhalten. Das Aussteigen erwies sich als nahezu unmöglich, noch viel schwieriger als das Einsteigen. Es gelang mir nur, indem Herr Mertens meine Hände erfasste und mich mit sichtlicher Anstrengung aus dem Wagen zog wie einen gefüllten Kartoffelsack.
Er ging die wenigen Meter zum Restaurant voraus, um dort die Eingangstür aufzuhalten. Herr Mertens hatte die Strecke problemlos in fünf Sekunden bewältigt.
Ich dachte mir: »Er wird die Tür eine ganze Weile aufhalten müssen, bis ich ankomme.« Das Ziel fast erreicht, hatte ich doch tatsächlich den Fußabtreter auf, nein mit dem falschen Fuß erwischt. Ein blöder Abstreifer aus Metall mit vielen kleinen, offenen Quadraten. Eines dieser Quadrate hielt den Absatz meines rechten Schuhs umklammert. Ich drohte zu fallen. Gerade konnte ich noch mein Gleichgewicht wieder herstellen und ein Stück zurückschnellen wie an einem imaginären Gummiband, sonst hätte ich den ahnungslosen Herrn Mertens umgestoßen.
Er ließ die Restauranttür ins Schloss fallen, um mir behilflich zu sein. Der Absatz steckte fest im Rost. Mein Fuß steckte unlösbar im Schuh. Zu kleine Schuhe haben den Vorteil, dass in solchen Situationen der Fuß im Schuh verbleibt.
Herr Mertens konnte den Absatz befreien. Der hatte leider drastisch seine Winkelposition zur vorderen Schuhsohle verändert. Er baumelte verloren hin und her.
Es hatte Herrn Mertens zunächst die Sprache verschlagen und ich zischte mit verkniffenem Lächeln: »Nicht schlimm, macht nichts«, und dachte: »150 Euro sind dahin. Bei meinem Praktikantengehalt bedeutet das, einen Monat nichts zu essen kaufen zu können und unter einer Brücke zu schlafen.«
Wie gut, dass ich noch bei den Eltern wohnte.
Ich spürte, wie mir Tränen der Wut in die Augen traten. Verstohlen wischte ich sie mit dem Handrücken fort, was dem Augen-Make-up nicht so gut bekam.
An Herrn Mertens Seite schlurfte ich ins Restaurant. Der Schuh mit dem lädierten Absatz musste ja möglichst Bodenhaftung behalten, damit ich nicht stolperte.
Erstaunte Blicke trafen uns. Da kam eine stark gehbehinderte Frau. Sie trug ein atemberaubendes, hautenges Minikleid und High Heels, mit denen Frau bei nahezu jedem Mann auf Augenhöhe kam, und verschmiertes Augen-Make-up.
Der reservierte Platz bot einen fantastischen Blick auf den Sonnenuntergang am tiefblauen Horizont, wo die Wellen des Sees den Himmel küssten.
Ich war versöhnt mit meinen Missgeschicken und wünschte mir, ewig sitzen bleiben zu dürfen. Ich wollte versuchen, die Schuhe unter dem Tisch auszuziehen. Beim Hinausgehen würden meine blutenden Zehen eine knallrote Spur auf dem hellen Teppichboden hinterlassen. Dem blasierten Ober fiele die Kinnlade herunter und ich würde mit den Schuhen in der Hand zum Abschied winken.
»Vorweg kann ich Ihnen die Tomatensuppe empfehlen, die ist köstlich«, platzte Herr Mertens in meine Gedanken. Dazu hatte ihn offensichtlich meine Gesichtsfarbe inspiriert. »Zum Hauptgericht könnte er Hummer mit roten Rübchen bestellen und zum Nachtisch rote Grütze«, dachte ich verärgert.
Die Suppe und die folgenden Speisen waren vorzüglich, Herr Mertens noch viel verführerischer, als in meinen Träumen. Für etwa zwei Stunden war jedes Malheur vergessen.
Als ich mich nach dem Essen behaglich zurücklehnte, vernahm ich ein unmissverständliches Geräusch. Der rückwärtige Reißverschluss meines Kleides hatte den Härtetest durch den letzten Löffel Tiramisu nicht bestanden.
Herr Mertens hatte das Geräusch ebenfalls wahrgenommen und fälschlicherweise als einen Rülpser interpretiert. Er schaute mich irritiert, und wie mir schien, zum ersten Mal verlegen an. Ich hatte keine Lust auf Erklärungen, bat ihn um sein Sakko, bevor mir zusätzlich die Spaghettiträger herabrutschten.
»Ist Ihnen kalt?«, fragte er, bevor er sich erhob, um mir seine Jacke, um die Schultern zu legen.
Er sah den entblößten Rücken. Als er wieder auf seinem Platz saß, zuckten seine Mundwinkel verdächtig. Er konnte sein Lachen nicht mehr zurückhalten.
Und das war ansteckend. Wir lachten beide, bis uns die Tränen kamen und uns vorwurfsvolle Blicke trafen.
Ich hatte die Schuhe unter dem Tisch nicht unbemerkt ausziehen können.
Wie es aussah, als wir das Lokal verließen, will ich versuchen zu beschreiben:
Also: ich schlurfend vorweg wegen der erforderlichen Bodenhaftung für den abgebrochenen Absatz. Über dem ramponierten Kleid das viel zu große Sakko, welches aber keineswegs den gesamten rückwärtigen Schaden bedeckte. Herr Mertens ganz nah, nur eine Handbreit hinter mir, um meine Blöße vor den Gästen, zu verbergen. Das zwang uns zu einem merkwürdigen Gleichschritt. Links, rechts, links, rechts, wobei die schlurfende rechte Seite immer etwas mehr Zeit in Anspruch nahm.
Vor dem Restaurant nahm er mich auf seine Arme. Er trug mich zum Auto, half mir beim Einsteigen. Ihm gelang es, die Schuhe von meinen gemarterten Füßen zu ziehen, und er flüsterte mir zärtlich ins Ohr: »Zum Teufel mit der Schönheit!«
DAS GEBURTSTAGSGESCHENK
Die Großeltern liebten Kai, ihr ältestes Enkelkind, ganz besonders.
Seit seiner Geburt verkörperte er für sie Gegenwart und Zukunft, gab ihrem Leben Inhalt, Freude und Sinn. Er wurde von ihnen verwöhnt und verzogen.
Kai war mein siebenjähriger Neffe, Kind meines Schwagers Fred und seiner Frau Simone. Die beiden hatten drei weitere Kinder, für die wenig Platz in den Herzen der Eltern und besonders der Großeltern war. Ihre Liebe konzentrierte sich auf Kai, den ältesten Sohn des Bruders meines Mannes.
Wir wohnten in der Villa meiner Schwiegereltern, Fred und Simone mit den Kindern, mein Mann Gerd, seine Eltern und ich.
Es war ein attraktives Haus im Jugendstil mit zwölf Räumen und einem großzügigen Anbau.
Meine Schwiegermutter war eine herrische Person, eine kühle, blonde Schönheit mit leuchtend blauen, herausfordernd schauenden Augen.
Mich lehnte sie ab. Nach ihrer Auffassung hatte ich die Beziehung ihres Sohnes zu einer Millionärstochter platzen lassen. Sie war im Recht, aber ich wusste nichts von der Verbindung, als ich meinen Mann kennenlernte. Gerd hatte mir nie davon erzählt.
Nach Jahren erfuhr ich davon auf einer Geburtstagsparty, auf der diese Frau anwesend war. Sie kam mit ausgestreckten Armen lächelnd auf mich zu, um mir zu sagen, dass sie mir verziehen hätte. Aufgrund meines verständnislosen Blickes lachte sie nur heftiger und umarmte meinen Mann. Ich erfuhr, dass ihre und Gerds Eltern überzeugt und zufrieden gewesen waren bei dem Gedanken an eine Verbindung ihrer Kinder.
Neunzehn Jahre war ich, als ich gleich nach der Schulzeit heiratete. Ich jobbte bei einem Fotografen. Hier entstanden Fotos von mir für die Werbung amerikanischer Konsumgüter.
Siebzig DM erhielt ich für jedes Foto, das angenommen wurde. Ich war fotogen und selbstbewusst und glaubte, die Welt würde zu meinen Füßen liegen. Aber meiner Schwiegermutter gelang es mit nur einem arroganten Blick aus ihren lang bewimperten Augen, dass ich mich klein und hässlich fühlte.
Und ausschließlich diesen Blick ließ sie mir zukommen.
Aus mir unverständlichen Gründen war meine Schwägerin Simone ständig eifersüchtig auf mich. Vielleicht, weil sie meistens in Umstandskleidung herumlaufen musste. Ich glaube, nur die ständigen Schwangerschaften ließen meinen Schwager an dieser Ehe festhalten.
Gleichzeitig erhielt Simone durch ihren Babybauch mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung von der gesamten Familie und erfuhr Rücksichtnahme.
Mein Mann war selten zu Hause. Sein Beruf forderte ihn. Er war Verkaufsleiter einer Firma für Heizungen und Sanitäreinrichtungen mit 60 Mitarbeitern. Viele geschäftliche Gespräche fanden bei einem Essen nach Feierabend statt. An den Wochenenden suchte er Erholung auf der Jagd. Seiner Familie gehörten ausgedehnte Ländereien. Ich hatte dieses Hobby hassen gelernt, aß aus Prinzip kein Wildfleisch. Es kam mir pervers vor, das Töten von Tieren als Hobby.
Die Fasane zum Beispiel wurden in einer Voliere gezüchtet, am Morgen des Treibjagdspektakels freigelassen, damit die erlauchte Jagdgesellschaft zum Abschießen etwas vor die Flinte bekam.
Meinem Schwiegervater war ich offensichtlich nicht unsympathisch, jedoch traute er sich kaum, mir gegenüber positive Gefühle zu zeigen. Er hatte ohnehin kein Stimmrecht in diesem Haus. Fünf Jahre nach meiner Eheschließung starb er.
Ich wünschte mir ein Kind. Mein Alltag war unausgefüllt. Ein paar Werbeaufnahmen, Reiten, Tennis, Shoppen.
Drei Jahre waren wir verheiratet, drei Fehlgeburten hatte ich hinter mir. Die nächste Schwangerschaft erkannte ich erst im vierten Monat. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet.
Es gab keine Anzeichen dafür. Ich blieb schlank, der Bauch rundete sich bis zum achten Monat kaum, dann wurde Laura geboren. Zu früh, ein Unfall. Ich war die große, breite Treppe in der Halle hinabgestürzt. Eine Haltestange vom Treppenläufer hatte sich gelöst. Sicher ein Zufall. Hoffentlich ein Zufall.
Nach drei Tagen im Kreißsaal hielt ich das kleine, zappelnde Bündel im Arm. Die Ärzte hatten dem Kind vor der Geburt kaum Chancen eingeräumt und nun bedurfte es keiner Sonderbehandlung. Die Kleine war gesund, fünfzig Zentimeter lang und fünf Pfund schwer.
Ich war so glücklich, so unbeschreiblich glücklich, wenn ich mich auch von meinem Mann alleingelassen fühlte. Gerd war einer Einladung zu einer Jagd im Harz gefolgt.
Als stolze Mutter kam ich nach Hause, aber meine Schwiegermutter besuchte mich nicht. Obgleich sie nebenan wohnte, schaute sie sich den neuen Nachwuchs der Familie nicht an.
Es war sechs Wochen später. Die Schwiegereltern hatten Gäste. Gerd ging zu ihnen, um vor der Gesellschaft zu fragen, ob sie sich denn ihr Enkelkind nicht einmal anschauen wollte.
Betretenes Schweigen. Dann stand ausschließlich Gerds Mutter auf und folgte ihm in unsere Wohnung. Mich ignorierte sie, beugte sich über das Babybettchen, zog spöttisch die Augenbrauen hoch und meinte lediglich, sie bedaure, dass ihre wirtschaftlichen Mittel durch ihre anderen vier Enkelkinder erschöpft seien und wir nichts erwarten könnten. Sie verließ das Kinderzimmer.
Ich war wieder einmal durch sie zutiefst verletzt und beschämt worden. Gerd hatte sie doch nicht wegen eines Geschenks geholt! In diesem Haus drohte ich zu erfrieren.
Durch meine kleine Tochter hatte ich zwar eine Aufgabe, aber ich fühlte mich in dieser Familie so ungeliebt, dass ich Begegnungen zu vermeiden versuchte. Das war durch die Wohnsituation fast unmöglich. Mein Mann erlaubte uns durch sein Einkommen einen hohen Lebensstandard, aber er war nie da, wenn ich ihn brauchte. Ein Auszug aus der Villa kam für ihn überhaupt nicht infrage. Und er verteidigte mich selten, wenn ich ignoriert oder verbal angegriffen wurde. Er schwieg.
Zwar entwickelte sich unsere kleine Laura prächtig, aber auch noch nach Monaten erfuhr sie vom Rest der Familie kaum Beachtung.
Es drehte sich weiterhin alles nur um Kai. Zu seinem siebten Geburtstag erhielt er ein Sparbuch mit einem fünfstelligen Betrag. »Ein Grundstein für sein erstes Auto«, lachte meine Schwiegermutter und drückte Kai fest an sich.
Mein Mann schwieg, ich schwieg. Simone und Fred schauten verlegen aus dem Fenster. Die anderen Kinder lärmten desinteressiert.
Den überladenen Geburtstagstisch empfand ich als eine Provokation. Unsere Tochter hatte bis dato nicht ein Strampelhöschen erhalten.
An der Kaffeetafel streckte unsere Laura von meinem Schoß aus ihre beiden Ärmchen in Richtung Großmutter. Die ignorierte es. Schnell liebkoste ich meine Kleine, um ihr über die Enttäuschung hinwegzuhelfen.
»Du verzärtelst sie«, war der Kommentar meiner Schwiegermutter mit eisiger Stimme. Immerhin ein paar Worte, die an mich gerichtet waren.
Laura war etwa sieben Monate, als ich begann, die Familie zu hassen, meinen Mann inbegriffen. Die anfängliche Ohnmacht war einem Zorn gewichen, der deutlich meinen Herzschlag beschleunigte, sobald ich einem Mitglied der Familie begegnete.
Ich wollte fort mit meiner Kleinen, was hielt mich? Bloß heraus aus diesem goldenen Käfig, der von Monstern bevölkert war, die mich das Fürchten lehrten. Ich spürte neben Verletzungen auch Neid. Nicht für mich wünschte ich etwas, nur für mein Kind, eine Umarmung, ein Lächeln, eine Liebkosung.
Es geschah an einem der ersten Dezembertage. Ich hatte Laura zum Ausfahren angezogen und in die Karre gesetzt. Wir wollten das Grundstück verlassen, als Kai mit einem Paket unter dem Arm den Gartenweg heraufkam.
Er war unschuldig an der Situation im Hause, hatte ein sonniges, liebenswertes Wesen. Ich aber konnte nicht mehr differenzieren.
»Tante Ina«, er zeigte auf das Paket, »da drin sind Groggläser, die habe ich für meine Mama zum Geburtstag gekauft. Omi hat mir das Geld gegeben.« Er legte das Paket vor die Kinderkarre, sodass ich anhalten musste.
Dann beugte er sich zu Laura hinunter und streichelte ihr pausbäckiges Kindergesicht.
Die Kleine strahlte ihn an und quietschte vor Vergnügen.
In mir brach ein Damm, der angestaute Zorn entlud sich. Ich reagierte völlig unverhältnismäßig.
»Nimm deine schmutzigen Finger weg, Kai, was fällt dir ein?«, brüllte ich und riss an seiner Hand, ihm bewusst Schmerzen zufügend.
Kai schaute mich hilflos und erschrocken an. Tränen füllten seine Kinderaugen.
Er senkte verlegen den Kopf, hob sein Paket auf und stapfte wieder den Gartenweg hinunter, bog um die Ecke und entschwand kurzfristig meinem Blickfeld. Wohin wollte er?
Eine Minute danach. Ein entsetzlicher Knall, ein Quietschen, dann ein Scheppern. Etwas wirbelte durch die Luft. Ein dumpfer Aufprall. Stille.
Ich hastete zur Straße, ahnte, nein ich wusste, was passiert war.
Eine kleine graue Pudelmütze lag auf dem Fußweg vor dem Gartentor, unweit davon der Karton mit dem Geburtstagsgeschenk.
Ein Auto stand diagonal zur Fahrbahn, blockierte auch den Fußweg. Davor ein kleiner verkrümmter Körper mit unnatürlich aufgerissenen Augen. Eine schmale, leuchtend rote Blutspur lief über das Kinn.
Ein paar Tage später hatte meine Schwägerin Geburtstag. Ihr Sohn lag im Koma auf der Intensivstation der Universitätsklinik.
Meine Schwiegermutter war nicht ansprechbar. Eine gebrochene Frau, einsam in ihrer Trauer um das für sie Liebste und Einzigartige. Grau und alt sah sie aus, verweigerte die Nahrung und starrte stundenlang auf das Telefon.
Ich schämte mich entsetzlich, erzählte niemandem von dem letzten Gespräch mit Kai.
Fünf Tage später, Lauras erster Geburtstag.
Um drei Uhr morgens schrillte im Haus ein Telefon. Ich wusste es sofort. Meine Gebete waren nicht erhört worden. Lähmung erfasste mich, aber ich musste aufstehen. Mein Mann erhob sich ebenfalls schlaftrunken. Wir warfen uns die Bademäntel über und eilten in den Wohntrakt von Fred und Simone.
Sofort erschienen dort auch die Schwiegereltern. Schwiegermutter war nur noch ein Schatten ihrer einstigen Erscheinung. Jegliche Überheblichkeit war von ihr abgefallen.
Niemand sagte etwas. Der Telefonhörer baumelte von Freds rechtem Handgelenk, nur ein unpersönliches Tuten war noch zu hören. Simone klammerte sich zitternd an ihren Mann.
»Tot«, flüsterte sie. »Er ist tot.«
Die Glühbirne einer Stehlampe begann zu flackern, als wollte sie erlöschen. Das gespenstische Licht gab der Szene etwas Unwirkliches.
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