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Jürgen Ziemer
Seelsorgelehre
Eine Einführung für Studium und Praxis
4., neu bearbeitete und erweiterte Auflage
Vandenhoeck & Ruprecht
Dr. theol. Jürgen Ziemer ist Professor em. für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.
Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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Umschlagabbildung: Ehret/Trew: Plantae selectae, Nürnberg 1750–1773.
© 2015, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, 37073 Göttingen/
Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.
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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.
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Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: Ruhrstadt Medien AG, Castrop-Rauxel
UTB-Band-Nr. 2147
ISBN: 978-3-8463-4319-7 (UTB)
Inhalt
Abkürzungsverzeichnis
Vorwort
Einleitung: Seelsorge – erste Verständigungen
Literatur
1. Leben im Ungewissen – Zu den Kontexten heutiger Seelsorgepraxis
1.1 Lebensbedrohlicher Sicherheitsverlust
1.2 Modernisierung des gesellschaftlichen Lebens – soziologische Aspekte
1.3 Herausforderungen im vereinten Land
1.4 Auf dem Wege zu einer neuen Moral?
1.5 Kirchen im Wandel
Literatur
2. Seelsorge in der Geschichte
2.1 Die Gegenwart der Ursprünge
2.1.1 Die Seele und die Geschichtlichkeit der Seelsorge
2.1.2 Biblische Ursprünge und Maßstäbe
Literatur
2.2 Wandlungen des Seelsorgeverständnisses
2.2.1 Seelsorge als Kampf gegen die Sünde (Alte Kirche)
2.2.2 Seelsorge als Beichte (Mittelalter)
2.2.3 Seelsorge als Trost (Luther)
2.2.4 Seelsorge als Hirtendienst (Schweizer Reformation)
2.2.5 Seelsorge als Erbauung (Pietismus)
2.2.6 Seelsorge als Bildung und Lebenshilfe (Aufklärung)
2.2.7 Seelsorge und Seelsorgelehre im 19. Jahrhundert
Literatur
3. Seelsorge und Seelsorgelehre in der Gegenwart
3.1 Poimenische Herausforderungen
3.2 Hauptströmungen der Seelsorgelehre im 20. Jahrhundert
3.2.1 Seelsorge als Verkündigung im Gespräch (kerygmatische Seelsorge)
3.2.2 Seelsorge als Beratung (Seelsorgebewegung)
3.2.3 Seelsorge als biblische Therapie (evangelikale Seelsorge)
Literatur
3.3 Pastoralpsychologie als Grunddimension in der gegenwärtigen Seelsorgelehre
3.3.1 Pastoralpsychologie – Verständigungen über den Begriff
3.3.2 Konturen pastoralpsychologischer Seelsorgelehre
3.3.3 Themen der Diskussion um Pastoralpsychologie
3.3.4 Worauf kommt es an? Konturen für die Zukunftsentwicklung einer pastoralpsychologisch orientierten Seelsorge (Zusammenfassung)
Literatur
3.4 Differenzierungen der Seelsorgelandschaft im 21. Jahrhundert
3.4.1 Profilierungen des pastoralpsychologischen Seelsorgekonzepts
3.4.4.1. Tiefenpsychologische Seelsorge
3.4.1.2 Systemische Seelsorge
3.4.2 Alternative Seelsorgekonzepte
3.4.2.1 Alltagsseelsorge
3.4.2.2 Geistliche Begleitung
3.4.2.3. Seelsorge als Lebensberatung
3.4.3 Seelsorge als Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen
3.4.3.1 Feministische Seelsorge
3.4.3.2 Interkulturelle Seelsorge
Literatur
4. Konturen eines theologischen Seelsorgeverständnisses
4.1 Seelsorge als Praxis des christlichen Glaubens (grundlegende Aspekte)
4.2 Seelsorge als Befreiungsgeschehen (emanzipatorischer Aspekt)
4.3 Seelsorge als Orientierungsarbeit (ethischer Aspekt)
4.4 Gemeinde als Ort der Seelsorge (ekklesiologischer Aspekt)
4.5 Seelsorge als solidarische Praxis (diakonischer Aspekt)
Literatur
5. Seelsorge als psychologische Arbeit
5.1 Welche Psychologie braucht die Seelsorge?
5.1.1 Psychotherapiekonzepte im Überblick
5.1.2 Kriterien für eine poimenische Rezeption
5.2 Psychologische Aspekte von Seelsorge
5.3 Proprium christlicher Seelsorge?
Exkurs: Charaktertypen
Literatur
6. Das Gespräch in der Seelsorge
6.1 Was ist ein seelsorgliches Gespräch?
6.1.1 Die Form des seelsorglichen Gesprächs
6.1.2 Die Sprache des Gesprächs und die Sprachen der Seelsorge
6.1.3 Die Struktur der seelsorglichen Beziehung
6.2 Seelsorgliche Verhaltensweisen im Gespräch
6.2.1 Verstehendes Verhalten
6.2.2 Annehmendes Verhalten
6.2.3 Ermutigendes Verhalten
6.2.4 Authentisches Verhalten
6.3 Der Weg des Gesprächs
6.4 Interventionen im seelsorglichen Gespräch
6.5 Das seelsorgliche Gespräch als geistliches Geschehen
6.6 Störungen im Gespräch
6.7 Weitervermittlung in besonderen Fällen
Literatur
Exkurs: Kurzzeitseelsorge
7. Der seelsorgliche Beruf
7.1 Wer übt Seelsorge?
7.2 Wer bin ich als Seelsorgerin?
7.3 Seelsorgliche Kompetenz
7.4 Ausbildung zur seelsorglichen Arbeit
7.4.1. Lernfelder einer Seelsorgeausbildung
7.4.2. Seelsorgeausbildung im Theologiestudium
7.4.3. Ausbildung und Fortbildung für seelsorgliche Praxis
7.5 Supervision und Seelsorge für Seelsorgerinnen und Seelsorger
7.6 Seelsorgliche Schweigepflicht
Literatur
8. Lebensthemen in der Seelsorge
8.1 Wer bin ich? – Auf der Suche nach Identität
8.1.1 Wahrnehmungen im Umkreis der Identitätsfrage
Exkurs: Zur Diskussion um den Identitätsbegriff
8.1.2 Von den Schwierigkeiten selbst zu sein (psychologische Aspekte)
8.1.3 Theologische Vertiefung
8.1.4 Seelsorgliche Praxis
Literatur
8.2 In Beziehungen leben
8.2.1 Wahrnehmungen
8.2.2 Diagnostische Aspekte: Kommunikationshindernisse
8.2.3 Theologische Vertiefung
8.2.4 Seelsorgliche Praxis
Literatur
8.3 Auf der Suche nach Sinn
8.3.1 Die seelsorgliche Wahrnehmung der Sinnfrage
8.3.2 Humanwissenschaftliche Aspekte zur Sinnfrage
8.3.3 Theologische Aspekte
8.3.4 Seelsorgliche Praxis
Literatur
8.4 Mit Ängsten leben
8.4.1 Wahrnehmungen der Angst – phänomenologische Aspekte
8.4.2 Sichtweisen der Angst – anthropologische Aspekte
8.4.3 Angst im biblisch-theologischen Verständnis
8.4.4 Mit Angst leben – seelsorgliche Aspekte
Literatur
8.5 Mit eigener Schuld umgehen
8.5.1 Begegnungen mit Schuld in der Seelsorge
8.5.2 Anthropologische Aspekte
8.5.3 Theologische Aspekte zum Schuldverständnis
8.5.4 Zur seelsorglichen Praxis
Exkurs: Beichte und Seelsorge
Literatur
8.6 Glauben lernen
8.6.1 Begegnungen mit der Glaubensfrage in der Seelsorge
8.6.2 Psychologische Aspekte
8.6.3 Kriterien lebendigen Glaubens (theologische Aspekte)
8.6.4 Seelsorge als Gespräch über den Glauben
Literatur
9. Seelsorge in unterschiedlichen Lebenssituationen
9.1 Seelsorge in verschiedenen Lebensphasen
9.1.1 Grundlegende Aspekte für die Lebensaltersseelsorge
9.1.2 Seelsorge mit Kindern
Exkurs: Schulseelsorge
9.1.3 Jugendliche und junge Erwachsene
9.1.3.1 Seelsorgliche Einstellung
9.1.3.2 Seelsorgliche Themen
9.1.4 Mittleres Lebensalter
9.1.5 Der alte Mensch
Exkurs: Eine besondere Aufgabe: Seelsorglicher Umgang mit Demenzkranken
Literatur
9.2 Der kranke Mensch in der Seelsorge
9.2.1 Krankheit und Kranksein – anthropologische Aspekte
9.2.2 Biblisch-theologische Aspekte
9.2.3 Der seelsorgliche Umgang mit kranken Menschen
Exkurs: Psychische Krankheiten in der Seelsorge
9.2.4 Seelsorge an Sterbenden
Exkurs: Zur ethischen Problematik der sogenannten Sterbehilfe
Literatur
9.3 Seelsorge im Trauerfall
9.3.1 Die Wahrnehmung der Trauersituation
9.3.2 Zur Psychologie der Trauer
9.3.3 Das Evangelium in der Trauersituation
9.3.4 Zur seelsorglichen Praxis
Literatur
9.4 Seelsorge in Krisensituationen
9.4.1 Seelsorge als Krisenhilfe
9.4.1.1 Humanwissenschaftliche und theologische Aspekte zur Krisensituation
9.4.1.2 Seelsorge als Krisenintervention
9.4.2 Seelsorge und Trauma
9.4.3 Seelsorge bei Suizidhandlungen
9.4.3.1. Grundlegende Aspekte zur Suizidalität
9.4.3.2 Zur seelsorglichen Praxis bei Suizidhandlungen
Literatur
10. Institutionalisierungen seelsorglicher Arbeit
10.1 Psychologische Beratungsstellen
Literatur
10.2 Spezielle Seelsorgedienste
10.2.1 Krankenhausseelsorge
10.2.2 Gefängnisseelsorge
10.2.3 Seelsorge in der Bundeswehr (Militärseesorge)
10.2.4 Notfallseelsorge
10.2.5 Kur- und Urlauberseelsorge
Literatur
10.3 Mediengestützte Seelsorge
10.3.1 Telefonseelsorge
10.3.2 Internetseelsorge
Literatur
Adressenverzeichnis
Bibelstellenregister
Sachregister
Personenregister
Abkürzungen
| BThZ | Berliner Theologische Zeitschrift, Berlin |
| DPCC | Dictionary of Pastoral Care and Connseling, ed. R. J. Hunter, Nashville 1990 |
| EG | Evangelisches Gesangbuch |
| EKL | Evangelisches Kirchenlexikon, 31986ff. |
| HbS | Handbuch der Seelsorge, hg. von Wilfried Engemann, Leipzig 2007 |
| Herbst, Seelsorge | Herbst, Michael: beziehungsweise: Grundlagen und Praxisfelder evangelischer Seelsorge, Neukirchen 2012. |
| Klessmann, Seelsorge | Klessmann, Michael: Seelsorge, Neukirchen 2008, 41012 |
| Morgenthaler, Seelsorge | Morgenthaler, Christoph: Seelsorge, Gütersloh 2009 |
| PrTh | Praktische Theologie. Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Kirche Gütersloh (früher: Theologia practica) |
| PTh | Pastoraltheologie. Monatsschrift für Wissenschaft und Praxis in Kirche und Gesellschaft, Göttingen |
| PThI | Pastoraltheologische Informationen |
| RGG | Die Religion in Geschichte und Gegenwart 11998ff. |
| ThLZ | Theologische Literaturzeitung, Leipzig |
| TRE | Theologische Realenzyklopädie, Berlin 1976ff. |
| WA | Luther, Martin: Werke. Weimarer Ausgabe |
| WzM | Wege zum Menschen. Monatsschrift für Seelsorge und Beratung, heilendes und soziales Handeln, Göttingen |
| ZdZ | Die Zeichen der Zeit, Berlin, ab 1991 Leipzig |
| ZEE | Zeitschrift für Evangelische Ethik, Gütersloh |
| ZThK | Zeitschrift für Theologie und Kirche, Tübingen |
Vorwort
Es gibt gewiß keinen Mangel an Literatur zur Seelsorge. Da mag es riskant erscheinen, sich mit einer neuen Seelsorgelehre herauszuwagen. Gibt es in diesen Fragen etwas mitzuteilen, das nicht schon geschrieben wurde? Und falls doch: was und wem wird es nützen? Die pastoralpsychologische Herangehensweise in Seelsorge und Seelsorgeausbildung hat uns Skepsis gegenüber theoretischen Gesamtentwürfen gelehrt. Die Gefahr eines Verlustes an Wirklichkeit und Dynamik ist unübersehbar, und seelsorgliche Kompetenz, das ist unbestreitbar richtig, erlernt niemand durch die Lektüre von Lehrbüchern. Diese können jedenfalls das notwendige Erfahrungslernen nicht ersetzen.
Gleichwohl kann, wie ich zuversichtlich hoffe, seelsorgetheoretische Literatur doch auch im Blick auf die Praxis von Wert sein: propädeutisch als Vorbereitung auf seelsorgliches Handeln und seelsorgliches Lernen und praxisbegleitend als Hilfe zur kritischen theologischen und humanwissenschaftlichen Reflexion von Seelsorgeerfahrungen.
Auch aus Bedürfnissen heraus, die sich im Rahmen akademischen Lehrens ergeben, erschien es mir naheliegend, die relevanten Stoffe einer Seelsorgelehre einmal aus meiner eigenen Sicht im Zusammenhang darzustellen. Die vorliegende Einführung wendet sich an Studierende und darüber hinaus an diejenigen, die in der seelsorglichen Praxis tätig sind. Es geht dabei bewußt um eine „Einführung“; das bedeutet, dass bei der Behandlung einzelner Themen eine Auswahl getroffen werden mußte und dass dem Elementaren zu Ungunsten des Spezielleren ein Vorrang einzuräumen war. Vielleicht findet das Buch so auch bei denen Interesse, die in säkularen Bereichen als Therapeutinnen, als Sozialarbeiter oder wie auch immer für die „Seelen“ von Menschen zu sorgen haben.
Die Grundausrichtung der vorliegenden Einführung ist pastoralpsychologischer Natur.
Gleichzeitig will ich jedoch versuchen, Anregungen aus der neu in Gang gekommenen poimenischen Diskussion aufzunehmen.
Erfahrungen in und mit der pastoralpsychologischen Seelsorgeausbildung hatten für mich selbst entscheidende Bedeutung. Hans-Joachim Wachsmuth zuerst und dann später Wybe Zijlstra (†) und Hans-Christoph Piper, sowie Hermann Andriessen und Reinhard Miethner waren mir unschätzbare Anreger und Begleiter. Die eigene Seelsorgelehre erwuchs weiter aus dem, was ich Studierende zu lehren hatte und was ich mit ihnen lernte. Einen wichtigen Hintergrund für die Darstellung der Seelsorge bilden die eigenen Besuche auf Krankenstationen und seelsorgliche Gespräche bei vielen verschiedenen sich bietenden Gelegenheiten. Ob aus solchen Erfahrungen heraus ein auch für die Praxis brauchbarer Entwurf entstanden ist, müssen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden.
Während der Ausarbeitung des Buches habe ich viele Hilfe erfahren. Beim Schreiben des Manuskripts haben mich Renate Jurisch und Dorothea Schliebe unterstützt, bei dessen Durcharbeit halfen Astrid Kühme und Kathrin Jell mit wichtigen Hinweisen und Korrekturen. Letztere hat sich zudem bei der Herstellung der Register und bei den Korrekturarbeiten verdient gemacht. Werner Biskupski hat das Manuskript kritisch gegengelesen, und Friedrich-Wilhelm Lindemann gab mir sehr wichtige Hinweise zur Gestaltung des Psychologiekapitels. Ihnen allen sei ganz herzlich gedankt. Ein ganz besonderer Dank gebührt Michael Böhme, der nicht nur für ein verlagsgerechtes Typoskript gesorgt hat, sondern mir auch darüber hinaus jederzeit ein hilfreicher und freundschaftlicher Gesprächspartner war.
Ich danke dem Verlag dafür, dass er in einer Zeit nicht gerade boomenden Seelsorgeinteresses dieses Buch in sein Programm aufgenommen, sowie Frau Renate Hübsch für die entgegenkommende Weise, mit der sie das Manuskript betreut hat.
Nicht zuletzt danke ich meiner Frau. Sie hat mit ihrem Verständnis für die behandelten Gegenstände wie für den Autor mehr Anteil am Werden dieses Buches, als sich in Worten sagen läßt. Ihr sei es gewidmet.
Vorwort zur 4. Auflage
Seit dem Erscheinen der ersten Auflage dieser Seelsorgelehre sind 15 Jahre vergangen. Inzwischen hat sich in unserem Land, im gesellschaftlichen und religiösen Leben der Menschen vieles verändert. Die Arbeit der Kirchen und insbesondere das Verständnis und die Praxis ihrer Seelsorge sind davon nicht unberührt geblieben. Wenn dieses Buch noch einmal in neuer Auflage erscheinen sollte, bedurfte es dazu intensiver Überarbeitung des gesamten Textes. Dazu haben mich dann eine überwiegend positive Resonanz der Leser wie auch konstruktive Hinweise kollegialer Kritik ermutigt.
Auf ein paar der größeren Veränderungen sei hingewiesen:
–In der Einleitung waren Präzisierungen zur genaueren Bestimmung von „Seele“ und „Seelsorge“ notwendig.
–Die Beschreibung der kontextuellen Situation heutiger Seelsorge musste naheliegender Weise an vielen Stellen aktualisiert werden (1).
–Auch die Darstellung der „Seelsorgelandschaft“ in der Gegenwart war neu zu überdenken und zu erweitern (3.3. und 3.4).
–Das theologische Kapitel ist fast völlig neu geschrieben worden (4).
–In anderen Abschnitten waren Ergänzungen einzufügen: z.B. über die Sprache der Seelsorge und Kurzzeitseelsorge (6), über Taufe, Schulseelsorge (9.1.1), Seelsorge mit Demenzkranken (9.1.5), Seelsorge und Trauma (9.4.2)), über Spiritual Care und Internetseelsorge (10).
–Bei den „Lebensthemen“ wurde ein Unterkapitel über Angst neu hinzugefügt (8.4).
–Aktuelle Literatur ist in allen Kapiteln eingearbeitet worden, allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Unvermeidlich war, dass auf diese Weise der Umfang des Buches wuchs und die Seitenzahlen sich verschoben. Das ist vor allem für den wissenschaftlichen Gebrauch ärgerlich. Trotz aller Änderungen ist aber diese Seelsorgelehre in ihrer Gesamtanlage und weithin auch in ihrem Textbestand die gleiche geblieben. Mein poimenischer Grundansatz hat sich nicht wesentlich verändert und ebenso wenig die feste Überzeugung, dass geübter und gelebter Seelsorge auf dem Zukunftsweg unserer Kirchen und Gemeinden unbedingt eine Priorität gebührt.
Bei der manchmal doch recht aufwändigen Erarbeitung dieser Neuauflage war es gut, gelegentlich auf fachlich-freundschaftlichen Rat zurückgreifen zu können. Ich danke dafür Werner Biskupski und Friedrich-Wilhelm Lindemann und ebenso meiner Frau, die auch die mühevolle Registerarbeit mit mir teilte. Herrn Moritz Reissing schließlich sei herzlich gedankt für Unterstützung und Hilfe bei der Herstellung des neuen Drucksatzes.
| Leipzig, im Sommer 2015 | Jürgen Ziemer |
Eine Zeit nach seinem Tode sagte ein Freund:
„Hätte er zu wem zu reden gehabt, er lebte noch.“1
Einleitung: Seelsorge – erste Verständigungen
1. Seelsorge ist vielen heute ein fremdes Wort geworden
Natürlich hat man von Seelsorge schon einmal gehört. Und es gibt eine ungefähre Vorstellung davon. Seelsorge ist nicht unbekannt, aber doch fremd. Vielen Zeitgenossen klingt das Wort etwas altertümlich und vielleicht auch exklusiv. Es gehört für sie zur Sprache einer Sonderwelt.
Obwohl nur bedingt ein religiöses Wort2, wird es doch schnell dieser Sphäre zugeordnet. Vermutlich würde man es von sich aus auch gar nicht in den Mund nehmen; denn wer es aktiv gebraucht, gibt sich zu erkennen. Auch Gemeindeglieder verwenden das Wort Seelsorge eher selten. Andere Begriffe wie „Gespräch“, „Beratung“ oder „Aussprache“ – im Grunde fast Synonyme für „Seelsorge“ – erscheinen unverfänglicher. Die Verknüpfung mit dem religiös-kirchlichen Kontext scheint dabei nicht so unausweichlich gegeben. Das Wort „Seelsorge“ hat Anteil an der Fremdheit von Glauben und Kirche in unserer Welt?3
2. Das Wort Seelsorge löst oft ambivalente Empfindungen aus
Auch unter Christen hat „Seelsorge“ einen unterschiedlichen Klang. Sie wird einerseits hoch geschätzt und auf der anderen Seite zugleich skeptisch beurteilt. In Auseinandersetzungen über das zukünftige Profil von Kirche und Gemeinden hat die Seelsorge meist einen hervorgehobenen Stellenwert. Viele Kirchenvorstände wünschen sich mehr seelsorgliche Aktivitäten in der Gemeinde, und bei Pfarrwahlen hat die Eignung der Bewerberinnen und Bewerber für die Seelsorge einen bedeutsamen Auswahlwert.4 In vielen Fällen wird aber gar nicht klar, inwieweit Menschen auch für sich selber ein seelsorgliches Angebot in Anspruch nehmen würden. Zuweilen findet sich die (unbewusste) Einstellung: Seelsorge ist sehr wichtig, aber ich hoffe, dass ich selbst sie nicht brauche. Was Seelsorge wirklich ist, liegt ja nicht so deutlich zu Tage, wie wenn es um Predigt oder Konfirmandenunterricht geht. Seelischer Hilfe zu bedürfen, erscheint zudem eher peinlich, ein Zeichen von Schwäche – sei es psychischer, sei es geistiger, sei es lebenspraktischer Art. Bei Seelsorge gehen die Gedanken zuerst an andere, die Beistand brauchen: Kranke, Zweifelnde, Sterbende, in Not Geratene. Manchmal haftet dem seelsorglichen Handeln gar ein Geruch des Weichen, Fürsorglichen, des Freundlich-Betulichen oder auch des Frömmlerischen an. Konkrete Erfahrungen müssen nicht unbedingt dahinterstehen. Das gilt auch angesichts der häufig zu beobachtenden Furcht vor einem moralisierenden Ermahnungston in der Seelsorge. Dem muss nicht widersprechen, dass mitunter gerade ein solches Verhalten einem Seelsorger nahe gelegt wird: „Herr Pfarrer, mit unserem Sohn sollten Sie mal ein seelsorgliches Wort reden!“
Die Ambivalenz gilt im Blick auf die Seelsorge auch für Pfarrerinnen und Pfarrer selbst. Der große Reiz dieser Arbeit und die Hoffnung, hier wirklich für die Menschen erreichbar und alltagsrelevant tätig zu werden, wird konterkariert von Zweifeln: Worauf lasse ich mich da eigentlich ein? Wie ernst muss diese Aufgabe wirklich genommen werden? Begebe ich mich da nicht auf ein viel zu offenes Feld? Kommen hier auf mich Erwartungen zu, die ich gar nicht erfüllen kann?
3. Seelsorge ist etwas zutiefst Menschliches
Gegenüber allen Voreinstellungen und Vorurteilen, so verständlich sie sein mögen, ist zunächst festzuhalten: Seelsorge ist eine unverzichtbare und grundlegende Weise menschlichen Miteinanderseins. Ob sie professionell im Rahmen einer kirchlichen Berufstätigkeit oder spontan als Reaktion unmittelbaren Betroffenseins ausgeübt wird, ist hier erst einmal von untergeordneter Bedeutung. Es ist einfach menschlich, sich gegenseitig zu raten und Rat zu holen. Und es ist menschlich, jemanden zu haben, dem man zu vertrauen vermag, dem man sein Herz ausschütten kann, dem man sich zumuten darf. Seelsorge hängt mit der menschlichen Fundamentalerfahrung zusammen, dass wir Angewiesene sind, dass wir nicht immer allein zu Rande kommen – weder seelisch, noch emotional, noch glaubensmäßig, noch lebenspraktisch. Wir brauchen Menschen, denen wir uns anvertrauen können; manchmal ist es gut, wenn sie nicht aus dem eigenen Umfeld kommen.
Seelsorge ist etwas zutiefst Menschliches, aber sie ist deswegen nichts weniger als selbstverständlich. Selbstverständlich ist viel eher, sich aus dem Wege zu gehen, sich fremd zu bleiben, andere sich selbst und ihren eigenen Problemen zu überlassen oder an die für Gesundheit und Wohlfahrt zuständigen Institutionen zu verweisen. Rolf Zerfaß hat als ein Modell für den menschlichen Aspekt von Seelsorge die Erfahrung von „Gastfreundschaft“ empfohlen. Gastfreundliche Seelsorge gibt dem anderen Raum, sie nimmt seine Bedürfnisse wahr, ohne ihn damit gleich zu vereinnahmen. Sie gibt und empfängt zugleich. Gastfreundliche und darin eben „menschliche“ Seelsorge „wagt es, sich fremden Menschen anzuvertrauen, weil sie die überraschende Erfahrung macht, dass uns bis heute im Fremden Gott begegnet.5
4. Seelsorge ist „Sorge um die Seele“
Dass Seelsorge etwas zutiefst Menschliches ist, erfüllt sich schon in dem, was der Begriff selber sagt: sie ist „Sorge um die Seele“. So banal diese Auskunft erscheinen mag, so ist sie doch gleichwohl auslegungsbedürftig. Denn: was ist eigentlich „die Seele“? Wer von ihr spricht, hat eine ungefähre Ahnung, aber im Zusammenhang einer Seelsorgelehre muss man doch etwas genauer werden.
„Seele“ erscheint uns zunächst als etwas Gegensätzliches zum „Leib“. Über Jahrhunderte haben sich gläubige Menschen an der von der griechischen Philosophie begründeten Vorstellung getröstet, dass es außer dem sterblichen Leib noch etwas Anderes gibt, das bleibt und um das zu sorgen sich lohnt. Bei näherem Zusehen freilich zeigt sich, dass in der Bibel von der Seele keineswegs in Abgrenzung zum Leib gesprochen wird, sondern im Zusammenhang mit ihm. Das hebräische Wort für „Seele“ heißt nefäs und hat eine leibnahe Bedeutung: Atem, Schlund, Leben; es steht für ganz vitale Lebensregungen: Hunger, Durst, Begehren, Liebe, Dankbarkeit, auch Klage, Zorn und intensives Sehnen. Oft sind es die tiefer gehenden Gefühle, die uns den Weg zur Seele weisen. Das Wort „Seele“ kann auch für das stehen, was wir in psychologischer Terminologie heute das „Ich“ oder das „Selbst“ nennen6, etwa wenn der 103. Psalm mit der Selbstaufforderung beginnt. „Lobe den Herrn, meine Seele“! Im Neuen Testament steht das griechische Pendant für die Seele „psyche“ an vielen Stellen faktisch für „Leben“, für das Leben des „ganzen“ Menschen (z.B. Mk 8, 35, Mt 6, 25). In biblischer Sicht gehören also Leib und Seele zusammen. Der Leib ist nicht „ganz“ ohne Seele, die Seele nicht ohne Leib.7
Aber noch einmal: Was ist dann die Seele? Eine Funktion unseres Körpers? Ein Produkt des Gehirns, wie es uns manche Neurowissenschaftler nahe legen?
Die Seele ist keine materielle „Substanz“, losgelöst von unserer körperlichen Existenz. Sie bezeichnet vielmehr eine grundlegende Beziehung der Person und des Leibes.8 Sie ist der „Ort“, wo Gottes Zuwendung zu uns und unsere Hinwendung zu ihm Ereignis werden: „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ (Ps 43, 3). Seele ist Beziehung auf etwas, das uns leibhaft nahe ist und das zugleich über uns hinaus weist. Hier wird deutlich, wer von der „Seele“ spricht, berührt die religiöse Dimension. Das darf natürlich nicht so verstanden werden, dass nur im konfessionellen Sinn gläubige Menschen auf ihre Seele und auf Seelsorge hin ansprechbar wären. Die Seele dürstet, sie „hat“ nicht, sie ist Sehnsucht und Suchen. Und da sind gläubige von weniger gläubigen Menschen oft nicht weit entfernt. Die Seele ist, was Menschen als „Tiefe“ ihres Seins spüren, wohin ihr Herz neigt. Seelsorge, die für die Seele sorgt, fragt nach dem, was für die je eigene Seele wesentlich ist und so spricht sie den Menschen, schlicht gesagt, „persönlich“ an. Darüber freut sich die Seele, wie Augustin sagt, und: „Sie nährt sich von dem, woran sie sich freut.“9. Es ist die Freude darüber, als ungeteilt sein zu dürfen, was ich bin: leiblich, geistig, religiös. Die Seele als „Ort der Freude“ ist so auch der „Ort des Gewissens“10, an dem das Ich sich seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen bewusst wird.
5. Seelsorge ist unverzichtbares kirchliches Handeln
Gerade wenn wir mit Zerfaß Seelsorge unter anderem als Erfahrung von „Gastfreundschaft“ beschreiben wollen, wird deutlich, dass sie auch als eine Weise verstanden werden kann, in welcher Menschen das Evangelium begegnet. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Luther im dritten seiner „Schmalkaldischen Artikel“ zum Ausdruck gebracht hatte, dass das Evangelium neben Wort und Sakrament auch „per mutuum colloquium et consolationem fratrum“11, also durch wechselseitiges Gespräch und geschwisterliche Tröstung erfahren werde. Indem Menschen miteinander sprechen und füreinander aufmerksam werden – helfend, stärkend, herausfordernd, ratend, ermutigend – erfahren sie auch etwas von der Menschenfreundlichkeit Gottes in Christus, die in einer Gemeinde Gestalt gewinnt.
„Seelsorge findet sich in der Kirche vor…“, heißt es in diesem Sinne am Beginn einer der einflussreichsten Seelsorgelehren des 20. Jahrhunderts12 Dieser Satzanfang muss sowohl deskriptiv wie normativ verstanden werden. Kirche ist nicht Kirche ohne Seelsorge und sie kann es nicht sein. Wir haben als diese nicht zu überlegen, ob wir Seelsorge wollen oder nicht. Seelsorge als die Realisierung einer helfenden Beziehung zwischen Menschen, die sich im Horizont des Glaubens geschwisterlich verbunden wissen, gehört zur Auftragsgestalt der Kirche – nicht mehr und nicht weniger als der Gottesdienst, die Verkündigung oder der Unterricht. Damit sollten freilich Menschen außerhalb der Kirche von Erfahrungen seelsorglichen Handelns bewusst nicht ausgeschlossen werden. In der Seelsorge und durch sie könnte kirchliches Handeln gerade als grenzüberschreitend in Erscheinung treten.
6. Seelsorge ist eine Brücke zur entkirchlichten Welt
Längst ist die Welt, die uns täglich umgibt, weithin säkular geworden, und viele Menschen sind den Kirchen entfremdet. Was in ihnen gesprochen wird, ist vielen religionslos gewordenen Zeitgenossen nicht mehr ohne weiteres verständlich. Und auch von denen, die zur Kirche gehören, gibt es viele, die mit den überlieferten Worten des Glaubens für sich nicht mehr viel verbinden können.13 Und doch ist ein Interesse da, das was die „Seele“, das was „unbedingt“ angeht, zu kommunizieren. Der Seelsorge könnte in dieser Situation eine echte Brückenfunktion zur Welt zukommen. Sie ist eine Möglichkeit, Menschen ganz unmittelbar anzusprechen, ohne Vermittlung durch Formen oder Formeln des kirchlichen Lebens. Seelsorge ist Kommunikation über seelische Fragen, ohne besondere religiöse Voraussetzungen dafür zu fordern. In Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, einem unverkennbar nachchristlichen Roman, gibt es den Vorschlag für die Einrichtung eines „Weltsekretariats der Genauigkeit und Seele“ – von Ulrich, dem „Romanhelden“ zunächst „aus Spaß“, später immer ernsthafter erwogen. Dahinter steht das noch ganz unsichere Gefühl, es sei etwas nötig, „damit die Leute, die nicht in die Kirche gehen, wissen, was sie zu tun haben.“14 Es geht bei „Genauigkeit und Seele“ keineswegs nur um Moral, sondern um die den Menschen zuwachsenden Fragen, die durch Wissenschaft allein nicht zu beantworten sind. Seelsorge als „Dialog um Seele“ kann Menschen in ihrem Bemühen um Selbstreflexivität und Tiefe begleiten. Sie ist ein echter Dienst an den Menschen. Und wenn Seelsorge diesen an den verschiedenen Orten, wo sich das nahe legt, ausübt, dann nimmt sie eine Brückenfunktion wahr. Sie sollte es tun ohne aufdringlich-missionarische Absichten. Vielleicht jedoch eröffnet sie so dann auch wieder ein Zurückfragen nach dem, was sie zu ihrem Tun autorisiert.15
7. Seelsorge geschieht auf vielfältige Weise
Von anderen Formen einer helfenden Beziehung – etwa in der Sozialarbeit, bei unterschiedlichen Beratungsdiensten, in der Therapie – unterscheidet sich Seelsorge durch eine Vielfalt der Vollzugsformen Immer wieder wird es in der pastoralen Praxis Situationen geben, bei denen gar nicht klar ist, ob sie als „Seelsorge“ bezeichnet werden können. Die Grenzen zwischen einer informellen Begegnung und einem seelsorglichen Gespräch sind oft fließend. Zu denken ist hier an Gelegenheiten, bei denen sich ein Kontakt eher zufällig ergibt: das Gespräch am Schluss eines Gottesdienstes oder einer Gemeindeveranstaltung, die ungeplante Begegnung auf der Straße oder beim Spaziergang. Ähnliches gilt für manche kasuellen Anlässe – bei den vorbereitenden Gesprächen für Taufe, Trauung, Beerdigung, bei einem routinemäßig durchgeführten Geburtstagsbesuch, bei einem Begrüßungskontakt usw. Hilfreich kann hier die Unterscheidung von funktionaler und intentionaler Seelsorge sein, also einer Seelsorge, die sich „bei Gelegenheit“ ergibt, und einer Seelsorge, die bewusst als seelsorgliche Begegnung geplant und vereinbart wird. Wichtig ist es, alle diese Begegnungsformen als mögliche Gelegenheiten zur Seelsorge wahrzunehmen und für die Chancen der jeweiligen Situation offen zu sein. Seelsorge ist nicht festgelegt auf ein bestimmtes „setting“ – etwa den Besuch am Krankenbett oder das ausdrücklich vereinbarte Gespräch im Pfarrhaus. Für eine Seelsorgelehre haben diese Formen intentionaler Seelsorge freilich eine herausragende Bedeutung, denn an ihnen kann man in der begleitenden kritischen Reflexion erkennbar machen, was tendenziell auch für die weniger eindeutig strukturierten Prozesse einer funktionalen Seelsorge zutrifft.
8. Seelsorgelehre ist kritisch-konstruktiv auf Seelsorgepraxis bezogen
Seelsorgelehre – in der Wissenschaftssprache des 19. Jahrhunderts: Poimenik16 – ist auf Praxis angewiesen und auf sie bezogen. Sie lehrt nicht eigentlich Seelsorge, aber sie lehrt Seelsorge besser zu verstehen und sie in den Zusammenhang pastoralen Handelns und kirchlicher Lehre einzuordnen. In der Seelsorgelehre werden Kriterien entwickelt für die theologische und humanwissenschaftliche Beurteilung geschehener und geschehender Seelsorge. Darüber hinaus richtet sie ihr Augenmerk auf den Zusammenhang des seelsorglichen Handelns mit anderen Weisen zwischenmenschlicher Hilfebemühungen und deren wissenschaftlicher Reflexion in unserer Gesellschaft.
Der Ansatz unserer Seelsorgelehre ist ein pastoralpsychologischer. Die pastoralpsychologische Herangehensweise bedeutet dabei methodisch, dass die Konfliktlagen des Einzelnen und der zwischenmenschliche Kommunikationsvorgang in der Seelsorge auch unter humanwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Zugleich ist damit eine prinzipielle Offenheit für Handlungsansätze und Handlungsmodelle intendiert, die durch die pastoralpsychologische Bewegung für die Seelsorgepraxis erschlossen wurden.
Stärker als in dieser poimenischen Tradition bisher üblich geht es in der vorliegenden Einführung in die Seelsorgelehre darum, auch die kontextuellen Faktoren, die für Selbsterfahrungen des Einzelnen relevant sein könnten, in die Darstellung einzubeziehen. Individuelle Probleme haben oft soziale Ursachen. Seelsorgliches Handeln geschieht immer in einer konkreten gesellschaftlichen und kulturellen Situation. Sie genau wahrzunehmen heißt auch, die Bedingungen zu erkennen suchen, die für die spezifischen Lebens- und Leidenserfahrungen des Einzelnen verantwortlich sind.
Fazit: Und was ist nun eigentlich Seelsorge?
Der Wunsch nach einer schlüssigen Definition ist gut verständlich, aber kaum erfüllbar, und das nicht nur mangels Sprachkraft, sondern letztlich wegen der Eigenart der „Seele“, deren Wesen jeder Art von Definition entgegensteht. Von ihr sagt Heraklit (5. Jh. v.Chr.): „Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfindig machen, wenn du auch alle Wege absuchtest, so tiefgründig ist ihr Wesen.“17
Versuchen wir dennoch eine Definition, müssen wir zunächst ziemlich allgemein bleiben. Etwa so:
Seelsorge ist zwischenmenschliche Hilfe durch personale Kommunikation in religiösen Kontexten.
Dies ist eine sehr allgemeine Umschreibung. Sie versucht der Tatsache Rechnung zu tragen, dass es nicht nur christliche Seelsorge gibt, sondern auch beispielsweise jüdische und muslimische. Vielleicht empfindet aber mancher schon die Bestimmung „in religiösen Kontexten“ als einengend. Es gibt auch „weltliche“ oder neuerdings auch „philosophische“ Seelsorge. In der Tat ist Religionszugehörigkeit im persönlichen oder im rechtlichen Sinne keine Voraussetzung für Seelsorge, wohl aber ist eine Offenheit für das notwendig, was „menschlich und wesentlich“ ist. Denn darum geht es, wenn wir uns um die „Seele“ sorgen. Der Seele aber eignet, wie Heraklit sagt, eine „Tiefe“, und das bedeutet, dass sie in Bereiche führt, die wir dem Religiösen zurechnen.
Wenn wir nun die zunächst sehr allgemeine Definition mit der für christliche Seelsorge verbinden, könnte man auch so formulieren:
Seelsorge als „Sorge um die Seele“ kann umfassend als Sorge um das Menschsein des Menschen verstanden werden. Sie vollzieht sich in der vertrauensvollen Kommunikation existentieller Fragen im Horizont des christlichen Glaubens.
Wenn wir die Definition von Seelsorge nun in verschiedenen Fragehinsichten spezifizieren wollen, kommen wir zu folgenden Bestimmungen:
–Theologisch: „Seelsorge ist Zuwendung zum einzelnen Menschen als ‚Kommunikation des Evangeliums’“.18 Man könnte im gleichen Sinne von Seelsorge auch als „Vollzug christlicher Anthropologie“19 sprechen. (s. Kap. 4)
–Psychologisch kann Seelsorge verstanden werden als Beratung bei existentiellen und spirituellen Problemen im Rahmen eines relativ offenen Settings. (s. Kap.5)
–Soziologisch ließe sich Seelsorge beschreiben als intendierte Praxis solidarischer Gemeinschaft im kirchlichen Kontext. (s. Kap.1)
–Ekklesiologisch betrachtet ist Seelsorge Wesensmerkmal der christlichen Kirche als Gemeinschaft des Glaubens, konkret erlebbar durch die Gemeinde und in ihr. (s. Kap.4,4);
–Pastoraltheologisch gesehen ist Seelsorge geistlicher Auftrag und berufliche Aufgabe kirchlicher Mitarbeiter in den „Verkündigungsdiensten“, besonders im Pfarrberuf, aber auch ein wichtiges Engagement von Ehrenamtlichen in spezifischen Arbeitsfeldern. (s. Kap.7).
Alles dies sind Bestimmungen von Seelsorge, wie sie sich von unterschiedlichen Standorten her ergeben. Sie sind zutreffend und erweitern unser Bild von Seelsorge. Sie sollten aber andere Sichtweisen nicht ausschließen – die der Leiblichkeit etwa oder die einer ethischen Orientierung (s. Kap.4.3 und 4.5). Es ist wichtig, die Dynamik seelsorglichen Engagements in unserer Welt und Kirche nicht unnötig einzugrenzen. In unterschiedlichen Kontexten und unter unterschiedlichen Bedingungen hat Seelsorge jeweils eine andere Ausdrucksgestalt. Das gehört zu ihrem Wesen.20
Ist Seelsorge auch „missionarisch“? So wird gelegentlich gefragt. Seelsorge ist keine Missionsmethode, und sie will nicht Mitglieder werben. Aber wenn Seelsorge ist, was sie ist und soll, dann wirkt sie „missionarisch“21, weil sie Menschen an der Kraft des Evangeliums Anteil gibt, ohne dieses kirchlich zu etikettieren und ohne Gegenleistung zu erwarten.
In diesem Zusammenhang ist noch ein Wort notwendig zum unterschiedlichen Sprachgebrauch in der katholischen und in der evangelischen Kirche, Katholischerseits hat man bei „Seelsorge“ meist das mit im Blick, was traditionell die cura animarum generalis genannt wird, also den gesamten Bereich der Zuwendung zu den Menschen in der Gemeindearbeit (der Pastoral).22 Evangelischerweise ist dabei immer die cura animarum specialis gemeint, also ein besonderer Sektor der Gemeindearbeit, konkret die persönliche Begegnung mit dem Einzelnen, in der Regel das seelsorgliche Gespräch. So auch in diesem Buch. Wenn man den Unterschied beachtet, lässt sich über Seelsorge in Praxis und Theorie problemlos ökumenisch kommunizieren.
Literatur
Was die Literatur zu Seelsorge und Seelsorgelehre anlangt, herrscht heute (2014) ein Wohlstand ohnegleichen. Es ist angesichts dessen nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten. In den letzten Jahren sind kaum noch Forschungsberichte zur Seelsorge erschienen. Dafür ist jetzt an Lehrbüchern kein Mangel. Zuerst hatte Klaus Winkler 1997 mit seiner Seelsorge (22000), Jahrzehnte nach Thurneysen, wieder ein Lehrbuch vorgelegt, in dem er authentisch und eigene Weise eine psychoanalytisch fundierte Seelsorgelehre dargelegt hatte. Souveräne Kenntnis von Theorie und Praxis gegenwärtiger Seelsorge zeichnet Michael Klessmanns Seelsorge (2008) aus. Auch Klessmanns Sichtweise ist pastoralpsychologischer Natur, freilich mit großer Offenheit für die inzwischen vielfältig gewordene Seelsorgelandschaft. Das gilt in gleicher Weise für Christoph Morgenthalers Seelsorge (2009), einem überzeugend gegliederten und originell durchgeführten Werk. Die jüngste Seelsorglehre stammt von Michael Herbst (2012). Herbst bemüht sich in seinem monumentalen Werk um eine integrative Sichtweise von Seelsorge, die dann durch exemplarische Darstellung seelsorglicher Praxissituationen (Eheseelsorge, Kinderkrankenhaus) demonstriert wird. Zu diesen Lehrbüchern gesellt sich das von Wilfried Engemann herausgegebene Handbuch der Seelsorge (2007, 32015). Darin werden schulübergreifend von verschiedenen Autoren grundlegende Themen der Seelsorge und Seelsorgetheorie behandelt. Für eine grundlegende Orientierung im Fachgebiet Seelsorge muss auch unbedingt das Buch der katholischen Theologin und Medizinerin Doris Nauer, Seelsorge. Sorge um die Seele (2007) genannt werden. Dies Buch ist eine Art Fundamentalpoimenik, interdisziplinär und ökumenisch. Zu den wichtigen Werken der Seelsorgelehre gehören nach wie vor das von Isidor Baumgartner herausgegebene Handbuch der Pastoralpsychologie (1990) sowie dessen eigene Pastoralpsychologie (1990). Im Grunde sind dies auch Seelsorgelehren, einer eher katholischen Begriffstradition folgend.
Wer eine fundierte und anregende Orientierung für die Praxis des seelsorglichen Gesprächs sucht, dem sei Unter vier Augen von Hans van der Geest (62002) empfohlen. In dem Buch werden wichtige Themen der Seelsorge an Hand von ausführlichen Praxisdokumentationen behandelt. Praktische Hilfen für Haupt- und Ehrenamtliche bietet Wolfgang Wiedemann in seinem, ganz aus der tiefenpsychologischen Tradition kommenden Buch Keine Angst vor der Seelsorge (2009) und jüngst auch Anfreas von Heyl mit einem Leitfaden zur Seelsorge (2014).
Ein erster Zugang zu der für die Entwicklung der pastoralpsychologisch orientierten Seelsorge so bedeutsamen nordamerikanischen Literatur kann über einzelne Artikel des profunden DPCC (1990) gefunden werden. Eine knappe, übersichtliche Einführung bietet Charles V. Gerkin (1997).
Eine unschätzbare Hilfe für alle theoretische Beschäftigung mit Seelsorge und Pastoralpsychologie stellt die Bibliographie zur evangelischen Seelsorgelehre von Martin Jochheim (1997) dar. Diese wertvolle Arbeit hat bisher leider keine Fortsetzung gefunden.
Überblicksartikel zu wichtigen poimenischen Neuerscheinungen sind zuletzt u.a. von Jochen Cornelius-Bundschuh (2002) und von Michael Klessmann (1999, 2001, 2003) erschienen.
Wörterbücher, bibliographische Hilfsmittel und Überblicke:
Cornelius-Bundschuh, Jochen: Aufbruch, Differenzierung und Konsolidierung. Tendenzen in der neueren Seelsorgeliteratur, in: Verkündigung und Forschung 47, 2002, 48–70
Dieterich, Michael u.a. (Hg.): Wörterbuch Psychologie und Seelsorge, Wuppertal 1996
Gastager, Heimo u.a. (Hg.): Praktisches Wörterbuch der Pastoralanthropologie, Göttingen 1975
Hunter, Rodney J. (Hg.): Dictionary of Pastoral Care and Counseling. Nashville 1990 (DPCC)
Jochheim, Martin: Bibliographie zur evangelischen Seelsorgelehre und Pastoralpsychologie, Bochum 1997
Klessmann, Michael: Seelsorge zwischen Energetik und Hermeneutik, in: PTh 90, 2001, 39–5
– Integration und Differenzierung, in: PTh 92, 2003, 127–143
– Neue Akzente in der Seelsorge, in: PTh 97, 2008, 2–13
Zeitschriften:
International Journal of Practical Theology, Berlin/New York 1, 1997ff.
Journal of Pastoral Care/ (seit 2002:) Journal of Pastoral Care and Counseling, Kutztown, N.Y. 1, 1947ff.
Journal of Pastoral Counseling, New York 1, 1966ff.
Lebendige Seelsorge, Freiburg i.Br. 1, 1950ff.
Pastoral Psychology, Great Neck, N.Y. 1, 1950ff.
Pastoraltheologie. Monatsschrift für Wissenschaft und Praxis in Kirche und Gesellschaft, Göttingen 1, 1911ff.
Praktische Theologie. Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Kirche, Gütersloh 1, 1966ff. (bis 1993 Theologia Practica)
Psychotherapie und Seelsorge, Kassel 2005ff.
Wege zum Menschen. Monatsschrift für Seelsorge und Beratung, heilendes und soziales Handeln, Göttingen 1948ff.
Gesamtdarstellungen, Handbücher:
Ahlskog, Gary/Sands, Harry (Hg.): The Guide to Pastoral Counseling and Care. Madison 2000
Asmussen, Hans: Die Seelsorge. Ein praktisches Handbuch über Seelsorge und Seelenführung, München 1933, 41937
Baumgarten, Otto: Protestantische Seelsorge, Tübingen 1931
Baumgartner, Isidor (Hg.): Handbuch der Pastoralpsychologie, Regensburg 1990
Baumgartner, Isidor: Pastoralpsychologie, Düsseldorf 1990
Becker, Ingeborg. u.a. (Hg.): Handbuch der Seelsorge, Berlin 1983, 41990
Clinebell, Howard: Modelle beratender Seelsorge, München 1971
Engemann, Wilfried (Hg.): Handbuch der Seelsorge. Grundlagen und Profile, Leipzig 2007 (HbS)
Friedman, Dayle E.: Jewish Pastoral Care. A Practical Handbook from Traditional and Contemporary Sources, Woodstock 2001
Gerkin, Charles V.: An Introduction to Pastoral Care, Nashville 1997
Grund, Friedhelm: Menschenfreundliche Seelsorge. Ein Leitfaden, Gießen 2006
Hauschildt, Eberhard: Art. Seelsorge II. praktisch-theologisch, in: TRE 31, 2000, 31–54 – Art. Seelsorgelehre, in: TRE 31, 2000, 54–74
Herbst, Michael: beziehungsweise: Grundlagen und Praxisfelder evangelischer Seelsorge, Neukirchen 2012
Kiesow, Ernst-Rüdiger: Die Seelsorge, in: Handbuch der Praktischen Theologie, Bd. 3, Berlin 1978, 141–262
Klessmann, Michael: Seelsorge. Begleitung, Begegnung, Lebensdeutung im Horizont des christlichen Glaubens. Ein Lehrbuch, Neukirchen 2008, 42012
Merle, Kristin/Weyel, Birgit (Hg.): Seelsorge. Quellen von Schleiermacher bis zur Gegenwart, Tübingen 2009
Morgenthaler, Christoph, Seelsorge, Gütersloh 2009
Nauer, Doris: Seelsoge. Sorge um die Seele, Stuttgart 2007, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage 2014
Nicol, Martin: Grundwissen Praktische Theologie, Stuttgart 2000, 99–129
Ruthe, Reinhold: Die Seelsorge-Praxis. Handbuch für Beratung und Therapie –Lebensstilanalyse – Gesprächsführung – Familienberatung, Moers 1998
Scharfenberg, Joachim: Einführung in die Pastoralpsychologie, Göttingen 1985. 21994
Schütz, Werner: Seelsorge, Gütersloh 1977
Stollberg, Dietrich: Art. Seelsorge, in: EKL IV, 1996, 173–188
Thurneysen, Eduard: Die Lehre von der Seelsorge, Zürich 21957
Thurneysen, Eduard: Seelsorge im Vollzug, Zürich 1968
Trillhaas, Wolfgang: Der Dienst der Kirche am Menschen, Berlin 21958
Uhsadel, Walter: Evangelische Seelsorge, Praktische Theologie Bd. 3, Heidelberg 1966
Wicks, Robert J. u.a. (Hg.): Clinical Handbook of Pastoral Counseling, Vol. I und II. Mahwah, N.J. 1993
Winkler, Klaus: Seelsorge, Berlin/New York 1997, 22000
Wintzer, Friedrich (Hg.): Seelsorge. Texte zum gewandelten Verständnis und zur Praxis der Seelsorge in der Neuzeit, München 1978, 31988
Weitere Literatur zur Seelsorge allgemein:
Baumann, Urs/Reuter, Mark/Teuber, Stephan: Seelsorgliche Gesprächsführung. Ein Lernprogramm, Düsseldorf 1996
Bell, Desmond/Fermor, Gotthard (Hg.): Seelsorge heute. Aktuelle Perspektiven aus Theorie und Praxis, Neukirchen 2009
Bernet, Walter: Weltliche Seelsorge. Elemente einer Theorie des Einzelnen, Zürich 1988
Blühm, Reimund u.a.: Kirchliche Handlungsfelder, Stuttgart/Berlin/Köln 1993, 60–104
Dieterich, Michael: Seelsorge kompakt, Wuppertal 2006
Geest, Hans van der: Unter vier Augen. Beispiele gelungener Seelsorge, Zürich 1981, 62002
Gutmann, Hans-Martin: Und erlöse uns von dem Bösen. Die Chance der Seelsorge in Zeiten der Krise, Gütersloh 2005
Handbuch interkulturelle Seelsorge, hg. Karl Federschmidt u.a., Neukirchen 2002
Hartmann, Gert: Lebensdeutung, Göttingen 1993
Held, Peter: Systemische Praxis in der Seelsorge, Mainz 1998
Heyl, Andreas von: Seelsorge. Ein Leitfaden, Freiburg 2014
Josuttis, Manfred: Segenskräfte. Potentiale einer energetischen Seelsorge, Gütersloh 2000
Karle, Isolde: Seelsorge in der Moderne, Neukirchen 1996
Kohler, Eike: Mit Absicht rhetorisch. Seelsorge in der Gemeinschaft der Kirche, Göttingen 2006
Kramer, Anja/Schirrmacher, Freimut (Hg.): Seelsorgliche Kirche im 21. Jahrhundert, Neukirchen 2005
Kramer, Anja/Ruddat, Günter/Schirrmacher, Freimut (Hg.): Ambivalenzen der Seelsorge. FS Michael Klessmann, Neukirchen 2009
Lemke, Helga: Personzentrierte Beratung in der Seelsorge, Stuttgart 1995
Morgenthaler, Christoph: Systemische Seelsorge, Stuttgart 1999, 42005
Morgenthaler, Christoph/Schibler, Gina: Religiös-existentielle Beratung. Eine Einführung, Stuttgart 2002
Nauer, Doris: Seelsorgekonzepte im Widerstreit. Ein Kompendium, Stuttgart 2001 – Seelsorge. Sorge um die Seele, Stuttgart 2007
Piper, Hans-Christoph: Einladung zum Gespräch. Themen der Seelsorge, Göttingen 1998 – Kommunizieren lernen in Seelsorge und Predigt, Göttingen 1981
Pohl-Patalong, Uta: Seelsorge. Konzeptionen/Kontakte/Lebensgestaltung/Seelsorgegespräche, in: Handbuch Praktische Theologie, Gütersloh 2007, 675–686
Rauchfleisch, Udo: Arbeit im psychosozialen Feld. Beratung, Begleitung, Psychotherapie, Seelsorge, Göttingen 2001
Riedel-Pfäfflin, Ursula/Julia Strecker: Flügel trotz allem. Feministische Seelsorge und Beratung, Gütersloh 21999
Riess, Richard: Seelsorge, Göttingen 1973
– Die Wandlung des Schmerzes. Zur Seelsorge in der modernen Welt, Göttingen 2009
Rolf, Sibylle: Vom Sinn zum Trost. Überlegungen zur Seelsorge im Horizont einer relationalen Ontologie, Münster 2003
Scharfenberg, Joachim: Seelsorge als Gespräch, Göttingen 1972, 51991
Schibler, Gina: Kreativ-emanzipierende Seelsorge. Konzepte der intermedialen Kunsttherapien als Herausforderung an die kirchliche Praxis, Stuttgart 1999
Schneider-Harpprecht, Christoph (Hg.): Zukunftsperspektiven für Seelsorge und Beratung, Neukirchen 2000
– Interkulturelle Seelsorge, Göttingen 2001
– Seelsorge – christliche Hilfe zur Lebensgestaltung. Aufsätze zur interdisziplinären Grundlegung praktischer Theologie, Berlin 2012
Schneiderei-Mauth, Heike: Ressourcenorientierte Seelsorge, Salutogenese als Modell für seelsorgliches Handeln, Gütersloh 2015
Schmid, Peter F.: Im Anfang ist Gemeinschaft. Personzentrierte Gruppenarbeit in Seelsorge und praktischer Theologie. Beitrag zu einer Theologie der Gruppe, Stuttgart 1998
Seitz, Manfred: Praxis des Glaubens. Gottesdienst, Seelsorge und Spiritualität, Göttingen 31985
Stollberg Dietrich: Mein Auftrag – Deine Freiheit, München 1972
– Seelsorge praktisch, Göttingen 1970
Thilo, Hans-Joachim: Beratende Seelsorge. Tiefenpsychologische Methodik, dargestellt am Kasualgespräch, Göttingen 1971
Weiß, Helmut: Seelsorge – Supervision – Pastoralpsychologie, Neukirchen 2014
Wenz, Georg/Kamran, Talat (Hg.): Seelsorge und Islamin Deutschland, Seyer 2012
Wiedemann, Wolfgang: keine Angst vor der Seelsorge. Praktische Hilfen für Haupt- und Ehrenamtliche, Göttingen 2009
Wittrahm, Andreas: Seelsorge, Pastoralpsychologie und Postmoderne, Stuttgart 2001
Zerfaß, Rolf: Menschliche Seelsorge, Freiburg 31985
1Buber, Martin: Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, 646.
2Es erscheint durchaus sinnvoll, in der Nachfolge Sigmund Freuds auch von „weltlicher Seelsorge“ zu sprechen: vgl. etwa: Bernet, Walter: Weltliche Seelsorge. Elemente einer Theorie des Einzelnen, Zürich 1988. Über „philosophische Seelsorge“ vgl.: Schmid, Wilhelm: Was macht ein Philosoph im Krankenhaus, in: Kursbuch 175, Hamburg 2013, 90ff.
3Versuche, den Begriff „Seelsorge“ auch anderen Bereichen, etwa der Tätigkeit eines Arztes zuzuordnen, sind eher peripher geblieben: Frankl, Viktor: Ärztliche Seelsorge, Frankfurt a.M. 41995.
4Die großen Mitgliedschaftsuntersuchungen der EKD von 1974 und 1984 brachten die besondere Wertschätzung von Seelsorge und religiöser Kommunikation durch die Gemeindeglieder zum Ausdruck. Auch die Erhebungen von 1954 und 2004 weisen in diese Richtung: Engelhardt, Klaus u.a. (Hg.): Fremde Heimat Kirche, Gütersloh 1997, 357ff.; Huber, Wolfgang (Hg.): Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Gütersloh 2006, 355ff.
5Zerfaß, Rolf: Menschliche Seelsorge, Freiburg 31985, 28; vgl. dort auch den Gesamtzusammenhang 11–32; ferner: Baumann, Urs u.a.: Seelsorgerliche Gesprächsführung, Düsseldorf 1996, 61; Wagner-Rau, Ulrike: Auf der Schwelle, Stuttgart 2009, 97–118.
6Vgl. Horst Seebass in. Art. Seele II. 2 Alter Orient und Altes Testament, in RGG4 Bd. 7, Tübingen 2004, 1092.
7Ausführliche Darlegungen zum biblischen Seelenbegriff mit deutlich antidualistischer Ausrichtung bei: Naurath, Elisabeth: Seelsorge als Leibsorge, Stuttgart 2000, 20–43 und Nauer, Doris: Seelsorge, Stuttgart 2007, 23–43; vgl. auch Stock, Konrad. Art. Seele VI. Theologisch, in: TRE 30, Berlin 1999, 759–773, 771; Herbst, Seelsorge, 177–192; Eberhardt, Hermann: Praktische Seelsorge-Theologie, Bielefeld 21993, 19–53.
8Vgl. zu diesem Gedanken Schirrmacher, Freimut: Seelsorge als Beziehungsgeschehen, Neukirchen 2012, 94f.
9Augustin, Bekenntnisse, übertragen von Herman Hefele, Berlin 1959, Kap.13, 26f.
10Vgl. Naurath, Elisabeth: Art. Seele III.4. Praktisch-theologisch, in. RGG4 Bd. 7, Tübingen 2004, 1105.
11Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Berlin 51960, 449.
12Thurneysen, Eduard: Die Lehre von der Seelsorge, Zürich 21957, 9.
13Längst ist die Diagnose. die Dietrich Bonhoeffer schon 1944 dem traditionellen Christentum stellte, durch Erfahrungen erhärtet: Die großen Worte des Glaubens können den Menschen nicht mehr die Botschaft mitteilen, die hinter ihnen steht. Widerstand und Ergebung, Berlin 1972, 327ff.
14Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften, (10. Kapitel) Bd. 2, Berlin 1975, 99f.; vgl. a.a.O., 106. 456.
15In diesem Sinn darf dann durchaus auch von „Mission“ gesprochen werden: Seelsorge als Angebot ohne Erwartung von Gegenleistung.
16Von poimen (griech.) = Hirte, Pastor, also: Lehre vom Hirten- bzw. Pastorendienst.
17Die Vorsokratiker, übersetzt von Wilhelm Capelle, Berlin 1958, 144.
18Meyer-Blanck, Michael: Theologische Implikationen der Seelsorge, in: HbS, 19–33, 31.
19so Lammer, Kerstin: Beratung mit religiöser Kompetenz. Beiträge zu pastoralpsychologischer Seelsorge und Supervision, Neukirchen 2012, 22; vgl. auch Herms, Eilert: Pastorale Beratung als Vollzug theologischer Anthropologie, in. WzM 29, 1977, 202–223.
20Der katholische Theologe Wolfgang Reuter nennt diesen Sachverhalt heutiger Seelsorge „Relationalität“ und diesen entspricht eine „multiperspektivische Offenheit“ in der Seelsorgepraxis: Reuter, Wolfgang: Relationale Seelsorge, Stuttgart 2014, 224. 227.
21Vgl. Ziemer, Jürgen: Seelsorge und Mission. Zu Orientierung in einem schwierigen Feld, in: Seelsorge – Muttersprache der Kirche, epd-Dokumentation, Hannover 2010, 6–12.
22Zu den unterschiedlichen Begriffen von Seelsorge und zur „Pastoral“ vgl. die Darstellungen und Bestimmungen von Doris Nauer, Seelsorge. Sorge um die Seele, Stuttgart 2007, 55ff; 62f.
1. Leben im Ungewissen
Zu den Kontexten heutiger Seelsorgepraxis
In der Seelsorge begegnet uns der Mensch als Einzelner mit seinen Fragen und Konflikten, mit seinen körperlichen, seelischen und geistlichen Leiden. Die Probleme, die in der Seelsorge zur Sprache kommen, können aktuell veranlasst und/oder lebensgeschichtlich verankert sein. Sie dürften in aller Regel auch ein Reflex auf die mikro- und makrosozialen Gegebenheiten sein, in denen sich das Individuum befindet. Die „Befindlichkeit“ des Einzelnen hat immer auch einen Außenaspekt. Seelsorgliche Arbeit muss darum verbunden sein mit wacher Aufmerksamkeit für die Verhältnisse, in denen das Individuum lebt. Anders als in der konkreten Situation einer seelsorglichen Begegnung, in der die primäre Aufmerksamkeit dem Individuum gilt, ist es in der Seelsorgelehre wenn auch nicht üblich, so doch sinnvoll, zunächst den Blick auf die Welt des Einzelnen zu richten, ehe der Einzelne in seiner Welt wahrgenommen wird. Das ist im Rahmen einer kurzen Einführung nicht einfach zu leisten – zumal wir von Welt- und Gesellschaftsdeutungen unterschiedlichster Provenienz geradezu überschwemmt werden. Die Flut soziologischer und sozialphilosophischer Deutungsliteratur weist ja offensichtlich auf eine erhöhte Deutungsbedürftigkeit des gesellschaftlichen Seins und Lebens in der Gegenwart hin. Die ambivalenten Welterfahrungen der Individuen in der Moderne und mit der Moderne rufen mehr denn je das Verlangen hervor, Zusammenhänge und Ursachen zu erkennen. Für die Seelsorgelehre sollen hier wichtige Einsichten und Klärungsversuche soziologischer und religionssoziologischer Natur festgehalten werden. Das kann nicht umfassend und systematisch geschehen, sondern nur entlang der eigenen Wahrnehmungen und im Hinblick auf eine mögliche Relevanz für die seelsorgliche Arbeit.
1.1Lebensbedrohlicher Sicherheitsverlust
Fragen wir nach einer Kernerfahrung, die das soziale und individuelle Leben in Deutschland (und darüber hinaus wohl auch in ganz Europa) zu charakterisieren vermag, ist wohl zuerst an den spürbaren Verlust an Sicherheit und Gewissheit zu denken. Der Begriff „Verlust“ legt dabei nahe, davon auszugehen, dass es vormals ein Mehr an Sicherheit und Orientierungsgewissheit gab. Ob das objektiv so war, können wir hier dahingestellt sein lassen. Nostalgische Verklärungseffekte sind nie auszuschließen. Subjektiv empfinden viele Menschen in unserer Gesellschaft jedenfalls einen Verlust. Und das ist mehr als nur ein verschwommenes Gefühl. Paradoxerweise muss diese Verlusterfahrung als die Kehrseite von gewachsenen Lebenschancen, neuen Daseinsmöglichkeiten und erhöhtem Freiheitsgewinn angesehen werden. Die „Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck) schattet ihre Strukturen und Problemlagen auch in den familiären und privaten Beziehungen des Einzelnen ab. Davon wird noch en detail zu reden sein. Zunächst sei an die überindividuellen Erfahrungen eines Sicherheitsverlustes erinnert.
•Im Bereich der modernen Technologie und der industriellen Warenproduktion erleben wir seit Jahrzehnten einen phantastischen Zuwachs an Lebens- und Erlebensmöglichkeiten. Mit Hilfe der mehr und mehr automatisierten Großproduktion können in nahezu unbegrenzter Quantität Nahrungsmittel und andere Lebensgüter hergestellt werden; digitale Kommunikationsnetze weltumspannender Reichweite lassen räumliche Distanzen zwischen Menschen und Institutionen gegen Null zusammenschrumpfen; neue Forschungsmethoden und präzisere Untersuchungsinstrumentarien erschließen immer mehr die Geheimnisse der Mikro- und Makrowelt des Lebens. Aber zugleich geht diese „gesellschaftliche Produktion von Reichtum einher mit der Produktion von Risiken“. Wir bekommen es zunehmend zu tun mit ganz neuen „Problemen und Konflikten, die aus der Produktion, Definition und Verteilung wissenschaftlich-technisch produzierter Risiken entstehen.“1 Es sind vor allem die ökologischen Risiken, die uns unsicher werden lassen, ob die Luft, die wir atmen, nicht verpestet, ob der Boden, den wir bebauen, nicht verseucht, ob das Wasser, das wir trinken, nicht vergiftet ist. Aber es wächst darüber hinaus auch die Angst vor Katastrophen, die das Leben auf der Erde generell gefährden. Dabei sieht sich der Einzelne, der von den wissenschaftlich-technischen Entscheidungsprozessen viel zu weit entfernt ist, immer weniger imstande zu beurteilen, wie real die heraufbeschworenen Gefahren – etwa im Bereich der Genforschung und deren Anwendung – wirklich sind.
•Auf allen Ebenen der politischen Entscheidungsprozesse werden zunehmend neue Gefahren „produziert“. Paradoxerweise sind diese Gefahren nach der Überwindung des politischen, ideologischen und militärischen Ost-West-Gegensatzes eher gestiegen als gesunken. Die allgemeine politische Situation ist an den Rändern Europas, im Nahen Osten und in der islamischen Welt unberechenbarer geworden. Das Bewusstwerden historischer Ungerechtigkeiten, ethnischer Unterdrückung und die Erfahrungen offensichtlicher und schwerwiegender Chancenungleichheiten schaffen ein Konfliktpotenzial, das mit demokratischen Mitteln schwer unter Kontrolle zu halten ist. Es wäre ganz und gar falsch, den durch die „Wende“ von 1989 erkämpften Freiheitsgewinn auch nur für einen Augenblick zur Disposition zu stellen. Aber die Gefährdungen der Freiheit und des Lebens müssen gesehen und ernst genommen werden. Zygmunt Bauman spricht von neuen Erfahrungen einer „Weltunordnung“: „Seit das große Schisma aus dem Wege ist, sieht die Welt nicht mehr aus wie eine Totalität; sie sieht eher aus wie ein Feld zerstreuter und disparater Kräfte … Niemand scheint mehr die Totalität unter Kontrolle zu haben.2 Schon stellen sich Situationen ein, die höchst gefährliche nationalistische und totalitäre Formen einer „Gegenmodernisierung“3 auf den Plan rufen.
•Ein hohes Maß an Sicherheitsverlust ist mit der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation eng verknüpft. Unabhängig von den Zyklen wirtschaftlicher Progression und Rezession müssen wir heute angesichts der immer geringer werdenden Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft in den industriellen Produktionsprozessen davon ausgehen, dass in Zukunft keineswegs mehr für jeden Arbeitswilligen auch ein Arbeitsplatz im Sinne einer Vollbeschäftigung zur Verfügung stehen wird.4 Für einen großen Teil der Bevölkerung stellt dies einen dauerhaften Destabilisierungsfaktor dar – auch wenn man in Rechnung stellt, dass neue Verteilungsmuster einen gewissen Ausgleich schaffen können. Der Einzelne gerät auf dem Arbeitsmarkt ziemlich schnell in eine Konkurrenzsituation, die ihn existenziell und psychisch überfordern kann. In einer solchen Konkurrenzsituation wächst für alle diejenigen die Unsicherheit, die mehr oder weniger aus der Leistungsnorm fallen: die schlecht Ausgebildeten, die Älteren, vielfach auch die Frauen, die Behinderten, die Ausländer und so weiter. Diese Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt könnte von einem Entsolidarisierungseffekt begleitet sein, der die Gefahr verstärkt, dass ganze Bevölkerungsgruppen zu „Verlierern“ werden.
•Zunehmend geraten die Sicherheitsrisiken für unsere persönlichsten Angelegenheiten an einer noch an einer ganz anderen Stelle ins Blickfeld: in der digitalen Welt, in die wir durch das Internet täglichen Zugang haben. Datensicherheit ist im privaten wie auch im öffentlichen Bereich ein unausweichliches Problem geworden. Täglich senden wir eine Fülle von Daten in das elektronische Medium. Wir verschicken persönliche Botschaften, beteiligen uns an Internetforen wie Facebook, nehmen Internetdienste unterschiedlichster Art in Anspruch. Alle diese Daten, so viel Vertraulichkeit auch zugesichert sein mag, sind unserer Verfügbarkeit entzogen. Es werden „Profile“ erstellt, die uns ungebeten maßgeschneiderte Werbung zutreibt. Eine verunglückte Mail, ein peinliches Foto – es entstehen unverwischbare Spuren. Viele haben es noch gar nicht begriffen, aber es entsteht in unserer Welt „eine neue Transparenz, durch die… jeder Mensch in allen Bereichen des Alltagslebens pausenlos überprüft, beobachtet, getestet, bewertet, beurteilt und in Kategorien eingeordnet werden kann.“5 Dabei ist vielfach eine Ambivalenz zu spüren: es gibt einerseits ein schier unbegrenztes Bedürfnis sich virtuellen Adressaten in einen anonymen Raum hinein mitzuteilen, andererseits die Verunsicherung und Beunruhigung darüber, was damit geschehen könnte. Es sind viele Vorkehrungen nötig, um wenigstens ein Mindestmaß man Sicherheit herzustellen. Das betrifft auch solche Dienste wie die Internetseelsorge. Sie sind absolut sinnvoll, aber nicht möglich ohne ein ganzes Arsenal an Regulierungen und Sicherungsmaßnahmen.6
Die auf den vier Ebenen – technologischer Fortschritt, Politik, Arbeitsmarkt, virtuelle Kommunikation – angedeuteten Verunsicherungsprozesse haben in gewisser Weise ihr Pendant in alltäglichen Bedrohungserfahrungen der Einzelnen. Viele Menschen haben Angst, vor allem Angst vor Gewalt. Sie fühlen sich, ihre Würde und Integrität, ihr Eigentum, ihre Gesundheit, ihre Ruhe, ihre Ordnung permanent und massiv gefährdet. Ausdruck dieser Angst ist die in unserer Gesellschaft herrschende und stetig zunehmende Kriminalitätsfurcht und Terrorismusangst. Durch ständige Gewaltinszenierungen im Fernsehen und in der Boulevardpresse wird sie noch gesteigert und gesteuert. Ganze Industrie- und Logistikunternehmen sind im Gegenzug damit beschäftigt, immer neue Schlösser, Verriegelungen und Alarmanlagen zu erfinden und zu produzieren. Ausbildungsinstitutionen bieten Selbstschutztrainings an. Die Sorge um die persönliche Sicherheit erhält einen Eigenwert. Für viele Menschen bedeuten die Verunsicherungen im täglichen Leben eine deutliche Mobilitätseinschränkung und Interaktionsbegrenzung. Aus Angst bleibt man lieber zu Hause. Dabei muss man beachten, dass den Ängsten und Bedrohungen besonders diejenigen ausgesetzt sind, die sich nicht so gut zu wehren vermögen, die in ihre Sicherheit nicht so reichlich investieren können: die sozial Schwachen, die Arbeitslosen, die Ausländer und unter ihnen nicht zuletzt ein großer Teil der Frauen. Für den weiteren Zusammenhang ist darauf aufmerksam zu machen, dass die „tägliche Verunsicherung vielleicht auch vor dem Hintergrund verlorener traditioneller Gewissheiten“7 verstanden werden muss. Mögen die Gefährdungen für die Individuen „objektiv“ nicht größer sein als zu früheren Zeiten, so sind die Menschen, die heute nur noch selten ihren Tag „mit Gott“ beginnen, ihnen doch in gewisser Weise schutzloser ausgeliefert. Insofern hat die Kriminalitätsfurcht etwas Symptomatisches. Es ist die Furcht des seines Lebens nicht mehr sicheren und des durch religiösen oder anderen Zuspruch auch nicht mehr ohne weiteres versicherbaren Menschen. Die besondere Folgegefahr angesichts der alltäglichen Verunsicherungen liegt in der deutlichen Zunahme der Aggressionsbereitschaft und in fragwürdigen, scheinbar komplexitätsreduzierenden Optionen (Fundamentalismus verschiedener Prägungen, Nationalismus, Rechtradikalismus usw.). Die Situation begünstigt die populistischen Vereinfacher jedweden Coleurs.
1.2Modernisierung des gesellschaftlichen Lebens – soziologische Aspekte
Haben wir die Verunsicherungserfahrung des Einzelnen und seiner Bezugsgruppen eher phänomenologisch beschrieben, so kann es jetzt hilfreich sein, zum besseren Verständnis der grundlegenden Wandlungsprozesse in unserer Gesellschaft Aspekte einer soziologischen Theorie heranzuziehen, wie sie sich einerseits im Anschluss an die Systemtheorie (Niklas Luhmann) und andererseits im Zusammenhang mit der seit Jahren geführten Postmoderne-Debatte (wofür in Deutschland stellvertretend die Namen von Wolfgang Welsch und Ulrich Beck genannt seien) ergeben haben. Das kann freilich nur in ganz knapper und fokussierender Weise geschehen – mit dem Ziel, die wichtigsten Theorieelemente der gegenwärtigen Diskussion für unseren poimenischen Zusammenhang zur Verfügung zu stellen.8
1. Differenzierungen in der Gesellschaft
Grundlegend für das Verständnis des Wandels unserer Gesellschaft – also für Modernisierungsvorgänge, an denen wir Anteil haben – ist die Einsicht in die neuen Differenzierungsprozesse innerhalb der Sozialstrukturen. Dabei treten an die Stelle bisheriger „stratifikatorischer“ (also etwa schichtspezifischer) Differenzierungen andere eher „funktionale“ Differenzierungsformen. Das hat weitreichende Konsequenzen für unser Selbst- und Weltverständnis. Für den Einzelnen bedeutet das, dass seine soziale und personale Existenz etwa als Arbeiter, Christ, Familienvater, Wähler, Vereinsmitglied ihn mit ganz unterschiedlichen Erfahrungsbereichen, die kaum noch etwas miteinander zu tun haben, in Beziehung bringt. Einzelpersonen und soziale Organisationen stehen nicht mehr in einem überschaubaren und stabilen Zuordnungsrahmen zueinander, sondern sie sind gegebenenfalls funktional aufeinander bezogen. Die Sozialbeziehungen sind von daher weitgehend gelockert und entflochten. „Ein gemeinsamer Nenner dieser Konsequenz dürfte in einem Zuwachs an Komplexität, in einer Reduktion von zentralistischen Kontrollchancen und in der Generalisierung von Fremdheit liegen.“ „Generalisierung von Fremdheit“ meint dabei die „massive Steigerung von Kontingenz, Inkohärenz und Dissens …“9.Eine Folge der funktionalen Differenzierungsprozesse in der Gesellschaft ist freilich auch, dass es nun keine Institution mehr gibt, die sozusagen für das Ganze und seinen Zusammenhang steht. Das hat besonders weitreichende Auswirkungen auf die Rolle von Religion und Kirchen in der modernen Gesellschaft. Die Kirchen sind in der Gefahr, ihre tragende Funktion für die Gesellschaft (die sie jedenfalls in den alten Bundesländern bisher noch innehatten) zu verlieren. Sie sind nicht mehr im Status einer selbstverständlichen Gegebenheit präsent, sie müssen vielmehr ihre Existenz immer wieder durch den Erweis ihrer tatsächlichen Relevanz als sinnstiftender Instanz für die Gesellschaft begründen.
2. Der Einzelne auf sich gestellt – Individualisierung
Es deutet sich schon an, dass der beschriebene Differenzierungsprozess in unserer Gesellschaft auch bedeutsame Konsequenzen für den einzelnen Menschen hat. Die hier relevanten Beobachtungen werden in dem soziologischen Terminus der Individualisierung zusammengefasst. Individualisierung bedeutet, dass für den Einzelnen einerseits die überkommenen Traditionen mit ihren sinnstiftenden und normsetzenden Vorgaben an Prägekraft deutlich eingebüßt haben, und dass sich andererseits die Einbindungen in die herkömmlichen sozialen Institutionen und Formationen (Familie, Schicht, Klasse, Kirche) signifikant gelockert haben.10 Damit wird für den Einzelnen zunächst ein deutlicher Freiheitsgewinn spürbar. Der eigene Entscheidungsspielraum im Blick auf die persönliche Lebensgestaltung, die berufliche Selbstverwirklichung, die politischen, religiösen oder kulturellen Engagements ist erheblich gewachsen. Aber an die Stelle der alten Bindungen, die auch Orientierung und Geborgenheit boten, können schnell neue Abhängigkeiten treten: z.B. von aktuellen Marktlagen und Konsumgewohnheiten, von den infrastrukturellen Gegebenheiten der Lebensregion, vom bürokratisch-rechtlichen Ordnungssystem, vielleicht auch von unterschiedlichen Beratungsinstitutionen und Lebenshilfeangeboten, denen sich das Individuum in seiner Orientierungsnot anvertraut. Entscheidend ist: Der Einzelne muss die Auseinandersetzung damit jetzt für sich selbst erledigen, er muss versuchen, seine Identität aus sich selber heraus zu definieren. Diese ist nicht mehr wie früher schon durch die traditionellen Zugehörigkeiten (Familie, Beruf, Klasse, Konfession) gegeben. Besonders einschneidend und auffällig wirkt sich Individualisierung im Bereich der familialen und partnerschaftlichen Lebensformen aus. Die Anziehungskraft traditionaler Familienstrukturen lässt spürbar nach. Singleexistenzen11, nichteheliche Lebensgemeinschaften, Patchwork-Familien und ähnliches – das sind neue Lebensformen12, die im Prozess der Individualisierung zunehmend an Bedeutung gewinnen.
3. Immer Tempo voraus! – Zeitstrukturen in der Leistungsgesellschaft
Zeit ist ein unerhört kostbares Gut in der modernen Gesellschaft. Wer daran spart, gewinnt. Wer sie verschwendet, verliert. Wer in abhängiger Beschäftigung arbeitet, spürt freilich weniger direkt materiellen Gewinn und Verlust, sondern eher den ungeheuren Zeitdruck. Alles muss schnell gehen, denn die Konkurrenz schläft nicht. Der technologische Fortschritt, der so viel Zeitersparnis möglich macht, führt keineswegs zu zeitlicher Entlastung, er steigert eher die Komplexität der Arbeitsabläufe und verstärkt das Gefühl der Zeitknappheit. Hartmut Rosa hat unter dem Begriff der „Beschleunigung“ beschrieben, wie sich die Zeitstrukturen der Moderne verändern.13.
Die neuen Zeitstrukturen bewirken, dass das Heute immer stärker durch das Morgen bestimmt wird, weil Wachstum der unbedingte Imperativ der modernen Ökonomie ist. Das biblische „Sorget nicht für morgen“ (Mt 6, 34) wirkt dagegen antiquiert oder utopisch – wie man will.
Gestern ist vergangen, morgen ist das Richtmaß. Das gilt nicht nur von der Zeit und den Produkten. Auch der „Marktwert“ von Arbeitskräften ergibt sich weniger aus Erfahrungen auf Grund erbrachter Leistungen als auf einem „Fähigkeitspotential“, das in die Lage versetzt mit immer neuen Herausforderungen und Bedingungen konstruktiv umzugehen.14 Wo Zeit eine immer kostbarere Ressource ist, sind „flexible“ Menschen15 nötig, fähig, sich immer neu einzustellen und umzustellen. Bei diesen Anforderungen freilich bleibt mancher auf der Strecke – abgedrängt von den Erfolgsspuren des beruflichen Lebens und mit leicht auszumalenden weiteren Folgen für Seele und Leib.
Die Strukturen permanenter Beschleunigung haben es an sich, sich auch des privaten Zeitumgangs der Menschen zu bemächtigen. Auch hier gilt die Momo-Weisheit ungemindert: „Je mehr Zeit wir sparen, desto weniger Zeit haben wir.“16 Klug ist, wer es versteht, sich dagegen zur Wehr zu setzen und für Unterbrechungen und Ruhepausen zu sorgen. Oft freilich sind im Alltagsstress auch die „Zeitoasen“ – paradoxerweise – nur zu erreichen, wenn man sich beeilt!
4. Geschlechterdifferenzierung: Die Gender-Perspektive
Zu den zweifellos herausragenden Veränderungen in unserer Gesellschaft gehört der Prozess einer neuen Geschlechterdifferenzierung. Die heute veränderte Rolle der Frauen muss auf dem Hintergrund der Individualisierungsvorgänge begriffen werden, die im 19. Jahrhundert einsetzten. Damals brachte die Industrialisierung und eine mit ihr verbundene moderne Arbeitsorganisation (Arbeitsteilung!) vor allem für die Männer ein höheres Maß an Selbstverwirklichungschancen: Sie arbeiteten nun außerhalb und konnten so ihren Erfahrungshorizont Tag für Tag erweitern. Sie hatten besseren Zugang zu Ausbildungsangeboten, sie verdienten den Lebensunterhalt der Familie, gewannen damit gewollt oder nicht gewollt eine höhere Machtstellung und sie erwarben sich Freiräume der Selbstgestaltung nach getaner Arbeit (wobei weitgehende schichtspezifische Unterschiede zu berücksichtigen bleiben!). Anders die Frauen: Sie hatten an der Individualisierung als persönlichem Freiheitsgewinn kaum Anteil. Elisabeth Beck-Gernsheim beschreibt die Situation so: „Der weibliche Lebenszusammenhang wird im 19. Jahrhundert nicht erweitert, sondern im Gegenteil: enger begrenzt auf den Binnenraum des Privaten. Neben der physischen Versorgung der Familienmitglieder wird vor allem auch die psychische zur besonderen Aufgabe der Frau – das Eingehen auf den Mann und seine Sorgen, das Ausgleichen in familiären Spannungssituationen … Je mehr der Mann hinaus muss in die feindliche Welt, desto mehr soll die Frau ‚voll und rein und schön‘ bleiben …“17. Inzwischen hat ein mehr als 100 Jahre langer Kampf um die rechtliche, soziale, politische und kulturelle Gleichstellung der Frauen spürbare Veränderungen im Geschlechterverhältnis heraufgeführt. Die Frauen vollziehen den bisher „fast ausschließlich Männern vorbehaltenen Individualisierungsschub und holen auf ihre Weise nach: mit Erwerbsarbeit, Ausbildung, Berufsleben, Hochschulbildung, Alleinleben, Alleinerziehung, ebenso wie Scheidung, Verzicht auf Kinder, Verzicht auf Ehe und Verzicht auf Heterosexualität – um nur einige Stichworte zu nennen.18 Diese nachholende Individualisierung der Frauen hat weitreichende Konsequenzen. Viele traditionelle, gerade auch in der Kirche verankerte Vorstellungen von der Rolle der Frauen erweisen sich als gesellschaftliches „Konstrukt“.19 Der auf dem angelsächsischen Boden entstandene Begriff „Gender“ wird für die Bestimmung der Geschlechterrolle maßgebend. Es geht dabei um die gesellschaftlichen Zuschreibungen. Die überkommenen Klischees der Zuordnung von Frau und Mann in Ehe und Familie, in Beruf und Gesellschaft werden hinterfragt. Das neu erstrittene Recht auf die Verwirklichung der eigenen Vorstellung von persönlicher Identität und erfülltem Leben bringt herkömmliche Beziehungsmuster ins Wanken. In vielen seelsorglichen und beraterischen Gesprächen mit Paaren spielen die Probleme, die sich aus dem gewachsenen Lebensgestaltungswillen der Frauen ergeben, eine herausragende Rolle. Viele Männer und viele traditionell von der Männerrolle her geprägte Institutionen haben Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen. Ein besonderes Problem stellen in diesem Zusammenhang die Gewaltübergriffe gegen Frauen dar. Frauen treten heute eher aus der Unsichtbarkeit und dem Schweigen heraus. Gewalthandlungen gegen Frauen werden in der Gesellschaft bewusster wahrgenommen. Dennoch wird Gewalt (und sei es in subtilen Formen des mobbing) in manchen Fällen immer noch als Mittel angesehen, verlorenes Terrain zurück zu erobern und die früheren „strukturellen Herrschaftsverhältnisse“ zwischen den Geschlechtern zu erhalten.20 Das ist besonders auf dem angespannten Arbeitsmarkt deutlich – unter anderem auch durch die Entwertung der so genannten Frauenberufe.
Der Prozess der Gleichstellung und Gleichachtung von Männern und Frauen ist noch keineswegs zum Abschluss gekommen. Für diesen Zusammenhang darf gerade im seelsorglichen Handeln die Aufmerksamkeit nicht geringer werden.21
5. Markt der Lebenshilfe – als Folge kultureller Pluralisierung
Neben der Individualisierung und zugleich in engem Zusammenhang mit ihr spielt in der modernen Gesellschaft auch der Prozess wachsender kultureller Pluralisierung eine profilbestimmende Rolle. Es gibt keine Kontrollinstanz, die die bestehenden Angebote an lebensorientierendem Wissen in der Gesellschaft sortiert und kanalisiert. Kultur, Religion und Lebenswissen werden gleichsam auf dem Markt gehandelt. Es herrscht eine Konkurrenz der oft weit auseinander driftenden Angebote. Nebeneinander existieren sehr unterschiedliche Kunst- und Stilrichtungen – für nahezu jeden Geschmack und Lebensstil. Zur Bewältigung elementarer Lebensaufgaben – wie Gesundheitsvorsorge, Kindererziehung, Freizeitgestaltung – sind wir umworben von einer fast unübersehbaren Fülle multimedialer Ratgeber, Lebenskunstphilosophien und Weltanschauungslehren. Und auf dem Sozialhilfe- und Beratungsmarkt konkurrieren private, staatliche und kirchliche Institutionen mit ihrem je spezifischen Angebotsprofil. Religiöses und Parareligiöses, Psychologisches und Parapsychologisches, Esoterisches und Spätaufklärerisches liegt auf dem weltanschaulichen Warentisch nebeneinander und gelegentlich auch durcheinander. Der Einzelne muss sondieren, wählen, entscheiden. Das hat seine angenehmen, das Leben reich machenden und die individuellen Möglichkeiten erweiternden Aspekte. Aber es kann auch beunruhigen und den beschriebenen Verunsicherungseffekt verstärken. Mitunter befindet sich das Individuum in der Situation von Buridans Esel, der sich nur zwischen zwei Heuhaufen entscheiden musste, an dieser Anforderung jedoch scheiterte und verhungerte.
1.3Herausforderungen im vereinten Land
Seelsorge geschieht immer in einem geschichtlichen Kontext am konkreten Ort. Zu den kontextuellen Bedingungen gehören insbesondere die spezifischen Folgeerfahrungen nach der politischen Wende von 1989/90. Ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Wiedervereinigung sind die veränderten politischen, kulturellen und sozialen Verhältnisse für die meisten Menschen zur Normalität geworden. Zumal die junge Generation in den neuen Bundesländern ist nicht mehr durch sozialistische Erziehung und einen DDR-spezifischen Lebensstil geprägt. Die Unterschiede im Lebensstandard verringern sich. Das Gefühl einer Zusammengehörigkeit wächst in der „Berliner Republik“, zumal dort wo der Blick zugleich auf Europa ausgerichtet ist. Es gibt große Herausforderungen wie z.B. die Energiewende und die ökonomischen Folgen der Globalisierung, die das ganze Land betreffen. Die Entwicklungsprobleme einzelner Regionen sind längst nicht mehr nur nach dem Ost-West-Schema verteilt.
Nichtsdestotrotz sind teilungsbedingte Verschiedenheiten nach wie vor spürbar und alltagsrelevant. Dass sie stärker im „Osten“ empfunden werden, liegt auf der Hand; denn im „Westen“ blieb nach 1990 aus der Bürgerperspektive alles weitgehend beim „Alten“. Noch gibt es ein – freilich inzwischen verringertes – Ungleichgewicht im Einkommensgefüge, auch ist die Zahl der Arbeitslosen im Osten höher. Erheblich sind nach wie vor die Unterschiede in den Vermögensverhältnissen. Viele, vor allem ältere Menschen in Ostdeutschland erleben ihre Situation noch als ungerecht. Aber wer klagt und sich möglicherweise immer einmal wieder gern seinen „ostalgischen“ Erinnerungen hingibt, möchte deshalb doch keineswegs in die alten Verhältnisse zurückkehren. Ambivalenz ist, mit Klaus Winkler zu reden, in besonderer Weise auch „Grundmuster“22 der ostdeutschen Seele.
Seelsorglich besondere Aufmerksamkeit verdienen einige nach wie vor erkennbare Unterschiede im Habitus, vor allem Selbst- und Kommunikationsverhalten. Westdeutsche verfügen in der Regel über wirksamere Formen der Selbstrepräsentation, achten sorgfältiger auf die Wahrung der Grenzen zwischen beruflicher und privater Kommunikation, sind vielfach auch besser in der Lage, streitbare Auseinandersetzungen zu bestehen.23 Freilich, die Unterschiede sind inzwischen geringer und werden je jünger die Generation desto weniger spürbar.
Nach der 40jährigen Trennungsgeschichte und dem unterschiedlichen Erleben der Jahre nach der friedlichen Revolution (1989) und Wiedervereinigung (1990) tritt nun wieder stärker die gemeinsame geschichtliche Vergangenheit ins öffentliche Bewusstsein. Dazu tragen die Erinnerungen an den Beginn des 1. Weltkrieges (1914) vor 100 Jahren und des 2. Weltkriegs (1939) vor 75 Jahren bei. Angesichts der immer wieder auftretenden Erscheinungen eines gewaltbereiten Rechtsextremismus ist es ein gesamtgesellschaftliches Erfordernis, an die grauenvollen Folgen des deutschen Nationalismus zu erinnern und das Gedenken an die Millionen Opfer der nationalsozialistischen Diktatur wach zu halten. Eine Fülle von Literatur und filmischen Dokumentationen dienen dem und werben für das Erinnern und gegen das Vergessen. In jüngster Zeit beginnt auch eine pastoralpsychologische Auseinandersetzung mit dem Holocaust und den in einzelne Familiengeschichten hineinwirkenden Verstrickungen mit dem nationalsozialistischen System.24 Auch die traumatisierenden Erfahrungen der letzten lebenden Generation des Zweiten Weltkriegs rücken noch einmal in das Blickfeld der Erinnerung.25 Dabei spielen dann in den persönlichen und familiären Auseinandersetzungen auch die ziemlich unterschiedlichen Erinnerungskulturen zwischen Ost und West nach 1945 noch einmal eine wichtige Rolle.
Die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit hat gewiss heute nicht mehr die Brisanz und Intensität wie noch am Ende der 90er Jahre. Aber sie beschäftigt die Menschen vor allem in Ostdeutschland natürlich weiterhin. Dabei bestätigt sich, was Joachim Gauck 1998 diagnostizierte: „Die Wandlungen des Intellekts vollziehen sich recht schnell. Langsam nur ändern sich Haltung und Mentalität.“26 Dazu passen nach wie vor durchsichtige Selbstrechtfertigungsversuche und beflissene Anpassungsstrategien, und man ahnt, wie viel auch unbewusst in den Schutzraum des Verdrängten heruntersackt. Das ist menschlich und auch normal. In der Seelsorge, die immer auch biographisch arbeitet, spielt das gleichwohl und abseits aller Öffentlichkeit verständlicherweise nicht selten eine bedeutende Rolle. Besondere seelsorgliche Aufmerksamkeit verdienen in diesem Zusammenhang freilich diejenigen, die als Opfer des SED-Regimes bis heute seelisch und oft auch körperlich an den Folgen von Haft, Unterdrückung und psychischer Zermürbung leiden.27
Zu den nun wirklich ungeteilt gesamtdeutschen Befindlichkeiten gehört zweifellos all das, was unmittelbar oder mittelbar mit dem demographischen Wandel zu tun hat. Seit Anfang der 70er Jahre hat sich die Bevölkerungsstruktur in Deutschland kontinuierlich in einer Richtung verändert. Seit dem ist erstmalig die Sterberate regelmäßig höher als die Geburtenrate. Die Alterspyramide mutiert zu einer Art „Alterskelch“, der auf schmalen Füßen steht und sich nur langsam nach oben hin verdünnt. Die Anzahl der sehr alten und zunehmend pflegebedürftigen Menschen nimmt kontinuierlich zu. Die ständig wachsenden Kosten dafür müssen von einer immer kleiner werden Zahl von aktiven Arbeitnehmern erwirtschaftet werden. Der „Generationenvertrag“ droht zu erodieren. Was bisher sicher war, scheint ins Ungewisse zu kippen. Das belastet das Verhältnis der Generationen in der Gesellschaft und steigert Zukunftsängste besonders bei denen, die prekär oder im Niedriglohnsektor beschäftigt sind und nur eine geringe Altersrente zu erwarten haben.
Der demographische Wandel wirkt sich natürlich auch in anderer Weise auf die Lebensverhältnisse der Menschen aus. Die Familienstruktur verändert sich von einer eher horizontalen Struktur (viele Familienglieder in gleichen Generationen) zu einer mehr vertikalen (viele lebende Familienglieder in nacheinander liegenden Generationen). Die längere Lebensdauer führt zu einer erweiterten Jugendphase („Postadoleszenz“) und streckt die Altersphase („Viertes Alter“).28 Generell entstehen neue Herausforderungen an die Familie. Es ist eine gesellschaftliche und auch kirchliche Herausforderung, zur Lebensfähigkeit und Stabilität der Familien in ihren oft sehr unterschiedlichen Konstitutionen einen Beitrag zu leisten.29
Indirekt hängt mit dem demographischen Wandel auch das zusammen, was hier zuletzt als deutsche Befindlichkeit genannt werden soll: das Leben mit Ungleichheit. Das betrifft zunächst natürlich die am deutlichsten spürbaren ökonomischen Unterschiede. Im entwickelten Kapitalismus des 21. Jh. geht die Schere der Vermögen und Einkommen immer weiter auseinander. Das hat eine europäische Perspektive (wo es eine aufsteigende Skala von den ärmsten bis zu den reichen Nationen gibt), aber es hat auch eine innergesellschaftliche deutsche. Der Hinweis darauf, dass es vielen auf der Erde heute viel schlechter geht, stimmt hundertprozentig, hilft aber keinem, der hier am Limit lebt. „Arm sein in einem reichen Land hat eine andere Qualität als arm sein in einem armen Land.“30 Man muss keinen unrealistischen Gleichheitsidealen nachhängen, aber die faktischen Unterschiede überschreiten längst jedes Maß. Schlimmer noch sind die zunehmenden Erfahrungen von Desolidarisierung in unserer Gesellschaft. Armut führt oft in die Vereinzelung. Da wirkt dann die Lieblingsmaxime des Kapitalismus „Wer will, der kann auch!“ vergiftet und wie eine stumme Abschiebung.
Eine andere Sache ist es, mit den kulturellen Unterschieden zu leben. Die Globalisierung wird für uns spürbar: auf den Straßen, in den Restaurants, in den Bildungsinstitutionen, in den Krankenhäusern, auf den Sozialämtern und zunehmend auch in Kirchen und Gemeinden. Menschen unterschiedlicher ethnischer, kultureller und religiöser Identität treffen sich. „Begegnen“ sie einander auch“? Die Fremden leben anders, oft sehr anders. Die Interkulturalität stellt zunehmende Herausforderungen an das Zusammenleben der Menschen dar. Sie muss heute gegen Fremdenhass und offene wie sublime Ausländerfeindlichkeit verteidigt werden. Die zunächst Fremden als „Gäste“ und als Bereicherung unseres Lebens zu begrüßen und sie nicht als Konkurrenten an den Sozialtöpfen der Gesellschaft zu diffamieren – dazu bedarf es gerade in der ostdeutschen Gesellschaft noch vieler Lernprozesse. Eine „kulturell sensible Seelsorge“31, die für die „Fremden“ offen ist, aber auch in die Inlandgesellschaft ausstrahlt, kann hier hilfreiche Dienste des Verstehens und der Integration leisten.
1.4Auf dem Wege zu einer neuen Moral?
Nirgendwo scheinen sich die mit der Modernisierung unserer Gesellschaft einhergehenden Veränderungen so drastisch und für die Einzelnen spürbar auszuwirken wie im ethischen Alltagsverhalten. An vielen Orten – vor allem in konservativen, nicht selten auch in kirchlichen Kreisen – wird keine Gelegenheit ausgelassen, über den Werteverfall und die Normenerosion in unserer Gesellschaft Klage zu führen. Ulrich Beck bringt die kritischen Fragen auf den Punkt: Sind wir eine „Gesellschaft der Ichlinge“? Befinden wir uns auf dem Wege in eine rücksichtslose „Egogesellschaft“?32
Gewiss, es gibt Wahrnehmungen, die in solche Richtung weisen. Und das betrifft nicht nur die bürgerlichen Umgangsformen. Es sind allgemein rezipierte Einstellungsveränderungen wahrzunehmen, die tiefer reichen. Traditionelle Vorstellungen von dem, was moralisch richtig, anständig, wohlerzogen und vielleicht auch „christlich“ ist, haben an Plausibilität erheblich eingebüßt. Die persönliche Selbstverwirklichung und die Wahrnehmung der privaten Lebenschancen stellen für viele Menschen heute einen zentralen Steuerungswert dar. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass wir uns auf eine „narzisstische Gesellschaft“33 zu bewegen. Demgegenüber werden gemeinschaftsbezogene Einstellungswerte im Sozialverhalten oft unterbetont. Solidarität – in einer Zeit lokal wie global zunehmender Knappheiten dringender denn je notwendig – scheint immer seltener zu werden. Steht zu befürchten, dass wir „wohlinformiert über Fernstes und Entlegenstes, zu Analphabeten der sozialen Nächstenliebe werden …“?34
Solche pauschalen Vermutungen sind nicht unproblematisch. Anlass zu Klagen über allgemeinen Moralverfall gab es wohl zu jeder Zeit. Wichtiger scheint es zu erkennen, worin die Veränderungen der ethischen Grundeinstellung, der Normbildung und des Normgebrauchs heute begründet sind. Unter den Bedingungen der Individualisierung ist ja der Einzelne in viel höherem Maß verpflichtet, selbstverantwortlich zu entscheiden und zu handeln und sich für die Festigung und Erfüllung seiner Lebenschancen selbst einzusetzen. Die neuzeitlichen Freiheitserfahrungen, die sich im Individualisierungsprozess darstellen, können zugleich als eminente Herausforderungen für den einzelnen Menschen begriffen werden. Wenn Identität nicht mehr primär durch Zugehörigkeit (zu Familie, Kirche, Volk u.a.) erworben wird, sondern vom Individuum selbst erarbeitet werden muss, dann ist es nicht verwunderlich, dass auch im moralischen Verhalten die Akzente anders gesetzt werden. Dieses wird nun viel stärker „selbstbestimmungsabhän ig“, wie Hermann Lübbe35 sagt. Und das Individuum folgt dabei keineswegs immer den bisher allgemein akzeptierten traditionellen Normvorgaben. Der Einzelne sieht sich oft sehr unterschiedlichen Normansprüchen gegenüber, und er muss zwischen ihnen seine Wahl treffen. „Modernität schafft eine neue Situation, in der das Aussuchen und Auswählen zum Imperativ wird“, schreibt Peter Berger.36 Und er sieht das Individuum angesichts der normativen Unsicherheiten, denen es ausgesetzt ist, als einen „nervösen Prometheus“, weil es geradezu „zur Freiheit verdammt“37 ist.
Während Berger vor allem die Anstrengungen der Freiheit betont, die sich für das ethische Subjekt in der Moderne ergeben, werden von Ulrich Beck und seinen Mitstreitern eher deren Chancen wahrgenommen. Im Gegensatz zum allseits üblichen Lamento über den Werteverfall besonders bei jungen Menschen fragt Beck, ob nicht die Moderne als eine Herausforderung zur ethischen Synthese begriffen werden muss. Diese nennt er den „altruistischen Individualismus“, und das bedeutet: Die „Kinder der Freiheit praktizieren eine suchende, eine versuchende Moral, die verbindet, was sich auszuschließen scheint: Selbstverwirklichung und Dasein für andere, Selbstverwirklichung als Dasein für andere“38.
Ob das auch eine zutreffende Realitätsbeschreibung ist, darüber mag man verschiedener Meinung sein. Aber es könnte im Sinne einer positiven Projektion zu einer neuen Sichtweise verhelfen.39
Die Veränderungen im Blick auf das moralische Verhalten bewirken neue Einstellungen zu dem, was unbedingt für wert erachtet wird?40 Statt etwa Pünktlichkeit und Ordnung im traditionell erwünschten Sinne zu erbringen oder alles daran zu setzen, eine gesicherte und vor allem wohl dotierte berufliche Position zu erringen, finden es viele junge Leute heute wichtiger wirklich zu leben, Freundschaften zu pflegen, Zeit füreinander zu haben, Gespräche zu führen, Gefühle auszutauschen. Phantasiereiches und engagiertes Beziehungsverhalten wird für wertvoller erachtet als die Erfüllung herkömmlicher Normen partnerschaftlichen Verhaltens. Sich für die Gesundung und Gesunderhaltung der ökologischen Umwelt einzusetzen, bedeutet vielen mehr als ein politisches Engagement in Parteien und Vereinen?41
Viele Konflikte ergeben sich mit jungen Menschen, weil die neuen Paradigmen ethischen Verhaltens von der älteren Generation nicht respektiert oder gar nicht erst als solche erkannt werden. Es ist wichtig, moralisches Verhalten heute nicht am Erreichen statischer Normwerte aus der Vergangenheit zu beurteilen. Gerade für diejenigen, die im Geiste eines protestantischen Unbedingtheitsideals aufgewachsen sind, ist es schwer, moralisch werthaltige und sozial verantwortliche Verhaltensweisen auch bei denen anzuerkennen, die dabei zugleich ihre eigenen Vorteile mit zu berücksichtigen verstehen. In Wirklichkeit mögen solche Einstellungen ehrlicher sein als mancher Scheinaltruismus, der mitunter Verhaltensweisen einer moral correctness begleitet.
Ein besonders vieldiskutiertes Feld der „neuen Moral“ ist das Verhalten der gegenwärtigen jungen Generation in sexuellen Fragen und im Blick auf Ehe und Familie. Die Einstellungen zur Sexualität sind heute weithin offener und freier als in früheren Generationen; dazu haben nicht unwesentlich die modernen Methoden der Empfängnisverhütung beigetragen. Auch Homosexualität ist in unserer Gesellschaft als Anlage und Lebenspraxis inzwischen anerkannt. Hier klafft freilich in vielen Teilen der Gesellschaft noch ein Graben zwischen rechtlich-offizieller und persönlicher Akzeptanz. Das wird in Familien deutlich, wenn sich unerwartet ein Familienglied als lesbisch oder schwul outet, oder in Kirchgemeinden, wenn es darum geht ob ein gleichgeschlechtliches Paar ins Pfarrhaus ziehen darf. Unterschiedliche Auffassungen stehen sich besonders dann gegenüber, wenn es um die Ehe geht. Die hohe Quote der Ehescheidungen (mehr als die Hälfte der geschlossenen Ehen) und die Tatsache vielfältiger alternativen Partnerschaftsund Familienformen rühren faktisch am Primat der Eheform. Die Kirchen, aber nicht nur sie halten unverbrüchlich daran fest. Dazu haben sie gute biblische und ethische Gründe. Es darf freilich nicht dazu führen, dass Einzelne, Paare und Familien, die in freier Verantwortung andere Lebenslösungen gewählt haben, sich darin diskreditiert fühlen müssen. In dieser Hinsicht muss man es verstehen, wenn in der schon erwähnten Orientierungshilfe der EKD von 2014 die besondere Verantwortung für die Stärkung der Familien hervorgehoben wird, unabhängig vom Status der jeweiligen Paarbeziehung.
Um Missverständnisse auszuschließen, sei betont, dass die sich abzeichnenden Konturen einer „neuen Moral“ keineswegs alle ethischen Probleme, die sich heute für das Individuum stellen, lösen. Die hohe Anforderung, in der jeweiligen konkreten Situation nach angemessenen Handlungsmaßstäben zu suchen, bleibt erhalten. Sie wird heute eher verstärkt durch technologische Möglichkeiten, bei deren Realisierung das Menschenwohl und die Menschenwürde auf dem Spiel stehen. Der ethische Diskurs gehört zu den Notwendigkeiten des Alltags der Individuen. Hier zeichnen sich neue Aufgaben und Dimensionen für die Seelsorge ab.
1.5Kirchen im Wandel
Die religiösen Institutionen, insbesondere die großen christlichen Kirchen, haben zweifellos erheblichen Anteil an den erwähnten gesellschaftlichen Umstrukturierungs- und Veränderungsprozessen. Sie bleiben nicht unberührt davon, wie diese zu Verunsicherungen und teilweise auch Veroberflächlichungen des individuellen Lebens beitragen. Es ist nicht einfach, die kirchliche Situation in der deutschen Gesellschaft nach der politischen Wende von 1989/90 kurz und treffend zu beschreiben. Die religiöse Landschaft scheint zerklüftet. Zweifellos hat der Verunsicherungsprozess die Kirchen selbst längst erreicht. Zunächst zeigt sich schon quantitativ, dass die christlichen Kirchen an Sichtbarkeit, an Einfluss und Bedeutung in der Gesellschaft verloren haben.42 Dass dabei die unterschiedlichen geschichtlichen Voraussetzungen in Ost- und Westdeutschland von außerordentlicher Bedeutung sind, ist ohne weiteres verständlich. Während in dem einen Teil ein staatlich verordneter Traditionsabbruch die bestehenden Verbindungen zu den Kirchen drastisch gekappt hat,43 haben wir es im anderen Teil wohl vorrangig mit den Auswirkungen der religiös-kulturellen Konkurrenzsituation zu tun, in deren Folge sich die institutionellen und privaten Kirchenbindungen sehr gelockert haben.44 Inzwischen haben auch im Osten zusätzlich die Modernisierungsfolgen an Gewicht gewonnen.
Gravierender als der zahlenmäßige Rückgang von Kirchenmitgliederzahlen, den man auch noch ganz unterschiedlich interpretieren und prognostizieren kann, ist der qualitative Ansehens- und Bedeutungsverlust, den die Kirchen als Institutionen mit ihren mehr und mit ihren weniger spezifischen Angeboten erleiden. Die Kirchen haben heute an Glaubwürdigkeit, Anziehungskraft und Prestige in unerhörtem Maße eingebüßt45, und die kirchlichen Mitarbeiter spüren das oft ganz unmittelbar. Viele Menschen, darunter solche, die nach wie vor formelle Kirchenmitglieder sind, leben faktisch ohne Kirchenbindung und empfinden dabei vermutlich keinen Mangel. Sie sind nicht „kirchendistanziert“, sondern „indifferent“.46
Für die damit angedeutete Entwicklung lassen sich verschiedene Ursachen benennen:
•Es gibt in unserer Gesellschaft eine zunehmende Skepsis gegenüber den bestehenden Großinstitutionen. Das bekommen Parteien und Verbände ebenso zu spüren wie die Kirchen. Das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Institutionen sinkt mehr und mehr. Faktisch sind diese immer weniger in der Lage, Menschen auf überzeugende Weise Orientierung zu bieten. Je intimer und persönlicher die Fragen sind, umso weniger wird Institutionen zugetraut, brauchbare und lebbare Antworten geben zu können. Diese Einstellung muss nicht primär als Rekurs auf die konkrete Arbeit in dem jeweiligen Verband verstanden werden. Die Abwendung von den Kirchen, Parteien und Verbänden, die eine bestimmte inhaltliche Botschaft vermitteln wollen, muss vielmehr im Zusammenhang mit der „starken Umbruchphase“ gesehen werden, in der sich die „von der Aufklärung geprägte Kultur der Neuzeit“ gegenwärtig befindet.47 Man spricht von einem „Modernisierungsschub“ bzw. von einem „Individualisierungsprozess“. Alle Verbände und Institutionen, die durch die neuzeitliche Kultur geprägt waren und sind, haben aus dieser Verflechtung heraus Anteil an den gegenwärtigen Umbrüchen und erleiden demzufolge größte Akzeptanzschwierigkeiten bei der Bevölkerungsmehrheit. Mit der generellen Ablehnung der religiösen Institutionen gerät auch das in Gefahr, wofür diese Institutionen inhaltlich stehen?48
•Als Folge der kulturellen Pluralisierung gerät das Angebot der Kirchen zunehmend in Konkurrenz zu anderen Religions- und Sinnangeboten. Das Christentum hat seine Monopolstellung auf dem Markt der Daseinshilfe- und Lebenskunstphilosophien längst verloren.49 Religiöse und quasireligiöse, esoterische, philosophische, therapeutische, alternativ-medizinische, ökologische und andere Lebenskonzepte konkurrieren mit denen der traditionellen Kirchen. In dieser Wettbewerbssituation steht auch die Seelsorgearbeit der Kirchen. Die Menschen in unserer Gesellschaft scheinen auf die Angebote der Kirchen inklusive ihrer Verkündigung nicht mehr angewiesen zu sein. Was man früher nur beim Pfarrer bekam, kann nun in vielfältigen Verpackungs- und Darreichungsformen und nicht selten zu kleineren Preisen auch an ganz anderer Stelle erworben werden. Und es ist für die Kirchen schwer, zu marktgerechten Angebotspräsentationen zu kommen, ohne dabei die eigene Substanz zu riskieren.
•Ein anderer wichtiger Faktor hängt ebenfalls mit der Marktsituation zusammen. Für viele Menschen gilt heute auch in den Fragen der Einstellung zu Religion und Glauben als ein wichtiges Kriterium, was das für sie ganz persönlich bedeutet. Nur wegen der von einer Kirche vertretenen generellen positiven Werte (wie z.B. Liebe, Vergebung Gerechtigkeit) allein wird noch keine Bindung zu ihr eingegangen und gelebt. Vielmehr muss erkennbar werden: Was hat das eigentlich für mich für einen Wert und was hat das mit mir persönlich zu tun? Im Jargon gesprochen: „Was bringt mir das?“ Die unmittelbare Lebensrelevanz des Glaubens und einer Kirchenbindung ist vielen nicht mehr plausibel. Und es wird zunehmend schwieriger, dies plausibel zu machen.50 In der Zukunft könnte – gerade unter diesem Blickwinkel – der seelsorglichen Arbeit, die ja in besonderer Weise nach dem Einzelnen persönlich fragt, eine auch ekklesiologisch erhöhte Bedeutung zuwachsen.
•Schließlich muss man davon ausgehen, dass wir es bei dem kirchlichen Rezessionsprozess auch mit konkreten sozialen Umfeldabhängigkeiten zu tun haben. Wo das unmittelbare Bezugsfeld (Familie, Freunde, Berufskollegen, Mitschüler) nicht mehr kirchlich bzw. gläubig ist, legt sich auch für den Einzelnen die Absetzbewegung eher nahe. So ist wohl Detlef Pollack zuzustimmen, wenn er vor allem auf dem Hintergrund der ostdeutschen Erfahrung formuliert: „Das allgemeine religiöse Klima, das in einer Gesellschaft herrscht, übt einen starken Einfluss auf die Tradierungsfähigkeit des Christentums aus.“51 Das gilt natürlich besonders für die volkskirchlich begründete Mitgliedschaft in einer Kirche. Wo wie in der Mehrzahl der ostdeutschen Familien eine positive Beziehung zu den Formen des christlichen Glaubens und Lebens nicht mehr gegeben ist, wird die Entscheidung für Beibehaltung oder gar Neubegründung sehr viel unwahrscheinlicher sein als unter entgegengesetzten Bedingungen.52
Die unzweifelhaft zu beobachtenden Prozesse einer Entkirchlichung, die inzwischen auch zu weitreichenden Strukturentscheidungen der Kirchen führten, dürfen freilich nicht mit Resignation zur Kenntnis genommen werden. Die äußerliche Abwendung von der Kirche und die deutlichen Vorbehalte gegenüber den institutionellen Gestalten des Christentums sagen noch nicht alles?53 Es muss zunächst durchaus noch einmal gefragt werden, was die Menschen von der Kirche und den Gemeinden erwarten, und es ist darüber nachzudenken, welche konkreten Anstrengungen die Kirchen unternehmen müssen, um die nach ihrem eigenen Selbstverständnis für sie grundlegende Botschaft an die Menschen weiter wirkungsvoll zu vermitteln.54 Beide Fragen sind unbedingt auch in ihrer Verbindung zu dem uns vorrangig leitenden Interesse nach der Zukunft der Seelsorgearbeit unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft zu sehen. Ihre Beantwortung ist von daher ein Aspekt der hier vorgelegten Seelsorgelehre insgesamt.
Aus den jüngsten religionssoziologischen Untersuchungen wird deutlich, dass viele Menschen heute in der Kirche nicht mehr die umfassende Beheimatung erwarten, die unsere pastoralen Idealvorstellungen möglicherweise noch prägen. Totalidentifikationen mit der Kirche oder mit einer konkreten Gemeinde bilden eher die Ausnahme. „Identifikation erfolgt mehr und mehr über Betroffenheit, Interesse und Gelegenheit.“55 Das führt zu erwartungs- und interesseabhängigen Formen des Kirchenkontaktes und zu ganz unterschiedlichen Profilen von Kirchenbindung. An leitenden Erwartungen wären ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu nennen: lebenszyklische Begleitung (Amtshandlungen), politischsoziales Engagement (Gruppenaktivitäten), Kultur- und Bildungsinteressen (Kirchenmusik, christliche Kunst, kirchliche Bildungsarbeit), Frömmigkeitspraxis (spirituelle Gruppen, Gottesdienst), karitatives Engagement (Diakonie), Lebens- und Krisenhilfe (Seelsorge, Beratung). Alle diese unterschiedlichen Erwartungsprofile, die in sich noch einmal gruppen- oder generationenspezifisch zu differenzieren wären, haben wohl dies gemeinsam, dass sie letztlich in einem Zusammenhang mit mehr oder weniger ausdrücklichem Sinngebungsbedarf gesehen werden müssen. Wer, wenn nicht die kirchlichen oder religiösen Institutionen sind dafür zuständig, in den Krisen- und Kontingenzerfahrungen des Lebens auf die Sinn verleihenden Zusammenhänge hinweisen und hinführen zu können? Es ist bis zum Erweis des Gegenteils davon auszugehen, dass es in dieser Hinsicht auch bei denen einen Rest an Erwartungen gibt, die die institutionellen Brücken zur Kirche hinter sich schon lange abgebrochen haben.56 In der Seelsorge spielt darum die formelle Kirchenzugehörigkeit oft nur eine untergeordnete Rolle.
Im Ganzen stellt sich die Frage, wie die Kirchen in der Lage sein werden, den unterschiedlichen Erwartungsprofilen angemessen Rechnung zu tragen. Das kann, soviel muss theologisch klar sein, keineswegs so verlaufen, dass die Kirchen lediglich in einem reinen Tauschverfahren für die Erfüllung unterschiedlicher Erwartungen und Bedürfnisse zur Verfügung stehen müssen. Die Arbeit der Kirchen wird letztlich entscheidend dadurch geprägt, dass sie einem bestimmten Auftrag folgt, der ihrem Dasein vorausgeht. Wenn ihr aufgetragen ist, die Botschaft des Glaubens „in alle Welt“ zu tragen (Mt 28,19), schließt das die Aufmerksamkeit für das wirkliche Bedürfen der Menschen ebenso ein wie eine prinzipielle Freiheit gegenüber jeder oberflächlichen „Kundenorientierung“.
Leben im Ungewissen – das ist eine Leit-Erfahrung in der modernen Gesellschaft. Seelsorgerinnen und Seelsorger, die den Kontext ihrer Arbeit wirklich wahrnehmen, werden deshalb ihren besonderen Auftrag darin sehen, Menschen wieder zu begründeten Gewissheiten zu verhelfen. Das aber wird nicht mit restaurativen Beschwörungsformeln zu erreichen sein, sondern nur durch ein sensibles Eingehen auf die kontextuell und biographisch bedingten Ungewissheiten, wie sie sich in den konkreten Problemlagen nach Seelsorge fragender und suchender Menschen niederschlagen.
Literatur
Die Literatur zu den zeitgeschichtlichen, kulturellen und sozialen Kontexten seelsorglicher Arbeit heute ist verständlicherweise uferlos. Eine konzentrierte Darstellung der Kontexte heutiger Seelsorgepraxis bietet Ute Pohl-Patalong im HbS (2007), 63–84. Es lohnt sich freilich, auch einige Originaltexte der soziologischen Theoriebildung zu lesen wie etwa Ulrich Becks grundlegenden Aufsatz Jenseits von Stand und Klasse (1983/1994). Zu einem differenzierten Verständnis des Individualisierungstheorems verhilft der Aufsatz von Markus Schroer (1997) ebenso wie andere im gleichen Band veröffentlichten Beiträge. Als Einstieg in die Auseinandersetzung mit den in diesem Kapitel angeschnittenen Fragen können auch einzelne Artikel aus dem Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands (1998) dienen – etwa die von Helmut Klages zum Wertewandel und von Karl Gabriel zu Religionsgemeinschaften und Kirchen. Zur Deutung der religiösen Situation in der Moderne gibt der katholische Systematiker Hans-Joachim Höhn in seinem Buch Zerstreuungen wichtige Denkanstöße, die auch für die Konzeptualisierung von Seelsorge hilfreich sein können. Für die besondere Situation des Christentums in Ostdeutschland sei auf den umfangreichen Sammelband von Pickel/Sammet (2011) verwiesen.
Vgl. auch Lit. zu 3.3.
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1Beck, Ulrich: Risikogesellschaft, Frankfurt a.M. 1986, 25; vgl. Giddens, Anthony: Entfesselte Welt. Wie die Globalisierung unser Leben verändert, Frankfurt a.M. 2001.
2Bauman, Zygmunt: Schwache Staaten. Globalisierung und die Spaltung der Weltgesellschaft, in: Beck, Ulrich (Hg.): Kinder der Freiheit, Frankfurt a.M. 1997, 315–332, 316.
3Vgl.: Beck, Ulrich: Nationalismus oder das Europa der Individuen. in: Beck, Ulrich/Beck-Gernsheim, Elisabeth (Hg.): Riskante Freiheiten, Frankfurt a.M. 1994, 466–481, 473ff.; Keupp, Heiner: Ambivalenzen postmoderner Identität, in: Beck/Beck-Gernsheim (Hg.), a.a.O., 336–350.
4Vgl. dazu: Vobruba, Georg: Arbeit und Einkommen nach der Vollbeschäftigung, in: Steinhäuser, Martin/Ziemer, Jürgen (Hg.): Leben mit Arbeitslosigkeit, Leipzig 1995, 40–49; vgl. Miegel, Meinhard: Die deformierte Gesellschaft, Berlin 2002, 165ff.
5Bauman, Zygmunt/Lyon, David, Ein Gespräch über flüchtige Überwachung, Berlin 2013, 24; zur grundlegenden Problematik vgl. auch Han, Byung Chul: Transparenzgesellschaft, Berlin 2012.
6Birgit Knatz widmet in ihrem „Handbuch der Internetseelsorge“, Gütersloh 2013 den Bereichen Schweigepflicht und Datensicherheit 28 Seiten!
7Hitzler, Ronald: Der unberechenbare Bürger, in: Beck, Ulrich (Hg.): Kinder der Freiheit, Frankfurt a.M. 1997, 175–194, 182.
8Sehr hilfreich ist die Darstellung bei: Ebertz, Michael N.: Kirche im Gegenwind. Zum Umbruch der religiösen Landschaft, Freiburg 1997, 98–115; für den speziellen poimenischen Zusammenhang vgl. auch die ausführliche Darstellung bei: Pohl-Patalong, Uta: Seelsorge zwischen Individuum und Gesellschaft, Stuttgart 1996, 55–91; dies. Gesellschaftlicher Kontext der Seelsorge, in: HbS 63–84; zur Einführung in die großen soziologischen Theorien des 20. Jahrhunderts sei verwiesen auf: Morel, Julius u.a.: Soziologische Theorie, München 51997.
9Ebertz, a.a.O., 99.
10Vgl. Beck, Risikogesellschaft, besonders 115, 120; Ebertz, a.a.O., 105.
11Zum Verständnis von Individualisierung als „Singularisierung“ vgl.: Rosenmayr, Leopold/Kolland, Franz: Mein „Sinn“ ist nicht dein „Sinn“. Verbindlichkeit oder Vielfalt – Mehrere Wege im Singletum, in: Beck (Hg.), Kinder der Freiheit, 256–287, 259.
12Aus der Fülle der Literatur sei hingewiesen auf: Beck, Ulrich/Beck-Gernsheim, Elisabeth: Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt a.M. 1990; Lüscher, Kurt u.a. (Hg.): Die „postmoderne“ Familie, Konstanz 21990; Rauchfleisch, Udo: Alternative Familienformen. Eineltern, gleichgeschlechtliche Paare, Hausmänner, Göttingen 1997; Beck-Gernsheim, Elisabeth: Was kommt nach der Familie. Einblicke in neue Lebensformen. München 1998.
13Rosa, Hartmut, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt a.M. 2005; vgl. auch: Geißler, Karl-Heinz, Alles. Gleichzeitig. Und zwar sofort, Freiburg i.Br. 2004.
14Sennett, Richard, Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 2005, 92ff.
15Sennett, Richard, Der flexible Mensch, Berlin 32000.
16zitiert bei Rosa, a.a.O., 43.
17Beck, Ulrich/Beck-Gernsheim, Elisabeth, a.a.O., 80.
18Karle, Isolde: Seelsorge in der modernen Gesellschaft, in: EvTh 59, 1999, 203–219, 210.
19Vgl. dazu besonders: Karle, Isolde: Seelsorge in der Moderne, Neukirchen 1996, 166ff., 182ff.
20Vgl. auch die Darstellungen bei: Riedel-Pfäfflin, Ursula/Strecker, Julia: Flügel trotz allem. Feministische Seelsorge und Beratung, Gütersloh 21999, 52f. u.ö.; vgl. ferner: Gorsuch, Nancy J.: Introducing Feminist Pastoral Care and Counseling, Cleveland 2001.
21Zur Feministischen Seelsorge s. unten, Kap. 3.4.
22Winkler Klaus, Ambivalenz als Grundmuster der Seele, in: ders. Grundmuster der Seele. Pastoralpsychologische Perspektiven, Göttingen 2003, 95–100.
23Vgl. Klein, Olaf Georg, Ihr könnt uns einfach nicht verstehen. Warum Ost- und Westdeutsche einander vorbeireden, Frankfurt/M. 2001. Zu ostdeutschen Befindlichkeiten ferner. Schorlemmer, Friedrich, Zeitansagen, München 1999; Dieckmann, Christoph, Das wahre Leben im falschen, Berlin 1998; Engler, Wolfgang: Die Ostdeutschen, Berlin 31999.
24Vgl. Beelitz, Thomas: Pastoralpsychologisches Arbeiten im Land der Täter. Ein Zwischenbericht, in: WzM 65, 2013, 3–18.
25Bode, Sabine,. Die vergessene Generation, Stuttgart 2004, dies.. Kriegsenkel, Stuttgart 2012, vgl. dazu. Winter, Wolfgang: Bis ins dritte und vierte Glied? Schuld, Trauer, Vergebung als intergenerationelles Thema der Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs, in: WzM 65, 2013, 307–319.
26Gauck, Joachim. Fürchtet euch nicht. Zum Bildungsauftrag der Ev. Akademien in Ostdeutschland, in: WzM 50, 1998, 235–241.
27Vgl. Peikert, Norbert. Psychosoziale Beratung für Betroffene von Systemunrecht und Gewaltherrschaft, in. Politische Diakonie, Themenheft Ev. Theologie 70, 2010, 149f. Zum aktuellen Sachstand vgl. auch die interdisziplinären Beiträge in. (Wie) ist Heilung möglich? 2. Fachtagung des Instituts für Diktatur-Folgen-Beratung. Dokumentation, Schwerin 2013.
28Vgl. auch unten 9.1.
29Das hat die Orientierungshilfe des Rates der EKD klar erkannt und herausgearbeitet: Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken, Gütersloh 2013.
30Steffensky, Fulbert. Armut, Reichtum und Lebenskälte, in: ders.. Das Haus, das die Träume verwaltet, Würzburg 72002, 147–161, 148.
31Schneider-Harpprecht, Christoph: Interkulturelle Seelsorge, Göttingen 2001, vgl. auch unten 3.4. Für eine bewusste Wahrnehmung von Fremdheit und Differenz vgl. auch: Thierfelder, Constanze: Durch den Spiegel der Anderen. Wahrnehmung von Fremdheit und Differenz in Seelsorge und Beratung, Göttingen 2009.
32Beck, Ulrich: Kinder der Freiheit. Wider das Lamento über den Werteverfall, in: ders. (Hg.): Kinder der Freiheit, Frankfurt a.M. 1997, 9–33, 9f.; Keupp, Heiner: Eine Gesellschaft der Ichlinge? München 2000
33Vgl. Lasch, Christopher: Das Zeitalter des Narzissmus, München 1986; Isidor Baumgartner spricht von einer „narzisstische(n) Kultur und Gesellschaft“, die eine „enorme Gottesbedürftigkeit“ bekunde (Pastoralpsychologie, Düsseldorf 1990, 221); zu vorsichtigem Umgang mit dem „Narzissmus“-Paradigma mahnt Wilhelm Meng: Narzissmus sei kein „Allbegriff“ und bei der „narzisstischen Persönlichkeit“ handele es sich möglicher Weise „um einen ‚alten‘, allgemein menschlichen Charaktertyp“ (Narzissmus und christliche Religion. Selbstliebe – Nächstenliebe – Gottesliebe, Zürich 1997, 248f.).
34Guggenberger, Bernd: Zuvielisation, in: ders./Jansen, Dieter/Leser. Joachim (Hg.): Postmoderne oder das Ende des Suchens? Eggingen 1992, 42–57, 56.
35Lübbe, Hermann: Selbstbestimmung und über Fälligkeiten der Moralisierung und der Entmoralisierung moderner Lebensverbringung, in: Drehsen, Volker u.a. (Hg.): Der „ganze Mensch“. Perspektiven lebensgeschichtlicher Identität, Berlin 1997, 339–351, 340.
36Berger, Peter L.: Der Zwang zur Häresie. Religion in der pluralistischen Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1980, 40.
37A.a.O., 35, 37; vgl. dazu auch: Ziemer, Jürgen: Normenpluralismus als individueller Konflikt, in: Mehlhausen, Joachim (Hg.): Pluralismus und Identität. Gütersloh 1995, 107–114.
38Beck, Kinder der Freiheit, a.a.O., 15; Die Annahmen von Beck werden in dem gleichen Buch durch weitere Autoren untermauert: Wilkinson, Helen: Kinder der Freiheit. Entsteht eine neue Ethik individueller und sozialer Verantwortung, a.a.O., 85–123, ist überzeugt, dass die neue Moral der 20- bis 30-Jährigen, die „aus Selbstbestimmung und Wahlfreiheit besteht“, „fruchtbarer und ehrlicher“ (127) sein könne als die traditionelle „gute Moral“. Wuthnow, Robert: Handeln aus Mitleid, a.a.O., 34–84, untersucht die Motive von ehrenamtlichen Sozialaktiven, und er interpretiert im Ergebnis die „Sorge für andere als Sorge um uns selbst“ (51).
39Van de Spijker spricht in diesem Zusammenhang von einer „narzisstischen Kompetenz“, die es zu erwerben gelte und die darin bestünde, in den verschiedenen Situationen des Lebens „gekonnt, wohlwollend und wohltuend zwischen Nächstenliebe und Selbstliebe zu balancieren“: Spijker, A.M.J.M. Herman van de: Narzisstische Kompetenz – Selbstliebe – Nächstenliebe, Freiburg 1993, 339.
40Zur Wertediskussion vgl. u.a.: Klages, Helmut: Werte und Wertewandel, in: Schäfers, Bernhard/Zapf, Wolfgang (Hg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, Opladen 1998, 698–709 (Überblick und Lit.); ZdZ-Symposion Wertewandel, mit Beiträgen von Christof Gestrich, Werner Vogler, Klaus-Peter Hertzsch, in: ZdZ 52, 1998, 23–37; Huber, Wolfgang: Kirche in der Zeitenwende, Gütersloh 1999, 74ff., 81ff.
41Diese Charakterisierung, die moralischen Einstellungen betreffend, mag im Sinne der Milieutheorie von Gerhard Schulze (Die Erlebnisgesellschaft, Frankfurt a.M. 1993, 312ff.) vielleicht vor allem auf die Angehörigen des „Selbstverwirklichungsmilieus“ zutreffen. Aber sie ist doch darauf nicht zu beschränken. Wenn in der Shell-Studie 1997 Jugendliche heute auf die Frage, welche Motive für sie wichtig seien, um sich in einer Sache zu engagieren, antworten: „Es muß Spaß machen“, so hat das mit „egoistischem Hedonismus rein gar nichts zu tun“, es ist vielmehr „die jugendspezifische Formel für selbstbestimmtes, gelingendes Leben“: Schwab, Ulrich: Jugend und Kirche, in: PTh 88, 1999, 334–349, 340f.
42Vgl. dazu mit vielen Beleghinweisen Ebertz, a.a.O., 54ff. Umfassende Darstellungen bieten u.a. ferner: Daiber, Karl-Fritz: Religion unter den Bedingungen der Moderne. Marburg 1995; Eine knappe, aber instruktive Übersicht bei: Gabriel, Karl: Kirchen/Religionsgemeinschaften, in: Schäfers, Bernhard/Zapf, Wolfgang (Hg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, Opladen 1998, 371–382. Zum gegenwärtigen Stand: Pickel, Gert/Sammet, Kornelia (Hg.): Religion und Religiosität im vereinten Deutschland. Zwanzig Jahre nach dem Umbruch, Wiesbaden 2011.
43Vgl. Wohlrab-Sahr, Monika/Karstein, Uta/Schmidt-Lux, Thomas: Forcierte Säkularität. Religiöser Wandel und Generationendynamik im Osten Deutschlands, Frankfurt/Main 2009.
44Vgl. dazu: Engelhardt, Klaus u.a. (Hg.): Fremde Heimat Kirche, Gütersloh 1997, 345f. Huber, Wolfgang u.a. (Hg.): Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge, Gütersloh 2006, 89ff.
45Vgl. dazu Ebertz, a.a.O., 60f.; auch Preul, Reiner: Kirchentheorie, Berlin 1997, 22, weist darauf hin. Als ein Beleg für andere mag hier erwähnt werden, dass in der 97er Shell-Jugend-Studie bei der Frage nach dem Vertrauen in einzelne Institutionen die Kirchen inzwischen auf den vorletzten Platz abgerutscht sind: Jugendwerk der Deutschen Shell (Hg.): Jugend ‘97. Zukunftsperspektiven. Gesellschaftliches Engagement. Politische Orientierungen, Opladen 1997, 295–298. Alwin Hammers bringt mit einem Zitat wohl ziemlich treffend zum Ausdruck, was viele heute gegenüber der Kirche empfinden: „Was die hat, brauch‘ ich nicht. Und was ich brauch‘, hat die nicht.“ Hammers, Alwin: Christlicher Glaube und praktizierter Unglaube. Erfahrungen und Anmerkungen eines Psychotherapeuten. Trier 1996. 16.
46In diese Richtung weist die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung: Engagement und Infifferenz .V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2014; vgl. auch Wegner, Gerhard: Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung. Vom Ende des liberalen Paradigmas, Leipzig 2014.
47So die mir sehr einleuchtende These von Medard Kehl in seinem Buch: Wohin geht die Kirche? Eine Zeitdiagnose, Freiburg 61997, 19ff.
48Vgl.: Berger, Peter L.: Sehnsucht nach Sinn. Glauben in einer Zeit der Leichtgläubigkeit, Frankfurt a.M. 21995, 173ff.
49Vgl. dazu: Engelhardt, Fremde Heimat Kirche, a.a.O., 350 („Abschied vom Monopoldenken“!); vgl.: Höhn, Hans-Joachim: Zerstreuungen. Religion zwischen Sinnsuche und Erlebnismarkt, Düsseldorf 1998, 58ff.; 77ff.; Knoblauch, Hubert: Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft, Frankfurt/Main 2009.
50Zunehmende Entfremdung von den Kirchen führt zudem dazu, dass immer mehr Zeitgenossen ihre Kenntnisse über das Christentum „eher aus Vorurteilen als aus eigener Erfahrung“ beziehen. Höhn, a.a.O., 127.
51Pollack, a.a.O., 607; vgl. dort auch den ganzen Abschnitt 598ff., in dem Pollack empirisch die soziale Umweltabhängigkeit von Religionsentscheidungen der Individuen belegt.
52Vgl. die o.g. Studie von Wohlrab-Sahr u.a. über „forcierte Säkularität“, dort bes. 137ff, 193ff.
53Vor allem sollte man sich davor hüten, die Säkularisierung zu einseitig als Folge der Modernisierungsprozesse zu interpretieren. Es finden sich in der amerikanischen Religionssoziologie und auch in der französischen Hinweise auf eine Möglichkeit, „die Moderne selbst als religionsproduktiv zu begreifen.“ So unter besonderem Hinweis auf Daniélle Hervieu-Léger: Pollack, Detlef: Zur neueren religionssoziologischen Diskussion des Säkularisierungstheorems, in: Dialog der Religionen 2/1995, 114–121, 119.
54Vgl. Gabriel, Karl: Gesellschaft im Umbruch – Wandel des Religiösen, in: Höhn, Karl-Heinz: Krise der Immanenz, Frankfurt 1996, 31–49; Kochanek, Hermann: Spurwechsel. Die Erlebnisgesellschaft als Herausforderung für Christentum und Kirche, Frankfurt a.M. 1998.
55Engelhardt, Fremde Heimat Kirche, a.a.O., 353.
56Das lassen doch auch die ernüchternden Familieninterviews bei Wohlrab-Sahr u.a. „irgendwie“ offen, vgl. dort 258ff.
2. Seelsorge in der Geschichte
2.1Die Gegenwart der Ursprünge
2.1.1Die Seele und die Geschichtlichkeit der Seelsorge
„Die“ Seelsorge gibt es nicht. Wenn wir so sprechen – was ja in manchen Zusammenhängen sinnvoll sein kann – abstrahieren wir von den konkreten Ausprägungen der Seelsorge in den jeweiligen historischen Epochen. Die Geschichte der Seelsorge beginnt nicht erst mit dem Christentum1 und sie endet nicht an den Grenzen christlicher Konfessionen und Denominationen. Seelsorge ist ein Phänomen menschlicher Kommunikation und wie diese zeit- und situationsabhängig. Wo Menschen bewusst miteinander leben, wird sich auch mehr oder weniger wahrnehmbar so etwas wie „Seelsorge“ ereignen. Menschen sind ja in ihrer inneren und äußeren Lebensgestaltung nie völlig festgelegt, sie sind weder völlig determiniert noch primär hormon- oder instinktgesteuert. Sie aber sind steuerbar, von außen durch Erziehung und Bildung, durch konkrete Lebensumstände, von innen her: durch Überzeugungen und Einstellungen und darin nicht zuletzt durch die Regungen ihrer Seele.
Die Seele ihrerseits ist keine von den geschichtlichen Veränderungsprozessen unabhängige Instanz des menschlichen Daseins.2 Zwei Merkmale ihres Wesens sind im jetzigen Zusammenhang von Bedeutung:
•Einmal: „Seele“ eine anthropologische Konstante. Es gehört zur menschlichen Person, eine Seele zu „haben“. Aber man darf sich dessen nicht zu sicher sein. Wer seine Seele „verloren“ hat, ist bodenlos unglücklich, weil etwas Wesenhaften beraubt. Wer seelen-los handelt, wirkt unmenschlich und ist es wohl auch. Die „Seele“ hat etwas zu tun mit Offenheit und Empfänglichkeit, mit Sensibilität und Gewissen, mit Gottesgegenwart und Liebe. Die Seele kann nicht wirklich verloren gehen, aber sie kann „zugeschüttet“ werden. Die Seele ist gefährdet, man muss auf sie achten.
•Zum Andern: Die Seele ist beeinflussbar und bildbar. Sie kann gestärkt und sie kann gebeugt werden. Ihr kann Leid zugefügt werden. Man kann auf fremden Seelen „herumtrampeln“ und man kann schließlich die eigene Seele „verkaufen“, in der Regel eher erzwungenermaßen als freiwillig. Das bedeutet auch, dass die Seele geschichtlichen Einflüssen ausgesetzt und manchmal auch ausgeliefert ist.
Mit diesen Beobachtungen soll nur angedeutet werden, dass die „Seele“ selbst geschichtlich in dem Sinne ist, dass die Signaturen der Zeit in ihr Spuren hinterlassen. Die Seele eines mittelalterlichen Gläubigen regte sich anders als die eines modernen Christen. So liegt es im „Gegenstand“ der Seelsorge selbst begründet, dass sie als „Arbeit“ an und mit der „Seele“ geschichtlich ist. Konkret haben darunter verschiedene Generationen durchaus Verschiedenes verstanden. Dabei beziehen sich die Unterschiede sowohl auf das Verständnis dessen, was für die Seele eines Individuums gut sei und was nicht, wie auch auf die Wege, die zum Menschen und zum Heil und Wohl seiner Seele einzuschlagen wären.
Die Einsicht in die Geschichtlichkeit von Seelsorge ist eine Voraussetzung für das Verstehen der variierenden Gestaltungen seelsorglichen Handelns in den verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte.3 Und sie ist wichtig im Blick auf die eigene Seelsorgepraxis und Seelsorgelehre in der Gegenwart.4 Die Wahrnehmung der Geschichtlichkeit von Seelsorge erschließt eine Fülle von Reichtümern, Anreizen und vielleicht auch Provokationen. Sie führt ins Nachdenken, aber sie gebietet auch Zurückhaltung gegenüber einem normativen Seelsorgebegriff. Kein Handlungsfeld der Praktischen Theologie verfügt über einen so offenen Horizont wie die Seelsorge – zwischen Kirchenzucht und Therapie, Freundesgespräch und Beichte, Glaubenshilfe und Lebensberatung. Das ist die Stärke der christlichen Seelsorge und manchmal auch ihr Problem.
2.1.2Biblische Ursprünge und Maßstäbe
Die Bibel in der Seelsorge
Es gibt drei zu unterscheidende Beziehungsmöglichkeiten zwischen Bibel und Seelsorge: Seelsorge der Bibel, Seelsorge mit der Bibel und Seelsorge in der Bibel. Nur der dritte Aspekt gehört streng genommen in die historische Poimenik und wird uns im nächsten Abschnitt beschäftigen. Mit den anderen beiden Formulierungen soll die fundamentale Bedeutung der Bibel für die Seelsorge zum Ausdruck gebracht werden. Dazu soll an dieser Stelle schon so viel gesagt werden:
Grundlegend für ein theologisches Verständnis von Seelsorge ist, dass das Zeugnis des Alten und Neuen Testaments im Ganzen als Urkunde von der Seelsorge Gottes an den Menschen verstanden wird. In dem Sinne sprechen wir von der Seelsorge der Bibel. Gott ist ein seelsorglicher Gott, der Israel durch die Höhen und Tiefen seiner Geschichte führt (Ex 20,2f.) und der in Jesus Christus seine Liebe zu allen Menschen offenbar gemacht hat (Joh 3,16). Ihn bezeugt die Bibel in unterschiedlichen Variationen von ihrer ersten bis zu ihrer letzten Seite. Seine Zuwendung zur Welt und zum einzelnen Menschen ist Ausgangs- und Zielpunkt evangelischer Seelsorgelehre.
Gottes liebendes Wesen und sein menschenfreundliches Handeln – das ist die Seelsorge vor aller Seelsorge. Sein Wille, „dass allen Menschen geholfen werde“ (1 Tim 2,4), ermöglicht Seelsorge im theologischen Sinne.
Die „Seelsorge der Bibel“ gehört in den Zusammenhang der Theologie der Seelsorge und muss dann an ihrem Ort noch einmal aufgenommen werden. Dagegen hat es die Seelsorge mit der Bibel viel stärker mit der Praxis der Seelsorge zu tun. Deshalb mögen auch hier ein paar erste Hinweise genügen:
Die Bibel ist auch in praktischer Hinsicht ein seelsorgliches Buch von Anfang bis Ende. Es gilt immer wieder, sie als ein Reservoir von Texten für die Seelsorge zu entdecken. Zu denken ist hier vor allem an die bedeutende Rolle, welche die Psalmen für das Glaubensleben der Gemeinde und der Einzelnen spielten und noch spielen. Sie sind neben anderen Texten ganz besonders so etwas wie eine „Sprachhilfe des Glaubens“5 – gerade für die Not- und Krisenzeiten des Lebens, aber auch zur Artikulation von Dankbarkeit und Freude. Im Alten Testament haben das Buch Hiob wie Texte aus der weisheitlichen Tradition und aus Jesaja und Jeremia besondere Bedeutung als seelsorgliche Ausdruckshilfen.
Eine Seelsorge mit der Bibel geschieht nicht primär über Auslegung oder Verkündigung, sondern so, dass ein Text zum rechten Zeitpunkt (Kairos!) in eine konkrete Situation hineingesprochen wird. Viele Texte des Neuen Testaments, vorab die Bergpredigt Jesu (Mt 5–7), die Abschiedsreden im Johannesevangelium (Joh 14–17), einzelne Briefabschnitte wie etwa aus dem Römer- und dem 2. Korintherbrief vermögen in der gegebenen Situation eine ganz unmittelbare seelsorgliche Wirkung zu erzielen. Biblische Texte können dann eine Sprachebene anbieten, auf der einerseits die konkrete Befindlichkeit eines Menschen „eingelesen“ werden kann und von der aus andererseits der Horizont so erweitert wird, dass er neue Lebenseinsichten, Hoffnungen und Lebensperspektiven erschließen hilft.6 Es ist eine wichtige Aufgabe und es hat einen guten Sinn, wenn heute Poimeniker versuchen, die Bibel stärker für die Seelsorge ins Gespräch zu bringen.7
Methodisch sind dafür unterschiedliche Möglichkeiten denkbar. Neben dem Bibelzitat im Gespräch oder dem betenden Mitvollzug wäre an die verschiedenen Spielarten eines eher meditativen Textzugangs8 zu denken. Aber auch verschiedene Formen erlebnisnaher Bibelarbeit9 bis hin zum Bibliodrama10 kommen hier in Betracht. Stets geht es darum, einen biblischen Text möglichst unmittelbar für die Bewältigung einer aktuellen Situation des Einzelnen oder einer Gruppe zu gewinnen und ihn dafür fruchtbar werden zu lassen. Dass die Seelsorge mit der Bibel theologischer Sorgfalt und Verantwortlichkeit bedarf, versteht sich von selbst. Texte dürfen nicht gegen ihren ursprünglichen Sinn verwendet werden. Ich muss mir als Seelsorger darüber im Klaren sein, dass kein Text der Bibel auf ein heute bestehendes Problem unmittelbar reagiert. Aber es gibt doch analoge Situationen zwischen damals und heute (z.B. Erfahrungen von Krankheit und Anfechtung, von Unrecht und Schuld, von Traurigkeit und Zweifel), die es durchaus nahe legen, einen ‚alten‘ Text auf eine gegenwärtige Konfliktlage zu beziehen. Für die seelsorgliche Arbeit mit der Bibel ist hermeneutisches Bewusstsein notwendig, das die historische Differenz nicht biblizistisch negiert. Sonst kommt es leicht zu Trugschlüssen und Enttäuschungen. Freilich sollte der notwendige Respekt gegenüber historisch-kritischer Auslegungsarbeit nicht zum Verzicht auf biblische Sprache in der Seelsorge führen, sondern zu angemessenen Gebrauch inspirieren.
Seelsorge in der Bibel
Im Zusammenhang der Seelsorgegeschichte geht es nun natürlich vor allem um die Seelsorge in der Bibel. Findet sich in den Schriften des Alten und Neuen Testaments der Niederschlag einer kommunikativen Praxis, die wir Seelsorge nennen könnten? Es ist nicht leicht, darauf eine im historischen Sinne exakte Auskunft zu geben.11
Zum einen muss eingeräumt werden, dass es uns heute nicht möglich ist, eine seelsorgliche Praxis Jesu oder der Apostel zu rekonstruieren. Die Texte, auf die wir uns dabei stützen könnten, haben eben kein historisches, sondern ein verkündigendes Interesse. Und wenn sie, wie etwa Lukas in der Apostelgeschichte, die Praxis der Gemeinde beschreiben, dann primär im missionarischen oder kerygmatischen Interesse. Allenfalls indirekt sind Rückschlüsse denkbar. Mehr als Fragmente seelsorglicher Praxis werden dabei nicht zu Tage treten.
Zum andern muss man sich bei der historischen Rückfrage klar machen, wonach eigentlich gefragt werden soll. Die Gefahr, ein modernes – sei es therapeutisches, sei es evangelikales, sei es kerygmatisches – Seelsorgekonzept in die biblischen Texte einfach hineinzuprojizieren, ist ziemlich groß. Es macht sich gut, die eigene Sicht als die „biblische“ zu adeln. Nicht selten hat aber das, was als „biblische Seelsorge“ firmiert, mit der jesuanischen oder urchristlichen Praxis – jedenfalls historisch – nur sehr wenig zu tun.
Fragen wir nach der Seelsorge in der Bibel, dann ist es wichtig, zuerst einmal festzulegen, was in diesem Fragezusammenhang unter Seelsorge verstanden werden soll. Es ist klar, dass hier nur ein verhältnismäßig formaler Seelsorgebegriff in Betracht kommt. Nur er kann vor den projektiven Fallen schützen. Man kann einen solchen formalen Seelsorgebegriff so beschreiben: Es geht um einen kommunikativen Vorgang zwischenmenschlicher Hilfe mit dem Ziel einer konkreten Stärkung und Hilfe für Glauben und Leben. Dieses Geschehen vollzieht sich in der Regel zwischen zwei Menschen, einem zur Hilfe bereiten Akteur und einem der Hilfe bedürftigen Rezipienten. Die regelhafte Rollenzuweisung sollte nicht im Sinne einer Rollenfixierung verstanden werden.
Eine ganze Reihe von Verben im Alten und Neuen Testament weisen nun tatsächlich auf solche seelsorglichen Vorgänge hin. Das Wort „Seelsorge“ selbst oder ein entsprechendes Verbum fehlt in den biblischen Schriften. Aber es gibt doch eine Reihe von sprachlichen Äquivalenten, wobei wir wiederum Acht haben müssen, sie zu schnell in einer etwa pastoralpsychologisch gefärbten Bedeutung zu vereinnahmen: trösten (Hiob 2,11; Jer 31,15; Mt 5,4; 2 Kor 1,3f.); ermahnen (Röm 12, 1.8; 2 Kor 6,1; 1 Thess 5,11); einen Weg weisen (1 Kor 12,31); weiden (Joh 21,15ff.), sich des andern annehmen (Röm 12,13), zurechthelfen (Gal 6,1); helfen (1 Kor 12,28); barmherzig sein (Lk 6,36, Kol 3,12; Lk 15,10). Viele dieser Wörter, die für sich selbst und in ihrem Kontext in eine seelsorgliche Richtung weisen, haben im biblischen Sprachgebrauch ihre Eigentümlichkeit darin, dass zuerst – im theologisch-qualitativen Sinn – Gott oder Christus ihr Subjekt bildet: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36). Jahwe ist der Tröster (Jes 40,1; Ps 73,1; Jes 66,13; 2 Kor 3,1ff.) und Christus ist der wahre Hirte (Joh 10, 1–17; 1 Petr 2,25). Von ihm geht das heilende Erbarmen aus (Mk 9,36). Schon so weist die biblische Tradition auf den wahren Grund aller „Seelsorge“, der unter keinen Umständen aus den Augen verloren werden darf.
Im Folgenden sollen einige Einzelaspekte von „Seelsorge“ in der Bibel hervorgehoben werden. Dabei ist keineswegs Vollständigkeit angestrebt. Der oben dargelegte formale Seelsorgebegriff ist dabei auswahlleitend:
1. Im Alten Testament entspricht das Wirken der „Weisen“ wohl am ehesten dem, was wir unter seelsorglicher Arbeit verstehen: „Während man den Priester um der Tora (Weisung) und den Propheten um des Dabar (Wort) willen aufsucht, geht man zum Weisen, um Eza (Rat) zu empfangen (Vgl. Jer 18,18)“12. In der Weisheit geht es ähnlich wie in der Seelsorge um die „Sensibilisierung für Erfahrungen mit Gott und den Menschen.“13 Unsere modernen vor allem subjekttheoretisch begründeten Probleme mit einer einseitig auf „Rat geben“ orientierten Seelsorge dürfen wir in dieses biblische Modell freilich nicht eintragen.
Natürlich sollte seelsorgliches Handeln im Alten Testament nicht auf die weisheitliche Wirksamkeit reduziert werden. So darf man, um wenigstens noch ein weiteres Beispiel zu nennen, das Buch Hiob „mutatis mutandis als seelsorgliches Reflexionsmodell“14 erkennen. Seelsorgeerfahrungen, gerade auch solche fragwürdiger Art (Hiobs Freunde!), werden hier reflektiert, und dadurch entsteht im Grunde eine neue Form seelsorglicher Kommunikation. So hat gerade das Buch Hiob immer wieder – gleichsam als seelsorglicher Akteur sui generis – seelsorglich auf Menschen gewirkt, die sich in großer Leibes- und Seelennot befinden.
Auch hinter den Psalmen dürften Erfahrungen seelsorglicher Praxis ebenso verborgen sein wie bei manchen prophetischen Texten. Vielfach sind die kommunikativen Strukturen noch gut erkennbar, die die Texte als seelsorglich ausweisen (etwa Ps 25; 139; Jes 40,26–31; Hiob 38ff.).
2. Schnell sind wir bereit, Jesu Verhalten zu seinen Mitmenschen in Not als das Urbild für Seelsorge überhaupt anzusehen. Aber wie nah wir wirklich an den historischen Jesus herankommen, ist eine offene Frage. Mir leuchtet ein, wenn Gerd Theißen Jesus als einen „Charismatiker“ charakterisiert. Das bedeutet auch, dass seine „Seelsorge“ nicht ohne weiteres vergleichbar ist. „Jesus war ein Charismatiker, von dem eine schwer erklärbare Ausstrahlungskraft ausging, faszinierend für Anhänger, irritierend für Gegner.“15 Seine Fähigkeit, „unkonventionelle Werte und Verhaltensweisen vertreten zu können“16, mag als Voraussetzung für eine Seelsorge interpretiert werden, die dem anderen Freiheit lässt und Raum gewährt. Jesu heilende Begegnungen mit den Unterprivilegierten und Stigmatisierten in der Gesellschaft, mit den „Sündern“ und „Zöllnern“, mit den Kranken und mit den Frauen ist der beredte Ausdruck dafür. Es ist darin eine seelsorgliche Grundhaltung17 zu erkennen, die Jesus selbst wohl charismatisch umsetzte, die aber doch auch einen Maßstab setzte für ein Verhalten aller derer, die in seiner Jüngerschaft leben wollen. „Sehet zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet“ (Mt 18,10; Vgl. 18,2ff.) – das zeigt die Richtung an, in welche die seelsorgliche Aufmerksamkeit in der Nachfolge Jesu gelenkt werden sollte. Es dürfte zugleich so etwas wie der Kanon jeder Seelsorge in seinem Namen sein.
3. Ein wichtiger Zugang zur seelsorglichen Praxis Jesu könnte über die Gleichnisse in den synoptischen Evangelien gelingen. Wenn man diese Texte nicht aus ihrem Kontext herauslöst, sondern sie als Kommunikationsvorgänge zwischen Jesus und seinen Hörern begreift, dann erschließen sie sich als heilendes Wort in eine ganz konkrete Fragesituation hinein. Christoph Kähler hat an einzelnen Elementen des kommunikativen Geschehens der Gleichniserzählung dessen „therapeutische“ Momente herausgearbeitet.18 Natürlich ist bei dem Begriff „Therapie“ nicht an gegenwärtige professionelle therapeutische settings zu denken. Aber die Gleichnisse verfolgen doch einen „lebensorientierenden Zweck“, sie nehmen typische „Lebensängste“ auf (Ungerechtigkeit, Verlust, Schuld, Wucher, Trennung, Verlorenheit des „Kleinen“ u.a.), und sie fordern unter dem Medium bildhafter Rede die Hörer dazu heraus, „den Anfangsimpuls Jesu aufzunehmen“19. Darin gewinnt das kommunikative Handeln im Kontext der Gleichnisrede therapeutische und so auch seelsorgliche Qualität.
4. Auch in anderen Begegnungserzählungen Jesu sind deutlich die Strukturen eines seelsorglichen Kommunikationsprozesses erkennbar. Die Anzahl der in Frage kommenden Texte erweitert sich noch einmal, wenn man die seelsorgliche Kommunikation nicht auf ein Verbalgeschehen und nicht nur auf die Behandlung „seelischer“ Krisen eingrenzt. So ist hier besonders an die Krankenheilungen Jesu zu denken, in denen es eben nicht nur um Wunderberichte mit einem gewissen kerygmatischen Erbauungswert geht. Sie sind vielmehr zu interpretieren als ein interaktives Geschehen im Spannungsfeld von Wahrnehmung der Situation, Ernstnehmen des Leidens, Akzeptation der Person, Herausforderung zu eigenem Handeln und Heilserfahrung durch Zuspruch und Heilung. Das sind Grundelemente eines seelsorglichen Kommunikationsprozesses. So viel lässt sich mit Sicherheit sagen.
Aber es kann nicht darum gehen zu sagen: so und so hat Jesus Seelsorge geübt. Dafür wissen wir zu wenig, und wir müssten dann auch sehr viel genauer unterscheiden, auf welcher Ebene der Überlieferung (historischer Jesus, synoptische Tradition usw.) wir uns jeweils befinden. Aber wir können Kommunikationsstrukturen erkennen, die mit dem, was wir heute unter Seelsorge verstehen, eine Menge gemeinsam haben.20
5. Vermutlich sind die Briefe im Neuen Testament – vorab die des Paulus – die historisch zuverlässigste Dokumentation von geschehener Seelsorge im Urchristentum. Roland Gebauer hat dies durch detaillierte Nachzeichnung der kontextuellen Bedingungen für die paulinischen Briefe und die in ihnen zu beobachtenden Argumentationsstrukturen exegetisch untermauert.21 Die paulinische Form der Seelsorge ist sehr konkret und oft atemberaubend nah am Lebensnerv der Adressaten. Sie ist sehr stark gemeindebezogen, und sie ist eindeutig vom apostolischen Verkündigungsauftrag her geprägt (1 Kor 9, 16.23). Das hat jedenfalls bei Paulus zur Folge, dass die seelsorgliche Beziehung, wie sie sich im Briefvorgang darstellt, eine ziemliche Asymmetrie aufweist. Die Briefseelsorge des Paulus ist in einem hohen Maße autoritätsbetont (z.B. 1 Kor 4,14ff.) und sie bedient sich einer ausgesprochen direktiven Methodik.22 Man lese unter diesem Gesichtspunkt nur einmal das siebente Kapitel des 1 .Korintherbriefs. Die Gefahr, hier anachronistisch zu urteilen, muss erkannt werden, man darf Paulus in seinen Briefen nicht an den Maßstäben der Rogers-Schule messen. Aber man darf seine seelsorgliche Haltung ebenso wenig zur methodischen Norm für heutige Seelsorgepraxis erheben. Wenn man sich über beides im Klaren ist, dann bleibt, dass wir es in den paulinischen Briefen mit sehr lebendigen, aber keineswegs unumstrittenen Seelsorgeprozessen zu tun haben?23
6. Schließlich wäre nun hinzuweisen auf seelsorgliche Beziehungen der Gemeinden und Gemeindeglieder untereinander. Es ist zunächst ganz unverkennbar, dass das Leben in der Nachfolge Jesu in der gesamten neutestamentlichen Überlieferung ein seelsorgliches Beziehungsklima untereinander einschließt (Lk 9,48; Mt 10,43f.; Joh 13,14ff.; 15,12; Apg 2,42ff.). Das geschwisterliche Leben miteinander ist jedoch nicht selbstzwecklich; die konkrete Zuwendung zu Menschen, die bedürftig sind, darf nicht an den Grenzen der Gemeinde enden (Mt 11,28; 25,40; 1 Tim 2,4). Es ist nicht sehr sinnvoll, den Seelsorgebegriff so weit zu fassen, dass er alle Weisen des Sich-einander-Zuwendens einschließt und praktisch zum Äquivalent für die Liebe wird. Die Frage ist, ob es in den urchristlichen Gemeinden auch eine spezifische seelsorgliche Praxis gibt, die in etwa unserer formalen Strukturbeschreibung entspricht24. In 1 Thess 5,12–15 bittet der Apostel die Gemeinde um die Aktivierung ihres seelsorglichen Potenzials. Es scheint dort Gemeindeglieder zu geben, die in besonderer Weise seelsorgliche Aufgaben wahrnehmen (V. 12: „die an euch arbeiten“), und es werden spezifische Zielgruppen seelsorglichen Handelns erwähnt (V. 14: „Unordentliche“, „Kleinmütige“, „Schwache“). Auch an anderen Stellen spricht Paulus die Gemeinde auf sehr konkrete seelsorgliche Vollzüge hin an (2 Kor 2,5–11; Röm 12,12ff.). Von daher jedoch darauf zu schließen, dass es in den paulinischen Gemeinden bereits eine institutionalisierte Form von Seelsorge gab, wäre sehr gewagt.
7. Es scheint so, dass sich in den urchristlichen Gemeinden besonders mit dem Ältestenamt unterschiedliche seelsorgliche Funktionen und Erwartungen verbanden (Apg 14,22; 15,36f.).25 Ein praktisches Beispiel von Ältestenseelsorge im speziellen Fall der Kranken- und Sterbendenbegleitung wird in Jak 5, 14ff. geschildert: Es ist allerdings nicht klar, wieweit dieses Beispiel für die zweite und dritte Generation schon repräsentativ ist.
Im Ganzen muss man wohl davon ausgehen, dass für die Funktionsträger in der Gemeinde der Dienst an Lehre und Verkündigung einen Primat hatte, und dass alle seelsorgliche Verpflichtung und auch alle seelsorgliche Praxis darauf bezogen war.
Literatur
Eine fundierte, den Leser freilich auch fordernde Darstellung der Anfänge christlicher Seelsorge bis ins 5. Jahrhundert bietet Thomas Bonhoeffer (1985). Ergänzend können die biblischen und altkirchlichen Kapitel in Christian Möllers Geschichte der Seelsorge I (1994) herangezogen werden. Einen gründlichen Einstieg in die paulinischen Grundlagen der Seelsorge geben die Monographien von Roland Gebauer (1997) und Ulrich Heckel (1997). In beiden Arbeiten sind exegetische und poimenische Aspekte in eindrucksvoller Weise miteinander verbunden. Heckel gibt zudem ganz praktische Hinweise für eine Seelsorge mit der Bibel. Dafür sei schließlich auch auf das aus der Praxis erwachsene Buch von Peter Bukowski (1996) verwiesen.
Bonhoeffer, Thomas: Ursprung und Wesen der christlichen Seelsorge, München 1985
– Zu Entstehung des Begriffs „Seelsorge“, in: Archiv für Begriffsgeschichte XXXIII, Bonn 1990, 7–21
Breuning, Wilhelm (Hg.): Seele. Problembegriff christlicher Eschatologie, Freiburg/Basel/Wien 1986
Bukowski, Peter: Die Bibel ins Gespräch bringen. Erwägungen zu einer Grundfrage der Seelsorge, Neukirchen 31996, 92013
– Die christliche Tradition im Blickpunkt der Seelsorge, in: HbS 186–201
Fritsch, Stefan. Die chassidische Seelsorge. Pastoralpsychologische Aspekte und Impulse für die therapeutische Arbeit, Frankfurt a.M. 1997
Gebauer, Roland: Paulus als Seelsorger. Ein exegetischer Beitrag zur Praktischen Theologie, Stuttgart 1997
Heckel, Ulrich: Kraft in Schwachheit. Untersuchungen zu 2 Kor 10–13, Tübingen 1993
– Schwachheit und Gnade. Trost im Leiden bei Paulus und in der Seelsorgepraxis heute, Stuttgart 1997
Henning, Gerhard: Wie redet die Bibel von der Seelsorge? In: Theologische Beiträge 32, 2001, 181–191
Kähler, Christoph: Jesu Gleichnisse als Poesie und Therapie, Tübingen 1995
Jüttemann, Gerd u.a. (Hg.): Die Seele. Ihre Geschichte im Abendland, Weinheim 1991
Lückel, Kurt: Geschichten erzählen vom Leben. Hinterfragte Lebensmuster, Göttingen 1993
Mickel, Tobias: Seelsorgliche Aspekte im Hiobbuch, Berlin 1990
Möller, Christian (Hg.): Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Bd. 1, Göttingen 1994
Piper, Hans-Christoph: Heil und Heilung. Zur Hermeneutik der neutestamentlichen Heilungsgeschichten, in: Klessmann, Michael/Lückel, Kurt (Hg.): Zwischenbilanz, Bielefeld 1994, 57–69
Tacke, Helmut: Mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Beiträge zu einer bibelorientierten Seelsorge, Neukirchen 1989
2.2Wandlungen des Seelsorgeverständnisses
Eine wirkliche „Geschichte der Seelsorge“ kann hier nicht dargeboten werden. Sie ist bisher ohnehin nur in Ansätzen geschrieben worden.26 Vom Genus her ist gar nicht klar, was da hineingehört. Seelsorge und Seelsorgelehre lassen sich nicht so einfach voneinander trennen. Einen formal definierten Seelsorgebegriff gibt es für die Alte Kirche so wenig wie für das Neue Testament. Was Seelsorge ist, lässt sich für die einzelnen Epochen, vor allem der älteren Kirchengeschichte, nicht so klar sagen. Predigt und Katechumenat sind eindeutigere Handlungsfelder. So sind notgedrungen bei einer geschichtlichen Darstellung von Seelsorge ganz unterschiedliche Genera interaktiven Glaubensvollzugs im Blick: religiös-sittliche Erziehung, Spiritualität, Dienste der Liebe, pastorales Handeln in der Gemeinde, apologetische Auseinandersetzung. Und es müssen sehr unterschiedliche Sorten von Quellentexten herangezogen werden: aszetisches Schrifttum, Briefe, Schriftauslegungen, geistliche Betrachtungen, pastoraltheologische Traktate usw. Wie tatsächlich Seelsorge getrieben wurde, von Mensch zu Mensch, ist uns im Grunde wenig bekannt. Verbatims von Seelsorgegesprächen gibt es erst in der Neuzeit. Sehr interessante Einblicke in die Seelsorgegeschichte bieten Einzelporträts in der von Christian Möller herausgegebenen „Geschichte der Seelsorge“27. Da wird Seelsorge jeweils im Kontext einer Biographie und eines Lebenswerkes konkret und kohärent dargestellt. Aber es kommt dadurch natürlich noch kein Epochenbild zustande. In unserer unvermeidlich sehr gedrungenen und eklektischen Darstellung wollen wir versuchen, jeweils eine charakteristische Inhaltbestimmung für einen Zeitabschnitt zu formulieren und dieser Einzelaspekte zuzuordnen. Wir gehen dabei von der Hypothese aus, dass jede Epoche einen für das Gesamtverständnis von Seelsorge wichtigen Teilaspekt besonders betont hat. Keiner dieser Teilaspekte ist nur Vergangenheit. Ihre genaue Wahrnehmung kann die Augen öffnen für vergessene oder unterbetonte Aspekte unserer Seelsorge und Seelsorgelehre von heute. Ohne gewisse Vergröberungen geht es dabei nicht.
2.2.1Seelsorge als Kampf gegen die Sünde (Alte Kirche)
Für das im endzeitlichen Erwartungshorizont lebende frühe Christentum spielt das Streben nach möglichst sündloser Seinsweise eine bedeutsame Rolle. Die gläubig gewordenen Christen wollten unversehrt dem Tag der Parusie entgegengehen und ohne Angst dem kommenden Endgericht mit Zuversicht entgegensehen können. Das Streben nach Reinheit und Unversehrtheit kann sehr unterschiedlich begründet sein. Bei Origenes etwa heißt es – und dabei wird die Auseinandersetzung mit dem „griechischen“ Hintergrund besonders deutlich –: „Ich glaube, wir haben unsere Seele selbst und unser Leben als eine Leihgabe von Gott erhalten … Die Leihgabe also, die du ohne Zweifel bekommen hast, musst du unversehrt zurückerstatten.“28 Seelsorge kommt hier dem sehr nahe, was auch dem Ideal der christlichen Erziehung entspricht.29 Diese aber kann ebenso scheitern wie die Bemühung des Einzelnen, durch sittliches Handeln und asketische Lebensführung die Macht der Sünde zu überwinden. Die Gnadenlehre des Paulus mit dem Gedanken einer durch das Versöhnungswerk Jesu Christi erwirkten Vergebung hatte es indessen schwer, sich in der Alten Kirche wirksam durchzusetzen.
Ein Beispiel dafür ist der „Hirt des Hermas“30, eine apokryphe Apokalypse aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Den Hintergrund dieser Schrift bildet die Frage, ob es für diejenigen eine Rettung gibt, die nach der „ersten Buße“, also der Taufe und der durch sie zugeeigneten Vergebung, wieder in Sünde gefallen sind. Die Antwort lautet: Es gibt noch eine zweite, freilich allerletzte Chance zur Buße. Einmal noch kann der Mensch umkehren zu einer glaubensgemäßen christlichen Existenz. Das Leben des Christen aber muss nun in dem beständigen Versuch bestehen, dem Einfall des Teufels in das Alltagsleben zu widerstehen. Der Hinweis auf die Möglichkeit eines „Zu spät“ hat bei Hermas wohl vor allem pädagogische Bedeutung31 und gibt ihm die Möglichkeit, seine mild moralisierende christliche Sittenlehre den Lesern ans Herz zu legen. Was dabei über bestimmte Gemüts- und Seelenzustände gesagt wird, zeugt durchaus von seelsorglichem Einfühlungsvermögen. So heißt es etwa: „Wirf den Zweifel von dir und zweifle nie daran, ob du etwas von Gott erbitten sollst.“32 Nicht nur der „Zweifel“, auch der „Jähzorn“, die „falschen Begierden“ und nicht zuletzt die „Traurigkeit“ werden als „Tochter“ oder „Schwester“ des Teufels gesehen.33 Damit werden diese glaubens- und lebensfeindlichen Regungen des Menschen in eine Distanz gebracht, die die Freiheit des Einzelnen für eine Auseinandersetzung mit ihnen erhöht.
Sehr viel direkter, wohl auch realitätsnäher, nämlich als Kampf gegen das Böse und zuweilen auch Dämonische, geschieht Seelsorge bei den Wüstenvätern und Wüstenmüttern des vierten und fünften Jahrhunderts34. Die Wüste ist „Ort der größten Wirksamkeit diabolischer Gewalten“, aber auch „Ort der erfahrbaren Nähe Gottes“35. Der Einzelne ist dem Bösen ausgeliefert und der Kampf dagegen erfordert alle Kräfte. Die Menschen, die zu Tausenden in die Wüste aufbrachen, um eine alternative spirituelle Existenz zu begründen und so wahre Erlösung zu erlangen, fanden offensichtlich in der Kirche und bei den Sakramenten nicht die Gewissheit, die sie brauchten und nicht die Wegweisung, die sie suchten36. Von den Vätern in der Wüste lernten sie, dass einzig die Nachfolge und eine echte Bußgesinnung ihnen Rettung verspreche. So lehrt Antonius, Prototyp des anachoretischen Mönchtums: „Das ist die größte Tat des Menschen: er kann seinen Fall über sich hinaus vor das Angesicht Gottes werfen. Im übrigen rechne er mit Versuchung bis zum letzten Atemzug.“37 Die seelsorgliche Weisung der Väter war diagnostisch klar, oft scharf konfrontierend, aber nicht entblößend, stets ermutigend38. Es handelte sich hier um eine sehr existenzbezogene Seelsorge. Ihre personale Voraussetzung bildeten die Aufrichtigkeit und das unbedingte Vertrauen39. Ihr außerordentlicher Ort wurde zu einer Art „Gegenwelt“, in der die konkreten Probleme des alltäglichen Kampfes besprechbar wurden und tragfähiger Glaube wachsen konnte.
Bei den Wüstenvätern und Wüstenmüttern rückte der Einzelne in den Blickpunkt. Auch wenn aszetische Ideale im Spiel waren, die uns heute fremd sein mögen, so ist doch festzuhalten: Hier ereignete sich eine Seelsorge, die in die Tiefe ging40, die innere Anfechtungserfahrungen kannte und die darum wusste, dass allein Wahrhaftigkeit den Weg zur Freiheit und damit zur Heilung und Rettung der Seele bereiten konnte.
Dort wo die Seelsorge in die Tiefe geht, wird auch deutlich, dass eine Heilung nur möglich ist bei gleichzeitiger Bereitschaft zu radikalkritischer Selbstwahrnehmung. Solche Introspektion ist die Voraussetzung, um die Sünden zu erkennen, die Leidenschaften wahrzunehmen, sich der guten und bösen Regungen des Herzens bewusst zu werden. Seelsorge hat es oft auch mit dem zu tun, was unter der Oberfläche verborgen ist und was nur behutsam in das Licht des Bewusstseins gebracht werden kann. „Abbas Poimen sprach: Lehre deinen Mund sprechen, was in deinem Herzen ist.“41
Gerade die Bereitschaft zur Introspektion ist etwas, das auch sonst in der seelsorglichen Tradition der Alten Kirche gefordert wird. Der Origenes-Schüler Gregorios Thaumaturgos schreibt beispielsweise: „Dadurch vor allem, dass unsere Seele ihre Unordnung erkennt, vermag sie sich daran emporzuarbeiten… Zuerst muss sie sich selbst wie in einem Spiegel beschauen: die Uranfänge und Wurzeln des Bösen, all ihr unvernünftiges Wesen … aber auch alles, was den besseren Teil unseres Wesens ausmacht, die Vernunft.“42 In dieser – gewiss viel vernunftoptimistischeren Sichtweise als bei den Wüstenvätern – fungiert Introspektion im Dienste der Seelenerziehung und Seelenbildung.
In der monastischen Tradition – vor allem des Westens – gerät dann Introspektion stärker unter die Vorstellung einer kontrollierten Seelenführung, bei der auch das methodische Element eine wichtige Rolle spielt. Johannes Cassian (gest. um 435) hat das Modell dafür entwickelt. In seinen Mönchsregeln wird die intensive Selbstprüfung und Selbsterforschung dem einzelnen Mönch zur strengen Pflicht gemacht. Die Schäden und Laster der Seele müssen deutlich erkannt und benannt werden, damit sie überwunden werden können. Der Weg zur Wahrheit wird nun zu einer von Misstrauen geprägten Selbstkontrolle und zur Suche nach den Schlupflöchern des Bösen in den Winkeln des menschlichen Herzens. Es geht um Selbstenthüllung – und zwar in der Form der exagoreusis, die im Unterschied zur exomologesis, dem öffentlichen Sündenbekenntnis, zu einer selbstzwecklichen geistlichen Gehorsamsleistung im Dienste permanenter Kontrolle wird. „Sie erheischt die unablässige analytische Verbalisierung von Gedanken im Zeichen des absoluten Gehorsams.“43
Zwischen der Seelsorgetradition der Wüstenväter und dem Regelwerk Cassians liegen ganze Welten. Da spielt schon der Gegensatz von Osten und Westen hinein. Aber vor allem haben wir hier den Unterschied zwischen einer charismatischen Seelsorge, die stets die konkrete Einzelbegegnung im Blick hat, und einer regulativen Seelsorge, die bestimmte seelsorgliche Techniken zum Zwecke der Selbstveränderung institutionalisieren und für den besonderen Bereich des monastischen Lebens verbindlich machen möchte. Und in gewisser Weise deutet sich – trotz der zeitlichen Nähe – auch schon der Überschritt zur Seelsorgepraxis der mittelalterlichen Reichskirche im Zeichen von Buße und angeleiteter Selbsterforschung an.
2.2.2Seelsorge als Beichte (Mittelalter)
Länger als ein Jahrtausend hindurch war die Seelsorge der Kirchen entscheidend geprägt von der Institution der Beichte im Rahmen des Bußsakraments. Dabei verbergen sich unter dem Begriff „Beichte“ natürlich sehr verschiedene Vollzugsformen geistlicher Praxis. Das Grundthema der bisherigen christlichen Seelsorge – nämlich die Auseinandersetzung mit dem das Seelenheil bedrohenden Phänomen der Sünde – bleibt unverändert in Geltung. Seine seelsorgliche Behandlung jedoch erfolgt nun in ungleich stärker institutionalisierter und formalisierter Weise, sodass schon die Frage aufkommen kann, inwieweit wir es hier wirklich mit einer Gestalt von „Seelsorge“ oder vielleicht doch eher mit Kirchenzucht zu tun haben. Diese Frage freilich ist kaum beantwortbar, und man muss sich aus der historischen Distanz und ohne gründliche Quellenrecherchen vor schnellen Bewertungen hüten. Das aber ist klar: Intentional ging es um seelsorgliches Handeln, mögen auch andere – z.B. kirchenzuchtliche – Motive ebenfalls eine Rolle gespielt haben.
Beginnen wir jedoch zunächst mit einigen Erinnerungen zur Entstehung und Entwicklung von Beichte und Bußsakrament.44 Ausgangspunkt war die seit der apostolischen Zeit anstehende Problematik einer Vergebungsmöglichkeit für die nach der Taufe begangenen Sünden. Während die rigoristischen Gruppen (Montanisten, Novatianer) eine zweite Buße strikt ablehnten, setzte sich in der Großkirche zunehmend eine mildere Bußpraxis durch. Dies geschah vor allem in Zusammenhang der Frage nach dem Umgang mit den unter dem Druck der Verfolgung abgefallenen Christen, den so genannten Lapsi. Eine Vergebung war dabei an die geistliche und jurisdiktionelle Kompetenz der Bischöfe gebunden (Cyprian, Hippolyt). Und die Voraussetzung der Rekonziliation war das öffentliche Bekenntnis der Sünden (exomologesis) im Gottesdienst der Gemeinde. Nur das Aussprechen geheimer Sünden konnte vor dem Bischof allein erfolgen. Darüber hinaus war auch eine geschwisterliche „Zurechtweisung“ der Einzelnen untereinander bekannt. Augustin etwa schätzte sie sehr hoch, unterschied sie aber noch von der unverzichtbaren öffentlichen Buße.45 Seit dem fünften Jahrhundert nimmt die Tendenz zu, die Beichte lebenszeitlich möglichst weit hinauszuschieben, um nicht durch erneutes Sündigwerden des ewigen Heils verlustig zu gehen.
Der entscheidende Anstoß zu einer Veränderung der Beichtpraxis kam aus der keltischen Kirche. Dort war das öffentliche Sündenbekenntnis im Gottesdienst unbekannt. Dagegen war – ähnlich wie in den Klöstern – die private und wiederholbare Beichte vor einem Seelsorger mit Zuspruch der Absolution in Übung. Im Zuge der Missionstätigkeit iroschottischer Mönche kam die Praxis der Privatbeichte auf den Kontinent und wurde hier – zunächst erst einmal im Westen, später auch im Osten – seit dem sechsten Jahrhundert zur herrschenden Beichtform. Mit der Individualisierung der Beichte kamen „wichtige monastische Ideale in das Leben und Denken der Gesamtkirche hinein.“46 Und wo die Beichte im Dienste der Tilgung der Alltagssünden verstanden wurde, war auch die Laienbeichte verbreitet.47 Die regelmäßige Beichte gab den Gläubigen die Möglichkeit, sich der dunklen Seiten des individuellen Lebens und der Erfahrungen des Bösen immer wieder bewusst zu werden. Sie bot Gelegenheit auszusprechen, was die Seele belastete, und so neue Freiheit zum Handeln und zum Glauben zu erlangen. Sofern die Beichte nicht in ihrer Ritualisierung erstarrte, konnte sie zum Stimulans bewusster Existenz werden. Wie weit es möglich wurde, die in dem Institut der Privatbeichte liegenden Chancen auch wirklich zu realisieren, steht auf einem anderen Blatt.
Einschneidend war gerade in dieser Hinsicht dann die Erhebung der Privatbeichte zur Pflichtleistung für jeden Christen. Tendenzen dazu bestanden seit dem 8. Jahrhundert. Endgültig kanonisiert wurde die Pflichtbeichte auf dem 4. Laterankonzil 1215. Jeder Christ war fortan verpflichtet, einmal im Jahr vor einem Priester zu beichten.
Eine durch das ganze Mittelalter hindurch diskutierte Frage war, welche Voraussetzungen erfüllt sein mussten, um auf das Bekenntnis der Sünden die Vergebung zusprechen zu können. Genügte das Beichtbekenntnis? War also das Aussprechen schon der Vergebungsgrund? Oder war dies erst die sich damit verbindende Reue (contritio cordis)? So etwa sah und vertrat es Abälard. Oder aber waren bestimmte Vergeltungsleistungen erforderlich – gemäß dem Entsprechungsdenken: jede ungute Tat musste durch eine ihr entsprechende Bußhandlung gesühnt werden (satisfactio operis). Der Hauptstrom der mittelalterlichen Entwicklung wies in diese Richtung. Die vielen Bußbücher mit einer ausgeführte Kasuistik48, in der die einzelnen Bußstrafen minutiös festgelegt wurden und aus der heraus sich dann auch das Ablasswesen konstituieren konnte, gehören in diesen Zusammenhang. Sie geben Zeugnis von einem Prozess der Verrechtlichung und Veräußerlichung der christlichen Beichtpraxis. Es muss freilich auch gesagt werden, dass die hier erkennbare Sakramentalisierung der Buße gemildert wurde durch spirituelle Bewegungen, die bewirkten, dass immer wieder „neue Wellen der Bußgesinnung und tätiger Bußbereitschaft“49 die Beichtpraxis belebten und verinnerlichten.
Die Institutionalisierung der Pflichtbeichte in der mittelalterlichen Kirche entsprang dem Wunsch, „alle Gläubigen seelsorglich zu erfassen“50. Und es verband sich damit das Bestreben, die Pfarrer möchten ihre seelsorglichen Aufgaben bei ihren Gemeindegliedern – auch über die Formen des Beichtrituals hinaus – ernsthaft wahrnehmen bzw. die Beichte als eine Gelegenheit zur Seelsorge nutzen. Einzelne Stimmen unterstrichen dies immer wieder und wiesen damit direkt oder indirekt zugleich auf die unbefriedigenden Seelsorgezustände in den Gemeinden hin. Der Reformtheologe Johannes Gerson etwa meinte, ein Pfarrer begehe „Ehebruch“, wenn er es an Seelsorgeeifer mangeln lasse; denn auch den „einfachen Seelen“ solle man „mystische Erfahrungen“ zutrauen. Gerson vertrat eine verinnerlichte Beichtpraxis, die eine einseitig „sakralinstitutionelle“ Frömmigkeit überwinden bzw. positiv ergänzen wollte.51
An grundlegenden Konzepten für eine individuelle und realitätsnahe Seelsorgepraxis hat es gewiss nicht gefehlt. Hier ist auf die monastischen Traditionen mit ihren ausgeprägten Seelsorgepraktiken hinzuweisen. Besonders aber muss die „Regula pastoralis“ Gregors des Großen (gest. 604) erwähnt werden, die das ganze Mittelalter hindurch hohes Ansehen genoss.52 Natürlich geht es in dieser für die Geschichte der Seelsorge so bedeutenden Schrift vor allem und zuerst um den Kampf gegen die Sünde, aber die Regula pastoralis leitet die Seelsorger zu differenziertem Vorgehen an. Gregor gibt ihnen hier, so schreibt Christian Möller, eine „christliche Sittenlehre“ an die Hand, um sie „für eine kontextuelle Seelsorge zu sensibilisieren“53. Unter Bezugnahme auf Gregor von Nazianz weist er darauf hin, „dass nicht für alle die gleiche Art der erbaulichen Belehrung zuträglich ist“54. Die ganze Regula dient ausschließlich der Anleitung zu einer person- und situationsspezifischen Seelsorge: „Anders sind die Männer anzusprechen, anders die Frauen; anders die jungen Männer, anders die Senioren, anders die Armen, anders die Reichen … anders die Hochmütigen, anders die Kleinmütigen … anders die Gesunden, anders die Kranken …“55. Die Genera von Predigt und Gespräch mögen dabei nicht immer ganz klar unterschieden sein, aber der seelsorgliche Grundtenor ist ganz eindeutig. Und es geht Gregor um eine konfrontierende und zugleich ermutigende Seelsorge. Den „Hochmütigen“ z.B. gilt es zu zeigen, „Dass ihre vermeintlich guten Taten eigentlich Sünde sind“, während es für die Kleinmütigen angemessen sei, „wenn man nebenbei ihre guten Seiten streift und so einiges anerkennt und lobt, während man anderes an ihnen rügen muss; auf diese Weise soll ihr schwaches Selbstwertgefühl wieder gehoben werden, das durch die Rüge niedergedrückt wurde.“56 Das ist eine Seelsorge, die den Einzelnen und seine materielle wie seelische, seine geistige wie geistliche Befindlichkeit im Auge hat, auch wenn uns vielleicht der erzieherische Unterton heute eher befremdlich erscheinen mag. Wichtig bleibt, dass Seelsorge nur dann wirklich gelingt, wenn der Seelsorger selbst in dem, worin er andere „ermahnt“, ein Vorbild darstellt. Es geht nicht an, wenn einige „Kenntnisse zur Schau zu stellen versuchen, die zu erwerben sie unterlassen haben“57. Das nur „Richtige“ nützt nicht und hilft keinem. Erst die eigene Erfahrung des Seelsorgers macht seinen Rat wertvoll für andere. Darum sollen, so Gregor, Seelsorger fähig werden zur Introspektion: Ehe sie anderen einen Weg weisen, „sollen (sie) zuvor die Gedanken auf sich richten“58.
Gegen die gesamtkirchlich umfassende Verwirklichung einer aus diesem Geist fließenden Seelsorge- und Beichtpraxis sprachen vor allem zwei Faktoren. Die immer stärkere Konzentration des Priesterdienstes auf den korrekten Vollzug des Messgottesdienstes einerseits und der überaus geringe Bildungs- und Ausbildungsstand des gemeinen Klerus andererseits. Mit der Einführung der Pflichtbeichte waren Beichte und Seelsorge immer stärker an die Ortsgeistlichen gebunden. Diese waren aber oft zu nicht mehr in der Lage, als die Sonntagsliturgie einigermaßen richtig zu lesen und zu vollziehen. In der Stadt mag die Situation geringfügig besser gewesen sein als auf dem Dorf, vor allem auch dank der seelsorglichen Aktivitäten der Bettelorden. Aber der Bildungshorizont der meisten Pfarrer war in jedem Fall gering. Erst gegen Ende des 15.Jahrhunderts gibt es eine größere Anzahl akademisch gebildeter Seelsorger in den Gemeinden. Ein anschauliches Bild der pastoralen Situation auf dem Dorf vermittelt Arnold Angenendt: „Die Seelsorge vor Ort oblag „Vikaren“, den „Leutpriestern“, die oft kaum ihr Auskommen hatten und es an Seelsorge, die jetzt auch auf dem Dorf verlangt wurde, mangeln ließen. Der eingesessene Dorfpfarrer war überdies Bauer unter Bauern, hatte zur Subsistenz die mit dem Pfarrhof verbundene Landwirtschaft zu betreiben, lebte nicht selten mit seiner Magd ehelich zusammen und hatte seine Kinder zu versorgen, was oft genug zu Lasten des Pfarrgutes ging.“59
Die Betrachtung der seelsorglichen Landschaft in der mittelalterlichen Kirche zeigt, dass es nicht unproblematisch ist, wenn die Wahrnehmung der Seelsorgeaufgaben zu stark in die Nähe des liturgischen Dienstes rückt, ihre ursprüngliche, bei Klemens und Origenes besonders betonte, Verbindung zu Kultur und Bildung dagegen in den Hintergrund tritt.
Denn gerade die bei Gregor dem Großen geforderte Kontextualität von Seelsorge verlangt von den Seelsorgern eine hohes Maß an Sensibilität und sprachlichem Ausdrucksvermögen. Die Form der Beichte stand dem vom Prinzip her keineswegs entgegen, in ihrer stark formalisierten und ritualisierten Gestalt aber führte sie dazu, dass das, was sie eigentlich intendierte, immer weniger möglich wurde.
Dazu trug freilich auch bei, dass die neutestamentliche Gnadenbotschaft, die eigentliche Grundlage einer theologisch verantwortlich ausgeübten Seelsorge und Beichtpraxis, nicht mehr in ihrer ursprünglichen Klarheit gegenwärtig war und das Leben und Denken der mittelalterlichen Kirche nicht mehr deutlich genug prägte.
2.2.3Seelsorge als Trost (Martin Luther)
Es ist nicht einfach, die Bedeutung Luthers für die Entwicklung des Seelsorgeverständnisses auf einen Begriff zu bringen. Das Wort „Trost“ wird heute leicht missverstanden, nicht selten gebraucht man es mit einem ironischen Unterton. Wenn wir hier das Wort „Trost“ zur Charakterisierung des besonderen Anliegens der Seelsorge Luthers verwenden, dann ist das nicht in dem gewissen erbaulichen Sinne gemeint, der sich uns mit einer Inszenierung pastoraler Freundlichkeit verbindet. Auch soll Luthers Seelsorge hier nicht primär von einzelnen „Fällen“ her charakterisiert werden, in denen der Reformator auf ein jeweils aktuelles Trostbedürfnis reagiert hat und von denen besonders seine reiche Korrespondenz ein eindrucksvolles Zeugnis gibt.60 Hier soll mit dem Begriff „Trost“61 die sich aus Luthers evangelischer Basiserfahrung ergebende primäre Intention von Seelsorge verstanden werden. Seelsorge ist für Luther nicht nur eine pastorale Aufgabe unter anderen, sondern sie ist im Kern die Theologie selbst. Mit Christian Möller zu sprechen: Seelsorge ist eine „Grunddimension in Martin Luthers Leben und Werk“62.
Die Seelsorgeauffassung Luthers muss auf dem Hintergrund der mittelalterlichen Bußpraxis und seiner Auseinandersetzung mit ihr verstanden werden. Diese hat ihn aufs tiefste beunruhigt, weil sie ihn mit ethischen und religiösen Forderungen konfrontierte, deren Erfüllung das skrupulöse Gewissen des Augustinermönches für aussichtslos hielt. Wie sollte er vor Gott Gnade erlangen und damit für seine Seele Heil gewinnen können? Im Rückblick hat Luther diese Erfahrung von Verlorenheit vielfach zum Ausdruck gebracht: „… die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Hölle musst ich sinken.“63 Es war die Angst, es Gott nicht und niemals recht machen zu können und deshalb als Mensch vor ihm nicht recht sein zu können, selbst wenn man alle Kräfte zusammennähme und alle „Werke des Gesetzes“ zu erfüllen sich bemühte. In diese Anfechtungssituation hinein wurde Luther über dem Studium der Schrift, vor allem des Römerbriefes (Röm 1,17) die reformatorische Erkenntnis zuteil, dass nicht das, was der Mensch selber vermag und leistet, sondern das, was für ihn getan wird, und zwar von Gott her getan wird, das Tor zum Leben eröffnet. Dass Luther zu dieser Erkenntnis durchdringen konnte, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass er in Johannes von Staupitz einen geistlichen Begleiter gefunden hatte, durch den ihm „erstmals das Licht des Evangeliums“ aufgestrahlt sei.64 Am Ende seines Lebens – in der Vorrede zur Ausgabe seiner lateinischen Schriften von 1545 – beschreibt Luther die entscheidende Durchbruchserfahrung so: „Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als solche zu begreifen, durch die der Gerechte durch Gottes Gerechtigkeit lebt, d.h. also aus Glauben“65.
Was Luther hier zunächst biographisch erfahren hat, muss für die Seelsorgegeschichte als eine Art Perspektivwechsel verstanden werden. Nicht der defizitäre Mensch mit seiner Fähigkeit zu Reue und Buße steht als Akteur perspektivisch im Blick, sondern der schenkende und vergebende Gott in Jesus Christus.66 Dieser Perspektivwechsel begründet den Trostcharakter der Seelsorge: Luther schildert in den bekannten und bewegenden Worten, was ihm die neue Einsicht bedeutet: „Nun fühlte ich mich ganz und gar neu geboren. Die Tore haben sich mir aufgetan. Ich war in das Paradies selber eingegangen.“67 Und in einer späteren Predigt preist er in der Plerophorie des Glaubens die für Christen überwältigende Gnadenerfahrung: „Er überschüttet also seine Christen noch viel reichlicher und decket ihnen mit Vergebung der Sünden alle Winkel voll, auf dass sie nicht allein in der Gemeinde Vergebung der Sünden finden sollen, sondern auch daheim im Hause, auf dem Felde, im Garten, und wo einer nur zum andern kommt, da soll er Trost und Rettung haben.“68
Mit der umfassenden Vergebungserfahrung, die aus dem Glauben kommt und zugleich auf ihn hinführt, sind Beichte und Buße nicht gegenstandslos geworden. Luther hält an der Beichte fest. Aber, wie gesagt, die Perspektive ist nun anders:
Nicht das Sündenbekenntnis in der Beichte ist Voraussetzung für Glaube und Vergebung, sondern umgekehrt: der Glaube, von Gott geliebt und gerechtfertigt zu sein, wird zum „Ermöglichungsgrund einer wirksamen Buße“69. Die Beichte wird nun insofern zu einem wichtigen Aspekt von Seelsorge, weil sie hilft, auf dem Hintergrund des Glaubens die Realität des eigenen Lebens ungeschönt wahrzunehmen. Sie kann auf die Vergebung hinführen, aber sie ist nicht mehr deren meritorische Voraussetzung. Sie erspart dem Gerechtfertigten nicht die immer wieder mögliche Anfechtungserfahrung. Aber unter dem Vorzeichen des Evangeliums führt sie nicht mehr in dauerhafte Angst und Verzweiflung, sondern öffnet die Tür für die Erfahrung von Trost und neuer Gewissheit.
Drei besondere Aspekte, die sich aus dem Grundansatz ergeben, seien nun für die Seelsorgelehre Luthers noch hervorgehoben:
•Zunächst: Seelsorge ist für Luther nicht eigentlich menschliches Werk, sondern Gottes Tat. Gerhard Ebeling formuliert die „trinitarische Grundstruktur“ der Seelsorge Luthers ganz prägnant: „Luthers Seelsorge beruft sich auf das Dasein Gottes, das Verbundensein mit Christus und das Zuhausesein im Worte Gottes.“70 An den einzelnen Seelsorgeaktivitäten Luthers – vor allem anhand seiner Briefe – lässt sich das unschwer konkretisieren. Noch als Distriktsvikar des Augustinerordens schreibt Luther 1516 den für sein Seelsorgeverständnis „richtungweisenden Kernsatz“: „Wer statt demütig um Leitung durch Gottes Wort zu bitten, so vermessen ist, sich selbst, geschweige andere nach eigenem Rat zu leiten, der irrt.“71 Seelsorge, die ihrer Aufgabe gerecht werden soll, lässt sie als Gottes Werk geschehen gemäß Luthers Grundsatz: „Wir sollen nichts ohne ihn, aber er will alles ohne uns und doch in uns tun.“72 Das ist keine Ermunterung zu seelsorglicher Passivität, es begründet eher die Freiheit der Seelsorgerinnen und Seelsorger. Nicht ich bin letztlich für mein und anderer Seelenheil verantwortlich. Seelsorge ist Dienst in Gottes Auftrag. Ich vermag nichts, was Er nicht will.
•Zum andern: Luthers Seelsorge ist in hohem Maße realitätsbezogen. Und das heißt vor allem: Luther rechnet mit der Macht des Bösen. Auch wenn die grundlegende Gnadenerfahrung den bestimmenden Tenor bildet, ist damit die Wirksamkeit des Teufels noch nicht einfach erledigt. Der Satan, der „alt böse Feind“, ist für Luther nicht das Produkt metaphysischer Spekulationen. Er ist, wiewohl durch Christus besiegt, doch noch sehr konkret und direkt am Werk. Er kann vor allem die Seele in immer neue Ungewissheiten stürzen: „Das ist des Teufels größte Kunst, dass er uns den Artikel von der Rechtfertigung, wie man vor Gott soll gerecht und selig werden, nehme und verfälsche. Er kann uns fein vorwerfen und mit dem Gedanken plagen: Ja, wahrlich ihr predigt das Evangelium. Wer hats aber geheißen? Wer hat euch berufen?“ Man müsse schon seines Glaubens sehr gewiss sein, um dem Teufel nicht zu verfallen; denn dieser „kann sich in einen schönen weißen Engel verkehren, obwohl er doch ein rechter schwarzer Teufel ist, und er kann sich sogar für Gott ausgeben.“73 Luther redet auch in ganz konkreten Seelsorgezusammenhängen vom Teufel, für den er viele Namen hat. Er objektiviert damit das, was den Glauben schwächt und die Hoffnung zunichte macht. Solche Objektivierung schafft Distanz zum Bösen und vermindert das Gefühl eines ohnmächtigen Ausgeliefertseins. So spricht Luther vom Teufel und vom Satan, aber auch von den Anfechtungen und den Sorgen in personhafter Weise. So wird das Böse dingfest gemacht. So wird es bekämpfbar, so kann man dagegen anbeten. Luther hat dies nicht zuletzt auch für sich persönlich immer wieder erfahren. „Mein Satan ist dank eurem Beten mir um einiges erträglicher“, schreibt er 1528 an Wenzeslaus Link in einer Phase besonderen Angefochtenseins.74 Und im gleichen Zusammenhang kann er Melanchthon gegenüber äußern: „Meine Anfechtung hat mich heute besucht, bete, so bitte ich, für mich wie ich für dich, damit mein Glaube in diesem Geschütteltwerden nicht nachlasse.“75 Welch ein Maß an Bewusstheit, an Leiden, an Auseinandersetzungsbereitschaft und nicht zuletzt auch an Humor spricht aus diesen kurzen Bemerkungen! Luther wagt es, eben auf dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen, dem von Suizidgedanken geplagten Jonas von Stockhausen zu empfehlen, seinen Teufel einfach zu verspotten: „wohlan, Teufel, lass mich ungehindert, ich kann jetzt nicht deiner Gedanken warten, ich muss reiten, essen, fahren, trinken, das oder das tun, kurz. Ich muss jetzt fröhlich sein, komm morgen wieder usw.“76 Für den Kampf gegen den Teufel braucht man Verbündete. Die hat Luther für sich selbst immer wieder in Anspruch genommen. Und so empfiehlt er auch andern, aus der Nähe des Teufels in die Nähe von Menschen zu fliehen. –„…darum, so oft euch diese Anfechtung anfallen wird, hütet euch davor mit dem Teufel eine Disputation anzufangen … Die Einsamkeit fliehet auf jede Weise, denn er sucht euch gerade dann am liebsten zu erhaschen und abzufassen, wenn ihr allein seid… Und sooft euch der Teufel plagt, sucht auf der Stelle menschliche Gemeinschaft.“77
•Schließlich: Seelsorge wird bei Luther entklerikalisiert. Seelsorge, durch die Entwicklung des Bußsakraments im Mittelalter so eng an die Person des Priesters gebunden, wird nun wieder zu einer Funktion der Gemeinde. Wenn es um die Frage geht, wer die Beichte hören und die Vergebung zusprechen darf, wird für Luther das, was er mit dem „Priestertum aller Gläubigen“ meint, konkret. Die Kraft zu binden und zu lösen (Mt. 18,18ff.), die ja nicht in priesterlicher Vollmacht, sondern im Erlösungswerk Christi begründet ist, ist allen Christen verliehen. „Wenn dich dein Gewissen peinigt, so gehe zu einem frommen Mann, klag ihm deine Not; vergibt er dir die, so sollst du es annehmen, er bedarf dazu keines Papstes Bullen.“78 Die christliche Bruderschaft ist der Ort einer Seelsorge, die Trost und Ermutigung vermittelt. In ihr ist „prinzipiell auch der Unterschied von Mann und Frau aufgehoben; selbstverständlich ist die Frau genauso dazu berechtigt, die Beichte eines Mitbruders zu hören und ihm Vergebung zuzusprechen wie ein Mann“ – schreibt Hans-Martin Barth unter Berufung auf WA 6, 547, 27ff.79 Denn der Glaube vollzieht das geistliche Amt. „Darum sind alle Christenmänner Pfarrer, alle Frauen Pfarrerinnen, es sei Jung oder Alt, Frau oder Magd, Gelehrt oder Laie.“80 Die Seelsorge ist für Luther vorrangig das Feld, auf dem sich geistliche Geschwisterschaft bewährt, was ja dann auch in den Schmalkaldischen Artikeln seinen Ausdruck gefunden hat in der klassischen Seelsorgeformel, wonach eine Form des Evangeliums sich ereigne „per mutuum colloquium et consolationem fratrum“.81 Jürgen Henkys, der den Interpretationswegen dieser Formel nachgegangen ist, resümiert, nun auch über Luther hinausweisend: „Wo es um die gegenwärtige Tröstung geht, wird die Grenze zwischen Ordinierten und Laien fließend.“82
Es ist eine ganz andere Frage, ob diese Position einer Laienseelsorge von Luther selbst und gar erst von den nachfolgenden lutherischen Kirchen dann praktisch auch gepflegt und gefördert wurde. Die Entwicklung einer Amtstheologie schon im 16. Jahrhundert hat die Idee des allgemeinen Priestertums und damit die Praxis einer Laienseelsorge wieder in den Hintergrund treten lassen.
Ähnliche Fragen ergeben sich auch, wenn man die Fortentwicklung anderer Aspekte der lutherschen Seelsorgeauffassung in den Blick nimmt. Luther machte selbst schon Ende der zwanziger Jahre im Zusammenhang mit den Visitationsberichten die Erfahrung, dass eine verantwortliche Gemeinde- und Gottesdienstpraxis nicht möglich ist ohne erzieherische und auch kirchenzuchtliche Einwirkungen. So verband sich bald mit der Beichtpflicht das so genannte „Glaubensverhör“ als Überprüfung der Gemeindeglieder hinsichtlich ihrer Abendmahlsfähigkeit. Luther schreibt 1533 an die Frankfurter: „Wir wollen aus Christi Kirche nicht einen Saustall machen und einen jeden unverhört zum Sakrament wie die Säue zum Trog laufen lassen.“83 Es ist wohl so wie Werner Schütz schreibt: „Die großartige Freiheit von der menschlichen Satzung und kirchlichen Reglementierung weicht langsam wieder einem neuen Zwang, gesetzlicher Anordnung und geistlicher Bevormundung.“84 Damit deutet sich schon bei Luther selbst eine Entwicklung an, die dann für das Luthertum des 16. und 17. Jahrhunderts ziemlich bestimmend sein wird.85
2.2.4Seelsorge als Hirtendienst (Schweizer Reformation)
Hirtendienst als Metapher für die Seelsorgearbeit setzt unterschiedliche Sinngehalte frei. Es kann damit mehr „Fürsorge“ oder mehr „Aufsicht“ assoziiert werden, mitunter auch beides zugleich. Diese Kennzeichnung für die Seelsorge bei den Vätern des reformierten Zweiges der Reformation legt sich schon aus äußeren Gründen nahe. Zwinglis pastoraltheologische Hauptschrift von 1524 trägt den Titel „Der Hirt“ und Martin Bucer versteht seine ausführliche Darstellung „Von der waren Seelsorge“ (1538) als Auslegung des Hirtenwortes Ez 34, 16: „Ich will das Verlorene suchen und das Verirrte zurückbringen …“ Für das Verständnis der Seelsorge Zwinglis und Bucers ist es hilfreich, auf drei signifikante Unterschiede zur Seelsorgeauffassung Luthers hinzuweisen:
•Luthers Seelsorge ist sehr stark von eigenen existenziellen Erfahrungen her geprägt, und mit ihr reagiert er vor allem auf die Not des geängsteten Gewissens. Zwingli und Bucer reagieren mit ihren Entwürfen zur Seelsorge auf je unterschiedliche Weise auf das Nachlassen der Kirchenbindung und Glaubenstreue bei den Gemeindegliedern.
•Luthers Seelsorge schlägt sich vor allem in konkreten und relativ spontanen Reaktionen auf bestimmte Konfliktsituationen einzelner Betroffener nieder. Zwingli und Bucer haben sich auch und vor allem systematisch in den genannten Schriften dazu geäußert.86
•Luthers Seelsorge ist auf dem Hintergrund seiner soteriologischen Grundanschauungen zu verstehen (also im Zusammenhang der Frage nach dem „gnädigen Gott“), während für die Seelsorgeauffassung von Zwingli und Bucer der ekklesiologische Denkzusammenhang bestimmend ist.
Huldrych Zwinglis Schrift „Der Hirt“87 mag als „erste protestantische Darstellung der pfarramtlichen Seelsorge“88 angesehen werden. Seelsorge kommt im Zusammenhang der gesamten pastoralen Tätigkeit und besonders auch der Verkündigungsaufgabe in den Blick. Der Schwerpunkt der Seelsorge liegt auf dem „Bewahren und In-Ordnung-Halten“89. Das ist der rechte Hirtendienst, darüber zu wachen und dafür zu sorgen, dass „die gearzten Schäflein nicht wiederum in Krankheit verfallen“90. Um diese Aufgabe zu erfüllen sind verschiedene erzieherische Mittel notwendig, die in seelsorglicher, also differenzierender Weise anzuwenden sind: „Gerade wie der Hirte etliche Schafe schlägt, etliche mit der Hand, etliche mit dem Fuß vorwärts stößt, etliche mit Pfiffen treibt …, damit ihm die Schäflein gemehrt, sauber und gesund werden.“91 Hirtendienst ist für Zwingli Wächterdienst, und er hat sein Vorbild und Urbild in Jesus Christus selbst. Damit ist den Pfarrern eine hohe Aufgabe gestellt. Sie setzt voraus, dass die Hirten sich ihrer Verantwortung für die evangeliumsgemäße Verkündigung bewusst sind und ihres Amtes in Liebe und ohne Falsch walten.
Hinter Martin Bucers Schrift von 153892 steht einerseits die Sorge angesichts des Nachlassens der ersten Liebe, also der Lockerung der Kirchenbindung bei vielen Gemeindegliedern, und andererseits die Trauer und der Zorn über die „jämmerliche und verderbliche Spaltung der Religion“, wie es im vollständigen Titel heißt.
Bucer – darin mit allen anderen Reformatoren eines Sinnes – geht von der Glaubensgewissheit aus, dass Christus die Kirche regiert und letztlich selbst ihre Zukunft bestimmt. Dazu braucht Christus bestimmte Mittel und geeignete Diener, „durch die will er mich zu seinem Reich sammeln, mir die Sünde verzeihen, mich neu gebären, erhalten, lehren und einführen ins ewige Leben“93. Das ist das Hirtenamt mit all seinen unterschiedlichen Funktionen. Seelsorge vollzieht sich für Bucer vielfältig – als Predigt, im Gespräch, beim Hausbesuch oder auch im Zusammenhang kirchenzuchtlicher Maßnahmen. Das Hirtenamt setzt Hirten voraus mit „Ansehen, Furcht und Vorbild des Lebens“, ausgestattet mit „vornehmen Gaben und Geschicklichkeiten neben dem aller ernsten Eifer zur rechten Leitung des Hirtenamtes“. Und das Ziel des Hirtendienstes ist vor allem „der Erwählten Besserung“94.Von „Besserung“ spricht Bucer im Zusammenhang der Seelsorge oft und gern. Konkret bedeutet das: Es geht in der Seelsorge darum, die Gemeindeglieder in der Gemeinde zu erhalten oder sie dahin zurückzuführen. Die Kirchenbeziehung ist der eigentliche und primäre Focus der bucerschen Seelsorge. Dabei empfiehlt er den Seelsorgern, ihren Dienst adressatenspezifisch auszuführen – je nachdem, wie nah oder fern der Kirche die einzelnen Gemeindeglieder stehen. Bucer unterscheidet in Anlehnung an Ez 34,16 fünf verschiedene Typen von Kirchenzugehörigkeit 95: die verlorenen Schafe, die der Kirche Entfremdeten (obwohl noch zu ihr Gehörenden), die Sünder in der Gemeinde, die Glaubensschwachen und die wahren Christen.
Je nachdem hat der Hirtendienst nun eher missionarisch-suchende, zur Buße fordernde oder den Glauben stärkende Aufgaben. Auch die Kirchenzucht kann dabei zu einem notwendigen Mittel der Seelsorge werden. Vor allem für die „starken Sünder“ in der Gemeinde wird sie Seelsorgern empfohlen: „Daneben aber werden sie auch die Kirchenzucht und Seelenarznei, welche die Diener des geistlichen Bindens und Lösens verrichten sollen, mit höchstem Fleiß fordern.“96
Auch die „gesunden, starken Schafe“ sind dem Hirtendienst anbefohlen. Hier gilt es zu festigen und zur Teilnahme an den „heiligen Kirchenübungen“ anzureizen. Vom „Geist Christi“ heißt es in Bezug auf diese Gruppe – und es scheint so, als wäre dies auch indirekt ein Modell für die visitatio domestica: „dass er seine Schüler in alle Wahrheit führet. Darum luget er auch von Haus zu Haus, von Mensch zu Mensch, wie seine Lektionen der öffentlichen gemeinen Predigten aufgenommen werden, wie sie bei jedem verfange, behöret sein Schüler, siehet, was sie begriffen haben oder nicht. Also hat ers in seiner Kirche allwegs gehalten; und wem das nicht gefällt und (wer) das nicht in Übung zu bringen begehrt, der will nicht, dass der h. Geist seine Kirche recht lehrt …“97.
Insgesamt gesehen haben wir es bei Bucer mit einer eindrucksvollen Seelsorgetheorie zu tun, einem geschlossenen poimenischen Gesamtentwurf. Ein gewisser erzieherischer Impetus ist dieser Seelsorgelehre unverkennbar eigen. Die einseitige Betonung des ekklesiologischen Aspektes führt dazu, dass andere Konfliktfelder und Krisenerfahrungen des individuellen Lebens praktisch aus dem Blick geraten. Für den modernen Leser Bucers ist überraschend, wie die präzisen Beschreibungen der verschiedene Entfremdungserfahrungen in Kirche und Gesellschaft immer wieder Assoziationen zu unseren Gegenwartserfahrungen freisetzen.
Auch in einer nur exemplarischen Skizze der Seelsorgegeschichte darf der Name von Johannes Calvin natürlich nicht fehlen. Der enge Zusammenhang von Seelsorge und Ekklesiologie ist aber auch für ihn evident. Und die kirchenzuchtlichen Seiten des Hirtendienstes sind bei ihm besonders deutlich ausgeprägt, freilich keineswegs in dem Maße, wie manches Vorurteil es gerne wahrhaben möchte. In gewisser Weise mag Calvin als der engagierteste Seelsorger der Schweizer Reformation angesehen werden. Calvins Seelsorge muss einerseits in ganz enger Verknüpfung mit seiner stark seelsorglich ausgerichteten Predigttätigkeit gesehen werden. Denn seine Predigten kreisen „um die Ehre Gottes und um die Ruhe des Gewissens“98. Andererseits gibt es einen festen Zusammenhang der Seelsorge mit der praktischen Arbeit des Reformators beim Gemeindeaufbau in Straßburg und Genf.99
Für die ganz praktische Seite von Calvins Seelsorgetätigkeit sind dann natürlich auch seine Briefe heranzuziehen. Es hat sie geschrieben an hoch gestellte und politisch einflussreiche Personen ebenso wie an einfache Gemeindeglieder in Notlagen, an Verfolgte, an ganze Gemeinden und an einzelne Pfarrer.100
Seelsorgliche Tiefe und kirchenzuchtliche Strenge – das sind charakteristische Merkmale der Seelsorge Calvins.
2.2.5Seelsorge als Erbauung (Pietismus)
Der Pietismus des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts war die erste große Erneuerungsbewegung innerhalb des deutschen Protestantismus nach der Reformation. Im Lichte der pietistischen Grundanschauungen – und das entspricht oft auch heutiger Sicht – erschien die lutherische Orthodoxie als eine Zeit geistlicher Dürre, kirchenrechtlicher Verkrustungen und religiöser Erstarrung. Dass dies so generell keineswegs zutreffend ist, wird durch die Beobachtung belegt, dass die Zeit der Orthodoxie auch eine Phase intensiver Frömmigkeitspraxis ist. Man denke an die Andachts- und Gebetsbücher aus dieser Zeit, an die vielen— gerade auch die persönliche Frömmigkeit ansprechenden – Gesangbuchlieder (Paul Gerhardt!) und an die geistlichen Trosthilfen für Krisenzeiten.101
Es scheint jedoch so, als hatte die lutherische Frömmigkeit dieser Zeit ihre Prägekraft für die großen Massen der Gemeindeglieder verloren. Und sie hatte es offensichtlich auch nicht zu Wege gebracht, in den Gemeinden einen stabilen Kern derer zu bilden, „die mit Ernst Christen sein wollen“ (Luther). Hier setzt der Pietismus ein. Es geht ihm um ein ernsthaftes, auf Erfahrung fußendes Christentum, das sich von der Masse der „Scheinchristen“ unterscheidet und wahre Früchte des Glaubens hervorbringt. Die pietistische Frömmigkeit zeichnet sich aus durch eine intensive Bibelorientierung und eine lebendige Christusbeziehung. Im Einzelnen ist der Pietismus natürlich sehr unterschiedlich geprägt. Die drei herausragenden Führungsgestalten – Spener102, Francke103, Zinzendorf104, – unterscheiden sich schon in den äußeren Rahmenbedingungen ihrer Wirksamkeit und so auch in den spezifischen Intentionen ihrer Theologie. Zinzendorf etwa wendet sich nach anfänglicher Übereinstimmung später entschieden von der pietistischen Bekehrungstheologie mit dem für Francke eigentümlichen Bußzwang ab.105 Im Wissen um die Differenzierungen innerhalb des Pietismus sind für den seelsorgegeschichtlichen Zusammenhang einige Punkte hervorzuheben, die für die Grundauffassung der Seelsorge in dieser Phase charakteristisch sind:
1.Jede stark veräußerlichte Form von Seelsorgepraxis wird abgelehnt. Für die Orthodoxie bestand diese vor allem in der Privatbeichte. Sie war wieder zu einem Zwangsinstitut geworden. Massenweise wurde die Beichte von den Pfarrern abgehört und es wurde Absolution erteilt, ohne dass damit eine ernsthafte Seelsorgearbeit verbunden werden konnte. Man holte sich im Beichtstuhl ein gutes Gewissen ab. Spener wollte die Privatbeichte nicht abschaffen, aber ihren oberflächlichen und zwangsweisen Gebrauch. Das routinierte Beichtehören ohne geistliche Vertiefung war ihm ein Gräuel. Und auch Francke wandte sich ausdrücklich gegen den „Missbrauch des Beichtstuhls“.106
2.Seelsorge sollte sich zuerst auf die Kerngemeinde ausrichten. „Nicht von der Besserung der Unfrommen, sondern von der Förderung der Frommen erwartete Spener die Reform der Kirche.107 Der Seelsorge obliegt zuerst die Aufgabe der „Erbauung“, der „Stärkung des Glaubens“ bei dem einzelnen Gemeindeglied. Gegenüber einer pastoralen Massenabfertigung kam es im Pietismus – vor allem Spenerscher Prägung – zu einer seelsorglichen „Entdeckung des Einzelnen“108. „Erst von ihm her ist die Ausrichtung auf das ‚Ganze‘ möglich.“109
3.Seelsorge geschieht im Pietismus bei aller Kritik an den traditionellen Institutionalisierungen dennoch bewusst methodisch. Für Spener bedeutet „Seelsorge als Erbauung“ ein „gezieltes, methodisch reflektiertes, differenziertes und planvolles Handeln“.110 Das seelsorgliche Gespräch wird hoch geschätzt und der – in der Zeit der Orthodoxie verpönte, teilweise sogar verbotene – Hausbesuch kam nun wieder zu seinem Recht. Der pietistische Seelsorger musste alle Möglichkeiten ergreifen, um seine primäre Aufgabe, die Stärkung und Festigung des Glaubens der Wiedergeborenen, zu erfüllen
4.Seelsorge führt in die Gemeinschaft der Erweckten und vollzieht sich zu einem guten Teil auch in ihr selber. Trotz des Ansatzes der Seelsorge beim Einzelnen ist für Spener etwa das Ziel der Erbauung überindividuell. Die Glaubenden sollen geistliche Gemeinschaften bilden, die er „ecclesiolae in ecclesia“ nennt – gleichsam „Pilotprojekte der Erbauung“111. Besonders das Herrnhut Zinzendorfs ist bekannt für die vielfachen Formen geistlicher Gruppengemeinschaft.112 Zinzendorfs Satz „Der Christ geht in Kompagnie“ ist geradezu zum geflügelten Wort geworden. Die strenge Gruppenordnung in Herrnhut muss man sich nicht als Installation seelsorglicher Zwangsgemeinschaften vorstellen. Sie war vielmehr die Möglichkeit, die einfachen und komplizierten Fragen des alltäglichen Lebens in die geistliche Gemeinschaft hineinzunehmen.113
5.Seelsorge im Pietismus ist Realisierung des allgemeinen Priestertums. Was Luther gewollt hatte, aber letztlich doch nicht durchsetzen konnte, das gewinnt hier nun praktische Wirksamkeit. Erbauung ist „Recht und Pflicht aller Christen“‚114. In den Gruppen und Gemeinschaften der wirklich gläubig gewordenen Gemeindeglieder findet nun das „mutuum colloqui um fratrum“, das wechselseitige geschwisterliche Gespräch bzw. eben die Seelsorge, wirklich statt. Für den Laientheologen Zinzendorf war die Idee der Geschwisterlichkeit für die Gemeinde und ihre Leitung ausgesprochen strukturbestimmend.
6.Pietistische Seelsorge wendet sich zuerst an den inneren Menschen. Sie intendiert aber keine Privatisierung des Glaubens. Der Glaube soll Früchte tragen und Erbauung vollzieht sich nicht in frommer Selbstzwecklichkeit. So muss die Seelsorge beispielsweise in Zusammenhang gesehen werden mit dem sozialen und pädagogischen Werk, das von dem Halle Franckes ausging, oder auch mit der „Reichgottesarbeit“, die Zinzendorf von Herrnhut aus in die weite Welt hinaustragen wollte.
Der Pietismus war eine wichtige Phase in der Kirchen- und Seelsorgegeschichte. Elemente des pietistischen Frömmigkeitsanliegens und Glaubenserlebens sind in den Kirchen immer gegenwärtig – in einzelnen Gruppierungen, als Strömung innerhalb der Großkirchen oder in dem Auftreten von charismatischen Einzelpersönlichkeiten. Oft erscheinen dann die genuinen und berechtigten pietistischen Anliegen in radikaleren oder gesetzlicheren Formen als bei den Vätern des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Das macht zuweilen Abgrenzungen erforderlich, die jedoch nicht den Blick dafür verstellen sollten, wie viel die Seelsorgepraxis der Kirchen gerade dem pietistischen Erbe verdankt.
2.2.6Seelsorge als Bildung und Lebenshilfe (Aufklärung)
Mit dem Pietismus teilen die Aufklärungstheologen die entschiedene Ablehnung der Institutionalisierungen kirchlicher Seelsorge in der Gestalt von Privatbeichte und Kirchenzucht. Während aber die pietistische Seelsorge ihren besonderen Zielpunkt in der Ausbildung einer authentischen Frömmigkeit auf dem Hintergrund einer positiven Glaubensentscheidung hatte, ging es den von Rationalismus und Neologie geprägten Theologen mehr um die Bildung der Menschen und um Hilfe für die Bewältigung konkreter Lebensprobleme. Der entscheidende Unterschied zum Pietismus und zur Orthodoxie muss aber wohl in der kritischen Einstellung zu jeder Form von Autoritätsanspruch, auch und gerade einem geistlichen, gesehen werden.
Nur einige Aspekte, die für die Geschichte der Seelsorge im Zeitalter der Aufklärung von Bedeutung sind, können hier hervorgehoben werden:
1.Eine gewisse „Pädagogisierung der Theologie“ geht einher mit einer Neuprofilierung des Pfarrerberufs im Blick auf seine sozialpädagogische Funktion: „Der Pfarrer wird zum Volksaufklärer und Lehrer, der die Untertanen jene Verhaltensweisen und mentalen Einstellungen lehrt, welche zur Förderung der salus publica unumgänglich sind.“115 Der Pfarrer als „Lehrer der Weisheit und Tugend“116 ist dazu berufen, Menschen nach dem Maß der Vernunft zu bilden und ihnen Sitte und Religion ans Herz zu legen. Seelsorge wird so zu einer spezifischen Form des Unterrichtens. Auch in früheren Epochen gab es solche Akzentuierungen – man denke an Klemens und Origenes –‚ aber in der Aufklärungstheologie erfuhr diese wohl zum ersten Mal eine derart zugespitzte Ausprägung.
2.Charakteristisch ist jetzt die Unterscheidung einer „allgemeinen Seelsorge“ von einer „speziellen“117. Die Aufgabe der allgemeinen Seelsorge besteht eben darin, dafür Sorge zu tragen, dass die Voraussetzungen für individuelle Existenz und Frömmigkeit gegeben sind. Dazu gehört die Sorge um die ökonomischen Lebensbedingungen, um Gesundheit, Ordnung, Recht und Moral, um ein geordnetes Ganzes. Die allgemeine Seelsorge hat es mit den sehr konkreten und realen Bedingungen des Alltagslebens der Menschen zu tun.
3.Die spezielle Seelsorge – cura animarum specialis – geschieht vor allem im „Privatumgang“, also im Gespräch mit dem Einzelnen. Sie ist nicht mehr wie in den vorangehenden Zeiten so sehr auf die Überwindung der Sündhaftigkeit des Menschen konzentriert. Eher geht es auch hier um „Besserung“, aber diese kann jetzt erreicht werden durch Anknüpfung an den schon von Gott her gelegten guten Grund im Menschen. Es kommt für die Seelsorge darauf an, die ihr Anbefohlenen dazu zu befähigen, „vorkommende Fälle nach Gottes Wort und den Vorschriften desselben zu entscheiden.“118 Heute würden wir wohl sagen, es geht darum, dem Einzelnen dazu zu verhelfen, „sittliche Kompetenz“ (Herms) zu erlangen.
4.Natürlich gehört zur speziellen Seelsorge auch die Beachtung der ganz konkreten Lebenssituation der einzelnen Gemeindeglieder. In gewisser Weise kann man davon sprechen, dass in der Aufklärung eine kasuelle Seelsorge geübt wird. Der katholische Pastoraltheologe Andreas Reichenberger nennt in seinen „Pastoralanweisungen von 1812 vier unterschiedliche Fallgruppen für die Seelsorge: „Kranke und Sterbende“, „Missetäter“, „Uneinige“ und diejenigen, „die einen Stand zu wählen im Begriffe sind“.119 Es geht dabei keineswegs nur um formale Rubrizierungen der seelsorglichen Praxis, sondern um das angestrengte Bemühen, dem Einzelnen in seiner ganz besonderen psychischen, sozialen und biographischen Situation gerecht zu werden.
5.Der Aufklärung verdanken wir neue Konzepte einer professionelleren Pfarrerausbildung120, in deren Folge auch die Qualifikation für die Seelsorgearbeit an Gewicht gewinnt. So beginnt sich die Einsicht, dass für eine kompetente Seelsorgepraxis auch psychologische Fachkenntnisse benötigt werden, hier und da durchzusetzen.121 Besonders im katholischen Bereich gewinnt seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine ganz neue praktisch-theologische Disziplin – die „Pastoralmedizin“ bzw. „Pastoralpsychiatrie“ oder auch „Pastoralanthropologie“122 – an Bedeutung. Hier haben wir im Umkreis der Aufklärung also den Beginn einer Entwicklung, die im zwanzigsten Jahrhundert unter neuen und veränderten Bedingungen zur Herausbildung einer pastoralpsychologisch orientierten Seelsorge geführt hat.
6.In die Aufklärungszeit gehören auch die ersten Erfahrungen mit einer empirischen Seelsorgeausbildung. Dies gilt im katholischen Bereich für die Forderungen nach einer person- und praxisbezogenen Theologenausbildung.123 Für den Protestantismus ist besonders das 1781 von Heinrich Philipp Sextro gegründete „Pastoralinstitut“ in Göttingen zu erwähnen.124Hier ging es um eine ganz praxisnahe Seelsorgeausbildung. Die Kandidaten der Theologie führten im Krankenhaus „Andachtsübungen“ sowie „Privatunterhaltungen“ durch und hatten die dabei gemachten Erfahrungen dann in „gemeinschaftlicher Beratschlagung“, also einer Form von Supervision, für sich auszuwerten. Sextro hielt diese Form der Ausbildung für sehr wichtig, denn: „Das Spital ist eine treffliche Schule der moralischen Beobachtung und Menschenkenntnis.“125 Nur für eine knappe Generation hatte das „Pastoralinstitut“ in Göttingen Bestand. 1805 wurde es geschlossen, die Gründe sind unbekannt. Vielleicht war der Geist der Aufklärung hier seiner Zeit zu weit vorausgeeilt!
2.2.7Seelsorge und Seelsorgelehre im 19. Jahrhundert
Der bisher eingeschlagene Weg, einzelne Epochen der Seelsorgegeschichte durch ein sie besonders, wenn auch nicht ausschließlich charakterisierendes Seelsorgeverständnis zu kennzeichnen, kann für das 19. Jahrhundert nicht beibehalten werden. Das hat vor allem zwei Gründe, die mit der Sache selbst zusammenhängen:
•Einmal: Die Seelsorge ist im neunzehnten Jahrhundert in ihr reflexives Stadium getreten. Zum ersten Mal entsteht jetzt eine Seelsorgetheorie im eigentlichen Sinne. Erst jetzt kann und muss versucht werden, die Seelsorge als ein besonderes Handeln in ihrer Beziehung zur Gemeinde im Ganzen und deren verschiedenen Lebensäußerungen sowie in ihrem Zusammenhang mit den glaubensmäßigen „Grundsätzen der evangelischen Kirche“ (Schleiermacher) zu begreifen. Die Herausforderung zur Entwicklung einer spezifischen Seelsorgetheorie ergibt sich auch aus der jetzt veränderten geistigen und kulturellen Situation. Wenn in der nun säkular werdenden Gesellschaft die traditionalen Lebensformen nicht mehr mit Selbstverständlichkeit geübt werden, droht der kirchlichen Seelsorge ihr primäres Bezugsfeld zu entgleiten. Es ist also erst einmal ein „Orientierungsrahmen“ zu benennen, in dem Seelsorge als ausreichend begründet zu erscheinen vermag. Seelsorge wird so zum „Dauerthema theologischer Reflexion“ und „zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Disziplin“.126 Die Folge dieser Entwicklung ist, dass eine Darstellung der Seelsorge selbst mit der der Seelsorgelehre nicht mehr zusammenfällt. Die Praxis und deren wissenschaftliche Reflexion sind in ihrer literarischen Darstellung durchaus zwei verschieden Genera.127 Will man über Seelsorgepraxis im 19. Jahrhundert etwas mitteilen, dann genügt es eben nicht, nur Literatur über die Seelsorge zu referieren. Vielmehr ginge es darum dem Niederschlag seelsorglicher Praxis in den verschiedenen möglichen Formen nachzugehen: in der zeitgenössischen Literatur (etwa die Pfarrergestalten!), im Erbauungsschrifttum, in der Predigtliteratur, in Biographien und anderen Lebenszeugnissen usw. Hier tut sich eine lohnenswerte und interessante Forschungsaufgabe auf, die in Analogie bzw. Ergänzung zur Alltags- und Kulturgeschichte zu leisten wäre. Im Rahmen dieser Einführung kann sie nicht in Angriff genommen werden.
•Der zweite Grund: Der Protestantismus ist im 19. Jahrhundert durch die fortschreitende Differenzierung seiner theologischen und religiösen Positionen charakterisiert. Das wirkt sich natürlich auch auf die Theoriebildung in der Seelsorge aus und lässt es kaum zu, eine Schwerpunktbestimmung für die Seelsorge pars pro toto herauszugreifen. Jetzt bestehen nebeneinander: einerseits die vermittlungstheologische Seelsorgelehre, der es um eine „wissenschaftliche Seelenpflege“ (Nitzsch) zu tun ist, andererseits eine konservativlutherische Poimenik, die in ihrer stark sakramental ausgeprägten Form bei Löhe besonders die Beichtpraxis in den Mittelpunkt stellt, und schließlich die den Strom der Erweckungstheologie aufnehmende „charismatische“ Seelsorge mit ihrer Ausrichtung auf einen ganzheitlichen Heilungsvorgang, wie sie uns bei den beiden Blumhardts begegnet. Die Vielfalt der poimenischen Positionen ist nur schwer übersehbar. Die Seelsorge hatte im 19. Jahrhundert in der praktisch-theologischen Theoriebildung offensichtlich eine Schwerpunktbedeutung.128 Infolge der Pluralität poimenischer Konzepte ist es verführerisch, die Poimenik des 19. Jahrhunderts als eine Art Steinbruch zu benutzen, um in die jeweilige eigene Position noch ein paar wichtige Steine als Legitimationshilfe einzubauen.
Zur Charakterisierung der Seelsorgelehre im 19. Jahrhundert seien nun drei Momente exemplarisch hervorgehoben:
1. Grundlegend und wegen ihrer Klarheit besonders eindrucksvoll ist die Auffassung von der Seelsorge bei Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher.129 Für ihn gehört die Seelsorge in die Zuständigkeit des „Kirchendienstes“130, also der auf den Einzelnen gerichteten Tätigkeiten. Vorausgesetzt wird von Schleiermacher, dass gemäß dem evangelischen Glauben die Gemeindeglieder grundsätzlich „selbst ihr Gewissen aus dem göttlichen Wort berathen können“131. Das ist die Freiheit jedes Christen. Sie gründet in seinem unmittelbaren Verhältnis zum Wort Gottes; und dieses genüge normalerweise für seine Gewissheit und für seine Orientierung. Eine Seelsorgepflicht könne es mithin nicht geben. Wenn allerdings bei dem einzelnen Gemeindeglied ein Seelsorgebedürfnis entstehe, sei es die unbedingte Pflicht des Pfarrers, dem zu entsprechen. Die Anforderung an den Seelsorger ist für Schleiermacher ein Anzeichen dafür, dass dem Gemeindeglied das Vertrauen in die unmittelbare Führung durch Gottes Wort und damit auch seine Identität mit der Gemeinde verloren gegangen ist. Der Seelsorger habe darum „solche Anforderung … dazu zu benutzen, die geistige Freiheit des Gemeindegliedes zu erhöhen und ihm eine solche Klarheit zu geben, dass jene Anforderung nicht mehr in ihm entstehe.“132Das ist der „Kanon“ für die seelsorgliche Arbeit in der evangelischen Kirche. Für Schleiermacher ist also die Wahrung und Förderung der Freiheit des Gemeindeglieds der oberste Grundsatz der Seelsorgelehre. Seelsorge ist damit – so würden wir heute sagen – in der Tendenz immer Hilfe zur Selbsthilfe. In keiner Weise darf Seelsorge zu Abhängigkeit oder in ein geistliches Vormundschaftsverhältnis führen. Es verwundert nicht, dass Beichte und Buße gegenüber dem Gespräch bei Schleiermacher zurücktreten.133 Ein seelsorglicher Dirigismus schade dem Anliegen der Seelsorge. Beim Seelsorger wird deshalb die Fähigkeit vorausgesetzt, „unbefangen“ und bereit zu sein, „in die verschiedenen Sinnesarten einzugehen“134, also sich einzufühlen. Das ist die Bedingung, um den anderen in seiner besonderen Persönlichkeit wahrnehmen und bestärken zu können135 – was freilich nicht im individualistischen Sinne zu verstehen ist, denn die Wiedererlangung der Freiheit und des Vertrauens hat ihren Sinn darin, dass der Einzelne nun wieder in die Gemeinschaft zurückfinden kann, aus der er „herausgefallen“ war.
Eindrucksvoll an Schleiermachers Seelsorgeverständnis ist die Verknüpfung von aufklärerischem Freiheitsbewusstsein mit dem Freiheitsverständnis des Evangeliums. Im Kern argumentiert Schleiermacher als Theologe. Problematisch erscheint das von ihm bevorzugte „Defizienzmodell“136, wonach jedes Seelsorgebedürfnis als Ausdruck für einen geistlichen Mangel interpretiert wird, und daraus folgend umgekehrt erst ein entsprechender Mangel vorhanden sein müsse, um Seelsorge zu indizieren.
2. Im Anschluss an Schleiermacher entwickelt sich im neunzehnten Jahrhundert die wissenschaftliche Seelsorgelehre. Beispielhaft sei hier die 1857 erschienene Seelsorgetheorie von Carl Immanuel Nitzsch137 erwähnt. Die Seelsorge ist für Nitzsch „die amtliche Tätigkeit der Kirche, welche der Erhaltung, Vervollkommnung und Herstellung des geistlichen Lebens wegen auf das einzelne Gemeindeglied gerichtet ist“138. Um die Aufgabe auch angemessen erfüllen zu können, müsse man sich darüber im Klaren sein, dass es in der Seelsorge um ein ganz persönliches Verhältnis gehe. Es käme also auf die Beachtung der „persönlichen Zustände und Bedürfnisse“ des Gemeindegliedes ebenso an, wie auch der ganz „persönliche Eindruck des Seelsorgers“ zu Buche schlage. Die Persönlichkeit des Seelsorgers spielt mithin für Nitzsch eine ebenso wichtige Rolle wie die spezifischen Kompetenzen, die er als „diagnostische Fähigkeit“ einerseits und als „therapeutische Tüchtigkeit“ andererseits definiert. Erstere beziehe sich vor allem auf die „Menschen-Kenntniß“: „dass er sich auf das menschliche Herz und Wesen nach dem Maße unserer Beschränktheit recht gründlich verstehe“139. Letztere hat etwas zu tun mit der Vermittlung von „Heil“ und „Segen“. Diese kommen zwar wohl „vom Herrn“ selbst, aber sie fallen doch „der Arbeit und Mühe seiner Diener nach seinem Wohlgefallen zu“140.
Im Anschluss an Reinhard Schmidt-Rost lassen sich drei Aspekte für die spezifische Ausrichtung der wissenschaftlichen Poimenik, wie sie uns bei Nitzsch begegnet und zugleich über ihn hinausweist in die künftige Entwicklung, benennen:
a.Sie bezieht sich ganz auf ein Handeln am Einzelnen.
b.Sie vollzieht sich im Bewusstsein christlicher Weltverantwortung und mit einer Realitätsorientierung auf das „Machbare“.
c Sie macht auf Dauer eine professionelle Ausprägung der seelsorglichen Berufsrolle erforderlich.141
Bei Nitzsch deutet sich also ein Weg an, der zu einer einschneidenden Veränderung im pastoralen Berufsverständnis führt. Das Leitbild ist nun bald nicht mehr der Gemeindehirte im Sinne der herkömmlichen Pastoraltheologie, sondern der „Seelenarzt“142 Vor allem gehört zu dieser neuen Weise, über Seelsorge nachzudenken, eine konsequente und kritisch reflektierte Einbeziehung humanwissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden. Die sich entwickelnde Seelsorgelehre kann immer weniger auf qualifizierte Übernahmen aus Anthropologie und Psychologie verzichten.
3. Die Entwicklung der Seelsorgelehre im 19. Jahrhundert wird nicht unwesentlich beeinflusst durch den immer deutlicher spürbaren Säkularisierungsprozess. In ihm lassen sich einerseits die Nachwirkungen der kulturellen Aufklärung erkennen, wie er andererseits auch im Zusammenhang mit Industrialisierung und neuer sozialer Differenzierung verstanden werden muss. Man kann geradezu von einem „Massenexodus aus der Kirche“143 sprechen, der sich zwar nicht in einer formellen Austrittsbewegung, dafür aber in einer inneren Ferne zu dem verfassten Christentum und praktischer Teilnahmeverweigerung gegenüber den kirchlichen Angeboten äußert. Carl Immanuel Nitzsch sah darum ein Erfordernis, den „seelsorgerischen Eifer“ zu verstärken, um das „Verlorene zu suchen“, und er zog daraus die Konsequenz: „…mit einem Wort, die Zeit für die innere Mission in der engeren Bedeutung ist für einen gewissen Kreis des kirchlichen, christlichen Lebens angebrochen“144. So kommt dann das seelsorgliche Handeln wieder sehr nah an die Wahrnehmung des missionarischen Auftrags heran.145 Was sich bei Nitzsch hier andeutet, das liegt ganz auf der Linie des durch Johann Hinrich Wichern 1848 auf dem Wittenberger Kirchentag ins Leben gerufenen Werkes der Inneren Mission. Später hat Wichern gerade den seelsorglichen Aspekt des diakonischen Handelns sehr eindrücklich formuliert: „Kommen die Leute nicht in die Kirche, so muss die Kirche zu den Leuten kommen … Wir müssen Straßenprediger haben, vornehmlich in den großen Städten. Die Straßen müssen Kanzeln werden, und das Evangelium muss wieder zum Volk dringen.“ Nun wird deutlich: Die Seelsorge hat nur dann eine Chance, wenn die Kirche sich auf die Menschen zu bewegt und wenn sie zugleich aufmerksam wird für die ökonomische und soziale Not auf den Straßen und in den Häusern. Der Dresdner Pfarrer Emil Sulze hat diese Herausforderung unter den Bedingungen einer immer anonymer werdenden Großstadtparochie erkannt und angenommen. Er versuchte mit seinem gegliederten Gemeindestrukturmodell146 die organisatorische Grundlage für eine gemeindliche Seelsorgearbeit zu schaffen, die die Menschen nicht nur mit Reden und Ritualen abspeiste. Seelsorge ist für Sulze Präsenz am Ort und Zusammenführung geistlicher, sozialer und pädagogischer Kompetenz. Um die immensen Aufgaben der Seelsorge in der Großgemeinde zu bewältigen, genüge es freilich nicht, allein auf die Kapazität der bestallten Pfarrer zurückzugreifen. Für Sulze geht es darum, das allgemeine Priestertum aller Gläubigen in Kraft zu setzen: „Die besten Christen, nicht die besten Theologen oder Redner, sind von Gott selbst dazu befähigt und verpflichtet, das Leben der Seelen, das Leben der ganzen Gemeinde zu gestalten … Die größte äußerliche und innerliche Not, die dem Auge sich darbietet, fordert dringend Abhilfe und nimmt immer mehr Zeit und Kraft in Anspruch.“147
Auch wenn Sulze mit seinem Gemeindeprogramm praktisch gescheitert war148, so sind hier doch Fragen gestellt, die zumindest als Impulse in die Seelsorgelehre des nächsten Jahrhunderts hinüberweisen.
Eine hohe Aufmerksamkeit auf die äußeren Nöte der Menschen findet sich auch in Seelsorgetheorien und -konzepten von einigen Theologen des Liberalismus. Otto Baumgarten (1858–1934), dessen Tätigkeit schon weit in das 20. Jahrhundert hineinreicht, betont, die seelsorgliche Tätigkeit dürfe nicht zu einer Predigt zum „Sichschicken in die Zeit“ führen; dadurch würde der Pfarrer unweigerlich zum „Kapitalistenpastor in den Augen der Notleidenden“. Vielmehr müsse sich die seelsorgliche mit der sozialen Aufgabe verbinden, die Massennöte seien realistisch wahrzunehmen und die Seelsorger sollten Verständnis suchen für das Treiben auf dem „Markt des Lebens“.149
Die Hinwendung zur wirklichen, zur „modernen“ Welt – das ist es, was liberale Theologie, bei durchaus unterschiedlichen sozialpolitischen Optionen und kulturellen Interessen, auszeichnet. Sie war letztlich dann auch der Boden, auf dem sich eine Seelsorgetheorie entwickelte, in der neue Erkenntnisse einer Psychologie der menschlichen Persönlichkeit konzeptuell aufgenommen werden konnten.
Literatur
Neben dem TRE-Artikel von Anselm Steiger (umfassende Darstellung mit besonderer Berücksichtigung der lutherischen Orthodoxie) ist hier der Überblick zur Geschichte der Seelsorge von Klaus Winkler (22000, 77–174) zu nennen. In dieser Seelsorgelehre werden u.a. die wichtigsten Poimeniker des 19. und 20.Jahrhunderts in Kurzporträts vorgestellt. Für den gleichen Zeitabschnitt ist auch die Darstellung von Friedrich Wintzer in dem von ihm herausgegebenen Reader zur Seelsorge (1987, XII–L) sehr informativ und aufschlußreich. In diesem Band finden sich auch wichtige Schlüsseltexte zur Geschichte der neueren Poimenik. Einzelne Epochen, besonders des 16. bis 18. Jahrhunderts, sind auf erhellende Weise von Werner Schütz dargestellt worden (1977, 9–64). Die Einzelporträts in Möllers Geschichte der Seelsorge I–III können dazu helfen, die überblickartigen Darstellungen exemplarisch zu vertiefen. Für die frühchristliche Seelsorge bietet Thomas Bonhoeffer (1985) grundlegende Einsichten.
Bäumer, Regina/Plattig, Michael: Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele. Geistliche Begleitung in der Zeit der Wüstenväter und der personzentrierte Ansatz von Carl R. Rogers – eine Seelenverwandtschaft?! Würzburg 1998
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1Vgl für die frühen und vorchristlichen Anfänge: Bonhoeffer, Thomas: Ursprung und Wesen der christlichen Seelsorge, München 1985, 30–85; Möller, Christian: Entstehung und Prägung des Begriffs Seelsorge, in: ders. (Hg.): Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Bd. 1, Göttingen 1994, 9–19; vgl. auch Herbst, Seelsorge 172–192.
2Vgl. zum Seelenbegriff unten Einleitung 4.
3Die Geschichtlichkeit betrifft auch den Seelsorgebegriff selbst. Vgl. dazu: Bonhoeffer, Thomas: Zur Entstehung des Begriffs „Seelsorge“, in: Archiv für Begriffsgeschichte XXXIII, Bonn 1990, 7–21.
4Über die notwendige Distanz und Nähe zur Tradition, also zum produktiven Umgang mit der Wahrnehmung von Geschichte und Geschichtlichkeit vgl.: Winkler, Klaus: Seelsorge, Berlin/New York 22000, 77ff.
5Ingo Baldermann versteht die Psalmen als „Sprache der Seele“ und „Gespräch mit der Seele“, ders.: Psalmen, in: Möller, Christian (Hg.): Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Bd. 1, Göttingen 1994, 23–34, 28ff.; vgl.: Seidel, Hans: Das Erlebnis der Einsamkeit im Alten Testament, Berlin 1969; ders.: Auf den Spuren der Beter, Berlin 1980; ferner: Ziemer, Jürgen. Schreie aus der Not. Überlegungen für eine Seelsorge mit den Psalmen, in: Albani, Matthias/Arndt, Timotheus (Hg.): Gottes Ehre erzählen, Leipzig 1994, 225–235; Schneider-Flume, Gunda: Glaubenserfahrung in den Psalmen, Göttingen 1998.
6Dass man auf diese Weise nicht nur eine Seelsorge, sondern auch eine Seelsorgelehre mit der Bibel konzipieren kann, zeigt sehr eindrucksvoll Isidor Baumgartner, der seine Pastoralpsychologie als auslegenden Nachvollzug der Emmausgeschichte (Lk 24,13–35) konzipiert hat. Baumgartner, Isidor, Pastoralpsychologie, Düsseldorf 1990, bes. 91ff.
7Z.B.: Bukowski, Peter: Die Bibel ins Gespräch bringen, Neukirchen 31996; Tacke, Helmut: Mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Beiträge zu einer bibelorientierten Seelsorge, Neukirchen 1989; Nicol, Martin: Leben deuten mit der Bibel. in: WzM 50, 1998, 2–17.
8Vgl. dazu: Schulz, Ehrenfried: Gebet und Meditation als Wege zur pastoralen Identität, in: Baumgartner, Isidor (Hg.): Handbuch der Pastoralpsychologie, Regensburg 1990, 265–284, 278ff.; Tilmann, Klemens: Die Führung zur Meditation, Ein Werkbuch, Ed. 1, Zürich 1972.
9Vgl. Drechsel, Wolfgang: Pastoralpsychologische Bibelarbeit, Stuttgart 1994; Bucher, Anton A.: Bibel-Psychologie. Psychologische Zugänge zu biblischen Texten, Stuttgart 1992; Berg, Horst Klaus: Ein Wort wie Feuer. Wege lebendiger Bibelauslegung, München 1991.
10Vgl. z.B. Keßler, Hildrun: Bibliodrama und Leiblichkeit. Leibhafte Textauslegung im theologischen und therapeutischen Diskurs, Stuttgart 1996; Drechsel, a.a.O., 86ff.
11Vgl. Herbst, Seelsorge 162–175; Henning, Gerhard: Wie redet die Bibel von der Seelsorge, in: Theologische Beiträge 32, 2001, 181–191.
12Fritsch, Stefan: Die chassidische Seelsorge, Frankfurt a.M. 1997, 170.
13A.a.O., 171.
14Mickel, Tobias: Seelsorgerliche Aspekte im Hiobbuch, Berlin 1990, 115.
15Theißen, Gerd/Merz, Annette: Der historische Jesus, Göttingen 1996, 216.
16A.a.O., 217.
17Über „Jesus als Seelsorger“ vgl.: Lemke, Helga: Verkündigung im seelsorgerlichen Gespräch, in: Baumgartner, Handbuch, a.a.O., 493–508, 495f.
18Kähler, Christoph: Jesu Gleichnisse als Poesie und Therapie, Tübingen 1995, 51f.
19A.a.O., 217f.
20Vgl. hierzu auch: Gebauer, Roland: Paulus als Seelsorger. Ein exegetischer Beitrag zur Praktischen Theologie, Stuttgart 1997, 64f.
21Gebauer findet bei Paulus drei inhaltliche Grundtypen der Seelsorge: „stärkende“ bzw. „beistehende“ Seelsorge (a.a.O., 250ff.), „korrigierende“ Seelsorge (a.a.O., 259ff.) und „erhaltende“ Seelsorge (a.a.O., 273ff.).
22A.a.O., 311ff.
23Besonders eindrucksvoll ist natürlich der Umgang des Apostels mit seinem eigenen Leiden und den Schlussfolgerungen, die sich daraus für die Seelsorge ergeben; vgl. dazu: Heckel, Ulrich: Schwachheit und Gnade. Trost im Leiden bei Paulus und in der Seelsorgepraxis heute, Stuttgart 1997.
24Für den Bereich der paulinischen Gemeinden vgl.: Gebauer, a.a.O., 283ff.
25Vgl. dazu: Roloff, Jürgen: Die Kirche im Neuen Testament, Göttingen 1993, 220.
26Die einzige zusammenhängende Geschichte der Seelsorge von den biblischen Anfängen bis in das 19. Jahrhundert: Hardeland, August: Geschichte der speciellen Seelsorge in der vorreformatorischen Kirche und der Kirche der Reformation, Berlin 1897. 1898; eine relativ ausführliche Darstellung der Seelsorgegeschichte bis in die Gegenwart bietet Klaus Winkler: Seelsorge, Berlin! New York 22000, 77–174.
27Möller, Christian (Hg.): Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts. Göttingen, Bd. 1 1994, Bd.2 1995, Bd.3 1996.
28Origenes, Homilie zu Leviticus 4,3, zitiert nach: Texte der Kirchenväter I, München 1963, 363.
29Neben Origenes vor allem und eindrücklich vertreten durch Klemens von Alexandrien, vgl. dazu den Abschnitt „Kultur als Heilsgabe“ bei: Bonhoeffer, Thomas: Ursprung und Wesen der christlichen Seelsorge, München 1985, 98–105.
30Die Apostolischen Väter, hrsg. von Andreas Lindemann und Henning Paulsen, Tübingen 1992, 325–555.
31Vgl. Bonhoeffer, Thomas, a.a.O., 96f.
32Die Apostolischen Väter, 405.
33A.a.O., 401ff.; 405ff.; 409ff.; 413ff.; 417ff.
34Vgl. dazu die Darstellung von Manfred Seitz: Wüstenmönche, in: Möller, Christian (Hg.), a.a.O., 81–111; ferner: Bäumer, Regina/Plattig, Michael: Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele. Würzburg 1998; Dodel, Franz: Weisung aus der Stille. Sitzen und Schweigen mit den Wüstenvätern, Zürich 1999. Schulz, Günther/Ziemer, Jürgen: Mit Wüstenvätern und Wüstenmüttern im Gespräch, Göttingen 2010.
35Seitz a.a.O., 99.
36Vgl. Bonhoeffer, a.a.O., 106f.
37Weisung der Väter, Trier 52000, Nr.16. (Übersetzung von Günther Schulz).
38Ebenda Nr. 597: „Abbas Poimen sprach: „wenn ein Mensch sündigt und es leugnet, indem er spricht: Ich habe nicht gesündigt, so überführe ihn nicht. Andernfalls nimmst du ihm den Mut. Wenn du aber sagst: Sei nicht mutlos, Bruder, aber hüte dich hinfort, dann erweckst du seine Seele zur Reue.“
39Nr. 654: „Wiederum sagte er: „Zu wem dein Herz nicht hinströmt, an den hänge dich nicht mit deinem Herzen.“
40Vgl. ebenda Nr.16, wo die oberflächliche Erfüllung geistlicher „Bedürfnisse“ zurückgewiesen wird: Ein Bruder sprach zum Altvater Antonius: „Bete für mich.“ Der Greis entgegnete ihm: „Weder ich erbarme mich deiner noch Gott, wenn du dich nicht selbst bemühst und Gott bittest.“ (Übersetzung von Günther Schulz).
41Ebenda Nr. 738, vgl. Nr. 637. Vgl. zum Ganzen auch: Ziemer, Jürgen: „Hast du Ruhe, wenn du redest?“ Seelsorgliche Impulse aus dem Wüstenmönchtum, in: WzM 62, 2010, 510–524.
42Texte der Kirchenväter, Bd. I, München 1963, 437.
43Foucault, Michel: Technologien des Selbst, in: ders.: Technologien des Selbst, Frankfurt a.M. 1993, 24–62, 61; vgl.: Paden, William E.: Schauplätze der Demut und des Misstrauens. Wüstenheilige und New-England-Puritaner, in: Foucault, a.a.O., 78–96, 79ff. Zum hier avisierten Problem ferner: Schieder, Rolf: Seelsorge in der Postmoderne, in: WzM 46, 1994, 28ff.
44Asmussen, Jens P. u.a.: Art. Beichte (I–V), in: TRE 5, Berlin/New York 1980, 411–439; Wißmann, Hans u.a.: Art. Buße (I–VI), in: TRE 7, Berlin/New York 1981, 430–496; Vorgrimler, Herbert/Lell, Joachim: Art. Buße/Vergebung, in: Eicher, Peter (Hg.): Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe, Bd. I, München 1984, 150–170; Campbell, Alastair V. u.a.: Art. Beichte, in: EKL I, Göttingen 1986, 397–402; Mühlen, Karl-Heinz zur u.a.: Art. Buße (I–3), in: EKL I, Göttingen 1986, 599–610; Ohst, Martin: Pflichtbeichte. Untersuchungen zum Bußwesen im Hohen und Späten Mittelalter, Tübingen 1995, zur Gesamtgeschichte vgl. auch: Zimmerling, Peter: Studienbuch Beichte, Göttingen 2009.
45Vgl. Wißmann, TRE 7, 455; Mühlen, EKL I 600.
46Wißmann, TRE 7, 459.
47Wißmann, TRE 7, 459.
48Vgl. dazu: Angenendt, Arnold: Geschichte der Religiosität im Mittelalter, Darmstadt 1997, 633ff. Angenendt beschreibt konkret die Folgen einer „Tarifierung“ der Bußleistungen, den Umgang mit den unerkannten Sünden und den Leibsünden usw.
49Wißmann, TRE 7, 463.
50Asmussen, TRE 5, 418.
51Vgl. Angenendt, a.a.O., 189–191. Hinzuweisen wäre in diesem Zusammenhang auf eine ganze Reihe von mittelalterlichen Autoren und Praktikern der Seelsorge, Bernhard von Clairvaux etwa oder Meister Eckart. Vgl. dazu die entsprechenden Beiträge in: Möller (Hg.): Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Bd. I, 247ff.; 287ff.
52Zu Gregor vgl.: Möller, Christian: Gregor der Große, in: a.a.O., Bd. I, 223–243.
53A.a.O., 231.
54Gregor der Große, Regula pastoralis, übersetzt und eingeleitet von Georg Kubis, Leipzig 1986, 15. Auf die Notwendigkeit einer seelsorglichen Differenzierung nach Analogie ärztlicher Diagnostik und Therapie hatte schon Gregor von Nyssa hingewiesen, vgl. dazu den bei Bonhoeffer, Thomas, a.a.O., 129–140 zitierten Brief an Letoios nebst Einleitung und Kommentar. Dort heißt es wörtlich: „Denn wie in der Medizin zwar das Ziel immer dasselbe ist, nämlich dass der Kranke gesund wird, die Art der Behandlung jedoch je nach Krankheit verschieden, so auch bei der seelischen Erkrankung: Auch hier gibt es vielerlei Leiden und deshalb auch vielerlei therapeutische Bemühungen.“ (130).
55Gregor der Große, a.a.O., 16.
56A.a.O., 32f.
57A.a.O., 119.
58A.a.O., 183.
59Angenendt, a.a.O., 444.
60Vgl. dazu vor allem: Ebeling, Gerhard: Luthers Seelsorge. Theologie in der Vielfalt der Lebenssituationen an seinen Briefen dargestellt, Tübingen 1997; ders.: Luthers Gebrauch der Wortfamilie „Seelsorge“, in: Luther-Jahrbuch 61, 1994, 7–44.
61Zum Trostbegriff vgl.: Schneider-Harpprecht, Christoph: Trost in der Seelsorge, Stuttgart 1989; Weymann, Volker: Trost? Orientierungsversuch zur Seelsorge, Zürich 1989.
62Möller, Christian: Martin Luther, in: ders.: (Hg.): Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Bd. 2, Göttingen 1995, 25–44, 25; zur Darstellung der Seelsorge Luthers vgl. ferner: Schütz, Werner: Seelsorge, Gütersloh 1977, 10ff.
63Evangelisches Gesangbuch Nr. 341, Vers 3.
64Leppin, Volker: „Ich hab all mein Ding von Doktor Staupitz“. Johannes von Staupitz als Geistlicher Begleiter in Luthers reformatorischer Entwicklung, in: Greiner, Dorothea (Hg.): Wenn die Seele zu atmen beginnt…, Leizig 22007, 60–80, 79.
65WA 54, 186 – Übersetzung nach Möller, a.a.O., 26.
66Eine interessante pastoralpsychologische Interpretation des Perspektivwechsels bei: Winkler, Klaus: Die Zumutung im Konfliktfall! Luther als Seelsorger in heutiger Sicht, Hannover 1984, 54ff. Winkler sieht anthropologisch einen Wechsel von einer „Über-Ich“-geleiteten Gewissensbindung (mit der Folge von Schuldangst wegen nicht erfüllter Normen) zu einem eher „Ich-Ideal“-gesteuerten Gewissensverständnis (mit der Folge von Selbstwertkrisen wegen Idealverfehlung). Im Blick darauf gewinnt dann, wenn ich Winkler richtig verstehe, die Einsicht des Glaubens an die von Gott her vollzogene Annahme des „ganzen Menschen“ ihren entscheidenden „Trost“-Charakter.
67S. Anm. 63.
68WA 47, 297f. – zit. nach: Jörns, Klaus-Peter: Luther als Seelsorger, in: WzM 37, 1985, 489–498, 491.
69Winkler, a.a.O., 43.
70Ebeling, a.a.O., 449.
71WA Briefe 1, 57, Nr. 22, 12–17 – Zitat und Übersetzung nach Ebeling, a.a.O., 39.
72WA Briefe 8, 622 Nr. 3420, 22 – zit. nach Ebeling, a.a.O., 452.
73WA Tischreden Nr. 3289. 912 – zit. nach Jörns, a.a.O., 493.
74WA Briefe 4, 387 Nr. 1226, 8f. – Zitat und Übersetzung nach Ebeling, a.a.O., 372.
75WA Briefe 4, 614 Nr. 1357, 6–8 – Zitat und Übersetzung nach Ebeling, ebd.
76Zit. nach: Eschmann, Holger: Dem Teufel ins Gesicht lachen. Methoden logotherapeutischer Krisenintervention und Ratschläge Martin Luthers gegen die Anfechtung im Vergleich, in: PTh 87, 1998, 35–45, 43.
77Zit. ebd.; vgl. zum Thema auch Möller, a.a.O., 39–42.
78WA 10/3, 398, 35, zit. nach: Barth, Hans-Martin: Einander Priester sein. Allgemeines Priestertum in ökumenischer Perspektive, Göttingen 1990, 40.
79A.a.O., 40f.
80WA 10/2, 301,23ff. – zit. nach Barth, a.a.O., 41.
81Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Berlin 51960, 449.
82Henkys, Jürgen: Seelsorge und Bruderschaft, Berlin 1970, 40.
83WA 30 III, 566 zit. nach Schütz, a.a.O., 15.
84Schütz, a.a.O., 16.
85Vgl. den Abschnitt „Seelsorge nach den lutherischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts“ bei Schütz, a.a.O., 25–30.
86Damit sei nicht vergessen, dass es z.B. auch von Zwingli eindrucksvolle Zeugnisse situativer Seelsorge gibt. Vgl. die exemplarischen Texte bei: Lutz. Samuel: Huldrych Zwingli, in: Möller (Hg.), Bd. 2, a.a.O., 65–84, 75ff.
87Zwingli, Huldrych: Der Hirt, 1524, hrsg. von Oskar Farner, 1940.
88Schütz, a.a.O., 17.
89Schütz, a.a.O., 18.
90Zwingli, a.a.O., 188, zit. nach Schütz, a.a.O., 18.
91Zwingli, a.a.O., 175, zit. nach Winkler, a.a.O., 115.
92Bucer, Martin: Von der waren Seelsorge und dem rechten Hirtendienst, wie derselbige in der Kirchen Christi bestellet und verrichtet werden sollte, in: Martin Bucers Deutsche Schriften, Bd. 7, hrsg. von Robert Stupperich, Gütersloh 1964, 67–245.
93Bucer, a.a.O., 111, Alle Bucer-Texte leicht modernisiert (J.Z.).Vgl. Gronauer, Gerhard: Reformatorische Pastoral- und Seelsorgelehre im Vergleich. Zwinglis „Der Hirt“ (1524) und Bucers „Von der waren Seelsorge“ (1530), in: Schirrmacher, Thomas (Hg.): Anwalt der Liebe. Martin Bucer als Theologe und Seelsorger, Bonn 2002, 95–142.
94A.a.O., 117.
95A.a.O., 142 ff. Die Bezeichnungen sind bei Bucer nicht immer ganz präzise unterschieden. Es wäre eine reizvolle Aufgabe, Bucers Charakterisierungen mit modernen religionssoziologischen Typologisierungen von Kirchenbindung zu vergleichen, vgl. dafür etwa: Dubach, Alfred/Campiche, Roland J. (Hg.): Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz, Basel 1993, 159ff.
96Bucer, a.a.O., 191.
97A.a.O., 218; vgl. Müller, Gerhard: Seelsorge und Kirchenzucht. Martin Bucers Vorstellungen von Kirchenleitung, in: Landau, Rudolf/Schmidt, Günter R.: „Daß allen Menschen geholfen werde …“, Stuttgart 1993, 143–155.
98Scholl, Hans: Johannes Calvin, in: Möller (Hg.), Bd. 2, a.a.O., 103–126, 106.
99Vgl. dazu: Scholl, a.a.O., 106f.
100Vgl. a.a.O., 109f. und 110ff.
101Vgl. Schütz, a.a.O., 33; für eindrucksvolle seelsorgliche Beispiele im Zusammenhang mit einer konkreten Krisenerfahrung vgl.: Koch, Ernst: Die höchste Gabe der Christenheit. Der Umgang mit Schwermut in der geistlich-seelsorgerlichen Literatur des Luthertums im 16. und 17. Jahrhundert, in: Hagemaier, Monika/Holtz, Sabine (Hg.): Krisenbewusstsein und Krisenbewältigung in der Frühen Neuzeit, Frankfurt a.M. 1992, 231–243; Steiger, Johann Anselm: Melancholie, Diätetik und Trost. Melancholie-Therapie im 16. und 17. Jahrhundert, Heidelberg 1996.
102Zu Spener vgl.: Wallmann, Johannes: Philipp Jakob Spener, in: Möller (Hg.), Bd. 2, a.a.O., 261–277; Haizmann, Albrecht: Erbauung als Aufgabe der Seelsorge bei Philipp Jakob Spener, Göttingen 1997.
103Zu Francke vgl.: Brecht, Martin: August Hermann Francke und der Hallische Pietismus, in: ders. (Hg.): Geschichte des Pietismus, Bd. I, Göttingen 1993, 439–539.
104Zu Zinzendorf vgl.: Meyer, Dietrich: Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, in: Möller (Hg.), Bd. 2, a.a.O., 299–316; Zimmerling, Peter: Ein Leben für die Kirche. Zinzendorf als Praktischer Theologe, Göttingen 2010, 86–107.
105Vgl. z.B. Meyer, a.a.O., 303.
106Vgl. Winkler, a.a.O., 125.
107Wallmann, a.a.O., 267.
108Haizmann, a.a.O., 326.
109A.a.O., 317f.
110A.a.O., 321. Vgl. auch Zinzendorfs Insistieren auf Beachtung der „Invididualität und Entwicklungsphasen dese Menschseins“, was Zimmerling, a.a.O., 88 betont.
111A.a.O., 322, vgl. auch a.a.O., 76.
112Meyer, a.a.O., 301ff.; vgl. auch: Frör, Peter: Gruppenseelsorge in der kirchlichen Tradition: Das Beispiel der Banden Herrnhuts, in: Riess, Richard (Hg.): Perspektiven der Pastoralpsychologie, Göttingen 1974, 79–95; vgl. Zimmerling, a.a.O., 91–98.
113Vgl. dazu Schütz, a.a.O., 43.
114Haizmann, a.a.O., 320.
115Graf, Friedrich Wilhelm: Protestantische Theologie und die Formierung der bürgerlichen Gesellschaft, in: ders. (Hg.): Profile des neuzeitlichen Protestantismus, Bd. I, Gütersloh 1990, 11–54, 21f.
116Johann Joachim Spalding, zit. nach Schütz, a.a.O., 44; vgl. Benrath, Gustav-Adolf: Menschenbild und Seelsorge in der deutschen Spätaufklärung, in: Herms, Eilert (Hg.): Menschenbild und Menschenwürde, Gütersloh 2001, 201–230.
117Vgl. die Darstellung bei Schütz, a.a.O., 46ff.
118Baumgarten, Siegmund Jakob: Ausführlicher Vortrag der theologischen Moral, 1767, 1294, zit. nach Schütz, a.a.O., 47.
119Nach Pompey, Heinrich. Zur Geschichte der Pastoralpsychologie, in: Baumgartner, Isidor (Hg.): Handbuch der Pastoralpsychologie, Regensburg 1990, 23–40, 29.
120Vgl. Graf, a.a.O., 22.
121Pompey erwähnt als ein Beispiel die Würzburger Studienordnung für (katholische) Theologen von 1773, in der es heißt, dass anstelle der „trockenen Ontologie“ die Hauptsorge lieber auf die „Psychologie und Seelenlehre“ gerichtet werden sollte. Vgl. Pompey, a.a.O., 26.
122Vgl. Pompey, a.a.O., 30ff.
123Vgl. Pompey, a.a.O., 26ff.; Besonderes Augenmerk gilt dabei der Befähigung zur Gestaltung der seelsorglichen Gesprächsbeziehung beim „Privatunterricht“ in der Pastoraltheologie. A.a.O., 29f.
124Näher beschrieben bei: Piper, Hans-Christoph: Kommunizieren lernen in Seelsorge und Predigt, Göttingen 1981, 15–25.
125Zit. bei Piper, a.a.O., 17.
126Schmidt-Rost, Reinhard: Seelsorge zwischen Amt und Beruf. Studien zur Entwicklung der modernen evangelischen Seelsorgelehre seit dem 19. Jahrhundert, Göttingen 1988, 12. Die Entstehung der wissenschaftlichen Seelsorgelehre (Poimenik) erfolgt im Zusammenhang mit der Herausbildung der Praktischen Theologie als eigener Disziplin der wissenschaftlichen Theologie in Ablösung der bisherigen, primär an den Aufgaben des geistlichen Amtsträgers orientierten Pastoraltheologie“. Vgl. dazu: Rau. Gerhard: Pastoraltheologie, München 1970; Rössler, Dietrich: Grundriss der Praktischen Theologie, Berlin 1986, 21ff., 33ff.; Stahlberg, Thomas: Seelsorge im Übergang zur „modernen Welt“, Göttingen 1998, 9–145.
127Das lässt sich geradezu exemplarisch verdeutlichen, wenn man die beiden jüngsten Darstellungen der Seelsorgegeschichte miteinander vergleicht: Während Winkler in seiner klar theorieorientierten Seelsorgelehre fast ausschließlich die verschiedenen Poimeniker im 19. Jahrhundert zu Worte kommen lässt (Winkler, Klaus: Seelsorge, Berlin/New York 1997, 131ff.), finden sich in Möllers Seelsorge-Geschichte nur die Namen von zwei Theologen, die zugleich in die Theoriegeschichte gehören, nämlich Schleiermacher und Löhe; dafür werden aber die Seelsorgeimpulse und -wirkungen von zwei Dichtern, Hebel und Gotthelf, einbezogen. Vgl. Möller (Hg.), Bd. 3, 21–152.
128Als überblickartige Orientierungshilfen seien genannt: Friedrich Wintzers Einführung, in: ders. (Hg.): Seelsorge. Texte zum gewandelten Verständnis und zur Praxis der Seelsorge in der Neuzeit, München 31988, XVII–XX–VIII; Christian Möllers Einleitung, in: Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Bd. 3, 9–17; Rössler, a.a.O., 166–173; Schütz, a.a.O., 50–57.
129Über Schleiermacher als Seelsorger vgl.: Weymann, Volker: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, in: Möller (Hg.), Bd. 3, 21–40; über Schleiermachers Seelsorgelehre: Gerbracht, Diether: Die Gemeinde und der Einzelne. Das Verständnis der Seelsorge bei Friedrich D.E. Schleiermacher, Diss. Göttingen 1977; Dober, Martin: Seelsorge bei Luther, Schleiermacher und nach Freud, Leipzig 2008, 65–112; Karle, Isolde: Poimenik, in: Grethlein, Christian/Schwier, Helmut (Hg.): Praktische Theologie, Leipzig 200, 576–583.
130Kurze Darstellung des theologischen Studiums § 36ff., in: Friedrich D.E. Schleiermacher, Theologische Schriften, hrsg. von Kurt Nowak, Berlin 1983, 290ff.
131Schleiermacher, Friedrich D.E.: Die praktische Theologie nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche, Berlin 1850, 430.
132A.a.O., 431 und 445.
133Vgl. Dober, a.a.O., 112.
134A.a.O., 437.
135Vgl. a.a.O., 433.
136Wintzer, a.a.O., XIX.
137Nitzsch, Carl Immanuel Die eigenthümliche Seelenpflege des evangelischen Hirtenamtes mit Rücksicht auf die innere Mission, Bonn 1857 (= ders.: Praktische Theologie, Bd. 3).
138A.a.O., 70. Zu Nitzsch vgl. Karle, a.a.O., 583–588.
139A.a.O., 119.
140A.a.O., 130.
141Schmidt-Rost, a.a.O., 74–76
142vgl. Schmidt-Rost, a.a.O., 75; 89ff.
143Hölscher, Lucian: Bürgerliche Religiosität im protestantischen Deutschland des 19. Jahrhunderts, in: Schieder, Wolfgang (Hg.): Religion und Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1993, 191– 215, 200.
144Nitzsch, a.a.O., 19.
145Vgl. Wintzer, a.a.O., XXI.
146Dargelegt in: Sulze, Emil: Die evangelische Gemeinde, Leipzig 21912, 32ff.
147Emil Sulze, zit. bei: Wintzer, a.a.O., 36f.
148Zu Sulze und den Auseinandersetzungen um seinen Ansatz sowie zu der von ihm inaugurierten „Gemeindebewegung“ vgl.: Möller, Christian: Lehre vom Gemeindeaufbau, Bd. l, Göttingen 1987, 138ff.
149Baumgarten, Otto: Der Seelsorger unserer Tage (1891), zit.: bei Wintzer, a.a.O., 46f.; vgl. Stahlberg, Thomas, a.a.O., 142ff.; 271ff.
3. Seelsorge und Seelsorgelehre in der Gegenwart
3.1Poimenische Herausforderungen
Für die Seelsorgelehre in der Gegenwart und vor allem im Kontext des deutschen Protestantismus ist es notwendig, mindestens mit drei historischen Herausforderungen zu rechnen: dem Siegeszug der modernen Psychologie, den einschneidenden Katastrophenerfahrungen dieses Jahrhunderts und der zunehmenden Säkularität der Kultur und des privaten Lebens. Es sind sozusagen die gesellschaftlich-historischen Rahmenbedingung für die theologische Poimenik.
•Da ist zunächst die Entwicklung der von Wilhelm Wundt begründeten wissenschaftlichen Psychologie und einer von ihren Methoden ausgehenden Psychotherapie zu nennen. Psychologische Kenntnisse in unterschiedlichster Form prägen heute in vielfacher Weise das Leben von einzelnen Menschen und Gruppen. Vor allem die Psychoanalyse – obwohl akademisch nur bedingt akzeptiert – hat Sprache und Denken in unserer Gesellschaft in viel höherem Maße beeinflusst, als uns das normalerweise bewusst ist. Eine Seelsorgelehre, die sich einer Rezeption psychologischer Einsichten und einer Auseinandersetzung mit therapeutischen Verfahren widersetzt, verkümmert zu einer Gruppenpoimenik für geschlossene kirchlich-religiöse Kreise. Die Praktischen Theologen der liberalen Schule – genannt seien: Otto Baumgarten, Paul Drews, Friedrich Niebergall – hatten das auf ihre Weise schon am Beginn des 20. Jahrhunderts erkannt. Sie hatten zeitig begonnen, empirische Erkenntnisse zu integrieren und sich humanwissenschaftliche Methoden zu Eigen zu machen.1 Als ein Pionier einer Seelsorge, die grundlegende anthropologische Einsichten von außerhalb der Theologie rezipiert, muss Oskar Pfister genannt werden. Dieser Schweizer Pfarrer und Therapeut nahm die Herausforderung, die in dem ja auch stark religionskritischen Ansatz der Psychoanalyse Sigmund Freuds lag, kreativ auf und entwarf – auf dem Hintergrund seiner ebenfalls liberalen Theologie – das Konzept einer „analytischen Seelsorge“2. Während Pfister sich relativ streng an den Methoden Freuds orientierte, hat Otto Haendler schon früh versucht, die „komplexe Psychologie“ Carl Gustav Jungs für Theologie und Seelsorge fruchtbar zu machen.3 Ähnliches wie für Haendler trifft auch für Walter Uhsadel zu, während Alfred Dedo Müller sich auf eigene Weise um die Zusammenarbeit mit der modernen Psychologie bemüht hat.4 – Durch die Psychotherapie ist der Seelsorge ihr ursprüngliches Monopol im Blick auf die Arbeit an der menschlichen Seele streitig gemacht worden. Darin ist sie zur Herausforderung für die Seelsorgelehre geworden. Es ist für die Kirche insgesamt und für die Seelsorge im Besonderen von hoher Bedeutung, ob sie auf diese Herausforderung nur mit defensiven Abwehr- und Abgrenzungsmanövern reagiert oder ob sie die Chancen wahrnimmt, die in einer echten Begegnung von Therapie und Seelsorge liegen.
•Der zweite Faktor, der hier zu nennen ist – sind die Katastrophenerfahrungen seit Anfang des 20. Jahrhunderts: die Weltkriege, der Holocaust, die Atombombe, die totalitären Diktaturen, der internationale Terrorismus und die sich immer krasser ausprägenden Strukturen der Ungerechtigkeit. Man mag hier unterschiedlich werten und dem andere Katastrophen und Bedrohungen hinzufügen – die hier angedeuteten kollektiven Erfahrungen haben etwas zu tun mit unserer Art zu leben und zu hoffen, zu glauben und zu zweifeln. Sie prägen unser Menschenbild im positiven und im negativen Sinne. Und sie wirken sich auch auf die Erwartungen und Anforderungen an die Seelsorgearbeit der Kirchen aus. Denn all die genannten Erfahrungen in der Makrowelt haben ihre Resonanz in der Mikrowelt des Einzelnen. Krisenerfahrungen und Krisenbewusstsein treten deutlicher denn je zutage. Das Anwachsen von Suchterkrankungen, Depressionen und Suizidalität sind deutliche Indizien dafür im persönlichen Bereich. Die Seelsorge und die Seelsorgelehre sind davon insofern betroffen, als deutlicher wird, dass das, was schon immer galt, weil es schon immer unerklärbares Leiden gab, nun unausweichlich nahe rückt: die Krisenerfahrungen führen die Seelsorge an ihre Grenzen und die Seelsorger selbst ins Schweigen.5 Es ist uns heute nicht mehr möglich, eine Seelsorge der klugen Ratschläge und sicheren Antworten zu treiben; denn die große und die kleine Welt des Menschen ist nicht mehr „gottfarben“, sie lädt nicht mehr dazu ein, Glauben und Zuversicht zu gewinnen: „So wie die Welt wirklich beschaffen ist, legt sich der Glaube an den Teufel viel näher als der Glaube an Gott. Die Höllen der Weltkriege, die Höllen von Auschwitz, Hiroshima und Vietnam, aber auch die alltäglichen Erfahrungen, die einen Menschen zum andern sagen lassen: ‚Du machst mir das Leben zur Hölle‘, legen es oft nahe, sich die Welt im Ganzen als ‚Totenhaus‘, als Zuchthaus, Irrenhaus oder univers concentrationaire vorzustellen und nicht als gute Erde unter dem gütigen Himmel eines gerechten Gottes.“6 Für die Seelsorge mögen die Grundausrichtung dieser Welt und (Un-) Glaubenserfahrungen im 20. Jahrhundert unterschiedliche methodische Konsequenzen nahe legen. – Aber es wird nicht möglich sein, sie im Konzept und in der Praxis der Seelsorge unberücksichtigt zu lassen.7 Im Zeichen der Katastrophenerfahrungen unseres Jahrhunderts ist Seelsorge vielleicht nur noch möglich in einer „Solidarität der leeren Hände“8, wenn sie wirklich kräftigenden und aufbauenden Trost vermitteln will.
•Der dritte hier zu erwähnende Faktor hängt mit dem Vorangehenden in gewisser Weise zusammen, hat aber doch auch mit dem generellen Traditionsabbau in der Moderne zu tun: Es ist die Säkularität der modernen Gesellschaft. Christliche Seelsorge im 20. Jahrhundert muss sich immer wieder neu konstituieren angesichts eines fortschreitenden Prozesses religiöser Entfremdung und praktischer Entkirchlichung.9 Für die Seelsorge stellt sich heute die Frage nach Möglichkeiten eines Wirkens jenseits der traditionellen Grenzen von Glauben und Nichtglauben. Immer häufiger wird es zu seelsorglichen Begegnungen mit Menschen kommen, die innerlich und äußerlich von der Tradition des Glaubens und der Praxis kirchlich gebundener Religiosität weit entfernt sind: im Krankenhaus, in den Gefängnissen, bei der Telefonseelsorge, in den unterschiedlichen Beratungsstellen kirchlicher Trägerschaft – aber auch in der Gemeinde, sofern diese nicht zum geschlossenen religiösen Milieu geworden ist. Seelsorge zu denken und zu praktizieren mit Menschen, die nicht (mehr) glauben – aus welchem Grund auch immer – das gehört zu den besonderen poimenischen Herausforderungen im 20. Jahrhundert. Es ist vor allem eine hermeneutische Herausforderung – nämlich die Aufgabe, „religionslos“ (Bonhoeffer) von dem zu reden, „was unbedingt angeht“ (Tillich), anders gesagt: die Begriffe und Symbole des Glaubens so zu transformieren, dass auch die der christlichen Tradition entfremdeten Menschen sie verstehen und für sich annehmen können.
3.2Hauptströmungen der Seelsorgelehre im 20. Jahrhundert
Dass sich Praxis und Lehre der Seelsorge in einer deutlichen Korrespondenz zu den Veränderungen im Glaubens- und Weltverständnis entwickeln, gilt natürlich unvermindert auch für das 20. Jahrhundert. Alle unterschiedlichen Theologieansätze haben dabei auch spezifische Auswirkungen auf eine ihnen mehr oder weniger entsprechende Poimenik:
•die sich um Brücken zur modernen Kulturwelt bemühende Liberale Theologie,
•die ganz dem Primat des rettenden Wortes Gottes verpflichtete Dialektische Theologie,
•die auf Verstehen der biblischen Überlieferung ausgerichtete Hermeneutische Theologie,
•die von ganzheitlichem Denken geprägte Theologie der liturgischen Erneuerungsbewegung,
•der korrelative Ansatz in der Theologie Paul Tillichs,
•die Theologie eines neu erwachenden konfessionellen Bewusstseins,
•die auf fundamentale Eindeutigkeiten dringenden evangelikalen Theologieströmungen,
•die für die Praxis sozialer Gerechtigkeit engagierte sozialethische Theologie.
Für jede dieser „Schulen“ bzw. Positionen gibt es auch Entsprechungen in der Konzeptualisierung der Seelsorge. Die poimenische Landschaft im deutschen Protestantismus ist so bunt und plural wie Theologie und religiöse Praxis insgesamt. Und doch lassen sich für das 20. Jh. vorsichtig einige Hauptströmungen nachzeichnen – so variantenreich diese in sich auch immer sein mögen.
Alle Typisierungen sind Vereinfachungen. Das gilt nun auch für den Versuch, Hauptströmungen in der poimenischen Landschaft zu benennen. Es ist üblich geworden, drei Richtungen zu unterscheiden: die kerygmatische oder verkündigende, die beratende oder therapeutische und die evangelikale oder biblische Seelsorge. Auch wenn es immer wieder schwierig ist, einzelne Vertreter eines poimenischen Konzepts einer Richtung zuzuordnen, so haben die Unterscheidungen doch einen nicht zu unterschätzenden Orientierungswert. Dabei ist es wohl so, dass die Konzepte zur Zeit ihrer Entstehung eindeutiger konturiert waren, als sie es jetzt sind. Aber die theologischen Grundierungen bleiben meist erkennbar.
3.2.1Seelsorge als Verkündigung im Gespräch (kerygmatische Seelsorge)
Die Entstehung der kerygmatischen Seelsorgeauffassung, die sich uns vor allem mit den Namen von Eduard Thurneysen und Hans Asmussen verbindet, muss im engen Zusammenhang mit dem Aufbruch der Dialektischen Theologie verstanden werden. Ging es bei diesem theologischen Neuansatz nach dem Ersten Weltkrieg darum, eine offenbarungstheologische Antithese zu einer an die menschlich-natürlichen Gegebenheiten anknüpfenden Theologie (wie der des Kulturprotestantismus) zu behaupten, so musste sich das auch für die Handlungsfelder der Praktischen Theologie auswirken. Thurneysen hat seine poimenischen Grundgedanken in dem berühmten Aufsatz „Rechtfertigung und Seelsorge“ von 192810 in einer eindrucksvollen Skizze dargelegt. Er geht darin von dem Urdatum christlichen Glaubens aus, nämlich der Rechtfertigung als „Gerechtsprechung des Sünders durch die freie Gnade Gottes“ (73). Diese Rechtfertigung ist für Thurneysen „ihrem Wesen nach Wort“, und deshalb sei die Predigt die ihr angemessene Form der Vermittlung (73). Die Predigt vermittle, was von Gott her dem Menschen zu sagen ist. Auch in der Seelsorge könne es um nichts anderes gehen; denn: „nicht mein immer fragwürdiges Verhältnis zu Gott und zum Leben ist wichtig“, also nicht eigentlich die menschlich-biographische Problematik auf der Horizontalen, „sondern Gottes Verhalten zu mir, Gottes Anspruch an mich“ (75). Und so werde nun deutlich: „Seelsorge ist nicht Sorge um die Seele des Menschen, sondern um den Menschen als Seele“, und das bedeute wiederum: „der Mensch wird aufgrund der Rechtfertigung gesehen als der, den Gott anspricht in Christus“ (85). Daraus ergibt sich die Erkennungsformel der kerygmatischen Seelsorge: „Seelsorge ist Verkündigung des Wortes Gottes“ und als solche Ergänzung der Predigt, weil es in ihr um das „spezielle Ansprechen des Einzelnen“ (86) gehe, Das Seelsorgegespräch, das mit dieser Intention geführt wird, sei ganz bewusst zu unterscheiden von einem Gespräch, das wir führen können „mit dem Arzt, mit dem Psychologen, dem Psychoanalytiker, dem Juristen, selbst dann, wenn es um ganz die gleichen Dinge“ sich handele (87); denn hier sei letztendlich die Botschaft von der rettenden Gnade Gottes zu verkündigen.
Thurneysen hat diesen grundlegenden Ansatz in seinen zwei großen Seelsorgebüchern11 ausgeführt. In ihnen ist das Festhalten am ursprünglichen kerygmatischen Grundentwurf durchgehend erkennbar. Aber dieser Ansatz verliert doch an Schroffheit und Abstraktheit, je näher sich Thurneysen mit den Einzelfragen der Seelsorge selbst befasst. Was hier dann praktisch unter einem Seelsorgegespräch verstanden wird, ist ein echtes Sicheinlassen und Sicheinstellen des Seelsorgers auf sein Gegenüber. Hier werden die Probleme auch mit Hilfe psychologischer Gesichtspunkte aufgenommen. Irgendwann jedoch – und darin zeigt sich der kerygmatische Grundansatz – ist der Zeitpunkt für einen „Bruch“ im Gespräch gekommen, und es geschieht, „dass diese sich zunächst darbietenden Gesichtspunkte in bestimmter Weise überboten werden durch die übergreifende Betrachtung aller Dinge, wie sie vom Wort Gottes her in Kraft tritt.“12
Hans Asmussen, bewusst in der lutherischen Tradition zu Hause, betont gegenüber Thurneysen stärker auch den erzieherischen Aspekt von Seelsorge. Aber er unterstreicht doch zugleich, dass darin ein „dem Pastor fremdes Werk“ zu erfüllen sei, das eigentlich gar nicht „Seelsorge“, sondern „Seelenführung“13 zu nennen sei und mit der durch das „Gesetz“ gestellten Aufgabe zusammenhängt. Seelsorge als die Zuwendung des Evangelium, also die eigentliche Seelsorge, sei dagegen die „Verkündigung des Wortes Gottes an den Einzelnen“. Seelsorge ist für Asmussen wirklich Gespräch. Aber der Pfarrer führe es „als Träger des Amtes“ und er werde „die Führung auch nicht wieder aus der Hand geben.“14
Für dieses Konzept von Seelsorge ist also klar: Seelsorge ist Gespräch. Aber das eigentlich Heilende und Rettende im seelsorglichen Gespräch kommt nicht aus der Begegnung zweier Menschen in der Horizontalen. Dazu bedarf es der autoritativen Ausrichtung des Wortes von der Gnade Gottes gegenüber dem Sünder, und das bedeutet gesprächsmethodisch auch den zeitweisen Umstieg auf eine asymmetrische Prediger-Hörer-Relation.
Die Unterschiede innerhalb der kerygmatischen Seelsorgelehre liegen in der Verteilung der hinführenden und der verkündigenden Phasen des seelsorglichen Gesprächs. Dietrich Bonhoeffer stellt in seiner Finkenwalder Seelsorgelehre neben die „verkündigende“ Seelsorge die „diakonische“. Sie ist für ihn die „Seelsorge im engeren Sinne“, sie entspricht dem, was wir heute auch mit dem Begriff der „Beratung“ verbinden, und sie hat für Bonhoeffer neben der Verkündigung ihr „eigenständiges Recht“15.
Damit ist Bonhoeffer, wiewohl in einer gewissen Nähe zu diesem Ansatz, doch auch zugleich dessen erster Kritiker.16
Seit den sechziger Jahren hat sich die kerygmatische Seelsorgelehre dann besonders heftige Kritik gefallen lassen müssen. So hat Joachim Scharfenberg Thurneysens Bemerkung über die Seelsorge als ein „liturgisches Gespräch“17 im Sinne einer poimenischen „Modellvorstellung“ interpretiert und diese dann grundlegend kritisiert: „Der Seelsorger, der ein solches Gespräch führt, kann sich also niemals dem Duktus des wirklichen Gesprächs überlassen, sondern er muss immer im Auge behalten, wie er es in ein solches liturgisches Gespräch verwandeln kann.“ Seelsorge ziele also „gleichsam über die menschliche Not hinweg“ auf das „Gespräch mit Gott“ hin.18 So sehr sich diese Kritik auf Einzeläußerungen Thurneysens berufen kann, wird sie ihm doch im Ganzen kaum gerecht. Thurneysen hat selbst davor gewarnt, die seelsorgliche Situation zu einer Art missionarischem Überfall im Sinne von „geistlicher Anrempelung“19 zu missbrauchen.20 Er deutet damit freilich auch selbst an, wo die Probleme und Missverständnisse eines kerygmatischen Seelsorgeansatzes liegen könnten. Thurneysen will wirklich verstehen, was die Menschen bewegt.21 Aber wird sein geradliniger Theorieansatz nicht dazu führen, dass kommunikativ weniger begabte Seelsorger schnell bei einer unfruchtbaren, die Ratsuchenden belehrenden Seelsorgepraxis landen – in dem Bewusstsein, damit den göttlichen Auftrag ausgeführt zu haben?
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Kernpunkte der kerygmatischen Seelsorgetheorie: Ausgangspunkt ist der Primat des Wortes Gottes, dessen Verkündigung dem sündhaften Menschen die göttliche Gnade um Christi willen zuspricht. Seelsorge ist in diesem Sinne sowohl Zuarbeit für die Verkündigung wie auch Ausführung derselben in der besonderen Situation des Gesprächs. Sie hat den Menschen in seiner konkreten Vorfindlichkeit aufzusuchen und in seiner menschlichen Not zu verstehen, sie hat ihn aber vor allem als Sünder und auf die Gnade Angewiesenen anzusprechen. Seelsorge muss deshalb auch phänomenologisch von anderen Gesprächsformen unterscheidbar bleiben – nicht zuletzt durch Bibelwort, Beichte und Gebet.
Der kerygmatische Ansatz wird in seiner ursprünglichen Klarheit und Stringenz sicher literarisch nur noch selten vertreten. Es gibt aber durchaus Teilrezeptionen verbunden mit einer eher vermittelnden, keineswegs dogmatisch einengenden Position. Zu nennen wären hier vor allem Helmut Tacke22, aber auch Christian Möller23 und Peter Bukowski24. Das Konzept einer Seelsorge, die in großer Nähe zur Verkündigungsaufgabe gesehen wird, ist in der evangelischen Seelsorgedebatte zumindest in Deutschland durchaus präsent. Dafür spricht auch, dass ein großer Teil der Pfarrerinnen und Pfarrer aus der älteren Generation durch diesen in der Nachkriegstheologie dominierenden Ansatz geprägt worden sind.
3.2.2Seelsorge als Beratung (Seelsorgebewegung)
Neben die vom Verkündigungsauftrag geprägte Seelsorgelehre trat Ende der sechziger Jahre ein ganz anderes und neues Konzept von Seelsorge. Es wird oft als „beratende“ oder auch „therapeutische“ Seelsorge bezeichnet. Ihr relativ spontanes Erscheinen, ihre überraschend schnelle Ausbreitung und ihre die pastorale Arbeit im Ganzen umfassende Ausrichtung haben ihr wohl die Kennzeichnung als „Seelsorgebewegung“25 eingebracht. Hier wurde nun das seelsorgliche Handeln nicht mehr primär als ein autoritatives Verkündigungsgeschehen, sondern als ein partnerschaftliches Beziehungsgeschehen verstanden. Anstelle der bisherigen Theologiebestimmtheit tritt nun die Bedeutung der anthropologischen Dimension ins Blickfeld. Seelsorge wird in der Tat mehr als „Beratung“26 mit dem Ziel einer Lebens- und Glaubenshilfe verstanden, wobei man den Begriff „Beratung“ hier genau so wenig eng interpretieren darf wie den der „Verkündigung“ in der kerygmatischen Seelsorgeauffassung. Der Wandel der poimenischen Landschaft hatte mehrere Ursachen.
•Einmal war, wie schon angedeutet, der Boden für einen Neuansatz durch eine kleine Anzahl von Praktischen Theologen bereitet, die die Erkenntnisse und Erfahrungen der neueren Psychologie und der Psychoanalyse Freud‘scher oder Jung‘scher Prägung für die Seelsorgelehre so oder so zu rezipieren versuchten. Oskar Pfister27 und Otto Haendler, Adolf Köberle, Walter Uhsadel und Adolf Allwohn waren schon genannt. Ebenso Alfred Dedo Müller, der wohl als einer der Ersten in Deutschland eine empirisch ausgerichtete Seelsorgeausbildung mit fachpsychologischer Begleitung praktizierte?28 Anfang der fünfziger Jahre hatte sich die Gemeinschaft „Arzt und Seelsorger“ konstituiert, die bei ihren Tagungen viele für das Gespräch zwischen Medizin und Seelsorge bedeutsame Anregungen zu geben vermochte.29 Es war nun auch möglich geworden, den vernachlässigten Dialog mit der Psychoanalyse zu intensivieren. Wichtig war Joachim Scharfenbergs Auseinandersetzung mit der Religionskritik Sigmund Freuds.30 Durch sie war der Weg frei geworden zu einer angstfreien Annäherung der Theologie an die Tiefenpsychologie. In gewisser Weise markiert Scharfenbergs Buch den Beginn der Seelsorgebewegung in Deutschland.31
•Diese hat nun selbst ihre Hauptwurzel in der amerikanischen Seelsorgebewegung. Seit den zwanziger Jahren gab es in den Kirchen von Nordamerika einen Aufbruch zu einer neuen Seelsorgepraxis, verbunden mit einer neuen Seelsorgedidaktik. Dem Pfarrer Anton Boisen, einem der „Väter“ der Seelsorgebewegung, war nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen als Patient einer Nervenklinik das Ungenügen der traditionellen seelsorglichen Praxis bewusst geworden. An die Stelle einer Seelsorge, die sich im Wesentlichen auf tradierte Texte berief, wollte er eine Praxis setzen, die in den Pastoranden selbst „lebendige menschliche Dokumente“ (living human documents) sah, die genau wahrzunehmen und von denen zu lernen sei. Dietrich Stollberg nennt drei „Hauptaspekte“ der amerikanischen Seelsorgebewegung: (1) Pastoralpsychologie – verstanden als „Psychologie im Dienst theologischer, anthropologischkommunikativer und selbstkritischer Arbeit“32; (2) Pastoral Counseling – verstanden als „psychotherapeutisch orientierte Lebensberatung im Aktionsraum und Dienste der Kirche“33. (3) Clinical Pastoral Training (CPT) (heute: Clinical Pastoral Education – CPE) als Grundform praxisnaher Seelsorgeausbildung. Dabei spielt besonders die Ausbildung im Krankenhaus eine wichtige Rolle in der Annahme, dass hier pastorale und psychologische Erfahrungen gesammelt werden können, die auch für die Seelsorge in der parochialen Praxis von Bedeutung sind. Seelsorger sollten „an Menschen für Menschen ausgebildet werden und die Relevanz von Religion in der Wirklichkeit selbst erfahren“34. Die amerikanische Seelsorgebewegung ist zuerst in den Niederlanden rezipiert worden. Hejie Faber, Ebel van der Schoot und Wybe Zijlstra haben das CPT bzw. CPB auf ihre spezifische Weise in den europäischen Kontext übertragen.35 Durch die Übersetzung ihrer Werke und durch eigene Ausbildungstätigkeit haben sie einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung der pastoralpsychologischen Arbeit in Deutschland ausgeübt.
•Ein dritter Faktor für die Ausprägung der deutschen Seelsorgebewegung dürfte die religiöse, kulturelle und politische Umbruchphase der späten sechziger Jahre sein. An den Universitäten konnte man geradezu von einer Krise des positivistischen Wissenschaftsbegriffs und der einseitig theoriebezogenen Ausbildung sprechen. Die Bedeutung der „Praxis“ für die Theoriebildung36 selbst und für das Lernen im Besonderen trat immer deutlicher ins Bewusstsein. Theologisch ist hier die Kirchenreformdiskussion mit dem Streben nach realitätsbezogener missionarischer und sozialethischer Arbeit zu erwähnen?37
•Als ein weiterer Faktor ist hier auch noch der wachsende Einfluss der Theologie Paul Tillichs in Deutschland zu erwähnen. Tillichs korrelativer Denkansatz sowie seine eigene theologische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse und Psychotherapie38 boten Ansatzpunkte für eine positive Rezeption humanwissenschaftlicher Erkenntnisse in der Seelsorge. Sein Symbol- und Wirklichkeitsverständnis führte in den interdisziplinären Dialog und ließ diesen nicht als reinen Anpassungsvorgang erscheinen.
Was dann als „die“ Seelsorgebewegung bezeichnet wird, umfasst in Wirklichkeit eine ganze Fülle sehr unterschiedlicher Impulse, Transfairs und Aktivitäten im Dienste einer neuen Seelsorgetheorie und -praxis. Auf der einen Seite stehen da nach Scharfenbergs bahnbrechender Freud-Studie die neuen Versuche, psychoanalytisches Denken sowie entsprechende therapeutische Verfahren für die Seelsorge fruchtbar zu machen und tiefenpsychologisch ausgebildete Seelsorgerinnen und Seelsorger vor allem für spezielle Seelsorgedienste39 zu gewinnen. Auf der anderen Seite ist da das Engagement für eine „Klinische Seelsorgeausbildung“ (KSA) zu nennen, nachdem vor allem Dietrich Stollberg, Richard Riess und Hans-Christoph Piper40 das deutsche Publikum mit der amerikanischen bzw. mit der niederländischen Seelsorgebewegung und speziell dem CPE vertraut gemacht hatten. Schon 1969 konnte der erste KSA-Kurs in Herborn unter Supervision von Wybe Zijlstra abgehalten werden.41 Es folgte 1970 die Gründung des ersten Zentrums für klinische Seelsorgeausbildung in Hannover, wenig später die ähnlicher Institute in Frankfurt, Bethel und Dortmund. Vor allem wegen der sehr gezielten Ausrichtung auf Praxis und Methoden von Seelsorgeausbildung war es nötig, sich zusammenzuschließen und den neuen Formen pastoralpsychologischen Lernens ein solides theoretisches Fundament und kompatible Standards zu geben. So kam es 1972 zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie (DGfP) mit den drei „Sektionen“: „Tiefenpsychologie“ (T), „Klinische Seelsorgeausbildung“ (KSA) und „Gruppendynamik“.42 Diese – übrigens von Anfang an ökumenisch ausgerichtete – Institutionalisierung der „Seelsorgebewegung“ machte es nun möglich, an die Landeskirchen mit humanwissenschaftlich und theologisch fundierten Ausbildungsangeboten heranzutreten und den sich schnell einstellenden „Wildwuchs“-Ängsten zu begegnen.43
Fragt man nach dem charakteristischen Gemeinsamen aller im Einzelnen doch recht unterschiedlichen Richtungen innerhalb der „beratenden“ Seelsorge, so können folgende Punkte genannt werden:
1.Die Humanwissenschaften, insbesondere die Psychologie und Psychotherapie, haben für den Neuansatz der Seelsorgelehre konstitutive Bedeutung. Die Pastoralpsychologie wird zu einem fundamentalen Aspekt der Poimenik. Dabei geht es nicht nur um die psychologischen und anthropologischen Fachkenntnisse, die für die Wahrnehmung und Interpretation seelischer Konfliktsituationen Einzelner unverzichtbar sind, sondern auch um die Indienstnahme psychologischer Methoden und therapeutischer Techniken für die Praxis von Seelsorge.
2.Mit dem pastoralpsychologischen Ansatz der Seelsorgelehre ist ein ganzheitliches Menschenverständnis verbunden. Seelsorge hat es nicht nur mit einem psychischen oder spirituellen Teilaspekt des Menschen zu tun. Vielmehr soll versucht werden, ihn in seiner „Ganzheit“ wahrzunehmen, also sowohl die körperliche und soziale wie die seelische und religiöse Seite seiner Existenz zu beachten.
3.Die Seelsorgebewegung ist auch und vielleicht sogar primär eine Seelsorgeausbildungsbewegung. Grundlegend ist das Prinzip des „Erfahrungslernens“. „Learning by doing“ – heißt der aus der amerikanischen Seelsorgebewegung entlehnte didaktische Fundamentalsatz. Dahinter steht eine pragmatisch orientierte Didaktik, für die Lernen nicht in der Anwendung von Theorien besteht, sondern in der lebendigen kritischen Auseinandersetzung mit konkreten sozialen und persönlichen Erfahrungen.
4.Ein Konzept, das Seelsorge primär als ein Kommunikations- und Beziehungsgeschehen versteht, kann sich nicht einseitig fallorientiert verwirklichen. In der Ausbildung und Supervision kommt notwendigerweise der Person des Seelsorgers bzw. der Seelsorgerin besondere Bedeutung zu. Seelsorgearbeit ist auf die Dauer nicht möglich ohne intensive Selbstwahrnehmung und kritische, d.h. auch methodisch kontrollierte Selbstauseinandersetzung der Seelsorgerin und des Seelsorgers. An dieser Stelle wird freilich auch deutlich, dass es bei der Seelsorgebewegung nicht nur um einen Impuls für ein abgegrenztes pastorales Handlungsfeld geht, sondern um einen Neuansatz für die kirchliche Arbeit insgesamt. Denn was für die Seelsorge gilt – die Bedeutung der Person des Handelnden –‚ das trifft nicht weniger auf die Verkündigung44, auf neue Formen „kommunikativer Gemeindepraxis“45 bis hin zum Gottesdienst46 zu.
5.Die Grundfunktion seelsorglichen Handelns kann, wenn auch nicht ganz unmissverständlich, mit dem Begriff der „Beratung“ dargestellt werden. Das Ziel ist dabei stets die Förderung der Person des Rat Suchenden zur selbständigen Lösung seiner Probleme. Die Beratung zielt also auf „Hilfe zur Selbsthilfe“, soweit das in jedem konkreten Einzelfall eben möglich ist. Die Beraterinnen und Berater verstehen sich als Helfer auf Zeit, die sich aus einer solidarischen Position heraus und mit dem Rat Suchenden zusammen um einen Weg bemühen. Die Seelsorgebewegung markiert einen Paradigmenwechsel im Blick auf die Definition der seelsorglichen Autorität.
6.Zur beratenden Seelsorge gehört ein Verständnis von Theologie, das diese in die Vollzugsformen des seelsorglichen Handelns selbst integriert. Natürlich ist das Spektrum theologischer Optionen unter Pastoralpsychologen ziemlich breit. Aber es gibt doch einen gewissen Akzent in der Richtung einer „inkarnatorischen“ Theologie, die voraussetzt, dass Gott „in, mit und unter“ menschlicher Begegnungen erfahren werden kann, ohne dass er darum lediglich in der Horizontalen identifiziert werden dürfte.47 Die Erfahrbarkeit Gottes in den Lebenskonflikten der Menschen und in ihren persönlichen Leidenssituationen – das ist sozusagen die leitende Hoffnung, unter der die „beratende Seelsorge“ ihre Arbeit versieht.
3.2.3Seelsorge als biblische Therapie (evangelikale Seelsorge)
Ein Überblick über Strömungen der Seelsorgelehre in der Gegenwart kann nicht auf eine Darstellung der sich aus dem Pietismus herleitenden Seelsorgeauffassungen verzichten. Wir sprechen hier etwas unscharf von der „evangelikalen“ Seelsorge – wohl wissend, dass nicht alle hier erwähnte Gruppierungen sich selbst als „evangelikal“ bezeichnen würden. Sachlich richtiger wäre es vielleicht, von pietistisch geprägter Seelsorge zu sprechen, aber der Begriff Pietismus assoziiert doch in erster Linie eine historische Bewegung. So mag der unscharfe Begriff hingenommen werden.
Gerade in den so genannten „frommen“ Kreisen ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Seelsorge oft sehr ausgeprägt. Das „Sich-Aussprechen“, das „Zur-Seelsorge-Gehen“ oder „einen Seelsorger haben“ gehört beim entschiedenen Christsein dazu. Dabei ist sicher wieder ganz Unterschiedliches gemeint. Bei großen Evangelisationen beispielsweise haben Seelsorgeangebote einerseits die Funktion, das in der Verkündigung Gehörte noch einmal persönlich zu vertiefen und andererseits auch die Gelegenheit zu einer Generalaussprache zu bieten. Seelsorge kann und soll zur „Lebensübergabe“ vorbereiten. Hier geht es also nicht primär um Seelsorge im Sinne einer methodischen Konfliktbearbeitung, sondern eher um Seelsorge als Funktion des Bekehrungsprozesses. Das ist keinesfalls die einzige Art von Seelsorgeverständnis im modernen „Pietismus“. So kann man hier durchaus auch Konzepten begegnen, die sich über weite Strecken auf einem ähnlichen Weg wie in der „beratenden Seelsorge“ bewegen. Reinhold Ruthe nennt seinen Ansatz sogar ohne Berührungsängste „therapeutische Seelsorge“48. Seelsorge kann nie nur ein spiritueller oder kerygmatischer Prozess sein, weil der Mensch Leib, Geist und Seele ist. Das bedeutete für Ruthe: Um das gottgewollte Ziel seelsorglicher Arbeit, um echte Heilserfahrung zu erlangen, bedarf es psychologischer Hilfe: „Der Seelsorger braucht (psychologische) Kenntnisse vom Menschen, wenn er die Botschaft des Evangeliums vollmächtig ausrichten will.“49 Das Besondere dieser Seelsorge liegt in den Zielsetzungen50, weniger in den Wegen dorthin. Für Ruthe geht es in der Seelsorge primär um das „geistliche Leben“ und um den „Frieden mit Gott“51. Die Lebenshilfe, die in diesem Konzept reichlich und kompetent erstrebt wird, bleibt der Glaubenshilfe funktional zugeordnet. Es ist schwer einzuschätzen, wie typisch die Seelsorgelehre Ruthes für pietistisch geprägte Gruppierungen ist.52 Das ganze Feld seelsorglicher Praxis in evangelikalen Gemeinschaften, bei evangelistischen Einsätzen oder im Zusammenhang charismatischer Erneuerungsbewegungen53 kann hier unmöglich abgeschritten werden. Erwähnt seien drei Konzepte, die jeweils eine typische Position markieren und in der poimenischen Diskussion eine Rolle spielen.54
•Die nouthetische Seelsorge. Dieses Konzept einer „biblischen Lebensberatung“ wird vor allem von Jay E. Adams vertreten.55 Es zeichnet sich durch ein hohes Maß an Klarheit, Eindeutigkeit und (scheinbarer?) Praktikabilität aus. Das Grundaxiom dieser Seelsorgelehre lautet: „Für jedes Problem gibt es eine biblische Lösung.“56 Seelsorge besteht für Adams in der Anwendung biblischer „Grundsätze“. Im Besonderen ist Seelsorge mit dem neutestamentlichen Begriff der „Nouthesia“ (Eph 6,4; Kol 3,16; 2 Tim 3,16) zu charakterisieren. Es sind hier also die Funktionen des Ermahnens und Zurechtweisens besonders hervorzuheben. Und diese sind nach Adams deshalb nötig, weil die Sünde eine so beherrschende Rolle im Leben der Menschen spielt und die Ursache vieler psychischer und psychosomatischer Krankheiten darstellt. Adams spricht von „hamartiogene(n) Krankheiten“57. Seelsorge ziele darauf, Menschen dazu zu verhelfen, ihre Sünden zu bekennen und aufzugeben. Es sind relativ einfache Problemlösungsstrategien, auf die nouthetische Seelsorge hinausläuft.58 Die Methode legt ein ziemlich direktives Vorgehen des Seelsorgers nahe, sodass Adams schon selbst ins Fragen kommt, ob eine „Seelsorge, die klaren Rat und eindeutige Weisung gibt“59, nicht zu Abhängigkeit führen könnte. Psychotherapie lehnt Adams entschieden ab. Sein bekannter Leitsatz lautet: „Qualifizierte Seelsorger mit einer hinreichenden biblischen Ausbildung sind kompetente Berater – kompetenter als Psychiater oder sonst irgendjemand.“60 Dabei ist für Adams freilich auch deutlich: Nicht die Seelsorger bringen ihre Seelsorge zum Erfolg, sondern dies ist das „Werk des Heiligen Geistes“61.
•Biblisch-therapeutische Seelsorge (BTS). Diese Seelsorgekonzeption62 besitzt seit 2001 einen neuen institutionellen Rahmen durch die Gründung der BTS-Fachgesellschaft für Psychologie und Seelsorge gGmbH. Ihr Initiator und Schulhaupt Michael Dieterich ist Pädagoge und Psychologe und kommt selbst aus dem schwäbischen Pietismus. Der Anlass für die Gründung dieses besonderen Zweiges evangelikaler Seelsorge war die Beobachtung, dass zunehmend Gemeindeglieder mit pietistischem Hintergrund unter manifesten psychischen Problemen leiden. Oft haben sie Scheu, sich einem Therapeuten anzuvertrauen, der für ihre religiöse Bindung womöglich wenig Verständnis aufbringt. Es ging Dieterich also darum, eine solide Form von Therapie zu finden, die zugleich auf einem biblischen Fundament ruhte. BTS will beides bieten. Sie versteht sich als „biblisch begründete Seelsorge, die Anleihen bei Psychologie und Psychotherapie macht, soweit diese in das biblische Menschenbild und Wirklichkeitsverständnis integrierbar sind.“63 Charakteristisch für die BTS ist ihre Methodenvielfalt. Man geht davon aus, dass es sechs Elemente einer biblischen Seelsorge gebe: (1) Trösten, (2) Ermahnen, (3) Beichte, (4) Einleitung eines Lern- und Umdenkungsprozesses, (5) Einleitung eines Prozesses der Selbsterkenntnis, (6) Analyse der Vergangenheit. Für jede dieser Aufgaben werden spezifische seelsorgliche Herangehensweisen vorgeschlagen, vor allem für die Funktionen (4) bis (6) werden verhaltenstherapeutische, gesprächstherapeutische und tiefenpsychologische Therapieansätze herangezogen. Der biblisch-therapeutische Seelsorger muss über hinreichende Erfahrungen in diesen therapeutischen Methoden verfügen. Deshalb schreibt das Ausbildungsprogramm für die BTS auch vor, „alle diese methodischen Schritte kennen zu lernen, um im seelsorglichen Prozess flexibel zu bleiben.“64 Gerade dieser letzte Punkt hat der BTS erhebliche Kritik eingetragen und zu der Frage Anlass gegeben, ob eine Kurzausbildung in unterschiedlichen Therapieverfahren ausreichende Kompetenz vermittle.65 Bemerkenswert ist jedoch, dass hier ein in der pietistischen Tradition beheimateter Seelsorgeansatz nicht zu einer Verteufelung der Psychotherapie führt (wie bei Adams), sondern zu ihrer partiellen Inanspruchnahme.
•Christliche Psychologie (IGNIS). Hier geht es nun um einen aus der charismatischen Bewegung heraus und weithin von freikirchlichen Kräften getragenen Ansatz für Seelsorge und Therapie. Im Jahre 1986 wurde IGNIS, die Deutsche Gesellschaft für Christliche Psychologie e.V., gegründet66, wobei der Name an die das Wirken des Heiligen Geistes symbolisierenden Feuerzungen aus der Pfingstgeschichte anknüpft. Neben dem Verein und der Akademie für Christliche Psychologie wird auch eine Fachklinik für christliche Therapie unterhalten (D ÍGNIS). Bei IGNIS geht man von der Überzeugung aus, dass die säkulare Psychotherapie für gläubige Christen keine geeignete Hilfe zur Bewältigung seelischer Probleme darstelle. Vielmehr sei es notwendig, eine eigene „christliche“ Psychologie zu entwickeln, in die der Transzendenzbezug des Glaubens integriert ist und die sich fest auf biblische Fundamente stütze. Die säkularen Therapieformen müssen „christianisiert“ werden und auch für den Therapeuten ist entscheidend, ob er eine lebendige Gottesbeziehung hat. Um die Christliche Psychologie zu erlernen, bedarf es eigener Ausbildungsgänge. Angeboten wird ein vierjähriges Studium an der IGNIS-Akademie für Christliche Psychologie in Kitzingen. Es gibt außerdem berufsbegleitende Angebote zum „Christlichen Berater“ bzw. zum „Christlichen Therapeuten“.
Wenn wir nun diese verschiedene Konzepte innerhalb der evangelikalen Seelsorge miteinander vergleichen, fallen zunächst die Unterschiede ins Auge. Sie betreffen vor allem den völlig gegensätzlichen Umgang mit der Psychologie bzw. Psychotherapie.
Adams lehnt die Psychologie einschließlich aller Therapieansätze rigoros ab, weil sie weithin auf „unbiblischen Voraussetzungen“67 beruhen und unfähig seien, den Kern des Leidens, also das „Grundproblem von Menschen, die in die Seelsorge kommen zu begreifen, nämlich die Sünde“68. Dass Adams selbst keineswegs nur biblischen Maximen, sondern faktisch und unreflektiert verhaltenstherapeutischen Methodenmustern folgt, wird zu Recht von seinen Kritikern immer wieder hervorgehoben.69 Die Biblisch-Therapeutische Seelsorge beurteilt Psychologie und Psychotherapie ganz anders. Zwar ist auch hier klar, dass nicht jede Methode aus der Therapie uneingeschränkt übernommen werden kann. Aber solche therapeutische Methoden können ohne Not übernommen werden, „deren Wirkung auf Schöpfungsgesetzen beruhen“, die also die schöpfungsmäßigen Grundlagen menschlichen Verhaltens widerspiegeln. Der Gebrauch psychotherapeutischer Methoden gehöre in den Bereich des Ersten Artikels70, genauso wie der Gebrauch der Gesetze der Physik. Der Umgang mit der Psychotherapie hat hier freilich sehr stark instrumentellen Charakter, was bei einem praktizierten Methodenpluralismus dieser Art auch kaum anders sein kann. Das kann zu fahrlässigen Methodenanwendungen führen, bei der die ursprünglichen therapeutischen Intentionen verfehlt oder auch verfälscht werden können. Die Christliche Psychologie hält nun auch einen solchen instrumentellen Methodengebrauch nicht für möglich und schafft eine eigene biblische Psychologie. Einen Ansatz für das Gespräch mit der Pastoralpsychologie gibt es von daher so wenig wie bei Adams, während man sich in Zukunft durchaus eine etwas bessere Verständigung zwischen der biblischtherapeutischen und der pastoral-psychologischen Seelsorge vorstellen kann.
Fragen wir nach den Gemeinsamkeiten der evangelikalen Seelsorge, so lassen sich hier – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – drei Aspekte nennen:
1.Die Konzepte verstehen sich in ihrem Ursprung als kritische Alternativen zu einer wie auch immer pastoralpsychologisch orientierten Seelsorge. Diese gilt als „liberal und säkularistisch“71, wobei es freilich ein breites Spektrum zwischen deutlicher Dissonanz (Adams) und vorsichtiger Assonanz (BTS) gibt.
2.Für alle Formen evangelikaler Seelsorge ist die biblische Fundierung der entscheidende Maßstab. Seelsorge wird hier stets und primär verstanden als biblische Praxis. Grundlegend ist ein mehr oder weniger ausgeprägter Fundamentalismus. Die Reserve gegenüber der historisch-kritischen Auslegung der Heiligen Schrift und einer wissenschaftlich fundierten Hermeneutik findet auch in der Ausprägung des Seelsorgeverständnisses ihren Niederschlag. Man geht davon aus, dass aus der Bibel in einem ziemlich direkten Sinne die inhaltliche und methodische Grundlegung heutigen seelsorglichen Handelns zu entnehmen ist.
3.Charakteristisch ist für die evangelikale Seelsorge auch das starke Interesse am Zusammenhang von Heil und Heilung. Zwar wird dieser Zusammenhang heute auch außerhalb evangelikaler Gruppierungen erkannt, hier aber erhält er signifikante Bedeutung. Adams sieht die Aufgabe der Seelsorge auch in der Heilung von neurotischen Erkrankungen, und sowohl die Biblisch-Therapeutische Seelsorge wie auch die Christliche Psychologie unterhalten eigene Kliniken für psychisch und psychosomatisch leidende Menschen. Vorsichtig, aber doch eindeutig wird für die BTS formuliert, dass die christliche Gemeinde wohl damit rechnen dürfe, „dass Heil Heilung in dieser oder jener Form bewirke“72.
Kritik an der evangelikalen Seelsorgeauffassung wird dort einzusetzen haben, wo sich auch sonst die Anfragen an eine Theologie aus diesem Traditionshintergrund ergeben: Da wäre einmal der Mangel an hermeneutischem Problembewusstsein zu nennen. Es besteht immer wieder die Neigung, Aussagen der Bibel in einem ganz unmittelbaren Sinne auf Leidens- und Lebenssituationen von heute zu beziehen. Dabei passiert es schnell, dass die eigene theologische Position in die biblischen Texte hineinprojiziert wird.
Ein anderes Problem bildet die immer wieder zu beobachtende Tendenz, in der Seelsorge am einzelnen Menschen eine bestimmte Vorstellung vom christlichen Verhalten umsetzen zu wollen. Dabei kann es leicht zu Verletzungen der Souveränität und Integrität des Rat suchenden Menschen und zu folgenschweren poimenischen Fehleinschätzungen kommen.73 Seelsorge kann dann leicht zu einer problematischen Form von Seelenführung werden.
Literatur zu 3.1 und 3.2
Für eine gründliche Beschäftigung mit den Hauptströmungen gegenwärtiger Seelsorgelehre kann auf die älteren Darstellungen von Richard Riess (1973, 153–244) und Dietrich Stollberg (1969) nicht verzichtet werden. Wichtige Quellentexte finden sich in den Readern von Friedrich Wintzer und Merle/Weyel (2009). Für die Darstellung der evangelikalen und charismatischen Seelsorgeansätze sei auf Rolf Sons (1995) verwiesen. Über die gängigen Seelsorgekonzepte kann man sich mit jeweils charakteristischen Akzentuierungen in den Lehrbüchern der Seelsorge informieren. Klaus Winkler macht mit den drei wichtigsten Seelsorgekonzepten der Gegenwart dadurch bekannt, dass er jeweils einen repräsentativen Vertreter darstellt (Seelsorge 22000, 23–76). Dieser Text ist als Einstieg in die intensivere Beschäftigung mit der Thematik gut geeignet.
Adams, Jay E.: Befreiende Seelsorge, Gießen 51988
Adams, Jay E.: Handbuch für Seelsorge, Gießen 31988
Benner, David G.: Kraftvolle Seelsorge, Gießen 2014
Bobert-Stützel, Sabine: Dietrich Bonhoeffers Pastoraltheologie, Gütersloh 1995
Bohren, Rudolf: Prophetie und Seelsorge. Eduard Thurneysen, Neukirchen 1982
Dieterich, Hilde L.: Handbuch für Seelsorgegruppen, Freudenstadt 2012
Dieterich, Michael: Handbuch Psychologie und Seelsorge, Wuppertal 1989
– Psychologie und Seelsorge. PC-Bibliothek für die Praxis, CD-ROM Wuppertal 2002
Grund, Friedhelm: Menschenfreundliche Seelsorge, Gießen 2006
Hunsinger, Deborah van Deusen: Theology and Pastoral Counseling. A New Interdisciplinary Approach, Grand Rapids, Michigan 1995
Hunter, Rodney J.: Art. Clinical Pastoral Education/Training, in: RGG 2, 1999, 399–404
Jochheim, Martin: Carl R. Rogers und die Seelsorge. in: ThPr 28, 1993, 221–237
– Die Anfänge der Seelsorgebewegung in Deutschland. Ein Beitrag zur neueren Geschichte der Pastoralpsychologie, in: ZThK 90, 1993, 462–493
– Seelsorge und Psychotherapie. Historisch-systematische Studien zur Lehre von der Seelsorge bei Oskar Pfister, Eduard Thurneysen und Walter Uhsadel, Bochum 1998
Karle, Isolde: Poimenik, in: Grethlein, Christian/Schwier, Helmut (Hg.): Praktische Theologie. Eine Theologie und Problemgeschichte, Leipzig 2000, 575–606.
Kretzschmar, Gottfried: Die Bedeutung Alfred Dedo Müllers für die Praktische Theologie, in: Reformation und Praktische Theologie, Festschrift für Werner Jetter zum 70. Geburtstag, Göttingen 1983, 131–144
Nase, Eckart: Oskar Pfisters analytische Seelsorge, Berlin 1993
Nauer, Doris: Seelsorgekonzepte im Widerstreit. Ein Kompendium, Stuttgart 2001
Offele, Wolfgang: Das Verständnis der Seelsorge in der pastoraltheologischen Literatur der Gegenwart, Mainz 1966
Riess, Richard (Hg.): Perspektiven der Pastoralpsychologie, Göttingen 1974
– Seelsorge, Göttingen 1973
Scharfenberg, Joachim: Sigmund Freud und seine Religionskritik als Herausforderung an den christlichen Glauben, Göttingen 1968. 41976
Seelsorgebewegung. Rückblick – Standortbestimmung – Aufgaben. Themenheft WzM 45, 1993, Heft 8, 434–505
Sons, Rolf: Seelsorge zwischen Bibel und Psychotherapie. Die Entwicklung der evangelischen Seelsorge in der Gegenwart. Stuttgart 1995
Stollberg, Dietrich: Die derzeitige Debatte um die Seelsorge. Eine evangelische Perspektive, in: Anzeiger für die Seelsorge, 1999, 374–380
– Therapeutische Seelsorge. Die amerikanische Seelsorgebewegung. Darstellung und Kritik, München 1969
Thurneysen, Eduard: Rechtfertigung und Seelsorge, in: Zwischen den Zeiten 6, 1928, 197–218; wiederabgedruckt in: Wintzer. Friedrich (Hg.): Seelsorge, München 1978, 78–94
Voigt, Kerstin: Otto Haendler – Leben und Werk. Frankfurt a.M. 1993
Zimmermann-Wolf, Christoph: Verständigung über Seelsorge. Dietrich Bonhoeffers lebensbezogene Theologie als Gesprächsgrundlage für ‚klinische Seelsorge‘ (Josef Mayer-Scheu) und ‚Biblische Seelsorge‘ (Helmut Tacke), in: BThZ 11, 1994, 83–90
3.3Pastoralpsychologie als Grunddimension in der gegenwärtigen Seelsorge
Die dargestellten Hauptströmungen der Seelsorgelehre, die im Wesentlichen die praktisch-theologische Diskussion im 20. Jahrhundert bestimmt haben, sind nach wie vor wirksam im poimenischen Bewusstsein, stellen aber nicht mehr ein so großes Konfliktpotential dar wie ehedem. „Die Zeiten des großen Streits sind vorüber!“ konstatiert Michael Herbst74. Vielleicht kann man auch sagen, dass die Auseinandersetzung um Grundpositionen der Seelsorgeauffassung sich eher in den konkreten Debatten – etwa um Ehe, Familie und Homosexualität – spiegelt. Die positionellen Grenzen sind da häufig fließend. Wir können wohl davon ausgehen, dass die Seelsorgebewegung die kirchliche Landschaft bei uns beeinflusst hat, direkt oder oft auch nur indirekt. Ein wichtiger Faktor ist dabei die substantielle Einbeziehung von humanwissenschaftlichen, vor allem psychologischen Denkansätzen und Methoden für die Seelsorgelehre. Ausdruck dieser Sichtweise ist das, was wir als „Pastoralpsychologie“ bezeichnen. Bis heute entzündet sich an diesem Begriff immer noch konservative theologische Kritik. Pastoralpsychologie ist für manche ein Synonym theologischer Selbstsäkularisierung und der Auslieferung von Seelsorge an psychologische Methoden. In Wirklichkeit ist Pastoralpsychologie keineswegs so eng positionell geprägt. Wir wollen versuchen, verständlich zu machen, was eigentlich Pastoralpsychologie ist und wie positionsübergreifend pastoralpsychologisch gearbeitet werden kann.
3.3.1Pastoralpsychologie – Verständigungen über den Begriff
Ein offener Begriff
Der Begriff Pastoralpsychologie ist nicht eindeutig definiert und nicht geschützt. In der Literatur im allgemeinen Sprachgebrauch variieren die Bedeutungen und vor allem die Konnotationen, die sich mit ihm verbinden.
„Pastoralpsychologie“ wird inzwischen meist in einem sehr weiten Sinn verstanden als Zweig Praktischer Theologie, der „christlich-kirchliche Praxis psychologisch und theologisch untersucht und fördert“75. Neben der Seelsorge sind dabei auch andere Praxisbereiche der pastoralen Arbeit im Blick.76 So sieht es prinzipiell auch Michael Klessmann. In seinem einschlägigen Standardwerk erläutert er sein Verständnis von Pastoralpsychologie durch eine Doppelthese:
Einerseits: „Pastoralpsychologie als Grunddimension der Praktischen Theologie untersucht Kommunikationsprozesse im Bereich von Religion und Kirche“: andererseits. „Pastoralpsychologie fragt danach….welche Bedingungen diese Kommunikation braucht, um lebensförderlich und heilsam zu sein.“77
Spezifischer wird Pastoralpsychologie im Bereich tiefenpsychologisch ausgerichteter Poimenik (s. unten 3.4.1) verstanden. Hier werden primär die für das Wahrnehmen und Verstehen individueller Entwicklungswege grundlegenden Einsichten der Psychoanalyse für die Seelsorge fruchtbar gemacht und zu den symbolischen Repräsentationen des christlichen Glaubens in Beziehung gesetzt. In diesem pastoralpsychologischen Konzept ist das tiefenpsychologische Paradigma im Prinzip nicht austauschbar.
Es ist in der gegenwärtigen Diskussionslage wichtig sich zu vergewissern, wie der Begriff der Pastoralpsychologie in unterschiedlichen Kontexten verwendet wird.
Pastoralpsychologie als Brückendisziplin
In Anknüpfung an Klessmann ist festzuhalten, dass es in der Pastoralpsychologie um beides geht: um präzise Wahrnehmung und um angemessene Praxis. Es hat darum etwas für sich, wenn die katholische Theologin Viera Pirker in ihrer groß angelegten Untersuchung zur Wissenschaftsdisziplin „Pastoralpsychologie“ diese als „handlungsbezogene Seelsorgewissenschaft“78 kennzeichnet, wobei der katholischen Sprachtradition folgend damit nicht nur die Seelsorge im engeren Sinne gemeint ist.
Praktisch ist Pastoralpsychologe eine Brückendisziplin. Sie hat ihren Ort
– „zwischen Theologie und Psychologie“ sowie
– zugleich „zwischen Theorie und Praxis“79.
Beides zusammen macht das Besondere und den Reiz dieser Disziplin aus und erklärt zugleich die sich mitunter ergebenden Schwierigkeiten begrifflich scharfer Definition.80
Pastoralpsychologie „zwischen Psychologie und Theologie“ bedeutet:
Pastoralpsychologie ist Psychologie. In ihren psychologischen Aussagen muss sie den fachlichen Kriterien humanwissenschaftlicher Zugangsweisen gerecht werden. Sie ist integrativ, also nicht nur am tiefenpsychologischen Paradigma ausgerichtet, und schließt auch sozialwissenschaftliche Zugänge zur Lebenswirklichkeit der Menschen ein.
Und: Pastoralpsychologie ist Psychologie für kirchliche Praxis. Sie hat als solche dem theologischen Anspruch Rechnung zu tragen, Interpretation der Lebenswirklichkeit des Menschen im Horizont des Evangeliums zu sein. Pastoralpsychologisches Arbeiten intendiert also auch theologische Arbeit. Die geistliche Perspektive gehört dazu ebenso wie die prinzipielle Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes.
Pastoralpsychologie „zwischen Theorie und Praxis“ bedeutet:
Pastoralpsychologie ist wissenschaftliche Wahrnehmung und Reflektion von relevanten Lebenswirklichkeiten. Sie rezipiert psychologische und sozialwissenschaftliche Diagnosen und deutende Theorien seelischer Lebenswirklichkeiten und vermittelt sie im wechselseitig kritischen Prozess mit den Sichtweisen theologischer Anthropologie.
Und: Pastoralpsychologie ist Handlungswissenschaft. Sie entwickelt interdisziplinär Leitlinien, Methoden und Optionen für die Praxis seelsorglicher Kommunikation81.
Das pastoralpsychologische Verständnis von Seelsorge ist grundlegend für die Ausbildung zum seelsorglichen Handeln und für die Reflektion seelsorglicher Praxis in der Supervision.
Im Folgenden sollen ihre Konturen noch etwas genauer nachgezeichnet und die Fragen diskutiert werden, die sie auslöst.
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