Read the book: «Jahrbuch Franz-Michael-Felder-Archiv 2021»

Font::

Franz-Michael-Felder-Archiv

Jahrbuch
Franz-Michael-Felder-Archiv
der Vorarlberger Landesbibliothek

22. Jahrgang 2021


Inhalt

Felder 2021

„Eine unvergessliche Erfahrung“. David Henry Wilson im Gespräch mit Dominik Denk

WERNER NELL

Literatur und Sozialreform auf dem Lande

SOLVEJG NITZKE

Das Versprechen des ‚Bauerndichters‘, oder: Franz Michael Felder ökologisch lesen

JELKO PETERS

Der Sinn des Lebens. Eine Betrachtung zu Felders Autobiografie aus der individualpsychologischen Perspektive Alfred Adlers

BERNHARD FETZ

Bauer, Schriftsteller, Beamter und Klassiker. Felders Aus meinem Leben und Grillparzers Selbstbiographie als herausragende literarische Ausdrucksformen des österreichischen 19. Jahrhunderts

DAVID FRANZOI

Im Dialog. Von Felders Magerhuber zu Moosbruggers Kultur=Gesprächen

ULRIKE LÄNGLE

Sherlock Holmes in Schoppernau (Auszug)

„Die Felder-Rezeption geht immer weiter.“ Maximilian Lang, Bérénice Hebenstreit und Ralph Blase im Gespräch über Maximilian Langs Stück Sprich nur ein Wort

Aufsätze

ROGER VORDEREGGER

Das Gedicht als Essay. Zur Lyrik Oscar Sandners

ROGER VORDEREGGER

Innigkeit als Utopie. Hannes Grabhers Mundartgedichte

Bodensee-Literaturpreis 2020

ULRIKE LäNGLE

Laudatio auf Monika Helfer

MONIKA HELFER

Dankesrede zum Bodensee-Literaturpreis 2020

Bericht

Jahresbericht des Franz-Michael-Felder-Archivs 2020

Anhang

Liste lieferbarer Bücher und CDs

Beiträger/-innen

Der Dramatiker Maximilian Lang hat sich unter dem Titel Sprich nur ein Wort mit Franz Michael Felder beschäftigt. Die Uraufführung seines Stücks am Vorarlberger Landestheater haben wir zum Anlass genommen, um Felders Werk erneut zu befragen, neue Perspektiven zu diskutieren und neue Lesarten vorzustellen. Die folgenden Aufsätze dokumentieren die internationale Tagung zu Leben und Werk von Franz Michael Felder, die vom 12. bis 14. April 2021 unter dem Titel FELDER 2021. Neue Lesarten und Perspektiven online stattgefunden hat.

Felder 2021

„Eine unvergessliche Erfahrung“. David Henry Wilson im Gespräch mit Dominik Denk

Unter dem Titel A Life in the Making erschien im Februar 2021 die von David Henry Wilson angefertigte Übersetzung von Felders Autobiografie Aus meinem Leben bei Pushkin Press in London. Ich hatte das Vergnügen, David Henry Wilson bei der Durchsicht seiner Rohfassung zu unterstützen und Licht in einige der obskureren Passagen zu bringen. Über diese Arbeit, die David und mich fast ein halbes Jahr lang einen sehr regen E-Mail-Verkehr führen ließ, sprachen wir mit Jürgen Thaler am 12. April 2021 anlässlich der Eröffnung der Felder-Tagung, coronabedingt via Videokonferenz. Um das auch schriftlich festzuhalten, bat mich Jürgen, im Nachhinein ein Interview mit David zu führen, über die Übersetzung und wie sie zustande kam. Ich freute mich über die Gelegenheit, wieder in kürzeren Abständen mit David in Kontakt zu sein, berichtete ihm von dem Vorhaben, schlug einen Termin und einen Modus vor und hängte nur ein paar Beispielfragen an: „Was bedeutet Felder für Dich, was bedeutet Aus meinem Leben für Dich?“ – doch David stieg direkt in das Gespräch ein:

DAVID HENRY WILSON: Was Du über unser Gespräch geschrieben hast, leuchtet mir ein, aber ich werde trotzdem versuchen, Deine erste Frage jetzt zu beantworten, denn sie ist bei weitem die schwierigste für mich: „Was bedeuten Felder und sein Buch für mich?“ Es ist fast unmöglich, Klischees hier zu vermeiden. Wie bei jeder großen literarischen Erfahrung fühle ich mich bereichert: Ich habe einen außerordentlich interessanten Mann kennengelernt, seine tiefsten Gedanken und Gefühle mit ihm gedacht und gefühlt. Was macht ihn so außerordentlich interessant? Seine Situation in dieser abgeschlossenen Gemeinschaft, seine Sensibilität, seine Konflikte mit sich selbst und mit anderen und mit der Gesellschaft und den Traditionen und Haltungen seiner Zeit … und die absolute Ehrlichkeit, mit der er alles beschreibt – vor allem die eigenen Schwächen und Widersprüche. Er versucht nicht (oder selten), sich zu rechtfertigen: Seine Geschichte ist eine lange Suche nach der Wahrheit, der Gerechtigkeit, und einem Gleichgewicht für sich selbst und für die Menschheit im Allgemeinen. Es geht hoch, es geht tief, er lernt und vor allem er liebt. All das erfahre ich mit ihm. Und ich weiß, das was er geschrieben hat, ist in der wahren Welt passiert – es ist keine Fiktion. Die reine Tatsache, dass er den ersten Teil mit der Hochzeit beendet, finde ich fast unerträglich rührend, denn dieser gute Mann wollte uns etwas Positives am Ende schenken, obwohl das Tragische schon passiert war. Und wir wissen natürlich, dass er selbst kurz nach dem Schreiben gestorben ist, und so hat das Ende unseres Buchs noch eine Dimension der Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Die ganze wahre, rührende, gelegentlich sogar amüsante, romantische, realistische, deprimierende, erhebende, ichbezogene, selbstlose Geschichte ist unvergesslich. Das wäre vielleicht eine gute Zusammenfassung meiner Antwort auf Deine Frage: Was bedeuten Felder und seine Autobiografie für mich? Eine unvergessliche Erfahrung.

DOMINIK DENK: Bist Du an diese Übersetzung anders herangegangen als an andere Werke?

DAVID HENRY WILSON: Nein, denn bei mir handelt es sich immer darum, die genauen Absichten des Schriftstellers zu suchen, und dann so treu wie möglich diese Absichten zu erfüllen. (Selbstverständlich spielt dann die Subjektivität eine wichtige Rolle, und deshalb war Deine Sachkenntnis allwichtig, weil Felders Sprache und verschiedene Anspielungen manchmal für mich unverständlich waren. Ich will Dich nicht in Verlegenheit bringen, aber ohne Deine Beiträge wäre die Übersetzung gar nicht möglich gewesen.) Dieses Prinzip gilt natürlich für allerlei Bücher. Bei Felder war es von Anfang an klar, dass er seine Geschichte 100% ehrlich und offen erzählen wollte, auch wenn er sich selbst analysierte und kritisierte. Deshalb musste der Stil der Übersetzung genauso direkt und spontan wirken.

DOMINIK DENK: Am Beginn unserer Zusammenarbeit musste ich Deinen Zugang zum Übersetzen erst verstehen, denn vieles, was ich zuerst als Fehler interpretiert hatte, war natürlich Absicht. Dein größtes Ziel schien mir immer, die Leser*innen so wenig wie möglich spüren zu lassen, dass sie gerade eine Übersetzung lesen.

DAVID HENRY WILSON: Es ist meines Erachtens absolut notwendig, dass die Leser*innen den Text wie einen originalen englischen Text lesen können. Sobald die Sprache sie vom Inhalt ablenkt, ist die Übersetzung ein Misserfolg. Das ist aber nicht „das größte Ziel“. Es ist unentbehrlich, um das größte Ziel zu erreichen, denn es ist bestimmt nicht die Absicht des Autors, die Leser*innen vom Inhalt abzulenken! Das größte Ziel ist gerade NICHTS zu verlieren, aber ein englisches Äquivalent zum deutschen Text zu finden.

DOMINIK DENK: Das ist aber nicht immer so einfach, und manchmal schier unmöglich. Auf erklärende Fußnoten hast Du aber dieses Mal verzichtet.

DAVID HENRY WILSON: In einem rein akademischen Buch habe ich keine Hemmungen, Fuß- oder Endnoten einzubringen. Manchmal sind Akademiker*innen ganz stolz auf ihre Fußnoten, denn sie verbreitern die Kenntnisse der Leser*innen und zeigen auch, wie gründlich der Autor sein Thema erforscht hat (das meine ich nicht ironisch). Die Fußnoten sind dann keine Ablenkung, sondern eine Erweiterung. Dasselbe könnte auch für eine Biografie gelten, wenn es nur um Fakten geht. Aber wenn Du eine Geschichte erzählst, ist die Situation ganz anders, und Felder erzählt seine Geschichte. Wenn jemand spricht, ist es unhöflich zu unterbrechen, und jede Fußnote ist eine Unterbrechung. Deshalb wollte ich mit Deiner Hilfe subtile Erklärungen oder Vereinfachungen1 innerhalb des Textes einbringen oder, wenn irgendeine Anspielung völlig unverständlich war, dann lieber streichen als die Leser*innen vom allwichtigen Ziel des Satzes abzulenken2. Ich hoffe, dass wir gar nichts Unvollständiges im Text hinterlassen haben. Wenn die Leser*innen fragen, „Was soll das bedeuten?“, dann hab’ ich mich geirrt.

DOMINIK DENK: Anstatt sich also mittels Fußnoten permanent beim Publikum dafür zu entschuldigen, versuchst Du einen Verlust an Bedeutung stillschweigend auszugleichen. Wie würdest Du denn deine Arbeitsweise beschreiben?

DAVID HENRY WILSON: Ich mag das Wort „Verlust“ nicht, und selbstverständlich entschuldige ich mich nicht, denn ich soll ganz verschwinden! Das höchste Kompliment wäre, wenn man sagen würde: „Felders Buch ist ein Meisterwerk“, ohne zu wissen, dass der Text eine Übersetzung ist! Wie ich meine Arbeitsweise beschreiben würde? Hm! Ein ständiger Versuch, die Absichten des Autors „in perfect English“ zu erfüllen.

DOMINIK DENK: Das gefällt mir sehr gut. Im Studium lernen wir, dass Übersetzen zwingend Interpretieren bedeutet, du musst also erst einmal deuten, was die Absichten des Autors waren, bevor du sie auf Englisch erfüllen kannst. Vielleicht hattest du einen Startvorteil, schließlich nennt man einen Dolmetscher auf Englisch einen „interpreter“. Wie bist Du überhaupt zum Übersetzen, zur deutschen Sprache gekommen?

DAVID HENRY WILSON: Ich habe Deutsch und Französisch in Cambridge studiert und dann zwei Jahre als „assistant“ in Frankreich und vier Jahre als Lehrer (für Englisch und Französisch) in Ghana verbracht, bevor ich eine Lektorenstelle an der Uni Köln bekam. Und da habe ich Wolfgang Iser, den später berühmten „literary theorist“, kennengelernt. Eines Tages hat er mich gebeten, einen Aufsatz über Becketts Waiting for Godot zu übersetzen, und das war sozusagen der Anfang meiner Karriere als Übersetzer! Sein Stil war eigentlich schwer zu übersetzen, und im Text waren auch zwei oder drei Passagen, wo ich mit seiner Interpretation nicht einig war. Und daraus wuchsen schon die zwei Prinzipien: Das Englisch muss perfekt sein, und man übersetzt nicht die Worte, sondern die Gedanken des Autors. Wir haben alles diskutiert (er akzeptierte übrigens meine Interpretation!), bis wir beide mit dem neuen, englischen Text zufrieden waren. Es war eine fast einmalige und ideale Situation: Autor und Übersetzer sitzen zusammen, und dadurch hat der Übersetzer direkten Zugang zu den Gedanken des Autors (und in diesem Fall sogar die Möglichkeit, sie zu klären!), und der Autor kann die Sprache des Übersetzers ständig prüfen und sogar mitformulieren (sein Englisch war ausgezeichnet). Die Freundschaft und Zusammenarbeit dauerten über 40 Jahre, bis Wolfgang Iser 2007 gestorben ist.

DOMINIK DENK: Wie Wolfgang Iser warst dann auch Du lange an der Uni Konstanz. Wie kam es dazu?

DAVID HENRY WILSON: Als Wolfgang den Ruf nach Konstanz bekam, hat er ich mich eingeladen, ihn zu begleiten. Ich würde dann eine Beamtenstelle auf Lebenszeit (als akademischer Rat, später Oberrat) haben, und da die Uni Konstanz ganz neu war, würde die Arbeit gar nicht so anstrengend wie an der Massen-Uni Köln sein, wo ich Kurse für Hunderte von Student*innen halten musste! Das habe ich natürlich mit meiner lieben Frau Lisbeth diskutiert – wir hatten schon ein Kind und ein zweites war unterwegs – und sie sagte ja. Zufällig kannten wir schon die Gegend und die wunderschönen Landschaften des Bodensees, und das trug auch zur Entscheidung bei. Und so kam es, dass wir im Sommer 1967 nach Konstanz umgezogen sind.

DOMINIK DENK: Und wie war es?

DAVID HENRY WILSON: Herrlich! Die Uni war noch nicht gebaut! Kurse, Verwaltung usw. fanden zuerst im Insel-Hotel statt. Nur wenige Student*innen – anfangs hatte ich zwei Examenskandidaten (in Köln waren es über 50). Selbstverständlich hat sich alles schnell geändert, sobald die Gebäude fertig waren, aber trotzdem war es jahrelang eine relativ kleine Uni. Und damals war alles viel offener und freier als jetzt. 1970 habe ich das Universitätstheater gegründet (das 50. Jubiläum war letztes Jahr, aber leider musste man das Fest wegen Covid ausfallen lassen), und kurz darauf habe ich einen Autorenkreis etabliert, was zur Gründung einer literarischen Zeitschrift (UNIVERS) geführt hat. Wolfgang hat mich bei allen Unternehmen immer ständig unterstützt, und wir haben Finanzierung gekriegt. Inzwischen hielt ich natürlich meine Kurse für Sprache und Literatur, und ich habe ein besonderes Programm für das Trainieren der Examenskandidat*innen entwickelt. Aber 1972 haben wir trotzdem entschieden, Konstanz zu verlassen.

DOMINIK DENK: Warum?

DAVID HENRY WILSON: Meine Frau war übrigens Afrikanerin (sie ist leider vor acht Jahren gestorben). Die drei Kinder mussten jetzt in die Schule gehen, und wir mussten entscheiden, ob sie als „deutsche“ oder als „englische“ Kinder aufwachsen sollten. England hat gewonnen!

DOMINIK DENK: Aber Du hast Konstanz nicht verlassen!

DAVID HENRY WILSON: Ja und nein! Unsere Anglistikstudent*innen mussten als Teil des Kurses einen Aufenthalt in einem englischsprechenden Land verbringen. Wir haben also mit der Uni Bristol ein einmaliges Schema organisiert. Kurz: Sie suchten einen Spezialisten, der Kurse für ihre deutschen Austauschstudent*innen halten könnte. Wir suchten eine englische Uni für unsere Student*innen. Die Lösung: Die Konstanzer Student*innen kamen nach Bristol, wo ich sie unterrichtete, und ich habe getrennte Kurse für die Nicht-Konstanzer gehalten. Bristol hatte also einen Spezialisten, der von Konstanz bezahlt wurde, und Konstanz hatte einfachen und fast grenzlosen Zugang zu einer der besten Universitäten in England! Aber ich musste auch anfangs viermal im Jahr, später zweimal, Intensiv-Kurse in Konstanz für meine Examenskandidat*innen halten, und dann mit denjenigen, die nicht nach Bristol kamen, einen Korrespondenzkurs. Das bedeutete natürlich viel Arbeit für mich, aber so blieb ich immer noch akademischer Oberrat an der Uni Konstanz! Und manchmal konnte die Familie mich nach Konstanz begleiten, wenn die Intensiv-Kurse während der Schulferien stattfanden.

DOMINIK DENK: Genial! Aber zusätzlich zu Deiner Arbeit mit den Student*innen in Bristol und Konstanz warst Du mit dem Theater, der literarischen Zeitschrift, Deinen Übersetzungen für Iser und auch deiner eigenen Schriftstellerei beschäftigt!

DAVID HENRY WILSON: Ja, das Unitheater habe ich 1976 aufgegeben, denn eine ganz wunderbare Regisseurin namens Tessa Theodorakopoulos kam nach Konstanz und war bereit es von mir zu übernehmen. Die Geschichte von UNIVERS hat ein trauriges Ende gehabt, denn die Leute, die sie in meiner Abwesenheit übernommen haben, hatten leider Ideen, die zu einem direkten Konflikt mit der Uni führten. Ich war inzwischen als Herausgeber zurückgtreten. Aber als Schriftsteller war ich immer aktiv! Ich weiß nicht, wie ich die Zeit fand, meine eigenen Theaterstücke, Romane und Kinderbücher zu schreiben, aber irgendwie hat es geklappt. Die Kinderbücher – vor allem die Serie über Jeremy James – waren sogar ganz erfolgreich, und ich hatte auch in den 1980er und 1990er Jahren viele professionelle Aufführungen meiner Theaterstücke. Aber all das wäre unmöglich ohne die Geduld, das Verständnis, die Tüchtigkeit und die Liebe von Lisbeth gewesen. Sie war das Herz der Familie, und ihr Herz schlägt immer noch in uns allen.

DOMINIK DENK: Dein Familienleben war vielleicht Dein wichtigster Erfolg!

DAVID HENRY WILSON: Unser wichtigster Erfolg! Und nicht „vielleicht“!

DOMINIK DENK: Was machen Deine Kinder jetzt?

DAVID HENRY WILSON: Chris (54) ist Lehrer in einem College of Further Education, schreibt brillante (aber noch nicht veröffentlichte) Erzählungen, hat früher zehn Jahre lang sein Brot als Bass-Gitarrist verdient, ist jetzt verheiratet und hat zwei Söhne (Zwillinge, viereinhalb Jahre alt). Sie wohnen alle in Clevedon – 40 Minuten weg von Taunton, wo ich wohne.

Jenny (53) ist die beste Redakteurin der ganzen Welt, freiberuflich, unverheiratet, Personifizierung des Sonnenscheins, und wohnt in Bristol – 60 Minuten weg von Taunton.

J.J. (52) schreibt Lehrbücher für „English as a foreign language“, die in 73 Ländern benutzt werden, schreibt auch Erzählungen und Romane (nach dem Erfolg von Damnificados – auch in deutschsprachiger Übersetzung erschienen – wird sein zweiter Roman Nazaré im Herbst erscheinen), ist verheiratet und hat einen Sohn (13 Jahre alt). Die Familie wohnt in New Mexico (seine Frau ist Professorin an der dortigen Uni) – X-Tausend Meilen weg von Taunton.

DOMINIK DENK: Du bist im Jahr 2000 in den Ruhestand getreten. Was vermisst Du und wie nutzt Du diese Freiheit?

DAVID HENRY WILSON: Ich vermisse vor allem den Kontakt mit den Student*innen, denn die Interaktion war ein ständiges Vergnügen, und trotz des Ernsts der Prüfungen, haben wir viel Spaß in den Kursen gehabt. Aber das Korrigieren vermisse ich gar nicht, und am Ende war das der Grund, weshalb ich frühzeitig in Ruhestand ging. Es war einfach zu viel. Ich hatte erwartet, dass ich mich dann dem Schreiben widmen würde, aber nein, komischerweise fühlte ich nicht mehr den Drang. Vielleicht hatte ich schon alles geschrieben, was ich schreiben wollte (über 50 abendfüllende Theaterstücke, noch mehr kurze Stücke, ungefähr zwölf Romane und 25 Kinderbücher). Stattdessen fing ich eine neue Karriere als vollzeitiger Übersetzer an. Nun habe ich zahllose Bücher in allerlei Genres übersetzt: akademische von Aleida und Jan Assmann, Reisebücher von Peter Sager, Kunst von Werner Hofmann, Romane, Gedichte, und vor allem Kinderbücher – Hunderte von Kinderbüchern! Zurzeit arbeite ich an einem wunderbaren Roman von Kirsten Boie ... und alles macht Spaß. Ich bin mit meiner neuen Karriere äußerst zufrieden!

DOMINIK DENK: Jetzt schließen wir den Kreis. Nach all diesen Jahren am Bodensee, und nach all diesen Übersetzungen, wie kommt es, dass Du Franz Michael Felders Autobiografie übersetzt hast?

DAVID HENRY WILSON: Durch einen wunderschönen Zufall. Seit Jahren habe ich eine Institution gesucht, die mein Archiv nehmen würde. Überall fand ich Institutionen, die ein Teil davon haben wollten: X für die Kinderbücher, Y für die Übersetzungen, Z für alles, was mit Wolfgang Iser zu tun hat. Aber nein, ich wollte mein Archiv nicht teilen. Ich bin ich, nicht i-c-h! Nun war einer der Schrifsteller im Autorenkreis an der Uni ein jetzt sehr bekannter Dichter namens Peter Salomon. Wir sind Freunde geworden, und wir korrespondieren miteinander. Ich habe eine Idee gehabt: „Peter, was machst du mit deinem Archiv?“ Und die Antwort kannst du schon erraten! Da ich insgesamt 33 Jahre lang in Konstanz tätig war und gedichtet habe, fühlte ich mich berechtigt, mich als Bodenseeautor vorzustellen! Und fast sofort bekam ich die Antwort: Ja, sie würden das ganze Archiv gern nehmen! Und jetzt haben sie es. Aber das ist natürlich nicht das Ende der Geschichte. Ich führte eine reizende Korrespondenz mit Jürgen Thaler, und als ich vor vier Jahren eine Reise mit der Familie nach Konstanz plante, war ein Besuch in Bregenz selbstverständlich ein Teil des Plans! So haben wir uns persönlich kennengelernt, und das war ein echter Höhepunkt der ganzen Reise. Jürgen hatte jahrelang davon geträumt, eine englische Ausgabe der Autobiografie zu veranstalten, und vielleicht wäre ich der Mann, der sie übersetzen könnte? Ich habe also das erste Kapitel gelesen und war von Anfang an gefesselt.

DOMINIK DENK: Und jetzt halten wir das fertige Buch in Händen. David, ich danke Dir herzlich für die Chance, etwas dazu beizutragen – und selbstverständlich auch für das Gespräch!

1 Anm. DD: Ich bringe trotzdem zwei Fußnoten bei! Aus einem „Kaiserjäger“ wurde kurzerhand ein „soldier“, weil den Leser*innen der englischen Übersetzung im Unterschied zu Felders Zeitgenoss*innen eher nicht bekannt sein dürfte, was ein Kaiserjäger war, und der genaue militärische Zusammenhang an der Stelle nicht von größter Bedeutung ist.

2 Anm. DD: Hier passt vielleicht das Beispiel vom alten Mann, der dem jungen Felder „etwas Blaues von einem hölzernen Gliedeisen“ erzählt – in der Übersetzung erzählt er „another of his ridiculous fantasies“.

WERNER NELL

Literatur und Sozialreform auf dem Lande

Als Gegenbild zum zeitgenössischen Verfall der Welt durch die Massenmedien hat uns in den 1980er Jahren der US-amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman (1931 – 2003) den amerikanischen Farmer vor Augen geführt. Noch im 19. Jahrhundert konnte er offensichtlich sein Feld bestellen und sich zugleich, so ist es zumindest in Postmans kulturkritischem Bestseller Wir amüsieren uns zu Tode von 1985 zu lesen, noch seiner philosophischen oder sonstigen Lektüre, zumal der Bibel, widmen.

„Der Farmerjunge, der mit einem Buch in der Hand dem Pflug folgt, die Mutter, die ihrer Familie am Sonntagnachmittag etwas vorliest, der Kaufmann, der die Meldungen über die zuletzt eingelaufenen Clipper liest – sie waren andere Leser als die von heute. Flüchtiges Lesen dürfte es kaum gegeben haben, dazu fehlte die Zeit. Lesen geschah in einem täglichen oder wöchentlichen Ritual, dem eine besondere Bedeutung zukam. […] Bei Kerzenoder später bei Gaslicht las es sich nicht besonders gut. Und ohne Zweifel wurde sehr viel in der Zeit zwischen Morgengrauen und dem Beginn des Tagwerks gelesen. Was man las, das las man ernsthaft, intensiv und mit einem bestimmten Ziel.“1

Auch wenn dieses Bild insgesamt eher romantisch übermalt als realistisch entworfen erscheint, lässt es sich doch nutzen, um zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf einen Punkt zu verweisen, an dem Literatur und Gesellschaft in einer vergleichsweise engen und zugleich wirklichkeitshaltigen Beziehung zueinander zu stehen schienen. Literatur, Lesen, aber auch Schreiben, erscheinen hier als Medien und Zugänge zu einer in eben diesen Tätigkeiten fassbaren Wirklichkeit, ja sie lassen sich auch als Instrumente zu deren Bearbeitung und Veränderung bestimmen und unter entsprechenden Vorgaben nutzen.2 Es ist dies der Punkt, von dem aus auch Franz Michael Felder (1839 – 1869) bei seinem Versuch zu verorten ist, im Medium der schönen Literatur und mit den damit vorhandenen Gattungsformen und Instrumenten des Erzählens bzw. Dichtens Stimmen zu Wort kommen zu lassen: Zum einen, um die Erfahrungen und auch Erwartungen der bis dahin nicht wahrgenommenen, also weder kulturell noch politisch repräsentierten Landbevölkerung zur Sprache zu bringen. Zum anderen sucht er so, vom Feld der Literatur aus die Handlungsfelder der Gesellschaft nicht nur anzusprechen und seinem Lesepublikum vor Augen zu stellen, sondern diese im Sinne einer intendierten Besserung der ländlichen Verhältnisse auch zu verändern. Zeitgenössisch lässt sich der damit angesprochene Wechselbezug von Literatur und Gesellschaft nach beiden Seiten hin ausrichten, ist doch, mit René König gesprochen, die Vorstellung einer „Gesellschaft im Singular“, also die Ansprache einer Gesellschaft als Totalität im Sinne einer alle sozialen Zusammenhänge ebenso wie die jeweiligen sozialen Akteure zu einem „Ganzen“ rahmenden Kategorie,3 ebenso ein Ergebnis der geistes- und sozialgeschichtlichen Entwicklungen und Erfahrungen des frühen 19. Jahrhunderts4, wie sich korrelierend dazu die Vorstellung in dieser Zeit durchsetzt, Realismus in der Literatur und eine entsprechend realistische Schreibweise bezögen sich auf eine Welt und Wirklichkeit, „wie sie ist“ bzw. wie sie von Akteuren und Beobachtern erfahren und in literarischen Texten als Ganzes wiedergefunden werden kann.5

Stichworte, die Orientierungs- und Bezugspunkte für diese Entwicklung nach beiden Seiten anbieten, sind dabei zum Ersten die mit dem Aufkommen der Industriegesellschaft verbundenen marktgesellschaftlichen Prozesse und Strukturen, wie sie von Karl Polanyi im Blick auf deren Durchsetzung in ländlichen Räumen und Lebensformen als „The Great Transformation“6 beschrieben wurden. Zum Zweiten und damit ebenso korrelierend wie darauf reagierend sind die mit dem Einsatzpunkt der Französischen Revolution von 1789 verbundenen Ansprüche auf egalitärere, freiere und zugleich solidarische Gesellschaftsformen anzusprechen, die sich zunächst in der Rahmensetzung bürgerlicher Gesellschaft konstituieren,7 dann aber sukzessive auf weitere Gesellschaftsschichten und so auch auf die Landbevölkerung ausstrahlen8 bzw. von dieser auch übernommen und eingefordert werden.9 Schließlich sind es zum Dritten die vom Jahrhundert der Aufklärung ausgehenden Ansprüche und Leitbilder individueller Emanzipation, nicht zuletzt bzw. vor allem durch Bildung und Literalität zu erreichen, die sich ebenfalls den Bewohnerinnen und Bewohnern ländlicher Räume erschließen und vermittelt u. a. durch Pfarrer und Lehrer, aber auch durch schreibende Bauern, diese selbst zu Akteuren und Sprechern, auch zu reflektierenden Beobachtern ihrer sozialen Umstände werden lassen.10 Insgesamt führen diese Prozesse zu einem Abschmelzen ständischer Gesellschaftsmodelle, entsprechender Privilegien, Habitus-Konzepte und nicht zuletzt auch traditionell gefestigter Selbstverständnisse, wie dies von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest von 1848 in die Formel: „Alles Ständische und Stehende verdampft“ gefasst und als bedeutende Leistung der „bürgerlichen Revolution“ in Korrelation zum Siegeszug des Industriekapitalismus hervorgehoben wurde. Dies betrifft, was sich insbesondere auch an der lebenslangen Auseinandersetzung Felders mit den Repräsentanten der katholischen Kirche ablesen lässt, auch die kulturellen Codierungen und Bewusstseinslagerungen der einfachen Leute in ihren herkömmlich überkommenen Mustern, denn „alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen“11. Dieser Umstand führt zum einen auf den dann auch von Felder beschrittenen Weg zu „nüchterner“ Wissenschaft, publizistischer Agitation und ggf. realistischem Schreiben, zumal im Blick auf die angestrebte soziale und ökonomische Verbesserung der Lebensverhältnisse auf dem Lande. Zum anderen, und auch dies lässt sich sowohl von Felders Texten aus bearbeiten als auch als spezifisches Merkmal seines Schreibens und Erzählens ausmachen, bleibt zu fragen, ob es bei einer solchen materialistisch induzierten wechselseitigen „Nüchternheit“ des In-der-Welt-Seins im Umgang mit sich selbst und anderen bleiben kann. Es geht ja doch zugleich darum, Sinnorientierungen, Glücksbegehren und dem Anspruch von Menschen auf ein je individuell „gelingendes Leben“ wenn schon nicht einen Raum in der Realität, so doch wenigstens in den Bereichen der Imagination, des Wünschens und davon ausgehender, durch diese gestärkter Praxisbezüge zu eröffnen.12 Beides zusammengenommen, führt dann auf das Feld der Literatur, das im Falle Felders gleichermaßen als ein Medium der Verlebendigung von Wünschen wie der Schilderung von Wirklichkeitserfahrungen genutzt und entsprechend ausgeformt wird.13

1.

Landreform und utopische Orientierung im Medium der Literatur

Literarische Texte, eben auch die von Glückshoffnungen und Glückserfüllungen, nicht zuletzt von deren Scheitern, handelnden Texte Felders, sprechen in diesem Zusammenhang eine mit den belleslèttres verbundene utopische Dimension – auch ihrer Form nach – an. Dies mag dabei sowohl die historische Stelle Felders im 19. Jahrhundert als auch die Möglichkeiten eines Anschlusses an seine Texte unter den Bedingungen weitergehender Moderne von heute aus ausmachen. Was die britische Soziologin Ruth Levitas in ihren Studien zum utopischen Denken als „education of desire“ angesprochen hat: „Utopia creates a space in which the reader is addressed not just cognitively, but experientially, and enjoined to consider and feel what it would be like not just to live differently, but to want differently – so that the taken-for-granted nature of the present is disrupted“14, findet sich im Sinne literarischer, imaginativer Wunscherfüllung in Felders Texten wieder – und zwar nicht als Kompensation für ein ansonsten nicht mögliches Tun und Wünschen, sondern als Impuls und Stärkung der mit den Wünschen in Erscheinung tretenden Handlungsoptionen im Blick auf die Entwicklung von Perspektiven zu ihrer Umsetzung.

Von heute aus gesehen erscheinen diese Ansprüche und ihre literarische Umsetzung umso wichtiger, als die englische Übersetzung der angesprochenen Stelle des Kommunistischen Manifests ja bereits über das Historische einer untergehenden Ständegesellschaft hinausgeht und das Abschmelzen jeglicher Bestände und Sicherheiten als das Signum der Moderne ausmacht: „All that is solid melts into air“. Marshall Berman verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass unter den Bedingungen einer anhaltenden Moderne die Unverzichtbarkeit von Ansprüchen auf ein gelingendes Leben ebenso auf ungesicherten Grundlagen basiert, wie diese der konstruktiven, also eben auch ggf. fiktionalen und imaginären Ausformung und Vermittlung bedürfen, um überhaupt zu Realitätspartikeln zu werden.15 Die oben für die Mitte des 19. Jahrhunderts skizzierte Engführung von Literatur und Gesellschaft kann dann zudem als ein Einsatzpunkt angenommen werden, um auch in literarischen Texten ein handfest politisches bzw. sozialökonomisches Thema wie die Forderungen nach Wirtschafts- und Sozialreformen auf dem Land nach beiden Seiten hin zu erkunden und in einen sowohl historischen als auch lebenspraktischen Zusammenhang zu stellen: zur Seite der Sozialreform, in deren Perspektive literarische Texte wie schon Georg Büchners Hessischer Landbote (1834) als Medien gesellschaftlicher Aufklärung und Besserstellung der Landbevölkerung intendiert und zu betrachten sind, und zur Seite der Literatur hin, in deren Kontext ländliche Erfahrungen und Lebenszusammenhänge als Sujet ästhetischer Gestaltung und als Mittel einer narrativen Herstellung von Kohärenz in Erscheinung treten.16 Dass und wie Franz Michael Felders Texte dies leisten, wird im Weiteren vorzustellen und zu diskutieren sein.

2.

Realistische Literatur und Reformansätze

in bürgerlicher Gesellschaft

In seinen Studien zum literarischen Realismus, die sich vielfach auf Erich Auerbachs noch immer lesenswerte Untersuchung Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der europäischen Literatur (1948) beziehen, spricht Joseph Peter Stern vom „goldenen Überfluß der Welt“17, um damit zum einen auf die Detailfülle und Detailbezogenheit der im literarischen Text entworfenen Wirklichkeitsbezüge hinzuweisen. Zum anderen nutzt er diese Metapher aber auch, um auf die durch die ästhetische Geformtheit jeder literarischen Darstellung ebenso wie durch die narrative Verkettung der Geschehnisse und Akteure ermöglichte Überdeterminierung bzw. eben auch Überzuckerung des Wirklichen, durchaus auch im Sinne einer möglichen ideologischen Überformung desselben, aufmerksam zu machen. Nicht zuletzt geht es auch darum, die durch eine krude Abschilderung der gegebenen Welt ggf. auch entstehende Sinnentleertheit, auch Langeweile, Repetierbarkeit und Glanzlosigkeit des Wirklichen in den Spiegeln literarischer Texte in den Blick zu rücken: „Realismus in der Literatur bedeutet in erster Linie die Art, eine Situation in ‚wirklichkeitsgetreuer‘, ‚präziser‘, lebenswahrer Weise darzustellen und zu beschreiben; oder in reicher, üppiger und farbenprächtiger Vielfalt; oder auch auf photographische, schablonenhafte Weise.“18

Erwächst der Literatur des literarischen Realismus aus dieser Ausrichtung auf eine gleichsam in der Erfahrung vorgegebene, vermeintlich einfache, also auch oberflächlich nur wahrnehmbare Wirklichkeit aus avantgardistischer Sicht der Vorwurf einer schalen Reproduktion des lediglich Vorhandenen, die auf das Wagnis avancierter Formen als Mittel weitergehender Darstellung und Erkenntnis verzichtet, so steht realistische Literatur doch zugleich unter dem Vorbehalt einer herkömmlich idealistischen Ästhetik, die mit dem Mangel an besonderer Form auch den Verzicht auf den Standpunkt einer übergreifenden Deutungsinstanz oder gar den Verlust derselben verbindet.19 Demgegenüber verweisen kritische, auch sozialkritische Beiträge allzu schnell auf den lediglich affirmativen Charakter einer solchen an der Wiedergabe realer Verhältnisse und wirklichkeitsbezogenen Geschehens orientierten Literatur, was in den Debatten der 1920er Jahre den literarischen Biografismus ebenso trifft wie die Reportage-Literatur, im Rückblick auf das 19. Jahrhundert aber auch eine vermeintlich historisch perspektivlose, lediglich auf die Vermittlung von Genrebildern hin angelegte Dorfliteratur.20

Tatsächlich aber, so hat dies Friedrich H. Tenbruck in seiner Studie zur „bürgerlichen Kultur“ ausgearbeitet,21 stellen kulturelle Träger, literarische Texte als Medien der Begleitung und Reflexion gesellschaftlicher Prozesse sowohl als Orientierungsgrößen und Spiegel als auch als Projektionsräume und Impulsgeber individueller und gruppenspezifischer Reformansätze und eines entsprechenden Selbstverständnisses ein bestimmtes Instrumentarium und Wirkungs-, auch Handlungsfeld in den Zusammenhängen einer sich im Laufe des 18. Jahrhunderts ausbildenden, im 19. Jahrhundert dann dominierenden bürgerlichen Kultur dar. Kultur, und so auch Literatur, dient seitdem nicht mehr vor allem der Repräsentation einer mehr oder weniger festgefügten Ordnung, sondern begleitet die ins Rutschen bzw. Schwimmen geratenen gesellschaftlichen Sphären im Sinne einer selbst beweglichen, stets und immer wieder Neues und Veränderungen herstellenden Produktions- und Reflexionssphäre, wobei auch sie selbst – im Blick auf das hier in Rede stehende Thema des Lebens und der Veränderungsmöglichkeiten in ländlichen Räumen wichtig – ebenso wie die „Bürgerliche Gesellschaft“ im Ganzen tendenziell auch auf die Unabschließbarkeit weitergehender Mobilität hin angelegt ist.22 Dies betrifft die Erweiterungsfähigkeiten des Handelns einzelner Akteure ebenso wie die Möglichkeiten zur Emanzipation sozialer Gruppen und nicht zuletzt sowohl die Ansprüche als auch die Prozesse weitergehender Integration der bis dahin aus der gesellschaftlichen Kommunikation (und Teilhabe) ausgeschlossenen sozialen Gruppen, seien dies nun Frauen, die Arbeiterklasse oder eben auch die Landbevölkerungen.

Literalität (cultural literacy), die Befähigung zur Teilhabe an Leseund anderen Kommunikationsmöglichkeiten, bietet dazu ebenso die Voraussetzung und den Rahmen für eine kulturelle, dann eben auch soziale Integration unterschiedlicher Einzelner und Gruppen in die Gesellschaft im Ganzen wie die Ermöglichung von Schreiben und anderen Praxisformen kultureller Produktion nicht nur die Handlungsmöglichkeiten der einzelnen, zumal derjenigen, die aus bislang vernachlässigten Unterschichten oder Randgruppen kommen, stärken, sondern auch zugleich deren (und ggf. aller) Wirklichkeitsverhältnis und -zugänge zu erweitern vermag: „Mit dieser Verselbständigung der Kultur“, so Tenbruck, „gewann die erlebte und bekannte Wirklichkeit für die einzelnen an Breite und Tiefe, an Gehalt und Bedeutung. Im Spiegel der literarischen, künstlerischen, philosophischen oder wissenschaftlichen Behandlung und Durchdringung der bislang subjektiv als unmittelbar erlebten und deshalb kaum differenzierten Erfahrung reicherte sich nun die Selbsterfahrung durch die Sublimierung, Differenzierung und Reflektierung der Empfindungen, Gefühle, Affekte, Emotionen, Gedanken und Überzeugungen an, wie ähnlich die äußere Wirklichkeit sich durch kulturelle Informationen ständig ausdehnte und gliederte, räumlich, zeitlich und sachlich. Verselbständigung der Kultur heißt also, dass die innere und äußere Wirklichkeit unablässig durch kulturelle Arbeit weiter und neu gedeutet werden muß.“23

Der hier angesprochene Ansatzpunkt eines mit der Konstitution bürgerlicher Gesellschaft verbundenen eigenständigen Feldes kultureller Produktion und Reflexion benennt damit zugleich die kulturellen, aber auch politischen und sozialen Funktionen literarischen Schreibens für ein Leben (und Wahrgenommenwerden) in den Integrationsformen bürgerlicher, in diesem Sinn moderner Gesellschaften. Gruppenspezifisch wie gattungsspezifisch ist dieser Ansatz so aufzunehmen, dass auch das Schreiben eines autodidaktischen Bauern wie Felder im Zusammenhang jener Aushandlungsorte (auch der Ketten) bürgerlicher Vergesellschaftung als kulturelle Produktion mit entsprechenden Intentionen und Resonanzerwartungen erkennbar wird. Der literarische Markt, aber auch Bildungseinrichtungen wie Schulen, publizistische Tätigkeiten und nicht zuletzt politische Aktionen stellen sich dabei sowohl als Handlungs- als auch als Aushandlungs- und Konfliktfelder, nicht zuletzt als Diskursarenen jener bürgerlichen Gesellschaft (im Sinne dessen, was aktuell als Zivilgesellschaft angesprochen wird) dar, deren Grundriss „bürgerlicher Öffentlichkeit“24 auch noch immer das Selbstverständnis liberaler Republiken und offener Gesellschaften so bestimmt, dass literarische Texte in irgendeinem Sinn „realistisch“ darauf Bezug zu nehmen vermögen.25

Freilich handelt es sich auch bei einer auf die poetische Abschilderung bzw. auf einen fiktionalen Entwurf von „Wirklichkeit“ angelegten Literatur, wie sie als literarischer bzw. poetischer Realismus angesprochen werden kann, keineswegs nur um die Reduktion des weiten Feldes schönen Scheinens (und seiner Mittel) auf das eingegrenzte und spannungslose Feld bürgerlich-gesellschaftlicher Verhältnisse26 oder um die Reduktion komplexer und widerspruchsvoller Realitätsbeobachtungen auf ein „Furchenglück in der Beschränkung“, wie dies später u. a. auf Jean Paul gemünzt wurde.27 Vielmehr geht es auch hier um die Ausarbeitung eines eigenständigen Beobachtungs- und Gestaltungsansatzes von Menschen in den sie bestimmenden Situationen und längerfristigen Kontexten bürgerlicher Gesellschaft und darauf bezogener emanzipatorischer Prozesse. Dass diese Bezüge auf gesellschaftliche Wirklichkeiten im Übrigen jeweils neben ihrer objektiven Seite auch unterschiedliche und divergierende subjektive Seiten und damit sowohl diverse Wirklichkeitsaspekte als auch divergierende Lebenslagen ansprechen und ausbilden, hat u. a. Jean Paul selbst bereits in seinen Überlegungen zu der von ihm so bezeichneten „deutschen Schule“ des Romans herausgestellt: „Nichts ist schwerer mit dünnem, romantischen Äther zu heben und zu halten als die schweren Honoratiores.“28 Zwischen Idealisierung und Komik sei mit der Zuwendung zur Realität für den Dichter die Aufgabe verbunden, „daß er doch die bürgerliche Alltäglichkeit mit dem Abendrote des romantischen Himmels überziehe und blühend färbe.“29

Damit ist freilich nicht, zumindest nicht vor allem, der Kitsch bzw. die politisch und historisch reaktionäre Färbung oder Überzeichnung einer ansonsten nicht auszuhaltenden und auch ästhetisch nicht zu vermittelnden Wirklichkeit gemeint, wie sie sich in der ebenfalls an die Romantik anschließenden und bis heute, folgen wir Eva Illouz’ Studien zur Aktualität und zum Gebrauchswert romantischer Liebe30, auch noch marktfähigen Unterhaltungsliteratur wiederfinden lassen. Vielmehr widmet Jean Pauls poetisches Programm einer „romantischen“, in seinem Sinn „modernen“ Poesie der Entzweiung/ Entfremdung des Menschen und der Gesellschaft unter den Bedingungen der Moderne ebenso sehr Aufmerksamkeit wie es dem damit einhergehenden Transzendenz- und damit Sinnverlust Rechnung zu tragen sucht. Im Sinne eines Empowerments finden wir diesen Impuls aber bspw. auch in Felders Novelle Liebeszeichen (1867) gestaltet: Durch situationsbezogenes, zugleich entschlossenes, durchaus in seinen Reichweiten begrenztes Handeln und immer nur auf Zeit und Kontexte hin angelegt, sollen sich offensichtlich auch unter den Bedingungen moderner, „transzendentaler Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács) noch Sinn-Defizite im Medium der Literatur und des Erzählens/Schilderns/Berichtens kompensieren bzw. bearbeiten lassen.

3.

Felders Dorfgeschichten

Insoweit ist es gerade die räumlich-zeitlich und zugleich von Personal und Horizonten her beschränkte Form der Dorfgeschichte31 – und dies lässt sich dann auch auf das Verhältnis von Landreform und Literatur übertragen –, die einer unter den Bedingungen der Moderne ebenso fragmentierten wie pluralisierten Wahrnehmung der Wirklichkeit des Lebens „auf dem Lande“ Rechnung zu tragen sucht. Nicht zuletzt bestehen ihre Funktion und Bedeutung wohl darin, dass die Möglichkeiten (und Grenzen) realistischen Schreibens um 1850 ebenso zur Wahrnehmung, auch Erfahrung und Gestaltung von Wirklichkeit, in den begrenzten Räumen ländlicher Lebenswelten beizutragen vermögen32 wie sie eine Phänomenologie der Erfahrung unter den Bedingungen der Moderne vorstellen können. Zwischen der „Einübung des Tatsachenblicks“33 durch Fragestellungen, Techniken und Erfahrungsformen empirischer Forschung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und der modellierenden Rekonstruktion gesellschaftlicher Verhältnisse durch Theorie-Ansätze und nicht zuletzt auch in politisch-ideologischen Programmen kommt dabei der „schönen Literatur“ (den belles-lèttres) wie auch anderen Künsten, so hat es Maurice Merleau-Ponty in seinen Radiovorträgen des Jahres 1948 hervorgehoben, die Funktion zu, eine Art Vermittlung zwischen Anschauung und Erkenntnis zu leisten, die sich im Falle einzelner Werke in spezifischen Situationen nicht nur als Impuls für weiteres Handeln (bspw. im Sinne eines Klassenstandpunkts oder – individuell bezogen – Empowerments)34 bestimmen lässt, sondern auch deren soziale Gestaltungsmöglichkeiten und historischen Grenzen vor Augen stellt: „Das Herz der Modernen“, so Merleau-Ponty, „ist […] ein intermittierendes Herz und vermag nicht einmal, sich selbst zu erkennen. Jedoch sind nicht allein die Werke der Modernen unabgeschlossen, sondern die Welt selbst, die in diesen Werken ausgedrückt ist, gleicht einem unabgeschlossenen Werk, von dem man nicht weiß, ob es jemals einen Abschluss finden wird. Sobald es sich nicht mehr nur um die Natur, sondern um den Menschen handelt, verdoppelt sich die Unabgeschlossenheit der Erkenntnis, die durch die Komplexität der Dinge bedingt ist, durch eine grundlegende Unabgeschlossenheit.“35

Felders Texte, von denen angesichts der Begrenzung von Raum und Zeit hier nur zwei etwas genauer angesprochen werden können: Liebeszeichen (1867) und Ein Ausflug auf den Tannberg (ebenfalls 1867 gedruckt) bieten in ihrer Konkretion ziemlich genau das, was hier im Rückgriff auf Merleau-Ponty als Möglichkeit und Leistung der belles-lèttres unter den Bedingungen der Moderne zur Verlebendigung ländlicher Lebenserfahrungen und Lebensverhältnisse erwartet und vermittelt werden kann: Sie handeln von den Lebensbedingungen ländlicher Gesellschaften im Konkreten, von der Besonderheit der angesprochenen Individuen, ohne sie in ihrer Komplexität und damit auch Uneindeutigkeit zu reduzieren. Das freilich beansprucht zugleich eine Leserin, einen Leser, der bereit (befähigt) ist, die damit angesprochenen Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten nicht nur anzunehmen, sondern sie auch im Sinne des oben mit Tenbruck angesprochenen gesellschaftlichen Bedarfs an kultureller Reflexion mit den eigenen Lebenserfahrungen und Wirklichkeitskonzepten in Verbindung zu bringen. Für das hier in Rede stehende Handlungs- und Arbeitsfeld der Landreform hat diese Aufladung mit Komplexität, wie sie ästhetischen Gebilden eigen ist, freilich auch Konsequenzen, die noch einmal über sozialgeschichtliche (oder politische) Aspekte eines in diesem Sinne engagierten Schreibens hinaus die Eigenart der Texte Felders auch hinsichtlich ihrer ästhetischen Gestalt und ihres historischen (auch aktuellen) Stellenwerts in den Blick rücken. Ob damit die Waage, wenn sie in Richtung ästhetischer Valenz ausschlägt, dies zugleich auf Kosten politischer Relevanz/Eindeutigkeit machen muss, oder ob diese gerade als Wert die politische Bedeutung vielleicht auch erhöhen kann (ggf. auf Kosten einer vermeintlich zu erwartenden Eindeutigkeit, die selbst im Politischen schadet), wäre im Blick auf die einzelnen Texte – und sicherlich kontrovers – weiter zu diskutieren.

4.

Landreform und Literatur unter Bedingungen der Moderne

Dafür, dass es möglich ist, Gesellschaft als einen umfassenden und zugleich in seiner Totalität auch fassbaren Zusammenhang zu erkennen, ja zu erfahren – und erst recht, wenn es dann darum gehen soll, diese im Ganzen als Handlungsfeld zu gestalten, zu bearbeiten und ggf. zu „verbessern“, wie dies hier unter dem Aspekt der Landreform angesprochen wird –, braucht es natürlich auch eine Schulung der Wahrnehmung, eine auf die Ermöglichung von Kommunikation hin angelegte Form der Beobachtung und Darstellung, also auch die Zusammenstellung von Gegebenheiten zu einer mehr oder weniger kohärenten Geschichte, zudem mit Verweisen auf entsprechende Kontexte. Nicht zuletzt geht es dabei um die Vorstellung, Sichtbarmachung und Plausibilisierung von Individuen und Gruppen in ihren gesellschaftlichen Verhältnissen, wie sie sich in der Literatur der Moderne im Anschluss an das 18. Jahrhundert finden und sich so in den Romanen Stendhals, Austens, Trollopes, Gottfried Kellers oder auch Balzacs, später bei Virginia Woolf oder auch William Faulkner und John Cheever, wiederfinden (und lesen) lassen.

Dass dabei der Weg zur Moderne zumal auch in soziologischen und modernetheoretischen Perspektiven an der Entwicklung der Stadt und im Blick auf die aufkommende, sich dann durchsetzende Industriegesellschaft beobachtet und diskutiert wurde, stellte in diesem Rahmen freilich erst einmal nur eine Option dar, an der gemessen die Rolle, der Reichtum und die Aussagekraft von Erfahrungen des Ländlichen allenfalls als Residualkategorie oder als zurückliegender Ausgangspunkt einer Reise, die ins unumkehrbar Moderne führen sollte, angesehen wurde.36 Freilich trifft diese Gegenüberstellung in Wahrheit noch nicht einmal auf die angesprochenen Romane einer klassischen „realistischen“ Literatur selbst zu, in denen gerade doch auch ländlichen Räumen und den Erfahrungen ihrer Bewohner, man denke etwa an Stendhals Le Rouge et le Noir (1830), gerade im Blick auf die Gegenwart des 19. Jahrhunderts beträchtliche Aufmerksamkeit eingeräumt wird.37 Auch aktuell trägt eine solche einlinige Ausrichtung avancierter Literatur auf die Gegebenheiten einer städtisch geprägten Industriemoderne noch immer weder der Bevölkerungsverteilung noch den Erfahrungsschätzen von Menschen unter den Bedingungen fortschreitender gesellschaftlicher und industrieller Modernisierung Rechnung. Vielmehr, so ließe sich im Rückblick auch auf die Dorf- und Landlebensliteratur des 19. Jahrhunderts, innerhalb deren die Konjunktur und Bauformen der Dorfgeschichten einen prominenten, gerade aktuell auch wieder „entdeckten“ Platz einnehmen,38 sagen, stellen sowohl die ländlichen Räume selbst als auch ihre Schilderungen und Gestaltungsformen in der Literatur eine andere, eine weitere Diskursarena dar, wenn es darum geht, sowohl die Prozesse der Modernisierung ganzer Gesellschaften als auch deren Verarbeitung, Wahrnehmung und Ausgestaltung von Seiten beteiligter Individuen und Gruppen zu erkunden.39

Gerade wenn zudem der Entwicklungsgang moderner Gesellschaften nicht als universell angelegter einliniger Prozess verstanden wird, in dessen Sog nahezu alle Verhältnisse sich bestenfalls in unterschiedlichen Zeitstufen, aber immerhin linear modernisieren, sondern etwa im Rahmen der von dem Soziologen Peter Wagner vorgelegten Moderne-Theorie von Phasen, Etappen und Schüben restringierter, fragmentierter und auch von unterschiedlichen Entwicklungsgängen überlagerter und in sich widersprüchlicher Modernisierung gesprochen werden kann,40 erscheinen ländliche Gesellschaften und Lebensverhältnisse auch nicht mehr lediglich als Residuen vormoderner Prägung, die sich in Auflösung oder im Gange des Verschwindens befinden. Vielmehr stellen sie sich – wie andere Lebensräume auch – als Erfahrungs- und Handlungsräume, zumal aber auch als Symbolvorräte und Kommunikationsangebote dar, in denen unterschiedliche Orientierungen, Erfahrungsschätze, Sinnreservoire und nicht zuletzt deren Verobjektivierungen, auch Verfestigungen und ggf. Verzerrungen zu Traditionen, Institutionen und kulturellen Artefakten anzutreffen sind und die als jeweilige Medien der Aushandlung von Interessen, Konflikten und Optionen zur Verfügung stehen bzw. diese auch entsprechend begrenzen.41

Selbst dort, wo Ländlich-Dörfliches vor allem als Gegenwelt und zu transformierendes „Andere“ der Moderne gezeigt, ja funktionalisiert wird, bieten Ländlichkeit und Dörflichkeit über die noch bestehenden Verhältnisse hinaus schon von ihrer Bildkraft her zugleich auch einen Imaginations-, Orientierungs- und Erfahrungsschatz dar,42 der nicht nur zur ästhetischen Validierung der in den Texten entworfenen Geschichten, Räume und Charaktere dienen kann, sondern darüber hinaus auch an Erfahrungen, Verhaltensmuster und Erwartungen im Lesepublikum anzuknüpfen vermag, die sich in der eigenen Biografie oder in der intergenerationellen Familiengeschichte noch immer mit den Erfahrungen und Vorstellungen des Ländlich-Bäuerlichen verbinden und durch sie validieren lassen.

5.

Felders Ansatzpunkte zur Sozialreform auf dem Lande

Jenseits von Folklore und Exotik oder auch regressiver Reaktion bieten bspw. die Dorfgeschichten Berthold Auerbachs und so auch die Romane und Erzählungen Franz Michael Felders vor allem Erfahrungsschätze und Verhandlungsstoffe an, anhand deren und in deren Ausarbeitung sich nicht nur eine einseitig sichtbare Durchsetzung der Moderne – mit entsprechenden Verzögerungen im ländlichen Raum und unter Vernachlässigung bzw. Diskriminierung der dort lebenden unterbürgerlichen Schichten – fassen lässt. Vielmehr umfassen und bringen diese Texte und die in sie eingebundenen Referenzen auf die Erfahrung ländlicher Räume und bäuerlicher Gesellschaftsformen, gerade in dem sie die Erfahrungen ländlicher Gesellschaften in das oben angesprochene Kommunikationsmodell einer bürgerlichen Vergesellschaftung und Kultur einbringen, ein für die Entwicklung der modernen Gesellschaften charakteristisches Wechselspiel und Verwebungsverhältnis der Erfahrungen, Formen und Vorstellungen herkömmlich ländlicher Gesellschaften mit Impulsen, Kategorien, Lebensformen und Ansprüchen der Moderne zustande, aus deren vielfältigen Verwicklungen sich dann nicht nur der Stoff der Geschichten, sondern auch die Lebenserfahrungen und Einstellungen, auch Handlungsansprüche und Erwartungen von Menschen auf dem Lande sowohl formulieren als auch erkunden lassen und wie sie zugleich in den Imaginationsräumen der Lesenden einen Wiederhall finden können. Dass sich Felders Schreiben dabei gerade nicht nur an ein ggf. städtisches Publikum wendet, das – sei es zur Unterhaltung oder auch Befremdung – angesprochen werden kann, sondern als Stimme und Sprachrohr der Landbewohnerinnen und Landbewohner für diese zu sprechen sucht und sich überdies auch an sie selbst wendet, unterscheidet den Bauerndichter Felder von anderen, die sich lediglich die Kostüme oder die Folklore des Ländlichen zugunsten eines unspezifischen Marktsegments zu eigen machen, und rückt ihn an die Seite bspw. Berthold Auerbachs (1812 – 1882) oder des von diesem verehrten Johann Peter Hebel (1760 – 1826).

Wenn Jean Paul in seiner autobiografisch ausgerichteten Selberlebensbeschreibung (1826) fordert: „Lasse sich doch kein Dichter in einer Hauptstadt gebären und erziehen, sondern womöglich in einem Dorfe, höchstens in einem Städtchen“43, so geht es ihm zunächst um die mit der Reduktion der Vielfalt in dörflich-kleinstädtischen Verhältnissen verbundene Konzentration auf die ästhetischen und emotionalen Valeurs der unter diesen Bedingungen wahrzunehmenden Dinge und Personen in Natur und Gesellschaft, dann aber auch darum, das Dorf als Standort der Selbst- und Fremdbeobachtung zu bestimmen. Nicht zuletzt können Dörfer und ländliche Räume auf diese Weise nicht nur als Gegenwelten zu städtischen (und im 18. Jahrhundert noch virulent „höfischen“) Verhältnissen in Erscheinung treten, sondern zugleich als Arenen und Aushandlungsorte der Modernisierung selbst erkundet und vorgestellt werden. In dieser Perspektive erscheinen dann Reformen auf dem Land nicht lediglich als nachholende Entwicklung oder Abfallprodukte in einem über sie hinweg gehenden Modernisierungsprozess, sondern zugleich als Probestücke und Laboratorien, ja auch als andere Wege im Entwicklungsgang und in der Ausgestaltung moderner Gesellschaften selbst.44

5.1

Soziale und individuelle Komponenten ländlicher Sozialreformen

Bereits in Jean Pauls Sicht erscheint das Lokale, vielfach ansonsten als Gegenstück zur Globalität gesetzt und entsprechend missachtet oder verteidigt, zugleich als ein Erfahrungsraum und Bewährungsfeld des Globalen selbst, und zwar in ästhetischer und ethischer ebenso wie in handwerklich-praktischer und lebenspraktischer Hinsicht: „und dieses herrliche Teilnehmen an jedem, der ein Mensch, welches daher sogar auf den Fremden und den Bettler überzieht, brütet eine verdichtete Menschenliebe aus und die rechte Schlagkraft des Herzens.“45 Dies lässt sich auch bei Felder wiederfinden, dass der hier angesprochene Zugang zur Lebenserfahrung und Lebensgestaltung der Bewohnerinnen und Bewohner des Ländlichen, zumal auch zur Lebenswelt und zu den Handlungsmöglichkeiten der dort lebenden Unterschichten und Randfiguren, durchaus auch eine soziale und sogar politische Seite hat, die sich mit Stichworten wie Subjektivität, Anerkennung, Empathie und Stimme („voice“)46 ansprechen lässt und die sich bei Jean Paul ebenso findet wie in den heterodiegetischen und autodiegetischen Erzählern und zusammengetragenen Geschichten und Beobachtungen Felders.

Angesichts einer damit angesprochenen (im Einzelfall durchaus unausgewogenen) Balancierung in der Gegenüberstellung von Land und Stadt, von Lokalität und globaler Welt, Moderne und Erfahrungsformen traditionell bäuerlich-ländlicher Gesellschaften kommt den bei Felder bspw. anzusprechenden Vorschlägen zur Sozialreform in ländlichen Zusammenhängen aber nicht nur in rein planerischer, politischer oder Institutionen bezogener Hinsicht Bedeutung zu. Sicherlich stehen in Hinsicht der letzteren die unverzichtbaren, „realistischen“ Forderungen, wie sie in den Gesprächen des Lehrers Magerhuber (1866) erörtert werden, im Vordergrund, also die Notwendigkeit bürgerlicher Rechte für alle47, das Recht und die Möglichkeiten einer allen zugänglichen, dann auch weiterführenden Bildung48, Marktfreiheiten und Solidarität49 sowie allgemeines und gleiches Wahlrecht50. Nicht zuletzt geht es um genossenschaftlich organisierte Besitzverteilung51 und Produktion sowie um eine darauf gegründete Wohlfahrt für alle52. Als zentraler Bezugspunkt jedweder Landreform erscheint aber (und vor allem), „daß das Individuum vielmehr gelten müsse rein als solches und daß ihm nichts anderes als die ungehinderte Selbstbetätigung seiner Kräfte als der eines Einzelnen zu garantieren sei.“53 Wenn es dabei, wie auf den diesem Zitat folgenden Seiten, darum geht, „die Solidarität der Interessen, die Gemeinsamkeit und Gegenseitigkeit der Entwicklung“54 auf den Weg zu bringen bzw. zu fördern, so zielen die hier in diesen im dialogischen Muster der an Sokrates geschulten Aufklärungsdialoge eines Lessing, Wieland oder Diderot gehaltenen Gespräche aber vor allem auf die Stärkung und Etablierung eines Individuums, das in seiner Unhintergehbarkeit ebenso wie in seiner Besonderheit, Endlichkeit und Unergründlichkeit als Bezugspunkt und Träger jedweder Reform der Lebensverhältnisse auf dem Lande auch in den Erzählungen und Romanen Felders in den Fokus gerückt wird. In den dort geschilderten Charakteren und Begebenheiten erscheinen diese plastisch, auch widersprüchlich und schwankend, aber so gefasst, dass sie als Handelnde und Beobachter einer lebensweltlich bezogenen Praxis vor Augen gestellt und in ihren – teils durch die Erzähler, teils durch die Figuren selbst vertretenen – Reflexionen als Impulsgeber für ein als „teilnehmend“ modelliertes und im Sinne einer bürgergesellschaftlichen Kommunikation anzusprechendes Publikum ausgearbeitet werden. Der kolloquiale Stil, der aus den Briefen bekannt ist,55 wird in den Erzählungen auch dazu genutzt, einen Gesprächskreis und Reflexionszirkel der Lesenden zu konstituieren, der von den Möglichkeiten handelt, Subjektivität und Individualität in Richtung Selbstbestimmung und Sozialität sowohl zu entfalten als sich deren auch wechselseitig zu versichern, nicht zuletzt in der von Felder – vielleicht inszeniert, vielleicht notgedrungen, vielleicht tatsächlich selbstbewusst und künstlerisch – ausgearbeiteten, gerade in ihren Schwankungen zwischen Idiolekten, Dialekten, Soziolekten und konventionell bis artifiziell aufgebotenen poetischen Sprache, in der die Erzählungen gestaltet sind.

Waren ältere Entwürfe eines „gebildeten Landmanns“, wie sie in der Hausväter-Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts vor Augen gestellt werden,56 deutlich ständisch beschränkt und orientierten sich an einem für den Dienstadel und die avancierten bürgerlichen Schichten des 17. Jahrhunderts offensichtlich attraktiven Neo-Aristotelismus ebenso wie an der von Eliten getragenen Landlebensliteratur der römischen Republik, so fand die Vorstellung einer „Hebung“, also Verbesserung des Landlebens durch Bildung im Rahmen einer von Gerhard Sauder so beschriebenen „verhältnismäßigen Aufklärung“57 zum Ende des 18. Jahrhunderts eine breitere Resonanz, die sich nun auch über die Träger einer durch Schriftlichkeit und Literatur getragenen Volksbildung tatsächlich den Bauern, sicherlich erst einmal nur denjenigen, die über Hof und Grundbesitz verfügten, zuwandte. Neben Lehrern und Pfarrern sowie adligen, religiös ausgerichteten Grundherren von der Art der Zinzendorffs und einigen frühen volkskundlich ausgerichteten Ethnographen58 treten dabei vor allem einzelne Menschen und ihre Charaktere bzw. Schicksale in Erscheinung, die vor dem Hintergrund z. B. gescheiterter theologischer Studien als reisende Beobachter oder experimentierende Pädagogen das Land und seine Bewohnerinnen und Bewohner erkunden und zur Sprache bringen. In verschiedenen Regionen sind es nach 1815 dann auch landesherrschaftliche Behörden und deren einzelne Vertreter, die Schulbildung, Infrastruktur, öffentliche Wohlfahrt und in dieser Hinsicht dann auch Agrar- und andere Landreformen auf den Weg bringen (z. B. in Rheinhessen und der Kurpfalz; in Preußen und Baden).59

Für die weitere Entwicklung im 19. Jahrhundert, und so auch für Felders Denken und Parteinahme, dürften dazu auch die gesellschaftsreformatorischen Impulse etwa der französischen Frühsozialisten im Zeitbewusstsein gelegen haben; bspw. Charles Fouriers Konzeption von Mustergütern, in denen sowohl der landwirtschaftlichen Produktion als auch der Emanzipation sinnlicher Erfahrungen Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei der letzte Punkt auffälliger Weise eben auch in Felders Freude am Küssen in den Liebeszeichen wiederzufinden ist. Auch in anderen Entwürfen „neuer“, auf Egalität und Wohlfahrt, aber auch auf individuelle Selbstertüchtigung ausgerichtete Modelle, wie sie bspw. von Robert Owen (1771 – 1858) ausgehend in verschiedenen Kolonien der „Neuen Welt“ als Genossenschaften eingerichtet wurden,60 finden sich Vorlagen für die Vorstellungen Felders. Felders besonderer Zugang besteht freilich darin, dass er anders als der mit seinen Anhängern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts außerordentlich einflussreiche Henri de Saint-Simon, auf dessen Impulse immerhin der Aufstieg der modernen Sozialwissenschaften in einem Zweig zurückgeführt werden kann, neben wissenschaftlich-technischen Orientierungen, die in den Magerhuber-Gesprächen mit Verweisen auf den US-amerikanischen Nationalökonom Henry Charles Carey (1793 – 1879) – sicherlich unzureichend – angesprochen werden, vor allem die Selbsttätigkeit und auch Selbstertüchtigungsmöglichkeiten des Individuums in den Vordergrund stellt. Karl Wagner hat in seinem instruktiven Aufsatz Vom Schreiben auf dem Lande. Felders und Roseggers Anfänge auf die Gefahren hingewiesen, denen ein länger lebender Land- und Sozialreformer Felder im weiteren Fortgang des 19. Jahrhunderts vielleicht ausgesetzt gewesen wäre: „Felders früher, tragischer Tod hat ihn auch davor bewahrt, in einer der ideologischen Fallen zu landen, die das 19. Jahrhundert nicht nur für seinesgleichen parat hatte.“61 Wäre er bei dem in den literarischen Texten in Szene gesetzten sinnlichen Materialismus und Individualismus, der Leibgebundenheit von Erfahrungen und Glücksstrebungen geblieben, die seine Figuren in ihren Ambivalenzen, auch unglücklichen Konstellationen ausmachen, so wäre die Umwendung bzw. Umdeutung seiner Konzepte in nationale, nationalistische oder sonstwie integralistische Strebungen und Programme, wie sie dann vom 19. Jahrhundert bis in 20. Jahrhundert weiter ihre Schatten geworfen haben, vielleicht schwerer gefallen als bei anderen – zumindest lässt sich an diese Stelle von heute aus eher an die kommunalistischen, kommunitären Impulse in Felders Denken anknüpfen.

5.2

„Wendung aufs Subjekt“ – Felders sozialer Individualismus

Neben Felders Beiträgen zur Publizistik, zur Aufklärung über die Möglichkeiten und Ziele politischer und sozialer Partizipation der Landbevölkerung und über seine Stimme im literarischen Feld der Dorfliteratur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinaus sehe ich die Bedeutung seines literarischen Schaffens, um die These, unter der ich im Folgenden die beiden bereits genannten Texte etwas genauer vorstellen möchte, vorweg zu nehmen, in dem, was sich mit einer Formulierung Theodor W. Adornos als „Wendung aufs Subjekt“62 bezeichnen lässt. Dies gilt zum einen für die Glücks- und Liebesgeschichte des jungen aus der Fremde der Stadt Bregenz ins heimatliche Schoppernau zurückkehrenden Lehrers Franzsepp, wie sie mit uneindeutig schwankenden Charakteren in ungesicherten, ebenfalls ambivalenten Verhältnissen in der Novelle Liebeszeichen von 1867 entwickelt wird. Dies gilt zum anderen für die schnell wechselnden Naturgegebenheiten und Wetterverhältnissen, aber auch noch sonstigen Gefahren ausgesetzte Reisegruppe des Ausflugs auf den Tannberg (1867), zu deren „zufällig“ letztlich erfolgreicher Heimkehr Ortskenntnisse, Vorsicht und Solidarität ebenso beitragen wie Gottvertrauen und diverse andere Kraftquellen, nicht zuletzt magisches Denken und unerwartete Begebenheiten, insbesondere aber auch die Hilfsbereitschaft und Fürsorge der Nachbarn und weiterer Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner, schließlich ein ebenso aufmerksam beobachtender wie um Kontingenz und Mehrdeutigkeit bedenklich wissender, zugleich mitwandernder Erzähler. Sicherlich geht es in diesen beiden Texten zunächst um die Schilderung der schweren und bedrückenden Lebensverhältnisse in den Umständen der durch die Natur, aber auch durch Kirche und Herrschaft hart bedrängten Bauern und anderer Bewohnerinnen und Bewohner der Vorarlberger Täler und Höhen. Es geht aber auch darum, deren Hoffnungen, Handlungskompetenzen und Erfahrungen zu beschreiben, vorhandene Fähigkeiten und Wünsche so zur Erscheinung zu bringen, dass sie als Ansatzpunkte zur Stärkung der Subjekte von innen gesehen und verstanden werden können. An zentraler Stelle heißt es dazu aus der Innenperspektive des Lehrers: „‚Meine Kraft ist nicht, um sie von Zweifeln verzehren zu lassen. Heute noch soll es sich entscheiden, wozu ich sie zu brauchen habe‘“.63

Anders aber als andere Landreformer erzählt Felder nicht von außen und nicht programmatisch, sondern fallbezogen und im Wissen um die Mehrdeutigkeit und die schwankenden Charaktereigenschaften seiner Protagonisten, deren Ungesichertheit die wechselvollen Umstände in Natur und Gesellschaft entsprechen und deren angestrebte Ziele sich nur in einer Mischung aus Erfahrung, Zufall und Kooperation in Reichweite bringen lassen. Schon die Eröffnungsszene, die den aus der Ausbildung heimkehrenden zukünftigen Lehrer an einer Brücke zeigt, von der aus er Papierblätter ins Wasser wirft und über deren weiteren Verbleib spekuliert, macht darauf aufmerksam, dass Geschichten, Handlungen und Geschicke keineswegs handhabbar zur Verfügung stehen oder gar einem Schicksal oder einer eindeutig identifizierbaren historischen Bestimmung unterliegen. Vielmehr ist es die „Veränderlichkeit“64, die sicherlich belastet, zugleich aber den Einsatz für etwas Bestimmtes, zumal für Neuerungen65 lohnend erscheinen lässt. In dieser Hinsicht ist der Lehrer von der Notwendigkeit und den Möglichkeiten schulreformerischer Impulse überzeugt, die dann auch auf gute Resonanz stoßen: „Erst jetzt erzählten die Kinder begeistert, wie ordentlich ihnen im letzten Winter alles gezeigt und erklärt worden sei, wie der […] Lehrer sich immer bemühte, auch Schwieriges leicht und fasslich zu machen.“66 Zugleich bleiben aber die Ambivalenz der Verhältnisse, auch der eigenen Charakterzüge und Wahrnehmungen67 ebenso bestehen wie die Macht der alten Verhältnisse68, Schicksalsglaube69 und nicht zuletzt die Unwägbarkeiten der Umstände allen guten Vorsätzen gegenüber gegenläufige Macht ausüben können.

Wenn Dichtungen, wie dies Sigmund Freud in seinen Überlegungen zur Fantasie der Dichter darstellt, niedergeschriebene Tagträume sind,70 Literatur imaginäre Wunscherfüllung bietet und die Kraft literarischer Imagination deshalb an einer Realität, wie sie ist, ansetzen muss bzw. kann, wenn sie, wie dies Northrop Frye beschreibt, den Entwurf einer besseren Wirklichkeit und Gesellschaft vorstellen und möglich werden lassen will,71 so stellt die Erzählung um den jungen Lehrer, der mit neuen Ideen ins Dorf kommt, zunächst an falscher Stelle einen Liebesbeweis zu ergattern sucht, was ihn erst einmal zu einem Ausgestoßenen werden lässt, der dann aber durch glückliche Umstände und dank der Klugheit und Tatkraft einer anderen jungen Frau doch noch Liebe, Anerkennung und Ansatzpunkte auch für die Reform der Schule und damit des dörflichen Zusammenlebens gewinnen kann, eine Modellgeschichte dar, die das Wünschen zu forcieren und die Tatkraft der selbstverantwortlich Handelnden zu stärken sucht. Eingelagert ist diese Erzählung von einer eigenständigen Suche nach dem Glück („the pursuit of happiness“) allerdings in durchaus schwierige Situationen. Armut und Gewalt, nicht ohne Grund wird der abzulösende Lehrer Christian im Dorf als „Klopfer“ bezeichnet,72 aber auch die Unbilden der Natur, die Macht der Kirche und die für die Bauern nahezu schicksalsgleich in Erscheinung tretenden Ansprüche der politischen Macht, hier gezeigt an einer Lotterie, die die Rekrutierung der Armen zum Militärdienst bestimmt,73 werden als Rahmenbedingungen für ein auf die Veränderung bzw. Besserung der Verhältnisse eintretendes Handeln drastisch und mächtig gezeigt. Ihnen entgegen zu treten erfordert neben Mut eben auch Glück, das – so wird es in der Erzählung vorgestellt – durchaus wiederum auf Entschließung und Tatkraft angewiesen ist, die zumal hier von einer jungen Frau ausgeht. War zunächst der Kuss als „Liebeszeichen“ intendiert (und missverstanden worden), so ist es nun ein Kleeblatt, das als Glücksbringer in der Lotterie hilft, vor allem aber auch die Zuneigung und damit die Tatkraft einer unterstützenden Liebe für individuelles Handeln und eine ggf. emanzipatorische Praxis in den Vordergrund stellt. Freilich lässt die Geschichte offen, was des Weiteren daraus unter den genannten Bedingungen zu werden vermag.

Das unverfügbaren Mächten, zumal der Natur, dem Wetter, aber auch der sozialen Lage und nicht zuletzt der eigenen menschlichen Natur Ausgesetztsein bildet dann auch den Rahmen für die Schilderung des „Ausflugs“ einer Gruppe von Bauern im Winter zur Hochzeitsfeier auf dem Tannberg. Ängste sind für diesen Ausflug, der sowohl der Neugier als auch den dörflich-verwandtschaftlichen Verpflichtungen geschuldet ist, ebenso zu überwinden wie eisige Schneeflächen. Es drohen Abstürze und Lawinengefahr, ebenso aber auch ggf. böse Geister und eigene Unpässlichkeiten, so dass das Unternehmen, ebenso wie seine Erzählung, letztlich vor allem dadurch gelingt, dass Entschlossenheit und Vorsicht gleichermaßen den Ton angeben, zu deren Unterstützung dann auch noch Gebete, magische Praktiken, solidarische Hilfe, Gewohnheiten und nicht zuletzt Zufälle herangezogen werden müssen. Letztlich ist es dieses Durcheinander der Sinnreservoire und Orientierungen, auch der Erfahrungen und Vorstellungen, nicht zuletzt der Wahrnehmungen und Intentionen, das sowohl den Charakter der Reise und des Hochzeitsfestes, in dessen Zentrum eine Art Teufelstanz nahezu alle Besucherinnen und Besucher, zumal die Braut in ihren Bann zieht, als auch den Reiz der vorliegenden Erzählung ausmacht. Dabei wird die Erzählung von einem teilnehmenden, ebenfalls in unterschiedlichen Stimmungen, Beobachtungen und Vorstellungen befangenen Erzähler getragen, dessen Schwankungen und Reflexionen zusätzlich die Unruhe der Reise und des Tuns hervorheben:

„Ich sorgte weniger für heute als für die kommenden Tage. […] Aber warum nur ans Schlimme denken? Stürme und Gefahren gibt’s auch, wenn’s nicht schneit […]. Ich gab keinem Einwand mehr Gehör und zog trotzig den Hut auf die Stirn herunter, als mir der Sturm die ersten gefrorenen Schneeflocken entgegentrieb.“74

Versuche, unter diesen Bedingungen eine gelingende Reise, ein einigermaßen als glücklich zu nennendes Leben zu führen, erst Recht Versuche zur Besserung der Verhältnisse auf den Weg zu bringen, so legt es der Erzähler ebenso nahe wie die Erzählung davon berichtet, bedürfen ziemlicher Entschlossenheit und solidarischen Zusammenhalts, sind allerdings zugleich auch von der Kontingenz und ggf. Gewogenheit der Umstände abhängig. Beten könnte hier ebenso helfen wie magische Praktiken, während die Disproportionalität von Erwartungen und Bedarf auf der einen, Aufwand und Ergebnis auf der anderen Seite vom Erzähler in teils skeptischen, teils humoristischen Betrachtungen sowohl vorgetragen als auch repräsentiert wird. Statt eine Art Selbstmord zu begehen durch Beten in der kalten Kirche, zieht dieser es vor, zuhause zu bleiben, da „der liebe Gott […] auch wisse, wie einem halb erfrorenen Bäuerlein zumute“75 ist, und mehr noch, statt zu beten, bevorzugt er es, die Zeitung zu lesen, woraus er durch die Einladung zur Hochzeit aufgeschreckt wird. Alltagshandeln wie die Bewältigung der durch Natur und Herrschaft gesetzten Anforderungen können, so erzählt es diese Geschichte, immer nur ansatzweise und unter Einbeziehung aller möglichen Hilfsmittel, vom christlichen Beten über den Schnaps bis zu magischen Praktiken, mit Alltagsvernunft und lebenspraktischem Wissen wie mit Ortskundigkeit, Neugier und vorhandenen Erfahrungen angegangen und erfolgreich bearbeitet werden.

Für eine mögliche Besserung des Lebens der Menschen auf dem Land, davon berichtet Felder an dieser Stelle, ist deren Eingebettetsein in herkömmliche Erfahrungs- und Vorstellungsschätze ebenso zu berücksichtigen und zu nutzen wie deren Tatkraft und Entschlossenheit, Gemeinsinn und u. U. auch Exzentrik anzuerkennen sind. Die Subjekte, auf deren Repräsentation und Empowerment diese Texte zielen, werden in ihrer Verwobenheit, in den Wirren der unterschiedlichen Erfahrungen, Bedürfnisse und Sinnbezüge gezeigt. Damit ist zu arbeiten und hier ist anzusetzen, wenn es um Reformen auf dem Lande geht und darum, hierfür Menschen zu gewinnen, ohne deren Umschulung oder gar Vernichtung zugunsten eines „neuen Menschen“ ins Auge zu fassen. Wer im Blick auf das Ineinander-Verwobensein von Tradition und Moderne nach Vergleichbarem dazu sucht, könnte zum einen auf die Spur kommen, wie sie in ungefähr zeitgleichen Umständen Heinrich Heine mit seiner Studie zu den Elementargeistern (1837) gelegt hat. „In Westfalen, dem ehemaligen Sachsen, ist nicht alles tot, was begraben ist.“76 Postkolonial orientiert, ließe sich zum anderen feststellen, dass die Stimme der Subalternen auch hier bei Felder zu Wort kommt und im literarischen Spiel einen bis heute klingenden Resonanzraum zu finden vermag.

1 Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Frankfurt am Main: S. Fischer 1992, S. 80.

2 Inwieweit sich Lektüre als Gestaltungsmittel, Verständigungsmedium und auch Verstehenshilfe in privaten, intimen Beziehungen des 19. Jahrhunderts nutzbar machen ließ, selbstverständlich zugleich auch neue Felder der Missverständnisse und der Grenzsetzungen eröffnete, hat Dan Hofstadter anhand der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts gezeigt. Vgl. Ders.: Die Liebesaffäre als Kunstwerk. Berlin: Berlin Verlag 1996; für weitere, v.a. auch milieu- und schichtenbezogene Zusammenhänge vgl. Hans Dieter Zimmermann: Vom Nutzen der Literatur. Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der literarischen Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977, S. 97 – 104 und bspw. Rolf Engelsing: Dienstbotenlektüre im 18. und 19. Jahrhundert. In: Ders.: Zur Sozialgeschichte deutscher Mittel- und Unterschichten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1978, S. 180 – 224.

3 René König: Gesellschaft. In: Das Fischer Lexikon Soziologie. Hg. von René König. Frankfurt am Main: Fischer 1967, S. 104 – 112, hier S. 105.

4 Namentlich die „Erfindung“ der Gesellschaft durch die Etablierung der Soziologie als einer eigenständigen, auf diese Totalität hin bezogenen Wissenschaft und deren ebenso auf Praxis wie auf Verstehen und theoretische bzw. geschichtsphilosophische Rahmung ausgehende Konzeptbildung. Vgl. Helmut Klages: Geschichte der Soziologie. München: Juventa 21972; Albert Salomon: Fortschritt als Schicksal und Verhängnis. Betrachtungen zum Ursprung der Soziologie. Stuttgart: Enke 1957.

5 Vgl. dazu Gottfried Willems: Geschichte der deutschen Literatur. Band 4: Vormärz und Realismus. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2014, S. 20f.; Richard Brinkmann: Zum Begriff des Realismus für die erzählende Dichtung des neunzehnten Jahrhunderts. In: Ders. (Hg.): Begriffsbestimmung des literarischen Realismus. Darmstadt: WBG 1974, S. 222 – 235, hier S. 222 – 229.

6 Siehe Karl Polanyi: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen [1944]. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976.

7 Siehe Dieter Claessens und Karin Claessens: Kapitalismus als Kultur. Entstehung und Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1979.

8 Siehe Christian Graf von Krockow: Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890 – 1990. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1990, S. 17 – 29.

9 Siehe Werner Nell: Vom Landbewohner zur Bürgerin. In: Ders. und Marc Weiland (Hg.): Dorf. Ein interdisziplinäres Handbuch. Berlin: Metzler 2019, S. 101 – 107.

10 Ulrich Bräker, der „arme Mann von Toggenburg“, ist hier ebenso zu nennen wie Johann Peter Hebel, u. a. ein Vorbild Berthold Auerbachs. Für diese Zusammenhänge vgl. Marcus Twellmann: Nachwort. In: Ders. (Hg.): Berthold Auerbach. Schriften zur Literatur. Göttingen: Wallstein 2014, S. 267 – 304, hier S. 271 – 285; Gottfried Korff: Kultur. In: Hermann Bausinger u. a. (Hg.): Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt: WBG 1978, S. 17 – 80, hier S. 63 – 80, sowie Wolfgang Bonß: Die Einübung des Tatsachenblicks. Zur Struktur und Veränderung empirischer Sozialforschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1982, S. 59 – 96.

11 Karl Marx und Friedrich Engels: Manifest der kommunistischen Partei. Berlin: Dietz 1970, S. 46.

12 Es böte sich hier ein Bogen zu anderen kritischen, z.T. frühsozialistischen Denkern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, die wie etwa Charles Fourier (1772 – 1837) oder auch Henri de Saint-Simon (1760 – 1825) neben sozialer und ökonomischer Rationalität den Sinnlichkeit, Sozialität und Transzendenzvorstellungen gewidmeten Bedürfnissen und Erfahrungen von Menschen einen Raum und Anspruch gewähren – ein Impuls, der literarisch nicht zuletzt von Felders Zeitgenossen Heinrich Heine (1797 – 1856) aufgenommen und in poetischen Formen angesprochen wurde. „Keiner“, so Theodor W. Adorno im Vorwort zur deutschen Ausgabe Fouriers, „bietet dem Vorwurf des Utopismus schutzloser sich dar als er; bei keinem aber auch ist die Anfälligkeit der Doktrin so sehr gezeitigt vom Willen, die Vorstellung des besseren Zustands zu konkretisieren.“ (Theodor W. Adorno: Vorwort. In: Charles Fourier: Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen. Hg. von Theodor W. Adorno. Eingeleitet von Elisabeth Lenk. Frankfurt am Main, Wien: Europäische Verlagsanstalt 1966, S. 5f., hier S. 6). Bezogen darauf bleiben Felders Entwürfe und Geschichten gegenüber dogmatischen Setzungen und doktrinärer Abstraktion bei der konkreten Lebendigkeit der von ihm geschilderten Personen, Erfahrungen und Umstände stehen und bieten so – über die frühsozialistischen Ideen und späteren Sozialismus hinaus – eine Anschlussmöglichkeit zu aktuellen Erfahrungen im Umgang mit sozialer Sicherheit, gesellschaftlicher Anerkennung und/oder individuellen Glücksbestrebungen (vgl. Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp 2017, S. 429 – 442).

13 Dies betrifft zumal seine Autobiografie Aus meinem Leben (1869), die unter dieser Perspektive eine eigene Untersuchung wert wäre. Vgl. Franz Michael Felder: Aus meinem Leben. Mit einem Nachwort von Walter Methlagl. Lengwil: Libelle 2004.

14 Ruth Levitas: The Imaginary Reconstitution of Society or why sociologists and others should take utopia more seriously. Inaugural Lecture University of Bristol 24 October 2005, S. 11. Siehe http://www.bristol.ac.uk/media-library/sites/spais/migrated/documents/inaugural.pdf [letzter Zugriff: 21.5.2021].

15 Siehe Marshall Berman: All that is Solid Melts into Air. The Experience of Modernity. New York, Toronto: Penguin 1988.

16 Siehe Josephine Donovan: European Local-Color Literature. National Tales, Dorfgeschichten, Romans Champêtres. New York: Continuum Publishing 2010.

17 Joseph Peter Stern: Über literarischen Realismus. München: C. h. Beck 1983, S. 9.

18 Ebd., S. 50.

19 Entsprechend fällt die Kritik von Georg Lukács an der Standpunktlosigkeit, ja Desinteressiertheit eines „bürgerlichen Realismus“ aus; vgl. Georg Lukács: „Erzählen oder Beschreiben?“ Zur Diskussion über Naturalismus und Formalismus [1948]. In: Richard Brinkmann (Hg.): Begriffsbestimmung des literarischen Realismus. Darmstadt: WBG 1974, S. 33 – 85, hier S. 47f.

20 Vgl. Martin Greiner: Dorfgeschichte. In: Werner Kohlschmidt und Wolfgang Mohr (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, 1. Band. 2. Auflage. Berlin: de Gruyter 1958, S. 274 – 279, hier S. 276f.; Zur Kritik vgl. Marcus Twellmann: Dorfgeschichten. Wie die Welt zur Literatur kommt. Göttingen: Wallstein 2019, S. 13f.

21 Siehe Friedrich H. Tenbruck: Bürgerliche Kultur. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 27: Kultur und Gesellschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag 1986, S. 263 – 285.

22 Vgl. Clemens Albrecht: Einleitung. In: Ders. (Hg.): Die bürgerliche Kultur und ihre Avantgarden. Würzburg: Ergon 2004, S. 7 – 9, hier S. 7.

23 Tenbruck, Bürgerliche Kultur (Anm. 21), S. 264.

24 Siehe Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Mit einem Vorwort zur Neuauflage 1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990, S. 11 – 50.

25 Zu Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Übergangs von künstlerisch-künstlich geschaffenen Bildern zu Gestaltungs- und Referenzobjekten sozialer Wirklichkeitserfahrung im Blick auf aktuelle Armutserfahrungen und deren (literarische) Kritik vgl. Werner Nell: Die „Armut“ der Dichter. Dokumentation oder Illumination der sozialen Frage unter den Bedingungen zeitgenössischer Aufmerksamkeitsökonomie. In: Carsten Gansel und Peter Braun (Hg.): Dokumentarisches Erzählen – Erzählen mit Dokumenten in Literatur, Journalismus und Film. Berlin: Okapi 2020, S. 293 – 317; zur Rahmung vgl. Cornelius Castoriadis: Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 579 – 587.

26 Hegel konstatiert polemisch für das Abarbeiten an der Realität im Entwicklungs- und Bildungsroman: „Denn das Ende solcher Lehrjahre besteht darin, daß sich das Subjekt die Hörner abläuft, mit seinem Wünschen und Meinen sich in die bestehenden Verhältnisse und die Vernünftigkeit derselben hineinbildet, in die Verkettung der Welt eintritt und in ihr sich einen angemessenen Standpunkt erwirbt.“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik II. G. W. F. Hegel (Werke in 20 Bänden; Bd. 14). Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970, S. 220).

27 Vgl. Hermann Glaser: Kleinstadt-Ideologie. Zwischen Furchenglück und Sphärenflug. Freiburg: Rombach 1969, S. 52 – 56.

28 Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. In: Jean Paul. Werke in zwölf Bänden. Hg. von Norbert Miller. Nachworte Walter Höllerer, Band 9. München, Wien: Hanser 1975, S. 254.

29 Ebd., S. 254f.

30 Siehe Eva Illouz: Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007.

The free sample has ended.

Genres and tags

Age restriction:
0+
Volume:
272 p. 4 illustrations
ISBN:
9783706561990
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books