Read the book: «Erinnerungen an die "68er": Damals in Dahlem»
ibidem Verlag, Stuttgart
Inhalt
Vorwort
1. Politische Kultur in Deutschland
Demokratische Kultur nach der Diktatur
Rückgriff auf Weimar
Skeptische Generation
Paradigmenwechsel: APO und 68er
Sozial-liberal
Geistig-moralische Wende
Deutsche Einheit
Rot-Grün
Die Ära Merkel
2. Vorher
Noch Krieg
Er wäre so gerne den Hitlerjungen gefolgt
Der junge Mann ist tot
Mottenkugeln in der Kaserne
Abgeholt
Budapest
Der Krieg ist verloren
Alle tot
Panzersperren
Nachkriegszeit
Du Straße fegen
Es waren Polen
Das gibt’s nur einmal
Da sitzt Du nun, Du Herrenmensch!
Neues Deutschland
Ordnung kehrte ein
Der Vater
Ihr Völker der Welt
Kriminalpolizei
Uniformträger
Guten Abend, drüben in Deutschland
Ich bete an die Macht der Liebe
Pieck ist doof
Frieden
Frisch, fromm, fröhlich, frei
Minister in der Lüneburger Heide
Berliner Schülerparlament
Junge Presse Berlin
Der SS-Staat
Die Fichte ist unser Weihnachtsbaum
Karl Marx und AKI
Gottseidank im Westen
3. Dahlem
Nach Dahlem
Werkstudentenzeit
Er war betrunken
Bück' dir doch nicht
Das Wirtschaftswunder
Dahlem: Das deutsche Oxford
Freie Universität (FU)
An der FU
Feierliche Immatrikulation
Darf ich Sie einladen?
Schwarz, nicht rot
Das Geld der Kommilitonen
Fackelzug für den Professor
Revolutionäre FU
Dutschke in der U-Bahn und im Seminar
Die „Keimzelle“
Morgen werden Scheiben bei Springer klirren
Wenn Ihr das nicht kapiert, liegt das an Eurer bürgerlichen Herkunft
Wie die Nazis?
Vollversammlung an der FU
Rote Fahne aus Bettzeug
Kein ausreichendes revolutionäres Bewusstsein beim Berufskollegen
Einschusslöcher
Benno Ohnesorg
Arbeitskreis
Was hat der Struve wieder gesagt?
Ich hab' sogar promoviert
Hätte ich Bundeskanzler werden wollen, wäre ich nicht zur FDP gegangen
Wo sind die Revolutionäre?
Keine grundlegende Gesellschaftsanalyse
Universitätsleben
Der 10er Bus
Und was machen Sie nachts?
Ernst Deutsch darf nuscheln
Alles, nur nicht Wöhe
VWL und Erbsensuppe
Chi-Quadrat und Summe der natürlichen Zahlen
Da gibt’s nichts zum Lachen
Prüfungen
Der Professor hat keinen Sekt da
Rigorosum als Kaffeekränzchen
Rundherum
Ein internationales Ass
Fischbuletten, Zigaretten und CDU-Unterlagen
Landeskind des Freistaates
Fahren Sie bloß keinen Renault
Gesine Schwan und das OSI
RIAS-Jammerchor
Abgebürstet
An der FU kann man offensichtlich sogar studieren
Die sind alle geschult
Der Republikanische Club
Kurras
4. Münster
Wiedertäufer im Käfig
Sie sind mir in meinem Seminar willkommen!
Der alte Teppich
Die Herren von der Universität
5. Hamburg
Brüder und Schwestern aus dem anderen Deutschland
Beaujolais
Spiejel hin und Spiejel her
Ruhe an der Elbe
Heimlich altväterlich
Neue Ostpolitik
Fontane am Dammtor
6. Nachher
Vermarktung der 68er
Westerwelle und die 68er
Auschwitz
Leistung, Gleichheit und Freiheit
Drittelparität
Studium Generale passé
Marsch durch die Institutionen
VIP-Demokratie
Etwas komplizierter
Political Correctness und 68er
Die Antinazis
Ändert sich die Welt?
Don't touch the colours
Pandemie
Dahlem als Epizentrum im Westen
Evaluation und Abwicklung
Dahlem-Dorf und Currywurst
In Memoriam
Otto Stammer
Horst Bosetzky
Vorwort
Mein Freund Horst Bosetzky – also der Krimiautor „-ky“ – hatte kurz vor seinem Tode vorgeschlagen, dass wir gemeinsam ein Buch mit dem Titel „Damals in Dahlem“ publizieren sollten. Das Projekt war vielversprechend. Beide hatten wir in der wilden Zeit um das Jahr 1968 an der Freien Universität Berlin in Dahlem studiert. Beide hatten wir bei unserem verehrten Doktorvater Otto Stammer zugleich promoviert.
Leider habe ich dieses Buch nun allein schreiben müssen.
Damals in Dahlem ging es bürgerlich und revolutionär zugleich zu. Das Bürgerliche hatte uns dort hingeführt. Wir waren als Kriegs- und Nachkriegskinder stolz drauf, es auf die Universität geschafft zu haben. Auch das dort vorgefundene Revolutionäre verlockte uns. Welch eine Gaudi war es, Repräsentanten des politischen Systems als Spottfiguren studentischer Ansammlungen zu erleben! Welche Einblicke in die Psychologie akademischen Gehabes gewährte es, mit „Go“- oder „Sit-Ins“ in altehrwürdige Institutionen einzubrechen und Koryphäen zu albernem Gebaren zu provozieren.
Aber bei allem Lustempfinden:
Die Moral und die Lebensumstände verlangten und erforderten, dass ordentlich studiert wurde. Wir absolvierten Vor- und Zwischenprüfungen, besuchten Vorlesungen, Übungen und Seminare, erwarben Diplom-, Promotions- und Habilitationsurkunden. Die Universität war schließlich zum Studieren da. Und in den Ohren klangen die Worte der Eltern: „Ihr sollt es mal besser haben als wir!“ wie die Mahnung: „Strengt Euch an! Wir bezahlen schließlich alles!“
Für uns Söhne „kleiner“ Beamter aus den Arbeiterbezirken Neukölln und Spandau in Berlin war es ein erheblicher sozialer Aufstieg, an der Freien Universität im vornehmen Dahlem immatrikuliert zu werden. Wir beide waren in den Krieg hinein geboren worden, hatten dessen Sieger kennen gelernt, in Ruinen gespielt, die Spaltung unserer Heimatstadt und unseres Landes erlebt, den Mauerbau und deren Abriss verfolgt, den aufkommenden Wohlstand genossen und waren schließlich überzeugt, dass unser „Westen“ – in dem wir nun lebten – gut, der „Osten“ aber böse war. Nach dem besiegten Nationalsozialismus erschien der Kommunismus als das bekämpfenswerte totalitäre Regime der Zeit.
An der Universität lernten wir, dass hinter dem Kommunismus seriöse Gesellschaftsanalyse steckte. Wir trafen sogar mit Kommilitonen zusammen, die Defizite des „Wohlstands-Westens“ entdeckten – „entlarvten“, wie diese Kommilitonen formulierten. Als Studenten entwickelten wir das Gefühl, dass sich auch im „Westen“ vieles – vielleicht sogar alles – ändern und verbessern ließe.
Die Welt schien gestaltbar zu sein. Da wollten wir Beamtensöhne nicht nur begreifen, was die Welt zusammenhält; wir wollten diese Welt auch aus den Angeln heben können. Also studierten wir, was das Zeug hielt, damit das gelingen könnte.
Hinterher geschah viel: Ein amerikanischer Präsident wurde ermordet, der Westen entwickelte Züge einer Klassengesellschaft, Muslime versetzten den USA einen Hieb, der Ost-West-Gegensatz löste sich auf und Deutschland wurde mit Berlin als Hauptstadt wiedervereint, Europa versuchte, Weltmacht zu werden. Kriege brachen allenthalben aus. Es setzte eine globale Völkerwanderung von Süd nach Nord und von Ost nach West ein. Schließlich beendeten Klimawandel und Pandemie die Träume von der Machbarkeit der Welt.
„68“ war zuvor vermarktet worden. Es wurde idealisiert, es wurde verfälscht. Als selbstverständlich aber wurde ein für alle Mal erachtet, dass Regeln Inhalte brauchen, um anerkannt zu werden.
Die Zeit damals in Dahlen war eine historische Episode, in der es schien, als hätten die Menschen es in der Hand, die Welt nach ihrem Gusto zu gestalten. Doch mittlerweile wissen wir: Unser Einfluss auf den Lauf der Welt ist gering.
Ich danke meiner lieben Elke für die mannigfache Hilfe beim Erstellen dieses Buches, für Hinweise und Ratschläge. Meiner Enkeltochter Luna Dittberner danke ich für manchen Tipp beim Umgang mit dem Computer.
Berlin 2021, Jürgen Dittberner
1. Politische Kultur in Deutschland
„Politische Kultur“ ist ein Sammelbegriff für die politischen Institutionen und Werthaltungen in einem Gemeinwesen, sofern diese für die Politik relevant sind. Jedes politische System hat eine politische Kultur – gleichgültig, ob es sich um eine Dynastie, eine Diktatur oder einen Rechtsstaat handelt.
In westlichen Gesellschaften wird eine politische Kultur, in der Menschenrechte, Demokratie, Wohlstand und Stabilität geachtet und infolgedessen angestrebt werden, positiv bewertet. Immer wieder, so nach dem Sturm auf den amerikanischen Kongress am 6. Januar 2021, wird die Gefährdung einzelner politischer Kulturen beschworen.
Die Bundesrepublik Deutschland hat sich seit ihrer Gründung nach dem 2. Weltkrieg immer wieder gewandelt. In der „Ära Adenauer“ wurde der aus den drei westlichen Besatzungszonen geschaffene neue Staat mit Bonn als Hauptstadt in die westliche Welt integriert. Diese „Westintegration“ Konrad Adenauers ging einher mit dem „Wirtschaftswunder“ Ludwig Erhards, das zunehmenden Wohlstand brachte.
Mit dem Bau der Mauer wurde ein tiefgehender und globaler Ost-West-Gegensatz manifestiert.
In der sozial-liberalen Zeit wurde unter Willy Brandt und Walter Scheel eine „neue Ostpolitik“ eingeleitet, die eine Entspannung zwischen den verfestigten Blöcken im Kalten Krieg zwischen Ost und West bewirkte.
Die von den Universitäten ausgehende APO verknüpfte die bislang vorwiegend formelle Demokratie mit inhaltlichen, oft auch immateriellen Werten wie Freiheit und Gerechtigkeit.
In der „Ära Kohl“ dann wurde der Prozess der europäischen Integration vom Bundeskanzler vorangetrieben.
Die „deutsche Vereinigung“ verstärkte zwar das internationale Gewicht der Bundesrepublik, bereitete dem größeren Staat mit der nunmehrigen Hauptstadt Berlin im Innern aber Integrationsprobleme.
Unter Gerhard Schröder als Bundeskanzler wurde der deutsche Arbeitsmarkt durch die „Hartz-Reformen“ modernisiert, und die Arbeitslosenzahlen sanken. Gleichzeitig emanzipierte sich die Bundesrepublik von der Vormacht USA und verweigerte die Teilnahme am Irak-Krieg.
Die CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel sozialdemokratisierte das Land. Der Kampf gegen den Klimawandel wurde Staatsziel, der Atomstrom geächtet, die Massenintegration geflüchteter Ausländer gefördert.
Die Corona-Krise schließlich beendete den rasanten Aufstieg des Landes. Wann die Krise enden wird, ob an Altes angeknüpft werden kann, weiß niemand.
Demokratische Kultur nach der Diktatur
Es stellte sich für westliche Beobachter nach dem 2. Weltkrieg die Frage, ob in Westdeutschland auf die Diktatur des Nationalsozialismus eine demokratisch politische Kultur folgen könnte. In international vergleichenden Studien wurde die politische Kultur in der Ära Adenauer empirisch untersucht.1 Dabei kam heraus, dass die Bürger der Bundesrepublik die Demokratie zwar mittrugen, aber gewisse autoritäre Einstellungen aufwiesen. Diese Einstellungen bezogen sich vor allem auf den Staat („Vater Staat“) und waren wohl auch der Grund dafür, dass eine Persönlichkeit wie Konrad Adenauer als Kanzler eine dominante politische Stellung einnehmen konnte.
Erstaunlich ist, dass das positive Verhältnis zum Staat den Nationalsozialismus überdauert hatte. Dass es den Nationalsozialismus gegeben hatte, ist auch eine Folge eines in Deutschland tief verwurzelten Vertrauens in den Staat, der seine Rolle selbst dann behielt, wenn er zerstörerisch und verbrecherisch agierte. „Staat bleibt Staat!“ – wenn auch die Inhalte radikal wechseln. So konnte beispielsweise für das Berufsbeamtentum eine Kontinuität geschaffen werden, die sich von der Weimarer Republik über den Hitler-Staat bis in die Bundesrepublik fortsetzte.
Es ist bekannt, dass im angelsächsischen Denken, besonders in den USA, der Staat diese Rolle niemals hatte, sondern eher als mächtiger, oft lästiger, Akteur im Interessenwettstreit zwischen privaten und öffentlichen Ansprüchen erschien. „Uncle Sam“ sorgte nie für Wohl und Wehe der Seinen; er war kein Protektor, sondern ein Fordernder, ein Interventionist.
Der Hinweis auf das „staatsgläubige“ Denken der deutschen Demokraten sollte nicht als Abwertung einer reifen demokratischen Kultur verstanden werden, sondern als hinnehmbarer Unterschied. Denn es ist eine Gefahr von Analysen politischer Kultur aus US-amerikanischer Sicht, dass „anders“ oft als „weniger entwickelt“ verstanden wird.
Rückgriff auf Weimar
Dass die Bundesrepublik nach 1945 umschalten konnte auf den Zustand einer bürgerlich-demokratischen politischen Kultur, ist nicht primär eine Folge der „Re-Education“-Bemühungen der alliierten Sieger, sondern ein schlichter Rückgriff auf die – allerdings etatistische – politische Kultur der Weimarer Republik. Wieder gegründet wurden die Weimarer Parteien. Die Union (CDU und CSU) rekurrierte auf dem alten Zentrum, der konservativen DNVP und einigen Liberalen. Die SPD erstand erneut, und die FDP knüpfte an die Parteien DDP und DVP an. Der Föderalismus war das A und O des staatlichen Neubeginns. Für seine Repräsentanz wurde die deutsche Bundesrats- und nicht die amerikanische Senatslösung gewählt.
Aus dem Reichs- wurde der Bundeskanzler – dieser allerdings mit alleiniger Verantwortung gegenüber dem Parlament, mit der Richtlinienkompetenz und der Abwahlmöglichkeit nur über ein konstruktives Misstrauensvotum gestärkt. Der Bundespräsident wurde zum obersten Notar der Republik, gewählt von einer Bundesversammlung und nicht direkt durch das Volk. Einen „Ersatzkaiser“ sollte es nicht geben. Aus der Erfahrung heraus, dass der Rechtsstaat von Weimar, ohne juristisch aufgehalten zu werden, in eine Führerdiktatur übergleiten konnte, wurde das Bundesverfassungsgericht kreiert. Es hatte sich lange Zeit als „Hüter der Verfassung“ bewährt.2
Zwar waren die Millionen von Mitgliedern der NSDAP 1945 von einem Tag auf den anderen wie in Luft aufgelöst; die NS-Ideen von Führerstaat, die Eroberungslust, die Rassenüberheblichkeit und der Judenhass jedoch steckten weiterhin in vielen Köpfen. Aber diese Einstellungen waren nun tabuisiert. Wo sie hochkamen wie bei der rechtsextremen SRP, bei Teilen der AfD, ging der Staat mit Parteienverboten oder politischen Gegenstrategien vor. Nazireden verstießen gegen den öffentlichen Konsens. Das begriffen die meisten schnell. Im vorpolitischen Alltag aber – in Familienkreisen etwa – waren sie noch gewärtig:
„Hitler war gar nicht so schlecht; er hätte nur nicht mit den Juden anfangen sollen. – Um die Autobahnen beneidet uns heute die ganze Welt. – Der ‚Ami‘ hätte 1945 mit uns weiter nach Osten gegen den ‚Iwan‘ gehen sollen. – Die Juden waren selbst schuld: Sie haben sich vor 1933 eben zu sehr nach vorne gedrängt.“:
Solche Reden waren im „privaten Rahmen“ oft zu hören.
Skeptische Generation
In der offiziellen Politik war dergleichen jedoch verpönt. Die Legitimität des demokratischen politischen Systems in der „Ära Adenauer“ wurde vor allem durch das „Wirtschaftswunder“ fundamentiert. Die durch Krieg und Niederlage ausgezehrten Menschen stürzten sich in die Arbeitsprozesse, schufen materielle Werte wie Lebensmittel, Kühlschränke, Autos und Fernseher, nach denen sie lechzten und die sie so haben wollten wie im bewunderten vermeintlichen Paradies auf Erden: wie in „Amerika“ – wie in den USA.
Die Masse der Bevölkerung gab sich dem Schaffen und Konsumieren hin. Nach den Heilsparolen des untergegangenen Regimes begehrte sie Diesseitiges. Die junge „skeptische Generation“3 wollte von Ideen nichts mehr hören und sich mit Gütern beglücken.
Die Politiker rekrutierten sich aus zwei Generationen: Die alten Politiker der Weimarer Zeit übernahmen zunächst die Führung: Konrad Adenauer, Theodor Heuß, Kurt Schumacher und andere. Zu ihnen gesellten sich um ihre Jugend betrogene Frontsoldaten und Flakhelfer: Helmut Schmidt, Franz Josef Strauß, Rainer Barzel oder Hans-Dietrich Genscher. Diese hatten Lebenserfahrungen, und darauf basierend klare politische Ziele: Niemals mehr sollte die Demokratie von einer Diktatur oder von hochfahrenden Visionen verdrängt werden können: „Misstrauisch gegenüber Utopien und großen weltanschaulichen Würfen, betrieben sie Politik nüchtern und pragmatisch.“4
Einer von ihnen war auch Rudolf Augstein, Gründer und Herausgeber des „Spiegels“. Er wuchs mit seinem Magazin zum Symbol der zivilen demokratischen Distanz zum allzu oft nur formalen Rechtsstaat der „Ära Adenauer“ heran. Damit lebte Augstein besonders der studentischen Jugend zu Beginn des 60er Jahre eine an den Menschenrechten orientierte demokratische Kultur vor. In die gleiche Richtung gingen Wirkungen der Spruchpraxis des Bundesverfassungsgerichtes wie im Falle des „Fernsehurteils“ vom 28. Februar 1961, das ein von Konrad Adenauer gewolltes kommerzielles Staatsfernsehen („Deutschland Fernsehen GmbH“) stoppte. Stattdessen nahm am 1. April 1963 neben dem von der „ARD“ („Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“) ausgestrahlten Fernsehen eine zweite öffentlich-rechtliche Anstalt, das „ZDF“ („Zweites Deutsches Fernsehen“), Sendebetrieb auf.
Paradigmenwechsel: APO und 68er
Augstein und die „Spiegel“-Affäre wurden zum Katalysator für einen Paradigmenwechsel der politischen Kultur der Bundesrepublik: Auf Weisung der Bundesanwaltschaft wurden in der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober 1962 die Redaktionsräume des Nachrichtenmagazins durchsucht. Anlass war eine vermeintlich die Sicherheit der Bundesrepublik gefährdende Veröffentlichung über das NATO-Manöver „Fallex 62“. Die Durchsuchung, die Festnahme von Journalisten und die harte Haltung Adenauers („Ein Abgrund von Landesverrat“) sowie seines Verteidigungsministers Franz Josef Strauß brachten eine intellektuelle und linksbürgerliche Öffentlichkeit gegen die Bundesregierung und die reaktionär erscheinende Union auf. Der Verteidigungsminister musste demissionieren, und am 19. November 1962 zog die FDP ihre Bundesminister aus dem Kabinett zurück.5
Rudolf Augstein wurde zum Helden der Hörsäle der Bundesrepublik. „Rudi“ war für die studentische Generation das Idol der Zeit. Durch ihn war deutlich geworden, dass die formal-demokratischen Strukturen des Staates in der Ära Adenauer inhaltlich angereichert werden müssten durch ein materielles Verständnis von Demokratie als Verhaltensnorm der Bürger und des gesamten Staatsapparates. So führte ein direkter Weg von der „Spiegel“-Affäre hin zur Regierungserklärung des 1969 gewählten sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willy Brandt, der seine innenpolitischen Ambitionen auf die Formel brachte: „Mehr Demokratie wagen“.
Nach der Erkenntnis, dass eine lebendige Demokratie nicht nur Strukturen wie allgemeine Wahlen und daraus hervorgehende Parlamente braucht, sondern auch eine unabhängige Justiz und eine wirklich freie Presse, setzte sich in der studentischen Jugend die Einsicht durch, dass eine „außerparlamentarisch“ organisierte Öffentlichkeit mit Demonstrationen, Versammlungen und gelegentlichen Regelverletzungen Gerechtigkeit und Bürgerfreiheit schaffen könnte. Der APO6 folgten Bürgerinitiativen auf kommunaler Ebene und die Entfaltung eines neuen politischen Bewusstseins. Dieses Bewusstsein verließ die Vorstellung des paternalistischen Staates und rückte Bedürfnisse der jeweiligen Persönlichkeiten ins Zentrum. Diese Bedürfnisse zielten zunächst auf den sozialen Status („Chancengleichheit“), später auf allgemeine politische Werte wie „Umweltschutz“ oder „Frieden“ und „Klimaschutz“.
Beobachter nannten das den Übergang von materialistischen zu postmaterialistischen Werten.7 Diese Veränderungen betrafen die in der Bundesrepublik sozialisierte Nachkriegsgeneration.
Der Irritation über die Festnahmen und Durchsuchungen beim „Spiegel“ folgten
das Aufdecken eines „Bildungsnotstandes“ von den Zwergschulen bis hin zu den Ordinarienuniversitäten,
die durch die Vietnam-Intervention bewirkte Abkehr vom Idol der USA,
ein Ende der Toleranz gegen die Hitlerverniedlichungen der Vorgängergeneration
und
die Einsicht in die umweltzerstörende Wirkung einer bis dahin unkritisch betriebenen Industrialisierung.
Die Veränderungen im politischen Bewusstsein ereigneten sich vorzugsweise im studentischen Milieu und wurden dort forciert durch „linke“ Gruppierungen wie den SDS („Sozialistischer Deutscher Studentenbund“) und den SHB („Sozialdemokratischer Hochschulbund“), dann auch durch den LSD („Liberaler Studentenbund Deutschland“). Das waren ursprünglich Studentenorganisationen der politischen Parteien SPD und FDP, die – wie der SDS – entweder von der Mutterpartei „verstoßen“ wurden oder sich von ihr abwandten. Die sich aus der Studentenschaft entwickelnde APO bekam Zulauf durch die abstoßende Wirkung einer bösen Polemik der „Springer“-Presse, durch autoritäre Reaktionen der Ordinarien-Universitäten und durch das harte Vorgehen der Polizei gegen Protestaktionen. Der tödliche Schuss eines Polizeibeamten gegen den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper in Berlin anlässlich des Besuchs des Schahs von Persien hatte eine breite Mobilisierung zur Folge. Den bisher vor allem sozialistisch und marxistisch ausgerichteten Protestaktionen schlossen sich nun Liberale und Konservative unter der akademischen Jugend an.8
Die studentische Protestbewegung – im Nachhinein oft „68er-Bewegung“ genannt9 – hatte vielfach zu einer Vertiefung des demokratischen Bewusstseins geführt. Bürgerinitiativen außerhalb der Parteien und des offiziellen politischen Systems wären ohne die 68er nicht entstanden, und dass die „Grünen“ 1983 in das Kartell des Zweieinhalb-Parteiensystems eindringen konnten10, geht auch auf die studentische Protestbewegung zurück.
Freilich bildete sich aus der Bewegung eine Nebenströmung, die im Terrorismus mündete und über die RAF11 verfügte. Die Reaktion des Staates auf diese Entwicklung war hart und unerbittlich. Schon der erste sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt hatte einem „Radikalenerlass“ zugestimmt, nach dem den als „Verfassungsfeinde“ deklarierten „Linken“ der Zutritt zum öffentlichen Dienst verwehrt werden sollte. Unter Brandts Nachfolger Helmut Schmidt wurden erpresserische RAF-Ultimaten missachtet mit der Folge der Ermordung des als Geißel genommenen BDI-Präsidenten12 Hans-Martin Schleyer. Es gab zum allgemeinen gesellschaftlichen Demokratisierungsschub eine Gegenentwicklung, so dass der Staat sich einer „wehrhaften Demokratie“ verpflichtete.
Die Anfänge der 68er lagen jedoch nicht nur in der Abkehr von materiellen und der Hinwendung zu postmateriellen Werten. Es ereignete sich vielmehr ein globaler Paradigmenwechsel: Das 50er-Jahre-Idol USA wurde Ziel tiefer Ablehnung und verbaler Angriffe. Der Dualismus des Kalten Krieges wurde zugleich aufgelöst in Richtung einer Annäherung zwischen Ost und West, und das Tabu, sich mit den Lehren insbesondere von Karl Marx nicht zu beschäftigen, wurde gebrochen.
War nämlich Amerika in den fünfziger Jahren das allgemeine Vorbild in der Demokratie, der Kultur und im Konsum, so verschwand das mehr und mehr, als die USA einen Interventionskrieg gegen ein kleines Volk in Vietnam führten. Aus Befreiern wurden in den Augen Vieler Interventionisten, aus Demokraten Nationalisten und aus Konsumenten Umweltzerstörer. Es war weder offizielle Politik, die solchen Wandel des Amerika-Bildes bewirkte, noch war es die Masse des Volkes: Studenten und intellektuelle Minderheiten demontierten das Idol. Dafür ernteten sie auch Hass der Straße und der politischen Eliten.
Es sollte über vierzig Jahre dauern, bis die Amerika-Distanz die offizielle deutsche Politik vereinnahmt hatte: Insofern waren Gerhard Schröder und Josef Fischer späte 68er oder – genauer: Sie ernteten Früchte der 68er Bewegung!
Der Antiamerikanismus der 68er war ursprünglich schlechten Gewissens in die deutsche Öffentlichkeit getragen worden. Dabei hatte es – wie gesagt – geholfen, dass es im westlichen Ausland Parallelentwicklungen gegeben hatte: Demonstrationen in Paris und in den USA selbst. So konnten die deutschen Antiamerikanisten sagen, sie wären nicht gegen das amerikanische Volk – da wären sie sogar solidarisch zu den „Genossen“ in Berkeley: Sie würden sich vielmehr gegen das politökonomische US-System wenden, das die Völker – auch das der USA – versklaven wolle.
Das passte zur Marx-Renaissance. Von Konrad Adenauer13 bis zum Sozialdemokraten Kurt Schumacher14 war sich die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft einig: Nationalsozialismus und Kommunismus wären gleichermaßen totalitäre Systeme. Von Schumacher stammt das Wort, die Kommunisten seien „rot lackierte Nazis“. Die Theoretiker des Kommunismus waren in der Zeit des „Kalten Krieges“ im Westen verfemt. Niemand musste fürchten, sich zu blamieren, wenn er das „Kapital“ und „Mein Kampf“ auf eine Stufe stellte. Da war es eine Provokation und ein Tabubruch, als der SDS damit anfing, Marx-Rezeptionen in die Öffentlichkeit zu tragen. Das war jedoch die Folge auch jenes Unvereinbarkeitsbeschlusses, mit dem die SPD nach ihrem nunmehr an der CDU orientierten Godesberger Programm 1969 den störrischen Studentenbund SDS aus der sozialdemokratischen Familie verstieß.
Sozial-liberal
So sehr hatten die studentischen Proteste das politische Klima verändert, dass der „CDU-Staat“15 1969 sein Ende fand und die sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt und Walter Scheel neue Wege ging. Das Bündnis wähnte sich getragen von einer neuen Interessenlage: der „neuen Mittelschicht“. Die aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation unabhängig Beschäftigten seien die Avantgarde der Gesellschaft, am Wohle des Ganzen orientiert und deswegen die Träger der „Friedens“-politik und der Reformen im Innern.
Das schien sich vor allem in der Ostpolitik zu zeigen. Die Konfrontation zu den Staaten Osteuropas, ja sogar zum deutschen Gegenmodell, der DDR („Deutsche Demokratische Republik“), wurde aufgegeben und ein „Wandel durch Annäherung“ angestrebt. Zu dieser Entwicklung beigetragen hatte der Bau der Mauer 1961, als alle Welt sehen konnte, dass die deutsche und europäische Spaltung durch Konfrontation weiter vertieft wurde. Um diesem Zustand zu begegnen, kam es zu Verträgen, die in Bonn mit Moskau, Warschau und sogar Ost-Berlin abgeschlossen wurden; so kam es zu Vereinbarungen über Berlin. Im Innern Westdeutschlands setzte die sozial-liberale Koalition eine Bildungsreform durch, welche die Chancengleichheit erhöhen sollte, neue Bildungswege und -einrichtungen schuf sowie großen Schichten der Bevölkerung höherrangige Ausbildungen ermöglichte. Das Ideal der „antiautoritären Erziehung“ kam auf.
Der Bundespräsident Heinrich Lübke hatte einst von den Vorzügen der Zwergschulen geschwärmt; nun entdeckten Bildungsforscher und -politiker einen „Bildungsnotstand“. Die Öffentlichkeit nahm die neuen Erkenntnisse an, und die Politik reagierte entsprechend. Es wurden Schulen und Universitäten neu geschaffen, Gesamtschulen und Gesamthochschulen gegründet. Die Lehrer in den Schulen traten antiautoritär auf; die Ordinarien- wurde durch die Gruppenuniversität ersetzt. Qualitätsstandards wurden Mengenerfolgen geopfert. Tatsächlich stieg der durchschnittliche Ausbildungsstand. Nur litt darunter die Leistung; Spitzenleistungen gerieten ins Hintertreffen. Wirtschaftsführer; liberale und konservative Parteiführer bemängelten dies, setzten sich für Elitenförderung ein. Dafür wurde öffentliches wie privates Kapital mobilisiert. Nun galt das Hochschulsystem der USA als vorbildlich, und selbst eine rot-grüne Bundesregierung zeigte sich von „Pisa“-Studien über das mangelhafte deutsche Bildungssystem beeindruckt. Sie stellte Mittel zur Verfügung für Ganztagserziehung einer- und elitäre Hochschulstudiengänge anderseits.
Das „Mehr Demokratie wagen“ der Sozial-Liberalen stieß in der Innenpolitik an Grenzen, denen sich die politischen Akteure durch die Bekämpfung des aus der Studentenbewegung erwachsenen Radikalismus und des Terrorismus gegenübersahen. Die neue Ostpolitik war implantiert, aber die Wirtschaftslage verschlechterte sich. Brandt und Scheel wurden abgelöst durch Schmidt und Genscher. Ökonomisches und administratives Krisenmanagement kamen auf. Parteipolitik gewann die Oberhand. Die SPD wollte die „Belastbarkeit der Wirtschaft“ testen und die von den Amerikanern gewünschte „Nachrüstung“ des Westens verhindern: alles gegen den erklärten Willen des eigenen Kanzlers Helmut Schmidt. Da fürchtete die FDP, von der kriselnden SPD in einen Abwärtsstrudel gerissen zu werden und seilte sich aus der Bundesregierung ab.
Geistig-moralische Wende
Der neue Bundeskanzler, Helmut Kohl16 (CDU), sprach von einer „geistig-moralischen Wende“, die seine Regierung herbeiführen wollte. Sie sollte anknüpfen an die aus seiner Sicht „gute, alte Adenauer-Zeit“ und ihre Spielregeln. Doch daraus konnte nichts werden. Obwohl sich die sozial-liberale „neue Mittelschicht“ als Hirngespinst erwiesen hatte, denn die höheren Angestellten und Beamten liefen 1982/83 in Scharen zur CDU/CSU über, war doch in der Bevölkerung ein Bewusstseinsstand erreicht, dass eigene Rechte auch gegen den Staat durchgeboxt werden müssten, und die allgemeine Ost-West-Entspannung hatte trotz eines erneuten Wettrüstens zwischenstaatliche Beziehungen geschaffen, für die die alten politischen Handlungsmuster nicht mehr passten.
Die „Grünen“ drangen weiter ins Parteiensystem und wandelten sich von einer „Anti-Parteien-Partei“ binnen 20 Jahren zur Regierungs- und Kriegspartei.17 In der allgemeinen politischen Kultur machte sich in der Ära Kohl Besitzstandsdenken und Egoismus breit. Das Gemeinwohl galt immer weniger, das Ego immer mehr. Nicht einmal eine Volkszählung wagte der Staat anzusetzen, weil er sich nicht einer Klageflut aussetzen wollte von Staatsbürgern, die ihre individuellen Freiheitsrechte verletzt sahen. Eine Rechthabergesellschaft war entstanden, und die Regierung Kohl schritt aus Furcht vor Wählerverlusten nicht dagegen ein. So reduzierte sich die politische Kultur auf Besitzstandswahrung, und die öffentliche Debatte wurde durch eine „politische Korrektheit“ geregelt, die folgendes propagierte:
Der Nationalsozialismus ist schlecht, und rechte politische Strömungen sind es ebenfalls.
Im Lande lebende Ausländer bereichern die multikulturelle Gesellschaft und sollen integriert werden.
Die Gewerkschaften haben das Recht, von den Arbeitgebern höchstmögliche Löhne zu erzwingen und obendrein „Errungenschaften“ wie die 35-Stundenwoche und den Kündigungsschutz.
Strukturelle Arbeitslosigkeit darf es nicht geben; das soziale Netz fängt vorübergehend beschäftigungslos Gewordene auf und führt sie zurück in den ersten Arbeitsmarkt.
„Die Rente ist sicher.“
Jeder Bürger hat das Recht, sich gegen den Staat und jede Institution mithilfe von Gerichten zu wehren, wenn er sich in seinen Interessen getroffen fühlt.
Soziale Defizite oder Benachteiligungen unterschiedlicher Gruppen sind administrativ durch Quoten auszugleichen.
Es ist das gute Recht eines jeden, den offiziellen politischen Organen zu misstrauen und ihnen durch Runde Tische, Beiräte, Kommissionen, Plebiszite oder Bürgerinitiativen in die Arme zu fallen.
All dies ließ die Regierung Kohl laufen aus Angst vor Amtsverlust, obwohl man wusste, dass in den skandinavischen Staaten, in den USA und in Großbritannien zur gleichen Zeit tiefgreifende Veränderungen durchgeführt wurden. Kohl glaubte es seinen Wählern nicht zumuten zu können, das deutsche Wirtschafts- und Sozialsystem zu modernisieren. Aus dem gleichen Grunde wurde die FDP ein Teil der „Machtmaschine Kohl“ und spielte nur noch die Rolle einer „Partei der zweiten Wahl“.18 Die konservativ-liberale Regierung konnte die aus internationalem Druck entstandene steigende Arbeitslosigkeit nicht abfangen, nicht das Gesundheits-, das Renten- oder das Steuersystem reformieren. Sie war den Ansprüchen ihrer Moderatoren- und Krisenmanagerrolle nicht mehr gewachsen und wäre 1990 wohl abgewählt worden, wäre nicht die deutsche Einheit gekommen.
Deutsche Einheit
Als der Ostblock zusammenbrach, ergriffen Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher nach Zögern den „Mantel der Geschichte“ und setzten auf die deutsche Einheit. Der Wunsch nach der Einheit des Nationalstaates gehörte zu den Wertvorstellungen älterer Politiker wie auch Willy Brandt oder Richard von Weizsäcker. In der westdeutschen Bevölkerung war die nationale Einheit besonders bei den Jüngeren kein relevanter Wert, und entsprechend agierten der Kanzlerkandidat der SPD von 1990, Oskar Lafontaine, und die „Grünen“. Aber Kohl und Genscher setzten auf die deutsche Einheit. Sie erhielten die Unterstützung einer Mehrheit der Ostdeutschen sowie ihrer Generationsgenossen in Westdeutschland.
Bei der Einheit stießen zwei politische Kulturen in Deutschland aufeinander. Wie hätte es anders sein sollen, nachdem die politische Sozialisation in Ost und West unterschiedlich verlaufen war? Wurden im Westen Individualismus bis hin zum Egoismus, Leistung und Durchsetzungsfähigkeit als grundlegende Werte vermittelt, so waren es im Osten die Werte Gemeinschaft, Solidarität und soziale Sicherheit. War vom Westen aus trotz aller Antiamerikanismen New York der Mittelpunkt der Welt, so war es vom Osten her Moskau. Der Osten sollte sich an den Westen anpassen. Das führte zu unterschiedlichen Verarbeitungsprozessen. Die Systemkritiker im Untergang des Staatskommunismus verabsolutierten ihre in der Wende gemachten Erfahrungen und waren danach für westliche Verhältnisse ungewohnt rigoros und unerbittlich in der Verurteilung des alten Systems. Die Verlierer und die sich missverstanden Fühlenden aus dem alten System wollten ihre eigene Identität „einbringen“ und machten die PDS stark. Die meist bei den „Grünen“ gelandeten Rigoristen aus dem Osten wie die von „Bündnis 90“ und eben die PDS waren neue Elemente im Parteiensystem.
Entgegen der Erwartungen von 1990 passte sich der Osten nicht an den Wohlstand des Westens an, sondern der Westen büßte ebenfalls Arbeitsplätze ein. Die ökonomische Schere zwischen Ost und West schloss sich nicht, sondern öffnete sich weiter. Das ist die Hauptursache dafür, dass sich ein ostdeutsches Milieu hielt, gehegt von der PDS – später den „Linken“ –, die bei Landtagswahlen davon profitierte. 2005, nachdem die rot-grüne Bundesregierung – möglicherweise handwerklich unzulänglich – eine Reform des Sozialstaates gewagt hatte, schwappte die Verunsicherung darüber in den Westen.
Rot-Grün
Wenn auch die rot-grüne Koalition 2005 jäh endete, so hatte sich doch in deren Zeit einiges an der politischen Kultur in Deutschland geändert:
Die Einbürgerung länger in Deutschland lebender Ausländer wurde erleichtert; die Zuwanderung weiterer allerdings erschwert. Was die offizielle Politik bislang ignoriert hatte, galt nun als Tatsache: Deutschland wurde ein Einbürgerungsland.
Das Monopol der Ehe zwischen Mann und Frau als Basis der Gesellschaft wurde gebrochen; gleichgeschlechtliche „Ehen“ wurden möglich.
Der absolute Wert der Familie wurde aufgehoben, temporäre Beziehungen und „Singlehaushalte“ wurden der Ehe gleichgesetzt.
Die absolute Fortschrittsgläubigkeit im Hinblick auf neue Technologien wurde konterkariert durch den eingeleiteten Ausstieg aus der Atomenergie und durch die von den „Grünen“ eröffnete Debatte über die Grenzen der Gen- und Zellentechnologie.
Das Gebot der trotz aller Antiamerikanismen in der Bevölkerung bis dahin gepflegten diplomatischen Rücksichtnahme auf die Interessen der Führungsmacht USA wurde im Bunde mit Frankreich und Russland bei den Entscheidungen über den Irakkrieg gebrochen. Die deutsche Abnabelung von den USA-Interessen hielt an – verstärkt durch die antideutsche Einstellung des früheren US-Präsidenten Trump.
Der Anspruch, die Menschenrechte als einen Maßstab der deutschen Außenpolitik zu nehmen, wurde wie im Falle Tschetschenien gegenüber Russland aber auch Guantanamo gegenüber den USA und generell gegenüber China fallen gelassen: Wirtschaftsinteressen wurden über moralische Ansprüche gestellt.
Die Einordnung deutscher Politik hinter die Ziele der Europäischen Union wurde – zumindest zeitweise – aufgegeben wie die mehrfachen Nichtachtungen vereinbarter Defizitkriterien beim Haushalt gezeigt hatten.
Deutschland definierte sich als „größere Mittelmacht“, die eigene Interessen auch ohne Rücksicht auf traditionelle Verbündete durchsetzte.
Der Begriff „Reform“ wurde umgedeutet: Rot-Grün wagte unter der Überschrift „Hartz I – IV“ ein Abspecken des Sozialstaates wie ihn Schwarz-Gelb nicht geschafft hatte mit der Folge, dass die SPD ein Defizit bei ihrem Leitthema „soziale Gerechtigkeit“ hatte.
Angela Merkel hingegen, die spätere langjährige Bundeskanzlerin von der CDU, lebte von den Früchten dieser „Reform“.
Gegen den Druck nach politischer Korrektheit gab es gelegentliches Aufbegehren. Insbesondere die von „Grünen“, aber auch von der SPD favorisierte „Multikulturelle Gesellschaft“ forderte vor allem Konservative heraus. Sie sprachen von der Notwendigkeit einer „deutschen Leitkultur“, was wiederum Protest rot-grüner Aktivisten hervorrief.
Dann kamen als Folge des 11. September 2001 – dem Tag der Flugzeugentführungen ins New Yorker World Trade Center – Verdächtigungen gegen undurchschaubare muslimische Gruppen auf. Diese wären oft Brutstellen des Terrors. Das Attentat auf einen Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz bestätigte für viele diesen Verdacht.
Schließlich kam der Begriff von „Parallelgesellschaften“ auf. Hiermit waren zunächst türkische Kreise gemeint, die jenseits der deutschen Kultur und Sprache existierten, sich durch Frauenzuzüge aus Anatolien rekrutierten und in denen es sogar zu „Ehrenmorden“ an Frauen gekommen wären, die sich in Deutschland integriert hatten und sich den Wertvorstelllungen der Herkunftsfamilie entzögen.
Später wurden „arabische Clans“ aufgedeckt, denen organisierte Kriminalität vorgeworfen wurde.
Die Ära Merkel
Nach dem Ende von „Rot-Grün“ folgte eine lange Periode der Vorherrschaft von CDU und CSU in Deutschland unter der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die erste Frau an der Spitze einer Bundesregierung kam aus dem Osten und dort aus dem evangelischen Milieu. Diese Frau entzog sich bald dem altbekannten Bild einer CDU-Politikerin. Hinter ihr lag weder eine „Ochsentour“ in der Jugendorganisation JU19 noch eine in der Partei selbst.
Ganz Deutschland rätselte anfangs, wie es Angela Merkel möglich war, an der Macht zu bleiben. Sie hatte die CDU, diese Schlangengrube, umgestülpt – personell und inhaltlich. Kohl, Merz, Stoiber, Koch, Oettinger, Beust, Guttenberg und viele andere waren bald nicht mehr im Zentrum der Macht. In der großen Koalition hatte sich die Partei geräuschlos sozialdemokratisiert und war bald die stärkste Atomausstiegskraft der Republik. Die SPD kam an die Union nicht mehr heran, und die im Herbst 2009 noch übermütige FDP war zum trostlosen Haufen geworden.
Oft wurde das politische Ende Angela Merkels prophezeit, und stets lebte sie fort. Ihr Vorgänger Gerhard Schröder fing damit an, indem er weissagte, sie werde es nicht schaffen. Die Herren vom „JU – Andenpakt“ warteten auf den richtigen Moment, um „Mutti“ – wie sie ihre Vorsitzende tauften – aus dem Amt zu putschen. Selbst der loyale Sozialdemokrat Peter Struck bekannte einst: „Die kann mich mal.“
Heute sind sie alle in Pension oder weggelobt: der Altkanzler Schröder, die einst so stolzen CDU-Ministerpräsidenten und auch der einstige SPD-Fraktionsvorsitzende. Dessen Nachfolgerin Andrea Nahles hat ebenfalls resigniert, Friedrich Merz verlor mehrere Abstimmungen beim CDU-Bundesparteitag, und Peter Struck und Guido Westerwelle sind nicht mehr auf dieser Welt. Angela Merkel hingegen ist weiterhin Bundeskanzlerin.
Was hält diese Frau?
Gerd Langguth schilderte eine Episode aus der Schulzeit der Angela Dorothea Kasner, der späteren Bundeskanzlerin Angela Merkel: „In ihrer Schulzeit brauchte sie eine geschlagene Dreiviertelstunde, um, als die Klingel bereits das Ende der Stunde ankündigte, einen Sprung vom Dreimeterbrett in das Wasserbecken zu wagen.“20
Sie zögert und zaudert, aber sie tut es am Ende doch. Horst Seehofer, der Freund/Feind aus dem eigenen Lager, beschwört: „Wer sie unterschätzt, hat schon verloren.“
Im Binnenclinch scheint sie stark zu sein. Franz Müntefering, ihr erster Vizekanzler und Sozialdemokrat soll gesagt haben, bei ihr als Pilotin lande man immer, man wisse nur nicht, wo.
Am wichtigsten ist es ihr offensichtlich, oben zu bleiben.
Charismatisch tritt sie nicht auf, eher gibt sie sich pragmatisch und formuliert meist ungenau. So kann sie jederzeit die Position wechseln, ohne von gestern Gesagtem allzu sehr aufgehalten zu werden.
Sie entscheidet und erweckt den Eindruck, sie durchschaue die jeweiligen Materien jederzeit. Ihre Minister lässt sie dabei oft wie Assistenten aussehen, lässt sie ansonsten gewähren. Sigmar Gabriel konnte als SPD-Vorsitzender über sie herziehen, Guido Westerwelle lavierte im UN-Sicherheitsrat.
Irgendwann verhedderten sie sich alle, und dann war sie – die Kanzlerin – es, die die Sache regelte. Sie hat eben einen langen Atem.
Dass der einst zapplige Sarkozy ihr in der EU den Rang abzunehmen schien, störte sie offenbar nicht. Sie machte derweil Geschäfte mit der Weltmacht China und holte sich im Weißen Haus in Washington einen hohen Orden ab. Als Sarkozys Nachfolger Emmanuel Macron dann als glühender Europäer antrat, strebte er zweifellos die Führung in Europa an, lehnte sich aber zugleich bei Merkel an. Dass Deutschland das größte EU-Mitglied ist, weiß mittlerweile jeder, und dass Frau Merkel und nicht ihr Außenminister die Außenpolitik bestimmt, ist klar. Als der einstige US-Präsident Donald Trump sie öffentlich verachtete, prallte das an ihr ab.
Diese Angela Merkel hat die politische Kultur Deutschlands Schritt für Schritt verändert:
Die „alten Herren“, die früher mächtig waren, sind abserviert.
Das Klima und der Klimawandel wurden wichtiger Teil ihrer Politik.
2005 schon machte Angela Merkel Deutschland zum Einwanderungsland.
Die Industrienation Deutschland akzeptiert und erstrebt vor allem erneuerbare Energien.
Zur Bewältigung der Corona-Pandemien greift die Regierung in liebgewordene Rechte der Bürger ein, und der Opposition im Bundestag bleibt müder Protest.
Nach dem Austritt Groß Britanniens erfuhr die Europäische Union eine Grunderneuerung, angetrieben durch die Ratspräsidentin Angela Merkel und ihre europäische Gehilfin Ursula von der Leyen.
Gegen Ende der Ära Merkel fragt sich: Was steckt da von 68 drin?
Damals in Dahlem schwärmten viele von einer neuen Kultur in Deutschland. Ahnte jemand, wohin das führen könnte und wie die Bundesrepublik 50 Jahre später aussehen würde?
Wäre Angela Merkel nicht auch ohne die 68er möglich gewesen?
1 Gabriel Almod / Sidney Verba, The Ciciv Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations, Princeton 1963
2 Dass die Demokratie sich in Deutschland nach 1945 stabil entwickelte, hatte also damit zu tun, dass man an eine im Lande vorhanden gewesene Kultur, auch wenn sie brutal zerstört worden war, anknüpfen konnte: -personell und institutionell. Bei ihrem Einmarsch im Irak verwiesen die Amerikaner später gerne auf das „erfolgreiche“ Modell Deutschland und unterschätzten dabei, dass es im Irak derartige Vorgängerkulturen gar nicht gegeben hatte.
3 Helmut Schelsky, Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend, Düsseldorf-Köln 1963
4 Jürgen Leinemann, Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker, München 2004, S. 128
5 Jürgen Dittberner, Sind die Parteien noch zu retten? Die deutschen Parteien: Entwicklungen, Defizite und Reformmodelle, Berlin 2004, S. 33
6 APO = „Außerparlamentarischen Opposition“
7 Ronald Inglehart, Modernization and postmodernizazion: cultural, economic, and political change in 43 societies, Princeton 1997
8 Jürgen Dittberner, Berlin Brandenburg und die Vereinigung. Und drinnen tobt das pralle Leben. Eine Innenansicht, Berlin 1994, S. 36 f/ S. auch Beiträge „Benno Ohnesorg“ und „Kurras“ in diesem Band.
9 Jürgen Dittberner, Sind die Parteien noch zu retten?, a.a.O., S. 59 ff
10 Joachim Raschke, Die Grünen. Wie sie wurden, was sie sind, Köln 1963
11 RAF = „Rote-Armee-Fraktion“
12 BDI = Bundesverband der Deutschen Industrie
13 Hans-Peter Schwarz, Adenauer. Der Staatsmann: 1952 – 1967, Stuttgart 1991
14 Peter Merseburger, Der schwierige Deutsche. Kurt Schumacher. Eine Biographie, Stuttgart 1995
15 Wolf-Dieter Narr (Hg.), Auf dem Weg zum Einparteienstaat, Opladen 1977
16 Hans-Peter Schwarz, Helmut Kohl. Eine politische Biographie, München 2012
17 Edgar Wolfrum, Rot-Grün an der Macht. Deutschland 1998 – 2005, München 2013
18 Jürgen Dittberner, FDP- Partei der zweiten Wahl, Ein Beitrag zur Geschichte der liberalen Partei und ihrer Funktionen im Parteiensystem der Bundesrepublik, Opladen 1987
19 JU = „Junge Union Deutschlands“ / Jugendvereinigung von CDU und CSU auf Bundesebene
20 Gerd Langguth, Angela Merkel, München 2005. S. 58
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