Read the book: «Bern - eine Wohlfühloase?»

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Cover

Titel

Jürg Steiner

Bern – eine Wohlfühloase?

Der Weg zur rot-grünen Hauptstadt

Stämpfli Verlag

Dank

Die Publikation ermöglicht haben mit ihrer finanziellen Unterstützung:

– Jubiläumsstiftung der Mobiliar Genossenschaft

– Ernst Göhner Stiftung

– Kultur Stadt Bern

– SWISSLOS/Kultur Kanton Bern

– Burgergemeinde Bern

– Gemeinde Köniz, Fachstelle Kultur

– Gesellschaft zu Zimmerleuten Bern

– Robert Ruprecht, Bern

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: www.dnb.de.

© Stämpfli Verlag AG, Bern, www.staempfliverlag.com · 2020

Umschlaggestaltung: Nils Hertig, clicdesign ag, Bern

Inhaltsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld

Lektorat: Benita Schnidrig, Stämpfli Verlag AG

Druck: Stämpfli AG, Bern, www.staempfli.com

Printed in Switzerland

ISBN 978-3-7272-6069-8

ISBN 978-3-7272-6078-0 (E-Book)

ISBN 978-3-7272-6079-7 (E-PDF)

Widmung

Für Manuschak, Chahan und Taline

Inhalt

9 Persönliches Vorwort

14 Der rot-grüne Planet

Wie die Linke zuerst die Stadt belebt und dann das urbane ­Lebensgefühl bewirtschaftet

24 Bern wird bunt

Wie linke Männer Berns politische Wende strategisch ein­fädeln, die Frauen zuerst aussen vor lassen, in der Stadt aber plötzlich doch eine Frauenmehrheit regiert

36 «Was macht Frösch mit unseren Kröten?»

Wie Rot-Grün-Mitte unbeholfen in die Regierungsverantwortung holpert und doch zur zuverlässigen Machtmaschine wird

48 Die Chronik des bürgerlichen Scheiterns

Wie die bürgerlichen Parteien bereitwillig mithelfen, die ­Dominanz von Rot-Grün-Mitte zu zementieren

62 Ewige Liebe

Wie die rot-grüne Stadt Bern die Reitschule zum unantast­baren Machtfaktor aufbaut

76 Im Fegefeuer lokaler Eitelkeiten

Wie sich der bedrängte Journalismus und die empfindlichen Politiker aneinander reiben

92 Doppelpass mit dem Kapitalismus

Wie Berns gelb-schwarzer Fussball rot-grün wird

102 Stadt der offenen Ohren

Wie der urbane Schub im Westen Berns die rot-grünen ­Errungenschaften in Frage stellt

114 Geist vor Geld

Wie die rot-grüne Stadt zu einem introvertierten Eldorado der Lebensqualität wird

126 Bern – öffne dich!

Wie die rot-grüne Stadt in die Zukunft gehen könnte

136 Die rot-grüne Stadt Bern im Zeitraffer

148 Die Stadtregierungen seit 1981

151 Der Autor

152 Die Gesprächspartnerinnen und -partner

155 Literaturverzeichnis

Persönliches Vorwort

Als ich an einem Februartag im Jahr 1992 zum ersten Mal bewusst den rot-grünen Mikrokosmos der Stadt Bern betrat, war es düster, es roch feucht, die Dielen knarrten. Ich, ein junger Journalist mit spriessendem Kopfhaar und runder Brille, arbeitete auf der Stadt-Redaktion der «Berner Zeitung» und suchte zusammen mit meiner Kollegin Brigitte Zingg, die später Auslandsredaktorin bei Radio SRF wurde, ein schon damals baufällig wirkendes Haus an der Neubrückstrasse 17 auf. Es lag vis-à-vis der Reitschule beim Henkerbrünnli, ein paar Schritte von der Dead-End-Bar entfernt, mitten in Berns Bermudadreieck.

Der gemeinsame Sekretariatssitz der Feministinnen und Trotzkisten des Grünen Bündnisses und der Militärabschaffer der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) war ein latent staatszersetzender Ort. Für brave Journalisten der bürgerlichen «Berner Zeitung» ein heikles, wenn nicht sogar karrieregefährdendes Terrain. Dafür brauchte es nicht viel, wie mir eine kleine Episode kurz zuvor gezeigt hatte. Nach dem Besuch einer Versammlung der braven Mitte-links-Partei Junges Bern/Freie Liste (JBFL), die heute Grüne Freie Liste (GFL) heisst und den Stadtpräsidenten stellt, schrieb ich einen kurzen Artikel im Berichterstattungsstil irgendwo unten auf einer Zeitungsseite. Niemand nahm diesen Text wirklich zur Kenntnis, ausser Beat Hurni, damals Chefredaktor der «Berner Zeitung». Er bestellte mich sofort in sein Büro und warf mir an diesem Beispiel eine linke Unterwanderungstendenz vor, die ich umgehend zu unterlassen habe.

Mit dem Gefühl im Nacken, zu links zu sein, trafen also Brigitte Zingg und ich an der Neubrückstrasse 17 ein und befragten den Politologen Werner Seitz. Dieser legte staubtrocken seinen Umsturzplan offen, den er für das neue Bündnis der Rot-Grün-Mitte-Parteien der Stadt Bern errechnet hatte. So richtig glaubte ich dem Statistiker Seitz natürlich nicht.

Monate später, im November 1992, traf ich den grünen Politiker Peter Sigerist in der Stadt. Er deutete den Sieg des Demokraten Bill Clinton in den USA, der eben den amtierenden Republikaner George Bush senior aus dem Amt gejagt hatte, als gutes Omen für die rot-grünen Stadtberner Regierungsträume. Ich lächelte freundlich, dachte mir aber: Wie weltfremd kann einer sein, der sich im biederen Bern auf die Weltmacht USA bezieht?

Bekanntlich behielten Sigerist und Seitz Recht. Am Abend des 6. Dezembers 1992 sass ich, ungekämmt und in waghalsig gemustertem Hemd, im Erlacherhof, dem Sitz der Stadtregierung, an einem grossen Tisch. Hinter meinem Rücken brach plötzlich kreischender Jubel aus, während der Freisinnige Kurt Wasserfallen, eben in den Gemeinderat gewählt, das Gesicht verzog, als wäre ihm ein schwerer Stein auf den Fuss gefallen. Die Linksgrüne Therese Frösch hatte die Wahl in die nun rot-grüne Stadt­regierung geschafft, und noch fast dreissig Jahre später erinnert sie sich mit einer gewissen Belustigung daran, dass sie gedankenlos rote Strümpfe angezogen hatte, weil sie nicht damit rechnete, auf den Titelseiten der Medien zu landen.

Das ist meine Erinnerung an die politische Zeitenwende. Ich selbst zog mit meiner Familie kurz darauf ins Tessin, verfolgte die Berner Lokalpolitik aber mit etwas distanzierterem Aussenblick weiterhin genau. Als wir 2001 nach Bern zurückkehrten und ich wieder zur «Berner Zeitung» stiess, fühlte sich die Stadt schon unverschlafener, offener, multikultureller an. Doch das war nichts, verglichen mit dem, was in den darauffolgenden fast zwanzig Jahren geschah. Parkplätze verwandelten sich in Fussgängerreviere. Cafés in italienischem Stil, in denen der Cappuccino fünf Franken oder mehr kostet, schossen Pilzen gleich aus dem Boden. Die Warteschlange vor der Gelateria di Berna wurde zum sommerlichen Hotspot. Bürger waren auf einmal Bürger*innen. Skandale wie überteuerte Biohotdogs in Gratisbädern erhitzten die Gemüter. Die Stadt Bern putzte sich zu einem Showroom für rot-grüne Vorstellungen von Lebensqualität heraus. Und wurde zu einem staatlich umsorgten Wohnort, an dem es die Regierung als ihre Aufgabe anschaute, den verkehrsbefreiten öffentlichen Raum zu möblieren und zum «ausgelagerten Wohnzimmer» zu erklären.

Und ja, das windschiefe Haus an der Neubrückstrasse 17 entwickelte sich zu einer erfolgreichen Politkaderschmiede, bis es das Grüne Bündnis und die GSoA zu Gunsten einer standesgemässeren Bleibe im Frühjahr 2019 verliessen. Regula Rytz, die dort ab 1993 als erste bezahlte Sekretärin des Grünen Bündnisses gearbeitet hatte, klopfte im Dezember 2019 als – dann allerdings nicht gewählte – Bundesratskandidatin von ganz links aussen an die Tür der Landesregierung.

«Im Rückblick wirkt Berns Aufblühen wie eine logische Entwicklung. Aber in den neunziger Jahren war es alles andere als klar, dass die Stadt je wieder aus ihrer tiefen Krise finden und die Leaderrolle übernehmen wird», sagt Bernhard Pulver, damals Parteipräsident der heutigen GFL, später grüner Regierungsrat und seit 2019 Verwaltungsratspräsident der Insel Gruppe.

Pulver bringt auf den Punkt, was mich an der Geschichte der ­rot-grünen Stadt Bern fasziniert und mich bewogen hat, dieses Buch zu schreiben. Man vergisst schnell, wo Bern Anfang der Neunziger stand. Betrachtet man die knapp dreissig rot-grünen Jahre wie einen Film in Superzeitlupe, sieht man, wie ein paar linke Pioniere die in den Seilen hängende Stadt provozieren und beleben. Wie sie sich zu ihrer eigenen Überraschung immer stabiler und bequemer an der Macht installieren. Wie ihre Politik in die Normalität des Alltags hineingreift, bis in die Blumentöpfe urbaner Gärtnerinnen und Gärtner. Und wie sie sich in den Köpfen und Herzen der Menschen zu einem Lebensgefühl verfestigt, das die Stadt immer enger umfasst.

Natürlich gefiel mir, dass die rot-grüne Epoche ein paar hübsche Episoden in bester satirischer Qualität frei Haus lieferte. Die kapitalismuskritische Finanzdirektorin Therese Frösch, die Steuerschlupflöcher in den USA suchte? Bundesanwältin Carla Del Ponte, die durch ihr Berner Bürofenster Prostituierten bei der Arbeit zuschauen musste? Die linkslastigste Stadtregierung des Landes, in der mit Alec von Graffenried und Michael Aebersold zwei Mitglieder der konservativen Burgergemeinde sitzen? Manchmal war Bern auch Hauptstadt des Absurden.

Ehrlich gesagt vermisse ich heute in der städtischen Politik jedoch die Energie, die Konfrontationsfreude und den Mut der rot-grünen Anfänge. Es habe sich angefühlt, als erfinde man jeden Tag die Welt neu, sagte mir Regula Rytz einmal, als sie sich an die Startzeiten zurückerinnerte. Das ist heute anders: 28 Jahre Machtroutine haben Spuren hinterlassen. Die Angst, etwas zu verlieren, ist grösser als die Fantasie, etwas zu verändern. Die Vision, wo Bern sich hinbewegen könnte, hat sich verflüchtigt.

Dass Bern die schönste Stadt der Welt sei, sagt man nicht mit Selbstironie, sondern in heiligem Ernst. Vermutlich ist das Selbstvertrauen derjenige Standortfaktor, den Rot-Grün am meisten gefördert hat. Ungewollt ist allerdings auch die Selbstgefälligkeit mitgewachsen. In der brummenden Stadt von heute fühlt sich Wohlstand wie eine Selbstverständlichkeit an, und nicht unbedingt wie etwas, das erarbeitet werden muss – und deshalb auch gefährdet sein kann. Der Hang, ökonomische Zusammenhänge auszublenden, ist zu einem Persönlichkeitsmerkmal des rot-grünen Bern geworden.

«Vor dreissig Jahren, als ich in die Stadt hineinwuchs, teilte ich Ideen, die mit der Obrigkeit nicht kompatibel waren. Ich ging an Demos, die Gemeinderäte waren Feinde. Heute bin ich mit dem Stadtpräsidenten per du. Das ist eine Kumpelhaftigkeit, die mich zwar oft nervt, die für mich aber auch ihre Richtigkeit hat, weil ich ja auch dazugehöre. Aber das trifft längst nicht für alle zu», sagt Christian Pauli. Der frühere Journalist war Gründungsmitglied der Kulturkneipe Café Kairo in der Lorraine und Co-Leiter der Dampfzentrale, inzwischen ist er Kommunikationsverantwortlicher an der Hochschule der Künste Bern. Und er hat Recht, die politische Mehrheit zu relativieren. Eigentlich ist sie eine Minderheit, weil normalerweise mindestens 50 Prozent der Wahlberechtigten der Urne fernbleiben und 25 Prozent der Einwohner Ausländer ohne politische Rechte sind. Auch das gehört zur gerne ausgeblendeten Realität der rot-grünen Stadt.

Als ich an diesem Buch arbeitete, erfasste die Coronakrise die Welt. Abgesehen vom gesundheitlichen Notstand drohte plötzlich eine schwere wirtschaftliche Rezession, die den Blick auf die Stadt Bern und ihre langfristigen Perspektiven veränderte. Es bahnte sich eine Situation an, ähnlich wie in den neunziger Jahren, als Rot-Grün-Mitte die Macht übernahm: hohe Arbeitslosigkeit, verschärfte Armut, Finanzhaushalt in Schieflage. Damals trauten es die Wählenden der Linken zu, die Stadt aus der Krise zu führen. Und jetzt? Im Frühjahr 2020 waren auf einmal ungewohnte Manöver zu beobachten. Sozialdemokraten und Grüne posierten für Selfies vor lokalen Geschäften und machten sich für die Unterstützung des städtischen Gewerbes stark, während der freisinnige Gemeinderatskandidat Bernhard Eicher mehr Unterstützung für Drogenabhängige und die Notschlafstelle forderte. Weichten sich verhärtete ideologische Denkmuster auf? Es wäre etwas, das diese Stadt voranbrächte.

Während ich schrieb, blätterte ich immer wieder in zwei Büchern aus der grossen internationalen Politik, die mich geprägt haben. Der verstorbene deutsche «Spiegel»-Reporter Jürgen Leinemann beschreibt in «Höhenrausch» die wirklichkeitsleere Welt von Politikern. Und die verdrängte Tatsache, wie stark persönliche Ambitionen und Obsessionen von Politikerinnen und Politikern bestimmen, was sie im Namen öffentlichen Interesses tun (oder lassen). Der amerikanische Reporter George Packer schildert in seinem Werk «Die Abwicklung» in fantastischen Reportagen die «innere Geschichte» der USA im Übergang zur Trump-Ära. Er zeigt, wie Politik ins Alltagsleben der Menschen tröpfelt und fast unbemerkt auch private Handlungen und Lebensentwürfe beeinflusst. In der kleinen Welt der Berner Lokalpolitik ist das nicht anders.

Ich konnte dieses Buch nur schreiben, weil mir viele Menschen mit Gedanken und Tatkraft zur Seite standen. Meine grosse Dankbarkeit gilt: Susann Trachsel, Benita Schnidrig und Laura Ruf vom Stämpfli Verlag, die mich und mein Projekt mit viel Vertrauen und warmer Fürsorge begleiteten.

Ich sprach in vertraulichen Hintergrundgesprächen mit knapp vierzig Interviewpartnerinnen und -partnern aller politischer Lager, die verschiedenste berufliche und persönliche Beziehungen zu Bern haben. Ich fühle mich privilegiert, dass sie mir ihre persönliche Sicht der rot-grünen Epoche anvertraut haben. Einige kommen in autorisierten Zitaten in diesem Buch vor, von anderen sind Sichtweisen in meine Gedanken eingeflossen. Speziell danke ich Peter Sigerist, der mich in aussergewöhnlicher Grosszügigkeit an seinem schier unerschöpflichen Wissen über rot-grüne Angelegenheiten teilhaben liess. Was mich an allen Gesprächen beeindruckt hat: wie viele Leute sich mit grossem Einsatz und meist ehrenamtlich im Hintergrund für diese Stadt und ihr öffentliches Leben einsetzen.

Mein Dank geht an unzählige Stadtberner Journalistenkolleginnen und -kollegen aller Medien, die mit ihrer Arbeit zum kollektiven Gedächtnis dieser Stadt beitragen, von dem ich profitiert habe. Ein spezieller Schatz ist das aktualisierte und frei zugängliche Onlinearchiv, das der Journalist Fredi Lerch mit seinen Texten führt. Stefan von Bergen und Christoph Hämmann, Redaktionskollegen bei der «Berner Zeitung», lasen Teile des Manuskripts gegen, ermutigten mich und bewahrten mich vor Fehlschlüssen.

Wer schreibt, kennt das bange Begleitgefühl, dass sich die eigene Gedankenwelt als Bluff entpuppt, als peinliche Selbstüberschätzung, als sinnloser Vorstoss in den Nebel, nachdem man den Zeitpunkt für den Rückzug verpasst hat. Meine Familie – meine Partnerin Manuschak Karnusian und unsere Kinder Chahan und Taline Karnusian – holte mich liebevoll mit einem einfachen Gedanken zurück auf den Boden der Zuversicht: Man bereut nur, was man nicht gemacht hat. Und nicht, was man gemacht hat.

Jürg Steiner

Juni 2020

Der rot-grüne Planet

Wie die Linke zuerst die Stadt belebt und dann das urbane Lebensgefühl bewirtschaftet

Am 6. Dezember 1992, dem Tag, an dem die Schweiz Nein zu einem Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) sagte und in der Stadt Bern das rot-grüne Zeitalter begann, genau an diesem Sonntag tauchte die Live-CD «Wintertour» der Berner Rockband Züri West erstmals in den Albumcharts der offiziellen Schweizer Hitparade auf. «Wintertour» war ein Album mit Fotos in Schwarzweiss. Man sah die Band fröstelnd im Schneetreiben, unterwegs in den Bergen, lümmelnd in einer Turnhalle. Die Songs von Sänger Kuno Lauener, sie handelten vom geplatzten Traum, aus Bümpliz nach Casablanca abzuhauen. Von einem Mann, der traurig war wie ein Saxofon, nachdem die Freundin das Weite gesucht, aber ihren Duft auf dem Kopfkissen hinterlassen hatte. Und vom sehnsüchtigen Gefühl, «wenn i z’bärn am fänschter schtah und d’sunne grad im meer versinkt».

Manchmal klang in den Liveaufnahmen die junge, kochende Wut der bleiernen achtziger Jahre an. Züri West vertonte sie im Lied «Flachgleit» über die Räumung des Hüttendorfs Zaffaraya, damals auf dem Gaswerkareal im Mattequartier, oder in «Hansdampf», dem Song zur Besetzung der Dampfzentrale. Lauener besang auf «Wintertour» das traurige, schwermütige Bern der Vor-Handy-Zeit. Eine Stadt, in der man an kalten Abenden am Küchentisch Carambole spielte und hoffte, die Frau gegenüber bleibe da über Nacht. Ein unharmonisches Bern der einsamen Herzen, der hoffnungsvollen Träume, der getrennten Welten.

Stadt der Lederjacken und der Hipster-Kluft

27 Jahre später, im November 2019, trat das erfolgreiche Berner Hip-Hop-Duo Lo & Leduc, das seine Karriere vom rot-grünen Alternativquartier ­Muri­­- feld aus gestartet hatte, im noblen Kulturcasino auf. Die Berner Burger­gemeinde hatte das denkmalgeschützte Haus, das ihr gehört, eben für 74 Millionen Franken renovieren lassen und als Direktor Kochweltmeister Ivo Adam engagiert, der künftig für angesagte Kulinarik sorgen sollte. Zur Eröffnung gaben Lo & Leduc unter dem Titel «Über ds Chrütz» drei vom jungen Komponisten Sebastian Schwab arrangierte gemeinsame Konzerte mit dem Berner Symphonieorchester, das sonst Beethoven, Rossini und Mozart spielt.

Doch an diesem Abend groovte der klassische Klangkörper zur Hip-Hop-Hymne «079», und die schlohweissen Haare von Chefdirigent Mario Venzago federten unter den monumentalen Kronleuchtern mit dem Beat von Lo & Leduc um die Wette. Die musikalischen Welten von Hip-Hop und Klassik verschmolzen zu einem kommerziellen High-End-Erlebnis. Fast zu harmonisch und zu brav für urbane Bedürfnisse, merkten Berner Kulturjournalisten kritisch an.

Die beiden Momentaufnahmen – Züri West, frierend in schwarzen Lederjacken vor einem Ladenlokal, Lo & Leduc in farbiger Hipster-Kluft, geherzt von Stardirigent Venzago im Frack – fangen den Wandel des Lebensgefühls ein, den die Stadt Bern in der Ära durchlief, die politisch von Rot-Grün geprägt wurde. Die herzliche Umarmung zwischen linker Popmusik, aristokratischer Burgergemeinde und klassischer Hochkultur, sie wäre dreissig Jahren zuvor undenkbar gewesen oder ein handfester Skandal.

60 647 Entscheide fällte die Berner Stadtregierung zwischen 1993 und 2019, wie der städtische Informationsdienst festhält. Man kann sie als politische Schritte auf dem rot-grünen Weg sehen, den die Stadt Bern in dieser Zeit zurücklegte. Die regierenden Linken verstehen die positive Entwicklung der Stadt gerne als Verdienst der eigenen politischen Weitsichtigkeit. Und verdrängen, dass sie auch profitiert haben von vorteilhaften äusseren Bedingungen. Rot-Grün-Mitte holte sich das Vertrauen der Stimmbevölkerung zwar in einer tiefen Krise, aber ab Ende der neunziger Jahre blies dem Bündnis das wirtschaftliche Gunstklima in der Schweiz viel Wind in den Rücken. Die mit der EU vereinbarte Personenfreizügigkeit förderte ab 2002 die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, die sich häufig in den Städten niederliessen – in Bern etwa rund um das Inselspital – und die Steuerkraft erhöhten. In diesen fetten Jahren verfestigte sich der wacklige politische Coup von 1992 zur dauerhaften Machtübernahme.

Stadt der blanken Nerven

Als die Stadt Bern am 6. Dezember 1992 erstmals rot-grün wählte, ahnte niemand, dass daraus mehr würde als ein kurzer Spuk. Aber es wurde die aus damaliger Sicht unvorstellbare Geschichte der bürgerlichen, bedächtigen Verwaltungsstadt, die sich in eine progressive urbane Hochburg verwandelte. Mit Ausnahme von Lugano sind alle Schweizer Grossstädte rot-grün regiert, aber keine von ihnen hat sich seit 1992 so weit nach links bewegt wie Bern.

Die rot-grüne Erfolgsgeschichte inmitten des durch und durch bürgerlichen Kantons Bern mutet an wie ein strategisches Meisterstück. In Tat und Wahrheit war sie eine oft zufällige Abfolge von Geistesblitzen und Fehltritten, von Fleiss und Nachlässigkeit, von Ehrgeiz und Erniedrigung. Mitunter ging es im Erlacherhof, im noblen Sitz des Stadtpräsidenten, in der ­rot-grünen Ära nicht anders zu als an einem Königshof. Man rang und ringt mit bösen Intrigen, listigen Winkelzügen, kleineren und grösseren Gemeinheiten um Einfluss. So, als hätte man den Beweis erbringen wollen, dass auch Linke bereits auf der Stufe Lokalpolitik nicht davor gefeit sind, der Versuchung und der Bequemlichkeit der Macht zu erliegen.

Im Dezember 2019 las der preisgekrönte, umstrittene Schriftsteller Lukas Bärfuss in der Rössli-Bar der Reitschule vor vorwiegend jungem Publikum aus seinem Werk. «Wi isch dr nöi Stapi?», fragte er nach der Bierpause beiläufig und meinte den seit 2017 regierenden Grünen Alec von Graffenried. «Scheisse», tönte es grob zurück. Bärfuss schwieg. So kann es sich anhören im links regierten Bern, das der Reitschule seit bald dreissig Jahren wohlgesinnt ist. Unter der oberflächlichen Harmonie des rot-grünen Wohlgefühls grassieren Neid und Missgunst, so dass beim Regieren und Regiertwerden auch persönliche Verletzungen, Rachegefühle und unverdauter Ärger mitwirken.

Bern, vor dreissig Jahren eine steife, verunsicherte Stadt mit sozialen, finanziellen und ökologischen Problemen, strotzt vor Sauberkeit, Lebendigkeit und Selbstbewusstsein, das bisweilen in Selbstüberschätzung kippt. Das ist, in einem Satz, der Leistungsausweis von Roten und Grünen seit 1992. Dafür wurden sie politisch überproportional entschädigt. Je länger sie an der Macht waren, desto deutlicher bestätigten die Stimm- und Wahlberechtigten den linken Kurs. Die Kehrseite: Rot-Grün konnte sich in den letzten fast dreissig Jahren Skandale, Peinlichkeiten und Unterlassungen leisten, ohne dass die Vormachtstellung gefährdet wurde.

«Was sich veränderte, als Bern plötzlich von einer Rot-Grün-Mitte-Mehrheit regiert wurde, versteht man nur, wenn man weiss, wie es vorher war», sagt der Filmemacher, Journalist und Fotograf Bernhard Giger, Leiter des Kornhausforums. Giger hat sich künstlerisch und journalistisch intensiv mit dem Bern vor und nach der rot-grünen Wende befasst. In seinem Spielfilmerstling «Winterstadt» von 1981 sah man eine finstere, unterkühlte Stadt, durch die nur wenige Menschen schlichen, und die einzigen Orte, an denen widerspenstiges Leben keimte, befanden sich unter der Erde, in den Altstadtkellern der Nonkonformisten.

Stadt des Lichterlöschens

Die klaren Feindbilder aus dem eben erst beendeten Kalten Krieg klebten auch Anfang der neunziger Jahre schwer an Bern. Sich auf die Treppe der Heiliggeistkirche zu setzen, war eine kleine Provokation. Wer in einer WG lebte, den umwehte den Hauch des Staatsfeinds, weil man es damit vielleicht beim Nachrichtendienst auf eine Fiche geschafft hatte. Demonstrationen arteten regelmässig in Tränengasschlachten aus. Der öffentliche Raum war besetzt, aber nicht unbedingt von Menschen. Auf dem Bundesplatz parkierten 95 Autos, die nur für den Wochenmarkt, Staatsempfänge und gelegentliche Demonstrationen verbannt wurden. Autoplantagen belegten auch den Waisenhausplatz und die Schützenmatte. Die Bundesterrasse, die Münsterplattform, die Kleine Schanze waren das Revier von Drogenabhängigen, Alkoholikern und Prostituierten. Und wenn man mit Kindern einen Spielplatz aufsuchte, vergewisserte man sich, dass keine gebrauchten Spritzen im Sandkasten lagen.

Die 24-Stunden-Gesellschaft und ihre frivole Konsuminfrastruktur waren weit entfernt. Der Moonliner etwa, das Nachtbussystem, existierte noch nicht einmal als Idee, wobei ein vollwertiger Ausgang ohnehin meist vor Mitternacht endete. Man sass bei ein paar Bieren im Restaurant Falken an der Münstergasse, bis maximal 22.45 Uhr, und wer es wirklich wissen wollte, schlich danach in die «Glocke» für eine Portion Pouletflügeli und in die Kreissaal-Bar für einen Absacker. Am Wochenende konnte man in die 1968 entstandene Tanzdiele in der Matte oder den Gaskessel. Ansonsten: Lichterlöschen.

Dunkel eingetrübt waren die wirtschaftlichen Aussichten, nicht nur in der Stadt. Im Jahr 1992 ging der Kanton Bern in die Knie wie ein schwer getroffener Boxer. Die Berner Kantonalbank hatte im Kreditgeschäft jahrelang zu viel riskiert, kündigte einen Abschreiber von bis zu 3,5 Milliarden Franken an und erbettelte Staatshilfe vom Kanton. Eine Situation, vergleichbar mit jener Griechenlands während der Euro-Krise. Über zehn Jahre lang engte die Überlebensübung nach dem Kantonalbankdebakel den Spielraum für Inves­titionen und Innovationen ein und warf Bern weit zurück. Der Kanton sparte, auch auf Kosten der Stadt.

Diese hing ihrerseits in den Seilen: Sie verlor schrittweise rund 40 000 Einwohnerinnen und Einwohner an die steuergünstigen Agglomerationsgemeinden des sogenannten Speckgürtels und fand sich als «A-Stadt» wieder, in der sich Arbeitslose, Abhängige, Alte und Auszubildende konzentrierten. Sie kosteten viel und brachten wenig Steuererträge. Finanziell befand sich die Stadt Bern, zusätzlich gebeutelt durch eine heftige Wirtschaftskrise, im freien Fall. 1992, als die damalige bürgerliche Regierung ihr letztes Budget präsentierte, veranschlagte sie im ersten Anlauf ein horrendes Defizit von 99,6 Millionen Franken, das danach auf vergleichsweise milde 70 Millionen korrigiert wurde.

Stadt der Birkenstöcke

So grau und perspektivlos fühlte sich das Leben in der Stadt Bern an, als sich die rot-grüne Zeitenwende anbahnte. Es wirkte wie eine Frischzellenkur, als plötzlich Freaks in farbigen T-Shirts und ausgelatschten Birkenstöcken nicht nur Demos organisieren und Transparente sprayen, sondern in die institutionelle Politik vordringen wollten. Sie zimmerten die abenteuerlichste politische Koalition, die es in der Schweiz bis dahin gegeben hatte. Ein Bündnis, das von den geläuterten Kommunisten links aussen bis zu den eingemitteten Christen der Evangelischen Volkspartei (EVP) reichte, ein Spagat, bei dem man sich eigentlich nur eine langwierige Zerrung holen konnte.

Das gewagte Konstrukt erhielt den spröden Namen Rot-Grün-Mitte (RGM) und drohte ständig auseinanderzubrechen. Das Progressivste an RGM war die seltene Furchtlosigkeit vor dem Scheitern. Man stritt vom ersten Tag an öffentlich, ohne Rücksicht auf Verluste, und hörte damit auch dann nicht auf, als man am 6. Dezember 1992 die bürgerliche Mehrheit von der Macht verdrängte.

Die rot-grünen Pionierinnen und Pioniere, allen voran die überraschend gewählte Linksgrüne Therese Frösch, verpassten der Stadt einen Energieschub. Sie begannen mitten in der Wirtschaftskrise der neunziger Jahre vom urbanen Aufbruch zu reden, von Dingen, die noch als unrealistische linke Ideologie galten, von Verkehrsberuhigung, von Kindertagesstätten, vom Ausbau des öffentlichen Verkehrs, von Kulturoffensiven, von Gleichstellung, von sozialem Wohnungsbau, von der Integration von Ausländerinnen und Ausländern. In der Praxis jedoch setzten sie sehr oft eine Politik um, die auch bürgerliche Bedürfnisse befriedigte. Rot-Grün machte die Stadt trotz Sparkurs mit hohem Einsatz von Steuergeldern sauber und sicher und für die Menschen wieder attraktiv. Und zwar ohne, dass das multikulturell gewordene Bern der Sehnsucht nach kleinbürgerlichem Quartieridyll in die Quere kam.

Keine Stadt der Schweiz hat mehr Begegnungszonen mit der Höchstgeschwindigkeit von zwanzig Kilometern pro Stunde eingerichtet als Bern. Die Quartiere sind zu ruhigen Wohnzonen geworden, in denen die Kirchenglocken auf einmal zu laut läuten. Immer häufiger stören auch die Nebenwirkungen des aufgeblühten Nachtlebens. Christa Ammann, Leiterin von Xenia, der Beratungsstelle für Sexarbeitende, und Politikerin der Alternativen Linken, ist links von Rot-Grün-Mitte unterwegs, und wenn man sie zum Kurs der politischen Mehrheit fragt, bringt sie ihn auf eine kritische Formel: Er sei ein «Wellnessprogramm für den oberen Mittelstand».

Rot-Grün erwuchs von bürgerlicher Seite immer weniger Widerstand, die wilden Jahre des Machtwechsels flossen über in eine Routine der Machterhaltung. Innerhalb des Bündnisses waren immer häufiger berechenbare Synchronschwimmerinnen und -schwimmer am Werk und kaum noch eigen­­willige Köpfe. Als politisches Ziel rückte die Steigerung der Lebensqualität in den Fokus. Aber die Frage, wie sie finanziert wird, blieb im Hintergrund. Die Liste der Empfänger städtischer Gelder wurde länger – und damit auch die Front derer, die sich wehrten, wenn die Stadt plötzlich den Sparstift ansetzte.

Es ist nichts Neues, dass die Beziehung der Stadt Bern zum wirtschaftlichen Denken quasi genetisch belastet ist. Im fernen Jahr 1747 beschloss die exklusive städtische Oberschicht erlauchter Familien, die über den damals noch mächtigen Stadtstaat Bern herrschte, ein Unternehmerverbot, faktisch eine Trennung von Wirtschaft und Politik. Kaufmänner durften im patrizischen Bern – anders als in der Zunftstadt Zürich – nicht gleichzeitig Staatsmänner sein, weil man vermeiden wollte, dass privat erwirtschafteter Reichtum zu politischem Machtgewinn führte. So blickten im Alten Bern die Adelsfamilien aus der Politik herab auf das unternehmerisch tätige Bürgertum, das sich mit Banalitäten wie Geldverdienen herumschlug.

Es wäre sicher falsch, eine direkte Linie vom erstarrten Bern der Patrizier im 18. Jahrhundert zum dynamisierten Bern der rot-grünen Gegenwart zu ziehen. Aber die Frage, wie man den Wohlstand sichert, der Stadtentwicklung überhaupt erst möglich macht, wird heute oft genauso wenig zu Ende gedacht wie damals.

Stadt des Hamsterrads

«Das können wir uns leisten», sagte Stadtpräsident von Graffenried, als der Gemeinderat 2018 beschloss, das für eine Stadt von der Grösse Berns respektable jährliche Kulturbudget von 32 Millionen Franken um weitere 2,3 Millionen zu erhöhen. Das hochstehende Kulturangebot sei ein zentraler Standortfaktor, der die Bundesstadt auf wirtschaftlichem und demografischem Wachstumskurs halte. Von Graffenried argumentierte wie ein Wirtschaftskapitän, der den Expansionskurs seiner Firma erläutert. Nur, dass der Stadtpräsident natürlich mit Steuergeldern operiert.

Als das Mitte-links-Bündnis vor knapp dreissig Jahren in der schrumpfenden Bundesstadt die Mehrheit übernahm, traute man seinen Exponenten kaum zu, eine Bilanz lesen zu können. Aber unter ihrer Führung blühte die Stadt wieder zum Wirtschaftsmotor des sonst klammen Kantons Bern auf. Man muss sogar sagen: Ohne die auf Hochtouren laufende rot-grüne Stadt würde der bürgerliche Kanton, der nach wie vor auf eine jährliche Zahlung von rund einer Milliarde Franken aus dem nationalen Finanzausgleich angewiesen ist, noch schlechter dastehen.

Die Stadt Bern gibt viel Geld aus, aber sie nimmt auch viel Geld ein. Rund zwei Milliarden Franken an Steuern pro Jahr zum Beispiel, die jedoch zu drei Vierteln an Kanton und Bund gehen. Immer wieder kokettierten rot-grüne Politiker mit einer theoretischen Rechnung: Man könnte die Stadt und die eng umliegenden Agglomerationsgemeinden in einen Halbkanton zusammen­fassen, der ohne die Last des ländlichen Restkantons so dynamisch wäre, dass er mit Schweizer Steuerparadiesen wie Zug mithalten könnte.

Es ist jedoch die Ironie der Stadtberner Erfolgsgeschichte, dass ausgerechnet die an sich wachstumskritischen Roten und Grünen darauf angewiesen sind, die von ihnen in Gang gebrachte Wachstumsmaschine Stadt am Laufen zu halten. Der hochgefahrene soziale, ökologische und infrastrukturelle Full-Board-Service lässt sich nur finanzieren, wenn die Bevölkerung und damit die Steuererträge zuverlässig wachsen. Das tun diese aber bloss dann, wenn die Stadt die hohen Ansprüche, die sie geweckt hat, befriedigt. Aus diesem Hamsterrad, in das Rot-Grün die Stadt Bern hineinmanövriert hat, scheint es keinen Ausweg zu geben.

Die langjährige Regierungskoalition ist Gefangene des eigenen Erfolgs. Natürlich drängt sich die Frage auf, ob ein politischer Machtwechsel frischen Wind in die Stadt bringen würde. Das Problem ist, dass schon nur die Frage hypothetischen Charakter hat. Das rot-grüne Lager wird kaum je noch herausgefordert und kommt so leicht zu Mehrheiten, dass es häufiger über die eigene Nonchalance stolpert als über den praktisch inexistenten politischen Gegner. Gleichzeitig bewirtschaften Kritiker aus der Agglomeration und dem Restkanton stur das Zerrbild einer Stadt, die weltfremde und gewerbefeindliche Prioritäten setzt.

Diese hartnäckige Berner Blockade ist eine ungünstige Voraussetzung für eine Stadt, die im wirtschaftlich fragilen Kanton Bern Leaderin sein will (und sein muss). Und die vor schwierigen strategischen Herausforderungen steht, die breit getragene Lösungen erfordern. Beispielsweise bedroht die Digitalisierung das pittoreske «Einkaufszentrum» Altstadt, in dem ein Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Franken erwirtschaftet wird. Das ungezähmte Verkehrswachstum erfordert regional abgestimmte Lösungen und keine ideologischen Debatten. Komplex ist auch der sich zuspitzende Konflikt zwischen dem Zwang zu verdichtetem Siedlungsbau und der Notwendigkeit, angesichts der Klimaerwärmung für die Kühlung in den städtischen Hitzeinseln Belüftungskorridore und Verdunstungsflächen zu schaffen.

Stadt des versicherten Glücks

Bern sei «eine fantastische Stadt, aber da liegt noch mehr drin», sagte die grüne Gemeinderätin Franziska Teuscher im Jahr 2017, als die Regierung ihre Legislaturziele mit dem Label «Stadt der Beteiligung» präsentierte. Teuscher brachte damit zum Ausdruck, dass sie den rot-grünen Weg der Stadtentwicklung noch für längst nicht abgeschlossen hält.

Im idealisierten rot-grünen Bern ist Lebensqualität eine nach oben offene Kategorie, die ungefähr so funktioniert: Der wachsenden Bevölkerung werden reihenweise Grünflächen und Begegnungszonen übergeben, ausgestattet mit energieeffizienter Beleuchtung. Man trifft sich an runden Tischen zur Partizipation, vielsprachig übersetzt, damit niemand benachteiligt wird. Rundherum leben engagierte, sensible Menschen, die sich beteiligen am nachbarschaftlichen Alltag, die den Abfall in farbigen Säcken trennen und zu Fuss zur Sammelstelle bringen, ihren Kompost pflegen, ihr Auto teilen, aufgehobene Quartierparkplätze möblieren, für die Mittagspause das Mehrweggeschirr mitnehmen und über Nacht den WLAN-Router ausschalten.

Bern will Velohauptstadt sein, will Sporthauptstadt sein, Blumenstadt, hat das Energiestadtlabel Gold. Bern ist Fair-Trade-Town und tritt dem Rainbow-Cities-Network bei, das die Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Intersex- und Transmenschen fördert. In besonders ekstatischen Momenten geht die Verklärung der Lebensqualität so weit, dass selbst das sommerliche Kultschwimmen in der bebadbaren Aare, wie sie der Bundes-Corona-Delegierte Daniel Koch im Frühsommer 2020 bezeichnete, als rot-grüne Errungenschaft gefeiert wird. Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt, so drückte es Stadtpräsident Alec von Graffenried einmal aus, «sollen sicher sein, nicht zu den Verlierern zu gehören». Bern als Kaskoversichererin des persönlichen Glücks?

Dass noch jemand davon träumt, den virtuos bewirtschafteten rot-­grünen Planenten für einen Trip nach Casablanca zu verlassen: unvorstellbar.

Die sich nach der Coronakrise ankündigende Rezession, der weiterwachsende Rückstand Berns auf die nationalen Wirtschaftszentren Genf und Zürich, das ungebremste Pendler- und Verkehrswachstum in der Agglomeration, die schwierige Finanzlage der Stadt und vieler Regionsgemeinden: Dem Grossraum Bern stehen Herausforderungen bevor, für die es hilfreich ist, ein nüchternes Bild der Verdienste und Irrwege der rot-grünen Stadt zu haben. Ein Bild, das weder den linken Teufel an der Wand zeigt, noch rot-grüner Erfolgsromantik huldigt.

Dazu will dieses Buch einen Beitrag leisten. Es erzählt Berns jüngste politische Geschichte, in der es auch darum geht, wie Menschen Macht erringen. Was sie mit der Macht machen. Und was die Macht mit ihnen macht.

Bern wird bunt

Wie linke Männer Berns politische Wende strategisch einfädeln, die Frauen zuerst aussen vor lassen, in der Stadt aber plötzlich doch eine Frauenmehrheit regiert

Die Feindbilder, die Bern in den Achtzigern und Anfang der neunziger Jahre spalteten, sie waren boshaft, aggressiv, unversöhnlich. «Macht aus Albisetti Hackfleisch und Spaghetti», stand an Berns Sandsteinfassaden gesprayt. Die aufbegehrende Jugend meinte den freisinnigen städtischen Polizeidirektor Marco Albisetti. Er war Mitglied der bürgerlichen Regierung, die in Bern seit 1984 regierte und ein Bild der Überforderung abgab, weil sie keinen Weg fand, mit neuen Lebens- und Protestformen umzugehen. Albisetti, ein distinguierter Jurist mit Tessiner Wurzeln, wurde zur beliebten Zielscheibe während des kulturellen Zusammenstosses, der Bern tief erschütterte.

Im Frühjahr 1987, ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, rief die Anti-Atom-Bewegung zu einer nationalen Kundgebung nach Bern und forderte erstmals, Atomkraftwerke in der Schweiz stillzulegen. Tausende standen im Demo-Zug, der sich auf einer teilweise unbewilligten Route durch die Marktgasse bewegte, als die Stadtpolizei mit Tränengas und Gummischrot einschritt. «Mühleberg stilllegen, Albisetti endlagern», hiess nach dieser Eskalation die wütende Losung. Ein halbes Jahr später musste die bürgerliche Stadtregierung die Besetzung der Reitschule hinnehmen. Als symbolischen Akt befestigten die Besetzer an einer Wand einen Hampelmann aus Holz namens Albiseppli, mit dem sie den Polizeidirektor verhöhnten.

Später wurde Albisetti mit Farbe beworfen, und nach der polizeilichen Räumung des Hüttendorfs Zaffaraya nur zwei Wochen nach der Reitschulbesetzung erhielt er definitiv das Etikett als Verhinderer einer fortschrittlichen Stadt. Bei einer spontanen Donnerstag-Demonstration in der Innenstadt zur Störung des Abendverkaufs vor Weihnachten 1987 kam es zu Handgreiflichkeiten. Albisetti befand sich zum traditionellen Suurchabis-Essen – dem Jahresschlussanlass des Stadtrats – im Restaurant Zunfthaus zur Webern, und als draussen die Demonstrierenden johlten, stellte sich der Polizeidirektor auf der Strasse der Diskussion. Hitzige Protestler versuchten darauf, ihn in den nahegelegenen Brunnen zu tauchen, wie sich der Berner Autor Matto Kämpf, der als Zeitzeuge dabei war, in einem Text erinnerte.

1988 schaffte die bürgerliche Regierung, inklusive Marco Albisetti, zwar die Wiederwahl. Aber die folgende Legislatur bestätigte das Bild einer blockierten, grauen Stadt, in der sich die politischen Lager in unverhohlener Feindseligkeit gegenüberstanden: die neoliberalen Kultur- und Sozialabbauer rechts gegen die linken Feministinnen, Ökofantasten und Verkehrsbremser. In dieser Konstellation taumelte die Stadt Bern, zu allem Überfluss auch noch auf finanziellem Schleuderkurs, dem 6. Dezember 1992 entgegen.

Bern gegen Blocher

An diesem Abstimmungs- und Wahlsonntag hatte eine legendäre und loyale Figur der Stadtberner Verwaltung ihren grossen Auftritt. Jürg Biancone übte seinen Job als Vizestadtschreiber seit 1981 mit seltenem Understatement aus. Egal, ob er einer Gemeinderatssitzung beiwohnte, an Wahltagen Gemeinderäten die brutale Nachricht ihrer Abwahl überbrachte, als Gesandter der Stadtregierung die Reitschule aufsuchte oder hinunter ins Gaswerkareal fuhr, um den Bewohnern des Hüttendorfs Zaffaraya die neusten Regierungsbeschlüsse persönlich zu überbringen: Der gewiefte Troubleshooter tat alles mit derselben Unaufgeregtheit.

Am Abend des 6. Dezembers trat er im Erdgeschoss des Erlacherhofs, des Stadtberner Regierungspalais aus dem 18. Jahrhundert an der Junkerngasse, ans Mikrofon, räusperte sich, griff sich kurz an die Brille. Nichts an seiner Körpersprache deutete darauf hin, dass er, verantwortlich für das korrekte Auszählen der Stimmen, gleich ein für die Stadt Bern historisches Resultat vermelden würde. Wenige Stunden zuvor hatten die Schweizer Stimmberechtigten den Beitritt der Schweiz zum EWR abgelehnt und damit der rechtsbürgerlichen SVP von Christoph Blocher den ersten ganz grossen nationalen Sieg beschert. Biancones warmer Bass verkündete nun die weltanschauliche Antithese zu Blochers neoliberaler SVP, zur bürgerlichen Schweiz, zum konservativen Kanton Bern: Die behäbige Bundesstadt, zuvor acht Jahre lang von einem soliden bürgerlichen Block regiert, erhielt neu eine linke Mehrheit in Regierung und Parlament, letztere allerdings mit 42 von 80 Sitzen hauchdünn. Die rot-grüne Insel, sie war plötzlich da.

Es war ein Paukenschlag, der jedoch die Wahrheit dieser politischen Wende übertönte: Streng genommen war sie gar keine Wende. Die Stadtberner Linke, die sich erstmals zu einer extrabreiten Rot-Grün-Mitte-Einheitsliste vom Grünen Bündnis (GB) bis zur Evangelischen Volkspartei (EVP) und zum Landesring der Unabhängigen (LdU) vereinigt hatte, holte bei den Gemeinderatswahlen bloss 48,9 Prozent der Stimmen. Die Mehrheit der Wählenden in der Stadt Bern sprach sich für die Kandidierenden rechts der Mitte aus. Bürgerliche und Rechts-aussen-Parteien erreichten gemeinsam 51,1 Prozent, allerdings aufgeteilt auf insgesamt fünf separate Kandidatenlisten.

Politik für Mathematiker

Man muss ein bisschen rechnen, wenn man die verwinkelte Politik der Stadt Bern verstehen will, denn sie ist wahlrechtlich von zwei Besonderheiten geprägt. Erstens: Bern wählt die Regierung, anders als die meisten anderen Gemeinden, seit 1895 im Proporzverfahren. Gewählt ist also nicht die Person mit den meisten Stimmen, sondern Mandate werden gemäss den erreichten Stimmenanteilen an die Parteien verteilt, ins Amt kommen die Bestgewählten auf deren Listen. Zweitens: Die Gemeindeordnung untersagt Listenverbindungen. Das zwingt die Parteien dazu, Bündnisse zu bilden und Einheitslisten zusammenzustellen, um die Wahlchancen zu optimieren. Je breiter die Koalition, desto besser.

Die beiden Besonderheiten sind der Grund dafür, dass die Parteistrategen alle vier Jahre vor den Wahlen Monate damit verbringen, Wähleranteile zu berechnen und Bündnisverhandlungen zu führen. Man kann Topkan­didaten haben und eine formidable Politik machen – es nützt nichts. Ohne Bündnis ist in Bern kein Blumentopf zu gewinnen. Und wenn die Wahlen vorbei sind, besteht die Stadtberner Politik auch darin, minutiös zu überwachen, ob die Gewählten auch ja unter der Fuchtel der Koalition bleiben. Oder ob sie es wagen auszuscheren.

Der entscheidende Wettbewerbsvorteil der Linken war es an diesem 6. Dezember, sehr gut gerechnet zu haben. Dass die Parteien rechts der Mitte auf getrennten Listen angetreten waren und sich die Stimmen deshalb aufteilten, war der springende Punkt. Der geeinten Rot-Grün-Mitte-Koalition reichte es knapp für vier der sieben Gemeinderatssitze, die Bürgerlichen (FDP, SVP, CVP) verloren einen und wurden auf drei Sitze zurückgestutzt. Die Splittergruppen rechts aussen gingen leer aus.

Ehe Vizestadtschreiber Biancone im Erlacherhof ans Mikrofon trat, musste er dem amtierenden SVP-Gemeinderat und früheren TV-Journalisten Marc-Roland Peter also beibringen, dass er abgewählt worden war. Dies hatte er schon vier Jahre zuvor SP-Gemeinderätin Gret Haller mitteilen müssen. Sie hatte sich im Herbst 1987 offen vom gemeinderätlichen Räumungsbeschluss für das Hüttendorf Zaffaraya distanziert und verpasste im Dezember 1988 die Wiederwahl – um 161 Stimmen. Die SP-Wählerschaft zog ihr den weniger prononcierten Parteikollegen Klaus Baumgartner vor, von dem Hallers Entourage geglaubt hatte, er werde ihr nicht gefährlich.

Ohne die für die SP-Frauen aufwühlende Haller-Abwahl und den Sitzverlust der SP hätte es 1992 den Coup von Rot-Grün-Mitte wohl nicht gegeben. Die Schmach rüttelte die Linken wach. Sie begriffen im dritten Anlauf endlich, wie wichtig Arithmetik in der Stadtberner Politik ist. Bereits 1984 waren sie wegen dieses taktischen Fehlers kläglich gescheitert. Damals erreichte das spätere Rot-Grün-Mitte-Lager sogar 53 Prozent der Stimmen, aber es war auf mehrere Listen aufgeteilt. Deshalb blieb die Linke bei drei Sitzen stehen. Das bürgerliche Dreigestirn FDP-SVP-CVP hingegen hatte sich zu einer Einheitsliste mit dem Namen «Vierer mit» zusammengeschlossen. Der Begriff war der Rudersprache entlehnt und meinte die Regierungsmehrheit von vier Sitzen inklusive Stadtpräsidium. Der «Vierer mit»-Liste genügten 39 Prozent der Wählerstimmen zur Eroberung der Regierungsmehrheit.

Auch 1988 machte das zersplitterte Parteienspektrum links der Mitte zusammengerechnet 48,2 Prozent der Stimmen. Weil die Bürgerlichen aber geschlossen im «Vierer mit» ruderten, konsolidierte sich die bürgerliche Formel für den Stadtberner Gemeinderat: Die FDP besetzte zwei Sitze, CVP und SVP je einen. Die linke Minderheit setzte sich aus zwei SP-Männern (Klaus Baumgartner, Alfred Neukomm) sowie einer Vertreterin des links­liberalen Jungen Bern (Joy Matter) zusammen.

Die «lieben Freunde» auf der Linken

Am «historischen» 6. Dezember 1992 passierte politisch in der Stadt Bern fast nichts. Und gleichzeitig sehr viel. Rot-Grün-Mitte legte im Vergleich zu 1988 bloss um die homöopathisch kleine Dosis von 0,7 Prozent Stimmenanteile zu. Aber weil die Linken mit der RGM-Einheitsliste unterwegs waren, während der «Vierer mit» zerbrach, jagten sie mit diesem Minizuwachs den Bürgerlichen die Mehrheit ab.

Die rot-grüne Ära der Stadt Bern begann, ohne dass eine Mehrheit der Wählenden für Rot-Grün eingelegt hatte. Es brauchte – aus linker Sicht – an diesem Tag viel Glück. Aber es war kein Zufall.

Am 27. März 1991, 21 Monate zuvor, setzte Michael Kaufmann, Sekretär der SP Stadt Bern, einen Brief auf an die «lieben Freunde» von «Mitte-Links-Rot-Grün». Man kann dieses Schreiben als Initialzünder für das schweizweit erstmalige Experiment bezeichnen, ein politisches Bündnis von links aussen bis zu den eingemitteten Christen der EVP zu schliessen. Zusammen mit dem Bümplizer Hans Stucki, Präsident der städtischen SP, lud Kaufmann acht politische Parteien und Gruppierungen zu einem informellen Sondierungsgespräch in die Villa Stucki im Monbijouquartier, «das Ziel nicht aus den Augen lassend», wie sich Kaufmann ausdrückte, «die Mehrheitsverhältnisse in der Stadtberner Politik zu verändern».

Die SP spürte – nach der Niederlage von 1988 – den Druck ihres schleichenden Abwärtstrends. Bern hatte – anders als Zürich, Basel, Biel oder Genf – in der Zwischenkriegszeit nie eine richtig rote Phase gehabt, weil der einstigen Arbeiterpartei in der Verwaltungsstadt das Industrieproletariat fehlte. Trotzdem gaben die Sozialdemokraten von 1955 bis 1980 politisch den Ton an, Anfang der sechziger Jahre mit vier Sitzen im Gemeinderat vorübergehend sogar in absoluter Mehrheit. Allerdings ohne den Eindruck einer links regierten Stadt aufkommen zu lassen. Für einen feinen Linksdrall sorgte ab 1960 schon eher das nonkonformistische Junge Bern als in Bern sehr beliebtes Zünglein an der Waage, etwa mit dem populären Pfarrer Klaus Schädelin als Gemeinderat.

Dass die Bürgerlichen 1984 in der Stadt Bern die Regierungsmehrheit übernahmen, war eine Überraschung – und hatte viel mit dem Abbau der SP zu tun, die sich in inneren Richtungsstreitigkeiten, etwa um ihren langjährigen Gemeinderat Heinz Bratschi, selbst zerlegte. Noch Anfang der siebziger Jahre waren die Sozialdemokraten mit einem Wähleranteil von über 40 Prozent die mit Abstand stärkste Partei. Bis 1988 schmolzen aber 17 Prozentpunkte weg. Den Strategen Stucki und Kaufmann war klar, dass sie die SP bündnisfähig machen mussten, um sie in der Stadt Bern zurück an die Macht zu führen.

Parteipräsident Stucki, ursprünglich Fernmelde- und Elektronikapparatemonteur, studierte in Zürich Sozialarbeit und erwarb sein Diplom 1968 zur Zeit der Globuskrawalle. Danach arbeitete er – wie später Barack Obama – in den Armutsvierteln von Chicago, wo er mit den Ideen von Saul Alinsky in Berührung kam, der traditionelle Sozialarbeit als paternalistischen Wohlfahrtskolonialismus kritisierte. Alinsky verfolgte als Pionier einen neuen, demokratischen Ansatz des Community-Organizing von unten mit dem Ziel, die Quartierbevölkerung in die Lage zu versetzen, ihre Probleme selbst zu lösen. Zurück in Bümpliz, stürzte sich Stucki mit diesen Ideen in die lokale Jugend- und Gemeinwesenarbeit.

Michael Kaufmann, ausgebildeter Agronomie-Ingenieur mit Flair für Musik, war einer der vifsten politischen Köpfe der Berner SP. Und weitgehend frei von Berührungsängsten. Jahrelang führte er als Präsident den Reitschulträgerverein IKuR, 1981 gründete er den Chor L’altracosa, den er bis 2014 leitete. Kaufmann war verschiedentlich im Gespräch als Regierungsrats- und Gemeinderatskandidat, doch Samuel Bhend (Kanton) und Alexander Tschäppät (Stadt) standen ihm im Weg. Seine Berufskarriere schlug einen ungewöhnlich weiten Bogen. Er arbeitete als Journalist, Vizedirektor im Bundesamt für Energie und bis zu seiner Pensionierung 2019 als Rektor der Musikhochschule Luzern.

Die Folgen des Mauerfalls

1991 stiessen die Initianten Stucki und Kaufmann in Bern auf eine günstige Konstellation – vor allem im bewegten Biotop links der SP. Linksalternative Splittergruppen trugen zwar für das brave Bern noch gefährliche Namen wie Revolutionäre Marxistische Liga (RML) oder Sozialistische Arbeiterpartei (SAP). Doch links aussen musste man sich nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem Ende des Kommunismus hinterfragen, weil politische Gewissheiten zerbrachen.

Bereits 1987 hatten Öko-Bewegte, AKW-Gegner, Dritte-Welt-Aktivisten, Feministinnen und Marxisten jeder Färbung in der «Inneren Enge» in Bern das Grüne Bündnis (GB) gegründet. Es war ein unkonventionelles politisches Start-up, mehr Bewegung als klassische Partei, dem es rasch gelang, den Grossteil der politischen Seelen links der SP zu bündeln. Die Idee der permanenten Revolution, sie blieb bestehen, jedoch bloss als ferner Traum. Nach kritischer Reflexion der eigenen Geschichte waren die geläuterten Linksgrünen bereit, den Marsch durch die Institutionen in Angriff zu nehmen, und zwar ungewohnt entschlossen und machtbewusst. Jetzt, hier, in Bern.

«Dass links der Mitte alles in Bewegung war, viele Leute neue politische Identitäten suchen mussten und bereit waren, über ihren Schatten zu springen, förderte unsere Bereitschaft, über ein Bündnis bis in die Mitte nachzudenken», erinnert sich Peter Sigerist, der zu den Gründern sowohl des Grünen Bündnisses wie der RGM-Koalition gehörte. Sigerist kam von sehr weit links, er hatte den RML/SAP-Ableger in Bern aufgebaut, und natürlich wurde sein Telefon vom schweizerischen Nachrichtendienst abgehört, wie er später in seiner Fiche lesen konnte.

Strategisch waren ehemalige Trotzkisten wie Sigerist bestens geschult. In seinem Fall kam auch ein Flair für kreative List hinzu. Er war es, der sich in den siebziger Jahren, offiziell als Vertreter des Veritas-Verlags, in ein baufälliges Haus an der Neubrückstrasse 17 vis-à-vis der Reitschule einmietete. Das Haus gehörte der Berner Uniformfabrik Luginbühl, und weil Sigerist bei der Vertragsunterzeichnung keine Risiken eingehen wollte, nahm er einen Kollegen mit, der extra einen Luginbühl-Eisenbahnermantel angezogen hatte und die Unterschrift unter das Mietverhältnis leistete. Es lief rund. Das knarrende, nicht immer wasserdichte und mitunter von Mäusen heimgesuchte Häuschen wurde zum Epizentrum von Berns linksalternativer Politszene. Auch darum, weil die ausgebufften Alttrotzkisten und -marxisten 1991 im RGM-Projekt die einmalige Chance erkannten, sich trotz noch kleiner Wählerbasis Zugang zum politischen Machtzentrum zu verschaffen.

Die Konstruktion des Bündnisses nötigte den Beteiligten nervenaufreibende Aufbauarbeit ab, wie sie wohl nur gescheiterte Ex-Revolutionäre zu leisten bereit waren. Ein taktisches Meisterstück war es, den Aufbau der Koalition an ein externes Team von hochkarätigen, parteilosen Beratern auszulagern, bestehend aus dem Journalisten Heinz Däpp, dem Politologen Werner Seitz und der Gleichstellungsbeauftragten Claudia Kaufmann, die später zuerst Generalsekretärin von SP-Bundesrätin Ruth Dreifuss und danach Stadtzürcher Ombudsfrau wurde.

Der Druck auf die Mitte

Lange elf Monate dauerten die Verhandlungen, ehe das Gerüst stand. «Wir haben Gespräche geführt ohne Ende», sagt Heinz Däpp bei einem Treffen in seiner Altstadtwohnung, «im Rückblick frage ich mich, woher wir die Energie nahmen, uns das anzutun.» Werner Seitz hatte die Wende punktgenau vorausberechnet, unter der Bedingung, dass die massgeschneiderte Koalition zwischen den ungleichen Partnern – die SP war rund zehnmal so stark wie die kleinen Mitteparteien – zustande kam.

Das ehrenamtliche Beratertrio war laut Heinz Däpp «hundertprozentig sicher, dass der Coup gelingt». Trotzdem gab es hartnäckigen internen Widerstand, namentlich aus der SP. Der spätere SP-Nationalrat Peter Vollmer zum Beispiel fetzte sich mit Parteipräsident Hans Stucki in der Zeitung «Bund» in einem heftigen Streitgespräch, in dem er kritisierte, die SP liefere sich den Bündnispartnern unter ihrem Wert aus und nutze ihr Potenzial nur ungenügend.

Den Druck auf die politische Mitte orchestrierten die RGM-Initianten mit einer eleganten Argumentation. Angesichts der Wirtschaftskrise stehe ein erbitterter Verteilkampf bevor. «Die Zeit der politischen Mitte ist vorbei», erklärte Seitz in der «Berner Zeitung», «wer mit dem Bürgerblock nicht zufrieden ist, muss bereit sein, ihn zu kippen.» Und das sei nur mit der linken Koalition möglich: «Sonst sind die kleinen Mitteparteien politisch erledigt.» EVP und LdU liessen sich weichklopfen, nicht mehr Zünglein an der Waage spielen zu wollen, sondern sich nach links zu bekennen.

Dass er als der Unabhängigkeit verpflichteter Journalist bei diesem politischen Projekt mitgemacht habe, «betrachte ich in der Rückschau als meinen Sündenfall», sagt Heinz Däpp, dessen Frau, Marianne Jacobi, zu den führenden Köpfen der SP-Stadtratsfraktion gehörte. Aber es habe ihn einfach zu stark gereizt, zum Wandel in der Stadt Bern beizutragen.

Am Ende des RGM-Gründungsmarathons entstand eine Wahlplattform mit der Bezeichnung «Gemeinsames Handeln für Mensch und Umwelt», gelinde gesagt der umfassendste je für die Stadt Bern formulierte politische Wunschkatalog. Gefordert wurden Dauerbrenner wie preisgünstige Wohnungen, Tempo 30, eine verkehrsfreie Innenstadt, mehr Veloinfrastruktur, mehr Gleichstellung, mehr Kultur – der auf die Stadt Bern herunterdeklinierte grösste gemeinsame Nenner rot-grüner Weltanschauung. Inklusive Steuererhöhung. «Laut meiner Erinnerung waren wir uns mit den Parteien über die politischen Inhalte relativ rasch einig», erzählt Heinz Däpp.

Das Opfer der SP-Frauen

Personelle Fragen hingegen brachten das Beraterteam an den Rand der Verzweiflung. Ehrgeiz und Empfindlichkeit erwiesen sich als schwer beeinflussbar, und Heinz Däpp machte eine Erfahrung, die ihm auch bei seiner späteren Tätigkeit als Satiriker ständig begegnete: «Viele Linke sind unglaubliche Mimosen. Gut im Austeilen. Weniger gut im Einstecken.»

Der heikelste Mosaikstein bei der personellen Besetzung der Gemeinderatsliste bildete der Anspruch der SP-Frauen. Sie pochten – nach dem Gret-Haller-Debakel 1988 – auf eine Vertretung und hatten mit Grossrätin Ruth-Gaby Vermot eine kantige Kandidatin. In den Plänen der RGM-­Strategen war jedoch kein Platz für sie. Weil die drei Bisherigen (die SPler Klaus Baumgartner und Alfred Neukomm sowie Joy Matter vom Jungen Bern) erneut antraten, blieb auf der Fünferliste nur je ein Listenplatz links und rechts der SP.

Parteipräsident Hans Stucki erinnert sich an «ganz schwierige Momente und hitzige interne Diskussionen», wenn er daran zurückdenkt, wie die SP-Frauen zum Verzicht bewegt wurden. Der aufgebaute Druck auf Ruth-Gaby Vermot war subtil: Hätte sie an ihrer Kandidatur festgehalten, wäre sie als Verhindererin der Wende dagestanden. Oder sie hätte Joy Matter aus dem Amt gedrängt. Vermot konnte am Schluss gar nicht anders als einsehen, dass «dies nicht ihre Stunde ist», wie SP-Sekretär Willi Zahnd das Frauenopfer in verbale Watte kleidete.

Ruth-Gaby Vermot kritisierte Anfang 1992 öffentlich, dass die SP-Führung die Frauen praktisch vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. «Natürlich war ich sehr verärgert und enttäuscht. Langfristig sind bei mir aber keine Verletzungen zurückgeblieben. Ich habe keine schlechten Gefühle, Rot-Grün-Mitte wurde für Bern zur Erfolgsgeschichte», hält sie im Rückblick fest. Vermot hat ihre politische Karriere im Nationalrat und im Europarat fortgesetzt, wo sie sich vermutlich wohler gefühlt habe als in einem allfälligen Gemeinderatsamt, erklärt die dezidierte Frauen- und Asylpolitikerin, die während ihrer Amtszeit vorübergehend polizeilich geschützt werden musste.

Im Februar 1992 komplettierten wie vorgespurt Otto Mosimann, langjähriger Präsident der Stiftung für Drogenarbeit Contact, für die EVP sowie Therese Frösch, vor allem beim Spitalpersonal aktive Gewerkschafterin, für das Grüne Bündnis die RGM-Fünferliste für den Gemeinderat. Frösch, die sich in der linken Szene als Mitorganisatorin des Frauenstreiks von 1991 einen Namen gemacht hatte, flog unter dem Radar der breiten medialen Öffentlichkeit. Niemand unter den Meinungsmachern konnte sich eine Stadtregierung mit der debattierfreudigen Gewerkschafterin vorstellen.

Hans Kaufmann, bürgerlich denkender Lokalchef der «Berner Zeitung» und späterer Medienverantwortlicher des bernischen Gewerbeverbands, prophezeite der Stadt das Abdriften «ins politische Abseits», zumal er auf der rot-grünen Kandidatenliste ausser Klaus Baumgartner niemanden mit Regierungstauglichkeit ausmachen konnte. Im Falle eines linken Wahlsiegs sah Kaufmann Bern in der Hand rot-grüner Fundamentalisten und Randgruppen, die bloss für weiteren «Abfluss wirtschaftlicher Substanz» sorgen würden.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums löste das Zustandekommen der RGM-Liste Euphorie aus. Blaise Kropf, seit 2017 Co-Generalsekretär in der Präsidialdirektion der Stadt Bern, gehörte 1992 zu den Gründungsmitgliedern der Jungen Alternative (JA!), der Nachwuchsabteilung des Grünen Bündnisses. Eine vielsagende Szene ist ihm aus dem 92er-Wahlkampf im Gedächtnis haften geblieben. Er war zusammen mit seinem damaligen Parteikollegen und heutigen Stadtrat der Grünen Freien Liste (GFL), Manuel C. Widmer, auf Berns Strassen unterwegs, eingekleidet in ein grosses Werbekartonsandwich mit dem Konterfei von Otto Mosimann. Zufällig trafen die beiden Mosimanns Frau, die aufrichtig gerührt war angesichts der beiden Links-aussen-Jungspunde mit wilder Frisur, die sich für ihren eingemitteten, brav frisierten Otto starkmachten. «Das empfand ich als Aufbruchstimmung. Wir wollten den Wandel, und zwar gemeinsam, unterstützten uns gegenseitig und bestellten nicht bloss unser eigenes Parteigärtchen», sagt Kropf.

Als am 6. Dezember 1992 die Wahl von Therese Frösch bekannt wurde, ging im Restaurant Militärgarten im Breitenrain, im Stammlokal der Linken, die Stimmung durch die Decke. Und das bürgerliche Bern fiel aus allen Wolken. Wie ein Kulturschock ereilte die Stadt die Nachricht, dass das neue Regierungsmitglied Therese Frösch mit der grünen Stadträtin Ursula Hirt in einer Wohngemeinschaft lebte und nun plötzlich an den Schalthebeln der Macht sass.

Der Schock nach der Frauenmehrheit

Das Berner Establishment erschütterten heftige Nachbeben. Sechs Wochen nach der Wende trat der vom zuvor unbekannten und unberechenbaren Gipsermeister Josef Kunz portierte bisherige CVP-Finanzdirektor Josef Bossart gegen Klaus Baumgartner im zweiten Wahlgang ums Stadtpräsidium an und verlor. Bossart trat mit sofortiger Wirkung zurück – vor allem auch, weil ihn der Gemeinderat auf die Fürsorge- und Gesundheitsdirektion versetzen wollte, was er als Beleidigung empfand. Für die nötige Bossart-Ersatzwahl stellte die SVP zuerst den kaum bekannten Verwaltungsjuristen Daniel von Känel auf, einen engen Vertrauten von SVP-Regierungsrat Ueli Augsburger. Peter Abelin, Leiter der Stadtredaktion der «Berner Zeitung», wies von Känel diverse Ungereimtheiten nach, etwa dass er für einen grossen Soloauftritt von EWR-Gegner Christoph Blocher in Bern Geldgeber gesucht hatte, indem er suggerierte, es handle sich um eine kontradiktorische Veranstaltung. Die Kandidatur von Känel erledigte sich innert weniger Tage.

Das machte den Weg frei für seine Parteikollegin, die Oberbottiger Bäuerin und Stadträtin Ursula Begert. Ihr Ehemann, Urs Begert, war 1986 Stadtratspräsident und später SVP-Grossrat. Ursula Begert stand im eigenen Lager von Beginn weg unter dem Verdacht der Linkslastigkeit. Gewählt wurde sie gegen einen EDU-Kandidaten problemlos.

So stand die Regierung der Stadt Bern da, als wäre ein Sturm der Revolution über sie gezogen. Therese Frösch, Joy Matter, Ursula Begert und die Freisinnige Theres Giger posierten in der Frühlingssonne für die Fotografen im Garten des Erlacherhofs. Für die drei krawattierten Gemeinderäte Klaus Baumgartner, Alfred Neukomm und Kurt Wasserfallen interessierte sich niemand. The City of Berne machte mit diesem Bild des Frauenaufbruchs weltweit Schlagzeilen. Erstmals in der Schweiz wies eine Exekutive eine Frauenmehrheit auf, und die «Berner Zeitung» stellte entgeistert die Frage, ob es jetzt eine Männerquote brauche – zumal auch der Stadtrat mit einem Frauenanteil von 42,5 Prozent einen Schweizer Rekordwert erreichte. Der junge Politologe Adrian Vatter, später Professor an der Universität Bern, prognostizierte den Beginn eines anhaltenden Frauentrends. Und «Bund»-Redaktor Walter Däpp, der Bruder von RGM-Berater Heinz, titelte: «Der Mann als Mass aller Dinge? – Das war einmal!»

«Wir dachten keine Sekunde, dass gerade eine historische Wende stattgefunden hatte, sondern nur, dass erst einmal vier schwierige Jahre vor uns standen», sagt RGM-Co-Architekt Peter Sigerist im Rückblick. Augenblicke nur, nachdem Jürg Biancone am 6. Dezember im Erlacherhof den Namen Therese Frösch abgelesen hatte, entfuhren im hinteren Teil des Saals einer Person zwei Wörter: «Ou nei!» Kurt Wasserfallen, umringt von seiner Familie und eben für die FDP in den Gemeinderat gewählt, schien bereits im Moment seines persönlichen Erfolgserlebnisses zu ahnen, dass die RGM-Wende für das eben noch bürgerliche Bern mehr als ein Betriebsunfall war.

«Was macht Frösch mit unseren Kröten?»

Wie Rot-Grün-Mitte unbeholfen in die Regierungsverantwortung holpert und doch zur zuverlässigen Machtmaschine wird

Die Ära von Rot-Grün-Mitte begann im Januar 1993 an einem bockenden Kopierapparat in der städtischen Fürsorge- und Gesundheitsdirektion, die Klaus Baumgartner, nun SP-Stadtpräsident, bis dahin geführt hatte. Er, Parteikollege Alfred Neukomm, Joy Matter vom Jungen Bern und die Grüne Therese Frösch, die zusammen die neue linke Regierungsmehrheit in der Stadt Bern bildeten, standen nach Büroschluss vor dem Gerät. Sie hätten der bürgerlichen Minderheit ein Papier übermitteln sollen mit Überlegungen zur heiklen Frage der Direktionszuteilung. Zwei traditionell von Bürgerlichen geführte Schlüsseldirektionen, die Finanz- sowie die Planungs- und Baudirektion, standen zur Disposition, in linke Hände überzugehen. Dumm nur, wusste von den vier RGM-Gemeinderäten niemand richtig, wie man den Kopierer bedient. Handys gab es noch nicht. Also musste man direkt mit den Bürgerlichen sprechen. «Gang doch du ga rede, Therese», beschlossen die vier.

So erinnert sich Therese Frösch an die ersten ungelenken Manöver der neuen Mehrheit in der Regierungsverantwortung. Das Gefühl, die politischen Fäden in der Hand zu halten, war unter den RGM-Magistraten noch gewöhnungsbedürftig. Frösch hatte bis zu ihrer Wahl in die Stadtregierung als geschäftsleitende Sekretärin der Gewerkschaft VPOD gearbeitet und war Kopf der Spitalbewegung in Bern gewesen. Ein Job im permanenten Kampfmodus, den sie 1986 nach einer gewonnenen Wahl gegen den späteren SP-Nationalrat und RGM-Kritiker Peter Vollmer übernommen hatte. Das neue Amt als Gemeinderätin forderte ihr einen abrupten Rollenwechsel ab, gleichzeitig war das Bild einer linken, selbstbewussten und forschen Frau in der Stadtregierung für die Öffentlichkeit ungewohnt. Ausgerechnet die konfliktfreudige Frösch, selten um ein Wort verlegen, wurde also von ihren RGM-Regierungskollegen auf die diplomatische Mission geschickt, die offene Frage der Direktionszuteilung zu klären. Sie traf sich mit der ebenfalls neugewählten Freisinnigen Theres Giger im Restaurant Ratshauskeller zum Kaffee, und die beiden Frauen waren sich rasch einig: Giger sollte die Planungs- und Baudirektion übernehmen, Therese Frösch würde Finanzdirektorin.

Es war der erste Tatbeweis von Fröschs Dialogfähigkeit, die im Rückblick auch politische Gegner hervorheben. Doch im ohnehin aufgewühlten politischen Bern von 1993 war Frösch für viele ein rotes Tuch. Eine Sozialarbeiterin mit Entwicklungshilfe-Erfahrung in Afrika an der Spitze der städtischen Finanzdirektion, die seit dreissig Jahren ein Refugium der FDP war – was für ein Sakrileg! Selbst Bürgerliche hatten Verständnis, dass die neue Mehrheit über die wichtigen Finanzen gebieten wollte – aber musste es ausgerechnet eine mit trotzkistischer Weltanschauung liebäugelnde Feministin sein?

Fröschs Vorgänger, der hemdsärmelige Josef Bossart, stellte ihr bei der Amtsübergabe eine Frosch-Figur auf den Schreibtisch. Ueli Augsburger, ehemaliger kantonaler SVP-Finanzdirektor, empfahl ihr einen «Ökonomielehrgang für Erstsemestrige». Finanzverwalter Charles Pfister trat angesichts seiner neuen, linksgerichteten Chefin vorübergehend in die FDP seiner Wohngemeinde Stettlen ein – allerdings verstanden er und Frösch sich später trotzdem gut. In den Medien wurde Frösch über ihre Lockenfrisur befragt oder über ihren unheimlichen Lebensstil, der darin bestand, in einer WG zu wohnen. Und die «Berner Zeitung» warb an Plakatwänden mit einem grenzwertigen Wortspiel: «Was macht Frösch mit unseren Kröten?»

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0+
Release date on Litres:
09 November 2024
Volume:
202 p. 5 illustrations
ISBN:
9783727260780
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Copyright Holder::
Bookwire
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