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Ein Arzt in einer kleinen Stadt

JuIie Burow

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel.

Ankunft.

Zweites Kapitel.

Der Hauswirt.

Drittes Kapitel.

Die erste Praxis.

Viertes Kapitel.

Im Laboratorium.

Fünftes Kapitel.

Eine große Gesellschaft.

Sechstes Kapitel.

Maria.

Siebentes Kapitel.

Der Astronom.

Achtes Kapitel.

Ein Maitag.

Neuntes Kapitel.

Um Mitternacht.

Zehntes Kapitel.

Eine Familienchronik.

Eilftes Kapitel.

Ein gebroch'nes Herz.

Zwölftes Kapitel.

Mutter und Sohn.

Dreizehntes Kapitel.

Ein gebroch'nes Herz.

Fortsetzung.

Vierzehntes Kapitel.

Ein Zeuge.

Fünfzehntes Kapitel.

Vor sechszehn Jahren.

Sechszehntes Kapitel.

Aus Mariens Tagebuche.

Siebzehntes Kapitel.

Am Sterbebette.

Achtzehntes Kapitel.

Im Hirtenhause.

Neunzehntes Kapitel.

Nach fünf Jahren.

Impressum

Erstes Kapitel.
Ankunft.

Die Post brachte diesmal einen Passagier! Gerade keine häufige Erscheinung in Hermstädt, auch kuckte des Postdirektors hübsche Lulilia durch die Türritze und sah sich den seltenen Gast im Postzimmer mit neugierigen Augen an. Sie sah freilich nicht viel daran. Er trug eine Wildschur, eine Bärenmütze und einen großen englischen Comforter, der bis an die Nase hinaufging, aber die Augen mussten doch durch den Schnee, der schon seit vielen Stunden gefallen, nicht geblendet, noch auch von den vielen Hüllen verhüllt sein, denn er sah das rosige Mädchengesicht und grüßte indem er die Bärenmütze abnahm und einen hübschen Kopf voll dichter brauner Locken zeigte. Der Postsekretär im Expeditions-Büro sah auch von seinem Pulte auf nach dem Fremden und fragte höflich:

»Bleiben Sie hier, mein Herr?«

»Ja! Werde ich eine möbelierte Wohnung bekommen können?«

»Wollen Sie längere Zeit hier verweilen?«

»Für immer, mein Herr, ich denke mich hier als Arzt niederzulassen.«

»Ah so! Aber mit den Wohnungen ist es hier schlimm. Das ganze Jahr durch kommen hierher keine Fremde, die Chambergarnier bedürfen. Das Städtchen ist zu klein und abgelegen, Herr Doktor, wenn Sie aber mit geringen Bequemlichkeiten fürlieb nehmen wollen, so könnte ich Ihnen fürs Erste Zimmer und Kabinett in einem honetten Bürgerhause verschaffen.«

»Da würde ich Ihnen sehr verpflichtet sein«, sagte der junge Arzt die Wildschur ablegend.

Ein schlanker großer Mann in modischer Kleidung hatte sich aus der winterlichen Hülle entwickelt und stand aufgerichtet, eine eigentümlich anmutige Erscheinung, in der niedern Poststube. Der Postsekretär, ein ebenfalls noch junger Mann, bat ihn Platz zu nehmen, bis sein Expeditions-Geschäft geendigt, und begann ein Gespräch über das Wetter, den Weg und die Postpferde. Gedankenvoll blickte der Fremde ins Feuer, das im Ofen spielte und mit glühenden Zungen an den gewaltigen Holzkloben leckte. Sein Weg hatte ihn durch weite Forsten geführt, die sich fast bis an das Städtchen erstreckten, das sie von der Welt gleichsam abzuschneiden schienen. Durch den massenhaften Verbrauch des Holzes ward ihm die Erinnerung an die hohen schönen uralten Bäume rege gemacht und er sah im Geiste noch einmal die schneebeladenen Wipfel sich über den Weg beugen, hörte noch einmal das Rauschen des Winters in ihren Kronen.

»Wenn Sie erlauben, so will ich Sie jetzt in eine passende Wohnung führen«, sagte endlich der Postsekretär, das Expeditions-Büro schließend und die orange berändelte Mütze vom Sims nehmend.

Der Fremde knöpfte den Paletot zu, übersah noch einmal seine Reiseeffekten und folgte dem gefälligen Führer in die dunkle beschneite Straße.

Ein kleines Städtchen der Mark sieht bei Nacht und Winter ziemlich dem andern gleich. Hermstädt, das die beiden jetzt durchwanderten, hatte breite Straßen, eingefasst mit niedern Häusern, zwischen denen hin und wieder ein zweistöckiges sich ganz besonders auszeichnete. Licht blickte traulich aus vielen Fenstern, vor den beiden Apotheken brannten Laternen, deren Flamme der Wind von Zeit zu Zeit flackern ließ. Vor dem Tore einer Schenke stand ein hoch bepackter Fuhrmannswagen, an dessen Deichsel ebenfalls eine Laterne befestigt war, ein großer zottelhaariger Hund lag zwischen den Rädern auf einem Strohbunde.

Der Marktplatz war groß, reinlich und von ziemlich ansehnlichen Häusern eingefasst, vor einem derselben plätscherte ein hübscher Springbrunnen, über den eine mächtige Linde und ein Nussbaum ihre kahlen von Schnee beschneiten Äste beugten, und an der Tür dieses Hauses ergriff der Postsekretär den blanken Messingklopfer und nach wenigen Minuten befand sich der Fremde unter dem schützenden Dache. Sein Führer nötigte ihn rechts in ein Zimmer, in welchem er mit einem Streichfeuerzeug ein auf dem Tische stehendes Licht anzündete, bat ihn Platz zu nehmen und ging dann nach der andern Seite des Hauses um mit der Familie Rücksprache zu nehmen.

Die Stube, in welcher der junge Arzt zurückblieb, war geräumig, grün gemalt und mit altmodischen aber kostbaren Möbeln versehen.

Es war offenbar das Staatszimmer des Hauses. Der hochlehnige Sofa war mit grauer Leinwand bedeckt, ein Kronleuchter mit glänzenden Glasketten stak in einem Sack von Gaze. Gehäkelte und filierte Decken lagen auf den Mahagoni-Tischen und Kommoden, ein Teppich von fabelhaft hässlicher Stickerei vor dem Sofa am Fußboden, und an den Wänden hingen zwei Portraits in halber Figur lebensgroß, ein Herr und eine Frau, beide im höchsten Gala einer veralteten Mode, die Dame mit Locken, wie sie Henriette Sontag in der Oper »der Schnee« zu tragen beliebt hatte, der Herr im Klappenfrack.

Der Fremde hatte das Licht ergriffen und beleuchtete die seltsamen Gesichter, die ihm beide gleich steif altfränkisch und schüchtern erschienen und ihm mit fast lebendigen Augen entgegenblickten. Es war auffallend schöne Malerei an den Bildern, die Gesichter hatten Leben, der Atlas im Kleide der Dame glänzte und die blanken Knöpfe am Rocke des Herrn schienen das Licht in der Hand des Beschauers widerzuspiegeln.

Dieser, ein nicht gewöhnlicher Gemäldekenner, fühlte sich gefesselt durch die beiden Bilder. – Er hatte große Reisen gemacht und des Schönen auf der Welt nicht wenig gesehen. Den Sommer sogar, der dem Winter voranging, welcher jetzt eisig über der Erde lag, hatte er teils in Rom, teils in Florenz zugebracht, und er war bekannt mit den meisten lebenden Künstlern. Die Art der Malerei schien ihm nicht fremd zu sein; die humoristische Auffassung der steifen altfränkischen Haltung jener beiden Personen, der belebte Blick, die freie und natürliche Haltung der Hände – alles erinnerte ihn an die Auffassungsweise eines Malers, dessen seltsamer Charakter und trauriges Geschick in ihm einst die regste Teilnahme erweckt hatten. – Seine Gedanken eilten weit weg nach Welschlands Fluren und er merkte es nicht, dass durch eine Tapetentür das Original des männlichen Portraits indes eingetreten war. Der Hausherr – und als solchen dokumentierte er sich – war zwar wohl um fünfzehn Jahre älter als sein höchst getroffenes Bild, aber er war ebenso steif, ebenso altfränkisch als dasselbe, und seine stahlgrauen Augen blickten ebenso schüchtern und klug in die Wirklichkeit als auf der Leinwand.

»Ich habe die Ehre, den Herrn Doktor Franke vor mir zu sehen«, fragte er den Gast, »unseren er warteten Herrn Kreis-Physikus?«

Der Fremde bejahte.

»Mein Neffe, der Postsekretär Walter, sagte mir, dass sie beabsichtigen, eine möbelierte Wohnung für einige Zeit zu mieten und dass er sie auf die unsrige aufmerksam gemacht habe?«

»Ich würde mich freuen, Ihr Hausgenosse werden zu können.«

»Viel Ehre, mein Herr Doktor, es steht der Sache nichts im Wege, wenn Ihnen die Gelegenheit nicht zu klein ist. Wir wohnen an der Ecke des Marktes und der Hauptstraße, ziemlich in dem belebtesten Punkte unseres Städtchens. Die Zimmer sind gelüftet und sie können, wenn dieselben sich Ihres Beifalls erfreuen sollten, gleich hierbleiben.«

Doktor Franke war dies wohl zufrieden und der Hauswirt führte ihn in ein Nebenzimmer, an das ein Schlafkabinett stieß und erklärte, dass dies die Räumlichkeiten wären, die ihm zu Gebote stünden. Man einigte sich über den Mietspreis, Feuer ward in dem Ofen angezündet, ein Dienstmädchen in reinlicher Kleidung machte sich mit Abstauben, Bett überziehen usw. eine halbe Stunde zu schaffen, dann brachte sie auf des Doktors Wunsch Teegeräte und holte sein Reisegepäck von der Post ab, und nach einer Stunde saß Franke gemütlich neben dem Ofen in seinem Schlafrocke von violettem Samt, trank Tee und blätterte in einer Zeitschrift, die er mitgebracht hatte.

Es lag eine eigene Ruhe und Behaglichkeit in der kleinen Wohnung, die der junge Doktor für den Augenblick die seine nannte. Die Reise war angreifend gewesen, der Wind pfiff in den Kaminen und rüttelte an den Doppelfenstern. Im Hause dagegen war alles still, kein Türewerfen, kein Klavierklimpern, weder Tellergeklapper noch Menschenstimmen unterbrachen die Gedanken des Fremdlings, der sich wie in einem leichten Traum befangen vorkam. Also hier sollte er sein Leben zubringen, hier in dieser Abgeschiedenheit, fern von der Bildung und dem geistigen Streben der Residenz, fern von Freunden und Bekannten, ohne Kunstgenüsse, wahrscheinlich ohne passenden Umgang, denn was konnte das Städtchen, dessen Einwohnerschaft größtenteils aus Tuchmachern besteht, ihm für Umgang bieten? Pflichten! Berufspflichten! Menschenpflichten! Harte, ungewohnte Begriffe für den Jüngling, der bis dahin in der Ungebundenheit, die der Reichtum der Jugend gewährt, gelebt hatte.

Doktor Franke war ein einziges Kind. Sein Vater galt für einen reichen Bankier, lebte in der Residenz und machte ein großes Haus. Er war von jüdischer Abkunft – man wusste nicht genau, ob er und seine Gattin sich taufen ließen oder nicht. Jedenfalls wurde der Sohn im christlichen Gymnasium unterrichtet und zur rechten Zeit konfirmiert. Der junge Franke galt für einen talentvollen Knaben, er machte den Gymnasial-Kursus in unglaublich kurzer Zeit durch, war mit siebzehn Jahren Student und hatte mit einundzwanzig sich bereits das Recht erworben, seinem Namen die Buchstaben Dr. med. vor oder nach zu setzen.

Auf der Universität hatte er die Bekanntschaft eines den vornehmsten adeligen Familien Altpreußens angehörenden Jünglings gemacht, und Franke und der Graf Gräben beschlossen ihre Reise zusammen zu machen. Die Väter hatten nichts dagegen. Herr Franke fühlte sich jedenfalls geschmeichelt durch die vornehme Freundschafts-Verbindung seines Sohnes, während Gräbens Vater Wohlgefallen an dem jugendlichen, sehr hübschen, munteren und witzigen Gefährten des seinigen fand. So durchstreiften die Jünglinge zusammen Deutschland, England und Frankreich, bestiegen zusammen die Alpen, lebten drei bis vier Winter miteinander in Rom, Florenz oder Neapel. Schifften sich nach Algier ein und durchzogen Griechenland, waren einen Sommer lang in Spanien und einen andern in Schweden. Sie hatten sechs Jahre auf ihren Reisen zugebracht und fest beschlossen, noch einen Abstecher nach Amerika zu machen. Da wurden eines Tages in Spalato Frankes Wechsel nicht mehr honoriert und am nächstfolgenden brachte die Post ihm die Nachricht, dass sein Vater bankerott gemacht. Sechs Stunden darauf mit dem nächsten Bahnzuge kam ein Brief seiner Mutter, der erste, den er sich erinnern konnte von dieser Dame, die immer noch sehr elegant und sehr schön war, erhalten zu haben. Es war schwer bei den Eigentümlichkeiten ihrer Orthographie und Handschrift den Sinn desselben zu entziffern, dennoch fasste ihn Franke nach einigem Studium auf – sein Vater hatte sich den Hals abgeschnitten! –

Von seinem Reisegefährten, der ihn herzlich bedauerte, borgte Franke sich das Geld zur Heimkehr. Als er in Berlin anlangte, war sein Vater begraben, sein Vaterhaus in der Stadt und die Villa im Tiergarten bereits verkauft und seine Mutter wohnte zur Miete in zwei kleinen Zimmern in der Taubenstraße. –

Seine Mutter! War die alte, zusammengefallene Frau im schlumpigen Kattun-Überrock wirklich seine Mutter? Ein und dieselbe Person mit der stattlichen feinen Dame, die er in Seide und Blonden, oft strahlend von Edelsteinen zu sehen gewohnt war? – Sie war es, kein Zweifel, sie machte noch die alten Sprachfehler, sprach noch so rasch, so unzusammenhängend wie sonst und überhäufte ihn noch wie sonst mit Liebkosungen und Liebesworten! – Die Persönlichkeit war dieselbe, nur die Übergoldung der Statue war vom Wetter des Geschicks abgeschlagen worden.

Franke war ein Mann und bewährte sich als solcher, indem er sich von dem Wechsel seines Schicksals nicht niederschlagen ließ. Er litt darunter, aber er fasste sich und übersah seine Lage mit ruhigem Blick. Sein Reichtum und alle Vorteile, die er ihm gewährt hatte, war ihm geraubt, seine Jugend, seine Gesundheit, seine Kenntnisse waren ihm geblieben; Mut und Kraft wollte er sich selbst bewahren. Er fühlte, dass die Verpflichtung, seiner Mutter ein sorgenfreies Alter zu sichern, auf ihm lag. Er hatte Tausende, viele Tausende mit jugendlicher Sorglosigkeit verschleudert, nie war der Gedanke ihm aufgestiegen, dass er jemals auf seine eigene Kraft allein gewiesen werden könnte und er wusste nicht, wie weit diese Kraft möglicherweise reichen könne.

In der Residenz zu bleiben hielt er für untunlich. Hier hatte man seine Familie als reiche Leute gekannt, mehr als ein nur mäßig Bemittelter hatte die Frucht seiner Ersparnisse durch den Bankerott seines Vaters hier verloren. Der Gedanke, Leuten zu begegnen, die in ihm den Sohn eines Mannes kannten, der sie um das Ihrige gebracht, war ihm unerträglich. Der Anblick des Hauses, in dem er als Kind gespielt, in dem an jedes Winkelchen sich für ihn Erinnerungen knüpften, erregte ihm peinliche Schmerzen. Auch würde er in der Residenz schwerlich so bald ärztliche Praxis erworben haben, und von dieser musste er leben und eine Mutter ernähren. Fort musste er und die Nachricht, dass das Kreisphysikat in Hermstädt erledigt sei, machte ihn zuerst auf das Örtchen, dessen Namen er bis dahin nicht gekannt hatte, aufmerksam. Er schlug Meinekes Geographie auf und fand da folgende Notizen:

»Im Regierungsbezirk Frankfurt a. O. Hermstädt an der schiffbaren Nelze, mit 5000 Einwohnern und bedeutenden Tuchmanufakturen. Betriebsames Städtchen inmitten bedeutender Forsten, in der Nähe eine Glashütte, mehrere Braunkohlengruben und eine große Steingutfabrik. Bekannt wegen der nahe gelegenen Weinberge, auf denen ein trinkbarer Landwein erzeugt wurde, treibt auch einigen Seidenbau.«

Diese Nachrichten waren jedenfalls nicht zurückschreckend. Franke bewarb sich um die Stellung. Er hatte sein Staatsexamen vor Jahren in allen Branchen der Medizin und Chirurgie aufs Glänzendste gemacht. Seine Zeugnisse waren brillant – mehr als einer der Männer, die über die Vergebung jener Stelle zu schalten hatten, war einst Gast an den glänzenden Tafeln seines Vaters gewesen. Man konnte sich, indem man das Gesuch des Sohnes unterstützte, auf kostenfreie Weise gewisser Verpflichtungen entledigen. – Enfin: Doktor Franke bewarb sich um das Kreis-Physikat in Hermstädt und erhielt es! –

So war er denn hier. Den Kopf in die Hand stützend überließ er sich teils flüchtigen Erinnerungen, teils überlegte er Pläne für die Zukunft. Sein Gehalt war gering, nur Taler im Jahre – so viel hatte er als Jüngling in einem Monate zu verzehren gehabt und während seiner Reisen war er selten damit ausgekommen. – Franke, obgleich im Überfluss erzogen, kannte dennoch den Wert des Geldes. Selten wird man einen von Juden abstammenden Menschen finden, bei dem dieser sehr wichtige Teil der Erziehung gänzlich vernachlässigt wäre. Der Eigentumssinn wird bei den Juden früh geschärft. Große Fehler hängen mit demselben zusammen, aber auch große Tugenden, es kommt nur darauf an, wie er geleitet wird. Ehrlichkeit, Fleiß, Ordnung, Sparsamkeit stehen auf einer Seite im Zusammenhange mit dem Eigentumssinn und gründen sich zum Teil auf richtige und verständige Schätzung vom Werte des Geldes. Habsucht, Betrügerei, Geiz und Geldgier haben ihren Grund in der Überschätzung des Geldwertes, Verschwendung und Liederlichkeit in der Unterschätzung desselben.

Franke wusste, dass er von seinem Gehalt, auch wenn er noch so sehr sich beschränkte, nicht als Mann vom Stande leben könne, dass er auf ärztliche Praxis gewiesen sei, um sich das tägliche Brot, seiner Mutter ein geschütztes Alter zu schaffen. Welche Aussichten eröffneten sich ihm hier für seine Wirksamkeit? Das war die Frage, die sich in seinem Kopfe wälzte.

Er kannte nichts und niemanden in dem kleinen Städtchen. Außer dem Reisekoffer, der vor ihm stand und der eleganten Tasche von buntem Plüsch, die daran lehnte, konnte er hier nichts sein Eigentum nennen. Da stand er, arm, freundlos, fremd, die Nacht und der Winter draußen waren passende Sinnbilder seiner Gegenwart, aber in seinem Herzen war's licht und warm wie in dem Zimmer, das ihn freundlich herbergte.

»Ich will mir Bahn brechen«, dachte er, »haut doch der Pflanzer sich seinen Weg durch die Ranken des Urwaldes; wer seine Kraft kennt und braucht, kommt überall durch.«

Draußen rief der Wächter zehn Uhr ab, der Brunnen rieselte und rauschte ein Wiegenlied für den müden Mann, der sich zum Kampfe mit dem Leben rüstete.


Zweites Kapitel.
Der Hauswirt.

Der Wintermorgen sah glänzend hell in das Fenster des Zimmers, in dem Doktor Franke beim Kaffee saß. Er hatte sich den kleinen, schweren Mahagoni-Tisch ans Fenster gerückt und betrachtete die trübe Aussicht über ein Schneefeld, dessen Horizont der Wald begrenzte. Ein blauer dampfender Streif bezeichnete den Flussarm, der hier vorüberfloss. Weit hinaus bis ans Ufer standen eigentümliche Gerüste zum Ausspannen und Trocknen der fertigen Tücher bestimmt, sogenannte Tuchrähme, und darneben sah man in der ganzen Länge derselben blaugrünes Spargelkraut mit roten Beeren aus dem Schnee ragen.

Meisen, Goldammer und Spatzen pickten daran und hüpften dann um die einzelnen Pflanzen her, zierliche Spuren ihrer Krallchen in der Schneedecke zurücklassend. Franke hatte sich auf seinen Reisen zum Beobachter der Natur gebildet. Ihm entging kein Punkt auf dem reinen und belebten Bilde vor seinen Augen.

Es war von einer eigentümlichen Schönheit, obgleich man es weder großartig, noch üppig, noch milde nennen konnte. Dicht unter seinem Fenster war ein kleiner, mit einem Staketenzaun eingehegter Fleck, offenbar ein Blumengärtchen. Hin und wieder ragten einzelne Büschchen aus dem Schnee hervor, eine kleine Türe führte ins Freie. Fliederbüsche bildeten an einer Seite eine Laube, die im Sommer wohl still und grün sein mochte; an der Mauer des Hauses zog sich ein Spalier empor, wahrscheinlich für eine jetzt am Boden unter Moos schlafende Weinranke. Die Aussicht aus diesem Fenster erschien dem Doktor unendlich anziehender als die im andern Zimmer auf den Marktplatz, welche jenen Charakter der Stille und Öde hatte, der so häufig den kleinen deutschen Landstädtchen eigen ist. – Franke hatte seinen Hauswirt bitten lassen, auf kurze Zeit bei ihm einzutreten und Herr Senator Wallfeld erschien alsbald in sehr sauberem Hausanzuge und erkundigte sich, wie sein Gast geschlafen. Der Doktor nötigte ihn zum Sitzen und bat ihn, ihm mit seinem freundschaftlichen Rate und seiner Weltkenntnis an die Hand zu gehen.

»Ich bin fremd hier, geehrter Herr«, sagte er, »und muss mich dem Publikum, dem ich über den Hals geschickt werde, nach Kräften zu empfehlen suchen. Würden Sie die Güte baden, mich, so viel als dies notwendig, mit den hiesigen Verhältnissen bekannt zu machen?«

»Mit dem größten Vergnügen, Herr Doktor: Sie müssen aber bedenken, dass ich selbst ein zurückgezogener Mann bin, der die bissigen Honoratioren nur wenig kennt. Ich war Färber beim Herrn Kommerzienrat Werl, der die große Tuchfabrik hier anlegte, und kam von jeher wenig in Gesellschaft. Meine selige Frau« – hier blickte er auf zu dem Bilde – »war wie ich, wenig für großen Umgang, und meine Schwester ist auch nicht dafür. Indes man kennt die Leute doch so dem Namen nach und ich weiß Ihnen ungefähr zu sagen, wo Sie werden Visiten machen müssen.«

Er nannte nun eine Reihe von Personen und Familien und es war ziemlich das Verzeichnis der Honoratioren, das wir aus Kotzebues »Deutschen Kleinstädtern« kennen. Da waren Titel, lang wie der Johannistag und bedeutungslos wie eine Glasscheibe. Franke schrieb sie in sein Taschenbuch und versah diejenigen, welche sein Wirt ihm als ganz besonders wichtig bezeichnete, mit einem Kreuzchen. Franke erkundigte sich dann nach einer passenden Restauration, nach Wäscherinnen und all den hundert Menschen und Dingen, ohne die ein Mann nun einmal seine Junggesellen-Wirtschaft nicht beginnen kann.

Herr Senator Wallfeld zeigte sich in jeder Beziehung als ein gefälliger und freundlicher Wirt und der erste Weg, den Doktor Franke machte, als er im schwarzen Frack, mit weißer Halsbinde und weißen Glacéhandschuhen seine Visiten zu machen begann, war daher in das Familienzimmer des Senators. Eine sehr sanfte Stimme rief auf sein Klopfen »Herein« und Franke sah sich im nächsten Moment einer eigentümlichen und überraschenden Erscheinung gegenüber. War die Dame alt oder jung? Unmöglich konnte man das entscheiden. Sie trug sich nonnenhaft, ihr Haar war unter einer dicht anliegenden Haube so verhüllt, dass nur ein Streifchen, kaum einen Finger breit, über der sehr hohen Stirne sichtbar blieb.

Ihre Augen, sehr hellblond, waren von den langen dunkeln Wimpern fast immer verdeckt, wenn sie sie aber aufschlug, so strahlte darin ein Glanz, der seltsam mit dem bleichen, feinen, gänzlich farblosen Gesichte kontrastierte, in dem nur die schmalen Lippen eine hochrote gerade Linie bildeten. Franke musste sich unaufhörlich besinnen, wo er schon in seinem Leben Züge diesen ähnlich gesehen hatte. Selbst als die Erscheinung, mit dem Versprechen den Senator zu rufen, schon lange verschwunden war, stand sie ihm noch deutlich vor Augen, sonderbarer Weise gepaart mit der Erinnerung an ein helles, mit Weinlaub umsponnenes Fenster, durch das Italiens Sonnenschein hineinblickte, in ein kleines Zimmer.

Herr Wallfeld weckte ihn aus seinen Träumen, nötigte ihn auf das harte, altmodische Sofa und begann ein Gespräch über Alltagsgegenstände. Franke hörte kaum darauf und konnte sich nicht zurückhalten endlich zu fragen, wer die Dame gewesen.

Er täuschte sich nicht, wenn er zu bemerken glaubte, dass die gefurchte Wange seines Wirtes bis zur Schläfe errötete, als er antwortete:

»Meine Stiefschwester Jakobine.«

Nach einigen Augenblicken des Schweigens, in denen er mit sich zu kämpfen schien, setzte er hinzu:

»Ein sehr unglückliches Geschöpf, dem man um schwerer Leiden willen viele Sonderbarkeiten übersehen muss. Sie ist überdies fast immer krank und ich freue mich schon, Hilfe für die Arme so in der Nähe zu haben.«

»Hat Ihre Frau Schwester früher Reisen gemacht?« fragte Franke weiter.

Der Hausherr drehte am Knopfe seines Rockes:

»Sie hat das Weichbild unserer Stadt nicht überschritten und ist, verzeihen Sie es schon, Herr Doktor, in ihrer Seltsamkeit und ihrem Unglücke kaum ein Gegenstand für unsere Unterhaltung.«

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Franke mit Herzlichkeit, »wenn ich ahndungslos einen schmerzlichen Gegenstand berührt habe. Ich kenne die Verhältnisse Ihrer Frau Schwester gar nicht.« –

»Sie ist unverheiratet!« –

»Nun Ihrer Fräulein Schwester. Das schöne Gesicht der Dame schien mir bekannt und es war mir zumute, als müsste ich dasselbe irgendwo in Italien gesehen haben.«

Die Stirne des Hausherrn war finster geworden.

»Das ist unmöglich, mein Herr – ganz unmöglich – sie müsste denn«, setzte er leise vor sich hinmurmelnd hinzu, – »als spukendes Gespenst dort gewesen sein.«

Dann, sich wieder an Franke wendend, sagte er unter sichtlichem Kampfe mit sich selbst:

»Sie sind ein einzig Kind, mein Herr, Sie können daher nicht wissen, dass in großen Familien, ich meine in solchen, die aus vielen Geschwistern bestehen, sich meistens ein Unglückskind befindet, ein solches, das zum Elend, vielleicht zur Schmach der Übrigen da zu sein scheint; ein solches ist Jakobine. Ich habe sie nach dem Tode meiner Gattin bei mir, sie führt meinen Haushalt – irgendwo muss sie sein – am wohlsten wäre ihr im Grabe. Ich selbst mag und will Ihnen nichts mehr von dem beklagenswerten Geschöpfe sagen, zeitig genug wird man Ihnen ihr Geschick in diesem kleinen Orte erzählen. Sie brachte Unehre in eine ehrbare Familie. Sie hat gelitten und gebüßt; Gott sei ihr gnädig! Ich als Bruder kann am wenigsten das Schlimmste von ihr glauben. Sonst ist sie wenig sichtbar; es ist der Unstern, der über allem waltet, was mit ihr im Zusammenhange steht, dass sie Ihnen fast im ersten Moment Ihrer Anwesenheit vor die Augen kommen musste.«

Senator Wallfeld wischte sich nach diesen Worten die bleiche Stirne. Er hatte in heftiger, aber unterdrückter Aufregung und mit hörbarem Beben der Stimme gesprochen und Dr. Franke war nicht wenig betreten über seinen Missgriff, als auch von Teilnahme erfüllt und neugierig gemacht durch die Worte seines Hauswirtes. Er konnte sich nicht helfen, die dunkle Erinnerung, dass er diesen Zügen schon einmal im Leben und zwar in Italien begegnet sei, ließ sich nicht verbannen und er überließ es der Zeit, das Rätsel, das ihm gleich beim Eingange in seinen Lebensberuf entgegenkam, zu lösen.

Die Visiten nahmen Zeit weg. Überall ward der junge Arzt angenommen. In vielen Häusern setzte man ihm Frühstück vor, überall dehnte sich auf Veranlassung der Bewohner sein Aufenthalt weit über die üblichen Visitenmomente hinaus, überall fragte man ihn nach seinen Reisen, seinen Familienverhältnissen und vor allem nach seinem Urteil über seinen neuen Wohnort, das freilich nur noch ein sehr unmotiviertes sein konnte. –

Nur in einem einzigen Hause wies man ihn mit einem »Nicht zu sprechen« ab, und diese einzige Ausnahme erregte natürlich sein Interesse in gewissem Grade. In seinem Notizbuche fand er über die Familie: »Rat Baum im Herrschaftshause am Wall« und daneben ein Kreuzchen. In der Tat, das Haus, welches der Rat Baum bewohnte, führte seinen Namen mit gutem Rechte. Ein schönes, palastartiges Gebäude, massiv und mit zwei Flügeln, die einen Hofraum einschlossen, dessen vierte Seite eine Staketenwand von einem sehr großen Garten schied. In den Seitenflügeln wohnten andere Familien, solche Leute, von denen zwölf ein Dutzend ausmachen. Doktor Franke hatte sich auf seinen vielen Reisen gewöhnt, die Personen nach ihren Kleidern, Möbeln, Geräten, nach ihrer nächsten Umgebung zu schätzen. In ganz Hermstädt hatte er nicht eine einzige Familie gefunden, die in dieser Taxation vollwichtig erschienen wäre.

Nicht zusammenpassende Mobilien, geschmackloser Putz, ungemütliche Zimmer, kalte Putzstuben und unsaubere Wohnräume.

Nur im Rat Baum'schen Hause, von dem er freilich nur den hohen gewölbten Flur und ein freundliches Vorzimmer gesehen, gefiel es ihm. Ein gewisser Geist gemütlicher Häuslichkeit schien dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen zu haben. Franke hatte gefunden, dass da, wo die Stühle so wohlgeordnet stehen, wo die Blumen so gepflegt erscheinen, wo die Kupferstiche an den Wänden so im richtigsten Lichte hängen, stets Familienglück im Innersten des Hauses zu wohnen pflegte und er trat aus dem Herrschaftshause am Wall, den Hut in der Hand und ein gewisses Gefühl der Teilnahme im Herzen.

Abends kam sein Hauswirt zu ihm und brachte ihm drei für ihn eingegangene Briefe. Der erste war von seiner Mutter, wie er an den langen, und nach den verschiedensten Seiten ausgeschweiften Buchstaben erkannte. Der zweite von Gräben und der dritte von dem Rechtsanwalt der Konkursmasse seines Vaters.

Er legte sie alle drei über Seite und erzählte lächelnd dem Senator von seinen verschiedenen Erlebnissen, auch von dem hübschen Hause am Wall. Sein Wirt hatte sich zu ihm gesetzt und ihm anfangs bloß höflich, dann lächelnd zugehört.

»Ich kenne die wenigsten der Personen, die Sie besucht haben; meine Verhältnisse schließen mich zu sehr von allen diesen Leuten ab; nur die Familie Baum ist mir bekannt. Sie ist hier nicht besonders beliebt, aber die Urteile einer kleinen Stadt sind nicht immer weise. Richten Sie sich nicht ganz nach denselben, Herr Doktor. Ich für mein Teil habe namentlich gegen Frau Baum große Verpflichtungen, es ist eine edle, hochherzige Dame, wenn auch vielleicht in ihrem Auftreten etwas exzentrisch – etwas, nun Herr Doktor, etwas anders wie alle Leute.«

»Nun ich werde sie ja wohl später noch kennenlernen.« –

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Die Dame lebt sehr abgeschlossen in ihrem Familienkreise. Sie hat zwei liebe Kinder, zwei Mädchen, die sie selbst unterrichtet, dazu ist ihre Haushaltung nicht klein. Gesellschaften gibt die Familie gar nicht, Fremde finden selten, fast nie Zutritt; wem es aber gelingt, einmal festen Fuß dort zu fassen, der wird gleichsam Familienglied und ist sicherlich beneidenswert, obgleich ihm dadurch beinahe die andere Geselligkeit in unserem Städtchen verschlossen wird. Auch ich komme häufig dorthin. Die Frau Rätin war vor Jahren unsre Nachbarin und ist jetzt noch meine werte Freundin. Sie hat mir viel Liebes und Gutes erwiesen, mir und manchem andern«, setzte er mit einem Seufzer hinzu.

»Und der Rat Baum?« fragte der Doktor.

»Ah der ist ein ganz wackerer, respektabler Mann, etwas eigen und wunderlich. Mein Neffe, der Postsekretär, spielt oft mit ihm Schach oder Piquet manchen lieben schönen Abend, die Frau Rätin sieht es gern, wenn ihr Mann durch so etwas beschäftigt und angeregt wird. Ich selbst komme viel mit dem Rat zusammen, er findet Vergnügen an Chemie und das ist, wie ich Ihnen schon gestern sagte, meine Fachwissenschaft, denn ich bin Färber; aber sie ist auch mein Steckenpferd«, setzte er hinzu und sah ernst vor sich nieder, »ja und viel, viel hat dies Steckenpferd mir schon gekostet.«

Des Mannes Stirne war wieder so seltsam bleich geworden, wie es Franke schon einmal an ihm bemerkt hatte, wieder wischte er sich die perlenden Schweißtropfen und seine Augen glänzten unheimlich. Ein tiefes schweres Leid schien auf seiner Seele zu lasten. Der steife altfränkische Ausdruck machte einem Ausdruck bittern Wehs Platz in den breiten gutmütigen Zügen, ja momentan blitzte etwas durch dieselben, das wie Groll und Hass erschien. In solchen Augenblicken weckte des Gesicht des märkischen Pfahlbürgers Erinnerungen an die Züge gewisser Personen, die er in Italien gekannt und richtig – wenn er so von der Seite aufblickte, so das Auge von ihm abwandte mit einem Zusammenziehen der buschigen Brauen, sah er genau aus wie Jacopo, der tolle Maler, der ihm und seinem Freunde in Venedig so viel Interesse eingeflößt, mit dem sie zusammen so manche köstliche Sommernacht auf den Wellen des Canale grande verschwärmt hatten.

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht – Sie sind ja Arzt und müssen deshalb schon gewissermaßen Freund von den Naturwissenschaften sein – so sehen Sie sich gelegentlich einmal mein Laboratorium an«, sagte der Senator, als er den Blick bemerkte, den Franke auf ihn geheftet hatte, »wir sprachen ja von Chemie, nicht wahr, Herr Doktor?« –

Franke bejahte es und sein Hauswirt erhob sich und sagte ihm mit einer steifen altmodischen Verbeugung gute Nacht.


Drittes Kapitel.
Die erste Praxis.

Es mochte Mitternacht sein. Der Schnee rieselte ganz leise und ganz weich von einem dunkel schwarzen Wolkenhimmel zur Erde nieder. In allen Häusern waren die Lichter bereits erloschen und alle Welt träumte in dem kleinen Städtchen. Sogar der Hund des Nachtwächters, der zu den Füßen seines Herrn im Schilderhäuschen lag, knurrte nur ganz schlaftrunken, als eine Frauengestalt, tief in einen Mantel eingehuscht, an ihm vorüber und nach dem Eckhause des Senator Wallfeld eilte. Der helle Ton der Klingel, welche Dr. Franke dort schon hatte befestigen lassen, schallte über den ganzen Markt und weckte alle Hausbewohner, nur eine einzige nicht, denn diese – Jakobine – hatte nicht geschlafen. Sie saß beim Scheine einer kleinen geschirmten Lampe, deren Licht nicht nach außen dringen konnte, und spann. Der Ofen war noch warm und im Zimmer wehte eine weiche reine Luft, durchwürzt von Rosendüften. Ein paar ungeheure Blumenkübel standen an dem einen Fenster und darin grünte dem Winter zum Trotze Myrthengesträuch so groß und so dicht, dass es einen Schirm vor dem Fenster bildete. Ein weißes Kätzchen lag schnurrend auf einem Kissen in der Nähe des Ofens und an der Wand hing ein von einem schwarzen Schleier verdecktes Bild.

Als der scharfe Ton der Klingel erschallte, fuhr die Bewohnerin dieses einfachen Gemaches von ihrem Sitze empor, errötete so stark, dass selbst die bleiche feste Stirne noch einen Rosenschimmer annahm, erbleichte dann und setzte sich langsam und traurig wieder nieder.

»Törin«, flüsterte sie leise vor sich hin, »die immer noch auf eine Erscheinung hofft, die nie wiederkehren wird. Dein Messias ist, wie der der Juden, einmal dagewesen und kehrt nicht mehr zurück.«

Die Klingel ertönte von Neuem, sie besann sich:

»Jemand sucht um Mitternacht den Arzt, – ich will aufmachen, ich darf mich ja nicht sehen lassen«, dachte sie und schlüpfte mit unhörbaren Tritten die Treppe hinab, öffnete und stellte sich hinter die Türe. Sie erkannte das Dienstmädchen aus dem Hause der Rätin Baum, und trat vor, um zu fragen, was bei ihrer Herrschaft geschehen sei.

»Ach Jesus, Fräulein Wallfeld«, sagte die Kleine, »unser Herr ist wieder krank, sehr krank, und Madame möchte den neuen Arzt um Rat fragen, vielleicht nur um einen Mann neben dem Rasenden zu haben. Die arme Frau! Das ist doch eine Kreuzträgerin und ein Gottesengel.«

»Geh’ hinauf zum Doktor«, entgegnete Jakobine die blassen Hände faltend; »Gott führt und prüft die Seinen wunderlich«, damit kehrte sie sich ab und schritt weiter in ihr stilles Stübchen zu ihrem Spinnrocken, der leise schnurrend ihren trüben Gedanken accompagnierte.

Wenige Minuten darauf eilte Doktor Franke mit seiner Führerin durch die schlafenden Straßen und stand bald vor dem Hause, in dem man vor wenigen Tagen seine Visite nicht angenommen. An der Türe empfing ihn eine Dame, die eine Wachskerze in der Hand trug. Franke sah sie an, ein Blick genügte, um ihn zu überzeugen, dass er vor einem der seltensten weiblichen Geschöpfe stand.

Beschreibungen müssen aber schon immer eine längere Zeit mitnehmen, wenn sie eine entsprechende Vorstellung von der Person erwecken sollen, die man vorzuführen beabsichtigt. Die Rätin Baum war groß, schlank und bleich; ihr Haar von einer seltenen Fülle, dunkelblond und leicht gelockt, und gab einen Kopf von plastischer Schönheit mit reichen, weichen Flechten. Ihr Auge von unbestimmbarer Farbe hatte jenen tiefen dunkeln Glanz, der an facettierten Stahl erinnert, und um Mund und Nase lag ein Ausdruck sanfter Festigkeit.

Ihre Stimme zitterte, als sie nach einem leisen Willkommen den Arzt bat, in ein Vorderzimmer zu treten, in das sie ihm voranging.

Dort heftete sie einen langen Blick auf ihn und sagte mit einem leisen Seufzer:

»Sie sind noch sehr jung, Herr Doktor.«

Franke lächelte.

»Es ist ein Unglück für einen Arzt, kein ehrfurchterweckendes Äußere zu haben. Vielleicht aber gelingt mir's mit Hilfe der Zeit, mir das freundschaftliche Vertrauen meiner Mitbürger zu erwerben, da ich auf das Ehrerbietige noch lange keine Ansprüche machen kann.«

»Verzeihen Sie, Herr Doktor, meine Äußerung; ich bin im Begriffe Ihnen einen tiefen Blick in das Innere meines Familienlebens zu gestatten und da ist's wohl natürlich, dass ich lieber einem Greise als einem sehr jungen Manne gegenüber zu stehen wünsche.«

»Gnädige Frau, wenn schmerzliche Erfahrungen geistige Reife geben, so bin ich wenigstens kein Jüngling mehr; auch ich habe gelitten, und wenn Sie mir ein schmerzliches Familien–Geheimnis mitzuteilen haben, so werden Sie in mir, außer dem besten ärztlichen Rate, den ich zu geben weiß, gewiss die auf richtigste Teilnahme finden.«

»Wohlan«, sagte Madame Baum, »mir bleibt keine Wahl; da es sich um Leben und Tod handelt, muss ich jetzt traurige Verhältnisse offenbaren, die ich bisher geheim halten konnte.«

»Rechnen Sie auf meine Teilnahme und Diskretion«, entgegnete der Arzt ermutigend.

Sie stützte den Kopf auf die Hand und sah trübe vor sich nieder.

»Ich bin, mein Herr, seit fünfzehn Jahren verheiratet.«

Unmöglich! wollte Franke sagen, aber er besann sich und verschluckte das Wort, das nur zu leicht wie eine Betise hätte klingen können.

»Meine Verheiratung erlöste mich aus sehr drückenden Verhältnissen, ich war ein blutarmes Mädchen und machte, wie man zu sagen pflegt, ein großes Glück. Mein Mann liebte mich sehr, er war mehrere Jahre älter als ich. – Er war reich, sein Herz ist gütig und liebevoll, er besitzt einen reifen Verstand. Nur ein bedeutender Charakter-Fehler, oder lieber eine Schwäche, entstellt und besudelt den Mann, der mein Gatte und meiner Kinder Vater ist. Er ist – nun ja, es muss gesagt werden – er ist ein heimlicher Trunkenbold. – Aber was der Welt auch verborgen blieb, der Gattin konnte es nicht verborgen bleiben. – Herr Doktor, ich habe alle meine geistigen Kräfte angestrengt, um den Unglücklichen von der Fessel seines Lasters zu erlösen. Umsonst! Seit drei Jahren leidet er an einem zeitweisen Wahnsinne, der jetzt so arg ist, dass ich durchaus die Hilfe eines Arztes in Anspruch nehmen muss, die ich bis dahin von ihm ferne hielt. Wollen Sie den Unglücklichen jetzt sehen?«

Franke erhob sich.

Er war tief erregt von den Mitteilungen der Frau, die dem Arzte und Psychologen ein eigentümliches und sehr trauriges Gemälde aufrollten. Sie gingen durch einige Zimmer, die alle den Charakter häuslicher Behaglichkeit hatten, und blieben endlich an einer Türe stehen, durch deren Schlüsselloch ein heller Lichtschimmer fiel. Frau Baum legte die Hand auf den Drücker und warf einen festen Blick auf den Arzt, bevor sie öffnete und ihn eintreten ließ. Eine Lampe brannte an der Decke in sehr bedeutender Höhe und beleuchtete einen Schauplatz wilder Zerstörung.

Der Kranke, ein großer Mann, lag auf einem Sofa. Er war völlig gekleidet, aber aus der Weste bauschte sich vorne das Oberhemd hervor und hing in ein paar langen Fetzen über das Beinkleid nieder. Ein paar Stühle lagen in Trümmern am Boden, ein Tisch war umgeworfen und eine darauf stehende Wasserflasche zerschlagen, so dass das Wasser über die Dielen floss. Der Leidende musste eben einen Paroxysmus gehabt haben, der seine Kraft erschöpft, denn er lag regungslos, totenbleich, mit klappernden Zähnen und halbgebrochenen Augen.

Frau Baum trat zu ihm, ergriff seine Hand und sagte mit sehr sanfter Stimme:

»Allwin!«

Er hörte sie nicht, seine Brust begann zu fliegen, seine Hände zitterten. –

»Allwin!« wiederholte die Gattin.

Er schüttelte das wirre Haupt, dessen Haar schon stark ergraut war, und stöhnte endlich:

»Lass' mich, lass' mich nur, Maria.«

Sie kniete neben ihm nieder und schob ihren Arm unter seinen Kopf.

»Geh‘! Geh‘fort, geh‘gleich«, sagte er mit röchelnder Stimme.

»Lass' das Tier auf der Landstraße verenden, wo es hingehört, wer kümmert sich um eine sterbende Bestie.«

»Allwin!« sagte sie noch einmal.

»Genug, genug«, heulte er, »was willst Du von mir. Was hilft mir all’ Deine Güte, all’ Deine Freundlichkeit; ist das eine Möglichkeit, dass eine schöne, geistvolle Frau, wie Du, einen Caliban, ein Scheusal, wie mich, lieben kann?« –

Seine Stimme ging in ein Geschnaube über, seine Hände ballten sich, allmählich richtete er sich aus seiner liegenden Stellung empor, knirschte mit den Zähnen, schlug um sich und blickte mit Augen, die Feuer zu sprühen schienen, umher. Sie war aufgestanden und sah ihn fest an. So blickt ein Tierbändiger auf das Ungeheuer, das er zu zähmen beabsichtigt, so ernst, so sanft und so klar.

Das wilde Feuer im Auge des Rasenden schien vor diesem Blicke auszulöschen, er sank zusammen, verhüllte das Gesicht mit den Händen und weinte.

Franke trat nun seinem Patienten näher und machte seine Beobachtungen; die Symptome waren die bei diesem Elende gewöhnlichen, und mit leisem Geflüster gab er der Gattin die nötigsten Verhaltungsregeln. Es fand sich indes, dass sie diese bereits kannte und lange geübt hatte.

»Wer leistet Ihnen Hilfe bei der Pflege Ihres Mannes?« fragte der Arzt endlich.

»Außer einem Dienstmädchen, das ich erzogen, habe und das ziemlich alle Verhältnisse meiner Familie kennt, betritt niemand anderer als ich diesen Raum.«

»Aber wer bändigt den Kranken in den Momenten der Raserei?«

»Meine Augen, meine Stimme.«

»Wenn aber diese Mittel nicht ausreichen? Herr Baum ist ein riesenstarker Mann, und sein Zustand kann jeden Augenblick in eine Raserei umschlagen, die dem Leben so zarter Wesen, wie Sie, gnädige Frau und Ihre, jugendliche Dienerin, gefährlich sein dürfte.«

»Ich stehe in Gottes Hand, Herr Doktor, und lebe und sterbe auf meinem Posten. Ich fürchte die Paroxysmen des Mannes nicht, den ich bis jetzt noch immer durch ein liebevolles Wort lenken konnte. Ich werde unter keiner Bedingung einen Fremden in die traurigen Geheimnisse meines Familienlebens einweihen; einen rohen Krankenwärter vielleicht? Bis jetzt genießt mein Gatte der öffentlichen Achtung. Außer einigen vertrauten Freunden ahndet niemand weder seinen Fehler, noch die furchtbare Strafe desselben. Ich muss meiner Kinder wegen, meiner selbst wegen, einen siebenfachen Schleier über dieses entsetzliche Familienunglück ziehen. Meine Kraft wird ausreichen, so lange es Gott gefällt! – Zu Ihnen, mein Herr, habe ich das Zutrauen, dass Sie das traurige Geheimnis einer Frau bewahren, die Sie zu ihrem Vertrauten wählte, ohne Sie zu kennen, bloß auf das Wort einer Freundin hin, deren Achtung Sie sich sehr schnell gewonnen haben. Ich denke, ein Mann von Ehre wird und muss eine Frau in dem Streben, ihre Pflicht zu tun, unterstützen. Zudem sind Sie noch jung und Ihr Auge, Ihr ganzes Wesen hat einen Ausdruck, der mich hoffen lässt, in Ihnen mir im Laufe der Zeit einen Freund erwerben zu können.«

Franke fand keine Antwort: wenn höchste Bewunderung zur Freundschaft führen kann, so bin ich auf dem besten Wege zu derselben, wollte er sagen, aber das kam ihm wieder so trivial, so phrasenhaft vor und er schwieg daher gänzlich; aber in seinem Auge und in der einfachen Verbeugung, die er machte, lag eine so treuherzige Versicherung, dass Maria ihm die Hand reichte und mit Freundlichkeit sagte:

»Ich glaube Ihnen, Herr Doktor.« –

Er kam nach Hause. Die Stirne glühte ihm fieberhaft von der durchwachten Nacht und den vielfachen Gemütsbewegungen derselben. Einige Augenblicke erschien ihm die Frau, mit der er auf so seltsame Weise bekannt geworden, wie eine Heilige. Dann tadelte er leise ihren übertriebenen Stolz, dann dachte er mit Bewunderung ihrer fast erhabenen Schönheit, aber keine Minute verließ ihn die Erinnerung an sie. –

Doktor Franke war ein Mann von achtundzwanzig Jahren. Er hatte, wie wir wissen, in Paris und London geweilt, war durch die Straßen von Madrid geschlendert und hatte deutsche Lieder gesungen unter den Fenstern römischer Damen. Aber keine Frau hatte auf ihn einen Eindruck gemacht, der dem, unter dem er sich jetzt befand, auch nur entferntest zu vergleichen gewesen wäre. Wenn er seinen Reisegefährten bei sich gehabt hätte, so würde er ihm wahrscheinlich und zwar ganz wahrheitsgemäß gesagt haben, dass Maria Baum ein Weib sei, welche durchaus keine Leidenschaft erwecken könne. Der Ernst, die Festigkeit ihres Wesens erschienen ihm fast zu männlich, um jenes heitere, spielende Gefühl zu begünstigen, das er sonst Liebe genannt hatte. Sie war fünfzehn Jahre verheiratet und musste daher jedenfalls älter sein als er selbst, und eine Leidenschaft für eine ältere Frau hatte er bis dahin auch stets für eine garstige Karikatur gehalten. Dazu zog sich durch das ganze Wesen seiner neuen Bekannten ein gewisses Etwas, das ihm unter allen andern Verhältnissen drückend, ja in manchem Falle vielleicht lächerlich erschienen wäre. Ihr »Ich lebe und sterbe auf meinem Posten«, so wie die Worte »Ich stehe in Gottes Hand«, die sie ein paarmal wiederholte, hätten für ihn sonst einen Anstrich von Bigotterie, von Pietismus gehabt, der ihm jede andere Frau unangenehm oder lächerlich gemacht haben würde. In Mariens Munde waren sie ihm erhaben erschienen, es hatte in der Art und Weise, mit der sie sich auf ihre Pflichten berufen, auf ihren Gott gestützt hatte, ein Adel, eine Wahrheit gelegen, die dem jungen Weltmanne beneidens- und bewundernswürdig schienen.

O glücklich derjenige, der bei den schwierigen Lagen, in die das Leben ihn versetzt, eine andere Stütze hat, als bloß sein Ehrgefühl. Glücklich derjenige, der ein Auge über sich glaubt, das ihn bewacht, eine Hand, die ihn stützt, einen Willen, in dem der eigene Wille aufgehen kann wie der Strom im Meere.

Franke ging in seinem Zimmer auf und ab und betrachtete den Winterhimmel, der von grauen Wolken bedeckt war.

Ganz unten am Horizont webte die untergehende Sonne einen Saum von Purpur und Gold um den schweren Wolkenmantel und einzelne Licht- und Glutstrahlen schossen unter demselben von Zeit zu Zeit hervor.

»O Menschenleben, grau in grau«, sagte Franke vor sich hin, »der Glaube ist die Sonne, die dir Licht und Glanz verleiht. Welch ein Elend, dass diese geistige, diese göttliche Sonne nichts ist, als ein Spiegelbild, zusammengesetzt aus den Wünschen und Träumen unsrer eigenen Brust. Unter dem Messer des Anatomen, unter dem Mikroskop des Naturforschers, in den Schmelztiegeln des Chemikers, unter dem Spaten des Geologen zerfliegt das schöne Sonnenbild eines persönlichen Gottes, und an seine Stelle tritt das kalte tote Gesetz und die ewig mit ihm sich gattende Materie. Wir arbeiten auf dieser Welt, um unser Dasein zu fristen und tun das Rechte, um vor unseren eigenen und anderer Augen nicht als Lumpe dazustehen. Grau in Grau – alles, was wir anseh'n, denken, fühlen. Es lohnt kaum zu leben, und selbst das Vergnügen, der Genuss – was ist's? – Ein Moment, in dem ein Blitz durch die öde Dunkelheit zuckt. Wer glauben könnte! – glauben! pah, glauben ist schlafen; erwachen müssen wir alle und ich glaube, ich träume jetzt und zwar von einer stolzen und schönen Frau. Dummes, dummes Zeug!« und damit rieb er sich die Stirne und ging hinab zu seinem Wirte, dessen chemisches Laboratorium er besehen sollte. –


Viertes Kapitel.
Im Laboratorium.

»Sie sind wohl in den Laboratorien der großen Naturforscher unserer Tage gewesen, da Sie sich in London und Paris, in Wien und Palermo aufhielten?« fragte der Senator.

Franke musste dies verneinen.

»Haben Sie Orfila gekannt?«

»Nur zufällig.«

»Örsted?«

»An ihn hatte ich Empfehlungen, aber keine Gelegenheit sie abzugeben.«

»Das ist wunderbar! Mediziner, weit und breit umhergereist und mit solchen Männern keine Verbindungen geknüpft, das ist wirklich wunderbar und seltsam.«

»Mein lieber Herr Senator«, sagte Franke lächelnd, »ich bin kein so großer Freund der Chemie, ja ich fürchte diese Wissenschaft sogar ein wenig. Es ist ein schlimmes Ding, alles und jedes auf diesem Erdboden sich in gewisse Grundstoffe auflösen zu sehen, die sich überall gleichbleiben. Eiweiß und Stärkemehl und etwas von irgendeinem Gas, das sind die Bestandteile aller Dinge und Wesen. Der Begriff des Lebens fliegt dem Chemiker unter der Hand zum Schornstein hinaus und ich sage mit Goethe:

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie

Und grün des Lebens gold'ner Baum.«

»Natürlich, in Ihren Jahren und in Ihren Verhältnissen, aber der Chemie tun Sie Unrecht, sie zerstört nicht nur, sie schafft auch und schafft des Schönen und Nützlichen so viel. Ich bin auf praktischem Wege zur Theorie, zur Wissenschaft gekommen und der Anfang meines Wissens ist nur gering. Aber schon für mein früheres Geschäft sind einige chemische Kenntnisse ganz unerlässlich. Und welche seltsame Welt der Ursachen und Wirkungen eröffnet uns diese Wissenschaft, die außer dem so sehr ins praktische Leben eingreift. Hier zwischen meinen Tiegeln und Retorten möchte ich Ihnen auch einige Worte Goethes anführen, an die ich mich hier oft gemahnt fühle:

Schau aller Wirkens Kräfte Samen,

Und darf nicht mehr in Worten kramen.«

»Nun, ich weiß nicht«, entgegnete Franke, »ob in den Retorten und Tiegeln des Chemikers wirklich die Ursachen, die Samen aller Kräfte entwickeln lassen. Ich für mein Teil sehe diese lang schnäbligen Gefäße, diese verdeckten Retorten nie an, ohne an die zerstörenden Kräfte denken zu müssen, die sich in ihnen entwickeln. Wie ein Kind vor Gespenstern fürchte ich mich bisweilen vor Giften und vor dem Brauen derselben. Die Geschichten der Tofana, der Brinvilliers stattet meine Phantasie stets aus mit solchen Kammern, wie diese hier, angefüllt mit mancherlei wunderlichen Gefäßen, in denen das Verderben zischt und sprudelt. Aber ich denke mir auch nur ein Weib in solchen Räumen walten, das Verbrechen des Giftmischens ist ganz eigentlich ein weibisches. Es ist verwandt mit dem Wirkungskreise des Weibes und wie uns die Hausmutter aus ihrer Küche liebend und sorgsam Leibes-Nahrung und Stärkung, ja so eigentlich das Leben gibt, so braut und kocht das entartete Weib den Tod in ihrer Höllenküche.«

Der Senator hatte sich wieder gesetzt, als Franke zu sprechen begonnen. Seine Stirne war wieder bleich geworden, und als er die Augen erhob, lag in dem dunkeln, schweren Blick, der wie ein Wetterstrahl den jungen Arzt traf, abermal diese unverkennbare Erinnerung an seinen seltsamen Bekannten in Venedig.

»Hören Sie auf, junger Mann«, sagte endlich Wallfeld – »hören Sie auf, Sie töten mich.«

Er hielt die Hand vor die Augen und neigte einige Augenblicke den Kopf, wie keuchend unter einer schweren Last. Dann richtete er sich empor, und sprach gefasster:

»Dies muss anders werden! – Schon mehrere Mal haben Sie die ewig schmerzende Stelle meines Familien-Unglücks auf raue Weise berührt. Es ist nicht Ihre Schuld! Wer eine Verwundung hat, muss die Nachbarn darauf aufmerksam machen, sonst berühren sie dieselbe ohne Ahndung, dass sie Pein erregen. – Ich glaubte, jeder Mensch kenne unser Schicksal, es war uns fast, als müsse es uns an der Stirne geschrieben sein. Sie aber sind fremd hier und haben uns wahrscheinlich nie nennen hören, bevor Sie unser Haus betreten?«

Franke bejahte dies.

»So muss ich es eigentlich in Ihre Willkür stellen, ob Sie künftig unter unserm Dache bleiben wollen oder nicht, und, so schwer es mir wird, Ihnen sagen, dass über dem Haupte meiner unglückseligen Stiefschwester seit Jahren der Verdacht des Giftmordes schwebt. Zwar haben die Gerichte nichts ermitteln können, sie ist aus dem Gefängnisse entlassen, aber mehrere schreckliche Tatsachen in ihrem Prozesse sind unaufgeklärt geblieben, und bis nicht ein Engel erscheint, der den Schleier von der Vergangenheit und – von den Gräbern nimmt, wird Jakobine nie ihr Angesicht mit Ehren unter Menschen zeigen können.«

»Aber das ist ja ein grässliches Schicksal, werter Herr«, sagte Franke tief ergriffen von der einfachen Erzählung des Mannes, »und Ihre Schwester ist ein unsäglich unglückliches Wesen.«

»Wohl ihr, wenn sie bloß unglücklich ist«, sagte der Senator, »Unglück ist besser als Schuld und ich als Bruder bin natürlich der Letzte an ihre Schuld zu glauben, ich –« er versank wieder in minutenlanges Träumen, richtete sich dann rasch empor und sagte:

»Sie kennen uns nun und werden uns entweder verlassen oder schonen.«

Franke reichte seinem Hauswirte die Hand und gab ihm mit Herzlichkeit die Versicherung, in jeder Beziehung Rücksicht auf seine eigentümliche Lage nehmen zu wollen.

»Sie werden von uns sprechen hören, Herr Doktor, wenn Sie längere Zeit hier sind. Der böse Leumund ist unsterblich. Glauben Sie an das Unglück, so lange die Schuld nicht erwiesen ist und bitten Sie die Vorsehung, dass sie die Wahrheit ans Licht ziehe.«

Franke ging in dem beschränkten Raume des gewölbten Laboratoriums auf und ab.

»Wohl Ihnen, mein Herr, wenn Sie bei dem schweren Unglück, das Sie betroffen, an das Walten einer Vorsehung überhaupt noch glauben können. Ein einziger Blick in das klare, reine Gesicht Ihrer Schwester müsste, wie ich glaube, hinreichen, jeden Richter von ihrer Unschuld zu überzeugen, und doch haben Verhältnisse sich so gefügt, dass der eigene Bruder an die Möglichkeit einer Schuld bei ihr glaubt. Wenn wirklich eine weise liebevolle Hand die Schicksale der Menschen lenkte, wie wäre das möglich? Wie wäre es möglich, dass auf dem Haupte eines Menschen sich so viel Elend sammeln könne, wie auf dem, der –« er fühlte, dass er im Begriff gewesen, ein Geheimnis zu verraten und schwieg.

Senator Wallfeld sah ihn an und sagte:

»Sie waren in voriger Nacht bei dem Rate Baum?«

»Sie sagten mir, dass Sie die Familie kennen«, entgegnete der Doktor.

»Ja! Und seit vielen trüben Jahren. Frau Baum ist die einzige Freundin meiner unglücklichen Schwester, und ist ihr in allen ihren Leiden treu geblieben.«

»Es scheint eine charaktervolle und tüchtige Frau zu sein.«

»Eine Frau, wie es wenige auf Erden gibt«, sagte der Senator. »Ich erzählte Ihnen schon, dass wir Nachbarn waren. Sie und Jakobine sind zusammen aufgewachsen. Ihr Vater war wie der unsrige Tuchmacher. Das Haus hier nebenan gehörte ihrer Familie seit Jahrhunderten. In kleinen Städten, mein Herr Doktor, ist es etwas anderes, wie in der großen Welt, alles ist bei uns dauernder, stabiler, Wohnung und Hausrat vererbt sich vom Vater auf den Sohn. Bei uns besonders, wo das Handwerk gleichsam erblich war, blieb Jahrhunderte lang alles sich gleich in den Verhältnissen des Lebens, bis vor circa dreißig Jahren der Kommerzienrat Werl hierher zog mit vielem Gelde und englischen Maschinen. Der Handarbeiter kann, auch wenn er nicht ohne Kapital ist, neben der Maschinenkraft nicht aufkommen. – Mein Vater schloss bald sein Geschäft und lebte von seinen Renten. Der Vater Mariens arbeitete so lange mit seinen Spinnern und Webern fort, bis sein Bankerott ausbrach, ungefähr sechs Jahre nach der Gründung von Werls Fabrik. Sein Ruin war auch sein Tod, mitten in dem Elende und den Arbeiten, die ein Fallissement hervorbringt, rührte ihn der Schlag. Die Familie blieb ohne Stütze, ohne Rat, in völliger Armut zurück. Damals war Maria zwölf Jahre alt, mit zwanzig verheiratete sie sich, aber auch in ihrer Ehe blieb sie die Freundin meiner Schwester, die wenige Jahre älter ist als sie. Sie können daher wohl glauben, dass wir, Jakobine und ich, den Charakter unserer Jugendgespielin und Nachbarin kennen, sie ist eine außerordentliche Frau.«

Ein Umstand in dieser kleinen Erzählung interessierte den Doktor besonders; der nämlich, dass auch Marie den Wechsel der Verhältnisse, von Reichtum oder mindestens von Wohlhabenheit zu Armut, kennengelernt hatte; zwar war er der Meinung, dass bei ihr der Abstand wohl nicht so groß und plötzlich als in seinem eigenen Leben gewesen sein dürfte, aber dennoch kam es ihm vor, als ob dadurch eine gewisse Verwandtschaft zwischen ihm und der Frau, die ihn so lebhaft beschäftigte, vermittelt würde. Das Laboratorium des Senators enthielt nichts, das besonderer Aufmerksamkeit wert gewesen wäre.

An einem der Schränke sah man die Spur, dass er einst versiegelt gewesen sein müsse, und Franke setzte den kleinen roten Lackfleck in seinen Gedanken in Verbindung mit dem Familienunglück, von welchem er heute gehört. Welche Verwirrung, welcher Jammer mochte in diesem Hause geherrscht haben zur Zeit, als die Gerichte ihr Siegel auf jenes Schloss drückten.


Fünftes Kapitel.
Eine große Gesellschaft.

Unter den Familien, denen Franke Visite gemacht, war natürlich auch die des Kommerzienrats Werl. Die Häuslichkeit hatte ihm eben nicht imponiert trotz dem Reichtum, der in allen Möbeln und Geräten sich mit großer Ostentation zeigte. Die Rätin Werl, eine dicke Frau, mit einem großen, hübsch gefärbten Gesicht, fast wie das Wachsbild vor dem Laden eines Friseurs, hatte ihm viel erzählt von ihren mancherlei Körperleiden und den Bädern, die ihr verordnet worden, der Kommerzienrat hatte gar nichts gesprochen, als:

»Wie gefällt's Ihnen in Hermstädt, he? Und denken Sie gute Geschäfte zu machen in Hermstädt, he?«

Franke wusste, dass diese Familie jährlich vier große Gesellschaften gab, und es war ihm daher nicht überraschend, eine goldumrändelte Karte vorzufinden, die ihn zu einem Tee bei dem Kommerzienrate einlud.

Er stand lächelnd vor dem Spiegel und knüpfte die Schleife seines Halstuches. Der letzten großen Gesellschaft hatte er in Neapel beigewohnt. Damals ein reicher Mann an der Seite seines vornehmen Freundes. Unwillkürlich verglich er den Abend, dem er entgegenging, mit jenem. Vor seinen Augen schwebten die graziösen Gestalten, die südlichen Gesichter der schönen Neapolitanerinnen vorüber, er sah den goldenen Vollmond am tiefblauen Himmel Italiens und unterdes tobte der Sturm und raste in den Zweigen des alten Nussbaumes vor der Haustür.

Sein frühester Bekannter im Orte, der Postsekretär Walter, hatte versprochen ihn abzuholen und trat ein in seiner glänzenden, mit Gold gestickten Staatsuniform, ein hübscher junger Mann mit einem Gesicht, auf dessen belebten Zügen ein neckischer Humor funkelte.

Franke und Walter waren in den letzten Tagen sich einigermaßen nähergetreten und als der Post-Sekretär den Kreis-Physikus betrachtete, sagte er lächelnd:

»So werden Sie nicht imponieren; unsre gute Stadt verlangt den Augenschein, um an die Würde eines Menschen zu glauben. Besitzen Sie keinen Ring, keine einigermaßen kostbare Tuchnadel? Nicht einmal eine gestickte Weste?«

»Schlimm, sehr schlimm«, entgegnete er dann auf das Nein des Befragten; »aber hoffentlich haben Sie einen Vetter im zehnten Gliede, der General oder Präsident ist, oder eine Base, die etwa als Bettmeisterin oder Silberwäscherin am Hofe angestellt ist? – Alles nicht! Sie werden schwer hier reüssieren, und zumal da Sie schon so unglücklich gewesen sind, das Haus der Rätin Baum zu betreten. – Die Dame ist, müssen Sie wissen, der Stein des Anstoßes und der Ärgernis für unsre Haute volée, die man hier mit dem Ausdruck Honoratioren bezeichnet.«

»Und was«, fragte Franke mit wenig verhehltem Interesse, »ist denn der Grund, dass diese Dame hier keine Freunde hat?«

»In einer kleinen Stadt, mein Bester, sind die Gründe des Ge- oder Missfallens in ein mystisches Dunkel gehüllt. Die Rätin Baum ist eine sehr schöne Frau. Ihr Auftreten ist sehr einfach, aber sie hat hohe Bildung und steht in Verbindung mit den bedeutendsten Männern des Tages, wie ich aus ihrem Briefwechsel ersehen kann. – Sie lebt in tiefster Abgeschlossenheit, keine unsrer Damen wird je zu ihr eingeladen, nie macht sie einen Besuch und die einzige weibliche Person, mit der sie hier in freundschaftlichem Verhältnisse steht, ist meine arme Base Jakobine. Dagegen kommen viele Männer in das Baum'sche Haus und jeder, der es einmal betreten, kehrt, von dem Liebreiz und dem Geist der Wirtin angenehm angeregt, gern dahin zurück. Auch ich bin oft dort, freilich sehe ich die Frau vom Hause nicht jedes Mal, aber auch die Gesellschaft des Rates ist angenehm, er ist ein trefflicher Schach- und Trick-track-Spieler und die beiden kleinen Mädchen können schon ganz hübsch die Stelle der Mutter vertreten.«

Sie waren unter diesem Gespräche an das hell erleuchtete Haus des Kommerzienrates gekommen. –

Es lag in einer Seitenstraße, die nur von den langen rauchigen Fabrikgebäuden gebildet wurde, in denen es ohne Aufhör Tag und Nacht schnurrt, das ist wirklich wunderbar und braust und zittert von der Arbeit der Dampfmaschinen und der verschiedenen englischen Spinnapparate. Eben schlug die Uhr der nahen Kirche Sechs und aus den Türen der Fabrikgebäude strömten, während zehn Minuten lang das Gerassel der Maschinen schwieg, die Tagarbeiter heraus, indes auf klappernden Holzschuhen die Nachtarbeiter eifrig hinzu eilten, um im rechten Moment an ihren Plätzen zu sein. –

Die meisten derselben waren Weiber mit bleichen aufgedunsenen Gesichtern. Sie hatten Tücher um die Köpfe gezogen, die das liederlich arrangierte Haar und zum Teil auch die zerrissene und schmutzige Kleidung verhüllten, und trugen Töpfchen mit Speisen in den Händen. An einigen Stellen mussten die beiden Gäste des reichen Fabrikherrn sich durch die zerlumpten Gruppen der Arbeiter beinahe drängen, und Flüche und nicht wenig schmutzige Worte tönten ihnen nach von bleichen und wulstigen Lippen, die vor Frost bebten. Burschen von zwölf bis sechzehn Jahren, Mädchen von unterdrücktem Wachstum und einige brutal aussehende Kerle standen an der Tür eines Gebäudes, aus der ein heißer, erstickender Dampf die Vorübergehenden mit einer Art von Pesthauch begrüßte. Es war das Trockenhaus, in dessen Vorderräumen noch einige Wollkrämpelmaschinen angebracht waren, die ebenfalls bei Nacht arbeiteten, während oben die Handweber bereits Feierabend gemacht. Dicht neben demselben bog man schief um eine Ecke und stand vor dem hell erleuchteten Palast des Kommerzienrats. –

Rechts und links neben der Haustüre hielten zwei Bronze-Figuren, in Nischen stehend, große, in blendendem Gaslicht strahlende Laternen in den Händen, welche den Eingang und die zu ihm führenden Sandstein-Stufen erleuchteten. Der Flur, mit zweifarbigen Quadern ausgelegt, schwamm in einem Meer von Licht. Blumenkübel standen trotz des eisigen Winters, der durch das geöffnete Haustor hereinwehte, auf den Treppen-Absätzen, ein Diener in krebsroter Livree öffnete die Türe eines Garderoben-Zimmers und gab den beiden Gästen für ihre Mäntel Nummerkarten. Eine Minute darauf standen sie in dem schon ziemlich gefüllten Saale. Franke musste sich sagen, dass das Ganze glänzender, ja auch geschmackvoller arrangiert sei, als er es vermutet.

Wirt und Wirtin erfüllten ihre Obliegenheiten mit möglichster Grazie. Der Kommerzienrat fragte jeden mit breitem Lächeln:

»Wie gefällt es Ihnen bei mir, he?« und die Kommerzienrätin, in einer Pariser Haube und einem Blondenkleide, erzählte von einigen Gesellschaften in Berlin, bei denen die Prinzen zugegen gewesen und sich viel mit ihr unterhalten hätten. Die Hauptzierde der Gesellschaft waren die vielen blühend hübschen Mädchen, unter denen des Postmeisters reizende Lätitia ziemlich den ersten Platz einnahm. Gleich nach dem Tee wurden lebende Bilder aufgestellt, und zwar hatte die Frau Kommerzienrätin einige Blätter aus den hübschen Fleurs animées dazu gewählt.

Die Kostüme hatte die reiche Dame in Berlin anfertigen lassen und die jungen schönen Mädchen sahen reizend genug aus als Rosen, Korn- und Mohnblumen. Postsekretär Walter hatte bei dem die Distel zeigenden Tableaux die Rolle des Esels übernommen und sah mit seinem grauen Frack, der roten Halsbinde und den gelben Handschuhen unwiderstehlich komisch aus. Später tanzte man und Franke als ein gewandter und ziemlich unermüdlicher Tänzer hatte sehr bald bei den anwesenden jungen Damen und deren Müttern Gnade gefunden. –

Es war ein Hauptaugenmerk des jungen Arztes, sich die Gesichter und Namen der Anwesenden einzuprägen. Er musste sich sagen, dass nach allem, was er hier sah, sich echte Originalität mehr in dieser kleinen Welt als in der Residenz entwickle. Fast jeder der Gäste im Hause des Kommerzienrats hatte seine kleine Absonderlichkeit, besonders unter den Männern. – Zwei davon fielen ihm gleich anfangs sehr auf. Der eine, ein Mann von Mittelgröße, mit einer eigentümlich keck in die Welt schauenden Nase, und einem Bändchen des roten Adlerordens im Knopfloch, der andere sehr groß, sehr hager und bis oben hinauf zugeknöpft, so dass man von seiner Wäsche nichts gewahr werden konnte, als ein sehr kleines Stückchen Hemdkrause, das zwischen dem zweiten und obersten Knopfloch wie neugierig hervor sah. Postsekretär Walter, den er nach diesen beiden fragte, nannte ihm den ersten als den pensionierten Ober-Registrator Semmler; den zweiten als den gleichfalls pensionierten Major von Meinhard. Beiden hatte er bereits Besuche gemacht, aber nur die weiblichen Familienglieder gesprochen, und er ließ sich daher den Herren vorstellen, da ihm Walter auseinandersetzte, dass beide Männer sich in der letzten Zeit einen nicht unbedeutenden Namen in der gelehrten Welt durch ihre gemeinschaftlichen astronomischen Forschungen gemacht hatten. Um eilf Uhr ging man zu Tische. Es war an kleinen Tafeln gedeckt und das Walten eines Freundes führte ihn an einen Tisch mit der schönen Lätitia und zwei Fräulein von Meinhard, beide so rosige, schlanke und zierliche Mädchen, als Norddeutschland sie nur hervorzubringen vermag. Die Champagner-Stöpsel knallten, die jungen Mädchen lachten. Franke im Gefühl seiner Jugend, Gesundheit und Kraft vergaß die Schmerzen der letzten Vergangenheit und fühlte sich so angeregt und so fröhlich als in Neapel. Er war nicht mehr der reiche Erbe; in einer großen Stadt wäre er ein sehr unbedeutendes Individuum gewesen; hier machten ihn sein Rang als Arzt und sein jugendlich hübsches Äußeres zu einer hervorragenden Persönlichkeit. Er fühlte sich bevorzugt, geehrt, ja sogar ein wenig umschmeichelt, und empfand ein recht inniges Behagen. Es ist ja gleich viel, ob man in Rom, Neapel oder Hermstädt Liebe und Wohlwollen erweckt, der Besitz dieser Güter ist eigentlich doch das beste Glück des Menschen.

Nach Tische trat Franke mit Lätitia zu einem Walzer an. Sie waren ziemlich das letzte Paar und er führte seine schöne Dame zu einem Ecksofa, das die vor ihm stehenden Tänzer verdeckten, sich dort neben ihr niederlassend. Es war drückend warm im Saale und Franke hatte eine Orange in den Händen behalten, die er zerlegte und auf einer Schale seiner Tänzerin darbot. Sie nahm lächelnd ein Stückchen und sagte, bevor sie es an die Lippen brachte:

»Ich fürchte nicht, Herr Doktor, dass Sie die bösen Künste bereits erlernt haben, die man in Ihrem Hause treibt.«

»In meinem Hause? Weshalb, mein Fräulein, treibt man dort böse Künste?« fragte er scherzend dagegen.

»Ei, wissen sie das nicht? Ihr Haus ist seit Jahren sehr im Verruf; denn zwei Mordtaten sind dort vorgefallen und noch nicht aufgeklärt. Es ist das wohl schon lange her, aber das Andenken an so was erhält sich für immer.«

»Das ist interessant und schauerlich, mein Fräulein«, entgegnete Franke lächelnd, »das alte Haus mit der freien Aussicht und den freundlichen hellen Stuben sieht gar nicht aus, als ob jemals etwas Böses oder Seltsames dort geschehen sein könnte.«

»Und doch, und doch!« flüsterte das junge, rosige Mädchen mit ernsthaftem Kopfnicken.

»Ich war damals vielleicht noch nicht auf der Welt oder doch noch ganz klein und unsereinem erzählt man solche Dinge nicht ordentlich. Du bist ein junges Mädchen, sagt der Vater, wenn ich ihn darnach frage, um alles zu wissen – noch viel zu jung, und Mama sagt: Christum lieb haben ist besser, denn alles wissen. Aber man hört denn doch so dies und das über die Schauergeschichten, die sich in der Welt zutragen.«

»Und was haben Sie denn gehört, Fräulein, über die Schauergeschichten in meinem Hause?«

»Ja, Herr Doktor, gerade nicht viel, nichts Genaues, unsre alte Kinderfrau erzählte mir davon, aber ich weiß, die lügt wie gestochen.«

»So, so«, entgegnete Franke lächelnd.

»Ja, aber wahr ist's doch, seh'n Sie, der Vater und die Frau des Senator Wallfeld sind vergiftet in einer Nacht. Herr Wallfeld versteht allerhand Gifte zu machen und seine Schwester hat ihm ein Päckchen mit einem schrecklichen Gift heimlich genommen, das hat er vermisst, und die beiden Leichen haben alle Zeichen der Vergiftung an sich getragen, und in derselben Nacht ist ein naher Verwandter spurlos aus dem Hause verschwunden. Ja, und die Schwester, die Jakobine Wallfeld, hat Jahre lang im Gefängnis gesessen, o es ist eine ganz schreckliche Geschichte.«

»So scheint es«, sagte Franke nachdenklich.

Das bleiche Gesicht Jakobinens stand plötzlich vor ihm, es war ihm, als suche er den sanften, resignierten und schmerzvollen Blick, den sie bei ihrem kurzen Zusammentreffen auf ihn heftete. Hinter diesen Zügen eine Meuchelmörderin zu vermuten, schien ihm an Wahnsinn zu streifen und doch war der eigene Bruder nicht frei vom Verdacht, das hatte er aus den Worten des Ratsherrn nur zu gut herausgehört, aber Frau Baum, diese feste, stolze und edelherzige Frau, hatte die Freundschaft und den Glauben an die Angeschuldigte bewahrt, ihm war dies hinreichend, um ebenfalls an ihre Unschuld zu glauben. Jakobine Wallfeld erschien ihm als eine Märtyrin und es war ihm einen Moment lang, als ob es sein eigentlicher Lebensberuf sei, das Geschick dieses armen Wesens aufzuklären. –

»Ja aber wenn Sie so dasitzen wollen und die Tour verpassen, Herr Doktor, so erzähle ich Ihnen gar keine Geschichten mehr, weder schöne noch schreckliche«, sagte Lätitia, und erweckte mit diesen Worten den Träumer zur Einsicht in die Gegenwart.

Franke sprang auf, schlang seinen Arm um die jugendliche Gestalt und schwang sich mit ihr in die Reihen der Tänzer. Die Töne eines echten deutschen Walzers trugen ihn wie auf Flügeln durch den Saal, noch einmal und noch einmal flog er mit ihr die Runde durch und als er sie endlich zu ihrem heimlichen Plätzchen zurückführte, sagte sie lächelnd:

»Wahrhaftig, Sie sollen sich nur erst gar nicht für einen Arzt ausgeben. Welcher vernünftige, rechtschaffene Doktor walzt seine Patienten schwindsüchtig?«

Franke fand keine rasche Erwiderung auf dies Wort der jungen Dame, er tat daher das Beste, lächelte und sagte, sie sei wunderschön in der Aufregung des Tanzes. Eine halbe Stunde darauf, saß er im Cotillon neben einem Fräulein Meinhard auf derselben Stelle und hielt mit der jungen Dame lachend Zwiesprache über die vielen welkenden Blumen und die herabbrennenden Kerzen im Saale, und als Sträußchen und Orden verteilt waren, mit welchen letzteren die jungen Schönen seiner neuen Heimat seine ganze Brust dekorierten, als Bonbons geknallt hatten, und die bunten Kleinigkeiten eines Christbaumes verteilt waren, fand er sich allein, in seinen Mantel eingehüllt, den Kopf voll von hundert seltsamen Gedanken, in der schneeigen Straße zwischen den Fabrikgebäuden.

Die Räder und Walzen schnurrten und rasselten, trübes Lampenlicht schimmerte durch die geschlossenen Laden und in der großen Pforte in mitten der Gebäude lehnte an einem Pfosten eine in Pelze gehüllte Gestalt, der Fabrikwächter.

»Was ist die Uhr«, fragte Franke im Vorübergehen.

»Fünf vorbei, bald Morgen, Gott sei Dank«, sagte der Mann mit einer tiefen, dumpfen Stimme.

Der Hund zu seinen Füßen knurrte und Franke eilte an ihm vorüber in sein Haus, wo eine unsichtbare Hand ihm öffnete.

»Sie wacht«, dachte der junge Arzt, »früh und spät wacht sie – unglückliche Jakobine!« –


Sechstes Kapitel.
Maria.

Einladung folgte jetzt auf Einladung für Doktor Franke. Aber auch seine Praxis fing an sich zu heben. Ehe noch der Frühling kam, konnte er übersehen, dass er in Hermstädt sein täglich Brot finden würde. Sein täglich Brot, wie es der unbemittelte Beamte in unserem Vaterlande isst. Er musste Berechnungen anstellen, wie viel er für jeden besondern Zweig der Lebensbedürfnisse etwa zu verwenden haben würde. Er fing an sich daran zu gewöhnen, auf den Geldwert einer Sache Rücksicht zu nehmen, bevor er sie als eine Notwendigkeit für sich betrachtete. Im Sommer wollte er eine Wohnung mieten, die ihm verstattete, seine Mutter zu sich zu nehmen.

Jakobine, für die er eine unglaubliche Teilnahme empfand, hatte er noch nicht ein einziges Mal gesprochen. Mit seinem Hauswirt und dem Postsekretär Walter stand er auf freundschaftlichem Fuße und im Hause der Rätin Baum war er ein stets gern gesehener Gast. –

Sein Leben war just nicht unfreundlich, aber als eine Fortsetzung seiner Jugendjahre betrachtet, war es unsäglich dürftig. Er selbst fühlte dies kaum. Eine eigentümliche Ader des Glückes hatte sich ihm eröffnet in dem Umgange mit der Frau, die er am Krankenbette ihres Gatten zuerst gesehn. Der Rat Baum war genesen; freilich schien bei diesem Manne jedes Genesen von seinem entsetzlichen Übel nur eine Gnadenfrist zu sein, da der Grund desselben nicht gehoben wurde. Er selbst hatte dringend gewünscht, seinen Arzt kennenzulernen, und so war denn Franke in den näheren Umgangskreis der Familie gezogen worden. Wer wie Franke im Reichtum erzogen ward und seine Jugend auf Reisen zubrachte, kennt eigentlich wenig vom Leben in der Familie. Bei seinen Eltern war jeder seinen eigenen Weg gegangen, andre Familien hatte Franke nur im Gesellschaftsputze gesehen, im Hause der Frau Baum sah er daher zuerst ein Familienleben. Wenn er in der Abendstunde hineilte, heimelte ihn schon das Licht an, das in vollem Strom, nur gedämpft von den niedergelassenen Gardinen, durch die glänzenden Fenster strahlte. Viertelstundenlang konnte Franke unter diesen Fenstern stehen und dem Stimmengeflüster oder dem Gesang lauschen, der zu ihm herab tönte. Wenn er dann eintrat, wehte ihm Hyazinthen-Duft mit Frühlingshauch entgegen und beim Schein der Lampe am runden Familientisch saß Maria zwischen ihren beiden Kindern, ihrem Gatten gegenüber, der entweder mit einem Bekannten irgendein Zugspiel spielte, oder las, oder auch sich mit einer mechanischen Arbeit beschäftigte. Maria selbst hatte stets eine nützliche Arbeit vor und verstand derselben einen Anstrich von Zierlichkeit und Nettigkeit zu geben, der Auge und Herz erfreute.

Wenn sie so dasaß, eifrig an einer Nätherei arbeitend, vor sich das aufgeschlagene Arbeitskästchen von Polixander, in dem jedes einzelne Gerät schon von dem eigentümlichen Geiste der Besitzerin Zeugnis abzulegen schien, war es Franke zumute, als ob er einen Blick in eine vom mildesten Mondlicht erhellte Landschaft täte, alles so sanft, so rein, so still, und doch lässt das Bild die Vermutung zu, dass eine andere Beleuchtung es in noch strahlenderer Schönheit zeigen könne.

Mariens Gatte war ein Mann wie tausend andre. Franke konnte keine einzige Eigentümlichkeit an ihm bemerken, außer die traurigen und schrecklichen, die er bereits kannte. Bisweilen merkte man es ihm an, dass er getrunken hatte, dann war sein Auge glänzend oder matt, je nach dem Stadium des Rausches, seine Stimme stockte oder zitterte, sein Gang war unsicher und seine Behauptungen wurden mit einer Art von brutalem Trotz aufgestellt.

In solchen Stimmungen widersprach Maria ihm nie, sondern ging auf seine oft widersinnigen Ideen mit der Milde ein, die eine Mutter gegen ein krankes oder blödsinniges Kind zeigen würde. Selbst der Ton ihrer Stimme hatte dann etwas Beruhigendes und Baum pflegte gewöhnlich sich bald zurückzuziehen und seine Gäste der Unterhaltung seiner Gattin zu überlassen.

Dr. Franke hatte mehr als jeder andere gewisse Berührungspunkte mit Maria. Ein Arzt ist fast immer einigermaßen Freund der Familie, in der er einen Kranken behandelt, und das traurige Geheimnis, das er mit Marien teilte, gründete wohl einige Vertraulichkeit zwischen ihnen beiden. Nicht selten richtete sie eine rasche heimliche Frage an ihn, die Möglichkeit eines Rückfalls und die zweckmäßigste Behandlungsweise dabei betreffend, oder einen Blick des Einverständnisses, der mehr als einmal ein schnelleres Pulsieren des Blutes in den Adern des jungen Arztes erregte.

»Welch’ eine Frau«, sagte er sich selbst an jedem Abende, da er ihr ruhiges und edles Tun von Neuem beobachtet hatte, und ein Gefühl setzte sich in seiner Brust fest, das er ähnlich nie an sich selbst gekannt, noch auch an andern zu sehen Gelegenheit gehabt hatte.

»Liebe ich sie«, fragte er sich dann und er verneinte diese Frage mit großer Entschiedenheit.

Liebe, die Liebe, welche er bis jetzt kannte, war ein Gefühl, das der hohen Achtung, die Maria ihm einflößte, fast entgegengesetzt erschien. Alle Frauen, die er noch geliebt, waren Wesen, deren Gedankenwelt er bedeutend unter dem Niveau der seinigen gefunden, deren Willenskraft er nicht der Rede wert geschätzt. Schönheit hatte ihn angezogen und er hatte eine Zeitlang in dem Bewusstsein, der Mittelpunkt der Gedanken dieses oder jenes reizvollen Weibes zu sein, ein gewisses Glück gefunden und dieses hatte gewährt, bis ihm die Anforderungen der Geliebten an sein Herz und seine Zeit lästig, ihre Capricen langweilig geworden waren. –

Maria erschien ihm nicht wie ein Weib, wenigstens anders als alle Weiber, die er bis jetzt gekannt, und doch musste er sich sagen, dass in dem Wesen der schönen und edlen Frau eine echte weibliche Würde und Milde lag. Es war an einem Abend, da Herr Baum sich wieder in einem bedeutenden Grade der Trunkenheit befunden und nach einigen liebreichen Worten seiner Gattin taumelnd das Zimmer verlassen hatte. Schon vorher hatte Maria, den Zustand ihres Mannes erkennend, ihren beiden kleinen blassen Mädchen die Erlaubnis gegeben, ein eben in Hermstädt befindliches Puppentheater unter dem Schutze Walters zu besuchen. Als Herr Baum auf sein Zimmer gegangen, befand sich Franke mit seiner Gattin allein. Das Zimmer war von der Lampe mild erhellt.

Ein aufgeschlagener Flügel stand an der Wand, Rosendüfte durchzogen den traulichen Raum. Franke saß Marien zur Seite, das volle Licht der Lampe bestrahlte ihr schönes Gesicht und schuf einen glänzenden Reflex auf dem glatt gescheitelten reichen Haare.

Ihre Augen waren auf ihre Handarbeit gerichtet, aber Franke konnte bemerken, dass die feine weiße Hand, die die Nähterei hielt, bebte. Ein Gefühl unsäglichen Mitleids überrieselte sein Herz, wie eine weiche warme Flut. Er fühlte, dass Mariens Augenlider von Tränen schwer waren, obschon er es nicht sah, und leise seine Hand auf die ihrer Hände legend, die eifrig den Faden auszog und diese zarte warme Hand festhaltend, sagte er mit einer von Rührung bebenden Stimme:

»Maria, bedürfen Sie eines Freundes?«

Sie sah rasch und plötzlich zu ihm auf. Der Stahlglanz ihrer Augen war von einer Träne getrübt, die sich an der Wimper sammelte und dann, eine glänzende Perle, über die bleiche samtartige Wange rollte. –

Einem Impulse nachgebend, dem er nicht widerstehen konnte, beugte er sich schnell zu ihr nieder und trank in einem leisen Kuss den Tropfen, der aus der tiefsten Seele eines Wesens quoll, das vom Weibe nur die schöne Gestalt – keine seiner sonstigen Schwächen zu besitzen schien.

Sie legte mit einer einfachen und ganz natürlichen Bewegung ihren Arm auf die Lehne des Sofas, auf dem sie saß und bildete so eine leichte Schranke zwischen sich und ihm, die er zu überspringen nicht wagte, obgleich sie von seiner augenblicklichen Verirrung weiter keine Notiz zu nehmen schien.

»O Doktor«, sagte sie dann nach einem kurzen Schweigen, »Sie machen mir ein großes, großes Erbieten; was könnte ich in meiner, so eigentümlich schmerzlichen Lage wohl mehr und inniger wünschen, als einen Freund.«

Er blickte sie an, ohne sie noch weiter mit einem Finger zu berühren.

»Und wollten Sie, könnten Sie mir das erhabene Glück, die hohe Ehre gönnen, Ihr Freund zu sein?« fragte er mit fester Stimme.

»Sie haben Recht – es ist eine Ehre, der Freund eines Weibes zu sein, das den schweren Kampf mit dem Leben und seinen Verhältnissen kämpft; der Freund einer rechtschaffenen Frau muss seiner eignen Ehrenhaftigkeit und der Achtung seiner Umgebungen vollkommen sicher sein; er muss ein Mann sein und sich als solcher bewährt haben. Ob es aber ein Glück ist, ach lieber Franke, daran zweifle ich sehr. – Was kann Ihnen meine Freundschaft geben und wie viel dürfte sie von Ihnen fordern!«

»Fordern Sie, fordern Sie, teure Maria; es gibt kein Opfer, das ich Ihrem Glücke, Ihrem Frieden nicht mit Freuden brächte.«

Sie lächelte durch ihre Tränen.

»Ich bin wohl eine Törin«, sagte sie dann, »dass ich mich einem Gefühle hingebe, welches jedenfalls nicht ganz gefahrlos ist, der Freude an die warme Teilnahme eines gebildeten und guten Menschenherzens. Aber nicht wahr, lieber Doktor, Sie sehen in mir hoffentlich etwas Besseres als bloß eine leidlich hübsche Frau, Sie fühlen, dass ich ein Mensch sei, ein leidender, kämpfender, strebender Mensch, der sein Kreuz auf sich genommen nun mutig und hoffend den Weg zum Tempel des Friedens angetreten hat.« –

»Ich verstehe Sie nicht ganz, meine herrliche Freundin«, entgegnete er, »aber ich fühle, dass Sie ein Wesen sind, des Glückes ebenso bedürftig als würdig, und dass es eine Seligkeit sein muss, Ihnen von dem Glücke, das das Schicksal Ihnen versagte, ein Fünkchen geben zu können.«

Sie hatte wieder zu arbeiten begonnen und erhob bei seinen Worten ihren Blick von Neuem zu ihm. Ein göttliches Licht strahlte darin.

»Das ist ein schönes Wort, was Sie mir sagen, mein lieber Freund, des Glückes so würdig als bedürftig sein. Der ist nicht unglücklich, Franke, der des Glücks würdig blieb, und auch ich bin es eigentlich nicht, ich bin nur schwach und ermüde bis weilen bei der Last, die ich heimlich trage und die in der Tat doch eine recht schwere ist. Aber auch hier erkenne ich den Finger Gottes. Er, der die Last nach der Kraft abmisst, Er wusste, dass ich ermüden würde ohne eine Hilfe, und da gab Er mir in dem Arzt, dem ich gezwungen vertrauen musste, den Freund, der mir gern und liebevoll tragen hilft.«

Sie sagte das so einfach und doch war in jedem ihrer Worte etwas, das Frankes Herz wie ein elektrischer Schlag traf. Über jedes hätte er sich einen Kommentar erbitten, jedes einzelne noch Stunden lang mit ihr besprechen mögen.

Sie war indes aufgestanden und an das geöffnete Klavier getreten.

Er hatte sie noch nie musizieren gehört, und als sie leicht mit den Fingern über die Tasten glitt, war es ihm, als ob er zum ersten Male in seinem Leben Musik höre.

Sie spielte eine ernste, choralartige Weise und sang dann mit einer reinen, vollen Altstimme:

»Sei still, o Herz! Lern’ endlich, endlich schweigen,

Gib auf die Hoffnung, wahre Dir den Mut;

Du wirst umsonst Dein zuckend Beben zeigen,

Ein Lächeln nur erregt Dein rinnend Blut.

Es wogt der Menschenstrom an Dir vorbei

Dir ist kein Freund, kein liebender dabei.

Du hast geliebt! Du konntest einst entsagen,

Dein höchstes Heiligtum war Deine Pflicht.

Jetzt lerne einsam auch das Leben tragen,

Sei treu Dir selbst, Herz, und verzage nicht.

Sei treu, die Pflicht war Deines Lebens Stern,

So folg’ ihm denn und folg’ ihm froh und gern.

Zwar sind sie fern, die einst Dich ganz verstanden,

Es brachen Bande, die Du fröhlich schlangst,

Doch ist Dir noch die alte Kraft vorhanden

Mit der Du eisern einst Dich selbst bezwangst.

Was Du vermissest, ist ja nur das Glück,

Glückseligkeit trotzt jeglichem Geschick.

Verzage nicht, schau auf in jene Ferne,

Wo Sonnen sich um Sonnenbälle dreh'n,

Du wirst auf einem dieser gold'nen Sterne

Was Du geglaubt, gehofft, verwirklicht seh'n.

Der Erde nur gehöret ird'scher Schmerz,

Schau auf zum Licht, gedrücktes Menschenherz.« –

Sie schloss und stand auf, ein sanftes Lächeln, das fast etwas Kindliches hatte, schwebte über dem schönen Gesicht, als sie Franke die Hand reichend sagte:

»Nun, auf mein heutiges Gefühl passt das Lied, das ich sonst so gern sang, nicht mehr, denn ich habe ja nun einen Freund und kann das Glück genießen, mich auszusprechen und selbst auszuweinen.«

»Aber um Gotteswillen Maria«, sagte er mit bebender Angst, »gewähren Sie mir nur die eine Gunst, mir zu versprechen, dass, wenn der Anfall Herrn Baums sich erneuert, Sie seinen Rasereien nicht allein die Stirn bieten wollen.«

»Es kann mir nur ein Trost sein in jenen Stunden des Jammers, die gewiss wiederkommen werden, einen Freund zu haben, der mir mit teilnehmendem Herzen beisteht«, entgegnete sie mild, »aber Sie dürfen es mir glauben, lieber Franke, ich laufe meinem Gatten gegenüber keine Gefahr. Der Ton meiner Stimme, mein Blick üben auf ihn immer gleichen Einfluss, er mag gesund oder krank sein. Er hat mich so lieb und ist für die Erfüllung meiner Pflichten so dankbar, dass ich alles über ihn vermag, nur nicht ihn von dem Laster heilen, dem er seit seiner Jugend wahrscheinlich schon frönt und das ihn einem frühen und schrecklichen Ende entgegenführt.«

In diesem Augenblick hörte man die Klingel der Haustür, die Kinder kamen die Treppe hinaufgesprungen und hingen sich an den Hals der Mutter und Franke sah zum ersten Male, dass beide die Züge, das Auge, das Lächeln der Mutter hatten, nur dass ihre Gesichter übel gefärbt und die Züge wie zu eng angelegt erschienen. Draußen rief der Wächter die zehnte Stunde ab, und Franke nahm seinen Hut, küsste Marias Hand und ging nach seiner Wohnung.

Aus Jakobinens Fenster, das er jetzt schon kannte, schimmerte der bleiche Schein ihrer nimmer erlöschenden Kerze. –


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