Read the book: «Great again?»


Für Flöckchen und Anton
Inhalt
I
Die gelähmte Supermacht, oder:
Wie die Corona-Krise Trumps Kulturrevolution ausbremste
II
Nach der Kohle in West Virginia, oder:
Wie Künstler eine Bergbaustadt wiedererwecken
III
Zerrissenes Land, oder:
Warum Nancy und Dick nur selten über Politik diskutieren
IV
Basisdemokratie auf Amerikanisch, oder:
Irgendwo in Iowa
V
Verrottete Ernte, verfallene Preise, oder:
Warum Amerikas Farmer Trump trotz der Handelskriege die Treue halten
VI
Tabakanbau in Maryland, oder:
Die Krönungsfeier von Queen Nicotina
VII
Mit Colt und Bibel, oder:
Warum Evangelikale und Waffennarren Trump für einen Gottgesandten halten
VIII
Waffengewalt in den USA, oder:
Der Kampf der Mütter
IX
Weißer Glanz und schwarzes Elend, oder:
Eine Zeitreise durch den »Deep South« der USA
X
Amerikas Wälder, oder:
Ein Ausritt mit Becky
XI
Toter als tot?, oder:
Klimawandel im Death Valley
XII
Corona auf dem Land, oder:
Die Praxis von Karen Kinsell
XIII
Lieben lernen, oder:
Der 93-Jährige, der drei Treppenstufen auf einmal nimmt
I
Die gelähmte Supermacht, oder:
Wie die Corona-Krise Trumps Kulturrevolution ausbremste
SEBASTIAN HESSE-KASTEIN
Wir waren seit neun Monaten zurück in den Vereinigten Staaten, als die Corona-Krise begann. Wir waren mit dem festen Vorsatz angereist, aus unserem Aufenthalt möglichst einen einzigen ausschweifenden Roadtrip zu machen. Wir wollten uns dem veränderten Amerika auf die einzige Weise nähern, die dem unendlich weiten Sehnsuchtsland wirklich entspricht: on the road. Bald zwanzig Jahre war es her, dass wir das erste Mal in die USA gezogen waren. Damals, von 2000 bis 2005, für fünf Jahre. Damals hieß der Präsident George W. Bush. Diesmal heißt er Donald J. Trump. Und dem Hörensagen nach sollte das Land ein anderes sein als damals. Wir wollten es bis in die letzten Winkel abklappern, um diesen Veränderungen nachzuspüren. Doch neun Monate nach unserer Ankunft war das reichste, mächtigste und vitalste Land der Erde zum Stillstand gekommen. Und damit auch wir.
Während unserer ersten Korrespondentenzeit war das prägende Ereignis der Terror vom 11. September 2001. Dieses Mal sollte es die Corona-Krise sein. 9/11 und die Folgen hatten wir vor Ort in Washington DC, dem zweiten Anschlagsziel neben New York City, hautnah miterlebt. Und jetzt standen wir die Corona-Krise im Lockdown und unter »Stay-at-home«-Order in der Vorstadtidylle von Glen Echo, Maryland, durch. Wir waren in ein Amerika zurückgekehrt, in dem ein richtungsweisender Kulturkampf tobt. Wie bei jeder erbitterten Auseinandersetzung geht es auch hier um Vorherrschaft: um die Deutungshoheit darüber, was es heißt, amerikanisch zu sein. Und um die gesellschaftlichen und politischen Weichenstellungen, die die jeweilige Idee von Amerika materialisieren sollen. In diesem Kulturkampf ist die Figur des Donald Trump vor allem Posterboy der aufbegehrenden Partei. Wie eine Monstranz tragen sie ihn, die Ikone der Vernachlässigten, vor sich her. Daher dominiert Trump das öffentliche Erscheinungsbild. Er gestaltet die Tagespolitik. Vor allem aber ist er das Instrument, das Vehikel, eines lange ignorierten Amerika, das im Verborgenen ausharrte und jetzt mit dem Kulturkampf, den es angezettelt hat, den Aufstand probt. Die Gräben, die sich in dem zerrissenen Land schon vor Trump aufgetan hatten, hat dieser Präsident vertieft.
Der Corona-Lockdown hatte zunächst ein eigentümliches Wir-Gefühl hervorgebracht, zumindest für kurze Zeit. Ähnlich wie nach dem 9/11-Terror suchte Amerika Trost darin, zusammenzurücken. Urplötzlich saßen alle im selben Boot. Damals, weil der Angriff dem ganzen Land galt. Diesmal, weil auf einmal alle gleich verletzlich schienen. Nach dem 11. September hatte George W. Bush seine größte Stärke ausgespielt, seine Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl, und Amerika für eine Weile geeint. Wer weiß, wie die Geschichte über Bush urteilen würde, wenn er nicht seinen neokonservativen Einflüsterern nachgegeben und mit fadenscheiniger Begründung einen Krieg angezettelt hätte. Donald J. Trump sah durch die Corona-Krise zunächst einmal seine Wiederwahl bedroht. Und lief erst wieder zu Hochform auf, als er das Potenzial im Krisenmanagement erkannte, eine neue Rolle für sich selbst zu kreieren: die des Kriegspräsidenten, der den Angriff eines unsichtbaren Feindes abwehrt. Anfang Juli, ausgerechnet als der Präsident mit aller Macht zur Vor-Corona-Normalität zurückkehren wollte, schnellten die Fälle vielerorts dramatisch in die Höhe. Statt seinen Lockerungskurs zu überdenken, heizte Trump umgehend einen weiteren Konflikt an. Der Kriegspräsident wurde zum »Law and Order«-Präsidenten, der mit harter Hand gegen gewalttätige Demonstranten und Bilderstürmer vorgeht. Nach dem Tod von George Floyd eskalierten mancherorts die Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Und der militantere Teil der »Black Lives Matter«-Bewegung begann, Denkmäler und Standbilder historischer Persönlichkeiten zu stürzen. Statt Mitgefühl mit Opfern zu zeigen, machte Trump alle Protestierenden zu Tätern. Neben dem »unsichtbaren Feind« gab es stets auch eine immer länger werdende List an sichtbaren Gegnern: »Black Lives Matter«, die Chinesen (Trump nennt Covid-19 gerne »Kung Flu«), die Medien, die Demokraten … Die erste Jahrhundertkrise (9/11) brachte die Stärken des damaligen Präsidenten zum Vorschein. Die zweite Jahrhundertkrise (Corona) offenbarte die Schwächen des späteren Präsidenten. Trump, der Spalter, funktioniert nur in einem zerrissenen Amerika. Und das ist nach seiner Logik nur dann GREAT, wenn ausreichend Konflikte schwelen, aus denen er als strahlender Sieger hervorgehen kann. Unmittelbar nach Ausbruch der Corona-Krise haben Julia und ich um das Zustandekommen dieses Buches gebangt. Wir dachten, unter den Bedingungen des Lockdowns könne man es nicht beenden. Doch dann wurde uns allmählich klar, dass die Ausnahmesituation wie unter einem Brennglas all das schärfer und konturierter vor Augen führen würde, was wir ohnehin als Gradmesser für Amerikas »greatness« anlegen wollten.
Wie so viele amerikanische Familien vertrieben wir uns die Zeit mit »binge watching«, dem exzessiven Konsum leichtverdaulicher TV-Kost. Netflix verzeichnete Rekord-Klickzahlen für den visionären Pandemie-Thriller »Contagion« aus dem Jahre 2011. Das ans Haus gefesselte Amerika staunte, wie präzise Regisseur Steven Soderbergh vorausgesehen hatte, was in Amerika passiert, wenn ein unbekanntes Virus aus China eingeschleppt wird. Den größten Suchtfaktor hatte dann aber eine neuartige Reality-TV-Serie. Wie alle Amerikaner klebten auch wir allabendlich am Fernsehschirm, wenn die POTUS-Show lief. POTUS – das ist die in den USA gebräuchliche Abkürzung für »President of the United States«. Mit dem Lockdown war auch zum Stillstand gekommen, was für ihn am meisten Stimulanz und Lebenselixier mit sich bringt, wobei er sich Rückhalt holt und als Entertainer zu Höchstform aufläuft: seine unnachahmlichen Wahlkampfveranstaltungen! Im Amerikanischen sagt man »Rallies«. Eine politische Rally hat nichts mit Autorennen zu tun. Gemeint ist eher ein politischer Wanderzirkus. Die Trump-Show, immer on the road. Diese großinszenierten Rallies dienen weniger dem Stimmenfang. Sie bieten dem Selbstdarsteller Trump die Bühne, die er braucht, um sich ganz ungeniert auszuleben. Volle Breitseite gegen seine Gegner feuern. Eimerweise Eigenlob über sich selbst auskübeln. Und von Zehntausenden im unmittelbaren Kontakt gefeiert werden. In seinem Vorleben als Kasino-Betreiber hatte Trump Box- und Wrestling-Spektakel für johlende Fans inszeniert. Die Trump-Rallies waren die Polit-Variante davon. Amphetamin für den Narzissten, das ihm durch die unerwartete Zwangspause entzogen worden war. Nach den ersten live übertragenen Pressekonferenzen mit seiner Corona-Task-Force dämmerte Trump jedoch, wie er die entstandene Lücke füllen könnte.
Donald Trump, der sein Talent zur telegenen Selbstinszenierung mit seinem TV-Hit »The Apprentice« verfeinert hatte, Trump, der Reality-TV-Star also, hatte nach holprigem Start seine neue Rolle gefunden: der omnipräsente Krisenmanager, der souveräne Kriegspräsident, umgeben und beraten von den besten Gesundheitsexperten des Landes, jeden Abend zur gleichen Einschaltzeit live auf den Bildschirmen der Nation. Die Krise war noch ganz am Anfang, da trompetete Trump schon verzückt, dass seine Corona-Show die höchsten Einschaltquoten aller Zeiten hätte, besser als die Dating-Show »The Bachelor«, besser als Football am Montagabend. Die meisten Zuschauer schalteten die allabendlichen Briefings natürlich an, weil sie das Neuste über die Pandemie wissen wollten. Andere suchten Trost oder aufmunternde Worte. Durchhalteparolen. Doch mehr und mehr wurden die Epidemiologen, Virologen und andere Mitglieder des Krisenstabes zu Statisten. Hilflos mussten sie miterleben, wie der Präsident sich Schlagabtausch nach Schlagabtausch mit den anwesenden Reportern lieferte. Trump wollte Claqueure, wie bei den Rallies und den Aufzeichnungen von »The Apprentice«. Gekommen waren Journalisten mit kritischen Fragen, was Trump von jeher als Majestätsbeleidigung empfindet. Auch in der Krise blieb er sich treu: leicht reizbar, dünnhäutig, immer im Angriffsmodus, nie selbstkritisch, stets voller Eigenlob. Regelmäßig, wenn der Präsident aufgebracht aus den Briefings kam, legte er auf Twitter nach. Etwa am 10. April, als er schrieb: »Weil die Einschaltquoten für die Pressekonferenzen des Weißen Hauses die höchsten überhaupt sind, tun die Opposition, die lahmarschigen Medien, die radikale Linke, die nichtstuerischen Demokraten und die paar verbliebenen RINOs alles in ihrer Macht stehende, um sie zu verunglimpfen und zu beenden.«
RINO, das steht für »Republicans in name only«, Republikaner nur dem Namen nach. So nennt Trump alle Parteifreunde, die ihn zu kritisieren wagen. Keine echten Republikaner, denn die bejubeln ihn ja. Doch auch in seiner eigenen Partei erntete Trump spätestens in dem Moment Kopfschütteln, als er während eines dieser Briefings allen Ernstes Lichttherapie und injizierte Desinfektionsmittel gegen Covid-19 in die Diskussion brachte. Tagelang hagelte es Hohn und Spott. Am 25. April riss dem POTUS der Geduldsfaden. Er twitterte: »Was ist der Sinn von Pressekonferenzen im Weißen Haus, wenn die lahmarschigen Medien nichts anderes tun, als feindselige Fragen zu stellen? Wenn sie sich dann weigern, die Wahrheit oder Fakten akkurat zu berichten? Die Medien bekommen Rekord-Einschaltquoten, und die Amerikaner kriegen nichts als Fake News. Das ist die Zeit und den Aufwand nicht wert!« Drei Tage lang hielt Trump es aus ohne die Corona-Show. Dann flimmerte sie, leicht verändert, wieder über die Fernsehschirme der Nation. So auch bei uns.
Wir leben in einer typischen amerikanischen Vorort-Idylle. »Mohican Hills« nennt sich das Wohnviertel, Mohikaner-Hügel. Die Straßen tragen allesamt indianische Namen. Hier, in der waldigen Hügellandschaft am Potomac, nördlich von Washington DC, ist alles unverändert während der Corona-Krise. Kinder spielen Basketball in den Driveways der McMansions. Die Anwohner führen ihre Hunde aus. Sie bleiben auf ein Schwätzchen stehen, mit Sicherheitsabstand. Das »social distancing« ist das Einzige, was anders ist als sonst. Meine Nachbarn fahren mit ihrem Subaru Outback oder ihrem Toyota Prius zum Einkaufen in die kleine, nahe gelegene Shopping-Mall. Für ein paar Tage steht dort auf dem Parkplatz ein Zelt, wo man »drive by« aus dem Auto heraus einen Corona-Test machen kann. Im »Safeway«-Supermarkt gibt es alles, auch Klopapier. Radiobeiträge für die ARD kann man auch aus dem Home-Office machen. Aber um über die zu berichten, die es deutlich härter getroffen hat als einen selbst, muss man die Komfortzone seiner Vorortidylle verlassen.
Am 33. Tag, nachdem der Bundesstaat Maryland seine »Stay-at-home«-Order« erlassen hatte, eine weitreichende Ausgangssperre, stehen wir in Frederick, eine knappe Autostunde nördlich von Washington, vor der »Francis Scott Key Mall«. Auf einem gewaltigen Parkplatz, der sich allmählich füllt. Ein Autokorso soll lautstark hupend und fahnenschwenkend von Frederick, nahe Baltimore, über die Kent Island nach Salisbury im Süden von Maryland rollen. Um für ein sofortiges Aufheben der Einschränkungen zu demonstrieren. »ReOpen Maryland« nennt sich dieser Ableger einer immer stärker werdenden Protestbewegung, die es mittlerweile in allen Bundesstaaten gibt. Ein blecherner Lindwurm formiert sich, der in ganz Maryland zu sehen sein soll. Alle Demonstranten geschützt in ihrem Blechkokon. Wie bei den Gottesdiensten in Autokinos, die es seit einiger Zeit wieder überall dort gibt, wo diese nostalgische Art des Filmgenusses noch möglich ist.
Kaum angekommen, begegnet uns eine Frau mit einem Hakenkreuz-Plakat. Das Nazi-Symbol ist auf ihrem Protestposter mit der deutschen Reichskriegsflagge verschmolzen. Und wir zucken natürlich zusammen: Diese Symbolik taucht in den USA sonst bei Aufmärschen von Rechtsextremen auf. Doch die Frau in Frederick propagiert keine »White Supremacy, sondern warnt im Gegenteil vor antidemokratischen Tendenzen: »Shut up and obey – Germany began this way!« – »Haltet die Klappe und gehorcht – so begann das damals in Deutschland!« Wir kommen ins Gespräch.
Natalie Brown ist Mitte vierzig, stammt aus der Gegend von Frederick und ist seit sechs oder sieben Wochen ans Haus gefesselt. Und Natalie ist stinksauer auf den Gouverneur von Maryland, Larry Hogan, einen Republikaner. Hogan ist die Hassfigur schlechthin auf dem Parkplatz in Frederick: »Lawless Lockdown Larry! You’re killing US!!«, steht auf einem Plakat. Hogan hatte einen der striktesten Lockdowns in den USA in Kraft gesetzt. Und immer wieder scharf kritisiert, wenn Präsident Trump erste Lockerungen in Aussicht gestellt hatte. Natalie nennt Hogan einen Tyrannen. »Klappe halten und gehorchen, keine Fragen stellen, nicht selbstständig denken, tut, was wir euch sagen: So hat der Holocaust begonnen!«, schimpft sie. Dieses Gefühl der Ohnmacht gegenüber staatlicher Willkür hat die Demonstranten in ganz Amerika in Rage gebracht. »America – Land of the Free?« – fragt ein Banner. Misstrauen gegenüber Obrigkeiten und eine tiefsitzende Abscheu gegen staatliche Gängelei sind ganz tief verankert in der amerikanischen DNA. Jetzt vom Staat auf unabsehbare Zeit in Hausarrest versetzt worden zu sein, zur Untätigkeit verdammt, entmündigt: »Dagegen lehnen wir uns auf«, sagt Natalie.
Hinzu kommen existenzielle Ängste. Maryland hat wie alle anderen Bundesstaaten definiert, was »essential business« ist, essenziell für die Gesellschaft. Alle Betriebe, Geschäfte und Unternehmen, die nicht »essential business«, systemrelevant, sind, mussten dichtmachen. Natalie Brown betreibt ein kleines Reisebüro. Das hat natürlich zu. Aber selbst, wenn es aufhätte, würden die Kunden ausbleiben: »Die müssen zusehen, dass sie irgendwie Geld verdienen, ihre Rechnungen bezahlen und Lebensmittel kaufen können!« Natalie muss sich nicht ganz so existenzielle Sorgen machen. Ihr Mann geht einer »essenziellen« Tätigkeit nach und generiert weiterhin ein Einkommen. »Ich demonstriere hier für alle anderen, die nicht so viel Glück haben«, sagt Natalie. »Ich habe auch mal als alleinerziehende Mutter von der Hand in den Mund gelebt. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Das wird man niemals mehr los!«
So geht es Graham, der mit seiner Mutter aus dem Nachbarstaat West Virginia zum Demonstrieren nach Frederick gekommen ist. Graham ist 23 Jahre alt und hat bis vor kurzem als Verkäufer bei »Yankee Candle« gearbeitet, einer Kerzenhandlung. Die Filiale musste vor 45 Tage dichtmachen. Seither hat er keinen Job und kein Einkommen mehr. So gnadenlos hat es viele durch den Lockdown erwischt: Von einem Tag zum anderen ohne Existenzgrundlage. Kein engmaschiges soziales Netz, das einen auffängt. So brutal ist der amerikanische Arbeitsmarkt. Leute wie Graham erwischt es mit voller Härte. Er findet es unfair, dass große, finanzstarke Ketten wie »Walmart« geöffnet bleiben dürfen, aber kleine Geschäfte wie seine Kerzenhandlung geschlossen wurden. »Bei uns gibt es niemals lange Schlangen mit vierzig Leuten, die an der Kasse anstehen«, sagt Graham, »bei uns kann man gut den Sicherheitsabstand wahren.« Überhaupt sei es unamerikanisch, anderen Vorschriften zu machen, sie zu entmündigen. Amerikaner könnten eigenständig verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen, sagt er, so sei man schließlich erzogen. »Ich jedenfalls gehe lieber ein Risiko ein, als dass ich obdachlos werde und nichts zu essen habe!«
Viele der Teilnehmer am Autokorso empfinden so. Und viele wissen derzeit nicht, wie sie finanziell über die Runden kommen sollen. »Wir sind alle essenziell! Wir müssen uns gegenseitig vertrauen! Unsere Leben, unsere Entscheidung!«, steht auf einem Banner. So sieht es auch ein älterer Herr, 65 Jahre alt, der uns seinen Namen nicht nennen will. »Wenn Sie ein gesunder Amerikaner sind«, sagt er, »dann gibt es keinen Grund, weshalb Sie nicht so leben sollten, wie es in diesem Land vorgesehen ist!« Freiheit, Eigenverantwortung, Unabhängigkeit, Selbstständigkeit: Amerika verkümmert, wenn man ihm sein Fundament nimmt. Und ganz pragmatisch: Maryland ist nicht New York. Hier gäbe es nicht annähernd so viele Fälle. Natürlich müsse man die Gefährdeten schützen: »Meine Mutter lebt in einem Pflegeheim. Die besuchen wir im Moment nicht. Sie ist 95 und hat kein besonders gutes Immunsystem.« Ansonsten werde sich die Pandemie genau wie jede Grippe irgendwann von selbst erledigen. »Die Politik hat das maßlos aufgeblasen«, schimpft er, »das ruiniert unser Land! Das ist eine Form von Sozialismus!«
»Facts not Fear!« – ist auf einem der rund 200 Fahrzeuge, die an dem Autokorso teilnehmen, zu lesen. Wir blicken der davonrollenden Blechlawine hinterher und unterhalten uns darüber, dass es eigentlich überraschend ist, wie lange sich die Amerikaner während der Corona-Krise geduldig in ihr Schicksal gefügt haben. Und dass insgesamt doch so wenige auf die Straße gegangen sind, weit weniger als in Deutschland. Staatliche Anordnungen als Gängelei und Schikane zu empfinden, das ist ein natürlicher Reflex in einer Gesellschaft, in der Eigenverantwortung Staatsraison ist. Und dass sich Menschen kritische Fragen stellen, denen das Wasser finanziell bis zum Hals steht, gehört zu jeder freien Gesellschaft. Und dass sich auch solche zwischen die Protestierenden mischen, die ihr Sonderanliegen dazumogeln wollen, ist wohl unvermeidbar. In Frederick stand ein Waffennarr neben uns. Er hatte eine Flagge über der Schulter, die ein gewaltiges Sturmgewehr zeigt. Darunter stand: »Come and take it!« – »Hol sie dir doch!« Das ist ein Standardspruch derjenigen, die sich erbittert gegen schärfere Waffengesetze wehren. Von denen wird in diesem Buch noch ausführlich die Rede sein. »Hol sie dir doch!« – das geht an die Adresse derjenigen, die auf die Idee kommen könnten, gesetzestreue Bürger zu entwaffnen. Das ist die Verbindung zu den Corona-Protesten: Überschreitet der Staat seine schmalen Befugnisse, dann setzt sich der freie Mensch zur Wehr!
Demonstrationen wie die von Frederick bekamen dann recht schnell sprachgewaltige Argumentationshilfe aus den rechten, Trump-nahen Medien. So titelte die Washington Times am 28. April: »Der Coronavirus-Hype ist der größte politische Schwindel aller Zeiten!« – »Political Hoax«, damit setzte das Trump-treue Blatt bewusst einen Lieblingsbegriff des Präsidenten ein. In dem Artikel heißt es: »In der Tat wird Covid-19 in die Geschichtsbücher eingehen als eine der weltgrößten, am meisten schamlos aufgeblasenen, überhypten, irrational aufgeblasenen und irreführenden fehlerhaften Antworten in einer Gesundheitsfrage in der amerikanischen Geschichte. Eine, die überwiegend aus den Mündern von Medizinern stammt, die keinerlei Ahnung davon haben, wie man eine Regierung oder ein Wirtschaftsunternehmen führt!« Am nächsten Tag, dem 29. April, war diese Schlagzeile zu lesen: »Covid-19 stellt sich heraus als von den Medien angerichteter Schwindel!« Wieder das Trump-Wort: Hoax! Und wieder das rechte Narrativ: Die Medien haben die Gefahr durch das Virus maßlos übertrieben. Und damit fahrlässig die amerikanische Wirtschaft in die Knie gezwungen. Corona sei nicht einmal so schlimm wie die Grippe in einem schlechten Jahr. Und: Die Einschaltquoten der Medien seien »in die Höhe geschnellt, weil sie allen Amerikanern eine Scheißangst eingejagt haben, so dass diese jetzt vierzig Tage das Haus nicht verlassen haben. Und wenn, dann höchstens, um Klopapier zu kaufen. Und selbst dann haben sie sich hinter Masken versteckt und konnten vor Angst nur noch auf Zehenspitzen gehen.« So polemisch ist von den Demonstranten, mit denen wir in Frederick gesprochen haben, keiner geworden.
Seltsamerweise kommt in keiner dieser Argumentationen vor, woher die verhassten Verhaltensmaßregeln kamen. Nämlich aus der Task-Force von Donald Trump. Von den Gesundheitsexperten, Epidemiologen und Virologen, die für den Präsidenten die Situation analysierten, Maßnahmen vorschlugen und Warnungen aussprachen. Und dass es Präsident Trump höchstpersönlich war, der diese Maßregeln in Kraft setzte. Es waren zwar nur »Guidelines«, Richtlinien, an denen sich die eigentlichen Entscheidungsträger, die Gouverneure, zu orientieren hatten. Doch niemand anderes als Trump schärfte sie den Amerikanern in jeder Folge seiner POTUS-Show ein. Dass bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen massenhaft »Trump/Pence«-Flaggen wehten, scheint auf den ersten Blick widersinnig. Heldenverehrung für Leute, gegen deren Politik man auf die Straße geht?
Da war es auch während der Krise wieder: das Trump-Paradoxon! Der Staatschef soll helfen beim Kampf gegen den Staat. Zum Heilsbringer wird, wer das Unheil zu verantworten hat. Kulturkampf paradox. Gewürzt mit einer ordentlichen Prise Verschwörungstheorie. Denn so lautet das rechte Narrativ: Eine gewaltige Verschwörung zur Umerziehung Amerikas konnte gerade noch rechtzeitig aufgedeckt werden. Zu den Mitverschwörern gehören Washingtoner Bürokraten, Linke, Progressive und deren Sprachrohr: die Medien. Trump kam dieser Konspiration auf die Schliche und führt seither den Widerstand dagegen an. Entsprechend versuchen seine Gegenspieler, ihn mit allen Mitteln zu vernichten: mit haltlosen Behauptungen wie angeblicher russischer Wahlmanipulation. Mit konstruierten Affären wie beim Impeachment. Und jetzt das Endspiel: mit der Zerstörung von Trumps größter Errungenschaft, dem beispiellosen Wirtschaftsboom. Das, so die Verschwörungstheorie, ist das eigentliche Ziel der maßlosen Angstkampagne.
Diese Mär verbreitete, wenig überraschend, auch der legendäre ultrarechte Radiotalkshow-Host Rush Limbaugh. Dem hatte Trump gerade erst die höchste staatliche Auszeichnung, die »Presidential Medal of Freedom«, ans Revers geheftet. »Das Virus ist nichts anderes als eine ganz normale Erkältung«, behauptete Limbaugh. Für ihn waren Lockdown und die »Stay-at-home«-Verordnungen nichts als ein weiterer Versuch, Präsident Trump zu Fall zu bringen. »Viele derjenigen, die die anhaltende Stilllegung der Wirtschaft befürworten, tun das nur, weil sie glauben, es könne Präsident Trump schaden.« Ins gleiche Horn blies Trish Regan, Moderatorin des Fox-News-Ablegers Fox Business. Sie sah im Coronavirus nur »einen weiteren Versuch, den Präsidenten des Amtes zu entheben, ihn zu dämonisieren und zu zerstören!« Eine Erhebung des »Pew Research Centers« ergab, dass 79 Prozent der Fox-News-Zuschauer der Meinung sind, dass die Medien die Bedrohung durch das Virus übertreiben. Wer so tickt, der sucht den Befreiungsschlag.
Besonders beängstigend war die Aktion, die schwer bewaffnete Demonstranten am 30. April, einen Tag vor dem Autokorso von Maryland, in Michigan durchzogen. Die Bewaffneten stürmten das Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Lansing, in militärischem Camouflage-Outfit, mit Palästinensertüchern vorm Gesicht und Sturmgewehren im Anschlag. Sie bezogen Stellung vor dem Büro der demokratischen Gouverneurin Gretchen Whitmer. Sie ist neben ihrem Amtskollegen in Virginia, Ralph Northam, eines der wirkungsvollsten Feindbilder für die Rechte in den USA. Beiden wird vorgeworfen, sie hätten den Corona-Ausnahmezustand dazu missbraucht, in die Schutzmaßnahmen Einschränkungen einzuschmuggeln, die ideologisch motiviert waren und nichts mit dem Schutz vor Ansteckung zu tun hatten. In Virginia hatte Northam die Gun-Shops schließen lassen, da Waffenkäufe nicht systemrelevant seien. Von Northams Dauerfehde mit der Waffenlobby wird später in diesem Buch noch die Rede sein. Und in Michigan wurde Gretchen Whitmer angefeindet, weil sie den Verkauf von Saatgut, das die Farmer dringend benötigen, untersagt hatte.
Die vielgescholtene Gouverneurin war zwar nicht im Haus, als die Bewaffneten das Parlamentsgebäude stürmten, dafür aber eine Reihe von Abgeordneten. Einige von ihnen zogen kugelsichere Westen an, nachdem die Nachricht von der Stürmung die Runde machte. Gegen das Gesetz verstoßen hatten die martialischen Protestierer übrigens nicht. Das Waffentragen in Regierungsgebäuden ist in Michigan legal.
Als zwei Wochen zuvor rund 3 000 Aufgebrachte mit Sturmgewehren, anderen Feuerwaffen, Konföderiertenflaggen und »Trump/Pence«-Plakaten ebenfalls durch Lansing zogen, auch da schon aus Protest gegen Whitmers Ausgangsbeschränkungen, da twitterte Trump: »Das sind sehr gute Menschen, aber sie sind zornig. Die wollen ihr altes Leben zurück, in Sicherheit!« Ende Mai dann, nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd in Minneapolis, als landesweit gegen rassistische Polizeigewalt demonstriert wurde, nannte Trump die Protestierer in einem Tweet: THUGS! Schläger! In landesweit über 140 Städten gingen die Menschen auf die Straßen. Dabei wurde auch geplündert und randaliert. Dieser Volkszorn ließ sich für Trump nicht instrumentalisieren.
Am 16. April 2016 erschien in der Washington Times, der Hauspostille des republikanischen Amerikas, ein Kommentar mit der Überschrift: »Ziviler Ungehorsam kann die Coronavirus-Dummheit beenden.« Dazu gestellt hatten die Redakteure das Foto eines der Demonstranten von Lansing, der eine Stars-&-Stripes-Flagge schwenkt. In ihrem Text argumentierte die Kolumnistin Cheryl K. Chumley, die besten Nachrichten dieser Coronavirus-Wochen seien in Gestalt von Videobildern aus Michigan gekommen. Darauf seien gute Bürger zu sehen, »die die Nase voll haben von ihrer tyrannischen Gouverneurin, die in Massen und ohne Masken auf die Straße gehen, um ein Ende der Tyrannei zu verlangen«. Die Kolumnistin appelliert an ihre Leserschaft, der Bevormundung mit zivilem Ungehorsam zu begegnen.
Mir ist nicht nach Aufbegehren zumute, als ich während der Corona-Krise bei strahlendem Sonnenschein über die M Street in Georgetown schlendere. Dort reiht sich Shop an Shop, Pub an Pub und Restaurant an Restaurant. Um diese Jahreszeit, wenn das Leben nach dem kurzen, aber oft heftigen DC-Winter wiedererwacht, wimmelt es üblicherweise nur so von Menschen auf der beliebten Flaniermeile. Jetzt, im März 2020, ist die M Street fast leer. Ich überlege, wann ich das letzte Mal eine derart gespenstische Ruhe und irritierende Menschenleere erlebt habe. Es war kurioserweise auch hier auf der M Street, in den Tagen nach dem 11. September 2001.
Mir geht durch den Kopf, dass ich alle drei Male in meinem Leben, bei denen ich vor Corona mit Unbehagen und Verunsicherung zu kämpfen hatte, ebenfalls hier in Georgetown war. Am 11. September 2001. Eine Woche danach, als ab dem 18. September ein Unbekannter begann, tödliche Milzbranderreger per Post zu verschicken. Und dann im Oktober 2002, als die Sniper im Großraum Washington wahllos Menschen erschossen. Drei Mal innerhalb eines Jahres lag Angst über der Stadt.
9/11 konnte ich zwar nicht mit eigenen Augen sehen, wie die gekaperte Passagiermaschine in das Pentagon einschlug. Das US-Verteidigungsmuseum liegt vom Georgetowner ARD-Studio aus auf der anderen Seite des Potomac, mehrere Meilen flussabwärts. Aber die Gerüchte, die Panik verursachten, verbreiteten sich rasend schnell. Von einer radioaktiven »dirty bomb« im State Department, dem Außenministerium, wurde gemunkelt. Blechlawinen quälten sich in Zeitlupe aus der Stadt. Wie in einem Katastrophen-Thriller aus Hollywood.
Und dann die Anthrax-Sendungen. Ein Unbekannter hatte den Milzbranderreger in Briefumschlägen verschickt, erst an zwei demokratische Senatoren, dann wahllos in mehrere Stadtteile. Fünf Menschen kamen ums Leben. In meiner Straße klebten die Nachbarn die Briefschlitze ihrer Haustüren mit Isolierband ab. Die Briefverteilzentren wurden zwischenzeitlich aus Sicherheitsgründen geschlossen. Der Hauptverdächtige des FBI, der in einem staatlichen Biowaffenlabor arbeitete, beging Selbstmord, bevor ihm die Anschlagserie nachgewiesen werden konnte. Sie gilt bis heute als »cold case«, als ungeklärter Fall.
Ein gutes Jahr später begangen die sogenannten Sniper eine der irrwitzigsten Mordserien aller Zeiten. John Allen Muhammad, damals 41 Jahre alt, und Lee Boyd Malvo, damals minderjährig, waren zwischen dem 2. und dem 24. Oktober im Großraum Washington unterwegs und schossen wahllos und willkürlich aus ihrem Auto auf Passanten. Zehn Menschen kamen dabei ums Leben, drei weitere wurden schwer verletzt. Ihr Fahrzeug, einen Chevrolet Caprice Kombi, hatten sie so umgebaut, dass der Schütze bäuchlings ausgestreckt in dem Wagen liegen und durch eine Öffnung im Heck seine Opfer mit einem Bushmaster-Scharfschützengewehr töten konnte. Einer ihrer Morde fand an einer Tankstelle auf der Wisconsin Avenue, in unmittelbarere Nähe zu unserem damaligen Haus, statt. Julia war zu diesem Zeitpunkt mit dem Auto unterwegs. Und hat an dieser Tankstelle getankt.
Bei meinem nostalgischen Bummel, anderthalb Jahrzehnte später, bin ich zwar fast allein auf den Straßen von Georgetown, aber es fühlt sich nicht so an. Mich fasziniert der Gedanke, dass in diesem Moment rund um den Globus unzählige andere Menschen in der genau gleichen Situation sind. Ich frage mich, ob uns die gemeinsame Corona-Erfahrung als Weltgemeinschaft zusammenrücken lässt. Dann denke ich, welche Ironie darin liegt, dass die USA ausgerechnet in diesen Tagen einen Präsidenten haben, der wenig von internationaler Zusammenarbeit und globalen Perspektiven hält. Auf dem Höhepunkt der Pandemie hat Trump die Zusammenarbeit der USA mit der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, beendet. »America first« galt auch in der Krise. Im Alleingang zurück zu alter Glorie. Ein Teil von Trumps Landsleuten glaubt, die »greatness« ihrer Nation unterliege konjunkturellen Schwankungen. Sonst müsste man die USA nicht immer mal wieder »great again« machen.
»Great again?« – so lautet dann auch die Frage, die dieses Buch dem Sehnsuchtsland Amerika stellt. Den Slogan »Make America Great Again« hat Donald Trump nicht erfunden. Ronald Reagan hat ihn benutzt – für Wahlkampfreden und auch auf Plakaten, mit denen er in den 1980er Jahren seine Landsleute aufforderte: »Let’s make America great again!« Auch Bill Clinton hat die Parole verwendet – in den 1990er Jahren. Donald Trump hat MAGA also nur aufgegriffen. Aber er hat den Slogan, wie es Geschäftsleute so tun, für sich schützen lassen. Das war im Jahr 2012, unmittelbar nach Barack Obamas Wiederwahl, als sich Trump noch gar nicht sicher war, ob er in die Politik wechseln sollte. Die Wirkmacht des Kampfrufes hatte er instinktsicher erkannt. Und sich den erst einmal unter den Nagel gerissen. Zur Wiederwahl hieß es dann bereits: »Keep America great!« So, als sei die Frage nach dem »great again« längst beantwortet. Wir, die Autoren dieses Buches, wollen so vorschnell nicht sein.
II
Nach der Kohle in West Virginia, oder:
Wie Künstler eine Bergbaustadt wiedererwecken
JULIA KASTEIN
Die Stimmung ist gepflegtes Moll an einem kalten Winterabend Ende Februar in der »Purple Fiddle« in Thomas, West Virginia. Ein knappes Dutzend Männer und Frauen in den besten Jahren sitzt in der Konzertkneipe und lauscht den kurzen, melancholischen Songs von »June Star«, einer dreiköpfigen Country-Rock-Americana-Band aus Baltimore. Vor jedem einzelnen Stück macht Sänger Andrew Grimm, ein beleibter, vollbärtiger Mittvierziger mit Walle-Mähne, die gleiche lakonische Ansage: »Das ist ein Song über die Liebe.« Auch Sebastian und ich sitzen im Publikum und lachen und klatschen mit.
Die »Purple Fiddle« ist ein ungewöhnlicher Ort. Genau wie Thomas selbst. Wie so viele ausgebeutete Bergbaureviere im einstigen Kohleland West Virginia schien die Kleinstadt vor ein paar Jahren noch zum langsamen Sterben verurteilt. Stattdessen erlebte Thomas eine zweite Blüte: als Kulturtreff mit einem halben Dutzend Galerien und noch mehr Ateliers. Und dem Musikclub »Purple Fiddle«. Wir sind zufällig hier gelandet: Thomas liegt am Rande des Canaan Valleys, einer der wenigen Wintersportregionen im Großraum Washington. Knapp drei Stunden dauert die Fahrt. Also gleich um die Ecke, nach amerikanischer Lesart. An einem trüben Februarnachmittag fällt hier – wie in den vergangenen Jahren wegen des Klimawandels häufig – nur Regen und kein Schnee. Skifahren macht so keinen Spaß. Also erkunden wir Thomas.
Die Bergarbeiterstadt schmiegt sich terrassenförmig an den Osthang über dem Blackwater River. Entlang der Hauptstraße und parallel zum Fluss reihen sich imposante dreistöckige Backsteingebäude mit Zierfassaden aus Blech. Städtebaulich irgendwo zwischen Westernstadt und altem Industrieviertel. Auf der anderen Flussseite: Wald. Der »Monongahela National Forest« gehört – wegen der enormen Höhenunterschiede in diesem Teil der Appalachen – zu den artenreichsten Wäldern der USA.
Wir spazieren die historische Ladenzeile entlang und sind verblüfft: Hier eine Galerie mit Grafiken und Kinderbuchillustrationen, dort eine mit experimenteller Fotografie. Noch eine mit Malerei. Dazwischen das »Cotrill’s Opera House« mit den bodentiefen Fenstern mit Rundbögen im zweiten Stock. Sogar ein Opernhaus, das gleichzeitig Varieté und Restaurant war, konnte sich Thomas in seiner Blütezeit leisten, lernen wir vom Schild davor. Jetzt residiert in dem notdürftig sanierten Gebäude das Büro von »Art Spring«. Die Künstlergemeinschaft ist mit ihrem jährlichen Festival und vielen Veranstaltungen und Ausstellungen für die erstaunliche Renaissance von Thomas mitverantwortlich. Doch den entscheidenden Impuls gab ein Mann namens John Bright, wie ich Wochen später erfahre: der Besitzer der »Purple Fiddle«.
Das Konzert mit den vielen melancholischen Liebesliedern von »June Star« ist eines der letzen in der »Fiddle«. Ab Mitte März 2020 ist Schluss. Die Corona-Pandemie hat auch Thomas erreicht. Weniger das Virus selbst: Im ganzen Landkreis gibt es in den ersten drei Monaten der Pandemie nur vier Infektionsfälle. Aber auch Thomas muss, wie die gesamten USA, in den Lockdown. Und wie in vielen Gegenden sind die wirtschaftlichen Auswirkungen verheerend.
Ende Mai fahre ich noch einmal nach Thomas. In den USA, wie im Rest der Welt, tobt längst die Diskussion, ob die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nicht völlig übertrieben waren. Ob der wirtschaftliche Schaden, der dadurch angerichtet wurde, nicht schlimmer ist als Erkrankungen und Tote. Wie sieht man das wohl in der amerikanischen Provinz?
In West Virginia mit seinen knapp 1,8 Millionen Einwohnern gab es bis Anfang Juni nur gut 2 000 Covid-19-Fälle. Und 78 Tote. Zum Vergleich: In Hamburg mit nur wenig mehr Einwohnern waren es über 5 000 Fälle und über 200 Tote. Schon vor Corona war dieser dünn besiedelte ländliche Bundesstaat der viertärmste in den USA. Im Februar lag die Arbeitslosenquote hier bei 5 Prozent. Im Mai waren es 15 Prozent. In Tucker County, zu dem auch Thomas gehört, sind es sogar 18 Prozent.
Ich treffe John Bright, den Besitzer der »Purple Fiddle« auf der Terrasse der Kneipe. Die Picknicktische stehen in großem Abstand. Werktags ist immer noch geschlossen.
Die »Purple Fiddle« ist ein rostroter Bau mit lila Holzsäulen und einer langen Geschichte. Sie war nicht immer Konzertkneipe, erzählt John stolz. 1915 wurde das Gebäude von der Familie DePollo gebaut. Die DePollos waren Einwanderer aus Italien, die wie so viele in dieser Zeit in der boomenden Bergbauregion ihren amerikanischen Traum verwirklichten. Bis in die frühen 1990er Jahre betrieb die Familie, inzwischen in der dritten Generation, in Thomas einen »General Store«. Der riesige schwarze Safe von damals, mit geschwungenen Füßchen und Messingbeschlägen, steht immer noch neben der Eingangstür. »Das hier war der Walmart von Thomas. Hier gab es alles: Lebensmittel, Bier, Stiefel, Helme, Lampen«, erzählt John.
Ein Laster mit Baumstämmen dröhnt vorbei. Die pittoreske Hauptstraße von Thomas ist offiziell ein Highway. Der gesamte Verkehr, der von Westen in Richtung Ostküste will, donnert hier durch. Früher waren auch viele Kohlelaster dabei. Die Zeiten sind lange vorbei: Die Flöze unter dem Stadtgebiet sind längst erschöpft. In ganz Tucker County gibt es nur noch einen einzigen aktiven Bergbau.
Der Niedergang kam langsam: In den 1910er Jahren, als nach einem Stadtbrand die meisten Häuser entlang der East Avenue, der Hauptstraße, neu gebaut wurden, lebten 2 500 Menschen in Thomas. 1940 waren es noch rund 1 400, zwei Jahrzehnte später dann nur noch 800 Menschen. Um die Jahrtausendwende schien sich der Trend kurzfristig zu drehen: Von 450 stieg die Einwohnerzahl wieder auf 580.
In dieser Zeit ließ sich auch John Bright in Thomas nieder: »Das war kurz nach dem 11. September 2001, also der letzten nationalen Krise. Ich habe damals in Charleston, West Virginia, gelebt. Da gibt es viel Chemieindustrie. Und ich hatte Angst, dass es ein Terrorziel werden könnte. Auf dem Land schien es mir und meiner damaligen Frau viel sicherer. Deshalb haben wir uns hier umgesehen.«
John, der früher als Fotojournalist für den Gouverneur von West Virginia arbeitete, zieht eine Grimasse: »Also, eigentlich war es natürlich total idiotisch, einen sicheren Job aufzugeben und stattdessen so was hier zu riskieren. Aber man lebt nur einmal und hat nur eine Chance, seinen Lebenstraum zu erfüllen.«
Mit seinem Kurzhaarschnitt, der getönten Brille und dem blau gemusterten kurzärmeligen Hemd sieht der 56-Jährige so gar nicht aus, wie ich mir einen musikverrückten Aussteiger in der Provinz vorgestellt habe. Er sei auch kein Musiker, sagt John, sondern nur Musikliebhaber. »Ich würde alle Eltern davor warnen, ihren Kindern etwas ausreden zu wollen. Als ich fünfzehn war, habe ich all mein Taschengeld in Alben investiert. Meine Mutter hat mich dann immer ausgeschimpft: Warum verschwendest du so viel auf die Musik. Und jetzt habe ich eine Konzertkneipe und buche die Bands, die hier spielen.«
Über zehn Jahre hat John gebraucht, um aus der »Purple Fiddle« einen überregional bekannten Musiktreff zu machen, der Bands und Publikum von der gesamten Ostküste anzieht. Jetzt fürchtet er um sein Lebenswerk: »Wir sind eigentlich als Konzertschuppen bekannt. Und wir haben keine Ahnung, wann wir wieder Konzerte, Livemusik machen können.« Zwar darf John die Terrasse seit ein paar Wochen wieder bewirtschaften, aber noch sind die Touristen nicht zurück, die hier im malerischen Canaan Valley im Sommer wandern und im Winter Ski fahren. Um über die Runden zu kommen, jobbt John nebenher als Pizzalieferant. Und er hat die laufenden Kosten so weit wie möglich gesenkt: Statt neun Kühlschränken laufen nur noch zwei. Auf Satellitenradio und -fernsehen verzichten er und sein 17-jähriger Sohn jetzt auch erst einmal. Und seine zwölf Mitarbeiter musste John gehen lassen: »Die Regierung zahlt den Leuten gerade mehr, um zu Hause bleiben, als ich ihnen hier an Lohn geben kann. Sie kriegen sechshundert Dollar zusätzlich Arbeitslosenhilfe. Also warte ich, bis diese Programme auslaufen, damit ich wieder mehr Leute einstellen kann.«
John ist es ganz recht, dass noch nicht so viele Leute kommen: Er hat Angst, dass sich jemand anstecken könnte. »Ich glaube nicht, dass wir vorsichtig genug sein können. Sonst müssen wir nur wieder in den Lockdown gehen. Ich weiß, viele Leute sagen: ›Wir hätten nie alles dicht machen sollen, der Schaden für die Wirtschaft ist zu hoch.‹ Aber kann man wirklich ein Leben in Dollar aufwiegen?«
Seth Pitt sieht das ganz ähnlich. Der Mittdreißiger in kunstvoll verknautschtem Lederhut und Designerleinenhemd würde perfekt in den Biergarten der Leipziger Baumwollspinnerei passen. Stattdessen lebt der Künstler und Galerist seit fünfzehn Jahren in Thomas. »Ich bin aus einer Laune heraus hier gelandet: Irgendjemand hat mir erzählt: ›Du wirst es lieben. Die Mieten sind niedrig. Es gibt einen guten Job.‹ Und als ich herkam, haben mir die Leute so gut gefallen. Die Landschaft ist schön. Aber vor allem ist es einfach eine tolle Gemeinschaft hier.«
Inzwischen hat Thomas eine Kunstszene, die man eher in einem urbanen Hipster-Viertel als in der Provinz vermuten würde. Die Galerien, eine Textildesignerin, ein Laden mit Kunstbedarf. Auch der Fotograf John Ryan »J. R.« Brubaker, der in Belgien Kunst studiert hat, lebt jetzt hier. Dabei wollte er ursprünglich nur einen Freund besuchen: »In den ersten 72 Stunden hier habe ich mich zu Hause gefühlt und Freunde gefunden. Es ist eine unheimlich kreative und inspirierende Umgebung und noch dazu mitten im Wald.« J. R., mit grau werdendem Vollbart und Fidel-Kappe, spielt mit der Stoffmaske um seinen Hals. »Damals war hier noch gar nichts los. Und auch das hat mich angezogen. Ich habe vorher in einer Stadt gelebt und brauchte mehr Platz für ein Atelier. Und ich wusste: Ich will nicht nur Kunst machen, sondern sie auch zeigen.«
Die Michigan-Connection – viele der rund dreißig Kreativen in Thomas stammen wie Seth und J. R. aus dem mittleren Westen – dominiert nicht nur optisch das Bild der historischen Altstadt von Thomas. Die Künstler sind auch wirtschaftlich wichtig für den Ort: Die Ausstellungen und Rundgänge ziehen hunderte Besucher an. Kundschaft für die Trödelläden und das »Tip-Top«-Café, in dem der Cappuccino mit Sojamilch so schmeckt und so viel kostet wie in Brooklyn oder Pacific Heights. Und die Künstler investieren: Seth und J. R. haben die Häuser gekauft. Sie arbeiten im Erdgeschoss und wohnen oben drüber. »Wir wollen damit auch das übliche Narrativ vermeiden: Dass erst die Künstler kommen, dann die Gentrifizierung einsetzt und die Kreativen sich dann die Mieten nicht mehr leisten können«, erklärt Seth.
Bis zum Corona-Lockdown schmiedete das Künstlerkollektiv schon den nächsten Plan: Gemeinsam wollen sie das Haus kaufen, in dem sie den »White Room« eingerichtet haben, gleichzeitig Atelierhaus und Galerie. Das Geld dafür sollte auch beim jährlichen »Art Spring«-Festival verdient werden. Doch das wurde abgesagt. Noch lassen Seth, J. R. und die anderen niemand Fremden ins Atelier.
Zum Interview treffen wir uns deshalb an einem Picknicktisch am Rail Trail, der ehemaligen Bahnstrecke zwischen dem Black Water River und der Hauptstraße. Früher dampften hier die Kohlezüge durch. Die Schienen sind längst verschwunden. Jetzt summen ein paar Hummeln über der Wiese.
»Zwischen Mai und September ist unsere Hauptsaison, da verkaufen wir am meisten. Also ist schon eine schwierige Zeit, geschlossen zu sein«, sagt J. R. »Aber mir fällt es echt schwer zu sagen: Wir machen unsere Kunsträume auf, wenn das irgendein Risiko birgt.«
Die Künstler haben ihr Konzept umgestellt. Wir spazieren die paar Meter hoch zu Seths Galerie: Abstrakte Grafiken hängen neben fast naiven Aquarellen und experimenteller Fotografie – ein stilistischer Wildwuchs von verschiedenen Künstlern aus dem Ort. Eine Schaufensterausstellung, für die wenigen Besucher, die sich schon her trauen. Aber vor allem eine Online-Show, sagt Seth: »John Ryan hat eine Seite gebaut, dort stellen wir jetzt aus. Und versuchen uns mit den sozialen Netzwerken anzufreunden – was wir bislang eigentlich vermieden haben.«
Im Umgang mit der Pandemie spiegelt sich in Thomas die Zerrissenheit der Nation. Die zugezogenen liberalen Künstler in der historischen Altstadt tragen Maske und sind sehr vorsichtig. Aber nur zweihundert Meter weiter den Hang hinauf ist von Corona-Ängsten nichts mehr zu sehen oder zu spüren.
Im »Country Roads Saloon« herrscht um die Mittagszeit schon reger Betrieb. Die Blockhütte auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle mit einer kleinen Musikbühne, den schlichten Holztischen, den Jagdtrophäen und den gerahmten Aphorismen (»Alkohol! – Weil keine gute Geschichte je mit einem Salat begonnen hat.«) ist der Treff der Alteingesessenen. Eine Familie mit zwei Kindern macht sich über Burger und Pommes her. Mit meiner Maske werde ich von den Gästen halb belächelt, halb misstrauisch beäugt – weil außer mir niemand eine trägt. Selbst Wirt Gary Riggs, mit Baseballkappe und grauem Bart, verzichtet auf einen Gesichtsschutz. Obwohl er ihn gebrauchen könnte, wie er mir verrät: »Ich bin in der Hochrisikogruppe, 63 Jahre alt, hatte schon drei Herzinfarkte. Aber wenn ich das Virus jetzt bekäme, würde ich nicht sagen: ›O Gott, warum ich?‹ – Sondern: ›Okay, ich bin jetzt dran.‹«
Auch für Gary waren die vergangenen Monate im Lockdown schwer. Er versuchte vergeblich, einen Kredit aus einem der Hilfsprogramme für Kleinunternehmer zu bekommen: »Zwei Monate lang habe ich immer wieder dort angerufen und musste jedes Mal wieder einer anderen Person die gleichen Informationen geben. Und dann haben sie es schließlich abgelehnt, weil wir keine ›Credit History‹ haben.«
Credit History ist das US-Äquivalent der Schufa-Auskunft. Mit einem entscheidenden Unterschied: Kreditwürdigkeit bekommt man hier erst bescheinigt, wenn man schon mal einen Kredit hatte oder wenigstens eine Kreditkarte, die man regelmäßig abbezahlt. »Aber wenn man eine Bar in West Virginia aufmacht, dann bekommt man von keiner Bank einen Kredit.« Gary schüttelt genervt den Kopf.
Die politischen Entscheidungen während der Corona-Pandemie sieht Gary kritisch: »Manches hat einfach keinen Sinn gemacht: Dieses Rigorose und wie dann die Regierung entschieden hat, was systemrelevant ist und was nicht.«
Obwohl Gary das »watering hole«, also die Bar für die Einheimischen betreibt: der ehemalige Polizist selbst zog erst vor sechs Jahren aus Florida hierher. Gemeinsam mit seiner Frau, die aus West Virginia stammt: »Das Leben hier ist ein bisschen langsamer und alle achten aufeinander. Als diese ganzen Unannehmlichkeiten wegen Corona anfingen, da haben wir zusammengehalten. Anderswo wurde das Toilettenpapier knapp. Hier hat irgendeine gute Seele immer Klopapier vor das Postamt gelegt. Und wer eine Rolle gebraucht hat, hat sich bedient. Und wer es nicht brauchte, hat es liegen lassen. So ist das hier. Wie kann man das nicht lieben?«
Die Leute in diesem Landstrich seien anders, sagt Gary: »Uns ist es egal, mit wem du ins Bett gehst. Uns ist es wurscht, ob du einen Titel hast oder wen du wählst. Wir nehmen die Leute, wie sie sind. Und wir kommen miteinander aus.«
Im Rest der USA gilt West Virginia als »Trump Country«. 68,5 Prozent der Menschen stimmten für den Republikaner; nirgendwo sonst war der Vorsprung vor Hillary Clinton so groß wie hier. In Tucker County holte Donald Trump sogar 73 Prozent. Auch Gary Riggs machte sein Kreuzchen für den Präsidenten. Jetzt bereut er das – aber nur ein bisschen: »Er hat für ziemlich Verwirrung gesorgt. Er twittert einfach zu viel. Aber das war ja von Anfang sein Problem. Und je nachdem, welchen Kanal man wann guckt, hat er entweder einen guten Job gemacht oder total versagt. Anfangs sah es so aus, als ob er bei Corona zu schnell handelt. Und jetzt, im Rückblick hat er nicht schnell genug gehandelt.« Gary zuckt mit den Schultern: »Ich bin froh, dass ich nicht Präsident bin.«
Noch hat sich Gary nicht entschieden, für wen er im November stimmen wird. Aber er ist sich trotzdem ziemlich sicher, dass Trump auch ohne seine Unterstützung wiedergewählt wird: »Man sieht hier immer noch viele Trump-Fahnen.«
Seth, der Künstler aus Michigan, warnt davor, alle Bewohner von West Virginia über einen Kamm zu scheren. »Natürlich gibt es hier viele Trump-Unterstützer, das sieht man ja an den Zahlen. Aber in diesem Staat gibt es auch sehr viele unabhängige Geister. Und ich glaube, viele haben Trump gewählt, weil er der Anti-Establishment-Kandidat war. Und das Gleiche gilt für alle Staaten, in denen die Leute schlecht behandelt und ausgebeutet wurden. Die Menschen misstrauen der Politik. Aus gutem Grund, denn sie sind schon so oft enttäuscht worden.«
Eine Anti-Corona-Maßnahme war in West Virginia – wie in den gesamten USA – besonders umstritten: das Verbot von Gottesdiensten. In West Virginia galten religiöse Einrichtungen zwar als »systemrelevant« und durften theoretisch Messen und Andachten abhalten, aber auch für Kirchen galt die Obergrenze von maximal zehn Teilnehmern. Im Mai wurde dieses Gebot wieder aufgehoben. Und Jay Bunting konnte wieder fast wie gewohnt seiner Arbeit nachgehen: als Pfarrer der Methodistenkirche von Thomas.
Die drei Kirchen des Ortes thronen auf dem Hang über der Stadt. Das Gotteshaus der Methodisten ist ein schlichter weißer Holzbau. Jay, der mit seinem langen roten Bart an Rübezahl erinnert, betreut nicht nur diese Gemeinde, sondern auch drei weitere in der Region.
Bevor wir hineingehen, ziehe ich mir meine Maske auf. Jay winkt ab: »Von mir aus müssen Sie keine Maske tragen.« Rechts neben dem Eingang steht die US-Flagge. Links an der Wand hängt die Fahne von Israel. Unter dem Holzpult lehnt ein Schild mit der Aufforderung: »Bete!« Wir setzen uns auf eine der stoffbezogenen Kirchenbänke. Auch auf Abstand legt Pfarrer Jay keinen Wert – obwohl er zugibt, dass seine Ärzte das nicht gerne sehen: »Ich hatte Krebs. Aber ich sage mir: ›Wenn Gott mich jetzt zu sich holen will, dann ist das eben so.‹ Ob man nun an Covid-19 stirbt oder durch einen Blitzschlag oder bei einem Autounfall. Wenn die Zeit gekommen ist, ist die Zeit gekommen.«
Im Gottesdienst aber hält sich auch Jay aus Rücksicht auf die Gemeinde an die vom Bundesstaat empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen. Keine Gesangbücher, weil Singen wegen der fliegenden Tröpfchen zu gefährlich ist. Abstand auf den Kirchenbänken. »Wir mussten uns was Neues ausdenken. Unser Pianist hat einfach ein paar von den alten Hymen angespielt. Und die Gemeinde musste raten. Er hat uns ganz schön zum Grübeln gebracht. Ein paar von den älteren Frauen meinten: ›Was spielt er da?‹ Ich habe auch nicht alle erkannt …«
Jay, der aus dem Nachbarstaat Maryland stammt und wie Seth an den Menschen in West Virginia ihre Neigung zum Widerspruch schätzt, macht aus seiner Meinung zu den Anti-Corona-Maßnahmen kein Hehl: Alles völlig übertrieben. »Ich bin seit 25 Jahren Pfarrer. Ich habe Gemeinden während SARS betreut, während der Schweinepest. Und das war viel schlimmer. Wenn man H1N1 bekommen hat, dann war das ein Todesurteil. Aber bei Covid hat man eine Überlebenschance von 98 Prozent.«
Ich widerspreche Jay nicht. Aber die Fakten tun es. Laut »Centers for Disease Control« gab es in den USA im ersten Jahr der Schweinepest 12 000 Tote. An Covid-19 starben allein in den ersten drei Monaten über 100 000 Menschen. Und auch die Sterberate ist bei Covid-19 deutlich höher: 1,3 statt 0,001 Prozent.
Doch der wirtschaftliche Stillstand und die Lockdown-Regeln seien mindestens so gefährlich wie das Virus selbst, findet Jay: »Wenn man so lange ans Haus gefesselt ist und nichts mehr machen darf, dann ist dies das Todesurteil für Leute, die sowieso schon an Depressionen leiden.« Erst vor ein paar Tagen habe ihn eine Frau angerufen, deren Sohn sich deshalb das Leben genommen habe.
Jay fürchtet, dass das Corona-Virus dem Ort endgültig den Todesstoß versetzen könnte – ohne, dass überhaupt viele Menschen hier erkrankt sind: »Der Tourismus ist nach dem Ende der Kohle das Einzige, was die Gegend am Leben hält. Eines der letzten großen Sägewerke hat gerade dichtgemacht. Dadurch drohen auch die verbliebenen Druckereien einzugehen. Wenn die Jobs weg sind – wo sollen die Familien dann hin?«
Angst vor dem Virus. Und Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Nicht nur in Thomas wird das von vielen als Gegensatz gesehen. Umfragen zeigen: Republikaner haben mehr Angst um die Wirtschaft. Und Demokraten mehr Angst um die Gesundheit.
John von der »Purple Fiddle« hat Angst vor beidem: dem Virus und was es für seine Zukunft bedeutet. Zu Beginn der Pandemie sei er völlig verzweifelt gewesen, erzählt er mir. Inzwischen ist sein Kampfgeist zurückgekehrt. Auf seiner Webseite bewirbt er immer noch Konzerte, von denen er nicht weiß, ob sie stattfinden können. Aber er ist sich sicher: »Wir werden überleben.«
III
Zerrissenes Land, oder:
Warum Nancy und Dick nur selten über Politik diskutieren
SEBASTIAN HESSE-KASTEIN
»Da sind sie: die widerlichen Fake-Fake-News-Journalisten!«, brüllt der Präsident der Vereinigten Staaten. Und zeigt mit dem Finger direkt auf mich.
Es ist kurz vor Weihnachten 2019, genauer gesagt der 17. Dezember. Es ist der Tag, an dem der Kongress in Washington das Amtsenthebungsverfahren gegen Trump auf den Weg bringt. In demonstrativer Geringschätzung seiner Ankläger verbringt der Präsident den Abend lieber dort, wo man ihn feiert und wo man bedingungslos zu ihm steht: auf einer »Rally«, einer seiner berüchtigten Wahlkampfveranstaltungen. Dieses Mal in einer Kleinstadt im Bundesstaat Michigan, deren Name passender nicht sein könnte für diesen historischen Abend: Battle Creek. Trump redet sich in Rage, teilt aus, zieht alle Register seiner Reality-TV-geschulten Entertainer-Kunst. Die Menge johlt. Trump ist in seinem Element. Alles ist so, wie er es mag. Hier kann er genüsslich austeilen gegen die »Enemies of the people«; Feinde des Volkes, so nennt dieser Präsident die Medien. Die Lügenpresse, die ihm nicht ausreichend huldigt. Immer wieder im Verlauf seiner Ansprache hetzt Trump gegen die anwesenden Journalisten, die am hinteren Ende der Halle in einem abgesperrten Bereich hinter Metallzäunen eingepfercht sind. Jedes Mal, wenn Trump zur Medienschelte ausholt, drehen sich 5 000 Menschen um, blicken feindselig zum Medienpferch, schreien: »Buh!«, »Fuck off!«, und drohen mit dem Stinkefinger.
Es ist kalt auf den Straßen von Battle Creek, Michigan, bitter kalt. Es ist kurz vor Weihnachten und man sollte meinen, dass sich die Einwohner der 50 000-Einwohner-Stadt in einer Dezembernacht wie dieser zu Hause einmummeln. Doch 20 000 Menschen haben sich aus nah und fern auf den Weg gemacht zur »Kellogg Arena«, der größten Veranstaltungshalle weit und breit. Alles ist Kellogg in Battle Creek. Der Cornflakes-Hersteller ist der größte Arbeitgeber weit und breit. Und Kultursponsor. In der »Kellogg Arena« treten sonst Def Leppard, Fleetwood Mac oder Kiss auf. Und hier finden Basketball- und Eishockeyspiele statt. Die heutige Attraktion toppt alle anderen: »Ist ein Trump-Wahlkampfauftritt nicht der großartigste Ort, auf dem man auf Erden sein kann?«, fragt der Präsident die Teilnehmer von Battle Creek. Tausende Neugierige sind an diesem Dezemberabend gekommen, um die Trump-Show zu sehen. Die Allermeisten sind trotz stundenlangen Anstehens nicht in die Halle gekommen. Erstaunlich viele bleiben trotz der Eiseskälte. Der Auftritt wird vor den Arena-Toren auf Großbildleinwände übertragen.
Obwohl ich zu den »very, very dishonest people« (Trump über Berichterstatter, die kein Dauerloblied auf ihn singen) gehöre, genieße ich das Privileg eines separaten Presseeingangs, was mir das Bibbern in der Adventsnacht erspart. In der Halle, kurz bevor Trump unter tosendem Beifall den Saal betritt, stehle ich mich aus dem Pressepferch hinaus und mische mich unter die Teilnehmer. Tippelschritt für Tippelschritt arbeite ich mich vor in Richtung Rednerpult. Um mir die volle Dröhnung der Trump-Performance abzuholen. Um mich zwischen die Hardcore-Fans zu mogeln, die es zu Füßen ihres Idols geschafft haben. Mit ihnen, die den New Yorker Immobilienhai ins Weiße Haus gebracht haben, möchte ich ins Gespräch kommen.
Doch kaum habe ich mein Mikrofon gezückt, da taucht wie aus dem Nichts ein Secret-Service-Mann auf. »Sir, Sie müssen hier weg«, sagt er, »Sie dürfen den Pressebereich nicht verlassen!« Ich protestiere, halte dem Mann entgegen, dass ich nur hier, wo die Fans sind, meinen Job machen kann. Doch er bleibt unerbittlich. »Sir, es ist zu Ihrem eigenen Wohl!« Zunächst bin ich sauer. Was fällt ihm ein, mich bei der Recherche zu behindern? Es reizt mich, ihm einen Vortrag über Pressefreiheit und Demokratie zu halten. Doch das verkneife ich mir dann. Kurze Zeit später ereilt mich dann der Gedanke, dass der Sicherheitsmann vielleicht recht haben könnte. Dann nämlich, als der Präsident seinem Wutausbruch gegen meinen Berufsstand freien Lauf lässt. Ich hatte diese Tiraden vorher schon im Fernsehen gesehen. Und Trumps Formulierungen, seine Stanzen sind ja immer dieselben. Aber unmittelbar dabei zu sein, die ganze Wucht der Aggression frontal abzukriegen, das ist ein ganz anderer Schnack. Über 5 000 Augenpaare, die dich hasserfüllt anstarren. Der ohrenbetäubende Lärm der Buhrufe. Der Hass, den dieser Präsident schürt, ist auch ohne direkten Körperkontakt physisch spürbar. Auf einmal bin ich dankbar für den hüfthohen Aluminiumzaun, der mich von der wütenden Menge trennt. Der erinnert mich an Haikäfige, die Taucher schützen vor tödlichen Raubfischattacken. Womöglich sind die Personenschützer Trumps, die unzählige Mal dabei waren, wenn der Präsident die Massen gegen anwesende Journalisten aufhetzte, tatsächlich ernsthaft besorgt, dass es irgendwann nicht bei Beschimpfungen bleiben könnte. Sondern dass sich Trump-Anhänger bemüßigt fühlen, das Unrecht, das ihrem Idol durch feindselige Berichterstattung widerfährt, auf handgreifliche Weise zu sühnen.
Feindseligkeit gegenüber Journalisten war mir auch vor Battle Creek begegnet. Dafür muss man dieser Tage nicht mehr über antidemokratische Regime schreiben oder sich mit Diktatoren anlegen. In den Jahren vor der Rückkehr in die USA hatte ich mich als Reporter mit dem Themenkomplex Rechtspopulismus, AfD, Pegida und auch Rechtsterrorismus beschäftigt. Mein Berufsstand ist nicht gerade populär bei den Neuen Rechten. »Lügenpresse, Lügenpresse« – das Geschrei kenne ich von ostdeutschen Marktplätzen und vor allem von Dresdener Demonstranten. Bei einem Pegida-Aufmarsch auf der Dresdener »Cockerwiese« musste ich erleben, was Sportreportern gelegentlich von ultragewalttätigen Hooligans widerfährt: Das sogenannte Ü-Wagen-Schütteln. Der verharmlosende Begriff meint tätliche Angriffe auf Übertragungswagen. Das Demolieren der Fahrzeuge, aber auch physische Angriffe auf Tontechniker und Reporter. An jenem Abend in Dresden hatten uns äußerst aggressive Pegidisten umzingelt. Hatten versucht, unser Fahrzeug umzuwerfen. Hatten uns Prügel angedroht. In den USA habe ich Handgreiflichkeiten zwischen Trump-Anhängern und Journalisten nie erlebt. Auch nicht davon gehört. Aber es sagt viel aus über eine Gesellschaft, wenn nicht ein Freizeitagitator wie Lutz Bachmann in Dresden seine Anhänger gegen Reporter aufhetzt, sondern der Präsident der Vereinigten Staaten das tut. Wie in Battle Creek. Fühlt sich nicht gut an.
Auf der Trump-Rally in Battle Creek habe ich es nur kurz im sicheren Journalistengehege ausgehalten. Schließlich war ich hierhergereist, um mit Anhängern des polarisierenden Präsidenten ins Gespräch zu kommen. Ging nicht in der Halle, geht vielleicht außerhalb, in den Gängen mit den Bierständen und den Souvenirbuden. Das ist einen Versuch wert: Hier müssen die Menschen Schlange stehen, hier müssen sie Zeit totschlagen und hier würden sie vielleicht erfreut sein über eine kleine Abwechslung. Ich stelle mich also bei den Wartenden als Reporter aus Deutschland vor. »Ach, von so weit sind Sie gekommen?« – »Nein, nein, ich bin ja als USA-Korrespondent in DC stationiert.« – »Ach so …«
Zunächst komme ich mit Christin ins Gespräch. Die Mittvierzigerin ist extra aus dem Nachbarstaat Indiana angereist. »Ich liebe ihn!«, sagt Christin über Trump, »weil er den Sumpf trockenlegt. Nicht nur zum Wohle Amerikas, sondern für die ganze Welt!« Den Sumpf trockenlegen: »Drain the Swamp!« Das hört man immer wieder, wenn außerhalb von Washington DC die Rede auf Politik kommt. »The Swamp«, der Sumpf, das ist das faulige, modrige Politmilieu. Der »Deep State«: eine Verschwörung aus korrupten Bürokraten, die sich seit Jahr und Tag auf Kosten des übrigen Amerikas bereichern. Die nicht das Allgemeinwohl im Sinne haben, sondern ausschließlich ihre eigenes und das ihrer Subkultur. Elitär sind die, und Globalisten, keine Patrioten. »Globalist elitists« – das ist unter Trump-Anhängern das vernichtendste Schimpfwort. Sogar noch vor Fake News. Den »globalistischen Eliten« hat Trump, der politische Quereinsteiger, den Kampf angesagt: »Drain the Swamp!« Und wie recht er damit hat, zeige sich am erbitterten Widerstand des »Deep State«, findet Christin. Die Demokraten seien die Partei der elitären Globalisten. Elitär, weil sie auf Leute wie Christin herunterblicken. Globalisten, weil sie an der Globalisierung verdienen, während Leute wie Christin ihre Jobs verlieren. Trump hole die Jobs zurück nach Amerika. Deshalb wollten die Globalisten ihn vernichten. »Was mich am meisten stört, was mich mehr als alles andere wütend macht«, sagt Christin, »ist, dass die unseren Präsidenten als russischen Spion anklagen wollten, wegen Hochverrats!« Gemeint ist die Untersuchung wegen angeblicher russischer Wahlmanipulation zugunsten Trumps. »How dare they?«, fragt Christin an die Adresse von Trumps Widersachern, »how dare they?« Eine bewusste Anspielung auf die berühmte Greta-Thunberg-Phrase. »Wir sind wütender denn je!«, sagt sie. Wie Greta.
Ein älterer Herr, ein paar Schritte weiter, hat weniger Schaum vor dem Mund als Christin. »Gegen Erfolg lässt sich schlecht argumentieren«, sagt er mir. Gemeint ist Trumps Wirtschaftsbilanz. Das Jobwunder, das Amerika unter diesem Präsidenten erlebt hat. Die Corona-Krise ist zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht abzusehen. Weiter hinten in der Schlange steht ein jüngerer Mann. »Das ist der am härtesten arbeitende Präsident aller Zeiten«, schwärmt er. »Eine ehrliche Haut!« Ehrlich? Wirklich? Ausgerechnet Trump, der sich die Realität so gerne zu seinen Gunsten zurechtbiegt? »Der macht aus seinem Herzen keine Mördergrube«, sagt mir Lisa, eine ältere Dame aus Battle Creek. Trump sei authentisch. Man wisse immer, was er denkt! Und seine Tweets seien eine prima Sache: Wann hatte man je einen derart tiefen Einblick in das, was der Präsident der Vereinigten Staaten gerade denkt. Was ihn umtreibt. Etwas kleinlaut frage ich, ob es Lisa nicht stört, wie zornig und hasserfüllt Trump gegen seine Gegner austeilt. »Ich finde es gut, dass er so gradeheraus ist«, kontert Lisa. Das Impeachment-Verfahren jedenfalls sei eine völlige Zeitverschwendung; darin sind sich alle, mit denen ich in Battle Creek spreche, einig. Seit 2016 würden der Sumpf und der »Deep State« versuchen, Trump aus dem Amt zu befördern und die Wahl ungeschehen zu machen. Das sei ein Dauerangriff auch auf sie, die Trump-Unterstützer. »Je härter sie zuschlagen«, sagt Christin, »desto stärker werden wir!« Und wer nicht in völlige Verzückung über Trump gerät, der rechnet mir ganz nüchtern dessen Erfolgsbilanz vor: »Was haben denn die Demokraten in all den Jahren unter Obama erreicht?«, fragt mich ein älterer Herr. Und hat gleich auch die Antwort parat: »Nichts!« Trump habe in kürzester Zeit so viel geschafft: »I want more of it!« Davon habe er noch lange nicht genug. Authentisch sei dieser Präsident: Der hält, was er verspricht. »Promises made, promises kept!«
Ich schlendere wieder zurück in den Pressepferch. Trump steht noch immer am Rednerpult. Rechts und links davon stehen Weihnachtsbäume, auf deren Spitzen Wahlkampfkappen mit dem »Make America Great Again«-Logo, MAGA, thronen. Gerade erklärt Trump, dass man es ihm persönlich zu verdanken habe, dass Amerika wieder »Merry Christmas!« wünschen dürfe. Und nicht mehr politisch korrekt »Happy Holidays!« sagen müsse, wie es die säkularen Eliten eingeführt hätten. »Ihr seid die Elite!«, brüllt Trump seinen Fans zu. Die Halle kocht.
Zum Ausklang des Abends plärrt wie immer »You can’t always get what you want!« von den Rolling Stones aus den Lautsprechern. Keine Ahnung, warum Trump ausgerechnet an diesem Song einen Narren gefressen hat. Ich kann mir kein Motto vorstellen, das noch weniger zu seiner Person passt. Während der Trump-Show läuft eine Handvoll von anderen Songs in Dauerschleife: »Sympathy for the devil«, noch ein Stones-Titel. Und »Macho man!«, von den Village People. Bei dem singen fast alle mit. Trumps Dauer-Tournee bringt die immer gleiche Show auf die Bühnen. Variationen gibt es je nach tagespolitischer Themenlage. Aber das Kerngerüst bleibt gleich. Trump teilt aus. Verletzend, gehässig, unter der Gürtellinie. Dem Publikum stockt der Atem. Na, der traut sich was! Eine Mischung aus Befremden und Bewunderung entsteht bei seinen Zuhörern. Ein bisschen wie bei Dieter Bohlen in Deutschland. Dann breitet Trump seine Arme aus. Geschickt versteht er es, sich zum Anwalt und Interessenwahrer seiner Unterstützer zu stilisieren. Seine Kulturrevolution: Das ist kein Egotrip. Das ist eine Massenbewegung! Sie kommt eigentlich aus der Mitte des Volkes. Trump hat sie lediglich entfesselt. Nun ist es ein Gemeinschaftsprojekt. Weil Trump selbstlos vorausschreitet, lässt man ihm auch so manches durchgehen. Das endlose, eitle Eigenlob? Geschenkt! »Everything he does is for the American people«, hatte mir ein Teilnehmer in Battle Creek erklärt. »We the people!« Mit diesen drei Worten – »Wir, das Volk« – beginnt die Präambel der Verfassung der Vereinigten Staaten.
Seit jenem Winterabend in Battle Creek habe ich immer wieder nachgedacht über die Menschen, denen ich dort begegnet bin. Landauf, landab gibt es Legionen von ihnen. Als Publikum der Trump-Shows sind sie auf einmal sichtbar. Sie feiern ihr Idol. Aber noch mehr feiert er sie. Wie konnte es passieren, dass einer wie Trump kommen musste, um diese Menschen aus dem Verborgenen ins Rampenlicht zu holen? Wo waren die vorher? Warum wurden sie übersehen? Klar ist, dass Trump ihnen Würde verspricht und Aufmerksamkeit verleiht. Der Working Class Hero des 21. Jahrhunderts: ein habgieriger und selbstverliebter Immobilienmogul. Wer hat dieser Revolution den Boden bereitet? Wer hat diesen Kulturkampf provoziert? Ein Name fällt auffällig häufig, wenn man Amerikaner nach der Verkörperung des Elitären in der Politik fragt: Hillary Clinton, Trumps unterlegene Gegenspielerin von 2016.
Am 9. September des schicksalhaften Wahljahres beging die demokratische Präsidentschaftskandidatin den vielleicht schwerwiegendsten Fehler ihrer politischen Karriere. Die Szene war aus der Sicht eines republikanischen Wahlkampfstrategen eigentlich zu gut, um real zu sein. Hier passte alles. Als habe Donald Trump sich die Situation für eine polemische Wahlkampfrede zusammenspintisiert. Wenn es noch Zweifel daran gab, dass Clinton die Kandidatin einer abgehobenen, arroganten Küstenelite war: Sie hatte sie selber ausgehoben. Hier ist die Szene:
Ausgerechnet von einer LGBTQ-Versammlung (LGBTQ, das steht für »Lesbisch, Gay, Bisexuell, Transgender, Queer«) ließ sich Clinton dafür feiern und beklatschen, dass sie Teile der Trump-Verehrer als Bemitleidenswerte oder auch Klägliche schmähte. In einen »basket of deplorables«, einen »Korb für Bedauernswerte«, gehöre die halbe Anhängerschaft Trumps. Das Etikett saß: Nach anfänglicher Entrüstung konterten die Geschmähten strategisch klug. Sie funktionierten den Schmähbegriff in sein Gegenteil um: in ein selbstbewusst geführtes Markenzeichen. Wir sind die Deplorables! Ihr da oben mögt auf uns herabschauen, uns verachten, uns für vernachlässigbar halten! Aber wir sind viele! Wir sind die Mehrheit, die bislang schwieg, jetzt aber ihr Schicksal in die eigene Hand nimmt. Deplorables! So, wie Schwarze sich manchmal selbst als »Nigger« bezeichnen. Oder Homosexuelle sich »Schwuchteln« nennen. Schmähbegriffe entwerten, indem man sie sich aneignet. Bis heute veranstalten republikanische Frauenorganisationen, wie »Women for Trump«, sogenannte »DeploraBalls«. Also Partys, Bälle, bei denen das ländliche, konservative, gottesfürchtige Mittelklasse-Amerika selbstbewusst seinen eigenen Lebensstil feiert. Und sich nicht mehr verschämt kleinmacht gegenüber metrosexuellen Jetsettern, die Amerikas Mainstreamkultur so lange idealisierte. »DeploraBalls« für »deplorables«. Kampfbegriffe, die eine ungeheure Wucht entfalteten. Viel wirkungsvoller noch als das deutsche »Wir sind das Volk!«, das in der Pegida-Umdeutung etwas ganz Ähnliches meint. Oder die AfD-Ankündigung: »Wir holen uns unser Land zurück!« An Sprachwitz sind die Amerikaner ihren deutschen Seelenverwandten bisweilen überlegen: »Adorable Deplorable« ist auf T-Shirts mancher Trump-Fans zu lesen, »bewundernswerter Bedauernswerter«. Das amerikanische »deplorables« stiftet als Selbstbezeichnung nicht nur ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Es führt gleichsam noch den Nachweis für die Arroganz der anderen mit sich.
Der Begriff hat sich schnell verselbstständigt. Clinton hat die Wirkung ihrer Worte unterschätzt, als sie das Bild vom »basket of deplorables« in die politische Debatte einführte. Ein Gefäß zur Entsorgung von denjenigen, die man aufgegeben hat, die man politisch ohnehin nicht mehr erreichen kann. Die verloren sind. »Deplorable«, das lässt sich mit »bedauernswert« übersetzen, mit »bedauerlich«, »kläglich« oder auch »verurteilungswürdig«. Klingt im Deutschen noch ein wenig nach Mitgefühl, im Englischen aber herablassend. Klanglich irgendwie nach Deportieren. Bei einer Spendengala in New York hatte Hillary Clinton den »basket of deplorables« erstmals eingesetzt: eine Art Abfallbehälter für Trump-Anhänger, die, so Clinton wörtlich, »rassistisch, sexistisch, homophob, xenophob, islamophob« sind. Volle Keule! Und um alle Klischees zu komplettieren, bestand diese Gala aus Spendern und Clinton-Unterstützern aus der LGBTQ-Community. Was in den liberalen Küstenstädten längst eine kulturell bedeutsame und politisch einflussreiche Lobbygruppe ist, das steht im konservativ-ländlichen Amerika für etwas ganz anderes: Sinnbild des gesellschaftlichen Umsturzes, der Menschen mit traditionellerem Lebensstil an den Rand drängen soll. Clinton mag nur extreme, hasserfüllte Rassisten gemeint haben, aber die Instinktlosigkeit ihrer Wortwahl hatte effektvoll ihr eigenes Negativimage als arrogante Klientelpolitikerin bestätigt – und die dramatische Spaltung des Landes weiter vertieft.
Der Riss quer durch das Land, dem Trump seine einstige »greatness« zurückzugeben versprach, verläuft nicht entlang einer klar gezogenen Linie. Der Spalt trennt nicht einfach progressive Metropolen und traditionelle Landregionen. Der Frontverlauf im amerikanischen Kulturkampf ist so komplex, dass er sich sogar durch die kleinste gesellschaftliche Einheit zieht: die Familie. Trump spaltet sogar im Mikrokosmos. Einer Umfrage zufolge sagen 39 Prozent der Ehepaare in den USA, dass Trump in ihrer Beziehung, ihrer Partnerschaft, für Stress gesorgt hat. Was massenhaft im Verborgenen geschieht, hat ein prominentes amerikanisches Ehepaar zur öffentlichen Inszenierung gemacht: die notorischen Conways. Kellyanne Conway (Jahrgang 1967) ist Trumps Chefberaterin und hat seine Wahlkampagne im Jahre 2016 geleitet. Ehemann George T. Conway III. (Jahrgang 1963), Verfassungsrechtler, ist einer von Trumps schärfsten Kritikern. Die Conways sind Amerikas kuriosestes Ehepaar. Ihren politischen Rosenkrieg hat die New York Times treffend als die »George and Kellyanne Conway Show« beschrieben.
Die frühe Liebesgeschichte der Conways ist auf bizarre Weise mit Donald Trump verknüpft. Sie beginnt in New York City. Im Sommer 1999 begegneten sich Kellyanne und George zum ersten Mal, im Trump-Tower auf der Fifth Avenue. Conway war Partner in einer New Yorker Anwaltskanzlei. Fitzpatrick, so Kellyannes Mädchenname, war Kampagnenmanagerin für die Republikanische Partei. Zwei Jahre später heiratete das Powerpaar, das sich wunderbar ins Personeninventar eines Tom-Wolfe-Romans einfügen würde. Das sprichwörtliche »Fegefeuer der Eitelkeiten« hüllte diese Liebesgeschichte in stimmiges Licht. Die Conways bezogen ein Luxusapartment im Trump-Tower in Manhattan. Im Foyer des glamourösen Skyscrapers sind sie erstmals dem Erbauer und Eigner des Towers über den Weg gelaufen: Donald Trump. Eine schicksalshafte Begegnung. Der Beginn einer eigenartigen Freundschaft. Im Trump-Tower haben die vier Conway-Kinder ihre ersten Lebensjahre verbracht. Nach Trumps Wahlsieg wurde Kellyanne Conway Trumps Chefberaterin im Weißen Haus. Die Familie zog um nach Washington DC, in ein 8-Millionen-Dollar-Haus. George Conway hatte dem Vernehmen nach auf einen gutdotierten Posten im Justizapparat gehofft. Er ging leer aus.
Kaum jemand aus dem konservativen Lager in Washington schießt so scharf und unerbittlich gegen Präsident Trump wie George Conway. Trump sei der »Idiot-in-Chief«, ein pathologischer Lügner, ein Krimineller, findet George. Und twitterte an die Adresse Trumps: »Sobald man versteht, was eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist, versteht man Sie! Und man versteht, warum Sie nicht geeignet und unfähig sind für die angesehene Stellung, die Sie vorübergehend innehaben.« Gleichzeitig verteidigte Kellyanne ihren Boss mit unnachgiebiger Hartnäckigkeit. Von einem Conway geschmäht, vom anderen Conway gestützt: Trump versucht den Spaltkeil anzusetzen. George, ein »absoluter Versager«, sei nur eifersüchtig auf den Erfolg von Kellyanne, spottet Trump. An anderer Stelle nennt er ihn den »Ehemann aus der Hölle«. Doch während nur wenige Paare die ständige Spannung aushalten könnten, andere Ehen längst zerbrochen wären über eine derart dramatische Differenz, kommen die Conways offenbar damit klar. Gelegentlich lassen sie durch einen öffentlichen Schlagabtausch Druck aus dem Kessel. So hat George seine Frau vorgeworfen, sie sei hirngewaschen von einem Kult. Kellyanne leide am Stockholm-Syndrom, an einem Übermutterkomplex, um einen selbstzerstörerischen Kind-Mann zu beschützen. Die Gemahlin schießt zurück: »Niemand kennt mich nur wegen meines Ehemanns. Aber viele Leute kennen meinen Mann nur wegen mir!«
Mitte Mai 2020 sorgt dann eine Gruppe von Republikanern für Aufsehen, die sich »Lincoln Project« nennt. Es ist die Woche, in der sich Trump vor der pompösen Kulisse des Washingtoner Lincoln-Memorials von seinem Haussender Fox News zur Pandemie befragen lässt. Das »Lincoln Project« lässt zeitgleich ein TV-Video ausstrahlen, das sich ästhetisch bewusst an Wahlkampf-Spots von Ronald Reagan, dem republikanischen Übervater, anlehnt. In dem Video heißt es unter anderem: »Dank Donald Trumps Führung ist unser Land schwächer, kränker und ärmer.« Mit der Wortwahl machen sich die Initiatoren über Vizepräsident Mike Pence lustig, der Trumps Corona-Task-Force geleitet hat und bei den TV-Briefings jeden zweiten Satz unterwürfig mit den Worten begann: »Dank der großartigen Führung von Präsident Trump …« Treibende Kraft des »Lincoln Projects« ist George Conway.
Trump tobt. Und feuert per Twitter voll unter die Gürtellinie: »Ich weiß nicht, was Kellyanne ihrem geistesgestörten Loser von einem Ehemann, Mondgesicht, angetan hat«, so der Präsident der Vereinigten Staaten, »aber das muss ziemlich schlimm gewesen sein!« Trump liebt es, seinen Gegnern nicht nur gehässige Beinamen zu verpassen (Sleepy Joe Biden, Crazy Nancy Pelosi, Shifty Adam Schiff, Mini Mike Bloomberg etc.), er verteilt gerne auch herabwürdigende Spitznamen (etwa Alfred E. Newman, nach der Witzfigur aus den MAD-Heften, für Pete Buttigieg). Jetzt also Moonface, Mondgesicht, für George Conway. Und der lässt erwartungsgemäß nicht locker und legt am 7. Mai in der Washington Post nach: »Extreme Narzissten überhöhen ihre Leistungen und Befähigungen – und so hat Trump sein ganzes Leben damit verbracht, ein falsches Bild seiner selbst zu schaffen – nicht nur für andere, sondern für sich selber, um sein zutiefst zerbrechliches Ego zu schützen.«
Die »George and Kellyanne Conway Show« ist ohne Ende unterhaltsam. Der »Never Trumper« (das ist die gängige Bezeichnung für diejenigen, die nie ein gutes Haar an dem Präsidenten lassen) und die Chef-Propagandistin: US-Journalisten schlecken sich die Finger danach, eine Homestory über die zwei machen zu können. Um herauszukriegen, was hier Inszenierung ist und was echt. Conways konservativer Rosenkrieg triff auch deshalb einen Nerv, weil viele Amerikaner aus Erfahrung wissen, wie sich ein Trump-gemachter Riss durch die eigene Familie anfühlt.
In Julias und meinem engsten Freundeskreis gibt es auch ein Paar, das politisch nicht auf gleicher Wellenlänge liegt. Wenn man Nancy Flinn und Dick Weiss besucht, dann liegen immer zwei Tageszeitungen auf dem Wohnzimmertisch. Die Washington Post und die Washington Times. Nancy liest die Post. Dick liest die Times. Die Post ist das Leib- und Magenblatt der weltoffenen Liberalen. Die Times dagegen bedient das andere Lager. Mehr Reagan als Trump. Aber während der Corona-Krise (wie im ersten Kapitel erwähnt) rückte das Blatt stramm auf die Linie der sogenannten »Alt-Right«, der ultrakonservativen »alternativen Rechten«, der jegliches staatliche Handeln ein Gräuel ist und die entsprechend scharf gegen die Corona-Schutzmaßnahmen schoss. Liest man die beiden Washingtoner Zeitungen parallel, dann gewinnt man schnell den Eindruck, die Blätter schildern unterschiedliche Realitäten aus getrennten Paralleluniversen. Doch Nancy und Dick sind ein zauberhaftes Beispiel dafür, dass gegensätzliche politische Philosophien der Liebe nicht im Wege stehen müssen.
Beide leben in Nancys Haus auf der Poplar Street in Georgetown. Das ist eher ein Seitengässchen als eine wirkliche Straße. Nancys Backsteinhäuschen im Kolonialstil hat die kuriose Hausnummer 2714 ½, wie in einem Harry-Potter-Roman. Das Townhouse ist so schmal und hutzelig, dass es wohl keine vollwertige Hausnummer verdient. Es verfügt zwar über drei Stockwerke, ist aber gerade einmal drei Meter breit. Wenn überhaupt. Das Wohnzimmer, in dem wir sitzen, ist wie ein Schlauch geschnitten und wunderbar vollgestopft mit allerhand kuriosen Dingen. Den meisten Platz nehmen ein altes Karussellpferd aus Holz, dessen Farbe weitgehend abgeblättert ist, und ein Stutzflügel ein. Auf dem Kaminsims stehen hölzerne Sakralfiguren, die aus mittelalterlichen Kirchen in Südfrankreich und Katalonien stammen. Im nordspanischen Girona lebt Nancys Sohn Jason. Dort züchtet er mit seinem Partner Appaloosa-Pferde und handelt mit Antiquitäten. Hin und wieder schickt er Nancy einen seiner Funde. Als Wohnzimmertisch fungiert eine alte Seemannskiste. Darauf liegt das Einzige, was Nancy und Dick trennt: die Washington Post und die Washington Times. Kein anderer Haushalt in Washington DC dürfte beide Blätter gleichzeitig beziehen.
Julia und ich haben Nancy Flinn im Jahre 2000 kennengelernt. Nancy war frisch verwitwet. Ihr zweiter Mann Rick, den sie heute noch »die Liebe meines Lebens« nennt, war im Alter von 56 Jahren gestorben. Nancy lebte allein mit Winston, einem kalbgroßen Labradoodle, in dem kleinen, schmalen Townhouse auf Georgtowns Poplar Street, das sie einst mit Rick teilte und jetzt mit Dick. »Ich besitze elf Toiletten«, erzählte sie damals. Ansonsten sei sie »hausarm«. Beides Anspielungen darauf, dass sie in Washington, auf Cape Cod und in Vermont Immobilien besaß. Allerdings mit hoher Hypothekenbelastung. Unsere erste Begegnung fand im Hundepark statt, im Rose Park, in dem allabendlich die Hundebesitzer von Georgetown zusammenkamen, die Hunde spielen ließen, ausgelesene Bücher austauschten und einem Sundowner niemals abgeneigt waren.
Am 13. März 2002 lernte Nancy Dick Weiss kennen. Das genaue Datum blieb deshalb im Gedächtnis, weil das Kennenlernen über ein Dating-Portal im Internet zustande kam. Nancy war 61, Dick 62, und ebenfalls verwitwet. Nach drei Jahren platonischer Freundschaft funkte es dann richtig: Auf einem gemeinsamen New-York-Trip wurde erstmals ein Hotelzimmer geteilt. Vom Temperament her ergänzen sich die beiden bestens: Sie leicht chaotisch, auffallend, redselig und extrovertiert; er kontrolliert, zurückhaltend, eher schweigsam und in sich gekehrt. Für ein Biopic würde ich sie mit Diane Keaton besetzen, ihn mit Tommy Lee Jones. Achtzehn Jahre nach ihrem Kennenlernen sitze ich mit den beiden bei unserem Lieblings-Mexikaner in Georgetown, bei »Don Lobo’s«. Und staune unvermindert, wie sich zwei so zusammenraufen können, die aus so unterschiedlichen Vorleben kommen. Nancys leichten Hang zum Chaos gleicht Dick mit Engelsgeduld aus. Ein symbiotisches Paar. Wenn da nicht die Politik wäre. Dick ist Erz-Republikaner. Nancy durch und durch progressiv. Knallt’s da nicht oft? »Mir gefällt ein gepflegter Streit!«, lacht sie. Er schweigt. Am 3. November 2012, als Barack Obama wiedergewählt wurde, waren die beiden bei Nancys Buchklub-Freundinnen eingeladen, allesamt leidenschaftliche Demokratinnen. Es ging hoch her an diesem Abend. »Für mich grenzte das an Missbrauch«, erinnert sich Dick grummelnd an diesen Abend. Und erzählt kopfschüttelnd von einer Freundin von Nancy, die gelegentlich vorbeischneit, die Zeitung aufschlägt und ihn anfaucht: »Dann wollen wir doch mal schauen, was deine Republikaner uns heute wieder angetan haben!«
Dass ein politischer Riss durch ihre Familie geht, ist Nancy von Kindesbeinen an gewöhnt. Ihr Vater war Republikaner, ihre Mutter Demokratin. Kein einfaches Elternhaus, aus dem sie stammt. Nancys Vater, Herausgeber mehrerer Zeitungen in Vermont, fiel einem Gewaltverbrechen zum Opfer. Unter Mordverdacht stand Nancys Mutter, eine Alkoholikerin, deren Trinken ständiger Anlass für erbitterten Streit war. Die Tat wurde nie aufgeklärt. Nancys Vorfahren, die Belknaps, sind familiengeschichtlich so etwas wie amerikanischer Adel. »Meine Großmutter hat immer voller Stolz betont, unsere Familie sei auf der Mayflower in die Neue Welt gekommen«, erzählt sie. Im Jahre 1620 hatte das mythische Schiff 102 Pilger aus Plymouth im Hafen von Provincetown, heute Massachusetts, abgesetzt. Die Mayflower wurde zu einer amerikanischen Ikone. In den Adern waschechter Mayflower-Nachfahren fließt blaues Blut. Nancys Großmutter war aufgrund dieses Stammbaumes Mitglied der ebenso prestigeträchtigen, wie elitären Frauenorganisation »Daughters of the Revolution«. Doch die hat sie später aus Protest gegen deren Rassismus verlassen. Nancys Großeltern väterlicherseits waren aus Irland eingewandert, während der Großen Hungersnot auf der Grünen Insel. Wie so viele Iren ließen sie sich in Boston nieder. Später zogen die Belknaps weiter nach Vermont, wo Nancys Großvater mehrere Lokalzeitungen herausgab.
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