Read the book: «Innen wachsen – außen wirken»
Julia Buchebner / Stefan Stockinger
Innen wachsen –
außen wirken
Eine nachhaltige Zukunft
beginnt in uns selbst
ENNSTHALER VERLAG STEYR
Erklärung
Die in diesem Buch angeführten Vorstellungen, Vorschläge und Therapiemethoden sind nicht als Ersatz für eine professionelle medizinische oder therapeutische Behandlung gedacht. Jede Anwendung der in diesem Buch angeführten Ratschläge geschieht nach alleinigem Gutdünken des Lesers. Autor, Verlag, Berater, Vertreiber, Händler und alle anderen Personen, die mit diesem Buch in Zusammenhang stehen, können weder Haftung noch Verantwortung für eventuelle Folgen übernehmen, die direkt oder indirekt aus den in diesem Buch gegebenen Informationen resultieren oder resultieren sollten.
Mit dem Kauf dieses Buchs unterstützt du Klimaschutzprojekte der BOKU (Universität für Bodenkultur Wien), die in Ländern des Globalen Südens Treibhausgasemissionen einsparen und einen Beitrag zur Erfüllung der SDGs (Sustainable Development Goals, Ziele für nachhaltige Entwicklung) leisten.
www.ennsthaler.at
ISBN 978-3-7095-0142-9
Julia Buchebner/Stefan Stockinger · Innen wachsen – außen wirken
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2021 by Ennsthaler Verlag, Steyr
Ennsthaler Gesellschaft m.b.H. & Co KG, 4400 Steyr, Austria
Grafiken: Stockinger/Buchebner
Covergestaltung: © Ernst Miesgang, www.ernstmiesgang.com
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Praktische Hinweise
TEIL I: Die Reise beginnt
1. Willkommen in der westlichen Welt
1.1 Die Geschichte der äußeren Zerstörung
1.2 Der globale Zustand als Spiegel unserer selbst
1.3 Die Vision eines umfassenden Wandels
2. Warum wir den Blick nach innen richten müssen
2.1 Über den Wert innerer Reife
2.2 Der innere Schweinehund
2.3 Die innere Dimension der Nachhaltigkeit
TEIL II: Aufgeklärtes Wertebewusstsein
3. Werte als Richtungsweiser
3.1 Wie Werte unser Verhalten beeinflussen
3.2 Der Mensch, ein Herdentier
3.3 Wie Werte die Nachhaltigkeit bremsen
4. Wie der Wertewandel gelingen kann
4.1 Kenne deine Werte und handle danach
4.2 Wähle dein soziales Umfeld bewusst
4.3 Wir sind der Wandel
5. Neue Werte für das 21. Jahrhundert
5.1 Lebensqualität durch Lebenssinn
5.2 Neue Freiheit
5.3 Selbstwirksamkeit
5.4 Solidarische Kooperation
5.5 Offenheit für Neues
TEIL III: Emotionale Kompetenz
6. Die Macht der Gefühle
6.1 Der Schatten und seine Strategie
6.2 Die Angst vor dem Fühlen
6.3 Ängste und ihr Bezug zur Nachhaltigkeit
6.4 Das ewige Spiel von Gut und Böse
7. Emotional erwachsen werden
7.1 Gefühle wahrnehmen und verstehen
7.2 Mit dem Herz durch den Schmerz
7.3 Liebe deinen Schatten wie dich selbst
8. Die emotionskompetente Gesellschaft
8.1 Mit-Gefühl in die Zukunft
8.2 Im Dialog mit Andersdenkenden
8.3 Das befreite Potenzial
TEIL IV: Weltbild der Verbundenheit
9. Die spirituelle Krise der Menschheit
9.1 Die Illusion der Trennung
9.2 Der Mensch als Krone der Schöpfung
9.3 Sinnverlust und kollektive Identitätskrisen
10. Das Weltbild der Verbundenheit
10.1 Die Natur als Ausdruck von Verbundenheit
10.2 Das systemische Denken in der Wissenschaft
10.3 Das Erwachen des Ökologischen Selbst
11. Wege zu neuer Bewusstheit
11.1 Nachhaltig leben mit Achtsamkeit
11.2 Komm in Kontakt mit deiner Natur
11.3 Dem Weltschmerz begegnen
11.4 Zeitgemäße Spiritualität
TEIL V: Die Quintessenz
12. Wenn die Ethik des Herzens erwacht
13. Dein Beitrag in der Welt
14. Utopische Ideen für eine bewusste Gesellschaft
Schlussworte
Danksagung
Endnoten / Literaturverzeichnis
Über die Autoren
Vorwort
Jeden Tag erblicken rund um den Globus mehr als 200.000 Babys das Licht der Welt, mit einem lauten JA zum Leben. Und doch gehen zunehmend mehr Menschen mit einem inneren NEIN durchs Leben. Jeden Tag erhöht sich unser Wissen zur Errichtung einer nachhaltigen Zukunft. Und dennoch schreiten die ökologischen Zerstörungen wie Klimawandel, Artensterben oder die Verschmutzung der Ozeane immer rascher voran. Ist das nicht paradox? Und während der Klimawandel schon jetzt ganze Erdteile unbewohnbar zu machen droht, hat sich die nächste Krisenwelle bereits in Stellung gebracht: Gemäß der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Depression schon 2030 die weltweit größte Krankheitslast mit sich bringen.
Die Welt brennt und die Menschen brennen aus – Zufall? Keineswegs. Denn der gemeinsame Nenner all dessen, von Klimawandel und Burn-out-Epidemie lautet Ausbeutung. Die Ausbeutung von Natur und Menschen zur Maximierung von Profit in einer zutiefst konkurrenzorientierten, neoliberalen Hegemonie. Eine Hegemonie, die schon seit vielen Jahrzehnten aufrechterhalten wird. Durch globale Propaganda, eine ständige Präsenz negativer Schlagzeilen, die zunehmende Isolation der Menschen zueinander und durch die scheinbare Freiheit andauernder Erreichbarkeit, die längst zum Gefängnis geworden ist.
Während die Folgen unserer aktuellen Wirtschaftspraxis auf die Natur weitgehend bekannt sind, ist dies bei den psychologischen und seelischen Auswirkungen noch nicht ganz der Fall. Doch auch diese sind hoch riskant für uns als Gesellschaft. So hat etwa unser ständiges Multitasking oft fatale Folgen für unser Gehirn. Denn dabei werden all unsere negativen Erinnerungen in den Arbeitsspeicher des Gehirns hochgeladen und wir kommen in einen getriebenen Zustand mit erhöhter Stressaktivierung. So fangen wir vieles an, machen wenig fertig und haben dadurch kaum reale Erfolgserlebnisse. Die Frage »Wofür habe ich heute meine Energie verwendet?« ist deshalb Normalität geworden. Die Folgen für unsere Psyche sind eine Mischung aus Angst, Isolation und einem ausufernden Konsumverhalten als Ersatzbefriedigung für fehlende Erfolgserlebnisse und mangelnden Sinn des eigenen Tuns.
Menschen in diesem psychischen Zustand befinden sich oftmals in den sogenannten Bullshit-Jobs, wählen signifikant häufiger autoritäre und unsoziale Parteien und interessieren sich nicht für den Zustand unserer Welt. Zu all dem gesellen sich evolutionär bedingte Fehlannahmen des menschlichen Geistes. Dieser denkt nämlich linear und kann komplexe Systeme intuitiv nicht verstehen. Wenn etwas gut ist, muss mehr davon besser sein, so der Glaube. Doch stimmt dies in komplexen Systemen nie, und irgendwann wird mehr vom Guten dann schlechter. Mehr Kommunikation, mehr Besitz, mehr Konsum führen nicht zu einer besseren, freudvolleren und gesünderen (Innen-)Welt, sondern ins genaue Gegenteil.
In dieser Situation schließt das Buch von Julia Buchebner und Stefan Stockinger eine wichtige Lücke. Denn eine nachhaltige Entwicklung der Welt beginnt nicht durch politische Ankündigungen für das Jahr 2050, sondern vor allem beginnt sie in den Köpfen und Herzen von uns Menschen. Vom Zustand des Planeten als Spiegel unserer eigenen Befindlichkeit hin zur Vision eines umfassenden Wandels spannen sie dabei einen breiten Bogen. Sie führen uns in Gefilde, mit denen man beim Thema Nachhaltigkeit oft nicht in Berührung kommt. Wird doch nachhaltige Entwicklung zumeist anhand von Veränderungen der äußeren Welt gemessen – CO2- Reduktion, Plastikverbot, nachhaltige Landwirtschaft und vieles mehr. Julia und Stefan hingegen spüren den Entstehungsbedingungen und der Entfaltung nachhaltiger Entwicklung im Innen nach.
Es mag zwar durchaus vorkommen, dass Veränderungen im Außen eine innere Veränderung nach sich ziehen. Doch auch äußere Entwicklungen wie Gesetze und Vorschriften haben letztlich immer ihren Ausgang in den Gedanken, Gefühlen und Haltungen von Aktivisten, Politikern oder anderen Menschen in entsprechender Vorbildfunktion. Wir landen also wieder im Innen.
Welche Werte werden uns in einer Gesellschaft vermittelt, in der sich alles um Äußerlichkeiten dreht? Wie wirkt sich das auf unsere emotionale Kompetenz, Empathie und Kooperationsfähigkeit aus? Welche Weltsicht erlangen wir, wenn wir bereits in der Schule möglichst alles auswendig lernen sollen und somit unauffällig an das hierarchische System angepasst werden?
Wird uns in den meisten Universitäten, Ausbildungszentren und Unternehmen nicht von vornherein abtrainiert, was echte Offenheit und Neugier überhaupt bedeuten? Und können wir als Gesellschaft in solch einem Umfeld überhaupt jemals wahrhaft erwachsen werden, unser Selbst herausbilden, ein selbstständiges Denken entwickeln und somit unsere soziale und ökologische Verantwortung übernehmen?
Diese und viele andere Fragen werden Julia und Stefan aufgreifen und von verschiedenen Seiten beleuchten. Die Autoren beschreiten mit uns einen systematischen Weg, der ganz unverfänglich beginnt, ehe er uns über unsere tiefsten Tiefen schließlich zu unseren höchsten Höhen führt und so – möchte man sagen – den Kreis gar nicht schließt, sodass wir dann wieder am Anfang stünden, sondern uns viel eher als Absprungrampe dient. Als Absprungrampe zur inneren Entwicklung und zur wirklichen Entfaltung dessen, was in uns steckt. In vollem Vertrauen darauf, dass sich in jedem von uns letztlich etwas Gutes entfalten möchte.
Am Beginn dieser Reise werden wir neugierig gemacht, unsere Wertehaltungen zu reflektieren und die Frage zu stellen, welche Werte im eigenen Verhalten zum Ausdruck kommen. Das ist wichtig, stellt doch das Bewusstsein über die eigenen Werte den ersten Baustein innerer Entwicklung dar.
Doch mit der Betrachtung von Werten gibt sich dieses Buch nicht zufrieden – danach geht es erst richtig los! In wahrer Ehrlichkeit vor uns selbst lernen wir auch unsere Schatten kennen und widmen uns unseren Verdrängungs- und Verleugnungsmechanismen. Angst vor Mangel, Angst vor Wertlosigkeit, vor Verletzt-Werden, vor Ausgrenzung, vor dem Scheitern. Nur wer seine Schatten kennt und umarmen lernt, kann emotional reifen, muss nicht mehr vor ihnen davonlaufen oder sie auf andere projizieren, sondern kann sie in sein Selbst integrieren. Und das schafft gleichsam die Basis für echte Empathie und eine Kultur der Menschlichkeit und des Miteinanders.
Nach dem Tal der Schatten sind wir schließlich bereit, mit Julia und Stefan in Höhen vorzudringen, die wir am Beginn des Buches noch gar nicht geahnt hätten. Geht es doch letztlich darum, zu erkennen, dass nichts unabhängig existiert. Wir sind zutiefst verbunden mit den Menschen in unserem Leben, mit dem, was uns unmittelbar umgibt, mit der Natur, mit allen Lebewesen und mit der allumfassenden Existenz allen Seins. Vorsicht an dieser Stelle vor »aufgeladenen« Worten wie »Schöpfung« oder »Spiritualität«. Sind sie doch nur Versuche, uns dem ewigen Rätsel unserer Existenz anzunähern, das wir doch niemals lösen können. Denn unser Leben, in dem alles, was wir wahrnehmen, nur in uns selbst passiert, in dem ständig wir selbst im Mittelpunkt stehen, kann uns auf wundersame Weise doch nur dann wirkliche Erfüllung und Geborgenheit geben, wenn wir unsere Verbindung mit allem anderen anerkennen, pflegen und verantwortungsvoll gestalten.
So zeigen uns Julia Buchebner und Stefan Stockinger in diesem wunderbaren Buch, wie wir zum Kern unseres Wesens vordringen können, um dann unsere Welt zu verändern. Und dies im Vertrauen darauf, dass das Beste in uns immer schon da ist.
Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek
Facharzt für Neurologie, Biologe, Systemischer Coach, Buchautor, Lehrstuhl für Psychosomatik an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien, Gründer der Initiative planetYES für nachhaltige Entwicklung – www.planetyes.com
Wien, im März 2021
Praktische Hinweise
Wir Autoren sind seit 15 Jahren im Bereich der Nachhaltigkeit aktiv. In dieser Zeit ist uns eine Sache klar geworden: Die Welt von morgen braucht mehr als nur neue Technologien oder Gesetze. Sie braucht einen generellen Werte- und Bewusstseinswandel – und dieser beginnt zuallererst in uns selbst!
Da solch eine ganzheitliche Verwandlung aber nicht allein im Kopf stattfinden kann, haben wir in diesem Buch auch Elemente für das Herz und den Körper mit eingebaut. In jedem Kapitel findest du also Übungen (Ü) mit Fragen zur Selbstreflexion, Meditationsanleitungen und andere Körperübungen. Wir laden dich ein, diese Übungen in Ruhe durchzuführen, um den größten Nutzen aus diesem Buch zu ziehen und deiner eigenen Tiefe noch ein Stück näherzukommen. Wir haben die Übungen in vielfacher Weise sowohl mit Seminarteilnehmern als auch bei uns selbst angewandt und freuen uns, sie nun mit dir teilen zu dürfen.
Weiters möchten wir erwähnen, dass wir uns nach langen Überlegungen gegen eine geschlechterspezifische Differenzierung entschieden haben. Eine politisch korrekte Ansprache aller Geschlechter hätte viele Textstellen sehr sperrig klingen lassen und den Lesefluss unterbrochen. Wenn wir also von Pionieren sprechen, sind auch immer die Pionierinnen gemeint. Reden wir von Bürgern, so reden wir natürlich auch von den Bürgerinnen. Wir hoffen, dass du unserer Entscheidung für das generische Maskulinum Verständnis entgegenbringen kannst und dich auch als Frau oder als Mensch mit anderer Geschlechtsidentität in all unseren Texten angesprochen fühlst!
Nun wünschen wir dir eine spannende Lektüre. Solltest du im Anschluss unseres Buchs an der praktischen Vertiefung der Inhalte interessiert sein und uns zu einem Vortrag oder Seminar einladen wollen, so freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme über den Verlag oder unsere Webseite www.zukunftsalchemie.at.
Für Mutter Erde und all ihre wundervollen Geschöpfe.
Für die Menschen und die Liebe in ihren Herzen.
Für alles, was unser Leben so schön und lebenswert macht.
Mögen wir mutig neue Wege gehen
und gemeinsam eine neue Zeit auf Erden einläuten.
TEIL I
1. Willkommen in der westlichen Welt
Hello, Hola, Bonjour – willkommen in der westlichen Welt!
Freu dich, du wurdest an einem der besten Orte in einer der besten Zeiten unserer gesamten Menschheitsgeschichte geboren. Kaum zuvor lebten so viele Menschen in einer so sicheren Umgebung mit beinahe endlosen Möglichkeiten und zudem genügend Zeit und Geld, diese auch nutzen zu können.
Wer fremde Länder besuchen will, steigt einfach ins Flugzeug und fliegt hin. Will man es dabei noch gemütlich haben, bucht man First Class. Braucht es diese Vielfalt auch im eigenen Zuhause, besorgt man sich Möbel, Kleider, Obst und Gemüse aus allen möglichen Weltregionen zum Spottpreis im Einkaufscenter um die Ecke. Und wem diese reale Welt noch immer nicht genügt, der steigt über die Virtual Reality in einen gänzlich neuen Erfahrungsraum jenseits aller Grenzen ein.
Uns geht es gut, zumindest gesamt gesehen. Und selbst wenn es uns nicht gut ginge, würden wir es wohl kaum merken. Denn wir haben gelernt, uns immer und überall zu vergleichen. Und solange es uns besser geht als irgendwelchen anderen, geht es uns irgendwie auch gut, oder?
Um auf Nummer sicher zu gehen, haben wir noch entsprechende Gradmesser entwickelt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein solcher. Ist es gestiegen, geht es uns gut. Liegt das Wirtschaftswachstum höher als woanders, geht es uns gut. Haben wir ein neues Auto, Handy, Spiel oder Fitnessgerät, geht es uns gut. Sind diese Dinge dann noch eine Spur teurer, exklusiver oder auch preiswerter als die von jemand anderem, geht es uns manchmal sogar noch besser. Und weil sein Auto exklusiver war als ihr Auto, gleichzeitig das ihre aber preiswerter als das seine, sind alle zufrieden. Eine klassische Win-win-Situation, irgendwie jedenfalls.
Viele von uns leben also in dem Glauben, die bestmögliche Welt bereits erschaffen zu haben. Und weil uns dieser Glaube so viel wert ist, sind wir auch bereit, ihn um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Doch dieser Preis wird immer höher. Für die Erhaltung unserer Wirtschaft bezahlen wir mit unserem Sozialsystem. Für den Luxus Tausender Konsumgüter bezahlen wir mit ständigen Umweltkatastrophen. Und für unsere Gesundheit bezahlen wir seit Corona sogar mit einer drastischen Einschränkung unserer Bewegungsfreiheit. Die Rechnung wird immer länger und unser Budget immer geringer, doch das scheint uns nicht zu stören. Selbst wenn uns immer mehr dämmert, dass unser westliches System womöglich doch nicht so genial ist wie angenommen, erscheint es uns noch immer besser als alle anderen Systeme. Und somit muss es auch erhalten bleiben, koste es, was es wolle!
Gefangen in diesem Glauben würden wir am liebsten ewig so weitermachen, und alles wäre »in Ordnung«. Wenn da nicht noch diese andere Welt wäre, die nicht-westliche. Trotz unseres Empfindens, es gehe uns besser als anderen, begreifen wir, dass es manch anderen gerade deshalb schlecht geht, weil es uns so gut geht. Keine neue Information, schon klar. Spätestens seit Social Media ist auch den Letzten unter uns bewusst geworden, dass unser westlicher Lebensstandard an anderen Orten oft zu verheerenden Problemen führt. Doch auch hierauf hatten wir lange Zeit die Antwort, dass wir unseren Lebensstil, unsere Werte und Güter einfach nur in die gesamte Welt exportieren sollten, und irgendwann würde es allen Menschen ebenso gut gehen wie uns im Westen. Schon wieder eine Win-win-Situation. Herrlich, zumindest in der Theorie.
1.1 Die Geschichte der äußeren Zerstörung
Die Praxis jedoch erzählt eine andere Geschichte, als oben beschrieben. Denn unser Planet, der als Grundlage für all diese Überlegungen dient, ist kein endloses Rohstofflager. Und damit er »funktioniert« und seine Leben spendenden Aufgaben überhaupt für uns übernehmen kann, braucht er ganz spezielle Bedingungen und auch jede Menge Platz und Zeit. Für unseren »Masterplan« – siehe oben – bedeutet dies wiederum das Aus. Ein ewiges »Weitermachen wie bisher« ist also nicht möglich. Denn egal, wie gewieft das manche Ökonomen auch durchrechnen mögen, die Natur wird dabei nicht mitspielen. Unsere Ressourcen sind eine Limited Edition, Ende der Geschichte.
Beispiel Plastikverschmutzung
Um zu sehen, dass diese Geschichte langsam wirklich ihr Ende nimmt, braucht man nicht sonderlich weitsichtig zu sein. Nehmen wir als erstes Beispiel die seit Jahren heftig diskutierte Verschmutzung durch Plastik zur Hand. Vom Kleinkind bis zur Oma und vom Punk bis zur Konzernerbin sind sich quasi alle einig: Dieses künstliche Material schafft massive Probleme und wir müssen es in den Griff bekommen oder am besten durch Alternativen ersetzen.
Solch eine schöne Einigkeit hat man selten im Umweltbereich. Ein Grund dafür ist wohl, dass wir das Plastikproblem eher weit in der Ferne sehen und uns somit nicht so leicht gegenseitig die Schuld zuschieben können beziehungsweise müssen. Die Bilder in den Medien zeigen vor allem die verschmutzten Meere und Flüsse in Asien. Und jeder, der schon einmal in Indien am Ganges entlangging oder in Bali zur falschen Zeit bei der falschen Strömung das Meer besucht hat, weiß, dass die Bilder nicht lügen. Auch vor der pazifischen Küste der USA tummelt sich ein riesiger Müllstrudel. Der sogenannte Great Pacific Garbage Patch ist der größte seiner Art und hat mittlerweile eine Fläche erreicht, die 19 Mal so groß ist wie Österreich.1 Wer sich zuvor noch gefragt hat, warum wir vom »Ende der Geschichte« sprechen, der hat hier eine erste Antwort.
Apropos Österreich. In der schönen Alpenrepublik haben wir das Plastikproblem ja im Griff, oder? Obwohl wir uns gerne als Recycling-Weltmeister bezeichnen, fällt die Bilanz dann leider doch nicht so gut aus. Im Jahr 2015 benötigte die Herstellung von Kunststoffen mehr als 1,1 Millionen Tonnen Rohstoff. 96 Prozent davon wurden über Erdöl gedeckt. Gerade einmal vier Prozent kamen von recyceltem Regranulat bzw. erneuerbaren Alternativen.2 Bedenkt man, dass wir seit mehreren Jahrzehnten brav unseren Müll trennen und entsorgen, kommt man zu dem Schluss, dass unser derzeitiges Recycling seine Grenzen hat und nur einen geringen Teil zur Lösung des Problems beitragen kann. Und wen wundert’s: Plastik ist nicht nur Bestandteil von Tragetaschen oder Getränkeflaschen, es ist überall! Kaum ein Elektrogerät, Haushaltsartikel oder Baustoff kommt ohne Plastik aus. Mehr als 60 Prozent aller Textilien bestehen teilweise oder gänzlich aus Polyester. All unsere Lebensmittel sind in Kunststoff verpackt, und selbst die meisten Kosmetika enthalten mittlerweile Mikroplastik. Kurz gesagt, wir schmieren uns Erdöl auf die Haut und finden das obendrein noch sexy. Und auch wenn das allein schon verrückt klingen mag, ist es in diesem Fall nicht das eigentliche Problem. Das entsteht erst später. Denn irgendwann waschen wir das Zeug wieder vom Körper ab, wodurch es in den Kanal gelangt, der wiederum in einen Fluss mündet, und somit landet das Mikroplastik schließlich nach langer Reise im Meer. Laut Schätzungen kommt allein im Mittelmeer bereits auf zwei Plankton-Lebewesen ein Teilchen Mikroplastik.3
Und hier im Meer wird es so richtig spannend, denn auf unserer Erde läuft alles in Kreisläufen ab. Anders ausgedrückt: »All you ever do is coming back to you« (Man bekommt im Leben alles zurück). Wenn Meereslebewesen wie Fische oder Muscheln das Mikroplastik in sich aufnehmen und wir sie daraufhin verspeisen, schließt sich der Kreislauf wieder und das Mikroplastik kommt zurück zum Verursacher, dem Menschen. Dieses Mal allerdings nicht auf der Haut über Kosmetika oder Kleidung, sondern gleich direkt in den Körper. Klingt alarmierend, oder? Doch obwohl wir pro Woche im globalen Durchschnitt fünf Gramm Mikroplastik über das Trinkwasser, die Luft und die Nahrung zu uns nehmen, gibt es offenbar keinen Grund zur Sorge.4
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2019 verkündet, dass Mikroplastik im Körper derzeit kein Problem darstelle.5 Und hört man den ausführenden Organen bei ihren Reden zu, so beschleicht einen das Gefühl, dass selbst die Plastikverschmutzung zum Teil des großen Plans gehören muss. Denn solange es sich ökonomisch rechnet, nehmen wir die Verschmutzung von Natur und Körper offenbar gern in Kauf. Wir können beides ja wieder säubern, sobald sich auch das ökonomisch rechnet. Streng genommen muss es sich also auch hier wieder um eine Win-win-Situation handeln. Wenn mit der Verschmutzung wie auch mit der anschließenden Säuberung etwas verdient werden kann, ist alles in Ordnung.
Wir scheinen nämlich immer noch einem mechanistischen Weltbild zu folgen, wonach auf unserem Planeten alle Vorgänge wiederholbar und reversibel sind. Was auch immer wir zerstören, kann auch wieder repariert werden, so der Glaube. Und diese Sichtweise prägt nicht nur unsere politischen Gremien und Organisationen, auch in weiten Teilen der Bevölkerung hält sie sich nach wie vor. In diesem Denken ist die Natur wie eine Maschine, unbelebt und beliebig steuerbar, frei nach den Wünschen jener Spezies, die sich diese Weltsicht ausgedacht hat. Und so fahren wir – völlig entspannt – gegen eine Wand und wissen dies sogar. Glauben jedoch, diese Wand kurz vor dem Aufprall noch aus dem Weg räumen zu können. Das heißt, sofern es sich ökonomisch rechnet …
Beispiel Artensterben
Ein weiteres großes Thema, das in den vergangenen Jahren mächtig für Schlagzeilen gesorgt hat und selbst hartgesottene Sitzenbleiber vom Sessel heben könnte, ist der Verlust der Biodiversität. Alle zehn Minuten stirbt auf unserer Erde eine Art aus!6 Wir befinden uns somit bereits im sechsten Massensterben in der Geschichte unseres Planeten. Entgegen dem letzten Massensterben können wir diesmal aber keinen Meteoriten als Verantwortlichen heranziehen, sondern müssen uns selbst an der Nase nehmen. Und bevor wir wieder in die Ferne schweifen und dem Artensterben im Amazonas unsere Aufmerksamkeit schenken, sollten wir lieber bei uns zu Hause beginnen. In Deutschland etwa fanden Hobbyforscher heraus, dass der Insektenbestand in den letzten dreißig Jahren um achtzig Prozent zurückgegangen ist. In Österreich sind alle Reptilien- und Amphibienarten entweder auf der Roten Liste oder auf einer Vorwarnstufe dazu. Und auch die Schweiz zählt mehr als 4900 bedrohte Tierarten.7 Mechanistisch gesehen kann man diesen Zahlen natürlich entgegnen, dass das Aussterben der Rumpelstilzchen-Zwergheuschrecke keine Bedrohung für uns Menschen darstellt. Deshalb lassen wir diese stampfende Zwergheuschrecke mal außer Acht und beginnen mit einer altbekannten Artgenossin, der Biene.
»Stirbt die Biene aus, so haben wir Menschen nur noch fünf bis zehn Jahre zu leben.« Immer wieder erschüttern uns Wissenschaftler mit solch haarsträubenden Thesen. Auch wenn wir Autoren dieser Drastik nicht ganz zustimmen, ist uns das Thema sehr wichtig, denn auch wir wollen in Zukunft nicht nur Brot mit Kartoffeln und Reis essen. So ähnlich könnten nämlich unsere Mahlzeiten in einer Zukunft ohne Bienen aussehen. Immerhin sind die bestäubenden Insekten, allen voran die Biene, für etwa ein Drittel all unserer Ernteerträge verantwortlich. Ohne Bienen gäbe es also kaum noch Äpfel, Birnen, Erdbeeren, Zwetschgen, Melonen, Kaffee, Kürbisse, Karotten, Zwiebeln oder auch Bohnen. Dies würde zudem unsere Versorgung mit Proteinen, Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen, wie etwa Eisen, massiv beeinträchtigen. Außerdem würden die Blühpflanzen verschwinden und unsere Landschaft würde noch ein Stück kahler werden, als sie es ohnehin bereits ist.
Anhand der Biene sieht man also schon sehr gut, wie sehr wir Menschen von der Natur abhängig sind. Bedenkt man nun, dass neben der Varroamilbe die Pestizide, vor allem die Klasse der Neonicotinoide, stark zum Bienensterben beitragen, wird die Kehrseite unserer wechselseitigen Abhängigkeit sichtbar. Und auch wenn die Pestizidhersteller ihre Verantwortung gern herabspielen, ist vielen Menschen langsam klar geworden, dass sich in unserem Umgang mit der Natur etwas ändern muss. Das Bienensterben hat uns hierbei ungewollt geholfen, weil es direkt vor unserer Haustür stattfindet und somit einen größeren Einfluss zu haben scheint als andere Umweltprobleme: Wenn der Imker oder die Imkerin aus der Nachbarschaft ihre Völker verlieren, brennt sich das in unseren Köpfen ein – und zwar stärker, als wenn ein Fisch in den Weiten des Mittelmeers an Plastik zugrunde geht.
Beispiel Klimawandel
Ein weiteres globales Thema, das uns wohl wie kein anderes im 21. Jahrhundert prägen wird, ist der Klimawandel. Solltest du womöglich gedacht haben, wir könnten zur Nische jener gehören, die den Klimawandel ablehnen oder gar leugnen, müssen wir dich enttäuschen. Wir sind seit über einem Jahrzehnt im Bereich der Nachhaltigkeit tätig und deshalb kommt für uns die Leugnung des Klimawandels in etwa dem Glauben gleich, die Erde wäre eine Scheibe. Abgesehen von ein paar Astronauten kann niemand wirklich sagen, dass unsere Erde rund ist, dennoch erscheint alles andere de facto unmöglich und alle Forschungsergebnisse und Bilder sprechen dieselbe Sprache. Somit gibt es bei diesem Thema schon lange eine breite Einigkeit: Die Erde ist keine Scheibe, Punkt. Auch beim Klimawandel gibt es – glücklicherweise – eine ebensolche Einigkeit. Dass sich das Klima auf unserer Erde über die Zeit hinweg immer verändert hat, wissen wir schon lange. Dass dies derzeit ungewöhnlich schnell passiert und durch uns Menschen verursacht wird, wurde dann im 20. Jahrhundert entdeckt.
In den 1950er-Jahren konnten die Klimaberechnungen erstmals mit Computern unterstützt werden, und seit den späten 1960er-Jahren fließen die Messungen von Satelliten in die Klimatologie mit ein. Eine breite Forschung, auch seitens der Ölkonzerne, gab es in den 70er- und 80er-Jahren. 1988 wurde schließlich das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) – der Weltklimarat – gegründet. Dies war zugleich der Zeitpunkt, als die Klimaproblematik auf breiter Ebene erkannt wurde und die Ölfirmen begannen, im großen Stil ihre eigenen Forschungsergebnisse zu leugnen und viele Millionen für Desinformationskampagnen auszugeben.8 Dazu mehr in einem späteren Kapitel.
Neu ist das Phänomen Klimawandel also schon lange nicht mehr und wir können bei seiner Beschreibung auf weit über fünfzig Jahre Forschungsergebnisse zurückgreifen. Mithilfe von Eisbohrkernen können wir heute genaue Informationen über das Klima der vergangenen Jahrtausende gewinnen. Abbildung 1 zeigt uns dazu, wie sich die Konzentration von Kohlendioxid in der Erdatmosphäre im Lauf der Zeit verändert hat. Demzufolge gab es die aktuelle CO2- Konzentration in den vergangenen 800.000 Jahren, ja wahrscheinlich sogar drei Millionen Jahren, nicht!

Abb. 1: Der CO2-Gehalt unserer Atmosphäre in den vergangenen 800.000 Jahren.9
Der starke Anstieg anthropogener Treibhausgasemissionen, hauptsächlich angetrieben durch das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum seit Beginn der Industriellen Revolution, hat in weiterer Folge auch zu einem Anstieg der globalen Erdtemperatur geführt. So wissen wir heute, dass die Temperatur im globalen Mittel um etwa 1 °C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau angestiegen ist. Für Europa war das Jahr 2018 mit einem Anstieg um 1,78 °C das bisher heißeste in der Messgeschichte.10 Auf unserem Kontinent haben wir mittlerweile vier Jahre in Folge die Ein-Grad-Grenze überschritten11, und seit den 1970er-Jahren war jedes Jahrzehnt wärmer als das vorherige12. Generell war es noch nie während der letzten 2000 Jahre – und sehr wahrscheinlich auch noch nie im Lauf der menschlichen Zivilisation – so warm wie heute.13
Nicht nur die wissenschaftlichen Ergebnisse sprechen diese Sprache, auch in unserem Alltagsleben ist dieser Wandel spürbar. Dass die Pegelstände großer Flüsse in den vergangenen Jahrzehnten gesunken sind, ist nichts Neues. In den letzten Sommern kam es durch die extremen Dürreperioden dazu, dass sie noch einmal deutlich weniger Wasser führten als sonst und sogar die Schifffahrt eingestellt werden musste. 2018 etwa hatte der Rhein als Deutschlands wichtigste Wasserstraße bei Düsseldorf zeitweise nur noch eine Fahrwassertiefe von weniger als zwei Metern.14 Neben dem Wasserverkehr musste in diesem Jahr auch die Landwirtschaft starke Einbußen hinnehmen. Die Hektarerträge deutscher Landwirte lagen bei Getreide um 16 Prozent niedriger als in den Vorjahren, und wer im damaligen Sommer per Auto oder Bahn quer durch Mitteleuropa unterwegs war, konnte sich von den vertrockneten Feldern selbst überzeugen.15
Neben den Feldern hat auch unser geliebter Wald massive Probleme mit den veränderten Temperaturen der letzten Jahrzehnte. Unsere hochgezüchteten Fichtenwälder wollen es eigentlich kühl und sondern bei zu starker Hitze ein Stresshormon ab, das wiederum den Borkenkäfer anlockt. In einer Monokultur voll von Fichten hat dieser dann ein leichtes Spiel und kann binnen einer Saison ganze Waldstriche dem Erdboden gleichmachen. Auch deshalb, weil er sich aufgrund längerer Wärmeperioden jährlich einmal mehr fortpflanzen kann, als dies früher der Fall war.
Unsere Normalität ist eine Krise
Klimawandel, Artensterben und Plastikverschmutzung sind nur drei von vielen Dutzenden Beispielen, die bezeugen, wie wir Menschen auf die Natur Einfluss nehmen und sie schädigen oder irreversibel zerstören. Im Anthropozän, dem Erdzeitalter des Menschen, haben wir bereits sieben von neun planetaren Grenzen überschritten und damit die Stabilität und Resilienz unserer Ökosysteme massiv gefährdet.16 Wer behauptet, dass unsere Normalität auch ohne Coronavirus einer einzigen Krise gleicht, der liegt also gar nicht so falsch.
Lange Zeit haben wir Menschen uns eingeredet, dass ökologische Probleme nur rein ökologische Folgen mit sich bringen und uns deshalb nicht unmittelbar zu kümmern brauchen. Somit wurde der Schutz der Natur eher als Benefit denn als Notwendigkeit, geschweige denn als etwas Selbstverständliches gesehen. In der Realität haben ökologische Probleme aber immer auch soziale und wirtschaftliche Auswirkungen zur Folge und betreffen uns damit ganz direkt. Als etwa die Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko nach einer Explosion versank, zerstörten die 800 Millionen Liter an austretendem Erdöl nicht nur das dortige Ökosystem.17 Auch Tausende von Fischern verloren ihre Existenz und der Tourismus und viele zuliefernde Betriebe mussten schließen.18
Wenn heute immer mehr Menschen aufgrund von Trockenheit, Unfruchtbarkeit, Wassermangel oder Waldrodung ihre bäuerliche Lebensgrundlage verlieren, dann machen sie sich auf und flüchten in andere Länder. Dies führt zu massiven Problemen in überfüllten Flüchtlingscamps und in der Folge auch zu sozialen Spannungen in unserer Gesellschaft, die, einfach formuliert, mit fremden Kulturen meist nicht wirklich umzugehen weiß.
Ökologische Katastrophen sind also eng mit sozialen und wirtschaftlichen Problemen verflochten und können zu Hunger, Armut, globaler Ungerechtigkeit oder im schlimmsten Fall zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen. Und was lange Zeit scheinbar nur auf fremde Länder zutraf, setzt sich mittlerweile auch bei uns immer weiter durch. Unser hiesiges Bienensterben führt auch zum Imkersterben und das wiederum bedroht die Existenz der ohnehin ständig unter Stress stehenden Landwirte. Der Borkenkäfer rodet nicht nur unsere Wälder, er führt auch viele Waldbesitzer in den Ruin. Und unsere durch Stickoxide und Feinstaub belastete Luft führte allein 2016 zu mehr als 400.000 Todesfällen innerhalb der EU.19
All diese Dinge wissen wir und finden sie bedenklich, tragisch oder sogar gefährlich. Doch gleichzeitig ist dies eben auch unsere akzeptierte Normalität. Solange es aber normal ist, unser Land in einzelne Monokulturen zu verwandeln, unsere Felder mit Gift zu bespritzen und unsere Luft mit Dutzenden Abgasen zu verunreinigen, so lange wird sich auch nichts ändern. Und so wird diese Normalität noch zu vielen weiteren Krisen führen und irgendwann unsere eigene Existenz bedrohen.
Wie aber könnte unsere Welt aussehen, wenn wir beginnen würden, diese geltende Normalität von ihrem hegemonialen Thron zu stoßen? Was wäre, wenn es ein neues »Normal« gäbe, das unsere Lebensgrundlagen nicht langfristig ruiniert? Und was, wenn es an uns läge, diese neue Normalität zu erschaffen?
1.2 Der globale Zustand als Spiegel unserer selbst
Im 21. Jahrhundert ist es die große Herausforderung unserer Spezies, wieder in Einklang mit der Natur zu kommen und sie in all unserem Tun mit zu bedenken. Damit uns dies als Kollektiv gelingt, braucht es die Anstrengung und Veränderung von jedem Einzelnen von uns. Wie wir bereits gesehen haben, ist unser Umgang mit der Natur eher von Zerstörung denn von Respekt und Miteinander geprägt. Die Verbindung zur Natur ist uns über weite Bereiche abhandengekommen, und viele Menschen haben darüber hinaus auch die Verbindung zu sich selbst verloren.
Könnte es also sein, dass es Parallelen gibt zwischen der Art, wie wir mit der Erde umgehen, und der Art, wie wir mit uns selbst umgehen? Könnte es sein, dass wir Menschen ähnlich kränkeln wie unser gesamter Planet? Wäre es möglich, dass der Zustand der Welt lediglich ein Spiegel für den inneren, geistigen und emotionalen Zustand der Menschheit ist? Wir sehen ein paar spannende Parallelen, die wir im Folgenden näher beleuchten wollen.
Burn-out im Menschen, Burn-out in der Natur
Beginnen wir mit der immerzu produktiven Marktwirtschaft. Ob diese wirklich produktiv ist, sei dahingestellt. Fakt ist, sie will es sein! Und da uns in unserer Kurzsichtigkeit nichts Produktiveres einfällt als eine Maschine, haben wir die gesamte Arbeitswelt auch entsprechend diesem Maschinen-Denken gestaltet. Nicht nur das, wir haben es sogar so weit gebracht, dass sich der heutige Mensch seine eigene Daseinsberechtigung erst verdienen muss. Es scheint, als wären wir nur dann wertvoll, wenn wir funktionieren, uns zu Tode arbeiten und dabei irgendetwas produzieren.
Mit diesem maschinellen »Funktionieren« in der Arbeitswelt geht die Tatsache einher, dass wir auch gesellschaftlich funktionieren müssen. Wir sollen brav sein, zur Arbeit gehen, unser Geld verdienen und es am besten allen anderen recht machen. Ob wir es dadurch auch uns selbst recht machen, steht oft nicht zur Debatte. Solche Bestrebungen beschreiben Psychotherapeuten wie der Deutsche Wolf Büntig als eine Dynamik, die man an der Basis aller psychosomatischen Krankheiten sieht.20 Und dass diese vor allem in der Arbeitswelt immer stärker zunehmen, ist seit dem Massenphänomen Burn-out kein Geheimnis mehr.
In einer 2019 veröffentlichten Studie mit rund tausend Erwachsenen wurde festgestellt, dass 19 Prozent der österreichischen Bevölkerung zumindest erste Anzeichen dieser Störung aufweisen, 17 Prozent sich in einem Übergangsstadium befinden und 8 Prozent als erkrankt gelten.21 Die Studienautoren erklären ferner, dass sich gemäß ihrer Forschung nur rund die Hälfte, 52 Prozent, als gesund betrachten können. Unser aktueller Umgang mit Arbeit lässt uns also ausbrennen und macht uns im schlimmsten Fall sogar krank. Zur Erklärung: »Ein Burn-out ist ein emotionaler, geistiger und körperlicher Erschöpfungszustand nach einem vorangegangenen Prozess hoher Arbeitsleistung, Stress und/oder Selbstüberforderung.«22
Die Analogie zur Natur ist in diesem Fall recht einfach zu sehen. Auch unser Planet leidet an einer Art Burn-out. Unser hohes, krank machendes Arbeitspensum führt natürlich auch zu einer dauerhaften Produktion aller möglichen Güter und dies wiederum zur Erschöpfung des Planeten. Die nachwachsenden wie auch die nicht nachwachsenden Ressourcen erschöpfen sich, die fruchtbaren Böden gehen zur Neige und die meisten Ökosysteme stehen, ebenso wie wir Menschen, ständig unter Stress.
Gerät ein Mensch ins Burn-out, so ist er gut beraten, sich erst einmal völlig zurückzuziehen und eine längere Auszeit zu nehmen. Auch eine mehrwöchige Kur in einer entsprechenden Klinik wird als sinnvolle Maßnahme genannt. Zusätzlich ist ein genereller Lebenswandel vonnöten, soll dieser Zustand nicht einige Jahre später erneut auftreten. Um dies zu begreifen, braucht man in der Regel kein Arzt zu sein. Der gesunde Menschenverstand reicht hierfür völlig aus.
Leider reicht dieser Menschenverstand meist nicht weit genug, um auch der Natur eine solche Auszeit zu gewähren. Gerade unsere Ökosysteme bräuchten dringend Zeiten der Ruhe, um nicht ins Burn-out zu geraten. Viele davon haben Tausende Jahre benötigt, um entstehen zu können und eine Vielfalt hervorzubringen, die wir an manchen Orten glücklicherweise noch immer zu sehen bekommen. Diese Vielfalt wird bald schon verschwinden und zahlreiche Ökosysteme werden sich nie wieder von ihren Beschädigungen erholen können. Ebenso wie jene Menschen, die ihre Symptome zu lange ignorieren und irreversible Schäden an Körper und Geist erfahren.
Ein Verständnis für die Ruhezeiten der Natur fehlt im gesellschaftlichen Bewusstsein jedoch meist gänzlich. Die einzigen Auszeiten, die unsere Erde in den vergangenen zwanzig Jahren erlebt hat, waren die Wirtschaftskrise rund um 2009 und die Coronakrise ein Jahrzehnt später. In diesen Zeiträumen lässt sich sogar anhand wissenschaftlicher Kennzahlen darstellen, dass eine kurzfristige Erholung auf unserem Planeten stattfand. So wanderte in diesen Zeiten etwa der »Welterschöpfungstag«, an dem die menschliche Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen übersteigt, weiter nach hinten.23 Darüber hinaus kennen wir vermutlich alle die im April 2020 aufgenommenen Bilder aus Venedig, wo die sonst dauerbefahrenen Kanäle wegen der Ausgangsbeschränkungen einmal leer blieben, wieder klares Wasser führten und von zahlreichen Fischen und Schwänen besiedelt wurden. Oder die Luftbilder aus Frankreich, Spanien und China, wo der Ausstoß von Stickoxiden aufgrund der Corona-Maßnahmen im Vergleich zum Vorjahr drastisch zurückging.
Da wir nun aber wieder alles daransetzen, weitermachen zu können wie zuvor, war diese Erholung nur eine kurze Verschnaufpause für Mutter Erde. Verglichen mit dem menschlichen Burn-out war es wohl wie ein Wochenendtrip in den Wald, nach dem man am Montag pünktlich um 7 Uhr wieder zur Tat schreitet – um sich selbst und dem Planeten den Rest zu geben.
Der kollektive Pillenwurf
Nicht nur bei psychischen Symptomen wie dem Burn-out gibt es Analogien zwischen dem planetaren Zustand und uns selbst. Auch beim Umgang mit unserem Körper können wir das Ausmaß unseres Irrwegs gut sehen. Ein wacher Mensch weiß, dass ein gesunder Körper nur dann ein solcher bleibt, wenn man ihn täglich pflegt. Zu dieser Pflege gehören neben einer guten Work-Life-Balance und einer ausgewogenen Ernährung vor allem auch regelmäßige Bewegung, Sport, Meditation oder andere körperliche Betätigungen. Und da der Gesundheitsmarkt gerade Hochkonjunktur hat, hat diese Entwicklung schon zahlreiche Köpfe unserer geliebten Spezies erreicht.
Gleichzeitig gibt es immer noch zu viele von uns, die von all dem entweder nicht viel halten oder aber noch nichts mitbekommen haben. Sozialisiert nach einem veralteten Weltbild, behandeln sie ihren Körper so, als wäre er eine Maschine. Brummt das Köpfchen, gibt’s Tablette Nummer eins, bei Magenbeschwerden die zwei, im Grippefall dann Pille Nummer drei, Tablette Nummer vier hilft bei Mangel an Vitamin D und die fünfte lässt die Muskeln schneller wachsen. Dem nicht genug, wird bei Beschwerden aller Art zur Sicherheit noch eine Reihe Antibiotika nachgelegt, frei nach dem Motto: »Hilft es nicht, dann schadet’s auch nicht.«
Dass ein gesunder Mensch bei entsprechender Lebensführung über weite Lebensstrecken fast zur Gänze ohne Medikamente auskommen kann, ist vielen nicht einmal mehr bewusst. Zu sehr hat sich der Griff zur Pillenschachtel in unser Bewusstsein eingebrannt. So leben viele von uns ihr Leben unachtsam vor sich hin – im guten Glauben, dass es für alles, was kommt, die passende Tablette geben wird. Und wenn nicht, dann setzt sich dieses Spielchen im Krankenhaus eben fort. Bis man irgendwann doch mal in die Grube fährt.
Im Bereich der Nachhaltigkeit lässt sich eine analoge Geschichte erzählen. Obwohl wir in manchen Bereichen schon erkannt haben, dass ein Umdenken dringend nötig ist, betreiben wir dies bestenfalls halbherzig. Auch im Umgang mit unserer Natur hat sich ein Verhalten eingestellt, das einem kollektiven Tabletteneinwerfen ähnelt.
Eine wache Gesellschaft denkt die Natur als ihren Leben spendenden Körper bei all ihren Handlungen von vornherein mit. Von einem wachen Zustand sind wir derzeit jedoch weit entfernt. Wir schädigen uns und unseren Heimatplaneten in dem irrwitzigen Glauben, dass es auch in diesem Fall für alle Probleme die passende Tablette geben wird. Anstatt etwa unsere fossilen Heizsysteme vollständig auf umweltfreundliche Alternativen umzustellen, entwickeln wir lieber immer neue Filter für unsere Schornsteine. Anstatt das Müllproblem an der Wurzel anzugehen, bauen wir immer bessere Müllanlagen. Und anstatt unseren Fleischkonsum und damit unsere Treibhausgase zu reduzieren, entwickeln wir Mundschutzmasken für Kühe. Nicht wegen Corona, sondern um die Methangase aus den Rindermäulern ein klein wenig zu reduzieren. Diese Gummimasken sind mit solarbetriebenen Ventilatoren versehen und sollen die Ausatmungen der Tiere in eine Kammer leiten und dort unschädlich machen.24
Auch wenn viele dieser Ideen sicherlich einer guten Absicht entspringen, beschäftigen sie sich einzig und allein mit der Bekämpfung des Symptoms und werden das Problem somit nie lösen können. Das ist schade, denn für viele Probleme gäbe es bereits sehr vielversprechende Alternativen, die wirklich einen Unterschied machen könnten. Für die Schonung der Ökosysteme gibt es die biologische Landwirtschaft, für den gerechten Handel haben wir das Fair-Trade-System eingeführt, und das Verkehrsproblem löst sich womöglich über eine Stärkung der öffentlichen Verkehrsmittel mit gleichzeitigem Carsharing von Elektroautos mit Strom aus PV-Anlagen.
Dank unzähliger Pioniere haben wir in den letzten Jahrzehnten neue Möglichkeiten entwickelt, wie eine zukunftsfähige Gesellschaft aussehen könnte und wie wir die ökologische Krise in den Griff bekommen. Würden wir diese Ideen als Masterplan verstehen, so könnten sie tatsächlich die Gesundung unserer Erde vorantreiben. Doch leider verwenden zu viele von uns diese neuen Möglichkeiten nur als Tablette für zwischendurch.
Als Geschenk kauft man seinen Liebsten gern mal die Pralinen in Bioqualität, im Alltag bleibt man bei jenen vom Diskonter. Eine Spende für den brasilianischen Regenwald ist immer drin, bei der Verhandlung mit den Bauern muss man aber doch die Preise drücken, um seine Boni zu erhalten. Und auch wenn man im Alltag mal gern aufs Auto verzichtet, so ist der jährliche Städtetrip über den Atlantik einfach ein Muss. Manchmal kaufen wir auch Öko-Schuhe, regionales Biogemüse, lassen die Eckbank vom örtlichen Tischler bauen und genießen die Firmenfeier am Bauernhof in der Region. Beim großen Rest unserer Lebenszeit heißt es dann halt doch wieder business as usual.
Man könnte diese Beispiele endlos weitertreiben und würde zu dem Schluss kommen, dass wir in Mitteleuropa zu einer Art Wochenend-Ökos geworden sind. Überall, wo es leicht geht, sind wir bereit, Abstriche für die Natur zu machen. Überall dort, wo nur eine kleine Tablette zu schlucken ist, tun wir dies gern, der Umwelt zuliebe. Der große Bewusstseinswandel sieht aber anders aus. Darum lass uns doch einmal ausmalen und untersuchen, wie ein echter und tiefgreifender Wandel aussehen könnte!
1.3 Die Vision eines umfassenden Wandels
Nachhaltigkeit bedeutet, Ökonomie, Ökologie und Soziales miteinander in Einklang zu bringen und heute das Leben so zu führen, dass die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen nicht gefährdet und dauerhaft erhalten werden. Leider ist unsere Lebensweise von solch einer Nachhaltigkeit weit entfernt. Wenn uns die vorigen Kapitel eines klargemacht haben sollten, dann, dass die missliche Lage, in der wir uns heute global befinden, nach mehr als nur Korrekturmaßnahmen verlangt. Kleine, punktuelle oder symptomorientierte Rettungsaktionen sind zwar wichtig, reichen aber einfach nicht aus, um eine zukunftsfähige und dauerhaft lebenserhaltende Gesellschaft zu verwirklichen.
Was wir heute vielmehr brauchen, ist eine Nachhaltigkeit, die als ganzheitlicher und umfassender Wandel in Erscheinung tritt. Ein Wandel, der alle Bereiche der Gesellschaft berührt: die Spielregeln und Funktionsweisen unserer Wirtschaftskreisläufe und Arbeitswelten; die Gestaltung unseres gesellschaftlichen und sozialen Zusammenlebens; die Fragen von Verteilungsgerechtigkeit im Hinblick auf Chancen, Macht und Kapital; die Art, wie wir demokratische und partizipatorische Prozesse in der Politik einsetzen; das Selbstverständnis, das wir von uns selbst haben, und wie wir auf die uns umgebende Welt blicken; das Ausmaß an Wertschätzung und Liebe, das zu schenken wir imstande sind; die Art und Weise, wie wir unsere Bedürfnisse befriedigen, und auf Basis welcher Ethik wir darüber entscheiden; und nicht zuletzt ein genaues Prüfen unserer Konzepte von Wohlstand und Lebensqualität sowie unserer Wertehaltungen und Prioritäten.
Bei einer wirklich zukunftsweisenden Vision darf es längst nicht mehr nur darum gehen, kein Unheil anzurichten oder die gesetzlichen Mindestanforderungen zu erfüllen. Vielmehr muss sie regenerative Kulturen25 und Praktiken hervorbringen, die die Schäden der Vergangenheit wieder sanieren und ein gesundes Gleichgewicht zwischen Mensch, Gemeinschaft und Natur herstellen. Nicht Schadensbegrenzung, sondern echte Heilung, Regeneration und Kooperation mit der Natur sind das Gebot der Stunde!
Wie also könnte diese Welt aussehen, in der eine solch tiefgreifende Trendumkehr bereits gelungen ist? Welche Zukunft könnten wir erschaffen, wenn wir alle erforderlichen Kräfte für die Umsetzung beisammenhätten und entsprechend einsetzen würden? Wie würde sich das Leben auf Erden wohl gestalten, wenn Nachhaltigkeit und Naturverbundenheit auf allen Ebenen Eingang in unsere Lebensweise gefunden hätten?
Anstatt nur die Probleme zu betrachten, sollten wir uns wieder verstärkt mit Utopien und Visionen beschäftigen! Warum nicht einmal träumen von der Welt von morgen, wie wir sie uns wünschen? Sind es denn nicht die Träume, die unsere Sehnsucht schüren und uns Motivation und Antrieb für die Umsetzung schenken? Sind es nicht die positiven Zukunftsbilder, die uns Lust auf dieses schöne Morgen machen – viel mehr, als es die angstmachenden Katastrophenszenarien je vermögen?
Das gute Leben für alle
»Stellen wir uns eine Welt vor, die frei von Armut, Hunger, Krankheit und Not ist und in der alles Leben gedeihen kann. Eine Welt, die frei von Furcht und Gewalt ist. Eine Welt, in der alle Menschen lesen und schreiben können. Eine Welt mit gleichem Zugang zu hochwertiger Bildung, zu Gesundheitsversorgung und Sozialschutz. Eine Welt, in der das körperliche, geistige und soziale Wohlergehen gewährleistet ist. Eine Welt, in der wir unser Bekenntnis zum Menschenrecht auf einwandfreies Trinkwasser und Sanitärversorgung bekräftigen und in der erschwingliche und nährstoffreiche Nahrungsmittel in Fülle und für jeden vorhanden sind. Eine Welt, in der die menschlichen Lebensräume sicher, widerstandsfähig und nachhaltig sind und in der alle Menschen Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher und nachhaltiger Energie haben.«26 Diese Zeilen sind keineswegs nur das Wunschdenken von ein paar weltfremden Träumern. Nein. Sie finden sich etwa in der Präambel der wegweisenden Agenda 2030 der Vereinten Nationen (UN).
Deshalb möchten wir dich fragen: Ist es denn nicht dieses »gute Leben für alle«, nach dem wir Menschen uns eigentlich sehnen? Wollen wir denn nicht alle in einer Welt leben, in der auch unsere Kinder noch die unschätzbare Schönheit des Planeten mit eigenen Augen sehen und erfahren können? Wünschen wir uns denn nicht alle dieses Leben aus dem Herzen, das uns friedfertig, liebevoll und mitfühlend mit unserer Mitwelt sein lässt? Wollen wir denn nicht alle diese großzügigen Menschen sein, die lieber schenken als gierig horten? Wollen wir nicht viel lieber eine Wirtschaft in Richtung Gemeinschaftlichkeit und Kooperation aufbauen, als weiterhin auf Profit und Konkurrenz zu setzen? Und ist es nicht unser tiefster und sehnlichster Wunsch, die unbändige Liebe, die tief in jedem von uns verborgen liegt, zu verschenken und auszudehnen, auf alles, was lebt? Wir Autoren sagen Ja!
Was wir als Gesellschaft daher brauchen, ist eine grundlegende Neuausrichtung all unserer Handlungen, wie es übrigens schon im Jahr 2000 in der visionären Erd-Chartaa geschrieben steht.27 Dieser Wandel muss sowohl breite strukturelle und systemische Alternativen hervorbringen, als auch die destruktiven Paradigmen in unseren Köpfen in lebensdienliche Welt- und Wertebilder überführen. Die ökologischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, ethischen und spirituellen Probleme und Hoffnungen der Menschheit sind eng miteinander verbunden, sie können nicht voneinander getrennt betrachtet werden.28 Dementsprechend können sie auch nicht einzeln gelöst werden. Weshalb es erforderlich ist, einen umfassenden Blick auf das Ganze zu entwickeln.
In einer so vernetzten und komplexen Welt wie der unsrigen hängen beispielsweise Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden eng zusammen mit dem Schutz der Natur und dem wirtschaftlichen Wohlergehen. Viel zu lange haben wir die Welt in kleine Stückchen, in einzelne Disziplinen geteilt und uns gegen den Blick über den Tellerrand gewehrt. Nun aber ruft die Welt nach globaler Partnerschaft und Zusammenarbeit, um umfassende Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit zu finden und realisieren zu können.
Wenn wir als Menschheit auf diesem Planeten also noch lange weiterbestehen wollen, so müssen wir erkennen, dass wir trotz aller Vielfalt an Kulturen und Lebensformen letztlich eine Familie sind. Eine globale Gemeinschaft, die einer gemeinsamen Herausforderung gegenübersteht. Da wir alle denselben Planeten bewohnen, teilen wir »die Sorge um das gemeinsame Haus«, meint etwa Papst Franziskus in seiner berühmten, 2015 veröffentlichten Enzyklika »Laudato si«29.Wir müssen also zusammenarbeiten, um jene Gesellschaft zu erschaffen, die wir uns im Grunde alle wünschen. Eine Gesellschaft, in der die Natur und die Menschenrechte, die soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit und eine Kultur des Friedens gewahrt werden.
Um diese Wünsche zu verwirklichen, müssen wir eine neue Wahl treffen und uns mit der ganzen Weltgemeinschaft und mit allem Lebendigen genauso verbinden wie mit unseren lokalen Gemeinschaften vor Ort. Wir sind Bewohner verschiedener Nationen und gleichzeitig der einen Welt. Und so sind wir als Weltbürger mitverantwortlich für das gegenwärtige und künftige Leben auf der Erde, und es ist unabdingbar, dass wir als Bevölkerung der Erde gemeinsam Verantwortung übernehmen. Und zwar für uns selbst, füreinander, für die größere Gemeinschaft allen Lebens und auch für künftige Generationen. Denn eine Welt, in der die negativen Auswirkungen unseres Lebensstils und unserer Wirtschaftsweisen alle betreffen, erfordert einen globalen Masterplan. Einen Masterplan, der aus einer globalen Perspektive der Gerechtigkeit heraus entworfen und umgesetzt wird.
Einen vielversprechenden Ansatz dazu liefern etwa die Sustainable Development Goals, die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung, kurz SDGs genannt. Diese wurden 2015 von den Vereinten Nationen in ihrer »Agenda 2030« verabschiedet. Anhand von 17 Zielen und 169 Subzielen beschreiben sie, wie die »Transformation unserer Welt« aussehen kann, in der »people, planet and profit« – also Mensch, Natur und Wirtschaft – im Einklang miteinander stehen. Dabei werden neben sozialen Themen wie Armut, Bildung und Gleichstellung auch ökonomische Fragen, wie nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, und ökologische Themen, wie der Schutz und die Regeneration der Ökosysteme, behandelt. – Ein wichtiger Meilenstein, wie wir finden! Alle 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben die Agenda unterzeichnet und bekennen sich damit zur Umsetzung der Ziele auf nationaler wie internationaler Ebene.30
Mut zur eigenen Vision
Auf globaler Ebene gibt es sie also bereits, die Vision einer besseren und nachhaltigeren Welt. Wie aber sieht es auf der individuellen Ebene aus? Welche Zukunftsbilder tragen wir Menschen in uns? Kann die Utopie einer regenerativen Gesellschaft überhaupt funktionieren, oder sind wir als Individuen viel zu verschieden, um uns auf eine gemeinsame Zukunftsvision einzulassen? Diese Frage lässt sich wohl nicht vollständig beantworten. Mit dem folgenden Erlebnisbericht möchten wir dir jedoch Mut machen und zeigen, dass viel mehr möglich ist, als wir uns oft vorstellen können.
Im September 2020 hatte ich, Julia, die große Freude, beim Zukunftsdialog im Rahmen des Projekts »Tales of Tomorrow«b 23 Jungpolitiker und Jugendvertreter, Männer wie Frauen, aus den verschiedenen politischen Lagern mit einer meditativen Visionsreise ins Jahr 2035 zu entführen. Auf den Flügeln unserer Vorstellungskraft reisten wir in die Zukunft, öffneten uns für unsere eigenen Träume und Visionen und teilten diese den anderen im Anschluss mit.
Zugegeben war ich im Vorfeld schon unsicher, ob sich die Teilnehmer für diese unkonventionelle Methode öffnen würden und die Visionsreise in diesem kurzen Rahmen denn überhaupt funktionierte. Meine Bedenken waren schnell verflogen, denn die Ergebnisse waren wirklich verblüffend. Nicht nur, dass sich der Großteil der Teilnehmer gut einlassen konnte, sie alle hatten auch sehr ähnliche Visionen und Vorstellungen.
Ich dachte, wie kann es sein, dass Menschen aus so unterschiedlichen politischen Lagern, mit so verschiedenen ideologischen Hintergründen, von ein und derselben Zukunft träumen? Wie kann es sein, dass eine so bunt gemischte Gruppe von Menschen die gleichen Bilder über die Zukunft empfängt? Meine Erklärung dafür ist, dass wir Menschen uns im Herzen oft viel näher sind, als es der Verstand je vermuten würde. Der Verstand zieht ideologische Grenzen, unterscheidet zwischen »wir« und den »anderen«, teilt die Welt und die Menschen sozusagen in Schubladen ein.
Die tiefere Weisheit in uns kennt diese Trennungen allerdings nicht. Wir alle sehnen uns nach einer lebenswerten und liebevollen Zukunft. Nach einem Leben im Einklang mit uns selbst und der Natur. Nach einer Welt voller Wertschätzung und Miteinander. Nach Sinn und Freude im täglichen Tun. Leider sprechen wir viel zu selten über diese Träume. Dabei würden wir darin so viel Verbindendes finden! Wir würden sehen, dass wir viel mehr gemeinsam haben, als wir denken. Wir würden viel motivierter an einem Strang ziehen – jeder mit anderen Zugängen und Methoden, aber alle fokussiert auf das gemeinsame Ziel. Genauso, wie wir es damals beim Zukunftsdialog erleben durften.
Für einen Einblick in die Ergebnisse dieser Visionsreise habe ich die Erlaubnis eingeholt, einige Auszüge aus der gemeinsamen, parteiübergreifenden Vision zu teilen, die die Jungpolitiker und Jugendvertreter an besagtem September-Wochenende geschmiedet haben. Die Vision ist aus der Sicht des Jahres 2035 formuliert. Möge sie auch deine inneren Bilder beflügeln und dir ein Gefühl vermitteln, wie eine nachhaltige Zukunft aussehen könnte.31
Das Jahr 2035:
Unsere Städte sind überall von Grün bedeckt: auf den Dächern, an den Fassaden, zwischen den Häusern und auf öffentlichen Plätzen. Die Stadt ist zu einem großen Park geworden, voller Artenreichtum und voller Natur.
Der Individualverkehr hat rasant abgenommen und findet fast nur noch unterirdisch oder als Schwebeverkehr statt.
Der öffentliche Raum ist wieder ganz an die Bedürfnisse der Menschen angepasst.
Ehemalige Parkplätze sind zu Plätzen der Begegnung umgebaut. Hier wird gelacht, gespielt, geredet und freundlich miteinander umgegangen.
Viele Menschen haben den Wert des Miteinanders, der Nachbarschaft und des Zusammenhalts neu für sich entdeckt. Man hilft einander aus, man tauscht und teilt Güter: Lebensmittel, Geräte, Elektroautos, Bücher u. v. m.
Es gibt eigene Zonen der Stille, wo Menschen Kraft tanken und Ruhe finden können.
Das Leben ist viel entschleunigter und bewusster geworden.
Geld hat nicht mehr den Stellenwert, den es früher einmal hatte. Heute zählt vor allem, wie viel Zeit man im Leben hat und wie glücklich und zufrieden man ist.
Unsere Arbeitsmodelle sind flexibler, ortsunabhängiger und dezentraler geworden.
Im Beruf geht es vor allem darum, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, Freude bei der Arbeit zu erfahren und sich persönlich entfalten zu können.
Arbeit wird fair entlohnt. Vormals unbezahlte Arbeit, wie die Pflege, der Haushalt, die Kindererziehung oder zivilgesellschaftliches Engagement, wird als gleichermaßen wichtig angesehen, wertgeschätzt und finanziell honoriert.
Es gibt viel mehr nachhaltige Unternehmen, Produkte und Dienstleistungen. Diese werden transparent gekennzeichnet, sodass die Konsumenten genau wissen, welchen ökologischen und sozialen Fußabdruck ein Produkt hat.
Urban Gardening ist zu einem beliebten Hobby avanciert, das viele Städter dazu einlädt, ihr eigenes Gemüse und Kräuter anzubauen.
Die Menschen essen viel weniger Fleisch als früher, dafür qualitativ hochwertiges. Das Tierwohl ist zu einem wichtigen Anliegen geworden.
Neue politische Partizipationsformate, ähnlich jenen der Bürgerinnen- und Bürger-Räte, sind aktiv in Entscheidungsfindungen integriert.
Das Wissen wird den jungen Menschen nicht mehr frontal vermittelt, sondern auf eine Art und Weise, die sie befähigt, selbst aktiv zu werden und zu Lösungen beitragen zu können.
Wie geht es dir, wenn du solche Zeilen liest? Kannst du dich darauf einschwingen und die Bilder vor deinem inneren Auge lebendig werden lassen? Oder klingt das alles zu utopisch für dich? Natürlich werden wir niemals wissen können, wie unsere Zukunft aussieht oder welchen Lauf unsere Geschichte nehmen wird. Egal wie viele Forscher ihre Prognosen abgeben, das Ergebnis ist immer das gleiche: »Alles ist möglich, aber nix is fix.« Die Zukunft steht niemals fest. Sie ist ein Netz aus potenziellen Möglichkeiten. Sie will erträumt, erdacht und gewählt werden. Wir können uns diesbezüglich also nur folgende Frage stellen:
Welche Zukunft wollen wir denn? Wie wollen wir leben und wer wollen wir sein?
Diese Fragen muss sich jeder Mensch selbst stellen. Denn eine kollektive Vision kann nur dann Wirklichkeit werden, wenn sie von vielen einzelnen Individuen getragen wird.
Darum fragen wir dich heute: Welche Zukunft erträumst du dir? Welche Zukunftsbilder nährst du mit deinen Gedanken, Worten und Handlungen? Welche Realität erschaffst du für dich und damit für uns alle?
Viel zu oft glauben wir, dass es nicht wichtig sei, wie wir über die Zukunft denken. Doch das ist weit gefehlt! Denn so, wie wir unser eigenes Leben wählen und gestalten können, so gestalten wir zugleich auch den kollektiven Lauf der Dinge mit.
Vielleicht wärst du ja lieber klein und unbedeutend. Vielleicht würdest du am liebsten keine Verantwortung tragen. Vielleicht gefällt es dir zu hören, dass zuallererst einmal die anderen etwas unternehmen sollten.
Tja, tut uns leid, dich hier enttäuschen zu müssen. Denn wir sagen dir hier und jetzt: Du bist wichtig, du spielst eine Rolle, du bist ein Teil im Netz des Lebens und hast eine riesige Wirkung auf das, was rund um dich passiert.
Alles auf dieser Erde ist miteinander verbunden. Wir alle sitzen im selben Boot. Wir alle sind Mitgestalter des Lebens und der Zukunft. Darum fühl dich ermutigt und berufen, neue Bilder über UNSERE Zukunft zu malen. Neue Träume zu träumen. Neue Wege zu denken und neue Möglichkeiten für möglich zu halten.
Visionen schenken uns Kraft, Sinn, Orientierung und Motivation. Wie also soll deine Zukunft aussehen? Wie sieht dein Bild einer lebenswerten Welt aus und wie möchtest du die Transformation dahin unterstützen? Für eine lebenswerte Zukunft brauchen wir deine Visionen, deine Gedanken, deine Liebe und – vor allem – deinen Einsatz. Wie sagte es Friedensreich Hundertwasser einmal so schön:
»Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum.
Wenn viele gemeinsam träumen, ist es der Anfang einer
neuen Wirklichkeit.«
a Deklaration grundlegender ethischer Prinzipien für eine nachhaltige globale Entwicklung.
b Gemeinsames Forschungsprojekt des Umweltbundesamtes und der Universität für Bodenkultur Wien, gefördert vom österreichischen Klima- und Energiefonds.
2. Warum wir den Blick nach innen richten müssen
Wir haben heute die Technik als auch die Ressourcen, die Vision einer nachhaltigen Welt zu verwirklichen. Theoretisch ist es möglich, alle Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen und die dabei entstehenden Umweltauswirkungen sogar noch zu verringern.32 Wir haben mit der Digitalisierung fast unbegrenzte Möglichkeiten, um in einen globalen Dialog zu treten und eine neue, humane Weltordnung zu erschaffen.
Überall auf diesem Planeten gibt es mittlerweile hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die uns die Zusammenhänge der Welt verständlich machen und uns auf Basis der Vernunft zeigen können, welche Wege gesund und welche gefährlich sind. Nicht zuletzt gibt es Tausende und Abertausende von aktiven Pionieren in allen Bereichen der Gesellschaft, die neue Lebensstile leben, alternative Modelle ausprobieren und sich beherzt für einen neuen Umgang mit Mensch und Natur einsetzen. Es mangelt uns also nicht an Ressourcen, Wissen, Technik oder Kreativität, um eine neue Welt zu erschaffen.
Was ist es aber dann? Was hindert uns daran, eine soziale, naturbewusste und zukunftsfähige Gesellschaft aufzubauen? Was hält uns davon ab, ganzheitlich zu handeln und uns nach vorn blickend auszurichten? Welche Kräfte sind hier am Werk, die uns wider besseres Wissen am Status quo festhalten lassen? Tausende Forscher haben sich darüber bereits den Kopf zerbrochen. Die einen meinen, es läge am langweiligen Charakter von Daten und Fakten und dass man diese einladend, spannend und kreativ aufbereiten müsse, um die Leute für ein Umdenken zu begeistern. Andere wiederum sind der Meinung, dass unsere Medienlandschaft zu viel über Probleme berichtet, anstatt Lösungen anzubieten. Und dann gibt es noch jene, die meinen, fehlende beziehungsweise überteuerte Alternativen seien schuld und dass zuerst Politik und Wirtschaft leistbare Angebote und Rahmenbedingungen schaffen müssten, bevor Menschen bereit für einen Wandel seien.
Vieles davon ist sicherlich wahr und auch richtig. Dass äußere Barrieren – wie fehlender politischer Wille, ökonomische Zwänge, mangelnde Verhaltensangebote und andere systemische Hindernisse – der Nachhaltigkeit entgegenstehen, ist unumstritten. Sie sind weithin bekannt und werden seit vielen Jahrzehnten umfassend diskutiert.
Was aber, wenn es auf dem Weg zur Zukunftsfähigkeit noch weit mehr Verhinderer gibt, die wir bislang vollkommen außer Acht gelassen haben? Verhinderer, die unterhalb der Grenze der offensichtlichen Wahrnehmbarkeit ihr Unwesen treiben? Was, wenn es eine andere Dimension der Wirklichkeit gibt, die wir bisher gar nicht zu konfrontieren gewagt haben?
Es ist doch so: Die ganze Aufmerksamkeit liegt immer darauf, was wir im Außen verändern, reparieren oder erfinden müssen, damit wir als Gesellschaft einen nachhaltigen Weg einschlagen können. Was aber wäre, wenn es auch einen inneren Weg der Nachhaltigkeit gibt? Und was, wenn dieser innere Weg das fehlende Bindeglied zur »Rettung der Welt« ist? Vielleicht ist die Erkenntnis, die uns bislang fehlte, jene, den Blick auf die Ursachen statt auf die Symptome zu richten.
Derzeit erleben wir die Symptome in Form von Klimawandel, Artensterben oder Waldrodung und versuchen sie mit zahlreichen äußeren Mitteln zu bekämpfen oder zumindest zurückzudrängen. Womöglich wäre es ein viel zielgenauerer Weg, sich den tiefer liegenden Ursachen dieser Symptome zu widmen. Und diese finden sich nicht nur in der äußeren Welt, sondern vor allem in uns selbst.
2.1 Über den Wert innerer Reife
»Früher dachte ich, die größten Umweltprobleme seien der
Verlust der biologischen Vielfalt, der Zusammenbruch der
Ökosysteme und der Klimawandel. Ich dachte, dass wir mit
30 Jahren guter Wissenschaft diese Probleme angehen könnten.
Aber ich habe mich getäuscht. Die größten Umweltprobleme sind
Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit. Um damit aber umzugehen,
brauchen wir eine spirituelle und kulturelle Transformation.
Und wir Wissenschaftler wissen nicht, wie das geht.«
Nach weit über zehn aktiven Jahren im Nachhaltigkeitsbereich möchten wir diese Aussage des amerikanischen Umweltanwalts James Gustave Speth voll und ganz unterstreichen. Gerade in Hinblick auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit waren die meisten aktiv Beteiligten stets davon überzeugt, mit »End-of-Pipe«-Technologien oder ausreichend Wissensgenerierung schon irgendwie die Kurve zu kratzen. Ein paar mehr Umweltgesetze hier, ein paar neue Innovationen da und dazu noch ein etwas besseres Marketing, und alles würde sich zum Guten wenden.
Innere Mechanismen, die in jedem Einzelnen und damit auch kollektiv in unserer Gesellschaft wirken, wurden hingegen vollkommen außer Acht gelassen. Diese Mechanismen sind zum Beispiel tief verinnerlichte Werthaltungen wie Hedonismus, Gewinnstreben oder Konkurrenz, die uns trotz aller Kritik nach wie vor am Kapitalismus festhalten lassen; es sind unbewusste Ängste, wie etwa die Angst vor Veränderung oder die Angst vor Mangel, die unsere umweltschädigenden Muster prägen; es sind unreflektierte Projektionen, die uns in Schuldzuweisungen verharren lassen, statt gemeinsam an Lösungen zu arbeiten; es ist der Egoismus in uns, der sich aus der Verantwortung stiehlt; es sind ein gefrorenes Herz und die emotionale Gleichgültigkeit, die uns blind machen für die Nöte der Welt.
Des Weiteren ist es die fälschliche Überzeugung, dass wir die Krone der Schöpfung sind, was unseren Raubzug auf diesem Planeten moralisch überhaupt erst vertretbar macht. Und es ist der Verlust einer sinnstiftenden Spiritualität, der Verlust der Verbundenheit mit uns selbst und der Welt, der uns dazu veranlasst, unser Glück im Außen statt im Innen zu suchen. Eine Suche, bei der wir jedoch niemals echte Befriedigung finden werden.
Diese drei Dimensionen – Werte, Gefühle und Weltbilder – sind innere Dimensionen, die keine Politik der Welt und keine technologische Erfindung allein je tangieren könnten. Denn sie liegen der äußeren Welt zugrunde und bilden das unsichtbare Fundament, auf dem politische, wirtschaftliche und soziale Systeme gebaut und gestaltet werden. Unsere äußere Welt ist ein Produkt unserer Innenwelt. Wir werden sie nicht ändern, bevor wir uns nicht selbst geändert haben!
Und genau deshalb können wir so viel gewinnen, wenn wir beginnen, den Blick nach innen zu richten. Wir können dabei einen Schlüssel finden, der uns weit mehr Türen öffnet und weit nachhaltiger wirkt, als es äußere Reparaturmaßnahmen alleine je vermögen. Und wir können darüber hinaus für uns selbst einen Weg finden, um ein erfülltes Leben im Einklang mit uns selbst, den Mitmenschen und der Natur zu führen.
Wie innen, so außen!
Die innere Verfassung bestimmt, wie du mit der Welt in Verbindung trittst und wie du dich darin verhältst. Es ist ja im persönlichen Leben nichts anderes: Wenn du dich schlecht fühlst, bist du vermutlich nicht so freundlich wie sonst. Vielleicht siehst du generell alles etwas pessimistischer und fühlst dich auch schneller angegriffen. Hast du hingegen richtig gute Laune, wirst du viel eher strahlen. Du wirst den Fokus auf die schönen Dinge legen und sehr wahrscheinlich anderen gegenüber offen und freundlich sein.
So ähnlich verhält sich das auch im großen Maßstab. Wenn unser kollektiver Geist oder die »Seele der Gesellschaft« nicht heil sind, wenn wir unser Weltbild im Kern auf Macht, Kampf und Ausbeutung aufbauen, dann wirken wir auch nach außen hin destruktiv. Dann können wir natürlich auch in den äußeren Lebensbereichen keine heilvolle und regenerative Welt erwarten. Solange wir in alten, zerstörerischen Denkmustern stecken, wird kein Wandel in Richtung einer nachhaltigen Gesellschaft möglich sein!
Wenn wir eine zukunftsfähige, lebensbejahende Welt erschaffen wollen, dann müssen wir uns auch persönlich verändern und zuerst einmal in uns selbst die Voraussetzungen dafür schaffen. Das klingt nicht nur logisch, das ist auch logisch! Doch leider scheinen dies nur sehr wenige Menschen zu berücksichtigen.
Kaum jemand kümmert sich wirklich um die Stärkung persönlicher Qualitäten, den Aufbau von seelischer Reife oder ein innerliches Wachstum. Die wenigsten Menschen hinterfragen ihr eigenes Sein. Noch dazu, wenn es um ein scheinbar so »äußerliches« Thema wie nachhaltige Entwicklung geht. Doch gerade hier hat die Nachhaltigkeit ihren blinden Fleck und somit auch ihr größtes Potenzial für einen Wandel. Aus unserer Sicht bedarf es also eines großen Bewusstseinswandels. Denn noch einmal: Innen und Außen gehören zusammen. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.
Innere Reifung und innere Erkenntnis gehen der äußeren Veränderung voraus. Wie oft waren es die großen, unbeantworteten Fragen unseres Lebens, die wir tagein, tagaus wälzen mussten, bevor wir uns zu neuen und mutigen Schritten in unserem Leben durchringen konnten? Wie oft mussten wir nach einem Streit zuerst mit uns selbst ins Reine kommen, bevor wir zum Verzeihen bereit waren? Wie oft sind wir in einer Sache immer wieder gegen die Wand gelaufen, bevor wir erkannten, dass es ein inneres Umdenken braucht?
Wenn die Innenschau im Leben des Einzelnen schon so einen Unterschied macht, dann denk doch einmal daran, was innere Reife für die Gesellschaft als Ganzes bedeuten würde! Stell dir einfach mal vor, wie viel mehr Zusammenhalt und Kooperation wir erreichen könnten, wenn mehr Menschen wieder Zugang zu ihrem eigenen Herzen finden.
Wie viel mehr Frieden es in der Welt geben würde, wenn mehr Menschen Frieden in sich selbst finden! Wie viel bewusster wir mit den Ressourcen unserer Erde umgehen würden, wenn mehr Menschen erkennen, dass wahres Glück nicht in materiellen Dingen zu finden ist. Wie viel mehr Sorge wir für andere und unseren Planeten tragen würden, wenn Liebe und Mitgefühl anstatt des Egos unser Handeln bestimmen. Wie viel mehr Schönheit in der Welt zu finden wäre, wenn jeder Mensch sein volles Potenzial zum Strahlen bringt und sein Umfeld mit der liebevollsten Version seiner selbst beschenkt.
Wir sind überzeugt: Diese Welt ist möglich! Alles, was es braucht, ist, den Widerstand gegen die innere Dimension des Menschen fallen zu lassen. Aufzuhören, die Lösungen nur im Außen zu suchen, und stattdessen endlich damit zu beginnen, in völliger Offenheit den Blick nach innen zu richten.
Durch die aktive Innenschau und andere Formen der inneren Arbeit, die in diesem Buch vorgestellt werden, können wir eine völlig neue Sicht auf die Welt gewinnen und am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, ein liebender und innerlich reifer Mensch zu werden – eine wache Person, die ihr Leben im Einklang mit sich selbst, ihrer Mitwelt und der Erde führt.
Du wirst sehen, wie das unserer Erfahrung nach gelingen kann und wie wir die inneren Ressourcen im Sinn einer nachhaltigen Entwicklung am besten einsetzen können.
Doch zuerst müssen wir uns noch einigen Hindernissen stellen, die uns bislang den Weg in eine zukunftsfähige Welt versperrt haben. Denn innere Reife bedeutet nicht nur, ein glückliches und stets unbeschwertes Dasein zu feiern oder alles positiv zu sehen. Es bedeutet vor allem auch, sich seinen inneren Konditionierungen zu stellen, das scheinbar Dunkle in sich zu umarmen und über althergebrachte Muster hinauszuwachsen. Denn nur was uns bewusst ist, können wir auch loslassen.
Und so wollen wir in den nächsten Abschnitten des Buchs den Blick auf jene inneren, psychologischen und seelischen Faktoren werfen, die uns Menschen daran hindern, aufzuwachen und eine neue und gedeihliche Zukunft zu wählen.
2.2 Der innere Schweinehund
Zum Einstieg in die Thematik möchten wir »den inneren Schweinehund« etwas genauer unter die Lupe nehmen. Dieses kleine Fabeltierchen kennen wir alle, und weil er in unserem Inneren haust und uns von dort aus immer wieder gekonnt manipuliert, eignet er sich besonders gut als »Begleiter« für unsere ersten Schritte in Richtung mehr Bewusstheit.
So können wir uns langsam an die innere Ebene herantasten und uns an diese neue Denkweise gewöhnen, bevor wir später in die tieferen Sphären unseres Seins abtauchen. Für den Anfang gehen wir es also erst einmal sachte an.
Der innere Schweinehund bezeichnet die Trägheit gegenüber einer als richtig erkannten Handlung – oder auch die Willensschwäche, die eine Person daran hindert, ethisch gebotene oder sinnvolle Tätigkeiten auszuführen. Gerade wenn es um die ethisch gebotenen Maßnahmen im Bereich Nachhaltigkeit und Naturschutz geht, verwandelt sich der innere Schweinehund sehr schnell in ein mannigfaltiges Wesen mit zahlreichen überaus »interessanten« Eigenschaften.
Unwissen und mangelnde Urteilskraft
Zwei gewiefte Eigenschaften des inneren Schweinehunds sind seine vorgegaukelte Unwissenheit und die mangelnde Urteilsfähigkeit. Wenn wir gar nicht wissen, was die eigentlichen Probleme sind, was sie verursacht und wie wir angemessen darauf reagieren können, dann fällt uns eine richtige und lösungsorientierte Handlung natürlich schwer. Und ja, manche Menschen mögen es vielleicht wirklich nicht besser wissen.
Fraglich wird es aber dann, wenn man im Jahr 2020 einen Hausmann dabei erwischt, dass er noch immer nicht imstande ist, Plastik-, Papier- und Glasabfälle entsprechend zu trennen, und dies mit Unwissenheit begründet. Oder wenn Autokonzerne die Abgaswerte ihrer Dieselfahrzeuge per Software nach unten manipulieren, um gesetzliche Grenzwerte zu umgehen – und die Spitzen des Managements dann in den Interviews stets ihre Unwissenheit beteuern.33
Aber Vorsicht, diese vermeintliche Unwissenheit ist nicht nur bei den anderen zu finden! Vielleicht ist ja auch dir schon mal der Spruch: »Ich will es gar nicht wissen …« über die Lippen gekommen. In solch einem Fall wird man vom inneren Schweinehund gewarnt, dass dieses zusätzliche Wissen einem womöglich das Leben erschwert und man lieber unwissend bleibt. Man weiß zwar, dass »etwas nicht stimmt«, versucht aber, sich mit Unwissenheit davor zu schützen. Ob das streng genommen noch als Unwissenheit zählt, ist allerdings eine andere Frage.
Für unser zentrales Thema ist das aber ohnehin nicht wirklich relevant. Denn in unserer digitalisierten Informationsgesellschaft ist es unwahrscheinlich, über lokale wie globale Umweltprobleme nicht Bescheid zu wissen. Auch wenn der Durchschnittseuropäer den Treibhauseffekt vermutlich nicht beschreiben, die SDGs (Sustainable Development Goals) nicht aufzählen und auch die Fotosynthese nicht erklären kann, so wissen dennoch die meisten in unseren Breiten, dass wir Umweltprobleme haben und damit an ökologische Belastungsgrenzen stoßen. Irgendwie und irgendwo ist es uns allen schon mal untergekommen, dass das ein oder andere »Problemchen« vorliegt – und dass wir uns dem auch widmen sollten.
So stuften in einer repräsentativen Umfrage des deutschen Umweltbundesamts im Jahr 2019 satte 68 Prozent der Befragten den Umwelt- und Klimaschutz als sehr wichtige Herausforderung ein. Sie gaben ihm eine ähnlich hohe Bedeutung wie den beiden anderen Topthemen Bildung (65 Prozent) und soziale Gerechtigkeit (63 Prozent).34 Unter den Jugendlichen im Alter von 14 bis 22 Jahren waren es sogar 81 Prozent, die Umwelt- und Klimaschutz als sehr wichtig erachteten. Diese Zahlen zeigen recht deutlich, dass der Bevölkerung die künftigen Herausforderungen weitgehend bekannt sind und sie diese zumeist auch als wichtig erachtet.
Was somit viel stärker ins Gewicht fallen dürfte als die Unwissenheit, ist die mangelnde oder getrübte Urteilsfähigkeit, mit welcher der innere Schweinehund über den Belang eingehender Informationen entscheidet.
Jene, die die Umweltproblematik bereits erkannt und auch akzeptiert haben, urteilen gern mit dem Glauben, sie allein könnten ohnehin nichts ändern. Manch andere hingegen beruhigen sich selbst über die Leugnung des Offensichtlichen: »Wer weiß, ob das alles stimmt, was man uns erzählt? Wem kann man heutzutage noch glauben? Wer sagt, dass der Klimawandel tatsächlich menschengemacht ist? Den gab es doch schon immer, oder!?«
Der innere Schweinehund liebt es, Informationen anzuzweifeln und generell eine skeptische Grundhaltung gegenüber Veränderungen einzunehmen. Denn solch eine Skepsis schützt gleich einmal effektiv vor notwendigen, weiterführenden Überlegungen.
Die Macht der Gewohnheit
Hat es die Information trotz aller Gegenwehr doch irgendwie in unser System geschafft, so liegen die nächsten Barrieren in unseren Gewohnheiten und Routinen. Diese laufen längst wie Automatismen ab und flüstern uns ganz heimlich und leise ins Ohr: »Wir haben es immer schon so gemacht, also machen wir es auch künftig so. Warum sollten wir daran etwas ändern? Das ist doch viel zu anstrengend und bringt ja ohnehin nicht viel.«
Im Vergleich zu einem Umdenken haben die Routinen und Gewohnheiten des inneren Schweinehunds einen entscheidenden Vorteil: sie sind wahnsinnig bequem. Man muss gar nicht mehr nachdenken, wie etwas funktioniert oder wie man in dieser oder jener Situation handeln soll. Es ist in Fleisch und Blut übergegangen, und das erspart Zeit, Nerven und vielleicht sogar Geld.
Hast du eine Ahnung, wie viel Energie es eine Person kosten kann, etwas anders zu machen, als sie es von Kind auf gelernt hat? Sie muss ihre Komfortzone verlassen und sich womöglich sogar einen Fehler eingestehen, den sie jahrelang vollzogen hat. Darüber hinaus muss sie sich einer neuen Herausforderung stellen, und egal, wie groß oder wie klein diese auch sein mag, es ist und bleibt etwas, mit dem sie sich auseinandersetzen muss. Und das ist vielen von uns nicht immer lieb.
Stell dir einen Kettenraucher vor, der seit jeher seine Zigaretten mit dem Auto holt. Denkst du, es würde ihm leichtfallen, für seinen Einkauf auf das Rad umzusteigen oder gar mit dem Rauchen aufzuhören? Denk an eine begeisterte Fleischesserin, die seit Jahrzehnten täglich Wurst, Speck, Koteletts und Würstel konsumiert. Wie schwierig wäre es wohl für sie, nur noch einmal pro Woche Fleisch zu essen? Sie müsste ihr Kochverhalten komplett umstellen, sich einen Plan für die Mittagspausen machen und könnte in ihrem Stammlokal nur noch die Gemüselaibchen aus dem Tiefkühler »genießen«.
Oder denk etwa an eine deutschsprachige Familie, die seit einem Jahrzehnt mindestens einmal jährlich in den Urlaub nach Mallorca fliegt. Sie kennt jeden Winkel der Insel, hat längst ihre Lieblingsrestaurants gewählt und fühlt sich wie daheim. Die Kinder haben sogar schon Freunde gefunden und sprechen ein paar Worte Spanisch. Es fiele dieser Familie bestimmt alles andere als leicht, auf einmal mit dem Zug an die Nordsee zu fahren und dort Urlaub zu machen. Was für ein Aufwand, die Zugverbindungen zu recherchieren, sich mit einer neuen Region vertraut zu machen und sich auf unbekannte Wetterverhältnisse einstellen zu müssen. Das alles ist kein leichtes Unterfangen, denn der innere Schweinehund liebt Gewohnheiten und ändert nur ungern seine vertrauten Routinen. »Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht«, diese alte Volksweisheit trägt viel Wahres in sich und beschreibt die Liebe zu unseren Gewohnheiten nur zu gut.
Ausreden für den Selbstwert
Was also tun, wenn man weiß, dass man etwas ändern sollte, sich aber einfach nicht dazu durchringen kann? Richtig, man findet Rechtfertigungen und wird in Sachen Ausreden so richtig kreativ und erfinderisch! Denn wenn nicht, wird die innerlich wahrgenommene Widersprüchlichkeit zwischen Wissen, Werten und Handlungen irgendwann unerträglich.
Dieses als »kognitive Dissonanz« bezeichnete Phänomen führt sehr schnell zu inneren Spannungen, die wir möglichst rasch überwinden wollen. In solchen Fällen sind also Ausreden, Scheinlösungen und hausgemachte Illusionen das Mittel der Wahl für unseren inneren Schweinehund. Typische Sager sind etwa:
»Ach was, es ist doch alles gar nicht so schlimm, wie es aussieht.«
»Die Politiker sind es, die handeln müssen!«
»Es ist mir viel zu teuer, Biomilch zu kaufen.«
»Wieso soll ich mich einschränken, ich zahl schon genug Steuern für den Sozialstaat.«
»Jetzt habe ich so viel Geld in das neue Auto investiert, jetzt möchte ich es auch ordentlich nutzen.«
»Was kann ich allein denn schon groß verändern? Mein eigenes Verhalten spielt doch ohnehin keine Rolle.«
Wir reden das Problem klein, ziehen uns aus der Verantwortung und stellen andere oder auch uns selbst einfach als unfähig dar. Die Psychologie nennt dieses Phänomen »Self-Serving Denials«, also Selbstschutz-Behauptungen oder selbstwertdienliche Ausreden. Nehmen wir als Beispiel ein gescheitertes Unternehmen her. Im Konkursfall argumentieren die Eigentümer gern, dass das Management wohl versagt haben müsse. Das Management selbst ortet die Gründe bei der Konkurrenz, den Zulieferern oder der Belegschaft, während die Mitarbeiter wiederum dazu tendieren, dem Management und der Aktionärsversammlung die Schuld in die Schuhe zu schieben. Und sieht man noch etwas genauer hin, wird man auch welche finden, die den Konkurs ohnehin schon immer vorausgesehen haben und nun froh sind, sich endlich was Neues suchen zu können. So finden alle Beteiligten die passende Ausrede, um durch das Scheitern nicht am eigenen Selbstwert zweifeln zu müssen. Das ist wirklich eine grandiose Strategie, um sich selbst auszutricksen, sich wieder besser zu fühlen und letztlich auch nichts an sich selbst verändern zu müssen!
Alibi-Aktionen für das gute Gewissen
Eine andere Strategie, um sich und sein Verhalten nicht ändern zu müssen, sind die sogenannten Alibi- oder Jo-Jo-Aktionen. Anstatt etwas grundsätzlich zu verändern, tut man einfach so, als würde man sich nachhaltig verhalten. Bei den Alibi-Aktionen sucht man sich etwa im ganz kleinen Rahmen eine nachhaltige Verhaltensänderung, die leicht zu bewerkstelligen ist und einem nicht wehtut. Dies hilft darüber hinweg, bei den großen Problemen nicht wirklich hinsehen zu müssen und trotzdem ein gutes Gefühl zu behalten.
Eine Alibi-Aktion ist zum Beispiel, wenn du die Kartonummantelung eines Joghurtbechers sorgfältig abnimmst und mit dem Altpapier trennst, aber täglich mit deinem SUV in den Supermarkt um die Ecke fährst und exotische Früchte aus aller Herren Länder kaufst. Oder wenn du dem Bettler auf der Straße gern mal einen Euro schenkst, gleichzeitig aber Lohndumping bei deinen Mitarbeitern betreibst und in Verhandlungen um jeden Cent feilschst.
Der Jo-Jo-Effekt wiederum beschreibt die negative Rückkopplung von zuvor gesetzten Maßnahmen. Die meisten von uns haben den Jo-Jo-Effekt bei sich selbst oder im Bekanntenkreis sicherlich schon beobachten können. Zum Beispiel, wenn jemand eine Diät zur Gewichtsabnahme macht. Zuerst wird eine Woche lang gefastet und auf alles Mögliche verzichtet. Doch weil dieser Verzicht so schwerfällt, wird im Anschluss in gewohntem Maße weitergegessen, und das Gewicht schlägt sofort wieder nach oben aus. Dies führt zur nächsten Diät inklusive anschließenden Fressattacken. Und wenn man das Ganze ein paar Mal wiederholt, verhält sich das Gewicht ähnlich einem Jo-Jo, es pendelt ständig auf und ab. Das ist nicht nur nervig, sondern sogar gefährlich. Studien aus den USA und Deutschland zeigen, dass eine oftmalige Gewichtsschwankung Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördert und schlimmere gesundheitliche Auswirkungen hat als das Übergewicht selbst.35
Auch in der Nachhaltigkeit ist der Jo-Jo-Effekt wohlbekannt. So hat man etwa festgestellt, dass manche Menschen umweltschädlicher handeln, nachdem sie sich zuvor einmal kurzfristig nachhaltig verhalten haben.36 Den Klassiker kennen wohl die meisten von uns: Man verzichtet ab und zu auf das Auto und benutzt die öffentlichen Verkehrsmittel, um damit den redlich verdienten Langstreckenflug in den Urlaub rechtfertigen zu können. Ein anderes Beispiel wäre, sich ein benzinsparendes Auto zu kaufen, das man aber dann umso häufiger nutzt, weil es ja so wahnsinnig benzinsparend ist.
Mit Alibi- und Jo-Jo-Aktionen waschen wir also unser Gewissen rein, was aber im Endeffekt durch ein anderes, viel schädlicheres Verhalten wieder wettgemacht wird.
Die sieben Drachen der Untätigkeit
Es gibt noch viele Dutzend weitere Strategien, die wir im Lauf der Zeit entwickelt haben, um in alten Mustern bleiben zu können und uns im Sinne der Zukunftsfähigkeit nicht verändern zu müssen. Ja, wir sind mittlerweile richtig kreativ geworden, was diese Strategien anbelangt.
Der kanadische Umweltpsychologe Robert Gifford hat im Jahr 2011 die unterschiedlichsten Gründe zusammengefasst, warum es vielen so schwerfällt, sich aktiv für Nachhaltigkeit und Naturschutz einzusetzen. In einer Publikation im »American Psychologist« hat er diese psychologischen Hürden als »Die sieben Drachen der Untätigkeit« benannt.37 Vieles davon lässt sich wunderbar auf den inneren Schweinehund umlegen, den wir zuvor beschrieben haben. Manch andere Punkte und viele weitere »Drachen« werden wir dann an späterer Stelle noch mal im Detail aufgreifen. Daher seien hier die »sieben Drachen« nur in aller Kürze benannt:38
Begrenztes Denkvermögen: Fehleinschätzungen und unangebrachter Optimismus hinsichtlich der ökologischen Probleme.
Ideologien: Bestehende Weltanschauungen wollen nicht infrage gestellt werden.
Vergleiche mit anderen: Sich zu sehr an den Meinungen anderer und den gängigen sozialen Normen orientieren.
Unumkehrbare Kosten: Einmal getroffene Investitionen lassen sich so schnell nicht mehr rückgängig machen.
Missbilligung: Mangelndes Vertrauen und Verleumdung wissenschaftlicher Ergebnisse.
Wahrgenommenes Risiko: Das finanzielle oder soziale Risiko des Handelns und der Konsequenzen erscheint zu groß.
Begrenztes Handeln: Einfache Verhaltensveränderungen werden durchgeführt, schwierigere nicht.
Wie können wir nun unseren inneren Schweinhund oder diese gefährlich anmutenden »Drachen der Untätigkeit« überwinden? Wie schaffen wir es, diesen Strategien nicht auf den Leim zu gehen, sondern konsequent an den Zielen und Lösungen für eine nachhaltige Zukunft zu arbeiten?
Um die Frage zu beantworten, müssen wir zuerst verstehen, dass all diese psychologischen Barrieren nicht ohne Grund existieren und dass sie mit noch viel tieferen Mechanismen in Zusammenhang stehen. Mechanismen, deren wir uns in der Regel nicht bewusst sind und die wir somit kaum betrachten.
An so manchen Gewohnheiten halten wir womöglich deshalb fest, weil tief in unserem Inneren die Angst vor Veränderung schlummert. Weil wir uns mit dieser Angst aber nicht konfrontieren wollen, bleiben wir lieber in unseren gewohnten Bahnen und halten unsere Muster und Automatismen aufrecht.
Auch bestimmte Werte oder Weltbilder können unsere Entwicklung und Motivation negativ beeinträchtigen. Wir müssen also erst einmal verstehen, dass der innere Schweinehund nur die Spitze des Eisbergs ist – Gefühle, Werte und unsere zugrunde liegenden Annahmen über die Welt befinden sich auf den tieferen Ebenen darunter. Diese Ebenen werden wir später ausführlich betrachten. Erst mal wollen wir dir eine Übersicht geben, welche inneren Verhinderer es auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft gibt und was die »innere Dimension« der Nachhaltigkeit für uns Autoren bedeutet.
2.3 Die innere Dimension der Nachhaltigkeit
Wir freuen uns riesig, dir unser Eisbergmodell der inneren Ebenen zu präsentieren, die den Weg in eine zukunftsfähige Welt aus unserer Sicht entscheidend beeinflussen und daher in den Nachhaltigkeitsdiskurs integriert werden sollten.
Unser Modell unterscheidet grundsätzlich vier Ebenen: die Verhaltensebene, die Werteebene, die Gefühlsebene und die spirituelle Ebene. Auf jeder dieser Ebenen sind bestimmte »innere Verhinderer« angesiedelt, die in jedem Individuum vorhanden sind, aber je nach Konditionierung, Lebenserfahrung, seelischer Reife etc. unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Gleichzeitig birgt jede dieser Ebenen einen Schatz, einen zentralen Schlüssel, der uns die Tore in ein zukunftsfähiges 21. Jahrhundert öffnen kann.
Abb. 2: Eisbergmodell: Die innere Dimension der Nachhaltigkeit
Die Metapher des Eisbergs deutet an, dass nur ein kleiner Teil über der Oberfläche sichtbar ist, während der weitaus größere Teil unsichtbar unter der Oberfläche schlummert, aber deshalb nicht weniger real oder hinderlich ist. Du erinnerst dich sicher: Die Wächter auf der Titanic haben den »winzigen« Eisberg anfangs auch nicht wahrgenommen oder als gefährlich erachtet. Der massive Koloss darunter war es jedoch, der schließlich das Schiff zum Sinken brachte.
Diese Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit von inneren Mechanismen ist auch mit unterschiedlichen Maßen an Bewusstheit verbunden.
So ist man sich in der Regel des eigenen Verhaltens bewusst beziehungsweise kann es mit nur wenigen Fragen relativ leicht ins Bewusstsein geholt, erinnert, reflektiert und sichtbar gemacht werden. Wir haben im Kapitel über den inneren Schweinehund ja schon darüber berichtet.
Weniger bewusst hingegen sind die Werte und Einstellungen, die unserem Verhalten zugrunde liegen und im Eisbergmodell bereits unter der Oberfläche angeordnet sind. Werte sind wie Orientierungsleitfäden, die uns sagen, was in der Gesellschaft oder in einem bestimmten sozialen Umfeld als erstrebenswert gilt und was nicht. Nicht jede Person hat ihre eigene Wertelandkarte explizit verfügbar oder bewusst abrufbar, daher bedarf es hier bereits tiefergehender Reflexionsarbeit, um die eigenen, handlungsrelevanten Werte und Wertekonflikte zu identifizieren.
Noch unbewusster ist uns die Ebene unserer Gefühle und des eigenen Schattens. Der Schatten umfasst nach dem Schweizer Psychiater C. G. Jung alle Persönlichkeitsanteile, die verdrängt oder verleugnet wurden, weil sie einem bestimmten Selbstbild von uns entgegenstehen, uns unliebsam erscheinen oder sozial unerwünscht sind.39 Auf dieser Ebene inbegriffen sind auch alle Gefühle wie Ängste, Trauer oder Wut und all unsere negativen Glaubenssätze (»Ich bin wertlos«, »Ich bin nicht gut genug« etc.), die wir nicht haben wollen und daher in unser Unterbewusstsein verfrachtet haben.
Wenn wir nun beginnen, auf persönlicher Ebene »Schattenarbeit« zu leisten, werden wir lernen, unsere eigenen Wunden und Glaubenssätze zu transformieren, und setzen so ein tiefgreifendes Heilungspotenzial für uns und den Planeten frei. Du wirst noch staunen, wenn wir dir im dritten Teil unseres Buchs die Wirkung des tiefenpsychologischen Schattens auf die Nachhaltigkeit vor Augen führen.
Zu guter Letzt treffen wir am Urgrund des Eisbergmodells auf die spirituelle Ebene, die sich mit Ausnahme einiger sehr wacher Menschen tief im Unbewussten versteckt. Sie stellt den größten Hebel für die Nachhaltigkeit dar, da alle darüberliegenden Ebenen auf ihr fußen. Hier liegen alle Grundannahmen über das Leben, über die wir nicht einmal mehr nachdenken, weil sie uns so selbstverständlich vorkommen. Zum Beispiel, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei oder dass wir voneinander getrennte »Fleischklöpschen« seien, die ohne Sinn und Zweck auf der Erde »herumstrawanzen«.
Letztlich lassen sich – und das werden wir noch ausführlich erläutern – viele unserer ökologischen Probleme auf eine spirituelle Krise des Menschen zurückführen. Der Mensch hat vergessen, wer er in Wahrheit ist, wie viel Kraft und Lebendigkeit durch seine Adern fließt, welche Träume in ihm schlummern und wie viel Liebe er eigentlich zu verschenken hat.
Das Loslösen aus überholten Weltbildern, das Erlangen von innerer Freiheit und das tiefe Empfinden von Verbundenheit ist also etwas, woran wir arbeiten können und müssen, wenn wir eine nachhaltige und zukunftsfähige Welt erschaffen wollen. Gleichzeitig aber ist genau das auch ein Prozess der Gnade, der meist viel Zeit verlangt und den wir nur bedingt aktiv beeinflussen können. Mit diesem Paradoxon müssen wir wohl oder übel leben. Was wir aber auf alle Fälle tun können, ist ein erhöhtes Bewusstsein dafür zu entwickeln, wer wir sind, was wir können, was wir erschaffen wollen und wie wir mit unserer Natur und Umwelt in Verbindung stehen. Und allein damit ist schon sehr viel gewonnen.
In den folgenden Abschnitten möchten wir anhand des Eisbergmodells erörtern, wie eine gesellschaftliche Verwandlung in Richtung Nachhaltigkeit aussehen könnte. Und auch wenn dieser Wandel viel gemeinschaftliches Engagement im Außen benötigt, so wollen wir in diesem Buch vor allem auf die innere und individuelle Ebene eingehen und den erforderlichen Transformationsprozess von hier aus betrachten.
Wir werden, von oben beginnend, den Eisberg Schritt für Schritt nach unten wandern und auf jeder Ebene die Frage stellen, wie wir die erlangten Erkenntnisse über die »inneren Verhinderer« positiv und zukunftsweisend nutzen können. Das wird uns helfen, den Pfad des Problemdenkens zu verlassen und eine neue, lösungsorientierte und visionäre Perspektive einzunehmen.
Jeder der drei tiefer liegenden Ebenen – Werte, Gefühle und Weltbilder – ist nachfolgend ein eigener Buchteil gewidmet. In jedem Teil beschreiben wir neben den hinderlichen Faktoren auch immer Schlüssel und Methoden, durch die wir zu mehr Bewusstheit und Achtsamkeit für uns selbst und für unsere Mitwelt gelangen können.
Zudem zeigen wir, wie wir jene inneren Kernkompetenzen erreichen können, die wir für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft brauchen:
Ein aufgeklärtes Wertebewusstsein
Emotionale Kompetenz
Ein neues Weltbild der Verbundenheit
Natürlich haben diese Kernkompetenzen keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Unser Hauptanliegen ist die Beschreibung eines bewussten, reifen und zukunftsfähigen Menschen, der es vermag, das 21. Jahrhundert mit Liebe und Verantwortung zum besten Wohle aller mitzugestalten. Diese Beschreibung kann von dir beliebig ergänzt und weitergedacht werden. Du darfst, nein, SOLLST sogar all unsere Ideen prüfen und kritisch hinterfragen, denn dies zählt zu den wichtigsten Eigenschaften jeder wachen Person.
Da sich das vorangegangene Kapitel bereits mit der Verhaltensebene beschäftigt hat, wollen wir nun weiter abtauchen ins Unbewusste, immer tiefer und tiefer, bis an die Wurzeln unserer Existenz. Am tiefsten Punkt werden wir schließlich erkennen, was die Transformation unseres Bewusstseins tatsächlich für die Erhaltung des Planeten bedeutet und welche Schätze wir für unser Leben daraus mitnehmen können. In diesem Sinn wünschen wir dir viele gute Erkenntnisse, spannende Denkprozesse, inspirierende Gefühle und eine angenehme Reise – nach innen!
TEIL II
3. Werte als Richtungsweiser
Der österreichische Neurologe und Psychiater Viktor Frankl meinte einmal, dass man Werte nicht lehren, sondern nur vorleben könne. Da wir diese Einstellung grundsätzlich teilen, hat es uns auch viel Zeit und Muße abverlangt, all unsere Gedanken, Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Werte in passende Texte zu packen. Wir hoffen, dir damit ein paar interessante Einsichten vermitteln zu können und dich darin zu bestärken, mit gutem Beispiel voranzugehen und zukunftsfähige Werte nach außen hin vorzuleben.
Warum wir Werte überhaupt betrachten müssen, zeigt uns etwa der sogenannte »Knowledge-Action-Gap«. Er beschreibt die häufig vorhandene Kluft zwischen Wissen und Verhalten, die wir schon beim inneren Schweinehund beobachten konnten. Wir wissen zum Beispiel, dass Fernreisen via Flugzeug klimaschädliche Gase in die Atmosphäre blasen, dennoch lassen wir uns zu gerne die südliche Sonne auf den Bauch scheinen. Wir wissen, wie unwürdig die Lebensbedingungen von Tieren in der Massentierhaltung sind, aber auf unser Schnitzel wollen wir nicht verzichten. Wir wissen auch, dass Textilarbeiter in Bangladesch nicht gerade in einem fairen, sicheren oder gesunden Arbeitsumfeld beschäftigt sind, dennoch ist das neue T-Shirt einfach zu toll, um nicht zuzugreifen.
Hand aufs Herz: Wie oft hast du schon etwas gemacht, von dem du wusstest, dass es dir oder anderen womöglich Schaden zufügt? Eben! Diese Dinge passieren einfach, und irgendwann geht es uns allen mal so. Doch was lenkt uns da?
Um diese Frage zu beantworten, sollten wir einen Blick auf all die inneren Werte werfen, die unseren Handlungen zugrunde liegen. Sie beeinflussen unser Verhalten, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. Gerade bei komplexen Problemstellungen, wo der Verstand allein nicht mehr ausreicht, um eine geeignete Entscheidung zu treffen und eine entsprechende Handlung zu setzen, wird fehlendes Wissen häufig durch Werte ersetzt. Dies passiert umso stärker, je unübersichtlicher die Situation ist.40 Im Alltag lenken oftmals Routinen, Reflexe, Triebe, Automatismen oder die Ratio unser Verhalten. Bei komplexen Entscheidungen oder Konflikten hingegen sind es die Werte, die uns als Richtungsweiser oder Handlungsmotivatoren dienen.
Gerade soziale und ökologische Probleme fallen in diese Kategorie. Sie sind hochkomplex, mit zahlreichen Wertekonflikten behaftet und mit anderen gesellschaftlichen Bereichen so stark verwoben, dass es uns schwerfällt, rein rational zu einer praktischen Lösung zu gelangen.
In unserer globalisierten und vernetzten Welt ist alles mit allem verzahnt und der soziale und technologische Wandel beschleunigt sich ständig. Dadurch wird es für uns Bürger zunehmend schwieriger, sachlich zu beurteilen, wie sich eine bestimmte Maßnahme im persönlichen Alltag auf die Umwelt auswirkt oder welche Alternative einer anderen vorzuziehen ist. In solchen Fällen wird Handeln nur noch auf Basis von Wertentscheidungen realisierbar und der Mensch als rational handelndes Wesen wird dann schnell zur Fiktion.
Aber was sind Werte eigentlich konkret, wie funktionieren sie und auf welche Weise beeinflussen sie unser Verhalten?
Es ist wahrlich keine leichte Aufgabe, auf diese Fragen passende Antworten zu finden. Rein wissenschaftlich gesehen befassen sich die unterschiedlichsten Disziplinen mit der Werteforschung, wie zum Beispiel die Philosophie, die Soziologie, die Psychologie, die Ökonomie und sogar die Naturwissenschaften. Die Soziologie etwa untersucht die Bedeutung von Werten für die Gesellschaft als Ganzes, die Psychologie hingegen für das einzelne Individuum. Allein schon deshalb können die verschiedenen Theorien auch einmal auseinanderklaffen.
Trotz der Fülle an Disziplinen, Studien und Hypothesen haben wir versucht, die für uns wesentlichen Aussagen und Essenzen zusammenzufassen und mit unseren eigenen Erfahrungen verständlich aufzubereiten. Auf den nächsten Seiten wirst du also erfahren, was Werte konkret sind, wie sie auf unser Umwelt- und Sozialverhalten wirken und welche speziellen Werthaltungen eine zukunftsfähige Entwicklung behindern wie auch fördern können.
3.1 Wie Werte unser Verhalten beeinflussen
In den gängigen Definitionen werden Werte als »Vorstellungen vom Wünschenswerten« bezeichnet. Sie dienen uns als Beurteilungskriterien oder Maßstäbe, mit denen wir Dinge, Menschen oder Handlungen entweder positiv oder negativ bewerten können. Wenn also zum Beispiel in einer Bevölkerungsgruppe der Wert »Leistung« sehr hochgehalten wird, dann werden alle Handlungen, die auf Leistungsbereitschaft und Ehrgeiz basieren, für gut befunden. Und alle »Faulsäcke« für schlecht.
Wir legen also mithilfe unserer Wertestandards fest, was wir als erstrebenswert erachten, moralisch oder ethisch für gut befinden und wie wünschenswerte Endzustände und Verhaltensweisen unserer Ansicht nach auszusehen haben. Wenn wir etwas positiv bewerten, dann führt dies dazu, dass wir diese Werte erreichen wollen, während negativ beurteilte Werte abgelehnt werden. Darüber hinaus fühlen wir uns gut und belohnt, wenn wir in Übereinstimmung mit unseren Werten handeln.41 Das verdeutlicht, wie sehr Werte die Auswahl und Beurteilung unserer Verhaltensweisen und der Verhaltensalternativen beeinflussen können. Sie bilden gewissermaßen die Identität einer Gesellschaft, weil sie das Handeln und auch das Denken der Gesellschaftsangehörigen systematisch regeln und lenken.42
Ob und inwiefern Werte die Beziehung des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt beeinflussen, wird etwa in der Umweltpsychologie, der Sozialpsychologie oder auch in der Anthropologie und Philosophie seit mindestens drei Jahrzehnten umfassend untersucht und diskutiert. Als gemeinsames Ergebnis lässt sich ableiten, dass neben anderen Faktoren, wie Bildung oder Verhaltensanreizen, auch unsere Werte einen wichtigen Einflussfaktor auf unser Umwelt- und Sozialverhalten darstellen.
Werte sind vor allem für die Suche und das Verarbeiten von Informationen relevant, denn sie bestimmen, welche Informationen wir bevorzugen oder wie wir Erfolg und Nutzen bewerten. Sie wirken auch auf die Stetigkeit und Regelhaftigkeit unseres Verhaltens. Also zum Beispiel, wie lange oder mit welchem Engagement wir eine bestimmte Aktivität oder eine Sache verfolgen. Zu guter Letzt sind sie auch bei der Entscheidungsfindung ein wichtiger Faktor und beeinflussen etwa die Wahrscheinlichkeit, mit der wir umweltfreundliche Entscheidungen den anderen vorziehen.43
Stell dir als Beispiel eine Person vor, die seit zehn Jahren mit dem Auto zur Arbeit fährt. Neulich hat sie von den ständig steigenden CO2-Emissionen gehört und dass der Verkehr einen wesentlichen Beitrag dazu leistet. Jetzt steht diese Person vor der Entscheidung, ob sie weiterhin mit dem Auto zur Arbeit fahren oder auf Alternativen umsteigen soll. Laut dem US-amerikanischen Soziologen Talcott Parsons kommen bei dieser Entscheidung drei wesentliche Aspekte ins Spiel:44
Der kognitive Aspekt lässt uns mögliche Alternativen wahrnehmen, hier zum Beispiel den Bus, das Fahrrad oder die Mitfahrt bei einem Kollegen oder einer Kollegin, die in der Nähe wohnen.
Der kathektischec Aspekt erlaubt es uns, mögliche Alternativen im Hinblick auf individuelle Wünsche und Bedürfnisse abzuschätzen. In unserem Beispiel wären dies Fragen über passende Busintervalle, die Dauer der Busfahrt, die Geografie und Lage der Fahrradstrecke oder auch die Beziehung zum Arbeitskollegen bzw. zur Arbeitskollegin.
Mit dem evaluativen Aspekt werden die Alternativen schließlich aufgrund von Wertestandards abgewogen und beurteilt. So könnte sich die Person etwa gegen den Bus entscheiden, weil ihr der Wert Pünktlichkeit sehr wichtig ist und sie diesen Wert mit der Variante »Bus« womöglich nicht einhalten könnte. Sie könnte sich aber auch für den Bus entscheiden, weil ihr der Wert Sparsamkeit viel bedeutet und das Busticket günstiger kommt als der Treibstoff für das Auto. Die Person könnte sich für das Fahrrad entscheiden, wenn sie Aktivität schätzt und gern etwas für ihren Körper tut. Wenn ihr aber gutes Auftreten wichtig ist und sie vielleicht nicht verschwitzt zur Arbeit kommen will, dann ist das Fahrrad tabu. Ebenso wird sie die Mitfahrgelegenheit entsprechend ihrem Grad an Sympathie, ihrer Offenheit für Neues oder ihrem Sinn für Gemeinschaft beurteilen.
Natürlich könnte man nun argumentieren, dass dieser Entscheidungsprozess grundsätzlich davon abhängt, ob es überhaupt die besagten Alternativen wie Bus, Bahn oder sichere Fahrradwege gibt. Strukturelle Einschränkungen, wie etwa ein fehlendes öffentliches Verkehrsnetz, werden wahrscheinlich dazu führen, dass unsere Person ihr Auto verwendet, obwohl ihr der Klimaschutz eigentlich viel wert wäre. Nichtsdestotrotz spielen immer auch innere Parameter eine Rolle. Denn selbst in flachen Gegenden mit gutem Verkehrsnetz nehmen viele Leute nach wie vor das Auto – ein strukturelles Problem kann also ausgeschlossen werden.
Darüber hinaus müssen wir uns die provokante Frage stellen, ob nicht die strukturellen Einschränkungen an sich schon einen Spiegel unserer herrschenden Werte darstellen. Bringt denn nicht das Fehlen des öffentlichen Verkehrsnetzes die Prioritätensetzung der Politik und in weiterer Folge die Werte der Wählerschaft zum Ausdruck? Zeigen uns die schmalen und teils gefährlichen Fahrradstreifen auf unseren Straßen nicht auch, dass das kräftige Auto einfach höher bewertet wird als das gesunde, umweltfreundliche Fahrrad? Sind also äußere Beschränkungen nicht gleichzeitig auch wieder ein Hinweis für unsere inneren Wertehaltungen? Wir glauben schon!
Ein bisschen Forschung gefällig?
Egal wie man es auch drehen und wenden mag, unsere Werte wirken auf unsere Handlungen ein und sind somit mitverantwortlich für unser gesellschaftliches Verhalten. Eine spannende Studie dazu liefern Tom Crompton und seine Kollegen in ihrem Bericht »Common Cause – The Case for Working With Our Cultural Values« aus dem Jahr 2010.45 Darin erörtern sie den Zusammenhang zwischen gewissen Werthaltungen auf der einen und bestimmten Verhaltensweisen auf der anderen Seite. In Anlehnung an den weltweit anerkannten Wertekreis von Schwartz46 mit seinen zehn universellen Werten differenzieren sie unterschiedliche Kategorien. Auf der einen Achse finden wir selbsttranszendierende (über das eigene Ego hinausgehende) und selbstbezogene Werte, auf der anderen Achse wandlungsoffene und konservierende Werte.

Abb. 3: Wertekreis nach Shalom Schwartz47
Laut den Studienergebnissen zeigen Menschen mit starker Orientierung an selbsttranszendierenden und wandlungsoffenen Werten eine höhere Sensibilität für globale Probleme als andere Gruppen. Weiterhin sind sie eher bereit, diesen Problemen konstruktiv zu begegnen, sei es über eine Veränderung des persönlichen Verhaltens oder durch Einmischung in den gesellschaftspolitischen Diskurs.
Einer der für förderlich befundenen Werte ist beispielsweise »Universalismus«, definiert als Verständnis, Wertschätzung, Toleranz und Schutz für das Wohl aller Menschen und der Natur. Ein zweiter, sehr stark mit nachhaltigem Verhalten einhergehender Wert ist »Selbstbestimmung«, definiert als Unabhängigkeit in Gedanken und Handlungen.
Dem gegenüber steht eine Orientierung an selbstbezogenen Werten und Lebenszielen, die nachweislich mit einer geringeren Besorgnis für globale Umwelt- und Sozialprobleme einhergeht. Beispiele hierfür sind Macht, Leistung oder auch finanzieller Erfolg. Zudem steigt bei solchen Wertorientierungen die Wahrscheinlichkeit für geringere Empathie, vermehrt manipulatives Verhalten, hierarchisches Denken, stärkere Vorurteile, weniger Großzügigkeit, geringeres politisches Engagement und mehr Konkurrenzverhalten. Wie du dir sicherlich denken kannst, handelt es sich dabei um Qualitäten, die einer nachhaltigen Entwicklung nicht gerade dienlich sind.
Darüber hinaus gibt es mittlerweile einige Studien, die zeigen, dass selbsttranszendierende Werte auch mit dem persönlichen Klimaengagement in engem Zusammenhang stehen.48 In einer der ersten Publikationen, die sich explizit mit der Beziehung zwischen Werten und Überzeugungen zum Klimawandel befasste, sollte die Akzeptanz politischer Klimaschutzmaßnahmen untersucht werden. Man fand heraus, dass die Bereitschaft, politische Maßnahmen zu akzeptieren, positiv mit selbsttranszendierenden Werten zusammenhing. Außerdem zeigten nachfolgende Untersuchungen, dass jene Menschen, die biosphärisched und altruistische Werte vertraten, eher Bedenken hinsichtlich der Risiken und Folgen des Klimawandels hatten und weniger skeptisch waren gegenüber der Schwere des Problems als Menschen mit egozentrischen Werten.
Andere Studien wiederum untersuchten den Einfluss von extrinsischen und intrinsischen Werten auf das individuelle Verhalten. Zur Erklärung: Als intrinsisch werden jene Werte bezeichnet, welche die angeborenen, psychologischen Bedürfnisse direkt befriedigen und eher nicht von materieller Natur sind, während extrinsische Werte kompensatorisch eingesetzt werden, meist mit materiellen Gütern in Verbindung stehen und nicht per se befriedigend wirken.49
Beispiele für intrinsische Werte sind etwa persönliches Wachstum, emotionale Beziehungen oder das Gemeinschaftsgefühl. Extrinsische Werte gehen in Richtung Image, Status oder finanzieller Erfolg. Sieht man sich die Studienergebnisse an, so zeigen diese quer durch die Bank, dass intrinsische Wertorientierungen nicht nur mit höherem Wohlbefinden, sondern auch mit einer höheren sozialen und ökologischen Verantwortung gekoppelt sind, während sich Menschen mit extrinsischen Werthaltungen weniger umweltfreundlich verhalten.
So stellte man etwa bei einer Untersuchung mit knapp tausend Universitätsstudenten aus sechs Nationen fest, dass Studierende mit hohen Werten bezüglich Macht und Leistung andere Menschen eher als Konsumenten und nicht als Teil der Natur betrachteten.50 Diese Studierenden hatten auch viel weniger Sorgen angesichts der Tatsache, dass sich Umweltschäden negativ auf Mitmenschen, Kinder, künftige Generationen oder nicht-menschliches Leben auswirken.
Natürlich lassen sich solche Effekte nicht nur individuell, sondern auch auf der Ebene ganzer Nationen beobachten. So fand im Jahr 2011 eine Untersuchung statt, wie sich unsere kulturellen Werte auf das Wohlbefinden künftiger Generationen auswirken.51 Bei den zwanzig reichsten Nationen unseres Planeten wurde etwa festgestellt, dass jene Länder, die Harmonie und Miteinander als gesellschaftliche Werte verfolgten, pro Kopf weniger CO2 emittierten als Länder, die Wohlstand, Leistung und Status eine höhere Priorität einräumten. Die Harmonie-orientierten Länder wiesen auch ein größeres Wohlbefinden bei den Kindern auf, die nationalen Gesetze zum Mutterschaftsurlaub waren großzügiger gestaltet und es gab weniger an Kinder gerichtete Werbung. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!
Zusammenfassend ist es aus Sicht der Forschung also unbestritten, dass es gewisse Werte gibt, die ein sozial- und umweltrelevantes Verhalten stärker begünstigen, als andere Werte dies tun. Deshalb ist es auch so wichtig, die innere Dimension der Werte in all den Debatten rund um die Nachhaltigkeit genauso zu berücksichtigen wie soziale, ökologische, ökonomische oder technische Fragestellungen.
Übung – Ich und meine Werte
Was genau sind deine persönlichen Werte? Um sich dessen besser bewusst zu werden, markiere in der folgenden Liste doch bitte 10 Werte, die dir relevant erscheinen. Im Anschluss vergleiche sie nochmals und entscheide dich für eine Endauswahl deiner 5 wichtigsten Kernwerte.
| Achtsamkeit | Resilienz | Autonomie |
| Dankbarkeit | Selbstreflexion | Mitgefühl |
| Großzügigkeit | Selbstwirksamkeit | Gerechtigkeit |
| Mäßigung | Leistung | Gemeinschaft |
| Nächstenliebe | Gesundheit | Offenheit |
| Optimismus | Weisheit | Rationalismus |
| Verantwortung | Zivilcourage | Nachhaltigkeit |
| Vertrauen | Sicherheit | Kooperation |
| Wissbegierde | Konformität | Tapferkeit |
| Genuss | Natur | Selbstbestimmung |
| Tradition | Macht | Toleranz |
| Konkurrenz | Humor | Erfolg |
| Kreativität | Familie | Respekt |
| Freiheit | Spiritualität |
Nun stell dir bitte die Frage, wie du deine wichtigsten Werte in den zwei unten genannten Lebensbereichen beachtest/umsetzt. Bewerte die einzelnen Kategorien mit Noten: 5 = beachte ich immer; 1 = beachte ich nie.
| WERT | PRIVAT | BERUFLICH |
| a. | ||
| b. | ||
| c. | ||
| d. | ||
| e. |
Abschließend noch einige Fragen bzw. Gedankenanstöße:
1 Gibt es dir wichtige Werte, die du eher im Berufsleben lebst, und andere, die dir privat oder in der Beziehung wichtiger sind? Wenn ja, was könnte dies für Auswirkungen haben?
2 Bist du auf Werte aufmerksam geworden, die miteinander in Konflikt stehen?
3 Hast du in der oberen Liste einen Wert entdeckt, den du gern noch mehr kultivieren würdest?
4 Könnten manche deiner Werte eine nachhaltige Entwicklung behindern? Wie oder in welchen Situationen?
c Das Wort ist ein Zungenbrecher :-), es beschreibt eine Art Gewinn- und Verlustrechnung in Bezug auf die eigenen Bedürfnisse.
d Menschen mit biosphärischen Werten sind der Ansicht, dass die Natur geschützt gehört.
3.2 Der Mensch, ein Herdentier
Werte haben nicht nur Einfluss auf das Verhalten des Einzelnen, sondern bilden auch eine sinnstiftende Legitimationsgrundlage für die sozialen Normen und damit für ein geregeltes gesellschaftliches Zusammenleben an sich. Soziale Normen sind wie Standards, Leitlinien oder Grundsätze, nach denen eine Gesellschaft oder eine Gruppe von Menschen ihr Zusammenleben ausrichtet. Sie definieren, was die Gesellschaft von uns erwartet. Sie sind die ungeschriebenen Regeln, an die wir uns halten, weil wir dazugehören wollen. Soziale Normen sagen aus, wie erwünscht ein bestimmtes Verhalten ist und welche Meinung eine relevante soziale Gruppe über dieses Verhalten hat.
Dieser Normierungsprozess beginnt schon im Kindesalter, wo uns relevante Werte und Normen über »Sozialisierungsinstanzen« wie etwa die Eltern, die Schule oder die Medien vermittelt werden. So erlernen wir bereits in jungen Jahren, dass man Bitte sagen soll, wenn man etwas möchte. Erhält man, was man will, so soll man dies mit einem Danke abgelten – so gehört sich das nun mal. Bitte und Danke zählen zu den ersten sozialen Normen, die wir hierzulande aufschnappen.
Im Lauf unserer Entwicklung übernehmen und verinnerlichen wir die gesellschaftlichen Standards immer weiter und machen sie zu einem Bestandteil der eigenen Persönlichkeit. Je älter wir werden, desto höher wird die Anzahl an Normen, und als heranwachsende Menschen passen sich die meisten von uns immer mehr der Gesellschaft und ihren Regeln an. Im Erwachsenenalter wird dann schließlich von uns erwartet, dass wir die geltenden Normen kennen und auch beachten, sodass wir in der Öffentlichkeit nicht »unangenehm« auffallen. Mit Ausnahme kleiner Abweichungen sollen wir also den geltenden Standards entsprechen und mit dem Zeitgeist und seinen Normen mitschwimmen. Wie sagte es Albert Einstein einst so schön: »Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allem ein Schaf sein.«
Soziale Normen sind allgegenwärtig und wirken tief in uns. Wenn sie darüber hinaus durch soziale Kontrolle und Sanktionen wie Bestrafung oder Belohnung abgesichert sind, werden diese Normen und die dahinterliegenden, gesellschaftlichen Werthaltungen schnell zu einem Orientierungsrahmen für das eigene Verhalten. Denn wir wollen nicht aus der Reihe tanzen und schon gar nicht verurteilt oder ausgegrenzt werden! Stattdessen wollen wir anerkannt und geliebt werden und einfach nur dazugehören – weshalb wir uns mit der Zeit immer stärker an all die Normen der uns umgebenden Gesellschaft anpassen. Selbst wenn uns das nicht gefallen mag, macht uns genau das zu jenen Herdentieren, die wir eigentlich niemals sein wollten.
Wenn wir noch einen Schritt weitergehen, findet die sogenannte Internalisierung von Normen statt. Davon spricht man, wenn sich jemand entsprechend einer Norm verhält, ohne dabei überhaupt noch an die Sanktionen oder Folgen der jeweiligen Norm zu denken. Wir spielen einfach das Verhalten ab, das wir seit jeher gelernt und von unseren Mitmenschen kopiert haben, ohne dies jemals infrage zu stellen. Wie ein automatisches Programm oder ein Autopilot, der uns durch das Leben lenkt. Damit erleichtern wir uns zwar den Alltag und ecken vermutlich bei anderen weniger an, gleichzeitig verlieren wir aber auch die Fähigkeit, einmal kritisch auf bestimmte Entwicklungen zu blicken. Dieses bequeme Verhalten beschneidet unsere Möglichkeit, den eigenen Lebensstil zu hinterfragen oder mutig einen neuen Weg einzuschlagen. Einen Weg, der vielleicht viel authentischer wäre und sich auch in unserem tiefen Inneren stimmig anfühlen würde.
Soziale Normen und wie sie auf uns wirken
Du kannst dir sicher bereits vorstellen, dass die sozialen Normen auch für die Nachhaltigkeit von beachtlicher Bedeutung sind. Beginnen wir unseren Diskurs dazu am besten in einer Umgebung, die wie kaum eine andere bekannt ist für ihre sozialen Regeln und Normen: in der Nachbarschaft.
In einer Studie zum Thema Umwelt und Energie zeigte sich, dass der Vergleich mit der umliegenden Nachbarschaft einer der größten Motivationsfaktoren war, den Energieverbrauch im eigenen Haushalt zu reduzieren.52 Wenn die Menschen Informationen darüber bekamen, wie gut oder wie schlecht sie im Vergleich zu den anderen Haushalten in Sachen Energieverbrauch abschnitten, spornte sie das stark an, noch mehr Energie zu sparen. Erhielten die Leute hingegen nur Informationen darüber, wie viel Energie in kWh oder wie viel Geld sie selbst eingespart hatten, so fiel die Einsparung deutlich geringer aus.
Ähnliche Ergebnisse lieferte ein anderes Experiment zum Thema Herdenverhalten und Nachhaltigkeit. Dabei wurde untersucht, mit welchen Botschaften Hotelgäste wohl eher umweltfreundlich agieren würden.53 Es zeigte sich, dass zum Beispiel ein Schild mit der Aufschrift »Die Mehrheit der Gäste verwendet ihre Handtücher wieder« effektiver war als der klassische Appell, man möge seine Handtücher bitte öfters verwenden. Am besten jedoch schnitten jene Botschaften ab, die das Gruppenverhalten der unmittelbaren und situativen Umstände miteinbezogen, wie etwa: »Die Mehrheit der Gäste in diesem Raum hat ihre Handtücher wiederverwendet.«
Nicht nur im privaten Bereich eines Hotelzimmers, auch im öffentlichen Raum lässt sich dieses Verhalten nachweisen. So zeigte sich, dass auf öffentlichen Plätzen,54 wo schon viel Müll herumlag, die Menschen eher noch mehr Müll dazu schmissen als auf sauberen Plätzen. Die Stimme im Kopf sagt uns in solchen Fällen offenbar, dass es entsprechend der sozialen Norm wohl in Ordnung sei, seinen Dreck hier wegzuwerfen, da es die anderen ja ebenfalls tun. Umgekehrt bedeutet ein sauber gehaltener Platz, dass nichts weggeworfen werden darf, da die Leute hier ordentlich sind. Viktor Frankl scheint also recht zu behalten mit seiner These, dass Werte und Normen am besten vorgelebt werden sollten.
Der Mensch und sein Verhalten als Herdentier sind mittlerweile sehr gut erforscht. Und wenn man sich aus dieser Forschung eine Sache merken möchte, dann die, dass wir die Konformität offenbar lieben, ob wir wollen oder nicht. Es sind neben unseren Eltern und prägenden Lebensereignissen vor allem die sozialen Normen, die einen zentralen Einflussfaktor auf unser Verhalten darstellen. Dies kann sowohl positiv als auch negativ genutzt werden.
Den positiven Aspekt finden wir dann, wenn die jeweilige Norm sozial oder umweltfreundlich orientiert ist und man sich deshalb daran anpassen möchte. Ein Versuch: Häng doch an deinem Arbeitsplatz einfach mal einen Zettel auf den Kopierer mit der Aufschrift: »Zwei von drei Kollegen arbeiten papierlos.« Es sei dir versichert, dass du mit der Macht sozialer Normen eine Änderung im Papierverbrauch beobachten wirst.
Einen weiteren positiven Aspekt der Konformität kann man erleben, wenn man sich gewissen Gruppen zugehörig fühlt und dadurch eine kollektive Überzeugung der eigenen Wirksamkeit generiert. Man identifiziert sich sozusagen mit den normativen Vorstellungen einer Gruppe, und diese Normen werden dann in bestimmte Verhaltensweisen übersetzt. Denken wir nur an die Umweltschutzbewegung »Extinction Rebellion«, »Fridays For Future« oder an »Black Lives Matter«. Ihnen allen liegt eine gewisse soziale Norm zugrunde, die die Gruppenmitglieder kennen und an die sie sich im Sinne einer positiven Zukunft auch zu halten versuchen.
Auf der anderen Seite können tief sitzende und vom Mainstream bisweilen hochgehaltene Normen und Standards aber auch einen negativen Einfluss auf unser Verhalten ausüben. So hat man etwa festgestellt, dass junge Mädchen auf den Fidschi-Inseln drei Jahre nach Einführung des Fernsehens begonnen haben, sich stärker mit ihrem körperlichen Erscheinungsbild zu beschäftigen und sich mehr mit anderen zu vergleichen.55 Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass auch die Essstörungen dieser Gruppe dramatisch zunahmen.
Ebenso interessant ist der Einfluss sozialer Normen in Bereichen des Studiums. Wie in Ausbildungen generell der Fall, hat auch jede Studienrichtung ihre eigenen Normen und Regeln. So wird es Untersuchungen zufolge Jura-Studierenden in den USA während des Studiums förmlich abtrainiert, sich um andere zu sorgen oder für das Gemeinwohl einzustehen.56 Im Gegenzug dazu werden extrinsische Werte aktiviert und das eigene Aussehen nimmt an Bedeutung zu. Weiters deuten die Studienautoren darauf hin, dass die vielen berufsbezogenen Probleme – von Depressionen über exzessiven Konsum bis hin zum Mangel an ethisch-moralischem Verhalten – womöglich mit dem Ablauf des Rechtsstudiums selbst zu begründen sind.
Was bedeuten diese Beispiele nun für die Macht sozialer Normen in Bezug auf unsere Gesellschaft? Betrachten wir doch nur ein paar der gängigen Beschreibungen unserer westlichen Welt, wie Leistungsgesellschaft, Konsumgesellschaft, Überfluss-, Wegwerf- oder Wohlstandsgesellschaft. Welche sozialen Normen kommen darin zum Ausdruck? Welche Werte sind uns als Bevölkerung dadurch wohl wichtig? Was macht solch eine gesellschaftliche Ausrichtung mit uns als Individuen? Und was denkst du, ist das Ergebnis von all dem, was wir bisher zum Thema Werte und Normen gehört haben?
In einer konsumorientierten Welt wie der unsrigen scheint es die Norm zu sein, die Quelle des Glücks und den Sinn des Lebens in äußeren und materiellen Dingen zu suchen. Das würde so natürlich kaum jemand zugeben. Wenn wir in unseren Firmenseminaren die Leute fragen, was ihnen im Leben wirklich wichtig sei, so kommen »Familie«, »Freunde« und »Gesundheit« als häufigste Antworten. Doch sehen wir uns diese Antworten etwas genauer an. Bedenken wir einfach mal, dass trotz rückläufiger Zahlen ein Viertel aller unselbstständig Beschäftigten mit Vollzeitjob im Schnitt auf mehr als acht Überstunden pro Woche kommt.57 Oder dass freie Dienstnehmer im Mittel mehr als 45 Stunden pro Woche arbeiten und sich gleichzeitig die Mehrheit der in Teilzeit Beschäftigten eine Aufstockung ihrer Stunden wünscht.e
Wenn wir dann noch hinzunehmen, dass wir jede Woche durchschnittlich acht bis zehn Stunden in Verkehrsmitteln verbringen, so stellt sich die Frage, wann denn bitte Zeit ist für die scheinbar so wichtigen Werte wie Familie oder Freunde.58 Weiterhin sei zum wiederholten Male gesagt, dass sich eine dauerhafte Überforderung in der Arbeit auch nicht mit dem Wert Gesundheit vereinbaren lässt. Belügen wir uns also selbst, wenn wir Familie, Freunde und Gesundheit als hohe Werte nennen? Nicht unbedingt. Doch unsere sozialen Normen wollen uns glauben machen, dass man seiner Familie etwas bieten muss, um geliebt zu werden, dass unsere Freunde unseren Status schätzen und dass unser Körper auch mit 50 noch so aussehen sollte, als hätten wir im Jungbrunnen gebadet. So rackern sich viele von uns Tag für Tag ab, für materielle Güter, Aussehen und Dienstleistungen. Und übersehen dabei, dass anstelle von »Familie, Freunde und Gesundheit« die Werte »Leistung und Status« das Steuer übernommen haben. Sie definieren ihr »gutes Leben« dann gern über ihren Besitz anstatt etwa darüber, wie sie sich fühlen oder wie sehr sie sich selbst verwirklichen können. Je mehr man hat, desto wertvoller ist man. Je mehr man leistet, desto mehr Anerkennung verdient man. Das sind nur ein paar unserer kollektiven Glaubenssätze. Erfolg wird noch immer im Außen gemessen, und so sind es vor allem die materiellen Güter, die den Grad des Erfolgs anzeigen sollen. Jede geschickte Werbekampagne greift auf diese sozialen Normen zurück und versucht uns einzureden: Sei jung! Sei schön! Sei erfolgreich!
Wir Autoren sind immer wieder schockiert darüber, dass diese Strategie noch immer funktioniert, und es macht uns traurig, dass vor allem junge Menschen diesem Wahn oft anheimfallen: wie viele Menschen sich etwa bereits in jungen Jahren einer Schönheitsoperation unterziehen; wie viele sich hohe Kredite aufnehmen, nur um sich ein teures Auto leisten zu können; und wie viele es als ihr höchstes Ziel ansehen, um jeden Preis reich zu werden, ohne je einen Gedanken darüber zu verlieren, was wahres Glück für sie bedeuten könnte.
Diese Entwicklung ist sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene sehr bedenklich. Wann werden wir endlich aufhören, diesen sogenannten »Idealbildern« hinterherzulaufen? Wann beginnen wir, zukunftsfähige Werte und Normen für uns zu etablieren und damit auch geistig in einem neuen Jahrhundert anzukommen?
Wenn wir die Zukunft auf positive Weise gestalten wollen, so müssen wir uns über die Wirkung von sozialen Normen Gedanken machen. Es ist wichtig, individuelle wie kollektive Werthaltungen zu thematisieren, ihren Einfluss auf eine nachhaltige Entwicklung zu verstehen und letztlich Wege und Methoden zu finden, diese im Sinne der Zukunftsfähigkeit, Verantwortung und Lebensfreundlichkeit auf breiter Basis zu verändern. Nur wenn uns bewusst ist, wie uns Werte und Normen am Weg in eine zukunftsfähige Gesellschaft hindern bzw. fördern, können wir in Sachen Nachhaltigkeit auch wirklich etwas verändern.
e Daten aus dem Jahr 2014.
3.3 Wie Werte die Nachhaltigkeit bremsen
Welche individuellen und kollektiven Werthaltungen hindern uns bisweilen daran, in eine wirklich lebenswerte Zukunft zu gelangen? Welche Grundüberzeugungen und Annahmen über das Leben stehen uns im Weg?
Wir haben schon angedeutet, dass manche unserer Werte eher zu einem nachhaltigen Verhalten führen als andere. Aber Vorsicht! Wir möchten nicht den Eindruck erwecken, dass einige Werte deshalb besser sind als andere oder dass gewisse Werte per se schlecht seien. Nein! Auch extrinsische und materielle Werte können uns im richtigen Verständnis einen guten Dienst erweisen. Es wird nie eine Gesellschaft geben, die frei von extrinsischen und materiellen Werten ist. Solange der Mensch Nahrung, Wasser und Luft zum Überleben benötigt, so lange werden auch äußere Werte eine Rolle spielen. Und so hat aus unserer Sicht natürlich jeder Mensch, der sich beispielsweise an Werten wie Leistung, Konkurrenz oder Macht orientiert, dieselbe Lebensberechtigung wie jedes andere Wesen auch, und das steht völlig außer Frage. Wir wollen also niemanden diskreditieren.
Was wir aber tun wollen, ist, manche unserer althergebrachten Werte auf ihre negativen Auswirkungen hin zu erörtern, um im Anschluss die Frage zu stellen, wie sich diese im Sinne der Zukunftsfähigkeit transformieren lassen.
Wie man den Status quo erfolgreich konserviert
Wenn man als Österreicher die Tradition infrage stellen will, hat man »nicht alle Tassen im Schrank«. In der schönen Alpenrepublik wird Tradition großgeschrieben, und wer sich dagegenstellt, begeht gesellschaftlichen Selbstmord. 2011 noch wünschten sich laut Gallup-Umfrage 17 Prozent der Bevölkerung einen Kaiser zurück.59 Auch wenn die Mehrheit des Landes mit derartigen Traditionen abgeschlossen hat, so hält sie an anderer Stelle umso vehementer daran fest.
Tradition hat viele gute Seiten, und um den Wert mancher Dinge zu erkennen, ist oftmals Zeit – und somit eine gewisse Konservierung – notwendig. Gleichzeitig gibt es Traditionen, die die Wende zu einer naturverbundenen Gesellschaft stark behindern. Bevor wir diese für den D-A-CH-Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) aufzeigen wollen, beginnen wir mit ein paar Traditionen aus dem Ausland. Denn dann fällt es bekanntlich leichter, auch in den eigenen Sumpf zu blicken.
Die Traditionelle Chinesische Medizin, kurz TCM, ist mittlerweile in vielen Teilen der Welt bekannt. Auch wenn sie von schulmedizinischer Seite gern belächelt wird, haben sich Methoden wie Akupunktur, Shiatsu, Qigong oder die chinesische Ernährungslehre im Westen stark verbreitet. Viele Bereiche dieser Tradition können als sehr hilfreich und wertvoll erachtet werden. Dennoch gibt es wie bei jeder jahrtausendealten Tradition Dinge, die veraltet sind. Ein Beispiel: Seit Jahrhunderten werden in der TCM Nashornhörner und Tigerknochen als Heilmittel verwendet. Und obwohl führende TCM-Mediziner längst davon abraten, hat sich diese Tradition in der Bevölkerung fortgesetzt. Auch das Handelsverbot von 1993 konnte nur bedingt Abhilfe schaffen, da die Produkte danach auf dem Schwarzmarkt vertrieben wurden.60
Seit 2018 sind der Handel und die Verwendung beider Produkte wieder bedingt erlaubt, was die Situation verschlimmert hat. Sofern man in China diese Tradition nicht ändert, wird sie wohl nur durch das Aussterben der jeweiligen Art beendet werden. Bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen gegenüber weltweit rund 4000 Tigern und 30.000 Nashörnern ist dies nur eine Frage der Zeit – oder eben der Werte.
Nicht nur in der Medizin, auch für künstlerische Zwecke sind tierische Materialien in China sehr beliebt. 2006 wurde etwa die Elfenbeinschnitzerei zum nationalen Kulturgut erklärt mit der Begründung, dass es eine jahrtausendealte Tradition sei. Zigtausende Elefanten mussten schon ihr Leben lassen für Schmuck und kunstvolle Statuen. Erst als der Staatschef selbst zum Gegner von Elfenbein wurde, kam es 2018 zum Handelsverbot.61 Unterstützt von großen Marketingkampagnen mit Beteiligung nationaler Prominenz könnte der Anstoß zu einem Wertewandel hier wirklich funktioniert haben. Laut Umweltverbänden sinkt die Zahl der Elfenbeinverkäufe, allerdings von einem hohen Niveau ausgehend.
Tierhörner als Kunst und deren Knochen als medizinische Heilmittel? Das klingt doch nach frühem Mittelalter! So oder ähnlich sehen das sicher viele hier bei uns in Mitteleuropa. Und dass bei dieser Geschichte die Chinesen eine tragende Rolle spielen, passt auch perfekt ins Bild. Vor kaum einer anderen Kultur hat der Westen im vergangenen Jahrzehnt mehr Ängste geschürt als vor dem Land der Mitte. Anstatt diese Ängste aber zu befeuern, möchten wir vielmehr einige Parallelen zwischen fernöstlichen und heimischen Traditionen ziehen.
Nehmen wir als erstes Beispiel den Steinbock zur Hand. Kein anderes Tier verkörpert den Alpenraum so stark wie dieser prächtige Bock, den man hierzulande quasi als zweites Wappentier ansehen könnte. Erste Höhlenmalereien existieren aus der Jungsteinzeit, und heute nennen unsere Kinder den Steinbock meist als ersten Vertreter bei der Frage nach heimischen Wildtierarten.f Seine Symbolträchtigkeit kam dem Steinbock selbst aber weniger zugute. Wegen seiner angeblich magischen Kräfte wurde er vor hundert Jahren fast ausgerottet. Die Jagd nach ihm und seine »Verwendung« waren damals Tradition. Die Hörner galten als Statussymbol, das Blut sollte gegen Harnkrankheiten helfen, und seinen Gedärmen, wie dem Magen, wurden Heilkräfte gegen Durchfall, Grippe bis hin zu Depressionen nachgesagt. Da halfen auch die bereits Anfang des 17. Jahrhunderts ausgesprochenen Bejagungsverbote nichts.
Weder die Schweiz noch Frankreich, Deutschland oder Österreich zählten um 1900 auch nur einen einzigen Alpensteinbock.62 Lediglich im italienischen Gran Paradiso, dem privaten Jagdrevier von König Vittorio Emanuele III., konnten unter strenger Bewachung von bewaffneten Schutzmännern etwa hundert Steinböcke erhalten werden. Da der König dem Schweizer Bundesrat allerdings keine Tiere für die Wiederansiedelung abgeben wollte, mussten andere Maßnahmen ergriffen werden. Entgegen dem Wert der Ordnung engagierten die Schweizer verschiedene Wilderer, die 1906 im Jagdrevier einbrachen, die ersten drei Kitze stahlen und in die Schweiz lieferten. Viele weitere folgten, und eben dieser Mut, entgegen den gesetzlichen Regelungen und Werten zu handeln, hat dem Steinbock das Fortbestehen gesichert. Später erklärte sich dann auch der König bereit, Tiere für die Wiederansiedelung bereitzustellen. Und so können wir im Alpenraum heute wieder auf eine Population von etwa 40.000 Tieren blicken.
Die Jagd zählt aus der Sicht des Menschen zu einer der ältesten Traditionen überhaupt. Neben dem Nahrungsmittel Fleisch lieferte sie uns über Knochen und Felle auch die Materialien für Kleidung, Werkzeuge oder Kunstobjekte. Und wer weiß, ob unsere Spezies überhaupt überlebt hätte, wären wir nur Sammler geblieben.
Gleichwohl ist die Jagd im 21. Jahrhundert längst keine Tradition mehr in dem Sinn, dass sie unser Überleben sichern muss. Es ist wohl eher so, dass sie mittlerweile dem Leben auch gefährlich werden kann. Während wir vor hundert Jahren den Steinbock fast ausgerottet haben, ging es im letzten Jahrzehnt dem Seeadler an den Kragen. Auch er, das offizielle Wappentier Österreichs, wäre schon ausgestorben, hätten diverse Umweltverbände nicht massive Schutzmaßnahmen ergriffen.
Jede Tradition, so auch die Jagd, muss ihre eigenen Praktiken reflektieren, wenn sie ihre Werte auch im Sinn eines größeren Ganzen hochhalten möchte. Wer Jagd betreibt, um die Wildbestände auf einem für den Wald gesunden Maß zu halten, kann sich sowohl Jäger als auch Heger bzw. naturverbunden nennen. Wer allerdings Hirsche schießt, um sich deren Geweihe als Statussymbol an die Wand zu hängen, ist geistig eher noch im Mittelalter verankert. Wäre dieser Jemand in China geboren, würde er wohl auf einem Elfenbeinstuhl sitzen und sein Gewissen mit zerriebenen Tigerknochen zu heilen versuchen.
Die Technik wird’s schon richten?
Ein Wert, der bei uns im Westen sehr stark mit dem Wohlstand einherzugehen scheint, ist der technische Fortschritt. Technik begeistert, und es gibt heutzutage wohl kaum einen Bereich mehr, wo uns die Technik nicht auch das Leben ein großes Stück erleichtert hat. Nichtsdestotrotz ist der technische Fortschritt sehr oft mit der Ausbeutung von Ressourcen verbunden. Dass er auch unser soziales Miteinander stark verändert, ist beim Blick auf die digitalisierte Welt nicht neu, aber nicht Thema dieses Buchs. Deshalb wollen wir ihn hier einmal über ein Beispiel unter die Lupe nehmen, das für manche womöglich neu ist. Die folgende Geschichte zeigt uns bestens, warum wir auch im technisch-wissenschaftlichen Bereich unser gesamtes Welt- und Wertebild ändern müssen, um als Gesellschaft zukunftsfähig zu werden.
Als die beiden Wissenschaftler Alfred Sallmann und Rudolph Pfister in den 1960er-Jahren in der Schweiz die chemische Verbindung Diclofenac synthetisierten, war dies ein großer Erfolg.63 Vermutlich taten sie ihre Arbeit aus Leidenschaft und in dem guten Glauben, der Welt einen Gefallen zu tun. Viele Menschen würden dem wohl beipflichten, denn Diclofenac hilft bei Fieber, Entzündungen oder auch Rheuma.
Aufgrund der positiven Ergebnisse begann man später, diese Arznei auch in der Tiermedizin einzusetzen. Vor allem in Indien fand das kostengünstige Medikament ab den 1990er-Jahren regen Absatz in der Anwendung bei Kühen. Und bei über 300 Millionen Kühen ist das natürlich jede Menge Diclofenac. Da Rinder in Indien aus Glaubensgründen nicht geschlachtet werden, verenden sie meist irgendwo auf Feldern oder in freier Natur. Tausende Jahre lang stellte dies kein Problem dar, denn die Kadaver wurden von einem Millionenheer an Geiern entsorgt. Durch die Einführung der Arznei waren die Kadaver der Kühe aber plötzlich mit Diclofenac belastet, was bei den Geiern zu einem tödlichen Nierenversagen führte. Innerhalb von Jahrzehnten starben je nach Art zwischen 97 und 99 Prozent der indischen Geier aus.64 Da half es auch nicht mehr, dass beginnend mit 2006 in Pakistan, Nepal, Bangladesch und Indien Verbote für die Arznei ausgesprochen wurden. Für die mehr als vierzig Millionen Geier, die bis dahin verendet waren, kam diese Maßnahme zu spät.
Das Problem zog noch weitere Kreise. Seitdem die Geier verschwunden sind, fressen Ratten und Hunde die Rinderkadaver. Da jene Tiere mit dem Stoff weniger Probleme haben, führte dies zu einem erheblichen Anstieg in deren Population. Dadurch wiederum stieg die Anzahl an Hundebissen und gleichzeitig die Zahl der Todesfälle durch Tollwut. Schätzungen nationaler Naturverbände zufolge kostete das Geiersterben 34 Milliarden Dollar und 47.000 Menschenleben. Da stellt sich die berechtigte Frage, ob Diclofenac noch immer als »kostengünstig« bezeichnet werden kann.
Auch wenn diese Geschichte für sich sprechen sollte, würden wohl manche noch immer ganz technokratisch argumentieren, dass die Inder ihre Rinderkadaver einfach »zeitgemäß« entsorgen müssen. Dem kann man auch ganz technokratisch kontern: Ein einzelner Geier erbringt durch seine Fressgewohnheiten eine sogenannte Entsorgungsleistung von 9200 Euro jährlich. Die Aufzucht und Bewahrung der Geierbestände ist somit deutlich günstiger als der Bau von Krematorien. In einem Land mit einem jährlichen BIP pro Kopf von ca. 2000 Euro ist dies ein entscheidender Faktor. Man könnte jetzt natürlich noch meinen, die Inder sollten Teile ihres Glaubens reflektieren. Angesichts der vielen Probleme durch verrottende Rinderkadaver ist dies womöglich kein schlechter Tipp. Gleichzeitig ist aber auch unsere westliche Wissenschaft dazu angehalten, die eigenen Werte und Überzeugungen infrage zu stellen, denn die Inder hätten kein Diclofenac, wenn wir es nicht auf dem ganzen Globus verbreitet hätten. Zudem ist Diclofenac seit 2014 auch in der EU als allgemeine Tiermedizin zugelassen – und könnte somit auch bald die wenig verbliebenen Geierbestände in Europa gefährden. Alles in allem sind also auch wir keine Weltmeister im Reflektieren unserer Werte!
Zweifelsohne bietet uns der technische Fortschritt zahlreiche Möglichkeiten auf dem Weg in die Zukunft und kann für uns alle ein Segen sein. Viele Innovationen haben uns als Menschheit vorangebracht und werden dies auch weiterhin tun. Doch wie jeder andere Wert muss auch dieser die Natur und sein Umfeld in jeder Hinsicht mit bedenken. Gerade das Beispiel aus dem pharmazeutischen Bereich sollte uns zeigen, dass es im Bereich der Naturwissenschaft eine gänzlich neue Herangehensweise an Forschung und Entwicklung benötigt. Wissenschaftlich ist dieser interdisziplinäre und als systemisch bezeichnete Ansatz längst beschrieben. Gelehrt und umgesetzt wird er trotzdem noch immer viel zu wenig. Dafür braucht es eben, nicht zuletzt, eine Änderung in unseren Wertvorstellungen.
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