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Jules Verne

20.000 Meilen unterm Meer

Das geheimnisvolle Unterwasserschiff

erkundet die Merkwürdigkeiten fremder Meere

Saga

20.000 Meilen unterm MeerOriginal: Vingt mille lieues sous les mers

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1869-1870, 2020 Jules Verne und SAGA Egmont

All rights reserved

ISBN: 9788726642865

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Erstes Kapitel

Es muß wohl ein Einhorn sein

Meine Zeitgenossen werden sich noch deutlich jener merkwürdigen Naturerscheinungen erinnern, über die im Jahre 1866 so überstürzende Gerüchte umliefen. Besonders die Bevölkerung der Hafenstädte wurde damals beunruhigt, und bei allen Seeleuten, bei den Kaufleuten und Reedern, den Schiffsherren, Patronen und Kapitänen in Europa und in Amerika gab es viel Aufruhr. Die Offiziere der Kriegsmarine und die Staatsregierungen aller Staaten widmeten der Sache ein besonderes Interesse.

Die Berichte lauteten dahin, daß einzelne Schiffe seit einiger Zeit einem unerklärlichen und nicht genau zu beschreibenden Gegenstand begegneten: spindelförmig, lang, zuweilen phosphoreszierend und unendlich viel größer und geschwinder als ein Walfisch.

Überall war das Ungeheuer Tagesgespräch; in den Cafés, in den Journalen, ja sogar in den Theatern. Die Enten bekamen eine hübsche Gelegenheit, Eier in allen Farben zu legen. Die Journale gaben in Abbildungen alle riesenmäßigen Phantasiebilder zum Besten, vom weißen Walfisch, dem erschrecklichen „Moby-Dick“ der Hyperboreerländer bis zum maßlosen Kraken, der mit seinen Fühlhörnern ein Fahrzeug von fünfhundert Tonnen umwickeln und in den Abgrund des Ozeans hinabziehen kann.

Am 13. April 1867 fuhr die „Scotia“ unter 15° 12’ Länge und 45° 37’ Breite, bei ruhigem Meer und günstigem Wind mit einer Schnelligkeit von dreizehn Knoten und vollkommen regelmäßiger Radbewegung. Am Abend, als die Passagiere eben im großen Salon bei der Tafel saßen, verspürte man einen kaum merkbaren Stoß. Er schien so leicht, daß kein Mensch an Bord beunruhigt wurde, bis die Leute des Schiffsraumes mit Geschrei aufs Verdeck stürzten: „Wir gehen unter!“

Augenblicklich bemächtigte sich der Passagiere eine ungeheure Panik; aber Kapitän Anderson konnte sie beruhigen. Tatsächlich konnte die Gefahr nicht bedeutend werden, da die „Scotia“ durch wasserdichte Verschläge in sieben Abteilungen geteilt war, so daß sie leicht einem Eindringen des Wassers standhalten konnte. Der Kapitän begab sich sofort in den Schiffsraum und stellte fest, daß das Wasser in das fünfte Gefach durch ein beträchtliches Leck eindrang. Zum Glück befanden sich die Kessel nicht darin, sonst wären die Feuer mit einem Male ausgelöscht worden.

Der Kapitän ließ sogleich halten, ein Matrose tauchte unter, um den Schaden zu untersuchen, und es fand sich ein zwei Meter breites Loch im Kiel. So konnte die Scotia nur mit halber Schnelligkeit weiterfahren und kam um drei Tage verspätet in Liverpool an.

Bei der Ausbesserung stellte man einen regelmäßigen Riß in Form eines gleichschenkeligen Dreiecks fest. Der Bruch des Eisenblechs zeigte, daß der durchbohrende Gegenstand ausnehmend hart gewesen sein mußte; auch mußte er, nachdem er mit enormer Gewalt eingedrungen war, sich wieder durch eigene Bewegung, in unerklärbarer Weise herausgezogen haben.

Dieses Ereignis setzte die öffentliche Meinung in leidenschaftliche Erregung. Von nun an wurden Unfälle zur See, deren Ursache man nicht kannte, auf Rechnung des Ungeheuers gesetzt, und dem phantastischen Tier wurden alle Schiffbrüche dieser Art zugeschrieben.

Da nun, mit Recht oder Unrecht, die Beschuldigung sich erhob, daß der Verkehr in gefährlicher Weise gestört sei, so verlangte das Publikum aufs entschiedenste, die Meere endlich um jeden Preis von dem fürchterlichen Ungetüm zu befreien.

Zur Zeit dieser Ereignisse kam ich von einer wissenschaftlichen Untersuchungsreise, der mich die französische Regierung als Professor der Naturgeschichte zugeteilt hatte, aus Nebraska in den Vereinigten Staaten zurück. Gegen Ende März kam ich nach sechsmonatigem Aufenthalt in Nebraska mit kostbaren Sammlungen in New York an, und meine Abreise nach Frankreich war auf Anfang Mai festgesetzt. Ich beschäftigte mich eben damit, inzwischen meine mineralogischen, botanischen und zoologischen Schätze zu ordnen, als sich der Unfall der „Scotia“ ereignete.

Bei meiner Ankunft in New York war dieses Ereignis hochaktuell. Die Hypothese einer schwimmenden Insel, einer unerreichbaren Klippe, die von einigen urteilslosen Köpfen aufgebracht worden war, hatte man bereits aufgegeben. Wie sollte denn auch solch eine Klippe, sofern sie nicht eine Maschine im Leib hatte, so reißend schnell die Stelle wechseln?

Ebenso wurde der Gedanke an einen umherschwimmenden Schiffsrumpf aus dem gleichen Grunde aufgegeben.

Es blieben also noch zwei mögliche Lösungen der Frage, die beide Anhänger fanden: Die einen hielten den Gegenstand für ein Ungeheuer von kolossaler Kraft; die anderen für ein unterseeisches Fahrzeug von außerordentlicher Beweglichkeit.

Man erwies mir die Ehre, mich über die fragliche Erscheinung zu befragen. Ich hatte in Frankreich einen zweibändigen Quartanten unter dem Titel: „Die Geheimnisse der großen unterseeischen Tiefe“ erscheinen lassen. Dieses besonders von der gelehrten Welt gut aufgenommene Buch machte aus mir einen Spezialisten in diesem noch ziemlich unbekannten Gebiet der Naturwissenschaft. Bald mußte ich, aufs Äußerste gedrängt, mich kategorisch erklären. Und der „ehrenwerte Pierre Arronax, Professor am Museum zu Paris“, wurde sogar vom New-York-Harald öffentlich aufgefordert, irgendeine Ansicht über die Sache zu formulieren.

Ich machte mich daran. Ich sprach, weil ich nicht mehr schweigen konnte.

Bis auf weitere Informationen handelte es sich meiner Vermutung nach um ein See-Einhorn von kolossalen Dimensionen, das mit einem wirklichen Sporn bewaffnet ist, wie ihn die Panzerfregatten haben, denen es etwa an Umfang und Bewegungskraft gleich käme.

Das Meer ist gerade das beste Element, der einzige Ort, wo solche Riesen — neben denen die Elefanten und Rhinozerosse nur Zwerge sind — entstehen und sich entwickeln können! Die Massen des Ozeans enthalten die größten Gattungen bekannter Seesäugetiere, und vielleicht bergen sie in ihren Tiefen noch manche Mollusken und Schaltiere von erschrecklichem Aussehen. Vormals, in der Urzeit, waren die Landtiere, Vierfüßler, Reptilien und Vögel von riesenhafter Form. Warum sollte nicht das Meer, das sich unveränderlich gleich bleibt, in seinen unbekannten Tiefen noch solche Überreste eines anderen Zeitalters bewahrt haben? Warum sollte es nicht in seinem Schoße die letzten Arten solcher Riesengattungen bergen?

Doch wenden wir uns aus dem Reiche der Phantasie der bösen Wirklichkeit zu. Die öffentliche Meinung sprach sich damals ohne Widerspruch für die Existenz eines wunderhaften Riesentieres aus.

Aber sofern die einen nur eine wissenschaftliche Aufgabe darin erkannten, wollten die anderen, mehr positiven Geister, zumal in Amerika und England, das Meer von dem furchtbaren Ungeheuer säubern, um den überseeischen Verkehr zu sichern. Die industriellen und Handelsblätter behandelten die Frage hauptsächlich von diesem Gesichtspunkt aus; alle den Assekuranz-Gesellschaften ergebenen Blätter waren darin einer Meinung.

Nachdem die öffentliche Meinung sich ausgesprochen, erklärten sich die Vereinigten Staaten zuerst. Man traf in New York Vorkehrungen für eine Expedition zur Verfolgung des Narwals. Eine schnellsegelnde Fregatte, „Abraham Lincoln“, wurde instand gesetzt, unverzüglich in See zu stechen. Dem Kommandanten Farragut wurden die Arsenale geöffnet, und er betrieb eifrigst die Ausrüstung des Schiffes.

Nun aber, wie das meistens geschieht, gerade von dem Moment an, da man entschlossen war, das Ungeheuer zu verfolgen, war es nicht mehr zu sehen. Zwei Monate lang hörte man nicht mehr von ihm reden. Es schien, als habe das Einhorn Kunde von diesem Komplott bekommen. Man hätte zuviel davon gesprochen, vor allem über das Kabel, scherzte man; der schlaue Fuchs habe einige Telegramme aufgefangen und mache sich nun ihren Inhalt Zunutze.

Als daher die Fregatte für eine weite Bahrt gerüstet und mit allen notwendigen Maschinen versehen war, wußte man nicht, wohin die Fahrt zu richten sei. Endlich verlautete, ein Dampfer von der Linie S. Franzisko in Kalifornien nach Schanghai habe das Tier drei Wochen zuvor in den nördlichen Gewässern des Stillen Ozeans gesichtet.

Es entstand wieder hellste Aufregung. Man ließ dem Kommandanten Farragut kaum vierundzwanzig Stunden Frist. Seine Vorräte waren eingeschifft, Kohlen in Überfluß, kein Mann der Besatzung fehlte an seinem Platz; man brauchte nur zu heizen, auszulaufen! Nicht einmal einen halben Tag Verzögerung hätte man ihm verziehen! Zudem war der Kommandant selbst voll Eifer.

Drei Stunden, bevor der „Abraham Lincoln“ von Brooklyn abfuhr, erhielt ich folgendes Billett:

Herrn Arronax, Professor am Museum zu Paris,

5 Avenue Hotel

New York.

Mein Herr!

Wenn Sie sich der Expedition des „Abraham Lincoln“ anschließen wollen, wird die Regierung der Vereinigten Staaten erfreut sein, daß Frankreich durch Sie an dieser Unternehmung sich beteilige. Der Kommandant Farragut hält eine Kabine zu Ihrer Verfügung bereit.

Ergebenst der Ihrige

J. B. Hobsen,

Sekretär der Marine.

Drei Sekunden vor Ankunft des Briefes von J. B. Hobsen dachte ich ebensowenig das Einhorn zu verfolgen, als die nordwestliche Durchfahrt zu versuchen. Drei Sekunden nachdem ich den Brief des bekannten Sekretärs der Marine gelesen, begriff ich endlich, daß das einzige, wahre Ziel meines Lebens darin bestehe, das beunruhigende Ungeheuer zu verjagen und die Welt von ihm zu befreien.

Aber ich kam eben von einer mühevollen Reise zurück und sehnte mich erschöpft nach Ruhe. Ich wollte nur meine Heimat wiedersehen, meine Freunde, meine kleine Wohnung im Jardin des Plantes, meine kostbaren Sammlungen! Aber nun konnte nichts mich zurückhalten: Ich vergaß Ermüdung, Freunde, Sammlungen und nahm ohne weiteres Bedenken das Anerbieten der amerikanischen Regierung an.

‚Übrigens’, so dachte ich, ‚führt ja jeder Weg nach Europa zurück, und das Einhorn wird wohl so liebenswürdig sein, mich nach den Küsten Frankreichs zu locken! Dieses respektable Tier wird sich sicher in den Gewässern Europas — zu meinem persönlichen Vergnügen — fangen lassen — und ich will dem naturhistorischen Museum mindestens einen halben Meter von seiner elfenbeinernen Hellebarde mitbringen’.

Einstweilen aber mußte ich den Narwal im Norden des Stillen Ozeans suchen; das hieß etwa das gleiche, wie für die Rückkehr nach Frankreich den Weg zu den Antipoden einschlagen.

„Conseil!“ rief ich ungeduldig.

Conseil war mein Diener. Ein ergebener Bursche, der mich auf allen meinen Reisen begleitete; ein braver Flamländer, den ich liebgewonnen hatte und der mir’s vergalt; phlegmatisch von Natur, ordentlich aus Grundsatz, dienstbeflissen aus Gewohnheit, ließ er sich durch keine Überraschung irremachen; mit geschickten Händen zu jedem Dienst geeignet, war er niemals mit seinem Rat zudringlich.

Durch den Verkehr mit den Gelehrten unserer kleinen Welt des Jardin des Plantes hatte Conseil es dazu gebracht, daß er viel wußte. Ich hatte in ihm geradezu einen Spezialisten, der, sehr bewandert in der naturhistorischen Einteilung, mit der Gewandtheit eines Seiltänzers die ganze Stufenleiter der Verzweigungen, Gruppen, Klassen, Unterabteilungen, Ordnungen, Familien, Gattungen, Untergattungen, Arten und Varietäten auf und ab lief. Aber hier lag auch schon die Grenze seines Wissens. Klassifizieren war sein Lebenselement, mehr aber verstand er nicht. Dehn in der Praxis hätte er nicht einmal einen Pottfisch von einem Walfisch unterscheiden können! Und doch, was für ein braver, tüchtiger Mensch!

„Mein Herr ruft mich?“ Conseil trat ein.

„Ja, mein Junge. Mach dich fertig und hilf mir! In zwei Stunden reisen wir ab.“

„Wie es dem Herrn beliebt.“ Conseil war nicht aus der Fassung zu bringen.

„Jeder Augenblick ist kostbar, also packe in meinen Koffer alles, Kleider, Hemden, Strümpfe, so viele du nur kannst, und rasch! Rasch!“

„Und des Herrn Sammlungen?“ Conseil überlegte alles.

„Später wollen wir uns damit wieder befassen.“

„Wie? Die Archiotherium, Hyracotherium, Oreodon, die Cheropatamus und andere Gerippe meines Herrn?“

„Man soll sie im Hotel aufheben!“

„Und der lebendige Babirussa meines Herrn?“

„Man soll ihn in meiner Abwesenheit füttern, Übrigens werde ich Auftrag geben, unsere Menagerie nach Frankreich zu befördern.“

„Wir kehren also nicht zurück nach Paris?“ fragte Conseil.

„Ja . . . gewiß . . .“, ich wich seinen Fragen aus, „aber auf einem Umweg.“

„Wie es meinem Herrn beliebt.“

„Ja! Ein kleiner Umweg, das ist alles. Wir fahren mit auf dem ‚Abraham Lincoln’!“

„Wie es meinem Herrn beliebt.“ Conseil blieb seelenruhig.

„Du weißt, lieber Freund, es handelt sich um das Ungeheuer . . . den famosen Narwal . . . Wir werden die Meere von ihm befreien! . . . Ein ehrenvoller, aber auch gefahrvoller Auftrag! Diese Tiere können sehr üble Laune haben! Aber trotzdem, wollen wir gehen?“

„Was mein Herr tut, das tue auch ich.“ Es klang so selbstverständlich.

Nach einer Viertelstunde waren unsere Koffer fertig, und ich war sicher, daß nichts fehlte, denn der Junge verstand Hemden und Kleider ebenso gut zu ordnen wie Vögel und Säugetiere. Noch ordnete ich im Kontor meine Rechnungen, gab Auftrag, meine Kisten mit ausgebalgten Tieren und getrockneten Pflanzen nach Paris zu schicken, und eröffnete dem Barbirussa einen hinlänglichen Kredit. Darauf stieg ich in Conseils Begleitung in einen Wagen, und nach einigen Minuten waren wir am Kai, wo der „Abraham Lincoln“ schwarze Rauchsäulen emporwirbelte.

Unser Gepäck wurde gleich aufs Verdeck der Fregatte gebracht, ich selbst eilte an Bord und fragte nach dem Kommandanten Farragut. Ein Matrose führte mich aufs Vorderdeck zu einem Offizier von stattlichem Aussehen, der mir die Hand reichte.

„Herr Pierre Arronax?“ redete er mich an.

„Der bin ich. Kommandant Farragut?“

„In eigener Person. Seien Sie willkommen, Herr Professor. Ihre Kabine wartet schon auf Sie.“

Kommandant Farragut war ein tüchtiger Seemann. Er fühlte sich eins mit seinem Schiff, war seine Seele. Über das Seeungeheuer hegte er nicht den mindesten Zweifel, und er gestattete auch nicht, daß an Bord seines Schiffes über die Existenz des Tieres disputiert wurde. Er glaubte daran wie an einen Glaubensartikel. Das Ungeheuer existierte, und er hatte geschworen, die Meere von dem Untier zu befreien. Punktum! Entweder der Kommandant Farragut würde den Narwal töten oder der Narwal den Kommandanten. Ein Drittes gab’s für ihn nicht.

Die Mannschaft brannte darauf, mit dem Einhorn zusammenzutreffen, die Harpune zu werfen, es an Bord zu ziehen und es zu zerhauen. Sie beobachtete achtsam die Meeresfläche, Übrigens sprach der Kommandant Farragut von einer Summe von zweitausend Dollars, die er ausgesetzt habe — Schiffsjunge, Matrose oder Offizier — wer das Tier signalisierte, sollte sie bekommen. Man kann sich denken, wie alles an Bord der „Abraham Lincoln“ die Augen anstrengte.

Kömmandant Farragut hatte sein Schiff mit allem notwendigen Werkzeug versehen, um das Riesentier zu fischen. Wir besaßen alles: von der mit der Hand geworfenen Harpune angefangen bis auf die explodierenden Kugeln der Geschütze.

Es fehlte also dem „Abraham Lincoln“ nicht an Mordmitteln. Aber er besaß noch mehr, den Harpunierkönig Ned-Land.

Ned-Land war ein Kanadier von seltener Handfertigkeit, der seinesgleichen in dem gefährlichen Handwerk nicht hatte. Er besaß Gewandtheit und Kaltblütigkeit, Kühnheit und List in besonders hohem Grad, und ein Walfisch mußte schon recht tückisch, ein Pottfisch besonders listig sein, um seiner Harpune zu entrinnen.

Ned-Land war etwa vierzig Jahre alt, hochgewachsen — über sechs englische Fuß — äußerst kräftig, wenig mitteilsam, manchmal heftig und, wenn man ihn reizte, leicht zornig. Er fiel unbedingt auf.

Kommandant Farragut hatte klug getan, diesen Mann für sein Schiff zu gewinnen, der allein mit Auge und Arm die ganze Mannschaft aufwog.

Zweites Kapitel

Auf gut Glück

Die Fahrt des „Abraham Lincoln“ verlief lange ohne jeden Zwischenfall. Er durchfuhr alle nördlichen Meeresstriche des Stillen Ozeans, lief die signalisierten Walfische an, kreuzte in raschen Wendungen hin und her, ließ keinen Punkt von Japan bis zur amerikanischen Küste undurchsucht. Aber es gab nichts, nichts als das unermeßliche, öde Meer! Nichts, was einem riesenhaften Narwal, einem unterseeischen Inselchen, einer schweifenden Klippe noch sonst etwas Übernatürlichem geglichen hätte.

Da trat ein Rückschlag ein. Die Entmutigung machte zuerst einer Ungläubigkeit Platz. Es entstand an Bord eine Stimmung, die aus drei Zehntel Scham und sieben Zehntel Zorn bestand. Wie war man doch „einfältig, sich für eine Chimäre gewinnen zu lassen“. Jeder dachte nur mehr in den Stunden der Mahlzeit oder des Schlafes daran, die so sinnlos geopferte Zeit wieder nachzuholen.

So verfiel man von einem Extrem ins andere. Die wärmsten Verfechter der Unternehmung wurden nun zu den ärgsten Schmähern. Die Reaktion befiel alles, vom untern Schiffsraum bis zum Salon der Offiziere, und wäre nicht der Kommandant Farragut so hartnäckig gewesen, so hätte sich die Fregatte wieder entschieden nach Süden gewendet.

In diesem Sinne machte man dem Kommandanten Vorstellungen. Der aber hielt wacker stand. Die Matrosen verhehlten nicht ihre Unzufriedenheit, und der Dienst litt darunter. Ich will nicht sagen, daß an Bord ein Aufruhr entstand, aber der Kommandant Farragut fand doch, nachdem er geraume Zeit widerstanden, sich veranlaßt, wie einst Kolumbus, drei Tage Geduld zu verlangen. Wenn im Verlauf von drei Tagen das Ungeheuer sich nicht zeigte, sollte der „Abraham Lincoln“ die Heimkehr nach den europäischen Meeren antreten.

Dieses Versprechen wurde am 2. November gegeben. Es hatte zunächst zur Folge, daß der Mut der Mannschaft sich wieder hob. Der Ozean wurde wieder gründlich beobachtet; die Fernrohre kamen wieder in Tätigkeit. Es war wie eine letzte Herausforderung an den Riesen-Narwal.

Während der nächsten zwei Tage hielt sich der „Abraham Lincoln“ bei schwachem Dampf. Man gab sich alle Mühe, die Aufmerksamkeit des Tieres, falls es sich in dieser Gegend befände, zu erregen. Es wurden ungeheure Stücke Speck am Schleppseil ausgeworfen — zur großen Befriedigung der Haifische. Die Boote fuhren in allen Richtungen um den „Abraham Lincoln“, während er aufbraßte, und ließen keinen Punkt undurchsucht. Aber der Abend des 4. November kam heran, ohne daß das unterseeische Geheimnis sich enthüllte.

Am folgenden Tag, dem 5. November, lief der Termin ab. Nach diesem Termin mußte der Kommandant Farragut, seinem Versprechen gemäß, die Fahrt nach Südosten richten und die nördlichen Gegenden des Stillen Ozeans verlassen.

Die Fregatte befand sich damals unter dem 31° 15’ nördlicher Breite und 136° 42’ östlicher Länge. Die Landschaften Japans waren kaum zweihundert Meilen entfernt. Die Nacht nahte, es schlug schon acht Uhr. Die Mondscheibe, in ihrem ersten Viertel, war von Gewölk verschleiert. Das Meer schlug ruhige Wellen.

In diesem Augenblick befand ich mich vorn an Steuerbord, aufs Geländer gelehnt. Conseil, der in meiner Nähe stand, schaute vor sich hin. Die Mannschaft, auf den Tauen hockend, forschte am Horizont, der allmählich enger und düsterer wurde. Die Offiziere, mit ihren Nacht-Lorgnetten bewaffnet, beobachteten die zunehmende Dunkelheit.

„Na, Conseil“, sagte ich zu meinem braven Diener, „nun ist noch zum letzten Mal Gelegenheit, zweitausend Dollars einzustreichen.“

Ehe Conseil antworten konnte, ließ sich eine laute Stimme vernehmen. Ned-Land rief: „Hoiho! der fragliche Gegenstand unterm Wind, quer vor uns!“

Sofort stürzten Mannschaft, Kommandant, Offiziere, Matrosen und Schiffsjungen hin zum Harpunier, selbst die Ingenieure verließen ihre Maschine, die Heizer ihr Feuer. Es wurde Befehl zum Einhalten gegeben, und die Fregatte fuhr nicht weiter, als ihre Kraft noch reichte.

Es herrschte völlige Dunkelheit, und so trefflich des Kanadiers Augen waren, so fragte ich mich doch, wie er denn nur sehen gekonnt und was er gesehen. Mein Herz klopfte zum Zerspringen.

Aber Ned-Land hatte sich nicht geirrt, und wir alle sahen den Gegenstand, auf den er mit der Hand wies.

Zwei Kabellängen vom „Abraham Lincoln“ entfernt schien das Meer an der Oberfläche beleuchtet. Es war nicht bloß ein Phosphoreszieren, man konnte sich nicht irren. Das einige Klafter unter dem Wasserspiegel verborgene Ungeheuer warf den sehr starken, aber unerklärlichen Glanz an die Meeresoberfläche, von dem schon mehrere Kapitäne berichtet hatten. Diese prächtige Ausstrahlung mußte von dem Träger einer starken Leuchtkraft herrühren. Die auf der Meeresfläche erleuchtete Stelle bildete ein ungeheures, sehr langes Oval, in dessen Zentrum ein glühender Brennpunkt von unerträglichem Glanz Strahlen warf, die, stufenweise schwächer, allmählich erloschen.

„Eine Anhäufung phosphoreszierender Elementarteilchen“, rief einer der Offiziere.

„Nein“, ich widersprach mit Überzeugung. „Niemals können die Pholaden und Salpen ein so starkes Licht erzeugen. Dieser Glanz ist seiner Natur nach elektrisch . . . Übrigens, sehen Sie, sehen Sie! Es ändert seine Stelle; bewegt sich vor-, rückwärts! Da! Es stürzt auf uns los!“

Allgemeines Geschrei auf der Fregatte.

„Still!“ befahl Kommandant Farragut. „Steuer unterm Wind, Maschine rückwärts!“

Die Matrosen stürzten sich auf das Steuer, die Ingenieure zu ihrer Maschine.

Der „Abraham Lincoln“ drehte sich links, beschrieb einen Halbkreis.

„Steuer rechts! Maschine voran!“ rief Farragut.

Die Befehle wurden ausgeführt, und die Fregatte entfernte sich rasch von der leuchtenden Stelle.

Besser, sie wollte sich entfernen, aber das Wundertier näherte sich mit doppelter Geschwindigkeit.

Wir waren außer Atem. Bestürzung machte uns stumm und unbeweglich. Das Tier spottete unser; es schwamm um die Fregatte herum und umzog sie mit elektrischen Streifen. Dann entfernte es sich zwei bis drei Meilen, indem es einen phosphoreszierenden Streifen hinter sich ließ, wie die Lokomotive ihre Dampfwirbel. Es wollte nur aus der Entfernung seinen Anlauf nehmen und schoß plötzlich vom dunklen Horizont aus mit furchtbarer Schnelligkeit auf den „Abraham Lincoln“ los, hielt jedoch in einer Entfernung von zwanzig Fuß auf einmal an, verschwand, als wäre die Quelle der glänzenden Ausströmung mit einem Male versiegt! Darauf kam es auf der andern Seite des Schiffes wieder zum Vorschein, sei es, daß es um dasselbe herum oder darunter schwamm. Jeden Augenblick konnte ein Zusammenstoß erfolgen, der uns vernichtet hätte.

Ich wunderte mich allgemach über die Manöver der Fregatte. Sie floh, griff nicht an. Sie wurde verfolgt, statt zu verfolgen, und ich sagte dem Kommandanten meine Meinung. Seine sonst so festen Züge zeigten eine unbeschreibliche Bestürzung.

„Herr Arronax“, erklärte er mir, „ich weiß nicht, mit welch furchtbarem Geschöpf ich es zu tun habe, und ich will nicht unvorsichtig in dieser Dunkelheit meine Fregatte aufs Spiel setzen. Wie soll man auch nur das Unbekannte angreifen, wie sich verteidigen. Warten wir den Tag ab, dann wollen wir die Rollen wechseln!“

„Sie haben, Kommandant, über die Natur des Tieres keinen Zweifel mehr?“

„Nein, mein Herr, es ist offenbar ein Riesen-Narwal, und dazu ein elektrischer.“

„Vielleicht kann man ihm ebensowenig nahekommen wie einem Zitterfisch!“

„Ja, und wenn das Tier die Kraft eines Blitzschlages besitzt, so ist es das Fürchterlichste, das jemals aus des Schöpfers Hand gekommen ist. Deshalb, mein Herr, werde ich vorsichtig sein.“

Die Nacht über blieb die ganze Bemannung auf den Beinen, an Schlaf konnte niemand denken. Da der „Abraham Lincoln“ sich an Schnelligkeit nicht mit dem Gegner messen konnte, so hielt er sich bei schwachem Dampf und fuhr langsam weiter. Der Narwal dagegen machte es der Fregatte nach, ließ sich auf den Wellen wiegen und schien entschlossen, den Schauplatz des Kampfes nicht zu verlassen.

Um Mitternacht aber verschwand er; oder besser gesagt, er „erlosch“ wie ein gewaltiger Leuchtturm. War er geflohen? Sieben Minuten vor ein Uhr morgens aber vernahm man ein betäubendes Zischen, als ob ein Wasserstrahl mit äußerster Heftigkeit emporgeschleudert würde.

Der Kommandant, Ned-Land und ich befanden uns gerade auf dem Vorderdeck und schauten starr durch das tiefe Dunkel.

„Ned-Land“, fragte der Kommandant, „Sie haben oft das Zischen der Walfische gehört?!“

„Jawohl, Kapitän! Aber noch niemals von solchen Walfischen wie dem da, der mir zweitausend Dollars verschafft hat.“

„Richtig, Sie haben ja ein Recht auf den Preis. Aber sagen Sie mir, ist denn dieses Getöse nicht das gleiche wie das der Walfische, wenn sie Wasser aus ihren Luftlöchern ausstoßen?“

„Ganz dasselbe, aber unvergleichlich stärker. Ein Irrtum ist gar nicht möglich. Das Tier gehört zum Walfischgeschlecht. Wollen morgen bei Tagesanbruch zwei Wörtel mit ihm reden!“

„Wenn es Lust hat, Sie zu hören“, meinte ich nicht ohne Ironie.

„Kann ich ihm nur auf vier Harpunenlängen nahe kommen“, der Kanadier war schlagfertig, „so wird es mich wohl anhören müssen.“

„Werd’ Ihnen ein Walfischboot zur Verfügung stellen!“ meinte der Kommandant. „Das heißt aber auch, das Leben meiner Leute aufs Spiel setzen!“

„Und auch das meinige!“ entgegnete einfach der Harpunier. Da waren wir wieder still.

Gegen zwei Uhr morgens zeigte sich die leuchtende Stelle wieder fünf Meilen vom „Abraham Lincoln“. Trotz der Entfernung, trotz des Brausens des Meeres und Windes hörte man deutlich die schweren Schwanzschläge des Tieres und sogar sein keuchendes Atmen.

‚Na’, dachte ich, ‚ein Walfisch von der Kraft eines Kavallerieregiments, ein hübsches Tier!’

Man war zum Kampf gerüstet. Das Gerät zum Fischen lag bereit. Es wurden die kleinen Harpunenstücke geladen, auch die langen Büchsen mit Explodierenden Kugeln, die selbst den stärksten Tieren tödliche Wunden beibringen. Ned-Land hatte seine Harpune, eine fürchterliche Waffe, in der Hand.

Um sechs Uhr begann der Tag zu grauen; mit dem ersten Schimmer der Morgenröte verschwand der Glanz des Narwals. Um sieben Uhr war es völlig Tag geworden, aber ein dichter Morgennebel fiel ein und beschränkte die Sicht. Zorn und Enttäuschung machten sich breit.

Ich kletterte auf die Stangen des Hintermastes. Einige Offiziere saßen schon oben auf den Masten.

Um acht Uhr stieg der Nebel allmählich auf. Der Blick wurde wieder frei und rein.

Plötzlich ließ Ned-Land sich wieder vernehmen:

„Der fragliche Gegenstand hinten links!“

Die Blicke aller richteten sich dahin.

Eine und eine halbe Meile entfernt sah man einen langen, schwärzlichen Körper einen Meter über den Wellen emportauchen. Sein Schwanz erregte mit gewaltigen Schlägen einen ungeheuren Wirbel. Blendend weißes, unendlich ausgedehntes Kielwasser bezeichnete in langer Kurve die Bahn des Tieres.

Die Fregatte kam näher, und ich konnte es genau beobachten. Die Berichte des „Shannon“ und der „Helvetia“ hatten seine Größe übertrieben, ich schätzte seine Länge auf höchstens zweihundertundfünfzig Fuß. Seine Dicke zu schätzen war schwierig, aber im ganzen schien mir das Tier in den drei Dimensionen wohlproportioniert.

Während ich das phänomenale Geschöpf beobachtete, schleuderte es aus seinen zwei Luftlöchern Strahlen von Dampf und Wasser, die gegen vierzig Meter hoch stiegen. Daraus konnte ich über die Art seines Atmens mir eine bestimmte Meinung machen. Es mußte zu den Wirbeltieren gehören, der Klasse der Säugetiere, Gruppe der fischförmigen, Ordnung der walfischartigen. Über die Familie war ich mir noch nicht klar. Das Weitere hoffte ich mit Gottes und des Kommandanten Hilfe bald bestimmen zu können.

Die Mannschaft harrte mit Ungeduld der Befehle ihres Kommandanten, der, als er das Tier genau besehen, den Ingenieur rufen ließ.

„Heizen Sie stärker, bis zu voller Dampfkraft“, befahl er ihm.

Dreimaliges Hurra erschallte. Die Stunde des Kampfes hatte geschlagen. Nach wenigen Augenblicken entströmten schwarze Dampfwolken dem Rauchfang der Fregatte, und das Verdeck zitterte unter den Schauern der Kessel.

Der „Abraham Lincoln“, von seiner gewaltigen Schraube getrieben, fuhr schnurgerade auf das Tier los, das ihn bis auf halbe Kabellänge gleichgültig an sich herankommen ließ. Da machte es eine Wendung zur Flucht, blieb aber in der gleichen Entfernung.

Diese Verfolgung dauerte etwa dreiviertel Stunden, ohne daß die Fregatte dem Tier auch nur zwei Klafter abgewann. Es war klar, daß man so es nie erreichen würde.

Kommandant Farragut war wütend.

„Ned-Land!“ Er schrie wild den Namen des Harpuniers.

Der Kanadier kam.

„Na, Meister Land? Werden Sie mir jetzt noch raten, meine Boote ins Meer zu lassen?“

„Nein, Kapitän, denn dieses Tier läßt sich so nicht fangen.“

„Was soll man also tun?“

„Womöglich die Dampfkraft steigern! Mit Ihrer Erlaubnis will ich mich auf den Wassersteg verfügen und, sobald wir auf Harpunenlänge kommen, harpunieren!“

„Tun Sie das, Ned“, stimmte der Kommandant zu und gab Befehl: „Volldampf“.

Ned-Land begab sich auf seinen Posten. Die Schraube drehte sich auf höchsten Touren, und der Dampf strömte aus den Klappen. Man fuhr mit äußerster Kraft.

Aber das verdammte Tier schwamm mit gleicher Geschwindigkeit.

Noch eine Stunde lang setzte die Fregatte dieses Manöver fort, ohne eine Klafter zu gewinnen! Ein stiller Zorn ergriff die Mannschaft; die Matrosen fluchten!

Der Ingenieur wurde abermals gerufen.

„Haben Sie den höchsten Grad des Dampfes?“ fragte der Kommandant.

„Ja“, erwiderte der Ingenieur.

„Noch stärker feuern!“

Der Ingenieur gehorchte. Aber das Ungeheuer „heizte“ ohne Zweifel auch, denn es holte ebenfalls auf.

Welch eine Verfolgung! Einige Male konnte man dem Tier nahekommen. Ich war ungemein erregt.

„Wir bekommen es! Wir bekommen es!“ rief der Kanadier. Sowie er aber die Harpune auf das Ungetüm schleudern wollte, entwischte es mit einer unvorstellbaren Schnelligkeit. Und selbst bei unserer höchsten Kraft schien es die Fregatte durch sein Spiel zu höhnen!

Um zwölf Uhr waren wir noch nicht weiter als um acht. Nun entschloß sich Kommandant Farragut zu drastischeren Mitteln.

„Zum Teufel! Das Tier ist schneller als der „Abraham Lincoln“! Nun, wir wollen sehen, ob es seinen Spitzkugeln sich auch entziehen wird. Bedienung! An das Geschütz vorne!“

Die Kanone des Vorderkastels wurde unverzüglich geladen und aufgeprotzt. Die Kugel wurde abgeschossen, sie fuhr aber einige Fuß über dem Tiere weg.

„Ein anderer, der es besser versteht!“ rief der Kommandant, „und fünfhundert Dollars dem, der die höllische Bestie trifft!“

Ein alter, graübärtiger Kanonier mit ruhigem Blick und kalten Gesichtszügen trat hinzu, richtete und visierte lange. Ein Schuß krachte, und die Mannschaft jubelte Hurra.

Die Kugel traf, aber nicht regelrecht; sie glitt an der runden Fläche ab und fuhr ins Meer.

„Teufel!“ schrie der Kanonier erbost, „der Kerl ist sechs Zoll dick gepanzert!“

„Verdammt!“

Die Jagd ging von neuem an, und der Kommandant sprach zu mir:

„Ich gebe nicht auf und sollte die Maschine zum Teufel gehen!“

„Ja“, erwiderte ich, „Sie haben recht!“

Man mochte hoffen, das Tier werde ermüden; aber es verflossen Stunden ohne ein Anzeichen von Ermüdung.

Übrigens muß man anerkennen, daß der „Abraham Lincoln“ mit unermüdlicher Ausdauer kämpfte. Aber es kam die Nacht und hüllte das unruhige Meer in Dunkel.

So glaubte ich denn schon, unsere Expedition wäre zu Ende, und wir bekämen das Tier nicht mehr zu Gesicht. Ich irrte. Um zehn Uhr fünfzig Minuten kam die elektrische, helle Stelle wieder zum Vorschein, drei Meilen von der Fregatte, so rein und stark wie in der vorigen Nacht.

Der Narwal schien unbeweglich. Vielleicht schlief er vor Ermüdung und wiegte sich in dien Wogen? Das wollte der Kommandant benutzen.

Er erteilte seine Befehle. Der „Abraham Lincoln“ fuhr mit schwachem Dampf vorsichtig, um seinen Gegner nicht zu wecken. Man trifft nicht selten die Walfische auf offener See in tiefem Schlaf und greift sie dann mit Vorteil an. Ned-Land hatte manche während des Schlafes harpuniert. Der Kanadier begab sich wieder auf seinen Posten am Bugspriet.

Die Fregatte näherte sich geräuschlos, hielt zwei Kabellängen weit von dem Tier an. Man hörte an Bord keinen Atemzug, tiefes Schweigen herrschte auf dem Verdeck. Wir befanden uns keine hundert Fuß von dem glühenden Brennpunkt, dessen Glanz zunahm und die Augen blendete.

In dem Augenblick sah ich am Geländer des Vorderkastells Ned-Land über mir, wie er mit starker Hand die fürchterliche Harpune schwang. Kaum zwanzig Fuß von dem Tiere entfernt, schleuderte er mit kräftigem Arm seine Waffe; ich hörte laut das Anprallen derselben, als habe sie einen harten Körper getroffen.

Die elektrische Helle erlosch plötzlich, und zwei enorme Wasserstrudel entluden, gleich einem reißenden Strom, sich auf das Verdeck der Fregatte, warf die Mannschaft zu Boden, zerriß die Bindseile.

Ein furchtbarer Stoß schleuderte mich über die Sente ins Meer.

Ich wurde sofort etwa zwanzig Fuß in das Meer gerissen. Als guter Schwimmer verlor ich bei dem Untertauchen nicht den Kopf. Zwei kräftige Stöße mit den Fersen brachten mich wieder an die Oberfläche.

Sofort suchte ich die Fregatte. Hatte die Mannschaft mein Verschwinden gemerkt? Hatte der „Abraham Lincoln“ sich gedreht? Hatte der Kommandant Farragut ein Boot ins Meer gelassen? Durfte ich auf Rettung hoffen?

Tiefes Dunkel ringsum. Ich sah im Osten eine schwarze Masse verschwinden, deren leuchtende Feuer in der Ferne verloschen. Es war die Fregatte. Jetzt hielt ich mich für verloren.

„Zu Hilfe! Hilfe!“ schrie ich. Ich vermochte kaum mehr eine Bewegung zu machen.

Meine Kleider hinderten mich. Sie klebten im Wasser an meinem Leibe. Ich sank unter! Die Luft ging mir aus . . .!

„Zu Hilfe!“ Nun kam das Ende.

Mein Mund schluckte Wasser! . . . Wasser. In den Abgrund versinkend zappelte ich . . . Plötzlich wurden meine Kleider von kräftiger Hand gefaßt, ich fühlte mich ungestüm an die Oberfläche des Meeres emporgezogen, und ich hörte, ja, ich hörte diese Worte mir ins Ohr geschrien:

„Wenn mein Herr die große Güte haben will, sich auf meine Schultern zu stützen, wird er viel bequemer schwimmen.“

„Du!“ gurgelte ich, „du!“

„Ich“, Conseil sprach ruhig wie daheim, „und zu meines Herrn Befehl!“

„Der Stoß . . . hat dich . . . zugleich mit mir . . . ins Meer geschleudert . . .?“

„Keineswegs. Da ich in meines Herrn Dienst stehe, bin ich ihm nachgesprungen.“

Der Brave! Aber mein Hirn arbeitete fieberhaft.

„Und die Fregatte?“ fragte ich.

„Die Fregatte!“ Conseil legte sich wieder auf den Rücken, „ich glaube, mein Herr wird wohl tun, nicht allzuviel auf sie zu rechnen!“

„Weiter . . .!“

„Hörte ich die Leute noch am Steuer rufen: Schraube und Steuer zerbrochen . . .“

„Zerbrochen?“

„Ja, durch den Zahn des Ungeheuers. Schlimm für uns, ‚Lincoln’ ist nicht mehr imstande, zu steuern!“

„Dann sind wir verloren!“

„Vielleicht.“ Conseil war seelenruhig. „Doch wir haben noch einige Stunden vor uns, und in einigen Stunden kann man viel zustande bringen!“

Die unverwüstliche Kaltblütigkeit Conseils gab mir wieder Mut. Ich konnte wieder schwimmen; aber da meine Kleider mir anklebten wie ein bleierner Mantel, so konnte ich nur mit äußerster Mühe aushalten. Conseil bemerkte es.

„Erlaube mir, mein Herr, einen Schnitt zu machen.“

Und er steckte eine Messerklinge unter meine Kleider und zerschnitt sie in einem Zug von oben bis unten. Darauf riß er sie mir rasch vom Leibe, während ich für uns beide schwamm.

Ich leistete Conseil denselben Dienst, und wir schwammen nebeneinander weiter.

Jedoch war die Lage darum nicht minder bös. Vielleicht hatte man auf der Fregatte unser Verschwinden gar nicht bemerkt, oder sie konnten, weil ihr Steuer zerbrochen war, nicht unterm Wind zu uns zurückkommen. Man konnte also höchstens auf die Boote rechnen.

So mußten wir uns darauf einrichten, so lange wie möglich aushalten zu können. Während der eine mit gekreuzten Händen und gestreckten Beinen unbeweglich auf dem Rücken lag, schwamm der andere und bugsierte ihn gleichzeitig vorwärts. Nach zehn Minuten löste einer den anderen ab, um unsere Kräfte zu sparen und es einige Stunden, vielleicht bis zum Tagesanbruch, auszuhalten.

Schwache Aussicht auf Rettung! Aber wir hatten die Hoffnung und waren unser zwei. Wir mußten durchhalten!

Der Zusammenstoß der Fregatte mit dem Tier war etwa um elf Uhr abends erfolgt. Ich rechnete also, daß wir bis zum Sonnenaufgang acht Stunden zu schwimmen hätten, was mit äußerster Anstrengung durch gegenseitige Ablösung möglich war. Das Meer war ziemlich ruhig und machte uns wenig müde.

Gegen ein Uhr morgens fühlte ich mich äußerst erschöpft. Meine Glieder wurden unter heftigen Krämpfen steif. Conseil mußte mich stützen, unser Geschick lag allein in seiner Hand. Bald hörte ich den armen Burschen keuchen; er atmete kurz und beklommen. Ich sah ein, daß er nicht lange mehr aushalten konnte.

„Laß mich! Laß mich!“ bat ich ihn.

„Meinen Herrn im Stich lassen! Niemals!“ stieß er hervor. Da leuchtete der Mond ein wenig zwischen dem Gewölk hervor, und die Meeresoberfläche schimmerte in seinen Strahlen. Wieder kam Leben in uns. Ich konnte den Kopf aufrichten und umherblicken. Da, die Fregatte, etwa fünf Meilen von uns! Aber von Booten nichts! Ich wollte rufen. Aber meine geschwollenen Lippen vermochten es nicht. Ich hörte Conseil wiederholt um Hilfe rufen. Wir hielten ein wenig an und horchten. Da glaubte ich Antwort zu hören!

„Hast du gehört?“ stammelte ich.

„Ja! Ja!“

Und Conseil stieß wieder verzweifelte Hilferufe aus. Es war nicht zu zweifeln, eine Menschenstimme antwortete uns!

Conseil nahm seine äußersten Kräfte zusammen, um, auf meine Schulter gestützt, sich halb aufzurichten und umherzuschauen; dann sank er erschöpft zurück.

„Was hast du gesehen?“

„Ich habe gesehen . . .“ stammelte er, „ich habe gesehen . . . reden wir nicht . . . reden wir nicht . . . nehmen wir alle Kraft zusammen . . .!“ Ich war zu erschöpft, um zu fragen. Außerdem bugsierte Conseil mich fortwährend. Manchmal hob er den Kopf empor, blickte vor sich, rief wieder, und eine andere Stimme ließ sich immer näher vernehmen. Kaum vermochte ich es noch zu hören, meine Kräfte gingen zu Ende; meine Finger spreizten sich; meine Hand versagte mir die Stütze; mein krampfhaft geöffneter Mund füllte sich mit Wasser; ich erstarrte vor Kälte. Zum letzten Mal hob ich den Kopf empor, dann versank ich . . .

Im selben Augenblick stieß ein Körper gegen mich; ich klammerte mich an. Ich fühlte, daß man mich an die Oberfläche zog, daß meine Brust wieder aufatmete, dann wurde es Nacht um mich . . .

Gewiß bin ich durch das kräftige Reiben, womit man mich bearbeitete, bald wieder zu mir gekommen. Ich schlug ein wenig die Augen auf . . .

„Conseil!“ stammelte ich.

„Mein Herr hat mich gerufen?“ Conseil war schon zur Stelle.

Da erkannte ich im Dämmer eine Gestalt.

„Ned!“ rief ich.

„In eigener Person, mein Herr, um mir meine Prämie zu holen!“ erwiderte der Kanadier.

„Auch von dem Stoß ins Meer geschleudert . . .?“ Ich rang nach Worten.

„Ja, Herr Professor, aber ich war besser daran als Sie, da ich sogleich auf einem schwimmenden Inselchen festen Fuß fassen konnte.“

„Inselchen?“

„Ja, oder besser, auf unserem Riesen-Narwal.“

„Erklären . . . bitte . . . Ned.“

„Klar, warum meine Harpune nicht eindringen konnte und stumpf geworden ist.“

„Warum . . .?“ Ich hörte mich müde mit leiser Stimme fragen.

„Weil dieses Tier, Herr Professor, von Eisenblech gemacht ist!“

Ich mußte mich ein wenig sammeln und meine Erinnerungen beschwören. Ich wurde plötzlich munter.

Die letzten Worte des Kanadiers bewirkten in meinem Denken eine plötzliche Wandlung. Ich klomm rasch nach oben auf das Geschöpf oder den Gegenstand, der, halb unterm Wasser, uns als Zuflucht diente. Ich probierte mit dem Fuß. Offenbar war es ein harter, undurchdringlicher Körper, nicht der weiche Leib eines großen Seesäugetieres. Aber der harte Körper konnte auch eine knochenartige Schilddecke sein, wie bei den urweltlichen Tieren, und ich hätte jetzt das Ungeheuer unter die Reptilamphibien zu zählen, wie die Schildkröten und Alligatoren. Alles das schoß mir durch den Kopf.

Nein! Der schwärzliche Rücken, auf dem ich mich befand, war glatt poliert, nicht schuppig. Er ließ, wenn man ihn anklopfte, einen Metallton hören, und so unglaublich es auch war, er schien aus eingebolzten Platten gemacht.

Ein Zweifel war nicht mehr möglich. Das Tier, das Ungeheuer, das Naturphänomen, das die ganze gelehrte Welt, die Einbildungskraft der Seeleute verrückt und irre geleitet hatte, war — — mochte man es auch wider Willen anerkennen — ein noch erstaunlicheres Wunder, ein Phänomen von Menschenhand.

„Aber dann mußte dieses Fahrzeug doch eine Maschine und eine Mannschaft haben.“ Ich war noch völlig verwirrt.

„Offenbar“, gab der Harpunier zu, „dennoch hat diese schwimmende Insel seit den drei Stunden, die ich sie bewohne, noch kein Lebenszeichen von sich gegeben.“

„Das Fahrzeug ist nicht gefahren?“

„Nein, Herr Arronax. Es läßt sich von den Wellen schaukeln, ohne sich selbst zu bewegen.“

„Aber wir wissen doch, daß es eine große Geschwindigkeit hat. Da es dazu nun eine Maschine haben muß und einen Maschinisten, der sie bedient, so schließe ich daraus . . ., daß wir gerettet sind.“

„Hm!“ Ned-Land schien nicht ganz überzeugt.

Im selben Augenblick, wie zum Beweis meiner Folgerung, entstand am hinteren Teil dieses seltsamen Fahrapparates ein Brausen, offenbar von einer Schraube, und los ging es. Wir hatten nur noch Zeit, uns an seinem oberen Teil, der etwa achtzig Zentimeter über das Wasser emporragte, fest anzuklammern. Zum Glück war seine Geschwindigkeit nicht übermäßig.

„So lange als es sich horizontal bewegt“, brummte Ned-Land, „habe ich nichts dagegen zu sagen. Aber wenn es ihm einfällt, unterzutauchen, gebe ich keine zwei Dollars für mein Leben!“

Es wurde also höchste Zeit, sich mit den Lebewesen im Innern dieser Maschine in Verbindung zu setzen. Ich suchte nach einer Öffnung, einer Luke; aber die aneinanderstoßenden Platten waren festgefügt und wie aus einem Stück.

Zu alledem ging der Mond eben unter und ließ uns in tiefem Dunkel. Wir mußten den Tag abwarten, um Mittel, ins Innere des Fahrzeuges zu dringen, ausfindig zu machen.

Also hing unsere Rettung einzig vom Belieben der geheimnisvollen Leiter dieses Fahrzeuges ab, und wir waren, wenn sie untertauchten, verloren! Sonst aber zweifelte ich nicht an der Möglichkeit, mit ihnen in Verbindung zu treten. Wenn sie sich ihre Luft nicht selbst bereiteten, so mußten sie von Zeit zu Zeit an die Oberfläche des Meeres heraufkommen, um ihren Vorrat an Luft zu erneuern. Darum mußte es eine Öffnung geben, die das Innere des Fahrzeuges mit der Atmosphäre verband.

Die Hoffnung auf Rettung durch den Kommandanten Farragut mußte man völlig aufgeben. Wir waren mit geringer Geschwindigkeit westwärts getrieben. Die Schraube schlug die Wellen mit mathematischer Regelmäßigkeit und tauchte von Zeit zu Zeit auf, um ihr phosphoreszierendes Wasser hoch emporzuspritzen.

Gegen vier Uhr morgens nahm die Schnelligkeit des Fahrzeuges zu. Wir konnten uns bei dem vollen Wellenschlag kaum gegen ein Weggespültwerden schützen. Zum Glück fand Ned einen auf dem Rücken der Platte eingelassenen Ring, an den wir uns festklammern konnten.

Aber auch die böse, lange Nacht ging vorüber. Ich kann mich nicht aller einzelnen Eindrücke entsinnen. Nur einEreignis tritt mir klar hervor. Wenn mitunter Meer und Wind ruhig waren, glaubte ich unbestimmte Töne, eine flüchtige Harmonie ferner Akkorde zu hören. Was für Geschöpfe lebten in diesem seltsamen Fahrzeug? Welche mechanische Kraft bewirkte seine wunderbare Schnelligkeit?

Der Tag erschien, und der Morgennebel umhüllte uns! Er zerteilte sich bald. Ich wollte gerade unsere Plattform untersuchen, als ich fühlte, wie diese sich allmählich senkte.

„He! Tausend Teufel!“ schrie Ned-Land und trat mit dem Fuß gegen die hallende Platte, „so öffnet doch, ungastliche Leute!“

Aber wie sollte man sich bei den betäubenden Schlägen der Schraube vernehmbar machen? Zum Glück hielt die Bewegung inne. Man vernahm im Ihneren des Fahrzeuges ein Rasseln heftig gerüttelten Eisenwerkes.

Eine Platte öffnete sich; ein Mann kam zum Vorschein, stieß einen sonderbaren Schrei aus und verschwand sofort wieder.

Einige Augenblicke darauf erschienen schweigend acht starke Burschen mit maskiertem Gesicht und zogen uns in ihre fürchterliche Maschine hinein.

Drittes Kapitel

Mobilis in Mobile

Diese brutale Entführung wurde mit Blitzesschnelle ausgeführt. Ich weiß nicht, welchen Eindruck die Entführung in den schwimmenden Kerker auf meine Genossen machte; ich jedenfalls fühlte einen eiskalten Schauer meinen Körper überrieseln. Mit wem hatten wir es zu tun? Offenbar mit einer neuen Art von Piraten, die auf ihre Weise Beute machten.

Sowie sich die enge Platte über mir wieder geschlossen hatte, war ich von tiefstem Dunkel umgeben. Meine an das Licht gewöhnten Augen konnten gar nichts wahrnehmen. Ich fühlte mit meinen nackten Füßen die Sprossen einer eisernen Leiter, woran ich mich klammerte. Ned-Land und Conseil wurden hinter mir hergeschleppt. Unten an der Leiter öffnete sich eine Tür und schloß sich rasselnd sogleich wieder.

Wir befanden uns allein. Tiefstes Dunkel umgab uns.

Ned-Land, wütend über diese Behandlung, machte nun seiner Entrüstung Luft.

„Tausend Teufel! Das sind gastliche Leute! Es fehlt nur noch, daß sie uns auffressen. Das würde mich nicht wundern, aber ich erkläre, sie würden mich nicht fressen, ohne daß ich protestiere!“

„Beruhigen Sie sich, Freund Ned“, meinte Conseil gelassen. „Wir sind noch nicht am Bratspieß!“

„Am Bratspieß zwar nicht“, versetzte der Kanadier, „aber im Bratofen sicherlich! Es ist stockfinster hier. Zum Glück habe ich mein Bowie-Messer bei mir. Der erste dieser Banditen, der Hand an mich legt . . .“

„Bringen Sie uns nicht durch unnütze Gewaltsamkeit in Gefahr. Wer weiß, ob man uns nicht Gehör gibt! Versuchen wir lieber erst festzustellen, wo wir sind!“

Ich ging umher und tastete. Fünf Schritte weit stieß ich auf eine eiserne Wand. Darauf wendete ich mich um und stieß gegen einen hölzernen Tisch, neben dem einige Schemel standen. Der Fußboden war mit einer dichten Matte aus neuseeländischem Flachs belegt, so daß man die Tritte nicht hörte. Conseil, der in die entgegengesetzte Richtung gegangen war, stieß in der Mitte der Kabine, die zwanzig Fuß lang und zehn breit war, mit mir zusammen. Die Höhe konnte Ned-Land, trotz seiner Größe, nicht messen.

Eine halbe Stunde verlief so, ohne daß unsere Lage sich änderte. Da plötzlich verwandelte sich das dichteste Dunkel in grellstes Licht. Der Glanz war anfangs unerträglich. Ich schloß unwillkürlich die Augen; als ich sie wieder öffnete, sah ich, daß die leuchtende Kraft aus einer geglätteten Halbkugel oben an der Decke der Kabine kam.

„Endlich! Nun ist’s hell!“ rief Ned-Land und setzte sich mit dem Messer in der Hand in Verteidigungsstellung.

„Aber unsere Lage ist ebenso dunkel geblieben wie vorher“, meinte ich.

Da rasselten die Riegel, die Tür öffnete sich, zwei Männer traten ein.

Der eine war klein, kräftig, breitschultrig, hatte einen dicken Kopf mit reichlichem schwarzen Haar, dichtem Schnurrbart, lebhaftem durchdringenden Blick, und seine ganze Persönlichkeit war von der südlichen Lebhaftigkeit eines Provencalen. Er sprach in meiner Gegenwart stets einen sonderbaren, durchaus unverständlichen Dialekt.

Der zweite hatte ungemein markante Züge, so daß ein Physiognom darin wie in einem offenen Buche lesen konnte. Selbstvertrauen und kalte Sicherheit strahlten aus den schwarzen Augen! Gelassenheit, ruhiges Blut, Energie und Mut. Der Mann war stolz, sein fester und ruhiger Blick schien hohe Gedanken zu bergen, und aus allem sprach unbestreitbar eine offene Seele.

Unwillkürlich fühlte ich mich in seiner Gegenwart beruhigt.

Freilich, ob dieser Mann fünfundreißig oder fünfzig Jahre alt war, hätte ich nicht angeben können. Er war von hoher Statur, hatte eine weite Stirn und gerade Nase, einen klar gezeichneten Mund, prachtvolle Zähne und feine Hände. Dieser Mann stellte unstreitig einen bewundernswerten Typus dar, wie ich ihn sonst nirgends getroffen habe. Seine Augen faszinierten! Welcher Blick! Wie drang er tief in die Seele.

Die beiden Unbekannten trugen Mützen aus Seeotterfell, Seestiefel aus Robbenfell und Kleider aus einem besonderen Gewebe, die große Freiheit der Bewegungen gestatteten.

Der größere der beiden, offenbar der Anführer der Leute an Bord, prüfte uns mit größter Aufmerksamkeit, ohne ein Wort zu reden. Darauf besprach er sich mit seinem Gefährten in einer Sprache, die mir nicht bekannt war. Es war ein volltönender, harmonischer, biegsamer Dialekt.

Der andere schüttelte den Kopf und fügte einige völlig unverständliche Worte bei. Darauf schien sein Blick mich direkt zu fragen.

Ich erwiderte in gutem Französisch, daß ich seine Frage nicht verstünde; er schien mich auch nicht zu verstehen, und so gerieten wir in einige Verlegenheit.

„Mein Herr möge immer unsere Geschichte erzählen“, sagte Conseil. „Diese Herren werden vielleicht einige Worte davon begreifen!“

Ich erzählte also unsere Erlebnisse, artikulierte klar alle Silben und überging dabei nicht das Geringste. Ich nannte unsere Namen und stellte in aller Förmlichkeit die Personen vor, den Professor Arronax, seinen Diener Conseil und den Harpunier, Meister Ned-Land.

Der Mann mit den sanften und ruhigen Augen hörte mir höflich und sehr aufmerksam zu. Aber in seinen Zügen konnte man nicht erkennen, daß er meine Geschichte verstanden habe. Als ich fertig war, sprach er kein einziges Wort. Es stand uns noch das Englische, als Weltsprache, zur Verfügung. Ich kannte die Sprache, ebenso wie das Deutsche, hinlänglich, um fließend darin zu lesen, verstand sie aber nicht korrekt zu sprechen. Jetzt aber galt es, sich verständlich zu machen.

„Nun“, forderte ich unseren Harpunier auf, „nun kommt an Sie die Reihe. Ziehen Sie, Meister Land, das beste Englisch, das je ein Angelsachse sprach, aus Ihrer Tasche, und bemühen Sie sich, glücklicher als ich zu sein.“

Ned ließ sich nicht lange bitten und wiederholte meine Schilderung; er sprach mit großer Lebendigkeit. Er beschwerte sich heftig, daß man ihn wider das Völkerrecht gefangen halte, fragte, welches Gesetz dieses gestatte, berief sich auf die Habeas-Corpus-Akte, drohte mit gerichtlicher Verfolgung, schrie und gab schließlich in ausdrucksvoller Weise zu erkennen, daß wir Hungers sterben würden.

Das entsprach zwar der Wahrheit, aber wir hatten es fast vergessen.

Der Harpunier wurde aber zu seinem bassen Erstaunen nicht besser verstanden als ich.

Da unsere Sprachkenntnisse erschöpft waren, war die Verlegenheit groß. Was nunmehr anfangen? Conseil suchte noch einen Ausweg:

„Wenn mein Herr zufrieden ist, will ich die Sache deutsch erzählen.“

„Wie? Du verstehst Deutsch?“ rief ich.

„Wie ein Flamländer, wenn Sie erlauben.“

„Ausgezeichnet! Fange nur schon an.“

Und Conseil erzählte in seiner ruhigen Weise unsere Geschichte zum dritten Mal. Aber auch das Deutsche half nichts.

Und so nahm ich alle Reste meiner Jugendstudien zusammen und begann auf Lateinisch unsere Abenteuer zu erzählen. Cicero würde mich zwar damit in die Küche geschickt haben, doch brachte ich es mit viel Schweiß fertig. Es war ebenso fruchtlos.

Als auch dieser letzte Versuch gescheitert war, wechselten die beiden Unbekannten einige Worte in ihrer Sprache und zogen sich ohne irgendein Wort der Beruhigung zurück. Die Tür schloß sich hinter ihnen.

„Infam!“ schrie Ned-Land in zorniger Entrüstung. Da spricht man zu den Schuften französisch, deutsch, englisch, lateinisch, und keiner ist so höflich zu antworten!“

Wie er dies sprach, öffnete sich die Tür. Ein Steward trat ein und brachte uns Meerkleidung, Hosen und Weste, aus einem mir unbekannten Stoff. Ich zog sie augenblicklich an, und meine Gefährten folgten meinem Beispiel. Unterdessen hatte der Steward — stumm, vielleicht auch taub — den Tisch gedeckt und drei Gedecke aufgesetzt.

„Das hat doch etwas Gutes zu bedeuten“, lächelte Conseil.

„Bah!“ der Harpunier steckte noch tief in seinem Ärger, „was meinen Sie denn, was man hier speist? He? Schildkrötenleber. Lendenstück vom Hai, Beefsteak vom Seehund!“

„Nun, wir werden sehen“, sagte Conseil.

Die Gerichte, mit silbernen Glocken bedeckt, wurden symmetrisch auf das Gedeck gestellt, und wir setzten uns zu Tisch. Gewiß hatten wir es mit Leuten von Bildung zu tun, und fast hätte man glauben können, im Speisesaal des Hotel Adelphi zu Liverpool oder des Grand-Hotel zu Paris zu sein. Freilich, Brot und Wein mangelten gänzlich. Das Wasser war frisch und klar, aber es war Wasser —, was Ned-Land nicht behagte. Unter den Speisen, die uns vorgesetzt wurden, waren einige köstlich zubereitete Fische; aber von einigen Speisen, die übrigens vortrefflich waren, konnte ich nicht einmal sagen, ob sie dem Pflanzen- oder Tierreich entstammten. Das Tafelgerät war elegant und geschmackvoll. Jeder Gegenstand, Löffel, Gabel, Messer, Teller, hatten die gleiche Devise als Aufschrift:

MOBILES IN MOBILE

N

Beweglich im beweglichen Element! Diese Devise paßte genau auf das unterseeische Fahrzeug. Das N war ohne Zweifel der Anfangsbuchstabe des rätselhaften Mannes, der im Meeresgrund herrschte!

Ned und Conseil überlegten nicht soviel. Sie widmeten sich den Gerichten, und ich folgte bald ihrem Beispiel. Ich war schon sehr über unser Schicksal beruhigt, und es schien, daß unsere Wirte uns nicht Hungers sterben lassen wollten.

Aber es nimmt alles ein Ende auf Erden, selbst der Hunger von Leuten, die seit vierzehn Stunden nichts gegessen haben. Als unser Appetit befriedigt war, machte sich das Bedürfnis nach Schlaf gebieterisch geltend. Eine natürliche Reaktion auf die unendlich lange Nacht, die wir mit dem Tode zu ringen hatten.

„Meiner Seel, ich möchte gerne schlafen“, sagte Conseil.

„Und ich schlafe schon!“ grunzte Ned-Land.

Meine beiden Gefährten streckten sich auf die Matte der Kabine und sanken bald in tiefen Schlummer.

Ich aber vermochte nicht so leicht Schlaf zu finden. Zu viele Gedanken wirbelten in meinem Kopf, zu viele unlösbare Fragen drängten sich. Wo befanden wir uns? Welche seltsame Macht hatte uns gefangen? Ich fühlte — oder vielmehr glaubte es — wie das Fahrzeug zum tiefsten Meeresgrund hinabsank. Es befiel mich eine arge Beklemmung. Endlich ward mein Gehirn ruhig, meine Gedanken gingen über in Schlaftrunkenheit, ich versank in einen düsteren, aber tiefen Schlaf.

Wie lange dieser Schlaf gedauert haben mochte? Zweifellos recht lange, da er uns von unseren Strapazen völlig wiederherstellte. Ich wachte zuerst auf. Meine Gefährten rührten sich noch nicht und lagen wie Säcke regungslos da.

Voller Freude fühlte ich meinen Kopf frei, meinen Geist klar. Ich besah mir unsere Zelle . . .

Und doch hatte sich nichts geändert. Der Kerker war noch Kerker und die Gefangenen noch in Haft. Der Steward hatte nur während unseres Schlafes die Tafel abgedeckt. Eine baldige Änderung unserer Lage war durch nichts angezeigt, und ich fragte mich ernstlich, ob es unser Los sein werde, ewig in diesem Käfig zu leben.

Ned und Conseil erwachten. Sie rieben sich die Augen, streckten die Arme und waren in einem Augenblick auf den Beinen.

„Mein Herr hat gut geschlafen?“ fragte mich Conseil mit gewohnter Höflichkeit.

„Sehr gut, mein Lieber. Und Sie, Meister Ned-Land?“

„Tief, Herr Professor.“ Und er begann zu schnuppern. „Irre ich nicht, so atme ich Seeluft. Na, da hätten wir die Erklärung für das zischende Brausen, das wir hörten, als der vermeintliche Narwal dem ‚Abraham Lincoln’ in Sicht kam. Aber Herr Arronax, ich habe keine Ahnung, wieviel Uhr es ist, außer daß es höchste Zeit für ein Mittagessen wäre . . .“

„Mittagessen, Ned? Sagen Sie wenigstens Frühstück, denn wir haben offenbar den folgenden Tag von gestern.“

„Also haben wir volle vierundzwanzig Stunden geschlafen.“ Conseil war sachlich wie immer.

„Das glaube ich“, lachte ich.

Ned-Land geriet vor Hunger immer mehr in Zorn, und ich befürchtete trotz seines Versprechens eine Explosion, falls ihm ein Mann von den Leuten an Bord in den Wurf käme.

Noch zwei Stunden lang steigerte sich Ned-Lands Zorn. Der Kanadier rief, schrie, aber vergebens. Die blechernen Wände waren taub. Es war, als sei das Fahrzeug ausgestorben. Es lag unbeweglich, keine zitternde Bewegung der Schraube war zu spüren. Hatte man es in die Tiefe versenkt? Das düstere Schweigen um uns war erschreckend.

Da ließ sich von außen ein Geräusch vernehmen. Fußtritte hallten auf dem metallenen Boden. Die Riegel wurden weggeschoben, die Pforte öffnete sich, der Steward trat ein.

Bevor ich mich nur regen konnte, um ihn zurückzuhalten, war der Kanadier über den Unglücklichen hergefallen, hatte ihn zu Boden geworfen und faßte ihn bei der Kehle. Der Steward drohte zu ersticken.

Conseil war bereits bemüht, das halb erwürgte Opfer den Händen des Harpuniers zu entreißen, und ich war im Begriff, ihm dabei zu helfen, als mich plötzlich eine französische Anrede an meinen Platz bannte:

„Beruhigen Sie sich, Meister Land, und Sie, Herr Professor, wollen mich anhören!“

Es war der Kommandant an Bord, der dies sprach.

Ned-Land sprang auf. Der Steward verließ auf einen Wink seines Herrn wankend die Zelle; aber — so zauberhaft wirkte der Wink des Kommandanten — nicht eine Gebärde verriet den Groll, den dieser Mensch gegen den Kanadier tragen mußte. Schweigend harrten wir auf das Weitere.

Der Kommandant, an eine Ecke des Tisches gelehnt, die Arme gekreuzt, beobachtete uns mit gespannter Achtsamkeit. Man konnte meinen, er bereute die soeben gesprochenen Worte.

Nach einer kleinen Pause sprach er mit ruhigem, eindringlichem Ton in die bange Stille:

„Meine Herren, ich spreche Französisch, Englisch, Deutsch und Latein. Ich hätte Ihnen also gleich bei unserer ersten Zusammenkunft antworten können, aber ich wollte Sie erst kennenlernen. Ihr vierfacher, übereinstimmender Bericht hat mich auch über Ihre Persönlichkeit aufgeklärt. Ich weiß nun genau, wen der Zufall des Schicksals zu mir geführt hat.“ Und er nannte unsere Namen.

Ich verneigte mich stumm. Da mir keine Frage gestellt war, konnte ich nichts antworten.

Der Mann sprach leicht, ohne Pathos. Seine Sätze waren klar, seine Ausdrücke richtig. Und dennoch fühlte ich, daß er nicht mein Landsmann war.

Er fuhr folgendermaßen fort:

„Es ist Ihnen gewiß aufgefallen, daß ich so lange mit meinem zweiten Besuch gezögert habe. Allein ich wollte reiflich erwägen, welche Maßnahmen ich Ihnen gegenüber zu ergreifen hätte. Ich habe lange geschwankt. Sehr bedauerliche Umstände haben Sie in die Nähe eines Mannes gebracht, der mit der Menschheit gebrochen hat. Sie stören durch Ihre Anwesenheit meine Existenz . . .“

„Ohne es zu wollen“, warf ich ein.

„Ohne zu wollen?“ der Unbekannte hob seine Stimme. „Verfolgt mich der ‚Abraham Lincoln’ wider Willen auf allen Meeren? Haben Sie sich wider Willen an Bord dieser Fregatte eingefunden? Sind Ihre Kugeln wider Willen gegen mein Schiff abgeschossen worden? Hat mich Meister Ned-Land wider Willen mit seiner Harpune zu treffen versucht?“

Er sprach immer gereizter. Doch ich hatte auf alle diese Beschuldigungen eine ganz natürliche Antwort zu geben und gab sie.

„Mein Herr“, begann ich, „Sie wissen ohne Zweifel nicht, was in Amerika und Europa über Sie geredet worden ist. Sie wissen nicht, daß verschiedene Unfälle, die sich durch einen Stoß Ihres unterseeischen Fahrzeuges ereigneten, die öffentliche Meinung auf beiden Kontinenten außerordentlich aufgeregt haben. Ich verschone Sie mit den zahllosen Hypothesen, mit denen man die unerklärliche Erscheinung, deren Geheimnis einzig in Ihrer Hand lag, zu erklären suchte. Aber wissen Sie, daß wir bei der Verfolgung meinten, ein starkes Seeungeheuer zu jagen, von dem der Ozean um jeden Preis befreit werden müsse.“

Ein verhaltenes Lächeln auf den Lippen, fuhr der Kommandant in ruhigerem Tone fort:

„Herr Arronax, Sie werden wohl nicht zu behaupten wagen, daß Ihre Fregatte nicht ebenso ein unterseeisches Boot verfolgt und kanoniert hätte, wie ein Ungeheuer?“

Diese Frage brachte mich in Verlegenheit, denn gewiß hätte Kommandant Farragut nicht das leiseste Bedenken gehabt, es zu tun. Er hätte es geradezu für seine Pflicht gehalten, ein solches Fahrzeug ebenso wie einen Riesen-Narwal zu vernichten.

„Sie müssen also verstehen, daß ich Sie als Feinde zu behandeln durchaus berechtigt bin.“

Ich blieb die Antwort schuldig. Wozu? Wir befanden uns in der Gewalt dieses Mannes.

„Ich habe lange geschwankt“, fuhr er fort. „Ich hatte keine Verpflichtung, Sie gastlich aufzunehmen. Wenn ich mich von Ihnen trennen wollte, hätte ich kein Interesse daran gehabt, Sie wiederzusehen. Ich hätte Sie wieder auf die Plattform meines Schiffes bringen lassen können, auf die Sie sich geflüchtet hatten; ich wäre in die Tiefe getaucht und hätte Ihr Dasein vergessen. War ich nicht dazu berechtigt?“

„Ein Wilder vielleicht“, warf ich ein, „aber nicht ein zivilisierter Mensch.“

„Herr Professor“, seine Worte waren schärfer geworden, „ich gehöre nicht zu denen, die Sie zivilisiert nennen! Ich habe mit der ganzen menschlichen Gesellschaft gebrochen, aus Gründen, die ich allein zu beurteilen berechtigt bin. Ich befolge also auch nicht ihre Regeln und fordere Sie auf, sich bei mir nie auf diese zu berufen.“

Das sagte er klar und bestimmt. Zorn und Verachtung strahlten aus dem Auge des Unbekannten, und ich sah, daß das Leben dieses Mannes eine furchtbare Vergangenheit hatte. Er hatte sich außerhalb der menschlichen Gesetze gestellt und sich auch von diesen unabhängig gemacht.

Nach einer langen Pause ergriff der Kommandant wieder das Wort:

„Ich habe also geschwankt, aber ich habe gedacht, mein Interesse lasse sich mit dem natürlichen Mitgefühl vereinigen, auf das jedes menschliche Wesen Anspruch hat. Sie sollen an Bord meines Schiffes bleiben, weil das Schicksal Sie hierher verschlagen hat. Sie sollen frei sein, und zum Entgelt für diese Freiheit will ich Ihnen nur eine einzige Bedingung auferlegen. Ihr Wort, sie anzunehmen, genügt mir!“

„Sprechen Sie, ich hoffe, diese Bedingung kann ein Ehrenmann annehmen?“ versprach ich.

„Ja, und ich will Sie Ihnen gleich mitteilen. Es wäre möglich, daß gewisse unvorhergesehene Ereignisse mich nötigen, Sie auf Stunden oder Tage in Ihrer Kabine einzuschließen. Da ich niemals Gewalt anzuwenden wünsche, erwarte ich in diesem Fall, mehr wie in jedem andern, freiwilligen Gehorsam. So tragen Sie keine Verantwortlichkeit, sehen nichts, was nicht gesehen werden darf. Sind Sie mit dieser Bedingung einverstanden?“

Es gingen also an Bord des Fahrzeugs Dinge vor, die von Leuten, die nicht außerhalb der sozialen Gesetze standen, nicht gesehen werden durften!

„Wir nehmen sie an“, sprach ich für uns alle.

Dann fuhr er etwas sanfter fort:

„Jetzt erlauben Sie mir, Herr Arronax, Ihnen vollständig mitzuteilen, was ich zu sagen habe. Ich kenne Sie, Herr Arronax. Sie, wenn auch nicht Ihre Gefährten, werden sich vielleicht über das Schicksal, das Sie an mein Los fesselt, nicht so sehr zu beklagen haben. Sie finden unter den Büchern, die zu meiner Lieblingslektüre gehören, das Werk über die großen Tiefen des Meeres, welches Sie herausgegeben haben. Ich habe es öfters gelesen. Sie sind in diesem Werk so weit vorgedrungen, als es die Wissenschaft auf der Erde Ihnen möglich machte. Aber Sie wissen nicht alles, haben nicht alles gesehen. Lassen Sie mich Ihnen also sagen, Herr Professor, daß Sie die an meinem Bord verbrachte Zeit nicht bereuen werden. Sie sollen im Land der Wunder reisen. Staunende Bewunderung wird Ihre Seele erfüllen. Das ununterbrochen Ihren Augen dargebotene Schauspiel wird Sie nicht leicht abstumpfen. Ich will eine nochmalige unterseeische Reise um die Welt — wer weiß?, vielleicht die letzte —vornehmen, um meine Studien zu wiederholen, und Sie sollen mein Studiengenosse sein. Von diesem Tag an werden Sie sehen, was noch kein Mensch zu sehen vermochte — denn ich und die Meinigen zählen nicht mehr —, und unser Planet wird Ihnen durch meine Vermittlung seine letzten Geheimnisse mitteilen.“

Ich kann es nicht leugnen; diese Worte des Kommandanten machten einen tiefen Eindruck auf mich. Er hatte mich an meiner schwachen Seite gepackt, und ich vergaß auf einen Augenblick, daß die Anschauung dieser erhabenen Dinge die verlorene Freiheit nicht aufwiegen konnte. Allerdings rechnete ich auf die Zukunft, um diese wichtige Frage zu lösen.

„Noch eine Frage, die letzte“, sagte ich, als dieser unerklärliche Mensch Anstalten traf, sich zurückzuziehen.

„Reden Sie, Herr Professor.“

„Mit welchem Namen darf ich Sie nennen?“

„Mein Herr, ich bin für Sie nur der Kapitän Nemo, und Sie nebst Ihren Gefährten sind für mich nur die Passagiere des Nautilus.“

Der Kapitän Nemo rief. Ein Steward erschien. Der Kapitän erteilte ihm seine Befehle in der fremdartigen Sprache, die ich nicht erkennen konnte. Darauf wendete er sich zu dem Kanadier und Conseil mit den Worten:

„Ein Mahl wartet in Ihrer Kabine auf Sie. Folgen Sie gefälligst diesem Manne.“

„Das läßt man sich gerne gefallen!“ erwiderte der Harpunier.

Conseil verließ mit ihm endlich diese Zelle, worin sie seit länger als dreißig Stunden eingeschlossen waren.

„Und nun, Herr Arronax, unser Frühstück ist bereit. Erlauben Sie mir, daß ich vorausgehe.“

„Wie Sie befehlen, Kapitän.“

Ich folgte dem Kapitän Nemo, und sobald wir aus der Tür getreten waren, gingen wir durch einen elektrisch erleuchteten, etwa zehn Meter langen Gang, dann öffnete sich vor uns eine zweite Tür.

Wir traten nun in einen Speisesaal, der in strengem Stil möbliert und ausgeschmückt war. An seinen beiden Enden befanden sich hohe Anrichtetische aus Eichenholz mit eingelegten Verzierungen, und auf Fachbrettern prangten Fayence, Porzellan und Glasgefäße von unschätzbarem Wert. Das Silbergerät glänzte in den Strahlen, die von einer erleuchteten Decke herabfielen, deren Glanz durch feine Gemälde gemildert war.

In der Mitte des Saales stand ein reich besetzter Tisch. Der Kapitän Nemo wies mir meinen Platz an:

„Setzen Sie sich und essen Sie. Sie müssen ja einen furchtbaren Hunger haben.“

Das Frühstück bestand aus einer Anzahl Gerichte, die lediglich das Meer geliefert hatte, und einigen, deren Beschaffenheit ich nicht erkennen konnte. Ich gebe zu, daß es gut war, aber mit einem besonderen Beigeschmack, an den ich mich leicht gewöhnte. Diese verschiedenen Speisen schienen mir reich an Phosphor zu sein, und ich dachte mir, sie müßten aus dem Meere stammen.

Kapitän Nemo blickte mich an. Er erriet meine Gedanken:

„Die meisten dieser Gerichte sind Ihnen wohl unbekannt, doch können Sie sie ohne Besorgnis genießen. Sie sind gesund und nahrhaft. Auf Nahrungsmittel von der Erde habe ich lange verzichtet und befinde mich darum nicht übler. Meine kräftige Mannschaft genießt dieselbe Nahrung wie ich.“

„Sind diese Speisen alle Erzeugnisse des Meeres?“

„Ja, Herr Professor, das Meer befriedigt alle meine Bedürfnisse. Bald werfe ich meine Zugnetze aus und ziehe sie zum Bersten voll wieder herein. Bald gehe ich mitten in diesem Element, das dem Menschen unzugänglich zu sein scheint, auf die Jagd und erlege Wild in meinen unterseeischen Waldungen. Meine Herden weiden, gleich denen des alten Hirten Neptun, ohne Furcht auf dem unermeßlichen Wiesenland des Ozeans. Ich habe da ein ungeheures Besitztum, das ich selbst nutzbar mache und das von der Hand des Schöpfers aller Dinge stets eingesät wird.“

Ich blickte den Kapitän Nemo mit einigem Erstaunen an.

„Ich begreife wohl, Kapitän, daß Ihre Netze Ihnen vortreffliche Fische für die Tafel liefern; aber nicht, daß Sie Wasserwild in Ihren unterseeischen Wäldern jagen; unbegreiflich, daß auch nur das kleinste Stück Fleisch unter Ihren Gerichten ist.“

„Ich habe auch niemals Fleisch von Landtieren auf dem Tisch.“

„Und das hier?“ Ich wies auf einen Teller, auf dem noch einige Filets lagen.

„Was Sie für Fleisch halten, Herr Professor, ist nichts anderes als Meerschildkröte. Ebenso ist diese Leber vom Delphin, die Sie für Schweineragout nehmen würden. Mein Koch versteht sich vortrefflich darauf, diese verschiedenen Produkte des Meeres zuzubereiten und aufzubewahren. Kosten Sie nur alle diese Speisen. Diese Konserve von Holothurien würde ein Malaie für das beste Gericht auf der Welt halten. Jene Sahne dort ist von der Milch von Seesäugetieren, und der Zucker kommt von dem großen Fucus des Nordmeeres; endlich erlauben Sie mir, Ihnen von dem Anemonen-Konfekt anzubieten, das dem schmackhaftesten Obst gleichkommt.“

Ich kostete mehr aus Neugierde, während der Kapitän Nemo mich durch seine unwahrscheinlichen Berichte ergötzte.

„Ja, dieses Meer, Herr Arronax“, fuhr er fort, „gewährt mir nicht nur diese vortreffliche Nahrung, sondern auch Kleidung. Die Stoffe Ihrer Kleidung sind aus den Fasern einiger Muscheln gewebt und mit antikem Purpur gefärbt. Das Parfüm auf der Toilette Ihrer Kabine ist aus Seepflanzen destilliert. So sind Ihr Bett, Ihre Feder und die Tinte aus Produkten gemacht, die das Meer liefert. So ist es mit allem, wessen ich bedarf.“

„Sie sind ein Freund des Meeres, Kapitän.“

„Jawohl! Das Meer bedeckt sieben Zehntel der Erdoberfläche, und der Seewind ist rein und gesund. In dieser unermeßlichen Einöde ist der Mensch doch nie allein; denn er fühlt das Leben um sich herum; ein übernatürliches, wundervolles Dasein rührt sich da allenthalben; und wirklich, Herr Professor, finden wir die drei Naturreiche, Mineralien, Pflanzen und Tiere, zur Genüge repräsentiert. Das Tierreich am stärksten durch vier Gruppen von Pflanzentieren, drei Klassen Gliedertiere, fünf Klassen Mollusken, drei Klassen Wirbeltiere, Säugetiere, Reptilien und die unzählige Menge Fische. Diese Abteilung des Tierreiches allein zählt dreizehntausend Gattungen, wovon nur der zehnte Teil den süßen Gewässern angehört. So ist das Meer eine ungeheure Wohnstätte der Natur. Es herrscht darin die äußerste Ruhe. Das Meer ist außerhalb der Macht der Tyrannen. Auf seiner Oberfläche können sie noch Ungerechtigkeit üben, sich bekämpfen, alle Schrecken verüben. Aber dreißig Fuß unterhalb hört ihre vorläufige Gewalt auf. Ach! Mein Lieber, im Meeresschoß allein ist Unabhängigkeit! Da allein fühlt man sich frei!“

Mitten in diesem enthusiastischen Ausbruch verstummte der Kapitän plötzlich. Hatte er sich zu weit aus seiner gewohnten Zurückhaltung reißen lassen? Er ging einige Augenblicke in großer Bewegung umher. Als er wieder ruhig geworden, wendet er sich zu mir:

„Jetzt, Herr Professor, wenn Sie den ‚Nautilus’ besichtigen wollen, stehe idi zu Ihren Diensten.“

Kapitän Nemo stand auf. Ich folgte ihm.

Viertes Kapitel

Der „Nautilus“

Er zeigte mir nun das ganze Schiff, und ich konnte mich in freiem Gedankenaustausch über alles unterrichten und hatte zu allem freien Zugang. Da war ein geräumiger Bibliothekssaal mit bibliophilen Kostbarkeiten und herrlichen Kunstsammlungen. Ferner sah ich seltenste Exemplare von Lebewesen des Meeres, auch solche, die der Wissenschaft noch unbekannt waren. Und schließlich gab es mehrere Räume, in denen er seine physikalischen Experimente in allen Versuchsstadien aufgebaut hatte.

Auch über die Einrichtungen, die der Navigation seines Tauchbootes dienten, die Beleuchtung, Sauerstoffergänzung und Ortung gab er bereitwillig Auskunft.

Und er führte mich in ein elegantes Zimmer mit Bett, Toilette und anderen schönen Möbelstücken, in dem ich nun wohnen sollte. Er bot mir eine Zigarre aus unterseeischen Gewächsen an, wie ich so gut noch keine geraucht habe.

Zuletzt erzählte er mir von unterseeischen Wäldern, in denen er mancherlei Wild zu jagen pflegte. Er zeigte mir raffiniert ausgedachte Unterwasserschußwaffen und einen „Skaphander“, einen neuartigen Taucheranzug. Er lud mich auch ein, an einer solchen Jagd teilzunehmen.

„Ich gebe mich geschlagen“, sagte ich, „und ich habe nur mein Gewehr zu nehmen. Ich folge Ihnen, wohin Sie mich führen!“

Kapitän Nemo führte mich zum Hinterteil des „Nautilus“, und ich rief meine beiden Gefährten, die sich sogleich anschlossen.

Wir kamen in eine kleine Zelle, die nach vorn zu neben dem Maschinenzimmer lag, und in der wir unsere Spazierkleidung anzulegen hatten.

Diese Zelle war Arsenal und Kleiderkammer des „Nautilus“. Ein Dutzend Skaphander-Apparate, die an der Wand hingen, harrten der Spaziergänger.

Als Ned-Land sie erblickte, zeigte er einen sichtlichen Widerwillen, einen solchen anzulegen.

„Ned“, klärte ich ihn auf, „die Wälder der Insel Crespo sind ja unterseeische Wälder.“

„So!“, der Harpunier war enttäuscht, sah er doch seine Träume von frischem Fleisch schwinden. „Und Sie, Herr Arronax, wollen sich in diese Kleider stecken?“

„Man muß wohl, Meister Ned.“

„Es steht Ihnen frei, mein Herr“, der Harpunier zuckte mit den Achseln, „aber ich ziehe sie niemals an, sofern man mich nicht mit Gewalt dazu zwingt.“

„Man wird Sie nicht mit Gewalt zwingen, Meister Ned“, sagte Kapitän Nemo.

„Und Conseil will sich in Gefahr begeben?“ forschte Ned weiter.

„Ich bin überall dabei, wo mein Herr hingeht“, war die schlichte Antwort.

Der Kapitän rief, und zwei Mann von den Schiffsleuten kamen und halfen uns, diese schweren undurchdringlichen Kleider anzuziehen, die aus Kautschuk gefertigt und derart eingerichtet waren, daß sie auch bedeutenden Druck aushielten.

Kapitän Nemo, einer seiner Gefährten — übrigens eine herkulische Gestalt von außerordentlicher Körperkraft —, Conseil und ich zogen rasch die Kleidung an. Nun mußten wir bloß noch unsere Köpfe in die metallenen Kugeln stecken. Vorher aber bat ich den Kapitän um die Erlaubnis, die für uns bestimmten Gewehre untersuchen zu dürfen.

„Kapitän Nemo“, lobte ich, „das Gewehr ist vortrefflich und leicht zu handhaben. Ich wünsche nur, gleich es probieren zu können. Aber wie gelangen wir auf den Meeresgrund?“

„Gerade jetzt, Herr Professor, sitzt der ‚Nautilus’ in einer Tiefe von sechs Metern fest, und wir brauchen uns nur auf den Weg zu machen.“

„Aber wie gelangen wir ins Freie?“

„Sie sollen es gleich sehen.“

Kapitän Nemo steckte seinen Kopf in die kugelförmige Kappe. Conseil und ich taten dasselbe, während der Kanadier uns ironisch „Glück zur Jagd“ wünschte. Unsere Kleidung endigte oben in einem kupfernen, schraubenartig ausgebohrten Halsband, worauf der metallene Helm geschraubt wurde. Drei mit dicken Gläsern versehene Löcher gestatteten, nach allen Richtungen zu sehen, indem man in der Kugel nur den Kopf zu drehen brauchte. Sobald die Kappe aufgesetzt war, fingen die auf unseren Rücken befestigten Rouquayrol-Apparate ihre Tätigkeit an, und ich atmete leicht.

Die Ruhmkorffsche Lampe an meinem Gürtel, das Gewehr in der Hand, war ich fertig zum Fortgehen. Aber von dieser schweren Kleidung bedrückt und mit meinen bleiernen Sohlen an den Boden geheftet, wäre mir’s unmöglich gewesen, nur einen Schritt zu machen.

Doch war all dies berücksichtigt; denn ich fühlte, daß man mich in eine kleine, neben dem Kleidergemach befindliche Kammer schob. Meine Begleiter folgten, in gleicher Weise bugsiert, mir nach. Ich hörte, wie eine Tür mit festgefügtem Verschluß über uns zugemacht wurde, und es umgab uns tiefes Dunkel.

Nach einigen Minuten hörte ich ein lebhaftes Zischen und fühlte eine gewisse Kälte von den Füßen zur Brust aufsteigen. Man hatte Wasser eingelassen, bis es uns umgab und die ganze Kammer füllte. Dann öffnete sich eine zweite Tür in der Seitenwand des „Nautilus“, ein Dämmerlicht umgab uns. Gleich darauf fühlten wir den Meeresgrund unter den Füßen.

Den Eindruck dieses Spazierganges in diesen Tiefen kann man nicht schildern. Weder Pinsel noch Feder können die wundervollen Erscheinungen darstellen.

Kapitän Nemo schritt voran und sein Genosse einige Schritte hinter uns. Conseil und ich blieben dicht beisammen, als hätten wir durch diese metallene Bepanzerung miteinander reden können. Die Schwere meiner Kleidung fühlte ich nicht mehr. Sie verlor im Wasser ebensoviel von ihrem Gewicht, als das von ihr verdrängte Wasser hatte, und ich empfand die Wohltat dieses, von Archimedes entdeckten, Naturgesetzes. Ja, ich hatte eine verhältnismäßig große Bewegungsfreiheit.

Ich staunte über die Stärke des Lichtes, das bis auf dreißig Fuß unter dem Meeresspiegel den Boden erhellte. Die Sonnenstrahlen drangen leicht durch die Wassermasse, die dadurch ihre Färbung verlor. Ich konnte die Gegenstände in einer Entfernung von hundert Metern klar unterscheiden. Weiter hinaus schattierte sich die Grundfarbe in feinen Lasurnuancen, wurde in der Ferne hellblau und verschwand zuletzt in unbestimmtem Dunkel. Wirklich, das Wasser um mich war zwar dichter als die Atmosphäre der Erde, aber fast ebenso durchsichtig. Die Oberfläche des Meeres über mir lag ganz ruhig.

Wir schritten über feinen Sand. Diese blendende Fläche warf, wie ein Reflektor, die Sonnenstrahlen mit auffallender Stärke zurück. Daher der ungeheure Widerschein, der alle Elementarteile durchdrang. So unglaublich es auch klingt, wir sahen in dieser Tiefe von dreißig Fuß wie am hellen Tag!

Eine Viertelstunde lang ging ich auf diesem heißen Sand, der mit Muschelstaub besät war. Der „Nautilus“, der wie eine lange Klippe aussah, verschwand allmählich aus den Augen, aber sein Leuchtfeuer mußte, sowie es in den Gewässern Nacht wurde, unsere Rückkehr an Bord durch seine Strahlen erleichtern. Auf dem Land, wo die Luft mit Staub durchdrungen ist, scheint dieses Licht düster, wie vom Nebel getrübt; aber unter dem Meer pflanzen sich die Lichtstreifen mit unvergleichlicher Reinheit weiter.

Inzwischen schritten wir immer weiter fort, und die ungeheure Sandfläche schien ohne Grenzen zu sein. Ich schob mit der Hand die Wassergardinen zurück, die hinter mir wieder zusammenfielen, und der Druck des Wassers verwischte augenblicklich meine Fußstapfen.

Bald zeigten sich vor meinen Blicken, aus der Ferne in verwischten Umrissen, einige Gegenstände. Ich erkannte prächtige Musterstücke von Felsen, mit Pflanzentieren wie mit einem Teppich bedeckt, so daß ich im ersten Augenblick von dem außerordentlichen Anblick ganz betroffen war.

Es war gerade zehn Uhr vormittags. Die Sonnenstrahlen fielen in ziemlich schiefem Winkel auf die Oberfläche des Meeres, und da sich ihr Licht durch Brechung wie durch ein Prisma zerteilte, so erschienen Blumen, Felsen, Pflänzchen, Muschelwerk, Polypen, am Rande mit den sieben Regenbogenfarben geziert. Diese kaleidoskopartige Mischung von Farbentönen war wundervoll. Eine wahre Augenweide von grüngelb, orange, violett, indigo, hellblau!

Bei diesem Anblick war auch Conseil stehengeblieben. Der brave Junge war ohne Zweifel ins Klassifizieren dieser Mollusken und Zoophyten vertieft. Polypen und Echinodermen bedeckten in Menge den Boden. Die vielen Korallenarten, die gleich Champignons gestalteten Fongiten, die Anemonen, bildeten einen Blumengrund, bunt verziert mit Porpiten im Schmuck ihres Kragens lasurblauer Fühlfäden, mit Seesternen, die den Sand besäten.

Es war ein rechter Jammer für mich, die glänzenden Musterstücke von Mollusken, die zu Tausenden auf dem Boden lagen, mit meinen Füßen zu treten. Aber wir mußten weiter, während über unseren Häuptern Scharen von Physaliden mit ultramarinblauen Fühlfäden mit den Wogen trieben, und Medusen mit opal- oder zart rosenfarbenen Schirmen uns gegen die Sonnenstrahlen deckten.

Alle diese Wunder sah ich im Raum einer Viertelmeile, indem ich kaum stehenbleiben konnte, da der Kapitän Nemo mich mit einem Wink mahnte, ihm zu folgen. Bald änderte sich die Beschaffenheit des Bodens. Auf die Sandebene folgte eine Lage klebrigen Schlammes, der nur aus kieseligen oder kalkartigen Muscheln bestand. Dann durchwanderten wir eine Wiese von Algen. Gleichzeitig breitete sich über unseren Köpfen eine grüne Decke von Seepflanzen aus der überreichen Algenfamilie, deren man über zweitausend Arten kennt, an der Oberfläche des Meeres.

Seit etwa anderthalb Stunden hatten wir den „Nautilus“ verlassen. Es war bald Mittagszeit, wie ich aus den senkrechten Sonnenstrahlen, die sich nicht mehr brachen, erkannte. Der Farbenzauber schwand allmählich, und die Nuancen von Smaragd und Saphir erloschen an unserem Firmament. Unser regelmäßiger Schritt widerhallte erstaunlich stark auf dem Boden. Das geringste Geräusch pflanzte sich mit einer Raschheit fort, an die das Ohr auf der Erde nicht gewöhnt ist. Ist doch das Wasser ein besserer Tonleiter als die Luft und pflanzt sich der Ton darin doch mit vierfacher Schnelligkeit fort.

In diesem Augenblick senkte sich der Boden stark. Das Licht nahm eine gleichmäßige Färbung an. Wir kamen bis zu einer Tiefe von hundert Metern und hatten dann einen Druck von zehn Atmosphären auszuhalten. Aber mein Skaphanderkleid war ein prächtiger Schutz. Ich empfand nur in den Fingergelenken einige Unbehaglichkeit, und auch die verschwand bald. Der zweistündige Spaziergang in dem ungewohnten Harnisch hatte mich nicht im mindesten ermüdet. Das Wasser half dazu, daß die Bewegungen überraschend leicht vor sich gingen.

In der Tiefe von dreihundert Fuß waren die Sonnenstrahlen nur noch schwach wahrzunehmen. Es folgte ein rötliches Dämmerlicht. Doch sahen wir hinreichend, um unsere Richtung zu behalten, und wir brauchten noch nicht einmal den Ruhmkorffsehen Apparat in Tätigkeit zu setzen.

Da machte Kapitän Nemo halt. Er wartete, bis ich wieder bei ihm war und zeigte mir mit dem Finger einige dunkle Massen, die nicht weit von dort im Schatten hervortraten.

‚Das ist der Wald der Insel Crespo’, dachte ich und irrte nicht.

Endlich waren wir am Saum dieser Waldung angekommen, die ohne Zweifel zu den schönsten der ungeheuren Besitzung des Kapitäns Nemo gehörte. Er sah sie als sein eigen an und übte über sie die nämlichen Rechte, die die ersten Menschen in den ersten Tagen der Welt gehabt hatten. Wer hätte ihm auch den Besitz dieses unterseeischen Eigentums streitig machen wollen?

Dieser Wald bestand aus großen baumartigen Pflanzen, und sobald wir unter seine umfassenden Wölbungen kamen, fiel mir sogleich eine eigentümliche Beschaffenheit der Gezweige auf, wie ich sie bisher noch nicht beobachtet hatte.

Keines von den Kräutern des Bodens, keiner von den Zweigen der Gebüsche rankte, bog sich oder wuchs in horizontaler Richtung. Sie stiegen alle aufwärts dem Meeresspiegel zu. Die dünnsten, fadenund bandartigen Pflanzen hielten sich gerade aufrecht, als seien die Stengel von Eisen. Schlingpflanzen und Meergräser nahmen beim Aufwachsen eine streng senkrechte Richtung, wie sie die Dichtigkeit des Elements vorschrieb. Wenn ich sie mit der Hand auseinahderschob, nahmen sie sogleich wieder ihre frühere Lage ein.

Ich gewöhnte mich bald an diesen sonderbaren Wuchs, wie an das Dunkel um uns. Der Boden des Waldes war mit spitzen Blöcken bedeckt, denen man nicht leicht ausweichen konnte. Die unterseeische Flora schien mir reicher zu sein als in den arktischen und tropischen Zonen. Aber einige Minuten lang verwechselte ich fast das Tierreich mit dem Pflanzenreich, Pflanzentier mit Wasserpflanzen. Fauna und Flora leben in der unterseeischen Welt dicht nebeneinander!

Ich machte die Beobachtung, daß alle diese Produkte des Pflanzenreiches nur in einer dünnen Teigschicht am Boden hafteten. Ohne Wurzel, sind der Sand, das Muschel- oder Kieselgeröll nur Stützpunkt, nicht Lebensquelle, das Wasser gewährt ihnen Kraft und Nahrung. Die meisten trieben, anstatt Blätter, nur bandartige Streifen von grillenhaften Formen, umgrenzt von einer schmalen Farbenborte in rosa, karmin, grün, olivenfarbig, falb und braun. Eine Menge dieser Seepflanzen ist ganz ohne Blüten. „Merkwürdige Regelwidrigkeit, seltsames Element“, sagt ein geistreicher Naturforscher, „wo das Tierreich Blüten treibt, das Pflanzenreich nicht!“

Unter diesen verschiedenen Gesträuchen, die so groß sind wie die Bäume der gemäßigten Zone, unter ihrem feuchten Schatten befanden sich massenweise wahre Gebüsche lebendiger Pflanzen, Hecken von Pflanzentieren, und, was die Täuschung voll machte — die Mückenfische flogen von Zweig zu Zweig, gleich einem Schwarm Kolibris, während andere gleich einem Trupp Bekassinen unter unseren Schritten aufzufliegen schienen.

Gegen ein Uhr gab der Kapitän Nemo das Zeichen zum Halt, und wir streckten uns nieder. Dieses Ausruhen schien mir köstlich, nur mangelte uns die Unterhaltung, denn das Sprechen war ja unmöglich. So näherte ich nur meinen dicken Kupferkopf dem Conseils. Ich sah seine Augen vor Befriedigung glänzen, und er machte in seiner Schale höchst komische Bewegungen.

Ich war sehr erstaunt, daß ich nach einem vierstündigen Spaziergang nicht heftigen Hunger empfand. Dagegen spürte ich eine unüberwindliche Neigung zum Schlafen, wie das bei allen Tauchern der Fall ist. Meine Augen schlossen sich auch alsbald hinter ihrem dichten Glas, und ich sank in eine unwiderstehliche Schlaftrunkenheit, die zu bekämpfen bisher nur durch die Bewegung des Gehens möglich war. Kapitän Nemo und sein kräftiger Genosse gaben uns, hingestreckt im klaren Wasser, das Beispiel zum Schlafen.

Wie lange ich wohl in diesem Schlaf gelegen haben mochte, konnte ich nicht schätzen; aber als ich aufwachte, schien sich mir die Sonne schon zum Horizont zu neigen. Kapitän Nemo war bereits aufgestanden, und ich wollte gerade die Glieder strecken, als eine unerwartete Erscheinung mich rasch auf die Beine brachte.

Einige Schritte weit war eine riesenhafte, einen Meter hohe Meeresspinne. Ihre häßlichen Augen schielten mich an. Jeden Augenblick schien das Tier mich anfallen zu wollen. Mir graute trotz meiner Kleidung, die vor Biß schützte. Da erwachten Conseil und der Matrose des „Nautilus“. Kapitän Nemo wies auf das häßliche Tier, der Matrose streckte es mit einem Kolbenschlag augenblicklich nieder, und ich sah die fürchterlichen Beine des Ungeheuers sich winden.

Nun bedrängte mich der Gedanke, es könnten noch andere, furchtbarere Tiere in diesen dunklen Gründen hausen, gegen deren Angriff mein Skaphanderkleid mich nicht schützen würde. Bisher hatte ich nicht daran gedacht, und ich beschloß, auf meiner Hut zu sein. Auch hatte ich geglaubt, daß hier unser Spaziergang enden würde; aber ich täuschte mich, Kapitän Nemo setzte seinen kühnen Ausflug fort.

Er drang immer weiter in die Tiefen des Waldes vor, dessen Gesträuche allmählich seltener wurden. Das vegetale Leben nahm weit schneller ab als das animale. Die Meerpflanzen hörten auf dem trocken gewordenen Boden auf, während eine erstaunliche Menge von Tieren, Zoophyten, Wirbeltieren, Mollusken und Fischen hier umherwimmelte.

Endlich, etwa gegen vier Uhr, fand dieser merkwürdige Ausflug sein Ziel. Eine Wand prachtvoller, hoher Felsen ragte vor uns empor, riesenhafte Blöcke lagen übereinandergetürmt, es war ein ungeheuer steiler Granitblock mit dunklen Grotten, der aber keinen Aufgang, auf dem man fortkommen konnte, zeigte.

Kapitän Nemo machte plötzlich halt. Mit einem Wink hemmte er unsere Schritte, und so gern ich über diese Gebirgswand noch hinausgekommen wäre, mußte ich mich darein ergeben. Die Besitzungen des Kapitäns Nemo hatten hier ein Ende. Darüber hinaus wollte er nicht.

Also begann der Rückweg. Kapitän Nemo hatte sich wieder an die Spitze seiner kleinen Schar gestellt und schritt sicher voran.

Da sah ich plötzlich, wie Kapitän Nemo die Büchse anlegte. Der Schuß ging los, ich hörte ein schwaches Pfeifen, und ein Tier fiel in einer Entfernung von einigen Schritten.

Es war ein prächtiger Seeotter, das einzige vierfüßige, nur im Meer lebende Tier. Es war anderthalb Meter lang. Ich bewunderte das seltsame Säugetier mit seinem runden Kopf und den kurzen Ohren, runden Augen, weißen Schnauzborsten, wie sie die Katzen haben, den handförmigen Füßen mit Krallen und dem buschigen Schwanz, Dieser kostbare Fleischfresser, von den Fischern getrieben und verjagt, wird äußerst selten, hat sich wohl in die nördlichen Gegenden des Stillen Ozeans geflüchtet.

Der Genosse des Kapitäns nahm das Tier auf seine Schulter, und wir setzten unseren Weg fort.

Eine Stunde lang mußten wir eine Sandebene überschreiten. Sie erhob sich oft bis auf nur zwei Meter unter dem Wasserspiegel. Dann sah ich unser Bild in klarem Widerschein umgekehrt gezeichnet, und über uns zeigte sich eine ganz gleiche Truppe, die unsere Bewegungen abspiegelte, so als wären wir auf den Kopf gestellt.

Und nun hatte ich Gelegenheit, einen der schönsten Schüsse zu beobachten, der je einem Jäger das Herz erfreute. Ein großer Vogel mit weit ausgespannten Schwingen streifte nahe über dem Wasser dahin. Des Kapitäns Genosse legte auf ihn an und schoß ihn, als er sich einige Meter über den Wogen befand. Es war ein Albatros der schönsten Sorte.

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Release date on Litres:
05 May 2025
Volume:
230 p. 1 illustration
ISBN:
9788726642865
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