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Josie Hallbach

Traum-Zeit

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1:

Kapitel 2:

Kapitel 3:

Kapitel 4:

Kapitel 5:

Kapitel 6:

Kapitel 7:

Kapitel 8:

Kapitel 9:

Kapitel 10:

Kapitel 11:

Kapitel 12:

Kapitel 13:

Kapitel 14:

Kapitel 15:

Kapitel 16:

Kapitel 17:

Kapitel 18:

Kapitel 19:

Kapitel 20:

Kapitel 21:

Kapitel 22:

Kapitel 23:

Kapitel 24:

Kapitel 25:

Kapitel 26:

Kapitel 27:

Kapitel 28:

Kapitel 29:

Kapitel 30:

Kapitel 31:

Kapitel 32:

Kapitel 33:

Kapitel 34:

Kapitel 35:

Kapitel 36:

Kapitel 37:

Kapitel 38:

Kapitel 39:

Kapitel 40:

Kapitel 41:

Kapitel 42:

Kapitel 43:

Kapitel 44:

Kapitel 45:

Kapitel 46:

Kapitel 47:

Kapitel 48:

Kapitel 49:

Kapitel 50:

Kapitel 51:

Impressum neobooks

Prolog

Traum-Zeit

Was macht frau, wenn sie plötzlich von seltsamen Träumen heimgesucht wird, die verwirrend real wirken?

Und das ist längst nicht das einzige Problem, mit dem ich mich in den letzten Monaten herumschlagen musste.

Eine kleine, repräsentative Auswahl gefällig?

Zu nennen wären:

meine demente Oma samt ihrem virtuellen Anhang

die örtliche Kirchengemeinde, in der ich gern mal an unattraktive Jobs gerate

eine gescheiterte Beziehung

und Mona, meine langjährige Freundin, die grundsätzlich alles besser weiß.

Gleichzeitig ist mir natürlich klar, dass Schwierigkeiten jede Menge Chancen bieten: Zum Beispiel die eigene Vergangenheit zu verarbeiten, unbequeme Entscheidungen zu treffen oder mehr über sich und seine Grenzen zu entdecken.

Allerdings hätte ich auf einen Großteil dessen gut verzichten können. Ich habe sowieso den Verdacht, dass derart abgeklärte Lebensweisheiten tendenziell von Menschen stammen, die gerade in keiner akuten Krise stecken.

Doch das eigentlich Verrückte an meiner Geschichte ist, dass ich das letzte Jahr fast unbeschadet überstanden habe.

Aber am besten fange ich von vorne an. Soweit das eben geht...

Kapitel 1:

Der neue Teil meiner Vergangenheit begann eines sonntagnachts…

Ich ging am Abend zu Bett, las noch ein paar Seiten in dem christlichen „Apokalypsen“-Roman, den mir meine Tante zu Weihnachten geschenkt hatte, betete, um für alle Eventualitäten - wie zum Beispiel eine unverhoffte Entrückung - gerüstet zu sein und schlief für meine Verhältnisse erstaunlich rasch ein.

Als ich ruckartig erwachte, befand ich mich in einem anderen Raum und einer anderen Zeit.

Na gut, genaugenommen ist das falsch, denn ich wachte nicht auf. In Wirklichkeit träumte ich. Ich träumte, ich läge in einem Himmelbett, das seinem Namen allerdings in keiner Weise gerecht wurde.

Die Umgebung erinnerte stark an das Freilandmuseum meiner Kindheit. Meine Mutter hat mich jahrelang dort hingeschleppt, weil ihr eine Mitgliedschaft im Förderverein aufgeschwatzt worden war. Der Beitrag beinhaltete den freien Eintritt. Deshalb darf man mich getrost als Profi für vorsintflutliche Einrichtungsstile betrachten. Die Auswahl, Anordnung und Machart des Mobiliars inklusive der Wandgestaltung sprach mit hoher Wahrscheinlichkeit für den Beginn des 20. Jahrhunderts.

Was mir weiterhin auffiel, waren Kälte und Geruch. Der Raum besaß weder eine Heizung, noch roch er angenehm. Dies unterstützte meine Theorie. Beheizbare Schlafzimmer wurden früher als Luxus erachtet. Meine Haut und Nase haben sich aber an klimatisierte Wohnungen und Weichspüler mit Aprilfrische gewöhnt. Ich fror auf jeden Fall erbärmlich, während mein Nachthemd durchaus geeignet wirkte, Motten und anderes Ungeziefer abzuschrecken.

Elektrisches Licht konnte ich nirgendwo entdecken. Dafür flackerten auf dem Nachttisch neben mir Kerzen.

Ich lag also in einem museumsreifen Zimmer, träumte, fühlte mich aber gleichzeitig hellwach und nahm jedes Detail meiner Umgebung bis hin zum Geruch wahr. Dieses Phänomen ist mir neu, obwohl ich sonst mit reichlich Erfahrung aufwarten kann. Vor allem Albträume zählen zu meinem Spezialgebiet. Ich bin schon vor Räubern geflohen, von Gespenstern heimgesucht worden und unvorbereitet in Prüfungen gegangen.

Nun betrat ich eine neue Dimension: Das interaktive Träumen.

Mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen versuchte ich meine Situation zu analysieren. Dabei machte ich eine ganz wesentliche Entdeckung: Auf einem Stuhl, etwas versteckt in der Ecke des Raumes, lag ein Brautkleid. Ein Irrtum war trotz des Dämmerlichts und der ungewöhnlich dunklen Farbwahl nahezu ausgeschlossen, weil über der Lehne der dazu passende, blumenbekränzte Schleier hing. Außerdem drückte an meiner rechten Hand ein verdächtiger Goldring.

Meine Faszination begann schlagartig, Richtung Unbehagen zu kippen. Da sich sonst niemand im Raum befand, bot sich nur ein logischer Schluss an: Ich musste die Braut sein. Was hieß, dass demnächst ein Mann ins Spiel kommen dürfte, zumindest im Rahmen meines persönlichen Vorstellungshorizontes.

Mir fiel leider auf Anhieb kein männliches Wesen ein, welches ich gern geheiratet hätte. Nicht einmal Florian, obwohl er sich seit geraumer Zeit als mein Freund bezeichnet. Ich kenne ihn von der Bausparkasse. Meine beste Freundin und Kollegin Mona ist mit seinem Kumpel zusammen, deshalb gehen wir manchmal alle gemeinsam essen. Mona behauptete als Erste, er wäre mein Freund. Einfachheitshalber beließ ich es bei dieser Definition.

Doch im Lauf der Monate begann mich einiges an ihm zu stören. Er trinkt zum Beispiel gern Alkohol und tut sich anschließend schwer, Grenzen zu akzeptieren. Unser letztes diesbezügliches „Missverständnis“ war in eine Beziehungskrise übergegangen. Teile meines beruflichen Umfelds reden mir seither kontinuierlich ins Gewissen.

Aus dem Grund reagiere ich, was Männer anbelangt, zurzeit etwas übersensibel. Jetzt gleich Florian in meinen Traum hereinspazieren zu sehen, würde mich definitiv überfordern. Vor allem, weil mein Standardargument zum Thema Sex mit diesem Brautkleid und Ring mehr oder weniger hinfällig wirken dürfte.

Genau in dem Moment öffnete sich die Tür und ein mir völlig unbekannter Mensch betrat den Raum. Gut an ihm fand ich, dass er in keiner Weise an Florian erinnerte. Als schlecht erschien mir, dass dieser jemand wahrscheinlich mein Bräutigam war, denn er trug einen gediegen wirkenden Anzug, schaute mich prüfend an und sagte: „Wir hätten uns besser im Sommer vermählt, Marie. Ende Oktober ist dieses Gemach merklich zu klamm.“ Seine Stimme klang voll, dunkel und unmissverständlich, trotz der althergebrachten Wortwahl.

Meine Bedenken verwandelten sich im Rekord-Tempo zur handfesten Besorgnis: Ich heiße nicht Marie, sondern Ronja und besitze davon abgesehen keinerlei Interesse, die Nacht mit einem Fremden zu verbringen, nicht mal im Schlaf. Dies wäre folglich ein guter Zeitpunkt, um aufzuwachen. Doch mein Steuermechanismus versagte, wie üblich. Ich habe es bisher noch nie geschafft, einen Traum eigenmächtig zu beenden. Vermutlich musste ich so lange durchhalten, bis die Synapsen in meinem Gehirn das erlösende Signal gaben oder die REM-Schlafphase endete.

Eine zusätzliche Herausforderung war, dass ich gerade weder sprechen, noch mich bewegen konnte. So etwas passiert in Träumen ja öfter: Man versucht wegzurennen und kommt nicht von der Stelle. Dadurch wurde ich zur hilflosen Zuschauerin verdammt. Mein Zimmermitbewohner begann sich nämlich ungeniert auszuziehen und nahm mir damit meine letzten, ohnehin irrationalen Hoffnungen. Erst kam der Sakko dran, dann das Hemd. Nachdem er beides sorgsam und gekonnt knitterfrei über die Stuhllehne der zweiten Sitzgelegenheit gehängt hatte, trennte er sich von seinem Unterhemd.

Jetzt stand er bereits mit nacktem Oberkörper da und mir blieb nichts übrig, als ihn die ganze Zeit anzustarren, wie ein Kaninchen die Schlange. Mein Körper verweigerte mir den Gehorsam.

Was man bei trübem Kerzenschein erkennen konnte, besaß mein mir unbekannter Bräutigam ungewöhnlich bleiche Haut. Von diesem Makel abgesehen, machte er aber einen robusten, keineswegs unsportlichen Eindruck. Für Florians schmächtige Statur mochte meine Wehrhaftigkeit zwar reichen, diesem testosterongesättigten Hünen gegenüber befand ich mich jedoch eindeutig im Nachteil.

Obwohl ich mich nicht rühren konnte, schaffte ich es innerlich zu zittern.

Als es ans Ausziehen der Hose ging, schlossen sich meine Augen endlich, wie auch immer das zugegangen sein mochte. Nun war ich schwerpunktmäßig auf mein Gehör angewiesen, was sich keineswegs beruhigend auf meinen Zustand auswirkte. Ich vernahm das Rascheln weiterer Kleidungsstücke, dann plätscherte Wasser. Das Geräusch kam aus der Nische neben dem Kleiderschrank. Dort befand sich, wie ich in meiner ersten Raumanalyse festgestellt hatte, eine altmodische Waschschüssel samt dem dazugehörigen Wasserkrug auf einer niederen Anrichte. Ich durfte somit annehmen, dass sich mein vermeintlicher Ehepartner gerade wusch. Immerhin schien er reinlich zu sein.

Jetzt hörte ich ihn barfuß durchs Zimmer tappen.

Ohne jegliche Vorwarnung zogen sich die Vorhänge des Betthimmels zu. Das unerwartete Geräusch ließ mich mit einem unterdrückten Aufschrei hochfahren, das Federbett wie ein Schutzschild an mich gepresst. Meine Nerven lagen inzwischen mehr oder weniger blank. Der unerwartete Adrenalinschub bewirkte zudem, dass sich meine Augen wieder öffneten und in der nächsten Sekunde vor Schreck weiteten, als sie eine mächtige Gestalt in weißem Gewand neben mir erblickten. Wie ein geisterhaftes Wesen aus einem unterbelichteten Schwarzweiß-Film. Ein erwachsener Mann, der ein bis knapp zu den Knien reichendes Hemd als Nachtwäsche trug, war absolutes Neuland für mich. Eigentlich fehlte bloß noch die passende Zipfelmütze. Mir ging allerdings der Humor ab, um diesen Anblick lustig finden zu können.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Es dünkt mir nur sinnvoll, bei dieser Kälte wenigstens die Zugluft aus unserer Lagerstatt zu verbannen.“ Er nahm mit der einen Hand den Leuchter vom Nachttisch und schob mit der anderen die restlichen Stoffbahnen zusammen, so dass eine Art Zelt entstand, in dessen Innern ich mich befand, allein… momentan… noch.

Der Gedanke an Flucht drängte sich mir regelrecht auf. Weil ich jedoch nicht wusste, ob ich auf eigene Initiative überhaupt einen Finger krümmen konnte, er mich mit Sicherheit bereits vor der Zimmertür eingeholt hätte und ich keine Ahnung besaß, was mich hinter diesem Raum erwartete und in Träumen so ziemlich alles möglich sein kann, verwarf ich die Idee rasch wieder. Ein weiteres, Flucht hemmendes, Argument war, dass ich nur dieses kratzige, völlig unzureichende Spitzenteil ohne jegliche Schutzunterwäsche trug. Das entspricht keinesfalls meinen sonstigen Gepflogenheiten. Ich bin eine konsequente Befürworterin von Schlafanzügen.

Der Kerzenständer wurde nun auf dem Nachttisch der anderen Bettseite abgestellt. Dort blieb der weiße Riese stehen und musterte mich, als müsse er überlegen, was er als Nächstes tun solle. Da er unzweifelhaft männlich war, würde ihm die Idee sicher schnell kommen und ich ahnte, in welche Richtung sie gehen dürfte. Mona hat mich im vergangenen Jahr hinreichend darüber aufgeklärt. Männer können nicht anders. Sie brauchen das. Deswegen darf ich Florian auch nicht böse sein. Die Schuldige bin sowieso ich, weil ich ihm die elementarsten Bedürfnisse vorenthalte. Wenn jemandes Verhalten nicht normal ist, dann meins. Mit 24 Jahren sollte man keine Jungfrau mehr sein und schon gar nicht, wenn man einen gutsituierten Freund besitzt, der den Religionsspleen mit einem teilt.

Enden Träume normalerweise nicht an der dramatischsten Stelle? Dann, wenn die tödliche Kugel auf einen zufliegt oder man mitten in ein Rudel blutgieriger Wölfe gerät oder ein Baum von einem Mann über dich herfällt und sich das nimmt, was er denkt, dass ihm als Bräutigam zusteht?

„Ich will dir etwas kundtun, bevor ich mich zu dir lege, Marie. In der Kirche habe ich öffentlich versprochen, dich zu lieben und zu ehren, bis der Tod uns scheidet. Dem möchte ich mit Verlaub etwas hinzufügen, das nur für deine Ohren bestimmt ist. Ich will dir ein fürsorglicher Kamerad und bedachter Liebhaber werden. Christine, Sophie und unsere künftigen Nachkommen sollen in mir einen verständnisvollen Vater finden. Und deiner Seele möchte ich gern ein Bruder sein, damit wir gemeinsam unserem himmlischen Herrn dienen können.“ Am Ende dieses feierlichen Versprechens schenkte er mir ein fast schüchternes Lächeln, das sein Gesicht förmlich aufleuchten ließ und eine ganze Reihe gesunder Zähne zum Vorschein brachte.

In einem romantischen Film hätte ich mich garantiert für einen solchen Charakterdarsteller erwärmt. Auch hat noch nie jemand so nette, einfühlsame Worte für mich gefunden. Dennoch war ich hin- und hergerissen. Von dem abgesehen, dass ich nicht im Ansatz wusste, wer diese Christine und Sophie waren. Seine oder etwa meine Kinder? Außerdem macht es einen beträchtlichen Unterschied, schönen Worten zu lauschen oder sich gleich mit einem alles andere als gebrechlich wirkenden Körper konfrontiert zu sehen. Sein jugendliches Charisma sank auf jeden Fall beträchtlich, als er zu mir ins Bett schlüpfte. Sämtliche Alarmglocken begannen zu läuten, laut und eigentlich unüberhörbar.

Vielleicht hörte er diese tatsächlich, denn vorerst wurde ich nicht berührt. Stattdessen setzte sich der frischgebackene Ehegatte brav mit etwas Abstand an meine Seite und blickte mich abwartend an.

Ich wollte meinem Nebensitzer an dieser Stelle gern mitteilen, dass dies alles ein Versehen, bessergesagt nur ein Traum war, ich in echt Ronja heiße und darum unmöglich seine Frau sein konnte. Doch natürlich kam keine Silbe über meine Lippen. Ich saß bloß wie versteinert da und hielt meinen Teil der Bettdecke immer noch bis unters Kinn geklemmt.

„Hat man dir schon jemals gesagt, dass du schön bist?“, hörte ich ihn in die angespannte Stille hinein fragen.

Das Unerwartete passierte. Meine Lippen öffneten sich: „Das bin ich nie und nimmer.“ Meine Stimme klang merkwürdig. Und sowieso hatte ich das überhaupt nicht gedacht. Warum sagte ich es also? Gut, ich finde zwar, dass es an meinem Körper Verbesserungspotential gibt, aber das diskutiere ich normalerweise nicht in der Öffentlichkeit und gleich gar nicht mit irgendwelchen Fremden, die glauben, mit mir verheiratet zu sein.

Leider besaß ich wenig Macht über die Regie dieser Szene. Das Einzige, was ich aus freiem Willen tun konnte, war: denken, fühlen und riechen. Bei allem anderen wurde ich zur Statistin degradiert. Ob mich dies aber davor schützte, gleich dem körperlichen Vollzug einer Ehe beizuwohnen, war fraglich. Meine einzige Chance bestand darin, diese Marie, deren Rolle ich einnahm, irgendwie zu überzeugen, dass wir keinen Sex in der Hochzeitsnacht wollten.

Der Traum begann, leicht schizophrene Züge zu entwickeln.

Dermaßen in meine nervösen Überlegungen gefangen, hätte ich fast die Fortsetzung des Gesprächs verpasst.

„Na so was? Dann sind wir in diesem Punkte wohl unterschiedlicher Ansicht, denn ich halte dich für durchaus begehrenswert. Aber du hast Recht, ich muss das natürlich erst nachprüfen.“ Er zwinkerte mir schalkhaft zu. Anschließend kam seine Hand wie in Zeitlupe zu mir herüber und strich vorsichtig eine meiner Locken aus der Stirn.

Seine Berührung empfand ich wie einen elektrischen Schlag und meine letzten Hoffnungen schwanden dahin. Ich konnte ihn nicht nur spüren, meine Nervenenden befanden sich sogar auf der höchsten Sensibilitätsstufe. Falls ich nicht rechtzeitig aufwachte, würde dies eine erkenntnisreiche Nacht werden.

„Mir gefällt dein Haar. Wenn man darüberstreicht, fühlt es sich wie kleine Sprungfedern an.“ Der Bräutigam zog neckend an einer Strähne, die sich aus meinem Zopf befreit hatte.

Diese Definition ist neu. Man hat meine rebellische Naturmähne schon für eine missglückte Dauerwelle gehalten. Meist binde ich meine Haare darum zusammen. Aktuell trug ich sie zu einem Zopf geflochten.

„Und deine dunkle Haut stört mich mitnichten“, ergänzte er und fuhr mit seinem Zeigefinger über meine Stirn, die Schläfen entlang, rüber zur Nase und von dort bis zum Mund.

Seine Berührungen erschreckten mich und begannen mir gleichzeitig zu gefallen. Unabhängig davon irritierten mich seine Worte. Ich werde von Freundinnen regelmäßig für meinen südländischen Teint beneidet, den mir ein unbekannter Vorfahr vererbt hat. Vor hundert Jahren sah man dies aber offenbar anders. Mein hellhäutiger Ehemann galt vermutlich als Adonis, während ich ein hässliches Entlein war, denn zu meiner Dauerbräune und der wallenden Mähne besitze ich einen eher schlanken Körperbau mit BH-Körbchen-Größe B, optimistisch veranschlagt. Maries Selbsteinschätzung ergab daher Sinn. Rubens Madonna wird nie als meine Zwillingsschwester durchgehen.

Durch meinen ästhetischen Gedanken-Ausflug hätte ich fast erneut den Anschluss verpasst. Vielleicht versuchte ich mich aber auch mit aller Gewalt abzulenken, denn der Finger strich mittlerweile sanft die Konturen meiner Lippen nach. Mein Puls schraubte sich dadurch steil nach oben und ich bekam trotz der kühlen Raumtemperaturen Hitzewallungen.

Jetzt näherte sich sein Mund. Das dazugehörige Gesicht geriet zur Nahaufnahme. Der Bräutigam wartete geduldig bis ich zu ihm hochschaute. Dann nickte er und murmelte: „Doch am schönsten sind deine Augen. Man glaubt, in ihnen zu ertrinken.“

Ab da war ich verloren. Wenn hier jemand ertrank, dann ich, und zwar in zwei tiefblauen Seen. Selbst für den Fall, dass ich mich hätte retten können, wäre kein Mucks an Gegenwehr mehr von mir gekommen. Weiche Lippen legten sich auf meine und große, warme Hände umfingen meinen Kopf. Man soll beim Küssen besser keine Vergleiche ziehen, aber es war schöner als alles, was ich je in dieser Hinsicht erlebt hatte. Ich schmolz förmlich dahin…

… bis mir der Atem knappwurde, weil mein zweites Ego beschlossen hatte, keine Luft mehr zu holen. Dies bemerkte auch unser Bettgenosse und brach unvermittelt ab.

Marie und ich kämpften anschließend um Sauerstoff. Sie schnappte nach Luft und ich empfand sehr eindrucksvoll die dazugehörige Atemnot.

„Es lag nicht in meiner Gesinnung, dich mit dem ersten Kuss gleich zu meucheln. Wir müssen das unbedingt fortan üben“, stellte unser Gatte vergnügt klar, während Marie und ich zu einem normalen Atemrhythmus zurückzufinden versuchten. „Was hältst du davon, wenn wir jetzt schlafen? Du wirkst erschöpft.“

Ich starrte ihn verblüfft an und Marie sprach ausnahmsweise die passenden Worte dazu, so in ungefähr zumindest: „Werden Sie…? Äh… Willst du nicht…? Ich meine…“

„Wir haben genug Zeit, eine ganze Ehe lang. Leg dich nieder. Du fühlst dich eiskalt an.“

Marie rutschte zögernd nach unten, sorgsam darauf bedacht, dass ihr Nachthemd diese Reise mit antrat.

Danach wurden die Kerzen ausgeblasen und das letzte Stück Vorhang zugezogen. Zum Schluss rückte unser Bettnachbar neben sie. So dicht, dass auch ich ihn spüren konnte. Eine Hand glitt in der Dunkelheit um unsere Taille und verblieb dort.

Obwohl sonst tatsächlich nichts passierte, wirkte Marie wie erstarrt. Ihr Herz schlug schmerzhaft von innen gegen die Rippen. Sie misstraute ihrem Ehemann. Das war anhand ihrer Reaktion klar. Aber warum?

„Keine Angst, dir wird nichts geschehen. Ich will dich bloß wärmen. Schlaf gut, Marie.“ Er drückte seine Lippen auf ihren Scheitel, umschlang sie noch etwas fester und schlief irgendwann ein, wie ich an seinen tiefer werdenden Atemzügen erkennen konnte.

Positiv zu vermerken war, dass er im Gegensatz zu Florian nicht schnarchte. Ich weiß dies, seit ich ihn einmal nach einem feuchtfröhlichen Männerabend auf dem Sofa bei Monas Freund vorgefunden habe. Das sägende Geräusch hätte mich auch blind zu seiner Schlafstätte geführt.

Marie und ich lagen in dieser Nacht noch lange wach. Mit einem Pulsschlag von über hundert, schafft man es schwer einzuschlafen. Dadurch bekam ich ausreichend Gelegenheit, über diese Situation nachzudenken.

Das, was gerade passierte, war total verrückt. Wie konnte es sonst sein, dass man im Schlaf mitten in die Geschichte zweier Menschen geriet, ohne jegliche Distanz wahren zu können und sich gleichzeitig vom Verstand und seinen Sinnen hellwach fühlte? Inzwischen fand ich diesen Traum aber gar nicht mehr übel. Deshalb beschloss ich, jede weitere Sekunde auszukosten.

Ich meinte sogar den Geruch unseres Bettgefährten wahrnehmen zu können. Natürlich benutzte er kein Deo oder Aftershave. Auch Dusch- und Körperlotionen dürften damals unbekannt gewesen sein. Dennoch roch er frisch und angenehm bodenständig. Ein wenig nach Wald. Wie eine Mischung aus Holz und Erde mit einem Hauch Zitrone. Auf jeden Fall anders als sämtliche Männer, die ich kannte.

Das war das letzte, was sich mir einprägte, bevor ich eingeschlafen sein musste, denn als ich aufwachte, lag ich in meinem Bett, allein, in meiner mir vertrauten Welt und mein Wecker zeigte, dass es höchste Zeit war aufzustehen.

Kapitel 2:

Manchmal, wenn man etwas Schlimmes erlebt und endlich einschläft, ist man beim Aufwachen unsicher, ob man alles bloß geträumt hat. Beim Tod meines Vaters war es so gewesen. Ein Polizist stand eines Abends vor unserer Haustür und überbrachte die Nachricht, dass dieser mit dem Auto tödlich verunglückt sei. Man stünde vor einem Rätsel, denn die Straße verliefe an dieser Stelle schnurgerade und es wäre kein anderes Auto im Spiel gewesen.

Als Achtjährige kapiert man manches nur bruchstückhaft. Aber ich wusste, dass meine Eltern häufig stritten, mein Papa seit über einem Jahr wo anders lebte und den Kontakt zu uns fast vollständig abgebrochen hatte. Es gab auch Probleme mit Alkohol. Vielleicht reagiere ich darum bei Florian so empfindlich darauf.

Am Morgen nach dieser Schreckensbotschaft wachte ich auf und glaubte, es wäre ein Albtraum gewesen. Doch als ich Mutter mit rotverweinten Augen durch die Wohnung laufen sah, realisierte ich Stück für Stück, dass auch im Alltag grausame Dinge passieren können. Den praktischen Teil dieser Erkenntnis erhielt ich drei Tage später auf der Beerdigung.

An diesem Montagmorgen ging es mir ähnlich, nur genau umgekehrt. Mein Traum war derart realistisch gewesen, dass ich kaum glauben konnte, alles habe sich lediglich in meinem Kopf abgespielt. Während ich Fertigmüsli in mich hineinlöffelte, meinte ich noch diese tiefe, warme Stimme im Ohr zu haben.

Ernsthaft, sowas schaffe nur ich! Da verliebe ich mich zum ersten Mal Hals über Kopf und dann ist es gleich von vornherein komplett hoffnungslos, weil es erstens diesen Traummann gar nicht gibt, ich zweitens keine Möglichkeit habe, ihn wiederzusehen – wann träumt man schon Fortsetzungen? - und drittens und das ist der Gipfel alles Schlimmen, er eine gewisse Marie und nicht mich liebt und geheiratet hat. Das letzte, was ich gebrauchen kann, ist eine traumatische Dreiecksbeziehung.

Auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz fühlte ich mich immer noch wie weggetreten. Trotzdem checkte ich heroisch meine aufgelaufenen Mails und sonstigen Nachrichten. Ich sollte besser rasch in meine Gegenwart zurückfinden und dazu gehört, dass man in meiner Generation über soziale Medien kommuniziert.

Dummerweise bin ich keine typische Handynutzerin, was man mir in meinem Freundeskreis oft genug vorwirft. Weder bin ich dauerhaft online, noch trage ich es in Körpernähe. Meine Erreichbarkeit stellt sich von daher recht mäßig dar. Dies rächt sich, weil ich spontane Termine verpasse oder mich, wenn ich mein Handy einschalte, Unmengen von alten Nachrichten gegenübersehe.

So wie jetzt. 24 WhatsApp-Botschaften, 11 E-Mails und 3 SMS überfluteten mich geradezu und ließen mein Handy brummen, pfeifen und klingeln, als wolle es samt Handtasche abheben.

Die Busfahrt war zu kurz, um alle Defizite aufzuarbeiten, aber nachdem ich die unvermeidlichen Werbungen gelöscht hatte, sah ich, dass allein fünf Nachrichten von Florian stammten, inklusive zweier verpasster Anrufe. Drei gingen auf Monas Rechnung und ansonsten sollte ich mich dringend bei den Leuten von meinem Gesprächskreis melden. In der Gruppe wurde nach jemandem gesucht, der am Abend die Themeneinheit übernehmen konnte und bisher wussten alle nur, wer keine Zeit dazu besaß.

Ich stellte im Nachhinein fest, dass es eine glückliche Fügung gewesen war, mein Handy gestern auf dem Küchentisch vergessen zu haben, als ich Oma im Altenheim besuchte.

Von einem entspannten Treffen hatte dennoch keine Rede sein können. Meine Großmutter hatte mich nicht mal ansatzweise erkannt, obwohl ich sie möglichst häufig zu sehen versuche. Sie befindet sich seit etwas über einem Jahr auf einer Pflegestation für Demenzkranke und lebt phasenweise in einer abstrus eigenen Welt. Sämtliche Besucher werden in die aus ihrer Sicht passenden Rollen gepresst. Dieses Mal sprach sie mich zum Beispiel konsequent mit Marie an, wer auch immer das sein mochte. Optische Kriterien und zwingende Logik gibt es für Demenzkranke nun mal nicht.

Wahrscheinlich hieß meine Braut heute Nacht deswegen so. Doch eigentlich kam ich damit noch ganz gut weg. Ein halber Tag auf einer Demenzstation hätte auch genug Stoff für einen Horrortrip geboten: Während ich meiner Oma die Abendmahlzeit in mundgerechte Happen schnitt, war neben mir ein distinguiert aussehender, grauhaariger Herr singend hin- und hergeschwankt. Ein paar Leute hatten sich um eine zerfledderte Babypuppe gestritten. Der verhältnismäßig junge, korpulente Mann vom Tisch gegenüber probierte unser Essen zu klauen, was hieß, dass ich Omas Brot hart verteidigen musste. Und im Hintergrund hatte eine verschrumpelte Greisin bei jedem lauten Geräusch verschreckt aufgeschrien und gegen unsichtbare Mächte zu kämpfen versucht. Die harmlosesten unter den Patienten sind eindeutig diejenigen, die still in ihren Rollstühlen vor sich hinvegetieren.

Während ich im Großraumbüro einlief, das mir seit knapp zwei Jahren ein sympathisch stabiles Einkommen und einen geregelten Tagesablauf beschert, versuchte ich meine jüngsten Erinnerungen abzuschütteln. Es misslang. Meine Gedanken schweiften kontinuierlich ab, wie eine Herde störrischer Schafe.

Ich merkte es jedoch erst, als Mona mir auf die Schulter tippte und meinte: „Na, hast du dich endlich mit Florian versöhnt?“ Sie musste sich heimtückisch von hinten an mich herangeschlichen haben.

Vorsichtshalber fragte ich: „Wie kommst du denn auf die Idee?“

„Du grinst ständig vor dich hin. Hach, es wurde auch Zeit. Der arme Kerl hat ja so gelitten.“ Meine Freundin seufzte theatralisch und zauberte ein schwülstig-wissendes Lächeln auf ihre roten Lippen.

Ich konnte Mona schwerlich erklären, dass ich gerade eine spritzige Diskussion mit meinem Schein-Ehemann geführt hatte, bei der ich endlich mein sprachliches Potential hatte entfalten können und nicht gezwungen war, die ganze Zeit vor mich hinzustarren und zu schweigen.

Peinlicher Weise wechselte der Monitor just in diesem Moment in den Bildschirmschoner, ein farbenfrohes Logo unserer Bausparkasse. Er ist auf fünf Minuten eingestellt. Hektisch klickte ich die vernachlässigte Eingabemaske für Kundendaten zurück, tat professionell beschäftigt und murmelte: „Du irrst dich. Die Beziehung liegt weiterhin auf Eis.“

Meine Freundin zog als Konsequenz vieldeutig eine Augenbraue hoch. Durch diese akrobatische Muskelleistung bekommt ihre Mimik immer so eine hellseherische Komponente. Unbedarfte Gesprächspartner verunsichert sie damit regelmäßig.

Mir vermochte Mona an diesem Morgen aber kein Geständnis zu entlocken. Ich bemühte mich stattdessen, dermaßen bedeutungsleicht dreinzuschauen, dass meine Pupillen bereits zu schielen anfingen.

Ganz überzeugen konnte ich sie freilich nicht.

„Schade, ich hätte gewettet, dass eine rauschende Versöhnungsorgie hinter euch liegt.“ Sichtlich widerwillig begab sie sich an ihren Schreibtisch zurück.

Den restlichen Vormittag wurde ich von lauernden Blicken bombardiert. Meine Konzentration ging dadurch vollends vor die Hunde. Doch ich versuchte mich wenigstens rein äußerlich zusammenzureißen, um dem Bildschirmschoner keine Chance mehr zu geben.

Sämtliche schauspielerischen Bemühungen scheiterten allerdings, als Florian das Büro betrat und wie zufällig vor meinem Arbeitsplatz stehenblieb.

Er sah heute nicht besonders frisch aus und sein aschblondes Haar ließ das übliche Styling vermissen. „Warum reagierst du eigentlich nicht auf meine Nachrichten?“, erkundigte er sich und hielt mir, um Eindeutigkeit bemüht, sein nagelneues Smartphone unter die Nase.

Mich umgab sogleich ein edler Hauch von Hugo Boss, kleidungs- wie parfümtechnisch. Mein Freund bedient ungern das Image des kernigen Naturburschen und wirkt in der Regel wie aus dem Ei gepellt, auch in seiner Freizeit. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er überhaupt eine Jogginghose besitzt.

Heute bot er jedoch ein Bild des Jammers, was mich sofort in die Defensive drängte. „Sorry. Ich habe gestern mein Handy zuhause liegen lassen“, entschuldigte ich mich fast automatisch. Eigentlich sollte er dieses Argument kennen, denn es führt meine Hitliste an. Gefolgt von „Mein Akku war leer.“

„Und wo warst du den ganzen Tag?“

Prinzipiell ging ihn das zwar nichts an, aber da ich ein wohlerzogenes Mädchen bin und anderen Menschen ungern Kummer bereite, antworte ich auf mir gestellte Fragen. „Bei meiner Oma.“

Zu Beginn unserer Freundschaft war Florian einmal mit ins Pflegeheim gegangen. Doch der Besuch hatte in einem Fiasko geendet, weil meine Großmutter Angst vor ihm bekam. Und das, obwohl er sie mit ausgesuchter Freundlichkeit behandelt hatte und sich sogar breitschlagen ließ, am Klavier alte Kirchenlieder zum Besten zu geben. Anschließend war eine ganze Traube andächtiger Damen und Herren um ihn herumgestanden und die Pflegerinnen hatten gefragt, ob er in Zukunft öfter kommen wolle. Dennoch war Oma die ganze Zeit damit beschäftigt gewesen, mich von ihm abzudrängen. Wie eine Vogelmutter, die den Feind vom Nest ihres Nachwuchses wegzulenken versucht.

„Machen wir nachher zusammen Mittagspause? Ich muss mit dir reden.“

Das klang nur begrenzt nach einer offenen Frage, der man mit einem klaren „Nein“ begegnen konnte. Außerdem tue ich mich mit Absagen grundsätzlich schwer. Dies kombiniert mit einem unterschwelligen Helferkomplex hat mir bereits ehrenamtliche Aufgaben in der Kirchengemeinde, bei der Flüchtlingsarbeit und am Arbeitsplatz verschafft. Wahrscheinlich beruht sogar meine lausige Beziehung zu Florian auf diesem Problem.

Mit einem „Es wird nichts ändern“, versuchte ich wenigstens etwas Standfestigkeit zu beweisen, die bei seinem nächsten Satz aber sogleich ins Wanken geriet. „Ich kann seit Wochen nicht mehr richtig schlafen.“

„Na gut, um zwölf.“

Seine Gesichtszüge belebten sich sichtlich und verloren ihren trauerummantelten Flor. Dass er nicht pfeifend den Raum verließ, war alles.

„Und wieder einmal hast du einen Menschen glücklich gemacht“, kommentierte Mona, die uns von ihrer Fernwarte, zwei Arbeitsplätze weiter, beobachtet hatte.

Es fehlte nicht viel und ich hätte meine kümmerliche Grünlilie, die auf meinem Schreibtisch für Wohlfühlatmosphäre sorgen soll, nach ihr geworfen.

Eine Stunde später saß ich an einem elitären Tisch in der oberen Etage unserer Cafeteria meinem Freund gegenüber. Die Ausstattung dort ist ganz in Marmor, Chrom und Glas gehaltenen und soll die Finanzkraft unseres Arbeitgebers untermauern und zugleich die Transparenz des Unternehmens demonstrieren. Florian passt haargenau hierher, vom schicken Anzug angefangen, über sein normalerweise gestyltes Äußeres, bis hin zur Designer-Armbanduhr. Darum hat er es auch innerhalb kürzester Zeit zum Teamleiter gebracht. Mir dagegen flößt dieses noble Umfeld latentes Unbehagen ein und degradiert mich zur linkischen Außenseiterin. Zumindest schaffe ich es seit fünf Jahren nicht, mich in dieser Hochglanzwelt heimisch zu fühlen.

Von dem abgesehen bereute ich gerade bitter meine Inkonsequenz, obwohl zwei Tabletts mit leckerem Kantinenessen zwischen uns standen.

Florian gelobte Besserung. Gleichzeitig versuchte er nach meiner Hand zu greifen, als sichtbares Zeichen, dass nun alles wieder gut sei und wir zusammengehörten. Weil der Versuch scheiterte, fragte er ersatzweise, ob er heute Abend mit in den Gesprächskreis könne. Die letzten Male hatte er zu meiner Erleichterung gefehlt.

Eigentlich finde ich es wenig bis überhaupt nicht sinnvoll, eine Gruppe durch ein sich in der Krise befindliches Paar zu belasten. Alternativ selbst wegzubleiben, wäre jedoch noch unfairer gewesen, weil ich vor einer Stunde versprochen hatte, die Leitung des Thementeils zu übernehmen.

„Das ist deine Entscheidung, Flo. Privat möchte ich mich aber zurzeit nicht mit dir treffen“, erklärte ich, meinen ganzen Mut zusammennehmend.

Florian schaute mich entgeistert an. „Wieso?“

„Ich muss mir über einiges im Klaren werden.“ Ich-Botschaften zu senden, ist das einzig Richtige in einer solchen Situation. Diese Technik der Gesprächsführung gehört bei jedem Coaching zum Basis-Wissen und wird auch in Volkshochschulen an Rentner und Hausfrauen vermittelt.

„Ich liebe dich, Ronja. Wenn du mehr Verbindlichkeit in unserer Beziehung brauchst, könnte ich das durchaus verstehen,“ sprach daraufhin das personifizierte Verständnis. Seine professionell manikürten Hände schoben sich erneut in meine Richtung. So weit, dass sie sich ohne Probleme aus meinem Teller hätten bedienen können. Dieser stand ohnehin verwaist da, weil meine eigenen Finger reflexartig unter den Tisch abgetaucht waren, um sich dort nervös ineinander zu verflechten. Ich war wild entschlossen, diesmal nicht einzuknicken. Bevor ich mich leichtfertig einer seiner üblichen Charmeoffensiven ergeben würde, wollte ich lieber in Reichweite einer Portion Kalbsgeschnetzeltem mit Zürcher Rösti verhungern.

Verrückt. Vor weniger als zwölf Stunden waren die Worte „Ich liebe dich“ schon einmal gefallen, obwohl sie nicht mir gegolten hatten. Wenn dieser jemand jetzt anstelle von Florian hier sitzen und mich wie Marie in der Nacht anlächeln würde, hätte ich vermutlich ohne jegliches Zögern „ja“ gesagt.

Ich weiß, dass mein Innenleben nicht immer realistisch geeicht ist. Das zu Herzen gehende Eheversprechen mit der Berufung auf Gott hat wohl eine unbekannte Saite in mir zum Klingen gebracht und klammheimlich neue Maßstäbe gesetzt. Die Person, die gerade am anderen Ende meines Tisches saß, war aber Welten von diesen entfernt und wenn schon keine Welten, dann mindestens einhundert Jahre.

„Du hast jemanden kennengelernt“, wurden meine abstrusen Gedankengänge unsanft unterbrochen. Florians Hände befanden sich merklich auf Rückzug, genau wie sein wohlwollender Gesichtsausdruck.

Meine weltfremden Phantasien standen mir offenbar regelrecht ins Antlitz geschrieben. Deswegen verzichtete ich auf jedwede Erklärungsversuche, vermied es sogar, mich zu verteidigen, sondern meinte nur: „Und wenn es so wäre?“ Rückfragen sind ebenfalls eine effektive Methode, einen Dialog offenzuhalten. Das lernt man im Folgekurs, Krisenintervention, den ich allerdings nicht gerade bravourös gemeistert habe.

Diese mangelnde Kompetenz kam jetzt zum Tragen. Florians Mimik verfinsterte sich augenblicklich. „Wer ist der Kerl?“

Meine Nervosität wurde an dieser Stelle unüberhörbar. „Niemand, den du kennst.“

„Ist es etwas Ernstes?“

Mir lag auf der Zunge zu beichten, dass ich ihn letzte Nacht geheiratet hätte, doch ich schluckte es hinunter und begnügte mich mit einem vieldeutigen Schweigen, der Einheit für Fortgeschrittene. Um der peinlichen Stille zu entkommen, beginnt sich der Gesprächspartner normalerweise um Kopf und Kragen zu reden. Hatte zumindest die Leiterin des Kurses behauptet.

Diese Lektion muss Florian entweder geschwänzt haben, oder er hält nichts von klassischen Regeln. Stattdessen begann er ruckartig seine Sachen zusammenzustellen, obwohl sein Teller noch halbvoll war, starrte mich vernichtend an und würgte „Ich hätte dich für klüger gehalten“ hervor. Anschließend rauschte mein nunmehriger Ex-Freund erhobenen Hauptes davon und ließ mir seine Essensreste samt der neugierigen Blicke umliegender Tischnachbarinnen zurück.

Um meinen Appetit stand es von da an auch nicht mehr zum Besten. Mit fest auf die Marmorfliesen gehefteten Augen und einem doppelbödigen, überfüllten Tablett begab ich mich zur Abgabestelle.

Ich fühlte mich so lange schlecht, schuldig und minderwertig, bis pfeifend eine Nachricht auf meinem Handy eintraf. Es war ein unmissverständliches Ikon, welches jegliche christliche Erziehung vermissen ließ. Florian musste dafür extra recherchiert und es sich heruntergeladen haben, denn auf meinem Handy fand ich nichts Derartiges hinterlegt.

Ich mochte es zwar nicht offen zugeben, aber von da an empfand ich in erster Linie Dankbarkeit, dass man, bessergesagt Mann, mir die Entscheidung abgenommen hat. Im Schluss machen fehlt mir wie es aussieht die Übung.

Beim Gesprächskreis glänzte Florian ein weiteres Mal durch Abwesenheit und mir stand ein halbwegs entspannter Abend bevor. Bei der anregenden Diskussion zum Thema Glaube und Zweifel vergaß ich sogar zwei Stunden lang meine momentane Misere. In dieser Runde fühle ich mich heimisch und gut aufgehoben. Einen Drang über die vergangenen Erlebnisse zu reden, verspürte ich trotzdem nicht, obwohl ich vor meinen „frommen Mitgeschwistern“ wenig Geheimnisse habe. Sie wissen, wann man Dinge besser für sich behält. Nur, wie sollte ich meine aktuelle Verfassung erklären?

Dabei sind Christen eine Menge gewohnt. Wer an die Präsenz eines unsichtbaren, allmächtigen Gottes glaubt und sein Leben nach einem 2000 Jahre alten Buch ausrichtet, den dürften seltsame Träume kaum schockieren.

Was aber meine Zukunft ohne Florian betraf, konnte ich davon ausgehen, dass diese Neuigkeit sie sowieso bald erreichen würde. Sie wunderten sich eh schon, warum ich in letzter Zeit vorzugsweise allein aufkreuzte.

Kapitel 3:

Ein kleiner Teil von mir hoffte, als ich mich zu später Stunde auf den Heimweg begab, dass ich erstens Florian nie wieder treffen müsse und zweitens in der kommenden Nacht meinem Fast-Bräutigam begegnen würde. Beides war ungefähr in gleichem Maße unrealistisch.

Ich wohne im obersten Stock eines fünf Parteien-Hauses ohne Aufzug. Die dazugehörige Straße befindet sich in einem etwas heruntergekommenen Teil unserer Kleinstadt und zeichnet sich durch Überalterung und einen hohen Ausländeranteil aus. Doch diese Wohnlage war das gewesen, was wir uns nach Paps Tod hatten leisten können. Außerdem hatte sich das berufliche Betätigungsfeld meiner Mutter im Prinzip direkt vor unserer Haustür befunden.

Obwohl sich mir später mehrfach Gelegenheiten boten, in eine hochwertigere Umgebung zu ziehen, hänge ich an dieser Wohnung. Sie ist konkurrenzlos günstig und meine Mitmieter gehören fast zur Familie. Ich entdecke zumindest ständig Aufmerksamkeiten vor meiner Wohnungstür. Im Gegenzug übernehme ich kleine Besorgungsdienste und putze samstags das Treppenhaus durch. Als Dankeschön habe ich freien Eintritt in der Eisdiele meiner italienischen Untermieter, die von deren erwachsenen Kindern betrieben wird.

Okay, Familienintegration hat auch Nachteile. Die rumänische Oma, deren Wohnung im zweiten Stock liegt, versucht mich seit Jahren unbeirrbar mit ihrem Enkelsohn aus Bukarest zu verkuppeln, damit dieser die deutsche Staatsbürgerschaft erhält und bei uns studieren darf. Sie mochte Florian von Anfang an nicht und prophezeite mir in schöner Regelmäßigkeit eine düstere Zukunft an seiner Seite.

Mein Ex fing mich schwankend vor der Haustür ab. Nachdem er mich in eine Ecke gedrängt und beschimpft hatte, begann er zu grabschen. Dabei lallte er etwas von Fehlinvestition und Auszahlung mit Zinsen. Er macht seinen Job in der Bausparkasse schon recht lang.

Zum Glück war er dermaßen betrunken, dass er keine ernsthafte Gefahr darstellte und ich ihn abschütteln konnte. Eigentlich tat ich sogar ein bisschen mehr als das. Der große Bruder einer Freundin aus meinem ehemaligen Jugendkreis war lange Jahre im Jiu-Jitsu gewesen und hatte mir an einem sonnigen Nachmittag einige praktische Kniffe beigebracht, die man als alleinstehende Frau gut gebrauchen kann. Durch Florian hat sich der lehrreiche Unterricht endlich bezahlt gemacht. Morgen würde sich mein Ex vermutlich fragen, woher seine schlechte Verfassung und die körperlichen Male stammten. Doch ein paar Erinnerungshilfen konnten kaum schaden und sollten ihn in Zukunft von weiteren, alkoholisierten Eskapaden abhalten.

Und dann gab es sogar noch eine unerwartete Zugabe, geliefert von einem übergewichtigen, in Feinripp-Unterhemd und Jogginghose gekleideten Senior. Herr Maifeld führt gegen eine reduzierte Mietgebühr Hausmeistertätigkeiten bei uns im Gebäude durch. Weil er diesen Job sehr ernst nimmt und sein Tätigkeitsfeld zudem weit fasst, hatte er sich zur Unterstützung einen Minigolf-Schläger mitgebracht. Bestimmt wird dieser seit Jahren irgendwo schmerzlich vermisst. Gekonnt und recht eindeutig schwang er ihn in der Hand. Auch ein alkoholisiertes Hirn versteht eine solche Sprache.

Als Florian endlich schimpfend um die Ecke verschwunden war, begleitete mich mein glatzköpfiger Schutzengel schweratmend bis direkt vor meine Wohnungstür. Obwohl ich ihm ununterbrochen beteuerte, dass mir nichts passiert sei, würden morgen alle im Haus Bescheid wissen, unter Garantie.

Mehr oder weniger unbeschadet in meinen vier Wänden angekommen, schloss ich sorgsam ab und empfand echte Dankbarkeit, dass es nie zu einem Schlüsselaustausch zwischen Florian und mir gekommen war.

Trotzdem brauchte ich eine ganze Weile, bis sich meine Nerven beruhigt hatten. Rein therapeutisch bemühte ich darum meinen Einfallsreichtum, um im Schlaf ins vorige Jahrhundert enteilen zu können, in dem die Welt samt ihren Männern noch in Ordnung war. Doch was den Tag über ohne Probleme funktioniert hatte, scheiterte jetzt kläglich. Ich erwachte vermeintlich traumlos am nächsten Morgen.

Dafür begegnete mir noch vor der ersten Kaffeepause ein vorwurfsvoller Blick aus grünen, von perfektem Mascara umhüllten Augen. Als Mona auf dem Weg zur Toilette an meinem Schreibtisch vorüberschlenderte, konkretisierte sich dieser Eindruck, indem sie: „Ich bin voll enttäuscht von dir“, zischte.

Florian schien das unstillbare Bedürfnis verspürt zu haben, sich bei ihr auszuheulen, bevor er seinen Kummer in Alkohol ertränkt hatte, um mir danach, von jeglichem guten Benehmen enthemmt, an die Wäsche zu gehen. Sein angestammter Sitzplatz neben dem begehrten Fenster des nahegelegenen Büros war heute Morgen verwaist, wie ich mit stiller Genugtuung feststellte. Vermutlich kühlte er gerade wesentliche Teile seines Unterleibs.

Bis zur Mittagspause konnte ich Mona hinhalten, dann zerrte sie mich hinter sich her in die Kantine. Weitere Interessenten, die sich uns anschließen wollten, ihr Freund Jochen vorne dran, grenzte sie kategorisch aus.

„Wir kennen uns seit der Grundschule…“, begann sie, Berge von Salat vor sich aufhäufend, weil sie zum gefühlt zwanzigsten Mal in diesem Jahr auf Diät war. Dabei besitzt sie schlimmstenfalls Normalgewicht. Für einen neidisch-hungrigen Blick auf meine Lasagne reichte es dennoch.

Wenn sich meine Freundin auf gemeinsame Kindheitserlebnisse beruft, ist das kein gutes Zeichen. Ich wappnete mich für Unangenehmes. Mona kann nämlich kultiviert blättrige Kost in sich reinschieben und einen parallel wie eine Verräterin dasitzen lassen, ohne Salatsoße zu verspritzen oder ein Wort zu sprechen. Leider war nicht meine fetttriefende Lasagne die Ursache ihres Unmutes. Das hätte ich leicht verschmerzt.

„Wie konntest du mir vorenthalten, dass du dich verliebt hast?“, kam es empört von ihren Lippen, nachdem ich mich minutenlang jeglicher verbalen und nonverbalen Kommunikation entzogen, mit Inbrunst meinem Essen gewidmet und so gut es ging die Ahnungslose gespielt hatte.

Augenblicklich bekam ich Mühe, zu schlucken. Ich kaute extra lange, was mir ein bisschen Zeit zum Denken verschaffte. Aber irgendwann ist ein Bissen weicher Nudelteig mit Hackfleischsoße ausgereizt und man muss seinen Wortschatz und die Gehirnzellen bemühen.

„Wie kommst du denn darauf?“ war das kreativlose Ergebnis meines Kau- und Denkmarathons. Ich sollte mir demnächst eine andere Notfall-Floskel ausdenken. Sie verliert allmählich ihre Wirkung.

„Schau dich im Spiegel an, Mädchen. So sieht man nicht aus, wenn man frisch mit jemandem Schluss gemacht hat, ohne dass ein Neuer im Spiel ist.“ Mona besitzt in diesem Punkt etwas Erfahrung. Jochen ist mit Abstand ihr bisher langmonatigster Freund. Für sie spielen klassische Werte, wie ein Familienmodell, das aus einem verheirateten Paar samt den genetisch dazu passenden Kindern besteht, keine wirkliche Rolle. Sex gehört für sie so unverkrampft zum Leben, wie ihr Yoga-Kurs mittwochabends. Warum sich unsere Freundschaft trotz der unterschiedlichen Lebensphilosophien derart lange gehalten hat, ist eigentlich ein Rätsel. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Mona gleichzeitig offen, geradlinig und hundert Prozent treu ist, zumindest mir gegenüber.

„Da gibt es niemand Konkreten, äh ich meine Reellen“, probierte ich eine letzte Ausflucht, aber keine sonderlich ernstzunehmende, weil ich nebenbei gegen ein akut aufsteigendes, pubertäres Kichern ankämpfen musste. Wie jedes Mal, wenn ich an bestimmte Aspekte meines zurückliegenden Traumes dachte.

„Erzähl mir keinen Mist. Ich kenne dich besser als jede andere. Außerdem weiß ich zufällig, dass man als Christ nicht lügen darf.“ Mona hat es zwar selbst nicht mit Religion, was aber keinesfalls heißen soll, dass sie nicht bestens Bescheid wüsste. „Entweder du kiffst inzwischen, was ich mir bei dir schwer vorstellen kann oder da ist ein Mann im Spiel, der interessanter Weise nicht Florian heißt.“

Daraufhin beging ich meine nächste Inkonsequenz, bereits die zweite innerhalb von 24 Stunden. Obwohl ich gestern noch der Überzeugung gewesen war, dass Schweigen angesichts irrer, wenig plausibler Erlebnisse mit Gold belohnt wird, verlagerte sich meine Haltung jetzt spontan Richtung Silber. In mir schwappte das Bedürfnis hoch, etwas von dem, was mir widerfahren ist, in Worte zu fassen, um herauszufinden, ob das überhaupt funktionierte oder sich genauso verrückt anhören würde, wie das, was ich empfand.

Während ich über den Tisch gebeugt, flüsternd meine nächtlichen Erinnerungen vor meiner ambitionierten Hobby-Analytikerin auszubreiten begann, fing ihr Gesicht verräterisch an zu zucken. Der linke Mundwinkel und das entsprechende Augenlid waren betroffen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie sich amüsierte.

Die erste Zwischenfrage bestätigte es mir. „Und wie war‘s?“

Mein Bericht hatte mittlerweile die Stelle erreicht, wo mein vermeintlicher Bräutigam zu mir ins Bett stieg. „Was?“

„Na, ihr seid doch hoffentlich zur Sache gekommen.“ Der Humor brach sich endgültig Bahn. Ihr Gesicht sprühte förmlich vor Belustigung. Die Gabel stieß unterstützend mitten in die Gurkenscheiben und pikste eine davon mitleidlos auf. Mona liebt plastische Gesten! Vielleicht wollte sie meine Geschichte aber auch bloß abkürzen, weil wir in einer viertel Stunde an unserem Arbeitsplatz eintreffen sollten.

„Natürlich nicht. Er war überaus rücksichtsvoll“, glaubte ich meinen Schein-Ehepartner verteidigen zu müssen. Nebenbei schaute ich mich peinlich berührt nach ungebetenen Lauschern um. Mir ist vorher nie aufgefallen, wie durchdringend Monas Stimme sein konnte.

„Mensch Ronja!“ Das Glitzern in ihren Augen erlosch und die Gabel samt der aufgespießten Gurkenscheibe erstarrte mitten auf dem Weg zum Mund. „Da träumst du schon mal von einer Hochzeitsnacht und könntest sogar als brave Christin ohne schlechtes Gewissen hemmungslosen Sex haben und was passiert? Dein Unterbewusstsein bastelt sich einen Spießer dazu, der auf Brüderchen und Schwesterchen macht.“ Die Gurke kehrte mit einem heftigen Klirren zu ihren Artgenossen zurück und Mona schob mit angewidertem Gesichtsausdruck ihren Teller von sich. „Oder sah er abgrundhässlich aus?“

„Nein, du hättest ihn garantiert süß gefunden. Er erinnerte mich ein bisschen an „Legolas“, nur mit kürzeren Haaren und hübscheren Ohren.“ Wir haben in der Vergangenheit mal mit Freunden „Herr der Ringe“ geschaut. Der Elbenprinz liegt, wie ich weiß, auf Monas Beliebtheitsskala ganz vorne.

Auf der sonst makellosen Stirn meiner Freundin bildete sich eine steile Falte. „Dann ist es schlimmer, als ich befürchtet habe. Was dir fehlt, ist offensichtlich. Flo sieht das genauso.“

„Ach, hat er mir darum gestern betrunken aufgelauert?“ Eigentlich hatte ich den letzten Akt unserer unrühmlichen Beziehungsglosse mit ins Grab nehmen wollen, doch Mona schafft es immer wieder, mir meine letzten Heimlichkeiten zu entlocken.

Das Geständnis machte sie einen Moment lang perplex. Dies zeigten ihre sich zusammenziehenden Pupillen. Ansonsten hatte sie sich erstaunlich gut unter Kontrolle.

„Es ist nichts weiter passiert“, fühlte ich mich trotzdem genötigt zu erwähnen. „Zumindest mir. Flo traf es härter.“

„Okay, das ergibt Sinn“, kam es zögernd von ihrer Seite. „Deswegen ist er heute krankgemeldet… Warum hast du eigentlich ausgerechnet jetzt mit ihm Schluss gemacht?“

Eigentlich hatte ja Florian mit mir Schluss gemacht, doch für solche Detailfragen schien mir der falsche Zeitpunkt zu sein. „Es war längst überfällig. Wir passen nicht zusammen.“

Mona gab zu meiner Überraschung ohne Widerspruch nach. „Vielleicht war das mit euch einfach mein Wunschdenken. Soll ich ihn mir vorknüpfen? Jochen will nachher ohnehin bei ihm vorbeischauen.“

Ich schüttelte heftig den Kopf.

„Na gut, er wird darüber wegkommen“, lenkte sie ein. „Möglicherweise ist er das sogar schon, denn er hat gestern dein Hintergrundbild von seinem Handy gelöscht und seinen Beziehungsstatus auf Facebook geändert.“ Anschließend hakte Mona das leidige Thema ab und schaltete auf Optimismus um. Irgendwo in ihrem Innern muss sich ein Knopf befinden, den man bei Bedarf betätigen kann. Langfristiges Sorgenmachen zählt nicht zu ihren herausragenden Eigenschaften. „Kopf hoch, Ronja. Da draußen wartet bestimmt ein netter, frommer Prinz auf dich. Ihr werdet eine perfekte Romanze haben, heiratet, bekommt einen Stall voll lockenköpfiger, rehäugiger Kinder und lebt christlich und zufrieden bis an euer Lebensende, während ich einsam und von meinen unzähligen Affären frustriert in einem Seniorenheim vor mich hinvegetiere.“ Wenn Mona bei diesen Worten nicht aufmunternd gegrinst hätte, wäre ich fast auf die Idee gekommen, sie könne ihre Worte ernstmeinen.

So aber entgegnete ich nur: „Dann werde ich dich dort besuchen und meine Enkelschar zur Aufmunterung mitbringen.“

Der Rest des Tages verlief für meine momentanen Verhältnisse halbwegs unkompliziert. Dennoch hatte ich am Abend eine kleine Existenzkrise und fragte mich, ob ich diesen Job und all das, was gerade mein Leben ausmachte, die nächsten zehn oder wieviel Jahre auch immer durchziehen wollte. Sich Tag für Tag mit einem mies gelaunten, nachtragenden Ex arbeitstechnisch konfrontiert zu sehen, stellt man sich schließlich keineswegs spaßig vor. Außerdem gestand ich mir ein, dass mich Bausparverträge beängstigend wenig interessieren. Und entgegen der optimistischen Prognose meiner Freundin rechnete ich auch nicht damit, demnächst einen, diesmal qualitativ hochwertigen und vor allem dauerhaften, Prinzen auftauchen zu sehen, der meinem Dasein neue Bedeutung verleihen würde. Aschenputtel ist zwar mein Lieblingsmärchen, doch inzwischen erreicht selbst mich ab und zu die Realität.

Dabei hatte ich mich als kleines Mädchen stets bemüht, mir eine schöne, heile Parallelwelt aufzubauen.

Es begann, als meine Eltern lautstark ihre Konflikte austrugen, die mit einer weinenden Mutter und einem die Tür zuschlagenden, das Haus verlassenden Vater endeten. Weil ich nicht fliehen konnte, zog ich mich in meine Gedanken zurück. Dort erschuf ich die perfekte Großfamilie, einen Ort voller Wärme und Geborgenheit.

Meine Zeit als Halbwaise und einziges Kind einer alleinerziehenden, sich in den Wechseljahren befindlichen Mutter unter einer Horde Senioren, die ich im Freilandmuseum zubringen musste, halfen auch nicht weiter. Während sich die Erwachsenen über Fundraising, Renovierungsmaßnahmen, Besucherzahlen, Putzpläne und Öffnungszeiten unterhielten, strich ich durch die verschiedenen Häuser und versuchte mir, mangels Alternativen und Spielkameraden - ich durfte keine Freundinnen mitbringen und irgendwann ist man mit den meisten Kinderbüchern durch -, in meiner Phantasie auszumalen, wer hier gewohnt haben könnte. Ich bastelte ein ganzes Dorf zusammen. Es gab Abenteuer zu bestehen und rotzfrechen Jungs zu trotzen.

Erschwerend kam hinzu, dass fast alle Kids in meinem Alter ein Handy besaßen, meine Mutter mir solche Freuden aber standhaft verweigerte. Wahrscheinlich stammt meine spärlich ausgeprägte Technikaffinität hiervon. Mein einziger Zugang zum Internet blieb über Jahre hinweg ein lächerlicher PC, der völlig veraltet und äußerst unzuverlässig in einer Ecke unseres Wohnzimmers verstaubte und bloß in Sonderfällen von mir genutzt werden durfte. Ich war vermutlich das einzige Kind, das nahezu medienfrei aufwuchs, weil meine Mutter an gefährliche Strahlung glaubte.

Das hinderte sie nicht daran, Krebs zu bekommen, der nach vielen Krankenhausaufenthalten und Therapieversuchen ihrem Leben und Leiden ein Ende setzte. Mutter hatte, wenn überhaupt, einen Hang zur Esoterik gehabt. Deshalb war ihr mein Interesse an Religion von Beginn an „ein Dorn“ im Auge gewesen. Es hatte folglich gute Argumente gebraucht, um in die Mädchenjungschar gehen zu dürfen und später nach meiner hart erkämpften Konfirmation in den Jugendkreis. Die Krankheit lenkte ihre Energien aber bald in eine andere Richtung und sie besaß anschließend selten genug Kraft, um neben ihrem eigenen Dasein, auch noch meine Geschicke zu verwalten.

Umso mehr erstaunte mich, dass die Verwandtschaft meines Vaters, zu der wir seit seinem Selbstmord keinen Kontakt mehr hielten, größtenteils fromm war. Sie tauchte an Mutters Beerdigung auf, füllte mit einer unspektakulären Selbstverständlichkeit ein Defizit in meinem Leben und gehört seither zu mir.

Diese vor vier Jahren neuentdeckte Familie besteht aus meiner Tante Sabine, deren Mann und den drei Töchtern, die allesamt jünger als ich sind. Oma lebte am Anfang ebenfalls bei ihnen, weil sie davor mehrfach in Gefahr gestanden hatte, ihr Haus abzufackeln, indem sie Herdplatten zum Heizen anließ, sich aussperrte und irgendwann nicht mehr allein heimfand.

Meine Tante verbrachte daraufhin drei Jahre ihres Lebens Tag und Nacht am Rande eines Nervenzusammenbruchs, bis sie ihre Mutter schließlich in ein Pflegeheim brachte.

Mit meinen Cousinen verstehe ich mich relativ gut, obwohl wir uns in fast jeder Hinsicht unterscheiden. Sie zelebrieren gerade den kollektiven Atheismus, indem sie jedes christliche Programm boykottieren, um sich damit demonstrativ von ihrer einengenden, elterlichen Erziehung abzugrenzen. Zudem sind alle drei Pferdenärrinnen und verbringen jede freie Minute in einem Reitstall, während ich Pferde hauptsächlich von Postkarten, Tiersendungen und Stickern kenne. Für Reitstunden hatte es in meiner Kindheit kein Budget gegeben, genauso wenig wie für etwaige Haustiere. Meine Ansprüche waren von Hund, Katze und Zwergkaninchen bis auf einen Wellensittich gesunken. Doch selbst davon hatte meine Mutter nichts wissen wollen. Im Freilandmuseum gäbe es genug Ferkel, Hasen und Gänsekinder, waren ihre Worte. Ich wette, sie hat nie versucht, mit einem Küken zu spielen. An meiner linken Wade befand sich monatelang das Andenken einer übereifrigen Gänsemutter.

Rein äußerlich hätte man mich auch nie zu meiner Familie sortiert. Ich komme mir neben diesen amazonenartigen Menschen wie ein kleines, schwarzes Schaf vor. Alle, bis auf meine Oma, sind langbeinig, strohblond, besitzen blaue Augen und einen hellen Teint. Weil meine Eltern optisch ebenso dahin tendiert hatten, bin ich als Kind heimlich davon überzeugt gewesen, adoptiert worden zu sein.

Tante Sabine klärte mich jedoch auf, dass es in unserer Familie neben dem nordischen, auch einen südländischen Zweig gäbe, der sich zwar nie generell durchgesetzt habe, doch ab und zu mal unerwartet in Erscheinung trete. Es muss früher ein altes Fotoalbum existiert haben, in dem dies eindrücklich dokumentiert war, welches aber -wie auch immer- abhandengekommen ist.

Das -wie auch immer- heißt mit höchster Wahrscheinlichkeit Oma Helene. Die ehemalige Besitzerin neigt nämlich dazu, Dinge, die ihr wichtig sind, zu verstecken, aus Angst, dass sie gestohlen werden könnten. Ihre Brille, der Pass und selbst der Geldbeutel sind regelmäßig hiervon betroffen. Hinterher weiß sie natürlich nicht mehr, wohin diese Sachen gelangt sind und beschuldigt ihre engsten Familienangehörige, sie zu berauben.

Vermutlich wird das Fotoalbum irgendwann aus den Tiefen des Kleiderschrankes, hinter den Blumenvasen oder gar im Keller zum Vorschein kommen.

Außer diesen sechs mir nahen Anverwandten gibt es noch -wie ich inzwischen weiß- einen entfernten Großonkel, der vor Urzeiten nach Amerika ausgewandert ist, wenige Male für einen Kurzbesuch anreiste, vor einigen Jahren verstarb und von dessen Nachkommen man seitdem nie wieder etwas gehört hat.

Kapitel 4:

Die nächsten Wochen verlebte ich wie in einer Art Trance. Ich schaffte es zwar, meinen Alltag zu bewältigen, Florian aus dem Weg zu gehen und im Job die geforderte Leistung zu bringen, aber nichts davon schien wirklich wichtig zu sein. Der seltsame Traum wollte einfach nicht aus meinem Bewusstsein verschwinden und stand so klar vor meinen Augen, wie am ersten Morgen.

Natürlich redete ich mit niemandem mehr darüber. Das eine Gespräch mit Mona hatte mir vollkommen gereicht. Außerdem erzählt man nicht freiwillig, dass man sich als erwachsene, Vernunft begabte Frau in eine fiktive Gestalt verliebt hat und nun zutiefst unglücklich ist, weil es keine reelle Chance gibt, diese wiederzusehen. Genauso wenig wie man beichtet, dass man sich „Legolas“-Bilder im Internet anschaut und innere Dialoge mit einem Unsichtbaren führt, der weder Gott noch Jesus ist. Wahrscheinlich hätte eins davon bereits für eine Selbsthilfegruppe gereicht.

Ungefähr einen Monat später trat Mona an meinen Schreibtisch. Es war ein chaotischer Mittwochnachmittag Anfang April, an dem jeder Bausparer südlich des Mains glaubte, Änderungen an seinem uralten Vertrag vornehmen zu müssen. Der Kollege, der normalerweise dafür zuständig war, befand sich sonnenbadend und tauchender Weise auf den Malediven.

Ich versuchte gerade einen aufgebrachten Kunden zu beruhigen, einen weiteren in die Warteschleife zu vertrösten, auf meinem Bildschirm poppten mehrere wichtige Info-Mails auf und der Stapel mit unerledigtem Papierkram, der sich neben meiner Grünlilie auftürmte, geriet durch eine ungeschickte Armbewegung ins Rutschen.

Genau da flüsterte meine Freundin: „Heute Abend halb acht. Ich hole dich ab. Keine Widerrede.“ und verließ vor sich hin trällernd das Büro, ohne mir die Möglichkeit einer Gegenwehr zu lassen.

Das Gute daran war, dass ich die nächsten beiden Stunden keine Zeit hatte, mich über diese Bevormundung aufzuregen.

Als sie zehn nach acht bei mir an der Wohnungstür klingelte, fragte ich mich immer noch, was sie wohl bewog, ihren heißgeliebten Yoga-Kurs an diesem Abend mir zu opfern.

„Du meine Güte läuft der Orang-Utan vom ersten Stock jetzt öfter so rum?“, begrüßte sie mich schaudernd anstelle der sonst unvermeidlichen Umarmung. „Wenn ja, solltet ihr unbedarfte Besucherinnen schleunigst vorwarnen.“

Selbstverständlich sind Mona meine Mitmieter bekannt und umgekehrt genauso. Signore Ribello, der kompakt gewachsene Opa vom dritten Stock flirtet sogar regelmäßig mit ihr. Italienische Männer stehen nun mal auf blonde, gut gebaute Frauen. Allerdings tut er das nur in Abwesenheit seiner temperamentvollen Gattin.

„Was hatte Herr Maifeld denn an?“, erkundigte ich mich betont beflissen, rechnete aber mit Schlimmem.

„Einen zwei Nummern zu kleinen Jogginganzug aus den Siebzigern und Badelatschen. Er sah aus wie Meister Propper aus der Werbung, nur ungewaschen, abgewrackt und ohne Ohrring.“ Meine Besucherin schüttelte sich angesichts dieser modischen Verirrung.

Äußerlich grinste ich vieldeutig, während mein Inneres erleichtert aufatmete. Tatsächlich konnte Mona von Glück sagen. Neulich trug unser Hausmeister, Pseudo-Minigolfer und Reparatur-Profi bloß Unterwäsche. Seit seine Frau ihn verlassen hat, kümmert ihn sein Äußeres kaum mehr. Vor drei Wochen ist diese urplötzlich ausgezogen. Man munkelt unter meinen Mietgenossinnen, sie habe beim Seniorenturnen mit dem wesentlich jüngeren Kursleiter angebändelt. Seither wird der verzweifelte Strohwitwer abwechselnd von den verbliebenen Frauen unseres Hauses mit Essen versorgt. Gestern Abend bereicherte ich seinen Speiseplan zum Beispiel durch einen Gemüseeintopf mit Saitenwürstchen. Letzteres behielt ich an dieser Stelle aber tunlichst für mich.

Trotzdem zeigte sich meine Besucherin ernsthaft erschüttert. „Wie kannst du nur freiwillig hier wohnen bleiben? Es wird höchste Zeit, dass du wenigstens einen Abend lang rauskommst. Zieh dir eine Jacke an und dann verschwinden wir.“ Sie war ausgehfertig gestylt, trug ihr blondiertes Haar als wilde Steckfrisur, Kriegsbemalung und hochhakige Stiefel, die Blicke auf ihre wohlgeformten Knie freigaben.

Ich schluckte sämtliche Entgegnungen hinunter, unter anderem die, dass ich meiner Meinung nach bereits ein abwechslungsreiches Abendprogramm besitze. Schließlich gehe ich regelmäßig in meinen Gesprächskreis, gebe Nachhilfe bei den Flüchtlingen und besuche meine Oma. Im Februar hatte ich es sogar mit einem Aquarellmalkurs versucht, wegen unübersehbarer Talentlosigkeit aber vorzeitig abgebrochen. Außerdem besitze ich ein altes Röhren-Fernsehgerät aus Mutters Zeiten. Wenn man schon GEZ-Gebühren bezahlt, sollte es wenigstens nicht umsonst sein.

Stattdessen fragte ich: „Was hast du vor?“

„Wir werden einen Mann für dich suchen.“ Als sie meinen rebellischen Blick bemerkte, fügte sie hinzu: „Das war ein Scherz. Ich weiß, dass wir dazu in eine Kirche müssten. Komm, wir verbringen mal wieder einen netten Abend miteinander.“

Einfachheitshalber kapitulierte ich. Auf dem Weg durch den nahegelegenen Stadtpark erkundigte ich mich dennoch nach den wahren Gründen für ihren selbstlosen Einsatz.

Die Antwort kam prompt. „Mensch Ronja. Warum wohl? Weil du meine Freundin bist, das gleiche für mich tun würdest und bereits mehrfach getan hast. Ich möchte nur an meine hirnschwache Affäre mit Jens aus der Marketingabteilung erinnern.“

Dies war ein dunkles Kapitel in ihrem Leben und allein, dass sie es freiwillig in Erinnerung rief, zeigte mir, wie ernst sie meinen Zustand einstufte. Sie hatte damals unter einer Art bulämischen Beziehungsstörung gelitten, was bedeutete, dass sie, obwohl sie gewusst hatte, dass dieser aalglatte Typ sie ausnutzte, einfach nicht die Finger von ihm hatte lassen können. Anschließend war sie regelmäßig auf meinem Sofa gesessen und hatte sich über ihre eigene Dummheit ausgekotzt.

„Ich mache mir Sorgen um dich, Kleine. Seit der Trennung von Flo läufst du rum, als ob du demnächst zu deiner eigenen Beerdigung müsstet. Echt jetzt, es gibt so viele nette Jungs auf dieser Welt. Da wird doch wohl einer dabei sein, den du nicht augenblicklich abblitzen lässt.“

„Ich will keinen Freund“, versuchte ich ihr starrköpfig klarzumachen.

Mit wenig Erfolg. Da schenkt sie sich mit meiner rumänischen Mitmieterin rein gar nichts. Erst gestern hatten wieder Kekse, nebst einem aktuellen Foto von Enkelsohn Sorin vor meiner Tür gelegen. Jetzt, wo ihm allmählich ein Bart wächst, fürchte ich ernsthaft, der gute Junge könnte seine Oma irgendwann mal besuchen kommen.

Mona rollte in gespielter Verzweiflung die Augen. „Selbstverständlich willst du einen. Wenn man von Hochzeitsnächten träumt, ist man förmlich wild darauf, seine Defizite auszumerzen.“

Ihr Blick sagte mir, dass sie mich durchschaute. Manchmal ist mir meine Freundin richtiggehend unheimlich. Oder trage ich mein Innenleben inzwischen derart unverstellt zur Schau, dass andere Menschen darin wie in einem offenen Buch lesen können? Dummerweise ähnelte es momentan sehr einem, nur wenige Seiten umfassenden, Groschenroman.

Wir endeten in einem Schnellimbiss. Sie bestellte einen Salat mit Hühnchen und ich Hamburger und eine Cola. Dazu aus Rache für heute Nachmittag ein paar Pommes, was mir immerhin ihren leidenden Blick einhandelte. Als Konsequenz hielt sie mir einen Vortrag über die Gefährlichkeit von gesättigten Fettsäuren, kanzerogenen Stoffen und kurzkettigen Aminosäuren.

Weil ich frisches Obst und Gemüse liebe und nur in ihrer Anwesenheit kulinarischen Ausrutschern schwer widerstehen kann, sagte ich einmal mehr nichts dazu und lasse sie seit Jahren in dem Glauben, mein Leben bestünde schwerpunktmäßig aus Fastfood.

An unserem Nebentisch ließ sich eine Familie nieder. Das jüngste Kind war behindert, saß im Rollstuhl und genoss den Ausflug unübersehbar. Es jauchzte ständig vor sich hin. Die anderen gingen sehr liebevoll mit ihm um. Als der Vater ihm mit seinem Stofftaschentuch den Speichel vom verzerrten Mundwinkel wischte, hätte ich fast geheult. Aus irgendeinem Grund berührte dieses Bild meine sentimentale Seite.

Vielleicht lag es daran, weil ich, als klar war, dass ein Lehramtsstudium für mich mangels Ausbildungsvergütung und wegen meiner schwerkranken Mutter nicht in Frage kam, kurz mit dem Gedanken gespielt hatte, Heilerziehungspflege zu lernen. Ich hatte mich sogar um einen Praktikumsplatz bemüht. Aber die Arbeitszeiten und die Bezahlung waren nicht so, dass wir uns das hätten leisten können. Darum landete ich bei der Bausparkasse. Der Bausparvertrag, den ich seither besitze, tröstet mich nur geringfügig über meine verfehlten Ideale hinweg. Meine Mutter hat mich aber gelehrt, angefangene Dinge konsequent durchzuziehen. Daher brachte ich meine Ausbildung zu Ende und verpasste dann irgendwie den Absprung.

Als Mona und ich uns zu später Stunde auf den Heimweg machten, hatte ich sie wenigstens überzeugt, dass ich weder Suizid gefährdet bin, noch in nächster Zeit einem Kloster beizutreten gedenke. Ich gehöre zwar zur anderen Fraktion, doch Mona sieht das Thema Religion grundsätzlich überkonfessionell. Als Agnostikerin behält man so leichter den Überblick.

Kapitel 5:

Ich hatte die Traum-Sache bereits abgeschrieben, … deshalb staunte ich nicht schlecht, als ich in der nächsten Nacht vermeintlich aufwachte und merkte, dass ich mich erneut in einem anderen zeitlichen und räumlichen Umfeld befand. Dieses Mal lag ich aber nicht in einem Himmelbett, sondern saß am Tisch einer spartanisch ausgestatteten Mansarde.

Die junge Frau, deren Perspektive ich einnahm, versuchte bei flackerndem Kerzenlicht zu lesen. Ich vermutete, dass es die Bibel war. Allerdings wirkte die Schrift der Ausgabe dermaßen alt, dass sie für mich ein unüberwindliches Hindernis darstellte. Ich konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob sie in deutscher Sprache war. Das sich anschließende Gebet klang aber verdächtig nach Marie.

Mein Herz begann prompt schneller zu schlagen. Wo sie sich befand, konnte ihr Bräutigam kaum fern sein.

Wenige Minuten später stieg ich mit ihr zusammen eine schmale, knarrende Holzstiege hinunter. Das Interieur des herrschaftlichen Hauses sprach für die Zeit um 1900.

Dann kam der Schock. Die junge Frau blickte in einen trüben Spiegel und versuchte ihr Haar zu einem ordentlichen Zopf zu flechten. Eine verzerrte Version meiner selbst schaute mich an. Wir besaßen dasselbe schmale Gesicht mit großen, dunklen Augen unter dichten schwarzen Brauen und Wimpern. Ihre Locken kräuselte sich ebenso widerspenstig wie meine. Aber der dicke, geflochtene Zopf reichte bei ihr weit den Rücken hinab, während ich mein Haar schulterlang trage. Ihre Haut schien zudem deutlich dunkler als meine und von der Größe her ging sie mir bestenfalls zur Nase. Zumindest meinte ich das von der Relation zum Türrahmen ablesen zu können.

Die nächste Stunde verbrachten wir damit, in einem ungemütlich kühlen Haus Lampen anzuzünden, Feuer zu machen, Petroleum nachzufüllen und Wasser aufzusetzen, um anschließend das Frühstück für mehrere Personen zu richten. Es war gut, dass ich bloß Statistin sein musste, denn ich hätte bereits beim Feuer machen kapituliert. Das 21. Jahrhundert hat der Menschheit zwar jede Menge Fortschritt gebracht, die Fertigkeiten für die überlebenswichtigen Dinge scheinen aber teilweise verloren gegangen zu sein.

Natürlich hoffte ich die ganze Zeit, hinter der nächsten Ecke meinen Pseudoehemann auftauchen zu sehen. Wenn man schon getrennte Schlafzimmer bevorzugte, wohnte man doch sicher im gleichen Haus. Nirgends aber fand sich ein Anhaltspunkt für ihn. Ich begann mir bereits Sorgen zu machen. Hatten sie sich etwa getrennt? Oder war er gestorben? Dahingerafft von einer heimtückischen Krankheit, für die es damals keine Antibiotika gab. Der Krieg wäre eine weitere, plausible Erklärung für seine Abwesenheit gewesen. Mein Geschichtswissen steht zwar auf wackligen Füßen, aber dass die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts Deutschland zwei katastrophale Kriege beschert hat, weiß jedes Kind.

In den Räumen wurde es endlich wärmer.

Zu meiner Überraschung lernte ich nun Maries Familie kennen. Dies bewog mich zu der Mutmaßung, dass es sich bei der aktuell stattfindenden Szene aus einer Episode vor der Hochzeit handeln könnte. Meine ringlosen Finger untermauerten diese Theorie. Dass meine nächtlichen Phantasien chronologisch unsortiert vorgingen, sollte mich eigentlich nicht verwundern. Ich habe auch sonst hin und wieder chaotische Tendenzen. Oder aber mein Gehirn gaukelte mir völlig andere Umstände als das letzte Mal vor und nichts, was ich über meine Hauptperson zu wissen glaubte, besaß mehr Gültigkeit.

Erst tauchte Tante Klara auf, zumindest nannte Marie die Frau so. Es drehte sich hierbei um eine dürre, dunkel gewandete Dame mit bleicher, finsterer Miene, die wirkte als hätte sie einen Stock verschluckt, so gerade versuchte sie sich zu halten.

Der Nächste, der kam, war Onkel Konrad: untersetzt mit rotem Gesicht, was auf unbehandelten Bluthochdruck schließen ließ. Die cholesterinhaltige Nahrung, welche er auf seinem Teller auftürmte und in Rekord-Tempo hinunterschlang, hätte Mona bestimmt tief entsetzt.

Man speiste im Esszimmer, das genauso ungemütlich wirkte wie seine Besitzer, sprach kaum miteinander und der Onkel enteilte mit dem letzten Bissen nach draußen, um vom Kutscher, der unten wartete, wegchauffiert zu werden. Wenn ihm die Tante nicht „Konrad, du hast deinen Hut vergessen!“ hinterhergerufen hätte, wäre mir sogar sein Name unbekannt geblieben.

Warum lebte Marie bei Verwandten und nicht bei ihren Eltern? Waren diese etwa äquivalent zu meinen früh verstorben? Oder musste sie bereits in jungen Jahren als Hausmädchen Geld verdienen, um zum finanziellen Unterhalt der Familie beizutragen? Leider bot sich mir im Moment kein Anhaltspunkt und fragen konnte ich ja schlecht.

Kaum war der Onkel weg, erschien die dritte im Bunde: Josefine, die jugendliche Tochter, blond, mit einer Oberweite, die Männerherzen höherschlagen lässt. Eventuell lag es auch an ihrem enggeschnürten Korsett, das mir schon vom Hinschauen Atemnot bescherte. Hier war endlich jemand zeitgemäß bekleidet. Genauso hatte ich es mir vorgestellt und auf Bildern gesehen. Die Figur war ohne Rücksicht auf Verluste, sprich innere Organe und ursprüngliche Vorgaben nach dem Vorbild einer Sanduhr modelliert worden. Ihr zarter, porzellanartiger Teint wirkte jedoch echt.

Mich, beziehungsweise Marie beachtete die junge Dame nicht weiter, sondern hielt bloß auffordernd ihre Tasse in unsere Richtung. Da man zum Sprechen und Essen allerdings den Mund öffnen musste, geriet der erste Eindruck von ihr etwas ins Wanken, passend zu ihrer Zahnsubstanz. Jeder Zahnarzt wäre bei diesem Anblick entweder erbleicht oder hätte sich in Vorfreude auf einen Porsche die Hände gerieben. Ihre Vorliebe für Süßspeisen, wie die Auswahl der Frühstückszutaten unschwer erkennen ließ, in Kombination mit mangelnder Zahnhygiene, hatten einen Steinbruch zwischen den roten Lippen hinterlassen. Zahnbürste und Zahnpasta samt professioneller Zahnreinigung mussten erst noch erfunden werden.

Marie bediente ihre Familie mit der Routine jahrelanger Erfahrung. Die nahezu gleichaltrige Cousine zeigte sich ihr aber keineswegs freundlich gesinnt, beschwerte sich vielmehr, dass der Tee zu kurz gezogen und der Kuchen zu trocken geraten sei.

Nach dem Frühstück begab sich diese dann mit Leidensmiene und einer Stickarbeit aufs Sofa. Ich erfuhr im Zuge dessen, dass Josefine bald zu heiraten gedachte. Die filigrane Handarbeit, an der sie lustlos herumstichelte, sollte ein Geburtstagsgeschenk für ihren Verlobten darstellen.

Auf Marie und mich warteten nun Reinigungsarbeiten. Der Holzboden musste poliert, Teppiche ausgeklopft, Betten gemacht und Staub gewischt werden. Die hässlichen Nippes-Sachen auf den Regalen nicht zu vergessen. Hausarbeit war vor hundert Jahren ein Knochenjob gewesen und die Erleichterung durch elektrische Geräte stand bestenfalls als Hoffnung im Raum. Kochen brauchten wir aber nicht, denn dafür kam am späten Vormittag eine Zugeh-Frau, die nach der Begrüßung in die Küche eilte und dort lautstark zu werkeln begann.

Um Punkt zwölf Uhr verließ Marie das Haus und machte sich auf den Weg zu einem mir unbekannten Ziel. Ich begleitete sie durch die Gassen einer mir fremden Stadt. Mich überschwemmte dabei eine Woge der Unwirklichkeit. Ich meinte, versehentlich in einen Historienfilm geraten zu sein, bei dem ich genötigt wurde, die Hauptrolle zu spielen. Pferdedroschken holperten an mir vorüber, antike Fahrräder schwankten samt ihren wagemutig Aufsitzenden halsbrecherisch über das Kopfsteinpflaster und tatsächlich entdeckte ich ein einzelnes Automobil, das ich so nur aus dem Museum kannte.

Obwohl meine Doppelgängerin rasch ausschritt und wann immer es möglich war, den Blick auf den Boden geheftet hielt, bemerkte ich, dass wir auffielen. Man starrte uns entweder unverhohlen an oder ignorierte uns übertrieben deutlich. Warum verhielten man sich ihr gegenüber so merkwürdig?

Die Erklärung boten mir kurz darauf ein paar harmlos wirkende Buben, die am Straßenrand mit Murmeln spielten. Als wir an ihnen vorbeiliefen, riefen sie: „Negerliebchen!“ und streckten uns höhnisch die Zunge raus. Einer warf sogar einen Stein nach Marie, verfehlte sie aber glücklicherweise. Niemand rügte die elenden Rotzbengel für dieses flegelhafte Benehmen. Offenbar genügte früher eine braune Hautfarbe, um in der Öffentlichkeit gebrandmarkt zu werden.

Endlich ließen wir die Hauptstraße hinter uns und schlugen einen Feldweg ein. Marie hob die Augen. Gleichzeitig schien eine Last von ihren Schultern zu fallen. Ihr Schritt wurde leichter. Hier waren wir allein. Ein kleines Tannenwäldchen lag zu unserer rechten, Vögel zwitscherten fröhlich, Bienen summten und der Wind rauschte in den Zweigen. Sogar ein Bach schlängelte sich munter plätschernd durch dieses fast unberührte Paradies. Die friedvolle Landschaft wirkte wie Balsam auf der Seele. Leider würde dieses Stück Natur in den nächsten hundert Jahren bestimmt einer Neubausiedlung oder einem Industriegebiet zum Opfer fallen.

Unser Ausflug endete vor einer Diakonissenanstalt, wie man an den sich in Tracht befindlichen Schwestern leicht erkennen konnte. Vor meinen Augen entfaltete sich ein weitläufiges, hügeliges Areal, das bis zum Waldrand reichte und aus vielen großen und kleinen Häusern, nebst einer Kirche bestand.

Das mehrstöckige Gebäude mit den hohen Fenstern, welches Marie ansteuerte, trug am Portal den in schnörkelige Buchstaben gesetzten Schriftzug „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Darüber stand in großen Lettern: „Schwachsinnigen- und Krüppel-Anstalt“.

Was für eine schreckliche Formulierung! War das damals die normale Bezeichnung für geistig und körperlich behinderte Menschen? Was wollte Marie hier? Hatte sie etwa ähnlich gelagerte Ambitionen wie ich und verbrachte ihre Freizeit ehrenamtlich in diesem Heim?

Meine Nase wurde gleich beim Betreten der Örtlichkeit mit einer höchst unerfreulichen Geruchsmischung konfrontiert. Ich begann automatisch flach zu atmen und dachte lieber nicht über die Quelle dieses Gestanks nach. Marie schienen diese ekelerregenden menschlichen Ausdünstungen nicht weiter zu stören. Sie sprang förmlich die geschwungene Holztreppe bis in den zweiten Stock hinauf und wurde dabei von allen Seiten freundlich begrüßt. Man kannte sie und besaß offensichtlich keine Vorbehalte gegen dunkelhäutige Menschen. Nicht nur die ihr entgegeneilenden Diakonissen, auch einige Patienten nickten grüßend oder lachten erfreut bei ihrem Anblick. Von einer bekam sie zu meinem Schrecken sogar eine stürmische Umarmung.

Schließlich betrat Marie ein Zimmer am Ende des Korridors und wurde dort sehnsüchtig von einem schmächtigen Mädchen erwartet. Die Kleine hatte dunkelblondes, welliges Haar, markant bernsteinfarbene Augen und helle Haut. Trotz der äußerlichen Unterschiede war mir aber klar, dass die zwei Schwestern sein mussten.

„Sophie, mein Schatz. Wie geht es dir heute? Sind deine Halsschmerzen besser geworden?“ Marie drückte das Kind herzlich an sich.

Bei dem Namen begann es in meinem Ohr zu klingeln. Hatte der Bräutigam ihn nicht in der Hochzeitsnacht erwähnt?

Ich hätte nun erwartet, höchstens ein unverständliches Stammeln als Antwort zu bekommen, denn das arme Mädchen zeigte eine ausgedehnte spastische Lähmung, wovon die Gliedmaßen und das Gesicht betroffen waren. Ein Mundwinkel hing nach unten, der Kopf saß schief auf dem Hals und die Hände und Arme befanden sich in einer verkrümmten, komplett verspannten Position. An den Beinen sah es vermutlich nicht besser aus, obwohl sich das schwer beurteilen ließ, weil sie unter der Bettdecke verborgen lagen.

Zu meiner Verblüffung teilte sich die Kleine jedoch mit, durch Gesten, Zuckungen, Blinzeln und ganz unterschiedliche Laute.

„Das ist jammerschade“, antwortete Marie und konnte diese Sprache wohl ohne weiteres verstehen.

In diesem Augenblick betrat eine junge Pflegekraft mit einem vollbeladenen Tablett das Krankenzimmer. Ihr rundes Gesicht strahlte wie ein Vollmond unter dem schief sitzenden, weißen Häubchen hervor und auf der sommersprossigen Nase saß eine winzige Nickelbrille. Auch der Rest von ihr bot wenig Ecken und Kanten. Ich fand sie auf Anhieb sympathisch. „Heute stehen Erbsen und Kartoffelpüree auf dem Mittagstisch. Eine deiner Leibspeisen, Sophie“, berichtete sie so begeistert, als hätte diese gerade einen Sechser im Lotto gewonnen.

„Du bist ja doch da, Johanna“, meinte Marie daraufhin verwundert. „Meine Schwester hat steif und fest behauptet, du hättest heute frei.“

„Das habe ich auch fast. Der Zug fährt in zwei Stunden. Mein ältester Bruder vermählt sich morgen.“

„Oh, das freut mich.“

„Ich freue mich auch. Nur muss ich bis dahin eine akzeptable Frisur gefunden haben. So kann ich mich auf der Feier keinesfalls blicken lassen.“ Sie strich, nachdem sie das Tablett auf Sophies Nachttisch abgestellt hatte, missmutig durch ihr feines Haar, das sich offenbar ungern von einer Haube bändigen ließ. „Ist es nicht schlimm genug, rothaarig zu sein? Ständig hängen Strähnen herab. Schwester Hulda von der Frauenstation hat mich heute Morgen deswegen sogar gerügt. Und Schwester Inge behauptet immer, sie hätte noch nie eine so schlampig aussehende Schülerin gehabt.“ Seufzend gab sie den Versuch auf, ihren kupferfarbenen Flaum wieder geordnet unter die Kopfbedeckung zu bringen.

„Unsinn. Ich finde deine Haare hübsch“, tröstete sie Marie. „Sei froh, dass du keine Naturlocken hast. Gestern sind mir bei dem Versuch die verfilzten Stellen aus meinem Zopf herauszubekommen zwei Zinken vom Kamm abgebrochen.“

„Man kriegt im Leben halt selten das, was man sich wünscht. Davon können die meisten hier ein Lied singen.“ Schwester Johanna ließ ihren Blick mitleidig einmal durchs Zimmer schweifen. „Nun muss ich aber weiter, sonst bringe ich meine Arbeiten nicht mehr zuwege. Bis Montag.“

„Du kannst Schwester Inge ausrichten, dass ich nachher ein paar eurer Patientinnen mit nach draußen in den Park nehme und ihnen aus Sophies Kinderbibel vorlese.“

„Famos. Wir sind heute ohnehin schlecht aufgestellt. Sie wird sehr erleichtert sein“, verabschiedete sich die junge Schwester und winkte uns herzlich zu.

Kurz darauf erschien eine alte Diakonisse mit einem weiteren Essenstablett und machte sich dran, die beiden anderen Frauen, die sich mit Sophie das Zimmer teilten, zu füttern. Die zwei lagen apathisch da und gaben nur ab und zu lallende Töne oder ein Stöhnen von sich. Das Haar hatte man ihnen kurzgeschoren und sie trugen leinene Kittel als Kleidung.

Nachdem Marie ihre Schwester ebenfalls gefüttert hatte, bewegte und massierte sie deren Gliedmaßen durch. Dies tat sie in meinen Augen äußerst geschickt.

Zum Schluss wurde Sophie gewickelt. „Ich weiß, dass du lieber auf den Nachtstuhl sitzen möchtest, aber es geht leider nicht. Dafür fehlt das Personal.“

Das Mädchen malte mit ungelenker Hand Zeichen in die Luft und stieß einige Laute aus, bei denen selbst ich als Laie merkte, dass sie keinesfalls lustig klangen.

„Ja, ich auch“, antwortete Marie. „Doch wir müssen dankbar sein, dass Onkel Konrad dieses Heim für dich bezahlt und ich jeden Mittag zu dir kommen darf. Wenn ich eine Möglichkeit finde, werde ich dafür sorgen, dass du wieder bei mir wohnen kannst. Das verspreche ich. In Ordnung?“

Sophie nickte zwar, aber in ihren Augen schimmerte es feucht.

Eine halbe Stunde später brachte Marie ihre Schwester nach draußen. Sie hatte sie zuerst huckepack die Treppe hinuntergetragen, im Schlepptau weitere agile Behinderte, die wie Fohlen um sie herumsprangen oder an ihrem Kleid zerrten. Ich wunderte mich, wie eine schmächtige Frau gleichzeitig so stark sein konnte. Es kostete sie scheinbar kaum Anstrengung, ihre menschliche Last in den altmodischen Rollstuhl mit hölzernen Rädern zu hieven und das sperrige Gefährt über die geschotterten Wege zu schieben.

Nach wenigen Metern gelangten wir zu einer Parkbank. Dort ließ man sich nieder, die Behinderten teilweise im kurzgemähten Gras sitzend. Marie las nun aus einer antiquarisch anmutenden Kinderbibel vor. Wiederum konnte ich die Schrift schwer entziffern, doch die Geschichte kannte ich. Sie handelte vom barmherzigen Samariter.

Zwei pomadisierte Herren in Anzügen und weißen Kitteln, vermutlich Ärzte, liefen an der Gruppe vorbei. Der eine beobachtete meine Doppelgängerin durch sein Monokel genauso unverhohlen wie es die Leute auf der Straße getan hatten. Marie tat jedoch, als bemerke sie dies nicht.

Sophie war mittlerweile auf ihrem Schoß platziert. Die übrigen Patientinnen wurden immer wieder am Arm oder Kopf berührt, persönlich mit Namen angesprochen oder bekamen geduldig erklärt, was sie wissen wollten.

Mich faszinierte, wie liebevoll, klug und ohne Vorbehalte Marie mit diesen fremdartigen Menschen umging. Obwohl ich selbst kaum etwas verstand, merkte ich, dass sie aus der Vielzahl von wirren, verwaschenen Äußerungen Sinn ableiten und mit jeder einzelnen Patientin auf der für sie passenden Ebene kommunizieren konnte.

Um drei Uhr mit dem Schlag der Kirchturmglocke endete die Vorlesestunde. Marie lieferte ihre Patiententruppe wieder auf Station ab. Beim Abschied weinte Sophie.

Im Haus der Verwandten wartete weitere Arbeit auf uns, die erst mit dem Anrichten des Abendessens und dem Aufräumen der Küche endete. Um 21 Uhr durfte Marie erschöpft Feierabend machen.

Josefine hatte sich währenddessen mit Freundinnen vergnügt und gelangweilt am Klavier falsche Töne produzierend die Stunden totgeschlagen. Nun plauderten Mutter und Tochter im warmen Salon und besaßen offensichtlich kein schlechtes Gewissen, die junge Verwandte derart hart für sich schuften zu lassen.

Im Herzen die soziale Ungerechtigkeit empfindend, kehrte ich mit Marie in ihre kalte, spartanische Dachkammer zurück. Ich kam mir schäbig vor, wegen meiner bequemen Lebensart, die aus einem technisierten Haushalt, Fertigprodukten und meinem vollklimatisierten Arbeitsplatz samt dem entsprechenden Einkommen bestand, das mir den Luxus der Eigenständigkeit ermöglichte.

Wir schliefen gemeinsam ein, nur durfte ich im Gegensatz zu Marie im Jahr 2016 erwachen.

Kapitel 6:

Am nächsten Morgen fuhr ich zum ersten Mal seit vier Jahren mit dem Rad zur Arbeit. Dies tat ich aus Solidarität zu Marie. Ich schämte mich anschließend für meinen ergonomisch geformten Bürostuhl, den höhenverstellbaren Tisch, das gute Kantine-Essen, für das ich keinen Finger krummzumachen brauchte und all die anderen Vergünstigungen und Annehmlichkeiten meiner Zeit, die ich bis gestern nie hinterfragt hatte.

Ich grüßte die Putzfrauen mit einem warmen Lächeln, als sie gegen Ende meiner Arbeitszeit ihren Dienst antraten und kniete in Gedanken an die vergangene Nacht mit schmerzenden Knien und gebeugtem Rücken auf den Boden, um das Parkett meines kleinen Wohn-Esszimmers auf Hochglanz zu polieren.

Auch zur Hausaufgabenhilfe in der Flüchtlingsunterkunft begab ich mit anderem Bewusstsein. Ich hatte den Job vor einem viertel Jahr wegen meiner minder ausgeprägten Fähigkeit, „nein“ zu sagen, übernommen und trat seither einmal wöchentlich mit mäßiger Begeisterung diesen sozialen Dienst an. An diesem Abend versuchte ich mein Bestes zu geben.

Manchmal besitze ich jedoch den Hang, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Bevor ich aus lauter schlechtem Gewissen einen Zweitjob im Dritte Welt Laden annahm, beschloss ich meine Oma zu besuchen.

Jede Fahrt mit meinem uralten, von meiner Mutter geerbten Opel gleicht einem Abenteuer und die siebzig Kilometer zum Pflegeheim stellen ein stetes Risiko dar. Der Mann von der TÜV-Prüfstelle hatte wohl Mitleid; anders kann ich es mir nicht erklären, warum ich vor einem halben Jahr noch einmal eine Plakette bekommen habe. Na gut, mein Onkel, der gelernter Automechaniker ist, hatte meine grüne Rostlaube vorher ein Wochenende lang in seine liebevolle Obhut genommen.

Die Leute vom Gesprächskreis nennen mein Gefährt Methusalem und haben mir empfohlen, grundsätzlich nur halbvoll zu tanken, um bei dem demnächst unvermeidlichen Liegenbleiben den Wertverlust zu minimieren. Entgegen aller Unkenrufe und Spötteleien hat er mich aber noch nie im Stich gelassen.

Methusalem und ich kamen auch diesmal ohne Zwischenfall an, obwohl das Gebläse ständig aussetzte, das Radio bereits seit Jahren nicht mehr funktioniert und ich deshalb jedes undefinierbare Motorengeräusch ungefiltert mitbekomme.

Nachdem ich ihn im Parkhaus abgestellt hatte und über die Brücke Richtung Pflegeheim schlenderte, meinte ich ein Déjà-vu zu haben. Natürlich nicht in der Art, dass ich glaubte, schon einmal hier gewesen zu sein, denn das war ich unzählig viele Male in den letzten Monaten. Nein, mir fiel Maries Besuch bei ihrer Schwester in der Diakonissenanstalt ein. Etwas an dieser Umgebung erinnerte mich daran. Es sah ähnlich aus wie in meinem Traum, nur, dass dort alles altmodischer gewirkt hatte. Einige der Gebäude glichen von der Form und Größe auffällig meiner Wahrnehmung aus Maries Augen. Obwohl im Laufe des Jahrhunderts natürlich einige neue, wesentlich funktionalere hinzugekommen waren, wie das überdimensionale Parkhaus zum Beispiel. Vor hundert Jahren hatte es hier bloß einen Droschken-Unterstellplatz gebraucht.

Ich erreichte die Pforte des Pflegeheims und schaute nach oben. Von einer Sekunde zur nächsten zog Gänsehaut über meinen Körper. Dort stand in großen Lettern „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Der Spruch war nicht nur derselbe wie in meinem Traum, die Buchstaben glichen sich auch verdächtig. Ich befand mich vor der Schwachsinnigen- und Krüppelanstalt, modernisiert zwar und der heutigen Zeit angepasst, jedoch unverkennbar.

Eigentlich sollte mich das nicht weiter erschüttern, denn in Träumen schafft man es oft, bekannte Dinge zu kombinieren und in andere, bislang unvertraute Zusammenhänge zu bringen. Ich habe beispielsweise schon Leute miteinander verheiratet, die nicht einmal von der Existenz des anderen wussten. Ganz zu schweigen davon, dass bei mir nachts regelmäßig Mitmenschen sterben, um am nächsten Tag wieder putzmunter am Arbeitsplatz zu erscheinen.

Was mich an meiner neuen Art zu träumen vielmehr erschreckte, war das System, das sich dahinter zu verbergen schien. Ich meinte, mitten in eine sehr real wirkende Geschichte geraten zu sein, die sich mir Stück für Stück zu enthüllen begann.

Um meine Gänsehaut mit einer Portion Realismus zu glätten, sprach ich die diakonische Schwester an, die an der Pforte Dienst schob. Echte Diakonissen gibt es hier nur noch vereinzelt. Ich wollte von ihr wissen, ob dies schon immer ein Altenheim gewesen sei.

„Oh, nein“, erwiderte die Pförtnerin freundlich. „Bis zum zweiten Weltkrieg wurden hier geistig und körperlich behinderte Menschen betreut. Während des Nationalsozialismus hat man diese aber wie andernorts auch in spezielle Lager deportiert. Einige von den Diakonissen haben sich damals diesem Transport aus Protest angeschlossen. Im Krieg wurde das Haus dann als Lazarett für verwundete Soldaten umfunktioniert. Als Alten- und Pflegeheim wird es erst seit knapp fünfzig Jahren genutzt.“

Ich versuchte interessiert zu nicken, während mein Gehirn nach einer plausiblen Erklärung suchte, woher ich dies gewusst haben konnte.

„Anlässlich des 150- jährigen Jubiläums unserer Diakonissenanstalt wurde eine Festschrift mit alten Bildern herausgebracht. Da ist eine Fotografie drin, die das Heim im ursprünglichen Zustand zeigt. Ich habe einige Exemplare hier. Möchten Sie eins?“

„Gern.“

Die Schwester reichte mir den Prospekt über den modernen Empfangstresen, der sogar einen Computer beherbergte und schlug die entsprechende Seite gleich auf.

Es war das Haus aus meinem Traum. Und nicht genug, in geschwungenem Bogen stand über dem bekannten Bibelspruch: Schwachsinnigen- und Krüppelanstalt. Außerdem befanden sich ein paar Diakonissen in ordentlicher Aufstellung neben dem Eingang und ich hätte schwören können, dass eine davon Stationsschwester Inge und die dritte von links oben Schwester Johanna war.

Mein Gehirn kam zu dem Ergebnis, dass ich diesen Prospekt kennen musste, obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern konnte. Eventuell hatte meine Oma ihn mir einmal gezeigt oder er war im Pflegeheim rumgelegen. Doch wie hatte ich es geschafft, mir alles derart genau einzuprägen, dass ich Monate später detailliert davon träumen konnte?

Meine wirren Gedanken erst einmal von mir schüttelnd, begab ich mich ins alte, ehrwürdige Treppenhaus. Es strahlt Behaglichkeit aus, die meiner Meinung nach von dem warmen Holz der Stufen und dem geschwungenen Geländer stammten. Im Gegensatz zu meinem Traum roch es dort jetzt angenehm nach Bohnerwachs und einem blumigen Reinigungsmittel. Die ausgetretenen Stufen glänzten honigfarben. Sie und der Handlauf wirkten, als wären sie sorgsam restauriert worden. Nur die seitlichen Streben sahen nach originaler, dunklerer Patina aus und wiesen an manchen Stellen tiefe Einkerbungen in den Schnitzereien auf. Ich strich vorsichtig mit der Hand darüber und überlegte, ob meine Traum-Marie wohl einmal am selben Platz gestanden haben mochte?

Mittlerweile ist nebendran ein behindertengerechter Fahrstuhl eingebaut worden, den die meisten Besucher vorzugsweise nutzen. Ich stieg jedoch, wie Marie, Stufe für Stufe in den zweiten Stock.

Dort erinnerte nichts mehr an früher. Die knarzenden Holzdielen waren einem pflegeleichten Bodenbelag gewichen und selbst die Raumaufteilung wirkte verändert. Durch die sich automatisch öffnende Schiebetür betrat ich den hellen Aufenthaltsbereich.

Oma befand sich heute in keiner guten Verfassung. Sie steuerte in einem ziemlich abenteuerlichen Outfit auf mich zu. Es bestand aus einer geblümten, rosa Bluse kombiniert mit einem roten knielangen Rock im Schottenmuster und grünen Filzpantoffeln. Zusätzlich hatte sie sich neonfarbene Haarspangen mit Schmetterlingsdekor ins dauergewellte graue Haar gesteckt. Klein und etwas pummelig wie sie war, ähnelte sie in dieser Aufmachung eher einer aufmüpfigen Gartenzwergin als einer betagten Seniorin.

Im Eilschritt durchquerte sie den Raum, so dass ich Mühe hatte, Schritt mit ihr zu halten. Sie fürchtete sich offenbar vor etwas. „Du musst aufpassen, Marie“, warnte sie mich und drehte sich die ganze Zeit um, als würde jemand auf uns lauern.

Ich hieß also erneut Marie, zumindest für den Moment. Wieso wählte meine Großmutter ausgerechnet diesen Namen? Vielleicht konnte ich das herausbekommen.

„Das mache ich“, versuchte ich sie erst mal zu beruhigen. Das Pflegepersonal hat mir erklärt, dass man demente Menschen am besten in ihrer Welt belässt und nicht versucht, sie für die Realität zu gewinnen. Einem Patienten beispielsweise zu erklären, dass seine geliebte Mutter seit einem halben Jahrhundert tot ist, hätte denjenigen mit Sicherheit in eine Krise gestürzt.

„Dein Onkel und deine Tante sind keine guten Menschen“, flüsterte Oma mir ins Ohr und blickte immer noch höchst besorgt drein.

Leider besaß ich keinen blassen Schimmer, ob ich für sie weiterhin Marie war oder mich wundersamer Weise in Enkeltochter Ronja zurück verwandelt hatte. Im letzteren Fall hätte sie gerade ihre eigene Tochter und den Schwiegersohn diffamiert. Falls erstere gemeint wären, konnte ich dies, dank meines Traumes von neulich, sogar nachvollziehen. Weder Onkel Konrad noch Tante Klara hatten sympathisch gewirkt. Zu etwas waren meine nächtlichen Ausflüge also gut. Ich schaffte es, besser bei den konfusen Äußerungen meiner Oma mitzuhalten.

Auf einmal kam mir eine Idee. Unter Umständen redeten wir ja von derselben Marie. Falls diese eine real existierende, wenn mittlerweile auch historische Person war, konnte mir meine Großmutter eventuell Auskünfte über sie geben. Verrückte Antworten auf verrückte Träume. Das dürfte ganz gut zusammenpassen. Ich musste meine Fragen nur sinnvoll verpacken. In mir begann detektivischer Spürsinn zu erwachen. „Weißt du zufällig etwas von Sophie?“, stieg ich betont harmlos ein.

„Sie ist tot. Das solltest du doch wissen. Du hast sie schließlich selbst im Bett gefunden“, kam es prompt zurück. Dabei funkelte sie mich entrüstet an.

Weil meine Großmutter seit langem keine Rücksicht mehr auf Jahreszahlen nimmt und theoretisch auch einen Spontantrip in die Gegenwart gemacht haben könnte, wusste ich leider nicht viel mehr. „Und wer ist Christine?“ Der Name war in der Hochzeitsnacht ebenso gefallen. Mein Fast-Bräutigam hatte versprochen, ihr ein verständnisvoller Vater zu sein.

„Stell keine derart dummen Fragen“, wurde ich daraufhin gemaßregelt. „Ihr denkt, ich kann mir nichts merken, aber ich weiß noch alles.“

Manchmal hat meine Oma kurze Anwandlungen von Selbsterkenntnis. Dies sind die schlimmen Phasen ihrer Krankheit, denn dann begreift sie, dass sie dement ist. Und das lässt sie an sich selbst zweifeln. Heute flackerte dieses Wissen jedoch nur für wenige Sekunden auf. Ihr Ärger fiel von einer Minute zur anderen in sich zusammen. Sie strich mir tröstend über den Arm. „Dein Samuel fehlt dir sicher ganz schrecklich, Großmama.“

Großmama?!! Ich schluckte hart. Sie hielt mich für ihre Großmutter?! Das konnte ich kaum als Kompliment auffassen. Ich fühlte mich im Rekord-Tempo altern. Zudem lag mir auf der Zunge „Welcher Samuel?“ zu fragen. Doch das schluckte ich ebenfalls hinunter und überlegte lieber. Hatte Omas Großvater, also mein Ur-Urgroßvater Samuel geheißen? Oder gab es einen anderen Verwandten mit diesem Namen? Leider waren meine bisherigen Ahnenforschungen bei meiner Großmutter steckengeblieben, was sich nun böse rächte. Ein kleiner Familienstammbaum wäre gerade überaus hilfreich. Wenn ich an profunde Informationen kommen wollte, musste ich es cleverer anfangen.

Ich probierte es mit der halbwegs unverbindlichen Aussage: „Samuel ist ein guter Mann.“

„Allerdings. Du kannst froh sein, dass er dich trotz deiner vielen Marotten genommen hat. Können wir jetzt zu Sabine? Da wohne ich nämlich, weil man mich nicht allein zuhause bleiben lässt. Sabine ist meine Tochter. Und wer bist du?“

„Ich bin Ronja, deine Enkelin“, versuchte ich mutig zu vermitteln, die Chance nützend, dass sie sich mir zeitlich etwas anglich.

Meine Großmutter blinzelte erstaunt. „Ach, habe ich Enkelkinder? Sabine ist doch ein kleines Mädchen und Frank hat erst letzte Woche seine Lehre abgebrochen.“

„Ich bin Franks Tochter.“

„Unsinn. Frank hat nicht mal eine Freundin und wenn er so weitermacht, bekommt er auch keine“, seufzte sie und wirkte einen Moment lang tieftraurig.

Bevor ich etwas entgegnen konnte, holte uns eine der Schwestern zum Abendessen. An ein weitergehendes Gespräch war die nächste Stunde nicht zu denken. Im Anschluss ging Oma schlafen.

Ich reiste mit ein paar Antworten im Gepäck und wesentlich mehr Rätseln nach Hause.

Den Prospekt vom Jubiläum der Diakonissenanstalt las ich vor dem zu Bett gehen in einem Schwung durch, schaute mir alle Bilder genau an und legte ihn offen auf den Nachttisch neben mich, das Foto von Sophies Pflegeheim aufgeschlagen.

Zu meiner eigenen Überraschung funktionierte es. Ich schlief ein und erwachte in meinem zweiten, bessergesagt in Maries Leben.

Kapitel 7:

Weil eine Grippe unter den Insassen und einem Teil des Personals grassierte, bot Marie an, die beiden Frauen im Zimmer ihrer Schwester mitzuversorgen. Die nächsten Stunden pendelte sie deshalb zwischen den Betten hin und her. Gretel, die ihre Schlafstätte direkt neben Sophie hatte, musste zudem gewickelt und umgekleidet werden.

Es macht echt keinen Spaß, einer erwachsenen Frau die schmutzige Windel zu wechseln. Vor allem, wenn die Geruchsorgane im Traum voll funktionsfähig sind. Am liebsten hätte ich diese Szene übersprungen. Doch Marie störte es nicht. Sie besaß, wie es den Anschein machte, Routine.

Dennoch mühte sie sich spürbar ab, der behinderten Patientin im Anschluss ein frisches Leinenhemd überzuziehen. Gretel wirkte keineswegs kooperativ und war zudem deutlich schwerer als sie.

Auf dem Gipfel ihrer kämpferischen Mühsal betrat ein Besucher das Krankenzimmer. Marie blickte auf und mich überflutete ohne jegliche Vorwarnung eine gewaltige Hitzewoge. Da stand er: Groß, blond und mit leuchtend blauen Augen. Ich erkannte ihn auf Anhieb wieder, obwohl er bei unserer letzten Begegnung seine Haare deutlich kürzer getragen hatte. Dennoch gab es keinerlei Zweifel, dies war ihr Ehemann.

Allerdings schien ihn Marie, im Gegensatz zu mir, nicht zu kennen, was mich vermuten ließ, dass wir erneut in der Zeit zurückgerutscht sein mussten. War dies etwa das erste Zusammentreffen meiner Ur-Urgroßeltern?

Samuel, oder wie auch immer ihr künftiger Bräutigam hieß, schritt ohne zu zögern ans Krankenbett und meinte: „Ich helfe Ihnen. Zu zweit geht es leichter.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, packte er geschickt mit an.

Marie wirkte merklich verunsichert, schwieg aber und hielt den Blick gesenkt. Erst als Gretel fertig angekleidet und wieder friedfertig in ihrem Bett lag, bedankte sie sich höflich und begab sich in die Ecke des Raumes, um sich zu waschen.

Ihr Zukünftiger trat neben sie und tauchte seine Hände ebenfalls in die blecherne Schüssel.

Mich überkam urplötzlich das Bedürfnis ihn anzufassen, um mich zu vergewissern, dass dies kein Wunschtraum war. Natürlich funktionierte das nicht, weil ich ja in Maries Körper feststeckte und diese ihm scheinbar lieber aus dem Weg ging. Zumindest schaute sie konsequent in eine andere Richtung und achtete darauf, dass sich ihre Hände nicht versehentlich berühren konnten.

Nebenbei begriff ich, dass Hygiene damals aus einer Schüssel kalten Wassers und einem Stück Seife bestand. Alle wuschen sich in derselben trüben Brühe die Hände, bis man den Inhalt wegleerte und neu befüllte. Kein Wunder, dass damals schlimme Krankheiten im großen Stil übertragen wurden.

„Sie sind Sophies Schwester, nicht wahr?“ erkundigte sich mein Traum-Mann, während er sorgsam seine Hände abtrocknete und dann Marie das Handtuch reichte.

„Woher wissen Sie das?“ Meine Ur-Urgroßmutter in spe machte immer noch einen auf misstrauisch.

„Von Ihrer Schwester natürlich.“ Er zwinkerte der Besagten zu.

Sophie strahlte ihn unübersehbar an und nicht nur Marie stand vor einem Rätsel. Es wirkte, als ob die Kleine ihn tatsächlich kennen würde.

Bevor wir näher darüber nachgrübeln konnten, stürmte Johanna mit wehender Schürze und geröteten Wangen ins Zimmer. Sie deutete die Situation auf Anhieb richtig. Verlegen murmelte sie: „Oh, du hast Gretel bereits gewickelt und umgezogen.“ Als nächstes schaute sie zu dem Besucher und sagte ohne sonderliches Erstaunen: „Schön, dass Sie schon da sind, Herr Doktor. Wir haben Sie erst gegen Abend erwartet.“

Marie erstarrte wie vom Donner gerührt und mich verblüffte die Nachricht ebenso. Mein Vorfahre war Arzt? Bei unserer ersten Begegnung hätte ich ihn eher für einen Waldarbeiter gehalten, wegen seiner Statur und dem Geruch, der irgendwie an frisch gesägtes Holz erinnert hatte. Warum trug er dann keinen weißen Kittel? Auch wirkte er noch sehr jung, kaum älter als ich.

„Die Zwillingsgeburt verlief Gott sei Dank unkomplizierter als befürchtet“, berichtete er der Krankenpflegerin. „Da man mich, falls kein Notfall dazwischenkommt, erst wieder zur Spätvisite drüben in der Frauenklinik erwartet, habe ich beschlossen, mich in der Zwischenzeit hier nützlich zu machen. Arbeit scheint es ja, wie mir dünkt, genug zu geben.“

Ich atmete gleich mehrmals tief durch. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Ärzte einzuwenden. Aber wieso musste er ausgerechnet Frauenarzt sein? Oder gab es damals keine klassischen Spezifizierungen und man behandelte als Mediziner einfach alles, was einem unter die Finger geriet? Dass er sich im Behindertenbereich einbrachte, sprach wohl für meine Theorie.

Vor lauter Überlegungen hätte ich beinahe einen Teil des Gesprächs verpasst.

An Marie gerichtet, fuhr der Doktor fort: „Ich heiße Langholz und bin seit einem Monat für die medizinische Betreuung dieses Heimes mitverantwortlich. Letzte Woche musste ich feststellen, dass Ihre Schwester von einem Atemwegskatharr befallen ist. Sie bekam ein paar Tage lang morgens und abends ein spezielles Präparat dagegen. Wenn Sie gestatten, möchte ich nun den Heilungsfortschritt überprüfen.“

War die Kleine etwa krank? Sie hüstelte zwar vor sich hin, doch es klang nicht bedrohlich.

Meine Vorfahrin nickte. „Selbstverständlich. Sophie ist leider sehr anfällig gegen Krankheiten jeglicher Art.“

Wir entdeckten zeitgleich die Tasche, die neben der Tür abgestellt worden war. Aus dieser holte der Arzt jetzt ein eigenartiges Gerät. Vorne gab es eine Art Trichter, der in ein langes Holzstück überging, das innen hohl schien. Dies musste ein urtümliches Stethoskop sein.

„Sie brauchen mir nicht zu assistieren, Schwester Johanna. Das kann Fräulein Reichenbach übernehmen. Dank Ihnen kennt sie sich zweifellos bestens mit der Materie aus.“ Er blinzelte der jungen Pflegerin verschwörerisch zu.

Erst jetzt fiel mir auf, dass deren weiße Haube gegen eine dunkle eingetauscht worden war. Solche standen nur echten Diakonissen zu und unterschieden diese von den normalen Pflegekräften. Johanna hatte also inzwischen ihren Eid abgelegt und wurde nun offiziell als Schwester tituliert. Allerdings würde keine wie auch immer geartete Kopfbedeckung ihren rebellischen Haarknoten vor der Auflösung retten können.

Nachdem Schwester Johanna fluchtartig den Raum verlassen hatte, räusperte er sich und sagte zu Sophie gewandt: „So, junge Dame. Schauen wir mal, ob der Hustensaft seinen Dienst verrichtet hat. Das mit dem Abhorchen kennst du ja. Deine Schwester wird dir jetzt das Hemd öffnen.“ Auffordernd schweiften die Augen des Doktors in unsere Richtung, bevor er sich aufs Krankenbett setzte, um mit zwei Fingern nach dem Handgelenk der Patientin zu tasten. Widerspruch oder Arbeitsverweigerung standen offenbar nicht zur Debatte.

Marie begann gehorsam die Knöpfe des Kittels aufzumachen, bis er „Das genügt, danke“ sagte.

Behutsam drückte der Doktor das Hörrohr nun auf die kindliche Brust. Den Kopf schieflegend, schob er sich das andere Ende des Trichters ans Ohr. „Versuche mal zu husten.“

Die kleine Patientin strengte sich an und brachte etwas Hustenähnliches zustande. „Das hört sich schon viel besser an. Als nächstes kommt dein Herz dran.“ Er verrückte das Rohr etwas und lauschte wiederum mit ernstem Gesichtsausdruck.

Marie und ich bekamen unterdessen Gelegenheit, Doktor Langholz zu beobachten. Er sah auch bei Tageslicht betrachtet recht attraktiv aus, von seiner bleichen Haut und der altmodischen Frisur einmal abgesehen. Für einen Mann besaß er ausgesprochen schöne Hände. Außerdem gefiel mir sein dominantes Kinn, welches von einem kleinen Grübchen abgemildert wurde. Und sein Mund war der absolute Hammer, entschlossen und doch sensibel. Ich musste unwillkürlich an unseren nächtlichen Kuss denken, was zur Folge hatte, dass sich ein sehnsüchtiges Kribbeln in mir breitmachte. Gleichzeitig kaute ich hart an der Erkenntnis, neulich mit einem Gynäkologen das Bett geteilt zu haben, zumindest mental und im Traum.

"Möchtest du auch mal horchen?“

Schuldbewusst zuckte ich aus meinen unlauteren Gedanken hoch und sah die Kleine eifrig bejahen.

„Gut, dazu bräuchten wir aber eine Patientin.“ suchend schaute er sich im Raum um, bis sein Blick bei uns hängen blieb. „Wie wäre es mit deiner Schwester?“, meinte er dann, als wäre ihm die Idee gerade erst eingefallen.

Sophies bernsteinfarbene Augen leuchteten vor Begeisterung. Marie dagegen gab sich keine Mühe, motiviert zu wirken.

Das störte den Doktor nicht im Geringsten. Er nahm den Trichter von Sophies Brust und reichte ihn über das Bett. „Lassen Sie mal sehen, ob Schwester Johannas Lehrbücher bei Ihnen Früchte getragen haben. Setzen Sie das Hörrohr bitte auf Ihr Herz. Sie dürfen das Kleid dafür ausnahmsweise geschlossen lassen.“

Marie hielt das Untersuchungsinstrument unschlüssig in der Hand und brachte vor lauter Verblüffung erst einmal kein Wort heraus. Endlich stammelte sie: „W… Woher wissen Sie…?“

„Dass Sie medizinische Studien betreiben? Oh, es gibt in einem Krankenhaus deutlich weniger Geheimnisse als man landläufig denkt. Spannender fände ich zu wissen, warum Sie sich überhaupt für dieses Thema interessieren?“

„Ich möchte Diakonisse werden. So wie Schwester Johanna“, gestand Marie.

Wie bitte? Hatte ich mich verhört? Was sagte sie da? Wie kam sie denn auf so eine verrückte Idee?

„Das scheint mir ein recht ungewöhnlicher Wunsch für jemanden in Ihrem Alter zu sein. Den meisten jungen Frauen steht der Sinn doch eher nach Heiraten und eine Familie gründen“, argumentierte der Doktor. Natürlich, schließlich wollte er sie ja, wenn man meinen Träumen Glauben schenken durfte, demnächst zu seiner Frau machen.

Allerdings stand er mit diesem Wunsch vorerst alleine da. „Mein Ziel ist es, einen Beruf zu erlernen.“ Meine Ur-Uroma straffte bei dem Wort „Beruf“ unwillkürlich die Schultern und schob ihr Kinn vor. Dadurch versuchte sie offenbar ihrer schmächtigen Gestalt etwas mehr Würde und dieser revolutionären Idee einen gewissen Nachdruck zu verleihen.

Ihr Gesprächspartner quittierte dies mit einem Schmunzeln. Vielleicht täuschte ich mich aber auch, denn er kratzte sich sogleich, als jucke ihn der verdächtige Mundwinkel. „Und wenn es Sie irgendwann reut?“, gab er nach einer knappen Pause zu bedenken. „Diakonisse zu werden, stellt eine lebenslange Entscheidung dar.“ Er studierte bei diesen Worten Maries Gesichtszüge, als könne er darin die Ernsthaftigkeit ihrer Gesinnung ablesen.

Obwohl es meine Ur-Uroma merklich Mühe kostete, seinem durchdringenden Blick standzuhalten, nahm sie die Herausforderung an und schaute nicht weg. Ihre Stimme klang sogar forsch, als sie: „Das weiß ich, Herr Doktor“ erwiderte. „Es ist keine Marotte, da bin ich mir sicher. Ich habe es seit drei Jahren als Herzenswunsch und glaube nicht, dass sich in Zukunft an meiner Gesinnung etwas ändern wird. Ich bin der Überzeugung, dass ich die Ausbildung schaffen kann. Dazuhin wäre ich auf diese Weise in der Nähe meiner Schwester.“ Die Argumente waren, im Gegensatz zu ihrer sonstigen Schweigsamkeit, förmlich aus ihr herausgeplatzt.

Die Mimik ihres Gesprächspartners wirkte, als ob er einiges darauf zu entgegnen wüsste. Er unterließ es jedoch und meinte nur: „Das ist freilich Ihre ganz persönliche Entscheidung, Fräulein Reichenbach... Falls Sie die Aufnahme-Voraussetzungen erfüllen, wird sich das Mutterhaus bestimmt freuen, eine weitere tüchtige Schwester zu bekommen. Und jetzt zeigen Sie mir bitte, was Sie gelernt haben.“

Ich hatte parallel genug Stoff zum Nachdenken. Meine Doppelgängerin und potentielle Ur-Urgroßmutter schien es ernst, mit ihrem Berufswunsch zu meinen. Wie kam es dann, dass sie doch heiratete? Es war äußerst dumm, dass mir aktuell eine Menge wichtiger Informationen fehlten.

Doktor Langholz überprüfte als erstes den korrekten Sitz des Abhörgerätes, indem er genauso aufmerksam Maries Herzschlag lauschte, wie er es zuvor bei ihrer Schwester getan hatte. Dann nickte er zustimmend, gab das Ende des Rohres an Sophie weiter und schob es dieser ans Ohr. Damit das starre Gerät gleichermaßen Maries Brust und das Ohr ihrer Schwester berühren konnte, musste sich Erstere weit über das Bett beugen.

„Hörst du dieses schnelle Klopfen?“, erkundigte sich der Arzt bei der Kleinen. „So klingt ein Herz, wenn jemand aufgeregt oder gar ein wenig verärgert ist.“

Das Mädchen stieß als Antwort ein paar unartikulierte Laute aus.

Obwohl der Doktor diese garantiert nicht zu übersetzen vermochte, zwinkerte er seiner Patientin belustigt zu. „Ansonsten würde ich sagen, deine Schwester macht einen ausgesprochen gesunden Eindruck, oder was denken Sie, Frau Kollegin?“

Sein scherzhafter Tonfall trug bestimmt nicht dazu bei, Maries Herzschlag zu beruhigen. Auch nahm er keinerlei Rücksicht auf die unbequeme Position der unfreiwilligen Testperson.

Statt ihm zuzustimmen, schüttelte Sophie allerdings den Kopf. Zusätzlich zuckte ihre Hand.

Das irritierte den Fachmann. „Nicht? Du denkst, dass deine Schwester krank ist?“, hakte er erstaunt nach.

Dieses Mal nickte Sophie und versuchte ihm etwas mitzuteilen, was er wiederum nicht kapierte. Marie, die deutlich besser begriff, was ihre kleine Schwester da äußerte, zog energisch das Hörrohr weg, reichte es dem Doktor und brachte sich auf der gegenüberliegenden Bettseite in Sicherheit.

Allerdings machte das die Situation definitiv komplizierter, weil mein künftiger Ur-Uropa nun neugierig geworden war. „Deine Schwester hat Schmerzen“, vergewisserte er sich bei Sophie, denn das konnte selbst ein Unbedarfter aus ihrer Mimik deuten. „Wo hat sie denn die?“

Sophie bemühte sich sichtlich, ihm das zu erklären, doch Doktor Langholz war ebenso schwer von Begriff wie ich. Außerdem versuchte Marie uns parallel abzulenken.

Als Konsequenz runzelte der Arzt missbilligend die Stirn. „Wäre es nicht einfacher, Fräulein Reichenbach, Sie verwendeten Ihre Energie darauf, mir zu erklären, wo Ihre gesundheitlichen Probleme liegen, statt Ihre Schwester durcheinander zu bringen?“

Das hatte Marie ganz offensichtlich nicht vor. „Es ist nichts Wichtiges“, wiegelte sie ab und gab Sophie ein unmissverständliches Zeichen, sich da rauszuhalten.

„Dann teilen Sie mir eben das Unwichtige mit. Haben Sie nun Schmerzen oder nicht?“

„Nein, äh ich meine, zurzeit nicht.“ Maries Verlegenheit wurde fast greifbar.

„Sie verspüren also manchmal Schmerzen“, rätselte der Arzt unbeirrt weiter.

„Sophie übertreibt ganz schrecklich. Sie hat neulich mitbekommen, wie ich unpässlich war und von Schwester Johanna ein Mittel dagegen bekam. Das ist alles“, gestand Marie schließlich. Ihre Wangen brannten inzwischen vor Scham. „Jetzt muss ich aber dringend los. Ich bin spät dran.“

Das stimmte. Es war schon nach drei Uhr.

„Kann ich Sie trotzdem kurz sprechen. Vor der Tür vielleicht?“

Marie erschrak spürbar. Laut sagte sie: „Ja, sicher“, räumte die Kinderbibel in die mitgebrachte Umhängetasche, nahm ihr gestricktes Umschlagetuch vom Stuhl und verabschiedete sich von den Zimmerinsassinnen. Zuletzt umarmte sie ihre Schwester.

Neben der breitschultrigen, hochgewachsenen Gestalt des Stationsarztes schien meine Ur-Uroma beinah zu verschwinden. Dazu trug er eine dermaßen ernste Miene zur Schau, dass selbst mir flau im Magen wurde. Irgendetwas stimmte da nicht.

„Die Lunge Ihrer Schwester ist gerade komplett frei. Das ist die gute Nachricht“, begann der Doktor nach einigem Zögern.

„Aber es gibt auch eine schlechte Nachricht, nicht wahr?“, kombinierte Marie mit bangem Herzen.

„Ja. Ich habe bei der Untersuchung letzte Woche festgestellt, dass Sophies Herz schwach und unregelmäßig schlägt. Nun hat sich meine Vermutung leider gefestigt. Es rührt nicht von der momentanen Erkältung her. Wahrscheinlich hat sie von Geburt an einen Herzfehler. Wurde diese Diagnose von einem meiner Kollegen bereits untermauert?“

Marie schüttelte den Kopf und wagte erst einmal nicht nachzufragen. Weil er allerdings ebenfalls beharrlich schwieg, gab sie sich einen Ruck. „Was bedeutet das?“

Es gehört bestimmt nicht zu den liebsten Tätigkeiten eines Arztes, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. „Dass Ihre Schwester so alt wurde, grenzt eigentlich an ein Wunder. Es liegt sicher an der liebevollen Betreuung. Ich kenne kein anderes, derart schwer behindertes Mädchen, das sich in so guter Verfassung befindet. Sie hat kaum Versteifungen an den Gliedmaßen. Von Schwester Johanna habe ich mitbekommen, dass Sophie sogar Lesen gelernt hat, wie auch immer Sie geschafft haben, ihr dies beizubringen. Auch die Laute- und Gestensprache, mit der sie kommuniziert, finde ich sehr interessant.“

„Meine Schwester ist klug. Sie kann sich bloß schwer mitteilen.“ Marie wusste mit Komplimenten gerade wenig anzufangen. Das Urteil des Arztes hatte ihr einen Schock versetzt. Als Konsequenz daraus kämpfte sie mit den Tränen. „Wieviel Zeit bleibt uns noch?“ Ihre Stimme klang ganz dünn und brüchig.

„Das weiß ich nicht.“ Der Doktor legte in einer spontanen Geste des Mitgefühls eine Hand auf Maries Schulter. Meine Ur-Uroma zuckte daraufhin aber so heftig zusammen, dass er sofort wieder auf professionelle Distanz ging und sich räusperte. „Jede Infektion stellt eine ernste Gefahr für sie dar. Andererseits ist Sophie erstaunlich zäh. Vertrauen Sie einfach förderhin auf unseren Herrgott. Als Christenmensch darf man sich seiner Hilfe gewiss sein“, erwiderte er schließlich.

Mit seiner letzten Aussage hatte er selbstverständlich Recht. Sophies Zukunft lag in Gottes Hand. Für meine Urahnin brach dennoch ihre Welt zusammen. „Gibt es denn nichts, was man dagegen tun kann, außer Beten, meine ich?“, fragte sie verzweifelt.

„Kaum. Verbringen Sie so viel Zeit wie möglich mit ihr, am besten an der frischen Luft. Sobald sie Krankheitszeichen zeigt, werden wir sie behandeln. Mehr zu tun bleibt uns nicht. Sie wird im Heim von den Schwestern gut versorgt.“

In Maries Inneren schien sich ein Geschwür gebildet zu haben, das jederzeit zu platzen drohte. Sollte dies vor Ort passieren, dürfte es um ihre mühsam aufrechterhaltene Fassung geschehen sein.

Ich empfand die Ungerechtigkeit, in der meine Ur-Uroma zu leben genötigt war, einmal mehr überaus schmerzlich. Hundert Jahre später würde es Herzmedikamente, spezifische Operationstechniken und eine professionelle Betreuung für Sophie geben. Doch damals musste man notgedrungen die Gegebenheiten akzeptieren.

„Ihr eigenes Herz, Fräulein Reichenbach ist übrigens völlig intakt“, fuhr Doktor Langholz fort, als Marie nur dastand und mit zitternden Händen Knoten in ihr Wolltuch knüpfte, aber kein Wort mehr herausbrachte. „Ich habe vorhin einen kleinen Trick angewandt, weil ich dachte, dass es sinnvoll sei, zu überprüfen, ob es sich um ein erbliches Leiden handelt und ich Sie Beide nicht beunruhigen wollte.“ Er räusperte sich erneut und nickte ihr dann abschließend zu. „Und wegen Ihrer monatlich auftretenden Beschwerden dürfen Sie bei Bedarf gern in meiner Sprechstunde vorbeischauen. Dieses Problem haben viele junge Frauen und man kann da in der Regel gut Abhilfe schaffen.“

Kapitel 8:

Ein paar Tage später kam mir die Idee, meine Tante anzurufen. Sie freute sich von mir zu hören und erkundigte sich nach Neuigkeiten. Ich berichtete ihr von meiner Trennung.

„Schade, Florian machte eigentlich einen recht netten Eindruck“, meinte sie, beließ es aber dabei. Ich auch.

Wir plauderten dafür eine Weile über dies und das, vorzugsweise über ihre Töchter, wovon eine den falschen Freund und die andere den falschen Beruf habe. Die jüngste, Svenja, stellt eine pubertäre Dauernervenprobe dar.

Irgendwann kam ich auf das eigentliche Anliegen meines Anrufes. „Sag mal, weißt du eigentlich wie deine Urgroßeltern hießen?“

„Lass mich raten, du warst bei deiner Oma zu Besuch?“, gab sie anstelle einer Antwort resigniert von sich. „Es wird immer schlimmer. Man könnte seit Neuestem denken, Uroma Marie wäre eine enge Vertraute für sie gewesen. Dabei kannten sich die zwei nicht mal besonders gut.“

„Echt jetzt?“, brachte ich überrascht heraus.

„Sie starb, soviel ich weiß, Ende der Fünfziger. Da war Mutter zehn Jahre alt. Meine Großeltern betrieben eine Landwirtschaft und wohnten nicht im selben Ort. Da sah man die Verwandtschaft nur selten.“

„Und dein Urgroßvater?“

„Er ist bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen.“

„Oh... War er Soldat im zweiten Weltkrieg?“

„Nicht im zweiten, im ersten. Kurz vor der Geburt seines jüngsten Sohnes wurde er eingezogen. Er hat im letzten Kriegsjahr an der russischen Front als Lazarettarzt gedient. Zumindest wurde mir das erzählt.“

Ich verdaute schwer an dieser Information. Eine lange Ehe war Marie offenbar nicht beschieden gewesen „Wie viele Kinder hatten die beiden denn?“

„Fünf. Eine recht sportliche Leistung für Zeit, in der sie ein Paar waren. Mit dreißig wurde meine Urgroßmutter bereits Witwe und alleinerziehende Mutter. Doch irgendwie scheint sie sich durchgekämpft zu haben. Bis zu ihrem Tod arbeitete sie sogar als Physiotherapeutin, obwohl sie nie in einer Schule gewesen war und es den Beruf als solchen noch gar nicht gab. Das hat mir eine alte Diakonisse erzählt, die mit ihr befreundet gewesen sein musste. Man hat sie im Krankenhaus sehr geschätzt…. Maries ältester Sohn, Großonkel Elia, studierte später wie sein Vater Medizin und leitete bis 1943 eine Behindertenanstalt im Norden Deutschlands. Weil er sich weigerte, seine Patienten im dritten Reich auszuliefern, wurde er eingesperrt und verstarb später im Gefängnis an einer Lungenentzündung. Hanna, also meine Großmutter, wohnte bis zu ihrem Tod hier ganz in der Nähe, auf dem Bauernhof ihres Mannes. Dann gab es noch eine Anne Sophie, die früh an Typhus verstarb. Ein weiterer Sohn, Daniel, fiel im zweiten Weltkrieg und Jonathan, der Jüngste wanderte mit zwanzig Jahren nach Amerika aus. Dort leben seine Nachfahren bis heute. Doch das weißt du ja.“

„Hieß die Familie zufällig Langholz?“

„Deine Oma scheint dich ja genauestens informiert zu haben. Wenn ihr Gedächtnis nur in anderen Dingen so gut funktionieren würde. Ihr Sparbuch suchen wir bis heute.“ Tante Sabine seufzte leidgeprüft. „Aber immerhin haben wir das Bild gefunden, das bei ihr jahrelang im Schlafzimmer hing. Sie hat uns alle des Diebstahls bezichtigt. Helmut entdeckte es hinter dem Schuhregal, als wir das Haus räumten.“

„Da wird sich Oma aber freuen.“

„Sicher, bloß weiß ich nicht, ob es sinnvoll ist, es ihr noch mal zu geben. Sie bringt es fertig und versteckt es gleich wieder. Aber ein Gutes hat es: Dadurch konnte ich dir detailliert Auskunft geben. Mutter hat nämlich freundlicher Weise die Namen der Personen und die wichtigsten Daten auf der Rückseite vermerkt, vermutlich aus Angst, sie zu vergessen.“

Mir stockte der Atem. „Du hast dieses Bild gerade vor dir?“

„Klar. Denkst du, ich habe unseren Familienstammbaum im Kopf? Es befindet sich bei Mutters sonstigen Sachen. Alles, was an verwertbaren Dingen auftaucht und nicht ohnehin bei ihr im Pflegeheim gelandet ist, kommt zu mir ins Gästezimmer. Sogar ein paar ihrer ehemaligen Möbelstücke stehen dort rum. Wenn du zufällig Bedarf an einer wurmstichigen Kommode hast, könnte ich dir behilflich sein.“

„Unter Umständen hätte ich diesen tatsächlich.“ Bei Dingen, für die andere keine Verwendung mehr finden, erwacht in mir immer sofort Ehrgeiz, neue Nutzungsmöglichkeiten zu kreieren. Vielleicht liegt es an meinen schwäbischen Spargenen, in Kombination mit meiner Unfähigkeit, Sachen wegzuwerfen. Oder dass jahrelang, als Mutter nicht mehr arbeiten konnte und sich aus Stolz weigerte, Almosen anzunehmen, es in unserem Leben finanziell eng zugegangen war… Obwohl ich inzwischen ein gutes Einkommen habe, kann ich schwer von diesem Verhaltensmuster lassen. Das wissen die Leute aus meiner Umgebung und fragen nach, bevor sie Möbel auf den Sperrmüll und Kleidungsstücke in den Container geben. Entsprechend sieht es in meiner Wohnung aus und genauso zusammengewürfelt kleide ich mich.

„Wer ist auf dem Foto denn drauf?“

„Im Prinzip alle, von denen wir eben geredet haben, inklusive Uropas Tochter aus erster Ehe. Keine Ahnung, wie sie hieß. Ihr Name ist so stark verwischt, dass ich ihn nicht entziffern kann. Doch ich meine mich zu erinnern, dass sie später Diakonisse wurde. Das Bild muss gemacht worden sein, bevor Uropa in den Krieg zog. Übrigens steht fest, dass du deiner Ur-Uroma erstaunlich ähnlich siehst.“

Mein Mund fühlte sich plötzlich trocken an. „Könntest du das Bild und die Rückseite abfotografieren und mir per WhatsApp schicken?“

Meine Tante ist diesbezüglich modern ausgestattet, vermutlich sogar auf einem neueren Stand als ich. Das kommt davon, weil ein Teil ihrer Töchter fast nur noch auf diesem Wege mit ihr kommuniziert.

„Klar, mach ich.“

Fünf Minuten später brummte mein Handy. Ich öffnete mit zittrigen Händen die Nachricht und wurde nicht enttäuscht. Mir schaute mein Ebenbild vom Spiegel entgegen, samt ihrem Ehemann, Doktor Langholz. Er stand, sie mehr als einen Kopf überragend, neben ihr. Auf dem Arm hielt er ein kleines dunkelhäutiges Mädchen mit wildem lockigem Haar, das seine dicken Ärmchen vertrauensvoll um seinen Hals geschlungen hatte. An seiner anderen Seite befand sich eine ernst dreinblickende Jugendliche mit blonden langen Zöpfen, vermutlich die besagte Tochter aus erster Ehe. Marie, deren vorgewölbter Bauch eine weitere Geburt ankündigte, hatte ihre Hand auf einen schelmisch grinsenden dunkelhaarigen Jungen mit Brille gelegt. Die Sehhilfe wirkte mittlerweile fast wieder modern und hätte aus dem aktuellen Optikerkatalog stammen können. Zwei strohblonde Kinder, bei denen die Verwandtschaft zum Vater schwer zu leugnen war, ein Junge und ein Mädchen, vermutlich Hanna und Daniel, tummelten sich zu Füßen des Ehepaares.

Das Foto kam für die damalige Zeit, in der man Menschen am liebsten geordnet in Reih und Glied positionierte, ausgesprochen lebendig daher. Marie blickte jedoch im Vergleich zu den anderen ziemlich melancholisch drein, wobei das dem Anlass geschuldet sein dürfte. Die Vorstellung, dass Samuel ein Jahr später bereits tot war und auch keine der übrigen Personen mehr lebte, tat mir weh.

Kurz vor dem Einschlafen traf mich dann noch eine weitere Erkenntnis. Etwas, beziehungsweise jemand fehlte auf dem Gruppen-Porträt. Warum war mir das nicht gleich aufgefallen? Niemals hätte man diese Person vergessen oder mit Absicht ausgegrenzt. Sophies Abwesenheit konnte folglich nur eines bedeuten…

Kapitel 9:

Es wunderte mich nicht im Geringsten, dass ich in der nächsten Nacht erneut auf Zeitreise ging. Schließlich hatte ich das Familienbild auf meinem Handy so oft angeschaut, dass mein Display vom ewigen Zoomen demnächst Abnutzungserscheinungen zeigen musste.

Ich fand mich, beziehungsweise Marie mit Onkel Konrad am Tisch beim Abendbrot wieder. Das Esszimmer sah genauso steif und unpersönlich aus wie beim letzten Mal.

Von Tante Klara und Josefine war nichts zu sehen, doch ich meinte im Verlauf des Gespräches herauszuhören, dass die Cousine inzwischen geheiratet hatte und die beiden Frauen einen netten Abend miteinander verbrachten und nebenbei deren neues, häusliches Umfeld aufzuhübschen gedachte. Wahrscheinlich fehlten ein paar gehäkelte Spitzendeckchen oder unpraktische Staubfänger für die Vitrine, musste ich boshaft denken.

Der Onkel schien ausnahmsweise bester Stimmung zu sein und hatte beim Essen kräftig dem Rotwein zugesprochen. „Wie alt bist du letzten Monat geworden? 18 nicht wahr?“, erkundigte er sich plötzlich mehr oder weniger zusammenhangslos.

Marie nickte vorsichtig. Ich nahm diese Information dagegen erstaunt zur Kenntnis, weil ich meine Vorfahrin für deutlich älter geschätzt hätte, als ich sie im Spiegel erblickte. Auf dem Foto, das mir Tante Sabine zugeschickt hatte, war sie es als Mutter von viereinhalb Kindern dann ja auch.

„Somit bist du im heiratsfähigen Alter. Wir sollten uns über deine Zukunft Gedanken machen. Vielleicht hast du ja bereits einen heimlichen Verehrer?“

„Nein. Außerdem möchte ich Diakonisse werden“, packte Marie die Gelegenheit beim Schopf und brachte mutig ihren Berufswunsch vor.

„Im Ernst?“ Man merkte dem Onkel die Verblüffung an. Dann lachte er schallend, als hätte sie einen Witz gemacht. „Du meine Güte. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Eine dunkelhäutige Diakonisse, wo gibt es denn so was? Ich denke, wir finden eine bessere Verwendung für dich.“ Seine Hand legte sich unvermittelt auf ihren Arm.

Ich spürte Maries Abneigung überdeutlich. Sie wäre am liebsten aufgesprungen und nach draußen gerannt.

„Was hältst du davon, wenn du mich in nächster Zeit vermehrt in der Firma unterstützt?“, schlug er mit schmeichelnder Stimme vor. „Ich kann eine tüchtige, sprachlich begabte Hilfskraft wie dich gut gebrauchen.“ Seine Hand wanderte noch ein Stück weiter nach oben.

In mir begann eine Warnglocke zu läuten.

„Ich möchte lieber mit Krüppeln und Schwachsinnigen arbeiten“, beharrte Marie und ignorierte die Hand so gut sie konnte.

„Das liegt daran, weil du es nicht besser kennst. Wenn du dich in Zukunft etwas entgegenkommender zeigst, finden wir bestimmt eine befriedigende Lösung. Es muss nicht zu deinem Schaden sein. Du wirst dich wundern, wie großzügig ich sein kann. Deine Tante braucht von unserem Abkommen nichts zu wissen.“ Mit einem Mal grabschten die Finger direkt nach ihrer Brust.

Marie schnellte mit einem entsetzten Aufschrei hoch, wurde aber vom Onkel hart gegen den Esszimmertisch gedrängt.

„Jetzt tu nicht so prüde, Mädchen. Du willst es doch in Wirklichkeit ebenso. Deine Mutter hatte schließlich auch nichts dagegen, sich für Geld und eine gesellschaftliche Stellung einem älteren Mann anzubiedern.“

Ich geriet äquivalent zu Marie in Panik. Diese versuchte verzweifelt, die aufdringlichen Finger abzuschütteln und sich von dem zum Unhold mutierten Onkel freizumachen. Keuchend vor Gier und wie von Sinnen umklammerte er seine Nichte und versuchte ihr gleichzeitig das Kleid hochzuschieben. Jetzt näherte sich auch noch sein sabbernder Mund. Als sich seine Lippen fordernd auf ihre pressten und seine Zunge ekelhaft feucht nach einem Zugang suchte, verlieh ihr dies ungeahnte Kräfte. Obwohl Marie keine Übungsstunde in Jiu-Jitsu absolviert hatte, verhielt sie sich angesichts dieser Horrorsituation erstaunlich besonnen. Weil der Onkel mindestens das Doppelte wie sie wog, hatte sie ihm gewichtsmäßig wenig entgegenzusetzen. Aber sie nutzte seine Abgelenktheit, während sich seine Finger am Hosenschlitz zu schaffen machten, trat ihn erst vors Schienbein, stieß anschließend mit aller Kraft ihre Faust in seinen Magen und tauchte, während er japsend nach hinten gegen den Stuhl kippte, unter seinen Armen hindurch.

Aus dem Zimmer stürzend, rannte sie direkt gegen Tante Klaras Korsett versteifte Gestalt. Die schien diese Situation richtig einzuschätzen und bestimmte mit eiskalter, schneidender Stimme: „Geh sofort in deine Kammer, Marie.“

Das ließen wir uns kein zweites Mal sagen. Dennoch hörte ich, wie sie das Esszimmer mit den Worten „Konrad, dafür bist du mir eine Erklärung schuldig“ betrat.

In ihrer Dachstube angekommen, rückte Marie den Tisch vor die Tür, weil diese nicht abschließbar war und lehnte sich schwer atmend dagegen. Voller Abscheu versuchte sie dann, die Speichelspuren von Gesicht und Hals zu wischen. Immer noch zitternd legte sie sich anschließend ins Bett. Sie wagte es nicht einmal, sich auszuziehen, sondern schlüpfte in ihrer kompletten Kleidung unter die Decke.

Sie hatte einen Schock erlitten. Das war glasklar. Bestimmt war sie nicht einmal richtig aufgeklärt worden. Dies fand, wenn man den entsprechenden Romanen und Filmen Glauben schenken mochte, erst kurz vor der Hochzeit statt, wenn überhaupt.

Ich hätte ihr einiges dazu mitteilen können, zumindest theoretisch. Hinter seliger Unwissenheit kann sich im 21. Jahrhundert niemand verstecken. Dafür gibt es bereits ab der Grundschule den entsprechenden Unterricht, von der Freizügigkeit der Medien ganz zu schweigen. Außerdem habe ich ja Mona. Den praktischen Teil der Aufklärung hatte in schöner Regelmäßigkeit, Florian angeboten zu übernehmen, war jedoch auf taube Ohren, abwehrende Hände und zu guter Letzt ein gezielt platziertes Knie gestoßen. Stellte dieser Traum etwa die Konsequenz aus seinem Übergriff von neulich dar? Möglicherweise hatte ich die unerquickliche End-Episode unserer maladen Beziehung doch nicht unbeschadet weggesteckt.

Seltsamer Weise hörte die Geschichte an dieser Stelle nicht auf, was ich eigentlich erwartet hätte. Nach einem gefühlten Sekundenschlaf durfte ich meine Ahnfrau in einen neuen Morgen begleiten.

Wir trafen sehr bald auf ihre Tante. Diese schaute drein, als habe sie über Nacht ein Magengeschwür bekommen. Sie wollte das Frühstück im Wohnzimmer einnehmen. Der Grund dafür dürfte sein, dass der Speiseraum noch Spuren des gestrigen Kampfes trug. Marie hatte es bisher nicht gewagt, ihn zu betreten.

Onkel Konrad konnte ich zu meiner Erleichterung nirgendwo entdecken. Er musste das Haus in den frühen Morgenstunden ohne Mahl verlassen haben.

Tante Klara befahl, kaum, dass das Essen weggeräumt war, ihre Nichte zu sich. „Setz dich“, bestimmte sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch erlaubte. Ihr Mund zeigte sich noch schmallippiger als sonst und auf ihrer Stirn standen gleich mehrere neue Falten. „Ich habe heute Nacht kein Auge zugetan und deinem Onkel ergeht es nicht besser. Er ist sehr aufgewühlt.“

Meine Ahnin nahm diese Information erstmal schweigend zur Kenntnis.

„Ich verstehe nicht, wie du uns das antun konntest.“ Die Nasenflügel der Tante begannen zu beben und ihre Stimmlage schraubte sich steil nach oben. „Wir haben unser ganzes Vertrauen in dich gesetzt, dir eine Heimat geboten, dich und deine Schwester all die Jahre finanziell unterstützt und nun das.“

„Was habe ich denn getan?“, brachte Marie entgeistert heraus.

„Das wagst du zu fragen? Tu nicht so unschuldig. Du hast dich gestern deinem Onkel angeboten und Geld dafür verlangt. Und weil er ablehnte, kam es zu dieser unseligen Auseinandersetzung. Du brauchst gar nicht zu versuchen, ihn jetzt bei mir anzuschwärzen.“ Tante Klara rührte bei diesen Worten allerdings nervös in ihrer Kaffeetasse und blickte vorsichtshalber in eine andere Richtung.

„Das stimmt nicht.“

Als Reaktion fiel der Löffel klirrend in die Untertasse. „Schluss, kein weiteres Wort mehr in dieser Sache. Ich dulde deine Aufsässigkeit nicht länger. Allein, wenn ich dran denke, wie schamlos du dich an Josephines Hochzeit aufgeführt hast. Es wird Zeit, dass du unter die Haube kommst und ein Ehegatte dir Manieren beibringt, bevor es zu spät ist.“

„Ich will nicht heiraten“, widersprach Marie angesichts der vorherrschenden, explosiven Atmosphäre überaus mutig. „Ich möchte Diakonisse werden und Krankenpflege lernen.“

„Diakonisse? Wer hat dir denn diesen Unsinn in den Kopf gesetzt? Dazuhin werden sie dich dort kaum nehmen. Bei den barmherzigen Schwestern hält man nichts von mannstollen Weibern. Du kannst von Glück reden, wenn du einen Bräutigam abkriegst. Die Männer werden sich bei deinem Aussehen, deiner mangelhaften Bildung und deinem aufsässigen Wesen keinesfalls um dich reißen. Ganz abgesehen von deiner bedauernswerten Schwester, die mitversorgt werden muss.“

Jetzt war es um Maries Ruhe vollends geschehen. Sie fuhr erschrocken vom Stuhl hoch. „Was? Ihr wollt meine Schwester ebenfalls loswerden?“

Der Drachen von einer Tante hüstelte daraufhin gekünstelt und schlug eine etwas tiefere Tonlage an. „Mein liebes Kind. Du bist hier nicht in der Lage, Forderungen zu stellen. Dein Vater hat uns schließlich nur einen Sack voller Schulden hinterlassen.“

„Drum will ich ja arbeiten gehen.“

Tante Klara seufzte schwer geprüft angesichts von so viel Ignoranz. „Spar dir deine Widerrede. Es ist eine beschlossene Sache. Dein Onkel wird heute anfangen, sich nach geeigneten Kandidaten umzuhören.“ Sie zeigte an, dass das Gespräch an dieser Stelle beendet sei.

Dies hätte Marie besser akzeptiert, aber in ihr kochte angesichts dieser Willkür eindeutig das Blut. „Und was ist, wenn ich mich weigere?“

Daraufhin richtete Tante Klara zum ersten Mal an diesem Morgen den Blick auf ihre junge Verwandte. „Du weißt genau, dass du nicht länger hierbleiben kannst. Dazuhin würde sich dein Onkel bei einer Zuwiderhandlung genötigt sehen, deine Schwester im Armenhaus der Stadt unterzubringen und du kannst dir sicher denken, was das bedeutet.“

An dieser Stelle wachte ich auf. Ich brauchte dieses Mal echt lange, bis ich mich in meiner Gegenwart zurechtfand.

Kapitel 10:

Beim Mittagessen wenige Tage später fragte Mona unvermittelt: „Was ist eigentlich mit dir los, Ronja?“

Aus meinen Gedanken hochschreckend, entgegnete ich reflexartig: „Was soll schon los sein? Nichts.“

„Red keinen Blödsinn. Du wirkst die halbe Zeit abwesend.“

„Es geht mir gut“, erklärte ich reichlich unglaubwürdig. Deshalb schob ich „gerade ist nur jede Menge los“ hinterher.

„Was zum Beispiel?“

„Ach, du kennst doch meinen Hang, unorthodoxe Aufgaben an mich zu reißen. Letztes Wochenende habe im Sternehaus ausgeholfen.“ Das Sternehaus ist eine Unterkunft für Menschen mit Handicap ganz in meiner Nähe, wo ich seinerzeit mein Praktikum hatte machen wollen. Aus irgendeiner Anwandlung heraus war ich neulich auf die Idee gekommen, dort vorbeizuschauen. Das Personal muss mein Interesse gespürt haben und bot mir an, ein Wochenende mitzuarbeiten. Es war herausfordernd gewesen und hatte mir trotzdem sehr gefallen.

„Spielst du immer noch mit der Idee umzusatteln?“ Mona schaute mich forschend an.

Das war eine schwierige Frage. Ich hatte an diesem Wochenende gespürt, dass mein Herz während einer solchen Arbeit deutlich eher bei der Sache war, als beim Bearbeiten von Kundenanfragen. Gleichzeitig weiß ich, dass es verrückt ist, einen gutbezahlten, sicheren Job aufzugeben, um eine Ausbildung anzufangen, die auf lange Sicht zu schlechten Arbeitszeiten, geringer Bezahlung und Knochenschinderei führt. „Vielleicht.“

Mona nickte düster. „Was hältst du davon, wenn du einfach der Reihe nach erzählst, was dir auf dem Herzen liegt.“

Das war mein Startschuss. Ich versuchte in den folgenden Minuten in Worte zu fassen, was eigentlich unmöglich schien, berichtete von meinen letzten Träumen und den Überlegungen dazu, zeigte ihr das Familienbild auf meinem Handy und erzählte von dem Prospekt, auf dem das Schwachsinnigen- und Krüppelheim abgebildet ist.

Mona unterbrach mich kein einziges Mal. Zwischendurch vergaß sie sogar zu kauen, obwohl sich Spaghetti Carbonara auf ihrem Teller befanden, weil sie sich heute ausnahmsweise keine Diät verordnet hatte.

Als ich endete, schwieg sie immer noch und machte den Eindruck, als wolle sie, ganz gegen ihre Gewohnheit, erst nachdenken, bevor sie losredete. „Die Sache ist fast ein bisschen unheimlich, Ronja. Hast du mal über Seelenwanderung oder Reinkarnation nachgedacht?“, meinte sie schließlich.

„Falsche Fraktion. So was gibt es bei uns Christen nicht.“

„Was hast du sonst für eine Erklärung?“

Ich zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich weiß bloß, dass man das, was ich momentan erlebe, Klarträume oder luzides Träumen nennt.“ Wikipedia hat mir neulich freundlicherweise geholfen, meine nächtlichen Visionen einzuordnen.

„Und das heißt?“

„Man ist sich die ganze Zeit über im Klaren, dass man träumt, auch wenn man, genau wie beim normalen Traum, nur begrenzte Einflussmöglichkeiten auf die Handlung besitzt. Darüber hinaus hat man aber den Eindruck real zu fühlen, zu hören, riechen, denken, sehen und zu schmecken, teilweise sogar plastischer als im wirklichen Leben. Es gab Leute, die auf diese Weise Probleme gelöst oder komplexe chemische Formeln entdeckt haben. Denn das Schöne daran ist: Wenn man aufwacht, bleibt die Erinnerung an das Erlebte vollständig erhalten, als wäre es in echt passiert.“

„Abgefahren“, sagte Mona, wirkte aber nicht, als ob sie das ebenfalls bräuchte. „Und warum sind deine Träume ausgerechnet hundert Jahre alt und handeln von deinen Vorfahren?“

„Ich schätze mal, weil ich Bilder von ihnen gesehen habe, die mich aus irgendeinem Grund beeindruckten. Das Familienfoto hing jahrelang bei meiner Oma im Schlafzimmer. Als Kind war ich wohl ein paar Mal bei ihr zu Besuch. Und der Prospekt von der Diakonissenanstalt ist für jeden frei zugänglich.“ Woher ich jedoch zu wissen glaubte, wie mein Urahn gerochen hat, überstieg jegliche Logik.

Obwohl ich ihr Letzteres aus gutem Grund unterschlug, erkannte meine Freundin die Mängel in meiner Argumentation sofort. „Von ein paar alten Bildern entsteht normalerweise keine detaillierte Geschichte.“

Das war mir vom Prinzip her klar. Trotzdem entgegnete ich bemüht locker: „Du kennst meine blühende Phantasie.“ Wieso diese aber jede Menge intime Dinge von Menschen zu kennen meint, denen ich nie begegnet bin, finde ich phasenweise selbst äußerst beunruhigend. Beginnt so Schizophrenie? Indem sich ein Gehirn selbständig macht?

Zum Glück riss mich das freche Grinsen meiner selbsternannten Lebensberaterin aus meinen ungemütlichen Überlegungen. „Das ist allerdings ein Pluspunkt für dich, meine Liebe. Ich finde es übrigens echt krass, wie ähnlich du deiner Ur-Großmutter siehst.“ Sie nahm mein Handy, zoomte meine Doppelgängerin zu sich heran und studierte sie nochmals eingehend.

Ich nickte, das zweite fehlende „Ur“ großzügig ignorierend. „Vor allem, weil der Rest meiner Verwandtschaft optisch in eine total andere Richtung geht.“

Monas Zeigefinger verschob daraufhin die Großaufnahme wenige Zentimeter nach rechts. Als Konsequenz tauchten ein Paar charmante Grübchen in ihren Wangen auf, die bei Männern wie Wunderwaffen wirken. Sie flirtete doch nicht etwa mit einem Bild? Ihr Blick verweilte zumindest wohlwollend auf meinem Ahnherrn. „Vermutlich in die deines Urerzeugers, des gutaussehenden Gynäkologen.“ Diesen Teil meiner Geschichte hatte sie vorhin mit sichtlichem Behagen aufgenommen. „Ein bisschen kann ich dich sogar verstehen. Mit so jemand hätte ich auch gern mal eine Hochzeitsnacht verbracht. Wobei die Vorstellung, dass er heutzutage 130 Jahre alt sein dürfte, natürlich etwas pervers und gruselig ist.“ Sie gab mir bedauernd mein Handy zurück.

„Und was soll ich jetzt machen?“ Eigentlich war das eine rein rhetorische Frage. Was konnte man schon gegen verrückte Träume unternehmen? Schlafmittel nehmen? Milch mit Honig trinken? Am besten wäre wohl eine generalisierte Gehirnwäsche, inklusive Fleckenlöser, Weichspüler und gründlichem Schleuderprogramm.

Mona ließ sich von lautem, fatalistischem Denken keineswegs abschrecken. Sie drückte mitfühlend meinen Arm und erklärte: „Auch, wenn dein Uropi voll knackig aussieht, müssen wir versuchen, diese Sache aus deinem Kopf zu bringen. Man darf sein Leben nicht an verstorbene Leute hängen. Es genügt, wenn deine Oma so drauf ist.“ Plötzlich kam ihr eine Idee und sie zeigte sich sogleich wild entschlossen. „Ich werde die nächsten Nächte bei dir schlafen. Wenn ich merke, dass du zu träumen anfängst, männliche Gestalten in weißen Nachthemden auftauchen oder es in irgendeiner Form unheimlich wird, wecke ich dich.“

Als ich widersprechen wollte, weil ein abenteuerlustiger Teil von mir, trotz aller Dramatik, ja auch Gefallen an diesen nächtlichen Ausflügen fand, hob sie gebieterisch die Hand und sprach: „Keine Widerrede. Ich stehe um Punkt zehn Uhr bei dir auf der Matte. Warne deine Mitbewohner bitte vor. Ich will weder hinterrücks einen Minigolfschläger über die Rübe bekommen, noch alten Männern in Feinripp-Unterhosen begegnen.“

Mona hat von meinen letzten, anschaulichen Berichten offenbar ein kleines Trauma zurückbehalten. Andererseits liebäugelt sie mit meiner Eis-Flat und versucht sich deshalb gnadenlos bei meinem Lieblingsitaliener einzuschleimen.

„Und Jochen?“, brachte ich ihren derzeitigen Lebensabschnittsgefährten in Erinnerung.

„Ach, der wird es verschmerzen“, meinte sie leichthin.

Obwohl wir aus dem Alter der Pyjama-Partys längst herauswaren, beließ ich es bei ihrem Vorschlag. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in der kommenden Nacht ins beginnende 20. Jahrhundert katapultiert werden würde, war ohnehin gering. In meinen letzten Träumen hatte ich mich mit versäumten Prüfungen, Ex-Flo und einer nervigen Geburtstagsfeier herumgeplagt.

Ach ja, zum Thema Florian gab es endlich eine frohe Kunde. Er hat es geschafft, eine Freundin zu finden, die seinen moralischen Ansprüchen genügte. Hin und wieder sah man eine der jungen, ansehnlichen und überaus vollbusigen Auszubildenden, die gerade in seiner Abteilung ihren Dienst versahen, mit zerknautschter Bluse und Laufmaschen aus einem leerstehenden Konferenzraum stelzen. Seine christliche Phase ruht äquivalent dazu. Auch die diffamierenden Bemerkungen mir gegenüber werden spärlicher. Er bevorzugt es nun, wo immer dies möglich ist, mich zu übersehen, was mir mein Berufsleben spürbar erleichtert.

„Du trägst also immer noch dieselben braven Schlafanzüge wie vor fünfzehn Jahren“, stellte Mona fest, nachdem sie es sich auf meiner Gästeliege gemütlich gemacht hatte.

„Ich würde sie in erster Linie als bequem bezeichnen.“

„Am bequemsten daran dürfte sein, dass sie dir potentielle Männer auf Abstand halten.“ Was man von Monas Nachtkleidung nicht behaupten konnte. Ihr Shirt war so kurz, dass der Phantasie wenig Raum und Stoff blieb.

Trotz unserer kontroversen Ausstattungen lagen wir anschließend vereint in der Dunkelheit, belebten Erinnerungen an ehemalige Lehrer, verkorkste Frisierversuche mit einem Plätteisen und unsere gescheiterte Karriere als Popstar-Duo. Dabei fühlten wir uns einander nah, wie schon lange nicht mehr.

„Gut, dass du diese Träume hast, Ronja. Sonst würden wir das garantiert nicht machen. Schlaf gut, Süße. Und solltest du gleich deinem Gynäkologen-Opa begegnen, sag ihm, er darf gern einen Abstecher bei mir machen.“

Kapitel 11:

Ich erwachte im Schwachsinnigen-Heim. Marie massierte gerade ihre kleine Schwester durch und hielt deren Gelenke geschmeidig.

Draußen schüttete es. Der Wind rüttelte an den einfach verglasten Fenstern. Überall ächzte und knarzte es. Durch die Scheiben fiel lediglich diffuses Licht. Trotzdem brannten keine Lampen im Haus. Offensichtlich galt es Gas, Petroleum und Kerzenlicht zu sparen. In diesem Halbdämmer konnte man nicht einmal lesen. Alles fühlte sich feucht und ungemütlich an. Zentralheizungen oder sonstige Annehmlichkeiten gab es nicht, sondern nur einen wuchtigen, gusseisernen Ofen, der bei Bedarf durch eine Art Abluftkanal ein bisschen Wärme in die einzelnen Patientenzimmer verteilte.

„Grüß Gott, Marie.“ Schwester Johanna steckte auf ihrem Rundgang den Kopf durch den Türspalt. Ihr rotes Haar befand sich mal wieder in Rebellion zur Haube. „Würdest du eine halbe Stunde bevor du heimgehst, bei Doktor Langholz vorbeischauen? Er will dich sprechen.“

Ich bekam bei dieser Information unwillkürlich Herzklopfen. Marie offenbar ebenso, wenn auch garantiert aus einem anderen Grund.

„Keine Bange, nicht wegen Sophie“, sagte die junge Diakonisse, die deren Blick richtig deutete. „Es geht um eine Kontroll-Untersuchung wegen deiner Arbeit hier. Du bist schließlich eine Art Hilfskraft bei uns auf Station. Außerdem willst du dich demnächst als Diakonisse bewerben.“ Sie lächelte, doch das Lächeln wirkte krampfhaft. Hatte sie etwa Ärger bekommen?

„Wo finde ich ihn?“

„Irgendwo im Haus. Da, wo es Arbeit für ihn gibt.“

Eine Stunde später, nachdem Marie mit ihrer Schwester und einigen anderen Patientinnen im Lichthof, dem hellsten Punkt des Stockwerks, Lieder gesungen und danach alle wieder in ihren Betten abgeliefert hatte, machte sie sich auf den Weg.

Sie erkundigte sich bei Stationsschwester Inge nach dem Doktor. Die meinte, dass er auf der Männerstation anzutreffen sei.

Mit reichlichem Unbehagen betrat ich gemeinsam mit Marie das untere Stockwerk. Dort schlugen uns noch penetrantere Gerüche entgegen. Menschliche Ausdünstungen und Ausscheidungen kombiniert mit einem essighaltigen Putzmittel schienen mir den Grund-Cocktail für diesen Gestank zu bilden.

Vom Zuschnitt her ähnelten die beiden Geschosse einander. Es gab die gleiche Aufteilung der Zimmer, nur, dass hinter diesen Türen männliche Patienten lebten. Einer davon saß im unbequem wirkenden, hölzernen Rollstuhl auf dem Gang und brummte mit tiefer Stimme vor sich hin.

Im Dienstzimmer hielt sich eine ältere Diakonisse auf, die mir vom Sehen her bekannt vorkam. Hatte sie sich auch auf dem Jubiläumsprospekt befunden?

Marie fragte nach Doktor Langholz. Sie wurde angewiesen, in Zimmer 8 nachzuschauen.

Während wir uns dem besagten Zimmer näherten, hörte ich ein Brüllen, das eher aus dem Mund eines Tieres, statt eines Menschen zu stammen schien. Es klang, als käme es genau aus diesem Raum. Verunsichert klopfte meine Ur-Uroma.

Weil ihr zaghaftes Pochen keinerlei Wirkung zeigte, probierte sie es kräftiger. Auch dieser Versuch ging im Lärm unter. Zu guter Letzt donnerte sie mit der ganzen Faust gegen die Tür. Dies brachte endlich den gewünschten Erfolg. Das Geschrei wurde von einem noch lauteren „Herein“ übertönt.

Ihren restlichen Mut zusammennehmend, drückte Marie die Klinke nach unten und wagte einen vorsichtigen Schritt ins Krankenzimmer. Dort blieb sie allerdings wie angewurzelt stehen.

Ich zuckte im ersten Moment ebenfalls zurück. Unsere Augen hatten sich so an das Halbdunkel gewöhnt, dass sich das Licht von mehreren großen Lampen förmlich in meine Netzhaut einzubrennen schien. Diese waren auf ein einzelnes Bett gerichtet. Über das sah ich Doktor Langholz mit hochgekrempelten Ärmeln gebeugt, neben ihm eine kräftige Diakonisse. Die beiden machten sich an einem Insassen zu schaffen, der keine Anzeichen von Kooperation erkennen ließ.

Der Arzt schaute auf, entdeckte die Besucherin und winkte uns zu sich. „Kommen Sie, Fräulein Reichenbach. Wir können just Hilfe gebrauchen.“

Marie trat zögernd ein paar weitere Schritte näher, wirkte aber, als wolle sie liebend gern auf dem Absatz kehrtmachen und nach draußen flüchten.

Bei dem Anblick, der sich mir bot, konnte ich ihren Wunsch ohne Probleme nachvollziehen: Der Patient war mittleren Alters und von stämmiger Statur. Er besaß einen dunklen Bart und jede Menge genauso dunkle Haare auf dem Kopf und am sonstigen Körper. Auf seinem Bett liegend, wehrte er sich nach Leibeskräften. Was Marie jedoch am meisten erschütterte, war, dass der Mann keine Windel trug. Man sah dadurch Dinge, die sie so wohl nicht kannte und sicher am liebsten auch nie gesehen hätte. Sie wusste vor lauter Verlegenheit kaum, wo sie hinschauen sollte.

„Versuchen Sie ihn oben festzuhalten. Der Patient hat einen Leistenbruch und dieser ist eingeklemmt. Ich will versuchen, den Darm in den Bauchraum zu reponieren. Dazu muss der Kranke stillliegen“, wurde ihr erklärt.

Marie atmete tief durch, trat neben das Krankenlager und konzentrierte sich vorzugsweise auf das Gesicht des Mannes. Er blickte schmerzerfüllt und zugleich wütend drein.

„Ergreifen Sie seine Arme unterhalb der Schultern. Den Rest schaffen Schwester Martha und ich.“

Die gute Diakonisse lag im Prinzip quer über den Beinen des in panischer Notwehr befindlichen Rebellen, um diese am Ausschlagen zu hindern und fixierte nebenbei mit ihren Händen beherzt seinen Unterleib.

Marie griff unsicher zu. Der Mann starrte uns mit blutunterlaufenen Augen an und bäumte sich erneut brüllend auf.

„Umfassen Sie ihn mit ganzer Kraft“, forderte der Doktor. Auf seiner Stirn perlte vor Anstrengung der Schweiß.

Es machte nicht den Eindruck, als wolle meine Ur-Urgroßmutter diesem Wunsch uneingeschränkt nachkommen, aber sie drückte immerhin etwas fester zu. Daraufhin passierten ein paar unvorhersehbare Dinge: Der haarige Wilde hörte plötzlich auf zu schreien, schaute uns staunend an, seine Gegenwehr erlosch und er begann trotz seiner offensichtlichen Schmerzen zu grinsen. Bevor Marie wusste, wie ihr geschah, hatte er seine Arme um sie geschlungen und presste sie wie eine lebende Puppe an sich. In dieser Position hielt er endlich still.

Ich roch Schweiß und stinkenden Atem, der garantiert von seinen fauligen Zahnstummeln herrührte. Es drehte mir beinah den Magen um.

Marie versuchte sich im Gegenzug zu befreien. Doch der Mann dachte gar nicht daran, uns freizugeben.

Ich hätte meiner Leidensgefährtin gern geholfen, allerdings hatte man mir wiederum nur eine passive Rolle in diesem Drama zugedacht.

Weil der Patient nun halbwegs ruhig dalag, konnte Doktor Langholz seine Behandlung durchführen. „Wunderbar, es hat geklappt“, meinte er schließlich und wischte sich aufatmend mit dem Handrücken über die nasse Stirn. „Schwester Martha, Sie können jetzt das Bruchband anlegen.“

Die Schwester eilte zum Tisch, um das notwendige Material zu holen.

Wir waren währenddessen immer noch in der Umklammerung gefangen und Marie begann die Hoffnung aufzugeben, dieser je wieder zu entrinnen. Zumindest erlahmte ihr Widerstand, obwohl dieser menschliche Bär ihr gerade glucksend die Schläfe vollsabberte.

„So Hans, nun musst du das Fräulein aber loslassen“, befahl Schwester Martha, als der Verband festgezurrt war.

Hans besaß jedoch kein Interesse, ihrem Befehl Folge zu leisten, weshalb der Stationsarzt uns zur Hilfe eilen musste. „Auch, wenn einem eine junge Dame gefällt, darf man sie noch lange nicht behalten“, rügte er den vereinnahmenden Patienten. Ich meinte ein leises Schmunzeln in der ärztlichen Stimme zu vernehmen.

Dank des gezielten Eingreifens begann sich die uns umgebende Armschraube endlich zu lockern. Marie brachte sich daraufhin rasch in Sicherheit. Heimlich trocknete sie mit dem Ärmel ihres Kleides die schlabbrige Schläfe. Mich schüttelte es innerlich vor Ekel.

„Sie müssen Hans entschuldigen“, versuchte die Diakonisse zu erklären und deckte den Unterkörper des Patienten rasch mit einer frischen Windel ab. Allerdings ließ sich das Offensichtliche im Licht der Lampen nur schwer verbergen. „Unsere Patienten sind zwar geistig schwach, körperlich halt dennoch erwachsene Männer.“

„Sie haben unserem Hans auf alle Fälle einen recht ordentlichen Dienst erwiesen, Fräulein Reichenbach. Gegebenenfalls können wir Sie ja öfter auf der Männerstation einsetzen“, ergänzte der Doktor. Als er jedoch Maries Entsetzen bemerkte, fügte er grinsend hinzu: „Keine Bange, das war nur ein Scherz.“

Meine Vorfahrin schien den Humor ihres künftigen Mannes nicht zu teilen.

Einmal mehr wuschen sie sich gemeinsam die Hände. Marie hätte sich bestimmt am liebsten komplett gereinigt und umgezogen. Zumindest hätte ich es an ihrer Stelle gern getan.

„Ich bin für die nächste halbe Stunde oben auf der Frauenstation zu finden, anschließend schaue ich hier noch mal vorbei“, informierte der Doktor die diensttuende Diakonisse. Danach wandte er sich an Marie: „So, nun kommen Sie mal mit. Wie ich sehe, hat Schwester Johanna Ihnen meinen Auftrag ausgerichtet.“

Während wir ihm folgten, fuhr er sich mit den Fingern durchs deutlich zu lange Haar, um seine Frisur zu glätten, die in Folge des Kampfes am Krankenbett in Aufruhr geraten war. Sogar seine Kleidung zeigte Spuren davon. Wahrscheinlich sah Marie nicht wesentlich besser aus.

Dieser Gedanke schien auch ihr gekommen zu sein, denn sie kontrollierte im Halbdämmer des Treppenhauses, im sich spiegelnden Fenster ihr Äußeres und fand die Befürchtung bestätigt. Das Kleid war zerknittert und ihre Locken begannen sich aus dem Zopf zu lösen. Sie steckte rasch eine Spange hinein, die sie offenbar rein prophylaktisch mit sich führte.

Auf der Frauenstation angelangt, eilte Doktor Langholz im Stechschritt voraus, so dass Marie fast rennen musste, um hinterherzukommen. Am Ende des Korridors öffnete er eine Tür. Diese trug die Aufschrift privat und war normalerweise verschlossen. Doch er besaß ganz offensichtlich den Schlüssel hierzu.

Gemeinsam betraten wir den mir unbekannten Raum. Darin stand eine Art schmale, hohe Liege, zwei Stühle, ein großer Schrank und ein weiteres, deutlich kleineres Schränkchen mit verschiedenen Schubladen, Fächern, Fläschchen und anderen Utensilien. Selbstverständlich gab es auch eine Waschgelegenheit.

„Das ist unser Behandlungsraum“, erklärte der Doktor. „Wir nutzen ihn vor allem für die mobilen Patienten. In den Schränken lagern die gefährlichen Medikamente und Opiate. Darum ist in der Regel abgeschlossen.“ Mein Urahn deutete auf das Waschbecken in der Ecke. „Wenn Sie sich ungestört frisch machen wollen…. Ich muss kurz ein paar Dinge mit Schwester Inge besprechen. Saubere Handtücher befinden sich im Regal daneben.“ Damit ließ er uns, ohne auf eine Antwort zu warten, allein.

Marie nahm das Angebot dankbar in Anspruch, wenngleich sie nur eine Katzenwäsche an sich und ihrer Kleidung vollzog. Trotzdem fühlte ich mich danach besser.

Als es einige Minuten später klopfte und mein hypothetischer Ur-Uropa erneut das Zimmer betrat, hatte ich sogar Zeit gehabt, mich umzuschauen. Ich fand es sehr interessant, wie überschaubar dieser Behandlungsraum ausgestattet war. Natürlich gab es so gut wie keine technischen Geräte. Dafür Verbandsmaterial, ein paar Flaschen mit Arznei, Spritzen, diverse Untersuchungsinstrumente, deren Funktionsweise ich bestenfalls erraten konnte, Tücher und Salben. Das wenigste davon sah vertrauenerweckend aus. Die dicken Kanülen der Glasspritzen hinterließen bei mir eine Gänsehaut. Zudem wurde alles garantiert bloß oberflächlich gereinigt und anschließend wiederverwendet. Sterilisation und Einmalartikel waren damals noch Fremdworte. Bestimmt hockten die Bakterien hier dicht auf dicht. Ich besaß folglich keinerlei Interesse, in näheren Kontakt mit dem Inventar zu geraten. Warum waren wir überhaupt hier?

Doktor Langholz ließ uns nicht lange im Unklaren. „Wenn Sie so weit sind, dürfen Sie auf dem Untersuchungsbett Platz nehmen. Ich würde gern Ihr körperliches Befinden überprüfen.“

Er wollte Marie untersuchen? Dann waren Schwester Johannas Worte also keine Formalität gewesen? Wie lief so eine Eignungs-Kontrolle damals ab? Hoffentlich brauchte es keine Blutabnahme!

Meine Ur-Uroma ignorierte den ärztlichen Wunsch erstmal, blieb hartnäckig an ihrem Platz stehen und erwiderte: „Ich bin gesund.“

„Davon gehe ich aus. Nichtsdestotrotz sollte ich mich dessen vergewissern. Setzen Sie sich, bitte.“ Seine Hand wies ihr unmissverständlich den Weg.

Nach einer derart klaren Aufforderung blieb Marie nichts Anderes übrig, als seiner Bitte Folge zu leisten. Ärzte waren damals Halbgötter in Weiß.

Der Doktor zündete das Licht oberhalb der Behandlungsliege an, nahm auf einem der Stühle Platz und befand sich dadurch auf Augenhöhe mit uns, keinen Meter entfernt. Dies erhöhte Maries Leidensdruck spürbar. Von Anziehungskraft konnte im Moment keine Rede sein.

„Ich habe so gut wie nie einen Katarr oder Fieber und wasche mir immer gründlich die Hände, wenn ich mit Patienten zu tun habe“, versuchte sie die Sache abzukürzen.

Er nickte beiläufig, beobachtete uns dabei aber unverwandt.

„Und ich spreche alles, was ich hier mache, mit den Schwestern ab und berichte hinterher.“

In die markant blauen Augen schlich sich ein schwer zu deutender Ausdruck. „Das ist löblich und es gibt von meiner Seite keinerlei Zweifel, dass Sie Ihre Arbeit sehr gewissenhaft verrichten, Fräulein Reichenbach. Danke übrigens, dass Sie mich eben derart tatkräftig unterstützt haben. Ich wollte mich vorhin nicht über Sie lustig machen. Mir ist bewusst, dass die Situation für Sie alles andere als spaßig war.“

„Eigentlich bin ich den Umgang mit Schwachsinnigen ja gewohnt“, wiegelte Marie sofort ab. „Müssen Sie sonst etwas von mir wissen?“ Sie schaute auffällig zur Tür, vermutlich um zu signalisieren, dass sie dieses Gespräch gern beenden wolle.

Nach ein paar Sekunden Stille sagte er völlig unvermittelt: „Ja, wäre es möglich, dass Sie schwanger sind?“

Mir setzte das Gehirn aus. Was sollte das heißen? Marie blieb äquivalent dazu der Mund offenstehen. Ich spürte, wie die Hitze in ihr regelrecht hochschoss. Hatte ich in meinem Traum ein paar wesentliche Szenen verpasst?

Meine Ur-Uroma offensichtlich ebenso. „Wie kommen Sie zu einer derartigen Annahme?“, erkundigte sie sich steif.

„Schwester Johanna hat mir von Ihrem Onkel erzählt. Es ist schlimm, wenn einem solche Dinge widerfahren. Ich verstehe, dass Sie von Ihren Verwandten wegmöchten. Eine Schwangerschaft würde jedoch mit Ihrer Bewerbung als Diakonisse kollidieren. Das verstehen Sie sicherlich“, versuchte er zu erläutern.

Ein eisernes Band schien sich um meine Brust zu legen. Mir fehlten in der Tat zentrale Teile der Geschichte. War es etwa nicht bei dem mir bekannten Übergriff geblieben? Wenn Marie mit jemandem darüber gesprochen hatte, klang die Sache keinesfalls mehr harmlos. Oder was gab es sonst für einen Grund, warum man einen Ehegatten für die Nichte suchen wollte? Wahrscheinlich sollte dadurch ein Skandal vertuscht werden. Mir wurde innerlich heiß und kalt.

Maries Stimme klang zittrig, als sie „Ich ho… hoffe und bete, dass ich kein Kind bekomme“, stammelte.

„Das heißt, Sie haben Zweifel“, stellte der Doktor klar.

Statt einer Antwort schaute sie betreten zu Boden.

Einerseits wünschte ich meiner Doppelgängerin, dass dieses peinliche Kreuz-Verhör bald endete, andererseits wäre es gut, Gewissheit zu bekommen. Ich hatte plötzlich das Familienbild vor Augen. Mir war bereits beim ersten Anschauen aufgefallen, dass der älteste Sohn etwas aus dem Raster fiel. Er sah weder Marie noch Samuel richtig ähnlich. Bisher hatte ich mir nichts weiter dabei gedacht, doch nun tat sich mir fast wie von selbst eine grausame Szenerie auf und spulte mehr oder weniger im Zeitraffer ab. Dies wäre zumindest ein plausibler Grund, warum Marie ihren Berufswunsch nicht weiterverfolgen konnte. Aber warum hatte Doktor Langholz sie dann geheiratet? Aus Mitgefühl und in dem Wissen, dass eine ledige Schwangere von aller Welt geächtet würde? Alleinerziehende Mütter standen damals bestimmt nicht hoch im Kurs. Nach einer Vergewaltigung durch den Onkel konnte ich sogar nachvollziehen, warum Marie in der Hochzeitsnacht eher zurückhaltend agiert hatte. War das der Grund gewesen, warum sie ein dunkles Brautkleid hatte tragen müssen? Weil das weiße Kleid, jungfräulichen Bräuten vorbehalten blieb.

„Wann war Ihre letzte Blutung?“

„Vor knapp sechs Wochen“, brachte meine arme Ur-Uroma mühsam heraus.

Na gut, damit bestand wenigstens noch eine klitzekleine Hoffnung. Die Periode kann sich, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, bei Stress auch mal verspäten.

„Haben Sie irgendwelche körperlichen Beschwerden, von Ihren wiederkehrenden Monatsschmerzen abgesehen? Übelkeit, Kopfdruck, Schwindel, Darmwinde…“

Marie sparte sich eine Entgegnung und schüttelte nur den Kopf.

„Gut. Sind Sie einverstanden, wenn ich Sie untersuche? Im Anschluss kann ich Ihnen mehr sagen. Wir holen selbstverständlich Schwester Johanna hinzu.“

„Ich denke, d… das ist unnötig“, stotterte Marie. Als sie jedoch seinen befremdeten Gesichtsausdruck angesichts ihrer prompten Ablehnung bemerkte, ergänzte sie: „Also ich meine, dass Schwester Johanna kommt. Sie hat um diese Zeit immer eine Menge zu erledigen und kann schwerlich von ihren Patientinnen weg.“

Insgeheim wunderte es mich, wie ergeben meine Ahnfrau in eine gynäkologische Untersuchung einwilligte. Ich hätte mit mehr Widerstand und Schamhaftigkeit von ihrer Seite gerechnet.

Dies schien ihr künftiger Bräutigam genauso zu sehen, denn jetzt wirkte er noch irritierter, zögerte sogar, sagte aber schließlich: „Das entspricht zwar nicht den Gepflogenheiten, doch, wenn es Ihnen so lieber ist, werde ich in Ihrem Falle eine Ausnahme machen.“

Marie atmete zittrig durch und fragte: „Wie lange wird das ganze dauern? Ich sollte eigentlich nach Hause.“

Diese Aussage kam mir angesichts der zurückliegenden Geschehnisse beinahe zynisch vor, allerdings blieb ihr vermutlich keine Wahl. Sie war ihren Verwandten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

„Nur wenige Minuten. Falls der Befund aber Abweichungen von der Norm aufweist, müssen Sie zur speziellen Diagnostik in der Frauenklinik vorstellig werden. Haben Sie bereits Erfahrung mit dieser Form der Untersuchung?“

Ich schluckte insgeheim, weil ich tatsächlich damit aufwarten konnte und daher kein Interesse besaß, diese Erinnerung aufzufrischen, schon gar nicht durch die Hand meines eigenen Ur-Urgroßvater. Mona hat mich vor einem Jahr mal zu ihrer Gynäkologin geschleppt, da Vorsorge wichtig sei und frau, wenn die eigene Mutter mit Mitte Fünfzig an Unterleibskrebs verstirbt, nicht vorsichtig genug sein könne.

„Ich war nie zuvor bei einem Arzt“, hörte ich Marie sagen.

Eine 18- jährige, die keinerlei Arztbesuche vorweisen konnte? Sowas wäre in Deutschland heutzutage undenkbar. Kinder und Jugendliche durchlaufen ein komplettes Vorsorge-Raster.

„Dann erkläre ich Ihnen, wie das Ganze von statten geht. Sie können Ihr Kleid anlassen. Es genügt, wenn Sie sich zurücklegen und den Unterleib freimachen. Das ist nötig, damit ich diesen Bereich bei Ihnen gezielt abtasten kann.“

Erst jetzt fiel bei Marie der Groschen. Gleichzeitig schlug das Entsetzen erbarmungslos zu. „Sie wollen, dass ich…“, versuchte sie zu sagen. Dann schnappte ihre Stimme über und brach.

„Es ist beim ersten Mal vielleicht etwas ungewohnt, aber keine Bange, Sie werden außer einem leichten Druck kaum etwas spüren“, versuchte er sie zu beruhigen.

Marie setzte mehrmals an. Endlich kam ein krächzendes „Das geht nicht“ heraus.

Bevor Doktor Langholz überlegen konnte, wie er jetzt reagieren sollte, war sie von der Liege gesprungen und aus dem Raum gestürmt.

Wir rannten, als ob der Teufel persönlich hinter uns her wäre. Marie stürzte vor Hast beinah die Treppe des Schwachsinnigen-Heims hinunter. Plötzlich leuchtete ihr jemand ins Gesicht. Das Licht gehörte zu einem Handy und hinter diesem klebte… Mona. „Hey, ganz ruhig. Niemand tut dir was. Vor wem oder was bist du auf der Flucht?“

Es brauchte Minuten, bis sich mein Herzschlag beruhigt hatte und meine Gehirnwindungen sich langsam entkrampften. Maries schockiertes Begreifen hockte mir fest im Nacken. Eins war klar: Meine Urahnin saß wacker in der Tinte. Vom Onkel unter Umständen schwanger zu sein und sich vor demjenigen, der ihr helfen konnte, auf der Flucht zu befinden, waren insgesamt schlechte Voraussetzungen für eine glückliche Wendung der Ereignisse.

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9783754183755
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