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Josh Lanyon

Adrien English: In Teufels Küche

Aus dem Englischen von Julie Werner

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2020

http://www.deadsoft.de

Titel der Originalversion: The Hell You Say

(Adrien English Band 3)

© 2011 by Josh Lanyon

Übersetzung: Julie Werner

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© lunamaria – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-399-8

ISBN 978-3-96089-400-1 (epub)

Inhalt:

Im dritten Buch der Reihe muss sich der Mystery-Autor und Buchverkäufer Adrien English dem Kampf gegen Dämonen stellen, nicht nur literarisch. Nachdem sein Angestellter Angus nach erschreckenden Morddrohungen untergetaucht ist, sieht Adrien sich mit einem mysteriösen Satanskult konfrontiert, einem ziemlich heißen Universitätsprofessor, seiner on/off Beziehung mit dem ungeouteteten LAPD Detective Jake Riordan und … richtig, Mord.

Kapitel Eins

Es gibt nichts Neues unter der Sonne, aber eine Menge alter Sachen, von denen wir nichts wissen.

Ambrose Bierce, Des Teufels Wörterbuch

Die Stimme am anderen Ende des Telefons krächzte: „Knochen aus Zorn, Knochen aus Erde, voller Wut, Rache ist gerecht und gut. Ich werfe die Knochen, Knochen voll Wut, ich bringe dir Schmerz und der Hitze Glut. Du bist mein Feind und du bist gemeint. Qual, Feuer und Tod sei dein Zoll, mit diesem Fluch zahlst du mir deinen Soll. Ich verfluche deine Seele. So soll es sein.“

Ich gab den Hörer an Angus weiter, der neben dem Tresen vor dem „Wir empfehlen“-Regal stand. „Ist für dich.“

Er nahm den Hörer und hielt ihn sich vorsichtig ans Ohr, als befürchtete er einen elektrischen Schlag. Er lauschte, dann legte er mit zitternder Hand den Hörer auf den Tresen und sah mich durch die blau getönten Gläser seiner John-Lennon-Brille angsterfüllt an. Hastig leckte er sich über die blassen Lippen.

„Hör’ mal, Angus“, sagte ich. „Warum redest du nicht mal mit Jake? Er ist ein Bulle. Vielleicht kann er helfen.“

„Der ist bei der Mordkommission“, murmelte Angus. „Außerdem kann er mich nicht ausstehen.“

Beides stimmte, aber ich versuchte es trotzdem.

„Wirklich, er mag dich nicht nicht. Außerdem musst du mit jemandem darüber sprechen. Das ist Belästigung.“

„Belästigung?“ Seine Stimme schoss mehrere Oktaven in die Höhe. „Ich wünschte, es wäre Belästigung! Die werden mich umbringen.“

Ein Kunde, der sich im Hintergrund bei den Taschenbüchern herumdrückte, hustete. Wir waren nicht allein im Laden.

Ich gestikulierte, und Angus folgte mir nach hinten in den Lagerraum, der mir auch als Büro diente. Bis jetzt hatten wir an diesem trüben Novembertag die grandiose Anzahl von ganzen drei Kunden gehabt, die im Laden herumstöberten. Ich lehnte die Tür an und drehte mich zu Angus um.

„Okay, was zur Hölle ist eigentlich los?“ Irgendwie ahnte ich schon, was zur Hölle ungefähr los war, also fügte ich ergänzend hinzu: „Genau.“

Ich hatte gedacht, meine Stimme hätte ruhig und gelassen geklungen, aber er streckte sofort abwehrend die Hände aus. „Ich kann nicht drüber reden“, murmelte er. „Ich meine, wenn ich darüber rede, wenn ich die Geheimnisse des …“ Er verschluckte DAS WORT. „Sie würden mich umbringen.“

„Ich dachte, das versuchen sie schon?“

„Ich meine, mich physisch umbringen.“

„Ah-oh“, sagte ich. Ich hörte mich an wie Jake.

Angus entging der skeptische Unterton nicht. „Adrien, du verstehst das nicht. Du bist nie – die wissen, wo ich wohne. Die wissen, wo Wanda wohnt. Sie wissen, wo Wanda arbeitet. Sie –“

„Warum haust du nicht für eine Weile ab?“, unterbrach ich ihn. „Es ist fast Weihnachten. Warum … fährst du nicht in Urlaub?“

„Es ist November.“

„Es ist nach Thanksgiving.“

Seit dem letzten Jahr arbeitete Angus bei Cloak and Dagger Books, aber bis auf die Tatsache, dass er die letzten Kurse seines geheimnisvollen Studiums an der UCLA belegt hatte (das scheinbar unglaublich viele Kurse in Folklore, Mythologie und Okkultismus beinhaltete), wusste ich nur wenig über ihn. Er war ungefähr Mitte Zwanzig, lebte allein, und war ein ordentlicher, wenn auch ziemlich ungewöhnlicher Angestellter. Lisa, meine Mutter, war davon überzeugt, dass er Drogen nahm. Jake, mein gelegentlicher Liebhaber, war sicher, dass er ein Spinner war, aber ich neigte dazu, ihm zu Gute zu halten, dass er einfach … jung war. Ich betrachtete ihn, wie er mit seinen schlabbrigen, schwarzen Sachen dastand, wie ein Emigrant der dunklen Seite. Er schüttelte hoffnungslos den Kopf, als ob ich es immer noch nicht kapiert hätte.

„Ja“, erwärmte ich mich mehr und mehr für meine Idee. „Warum schnappst du dir Wanda nicht einfach und haust für ein oder zwei Wochen ab? Bis der Sturm sich gelegt hat.“ Ich durchwühlte meine Schublade und suchte nach dem Scheckbuch. Nicht, weil ich glaube, dass ein Problem dadurch gelöst wird, dass man es mit Geld zuschüttet – es sei denn, das Problem ist Geldmangel. Und auch nicht, weil ich sonst empfehle, zu versuchen, vor Problemen wegzurennen. Aber dieses spezielle Problem ließ meine Alarmglocken läuten. Das dachte ich damals jedenfalls.

Angus stand still neben mir, während ich den Scheck ausfüllte. Ich riss ihn heraus. Als ich ihm den Scheck gab, starrte er ihn an. Er sagte nichts. Ich sah, dass ihm eine Träne über die Wange lief und auf den Zettel tropfte. Schließlich atmete er tief und zittrig ein und öffnete den Mund, um etwas zu sagen.

Ich unterbrach ihn. „Hör zu, Junge. Du tust uns beiden einen Gefallen. Kranke Anrufe aus der Gruft sind schlecht fürs Geschäft.“ Ich wandte mich zur Tür.

* * * * *

„Du hast was?“, fragte Jake.

Zu unserem Treffen beim Autohändler am East Colorado Boulevard war ich zehn Minuten zu spät gekommen. Mein zehn Jahre alter Bronco pfiff aus dem letzten Loch, und Jake schien zu glauben, dass ich unfähig war, eine wohlinformierte und ausgewogene Kaufentscheidung zu treffen, wenn nicht er dieser wohlinformierte Informant war.

„Hab ihm achthundert Mäuse gegeben. Ihm gesagt, dass er Wanda in die Ferien entführen soll.“ Ich warf einen Blick auf die Reihen der schnittigen Sportwagen und die robusten SUVs, die im Sonnenuntergang glänzten. Palmen wiegten sich darüber im Wind. Blecherne Weihnachtslieder drangen – nicht gerade subtil – aus den Lautsprechern. Hinter mir tauchte Jakes blondes, durchtrainiertes Spiegelbild in der Windschutzscheibe auf.

„Achthundert? Du hast achthundert Dollar übrig, die du mal eben einfach so unter die Leute werfen kannst?“

Ich zuckte die Schultern. „Ich werde es absetzen – als sein Weihnachtsgeld.“

„Ah-ha.“ Ich spürte, dass er mein Gesicht studierte. „Tja, Mr. Trump. Macht es denn dann überhaupt Sinn, dort hinein zu gehen?“

„Hast du noch nie von der großartigen amerikanischen Tradition der Finanzierung gehört?“

Er schnaubte. Unsere Blicke trafen sich. „Wie zur Hölle soll Weglaufen überhaupt irgendein Problem lösen?“, fragte er, und sekundenlang hatte ich das Gefühl, wir würden über etwas ganz anderes sprechen.

„Ich habe nicht nach einer langfristigen Lösung gesucht.“ Bevor Jake etwas erwidern konnte, fügte ich hinzu: „Und ich bezweifle, dass ich eine brauche. Das sind Kinder. Sie haben die Aufmerksamkeitsspanne von … wie war das noch? Einer Minute für jedes Lebensjahr. Wir haben zwanzig Minuten Schrecken vor uns. Höchstens.“

Jakes Lippen zuckten. Er sagte: „Gehören diese Kids alle zu diesem einen Hexenzirkel außerhalb von Westwood?“

Ich strich über die Motorhaube eines silbernen Subaru Forester. „Gibt den Worten ‚Teen Spirit‘ eine ganz neue Bedeutung, was?“ Ich warf einen Blick auf das Preisschild am Fenster. „Ich habe aufgeschnappt, dass sie alle vor ungefähr einem Jahr an einem Seminar über Dämonologie oder Hexerei teilgenommen haben. Ich schätze mal, irgendjemand von ihnen hat im Praktikum die Räucherstäbchen zu tief inhaliert.“

„Sie sind einfach losgegangen und haben einen Zirkel gegründet?“

„Glaube schon. Angus war diesbezüglich nicht besonders mitteilsam. Graf Draculas Geheimnisse zu enthüllen, zieht empfindliche Strafen nach sich.“

Rot-grüne Weihnachtslichter blinkten im Schaufenster auf. Sie erinnerten mich an glühende Chilis, aber vielleicht wurde ich auch nur unbewusst beeinflusst durch das mexikanische Restaurant auf der anderen Straßenseite. Mir fiel ein, dass ich kein Mittagessen gehabt hatte. Mein Magen knurrte. Vielleicht konnte ich Jake zu einem Abendessen überreden.

Wenn ich vor Hunger jammern würde, würde er sich Zeit nehmen. Meine Essensgewohnheiten entsetzten ihn, den Fitnessfanatiker, der an die heilige, in Stein gemeißelte Dreifaltigkeit von drei ausgewogenen Mahlzeiten am Tag glaubte. In der letzten Zeit hatten wir uns nicht oft gesehen. Ich war also bereit, eine Predigt über den Nutzen von komplexen Kohlenhydraten in Kauf zu nehmen.

„Du vergleichst Angebote, du vergleichst Preise, und findest so das richtige Auto für dich“, resümierte er und beobachtete mich, wie ich bei dem Forester stehen blieb.

„Klar.“

„Du brauchst keinen neuen Spritfresser. Wie wäre es mit einem Coupé? Oder einem Gebrauchtwagen?“

„Gebraucht im Sinne von benutzt?“

Mein Tonfall ließ einen kleinen Muskel in seinem Mundwinkel zucken.

Widerstrebend wanderte ich an den Autos entlang zu einem blauen Zweitürer.

Getönte Scheiben, Schiebedach, Lautsprecher von Bose. Der Preis war auch in Ordnung. Klimatisiert. Was bedeutete das? Klimaanlage?

Plötzlich sagte Jake grimmig: „Glaub es oder nicht – so ein Scheiß kann schnell außer Kontrolle geraten. Das Hollywood Police Department ist vor ungefähr einem Monat in den Hollywood Hills auf eine Jane Doe gestoßen. Ich gebe dir mein Wort darauf – sie war das Opfer eines Ritualmords.“

„Du meinst wie bei Teufelsanbetern?“

Ich hatte es eigentlich halb im Scherz gesagt, aber Jake erwiderte nachdenklich: „Irgendwie wünschte ich, du hättest den Jungen nicht aus der Stadt geschickt. Ich hätte gern mit ihm geredet.“

„Du kannst nicht wirklich glauben, dass Angus darin verwickelt ist“, protestierte ich. „Er ist ein bisschen seltsam, das stimmt, aber er ist ein anständiger Junge.“

„Du hast keine Ahnung, was oder wer er ist, Adrien.“ Jake, seit über zehn Jahren bei der LAPD, schlug gerne diesen Bullenton an, wenn ich ihm zu bürgerlich naiv erschien. „Du hast ihn vor ein paar Monaten eingestellt, das ist alles. Du hast ihn über eine Zeitarbeitsagentur gefunden. Glaubst du, die haben einen gründlichen Sicherheitscheck mit ihm gemacht?“

„Du meinst, das ist notwendig, um in einem Buchladen zu arbeiten?“

Er hörte gar nicht zu. „Es gibt einen kompletten satanischen Untergrund, von dem wir seit den Achtzigern immer mal wieder etwas hören. Vielleicht gibt es keinen Beweis für eine organisierte Bewegung, wie sie gewisse andere religiöse Gruppen auf die Beine stellen, aber wir haben schon viele Verletzte und auch Todesfälle gehabt, die daraus resultieren, dass die Leute dieses Zeug verdammt ernst nehmen. Und viele enden auch in der Klapsmühle. Es ist hässlich und gewalttätig, aber viele Kids fühlen sich davon angezogen.“

„Dann jagt das jetzt Angus hoffentlich eine Scheißangst ein, und er kann das seelisch verarbeiten und abschließen.“ Ich versuchte, mir vorzustellen, wie ich hinter dem Steuer des Coupés saß, gab auf und ging zurück zum Forester.

* * * * *

Nachdem ich den Darlehensvertrag ausgefüllt hatte, gingen Jake und ich auf die andere Straßenseite, um in der Cantina zu essen. Ich hatte den Bronco in Zahlung gegeben, und weil der Händler noch eine Stereoanlage in das neue Fahrzeug einbauen würde, brauchte ich jemanden, der mich zurück nach Hause fuhr. Jake ließ sich überreden.

Während wir auf unser Essen warteten, sah ich ihm dabei zu, wie er zwei Brotkörbe mit Tortilla Chips leerte. Er kaute unablässig, als würde er dafür bezahlt, den Blick dabei starr auf den Blumentopf an der Wand gerichtet, in dem eine mickrige Bougainvillea aus Plastik steckte.

„Alles okay?“

Immer noch kauend, hielt er mitten im Griff nach seinem Bier inne. „Klar. Warum?“

„Ich weiß nicht. Du wirkst nachdenklich.“

„Nö.“ Er nahm einen Schluck Bier und sah mir in die Augen. „Alles ist cool.“

Unsere Beziehung war keine einfache. Jake war das Gegenteil von offen schwul. Er behauptete, das läge daran, dass er ein Cop war – dass der Job schon hart genug war, um sich auch noch mit den Jungs zu bekriegen, die eigentlich auf seiner Seite sein sollten – aber mittlerweile glaubte ich, dass der wahre Grund komplizierter war. Jake verachtete sich selbst dafür, dass Männer ihn sexuell anzogen. Obwohl er mir ein guter Freund und ein körperlich befriedigender Liebhaber war (wenn er denn bei mir war), gab es eine gewisse Spannung zwischen uns, die – so fürchtete ich – sich nie ganz auflösen würde.

Was verdammt schade war, denn mir lag was an ihm. Sehr viel sogar.

Als wir uns kennengelernt hatten, war er in der S/M Szene aktiv gewesen. Ich glaubte – hoffte –, dass er momentan weniger in den Clubs unterwegs war.

Was ich sicher wusste, war, dass er mit einer Frau zusammen war, einer Kollegin namens Kate Keegan. Er kannte sie schon länger als mich, und ich ging nicht davon aus, dass es nur eine Beziehung zur Tarnung war. Aber mit mir redete er nicht viel darüber.

„Wie ich höre, schreibt Chan ein Buch.“

Vor ein paar Monaten hatte sich Jakes früherer Partner, Detective Paul Chan, den Partners in Crime angeschlossen, der Schreibgruppe, deren Treffen ich wöchentlich in meinem Buchladen ausrichtete.

„Ja-ah, ein Polizei-Handbuch.“

„Taugt es was?“

„Ähm, nun ja …“

Jake lachte und schob mir den Korb mit den Chips zu.

* * * * *

Am nächsten Tag, Freitag, musste ich eine Signierstunde mit dem Bestseller-Autor Gabriel Savant vorbereiten. Savant schrieb die Serie mit Sam Haynes, dem okkulten Detektiv; eine Art Update der alten Jules de Grandin und John Thonstone Groschenhefte. Ich bin kein großer Horror-Fan, aber ich hatte Savants letztes Buch wenigstens kurz überflogen, um einfacher in die Diskussion einsteigen zu können, falls die Frage-und-Antwort-Session nach der Lesung zu schnell im Sand verlief. Nicht, dass ich wirklich damit rechnete. Nach einer zu Beginn eher glanzlosen Karriere in den Achtzigern hatte Savant sich selbst und seine Arbeit neu erfunden und war jetzt ein Medien-Liebling.

Während ich in Erwartung des abendlichen Ansturms im Laden hin und her hastete, wünschte ich mir selbstsüchtig, dass ich Angus’ Rettung bis nach dem Wochenende aufgeschoben hätte.

Ich arrangierte gerade Savants letztes Buch, Der Codex der Rosenkreuzer, auf dem vorderen Verkaufstisch und überlegte währenddessen, ob ich genug Flaschen von dem günstigen Champagner besorgt hatte, als ich einen weiteren Anruf von der dunklen Seite erhielt.

„Geschlagen, verprügelt, zerrissen, entzwei. Ich steche dich und Pein dir sei …“

„Da wir von Pein sprechen“, unterbrach ich, „Sie verschwenden Ihre Zeit. Angus arbeitet nicht mehr hier.“

„Wa-?“ Er – die Stimme war männlich – fing sich gerade noch. Es gab eine Pause, und dann ein Klicken, als die Verbindung unterbrochen wurde.

Ich versuchte, die Nummer zurückzuverfolgen, aber vergeblich. Nicht sehr überraschend, dachte ich. Ich wusste natürlich, dass es damit nicht zu Ende sein würde.

Tatsächlich erhielt ich am späten Nachmittag einen weiteren Anruf. Die Stimme am anderen Ende verlangte „Gus“. Dieses Mal war die Stimme weiblich und süß. In der ganzen Zeit, in der Angus bei mir arbeitete, hatte hier nur eine Frau angerufen, und das war seine Freundin Wanda gewesen. Wanda ist nicht weiblich und süß. Sie hört sich an, als würde sie ungefilterte Marlboros frühstücken.

„Sorry“, antwortete ich auf die Frage. „Er ist nicht hier.“

„Ach Gott“, sagte sie ärgerlich. „Ich muss mit Gus sprechen. Es ist so was wie … ein Notfall.“

„So was wie ein Notfall, aber doch nicht ganz?“

„Was?“

„Vergessen Sie’s“, sagte ich. „Hören Sie, er ist weg. Wirklich. Sagen Sie es weiter.“

Pause. Dann sagte sie zögernd: „Ich bin nicht sicher …?“

Ich versuchte es mit einem anderen Ansatz. „Darf ich Ihren Namen haben? Vielleicht ruft er mich an, wenn er angekommen ist. Sind Sie eine Freundin von Angus?“

Sie lachte klingend, ein Party-Mädchen-Lachen. „Tja, jaa! Natürlich! Und ich muss mit ihm reden. Er will mit mir sprechen, glauben Sie mir.“

„Oh, das tue ich“, erwiderte ich ebenso ernsthaft. „Aber er ist weg. Abgehauen. Ich würde gern helfen, aber … hey, warum hinterlassen Sie nicht einfach Ihren Namen und Ihre Nummer, und wenn er sich mit mir in Verbindung setzt, lasse ich ihn wissen, dass Sie angerufen haben.“

Wieder Zögern. Dann sagte sie kühl: „Selbstverständlich. Sagen Sie ihm, Sarah Good hat angerufen. Er kennt meine Nummer.“

666?

Sie legte leise auf. Ich ebenfalls. Im Spiegel auf der anderen Seite des Tresens erhaschte ich einen flüchtigen Blick auf mein bedröppeltes Gesicht. Sarah Good. Eine der ersten Hexen, die in Salem gehängt wurde. Niedlich.

Obwohl – wenn man es positiv betrachtete … wenigstens wurde den Kids in der Schule noch ein bisschen Geschichte beigebracht.

* * * * *

Um achtzehn Uhr dreißig gab es im Laden nur noch Stehplätze. Mir wurde klar, dass ich mich zum einen mit dem Champagner, zum anderen damit, wie viel Hilfe ich benötigen würde, vollkommen verrechnet hatte. Ich hatte noch nie so viele Teenager mit schwarzem Lippenstift – Jungs UND Mädchen – oder Männer im mittleren Alter mit Panzerketten gesehen, die nicht auf Harleys saßen.

Nicht, dass es nicht großartig war zu sehen, dass so viele Leute lasen. Besonders Leute, die so aussahen, als ob ein Buch für sie wirklich das letzte Mittel der Wahl war, wenn es um Unterhaltung ging. Ich hoffte nur, dass der Abend nicht mit zerstörten Möbeln oder einem Blitzeinschlag enden würde.

Ich lief nach nebenan und bestach die Mädels von der Reiseagentur, damit sie mir halfen, die Massen unter Kontrolle zu halten.

Um viertel nach sieben musste man unseren glorreichen Autor ganz offiziell als verspätet bezeichnen, und die Eingeborenen wurden unruhig. Vor der Damentoilette hatte sich eine lange Schlange gebildet und in der Ecke mit den Landhauskrimis braute sich ein hässlicher Streit über den Ursprung der Swastika zusammen. Ein Lokalreporter versuchte, mich über meine Verwicklung in einen Mordfall im letzten Jahr zu interviewen. Ich widerstand dem Impuls, den letzten Champagner in mich hineinzukippen und mich im Lagerraum zu verstecken.

Um halb acht entstand am Eingang plötzlich Tumult. Mehrere Menschen, die offensichtlich zu einer Entourage gehörten, betraten den Laden. Drei langbeinige Damen, die eher wie lüsterne Dämonen als Angestellte eines respektablen Verlagshauses gekleidet waren, kamen hinein. Ein plumper, bebrillter Mann zog mich an die Seite und stellte sich mir als Bob Friedlander, Gabes Betreuer, vor.

Betreuer? Musste ein schöner Job sein, schätzte ich.

Ich verstand nicht viel von dem, was Friedlander sagte, denn in diesem Augenblick erschien der Prinz des Verkaufs.

Gabriel Savant war über 1,85 m groß und wie ein Model gebaut – und er sah doch tatsächlich aus wie die männliche Hälfte des Titelbilds einer historischen Schundromanze: ungebändigtes rabenschwarzes Haar umrahmte seine gebräunte Stirn, er hatte stechend blaue Augen und ein blendend weißes Lächeln. Waren da kleine glänzende Diamanten in seinen Zähnen? Auf jeden Fall leuchtete da etwas in seinem rechten Ohrläppchen. Er trug Jeans aus Leder und ein schwarzes Cape. Erstaunlicherweise lachte niemand über seinen Aufzug.

„Aber das ist ja charmant hier!“, versicherte Gabriel mir, nachdem Friedlander seinen Star in meine Richtung navigiert hatte. „Natürlich ist das nicht besonders groß, aber es ist hübsch.“

„Atmosphäre“, sagte Friedlander schnell. „Wunderbare Atmosphäre.“

„Wir geben alles“, sagte ich.

„Natürlich tun Sie das“, sagte Gabriel ermutigend. Er warf einen schnellen Blick auf seinen Betreuer. „Bobby, was gibt es hier zu trinken? Ich bin ganz ausgedörrt.“

Friedlander räusperte sich unbehaglich. Eine Mischung aus Gabes Moschus-Aftershave, Mundwasser und Bourbon wehte mir entgegen. Überwiegend Bourbon.

„Ein No-Name-Champagner macht die Runde“, sagte ich.

Es war, als hätte ich einem Vampir ein Glas Milch angeboten. Gabe erblasste. Er schluckte schwer und murmelte: „Oh Gott, bringen wir es schnell hinter uns.“ Er schlenderte zu dem riesigen antiken Tisch, den ich aufgestellt hatte. Enthusiastischer Applaus des wartenden Publikums brandete auf und wurde von den dunklen Deckenbalken zurückgeworfen.

„Diese Tournee war zermürbend“, sagte Friedlander entschuldigend. „Zwanzig Städte in dreißig Tagen … Radio-Interviews um vier Uhr früh, Talkshows im Kabelfernsehen, Mittagessen mit Buchclubs, und nicht selten drei Buchläden pro Tag. Gabe ist erschöpft.“

„Ich wette, das sind Sie beide.“

Er lachte. Hinter seinen Brillengläsern blickten die sanften Augen unerwartet aufgeweckt. „Ein wenig. Ich hörte, dass Sie auch schreiben.“

„Ein wenig.“ Gott sei Dank nicht so viel, dass mich irgendjemand dafür hinaus auf die Straße schicken würde.

„Sie sind zu bescheiden. Ich habe Ein Mord wird aufgeklärt gelesen. Sehr geistreich.“

Entweder hatte dieser Kerl seine Hausaufgaben gemacht wie noch niemand, den ich zuvor kennengelernt hatte, oder er war schwul. Meine Bücher zogen nicht sehr viele Mainstream-Leser an.

„Aber Sie brauchen einen Aufhänger“, sagte er. „Eine Plattform.“

„Sie denken nicht, dass ein schwuler Shakespeare-Schauspieler mit Amateurdetektiv-Ambitionen Aufhänger genug ist?“

„Nein. Auf keinen Fall. Sehen Sie sich Gabe an. Er hat Jahre damit verschwendet, wundervoll komponierte und von der Kritik hoch gelobte Literatur zu schreiben, die niemand lesen wollte, und was passierte dann? Er erfand Sam Haynes, den okkulten Detective. Der Rest ist Geschichte.“

Geschichte, Okkultismus und Romantik – alles zusammen geschrieben in einem schwülstigen Stil, dachte ich, während Savant laut aus seinem neusten Meisterwerk zitierte. Irgendwie erinnerte er mich an eine Art attraktiven Vincent Price, aber das Publikum liebte es. Sie schwiegen wie das sprichwörtliche Grab, während er las. Kein Flüstern, kein Kichern.

Als er fertig war, wurden ihm Fragen gestellt. Viele Fragen. Seine Fans wollten alles von ihm wissen: von „Woher er seine Ideen bekam“ (bei dieser Frage rümpfte er leicht die elegante Nase und bat um die nächste) bis „Ob er mit jemandem liiert war“.

„Ich bin mit jedem in Verbindung“, sagte Savant mit träge schleppendem Tonfall und tippte sich an die Stirn. Entweder um sein Drittes Auge anzuzeigen oder um anzudeuten, dass sein bewegtes Sozialleben ihm Kopfschmerzen verursachte.

Vielleicht hätte ihm der Sekt geholfen, aber seine Fans tranken direkt alles auf.

Friedlander hörte zu und aß Pizzarollen, als gäbe es kein Morgen mehr. Wann immer Savant mich gnädig „Andrew“ nannte, lächelte er nervös in meine Richtung.

Und dann fragte ein Kunde, woran Savant im Moment arbeitete. Offenbar war dies die Frage, auf die er nur gewartet hatte. Er stand auf und warf seinen Umhang nach hinten.

„Wie Ihr alle wisst, habe ich ein Vermögen damit verdient, Geschichten über Okkultismus und seine Anhänger zu erzählen, aber mein jetziges Projekt ist kein rein fiktives Werk. Während meiner Recherche habe ich Beweise für einen realen, geheimen Kult entdeckt, eine unheilvolle Organisation, die sich seit zwei Jahrzehnten die Jungen und Naiven als Opfer aussucht. Ein Kult hier, in genau dieser Stadt. Ich plane, in meinem nächsten Buch diesen Kult und seine Anführer der Welt zu enthüllen.“

Bob Friedlander ließ seinen Pappteller fallen. Pizzarollen verteilten sich auf dem Eichenparkett. Ich beugte mich vor, um beim Einsammeln zu helfen und sah aus dem Augenwinkel, dass Bob zitterte. Ich schaute ihn an. Sein rundes Gesicht war kreideweiß, Schweiß stand ihm auf der Stirn. Anscheinend hatte er furchtbare Angst.

Ich drehte mich um. Gabriel Savant strahlte sein Publikum an, die meisten lächelten und redeten aufgeregt durcheinander – höchst erfreut darüber, dass ein weiterer dieser lästigen Kulte bald Geschichte sein und Stoff für einen Bestseller liefern würde. Ganz hinten im Raum jedoch stand eine kleine Gruppe junger Frauen. Sie waren ganz in schwarz gekleidet, trugen Leder und Spitzen; Make-up und Haare eindeutig von Halloween inspiriert. Lily Munster: Die frühen Jahre. Es schien, als würden sie ihn auszischen.

„Ich liebe dieses Haus“, seufzte Lisa. „Ich bin hier so glücklich gewesen.“

An jedem ersten Samstag im Monat war ich zum Brunch mit meiner Mutter verabredet – in den angestammten Ruinen der Porter Ranch im Nord Fernando Valley.

Diese Brunch-Tradition hatte begonnen, als ich Stanford verlassen und ihr schonend beigebracht hatte, dass ich nicht ins heimische Nest zurückkehren würde. Das hätte eigentlich keine Überraschung sein sollen – genau genommen konnte man das nicht mal als schlechte Nachricht bezeichnen – aber da sie sich entschieden hatte, trotz einer Vielzahl geeigneter Bewerber nach dem Tod meines Vaters nicht wieder zu heiraten, war ich der Einzige, den Lisa auf der Welt noch hatte. Wie sie selten vergaß, mich zu erinnern.

„Es ist ein wunderschönes Haus“, pflichtete ich ihr bei.

Das Haus duftete nach Pinienholz, Zimt und Äpfeln. Es fühlte sich warm und weihnachtlich an. Irgendwie war es immer noch mein Zuhause. Ich hatte meine ersten Schritte auf dem Marmorboden der Eingangshalle gemacht (ein erster Versuch, auszubrechen). In den ruhigen Straßen, die es umgaben, hatte ich Fahren gelernt. Ich hatte meine erste, erregende, hastige sexuelle Erfahrung im Schlafzimmer im oberen Stock gemacht – unter den freiliegenden Eichenbalken und unter dem Bild des jungenhaft lächelnden Robert Redford in „Der Unbeugsame“.

„Obwohl es wirklich zu groß ist für eine Person“, fügte sie hinzu, als ob ihr erst jetzt diese anderen sechzehn zusätzlichen Zimmer aufgefallen wären.

„Vielleicht solltest du über einen Umzug nachdenken“, sagte ich herzlos.

Aber wie gewöhnlich hatte ich sie unterschätzt. „Wenn ich wirklich umziehen würde … glaubst du, das Haus würde sich für Jake und dich eignen?“, fragte sie unschuldig.

Ich verschluckte mein weißes Schokoladen-Birnen-Törtchen und verbrachte die nächsten Sekunden damit, mich zu fragen, ob das Letzte, was ich vor meinem inneren Auge sehen würde, dieser Film von Jake und mir sein würde, wie wir bei Neiman Marcus unser Geschirr aussuchten.

„Liebling“, ermahnte Lisa mich sanft, als ich endlich wieder sprechen konnte, „du solltest nicht mit vollem Mund sprechen.“

„Das kannst du nicht ernst meinen – dass Jake und ich hier einziehen sollen“, sagte ich schließlich.

„Warum nicht? Du scheinst ihn furchtbar gern zu haben, und er ist … er ist …“, sie suchte nach einer netten Beschreibung für Jake: „Er ist ein sehr effizienter Mensch.“

Das „warum eigentlich nicht“ war so mächtig, dass ich sprachlos war. Und das Schlimmste daran war, dass ich es für den Bruchteil einer Sekunde ernsthaft in Betracht zog.

Sie erkannte meinen Moment der Schwäche und holte zum entscheidenden Schlag aus.

„Es ist wunderbar zu sehen, dass es dir in der letzten Zeit so gut geht, Adrien, aber es bringt nichts, sich selbst zu sehr unter Druck zu setzen.“

„Das tue ich nicht.“

Sie schüttelte den Kopf, als wäre alles sinnlos. „Die Wirtschaft läuft gar nicht gut im Moment, besonders für kleine Unternehmen.“ Als ob Lisa auch nur die leiseste Ahnung von den Herausforderungen hatte, vor denen kleine Unternehmen standen. „Und wenn du davon redest, dass du dich vergrößern musst, kann ich nicht anders als mich zu sorgen, welchen Stress und welche Belastung eine zusätzliche Miete für dich bedeuten würde, Liebling. Wohingegen dieses Haus bezahlt und frei ist.“

Wie ein Tölpel sagte ich: „Selbst wenn, könnte ich auf keinen Fall die Instandhaltung bezahlen.“

Ihre veilchenfarbenen Augen weiteten sich ob meiner Naivität. „Eines Tages wirst du sehr reich sein, Liebling“, tadelte sie mich. „Ich weiß, dass ich Mr. Gracen dazu überzeugen könnte, für dich etwas von deinem Trust Fund zu arrangieren.“

„Fang nicht wieder damit an.“ Schon komisch, dass Geld absolut unantastbar war, wenn es um etwas ging, das ich für mich wollte und das Lisa nicht billigte, es jedoch direkt vor mir lag, wenn ich ihr gegenüber in irgendetwas nachgab.

„Wenn dein armer Vater gewusst hätte, dass du deine Gesundheit opferst, damit du über die Runden kommst –“

„Lisa, wohin führt das?“, unterbrach ich sie. „Denkst du darüber nach, das Haus zu verkaufen? Geht es darum?“

Als sie rot wurde, war ich völlig von den Socken.

„Ähm, so was in der Art“, sagte sie. Ein unlisalicher Satz.

Als sie nicht weitersprach, hakte ich nach: „Und?“

„Um ehrlich zu sein, überlege ich, zu heiraten.“

Kapitel Zwei

In der Stille, die ihren Worten folgte, hörte ich, wie Weihnachtsschmuck von den Ästen der über drei Meter hohen Edeltanne, die über ein Viertel des Esszimmers einnahm, zu Boden fiel.

„Wie bitte?“

„Ich denke darüber nach, wieder zu heiraten.“ Entzückendes Erröten.

„Jemanden, den ich kenne?“

„Ratsherr Dauten.“

Meine Gabel klirrte gegen den Unterteller aus Messing.

„Ratsherr? So nennst du hin? Hat er keinen Vornamen?“

„Du klingst ziemlich angriffslustig, Adrien“, beobachtete meine Mutter. „Gefällt dir die Idee nicht?“

„Von Ratsherr Dauten? Ich bin nicht sicher. Habe ich den schon mal getroffen?“

Lisas Augen verengten sich. Klar und deutlich fragte sie: „Hast du ein Problem mit meiner Idee einer Wiederheirat?“

Hatte ich? Was auch immer ich empfand – in meinem Kopf schrillte ein Gemisch aus quietschenden Bremsen, zersplitterndem Glas und Sirenen –, es war nicht logisch. Lisas Heirat dagegen schon. Sie war immer noch jung – wenn man die Tatsache betrachtete, dass sie meine Mum war; und wunderschön, auch das, wenn man die Tatsache betrachtete, dass sie meine Mum war.

„Nein, natürlich nicht“, sagte ich. Wie hörten beide meinem Tonfall nach. Mit mehr Nachdruck fügte ich hinzu: „Nein, ich meine, wenn du glücklich bist. Es ist … es kommt ein bisschen plötzlich, oder?“

„Das tut es!“, zwitscherte sie, als ob es das umso schöner machen würde.

* * * * *

Ein riesiger Schatten, der sich über mich beugte, weckte mich auf. Im Halbschlaf rappelte ich mich hoch.

„Ruhig, ruhig. Ich bin’s“, sagte Jake und glitt neben mir unter die Decke. Seine Hände und Füße waren eiskalt, als er mich in seine Arme zog.

Mit immer noch rasendem Herzen ließ ich mich wieder aufs Bett sinken. „Ich dachte, du kannst heute Abend nicht?“

„Ja, na ja.“ Er schwieg.

Die Straßenlampen warfen durch die Spitzengardinen Schneekristallschatten auf die gegenüberliegende Wand. Ich hörte leises Trommeln an den Scheiben.

„Regnet es?“ Ich hob den Kopf an und legte ihn auf seine Brust.

„Gerade angefangen.“ Er streichelte mir mit seiner kalten Hand über den Rücken, und als ich erschauerte, kniff er mir geistesabwesend in den Po. „Sie haben noch eine gefunden.“

Noch nicht ganz wach, dauerte es einen Moment, bis seine Worte ganz bei mir ankamen. „Noch eine was?“

„Noch eine Leiche.“

Da Jake bei der Mordkommission arbeitete, wusste ich, dass mehr daran sein musste als nur eine einfache Leiche. Schließlich fiel mir unser Gespräch von vor ein paar Tagen wieder ein. „Du meinst wie bei dem Ritualmord?“

Er nickte. „Vielleicht. Diese war älter. Vielleicht ein Jahr alt. Stark verwest. Aber an dem Baum, unter dem sie vergraben war, gab es Markierungen.“

„Markierungen?“

„Symbole. Unsere Leute arbeiten daran.“ Er strich mir wieder über den Rücken, seine Finger glitten träge über Knochen und Gelenke. „Es ist ja nicht so, dass ich noch nie irgendwelchen verrückten Mist gesehen habe. Geköpfte Ziegen, ausgeweidete Katzen. Ich habe schon mal eine an einen Baum genagelte Kuhzunge gesehen.“

„Diese schrulligen Baptisten.“

Jake schnaubte. „Du bist ein lustiger Kerl.“

„Lustiger Junge – daran erinnere ich mich.“

Ich spürte mehr als dass ich es sah, wie er bei der Erinnerung an unseren letzten Urlaub in dem Hauptgebiet des Goldrausches, einem Land, in dem die Zeit stehen geblieben war, lächelte.

„Es wird geschätzt, dass es ungefähr fünfzigtausend Santeria-Anhänger im Gebiet von Los Angeles gibt. Aber das hier ist … anders.“ Er schwieg. Ich hasste es, mir vorzustellen, woran er sich erinnerte. „Adrien, weißt du ehrlich nicht, wohin Angus gegangen ist?“

Ich rollte mich auf die Seite, stützte mich auf den Ellenbogen und versuchte, in der Dunkelheit in seinem Gesicht zu lesen. „Du machst Witze. Angus?“

„Ich möchte nur mit ihm reden.“

„Jake, auf gar keinen Fall ist er in so eine Geschichte verwickelt. So gut kenne ich ihn.“

„Ich sage nicht, dass er darin verwickelt ist. Aber wenn er am Rand dieser Szene mitmischt, hat er vielleicht etwas gehört.“ Bemüht neutral fragte er: „Hast du ihn hoch zur Ranch geschickt?“

„Nein!“ Tatsächlich war es mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen, Angus nach Pine Shadow zu verfrachten – zu der Ranch, die ich vor vielen Jahren von meiner Großmutter geerbt hatte. Ich fragte mich, warum ich nicht selbst auf diese einfache Lösung gekommen war.

Endlich sagte ich: „Ich weiß nicht, wo er ist. Ich habe ihm die Kohle gegeben und ihm gesagt, dass er die Stadt verlassen soll.“

„Und wenn du raten würdest?“

Ich schüttelte den Kopf. Der Regen trommelte jetzt stärker. Wir hörten ihm schweigend zu. Er zog mich wieder an sich. Ich legte meine Wange auf seine Brust und lauschte dem Schlag seines Herzens.

Ich sagte: „Wenn er mich anruft – was soll ich ihm sagen?“

„Was auch immer ihn nach Hause bringt.“

So lagen wir eine Weile. Ich begann mich zu entspannen und wurde schläfrig, eingelullt durch Jakes träge Liebkosungen.

„Wie müde bist du?“, fragte er und unterbrach damit die Stille.

Ich lachte leise.

Die schwere Wärme unserer Körper, die sich in dem Durcheinander der Laken bewegten ... die wunderbare Reibung von bartstoppeligen Wangen und beharrten Beinen und Armen; leicht pelzige Oberkörper, die sich aneinander pressten. Die Weichheit von Mündern und Wimpern und seidigem Haar …

Er drehte mich auf den Bauch und ich spreizte die Beine; ich erschauerte, als Jake das warme Gel in der Spalte zwischen meinen Pobacken verteilte. Er benutzte seine Fingerspitze, presste sie gegen diesen ersten, instinktiven Widerstand; immer vorsichtig, sich immer viel Zeit nehmend, obwohl das in diesen Tagen absolut nicht nötig war, die ich stets in Erwartung und bereit für das Eindringen seines Schwanzes zu verbringen schien.

Ich seufzte, erwiderte den Druck, und sein Finger glitt in die dunkle Hitze meines Körpers. Ich murmelte meine Zustimmung. „Mehr, Jake.“

Vorsichtig bewegte er den zweiten Finger hinein und spielte ein bisschen, und ich hielt den Atem an.

„Gut?“

„Du weißt, dass es das ist.“ Ich zog meine Knie an und hob meinen Hintern einladend an. „Bitte, Jake ...“

Stattdessen bekam ich einen aufreizend langsamen dritten Finger, der mich mit unerträglicher, köstlicher Bedächtigkeit bearbeitete. Ich stöhnte. „Kannst du es nicht einfach tun?“

„Was tun?“

„Fick mich.“

Ich spürte seinen Atem an meinem nackten Rücken. Er murmelte: „Glaube nicht, dass ich das verstanden habe.“

„Jake“, flehte ich und buckelte gegen seine Hand. „Fick mich. Bitte.“

Ah, das magische Wort.

Wir bewegten uns, die Sprungfedern quietschten. Ich richtete mich leicht auf und stützte mich auf den Händen ab und er kniete sich hinter mich, seine Hand glitt über die Wölbung meiner Pobacken, er zögerte. Dann war es, als ob die Spitze seines Schwanzes das Passwort geflüstert hätte, und mein sorgfältig massierter Schließmuskel gewährte ihm Zutritt.

Mit steif aufgestützten Armen und seinem tief in mir vergrabenen Schwanz wiegte ich mich nach hinten gegen Jakes Hüften. Er bewegte sich nach vorn und schnell fanden wir uns in unserem ganz eigenen Rhythmus wieder. Die Finger seiner Hand krallten sich in meine Hüfte und hielten mich, während er kräftig in mich stieß. Seine andere Hand hatte er um meinen Schwanz gelegt und pumpte auf und ab, wobei er dann und wann aus dem Takt geriet. Ich verlagerte mein Gewicht auf eine Hand, legte die andere, freie, auf Jakes und bewegte sie zusammen.

Mittlerweile kannten wir uns gut, wussten, was uns gefiel und wann es uns gefiel. Es war bequem, und es war vertraut – und es erschütterte mich immer noch bis ins Mark, wenn ich es am wenigsten erwartete.

Wie jetzt.

Blut pulsierte in meinen Schläfen und hämmerte in meinen Adern, so dass ich unsere schnellen abgehackten Atemzüge, das laute Klatschen von Fleisch auf Fleisch und die Musik der Matratze kaum hören konnte. Ich spürte Jakes heißen Atem zwischen meinen Schulterblättern, köstliche kleine Schauer liefen meine Wirbelsäule hinab. Und ganze Zeit über das lustvolle Hineinzwängen und Gleiten, sanfter Rückzug und steifes Eindringen, wieder und wieder und wieder.

Ich grub meine Finger ins Bettlaken, gab die Kontrolle ab und ließ mich von ihm weiter und schneller nehmen.

„Oh Baby ...“, stieß er hervor, und ich spürte, wie ein unwillkürliches Grinsen die Spannung in meinem Gesicht brach, sogar noch, während ich mich verkrampfte und auf den langsam anschwellenden Sog der flüssigen Hitze konzentrierte, die mein Becken überflutete.

Mein ganzer Körper wurde davon ergriffen, spannte sich an wie die um meinen Schwanz gelegte Faust. Die elektrische Intensität des Orgasmus‘ hielt mich an Ort und Stelle, während eine Erleichterung meine Nerven, Muskeln und Knochen erschütterte, die an Glückseligkeit grenzte. Ich spritzte über unsere ineinander verschränkten Finger und seine Hand rutschte über die klebrige Feuchtigkeit.

Jake erstarrte, stöhnte auf, als sei er tödlich verwundet und ich spürte, wie feuchte Wärme in mir pulsierte und sein Sperma sich in mir ergoss.

Ich fiel zu einem schlaffen Bündel zusammen, Jake bedeckte mich mit seinem Körper. Feuchtigkeit unter mir, Feuchtigkeit, die aus mir hinauslief. Verschwitzt und erhitzt in Jakes kraftvollen Armen wollte ich mich am liebsten nie wieder rühren, während Lust immer noch in mir widerhallte wie ein langsam schwächer werdendes Echo.

„Ich konnte den ganzen Tag über an nichts anders denken.“ Das Eingeständnis ließ seine Stimme rau klingen. „Fühlt sich einfach so verdammt gut an mit dir.“

Ich nickte und brachte „Es ist gut“ heraus. Um ehrlich zu sein, überraschte es mich, wie gut es mit Jake war – wenn man seine vielen Komplexe und außerplanmäßigen Interessen in Betracht zog.

Er küsste meinen Nacken und ich spürte, wie mein Herz einen Salto schlug. Der Sex war großartig, aber es waren diese Momente stiller Zärtlichkeit ...

„Lisa überlegt, wieder zu heiraten“, sagte ich später, nachdem wir beide wieder zu Atem gekommen waren.

Er schnaubte unverbindlich und drehte den Kopf auf dem Kissen, um mich anzusehen.

„Es ist irgendwie seltsam, das ist alles“, antwortete ich auf seine unausgesprochene Frage. „Sie hat oft die Gelegenheit dazu gehabt. Hätte sie wahrscheinlich auch schon vor Jahren tun sollen, aber sie hat immer eine große Sache daraus gemacht, dass sie niemals jemand anderen als meinen Vater lieben kann.“

„Kennst du den Typ?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ratsherr Dauten. Ich habe den Namen schon mal gehört, ihn aber nie kennengelernt.“

„Willst du, dass ich ihn mal gründlich durchleuchte?“ Er hörte sich amüsiert an.

„Vergiss es“, sagte ich unterdrückte ein Gähnen. „Das da draußen ist ein Dschungel.“

„Nö, nur Pasadena. Alles wird gut, Baby.“

* * * * *

Angus war nicht gerade ein Plappermaul. Vielleicht erinnerte ich mich deswegen so genau an die seltenen Informationsschnipsel, die er hier und da fallen gelassen hatte. Ich wusste noch, dass er mir gesagt hatte, dass er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Professor Snowden war.

Ich machte ein paar Anrufe und fand ohne große Schwierigkeiten heraus, dass Dr. G. Snowden am Montagmorgen in Bunche Hall eine Vorlesung über Das Okkulte in populären Filmen und Fiktion halten würde.

Die University of California, Los Angeles (kurz UCLA) ist wie ein kleines Dorf mit eigenem Polizeirevier, Feuerwehr, Radio- und Fernsehstation, Restaurants und Geschäften. Es gibt sogar ein LGBT Campus Ressourcenzentrum. Ich weiß nicht, ob es dieses Angebot auch schon damals gegeben hat. Mein Vater hat seinen Abschluss an der Standford University gemacht, also erwartete Lisa, dass ich den ehrwürdigen Hallen seiner alten Alma Mater ebenfalls die Ehre erweisen würde. Das passte mir gut, denn die Nähe der Universität zu San Francisco und dessen Gay-Community lockte mich.

Aber weil ich viele Freunde an der UCLA gehabt hatte und schon viele kulturelle Veranstaltungen dort besucht hatte, kannte ich den Campus dort trotzdem einigermaßen. Ich wusste, dass Bunche Hall in der Nähe des Skulpturengartens lag, der aus fast fünf Morgen mit Gras und Bäumen bestand und unter anderem mit Arbeiten von Rodin und Matisse übersät war. Er war besonders schön im Frühling, wenn die Palisanderbäume in voller Blüte standen.

An diesem grauen Herbsttag blühten sie nicht. Kahle Bäume und nackte Skulpturen bildeten die passende Kulisse für Bunche Hall, das eines der hässlichsten Gebäude auf dem ganzen Campus sein musste. Es sah aus wie eine Scheibe Knäckebrot – nur aus Beton.

Ich fand Raum Nr. 1209B problemlos. Leise glitt ich in das dunkle Klassenzimmer und setzte mich in die letzte Reihe. Es war einer der letzten freien Plätze in dem Raum, der ungefähr zweihundert Personen fasste – ein Anzeichen dafür, dass Professor Snowden entweder sehr populär war oder dass seine Kurse Scheingaranten waren. In diesem Moment zeigte er ein Video eines Yu-Gi-Oh Cartoons.

Gelegentlich ragte Professor Snowdens große Silhouette drohend vor Yugi und seiner Gang auf der Leinwand auf, wenn er die Auffassung erläuterte, dass die okkulten Elemente in dem beliebten Kinder-Cartoon gefährlich waren. Er hatte eine angenehme Stimme mit einem Hauch von britischem Akzent.

„Christliche Fundamentalisten nehmen den Standpunkt ein, dass trotz der offenkundigen Themen von Freundschaft, Loyalität und Mut Filme wie Yu-Gi-Oh, Pokemon und Harry Potter vom Teufel benutzt werden, um unschuldige Kinder beziehungsweise ihren Geist für okkulte Ideen und dämonische Einflüsse zu öffnen. Ihnen wäre es lieber, wenn eure Gören ihre Gehirnwäsche von Pat Robertson, dem Fernsehprediger, bekommen.“

Das Plenum lachte.

Im Video sagte ein Cartoonmädchen: „Es ist ein Symbol unserer Freundschaft. Wenn Yugi sich duelliert, wird er wissen, dass er nicht allein ist. Ganz egal wie schwer es wird!“

Snowden sagte gedehnt: „Nicht, dass Yugi jemals allein ist, denn er ist besessen vom Geist des Yami Yugi, dem antiken ägyptischen Pharaoh.“

Noch mehr Gelächter. Es geht doch nichts über ein gebanntes Publikum.

Es gab noch eine kleine Diskussion, bevor Snowden das Video ausstellte. Jemand neben mir schaltete das Licht an.

Die Vorlesung war zu Ende, Studenten erhoben sich, redeten, packten ihre Bücher und Unterlagen zusammen und machten sich auf zur nächsten Zirkusvorstellung.

Snowden stand vorn, umgeben von einer Herde seiner treuesten, überwiegend weiblichen Anhänger, die um die letzten Krümel seiner Aufmerksamkeit wetteiferten. Ich ging durch den Gang auf ihn zu und beobachtete ihn dabei, wie er sie mit müheloser Leichtigkeit abfertigte.

Er war mittelgroß, schlank, mit langem, offenem leicht silbrigem Haar und einem hochmütigen, lebensüberdrüssigen Gesicht. Vage erinnerte er mich an Alan Rickman als Professor Snape, nur dass er Levis, Birkenstocksandalen und ein T-Shirt mit der Aufschrift Ich bin nicht Satan, ich bin nur einer seiner hochrangigen Diener trug.

Wenn er lächelte – was eher selten zu geschehen schien – veränderte das sein Gesicht vollkommen, und ich bekam eine Ahnung davon, worin seine Anziehungskraft lag. Ich blieb außerhalb der kleinen Gruppe stehen, bis das letzte Vögelchen, eine kleine Meise mit einem schwarzen Irokesenschnitt, pinker herzförmiger Brille und einem auf dem Kopf hängenden Kruzifix um den Hals mit einem letzten neugierigen Blick auf mich abflog.

Der Professor holte die Videokassette aus dem Gerät, als ich mich näherte. Er sah auf, seine Augen leuchteten in dem künstlichen Licht in einem prächtigen, brillanten Grün. Kontaktlinsen, dachte ich. Kein Mensch hatte so eine Augenfarbe.

„Ich habe Ihre Vorlesung genossen“, sagte ich. „Sind Sie also der Meinung, dass die Medien keinen besonderen Einfluss auf die Jungen und Beeinflussbaren haben?“

„Das wäre eine unhaltbare Position“, antwortete Snowden in diesem trägen Privatschul-Akzent. Er neigte den Kopf zur Seite. „Sie kamen am Ende meiner Vorlesung. Ich bevorzuge es, wenn Gasthörer um Erlaubnis fragen, bevor sie sich dazu setzen.“

„Bekommen Sie viel Gegenwind für Ihren Lehrplan?“

„Das hier ist die UCLA“, erwiderte er. „Man erwartet von mir, dass ich kontrovers bin. Und Sie sind –?“

„Neugierig.“

Er hob fragend eine Augenbraue.

Ich stellte mich vor, erläuterte meine Beziehung zu Angus. Ich erzählte ihm das Übliche: dass ich hoffte, ihn nicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt erwischt zu haben und ob er einen Moment Zeit für mich hätte.

Er war sehr braun gebrannt und sehr muskulös, wie poliertes Teakholz. Dennoch strahlte er eine Energie und eine Männlichkeit aus, die alles andere als hölzern war. „So, Sie sind also Adrien English“, murmelte er. „Sieh mal einer an.“ Er musterte mich mit einem gewissen taxierenden Funkeln in den Augen, das man von Hetero-Männern normalerweise nicht bekommt. „Angus hat von Ihnen erzählt.“

Das bezweifelte ich nicht, denn ich hatte Angus schon mehr als einmal die Leviten lesen müssen, wenn er Snowden und die Inanspruchnahme durch die akademische Welt dafür verantwortlich gemacht hatte, dass er seine Arbeit nicht geschafft hatte. Da brauchte man seine Phantasie nicht besonders anzustrengen, um sich vorzustellen, dass er mich und den Buchladen als Sündenbock in umgekehrten Situationen benutzt hatte.

„Haben Sie Angus in der letzten Zeit gesehen?“

Er sah … alarmiert aus. Vielleicht las ich auch nur meine eigenen Bedenken in seinem von Natur aus reservierten Wesen. Schließlich sagte er: „Er hat die Vorlesungen am Freitag und heute verpasst. Ohne irgendeine Erklärung.“

„Vielleicht liegen mildernde Umstände vor“, sagte ich. „War Ihnen bewusst, dass er von ehemaligen Kommilitonen belästigt wird?“

Wieder hob Snowden auf eine extrem arrogante Art die Augenbraue, als sei er ein Mitglied der königlichen Familie. „Nein, war es nicht“, sagte er nach einer kleinen Pause.

„Anscheinend haben Angus und ein paar der anderen Kids an einem Kurs von Ihnen teilgenommen, den Sie ‚Praktische Magie‘ genannt haben. Hexerei in der modernen Gesellschaft. Wie auch immer, die unternehmungslustigen kleinen Lümmel sind einfach losgezogen und haben ihren eigenen Hexenzirkel gegründet – aber ich denke, das wissen Sie bereits.“

„Lächerlich“, sagte er scharf.

„Was ist lächerlich?“

„Warum …? Die Idee, dass ein Student – meine Studenten – das in die Tat umsetzen …“ Er hielt inne.

Ich zuckte mit den Schultern. Er roch ein bisschen nach Pfeifentabak – was ich gern mag – und nach Masculine, das ich selbst gelegentlich benutze. Das wiederum fand ich ein bisschen verwirrend.

„Sie glauben, diese … Kommilitonen belästigen Angus? Was genau meinen Sie mit belästigen?“

„Flüche – ich meine kein fluchen, ich meine Drohungen – ich habe selbst ein paar davon zufällig am Telefon gehört. Alexander Graham Bell würde das nicht gefallen.“

Die grünen Augen verengten sich. Ich muss gestehen, dass mir dieser Ausdruck nicht so angenehm war, wie der Blick, mit dem er mich zu Beginn angesehen hatte.

Als ich daraufhin nicht zu einem Häufchen Asche zerfiel, fragte er: „Was gedenken Sie dagegen zu tun?“

„Nun ja – ich kann mit einem Gespräch mit Ihnen anfangen. Wenn Sie irgendeinen Einfluss auf diese kleinen Scheißer haben, können Sie sie warnen. Vielleicht wissen die nicht, dass es sowohl das staatliche als auch das bundesstaatliche Gesetz verletzt, Leute am Telefon zu bedrohen.“

„Und wenn ich das nicht … wenn ich es nicht schaffe, sie zu beeinflussen?“

„Dann werde ich mit ihnen sprechen.“

Er prustete. „Mit wem sprechen? Wieso denken Sie, dass ich weiß, wer diese … diese jugendlichen Delinquenten sind?“

Ich machte mir klar, dass das hier wahrscheinlich reine Zeitverschwendung war. Wenn Angus Snowden vertraute oder glaubte, dass er ihm helfen konnte, wäre er selbst zu ihm gegangen. Aber ich war auf ihn angewiesen. Snowden war die einzige Spur, die ich hatte. Ich sagte: „Wenn Sie es nicht wüssten, dann hätten Sie es wahrscheinlich sofort gesagt, davon gehe ich jedenfalls aus.“

Seine Augen flackerten und bestätigen das als Wahrheit. Entweder wusste er, wer diese Arschlöcher waren, oder er hatte zumindest eine starke Vermutung. „Was qualifiziert Sie dazu, sich da einzumischen? Wieso denken Sie, dass Sie es nicht noch schlimmer machen, wenn Sie dazwischenfunken?“

„Meiner Erfahrung nach lebt so eine Geschichte von der Geheimhaltung. Wenn Sie es ans Licht bringen und an die Öffentlichkeit, schrumpelt es ein und wird vom Winde verweht.“

„Sie haben wohl schon Ihre Erfahrungen mit Kulten gemacht, was?“, fragte er höhnisch.

Ich erwiderte leichthin: „Wir haben alle Erfahrungen mit Tyrannen gemacht. Man kann sie schwarz anziehen und ihnen beibringen, schlechte Gedichte zu rezitieren, sie bleiben doch die gleichen Tiere.“

Er schaltete das Gerät aus. Mit dem Rücken zu mir sagte er: „Ich habe keinen Beweis, aber ich habe so meine Vermutungen. Werden Sie mir zugestehen, dass ich mich auf meine Art darum kümmere?“

„Wenn Sie es wirklich tun.“

Er warf einen Blick über die Schulter. Mit einem schiefen Grinsen sagte er: „Ehrenwort“, und hielt mir eine wohlgeformte, kräftige Hand hin.

Ich schlug ein. Sein Griff war warm – mit genau dem richtigen Druck. Ich fragte mich, wie weit ich dem Ehrenwort von Satans hochrangigem Diener trauen konnte.

* * * * *

Vor dem Cloak and Dagger wartete Bob Friedlander auf mich.

„Wir wollten nur kurz vorbeischauen und uns für Freitagabend bedanken.“

Wir, Eure Majestät? Vielleicht meinte er den Verlag, denn von Gabriel Savant selbst war weit und breit nichts zu sehen.

„Es war uns ein Vergnügen“, antwortete ich. „So viel Publikum hatten wir schon lange nicht mehr.“ Angus war ein Fan. Er hatte auf die Lesung gedrängt – und er hatte Recht behalten. Es war ein voller Erfolg gewesen. Schade, dass er nicht dabei gewesen war und es nicht genossen hatte.

„Ich hoffe, Sie haben viele Bücher verkauft?“

„Das haben wir in der Tat.“

Es schien, als würde Friedlander die Regale hinter dem Tisch, an dem Gabriel seine Bücher signiert hatte, genau unter die Lupe nehmen.

Neugierig fragte ich nach: „War die Ankündigung am Ende ernst gemeint? Ist eine Arbeit über geheime Kulte hier bei uns in Arbeit?“

Er warf mir einen gequälten Blick zu. „Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, was Gabe sich dabei gedacht hat.“ Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um das Regal oberhalb seines Kopfes zu untersuchen.

„Also ist kein Buch geplant?“

„Absolut nicht. Es war ein reiner PR-Gag. Eine dummer PR-Gag.“ Er nahm ein paar Bücher aus dem Regal.

„Was haben Sie verloren?“, fragte ich.

Sein Kopf zuckte zu mir herum. „Häh? Nichts. Na ja … um ehrlich zu sein, doch. Sie haben wohl nicht zufällig eine … eine Diskette gefunden, oder?“

„Was für eine Diskette?“ Ich dachte an irgendeine Lieblings-CD.

Friedlander sah nervös aus. „Eine Floppy Disk. Mit Recherchenotizen drauf.“

„Sie glauben, Sie haben sie hier verloren?“

„Ich habe sie nicht verloren“, sagte er irritiert. „Gabe denkt, er hat sie verloren. Er hat Freitagabend ziemlich viel getrunken, falls Sie es nicht bemerkt haben sollten.“

Und er lief durch die Gegend mit einer Floppy Disk in der Hosentasche seiner hautengen Lederjeans?

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eine verlorene Diskette mittlerweile gefunden hätte“, sagte ich. „Aber ich kann gern die Augen offen halten.“

Sie musste ziemlich wertvoll sein, wenn Savant Angst hatte, ohne sie irgendwo hinzugehen – wie hatte er es dann nur geschafft, sie zu verlieren?

Widerstrebend drehte sich Friedlander zu mir um. „Das wäre großartig“, sagte er ohne Begeisterung.

„Diese Recherchen“, sagte ich, „könnten die irgendetwas mit dem Buch zu tun haben, das Savant nicht schreibt?“

Seine Brillengläser blendeten mich. „Es gibt kein Buch.“

„Aber vielleicht sollte es eins geben?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Sie haben keine Ahnung, was Sie da reden.“

„Und Savant hatte anscheinend keine Ahnung, wovon er redete, also fällt das wohl einstimmig aus. Nichtsdestotrotz ist das meinerseits nicht nur schnöde Neugier. Ich habe Gerüchte über eine Gruppe hier in L.A. gehört.“

Friedlander starrte mich an. „Mein Rat an Sie“, sagte er, „wenn Sie das nächste Mal Gerüchte hören – halten Sie sich die Ohren zu.“

Kapitel Drei

Gegen Ende des Samstagsbrunchs quetschte Lisa das Versprechen aus mir heraus, am Montag „unsere neue Familie“ bei einem gemeinsamen Abendessen kennenzulernen. Als ich wegen der Eile nachgefragt hatte, war sie rot geworden und hatte gesagt, dass der Ratsherr und sie eine Winterhochzeit in Erwägung zögen.

„Du meinst … diesen Winter?“

Sie nickte eifrig. „Wenn wir es durchziehen können.“

Da ich ganze Jahre damit verbracht hatte, Lisa dabei zu beobachten, wie sie alle möglichen Arten von Last-minute-Notfall-Spenden-Aktionen und Wohltätigkeits-Galas organisierte, ging ich davon aus, dass sie selbst eine komplette Militäroperation innerhalb kürzerer Zeit aufstellen könnte. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass der Klang der „Hochzeitsglocken, der weichen, sangesreichen!“ die ganze Nacht über wallen und schallen würde oder wie auch immer zum Teufel es in diesem Gedicht „Die Glocken“ von Poe hieß.

„Wie groß wird denn unsere neue Familie?“ hatte ich vorsichtig gefragt.

„Bill hat drei bezaubernde Töchter.“ Sie seufzte ausgiebig und sentimental. „Nie hatte ich eine Tochter – jetzt werde ich drei haben.“

„Du magst Mädchen nicht mal.“

Entrüstet sagte sie: „Natürlich mag ich Mädchen!“

„Ich bin mir sehr sicher, dass du keines der Mädchen mochtest, das ich nach Hause mitgebracht habe.“

„Keines dieser Mädchen war die Richtige für dich, Adrien.“

Da hatte sie Recht.

Ich dachte mir, dass ich zumindest diese Abmachung einhalten müsste. Sobald ich es verantworten konnte, schloss ich den Laden, duschte, rasierte mich und holte in einer Art archäologischer Ausgrabung meinen dunkelgrauen Hugo-Boss-Anzug aus den Tiefen meines Schrankes. Das letzte Mal hatte ich ihn auf der Beerdigung von Robert Hersey getragen. Meine Stimmung war jetzt auch nicht unbedingt fröhlicher.

Die Fahrt mit dem Forester verbesserte meine Laune etwas. Es geht doch nichts über ein neues Spielzeug. Während ich auf die Autobahn abbog, führte ich eine Art innerlichen Fahrer-und-Auto-Monolog: bester Fahrkomfort mit ordentlicher Beschleunigung … leichte aber reaktionsstarke Lenkung … Die Gedanken an den Kampf gegen das Böse nahmen vorübergehend auf dem Rücksitz Platz.

Wir waren beim Pacific Dining Car an der West 6th Street in Los Angeles verabredet. Ursprünglich war dieses 1921 gegründete und legendäre, familiengeführte Restaurant ein auf einem gemieteten Parkplatz stehender Speisewagen gewesen. Hier brachen heute die hohen Tiere der Stadt, die Politiker, Juristen und Geschäftsleute von Los Angeles miteinander das Brot, hier schlossen sie ihre Geschäfte. Das Essen (und die Weinkarte) waren exzellent. Es war teuer, aber unprätentiös. Ich hielt es für ein gutes Zeichen, dass wir dort zu Abend essen würden und nicht in irgendeinem überteuerten, hippen Lokal.

Die anderen saßen schon am Tisch, als ich das Restaurant betrat, aber Lisa kam mir entgegen. Sie strahlte in einem Hauch von blau mit Perlen. Ihre Augen glänzten, sie hatte rote Wangen und sah nicht einen Tag älter als vierzig aus.

„Oh Liebling, du siehst so gut aus!“, flüsterte sie mir zu, bevor sie mich mit sich zog, um die Vierergang kennenzulernen.

Dauten erhob sich von seinem Platz am Kopf des Tisches, um mich zu begrüßen. Ich muss zugeben, dass er ganz anders war, als ich ihn mir vorgestellt hatte.

„Adrien.“ Er nickte mir kurz zu, aber sein Handschlag war durchaus herzlich. Er war groß, sogar noch größer als Jake, aber in der Mitte etwas schwammig. Groß und kahl. Seine Augen blitzten in einem jungenhaften Blau und leuchteten in seinem braun gebrannten Gesicht. Wahrscheinlich hatte er noch niemals wirklich gut ausgesehen, und ich hatte nicht den Eindruck, dass er viel Zeit darauf verschwendete, charmant zu sein. Aber ihn umgab Autorität. Die Aura von Macht. Es wäre schwer gewesen, jemanden zu finden, der meinem schlanken, kultivierten Vater weniger ähnelte.

„Sir.“ Ich versuchte, seinen Handschlag mit genau dem richtigen Gegendruck zu erwidern. Wussten diese Leute, dass ich schwul war? Würde das ein Problem sein? Nicht, dass es mich einen feuchten Dreck scherte, was sie davon hielten, aber wenn Lisa ihr Herz hieran gehängt hatte, wollte ich todsicher nicht das K.o.-Kriterium sein.

„Nenn mich Bill.“

Gott sei Dank, denn Pop würde ich diesen Typ niemals nennen.

„Und hier sind die Mädchen“, flötete Lisa, und klang dabei nervös.

Es schien eine ganze Horde zu sein. Lisa hatte Recht, sie waren reizend. Kurz war ich wie von einem Schmetterlingsschwarm umhüllt. Parfümierte Brüste und lange Beine und seidiges Haar überall, während die Mädchen sich um mich und sich selbst herum manövrierten, umarmten und Wangenküsse verteilten, sich bedeutungsvoll anlächelten und aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Plätze tauschten.

Als wir endlich alle saßen, begriff ich, dass es nur drei waren. Die älteste, Lauren, war ungefähr so alt wie ich. Sie trug einen Ehering, obwohl weit und breit kein Ehemann zu sehen war. Die jüngste, Emma, war zwölf.

Ihre Getränke wurden gebracht. Meine Bestellung eines doppelten Drinks wurde von einem sympathisch aussehenden Kellner entgegengenommen. Dann redeten alle gleichzeitig los.

„Adrien schreibt Kriminalgeschichten und ist Inhaber einer Buchhandlung“, erklärte Lisa Dauten. Ich fragte mich, ob sie bis fünf Minuten vor dem Abendessen gewartet hatte, um die Neuigkeit zu verkünden, dass sie einen erwachsenen Sohn hatte. „Sie sind furchtbar clever und schrecklich bösartig, was sehr überraschend ist, denn er war immer der sanfteste kleine Junge.“

„Ihr Akzent ist so bezaubernd“, sagte Lauren über meine in England geborene Mutter und störte damit gnädigerweise meine Konzentration auf Lisas Monolog. „Ich liebe es einfach, sie reden zu hören.“

„Oh, ich auch“, sagte ich. „Besonders jetzt gerade.“

Das Kind zu meiner Rechten, Emma, kicherte. Ich grinste sie an.

Lauren und das mittlere Mädchen (wie zur Hölle war noch ihr Name?) waren große, gertenschlanke Blondinen, die auf eine typisch amerikanische Weise gut aussahen, wie lebendig gewordene Ralph-Lauren-Werbung. Die Kleine war dünn und schlaksig mit glänzendem schwarzem Haar und rosigen Wangen. Sie hatte die gleichen blauen Augen wie die anderen Familienmitglieder geerbt, die zusammen mit ihrem dunklen Haar sehr auffallend waren. Sie sah Lisa sehr ähnlich. Sie hätte als ihre Tochter durchgehen können – oder als meine Schwester.

„Wir lieben Lisa“, versicherte die Mittlere (Nancy? Natasha?) mir. „Sie ist so gut für Papa. Er vergöttert sie.“

Ich sah, wie Dauten Lisas Hand mit seiner gigantischen Pfote tätschelte, während sie weiter plapperte. Er trug einen goldenen Siegelring auf dem kleinen Finger. Schwarze Haare bedeckten seine Handrücken. Dankbar ergriff ich den doppelten Whisky, den der Kellner mir brachte und stürzte die Hälfte in einem Schluck hinunter.

„War der Verkehr sehr schlimm?“, fragte Lauren teilnahmsvoll.

„Wir werden alle zu deinem Buchladen kommen“, sagte die Mittlere. „Ich liebe Krimis! Ich lese sie nur. Wir werden es allen erzählen. Wir werden allen unseren Freunden sagen, dass sie auch kommen sollen. Weißt du, ich wollte schon immer in einem Buchladen arbeiten.“

Die Kleine, Emma, die mich nicht aus den Augen gelassen hatte, sagte plötzlich: „Du siehst aus wie jemand … ich weiß! Du siehst aus wie der Schauspieler aus dem Film. Red River.“

„John Wayne?“

Sie kicherte. Ja, sie war eine Süße.

Die Mittlere, Natalie – Natalie – sagte stolz: „Emma mag Schwarz-weiß-Filme“, als ob das junge Gemüse schon längst immatrikuliert wäre.

„Welche Filme gefallen dir?“, fragte ich Emma.

Ihre Antwort konnte ich nicht mehr hören, denn in dem Moment lehnte sich Lauren über den Tisch und flüsterte wie eine Geheimagentin im Dienst: „Also – was denkst du über ihren Plan, an Silvester zu heiraten, Adrien?“

„Äh …“

„Das lässt uns kaum Zeit!“ fiel Natalie ein, ebenso verschwörerisch. „Wir müssen sie hinhalten!“

„Wir müssen uns auch noch auf Weihnachten vorbereiten“, sagte Lauren zu mir. „Ach übrigens, du bist dieses Jahr Weihnachten bei uns, hat Lisa es dir schon gesagt?“

„Ich werde Brautjungfer!“, piepte Emma neben mir.

„Und du wirst die Braut zum Altar führen“, sagte Natalie zu mir.

Ich bestellte noch einen Drink.

* * * * *

Wir verabschiedeten uns auf dem Parkplatz, Lisa und die Mädchen quetschten sich in Dautens Jaguar, als es gerade anfing zu regnen. Der Jaguar schoss an mir vorbei, im Vorbeifahren sah ich verschwommen winkende Hände und lächelnde Gesichter. Ich nahm meine Krawatte ab und warf sie auf den Beifahrersitz.

Der Nieselregen wurde noch stärker, als ich auf die Autobahn fuhr. Ich legte eine CD in den neuen Spieler ein: Patty Griffins 1000 Kisses. Die ersten melancholischen Klänge erfüllten das stille Auto und schienen sich dem Takt der Scheibenwischer anzupassen.

Der krönende Abschluss dieses Abends wäre es natürlich, in eine Alkoholkontrolle zu geraten, also fuhr ich besonders vorsichtig nach Hause. Vorsichtig und deprimiert. Ich glaube, die aufgeregten Planungen der anstehenden Weihnachtsfeiertage hatten meine Gefühle in diese Abwärtsspirale trudeln lassen.

Ich mag Weihnachten. Nicht so sehr wie als Kind, aber ich habe wirklich Freude daran. Ja, ich weiß: es ist billig geworden, kitschig und kommerziell, aber das ändert nichts an der Grundlage dieses Festes. Und – natürlich – ist es die absolut beste Zeit des Jahres für die Cloak and Dagger Buchhandlung.

Das Problem, das ich mit Weihnachten habe, ist das gleiche, das die meisten Alleinstehenden damit haben – nämlich, dass es für Singles auch gleichzeitig die absolut einsamste Zeit des Jahres ist.

Es wären noch viel einsamere Aussichten gewesen, wenn ich nicht Lisa und eine Handvoll guter Freunde gehabt hätte. Und dieses Jahr hatte ich Jake. Irgendwie.

Natürlich wollte ich Weihnachten am liebsten mit Jake verbringen, aber mir war klar, dass das eher unwahrscheinlich war. Er würde bei seiner Familie sein, die anscheinend auch nach vierzig Jahren noch absolut keine Ahnung hatte, wie sehr James Patrick Riordan Männer mochte. Trotz der Tatsache, dass er wöchentlich mehrfach in meinem Bett und unter meinem Dach übernachtete, würde Jake sie auf gar keinen Fall aufklären (im wahrsten Sinne, sozusagen).

Ebenso unwahrscheinlich würde er Weihnachten in meinem Revier verbringen. Er war nicht gerade begeistert von der Tatsache, dass meine Mutter und Chan, sein Partner bei der Polizei, wussten, dass wir eine Beziehung hatten. Fügte man dieser Mischung vier weitere neue Unbekannte hinzu, würde ich ihn wahrscheinlich nie wiedersehen.

Bald hatte Jake Urlaub – er stand immer kurz vor dem Urlaub, denn er war ein Workaholic – und eine Zeitlang hatte ich mit dem Gedanken gespielt, zu versuchen, ihn zu einem Kurztrip zu überreden. Ich hatte gedacht, dass er sich auf neutralem Boden, wo niemand uns kannte, vielleicht wieder entspannen würde, und wir uns wieder so nah sein könnten wie im letzten Frühling. Aber ich war bis jetzt nicht dazu gekommen, ihn zu fragen, vermutlich auch, weil ich ziemlich sicher war, dass er nein sagen würde.

Ein paar verlorene Weihnachtslichter leuchteten entlang des Wegs, als ich den Colorado Boulevard entlangfuhr. Die Stechpalmenzweige an den Laternenpfählen sahen windzerrupft aus und passten in diese Geisterstadt. Ich bog in meine ruhige Seitenstraße ab. Die meisten Geschäfte waren dunkel und geschlossen.

Ich wohnte über der Buchhandlung. Das Haus war ursprünglich ein in den dreißiger Jahren errichtetes kleines Hotel gewesen. Ich hatte es gekauft, kurz nachdem ich einen ziemlichen Batzen Geld von meiner Großmutter väterlicherseits geerbt hatte. Ich hatte Stanford mit einem Abschluss in Literatur und der vagen Idee verlassen, dass das Betreiben eines Buchladens ein guter Nebenjob für einen Schriftsteller wäre. Zehn Jahre später hatte sich herausgestellt, dass Schreiben kein schlechter Nebenjob für einen Typen war, der einen Buchladen führte.

Nachts war in der Altstadt viel los, aber nicht in meiner Gegend. Hier leerte es sich gegen acht Uhr abends. Normalerweise mochte ich diese Zurückgezogenheit. An diesem Abend fühlte es sich einsam an.

Ich fragte mich, ob Jake eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte, aber ich wusste, dass das unwahrscheinlich war. Ich würde ihn heute Abend nicht sehen, nicht an zwei Abenden nacheinander. Die CD begann von vorn. Ich lauschte kurz den süßen, traurigen Akkorden von „Rain“, dann schaltete ich den Player aus.

Als ich in die Gasse hinter dem Laden bog, glitten meine Scheinwerfer über die Steinmauer auf der Rückseite des Gebäudes. Ich nahm einen Schimmer wahr, wie von Augen, die in der Dunkelheit aufleuchteten. Verschwommen erhaschte ich ein Bild von etwas Beunruhigendem, von Absätzen, die gerade so eben aus dem Scheinwerferlicht meines Autos verschwanden. Ich trat auf die Bremse.

Hatte ich es mir nur eingebildet?

Ich wartete, den Motor im Leerlauf, den Fuß immer noch auf der Bremse, und die Scheibenwischer quietschten über die Frontscheibe.

Keine Bewegung im Schatten.

Eine Katze, dachte ich.

Eine wirklich große Katze.

Eine wirklich große Katze mit Turnschuhen.

Ich nahm den Fuß von der Bremse und rollte leise auf meinen Parkplatz. Ich zögerte kurz, dann machte ich den Motor aus.

Ein Windstoß wirbelte einen leeren Milchkarton über den Asphalt. Das war das einzige Geräusch, die einzige Bewegung in der Straße.

Ich stieg aus dem SUV und ging ins Haus.

* * * * *

Am nächsten Morgen sah alles nicht mehr so düster aus, aber das lag eher an dem Sonnenschein, der sich durch die bleierne Wolkendecke schob, als an irgendeiner emotionalen Erleuchtung meinerseits.

Ich hatte bei der Zeitarbeitsagentur nach einer Fachverkäuferin als Ersatz angefragt. Und sie hatten mir Mrs. Tum geschickt. Mrs. T war eine winzige, ältliche Dame, die praktisch kein Wort Englisch sprach, was mir einen Einblick darüber verschaffte, wie die Agentur meine Arbeit wahrnahm.

Mrs. Tum schien außerdem von leicht erregbarer Natur. Das stellte ich fest, als sie mir zu erklären versuchte, welches Graffiti sich auf der untersten Treppenstufe vor meiner Tür befand.

Als ich schließlich immer noch nicht „vere-stand“, packte mich Mrs. T mit ihrer puppenhaften Hand und zog mich mit sich nach draußen, so dass ich persönlich und aus allernächster Nähe einen Blick auf meine Schwelle und damit auf etwas werfen konnte, was wie ein mit Blut gezeichnetes Pentagramm aussah.

Kapitel Vier

„Glaubst du immer noch, dass das nur ein harmloser Spaß ist?“, erkundigte sich Jake, nachdem ich meine Anzeige zusammen mit dem uniformierten Streifenpolizisten, der meinen Anruf entgegengenommen hatte, ausgefüllt hatte.

„Hilf mir auf die Sprünge. Wann habe ich jemals gesagt, dass ich diese Scheiße nicht ernst nehme?“

„Ruhig“, murmelte er, denn der Officer kam nach einem kurzen Gespräch mit seinem Kollegen zurück.

„Es ist kein Blut“, informierte mich Officer Hinojosa. „Der Farbton trifft es ziemlich genau, aber es ist Farbe.“

Kein Blut war gut. Sehr gut. Ich stieß die Luft aus, die ich schätzungsweise seit einer Stunde angehalten hatte.

„Kein Blut? Nur … ganz gewöhnliche Farbe, was? Ist es denn in Ordnung, wenn ich den Beweis wegwische? Das Geschmiere zerstört mir irgendwie den Weihnachtsvibe.“ Mit meiner Digitalkamera hatte ich schon mehrere Fotos von dem Kunstwerk gemacht. Obwohl ich nicht davon ausging, dass sie in der nächsten Zeit jemanden finden würden, den man dafür vor Gericht zerren könnte.

Hinojosa schüttelte bedauernd den Kopf. „Das ist Lackfarbe. Schnell trocknend. Ich glaube nicht, dass Sie das abwaschen können. Sie werden es übermalen müssen.“

„Och, mit Farblöser bekommt man das weg“, sagte der andere Uniformierte und gesellte sich zu uns.

„Nicht, wenn es getrocknet ist.“

„Doch, wenn man es noch mit ein bisschen Armschmalz bearbeitet.“

„Nein. Aber vielleicht kann man es mit Betonfarbe übermalen.“

„Oder Sie könnten es mit dem ganz harten Zeug versuchen.“

Es war wie bei Hör mal wer da hämmert (mit Waffen). Nach ein oder zwei Minuten hatte Jake genug und ging in den Laden. Ich wartete noch, bis die beiden fertig waren. Schließlich einigten sie sich auf ein Unentschieden, wünschten mir noch einen schönen Tag, gingen zurück zu ihrem Wagen und fuhren davon.

Ich entdeckte Jake bei der Kaffeemaschine, in die Enge getrieben von Mrs. T.

Ganz sicher war ich mir nicht, warum oder wie Jake auf der Bildfläche erschienen war – schließlich war das hier nur eine Beschwerde wegen Vandalismus – aber ich war froh gewesen, ihn zu sehen. Auf Mrs. T dagegen schien sich diese beruhigende Wirkung nicht zu erstrecken. Ihre Puppenarme fuchtelten durch die Luft, als sei der Knopf ihrer Fernbedienung eingedrückt und festgestellt. Von durchschnittlich zehn Worten ihrer Maschinengewehrsalven konnte ich eins verstehen.

„Welche Sprache ist das?“, fragte Jake gedämpft, als ich mich zu ihnen stellte.

„Ich habe immer gedacht, dass es Spanisch ist, aber langsam fange ich an zu glauben, dass sie in Zungen spricht.“

„Das ist kein Spanisch.“

Ich nickte ernsthaft und lächelte Mrs. T dabei auf die gleiche Art und Weise an, wie ich es Lisa Legionen ausländischer Arbeiter gegenüber hatte tun sehen, wenn sie absolut keine Ahnung hatten, was sie von ihnen wollte.

Sie schüttelte den Kopf ob meiner offensichtlichen Dummheit und stakste davon. Jake nahm seine Sonnenbrille ab und griff nach meiner Kamera. Er sah sich die Fotos auf dem kleinen Display an.

„Was hast du damit vor?“

Mir war klar, dass ich ihm früher oder später alles erzählen musste, also sagte ich: „Ich bin nicht sicher. Ich dachte, ich könnte sie vielleicht Angus‘ Professor an der UCLA zeigen.“

Seine Augen verengten sich, als nähme er mich ins Fadenkreuz.

„Welcher Professor ist das?“

„Van Helsing“, sagte ich aufs Geratewohl, denn ich zögerte (aus welchen Gründen auch immer), Snowden dem Arm des Gesetzes auszuliefern. „Habe ich das nicht erwähnt?“

Er war nicht gerade erfreut. „Ich erinnere mich nicht daran, dass der Name des Professors erwähnt wurde. Mir war nicht klar, dass du den Namen von dem Typen kennst. Willst du mir etwa sagen, dass du schon mit ihm gesprochen hast?“

„Kurz.“

„Warum hast du das getan? Warum hast du mir nicht einfach seinen Namen genannt und mir das überlassen? Denn dafür werde ich schließlich bezahlt.“

Da hatte er Recht, also antwortete ich leicht gereizt: „Ich weiß nicht, Jake. Von meiner persönlichen Erfahrung ausgehend, würde ich sagen, dass es nicht unbedingt eine Spazierfahrt ist, wenn die Polizei an deinem Arbeitsplatz auftaucht und Fragen stellt. Ich wusste nicht, dass eine Belohnung darauf ausgesetzt ist.“

„Belohnung?“ Sein Gesicht verschloss sich. „Das hast du nicht zu entscheiden. Du bist kein Cop. Ich habe dir gesagt, dass ich mit Angus sprechen will, dass ich glaube, dass eine Chance besteht, dass er uns eine Spur zu diesen Morden zeigen kann. Du hast nicht daran gedacht, dass es mich interessieren würde, den Namen des Professors zu erfahren, der mit dieser ganzen Scheiße angefangen hat?“

„Mit der ganzen Scheiße? Du hast mir auch gesagt, dass es wahrscheinlich keine Verbindung zwischen deinem Fall und dem hier gibt.“

„Das Mädchen, dass sie in den Hollywood Hills ausgegraben haben? Ihr Name war Karen Holtzer. Sie war Studentin an der UCLA.“

„Ja? Und hatte sie vielleicht auch noch ein Leben oder andere Interessen außerhalb der UCLA?“

Es kam mir so vor, als würde es ihn wirklich kneifen, dass er nicht daran gedacht hatte, zurück bis zum ursprünglichen Kurs zu gehen, den Angus besucht hatte oder bis zu dem Professor, der ihn gegeben hatte – und dass ich das sehr wohl getan hatte.

Aber ich wollte nicht mit Jake streiten, ich sah ihn schon so selten genug. Ich sagte: „Hör zu“, und informierte ihn genau über alles, was gesagt worden war, und zu wem.

Als ich fertig war, starrte Jake mich an wie eine ihm unbekannte Spezies. „Warum zur Hölle mischst du dich da ein?“, fragte er. „Du bist nicht der Vater von diesem Freak. Oder läuft da auch was zwischen euch?“

Ich gebe zu, dass er mich mit dieser gehässigen Frage kalt erwischte. Mein Magen sackte in die Tiefe, mindestens ein oder auch zwei Stockwerke. Ich blinzelte ihn an und war um Worte verlegen. Ich hatte eine plötzliche Vision vor Augen, ich lag in seinen Armen, feucht und klebrig von seinem Sperma. Glaubte er etwa ernsthaft …?

Er starrte mich an, aber dann wandte er den Blick ab. Er verzog das Gesicht. „Vergiss es.“ Er seufzte. „Adrien, du versuchst, dem Burschen zu helfen, aber im Moment sieht es so aus, als machtest du es nur noch schlimmer, und jetzt hast du dich auch noch selbst zur Zielscheibe gemacht.“

„Das weißt du nicht. Snowden hat vielleicht noch mit niemandem geredet. Das könnte einfach eine Art natürlicher Weiterentwicklung sein.“

Er blieb still. Zu still. Als er sich schließlich anscheinend wieder soweit im Griff hatte, dass er sprechen konnte, sagte er knapp: „Ich sage es dir auf die nette Art. Halt dich da raus.“ Er setzte seine Sonnenbrille wieder auf. Ich sah mich und mein saures Gesicht doppelt gespiegelt. „Verstanden?“

„Kapiert“, stieß ich hervor.

Aber mein Ärger verflog schnell, als er eine Hand ausstreckte, mir schnell und beiläufig durch die Haare wuschelte, bevor er sich umdrehte und ging.

* * * * *

Der Laden hieß Dragonwyck. Wie der Zufall es wollte, war er im gleichen Gebäude, das einst das Café Noir beherbergt hatte. Die pinkfarbenen, mit Stuck versehenen Wände waren mit Efeu, Dornengewächsen und magischen Symbolen bemalt. In der Glasvitrine, in der früher die Speisekarte ausgestellt gewesen war, befand sich jetzt eine Liste mit den Kursen, die in diesem Winterhalbjahr angeboten wurden: Magische Hilfsmittel unter der Leitung von Rhiannon. Träumen und Hellsehen unter der Leitung von Cassandra. Erkennung und Kommunikation von Geistführern unter der Leitung von Ariel.

Ich trat ein und wurde von leiser Sitarmusik und dem Geruch von Räucherstäbchen begrüßt. Der Raum war hell ausgeleuchtet, sauber und gut organisiert, was ich nicht erwartet hatte. Wenn Claudes Geist immer noch hier war, dann zeigte er sich mir nicht. Ordentlich beschriftete Regale waren vollgepackt mit Büchern, Halbedelsteinen, Mineralien, Kristallen, Kerzen, Kerzen, noch mehr Kerzen, Pokalen, Kelchen, Räucherwerk, Ölen und Autoaufklebern:

GÖTTIN AUF DER FLUCHT

MEIN ZWEITWAGEN IST EIN BESEN

HEXEN PARKPLATZ (ALLE ANDEREN WERDEN IN KRÖTEN VERWANDELT)

Eine plump wirkende Frau in mittleren Jahren, ganz in lilafarbene Batikgewänder gehüllt, stand am Tresen. Sie hatte ein freundliches, wie sauber geschrubbt wirkendes Gesicht – gar nicht wie die Zuckerpuppen aus Charmed.

„Sei gesegnet“, begrüßte sie mich.

„Hi“, sagte ich.

„Kann ich dir helfen, etwas zu finden? Kräutertee? Ein Kostüm für ein Mittelalterfest?“ Sie zwinkerte mir zu. „Einen Liebeszauber?“

Der Kräutertee war eine Sache, aber sah ich so aus wie der Typ Mann, der ein mittelalterliches Kostüm kaufen würde?

„Informationen.“

Sie schob ihre Brille mit dem Goldrand die Nase hinab und sah mich prüfend an.

Ich zeigte ihr ein paar Fotos, die ich an meinem Computer vergrößert und ausgedruckt hatte.

Sie starrte lange darauf und runzelte die Stirn. Dann sagte sie: „Das ist ein umgedrehtes Pentagramm. Es symbolisiert den Morgenstern – Venus – und Satan. Darum geht es uns nicht. Wir sind Wiccan. Wir haben mit Satan nichts zu tun.“

Das kam mir bekannt vor. Ich hatte zu diesem Thema vor Jahren an Lesungen teilgenommen. Nichts zog Heranwachsende so sehr an wie das Versprechen von Superkräften. Wenn es jemals ein Kind gegeben hatte mit dem verzweifelten Drang, etwas zu überkompensieren, dann war ich das.

„Tatsächlich kennen wir keine oberste böse Gottheit wie Luzifer oder Satan – oder wie auch immer man ihn nennen will – an“, fügte sie hinzu. „Wir verehren den Gott und die Göttin, die Harmonie von männlich und weiblich. Wir ehren Mutter Erde und die Natur ist uns heilig. Dies …“ Sie sah das Foto an. „Dies hier ist etwas ganz anderes. Das ist … böse.“

„Auf jeden Fall ist es ärgerlich.“

Sie schüttelte den Kopf, beharrte: „Es ist böse.“

„Was bedeutet das Symbol in der Mitte des Pentagramms?“

Sie zögerte. „Ariel“, sagte sie leise und sah an mir vorbei.

Sekundenlang dachte ich, sie meinte damit das Symbol, das Ariel repräsentierte. Den einzigen Ariel, den ich kannte, war der Luftgeist, der Prospero in The Tempest diente, und ich glaube nicht einmal, dass das ein wirklich übernatürliches Wesen war. Hinter mir bewegte sich etwas. Eine andere Wicca erschien, diese war groß, knochig, sommersprossig und trug grün-fließende Batik. Anscheinend hatte sie sich zwischen dem getrockneten Zitronengras und Sassafras herumgedrückt.

Sie erinnerten mich an die Feen in Sleeping Beauty. Kurz war ich versucht zu fragen, wo Merryweather war.

Ariel wehte an mir vorbei und untersuchte die Fotografie, die ihre Schwester ihr hinhielt. Sie erbleichte.

„Die Ars Geotia?“, fragte die Erste nach.

Ariel nickte. Sie sah mich an. „Dieses Symbol ist ein Siegel. Eine persönliche Signatur, die einen Dämon repräsentiert. Einen hochrangigen Dämon.“

Gewisslich wollte ich nicht, dass irgendwelche niederen Dämonen bei mir herumlungerten. „So … was bedeutet das? Ich bin verflucht worden?“

Beide machten diese schnellen, kaum wahrnehmbaren Handbewegungen. Wollten sie den bösen Blick abwehren oder gaben sie mir ein hexenhaftes Highfive?

„Ist dies dein Heim?“, fragte Ariel mit Grabesstimme.

Was hatte ich zu verlieren, wenn ich die Wahrheit erzählte?

„Mir gehört das Grundstück“, gab ich zu.

„Nicht gut“, sagte Ariel zu der anderen. „Cassandra?“

Cassandra schüttelte den Kopf.

„Das ist außerhalb unserer Möglichkeiten“, sagte sie entschuldigend zu mir. „Diese Art der Beschwörung ist nicht unsere.“

„Dann sind wir ja schon zu dritt.“

Ariel sagte zögernd: „Wir könnten dich … an jemanden verweisen.“

„Okay.“ Ein Spezialist. Ich wusste, wie das lief.

Die beiden Wiccan sahen sich an und schienen über ein psychisches Netzwerk Informationen auszutauschen. Cassandra verschwand im Hinterzimmer, das im Café Noir als Küche gedient hatte.

Kurz darauf erschien sie wieder und gab mir eine Visitenkarte. Ich warf einen Blick darauf: eine Nummer in silberner Schrift, sonst nichts.

„Schade niemandem, und tue, was du willst“, sagte Ariel.

„Ein wahres Lebensmotto“, stimmte ich zu.

* * * * *

Ich hinterließ Professor Snowden eine Nachricht im Sekretariat der historischen Fakultät. Ich wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen: vielleicht hatte er noch gar keine Gelegenheit dazu gehabt, mit dem wilden Haufen zu sprechen. Vielleicht hatte er gar nicht die Absicht, mit ihnen zu reden. Oder vielleicht hatte ich mich auch verkalkuliert, und sein Gespräch mit ihnen hatte sie nur noch aggressiver gemacht.

So oder so – weitere Detektivarbeit meinerseits musste warten, bis ich Ersatz für den Laden gefunden hatte.

Mrs. T schien über meine unzulänglichen Versuche, die Vordertreppe zu reinigen, ebenso unglücklich zu sein wie über das ursprüngliche Pentagramm. Sie starrte mich unablässig an und schüttelte traurig den Kopf, als ob sie schon jetzt mein unglückliches Ende vorhersehen könnte. Aber was die Angelegenheit endgültig entschied, war die Tatsache, dass sie – sobald sich ein Kunde der Kasse näherte – hinter mir her sauste und wie verzweifelt die winzigen Hände über dem Kopf zusammenschlug. Die universelle Geste für Der Himmel stürzt ein!

Am Ende des Tages winkten wir uns noch einmal zu. Ich rief die Agentur an und bat um Ersatz. Während ich mir mein Essen in der Mikrowelle auftaute, blätterte ich nachlässig durch die Los Angeles Times.

Vermisster Teenager wahrscheinlich Opfer eines Kults

Ermittler gruben am späten Samstagabend im Eaton Canyon Park eine Leiche aus, deren sterblichen Überreste wahrscheinlich zu einem Teenager gehören, der vor zwei Jahren spurlos verschwand.

Der stark verweste Körper eines jungen weißen Mannes wurde in einem flachen Grab unterhalb eines Baumes entdeckt, in dessen Rinde Symbole eingeritzt waren, denen man eine okkulte Bedeutung zuschreibt. Ähnliche Symbole wurden auf dem Körper des Opfers gefunden. Eine zuverlässige Quelle bestätigte uns, dass das Herz des Opfers entfernt worden war.

Detective James Riordan vom Pasadena Police Department weigerte sich uns gegenüber, über eine mögliche Verbindung zwischen diesem Toten und der Entdeckung einer ähnlich verstümmelten Frauenleiche in den Hollywood Hills im letzten Monat zu spekulieren.

Bis jetzt hat die Polizei in diesem brutalen Mordfall noch keinen Verdächtigen.

Plötzlich war ich gar nicht mehr so hungrig.

Kapitel Fünf

„Ich habe gehört, was passiert ist“, sagte Paul Chan, während ich die Stühle für die Dienstagabend-Schreibgruppe Partners in Crime aufstellte. Chan war Jakes langjähriger Partner im Morddezernat. „Und das, wenn man gerade denkt, man hat schon alles gesehen.“

„Wahrscheinlich hast du schon ziemlich viel gesehen“, antwortete ich abwesend und trat zurück, um meiner Hände Werk zu begutachten.

„Ich fange an zu glauben, dass diese mordenden Freaks überall sind.“

Ich sah ihn an und registrierte endlich, was er sagte. „Wahrscheinlich nicht“, erwiderte ich.

Kurz vor meinen Vorbereitungen für die Gruppe hatte ich noch ein paar Minuten für eine schnelle Internetrecherche abknapsen können: Laut FBI wäre die Nation mit Tausenden und Abertausenden von toten Tieren und toten Menschen überschwemmt, wenn satanische Opfer und Kultmorde wirklich so weit verbreitet wären, wie manche behaupteten. Ein Gemetzel dieser Größenordnung wäre kaum geheim zu halten.

„Das Leben schreibt die verrücktesten Geschichten. Gerade du solltest das wissen“, sagte Chan. Er fügte hinzu: „Hast du gehört, dass sie eine Task-Force zusammenstellen wollen, um diesen Mord in Eaton Canyon aufzuklären?“

Chan war ein täuschend onkelhaft aussehender asiatisch-amerikanischer Mann mittleren Alters. Ich war mir nie ganz sicher, was er von meiner Beziehung zu Jake dachte. Eindeutig wusste er, dass wir eine Art Beziehung hatten, aber er vermied es sorgfältig, sie als etwas anderes als eine normale Freundschaft zu behandeln. Was dem entsprach, wie Jake sich ihm gegenüber geäußert hatte, soweit ich wusste.

„Eine Task-Force?“

„Oh, ja. Jake könnte auch ein Mitglied werden. Das könnte eine hervorragende Gelegenheit sein.“ Er warf mir ein vages verständnisvolles Lächeln zu, das sich vielleicht auf die Tatsache bezog, dass Teufelsanbeter hinter mir her waren, vielleicht aber auch darauf, dass er wusste, dass ich auf Jakes Abschussliste stand.

Wenn sie eine Task-Force zusammenstellten, musste das bedeuten, dass die Symbole auf Baum und Opfer definitiv okkulten Ursprungs waren und dass es eine Verbindung zwischen dem Mädchen aus den Hollywood Hills und der Leiche aus Eaton Canyon gab. Ich schätzte, dass das auch erklärte, warum Jake heute Morgen vor meiner Tür gestanden hatte. Er hatte Antennen für alles, was auch nur vage in eine okkulte Richtung ging.

Ich glaubte nicht daran, dass mein kleines Problem etwas mit einem Mord zu tun hatte – schon gar nicht mit zwei Morden. Ich meine, L.A. ist voller Spinner. Das heißt aber nicht, dass sie sich alle kennen oder der gleichen Kirche angehören, genauso wenig, wie ich jeden Buchverkäufer oder Krimischriftsteller persönlich kenne.

Jetzt kamen auch die anderen, so dass unser Gespräch versiegte. Der Club umfasste jetzt acht Mitglieder. Von diesen acht war es Vieren ernst mit dem Schreiben (lies: sie waren willens, „ihre Kunst zu kompromittieren“), und von diesen Vieren wiederum zeigten drei Ansätze von etwas, das ich als vielversprechend ansah. Diese Meinung basierte auf meiner jahrelangen Erfahrung im Verkauf von Büchern, nicht auf meinem eigenen, unerwarteten und kleinen literarischen Erfolg – obwohl es ironischerweise meine „Glaubwürdigkeit“ als veröffentlichter (gleichwohl unerfahrener) Schriftsteller und nicht als Buchverkäufer war, die von meinen Komplizen geschätzt wurde.

Sie waren allerdings eine nette Truppe, unterstützen sich gegenseitig in ihren Bemühungen, freuten sich gemeinsam über Erfolge und fühlten bei Absagen mit. Heute Abend las unser verheiratetes Schriftsteller-Team, Jean und Ted Finch, aus ihrem Opus Magnum Mord, mimte er.

Ich goss mir eine Tasse Kaffee ein und schnappte mir zum Ausgleich meines Tiefkühlessens, das ich größtenteils in den Müll geworfen hatte, ein paar Haferkekse. Die Kekse waren lecker und so knusprig, dass sie äußerst effektiv Jeans Lesung übertönten. Ich blätterte um, wenn die anderen es taten, und dachte dabei darüber nach, ob ich – falls die Situation sich weiter zuspitzen würde – Angus durch seine Freundin Wanda ausfindig machen könnte. Eigentlich glaubte ich nicht, dass das nötig sein würde. Selbst wenn er am Rande etwas mit dieser Sache zu tun haben sollte, bedeutete das nicht zwangsläufig, dass er irgendetwas Nützliches, das über Gerüchte und Spekulationen hinausging, wissen würde. Normalerweise waren Jakes Instinkte gut, aber seine Sicht auf die Menschheit war ziemlich abgebrüht.

Ich hatte vermutet, dass Wanda mit Angus die Stadt verlassen hatte, aber vielleicht stimmte das gar nicht. Ich versuchte mich zu erinnern, ob er irgendjemanden als Notfallkontakt aufgeschrieben hatte – vielleicht war das Wanda gewesen. Soweit ich wusste, wohnte Wanda bei ihren Eltern, also konnte ich vielleicht da einen Hinweis entdecken.

Da bemerkte ich, dass Jean aufgehört hatte zu lesen. Die Gruppe war bereit für die Diskussion. Die beiden Finches arbeiteten an diesem Monster- beziehungsweise Meisterstück seit zwei Jahren. Die letzte Überarbeitung hatte mit der Wandlung des anfänglichen Nebencharakters Avery Oxford in den Protagonisten zu tun. Ich hatte mit Avery so meine Probleme. Nicht so sehr, weil er vollkommen dem schwulen Stereotyp entsprach, sondern weil ich befürchtete, dass er auf mir basierte. Ja, er war zwar ein Klatschkolumnist aus Hollywood, aber er war fünfunddreißig, 1,80 m groß, schlank, hatte schwarzes Haar, blaue Augen und einen Freund bei der Polizei, der Jack O`Reilly hieß – und er trug ständig meine Klamotten. In der Szene, die ich gerade gelesen hatte, trug er „seine verwaschenen schwarzen Levis-Lieblingsjeans und einen schwarzen Pullover aus Lammwolle über einem frischen weißen T-Shirt“. Also ziemlich genau das, was ich beim Treffen in der letzten Woche getragen hatte.

Also sagte ich möglichst taktvoll: „Ich könnte mich irren, aber ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, Avery zum Protagonisten zu machen, Jean. Ich glaube, ihr solltet beim ursprünglichen Plan bleiben. Ihn umbringen in Kapitel Sieben. Oder sogar noch eher.“

„Ich weiß nicht“, sinnierte Max. „Er ist ein amüsanter kleiner Scheißer.“ Max war ein markanter Vierziger, mit blondem, strubbeligem Haar und blondem, strubbeligem Bart. Attraktiv, schätze ich, jedenfalls für jemanden, den es nicht stört, wenn ein Mann Deodorant und Rasierer als Bedrohung seiner Männlichkeit fürchtet. Er war schon fast aggressiv heterosexuell und schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, jede ungebundene Frau, die neu der Gruppe beitrat, zu daten. Da Grania Joyce, ebenfalls ein Mitglied unserer Gruppe, seine reguläre Bettgenossin war, sorgte das für eine interessante Dynamik.

Ted wandte sich an Jean, deren Gesicht bei meinen Worten eingefallen war. Sie stockte. „Wir haben diese ersten neun Kapitel schon neu geschrieben, um die Entwicklung des neuen Charakters zu spiegeln.“

„Ich glaube nicht, dass seine Figur stark genug ist.“

„Ihr könntet den Cop nehmen“, schlug Chan vor. „O‘Reilly ist eine starke Figur.“

„Wenn einen die Testosteron-Überdosis nicht stört“, spottete Grania. Grania war groß und langgliedrig, mit einer wilden Mähne rotbraunen Haars: das Sinnbild einer Kriegerprinzessin.

„Ich habe kein Problem damit“, sagte Chan.

Ihre Blicke kreuzten sich, machten dieses Lichtschwerter-Ding, und ich unterbrach sie hastig. „Aber seht doch ein, dass es so mehr Sinn macht“, sagte ich schnell. „Es ist glaubwürdiger, wenn ein Cop diese Morde aufklärt. Ich meine, ihr redet darüber, eine Serie daraus zu machen. Wie glaubwürdig soll es dagegen sein, wenn ein Hollywood-Klatschkolumnist ständig über all diese Morde stolpert?“

„Das ist das generelle Problem mit diesen Amateurschnüfflern“, stellte Grania klar. (Grania – natürlich – schrieb über eine knallharte Privatdetektivin). „Das ist immer total künstlich.“

Chan sagte ganz vernünftig: „Ich weiß nicht. In Hollyweird gibt es eine ganze Menge perversen Mist. Ein Klatschkolumnist könnte da schon hineingezogen werden.“

„He, du schreibst selbst über einen schwulen Shakespeare-Schauspieler, der Kriminalfälle löst“, wies Max mich zurecht. „Und du hast die Serie schließlich an diesen verrückten Nischenverlag verkauft.“

Ted fügte hinzu: „Wie glaubwürdig ist es, wenn ein Buchhändler und Krimiautor mithilft, Kriminalfälle zu lösen? Und trotzdem bist schon zweimal in einen Mordfall verwickelt worden, Adrien.“

Jean nickte eifrig. „Du bist wie ein echter Amateurschnüffler. So was passiert. Das Leben schreibt die besten Geschichten.“

„Lass sie schreiben, was sie schreiben wollen“, sagte Max irritiert. „Warum stört es dich?“

„Ich finde nicht, dass Avery … liebenswert ist.“

Jean sah aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen, und als ob ich ein neugeborenes, kostbares Baby beleidigt hätte. „Du magst Avery nicht?“

Ted starrte mich an.

Der ganze Kreis starrte mich an.

„Kein besonders konstruktiver Kommentar, Adrien“, vermerkte Grania.

* * * * *

Als sich schließlich alle verabschiedet hatten, räumte ich die Stühle zusammen und kehrte die Krümel auf, stellte sicher, dass die Seiten- und die Vordertür abgeschlossen waren und stieg die Stufen zu meiner Wohnung hoch.

Ich goss mir einen Drink ein und versuchte mir etwas Unterhaltsames auszudenken, mit dem ich den Rest des Abends verbringen könnte. Eigentlich sehe ich mich nicht als Einzelgänger, aber es ist nun mal eine Tatsache, dass es meistens meine Freunde sind, die mich anrufen. Und ich habe nie wirklich einen Zugang zur Clubszene gefunden. Ich mag keine Menschenmassen. Ich mag Lesen.

Ich hatte einen ganzen Stapel Bücher mit mir hochgenommen. Träge blätterte ich durch ein Exemplar von Rick Copps Schauspielers Leitfaden für Mord. Mir fiel auf, dass viele dieser schwulen Amateurschnüffler Cops als Freunde hatten. Und dass keiner dieser Cops seine Homosexualität besonders geheim hielt. Ich bemerkte auch, dass sie alle erstaunlicherweise völlig damit einverstanden waren, Polizeiinterna mit ihren zivilen Freunden zu teilen. Es war einfach eine Schande, dass Jake diese Bücher nicht las.

Als ich mich gerade so richtig in eine Szene vertiefen wollte, in der Copps‘ Protagonist von seinem braunäugigen, muskulösen Cop-Freund (huch!) ausgeschimpft wurde, weil er seine Nase wieder einmal in polizeiliche Ermittlungen gesteckt hatte, fiel mir aus den Augenwinkeln auf, dass der Anrufbeantworter blinkte. Ich drückte den Knopf und hörte einen hölzernen Professor Snowden, der mir mitteilte, dass ich ihn unter einer bestimmten Nummer erreichen könne. Ich nahm den Hörer und wählte die Nummer, die er mir hinterlassen hatte.

Nach dem vierten Klingeln hob er ab. Er hörte sich abwesend an, als hätte ich ihn bei der Korrektur von Examensarbeiten unterbrochen.

„Hi, hier ist Adrien English.“

Eine Pause entstand. „Oh. Äh ... hallo.“ Pause.

Ich hatte meinen Mund schon geöffnet, um noch einmal Hallo zu sagen – dies schien so eine Art von Konversation zu werden – aber dann sagte Snowden zaghaft: „Es war mir nicht möglich, mit der Person in Kontakt zu treten, von der ich dachte, sie könnte etwas über die Schwierigkeiten unseres gemeinsamen Freundes wissen.“

Der Kerl hörte sich an, als arbeitete er für die CIA. Oder Charles Dickens. Ich sagte: „Tja, ich will Sie nicht unter Druck setzen, aber letzte Nacht hat irgendein Witzbold ein Pentagramm auf die Schwelle meiner Tür gemalt. Die Leute von Dragonwyck scheinen zu denken, dass das gar nicht gut ist.“

Lang gedehntes Schweigen am anderen Ende der Leitung.

„Vielleicht sollten wir uns treffen“, sagte er endlich.

Damit hatte ich kein Problem, solange der Treffpunkt ein öffentlicher Platz am helllichten Tag war – und nicht um Mitternacht am Eaton Canyon. „Klar“, sagte ich. „Wann und wo?“

* * * * *

Mittwochmorgen brachte mir unbeständigen Sonnenschein und Lester Naess. Lester war ungefähr in meinem Alter, sehr dick und ein Schwätzer. Er roch nach Zigaretten und Rasierwasser. Nach kurzer Zeit schon hatte ich alles über seine erste Scheidung, seine zweite Frau und seine Nierenoperation gehört. Wenn man es positiv betrachten wollte, hatte er keine Angst vor dem Umgang mit Kunden. Die Angst entstand ganz auf den Seiten von Otto Normalverbraucher.

Noch vor dem Mittagessen hatte Lester mich auf den neusten Stand hinsichtlich seiner Gallensteine, seiner zweiten Scheidung und seiner jetzigen Freundin gebracht. Unmittelbar nach dem Mittagessen erlitt er etwas, was er mit den Worten “epileptischer Nikotinanfall“ umschrieb. Als er sich erholt hatte, schlüpfte ich kurz für einen Kaffee und einen schnellen Nervenzusammenbruch aus dem Laden. Ich rief Guy Snowden an und sagte ihm, dass ich unser Treffen verschieben müsste.

„Ist etwas passiert?“, fragte er misstrauisch. Wahrscheinlich wegen meines Tonfalls.

Ich versicherte ihm, dass alles in Ordnung sei, obwohl ich mich fragte: Wenn Gottes Wege unergründlich sind, warum sollte sich dann der Teufel nicht genau so gut um eine vorübergehende Anstellung in einer Krimibuchhandlung bemühen?

Nach dem Mittagessen erzählte Lester mir von seiner Angina, seiner Steuerprüfung, seinem ersten Herzinfarkt und den rotzigen Teenagertöchtern seiner Freundin. Ich entschied, dass ein weiterer Tag mit Lester mir ebenfalls Brustschmerzen verursachen würde.

Und rief die Agentur an.

* * * * *

An diesem Abend kam Jake vorbei. Er brachte chinesisches Essen und die Alien vs. Predator DVD mit.

Ich hatte den Laden gerade hinter den schwerfälligen Fersen von Lester abgeschlossen und versuchte, eine Miniaturlichterkette an der Decke anzubringen. Dabei lief die Weihnachts-CD der McGarrigle Schwestern, und vielleicht hörte ich deswegen nicht, dass er mit seinem Schlüssel die Seitentür aufschloss.

Eine Bodendiele knarzte, ich sah hinab, und dieses Mal kam wirklich eine schattenhafte Figur auf mich zu.

„Jesus!“, schrie ich auf und geriet auf meiner Leiter fast aus dem Gleichgewicht.

„Christ!“, fügte Jake hinzu, der ebenfalls erschrocken hochsprang, dabei jedoch eher wie jemand aussah, der cool in den Kampfmodus umschaltete und weniger wie jemand, der kurz davor war, durch die Decke zu springen.

Nachdem diese zärtliche Begrüßung beendet war, beorderte er mich von der Leiter und nahm meinen Platz unter den Deckenbalken ein. Ich nahm unser Essen mit nach oben, leerte die durchgeweichten Pappbehälter in eine Pfanne, um sie später zu erhitzen, und warf einen kurzen Blick auf die DVD.

„Ich setze auf die Aliens“, rief ich und stieg die Treppe wieder hinunter.

„Nö“, rief Jake ernsthaft zurück. „Auf keinen Fall. Alles, was die Aliens haben, ist Blut aus Säure. Die Predatoren haben eine Rüstung und können sich unsichtbar machen.“

Ah ja. Mir wurde klar, warum Jake für die Predatoren stimmte. Es geht doch nichts über Unsichtbarkeit, wenn man sie braucht.

Er hatte es schon geschafft, die Lichter im hinteren Teil des Ladens aufzuhängen. Ich wühlte die Girlande aus künstlichen Pinienzapfen aus einem der staubigen Pappkartons hervor und drapierte sie kunstvoll über dem ebenfalls künstlichen Kamin. Wir arbeiten gemeinsam eine ganze Zeit lang in kameradschaftlichem Schweigen. Kein Wort über seinen Fall, kein Wort über meinen eigenmächtigen Vorstoß. Musik erfüllte den Laden.

„Rufus Wainwright?“, erkundigte er sich, als „What Are You Doing On New Year‘s Eve“ durch den Canyon der Buchregale flüsterte.

„Ja.“

Er grunzte missbilligend.

„Hey, was meinst du. Hast du Lust, mit zu dieser Hochzeit zu gehen?“, fragte ich möglichst beiläufig. „Ich könnte ein bisschen moralische Unterstützung gebrauchen.“

Einen Moment lang schwieg er. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, die obere Hälfte seines Körpers war im Schatten.

Hastig ergänzte ich: „Ich meine, als ganz normaler Gast. Als Lisas Freund.“ Das hieß, nicht als mein persönlicher Gast, und das wiederum hieß, dass seine Hetero-Tarnung nicht auffliegen würde.

„Äh, sicher“, sagte er vage. „Das könnte ich tun.“ Er beugte sich vor und sah mich an. „Wie sieht das aus?“

„Großartig.“

Er warf mir das Verlängerungskabel zu. „Versuche mal, das einzustöpseln.“

Die Steckdose befand sich hinter dem großen Mahagoni-Tresen, der einst als Empfangstresen des Hotels gedient hatte. Ich steckte den Stecker hinein und spürte augenblicklich, wie ein komischer, an- und abschwellender Stoß durch meinen Körper schoss. Das Kabel fiel mir aus der Hand, obwohl ich – glaube ich – meine Finger nicht bewusst bewegt hatte.

„Scheiße! Ich habe einen Schlag bekommen.“ Ich hockte mich mit viel zu schnell hämmerndem Herzen nach hinten auf meine Fersen, dachte Scheiße, Scheiße, Scheiße. Nicht gut …

„Geht es dir gut?“ Jake sprang von der Leiter, lief um den Tresen herum und hockte sich mit angespanntem Gesicht vor mich.

Ich wartete, ob mein Herz aufhören würde, zu stolpern und zu stottern. Es galoppierte weiter, und versuchte, der Gefahr davon zu laufen.

„Okay, Baby?“

Ich holte probeweise Luft, nickte.

Er legte seine schwielige Hand an meine Wange und hob mein Gesicht an, so dass unsere Augen sich trafen.

„Sicher?“

„Ich glaube schon.“

„Warum lehnst du dich nicht an?

Ich ließ mich zu Boden sinken und lehnte mich behutsam an den Tresen. Ich holte noch mal vorsichtig Luft. Mein Herz verlangsamte sich. Ich entschied, dass es mir gut ging, nur der Schreck saß mir noch in den Knochen. Und meine Hand kribbelte immer noch. Ich ballte sie zur Faust.

„Du hast Glück gehabt, dass du das Kabel losgelassen hast. Das passiert nicht immer.“

Ich nickte. Glücklich, dass ich das Kabel losgelassen hatte. Nicht so glücklich, dass ich einen Elektroschock bekommen hatte. Ich dachte an das Pentagramm auf meiner Türschwelle.

Jake beäugte mich wie auf der Suche nach einem Konstruktionsfehler. Ich grinste ihn schief an.

„Beruhige dich.“

Ich nickte. „Sorry. Habe mir irgendwie selbst Angst eingejagt.“

„Ohne Scheiß.“ Er runzelte die Stirn. „Was hast du gemacht?“

„Nichts. Es lag nicht an mir. Niemand hat was gemacht. Die Leitungen sind alt, das ist alles.“

Sein Mund zuckte.

„Die vom Gebäude. Nicht meine!“, stellte ich klar.

An diesem Abend war das Vögeln eher ein Liebemachen. So langsam und so süß. Wir ließen uns viel Zeit beim Streicheln, Petting, Küssen. Hände strichen durch Haare, brachten Gesichter einander näher, dazu der Geschmack von Lippen und Zungen, sanfte Bisse und leises Atmen und träges, genießerisches Schlucken. Freundliches Nasenstupsen, Wimpernschläge, der langsame, stille Austausch von Atemzügen. Ein kleiner Kokon aus sinnlichem Entzücken – und vielleicht noch etwas mehr.

Aber schließlich pressten wir uns aneinander, Lust verknüpfte sich mit Hunger und Leidenschaft und dem Verlangen, das immer ganz nah an der Angst war. Ich legte die Arme um ihn, seinen breiten, muskulösen Rücken, wölbte mich ihm entgegen und spürte die harte Sonde seines Schwanzes an meinem Bauch. Keine Fragen mehr jetzt, die Antworten waren zu offensichtlich.

Jake murmelte in mein Ohr: „Mein Gott, ich …“

„Ich auch.“

Ich rutschte mit gespreizten Knien nach hinten, lächelnd trotz meiner Müdigkeit, und meine Fingerspitzen glitten über die flache harte Ebene seiner Brust und griffen wieder nach ihm.

Aber er drückte er mich ohne Grobheit nach hinten in die Kissen. „Nee. Entspann dich einfach.“

Nee? „Aber …“

„Halt … einfach die Klappe …“ Er beugte sich über mich, suchte meinen Mund und küsste den Worten den Stachel weg. „Und … entspann dich.“ Seine Lippen wanderten sacht mein nacktes Fleisch hinab, pressten winzige, schmelzende Küsse auf mein Kinn, meinen Hals, Schlüsselbein, Brustkorb, Bauch, die empfindliche Verbindung von Leiste und Oberschenkelinnenseite. Ich erschauerte. Er hatte noch nie … würde er …?

„Sehr hübsch, Adrien“, flüsterte er. „Jeder Zentimeter von dir.“ Und er küsste den Kopf meines Schwanzes, der sich peinlicher Weise ihm entgegen zu strecken schien.

Ich lachte zittrig, aber mein Lachen erstarb, als sein feuchter, heißer Mund sich um mich schloss. Meine Hände flatterten an meine Seiten – halb protestierend (obwohl: was gab es da verdammt noch mal zu protestieren?) – halb flehend, und umklammerten die Laken.

Jakes Zunge fuhr über den Schlitz, kostete. Ich schnappte nach Luft, überwältigt und ängstlich darauf bedacht, nichts zu sagen, was diesen Zauber zerstören würde. Seine Lippen verengten sich um meinen Schaft und ich versuchte, mich nicht aufzubäumen. Ich spürte sein Lächeln, spürte seine Finger, die sich um meine Eier schlossen und zudrückten.

Jetzt bäumte ich mich auf, schnappte nach Luft. „Jake!“

„Genau hier. Was brauchst du?“

Oh, ich wollte nicht, dass er redete. Konnte es nicht ertragen, geneckt zu werden. Konnte es nicht ertragen, dass er das fiebrige Auf- und Abgleiten unterbrach.

Ich stöhnte und wurde augenblicklich wieder von dieser glitschigen, saugenden Hitze umhüllt. Süßes Pulsieren der Lust, als sein Mund an meiner Länge sog und mich tiefer in sich zog … der Druck seiner Zunge auf der empfindsamen Unterseite meiner Eichel … Er nahm mich ganz in den Mund und saugte kräftig, und meine Hände legten sich wie von selbst auf seine Schultern, drückten und drängten ihn.

Aber Jake ließ sich Zeit, als hätten wir die ganze Nacht. Behutsam und unnachgiebig zugleich, und am Ende war die Intensität des Gefühls so stark, dass es mir die Tränen in die Augen treib. Der Höhepunkt war ein köstlicher Schock der Erleichterung, der mich hoch nach oben in seinen Mund trieb und sich in kräftigen, langen Schüben ergoss, und sich anfühlte, als würde ich den Saft des Lebens selbst verströmen.

Ich legte meinen Unterarm über das Gesicht, damit er die Tränen nicht sah, aber Jake zog mich in seine Arme und suchte meinen Mund. Er schmeckte wie ich und nach ihm selbst.

Alles, was ich wollte, war schlafen, aber ich zwang mich dazu, „Und was ist mit Dir, Jake?“ zu murmeln.

„Mir geht es gut. Schlaf jetzt“, sagte er und machte es uns gemütlich. Er schmiegte sein Gesicht in die Kuhle an meinem Hals und lag ganz still.

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
05 August 2024
Volume:
340 p. 1 illustration
ISBN:
9783960894001
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Bookwire
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