Read the book: «Joseph Conrad: Das Ende vom Lied – Weihe – Hart of Darkness:»

Font::

Joseph Conrad

Joseph Conrad: Das Ende vom Lied – Weihe – Hart of Darkness:

Band 173 in der maritimen gelben Buchreihe

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort des Herausgebers

Der Autor Joseph Conrad – 1857 – 1924

Das Ende vom Lied

II

III

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

Weihe

Heart of Darkness

Seemännische Umgangssprache und Fachausdrücke

Erwähnte Schiffe, Pontons, Bohrinseln etc

Die maritime gelbe Buchreihe

Weitere Informationen

Impressum neobooks

Vorwort des Herausgebers

Vorwort des Herausgebers


Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche, ein Hotel für Fahrensleute mit zeitweilig 140 Betten.


In dieser Arbeit lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.

1992 begann ich, meine Erlebnisse bei der Begegnung mit den Seeleuten und deren Berichte aus ihrem Leben in dem Buch ‚Seemannsschicksale’ zusammenzutragen, dem ersten Band meiner maritimen gelben Reihe „Zeitzeugen des Alltags“.

Insgesamt brachte ich bisher über 3.800 Exemplare davon an maritim interessierte Leser und erhielt etliche Zuschriften zu meinem Buch.

Ein Schifffahrtsjournalist urteilte über Band 1: “...heute kam Ihr Buch per Post an - und ich habe es gleich in einem Rutsch komplett durchgelesen. Einfach toll! In der Sprache des Seemannes, abenteuerlich und engagiert. Storys von der Backschaftskiste und voll von Lebenslust, Leid und Tragik. Dieses Buch sollte man den Politikern und Reedern um die Ohren klatschen. Menschenschicksale voll von Hochs und Tiefs. Ich hoffe, dass das Buch eine große Verbreitung findet und mit Vorurteilen aufräumt. Da ich in der Schifffahrtsjournalistikbranche ganz gut engagiert bin, ...werde ich gerne dazu beitragen, dass Ihr Buch eine große Verbreitung findet... Ich bestelle hiermit noch fünf weitere Exemplare... Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit dem Buch, - das wirklich Seinesgleichen sucht...“ Uwe V.

Diese Rezension findet man bei amazon: Ich bin immer wieder begeistert von der „Gelben Buchreihe“. Die Bände reißen einen einfach mit und vermitteln einem das Gefühl, mitten in den Besatzungen der Schiffe zu sein. Inzwischen habe ich ca. 20 Bände erworben und freue mich immer wieder, wenn ein neues Buch erscheint. Danke, Herr Ruszkowski.

Diese positiven Reaktionen auf den ersten Band und die Nachfrage ermutigen mich, in weiteren Bänden noch mehr Menschen vorzustellen, die einige Wochen, Jahre oder ihr ganzes Leben der Seefahrt verschrieben haben.

Diese Zeitzeugen-Buchreihe umfasst inzwischen über 150 maritime Bände.

Dieser Band 173 würdigt den in der heutigen Ukraine gebürtigen Polen und späteren britischen Staatsbürger, den Nautiker und Schriftsteller Joseph Conrad, den Klassiker maritimer Weltliteratur. Seine tiefsinnigen Erzählungen sind voller spannender Dramatik und vermögen auch heute noch nach weit über hundert Jahren Seeleute und maritim interessierte Leser tief zu berühren. Nur einige wenige seiner Erzählungen von Erlebnisse auf See werden in diesem Band wiedergegeben.

Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski


Ruhestands-Arbeitsplatz

Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers

* * *

Der Autor Joseph Conrad – 1857 – 1924

Joseph Conrad – 1857 – 1924


Ein Leben als Seefahrer und Literat

Text und Fakten stammen vorwiegend aus

https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Conrad

* * *

Joseph Conrad (ursprünglich Josef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski) wurde am 3. Dezember 1857 als Sohn polnischer Eltern in Berdyczów (Berdytschiw) unweit von Kiew (heute Ukraine) geboren, das bis 1793 polnisch gewesen war und nach der zweiten Teilung Polens unter russische Herrschaft kam.


Wappen von Berdytschiw

– Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges lebten in dieser Gegend der ukrainischen Sowjetrepublik noch viele Polen. Sie wurden unter Stalin nach der Westverschiebung Polens in ehemals deutschen Landschaften zwangsweise umgesiedelt. –

Conrads Vater, Apollo Korzeniowski, war Schriftsteller und polnischer Patriot, der William Shakespeare und Victor Hugo ins Polnische übersetzte. Er regte seinen Sohn an, polnische und französische Literatur zu lesen. Aufgrund seines Engagements für die Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit wurde der Vater 1861 verhaftet, zunächst im X. Pavillon der Zitadelle Warschau eingekerkert und neun Monate später ins nordrussische Wologda verbannt, wohin ihn seine Ehefrau Ewelina (geborene Bobrowska) und sein Sohn begleiteten. 1865 starb dort Conrads Mutter (Josef war erst acht Jahre alt). Der Vater wurde aus der Verbannung schließlich entlassen, wohnte noch kurze Zeit in Krakau, wo Conrad das Gymnasium besuchte, und starb 1869 (Josef war also mit 11 Jahren Vollwaise).

Das Sorgerecht für das damals elfjährige Kind erhielt dessen Onkel Tadeusz Bobrowski. Er erlaubte dem sechzehnjährigen Jugendlichen 1874 ins französische Marseille zu gehen, um Seemann zu werden.


Denkmal für Joseph Conrad in Gdynia, Polen – 10. August 2004

© 2004 by Tomasz Sienicki [user: tsca, mail: tomasz.sienicki (at) gmail.com] – Eigenes Werk

* * *

Das Ende vom Lied

Das Ende vom Lied

https://www.projekt-gutenberg.org/conrad/endelied/endelied.html

I


http://www.photoship.co.uk/

Noch lange, nachdem der Dampfer „SOFALA“ Kurs auf das Land zu genommen hatte, war die morastige Küste als ein dunkler Rauchstreifen hinter dem Band aus Schaum erschienen. Es war, als ob Sonnenstrahlen mit größter Gewalt auf die ruhige See fielen, als ob sie auf der Oberfläche in glitzernden Dunst zerstäubten, in ein fast greifbares Licht, das das Auge blendete und das Hirn mit seinem grellen Flackern ermüdete.

Kapitän Whalley sah nicht auf die See. Als sein Serang sich dem geräumigen Rohrstuhl, den der Kapitän wuchtig ausfüllte, genähert und mit leiser Stimme gemeldet hatte, dass der Kurs umgesteuert werden müsse, da war Kapitän Whalley sofort aufgestanden und, das Gesicht geradeaus gerichtet, stehengeblieben, während das Vorderende seines Schiffes einen Viertelkreisbogen beschrieb. Er hatte kein einziges Wort ausgesprochen, hatte nicht einmal den Befehl gegeben, das Ruder zu stützen. Es war der Serang, ein ältlicher, flinker, kleiner Malaie mit sehr dunkler Haut, der murmelnd dem Steuermann den Befehl gab. Und dann setzte sich Kapitän Whalley langsam wieder in den Armstuhl auf der Brücke und sah starr auf das Deck zu seinen Füßen.

Er konnte nicht hoffen, in diesen Gewässern etwas Neues zu sehen. Er hatte während der letzten drei Jahre immer die gleichen Küsten befahren; von Low Cape nach Malantan waren es fünfzig Meilen, sechs Stunden Fahrt für das alte Schiff mit der Flut, oder sieben dagegen. Dann steuerte man das Land an, und allmählich erschienen dann drei Palmen am Himmel, hoch und schmächtig, die flatterigen Köpfe zusammengesteckt, wie zu einem heimlichen Klatsch über die dunklen Mangroven. Die „SOFALA“ hielt auf den dunklen Küstenstreifen zu, der in einem gegebenen Augenblick, wenn das Schiff nahe genug heran war, verschiedene leuchtende Einbuchtungen aufwies – die Mündung eines hochgehenden Flusses. Dann arbeitete sich die „SOFALA“ stromaufwärts durch eine braune Flüssigkeit, drei Teile Wasser und ein Teil schwarze Erde, zwischen niedrigen Ufern hin, drei Teile schwarze Erde und ein Teil Brackwasser, wie sie es einmal in jedem Monat, durch sieben Jahre hindurch oder noch länger getan hatte, lange bevor Kapitän Whalley von ihrem Dasein gewusst, lange bevor er daran gedacht hatte, er könnte jemals etwas mit ihr und ihren unabänderlichen Reisen zu tun haben. Das alte Schiff hätte den Weg besser kennen müssen als die Besatzung, die nicht so lange Zeit ohne Veränderung dabeigeblieben war; besser auch als der treue Serang, den Whalley von seinem letzten Schiff mitgebracht hatte, um die Kapitänswache zu halten; besser als Whalley selbst, der ja erst seit drei Jahren befehligte. Man konnte sich immer auf die „SOFALA“ verlassen, dass sie ihre Fahrten machen würde. Ihre Kompasse wurden kaum gebraucht.


Es machte durchaus keine Mühe, sie herumzuführen; es schien, als hätte ihr ihr hohes Alter Erkenntnis, Weisheit und Ruhe beschert. Sie kam auf einen Grad der Peilung genau in Sicht des Landes, und fast auf die Minute pünktlich nach dem Fahrplan. Kapitän Whalley konnte in jedem Augenblick, während er, ohne aufzusehen, auf der Brücke saß oder schlaflos in seinem Bett lag, sagen, wo er sich befand, und den genauen Standort angeben, indem er einfach die Tage und Stunden nachzählte. Auch er kannte sie gut, diese ewig gleichbleibende Hausierer-Tour, die Meerengen hinauf und herunter. Er kannte die Reihenfolge, die Aussichten und das Land. Als erstes Malakka, bei Tageslicht hinein, in der Dämmerung heraus, um dann, ein steifes, phosphoreszierendes Kielwasser hinter sich, diese Hauptstraße des Fernen Ostens zu überqueren. Dunkelheit und ein Leuchten da und dort über den Wassern, helle Sterne an einem schwarzen Himmel, vielleicht noch die Lichter eines heimwärts fahrenden Dampfers, der gerade in der Mitte seinen festen Kurs steuerte, oder auch der undeutliche Schatten eines Eingeborenenfahrzeuges, das unter Mattensegeln vorbeiflitzte – und bei Tageslicht das niedrige Land auf der anderen Seite in Sicht. Um Mittag die drei Palmen des nächsten Anlegeplatzes, am Oberlauf eines trägen Flusses. Der einzige Weiße, der dort hauste, war ein junger Seemann im Ruhestand, mit dem sich Whalley im Laufe vieler Reisen angefreundet hatte. Sechzig Meilen weiter war wieder ein Anlegeplatz, eine tiefe Bai, an deren Ufer nur ein paar Häuser standen. Und so weiter, hinein und heraus, wobei man der Küste entlang etwas Ladung einnahm; das Ende bildete eine ununterbrochene Fahrt von etwa hundert Meilen durch ein Gewimmel kleiner Inselchen, bis zu einer großen Eingeborenenstadt am Ende des Kurses. Dort gab es dann drei Tage Rast für das alte Schiff, vor dem Aufbruch in entgegengesetzter Richtung, wobei man dann dieselben Ufer in umgekehrter Reihenfolge sah, dieselben Stimmen an denselben Orten hörte; bis zum Heimathafen der „SOFALA“, an der großen Hauptstraße zum Osten, wo Kapitän Whalley dann fast gegenüber den großen Steinhäusern des Hafenamtes ein Zimmer nahm, bis es wieder Zeit wurde, die alte Rundfahrt über sechzehnhundert Meilen in dreißig Tagen anzutreten. Kein sehr aufregendes Leben das für Kapitän Whalley, Henry Whalley, auch Teufels-Harry genannt – den Whalley vom „KONDOR“, der seinerzeit ein berühmter Schnellsegler gewesen war.


Nein, kein sehr aufregendes Leben für einen Mann, der berühmten Firmen gedient, berühmte Schiffe (von denen mehr als eines sein Eigentum gewesen war) gesegelt, der berühmte Überfahrten gemacht hatte; der Pionier neuer Routen und neuer Handelszweige gewesen war, unerforschte Gebiete der Südsee durchkreuzt und die Sonne über Eilanden aufgehen gesehen hatte, die auf keiner Karte standen. Fünfzig Jahre zur See und vierzig Jahre im Osten (‚eine recht gründliche Lehrzeit’, pflegte er lächelnd zu bemerken) hatten ihn einer Generation von Reedern und Händlern in Ehren bekannt gemacht, von allen Häfen von Bombay ab bis dorthin, wo an der Küste der beiden Amerika der Osten in den Westen verläuft. Sein Ruhm blieb auf den Admiralitätskarten aufgezeichnet, nicht sehr hervorstechend, aber doch deutlich genug. Gab es nicht irgendwo zwischen Australien und China ein Whalley Island und ein Kondor-Riff? Auf jener gefährlichen Korallenformation war der berühmte Schnellsegler drei Tage lang gestrandet festgesessen; der Kapitän und die Mannschaft hatten sozusagen mit einer Hand die Ladung über Bord geworfen und mit der anderen eine Flottille von Kriegskanus der Eingeborenen abgewehrt. Damals führten weder das Eiland noch die Klippe ein amtlich anerkanntes Dasein. Später erkannten die Offiziere I. M. Dampfschiffs „FÜSILIER“, ausgeschickt, um die Route aufzunehmen, die Tat des Mannes und die Festigkeit des Schiffes an, indem sie die beiden Namen beibehielten. Überdies beginnt ja, wie jedermann, dem daran liegt, sehen kann, das ‚Allgemeine Handbuch’, Vol. II, Pag. 410, die Beschreibung der ‚Malotu- oder Whalley-Passage‘ mit den Worten: „Diese vorteilhafte Route, die zuerst von Kapitän Whalley in dem Schiff „KONDOR“ im Jahre 1850 entdeckt wurde...“ und endet mit einer warmen Empfehlung dieser Route für Segelschiffe, die aus chinesischen Häfen in den Monaten Dezember bis April nach Süden auslaufen.

Das war der ersichtliche Gewinn gewesen, den er vom Leben gehabt hatte. Nichts konnte ihm diese Art Ruhm nehmen. Der Durchstich der Landenge von Suez hatte, wie der Durchbruch eines Damms, eine Überschwemmung des Ostens durch neue Schiffe, neue Menschen, neue Handelsmethoden zur Folge gehabt. Das Gesicht der östlichen Meere, wie auch der Kern ihres Lebens waren dadurch geändert worden, so dass Kapitän Whalleys frühere Erfahrungen der neuen Generation von Seeleuten nichts mehr bedeuteten.

In jenen verklungenen Tagen hatte er viele tausend Pfund von seiner Reeder und seinem eigenen Geld in Händen gehabt. Er hatte getreulich, wie es das Gesetz von einem Kapitän erwartet, die einander widerstreitenden Interessen der Reeder, Befrachter und Versicherung vertreten. Er hatte nie ein Schiff verloren oder sich zu einer zweideutigen Handlung hergegeben; und er hatte gut ausgehalten und schließlich sogar die Vorbedingungen überdauert, die die Entstehung seines guten Namens ermöglicht hatten. Er hatte sein Weib begraben (im Golf von Petschili), hatte seine Tochter an den Mann ihrer unglücklichen Wahl verheiratet und ein sehr stattliches Vermögen beim Bankrott des bekannten Travancore-Dekhan-Bankvereins verloren, dessen Sturz den Osten wie ein Erdbeben erschüttert hatte. Und er war fünfundsechzig Jahre alt.

* * *

II

II

Sein Alter drückte ihn nicht schwer; und seines Ruins schämte er sich nicht. Er war nicht der einzige gewesen, der an die unbedingte Sicherheit des Bankvereins geglaubt hatte. Leute, deren Urteil in Geldangelegenheiten so zuverlässig schien, wie das seine in allem, was die See betraf, hatten gemeint, er habe sein Geld gut angelegt, und hatten selbst bei dem großen Zusammenbruch viel Geld verloren. Der einzige Unterschied zwischen ihm und ihnen war, dass er alles verloren hatte. Und doch nicht alles. Von seinem verlorenen Vermögen war ihm eine sehr hübsche kleine Bark „FAIR MAID“ übriggeblieben, die er gekauft hatte zum Zeitvertreib für die Jahre, in denen er sich vom Dienst zurückgezogen haben würde – als Spielzeug, wie er es selbst nannte.


Dass er der See müde sei, hatte er ausdrücklich in dem Jahre vor der Verheiratung seiner Tochter erklärt. Als aber das junge Paar weggezogen war, um sich in Melbourne niederzulassen, hatte er entdeckt, dass er an Land doch nicht glücklich werden könne. Er war zu sehr Kapitän der Handelsmarine, als dass ihn bloßer Jachtsport hätte befriedigen können. Er wünschte wenigstens den Anschein von Geschäften beizubehalten; und die Erwerbung der „FAIR MAID“ gewährleistete ihm die Möglichkeit, sein Leben fortführen zu können. Seinen Bekannten in verschiedenen Häfen stellte er sie als ‚mein letztes Kommando’ vor. Wenn er einmal zu alt geworden war, dass man ihm weiterhin hätte ein Schiff anvertrauen dürfen, dann wollte er sie abtakeln und an Land gehen, um sich begraben zu lassen, in seinem Testament aber die unbedingte Verfügung hinterlassen, dass am Begräbnistage die Bark hinausgeschleppt und in tiefem Wasser sauber versenkt werden sollte. Seine Tochter würde ihm sicher nicht die Erfüllung seines Wunsches verwehren, dass kein Fremder nach ihm sein letztes Kommando in die Hände bekommen würde. Bei dem Vermögen, das er ihr hinterlassen konnte, spielte der Wert einer Fünfhundert-Tonnen-Bark keine Rolle. All dies pflegte er mit einem lustigen Augenzwinkern zu erzählen; der rüstige alte Mann hatte zu viel Lebenskraft, um ein schmerzliches Bedauern aufbringen zu können; ein wenig Wehmut klang vielleicht doch mit, denn er fühlte sich im Leben zu Hause und fand ehrliche Freude an seinen Gefühlen und Genüssen; an seinem eigenen ehrenwerten Ruf und seinem Reichtum, an der Liebe für seine Tochter und der Zufriedenheit mit dem Schiff – dem Spielzeug seiner einsamen Mußezeit.

Die Kajüte hatte er sich mit all der Bequemlichkeit einrichten lassen, die sein eigener einfacher Geschmack, ihm zur See zu erlauben schien. Ein großer Bücherkasten (er war leidenschaftlicher Leser) nahm eine Seite der Staatskabine ein. Das stark nachgedunkelte Ölbildnis seiner verstorbenen Frau, auf dem das Profil und eine lange Ringellocke eines jungen Weibes zu erkennen waren, hing seiner Bettstelle gegenüber. Drei Chronometer tickten ihn in den Schlaf und begrüßten ihn beim Erwachen mit dem dünnen Stimmendurcheinander ihrer Gangwerke. Er stand jeden Tag um fünf Uhr auf.


Der Offizier von der Morgenwache, der achtern beim Rad seinen Frühkaffee trank, konnte durch die weite Mündung der Kupferventilatoren all das Plätschern, Schnauben und Sprudeln von seines Kapitäns Morgentoilette hören. Diese Geräusche waren unweigerlich von einem gleichtönigen, tiefen Murmeln gefolgt: der Kapitän sprach mit ernster Stimme das Vaterunser. Fünf Minuten später tauchten sein Kopf und seine Schultern aus der Kajütenluke auf. Unbeweglich hielt er eine Zeitlang auf der Treppe an und sah ringsum nach dem Horizont, nach oben, nach der Segelstellung, und zog dabei in tiefen Zügen die frische Luft ein. Dann erst pflegte er auf die Hütte hinaufzugehen und, während der Offizier grüßend die Hand an den Mützenrand legte, mit einem majestätischen und wohlwollenden „Guten Morgen“ zu antworten. Bis acht Uhr schritt er gewissenhaft das Deck ab. Manchmal, doch nicht öfter als zweimal im Jahre, musste er dabei einen starken, keulenartigen Stock gebrauchen, wegen einer kleinen Steifheit in der Hüfte, eines Anflugs von Rheumatismus, wie er annahm. Im Übrigen wusste er nichts von den Übeln des Fleisches. Beim Klang der Frühstücksglocke ging er hinunter, um seine Kanarienvögel zu füttern, die Chronometer aufzuziehen und den Platz am Kopfende des Tisches einzunehmen. Von dort aus hatte er die großen Lichtbilder seiner Tochter, ihres Gatten und zweier dickbeiniger Babys – seiner Enkelkinder – vor Augen, die in schwarzen Rahmen in das Ahornholz der Wandverkleidung eingelassen waren. Nach dem Frühstück pflegte er das Glas über diesen Bildern selbst mit einem Tuch abzuwischen und das Ölbild seiner Frau mit einem Federwisch abzustauben, der an einem kleinen Messinghaken neben dem schweren Goldrahmen hing. Dann schloss er die Tür seiner Staatskabine hinter sich und setzte sich auf das Ruhelager unter dem Bild, um ein Kapitel aus einer dicken Taschenbibel, ihrer Bibel, zu lesen. An manchen Tagen aber saß er nur eine halbe Stunde da und hielt die Finger zwischen den Blättern und das geschlossene Buch auf dem Knie. Vielleicht hatte er sich plötzlich daran erinnert, wie sehr sie das Segeln geliebt hatte.

Sie war ein guter Schiffskamerad und eine echte Frau gewesen. Für ihn war es ein Glaubenssatz, dass es niemals ein helleres, traulicheres Heim zur See oder zu Lande gegeben hatte oder geben konnte, als sein Heim unter dem Hüttendeck des „KONDOR“, mit der großen Hauptkajüte, die ganz in Weiß und Gold gehalten und wie für ein immerwährendes Fest von einer unverwelklichen Blumenkette umzogen war. Sie selbst hatte die Mitte jedes Feldes in der Vertäfelung mit einem Strauß heimatlicher Blumen geschmückt. Es hatte sie zwölf Monate gekostet, um mit dieser liebevollen Arbeit um die ganze Kajüte herumzukommen. Ihm war es als ein Wunderwerk der Malerei erschienen, unübertrefflich vollendet in der geschmackvollen Ausführung; und der alte Swimburne gar, sein Erster Offizier, blieb, sooft er zu den Mahlzeiten herunter kam, wie angenagelt stehen und bewunderte das Fortschreiten des Werkes. „Man könnte diese Rosen beinahe riechen“, erklärte er und schnüffelte den leisen Terpentingeruch ein, der damals den Salon durchzog und (wie der Alte nachher gestand) ihm mitunter ein wenig die Freude am Essen genommen hatte. Nichts Derartiges aber stand dem Genuss im Wege, den er an ihrem Singen fand. „Frau Whalley ist eine wirklich vollkommene Nachtigall, Herr“, pflegte er sachverständig zu bemerken, nachdem er über das Oberlicht gebeugt ein Stück bis zu Ende angehört hatte. Bei gutem Wetter konnten die beiden Männer während der zweiten Wache ihre Triller und Läufe hören, die mit Klavierbegleitung aus der Kajüte drangen. Am Tage ihrer Verlobung hatte er nach London um das Instrument geschrieben; sie waren aber mehr als ein Jahr verheiratet, als es sie endlich erreichte. Die große Kiste bildete einen Teil der ersten Ladung, die ohne Umladen um das Kap herumgekommen war und im Hafen von Hongkong gelöscht wurde – ein Ereignis, das den Männern, die jetzt über die geschäftigen Quais schreiten, schattenfern schien wie vorgeschichtliche Zeitalter. Kapitän Whalley aber konnte während der Stunde der Einsamkeit sein ganzes Leben wieder durchleben, mit seiner Romantik, seinen stillen Freuden und seinen Schmerzen. Er selbst hatte seiner Frau die Augen schließen müssen. Sie ging unter der Flagge über Bord, wie eine rechte Seemannsfrau, sie selbst im Herzen ein Seemann. Er hatte über ihr das Totengebet gelesen, aus ihrem eigenen Gebetbuch, und die Stimme war ihm nicht gebrochen. Wenn er die Augen hob, hatte er den alten Swimburne sehen können, der ihn ansah und die Mütze an die Brust gedrückt hielt und dessen runzeliges, wetterverbranntes Gesicht von Wasserperlen triefte wie ein rohbehauener roter Granitblock in einem Regenschauer. Für den alten Seebären war es ganz recht zu weinen. Er selbst aber musste bis zu Ende lesen; allerdings erinnerte er sich nicht mehr, was einige Tage nach dem Aufklatschen geschehen war. Ein älterer Matrose aus der Mannschaft, der nähen konnte, hatte für das Kind aus einem der schwarzen Kleider der Mutter ein Trauerkleidchen zurechtgemacht.

Kapitän Whalley glaubte, nicht vergessen zu können. Aber das Leben lässt sich nicht aufstauen, wie ein träger Strom. Es bricht durch und überflutet eines Mannes Kummer, es schließt sich über einem Schmerz, wie die See über einem toten Leib, ganz gleich, wieviel Liebe mit auf den Grund gegangen ist. Und die Welt ist nicht schlecht. Die Leute waren gütig gegen Kapitän Whalley gewesen; besonders Frau Gardner, die Frau des Seniorchefs von Gardner, Patteson & Co., den Reedern des „KONDOR“. Sie hatte sich freiwillig erboten, für die Kleine zu sorgen, und sie, als es soweit war, mit ihren eigenen Mädchen nach England genommen (und das war damals eine Reise, wenn auch mit der Überlandpost), um ihre Erziehung zu vollenden. Zehn Jahre waren vergangen, bevor er sie wiedergesehen hatte.

Als kleines Kind hatte sie sich nie vor schlechtem Wetter gefürchtet. Sie bettelte oft, dass er sie in der Brustfalte seines Ölzeugs an Deck nehmen sollte, um den großen Brechern zuzusehen, die über den „KONDOR“ wegschlugen. Das Rauschen und Krachen der Wogen schien ihre kleine Seele mit atemlosem Entzücken zu erfüllen. ‚An der ist ein guter Junge verloren’, pflegte er spaßhaft von ihr zu sagen. Er hatte sie Ivy [Unübersetzbares englisches Wortspiel: ‚Ivy’, weiblicher Vorname, aber auch Efeu. – Anmerkung des Übersetzers] genannt, dem Klang des Wortes zuliebe und vielleicht auch durch eine undeutliche Gedankenverbindung bestimmt. Sie hatte sich eng um sein Herz gerankt und sollte sich, nach seinem Willen, fest an ihren Vater halten können, wie an einen Turm der Stärke; dabei hatte er, solange sie klein war, vergessen, dass sie sich der Natur der Dinge entsprechend wahrscheinlich an irgendeinen anderen halten würde. Doch liebte er das Leben zur Genüge, dass ihm sogar diese Tatsache eine gewisse Befriedigung neben dem mehr heimlichen Gefühl des Verlustes geben konnte. Nachdem er die „FAIR MAID“ gekauft hatte, um einen Zeitvertreib zu haben, hatte er schnell eine ziemlich unvorteilhafte Fracht nach Australien aus dem einfachen Grunde angenommen, um seine Tochter in ihrem eigenen Heim besuchen zu können; dass er dort sehen musste, wie sie nun an irgendjemand hing, verstimmte ihn nicht so sehr wie die andere Erkenntnis, dass der Halt, den sie sich erwählt hatte, sich bei näherer Prüfung als ein recht armseliger Stecken erwies – sogar in Bezug auf die Gesundheit.


Dem Alten widerstrebte die unterstrichene Höflichkeit des Schwiegersohnes vielleicht noch mehr als dessen Art, die Geldsumme zu verwalten, die Ivy bei der Hochzeit mitbekommen hatte. Doch sagte er nichts von seinen Befürchtungen. Nur am Tage seiner Abreise, während die Hallentür schon offenstand, hielt er Ivys beide Hände, sah ihr fest in die Augen und sagte: „Du weißt, meine Liebe, alles, was ich habe, ist für dich und die Kleinen. Denke daran, mir immer offen zu schreiben.“ Sie hatte ihm mit einer fast unmerklichen Kopfbewegung geantwortet. Sie ähnelte ihrer Mutter in der Farbe der Augen, im Charakter – und auch darin, dass sie ihn ohne viele Worte verstand. Sie hatte allerdings bald zu schreiben – und über manche dieser Briefe musste Kapitän Whalley seine weißen Brauen hochziehen. Im Übrigen war er der Ansicht, dass er den wahren Lohn für seine Lebensmühen nur erntete, wenn er imstande war, alles zu tun, was man von ihm verlangte. Seit dem Tode seiner Frau hatte er sich keine großen Vergnügungen gegönnt. Bezeichnenderweise weckten die unweigerlichen Misserfolge seines Schwiegersohns aus der Entfernung in ihm sogar eine gewisse Güte gegen den Mann. Der Bursche saß alle Augenblicke so jämmerlich an einer Leeküste fest, dass es augenscheinlich unbillig gewesen wäre, der leichtfertigen Navigation die ganze Schuld zu geben. Nein, nein! Kapitän Whalley wusste wohl, was das hieß. Das Glück fehlte. Er selbst hatte immer sehr viel Glück gehabt, hatte aber auch in seinem Leben zu viele gute Männer – Seeleute und andere – einfach an dem Mangel an Glück untergehen sehen, um die schlimmen Anzeichen nicht zu erkennen. Aus allen diesen Gründen erwog er gerade den besten Weg, um jeden Pfennig, den er zu hinterlassen hatte, recht fest anzulegen, als nach wenigen vorhergehenden Gerüchten (die ihn zufällig zuerst in Shanghai erreichten) plötzlich der große Krach erfolgte. Und nachdem er die Phasen der sprachlosen Verblüffung, der Ungläubigkeit und Entrüstung durchlaufen, hatte er sich mit der Tatsache abzufinden gehabt, dass ihm nichts Nennenswertes übriggeblieben war, das er hätte hinterlassen können.

Daraufhin, als hätte er nur auf diesen Schicksalsschlag gewartet, gab der Unglücksmensch dort in Melbourne seinen unvorteilhaften Beruf auf und setzte sich zur Ruhe – noch dazu in einem Rollstuhl. ‚Er wird nie wieder gehen können’, schrieb die Frau. Zum ersten Male in seinem Leben fühlte sich Kapitän Whalley etwas niedergeschlagen.

Für die „FAIR MAID“ wurde es nun mit der Arbeit bittrer Ernst. Es ging nicht länger darum, das Andenken für Teufels-Harry Whalley in den östlichen Meeren wachzuhalten oder einem alten Mann das Taschengeld und die Schneiderrechnung zu bezahlen und vielleicht darüber hinaus noch ein paar feine Zigarren bei Jahresschluss. Er musste sich richtig ins Zeug legen und das Schiff scharf hernehmen, wobei für die Vergoldung der Lebkuchenschnörkel an Steven und Heck wenig übrigblieb.

Diese Notwendigkeit öffnete ihm die Augen für die grundlegenden Veränderungen in der Welt. Aus seiner Vergangenheit waren da und dort die Familiennamen geblieben, die Dinge und die Männer aber, wie er sie gekannt hatte, waren dahingegangen. Der Name von Gardner, Patteson & Co. fand sich noch an den Mauern von Lagerhäusern an den Quais, auf Messingplatten und Fensterscheiben im Geschäftsviertel von mehr als einem Hafen des Ostens; aber es gab keinen Gardner oder Patteson mehr in der Firma. Es gab auch für Kapitän Whalley keinen Lehnstuhl und keinen Willkomm mehr im Privatbüro, kein kleines Geschäftchen dazu, das man einem alten Freund zum Dank für frühere Dienste gelegentlich zuschob. Die Gatten der Gardner-Mädels saßen hinter den Schreibtischen in dem Zimmer, wo er sich zu Lebzeiten des alten Mannes, lange nachdem er den Dienst verlassen, noch ein Eintrittsrecht gewahrt hatte. Ihre Schiffe hatten gelbe Schornsteine mit schwarzem Rand und einen genau festgelegten Fahrplan, wie eine elende Straßenbahn. Die Winde im Dezember und im Juni machten ihnen nichts aus. Den Kapitänen (ausgezeichneten jungen Leuten, daran zweifelte er nicht) war natürlich Whalley Island vertraut, denn kürzlich hatte die Regierung an der Nordspitze ein weißes festes Feuer eingerichtet (mit einem roten, Gefahr kündenden Seitenlicht nach dem Kondor-Riff zu). Doch die meisten unter ihnen wären wohl aufs höchste überrascht gewesen, zu hören, dass es noch einen Whalley von Fleisch und Blut gab – einen alten Mann, der die Welt durchzog und sich mühte, da und dort eine Ladung für seine kleine Bark aufzutreiben.

Und überall war es das gleiche. Dahin die Männer, die bei der Nennung seines Namens anerkennend genickt und es als Ehrenpflicht betrachtet hätten, etwas für Teufels-Harry Whalley zu tun. Dahin die Möglichkeiten, die er verstanden hätte auszunützen. Und verschwunden, zugleich mit ihnen, auch die weißbeschwingte Schar der Schnellsegler, die im ungewissen Wehen der Winde dahinlebten und aus der schäumenden See viel Geld herausschlugen. In einer Welt, die den Gewinn auf die Mindestgrenze heruntergedrückt hatte, die ihre freie Tonnage täglich zweimal überzählen konnte und in der magere Frachten drei Monate im Voraus durch Kabel vergeben wurden – in einer solchen Welt gab es keine Aussichten mehr für ein Menschenwesen, das auf gut Glück mit einer kleinen Bark herumzog; keine Aussichten, kaum noch Platz zum Leben.

Er fand es von Jahr zu Jahr schwieriger. Er litt schwer darunter, dass er seiner Tochter nur kleine Zuschüsse senden konnte. Inzwischen hatte er gute Zigarren ganz aufgegeben und sich sogar bei den billigeren auf sechs Stück am Tage beschränken gelernt. Er schrieb ihr nie ein Wort von seinen Schwierigkeiten, und auch sie ließ sich über die ihren niemals aus. Ihr gegenseitiges Vertrauen zueinander verlangte keine Aufklärungen, und ihr unbedingtes Verstehen hielt an, auch ohne Versicherungen von Dankbarkeit oder Bedauern. Es hätte ihn verletzt, wenn sie es sich hätte einfallen lassen, ihm wortreich zu danken, doch fand er es ganz natürlich, dass sie ihm gestand, sie brauche zweihundert Pfund.

Er hatte mit der „FAIR MAID“ unter Ballast den Heimathafen der „SOFALA“ angelaufen, um nach einer Fracht Ausschau zu halten, und ihr Brief hatte ihn dort erreicht. Sein Inhalt besagte, dass es keinen Sinn habe, die Tatsache zu beschönigen. Ihr bliebe kein andrer Ausweg, als ein Kosthaus zu eröffnen, wofür ihrer Meinung nach die Aussichten günstig waren. Gut genug jedenfalls, um ihr den Freimut zu der Mitteilung zu geben, dass sie mit zweihundert Pfund anfangen könnte. Er hatte hastig den Umschlag aufgerissen, auf Deck, wo er ihm durch den Laufboten des Schiffsmaklers, der ihm sofort nach dem Ankern die Post gebracht hatte, übergeben worden war. Zum zweiten Mal in seinem Leben fühlte er sich niedergeschlagen und blieb stocksteif in der Kajütentür stehen, das Papier in den zitternden Fingern. Ein Kosthaus eröffnen! Zweihundert Pfund für den Anfang! Der einzige Ausweg! Und er wusste nicht, wo er zweihundert Pence hernehmen sollte!

Die ganze Nacht lang schritt Kapitän Whalley die Hütte seines verankerten Schiffes ab, als handelte es sich darum, bei schlechtem Wetter unter Land zu kommen, ohne genaue Kenntnis des Standpunktes, nach einer Fahrt durch viele graue Tage, ohne Sonne, Mond und Sterne. Die schwarze Nacht glitzerte von Richtfeuern für Seeleute und den ruhigen, geraden Streifen der Lichter an Land. Rings um die „FAIR MAID“ warfen tanzende Schiffslichter zitterigen Widerschein über das Wasser der Reede. Kapitän Whalley sah nirgends einen Lichtschimmer, bis der Tag anbrach und er merkte, dass seine Kleider von schwerem Tau durchnässt waren.

Sein Schiff war schon wach. Er blieb kurz stehen, drückte seinen nassen Bart aus und stieg rücklings, mit müden Füßen, die Hüttenleiter hinab. Bei seinem Anblick blieb dem Ersten Offizier, der sich schläfrig auf dem Hauptdeck herumdrückte, mitten in dem Morgengähnen der Mund offen stehen.

„Guten Morgen“, sagte Kapitän Whalley feierlich und ging in die Kajüte. Doch er blieb in der Tür stehen und fügte, ohne zurückzusehen, hinzu: „Nebenbei ... irgendwo im Lazarett muss noch eine leere Holzkiste aufgehoben sein. Sie ist nicht zerschlagen worden, oder?“

Der Offizier schloss den Mund und fragte dann wie betäubt: „Was für eine leere Kiste, Herr?“

„Eine große, flache Kiste, für das Ölbild in meinem Zimmer. Lassen Sie sie an Deck schaffen und vom Zimmermann nachsehen. Ich werde sie vielleicht bald brauchen.“

Der Offizier rührte kein Glied, bis er die Tür zu des Kapitäns Staatskajüte hatte zuschlagen hören. Dann winkte er den Zweiten achtern zu sich und teilte ihm mit, ‚es sei etwas im Winde’. Als die Glocke zum Frühstück läutete, dröhnte Kapitän Whalleys Stimme durch die geschlossene Tür: „Setzen Sie sich hin und warten Sie nicht auf mich.“ Und seine Offiziere setzten sich bedrückt zu Tisch und tauschten Blicke und geflüsterte Worte. Was? Kein Frühstück? Und noch dazu, nachdem er sich offenbar die ganze Nacht auf Deck herumgetrieben hatte! Ja, da war freilich etwas im Winde. Über ihren Köpfen, die ernst über die Teller gebeugt waren, schaukelten im Oberlicht drei Drahtkäfige von dem rastlosen Umherhüpfen der hungrigen Kanarienvögel. Aus der Staatskajüte konnten sie die gemessenen Bewegungen ihres Alten hören. Kapitän Whalley zog bedächtig die Chronometer auf, staubte das Ölbild seiner verstorbenen Frau ab, nahm ein sauberes, weißes Hemd aus der Schublade und machte sich in seiner peinlich genauen, besonnenen Art fertig, an Land zu gehen. Er hätte an jenem Morgen keinen Bissen hinunterbringen können. Er hatte sich entschlossen, die „FAIR MAID“ zu verkaufen.

* * *

III

III

Gerade damals suchten die Japaner weit und breit nach Schiffen von europäischer Bauart, und Kapitän Whalley hatte keine Schwierigkeiten, einen Käufer zu finden, einen Spekulanten, der hart feilschte, aber die „FAIR MAID“, im Hinblick auf einen gewinnreichen Weiterverkauf, bar bezahlte. So kam es, dass Kapitän Whalley an einem gewissen Nachmittag die Freitreppe eines der bedeutendsten Postämter des Ostens mit einem Streifen bläulichen Papiers in der Hand hinunterging. Es war der Aufgabeschein eines eingeschriebenen Briefes, den er mit einem Scheck über zweihundert Pfund nach Melbourne geschickt hatte. Kapitän Whalley schob den Papierstreifen in seine Westentasche, zog seinen Stock unter dem Arm hervor und ging die Straße hinunter.

Es war eine kürzlich eröffnete und noch unfertige Hauptstraße, mit einer Andeutung von Bürgersteigen zu beiden Seiten und über und über von einer weichen Staubschicht bedeckt. Ihr eines Ende mündete in das elende chinesische Geschäftsviertel nahe am Hafen, nach der anderen Seite aber erstreckte sie sich in gerader Linie, ohne Häuser, ein paar Meilen weit durch Inseln dschungelartigen Pflanzenwuchses bis zu den Hoftoren der neuen Vereinigten Dock-Gesellschaft. Die grellen Stirnseiten der neuen Regierungsgebäude wechselten ab mit den rohen Plankenzäunen um leere Bauplätze. Die Straße war leer und wurde von den Eingeborenen nach den Geschäftsstunden vermieden, als hätten sie gefürchtet, dass einer der Tiger aus der Nachbarschaft der neuen Wasserwerke auf dem Hügel heruntergetrabt kommen könnte, um sich einen der chinesischen Ladeninhaber zum Abendessen zu holen. Kapitän Whalley konnte die Einsamkeit der großangelegten Straße nichts von der Wucht seiner Erscheinung nehmen. Er schritt, eine einsame Gestalt mit einem großen, weißen Bart wie ein Pilger, zielbewusst dahin, einen dicken Stock in der Hand, der eine Waffe schien. Auf einer Seite zeigte sich der Vorbau des neuen Gerichtsgebäudes, niedrig und schmucklos auf stämmigen Säulen ruhend und halb verborgen hinter ein paar alten Bäumen, die man im Vorgarten stehengelassen hatte. Auf der anderen Seite kamen die Flügel des neuen Kolonialschatzamtes bis an die Straßenflucht heran. Kapitän Whalley aber, der nun kein Schiff und kein Heim mehr hatte, erinnerte sich im Vorübergehen, dass, als er zum ersten Male aus England herübergekommen war, auf diesem selben Fleck ein Fischerdorf gestanden hatte, ein paar Rohrhütten auf Pfählen, zwischen einer schlammigen Flutbucht und einem morastigen Fußpfad, der sich in eine dichte Wildnis ohne Docks oder Wasserwerke verlor.

Kein Schiff und kein Heim. Und auch seine arme Ivy dort weit weg hatte kein Heim. Ein Kosthaus ist kein Heim, wenn es einem auch einen Lebensunterhalt gewähren mag. Der Gedanke an das Kosthaus widerstrebte seinem innersten Gefühl. Seine Stellung im Leben paarte sich mit wahrhaft adeligen Anschauungen, die eine Verachtung kleinbürgerlicher Wohlanständigkeit und ein gewisses Vorurteil gegen die Anrüchigkeit gewisser Berufsarten kennzeichneten. Für seine Person hatte er es immer vorgezogen, Handelsschiffe zu führen (was eine einwandfreie Beschäftigung ist), anstatt Ware zu kaufen und zu verkaufen, wobei es ja im Grunde darauf ankommt, jemand hineinzulegen – oder bestenfalls auf eine ziemlich würdelose Entfaltung von Scharfsinn. Sein Vater war der Oberst Whalley (im Ruhestand) gewesen, seinerzeit in Diensten der Ostindischen Kompanie, mit sehr bescheidenen Mitteln neben seiner Pension, doch mit vornehmen Beziehungen. Kapitän Whalley konnte sich noch aus seiner Knabenzeit erinnern, dass die Kellner in Gasthäusern, Landkaufleute und ähnliche Angehörige der unteren Mittelstände den alten Krieger infolge seiner machtvollen Erscheinung als ‚Mylord’ ansprachen.

Kapitän Whalley selbst (er wäre wohl in die Marine eingetreten, wäre sein Vater nicht gestorben, bevor er selbst vierzehn Jahre alt war) hatte etwas Großartiges, das einem alten, glorreichen Admiral gut angestanden hätte. Nun aber verlor er sich wie ein Strohhalm in einem Wirbelwind unter dem Schwarm von brauner und gelber Menschheit in einer Zwischenstraße, die im Gegensatz zu der breiten, leeren Allee, die er verlassen hatte, eng wie eine Schlucht und von aufbrausendem Leben überzuquellen schien. Die Hauswände waren blau gestrichen; die Läden der Chinesen gähnten wie Höhlengräber; Haufen von unbeschreiblichen Waren überschwemmten die langen Laubengänge, und die Glut eines klaren Sonnenuntergangs ergoss sich mitten durch die Straße, von einem Ende zum anderen, wie der Abglanz eines Brandes. Sie fiel auf die bunten Farben und die dunklen Gesichter der bloßfüßigen Menge, auf die bleichen, gelben Rücken der halbnackten Lastkulis, auf das Lederzeug eines hochgewachsenen Sikh mit geteiltem Bart, der vor dem Tor des Polizeigebäudes Wache stand. Riesengroß über dem Meer dichtgedrängter Köpfe, schwamm, von einer roten Dunstwolke umgeben, ein vollgepackter Wagen der elektrischen Straßenbahn vorbei, unter unaufhörlichem Blasen seines Signalhorns, wie ein Dampfer, der im Nebel tutet.

Kapitän Whalley kam wie ein Taucher auf der anderen Seite hoch und nahm im einsamen Schatten zwischen den Mauern der geschlossenen Warenhäuser seinen Hut ab, um sich die Stirn zu kühlen. Ein gewisser übler Beigeschmack haftete dem Beruf einer Kosthauswirtin an. Diese Frauen gelten als habgierig, gewissenlos, unzuverlässig; und wenn er auch keine Klasse seiner Mitmenschen verachtete – Gott behüte! –, so schien es doch unziemlich für eine Whalley, dass sie sich Verdächtigungen solcher Art aussetzen sollte. Doch hatte er ihr deswegen keine Vorstellungen gemacht. Er hatte das volle Vertrauen, dass sie sein Gefühl teilte; er war traurig für sie; vertraute ihrem Urteil; betrachtete es als eine günstige Fügung, dass er ihr noch einmal helfen konnte – aber in dem adeligen Innersten seines Herzens hätte er es wohl leichter gefunden, sich mit dem Gedanken auszusöhnen, dass sie etwa Näherin geworden wäre. Er erinnerte sich dunkel, vor Jahren eine rührende Dichtung, genannt ‚Der Sang des Hemdes’, gelesen zu haben. Es war schon recht, Gedichte über arme Frauen zu verfassen. Aber die Enkelin des Obersten Whalley als Wirtin eines Kosthauses! Uff! Er setzte seinen Hut wieder auf, griff in zwei Taschen und blieb einen Augenblick stehen, um ein flackerndes Zündhölzchen an das Ende einer billigen Cheroot zu halten. Dann blies er verbittert eine Rauchwolke dieser Welt ins Gesicht, die solche Überraschungen bergen konnte.

Einer Sache war er gewiss – dass sie das rechte Kind einer klugen Mutter war. Jetzt, da er über den ersten Schmerz, sich von seinem Schiff trennen zu müssen, weggekommen war, sah er auch klar ein, dass ein solcher Schritt nie zu vermeiden gewesen wäre. Vielleicht hatte es schon längst angefangen, ihm klarzuwerden, ohne dass er es sich hätte eingestehen wollen. Sie aber, dort weit weg, musste es gefühlsmäßig erfasst haben, mit dem Mut, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sie auszusprechen – beides Eigenschaften, die ihre Mutter zu einer so ausgezeichneten Ratgeberin gemacht hatten.

Es hätte schließlich dazu kommen müssen. Es war gut, dass sie ihm die Hand geführt hatte. Noch ein oder zwei Jahre später wäre es ein durchaus unvorteilhafter Verkauf gewesen. Um das Schiff in Gang zu halten, hatte er sich jedes Jahr tiefer hineingearbeitet. Er war wehrlos gegen die vielfachen kleinen Widerwärtigkeiten, wenn er auch offenen Schicksalsschlägen sehr wohl die Stirn zu bieten verstand, wie eine Klippe, die unbewegt dem Ansturm der See standhält und die tückische Rückströmung missachtet, die ihre Grundfesten unterwühlt. Wie nun die Dinge lagen, blieb ihm, nach Tilgung sämtlicher Schulden und Erfüllung des Wunsches seiner Tochter, aus dem Geschäft eine Summe von fünfhundert Pfund. Außerdem hatte er noch einige vierhundert Dollars bei sich – gerade genug, um seine Hotelrechnung zu bezahlen, vorausgesetzt, dass er nicht allzulange in dem einfachen Zimmer verweilte, in dem er Zuflucht gesucht hatte.

Spärlich eingerichtet, mit gewachstem Boden, ging es auf eine der Seitenveranden hinaus. Der weitläufige Ziegelbau, luftig wie ein Vogelkäfig, hallte wider von dem unaufhörlichen Klappern der Fensterläden, an denen, zwischen den weißgetünchten, viereckigen Pfeilern an der Seeseite durch, der Wind rüttelte. Die Zimmer waren luftig, ein Gewimmel von Sonnenflecken tanzte über die Decke; und die gelegentlichen Einfälle von Touristen bei der Ankunft eines Passagierdampfers im Hafen erfüllten das winddurchwehte Dämmern der Räume mit dem Lärm unbekannter Stimmen und eines eiligen Hin und Her, als wären wanderende Schatten zu kurzer Rast eingekehrt, die verdammt waren, die weite Welt zu durchfliegen und nirgends eine Spur zu hinterlassen. Das Getöse dieser gelegentlichen Überfälle verging so plötzlich, wie es entstanden war; die schmutzigen Korridore und die Liegestühle in den Veranden sahen nichts mehr von der Hetzjagd nach Sehenswürdigkeiten oder der erschöpften Rast; und Kapitän Whalley, wuchtig und würdig allein geblieben, fühlte sich in dem großen Hotel nach jedem solchen leichtherzigen Einbruch mehr und mehr selbst wie ein gestrandeter Tourist ohne Ziel, wie ein verlorener Wanderer ohne Heimat. In der Einsamkeit seines Zimmers rauchte er nachdenklich und sah nach den beiden Seekisten, die alles enthielten, was er in der Welt sein eigen nennen konnte. Eine dicke Kartenrolle in einem Segeltuchfutteral lehnte in einer Ecke; die flache Kiste mit dem Ölbild und den drei Photographien war unter das Bett geschoben. Er war es müde, Bedingungen zu erörtern, Besichtigungen beizuwohnen und allerlei Geschäftsbrimborium mitzumachen. Was für die Gegenpartei lediglich der Verkauf eines Schiffes war, war für ihn ein einschneidendes Ereignis, das seinem Leben ein durchaus neues Gesicht gab. Er wusste gut, dass es nach diesem Schiff kein anderes mehr für ihn geben würde; und die Hoffnungen seiner Jugend, die Ausnutzung seiner Fähigkeiten, jedes Gefühl und jede Tat seiner Mannesjahre waren unlösbar mit Schiffen verknüpft gewesen. Er hatte auf Schiffen gedient; er hatte Schiffe zu eigen gehabt, und sogar die Jahre seiner jetzigen Zurückgezogenheit waren anfangs durch den Gedanken erträglich gemacht worden, dass er nur die Hand voll Geld auszustrecken brauchte, um ein Schiff zu bekommen. Er hätte sich tatsächlich als Eigentümer aller Schiffe der Welt fühlen können. Der Verkauf dieses einen war eine traurige Sache. Als es aber von ihm gegangen war, als er die letzte Quittung unterschrieben hatte, da war es, als wären mit einem Schlage alle Schiffe aus der Welt verschwunden und hätten ihn an der Küste unzugänglicher Ozeane zurückgelassen, mit siebenhundert Pfund in der Hand.

Während er mit festen Schritten und ohne Hast den Quai entlangschritt, wandte Kapitän Whalley die Blicke von der vertrauten Reede ab. Zwei Generationen von Seeleuten, die seit seinem ersten Tage auf See geboren waren, standen zwischen ihm und all den Schiffen dort vor Anker. Sein eigenes war verkauft, und nun fragte er sich, was weiter?

Aus dem Gefühl der Einsamkeit, der inneren Leere – und auch des Verlustes, als wäre ihm so recht die Seele mit Gewalt aus dem Leibe gerissen worden – war zuerst der Wunsch entsprungen, geradewegs zu seiner Tochter zu fahren. ‚Hier sind die letzten Pfennige’, hätte er ihr gesagt, ‚nimm sie, meine Liebe. Und hier ist dein alter Vater: den musst du auch dazunehmen.’

Seine Seele schauderte davor zurück, als fürchtete sie sich vor dem, was auf dem Grunde dieser Regung verborgen lag. Aufgeben? Niemals! Wenn man so richtig müde ist, dann, kommt einem allerlei Unsinn in den Kopf. Das wäre ein schönes Geschenk für eine arme Frau gewesen – diese siebenhundert Pfund zugleich mit einem rüstigen alten Burschen, der aller Wahrscheinlichkeit nach noch Jahre und Jahre aushalten konnte. War er nicht so gut wie einer der Jungen auf den Schiffen da draußen imstande, in den Sielen zu sterben? Seine Kraft war so unversehrt wie nur je. Allerdings war es eine andere Frage, wer ihm würde Arbeit geben wollen. Sollte er, mit seinem Aussehen und seinem Vorleben, etwa nach dem Posten eines Zweiten Offiziers Nachfrage halten, so würden ihn die Leute, wie er fürchtete, nicht ernst nehmen; oder wenn es ihm vielleicht gelang, sie zu rühren, dann konnte er auf Mitleid rechnen, was etwa soviel bedeutete, als hätte er sich nackt ausziehen sollen, um sich dann schlagen zu lassen. Er dachte nicht daran, sich für weniger als nichts aus der Hand zu geben. Er brauchte niemandes Mitleid. Auf der anderen Seite lag ein Kommando – das einzige, was er unter Rücksicht auf das gewöhnlichste Schicklichkeitsgefühl anstreben konnte – aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gerade an der nächsten Straßenecke für ihn bereit. Kommandostellen werden heute niemand nachgeworfen. Seit dem Augenblick, da er an Land gekommen war, um den Verkauf in die Wege zu leiten, hatte er die Ohren offengehalten, hatte aber von keiner freien Stelle im Hafen gehört. Und hätte es auch eine gegeben, so wäre immer noch seine erfolgreiche Vergangenheit im Wege gestanden. Zu lange war er sein eigener Herr gewesen. Die einzige Empfehlung, die er vorlegen konnte, war das Zeugnis seines ganzen Lebens. Was hätte man Besseres verlangen können? Doch er fühlte dunkel, dass dieser einzige Ausweis als ein Museumsstück der östlichen Meere angesehen werden würde – als eine Handschrift, in den veralteten Worten einer halbvergessenen Sprache abgefasst.

* * *

IV

In solche Gedanken versunken, ging er den Schienengleisen am Quai entlang, mit breiter Brust, ungebeugt, als hätten seine mächtigen Schultern nie eine der Bürden gefühlt, die wir von der Wiege bis zum Grabe mit uns tragen müssen. Keine verräterische Runzel oder Kummerfalte entstellte das ruhevolle Ebenmaß seines Gesichtes. Es war voll und nicht von der Sonne verbrannt; über der Länge silberigen Barthaares erhob sich massig und ruhig der obere Teil, ansprechend durch die Hautfarbe und die wuchtige Wölbung der Stirn. Sein erster Blick fiel auf die Menschen rein und flink, wie der eines Jungen; infolge der buschigen, weißen Augenbrauen aber wirkte seine liebenswürdige Aufmerksamkeit immer wie eine finstere und durchdringende Prüfung. Mit den Jahren hatte er ein wenig Fleisch angesetzt, hatte an Umfang zugenommen wie ein alter Baum, der doch keine Anzeichen des Verfalls aufweist; und sogar das üppige, glänzende Geringel weißen Haares auf seiner Brust erschien noch als Merkmal unbeugsamer Lebenskraft und Stärke.

Früher einmal ziemlich stolz auf seine große Körperkraft, auf seine persönliche Erscheinung, sich seines Wertes voll bewusst und von unbeugsamer Rechtlichkeit, hatte er, wie ein Erbstück aus besseren Tagen, die ruhige Haltung eines Mannes bewahrt, der sich zu jeder Stunde dem Leben seiner Wahl gewachsen gezeigt hat. Er schritt dahin unter dem breiten Rand eines alten Panamahutes, der eine niedrige Form hatte, eine Quetschfalte quer durch den ganzen Umfang und ein schmales, schwarzes Band. Diese unverwüstliche und ein wenig verschossene Kopfbedeckung machte es leicht, ihn von weitem auf belebten Quais und Straßen zu erkennen. Er hatte die verhältnismäßig neue Mode weißgestrichener Korkhelme nie mitgemacht. Er liebte die Form nicht und hoffte bis zum Ende seines Lebens ohne dieses Beiwerk von hygienischer Lüftung sich seinen kühlen Kopf bewahren zu können. Sein Haar war kurz geschoren, sein Leinen von tadelloser Weiße; ein Anzug aus dünnem, grauem Flanell, etwas abgetragen, aber sauber gebürstet, umfloß seine mächtigen Glieder und erhöhte durch den losen Schnitt noch die Wucht der Erscheinung. Die Jahre hatten die lustige, unbeirrbare Kühnheit seiner Jugend zu einem steten Gleichmut gemildert; und das leise Klopfen seines Stocks mit der Eisenspitze auf dem Pflaster begleitete seine Schritte mit einem selbstbewussten Ton. Es schien undenkbar, eine so vornehme Erscheinung und ein so unverbrauchtes Aussehen mit den erniedrigenden Sorgen der Armut in Verbindung zu bringen; das ganze Leben des Mannes schien einem leicht und weit vor Augen zu stehen, in völliger Freiheit von Geldsorgen und weit wie die Kleider, die er nun am Leibe trug.

Die fast übertriebene Sorge, zu persönlichen Ausgaben im Hotel seine fünfhundert Pfund angreifen zu müssen, störte seine Gemütsruhe. Es gab keine Zeit zu verlieren. Die Rechnung summte sich auf. Er hoffte, dass diese fünfhundert Pfund vielleicht, wenn alles sonst versagte, das Mittel sein konnten, irgendeine Arbeit zu bekommen, die ihm helfen sollte, Leib und Seele zusammenzuhalten (was keine große Sache war), aber auch, seiner Tochter behilflich zu sein. Für sein Gefühl war es ihr Geld, das er dazu benützte, um ihrem Vater, und zwar zu ihrem Nutzen, auszuhelfen. Sobald er einen Posten hatte, wollte er ihr den Großteil seines Gehalts schicken; er konnte noch lange Jahre Dienst tun, und dieses Kosthaus, so sagte er sich, konnte, wie gut auch die Aussichten sein mochten, von Anfang an nicht etwa gleich eine Goldgrube sein. Was für eine Arbeit aber sollte er suchen? Er war bereit, alles anzunehmen, was sich mit seiner Würde vertrug und ihm schnell unter die Finger kam; denn die fünfhundert Pfund mussten für etwaige Notfälle unbedingt erhalten bleiben. Das war die Hauptsache. Mit den ganzen Fünfhundert fühlte man ein Vermögen hinter sich; doch hatte er das Gefühl, dass das Geld alle Wirkung verlieren würde, wenn er es erst auf vierhundertfünfzig oder auch nur vierhundertachtzig einschrumpfen ließ, als läge in der runden Summe eine Zauberkraft. Was für eine Arbeit aber?

Von dieser quälenden Sorge verfolgt wie von einem bösen Geist, gegen den er keine Beschwörungsformeln kannte, blieb Kapitän Whalley auf dem Scheitelpunkt einer kleinen Brücke stehen, die sich steil über das Bett eines zwischen Granitmauern eingezwängten Flusses spannte. Zwischen den Quaderwänden lag eine malaiische Hochseeprau vor Anker, halb unter dem Steinbogen verborgen, die Spieren niedergefiert, ohne einen Laut an Bord, vom Heck bis zum Bug mit einer Unmenge von Matten aus Palmblättern bedeckt. Er hatte das überhitzte Pflaster hinter sich gelassen, mit seiner Einfassung von Steinmauern, die wie die Klippen jeder Einbuchtung des Ufers folgten; vor ihm tat sich eine unbegrenzte Weite auf, wie ein gepflegter Park, mit weiten Flächen kurzen Rasens, wie grüne glatte Teppiche, mit langen Reihen alter Bäume, die als dunkle Säulen das Astgewölbe einer ungeheuren Halle zu tragen schienen.

Einige dieser Alleen endeten am Meer. Die Masten und Spieren einiger Schiffe, die weit weg lagen, den Rumpf unter der Kimm, ragten in einem feinen Gewirr rosiger Linien, wie mit Bleistift gezeichnet, gegen den klaren Himmel empor. Kapitän Whalley sandte ihnen einen langen Blick zu. Dort draußen lag auch das Schiff, das einst das seine gewesen. Es tat weh, denken zu müssen, dass es ihm nicht länger gegeben war, am Quai ein Boot zu nehmen und sich zu dem Schiff hinausrudern zu lassen, wenn der Abend kam. Zu keinem Schiff. Vielleicht nie wieder. Bevor der Kauf abgeschlossen und bis die Kaufsumme bezahlt war, hatte er täglich einige Zeit an Bord der „FAIR MAID“ zugebracht. Das Geld war an diesem selben Morgen bezahlt worden, und nun gab es mit einmal kein Schiff mehr, an dessen Bord er gehen konnte, wenn ihn die Lust ankam. Kein Schiff, das seine Gegenwart brauchen würde, für die Arbeit – zum Leben. Es schien eine ganz unglaubliche Sachlage, zu lächerlich, um von Dauer sein zu können. Und die See war voll von Schiffen aller Art. Da lag diese Prau so still unter ihren Decken aus zusammengenähten Palmblättern – auch sie hatte ihren unentbehrlichen Mann. Sie lebten beide voneinander, dieser Malaie, den er nie gesehen hatte, und dieses unförmige Ding mit dem hohen Heck, das nach einer langen Reise auszuruhen schien. Und von all den Schiffen in Sicht, nah und fern, hatte jedes seinen Mann, den Mann, ohne den auch das schönste Schiff ein totes Ding ist, ein treibender, zweckloser Klotz.

Nachdem er diesen einen Blick über die Reede geworfen hatte, ging er weiter, da es nichts mehr gab, dem er sich hätte zuwenden können, und die Zeit irgendwie hingebracht werden musste. Die Alleen zwischen den großen Bäumen erstreckten sich weit längs der Küste, schnitten einander in verschiedenen Winkeln, mit Säulen an ihrem Fuß und wucherndem Überschwang oben. Die verschlungenen Äste dort oben schienen zu schlummern; kein Blatt rührte sich, und die Gusseisenrohre der Lampenpfosten in der Mitte der Straße, goldfarben wie Zepter, verkleinerten sich in der weiten Perspektive und schienen mit ihren weißen Porzellankugeln auf der Spitze ein barbarischer Schmuck aus Straußeneiern, die in einer Reihe aufgepflanzt waren. Der flammende Himmel warf einen kleinen Purpurfleck auf die glitzernde Oberfläche der Glasschalen.

Das Kinn ein wenig gesenkt, die Hand hinter dem Rücken und mit dem Stockende eine leicht zitterige Spur in den Kies ritzend, überlegte Kapitän Whalley, dass ein Schiff ohne Mann wie ein Körper ohne Seele war, ein Seemann ohne ein Schiff aber in dieser Welt nicht viel mehr bedeutete, als ein herrenloser Baumstamm, der im Meere treibt. Der Baumstamm mochte innerlich ganz gesund sein, zäh in der Faser und kaum umzubringen, doch was bedeutete das! Das plötzliche Vorgefühl unabänderlicher Muße machte ihm die Füße schwer wie Blei.

Mehrere offene Wagen rollten hintereinander die neu eröffnete Küstenstraße einher. Man konnte über die weiten Rasenflächen weg die von den wirbelnden Speichen gebildeten Kreise sehen. Die bunten Wölbungen der Sonnenschirme hingen leicht heraus wie voll erschlossene Blüten über den Rand einer Vase; und die ruhige Fläche dunkelblauen Wassers, von einem Purpurstreifen durchkreuzt, bildete den Hintergrund für die kreisenden Räder und die weit ausgreifenden Pferde, während die turbanbedeckten Köpfe der indischen Diener, über die Horizontlinie hinausragend, am bleiernen Blau des Himmels entlangglitten. Auf einem offenen Platz nahe der kleinen Brücke bog jedes Gespann in einem eleganten Bogen vom Sonnenuntergang weg, wurde dann scharf angehalten und schloss sich der langen Reihe andrer an, die im Schritt, den tiefroten Himmel im Rücken, die Hauptallee durchzogen. Die Stämme der mächtigen Bäume zeigten alle auf derselben Seite die rote Färbung; die Luft unter dem hohen Blätterwerk schien zu brennen – sogar noch der Boden unter den Hufen der Pferde war rot. Die Räder kreisten langsam. Die Farben des Sonnenuntergangs vergingen eine nach der anderen, langsam, wie Riesenblüten, die ihre Kelche am Ende des Tages schließen. In der eine halbe Meile langen Kette sprach keine menschliche Stimme ein vernehmliches Wort, nur der leise Hufschlag war zu hören, mit dem gelegentlichen Klingeln vermischt, und die reglosen Köpfe und Schultern von Männern und Frauen, die nebeneinander saßen, ragten über die niedergelassenen Verdecke empor, wie aus Holz geschnitzt. Ein Gespann aber, das später ankam, schloss sich der Reihe nicht an.

Es flog lautlos dahin. Beim Betreten der Allee scheute einer der dunklen Braunen, bog den Hals und drückte sich schnaubend mit der Stahlkappe gegen die Deichsel. Eine Schaumflocke flog vom Gebiss gegen die seidige Schulter, und das dunkle Gesicht des Kutschers lehnte sich augenblicks vor, während die Hände in die Zügel nachgriffen. Es war ein langer, dunkelgrüner Landauer, der sich zwischen den scharfgebogenen C-Federn feierlich schwebend fortbewegte, und dessen äußerste Eleganz den Eindruck hochamtlicher Würde erweckte. Er schien geräumiger, als es sonst üblich ist, seine Pferde etwas größer, das Geschirr noch tadelloser, die Diener etwas höher auf dem Kutschbock. Die Gewänder dreier Frauen – zwei davon jung und hübsch, eine schön und voll in reifem Alter – schienen das geräumige Wageninnere ganz auszufüllen. Das vierte Gesicht war das eines Mannes mit schweren Gliedern, vornehm und hager, mit einem dicken, dunkel eisengrauen Knebel- und Schnurrbart. Seine Exzellenz...

Die schnelle Bewegung dieses einen Wagens ließ alle anderen völlig minderwertig und unansehnlich erscheinen und dazu verdammt, mühselig im Schneckentempo hinzukriechen. Der Landauer ließ die ganze Reihe in federndem Trab hinter sich. Die Umrisse der Insassen, die rasch außer Sicht glitten, hinterließen den Eindruck starrer Blicke und unbeirrter Teilnahmslosigkeit.

Kapitän Whalley hatte den Kopf gehoben, um zuzusehen, und sein Verstand, in seinen Betrachtungen gestört, wandte sich nun erstaunt, wie es der menschliche Verstand gern tut, ganz nebensächlichen Dingen zu. Es fiel ihm plötzlich ein, dass er gerade in diesen Hafen, wo er nun sein letztes Schiff verkauft hatte, mit dem ersten, das er besessen, gekommen war, den Kopf voll von dem Plan, eine neue Handelsbeziehung mit dem entfernten Teil des Archipels anzubahnen. Der damalige Gouverneur hatte ihn in jeder Weise ermutigt. Keine Exzellenz – dieser Mister Denham – dieser Gouverneur in Hemdärmeln; ein Mann, der sozusagen Nacht und Tag das schnelle Aufblühen der Niederlassung mit selbstloser Hingabe überwachte, wie eine Wärterin ein Kind, das sie liebt; ein alleinstehender Junggeselle, der mit den wenigen Dienern und seinen drei Hunden wie in einem Feldlager in dem Gebäude wohnte, das der Regierungsbungalow genannt wurde: ein Bau mit niedrigem Dach auf dem halb gerodeten Hang eines Hügels, mit einer neuen Flaggenstange davor und einer Polizeiordonnanz in der Veranda. Kapitän Whalley dachte daran, wie er in drückender Sonne zu seiner Audienz den Hügel hinaufgegangen war, dachte an den leeren Eindruck des kühlen, schattigen Raumes; der lange Tisch war an einem Ende mit Stößen von Papieren bedeckt, am anderen lagen zwei Gewehre, ein Messingfernrohr und eine kleine Ölflasche mit einer Feder darin. – Er dachte auch an die schmeichelhafte Aufmerksamkeit, die ihm der damalige Machthaber erwiesen hatte. Das Unternehmen, das auseinanderzusetzen er gekommen war, hatte seine großen Gefahren. Doch eine Unterredung von zwanzig Minuten im Regierungsbungalow hatte es glatt vom Stapel gehen lassen. Und als er sich zurückzog, rief ihm Mr. Denham, der sich schon wieder zu seinen Papieren gesetzt hatte, nach: ‚Im nächsten Monat geht die „DIDO“ auf Kreuzfahrt in Ihre Nähe. Ich werde den Kapitän nachdrücklich auffordern, nach Ihnen zu sehen.’ Die „DIDO“ war eine der schmucken Fregatten der Chinastation – und fünfunddreißig Jahre sind eine große Zeitspanne. Vor fünfunddreißig Jahren war ein Unternehmen wie das seine für die Kolonie wichtig genug, dass ein königliches Schiff geschickt wurde, um nach ihm zu sehen. Eine große Zeitspanne. Damals hatte der einzelne Mann noch seinen Wert. Männer wie er; Männer auch wie der arme Evans zum Beispiel, mit seinem roten Gesicht, seinem kohlschwarzen Backenbart und den ruhelosen Augen, der am Rande des Urwaldes, in einer einsamen Bai, drei Meilen weiter aufwärts, die erste Patenthelling zur Ausbesserung kleiner Schiffe eingerichtet hatte. Mr. Denham hatte auch dieses Unternehmen ermutigt, und doch war der arme Evans schließlich in der Heimat in traurigen Verhältnissen gestorben. Sein Sohn, hieß es, presste Öl aus Kokosnüssen, auf irgendeinem gottverlassenen Inselchen des Indischen Ozeans, um nur leben zu können. Aus dieser Patenthelling aber, in einer einsamen, waldigen Bucht, waren die Werkstätten der Vereinigten Dockgesellschaft entstanden, mit ihren drei Trockendocks, die aus gewachsenem Fels gesprengt waren, mit ihren Werften, Hafendämmen, ihrer elektrischen Lichtanlage und dem Kesselhaus – mit ihren ungeheuren Mastenkranen, die stark genug waren, um die schwersten Gewichte zu heben, und deren Oberende wie die Spitze eines eigenartigen Denkmals über das sandige Vorland und die Waldgipfel weg zu sehen war, wenn man von Westen her in den Hafen einfuhr.

Ja, das war eine Zeit gewesen, in der die Männer etwas galten: damals gab es nicht so viele Gespanne in der Kolonie, obwohl Mr. Denham, soviel er sich erinnerte, ein Buggy gehabt hatte. Und Kapitän Whalley hatte das Gefühl, als würde er von einer geistigen Rückströmung aus der großen Allee hinausgespült. Er erinnerte sich an morastige Ufer, an einen Hafen ohne Quais, an den einzigen hölzernen Landungssteg, der von der Gemeinde errichtet war und sich wackelig ins Meer hinausstreckte. An die ersten Kohlenschuppen, die auf Monkey Point errichtet wurden, dann geheimnisvoll in Brand gerieten und tagelang glimmten, so dass die einfahrenden Schiffe zu ihrer Verwunderung in eine Reede voll von Schwefeldämpfen gerieten, über der die Sonne glutrot im Mittag hing. Er erinnerte sich an die Dinge, die Gesichter und noch etwas daneben – wie an den feinen Duft einer bis auf den Grund geleerten Schale, an ein gewisses Etwas in der Luft, das sich in der Luft dieser Tage nicht mehr vorfand.

In dieser rückschauenden Stimmung, die rasch und deutlich alle Einzelheiten hervortreten ließ, wie ein Aufblitzen von Magnesiumlicht in den Nischen einer dunklen Gedächtnishalle, betrachtete Kapitän Whalley die Dinge, die einst wichtig gewesen waren, die Anstrengungen kleiner Leute, das Wachsen eines großen Platzes, was alles nun sein Gewicht verloren hatte durch die Größe des Erreichten und die Hoffnung auf eine noch größere Zukunft; das gab ihm einen Augenblick lang eine so brennende Klarheit des Zeitbegriffs, ein solches Verständnis für unsere unveränderlichen Gefühle, dass er kurz stehen blieb, seinen Stock auf den Boden stieß und ausrief: „Was zum Teufel tue ich hier!“ Er schien in Überraschung verloren; da hörte er eine klägliche Stimme einmal, zweimal seinen Namen rufen – und wandte sich langsam um.

Er sah einen Mann von altmodischem, gichtischem Aussehen gewichtig auf sich zuwatscheln, dessen Haar weiß war wie sein eigenes, dessen blühende Wangen aber glatt rasiert waren und der einen Maschenbinder trug – fast schon ein Halstuch –, dessen Stoffenden zu beiden Seiten weit vom Kinn abstanden; mit runden Beinen, runden Armen, einem runden Leib, einem runden Gesicht machte seine kurze Gestalt den Eindruck, als wäre sie mit einer Luftpumpe bis an die Grenze der Haltbarkeit seiner Kleidernähte aufgetrieben worden. Das war der Direktor des Hafenarsenals, eine höhere Art von Hafenmeister also, eine Persönlichkeit draußen im Osten, die in ihrem Machtbereich nicht ohne Bedeutung ist; ein Regierungsbeamter, über die Hafengewässer gesetzt und mit einer nicht ganz scharf umrissenen Disziplinargewalt über Seeleute aller Klassen ausgestattet. Von diesem besonderen Arsenaldirektor hieß es, dass er seine Macht als jämmerlich unvollkommen empfand, weil sie nicht die Gewalt über Tod und Leben in sich schloss. Das war eine spaßhafte Übertreibung. Kapitän Eliott war mit seiner Stellung recht zufrieden und sich der Machtfülle, die sie bot, recht wohl bewusst. Seine eitle und herrschsüchtige Gemütsart ließ nicht zu, dass sie etwa von seinen Händen unbenutzt verkümmerte. Die laute, heißblütige Offenherzigkeit seiner Auslassungen über den Charakter und die Aufführung mancher Leute machten ihn gefürchtet; wenn auch gesprächsweise manche behaupteten, ihn durchaus nicht zu scheuen, so lächelten doch andere säuerlich bei der bloßen Nennung seines Namens, und es gab sogar manche, die es wagten, ihn einen zudringlichen alten Halunken zu nennen. Doch war fast für jeden einzelnen unter ihnen allen die Aussicht, einen von Kapitän Eliotts Ausbrüchen aushalten zu müssen, so schrecklich wie etwa die völlige Vernichtung.

* * *

V

V

Sobald er ganz nahe herangekommen war, sagte er mit bärbeißigem Vorwurf:

„Was höre ich da, Whalley? Ist es wahr, dass du die „FAIR MAID“ verkaufst?“

Kapitän Whalley sah beiseite und sagte, die Sache sei abgemacht und das Geld diesen Morgen erlegt worden; und der andere drückte sofort seine Zustimmung zu diesem so ungewöhnlich vernünftigen Schritt aus. Er sei aus seinem Käfig herausgekommen, um vor dem Abendessen die Beine ein wenig gerade zu strecken, erklärte er. Sir Frederick sehe übrigens für seine Jahre noch recht gut aus. Oder nicht? Kapitän Whalley konnte darüber nichts sagen; hatte nur den vorbeifahrenden Wagen bemerkt.

Der Arsenaldirektor versenkte beide Hände in die Taschen eines leichten Röckchens, das für einen Mann seines Alters und seiner Erscheinung unangemessen kurz und eng war; mit einem leichten Hinken fiel er neben Kapitän Whalley, dem er bis an die Schultern reichte, in Schritt. Sie waren vor Jahren gute Kameraden gewesen, beinahe Busenfreunde. Zur selben Zeit, wie Whalley den berühmten „KONDOR“, hatte Eliott die fast ebenso berühmte „RINGDOVE“ für dieselben Reeder geführt; und als die Stelle eines Arsenaldirektors geschaffen wurde, wäre dafür außer ihm nur noch Whalley ernstlich in Betracht gekommen. Kapitän Whalley aber, damals in der Vollkraft seiner Jahre, war entschlossen, niemand als seinem eigenen guten Glück zu dienen. Während er weit weg seine heißen Eisen glühte, freute es ihn zu hören, dass der andere Erfolg gehabt hatte. Der aufgeblasene Ned Eliott hatte eine berechnende Schmiegsamkeit, die ihm in dieser amtlichen Stellung sehr wertvoll sein musste. Und im Grunde waren sie so verschieden, dass es, als sie am Ende der Allee vor der Kathedrale angekommen waren, Whalley noch gar nicht eingefallen war, er selbst hätte an der Stelle dieses Mannes sein können – bis zum Ende seiner Tage versorgt.

Der heilige Bau, der in feierlicher Einsamkeit inmitten der zusammenlaufenden, von ungeheuren Baumriesen umstandenen Alleen aufragte, als wollte er ernste Gedanken des Jenseits in den Feiernden wecken, bot der Lichtflut aus dem Westen ein geschlossenes, gotisches Portal dar. Das Glasfenster in der Rosette über dem Spitzbogen glühte wie feurige Kohle aus dem marmornen Schnörkelwerk. Die beiden Männer kehrten um.

„Ich will dir sagen, was sie nun als nächstes tun sollten“, knurrte Kapitän Eliott plötzlich.

„Nun?“

„Sie sollten einen richtigen lebendigen Lord hier heraus schicken, wenn Sir Fredericks Zeit um ist, wie?“

Kapitän Whalley stellte beiläufig fest, dass er nicht einsehen könne, warum ein Lord von der richtigen Art nicht ebenso guttun sollte wie irgend sonst jemand. Das aber war nicht des Anderen Ansicht.

„Nein, nein. Die Stadt regiert sich selbst, nichts kann sie jetzt aufhalten. Gut genug für einen Lord“, brummte er abgerissen vor sich hin. „Sieh dir die Veränderung seit unseren Tagen an. Wir brauchen hier nun einen Lord. In Bombay haben sie auch einen Lord.“

Er war ein oder zweimal im Jahre im Regierungspalast geladen – einem vielfenstrigen Bau mit Arkaden, auf einem Hügel, der zum Park umgestaltet war. Kürzlich hatte er auch in der Dampfbarkasse, die ihm als Arsenaldirektor zustand, einen Herzog im Hafen herumgefahren, um die Neuerungen zu besichtigen. Vorher war er noch ‚sehr liebenswürdig’ persönlich hinausgefahren, um einen guten Liegeplatz für die herzogliche Jacht auszusuchen. Nachher wurde er an Bord zu Mittag geladen. Die Herzogin selbst saß mit bei Tisch. Eine große Frau mit einem roten Gesicht. Die Haut ganz sonnverbrannt. Ruiniert, seiner Ansicht nach. Sehr liebenswürdig. Sie fuhren nach Japan weiter...

Diese Einzelheiten brachte er zu Kapitän Whalleys Erbauung vor, mit Pausen dazwischen, in denen er wie in gesteigertem Machtgefühl die Wangen aufblies oder die dicken Lippen vorschob, bis seine dunkelrote Nasenspitze in die Milch seines Schnurrbartes zu tauchen schien. Die Stadt regierte sich selbst; war für jeden Lord geeignet; es gab keinerlei Schwierigkeiten, außer in der Seeabteilung – in der Seeabteilung, wiederholte er zweimal und begann nach einem lauten Schnarchen zu erzählen, der Generalkonsul S. M. im französischen Cochinchina habe ihn kürzlich – in seiner amtlichen Eigenschaft – durch Kabel gebeten, einen geeigneten Kapitän für ein Glasgower Schiff hinüberzuschicken, dessen bisheriger Schiffer in Saigon gestorben war.

„Ich machte davon der Offiziersabteilung im Seemannsheim Mitteilung“, fuhr er fort, während das Hinken in seinem Gang sich mit der wachsenden Erregung seiner Stimme zu steigern schien. „Die Stadt ist voll von ihnen. Zweimal soviel Leute als Plätze in der Küstenschiffahrt frei sind. Alle heißhungrig nach einem schönen Posten. Zweimal soviel – und – was glaubst du, Whalley? ...“ Er brach kurz ab; man sah, wie er die Fäuste ballte und sie noch tiefer in die Taschen schob, dass diese im nächsten Augenblick bersten zu wollen schienen. Kapitän Whalley entschlüpfte ein leichter Seufzer.

„Was? Du meinst wohl, sie wären vor Hast übereinander gestolpert? Keine Rede davon. Fürchten sich heimzukehren. Ganz nett und warm hier heraußen, in einer Veranda zu liegen und auf einen Posten zu warten. Ich sitze in meinem Büro und warte. Niemand. Was glauben die Kerle? Dass ich da wie ein Affe sitzen bleiben würde, mit dem Telegramm des Generalkonsuls vor mir? Nicht gern! So sah ich also eine Liste durch, die ich über diese Burschen habe, schickte nach Hamilton, dem schlimmsten Faulenzer unter ihnen – und brachte ihn einfach auf den Trab. Drohte ihm, ich würde den Verwalter des Seemannsheims anweisen, ihn Hals über Kopf hinauszuwerfen. Er war der Meinung, der Posten sei nicht gut genug – hast du Worte! ‚Ich habe gewisse Aufzeichnungen über Sie’, sagte ich. ‚Sie sind vor achtzehn Monaten hier gelandet und haben seither keine sechs Monate gearbeitet. Nun sind Sie im Heim den ganzen Unterhalt schuldig und nehmen wohl, wie ich glaube, an, das Seeamt werde schließlich zahlen. Wie? Das werden wir auch; wenn Sie aber diese Gelegenheit nicht benutzen, so gehen Sie mit gebundener Marschroute auf dem ersten heimkehrenden Dampfer, der hier vorbeikommt, nach England zurück. Sie sind nichts anderes als ein Almosenempfänger. Wir wollen keine weißen Bettler hier!’ Damit erschreckte ich ihn. Aber denk dir doch, wieviel Ärger ich von alledem hatte.“

„Du hättest gar keine Scherereien gehabt“, sagte Kapitän Whalley fast wider Willen, „wenn du nach mir geschickt hättest.“

Darüber freute sich Kapitän Eliott ungeheuerlich. Er schüttelte sich im Weitergehen vor Lachen. Plötzlich aber hielt er im Lachen inne. Eine dunkle Erinnerung war ihm durch den Kopf geschossen. Hatte er nicht damals, bei dem Travancore- und Dekhankrach, davon reden hören, der arme Whalley sei um alles gekommen. ‚Dem Burschen geht es schlecht, beim Himmel’, dachte er und warf gleichzeitig einen forschenden Seitenblick zu seinem Gefährten hinauf. Kapitän Whalley aber ging ernst vor sich hin, mit einer Kopfhaltung, die bei einem völlig verarmten Mann undenkbar gewesen wäre – und der andere beruhigte sich wieder. Unmöglich; er konnte nicht alles verloren haben. Das Schiff war für ihn nur ein Steckenpferd gewesen. Und die Erwägung, dass ein Mann, der nach seinem eigenen Geständnis erst am gleichen Morgen eine doch wohl erhebliche Summe eingenommen hatte, schwerlich auf ein kleines Darlehen aus sein konnte, brachte ihn wieder völlig ins Gleichgewicht. Immerhin war eine längere Pause in ihrem Gespräch entstanden, und da er nicht wusste, wie er wieder beginnen sollte, so knurrte er bekümmert hervor: „Wir alten Knaben sollten uns nun zur Ruhe setzen.“

„Für einige von uns wäre es sicher besser, auf der Brücke zu sterben“, warf Kapitän Whalley nachlässig ein.

„Was denn! Komm doch – bist du der ganzen Sache immer noch nicht müde?“ stieß der andere grimmig hervor.

„Und du?“

Kapitän Eliott war müde, höllisch müde. Er klebte an seinem Posten nur deshalb so lange, um sich die höchste Pension zu ersitzen, bevor er heimging. Auch die würde kaum mehr bedeuten als bittere Armut, doch würde sie eben die einzige Trennungsmauer zwischen ihm und dem Arbeitshaus darstellen. Und er hatte eine Familie. Drei Mädchen, wie Whalley ja wusste. ‚Harry, der alte Junge’, sollte nur verstehen, dass diese drei Mädchen für ihn eine Quelle unaufhörlicher Sorgen waren. Nein, man konnte verrückt werden darüber.

„Warum, was haben sie denn getan?“ fragte Kapitän Whalley mit einer Art belustigter Zerstreutheit.

„Getan! Nichts getan! Das ist's ja gerade. Lawn-Tennis und dumme Romane von früh bis abends...“

Wenn wenigstens eine davon ein Junge geworden wäre! Aber alle drei! Und wie es das Unglück wollte, schien es auch keine anständigen Männer mehr auf der Welt zu geben. Wenn er sich so im Club umblicke, dann sehe er nur eine Schar eingebildeter Laffen, alle zu selbstsüchtig, als dass sie daran denken würden, eine gute Frau glücklich zu machen. Die ganze Schar zu Hause behalten zu müssen, bedeutete für ihn bittere Armut. Es war sein Lieblingsgedanke gewesen, sich ein kleines Landhaus zu bauen – in Surrey – um seine Tage darin zu beschließen; aber er fürchtete, das käme nun gar nicht mehr in Frage ... und seine Kugelaugen rollten in so ergreifender Angst nach oben, dass Kapitän Whalley mitleidig zu ihm hinunternickte, dabei aber eine verräterische Lachlust niederzukämpfen hatte.

„Du musst ja selbst am besten wissen, wie es ist, Harry. Die Mädel machen einem eine ganze Menge Kummer und Sorgen.“

„Oh! Aber meine macht sich ganz gut“, sagte Kapitän Whalley langsam und sah starr die Straße entlang.

Der Arsenaldirektor freute sich, das zu hören. Freute sich ungemein. Er erinnerte sich ihrer noch gut. Ein hübsches Mädchen war sie. Kapitän Whalley ging nachlässig dahin und stimmte wie im Traume zu:

„Sie war hübsch.“

Der Wagenzug wurde zusehends kleiner. Eines der Gespanne nach dem anderen löste sich aus der Reihe, fuhr in scharfem Trab davon und füllte die breite Allee mit Leben und Bewegung; bald aber kehrte die Stimmung würdiger Stille wieder und nahm von der geraden und breiten Straße Besitz. Ein weißgekleideter Sais stand neben dem Kopf eines Burmaponys, das an einen schönlackierten, zweiräderigen Wagen gespannt war. Das ganze Gespann, das am Randstein wartete, erschien unter den riesigen Bäumen kaum größer als ein vergessenes Kinderspielzeug. Kapitän Eliott watschelte darauf zu und machte Miene, in den Sitz zu klettern, hielt sich aber zurück; eine Hand leicht auf die Sitzlehne gestützt, wechselte er das Thema und ging von seiner Pension, seinen Töchtern und seiner Armut wieder zu dem sonst noch einzigen Gesprächsstoff über – dem Seearsenal, den Leuten und Schiffen im Hafen.

Er fuhr fort, Beispiele davon zum Besten zu geben, was alles von ihm erwartet wurde; und seine heisere Stimme klang durch die stille Luft wie das eigensinnige Gebrumm einer Riesenhummel. Kapitän Whalley wusste nicht recht, welche Kraft oder welche Schwäche ihn abhielt, „Gute Nacht“ zu sagen und davonzugehen. Es schien, als wäre er zu müde, um die Anstrengung zu wagen. Wie merkwürdig! Merkwürdiger als irgendeine von Neds Geschichten. Oder war es das überwältigende Bewusstsein der Beschäftigungslosigkeit allein, das ihn hier stehen und den Klatsch anhören ließ? Ned Eliott hatte niemals sehr ernsthafte Sorgen gehabt; und nun glaubte Whalley ganz tief verborgen, wie eingehüllt in das laute Gebrumm, etwas von der hellen, herzhaften Stimme des jungen Kapitäns der „RINGDOVE“ zu hören. Er fragte sich erstaunt, ob er sich wohl selbst im gleichen Maße geändert habe. Und es schien ihm, als hätte sich die Stimme seines alten Kameraden nicht einmal so sehr verändert – als wäre der Mann noch derselbe. Kein übler Bursche, der gefällige, lustige Ned Eliott, freundlich, scharf im Geschäft – und immer ein wenig zum Schwindeln geneigt. Er erinnerte sich noch, wieviel Vergnügen er seiner armen Frau gemacht hatte. Sie konnte in ihm wie in einem offenen Buch lesen. Wenn der „KONDOR“ und die „RINGDOVE“ zufällig zur gleichen Zeit im Hafen lagen, so bat sie ihn häufig, Kapitän Eliott zum Abendessen mitzubringen. Seit jenen alten Tagen hatten sie sich nicht allzu häufig getroffen. Vielleicht kaum einmal in fünf Jahren. Er sah unter seinen weißen Augenbrauen hervor nach diesem Mann, den er sich nicht entschließen konnte, an diesem Wendepunkt ins Vertrauen zu ziehen; und der andere fuhr mit seinen Herzensergüssen fort, weiter von seinem Zuhörer entfernt, als hätte er eine Meile weiter weg von einem Hügel herunter gesprochen.

Nun hatte er wieder einige Scherereien wegen des Dampfers „SOFALA“. Schließlich musste er doch jeden festgefahrenen Karren im Hafen wieder flottmachen. Man würde ihn schon vermissen, wenn er in weiteren achtzehn Monaten einmal nach Hause gegangen und der Posten höchstwahrscheinlich irgendeinem Marineoffizier im Ruhestand zugeschanzt sein würde – einem Mann, der nichts verstehen und sich weniger Sorgen machen würde. Der Dampfer war ein Küstenfahrer, mit einer festen Handelsverbindung nördlich bis nach Tenasserim; das Böse war, dass kein Kapitän aufzutreiben war, der die regelmäßigen Fahrten hätte machen wollen. Kein Mensch wollte auf das Schiff. Er selbst hatte natürlich nicht die Möglichkeit, einen Menschen zur Annahme dieses Postens tatsächlich zu zwingen. Auf die Bitte eines Generalkonsuls hin konnte man ja einmal ein Übriges tun, aber...

„Was ist mit dem Schiff los?“ unterbrach Kapitän Whalley gemessen. „Gar nichts ist los. Ein fester alter Dampfer. Der Eigentümer ist heute Nachmittag in meinem Kontor gewesen und hat sich die Haare gerauft.“

„Ist er ein Weißer?“ fragte Whalley angeregt.

„Er nennt sich einen Weißen“, antwortete der Arsenaldirektor grimmig. „Aber wenn er es ist, dann nur in der Haut und nicht tiefer. Das habe ich ihm heute ins Gesicht gesagt.“

„Aber wer ist er denn?“

„Er ist Maschinist des Dampfers. Verstehst du, Harry?“

„Ich verstehe“, sagte Kapitän Whalley nachdenklich. „Der Maschinist. Ich verstehe.“

Wie der Bursche dazugekommen war, gleichzeitig auch Reeder zu sein, das war eine ganze Geschichte. Er war als Dritter Offizier auf einem Schiff aus der Heimat vor etwa fünfzehn Jahren herübergekommen, wie Kapitän Eliott sich erinnerte, und nach einem bösen Krach mit seinem Ersten Offizier ausbezahlt worden. So oder so, die Leute schienen heilfroh, ihn um jeden Preis los zu sein. Offenbar ein aufsässiger Bursche. Nun, seither war er hier draußen geblieben, eine wahre Pest, ewig angeheuert und wieder ausgeschifft, unfähig, einen Posten sehr lange zu behalten; hatte wohl die Maschinenräume so ziemlich aller zur Kolonie gehörigen Schiffe durchgemacht. Dann plötzlich: „Und was glaubst du, was geschah?“

Kapitän Whalley, der aussah, als hätte er eben im Stillen eine Summe zusammengezählt, fuhr leicht auf. Er konnte es sich wirklich nicht denken. Die Stimme des Arsenaldirektors bebte vor Erregung. Der Mann habe tatsächlich das Glück gehabt, den zweiten Haupttreffer in der Manila-Lotterie zu gewinnen. Alle diese Maschinisten und Deckoffiziere spielten ja in der Lotterie. Es schien ein förmlicher Irrsinn unter ihnen.

Nun erwartete jedermann, dass er sich mit seinem Gelde nach Hause machen und nach seiner Façon zur Hölle fahren würde. Durchaus nicht. Die „SOFALA“, für ihre Route zu klein und nicht modern genug befunden, war von ihren Reedern, die einen neuen Dampfer aus Europa bestellt hatten, zu einem sehr anständigen Preise zu haben. Der Mann griff schleunigst zu und kaufte sie. Er hatte nie irgendwelche Zeichen des Wahnsinns verraten, der durch den plötzlichen Besitz einer großen Geldsumme hervorgerufen werden kann, niemals – bis er ein Schiff sein eigen nannte; dann aber verlor er mit einem Schlag sein Gleichgewicht: kam lärmend in das Seeamt, um das Schiff auf seinen Namen überschreiben zu lassen, den Hut auf das linke Auge gedrückt und ein Stöckchen zwischen den Fingern wirbelnd, und sagte jedem der Beamten einzeln, dass ihn nun niemand mehr hinauswerfen könne. Die Reihe sei an ihm. Nun gäbe es auf Erden niemand mehr über ihm, und es würde auch niemand mehr geben. Er stolzierte zwischen den Tischen herum, sprach mit lauter Stimme und zitterte dabei am ganzen Leibe, so dass alle Amtsgeschäfte ruhten, solange er da war und jedermann in dem großen Raum mit offenem Munde seinem Gehaben zusah. Später konnte man ihn dann während der heißesten Tagesstunden mit feuerrotem Gesicht die Quais auf und ab rennen sehen, um sein Schiff von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten; er schien geneigt, jeden Fremden, der gerade des Weges kam, anzuhalten, um ihm mitzuteilen, dass ‚nun niemand mehr über ihm sei; er habe ein Schiff gekauft; nun könne ihn niemand mehr auf Erden aus seinem Maschinenraum hinaussetzen.’

Wenn der Handel auch noch so gut war, so verschlang doch der Preis der „SOFALA“ so ziemlich den ganzen Lotteriegewinn. Er hatte kein Betriebskapital übrigbehalten. Das machte nicht so sehr viel aus, denn es waren ja die goldenen Tage des Küstenhandels, bevor noch einige der Reedereien daran gedacht hatten, an Ort und Stelle kleine Flotten zu schaffen, um die Hauptlinien zu versorgen. Sobald diese einmal eingerichtet waren, nahmen sie natürlich die größten Stücke aus dem Kuchen für sich weg. Und dann war bald die schöne alte Zeit für immer vorbei. Durch Jahre hatte die „SOFALA“ seiner Ansicht nach kaum mehr als den nackten Lebensunterhalt verdient. Kapitän Eliott hielt es für seine Pflicht, jedem englischen Schiff, soweit es anging, zu helfen; und es lag auf der Hand, dass die „SOFALA“, wenn sie erst einmal aus Mangel an einem Kapitän ihre Fahrten zu versäumen begann, sehr bald ihre Handelsbeziehungen einbüßen würde. Das war nun die Schererei. Der Mann war zu unverträglich. „Von Anfang an zu sehr ein Bettler auf dem Pferd“, erklärte er. „Schien mit der Zeit immer schlimmer zu werden. Während der letzten drei Jahre hat er elf Schiffer gehabt, hat es mit jedem einzelnen Menschen hier außerhalb der regulären Linien versucht. Ich hatte ihn früher schon gewarnt, dass sich das auf die Dauer nicht halten würde, und jetzt will natürlich niemand von der „SOFALA“ etwas wissen. Ich habe mir ein oder zwei Leute ins Amt kommen lassen und habe mit ihnen gesprochen; aber sie sagten mir alle, was es für einen Sinn haben sollte, einen Posten anzunehmen, um einen Monat lang ein rechtes Hundeleben zu führen und sich am Ende der ersten Reise vor die Tür setzen zu lassen? Der Bursche versicherte mir natürlich, das sei alles Unsinn; seit Jahren sei eine Verschwörung gegen ihn im Gange. Die sei nun ausgebrochen. Alle die verdammten Seeleute im Hafen hätten sich zusammengetan, um ihn auf die Knie zu zwingen, weil er nur ein Ingenieur sei.“

Kapitän Eliott kicherte gurgelnd.

„Und die Tatsache ist die, dass er sich, wenn er noch ein paar Fahrten versäumt, gar nicht mehr die Mühe zu nehmen braucht, nochmals auszulaufen. Der wird auf seiner alten Route keine Ladung mehr finden. Heutzutage gibt es viel zuviel Wettbewerb, als dass die Leute ihre Sachen liegenlassen und auf ein Schiff warten würden, das niemals kommt, wenn es fällig ist. Die Aussichten für ihn sind nicht gut. Er schwört, dass er sich lieber an Bord einschließen und in seiner Kabine verhungern, als das Schiff verkaufen wolle – selbst wenn er einen Käufer finden würde. Und das ist durchaus nicht wahrscheinlich. Nicht einmal die Japaner würden die Versicherungssumme dafür geben. Es ist nicht wie mit dem Verkauf von Segelschiffen. Dampfer werden eben nicht nur alt, sondern vor allem unmodern.“

„Er muss sich aber doch ein schönes Stück Geld zurückgelegt haben“, meinte Kapitän Whalley ruhig.

Der Arsenaldirektor blies seine dunkelroten Wangen zu erstaunlichem Umfang auf.

„Keinen Pfifferling, Harry, keinen – einzigen – Pfifferling.“

Er wartete; als aber Kapitän Whalley langsam seinen Bart strich und vor sich auf den Boden sah, ohne ein Wort zu reden, da tippte er ihn, auf die Fußspitzen gereckt, auf den Arm und krächzte flüsternd:

„Die Manila-Lotterie hat ihn aufgefressen.“

Dann zog er eine Grimasse und nickte wiederholt mit dem Kopf. Sie alle spielten; ein Drittel der Gehälter, die an Schiffsoffiziere (‚in meinem Hafen’, schnarrte er) gezahlt wurden, gingen nach Manila. Es war wie ein Irrsinn. Der Bursche Massy war davon ganz am Anfang gepackt worden, wie die anderen auch; nachdem er aber erst einmal gewonnen hatte, schien er überzeugt zu sein, er brauchte es nur noch einmal zu versuchen, um noch einen Haupttreffer zu machen. Seither hatte er für jede Ziehung Dutzende und aber Dutzende von Losen gekauft. Infolge dieses Lasters und seiner geschäftlichen Unkenntnis war er seit dem Kauf des Dampfers in ständiger Geldverlegenheit gewesen.

Dies war nach Kapitän Eliotts Meinung eine Gelegenheit für einen vernünftigen Seemann mit ein paar Pfund in der Tasche, herzugehen und den Narren vor den Folgen seiner Narrheit zu retten. Es war seine Schrulle, mit seinen Kapitänen Streit zu suchen. Er hatte ein paar wirklich tüchtige Leute gehabt, die nur zu gern geblieben wären, hätte er sie bloß gelassen. Aber nein. Er schien zu glauben, dass er nicht der Reeder sei, wenn er nicht frühmorgens jemand hinauswarf und abends mit dem Neuen einen Streit hatte. Was er brauchte, das war ein Schiffer, der sich mit ein paar hundert Pfund an dem Schiff beteiligen würde. Man entlässt keinen Menschen ohne Grund, einfach nur des Spaßes halber, ihm sagen zu können, er solle seinen Kram packen und sich an Land scheren, wenn man weiß, dass man dann seinen Anteil auszuzahlen hat. Andrerseits ist es nicht wahrscheinlich, dass ein Mensch, der am Schiff beteiligt ist, im Zorn wegen eines Nichts seinen Posten aufgeben würde. Er habe das Massy gesagt, habe gesagt: „‚Das geht nicht, Herr Massy. Wir im Seeamt sind Ihrer ziemlich überdrüssig. Nun bleibt Ihnen nichts, als einen Seemann als Teilhaber zu finden. Das scheint mir der einzige Weg.’ Und das war kein schlechter Rat, Harry.“

Kapitän Whalley stand reglos auf seinen Stock gestützt, seine Hand, die den Bart hatte streichen wollen, war zu festem Griff angehalten worden. – Und was habe der Bursche dazu gesagt? Der Bursche habe die Frechheit gehabt, auf den Arsenaldirektor loszufahren. Er habe den Rat in unverschämtester Weise aufgenommen. „Ich bin nicht hierher gekommen, um mich auslachen zu lassen“, habe er gebrüllt. „Ich wende mich an Sie als Engländer und Reeder, der durch eine ungesetzliche Verschwörung Ihrer verdammten Seeleute an den Rand des Ruins gebracht worden ist – und alles, was Sie sich herbeilassen, für mich zu tun, ist, dass Sie mir sagen, ich sollte mir einen Teilhaber suchen...“ Der Bursche habe sich nicht entblödet, vor Wut auf den Boden des Privatkontors zu stampfen. Wo sollte er einen Teilhaber hernehmen? Hielt man ihn zum Narren? Kein einziger von der verwünschten Horde dort im ‚Heim’ habe auch nur ein Zweipencestück in der Tasche. Das wusste noch der letzte der Eingeborenendiebe in den Bazars... „Und es stimmt ja allerdings, Harry“, brummte Kapitän Eliott nachdenklich. „Bei jedem einzelnen von ihnen ist es eher wahrscheinlich, dass er einem der Chinesen in Denham Road für die Kleider am Leibe Geld schuldet. ‚Nun’, sagte ich, ‚Sie machen für meinen Geschmack zuviel Lärm deswegen, Herr Massy. Guten Morgen.’ Er schlug die Tür hinter sich zu; er wagte es, meine Tür zuzuschlagen. Gott strafe seine Frechheit!“

Das Oberhaupt der Seeabteilung war atemlos vor Entrüstung. Dann sammelte er sich wieder: „Bei alledem werde ich noch zu spät zu Tisch kommen... schwätze da mit dir... die Frau hat es nicht gern.“

Er kletterte schwerfällig in den Sitz, lehnte sich dann seitlich vor und begann sich dabei erst mit etwas gemachter Herzlichkeit zu erkundigen, was denn wohl in aller Welt Kapitän Whalley in letzter Zeit angefangen habe. Sie hätten sich ja Jahre und Jahre nicht gesehen, bis da neulich, wo Whalley so unerwartet im Amt aufgetaucht sei. Was in aller Welt...

Kapitän Whalley schien still vor sich in seinen weißen Bart hineinzulächeln.

„Die Erde ist groß“, sagte er obenhin.

Der andere starrte von seinem Wagensitz rings in die Runde, als wollte er die Behauptung prüfen. Die Esplanade lag ganz still. Nur von weit, ganz weit weg, weit an der Küste hinauf, kam über die weiten Rasenflächen und die langen Baumreihen weg das schwache Tuten des Straßenbahnwagens, der eben von dem leeren Säulenvorbau der öffentlichen Bücherei abfuhr, um die drei Meilen bis zu den neuen Hafendocks zu durchlaufen.

„Scheint doch nicht gar so viel Raum darin zu sein“, knurrte der Arsenaldirektor, „da diese Deutschen sich uns auf Schritt und Tritt in den Weg stellen. Das war zu unserer Zeit nicht so.“ Er verfiel in tiefes Sinnen und atmete dabei geräuschvoll, als schlummerte er mit offenen Augen. Vielleicht hatte auch er in der schweigsamen, pilgerhaften Gestalt, die still wie ein rastender Wanderer neben dem Rade stand, verschwommen die Stimme des jungen „KONDOR“-Kapitäns entdeckt. Guter Junge – Harry Whalley – niemals sehr gesprächig. Man wusste nie, wo er hinauswollte – gern ein bisschen großartig gegen einflussreiche Leute und geneigt, manche Andeutung falsch aufzufassen. Hatte wohl eine zu hohe Meinung von sich selbst. Er hätte ihn gern aufgefordert, einzusteigen und mit zum Abendessen zu fahren. Aber man wusste ja nie... die Frau hatte es vielleicht nicht gern.

„Und es ist spaßig zu denken, Harry“, fuhr er mit seinem tiefen, halblauten Gebrumm fort, „dass von all den Leuten nur du und ich übrig sein sollen, um uns an dieses Stück Welt erinnern zu können, wie es einmal war...“ Er schien bereit, sich einer weichen Stimmung hinzugeben; doch da fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf, dass Kapitän Whalley immer noch ohne eine Regung und ohne ein Wort dastand, etwas zu erwarten schien, vielleicht damit rechnete... Er zog sofort die Zügel an und bellte mit gemachter Herzlichkeit: „Ja, mein lieber Junge, die Männer, die wir gekannt – die Schiffe, die wir gesegelt, ach ja, und die Dinge, die wir getan haben...“ Das Pony sprang an, der Sais machte einen Satz zur Seite. Kapitän Whalley hob den Arm.

„Leb wohl.“

* * *

VI

VI

Die Sonne war untergegangen. Und als Kapitän Whalley, nachdem er mit seinem Stock ein tiefes Loch in den Sand gebohrt hatte, sich zum Weitergehen anschickte, hatte die Nacht ihre Schattenheere unter den Bäumen versammelt. Sie erfüllten die östlichen Enden der Alleen, als warteten sie nur auf das Signal für einen allgemeinen Vormarsch über die offenen Räume der Welt; sie sammelten sich auch tief unten, zwischen den von Mauern eingefassten Ufern des Kanals. Die malaiische Prau, unter den Bogen der Brücke halb verborgen, hatte ihre Lage um keinen Viertelzoll verändert. Kapitän Whalley starrte lange über die Brüstung hinunter, bis ihm schließlich das unbewegliche Schwimmen des verhüllten Dings dort unten unheimlich und unfaßbar erschien. Das letzte Zwielicht verging am Himmel; sein Widerschein verließ die Welt, und die Wasser des Kanals schienen zu flüssigem Pech zu werden. Kapitän Whalley ging weiter.

Die Stelle, wo er auf dem Wege zum Hotel rechts abbiegen musste, lag wenige Schritte entfernt. Er blieb abermals stehen (alle die Häuser auf der Seeseite waren verschlossen, die Quais verlassen, bis auf ein oder zwei Eingeborene, die man in der Ferne dahingehen sah) und begann den Betrag seiner Rechnung zusammenzuzählen. Soundso viel Tage im Hotel, und soundso viel Pfund für den Tag. Um die Tage zu zählen, benutzte er seine Finger; die andere Hand hielt er in der Tasche und klapperte darin mit einigen Silbermünzen. Das ging noch für drei Tage; und dann musste er, wenn sich nichts ergab, die Fünfhundert angreifen – Ivys Geld, das in ihrem Vater angelegt war. Ihm schien es, als würde er an der ersten Mahlzeit, die von diesem Notpfennig bezahlt werden würde, ersticken müssen – unweigerlich. Vernunft hatte dabei nichts zu sagen. Es war eine Gefühlsfrage. Seine Gefühle hatten ihn nie betrogen.

Er bog nicht nach rechts ab. Er ging weiter, als gäbe es noch immer ein Schiff auf der Reede, zu dem er sich des Abends hinausrudern lassen konnte. Weiter weg, jenseits der Häuser, auf dem Abhang des indigoblauen Vorgebirges, das die Aussicht über die Quais abschloss, schickte die schlanke Säule eines Fabrikschornsteins ruhig und gerade ihre Rauchwolken in die klare Luft hinauf. Ein Chinese, der zusammengekauert im Heck eines der Sampans saß, die am Ende des Quais tanzten, bemerkte eine winkende Hand. Er sprang auf, rollte schnell seinen Zopf um den Kopf, zog sich mit zwei raschen Bewegungen seine weiten, dunklen Hosen hoch über die gelben Hüften und brachte mit einer einzigen, lautlosen, floßenartigen Bewegung der Ruder den Sampan längsseits der Stufen, mit der Leichtigkeit und Genauigkeit eines schwimmenden Fisches.

„SOFALA“, sagte Kapitän Whalley von oben; und der Chinese, wohl eben erst zugewandert, sah mit gespannter Aufmerksamkeit hinauf, als wartete er darauf, das merkwürdige Wort sichtbar von des weißen Mannes Lippen fallen zu sehen. „SOFALA“, wiederholte Kapitän Whalley, und plötzlich sank ihm der Mut. Er zögerte. Die Ufer, die Eilande, die Hügel, wie auch die Küstenvorsprünge lagen im Dunkeln; der Horizont hatte sich ganz in Nacht getaucht. Gegen Osten zu, die Küste hinauf, sah man den weißen Obelisken, der den Landungsplatz des Überseekabels bezeichnete, wie ein bleiches Gespenst vor dem Gewimmel ungleicher Dächer und den Palmen des Eingeborenenviertels stehen. Kapitän Whalley begann nochmals:

„SOFALA“. Sabeh, „SOFALA“, John!“

Diesmal erfasste der Chinese den merkwürdigen Laut und grunzte tief drinnen in seiner nackten Kehle eine raue Bejahung. Mit dem ersten gelben Aufglitzern eines Sternes, der wie ein Stecknadelkopf auf der glatten, blass blau glänzenden Himmelsdecke erschien, strich ein kühler Schauer durch die warme Luft des Landes. Im Augenblick, als er in den Sampan stieg, um hinzufahren und sich um das Kommando der „SOFALA“ zu bewerben, fröstelte Kapitän Whalley ein wenig.

Als er bei der Rückkehr wieder am Quai anlegte, warf Venus einen feinen goldenen Schein hinter ihm her über die Reede, die glatt wie ein Fußboden aus dunklem, glänzendem Stein dalag. Das luftige Gewölbe der Alleen war schwarz, tief schwarz, und die Porzellankugeln auf den Lampenpfosten glichen ungeheuren, leuchtenden, eiförmigen Perlen, in einer Reihe aufgestellt, die gegen Ende tiefer und tiefer und schließlich bis in Kniehöhe zu sinken schien. Er legte die Hände auf den Rücken. Er wollte nun in aller Ruhe die Vorteile der Sache erwägen, bevor er morgen das endgültige Wort sprach. Seine Füße knirschten laut im Kies – die Vorteile der Sache. Die wären wohl leichter abzuschätzen gewesen, hätte es die Möglichkeit einer Wahl gegeben. Die Ehrenhaftigkeit stand allerdings außer Frage. Er wollte dem Burschen nichts Böses; und von Zeit zu Zeit sprang sein Schatten jäh neben ihm an den Stämmen der Bäume hoch, um sich dann wieder schräg und schmal weit über die Rasenfläche zu erstrecken – immer im gleichen Schritt mit ihm selbst.

Die Vorteile. Gab es eine Wahl? Er schien bereits etwas von sich selbst eingebüßt, einem hungrigen Gespenst etwas von seiner Offenheit und Würde abgegeben zu haben, um weiterleben zu können. Aber sein Leben war notwendig. Mochte die Armut ihren bittersten Stachel fühlen lassen, indem sie solche Demütigungen bescherte. Es war gewiss, dass Ned Eliott ihm, ohne es zu wissen, einen Dienst erwiesen hatte, um den er ihn unmöglich hätte bitten können. Er hoffte, Ned würde keinen zweideutigen Beweggrund in seiner Handlungsweise suchen. Er nahm an, dass er ihn nun, wenn er davon hörte, verstehen – oder vielleicht Whalley für einen überspannten Narren halten würde. Was für einen Zweck hätte es haben können, ihm die Wahrheit zu sagen, ihm oder etwa diesem Menschen Massy? Fünfhundert Pfund flüssig zu einer Anlage. Mochte er das nach Kräften ausnützen. Mochte er sich auch wundern. Sie wünschen einen Kapitän – ich wünsche ein Schiff. Das ist genug. B-r-r-r! Was für einen unangenehmen Eindruck der leere, dunkle, widerhallende Dampfer ihm gemacht hatte...

Ein aufgelegter Dampfer war ein totes Ding, darüber gab es keinen Irrtum; ein Segelschiff scheint doch immer bereit, mit jedem Hauch aus dem Himmelsgewölbe ins Leben zurückzuspringen; ein Dampfer aber, dachte Kapitän Whalley, mit gelöschten Feuern, ohne die warmen Luftzüge, die einen noch auf Deck erreichen, ohne das Zischen von Dampf, das Klirren von Eisen aus dem Innern – liegt kalt, still und ohne Puls da, wie ein Leichnam.

In der Einsamkeit der Allee, die oben ganz schwarz und unten im Lichtschein dalag, kam Kapitän Whalley, während er die Vorteile der neuen Stellung erwog, wie zufällig auch der Gedanke an den Tod. Er schob ihn mit Widerwillen und Verachtung beiseite. Er lachte beinahe darüber und bedachte frohlockend, in der unbeugsamen Lebenskraft seiner Jahre, wie wenig er zum Leben brauchte. Keine üble Kapitalanlage für die arme Frau, dieser rüstige Leib ihres Vaters. Und im Übrigen sollte für alle Fälle die Abmachung klar sein, die ganzen Fünfhundert mussten der Tochter innerhalb dreier Monate zurückgezahlt werden. Zur Gänze. Jeder Penny. Er dachte nicht daran, einen Penny ihres Geldes zu verlieren, was immer auch sonst wohl dahingehen mochte – ein wenig Würde – ein wenig von seiner Selbstachtung. Nie zuvor hatte er es jemand gestattet, von ihm selbst einen falschen Eindruck zu erhalten. Nun, mochte es hingehen. Er lachte ein wenig über diese innerliche Verachtung für seine weltliche Klugheit. Selbstverständlich wäre es einem solchen Burschen gegenüber und angesichts der besonderen Beziehung, in der sie stehen sollten, unangebracht gewesen, alles auszuplaudern. Ihm gefiel der Mensch nicht, seine einfältige, leere Geschwätzigkeit sowenig wie die Ausbrüche der Verbitterung. Alles in allem – ein armer Teufel. Er hätte nicht an seiner Stelle sein mögen. Die Menschen waren ja schließlich nicht böse. Aber ihm gefiel das schlichte Haar nicht, die merkwürdige Art, sozusagen im rechten Winkel dazustehen, die Nase in der Luft, und den Blick über die Schulter weg auf einen gerichtet. Nein. Im Ganzen genommen waren die Menschen nicht böse, sie waren nur töricht oder unglücklich.

Kapitän Whalley hatte aufgehört, die Vorteile dieses Schrittes zu erwägen – und die ganze lange Nacht lag vor ihm. Im vollen Licht glänzte sein langer Bart wie ein silbernes Brustschild über seinem Herzen. Im Zwischenraum, zwischen den Lampen, hob sich seine mächtige Gestalt weniger deutlich ab und verschwamm riesengroß, wanderend, geheimnisvoll mit der Umgebung. Nein, es gab nicht viel wirklich Böses im Menschen: und die ganze Zeit über hielt ein Schatten mit ihm Schritt, zu seiner Linken dahingleitend – was im Osten von übler Vorbedeutung ist.

* * *

„Kannst du die Palmengruppe noch nicht ausnehmen, Serang“, fragte Kapitän Whalley von seinem Lehnstuhl auf der Brücke der „SOFALA“ aus, während er sich der Bank von Batu-Beru näherte.

„Nein, Tuan. Bald sehen.“ Der alte Malaie, in einem Gewand aus grobem, blauem Baumwollstoff, stand auf knochigen, dunklen Füßen unter dem Sonnensegel der Brücke, hielt die Hände auf dem Rücken und starrte zwischen den zahllosen Fältchen um die Augenwinkel hervor geradeaus.

Kapitän Whalley saß still und hob den Kopf nicht, um etwa selbst einen Blick zu tun. Drei Jahre – sechsunddreißigmal. Er hatte diese Palmen sechsunddreißigmal vom Süden her angesteuert. Sie würden im rechten Augenblick in Sicht kommen. Gott sei Dank machte das alte Schiff seine Fahrten und Zwischenstationen ein ums andere Mal pünktlich auf den Glockenschlag. Schließlich murmelte er abermals: „Noch nicht in Sicht?“

„Die Sonne glänzt sehr stark, Tuan“,

„Pass gut auf, Serang.“

„Jawohl, Tuan.“

Ein weißer Mann war lautlos die Leiter vom Deck heraufgestiegen und hatte der kurzen Unterredung stumm gelauscht. Nun trat er auf die Brücke heraus, begann sie vom einen Ende zum anderen abzuschreiten und hielt dabei das lange Weichselrohr einer Pfeife in der Hand. Sein schwarzes Haar war in langen, dünnen Strähnen glatt auf dem kahlen Scheitel angepickt; er hatte buschige Brauen, eine gelbe Hautfarbe und eine dicke, unförmige Nase. Ein spärlicher Backenbart verbarg nicht die Umrisse seiner Wangen. Er sah übellaunig und lauernd aus; und während er an dem gekrümmten, schwarzen Mundstück sog, bot sein schweres Profil ein so unangenehmes Bild, dass sogar der Serang sich einiger stiller Betrachtungen darüber nicht erwehren konnte, wie äußerst unvorteilhaft weiße Männer doch mitunter aussehen können.

Kapitän Whalley schien sich in seinem Stuhl straffer zu setzen, nahm aber im Übrigen von der Gegenwart des anderen keinerlei Notiz. Der stieß Rauchwolken aus und meinte dann plötzlich:

„Mir ist Ihre neue Manie ganz unverständlich, den Malaien da immer wie Ihren Schatten um sich zu haben, Partner.“

Kapitän Whalley erhob sich in seiner ganzen, achtunggebietenden Größe, ging zum Fernrohr hinüber und hielt dabei den Kurs so unverrückbar ein, dass der andere schleunigst aus dem Wege gehen musste und wie eingeschüchtert stehenblieb, wobei die Pfeife in seiner Hand zitterte. „Mich vielleicht gleich über den Haufen rennen“, murmelte er verblüfft und empört. Dann sagte er langsam und betont:

„Ich – bin – nicht – Schmutz“, und fügte trotzig hinzu, „wie Sie zu glauben scheinen.“

Der Serang rief aus:

„Sehe die Palmen jetzt, Tuan.“

Kapitän Whalley trat an die Reling vor; anstatt aber mit dem sicheren, kühnen Blick eines Seemanns gerade nach dem Punkt hinzublicken, wanderten seine Augen unentschlossen im Raum umher, als hätte er, der Entdecker neuer Seewege, in diesem engen Meere seinen Weg verloren.

Noch ein weißer Mann, der Erste Offizier, kam auf die Brücke herauf. Er war schlank, jung, hager, mit einem Soldatenschnauzbart und einem etwas tückischen Blick. Er stellte sich in die Nähe des Ingenieurs. Kapitän Whalley kehrte ihm den Rücken zu und fragte: „Was zeigt das Log?“

„Fünfundachtzig“, gab der Erste schnell zurück und stieß dabei den Ingenieur mit dem Ellbogen an.

Kapitän Whalleys muskulöse Hände umpressten die Eisenreling mit ungewöhnlicher Kraft; seine Augen glänzten von der furchtbaren Anstrengung; er runzelte die Brauen, der Schweiß rann ihm unter dem Hut hervor, und er murmelte mit schwacher Stimme: „Stütze das Ruder, Serang – wenn Kurs anliegt.“

Der schweigsame Malaie trat zurück, wartete einen Augenblick und gab dann mit ausgestrecktem Arm dem Rudersmann ein Zeichen. Das Rad wirbelte hastig herum, um das Abfallen des Schiffes zu stoppen. Wieder stieß der Erste Offizier den Ingenieur an. Massy aber wandte sich ihm zu und sagte heftig:

„Herr Sterne, lassen Sie mich Ihnen – als Reeder – sagen, dass Sie nichts weiter sind, als ein verdammter Narr.“

* * *

VII

VII

Sterne ging schmunzelnd und augenscheinlich durchaus unberührt davon, der Ingenieur Massy aber blieb auf der Brücke und lief, wie zur Selbstbestätigung, auf und ab, wobei er sich aber nicht recht wohl fühlte. Jeder Mann an Bord war sein Untergebener – jeder Mann, ohne Ausnahme. Er zahlte ihnen die Gehälter und fand Arbeit für sie. Sie aßen mehr von seinem Brot und steckten mehr von seinem Geld ein, als sie wert waren; und sie brauchten sich um nichts in der Welt zu kümmern, während er allen den Schwierigkeiten der Reederei die Stirn zu bieten hatte. Wenn er seine Lage in ihrem ganzen bedrohlichen Umfang überblickte, so schien es ihm, als wäre er durch Jahre die Beute einer Schmarotzerbande gewesen; und durch Jahre hatte er jeden einzelnen, der mit der „SOFALA“ in Verbindung stand, gelästert, mit Ausnahme vielleicht der chinesischen Heizer, die tatsächlich dazu halfen, das Schiff vorwärtszubringen. Ihr Nutzen war offensichtlich: sie waren ein unentbehrlicher Teil der Maschinerie, deren Gebieter er war.

Wenn er sein Deck entlangschritt, rannte er die Leute, die ihm in den Weg kamen, rücksichtslos an; die malaiischen Matrosen aber hatten es gelernt, ihm auszuweichen. Er hatte sich schließlich dazu bequemen müssen, sie zu dulden, im Hinblick auf die notwendige Handarbeit, die auf dem Schiff getan werden musste. Er musste sich den Kopf zerbrechen, rechnen und tüfteln, um die „SOFALA“ flott zu erhalten – und was hatte er davon? Nicht einmal genügend Respekt. Darin hätten sie ihm nie Genüge tun können, und wären auch alle ihre Gedanken und alle ihre Handlungen darauf gerichtet gewesen. Die Eitelkeit des Besitzers, das überhebliche Machtgefühl, hatten ihn schon verlassen, und es waren nur die Geldsorgen geblieben, die Angst, diese Stellung zu verlieren, die sich doch als kaum beneidenswert erwiesen hatte, und eine Angst vor den Gedanken, für die ihn keine noch so kriechende Dienstfertigkeit anderer entschädigen konnte.

Er ging auf und ab. Die Brücke gehörte ja schließlich ihm. Er hatte dafür bezahlt; und dann und wann blieb er mit dem Pfeifenrohr in der Hand kurz stehen, als horchte er mit gespanntester Aufmerksamkeit auf den dumpfen Gang der Maschinen (seiner eigenen Maschinen), auf das leichte Knirschen der Steuerketten und das stete, leise Plätschern des Wassers längsseits. Wären diese Geräusche nicht gewesen, so hätte man meinen mögen, das Schiff läge still, an einer Bank festgemacht, von jeder lebenden Seele verlassen; nur die Küste, die niedrige Küste, aus Schlamm und Mangroven, mit der Gruppe der drei Palmen weiter hinten, hob sich langsam, in gerader Linie, deutlich hervor, ohne ein einziges Merkmal, das die Aufmerksamkeit hätte fesseln können. Die eingeborenen Passagiere der „SOFALA“ lagen auf Matten unter dem Sonnensegel herum; die Rauchfahne aus dem Schornstein schien das einzige Anzeichen, dass noch Leben auf dem Schiff war, und geheimnisvoll mit seinem Hingleiten verbunden.

Kapitän Whalley stand aufrecht, ein Fernglas in der Hand und den kleinen malaiischen Serang neben sich, wie ein alter Riese, von einem Zwerg bedient, und führte das Schiff über die Untiefe an der Bank.

Diese unterseeische Bank aus Schlamm, der von der Strömung von dem weichen Grund des Flusses mitgeführt und auf dem harten Meeresgrund angeschwemmt wurde, war schwer zu überqueren. Die Alluvialküste bot keinerlei Merkmale, und so musste die genaue Lage der Durchfahrt nach der Form der Gebirge im Landesinnern bestimmt werden. Ein Kennzeichen bildete ein Gipfel, der abgeplattet, mit zackigen Rändern, einem Backenzahn glich; ein anderes, eine tiefe Einsattelung, und nach beiden musste unter dem wolkenlosen, strahlenden Himmel gesucht werden, in einem Licht, das wie ein trockener Feuernebel die Luft zu erfüllen und vom Wasser aufzusteigen schien, das die Entfernung verhüllte und die Augen blendete. In diesem grellen Licht war fast nur die Uferkante zu sehen, die ganz dunkel gegen den Opalglanz stand. Dreißig Meilen weiter weg erstreckte sich das eigentliche Landesinnere gegen den Horizont, in Umrissen, die in vielerlei Blau abgetönt waren; die einzelnen Arme der Mündung tauchten glänzend weiß auf, wie silberner Zierat auf dem Mangrovendunkel der Küste.

Vorn auf der Brücke tauschten der Riese und der Zwerg häufig halblaute Bemerkungen. Seitlich hinter ihnen stand Massy mit einem Ausdruck von Geringschätzung und Spannung im Gesicht. Seine Kugelaugen waren vollkommen reglos, und er schien die lange Pfeife, die er in der Hand hielt, vergessen zu haben.

Auf dem Vordeck, unterhalb der Brücke, war ein Matrose, ein junger Laskar über die Reling hinausgeklettert. Er befestigte mit raschen Griffen einen breiten Gurt aus Segeltuch unter seinen Armen, stemmte sich mit der Brust dagegen und lehnte sich weit über das Wasser hinaus. Die Ärmel seines dünnen Baumwollhemdes waren knapp an den Schultern abgeschnitten und ließen seinen braunen Arm frei, der voll und rund war, mit seidenweicher Haut, wie der einer Frau. Nun schwang er ihn gestreckt im Kreise, mit der drohenden Bewegung eines Schleuderers: das Vierzehnpfundgewicht beschrieb einen Kreis in der Luft und flog dann plötzlich bis über den Bug hinaus vor. Die nasse, dünne Leine zischte mit einem Laut wie gekratzte Seide durch die dunklen Finger des Mannes, und das Aufklatschen des Bleilots nahe an der Schiffswand schlug eine silberige, schnellvergehende Wunde in die goldene Glätte; dann verkündete nach einer kurzen Pause die Stimme des jungen Malaien laut und langgezogen in den Worten seiner eigenen Sprache die Wassertiefe.

„Tiga stengah“, rief er nach jedem Aufklatschen und holte dabei die Leine hastig zu einem neuen Wurf ein. „Tiga stengah“, was soviel hieß wie dreiundeinhalb Faden. Von einem Punkt etwa eine Meile weit in See war bis zu der Bank eine gleichbleibende Wassertiefe. „Halb drei, halb drei, halb drei“ – und sein wohltönender Ruf, immer wiederholt, schien im Sonnenschein davonzutreiben und sich im Raum der schweigenden See und des leblosen Ufers zu verlieren, der offen war, nach Nord und Süd, nach Ost und West, ohne den kleinsten Wolkenschatten, ohne den geringsten Laut.

Der Reeder-Ingenieur der „SOFALA“ stand reglos hinter den zwei Seeleuten von verschiedener Rasse, Herkunft und Farbe; dem Europäer, der mit der ganzen Macht seines alten Körpers der Zeit zu trotzen schien, und dem kleinen Malaien, auch alt, doch dürr und verschrumpelt wie ein welkes Blatt, das ein Zufallswind in den mächtigen Schatten des anderen geblasen hatte. Da sie so gespannt nach dem Lande ausschauten, hatten sie für nichts sonst einen Blick übrig; und Massy, der ihnen von hinten her zusah, schien ihren Diensteifer peinlich zu empfinden, wie eine persönliche Spitze gegen sich.

Das war unvernünftig; doch er hatte durch Jahre in seiner eigenen Welt voll unvernünftiger Bitterkeiten gelebt. Schließlich strich er sich mit der feuchten Hand über die spärlichen Haarsträhnen auf dem gelben Kopf und begann langsam zu sprechen:

„Einen Mann am Lot, den brauchen Sie! Das ist wohl Ihr korrekter Dampferstil. Sind Sie nicht selber schlau genug, um sagen zu können, wo Sie sind, einfach durch einen Blick auf die Küste? Nun, bevor ich zwölf Monate bei dem Geschäft war, hatte ich den Trick schon heraus – und ich bin nur ein Ingenieur. Ich kann Ihnen von hier aus zeigen, wo die Bank ist, und könnte Ihnen überdies noch sagen, dass Sie das Schiff aller Wahrscheinlichkeit nach innerhalb der nächsten fünf Minuten auf Grund setzen werden; aber Sie würden das Einmischung nennen, nehme ich an. Und da gibt es ja unsere schriftliche Abmachung, dass ich mich nicht einmischen darf!“

Seine Stimme brach ab. Kapitän Whalley bewegte, ohne die strengen Züge zu entspannen, die Lippen zu der halblauten Frage:

„Wie nahe, Serang?“

„Sehr nahe jetzt, Tuan“, murmelte der Malaie hastig.

„Ganz langsam“, sagte der Kapitän laut, mit fester Stimme.

Der Serang rückte den Hebel des Maschinentelegraphen. Unten erklang ein Gong. Massy ging mit einem verächtlichen Schnauben davon und steckte den Kopf in das Oberlichtfenster zum Maschinenraum.

„Sie können sich auf ein närrisches Getue mit den Maschinen gefasst machen, Jack“, bellte er. Der Raum, in den er hinuntersah, war tief und düster; und das graue Schimmern von Stahl dort unten wirkte kühl nach dem grellen Glanz der See rings um das Schiff. Die Luft allerdings schlug einem heiß und stickig ins Gesicht. Ein kurzer Schrei, der kaum zu deuten schien, hallte aus der Tiefe herauf. Das war die Art, in der der Zweite Ingenieur seinem Vorgesetzten antwortete.

Er war ein älterer Mann von nachlässigem Benehmen und augenscheinlich so sehr in der schweigsamen Sorge um seine Maschinen befangen, dass er darüber die Sprache verloren hatte. Wenn man ihn unmittelbar anredete, so war seine einzige Antwort, je nach der Entfernung, ein Knurren oder ein Schrei. Während all der vielen Jahre, die er auf der „SOFALA“ zugebracht, hatte man ihn nie auch nur ein lautes „Guten Morgen“ mit einem seiner Schiffskameraden wechseln hören. Er schien es nicht zu merken, dass Leute kamen und in die Welt hinausgingen; er schien sie überhaupt nicht zu sehen. Tatsächlich schien er seine Schiffskameraden an Land nie zu kennen. Bei Tisch (die vier Weißen der „SOFALA“ speisten gemeinsam) saß er da und blickte teilnahmslos auf seinen Teller; gegen Ende der Mahlzeit aber sprang er auf und stürzte hinunter, wie in der plötzlichen Befürchtung, man könnte ihm während des Essens die Maschinen gestohlen haben. Am Ende der Reise ging er im Hafen regelmäßig an Land, doch wusste niemand, wo und auf welche Weise er seine Abende zubrachte. Unter den Leuten der Küstenfahrer lief immer noch ein wildes und unbestimmtes Gerücht um von seiner Liebschaft mit der Frau eines Sergeanten in einem irischen Infanterieregiment. Das Regiment aber hatte seine Garnisonzeit dort draußen schon vor Jahren abgedient und war irgendwohin auf die andere Hälfte der Erdkugel versetzt worden, weiter weg, als das Wissen der Menschen reichte. Zweimal oder vielleicht dreimal im Jahre pflegte er zuviel zu trinken. Bei diesen Gelegenheiten kehrte er früher als gewöhnlich an Bord zurück, rannte über das Deck, wobei er sich mit ausgespreizten Armen, wie ein Seiltänzer, im Gleichgewicht hielt, schloss sich dann in seiner Kajüte ein und redete und schimpfte die ganze lange Nacht in allen Tönen vor sich hin; Wut, Hohn und Wehklagen wechselten unerschöpflich miteinander ab. Massy, der Wand an Wand mit ihm schlief, pflegte sich in seiner Koje auf den Ellbogen aufzurichten und entdeckte dann, dass sein Zweiter Offizier den Namen jedes Weißen behalten hatte, der durch Jahre und Jahre auf der „SOFALA“ Dienst getan hatte. Er erinnerte sich an die Namen von Leuten, die gestorben, die nach Hause oder nach Amerika gegangen waren; er erinnerte sich während seiner Räusche an die Namen von Männern, deren Verbindung mit dem Schiff so kurz gewesen war, dass Massy selbst die näheren Umstände vergessen hatte und sich eben noch an die Gesichter erinnern konnte. Die trunkene Stimme jenseits des Schotts ergoss über sie alle eine ungewöhnliche Flut giftiger und lästerlicher Verleumdungen. Scheinbar hatten sie alle ihn auf irgendeine Weise beleidigt, und zum Lohn dafür war er ihnen allen hinter die Schliche gekommen. Er murmelte finster; er lachte höhnisch; er zermalmte sie, einen nach dem anderen; von seinem Vorgesetzten aber, Massy, plapperte er voll Bewunderung und Neid. „Gerissener Schuft! Trifft seinesgleichen nicht alle Tage. Seht ihn nur an! Ha! Groß! Eigenes Schiff. Würde sich nie erwischen lassen. Keine Angst – der Hund!“ Und nachdem Massy eine Weile mit dankbarem Lächeln diesem kunstlosen Tribut an seine Größe gelauscht hatte, begann er wohl zu brüllen und mit den Fäusten gegen das Schott zu trommeln.

„Hören Sie auf, Narr! Wollen Sie mich nicht schlafen lassen! Saufbold!“

Dabei aber umspielte immer noch ein halbes Lächeln des Triumphs seine Lippen; draußen stand der Laskar, den die Nachtwache im Hafen getroffen hatte (ein Junge vielleicht, der gerade aus einem Walddorf gekommen war), reglos im tiefen Schatten des Decks und lauschte dem endlosen trunkenen Geschwätz. Sein Herz pochte vor atemloser Ehrfurcht vor den weißen Männern: den hartnäckigen, herrschsüchtigen Männern, die unbeugsam ihre unverständlichen Ziele verfolgen – Wesen mit unerhörtem Tonfall in der Stimme, von unberechenbaren Gefühlen und unergründlichen Trieben bewegt.

* * *

VIII

VIII

Massy blieb nach dem Antwortschrei seines Zweiten noch eine Weile über das Fenster zum Maschinenraum gebeugt. Kapitän Whalley, der kraft seiner fünfhundert Pfund sein Kommando drei Jahre lang beibehalten hatte, hätte nun den Verdacht erwecken können, als hätte er die Küste nie zuvor gesehen. Er schien sich nicht entschließen zu können, das Glas abzusetzen, als wäre es ihm unter den zusammengezogenen Brauen festgewachsen. Dieses krampfhafte Stirnrunzeln gab seinem Gesicht den Ausdruck unbeugsamer und gerechter Strenge; doch sein erhobener Ellbogen zitterte leicht, und die Schweißtropfen rannen unter seinem Hut hervor, als wäre plötzlich im Zenit, neben der glühenden Kugel, die schon dort hing, eine zweite aufgegangen, in deren blendend weißem Licht die Erde wie ein Sonnenstäubchen erglühte.

Von Zeit zu Zeit hob er, während er mit der anderen immer noch das Glas hielt, die freie Hand, um sich das triefende Gesicht abzuwischen. Die Tropfen rollten ihm die Wange hinunter, fielen wie Regen auf das weiße Barthaar, und plötzlich streckte er, wie unter einem unbesiegbaren, ängstlichen Impuls, den Arm nach dem Maschinentelegraphen aus.

Unten klang der Gong. Die gemessenen Umdrehungen der langsamen Fahrt hörten zugleich mit jedem sonstigen Laut und jeder Erschütterung im Schiff auf, als hätte sich die große Ruhe, die draußen über der Küste lagerte, durch die eisernen Seitenwände eingeschlichen und von den geheimsten Winkeln des Schiffes Besitz ergriffen. Die schwache Brise, die des Dampfers Fahrt erzeugt hatte, verwehte, als wäre mit einmal die Luft zu dick geworden, um noch bewegt werden zu können; sogar das leise Plätschern des Wassers am Bug erstarb. Der schmale, lange Rumpf glitt ohne ein Kräuseln dahin, schien sich an das seichte Wasser über der Bank heranzustehlen. Das Aufklatschen des Bleis und die klagenden Schreie des Laskars erklangen in immer längeren Zwischenräumen; die Leute auf der Brücke schienen den Atem anzuhalten.


Der Malaie am Steuer sah starr nach der Windrose, der Kapitän und der Serang nach der Küste.

Massy hatte das Oberlicht verlassen und war auf leisen Sohlen genau an den Punkt der Brücke zurückgekehrt, an dem er früher gestanden hatte. Ein träges, stieres Grinsen entblößte sein breites Gebiss: im Schatten des Sonnensegels glitzerten die Zähne gleichmäßig, wie die Tasten eines Klaviers in einem dämmerigen Zimmer.

Schließlich tat er so, als spräche er in äußerster Verwunderung zu sich selbst, und sagte, nicht sehr laut:

„Die Maschinen stoppen! Was noch, das möchte ich gern wissen!“

Er wartete, zuckte die Schultern, schüttelte den Kopf, warf schiefe Blicke, dann hob er die Stimme ein wenig:

„Wenn ich es wagen wollte, eine Bemerkung zu machen, so möchte ich wohl sagen, dass Sie nicht Schneid genug haben...“

Aber in den Laskaren beim Lot schien, unerwartet genug bei der tiefen Ruhe der Küste, ein Geist lärmenden Aufruhrs gefahren zu sein. Sein eintöniger, langgezogener Singsang wurde zu lautem, schnellem Rufen. Er wirbelte das Gewicht nur einmal in der Luft herum und ließ es dann fliegen, dass die Leine pfiff; ein Aufklatschen folgte unmittelbar auf das andere. Das Wasser war seicht geworden, und der Mann rief, anstatt wie bisher in Faden, die Lotung in Fuß aus.

„Fünfzehn Fuß, fünfzehn, fünfzehn! Vierzehn, vierzehn...“

Kapitän Whalley ließ den Arm sinken, der das Glas hielt. Er glitt langsam nieder, wie durch sein eigenes Gewicht; kein anderes Glied seines mächtigen Körpers rührte sich, und die schnell aufeinanderfolgenden Schreie mit ihrem warnenden Unterton ließen ihn unberührt, als wäre er taub.

Massy stand bewegungslos und gespannt lauschend da und hielt die Augen fest auf den silberweißen, kurzgeschorenen Hinterkopf des Alten gerichtet. Das Schiff selbst schien stillzustehen, bis auf das allmähliche Abnehmen der Tiefe unter dem Kiel.

„Dreizehn Fuß... dreizehn! Zwölf!“ rief der Mann am Lot unterhalb der Brücke ängstlich, und plötzlich ging der bloßfüßige Serang lautlos davon, um seitlich hinabsehen zu können.

Schmal in den Schultern, in einem Anzug aus verschossenem blauem Baumwollstoff, einen alten grauen Filzhut tief in die Augen gezogen, eine tiefe Grube im dunklen Nacken und von schmächtigem Gliederbau, erschien der Mann, von rückwärts gesehen, kaum größer als ein vierzehnjähriger Junge. Ganz kindlich war auch die Neugierde, mit der er zusah, wie die massigen, gelblichen Gebilde vom Grund her an die Oberfläche des blauen Wassers emporzusteigen schienen, wie Wolkenballen, die langsam einen klaren Himmel herauftreiben. Er war über den Anblick nicht im Mindesten überrascht. Es war kein Zweifel, sondern die Gewissheit, dass der Kiel der „SOFALA“ den Grund berühren musste, was ihn bewogen hatte, über die Reling hinunterzusehen.

Seine forschenden Augen, schräggestellt in einem Gesicht von chinesischem Typus, einem kleinen, alten, unbeweglichen Gesicht, wie aus alter, brauner Eiche geschnitzt, diese Augen hatten ihn lange zuvor davon unterrichtet, dass die Sandbank nicht richtig angesteuert worden war. Als er zugleich mit der übrigen Besatzung nach dem Verkauf der „FAIR MAID“ abgemustert hatte, trieb er sich in seinem verschossenen blauen Anzug und dem breitkrempigen grauen Hut vor den Toren des Hafenamtes herum; als er eines Tages Kapitän Whalley auf der Suche nach einer Besatzung für die „SOFALA“ daherkommen sah, hatte er sich ihm auf bloßen Füßen mit einem stummen Bittblick in den Weg gestellt. Das Auge seines alten Herrn war in Gnade auf ihn gefallen – es musste ein günstiger Tag gewesen sein – und kaum eine halbe Stunde später hatten die weißen Männer in dem „Ofiss“ ihn als Serang des ‚Feuerschiffes’ „SOFALA“ eingetragen. Seither hatte er wiederholt diese Mündung, diese Küste, von dieser Brücke und diesseits der Bank aus gesehen. Die Erinnerung an den Gesichtseindruck zeichnete sich durch seine Augen auf seinem unverdorbenen Hirn ab, wie auf einer lichtempfindlichen Platte durch eine Linse. Sein Wissen war unbedingt und genau; trotzdem hätte er zweifellos das Zögern der Ungewissheit zur Schau getragen, hätte man ihn um seine Meinung gefragt, und noch dazu in der kerzengeraden, aufregenden Art der weißen Männer. Er war seiner Tatsachen gewiss – aber diese Gewissheit wog leicht im Vergleich zu dem Zweifel, welche Antwort wohl angenehm sein würde. Vor fünfzig Jahren, in einem Dschungeldorf, und bevor er selbst noch einen Tag alt gewesen, hatte sein Vater, der starb, ohne ein weißes Gesicht gesehen zu haben, von einem in der Sternenkunde bewanderten Mann sein Horoskop stellen lassen; denn aus der Stellung der Sterne kann das letzte Wort über ein Menschenschicksal gelesen werden. Die Vorhersage hatte gelautet, er werde durch die Gunst weißer Männer auf See Glück haben. Er hatte Schiffsdecks gewaschen, hatte Steuerruder bedient, Vorräte verwaltet, hatte es zuletzt bis zum Serang gebracht; und sein sanftes Gemüt war ebenso unfähig geblieben, die einfachsten Beweggründe derer zu erfassen, denen er diente, wie diese selbst unfähig waren, unter der Erdkruste das Geheimnis des Erdinnern zu ergründen, das vielleicht aus Feuer oder Stein besteht. Er hatte aber nicht den geringsten Zweifel daran, dass die““SOFALA“ vom richtigen Kurs abgefallen war, als sie diesmal die Bank von Batu-Beru kreuzte.

Es war nur ein kleiner Irrtum. Das Schiff konnte kaum um die doppelte eigene Länge zu weit nördlich sein; und ein Weißer, der nach einem Grund dafür suchte – denn es war unmöglich, bei Kapitän Whalley krasse Unwissenheit anzunehmen, Mangel an Übung oder Nachlässigkeit – wäre versucht gewesen, seinen eigenen Sinnen zu misstrauen. Ein ähnliches Gefühl war es auch, das Massy, mit zu einem ängstlichen Grinsen gebleckten Zähnen, reglos erhielt. Nicht so der Serang. Er war von jedem verstandesmäßigen Misstrauen gegen seine Sinne frei. Wenn es seinem Kapitän gefiel, den Schlamm aufzurühren, so war das recht. Er hatte in seinem Leben weiße Männer öfter als einmal einer unbegreiflichen Anwandlung nachgeben sehen. Er war nur ehrlich neugierig, was wohl daraus werden würde. Schließlich trat er augenscheinlich befriedigt von der Reling zurück.

Er hatte keinen Laut von sich gegeben: Kapitän Whalley aber schien die Bewegungen seines Serangs beobachtet zu haben. Mit starr gerecktem Kopf und kaum die Lippen bewegend fragte er:

„Macht sie noch Fahrt, Serang?“

„Noch ein wenig Fahrt, Tuan“, antwortete der Malaie und fügte dann beiläufig hinzu: „Sie ist drüber weg.“

Das Lot bestätigte seine Worte; die Wassertiefe nahm bei jedem Wurf zu, und der Geist der Aufregung verließ plötzlich den Laskar, der in seinem Segeltuchgürtel über die Seite der „SOFALA“ hinaushing. Kapitän Whalley befahl, das Lot einzuholen, ließ ohne große Eile die Maschinen voraussetzen, wandte seine Augen von der Küste ab und wies den Serang an, einen Kurs nach der Mitte der Mündung zu steuern.

Massy schlug sich geräuschvoll die flache Hand auf den Schenkel.

„Sie haben die Bank gestreift. Sehen Sie nur achtern, ob Sie das nicht taten! Sehen Sie auf die Spur, die wir hinterlassen haben! Sie ist deutlich zu sehen. Bei meiner Seel! ich hatte es mir gedacht! Warum taten Sie das? Was zum Teufel hat Sie dazu gebracht? Ich glaube, Sie wollen mich erschrecken.“

Er sprach langsam, wie tastend, und hielt die vorquellenden schwarzen Augen fest auf seinen Kapitän gerichtet. In seinem beginnenden Zornausbruch fehlte auch eine leicht wehklagende Note nicht, denn im Grunde war es das klare Gefühl, unverdientes Unrecht erlitten zu haben, was ihn diesen Mann hassen ließ. Diesen Mann, der für fünfhundert lumpige Pfund ein Sechstel des Gewinnes für die Vertragsdauer von drei Jahren beanspruchte. Sooft dieser Groll die Ehrfurcht besiegte, die er vor Kapitän Whalleys Persönlichkeit empfand, pflegte er vor Wut geradezu zu wimmern.

„Sie wissen gar nicht mehr, was Sie erfinden müssen, um mir die Seele aus dem Leibe zu ärgern. Ich hätte nie gedacht, dass ein Mann Ihrer Art sich herbeilassen würde...“

Er unterbrach sich halb hoffnungsvoll, halb schüchtern, sooft Kapitän Whalley in seinem Deckstuhl die geringste Bewegung machte, als hätte er erwartet, durch ein sanftes Wort versöhnt oder aber angefahren und von der Brücke verjagt zu werden.

„Ich bin verblüfft“, fuhr er wieder fort und bleckte dabei immer noch wachsam und ohne Lächeln seine großen Zähne. „Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich glaube, Sie versuchen es, mich zu erschrecken. Um ein Haar hätten Sie das Schiff für mindestens zwölf Stunden auf der Bank festgesetzt und dabei überdies noch die Maschinen verschlammt. Kein Schiff kann es sich heutzutage mehr leisten, auf einer Fahrt zwölf Stunden zu verlieren – wie Sie sehr gut wissen mussten und ja auch ganz bestimmt sehr gut wissen, nur...“

Sein halblauter Redefluss, die seitliche Drehung seines Halses, die dunklen Blicke aus den Augenwinkeln ließen Kapitän Whalley unbewegt. Er sah unter finster gerunzelten Brauen vor sich auf das Deck. Massy wartete eine kleine Weile und begann dann leise zu drohen.

„Sie glauben wohl, mir mit dem Abkommen Hand und Fuß gebunden zu haben. Sie glauben mich in jeder Art, wie es Ihnen gefällt, peinigen zu können. Oh! Aber denken Sie nur daran, dass es noch volle sechs Wochen läuft. Zeit genug für mich, Sie zu entlassen, bevor die drei Jahre um sind. Sie werden schon noch etwas tun, das mir ein Recht gibt, Sie zu entlassen und zwölf Monate auf Ihr Geld warten zu lassen, bevor Sie mir die Fünfhundert abverlangen und mir so den letzten Pfennig für die neuen Kessel nehmen können. Sie brüten über diesem Gedanken, nicht wahr? Ich habe das Gefühl, dass Sie hier sitzen und brüten. Es ist, als hätte ich meine Seele für fünfhundert Pfund verkauft, um schließlich auf ewig verdammt zu sein...“

Er unterbrach sich abermals, ohne ein Zeichen der Verzweiflung, und fuhr dann gleichmäßig fort:

„... Mit den abgenützten Kesseln und der Inspektion, die jeden Augenblick kommen kann, Kapitän Whalley... Kapitän Whalley, sagen Sie doch, was machen Sie mit Ihrem Geld? Sie müssen irgendwo einen ganzen Haufen Geld haben – ein Mann wie Sie muss das haben. Es liegt auf der Hand. Ich bin kein Narr, müssen Sie wissen, Kapitän Whalley – Partner.“

Nochmals brach er ab, als wäre er nun endgültig fertig. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und warf einen Blick auf den Serang zurück, der mit ruhigem Flüstern und leichten Handbewegungen den Kurs des Schiffes angab. Die kreisende Schraube sandte kleine Wellen mit dunklen Kämmen gegen die öden, flachen Ufer aus schwarzem Schlamm. Die „SOFALA“ war in den Fluss eingefahren; die Spur, die sie in der Sandbank eingeritzt hatte, lag nun eine Meile weit zurück, außer Sicht, gänzlich verschwunden; und die glatte, leere See längs der Küste war gleichfalls zurückgeblieben, dem tödlich grellen Sonnenschein überlassen. Zu beiden Seiten bedeckte üppiger Mangrovenwald die halb flüssigen, niedrigen Ufer; und Massy fuhr in seinem alten Ton wieder fort, mit jähem Anlauf, als würden ihm die Worte wie die Weise eines Spielwerkes durch Drehen eines Handgriffes erpresst.

„Wenn mich jemals jemand darangekriegt hat, dann sind Sie es. Ich scheue mich nicht, das zuzugeben. Ich habe es gesagt – da. Was wollen Sie mehr? Ist es nicht genug für Ihren Stolz, Kapitän Whalley? Sie haben mich von allem Anfang an in die Tasche gesteckt. Das stimmt in jeder Hinsicht, wenn ich es recht überdenke. Sie haben mir erlaubt, die Klausel wegen Trunkenheit aufzunehmen, ohne etwas dazu zu sagen; Sie sahen nur recht bekümmert drein, als ich darauf bestand, es schwarz auf weiß zu haben. Wie hätte ich denn wissen können, was bei Ihnen nicht in Ordnung war? Gewöhnlich ist immer irgendwo etwas nicht in Ordnung. Und nun sehen Sie sich an: als Sie an Bord kamen, stellte es sich heraus, dass Sie seit vielen Jahren nichts anderes als Wasser zu trinken gewohnt sind.“

Sein vorwurfsvolles Klagen hörte auf. Er versank in tiefes Brüten, nach der Art dummschlauer Menschen. Es schien unbegreiflich, dass Kapitän Whalley über den Ausdruck von Ekel in dem wuchtigen, gelben Gesicht nicht in Lachen ausbrach. Doch Kapitän Whalley hob den Blick nicht und saß in seinem Armstuhl, im Innersten verletzt, würdig und ohne Bewegung.

„Es hat mir viel geholfen“, fuhr Massy eintönig in seinen Vorwürfen fort, „eine Entlassungsklausel wegen Trunkenheit gegen einen Mann aufzunehmen, der nichts als Wasser trinkt. Und Sie sahen noch dazu empört aus, als ich an jenem Morgen im Kontor des Rechtsanwalts meinen Entwurf vorlas – Sie sahen so bestürzt aus, Kapitän Whalley, dass ich ganz sicher war, Ihren wunden Punkt getroffen zu haben. Ein Reeder kann ja gar nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seines Kapitäns. Sie müssen sich die ganze Zeit über ins Fäustchen gelacht haben... wie? Was wollten Sie sagen?“

Kapitän Whalley hatte nur leise mit den Füßen gescharrt. In Massys seitlichen Blick trat eine dumpfe Feindseligkeit.

„Aber bedenken Sie doch, dass es noch andere Entlassungsgründe gibt. Da ist zum Beispiel andauernde Nachlässigkeit, die an Unfähigkeit hinreicht – es gibt auch grobe und wiederholte Pflichtversäumnis. Ich bin kein ganz so großer Narr, wie es Ihnen wohl passen könnte. Sie sind in letzter Zeit nachlässig gewesen – indem Sie alles diesem Serang überlassen haben. Was denn! Ich habe diesen alten Affen von Malaien für Sie Peilungen nehmen sehen, als wären Sie selbst zu groß, um persönlich Ihren Dienst zu tun. Und wie nennen Sie denn die dumme, schluderige Art, in der Sie das Schiff eben jetzt über die Bank geführt haben? Glauben Sie, ich lasse mir das gefallen?“

Mit dem Ellbogen gegen die Leiter hinter der Brücke gestützt, versuchte Sterne, der Erste Offizier, zuzuhören und zwinkerte dabei aus der Entfernung dem Zweiten Ingenieur zu, der für einen Augenblick heraufgekommen war und im Niedergang zum Maschinenraum stand. Während er sich an einem Bündel Putzwolle die Hände abwischte, sah der gleichgültig nach links und rechts zu den Uferbänken hinüber, die langsam an der „SOFALA“ vorbeiglitten.

Massy wandte sich dem Deckstuhl voll zu. In seine Stimme kam wieder eine leise Drohung.

„Nehmen Sie sich inacht! Ich kann Sie immer noch entlassen und Ihr Geld ein Jahr lang zurückbehalten. Ich kann...“

Doch angesichts der stummen, starren Unbeweglichkeit des Mannes, dessen Geld ihn im letzten Augenblick vor völligem Ruin gerettet hatte, erstarb ihm die Stimme in der Kehle.

„Nicht, dass ich Sie wegschicken wollte“, fing er nach einem kurzen Schweigen in töricht eindringlichem Ton wieder an. „Ich wünsche mir nichts Besseres, als freund mit Ihnen zu bleiben und das Abkommen zu erneuern, wenn Sie sich bereit erklären, mir mit noch ein paar hundert Pfund zum Einbau der neuen Kessel auszuhelfen, Kapitän Whalley. Ich habe es Ihnen schon früher gesagt. Die „SOFALA“ braucht neue Kessel; Sie wissen es so gut wie ich. Haben Sie sich das überlegt?“

Er wartete. Das dünne Pfeifenrohr mit dem ungefügen Kopf am Ende hing von seinen dicken Lippen nieder. Die Pfeife war ausgegangen. Plötzlich nahm er sie aus den Zähnen und rang leicht die Hände.

„Glauben Sie mir nicht?“ Er stieß den Pfeifenkopf in die Tasche seiner fadenscheinigen Jacke.

„Es ist, als hätte man mit dem Teufel zu tun“, sagte er. „Warum sprechen Sie nicht? Zuerst waren Sie so hochnäsig und unnahbar gegen mich, dass ich kaum über mein eigenes Deck zu kriechen wagte. Nun kann ich kein Wort aus Ihnen herausbringen. Sie scheinen mich gar nicht zu sehen. Was soll das heißen? Meiner Seel! Sie erschrecken mich mit dem Taubstummentrick. Was geht in Ihrem Kopf vor? Was für Pläne wälzen Sie denn dort gegen mich, dass Sie kein Wort reden können? Sie werden mich niemals glauben machen, dass Sie – Sie – nicht wissen, wo Sie ein paar hundert Pfund hernehmen sollen! Sie haben mich dazu gebracht, den Tag zu verfluchen, an dem ich geboren wurde...“

„Herr Massy“, sagte Kapitän Whalley plötzlich, ohne sich zu rühren.

Der Ingenieur fuhr heftig zusammen.

„Wenn das so ist, kann ich Sie nur bitten, mir zu vergeben.“

„Steuerbord“, murmelte der Serang dem Steuermann zu und die „SOFALA“ bog um die zweite Biegung in die gerade Stromstrecke ein.

„Uff!“ Massy schauerte. „Mir läuft es kalt über den Rücken. Warum sind Sie hierhergekommen? Was hat Sie dazu bewogen, an jenem Abend ganz plötzlich an Bord zu kommen, mit Ihrem großartigen Gerede und Ihrem Geld – und mich zu versuchen? Ich habe mich immer gefragt, was Ihr Beweggrund war. Sie haben sich an mich gehängt, um sich ein schönes Leben zu schaffen und sich an meinem Herzblut zu mästen, das sage ich Ihnen. War das nicht so? Ich glaube, Sie sind der schlimmste Geizkragen in der Welt, oder warum denn sonst...“

„Nein. Ich bin nur arm“, unterbrach Kapitän Whalley mit steinernem Gesicht.

„Stütze das Ruder“, murmelte der Serang. Massy wandte sich ab und sprach über die Schulter zurück.

„Ich glaube es nicht“, sagte er in seinem rätselhaften Ton. Kapitän Whalley machte keine Bewegung. „Da sitzen Sie wie ein vollgefressener Geier – genau wie ein Geier.“

Er schickte noch einen leeren Blick auf den Flusslauf und die beiden Ufer, anscheinend ohne etwas zu sehen, und verließ langsam die Brücke.

* * *

IX

IX

Während er sich zum Weggehen wandte, bemerkte Massy den Kopf Sternes, des Ersten Offiziers, der mit seinem leise vertraulichen Lächeln, dem roten Schnurrbart und den zwinkernden Augen am Fuß der Leiter wartete.

Sterne war, bevor er auf die „SOFALA“ gekommen, Zweiter Offizier bei einer der großen Schiffahrtsgesellschaften gewesen. Diese Stellung hatte er „aus allgemeinen Gründen“, wie er sagte, aufgegeben. Die Beförderung sei sehr langsam gewesen, meinte er, und so sei es ihm an der Zeit erschienen, fortzugehen, um etwas rascher voranzukommen. Es schien, als wollte niemand sterben oder die Firma verlassen; alle klebten sie an ihren Plätzen, bis sie schimmelig wurden; er hatte das Warten satt und fürchtete überdies, dass, wenn wirklich ein Posten frei wurde, die besten Angestellten durchaus nicht sicher waren, die verdiente Beachtung zu finden. Überdies war der Kapitän, unter dem er zu dienen hatte, Kapitän Provost, ein unberechenbarer Mann, der, wie Sterne glaubte, aus dem oder jenem Grunde ein Vorurteil gegen ihn gefasst hatte. Höchstwahrscheinlich wohl, weil Sterne meistens mehr als seine Pflicht tat. Hatte er etwas versehen, so konnte Sterne wohl einen Tadel vertragen, wie ein Mann; er erwartete aber auch, wie ein Mensch behandelt und nicht immer wieder angeredet zu werden, als wäre er ein Hund. Er hatte Kapitän Provost klipp und klar gebeten, ihm zu sagen, worin er gefehlt habe, und Kapitän Provost hatte ihm in verächtlichster Weise geantwortet, er sei ein vollendeter Offizier, und wenn ihm die Art nicht passte, in der man mit ihm spräche, so sei hier die Laufplanke – er könne sofort an Land gehen. Aber jedermann wusste ja, was für ein Mann Kapitän Provost war. Eine Beschwerde bei der Gesellschaft hatte keinen Sinn. Kapitän Provost hatte zu großen Einfluss. Trotz allem musste er ihm ein gutes Zeugnis ausstellen. Er versicherte, dass er mit gutem Gewissen behaupten könne, es läge nicht das Geringste gegen ihn vor, und da er zufällig gehört habe, dass der Erste der „SOFALA“ an jenem Morgen mit Sonnenstich ins Spital gekommen sei, so habe er nichts dabei gefunden, sich vorzustellen und zu versuchen, ob er für den Posten nicht geeignet wäre...

Er war frisch rasiert, mit rotem Gesicht zu Kapitän Whalley gekommen, die magere Brust herausgereckt, und hatte seine kleine Geschichte mit offener, männlicher Selbstsicherheit erzählt. Dann und wann zitterten seine Augenlider leicht, oder seine Hand fuhr verstohlen zu dem Ende des grellroten Schnurrbartes hinauf. Seine Brauen waren gerade, buschig und nussbraun, und die Geradheit seines offenen Blickes schien die Grenze der Unverschämtheit zu streifen. Kapitän Whalley hatte ihn auf Probe genommen, dann, da der andere Mann, von den Ärzten nach Hause geschickt worden war, die nächste Reise über und dann wiederum die nächste behalten. Nun hatte er feste Anstellung erreicht und gab sich seinen Pflichten mit unterstrichenem Diensteifer hin. Sobald man ihn ansprach, begann er aufmerksam zu lächeln, wobei seine ganze Haltung eine große Ergebenheit ausdrückte. In dem raschen Zwinkern aber, das fortwährend anhielt, lag etwas wie Hohn, als wäre ihm allein ein besonders guter Witz auf Kosten der gesamten Menschheit, allen anderen unergründlich, bekannt.

Mit diesem Lächeln sah er auch Massy entgegen, der Stufe um Stufe herunterkam; sobald der Erste Ingenieur das Deck erreicht hatte, fuhr er herum und stand ihm Auge in Auge gegenüber. Von gleicher Größe, sonst aber gänzlich unähnlich, sahen sie einander ins Gesicht, als wäre etwas zwischen ihnen – etwas anderes als der breite Sonnenstreifen, der durch eine Spalte im Sonnensegel quer über die Deckplanken fiel und die Füße der beiden Männer trennte wie ein Strom; etwas Tiefgründiges, Abgefeimtes, Unberechenbares, wie ein ausgesprochenes Einverständnis, ein geheimes Misstrauen oder eine gewisse Angst.

Schließlich zwinkerte Sterne mit seinen tiefliegenden Augen, schob sein scharfgeschnittenes, glattes Kinn vor, das rot war wie das übrige Gesicht, und murmelte:

„Haben Sie's gesehen? Er hat gestreift! Haben Sie's gesehen?“ Massy hob sein gelbes, fleischiges Gesicht und gab verächtlich zurück:

„Kann sein. Hätten Sie es aber versucht, dann wären wir sicher im Schlamm festgerannt.“

„Verzeihen Sie, Herr Massy, das wage ich zu bestreiten. Natürlich kann ein Reeder auf seinem eigenen Schiff sagen, was immer er will. Das ist schon recht; aber ich bitte doch...“

„Gehen Sie mir aus dem Weg!“

Der andere fuhr leicht zusammen, wie in unterdrückter Empörung, blieb aber stehen. Massys gesenkter Blick wanderte nach rechts und links, als wäre das Deck rund um Sterne mit Eiern bestreut, die nicht zerbrochen werden sollten, und er spähte ängstlich nach einem Fleck, um die fliehenden Füße niedersetzen zu können. Schließlich rührte auch er sich nicht, obwohl Platz genug da war.

„Ich hörte Sie dort oben sagen“, fuhr der Erste Offizier fort „– und es war eine sehr richtige Bemerkung –, dass immer etwas nicht in Ordnung ist...“

„Ihr wunder Punkt ist das Horchen, Herr Sterne.“

„Nun, wenn Sie mir nur einen Augenblick zuhören wollten, Herr Massy, dann könnte ich...“

„Sie sind ein Angeber“, unterbrach ihn Massy hastig und wiederholte unmittelbar darauf nochmals, „ein gemeiner Angeber“, bevor der Erste beschönigend einfallen konnte:

„Nun, sagen Sie doch, Herr, was wollen Sie? Was wollen...“

„Ich will – ich will“, stammelte Massy wütend erstaunt, „ich will! Woher wissen Sie, dass ich was will? Wie können Sie es wagen? ... Was meinen Sie, worauf sind Sie aus? Sie...“

„Beförderung.“ Das kam in so kalter Unverschämtheit, dass Sterne ihn damit zum Schweigen brachte. Die runden, weichen Wangen des Ingenieurs zitterten nach, aber er sagte ruhig genug:

„Sie belästigen mich nur damit“, und Sterne zeigte wieder sein vertrauliches kleines Lächeln.

„Ein Geschäftsmensch, den ich einmal kannte (und heute hat er es weit gebracht in der Welt), pflegte mir zu sagen, das sei der rechte Weg. ‚Immer nach vorn drängen‘, sagte er. ‚Stelle dich richtig vor deinen Chef hin. Dränge dich vor, sooft sich eine Gelegenheit bietet. Zeig ihm, was du weißt. Belästige ihn, indem du dich immer wieder sehen lässt.’ Das war ein Rat. Nun kenne ich hier keinen anderen Chef als Sie. Sie sind der Eigentümer, und daneben verschwinden in meinen Augen alle anderen. Sehen Sie, Herr Massy – ich will vorwärtskommen. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich einer von denen bin, die vorwärtskommen wollen. Das sind die Leute, die gut zu gebrauchen sind, Herr. Sie haben es nicht so weit gebracht, ohne das herauszufinden, soviel ist sicher.“

„Den Chef belästigen, um vorwärtszukommen“, murmelte Massy, wie betäubt von der gottlosen Eigenart der Idee. „Es sollte mich nicht wundern, wenn gerade das der Grund gewesen wäre, warum die Blauankerleute Sie entlassen haben. Nennen Sie das Vorwärtskommen? Sie sollen hier auf die gleiche Art vorwärtskommen, wenn Sie sich nicht inacht nehmen – das kann ich Ihnen versprechen!“

Sterne ließ den Kopf hängen, sah verblüfft und nachdenklich aus und zwinkerte heftig gegen das Deck zu. Alle seine Versuche, mit seinem Reeder in eine vertrautere Beziehung zu kommen, hatten in letzter Zeit immer nur zu diesen dunklen Drohungen mit der Entlassung geführt; und eine Drohung mit der Entlassung pflegte ihn augenblicklich zu einem zögernden Schweigen zu bringen, als fühlte er sich nicht sicher, ob die Zeit, ihr zu trotzen, schon gekommen sei. Bei dieser Gelegenheit schien er einen Augenblick die Sprache verloren zu haben; Massy setzte sich schwerfällig in Bewegung und drängte sich, mit einem Versuch, ihn anzurennen, an ihm vorbei. Sterne wich ihm hastig aus und fuhr dann mit weit offenem Munde herum, als wollte er etwas hinter dem Ingenieur dreinrufen, besänne sich aber eines Besseren.

Stets – wie er gern zugab – auf der Lauer nach einer Möglichkeit zum Vorwärtskommen, war es ihm zur ständigen Gewohnheit geworden, die Führung seiner unmittelbaren Vorgesetzten nach einem Punkt zu durchspähen, ‚wo man einhaken konnte’. Er war der festen Überzeugung, dass kein Schiffer in der Welt sein Kommando auch nur einen Tag behalten würde, wenn man es nur die Reeder ‚wissen lassen könnte’. Dieser romantische, naive Leitsatz hatte ihn öfter als einmal in Schwierigkeiten gebracht; doch blieb er unverbesserlich; und der Mangel an Treue war in seinem Charakter so ausgeprägt, dass, sobald er auf ein Schiff kam, die Absicht, den Kommandanten abzusägen und selbst an seine Stelle zu kommen, mit größter Selbstverständlichkeit seine Handlungen bestimmte. Seine wachen Mußestunden erfüllten Träume von sorgfältigen Plänen und peinlichen Entdeckungen – seine Träume waren Bilder von günstigen Wendungen und (für ihn günstigen) Unglücksfällen. Es war schon vorgekommen, dass Schiffer auf See krank wurden und starben, was wie nichts sonst einem geschickten Ersten Offizier Gelegenheit bieten konnte, sich in vollem Glanz zu zeigen. Manchmal fielen sie auch über Bord: er hatte von ein oder zwei solchen Fällen gehört. Andere wieder... Von allem anderen abgesehen aber hielt er inbrünstig an dem Glauben fest, dass die Führung keines einzigen von ihnen, bei scharfem Hinsehen, vor den Augen des Mannes bestehen würde, der ‚sich auskannte’ und der diese Augen die ganze Zeit über ‚richtig offen hielt’.

Nachdem er auf der „SOFALA“ richtig Fuß gefasst hatte, glaubte er sich dem Ziele seiner Hoffnungen ständig zu nähern. Einmal war es ja schon ein großer Vorteil, einen alten Mann als Kapitän zu haben: einen Mann überdies, der nach der Lage der Dinge sehr wahrscheinlich über kurz oder lang das Geschäft aufgeben würde. Sterne fühlte sich allerdings heftig enttäuscht, als er merken musste, dass sein Vorgesetzter scheinbar noch lange nicht an Ruhe dachte. Immerhin – diese alten Leute gehen oft ganz plötzlich in die Brüche. Dann war auch der Reeder-Ingenieur immer in der Nähe, dem man durch gleichmäßigen Diensteifer Eindruck machen konnte. Sterne zweifelte keineswegs, dass seine eigenen Verdienste jedem ins Auge springen mussten (er war tatsächlich ein ausgezeichneter Offizier); nur bringt heutzutage berufliches Verdienst allein einen Mann nicht schnell genug vorwärts. Er war entschlossen, die Erbfolge auf diesem Dampfer anzutreten, wenn es nur irgendwie zu machen war; nicht etwa, weil er das Kommando über die „SOFALA“ für etwas Wichtiges hielt, sondern aus dem Grund, dass, besonders im Fernen Osten, der Anfang alles bedeutet und ein Kommando zu einem anderen führt.

Er begann damit, dass er sich selbst das Versprechen gab, mit größter Umsicht vorzugehen. Massys finstere und phantastische Stimmungen schüchterten ihn zunächst ein, da sie ja außerhalb jeder herkömmlichen Erfahrung zur See lagen; doch war er klug genug, um fast vom ersten Augenblick an einzusehen, dass er sich einer außergewöhnlichen Sachlage gegenüber befand. Seiner vorzüglichen Spähergabe gelang es, rasch in das Geheimnis einzudringen; das Gefühl aber, dass noch etwas dahinterstand, das sich seinem Zugriff entzog, steigerte seine Ungeduld vorwärtszukommen aufs höchste. Und so ging eine Reise zu Ende, dann eine andere, und er hatte seine dritte begonnen, bevor er ein Türchen entdeckt hatte, durch das er mit einiger Aussicht auf Erfolg durchschlüpfen konnte. Alles war so ungewöhnlich und geheimnisvoll; irgendetwas war in seiner nächsten Nähe vor sich gegangen, wie durch eine Kluft von dem Leben des Schiffes und seiner Arbeit getrennt, die beide dem Leben und der Arbeit auf anderen Küstendampfern dieser Klasse glichen.

Dann machte er eines Tages seine Entdeckung.

Er kam nach vielen Wochen scharfer Beobachtung und vielerlei Vermutungen ganz plötzlich darauf, wie einem oft blitzartig die langgesuchte Lösung des Rätsels einfällt. Allerdings nicht mit der gleichen, selbstverständlichen Sicherheit. Großer Gott im Himmel – konnte es das sein? Nachdem er einige Augenblicke wie vom Blitz gerührt dagestanden hatte, versuchte er die Erkenntnis mit Selbstverspottung abzuschütteln, als wäre sie das Ergebnis eines krankhaften Hanges zum Unglaublichen, Unerklärlichen, Unerhörten, zum Irrsinn!

Diese blitzartige Erleuchtung war auf der vorhergehenden Reise während der Rückkehr erfolgt. Sie hatten eben eine Anlegestelle auf dem Festland, namens Pangu, verlassen und dampften gerade aus einer Bai hinaus. Im Osten versperrte ein massiges Vorgebirge die Aussicht, dessen Zacken und Risse von Büschen und dornigen Schlinggewächsen überwuchert waren. Der Wind begann in der Takelung zu pfeifen; die See längs der Küste, grün und über der Kimm wie leicht geschwollen, schien sich ein ums andere Mal in langsamem, dröhnendem Fall leewärts in den Schatten des Kaps zu ergießen. Vor den weiten Öffnungen schwammen die nächstliegenden Inselchen einer kleinen Gruppe in dem gelben Licht eines windigen Sonnenaufgangs. Weiter fort ragten die waldigen Gipfel anderer Inselchen, anderer Eilande reglos über die Wasser empor, die, von der Brise aufgerührt, durch die Engen tobten.

Die gewöhnliche Route der „SOFALA“, sowohl für die Hin- wie für die Rückfahrt, führte ein paar Meilen weit an diesem klippenreichen Gebiet vorbei. Das Schiff folgte einer breiten Wasserstraße und ließ, eine nach der anderen, diese Krumen der Erdrinde hinter sich, die einem in wüstem Durcheinander auf Felsen und Bänken aufgefahrenen Geschwader von Hulken glichen.

Oft brüteten die Windstillen der Küste, die langen toten Windstillen des Äquators, die reglosesten Windstillen, Tage und Wochen lang über der Inselgruppe, wie die Einkehrstimmung eines leidenschaftlichen Temperaments. An solchen Tagen verriet die leuchtende See mit keinem Anzeichen die Gefahren, die zu beiden Seiten an des Schiffes Rand lauerten. Alles lag still, wie niedergedrückt von der überwältigenden Macht des Lichts; und die ganze Gruppe, opalfarben im Sonnenschein – die Felsen, die Zinnen – die Spieren, die Burgruinen glichen; die Eilande, die an Bienenstöcke oder Maulwurfshügel erinnerten; die anderen in Form von Heuschobern oder efeuumwachsenen Türmen – sie alle spiegelten sich verkehrt in dem glatten Wasser, wie aus Ebenholz geschnitztes Spielzeug, das auf der silberigen Fläche eines Spiegels aufgestellt ist.

Beim Einsetzen von stürmischem Wetter hüllte sich das Ganze sofort in den Gischt der Brechseen, der wie eine plötzlich entstandene Dampfwolke aufzischte; und in allen den schmalen Durchfahrten schien das klare Wasser richtig zu kochen. Die aufgerührte See zeigte durch einen wallenden Schaumgürtel die weitläufigen Grundfesten der Gruppe an; das unterseeische Trümmerfeld, das von der nahen Küste, die einmal herübergereicht hatte, übriggeblieben war und nun seine gefährlichen Ausläufer knapp unter Wasser bis weit in den Fahrweg hinein erstreckte und ringsum von mitunter meilenlangen Riffen starrte: todbringenden Riffen aus Schaum und Stein.

An jenem Morgen während der vorhergehenden Reise, als die „SOFALA“ Pangu Bai frühzeitig verlassen hatte und Herrn Sternes Entdeckung wie eine unbegreiflich böse Blüte aus der Saat unwirklichen Misstrauens aufgehen sollte – an jenem Morgen also wehte kaum eine leichte Brise, doch auch diese hatte Gewalt genug, der See die Maske von dem ruhigen Gesicht zu reißen. Für Sterne, der gleichgültig zusah, war es wie eine Enthüllung gewesen, zum erstenmal die Gefahren durch die weißen Schaumflecke auf dem Wasser so deutlich angezeigt zu sehen, als wären sie auf der Karte eingetragen. Es kam ihm in den Sinn, dass dies das Wetter war, an dem ein Fremder am ehesten die Durchfahrt versuchen konnte: ein klarer Tag, eben windig genug, dass die See sich an jeder Klippe brach und so gleichsam das Fahrwasser zu beiden Seiten mit Bojen bezeichnete; während man sich bei Windstille nur auf den Kompass und die Schärfe der eigenen Augen verlassen konnte. Und doch hatten die aufeinanderfolgenden Kapitäne der „SOFALA“ das Schiff öfter als einmal bei Nacht durchführen müssen. Heutzutage konnte niemand es sich leisten, sechs oder sieben Stunden der Fahrzeit eines Dampfers zu opfern. Das konnte man nicht. Aber Gewohnheit ist ja alles, und mit der nötigen Vorsicht... Das Fahrwasser war breit und sicher genug; die Hauptsache war es, die Einfahrt im Dunklen richtig zu treffen – denn wer sich in das Gewirr von Brandung da drinnen verlor, der kam nie mit einem heilen Schiff heraus – wenn er überhaupt je herauskam.

Das war Sternes letzte Gedankenreihe, unabhängig von der großen Entdeckung. Er hatte eben dem Zurren des Ankers zugesehen und war dann noch ein paar Augenblicke müßig vorn stehengeblieben. Der Kapitän war auf der Brücke auf Wache. Sterne hatte sich mit einem leichten Gähnen von der See abgewandt und mit den Schultern gegen den Fischdavit gelehnt.

Dies waren recht eigentlich die letzten ruhigen Augenblicke, die er an Bord der „SOFALA“ durchleben sollte. Die ganze Zeit nachher sollte er unter dem quälenden Zwang eines Vorhabens und einer unerträglichen Verblüffung zu leiden haben. Keine Muße mehr, kein schweifender Gedanke; seine Entdeckung sollte ihn foltern, bis er sich manchmal wünschen würde, sie nie gemacht zu haben. Und doch, wenn seine Aussichten vorwärtszukommen auf der Entdeckung von irgendetwas beruhten, das ‚nicht in Ordnung’ war, so hätte er keinen größeren Glücksfall erhoffen können.

* * *

X

X

Die Erkenntnis war tatsächlich zu aufrührend. Da war allerdings ‚etwas nicht in Ordnung’, aber die Entdeckung trug die Strafe in sich, und der innerlichen Gewissheit ließ sich im ersten Augenblick kaum ins Gesicht sehen. Sterne hatte in so müßiger Laune nach der Brücke hingesehen, dass er ganz ausnahmsweise nicht einmal einen bösen Gedanken gegen irgendjemand aufgebracht hatte. Sein Kapitän auf der Brücke kam sehr natürlich in sein Sehfeld. Wie nebensächlich, wie zufällig war der Gedanke, der den ersten Anstoß zu der Entdeckung gegeben hatte – wie ein kleiner Funke, der hinreicht, um eine ungeheure Mine zur Explosion zu bringen!

Unter den Stößen der Brise blähte sich das Sonnensegel über dem Vordeck und sank langsam wieder nieder, und oberhalb dieses wuchtigen Flatterns wehte der graue Stoff von Kapitän Whalleys geräumigem Anzug unaufhörlich um seinen Leib und seine Arme. Er sah dem Wind gerade entgegen, und sein großer silberweißer Bart wurde hart gegen seine Brust gepresst. Die Augenbrauen hingen schwer über den Schattenhöhlen, aus denen hervor sein Blick scharf vorauszudringen schien. Sterne konnte eben noch das Weiße der Augen ausnehmen, das unter den dunklen Brauenbögen hervorglitzerte. Auf nahe Entfernung schienen diese Augen, trotz der sonstigen Liebenswürdigkeit des Mannes, einem durch und durch zu gehen. Sterne konnte sich dieses Gefühls nie erwehren, sooft er Gelegenheit hatte, mit seinem Kapitän zu sprechen. Er schätzte es nicht. Wie groß und wuchtig er dort oben aussah, mit dem kümmerlichen kleinen Kerl von Serang nahebei – wie es auf diesem außerordentlichen Dampfer der Brauch war! Verdammt törichte Einrichtung das! Er ärgerte sich darüber. Sicherlich hätte der alte Bursche doch auch sein Schiff führen können, ohne den dummen Nigger am Rockzipfel zu haben. Sterne zuckte angewidert die Schultern. Was war es? Faulheit, oder was?

Der alte Schiffer musste schon seit Jahren immer fauler geworden sein. Das wurden sie alle hier draußen im Osten (Sterne war sich der eigenen unversehrten Tatkraft wohl bewusst); sie wurden ganz schlapp. Der Alte auf der Brücke aber hielt sich sehr gerade, und tief neben ihm sah man, wie wenn ein kleines Kind über eine Tischkante guckt, den verwitterten Filzhut und das braune Gesicht des Serangs über der weißen Segeltuchverkleidung der Reling lugen.

Nun stand ja allerdings der Malaie zweifellos weiter zurück, gegen das Rad zu; aber der bedeutende Unterschied in der Körpergröße belustigte Sterne, wie der Anblick eines Naturwunders. Es gab an Land so absonderliche Fische wie nur je im Meer.

Er sah Kapitän Whalley rasch den Kopf wenden, um zu seinem Serang zu sprechen; der Wind verwehte die ganze weiße Masse des Bartes nach seitwärts. Nun wies der Alte den Burschen wohl an, für ihn nach dem Kompass zu sehen oder sonst etwas. Natürlich. Zuviel Mühe, um selbst nachzusehen. Sternes Verachtung für die körperliche Trägheit, die weiße Männer im Osten überkommt, wuchs beim Nachdenken noch mehr. Einige unter ihnen wären einfach verloren, wenn sie nicht diese Eingeborenen, ihrer Winke gewärtig, zur Hand hätten; sie wurden ganz schamlos darin. Er selbst war nicht von der Art, Gott sei Dank. Ihm lag es nicht, sich in einer Arbeit auf irgendeinen verrunzelten, kleinen Malaien zu verlassen. Als ob man sich je in irgendeiner Sache auf einen der dummen Eingeborenen verlassen konnte! Aber der feine alte Mann schien anders zu empfinden. Da standen sie zusammen, niemals weit voneinander entfernt; ein Paar, das in einem unwillkürlich das Bild eines alten Wals erweckte, der von einem kleinen Lotsenfisch begleitet wird.

Die Lustigkeit des Vergleichs brachte ihn zum Lächeln. Ein Wal mit einem unzertrennlichen Lotsenfisch! So wirkte der alte Mann; denn man konnte nicht behaupten, dass er wie ein Haifisch aussah, obwohl Herr Massy ihm gerade diesen Namen gegeben hatte. Aber Herr Massy achtete nicht sehr darauf, was er während seiner Wutanfälle sagte. Sterne lächelte vor sich hin – und nach und nach erwachten in ihm Gedanken und Vorstellungen, anschließend an das Wort und das Bild des Lotsenfisches; Vorstellungen von Hilfe, von Führung, die gebraucht und empfangen wurde, drängten sich vor; das Wort Lotse erweckte den Gedanken an Treue, Verlässlichkeit, Willkommensein, scharfäugige Hilfe für den Seemann, der im Dunklen nach dem Lande sucht: blindlings im Nebel sucht, in dickem Wetter, bei Sturm sich vorwärtstastet, während die Luft ringsum von einem salzigen Nebel erfüllt ist, der von der See aufstiebt, und der Horizont ringsum auf Greifweite zusammengeschrumpft scheint.

Ein Lotse sieht besser als ein Fremder, weil seine Ortskenntnis, wie ein schärferes Gesicht, die flüchtigen Umrisse der Dinge und Formen ergänzt, die Sprühnebel, die bei Sturm über das Land gebreitet scheinen, durchdringt, mit Sicherheit die Linie einer Küste erkennt, die unter dichtem Nebel liegt oder Landmarken ausmacht, die in einer sternenlosen Nacht wie in einem dunklen Grab verschlossen scheinen. Er erkennt sie, weil er um ihr Dasein weiß. Weit weniger als auf sein scharfes Auge verlässt sich der Lotse auf diese genaue Ortskenntnis, um den Standpunkt des Schiffes zu bestimmen, denn von der genauen Kenntnis dieses Standpunktes kann unter Umständen der gute Ruf eines Mannes abhängen, seine Seelenruhe, die Rechtfertigung des Vertrauens, das man in ihn gesetzt hat, und überdies noch sein eigenes Leben, das wegzuwerfen selten sein alleiniges Recht ist. Das Wissen eines Lotsen bringt dem Kapitän eines Schiffes erlösende Gewissheit; dem Serang aber, wenn man ihn spaßhaft als Lotsenfisch gelten ließ, der einen Wal begleitete, dem Lotsenfisch also war ein solches höheres Wissen nicht zuzutrauen. Wie sollte er es haben? Die beiden Männer waren gleichzeitig auf diese Route gekommen – der Weiße und der Braune – am selben Tage: und natürlich musste doch ein Weißer in einer Woche mehr lernen, als der fähigste Eingeborene in einem Monat. Der Kapitän ließ ihn nicht von der Seite, als ob er ihn irgendwo brauchte – wie ein Lotsenfisch, wie man sagt, dem Wal von Nutzen ist. Doch wie sollte das sein? – Wie? Ein Lotsenfisch – ein Lotse, ein... Aber wenn es nicht höheres Wissen war, dann...

Sternes Entdeckung war gemacht. Sie widerstrebte seiner Einbildungskraft, erschütterte seinen Begriff von Ehrbarkeit und seinen Glauben an die Menschheit überhaupt. Diese Ungeheuerlichkeit eröffnete ganz neue Ausblicke, was in dieser Welt überhaupt möglich war: es schien, als wäre die Sonne plötzlich blau geworden und würfe nun ein neues, unheimliches Licht auf Dinge und Menschen. Im ersten Augenblick hatte er sich tatsächlich übel gefühlt, als hätte er einen Schlag unterhalb des Gürtels bekommen; eine Sekunde lang schien sogar die Lage der See verändert, seinem wanderenden Blick fremd; und in allen Gliedern hatte er kurz das Gefühl, als hätte sich die Erde in entgegengesetzter Richtung zu drehen begonnen.

Eine sehr natürliche Ungläubigkeit, die auf diesen Gefühlsaufruhr folgte, schuf ihm eine gewisse Erleichterung. Er schnappte nach Luft; dann war es vorbei. Später am Tage aber hatte er während all seiner Beschäftigungen immer wieder Anfälle haltloser Verwunderung. Er schüttelte den Kopf. Seine Ungläubigkeit war fast so schnell verflogen wie die erste Erregung über seine Entdeckung, und während der nächsten vierundzwanzig Stunden fand er keinen Schlaf. So konnte es nicht weitergehen. Während der Mahlzeiten (er saß am unteren Ende des Tisches, der für die Weißen auf der Brücke gedeckt war) konnte er nicht umhin, sich wie gebannt in die Betrachtung von Kapitän Whalley zu verlieren, der ihm gegenübersaß. Er beobachtete die vorsichtige Aufwärtsbewegung des Armes; der alte Mann führte seine Nahrung zu den Lippen, als verspräche er sich keinerlei Freude von dem Genuss, als wüsste er gar nichts davon. Er aß wie ein Traumwandler. ‚Ein schauerlicher Anblick’, dachte Sterne; und er belauerte die langwährende, trübe Unbeweglichkeit des Armes, wobei eine große braune Hand wie tot neben dem Teller lag, bis er merkte, dass die beiden Ingenieure zur Rechten und zur Linken ihn erstaunt ansahen. Dann schloss er schnell den Mund, senkte den Blick und zwinkerte zu seinem Teller hinunter. Es war schauerlich, den alten Burschen dort sitzen zu sehen; es war sogar noch schauerlicher, zu denken, dass er ihn mit drei Worten in die Luft sprengen konnte. Alles, was er zu tun hatte, war, die Stimme zu erheben und einen einzigen, kurzen Satz auszusprechen. Und doch erschien diese einfache Sache so unmöglich wie der Versuch, die Sonne von ihrem Platz am Himmel zu verrücken. Der alte Bursche konnte in seiner entsetzlich mechanischen Art essen; Sterne aber konnte es vor lauter Erregung nicht – an jenem Abend jedenfalls nicht.

Er hatte seither reichlich Zeit gehabt, sich an die Anstrengung der Mahlzeiten zu gewöhnen. Er hätte es nie geglaubt. Aber man gewöhnt sich ja an alles; doch verhinderte gerade die Größe seines Erfolges alle Siegesfreuden. Er fühlte sich wie ein Mann, der auf der ehrlichen Suche nach einem geladenen Gewehr, das ihm auf seinem Weg durch die Welt vorwärtshelfen sollte, etwa zufällig an ein Torpedo geraten ist – an ein richtiges Torpedo, mit einer Sprengladung in der Spitze und einer Menge Pressluft, von vielen Atmosphären Druck, im Hinterende. Das ist natürlich eine Art Waffe, die dem Besitzer sehr wohl einiges Kopfzerbrechen verursachen kann. Er hatte keine Lust, selbst in die Luft zu fliegen; und er konnte das Gefühl nicht loswerden, dass die Explosion notwendig ihn selbst ebenfalls schädigen musste.

Diese unbestimmte Befürchtung hatte ihn zunächst zurückgehalten. Er war nun imstande, mit einer furchtbaren Waffe zur Seite, zu essen und zu schlafen, im steten Bewusstsein ihrer Unwiderstehlichkeit. Zu dieser Überzeugung war er nicht durch vieles Nachdenken gekommen: sobald aber der Gedanke in seinem Kopf entstanden war, hatte sich unmittelbar anschließend die Überzeugung aus einer Menge kleiner Beobachtungen gebildet, denen er vorher kaum Beachtung geschenkt hatte. Das unvermittelte und zitterige Sprechen; dann wieder das Schweigen, das wie ein Panzer angetan wurde; die bedächtigen, wie berechneten Bewegungen; die lange Unbeweglichkeit, als hätte der Mann, den er belauerte, sich gefürchtet, die Luft in Schwingungen zu versetzen. Jede kleinste Gebärde, jedes Wort, das in seiner Hörweite ausgesprochen wurde, jeder Seufzer, den er aufschnappte, alles hatte eine besondere Bedeutung gewonnen und dazu gedient, seine Überzeugung zu bekräftigen.

Jeder Tag, der über die „SOFALA“ hinging, schien Sterne vollgefüllt mit Beweisen, mit unwiderleglichen Beweisen. Nachts während seiner Freiwache pflegte er sich im Pyjama aus seiner Kajüte herauszustehlen (auf der Suche nach neuen Beweisen) und mitunter eine volle Stunde mit bloßen Füßen auf der Brücke zu stehen, gleich unbeweglich wie einer der nahen Stützpfosten des Sonnensegels. Auf Strecken, wo die Schiffahrt keine Schwierigkeiten bietet, ist es für den Kapitän eines Küstenfahrers nicht üblich, während seiner Wache selbst auf Deck zu bleiben. Gewöhnlich tut der Serang für ihn Dienst; in offenem Wasser und bei geradem Kurs wird ihm meistens die Sorge für das Schiff anvertraut. Dieser alte Mann aber schien unfähig, ruhig unten zu bleiben. Er konnte wohl nicht schlafen. Kein Wunder. Auch das war ein Beweis. Plötzlich hörte Sterne wohl durch das Schweigen des Schiffes, das durch die stille, dunkle See eilte, oben auf der Brücke eine leise Stimme mit verhaltener Erregung fragen:

„Serang?“

„Tuan!“

„Du passt genau auf den Kompass auf!“

„Jawohl, Tuan, ich passe auf.“

„Das Schiff läuft seinen Kurs?“

„Jawohl, Tuan, ganz gerade.“

„Es ist gut; und denke daran, Serang, der Befehl geht dahin, dass du auf den Steuermann achten und sorgfältig Ausschau halten sollst, als wäre ich nicht auf Deck.“

Wenn dann der Serang geantwortet hatte, hörte das leise Sprechen auf der Brücke auf, und alles um Sterne schien in noch tieferes Schweigen zu versinken. Leicht fröstelnd und mit von der langen Unbeweglichkeit schmerzendem Rücken stahl er sich dann zu seiner Kabine nach Backbord zurück. Damals hatte er schon längst den letzten Rest von Ungläubigkeit abgetan; von den ursprünglichen Gefühlen, die durch die Entdeckung aufgerührt worden waren, war nur eine Spur der ersten Scheu geblieben. Nicht eine Scheu vor dem Manne selbst – er konnte ihn mit sechs Worten einfach in die Luft sprengen –, sondern eher eine Art scheuer Entrüstung über die Rücksichtslosigkeit filzigen Geizes (was sonst konnte es sein?), über die verrückte, finstere Entschlusskraft, die um einiger Dollars willen alle Gebote des Gewissens zu missachten und geradezu gegen die Vorsehung ankämpfen zu wollen schien.

Auf der ganzen weiten Welt war sicher kein zweiter Mann wie dieser zu finden – Gott sei Dank. In der Enthüllung lag etwas so höllisch Eindrucksvolles, dass es einem den Atem nahm.

Auch andere Erwägungen hatten sich seinem Verstande aufgedrängt und ihm von Tag zu Tag die Zunge gebunden. Nun schien es ihm, als wäre es leichter gewesen, in der allerersten Stunde der Entdeckung zu sprechen. Er bedauerte es fast, nicht sofort Lärm geschlagen zu haben. Doch die Ungeheuerlichkeit der Eröffnung selbst... Wie denn – er konnte sie kaum selbst begreifen, geschweige denn einem anderen begreiflich machen. Überdies konnte man mit einem Desperado dieser Art nie vorsichtig genug sein. So verrückt es auch scheinen mochte, so stand doch zu erwarten, dass der Alte sich wehren würde. Einem Burschen, der einen solchen Betrug in Szene zu setzen gewagt hatte, war alles zuzutrauen; einem Burschen, der sich geradezu gegen Gottes Allmacht selbst erhoben hatte. Er war ein grausiges Wunder – das war er: er war recht wohl imstande, den Spieß schamlos umzudrehen, bis er es erreicht hatte, dass er (Sterne) vom Schiff gejagt wurde und alle Aussichten in diesem Teil des Ostens verscherzt hatte. Wenn man es aber vorwärtsbringen will, dann muss man auch etwas wagen. Manchmal warf Sterne sich vor, er habe es sich allzulange überlegt, zur Tat zu schreiten; und schlimmer noch, es war so weit gekommen, dass er gegenwärtig nicht mehr wusste, was eigentlich zu tun sein konnte.

Massys wütend schlechte Laune war zu entmutigend. Sie war ein unberechenbarer Faktor in der Sachlage. Man konnte nicht wissen, was hinter dem beleidigenden Gepolter steckte. Wie konnte man einem solchen Charakter trauen? Sterne empfand keine körperliche Angst für die eigene Person, fürchtete aber stark für die eigenen Aussichten.

Obwohl er natürlich dazu neigte, sich selbst eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe zuzusprechen, so hatte er nun doch schon zu lange mit seiner Entdeckung hingelebt. Er hatte für nichts anderes mehr Augen gehabt, bis ihm eines Tages eingefallen war, die Sache sei zu handgreiflich, als dass sie irgendjemand übersehen könnte. An Bord der „SOFALA“ waren vier Weiße. Jack, der Zweite Ingenieur, war zu einfältig, um etwas zu bemerken, das außerhalb seines Maschinenraumes lag; so blieb Massy – der Reeder – der wahrhaft Beteiligte der vor Kummer fast verrückt war. Sterne hatte an Bord mehr als genug gesehen und gehört, um die Ursachen seiner Schmerzen zu erkennen; doch seine Verzweiflung schien ihn für vorsichtige Eröffnungen taub zu machen. Hätte er es nur gewusst – da hatte er ja gerade das, was er wünschte. Aber wie konnte man mit einem solchen Mann verhandeln? Es war, als ginge man in eine Tigerhöhle, mit einem Stück Fleisch in der Hand. Dabei war es auch mehr als wahrscheinlich, dass man zum Dank für alle seine Mühe zerrissen wurde. Tatsächlich drohte Massy immer gerade damit; und die Dringlichkeit des Falles, zugleich mit der Unmöglichkeit sicherer Behandlung, ließen Sterne während seiner Freiwachen sich schlaflos in seiner Koje wälzen, als läge er in schwerem Fieber.

Ereignisse, wie die Überquerung der Sandbank eben vorhin, waren für seine Aussichten äußerst bedrohlich. Er wollte nicht durch ein plötzliches Unglück überrascht werden. Da Massy auf der Brücke gewesen war, so hatte sich der alte Mann wohl, wie er dachte, zusammennehmen und einen Versuch wagen müssen. Aber es wurde nun tatsächlich schlimm mit ihm, ganz schlimm. Sogar Massy hatte es diesmal gewagt, eine Bemerkung zu machen; am Fuße der Leiter hatte Sterne des anderen klägliche und unzusammenhängende Vorstellungen mit angehört. Zum Glück war der Kerl furchtbar dumm und konnte die Ursache für all dies nicht erkennen. Man konnte ihn allerdings nicht sehr tadeln deswegen; es war ein kluger Mann nötig, um die Ursache zu ergründen. Trotzdem war es höchste Zeit, etwas zu tun. Das Spiel des alten Mannes konnte nicht mehr allzulange durchgehalten werden.

„Ich kann bei dieser Narretei noch mein Leben verlieren – nicht nur meine Aussichten“, murmelte Sterne ärgerlich vor sich hin, nachdem der gebeugte Rücken des Ersten Ingenieurs um die Ecke des Oberlichts herum verschwunden war. Ja, ganz fraglos, dachte er; doch konnte es seine Aussichten nicht verbessern, wenn er mit seinem Wissen herausplatzte. Im Gegenteil, er würde sie höchstwahrscheinlich endgültig verderben. Er fürchtete einen neuerlichen Fehlschlag. Es war ihm dunkel bewusst, dass seine Mitmenschen in diesem Teil der Welt ihn nicht sonderlich liebten; unbegreiflich genug, denn er hatte ihnen nichts getan. Neid, vermutete er. Die Leute waren ja immer hinter einem aufgeweckten Burschen her, der kein Geheimnis aus seinem festen Willen machte, vorwärtszukommen. Seine Pflicht zu tun und sich auf die Dankbarkeit dieses Viehs von Massy zu verlassen, wäre absoluter Wahnsinn. Er war eine böse Nummer: unmännlich! Ein heimtückischer Kerl! Grundschlecht! Ein Vieh! Ein Vieh, ohne irgendetwas Menschliches an sich; ohne bloße Neugier sogar, sonst hätte er doch sicherlich ein wenig auf alle die Andeutungen geachtet, die ihm gemacht worden waren... Diese Unempfindlichkeit war fast geheimnisvoll. Sterne hatte den Eindruck, als hätte Massys Verzweiflung ihn über das bei Reedern sonst übliche Maß von Dummheit hinaus verblödet.

Sterne verlor sich in Betrachtungen über diese Dummheit. Sein starrer Blick war ohne Zwinkern auf die Deckplanken gerichtet.

Die leise Bewegung, die den ganzen Rumpf des Schiffes durchzitterte, machte sich im Fluss deutlich bemerkbar, der schattig und still wie ein Waldweg dalag. Die „SOFALA“ hatte in ruhiger Fahrt den Küstengürtel von Schlamm und Morast hinter sich gelassen. Die Ufer waren höher geworden, ragten steil auf, und der Urwald mit großen Bäumen kam bis an ihren Rand. Wo das Erdreich von den Fluten angenagt war, zeigten sich tiefbraune Schnittflächen und ein Gewirr von Wurzeln, die aussahen, als kämpften sie untereinander; und in der Luft führten die verschlungenen Äste, von Schlingpflanzen verbunden und belastet, den Kampf ums Dasein weiter, vermischten ihr Laubwerk zu einer festgefügten Blättermauer, die da und dort ein ungeheurer, dunkler Säulenschaft durchbrach; oder eine zackige Öffnung, wie von einer Kanonenkugel gerissen, ließ das undurchdringliche Düster, den Jahrhunderte alten, unverletzlichen Schatten des Urwalds deutlich erkennen. Der Schlag der Maschinen wiederholte sich regelmäßig wie der eines Zeitmessers, der etwa zu dem großen Schweigen den Takt schlüge; der Schatten der westlichen Waldmauer war über den Fluss gefallen, und der Rauch, der aus dem Schornstein nach achtern schlug, verwehte langsam hinter dem Schiff, breitete einen dünnen Schleier über das dunkle Wasser, das, von der Flut gehemmt, in der ganzen Länge der Stromstrecken stillzustehen schien.

Sternes Körper erzitterte, wie auf dem Fleck festgewachsen, von Kopf bis Fuß im Takt mit der inneren Erschütterung des Schiffes; von unten scholl gelegentlich ein Klang von Eisen herauf oder ein lauter Ruf; rechts von ihm fingen die Blätter der Baumgipfel die Strahlen der niedrigstehenden Sonne ab, schienen in eigenem, goldgrünem Lichte zu leuchten und standen scharf gegen den blassblauen Himmel, der sich wie ein Zeltdach über dem Fluss wölbte. Die Fahrgäste für Batu-Beru knieten auf Deck und waren emsig dabei, ihre Schlafmatten zusammenzurollen; sie schnürten Bündel, ließen die Schlösser von Holzkisten einschnappen. Ein pockennarbiger Hausierer warf den Kopf zurück, um sich die letzten Tropfen aus einer irdenen Flasche in den Hals zu schütten, bevor er sie in eine Deckenrolle wegpackte. Reisende Händler standen in Gruppen auf Deck herum und unterhielten sich halblaut; das Gefolge eines kleinen Rajahs von der Küste unten, einfache, junge Leute mit breiten Gesichtern, in weißen Hosen und runden, weißen Baumwollmützen, die bunten Sarongs kreuzweise um die Bronzeschultern geschlungen, hockten auf der Großluke auf ihren Fersen und kauten Betel mit hellroten Mündern, als schmatzten sie Blut. Ihre Speere, die aufgehäuft inmitten des Kreises ihrer nackten Zellen lagen, schienen ein Zufallsgewirr trockener Bambusrohre; ein dünner, blassgelber Chinese, der ein in Blätter eingeschlagenes Bündel schon unter dem Arm hielt, sah gespannt voraus; ein wanderender Kling rieb sich die Zähne mit einem Holzstückchen und spie einen Strom von Wasser über Bord; der fette Rajah döste in einem schäbigen Deckstuhl. – Und sooft das Schiff um eine Krümmung bog, liefen die beiden Blättermauern wieder parallel längs der Ufer hin; ihre undurchdringliche Glätte verlor sich gegen den Gipfel zu in die nebeligen Umrisse der zahllosen, frei hinausragenden Zweige der jungen, zarten Sprösslinge, die aus der äußersten Spitze grauer Stämme frei hinausschossen, und der fedrigen Ausläufer von Schlingpflanzen, die wie ein silberner Sprühregen in der Luft hingen. Nirgends war das Anzeichen einer Lichtung zu entdecken, keine Spur menschlicher Wohnungen, bis schließlich an der Spitze eines kleinen Vorsprungs, unter einer einzelstehenden Gruppe schlanker Baumfarne die verwitterten, zertrümmerten Überreste einer alten Hütte auf Pfählen auftauchten; die zerstörten Bambuswände sahen aus, als hätte man sie mit der Keule zerschmettert. Ein Stück weiter, halb verborgen unter den niederhängenden Büschen, war ein Kanu mit einem Mann, einer Frau und einem Haufen grüner Kokosnüsse, das hilflos schaukelte, nachdem die „SOFALA“ vorbeigefahren war, wie ein Wasserfahrzeug unternehmungslustiger Insekten, reisender Ameisen etwa. Vom Bug des Schiffes aber ging die ganze Zeit über nach jeder Seite je eine feine, glasige Wasserfalte aus, machte die Fahrt stromaufwärts mit und brach sich am Ufer in leichtem Gekräusel.

‚Ich muss’, dachte Sterne, ‚ich muss dieses Vieh von Massy stellen. Die Geschichte wird schließlich gar zu dumm. Da oben sitzt der alte Mann in seinem Stuhl begraben – er könnte genauso gut im Grabe liegen, er wird ja doch nie mehr in der Welt zu etwas nütze sein und der Serang tut Dienst. Jawohl, das tut er. Kapitänsdienst. An dem Platz, der von Rechts wegen meiner wäre. Ich muss dieses wilde Vieh stellen. Ich will es augenblicklich tun...’

Als der Erste sich unvermittelt in Bewegung setzte, wurde ein kleiner, brauner, halbnackter Bursche mit großen schwarzen Augen, eine Schnur mit einem beschriebenen Amulett um den Hals, von Panik ergriffen. Er ließ die Banane fallen, an der er geknabbert hatte und rannte auf die Knie eines großen, dunklen Arabers in fließenden Gewändern zu, der auf einem gelben, mit Ratanseilen verschnürten Blechkoffer saß. Der Vater, unbewegt, streckte die Hand aus, um den kleinen, glattgeschorenen Kopf beschirmend zu streicheln.

* * *

The free sample has ended.