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Impressum

Der 90igste Geburtstag

Eine rabenschwarze Kriminalkomödie

Copyright: © 2021

Jörn Kolder

Published by: epubli GmbH, Berlin

www. epubli.de

Renate und Jürgen Fuchs

Henriette und Klaus-Rüdiger von Schwarzbach

Gisela und Frank Krause

Helga und Herbert Baumann

Die Einladung

Erster Anlauf zum E-Auto-Kauf

Anreise aus Niedersachsen

Fernsehabend

Zweiter Anlauf zum E-Auto-Kauf

In der Modellbauwerkstatt

Anreise aus Niedersachsen

Dritter Anlauf zum E-Auto-Kauf

Die Vorbereitung der Geburtstagsansprache

Mechanische Feinarbeiten, 6 Wochen vor dem Treffen

Immer noch auf der Anreise aus Niedersachen

Das "NS-Institut"

Anreise aus der Hauptstadt

Anreise im Oldtimer

Eine gewagte Aktion

Im Krankenhaus

Das Hotel "Zum Mohren"

Krauses fahren vor

Die Niedersachsen kommen

Kleiderwechsel und Einchecken

Kaffeetrinken

Abstimmungen

Abendessen

Fatale Nachrichten

Polizeiliche Ermittlungsarbeit

Erste Erkenntnisse zum Todesfall

Ein Geistesblitz

Gemeinsame Denkarbeit

Ernsthafte Überlegungen

Fortsetzung der Überlegungen

Bittere Erkenntnisse

Hans von Schwarzbach

Ein neuer Denkansatz

Showdown

Geheime Absprachen

Renate und Jürgen Fuchs

"Gottverdammte Scheiße, ich habe es geahnt, dass wir diesem alten Trottel nicht entkommen können. Der bestimmt unser Leben noch bis zu unserem letzten geheimen Furz in der hintersten Ecke unseres Klos! Ich werde dorthin nicht mitfahren, ich bin eben krank oder mir fällt noch was anderes ein. Ich ertrage diese Unterwürfigkeit und diesen Personenkult nicht mehr. Das ist doch schlimmer als bei Stalin damals. Oder wie bei der Murksel heute. Ohne mich, ich lehne die Teilnahme an dieser verlogenen Jubelorgie ab!"

"Das wird dir nicht gelingen, Jürgen" sagte Renate Fuchs zu ihrem Mann "wir haben ihm immerhin einiges zu verdanken. Und wenn wir uns nicht zu blöd anstellen, kann für uns später noch einiges rausspringen. Mein Vater ist ein sehr vermögender Mann, vergiss das nicht."

" Aber das verpflichtet mich nicht, ihm meine untertänigste Huldigung vorzutragen. Du weißt, dass ich mit ihm keinen guten Faden spinnen kann. Um bei diesem Bild zu bleiben, ich würde ihm gern einen Strick drehen. Mit großer Freude!"

"Jetzt reiß dich mal zusammen und bleib' auf dem Teppich. Vater feiert seinen 90igsten Geburtstag. So wie er momentan aufgestellt ist, kann er durchaus 100 werden."

"Davor bewahre uns der liebe Gott. Wir sind beide jetzt 65. Ich bin vor zwei Jahren aus dem Job rausgegangen und hatte eigentlich vor, mit dir dann unser Rentnerleben zu genießen. Aber der Alte hat ja schon öfter anklingen lassen, dass er das wechselseitige Erscheinen der Sippe an seinem Fürstenthron erwartet. Nicht erwartet, voraussetzt. Gut, dass du drei Geschwister hast. Da sind wir ja bloß aller vier Wochen dran. Ich bin ein sehr friedfertiger Mensch, aber wenn ich diesen arroganten alten Gockel mehr als zweimal im Jahr sehen muss, kann ich für nichts mehr garantieren. Ich meine es ernst. Todernst!"

"Du bist und bleibst ein Sprücheklopfer Jürgen. Bei den Begegnungen der Sippe bist du ja immer schön in der Deckung geblieben. Nur der Katie hast du schöne Augen gemacht. Ich verstehe gar nicht, was du an dieser alten Schlampe mit den Hängetitten so findest. Aber das ist nicht so wichtig. Ich möchte dich nur noch einmal daran erinnern, dass Vater in den vielen Jahren höchstwahrscheinlich doch schon einiges zusammengetragen hat. Vermutlich weiß er das nur allein. Und der Notar. Oder sein Anwalt. Mutter hat er ja mit seiner üblen Knauserei und seinen endlosen Weibergeschichten schon vor 15 Jahren in den Tod getrieben. Und das verzeihe ich ihm nie. Auch ich habe mit ihm also noch eine Rechnung offen. Aber man muss versuchen, rational zu denken. Gefühle waren noch nie ein guter Ratgeber bei wichtigen Entscheidungen."

"Das schätze ich so an dir, Renate" erwiderte ihr Mann "du bist ja nicht umsonst Analyst bei der Hypersuperbank gewesen. Oder muss ich heute Analystin oder Analystende sagen? Spaß beiseite. Du hast recht. Wir wollen noch was von diesem alten Geizhals und Menschenfeind abgreifen. Aber es sind ja auch noch etliche andere mit im Spiel, die ebenfalls nicht unbedingt seine Freunde sind. Es dürfte in der Sippe ein allgemeines großes Bedürfnis geben, ein ordentliches Stück vom Kuchen abzubekommen."

"Das wird so sein. Aber es gibt wie meistens im Leben viele Unsicherheiten und fehlende Informationen. Bevor wir uns hier großartig erregen und irgendwelche Pläne schmieden brauchen wir eben diese Informationen. Damit wir uns richtig verstehen: ich bin sehr dafür, Vater auszunehmen. Sozusagen als Schmerzensgeld für den vorzeitigen Verlust meiner Mutter. Aber alles was wir tun wollen muss vollkommen legal sein. Wenn wir dorthin fahren, treffen wir auf zirka 30 Leute. Wir, meine drei Schwestern mit ihren Männern. Deren Kinder. Und die Enkel. Die sind ja auch schon alle um die Zwanzig. Das ist ja die magische Altersgrenze: 20 Jahre. Wer jünger ist, muss nicht antreten."

"Da bin ich aber froh, dass dein Vater nicht Adolf Hitler heißt. Der hat nämlich im Volkssturm noch 16-jährige Burschen verheizen lassen. Ja, ich weiß, das war unsachlich. Aber dieser alten Knacker ist für mich genau wie der Adolf damals ein Diktator. Ich bin zwar kein Stauffenberg, aber befinde mich trotzdem im Widerstand gegen diesen Tyrannen. Jedenfalls im passiven."

"Das bringt uns nicht weiter. Ich sage es mal so. Wir beide haben aus unterschiedlichen Gründen ein Interesse daran, dass mein Vater möglichst bald das Zeitliche segnet. Das werden wir nicht beeinflussen können, es sei denn, wir mieten uns einen Auftragskiller. Und so etwas schließe ich aus. Es muss subtilere Wege geben. Aber wir stehen ja ganz am Anfang unserer Überlegungen. Alles ergibt aber nur dann einen Sinn, wenn es sich tatsächlich lohnt. Und das wissen wir eben nicht. Hier müssen wir ansetzen. Wir müssen herausbekommen, was der Alte an Vermögenswerten hat. Da kann ich mal ein paar alte Beziehungen spielen lassen. Aber, was dann genauso wichtig wäre zu wissen ist, wie denn ein eventuell vorhandenes Testament aussieht. Hat er keins, gelten die gesetzlichen Regelungen. Aber das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ich mir meine sauberen Schwestern so ansehe hat sich die eine oder andere schon immer große Mühe gegeben, sich bei ihm einzuschleimen. Das würde ich auch noch in Kauf nehmen, wenn ich sicher wüsste, dass wir bei ihm auf dem Zettel stehen. Wir haben also einige Kopfarbeit vor uns."

Die Ehe von Renate und Jürgen Fuchs konnte man als den üblichen Normen entsprechend bezeichnen. Sie waren jetzt 46 Jahre verheiratet und es gab rein gar nichts mehr, was der eine noch vor dem anderen zu verbergen hätte, weil sie sich in verschiedensten guten oder schlechten Lebenslagen freiwillig oder gezwungenermaßen vor ihrem Partner hatten entblößen müssen. Sie waren aber beide sehr intelligente Menschen die das einordnen konnten, und das nicht als erniedrigend, sondern eher klärend eingeschätzt hatten. Es war die gute geistige Verwandtschaft, die sie immer noch eng zusammenhielt. Renate Fuchs hatte in einer Bank Karriere gemacht und die sie störenden Männer in den oberen Funktionen elegant aus dem Weg geräumt. Sie hatte immer wieder darüber gestaunt, für wie unverwundbar sich diese nur durchschnittlich schlauen Kerle gehalten hatten. Sie hatte deren Verhalten immer erst eine Weile aufmerksam beobachtet und dann schnell herausfinden können, dass fast jeder von ihnen gegen irgendwelche internen Regeln des Hauses verstieß. Das waren keine großen Sachen gewesen, aber diese Typen waren so von sich selbst eingenommen, dass sie ernsthaft geglaubt hatten, sich alles erlauben zu können. Sie lancierte Gerüchte über den Missbrauch von Spesengeldern, der unzulässigen Nutzung von Repräsentationsfonds und der extremen privaten Nutzung von Fahrzeugen und Auslandsreisen. An allem war natürlich immer etwas dran gewesen, so dass die Männer entweder degradiert wurden, oder sogar rausflogen. Sie bahnte sich kontinuierlich ihren Weg nach oben, und war dann zum Leitenden Risikoanalysten (damals wurde die Funktion noch so im generischen Maskulinum bezeichnet, und niemand hatte sich daran gestört) aufgestiegen. Da sie fachlich firm war und auch sehr umgänglich, war auch keiner auf den Gedanken gekommen, dass sie die Strippen für die symbolischen Männermorde gezogen hatte.

Ihr Mann Jürgen hatte ihr, da sie immer alles miteinander besprachen, den einen oder anderen Tipp geben können, denn er war immerhin Leitender Kriminaldirektor in einer Hansestadt gewesen. Berufsbedingt war seine Arbeitsweise stets gut strukturiert gewesen. Er sammelte Fakten, Informationen, Hinweise, dachte über Motive nach, analysierte Zusammenhänge, studierte Tatortberichte, sprach mit Sachverständigen und musste all dies so ordnen, dass er irgendeinen Sinn erkennen konnte. Das hatte er vor seinen Beförderungen im realen Kripoalltag getan, viele Erfahrungen gesammelt, aber auch in etliche seelischen Abgründe blicken können. So etwas sah er auch bei seinem Schwiegervater, aber den hatte er damals nicht heiraten wollen, sondern Renate. Es war ein harter Kampf um sie gewesen, denn seine Frau war in jüngeren Jahren eine Schönheit gewesen, von der man selbst heute noch etwas sehen konnte. Ihr hingen damals ganze Gruppen von Verehrern an den Röcken. Jürgen Fuchs war aber nicht bloß ziemlich intelligent, sondern auch sehr hartnäckig. Letztlich hatte er das Rennen gemacht und wenn er es heute ehrlich einschätzen sollte könnte er aus vollem Herzen sagen, dass die vielen gemeinsamen Jahre trotz aller Tiefen und Höhen für ihn ein großer Gewinn gewesen waren. Er würde seine Renate heute noch einmal heiraten. Ihre drei Söhne waren gut geraten, die Familie hielt zusammen. Gemeinsam würden sie diesen Plagegeist an der Spitze der Sippe irgendwie zur Strecke bringen, natürlich nur mit friedlichen Mitteln. Fürs erste erstellte er sich eine Aufgaben- und Rechercheliste.

Jürgen Fuchs hatte wieder Blut geleckt. Seit seiner Pensionierung und auch in den letzten Jahren als Kriminaldirektor hatte er keinen richtigen Fall mehr bearbeitet. Er fühlte sich jetzt wie vor 30 Jahren, als er irgendwelchen, ihm vollkommen unbekannten Kriminellen auf der Spur gewesen war. Diesmal kannte er das Zielobjekt genau: es war sein Schwiegervater.

Henriette und Klaus-Rüdiger von Schwarzbach

"Natürlich werden wir deinem Vater unsere besten Wünsche zu dessen runden Geburtstag persönlich überbringen, das ist doch wohl selbstverständlich, mein Schatz" sagte Klaus-Rüdiger von Schwarzbach zu seiner Frau "und es sollte doch ein angemessenes Geschenk sein."

"Das wird nicht ganz so einfach werden, mein Liebling" erwiderte seine Frau "wir stecken schon wieder einmal ziemlich tief im Dispo. Vielleicht solltest du deine Besuche auf der Pferderennbahn einmal für eine Weile einstellen. Oder du trennst dich von deinem Oldtimer."

"Beides sind ungebührliche Vorschläge, Henriette. Ein von Schwarzbach fährt standesgemäß zum Rennen vor. Außerdem gehe ich davon aus, dass dein Vater nicht mehr das ewige Leben haben wird, und dann könnten wir ja eventuell mit einer finanziellen Spritze rechnen. Nun, ich will es nicht beschreien, aber bei unserem letzten Treffen erschien er mir schon etwas hinfällig. Vielleicht macht er es nicht mehr lange."

"Das sind böse Worte, Klaus-Rüdiger. Er ist mein Vater."

"Der dich zu seinem 85igsten Geburtstag vor allen gedemütigt hat. Und mich mit. Und das vergesse ich ihm nicht. Dieser alte Sack beherrscht nicht einmal die Regeln des menschlichen Anstands. Aber weil alle auf sein Vermögen scharf sind, schlucken sie alles runter und ducken sich weg. Gut, er hat uns vor 30 Jahren mal 10.000 D-Mark geschenkt. Aber so wie ich ihn kenne, war das doch eine Idee von seinem Steuerberater gewesen. Vielleicht ist das als Spende deklariert worden. Diesem raffgierigen Kerl traue ich alles Schlechte zu."

"Bedenke doch bitte, dass er in seinem Leben viel durchgemacht hat. Als halbes Kind musste er noch in den Krieg ziehen. Das hat ihn sicher traumatisiert und könnte so manche unbedachte Äußerung erklären."

"Aber dass er uns allen beim letzten Familientreffen ausgerechnet zum Essen von seinen Kriegserlebnissen erzählt hat, das war schon ein starkes Stück. Ich habe mir jedes Wort gemerkt, weil ich so schockiert gewesen bin. Ich will dir das noch einmal in Erinnerung rufen. Er hat wörtlich gesagt: "Und dann bin ich mit 16 noch zum Volkssturm geholt worden. Zusammen mit nem Schulkumpel hab ich in nem Schützengraben gestanden. Der Rudi hatte ne alte Jagdflinte, ich ne Panzerfaust und ne klapprige Pistole mit drei Schuss Munition. Da kommt so ein T 34 angefahrn. Ich peile den mit der Panzerfaust an und drücke ab. Es kracht mörderisch, das Ding bleibt stehen, fängt an zu qualmen, die Luken gehen auf, und zwei Kerle kommen aus dem Panzer raus. Die brennen und schreien wie am Spieß. Mein Kumpel will sich das Theater genauer ansehen und kuckt aus dem Schützengraben raus. Wutsch, er kriegt ne Kugel in die Rübe, und mir spritzen sein Blut und Gehirn ins Gesicht. Ich schaue mir meinen Kumpel an und dem seine Birne is zur Hälfte weg. Das Zeug in seinem Schädel sah so n bisschen aus wie der Schweinebraten dort, so von der Farbe her. Dann kuck ich mir die toten Russen an. Die sind so verschmort, wie die Kruste hier auf den Hühnerbeinen. Na ja, dann bin ich abgehauen."

"Klaus-Rüdiger, bitte. Ja, es war schlimm. Seitdem esse ich keine Hühnerbeine mehr."

"Ich will dir eins sagen, Henriette, dein Vater ist nicht traumatisiert, er ist ein Perverser. Da kommt auch seine Lust her, andere vor allen anderen Gästen zur Sau zu machen. Der sollte mal von einem Gehirnklempner untersucht werden."

Klaus-Rüdiger von Schwarzbach war eigentlich schon immer chronisch pleite. Vermutlich lag das auch an seiner Herkunft, denn er war elternlos aufgewachsen. Man hatte ihn als frischgeborenes Baby vor einem Krankenhaus einfach in einem Körbchen abgestellt und seinem Schicksal überlassen. Zu seinem Namen war er gekommen, weil er in dem katholischen Waisenhaus "Am Schwarzbach" aufgewachsen war. Die herzensguten Nonnen hatte den Jungen ins Herz geschlossen, und ihm seinen dem damaligen Zeitgeist entsprechenden Namen gegeben. Im Heim hatte man ihm eine gute Bildung angedeihen lassen. Er hatte sich nach dem Abitur für ein Studium der Germanistik mit der Spezialisierung auf die altdeutsche Sprache entschieden. Schwarzbach liebte es, über die so zwischen den Jahren 750 und 1050 gepflegte Sprachform zu sinnieren. Er war dann in einem Institut untergekommen, in welchem weiter daran geforscht wurde, ob man dieses oder jenes Wort mit "ae" oder "ä" oder statt "ss" mit "sz" schreiben sollte. Die Diskussionen darüber hielt er für hochstehenden wissenschaftlichen Meinungsaustausch. Leider wurde seine Tätigkeit ziemlich mies vergütet, was eigentlich nicht zu seinen Ansprüchen an eine angemessene Lebensführung als Akademiker passte. Schwarzbach kannte einen vermutlich sehr wahren Spruch: Wer nichts erheiratet oder ererbt, bleibt arm, bis er sterbt. Erben konnte er von seinen Eltern nichts, weil er keine hatte. Jedenfalls war nicht bekannt, wer seine Eltern waren. Also musste er sich auf dem Heiratsmarkt umsehen. Er hatte durch seine Ausbildung einen sehr umfassenden Wortschatz erworben, besaß angenehme Umgangsformen, und sah gut aus. Obwohl er kein Logiker war, verfügte er doch über eine gewisse Bauernschläue, und legte sich einen Plan zurecht. Er musste ein Elternhaus finden, welches gut situiert war, so dass er mit finanzieller Unterstützung rechnen konnte. Die Firma "Anton Bockelmüller Bau GmbH" schien ein geeigneter Kandidat zu sein, denn deren Fahrzeuge und Arbeiter sowie die Firmentafeln sah er sehr oft in der Gegend. Er fand auch heraus, dass der Inhaber vier Töchter hatte, die damals allesamt noch unverheiratet waren. Da er immer knapp bei Kasse war, verfügte Schwarzbach nur über ein Fahrrad, aber das hinderte ihn nicht, damit den Umkreis des Wassergrundstück dieses Bockelmüller zu erkunden. Die gesamte Familie schien im Sommer ab Samstag bis Sonntagabend dort zu wohnen. Zum Grundstück gehörte ein Bootssteg, und dort lag ein motorgetriebenes Kajütboot. Daneben war von der Firma Bockelmüller selbst ein etwa drei Meter breites Stück Sandstrand von gut 10 Meter Länge vor der Uferböschung angelegt worden. Wie das hatte genehmigt werden können war Schwarzbach ein Rätsel, aber offensichtlich verfügte dieser Bockelmüller über beste Kontakte zur Politik und den Behörden.

Schwarzbach drückte sich unauffällig im angrenzenden Gelände herum, und konnte so einige Blicke auf die vier Töchter erhaschen. Eine hob sich von den anderen drei ab, denn sie war nicht so groß und schlank wie die anderen jungen Frauen, sondern, er suchte nach einem passenden Begriff, denn er war ja Sprachwissenschaftler. So wie er es auch drehte oder wendete, ein Wort beschrieb die Gestalt der Frau gut: ein Kasten. Schwarzbach empfand das nicht als abwertend, denn das Mädchen war etwa ein Meter und fünfundfünfzig groß, und in der Breite zwar nicht so ausladend, aber doch schon ordentlich bestückt. Soweit wie er es erkennen konnte, hatte sie eine ordentliche Oberweite und ein hübsches Gesicht. Äußerlichkeiten spielten für ihn als Schöngeist eine untergeordnete Rolle, es kam ihm auf den geistigen Austausch an. Er konnte natürlich noch nicht einschätzen was die junge Frau zu bieten hatte, aber er beschloss fürs Erste, sich diese eventuell in vieler Hinsicht sprichwörtlich fette Beute zu angeln. Von Schwarzbach war zu dieser Zeit, 1976, 24 Jahre alt, Henriette Bockelmüller 20. Die junge Frau war offensichtlich nicht mit allzu vielen intellektuellen Gaben gesegnet, weswegen sie wohl als Verkäuferin in einem Modeladen arbeitete.

Er kreuzte dort auf und gab vor, ein neues Hemd zu suchen. An diesem Tag hatte er noch 12 Mark im Portemonnaie und wartete auf sein Gehalt, es waren aber noch vier Tage bis dahin. Henriette Bockelmüller beriet ihn, und er konnte sie näher beäugen. Sie war tatsächlich recht hübsch und sehr angenehm im Auftreten. Außerdem roch sie sehr gut. Schwarzbach nahm Witterung wie ein scharfer Jagdhund auf und war sich sicher, dass er nun auf der richtigen Fährte war. Er salbaderte die junge Frau schwindlig und lud sie für die kommende Woche (da würde sein Konto wieder etwas gefüllt sein) in ein Kaffee ein. Sie fanden sich ganz sympathisch. Obwohl Schwarzbach feststellte, dass ihr Horizont nur vom Kuchenbacken bis zu Damenunterwäsche reichte war er entschlossen, jetzt Nägel mit Köpfen zu machen. Was sollte er mit einer bildhübschen und hochgebildeten Frau anfangen, da bestünde immer die Gefahr, dass er ihr zu wenig bieten könnte. Hier hätte er ein Objekt, welches er nach seinem Willen formen könnte. Er ließ sich nach einer Weile zum Vorstellungsgespräch bei Henriettes Eltern und Schwestern einladen. Voller Spannung trat er dort an und brillierte mit seiner Redekunst und seinem Charme. Die Frauen hatte er sofort auf seine Seite gezogen, nur der ihn verächtlich ansehende Anton Bockelmüller schien nicht beeindruckt gewesen zu sein. Dieser grimmige Patron war aber offensichtlich von der Damenriege so bearbeitet worden, dass Schwarzbach dann gnädig aufgenommen wurde. Er ließ noch eine Schamfrist von zwei Wochen vergehen, dann bat er um die Hand von Henriette. Bald darauf fand die Hochzeit statt, und Schwarzbach rechnete mit einer üppigen Mitgift. Er hatte sich total verkalkuliert. Eigentlich hätte der ständig missgelaunte Bauunternehmer doch mehr als froh sein müssen, dass er ihm seine schwervermittelbare Tochter abgenommen hatte. Sie bekamen ein Kaffeeservice im Wert von 128,83 Mark, denn der Kassenzettel lag noch bei.

Schwarzbachs Plan einer recht sorgenfreien Zukunft war vollkommen in die Hose gegangen. Jetzt konnte er nur das Beste daraus machen. Henriette war tatsächlich sehr liebevoll und fürsorglich und gerade einmal neun Monate nach der Hochzeit kam schon Hans zur Welt, und zwei Jahre später Claudia. Henriettes Mutter steckte ihnen ab und zu mal einen Hunderter zu, aber finanziell kam die neue Familie nie auf einen grünen Zweig. Es sah so aus, als ob es immer dabei bleiben sollte.

Gisela und Frank Krause

"Und ob ich darauf freue, mit dem alten Schwerenöter wieder mal einen zu trinken" erklärte Frank Krause seiner Frau "bei so einer Feier kann man doch schöne Studien treiben. Alle haben Schiss vor dem Alten und scheißen sich fast ein, dass er sie wieder mal Maß nehmen könnte. Dann haben aber alle aber wenig später mächtig einen in der Krone und werden plötzlich ganz mutig. Das ist dann der Augenblick, wo sich alle irgendwie gegenseitig angehen und vorwerfen, was sie doch für fiese Schweine sind. Und der Pascha beobachtet das alles und schießt dann noch zusätzlich seine Giftpfeile ab. Mal ist der dran, dann jener. Ob eigenes Kind, Schwiegersohn, Enkel oder Urenkel, alle kriegen ihr Fett weg, quer durch die verschiedenen Familien. Zum Schluss weiß dann keiner mehr was so alles an Anschuldigungen ausgesprochen worden ist, was stimmt, und was nur Gerüchte sind. Dann hat der Alte wieder genau das erreicht was er wollte: alle sind total verunsichert und sich spinnefeind. So kann man doch gut einen geschlossenen Widerstand verhindern."

"Warum sollte es einen geschlossenen Widerstand gegen meinen Vater geben müssen" fragte Gisela Krause "nun gut, er ist nicht der Feinste in seinen Umgangsformen, er ist manchmal jähzornig, aber er hat auch schon öfter geholfen. Allerdings hat er ein Herz aus Stein, und wenn er hilft tut er das nur zum eigenen Vorteil und holt sich alles dreifach wieder zurück. Aber keiner hat die Traute gegen ihn aufzubegehren."

"Ja, zum Beispiel diesem arroganten Schnösel von Schwarzbach, diesem Möchtegern-Adligen, diesem arbeitsscheuen Subjekt, dem hat er geholfen. Der hat mir beim letzten Mal erzählt, dass dein Vater ihm einen Kredit mit 8 Prozent Zinsen gegeben hat. Du kriegst heute einen Kredit fast umsonst. Aber Monsieur von Schwarzbach ist wohl so pleite, dass ihm keine Bank mehr was leiht. Deine Schwester tut mir leid."

"Wir haben sie damals alle gewarnt, aber sie hat ja nicht auf uns gehört. Aber sie ist schon ein bisschen geistig minderbemittelt. Ich meine das nicht böse, aber es ist leider die Wahrheit. Die hat ja schon in der Schule nichts auf die Reihe gekriegt. Und das Aussehen! Gut, da kann sie nichts dafür, aber sag mir mal als Mann, wie wird denn der Adlige damals einen hochgekriegt haben? Das ist doch bei mir etwas anders, oder, du geiler Bock?"

"Warte ab, du elende Nutte, wenn wir mit diesem Gespräch fertig sind, vögele ich dich so durch, wie du es lange nicht mehr erlebt hast. Ja, bei dir kriege ich immer noch einen zuverlässig hoch. Der Sport hält dich jung, alle schätzen dich mindestens 15 Jahre jünger. Und du fickst immer noch wie eine läufige Hündin. Aber erst mal zurück zu unserem Casanova. Ist doch vollkommen klar, der hat immer eine gute Balance zwischen dem Alkohol und dem Trieb finden müssen. Genug, dass er den Anblick vergisst und draufrutschen kann, aber nicht zu viel, damit er noch einen hochkriegt. So einfach ist das."

Gisela Krause war die schönste der Bockelmüller Töchter gewesen, noch schöner als ihre Schwester Renate. Alles an ihr hatte gestimmt: der Körperbau, das schöne Gesicht, die langen vollen Haare, ihre Stimme. Dazu war sie noch klug, aber in ihrem Auftreten sehr feminin. Ihre Lebensfreude strahlte auf andere aus und ihr Optimismus gab ihr Kraft. Den hatte sie auch benötigt, als ihr Sohn Bernd vor nun schon 20 Jahren bei einem Motorradunfall im Alter von 23 Jahren ums Leben gekommen war. Ihr Vater hatte ihr in dürren Worten schriftlich sein Beileid ausgesprochen und geschrieben, dass es bei dieser mittlerweile weitverbreiteten Raserei eines Tages dazu kommen musste. Wenigstens war er mit seinem mürrischsten Gesichtsausdruck auf der Beerdigung erschienen. Vielleicht hatte ihn einmal in seinem Leben so etwas wie ein schlechtes Gewissen geplagt, denn er hatte Bernds Witwe 20.000 DM überwiesen. Vorsorglich hatte Bockelmüller aber auf die Überweisung "Familienhilfe, ohne Eingestehen eines Rechtsgrundes" geschrieben, was viele Spekulationen angeheizt hatte, dass einer seiner LKW der Unfallverursacher gewesen sein könnte, denn am Unfallort war angeblich nur der verunglückte Bernd Krause aufgefunden worden. Aber wie üblich, wenn Bockelmüller im Spiel war, hatte sich nichts gegen ihn ergeben.

Frank Krause war eine schillernde Persönlichkeit. Er war eine Mischung aus Arnold Schwarzenegger, Martin Heidegger und Götz George. Seine körperliche Ausstrahlung war raumgreifend, seine Stimme dröhnte im Bass, und er konnte aus dem Stehgreif heraus philosophische Exkurse absondern. All das, und auch sein ausdrucksstarkes Gesicht, hatten ihn für die Schauspielerei prädestiniert. Er war ohne Mühe zum Studium angenommen worden und hatte im ersten Semester seine vordringliche Aufgabe darin gesehen, sich erst einmal durch das annehmbare weibliche Material durchzuvögeln. Seine speziellen Talente in dieser Hinsicht waren auch einer Sprachausbilderin aufgefallen und es lag nahe, dass Krause bei einer Sprachlehrerin, die auch über Zungenstellungen beim Sprechen unterrichtete, vor allem seine besonderen Fähigkeiten im Cunnilingus geschickt einsetzte. Nachdem er der Leckerei allerdings überdrüssig geworden war, wanderte er zu einer Tanzpädagogin weiter. Diese Frau verblüffte ihn mit ihrer enormen Beweglichkeit, und er lernte ganz neue, eigentlich für von ihm beim Beischlaf für unmöglich gehaltene Stellungen kennen. Die dritte im Bunde war eine Gesangslehrerin, die ihn durch ihre Atemübungen beeindruckte, denn sie konnte ganz hervorragend blasen. Er hatte sich nie ganz von einer der Frauen getrennt, sondern musste damals einen Kalender führen, um bei seinen Verpflichtungen nicht durcheinander zu kommen. Er verließ die Ausbildungsstätte mit besten Noten und ganz hervorragenden Empfehlungen der Lehrerschaft.

Er blieb seiner Strategie treu und machte sich am Theater seines ersten Arrangements an die Intendantin heran. Die etwa 50jährige Frau war schon ziemlich leichtfertig mit ihren körperlichen Ressourcen umgegangen, denn sie rauchte wie ein Schlot, und hing (das war allen am Theater beschäftigten Personen bekannt) an der Flasche. Krause näherte sich dieser nach Mülleimer und Schnaps Destille stinkenden Gestalt nur a tergo, und hatte vor dem Akt auch immer einen großen Schluck genommen. So kam er gut rein und auch wieder raus, und dann schnell weg. Seine Bemühungen wurden honoriert, er bekam erste größere Rollen. Da er sich jetzt erst einmal ziemlich ausgelaugt fühlte, konzentrierte er sich auf seine eigentliche Arbeit und wurde schnell zum Star der Bühne. Sein natürliches Talent brachte ihn schnell voran, und auch das Fernsehen wurde auf ihn aufmerksam. Er konnte mittlerweile auswählen, wo er ein Engagement annahm. In dieser Phase traf er nach einer Vorstellung auf Gisela Bockelmüller. Im Ergebnis seiner bisherigen Erfahrungen sah er sofort, dass ihm hier ein ausgesprochen heißer Besen vor die Flinte gelaufen war. Krause hatte sich die Hörner abgestoßen, wollte etwas zur Ruhe kommen und sich vor allem seiner Karriere widmen.

Gisela Bockelmüller machte ihm aber einen Strich durch die Rechnung und trieb ihn mit ihren sexuellen Spielchen immer wieder auf die Palme, so dass er gar nicht mehr anders konnte, als sie zu heiraten. Seine Überlegung war die gewesen, dass dann in der Ehe in dieser Hinsicht Alltag und Gewöhnung einziehen würde, und er dann mit einem Mal pro Woche davonkommen könnte. Er hatte sich verrechnet, und auch nach der Geburt von Bernd und Gabi ging es munter weiter. Es gab Zeiten, da flüchtete er regelrecht zu einem auswärtigen Engagement. War er wieder zu Hause, überfiel ihn eine Furie, die ihn aussaugte. Aber mit der Zeit lernte er, sich gesünder zu ernähren und bewusster zu leben, und trieb sogar etwas Sport. Ihr Sexualleben war erfüllend, und ihr übriges Zusammensein auch. Frank Krause würde sich selbst als einen glücklichen Ehemann bezeichnen, wenn da nicht ständig im Hintergrund die böse Fratze seines Schwiegervaters drohen würde. Schon bei seinem ersten Treffen mit der Sippe im Anwesen des Patriarchen war er mit einige der Anwesenden aneinandergeraten, weil man ihm aus seiner Sicht als landesweit bekannten Mimen zu wenig Aufmerksamkeit und Respekt entgegengebracht hatte. Der alte Bockelmüller hatte dem dann doch recht lautstarken Treiben grinsend zugesehen und dann sein Fazit gezogen.

"Ein richtiger Mann muss eine richtige Arbeit leisten können. Auf dem Bau zum Beispiel. In einem Blaumann. Wer auf einer Bühne in rosa Klamotten wie eine Schwuchtel herumspaziert, den kann man nicht ernst nehmen."

Das brüllende Gelächter hatte Krause zutiefst getroffen, und er hatte für diese Demütigung Rache geschworen. Gerade seine Rolle des Papst Pius VVI. im "Der Stellvertreter" von Hochhuth hatte in der Kritik Begeisterungsstürme ausgelöst, weil Krause das sensible Thema Kirche und Holocaust darstellerisch so genial bewältigt hätte, wie keiner je vor ihm.

"Ihr unwissenden Ignoranten" hatte er in den aufgeheizten Raum gerufen "das Schicksal der Juden interessiert euch wohl gar nicht? Ihr hättet nach dem Krieg sicher auch gesagt, dass ihr von all den Verbrechen nichts gewusst habt. Immer schön die Augen zumachen, ihr satten Spießbürger!"

Damit hatte er alles noch zu seinen Lasten verschlimmert, denn er war ausgebuht, und dann von allen geschnitten worden. Keiner sprach mit ihm, nur die hässliche Frau des Adligen versuchte ihn zu trösten. Er war zu diesem Zeitpunkt schon einigermaßen angetrunken und hatte Henriette von Schwarzbach nur angeblafft:

"Zieh Leine, du hässlicher Kasten!"

Bei den nächsten Veranstaltungen hatte er seine intellektuellen Ansprüche an das Publikum der Sippe deutlich heruntergeschraubt und sich volksnah gegeben. Das war besser angekommen, und er versuchte herauszubekommen, wer mit dem alten Bockelmüller auch noch eine Rechnung offen hatte. Es schienen einige zu sein. Aber so richtig bekam er nicht heraus, was so wirklich bei den einzelnen Leuten abgelaufen war. Alle waren aber offensichtlich darauf erpicht, in der Gunst von Bockelmüller möglichst weit oben zu stehen. Der Fall war klar, es könnte viel Geld lachen. Im Straßenverkehr der Region waren die Firmenfahrzeuge sehr präsent, an jeder zweiten Baustelle stand eine Tafel von Bockelmüller. Er versuchte sich an Baumann ranzumachen, der ja in der gleichen Branche tätig war.

"Da ist schon einiges an Kapital vorhanden" sagte der "du kannst dich im Bundesanzeiger informieren, dort müsste er seine Bilanz veröffentlichen. Aber daraus siehst ja nur, wie die Firma dasteht, nicht was er privat auf der Kante hat. Aber er ist Alleingeschäftsinhaber und damit gehört ihm auch die Firma. Mit ihrem Vermögen, und mit ihren Schulden. Kuck mal, so ein Muldenkipper kostet vielleicht im Schnitt, ich sage bewusst im Schnitt, sagen wir mal 80.000 Euro. Wenn er acht davon hat, hat er schon 640.000 Euro im Anlagevermögen. Sicher, die Fahrzeuge werden abgeschrieben, weil sie verschleißen und an Wert verlieren. Aber es geht doch nur mal um eine Größenordnung. Der hat auf seinem Firmengelände bestimmt an die 50 Maschinen stehen. Und das sind keine alten Kisten. Und was der so an Gewinn rausholt weiß ich nicht, es wird ordentlich sein. Sagen wir mal, der hat eine Umsatzrendite von 3 Prozent. Das bedeutet, dass er bei 100 Euro Umsatz 3 Euro Gewinn macht. Ich weiß wirklich nicht wie viel der an Umsatz hat, aber das dürften einige Millionen sein. Rechne mal mit 10 Millionen. Was kommt da raus?"

"3.000?"

"Man merkt, dass du nicht rechnen kannst. 300.000! Und bei 20 oder 30 Millionen Umsatz sind das dann 600.000 oder 900.000. Eventuell jedes Jahr, und das seit vielen Jahren. Du kannst alle möglichen Zahlenkombinationen verwenden, aber du weißt eben nicht, wie es wirklich aussieht. Ich sage dir, der hat wie Dagobert Duck einen geheimen Geldspeicher und geht zum Frühsport dort baden."

In diesem Moment hatte sich Krause gesagt, dass er zwar nicht zum Killer geboren wäre, aber vielleicht zum Erpresser. Sein schauspielerisches Talent könnte ihm eventuell helfen, irgendeine Schwachstelle im Leben des alten Bockelmüller zu finden. Jetzt musste er noch geeignete Ansatzpunkte finden.

Helga und Herbert Baumann

"Also wieder zwei Tage voller Anspannung und Stress, ja nichts Falsches sagen, sich ja nicht mit den falschen Leuten unterhalten, jedes Wort vorher auf die Goldwaage legen, das kann ja wieder lustig werden."

"Es gibt Schlimmeres Herbert" sagte Helga Baumann zu ihrem Mann "schließlich sind ja auch vernünftige Leute dabei. Wir sollten ganz unbefangen an die Sache herangehen und uns mehr mit der jüngeren Generation abgeben. Bei meinen Schwestern ist Hopfen und Malz verloren, die suchen doch alle krampfhaft nach irgendwelchen Wegen, an das Erbe ranzukommen. Gott sei Dank haben wir das nicht nötig."

"Ich habe das nicht nötig, ich" stellte Herbert Baumann fest "es ist immer noch meine Firma, die uns unseren Wohlstand garantiert. Dafür habe ich mir in den letzten 30 Jahren täglich den Arsch aufgerissen und keinen Feierabend gekannt. Tagsüber die Arbeiten auf den Baustellen kontrolliert, dann neue Kunden und Aufträge aufgerissen, und abends dann noch den Bürokram erledigt. Gut, dass Martin und Bianca bald übernehmen werden."

"Die Abende im Büro sind aber doch nicht nur Stress pur gewesen. Frau Lauermann hat dir die Stunden doch dort öfter mal versüßt. Dieser unscheinbaren Buchhaltungstante hätte ich gar nicht zugetraut, dass sie dich noch mal so aufgeilen konnte."

"Tja Helga, wenn zu Hause nichts mehr auf den Tisch kommt, geht man eben mal auswärts essen. So einfach ist das. Aber das ist ja schon etwas länger her und abgehakt. Oder etwa nicht?"

"Doch. Wir haben uns arrangiert, und das ist vernünftig gewesen. Wegen so was rennt man nach den vielen gemeinsamen Jahren nicht gleich auseinander. Außerdem soll man nach gemeinsam bewältigten Krisen besser miteinander umgehen können. Ich für meinen Teil kann das bestätigen. Aber dir scheint irgendwas Sorgen zu machen, oder täusche ich mich?"

"Ich habe keine Sorgen, da liegst du falsch. Ich fühle mich fit, der Laden läuft, den Kindern geht es gut. In meiner großen Modellbauwerkstatt kann ich mich herrlich mit den Bastelarbeiten ausleben, ich bin sehr zufrieden."

Herbert Baumann hatte nicht die Wahrheit gesagt. Als ihre beiden Töchter Anna und Petra geboren worden waren, war Helga Baumann zu Hause geblieben, und als dann noch Friedrich dazukommen war, ganz in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau aufgegangen. Ihre Eheregelungen waren klar: Herbert verdiente mit der Baufirma das Geld, Helga war für Haus und Kinder verantwortlich. Baumann hatte die Firma relativ zeitig, da war er gerade einmal 23 Jahre alt, übernehmen müssen, weil sein Vater an Krebs erkrankt und dann auch schnell verstorben war. Es war für ihn ein enormer Kraftakt gewesen, der ihn manche Nacht hatte nicht schlafen lassen. Aber er hatte sich durchgebissen und nach zwei Jahren enorm viel dazugelernt, und Selbstbewusstsein und Sicherheit gewonnen. Im Nachbarkreis gab es einen mächtigen Konkurrenten, die "Bockelmüller Bau GmbH". Bislang war man sich nur am Rande begegnet und nicht in die Quere gekommen. Baumann hatte damals sieben Angestellte und einen überschaubaren und schon älteren Fuhrpark. Ihm war schnell klar geworden, dass er mit dieser Größe nicht allzu lange überleben würde. Seine Firma musste wachsen, und das ging nur über eine Auftragsausweitung. Er ließ seine Angestellten die Ohren spitzen und konnten den einen und anderen Neukunden gewinnen. Im Nachbarkreis gelang ihm jedoch gar nichts. Dort hatte dieser Bockelmüller offensichtlich ein Monopol. Rein zufällig war er einmal am Wochenende in der Nachbarkreisstadt zu einem Clubkonzert mit einer Jazzband gewesen, und hatte dort eine nette junge Frau getroffen. Sie waren ins Gespräch gekommen und es hatte sich herausgestellt, dass sie eine Tochter von Bockelmüller war. Dass sie das war, war ihm völlig egal gewesen, er hatte sich für die Frau interessiert, und nicht für ihren Vater und dessen Geschäft. Sie hatten sich dann recht regelmäßig getroffen und eines Tages war er zur Vorstellung eingeladen worden. Er hatte Helgas Mutter sofort sympathisch gefunden, und sie ihn offensichtlich auch. Der alte Bockelmüller hatte aber nur eine Botschaft für ihn gehabt:

"Wenn Helga dich will, soll sie dich haben. Das ist mir egal, muss sie ja wissen. Aber eins sag ich dir: die Kreisgrenze ist deine Grenze, dahinter ist der Zutritt für deine Firma verboten. Ist das klar? Hier gelten nämlich meine Regeln. Und es gibt hier viele Leute, die von meiner Firma profitieren. In vielen verschiedenen Positionen. Also halt dich dran, sonst wirst du es bereuen."

Da sich seine Frau überhaupt nicht für die Entwicklungen in seiner Baufirma interessierte, war sie auch nicht über deren Lage im Bilde. Baumanns Unternehmen war im Verlaufe vieler Jahre tatsächlich gut gewachsen, und er war neben Bockelmüller der Platzhirsch in der Gegend geworden. Vor gut zwei Jahren hatte er die Zeit für reif gehalten, den Konkurrenten nach und nach auszubooten. Bockelmüller war da 88 Jahre alt gewesen und führte seinen Laden immer noch mit eiserner Hand. Er zahlte gut, schmierte unauffällig viele Behördenrädchen und war eine kreisbekannte Größe. Dazu kam, dass er sich in den vergangenen Jahrzehnten wie eine Spinne ein verfilztes Netz von Abhängigkeiten geschaffen hatte, in denen viele Entscheidungsträger gefangen eingeflochten waren, und nicht mehr herauskamen. Alle schuldeten Bockelmüller etwas, und er hatte sie in der Hand. Baumann hatte einen Versuch gewagt, Bockelmüller einen Auftrag in dessen Revier wegzuschnappen. Er war um läppische 80.000 Euro gegangen. Er war abserviert worden, und zwei Wochen später begann der Rachefeldzug des alten Bockelmüller erste Formen anzunehmen. In Baumanns Kreis gab es auf einmal gehäuft Probleme bei der Abnahme von Leistungen. Während die Behördenmitarbeiter früher gnädig über kleinere Mängel hinweggesehen hatten, waren sie jetzt so pingelig, dass Baumann äußerst aufwendige Nacharbeiten ausführen lassen musste. Die Zahlungen erfolgten erst nach nochmaligen Abnahmen, und offensichtlich auch noch absichtlich schleppend. Bei Ausschreibungen zog er jetzt immer öfter den Kürzeren. Die Liquidität seiner Baufirma nahm erschreckend schnell ab. In Erwartung einer weiteren Expansion hatte er in seinen Maschinenpark investiert. Jetzt saßen ihm die Banken mit den Zins- und Tilgungsplänen im Nacken.

Herbert Baumann war 67 Jahre alt, und hatte seinen Kindern eine gut aufgestellte Firma übergeben wollen. Er hatte sicher einen großen Fehler gemacht, und den Großteil der Überschüsse wieder in den Betrieb investiert. Dort sah er eine auf den ersten Blick beeindruckende Bilanzsumme (das große Anlagevermögen in Gestalt der teuren Maschinen), aber auch einen großen Batzen an Fremdkapital. Wenn es so weiterging, würde ihm der Laden bald nicht mehr gehören, und sein Lebenswerk wäre im Eimer. Das wollte er nicht hinnehmen und hatte mit seinen Kindern Bianca und Martin schonungslos Klartext gesprochen. Beide hatte er viele Jahre behutsam so gelenkt, dass Martin Bauingenieur, und Bianca Betriebswirtin geworden waren. Sie sollten sein Erbe übernehmen und die Firma weiter fortführen. Jetzt sah es so aus, als würde der Krake aus der Nachbarkreisstadt seine Tentakelarme um den Hals der Familie legen, um ihnen die Luft abzuschnüren und sich mit der Beute, der "Baumann-Baumeister GmbH", aus dem Staub zu machen.

Herbert, Martin und Bianca Baumann waren sich einig gewesen, dass sie sich nicht ergeben würden. Da sie den Filz in der Verwaltung nicht durchdringen konnten, kamen nach ihrer gemeinsamen Auffassung nur unorthodoxe Methoden in Frage, die sie höchstwahrscheinlich mit dem Rechtsstaat in Konflikt bringen würden. Aber so wie es aussah, konnten sie eine Katastrophe nur noch abwenden, wenn sie eben nicht rechtsstaatlich handelten. Ihr Gegenspieler tat das ungestört seit Jahrzehnten.

Die Einladung

"Einer guten Tradition folgend, lade ich euch dieses Jahr zu einem besonderen Ereignis ein: meinem 90. Geburtstag" hatte Anton Bockelmüller als ersten Satz geschrieben.

Dann hatte er gleich noch eine Drohung hinzugefügt:

"Da mir mein Hausarzt eine gute Gesundheit bescheinigt und ich mich selbst noch ausgesprochen fit fühle kann ich wohl davon ausgehen, euch noch viele Jahre in meinem bescheidenen Heim begrüßen zu können."

Er feixte vor sich hin.

Diesen Erbschleichern würden die Gesichter einschlafen, und seine verdeckte Ankündigung, auch noch die 100 zu schaffen, wohl etlichen die letzte Hoffnung auf einen Anteil an seinem Vermögen rauben. Sie würden vor Gram noch vor ihm in die Grube fahren, weil ihr jahrelanges Wegducken und ihre Arschkriecherei kein Ergebnis haben würden. Außerdem war er so schlau gewesen, schon vor Jahren auf seinen Steuerberater zu hören, und zu "diversifizieren". Er hatte es auf seine Art als "Geld streuen und das Risiko verteilen" genannt. So gehörte ihm beispielsweise das von seinem Grundstück keine 300 Meter entfernte Hotel, welches aufgrund seines guten Rufes und der schönen Umgebung ganzjährig ausgebucht war. Das war nicht das einzige Engagement Bockelmüllers neben seiner Baufirma gewesen. Er war Inhaber einer Bäckereikette, zweier Metzgereien, betrieb zwei Fitnessstudios, drei kleine Supermärkte und noch ein paar landwirtschaftliche Lohnarbeitsfirmen. Nur sein Steuerberater, der Anwalt, der Notar, und er selbst, waren im Bilde über dieses Firmenimperium.

Das mit dem beschiedenen Heim hatte er absichtlich so formuliert. Auf einem Grundstück von etwa 800 Quadratmetern Fläche hatte er von seiner eigenen Firma einen Gebäudekomplex errichten lassen, der sich hinter denen amerikanischer Millionäre nicht verstecken musste. Allerdings waren die Gebäudeteile im traditionellen Stil der Gegend errichtet worden und wirkten zwar ausgesprochen hochwertig, aber nicht protzig. Innen waren dann aber keine Mittel gescheut worden, den Reichtum seines Besitzers zu zeigen. Erlesene Fliesen und edle Hölzer, sowie feinste Stofftapeten kündeten von Geschmack. Auf der anderen Seite verfügten die Räume über modernste Technik, womit Bockelmüller bei der jüngeren Generation immer mächtig Eindruck schinden konnte. Für die älteren Semester war ein Weinkeller aufwendig in den Untergrund gegraben worden. Das Tonnengewölbe lag 8 Meter unter dem Erdgeschoss, und war über eine Treppe sowie einen gläsernen Lift erreichbar.

"Wie üblich habe ich euch im Hotel "Zum Mohren" Zimmer auf eure eigene Rechnung reserviert. Wir hier in der Gemeinde sind sehr heimatverbunden und wissen ganz genau, dass "Mohr" Ausdruck für das hohe Wissen der Mauren über Arzneien und Kräuterkunst gewesen ist. Da es diesen Begriff schon seit vielen Jahrhunderten bei uns hier gibt hat auch niemand ein Interesse daran, sich von ein paar durchgeknallten arbeitsscheuen und noch nichts geleistet habenden Wohlstandsflegeln eine Tradition kaputt machen zu lassen. Übrigens gibt es in dem Hotel keine Toiletten für das dritte oder das vierundzwanzigste Geschlecht. Und dort wird ausschließlich Deutsch gesprochen. Wer damit ein Problem hat, muss sich anderweitig kümmern."

Bockelmüller hatte sich diesen Seitenhieb nicht ersparen können. Er wurde bald 90, und all die Jahre hatte sich niemand über einen "Mohren" echauffiert. Auch nicht über "Zigeunersoße". Erst seit ein paar Jahren waren alle wie vom wilden Affen gebissen und witterten überall Herabwürdigungen, Rassismus und sonst welche Hirngespinste. Für ihn stand fest, dass es den Leuten eindeutig zu gut ging und sie mittlerweile total verblödet waren, sonst würden sie sich nicht in solche Nichtigkeiten verbeißen. Er war selbst heute fast noch rund um die Uhr beschäftigt und hatte gar keine Zeit, sich mit solchem Schwachsinn zu befassen.

"Die Veranstaltung beginnt am Samstag 15 Uhr mit dem Kaffeetrinken. Wir werden schön über die Vergangenheit plaudern, und einen Blick in die Zukunft wagen. Was wird uns in den nächsten Jahren als Familienverbund erwarten? Welche Ziele sollten wir uns stellen? Was wollen wir noch erreichen?"

Das wird ihnen den Rest geben, dachte er hämisch. Nun musste auch dem letzten Trottel klarwerden, dass er leer ausgehen würde. Aber er hatte noch ein Ass im Ärmel.

"Wie ihr alle wisst, bin ich nicht ganz unvermögend. Alles habe ich mir über viele Jahre mit viel Einsatz selbst erarbeitet. Und ich möchte der Nachwelt, der Gesellschaft, etwas hinterlassen. Und das möchte ich mit euch diskutieren, so wie es in einer guten Familie üblich ist. Ich habe erste vage Ideen, vielleicht sollte ich eine Stiftung gründen. Oder etwas Ähnliches. Aber wie gesagt, darüber möchte ich in aller Offenheit mit euch reden, so wie wir es die ganzen Jahre schon handhaben."

Jetzt werden sie explodieren freute er sich.

Und den "Heimatflüchtlern" wollte er auch noch einmal seine Meinung geigen.

"Heimat ist ein wertvolles Gut, da weiß man, wo man hingehört. Leider haben es einige aus der Familie vorgezogen, nur wegen ein paar Mark mehr Verdienst, schon vor etlichen Jahren ihre Heimat zu verlassen. Nun werden sie deswegen eine längere Anreise haben. Und ich will es auch nicht verschweigen, obwohl es ja keine Anzeichen dafür gibt, im Falle einer Pflegebedürftigkeit werde ich mich keineswegs in die Hände von skrupellosen sogenannten "Pflegekräften" aus dem Ostblock begeben. Die Pflege der Altvorderen ist immer eine Aufgabe der Kinder gewesen, und so wird es in unserer Familie auch bleiben. Vielleicht belegen meine Töchter und meine Schwiegersöhne schon einmal vorsorglich einen Pflegekurs."

Die ganz Abtrünnigen mussten auch noch ihr Fett wegbekommen.

"Ich bin nie dafür gewesen, die Ostzone wieder bei uns einzugemeinden. Man sieht ja heute, wo das hingeführt hat. Diese Jammerlappen dort haben neue Autobahnen, Straßen Brücken, Schulen, alles Mögliche bekommen, und hier bei uns, die wir den ganzen Wahnsinn bezahlt haben, ist alles marode. Und dafür zahle ich seit Jahrzehnten diesen "Soli". Besonders schlimm finde ich, dass einige der Jüngeren sogar in die Zone übergesiedelt sind. Ihnen bleibt mein gastfreundliches Haus für immer verschlossen. Ich möchte nicht, dass hier ein kommunistischer Virus eingeschleppt wird!"

Nun noch ein kleines Trostpflaster, und das war es dann.

"19 Uhr beginnt unser gemeinsames Abendessen, danach folgt der gesellige Teil. Jeder von euch zahlt bei der Anreise 50 Euro Tagungspauschale ein, aber dafür könnt ihr dann nach Herzenslust schlemmen und trinken. Der Weinkeller steht euch offen, die Bar ebenfalls, das Hallenbad, das kleine Kino. Ihr werdet alle auf eure Kosten kommen, das verspreche ich euch. Am Sonntag treffen wir uns 11 Uhr noch auf einen Kaffee und für das Abschiedsfoto. Danach ist Abreise.

Ich freue mich auf euch, euer Anton."

Seiner Meinung war der Brief einerseits recht eindeutig, aber er ließ auch Raum für verschiedenste Interpretationen offen. Bei den Gästen würden nach Erhalt der Einladung die Räder in den Gehirnen anfangen zu rattern, und er wusste genau, dass niemand darauf kommen würde, was er wirklich bezweckte. Er freute sich schon jetzt auf die verdatterten Visagen, wenn er dann die Bombe platzen ließ.

Erster Anlauf zum E-Auto-Kauf

Frank Krause strich als bekannter Schauspieler recht üppige Gagen ein und ging davon aus, dass ein Großteil der Bevölkerung ihn kennen würde. Dem war allerdings nicht so, denn ein Blick in verschiedenste Statistiken zum rapiden sinkenden Bildungsgrad, zur abnehmenden Beschäftigung, der steigenden Zahl der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger und der Zuschauerreichweite verschiedener Fernsehsender hätte ihm klarmachen können, dass Deutschland nicht mehr das Land der Dichter und Denker, sondern das Land der nicht mehr ganz Dichten und der Stänkerer geworden war. Jeder regte sich wechselweise über diese oder jene Kleinigkeit auf, und Haltung und Parolen ersetzten Fakten und Wissen. Für Kunst und Kultur interessierten sich nur noch ganz hartgesottene Personen, vor allem alte weiße Männer, und die hatten es seit einiger Zeit ja schon schwer genug. Er ging aber davon aus ein Mann zu sein, der in der Öffentlichkeit aufgrund seiner Bekanntheit unter verschärfter Beobachtung stand. Das hatte auch zu seinem Entschluss geführt, selbst mit aktiv zur Rettung des Planeten beitragen zu wollen. Er fuhr aus Statusgründen bislang einen Porsche 911. Das konnte er dem Klima nicht mehr länger antun. Für den Sportwagen hatte er damals so um die 120.000 Euro hinlegen müssen. Er hatte es schon als sinnlichen Genuss betrachtet, den Wagen so brachial beschleunigen zu lassen und die heiser röchelnde Maschine zu hören. Jetzt konnte er sich mit diesem Relikt ja kaum noch auf die Straße trauen, diese Freitags Hüpfer würden ihm das Fahrzeug ruckzuck demolieren. Er googelte ein bisschen und kam auf Auwi. Die hatten bei der Abgasgeschichte wohl nicht ganz so schlimm wie die von V-R beschissen, aber eben auch keine weiße Weste mehr. Aber irgendwie war bei ihm der Slogan "Vorsatz durch Technik" hängengeblieben, und so fuhr er zu einem Autohaus dieser Marke in der Stadt.

Der prunkvolle Verkaufstempel sagte ihm, dass es diesem Hersteller ja offensichtlich nicht so schlecht gehen konnte. Er strich um die ausgestellten Fahrzeuge herum und bemerkte, dass zwei junge Kerle vor ihren Monitoren hektische Betriebsamkeit simulierten und er vermutlich gerade störte. Na gut, er war zu einer ungünstigen Zeit erschienen, es war 11 Uhr 56. Es könnte gut sein, dass die Jungs gleich Mittagspause hatten. Er wartete noch genau drei Minuten, dann ging er auf einen der Anzugträger zu.

"Ich möchte ein Elektroauto kaufen" sagte er "da bräuchte ich mal n bisschen Beratung. Ich bin nämlich Schauspieler, und technisch nicht so bewandert."

In den Augen des Verkäufers gab es kein Erkennen, wer er war.

Tom Schiller trug nur den Namen des Dichterfürsten, und hatte noch nie ein Theater von innen gesehen. Wenn er nachmittags aus dem Autohaus abhauen konnte, stieg er zu Hause erst einmal in eine schlabbrige Jogginghose und ein ausgeleiertes T-Shirt um. Dann warf er seinen PC an und zockte erst zum Aufwärmen ein paar Ründchen "Fortnite". Dann wechselte er zu "War Thunder", schoss etliche Panzer oder Flugzeuge zu Klump und kam später noch zu "Cyberpunk", wo er sich tierisch über die Bugs und die Performance aufregte. Den Spieleabend beendete er meist noch mit einer Tour als Kopfgeldjäger in "Red Dead Redemtion 2". Zwischendurch schob er eine Pizza in den Herd und trank mindestens zwei Flaschen Cola. Gegen 23 war er dann ermattet genug, um noch eine Stunde Trash TV zu konsumieren. Am nächsten Tag musste er um 8 Uhr wieder raus, und verfluchte seinen stressigen Job.

"Da kann ich Ihnen sicher helfen" sagte er zu Krause (und dachte sich heimlich, dass die Schauspielerei doch sicher eine brotlose Kunst wäre und er den Typen nach ein paar Preisangaben gleich wieder los sein würde) "aber so ein Hochtechnologie-Fahrzeug ist schon nicht ganz billig. An wieviel denken Sie denn?"

"Das spielt doch jetzt erst mal keine Rolle" regte sich Krause auf "Sie sollen mich beraten. Was weiß ich denn, wie teuer so ne Karre ist."

"Nun ja, unsere Modelle fangen im hohen fünfstelligen Bereich an. Unser Schmuckstück, der Auwi el-thron 55 quakker ist für einen Grundpreis von 81.500 Euro zu haben. Wenn Sie eine vernünftige Ausführung haben möchten, gibt ein Blick in die 40 Seiten umfassende Aufpreisliste eine gewisse Orientierung. Da ist man ruckzuck schnell bei 150.000 und mehr. Dafür hat der Wagen aber auch 664 Newtonmeter."

"Das ist die Länge in Zentimetern?"

"Nein, das Drehmoment."

"Also wie flott er einen Kreis drehen kann?"

"Nein, das Drehmoment. Newtonmeter ist der Betrag des Drehmoments, den eine Kraft von einem Newton bei einem Hebelarm von einem Meter erzeugt" leierte Schiller herunter.

"Und das bedeutet?"

"Wie ich schon sagte, ein Newtonmeter ...."

"Das reicht. Ich bin nicht hierhergekommen, um meine Prüfung in Mathematik zu wiederholen."

"In Physik."

"Wie bitte?"

"Das ist eine physikalische Größe."

"Hörn sie jetzt mal her, Sie Wichtigtuer" wurde Krause laut "ich bin nicht hier, um mir Nachhilfeunterricht abzuholen. Ich will nichts weiter als eine verständliche Erklärung."

Krause war lautes Sprechen aus dem Theater gewohnt.

Ein etwas älterer Anzugträger erschien auf der Szene.

"Kann ich irgendwie helfen" fragte er freundlich "ich bin der Niederlassungsleiter. Mein Name ist Maas, Heino Maas."

"Ja, Sie können helfen" erwiderte Krause "und zwar, indem Sie einem Menschen ohne Doktortitel in Physik erklären, was Newtonmeter bedeutet."

"Nun, ein Newtonmeter ist der Betrag des Drehmoments, den eine Kraft ...."

"Hörrrrren Sie auf, hörrrrren Sie soforrrrrrrt auf damit" antwortete Krause wütend und laut.

Momentan bereitete er sich auf eine Rolle in einem Stück vor, in dem er als Adolf Hitler auftreten sollte. Nach seinem Triumph als Papst Pius der VII. würde man ihm in der Kritik nicht unterstellen können, dass er mit seinem Spiel den Führer eventuell verherrlichen wollte. Man musste ja vorsichtig sein heutzutage, man konnte schnell unter den Verdacht geraten, den "Falschen in die Hände spielen zu wollen". Aber in "Der Stellvertreter" hatte er die ganze Dramatik und Zerrissenheit des Klerus in Bezug auf seine Nähe zum Nationalsozialismus "brillant und nicht plump schuldzuweisend" (wie der "Kleiderspiegel" geschrieben hatte) herausgearbeitet. Sicher, die Kirche hatte schon immer Einiges zu verlieren gehabt, er dachte da an die riesigen Vermögenswerte an Grundbesitz, Immobilien und so weiter. Dass man sich den jeweils Regierenden andienen musste, lag damit auf der Hand. Heute segelten die Popen sprichwörtlich auf dem Mittelmeer mit dem Zeitgeist mit, und deklarierten diese Aktionen als Nächstenliebe (in Wahrheit sorgten sie für Nachschub in ihren Betreuungseinrichtungen). Da sie zudem noch umfangreiche staatliche Zuwendungen aus uralten Vereinbarungen erhielten, musste man sich dafür schon irgendwie erkenntlich zeigen. Außerdem saßen in den Kanzleien der Kirchen vermutlich bessere Betriebswirte als im Bundesfinanzministerium.

Der Niederlassungsleiter sah ihn aufmerksam an. Krause trug ein schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans und hatte die Hosenbeine in halbhohe Stiefel hineingestopft. Da er sich nicht nur textlich, sondern auch im Habitus und Gestus immer intensiv auf seine Rollen vorbereitete, und ebenfalls historisch zeitgerechte Garderobe zur Eingewöhnung trug, hatte er sich als Oberbekleidung einen knielangen schwarzen Kunstledermantel aus dem Kostümverleih besorgt. Momentan ließ er sich auch gerade einen gestutzten Oberlippenbart wachsen. Auf dem Kopf trug er eine in der Schwulenszene übliche Kunstlederschirmmütze. Seiner Sprachlehrerin in der Ausbildung, die er immer ausdauernd gezüngelt hatte, verdankte er seine Fähigkeit, andere Personen perfekt imitieren zu können. Er hatte sich Szenen aus "Der Untergang" mit dem großartigen Bruno Ganz etliche Male angesehen und bald eine täuschend echte Stimmlage des Führerdarstellers nachahmen können. Da Krause ein Perfektionist war, hatte er sich auf YouTube auch alle verfügbaren Originalaufnahmen von Hitler (natürlich mit Tonaufnahmen) angesehen und diese dann, nachdem er sich den Text eingeprägt hatte, synchron und laut mitgesprochen. Hätte man Krause hinter eine spanische Wand gestellt und seinen Part als Adolf Hitler sprechen lassen wäre es schwer gewesen festzustellen, ob es sich um eine reale Stimme, oder eine Tonaufnahme von damals handelte.

"Sie denken wohl, Sie können Ihre miese Show hier weiter abziehen" giftete ihn der Niederlassungsleiter an "wir sind ein grünes Unternehmen, und haben auch was gegen braun."

"Was sollen Sie damit ausdrücken" fragte Krause irritiert.

"Ich möchte Ihnen sagen, dass wir solche Leute wie Sie hier nicht bedienen."

"Warrrrrrum" dröhnte Krause vor Erregung wieder in seine Hitler-Rolle schlüpfend "werrrrr gibt Ihnen das Rrrrrrecht dazu? Ich bin Bürrrrrger eines frrrrrreien Landes, und ich werrrrde mich überrrrrr Sie an höherrrrrer Stelle beschwerrrrren, weil Sie mirrrr eine Berrrratung verrrrwehrrren wollen. Sie werrrden Ihrrrrrrr widerrrrrrrliches Verrrrrrhalten noch biterrrrr berrrreuen."

"Verlassen sie sofort unserrrr, unser Autohaus, oder ich rufe die Polizei."

"Sie haben doch einen an der Waffel" bellte Krause und verließ mit wehenden Mantelschößen den Palast.

Er stieg in seinen Porsche und wurde dabei vom Niederlassungsleiter weiter beobachtet.

"Sehen Sie" sagte er zu Tom Schiller "sehen Sie sich das Kennzeichen an. Fällt ihnen etwas auf?"

"Nein."

"Er hat eine 88 im Nummernschild."

"Ja, und?"

"Sind Sie immer so schwer von Begriff? Denken Sie mal ans Alphabet Na, klingelt es jetzt?"

"Es gibt doch keine Zahlen im Alphabet und gleich gar keine 88."

"Jetzt hören Sie mir mal zu, Sie Komiker. Welcher Buchstabe steht an achter Stelle im Alphabet?"

Schiller zählte mit den Fingern und bewegte stumm seine Lippen.

"Das H."

"Weiter."

"Soll ich bis 88 weiterzählen?"

"Nein, natürlich nicht. 8 und 8 bedeutet also H und H. Und das heißt?"

"Soweit ich weiß, steht das für Hansestadt Hamburg."

"Nein, es steht eben nicht für Hansestadt Hamburg, sondern für "Heil Hitler". Ist das jetzt klar?"

"Aber das könnte doch auch für "Heiße Hexe" oder "Hohes Haus" stehen. Woher sollen wir denn wissen, dass der Kunde so was meint?"

"Sie wollen das wohl jetzt ins Lächerliche ziehen Schiller, ernsthaft? Wissen Sie was, ich werde Sie ab sofort etwas genauer unter die Lupe nehmen. Ihr Demokratieverständnis scheint mir sehr mangelhaft ausgeprägt zu sein, wenn Sie solche Extremisten noch nicht einmal aus nächster Nähe erkennen können. Ich behalte Sie im Auge, verlassen Sie sich darauf. Und ich will Ihnen noch mit auf den Weg geben, dass ich es nicht dulden werde, dass Sie hinter Ihrer angeblichen Unwissenheit eventuell heimlich mit solchen Leuten sympathisieren und Ihr eigenes braunes Süppchen kochen. Dann sind Sie hier fehl am Platz, und können sich einen neuen Arbeitgeber suchen."

Tom Schilling war ähnlich verwirrt wie Frank Krause und sehr verunsichert nach Hause gefahren. Um sich abzureagieren zockte er anfangs "Wolfenstein - The new Collossus". Die Nazis, die er dort bekämpfte, hatten nirgendwo eine 88 auf ihren Uniformen stehen. Vielleicht lag der Niederlassungsleiter vollkommen schief, und 88 bedeutete "Hip Hop" oder "Happy Hippie". Aber die Drohung seines Vorgesetzten lag ihm doch schwer im Magen. Er würde dem Niederlassungsleiter morgen sofort erklären, dass er einen Fehler gemacht hätte, und nicht wachsam genug gewesen war. Ab sofort würde er ihm sofort Bericht über verdächtiges Verhalten der Kunden erstatten. Schließlich würde er, Tom Schiller, ja fest zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen. Was das genau bedeuten sollte wusste er nicht, aber er hörte solche Worte ja täglich im Radio oder Fernsehen. Und er würde noch ergänzen, dass er auch beim Kampf gegen Rechts mit dabei wäre.

Die Bedeutung der 88 ließ ihn nicht mehr los, auch als er schon schlaflos im Bett lag.

Dann fiel ihm ein, dass er auf der Heimfahrt im Autoradio ein Interview mit einem Typen gehört hatte, der sich selbst als "Hubert Heil" bezeichnet hatte. Das musste eindeutig ein Fake-Name gewesen sein, der ihn an "Schwanzus Longus" aus einem Stück von "Monty Python" erinnerte. Die Sache war für Schiller eindeutig, weil er das Lügengebilde klar durchschaute. Der Begriff "Heil" deutete auf einen Extremisten hin. Den Namen "Hubert" hatte er noch nie gehört, vermutlich war er in der Nazizeit aktuell gewesen. Dieser "Hubert Heil" war also ganz offensichtlich ein Gefährder der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in Deutschland. Man musste ihn den zuständigen Behörden melden.

Auch darüber würde er mit Heino Maas reden müssen.

Anreise aus Niedersachsen

"Du trägst deinen Namen wahrlich nicht zu Unrecht" sagte Renate Fuchs zu ihrem Mann.

"Wie soll ich das verstehen" fragte Jürgen Fuchs grinsend zurück "beziehst du diese Aussage auf mein bestes Stück, oder auf meine Schläue?

"Such dir aus, was dir selbst am besten gefällt."

"Ich nehme beides. Weil wir gerade dabei sind, ist er dir immer groß genug gewesen?"

"Sag mal, spinnst du" empörte sich Renate Fuchs "hat es jemals Beschwerden gegeben? Nein. Also, das dürfte ja dann geklärt sein."

"Sagst du. Aber ich habe mal einen Fall bearbeiten müssen, da waren in einer Stadt drei Kerle im mittleren Alter in sehr kurzen Zeitabständen bestialisch umgebracht worden. Einem war die Kehle durchgeschnitten worden, der andere war offensichtlich mit einer Drahtschlinge erwürgt worden, und dem dritten hatte man das Genick gebrochen. Alle waren an relativ weit voneinander entfernten Orten aufgefunden worden, an den Tatorten waren alle Spuren verwischt beziehungsweise akribisch entfernt worden. Was hatten wir also in der Hand? Drei Männer mittleren Alters, alle verheiratet, Kinder, normaler bürgerlicher Hintergrund, beruflich ganz normal aufgestellt, keine Schulden, keine Drogengeschichten, alle absolut unauffällig. Der normale deutsche Spießbürger also. Es war 1978, da war ich gerade einmal 22 Jahre alt, ein absoluter Jungspund bei der Kripo. Um diese Zeit herum, also im Oktober 1977, hatte die "Rote-Armee-Fraktion" den Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer entführt und umgebracht. Alle waren also sehr auf einen eventuellen politischen Hintergrund der Mordserie fixiert. Da haben wir uns die Opfer alle nochmal in Bezug auf ihre Biografien angesehen. Was soll ich dir sagen, alle waren Mitglied in der CDU."

"Na und, das warst du doch auch zu dieser Zeit. Es war auch damals schon klar gewesen, dass du ohne das richtige Parteibuch nicht vorankommen konntest. Je nach Zielrichtung hat man sich eben bei den Schwarzen oder den Roten politisch engagiert. Das waren damals noch wirkliche Volksparteien, heute sind das doch nur noch Vereine für gescheiterte Existenzen wie Studienabbrecher oder Hochstapler. Die Beispiele kennen wir ja alle. Und so was soll ein Industrieland führen, nach Arbeit im Callcenter oder Kaffeekocher bei einem Bundestagsabgeordneten. Aber erzähl weiter."

"Es war tatsächlich eine falsche Fährte. So sehr wir auch grübelten, diese Morde folgten keinem Muster, selbst die Tötungsart war vollkommen verschieden. Pass doch auf, du Rindvieh" brüllte Fuchs plötzlich los und stieg auf die Bremse "so ein dummes Schwein! Überhöhte Geschwindigkeit und dann noch in den Sicherheitsabstand hinein abbiegen. Den zeig ich an."

Renate und Jürgen Fuchs waren auf dem Weg zum Treffen der Sippe.

"Reg dich ab Jürgen. Das bringt doch nichts. Hast du Beweise? Kameraaufzeichnungen?"

"Ich habe dich als Zeugen."

"Ich habe nichts gesehen, erzähl weiter."

"Na gut, du musst wissen, einen Menschen umzubringen, ist nicht so einfach. Ich muss allerdings sagen, seitdem ich deinen Vater kenne, kann ich einige der Täter durchaus verstehen. Jedenfalls muss man schon sehr abgebrüht sein, einem den Hals durchzuschneiden, denn das ist eine ziemliche Sauerei. Hast du schon mal Bilder vom Schlachten gesehen? Oder man schleicht sich von hinten an einen ran, stülpt ihm eine Drahtschlinge über den Kopf, und zieht ruckartig zu. Stell dir mal ne Klavierseite vor. Der Kerl vor dir röchelt und zappelt rum, und du drehst ihm gerade den Lufthahn ab. Noch schlimmer muss es wohl sein, einem das Genick zu brechen. Weißt du wie laut das kracht? Und dazu braucht man wirklich viel Kraft. Ich hab dann in die Diskussion eingebracht, dass wir wohl einen kräftigen Typen suchen sollten, der vermutlich einen Job hat, in dem er mit Chemikalien in Berührung kommt. Wie ich darauf gekommen bin? Na die Tatorte waren allesamt von Spuren gesäubert worden. Und zwar ziemlich fachmännisch. Die älteren Kollegen haben mich ausgelacht. Dann hab ich mir noch mal die Obduktionsberichte angesehen. So vom Körperbau fielen die Opfer nicht aus dem Rahmen. Max Mustermann sozusagen. Dann hatte ich ein Detail gefunden, welches hätte wichtig sein könnte. Ich fuhr also in die Pathologie. Die drei Opfer lagen noch in den Kühlboxen."

Fuchs machte eine kurze Pause, weil sich vor ihm drei LKW gleichzeitig zu überholen versuchten.

"Alles verboten" sagte er "aber es hält sich doch keine Sau mehr an irgendwelche Regeln. Die Umgangsformen verlottern, es wird gleich gepöbelt, bei manchen Bevölkerungsgruppen sitzen die Messer locker. Als ich ein junger Mann war, da zählte noch Bildung, Disziplin, Fleiß und Höflichkeit. Davon ist nicht mehr viel übriggeblieben. Work-Life-Balance ist das Zauberort. Viel Kohle für wenig Ahnung und schlechte Leistung, aber maximale Freiheit und Freizeit. Manchmal kann ich der Merkel schon zustimmen: das ist nicht mehr mein Land."

"Jetzt erzähl nicht solchen Quark. Du warst bis vor kurzem in einer sehr herausgehobenen Position im Öffentlichen Dienst. Das ist doch verlogen, du warst doch über bestimmte Dinge am besten im Bilde. Aber das bringt alles nichts, wie wir zum wiederholten Male heute schon feststellen müssen. Also, wie ging es weiter?"

"Ich hatte immer einen Horror vor den Besuchen in der Pathologie gehabt. Schon der Geruch. Aber am schlimmsten waren die Typen dort. Nicht die Toten, die Lebenden. Alle hatten einen Sprung in der Schüssel. Aber einen mächtigen. Wer kuckt sich schon gern eine Wasserleiche an, die nach fünf Wochen gefunden worden ist? Eine hab ich mal gesehen, und hatte dann ein halbes Jahr Alpträume. Und wer offenbar höchste Befriedigung daran findet, einem Toten erst den Brustkorb aufzusägen und dann den gesamten Körper vom Hals mit dem Skalpell bis zum Unterbauch zu öffnen, und dann noch in dem Leib rumzuwühlen um die Organe rauszuholen, denkst du, dass der noch normal ist? Dort stank es ja immer mächtig nach Formalin, aber ich war mir ziemlich sicher gewesen, dass die Typen, die dort arbeiteten, bis unter die Schädeldecke mit Drogen und Alkohol zugedröhnt waren. Anders konnte das ein normaler Mensch doch sonst nicht ertragen. Ich hab mir dann die drei Leichen in einen separaten Raum fahren lassen. Sie lagen nackt auf so komischen Pritschen. Was hättest du dir bei einem vor dir liegenden nackten Mann zuerst angesehen?"

"Wahrscheinlich das Gesicht."

"Aha. Der erste hat eine ganz übel klaffende Wunde an der Kehle. Dem zweiten hängt die Zunge aus seinem blau angelaufenen Gesicht aus dem Mund. Dem dritte ist der Kopf wegen dem Genickbruch fast ganz nach hinten gedreht. Und da willst du dir die Gesichter ansehen?"

"Na bei Toten vielleicht doch nicht."

"Ich sage dir jetzt drei Zahlen. 19, 23 und 20. Was könnte das bedeuten?"

"Die Länge der Schlüsselbeinknochen."

"Nein."

"Der Rippen."

"Auch nicht."

"Verrate es schon!"

"Nun, es war augenscheinlich. Alle drei vor mir liegenden Leichen hatten extrem lange Schwänze!"

"Gott bewahre" sagte Renate Fuchs "und das in diesem Zustand."

"Genau. Diese Kerle, die waren so zwischen 30 und 40, standen also höchstwahrscheinlich bestens im Saft. Und jetzt stell dir mal vor, die hätten ihre Dinger noch ausgefahren!"

"Jesus, die armen Frauen!"

"Das hatten wir uns auch gedacht. Also haben wir die Witwen verhört. Die waren zwar noch alle mächtig schockiert und durcheinander aber jammerten schon rum, dass mit der Bumserei jetzt wohl Schluss sein sollte. So haben sie es natürlich nicht gesagt, sondern von einem höchst befriedigenden Sexualleben gesprochen. Wir waren wieder auf dem Holzweg. Also hab ich mir wieder unsere Ermittlungsergebnisse vorgenommen. Ich kam nicht weiter. Drei Kerle mit Riesenschwänzen werden umgebracht. Am Tatort fehlen alle Spuren. Dann habe ich mir die Akten der Opfer nochmals angesehen. Ich wollte wissen, ob sie doch etwas gemeinsam hatten. Und siehe da, sie hatten ein gemeinsames Hobby: Hallenbahnschwimmen. In der Stadt gab es zwei Schwimmhallen. Also bin ich in meiner Freizeit dorthin gegangen. Ich wusste nicht, wonach ich suchen sollte. In der ersten Halle war mir nichts aufgefallen. In der zweiten aber hatte ich den Schlüssel zur Lösung des Falls gefunden. Als ich unter der Dusche stand, kam ein Typ in einem Blaumann durch den Raum gelatscht, und sah sich ziemlich ungeniert die nackten Kerle an. Dann verschwand er wieder. Als ich ein bisschen geschwommen war, ging ich zum Leiter des Hallenbades, hielt ihm meinen Ausweis unter die Nase und erfuhr den Namen des Mannes. In der Datenbank war er nicht auffindbar. Aber wir hatten seine Adresse. Ich besorgte mir einen Durchsuchungsbeschluss und war am nächsten Abend mit einer Kollegin vor seiner Wohnungstür. Er war ganz verdutzt und ließ uns rein. Sie befragte ihn zu allen möglichen Sachen, ich filzte die Wohnung. In der Abstellkammer fand ich eine Menge an Chemikalien. Da wusste ich, ich hatte ihn. Um es kurz zu machen, er hat dann alles gestanden. Als ich ihn nach dem Motiv fragte fing er an zu heulen. Er hätte eine Beziehung mit einer Frau gehabt, die ihn aber bald wegen einem anderen Kerl verlassen hatte. Er hatte sie einmal zusammen auf der Straße gesehen, und den Mann dann zufällig im Duschraum des Hallenbades wiedergetroffen. Was ihn bei dem Kerl aufgefallen wäre, du ahnst es ja, wäre eben dem sein extrem langes Ding gewesen. Und deswegen hätte er ihn und dann auch die anderen umgebracht."

"Und was hast du in den Tatbericht als Motiv geschrieben?"

"Penisneid."

Renate Fuchs lachte los und konnte sich kaum wieder einkriegen.

"War er wirklich so schlecht dran" fragte sie dann nach einer Weile.

"Ja, das war er" erwiderte Jürgen Fuchs "er kam auf 5 Zentimeter. Erigiert!"

"Oh Gott, die arme Frau."

Sie schwiegen eine Weile, dann fragte Renate Fuchs ihren Mann:

"Und wo ist jetzt der Bezug zu meinem Vater?"

"Es gibt da mehrere Aspekte" erwiderte ihr Mann "Kriminalarbeit umfasst Recherchen und Schlüsse. Fakt ist, dein Vater hat 1966 eine Spezialklinik in der Schweiz besucht. Da wart ihr Schwestern so um die zehn Jahre alt, natürlich mit Jahresabständen nach oben und unten. Diese Klinik war zu der Zeit auf Untersuchungen zur Fruchtbarkeit von Männern und Frauen spezialisiert. Die Schlussfolgerungen überlasse ich mal dir. Es steht auch fest, und das hat unsere Psychologin bestätigt, dass dein Vater vermutlich sehr darunter gelitten hat, dass er nur Töchter hatte. Sie meint, dass er in seinen eigenen Augen versagt hat, weil er keinen Stammhalter gezeugt hatte. Und daraus zieht sie die Schlussfolgerung, dass dein Vater euch Töchter vermutlich durchaus gern hat, aber seine Schwiegersöhne hasst. Und weißt du warum?"

"Nein, natürlich nicht."

"Weil er höchstwahrscheinlich einen Kurzen hat."

"Was für einen Kurzen?"

"Na eben einen kurzen Schwanz. Und er geht schon die ganzen Jahre davon aus, dass seine Schwiegersöhne einen Größeren haben. Aber das ist vielleicht gar nicht so wichtig. Die Psychologin meint, dass es sehr wahrscheinlich sein kann, dass irgendwo da draußen einer rumläuft, den dein Vater in der freien Wildbahn nach seinem Klinikbesuch oder sonst wann gezeugt haben könnte. Natürlich mit einer anderen Frau, als mit deiner Mutter. Ein Bastard, den er eventuell als Alleinerben einsetzen könnte."

"Gnade uns Gott, dann ist ja alles vorbei."

Fernsehabend

Henriette von Schwarzbach hatte wegen der chronischen Finanzmittelknappheit der Familie (die leider bis heute nie richtig unterbrochen worden war) nach ihrer Hochzeit keinen großen Spielraum bei der Wohnungseinrichtung gehabt. So saßen sie und Klaus-Rüdiger von Schwarzbach auf einem Sofa, welches sie beide seit nunmehr schon mehr als 40 Jahren ertragen musste. Manchmal hatten sich die Kinder früher auch zwischen sie gedrängt und Klaus-Rüdiger sagte sich in solchen Momenten, dass er es doch wohl gar nicht so übel getroffen hatte. Über die Jahre hin war sein Anteil an der Sitzfläche aber erheblich geschrumpft, weil Henriette erwartungsgemäß in der Breite zugelegt hatte. Im Gegenzug hatte ihre Körpergröße abgenommen. Von Schwarzbach erinnerte sich an die Versuche vor langer Zeit, die Gestalt seiner Gattin damals beschreiben zu können. Erst hatte er sich geschämt, einen Menschen so bezeichnen zu wollen, dann aber an seine Ausbildung in Althochdeutsch gedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass die deutsche Sprache schon immer einen sehr direkten Bezug zwischen dem Namen des Menschen und seinem Aussehen oder seinem Beruf hergestellt hatte. Deutsch sein hieß eben auch, nicht zimperlich zu sein. Wer Müller, Meier, Bäcker oder Schmied hieß, wusste, woran er war. Er war aber bei seinen Studien am Institut auf Namen gestoßen, deren Herkunft irgendeinen dunklen Hintergrund haben mussten. Wo kam Ficker her? Warum war jemand Holefleisch genannt worden? Wie hatte sich ein Hodenberg seinen Namen verdient? Verfügte Herr Möse über eben diese?

Irgendwie mussten sich die Vorfahren dieser Namensträger entweder mächtig danebenbenommen haben, oder die Namen hatten in der Zeit ihrer Entstehung einen ganz normalen Prozess widergespiegelt. Das Geld der Familie Schwarzbach hatte immerhin für das billigste IPad und einen Internetanschluss gereicht. Von Schwarzbach hatte den Namen Holefleisch interessant gefunden, und diesen in Google eingegeben. Zu seiner Verblüffung hatte er einen gewissen D. Holefleisch gefunden, der nach eigener Auskunft der Ehemann einer Bewerberin um ein höheres staatliches Amt war. Ihre Lieblingsfarbe war angeblich grün. Julius von Ficker war Diplomat im 19. Jahrhundert gewesen. Aber all dies hatte mit seiner damaligen Namensfindung für Henriette nichts zu tun. Er konzentrierte sich wieder. Einen Körperbau konnte man vielfältig beschreiben. Groß, klein, dünn, dick, schlank, fett, gedrungen, untersetzt, hochgewachsen, verkrüppelt, schön anzusehen, es gab etliche Möglichkeiten.

Was für ihn eine große Frage war, und vielleicht sollte er seine Forschungen darauf ausrichten, war, warum es nicht üblich erschien, den Körperbau einer Person allgemein zu "verdinglichen". Man tat das ja nur bei Extremwerten: "breit wie ein Schrank", "dürr wie ein Stecken", "schlank wie eine Gerte", "fett wie eine Sau". Wo blieben denn all die anderen möglichen Körperbeschreibungen? Und er sah auch die Möglichkeit, sich im elitären Kreis der Forscher des Althochdeutschen zu profilieren. Er würde das allerorten eingeführte "verdinglichen" mit seiner Variante substanziell verbessern. "Verbrauchsvergegenständlichen" empfand er als griffiger, besser beschreibend. Er hatte lange mit sich gerungen aber dann entschieden, dass er seine damals für Henriette gefundene Bezeichnung als Example in die Fachdiskussion einführen würde. Ein Kasten, eine Kiste, ein Karton, warum sollte das nicht geeignet sein, körperliche Merkmale zu beschreiben. Er war mit diesem Thema noch nicht ganz durch und schaute auf den Fernseher. Es war ein Panasonic Röhrenfernseher, denn er kürzlich erst bei Ebay für 20 Euro geschossen hatte.

"Ich finde den Klaus Klepper süß" erklärte Henriette "der erklärt einem die ganzen Sachen so, dass man gar nicht mehr drüber nachdenken muss. Der kuck zwar immer so böse, wenn er von den Feinden der Demokratie spricht, aber der hat's sicher auch nicht leicht."

"Dieser Klepper ist sicher kein Feind der Demokratie, aber einer der deutschen Sprache. Und deswegen bekommt er von mir null Punkte."

"Wie meinst du das?"

"Ist dir vielleicht schon mal aufgefallen, dass dieser Herr, wenn er von Männern und Frauen spricht, irgendwie ins Stottern gerät?"

"Nicht richtig."

"Na gut. Dieser Klepper verwendet den sogenannten Glottischlag, auch als Knacklaut bekannt. Er will damit Wörter oder Silben trennen."

"Ist das schlimm?"

"Das kommt darauf an, wie man das sieht. Ich als Germanist lehne das vehement ab."

"Das verstehe ich nicht."

"Ich gebe dir ein Beispiel. Ich sage zu dir, du bist eine Bürgerin. Ich bin ein Bürger. Deine Bezeichnung ist weiblich, meine männlich. Wenn der Klepper Bürger sagt, jetzt kommt der Schlag und die Sprechpause, und danach innen sagt, klingt das ja wie Bürgerinnen. Oder?"

"Ja."

"Ich bin aber keine Bürgerin, sondern ein Bürger."

"Aber Klaus-Rüdiger, ist das schlimm?"

"Vielleicht nicht, aber es vergewaltigt die Sprache."

"Vergewaltigen" lachte Henriette anzüglich "wie wäre es denn mal wieder?"

"Ach weißt du, ich hatte nur Stress auf Arbeit und ich bin richtig kaputt. Ich bin da an einer ganz großen wissenschaftlichen Sache dran, und gehe jetzt lieber ins Bett. Morgen früh ruft die Pflicht wieder. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich in den Seilen hänge, im Hamsterrad eingesperrt bin. Ich geh dann mal lieber."

"Na gut, ich kuck noch n bisschen "Süße Haustiere in China."

Zweiter Anlauf zum E-Auto-Kauf

Frank Krause hatte den Schock aufgrund seines Besuches im Autohaus bei Auwi mittlerweile überwunden. Dazu hatte vor allem sein sensationeller Erfolg der Darstellung des Führers Adolf Hitler am hauptstädtischen Theater beigetragen. Immer, wenn viel Prominenz im Theater saß, lief Krause zur Höchstform auf. Er hatte sich so tief mit der Rolle identifiziert (weil er wusste, wenn er Hitler so gab, wie von der Staatsführung erwünscht, könnte er noch weiter in der Riege der Staatsschauspieler aufsteigen), dass er sich öfter einmal prüfend an den Sack faste, ob darin noch zwei Eier wären. Gerüchte besagten, dass Hitler 1916 bei der Schlacht an der Somme einen Hoden eingebüßt hätte. Das war zwar nur ein Detail, aber für Krause als Künstler keineswegs vernachlässigbar. Er wollte den Diktator in allen Facetten darstellen. Anhand des fehlenden Hoden wollte er die innerliche Zerrissenheit von Hitler zeigen, der vermutlich durch das verlorengegangene Ei Minderwertigkeitskomplexe entwickelt, und deswegen einen Weltkrieg vom Zaun gebrochen hatte. Auf der anderen Seite gab der Führer ja gern den großen Zampano, dem keiner das Wasser reichen konnte. Krause hatte viele Stunden damit verbracht darüber nachzudenken, wie er sich denn fühlen würde, wenn in seinem Sack die Hälfte des Inhalts fehlen würde. Mental höchstwahrscheinlich nicht gut, anatomisch vermutlich nicht groß anders. Jedenfalls war er zu dem Entschluss gekommen, die Rolle des Führers als ein ständig an sich selbst zweifelndem und mit dem Schicksal hadernden Menschen anzulegen. Die ganze perfide Bösartigkeit Hitlers wollte er mit einem deutlichen darstellerischen Fingerzeig klarmachen: in Phasen der Unsicherheit, des Stresses, der Verzweiflung, würde er sich mit der rechten Hand immer wieder ans Gemächt fassen und am Sack kratzen. Krause hatte einen Sinn für Symbolik. Eine nach unten gerichtete rechte Hand, die den Sack immer wieder abtastete (um das Verlusterlebnis kompensieren zu können), würde eine innerliche Kapitulation bedeuten, da der hochgerissene rechte Arm ja eigentlich dem Hitlergruß vorbehalten war. So wie noch nie, hatte sich Krause in eine Rolle hineinbegeben, nein: er war auf der Bühne der dämonische Hitler selbst.

Als er zur Premierenvorstellung gefahren war hatte er im Autoradio einen Beitrag eines gewissen "Hubert Heil" gehört, der ganz offensichtlich eventuell nicht ganz arbeitsfähige Menschen in eine Beschäftigung zwingen wollte. Krause war ja in politischen Dingen sehr vorsichtig, aber dieser "Hubert Heil" war scheinbar nicht weit weg von der Anwendung von Methoden, die zu Hitlers Zeiten üblich gewesen waren. Das konnte er nicht gutheißen. Entsprechend kämpferisch war er in den Auftritt gegangen und die Vorstellung war seine bisherige Sternstunde am Theater gewesen. Dass er in der letzten Szene statt "Heil Hitler" "Heil Hubert" gerufen hatte, war nicht aufgefallen, weil der Schlussapplaus alles zugedeckt hatte.

Nach diesem Triumph konnte er wählerisch sein.

Aber er wollte eben auch sein Engagement für das Klima in die Öffentlichkeit tragen.

Er sprach mit seiner Frau Gisela, ob sie ihn nicht zu einem Autohaus begleiten könnte.

"Wenn ich dir helfen kann, warum nicht" hatte sie gesagt.

Nach dem Desaster bei Auwi hatte er sich nochmals über andere Anbieter informiert, und war doch bei V-R fündig geworden. Was diese Leute versprachen, war sensationell. Ein klein bisschen Skepsis hatte er doch, er konnte sich noch an diese Abgasgeschichte erinnern. Aber eventuell hatten die Typen etwas aus dieser Katastrophe gelernt.

"Natürlich stehen wir bei Volks-Rasen für höchste Transparenz" hatte der Verkäufer erklärt "unsere Unternehmenskommunikation ist offen und ehrlich, wir wollen ja den Customer mit ins Boot holen."

"Den was" fragte Frank Krause verwirrt "warum mit ins Boot, ich will ein Elektroauto kaufen und keine Yacht."

"Nun, das war sinnbildlich gemeint. Sich aufs Meer zu wagen hat immer mit Abenteuer und Entdeckerdrang zu tun und kann gefährlich werden, fordert also den ganzen Mann heraus. Da muss man sich bewähren, Mut zeigen, vorangehen, darf nicht zaghaft sein. So wie wir bei Volks-Rasen, die die Hochtechnologie in unserer Branche vorantreiben."

"Jetzt hören Sie mir mal zu junger Mann" schaltete sich Gisela Krause ein "ihre machohafte Werbeprosa können Sie stecken lassen. Durch ihre Sprüche diskriminieren Sie eine enorm große Bevölkerungsgruppe. Wissen Sie, wen ich damit meine?"

"Die Afrikaner?"

"Wieso die Neger" wunderte sich Frank Krause, überlegte einen Moment und sagte dann:

"Doch, Sie haben recht. Afrika platzt doch aus allen Nähten, weil die dort wie die Karnickel schnackseln. Wenn die alle hierher kommen ist endgültig Schicht im Schacht. Ich hab mal gehört, dass die jetzt 1,3 Milliarden sind. Und es werden jede Woche hunderttausend mehr. Wir hier sind so n bisschen mehr als 80 Millionen. Und Strom haben die vielleicht auch nicht so viel. Und solche Stromtankstellen."

"Ladestationen."

"Ach ja, stimmt. Kann ich auch noch Benzin tanken?"

"Nur mit einem Hybriden."

"Was für ein Ding?"

"Ein Hybrid, der fährt mit Treibstoff oder wechselweise mit Batteriestrom."

"Aber ich will ein Elektroauto kaufen. Ich komm jetzt ganz durcheinander" sagte Krause.

"Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet" wandte sich Gisela Krause an den Verkäufer.

"Aber Ihr Gatte hat mir doch meine Vermutung bestätigt."

"Ja, klar. Kerle halten immer zusammen, oder? Sie denken wohl gar nicht an uns Frauen? Die sind Ihren Auffassung nach wohl immer noch zu blöd, um ein Auto einparken zu können?"

"Keineswegs, keineswegs" versicherte der Verkäufer "wir bei Volks-Rasen legen größten Wert auf ein gesundes Verhältnis von Männern und Frauen auf allen Ebenen des Unternehmens. Und wir sind ganz groß in der Diversity."

"In der was" fragte Frank Krause erneut verwundert.

"In der Diversity. Wir beschäftigen Homosexuelle, Queere, Transgender, alle Geschlechter, wir sind bunt."

"Moment mal" sagte Krause "ich habe Kinder und Enkel und bin kein Jungspund mehr. Was ist ein "Queerer"?"

"Nun, um es kurz zu sagen, dass sind Personen, die sich nicht ganz klar sind, ob sie Mann oder Frau sind."

"Wie bitte? Warum ist das denen nicht klar? Wenn die mal ihre Hosen oder Röcke runterziehen müssten die doch eigentlich genau sehen können, ob sie einen Pullermann oder eine Muschi haben."

"Das soll wohl nicht ganz so einfach sein."

"Da stimmt doch was nicht" regte sich Krause auf "Sie beschäftigen hier also Personen, denen nicht klar ist, ob sie Männlein oder Weiblein sind?"

"Nein, bei uns nicht."

"Da bin ich ja erst mal beruhigt. Aber ich möchte Ihnen jetzt mal was sagen. Ich bin Schauspieler und gebe viele Rollen in historischen Stücken. Kennen Sie mich, und was wissen Sie über "King Lear"?"

"Ähm, leider kenne ich Sie nicht. "King Lear" klingt nach einem Rollenspiel. Ich habe eins, da bewegt man am PC verschiedene Charaktere wie Ritter, Paladine, Zauberer und Barbaren rundenbasiert auf Hexfeldern. Man muss seine Gegner besiegen, dann steigt man auf. Das Spiel heißt "King's Bounty"."

"Ich weiß nicht, was das mit "King Lear" zu tun haben sollte, da gibt es keine Zauberer. Es ist ein sogenanntes Doppeldrama von Shakespeare. Schon mal gehört von dem Kerl? Passen Sie jetzt mal auf."

Frank Krause warf sich in Pose und deklamierte:

"Ein wunderbares Hintertürchen für den Hurenbock Mensch, seine geißbockgeile Veranlagung einem Stern anzulasten!"

"Na, was sagen Sie dazu" fragte er den Verkäufer "noch eine Kostprobe?"

"Einem Stern" fragte der Verkäufer "meinen Sie etwa die Konkurrenz? Die Autos mit dem Stern?"

"Keine Ahnung was Sie damit sagen wollen, soll ich fortsetzen?"

Der Verkäufer nickte nur stumm.

Frank Krause kam langsam in Wallung.

Seine kräftige Bassstimme dröhnte durch das Autohaus.

"Widernatürlicher, verabscheuungswerter, viehischer Schuft!"

Eine Minute später kam ein Mann zu den Krauses und dem Verkäufer.

"Einen schönen guten Tag bei Volks-Rasen, mein Name ist Detlef Geh, ich bin der Niederlassungsleiter. Kann ich irgendwie behilflich sein? Gibt es etwa Probleme, Herr Schneider?"

"Nein, nein, Herr .., ähm .."

"Krause, Frank Krause, Staatsschauspieler."

"Ich bin hocherfreut, Herr Krause, Sie hier bei uns bei Volks-Rasen begrüßen zu dürfen. Eine große Ehre für uns."

"Jetzt reicht es mir aber langsam" wurde Gisela Krause laut "ich bin wohl Luft für Sie, weil ich eine Frau bin? Das ist eine Unverschämtheit, eine Diskriminierung! Wie war Ihr Name? Gay? Wie schwul?"

"Nein, Geh, wie Gehen."

"Sind Sie verheiratet, Herr Geh?"

"Ich weiß nicht, was das mit einem Verkaufsgespräch zu tun haben könnte, ob ich nun verheiratet bin oder nicht."

"Also?"

"Ich bin nicht verheiratet."

"Aha, aha."

"Wie meinen Sie das, dieses Aha?"

"Nun, ich denke mir da meinen Teil" erwiderte Gisela Krause anzüglich "und Ihr Gestus und Habitus lässt mich da einiges vermuten."

"Ich als Charakterschauspieler muss meiner Frau beipflichten" schaltete sich Frank Krause wieder in das Gespräch ein "und meine langjährige Erfahrung sagt mir, dass bei Ihnen einiges im Argen zu liegen scheint. Eine tragende Rolle als Mann würden Sie von mir niemals bekommen. Schauen Sie sich doch einmal selbst an. Sie stehen da wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Sie haben Null Körperspannung. Außerdem sind Ihre Arm- Handbewegungen seltsam weich, gar nicht kraftvoll. So wie fließend, als wollten Sie die Luft liebkosen. In Ihrem Gesicht sehe ich Rückstände einer Creme. Sie verwenden ein feminines Parfüm. Und Ihre Sprache entlarvt Sie dann endgültig. Wissen Sie, ich bin ein sehr wandlungsfähiger Schauspieler. Und etliche meiner Kolleginnen und Kollegen am Theater oder beim Ballett haben sich vor kurzen erst öffentlich geoutet, dass sie eben andersrum sind. 185 Leute. Das ist nur die Spitze des Eisbergs! Der von mir geschätzte Udo Mutthes hat in "Der Untergang" den Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels gespielt. Wenn das der Goebbels gewusst hätte! Ein Schwuler stellt ihn dar! Der hätte sich doch nie wieder eingekriegt! Ich habe solche Probleme ja nicht, deswegen ist mir die Rolle des Führers Adolf Hitler auch regelrecht auf den Leib geschrieben. Sogar die Staatsführung hat mir heftig applaudiert. Und das will schon was heißen! Herr Gay, stehen Sie zu Ihrer Veranlagung! Es ist keine Schande, und in den Knast müssen Sie deswegen auch nicht mehr. Aber Reisen in muslimisch dominierte Länder sollten Sie tunlichst unterlassen. Wobei, von diesen Leuten haben wir mittlerweile ja auch mehr als genug bei uns. Also, knutschen Sie nicht in der Öffentlichkeit mit ihrem Kerlchen rum, das könnte böse Folgen haben. Können wir jetzt wieder über so ein Elektroauto reden?"

Detlef Geh hatte sich wieder etwas gesammelt und wollte Krause das momentan am besten verkaufte Fahrzeug vorstellen, da ergriff Gisela Krause noch einmal das Wort.

"Bevor wir dazu kommen habe ich eine abschließende Frage an Sie, Herr Geh. Wie viele Frauen arbeiten hier?"

"Ähm, ähm, keine."

"Auch nicht an der Rezeption?"

"Nein. Leider konnten wir keine geeignete Kandidatin finden."

"Seien Sie doch mal endlich ehrlich, Sie wollten sie gar nicht finden!"

"Nein, das stimmt nicht. Ich habe die Bewerbungsgespräche persönlich als Niederlassungsleiter geführt."

"Jetzt wundert mich gar nichts mehr. Gerade Sie als Homosexueller führen Bewerbungsgespräche mit Frauen. Klar, dass die Weiber da keine Chance hatten. Diese blöden Tussis könnten ja die schwüle warme Atmosphäre in Ihrem Männerladen hier stören. Und Sie erzählen uns was über Diversity! Sie, Herr Schneider, wie sieht es denn bei Ihnen aus?"

"Wie meinen Sie das?"

"Na ich möchte gern wissen ob Sie verheiratet sind. Aber ich kann mir die Frage sicher gleich selbst beantworten: nämlich natürlich nicht."

"Das stimmt. Ich bin gerade mal 26, da hab ich doch wohl noch Zeit genug, eine Frau zu finden."

"Mein lieber Herr Schneider" meldete sich Frank Krause wieder zu Wort "die Messen sind doch schon längst gesungen. Der Mensch wird in seiner Kindheit geprägt. Vor allem durch sein Wohnmilieu. Der große Heiner Muller hat mal von "Fickzellen mit Fernheizung" gesprochen. Er meinte damit die Plattenbausiedlungen im Osten. Wo sind Sie aufgewachsen?"

"Hier, in unserer Stadt."

"Und in welchem Stadtteil?"

"Ähm, in der Westvorstadt."

"Das hatte ich befürchtet" sagte Gisela Krause "die Hartz-IV-Hochburg, Drogen- und Kriminalitätsschwerpunkt, heruntergekommene Gebäude, Perspektivlosigkeit. Und Sie wohnen noch immer dort?"

"Ja, leider. Es ist verdammt schwer, hier in der Gegend bezahlbaren Wohnraum zu finden. Und so doll verdiene ich hier auch nicht."

"Dann müssen Sie eben mal den Finger aus dem Arsch nehmen, Schneider, und nicht bloß den ganzen Tag hier so faul herumsitzen" fuhr Detlef Geh den Verkäufer an "es liegt an Ihnen ganz allein, wieviel Sie hier verdienen!"

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Volume:
280 p.
ISBN:
9783754905012
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Bookwire
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