Read the book: «Die 50 bekanntesten archäologischen Stätten an der Türkischen Riviera»

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208 Seiten mit 78 Abbildungen und drei Karten

Titelbild:

Simena, antiker Sarkophag in der Meerenge von Kekova.

Patara, Ehrenbogen für den römischen Statthalter Mettius Modestus.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2014 by Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz am Rhein

ISBN 9783943904871

Gestaltung: Noch & Noch GbR Satz- und Reprotechnik

Lektorat: Carmen Tanzer, Frauke Itzerott

Gestaltung des Titelbildes: Manuela Wirtz, Kommunikationsdesign

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

1. digtale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Kleiner Streifzug durch Geografie und Geschichte

Lykien

Pamphylien und südliches Pisidien

Kilikien

Die Landschaften der Türkischen Riviera in Mittelalter und Neuzeit

Antike Städte und Monumente

Karien

01 Kaunos (Dalyan) – Antike Ruinen beim Schildkrötenstrand

Lykien

02 Telmessos (Fethiye) – Felsgräber überstehen verheerende Erdbeben

03 Kadyanda – Bilder von Krieg und Frieden

04 Oinoanda – Die epikureische Philosophie des Diogenes von Oinoanda

05 Tlos – Erinnerung an den mythischen Helden Bellerophon

06 Pinara – Felsgräber in schwindelerregender Höhe

07 Xanthos – Pfeilergräber als Herrschaftssymbole

08 Letoon – Ein Heiligtum für Leto, Apollon und Artemis

09 Patara – Hauptstadt des Lykischen Bundes

10 Phellos und Antiphellos (Kaş) – Ein Dynastensitz und sein Hafen

11 Kyaneai – Stadt der Sarkophage

12 Simena und Kekova – Antike Ruinen unter Wasser

13 Tyberissos – Monumentales Felsgrab im Holzbaustil

14 Hoyran – Aus dem Felsen geschlagenes Hausgrab mit Familienreliefs

15 Trysa – Ein verlassener Dynastensitz

16 Soura – Das Fischorakel des Apollon Sourios

17 Myra (Demre) – Stadt des hl. Nikolaos

18 Limyra – Residenz des Königs Perikles

19 Arykanda – Kleinstadt in unberührter Gebirgslandschaft

20 Olympos und Chimaira – Hafenstadt und Feuerheiligtum

21 Phaselis – Über Jahrhunderte ein sicherer Hafen

Pamphylien und südliches Pisidien

22 Attaleia (Antalya) – Das Herz der Türkischen Riviera

23 Termessos – Eine Bergfeste trotzt Alexander dem Großen

24 Ariassos – Kleinstadt bei den Taurosgipfeln

25 Kremna – Eine Anfrage beim Würfelorakel des Hermes

26 Evdir Hanı, Kırkgöz Hanı, Susuz Han und İncir Hanı – An anatolischen Lagerfeuern

27 Perge – Stadt der Artemis Pergaia

28 Sillyon – Ein wehrhafter Tafelberg

29 Aspendos – Perlen römischer Baukunst

30 Selge – „Sparta im Taurosgebirge“

31 Side (Selimiye) – Piraten, Kaufleute und Wissenschaftler

32 Lyrbe – Kleinod im Tauros

33 Alara Hanı – Seldschukisches Hotel mit fünf Sternen

34 Korakesion (Alanya) – Piraten, Seldschuken und Osmanen

35 Iotape und Antiocheia am Kragos – Der schwierige Weg zur Romanisierung

Kilikien

36 Anemourion und Mamure Kalesi – Antike Händler und mittelalterliche Ritter

37 Kelenderis – Ein blühendes Hafenstädtchen

38 Seleukeia am Kalykadnos (Silifke) – Ein spätantiker Wallfahrtsort

39 Apadnas – Bei den Mönchen im Taurosgebirge

40 Olba und Diokaisareia – Im Herzen eines Priesterfürstentums

41 Die Korykischen Grotten und Korykos (Kızkalesi) – Am Eingang zur Unterwelt

42 Elaioussa Sebaste und Kanytela – Grabhäuser, Sarkophage und Felsreliefs

43 Soloi/Pompeioupolis – Ein Spaziergang auf der Kolonnadenstraße

44 Tarsos (Tarsus) – Geburtsstadt des Apostels Paulus

45 Adana – Die moderne Großstadt überlagert ihre antiken Vorgänger

46 Sirkeli Höyük – Felsrelief des hethitischen Großkönigs Muwatalli II

47 Yılan Kalesi – Stützpunkt des Königreichs Kleinarmenien

48 Anazarbos (Anavarza) – Umkämpft von Byzantinern und Arabern, Kleinarmeniern und Mamluken

49 Hierapolis Kastabala – Überwachsen und in Vergessenheit geraten

50 Karatepe – Einzigartige Bilder vom Leben in einer späthethitischen Residenz

Glossar

Abgekürzt zitierte Literatur

Abbildungsnachweis


Abb. 1 Antike Städte und Monumente an der Türkischen Riviera – a) Westteil.


Abb. 1 Antike Städte und Monumente an der Türkischen Riviera – b) Ostteil.

Vorwort

Die Türkische Riviera weckt bei vielen in erster Linie die Vorstellung von einem Urlaub an weißen Sandstränden unter der wärmenden Sonne Anatoliens, doch ist das längst nicht alles, was diese abwechslungsreiche, in den letzten Jahrzehnten immer beliebtere Landschaft zu bieten hat. Da gibt es versteckte Buchten an den zerklüfteten Küsten von Lykien und dem Rauhen Kilikien, weite Baumwollebenen in Pamphylien und im Ebenen Kilikien, großartige Landschaftsbilder des Taurosgebirges mit bis weit in das Frühjahr schneebedeckten Gipfeln und weitere Naturschönheiten wie tief eingeschnittene Canyons mit Wildwasserbächen, romantische Wasserfälle und idyllisch gelegene Stauseen. So bietet die Türkische Riviera die Gewähr für einen erlebnisreichen Urlaub mit der Erholung an herrlichen Stränden und vielen anderen Aktivitäten: Von entspannenden Bootsfahrten auf dem Meer bis zu abenteuerlichen Raftingtouren auf reißenden Gebirgsflüssen, von schönen Wanderungen entlang der lykischen Felsküste (Abb. 2) oder zu abgelegenen Bergdörfern bis zu anstrengenden Trekkingtouren in die unvergleichliche Gipfelwelt des Taurosgebirges.

Nicht weniger reich und vielfältig als die Landschaft präsentiert sich das archäologische Erbe der Türkischen Riviera, das an vielen Orten großflächig und systematisch ausgegraben worden ist. Die meisten dieser Plätze sind als Freilichtmuseen mit erläuternden Plänen, Texten und Wegweisern versehen, eindrucksvolle Ruinen und Rekonstruktionen bedeutender Monumente, von denen das Versammlungsgebäude des Lykischen Bundes in Patara und das Hadrianstor in Antalya hervorzuheben sind, vermitteln ein lebendiges Bild der Antike. Viele andere antike Städte befinden sich, von Bäumen und Gebüsch überwachsen, noch in einem naturbelassenen paradiesischen Zustand und üben gerade deshalb einen besonderen Reiz auf die Besucher aus. Diese sehr unterschiedlichen Bedingungen mussten bei der Auswahl der antiken Städte und Monumente ebenso berücksichtigt werden wie deren Erreichbarkeit und ausgewogene Verteilung über die gesamte Türkische Riviera.


Abb. 2 Die lykische Küste zwischen Kaya Köyü und Ölüdeniz.

Das Hauptproblem aber war die große Zahl sehenswerter Plätze, sodass schon die Aufnahme von nur 50 antiken Stätten manche schwierige Entscheidung erforderte (s. die Karten Abb. 1 a. b, 21). Die Ausführungen zu zahlreichen Orten, die vom Autor bereits in dem Band „Türkei. Südküste. Von Kaunos bis Issos“, 2. Auflage, München 1997, veröffentlicht wurden, konnten für das vorliegende Buch aktualisiert und überarbeitet werden.

Die Palette der für diesen Band ausgewählten antiken Städte reicht von Xanthos, das vor allem dank seiner einzigartigen dynastischen Pfeilergrabmäler in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden ist, über die großen römischen Provinzhauptstädte Patara, Attaleia und Tarsos sowie die reichen pamphylischen Handelsstädte Perge, Aspendos und Side bis zu abgelegenen Orten im Taurosgebirge wie Oinoanda, Arykanda, Selge, Diokaisareia und Karatepe. Alle diese Städte verfügen über eine eindrucksvolle archäologische Hinterlassenschaft; davon wurden in erster Linie die Städte und Monumente der Hethiter, Griechen, Römer und Byzantiner berücksichtigt, aber auch die bemerkenswerten mittelalterlichen Bauten der Kleinarmenier, Seldschuken, Mamluken und Osmanen nicht übersehen. Letztere beschränken sich an der Türkischen Riviera aber nur auf Antalya, Alanya, Silifke, Tarsus und Adana sowie auf die seldschukischen Karawansereien, die an den Handelsstraßen von Antalya in das anatolische Hochland und an der Küstenstraße von Antalya nach Alanya liegen.

Ergänzt werden die Ausführungen zu den antiken Städten und Monumenten durch Hinweise auf die zuständigen Archäologischen Museen, die sich in den türkischen Provinzhauptstädten oder anderen regional bedeutenden Städten befinden, und auf ihre wichtigsten Exponate, die aufgrund der ausgedehnten Zuständigkeitsbereiche dieser Museen von weit voneinander entfernten Fundorten und Grabungsplätzen kommen können. Lediglich das antike Side (Selimiye) verfügt über ein ausgezeichnetes eigenes Museum, das gegenüber der Agora im historischen Ambiente der kaiserzeitlichen Thermen eingerichtet ist.

Kleiner Streifzug durch Geografie und Geschichte

Wie im westlichen Kleinasien finden sich auch an der Türkischen Riviera zahlreiche Denkmäler und Zeugnisse verschiedener eigenständiger Kulturen, die von der Einwanderung erster griechischer Siedler um 1200 v. Chr. bis zur seldschukischen bzw. osmanischen Eroberung und Neugestaltung (12./​15. Jh.) reichen und über die Jahrhunderte ein vielfältiges kulturelles Spektrum bieten. Von den Landschaften und Städten der Südküste ging aber bei Weitem kein so bedeutender politischer, geistiger und kultureller Einfluss aus wie vom westlichen Kleinasien, dessen geografische Brückenlage zwischen Ost und West bis zu den Schlachten des türkischen Unabhängigkeitskrieges gegen die Griechen (1920 – 1922) immer wieder das politische Schicksal ganz Kleinasiens bestimmte. Demgegenüber lagen die Landschaften der türkischen Südküste, deren geistige und kulturelle Ausstrahlung von Perge, Side und vor allem von Tarsos mit seiner berühmten Philosophenschule ausging, nie im Zentrum, sondern immer an der Peripherie von den Großreichen der Hethiter, Lyder, Perser, Römer, Byzantiner, Seldschuken, Mamluken und Osmanen. Das führte, verstärkt durch die geografisch voneinander abgegrenzte Lage der Teillandschaften Lykien, Pamphylien und Kilikien, immer wieder zur Entwicklung von autonomen und halbautonomen Randstaaten, denen im gleichen Maße wie den wechselnden Großreichen die kulturelle Vielfalt an der Türkischen Riviera zu verdanken ist.

Die unterschiedliche politische Entwicklung ließ es ratsam erscheinen, zumindest für die Zeit der Antike die Geografie und Geschichte der einzelnen Landschaften getrennt darzustellen, wobei das historische Gerüst mit weiteren Einzelinformationen aus den Ortsbeschreibungen aufgefüllt werden kann. Dabei ist zu beachten, dass die Grundzüge der Geschichte der römischen Provinzhauptstädte Patara, Attaleia und Tarsos sowie anderer wichtiger Städte wie Kaunos, Xanthos, Myra, Limyra, Termessos, Perge, Aspendos, Selge, Side und Anazarbos auch für die jeweiligen kleineren Nachbarstädte Gültigkeit haben.

Lykien
Geografie

Östlich von Kaunos, das noch zur südwestkleinasiatischen Landschaft Karien gehört, beginnt am Indos (Dalaman Nehri) das antike Lykien – ein bewaldetes Bergland, das sich mit wunderbaren Stränden, von denen sich die von Ölüdeniz (Abb. 3) und Patara größter Beliebtheit erfreuen, und mit zahlreichen verschwiegenen Buchten, die man vielfach nur mit einem Motor- oder Segelboot erreicht, bis zum Golf von Antalya hinzieht. In Antike und Mittelalter – ja sogar bis zu dem erst 1975 erfolgten Ausbau der landschaftlich grandiosen, aber auch kurvenreichen Küstenstraße – war das gebirgige Lykien, dessen höchste Gipfel in den Ak Dağlar und den Bey Dağları auf über 3.000 m ansteigen und das von wasserreichen Flüssen durchzogen wird, nur schwer zugänglich. In dieser Landschaft gab es keine brauchbare Ost-West-Straßenverbindung, denn wie die Küstenstrecke war auch die Hochlandverbindung über die Ebene von Elmalı sehr schwierig zu begehen. Zwar verzeichnet die Tabula Peutingeriana, die mittelalterliche Kopie einer im 4. Jh. n. Chr. angefertigten Karte der antiken Welt, von Patara über Antiphellos, Korydalla und Phaselis nach Attaleia eine durchgehende Küstenstraße, doch scheint es sich wohl eher um die Stationen einer Schiffsroute zu handeln.


Abb. 3 Der Strand von Ölüdeniz. Ein Hauch von Karibik.

Unter diesen geografischen Voraussetzungen konnten sich Städte überregionaler Bedeutung wie Xanthos, Patara, Myra und Limyra nur in den fruchtbaren Mündungs- und Schwemmlandgebieten entwickeln, die die Flüsse Xanthos (Esen Çayı), Myros (Demre Çayı) und Arykandros (Aykır Çayı) in Jahrtausenden geschaffen haben. Die ansonsten felsige Küste wird von kleinen Häfen bestimmt, die in tief eingeschnittenen Buchten oder hinter vorgelagerten Inseln Schutz fanden wie Telmessos, Patara, Antiphellos, Teimiousa, Andriake und Phaselis. Kleinstädte, Dörfer und Gehöfte des Hinterlandes liegen entsprechend der kleinräumigen Gliederung auf den Anhöhen dieser Berglandschaft und sind in ihrer Entwicklung von der Größe der fruchtbaren, aber meist kleinen Hochtäler und der umliegenden Wälder abhängig (Abb. 4).

Insgesamt muss das antike Lykien erhebliche Überschüsse erwirtschaftet haben, wie anders sind die beiden monumentalen hadrianischen Kornspeicher in Patara und Andriake zu erklären. Bis auf den heutigen Tag sieht man in den landwirtschaftlich geprägten Siedlungen kleinere und größere Speichergebäude, die interessanterweise in ihren Konstruktionsmerkmalen Imitationen alter lykischer Holzhäuser sind: Eine Pfostenkonstruktion mit Längs- und Querbalken, die in den Eckpfosten miteinander verzahnt sind und mit ihren Enden über die Außenwände hinausragen; zwischen den Holzbalken sind die Wände kassettenartig verkleidet. Diese Holzbauweise wurde bei den lykischen Felsgräbern und Sarkophagen bis in die Details imitiert; gleiches gilt wohl auch für das von Rundhölzern getragenen Flachdach vieler Grabhäuser, noch heute in vielen Gebieten die Dachkonstruktion des anatolischen Bauernhauses aus Pappelstämmen. Interessant ist, dass sich die Übernahme der traditionellen Holzbauweise im an Felsgräbern reichen Anatolien auf Lykien beschränkt, wenn wir vom benachbarten karischen Kaunos einmal absehen.


Abb. 4 Phellos, Blick über das Taurosvorland auf die Küste bei Antiphellos (Kaş).

In seiner Gesamtheit bildete Lykien eine in sich geschlossene, nach außen abgeschottete Kulturlandschaft, deren Reiz in der eindrucksvollen Verbindung von rauher, urwüchsiger Natur mit einem großen Reichtum an historischen Monumenten und Ruinenstätten liegt. Die geografisch bedingte Unzugänglichkeit dieser Landschaft war die Voraussetzung dafür, dass Lykien trotz des Druckes auswärtiger Mächte wie der Perser und der hellenistischen Reiche bis zur Integration in das Römische Reich (43 n. Chr.) immer wieder die Kraft zu einem kulturellen und politischen Eigenleben fand. Sichtbarer Ausdruck dafür sind die eigenständige Kunst und Sprache Lykiens, die Bauten und Münzen unabhängiger lykischer Dynasten und der Lykische Bund, ein föderativer Zusammenschluss der lykischen Städte.

Geschichte

Nach antiker Überlieferung sind die Lykier mit dem Volk von Lukka identisch, das mit dem hethitischen Großreich (15. – 12. Jh. v. Chr.) Handelsbeziehungen unterhielt; auf den Amarna-Tafeln erscheinen sie als Lukki unter den „Völkern des Meeres“, die im 13. Jh. v. Chr. das pharaonische Ägypten bedrohten. Herodot nimmt an, dass die Lykier, die unter der Führung von Sarpedon und Glaukos im Troianischen Krieg auf Seiten der Troianer kämpften, von der Insel Kreta eingewandert sind. Weitere literarische Nachrichten aus der Frühzeit der Lykier liegen nicht vor, doch konnten im Hochland bei Elmalı Siedlungen einer einheimischen Bevölkerung aus der frühen Bronzezeit (Mitte 2. Jt. v. Chr.) freigelegt werden.

Jahrhunderte haben die Lykier erfolgreich fremden Einflüssen widerstanden, nur an der Ostküste konnten im 7. Jh. v. Chr. Griechen mit der Gründung von Phaselis Fuß fassen. Doch sollte es noch ein weiteres Jahrhundert dauern, bis in den lykischen Hafenstädten neben phönikischen Elementen auch griechische Einflüsse spürbar wurden, die sich an Münzen und Reliefs ablesen lassen. Das ist umso erstaunlicher, als das waldreiche Lykien schon früh einen starken Reiz auf die Griechen ausgeübt haben muss. Wie anders wäre zu erklären, dass sie einige ihrer schönsten Mythen wie die Flucht der Leto mit den göttlichen Zwillingen Apollon und Artemis von Delos zum Letoon und die Heldentaten des korinthischen Helden Bellerophon in die lykische Bergwelt verlegten.

Historisch greifbar werden die Lykier erst wieder Mitte des 6. Jhs. v. Chr., als sie einen Angriff des lydischen Königs Kroisos abwehrten, der mit Ausnahme von Kilikien ganz Kleinasien unter seiner Herrschaft zusammengeführt hatte, sein Reich aber schon 546 v. Chr. an den persischen Großkönig Kyros II. verlor. Die Unterwerfung Lykiens gelang im folgenden Jahr dem persischen Feldherrn Harpagos nach Eroberung von Xanthos, allerdings scheint die persische Herrschaft recht gemäßigt gewesen zu sein. Es blieb keine Besatzung zurück, lykische Dynasten wurden zu Gouverneuren ernannt, die in Grabinschriften als „zweite Befehlshaber“ hinter dem persischen Satrapen in Sardeis betitelt wurden. Auch empfand man die zu zahlenden Tribute nicht als drückend, für die Flotte von Xerxes I., die 480 v. Chr. in der Seeschlacht von Salamis vernichtet wurde, stellten die Lykier nur 50 Schiffe.

Aus dem griechischen Sieg über die persische Großmacht resultierte für die lykischen Städte eine Zwangsmitgliedschaft im Delisch-Attischen Seebund; allein die griechische Kolonie Phaselis schloss sich freiwillig an und diente im Jahre 469 v. Chr. dem Athener Kimon vor der entscheidenden Schlacht am Eurymedon als Flottenstützpunkt. Mit der Abhängigkeit von Athen verstärkte sich der ionische Einfluss auf die lykische Kunst, der besonders deutlich auf Münzen und Reliefs zum Ausdruck kam. Aber schon 429 v. Chr. entlud sich die lykische Reaktion gegen das vordringende Griechentum. Vom Sieg des Dynasten Kherẽi über eine athenische Flottenexpedition unter Melesandros berichtet der berühmte Inschriftenpfeiler von Xanthos, der in lykischer Sprache und unter Verwendung eines griechischen Epigramms die Taten dieses Fürsten verherrlicht.

Eine zweite Phase des griechischen Einflusses ist ab 400 v. Chr. mit dem Nereidenmonument von Xanthos anzusetzen, als attische und peloponnesische Künstler nach der politischen Katastrophe Athens im Peloponnesischen Krieg (431 – 404 v. Chr.) sich in Karien und Lykien ein neues Betätigungsfeld suchten. Skopas, Leochares und Timotheos standen in Diensten des Maussolos von Halikarnassos, weitere Künstler arbeiteten in den lykischen Residenzen von Xanthos, Trysa und Limyra. Sicher waren es griechische Künstler, die nach den lykischen Münzen mit einem Eber auch die ersten Münzen mit Herrscherporträts schufen: das Bild des Kherẽi von Xanthos (430/​420 v. Chr.) und das eindrucksvolle Porträt des Perikles von Limyra (380 – 360 v. Chr.).

Perikles von Limyra war der letzte autonome Dynast, der mächtig genug war, einen Zusammenschluss aller lykischen Städte unter seiner Herrschaft ins Auge zu fassen. Zur Erreichung dieses Zieles belagerte er Phaselis und besiegte 372 v. Chr. den persischen Unterstatthalter Arrtum˜ para, der über das Xanthostal und Telmessos herrschte. Nach diesem Sieg nahm Perikles den Königstitel an, wurde aber 366 v. Chr. wegen seiner Teilnahme am unglücklich verlaufenen Satrapenaufstand gegen den persischen Großkönig auf seine Residenz Limyra zurückgeworfen. Die neue Doppelsatrapie „Karien und Lykien“ wurde fortan von Maussolos verwaltet. Die von ihm in Lykien erhobenen Steuern flossen sicher nicht nur in die persische Staatskasse, sondern förderten auch den prunkvollen Ausbau seiner Residenz Halikarnassos. Den Einfallsreichtum des Maussolos belegt die Einführung einer „Bartsteuer“, die der lykische Adel zahlen musste, solange er seine Vorliebe für wallende Haare und wilde Bärte beibehielt.

Vielfach wird angenommen, dass der Lykische Bund, ein föderativer Zusammenschluss aller lykischen Städte, schon bald nach Absetzung der letzten lykischen Dynasten zur bestimmenden politischen Kraft wurde. Dieser Bund hielt sich unter Alexander dem Großen ebenso wie unter den wechselnden hellenistischen Herrschaften von Antigonos Monophthalmos (ab 323 v. Chr.), Lysimachos (ab 301 v. Chr.), den Ptolemäern (ab 288 v. Chr.), den Seleukiden (ab 197 v. Chr.) bis zu den Rhodiern (ab 188 v. Chr.). Den Höhepunkt seiner Macht erreichte der Bund, als er nach zwei vergeblichen Aufständen im Jahre 167 v. Chr. trotz Catos „Rede für die Rhodier“ deren Herrschaft abschüttelte und Rom ihm den Status einer civitas libera zuerkannte.

Im Lykischen Bund konnten die Städte demokratische Einrichtungen verwirklichen, die in der Antike einzigartig waren. Von dem athenischen Redner und Staatstheoretiker Isokrates (436 – 338 v. Chr.) bis hin zu Montesquieu in seinem 1748 erschienenen Werk „De l’esprit des lois“ fand die lykische Repräsentativverfassung einhellige Anerkennung und wurde auch von den Vätern der amerikanischen Verfassung (1787) als Denkmodell herangezogen. Dennoch darf man die „demokratischen Tendenzen“ der lykischen Bundesverfassung nicht überbewerten, denn es gab keine Primärversammlung und in die Bundesversammlung wurden als Vertreter der Städte natürlich nur Mitglieder der soziopolitischen Elite entsandt.

Über die Anzahl der Mitgliedsstädte liegen in den Quellen widersprüchliche Angaben vor: 23 Städte bei Strabon, 36 Städte bei Plinius. Nach Bedeutung und Einwohnerzahl der Städte verfügten diese in der Bundesversammlung über drei, zwei oder nur eine Stimme. In diesem Verhältnis hatten sie am politischen Entscheidungsprozess Anteil, waren aber auch im gleichen Verhältnis an der Finanzierung der Bundeskasse beteiligt. Drei Stimmen hatten die reichen Städte Xanthos, Tlos, Pinara, Patara, Myra und Olympos, das nach dem Seeräuberkrieg durch Limyra ersetzt wurde, die anderen Städte mussten sich mit zwei oder einer Stimme begnügen. Daneben gab es einige Sympolitien, Zusammenschlüsse von mehreren kleineren Städten, die gemeinsam über eine Stimme verfügten wie Aperlai, Apollonia, Isinda und Simena.

Der Lykische Bund war der Garant für die Selbstständigkeit und die Wahrung eines lykischen Nationalcharakters, doch kündigte sich im Verlauf der römischen Bürgerkriege, als Brutus im Jahre 42 v. Chr. Xanthos zerstörte und Rom immer mehr in die innerlykischen Verhältnisse eingriff, das Ende dieser Tradition an. Im Jahre 43 n. Chr. richtete Kaiser Claudius die Provinz Lycia ein, die von Vespasian (69 – 79 n. Chr.) mit dem benachbarten Pamphylien zur Doppelprovinz Lycia et Pamphylia zusammengelegt wurde. Diese hatte Bestand bis in die Regierungszeit von Diokletian (284 – 305 n. Chr.), der die Doppelprovinz mit ihren landschaftlich so unterschiedlichen Teilgebieten, die einem Zusammenschluss in einer gemeinsamen Provinz eher entgegenstanden, wieder in zwei selbstständige Provinzen aufteilte. Unter dieser direkten römischen Herrschaft beschränkten sich die Aufgaben des Lykischen Bundes auf die Pflege des Kaiserkultes, die Verehrung der dea Roma und von Leto, Apollon und Artemis sowie auf die vielfältigen kommunalpolitischen Angelegenheiten, zu denen im Kontakt zum römischen Statthalter in Patara auch Funktionen in der Steuer- und Finanzverwaltung gehörten. Zudem galt der Bund als Schlichtungsinstanz bei Konflikten, insbesondere Grenzstreitigkeiten, zwischen seinen Mitgliedsstädten und konnte durch Gesandtschaften gemeinsame Anliegen dem Kaiser direkt vortragen.

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Literatur

Marksteiner, Lykien; Brandt/​Kolb, Lycia et Pamphylia; Hellenkemper/​Hild, Lykien und Pamphylien; Götter, Heroen, Menschen in Lykien, Ausstellungskatalog Schallaburg (1990); Bruns-Özgan, Lykische Grabreliefs.

Pamphylien und südliches Pisidien
Geografie

In der Höhe von Antalya treten die schroff aufsteigenden Ketten des Taurosgebirges von der Mittelmeerküste zurück und umschließen in einem weiten Bogen bis hinter Alanya die gut bewässerte und äußerst fruchtbare pamphylische Küstenebene mit ihren weiten Baumwoll- und Sesamfeldern sowie Orangen- und Zitrusplantagen, die mit langen Sandstränden, wunderbaren Wasserfällen bei Antalya (Abb. 5) und Manavgat und teilweise subtropischer Vegetation das Herz der Türkischen Riviera ist. Maßgeblich gestaltet wurde diese Landschaft von den drei Flüssen Kestros (Aksu), Eurymedon (Köprü Çayı) und Melas (Manavgat Çayı), die über hohen Travertinterrassen, von denen die letzte an der Uferpromenade von Antalya steil zum Meer abfällt, eine etwa 90 km lange und 30 km breite Schwemmlandebene aufgeschichtet haben.


Abb. 5 Antalya, der Obere Düden-Wasserfall.

Diese Ebene bot den ersten griechischen Siedlern, die den Stadtlegenden folgend bereits nach dem Troianischen Krieg in Pamphylien einwanderten, sehr günstige Lebensbedingungen, angebaut wurden nach inschriftlichen Zeugnissen in erster Linie Baumwolle, Oliven und Weizen. Außer zahlreichen kleineren, agrarisch ausgerichteten Siedlungen entstanden die bevölkerungsreichen und recht wohlhabenden Städte Perge, Sillyon, Aspendos und Side, zu denen in der Mitte des 2. Jhs. v. Chr. noch die pergamenische Gründung Attaleia (Antalya) hinzutrat. Von diesen lagen die stark ummauerten Städte Attaleia und Side direkt am Meer, aber auch die auf markanten Tafelbergen angelegten Städte Perge, Sillyon (Abb. 50) und Aspendos verfügten aufgrund der Tatsache, dass die Küstenlinie weiter landeinwärts verlief und die Flüsse Kestros und Eurymedon in ihrem Unterlauf schiffbar waren, über einen direkten Zugang zum Meer oder im Fall von Sillyon zumindest über eine Hafensiedlung und somit über eine ideale Seeverbindung zum griechischen Mutterland. In ihrer umfangreichen Münzprägung und in vielen Inschriften betonen die pamphylischen Städte die Unabhängigkeit der einzelnen Poleis. Diese kannten keinen Zusammenschluss in Form eines Bundes, sondern pflegten eine zwischenstädtische Rivalität, machten aber bei gleichzeitiger Bewahrung griechischer Kultur Pamphylien zu einem Vorposten der Hellenisierung, sodass sich diese Landschaft kulturell stark vom benachbarten Lykien abhob.

Im Norden wird die pamphylische Küstenebene von den Gebirgszügen des Pisidischen Tauros begrenzt, dessen Hochebenen dem Getreideanbau dienten, während zahlreiche Hochflächen als Sommerweiden genutzt wurden. Der Tauros ließ als steile Barriere kaum Kontakte zwischen der griechischen Bevölkerung Pamphyliens und den einheimischen Pisidern zu. Enger waren lediglich die Beziehungen zu den pisidischen Städten Termessos und Selge, die südlich der Taurospässe liegen und in ihren nahezu uneinnehmbaren Stadtfestungen nicht nur Alexander dem Großen, sondern auch den Angriffen seleukidischer und pergamenischer Könige erfolgreich Widerstand leisteten. Aufgrund ihrer Lage südlich des Tauros waren diese Städte verkehrsmäßig eher auf Pamphylien ausgerichtet und wurden zu Beginn der Kaiserzeit sinnvollerweise zur Provinz Pamphylia geschlagen, Städte wie Ariassos und Kremna, die unmittelbar nördlich des Tauroskammes liegen, kamen zur Provinz Galatia (25 v. Chr.).

Geschichte

Die ältesten Siedlungsspuren in Pamphylien wurden in den Höhlen von Karain und Beldibi entdeckt; in der Höhle von Karain konnten von der Altsteinzeit bis in die römische Kaiserzeit acht Siedlungsschichten festgestellt werden, die durch Stein- und Knochenwerkzeuge sowie durch Keramik Aufschluss über frühe Arbeitstechniken geben. Die erste griechische Einwanderung erfolgte um 1200 v. Chr. nach dem Troianischen Krieg. Teile des siegreichen Heeres erreichten unter der Führung der legendären Seher Mopsos, Kalchas und Amphilochos über das anatolische Hochland die fruchtbare Küstenebene, die die Einwanderer entsprechend ihrer vielfältigen Herkunft Pamphylia („Land aller Stämme“) nannten. Der größte Teil von ihnen fand hier eine neue Heimat, kleinere Splittergruppen sind der Überlieferung zufolge bis nach Kilikien gelangt. Mopsos und Kalchas wurden später von den Bewohnern von Perge als Stadtgründer verehrt; die Städte Sillyon und Aspendos führten ihren Ursprung auf Mopsos, die Stadt Selge auf Kalchas zurück.

Sprachwissenschaftliche Untersuchungen haben eine Bestätigung für diese frühe Besiedlung durch griechische Einwanderer erbracht. Bei der in weiten Teilen Pamphyliens gesprochenen Sprache, die uns von Münzlegenden und Inschriften aus Perge, Sillyon, Aspendos und Side bekannt ist, handelt es sich nämlich um einen aus kyprischem und arkadischem Sprachgut gemischten frühgriechischen Dialekt. Hinzu kommen noch geringe dorische Einflüsse, die auf die in einer zweiten Wanderungswelle um 700 v. Chr. nach Side eingewanderten Kymaier aus der Aiolis zurückzuführen sind. Allein die Bewohner von Side haben diesen pamphylischen Dialekt zunächst nicht angenommen, sondern weiterhin eine einheimische anatolische Sprache gepflegt, die uns durch Münzen und einige wenige Inschriften überliefert ist. Alle bisher bekannten sidetischen Inschriften sind linksläufig geschrieben, darunter befinden sich auch zwei kurze griechisch-sidetische Bilinguen; dennoch ist es bisher nicht gelungen, die Lautwerte aller sidetischen Schriftzeichen zu bestimmen.

Aus dem Dunkeln der Geschichte trat Pamphylien – wie das benachbarte Lykien auch – erst im 7. Jh. v. Chr., als das Land zum Königreich der Lyder gehörte. Bereits 546 v. Chr. wurde es von den vordringenden Persern erobert, unter deren Herrschaft es bis zur Befreiung durch Alexander den Großen im Jahre 334 v. Chr. blieb. Nach Alexanders Tod fiel Pamphylien in der Reichsteilung von Triparadeisos (321 v. Chr.) an Antigonos Monophthalmos und gehörte bis zur Schlacht von Ipsos im Jahre 301 v. Chr. zu dessen kleinasiatischem Großreich. Im folgenden Jahrhundert beanspruchten sowohl die Ptolemäer als auch die Seleukiden Pamphylien für sich. Schließlich wurde auch Rom in diesen Konflikt verwickelt, nachdem der Seleukide Antiochos III. im Jahre 204 v. Chr. Pamphylien und Kilikien erneut zurückgewonnen und sich sogar in die inneren Angelegenheiten Griechenlands eingemischt hatte. Im Jahre 191 v. Chr. wurde er bei den Thermopylen von den Römern besiegt, die mit ihren Verbündeten Pergamon und Rhodos in den Seeschlachten vor Phokaia und Side den Übergang nach Kleinasien erzwangen und Antiochos III. bei Magnesia am Sipylos eine vernichtende Niederlage bereiteten (190 v. Chr.).

In dem Friedensvertrag von Apameia (188 v. Chr.) wurden die Seleukiden endgültig hinter den Tauros zurückgeworfen und die pamphylischen Städte dem Königreich Pergamon zugesprochen. Doch verweigerten diese ihre Unterwerfung, sodass die Pergamener erst 165 und 159/​158 v. Chr. auf zwei Feldzügen mit den westpamphylischen Städten Perge, Sillyon und Aspendos wenigstens einen Teil dieser „Kriegsbeute“ eintreiben konnten. Die ostpamphylische Hafenstadt Side und das südpisidische Selge widerstanden aber den pergamenischen Eroberungsversuchen, sodass Attalos II. (159 – 138 v. Chr.) mit der Gründung von Attaleia einen neuen Hafen anlegen musste.

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Literatur

Brandt/​Kolb, Lycia et Pamphylia; Hellenkemper/​Hild, Lykien und Pamphylien; H. Brandt, Gesellschaft und Wirtschaft Pamphyliens und Pisidiens im Altertum, Asia Minor Studien 7 (1992).

Im Jahre 133 v. Chr. vermachte der letzte pergamenische König Attalos III. sein Reich testamentarisch der Römischen Republik, die daraus die Provinz Asia konstituierte, ohne gleichzeitig auch Lykien und Pamphylien in diese neue Ordnung einzubinden. Die Städte beider Landschaften genossen als civitates liberae Freundschaft und Schutz des Römischen Volkes, konnten sich aber allein – nach Zurückdrängen der Seleukiden und vor allem nach der Dezimierung der seleukidischen Flotte – nicht mehr der isaurischen und kilikischen Seeräuber erwehren. Handel und Verkehr erlitten großen Schaden, das Wirtschaftssystem des hellenistischen Ostens brach zusammen und Städte wie Olympos, Phaselis und Side mussten ihre Häfen und Märkte den Seeräubern öffnen. Als Rom dem Prätor des Jahres 102 v. Chr., Marcus Antonius, dem Großvater des späteren Triumvirn, den Auftrag gab, militärisch gegen die Seeräuber vorzugehen, zeitigte dieses halbherzig durchgeführte Unternehmen keinen dauerhaften Erfolg.

Die Piraten standen auf dem Höhepunkt ihrer Macht, als Mithradates VI. Eupator von Pontos (121 – 63 v. Chr.), einer der letzten großen Gegner Roms, während des 1. Mithradatischen Krieges (88 – 85 v. Chr.) mit ihnen ein Bündnis schloss. Erst in diesem Krieg erkannte man in Rom die Seeräubergefahr in ihrer vollen Tragweite, und P. Servilius Vatia führte nach großen Rüstungsanstrengungen einen dreijährigen Feldzug (79 – 77 v. Chr.) gegen die ostlykischen, pamphylischen und isaurischen Piraten, dessen erfolgreicher Ausgang ihm den Ehrennamen Isauricus eintrug. Die endgültige Niederwerfung der Seeräuber gelang schließlich dem mit außerordentlichen Vollmachten ausgestatteten Pompeius, der 67 v. Chr. in einer großangelegten 40-tägigen Kampagne das ganze Mittelmeer durchkämmte und die letzte Piratenflotte vor der Festung Korakesion vernichtete.

In der Folgezeit gehörte Pamphylien kurz zur neuen pompeianischen Großprovinz Cilicia, wurde aber in den frühen 40er Jahren von M. Antonius dem römischen Klientelkönig Amyntas von Galatien übertragen, der in Side Münzen prägte. Nach dem Tode des Amyntas im Jahre 25 v. Chr. wurden seine galatischen, lykaonischen und nordpisidischen Besitzungen in die Provinz Galatia umgewandelt, die pamphylischen Städte bildeten zusammen mit den südpisidischen Städten Termessos und Selge die Provinz Pamphylia. Kaiser Vespasian (69 – 79 n. Chr.) legte Pamphylien mit dem benachbarten Lykien zu einer Doppelprovinz zusammen, doch wurde diese von Diokletian wieder in zwei selbstständige Provinzen aufgeteilt, die bis in byzantinische Zeit bestanden.

Kilikien
Geografie

Das antike Kilikien gliedert sich in zwei geografische Gebiete, wie sie verschiedener kaum sein können: im Westen das Rauhe Kilikien von Syedra bis zum Lamos (Lamas Çayı) mit den bis unmittelbar an die Küste heranreichenden, dicht bewaldeten Gebirgszügen des Tauros, die nur für kleine Küstenebenen Raum geben (Abb. 6), und im Osten das Ebene Kilikien vom Lamos bis zum Amanosgebirge, dessen weite fruchtbare, von den Flüssen Saros (Seyhan Nehri) und Pyramos (Ceyhan Nehri) durchflossene Ebene im Norden vom Tauros, im Osten von Amanos abgeschirmt wird. Erst im Jahre 1975 wurde im Rauhen Kilikien die Küstenstraße ausgebaut, die in endlosen Windungen die Städte Alanya, Anamur und Silifke miteinander verbindet. Eine Fahrt auf dieser Strecke ist besonders reizvoll, da sie traumhafte Ausblicke auf türkisfarbene Buchten mit weißen Sandstränden und umbrandeten Felsen sowie auf kleine Schwemmlandebenen bietet, in denen alle nur denkbaren Arten von Obst und Gemüse sowie sehr geschmackvolle süße Bananen gedeihen. Die moderne Stadt Mersin mit einer schönen Uferpromenade, hübschen Stadtvierteln und einem bedeutenden Hafen liegt bereits im Übergang zum Ebenen Kilikien. Nur wenig östlich öffnet sich bei Tarsus die nahezu baumlose Çukurova, in der mit Hilfe künstlicher Bewässerung eine intensive Landwirtschaft, vor allem Baumwollanbau, betrieben wird, der die Grundlage für den Aufschwung von Adana legte. In der Antike gab es dort noch größere Olivenplantagen, die Araber legten bei Anazarbos sogar Palmenhaine an.


Abb. 6 Küstenlandschaft im Rauhen Kilikien unterhalb der Tokmar Kalesi.

Die geografische Lage macht verständlich, warum das Rauhe Kilikien mit einer Steilküste, die bis zum Kap Anamur Hochgebirgscharakter hat, zu allen Zeiten schwer zugänglich war und bis in die römische Kaiserzeit in Kleinfürstentümer und unabhängige Stammesgebiete zerfiel. Kleinere Städte wie Anemourion entstanden meist im Bereich der Schwemmlandebenen, doch sind auch manche Städte in die Steilküste hineingebaut wie Iotape und in beeindruckender Weise Antiocheia am Kragos. Als letzte der südanatolischen Landschaften konnte das Rauhe Kilikien erst im Jahre 72 n. Chr. in das Römische Reich integriert werden. Demgegenüber war das Ebene Kilikien, von Norden über die Kilikische Pforte und von Südosten über die Syrische Pforte gut zugänglich, ein Durchzugsgebiet zwischen Kleinasien und Syrien/​Mesopotamien und deshalb über Jahrhunderte heftig umkämpft.

Geschichte

Bereits das hethitische Großreich (15. – 12. Jh. v. Chr.) nutzte das Ebene Kilikien als Aufmarschbasis gegen die nordsyrischen Fürstentümer und die nach Syrien vorgestoßene zweite Großmacht der Zeit, das ägyptische Pharaonenreich. Etwa zeitgleich mit dem Untergang des hethitischen Großreiches um 1200 v. Chr. erreichten die Spitzen der griechischen Einwanderungswelle unter den Sehern Mopsos und Amphilochos das Ebene Kilikien. Dort gründeten sie die Städte Mallos und Mopsouhestia, die im späthethitischen Königreich Qu‘e aufgingen. Als dessen Vasall Azatiwada in der 2. Hälfte des 8. Jhs. v. Chr. seine Residenz auf dem Karatepe errichten ließ, stand das Ebene Kilikien aber politisch wie kulturell bereits unter starkem assyrischen Einfluss: 715 v. Chr. eroberte Sargon II. das Königreich Qu‘e, zwei Jahrzehnte später zerstörte Sanherib nach einem Aufstand die Stadt Tarsos. Seit dem Jahre 546 v. Chr. gehörte das Ebene Kilikien zu einer persischen Satrapie, die von Tarsos aus verwaltet wurde, bis 333 v. Chr. Alexander der Große mit seinem Sieg über den Großkönig Dareios III. beim kilikischen Issos der Weltgeschichte eine neue Richtung gab.

In den folgenden Jahrhunderten stand Kilikien unter seleukidischer Herrschaft, die für das Rauhe Kilikien zeitweilig nur nominellen Charakter hatte. Als aber die Römer im Frieden von Apameia (188 v. Chr.) die Seleukiden hinter den Tauros zurückdrängten und deren ehemals mächtige Flotte auf 10 Schiffe reduzierten, wurde das Gleichgewicht der Mächte im östlichen Mittelmeerraum entscheidend gestört. Es entstand ein Machtvakuum, in das die kilikischen Piraten hineinstießen. Rom war diese Entwicklung zunächst nicht unangenehm, sorgten doch die Piraten dafür, dass die von der römischen Wirtschaft benötigten Sklaven in immer größerer Zahl auf den Märkten von Delos und anderer Städte wie Side zum Verkauf standen. Erst als sich die Piraten zu größeren Geschwadern zusammenschlossen, mit dem römischen Feind Mithradates VI. Eupator von Pontos (121 – 63 v. Chr.) paktierten und sogar Sizilien und den römischen Hafen Ostia sowie die küstennahen Straßen Italiens wie die Via Appia unsicher machten, reagierte Rom mit umfassenden Flottenrüstungen.

Im Jahre 67 v. Chr. säuberte der mit einem außerordentlichen Kommando ausgestattete Pompeius das Mittelmeer so gründlich von den Piraten, dass diese erst wieder in byzantinischer Zeit zu einem Problem wurden. Den auf dem Triumphzug des Pompeius mitgeführten Tafeln war zu entnehmen, dass 700 Schiffe erbeutet, 120 Festungen geschleift und 20.000 Piraten gefangen wurden. Über diesen militärischen Erfolg hinaus bewies Pompeius ein gutes Gespür für die von Rom mitverschuldeten sozialen Missstände, die Ursache dafür gewesen waren, dass immer mehr Bauern zu Piraten wurden. Daher siedelte er die gefangenen Piraten im griechischen Dyme und in den kilikischen Städten Soloi, Adana, Mallos und Epiphaneia an, die im Jahre 91 v. Chr. von Tigranes dem Großen weitgehend entvölkert worden waren, als dieser die Bewohner dieser Städte in seine neue Residenz Tigranokerta deportierte.

Nach seinen Siegen über Mithradates VI. Eupator von Pontos und Tigranes den Großen von Armenien richtete Pompeius 64 v. Chr. die beiden Provinzen Pontus et Bithynia und Cilicia ein. Zur letzteren gehörte nominell auch das Rauhe Kilikien, doch zeigte sich Rom noch nicht in der Lage, der kriegerischen Bergstämme Herr zu werden. Aus diesem Grunde behielten auch die Priesterfürstentümer von Olba und Hierapolis Kastabala ihre Unabhängigkeit, die für die Dynastie von Hierapolis Kastabala aber nur bis zum Jahre 17 n. Chr. andauerte. Im Jahre 38 n. Chr. wurde das Rauhe Kilikien dem Klientelkönig Antiochos IV. von Kommagene übertragen, der 52 n. Chr. einem Angriff der Kieten auf Anemourion mehr durch geschickte Diplomatie als durch Waffengewalt erfolgreich begegnete und seine Herrschaft gegenüber den Taurosstämmen durch die Gründung neuer Städte wie Iotape, Antiocheia am Kragos, Germanikopolis und Klaudiopolis festigte. Als 72 n. Chr. Kaiser Vespasian die Ostgrenze des Römischen Reiches an den Euphrat vorschob, verlor Antiochos IV. nicht nur sein Stammland Kommagene, sondern auch seine kilikischen Besitzungen. Das Rauhe Kilikien und das Ebene Kilikien wurden in der Provinz Cilicia zusammengefasst.

Die neue Provinz erlebte wie ihre Nachbarprovinz Lycia et Pamphylia unter der pax Romana eine knapp zweihundertjährige Blütezeit, zollte aber ihrer vorgeschobenen Durchgangslage Tribut, als im Jahre 260 n. Chr. der Sasanide Shapur I. mit Ausnahme von Pompeioupolis alle wichtigen Städte Kilikiens eroberte und plündern ließ; im Jahre 269/​270 n. Chr. drangen die aufständischen Palmyrener unter ihrer Königin Zenobia über Mopsouhestia, Adana und Tarsos bis nach Ankyra vor. Auch regten sich gegen Ende des 3. Jhs. n. Chr. wieder die isaurischen Bergstämme, sodass Kaiser Diokletian die Großprovinz Cilicia in drei Verwaltungseinheiten aufgliederte: Isauria mit der Hauptstadt Seleukeia am Kalykadnos, Cilicia prima um Tarsos und Cilicia secunda um Anazarbos. Allerdings konnte auch diese Straffung der zivilen und militärischen Verwaltung nicht verhindern, dass Anemourion und Seleukeia am Kalykadnos in der 2. Hälfte des 4. Jhs. n. Chr. von isaurischen Stämmen geplündert wurden.

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Literatur

Hild/​Hellenkemper, Kilikien und Isaurien; H. Hellenkemper/​F. Hild, Neue Forschungen in Kilikien (1986); Budde, Antike Mosaiken.

Die Landschaften der Türkischen Riviera in Mittelalter und Neuzeit

Trotz der von Konstantin dem Großen (305 – 337 n. Chr.) de facto in West und Ost getrennten Reichsverwaltung war das Römische Reich weiterhin als Einheit anzusehen, bis 476 n. Chr. der Germanenfürst Odoaker den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus absetzte und die Teilung des Reiches auch de iure besiegelte. Das Byzantinische Reich war nicht mehr in der Lage, die weströmischen Gebiete zurückzugewinnen, auch wenn Kaiser Iustinian (527 – 565 n. Chr.) noch einmal Italien und Teile von Nordafrika eroberte. Schon unter Kaiser Herakleios (610 – 641 n. Chr.), der das Griechische zur offiziellen Reichssprache erhob, begann der Siegeszug der Araber; im Jahre 636 n. Chr. mussten nach der Niederlage am Yarmuk nicht nur Ägypten und Syrien, sondern auch die kilikischen Festungen Anazarbos und Tarsos aufgegeben werden.

Die Schwäche des Byzantinischen Reiches zeigte sich auch bei arabischen Flottenüberfällen auf die Küstenstädte; Perge und Aspendos wurden im 8. Jh. aufgegeben, andere Städte suchten durch Reduzierung ihres Stadtgebietes und Anlage neuer Mauern zu überleben wie Xanthos, Limyra und Side. Im Jahre 672 n. Chr. blockierte eine arabische Flotte von April bis September sogar Konstantinopel. Den Höhepunkt erreichten die Kämpfe unter Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos (912 – 959 n. Chr.), dem im Emir von Aleppo, Sayf ad-Dawla (944 – 967 n. Chr.), ein erbitterter Gegner erwuchs. Erst Mitte des 10. Jhs. ermöglichte die Einrichtung islamischer Teilstaaten in Syrien den Byzantinern ein erneutes Ausgreifen über die Taurosgrenze. Nikephoros II. Phokas eroberte in einer vierjährigen Kampagne (962 – 965 n. Chr.) beginnend mit Anazarbos, der Hauptfestung des Sayf ad-Dawla, ganz Kilikien zurück. Im Jahre 966 n. Chr. fiel Antiocheia am Orontes wieder an die Byzantiner, die wenig später sogar Damaskus besetzten.

Ende des 11. Jhs. entstand den Byzantinern in den aus Zentralasien stammenden Seldschuken ein neuer mächtiger Gegner. Dessen Druck auf Armenien führte zur Auswanderung vieler Armenier in den kilikischen Tauros, wo sie als byzantinische Vasallen zahlreiche Burgen und Grenzkastelle befehligten. Im Jahre 1071 vernichteten die Seldschuken unter Alp Arslan in der Schlacht von Malazgirt nördlich des Van-Sees das byzantinische Heer unter Kaiser Romanos IV. Diogenes und standen bereits 1081 mit der Einnahme von Nikaia (Iznik) kurz vor Konstantinopel. Die Byzantiner konnten zwar mit Hilfe der Ritter des 1. Kreuzzuges (1096 – 1099) Nikaia zurückgewinnen, stellten aber für das seldschukische Sultanat von Konya keine ernsthafte Gefahr mehr dar. Vielmehr entstanden ihnen im Gefolge der Kreuzzugsidee mit der Gründung fränkischer Staaten wie der Grafschaft Edessa und des Fürstentums Antiocheia sowie mit den ihre Herrschaft über ganz Kilikien ausdehnenden Armeniern neue Bedrohungen.

So überrascht es nicht, dass die Byzantiner die Kreuzzüge mit Misstrauen betrachteten. Als der vom deutschen Kaiser Friedrich I. Barbarossa geleitete 3. Kreuzzug im Jahre 1190 den seldschukischen Herrschaftsbereich erreichte, weilte Friedrich Barbarossa als Gast bei Sultan Kılıç Arslan, während der byzantinische Kaiser Isaak II. Angelos dem Ayubidensultan Saladin, der 1187 bei Hattin das Heer der Kreuzfahrerstaaten vernichtet und Jerusalem erobert hatte, sein Bedauern übermittelte, dass er die Kreuzfahrer nicht hatte aufhalten können. Doch endete auch dieser Kreuzzug mit einem Fehlschlag, da mit dem Tode von Friedrich Barbarossa am 10. Juni 1190 im Saleph (Göksu Nehri) nördlich von Silifke Führung und Zusammenhalt des Heeres verloren gingen (Abb. 7). Wie sehr der Argwohn der Byzantiner gegenüber den Kreuzfahrern berechtigt war, zeigte der 4. Kreuzzug, dessen Teilnehmer die Befreiung des Heiligen Landes aus den Augen verloren, im Jahre 1204 Konstantinopel eroberten und das Lateinische Kaiserreich gründeten. Erst 1261 gelang den Byzantinern von Nikaia aus die Rückeroberung ihrer Hauptstadt.

Diese Schwächung des Byzantinischen Reiches nutzten die Seldschuken, die 1207 unter Sultan Giyāseddin Kayhosrau I. mit Attaleia (Antalya) die letzte Bastion der Byzantiner an der Südküste eroberten und ihrem Binnenreich einen Zugang zum Meer erkämpften. Antalya wurde zu einer starken Festung und zur Hafenstadt ausgebaut, der Handel durch Annäherung an das fränkische Königreich Zypern gefördert. Alāeddin Kaykobād I. (1219 – 1236) führte die Handelspolitik seiner Vorgänger fort und erteilte weitere Privilegien an Venezianer, Pisaner und Genuesen. So brachte die seldschukische Eroberung keinen Bruch in den Handelsbeziehungen zwischen Kleinasien, Zypern und Ägypten, sondern eine neue Blüte für Antalya, das sich zu einem wichtigen Warenumschlagplatz entwickelte. Abgesichert wurde der Handel durch die Eroberung der westlichen Vorpostenburgen des kilikischen Königreichs Kleinarmenien; der persische Historiker Ibn Bibi spricht von der Besetzung von 40 christlichen Kastellen, unter diesen Kalonoros (Alanya) und Alara Kalesi, die im Jahre 1221 seldschukisch wurden.

Allerdings neigten sich die großen Tage der Seldschuken dem Ende zu, ihr Reich geriet 1243 nach der Niederlage am Köse Dağ nordöstlich von Sivas unter mongolische Vorherrschaft. Der Druck der Mongolen verstärkte sich danach über die sich an den Rändern des Seldschukenreiches etablierenden turkmenischen Emirate, darunter das Emirat von Ertuğrul (1231 – 1288) und seinem Sohn Osman (1288 – 1326) westlich von Dorylaion (Eskişehir), die Keimzelle des Osmanischen Reiches. Um 1307 brach das Seldschukenreich zusammen; in seinen lykischen und pamphylischen Gebieten entstand das Emirat der Hamidoğulları, die in Antalya residierten und 1391 von den Osmanen unter Sultan Beyazıt I. Yıldırım unterworfen wurden.


Abb. 7 Taurosdurchbruch des Kalykadnos/​Saleph, in dem am 10. Juni 1190 Friedrich I. Barbarossa ertrunken ist.

Zeitgleich mit dem Seldschukenreich entwickelte sich in Kilikien durch den Zusammenschluss mehrerer Baronien das christliche Königreich Kleinarmenien, das seine Verbündeten in den Kreuzfahrerstaaten Edessa, Antiocheia und Zypern fand. Der Rupenide Leon II. wurde im Jahre 1198 Lehensträger des Deutschen Reiches und in Tarsos als Leon I. zum König gekrönt. Sein Nachfolger Hethum I. (1226 – 1269) setzte dem Druck der Seldschuken ein Bündnis mit den Mongolen entgegen, konnte aber trotz abendländischer Hilfe nach der mongolischen Niederlage bei Ain Dschalut (1260) gegen die ägyptischen Mamluken den Niedergang nur hinauszögern. Ab 1266 fielen die Mamluken mehrmals in Kleinarmenien ein, im Jahre 1375 endete mit der Einnahme der Festungen Anazarbos und Sis das Königreich Kleinarmenien. Der Osten des Ebenen Kilikien wurde Provinz des Mamlukenreiches, der Westen fiel an das Emirat der Ramazanoğulları, die in Adana residierten; die Karamanoğulları eroberten das Rauhe Kilikien einschließlich der Burg von Silifke; Korykos konnte noch bis 1448 von fränkischen Rittern aus dem Königreich Zypern gehalten werden.

Zu dieser Zeit hatten die Osmanen schon weite Teile Kleinasiens und Thrakiens erobert, sodass das Byzantinische Reich auf das Stadtgebiet von Konstantinopel reduziert war. Im Jahre 1453 übernahm Sultan Mehmet II. Fatih mit der Eroberung der Stadt das Erbe des Byzantinischen Reiches. In einem raschen Siegeszug besetzten die Osmanen das restliche Kleinasien: Im Jahre 1471 wurden die Karamanoğulları besiegt, 1515 unterwarfen sich die Ramazanoğulları Sultan Selim I. Yavuz, der im folgenden Jahr bei Aleppo die Mamluken besiegte und Ägypten besetzte. Damit standen erstmals seit römisch-byzantinischer Zeit die Landschaften an der Türkischen Riviera im Osmanischen Reich wieder unter einheitlicher Verwaltung. Dieses wurde nach dem 1. Weltkrieg auf Kleinasien und Thrakien beschränkt und nach dem türkischen Sieg über die griechischen Invasionsarmeen bei Dumlupınar (10. August 1922) unter der Führung von Mustafa Kemal (Atatürk) als republikanischer Nationalstaat neu begründet (29. Oktober 1923).

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Literatur

Hellenkemper, Burgen; B. Flemming, Landschaftsgeschichte von Pamphylien und Lykien im Spätmittelalter (1964); Erdmann, Karavansaray.

Antike Städte und Monumente


Abb. 8 Kaunos, Felsnekropole am Dalyan Çayı.

01

Das kleine Fischerdorf Dalyan ist Ausgangspunkt für den Besuch mehrerer touristischer Attraktionen. Es liegt gegenüber von antiken Felsgräbern mit großartigen Tempelfassaden, in der Nachbarschaft der langjährigen Ausgrabungen von Kaunos und an einem Fluss, auf dem man mit einem Boot durch ein schilfbestandenes, weitverzweigtes Delta den 4 km langen, feinsandigen Iztuzu-Strand erreichen kann, der das Meer vom Delta des Dalyan Çayı trennt (Abb. 9).

Kaunos (Dalyan) – Antike Ruinen beim Schildkrötenstrand

Karien

Im Jahre 1987 sind Flussdelta und Strand von Dalyan in die Schlagzeilen der internationalen Presse gekommen, weil in diesem Naturparadies ein gewaltiger Hotelkomplex angelegt werden sollte. Zum Glück waren die Proteste von Naturschützern aus aller Welt erfolgreich, sodass dieses Projekt verhindert und der Iztuzu-Strand zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. So finden sich hier nach wie vor Fischadler, Eisvögel, Ibisse, Kormorane und Reiher sowie Flusskrebse, Otter, Welse und die bis zu einem Meter langen Unechten Karettschildkröten (caretta caretta), die diesen Strand als Laichplatz aufsuchen. Der östliche Teil des Strandes ist den Meeresschildkröten allein vorbehalten und von 20 – 8 Uhr darf der gesamte Strand nicht betreten werden, um die Schildkröten bei der Ablage ihrer Eier nicht zu stören. So wird man keine der großen Meeresschildkröten zu sehen bekommen, kann aber auf der Bootsfahrt deren gleichgroßen Süßwasser-Verwandten beobachten, wenn der Bootsführer einige dieser Prachtexemplare mit einem Köder anlockt.

Geschichte

Herodot berichtet uns, dass die Einwohner von Kaunos glaubten, ihre Vorfahren seien von der Insel Kreta gekommen; er selbst hielt sie für Karer mit einem eigentümlichen Dialekt. Im Jahre 545 v. Chr. geriet Kaunos nach verlustreichen Widerstand unter persische Herrschaft, sodass die Teilnahme am Ionischen Aufstand (500 – 494 v. Chr.) ebenso wenig überrascht wie die spätere Zugehörigkeit zum Delisch-Attischen Seebund unter der Führung Athens. Der Königsfriede des Jahres 387 v. Chr. bescherte Kaunos zwar erneut ein persisches Intermezzo, jedoch erhielt die Stadt durch den Satrapen Maussolos mehr und mehr griechischen Charakter, bis sie unter Regierung seiner Schwester Ada im Alexanderreich aufging.

Wechselvoll war das Schicksal von Kaunos in hellenistischer Zeit, bis die Ptolemäer im Jahre 189 v. Chr. die Stadt für 200 Talente Silber an Rhodos verkauften – eine stolze Summe, die die Rhodier möglichst schnell durch hohe Steuern in Kaunos wieder hereinholen wollten. Erst als Rhodos die Gunst Roms verlor und an seiner Stelle die Insel Delos zum Handelszentrum aufgebaut wurde (168 v. Chr.), erhielt Kaunos den Status einer civitas libera und wurde 129 v. Chr. in die aus dem pergamenischen Erbe gebildete römische Provinz Asia integriert. Aber die Kaunier vergaben die Chance auf eine ruhige Entwicklung unter römischer Herrschaft, indem sie 88 v. Chr. für einen der letzten großen Gegner Roms, Mithradates VI. Eupator von Pontos, Partei ergriffen. Sie befolgten den von Mithradates VI. erlassenen „Blutbefehl von Ephesos“ und ließen die römischen Bürger in ihren Mauern umbringen. So wurde Kaunos im Jahre 85 v. Chr. im Frieden von Dardanos, durch den Mithradates VI. auf seine pontischen Besitzungen zurückgeworfen wurde, erneut den verhassten Rhodiern unterstellt. Es folgten intensive Bestrebungen, durch Ehrungen für einflussreiche Römer, darunter ein ehernes Reiterstandbild des Lucius Licinius Murena, das rhodische Joch abzuschütteln und die Freiheit wiederzuerlangen, bis Kaunos im Jahre 65 v. Chr. erneut als „freie Stadt“ in die Provinz Asia aufgenommen wurde.

Bereits in der Kaiserzeit machten der Stadt zwei Probleme sehr zu schaffen – die langsame, aber stetige Verlandung ihres Hafens und die gesundheitliche Gefährdung ihrer Bürger durch Stechmücken, die in der sumpfigen Umgebung ideale Lebensbedingungen vorfanden. Schon Strabon und Plinius berichten von dem ungesunden Klima von Kaunos. Erst 1948 ging man energisch gegen die Stechmücken vor, die schon in der Antike bekämpfte Verlandung des Hafens dagegen konnte nicht verhindert werden. Heute liegt Kaunos etwa 3 km von der Küste entfernt, den ehemals mit einer Kette versperrbaren Hafen erkennt man in dem von einer weiten Schilffläche umgebenen Sülüklü Göl („Blutegelsee“) wieder.


Abb. 9 Kaunos, Delta des Dalyan Çayı und Iztuzu-Strand.

Die Felsgräber

Die großartigen Felsgräber, die man mit dem Boot auf dem Kalbis (Dalyan Çayı) passiert, sind ohne Zweifel die Hauptsehenswürdigkeit von Kaunos (Abb. 8). Sie liegen zumeist in zwei Reihen übereinander – oben die Tempelgräber mit ihrer reichen Fassadenarchitektur, unten einfache Kammergräber mit viereckigen Türöffnungen. Bei der oberen Reihe handelt es sich um Grabkammern, deren äußere Gestaltung einer ionischen Tempelfassade mit zwei Säulen in antis entspricht. Daneben gibt es aber auch ein unvollendetes Grab, das mit vier Säulen in antis geplant war, von oben nach unten bearbeitet wurde und die anderen Gräber an Größe weit übertreffen sollte.

In einem strengen Kontrast zur aufwendigen Fassadengestaltung der Tempelgräber steht nicht nur in Kaunos, sondern auch bei vergleichbaren lykischen Monumenten die schlichte Ausführung der kleinen Grabkammern. Diese sind völlig ohne Schmuck und weisen meist drei Steinbänke (Klinen) zur Bestattung auf. Nach Keramik- und Glasfunden sind diese Gräber in das 4. Jh. v. Chr. zu datieren, vereinzelt bezeugen Inschriften die Wiederverwendung eines Grabes in der römischen Kaiserzeit. Ein interessantes Detail ist die schwer zu deutende Tatsache, dass in dieser Felswand auf zwei unmittelbar benachbarten Felsgräbern zwei völlig identische Inschriften stehen, die diese beiden Gräber für dieselben drei Personen in Anspruch nehmen. Vielleicht gefiel dem Auftraggeber das benachbarte Grab plötzlich doch besser, sodass er dort seine Inschrift noch einmal einschlagen ließ und nicht mehr daran gedacht hat, die erste Inschrift wieder löschen zu lassen. Oder hat der Steinmetz einfach die „Baustelle“ verwechselt und diese Inschrift noch einmal am richtigen Felsgrab einschlagen müssen? Die am falschen Grab stehende Inschrift jedenfalls scheint niemanden gestört zu haben!

Nur ganz wenige von diesen Tempelgräbern können gefahrlos aufgesucht werden. Wer dazu sportlich genug ist, wird eine weitere interessante Einzelheit feststellen: Alle Tempelgräber stehen in einer künstlichen Felshöhle, d. h. sie sind von einem begehbaren Korridor umgeben, auch die Giebel sind vollständig aus dem Felsen herausgearbeitet. Diesen Architekturentwurf kennen wir in dem an Felsgräbern so reichen Kleinasien nur noch von den großen pontischen Königsgräbern im Burgfelsen hoch über der Stadt Amaseia (Amasya).

Die antike Stadt

In Kaunos, das man von der nördlichen Anlegestelle aus nach einer kurzen Fußwanderung erreicht, hat Baki Öğün (Universität Ankara) im Jahre 1965 eine erfolgreiche Ausgrabung ins Leben gerufen, die seit 2000 sein Schüler Cengiz Işık leitet. Das Stadtzentrum wird von zwei Akropolishügeln überragt, die durch mächtige Mauern miteinander verbunden waren. Am Fuß des größeren Akropolisfelsens liegt das am besten erhaltene Gebäude – ein Theater mit 34 Sitzreihen, die etwas mehr als einen Halbkreis umschreiben. Freigelegt werden konnte auch die untere Etage des Bühnenhauses. Auf dem Höhenrücken nördlich des Theaters folgen drei weitere Großbauten: ein Rundbau, vielleicht eine der vom Architekturhistoriker Vitruv beschriebenen Vermessungsplattformen, eine dreischiffige Basilika und eine hoch aufragende Thermenanlage. Letztere diente den Archäologen über Jahrzehnte als Depot für bedeutende Funde wie die Statuenbasen des Maussolos von Halikarnassos und seines Vaters Hekatomnos sowie die Exedra des berühmten Künstlers Protogenes, der in der 2. Hälfte des 4. Jhs. v. Chr. auf Rhodos große Erfolge feierte. Diese und weitere Funde befinden sich heute im Museum von Fethiye.

Zwischen der Basilika und den Thermen zweigt ein getreppter Weg zur Unterstadt und zum Hafen ab, in ein Gebiet, auf das sich die jüngsten Ausgrabungen konzentriert haben. Dabei passiert man vorbei an einem rekonstruierten Säulenportikus auf einer Terrasse einen kleinen Antentempel dorischer Ordnung und die Fundamente eines hellenistischen Heroons. Unten am Hafen liegen außer Resten der von Strabon erwähnten Schiffswerften noch zwei interessante Gebäude. Dabei handelt es sich zunächst um eine zur Agora gehörende Säulenhalle, Fundort der bereits angesprochenen Ehreninschrift für Murena. Das zweite Bauwerk ist das rekonstruierte, baulich schlicht wirkende Brunnenhaus aus der Zeit des Kaisers Vespasian (69 – 79 n. Chr.). An seiner Westfassade ist die große Zollinschrift eingemeißelt, von der sich die Bürger und Kaufleute von Kaunos eine Belebung des schwächelnden Handels erhofften. Es galt, fremden Kaufleuten trotz der Verlandung des Hafenbeckens und des ungesunden Klimas eine Niederlassung in Kaunos schmackhaft zu machen.

Diese Bemühungen der Kaunier werden in der Zollinschrift deutlich, die von einer jährlichen Subventionierung der städtischen Zolleinnahmen durch reiche Bürger in Höhe von 60.000 Denaren berichtet. Offenbar hatte der Verlandungsprozess des Hafens bereits so große Fortschritte gemacht, dass die Handelsbedingungen für auswärtige Kaufleute verbessert werden sollten – allerdings ohne die Stadtkasse zu belasten. Da Kaunos vom Export lebte, ist dieses Vorgehen nur allzu verständlich. Als Exportgüter werden in erster Linie Sklaven und Meersalz erwähnt, das nach Plinius als Zusatz für eine kostbare Augensalbe verarbeitet wurde; ferner die verschiedenen Früchte des Umlandes, darunter die besonders beliebten, zuckersüßen kaunischen Feigen, die auf den Märkten Roms nach ihrem Herkunftsort als cauneae verkauft wurden; weiter Harze und Pech aus den Pinienwäldern – Materialien, die nicht nur die kaunischen Werften für den Bau von Schiffen benötigten, sowie Salzfisch, ein Hauptnahrungsmittel der antiken Bevölkerung. Somit ist diese Zollinschrift eine historische Quelle ersten Ranges nicht nur für die Stadtgeschichte von Kaunos, sondern auch für die antike Wirtschaftsgeschichte überhaupt. Sie gibt dem Besucher einige Gedanken mit auf den Weg zur südlichen Anlegestelle, wo sein Boot für die weitere Fahrt durch das Schilfgelände zum Iztuzu-Strand auf ihn wartet.

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Literatur

B. Öğün/​C. Işık, Kaunos – Kbid. The results of 35 years of research (1966 – 2001) (2001).

02

Fethiye ist eine moderne Stadt, in der sich enge Gassen und alte Holzhäuser nur noch am Hang der Burg finden lassen. Dieses Bild erklärt sich durch die Zerstörungen, die 1957 ein schweres Erdbeben verursachte. Dennoch hat sich Fethiye aufgrund der berühmten Strände von Gemile und Ölüdeniz (Abb. 3) sowie vieler Ausflugsmöglichkeiten zu antiken Städten und zur 1923 verlassenen griechischen Siedlung Kaya Köyü zu einem beliebten Ferienort entwickelt, der auch für Freunde der Antike großartige Monumente bietet.

Telmessos (Fethiye) – Felsgräber überstehen verheerende Erdbeben

Lykien

Der Gründungsmythos von Telmessos ist dem Sagenkreis um den Troianischen Krieg zuzuordnen und im Jahre 446/​445 v. Chr. erscheint die Stadt in den Tributlisten des Delisch-Attischen Seebundes mit einem jährlichen Tribut von einem Talent Silber (etwa 26 kg), war also bereits recht vermögend. Nach einer im Letoon aufgestellten Inschrift eroberte im späten 5. Jh. v. Chr. der xanthische Dynast Arbinas diese Stadt, deren schönen Hafen er besonders hervorhebt. Und dieser geschützte Hafen war auch das Ziel einer lykischen Koalition unter Perikles von Limyra, der im frühen 4. Jh. v. Chr. für kurze Zeit die Stadt besetzte. Im Jahre 334 v. Chr. ergab sich Telmessos widerstandslos den Truppen Alexanders des Großen, es folgten Jahrzehnte unter ptolemäischer und pergamenischer Herrschaft, bis die Stadt 133 v. Chr. zunächst zur römischen Provinz Asia und 43 n. Chr. zur Provinz Lycia kam.

In der Spätantike residierte in Telmessos ein Bischof, der 451 n. Chr. am Konzil von Kalchedon teilnahm, doch zeichnete sich der Niedergang der Stadt schon ab. Im 7. Jh. wurde sie mehrfach von arabischen Flotten geplündert, seither vollendeten mehrere Erdbeben die Zerstörung. Das gilt vor allem für das schwere Erdbeben von 1856, dem der Artemistempel und das Theater zum Opfer fielen, die Charles Texier 1836 noch ausführlich dokumentiert hat. Ebenfalls stark zerstört ist die Festung auf der Akropolis, die die Byzantiner unter Verwendung zahlreicher antiker Spolien erbaut haben und die im 15. Jh. von den Johannitern und Genuesen zum Schutz von Stadt und Hafen noch einmal verstärkt worden ist. Zu dieser Zeit heißt die Stadt nach einer Insel in der Hafeneinfahrt bereits Makri. Den heutigen Namen Fethiye erhält sie erst 1914 zu Ehren eines der ersten Militärpiloten des Osmanischen Reiches, Hauptmann Fethi Bey, der in diesem Jahr bei Damaskus abgestürzt ist und im Garten des Grabes von Saladin dem Großen seine letzte Ruhestätte fand.

Sarkophage und Felsgräber

Da die Stadt Fethiye genau über Telmessos liegt, ist von den öffentlichen Gebäuden der Antike mit Ausnahme des in den späten 90er Jahren freigelegten Theaters wenig erhalten. Lediglich Inschriften berichten von weiteren Bauwerken wie einem Kaisertempel, zwei Säulenhallen, einer Gladiatorenschule, einem Gymnasion und einem Bad mit Exedra, für die Opramoas von Rhodiapolis 35.000 Denare stiftete. So bleiben nur einige monumentale Steinsarkophage mit architektonisch gegliederten Gehäusen und reliefgeschmückten Spitzbogendeckeln, die mehr oder weniger versteckt im modernen Stadtbild die Erdbeben überlebt haben: am Platz bei den Kaianlagen, mitten in der zu den Felsgräbern hinaufführenden Asphaltstraße und unmittelbar vor dem Gebäude der Stadtverwaltung (Belediye Binası). Der letztere zeigt auf dem Firstbalken und den Deckelwölbungen Kampfszenen vor den Mauern einer Stadt. Darüber hinaus ist er ein beredter Zeuge für die tektonischen Veränderungen in den letzten zwei Jahrtausenden. Seit der Antike hatte sich das Küstenniveau so weit abgesenkt, dass dieser Sarkophag auf einem Aquarell des englischen Landschaftsmalers William James Müller im Jahre 1843 vom Wasser der Bucht umspült wird. Nach den seitherigen Erdbeben 1856 und 1957 aber hat sich die Küste gehoben und dem Meer konnte ein breiter Küstensaum entrissen werden, sodass dieser Sarkophag wieder auf festem Grund steht.


Abb. 10 Telmessos (Fethiye), Tempelgrab des Amyntas.

Weithin sichtbares Wahrzeichen ist in der mächtigen Felswand im Südosten der Stadt eine Gruppe von Felsgräbern, die einen ersten Eindruck von der Formenvielfalt der lykischen Grabarchitektur vermittelt. Besonders eindrucksvoll ist das Amyntasgrab (Abb. 10), das inschriftlich einem sonst unbekannten Amyntas, Sohn des Hermagios, zugeschrieben wird. Die Frontseite ist im Stil eines ionischen Antentempels gestaltet, wobei die Anten eine tiefe Vorhalle bilden und zwei ionische Säulen einrahmen; darüber erhebt sich der Giebel mit Akroteren. Die Form der Kapitelle und die architektonischen Schmuckelemente, die ursprünglich farbig angelegt waren, erlauben eine Datierung in das späte 4. Jh. v. Chr. Das Besondere am Amyntasgrab ist die originalgetreue Nachbildung eines hölzernen Portals mit Türflügeln, Bronzebeschlägen und Schmuckrosetten. Eine Öffnung im rechten Türflügel, die mit einer Steinplatte verschlossen werden konnte, ermöglicht den Zugang in die schlichte Grabkammer.

Die Großartigkeit dieses auf Fernwirkung angelegten Tempelgrabes und seine leichte Begehbarkeit – heute dank einer modernen Treppe – haben leider seit dem 19. Jh. für unzählige touristische Graffiti gesorgt: Angefangen mit dem sorgfältig auf dem Architrav eingravierten Namenszug von Charles Texier, dem „Vater der kleinasiatischen Archäologie“, über mehrere in Schmuckvignetten gesetzte Namen früherer Forschungsschiffe und ihrer Kapitäne, darunter der spätere Admiral und Namensgeber für die Windskala Sir Francis Beaufort, bis zu den primitiven Graffitis von Besuchern unserer Tage. Davon ist ein weiteres Felsgrab mit ionischer Antenfassade, das nur wenige Meter östlich vom Amyntasgrab auf einem nicht leicht zu erreichenden Felsvorsprung angelegt ist, erfreulicherweise weitgehend erschont geblieben.

Museum

Das Museum führt durch die Geschichte von Telmessos von den Lykiern über die Johanniter bis zu den Osmanen; hinzu kommen Funde aus den Grabungen von Xanthos und im Letoon (u. a. die berühmte Trilingue vom Letoon – s. S. 52) sowie aus den benachbarten lykischen Städten Kadyanda, Oinoanda, Tlos und Pinara, aber auch aus dem karischen Kaunos. Bemerkenswerte Prunkstücke sind zwei Denkmäler aus Tlos, die uns einen Einblick in die ritterliche Lebensweise der lykischen Oberschicht geben. So zeigt ein attischer Klinensarkophag des 2./​3. Jhs. n. Chr. Bilder von der Wildschwein-, Hirsch- und Löwenjagd, während die Basis des Izraza-Monuments aus dem 5. Jh. v. Chr. dramatische Kampfszenen vorführt: den Zweikampf des Izraza mit einem anderen Ritter, einen Hopliten, der einen Reiter mit einem Stoß seiner Lanze vom Pferd reißt, das Kampfgetümmel mehrerer Hopliten und die Bestürmung einer Burg, in der wir nach der topografischen Lage und dem doppelten, nur schwer zu durchbrechenden Verteidigungsring vielleicht die Burg von Tlos selbst erkennen dürfen.

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Literatur

Marksteiner, Lykien 39 – 43; Hellenkemper/​Hild, Lykien und Pamphylien II 704 – 709; Bruns-Özgan, Lykische Grabreliefs 187 – 190.

Adressen

Fethiye Müzesi, Kesikkapı Mah., Okul Sok. 6, 48300 Fethiye, Tel. 02 52/​6 14 11 50

03

An der Strecke von Fethiye nach Denizli in dicht bewaldeter Landschaft gelegen, ist Kadyanda vom Dorf Üzümlü aus gut zu erreichen. Am Parkplatz wartet zumeist der Antikenwärter (bekçi), der die Besucher über einen steilen Pfad in das antike Stadtgebiet hinaufführt und vor allem den Weg zu zwei mit großartigen Reliefs versehenen Grabbauten zeigen kann.

Kadyanda – Bilder von Krieg und Frieden
Lykien

Zur Geschichte von Kadyanda schweigen die literarischen Quellen, obgleich nach den öffentlichen Bauten zu urteilen, diese Stadt nicht unbedeutend gewesen ist. So sind wir auf im Stadtgebiet gefundene Inschriften angewiesen. Diesen können wir entnehmen, dass Kadyanda in der Mitte des 4. Jhs. v. Chr. gegen finanzielle Subsidien mit einem Truppenkontingent an einem Feldzug des karischen Herrschers Pixodares gegen Kaunos teilgenommen hat und Kaiser Vespasian (69 – 79 n. Chr.) den Bau der Thermen aus seiner Privatschatulle großzügig unterstützt hat. In hellenistischer Zeit erhielt die Stadt eine Befestigungsmauer, doch stammen die meisten erhaltenen Bauten aus der römischen Kaiserzeit, während unter den Byzantinern die Stadtmauer noch einmal instandgesetzt wurde.

Innerhalb des Mauerrings haben sich mehrere öffentliche Gebäude recht gut erhalten, darunter das Theater, eine 80 m lange Stoa, eine säulenumstandene Agora und die Thermen, wogegen zwei dorische Tempel nur noch als Trümmerhaufen zu verifizieren sind. Besonderes Interesse beansprucht zwischen den Thermen und den beiden Tempeln eine langgestreckte, etwa 15 m breite Freifläche, die im Süden von einer dorischen Säulenhalle und im Norden von sechs Sitzreihen begrenzt wird. Da dort einige Athletenstatuen und agonistische Inschriften gefunden worden sind, hat man diese Anlage lange Zeit als Stadion gedeutet. Aufgrund der Tatsache aber, dass vor einigen Jahren die Pflasterung dieser Fläche freigelegt worden ist und diese Anlage im Herzen der Stadt liegt, wird man sie wohl eher als Prachtstraße ansprechen, auf der öffentliche Veranstaltungen wie Prozessionen stattfanden.

Am Abschluss eines Besuches von Kadyanda sollte ein Streifzug durch die Nekropolen stehen, in denen man zwei Grabbauten mit wunderbaren Reliefs besichtigen kann. Nördlich unterhalb der Stadt liegt ein freistehendes, aus dem anstehenden Felsen geschlagenes Grab, das die Dorfbewohner unter dem Namen Atlıtaş („Stein mit Pferd“) kennen (Abb. 11). Auf der südlichen Langseite ist der Bestattete auf einer Kline liegend dargestellt, in der Linken eine Schale haltend, während er mit der Rechten wohl ein Rhyton hielt. Auf der nördlichen Langseite ist der Grabherr als berittener Krieger abgebildet, der über einen gefallenen Feind hinwegsprengt und einen weiteren Gegner mit seiner Lanze attackiert, der bereits in die Knie gezwungen dem Angreifer verzweifelt mit letzter Kraft Schild und Lanze entgegenstreckt. Eine lykische Inschrift neben dem Kopf des Reiters nennt mit Uzebeimi dessen Namen.


Abb. 11 Kadyanda, Felsgrab des Uzebeimi.

Unterhalb vom Grab des Uzebeimi liegt versteckt im Waldgelände das Grab des Zzala, freistehendes Grabhaus, ebenfalls aus einem mächtigen Felsbrocken herausgeschlagen ist und einen Sarkophag trug. Der reiche, allerdings stark beschädigte Reliefschmuck ist dem Gegensatz von Krieg und Frieden gewidmet: Kampfbilder und Szenen des friedlichen Familienlebens wechseln einander ab. Die Krieger tragen sowohl ihren lykischen als auch ihren griechischen Namen, wogegen von den weiblichen Gestalten nur eine als „Frau des Zzala“ bezeichnet wird. Von den Familienszenen verdient ein Bild unsere besondere Aufmerksamkeit, zeigt dieses doch Frauen bei einem Würfelspiel, das allgemein als Domäne von Männern angesehen wird.

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Literatur

Marksteiner, Lykien 44 – 47.

04

Oinoanda liegt in einer rauhen Bergwelt auf dem Ausläufer eines schroffen Höhenrückens – eine antike Kleinstadt abseits großer Verkehrswege, die man vom Dorf Incealiler erst nach 45 Minuten auf einem Fußpfad erreicht. Wer aber glaubt, in Oinoanda nichts besonderes erwarten zu dürfen, der täuscht sich gewaltig, denn in einer Stoa war die größte Inschrift der Antike eingemeißelt, die der Boden erst nach und nach wieder freigibt.

Oinoanda – Die epikureische Philosophie des Diogenes von Oinoanda
Lykien

Oinoanda gehörte im 2. Jh. v. Chr. mit Boubon und Balboura zu einer Tetrapolis unter der Führung von Kibyra, doch währte die gemeinsame Geschichte nur bis zum Jahre 84 v. Chr., in dem dieser Städtebund im 1. Mithradatischen Krieg von Murena aufgelöst wurde: Kibyra kam zur Provinz Asia, Boubon, Balboura und Oinoanda wurden Mitglieder des Lykischen Bundes und gingen 43 n. Chr. in der Provinz Lycia auf. In der Kaiserzeit wurden in Oinoanda, das offensichtlich sehr gut von Ackerbau, Holz- und Viehwirtschaft lebte, zahlreiche öffentliche Bauten errichtet, denen die Byzantiner drei Kirchen hinzufügten, bis die Stadt im 9. Jh. aufgegeben wurde. Erdbeben hinterließen ihre Spuren und die Natur holte sich das Stadtgebiet zurück, was heute dessen Reiz ausmacht, den Archäologen aber große Probleme bereitet.

Im antiken Stadtgebiet

Der steile Aufstieg nach Oinoanda führt durch einen Kiefernwald, vorbei an einem Aquädukt und Sarkophagen mit liegenden Löwen auf den Deckeln, zum von Türmen flankierten Südtor der hellenistischen Mauer, die aus polygonalen Blöcken besteht. Etwa 300 m später folgt eine Mauer des 3. Jhs. n. Chr., eine Neubefestigung nach einer Siedlungsverengung, mit der die Bürger auf die sich abzeichnende Gotengefahr reagierten. Diese Rückzugsmauer, in die ältere Bauten integriert wurden, umgibt das Stadtzentrum mit der Agora und zwei Thermen, im Norden ausgeschlossen bleiben das Theater und eine von zwei Säulenhallen gesäumte, als „Esplanade“ bezeichnete weitläufige Platzanlage. Dort wurde auf der Rückwand einer Stoa im 1. Drittel des 2. Jhs. n. Chr. die berühmte Inschrift mit Abhandlungen des epikureischen Philosophen Diogenes von Oinoanda angebracht, mit der sich die Wissenschaft seit den ersten Inschriftfunden des Jahres 1884 beschäftigt. Dieses „Lesebuch“ der Philosophie wurde wohl schon beim Erdbeben des Jahres 141 n. Chr. zerstört, zahlreiche Inschriftblöcke fanden beim Wiederaufbau der Agora eine neue Verwendung, andere wurden in der späteren Rückzugsmauer verbaut.

Die Philosophie des Diogenes

Glaubte man in den 60er Jahren noch, mit 50 beschrifteten Blöcken ein Drittel der gesamten Inschrift zu kennen, so hat sich das Bild inzwischen erheblich gewandelt. Martin Ferguson Smith konnte ab 1968 den Bestand an Inschriftblöcken um 38 Neufunde erweitern, seit 1974 hat ein britisches Surveyteam unter Alan Hall weitere 72 Fragmente gefunden und festgestellt, dass diese Inschrift erheblich umfangreicher ist, als in den kühnsten Träumen angenommen werden konnte. Bis heute ist die Zahl der Inschriftfunde durch ein im Jahre 2007 begonnenes Forschungsprojekt des Deutschen Archäologischen Institutes (DAI), das sich zugleich eine Dokumentation der ganzen Stadtanlage zum Ziel gesetzt hat, auf 299 angewachsen (Abb. 12), im Depotgebäude lagert die beeindruckende Zahl von 177 Fragmenten. Aber noch immer nimmt man an, erst ein Drittel der Inschrift zu kennen. Rekonstruktionsversuche haben ergeben, dass der in 3 cm hohen Buchstaben gesetzte Text etwa 3,60 m hoch und 60 – 80 m lang war. Wer konnte so kleine Buchstaben in einer Höhe von über 3 m lesen? War die Säulenhalle vielleicht zweistöckig – das ist nur eine von vielen offenen Fragen.

In den erhaltenen Texten erweist sich Diogenes von Oinoanda als begeisterter Anhänger der Lehre Epikurs, der im hohen Alter diese Philosophie möglichst vielen Menschen bekannt machen will. So stellt diese Inschrift, deren Kosten Diogenes selbst getragen hat, einen großartigen Versuch dar, in Zeiten, in denen Bücher nur für eine kleine Oberschicht erschwinglich waren, die Philosophie für alle zugänglich zu machen, wobei er auch an fremde Besucher, die zukünftigen Generationen und seinen Nachruhm denkt. Das wird in den einleitenden Worten deutlich, in denen er seine Hinwendung zur epikureischen Philosophie und seine Gründe für die Anbringung der Inschrift erläutert: „Außerdem ist es richtig und gerecht, an die Menschen zu denken, die nach uns kommen (denn obwohl noch nicht geboren, gehören doch auch sie zu uns) und zuletzt fordert die Menschlichkeit, auch den Fremden zu helfen, die unsere Stadt besuchen. Und weil diese Hilfe, die die Inschrift geben soll, eine recht große Zahl von Menschen betrifft, habe ich mich entschieden, die Heilmittel (der Lehre Epikurs) allen zugänglich zu machen.“


Abb. 12 Oinoanda, Inschriftblock mit einem Passus aus dem philosophischen Werk des Diogenes von Oinoanda.

In jeder Sequenz dieser grandiosen Inschrift spürt man den Stolz des Diogenes auf sein Werk, das als Geschenk für die Menschheit gedacht war und zugleich die Erinnerung an seine eigene Person verewigen sollte. Selbst wenn seine Inschrift vermutlich schon nach einem Vierteljahrhundert zerstört wurde, war er in dieser Hinsicht sehr erfolgreich. Ohne diese Inschrift würden wir nichts, absolut nichts über seine Person wissen.

Den am Projekt des DAI beteiligten Epigraphikern Jürgen Hammerstaedt (Köln) und Martin Ferguson Smith (Durham) verdanken wir eine Rekonstruktion dieser einzigartigen philosophischen Inschrift. Danach boten die oberen drei Steinreihen eine Abhandlung über das Alter, in der Diogenes nachweist, dass ein glückliches Leben und das Alter sich nicht ausschließen. In der vierten Reihe sind Briefe des Diogenes an seine Freunde zusammengestellt, in denen er seine Philosophie erläutert und Kernsätze des epikureischen Denkens verewigt. Die fünfte Reihe handelt von der Physik, also der Vorstellung Epikurs von der Weltentstehung und der unendlichen Zahl der Welten. In der sechsten und letzten Reihe hat er seine Gedanken zur Ethik zusammengestellt; darauf folgt eine Sammlung von Sentenzen, aus denen die Betrachtungsweise des Diogenes deutlich wird, wie „Militärdienst ist hart, auch wenn man andere dabei befehligt“ oder „Der Schlüssel zum Glück ist die körperliche Verfassung, die in unserer eigenen Macht liegt.“

Von der Fortführung der Forschungen in Oinoanda dürfen wir jederzeit Überraschungen erwarten. So ist bereits im Jahre 2008 ein elfzeiliger Neufund auf ganz großes Interesse gestoßen, in dem Diogenes die Weltschöpfungslehre Platons kritisiert, die seinerzeit als philosophisches Dogma galt. Diogenes lobt zwar Platons Ansicht, dass die Welt aus dem Nichts geschaffen wurde, kritisiert ihn aber, weil er daraus nicht die Konsequenz gezogen hat, dass sie auch wieder untergehen würde. Zugleich lehnt er das von Platon postulierte Einwirken eines gottähnlichen Wesens auf die Schöpfung ab, die nach der Lehre Epikurs ein Werk der Natur sei. So gesehen ist es erstaunlich, dass die Bürger von Oinoanda im Herzen ihrer Stadt das Manifest einer Philosophie anbringen ließen, die eine Einflussnahme der Götter auf das Schicksal der Menschheit konsequent leugnete.

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Literatur

P. Scholz, Ein römischer Epikureer in der Provinz. Diogenes von Oinoanda und sein Adressatenkreis, in: K. Piepenbrink (Hrsg.), Philosophie und antike Lebenswelt (2003) 208 – 227; M. F. Smith, The philosophical inscription of Diogenes of Oinoanda, Tituli Asiae Minoris Erg.-Bd. 20 (1996).

05

Die Akropolis von Tlos erhebt sich auf einem markanten Felssporn oberhalb der fruchtbaren Ebene des Xanthos und beeindruckt wegen des faszinierenden Blickes hinüber zum Burgberg von Pinara, der Dauerrivalin um die Vorherrschaft im Tal des oberen Xanthos. Nach seiner Lage und seinem Wasserreichtum, seiner lykischen Felsnekropole und seinen kaiserzeitlichen Großbauten präsentiert sich Tlos bis heute als besonders prosperierende lykische Bergstadt.

Tlos – Erinnerung an den mythischen Helden Bellerophon
Lykien

Für die Geschichte von Tlos überliefern die antiken Quellen wenig, sodass man in erster Linie auf Bauten und Inschriften angewiesen ist. Der Fund eines Bronzebeils aus dem 2. Jt. v. Chr. lässt uns dort aber eine der ältesten Siedlungen Lykiens vermuten. Reliefgeschmückte Gräber, Inschriften und Münzen mit dem lykischen Namen Tlava bestätigen für das 4. Jh. v. Chr. eine erste Blüte der Stadt. Im 2. Jh. v. Chr. scheiterte der Versuch eines gewissen Eudemos von Xanthos, in Tlos eine Tyrannenherrschaft zu etablieren, dank der Hilfe anderer Mitglieder des Lykischen Bundes. Tlos selbst gehörte zu den sechs wichtigsten Städten dieses Bundes und hatte in der Bundesversammlung den Status einer Metropole mit drei Stimmen.

Weitere Nachrichten gibt es erst nach dem verheerenden Erdbeben des Jahres 141 n. Chr., als die Stadt dank des Mäzenatentums reicher Lykier wie Opramoas von Rhodiapolis und Licinius Langus von Oinoanda schnell wieder aufgebaut wurde und neue Prunkbauten erhielt. Nach der großen Stiftungsinschrift am Grabbau des Opramoas in Rhodiapolis war Tlos nach Myra die meistgeförderte Stadt. Damit versiegen die historischen Quellen, wenn wir einmal davon absehen, dass Bischöfe von Tlos an den Konzilen von Kalchedon (451 n. Chr.) und Nikaia (787 n. Chr.) teilgenommen haben. Im 19. Jh. schließlich errichtete ein Feudalherr namens Kanlı Ali („Blutiger Ali“) mit antiken Spolien, darunter einige Inschriften, auf der Akropolis eine Festung, von der er die Bauern der Umgebung einer Schreckensherrschaft unterwarf.

Ein Gang durch die Ruinen

Bei der Besichtigung von Tlos empfiehlt es sich, die Felsnekropole im Nordosthang des Akropolisfelsens zunächst rechts liegen zu lassen und direkt die Akropolis zu erklimmen (Abb. 13), von der man sich für den Rundgang durch das Stadtgebiet einen guten Überblick verschaffen kann. Von der Felsspitze über der osmanischen Burg breitet sich wie auf einem Reißbrett die antike Stadt aus. In der Senke zwischen Akropolis und dem kaiserzeitlichen Stadtzentrum liegt das Stadion mit mehreren Sitzreihen am Akropolishang, gegenüber erhebt sich ein langgestreckter Hallenbau, wohl eine Markthalle; dahinter schließen sich weitere Großbauten an: das Theater, zwei Thermen, eine Palästra, der Tempel des Kronos und eine Basilika sowie die Agora. Damit durfte sich Tlos einer großzügigen Ausstattung mit öffentlichen Bauten rühmen, der ein planerisches Konzept zugrunde liegt und die in Lykien nur mit Patara zu vergleichen ist.

Steigt man von der Akropolis hinunter und in den steilen Pfad zur Felsnekropole ein, so ist Vorsicht angeraten. Die Gräber zeigen ausgezeichnete Kampfdarstellungen und über vielen Eingängen kurze Grabinschriften in lykischer und griechischer Schrift. Gleich beim oberen Einstieg befindet sich eine Gruppe von Felsgräbern vom Typ der mit Rundhölzern flachgedeckten lykischen Häuser. Zwischen den kassettierten Grabfassaden erweckt ein seitlich des obersten Grabes angebrachtes Relief mit dramatischen Kampfszenen aus dem 5. Jh. v. Chr. besondere Aufmerksamkeit. Das Bildfeld ist in zwei Frieszonen unterteilt, in denen von rechts unten nach links oben zwei Krieger in fünf Phasen eines Zweikampfes dargestellt sind. Die Bildfolge führt von einem gleichwertig scheinenden Kampf zu einer zweiten Szene, in der sich die Niederlage des linken Kriegers bereits abzeichnet. Im dritten Bild ist dieser in einer Fluchtbewegung auf seine Knie gestürzt, während sein Gegner ihm den schützenden Schild entreißt. In den letzten Bildern halten die überlegenen Krieger den erbeuteten Schild als Zeichen ihres Sieges über die tot zu ihren Füßen liegenden Kontrahenten, aber es gibt einen Unterschied. Während der Sieger im vorletzten Bild den Schild noch hochführt, hat er im letzten bereits die triumphale Siegespose eingenommen. Diese Bildfolge zeigt einen antiken Comic mit tödlichem Ausgang, aber diese fünf Bilder zeigen nicht dasselbe, sondern jeweils ein anderes Kriegerpaar, was man an den unterschiedlichen Helmen deutlich erkennen kann.


Abb. 13 Tlos, lykische Felsnekropole und osmanische Burg.


Abb. 14 Tlos, Blick durch die Exedra der „Großen Thermen“ über das Tal des Xanthos.

Am Fuß der Felsnekropole liegt das „Bellerophongrab“, ein dynastisches Tempelgrab mit zwei Säulen in antis. Die Grabkammer hat drei Türen: rechts und links je einen Türdurchbruch, in der Mitte eine Blindtür mit der Nachahmung von Bronzebeschlägen. Bemerkenswert ist das Relief in der Vorhalle, das Bellerophon auf dem Flügelpferd Pegasos und mit einem Hund auf der Jagd nach einem Panther (oder Leoparden) zeigt, die Hand zum Stoß mit der wohl nur farbig gezeichneten Lanze erhoben. Wen die Abbildung eines Panthers in Lykien verwundert, der sei daran erinnert, dass M. Tullius Cicero während seiner kilikischen Statthalterschaft für Tierhetzen in Rom einige Panther in den lykischen Wäldern fangen ließ und diese Tiere dort bis in den Beginn des 20. Jhs. heimisch waren (vgl. S. 107).

Dieses Relief ist neben dem Relief von Trysa eine der wenigen Darstellungen des mythischen Helden Bellerophon in der Landschaft, in der er im Auftrag des in Xanthos residierenden Iobates seine Heldentaten vollbracht hat (u. a. die Vernichtung des Ungeheuers Chimaira) und in der sein Mythos gewissermaßen zu Hause ist. So schenkte Bellerophons Tochter Laodamneia dem Zeus einen Sohn, den göttergleichen Sarpedon, der ebenfalls in Xanthos herrschte und als troianischer Verbündeter von der Hand des Patroklos vor den Mauern von Troia den Tod fand. Von daher wird verständlich, dass die Herren von Tlos gleich den Dynasten von Xanthos und Trysa ihre Abstammung auf Bellerophon zurückführten.

Nach diesem etwas anstrengenden Abstecher in die Felsnekropole kommt man auf leichten Wegen in das kaiserzeitliche Stadtzentrum, dessen Straßen und Plätze, ja sogar die Innenräume der größeren Gebäude bis zum Beginn der Ausgrabungen im Jahre 2005 durch Archäologen der Akdeniz Universität in Antalya landwirtschaftlich genutzt wurden. Heute haben sie, von alten Bäumen und dichtem Dickicht befreit, leider etwas von ihrem naturbelassenen Charme verloren. Freigelegt wurden das Stadion, die Markthalle und die Orchestra des Theaters, die man von den verstürzten Blöcken des Bühnenhauses befreit hat. Heute stehen dort sauber aufgereiht große Quader mit Girlanden und Masken, Säulentrommeln und Kapitelle sowie Ehren- und Stiftungsinschriften. Aus einer Inschrift wird deutlich, dass nicht nur vermögende Sponsoren wie Opramoas von Rhodiapolis, der laut seiner Stiftungsinschrift 60.000 Denare „für den Bau des Theaters und die Exedra in den Thermen“ gespendet hat, zum Glanz dieses Bauwerkes beigetragen haben, sondern dass überhaupt die Spendenbereitschaft der Bürger recht groß war. Die genannten Summen reichen von bescheidenen 100 Denaren bis zu 3.000 Denaren, mit denen sich ein Dionysospriester in die Spendenliste eintrug.

Südlich vom Theater erreicht man vorbei an der Kirchenruine und dem Trümmerhaufen des Kronostempels über die erst teilweise ausgegrabene Agora, die nach den herzförmigen Ecksäulen etwa 80 × 80 m maß, die „Großen Thermen“. Dort bietet sich zum Abschluss der kleinen Wanderung durch Tlos noch einmal die Gelegenheit, durch eine großartige Apside mit sieben Arkadenfenstern – wohl die von Opramoas finanzierte Exedra der Thermen – den herrlichen Blick über das fruchtbare Tal des Xanthos zu genießen (Abb. 14).

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Literatur

Marksteiner, Lykien 56 – 61; Bruns-Özgan, Lykische Grabreliefs 158 – 160. 232 – 235; W. W. Wurster, Antike Siedlungen in Lykien, Arch. Anzeiger 91 (1976) 23 – 49.

06

Pinara liegt 2 km oberhalb von Minare Köyü, einem wohlhabenden Dorf mit ziegelgedeckten Häusern, in der faszinierenden Berglandschaft des Küstengebirges, die geprägt ist von schroffen Felsen und steilen Klüften. Das hat dazu geführt, dass diese sehenswerte Ruinenstätte, die noch im Einklang mit der Natur steht, nur durch schmale Pfade erschlossen ist und bisher keine Ausgrabung erlebt hat, eine der schönsten antiken Städte Lykiens ist.

Pinara – Felsgräber in schwindelerregender Höhe
Lykien

Der Historiker Menekrates von Xanthos berichtet, dass Pinara eine Gründung von Siedlern aus Xanthos sei, und in der Tat belegen Inschriften des frühen 4. Jhs. v. Chr. sehr enge Beziehungen zwischen beiden Städten. Im Jahre 334 v. Chr. gehörte die Stadt zusammen mit Xanthos und Patara zu den wichtigsten lykischen Eroberungen Alexanders des Großen, wobei Arrian besonders betont, dass die Stadt sich kampflos ergeben habe. In hellenistischer und römischer Zeit nicht so bedeutend wie die Rivalin Tlos zählte sie doch zu den sechs wichtigsten Städten des Lykischen Bundes mit dreifachem Stimmrecht. Aber schon in römischer Zeit gereichte der Stadt ihre abgelegene Lage mehr und mehr zum Nachteil für ihre wirtschaftliche Entwicklung; die weiter geschwundene Bedeutung in byzantinischer Zeit lässt sich an der Verkleinerung des Stadtgebietes ablesen. Im Mittelalter wurde Pinara durch ein Erdbeben vermutlich weitgehend zerstört und von seinen letzten Bewohnern verlassen, die in die Ebene zu ihren Feldern zogen.

Akropolis

Die steil aufragende Felswand des Burgberges, die von zahlreichen schlichten Felskammergräbern wabenartig durchlöchert ist, weist schon aus der Ferne den Weg nach Pinara (Abb. 15). Es ist eine atemberaubende Vorstellung, wie die Handwerker zum Ausschlagen dieser Grabkammern auf Arbeitsbühnen an Stricken vom Gipfelplateau herabgelassen wurden oder im unteren Teil, aber immer noch in schwindelerregender Höhe mit zusammengebundenen langen Leitern ihren Arbeitsplatz zu erreichen suchten. Plinius vermittelt davon einen realistischen Eindruck, denn der von ihm überlieferte Augenzeugenbericht bezeichnet die Steinmetzen als „Vogelmenschen“, die nach der erfolgten Beisetzung noch vorgefertigte Fassaden aus Holz oder Stein in die Graböffnungen einsetzten. Die abgerundete Form des Burgberges gab der Stadt vielleicht ihren Namen, denn pinara bedeutet auf lykisch „rund“. Das wasserlose Plateau dieses Felsens war wohl nie dauerhaft besiedelt, sondern hat zu allen Zeiten nur als Fluchtburg gedient.

Rundgang

Die Zufahrt nach Pinara endet bei der Quelle an einem Parkplatz, an dem der bekçi oder auch Jungen aus dem Dorf als Führer bereitstehen. Es empfiehlt sich unbedingt, die angebotene Hilfe anzunehmen, denn das antike Stadtgebiet, das sich auf die Terrasse und die Senke am Fuß der Oberburg erstreckt und durch den Unterburgfelsen geschützt wird, ist recht unübersichtlich und stellenweise stark überwuchert. Leicht kann man den richtigen Weg und somit das eine oder andere wichtige Monument verfehlen.

Beim Aufstieg trifft man als erstes auf das „Fürstengrab“, ein schönes Felsgrab mit einer ionischen Tempelfront, dessen Fassade in der Form einer offenen hölzernen Vorhalle gestaltet ist und an dessen Grabtür Nachbildungen von Nägeln und Bronzebeschlägen zu erkennen sind. Auf dem Architrav treibt ein Reiter mit drei Fußsoldaten eine Gruppe von Gefangenen vor sich her; im Giebel sehen wir den Grabherrn, der mit einer Buchrolle auf den Knien an einem Tisch sitzt. Offensichtlich legte der Verstorbene großen Wert darauf, nicht nur seine militärischen Tugenden, sondern auch seine hochstehende Bildung gebührend hervorzuheben. Von ganz besonderem Interesse sind auch die vier Reliefs an den Seitenwänden der Vorhalle, die in je zwei Feldern übereinander in einem bergigen Gelände verschiedene lykische Stadtansichten mit zinnenbewehrten Mauern und Türmen, Häusern mit Kassettenfronten und Sarkophagen abbilden, die innerhalb der Stadtmauer stehen. Der strenge architektonische Charakter dieser Stadtbilder wird durch einzelne Figuren aufgelockert, so durch einen Torwächter und einen Mann im Gespräch mit zwei Knaben.


Abb. 15 Pinara, Akropolisfelsen mit Felsgräbern.

Wie weitere Stadtansichten aus Telmessos, Tlos, Xanthos, Trysa und Limyra zeigen, waren solche Stadtreliefs ein beliebtes Motiv in der lykischen Kunst. Allerdings lässt sich nicht klären, ob es sich um eine oder mehrere Städte aus dem Herrschaftsbereich des hier bestatteten Fürsten handelt. Oder sind diese Bilder freie künstlerische Darstellungen, mit denen die lykischen Dynasten ihre Gräber ausschmückten? In diesem Zusammenhang ist ein Gedanke von Christine Bruns-Özgan interessant, die einen Zusammenhang zwischen den Stadtbildern in der Vorhalle und der Fortführung der Gefangenen auf dem Architrav sieht. Danach könnte es sich um die Eroberung einer Stadt und die Gefangennahme ihrer Verteidiger handeln, ein Kontext, der auf den Reliefs vom Nereidenmonument in Xanthos gesichert ist.

Weiter nördlich trifft man auf eine Grabhausfassade, die mit ihrem spitzen Giebel an die Schmalseite der Sarkophage in Antiphellos und Limyra erinnert. Auffällig ist der Firstabschluss in Gestalt eines Stierkopfes mit Ohren und Hörnern, der in ähnlicher Form bisher nur in Kyaneai und Tyberissos belegt ist. Hinter diesem Grab eröffnet eine Treppe den Zugang zum Stadtgebiet und zur Unterburg, ein dicht bewaldetes Areal, in dem die Struktur einzelner Gebäude im wilden Gewirr von Quadersteinen und Säulentrommeln nur schwer zu erkennen ist. Im Süden trifft man auf das lykische Stadttor, das Odeion, die Agora und zahlreiche Hausruinen, im Norden auf die Reste eines kaiserzeitlichen Tempels mit phallischen Motiven auf der Türschwelle, der ganz offensichtlich von einer sehr dichten Wohnbebauung umgeben war.

Gut 50 m weiter erreicht man die nördliche Stadtmauer, vor der eine weitere Nekropole liegt, in der einige freistehende Sarkophage mit Spitzbogengiebeln besondere Aufmerksamkeit verdienen. Zugleich hat man zum Abschluss der etwas mühevollen Wanderung durch Pinara über das griechische Theater hinweg, das gut 150 m Luftlinie entfernt in den Westhang eines kleinen Hügels eingebettet ist, einen weiten Blick in das Tal des Xanthos, das im Osten vom in seinen Spitzen kahlen Bergmassiv des Kragos begrenzt wird. Der heutige Name Ak Dağlar („Weiße Berge“) verdeutlicht, welchen Eindruck diese Bergkette macht, die im Sommer von der Sonne gebleicht, im Winter von Schnee bedeckt daliegt.

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Literatur

Bruns-Özgan, Lykische Grabreliefs 109 – 113. 215 – 222; W. W. Wurster/​M. Wörrle, Die Stadt Pinara, Arch. Anzeiger 93 (1978) 74 – 101.

07

Beim Besuch von Xanthos fährt man – parallel zur gepflasterten antiken Straße – mitten hinein in das antike Stadtzentrum um die Agora und das Theater, zwei kaiserzeitliche Anlagen, die von eindrucksvollen lykischen Pfeilergräbern aus dem 5. Jh. v. Chr. überragt werden. Die Einzigartigkeit dieser Monumente selbstbewusster Dynasten führte im Jahre 1988 die Stadt Xanthos zusammen mit dem benachbarten lykischen Nationalheiligtum im Letoon auf die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO.

Xanthos – Pfeilergräber als Herrschaftssymbole
Lykien
Geschichte

Die Geschichte von Xanthos ist von Zeiten großer politischer und kultureller Blüte ebenso geprägt wie von verheerenden Katastrophen. In der „Ilias“ führte Sarpedon seine Krieger vom Fluss Xanthos nach Troia. Die Stadt selbst trat mit einer Katastrophe in die Geschichte ein. Als im Jahre 545 v. Chr. der persische Feldherr Harpagos gegen die Lykier zog, verschanzten diese sich in dieser Stadt. Da ihnen ihre Freiheitsliebe eine Kapitulation verbot, kam es zu einer von Herodot überlieferten Tragödie: „In ihrer Stadt eingeschlossen, versammelten sie ihre Frauen, ihre Kinder, ihre Habe und ihre Sklaven auf der Burg und zündeten diese an, sodass sie vollständig niederbrannte. Danach schworen sie sich furchtbare Eide, machten einen Ausfall und fielen alle im Kampf. Von den heutigen Lykiern aber, die Xanthier zu sein behaupten, sind die meisten außer achtzig Familien Zugewanderte; diese Familien waren damals nicht in der Stadt und blieben so am Leben.“ Zusammen mit Neusiedlern erweckten diese achtzig Familien ihre Heimatstadt zu neuem Leben, wie der Fürstenpalast auf der lykischen Akropolis und die angrenzende Nekropole mit dem Harpyienmonument bezeugen.

Mitte des 5. Jhs. v. Chr. entwickelte sich eine Abhängigkeit von Athen, der Vormacht des Delisch-Attischen Seebundes, doch als 429 v. Chr. eine athenische Flotte unter Melesandros höhere Steuern von den Xanthiern forderte, setzten diese sich unter ihrem Fürsten Kherẽi erfolgreich zur Wehr. Melesandros fiel im Kampf, Kherẽi verherrlichte seinen Sieg auf dem Inschriftenpfeiler in Xanthos. Weitere großartige Denkmäler, in denen lykische, griechische und persische Elemente eine Synthese eingingen, gaben der Stadt ein glanzvolles Gepräge. Von diesen zählen die Sarkophage des Payava und des Offiziers Merehi sowie das einzigartige Nereidenmonument zu den klassischen Denkmälern Lykiens. Ihre Reliefs und Friese schildern die Heldentaten lykischer Dynasten, wie sie uns auch in den Heroa von Trysa und Limyra begegnen. In dieser Zeit des Nationalstolzes entstand auch die „Lykische Geschichte“ des Menekrates von Xanthos, von der leider nur Fragmente erhalten sind, die sich auf die Mythologie beziehen.

In hellenistischer Zeit erlebte Xanthos wie alle lykischen Städte wechselnde Herrschaften, bis sich ein freundschaftliches Verhältnis zu Rom entwickelte. Insbesondere die Treue zu Rom im 1. Mithradatischen Krieg belohnte die Weltmacht am Tiber mit vorteilhaften Privilegien, die Xanthos zu Wohlstand verhalfen. Doch gerade dieser Wohlstand beschwor in den römischen Bürgerkriegen eine neue Tragödie herauf. Im Jahre 42 v. Chr. suchte Brutus in Lykien Geld für den Kampf gegen Oktavian und Antonius zu requirieren und belagerte Xanthos, das auf keine Hilfe hoffen konnte. Appian beschreibt die Ereignisse als Wiederholung der Katastrophe von 545 v. Chr. Vor den Augen der Belagerer müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben, die selbst Brutus – wohl mit Blick auf sein Ansehen in der griechischen Welt – zu „Mitleid“ rührten; eine von ihm ausgesetzte Belohnung für jeden geretteten Xanthier soll zur Rettung von 150 Personen geführt haben.


Abb. 16 Xanthos, lykische Pfeilergräber. Harpyienmonument und Pfeilersarkophag.

Diese Tragödie fand großen Widerhall in der antiken Welt. Marcus Antonius kümmerte sich persönlich um den Wiederaufbau von Xanthos, ihm folgten mehrere Kaiser bis zu Vespasian, dem die Xanthier zum Dank einen Ehrenbogen errichteten. Auch Inschriften des 2. Jhs. n. Chr. berichten von einer kaiserlichen Förderung der Stadt, die mit der Agora und dem Theater ein neues Zentrum erhielt und über Jahrhunderte die Segnungen der pax Romana genießen konnte. Erst in byzantinischer Zeit wurden die Verhältnisse wieder unsicher und als im 7. Jh. der Druck der Araber bei gleichzeitiger Verlandung des Hafens zu groß wurde, verließen die Xanthier ihre Stadt, die bald nur noch ein unbedeutendes Dorf war.

Entdeckung und Erforschung

Im Jahre 1838 wurde Xanthos von Charles Fellows entdeckt, der mit Erlaubnis der Hohen Pforte mehrere Denkmäler nach London bringen ließ, darunter die prachtvollen Sarkophage des Payava und des Merehi, die Reliefs vom Harpyienmonument und vom „Löwengrab“ sowie Reliefs, Skulpturen und Architekturglieder vom Nereidenmonument. Diese sind im Lykischen Saal des Britischen Museums ausgestellt, in dem dank der seit 1950 laufenden französischen Ausgrabungen in Xanthos sogar die Fassade vom Nereidenmonument rekonstruiert werden konnte. Darüber hinaus haben die französischen Archäologen großflächig das Stadtzentrum (Lykische Akropolis, Theater und römische Agora) und die zur Ostagora führende Kolonnadenstraße ausgegraben sowie mehrere Monumente wie den „Sarkophag der Tänzerinnen“ wieder aufgestellt.

Das Nereidenmonument

Oberhalb vom Vespasiansbogen erhob sich einst das Nereidenmonument – ein peripteraler Tempel ionischer Ordnung mit je vier Säulen auf den Schmalseiten und je sechs Säulen auf den Langseiten. Zwischen den Säulen stehen in tanzender Bewegung die Nereiden, die Töchter des Meeresgottes Nereus, die von Vögeln, Fischen und Schildkröten über das Meer getragen als Seelenbegleiterinnen zu verstehen sein dürften. Reliefs auf dem Architrav sind der beim lykischen Adel beliebten Bärenjagd gewidmet; im Westgiebel erkennt man Kampfszenen zwischen einem Reiter und einem Hopliten, im Ostgiebel den Herrscher im Kreise seiner Familie.

Die beiden Friese auf den oberen Steinlagen des Sockels zeigen unterschiedliche Motive. Der größere untere Fries reiht in einem heroischen Stil, der vom Parthenonfries inspiriert ist, Kampfszenen von Griechen und Persern aneinander. Der kleinere obere Fries zeigt ein historisches Ereignis aus dem Leben des hier bestatteten Herrschers. Lebendige realistische Bilder schildern die Belagerung und Eroberung einer lykischen Stadt mit zinnenbewehrten Mauern, Häusern und Denkmälern. Das Nereidenmonument ist offensichtlich mit Hilfe griechischer Architekten und Bildhauer entstanden, die nach dem Peloponnesischen Krieg (431 – 404 v. Chr.) in Kleinasien ein neues Betätigungsfeld suchten. Als Bauherr kommt in erster Linie der xanthische Dynast Arbinas, Sohn des Kherẽi, in Betracht, der ein begeisterter Anhänger der griechischen Kunst und Kultur war.

Monumente im Stadtzentrum

Im freigelegten Herzen von Xanthos sieht man die Folgen der beiden großen Katastrophen. Auf dem höchsten Punkt liegt die zerstörte, aber immer noch stark ummauerte lykische Akropolis mit den Grundmauern des Dynastenpalastes. Nördlich schließt sich die aristokratische Nekropole an, in die hinein in der römischen Kaiserzeit mit dem Theater und der Agora das neue Stadtzentrum gelegt wurde. Ob dafür Grabmonumente beseitigt wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. Eine Inschrift lässt darauf schließen, dass zumindest einige Grabbauten versetzt worden sind, während zwei besonders eindrucksvolle Grabmonumente westlich oberhalb des Theaters stehen bleiben konnten – das Harpyienmonument und der Pfeilersarkophag (Abb. 16).

Das nördliche Grabmal ist das um 480 v. Chr. errichtete Harpyienmonument – ein 5 m hoher Monolithpfeiler, der eine von Reliefplatten verkleidete Grabkammer aus Marmor trägt. Da die Originalreliefs sich in London befinden, hat die Türkische Antikenverwaltung im Jahre 1975 Abgüsse anbringen lassen, um dem Monument seine ursprüngliche Ausstrahlung zurückzugeben. Die Reliefs zeigen Szenen aus dem Leben des Grabherrn: Auf der Ostseite eine Audienz beim persischen Großkönig, dem er ein wertvolles Geschenk überreichen lässt, und auf der Nordseite die Einsetzung in ein militärisches Amt im persischen Heer. Zwei weitere Reliefs scheinen den Übergang des Grabherrn in das Totenreich darzustellen: Auf der Westseite bitten Chariten und Horen vor Demeter und Persephone für die Seele des Verstorbenen, auf der Südseite tritt der heroisierte Fürst vor Göttervater Zeus. Auf der Nord- und Südseite werden die Bilder von weiblichen Fabelwesen mit dem Kopf eines Mädchens und dem Körper eines Vogels eingerahmt, die Ch. Fellows als Harpyien deutete und so dem Monument den Namen gab. Nachvollziehbar wäre, dass es sich um sirenenähnliche Wesen handelt, die nach der lykischen Jenseitsvorstellung die Seelen der Verstorbenen in Gestalt kleiner Kinder in das Lichtreich, nach der griechischen Gedankenwelt über das Meer zu den Inseln der Seligen geleiten.

Direkt neben dem Harpyienmonument steht ein einzigartiger Pfeilersarkophag, dessen Pfeiler nicht aus einem Block, sondern aus vier Orthostatenplatten besteht, die eine untere Grabkammer einfassen. Dieses Grab datiert zwar erst in das 4. Jh. v. Chr., doch haben die Ausgräber festgestellt, dass die Reliefplatte eines Pfeilergrabes von 530/​520 v. Chr. in sekundärer Verwendung eingebaut worden ist. Diese zeigt eine Szene aus den zu Ehren eines verstorbenen Kriegers veranstalteten Leichenspielen – zwei Ringer zwischen Musikanten mit Leier und Doppelflöte (Arch. Museum Istanbul). Über dem Pfeiler ruht auf einer mächtigen Deckplatte ein Sarkophag in Form eines Holzhauses mit Giebeldach.


Abb. 17 Xanthos, Inschriftenpfeiler. Detail der lykischen Inschrift.

In der Nordostecke der römischen Agora steht noch ein außergewöhnliches Grabmonument – der stark zerstörte Inschriftenpfeiler, der Grabkammer und Statue des Fürsten Kherẽi trug. Auf allen vier Seiten ist die längste bekannte lykische Inschrift eingeschlagen (Abb. 17), die auf der Nordseite durch ein zwölfzeiliges griechisches Epigramm ergänzt wird, das in lyrischer Form die Heldentaten des Kherẽi zusammenfasst. Der lykische Text ist in zwei Dialekten verfasst: 138 Zeilen im relativ häufigen und weitgehend verständlichen „Lykisch A“ und 106 Zeilen im poetischen und recht seltenen „Lykisch B“. Letzteres gibt uns noch viele Rätsel auf und begegnet auch in der Grabinschrift auf dem Hyposorion-Sarkophag in Antiphellos. So geleiten zunächst nur die bekannten Eigennamen durch den Text: Dareios, Artaxerxes, Melesandros/​Milasañtra und natürlich der Kriegsheld Kherẽi, Sohn des Harpagos, dessen Porträt wir von Münzen aus Xanthos und Tlos kennen.

Wesentliche Einzelheiten können wir aber dem griechischen Epigramm entnehmen, das berichtet, dieses Denkmal „sei zur Erinnerung an Eroberung und Krieg“ errichtet worden und in seiner Art einzigartig: „Seitdem Europa von Asien durch das Meer getrennt wird, hat kein Lykier eine solche Stele aufgestellt“. Dann werden die Taten des Kherẽi besungen, der als meisterhafter Ringer und Eroberer vieler Städte bezeichnet wird; auch soll er an einem Tag sieben arkadische Hopliten besiegt haben. Diese Aussage korrespondiert mit den Reliefs der Grabkammer, von denen Fragmente entdeckt worden sind (Arch. Museum Istanbul). Wie im Epigramm geschildert, eilt der in übermenschlicher Größe und in griechischer Rüstung abgebildete Kherẽi über einen Gefallenen hinweg und besiegt an einem Tag sieben schwerbewaffnete Feinde. Dieses wird durch sechs Schilde verdeutlicht, die als Beutestücke bereits über ihm hängen, während er mit triumphaler Geste nach dem Schild eines weiteren dahin sinkenden Gegners greift. Ohne Frage hat Kherẽi mit diesem 11 m hohen Grab- und Siegesdenkmal ein einzigartiges Monument geschaffen, das in einer langen Tradition steht, in die sich auch die Säule des Kaisers Traian in Rom einreiht.

Weitere Grabmonumente

Stehen die interessantesten Monumente im Stadtzentrum, so lohnt sich doch auch ein Spaziergang auf der gepflasterten Kolonnadenstraße, die zur Ostagora und zur byzantinischen Basilika führt. Am Ende der Straße folgt man einem durch das Gebüsch führenden Fußweg und steht wenig später vor dem 1992 wieder aufgerichteten „Sarkophag der Tänzerinnen“, der seinen Namen nach der Abbildung zweier Tänzerinnen in den Giebelfeldern des Sarkophagdeckels erhalten hat. Auf dessen Wölbungen sind oberhalb der löwenköpfigen Bossen eine Eberjagd und ein Zweikampf mit Schildraubszene dargestellt.

Folgt man der Stadtmauer im ansteigenden Gelände, so erreicht man das Löwengrab. Dieses älteste Grabmal in Xanthos aus der 2. Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. ist umgestürzt, der mächtige Pfeiler liegt unter Sträuchern verborgen. Die Reliefs der Grabkammer – ein Löwe im Angriff auf einen Stier und eine Löwin mit ihren Jungen – befinden sich im Britischen Museum. Weiter oberhalb erkennt man eine Gruppe schöner Felsgräber in Hausform, die von einem schlichten Grabpfeiler überragt wird. Ganz in dessen Nähe stand auf einem Sockel der prächtige Payava-Sarkophag aus der Mitte des 4. Jhs. v. Chr., der ebenfalls im Britischen Museum zu besichtigen ist. Vor Ort gibt eine Informationstafel eine Vorstellung von den großartigen Reliefs, die Szenen aus dem Leben des Payava zum Thema haben: Auf dem Sockel Payava als junger Athlet, als gerüsteter Krieger, als Reiter im Kampfgetümmel und mit lykischen Adeligen in einer Audienz beim persischen Satrapen Autophradates in Sardeis – auf beiden Seiten des gewölbten Giebels Payava, der seinen Streitwagen besteigt, dessen Pferde nur mühsam vom Wagenlenker zurückgehalten werden können, und auf dem Firstbalken die vom lykischen Adel sehr geschätzten Jagdszenen.

Vom Löwengrab aus bietet sich die Möglichkeit, zum Abschluss des Rundgangs durch eine Bresche in der Stadtmauer in die Ostnekropole zu gelangen und weitere Grabmäler aufzuspüren, wie ein Grab mit dem Relief von zwei Löwen, die einen Stier reißen. Zugleich gewinnt man einen guten Eindruck von der Monumentalität der Stadtmauer und sieht, welche enormen Anstrengungen und Kosten die Xanthier über Jahrhunderte in ihre Sicherheit investiert haben.

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Literatur

Marksteiner, Lykien 62 – 79; J. des Courtils, The Guide to Xanthos and Letoon (2003); Bruns-Özgan, Lykische Grabreliefs 18 – 56.

08

Die Göttin Leto und ihre Kinder Apollon und Artemis können als Nationalgottheiten der Lykier bezeichnet werden. Alle gemeinsamen kultischen und kulturellen Veranstaltungen des Lykischen Bundes fanden über Jahrhunderte im Letoon statt, das über eine Prozessionsstraße (via sacra) mit Xanthos verbunden war.

Letoon – Ein Heiligtum für Leto, Apollon und Artemis
Lykien

Im Letoon finden seit 1962 Grabungen des französischen Teams aus Xanthos statt, die unter Einsatz von Pumpen auch unterhalb des Grundwasserspiegels durchgeführt worden sind. Die Gründung dieses Heiligtums geht auf den Mythos der Leto zurück, die als Geliebte des Zeus diesem auf der Insel Delos die göttlichen Zwillinge Apollon und Artemis geboren hatte und seither vom Zorn der Hera verfolgt wurde. Auf ihrer Flucht kam sie nach Lykien und wollte mit ihren erschöpften Kindern aus der Quelle trinken, an der später das Heiligtum entstand (Abb. 18). Eine wundervolle Ausschmückung dieser Episode findet sich in den „Metamorphosen“ des augusteischen Dichters Ovid, nach der die Göttin lykische Bauern, die ihr den Zugang zu Quelle verwehrten, zur Strafe in quakende Frösche verwandelt hat. Grandios wie Ovid ihr Quaken lautmalerisch in seine Verse eingebaut hat, und wer am frühen Abend das Letoon besucht, der kann hören, dass dort immer noch die Nachfahren dieser Frösche leben.

Das Heiligtum

Im Herzen des Heiligtums standen an der Quelle drei hellenistische Tempel unterschiedlicher Größe für Leto, Apollon und Artemis, von denen der Tempel der Leto, von dem etwa 85 Prozent des Baumaterials erhalten sind, seit 2012 restauriert wird. Den Fußboden der Cella des Apollontempels schmückt ein schönes Mosaik, das in großer Farbenpracht Bogen und Köcher der Artemis sowie die Leier des Apollon zeigt. Unmittelbar südwestlich schließt sich ein hellenistisches Nymphaion an, das von der Quelle gespeist wurde und auch heute unter Wasser steht. Nördlich stehen die Grundmauern und Säulenbasen einer hellenistischen Stoa ebenfalls im Wasser. Dort konnten mehrere griechische Inschriften freigelegt werden, darunter eine Ehrung für Alexander den Großen, der 334 v. Chr. nach der siegreichen Schlacht am Granikos den Göttern des Letoons einen Besuch abstattete.

Von der Stoa kommt man mit wenigen Schritten zum Theater mit einem sehenswerten dorischen Fries über dem nordöstlichen Eingang. In den Metopen sind Theatermasken ausgearbeitet, unter denen man Dionysos, einen Silen, einen Satyr und eine komische Alte erkennt. Für kultische Festspiele fehlt nur noch ein Stadion, das zwar inschriftlich belegt ist, aber in den umliegenden Feldern bisher nicht lokalisiert werden konnte.

Die Trilingue

Eine bedeutende Entdeckung gelang dem Archäologen Henri Metzger im Sommer 1973 am Hang oberhalb des Apollontempels mit einer dreiseitig beschrifteten Inschriftstele. Diese überliefert ein Dekret, das Pixodares, Satrap von „Karien und Lykien“ sowie Bruder des Maussolos, im ersten Jahr der Herrschaft des Großkönigs Artaxerxes III. (358 v. Chr.) in Xanthos erlassen hat. Darin wird die Einführung eines Kultes für den karischen Gott Basileos Kaunios angeordnet. Detaillierte Bestimmungen regeln Einzelheiten von der Finanzierung des Heiligtums, seiner Priesterschaft und den Opfergaben bis zur Zahl der Festtage. Zuletzt wird der Zorn der Götter auf diejenigen herab beschworen, die diesen Verfügungen zuwiderhandeln; als Zeugen werden Leto, Apollon und Artemis angerufen. Bei dieser Inschrift handelt es sich um eine Trilingue, ihr Text ist also in drei Sprachen abgefasst: Aramäisch, die Hof- und Diplomatensprache der Perserkönige, Griechisch und Lykisch. Deshalb sollte diese Inschrift, die sich heute im Museum von Fethiye befindet, zusammen mit der griechisch-lykischen Bilingue auf dem großen Inschriftenpfeiler des Kherẽi von Xanthos zum entscheidenden Schlüssel für die weitere Erforschung der lykischen Sprache werden.


Abb. 18 Letoon, Tempel der Leto an der heiligen Quelle.

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Literatur

Marksteiner, Lykien 80 – 90; J. des Courtils, The Guide to Xanthos and Letoon (2003).

09

An einem wunderbaren Sandstrand gelegen, in Teilen von Sanddünen überwandert und mit Gebüsch bestanden, so zeigten sich bis Ende der 80er Jahre die Ruinen von Patara in einem reizvoll unberührten Zustand. Erst die 1988 angelaufenen Ausgrabungen unter Fahri Işık und Havva Işkan (Akdeniz Universität Antalya) haben für das Stadtzentrum die antiken Strukturen erschlossen sowie wichtige Gebäude und Monumente freigelegt. Dennoch kann bis heute jeder im antiken Stadtgebiet seine eigenen Entdeckungen machen.

Patara – Hauptstadt des Lykischen Bundes
Lykien

Die Gründung von Patara wird im Mythos auf Pataros, Sohn des Apollon und der Nymphe Lykia zurückgeführt. Die erhaltenen Ruinen machen weitgehend einen griechisch-römischen Eindruck, das lykische Erbe beschränkt sich im Wesentlichen auf frühe Münzen mit dem Namen Pttara und einige Sarkophage. In der griechischen Welt genoss Patara hohes Ansehen wegen des Orakels des Apollon in seinen Mauern, das mit dem berühmten Orakel von Delphi konkurrierte. Mit dem Orakel von Delos bestand sogar eine Arbeitsteilung, denn das Orakel von Patara „arbeitete“ nur im Winter, da sich Apollon im Sommer auf Delos aufhielt. Als Folge der römischen Bürgerkriege, in denen Brutus auch Patara ausplünderte, machte das Orakel einen Niedergang durch, erlebte aber in der Mitte des 2. Jhs. n. Chr. einen neuen Aufschwung. Die Inschrift des Opramoas von Rhodiapolis überliefert eine Stiftung von 20.000 Denaren „für Apollon, den Gott der Vorfahren, dessen Orakel nach längerem Schweigen wieder Weissagungen verkündet“.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Patara längst Xanthos überflügelt, denn da seit 43 n. Chr. der römische Statthalter in Patara residierte, verlegte der Lykische Bund die Bundesversammlung und das Bundesarchiv ebenfalls dorthin. Einen weiteren Aufschwung verbuchte Patara 131 n. Chr. mit dem Besuch von Kaiser Hadrian und seiner Frau Sabina, als Hadrian den Bau eines Granariums anordnete, sodass Patara eine wichtige Rolle in der Getreideversorgung Roms übernahm. Für die christliche Welt wurde die Stadt, in deren Hafen der Apostel Paulus auf dem Weg von Ephesos nach Tyros das Schiff gewechselt hatte, als Geburtsort des hl. Nikolaos interessant, des späteren Bischofs von Myra.

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22 December 2023
Volume:
320 p. 84 illustrations
ISBN:
9783943904871
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