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JONATHAN VAUGHTERS

mit JEREMY WHITTLE

ONE-WAY

TICKET

Neun Leben auf zwei Rädern

Jonathan Vaughters, geboren 1973, begann seine Radsportkarriere als Teenager in Denver/Colorado und fuhr später an der Seite von Lance Armstrong für das berühmt-berüchtigte Team US Postal. Als Reaktion auf die Dopingskandale, die seinem Sport beinahe den Garaus machten, gründete er nach der aktiven Karriere das, was heute das WorldTour-Team EF Education First ist.

Co-Autor Jeremy Whittle, viele Jahre lang Radsportkorrespondent von The Times, inzwischen Autor des Guardian, hat bereits zahlreiche gefeierte Bücher über den Radsport verfasst, darunter zwei Titel, die für den William Hill Sports Book of the Year Award nominiert waren: »Bad Blood: the Secret Life of the Tour de France« und – als Co-Autor – die Autobiografie von David Millar, die 2012 in deutscher Übersetzung im Covadonga Verlag erschienen ist.

JONATHAN VAUGHTERS

mit JEREMY WHITTLE

ONE-WAY

TICKET

Neun Leben auf zwei Rädern

Aus dem Englischen von Olaf Bentkämper und Rainer Sprehe


Die Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel »One Way Ticket. Nine Lives on Two Wheels« bei Quercus Editions Ltd, London, einem Imprint von Hachette UK.

© Jonathan Vaughters 2019

Gemäß UK Copyright, Designs and Patents Act 1988

ist Jonathan Vaughters der Urheber dieses Werkes.

Jonathan Vaughters (mit Jeremy Whittle):

One-Way Ticket. Neun Leben auf zwei Rädern.

Aus dem Englischen von Olaf Bentkämper und Rainer Sprehe

© der deutschsprachigen Ausgabe: Covadonga Verlag 2020

Covadonga Verlag, Spindelstr. 58, D-33604 Bielefeld

ISBN (Print): 978-3-95726-044-4

ISBN (E-Book): 978-3-95726-049-9

Diese Ausgabe erscheint auf Vermittlung von David Luxton Associates Ltd, London.

E-Book-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmund, www.readbox.net

Coverfotos: Lionel Hahn/Presse Sports/Witters GmbH (oben); Foto Roth&Roth (unten)

Es wurde jede Anstrengung unternommen, die Inhaber aller Bildrechte ausfindig zu machen; sollte dennoch unbeabsichtigt eine Nennung fehlen oder fehlerhaft sein, bitten wir die betreffenden Personen, Kontakt mit uns aufzunehmen, sodass die Angaben in folgenden Ausgaben oder Druckauflagen ergänzt werden können.

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Covadonga ist der Verlag für Radsportliteratur.

Besuchen Sie uns im Internet: www.covadonga.de

Gewidmet dem Gedenken an Dr. Dean H. Mosher

Obwohl ich Dr. Dean H. Mosher in diesem Buch an keiner Stelle erwähne, war – und ist – er einer der einflussreichsten Menschen in meinem Leben. Er war mein Großvater, mein allererster Mentor und der Mann, der mich lehrte, wieder aufzustehen, wenn mich das Leben niederwarf.

Dean wuchs als Sohn eines Landarztes in einer bäuerlichen Mennoniten-Familie in der Kornkammer Amerikas auf. Von den amerikanischen Ureinwohnern, die in der Nähe der Familienfarm lebten, lernte er das Jagen und das Fischen und wie man Eichhörnchen kochte. In jungen Jahren war er ein Tunichtgut, der auch mal an der örtlichen Highschool das Vieh laufen ließ, und zudem ein notorisch schlechter Schüler, und so glaubte sein Vater, Dean würde am Leben scheitern und gewiss eines Tages auf der Straße landen.

Doch mein Großvater hatte andere Pläne. Er erarbeitete sich seinen Weg an die Uni und beendete schließlich sein Studium der Zahnmedizin als Jahrgangsbester. Er kehrte zurück in seine Heimatstadt, um die Farm zu führen, die noch heute im Familienbesitz ist, und während einiger der schwierigsten Jahrzehnte, die Amerika im 20. Jahrhundert durchgemacht hat, als Zahnarzt zu praktizieren.

Meine Erinnerungen an Großvater stammen ausschließlich aus meiner Kindheit, denn er verstarb, bevor meine Radsportkarriere richtig anfing. Er ließ es sich nicht nehmen, mich das Jagen und Fischen zu lehren und mir zu zeigen, wie man sich mit dem durchschlug, was einem die Natur bietet. Er schaute stolz zu, als ich mit einem Fang von nicht weniger als sechs Katzenwelsen in Mendota, Illinois, das dortige Angelderby anlässlich des Unabhängigkeitstages gewann.

Allerdings war nicht jede Lektion und Erinnerung, die ich mit Opa verbinde, so idyllisch und schön…

Während wir im hohen Norden von Kanada fischen waren, trieb ich mir einmal einen recht großen Drillingshaken in die Hand. Der Widerhaken saß tief im Fleisch und wollte nicht herauskommen. Wir waren Hunderte von Meilen vom nächsten Krankenhaus entfernt. Als ich ihn daher die berüchtigten Worte »Lass mal sehen« sagen hörte, die er sonst benutzte, wenn er Zähne zog, wusste ich, was die Stunde geschlagen hatte. Er hielt meine Hand fest und rammte mit einer Zange den Haken durch die Hand, sodass er auf der anderen Seite hervorkam. Dann kappte er den blutigen Widerhaken und zog den restlichen Haken heraus. Die Schmerzen waren für ein Kind absolut fürchterlich. Doch dank seiner Entschlossenheit und Handlungsschnelle hatte er das Problem im Nu gelöst. Und ich konnte den Rest des Nachmittags angeln, wenn auch mit einem Verband um die Hand.

Die Lektion, die er mir erteilte, war einfach: Manchmal treibt dir das Leben einen Widerhaken in die Hand, der nicht so leicht wieder rauskommt. Dann hast du die Wahl: Entweder wirst du fertig mit dem Schmerz, drückst den Haken zur anderen Seite raus und machst weiter – oder du vergeudest eine Woche deines Lebens damit, dich ins Krankenhaus zu begeben und die gleiche Behandlung über dich ergehen zu lassen.

Das war die Lektion, die mich in die Lage versetzte, viele schwierige Momente zu überstehen. Manchmal muss man einfach, ganz gleich, wie weh es auch tut, die Zähne zusammenbeißen und den Widerhaken durchrammen.

Ich danke dir, Opa. Ich liebe dich bis zum heutigen Tag.

Inhalt

Anmerkung des Autors

Prolog

Teil 1: 1986-1988

Kapitel 1 Allerletzter

Kapitel 2 Flucht nach vorn in Buckeye

Kapitel 3 Der orange Volvo Kombi

— Moab

Teil 2: 1989–1995

Kapitel 4 Die goldene Generation

Kapitel 5 Das große Abenteuer

Kapitel 6 Herzenssachen

— Böses Erwachen

Teil 3: 1996

Kapitel 7 Das Ende der Unschuld

Kapitel 8 Begrabt mein Rad in Burgos

Kapitel 9 »Viva la Quimica!«

— Goodfellas

Teil 4: 1997–2000

Kapitel 10 Hallo, Edgar

Kapitel 11 Ab die Post

Kapitel 12 Puppentheater

— Passage du Gois

Teil 5: 2001-2006

Kapitel 13 Süchtig

— Der Stich

Kapitel 14 Ins Dunkel

Kapitel 15 Doug und der Deal

— Wahltag

Teil 6: 2009–2012

Kapitel 16 Der Kampf um Brad

Kapitel 17 Das Richtige tun

— Game Over

Teil 7: 2010–2019

Kapitel 18 Fusionen und Übernahmen

— Roubaix

Kapitel 19 Durchhalten

— Educating JV

Kapitel 20 Trennung

Epilog

Danksagung

Anmerkung des Autors

Ich begann mit dem Radsport in vollkommener Unkenntnis der Tatsache, dass dieser Sport, bereits seit seinen Anfangstagen, von Betrügereien in vielerlei Form befleckt war. Als ich mich aus dem aktiven Rennsport zurückzog, wusste ich alles darüber. Es ist schwierig, den genauen Zeitpunkt festzumachen, an dem meine Unschuld zerbrach, denn es war eher eine Erkenntnis, die sich schleichend vollzog, als dass es einen bestimmten Moment gegeben hätte, in dem mir plötzlich alles klar wurde. Ich schätze, dass Gleiche gilt für jeden, der in den 1990er und frühen 2000er Jahren mit dem Radsport zu tun hatte. Es wurden genug Fahrer bei Dopingkontrollen erwischt und es waren genug Fahrer geständig – niemand konnte mehr leugnen, dass dieser Sport etliche Jahre lang auf verschiedene Weise vollkommen von Doping infiziert war. Das soll nicht heißen, dass damals jeder dopte und jeder davon wusste, und nichts in diesem Buch sollte als Schuldzuweisung an irgendjemanden verstanden werden, der nicht bereits des Gebrauchs unerlaubter Substanzen überführt wurde oder diesen eingestanden hat.

Ich möchte es bei einer Anmerkung belassen: Wenn man bedenkt, wie verbreitet Doping damals war, sollte eigentlich jeder, der sich seinerzeit ohne zu dopen in diesem Sport behauptete, als ehrenwerte und außergewöhnliche Persönlichkeit angesehen werden. Stattdessen steht heute leider jeder, der in der damaligen Zeit im professionellen Straßenradsport aktiv war, unter Generalverdacht. Einer der Gründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe, ist, mich zu der Rolle zu bekennen, die ich bei der Entstehung dieses Verdachts gespielt habe, und die Dinge zu dokumentieren, die ich seither getan habe, um Wiedergutmachung zu leisten.

Prolog

Mit das Erste, was man sieht, wenn man sich von dem auf einer Anhöhe in den Vororten von Denver gelegenen Haus meiner Eltern in Richtung Westen begibt, ist die enorme Felsspitze des Mount Evans.

Jede Fahrt zur Schule im orangen Volvo Kombi meines Vaters und jede Trainingsfahrt, die ich als Kind unternahm, begann damit, dass ich geradewegs auf diesen gewaltigen Berg blickte.

Es war ein imposantes, wunderschönes Panorama, das mir da jeden Tag zuteilwurde. Es gab mir ein Ziel und einen Antrieb und erfüllte mein Herz von klein auf mit dem Geist des Hochgebirges.

Vom höchsten Punkt der kleinen Anhöhe am Haus meiner Eltern aus ist der Berg wirklich herrlich anzuschauen. Im Winter ist er ein gewaltiger, schneebedeckter Gigant, der auf einen zurückstarrt. Im Sommer verkörpert er die »Majestät purpurner Berge«, wie es in Katharine Lee Bates’ Song »America the Beautiful« so schön heißt.

Mit einer Höhe von 4.348 Metern ist der Mount Evans einer der höchsten Berge in Colorado und derjenige, der von Denver aus am besten zu sehen ist. Was ihn so besonders macht, vor allem für Radfahrer, ist die asphaltierte Straße, die fast bis hinauf zum Gipfel führt. Sie ist die höchste asphaltierte Straße Nordamerikas und eine der höchsten asphaltierten Straßen der Welt.

Jedes Kind in Colorado, das je auf einem Rennrad gesessen hat, träumt davon, das legendäre Bergrennen am Mount Evans zu gewinnen. Der Reiz des Rennens liegt aber nicht nur darin, es zu gewinnen, sondern auch in der Hoffnung, den Rekord die »Old Lady« hinauf zu brechen. Den Rekord am Mount Evans zu halten, ist für einen radsportverrückten Teenager fast so, als halte er den Schlüssel zur Unsterblichkeit.

Auf über 4.000 Metern ist die Natur unberechenbar und wenn man den Rekord erobern will, muss Gott einem gewogen sein. Der Wind muss genau richtig stehen, das Wetter gerade stabil genug sein. Um den Rekord zu brechen, darf man zu keinem Zeitpunkt das Tempo herausnehmen, muss aber gleichzeitig immer die Konkurrenz im Auge behalten, die auf den flacheren Abschnitten am Hinterrad lauert, nur auf den Sieg aus ist und sich um den Rekord nicht schert.

Bob Cook, gebürtig aus Colorado und ein Zeitgenosse des dreifachen Tour-de-France-Siegers Greg LeMond, war nicht nur auf dem Rad herausragend, sondern auch als Akademiker und Ingenieur. In den 1970er und 1980er Jahren gewann Bob das Rennen am Mount Evans ein ums andere Mal, dann aber, kurz nachdem er seinen Abschluss an der Uni gemacht hatte, wurde bei ihm ein Gehirntumor festgestellt, dem er wenig später erlag. Seitdem heißt das Rennen Bob Cook Memorial.

Meinen ersten Sieg am Mount Evans feierte ich als 14-Jähriger. Es war ein »technischer Sieg«, denn ich fuhr gegen ältere Kinder und wurde Fünfter, aber die vier Jungs, die vor mir ins Ziel kamen, waren alle 17 oder 18 Jahre alt. Unser Rennen führte nur den halben Weg bis zum Gipfel hinauf, sodass wir zuschauen konnten, wie danach die Profis auf dem mühseligen Weg hinauf in die dünne Luft an uns vorbeistapften.

Ich wünschte mir so sehr, einer von ihnen zu sein. Ich bildete mir ein, Bob Cook wäre so etwas wie mein geistiger Vater. Ich wollte genau so sein wie er.

Nach diesem Sieg wurde ich geradezu besessen vom Mount Evans. Ich wollte eine der Legenden sein, die diesen Berg erobert hatten. Ich wollte der König des Mount Evans sein. So begann ich meine 15 Jahre währende Jagd danach, die Bestzeit am Mount Evans zu knacken.

Der Rekord wurde zu meinem Moby Dick – »endlose Tage, Wochen und Monate lagen sie zusammen in einer Hängematte«, heißt es da über »Ahab und seine Qual«, und ganz ähnlich empfand auch ich meine Sehnsucht nach dem Rekord.

Ich jagte ihm nach bis an den Rand des Wahnsinns. Viele Male, wenn er leicht mir hätte gehören können, glitt er mir irgendwie doch noch aus den Fingern. Nach jedem Scheitern blickte ich das ganze Jahr über auf den Berg, einer neuen Chance harrend, mir den Rekord zu holen.

Ich bohrte Löcher in meinen Rahmen, suchte nach leichteren Alternativen für jede Komponente meines Rads, experimentierte mit meiner Ernährung, trainierte wochenlang in extremer Höhe. Heute, 2019, ist das alles gang und gebe, Anfang der 1990er Jahre aber galt so etwas noch als irrsinnig und besessen. Und besessen war ich ganz gewiss.

Meine erste echte Chance auf den Rekord erhielt ich 1992. Im Jahr zuvor war ich als 17-Jähriger Fünfter im Profirennen geworden, ich ging daher davon aus, mit einem Jahr mehr auf dem Buckel bereit zu sein, um den Sieg mitzufahren. Ich bat mein damaliges Team, mich von allen sonstigen Rennverpflichtungen zu befreien, um in Leadville, auf 3.000 Metern Höhe, trainieren zu können. Widerwillig wurde mir die Erlaubnis erteilt und so lebte ich einen Monat lang wie ein durchgeknallter Eremit in der alten Bergbaustadt.

Ich trainierte härter als je zuvor und stellte mich auf eine kohlenhydratarme Ernährung um, um ein paar Pfund abzunehmen. Ich riskierte, aus meinem Team geworfen zu werden, indem ich sämtliche sponsorenfreundlichen Teile meines Rads durch die leichtesten Komponenten ersetzte, die ich auftreiben konnte.

Das Endprodukt war ein Rad, das so leicht war, dass es heutzutage von der UCI gar nicht zugelassen würde. Es hatte praktisch keine Bremsen im engeren Sinne, sämtliche Schrauben waren aus Titan oder Aluminium und alles, was verzichtbar war, hatte ich entfernt. Ich verwendete kein Lenkerband, der Sattel war nicht gepolstert und die Sattelstütze wog so gut wie nichts.

Ich brachte rund 58 Kilo auf die Waage, mein Rad fügte nicht viel hinzu, und ich hatte einen Monat lang extrem sauerstoffarme Luft geatmet. Wie Gollum mit dem Ring war ich bereit, mir den Schlüssel zur Unsterblichkeit zu holen.

Vom Start des 45 Kilometer langen Anstiegs an verlief das Rennen für mich wie gemalt. Das Profiteam von Coors Light hatte es ebenfalls auf den Rekord abgesehen und legte von Anfang an ein höllisches Tempo vor. Der Mount Evans beginnt erst ab Kilometer elf richtig steil zu werden, sodass man eine starke Mannschaft braucht, um den Rekord zu knacken, denn diese ersten elf Kilometer müssen schnell gefahren werden.

Während ich in ihrem Kielwasser mitrollte, sah ich gelassen zu, wie die Jungs von Coors Light ihr Ding durchzogen. Ich war für sie ein unbeschriebenes Blatt und weil sie vor Selbstvertrauen nur so strotzten, machten sie sich keine Gedanken um einen dürren 18-Jährigen auf einem Rad mit Plastikbremsen.

Bei Kilometer 24, wenn die Strecke die breitere, glatt asphaltierte Straße verlässt und auf die schmalere Mautstraße Richtung Gipfel abbiegt, wird es auch steiler. Gleich hinter diesem Abzweig auf etwa 3.350 Metern Höhe beschloss ich, das Tempo anzuziehen.

Die Jungs von Coors Light waren konsterniert, reagierten aber, wenngleich sie ein paar Minuten brauchten, um sich auf mich einzustellen. Inzwischen hatte ich meine Karten auf den Tisch gelegt, aber ich hatte sie ein bisschen zu früh gezeigt. Ich musste die Spitzengruppe weiter dezimieren, auf mich und nur einen Coors-Light-Fahrer statt deren drei.

Wer A sagt, muss auch B sagen, dachte ich mir. Ich beschleunigte erneut. Dann noch einmal. Bald waren nur noch ich und Mike Engleman übrig. Ich spürte, wie er an meinem Hinterrad zu leiden hatte, also hielt ich den Druck aufrecht in der Annahme, ihm auf den letzten Kilometern den Todesstoß versetzen zu können.

Der Tag war vollkommen windstill und warm gewesen, abgesehen vielleicht von einem leichten Rückenwind auf dem längsten Abschnitt des Anstiegs, vom Echo Lake zum Summit Lake. Die Straße war eben erst neu asphaltiert worden und man konnte die Glätte des Belags spüren. Wir waren schnell unterwegs, sehr schnell.

Auf knapp 4.000 Metern erreicht die Straße ein kurzes Gefälle in Richtung Summit Lake. Ich rollte die einzige Abfahrt im ganzen Rennen mit Engleman an meinem Hinterrad hinab. Er hatte gelitten und seine Teamkollegen waren zurückgefallen, seine beste Chance bestand also darin, dranzubleiben und auf einen Sprint zu hoffen. Sobald die Straße wieder anstieg, beschleunigte ich erneut, doch aufgrund der extremen Witterung in solcher Höhe war die Fahrbahn hier von Schlaglöchern und Rissen durchzogen.

Ich blickte zurück, um zu schauen, ob ich Engleman endlich losgeworden wäre, und genau in dem Moment erwischte ich ein Schlagloch.

Knack!

Meine Sattelstütze war gebrochen und mein Sattel purzelte auf den Boden. Ein paar Minuten lang dachte ich, ich könnte im Stehen zum Gipfel fahren, aber in mehr als 4.000 Metern Höhe funktioniert das nicht besonders gut.

Schließlich verließen mich die Kräfte, und völlig erschöpft konnte ich nur noch zusehen, wie Engleman davonfuhr und den Rekord pulverisierte. Niedergeschlagen rollte ich ins Ziel. Meine riskante Materialwahl hatte sich als klassisches Eigentor erwiesen. Ich war weiterhin entschlossen, wiederzukommen, zu gewinnen und den Rekord zu brechen, aber so nah wie an diesem Tag würde ich meinem Ziel nie mehr kommen.

Danach versuchte ich ein ums andere Mal, den Mount Evans zu erobern, aber immer kam irgendein bizarres Missgeschick dazwischen – ein Reifenschaden, ein Krampf zur Unzeit oder seltsame Wetterkapriolen. Der vielsagendste Vorfall ereignete sich 1999, als ich zwar das Rennen gewann, nicht aber den Rekord holte.

Als Profi im Trikot von US Postal Service und frischgebackener Sieger am Mount Ventoux in Südfrankreich war ich zweifellos viel stärker, als ich es als schwachbrüstiger 18-Jähriger gewesen war. Aber 1999 war ich auch schon ein abgebrühter Doper.

Ich setzte mich locker vom Feld ab. Auf den Pedalen tanzend flog ich auf dem Weg zum Rekord den Berg hinauf. Gerade als ich darüber nachzudenken begann, um wie viel ich den Rekord brechen würde, wurde es windig. Sehr windig. Bald kämpfte ich gegen einen orkanartigen Gegenwind an und war kaum in der Lage, das Rad aufrecht zu halten. Die heftigen Böen dauerten den ganzen langen Abschnitt zwischen Echo Lake und Summit Lake an. Ganz gleich, wie stark ich an diesem Tag auch sein mochte, ich würde keine Rekorde brechen.

Sobald ich die Ziellinie überquerte, klarte der Himmel plötzlich auf und der Wind legte sich. Nach dem Rennen saß ich da, im gediegenen Sonnenschein, während mein schlechtes Gewissen an mir nagte. Versuchte der Berg mir etwas mitzuteilen? Hatten meine schlimmen Verfehlungen ihn irgendwie gegen mich aufgebracht?

Vielleicht fühlte sich Bob Cook höchstselbst nicht wohl dabei, mich den Rekord holen zu sehen. Das denke ich heute noch. Auf irgendeine Weise wollte der Geist dort oben mir begreiflich machen, dass ich nicht einfach – koste es, was es wolle – alles haben konnte, was ich wollte. Ich musste den Berg und seine Reinheit respektieren. Das hatte ich nicht getan.

Das Bergrennen am Mount Evans war außerdem das letzte Rennen, das ich je bestritt. Ich wollte meine Karriere unbedingt dort beenden, denn dies war der Berg, der mich über viele Jahre inspiriert hatte. Ich habe die »Old Lady« nie erobert, aber ich hatte meinen Frieden mit ihr gemacht.

Wir wussten beide, dass ich den Rekord nicht verdiente, aber in Anerkennung all meiner Versuche und vielleicht auch meines langsam sich herauskristallisierenden Wegs zurück zu einem rechtschaffeneren und ehrenwerteren Menschen hatte sie mich in jenem Jahr gewinnen lassen. Es war ein sanfter Abschiedskuss auf die Wange.

TEIL 1

1986–1988

Kapitel 1

Allerletzter

Ich weiß gar nicht so genau, warum ich mich für mein erstes Radrennen angemeldet habe.

Ich war mies in der Schule und mies im Sport. Ich war nicht gerade ein Bewegungstalent, hatte kaum Muskeln und war einen halben Kopf kleiner als das nächstkleinere Kind in meiner Klasse. Niemand wäre auf die Idee gekommen, mich als »sportlich« zu bezeichnen. Kurzum, ich besaß das schulische und athletische Talent eines nassen Regenwurms.

Wie oder warum ich also mit zwölf Jahren beschloss, den Radsport zu meinem großen Abenteuer zu machen, kann ich nicht sagen. Aber so geschah es. An einem frühen Julimorgen des Jahres 1986 fuhren meine Eltern mit mir aus den grauen Vororten von Denver hinauf ins malerische, unter einem blauen Himmel gelegene Boulder. Ich nahm am Red Zinger Mini Classic teil, einem einwöchigen Etappenrennen für Kinder, das dem berühmten Coors Classic nachempfunden war.

Die erste Etappe war ein Zeitfahren. Ich war mit dieser Disziplin nicht so recht vertraut und fragte mich, ob das wirklich das war, worauf ich mich hier eingelassen hatte: ganz für mich allein über eine einsame Straße zu fahren. Ich bemerkte, wie nervös und fokussiert meine Mitstreiter waren, und zog mich auf den Rücksitz unseres Kombis zurück und balgte mit Angie, unserem knuddeligen Bedlington-Terrier. Vielleicht war ich doch eher ein Radfahrer als ein Rennfahrer? Klar, ich liebte es, mit meinem Fahrrad herumzufahren, um Freunde zu besuchen und Mädchen, in die ich verknallt war. Aber um die Wette fahren? Die anderen Kinder sahen größer, fieser und stärker aus. Auf mich wirkten sie wie hungrige Wölfe.

Ich rollte verzagt an den Start, ohne überhaupt zu wissen, was auf mich zukam. Es schien eigentlich ganz simpel: Fahr so schnell du kannst die acht Kilometer von A nach B. Aber wie es in meiner Natur lag, hatte ich mir viel zu viele Gedanken über das ganze Prozedere gemacht und hätte mich nun am liebsten in unseren Oldsmobile verkrochen und meine Eltern gebeten, mich heimzufahren. Aber ich fuhr los und begab mich auf das unbekannte Territorium eines Solorennens gegen die Uhr auf dem Highway 36. Schon bald nach dem Start wurde ich von einem anderen Fahrer überholt. Und dann, wenig später, von einem weiteren. Auch dieses Radrenn-Ding zeichnete sich für mich offenbar durch exakt den gleichen Mangel an Erfolg auf sportlicher Ebene aus, den ich mein Leben lang schon zu genüge kennengelernt hatte. Ich war langsam. Sehr langsam.

Wir waren in alphabetischer Reihenfolge gestartet und ein paar Plätze hinter mir war Chris Wherry auf die Strecke gegangen. Wherry war eine hoch aufgeschossene, gut aussehende Radsport-Legende, zumindest in der Szene der zwölfjährigen Radrennfahrer von Colorado. Er gewann so ziemlich jedes Rennen, bei dem er an den Start ging, und er flößte allen einen ungeheuren Respekt ein, auch den anderen zwölfjährigen »Superstars«, die sich auf dem lehmigen Parkplatz herumtrieben, der als Startbereich diente.

Natürlich sauste er auf dem Weg zu seinem nächsten Sieg bald an mir vorbei. Als er mich überholte, brüllte er: »Komm schon, Alter! Streng dich mal ein bisschen an!« Es war äußerst beschämend. Pflichtgemäß versuchte ich, das Tempo zu erhöhen und mit ihm mitzuhalten, was mir ungefähr 30 Meter gelang. Er ließ mich nach Luft schnappend und halb vor Scham, halb vor Schmerzen bibbernd zurück.

Ich schleppte mich über die Ziellinie. Mir war klar, dass ich mich nicht besonders gut geschlagen hatte, aber ich dachte, da Wherry mich nicht allzu früh eingeholt hatte, würde ich schon irgendwo im Mittelfeld in meiner Altersklasse gelandet sein. Ich war ein bisschen zu optimistisch.

Meine Eltern hatten ein Picknick mitgebracht, das wir zwischen dem Zeitfahren am Morgen und dem Kriterium am Nachmittag essen wollten. Wir saßen mit all den anderen Familien zusammen und warteten, dass die Ergebnisse des Zeitfahrens bekanntgegeben würden.

Ich aß ein Sandwich mit Mortadella und Käse und schlürfte eine Limo, während ich Angie heimlich mit Brocken von dem Sandwich fütterte, das ich nicht besonders mochte. Schließlich wurde an der Seite eines Klohäuschens im Park eine Ergebnisliste angeschlagen.

Schweren Herzens trottete ich mit meinem Vater hinüber, um zu schauen, wie ich mich aus der Affäre gezogen hatte. Über all die gereckten Hälse und Köpfe hinweg entdeckte ich endlich meinen Namen – ganz am Ende der Liste.

Auf dem allerletzten Platz.

Ich war am Boden zerstört und schämte mich, überhaupt da zu sein. Ich wollte nach Hause. Ich wollte nur noch weg von diesem grässlichen Ort, und zwar sofort.

Es war wie mit allem anderen, was ich versucht hatte. Ich war einfach nicht besonders gut darin. Genau wie in der Schule, genau wie bei den Spielen auf dem Pausenhof, genau wie mit meinen Versuchen, mich anzupassen und dazuzugehören. Ich hatte bei all dem versagt und nun versagte ich auch im Radsport. Ich war einfach nicht besonders gut – in allem.

Ich sprach mit meiner Mutter und sagte ihr, dass ich nach Hause wolle und zwar sofort. Ich hatte dort nichts verloren. Sie war sehr verständnisvoll und hörte einfach zu, während ich erzählte, wie schlecht ich im Radfahren sei und dass wir besser aufbrechen und nach Hause fahren sollten.

Angie spürte, dass ich aufgewühlt war. Sie trottete herüber und fing an, mich mit kleinen Hundeküsschen zu überschütten. Sie versuchte zu begreifen, was los war. Ich umarmte sie lange und hoffte, dass wir einfach abfahren würden, fort von diesem Ort und diesen Menschen.

Unterdessen waren meine Mutter und mein Vater in ein Gespräch über irgendetwas verstrickt. Es war offenkundig eine hitzige Debatte und ich schaute zu, wie mein Vater mit den Armen wedelte.

Meine Eltern hatten mit Sport nie viel am Hut gehabt. Mein Vater ist Anwalt. Er besaß eine innige Zuneigung zur Verfassung der Vereinigten Staaten und einen sehr ausgeprägten Sinn für Fairness. Seine große Liebe zur Literatur und zur Gerechtigkeit war etwas, das er an mich weitergab. Er liebte es, Menschen zu helfen, und riss sich ein Bein dafür aus, die Rechte seiner Klienten zu schützen.

Er war beliebt und geachtet. Häufig, wenn er Klienten vertrat, die sich sein Honorar nicht leisten konnten, wurden wir in Naturalien bezahlt – mit Geflügel oder Brennholz oder in Form handwerklicher Arbeiten rund ums Haus. Er ließ sich von der Idee des gleichen Rechts für alle leiten, nicht von der Liebe zum Geld.

Meine Mutter unterrichtete Kinder mit Lern- und Sprachstörungen. Sie hatte Ärztin werden wollen, aber ihr Großvater, selbst Doktor der Medizin, hatte es ihr ausgeredet mit der Begründung, der Medizinerberuf sei nichts für Frauen. Die Entscheidung, nicht diesen Weg eingeschlagen zu haben, trieb sie ihr Leben lang um.

Trotz allem gelang es ihr, für eine Frau, die in den chauvinistischen 1950er Jahren aufgewachsen war, ziemlich progressiv zu sein. Sie machte ihren Abschluss in Logopädie und konzentrierte sich zuerst auf ihre Karriere.

Sie heiratete vergleichsweise spät im Leben einen jüngeren Mann und bekam mich erst mit 38 Jahren. Meine Eltern bildeten eine beeindruckende Einheit intellektueller PS, aber ihr Sohn, der sich dem Wettkampfsport verschrieben hatte – noch dazu in einer sonderbaren Nischendisziplin wie dem Radfahren –, war ihnen ein Unbekannter.

Ich saß im Gras und schaute zu, wie sie stritten, bis sie sich schließlich einigten. Da ich wusste, wie entschieden und kämpferisch meine Mutter war, konnte das eigentlich nur bedeuten, dass wir uns anschickten, unsere Sachen zu packen und nach Hause zu fahren.

Stattdessen kam mein Vater zu mir und verkündete bestimmt, dass wir bleiben würden und dass ich zum Rennen am Nachmittag antreten würde. Ich war baff und protestierte heftig.

Dad ist eine sanfte Seele, der es fernliegt, wegen irgendetwas eine unnachgiebige Haltung einzunehmen. Er besaß die verblüffende Fähigkeit, bei jedem Thema beide Seiten zu sehen. Meistens gab er dem entschiedeneren Wesen meiner Mutter und sogar mir gegenüber nach.

Aber nicht an diesem Tag.

Er nahm sich mir zur Brust. »Wenn du etwas anfängst, dann bringst du es verdammt noch mal zu Ende«, sagte er bestimmt. »Ganz egal, ob du Erster oder Letzter bist, du gibst nicht einfach so auf. Du wirst heute Nachmittag starten und du wirst dein Bestes geben.«

Ich war fassungslos.

»Ich habe viel dafür bezahlt, damit du diesen Mist hier machen kannst, also wirst du nicht einfach hinschmeißen«, sagte er verärgert. »Kommt gar nicht in die Tüte.«

Mein Dad war der stets sanftmütige Bär und gab nie wegen irgendetwas Kontra. Es war das erste Mal, dass mein Vater mich je zu etwas gezwungen hatte. Und mit dieser einen Entscheidung veränderte er mein ganzes Leben.

Später am Nachmittag ging ich widerwillig zur zweiten Etappe des Red Zinger Mini Classic an den Start. Ich ging davon aus, vernichtend geschlagen und schnell überrundet zu werden. Ich wollte nicht dort sein und ich wollte kein Rennen fahren. Aber ich tat es, zutiefst unglücklich mit mir und der Welt.

Die Startpistole wurde abgefeuert und ich hatte Schwierigkeiten, meinen Fuß in die Pedalhaken zu fummeln. Bis zum Ende der ersten kurzen Runde kämpfte ich mich zurück ins Peloton der Pubertierenden. Irgendwie war es nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte, und in solchem Tempo um die Kurven zu brettern, machte echt Spaß. In der Tat amüsierte ich mich ganz prächtig.

Obwohl ich der schlechteste Fahrer im ganzen Feld war, fand ich Gefallen an der Sache. Es war kein Vergleich damit, in der Pause Football zu spielen und es jede Sekunde zu hassen. Nein, das hier war anders; klar, ich hatte nichts drauf, aber ich fand es toll.

Am Rande des Kontrollverlusts um die Kurven zu rasen, jagte mir das Adrenalin durch den Körper und ließ mir das Herz aufgehen. Ich konzentrierte mich ganz auf das Hinterrad vor mir und gab nicht klein bei. Die Aufgabe wurde von Runde zu Runde schwerer, aber ich biss die Zähne zusammen und weigerte mich, abreißen zu lassen.

Allmählich begann ich, andere Kinder zu überholen, die aus dem Peloton herausfielen, eins nach dem anderen. Zwar sahen sie auf dem Rad viel besser aus als ich und sie waren bestimmt auch fitter, aber ich war fähig, zu leiden – mich ein bisschen mehr zu zerreißen –, um den Anschluss zu halten. 20 Minuten zuvor hatte ich nicht einmal dort sein wollen; jetzt hatte ich einen Spaß wie noch nie in meinem Leben. Und das war für mich eine neue Erfahrung.

Binnen nur weniger Runden, auf denen ich in einem anonymen Gewerbegebiet vor den Toren von Boulder herumraste, änderte ich meine Einstellung zum Sport.

Ich wollte ein Athlet sein.

Ich wollte Radrennfahrer sein.

Der Radrennsport nahm mich vollkommen in Beschlag. Er vereinte mentale, technische, taktische und physische Aspekte. Auf einer Maschine gekonnt um Kurven zu fahren, fiel mir aus irgendeinem Grund offenbar leichter, als geschickt einen Ball zu fangen. Die kreisförmige Bewegung des Pedalierens erschien meinem allzu vergeistigten Hirn sinnvoller als die angeblich »natürliche« Bewegung des Laufens. Ich war immer noch kläglich langsam und unfit, aber ich wollte unbedingt gut sein.

In jener Woche wurde ich mit jedem Tag und mit jeder Etappe immer ein kleines bisschen besser. Ich lernte, wie man eine Kurve nimmt, wie man im Windschatten fährt, wie man sich im Peloton nach vorn arbeitet. Ich wollte alles dafür tun, ein bisschen besser zu werden, obwohl ich immer noch weit davon entfernt war, irgendetwas zu gewinnen.

Zum ersten Mal in meinem Leben gab ich nicht auf, wenn es schwierig wurde. In der Schule, in anderen Sportarten und im Leben überhaupt hatte ich nur wenig natürliche Begabung für irgendetwas nachgewiesen außer vielleicht dafür, wahllose Fakten über den Amerikanischen Bürgerkrieg auswendig zu lernen.

Tief in meinem Inneren war ich eine Kämpfernatur, aber ich hatte es nie gezeigt. Ich war nicht gut in den Dingen, in denen die meisten Eltern, und die meisten Kinder, gut sein wollten. Football, Baseball, Basketball – in allem, was mit einem Ball zu tun hatte, war ich einfach schlecht.

Ich war sehr klein und noch dazu kurzsichtig, die meisten Leute gingen daher automatisch davon aus, dass ich ein guter Schüler sein müsse, aber meine Noten waren ebenfalls miserabel. Doch dann kam der Radsport, und alles wurde anders.

Gegen Ende des Red Zinger sah ich hin und wieder sogar die Spitzengruppe. Ich hatte in der Woche gelernt, dass ich viele der Kids, die körperlich stärker waren als ich, hinter mir lassen konnte, indem ich bereit war, mir mehr abzuverlangen.

Am vorletzten Tag des Rennens gab es ein weiteres Zeitfahren, aber diesmal ging es einen größeren Anstieg hinauf. Ich hielt dies für eine perfekte Gelegenheit, die Theorie auf die Probe zu stellen und zu sehen, ob ich mich im Kampf gegen die Uhr tatsächlich bis an die Grenze verausgaben könnte.

Ich ging mit einem Elan und einer Begeisterung in dieses Zeitfahren, die ich zu Beginn der Woche nicht verspürt hatte. Ich wollte sehen, wie gut ich sein konnte, wenn ich einfach diesem perfektionistischen Drang freien Lauf ließ.

Es war so befreiend, einfach nur zu versuchen, mein Bestes zu geben, ohne mich von den ewigen »Was wäre, wenn«-Gedanken lähmen zu lassen, die mich bis dahin zurückgehalten hatten: Was wäre, wenn ich nicht der Beste wäre? Was wäre, wenn ich mich blamieren würde?

Also konzentrierte ich mich auf nichts anderes als darauf, das allerletzte Quäntchen Energie aus meinem Körper herauszuholen.

Nach anderthalb Kilometern bergauf hatte ich bereits das Gefühl, in Ohnmacht zu fallen oder mir in die Hose zu machen. Mein Körper war es nicht gewohnt, derart Vollgas zu geben. Ich hatte keine Ahnung, wie ich fast fünf weitere Kilometer durchstehen sollte. Also konzentrierte ich mich immer nur auf die nächsten zwanzig Meter und dann die nächsten zwanzig und so weiter.

Ein ums andere Mal hatte ich mit einer selbstauferlegten Qual zu kämpfen, wie ich sie noch nie verspürt hatte. Nach etwa der Hälfte der Strecke erblickte ich den Fahrer, der vor mir gestartet war. Ich war drauf und dran, ihn einzuholen. Wiederum spielte ich Spiele in meinem Kopf, sagte mir, dass ich alles aus mir herausholen würde, bis ich ihn geschnappt hätte, und dann würde ich mir eine kleine Pause gönnen.

Doch sobald ich ihn eingeholt hatte, war ich wie ein Kind, das gerade seinen ersten Pringle gegessen hat. Ich war süchtig.

Es war ein Hochgenuss, dieses unschuldige Opfer zu stellen und zu überholen. Also wollte ich mehr davon – nun wollte ich die ganze Dose. Ich machte weiter, voll und ganz konzentriert darauf, vor der Ziellinie weitere Beute zu machen. Und mein Wunsch wurde erfüllt.

Als ich auf die letzten anderthalb Kilometer ging, begannen sich weitere halblebendige Körper am Horizont abzuzeichnen. Ich holte sie alle noch vor dem Ziel ein.

Ich überquerte die Ziellinie und erbrach sofort alles, was ich noch im Magen hatte, trocken würgend wie eine Katze einen riesigen Haarballen.

Dies war etwas, was ich noch nie erlebt hatte. Es mochte schrecklich klingen, aber es fühlte sich großartig an. Ich hatte mich endlich davon befreit, es gar nicht erst zu versuchen. Ich hatte mich davon befreit, vorzeitig aufzustecken.

Erneut warteten Dad und ich geduldig am Klohäuschen darauf, dass die Ergebnisse angeschlagen würden. Die Menge war längst nicht mehr so zahlreich wie zu Beginn der Woche. Die meisten Kinder waren heimgefahren, mit leeren Händen und ein wenig erschöpft nach einer Woche Radrennen.

Ich aber fühlte mich durch und durch belebt. Ich war begeistert und wünschte mir, dass das Rennen bis zum Ende des Sommers weitergehen würde. Schließlich wurde die Ergebnisliste an der Rückseite des Dixiklos aufgehängt. Ich war auf dem zehnten Platz gelandet – ich war in den Top Ten bei einem Radrennen.

Ich hatte vierzig andere Jungs hinter mir gelassen und lag nicht weit hinter den Legenden meiner Altersklasse zurück.

Eine oder zwei Minuten lang verspürte ich reine Euphorie und Stolz. Dann, während wir zurück zum Auto gingen, wandte ich mich an meinen Vater.

»Nächstes Jahr werde ich dieses Ding gewinnen«, sagte ich zu ihm. »Wirst schon sehen, Dad, ich werde es gewinnen.«

Von da an verfolgte ich einen großen Plan. Den Plan, einen Waschlappen in einen Athleten zu verwandeln – einen Loser in einen Gewinner.

1986 gab es in den USA nicht viele Mentoren oder Trainer für Kids, die Radrennfahrer werden wollten. In Colorado gab es vielleicht hier und da ein paar Typen, die man um Rat fragen konnte, aber niemanden, der mich durch brillantes Coaching vom niedlichen Loser in einen Gewinner verwandeln würde. Das war etwas, was ich auf mich allein gestellt zuwege bringen müsste.

Das Einzige, was ich mitbrachte, war eine natürliche Begabung fürs Lesen. Sofern mich das Thema interessierte, konnte ich stundenlang lesen und alles aufsaugen wie ein Schwamm.

Lesen war für mich immer eine Flucht gewesen. Es half mir, all dem zu entfliehen: meinen Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen, dem ganzen Ärger in der Schule und der Einsamkeit, ein Einzelkind zu sein. Natürlich fiel das meiste, was wir in der Schule zu lesen bekamen, nicht in die Kategorie »interessant«, weshalb ich meinen Leseeifer nur selten in der Schule unter Beweis stellte.

Aber für mein neues Projekt, nämlich zu ermitteln, wie man für Radrennen trainiert, war ich bereit, Hunderttausende von Wörtern zu lesen. Ich suchte die örtliche Bibliothek und viele Buchläden auf und versuchte, mir die beste Literatur über das Training und den Radsport im Allgemeinen zu beschaffen.

Der erste amerikanische Gewinner der Tour de France, Greg LeMond, hatte ein Buch veröffentlicht, ebenso der polnische Trainer der US-Olympiamannschaft von 1984, Eddie Borysewicz, und auch die Memoiren des fünfmaligen Tour-Siegers Bernard Hinault waren in einer Übersetzung erhältlich. Mein Lieblingsbuch war Tudor Bompas Standardwerk über die Periodisierung des Trainings. Aber ich verschlang alles, was ich in die Finger bekam.

Und so lag ich also im Haus meiner Eltern auf der Couch und las unaufhörlich.

Ich lernte, wie ich die Sitzposition auf dem Rad richtig einstellte, wie ich die passenden Übersetzungen wählte, wie man zu einer Ausreißergruppe aufschloss, wie man während eines Rennens aß, wie viel man trank, wie man Kurven fuhr und wie man bremste. Ich las über Krafttraining, Intervalltraining und Ausdauertraining, darüber, wie man das Training periodisierte, und – damals ein revolutionäres Konzept – über Schwellentraining.

Binnen zwei Monaten, nachdem ich in meinem ersten Rennen auf dem letzten Platz gelandet war, lernte ich auf eigene Faust mehr als in den sechs Jahren davor in der Schule. Ich war bereit, mein Ziel in Angriff zu nehmen, das Red Zinger Mini Classic 1987 zu gewinnen und zu einer Legende in der Szene der 13-jährigen Radrennfahrer von Colorado zu werden.

Ich begann mein Training am ersten Schultag 1986. Ich ging davon aus, eine Menge Zeit zu brauchen, nur um überhaupt das Fitnessniveau aufzubauen, das die meisten Kids bereits dadurch erlangt hatten, dass sie sich generell aktiver in »normalen« Sportarten betätigten, als ich es bis dahin getan hatte. Anschließend könnte ich damit anfangen, härter und länger zu trainieren.

Im Rahmen meiner eifrigen Studien hatte ich gelernt, dass ich wohl überwiegend langsam kontrahierende Muskelfasern besaß und dass ich, um die explosive Kraft zu entwickeln, die nötig war, um tatsächlich Radrennen zu gewinnen, meine Muskelkraft steigern müsste, was ebenfalls viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Noch bevor der Sommer zu Ende war, trainierte ich bereits für den nächsten Sommer.

Meine Trainingsfahrten waren zunächst kurz und noch nicht sehr anspruchsvoll. Mein Fokus lag erst einmal darauf, im Keller meiner Eltern mit einem gebrauchten Hantelset, das mein Vater für mich gekauft hatte, Muskelmasse aufzubauen. In der Betonhöhle unter unserem Haus standen Kniebeugen, Beinstrecker und Beinbeuger auf dem Programm.

Jeden Tag machte ich mich gleich nach der Schule zu einer Ausfahrt mit dem Rad auf, ganz gleich bei welchem Wetter: Hitze, Kälte, Regen, Schnee. Die Wochenenden, die sich vorher darum drehten, mit Freunden abzuhängen und sehr erfolglos Mädchen nachzusteigen, wurden zu zwei Tagen in der Woche, an denen ich den ganzen Tag Rad fahren konnte.

Jedes Wochenende erkundete ich Straßen, die weiter und weiter vom Haus meiner Eltern entfernt waren. Das Gefühl von Freiheit war immens, denn ich reiste zu Orten, die keiner meiner Freunde je erreichen würde, ohne seine Eltern zu bitten, ihn mit dem Auto hinzufahren.

Ich stieß tiefer in die unscheinbaren Vororte vor, drang immer weiter vor in Richtung der Stadtgrenzen, in Richtung der Berge und darüber hinaus, in eine ganz neue Welt. Ich war drei, vier, fünf Stunden unterwegs, trat unermüdlich in die Pedale, erkundete die Gegend.

Meine Eltern wussten nie genau, wo ich war und ob ich sicher wäre, aber sie akzeptierten, dass ich meiner Obsession ihren Lauf lassen musste, damit ich erwachsen werden konnte. Und so brach ich also jeden Tag aufs Neue auf, auf der Suche nach meinem Traum, nach meinem Ziel, nach mir selbst. Ich liebte diese langen Fahrten, auf denen ich stundenlang davon träumen konnte, eines Tages zu gewinnen.

Aber es ging mir längst um mehr als bloß ums Gewinnen. Ich fing an, davon zu träumen, Radprofi zu werden. Im Rahmen meiner Lesestunden begann ich, immer mehr über die mystische Welt des europäischen Profiradsports zu erfahren. Und ich liebte es. Ich liebte die Helden, die Romantik, die Mühen, die Opfer, den Schmerz, den Ruhm und die Ehre.

Ich war davon verzaubert und stöberte nach allem, was ich über diese Welt der Legenden in die Finger kriegen konnte. Zusätzlich zu den Büchern trieb ich ein paar alte VHS-Kassetten auf, A Sunday in Hell zum Beispiel und ein paar dürftig aufgezeichnete CBS-Zusammenfassungen der Tour de France. Diese Videokassetten wurden zu meinem wertvollsten Besitz und ich schaute sie mir immer wieder an.

Dort wo ich aufwuchs, im Amerika der Vorstädte, war der europäische Profiradsport in den 1980er Jahren eine vollkommen unbekannte Welt, die niemanden interessierte. Meinen Freunden und meiner Familie erschien meine Obsession folglich ziemlich verrückt. Ich arbeitete unglaublich hart und verbrachte sämtliche meiner Stunden damit, von einer Karriere zu träumen, von der meine Eltern nicht einmal glaubten, dass sie überhaupt existierte.

Meine Freunde amüsierten sich über die dünnen Beinchen, die aus meinen Elastan-Shorts staken. Und wenn ich vom Training zurückkam und davon berichtete, wie weit ich mit dem Rad gefahren war, schenkten sie mir schlichtweg keinen Glauben. Sie lachten nur und widmeten sich wieder ihrem Football-Match. Ich war nichts weiter als ein seltsames, nerdiges kleines Kind. Sie dachten, ich hätte wohl den Verstand verloren und mir in den Kopf gesetzt, mir meine Andersartigkeit aus den Gliedern zu fahren. Der Traum, den ich verfolgte, war ein einsamer.

Aber in Wahrheit war ich auch vorher schon einsam gewesen.

Ich hatte in der Schule nie Freunde gefunden, zu denen ich eine echte Beziehung aufbaute. Da ich weder ein begabter Schüler noch besonders sportlich war, erwarb ich sehr wenig Respekt. Ich war der kleinste Junge in der siebten Klasse und ich wurde herumgeschubst, gehänselt und in etliche Schränke und Mülleimer gestopft.

Ich freute mich kein bisschen auf die Schule. Somit war die Einsamkeit auf dem Rad eine willkommene Abwechslung. Auf offener Straße beurteilte mich niemand wegen meiner Noten und niemand bewertete mich danach, ob ich einen Ball fangen konnte. Niemanden scherte es, dass ich nicht im Junior-Achievement-Programm war. Nein, auf der Straße zählte einzig und allein, wie schnell ich einen Anstieg hinauffahren konnte.

Durch meine Lektüre eignete ich mir viel Fachwissen über Training und Wettkampf an, doch was mir fehlte, war jegliches Know-how, wie man sich für den Radsport kleidete. Nun war das nicht so wichtig, wenn man im milden Indian Summer von Colorado trainierte, aber als im November die kalten Gebirgswinde zu wehen begannen, wurde mein Trainingsplan allmählich etwas ungemütlich.

Als die Kälte einsetzte, hielten mich meine papierdünnen Shorts überhaupt nicht mehr warm. Im gut gemeinten Versuch, Abhilfe zu schaffen, kaufte meine Mutter mir eine bollerige Jogginghose. Ich versuchte, meine Radshorts über die grobe graue Wolle zu ziehen, aber das klappte nicht. Nach der Hälfte jeder Fahrt fühlte ich mich, als würde ich auf einer nassen Windel sitzen, während die Beine der Jogginghose sich ständig in der Kette verhedderten. Zudem sah ich absolut lächerlich aus. Ich musste wie ein richtiger Radrennfahrer aussehen, auch wenn ich nur trainierte. Die Jogginghose musste weg.

Der Winter hielt Einzug in Colorado. An bitterkalten Tagen kam ich mit lilablauen Knien heim, die Hände schmerzten vom eisigen Wind. Meine Zehen waren taub, meine Finger ließen sich nicht mehr bewegen und meine Weichteile schrumpelten zusammen, um sich vor der harschen Realität zu verbergen.

Schließlich, bevor ich aufgrund von Erfrierungen bleibende Nervenschäden davontragen würde, nahmen meine Eltern mich mit in das Geschäft, wo wir auch mein Rad gekauft hatten. Wir hofften, dort eine Art superthermale Spezialkleidung zu bekommen, die mich vor dem Kältetod bewahrte.

Der Laden lag versteckt in einer austauschbaren Ladenzeile neben einer Reinigung und einem Chinarestaurant. Mir erschien er wie eine Blume in der Wüste. Er trug den hübschen Namen »A Bike Place« und gehörte einer leidenschaftlich dem Radsport verfallenen – und bisweilen verstörend manischen – italienischen Familie namens Yantorno.

Als meine Mum mit mir hineinging, um Winterklamotten zu kaufen, war das vermutlich das erste Mal, dass ihnen ein 13-Jähriger unterkam, der sich danach erkundigte, wie man bei Temperaturen unter null trainierte. Ungeachtet seiner barschen, ruppigen Art konnte man das Funkeln in den Augen von Frankie Yantorno erkennen, dem ältesten Sohn der Familie, als ich meine wahnwitzige Begeisterung für den Radsport zum Ausdruck brachte. Er sah einen Jungen, der vollkommen vernarrt war ins Radfahren, genau wie er.

Doch Frank konnte nie offen zugeben, dass er sich auch nur ansatzweise etwas aus Rennrädern oder Radsport machte.

»Warum zum Teufel willst du bei dem Scheißwetter fahren?«, sagte er, auf den Schneesturm deutend, der draußen tobte, und meiner Mutter die Schamesröte ins Gesicht treibend.

»Weil ich trainieren muss«, sagte ich. »Man muss trainieren, um zu gewinnen – oder?«

»Na, in der bescheuerten Jogginghose wirst du jedenfalls einen Scheiß gewinnen, Junge«, blaffte er. »Gottverdammt … okay, warte ein paar Minuten…«

Damit verschwand er im Hinterzimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Während er weg war, begann ich ein wenig den Laden zu erkunden. Es war wie im Himmel. Ich war verzaubert von den handbemalten Verstärkungen und Muffen der Colnago-Rahmen, den glänzenden Campagnolo-Kurbeln, dem Geruch von Gummi und Kettenöl, dazu die gedämpften italienischen Wortgefechte, die aus dem Hinterzimmer zu hören waren. Der Laden war mein Tor zur romantischen und glamourösen Welt des europäischen Radsports. Ich liebte diesen Ort und ich wollte Franks Schüler werden.

Schließlich kam Frank mit einem Stapel Kleidungsstücke wieder heraus. »Das hier wird dir im Leben nicht passen, Junge, aber immerhin besser als die hässliche Jogginghose – oder dir weiterhin den Schwanz abzufrieren.«

Verlegen probierte ich all die neuen Teile an. Es waren sehr exotische, mit italienischen Markennamen versehene Handschuhe, Tights und Armlinge.

Frankie hatte recht: Die Teile passten überhaupt nicht. Sie hingen ziemlich schlabbrig an mir herunter und rutschten von meinem dürren Gerippe. Aber das war mir egal – sie kamen aus Italien und dufteten förmlich nach europäischem Abenteuer.

Widerstrebend hatten sich meine Eltern von dem Gedanken verabschiedet, dass ich mir vielleicht doch einen Hund oder irgendetwas auch nur ein bisschen Normaleres unter dem Weihnachtsbaum wünschte. Ich hatte ihnen klipp und klar mitgeteilt, dass alles, was ich mir zu Weihnachten wünschte, ein wenig Kleidung war, die mich auf dem Rad warm halten würde. Zögernd reichte Mum dem grantigen Mann im Radgeschäft ihre Kreditkarte.

Bevor wir gingen, fragte ich Frankie, ob ich wiederkommen und mit ihm über den Radsport in Italien reden und vielleicht den einen oder anderen Tipp bekommen könne.

»Ich weiß einen Scheiß über Radsport oder Räder, aber vielleicht kann ich dir das eine oder andere beibringen, Junge. Jetzt hau ab und fahr dein Rad in diesem Schneesturm, du Idiot.«

In dem Moment wusste ich, dass Frankie mein neuer bester Freund werden würde.

Ich tat wie mir geheißen. Gewappnet mit italienischer Kleidung, die wetterbedingte Ausreden hinfällig machte, trainierte ich in Schneestürmen. Sobald Weihnachten vorüber war, war es an der Zeit, die harte Arbeit zu intensivieren, die nötig war, um zu gewinnen. Durch den Laden der Yantornos fing ich außerdem an, ein paar neue Freunde kennenzulernen, und einige von ihnen waren Jungs, die schon Rennen gefahren waren.

Frankie, den ich bald Onkel Frank nennen würde, merkte an, dass der einzige andere Mensch, der verrückt genug wäre, in Colorado im Januar zu trainieren, sein früherer Schwager Bart Sheldrake war. Bart war der Ex von Franks Schwester und brachte irgendwie drei Jobs unter einen Hut, zog ein Kind auf und trainierte nebenbei als einer der Top-Amateure in Colorado für richtige Rennen.

Bart hatte an den Olympia-Ausscheidungen für 1984 teilgenommen und ging in der Kategorie 1 an den Start, der höchsten Rennklasse für Amateure in den USA. Hin und wieder kam er kleinlaut in den Laden, um sein zweijähriges Kind nach der Schule bei Franks Schwester abzuholen. Frank meinte, wir sollten uns kennenlernen, also bestellte er mich eines Tages, als Bart wieder einmal Elterndienst schob, in den Laden.

Und so schlängelte ich mich durch den Schulschluss-Verkehr und begab mich zum Laden, um Bart kennenzulernen. Ich hatte tausend Fragen, wie es war, ein echter Radrennfahrer zu sein. Er sah aus wie die Radsportler, die ich in den Zeitschriften gesehen hatte: hager im Gesicht, groß, schlank und wettergegerbt.

Er wirkte nervös und im Gespräch irgendwie unbeholfen, mit seinem drolligen nasalen Lachen. Widerstrebend erklärte er sich bereit, sich von mir fast den ganzen Nachmittag über seine Erfahrungen als Radsportler ausfragen zu lassen. Noch wichtiger aber war, dass er sich bereiterklärte, gemeinsam mit mir eine Trainingsfahrt zu unternehmen.

Wenn ich mich ihm auf seiner Ausfahrt am Sonntag anschließen wollte, so machte er allerdings unmissverständlich klar, würde er kein Jammern dulden, er würde nicht auf mich warten, mir nicht helfen, sollte ich einen Platten haben, und keine Gnade walten lassen hinsichtlich des Tempos. Ich stimmte mit einem Lächeln im Gesicht zu und zählte die Minuten bis zum Sonntag, wenn ich die Chance bekäme, mit einem echten Radrennfahrer zu trainieren.

Meine Mutter geriet in Panik, als der Sonntagmorgen kam. Ich würde mich mit einem Mann, den sie nicht kannte und vor dem sie sich, wäre sie ihm begegnet, gewiss gefürchtet hätte, auf eine fast hundert Kilometer lange Radtour begeben. Warum sollte ein erwachsener Mann mit Kind so viel Zeit damit verbringen, am Wochenende bei eisiger Kälte Rad zu fahren?

Bart musste zeitig mit dem Training fertig sein, und so trafen wir uns schon um neun am Laden. Das war der frühestmögliche Zeitpunkt, um aufzubrechen, ohne auf zu viele noch vereiste Stellen auf der Straße zu treffen. Mit vor Kälte erstarrtem Gesicht gab Bart mir letzte Anweisungen.

»Hör zu, ich muss rechtzeitig zurück sein, um meinem Kind das Mittagessen zu machen, und ich werde hundert Kilometer runterreißen. Das muss ich in drei Stunden schaffen«, sagte er. »Falls du mithalten kannst, super. Falls nicht, dein Pech.«

Das Tempo, das Bart vorlegte, war mörderisch. Es gab keinen Moment, in dem ich nicht litt, nur um sein Hinterrad zu halten. Von dieser Ausfahrt hing indes eine Menge für mich ab.

Es war meine Chance, seinen Respekt zu verdienen und auch den von Frankie. Vor allem aber war es meine Chance, zu weiteren richtigen Trainingsfahrten eingeladen zu werden und von einem echten Radrennfahrer zu lernen. Ich durfte mich nicht abhängen lassen.

Mein schmächtiger kleiner Körper krümmte sich im Sattel, meine Schultern wackelten, meine Hände zerrten am Lenker und meine Beine flehten mich an, aufzuhören. Aber ich ließ Bart nicht davonziehen. Ich glaube, er war ein bisschen genervt, dass dieser zwölfjährige Hänfling es schaffte, an seinem Hinterrad zu bleiben.

Obwohl wir etwas später am Morgen losgefahren waren, waren die Straßen noch vereist und nass. Während wir weiter durch die Kälte strampelten, bildete sich auf meinen Schaltzügen eine Eiskruste, die allmählich alles festfror. Bart erging es ebenso. Während der letzten Stunde der Fahrt würde es keine Gangwechsel mehr geben.

Ich steckte schön in einer Übersetzung von 53 x 17 fest. Quälend langsam würgte ich die Pedale herum, aber Bart (der das offenbar gewohnt war) ließ sich nicht beirren und trat einfach stoisch weiter.

»Du musst halt die Arschbacken zusammenkneifen und damit klarkommen«, knurrte er.

Das war Barts Lebensmotto: Mehr Schmerz bedeutete mehr Spaß.

Schließlich brach ich ein, unterkühlt und unterzuckert, ungefähr 15 Kilometer von zu Hause entfernt. Wie er angekündigt hatte, wartete Bart nicht, aber während ich langsam ausrollte, hörte ich ihn brüllen:

»Gut gemacht, Junge! Wir sehen uns nächsten Sonntag!«

Ich wusste, dass ich mir ein klein wenig seines Respekts verdient hatte.

Die letzten 15 Kilometer kroch ich eher, als dass ich fuhr. Am liebsten hätte ich angehalten und mich in einer schmutzigen Schneewehe schlafen gelegt, betend, dass mich irgendjemand vor Einbruch der Dunkelheit finden würde. Aber ich würgte weiter die Pedale herum, quälend langsam und mit abgehacktem Tritt. Ich hatte kein Geld, um zu Hause anzurufen oder mir eine heiße Schokolade zu kaufen. Ich hatte lediglich einen funktionstüchtigen Gang. Und mir fiel Eis vom Kinn herab. Ich war so hungrig, so durchgefroren und mit meinen Kräften und Nerven so dermaßen am Ende, aber es gab keine andere Möglichkeit, nach Hause zu kommen, als einfach weiterzumachen. Das würde mir eine wertvolle Lektion sein. Manchmal gibt es keine bessere Option. Man muss einfach weitermachen.

Die Miene meiner Mutter, als ich durch die Tür schlurfte, war unbezahlbar. Man konnte sehen, wie Ärger, Enttäuschung, Stolz und mütterliche Instinkte in ihrem Kopf miteinander rangen. Sie wollte mich füttern, mich umarmen, mich in eine heiße Badewanne stecken und gleichzeitig anbrüllen, was für ein Idiot ich sei – alles in einem Atemzug.

Baden war normalerweise nicht unbedingt mein Fall. So eine Sitzung in der Wanne kam mir immer maßlos, langatmig und öde vor. Aber nichts auf der Welt kann es mit einem heißen Bad nach einem langen, kalten Tag auf dem Rad aufnehmen. Dieser Kontrast, seinen Körper erst bei Kälte und Nässe zu schinden, bis er fast zerreißt, und ihn dann in den warmen Schoß einer heißen Badewanne gleiten zu lassen, ist eine wahrlich krasse Erfahrung.

Kapitel 2

Flucht nach vorn in Buckeye

Ich fuhr jeden Morgen mit dem Rad zur Schule. Wenn ich mich nachmittags auf den Rückweg machte, höre ich das johlende Gelächter der Kinder, die in Schulbusse drängten oder zum Football-Training gingen und die mich wegen meiner komischen Radshorts und des pottartigen Helms aufzogen. Es tat weh, das zu hören, und es tat weh, zu wissen, dass ich nicht dazugehörte, aber ich sagte mir, dass ich auf dem Weg war, mit einem viel cooleren Typen abzuhängen als mit den Kids von der Cherry Creek High. Sein Name war Frankie, ein Künstler, der die ganze Welt gesehen und sich seinen Lebensunterhalt als Radkurier in New York City verdient hatte.

Im Laden unterhielt mich Frankie mit Geschichten über große Radrennfahrer mit fantastischen und wunderlichen Namen wie Fons de Wolf. Er dozierte mit unerschütterlicher Überzeugung darüber, dass jegliche in Japan hergestellte Radkomponente absoluter Schrott wäre und dass das einzig wahre Fahrrad ein italienischer Stahlrahmen sei, der mit Campagnolo ausgestattet war.

Er verpasste mir einen italienischen Spitznamen, Gianni, und gab einige recht rabiate und voreingenommene Ansichten zum Besten.

»Shitmano zu fahren ist, wie mit Kondom zu ficken, Gianni. Es ist sicher, es funktioniert, aber es ist einfach Scheiße«, sagte er über den japanischen Komponenten-Giganten.

Der Laden wurde für mich zu einer Zuflucht. Es war ein Ort, den ich liebte und wo ich das Gefühl hatte, respektiert und verstanden zu werden. Über viele meiner leidvollen Teenagerjahre wurde er zu einem zweiten Zuhause.

Ein paar Tage nach meiner ersten Trainingsfahrt mit Bart fuhr ich zum Laden, um Frankie von meinem sonntäglichen Abenteuer zu erzählen und mein Rad, das eine einzige, von Eis und Salz zerfressene Sauerei war, wieder einwandfrei zum Laufen zu bringen.

»Wie ich höre, hat Bart dir den Hintern versohlt, Junge«, sagte Frankie zur Begrüßung.

Dann warf er einen Blick auf meine angeschlagene Maschine.

»Dieses Rad sieht aus wie ein einziges verfluchtes Desaster, du Idiot. Du musst auf deinen Scheiß Acht geben – Herrgott!«

Während Frankie mein Rad mit tätschelnder Fürsorge wieder flottmachte, saß ich im Hinterzimmer, an dessen Tür »Nur für Personal« stand, und lauschte seinen Geschichten über das Leben, den Radsport und das Dasein als Erwachsener. Es bereitete ihm eine diebische Freude, mich »Gianni« zu nennen. Hin und wieder, nach einer besonders strapaziösen Ausfahrt mit Bart, bekam ich ein Gianni-morto! zu hören: »Gianni-tot!«. Viele Jahre lang würde Frank sorgfältig »Gianni« auf das Oberrohr all meiner Räder pinseln.

Auch Franks Schwestern Dominique und Monica – deren Spitznamen Tiny und Priss lauteten – waren oft im Laden. Wie es hieß, war Priss, die Exfrau von Bart, einmal eine ziemlich gute Rennfahrerin gewesen.

Anfangs schienen sie von mir etwas irritiert zu sein, dieser halben Portion, die Frank ständig auf den Füßen herumstand, aber nach einer Weile fanden sie mich ganz süß. Für mich war diese ganze Erfahrung einfach nur erstaunlich: Ich hing mit einer Familie Erwachsener ab, die alles über Räder wussten. Das war so viel besser, als meine Zeit mit einer Horde Pennäler zu verbringen, die nichts als Football und Make-up im Kopf hatten.

Regelmäßig gerieten die Yantornos in aufsehenerregende Streitereien. Kettenblätter wurden auf Köpfe geschleudert, fantasievolle italienische Verwünschungen kamen ins Spiel und Franks Hund Ducco, ein recht angriffslustiger Chow-Chow, geriet in helle Aufregung und zerrte an der Kette, mit der er angebunden war und die öfter mal riss.

Jeden Monat kam ein neuer Katalog von Victoria’s Secret mit der Post. Ich wusste immer ungefähr, wann er eintreffen würde, und radelte wie der Teufel zum Laden, um einen Blick zu erhaschen. Wenn ich ankam, saßen Priss und Tiny im Büro und blätterten kichernd im Katalog. Sie taten so, als wäre es belangloses Zeug. Schließlich zogen sie mich ins Büro wie einen kleinen Bruder.

»Okay, Gianni, du kannst einen Blick hineinwerfen«, sagten sie. »Du musst solche Sachen ja mal gesehen haben, wenn du irgendwann eine Freundin haben willst.«

In der Highschool war ich weit, weit davon entfernt, eine Freundin zu haben. Nur wenige Cheerleader interessierten sich für Typen, die einen halben Kopf kleiner waren als sie, in Elastan-Shorts steckten und einen Kübel auf dem Kopf trugen. Aber Tiny und Priss bescheinigten mir Potenzial für die Zukunft und versicherten mir, dass ich eines Tages in meine enormen Ohren hineinwachsen und jemanden sehr glücklich machen würde. Sie wurden zu meinen großen Schwestern.

Ich öffnete mit leuchtenden, großen Augen den Katalog. Meine Fantasie ging mit mir durch. Ich fühlte mein Blut in Wallung geraten, wie es nur Jungs passiert, die in der Pubertät sind. Mit einem Mal wurde mir klar, dass von gleichaltrigen Kindern gehänselt zu werden nicht das einzige Problem war, wenn man eng anliegende Radhosen trug.

Ich hoffte, niemand würde es bemerken. Aber natürlich merkten sie es jedes Mal.

»Hey, Gianni, schöner Ständer!«, brüllte Frankie.

Priss und Tiny verteidigten mich.

»Fick dich, Frankie, du bist nur neidisch, weil du keinen hochkriegst!«

Sofort gab es wieder Zoff. Priss und Frankie gingen aufeinander los, und wieder flogen Kettenpeitschen, italienische Verwünschungen und Regina-Schraubkränze durch die Werkstatt. So plätscherte also Nachmittag um Nachmittag in wunderbaren Stunden dahin, während ich im Laden herumhing. Ich fand es großartig.

Unterdessen ging mein Training prächtig voran. Ich konnte die Verbesserungen von Woche zu Woche spüren. Ich wurde stärker und stärker und manchmal hatte ich das Gefühl, dass meine Beine irgendwann kräftig genug sein würden, um meine bollerigen Shorts auszufüllen.

Als ich mein Training intensivierte, entdeckte ich irgendwann ein klaffendes Defizit in meinen Fähigkeiten als Radsportler – meine Sprintqualitäten. Ich besaß absolut null Beschleunigung im Vergleich mit anderen Fahrern. In meinen ersten Rennen war mir diese Schwäche nicht aufgefallen, aber nun, da ich immer fitter wurde, machte es sich echt bemerkbar.

Sobald es darum ging, mit maximaler Power in die Pedale zu hämmern, stieß ich an meine Grenzen. Im Nachhinein hätte mich das nicht überraschen sollen, denn ich war gebaut wie ein Spargel mit Armen. Meine Knie waren deutlich breiter als jeder andere Teil meiner Schenkel und meine Beine sahen aus wie zwei Zahnstocher, die von einer Olive zusammengehalten wurden.

Ich begann mit Sprinttraining. Zweimal die Woche sprintete ich mir einen Wolf, um einen Tick mehr aus meinen Zahnstocherbeinen herauszuholen. Schön war das nicht. Anfangs konnte mich jeder schlagen. Jeder. Aber ich machte unbeirrt weiter, auch wenn es wie ein aussichtsloses Unterfangen aussah. Lange Sprints, kurze Sprints, Sprints bergauf und bergab, Sprints mit Rückenwind und Gegenwind. Jeden Dienstag und Samstag sprintete ich. Wieder und wieder.

Ich war mittlerweile geradezu besessen vom Training, aber eine andere Sache, mit der ich mich in der Vorbereitung auf das Red Zinger Mini Classic 1987 obsessiv beschäftigte, war das Material. Ich merkte schnell, dass der Radsport wie geschaffen war für Nerds. Ich verbrachte Stunden damit, Kataloge voller Messerspeichen und ausgebohrter Kettenblätter zu wälzen. Ich sparte, was ich konnte, um mir etwas zu kaufen, das mich ein klein wenig schneller machen würde.

Besessen war ich inzwischen auch vom Gewicht. Sehr zu Franks Leidwesen kaufte ich mir einen Alurahmen von Vitus. Frank meinte, er wäre völlig krumm und, da er von Franzosen gebaut worden war, zweifellos Schrott.

Ich bekam schnell mit, dass die Yantornos die Franzosen für so ziemlich alle Probleme auf der Welt verantwortlich machten.

Sie konnten keine Rahmen bauen, nicht kochen, keine Flugzeuge fliegen oder Autos bauen. Sie rochen schlecht und waren eingebildet. Vor allem aber waren sie der Feind jeder italienischen Radsport-Familie, die etwas auf sich hielt. Schlimmer noch, ich hatte den Ehrenkodex gebrochen, indem ich mir einen von Franzosen gebauten Rahmen zugelegt hatte.

Frankie kam allmählich auf Touren.

»Gianni, das Teil sieht aus, als hätte einer in die Muffen geschissen. Der Kleber quillt nur so raus. Ich fasse diesen Scheißrahmen nicht an, er hat wahrscheinlich Herpes.«

Schließlich konnte ich Frank doch überreden, mein superleichtes, kleines 50cm-Vitus aufzubauen. Er warnte mich, der Rahmen wäre zu weich und würde brechen, aber er dürfte meine Kräfte eindeutig überschätzt haben. Ich wies darauf hin, dass auch Sean Kelly ein Vitus fuhr. Frankie wollte trotzdem nichts davon hören.

»Gianni, Profis können alles Mögliche fahren und sind trotzdem schnell. Bernard Thévenet hat die Tour de France auf einem Rad gewonnen, das fürs Zeitungsaustragen gebaut wurde. Dein Vitus ist trotzdem kacke. Und das Gleiche gilt für das von Sean Kelly…«

Kacke hin oder her, ich liebte mein blaues Vitus.

Es fühlte sich leicht an unter meinen Beinen und schnell an den Anstiegen, und ich bezweifle, dass ich es mehr verbog als die Käse und Baguette mampfenden Franzosen, die es entworfen hatten. Ich wog nach wie vor nicht viel mehr als 45 Kilo und es zeichnete sich ab, dass das Klettern zu meiner Waffe im Rennen werden würde. Mittlerweile konnte ich bei den brutalen Wochenend-Einheiten mit Bart sogar dann mithalten, wenn es richtig steil wurde. Ich schien zwar immer viel mehr zu leiden als er, aber irgendwie gelang es mir, mich nicht abhängen zu lassen.

Bald begann es mit dem Einzug des Frühlings etwas wärmer zu werden und die Rennen des Sommers rückten allmählich näher. Wenn die Post kam, hielt ich fast ebenso gespannt nach Anmeldeunterlagen für Rennen Ausschau wie nach verirrten Victoria’s-Secret-Katalogen.

Die Rennen, die ich im letzten Jahr nur widerwillig zu Ende gefahren war, wurden nun zu einer Obsession. Ich zählte die Tage bis zum Start. Ich war aufgeregt und konnte kaum erwarten, dass es endlich losging, denn meine Solo-Trainingsrunden und die gemeinsamen Ausfahrten mit Bart am Wochenende wurden allmählich ein bisschen eintönig. Im Vorjahr war ich dem Kitzel des Wettkampfs verfallen. Immer nur zu trainieren, war, wie sich herausstellte, auf die Dauer etwas banal, zäh und bisweilen langweilig. Ich brauchte dringend Abwechslung.

Zum Glück gab es eine Stufe zwischen Training und dem eigentlichen Wettkampf. Sobald die Sommerzeit anfing, nahm Bart mich zu einer improvisierten Abendveranstaltung mit, dem Meridian Ride. Jeden Dienstag- und Donnerstagabend trafen sich um die 60 bis 70 Rennradfahrer aus Denver in einem Gewerbegebiet namens Meridian im Süden der Stadt, um eine Stunde lang Vollgas zu geben und so zu tun, als würden sie ein Rennen fahren. Der Meridian war und ist eine Institution in Colorados Radsportszene.

Der Meridian war allerdings Insidern vorbehalten. Man musste jemanden kennen, der wiederum jemanden kannte, der wusste, wann man sich einzufinden hatte. Es war eine Art Fight Club für Rennradfahrer. Nichts war offiziell: Es war geheim, es war illegal, es spielte sich mitten im Straßenverkehr ab und man sprach nicht darüber – mit niemandem.

Bart war der König dieses Fight Clubs auf zwei Rädern. Er war seit vielen Jahren unbesiegt und die Geschichten seiner Heldentaten verbreiteten sich in Colorados Radsportszene wie die Legende von Paul Bunyan. Sobald Bart glaubte, ich wäre bereit, vom Fight Club zu erfahren, lud er mich ein, es einmal zu probieren.

Ich fühlte mich geehrt, war aber auch tierisch nervös, jedoch würde mich keine noch so große Furcht dazu bringen, eine Einladung in den Underground auszuschlagen. Der Meridian wurde zu meiner Lieblingsbeschäftigung nach Schulschluss.

Absolut gar nichts am Fight Club war eine gute Idee. Die Bandbreite an Können und Begabung war enorm. Von Triathleten bis hin zu Bahnradsportlern war alles dabei: Männer, Frauen, Mädchen, Jungs, solche, die noch nie in einem Peloton gefahren waren, und solche, die es niemals hätten tun dürfen, bis hin zu Kategorie-1-Fahrern wie Bart. Jeder und jede war willkommen – sofern man cool genug war, davon zu wissen, natürlich.

Es gab keinen Papierkram, keinerlei Bürokratie. Es gab keine offizielle Distanz, keinen Start und kein Ziel, und es gab selbstverständlich keine abgeriegelten Straßen und keine Polizeieskorte. Man fand sich um sechs Uhr ein und los ging’s. Wir rasten über rote Ampeln, schlängelten uns durch den Verkehr und taten alles, was in unserer Macht stand, um jemandem eine Freifahrt im Krankenwagen zu verschaffen. Es war schnell, es war gefährlich und es war richtig geil.

Der Meridian war außerdem ein hervorragender Lehrmeister. Radrennfahren ist ein Sport, den man durch Wettkämpfe, durch Erfahrung, durch Versuch und Irrtum erlernt. Es gibt Dinge, die man nicht durch Coaching oder Anleitung erlernen kann. Die Art und Weise, wie sich ein Peloton in die Länge zieht und wieder sammelt, der fließende Tanz, der sich eingangs und ausgangs jeder Kurve abspielt. Der Fight Club mochte ein Traum für Anwälte und der Alptraum jeder Mutter sein, in jedem Fall aber war er ein sagenhafter Lehrmeister. Er lehrte mich, mich im Feld zu bewegen. Er lehrte mich, wie man das richtige Timing für eine Attacke fand, wie man ein Hinterrad hielt, wie man Fahrt aufnahm und wie man Stürze vermied – zumindest die meisten.

Wenn ich dienstags und donnerstags nach dem Meridian Ride nach Hause kam, zum zünftigen Abendessen meiner Mutter, fühlte ich mich jedes Mal wie ein blutverschmierter Krieger. Bei Hamburgern und Krautsalat erzählte ich meinen Eltern, dass ich immer besser lernte, mich in der Schlacht zu behaupten.

Ich sehnte das Ende des Schuljahrs herbei. Die Sommerferien konnten gar nicht schnell genug kommen. Ich konnte sie kaum erwarten, denn inzwischen waren meine Klassenkameraden auf den Trichter gekommen, dass ich der Typ war – der Typ, den sie überall in Elastan-Shorts herumfahren sahen. Im Mittleren Westen des Jahres 1987 war das gesellschaftlich schlichtweg nicht akzeptabel.

Ich gewöhnte mich daran, aus vorbeifahrenden Autos von Highschool-Kids, die gerade den Führerschein bekommen hatten, mit halbgefüllten Milchshake-Bechern beworfen zu werden. Und ebenso gewöhnte ich mich an die üblichen Beschimpfungen. »Schwuchtel« oder »Tunte« waren an der Tagesordnung. Inzwischen tat mir das nicht mehr weh; es machte mich einfach nur wütend. Eines Tages würde ich berühmt sein und diese Penner würden meinen Namen kennen.

Ich war nicht stark genug, mich physisch zur Wehr zu setzen, aber innerlich brannte ich darauf, es diesen Hohlköpfen heimzuzahlen. Irgendwie, irgendwann, würden sie es bereuen, mir diesen Scheiß anzutun. Und sollte es zehn Jahre dauern, dann wäre es halt so. Klein zu sein und schikaniert zu werden, weckte in mir ein starkes Bedürfnis nach Erfolg, um all die Leute Lügen zu strafen, und es schürte auch Wut. Eine Wut, die auf meinem Weg zum Radrennfahrer eine entscheidende Rolle spielte.

Es war an der Zeit, ein richtiges Rennen zu bestreiten. Ich hatte eine Anmeldung abgeschickt, die Teilnahmegebühr bezahlt, das T-Shirt und die Startnummern erhalten und sämtliche Haftungsausschlüsse unterschrieben. Frankie half mir, mein kostbares Rad auf Herz und Nieren zu prüfen, als wäre es das Christuskind in der Krippe. Sorgsam zeigte er mir, wie man die Kugellager wieder befüllte, die Züge wechselte, die Laufräder zentrierte und alles andere richtig einstellte. Als ich den Laden verließ, gab er mir ein paar warme und aufmunternde Worte mit auf den Weg für mein erstes Rennen.

»Ich will schwer hoffen, dass du dein verkacktes Froschfresser-Rad besser fährst, als du es warten kannst!«

Ich war bereit und ich war nervös. Auch meine Eltern waren bereit – bereit dafür, dass ich über diese komische Obsession endlich hinwegkommen würde. Wir verstauten eine Kühltasche mit Trinkflaschen, eine große Ration Fig Newtons, unseren Bedlington-Terrier und mein blaues Vitus im Kombi der Familie. Meine Mutter sorgte sich, ob ich genug gefrühstückt hätte, und mein Vater sorgte sich, ob wir rechtzeitig loskämen. Bald darauf rumpelte der strahlend blaue Oldsmobile nordwärts meiner Bestimmung entgegen.

Mein erstes Rennen war das Straßenrennen von Buckeye. Buckeye liegt mitten im Nirgendwo, Colorado, Schnarchnasenland in Reinkultur, nicht weit von Fort Collins. Wie jedes Rennen in Colorado ging auch dieses früh am Morgen los.

Mit den Jahren lernte ich, dass man kein richtiger Radsportler ist, solange man nicht vor Sonnenaufgang aufstehen muss. Wir parkten unser blaues Ungetüm auf einem Acker, luden mein Rad aus und machten uns daran, die Startnummern zu befestigen. Ich fand das alles extrem aufregend. Anders als im Vorjahr, als ich nur widerwillig mitgemacht hatte, war ich diesmal bis in die Haarspitzen motiviert. Ich brannte darauf, mich zu bewähren.

Der Geruch von Furcht lag in der morgendlichen Kälte. Die anderen Eltern huschten mit Walkie-Talkies umher, die Rennvorbereitungen ihrer Söhne koordinierend und gleichzeitig versuchend, jüngere Geschwister in dem ganzen Chaos nicht zu verlieren. Die Horde elterlicher Helfer hatte viel zu tun. Trinkflaschen wurden gefüllt, Helme wurden geschlossen und Schuhe mit Cleats unter den Sohlen wurden über Füße gestülpt.

Ich sah die Legenden des Vorjahrs und auch Chris Wherry, den Obermotz von allen. Nach dem heutigen Tag würden sie alle meinen Namen kennen, da war ich mir ganz sicher, dachte ich jedenfalls, obwohl ich nach wie vor nicht wusste, ob ich wirklich etwas taugte. Als ich das letzte Mal gegen diese Jungs angetreten war, hatte ich es jedenfalls nicht getan. Die Zweifel aus dem Vorjahr stiegen wieder in mir auf und ich hatte Schwierigkeiten, sie zu unterdrücken.

Das Rennen bestand aus einer Runde auf einer weitgehend flachen, 30 Kilometer langen Schleife an einem strahlend hellen, windstillen Sommermorgen. Stumm und zitternd vor Nervosität stand ich an der Startlinie. Der Knall der Startpistole hallte über die kahlen Felder und ich hatte Mühe, den freien Schuh ins Pedal einzuklicken. Ich hatte das wieder und wieder geübt, aber wegen meines Lampenfiebers stellte ich mich umständlich und ungeschickt an. Schon jetzt lag ich ein Stück hinter der Konkurrenz zurück, aber ich bahnte mir rasch den Weg zurück an die Spitze.

Sofort gingen die Attacken los.

Alle gingen bei jedem Antritt mit und so ging es im Feld hin und her, während immer wieder halbwüchsige Krieger versuchten, sich aus der Meute zu lösen. Über dem Geräusch der Räder war ein permanentes Schreien und Rufen zu vernehmen und die gebrüllten Warnungen vor den Attacken der anderen. Das Tempo war immer noch ziemlich hoch für die meisten 13-Jährigen und die Anstrengungen forderten allmählich ihren Tribut, sodass das Peloton Fahrer um Fahrer dezimiert wurde.

Auf den letzten acht Kilometern der Buckeye-Schleife gab es ein paar kleinere Hügel, die zum Ziel hin allmählich anstiegen. Ich beschloss, auf diesen Abschnitt zu warten, bevor ich meine Chance ergriff. Das Warten kam mir endlos vor. Ich wollte diesen Jungs unbedingt zeigen, was ich draufhatte. Aber ich wusste auch, dass ich mich in Geduld üben müsste. Ich wartete, ein Bogenschütze mit gespannter Sehne, der auf den perfekten Moment für den Schuss wartet.

Wir bogen rechts ab auf das letzte Stück und direkt hinein in den längsten Anstieg des weitgehend flachen Rennens. In einer kurzen Ruhepause, in der das Peloton vor dem Anstieg kollektiv Atem holte, startete ich meine Attacke. Da ich für die meisten anderen Kids ein unbeschriebenes Blatt war, wurde mir nicht sofort nachgesetzt. Binnen weniger Sekunden hatte ich einen kleinen Vorsprung herausgefahren. In diesem Moment geschah es, dass in mir ein tiefer, urwüchsiger Instinkt einsetzte.

Ich wurde gejagt und das Adrenalin der Angst flutete durch meinen Körper. Es war, als ginge es um mein Leben. Ich fühlte mich wie in einer Szene aus der BBC-Serie Planet Erde, ein einsames Gnu, das von einer Meute hungriger Schakale gehetzt wird. Aber dieses kleine, 45 Kilogramm leichte Gnu würde sich als eine echte Herausforderung für diese hochmütigen Schakale erweisen. Ich hatte mich noch nie so gefühlt, nicht im Rennen im Vorjahr und auch nicht im Training mit Bart.

Dieses Gefühl war etwas gänzlich Neues, etwas Wildes und Intensives. Es war eine Angst, wie ich sie nie zuvor verspürt hatte. Angst zu verlieren, Angst zu scheitern, Angst geschnappt zu werden.

Ich verspürte den Drang, in den Straßengraben zu fahren und einen Sturz vorzutäuschen, um mich nicht mit den Folgen eines Scheiterns auseinandersetzen zu müssen, aber auch den Drang, noch mehr aus mir herauszuholen und mich nicht von der Meute erwischen zu lassen. Es verlangte mir alles ab, mich nicht lähmen zu lassen von dem Wunsch, mich vor dem Ergebnis zu drücken, und mir stattdessen selbst einzuschärfen, dass ich alles daran setzen musste, die Flucht nach vorn zu ergreifen.

Ich rettete meinen Vorsprung über die Kuppe des Hügels. In weiter Ferne sah ich die Banner im Zielbereich. Jetzt glaubte ich allmählich daran, es schaffen zu können.

Ich wollte, dass meine Mutter mich als Ersten ins Ziel kommen sah.

Ich wollte, dass Frankie später im Laden von meinem Sieg erfahren würde.

Ich wollte Chris Wherry zeigen, dass ich stärker war als er.

Und ich wollte all den Deppen von der Schule beweisen, dass ich mehr war, dass ich etwas Besseres war, als sie begriffen. Ich war das Gnu, das würdig war, die Herde anzuführen. Ich wollte gewinnen.

Ich nahm den Kopf so weit runter wie möglich und trat weiter Richtung Ziel, nur einmal unter meinem Arm zurückblickend, ob die anderen mich einholen würden.

»Lass sie nicht. Lass sie nicht. Lass. Sie. Nicht«, sagte ich mir, wieder und wieder.

Mein Verlangen danach, zu gewinnen, hatte inzwischen mehr mit der Angst davor zu tun, eingeholt zu werden, als mit der Freude darüber, zum Sieg zu fahren. Ich war besessen davon, es den Leuten zu zeigen. Besessen davon, alles Negative zu überwinden. Meine Hände krallten sich in den Lenker, während ich gegen den Wunsch ankämpfte, nur ein klein wenig langsamer zu fahren.

Ich keuchte wie ein Güterzug und meine Beine waren wie aus Gummi, aber von meinen Trainingsfahrten mit Bart wusste ich: Wenn es etwas gab, worauf ich mich bei meinem schmächtigen kleinen Körper verlassen konnte, so war es die Fähigkeit, eine enorme Menge Schmerz zu ertragen und zu bewältigen. Und das tat ich auch.

Statt zu versuchen, den Schmerz, den ich verspürte, zu ignorieren oder zu minimieren, tauchte ich in ihn ein, umarmte ihn, konzentrierte meine Gedanken auf ihn – fast, als wäre ich süchtig nach ihm. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, das Heft in der Hand zu halten. Als mein Körper mich wieder und wieder aufforderte, mich zurückzunehmen und es langsamer angehen zu lassen, stellte ich mir ein gigantisches rotes Schild vor, auf dem NEIN stand.

NEIN dazu, das Tempo etwas zu drosseln. NEIN dazu, aufzustecken, NEIN dazu, mich einholen zu lassen, NEIN zum Scheitern.

Ich konnte zwar kein Mädchen dazu überreden, mit mir zum Schulball zu gehen, noch konnte ich meine Abschlussprüfung in Algebra bestehen, aber ich konnte meinen Körper dazu zwingen, dem Schmerz auf eine Weise zu widerstehen, wie es andere Menschen nicht konnten, nur damit ich auf dem Rad ein bisschen schneller war.

Das Feld formierte sich zu einer späten Verfolgungsjagd, aber es war zu spät. Lieber wäre ich gestorben, als mich noch einholen zu lassen, und genauso fuhr ich. Als ich mich dem Ziel näherte, schaute ich mich ein einziges Mal um. Und ich sah, dass niemand hinter mir war. Ich hätte schon viel früher den Sieg bejubeln können, aber aus Angst gab ich weiter Vollgas, bis ich die Ziellinie unter mir sah. Dann endlich riss ich einen Arm in die Höhe.

Das Gefühl der Erleichterung war intensiv und strömte durch mich hindurch, als wäre ich in eine warme Wolldecke gehüllt worden, nachdem man mich aus stürmischer See gerettet hatte. Ich hätte überschwängliche Freude verspüren sollen, so zumindest heißt es immer. Aber ich empfand im Moment des Sieges keinen triumphalen Stolz oder dergleichen.

Ich war einfach nur froh, niemanden enttäuscht zu haben. Nicht Frankie, nicht meine Mutter und auch nicht Bart. Und zu guter Letzt hatte ich gewonnen.

Kapitel 3

Der orange Volvo Kombi

Der Sieg in Buckeye machte Lust auf mehr. Ich begann, Rennen in entlegenen Ecken von Colorado und in anderen Bundesstaaten ins Auge zu fassen, und machte mir sogar Gedanken darüber, wie man sich für die US-Meisterschaften qualifizieren könnte.

Ich bin sicher, meine Eltern waren auf der einen Seite ganz froh, dass ihr Herumtreiber von Sohn endlich eine Beschäftigung gefunden hatte, der er sich mit ganzem Herzen verschrieb, andererseits waren sie aber sicher auch ein bisschen besorgt angesichts der Ausmaße meiner Obsession. Unterdessen war es mit der Wirtschaft in Colorado bergab gegangen und meine Eltern hatten ein paar finanzielle Schwierigkeiten, was eine zusätzliche Belastung bedeutete.

Sie machten sich eher Gedanken, wie sie die Hypothek bedienen und Essen auf den Tisch bringen sollten, als darum, ihren Sohn durch die Gegend zu kutschieren, damit er Radrennen bestreiten konnte. Meine Pläne für diese weit verstreuten Rennen schienen viel zu abwegig, um auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, abgesehen davon, dass sie viel zu weit entfernt waren. Und dennoch unterstützten meine Eltern meine Tagträumereien und halfen mir dabei, günstige Möglichkeiten zu finden, zu diesen Veranstaltungen zu gelangen.

Das bedeutete mir enorm viel. Ich sehnte mich danach, als Radrennfahrer ein höheres Niveau zu erreichen, wollte meinen Eltern aber nicht die finanzielle Last dieser Obsession aufbürden. Gleichzeitig musste ich mich zumindest bei ein paar Rennen auf regionaler Ebene blicken lassen, um vielleicht für ein wenig Aufsehen zu sorgen. Ich musste die Aufmerksamkeit von lokalen Teams, nationalen Auswahltrainern und vielleicht dem einen oder anderen Sponsor erregen. Falls ich mich gut schlug, könnte ich ein wenig Preisgeld gewinnen, was allemal besser wäre als ein Ferienjob, und so vielleicht die Fahrtkosten zum nächsten Rennen aus eigener Tasche bezahlen.

Auch dann würde ich meine Eltern natürlich überreden müssen, mich zu diesen Rennen zu fahren. Ich wusste, dass Dad Zeit genug hatte, mich hinzubringen, denn seine Kanzlei litt unter der am Boden liegenden Konjunktur. Also beschloss ich, ihm vorzuschlagen, mich zu einigen Rennen zu fahren. Das bescherte dem knallorangen 1974er Volvo Kombi meines Vaters seinen großen Auftritt.

Der Volvo hatte schon weit über 300.000 Kilometer auf dem Buckel und stank nach beißendem Pfeifenqualm und verschüttetem Kaffee. Es war das Auto, in dem ich zur Schule gefahren worden war, seit ich ein kleiner Junge gewesen war.

Seine Höchstgeschwindigkeit lag unter dem Tempolimit und er verbrannte so viel Öl, dass man bei jedem Tankstopp nachfüllen musste. Die zerrissenen Sitze waren mit Schafsfell bezogen und übersät von der Asche aus der Pfeife meines Dads.

Die Gegenwart und der Geruch meines Vaters, wie er im Volvo an einem bitterkalten Januarmorgen in Colorado bei offenem Fenster eine Pfeife raucht, ist eine meiner liebsten Kindheitserinnerungen. Nun würde dieser gute alte Freund auf Rädern mich zu den Schlachtfeldern des Radrennsports in Colorado bringen.

Aber dem orangen Volvo stand noch mehr bevor. Er würde mehr sein als nur mein Beförderungsmittel zu den Wettkämpfen – er würde sich zu einem Mehrzweck-Radsport-Begleitfahrzeug mausern. Seine Bestimmung war auch, mir im Training als Schrittmacher zu dienen.

Motorpacing bedeutet, hinter einem Auto oder Motorrad zu fahren und den Windschatten des Fahrzeugs dazu zu nutzen, um mit viel höheren Geschwindigkeiten zu trainieren, als es normalerweise möglich wäre. Soweit ich es beurteilen konnte, war Training mit einem solchen motorisierten Schrittmacher der Königsweg dahin, ein großer Fahrer zu werden.

Ich hatte darüber in Eddie Borysewicz’ Trainingsratgeber gelesen, aber noch wichtiger: Ich hatte es in Filmen gesehen. Wie jeder Radsportnarr in den 1980ern hatte ich Breaking Away und American Flyers gesehen. Diese beiden Filme, die von amerikanischen Kids handeln, die sich dem Radrennsport verschreiben, verkörperten all meine Träume und Erfahrungen.

Ich sah mich selbst, so wie die Kids in Breaking Away, als einen »Cutter« aus einer armen Familie von der falschen Seite der Gleise, der auf die feine Cherry Creek High School geht. Ich hielt mich für Dave Stoller, den Helden aus Breaking Away, einen Außenseiter, der seinen Weg im Leben geht, indem er Rad fährt und vom großen Abenteuer in Europa träumt. Um wie Dave zu werden, musste ich lernen, hinter einem motorisierten Schrittmacher zu fahren.

Bei meinen ersten Motorpacing-Experimenten versuchte ich, mich hinter die Stoßstangen langsamer, nichtsahnender und zumeist älterer Autofahrer zu klemmen. Dies erwies sich als recht riskant. Allzu oft ließ der Anblick eines Bengels, der sich mit hochrotem Kopf in seinem Rückspiegel abstrampelte, den Fahrer in Panik geraten und in die Eisen gehen, und ich landete unsanft auf dem Kofferraum.

Nach ein paar solcher Episoden sah ich ein, dass es wohl sinnvoller wäre, einen Fahrer zu finden, der wusste, was vor sich ging, statt ihn in Angst und Schrecken zu versetzen. Das schien für alle Beteiligten das Beste zu sein. Also fragte ich meinen Vater, ob er bereit wäre, den Schrittmacher für mich zu geben.

Seine Antwort war sehr typisch: Er sagte weder ja noch nein, sondern stellte stattdessen allerlei Fragen, was genau ich mit dem seltsamen Anliegen, mit meinem Rad direkt hinter einem Kombi zu fahren, bezweckte. Aber bald erklärte er sich bereit.

Ich glaube, er sah die Sache als Chance, die Bindung zwischen Vater und Sohn zu festigen. Die meisten Väter spielten mit ihren Kindern Ball, halfen ihnen bei den Hausaufgaben oder gingen mit ihnen Angeln. Dad und ich unternahmen nie etwas gemeinsam – wir waren unterschiedliche Charaktere und generell herrschte das Gefühl einer gewissen Distanz zwischen uns beiden. Aber unsere Motorpacing-Einheiten nach Schulschluss überwanden unsere Differenzen und wurden zu etwas, das uns beide verband.

Unerwartet erwies er sich als perfekter Schrittmacher. Mein Vater ist der wahrscheinlich langsamste Autofahrer, der mir je begegnet ist, und er neigt nicht dazu, plötzliche Richtungswechsel vorzunehmen, weder im Straßenverkehr noch in sonstigen Lebensbereichen. Er ist die personifizierte Bedächtigkeit.

Er gebraucht nur selten die Bremse, weil er, bei allem, was er tut, nie schnell genug unterwegs ist, um sie benutzen zu müssen. Während diese Gleichmut das genaue Gegenteil meiner überspannten Impulsivität ist, erwies sie sich für die Rolle des Schrittmachers als absolut perfekter Charakterzug. Auch der orange Volvo war wie geschaffen für diese Aufgabe.

Er war ein behäbiges, schwerfälliges Ungetüm, das seine besten Tage lange hinter sich hatte. Der überstrapazierte Motor lieferte so gut wie keine Beschleunigung und auch die Bremsen funktionierten mehr schlecht als recht. Das alles war einfach perfekt.

Jeden Mittwoch traf ich mich mit Dad am Chatfield Reservoir. Chatfield war ein State Park und es herrschte dort sehr wenig Verkehr. Die Straßen waren weitgehend flach, es gab nur wenige Kurven und kaum Schlaglöcher. Das waren genau die richtigen Bedingungen, um die Kunst des Stoßstangenlutschens zu erlernen.

Wir fingen damit an, dass ich, bei 40 km/h an der Stoßstange klebend, einfach hinter Dads Kombi herfuhr. Wir mussten uns zunächst an die verschiedenen Signale und Zeichen gewöhnen, die nötig waren, um das Ganze zu einer für uns beide sicheren Angelegenheit zu machen. Recht schnell entwickelten wir ein Gefühl für die subtilen Bewegungen und Gesten, mit denen wir uns gegenseitig anzeigten, was Sache war. Allmählich wurde es zu unserer gemeinsamen Sprache.

Dad und ich redeten im täglichen Leben nicht viel miteinander, aber in unseren Schrittmacher-Einheiten in Chatfield verstanden wir uns fast blind. Es dauerte nicht lange, bis wir über Anstiege, Kurven und sonstigen Verkehr in gleicher Weise dachten. Ein kurzes Nicken und ein rascher Seitenblick genügten, um uns vollkommen zu verstehen. Über die verstohlenen Winke, die wir im Rückspiegel wechselten, funktionierte die Verständigung zwischen uns besser als je zuvor.

Seltsamerweise glaube ich, dass wir uns beide auf unsere gemeinsamen Ausfahrten am Mittwochnachmittag freuten. Ich kann nur vermuten, was die Park Ranger dachten, wenn sie uns sahen: meinen alten Herrn, der eben noch vor Gericht einen Fall verhandelt hatte, im Tweed-Dreiteiler und mit einer Pfeife im Mund am Steuer einer alten Mühle, hintendran sein halbwüchsiger Sohn, der auf einem Rad sitzend an seiner Stoßstange klebte.

Unsere Einheiten wurden immer intensiver und komplexer. Ich ergänzte sie um Intervalle, in denen ich versuchte, an dem orangen Ungetüm vorbeizusprinten. Bald sausten wir locker mit 60 km/h und mehr dahin, was streng genommen illegal war und jenseits des Tempolimits lag. Hin und wieder mussten wir im Park einen Truck samt Anhänger oder ein Wohnmobil überholen.

Das sorgte für einige Aufregung. Dad wechselte, seinen am Auspuff klebenden Jungen im Schlepptau, auf die Gegenfahrbahn und begann zu überholen. Die Blicke und das Kopfschütteln, das wir ernteten, wenn wir an irgendeinem alten Angler in seinem Ford Pick-up vorbeikrochen, waren unbezahlbar. Mir entging nicht, wie stolz Dad war. Sein Sohn war auf einem verdammten Fahrrad schneller als ein Ford 150.

Das ist bis heute das einzige Mal, dass ich meinen Vater das Tempolimit überschreiten sah. Obwohl ich die berauschende Mischung aus karzinogenem Öl und Pfeifenrauch inhalierte, die aus dem Volvo waberte, machte sich das Training bezahlt. Ich fing an, häufiger größere Rennen zu gewinnen.

Wie sich zeigte, war ich trotz meiner geringen Körpergröße gar nicht so übel im Zeitfahren, egal ob auf hügeliger oder flacher Strecke. Diese Disziplin übte einen besonderen Reiz auf mich aus, denn dabei ging es nur darum, wie viel Schmerz man aushalten konnte. Im Zeitfahren gab es keinen Hasen, den man hetzte, keinen Konkurrenten neben einem, keine externe Motivation, keinen visuellen Stimulus. Es ging nur um einen selbst, sein Rad und die Straße.

Es gab nicht die jähen Beschleunigungen wie beim Sprinten oder die raschen taktischen Entscheidungen der Straßenrennen. Es ging nur um den reinen Einsatz. Das Vermögen, sich ausschließlich auf eine Sache zu konzentrieren und alles andere auszublenden, war eine spezifische Fähigkeit, die nichts mit den Qualitäten zu tun hatte, die nötig waren, um mitten in einem Peloton zu fahren.

Nachdem ich meinen Vater dazu gebracht hatte, mich zu einigen Rennen zu fahren, und vor neu gewonnenem Selbstvertrauen nur so strotzte, meldete ich mich für Colorados Zeitfahr-Staatsmeisterschaften 1988 an. Wie sich herausstellte, verkörperten diese Meisterschaften perfekt das Einsamkeits-Ethos des Zeitfahrens. Sie wurden in einer Stadt namens Strasburg ausgetragen, in der dünnbesiedelten Ebene ganz im Osten von Colorado.

Strasburg, eine landwirtschaftlich geprägte Stadt, die wie ausgestorben wirkte, war ein Musterbeispiel trostloser Ödnis, nur der Wind und der Staub leisteten einem Gesellschaft. Dem Ort haftete ein Hauch von Endstation an, was daran liegen mag, dass dort der letzte Gleisnagel eingeschlagen wurde, der die Transcontinental Railroad vollendete.

Aber es gab einen guten Grund, sich für einen derart gottverlassenen Ort zu entscheiden: In den 1980er Jahren gab es in Colorado nicht viel Geld für Radrennen, die Veranstalter konnten es sich daher nicht leisten, die Straßen abzuriegeln. Stattdessen versuchten sie, Straßen ausfindig zu machen, auf denen eh möglichst wenig Verkehr herrschte, und Orte, in denen kaum jemand lebte. Mit Strasburg war ihnen das gelungen.

An einem Samstag gleich zu Beginn der Schulferien saßen mein Vater und ich also um kurz vor vier in der Früh in der Küche, aßen ein paar aufgeweichte Cornflakes, füllten eine kleine Coleman-Thermoskanne mit Wasser – per Edding mit »Für die Taubenjagd« beschriftet – und luden dann das Rad hinten in den Volvo.

Nach einem Stottern, einem Bocken und ein paar Fehlzündungen machten wir uns auf den Weg, um zu versuchen, Staatsmeister von Colorado zu werden. Das war kein geringes Unterfangen, denn in den 1980er Jahren war Colorado so etwas wie die Hochburg der US-Radsportszene. In Colorado gewann man nicht im Vorübergehen, und wie ein anderer von Frankies Schützlingen, Clark Sheehan, gezeigt hatte, konnte man sich als Staatsmeister von Colorado durchaus auch Chancen auf den Gewinn der US-Meisterschaft ausrechnen. Während es in puncto Preisgeld um absolut gar nichts ging, stand umso mehr Prestige auf dem Spiel.

Meine Startzeit war um Punkt sieben Uhr. Weil der Volvo einen etwas holprigen Morgen gehabt hatte, trafen wir etwas später, als ich gehofft hatte, aber noch rechtzeitig auf dem Parkplatz ein. Ich begann mich aufzuwärmen und Dad ging los, um meine Startnummern zu holen. Es war entsetzlich kalt, wie immer in Colorado am frühen Morgen.

Ich streifte die ganze Winterkleidung über, die ich bei A Bike Place gekauft hatte und die allmählich, mit Verspätung, zu passen begann. Nervös beobachtete ich, wie sich auf der anderen Seite des Parkplatzes der berüchtigte Wunderknabe Bobby Julich in seiner rotgrünen Teamkleidung von 7-Eleven warmfuhr.

Bobby war eine Altersklasse über mir und ein viel besserer Fahrer als ich, aber hin und wieder gelang es mir, ihn im Zeitfahren zu schlagen. Ich war so besessen von dem Gedanken, zu gewinnen, dass ich kaum auf die Zeit achtete. Dad hatte meine Startnummer angeheftet, ich trug meinen hautengen regenbogenfarbenen Zeitfahranzug schon drunter und begab mich auf eine letzte Aufwärmrunde. Dad geriet ein wenig in Unruhe darüber, dass ich den unmittelbaren Startbereich verließ, aber ich tat dies als die übersteigerte Angst eines ahnungslosen Erwachsenen ab. Ich musste mich ja schließlich warmfahren, oder?

Als ich wieder im Startbereich eintraf, hörte ich den Rennleiter fieberhaft irgendeine Nummer ausrufen, die sich unverzüglich an den Start begeben solle. Mit einem Mal wurde mir klar, dass es meine Nummer war, die er da brüllte.

Dad hatte die gehetzte, entnervte Miene, die nur ein extrem gut organisierter Mann haben kann, der es mit einem extrem verpeilten Sohn zu tun hat. Ich begab mich so schnell es ging an den Start, gerade als der Countdown für mich heruntergezählt wurde.

»…5…4…«

Ich versuchte immer noch, mir meine Überhose von den Beinen zu zerren und mich meiner Jacke zu entledigen, während meine Chancen, Staatsmeister zu werden, mit jeder Sekunde, die verging, schwanden und im kalten Coloradowind davonwehten.

»…3…«

Ich bat Dean Crandall, den bärbeißigen und strengen Rennleiter, um eine spätere Startzeit – um einen erneuten Versuch sozusagen.

»…2…«

Er sah mich und Dad an. »Nein, das wird dir eine Lehre sein, Junge.«

»…1…!«

Ich sprang aufs Rad und fuhr los, wenn auch entmutigt. Die Sache schien aussichtslos zu sein. Was war ich doch für ein Idiot. Weil ich überheblich gewesen war und mich geweigert hatte, auf meinen alten Herrn zu hören, hatte ich meine Chancen auf die Staatsmeisterschaft vergeigt.

Demotiviert spulte ich die ersten anderthalb Kilometer des Zeitfahrens ab, aber dann, als ich mein letztes Stück Überbekleidung an den Straßenrand warf, wurde mir etwas sehr Wichtiges klar: Ich mochte vielleicht nicht gewinnen, aber wenn ich einfach aufgeben würde, könnte ich auch die Qualifikation für die US-Meisterschaften abschreiben.

Ich geriet in Panik. Einen Moment lang erwog ich, einen Sturz in den Graben zu simulieren, sodass ich nach Hause könnte. Aber dann setzte die Logik ein. Ich hatte wegen meiner verpassten Startzeit nur grob eine Minute verloren. Falls ich eine überragende Fahrt hinlegte, würde ich vielleicht Fünfter werden und doch noch zu den US-Meisterschaften fahren. Und das reichte. Ich begann, mich reinzuhängen, um meine Chance auf die Teilnahme an den nationalen Titelkämpfen zu wahren.

Wir hatten Rückenwind bis zur Wendemarke bei halber Strecke, einem Verkehrskegel auf dem Mittelstreifen, und mein Hintermann, der Fahrer, der 60 Sekunden nach mir gestartet war, hatte mich bis dahin überholt. Sobald wir aber in den Wind wendeten, schnappte ich ihn mir wieder.

Danach begann ich wirklich, den Kampf anzunehmen, und nach ein paar Minuten im Gegenwind fand ich meinen Frieden in der Stille und im Schmerz. Ich dachte nicht mehr daran, dass ich der Idiot war, der seine Startzeit verpasst hatte. Ich dachte nicht mehr daran, dass ich keine Chance mehr haben würde, Bobby Julich zu schlagen. Ich konzentrierte mich nur darauf, die Pedale drehen zu lassen, und auf meinen dampflokartigen Atem. Meine Panik war verflogen.

Ich überholte einen weiteren Fahrer. Und noch einen. Und dann noch einen.

Anderthalb Kilometer vor dem Ziel befand ich mich in einem solchen Zustand des Leidens, dass ich das Gefühl hatte, mir jeden Moment in die Hose zu machen. Speichel troff mir aus dem Mund, weil ich es mir nicht erlauben konnte, ihn lange genug zu schließen, um zu schlucken. Ich brauchte den Sauerstoff. Aber ich nahm den Zustand einfach hin und gab weiter Gas.

Bis zu diesem Tag wusste ich nicht, was »trockenes Würgen« bedeutet. Aber als ich über die Linie fuhr, lernte ich es. Ich begann sofort krampfartig zu würgen und versuchte, mich zu übergeben. Es war laut. Echt laut.

Die anderen Eltern schauten angesichts der Geräusche und der Krämpfe angewidert und verwundert zu. Aber ihre Verwunderung rührte auch daher, wie sehr ich mich verausgabt hatte, wie weit ich gegangen war. Ich taumelte vom Rad und saß nur da und versuchte, den nicht vorhandenen Inhalt meines Magens auszuspeien. Ich war froh, dass meine Mutter nicht da war und mich in einem solchen Zustand sah.

Ich bin sicher, sie hätte etwas gesagt wie: »Sich dermaßen zu verausgaben, ach, Junge, das ist bestimmt nicht gut für dein Herz…«

Dad fand mich.

»Sieht so aus, als hättest du das Beste aus der Situation gemacht.« Er lachte. »Hoffe, du hast heute was gelernt.«

Mein Vater war bei diesen Veranstaltungen ein akribischer Zeitnehmer. Nur mit einer alten Armbanduhr zum Aufziehen mit Sekundenzeiger bewaffnet, kannte er die Zeiten aller anderen Teilnehmer. An diesem Tag hielt er sich mit Informationen allerdings zurück. Es entstand eine Pause, aber schließlich erkundigte ich mich beschämt.

»Was meinst du, habe ich mich für die US-Meisterschaften qualifiziert?«

Er sah mich an, beinahe verärgert.

»Nein«, sagte er. »Ich glaube, du hast gewonnen.«

Auf der Heimfahrt schlief ich auf dem nach Tabak riechenden Schafsfellüberzug des orangen Volvo Kombis ein, so wie ich es früher jeden Tag auf dem Weg zur Schule getan hatte. Ich war vollkommen fix und fertig. Aber hin und wieder, wenn ich ein Auge öffnete, schaute ich herab und betrachtete die Goldmedaille, die um meinen Hals baumelte. Ich konnte es kaum erwarten, sie Mum zu präsentieren. Dad und ich waren uns allerdings einig, dass wir das mit dem trockenen Würgen besser für uns behalten sollten.

Ich begann, für die US-Radmeisterschaften 1988 zu trainieren. Bis dahin standen natürlich noch ein paar andere Rennen auf dem Programm, zu dem der Volvo uns kutschieren durfte. Das wichtigste Rennen, das ich zur Vorbereitung bestreiten wollte, war das einwöchige Casper Classic in Wyoming. Es war eine heiße, windige Angelegenheit in einer Stadt, die vom Rest der Welt seit langem vergessen worden war. Aber es würde ein hartes Rennen sein und mich für die Meisterschaften wappnen.

Ich gewann das Zeitfahren zum Auftakt und übernahm die Gesamtführung. Dann aber erhielt ich auf einem langen und windigen Abschnitt eine harsche Lektion, was eine Windstaffel war und wie man nicht darin fahren sollte.

Ich stürzte. Schwer.

Ich war rasch wieder auf den Beinen und im Sattel, aber als ich mir den Weg zurück nach vorn bahnte, spürte ich einen heftigen Schmerz im Unterarm. Es beeinträchtigte mich den Rest der Etappe, dennoch gelang es mir, mit dem Hauptfeld ins Ziel zu kommen.

Anschließend fuhren wir ins örtliche Krankenhaus, um den Arm röntgen zu lassen. Ich hatte eine Fraktur erlitten, direkt an der Wachstumsfuge oberhalb des Handgelenks. Als der Doktor einen enormen Gipsverband um meinen Arm legte, sagte er, dass ich vier Wochen lang kein Rad fahren dürfe.

Ich konnte es nicht fassen. Vier Wochen?

Ein Monat ohne Rad würde meine Chancen, bei den nationalen Meisterschaften etwas zu reißen, zunichtemachen. Ich wollte es nicht wahrhaben. Könnte ich nicht einfach mit Gips fahren? Die Antwort lautete, dass ich das zwar könnte, aber falls ich wieder stürzte und mir den Arm erneut bräche, könnte es das Wachstum beeinträchtigen. Außerdem würde es mehrere Wochen lang höllisch wehtun.

Meine Eltern wussten, dass ich niedergeschlagen war, und versuchten, mich zu trösten.

»Nun, es gibt immer ein nächstes Jahr«, sagte Mum.

Aber als wir wieder ins Auto stiegen, dachte ich nur: »Das ist doch Bockmist.«

Wir waren etwa auf halbem Weg vom Krankenhaus nach Hause, als ich mich zu Wort meldete.

»Ich fahre morgen«, verkündete ich.

Meine Eltern versuchten zu protestieren, aber ich war wild entschlossen. »Wenn ihr mich morgen nicht zum Rennen fahrt, fahre ich halt mit dem Rad hin«, sagte ich störrisch. »Ich fahre. Mir egal, ob am Ende ein Arm kürzer ist als der andere. Ich werde hier fahren. Und ich werde bei den US-Meisterschaften fahren.«

Meine armen Eltern…

Und so ging ich also an den Start und ich litt wie ein Schwein in der Sommersonne.

Mit diesem massiven 80er-Jahre-Gipsverband, der scheinbar aus Zement war, war ich kaum in der Lage, den Lenker zu halten. Tatsächlich schaffte ich es nicht einmal, ohne fremde Hilfe vom Rad zu steigen. Mein Arm war in der Hitze so geschwollen, dass er von innen gegen den Gips drückte, und wegen der Nachwirkungen des Sturzes tat mir der ganze Körper weh. Aber ich würde nicht aufgeben, solange ich die Gesamtführung innehatte. Das kam überhaupt nicht in die Tüte.

Ich hatte zahllose Geschichten über Profis in Europa gelesen, die schreckliche Verletzungen und Krankheiten ertrugen und sich mit Durchfall, gebrochenen Schlüsselbeinen, Infektionen und Fieber durchs Rennen kämpften. Sie gaben nie auf. Es war ihr Job, und die Tatsache, dass sie so hart im Nehmen waren, befähigte sie zu diesem Job.

Das war auch mein Traum: mich als zäh genug zu erweisen, alles zu ertragen. Ich würde nicht aufgeben; ich würde wie sie sein, diese hartgesottenen, nicht kleinzukriegenden europäischen Profis. Ich war keiner dieser verhätschelten amerikanischen Weichlinge, deren Eltern sich bei jeder Änderung der Windrichtung ins Hemd machten.

Klar, da ich keine Attacken mitgehen konnte, büßte ich natürlich meine Führung ein, aber ich wahrte meinen Stolz und auch meine Hoffnungen auf die Meisterschaften. Man sah die anderen Eltern ihre Köpfe schütteln, wenn ich mit meinem riesigen blauen Gipsverband um den Arm vorbeifuhr. Sie würden ihre Kinder niemals in einem solchen Zustand Rad fahren lassen.

Tss-tss, also so was…

Aber ich hatte meinen Eltern keine große Wahl gelassen, also schauten sie nervös zu und zählten die Runden, bis es vorbei war und wir nach Hause konnten.

Ich schaffte es, immerhin noch Fünfter zu werden, aber noch wichtiger, ich wahrte meine Hoffnung, bei den US-Meisterschaften anzutreten, und bewies meinen Eltern, wie viel mir an diesem Traum gelegen war. Auf der Heimfahrt war die Stimmung zugegebenermaßen ein bisschen gedämpft, denn sie waren beide verstimmt darüber, dass ich gestartet war. Aber ich merkte auch, dass sie stolz auf mich waren. Ich hatte echten Schneid bewiesen und vielleicht überwog das die Risiken, die ich eingegangen war, um das Rennen zu beenden. Ich hatte gezeigt, dass ich nicht aufgeben würde, und das war ihnen ein großer Trost.

Der Verband wurde eine Woche vor den Meisterschaften abgenommen. Der Doktor war erstaunt, wie schnell mein Arm verheilt war. So etwas hätte er noch nicht gesehen, sagte er, als er den Gips aufschnitt, der mich ausgebremst hatte. Bar jeglicher Verletzungssorgen machte sich die komplette Familie, einschließlich des Hunds, auf den Weg nach Pennsylvania zu den US-Radmeisterschaften 1988.

Allerdings waren wir gezwungen, den getreuen orangen Volvo zurückzulassen, denn wir wussten, dass wir in Ermangelung einer Klimaanlage alle eingehen würden. Dad behauptete zwar immer, der Volvo habe eine »4 x 130«-Klimaanlage – sollte heißen, eine Klimaanlage mit vier offenen Fenstern bei 130 km/h –, aber uns war klar, dass der Volvo keine 130 Sachen machte, und auf einer Fahrt durch das Landesinnere der USA mitten im August war das nicht unerheblich. Also ließen wir meinen alten Freund zurück und machten uns im blauen Oldsmobile Kombi auf die lange Fahrt quer durchs Land, damit ich mich mit den besten Radrennfahrern der Nation messen konnte.

In der amerikanischen Radsportszene Ende der 1980er Jahre verbreiteten sich Neuigkeiten in Windeseile. Mir war bereits die Kunde von einem Jungen aus New York – aus Brooklyn oder Queens oder so – zu Ohren gekommen, der dort in der Altersklasse der 14- und 15-Jährigen alles gewonnen hatte. Wie es hieß, war er 2,40 Meter groß und trug einen Bart, der so dicht war, wie man es bei einem Jungen seines Alters noch nie erlebt hatte. Angeblich war er unschlagbar.

Jeder Fahrer von der Ostküste, der es wagte, in den Westen zu kommen, hatte Geschichten von der Unbesiegbarkeit dieses Jungen auf Lager. Jeder, der gegen ihn gefahren war, hatte Angst vor ihm. Viele der Geschichten stammten von Bobby Julich, der mich davor warnte, mir meinen Sieg bei den Staatsmeisterschaften zu Kopfe steigen zu lassen. Bobby meinte, dieser haarige Gigant aus New York würde mich bei der US-Zeitfahrmeisterschaft in Grund und Boden fahren.

Das machte die Konfrontation zu einem Kampf David gegen Goliath. Diesmal setzten die meisten Leute auf Goliath.

Beim Aufwärmen für das Zeitfahren erhaschte ich endlich einen Blick auf Goliath. Sein Name war George Hincapie. Er sah prächtig aus in seinem strahlend weißen GS-Mengoni-Rennanzug und auf seiner herrlichen, mit funkelnden Komponenten und Dual-Scheibenrädern von Campagnolo ausgestatteten Zeitfahrmaschine.

Auch er selbst sah gut aus, wie eine Teenagerversion von Lancelot, der soeben von Camelot herbeigeritten war. Abgesehen natürlich vom dem öligen, ondulierten Nackenspoiler, der unter seinem Helm hervorspross. Das sah doch eher nach New Jersey aus als nach Camelot.

Ich sagte Dad, dass George der Typ wäre, dessen Zeit er mit seiner Casio stoppen sollte.

Dad nickte nervös, verunsichert von dem Chaos, das bei diesen Meisterschaften verglichen mit der Radsportszene daheim in Colorado herrschte. Anstelle der morgendlichen Kälte, die wir in Colorado gewohnt waren, war es ein heißer und stickiger Pennsylvania-Nachmittag voller Fliegen und Mücken. Wir befanden uns auf Hincapies Territorium und ich hatte ein wenig Bammel. Aber immerhin verpasste ich diesmal nicht meine Startzeit.

In den Minuten vor dem Start hatte ich sowieso immer das Gefühl, mich am Rande einer Panikattacke zu befinden, an diesem Tag aber war ich so nervös wie noch nie zuvor. Doch irgendwie überstand ich es und nutzte die ganze aufgestaute Nervosität, um schnell zu fahren. Schließlich hatten mich meine Eltern den ganzen weiten Weg hierhergebracht.

Durch die dicke und feuchte Luft zu pflügen, war etwas ganz anderes als daheim in der Höhe von Colorado. Auf Meereshöhe zu fahren, war eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich trat so hart in die Pedale, wie meine kleinen Beine es zuließen, schien aber nicht besonders schnell voranzukommen. Ich triefte vor Schweiß, atmete aber nicht sehr tief. Ich hatte das Gefühl, wegen der Hitze und Feuchtigkeit ohnmächtig zu werden, aber ich würde ganz bestimmt nicht trocken würgen.

Ich fuhr völlig ausgepowert von der Anstrengung über die Ziellinie, und meine Mutter beharrte darauf, dass ich viel zu rot im Gesicht wäre, und übergoss mich mit Eiswasser. Natürlich wollte sie mich auch füttern. Meine Mutter versuchte ständig, mich zu füttern. Ich wollte aber nichts essen: Ich wollte wissen, wie ich mich im Vergleich mit der Legende aus Long Island geschlagen hatte. Dad sagte, er wüsste es nicht. Er wusste lediglich, dass wir nur wenige Sekunden auseinanderlägen, aber er konnte nicht sagen, wer die Nase vorn hätte.

Also warteten wir voller Ungeduld darauf, dass die Ergebnisse verkündet wurden. Als es endlich so weit war, hatten weder George noch ich gewonnen. Stattdessen belegten wir den zweiten und dritten Platz hinter einem Jungen aus Indiana. Das schien undenkbar, völlig ausgeschlossen, aber da stand es schwarz auf weiß.

Die Siegerehrung fand etwa eine Stunde später statt und ich traf endlich auf meinen Erzrivalen – und den Jungen aus Indiana. George war ausgesprochen schüchtern und höflich. Er erzählte mir, wie viel er über diesen legendären Jungen aus Colorado gehört hätte, den niemand schlagen könne. Er hatte gehört, ich wöge nur 80 Pfund und hätte eine Lunge, die doppelt so groß wäre wie die einer Giraffe. George sagte, er habe sich vor mir gefürchtet und dass jeder aus Colorado, mit dem er sich unterhalten hatte, gesagt habe, er hätte keine Chance gegen mich. Es war lustig, sich gegenseitig von diesen Heldengeschichten zu erzählen, die wir übereinander gehört hatten, über die ganze Angst, die sich in uns aufgestaut hatte.

Und nun standen wir auf einem Parkplatz in Reading, Pennsylvania, und bekamen Silber und Bronze, geschlagen von einem Burschen aus Indiana, von dem noch nie jemand gehört hatte.

Moab

Als ich weitere Rennen an verschiedenen Orten im ganzen Land gewann, begann ich davon zu träumen, auch auf internationaler Ebene zu starten. Eine Möglichkeit war, sich für die Junioren-WM zu qualifizieren. Dies wurde mein Fokus und mein Ziel für die Saison 1989.

Um sich zu qualifizieren, musste man sich in einer Reihe von Qualifikationsrennen im ganzen Land bewähren. Das erste davon fand irgendwann um Ostern herum in Moab in Utah statt. Es war ein Rennen, das die besten Fahrer aus allen Ecken der USA anlockte, die alle darauf aus waren, einen Platz im Team für die Junioren-WM zu ergattern.

Moab liegt in einer ausgedörrten Hochwüste in einem ausgestorbenen, fast menschenleeren Teil von Ost-Utah. Es gibt ein paar kitschige 50er-Jahre-Motels und -Diners, stilecht mit zeitgemäß flackerndem Neonlicht, um Touristen anzulocken. Es ist außerdem ein überaus schönes Fleckchen Erde, geprägt von den riesigen roten Sandsteinbögen im nahe gelegenen Nationalpark und einem endlosen blauen Himmel. Die Erhabenheit und Schönheit dieser Sandsteinbögen lockt Menschen aus aller Welt nach Moab.

Den Auftakt des Qualifikationsrennens dort bildete eine für den Westen typische, sehr früh am Morgen startende Etappe durch den Arches National Park. Die Etappe war hart und hügelig und meistens entschied sich schon hier, wer die über ein Wochenende ausgetragene Rundfahrt als Gesamtsieger beenden würde.

Ich wusste, wie es im Juniorenbereich gemeinhin ablief. Alle rollten zunächst eher abwartend dahin, bis dann ein paar Schlüsselmomente oder Anstiege im Rennen kamen, wo einige wenige kurze Antritte darüber entschieden, wer den Sieg davontrug. Als unser Start an diesem kalten frühen Morgen nahte, ging ich davon aus, dass es diesmal nicht anders wäre. Wir würden gemächlich hinaus zu den Hügeln rollen, an den steilsten Stellen gäbe es ein paar Attacken und dann würde sich eine Spitzengruppe bilden, die auf den letzten Kilometern den Sieger unter sich ausmachen würde.

Diesmal aber kam es anders. Schon kurz nachdem der Start freigegeben wurde, zog sich das gesamte Feld in die Länge und fing bereits an, in einzelne Gruppen zu zerfallen. Auf einem brettflachen Abschnitt der Straße rund hundert Kilometer vor dem Ziel legte jemand ein Tempo vor, wie man es im Juniorenbereich noch nie gesehen hatte.

Wir flogen nur so dahin. Es war, als hätte jemand eine Handgranate ins Feld geworfen, um eine normalerweise sanftmütige Gruppe wohlerzogener Radfahrer aufzumischen. Kids, denen man zugetraut hatte, um den Sieg mitzufahren, wurden abgehängt, noch bevor wir den ersten Anstieg erreichten. Es war, als würde ein Motorrad das Peloton anführen.

Ich arbeitete mich durch das in Auflösung begriffene Feld langsam nach vorn, verwundert über den Zustand der abgekämpften, halbtoten Fahrer, die ich auf dem Weg an die Spitze passierte. Irgendwann schloss ich zu Bobby Julich auf, der mit Mühe und Not das Hinterrad vor ihm hielt.

»Wer… IST … das … da … vorne …??«, keuchte ich.

Bobby, außer Atem und kaum hörbar, sagte nur ein Wort.

»Lance.«

Als wir den ersten Anstieg des Tages erreichten, schaffte ich es endlich an die Spitze, um dieses Biest, besagten Lance, mit eigenen Augen zu sehen. Er scherte sich offenbar herzlich wenig um die taktischen Nuancen des Radrennsports und versuchte einfach auf eigene Faust, jeden anderen im Rennen durch schiere rohe Gewalt zu eliminieren.

Seine Schultern waren viel breiter und kräftiger als die aller anderen Kids und sein Gesicht war eine Maske gequälter Entschlossenheit. Er war nicht hier, um das Rennen zu gewinnen; er war hier, um seinen Willen durchzusetzen. Er war hier, um zu vernichten, zu plündern und zu dominieren.

Ich ließ mich rasch ein paar Plätze zurückfallen und beschloss, abzuwarten und zu schauen, ob dieses übernatürliche Biest sich weiter seinen Weg zum Sieg prügeln würde oder ob sich sein Zorn und sein Hass irgendwann legten und er wieder runterkommen würde. Bobby, ein erwiesenermaßen ausgebuffter und intelligenter Rennfahrer, dachte sich das Gleiche.

Kid Lance scherte sich keinen Deut um die wenigen verbliebenen Gegner, die sich an sein Hinterrad klammerten. Er malträtierte weiter ungelenk die Pedale, als wäre der Leibhaftige in ihn gefahren. Seine Schultern schaukelten vor und zurück, während er eine Übersetzung wälzte, die viel zu groß war für den Anstieg, den wir hinauffuhren. Es schien ihn nicht zu interessieren, dass wir an seinem Hinterrad Kräfte sparten. Es ging nicht ums Gewinnen, es ging darum, uns zu demoralisieren und die letzten Tropfen an Kampfgeist aus der Konkurrenz herauszupressen und zu vernichten.

Auf dem zweiten Teil der Schleife erreichten wir den steilsten Anstieg der Strecke. Der Hügel befand sich rund 15 Kilometer vor dem Ziel und war normalerweise die entscheidende Stelle im Rennen. Würden alle anderen Lance einfach den Sieg überlassen? Auf jeden Fall hatte er uns allen mächtig Angst gemacht.

Blitzartig sah ich Bobby an die Spitze schnellen. Es war eine tollkühne Attacke, die den Zorn nur noch weiter schürte. Lance setzte nach.

Dann war ich an der Reihe. Ich zog das Tempo an, ohne mich umzuschauen, nicht zuletzt aus purer Angst. Ich fuhr einfach weiter, als wäre ein Löwe hinter mir her.

Bobby fuhr mit ein oder zwei weiteren Top-Junioren zu mir auf.

»Wir haben ihn abgehängt«, brüllte er. »Auf geht’s!!«

Und auf ging es. Wir wussten, dass Lance wie ein verwundetes Tier kämpfen würde, um wieder zu unserer Gruppe aufzuschließen und uns eine Lektion zu erteilen. Also fuhren wir wie entfesselt, um den Konsequenzen unseres Aufbegehrens zu entgehen. Wir hatten das Alphatier verwundet und allein zurückgelassen. Auf der letzten Abfahrt, als es wieder nach Moab hineinging, setzte ein bitterkalter Schneeregen ein, aber ich glaube, keiner von uns bemerkte es, denn wir sprinteten alle um unser Leben. Wir riskierten alles in den glatten, nassen Kurven.

Unsere kleine Gruppe funktionierte tadellos, bis wir die letzten anderthalb Kilometer erreichten. Dann sprinteten wir um den Sieg, wobei Bobby sich wie erwartet gegen mich und Chann McRae, einen anderen Newcomer, durchsetzte.

Beim Ausfahren nach dem Rennen plauderte ich mit Bobby.

»Wo kam DAS denn her??«, fragte ich ihn.

Bobby erzählte mir mehr. Der Name des Jungen war Armstrong, Lance Armstrong, und er stammte aus Texas.

Er kam ursprünglich vom Triathlon, war aber zum Straßenradsport gewechselt und fuhr die Konkurrenz schlichtweg in Grund und Boden. Angeblich war er dick befreundet mit dem anderen Neuling aus Texas, unserem Mitstreiter Chann McRae. Sie trainierten mehr als alle anderen, sie wussten, wie man anderen wehtat, und ihnen stand ohne Frage eine große Karriere im Radsport bevor.

Als wir auf dem Podium standen, sah ich Lance in der Menge aus Fahrern und Eltern stehen und zu uns hochschauen.

Er war an diesem Tag Vierter geworden. Er blickte finster, voller Verachtung und Wut, zum Podium hinauf.

Ich wandte mich an Bobby. »Naja, Lance ist sicherlich stark«, sagte ich, »aber, mein lieber Mann, ist der blöd.«

Chann, der neben mir auf dem Podium stand, hatte mich gehört.

»Aaaaalter, das sage ich Lance und dann reißt er dir deinen dürren kleinen Arsch auf, du Wichser«, knurrte er gedehnt in seinem texanischen Singsang.

TEIL 2

1989–1995

Kapitel 4

Die goldene Generation

Sie alle – Lance Armstrong, Bobby Julich, George Hincapie, Chann McRae – machten später Karriere als einige der besten Radrennfahrer ihrer Generation. Sie waren die Fahrer, die den Profiradsport in den folgenden drei Jahrzehnten prägen würden, nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt, im Guten wie im Schlechten. Aber damals waren sie nur Kids, die gerne Rennrad fuhren, genau wie ich.

Bobby reiste im rostigen Wohnmobil seines Vaters zu den Wettkämpfen, in Begleitung von Bob Senior, der die immer gleichen ultrakurzen und noch dazu neongrünen Laufshorts trug. Lance kam in einem weißen Camaro IROC-Z T-Top, mit seiner Mutter auf dem Beifahrersitz und seinem auseinandergebauten Rad hinten auf dem Rücksitz.

Es gab noch andere Typen, die sich später einen Namen machten: »Fast« Freddie Rodriguez, Kevin Livingston und Jeff Evanshine, um nur einige zu nennen. Wir waren ein Haufen gestörter Außenseiter, die durch den Nischensport Radfahren zusammengebracht wurden.

Wir alle träumten davon, Rennen in Europa zu fahren und dem Tour-de-France-Sieger Greg LeMond nachzueifern. Und wir waren ehrgeizig, wobei der Begriff »ehrgeizig« eigentlich nicht im Ansatz beschreibt, wie wir drauf waren. Unsere Generation, geboren zwischen 1971 und 1973, begnügte sich nicht damit, nur gut Rad zu fahren – wir hielten uns dafür bestimmt, den Radsport zu dominieren. Das Problem war natürlich, dass wir gegenseitig auch zu den größten Stolpersteinen für die anderen auf dem Weg nach oben wurden.

USA Cycling, unser nationaler Verband, lud die allerbesten Fahrer des Landes zu diversen Trainingslagern im Olympiastützpunkt in Colorado Springs ein. Dort würden wir nicht nur Rennen gegeneinander bestreiten, sondern mussten auch tagein, tagaus miteinander auskommen. Wir lagen in jeder wachen Minute im Wettstreit miteinander; sieben Tage in der Woche hatten wir rund um die Uhr nichts anderes im Sinn, als uns gegenseitig auszustechen.

Die berüchtigtsten dieser Trainingslager waren diejenigen im Dezember, bei denen wir Crosstraining unternahmen, das uns helfen sollte, uns für die kommende Saison zu rüsten. Jeder Geländemarsch, jede Stretching-Einheit, jedes Workout im Kraftraum wurde zu einem Käfigmatch. Keiner wollte klein beigeben, um nichts in der Welt. Einmal unternahmen wir eine sechsstündige Klettertour den Pikes Peak hinauf, nur um am nächsten Tag einen Dreierpack aus Laufen, Gewichtheben und Cyclocross zu absolvieren.

Nach einer Woche Trainingslager waren Blasen und Sehnenentzündungen gang und gebe. Schmerzmittel wurden heimlich herumgereicht. Absurde Mengen Kaffee zu trinken, wurde zum Standard, nur um den nächsten Tag zu überstehen, ohne zu weinen.

Die Trainer, größtenteils aus Osteuropa stammend, fanden das alles ziemlich amüsant. Die beste Methode, die stärksten Fahrer zu ermitteln, bestand ihrer Ansicht nach darin, alle Kandidaten mit gewaltigen Trainingsbelastungen zu vernichten und dann zu schauen, wer nach zwei Wochen noch stehen konnte. Und wir machten natürlich alles nur noch schlimmer, indem wir jede Einheit zu einem Wettkampf auf Gedeih und Verderb machten.

Es gab ein paar Aspekte jedes Trainingslagers, die nützlich waren, zum Beispiel die VO2max-Messungen, die Bluttests und die Unterstützung beim richtigen Set-up unserer Räder. Zwangsläufig uferte auch das zu einem Wettstreit aus.

Einer der Trainer beschloss, uns eine kleine Wette anzubieten. Einen Preis für die höchste VO2max konnte er nicht ausloben, denn dieses Maß war weitgehend genetisch bedingt, also teilte er uns stattdessen mit, dass er denjenigen von uns mit den besten Blutlaktatwerten – wer also den meisten Schmerz aushalten konnte – auf seine Kosten in den Stripclub »Puss in Boots« im nahe gelegenen Colorado Springs einladen würde.

Am letzten Tag des Trainingslagers kam einer der Verwaltungsangestellten aus dem Hauptgebäude, um George und mich zu holen. Wir erhielten gesonderte Termine für eine Besprechung beim Arzt des Stützpunkts. Wir hatten keine Ahnung, worum es ging, aber wir hatten beide Bammel, dass uns irgendwelcher Ärger ins Haus stand.

Zu Beginn der Besprechung händigte mir der Arzt die Resultate eines kürzlichen Bluttests aus, der während des Trainingslagers vorgenommen worden war.

»Schau dir bitte einmal den Abschnitt des Tests an, der mit ›Hämatokrit und Hämoglobin‹ überschrieben ist«, sagte er.

Ich überflog das Blatt auf der Suche nach diesen Begriffen.

»Oh nein, ich habe Krebs«, war das Erste, was mir durch den Kopf ging.

Die Bluttests im Olympiastützpunkt hatten bestimmt ergeben, dass in meinem Körper der Krebs wucherte. Meine arme Mutter!

»Wir denken, dass diese Werte ungewöhnlich hoch sind, und wir müssen dir ein paar sehr direkte Fragen stellen«, erläuterte er mir.

»Okay«, antwortete ich kleinlaut.

Dann sagte der Arzt: »Hast du zu irgendeinem Zeitpunkt eine Bluttransfusion erhalten, um deine Leistung in diesem Trainingslager zu steigern?«

Ich hatte echt keine Ahnung, was er mich da fragte, wenngleich ich mich vage erinnerte, dass es bei den Olympischen Spielen 1984 irgendeinen Skandal gegeben hatte, bei dem es um Blut ging. Ich bat ihn zu erklären, was eine Bluttransfusion war, und lachte nervös.

Der Arzt klärte mich auf.

»Nein – so was habe ich nicht gemacht«, sagte ich. »Warum sollte ich das tun…?«

Ich bin ziemlich sicher, dass die Unterredung mit George genauso ablief. Letztlich waren die Ärzte sehr nett zu uns und erklärten, sie hätten uns diese harten Fragen stellen müssen, der wahrscheinliche Grund für die hohen Werte seien aber wohl unsere Gene. George war kolumbianischer Abstammung und ich lebte in der Höhe in Denver, was womöglich etwas damit zu tun hatte.

Mein Vater hatte nach einem kleinen Schlaganfall als Kind viele Jahre lang Blutverdünner nehmen müssen, vielleicht hatte auch er also hohe Hämatokrit- und Hämoglobinwerte. Ich wusste nicht so recht, was ich von all dem halten sollte. Auch George nicht, aber wir waren froh, diese unangenehme Unterredung hinter uns zu haben.

Die Nominierung für die Europareisen, die das Team USA unternehmen würde, wurde nach den Trainingslagern vorgenommen und leitete auch den Auswahlprozess für den WM-Kader ein. Die Junioren-Nationalmannschaft unternahm jedes Jahr drei oder vier Tourneen durch Europa, und alle balgten sich darum, einen Platz für diese Reisen zu ergattern.

Mein erster Europa-Trip war ein Monat in der Bretagne in Frankreich, damals die Hochburg des französischen Radsports. Die Reise war mein erstes echtes Abenteuer außerhalb der USA und meine erste Kostprobe vom richtigen europäischen Straßenrennsport.

Das Abenteuer begann auf dem Flug über den Atlantik, auf dem einer meiner Teamkollegen ein paar Whiskyfläschchen aus dem Getränkewagen stibitzte, wann immer dieser vorbeikam. Als wir in Paris eintrafen, war er sturzbesoffen. Wir mussten ihn irgendwie durch die Passkontrolle lotsen und beteten nur, dass er sich im Flughafen mit niemandem anlegen würde.

Endlich schleiften wir ihn hinaus zu unserer Mitfahrgelegenheit. Der Soigneur und der Mechaniker, die geschickt wurden, uns abzuholen, verstauten unsere Räder hinten im Sprinter und legten unseren betrunkenen Kollegen dann oben auf den Radtaschen ab. Es war eine lange Fahrt in die Bretagne, und als wir ankamen, mussten wir die Kotze von den Taschen waschen.

Das Bauernhaus, in dem wir untergebracht waren, sah von außen ganz reizend aus, entpuppte sich drinnen aber als kalt und feucht. Es war im Grunde fast wie Camping, jeder bekam eine Matte und einen Schlafsack, die wir auf den Boden legten. Das Dach war undicht und es gab kaum Warmwasser, was bald zu einem echten Problem wurde. Nach dem Training am ersten Tag stellten wir fest, dass das warme Wasser höchstens für einen oder zwei von uns reichte.

Da wir zutiefst darwinistische Kreaturen waren, wurden die letzten Kilometer jeder Trainingsfahrt fortan zu einer Wettfahrt bis zum Haus, zu einem Rennen um Warmwasser. Anfangs war die Sache eher ein Spaß, aber bald wurde es zu einem echten Krieg. Unterdessen war unser Trainer genervt, dass wir Vollgas gaben, wenn wir eigentlich locker ausrollen sollten. Also einigten wir uns auf eine Duschrotation, um zu gewährleisten, dass jeder zumindest einmal in drei Tagen in den Genuss einer heißen Dusche käme.

Doch nach nur wenigen Tagen scherte Jeff Evanshine aus. Gegen Ende des Trainings legte er einen Sprint ein und wetzte unter die Dusche, die ganze Zeit wie ein Irrer lachend. Beim ersten Mal war das noch ganz witzig. Beim zweiten Mal nicht mehr so ganz.

Als er es zum dritten Mal machte, nach einer ganz besonders langen, kalten und regnerischen Trainingseinheit, warteten wir geduldig, bis er sich komplett entkleidet hatte und bereit war, seine warme Dusche zu genießen. Dann packten wir ihn uns und warfen ihn hinaus auf den Hof.

Evanshine war so gebaut wie ich: eine magere kleine Ratte, um die 1,75 Meter groß und 55 Kilo schwer. Aber, mein lieber Mann, als es darum ging, nicht hinaus in die Kälte geworfen zu werden, wehrte er sich wie eine tollwütige Bestie. Er strampelte, heulte und kämpfte wie ein haarloser Tiger. Es war beeindruckend, wie stark er war. Schließlich bugsierten wir ihn zur Tür hinaus und schlossen von innen ab.

Egal wie laut und kläglich er darum bettelte, wieder hineingelassen zu werden, wir blieben hart und ließen ihn draußen in der Kälte, in einem dieser eiskalten Regengüsse, die typisch sind für die Bretagne. Aber er hatte einen guten Kampf geliefert, sodass wir ihm zumindest den Respekt erwiesen, ihn nicht die ganze Nacht auszusperren.

Wir waren nicht bloß Radfahrer, wir waren Radrennfahrer, und zwar ziemlich skrupellose.

In den Rennen, die wir bestritten, gingen wir miteinander nicht weniger unbarmherzig um wie mit der Konkurrenz. Wir wetteiferten gegenseitig darum, wem es als Erstem gelang, eine Attacke zu setzen, denn dann wäre der Rest der Mannschaft gezwungen, sich aus der Verfolgung herauszuhalten. Das war wohl kaum eine Taktik, wie sie ein Profiteam angewendet hätte, aber es funktionierte. Wir verloren nur selten, und oftmals dominierten wir total, selbst wenn das Feld stark und international besetzt war. Die USA waren eine Macht, die man auf dem Zettel haben musste. Greg LeMond gewann die Tour de France und wir gewannen sämtliche Juniorenrennen in Frankreich.

Es gab allerdings ein paar Fahrer, die wir nicht schlagen zu können schienen. Sie waren die damaligen Legenden im französischen Junioren-Radsport: Philippe Gaumont (der später bei Cofidis fuhr und Berühmtheit als Doping-Whistleblower erlangte) und Erwann Menthéour.

Gaumont war ein Ungetüm von einem Kerl, mit vorspringender Stirn und einem Bartwuchs, der noch dichter war als der von Hincapie. Und er fuhr von Sieg zu Sieg. Er konnte sprinten, er konnte klettern und er konnte als Ausreißer bestehen. Es gab kein Terrain, das ihm nicht gelegen hätte.

Als wir uns einmal nach einem Rennen, in dem uns Gaumont nach allen Regeln der Kunst um die Ohren gefahren war, auf den Weg zurück zu unserem Bauernhaus machten, schlossen sich uns ein paar französische Fahrer an, um noch ein paar zusätzliche Trainingskilometer zu absolvieren. Ich versuchte, am Ende der Gruppe mit einem von ihnen ins Gespräch zu kommen. Es bestand vornehmlich aus Gesten und Grunzlauten, aber als ich den Namen »Gaumont« fallen ließ, wussten wir beide, wer gemeint war. Wir waren an diesem Tag beide von diesem Untier zerpflückt worden.

Dann zeigte der Franzose auf seinen Arm, auf die Innenseite des Ellenbogens, wo sich die Venen abzeichneten. Er drückte seinen Daumen hinein und mimte einen Heroinsüchtigen, der sich eine Spritze setzt.

Dabei sagte er noch, zur Verdeutlichung: »Gaumont!«

Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass er Gaumont des Dopings bezichtigte. Ich schüttelte den Kopf.

»Noooon«, antwortete ich ungläubig.

Der Franzose blickte mir in die Augen.

»Mais oui!«, sagte er.

Am Abend, bei einer schönen Mahlzeit aus Rinderzunge und grünen Bohnen, kamen wir auf die Dopinggerüchte im Peloton der Profis zu sprechen. Wir behaupteten alle, genau zu wissen, dass unser jeweiliger Lieblingsfahrer sauber wäre und dass wir in puncto Doping keinerlei Toleranz besäßen. Wir waren uns einig, dass Doper schändliche Betrüger wären und Amerikaner so etwas gewiss niemals tun würden.

Diese verdammten Franzosen und Italiener kannten keine Skrupel, aber wir, als Amerikaner, waren moralisch überlegen und würden niemals auf solche unlauteren Mittel zurückgreifen. So wie ja auch Greg LeMond die Tour sauber gewonnen hatte, riefen wir unisono.

Schließlich schaltete sich unser dänischer Coach ein, der älter und erfahrener war als wir.

»In Italien glauben alle, die italienischen Fahrer wären sauber und nur die Franzosen würden dopen. In Frankreich glauben alle, die französischen Fahrer wären sauber und nur die Amerikaner würden dopen.«

Dann begann er Geschichten zu erzählen von Fahrern, die das Team wechselten und plötzlich entweder schneller oder langsamer wurden. Ich fragte, warum einer meiner Helden in seiner neuen Mannschaft nicht mehr so schnell wäre wie in seiner alten.

Er kicherte.

»Vielleicht ist das eher ein gutes Problem für ihn … gut für seine Gesundheit jedenfalls…«

Ich weigerte mich zu glauben, dass meine Helden auch nur in Betracht gezogen hätten, zu dopen.

»Vielleicht hast du recht«, zuckte er die Achseln, »aber geh nicht einfach davon aus, dass jemand, nur weil er Amerikaner ist, nicht versucht wäre, zu dopen.«

Wir saßen schweigend da und hörten zu, wie er sich darüber ausließ, dass Junioren auf der ganzen Welt exakt die gleiche Unterhaltung führten. Er sagte, dass sie alle sich wünschten, dass ihre Helden sauber wären. Uns war nie in den Sinn gekommen, dass unsere Ansichten von kulturellen Vorbehalten gefärbt sein mochten. Und auch nicht, dass jemand, nur weil er eine andere Sprache sprach oder eine andere Kultur pflegte, nicht auch die gleiche moralische Sicht der Dinge haben könnte wie wir.

»Jeder gute Fahrer wünscht sich, dass alle unter den gleichen Bedingungen antreten«, sagte er. »Denn ihr glaubt alle, dass ihr gewinnen werdet, solange keiner betrügt, weil ihr es für ausgeschlossen haltet, dass jemand besser sein könnte als ihr. Und daran ist nichts verkehrt, so ticken Champions nun mal.«

Nach unserer Rückkehr aus Europa schickten wir uns an, uns gegenseitig auf heimischem Boden auszustechen. Dies bedeutete natürlich, auf Juniorenrennen zu verzichten und bei den Profirennen zu starten, für die wir zugelassen waren, und das als 17-Jährige. Wollten wir Greg LeMond und Andrew Hampsten nacheifern, müssten wir uns, bevor wir 18 würden, auf lokaler Ebene gegen Kategorie-1-Fahrer und unterklassige Profis behaupten.

Ich reiste zu diesen Veranstaltungen mit meinem neuen Freund Colby Pearce. Er war ein Jahr älter als ich und besaß ein zuverlässiges japanisches Auto, das genug Platz bot für Räder und Gepäck. Es hatte sogar einen Fahrradträger. Darüber hinaus verband uns eine Vorliebe für düstere alternative Musik und schwarzgekleidete Gruftimädchen.

Colby war das genaue Gegenteil der anderen Radrennfahrer, die ich kannte. Er las Nietzsche, hasste jeglichen anderen Sport, ebenso wie dieses ganze Bruderschaftsgetue, toupierte Mähnen und in weiten Teilen auch das Leben als solches. Er war ohne Zweifel der ideale Reisegefährte.

Wir wurden beste Freunde und reisten durch die gesamten USA auf der Suche nach Rennen mit üppigen Preisgeldern, wo wir glaubten, zehn Jahre ältere Fahrer schlagen zu können. Wenn die Sache gut liefe, wussten wir, dass wir genug Spritgeld hätten, um zum nächsten Rennen zu gelangen.

Unser erstes Abenteuer begann mit einer Fahrt von Denver nach Oklahoma City. Anschließend fuhren wir, mit ein paar brandneuen Scheinen der US-Notenbank in der Tasche, zu einem fünftägigen Etappenrennen nach Bisbee in Arizona. All diese Freiheit und Entdeckungslust ging natürlich zulasten anderer Dinge: Die Schule kam ebenso zu kurz wie Partybesuche und das Kennenlernen der ersten großen Liebe im Algebra-Unterricht.

Wir schliefen in den Hotelzimmern anderer Leute auf dem Boden, waren stundenlang mit dem Auto unterwegs und fuhren dann Rad. Wir hatten keine Handys und keinen Kontakt nach Hause. Wir waren auf uns allein gestellt – zwei Teenager in einem weißen Honda mit zwei Fahrrädern auf dem Dach, auf einem ununterbrochenen Roadtrip, einer kontinuierlichen Fahrt in die Freiheit. Colby und ich wurden unzertrennliche, Duran Duran hörende Brüder der Straße.

Colby war ein interessanter Mensch, aber es mangelte ihm an innerer Ruhe. Er hatte früh seine Mutter an den Krebs verloren und dann wenige Jahre später seinen Vater an einen Herzinfarkt. Er war ein eiserner Atheist und argumentierte stets, dass kein Gott es zulassen würde, dass ein kleines Kind in so jungen Jahren solchen Schmerz und solchen Verlust erlitt.

Wann immer ein Rennen nicht gut lief oder er einen Defekt hatte, ereiferte sich Colby gegen Gott und brüllte in den Himmel: »Warum hasst du mich?!«

Bei einem dieser Wutausbrüche schleuderte Colby ein altes Campagnolo-Tretlagerwerkzeug in die Luft. Wir verloren es gegen die Sonne aus den Augen und glaubten, diesmal habe er vielleicht tatsächlich Gott höchstselbst getroffen. Bis mir das Werkzeug plötzlich auf den Fuß fiel. Mein Gesicht lief rot an und mein Fuß noch röter.

»Was soll der Scheiß, du Idiot?«, fragte ich.

Colby saß betroffen da.

Er entschuldigte sich sofort.

»Mein Fuß glaubt nicht, dass du Atheist bist, könnten wir das mit dem Gott-Anschreien also vielleicht auf ein Minimum reduzieren?«, tobte ich.

Nach dem Zwischenfall mit dem Werkzeug verlegten wir uns darauf, uns weniger in philosophischen Betrachtungen zu ergehen und mehr Depeche Mode und The Cure zu hören. Egal, welche Differenzen zwischen uns es auch geben mochte, wir waren uns einig über die richtige Art zu reisen und wurden Meister darin, Strafzettel zu kassieren und in leere Flaschen zu pinkeln, wenn wir keine Zeit zu verlieren hatten, um zum nächsten Rennen zu kommen.

Der letzte Halt unserer vierwöchigen Abenteuertour war ein Etappenrennen in Mammoth Lakes in Kalifornien. Gerüchten zufolge war die sowjetische Nationalmannschaft am Start und wir waren beide ängstlich und aufgeregt.

»Die Russen kommen…!«

Es war wie in der Szene in Breaking Away, als das Cinzano-Team aufkreuzt, um das Bloomington 100 zu bestreiten.

Die Stars der sowjetischen Mannschaft waren Wladislaw Bobrik und Jewgeni Bersin, die später beide sehr erfolgreich Karriere in Europa machten. Aber schon damals waren sie Legenden in unserer Welt, denn sie hatten den Amateursport in Europa in den letzten Jahren dominiert. Sie schienen dazu bestimmt zu sein, herausragende Profis zu werden, sofern ihre damals noch kommunistische Regierung ihnen gestatten würde, ein derart kapitalistisches Unterfangen zu verfolgen.

Begierig darauf, zu beweisen, dass wir es mit der russischen Großmacht aufnehmen könnten, unternahmen wir die 16-stündige Fahrt nach Mammoth Lakes. Wir hatten beide mit der Welt ein Hühnchen zu rupfen und wollten ihr zeigen, was wir draufhatten. Dies wäre eine gute Gelegenheit, allen zu beweisen, dass auch wir verdammt schnell waren.

Eine Menge Profis hatten für die Rundfahrt gemeldet, um mit den Sowjets die Klingen zu kreuzen. Uns standen fünf Tage und einige mehr als 150 Kilometer lange Etappen über Gebirgspässe und durch die Wüste bevor – es wäre das bei weitem härteste Rennen, das wir je bestritten hatten.

Die erste Etappe war ein Bergzeitfahren zur Skistation von Mammoth Lakes. Ich hatte keine Ahnung, was ich von mir oder der Konkurrenz zu erwarten hätte. Es war einfach eine Ehre, als 17-jähriger Träumer zu einem so prestigeträchtigen Rennen eingeladen zu werden.

Ich wusste, dass ich ein guter Kletterer war, und ich wusste, dass ich die richtige Einstellung fürs Zeitfahren mitbrachte, aber ich war noch nie gegen so starke Konkurrenz angetreten. Ich war zu nervös und aufgeregt, um viel zu frühstücken. Als wir uns zum Startbereich begaben, sah ich viele meiner Helden beim Aufwärmen. Da waren Alexi Grewal, Bobrik, Jeff Pierce, der bei der Tour de France die Etappe auf den Champs-Élysées gewonnen hatte, und viele mehr.

Als ich auf die Strecke ging, nahm ich mir nicht mehr vor, als nicht überholt zu werden – ich verspürte also keinen großen Druck. Dennoch verlangte ich mir so viel ab, dass ich im Ziel wieder in meine alte Gewohnheit des trockenen Würgens verfiel. Diesmal waren allerdings keine Mum und kein Dad da, um mich zu trösten, als ich in die Ecke kotzte.

Zwischen zwei Würgeattacken hörte ich den Rennsprecher rufen.

»Neue Bestzeit! Ein Fahrer, von dem ich noch nie gehört habe, aber trotzdem eine neue Bestzeit von Jonathan Vaughters.«

Ich war baff. Zwei Rennoffizielle baten mich, im Zielbereich zu bleiben, nur für den Fall, dass ich gewänne. Klar. Nur für den Fall, dass ich gewänne… Am Ende wurde ich Zweiter hinter Bobrik. Aber ich schlug mich die ganze Woche wacker gegen die Russen, durch die Berge, bei hohen Temperaturen und im Gegenwind. Keiner meiner Altersgenossen konnte glauben, was ich da anstellte, und ich konnte es ebenso wenig.

Schlussendlich war ich bei diesem Rennen derjenige, der alle anderen Fahrer aus der »goldenen Generation« des US-Radsports in den Schatten stellte. Das Ergebnis kam bald den Trainern des Nationalteams zu Ohren, die mir einen festen Platz im Kader für die Junioren-WM 1991 in Aussicht stellten.

Die WM fand in jenem Jahr erstmals in Colorado Springs statt. Der Kurs war eine bergige Schleife rund um den Garden of the Gods in über 2.000 Metern Höhe. Das perfekte Terrain für einen Fahrer, der die Höhe gewohnt war. Ich wollte unbedingt gewinnen. Ich wollte der erste Amerikaner seit Greg LeMond sein, der Junioren-Weltmeister wurde.

Im Vorfeld der WM absolvierten wir mehrere Trainingslager im Olympiastützpunkt (den wir mittlerweile, ziemlich treffend, »die Absteige« getauft hatten). Im Rahmen dieser Camps trafen wir hin und wieder auf den Jahrgang direkt über uns, der zu den Senioren aufgestiegen war, darunter auch Lance.

Es war wieder fast wie in der Highschool, die älteren Jungs wie Lance und Bobby machten einen auf cool und wollten mit uns Grünschnäbeln nichts zu tun haben. Natürlich liefen wir uns hin und wieder bei kleineren Rennen in Colorado über den Weg, was uns die Gelegenheit gab, den Jungs, die ein paar Jahre älter waren als wir, zu zeigen, dass wir ihnen sehr wohl das Wasser reichen konnten.

Bei einem dieser Trainingslager machte sich einmal ein Großteil der Fahrer auf, um sich am Mount Evans miteinander zu messen. Sowohl die Junioren- als auch die Senioren-Auswahl der US-Nationalmannschaft waren dabei, inklusive Armstrong. Es waren nur 45 Kilometer, aber die Luft wurde immer dünner, je höher man kam.

Unter den Senioren im Team USA herrschte ein vielleicht noch verbissenerer Konkurrenzkampf als bei den Junioren, denn sie buhlten um einen Platz im Olympiateam für 1992. Für sie zählte jedes Rennen oder zumindest jedes, bei dem die Trainer zugegen waren.

Die drei besten US-Fahrer waren dabei: Lance, Bobby und Darren Baker. Für uns Junioren war das die perfekte Gelegenheit, den Laden ein wenig aufzumischen, damit wir bei unserer Rückkehr zum Stützpunkt nicht in Mülltonnen gestopft und in Spinde eingeschlossen würden.

Ich wurde Fünfter, knapp hinter den älteren und etablierten Profis von Coors Light und Subaru-Montgomery. Lance, der in jenem Jahr das Etappenrennen Settimana Bergamasca in Norditalien gewonnen hatte, wurde Sechster. Das war ein schöner Achtungserfolg für mich.

Ein anderer Fahrer, ein Außenseiter namens Chad Gerlach, war ebenfalls im Trainingslager. Chad besaß immer den Schneid, es mit Lance aufzunehmen. Er war der einsame Wolf, der ständig versuchte, das Alphamännchen zu töten. Dies war für ihn die perfekte Gelegenheit, Lance ein wenig zu ärgern. Als wir vor den Betonbunkern abhingen, in denen wir schliefen, nahm er ihn aufs Korn.

»Tja, Lance, wie auch immer dieses Rennen heißt, das du in Italien gewonnen hast – Settimana Bergdorf Goodman oder weiß der Geier –, so schwer kann das ja nicht gewesen sein«, sinnierte Chad. »Ich meine – du wurdest gerade von einem 55 Kilo leichten Junior nassgemacht. Das tut schon weh, oder?«

So ging es tagelang weiter. Man sah, wie sich in Lance die Wut immer mehr aufstaute. Klar, wären die Rollen vertauscht gewesen, hätte Lance genauso den Hals aufgemacht. Eines Tages dann war Chad aus dem Camp verschwunden. Wie es hieß, hatte er es zu weit getrieben und Lance hatte ihn in den Schwitzkasten genommen und zu Boden gerungen. Angeblich war Chad sogar mit dem Kopf voran durch eine Gipswand gekracht.

Uns war klar, dass die Trainer etwas unternehmen müssten, und wir gingen davon aus, dass Lance entsprechend den Richtlinien im Olympiastützpunkt nach Hause geschickt würde. Worte waren das eine, aber Gewalt war dann doch eine andere Liga.

Als wir hörten, dass stattdessen Gerlach heimgeschickt wurde und nicht Lance, waren wir alle fassungslos. Die Botschaft der Trainer war allerdings ziemlich klar: Legt euch nicht mit dem Goldjungen aus Texas an. Für ihn galten die Regeln offenbar nicht.

Es waren nur noch wenige Wochen bis zur Junioren-WM und die Stimmung in der Absteige war angespannt. Die endgültige Kadernominierung stand bevor, sowohl für das Straßenrennen als auch das Mannschaftszeitfahren, alle waren nervös und gereizt. Der Kampf um die begehrten Plätze war in vollem Gange und die Samthandschuhe waren abgelegt worden.

Der Kader für die Weltmeisterschaften war zweigeteilt: auf der einen Seite das Team für das Mannschaftszeitfahren, auf der anderen Seite das Team für das Straßenrennen. Ich ging davon aus, ein sicherer Kandidat für das Straßenrennen zu sein, rechnete mir aber auch gute Chancen für das Mannschaftszeitfahren aus.

Auch Colby bewarb sich um einen Platz im Zeitfahrteam, also taten wir uns zusammen, um beim Paarzeitfahren zu starten, das USA Cycling ausrichtete, um zu ermitteln, wer für die WM nominiert würde.

Colby und ich waren überzeugt davon, dass wir es verdienten, nominiert zu werden, und dachten auch, dass wir das mit einem zweiten Platz im Paarzeitfahren ziemlich überzeugend nachgewiesen hätten. Dieses Rennen war aber nur ein Vorläufer des Vierer-Mannschaftszeitfahrens, mit dem die Trainer entschieden, wer mit wem fahren würde.

Eigentlich schien die Sache klar: Sie würden Colby und mich doch gewiss mit dem anderen stärksten Paar zusammenpacken, und das wäre dann der Straßenvierer für die Weltmeisterschaften. Als aber die Teams A, B und C für das letzte Ausscheidungsrennen verkündet wurden, fanden wir uns in Team B wieder.

Ich war stocksauer. Jeder wusste, dass die Trainer das abschließende Vierer-Mannschaftzeitfahren nutzen würden, um eine Auswahl zu finalisieren, die im Grunde bereits getroffen war. Sie hatten mich und Colby mit zwei anderen Kerlen zusammengetan, die uns keine große Hilfe wären, und verurteilten uns damit zum Scheitern. Es war kompletter Bockmist und ziemlich typisch für die Art und Weise, wie die Trainer beim US-Verband damals agierten. Sie hatten ihre Lieblinge und wir rangierten nicht besonders weit oben auf dieser Liste.

Also unterhielt ich mich mit Colby. Ich sagte, dass wir den fadenscheinigen Auswahlprozess boykottieren sollten und das ganze verfluchte Rennen gleich mit. Colby hatte ein wenig mehr Manschetten davor, sämtlichen Verbandstrainern ans Bein zu pinkeln, und meinte, er würde sich damit auf lange Sicht vermutlich keinen Gefallen tun – und er hatte recht. Aber nach ein paar weiteren selbstgerechten Predigten meinerseits sah ich das Feuer in Colbys Augen leuchten, ein Feuer, das Gott und alle Autoritäten verachtete. Er stimmte dem Boykott zu.

Mir war bewusst, dass ich mit einem Boykott meinen Platz für das Straßenrennen aufs Spiel setzte und dass die Trainer mir dies als Verrat auslegen würden. Aber ich war überzeugt davon, dass es wichtiger wäre, anderen Jungs zu zeigen, dass sie sich ein derart abgekartetes, einseitiges Nominierungssystem nicht bieten lassen dürften.

»Setze ein Zeichen, verdammt. Steh auf für das, was richtig ist, verdammt. Dies ist Amerika!«

Außerdem war es echt ein super Gefühl, ein Rebell zu sein. Ich kam mir vor wie mein größter Held der damaligen Zeit: Alexi Grewal, der Olympiasieger von 1984.

Ich liebte Alexi. Er spuckte auf Kameras und riss sich, wenn er Rennen gewann, das Trikot vom Leib, um dem Sponsor keine Publicity zu geben, wenn er das Gefühl hatte, von seinem Team schlecht behandelt worden zu sein. Er zeigte es »denen da oben«. Er machte es auf seine Weise, komme, was da wolle. Er war alles andere als ein Goldjunge. Alle Trainer und Manager hassten ihn, und er verachtete jede Form von Autorität. Ich wollte so sein wie er und das genaue Gegenteil von Lance.

Wie sich allerdings herausstellte, ließen sich osteuropäische Trainer von aufmüpfigen, eigensinnigen amerikanischen Teenagern nicht so leicht beeindrucken. Es war lustig, das Chaos zu beobachten, das wir anrichteten, es hatte aber seinen Preis. Ich wurde in das Büro der Cheftrainer zitiert, die mir unmissverständlich klarmachten, dass sie wussten, dass dieser Unfug auf meinem Mist gewachsen war, und dass ich, wenn ich zu irgendeiner Trainingsfahrt oder Teambesprechung auch nur zwei Sekunden zu spät käme, sofort aus der Mannschaft für die WM fliegen würde.

Mit meiner James-Dean-Rebellen-Nummer war es rasch vorbei. Ich entschuldigte mich und zog schmollend, mit eingezogenem Schwanz und gesenktem Kopf von dannen. Den Rest des Trainingslagers spurte ich ohne zu murren, stand kerzengerade, sagte artig »Ja, bitte« und »Danke«.

Das Team für das Mannschaftszeitfahren, bestehend aus George Hincapie, Fred Rodriguez, Chris Wherry und Matt Johnson, kam auch ohne mich prima zurecht und wurde Zweiter, womit sie die erste Medaille für das Team USA bei Junioren-Weltmeisterschaften seit mehreren Jahren holten. Die Trainer achteten darauf, dass ich auch ganz sicher wüsste, wie gut sich der Straßenvierer ohne mich geschlagen hatte. Ich hielt ausnahmsweise den Mund und wartete auf den Tag des Straßenrennens.

Ich muckte nicht mehr auf und wartete auf meine Chance, Weltmeister zu werden. Ich hatte mich im Vorfeld ein wenig neben der Spur gefühlt, vielleicht weil ich mit einer Erkältung zu kämpfen hatte, aber ich war zu nervös, um mir groß Gedanken darüber zu machen. Ich stand am Start, vor Aufregung zitternd.

Als ich mich umschaute, sah ich, dass es vielen genauso ging – Jungs aus aller Welt, denen die Düse ging. Es war ein angespannter Morgen. Im letzten Moment war die Startzeit verlegt worden, denn das ägyptische Team war eben erst, in alten Achtzigerjahre-Taxis, vom Flughafen eingetroffen.

Wir sahen zu, wie ihre Räder am Start zusammengebaut wurden. Diese Jungs, die gerade einen 20-stündigen Flug hinter sich hatten, sollten in fünf Minuten bei der WM an den Start gehen.

»Die halten vielleicht zwei Runden durch«, sagte ich zu mir selbst.

Die Startpistole ertönte und sofort war ich in Schwierigkeiten. Das Rennen war schnell und gefährlich. Bei einer WM waren hibbelige Junioren bereit, alles zu riskieren, denn ein erfolgreicher Auftritt auf dieser Bühne galt als erster Schritt auf dem Weg zum Profivertrag.

In den ersten Runden gab es zahlreiche Stürze. Ich ging den meisten davon aus dem Weg, wurde aber immer wieder aufgehalten und hatte Mühe, in Tritt zu kommen. Das US-Team galt als eines der stärksten im Rennen und wir wiederum wussten, von welchen Teams und Fahrern die größte Gefahr für uns ausging, allen voran von unserem alten Rivalen Philippe Gaumont.

Dennoch, wir fuhren ausnahmsweise auf heimischem Boden, im eigenen Land, und wir wussten, dass wir gewinnen könnten. Das Problem war nur, dass jeder von uns derjenige sein wollte, der den Sieg davontragen würde. Es war die klassische Zwickmühle des Radsports. Es ist ein Mannschaftssport, in dem am Ende nur einer den Ruhm erntet.

Wir alle wollten den Ruhm ernten. Aber einer wollte ihn ein bisschen mehr als die anderen und er hatte an diesem Tag keine Mühe, in die Gänge zu kommen: Jeff Evanshine.

Er kämpfte noch verbissener um den Anschluss an die Spitze, als er in der Bretagne darum gerungen hatte, nicht im eiskalten Regen ausgesetzt zu werden. Und als alles vorbei war, war es der dürre kleine Jeff, der den Sieg davontrug. Der unbeliebteste Bursche im Team, der Kerl, der in Frankreich das ganze warme Wasser für sich haben wollte.

Jeff nahm seine Rache dafür, im Regen stehen gelassen worden zu sein. Jetzt waren wir diejenigen, die im Regen standen und mit leeren Händen zusahen, wie er strahlend auf dem Podium stand, die regenbogenfarbenen Ringe des Junioren-Weltmeisters um die Brust, genau wie Greg LeMond.

Kapitel 5

Das große Abenteuer

Es war nicht leicht, sich nach dem Höhepunkt der Junioren-WM wieder im schnöden Alltag einzufinden. Es war ein heißer und fauler August in Colorado und während meine Freunde sich darauf vorbereiteten, aufs College zu gehen, machte ich Nickerchen auf der Couch und versuchte, die Realität auszublenden, die vor mir lag.

In vier kurzen Jahren hatte ich mich von einem letzten Platz in meinem allerersten Rennen bis zur Teilnahme an einer Weltmeisterschaft nach oben gekämpft. Ich hatte mich als einer der besten Junioren der Welt bewährt und glaubte, dass mir eine große Karriere bevorstünde. Aber die große Frage lautete nun: Was käme als Nächstes?

Meine Eltern machten sich Sorgen, dass ich die Perspektive, aufs College zu gehen, nicht besonders ernst nahm. Ich war lustlos und absolvierte nur um etwas Beschäftigung zu haben, ein paar Trainingseinheiten und Rennen, jedoch ohne recht zu wissen, welches der nächste Schritt sein würde.

Ich würde nicht mehr in der Juniorenklasse antreten können und müsste mich in Zukunft bei Seniorenrennen mit erfahrenen Profis messen – nicht weil ich das so wollte, sondern weil mir keine andere Wahl bliebe, wollte ich weiter Wettkämpfe bestreiten.

Könnte ich mir weiter Mums Kombi borgen? Müsste ich mir einen Job suchen? Gäbe es ein Seniorenteam, das mich fördern und sogar sponsern würde?

Oder würde ich wie die Horden anderer 24-jähriger Möchtegernprofis enden, die im Keller ihrer Eltern lebten, eifersüchtig auf diejenigen, die einen Profivertrag ergattert hatten, und immer noch davon träumend, eines Tages groß rauszukommen?

In meiner endlosen Freizeit entschied ich, dass es vielleicht nicht schaden könnte, ein paar Kurse am örtlichen Community College zu belegen. Da ich zudem ein paar Dollar als Taschengeld verdienen müsste, wäre es auch keine schlechte Idee, ein paar gut dotierte Rennen auf lokaler Ebene zu bestreiten. Zum Glück dachte Colby ganz genauso.

Wie zwei Glücksritter auf Schatzsuche zogen wir los zu einigen Lokalrennen, um ein wenig leicht verdientes Preisgeld abzugreifen. Das Etappenrennen von Steamboat Springs war die erste dieser Veranstaltungen. In der Überzeugung, auf die Schnelle ein paar hundert Dollar kassieren zu können, meldeten wir uns für das Rennen für Kategorie-1-Amateure und Profis an.

Auf der Fahrt dorthin lag Colby mir pausenlos wegen eines Mädchens in den Ohren, mit dem er Schluss machen wollte, aber er hatte nicht den Mumm, es ihr zu sagen. Das war typisch Colby. Er war ein Meister darin, Mädels herumzukriegen, denn sobald sie hörten, dass er früh seine Eltern verloren hatte, wollten sie ihn bemuttern und ließen sich mit ihm ein. Er spielte diese Karte häufig und das überaus geschickt.

»Pass auf, wir machen eine Wette«, sagte ich zu ihm. »Falls ich das Rennen gewinne, musst du sofort mit ihr Schluss machen.«

Darüber lachte er nur.

»Alter, du wirst im Leben nicht als Junior das Kategorie-1-Rennen gegen Profis gewinnen – keine Chance. Es sind viel zu viele gute Fahrer am Start.«

Wir besiegelten die Sache per Handschlag und kamen überein, dass er, falls ich gewinnen sollte, an der ersten Telefonzelle halten und es ihr sagen würde.

Keiner von uns beiden brachte viel Energie oder Lust auf für ein kleines Rennen in Steamboat Springs am Ende der Saison. Aber die Wette entfachte meinen Kampfgeist.

Drei Tage lang stritten wir in den Colorado Rockies mit den besten, im Keller ihrer Eltern lebenden Möchtegernprofis von Boulder um den Sieg. Es war nicht leicht, denn seit der Junioren-WM hatte ich nicht besonders ernsthaft trainiert, aber ich warf alles in die Waagschale, was ich an Kräften mobilisieren konnte. Als das Rennen vorbei war, hatte ich 5.000 Dollar in bar, einen Titanrahmen von Moots und vor allem die Wette gegen Colby gewonnen.

Anschließend stand ich neben Colby auf dem Parkplatz des Rabbit Ears Motel an einer Telefonzelle und wartete, dass er den vereinbarten Anruf hinter sich brachte. Er protestierte und meinte, dass er sie eigentlich doch ganz gern habe und gar nicht Schluss machen wolle. Ich sagte, das sei schon in Ordnung, dann solle er sie gleich anrufen und fragen, ob sie ihn heiraten will.

Schließlich, nach langem Hin und Her, rief er sie an und telefonierte zwei Stunden lang mit ihr. Da er endlos um das Thema herumdruckste, lief ich herum auf der Suche nach weiteren Münzen für den Fernsprecher. Schließlich ließ er die Bombe platzen.

Es war alles passé: unsere Unschuld, unser letztes Juniorenrennen, unsere Saison und nun auch seine Beziehung. Auf der Fahrt zurück nach Hause hörten wir The Cure in Endlosschleife.

Da die Rennsaison für dieses Jahr vorbei war, begann ich widerstrebend, Kurse am berüchtigten Metro State College zu besuchen. Aufs Metro ging man nur, wenn die Noten nicht gut genug waren, um irgendwo anders unterzukommen.

Ich hatte mich für einen Studiengang irgendwo zwischen Philosophie und Kunst entschieden, denn beides würde meinem Training nicht allzu sehr in die Quere kommen, sollte ich für das nächste Jahr tatsächlich ein Team finden. Ich weiß nicht warum, aber ich machte mir keine allzu großen Gedanken darüber, ob sich etwas ergeben würde oder nicht, ich vertraute einfach darauf, dass Radfahren meine Bestimmung wäre und ein gutes Team schon irgendwie auf mich aufmerksam werden würde.

Um meine Eltern zu beschwichtigen, bürdete ich mir ein zermürbendes Seminarprogramm auf, das daraus bestand, Aristoteles zu erörtern und impressionistische Bilder zu malen. Offiziell ging ich ja aufs College, also konnten sie nicht klagen. Trotz meines harten akademischen Stundenplans trainierte ich jeden Tag, zwar ohne besonderen Fokus, aber ich betrachtete es irgendwie als meinen Job.

Da ich mit Radfahren mehr Preisgeld zusammengespart hatte, als die meisten meiner Freunde damit verdienten, Pizza auszuliefern, hielt ich mich für berechtigt, es als meinen Job anzusehen. Ich wollte es auf jeden Fall zu meinem Beruf machen, aber irgendjemand – ein Team, ein Sponsor – würde nachhelfen müssen.

Das führte dazu, dass ich viel Zeit damit verbrachte, neben dem Telefon zu warten. Manchmal den ganzen Tag. An manchen Tagen kam es mir vor, als wartete ich darauf, dass das Mädchen, mit dem ich zum Schülerball wollte, endlich zurückrufen würde. Falls sich kein Team und auch niemand sonst finden würde, der mich sponserte, würde es schwer sein, im Radsport Fuß zu fassen, das war mir klar.

Ich war bereits als bester Kategorie-1-Allrounder in Colorado ausgezeichnet worden, auf regionaler Ebene gab es für mich also nicht mehr viel zu holen. Mit dem Nationalteam würde ich ein paar Rennen in Europa und Südamerika bestreiten, aber das würde mich finanziell nicht weit bringen und meine Möglichkeiten einschränken, mich auf nationaler Ebene zu zeigen.

Ich wohnte noch zu Hause, in meinem Kinderzimmer, und fraß mich auf Kosten meiner Eltern durch. Das war genau das, was ich unbedingt vermeiden wollte. Ich hatte so viele talentierte junge Fahrer erlebt, denen es nicht ganz vergönnt war, in Juniorenrennen die großen Teams auf sich aufmerksam zu machen, und die sich dann irgendwie durchschlagen mussten, um weiter Rennen fahren zu können.

Dazu gehörte meistens, bei den Eltern zu wohnen, um Spritgeld zu betteln, irgendeinen Teilzeitjob anzunehmen, nebenbei noch zu versuchen, so viel wie möglich zu trainieren, und bei all dem schlussendlich wie ein Loser dazustehen im Vergleich mit Freunden, die aufs College gingen. Ich schaute auf die Fahrer herab, denen es so ergangen war, aber nun war ich drauf und dran, selbst einer von ihnen zu werden.

Stattdessen wollte ich wie Lance oder Bobby Julich sein. Nachdem er dem Juniorenbereich entwachsen war, kam Lance sofort bei einer großen Mannschaft namens Subaru-Montgomery unter und erhielt einen Batzen Geld. Er lebte nicht mehr bei den Eltern, sondern hatte seine eigene Wohnung, sein eigenes Einkommen und seinen eigenen Camaro. Das war das Leben, von dem ich träumte.

Ich schickte Bewerbungen los, versuchte offene Gefallen einzufordern, tat, was immer ich tun konnte, um jemanden auf mich aufmerksam zu machen und dazu zu bringen, mich anzurufen. Dann endlich war es so weit.

Als der Anruf kam, ging meine Mutter unten ans Telefon und rief die Treppe hinauf. Ich nahm ab und vernahm eine merkwürdig knurrige, kratzige Stimme.

»Hallo, Jonathan, hier spricht Warren Gibson.«

Warren Gibson hatte ein paar Jahre vorher das Team Plymouth-Reebok geleitet und war gut mit Greg LeMond befreundet. Er war in der Radsportwelt als nonchalanter, aber zuverlässiger Macher bekannt. Er hatte Paul Willerton geholfen, in LeMonds Z-Team unterzukommen, es konnte also nicht schaden, ihn auf seiner Seite zu haben.

Er erklärte, dass er mich beim Rennen in Mammoth Lakes gesehen habe und beeindruckt gewesen sei von meiner Fähigkeit, den Russen die Stirn zu bieten. Er stellte für die Saison 1992 ein neues Team auf die Beine und wollte, dass ich Teil davon wäre.

Er klärte mich über mein Gehalt auf (1.500 Dollar im Monat!), legte dar, welche Rennen das Team bestreiten würde, und erläuterte dann sogar, wie er gedachte, mich in Greg LeMonds Mannschaft in Europa unterzubringen. Ich war so aufgeregt, dass ich beinahe gequiekt hätte. Das war’s. Dies war meine Chance, aus dem Keller meiner Eltern herauszukommen.

Das Team würde von Saturn gesponsert – einem Ableger des Automobilkonzerns General Motors – und um Bob Mionske, den Viertplatzierten der Olympischen Spiele von 1988, herum aufgebaut.

Nominell als Amateurteam antretend – unsere Gehälter wären offiziell »Rückerstattungen von Lebenshaltungskosten« –, wäre es unser Ziel, so viele Fahrer wie möglich zu den Olympischen Spielen 1992 zu bringen, allen voran Bob. Nachdem ich eine Stunde lang Warrens nicht gerade besänftigender Stimme gelauscht hatte, lief ich die Treppe hinunter und erklärte meinen Eltern aufgeregt, dass ich fortan keine Verwendung mehr für sie hätte.

Sie freuten sich, dass ich Geld verdienen würde, waren aber nicht begeistert darüber, dass ich im Frühjahr nicht aufs College gehen würde. Aber es führte kein Weg daran vorbei: Dies war mein erster Schritt, um ein echter Radprofi zu werden.

Gleich nach Neujahr erhielt ich mit der Post den Scheck von Saturn mit meiner Unterschriftsprämie und zog los, um mir für 2.000 Dollar einen rostigen Porsche Baujahr 1971 zu kaufen. Es war nicht leicht, mein Rad in einem Porsche unterzubringen, aber das war mir egal. Ich brauchte ein Auto, das meine Persönlichkeit zum Ausdruck brachte, und ohne Zweifel tat ein kaum funktionstüchtiger, rostiger oranger Porsche genau das.

Als ich im Trainingslager in Los Gatos, Kalifornien, eintraf, sah ich einen korpulenten, walrossartigen Mann mit Schnauzer und blankem Kahlkopf mühsam in Richtung meines Autos hopsen, als ich auf den Parkplatz bog. Das war Warren.

Er begrüßte mich so, wie ein Vater einen Sohn begrüßt, der nach vielen Jahren aus dem Krieg heimkehrt. Er packte mich, drückte mich, nannte mich immer wieder »Kleiner« und führte mich durch das beste Motel, das Los Gatos zu bieten hatte. Meine Güte, der Bursche war echt aufgeregt, sein eigenes Radsportteam zu haben, und sein überbordender Enthusiasmus war ansteckend.

Die Leute nannten ihn »Gibbo« – oder auch »Walross«, allerdings nur hinter seinem Rücken – und Gibbo war wie ein Kind mit einem sehr großen, sehr neuen Spielzeug. Ich konnte kaum glauben, mit welchen Unmengen an Geld und Krempel um sich geschmissen wurde, um einen solchen Laden am Laufen zu halten. Es gab Gratis-Polohemden, die mit dem Teamnamen bestickt waren, und Teamfahrzeuge, die mit Sponsorenlogos zugepflastert waren. Jeder Fahrer erhielt Gratis-Radbekleidung und dazu einen Helm. Für einen 18-Jährigen war es das Radsport-Nirwana. Ich war gewohnt, die Spritkosten aus eigener Tasche zu zahlen und bei Leuten auf der Couch zu schlafen. Nun übernachtete ich in Hotels und musste mir keine Gedanken um Anmeldegebühren machen. Noch dazu wurde ich jeden Monat bezahlt! Dieses Team war echt nobel.

Abends gingen wir zum Steakessen ins Chart House, wir absolvierten Fotosessions für das Sunset-Magazin, wir wurden für Autoreklame gefilmt. Wir hielten uns für die Rockstars der kalifornischen Radsportszene. Bald erschien dann auch der echte Rockstar, Bob Mionske, im Camp. Für uns war das wie die Wiederkunft Christi.

Bob war der Grund, warum das Team existierte, denn er fuhr zu den Olympischen Spielen und die Leute trauten ihm sogar eine Medaille zu. Saturn jedenfalls glaubte fest daran, dass er Edelmetall holen würde. Dieser Glaube war seinem vierten Platz bei den Spielen 1988 in Seoul geschuldet. Das Resultat hatte ihm außerdem einen ziemlich witzigen Spitznamen beschert.

Bob liebte es, sich in der Sonne zu bräunen. Er konnte die Bräunungsstreifen, wie sie typisch sind für Radrennfahrer, nicht leiden und legte sich deshalb stundenlang in die Sonne. Viele Jahre lang war er unter seinen Kollegen als »Bronze Bob« bekannt. Nach seinem vierten Platz bei den Spielen von Seoul, wo er beinahe Bronze geholt hätte, wurde daraus »Beinahe Bronze Bob«.

Er selbst war davon nicht so begeistert.

Ich lernte außerdem meine neuen Teamkollegen und Mitbewohner in der Los Gatos Lodge kennen. Andrew Miller war College-Absolvent mit einem Abschluss in Informatik oder Maschinenbau oder etwas in der Art. Er las viele Bücher, beschäftigte sich nur aus Spaß an der Freud mit Mathematik und erzählte gern Geschichten darüber, wie er mal am College im Chemielabor mit dem Laser Borblechplatten geschnitten hatte.

Der andere war Dave McCook. Daves Lieblingsbeschäftigung war es, durch das Fenster des Fitnessstudios Frauen beim Aerobic oder Yoga anzustarren. Das machte er stundenlang, wobei er mit dem Finger auf die Damen wies, die er besonders attraktiv fand.

Trotz unserer unterschiedlichen Interessen genossen wir es, gemeinsam zu trainieren und zu Wettkämpfen in Nordkalifornien zu fahren. Und wir kochten zusammen, hauptsächlich mit meinem Schongarer. Das Ding war ein Wunder: Man warf einen Haufen Lebensmittel hinein und wenn wir von einer langen Fahrt zurückkehrten, waren sie zu einer Art essbarer Pampe verkocht, die wir zu Abend aßen.

Leider reisten wir einmal zu einem einwöchigen Rennen nach Oregon und vergaßen, dass wir einen Topf Pintobohnen aufgesetzt hatten, als wir unseren Palast in Los Gatos verließen. Zum Glück zog das Zimmermädchen nach ein paar Tagen den Stecker raus. Daher erwartete uns bei unserer Rückkehr kein kurzschlussbedingtes Flammenmeer, sondern nur ein lauwarmer, urzeitlicher Schlamm, der immer noch im Topf vor sich hin gor.

Wir fuhren in jenem Jahr zu Rennen im ganzen Land, auch zu größeren Events, bei denen wir uns mit namhaften Profiteams maßen. Aber das große Ziel für das Team Saturn blieben die US-Olympia-Ausscheidungen. Gibbo bläute uns ein, wie wichtig diese Rennen für das Team und den Sponsor waren. »Beinahe Bronze Bob« in die Olympiamannschaft zu bekommen, war unser absolutes Minimalziel, und Gibbo wollte außerdem einen zweiten Saturn-Fahrer zu den Spielen 1992 in Barcelona bringen.

Das war sehr ambitioniert, denn es waren dort überhaupt nur drei amerikanische Fahrer zugelassen. Lance war bereits ein sicherer Kandidat, somit waren es eigentlich nur zwei Plätze. Gibbo aber pochte auf dieses Ziel mit einem Nachdruck, wie er mir noch nicht untergekommen war. Vom großväterlichen, warmherzigen Mentor war nichts mehr zu sehen, an seine Stelle war ein unter Hochdruck stehender Geschäftsmann getreten.

Die Olympia-Ausscheidungen waren eine ziemlich simple Geschichte. Es würde zwei Eintagesrennen geben, beide von ungefähr gleicher Distanz und Beschaffenheit wie das Olympische Straßenrennen. Die beiden Rennen lagen ein paar Tage auseinander und wer aus beiden die meisten Punkte holte, würde automatisch einen Platz im Olympiakader für 1992 erhalten.

Im ersten Rennen wurde außerdem der Landesmeister ermittelt und weil wir zahlenmäßig überlegen waren, dominierte das Team Saturn das Rennen. Chann McRae gewann schließlich dank einer überragenden Teamstrategie, mit der die im Vorfeld als Favoriten gehandelten Lance Armstrong und Darren Baker isoliert wurden und nicht reagieren konnten. Allerdings hätte ich beinahe alles vermasselt, indem ich zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt attackierte und Lance’ Zorn entfesselte.

Meine Teamkollegen waren ziemlich genervt von mir, und das zu Recht. Es war eine echt dumme Aktion von mir, aber es waren die Zeiten vor dem Teamfunk, und Informationen waren im Rennen schwer zu bekommen.

Dies ist nach wie vor einer der wichtigsten Gründe, warum ich die Verwendung von Funk im Rennen befürworte: Es hilft, dumme Aktionen im Rennen zu verhindern und Entscheidungen auf Basis verlässlicher Informationen zu treffen. Wie auch immer, trotz meiner Dummheit gewannen wir das Rennen und hatten eine perfekte Ausgangslage, um zwei Fahrer in die Olympiamannschaft zu bringen.

Ich war entschlossen, meinen Fehler im zweiten Ausscheidungsrennen wieder gutzumachen, und fand mich bald mit meinem Teamkollegen John Lieswyn in der Spitzengruppe wieder. John war etwas älter als der Rest der Saturn-Mannschaft und hatte nur Außenseiterchancen auf einen Platz im Olympiakader. Sein Spitzname lautete »Twister«, seit er es in einem früheren Rennen im Jahr fertiggebracht hatte, sich die Eier zu verdrehen, woraufhin er eilends in die Notaufnahme gebracht werden musste, um sie zu entwirren.

Seitdem benutzte er eine zusätzliche Polsterung in seinen Radhosen. Ich mochte Twister sehr. Er war ein Eigenbrötler und ein Rebell. Ich hielt das für sehr cool.

Bei den Trainern stand er nicht so hoch im Kurs, aber er war ein schwarzes Schaf, das in der Lage war, ein paar verdammt große Rennen zu gewinnen. Sobald wir uns zusammen mit ein paar Mitstreitern vom Feld abgesetzt hatten, machte ich vorne im Wind das Tempo, um ihm den Goldjungen vom Leibe zu halten. Und es funktionierte.

Eine Runde vor Schluss auf dem schweren Kurs hatten wir weiter einen Vorsprung auf das Peloton. In der letzten Runde konterte ich dann für Twister so viele Attacken, wie ich konnte, bevor ich, erschöpft von der ganzen Verfolgungs- und Nachführarbeit, schließlich wenige Kilometer vor dem Ziel abreißen lassen musste.

Obwohl ich aus der Spitzengruppe zurückgefallen war, winkte mir immer noch ein gutes Resultat in dem vielleicht prestigeträchtigsten Eintagesrennen für Amateure in den USA. Das wäre etwas, auf das ich ziemlich stolz sein könnte und das sich in meinen Bewerbungsunterlagen gut machen würde.

Doch während ich Richtung Ziel rollte, fing ich an zu rechnen und mir wurde klar, dass ich, sollte ich mich vor ihm platzieren, Beinahe Bronze Bob ein paar wertvolle Punkte stehlen würde, die er brauchte, um sich einen automatischen Platz in der Olympiamannschaft zu sichern. Ich wusste, dass Bob fast sicher den Sprint der Verfolger gewinnen würde.

Daher, und im Wissen, welch miserabler Teamkollege ich im vorigen Rennen gewesen war, beschloss ich zu warten, bis Bob mich passiert hätte. Ich nahm die Beine hoch und blieb sogar fast stehen. Meine aussichtsreiche Position im Rennen war damit natürlich dahin.

Ich weiß nicht, welches letztendlich die genauen Auswahlkriterien und der finale Punktestand waren, jedenfalls schaffte es Bob in die Olympiamannschaft, Twister und Chann schafften es fast, und auf mich war niemand mehr sauer. Gibbo kam nach dem Rennen zu mir und umarmte mich für meine uneigennützige Tat. Er meinte, solche Selbstlosigkeit sei im Radsport selten, aber nun, da ich mich dem Team gegenüber so loyal gezeigt hätte, würde das Team sich gewiss revanchieren.

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501 p. 20 illustrations
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9783957260499
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