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DARK PLACES
Jon Bassoff
Factory Town
Aus dem Amerikanischen von Sven Koch
Herausgegeben von Jürgen Ruckh

Originaltitel: Factory Town
© 2014 by Jon Bassoff
Published by Arrangement with Jon Bassoff, Longmont, CO, USA
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2021
Aus dem Amerikanischen von Sven Koch
Mit einem Nachwort von Marcus Müntefering
© 2021 Polar Verlag e. K., Stuttgart
www.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Andrea Stumpf, Gabriele Werbeck
Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann
Coverfoto: © gui-yong-nian/Adobe Stock
Autorenfoto: © Jon Bassoff
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck, Deutschland
ISBN 978-3-948392-22-2
eISBN 978-3-948392-23-9
Für Tobey
Wenn wir schlafen, kann keiner einen Gesunden von einem Geisteskranken unterscheiden.
Shock Corridor
Inhalt
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
Epilog
»Welcome to Hell!«
Prolog
An dem Haus war nichts auffällig, nichts unterschied es von anderen Häusern in der Straße, von anderen in der Stadt. Zweistöckig, beige gestrichen, Doppelgarage, der Rasen davor ordentlich gemäht. In einem Zimmer im oberen Stockwerk brannte ein einziges trübes Licht, der Rest des Hauses lag im Dunkeln. Auf der anderen Straßenseite saß ein Mann in einem klapprigen alten Buick. Seine schwarzen Haare waren ungekämmt und zottelig, sein Gesicht war bleich und eingefallen. Schon eine Weile saß er da und starrte durch die regenschlierige Windschutzscheibe das Haus an. Außer seiner Abgaswölkchen hustenden Klapperkiste standen keine Fahrzeuge auf der Straße, gab es nicht das geringste Anzeichen von menschlichem Leben. Fast konnte man glauben, die Welt sei friedlich im Schlaf gestorben.
Schließlich machte der Mann den Motor aus, ließ aber den Schlüssel im Zündschloss. Er zog einen Flachmann aus dem Handschuhfach, nahm einen großen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Dann griff er in seine Jackentasche, fischte eine Zigarette heraus und steckte sie zwischen die Lippen. Er hielt den Zigarettenanzünder daran und zog so fest, dass der Tabak hellrot aufglühte. Gierig rauchte er, und nach wenigen Minuten war die Zigarette bis zum Filter heruntergebrannt. Er öffnete die Autotür und warf die Kippe auf den Gehweg. Dann saß er wieder lange Zeit nur da und sah dem Regen zu. Endlich stieg er aus und trat auf die stille Straße mit den stillen Häusern.
Langsam humpelte er durch den Vorgarten und mühte sich die Stufen zur Veranda hinauf, wo er fröstelnd und mit unstetem Blick stehen blieb. Mit zitternder Hand drückte er die Klingel, und das Läuten hallte durch das Haus. Als sich nichts rührte, schlug er mit der flachen Hand gegen die Tür.
Nach und nach gingen überall im Haus Lichter an. Schritte waren zu hören, dann ging die Tür auf. Hinter der Fliegentür stand eine alte Frau im Bademantel, einige Büschel ihrer vom Liegen platt gedrückten grauen Haare standen ihr vom Kopf ab. Als sie den Fremden auf der Veranda sah, wich alle Farbe aus ihrem Gesicht. Ich … ich dachte, Sie wären mein Sohn, sagte sie. Er kommt manchmal, wenn –
Der Mann trat einen Schritt nach vorne, sodass er den Türrahmen ausfüllte. Die Frau stolperte nach hinten, dabei öffnete sich ihr Bademantel, Entsetzen trat in ihren Blick.
Wo ist das Mädchen?, fragte er.
Was für ein Mädchen? Ich weiß nicht. Ich –
Der Mann drängte sich an der Frau vorbei ins Haus. Einen Moment blieb er mit schlaff herabhängenden Armen stehen und wiegte den Oberkörper vor und zurück, dann ging er weiter. Wo ist das Mädchen?, wiederholte er. Wo ist sie, verdammt noch mal?
Sie schüttelte den Kopf und sagte: Hier ist kein Mädchen. Sie müssen sich irren. Das ist die falsche Adresse.
Halten Sie den Mund, sagte er. Sie ist hier irgendwo. Das ist mein Haus. Ich wohne hier. Wo haben Sie sie versteckt?
In den nächsten paar Minuten durchsuchte der Mann das Haus, ging in jedes Zimmer, riss Bettdecken und Laken weg, zerrte Schreibtisch- und Kommodenschubladen heraus und öffnete Schranktüren. Dabei murmelte er die ganze Zeit vor sich hin, ein unverständliches Gebrabbel, nur gelegentlich hielt er inne, um wütend aufzustampfen.
Aber das Mädchen war nicht im Haus. Niemand außer der alten Frau war da.
Er kehrte ins Wohnzimmer zurück und setzte sich auf einen Stuhl. Seine Unterlippe zitterte, sein linkes Auge zuckte. Immer wieder rieb er mit beiden Händen über sein bleiches Gesicht.
Die suchen nach mir, sagte er mit kaum hörbarer Stimme. Alle, jeder von denen. Und wenn sie mich finden, geht’s mir an den Kragen, das weiß ich. Die werden mich foltern. Und bei lebendigem Leib begraben. Da wär ich auch nicht der Erste. Aber sie werden mich nicht finden. Oh nein. Dafür werde ich schon sorgen.
Der Mann hob den Kopf und sah die Frau an, die jetzt mit verschränkten Armen an der Wand lehnte. Ihre Beine zitterten heftig.
Ich könnte einen Drink vertragen. Haben Sie was?
Nur … nur Wein.
Ist in Ordnung. Bringen Sie mir die Flasche.
Einen Moment später kehrte sie mit einer Flasche Rotwein zurück, von der höchstens ein Glas getrunken worden war, und reichte sie ihm. Er zog den Korken heraus und setzte die Flasche an. Er trank und trank, bis sie fast leer war. Dann stierte er vor sich hin, und der Ausdruck auf seinem abgehärmten Gesicht wurde immer trüber. Draußen prasselte der Regen auf den Asphalt, und es blitzte, ohne zu donnern.
Ich habe schreckliche Dinge getan, sagte er. Dinge, auf die ich nicht stolz bin, die anderen wehgetan haben.
Die Frau nickte. Das ist in Ordnung, sagte sie leise. Wir alle haben Fehler gemacht.
Der Mann starrte zu Boden und ballte die Fäuste. Das Haus hier. Ich wohne hier gar nicht mehr, oder? Es klang mehr nach einer Feststellung als nach einer Frage.
Sie schüttelte den Kopf. Nein, Mister. Ich glaube nicht. Ich wohne hier schon sechs Jahre.
Als er langsam nickte, huschte ein dünnes, trauriges Lächeln über sein Gesicht. Wirklich, sechs Jahre? So lange ist das her?
Ja. Mein Mann und ich sind aus Pennsylvania hergezogen. Das war, bevor er –
Aber der Mann hörte nicht zu, sondern sah sich plötzlich mit panischem Blick um. Er stand vom Stuhl auf, ließ sich auf die Knie nieder und legte sich auf den Bauch, um ein Ohr auf den Boden zu pressen. Lange verharrte er so, das Grauen stand ihm im Gesicht. Hören Sie sie auch? Na, hören Sie sie? Die sind schon um die Ecke.
Doch zu hören war nur das leise Pfeifen eines Zugs in der Ferne. Er sprang wieder auf und rannte zum Fenster. Riss die Vorhänge zurück und starrte durch die dunklen Scheiben. Machen Sie alle Lichter aus, sagte er. Schnell!
Die Frau gehorchte. Sie kommen, sagte er. Und sie haben Fackeln, Säcke und Gewehre dabei. Eins ist sicher: Am Ende kommt doch keiner davon.
Nach einem kurzen Blick auf die Frau spähte er erneut aus dem Fenster. Dann zog er die Vorhänge wieder zu und fing an, im Zimmer auf und ab zu laufen. Dabei rieb er sich die Hände und brabbelte leise vor sich hin. Ohne Vorwarnung griff er unter sein Hemd und holte eine Pistole hervor. Die Frau schnappte nach Luft. Er warf das Magazin aus und prüfte es, dann schob er es zurück in den Griff, bis es einrastete.
Ich möchte Sie was fragen, sagte er. Wissen Sie, wer ich bin? Was ich getan habe?
Sie schüttelte den Kopf. Nein. Ich –
Wissen Sie, was ich getan habe? Jetzt schrie er es.
Ich … ich weiß überhaupt nichts.
Darauf nickte er sehr, sehr lange. Schließlich setzte er sich die Pistole an die Schläfe. Im Diesseits und im Jenseits, sagte er, bevor er abdrückte. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall, und er sackte zu Boden. Das Blut aus dem Loch in seiner Schläfe spritzte über den Teppich, die Vorhänge und die Wand.
Plötzlich war alles still. Nur die Uhr tickte. Als sie den Kopf drehte, um auf die Uhr zu sehen, hielt die Frau noch immer die Hand über den Mund. Erst da nahm sie sie langsam weg. Es ist elf Uhr siebenundfünfzig, sagte sie zu niemandem. Kurz vor Mitternacht. Dann wandte sie sich wieder dem Mann zu. Sein Gesicht war in einer grotesken Fratze erstarrt. Unfähig den Blick von ihm zu wenden, starrte sie ihn an. Und dann sah sie ihn einmal blinzeln. Und noch einmal …
1. Kapitel
Die Stadt lag im Dunkeln. Ich lehnte den Kopf gegen das Fenster, und der schmutzige Regen rann über meine Stirn. In der spiegelnden Scheibe sah ich aus wie ein Gespenst, hager und fahl, meine Augen glichen denen meines Vaters. Ich konnte nur flüstern: Gott, bitte vergib mir. Ich habe viel zu bereuen …
Factory Town. Es schien, als hätte man begonnen, die ganze Stadt, Haus für Haus und Mauer für Mauer, abzureißen, dann aber beschlossen, dass es die Mühe nicht wert war und man sie einfach verrotten lassen sollte. Überall bröckelnder Beton, kaputte Zäune, zerbrochene Scheiben, zerschlagene Möbel. Verfallende Backsteingebäude, mit Graffiti beschmiert und die Fenster mit Brettern vernagelt. Die Uhr einer Bank ohne Zeiger. Umgekippte Mülltonnen. Auf den Boden gestürzte Feuerleitern. Überall Schutt. Eine geplünderte, verwahrloste Kirche. Und von irgendwoher das Hallen einer Lachkonserve. Ich hatte einmal gehört, dass die meisten Lachkonserven vor vierzig, fünfzig Jahren produziert worden waren, also musste es das Lachen von Toten sein.
Ein lautes Krachen erschreckte mich. Ich fuhr herum und sah eine ausgemergelte Frauengestalt aus einem Hauseingang treten. Sie trug ein zerrissenes Männerhemd, einen zerschlissenen Jeansrock und pinke Cowboystiefel. Ihre gebleichten Haare waren kurz geschnitten und struppig, und zwischen ihren lila Lippen hing eine krumme Zigarette. Ihr Gang war leicht hinkend. Sie war irgendwas zwischen zwanzig und fünfzig, aber Gesicht und Gestalt hatten auf alle Fälle schon bessere Tage gesehen. Als sie mich bemerkte, verzog sie verächtlich das Gesicht und sagte: Ich kenn dich. Du bist der Typ, von dem alle reden.
Ich schüttelte den Kopf. Da täuscht du dich, sagte ich. Ich bin grad erst in die Stadt gekommen.
Nee, ich täusch mich nicht. Du bist es. Und, hast du auch ’nen Namen?
Russell Carver. Aber du musst mich mit jemand verwechseln.
Tja, kann sein. Vielleicht. Aber egal. Davon abgesehen bist du ja ganz niedlich. Wie wär’s denn mit uns zwei?
Weil ich nicht wusste, was ich antworten sollte, sagte ich nichts. Sie grinste abschätzig, räusperte sich und spuckte auf den Boden. Dann ging sie weiter. Einsam und verwirrt, wie ich war, folgte ich ihr.
Wir gingen durch schlaglochübersäte Straßen, vorbei an schmutzstarrenden Bettdecken, einer zertrümmerten Badewanne, einer rostigen Schaufel. Sahen einen einzelnen Armeestiefel und eine Weihnachtslichterkette. Sie schmiegte sich an mich, legte den Kopf auf meine Schulter und hakte sich unter. Ein Mann stand mitten im Regen gegen ein Gebäude gelehnt, die grauen Haare mit Pomade zur Tolle gekämmt, und schrie: Lass bloß die Finger von der, die bricht dir das Herz, darauf kannst du Gift nehmen! Die Hure schüttelte den Kopf und sagte nur Psst. So gingen wir weiter durch den strömenden Regen, zwischen verfallenden Häusern, und mein Hirn blutete.
Kurz danach betraten wir ein Gerippe von Haus, in dem ich ihr durch ein Labyrinth eigenartiger Korridore in einen abgedunkelten Raum folgte. Dort war es kälter als draußen. Sie zog mich an sich und lachte. Es war ein schreckliches Lachen. Sie roch nach billigem Parfüm und billigem Schnaps. Ich war abgestoßen und angeekelt, nervös und besorgt. Der Raum war karg und verdreckt, von der Decke hing eine nackte Glühbirne, die Matratze war fleckig von Blut und Bourbon, die Mauern mit Asbest geflickt. Auf einem Nachtkästchen stand ein übel verbeulter Wecker, dessen Ziffern abblätterten. Die Zeiger verharrten für immer auf drei vor zwölf …
Bei einem Blick aus dem Fenster sah ich mehrere merkwürdige Männer in ausgebeulten Parkas, die gleichmäßig und methodisch den Grundstücksrand abschritten. Ich zog den Vorhang zu und lehnte mich gegen die Wand. Meine Schläfe pochte.
Unterdessen verlor die Hure keine Zeit. Sie zog das Hemd aus und entblößte große, entstellte Brüste, die sie zu reiben begann, ohne dass es im Geringsten sinnlich wirkte. Sie fragte, wie ich es wolle, und ratterte mit erschreckender Gleichgültigkeit eine Litanei von Stellungen herunter. Ich behielt meine Kleidung an und sagte, dass ich sie ordentlich bezahlen würde, aber nur jemanden zum Reden brauchte, vielleicht auch zum Umarmen, bis ich ein wenig Schlaf fand. Darauf verzog sie das Gesicht, willigte aber ein, Geld ist Geld, und während sie Zigaretten bis zum Filter runterrauchte und aus einer grünen Militärthermoskanne Pfefferminzlikör schlürfte, machte ich ernst: Ich erzählte von Alana und setzte ihr in aller Ausführlichkeit die mysteriösen Umstände ihres Verschwindens auseinander – die sechsjährige Suche in Städten und Bergen und Wüsten. Kein Detail ließ ich aus, aber der Blick aus den beiden blutunterlaufenen Augen der Hure blieb leer. Es war offensichtlich, dass meine Geschichte sie langweilte. Sie rutschte die Wand runter auf den Boden, ließ den Kopf hin und her baumeln und schien so wenig zu begreifen, als würde ich in einer fremden Sprache auf sie einreden, obwohl ich klar und deutlich sprach, trotz meiner schon einen Monat oder länger anhaltenden Schlaflosigkeit …
Um ihr Interesse zu wecken, zog ich ein Foto heraus und zeigte es ihr. Ein computergeneriertes Bild von Alana, wie sie heute aussehen könnte: ein junges Mädchen mit einem Schopf dunkelblonder Haare, rosa Mund und todernsten blauen Augen. Erst da hielt die Hure den Kopf still, sah mich mit ihren blutunterlaufenen, vom Trinken und Huren zerstörten Augen an und fragte hämisch, ob ich Detektiv oder so was sei. Nein, antwortete ich, ich sei nur ein ganz normaler Mensch, der sich um die Kleinsten und Schwächsten unter uns sorge, und dieses Mädchen, Alana, sei auf alle Fälle klein und schwach.
Ich hab meine Quellen, sagte ich, verlässliche Quellen, und sie sagen, dass sie hier in Factory Town ist. Aber sie schwebt in großer Gefahr und hat nicht mehr lange zu leben. Die Hure betrachtete das Foto eine Weile, dann schüttelte sie den Kopf. Nee. Noch nie gesehen. Aber ich bemerkte, dass ihr Mundwinkel zuckte, der Tick einer Lügnerin.
Sie drückte eine weitere Zigarette aus und sah mir direkt in die Augen. Ohne Zwinkern. Sie war verkommen, hasserfüllt, das war mir inzwischen klar geworden, und sie wusste mehr, als sie mir verraten wollte …
Im Zimmer nebenan schrie sich ein Paar auf Chinesisch oder Japanisch an, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie sich schlugen. Auf einmal fühlte ich mich müde, todmüde. Diese Nachforschungen, die Schlaflosigkeit, alles wurde mir zu viel …
Wie lang bist du schon hier?, fragte sie. In Factory Town, mein ich.
Schwer zu sagen. Aber nicht lang. Einen Tag vielleicht oder eine Woche.
Sie lachte rau. Hab ich mir schon gedacht. Sonst würdest du’s längst wissen.
Was wissen?
Wissen, dass du auch nicht anders bist als wir alle hier. Dass du hier überhaupt nichts findest. Dass du das Mädchen nicht findest.
Ich biss die Zähne zusammen und ballte die Fäuste. Woher willst du das wissen? Hast du sie gesehen? Was weißt du?
Ist doch egal, was ich weiß. Alles ist völlig egal.
Was zum Teufel soll das denn heißen?
Sie grinste, zeigte ihre verfaulenden braunen Zähne. Das soll heißen, dass ich die Geschichte schon millionenfach gehört habe. Es ist immer dasselbe. Immer haargenau derselbe Scheiß.
Ich spürte die altbekannte Wut in mir aufsteigen, aber ich hielt mich zurück. Sie ist hier, sagte ich. In dieser Stadt. Meine Quellen –
Scheiß auf deine Quellen!
Das Gebrüll nebenan wurde immer lauter, und gleich darauf zerschellten Flaschen, eine nach der anderen.
Du dummer kleiner Knilch, sagte sie, und Schnaps und Speichel troffen aus ihrem dreckigen Maul. Weißt du denn nicht, wo du bist? Das hier ist eine Stadt der Sünde, der Trauer, des Hasses. Jeder hier trägt irgendeine Schuld, jeder Einzelne von uns. Jeder hier fürchtet sich zu reden. Kapierst du das, Mr. Carver? Millionen von dreckigen Geheimnissen sind hier unter dem Müll und Schutt vergraben. Du willst darin rumwühlen? Na, dann viel Spaß beim Schippen. In den Leichen findest du sicher noch ein paar Herzen, die schlagen …
Draußen prasselte der Regen auf den Asphalt, es blitzte, donnerte aber nicht. Ich hatte genug von ihr. Ich erhob mich und wollte aus dem Zimmer stürmen, aber plötzlich drehte sich der ganze Raum, und die einzelne Glühbirne fiel auf den Boden und platzte. Die Hure stand lachend vor mir. Mit einem energischen Ruck riss sie sich den Rock vom Leib und wackelte mit den Hüften, dann steckte sie sich die Finger in die Möse, einen nach dem anderen, ganz langsam und systematisch. Sie widerte mich an, aber ich sah zu, wie ihre ganze Hand darin verschwand, und dann begann sie mit der anderen Hand …
Ihre zerfressenen Lippen formten sich zu einem Schmollmund, und sie sagte: Und was jetzt, Mr. Carver? Wen wirst du jetzt lieben?
Plötzlich stand alles wieder still, und ich drängte mich an der Hure vorbei, um die Tür mit der Schulter aufzudrücken. Das Foto war noch in meiner Hand, nur inzwischen stark zerknittert. Als ich durch den Korridor taumelte, hörte ich das Lachen der Hure hinter mir über das Linoleum hallen …
Der Korridor war dunkel und furchtbar, überall lagen tote Vögel auf dem Boden, Dutzende Vögel, und noch schlimmer war, dass manche noch lebten und schwach mit den Flügeln schlugen, davonfliegen wollten, aber nicht mehr konnten. Die Wände waren mit Graffiti übersät, eine Flut gewalttätiger Botschaften sprang mich an. An der Decke die detailreiche Wandmalerei einer jungen Frau mit ernster Miene, die in kleinen Teilen und Bröckchen wie Konfetti zu Boden fiel.
Mit gesenktem Kopf ging ich vor mich hin murmelnd weiter und versuchte, die Puzzleteilchen zusammenzusetzen, so viele gezackte Puzzleteilchen, während sich der Korridor hinzog, lang und endlos, verschlungen wie ein Irrgarten. Ich wanderte weiter und weiter, tagelang, wollte mir scheinen, und verlor immer mehr die Orientierung, während um meinen Schädel herum hasserfüllte Bilder herabstürzten wie blinde Vögel in einem Käfig. Ich hörte gedämpfte Stimmen sprechen, sah aber keinen Menschen. Einmal verstummte das Gespräch ganz, aber als es wieder einsetzte, wurden die Stimmen immer lauter, und ich verstand Bruchstücke, die aber keinen Sinn ergaben: Versteck den Rest in den Einmachgläsern … Die ganzen Leichen in der Höhle … Glaubst du, er kriegt’s raus? … Was ist mit ihm? … Glaubst du, er kriegt’s raus?
Schließlich verebbte das Gespräch. Ich ging weiter bis zu einer Gruppe alter Männer, die sich um das Feuer in einer Mülltonne drängten und darüber ihre Hände rieben. An den Mauern um sie herum tanzten ihre Schatten. Trotz meiner lauten Schritte sahen die Männer nicht auf, so vertieft waren sie in ihre gedämpfte Unterhaltung. Ich wollte sie um Hilfe bitten, nach dem Weg aus dem Gebäude fragen, aber sie schienen meiner Stimme gegenüber taub und gaben keine Antwort. Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel eine kleine Gestalt mit einem Cape durch den Korridor flitzen. Wie ein Blitz, der im nächsten Moment mit der Betonmauer zu verschmelzen schien.
Zuerst traute ich meinen Augen nicht, glaubte, ich hätte gar nichts gesehen. Ich hatte so lange nicht mehr geschlafen, dass mir meine Wahrnehmung wohl schon Streiche spielte und Eindrücke ein- und ausblendete wie ein Radiosignal am Übergang zwischen zwei Sendern.
Langsam schlich ich durch den Korridor, vorbei an den um die Mülltonne stehenden alten Männern, vorbei an einer jungen Frau mit einem vollständig tätowierten Arm und Dreadlocks, vorbei an einer räudigen Glückskatze zur anderen Wand, und sah, dass dort eine Metalltür war. An der Tür hing ein selbst gebasteltes Schild mit einer krakeligen Aufschrift: Der Annullator wartet hier.
2. Kapitel
Weil mich niemand zu bemerken schien und niemand etwas sagte, zog ich die Tür auf und begann, auf einer langen Treppe in die Tiefe hinabzusteigen. Alles war dunkel, und die Stufen liefen hin und her, hin und her, immer weiter unter die Erde. Von den Betonmauern hallten das Fiepen von Ratten und das Knirschen meiner Sohlen wider. Ich hielt die Flamme eines billigen Plastikfeuerzeugs vor mich, aber der eisige Luftzug blies sie immer wieder aus. Vorsichtig trat ich auf die bröckeligen Stufen und hielt mich vorsichtshalber an dem Metallgeländer fest, das aber nach einer Weile im Nichts endete. Als mir das Feuerzeug runterfiel, glich ich einem Blinden, der mit jedem Schritt von einer Betonklippe stürzen konnte.
Beklommen setzte ich einen Fuß vor den anderen und stieg langsam tiefer in den Schacht. Stundenlang ging ich so dahin, meinte ich, war mir jedoch nicht sicher, doch als ich endgültig von Angst und Verzweiflung befallen war, sah ich ein Stückchen vor mir Licht glimmen.
Ich beschleunigte meine Schritte, und kurz darauf war die Treppe zu Ende, und ich stand vor einer morschen, schief in ihren Angeln hängenden Holztür. Ich trat dagegen, und die Tür flog krachend auf. Sie führte in einen Gang, dessen Wände erneut mit wilden Graffiti bedeckt waren und dessen Boden mit Sägespänen, Glasscherben, toten Nagern und Patronenhülsen übersät war. Das Atmen fiel mir schwer, die Luft war muffig, faulig.
Ein Stück weiter mündete der Gang in einen großen Raum, der von einer Reihe Taschenlampen erhellt wurde, die angeschaltet an mehreren Stellen auf dem Boden platziert waren. Die Wände waren verputzt, doch blätterte der Putz großflächig ab und legte die Ziegel frei. In der Raummitte standen fünfundzwanzig bis dreißig Reihen zersplitterter Holzstühle. Der Gang zwischen den Sitzreihen war mit rotem Teppich belegt. Die Kuppeldecke war aufwendig mit Mosaiken verziert, die zwar ausgebleicht, aber noch zu erkennen waren. Am Ende des Raums befand sich ein halb eingestürzter Balkon, der von fünf bis zum Boden reichenden Metallrohren gestützt wurde. Der Raum musste einmal ein Theater oder Kinosaal gewesen sein, aber jetzt gab es weder Bühne noch Leinwand, nur Schutt und Dreck.
Verwirrt und orientierungslos stand ich lange Zeit einfach da. Dann tat ich ein paar Schritte nach vorne. Sobald ich mich vom ersten Schock dieses Anblicks erholt hatte, erkannte ich in dem Verfall eine gewisse Schönheit. Ich atmete langsamer, tiefer, entspannte mich.
Ich ging weiter bis zu den Sitzreihen und nahm Platz. Während ich einfach vor mich hin starrte, zogen die Geister vergangener Tage vor meinem Gesicht vorbei. Sie lächelten fröhlich, nicht traurig. Ich schloss die Augen. Und bald nickte ich ein …
Es war ein traumloser Schlaf. Vielleicht schlief ich auch gar nicht. Ich spürte, wie mir jemand auf die Schulter tippte. Dann hörte ich eine seltsam vertraute Stimme. Was tun Sie hier, Mister? Wie haben Sie das hier überhaupt gefunden?
Ich drehte mich um und sah einen Jungen, höchstens acht oder neun Jahre alt. Er war als Superheld verkleidet, mit enger schwarzer Hose, rotem Oberteil, gelbem Cape. Auf dem Cape ein großes rotes A aus Klebeband, das sich stellenweise löste. Über dem Gesicht trug er eine schwarze Maske, ein billiges schwarzes Plastikding, das mit einem Gummiband an seinem Kopf befestigt war.
Ich … ich hab dich im Gang gesehen. Da bin ich neugierig geworden und bin dir gefolgt.
Das hätten Sie nicht tun dürfen. Ich hätte Sie töten können. Warum haben Sie das überhaupt getan?
Weil … weil ich mit dir reden wollte.
Dann arbeiten Sie nicht für den Cowboy?
Cowboy? Wer ist denn der Cowboy?
Sie dürfen keinem was von dem Versteck hier sagen, sagte er. Sonst wäre alles kaputt. Unser ganzer Plan.
Nein. Natürlich nicht.
Ohne Anzeichen von Angst setzte sich der Junge auf den Sitz neben mir. Er hatte pechschwarze Haare und einen traurigen Mund. Eins seiner Augen zuckte von Zeit zu Zeit.
Bestimmt bist du der Annullator, sagte ich.
Er schwieg eine Weile. Dann sagte er: Ja.
Gibt’s in der Stadt hier viele schlechte Menschen?
Er nickte.
Aber es gibt auch ein paar gute, oder? Diejenigen, die du beschützt.
Er überlegte kurz. Ein paar schon, sagte er. Aber nicht viele. Jedenfalls mehr schlechte als gute.
Ja, sagte ich. Das scheint überall auf der Welt so zu sein.
Wir saßen lange nebeneinander. Für mich war es sehr seltsam, in einem alten, verfallenden Theater inmitten eines alten, verfallenden Gebäudekomplexes mit dem Annullator zu sprechen. Er war der erste Superheld, dem ich begegnet war.
Wie sieht’s mit Waffen aus?, fragte ich. Hast du welche? Ich meine, du musst doch bestimmt gegen die Bösen kämpfen.
Er nickte. Ja, klar hab ich welche. Ich hab sogar viele Waffen.
Sofort ging er ein paar Sitzreihen nach hinten, griff unter einen Sitz und zog einen Pappkarton hervor, der mit seinem Erkennungs-A verziert war. Darin waren Schilde, Schwerter, Pistolen und Dolche, alle aus Plastik. Ich nickte. Du bist gut ausgerüstet. Jetzt verstehe ich, warum du der Beschützer bist.
Die Waffen sind schon okay, sagte er, aber ich hätte gern eine richtige Pistole und ein richtiges Schwert. Damit würde ich mich sicherer fühlen.
Was ist mit deinen Eltern? Wo sind sie? Wissen sie, dass du hier unten bist? So ein richtig guter Spielplatz ist das hier ja nicht, oder? Schau nur. Überall liegen Glasscherben. Tote Tiere. Patronenhülsen.
Der Junge schüttelte den Kopf. Hier verstecken wir uns nur. Es gibt nämlich nicht nur mich. Wir sind mindestens hundert. Hier unten haben wir unsere eigene kleine Welt. Das ist super. Hier können wir spielen. Murmeln. Räuber und Gendarm. Cowboy und Indianer. Und kein Erwachsener weiß, was wir tun. Das ist unsere eigene kleine Welt, verstehen Sie?
Hundert Kinder, sagst du? Aber wo sind die alle hin? Außer dir seh ich niemand.
Lächelnd schüttelte er den Kopf. Ach, hier gibt’s ganz viele Verstecke.
Wirklich? Warum verstecken sie sich denn?
Er schwieg längere Zeit. Weil sie Angst vor Ihnen haben.
Angst vor mir? Aber dafür gibt’s doch keinen Grund. Ich bin ja grad erst gekommen. Ich bin fremd hier. Die kennen mich gar nicht.
Klar haben sie Angst vor Ihnen. Wieso auch nicht? Wieso sollten sie keine Angst vor Ihnen haben? Sie machen schreckliche Sachen. Sie sind genau wie mein Vater. Sie sehen sogar aus wie er. Sie haben denselben Blick. Mein Vater ist schrecklich. Das sagt jeder. Wissen Sie, was mein Vater gemacht hat?
Ich bin fremd hier, sagte ich. Du kennst mich gar nicht. Und die anderen Kinder kennen mich auch nicht.
Er hat mich an die Heizung gekettet. Weil ich ihm auf die Nerven gegangen bin. Nur weil ich ihm auf die Nerven gegangen bin. Nichts als eine Schüssel Wasser hat er mir hingestellt, wie einem Hund. Die anderen Kinder sagen alle, dass das gemein war. Aber noch schlimmer war, was er mit meiner Mutter gemacht hat. Mir hat er wenigstens Murmeln geschenkt. Das war nett. Andere Väter tun nicht mal das.
Im selben Moment bemerkte er das zerknitterte Foto in meiner Hand. Was haben Sie da, Mister? Von wem ist das Foto?
Ich öffnete die Faust und reichte dem Jungen das Bild. Er betrachtete es aufmerksam.
Sie heißt Alana, sagte ich. Sie ist schon vor Jahren verschwunden. Das Bild zeigt, wie sie heute aussehen könnte. Es hat nicht viele Hinweise gegeben. Die Polizei hat die Suche mehr oder weniger eingestellt. Eine Schande ist das. Aber es gibt einfach immer mehr Verbrechen auf der Welt. Jetzt muss ich sie suchen. Schon seit mehr als sechs Jahren such ich nach ihr. Laut meinen Quellen ist sie hier in Factory Town.
Irgendwie kommt sie mir bekannt vor, sagte der Junge. Ich glaube, ich hab schon mal mit ihr gespielt.
Ich ging in die Knie, sodass ich mit dem Jungen auf Augenhöhe war. Erzähl mir davon. Hast du wirklich schon mit ihr gespielt?
Ja. Na ja, ganz sicher weiß ich’s nicht, aber ich glaube …
Wo? Wann? Das ist sehr wichtig für mich, verstehst du? Jede Information, die ich von dir kriege, hilft mir weiter. Und wenn’s nur ganz wenig ist. Ich hab zwar ein paar Hinweise, aber …
Es war Räuber und Gendarm. Genau, das war’s. Sie war die Neue. Sie wollte eine Prinzessin sein. Aber dann hätten wir nicht spielen können. Die Neuen müssen immer die Räuber sein. Das ist die Regel. Wir haben’s ihr dauernd gesagt. Sie hätte auf uns hören sollen. Wir sind schon länger hier. Wir haben uns das aufgebaut.
Ich drängte ihn weiterzusprechen, aber er konnte oder wollte nicht mehr sagen.
Tu mir bitte einen Gefallen, sagte ich. Wenn du sie wiedersiehst, sag ihr, dass ich nach ihr suche. Ich heiße Russell Carver. Sie kennt meinen Namen.
Er nickte, aber sein Blick war jetzt leer, sein Mund stand offen.
Na gut, ich glaube, ich muss los. Es gibt noch ein paar Hinweise, denen ich nachgehen will …
Inzwischen war der Junge in seiner eigenen Welt. Er stierte vor sich hin, dann erhob er sich langsam von seinem Sitz und ging in den hinteren Teil des Saals. In einer Hand hielt er ein Schwert, in der anderen einen Schild. Er ging noch ein paar Schritte, dann begann er, wild mit dem Schwert herumzufuchteln. Offenbar war er mit einem der Bösen, von denen er gesprochen hatte, in einen Kampf verwickelt …
Dieser Böse hieß Dr. Devil und gehörte dem Führungszirkel der Roten Allianz an. Er war brutal und ein Bär von einem Mann mit kräftigen, tätowierten Armen, ledriger Haut, üblen Narben im Gesicht, und aus seinem Schädel wuchsen rote Hörner. Er war durch und durch böse – wer könnte je vergessen, auf welch grausame Art er den Leopardenmann umgebracht oder wie er der Blauen Patrone das schlagende Herz aus der Brust gerissen hatte? Nichts wäre ihm lieber, als auch den Annullator in die Liste seiner Opfer einzutragen.
Jetzt ging er mit wildem, ungezügeltem Hass auf unseren Helden los und bombardierte ihn mit Speeren, Dolchen und Feuerkugeln. Aber der Annullator war zu flink für ihn. Mit großer Gewandtheit wich er den Wurfgeschossen aus, schlug Rad und machte Handstandüberschläge, um der Gefahr auszuweichen. Im Hintergrund lief dramatische Orchestermusik. Und dann stürzte sich der Annullator mit der Kraft von einer Million Männern auf Dr. Devil, hämmerte ihm die Faust gegen das Kinn, und der Böse knallte auf den Betonboden. Ohne zu zögern, zog der Annullator, Beschützer von Factory Town, sein Schwert (ein Geschenk von Sir Lancelot höchstpersönlich), drückte dem Feind die Schwertspitze gegen die Kehle und sagte leise, beinahe flüsternd: Zeit zu sterben, Ausgeburt der Hölle.
Aber Dr. Devil lachte nur. Sterben?, sagte er. Dazu hast du doch nicht den Mumm. Verdammt, du konntest nicht mal deine eigene Mutter beschützen. Deine eigene Mutter! Ja, genau, ich war bei euch zu Hause, als sie geschlagen und getreten und gequält und verstümmelt wurde, bis sie nur noch ein Klumpen blutiges Fleisch war. Und du bist bloß danebengestanden und hast geglotzt und dir in die Hose gepisst! Ich war bei euch zu Hause, als sie aufgehört hat zu essen, gehungert hat, bis sie nur noch Haut und Knochen war und gestorben ist. Du bist ein verdammter Feigling, hörst du? Du warst zu feig, dich mit deinem Vater anzulegen, und jetzt bist zu feig, Dr. Devil fertigzumachen.
Aber da lag Dr. Devil falsch.
In einem Ausbruch wilden Zorns rammte der Annullator dem Monster das Schwert in den Hals, ließ es für einen langen Augenblick stecken und riss es dann heraus. Leidenschaftslos sah er zu, wie das Leben aus Dr. Devil herausspritzte. Noch hatte Dr. Devil die Kraft, sich an den Hals zu fassen und die Wunde zuzudrücken, aber es war vergeblich. Nach einer Weile zuckte er heftig, die geschwollene Zunge fiel ihm aus dem Mund, und er lag still da, während seine Seele in die Feuerschlünde gesaugt wurde.
Der Annullator hob sein blutrotes Schwert und schob es zurück in die Scheide. Er wischte sich die Stirn ab und blickte zum Himmel. Lieber Gott, er hat es nicht anders gewollt.
Von dem Schauspiel schockiert, ging ich langsam an dem Jungen vorbei zum Treppenhaus. Er hat mein Gehen gar nicht bemerkt, und wenn doch, sagte er nichts.
3. Kapitel
Ich lief so hastig die Treppe hinauf, dass ich vor Anstrengung außer Atem geriet. Durchs Treppenhaus hallten die merkwürdigsten Geräusche: eine Arien singende Frauenstimme, die Lachkonserve einer Fernsehserie, eine klappernde Schreibmaschine. Zu guter Letzt kam ich an eine Tür, die ich aufstieß, aber sobald ich in den Gang getreten war, merkte ich, dass ich auf einer anderen Etage war. Mit dem vertrauten Gefühl von Angst ging ich ziellos durch den dunklen Gang. Auf der Suche nach einem Ausgang aus dem Gebäude geriet ich in immer neue Sackgassen und an falsche Türen, und ich wurde immer niedergeschlagener. Mehr als einmal kam ich sogar an eine Tür, die sich öffnen ließ, aber nur um jedes Mal vor einem Vorratsraum oder einer Haustechnikkammer zu stehen.
Auf diese Weise verging viel Zeit, bis ich zu meiner großen Erleichterung den unverkennbaren Schimmer von Licht mit den gespenstergleich aufstiebenden Staubpartikeln sah. Ich drückte die schwere Stahltür auf und trat ins Freie.
Ich atmete auf. Als ich mich umsah, begriff ich, dass ich wieder in der Stadtmitte war, doch jetzt sah alles irgendwie anders aus. Wieder fühlte ich mich wie ein Fremder.
Von außen ähnelte das Gebäude, aus dem ich gekommen war, jetzt einem aufgegebenen Krankenhaus. Drei Stockwerke, grauer Backstein, an jedem Giebelende ein hoher Schornstein. Vom Hauptgebäude gingen Flügel ab, die von absterbendem Efeu überwuchert waren. Viele Fensterscheiben waren zerbrochen, alle vergittert. Hinter dem Komplex erhob sich die Fabrik, ein turmhoher Koloss aus verzogenem Stahl, Laufgittern, gebogenen Rohren und Schloten.
Lange stand ich einfach da und starrte wie gebannt auf die Fabrik. Allem Anschein nach war sie verlassen, aufgegeben, doch dann bemerkte ich im trüben Licht der Mondsichel und der wenigen Sterne dünne Rauchfahnen, die aus den Schloten aufstiegen. Innerlich erschauerte ich, und im nächsten Moment wusste ich, dass mich diese Kälte nie wieder verlassen würde. Je länger ich die Fabrik anstarrte, desto klarer wurde mir, dass darin etwas geschah. Etwas Schreckliches geschah. Alle Geheimnisse der Welt waren hinter diesen Fabrikmauern verborgen, und ich, ich musste herausfinden, was …
Es war spätnachts oder frühmorgens, und ich war hungrig und müde. Ich ging über Straßen voll Schlaglöchern und Gehwege, die übersät waren mit Glasscherben, ausländischen Zeitungen, toten Vögeln und abgetragenen Schuhen. Mein Blick blieb stets auf die Fabrik gerichtet, aber egal wie lange ich ging, immer schien sie außer Reichweite zu bleiben, in weiter Ferne zu liegen.
Ich lenkte meine Gedanken auf mich und dachte an meine Aufgabe, die Suche nach dem Mädchen. Sofort befiel mich die Sorge, man könnte sie in ein Abraumbecken geworfen oder, noch schlimmer, unter Beton begraben haben. In meinen Ängsten gefangen, ging ich gefühlt immer im Kreis durch die Stadt, doch als ich aufsah, war die Fabrik aus meinem Blick verschwunden. Nicht einmal das Stadtzentrum war noch zu sehen. Ich riss mich zusammen und stellte fest, dass ich in einem alten, verkommenen Wohnviertel angelangt war. Es wehte ein kalter Wind, in dem ein paar sterbenskranke Schwarzpappeln träge schwankten. Ich sah eine Reihe dunkler einstöckiger Ranchhäuser mit Vorgärten, die aus nichts als Dreck und Unkraut bestanden. Irgendwo kämpften Katzen auf Leben und Tod. Eine Blechbüchse kollerte über den Gehweg. Sie blieb kurz vor meinen Füßen liegen, dann rollte sie weiter.
Ich hatte mich verlaufen. Ich überlegte, ob ich zu einem Haus gehen und anklopfen sollte, aber ich hatte zu viel Angst, dass jemand die Tür öffnete, der mit einem Gewehr oder einer Pistole bewaffnet war, während ich nichts hatte.
Plötzlich hörte ich leise Musik. Zuerst hielt ich es für Einbildung, doch als ich weiterging, wurde die Musik lauter, klarer. Es klang wie Doo Wop aus den Fünfzigern, untermalt von Gelächter.
Ich ging schneller. Immer der Musik nach lief ich über einen Rasen, auf dem Bierdosen und Werkzeuge herumlagen. In der Dunkelheit begann ein Pitbull zu bellen und zu knurren. Er stürzte immer wieder auf mich zu und hätte mich am liebsten zerfleischt, aber weil er an einen Pfahl gekettet war, konnte er nichts weiter tun, als sich fast zu erdrosseln. Ich sprang über den Zaun und lief über ein gefrorenes Feld und einen kleinen Graben entlang, bis ich ein großes Farmhaus mit hell erleuchteten Fenstern sah. Von dort stieg die Musik in den Nachthimmel auf.
Mit großen Augen und offenem Mund tat ich einen weiteren Schritt nach vorne, stolperte jedoch und wäre beinahe mit dem Gesicht voran auf das gefrorene Feld gefallen. Als ich mich auf die Knie hochrappelte und umdrehte, sah ich, dass ich über die Beine eines Mannes gestolpert war. Gegen einen Baumstamm gelehnt dasitzend, der Kopf auf die Brust gesunken, sah er aus wie tot.
Er trug einen Overall, aber trotz der Eiseskälte keine Jacke. Es hatte bestimmt einige Minusgrade. Sein Gesicht war bleich und wächsern. Ich robbte neben ihn und sagte: Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Keine Antwort. Ich rutschte näher und tippte an sein Knie. Mister? Nichts. Ich starrte auf seine Brust, seine Schultern, seinen Mund, prüfte, ob er atmete. Nichts.
Ich setzte mich auf, holte mehrmals tief Luft und überlegte. An dieser Stadt war alles merkwürdig, nichts ergab Sinn. Was würde geschehen, wenn ich zu diesem Haus ginge und sagte, dass auf dem Feld ein Toter lag? Würde man womöglich mich für den Mörder halten? In so einer Stadt waren Fremde sicher nicht willkommen, davon konnte man ausgehen. Würde man die Polizei rufen? Einen Krankenwagen? Gab es in dieser Stadt überhaupt eine Polizei?
Mit zitternden Knien stand ich auf. Und genau in diesem Moment fuhr der Kopf des Toten hoch, seine Augenlider klappten auf, und die Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.
Meine Güte, Russell, sagte er. Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.
Zu Tode erschrocken sprang ich zurück. Ein paar Sekunden geschah gar nichts. Der Mann grinste bloß. Endlich erkannte ich ihn. Charlie Gardner, ein Freund aus Kindertagen, den ich jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Ich seufzte erleichtert.
Charlie, sagte ich. Was machst du denn hier?
Er grinste weiter, dann schüttelte er den Kopf. Ach, ich hab nur einen Jux gemacht. Ich wollte ein bisschen frische Luft schnappen, und als ich gesehen hab, dass du hier rumläufst, dachte ich, ha, ich erschreck dich mal. Hat ja auch geklappt, was?
Das kann man wohl sagen. Aber ich meinte eigentlich, was machst du hier in Factory Town?
Charlies Augen verengten sich zu Schlitzen, und er schüttelte den Kopf. Wovon redest du da, Russell? Ich bin nie weg aus Factory Town. Na ja, abgesehen von den paar Jahren in der Army. Das war vielleicht ein Höllenritt. Ich sag’s dir, ein echter Höllenritt. Ich hab einen Menschen getötet. Kannst du dir das vorstellen? Mitten in die Brust hab ich ihn geschossen. Ich hätt nie gedacht, dass ich mal einen umbring …
Ich deutete auf das hell erleuchtete Haus. Die Musik und das Lachen waren lauter als zuvor. Was ist da drin los?, fragte ich. Eine Feier?
Eine Feier? Nein, nicht ganz. Unser Kartenabend. Den veranstalten wir jeden Dienstag. Da kommt die halbe Stadt. Sogar die Aasgeier.
Die Aasgeier?
Wir spielen nur um kleine Einsätze, Russell. Schon mit zwanzig Dollar ist man dabei. Sag mal, warum kommst du nicht mit? Ist echt lustig. Gibt hier ja nicht viele Gelegenheiten zum Feiern. Und ich kann dich mit ein paar wichtigen Leuten bekannt machen.
Ich weiß nicht, sagte ich. Vielleicht sollte ich lieber wieder in die Stadt und mir was suchen, wo ich mich aufs Ohr hauen kann. Ich hab seit Ewigkeiten nicht mehr richtig geschlafen. Ich muss mich ein bisschen ausruhen und dann mit meinen Ermittlungen weitermachen.
Charlie strich seine fettigen blonden Haare zurück und sinnierte eine Weile. Du brauchst einen Schlafplatz? Zum Teufel, Russell, bei mir ist Platz genug, und ich wohn sogar hier in der Gegend. Du kennst doch mein Haus, oder?
Ich wusste nicht, wovon er sprach, aber das wollte ich mir nicht anmerken lassen. Klar, sagte ich, das kenn ich gut.
Na, dann abgemacht. Wir zocken ein paar Runden und trinken ein paar Gläser White Whiskey, und dann hauen wir uns bei mir aufs Ohr. Jetzt fällt mir ein, du könntest ja bei meiner Mom im Zimmer schlafen. Du erinnerst dich doch an sie, Kumpel?
Na klar.
Sie hat sich ziemlich verändert. Sie ist nicht mehr die Frau, die du kanntest. Sie ist krank, sehr krank.
Das tut mir leid.
Es ist eine Geisteskrankheit. Da kann man nichts machen. Das macht einen völlig hilflos. Ein gebrochenes Bein kriegt man wieder hin, aber wenn was im Kopf nicht mehr stimmt …
Wir gingen langsam auf das Haus zu. Alle paar Minuten blieb Charlie stehen und nahm einen winzigen Schluck aus einem Flachmann aus Metall. Ich sah den Mond hinter Dunst und Nebel verschwinden. Der Kies knirschte unter unseren Schuhen. Als Charlie erneut das Wort ergriff, sprach er verschwörerisch leise. Sag mal, Russell, bist du je solide geworden? So mit Frau und so?
Ja, Charlie, eine Zeit lang war ich sogar verheiratet.
Aber?
Es hat nicht gehalten. Aber was ist schon für ewig?
Nur die Verdammnis.
Wir erreichten das Haus. Ein halb zusammengebrochener Lattenzaun, von dem die weiße Farbe blätterte, umgab das Grundstück. Die umlaufende Veranda hing durch und war stellenweise verrottet. Die alte Farm war seit Langem sich selbst überlassen und hatte den Widerstand aufgegeben. Aber heute war Hochbetrieb, alles war hell erleuchtet und von Musik und Lachen erfüllt.
Ich folgte Charlie über den Rasen zur Veranda. Dort saßen fünf Männer und eine Frau – sie war zahnlos, und die Haare gingen ihr aus –, tranken Whiskey und sprachen über Autos. Als sie mich sahen, erstarb das Gespräch. Argwöhnisch beäugten sie mich, den Außenseiter.
Charlie sagte: Leute, das ist Russell Carver, ein alter Kumpel von mir. Wir hatten schon viel Spaß miteinander, richtig viel Spaß, das kann ich euch sagen. Er ist eine Weile in Factory Town zu Besuch, und es wäre echt nett von euch, wenn ihr ihn bei uns freundlich aufnehmt. Wie gesagt, er ist ein alter Kumpel von mir.
Freut mich, sagte ich, während sie mir alle gleichzeitig zunickten. Kurz standen wir verlegen da, und keiner sagte etwas, bis einer der Männer, ein klapperdürres Gestell mit nur einem Auge und einem Bein, aber Gott sei Dank zwei Armen, sagte: Und was führt Sie zu uns nach Factory Town, Mister?
Ich untersuche einen Vermisstenfall, sagte ich. Ein Mädchen namens Alana. Sie ist schon eine ganze Weile verschwunden. Ich hab zuverlässige Informationen, dass sie hier ist, in Factory Town. Aber bisher habe ich sie noch nicht gefunden.
Dann sind Sie ein Detektiv?
Eigentlich nicht. Ich –
Ich hab noch nie von ’nem Mädchen gehört, das Alana heißt, sagte ein anderer Mann. Er hatte eine Maiskolbenpfeife im Mund und war bleich wie ein Gespenst. Und so ’nen Namen hätt ich mir gemerkt, drauf können Sie einen lassen.
Ich hab ein Foto, sagte ich. Vielmehr ein Computerbild. So wie sie heute aussehen würde. Wollen Sie’s mal ansehen?
Ich zog das knittrige Foto heraus und reichte es dem dürren Mann, der es an die anderen weiterreichte. Jeder von ihnen nahm es in die Hand, aber niemand sah es an.
Nee, sagte das Gespenst. Keiner von uns hat die gesehen, das ist mal sicher. Besser, Sie suchen woanders weiter. Wie gesagt, ich würd mich erinnern, wenn ich sie gesehen hätt. Hab ich aber nicht. Hat keiner von uns.
Sie haben doch nicht mal einen Blick auf das Foto geworfen, sagte ich. Kein Einziger von Ihnen.
Also, das ist nicht richtig, sagte der Dürre. Wir haben’s alle angesehen, selbstverständlich haben wir das.
Sie ist in Gefahr, sagte ich, in großer Gefahr, und ich kann sie nicht retten, wenn hier alle etwas vor mir verbergen oder jemanden schützen.
Es herrschte längeres Schweigen, ehe die Frau das Wort ergriff: Mr. Carver, wir verbergen gar nichts. Hier gibt’s nichts zu verbergen. Im Gegenteil, Sie sind’s doch, der was verbirgt. Halten Sie sich nicht für oberschlau. Wir haben Sie längst durchschaut. Jeder mit ein bisschen Grips kann das.
Ich riss der Frau das Foto aus der Hand und steckte es zurück in meine Jackentasche. Ich war wütend, aber ich beherrschte mich.
Wir haben alle unsere Geheimnisse, sagte ich, und das schien dieses Pack zu besänftigen. Charlie nahm mich an der Schulter, und wir gingen über die Veranda zur Fliegentür, die schlaff in ihren Angeln hing und auf und zu schlug, und dann traten wir ins Haus.
Drinnen waren unzählige Menschen, die herumstanden und Bier und Whiskey tranken, sich gegenseitig auf den Rücken klopften oder ungelenk tanzten. Die Musik, von der ich gedacht hatte, sie käme aus dem Radio, stammte von vier a cappella singenden Schwarzen in identischen lila Anzügen auf einer improvisierten Bühne.
Als ich mich umsah, bemerkte ich, dass es weder Möbel noch Teppiche oder Fotos gab. Mehrere Fenster waren eingeschlagen. Kühlschrank und Herd in der Küche waren irreparabel kaputt. Beide hatten keine Türen mehr, Drähte und Kabel lagen offen und standen in alle Richtungen ab.
Charlie führte mich herum und stellte mich Leuten vor, deren Namen ich im selben Moment, in dem er sie sagte, wieder vergaß. Ich holte mir eine Coca-Cola aus einem Schrank und mischte mich unter die Menge. Ohne zu wissen, was ich tun sollte, stand ich unschlüssig herum.
Schließlich setzte ich mich erschöpft in eine Ecke, hörte der Musik zu und trank meine Cola. Leute gingen an mir vorbei oder stiegen über mich drüber. Ich zog das Foto heraus und betrachtete es erneut. Auf einmal bemerkte ich, dass sich das Foto verändert hatte. In Alanas Gesicht, auf dem lange Zeit ein Ausdruck unschuldiger Freude gelegen hatte, war blankes Entsetzen getreten, ihre Augen waren weit aufgerissen, und ihr Mund hatte sich zu einem stummen Schrei geöffnet. Und wenn man genau hinsah und das Foto lange anstarrte, erkannte man direkt hinter dem Mädchen die unscharfe Silhouette eines Mannes.
4. Kapitel
Meine Hoffnung versiegte schnell, und ich stieg von Cola auf Whiskey um. Jetzt griffen die Schwarzen zu Instrumenten, und aus dem Doo Wop wurde Swamp Blues. Es klang schaurig, klang nach Skeletten, die auf einem Schiffsdeck herumklapperten, und das Tanzen wurde hektischer, die Körper zuckten wilder. Die Männer stampften auf dem Boden auf und feuerten mit alten mexikanischen Revolvern in die Luft. Frauen knöpften die oberen Kleiderknöpfe auf und legten schweißnasse Dekolletés frei. Acht oder mehr Leute fielen ohnmächtig zu Boden, und um den Raum zu durchqueren, musste ich über ihre Körper steigen. Ein blonder Mann mit Indianerkopfschmuck packte und umarmte mich, eine Zigeunerin, die eine lebende Kobra trug, steckte mir ihre Zunge in den Mund. Alles begann sich um mich zu drehen.
Vor meinen Augen spielten sich seltsame Szenen ab. Ich sah schöne junge Frauen, die aus einer Getränkedose Kinnikinnick rauchten. Ich sah zwei alte Männer, die sich Scopolamin in den mit einem Gürtel abgebundenen Arm spritzten. Ich sah, wie ein Transvestit einem Zwerg den Schwanz lutschte, ein religiöser Fanatiker Glas zerkaute, ein Schwertschlucker aus dem Mund blutete. Bücher, die auf einem improvisierten Scheiterhaufen in orange Flammen aufgingen, anstößige Bilder, die mit einem rostigen Nagel zerfetzt, Geigen, die mit einem Schlagstock zertrümmert wurden. Ich sah, wie in die Augen aller Anwesenden Wahnsinn trat: bei dem Mann mit hundert Piercings, bei der Frau mit dem Totenschädelgesicht, bei dem Mädchen mit dem gehetzten Lächeln usw. usw. Ich sah Hemmungslosigkeit, Hunger und Verzweiflung. Ich sah menschlichen Verfall.
Ich war verloren, verloren, immer schon verloren.
Charlie Gardner kam hinter einem Vorhang hervor, als hätte er sein ganzes Leben dahinter zugebracht, und sagte: Da gibt’s ein paar Leute, die solltest du kennenlernen. Sie warten schon auf dich.
Auf mich wartete jemand? Das war unmöglich. Hier kannte mich niemand. Ich war fremd.
Ich folgte Charlie eine gewundene Treppe hinauf, die von Zechern und Lüstlingen bevölkert war. Manche deuteten lachend mit dem Finger auf mich. Andere schüttelten nur seufzend den Kopf. Es gab kaum genug Platz auf den Stufen, immer wieder trat ich auf fremde Füße, stieß gegen Knie oder warf Getränke um.
Als wir endlich oben waren, schloss Charlie hinter mir die Tür. Plötzlich war es ganz still, das Geschrei, das Lachen und die Musik waren verstummt. Wir gingen durch einen langen Gang. Von der Decke troff Wasser. Eine Tür wurde aufgerissen, und eine Frau taumelte aus dem Zimmer. Sie hatte kurze, ungekämmte schwarze Haare, ihr vom Wind rissiges Gesicht war voll Häme. Sie trug ein kurzes, völlig zerschlissenes Blumenkleid und hatte nur noch einen ihrer hochhackigen Schuhe an. Neben ihr ging ein junger Mann in einem noch desolateren Zustand. Er war barfuß und mit nacktem Oberkörper, und über sein Gesicht hingen lange, dreckstarrende Haare. Er paffte eine dünne Zigarre. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm wenden.
Was schaust du so, Nigga?, sagte er.
Nichts, sagte ich. Ich schau nirgends hin.
Er und die Frau gingen weiter, aber er blieb alle drei oder vier Schritte stehen und drehte sich um, um mich feindselig anzustarren. Sein Mund formte Worte: Ich kenn dich.
Charlie öffnete eine weitere Tür, und wir traten in einen völlig verqualmten Raum. Der Boden bestand aus blanken Dielen, die Wände aus roten Ziegeln. In der Raummitte lag eine lange rostige Metallplatte auf Böcken aus Whiskeykisten. Um diesen Behelfstisch saßen drei Männer auf Plastikgartenstühlen und spielten Karten. Sie sahen nicht auf, als wir eintraten, und auch nicht, als Charlie mich vorstellte.
Ein Mann war groß und zaundürr, und seine langen schwarzen Haare hingen ihm über die Augenbrauen ins blasse, kränkliche Gesicht. Auf seinen Schläfen standen Schweißperlen. Der zweite Mann war viel kräftiger, mit breiter Brust und kantigem Kinn, und er hatte starken Bartwuchs, der seinen seit vermutlich einer Woche nicht mehr getrimmten Hufeisenbart zu überwuchern begann. Der dritte war ein kleiner Alter mit schütteren weißen Haaren und einer Brille, die am Ende seiner roten Knollennase balancierte.
Der Doktor, der Sheriff und der Pfarrer, flüsterte Charlie mir zu. Klingt wie der Anfang eines blöden Witzes, was?
Schweigend spielten sie Karten. Mir war nicht klar, welches Spiel. Jeder starrte lange auf seine Hand, und ab und zu nahm einer von ihnen eine Karte vom Stapel und legte eine andere weg. Poker war es nicht. Blackjack ebenfalls nicht. Es war kein Spiel, das ich schon gespielt hatte.
Im hinteren Teil des Zimmers fing ein Telefon an zu läuten. Keiner reagierte. Es läutete und läutete, mindestens fünfzehn Mal. Keiner rührte sich.
Schließlich ergriff der mit dem Stetson (der Sheriff?) das Wort: Also das ist der Neue? Dabei blickte er nicht auf, sondern starrte weiter auf seine Karten – Karoass, Herzdrei, Kreuzacht, Herzzehn und Pikbube.
Er heißt Russell Carver, sagte Charlie. Wir kennen uns schon ewig. Stimmt doch, Russell?
Ich nickte. Ja.
Jetzt sprach der Alte. Setz dich, Russell. Mach’s dir bequem. Ich warf einen Blick auf seine verkrümmten Hände. Jeder Finger war tätowiert: JESUS LIVES. Der Kirchenmann.
Weil ein Stuhl frei war, setzte ich mich darauf. Charlie blieb stehen. Das Telefon läutete wieder, diesmal aber nur zwei Mal, ehe es verstummte. Der kränklich aussehende Doktor gab auch mir Karten aus. Spielten sie wirklich, oder tauschten sie die Karten nur aus Langeweile? Drei Könige und zwei Damen. Die Männer starrten mich an. Ich ließ einen König auf den Metalltisch fallen und zog eine Karovier.
So ging es eine ganze Weile. Wir spielten Karten, ohne dass einer sprach. Das Spiel lief weiter. Es würde keinen Gewinner geben. Das Spiel lief weiter. Und das Telefon läutete wieder.
Schließlich ein Gespräch. Der Doktor redete. Er sprach mit hoher näselnder Stimme. Er schwitzte stark und schien auf einem Auge schlecht zu sehen. Diese Stadt, sagte er, ist nichts für schwache Nerven. Hier gibt es viel … Unglück.
Ich konzentrierte mich auf meine Karten und sagte nichts.
In der Tat, sagte der Pfarrer. Manchmal frage ich mich, ob Factory Town nicht eine Art Purgatorium ist. Manchmal frage ich mich, ob es nicht die Hölle ist. Dann lächelte er. Aber nein, das kann nicht sein. Schließlich sind wir ja alle am Leben, nicht? Menschen aus Fleisch und Blut. Sogar die Aasgeier sind lebendig. Stimmt doch, Esteban?
Ich hob den Kopf und sah den Mann, den er ansprach, in einer Zimmerecke kauern. Ihn hatte ich bisher nicht bemerkt. Er war in Lumpen gekleidet wie ein Bettler. Langer schwarzer Bart und lange fettige Haare. Überall auf seiner Haut waren Wunden, und seine Augen traten stark hervor. Obwohl er hochgewachsen war, konnte er kaum mehr als fünfzig Kilo wiegen. Gierig nagte er an einem Stück Fleisch, die wertvolle Nahrung mit seinen Armen schützend. Als der Pfarrer ihn ansprach, grunzte er nur kurz.
Die Karten spielenden Herren sahen sich wissend an. Dann schob der Sheriff seinen Hut nach hinten und sagte: Sind Sie Esteban schon begegnet, Mr. Carver? Einer der Besten aus Factory Town.
Nein, Sir, sagte ich.
Komm mal her, Esteban, sagte der Sheriff. Ich will dich Russell Carver vorstellen.
Der Bettler reagierte nicht und riss weiter mit den Zähnen an seinem Fleisch. Der Sheriff schob den Stetson noch weiter nach hinten und zog seinen Smith & Wesson. Er spannte den Hahn und richtete die Waffe auf Esteban. Komm her, Alter, sonst verteil ich dein verdammtes Hirn über diese roten Ziegel.
Der zerlumpte alte Mann überlegte kurz, ehe er sich auf die Beine mühte. Das Stück Fleisch in den Armen wiegend, versuchte er das Gleichgewicht zu halten und ging langsam zum Tisch. Der Sheriff zog einen Stuhl heran, und der Bettler setzte sich.
Esteban schaukelte vor und zurück und brabbelte unsinniges Zeug. Der Doktor klopfte ihm auf die Hand, sah aber mich an. So eine Tragödie, sagte er. Sich in diesen Zeiten Lepra einzufangen. Wir haben ihn mit Quecksilber und Schlangenfleisch behandelt, aber vergebens.
Ist er ansteckend?, fragte ich.
Wir sind alle ansteckend, sagte der Doktor.
Der Sheriff warf seine Karten auf den Tisch und deutete mit dem Kopf auf den Leprakranken. Jetzt schau dir dieses Stück Dreck an, sagte er. Mampft fröhlich vor sich hin, ohne an unseren Gast zu denken. Sie haben doch Hunger, Mr. Carver?
Ja, sagte ich. Seit ich hier bin, habe ich keinen Bissen gegessen.
Es ist schwer, hier an Essen zu kommen, sagte der Pfarrer. Keine Landwirtschaft. Keine Viehhaltung. In Factory Town wird eine Dose Bohnen in Gold aufgewogen.
Hast du das gehört? Der Sheriff packte den Leprösen an der Schulter und grub ihm die Finger so fest ins Fleisch, dass der vor Schmerz aufschrie. Unser Gast hat Hunger. Wie wär’s, wenn du ihm was abgibst?
Esteban wand sich unter dem Griff des Gesetzeshüters. Das ist meins, sagte er. Mein Essen.
Er hat Hunger, sagte der Sheriff. Außerdem isst er dir ja nicht das ganze Essen weg, also entspann dich. Nur ein paar Bissen.
Kopfschüttelnd starrte ich das blutige Stück Fleisch an. Ich halt’s schon noch aus, sagte ich. Ich will keinem was wegnehmen.
Der Sheriff funkelte mich böse an und schnauzte: Sie essen jetzt was. Verdammt noch mal, Sie essen jetzt.
Und dann lag im Handumdrehen ein Stück blutiges Fleisch auf einem Blechteller. Dabei hatte der Pfarrer gesagt, es gäbe in der Stadt keine Viehhaltung.
Sie essen jetzt, sagte der Sheriff wieder. Scheiße, bis zum letzten Bissen werden Sie diese Delikatesse aufessen.
Dann ging alles ganz schnell. Ehe ich reagieren konnte, packten mich der Pfarrer und der Doktor und zerrten mir die Arme auf den Rücken, während der Sheriff einen Fetzen Fleisch abriss und mir in den Mund stopfen wollte. Aber wie ein widerborstiges Kleinkind presste ich die Lippen aufeinander und trat um mich. Obwohl mich zwei Mann festhielten, konnte ich mich losreißen und wollte mich gerade vom Stuhl erheben, als mein alter Freund Charlie eingriff. Mit vereinten Kräften warfen er, der Pfarrer und der Doktor mich auf den Boden und fixierten mich. Der Sheriff trat dazu, spannte den Hahn seines Revolvers und zielte auf meine Stirn. Da gab ich den Widerstand auf.
Unterdessen war der Bettler außer sich darüber, dass sein Essen gestohlen worden war. Er sprang herum und warf die leprösen Arme in die Luft. Dazu schrie und stöhnte er.
Der Sheriff, der verdammte Schweinehund, ging in die Hocke und befahl mir, den Mund aufzumachen. Kurz sah ich ihn an, aber er hielt die Waffe weiter auf mich gerichtet, sodass ich den Mund öffnete, um mir das blutige Fleisch hineinstopfen zu lassen. Sehen Sie’s als Initiation, sagte er.
Ich kaute langsam und verächtlich, während die Männer mit einem grotesken Lächeln auf mich herabsahen. Esteban weinte. Das Fleisch schmeckte grauenhaft – wahrscheinlich war es bereits verdorben –, aber am Ende gelang es mir, es ohne Würgen zu schlucken. Als ich es geschafft hatte, half mir Charlie auf die Beine und rieb mir die Schulter. Sie alle lachten, als wäre das Ganze ein einziger Riesenscherz.
Habt ihr sein Gesicht gesehen?, sagte der Doktor. Unbezahlbar.
Eigentlich hat er’s besser gemacht als die meisten, sagte der Sheriff. Das muss man ihm lassen.
Ich hab doch gesagt, dass er ein guter Typ ist, sagte Charlie. Einer vom alten Schlag.
Gut, der Mann, pflichtete der Pfarrer bei.
Allerdings stand mir der Zorn wohl ins Gesicht geschrieben, denn Charlie sah mich an und sagte: Komm schon, Russell, ist doch nichts dabei. Diesen kleinen Scherz machen wir bei allen Fremden. Das bisschen Fleisch schadet dir nicht, keine Sorge. Ist ja nur Straußenfleisch. Das ist doch keine große Sache, also hab dich nicht so.
Während Charlie dahinfaselte, fiel mir Alana wieder ein. Der Gedanke schnürte mir den Hals zu. Ich spielte Karten und aß Straußenfleisch, während das kleine Mädchen in Lebensgefahr war (wenn nicht schon tot). Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen traten. Alles war falsch. Ich griff in meine Hosentasche und zog das Foto heraus, um es wie ein Kruzifix zu reiben.
Was haben Sie denn, Russell?, sagte der Doktor. Sie sehen aus, als ginge es Ihnen nicht gut.
Das Bild eines Mädchens, sagte ich. Alana heißt sie. Sie ist verschwunden. Und in Gefahr.
Na klar, sagte der Sheriff. Wir alle kennen sie, die kleine Alana. Selbstverständlich. Meine Leute untersuchen zur Stunde ihr Verschwinden. Machen Sie sich keine Sorgen. Die finden wir schon, verlassen Sie sich drauf …
In genau diesem Moment hörte ich auf dem Gang Schreie. Die Männer sahen sich an, unternahmen jedoch nichts, als die Augenbrauen hochzuziehen und den Kopf zu schütteln. Das Kreischen ging weiter.
Was zum Teufel ist da los?, fragte ich.
Nichts, sagte der Pfarrer. Bleiben Sie einfach bei uns. Machen Sie sich keine Gedanken über das Geschrei. Da hat nur ein Mädchen ihren Spaß, das ist alles. Die Stadt ist ein großer Sündenpfuhl, das kann ich Ihnen sagen.
Einen Augenblick stand ich da und überlegte. Dann stürzte ich zur Tür.
5. Kapitel
Der Gang war jetzt mit Menschen gefüllt, aber sie alle waren still, standen an die Wand gelehnt da und blickten in dieselbe Richtung. Es waren unverkennbar die Schreie einer Frau, aber sie schrie vor Schmerz, nicht vor Lust. Keiner der im Gang Herumstehenden machte Anstalten, dem Aufruhr nachzugehen. Vielmehr schüttelten sie missbilligend den Kopf, als ich durch den Gang rannte, sahen sich an und begannen zu murren. Bei einem Blick über meine Schulter sah ich, dass der Sheriff und seine Spielkumpane aus dem Kartenzimmer gekommen waren. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und blickte mir nach, ohne die Miene zu verziehen oder etwas zu meiner Unterstützung zu unternehmen.
Dann hörten die Schreie auf. Plötzlich war es vollkommen still. Ich verlangsamte meine Schritte, ging aber weiter, um die bedrohte Frau zu finden. War sie so übel zugerichtet worden, dass sie nicht mehr schreien konnte? Ich drehte mich wieder um. Die vielen Leute, die eben noch an der Wand gelehnt hatten, waren auf einmal verschwunden, entweder ein Stockwerk tiefer oder in eines der angrenzenden Zimmer gegangen. Ich war allein. Als ich weiterging, bemerkte ich aus dem Augenwinkel ein Foto an der Wand. Ein Junge, sechs oder sieben Jahre alt, der ein verächtliches Gesicht schnitt. Hinter dem Jungen waren eine Schaukel aus Metall und ein Meer aus Gras zu sehen, ein unendliches Meer aus Gras. Und der Junge auf dem Bild war ich.
Ich konnte mich nicht erinnern, wo und wann dieses Foto aufgenommen worden war, aber das Foto selbst kannte ich. Mein Blick glitt über die restliche Wand. Weitere Bilder von mir und meiner Familie. Als ich den Kopf in den Nacken legte, sah ich an der Decke die wohlvertrauten Fliesen mit Blumenmuster. Jetzt wurde mir klar, dass ich im Haus meiner Kindheit war. Ich hatte es nicht erkannt, weil es in einem so desolaten Zustand war, aber inzwischen sah ich immer klarer, und weitere Erinnerungen stellten sich ein. Wie ich stundenlang mit meinen heiß geliebten Superheldenfiguren spielte, die ich die Wände hochklettern ließ, um alles Böse um uns zu vernichten. Wie ich in der Kinderzimmerecke saß und Abenteuergeschichten schrieb und mit meinen Buntstiftstummeln illustrierte. Wie ich meine geliebten Comics las: Spiderman, Batman, Superman, die Fantastischen Vier und … So viele Stunden allein. Weil meine Mutter krank war. Weil mein Vater … Neuerliche Schreie rissen mich aus meinen Gedanken.
Sie kamen aus dem Zimmer direkt vor mir. Lauter als zuvor. Und zwischen den Schreien und dem Japsen nach Luft Rufe um Hilfe, Hilfe. Ich wollte den Türknauf drehen, aber die Tür war abgesperrt. Ich klopfte dagegen, immer fester und lauter, bis meine Hände schmerzten. Keine Antwort, nur weitere Schreie. Eines war klar: Außer mir würde niemand dieser Frau helfen. Sie würden sie sogar sterben lassen. Ich begann, gegen die Tür zu treten, doch sie war massiv und gab nicht nach. Ich fühlte mich hilflos. Wieder trat ich gegen die Tür, schlug mit den Fäusten dagegen und schrie: Ist da drin alles okay? Halten Sie durch, verstehen Sie?
Die Zeit verstrich, ich wurde heiser und meine Hände bluteten, aber das Schreien hörte nicht auf. Sie würden sie sterben lassen. So war das in Factory Town.
Nach einem weiteren Tritt flog die Tür auf und knallte gegen die Zimmerwand. Ich trat in einen Raum, dessen Boden mit Kleidungsstücken, Flaschen und Ampullen übersät war. Auf zerschlagenen Möbelstücken lagen Spieldosen, Zeitschriften und alte Puppen, die mich mit toten Augen ansahen. An der Wand Gemälde mit einer Wüstenszenerie und ein alter Kalender mit Kitschlandschaften. Das Fenster stand offen, und der weiße Vorhang flatterte panisch im Wind.
Auf dem Bett war ein Mann von gewaltiger Leibesfülle, mit einer riesigen Wampe und langen, schütteren schwarzen Haaren, die er zu einer seltsamen Resttolle aufgetürmt hatte. Sein Gesicht war vor Anstrengung rot angelaufen. Unter ihm lag eine Frau, die nichts anderes anhatte als Wintersocken. Ihr Gesicht blutete stark, ihre Nase war eingeschlagen, und ihre Augen waren so tot wie die ihrer Puppen.
Sie war in einem erbärmlichen Zustand und stöhnte und weinte, während der Mann sie gleichzeitig fickte, schlug und würgte. Wenn ich nicht dazwischenging und ihr half, würde sie zweifellos sterben. Ich musste den Mann von ihr ziehen, aber urplötzlich war ich wie gelähmt. Ich konnte mich überhaupt nicht rühren. Seltsamerweise nahm mich keiner der beiden wahr. Ich wollte rufen, brachte aber nichts als ein Gurgeln heraus, das in dem Stöhnen, Weinen und Schreien unterging. Ich hatte keine Gewalt über meinen Körper, und zuletzt fiel ich sogar zu Boden. Der Mann drehte die Frau um und drückte ihr Gesicht ins Kissen. Auf ihrem Rücken war eine riesige Tätowierung: ein wunderbarer Phönix, der sich vor einer strahlenden Sonne aus der Asche erhob. Die Frau rang nach Luft, und als sie mit den Armen wild um sich schlug, griff er auf den Nachttisch, nahm eine brennende Zigarette und drückte sie auf ihren unteren Rücken. Sie bäumte sich vor Schmerz auf, aber er presste sie wieder nach unten und brannte sie noch drei- oder viermal, ehe er die Zigarette an der Wand auslöschte und auf den Boden warf.
Ich lag auf dem Bauch, und weil ich in den Beinen kein Gefühl mehr hatte, begann ich, wie ein verwundeter Soldat auf die Arme gestützt zu robben, kam aber nur langsam vorwärts. Der Mann setzte sich im Bett auf, strich sich mit einer Handvoll Dixie-Peach-Pomade die Haare zurück und stülpte einen verknautschten Cowboyhut darüber. Dann packte er eine Wodkaflasche am Hals und nahm mit auf und ab hüpfendem Adamsapfel einen großen Schluck. Die Frau rollte sich klein zusammen. Das Kissen war von Blut und Tränen feucht.
Eine ganze Weile blieben beide so, wie sie waren, er auf dem Bett sitzend, Wodka trinkend und Zigaretten rauchend, sie in Fötusstellung auf den Laken eingerollt. Allmählich schwoll ihr Gesicht zu.
Schließlich begann er, mit tiefer, rauer, heiserer Stimme zu sprechen: Mir macht das ja auch keinen Spaß, sagte er, aber manchmal kann ich einfach nicht anders.
Die Frau gab keine Antwort, schluchzte weiter.
Er rückte seinen Cowboyhut zurecht und nickte. Ed hat mir erzählt, dass du mit dem Jungen von der Tankstelle rummachst. Dass du dich von ihm befummeln und küssen lässt. Aber du bist meine Frau, verdammt noch mal. Du hast was geschworen, ein Versprechen gegeben. Mir macht’s keinen Spaß, dir wehzutun. Aber in diesem Haus ist kein Platz für Huren. Für Huren setzt’s Prügel. Das ist nur gerecht.
Damit erhob er sich vom Bett und ging zum Waschbecken. Er drehte den Wasserhahn auf und begann, sich mit einem Stück schwarzer Seife die Hände zu schrubben. Er schrubbte und schrubbte, bis ich sah, wie seine Hände rot und wund wurden. Diese gottverdammte Stadt, sagte er. Diese gottverdammte Fabrik. Man kriegt den Gestank überhaupt nicht mehr von den Händen …
Ich lag noch am Boden und bemühte mich verzweifelt weiterzukriechen, aber jetzt wurden auch meine Arme und mein Rückgrat taub. Es war teuflisch.
Das kommt nur von der Chemie, die diese Fabrik ausspuckt, sagte der Mann. Garantiert. Die macht uns alle verrückt, die lässt uns diese schrecklichen Dinge tun. Eigentlich will ich dir überhaupt nicht wehtun. Das glaubst du mir doch, Nicole, oder? Verzeihst du mir?
Die Frau, Nicole also, streckte sich wieder aus und rollte sich auf den Rücken. Ihr Gesicht war ein grauenhafter Anblick, geschwollen und blutig. Ich verzeih dir, sagte sie. Es war nur ein Flüstern. Natürlich verzeih ich dir. Du bist ausgerastet. Wir rasten alle mal aus. Aber glaub mir, Cory Packer. Ich hab nie mit diesem Jungen rumgemacht. Ich war dir immer treu. Wenn Ed was anderes gesagt hat, dann hat er gelogen.
Cory schüttelte den Kopf. Das überrascht mich nicht. Der Kerl ist einfach ein Sprücheklopfer. Der denkt sich so Zeug aus. Ich hätte nicht auf ihn hören dürfen.
Ich hab nie mit dem Jungen rumgemacht, sagte sie noch einmal.
Cory lief zurück zum Bett, wobei er über meine ausgestreckten Arme stieg, und setzte sich darauf. Er zog seine Frau hoch und umarmte sie, streichelte ihre blonden Haare und küsste die blutige Stirn. Ich tu’s nie wieder, sagte er. Ich schlag dich nie wieder. Nie, nie mehr. Hörst du? Glaubst du mir das?
Lange Zeit saßen sie einfach da. Alles war still, nur der Vorhang wehte, und wenn man das Blut und die Schwellungen auf dem Gesicht der Frau ignorierte, die ihr Mann zu verantworten hatte, waren sie ein Sinnbild häuslichen Friedens.
Jetzt kehrte auch das Leben in meinen Körper zurück, die Lähmung verschwand. Ich ging auf alle viere und fing an, zur Tür zu krabbeln. Allerdings übersah ich eine zerbrochene Bierflasche auf dem Boden, und eine Scherbe bohrte sich tief in meine Handfläche. Ich stöhnte. Cory fuhr auf. Wer zum Teufel ist da?, rief er. Junge, bist du das? Schnüffelst du schon wieder hier rum, du rotznasiger kleiner Nichtsnutz?
In einem Anfall von Panik drückte ich mich erneut flach auf den Boden, rollte unters Bett und hielt den Atem an.
Cory stand vom Bett auf, und ich sah ihn im Zimmer auf und ab gehen. Wo bist du, Junge? Ich weiß, dass du hier bist. Komm raus, damit ich dir deinen verdammten Hintern versohle. Fluchend zerrte er den Vorhang weg und riss die Schranktür auf. Dann ging er auf die Knie und spähte unter das Bett. Sein Gesicht war rot angelaufen und wutverzerrt, aber ich hatte mich gut unter den mottenzerfressenen Decken versteckt.
Nicoles Stimme: Bitte, Cory. Lass ihn in Ruhe. Er hat doch nichts getan.
Von wegen nichts getan! Wir alle haben was getan! Vor Gott sind wir alle Sünder! Und vor mir sind auch alle Sünder! Komm raus, Junge! Wo versteckst du dich? Ich weiß, dass du hier bist, du Schwachkopf. Den ganzen Tag rennst du mit diesem Cape rum. Und mit dieser dämlichen Maske. Wen, meinst du, kannst du retten, he? Wen willst du retten? Du kleiner Mistkerl. Du jämmerlicher kleiner Mistkerl.
Aber nach einer Weile wurde er müde und verlor die Lust, mich zu suchen. Stattdessen kroch er zurück ins Bett, das unter seinem Gewicht durchhing. Dann lachte er, laut und dreckig.
Was lachst du jetzt?, fragte Nicole. Was ist denn auf einmal so lustig?
Ach, nur wegen einem Witz, den ich gehört habe, sagte er.
Ich blieb lang unter dem Bett, vielleicht sogar stundenlang, bis ich den Alten schnarchen hörte, laut und dröhnend. Erst dann kroch ich darunter hervor und stand auf. Mein Kopf war benebelt, und meine Hände zitterten.
Cory schlief wie tot. Seine Augen waren nach hinten in die Höhlen gerollt, sein schlaffer Mund stand offen. Aber Nicole war wach. Unsere Blicke trafen sich, und sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber dann schüttelte sie bloß den Kopf und schloss die Augen. Mit einer Hand rieb sie sich dort, wo sich eine kleine Wölbung befand, sanft über den Bauch. Ich fühlte mich zugleich gut und schlecht. Schließlich schlich ich aus dem Zimmer und schloss leise die Tür hinter mir.
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