Read the book: «Psychophysiologie (1899)»
John Martin Littlejohn
Psychophysiologie
(1899)
Aus dem Amerikanischen
übersetzt von
Dr. Martin Pöttner

Psychophysiologie
von John Martin Littlejohn
© 2009, JOLANDOS
Am Gasteig 6 – 82396 Pähl
978-3-936679-44-1 (Buch)
978-3-941523-20-3 (mobi)
978-3-941523-42-5 (epub)
BESTELLUNG
HEROLD Lositsik Service GmbH
ÜBERSETZUNG
Dr. Martin Pöttner
LEKTORAT
Elisabeth Melachroinakes
UMSCHLAGGESTALTUNG, BEARBEITET
Christian Hartmann
SATZ
post scriptum,
www.post-scriptum.biz
DRUCK
Buchproduktion Thomas Ebertin
Goethestra.e 9, 78333 Stockach
www.buchproduktion-ebertin.de
EBOOK-GESTALTUNG
Zeilenwert® GmbH
Schwarzburger Chaussee 74 – 07407 Rudolstadt
www.zeilenwert.de
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Inhaltsverzeichnis*
Cover
Titel
Impressum
John Martin Littlejohn – eine Kurzbiografie
Anmerkungen zur »Psychophysiologie« (Martin Pöttner)
John Martin Littlejohn Psychophysiologie
Einleitung
Methode
Bewusstsein
Teil I: Die physiologische Grundlage der mentalen Phänomene im Nervensystem
Nervenmechanismus
Systematische Kombination der primären Nervenelemente
Die Endorgane und ihre Funktionen
(1) Geruchssinn
(2) Geschmackssinn
(3) Die taktilen Sinnesempfindungen
(4) Hörsinn
(5) Sehsinn
Die Nervenleitungen
Das Zentrale Nervensystem
(1) Der sensitive Gehirnbereich
(2) Die zerebralen Hemisphären
Teil II: Die Korrelationen zwischen den physiologischen und psychischen Prozessen
1. Analytische Korrelationen aus der Sicht neuromentaler Prozesse
(a) Geruchssinn
(b) Geschmacksinn
(c) Sinnesempfindungen der Haut und der Muskeln
(d) Hörsinn
(e) Sehsinn
Die Quantität der Sinnesempfindungen
Sinneswahrnehmung
Das Element der Zeit bei Sinnesempfindung und Wahrnehmung
Die niedrigeren und höheren psychischen Funktionen
2. Die synthetischen Korrelationen der physiologischen und psychischen Phänomene aus der Perspektive der Evolution des mentalen Lebens
Teil III: Der Geist als die Einheit in den mentalen Phänomenen und psychischen Korrelationen
Fußnoten
John Martin Littlejohn (1865 – 1947)
–
eine Kurzbiografie
Ein glänzender Intellekt
John Martin Littlejohn wurde am 15. 02. 1866 in Glasgow als Pfarrerssohn geboren. Er war ein hochintelligenter und wissbegieriger aber auch kränklicher junger Mann. Trotz bitterster Armut war das Elternhaus vom geisteswissenschaftlichem Studium erfüllt, und so begann seine sprachwissenschaftliche Ausbildung bereits mit 16 Jahren an der Akademie Colraine in Nordirland. Nach dem Studium der Theologie an der Universität in Glasgow ging er 1886 als Pfarrer nach Nordirland, um schon bald darauf wieder nach Glasgow zurückzukehren. Dort erwarb er mehrere Abschlüsse und Auszeichnungen in Jura, Theologie, Medizin, Philosophie und Soziologie und hielt 1886/87 seine ersten Vorlesungen.

AUSZUG AUS DER FAMILIENBIBEL DER LITTLEJOHNS (1865)
Hier ist das Geburtsjahr Littlejohns auf 1865 datiert. Laut Martin Collins, einem der renommiertesten Littlejohn-Kenner, dürfte es sich aber hier um einen Fehler in der Bibel handeln, da mehrere Originaldokumente jener Zeit das Geburtsjahr auf 1866 festlegen.
Das raue Klima und seine Konstitution hatten ihn zu einem ebenso introvertierten wie brillanten und vielseitig gebildeten Analytiker geformt. Nach einem Unfall in der Universität, bei der er sich eine Schädelfraktur zugezogen hatte, litt Littlejohn an mehrfach täglich rezidivierenden Blutungen im Hals, die ihn zum Klimawechsel zwangen. Eine große Universitätskarriere fand damit ihr jähes Ende.
Amerika
1892 siedelte er mit seinen Brüdern James und William nach Amerika über und setzte seine Studien an der Columbia University in New York fort. Aufgrund seiner hervorragenden Leistungen übernahm er schon bald die Leitung des Amity College in College Springs, Iowa. Seine Beschwerden besserten sich allerdings nicht und so kam es 1895 in Kirksville zur schicksalhaften Begegnung mit Dr. Still. Bereits wenige Behandlungen führten zur deutlichen Linderung. Da Still dringend qualifizierte Lehrer an seiner 1892 gegründeten American School of Osteopathy benötigte, bot er Littlejohn einen Posten in seiner Fakultät an. Tief beeindruckt von Stills Naturkonzept der Osteopathie willigte er ein, begann 1898 seine Arbeit, schrieb sich im gleichen Jahr später als Student ein und wurde bereits 1899 zum Präsident der Schule gewählt.
Innerhalb der Fakultät gab es jedoch schon bald einen tiefen Konflikt: Stills Anhängern galt der anatomische Zugang zur Osteopathie als heilig (lesionists). Littlejohn und seinen Brüdern schien dies zu einfach; sie betrachteten die komplexere Physiologie als Kern der Osteopathie und befürworteten auch Therapien, die den osteopathsichen Prinzipien und den Prinzipien der Natur entsprachen (broadists). Aber es ging auch um einen zeitlosen Konflikt: Die analytisch orientierten Akademiker in der Fakultät standen den der Intuition vertrauenden Nichtakademikern gegenüber. Nach massiven Intrigen entschlossen sich die Littlejohn-Brüder schließlich Kirksville bereits 1900 wieder zu verlassen, um in Chicago das Chicago College (School) of Osteopathy zu gründen. Die Einrichtung entwickelte sich rasch zum Wissenschaftszentrum der Osteopathie.
Man vermutet, dass der inzwischen verheiratete Littlejohn mit seinem feinen Gespür für politische Entwicklungen die verheerenden Folgen des von der American Medical Association initiierten Flexner-Reports zur Eradikation der immer stärker werdenden Osteopathie, Chiropraktik und Homöopathie, voraussah und daher möglicherweise sein weiteres Glück in England vorzog. Auch der schwindende Einfluss in seiner eigenen Schule mag dazu beigetragen haben.
England
1913 zog die inzwischen achtköpfige Familie Littlejohn nach Bagger Hall nahe London und John Martin begann noch während der Kriegsjahre mit Krankenhausarbeit und ›Unterweisungen‹. 1917 gründete er die British School of Osteopathy in London und mit dem Journal of Osteopathy legte er endgültig das osteopathische Fundament Europas. Aber auch in England hatte er sich schon bald den Angriffen der British Osteopathic Association und der British Medical Association zu erwehren. Ähnlich den Folgen des Flexner-Reports führte eine Kampagne der BMA 1935 zum ›Paliamentary Bill‹. Der Osteopathie wurde die Anerkennung verweigert und Littlejohn zu Unrecht als unehrenhaft bezeichnet. Der Zweite Weltkrieg tat sein übriges und die BSO schrumpfte schon bald auf eine kleine Klinik zusammen. Schließlich verstarb der neben Still wohl wichtigste Vertreter der Osteopathie 1947 in Bagger Hall.
Anmerkungen zur »Psychophysiologie«
(Dr. Martin Pöttner)
Die Vorlesung von John Martin Littlejohn zum Thema »Psychologie oder Psychophysiologie« führte das Thema Psychologie in die medizinische Ausbildung der American School of Osteopathy ein. Dies geschah 1899 mit Andrew Taylor Stills Zustimmung. Die grundlegend »ganzheitliche« Auffassung der Osteopathie erforderte dringend eine Auseinandersetzung mit diesem Thema, damit die Studierenden für ihre Praxis hinreichend vorbereitet waren. Es musste ja klar werden, wie bestimmte Still’sche Standpunkte, etwa die medikamentenfreie Medizin und die Interaktion von Körper, Seele (Geist) und Verstand, wissenschaftlich und philosophisch zu begründen sind – was ja auch Stills geäußerte Absicht war. Littlejohn versucht entsprechend in seiner Vorlesung darzulegen, warum der osteopathische Ansatz im allgemeinen Kontext des wissenschaftlichen und philosophischen Denkens sinnvoll ist. Dazu gehört eine gründliche anatomische, physiologische, psychologische und ansatzweise metaphysisch-philosophische Auslegung des Verhältnisses von Körper und Geist. Dieses Verhältnis ist für das eigentliche medizinische Problem, nämlich den Gegensatz von Krankheit und Gesundheit, ausschlaggebend.
»Genau das macht die Psychologie im medizinischen Bereich so wertvoll. In der Vergangenheit haben Physiologie und Medizin unterstellt, der Körper sei etwas ganz Anderes als der Geist. Und auch die Psychologie vertrat diese Anschauung. Moderne Psychologie und Physiologie betrachten den Menschen dagegen als Einheit von Geist und Körper. Der Körper gilt als Instrument und Medium der mentalen Offenbarung1, sodass eine der Grundbedingungen für Gesundheit in einem Geist und einem Bewusstsein besteht, die den Körperzustand bestimmen. Der Körper ist zwar eine Maschine, jedoch keine die, einmal aufgezogen, über Jahre hinweg gänzlich unter äußerem Einfluss funktionieren kann. Seine Formung und Gestaltung geschehen vielmehr von innen. Mentale Funktion ist die Basis jeder physischen Funktion. Hinter den physischen Vorgängen Verdauung, Atmung und Blutkreislauf gibt es einen mentalen Zustand, der den Körperzustand bestimmt. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Zivilisation Krankheit und Körperschwäche Vorschub leistet, weil mit ihr eine mentale Erregung einhergeht, die der körperlichen Gesundheit nicht förderlich ist. Sie bringt eine stärkere mentale Anstrengung und einen größeren Selbstbehauptungskampf mit sich, die dazu führen, dass die normale Entwicklung von Geist und Körper vernachlässigt wird. Daraus resultieren zahllose gestörte Zustände und Krankheiten. Wir stimmen nicht den Ruf an: Zurück zum Leben der Wilden! Doch wir sagen: Zurück zu dem Zustand, der eine niedrigere Ebene repräsentiert – nämlich: die Abwesenheit mental störender Zustände, die körperliche Wracks erzeugen, neuronale Verwirrung verstärken und Krankheit oder Tod bewirken. Indem wir das osteopathische Prinzip anerkennen, dass Medikamente unnatürlich und alle Heilmittel der Natur im menschlichen System gespeichert sind, haben wir das psychische Gesetz der Vorherrschaft des Geistes. Und will man es zum Beseitigen jener krankhaften Zustände anwenden, muss im Innern begonnen werden. Die Anpassung muss durch den Geist geschehen und der mentale Zustand muss zunächst an die Körperzustände vollkommener Gesundheit angepasst werden. Da gibt es nur ein Rezept: Pflege und ständige Aufrechterhaltung des mentalen Gleichgewichts.«
Damit formuliert Littlejohn nicht nur den Kontext seiner Vorlesung genau, sondern auch eine bestimmte Interpretation des osteopathischen Programms. Er nimmt bestimmte Metaphern und Visionen Stills auf und formuliert sie im Kontext der zeitgenössischen wissenschaftlichen und philosophischen Debatte gedanklich kontrolliert. Der praktische Ansatz der Medizin muss »innen« geschehen, es geht um die relative Stabilisierung eines mentalen Gleichgewichtes – und dies besagt, die osteopathische »Anpassung« beginnt beim Geist, beim »mentalen Zustand«, worin dann auch die Verantwortung und Eigeninitiative der Patient/inn/en liegt. Aus der Vorlesung wird daher ganz deutlich, dass Littlejohn eine psychophysiologische Fundierung der Osteopathie anstrebt. Littlejohn sieht wie die späteren Vertreter der Psychosomatischen Medizin keinen empirischen oder haltbaren gedanklichen Grund, die Fragen des Geistes, der Psyche, des Lebenskontextes aus der Medizin auszuklammern. Dazu bedarf es aber genauer und subtiler Kenntnisse und nicht zuletzt auch der Beherrschung der Kunst des Argumentierens – wovon der Text zeugt.
Die recht dichte und anspruchsvolle Vorlesung steht im Kontext der zeitgenössischen Debatte. Kirksville ist in ihr durchaus zum »Athen der Osteopathie« (Still) geworden. Der grundlegende Ansatz der Vorlesung besteht in einer Kombination der Wissenschaften der Physiologie und Psychologie – vor einem durchscheinenden philosophischen Hintergrund. Dieser ist durch die deutsche Philosophie inspiriert, freilich wie sie im angelsächsischen Horizont verstanden wurde. Hinzu kommt aber der nordamerikanische Kontext, der ganz klar präsent ist – nicht zuletzt im Bezug auf Coleridge und Emerson. Wer bislang im Zweifel war über den kulturgeschichtlichen Hintergrund, vor dem die Osteopathie entstanden ist, wird von Littlejohn hier ansprechend eingeführt. Schon aus diesem Grund ist sein Text ein zeitgeschichtlich aufschlussreiches Dokument. Der Bezug zur deutschen Philosophie ist über die Auswanderung nicht zuletzt seit der Vormärzphase vermittelt und der Kontext ist dann der Amerikanische Transzendentalismus, der sich u. a. um Ralph Waldo Emerson gruppiert. Ebenso wird der Kontext der evolutionären Philosophie erwähnt, die in den Vereinigten Staaten insbesondere durch die Rezeption Herbert Spencers2 erfolgte. Diese Gedanken werden von Littlejohn als allgemeiner Hintergrund verwendet, um das Hauptproblem der Vorlesung anzugehen, nämlich das Verhältnis von Geist und Körper zu klären. Dies tut er gründlich und geht entsprechend ausführlich auf alle wesentlichen Probleme der Sinneswahrnehmung, der Erkenntnis, der Sittlichkeit, der Empfindungs- bzw. Gefühlstheorie ein. Schon damals konnte eine solche Überlegung physiologisch nicht anders als in einer ausgeführten Theorie des Vegetativen und Zentralen Nervensystems geschehen, die als Medien zwischen Außenwelt, Körper, Psyche und Geist fungieren. Psychologisch schließt sich Littlejohn insbesondere an die deutsche psychologisch argumentierende Philosophie von Lotze und Wundt an – es geht in der Psychologie um das genaue Verständnis des Bewusstseins. Und schon damals stand die Frage im Vordergrund, ob eine hinreichende komplexe physiologische Theorie der verschiedenen Aspekte des Nervensystems nicht die Psychologie ersetzen könne. Littlejohns sehr ausführlich begründete Antwort hierzu lautet: Nein! Alle osteopathischen Versuche der »Anpassung« wären im Sinne Littlejohns gegenstandslos, wenn die Antwort »Ja« lauten würde, denn dann gäbe es keine »Heilmittel« »innen« – eben jene Anpassung der mentalen Zustände, die »hinter« jedem körperlichen Zustand stehen.
Littlejohn verteidigt in seiner Vorlesung das Erbe der humanen europäischen und nordamerikanischen Aufklärung und Romantik. Dies muss aber unter den Bedingungen der entwickelten »exakten« Wissenschaften geschehen. Durch beide Elemente ist Littlejohns Vorlesung geprägt. Gegenüber der vereinfachenden Tendenz der Wissenschaften, alle Sachverhalte möglichst zu atomisieren und zu isolieren, weist er daraufhin, dass sowohl die Tatsachen des Bewusstseins als auch diejenigen der verschiedenen Aspekte des Nervensystems zwar einzeln analysiert werden können, ihre volle Erkenntnis wird aber nur dadurch möglich, dass ihr Zusammenhang jeweils synthetisch erfasst wird. Dabei legt Littlejohn Wert darauf nachzuweisen, dass die einzelnen Elemente von sich aus auf diesen Zusammenhang angewiesen sind. Dies versucht er in aller Ruhe an den durch äußere Stimuli der »Organe am Ende der Nervenbahn« (terminal organs) erregten »Sinnesempfindungen« (sensations) nachzuweisen. Diese besitzen zwar eine gewisse physiologisch erzeugte Tendenz zur raumzeitlichen Vereinheitlichung, aber diese ist tatsächlich nur durch eine psychische Interpretation möglich, sodass die Orientierung des einzelnen Menschen im Blick auf die eigene Situation in der Wirklichkeit letztlich »psychisch« bestimmt wird. Sowohl die physiologischen als auch die psychischen Aspekte sind also stets aufeinander und wechselseitig bezogen – und darauf beruht die Möglichkeit einer wissenschaftlich gerechtfertigten »ganzheitlichen« Osteopathie.
Littlejohns Ansatz ist hierbei optimistisch. Weil es keine unter ernsthaften Bedingungen kontrollierbaren Theorien des Unbewussten geben kann, da diese Theorien nur in bewusstem Zustand entwickelt werden können, setzt er auf die Verbesserung des bewussten Zustandes im Sinne der durchdachten und willensbestimmten Selbstkontrolle. Die irritierenden Phänomene demgegenüber schreibt er nicht dem Unbewussten zu (dass uns ja nur in hypothetischen Theorien erschlossen sein kann), sondern den Affektionen und insbesondere den Leidenschaften. Sofern vor allem letztere auf Dauer gestellt sind, haben sie eine Verwirrung des Geistes zur Folge, die schließlich auch körperlich wirksam wird. Mit Wundt u. a. hält er daher auch eine kritische Rekonstruktion der alten Temperamententheorie für möglich, in der es um sanguinische, cholerische, phlegmatische und melancholische Stimmungen geht, die das gesamte psychische und körperliche Leben prägen.
Den Leser/innen liegt ein Werk vor, das sowohl zu seiner Zeit als auch heute Anregungen zu geben vermag. Der Originaltext ist weitestgehend sicher, obgleich eine Reihe von Druckfehlern vorliegen, die aber nicht ins Gewicht fallen. Wer mit den neueren anatomischen und physiologischen Auffassungen vertraut ist, wird sehen, dass die Geschichte weitergegangen ist und z. T. auch Fortschritte erzielt worden sind. Das ist insbesondere bei der Erfassung der elementaren Prozesse im Gehirn der Fall. Doch man wird gewiss fair sein: Die neuere »naturwissenschaftliche« Sicht der Sachverhalte ist zwar im Detail genauer, in der Gesamtsicht aber zweifellos nicht. Viele Probleme sind seit über 100 Jahren schlicht gleich geblieben.
Zur Terminologie »Nerv(en)«
Häufig stand im Originaltext lediglich nerve(s), obgleich es sich im Kontext um definierte Bestandteile einer Nervenzelle handelt. Bei der Übersetzung und dem anschließenden Lektorat wurde darauf geachtet, hier eine klare Unterscheidung zu treffen, um auch histologisch nicht so versierten Behandlern ein besseres Verständnis des ohnehin schon äußerst komplexen Textes zu ermöglichen. Folgende Terminologie wurde festgelegt:
Nervenelemente = Zellkörper, Axon und/oder Dendriten
Nervenausläufer = Axone oder Dendriten
Nervenzellen = Gesamtheit aus Zellkörper, Axon und Dendriten
Nervenfaser = Bündel einzelner Axonen
Nervenbahn = Bündel einzelner Nervenfasern
Nervensystem = Vegetatives und/oder Zentrales Nervensystem (kontextbezogen)
»Es liegt eine ganz eigene Heiligkeit in der Wissenschaft und Kunst der Heilung. Sie müssen sich den erschütterndsten Szenen stellen, die Sterbliche jemals zu sehen bekommen, und das große Vertrauen empfangen, das Menschen geben können.
Können Sie sagen, woher das Leben kommt, wohin es geht und welchem Zweck es dient? Wenn Sie Ihre Hände auf einen Kranken legen, dann tun Sie das so ehrfürchtig, als würden Sie den Urmechanismus von Erde und Himmel berühren, den Körper des Menschen, die vollkommenste Verkörperung göttlicher Weisheit.«
John Martin Littlejohn3
John Martin Littlejohn
Psychophysiologie

BRITISH SCHOOL OF OSTEOPATHY
Littlejohn wollte nach seiner Rückkehr 1914 die erste Osteopathieschule des Vereinigten Königreichs und damit auch Europas gründen, was durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhindert wurde. So fällt das Gründungsdatum ins Jahr 1918 und mit der noch heute bestehenden British School of Osteopathy (BSO) in London legte Littlejohn zugleich das Fundament der europäischen Osteopathie.
Einleitung
Dass wir heute zum ersten Mal in unserer Institution mit einem Kurs über Psychologie beginnen, markiert einen bedeutenden Aufbruch im Studienplan medizinischer Schulen. Obgleich man sich nur in sehr wenigen medizinischen Ausbildungsstätten hierzulande oder anderswo mit diesem Lehrfach befasst, handelt es sich um ein äußerst wichtiges Wissensgebiet. Seine Einführung steht für die Anerkennung der Einheit des Menschen als dreifach differenziertes Wesen aus Körper, Seele und Geist4. Wenn die Medizin – ich benutze diesen Begriff in jenem weiten Sinn, wie er in den Anfängen der Physiologie festgelegt wurde – es als ihre Aufgabe sieht, Gesundheit und Leben des Menschen zu bewahren und krankhafte Zustände zu heilen, die sein Leben und seine Gesundheit zu zerstören drohen, dann muss sie begreifen, dass die Materia medica der medizinischen Wissenschaft nicht nur auf die rein körperlichen und materiellen Elemente des Lebens anzuwenden ist, sondern auch auf jenen anderen, nicht weniger bedeutenden Teil des menschlichen Systems: das psychische Wesen. Aus der Erkenntnis heraus, dass die Osteopathie eine ebenso vollkommene wie exakte Wissenschaft sein will, führen wir in unseren Lehrplan nun auch das Studium des Geistes, der mentalen Zustände, Vorgänge und Phänomene ein, weil diese eine erhebliche Auswirkung auf Gesundheit und Lebensfreude haben.
Die moderne Psychologie wurde hauptsächlich in Großbritannien, Deutschland und den Vereinigten Staaten entwickelt. Diese Entwicklung verlief auf drei Linien:
– auf der empirischen Linie, die sich auf die sogenannte Erfahrung stützt,
– auf der vorwiegend in Deutschland verfolgten spekulativen Linie, deren Ursprung in der Philosophie Kants liegt, der die Vernunft zum zentralen Element der Psychologie erklärte und dessen Vernunftkonzept sein Zentrum im dem von der Vernunft gesetzten kategorischen Imperativ hat – der Basis aller intellektuellen und moralischen Entwicklung,
– auf der die neue Bewegung in der Psychologie repräsentierenden wissenschaftlichen Linie, die ihren ersten und hauptsächlichen Anstoß von der Schule der Evolutionsphilosophie erhielt.
Die englische Psychologie bestand zumeist in einer analytischen Betrachtung des Bewusstseins, wie dessen Phänomene sich in der Erfahrung zeigen. Dagegen war die deutsche Psychologie vor Herbart hauptsächlich eine Analyse spekulativer Zustände, verbunden mit einer semimythischen Vernunft. Sie gipfelte im Hegelianismus, dem Höhepunkt der Spekulation. Kant erörterte die Fähigkeit zur Vernunft in Bezug auf Erkenntnisse, die von Erfahrung unabhängig sind. Hegel zufolge ist das Selbst-Bewusstsein die ideale Einheit, auf die bezogen die gesamte Welt erklärt werden muss, wobei Gedanken wie Dinge Teile eines Ganzen sind und Stufen in einem Prozess repräsentieren. Tatsächlich ist das Denken selbst dieser Prozess.
Herbart, dessen Werk jeder Wissenschaftler kannte, löste eine Revolution im deutschen Denken aus, weil er die Spekulation beiseite ließ und das erfahrungsbezogene Denken einführte. Damit legte er in der wissenschaftlichen Schule das Fundament für die Vereinigung des englischen und des deutschen Denkens. Er repräsentierte den Geist der erfahrungsbezogenen Forschung, der die deutsche Philosophie in diesem Jahrhundert belebt hat. Dabei versuchte er selbst, eine Geistespsychologie aufzubauen, die auf mechanischen und statischen Betrachtungsweisen beruhte. Deshalb gebührt Deutschland die Ehre, den Geist erstmals aus einer wahrhaft experimentellen Sicht betrachtet zu haben.
In Amerika wurde die Psychologie bis in die jüngste Zeit durch zwei Strömungen des Denkens bestimmt: die theologische und die bildungsbezogene.
Nachdem der Kampf um Selbstbestimmung schließlich zur politischen Unabhängigkeit Amerikas geführt hatte, begann sich die Philosophie zu behaupten, war jedoch mit der Theologie vermählt. John Edwards Idee vom freien Willen bestimmte lange Zeit die Psychologie ebenso wie die Theologie. Zunächst war der pädagogische Einfluss ganz einfach eine Hilfe für die Theologie, hauptsächlich wegen der konfessionellen Arbeit in der Erziehung, vor allem im puritanischen Konzept der engen Beziehung von Kirche und Schule. Dass die Philosophie, die diese Zustände erzeugte, sehr der schottischen Schule des Realismus ähnelte, war auf den religiösen Einfluss und vor allem auf die herausragende Position des Princeton College zurückzuführen, das immerhin zwei seiner Präsidenten, Witherspoon und McCosh, aus Schottland berief. Die von Reid und Hamilton in Schottland gelehrte realistische Philosophie basierte auf dem Beobachten der Zustände des Bewusstseins. Durch die aposteriorische, also verfahrende Methode, werden apriorische Prinzipien entdeckt, wobei Beobachtung den Bereich des Bewusstseins ebenso einnimmt wie den der Sinneswahrnehmung und die Tatsachen der Erfahrung in beiden Bereichen koordiniert. Der Realismus, wie er in Amerika übernommen wurde, führte zur Anerkennung der mentalen Realität und baute das Bewusstsein auf, indem er den Geist mit einer realistischen Konzeption versah, die dem Bewusstsein einen Stellenwert verschaffte, der fast dem einer Gottheit gleichkam. Dies führte zu Hamiltons Idee des Absoluten als dem Unbekannten und dem Unerkennbaren. Die deutsche Philosophie nahm dann hauptsächlich durch die Schriften von Coleridge und Emerson ihren Weg nach Amerika. Im Religiösen legte Channing, im Philosophischen aber Emerson das Fundament mentaler Aktivität tief im Bewusstsein. »Der Geist ist die einzige Realität, die der Mensch und andere Wesen besser oder schlechter reflektieren.«5 Die Welt wird in das Bewusstsein übertragen, denn »Natur, Literatur, Geschichte sind ausschließlich subjektive Phänomene«. Alle Dinge werden im Geist geschaut, denn sie sind alle im Intellekt. Emerson machte den Geist real und war darin der Vorläufer der modernen Psychologie. Damit half er, die Psychologie von Theologie und Erziehung zu befreien und sie unabhängig zu machen.
Seit 1880 ist die Psychologie von Metaphysik, Theologie und Pädagogik getrennt und diese Scheidung hatte – soweit es die psychologische Entwicklung betrifft – erfreuliche Auswirkungen. Nach Herbart erkannte man, dass neben anderen Fragen des Seins, der Unsterblichkeit und der Erziehung auch die Gegebenheiten des Bewusstseinslebens von Bedeutung waren. In Deutschland begann man nun, eine Frage zu erörtern, die Locke, Descartes und Reid schon vorweggenommen hatten: die nach dem Zusammenhang von Geist und Gehirn nämlich. Man stellte die Frage, ob sich Geist und Gehirn einer Modifikation unterwerfen lassen. Die Modifikation des Gehirns, so schlossen die Deutschen, führe zu einer Modifikation des Geistes. Sie sahen hier die Möglichkeit, beim Erforschen des Geistes die wissenschaftliche Methode, das Experiment, anzuwenden. Es war Lotze, der sich in seinem Werk Medizinische Psychologie oder Physiologie der Seele (1852) als Erster mit dieser Frage beschäftigte, indem er einen experimentellen Plan entwarf. Und es war Wundt, der ihm als Erster eine bestimmte Form gab, indem er intensiv experimentierte und für alle Zeiten den Zusammenhang von Geist und Gehirn festlegte, einen Standpunkt, den er in seiner Schrift Grundzüge der Physiologischen Psychologie (1874) geschickt verteidigte. Kurz nach Lotze verschaffte Fechner in seinem Buch Elemente der Psychophysik (1860) der neuen wissenschaftlichen Methode und den Ergebnissen umfangreicher Experimente in Bezug auf Zustände der Sinnesempfindung6 öffentliche Aufmerksamkeit. Das war die erste große Revolution in der Psychologie. Sie brachte ihr eine feste Basis in der Physiologie und bereitete den Weg für ihre Anwendung im Bereich der medizinischen Ausbildung und Praxis. Die gesamte Basis der Psychologie hat sich damit verändert, sodass sie jetzt den Begriff wissenschaftlich verdient. Ihre zweite große Revolutionierung kam aus England, der Heimat der evolutionären Philosophie, wo Spencer ihr in seinen psychologischen Arbeiten eine neue Richtung gab.
Beide Strömungen wurden in Amerika übernommen. So wie in der Bevölkerung von Amerika aus ethnischer Sicht die Mischung der besten Elemente Europas repräsentiert ist, finden wir auf dem Gebiet der Psychologie eine klare Verbreitung dieser zwei Revolutionslinien. Die in Amerika heute angewandte Psychologie lässt sich – verglichen mit der, die vor zehn Jahren aktuell war – anhand zweier Besonderheiten umreißen:
(1) Sie ist funktional, das heißt, sie betrachtet die mentalen Funktionen und nicht mehr wie früher die mentalen Fähigkeiten.
(2) Unter dem Einfluss der Evolutionstheorie hält man diese Geistesfunktionen für etwas, das sich entwickelt hat und sich weiterhin entwickelt und nicht, wie man früher glaubte, vorgefertigt existiert.
Anstelle eines intuitiven Bewusstseins bilden sich die Funktionen des Geistes heraus. Solange man jeden mentalen Vorgang als eine mentale Fähigkeit betrachtete, war jede Fähigkeit unabhängig von allen anderen, sodass im alten System das Gedächtnis ebenso eine Fähigkeit oder Kraft des Geistes war wie die Einbildungskraft, das Denken usf. Jetzt gilt der Geist als Einheit und man versteht ihn so, dass er innerhalb des Leistungsvermögens dieser Einheit agiert, indem er sich durch Anpassung an die ihm vorliegende Materie an funktionale Aktivität anpasst. Der Geist ist Eines. Ein geistiger Akt ist ein psychophysischer bzw. physiologischer Prozess. Es gibt keine getrennten und verschiedenartigen Fähigkeiten mehr, denn der Geist ist ungeteilt und unteilbar. Im Zusammenhang mit seiner Anpassung an die wechselnden Bedingungen, unter denen er arbeitet, hat der einzelne Geist jedoch verschiedene Funktionen. Außerdem hat er sich in zweierlei Hinsicht zu seinem jetzigen Zustand entwickelt: individuell gesehen von der Kindheit zur Reife und zivilisationsgeschichtlich gesehen vom Niedrigeren zum Höheren. Um mentale Gegebenheiten zu verstehen, müssen stets beide Aspekte im Auge behalten werden. Dieser Standpunkt der Psychologie geht auf Lotze zurück, denn er war es, der zuerst von »den neuronalen Gegebenheiten der mentalen Prozesse« sprach. Fechner setzte diesen Gedanken um, indem er die funktionale Idee psychologisch und physiologisch angewandt in Übereinstimmung brachte. Wundt arbeitete diese Ideen durch Anwendung auf die mentalen Phänomene weiter aus und gründete 1879 in Leipzig ein psychologisches Labor, um solche Phänomene experimentell besser erforschen zu können.
In Amerika wurde die Evolutionsphilosophie hauptsächlich durch die Arbeiten von Spencer eingeführt. Einer der ersten und fähigsten Interpreten der Evolutionstheorie war Fiske. Er vertrat die Anschauung, der kosmische Prozess bilde die Grundlage des intellektuellen, sittlichen und religiösen Seins des Menschen, wobei er jedoch Weismanns Idee der Selektion und der Präformation für die Umwelt sowie die u. a. von Spencer vertretene Epigenese bevorzugte. Die amerikanische Schule der Biologie unterstützte dies unter Führung von Edward Cope, demzufolge alle modifizierten Formen des animalischen Lebens durch das Wachstumsprinzip und die ererbten Auswirkungen von Gewohnheit und Anstrengung zu erklären sind. Seiner Ansicht nach gibt es eine Entwicklungskraft, die die Entwicklungslinie bestimmt. Dadurch erhält das Psychische, das sich im dem universalen animalischen Begehren und Bemühen zu leben zeigt, Vorrang vor dem rein Physischen. Zu den Vorreitern und originellsten amerikanischen Denkern gehört George T. Ladd. Er war in Amerika der Erste, der auf dem Gebiet der experimentellen und physiologischen Psychologie forschte und lehrte. Ihm zufolge bildet die Wissenschaft vom mentalen Leben die einzige mögliche Erklärung für alle Probleme des Lebens. Mit dieser neuen Psychologie sind auch Cattel, Baldwin und Sanford verbunden, deren Laborarbeit der Psychologie eine ganz neue Form gegeben hat, die wir in den folgenden Vorlesungen erörtern werden.
Die Trennlinie in der modernen Psychologie entsteht im Zusammenhang mit der Bedeutung der mentalen Funktion – wobei eine Seite behauptet, sie sei schlicht eine Form des kosmischen Prozesses, während die andere meint, sie entspräche dem Spiel der Kräfte in der physischen Welt. Bei der Lösung dieses Problems und anderer Fragen der Psychologie hat der Physiologe ebenso viel beizutragen wie der Psychologe. Zu den herausragenden Ideen gehört das Anwenden von Messungen auf den Geist, soweit es um das Bestimmen von Zeit und Quantität geht. Dies impliziert selbstverständlich Experimente am Nervensystem und an den Veränderungen, die das Bewusstsein betreffen. Descartes unternahm schon vor Langem Experimente in Bezug auf die Emotionen, um zu beweisen, dass man sich dem Geist durch den Körper nähern kann. Doch dies erwies sich so lange als unmöglich, bis die Physiologie das Nervensystem und dessen über das Gehirn laufende Verbindungen zum Geist erschlossen hatte. Im Zuge dieses Fortschritts in der Physiologie des Nervensystems nahm die Psychologie an, dass die mentalen Phänomene stets von Nervenveränderungen begleitet sind. Die Beziehung zwischen Geist und Körper hängt von dieser Annahme ab. Die physischen und mentalen Veränderungen, die stets Hand in Hand gehen, werden mit Hilfe von Messwerten interpretiert. Man geht davon aus, dass diese zwischen Geist und Körper unzweifelhaft bestehende Verbindung einheitlich ist, womit man eine Grundlage hat, um Experimente in Bezug auf das mentale Leben durchzuführen.
Da wir diese Beziehung also festgestellt haben und von ihrer Einheitlichkeit ausgehen, können wir die Gegebenheiten des Bewusstseins analysieren, die Gegebenheiten bei neuronalen Veränderungen messen und die Modifikationen wahrnehmen, die sich in den Gegebenheiten des Bewusstseins korrelativ zu den Veränderungen in der Nervenstimulation vollziehen. Mit Hilfe des Experiments können wir den Unterschied zwischen natürlichen und willkürlichen Zuständen ebenso entdecken, wie wir herausfinden, dass die Modifikation der Nervenzellen äußerlicher Stimulation des Nervensystems oder anormalen Zuständen im Organismus zuzuschreiben ist. So stoßen wir auf jene Krankheitszustände des Nervensystems, die charakteristisch sind für bestimmte zerebrale Zustände und mentale Veränderungen, die mit organischen Veränderungen der Nervenzellen einhergehen. Und genau hier kommen mentale Krankheiten in Betracht. Das ist physiologische Psychologie und Pathologie. Die experimentelle Psychologie zeigt die Ergebnisse von Experimenten im Zusammenhang mit der Stimulation jener Organe, die das Nervensystem als das Medium mentaler Aktivität beeinflussen, [und bestimmt,] ob sie sich auf die normalen oder anormalen Zustände von Geist und Nervensystem beziehen. In diesem Semester werden wir die Psychophysiologie erörtern und im nächsten die Psychopathologie und die Psychiatrie.7
Um Psychologie zu verstehen, müssen wir tief in die Biologie graben, und um das Fachgebiet zu umfassen, müssen wir Physiologie, Neurologie, Physik und Chemie erforschen. Die Methode, die wir dabei verwenden, ist Beobachtung, unterstützt durch Experimente. Auf diese Weise hoffen wir, eine Wissenschaft zu entdecken und aufzubauen, die aus bestimmten Prinzipien besteht und bestimmte Probleme betrachtet. Sie findet ihre Grundlage oder ihr Wirkungsfeld im menschlichen Körper, insbesondere im Nervensystem. Eine Aktivität erzeugt über die Sinnesorgane einen Eindruck im Gehirn. Die Impulse werden durch den motorischen Apparat in Verbindung mit den Muskeln und Knochen ausgeführt. Die Psychologie legt zwei Axiome fest:
– Jedes mentale Phänomen beruht auf einer Aktivität des Gehirns.
– Der Geist besitzt von Natur aus keinerlei Begriff von Zahl, Qualität oder Raum.
Es ist also nicht so, dass mit der mentalen Existenz zugleich auch eine Vorstellung von diesen Phänomenen existiert. Doch markieren alle Vorstellungen, Einschätzungen und Unterscheidungen das mentale Wachstum. Das Gehirn entwickelt sich und ebenso der Geist und beide Entwicklungen sind untrennbar miteinander verbunden. Um den gegenwärtigen mentalen Status zu verstehen, müssen wir seinen Entstehungsprozess von der einfachsten Form an nachverfolgen. Wir müssen das Wachstum studieren, um an die Ordnung der mentalen Entwicklung heranzukommen, an diese Gesetze, die den mentalen Fortschritt darstellen, der sich im Einklang mit der gesamten natürlichen Evolution befindet. Vom Tier an aufwärts finden wir diese fortschreitende Entwicklung. Der Instinkt des Kükens zeigt sich am dritten Lebenstag, sodass das Küken instinktiv jedem sich bewegenden Objekt folgt und danach an seinem Führer festhält, wer oder was immer das auch sein mag, während jedes andere sich bewegende Objekt Beunruhigung hervorruft und Furcht erzeugt. Wird diese Phase instinktiver Entwicklung unterdrückt oder versäumt, kann sie sich später nie mehr entfalten. Dass es für die angemessene Entwicklung des psychischen Wesens eine Reihenfolge und einen bestimmten Zeitraum gibt, ist ein wichtiges psychisches Prinzip. Beim Menschen finden wir mehr Instinkte als bei jedem anderen Tier und sie entwickeln sich alle in richtiger Reihenfolge. Diese Instinkte und die mit ihnen verbundenen Emotionen stellen die mächtigsten Einflüsse der Natur dar.
Es gibt verschiedene Typen menschlichen Denkens und Assoziierens. Die Menschen denken und bilden auf unterschiedliche Arten mentale Erinnerungsbilder. Dabei sind die Typen individuell, die Fähigkeit aber ist allgemein. Veranschaulicht wird dies durch die Art und Weise des visuellen Beobachtens, der stimmlichen Äußerung und des inneren Sprechens. Manche Menschen visualisieren, andere drücken sich verbal aus, während wieder andere all ihren Gedanken mittels innerer Äußerungen Ausdruck verleihen. Das sind die drei Typen mentaler Verkörperung in der Geistestätigkeit. Offenbar basiert dies auf Nachahmung, die beim Menschen ebenso instinktiv ist wie bei den niederen Tieren. Um nachzuahmen, muss im Geist ein bestimmtes Konzept gebildet werden und es muss eine Antriebskraft geben, um das Konzept auszuführen. Auf diese Weise entwirft der Geist seine Pläne und mit Hilfe des Gehirns, des Nervensystems und des Körpers bringt er sie zur Ausführung.
Dieselbe Idee von der Verbindung zwischen Gehirn und Geist finden wir auch in einer anderen Richtung, nämlich im Sprechen. Im Gehirn gibt es zwei Lappen, wovon jeder die jeweils entgegengesetzte Hälfte des Körpers reguliert. Die rechte Hand wird vom linken Bereich des Gehirns gesteuert und dort finden wir nahe an dem für die Hand zuständigen Bereich das Sprechzentrum. Anthropologie und die Philologie früher Zeugen haben bewiesen, dass die Hand-Sprache bzw. die Zeichensprache vor der stimmlich geäußerten Sprache existiert hat. Bei der Hand-Sprache dient die rechte Hand als Hauptinstrument. Das stimmt mit der Feststellung überein, dass Rechtshändigkeit und Sprechen bei im Vergleich zum Menschen niedereren Lebewesen nicht vorkommen.
Dementsprechend ist die Entwicklung des tierischen Gehirns bestimmungsgemäß und die beiden Gehirnlappen weichen nicht voneinander ab. Das zeigt, dass die Sprechorgane, die überwiegende Verwendung der rechten Hand und das, wofür sie stehen (nämlich die Gehirnzentren im selben Bereich und Lappen des Gehirns), in enger Beziehung zueinander stehen. Die Frage, ob diese Beziehung natürlich ist oder erworben, also ererbt, wurde im Licht der Entwicklung von Geist und Gehirn erörtert. Dies weist zumindest darauf hin, dass es im menschlichen Gehirn eine feste und klar umrissene Grundlage für Geist und mentale Aktivität gibt und dass ein enger Zusammenhang besteht zwischen Geist und Körper, die sich beide voneinander abhängig entwickeln und sich dabei gegenseitig beeinflussen.
Genau das macht die Psychologie im medizinischen Bereich so wertvoll. In der Vergangenheit haben Physiologie und Medizin unterstellt, der Körper sei etwas ganz Anderes als der Geist. Und auch die Psychologie vertrat diese Anschauung. Moderne Psychologie und Physiologie betrachten den Menschen dagegen als Einheit von Geist und Körper. Der Körper gilt als Instrument und Medium der mentalen Offenbarung8, sodass eine der Grundbedingungen für Gesundheit in einem Geist und einem Bewusstsein besteht, die den Körperzustand bestimmen. Der Körper ist zwar eine Maschine, jedoch keine die, einmal aufgezogen, über Jahre hinweg gänzlich unter äußerem Einfluss funktionieren kann. Seine Formung und Gestaltung geschehen vielmehr von innen. Mentale Funktion ist die Basis jeder physischen Funktion. Hinter den physischen Vorgängen Verdauung, Atmung und Blutkreislauf gibt es einen mentalen Zustand, der den Körperzustand bestimmt. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Zivilisation Krankheit und Körperschwäche Vorschub leistet, weil mit ihr eine mentale Erregung einhergeht, die der körperlichen Gesundheit nicht förderlich ist. Sie bringt eine stärkere mentale Anstrengung und einen größeren Selbstbehauptungskampf mit sich, die dazu führen, dass die normale Entwicklung von Geist und Körper vernachlässigt wird. Daraus resultieren zahllose gestörte Zustände und Krankheiten. Wir stimmen nicht den Ruf an: Zurück zum Leben der Wilden! Doch wir sagen: Zurück zu dem Zustand, der eine niedrigere Ebene repräsentiert – nämlich: die Abwesenheit mental störender Zustände, die körperliche Wracks erzeugen, neuronale Verwirrung verstärken und Krankheit oder Tod bewirken. Indem wir das osteopathische Prinzip anerkennen, dass Medikamente unnatürlich und alle Heilmittel der Natur im menschlichen System gespeichert sind, haben wir das psychische Gesetz der Vorherrschaft des Geistes. Und will man es zum Beseitigen jener krankhaften Zustände anwenden, muss im Innern begonnen werden. Die Anpassung muss durch den Geist geschehen und der mentale Zustand muss zunächst an die Körperzustände vollkommener Gesundheit angepasst werden. Da gibt es nur ein Rezept: Pflege und ständige Aufrechterhaltung des mentalen Gleichgewichts. Wie wir wissen, beeinflussen plötzliche Emotionen den Blutkreislauf, den Herzrhythmus, die Atmung, sie zerstören die Sekretionen, beeinträchtigen die Verdauung und verursachen sogar den Tod. Werden solche Emotionen chronisch, wie ist es dann möglich, das System nutritiv vollständig zu versorgen? Die physiologische Chemie hat belegt, dass ein derartiger chronischer Zustand toxische Substanzen produziert, die jeden normalen körperlichen Prozess beeinträchtigen. Solange diese Substanzen da sind, ist Gesundheit unmöglich. Und es kann keine physische Immunität gegen Krankheit geben, weil das System für alle Arten von Keimen offen steht. Derartige vererbte oder erworbene Zustände bilden die Grundlage für jede Art von physischer und mentaler Erkrankung bzw. Schwäche. Von diesem Standpunkt aus dringt Krankheit in ein physisches und mentales Lebewesen ein, das immun sein sollte, dies aber nur sein kann, wenn es gut ausbalanciert bzw. ausgeglichen ist. Den Geist zu heilen und ihm im menschlichen System jene günstige Ausgangsposition zu verschaffen, von der aus er den Körper erhebt, statt ihn niederzudrücken, ihn kräftiger macht, statt ihn zu erschöpfen, ihn vor allen möglichen verheerenden Auswirkungen von Krankheit bewahrt, statt ihn schutzlos preiszugeben – das ist die Absicht der Psychologie, sobald sie den Bereich der Medizin betritt.
Die moderne Psychologie ist in hohem Maße anderen Wissenschaften verpflichtet. Ebenso wie die Physiologie dadurch revolutioniert wurde, dass man sie im Lichte physischer und chemischer Prozesse erklärte, schuldet die Psychologie der Physiologie, der Physik und sogar der Astronomie Dank. Helmholtz hat vor nahezu einem halben Jahrhundert die Geschwindigkeit der Nervenimpulse gemessen. Die peripheren Nervenzellen stellen jedoch nur einen Teil des Nervensystems dar, während das Gehirn das besondere Medium mentaler Manifestation bildet. Mit der mentalen Aktivität gehen bestimmte Prozesse im Gehirn einher. Und weil das Individuum seine Erfahrung im Zusammenhang mit bestimmten Stimuli kennt, hat man verschiedene Körperteile stimuliert, sodass die für eine Muskelreaktion erforderliche Zeit gemessen werden konnte. Eng verbunden mit diesen Untersuchungen waren Forschungen zu den Nervenfunktionen im Zusammenhang mit den Endorganen, sodass heute die Beziehungen zwischen sensorischen Funktionen und mentalen Aktionen klar verstanden werden. Jede Erfahrung basiert auf irgendeiner physischen Grundlage, und hier zeigt die Physik, dass es möglich ist, Sinnesempfindung, Emotion und Volition9 mit äußeren, den physikalischen Gesetzen unterliegenden Objekten zu verbinden. Diese physikalischen Wissenschaften haben also den Weg für die psychische Betrachtung des Geistes aus einer physiologischen Perspektive eröffnet. Psychologie beginnt mit dem Nervensystem, stellt Korrelationen zwischen Geist und Gehirn her und öffnet einen Weg, um psychologische Gesetzmäßigkeiten wahrzunehmen. Das Gehirn erfordert Differenzierung, die Nervenbahnen müssen verfolgt werden und die molekulare Aktion und Interaktion der Nervenelemente müssen eindeutig bekannt sein. Das Studium des Zentralen Nervensystems ist hier von großer Bedeutung, denn nur hier kann Psychologie ihre Vervollkommnung finden.
Platon war der Ansicht, die Gottheit habe aus dem göttlichen Wesen sublunare Geschöpfe gebildet, die wiederum den animalischen Körper geschaffen und ihm diesen göttlichen Anteil als unsterbliches Element weitergegeben hätten. In der Seele finden wir Platon zufolge den Geist als Sitz der Intelligenz sowie den animalischen und materiellen Anteil als Sitz der Leidenschaft einschließlich Mut und auch als Sitz des Triebs. Der Geist wohnt im Gehirn, die Leidenschaft im Herzen und die Triebe samt Begierden in den unteren Körperteilen. Bei Aristoteles werden die psychischen Vorgänge als Einbildungskraft, Urteil und Sinnesempfindung klassifiziert. Bei ihm sitzt der mentale Aspekt im Herzen, das Gehirn übernimmt die Aufgabe, das Herz zu kühlen. Erasistratos identifizierte als Erster das Nervensystem als klar umrissenes System, auf das er das Funktionieren mentaler Phänomene zurückführte. Er betrachtete die Luft als die Lebenskraft und verfolgte ihren Weg in die Lungen, durch das Herz und schließlich zum Gehirn, wo sie ihm zufolge zum vitalen bzw. animalischen Geist wird. Auf diese Weise wurden Geist und Körper eng verbunden, die mentalen Phänomene hingen untrennbar mit den Nervenfunktionen zusammen. Galen wiederum sagte, nachdem er entdeckt hatte, dass das Blut essenziell für das Leben ist, der animalische Geist müsse im Blut sein. Und doch betrachtete er das Gehirn als die grundlegende Nervenstruktur sowie als Sitz von Volition und Sinnesempfindung, das rein physische Körpersystem mit seinem muskulären Mechanismus hingegen als völlig abhängig vom Nervensystem. Damit ist der Wissensstand bis in neuere Zeiten markiert. Dem Engländer Willis gebührt die Ehre, vor mehr als 200 Jahren die modernen Ideen hervorgebracht zu haben. Er hielt das Gehirn für den Sitz der menschlichen Seele, für die Haupt-Antriebskraft im animalischen Mechanismus, für die Quelle aller Bewegung und allen begrifflichen Erfassens. Die Gehirnwindungen waren für ihn Zellen oder Speicher, die die Grenzen der Bewegungen des animalischen Geistes markieren. Der Kortex galt ihm als Sitz der Gedanken und als zentrales Organ10 für Bewegung und Vorstellungskraft. Newton ergänzte diese Entdeckung aus physikalischer Sicht, indem er erklärte, dass die Reize entlang der Nervenbahnen als Schwingungen verbreitet werden. Dazu kommt die Tatsache, auf die schon Willis hingewiesen hat: dass nämlich das Nervensystem die Grundlage der Reflexhandlung darstellt. Mit dieser Ergänzung der Neurologie bezüglich der Differenzierung und Lokalisierung der Funktion haben wir dank der Forschungen von Männern wie Bell oder Ferrier die Basis psychologischer Aktivität im Zusammenhang mit dem Gehirn und dem Nervensystem. So sind wir im Verlauf der Geschichte also schrittweise zu unserem gegenwärtigen Wissensstand gelangt.
Obgleich das Nervensystem Basis und Medium für mentale Vorgänge ist, dürfen wir nicht vergessen, dass im höheren Bereich der Psychophysiologie der Geist die bestimmende Kraft darstellt und dass in einem physiologisch gesunden Leben kaum etwas anderes als ein gesunder Geist den von allen so erwünschten kräftigen Körperzustand sowie Gesundheit, Lebensfreude und Glück sicherstellen kann. Die Physiologen haben ihre Forschungen im Wesentlichen auf die einzelnen Teile des Zentralen Nervensystems begrenzt, ohne zu versuchen, Modelle einer systematischen Aktivität des Gesamtsystems zu entwerfen. Das hat in der Physiologie zu der Tendenz geführt, die Bedeutung der Funktionsspezialisierung zu überschätzen. Dabei wird jedoch die Tatsache übersehen, dass es in der Aktivität des Gesamtsystems einen Zusammenhalt und eine Einigkeit gibt. Es ist wahrscheinlich, dass jeder aktive Vorgang im Nervensystem das gesamte menschliche System beeinflusst. Demnach muss es eine ständige Aktivität seitens der Nervenzellen geben, begleitet von kontinuierlichen Impulsen, die in die Zellen eindringen und sie verlassen. Dies bildet die Basis für »die Kontinuität bewusster Erfahrung«. Hinter dem Bewusstsein liegt – zumindest aus morphologischer Sicht – die anatomische Struktur des Nervensystems. Allerdings ist es bisher noch keinem gelungen, das Problem ihrer Zusammenhänge zu lösen. Der Bereich des Bewusstseins wanderte mit der Entwicklung der physiologischen Theorien allmählich nach oben, bis er – wie ein Physiologe es ausdrückte – seine letzte Zuflucht in dem nach der Lokalisierung der sensorischen und motorischen Bereiche einzig noch verbleibenden Bereich nehmen musste: im anterioren Anteil der grauen Substanz des Kortex nämlich.
Die antiken Philosophen begrenzten den Geist nicht auf das Gehirn. Mit dem Beginn der modernen Psychologie wurde das Zentrum der bewussten mentalen, emotionalen und volitionalen Phänomene mit der Medulla verbunden, in jüngerer Zeit lokalisierte man es im frontalen Bereich des Kortex, und zwar hauptsächlich deswegen, weil dies der einzige noch freie Ort im Gehirn war. Sogar dann, wenn wir alle Veränderungen, die in diesem Bereich stattfinden, verstehen könnten, würde es uns wohl nicht gelingen, die Kluft zwischen dem rein Subjektiven und dem Objektiven zu überbrücken. Noch weniger dürften wir dazu in der Lage sein, mentale Phänomene in die ihnen vorausgehenden Ursachen aufzulösen.
Die Physiologie hat sich hauptsächlich in zwei Schulen gespalten, wovon die eine die mentalen Phänomene verkörperlicht, indem sie sie ausschließlich auf physiologische und physische Ursachen zurückführt, während die andere sie idealisiert, indem sie ihnen bildhafte Namen gibt, die aber eigentlich keine Erklärung der Phänomene liefern. Durch die Kombination beider Anschauungen haben wir eine grundlegende physische und physiologische Basis für die ideale Interpretation dieser Phänomene. Sobald wir den Bereich des Transzendenten betreten und hinter all diesen physischen oder mentalen Phänomenen die Existenz einer metaphysischen Essenz voraussetzen, wird die Erklärung deutlicher, denn dann erweisen sich diese geistigen und körperlichen Phänomene schlicht als Offenbarungen jener inneren, tieferen und wahreren Existenz. Die Schwierigkeit dabei ist aber, dass ein derartiges Wesen, das die Metaphysiker als Seele identifizieren würden, in keiner Weise durch die Wissenschaft bewiesen werden kann. Im besten Fall handelt es sich einfach um eine metaphysische Konzeption.
Wir versuchen nicht, diese Frage zu lösen. Doch es bleibt eine bedeutende physiologische Frage: Hat die Physiologie irgendeine Begründung dafür, dass sie das Bewusstsein und die gesamten psychischen Phänomene im frontalen Bereich des Gehirns lokalisiert? Sofern wir die Fakten der vergleichenden Physiologie richtig interpretieren, gründet diese Theorie nicht auf Tatsachen. Die Physiologen lokalisieren im Gehirn die Sinnesempfindungen, womit gemeint ist, dass dort all jene Impulse enden, die in Bewusstsein resultieren. Doch die anderen Anteile des Nervensystems, die die Impulse zu diesem Sensorium übertragen, können ebenso viel mit Bewusstsein zu tun haben wie das Sensorium selbst. Auch bei den niederen Tieren, deren Gehirnentwicklung relativ einfach ist und die keine der charakteristischen kortikalen Gehirnwindungen besitzen, die man beim Menschen mit mentalen Phänomenen in Verbindung bringt, finden wir Bewusstsein. Diese auf der vollkommenen Einheit des Körpers und insbesondere des Nervensystems basierende Sichtweise überwindet die von der modernen Physiologie betonte Schwierigkeit einer perfekten Lokalisierung der verschiedenen Funktionen.
In den frühesten Zuständen der Zellentwicklung erkennen wir, dass die einzelne Zelle der Stimulation unterliegt und bestimmte molekulare Veränderungen durchmacht. Diese Veränderungen senden Impulse an andere Zellen und ebenso entlang der Nervenbahnen bis zur Oberfläche des Körpers. Wird die erste Zelle, die aufgrund ihrer Fähigkeit, Impulse zu empfangen und zu übermitteln, funktionell mehr oder weniger differenziert ist, durch kontinuierliche Stimulation stärker spezialisiert, sodass ihre Veränderungen an diese besondere Art der Stimulation angepasst werden und auf derartige äußere Stimuli gewohnheitsmäßig reagieren, dann sind das die ersten Anfänge von Bewusstsein und Gedächtnis. Sogar hier ist aber Bewusstsein nicht das Produkt von Veränderungen, die in den Zellen stattfinden, denn selbst eine Kenntnis aller inneren Veränderungen würde kein Bewusstsein zur Folge haben, weil das Bewusstsein nur in Verbindung mit äußeren Manifestationen entsteht. Einige haben dies mit der Vermutung zu erklären versucht, dass mit Materie ein Bewusstsein verbunden ist. Das kann jedoch nicht der Fall sein, denn wir finden keine Verbindungslinie zwischen physischer Materie und psychischem Bewusstsein. Folglich finden wir zwei anscheinende Gegensätze, die einander nicht verursachen. Manche haben diese Verbindung dadurch vervollständigt, dass sie irgendeine Art von Energie mit dem Verursachen von Bewusstsein gleichsetzen. Energie ist aber eine physische Eigenschaft, aufgrund derer eine bestimmte Materie oder bestimmte Materien die Fähigkeit zu agieren besitzen. Dieses Agieren hängt von den aktiven Veränderungen ab, die in den einzelnen Elementen stattfinden. Bilden diese Veränderungen, die in den Zellen vermutlich auf der Basis molekularer Aktivität geschehen, die Grundlage des Bewusstseins, dann muss Bewusstsein eine materielle und keine psychische Qualität sein. Denn das Ergebnis kann nicht mehr enthalten als die Ursache. Bewusstsein lässt sich also nicht anhand einfacher Substanzveränderungen oder Materiebewegungen erklären und ist daher unerklärbar – es sei denn, wir stellen für das Psychische wie für das Physiologische die Hypothese auf, dass jedes in seiner eigenen Sphäre die Basis seiner eigenen charakteristischen Aktivität bildet. Betrachten wir das Nervensystem als komplexes Gebilde aus Nervenmechanismen, wobei jeder Mechanismus in seiner einfachen Form eine Aktivität erzeugt, in der es Bewusstsein gibt, dann ist das gesamte Nervensystem aus psychischer Sicht eine komplexe Serie bewusster Zustände. Bewusstsein kann dann nicht nur im ganzen Gehirn existieren, sondern auch in allen Zellen, die das komplexe Gehirn konstituieren. Wird ein sensorischer Teil des Körpers stimuliert, kommt es zur Übertragung des Eindrucks in das Zentrale Nervensystem und löst irgendeine Reflexbewegung aus. Dies bezeichnet eine Reflexhandlung, die, zumindest vom Gehirnzentrum her, ohne Volition vor sich geht. Und doch gibt es ein Bewusstsein der Veränderungen, die im Zusammenhang mit dem Empfangen und Verteilen der Impulse stattfinden. Das Zentrum der Reflexreaktion außerhalb des Gehirns besitzt eine enge Verbindung mit den Zellen der grauen Substanz im Gehirn, sodass jeder sensorische Bereich des Körpers eine Verbindung mit einem Gehirnbereich besitzt. Eindrücke können von diesen zerebralen Zentren reflektorisch nach außen zu anderen Zentren verlaufen, woraus unwillkürliche Bewegungen entstehen. Es können aber auch Impulse von den sensorischen Zentren im Kortex zu den Zentren der volitionalen Impulse passieren, woraus willkürliche Bewegungen entstehen. Jeder willkürliche Vorgang ist jedoch im Wesentlichen eine Reflexreaktion, abhängig von einer afferenten Stimulation, die beim Hervorrufen des Vorgangs oder schon zu einem früheren Zeitpunkt erfolgt.
Die Eindrücke in den Zellen oder Zellen-Kombinationen bleiben erhalten und bilden das Gedächtnis, sodass die Volition bei einer Erregung der Impulse eine Basis hat, auf der sie agieren kann. Hinzu kommt, dass beim Sehvorgang ein auf der Retina geformtes Bild vom Nervus opticus zu den koordinierenden Corpora quadrigemina11 und von dort weiter zum optischen Bereich im Kortex übermittelt wird. Dieses Bild erzeugt, wenn es sich den Zellen einprägt, ein Erinnerungsbild, das unter dem Einfluss von Impulsen im Bewusstsein geweckt werden kann, um eine Aktivität hervorzurufen. Solche sensorischen Eindrücke können jedoch nicht nur Bewusstsein im Zerebrum erregen, sondern auch im Zerebellum, in welchem die Koordination stattfindet. Es ist wahrscheinlich, dass es sensorische Bereiche sowohl im Zerebrum als auch im Zerebellum gibt. Verhält es sich so, dann stellen die Gehirnwindungen des Zerebrums und den Sitz der regulären rhythmischen, von Volition unabhängigen Bewegungen dar und die des Zerebellums das willkürliche Element in allen Bewegungen. Werden aufgrund der Aktivität eines Objekts bzw. von Objekten verschiedene Sinnesempfindungen als Stimuli auf verschiedene Teile der sensorischen Fläche hervorgerufen, beginnen in verschiedenen kortikalen Bereichen molekulare Veränderungen. Diese Bereiche sind durch die Assoziationsfasern so miteinander verbunden, dass das Bewusstsein, sobald es die verschiedenen Eindrücke empfängt, sie zu einer einzigen Anschauung kombinieren kann. Anstatt zu einem mentalen Bild zusammengefasst zu werden, können diese kombinierten Impulse jedoch auch Muskelbewegungen hervorrufen, wobei die Bewegungen weitestgehend von den stimulierenden Ursachen abhängen. Sind die Stimuli stark, laufen die Impulse zu den Nervenzellen im Gehirn, wo sie aufgrund ihrer Stärke einen lebhaften Eindruck hinterlassen, der auch bei abgeblasster Stimulation verbleibt und sich durch eine leichte äußere oder innere Stimulation wieder abrufen lässt.
Hier haben wir die physiologische Basis der Gedankenassoziation, die in der Psychologie einen herausragenden Platz einnimmt, und ebenso die Basis von Gedächtnis und Erinnerung. Durch andauernde Wiederholung dieser Prozesse werden die Eindrücke so eng mit dem Zellkörper verbunden, dass sie schließlich inhärenter Teil des Zelllebens sind, somit durch Vererbung von Generation zu Generation weitergegeben werden und die physiologische Grundlage mentaler Intuitionen bilden. Derartige Intuitionen repräsentieren Modifikationen des Gehirns unter dem Einfluss der mentalen Entwicklung, wobei jedes Gehirn seine eigene Entwicklungsstufe in der Evolution darstellt. Wo es eine große Anzahl und Vielfalt von Eindrücken gibt, finden wir auch große Variationen in den Zellveränderungen und auch eine entsprechende Vielfalt bei den mentalen Phänomenen. Sind diese Eindrücke im Gehirn derart festgelegt, dass ein Stimulus aus einem anderen Bereich des Gehirns eine Reaktion hervorrufen kann, dann liegt ein voll entwickelter Geisteszustand vor. Auf diese Weise lassen sich Bilder von Szenen, die vom Sehsinn erfasst werden, oder Objekte, die in Kontakt mit dem Tastsinn kommen, in den Gehirnzellen speichern, um dann durch einen mentalen Stimulus wachgerufen zu werden.
Manche Physiologen behaupten, sie ließen sich spontan erwecken, was aber vermutlich nicht richtig ist, weil die dem Anschein nach spontanen Aufrufe eben doch von einer schwachen, oft indirekten Stimulation abhängen. Der Anblick eines Objekts kann Eindrücke abrufen, die zuvor mit einem derartigen oder einem analogen Objekt verbunden waren. Ein einfacher Abruf genügt, um schlummernde Eindrücke zu wecken. Phänomene, die zunächst rein willkürlich zu sein scheinen, werden dann zu reinen Reflexen oder sind zumindest nicht mehr mit bewusstem Wollen verbunden. Ein Kind etwa wird durch beharrliches Bemühen fähig, willentlich zu laufen. Nach der Kindheit können diese Bewegungen aber auch gänzlich unbewusst ausgeführt werden. Auf dieselbe Weise können mentale Phänomene so vollständig unbewusst werden, dass man bestimmte Handlungen oft als rein instinktiv bezeichnet.
Man stimmt allgemein darin überein, dass es unbewusste mentale Aktivität geben kann, deren Ergebnis später bewusst wird. Geistige Entwicklung setzt einen aufnahmefähigen Zustand der Nervenzellen ebenso voraus wie ein aktives Mitarbeiten dieser Zellen bei den zur molekularen Entwicklung gehörenden Veränderungen. Reguliert wird dies gewissermaßen durch die Selektionsfähigkeit, die im Falle verschiedener Eindrücke eine Konzentration auf bestimmte Eindrücke bei gleichzeitigem Ausschließen anderer erlaubt, sowie durch die Zellenaktivität im Zusammenhang mit speziellen Eindrücken und durch die Fähigkeit, diese Eindrücke zu assoziieren. Jedes dieser Elemente hat eine physiologische Grundlage im Zentralen Nervensystem und kann durch Übung stabiler werden, denn die Gehirnentwicklung hängt weitestgehend von geeignetem Training ab. Das bedeutet, dass sich Individuen in Bezug auf die Grundbeschaffenheit ihres Nervensystems voneinander unterscheiden, was wiederum die Grundlage für graduell unterschiedliche Intelligenz und Entschlusskraft bildet. Allerdings basieren diese primär auf erblich Erworbenem, das zusammen mit dem System selbst von den Vorfahren weitergegeben wurde.
So erhält jeder durch die Geburt nicht nur einen Körper, sondern auch einen Geist – die Basis mentaler Eigenart und Entwicklung. Während der Mensch nun von diesem Anfangspunkt seiner geistigen Entwicklung ausgehend beginnt, wird diese Entwicklung hauptsächlich durch Umweltgegebenheiten und Erziehungsprozesse bestimmt. Die Willensstärke lässt sich ebenfalls durch Übung steigern, sodass die hemmende Kraft weitestgehend von denselben Erziehungseinflüssen abhängt. Das meinen wir, wenn wir vom Geist als einer Einheit sprechen, die aus bestimmten, die Stufe der mentalen Entwicklung kennzeichnenden Handlungsfunktionen besteht. Die Fähigkeit zu weiterer Entwicklung ist das Charakteristikum jedes normalen Geistes.
Methode
Da Physiologie und Psychologie wie gesagt miteinander verbunden sind, muss die Vorgehensweise auf zweierlei Art erfolgen. Physiologie ist dabei das Mittel zum Aufbauen der Wissenschaft von der Psyche. Mit anderen Worten: Es geht um Psychologie mit physiologischer Methode. Die ältere Definition von Psychologie bezieht sich auf die Wissenschaft von der menschlichen Seele. Manche drücken es noch spezifischer aus, indem sie die Seele auf den subjektiven Geist begrenzen, so wie es Erdmann allein dadurch tut, dass er behauptet, es handele sich um die Grundlage des spirituellen Lebens. Wir nehmen die Existenz einer metaphysischen Entität als gegeben an, obwohl wir keinerlei Möglichkeiten haben, sie nachzuweisen. Da wir erkennen, dass es schwierig ist, eine Wissenschaft, insbesondere eine neue, zu definieren, dürfen wir nicht den Fehler machen, eine ideale Definition zu akzeptieren und dann zu versuchen, die Tatsachen mit dieser Definition in Übereinstimmung zu bringen. Deshalb sollten wir Psychologie eher beschreiben als definieren – nämlich als jenen Wissenschaftszweig, der die Phänomene des menschlichen Bewusstseins anhand physiologischer Methoden aus psychophysiologischer Perspektive erforscht. Denn wir haben es hier mit Daten zu tun, die nicht definiert werden können: nämlich mit dem Bewusstsein und seinen Phänomene.
Wenn wir die Phänomene richtig verstehen, können wir sie mit den Fachbegriffen »psychische« oder »bewusste Zustände« bezeichnen. Da allein Erfahrung solche Phänomene entdecken kann, ist der Versuch, sie zu beschreiben, wie sie sind, und ihre Zusammenhänge, die Art und Weise ihres Entstehens und ihres Miteinanderverbundenseins aufzuzeigen, Gegenstand unserer gegenwärtigen Untersuchung. Phänomene implizieren selbstverständlich, dass hinter ihnen ein Urgrund steckt. Daher können wir sie nicht erforschen, ohne die Existenz eines empfindenden Wesens vorauszusetzen, das »ego« oder »ich« sagen kann. Worin aber besteht nun dieses Ego?
Rein theoretisch sagen wir, dass es sich um die Seele handelt, doch es existiert und empfindet praktisch im Körper. Für den Menschen ist nun wiederum reiner Materialismus unmöglich, denn für ihn gibt es nur eine einzig reale Welt: die Welt des Denkens. Das Denken und der Gedanke erschaffen ihre eigenen Umgebungen. Der Mensch baut sich seine objektiven Verhältnisse aus der subjektiven Perspektive auf, sodass die Materie, ob sie nun aus dem pflanzlichen oder tierischen Bereich stammt, nach dem Abbild der Seele und durch die Seelenkraft der Person selbst geformt wird. Durch diese konstruktive Kraft der Erfahrung baut der Mensch für sich selbst seine personale Identität auf, wobei die Erinnerung an dieses Gleichsetzen von Sein mit einer Person das verbindende Glied in seinen sich stets verändernden Lebenserfahrungen bildet. Dies führt den Menschen zu der Schlussfolgerung, dass es innen ein Subjekt geben muss, das allen Phänomenen des Bewusstseins zugrunde liegt. In diesem Licht betrachtet der Mensch seine Erfahrungen als sein eigenen, seine Verantwortlichkeit als seine eigene und nicht als die eines anderen, empfindet diese Identität oder dieses Selbstsein als zu ihm gehörend und setzt sie von Tag zu Tag fort. Das Wort Geist oder Seele wird daher als gleichbedeutend mit dem Subjekt bewusster Phänomene verwendet. Wir bevorzugen das Wort Geist, weil es in gewissem Sinn von den mit dem Begriff Seele verbundenen Vorurteilen frei ist und keine besonders kompromittierenden Bezüge auf das soziale oder religiöse Leben hat. Demnach ist physiologische Psychologie eine Wissenschaft, die den menschlichen Geist aus der Perspektive seiner physischen und psychologischen Zusammenhänge erforscht.
Physiologie als Wissenschaft beschäftigt sich mit jenen Funktionen des Lebens, die wir im physischen Organismus verkörpert finden. In der Psychologie haben wir es dagegen mit den Phänomenen des Bewusstseins zu tun, wie sie in Verbindung mit dem Nervensystem und den körperlichen Bewegungen und Vorgängen auftreten. Daher müssen wir uns mit Relationen und Korrelationen befassen, die zwischen der Struktur und den Funktionen des Nervensystems und des Körpermechanismus sowie den Phänomenen des Bewusstseins bestehen. Das Nervensystem wird als Mechanismus betrachtet, der enge Beziehungen zum gesamten Körpersystem hat und es über diese Beziehungen steuert. Die Psychologie betrachtet die Physiologie des Nervenmechanismus in seinem Ursprung und seiner Struktur, bestehend aus materiellen Teilchen, die einer mit benachbarten Teilchen zusammenhängenden inneren Stimulation, aber auch einer mit externen Formen zusammenhängenden äußeren Stimulation unterworfen sind. Folglich konstituiert das Agieren und Interagieren der Moleküle die lebende Substanz und stellt bestimmte Beziehungen und Einflüsse dar – und zwar nicht nur physiologische Funktionen, sondern auch psychische Phänomene.
Was die Methode anbelangt, haben wir bereits festgestellt, dass sie zweifach sein muss. Beim Verbinden zweier Wissenschaften müssen beide wissenschaftlichen Methoden übernommen werden. Die einzige Methode, die sich in Bezug auf das Bewusstsein und dessen Phänomene anwenden lässt, ist Selbstbeobachtung. Beobachtung und Experiment stellen dagegen die geeignete physiologische Methode dar, um sich mit Struktur, Funktionen und Entwicklung zu befassen. Da es sich um zwei Reihen von Tatsachen handelt, müssen beide Methoden befolgt werden. Das einzig [brauchbare] wissenschaftliche Verfahren zum Aufbauen einer Wissenschaft setzt bei einzelnen Fakten an oder verwendet die induktive Methode. Daher müssen wir
(1) die mit dem Bewusstsein verbundenen Phänomene entdecken und erörtern,
(2) versuchen, sie in bestimmte Beziehungen und Zusammenhänge zu bringen, um die Gesetze herauszufinden, die das Hervorbringen von Phänomen steuern, und
(3) von den Phänomenen und den Prinzipien, die deren Beziehungen regeln, emporsteigen zum Wesen des denkenden Subjekts, das den Phänomenen zugrunde liegt.
Hier ist die Methode deshalb zweifach, weil es zwei Reihen von Phänomenen gibt und weil die Gesetze, die diese beiden Reihen bestimmen, verschiedener Ordnung sind oder zumindest im Physischen und im Psychischen unterschiedlich angewendet werden müssen. Die eine Ordnung unterliegt den Zwängen materieller Gegebenheiten, während die andere von einem freien Geist bestimmt ist. Nicht Beziehungen, sondern Wechselbeziehungen zwischen den beiden Ordnungen der Phänomene sind es, die wir hier herstellen müssen, indem wir sie zusammenbringen und enthüllen, worin das Geheimnis harmonischer Korrelation zwischen dem Physischen und dem Psychischen liegt. Gelingt uns das, dann haben wir eine psychophysische Basis, um den Geist darauf zu stützen, und einen psychophysischen Standpunkt, von dem aus wir sein Wesen, seinen Ursprung, seine Bestimmung sowie seine Ansprüche auf permanente Existenz erörtern können.
Da Wissenschaft aus Wissen besteht und eine wissenschaftliche Methode das rationalste Mittel zum Erwerben dieses Wissens ist, kann nichts geheim oder mysteriös bleiben. Juvenal sagte: »Aus dem Himmel erhielten wir das Gebot: Erkenne dich selbst!« Bewusstsein und bewusste Methoden werden vernünftig eingesetzt, um die grundlegenden Tatsachen bewussten Lebens zu finden, diese Tatsachen in ihre Faktoren aufzulösen, ihre Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen ebenso nachzuverfolgen wie ihre Zusammenhänge und dabei nie aus dem Auge zu verlieren, dass der Mensch eine lebendige Einheit darstellt. Der Mensch ist kein verkörperter Geist (spirit) oder ein geistloser Mechanismus materieller Teilchen. Die Methode der Introspektion ins Bewusstsein bedeutet, »in den eigenen Geist schauen«. Herbart hat gegen diese Methode eingewendet, dass beim Anschauen dieser Phänomene die Tatsachen aus ihren unverzichtbaren Zusammenhängen gerissen und zu Abstraktionen werden. Comte zufolge ist der Geist sowohl beobachtendes Subjekt als auch beobachtetes Objekt. Beides tendiert dazu, das jeweils andere aufzuheben, denn das Beobachten der eigenen Aktivität muss aufhören – und damit löscht man aus, was man beobachten möchte. Dabei wird jedoch vergessen, dass in der modernen Psychologie das Nervensystem die Bedingung und das Medium für mentale Aktivität darstellt, sodass wir beim Beobachten von Phänomenen beobachten, wie sich das mentale Leben selbst ausdrückt oder wie die mentalen Phänomene »sich auf die allgemeineren Offenbarungen des physischen Lebens aufpfropfen«. Selbstbeobachtung (Introspektion) führt einen Irrtum in die Beobachtung ein, doch dies ist bei allen Beobachtungen der Fall. Will ich meine Beobachtung auf eine Tatsache konzentrieren, muss ich diese aus ihren notwendigen Zusammenhängen herausholen und beobachte sie dann abstrahiert. Das gilt für jede Beobachtung.
Gehirn und Geist sind nicht genau identisch. Geistige Phänomene und das Gehirn, oder zumindest neuronale Veränderungen, können zwar korrelativ sein, ein Gedanke ist jedoch nicht erklärbar durch simples Analysieren des Gehirns oder der Nervenveränderungen, die ihn begleiten. Wir können Geisteszustände niemals in Gehirnzustände auflösen, so eng auch die Beziehungen zwischen ihnen sein mögen. Mit anderen Worten: Gehirnfunktionen können zwar mit geistigen Vorgängen korrespondieren, lassen sich aber nicht mit ihnen gleichsetzen. Wir finden also einen psychophysischen Parallelismus vor. »Mentales Leben ist eine Kette von Ereignissen, parallel zu einer Kette physischer Ereignisse.« Manche behaupten, die mentalen Phänomene seien zu kompliziert, um eine Parallele im neuronalen Mechanismus zu finden. Sofern dieser Parallelismus überhaupt irgendeinen Wert hat, muss er vollständig sein. Und er muss in der Entwicklung beider vollständig sein – vom Anfang bis zum Ende. Handelt es sich um psychische Prozesse, die nicht von physischen Prozessen abhängen oder korrelativ zu ihnen sind, dann gehören sie in den metaphysischen Bereich. Wir jedenfalls vertreten beim Betrachten des Geistes den Standpunkt, dass er eine physische Grundlage besitzt, weil es für uns ohne eine derartige Grundlage gar keine Bewusstseinsphänomene gäbe.
Bewusstsein
Bevor wir das Thema in seinen Hauptzügen erörtern, müssen wir als Vorbereitung zunächst das Bewusstsein studieren. In dem durch Phänomene gekennzeichneten Bewusstseinsstrom gibt es die Einheit des Geistes. Diese Einheit darf allerdings nicht zu weit getrieben werden. Jedes mentale Phänomen ist gleichzeitig mit drei mentalen Prozessen verbunden: dem Intellekt, dem Gefühl und der Konation.12 Sie bilden die Basis der dreifach differenzierten Einheit des mentalen Wesens. Weil sie die elementaren psychischen Aktivitäten darstellen, müssen sie jeder mentalen Aktivität zugrunde liegen. Komplexere Prozesse sind schlicht das Ergebnis einer Kombination dieser drei elementaren Prozesse unter dem Einfluss der Entwicklung. Da es sich so verhält, muss es irgendeinen allgemeinen, auf alle Phänomene anwendbaren Begriff geben. Wir nennen sie deshalb Bewusstseinsphänomene.
Bewusstsein lässt sich kaum definieren. Auf das mentale Leben bezogen ist es unmöglich, Unbewusstheit zu erfassen, weil es sich vom psychischen Standpunkt aus gesehen um eine negative13 Idee handelt. Vollständige Unbewusstheit wäre die Abwesenheit mentaler Zustände oder Prozesse. Möglicherweise ist der Geist zu bestimmten metaphysischen Prozessen fähig, die das Bewusstsein übersteigen. Doch solche Zustände sind dann jenseits der psychischen Phänomene. Unbewusstheit ist also aus der psychischen Perspektive völlig negativ. Das mentale Leben wird als Bewusstseinsstrombegriffen. Mit anderen Worten: Das Leben des Geistes hat keine Trennpunkte, die bestimmte Grenzen markieren, wie es bei Objekten im Raum der Fall ist. Zudem lassen sich im mentalen Leben, soweit es die Prozesse anbelangt, keine Trennlinien zwischen den einzelnen Phasen festlegen. Das Leben ist kontinuierlich, ohne irgendwelche völligen Brüche zwischen den mentalen Prozessen. Auch kann man Bewusstsein nicht als etwas betrachten, das sich immer einfach in einem passiven Zustand befindet, denn auch beim simpelsten mentalen Zustand handelt es sich um einen aktiven Vorgang. Die verschiedenen mentalen Prozesse müssen selbst der mentalen Aktivität unterworfen werden, bevor sie erkannt werden können. Ein unerkannter Zustand hat keine psychische Bedeutung. So stellt etwa ein Stich mit einer Nadel, der nicht als solcher unterschieden wird, ein physiologisches, kein psychologisches Problem dar. Ladd hat Bewusstsein definiert als »synonym mit einem psychischen Zustand, der als inhaltlich unterschieden betrachtet wird – wie schwach auch immer – und mit dem Strom des mentalen Lebens verbunden ist – wie unvollkommen auch immer.« Die Phänomene des Bewusstseins stellen mentale Aktivitäten dar. Bewusst zu sein bedeutet, sich dieser psychischen Aktivität bewusst zu sein, wobei Bewusstsein als »eine Form des Funktionierens« betrachtet wird. Das Analysieren mentaler Zustände impliziert eine Differenzierungsfähigkeit des Bewusstseins. Bewusste Zustände zu unterscheiden, schließt wiederum die Aktivität des Geistes ein, der seinerseits selbst Bewusstsein ist. Bewusstsein ist folglich das Erkennen mentaler Aktivität aus der Sicht psychischer Einheit bezogen auf die bewussten Zustände. Manche setzen dies mit Selbst-Bewusstsein14 gleich – also mit »der Kraft, durch die die Seele ihre eigenen Taten und Zustände kennt.« (Porter).
Gegen diese Theorie tragen die deutschen Psychologen Bedenken vor, weil sie meinen, dass nicht jedes psychische Phänomen dieses Selbstwissen einschließt. Beide Sichtweisen sind extrem. Denn da alle psychischen Phänomene mit dem Bewusstsein verbunden sind, kann es ohne ein mehr oder weniger klares Selbst-Bewusstsein kein Wissen von ihnen geben. Selbst-Bewusstsein entsteht immer dann, wenn das Subjekt erkennt, dass die psychischen Zustände aufeinander und auf Bewusstsein bezogen sind. Bewusstsein umfasst die physiologische Basis, die man im Nervenmechanismus findet, bestehend aus dem Zentralen Nervensystem, den Nervenbahnen und den Endorganen. Davon hängt in einem gesunden Zustand, der auf angemessener Ernährung des Gehirns und der Nervenbahnen beruht, die funktionelle Aktivität des bewussten Lebens ab. Bewusstsein ist nicht jeweils auf eine einzelne Tatsache begrenzt, weil es ständig eine Gruppe von Tatsachen oder Objekten enthält. Was seine Intensität anbelangt, variiert Bewusstsein bei verschiedenen Individuen beachtlich. Das gilt auch für die Geschwindigkeit der mentalen Prozesse, die nur im Licht bewusster Evolution verstanden werden können. Beim Kind etwa gibt es kein derartiges Bewusstsein von sich selbst und von Tatsachen oder Objekten, wie wir es beim Erwachsenen feststellen. Zwar ist der Geist auf beiden Stufen unzweifelhaft derselbe, doch im Zuge der Entwicklung hat sich das Unterscheidungsvermögen dank der mentalen Aktivität in Vergleich und Gegensatz zu einer solchen Exaktheit verfeinert, dass das bewusste Wissen erheblich erweitert worden ist. Bewusst zu sein heißt also, ein mentales Leben zu leben, wobei sich dieses mentale Leben mit der zunehmenden Vervollkommnung der mentalen Funktionen entwickelt. In dieser psychischen Entwicklung kennzeichnet das Unterscheiden zwischen »Ich« und »Nicht-Ich« das prinzipielle Charakteristikum der Evolution, ergänzt durch Vergleich und Kontrast. Wird dieser Bereich des Bewusstseins differenziert und im Bewusstsein vom bewussten Subjekt getrennt, erreicht der Geist jenes höhere Bewusstsein, das für den erwachsenen Zustand charakteristisch ist. Wir müssen uns daran erinnern, dass das Bewusstsein durch seine gesamte Geschichte hindurch »nicht weiterexistiert, wenn die Prozesse, derer wir uns bewusst sind, vergangen sind. Es verändert sich ständig mit ihren Veränderungen und lässt sich nicht von ihnen unterscheiden« (Wundt).
Teil I:
Die physiologische Grundlage der mentalen Phänomene im Nervensystem
Thomas Brown stellt fest: »Das Wahrnehmende ist genauso Teil der Natur wie die wahrgenommenen Objekte, die auf es wirken. Und als Teil der Natur ist es selbst ein Objekt rein physikalischer Erforschung.« Das scheint sich ganz von Schellings Auffassung zu unterscheiden, der Leben als »Prinzip der Individuation« definiert, und ist dennoch nicht unvereinbar mit ihr. Denn wo immer es im Nervenmechanismus Ganglienzellen gibt, finden wir die Grundlage jener Individuation, die den krönenden Höhepunkt des menschlichen Lebens darstellt. Ziehen schreibt in der Einleitung zu seinem Werk Physiologische Psychologie, er akzeptiere fürs Erste die Antithese materieller und psychischer Phänomene in der Hoffnung, später eine Brücke zu entdecken, die die Kluft zwischen den beiden Gegensätzen überspannt. Für uns macht es keinen Unterschied, ob alle psychischen Phänomene mit begleitenden materiellen Prozessen einhergehen oder nicht. Aus unserer physiologischen Sicht kann es jedenfalls keine psychischen Prozesse ohne begleitende neuronale Prozesse geben – denn gäbe es sie, würden sie in den Bereich der Metaphysik gehören. Es existiert eine hinreichende Grundlage für psychische Aktivität im physiologischen Organismus.
Die Evolutionstheorie hat zwei neue Perspektiven entwickelt, aus denen der Organismus zu betrachten ist. Jede wirklich biologische Anschauung muss mit zwei Arten von Anpassung übereinstimmen: (a) »der des Organismus an seine Umwelt« und (b) »der von Organen an Funktionen« (Comte). Wir betrachten jetzt die zweite Anpassung. Die Anpassung des Organismus in der Entwicklung des Nervenmechanismus werden wir später erörtern. Mit zunehmendem Komplexerwerden des Organismus vervollkommnet sich die Spezialisierung der Funktionen. So zeigen z. B. Experimente, dass die kortikalen Zentren voneinander getrennt sind. Und diese Trennung hat ihre Basis in der Gehirnsubstanz.
Der menschliche Körper besteht wie jener der höheren Tiere aus zwei Teilen:
(1) dem Mechanismus des organischen Lebens, der mit dem Blut und mit allem, was das Körpergewebe aufbaut, verbunden ist, wobei das Blut im Kreislauf gehalten und gereinigt wird;
(2) dem Mechanismus des animalischen Lebens, wozu die Muskulatur, das Nervensystem und die Sinnesorgane gehören.
Beide Mechanismen sind wesentlich für die Vollständigkeit des menschlichen Organismus und beide werden eigentlich vom Nervensystem gesteuert, das durch Blut, Atmung, Ernährung und Sekretion seine Stärke zeigt. Bei allen höheren Tieren stellt der Nervenmechanismus das Instrument aller psychischen oder physischen Funktionen des animalischen Lebens dar. Wo immer wir ein bestimmtes Nervensystem vorfinden, finden wir zwei elementare Strukturteile, bestehend aus Nervenstämmen, die sich in verschiedene Teile des Körpers erstrecken, und aus Ganglien, die gelegentlich in kleinen Knoten entlang des Stamms und in anderen Teilen als große zentrale Zellenansammlungen auftreten. Letztere werden durch das Gehirn und das Rückenmark repräsentiert, Erstere durch die Nervenfasern. Im Unterschied zu den Pflanzen besitzen alle Tierarten – mit Ausnahme einiger der allerniedrigsten – ein Nervensystem. Das animalische System stellt einen materiellen Mechanismus dar, dazu entworfen, einen Zweck zu erfüllen. Nervengewebe ist charakteristisch für animalisches Leben. Das Nervengewebe und seine funktionelle Aktivität ähneln sehr stark der Kontraktilität im Muskelgewebe. Es ist – zumindest im Fall der Motoneuronen – durch Endplatten eng mit den Muskeln verbunden. Dennoch gibt es wesentliche Unterschiede zwischen Muskel- und Nervengewebe, denn das Nervengewebe hat, vor allem in Bezug auf das Zentrale Nervensystem, auf das Gehirn und das Rückenmark, ganz eigene Funktionen. Die erste große Funktion des Nervensystems besteht in der harmonischen Vereinigung verschiedener physischer wie psychophysischer Elemente. Ungeachtet ihrer Entfernung voneinander funktionieren die verschiedenen Teile des Systems aufgrund des Nervensystems abhängig und korrelativ. Ebenso ist der gesamte Körpermechanismus mit der Außenwelt verbunden. Mentale Entwicklung ist durch neuronale Gegebenheiten bedingt und unsere Sinnesempfindungen entstehen alle aus dem Nervensystem, durch das wir auch äußere Dinge wahrnehmen. Blutkreislauf, Atmung und alle anderen Körperfunktionen funktionieren durch das Nervensystem. Trifft den Körper ein kalter Zug, nehmen die Nervenzellen ihn auf und transportieren Impulse, die Herz und Lungen verändern und muskuläre Kontraktionen hervorrufen. Auch die Körpersekrete verändern sich und sogar die psychische Balance kann gestört werden. Dies alles vollbringt der Nervenmechanismus mit seinen Endorganen, leitenden Nervenzellen und -zentren. Das Sehen eines Objektes hat bestimmte Gedanken zur Folge, die ihrerseits Muskelaktivität erzeugen, durch die wiederum sämtliche physiologischen Aktivitäten und Beziehungen des Körpers verändert werden.
Nervenmechanismus
Wenn wir den Begriff Nervenmechanismus zur Beschreibung der physiologischen Basis mentaler Phänomene verwenden, müssen wir zunächst die primären Elemente des Nervensystems untersuchen, und zwar
(1) in Bezug auf ihre Struktur, Beschaffenheit und Form und
(2) in Bezug auf ihre Funktionen.
Die notwendige strukturelle und funktionelle Basis liefern uns Histologie, Anatomie und Physiologie. Mit ihnen müssen wir beginnen, weil sie das Fundament bilden, auf der die Psychologie aufbaut. Bauen wir ihnen keinen festen Sockel, wird unsere Psychologie ein Luftschloss sein. Der Mensch unterscheidet sich von den Tieren nur in der Entwicklung und dem erweiterten Wirkungsbereich der Nervensystemfunktionen. Wir werden diese Entwicklung, was den Organismus und die Organe in Bezug auf die Anpassung an ihre Funktionen anbelangt, später betrachten, nachdem wir uns mit der grundlegenden Basis in der gegenwärtigen Chemie, Anatomie und Physiologie des Nervensystems beschäftigt haben.
Chemisch wurde das Nervensystem bisher noch nicht verstanden, weil die lebenden Elemente im lebendigen Zustand nicht der Analyse unterworfen werden können. Zahlreiche chemische Substanzen repräsentieren Produkte des Lebens, die sich beim Eintreten des Todes nicht mehr als existent oder zumindest nicht mehr als in der lebenden Form existent bezeichnen lassen. Zudem macht es der komplexe und instabile Charakter der mit dem Nervensystem verknüpften Verbindungen noch schwieriger, den Nervenmechanismus chemisch zu analysieren. Zweifellos finden jedoch bei jeder mentalen Veränderung korrelative Veränderungen im Nervensubstrat statt, sodass alle mentalen Phänomene in Verbindung mit irgendeiner materiellen oder vitalen Veränderung in den Nervenelementen erscheinen. Es steht fest, dass chemische Veränderungen eine wichtige Rolle im Nervenmechanismus spielen. Und in Bezug auf das Nervengewebe wissen wir zumindest so viel, dass es hochkomplexe Bestandteile enthält, die sich leicht zersetzen. Die Elemente bestehen weitestgehend aus Kohlenstoff und Wasserstoff, die einen hohen Verbrennungswert besitzen. Wir kennen zwar nicht den Weg der Synthese, doch wir wissen, dass es im Zusammenhang mit dem Nervengewebe eine solche Synthese gibt. Die vom Blut gelieferte Nahrung bildet eine sehr instabile Kombination an Eiweißverbindungen mit hohem energetischem Wert, der bei ihrer Zersetzung als potenzielle Energie an die Nervensubstanz abgegeben wird. Darin finden wir das, was Coleridge »die innersten Prinzipien seiner Fähigkeit als eine Dampfmaschine« genannt hat. Nervengewebe sind weiß oder fibrös und grau oder vesikulär und differieren in ihrem spezifischen Gewicht. Dainlewski zufolge variiert das spezifische Gewicht der grauen Substanz von 1029 bis 1039, das der weißen von 1039 bis 1043. Der Gewichtsunterschied beruht auf den unterschiedlichen Anteilen an Wasser und festen Bestandteilen. Im Gehirn eines Fötus schwankt der Wassergehalt zwischen 89 und 92 %, Wasser, im Gehirn eines Erwachsenen zwischen 69 und 84 %. Die weiße Substanz enthält etwa 69 %, die graue ungefähr 83 % Wasser. Variationen dieser relativen Beträge lassen sich in den verschiedenen Bereichen des Gehirns und des Rückenmarks feststellen, wobei die lumbale Region des Marks einen größeren Wasseranteil aufweist als die zervikale Region. Bei den Nervenzentren stellen wir fest, dass mehr als 50 % der Feststoffe in der grauen Substanz und ungefähr 25 % der Feststoffe in der weißen Substanz aus eiweißhaltiger Materie bestehen. Solche eiweißhaltigen Zusammensetzungen kommen stets in Verbindung mit den aktiven lebenden Zellen vor, obgleich wir die Beschaffenheit dieser Substanzen nicht kennen. Zusätzlich entdecken wir Cholesterin, Neurokeratin, Zerebrin und Lezithin. Das Cholesterin stellt eine alkoholische Substanz dar, die sich insbesondere in der weißen Substanz der Nervenzellen und der Axis cerebrospinalis feststellen lässt. Das Neurokeratin findet sich in der grauen Substanz der Nervenzentren und in Verbindung mit den myelinisierten, nicht aber mit den nicht-myelinisierten Nervenfasern. Zerebrin ist eine phosphorfreie Substanz, ausgefällt aus in Bariumwasser gekochter Gehirnsubstanz. Man hat angenommen, dass diese Substanzen zusammen mit phosphorhaltigen Fetten aus dem Abbau von Protagon stammen. Diese phosphorhaltigen Fette scheinen mit dem Nervenaufbau zusammenzuhängen. Man findet solche phosphorhaltigen Zusammensetzungen vor allem bei den Nervenzentren, wobei Protagon und Lezithin die Hauptsubstanzen sind. Protagon wurde 1865 von Liebreich entdeckt und so bezeichnet, weil er es für den ersten festgestellten Bestandteil der Hirnsubstanz hielt. Es ist bislang tatsächlich die einzig bekannte phosphorhaltige Verbindung im Gehirn und die einzige chemische Substanz, deren Vorhandensein im Gehirn aufgezeigt werden kann und die Grundlage für physiologische und psychologische Funktionen bildet. Daher betrachtet man Protagon als eines der unmittelbaren Bestandteile des Gehirns. Lezithin bezeichnet eine organische phosphorhaltige Verbindung, die in großen Anteilen im Nervengewebe vorkommt und einen höheren Phosphoranteil besitzt als Protagon. Im Zusammenhang mit dem Abbau von Protagon oder Lezithin entdecken wir Neurin, das Endprodukt von Veränderungen im Gehirn, und im Zusammenhang mit funktioneller Aktivität stellen wir bestimmte Stoffwechselprozesse fest, bei denen es zur Produktion von Milch-, Kreatin- und Harnsäure, Xanthin sowie Ameisen- und Essigsäure kommt. Sie entstehen wie bei einem Muskel in Verbindung mit funktioneller Aktivität, sodass es bei einem Gedankenablauf zu einer Veränderung in der organischen Substanz kommt, die sich auch in energetischen Abbauprozessen beim Denkvorgang zeigt. Die Endprodukte neuronaler Aktivitäten entsprechen einander. Ähnlich ist die Reaktion des Gehirns im Ruhezustand neutral, wird aber während großer Aktivität wie auch unter dem Einfluss von Fäulnisveränderungen nach dem Tod deutlich azide. Im Zusammenhang mit mentaler Aktivität, die mit Gehirnaktivität verbunden ist, kommt es zu einem Nervenzerfall, bei dem Phosphor in Form von Phosphaten über den Urin ausgeschieden wird.
Die Zellkörper sind weitestgehend protoplasmatisch und deshalb sehr reich an eiweißhaltigen Substanzen. Die graue Substanz ist durch weniger phosphorhaltige Verbindungen gekennzeichnet. Schwann’sche weiße Substanz ist sehr reich an phosphorhaltigen Verbindungen und Cholesterin. Über die Beziehung zwischen der chemischen Zusammensetzung des Nervensystems und den Nervenfunktionen und vor allem den mentalen Phänomenen ist nahezu nichts bekannt. Und doch zeigen die äußerst feine Organisation dieses Systems und seine empfindliche Struktur, dass es spezifisch an seine besondere Art von Arbeit angepasst ist. Chemisch gesehen besteht das Nervensystem aus einer Anzahl komplexer, instabiler Verbindungen, die zeigen, dass es eine große Energiekapazität besitzt und reichlich Energie abgibt, sobald die molekularen Bewegungen erregt werden. Sehr leicht durchlaufen diese Substanzen chemische Veränderungen im Zusammenhang mit der Sauerstoffversorgung. Nervenfasern benötigen nur wenig Sauerstoff, Nervenzentren dagegen viel, denn der Sauerstoff ist für die starken molekularen Veränderungen erforderlich, die im Zellinneren stattfinden. Auf diese Weise hängt die Aktivität der Gehirnzellen von der Sauerstoffversorgung ab und bedingt eine starke Vaskularisierung des Zentralen Nervensystems, die dessen große, auf reichhaltigem Sauerstoffangebot basierende Aktivität belegt.
Die Phänomene des Bewusstseins hängen also von der Chemie des Gehirns ab oder vom Sauerstoff, der dem Gehirn in Verbindung mit dem Respirationszentrum in der Medulla, dem vasomotorischen Zentrum und den höheren Gehirnzentren geliefert wird. Sobald wir mehr über die bewussten Sinnesempfindungen wissen, entdecken wir dahinter und als Grundlage all dieser Sinnesempfindungen weitere chemische Phänomene. Was unser Farbempfinden anbelangt, stellen wir fest, dass Farbe etwas Subjektives ist. Die für Farbe zuständigen Fasern sind aller Wahrscheinlichkeit nach mit bestimmten chemischen Prozessen verbunden, die im Zusammenhang mit dem Sehsinn in der Retina stattfinden. Hinsichtlich der Beziehung dieser Prozesse zu den konstanten Phänomenen können wir keine Verbindungen zwischen den rein chemischen Veränderungen und den psychischen Phänomenen ausmachen. Geist repräsentiert nicht die Stoffe, die als Abfall ausgeschieden werden, sondern die Energie, die in Verbindung mit der Bildung dieser Produkte der Nervenaktivität entfacht wird. Sobald eine Funktion aktiv ist, findet ein Verbrauch an Materie statt. Ob die verbrauchte Materie direkt durch das Blut geliefert wird oder ein Teil der Zellsubstanz ist, lässt sich nicht genau feststellen. Allerdings scheint es so, dass die Zellsubstanz in gewisser Weise aufgebraucht wird, denn Aktivität führt zu Erschöpfung, und wo Aktivität in Form von Funktion stattfindet, kommt es zu einer Festlegung der Zellsubstanz, die die Basis für die zukünftige Ausführung derselben Funktion bildet. Die im Gehirn vorhandenen großen Mengen an Lezithin, Protagon usf. scheinen darauf hinzuweisen, dass diese Substanzen nicht einfach mit dem Blutstrom dorthin transportiert werden, sondern mit den aktuellen Zerfallsprozessen innerhalb der Nervenzellen im Gehirn zusammenhängen. Es mag einen beständigen strukturellen Teil in der Zelle geben, sicherlich existieren aber eine Anzahl instabiler Verbindungen, die im Verlauf der Gehirnprozesse ständig zersetzt und wieder aufgebaut werden. Das aus dem Blut in die Zelle Integrierte wird Teil der Zellsubstanz und beim teilweisen Abgeben der Substanz im Zuge der Zellaktivität werden die chemischen Verbindungen aufgespalten.
Was die Struktur des Nervensystems anbelangt, wirft die Anatomie viel Licht auf die Psychologie. Man unterstellt allgemein, dass die Nervenfasern und Ganglien das Nervensystem repräsentieren, übersieht dabei jedoch die Tatsache, dass die aus den Gliazellen gebildete Neuroglia – die eigentlich kein Bindegewebe, sondern in gewisser Weise Nervengewebe repäsentiert – einen beachtlichen Einfluss auf die Nervenfunktion ausüben kann. Henle zufolge unterscheidet sie sich vom Bindegewebe durch ihre chemischen Eigenschaften und hat so gesehen eine wichtige chemische Beziehung zur Nervenaktivität. Die Nervenfasern stellen Impulsbahnen dar. Die Nervenzellen umfassen:
(1) Ganglionzellen, die unregelmäßige Massen an Protoplasma mit einem Nukleus und mehreren Nukleoli mit einem oder mehreren Fortsätzen bilden,
(2) unregelmäßig geformte korpuskuläre Körper, die entweder nur aus Nuklei oder aus Nuklei mit einen geringen Protoplasma-Anteil bestehen und vermutlich sich entwickelnde Ganglionzellen darstellen,
(3) Neuroglia aus granulärer Materie, welche die Zwischenräume zwischen den Fasern und Zellkörpern füllt.
(1) und (2) stellen Nervenzellen dar, die Neuroglia das Stützgewebe.
Es gibt zwei Arten von Nervenfasern: weißlich myelinisierte, die zum Zentralen Nervensysten gehören und deshalb für die Psychologie von Interesse sind, und die nicht-myelinisierten, grauen, die hauptsächlich im Vegetativen Nervensystem vorkommen und als Bindeglied zwischen Emotionen und physiologischen Zuständen unsere Aufmerksamkeit erwecken.
Bei den myelinisierten Fasern finden wir die primitive Schwann’sche Scheide bzw. die äußere Membran mit Nukleoli, die weiße Schwann’sche Substanz, eine im lebendigen Zustand halbflüssige innere Schicht granulärer weißer Materie, und den Achsenzylinder, ein zylinderähnliches Band aus eiweißhaltiger fibriler Substanz. Man nimmt an, dass er die eigentliche Nervenstruktur bildet, da viele Nervenzellen nur aus dem Achsenzylinder bestehen, wenn man der Hülle hauptsächlich Schutz- und Ernährungsfunktion zuschreibt. Die nicht-myelinisierten Fasern besitzen keine Myelinhülle, sind wie gesagt grau und weisen auf ihrer Oberfläche in bestimmten Abständen flache Nukleoli auf. Die Größe der Nervenfasern im Körper variiert, wobei die nicht-myelinisierten im Allgemeinen kleiner als die myelinisierten Fasern sind. Ebenso schwankt die Anzahl der Nervenfasern innerhalb einer Nervenbahn: Man hat bei einem gewöhnlichen motorischen Nerv 5.000, aber auch schon 10.000 unterschieden.
Nach den Nervenfasern betrachten wir nun die Nervenzellen, die gewisse allgemeine Charakteristika aufweisen, obgleich sie beachtlich variieren. Sie stellen unregelmäßige protoplasmische Massen mit einem genau definierten Kern und einem oder mehreren Fortsätzen dar. In der grauen Substanz des Gehirns und des Rückenmarks sind sie in die Neuroglia eingebettet, in anderen Teilen des Nervensystems wie etwa den Ganglien sind sie mit Bindegewebe verbunden. Wir können bei der Zelle Folgendes unterscheiden:
(1) eine fibrillenartig geformte Hülle, die die Fibrillen des Achsenzylinders fortsetzt;
(2) eine feine graue granuläre Masse Protoplasma mit einem Nukleus, der einen oder mehrere Nukleoli enthält.
Nervenzellen können, je nach den sich verzweigenden Fortsätzen bestimmt in Größe, Form und Verzweigungsart (uni-, bi- oder multipolar), stark variieren. Die Form charakterisiert verschiedene Anteile des Nervensystems. Beispielsweise sind die motorischen Zellen groß, unregelmäßige Zellen gibt es in den Vorderhörnern der grauen Substanz des Rückenmarks, pyramidenförmige im Cortex cerebri und eiförmige in der grauen Substanz des Zerebellums. Ranvier versuchte, Ganglienzellen als primitiven Typ der Nervenzelle zu klassifizieren. Man sagt, dass all diese Zellen Fortsätze besitzen und dass er diese als einfache, hauptsächlich aus Nervenzellensubstanz bestehende Ausläufer der Zellkörper betrachtete, wobei die Ausläufer eine Brücke zwischen den verschiedenen Zellkörpern und zwischen ihnen und den Muskelfasern in den Endorganen bilden. Dendriten repräsentieren demnach lediglich Verlängerungen der Zellkörper – eine Annahme, zu der man inzwischen mehr neigt als früher. Man vermutet, dass einer dieser Zellfortsätze in irgendeiner Form eine Weiterführung der Dendriten in Verbindung mit dem Achsenzylinder ist und das Axon bildet.
So weit zu den beiden Grundelementen des Nervensystems. Jetzt müssen wir uns ansehen, welche Funktionen sie ausführen können. Das ist wichtig, stellen diese Funktionen doch die zugrunde liegenden Bausteine in der Physiologie und Psychologie des menschlichen Systems dar – nämlich die zu Nervenbahnen gesammelten Nervenfasern und die zu Ganglien gesammelten Nervenzellen. Diese Kombinationen liefern die gesamte neuronale Basis der psychischen Phänomene und ähneln sich in bestimmten allgemeinen Funktionen. Nervenfasern und Nervenzellen stimmen in ihrer molekularen Aktivität überein, die sich zur muskulären Aktivität klar abgrenzt. Ist diese Aktivität vorhanden, kann sie von beiden innerhalb der neuronalen Struktur von Ort zu Ort übertragen werden. Mit anderen Worten: Nervenfasern und Zellkörper sind reizbar und leitfähig – Eigenschaften, die das Nervensystem auszeichnen. Das ist die primäre Funktion beider Nervenelemente und bildet die Grundlage jeder Nervenaktivität. Sie umfasst Entstehung, Übertragung, Veränderung und Verteilung des Nervenimpulses. Dass der höchste und vollkommenste Ausdruck neuronaler Aktivität das Hervorbringen und Leiten psychischer Einflüsse ist, stimmt nicht, denn wir haben es mit der physiologischen Basis in einer materiellen Nervenstruktur zu tun, die aus bestimmten Molekülen besonderer Art besteht und sich durch neuronale Erregung und Leitung als charakteristische Funktion der Nervenstruktur auszeichnet. Zwei verschiedene Teile bilden hier demnach eine einzige Funktion: Erregbarkeit und Leitungsfähigkeit.
Obgleich mit den Teilen der Nervensystems Phänomene verbunden sind, werden diese nicht selbstverursachend oder spontan generiert. Bestimmte Stimuli außerhalb oder innerhalb des Nervensystems – etwa Veränderungen im Blut aufgrund des Fehlens oder Vorhandenseins von Sauerstoff und Kohlendioxid – lassen eine neuronale Erregung an einem beliebigen Punkt im Nervensystem entstehen. Reagiert eine Nervenzelle auf externe Stimulation, sagt man, sie zeigt Irritabilität. Ruft dagegen die Stimulation keine weitere Reaktion hervor, sagt man, sie hat ihre Irritabilität verloren. Ist der Stimulus intern auf die neuronale molekulare Verbindung bezogen, spricht man von einem erregten Nervensystem.
Sind gewisse Elemente des Nervensystems miteinander verbunden, verändert sich ihre innere Erregbarkeit und äußere Irritierbarkeit und bewirkt Funktionsveränderungen. Die Nervenzellen fungieren als Leitungen und die Endorgane oder die zentralen Organe führen korrelierende Funktionen aus. Im Zentralen Nervensystem werden viele Zellen nur durch andere Nervenzellen stimuliert. Stimuli von außen können auf ein Endorgan ausgeübt werden, wobei eine Irritation hervorgerufen wird, die mit der Beschaffenheit und Funktion des Organs am Ende der Nervenbahn übereinstimmt. Die afferenten Nervenzellen werden von diesen Endorganen stimuliert und übertragen die Stimulation zum Zentralen Nervensystem. Dagegen leiten efferente Nervenzellen den Impuls an bestimmte Muskeln, Drüsen usf. weiter, sobald sie von zentralen Organen erregt werden.
Während die Nervenfasern die Aufgabe haben, zu leiten, ist jene der Zellkörper nicht so einfach zu beschreiben, weil diese
(1) sowohl Impulsleiter sind und zugleich
(2) als Empfänger, Wandler und Verteiler der Impulse fungieren.
Die Hauptfunktion einer Nervenzelle besteht im Weiterleiten der Impulse. Dabei können sie die Impulse klassifizieren und sogar bündeln oder neu anordnen und teilen. Man vermutet, dass die mit den Zellen verbundenen speziellen Funktionen dreifacher Art sind:
(1) Automatisch. Damit wird auf den Ursprung der sogenannten vitalen Impulse Bezug genommen, die unabhängig von irgendwelchen äußeren Stimuli sind. Dieser automatische Vorgang entsteht innen, wobei die Genese noch ungeklärt ist. Eckhard zufolge ist der Automatismus zweifach und besteht aus einem regelmäßigen automatischen Vorgang in Verbindung mit den rhythmischen Bewegungen von Herz und Lungen und aus einem unregelmäßigen automatischen, den Muskeltonus steuernden Vorgang. Wie diese beiden Automatismen entstehen, ist bisher ungeklärt.
(2) Reflektorisch. Erreichen Impulse die zentralen Zellen, werden sie auf efferenten Bahnen zurückgespiegelt, wobei diese Rückspiegelung auch Veränderungen mit einschließt, die durch Modifizieren und Weiterverteilen der Impulse entstanden sind. Dies impliziert eine bestimmte Zellaktivität und einen bestimmten Stoffwechsel der Zellsubstanz während des Umwandelns eines afferenten in einen efferenten Impuls. Der Reflex stellt den einfachsten neuronalen Vorgang dar, unterscheidet sich aber Ferrier zufolge nicht grundlegend vom höchsten intellektuellen Vorgang. In diesem Sinn wird behauptet, dass sich Reflexvorgänge im Zusammenhang mit bestimmten Stimuli so modifizieren und verbessern lassen, dass sie automatisch werden. Ziehen zufolge wird diese Entwicklung durch natürliche Selektion bewirkt.
(3) Inhibitorisch. Wundt ist der Ansicht, dass bestimmte in die Zelle eintretenden Impulse dort gebremst werden. Das soll eine Erklärung für die Länge der Zeit liefern, die für die Reise entlang der Nervenbahnen erforderlich ist. Zweifellos sind die Nervenzellen fähig, die Kraft der Impulse zu verstärken oder zu vermindern, sobald diese von der Zelle empfangen worden sind. Treten afferente Impulse während der Zellaktivität in die Zelle ein, hemmen oder verstärken sie deren Aktivität. Durch tetanisches Stimulieren eines Muskels hat man herausgefunden, dass die Anzahl der Schocks mit der Anzahl der Muskelschwingungen korreliert, was zeigt, dass die Nervenzellen die Impulse in Verbindung mit den Muskeln steuern, wobei diese Steuerung von den Veränderungen der Nervenzellen abhängt. Das bildet die Basis der hemmenden Wirkung des Zentralen Nervensystems.
Entsprechend den verschiedenen Funktionen, die sie ausführen, hat man die Nervenzellen unterteilt. So gibt es Bewegungsnerven, Hemmungsnerven, Ausscheidungsnerven, ernährende Nervenzellen bzw. Nervenzellen, die einen direkten Einfluss auf die Ernährung ausüben, zentripetale Nervenzellen ohne sensorische Funktionen und sensorische Nervenzellen oder solche, deren Erregung zu bewusster Sinnesempfindung führen kann. Eine bessere Unterteilung nach Funktionen stellt jedoch die Unterscheidung in afferente und efferente Nervenzellen dar. Man nimmt an, dass der Nervenimpuls eine molekulare, sich wellenförmig verbreitende Schwingung darstellt, die mit bestimmten chemischen Veränderungen einhergeht. Die Frage lautet: Basiert diese Unterscheidung der Funktion auf der Struktur – oder stellt sie einfach nur einen funktionellen Unterschied dar? Man hat stark betont, dass die Nervenzellen sich in ihren funktionsabhängigen Prozessen unterscheiden. Diese Unterscheidung basiert auf Experimenten mit Wärme und bestimmten chemischen Substanzen an afferenten Nervenzellen. Dabei trat keine Kontraktion der versorgten Muskeln auf. Afferente und efferente Nervenzellen scheinen die Impulse daher mit derselben Frequenz zu übertragen. Die physiologischen Prozesse innerhalb der Nervenzellenscheinen nahezu identisch zu sein. Der Unterschied in der hervorgerufenen Wirkung geht offensichtlich auf die Ursache und den Ursprung der Stimulation zurück, wobei die einen durch die Endorgane, die anderen durch die zentralen Organe erregt werden. Man hat versucht, die beiden Nervenarten miteinander zu kreuzen und so zu demonstrieren, dass die eine die Funktion der anderen ausführen kann. Derartige Versuche verliefen aber erfolglos oder nur teilweise erfolgreich, bis es Bert gelang, den Verlauf der Nervenfasern in einem Rattenschwanz umzukehren, indem er den Schwanz zurückbog und in den Rücken der Ratte implantierte. Nachdem der Heilungsprozess abgeschlossen war, wurde der Schwanz nahe an der Wurzel geteilt. Dabei zeigte sich, dass er reziprok zur natürlichen Ordnung empfindlich war, was zu belegen scheint, dass ein afferenter Nerv, wenn er umgedreht wird, afferente Impulse entlang einer zuvor efferenten Nervenbahn übermitteln kann. Bei neueren, von Dr. Cunningham aus New York an Hunden durchgeführten Experimenten wurden die Nerven eines zentralen Motoneurons mit einem peripheren verbunden. Die Impulse riefen in der entsprechend innervierten Muskulatur unkoordinierte Bewegungen hervor. Werden hingegen zwei vergleichbare Motoneuronen miteinander gekreuzt, vereinen sie sich und die Muskelbewegungen sind nicht sehr unkoordiniert. Werden dagegen Muskeln, die völlig unterschiedliche Funktionen haben, von gekreuzten Nervenzellen innerviert, geht die Bewegungskoordination völlig verloren, obgleich sich die Nervenfasern nach dem Kreuzen regenerieren. Diese neueren Experimente scheinen zu belegen, dass sich das Zentrale Nervensystem nicht an veränderte periphere Zustände der Innervation anzupassen scheint, um der Leitung der peripheren Nervenzellen zu folgen. Mit anderen Worten: Die Impulse sind nicht an die peripheren Organe angepasst. Dies scheint zu belegen, dass es in den Funktionen des Nervensystems einen spezifischen Unterschied gibt, der wahrscheinlich von strukturellen Bedingungen und den molekularen Veränderungen in Verbindung mit verschiedenen Nervenzellen abhängt. Fügen wir noch die Abweichung in dem Organ hinzu, in dem der Stimulus entsteht – sei es nun ein Endorgan oder ein zentrales Organ –, haben wir alle modifizierenden Bedingungen, die die spezifischen Funktionen der afferenten oder efferenten Nervenzellen bestimmen. Das ist auch wichtig in Hinblick auf die Psyche, denn es bezieht die Tatsache mit ein, dass das impulsleitende Medium stetig und konstant ist, weshalb seine Funktionsweise unveränderlich strukturell determiniert sein muss.
Daraus schließen wir, dass mentale Aktivität vom Nervensystem und dessen angemessener Ernährung im Zusammenhang mit der Blutversorgung abhängt. Zweifellos stellen die Nervenzellen das Zentrum mentaler Aktivität dar und sie sind insoweit aktiv, als sie ausreichend versorgt werden. Die Versorgung der Nervensubstanz ist daher die wesentliche Voraussetzung für statisches Denken, das ein Gleichgewicht zwischen mentalen und nicht-mentalen Prozesse einschließt und durch Veränderungen der einzelnen Nervenelemente dynamisch wird. Diese Veränderungen manifestieren sich somit mental. Existiert also im Geist ein Gedanke, kommt es im Gehirn zu einer korrelativen Veränderung, ohne die er nicht existieren könnte. Diese Veränderung im Gehirn geht mit Bewegung einher, sei es rhythmische Schwingung oder molekulare Veränderung, und eben diese Bewegung bildet die Basis für Stimulation und diese wiederum ruft jene Nervenreaktionen hervor, die den durch die leitenden Nervenbahnen gesendeten Impulsen zugrunde liegen. Einen wichtiger Faktor bei diesen Bewegungen und Impulsen stellt die Zeit dar. Muskuläre Veränderungen, Herz- und Lungenrhythmus repräsentieren das Element Zeit dabei aus physiologischer Sicht. Das menschliche System ist folglich nicht nur ein großartiger neuronaler und muskulärer, sondern auch ein psychischer Mechanismus, der zu jedem Teil des Organismus bestimmte Zeitbeziehungen hat. Weiterhin bestehen über die peripheren Endorgane, die in Kontakt mit äußeren Objekten stehen, auch Raumbeziehungen. Beide Beziehungen zusammen halten das menschliche Subjekt im Leben aufrecht.
Systematische Kombination der primären Nervenelemente
In der letzten Woche haben wir die primären Elemente des Nervensystems isoliert, das heißt ohne irgendwelche Beziehungen und Kombinationen betrachtet. Sie existieren aber freilich nicht für sich allein, vielmehr sind alle Bestandteile im Nervensystem in Bezug auf bestimmte Organe kombiniert und verbinden sich allesamt zu einem symmetrischen Ganzen. Zustand und Funktion der einzelnen Teile hängen von Zustand und Funktion des gesamten neuronalen Organismus ab. Foster behauptet: »In allen höheren Gehirnprozessen müssen wir erkennen, dass bei allen Abläufen in der Nervensubstanz der Vorgang die Struktur bestimmt, wobei mit Struktur molekulares Gefüge und Design gemeint ist.« Zwar können wir eine Nervenfaser und einen neuronalen Zellkörper mikroskopisch und elektrisch untersuchen, dies stellt jedoch eine Abtrennung ihrer organischen Beziehung zum gesamten System dar und folglich einen pathologischen Zustand, sodass ihre normale Funktionsweise beeinträchtigt ist. Der Nervenmechanismus besteht aus dem Beziehungsgeflecht der Systemteile und der interfunktionellen Aktivität ihrer kombinierten Elemente. Wir finden im Nervensystem Zellkörper und Fasern in großer Zahl, wobei die Kombination dieser Nervenelemente in den verschiedenen Teilen beachtlich variiert und damit die funktionelle Differenzierung ausdrückt.
Die Hauptfunktion des Nervensystems als Ganzes besteht in der Kombination verschiedener Körperfunktionen, um gleichsam einen einheitlichen Plan der organischen Entwicklung zu schaffen. Dies erfordert eine Menge Arbeit und das Harmonisieren einer Vielfalt von Funktionen, wobei Letzteres an sich die höchste aller Funktionen beschreibt. Mit anderen Worten: Hier begegnet uns ökonomische Arbeitsteilung in Reinform. In Amöben finden wir wenig anscheinend undifferenziertes Protoplasma mit einem Kern. Soweit eine Differenzierung besteht, liegt sie in der Unterscheidung der äußeren Schicht von der inneren granulären Materie. So klein dieser Organismus auch erscheinen mag, er besteht doch aus einer Vielzahl zarter Moleküle, die beim Ablauf metabolischer, respiratorischer und reproduktiver Funktionen alle miteinander kombiniert werden. Die Chemie des amöbischen Lebens schließt Veränderungen des Protoplasmas mit ein, wobei das alte auseinandergebrochen und das neue in Verbindung mit Sauerstoffabsorption und Kohlendioxidausstoß gebildet wird. Beim Protoplasma bemerken wir Irritierbarkeit und eine automatische amöboide Beweglichkeit, die von den Veränderungen im inneren Mechanismus abhängen. Anders ausgedrückt: Es trägt in sich eine selbstregulierende Kraft – den Anfang von Geist. Steigen wir von dieser niedrigsten Form animalischen Lebens zu den höheren Formen und der höchsten Form, dem Menschen, auf, entdecken wir eine zunehmende Komplexität der Struktur, begleitet von einer zunehmend komplexen und variierenden Entwicklung von Funktionen. Die bei den Amöben festgestellte Unterscheidung der äußeren und inneren Formen bildet sozusagen nur die Vorstufe einer zunehmenden Arbeitsteilung in den differenzierten Funktionen der höchsten Formen animalischen Lebens. Die Irritierbarkeit und die von innen kommende automatische Bewegung der amöbischen Moleküle deuten auf eine Differenzierung hin. Diese erfolgt, sobald Erstere als Reaktion auf äußere Stimuli und Letztere mit der Hervorbringung automatischer Impulse verbunden wird, was wiederum stark von der vitalen Aktivität abhängt. Wir haben damit also eine Teilung in Oberflächenfunktion und innere Funktion, die auf irgendeine Weise vereint werden müssen. Wie geschieht das? Um dies zu vollbringen, gibt es im primitiveren Nervensystem ebenso wie im höchstentwickelten Organismus
(1) Oberflächenzellen, die äußere Stimuli empfangen und auf sie reagieren,
(2) innere Zellen, die innere Impulse initiieren können, und
(3) einen Verbindungspfad aus Nervengewebe, der diese beiden – das Innere und das Äußere – vereint.
Um diese Vereinigung zu vervollständigen, müssen wir aber noch ein weiteres Element hinzufügen:
(4) die Muskeln, die in direkte Beziehung zu den Zellen im Zentrum und zu den Zellen an der Oberfläche gebracht sind und durch automatische Impulse bzw. Refleximpulse gesteuert werden.
Das sind die fundamentalen Elemente eines kombinierten Nervenmechanismus – der Basis aller mentaler Phänomene.
Bei der ausdifferenzierenden Entwicklung dieses Mechanismus ergibt sich Folgendes:
(1) Die Oberflächenzellen werden ihrer jeweiligen Spezialfunktion entsprechend voneinander unterschieden und bilden so einerseits die sensorischen Organe oder Sinnesorgane und andererseits die motorischen Organe mit ihren motorischen Endplatten und Bewegungs-Endorganen.
(2) Die zentralen Nervenzellen werden ebenfalls je nach ihren Funktionen differenziert: (a) Rezeption, Modifikation, Klassifikation und reflektorische Verteilung der sensorischen Impulse nach der Koordination (b) Initiierung autonomer Impulse und (c) Verbindung mit den bewussten Phänomenen des sensitiven Lebens.
(3) Die Nervenfasern und -bahnen bilden die Vereinigung äußerer und innerer sensorischer, afferenter, zentripetaler sowie motorischer, efferenter und zentrifugaler Funktionen.
So vollzieht sich aus psychophysiologischer Sicht die komplexe Entwicklung des gesamten menschlichen Nervensystems. Und hier finden wir auch die Grundlage für differenzierte Sinnesempfindungen, Erkennen, Emotion und Volition – jene höchsten Funktionen also, die sich aus den ersten primitiven Sinnesempfindungen und Bewegungen entwickelt haben.
»Jedes zerebrale Element«, sagt Hering, »unterliegt dem erzieherischen Einfluss der sensorischen Fasern, mit denen es automatisch verbunden ist.« Das liefert uns den Schlüssel zur Psychologie: Sie beginnt mit Sinnesempfindungen, vermittelt durch einen sensorischen Apparat als einfachster psychophysiologischer Tatsache. Wir finden die zu Nervenbahnen gebündelten Nervenfasern und die zu mehr oder weniger komplexen Ganglien zusammengefassten Zellkörper, so wie sie im Gehirn und im Rückenmark vorkommen.
Es gibt zwei große Nervensysteme: das Vegetative15 und das Zerebrospinale. Der Sympathikus besteht aus zwei Neuralsträngen beidseits des Rückenmarks und bildet drei große Plexus in den Hohlräumen von Thorax und Abdomen. Dazu kommen über den Körper verteilt reich vaskularisierte Ganglien sowie eine große Anzahl einzelner verteilender und kommunizierender Nervenzellen. Die Plexus und die Ganglien verbinden das Sympathische System eng mit den inneren Organen und den Blutgefäßen, während die einzelnen Nervenzellen eng mit dem Zerebrospinalen System in Verbindung stehen. Die drei Hauptganglien sind Ansammlungen von Zellkörpern und Nervenfasern im Bereich der Herzbasis, im oberen Bereich der Bauchhöhle und anterior zu L5. Gaskell zufolge zeigt sich die enge Verbindung der sympathischen Grenzstrangganglien mit dem spinalen System an den posterioren Ganglien im Rückenmark. Das Vegetative System bildet ein Bindeglied zwischen den Sinnesempfindungen, Emotionen und Ideen, die im molekularen Zustand der zerebrospinalen Zentren und der Körperorgane entstehen, und stellt zudem enge Beziehungen zwischen dem Herz und den Bauchorganen her, die ihrerseits eng mit psychischen Zuständen verbunden sind. Auf diese Weise beeinflusst die Emotion Blutkreislauf, Herztätigkeit, Ernährung usf. Die meisten Stimulationen der thorakalen und abdominalen Organe laufen über das Vegetative Nervensystem zu den zentralen Organen. Maudsley ist der Ansicht, dass die Grenzstrangganglien die einfachste Form des Individuationsprinzips darstellen, indem sie die verschiedenen Gewebeaspekte koordinieren.
Das Zerebrospinale System besteht aus zwei großen Zentralelementen: Gehirn und Rückenmark. Zu ihnen gehören bestimmte Membranen, wie etwa die eng am Knochenhohlraum verlaufende Dura mater, welche sich im kranialen und im spinalen Hohlraum anatomisch unterschiedlich ausgeprägt zeigt. Die Schädelhöhle wird durch drei Fortsätze der Dura mater in zwei Hälften geteilt. Weiterhin gibt es den Spatium subarachnoidales. Er enthält jene Flüssigkeit, mit der die Räume zwischen Zellsubstanz und Dura mater gefüllt sind. Schließlich entdecken wir die Pia mater. Sie bildet eine reich mit Arterien und Venen vaskularisierte Membran, wobei die Verzweigungen der Blutgefäße vom und zum Gehirn oder Rückenmark in feines Bindegewebe eingebettet sind. Die gesamte zerebrospinale Nervensubstanz wird von diesen drei Membranen eng zusammengebunden und geschützt.
Druck und Blutzirkulation bilden wichtige Elemente für die Ernährung des Gehirns. Das Rückenmark erstreckt sich entlang des spinalen Kanals über etwa 40 oder 50 cm und wiegt ungefähr 42 Gramm. Die Fissuren teilen es in zwei Hälften, die jeweils wieder in drei Säulen, die anteriore, die posteriore und die laterale, separiert sind. Vereint werden beide Hälften durch die sogenannten Kommissuren – die weiße anteriore und die graue posteriore – wovon die weiße sehr viel größer ist als die graue. Nur in den zervikalen und lumbalen Bereichen verhält es sich umgekehrt. Entlang der gesamten Länge der grauen Kommissur verläuft der kreisförmige und mit Flimmerepithel ausgekleidete Zentralkanal. In der weißen Substanz des Rückenmarks befinden sich Lymph- und Blutgefäße, Bindegewebe und Nervenfasern mit dem Achsenzylinder als ihrem Hauptbestandteil. Die Nervenfasern variieren in Größe und Ausrichtung, wobei die meisten vertikal, einige horizontal und andere diagonal verlaufen. In der grauen Substanz des Rückenmarks finden wir die gleichen Elemente wie in der weißen und zusätzlich Zellkörper. Die Nervenfasern sind hier nicht-myelinisiert und unterscheiden sich von jenen in der weißen Substanz durch ihre winzigen Vernetzungen. Die Anzahl der Nervenfasern ist sehr groß. Birge hat in den anterioren Wurzeln des Rückenmarks von Fröschen zwischen 5.984 und 11.468 gezählt und es erscheint unmöglich, alle Nervenbahnen im Rückenmark exakt zu verfolgen. Die Myelinisierung der Axone erfolgt in einem späten Stadium der medullären Entwicklung, sodass sich hier bestimmte Differenzierungsmöglichkeiten ergeben. Trennt man die Axone beispielsweise von ihrem Ursprung, degenerieren sie und werden durch Bindegewebe ersetzt. So können Nervenbahnen bis zu einem gewissen Grad experimentell nachverfolgt werden.
In den antero-lateralen Säulen unterscheidet man zwei Stränge: die Pyramiden- und die Kleinhirnseitenstrangbahn.16 Erstere verläuft zum anterioren Teil der Pyramide, Letztere liegt zwischen der lateralen Pyramidenbahn und der äußeren Oberfläche des Rückenmarks. Man hat auch noch weitere Bahnen entdeckt, wie etwa den Goll’schen Strang17. Das Rückenmark stellt auf diese Weise Nervenbahnen für Impulsübertragung zur Verfügung sowie eine Reihe von Reflexzentren. Die Stränge repräsentieren afferente und efferente Nervenströme und die Zentren differenzierte Bereiche funktioneller Aktivität, die allesamt mit den oberen Zentren in Verbindung stehen. Und genau dies bezeichnet einen Mechanismus, der Innen und Außen verbindet.
Einen vergleichbaren Aufbau mit Zellkörpern, Nervenfasern, Bindegewebe und Neuroglia, zusammengehalten durch umhüllende Membranen, finden wir in der Struktur des Gehirns. Dieses besteht aus
(1) der Medulla, also der superioren Verlängerung des Rückenmarks,
(2) dem Zerebellum, das den oberen posterioren Teil der Medulla bedeckt und sich auf beiden Seiten über sie hinaus erstreckt und dessen Oberfläche lobulär unterteilt wird,
(3) dem Pons, der anterior und oberhalb der Medulla erweitert ist, und
(4) dem oberhalb von Pons und Zerebell umliegenden Zerebrum, dass ich in zwei Hemisphären teilt und den größten Teil der Schädelhöhle ausfüllt.
In der Medulla entdecken wir wie im Rückenmark graue und weiße Substanz. Die graue Substanz bildet hier zu Massen gesammelt eine Fortsetzung der grauen Substanz des Rückenmarks, daneben existieren aber auch unabhängige Zellansammlungen. Im Zerebellum ist die Anordnung von grauer und weißer Substanz umgekehrt zu jener in Rückenmark und Medulla. Die graue Substanz liegt außen und die weiße bildet drei große Bündel, die mit den drei Crura cerebelli verbunden sind. Diese bilden eine komplexe Zellkombination und verbinden das Cerebellum mit allen anderen Teilen des Gehirns. Der Pons ist der gemeinsame Treffpunkt aller Nervenbahnen innerhalb der zentralen Organe und stellt eigentlich eine Erweiterung der Wand des vierten Ventrikels dar. Das Zerebrum, also das Großhirn, besteht aus einzelnen Bereichen, die sich in Größe und Funktion unterscheiden. So finden wir zwei kortikale Hemisphären, die großen Basalganglien, Corpora striata, Thalami optici, die Corpora quadrigemina und die Epiphyse. Das Zerebrum wird durch die mittlere Fissura longitudinalis cerebri in zwei Hemisphären geteilt. Beim Sezieren dieser Fissur stellt man fest, dass die beiden Hemisphären basal durch das Corpus callosum verbunden sind. Die Außenflächen der Hemisphären sind konvex und passen sich der Form der Schädelhöhle an, während die Innenflächen entlang der mittleren Fissura longitudinalis cerebri eben sind. Die Trennung der Hemisphären erfolgt durch einen Fortsatz der Dura mater. Die Oberfläche des Bodens wird vom Zerebellum und dem Pons durch einen weiteren Fortsatz der Dura mater abgetrennt. Die Peripherie der Hemisphären enthält in Gyri angeordnete graue Substanz. Diese Gyri werden durch Sulci oder Fissuren getrennt. Manche davon sind so gut markiert, dass sie natürliche Unterteilungslinien der Hirnlappen bilden, wohingegen alle weniger markanten Vertiefungen die Lappen in Windungen teilen.
Aus dieser Teilung in Lappen und Windungen ergibt sich die spezielle neuronale Funktionalität und psychische Bedeutung des Cortex cerebri. Die allgemeine Struktur des Zerebrums ist der des Zerebellums ähnlich. Ein innerer Anteil an weißer Substanz wird von einem Oberflächen-Kortex aus grauer Substanz umgeben. Die beiden Seiten der weißen Substanz werden durch starke Kommissurfasern (Corpus callosum) zusammengehalten, die vom Gyrus fornicatus überlappt werden. Das Corpus callosum bildet das Dach des inneren Hohlraums jeder Hemisphäre: die lateralen Ventrikel, die von einer feinen, transparenten Wand umgeben und mit ventrikulärer Flüssigkeit gefüllt sind. Am Boden dieser Ventrikel befinden sich die Oberflächen der Basalganglien. Hier findet sich ein großer birnenförmiger Körper, dessen schmales Ende nach außen und dessen großes Ende zu den anterioren Cornua der Ventrikel ragt: das Corpus striatum. Dessen beide Anteile werden durch die Capsula interna unterteilt. Zwischen den sich erstreckenden Teilen der Corpora striata finden wir die länglichen Thalami optici. Posterior und inferior davon befinden sich zwei Paare von Körpern, die Corpora quadrigemina.
Die Faserfaszikel des Zerebrums verbinden dessen Hemisphären, vereinigen diese mit den unteren Teilen des Gehirns und bilden zusammengefasst den Ursprung einiger Nervenzellen. Die kruralen Fasern werden in zwei Gruppen ausgebildet und durch graue Substanz getrennt. Dabei hängt Erstere mit den longitudinalen Fasern des Pons zusammen, die von den medullären Pyramiden kommen, in den Corpora striata enden und durch die Capsula interna zur grauen Substanz des Cortex cerebri verlaufen. Die mit den Basalganglien zusammenhängenden Nervenelemente sind alle so angeordnet, dass sie es diesem Bereich des Gehirns ermöglichen, als Koordinationszentrum in Bezug auf die motorischen und sensorischen Nervenbahnen zu fungieren, indem sie diesen Basalganglien ganz charakteristische sensomotorische Funktionen reflektorischer und automatischer Art verleihen. Sie sind den zerebralen Zentren untergeordnet. Die Bahnen zu diesen höheren Zentren verlaufen von den Basalganglien im Kontext der Corona radiata, die durch die sternförmigen Fasern der Corpora striata, der Thalami optici, der Capsula interna gebildet wird und direkt zu den Gehirnwindungen der zerebralen Hemisphären führt. Äußerlich betrachtet variieren diese Gehirnwindungen der zerebralen Hemisphären beträchtlich. Da einige von ihnen in der Entwicklungsphase schon ab dem frühen fötalen Leben gut erkennbar sind, ist eine Unterteilung dieser Gehirnwindungen in drei Klassen möglich. Die erste stellt die Hauptunterteilung der Oberfläche der Hemisphären in fünf Lappen dar: den frontalen, den parietalen, den sphenoidalen, den okzipitalen und den zentralen – obgleich eine scharfe Trennung streng genommen nicht möglich ist. Die zweite und die dritte Klasse bilden kleinere Unterteilungen dieser Lappen durch Sulci, die in verschiedene Richtungen verlaufen. Die graue Substanz ist an der Oberfläche einförmig angeordnet, ebenso die weiße Substanz im Inneren des Cortex cerebri. Doch es gibt markante Unterschiede bezüglich der Zellen und ihrer Anordnung. Meynert führt aus, dass die gewöhnliche Anordnung aus fünf plattenförmigen Schichten mit einer Gesamtdicke von ungefähr 0,25 cm besteht. Diese Schichten werden durch eine Matrix weniger globulärer Zellen gebildet, wohingegen die beiden nachfolgenden Schichten aus pyramidalen Zellen bestehen. Die vierte Schicht weist eine große Anzahl kleiner unregelmäßiger und globulärer Zellen auf und die fünfte Schicht zeichnet sich durch kompakt verbundene spindelförmige Zellen mit weit verzweigten lateralen Fortsätzen aus.
In der Neuroglia finden wir kleine Korpuskeln und Zellen, die wie einfache Kerne aussehen. Die ganze weiße Substanz steht mit der grauen kortikalen Substanz in Verbindung, wobei stielförmige, kommissurale oder bogenförmige Nervenfasern existieren. Die ersten verbinden das Zerebrum und die basalen Anteile des Gehirns. Von den zweiten hat man früher angenommen, dass sie die beiden Hemisphären gleichseitig verbinden. Da die Bahn jedoch im Corpus callosum liegt, überschneiden sich die Fasern auf dem Weg zu den Hemisphären des Zerebrums und bilden somit eine Kreuzverbindung. Die dritten schließlich verbinden die graue Substanz der getrennten Gehirnwindungen in denselben Hemisphären. Meynert betrachtet die grauen Substanzen und die konvergierenden bzw. divergierenden Stränge des zerebrospinalen Nervenmechanismus als eine Serie von Projektionssystemen, wobei die sensorischen Nervenzellen die Fühler und die motorischen Nervenzellen die Arme der kortikalen grauen Substanz repräsentieren. Die graue Substanz bezeichnet demnach einen senso-motorischen Kortex, in dem sich afferente Impulse sammeln und efferente Impulse entstehen und verteilt werden. Letzteres bildet ein Projektionssystem in Bezug zum muskulären System. Die graue Substanz des Gehirns, die tief in den Hemisphären eingebettet liegt, repräsentiert Meynert zufolge im Kontext dieses Projektionssystems entweder Unterbrechermassen oder einen hemmenden Modulationsbereich in Bezug auf das gesamte System. Hier teilen sich die Nervenbahnen vom Cortex cerebri auf und verzweigen sich in verschiedene Richtungen. Dies ist ein wichtiger funktioneller Aspekt in der Verbindung des Zerebrums mit den unteren Teilen des Nervensystems und ist daher ein interessanter Bereich, wenn es um psychische Phänomene geht.
31 Paare spinaler Nervenbahnen und 12 Paare Hirnnerven verbinden das Zerebrospinale System mit den Sinnesorganen und den Bewegungsorganen. Die spinalen Nervenzellen liegen im Rückenmark. Sie ziehen durch die intervertebralen Foramina hinaus und repräsentieren damit den zervikalen, den thorakalen, den lumbalen, den sakralen und den kokzygealen Bereich. Die zwölf paarigen Hirnnerven entspringen an der Schädelbasis und ziehen durch die verschiedenen Foramina aus der Schädelhöhle aus. Die Hirnnerven I, II und VIII repräsentieren die sensorischen Nervenzellen im engeren Sinn, Hirnnerv III, IV, VI, VII, IX und XII die motorischen Nervenaktivitäten bezüglich der Augen, des Gesichts und der Zunge und die Hirnnerven V, IX und X stehen schließlich für jene sensomotorischen Nervenzellen, die die faszialen, laryngealen und pharyngealen Muskeln, die Hirnhäute sowie die inneren Organe des Körpers innervieren. Das ist also der vollständige systematisierte Nervenmechanismus.
Wir kommen zu der Schlussfolgerung, dass der durch Differenzierung immer vollkommener werdende Gesamt-Nervenmechanismus in das Körpersystem eingepasst ist, um so die verschiedenen Nervenfunktionen der Leitermedien und der Endorgane sowie die zentralen Funktionen auszuführen – denn das sind die drei großen Funktionen des Nervensystems. Obgleich wir aber diese Funktionen in gewisser Weise als verschieden betrachten, wohnt den Gehirnzellen, wie Meynert sagt, doch nur eine einzige funktionelle Energie inne – nämlich die der Sensitivität. Die sensorischen Nervenzellen bilden jene Schlüssel, die den Nervenmechanismus steuern und zu Muskelaktivität führen. »Spezifische Energien« – schreibt Meynert – »hängen gänzlich von den Besonderheiten der Endorgane ab und Sensitivität ist die einzige spezifische Eigenschaft der Gehirnzellen. Im Vorderhirn wird Sensitivität in tatsächliche Sinnesempfindungen umgewandelt.« Genau hier sind die dargestellten anatomischen Beziehungen von besonderer Bedeutung, denn sie verbinden diesen Sitz der Sinnesempfindung mit dem gesamten Rest des Nervenmechanismus. Hier, im Cortex cerebri, und nicht in irgendeinem seiner Teile, sind Intelligenz und Bewusstsein angesiedelt. Jede Hemisphäre besteht aus »Projektionssystemen«, die den Kortex mit den sensitiven Bereichen, aber auch mit den Bewegungsorganen vereinen. Die weiße Substanz bildet »Assoziationssysteme« aus winzigen Fasern und Nervenansammlungen, die alle Teile des Kortex zusammenbringen und die Grundlage aller mentalen Wahrnehmungen und Urteile bilden. Dies ermöglicht die sogenannten »Innervierungsgefühle«. Mit anderen Worten: Die Gesamtsumme der Zentren, die mit bestimmten Aktivitäten von Muskeln und Körperorganen korrelieren, bildet das, was man Individualität nennt. Die Individualität der Psychologie besteht aus dieser primären physiologischen Individualität, erweitert und entwickelt in Verbindung mit der sekundären Individualität, die sekundären, durch Assoziation verbundenen mentalen Wahrnehmungen entspringt. Daran sehen wir, dass Geist völlig durch das Nervensystem bedingt ist.
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