Read the book: «Osteopathie erklärt (1900)»
John Martin Littlejohn
Osteopathie erklärt
Eine Abhandlung für Laien
herausgegeben von
Christian Hartmann
übersetzt von
Martin Pöttner


JOHN MARTIN LITTLEJOHN
(1866 – 1947)
Osteopathie erklärt (1900)
von John Martin Littlejohn
© 2009, JOLANDOS
Am Gasteig 6 – 82396 Pähl
978-3-936679-45-8 (Buch)
978-3-941523-19-7 (mobi)
978-3-941523-41-8 (epub)
BESTELLUNG
HEROLD Lositsik Service GmbH
Raiffeisenallee 10 – 820041 Oberhaching
tel +49.8808.924.588, fax +49.8808.924.589
HERAUSGEBER
Christian Hartmann
üBERSETZUNG
Dr. Martin Pöttner
UMSCHLAGGESTALTUNG
Christian Hartmann
LEKTORAT
Elisabeth Melachroinakes
SATZ
post scriptum, www.post-scriptum.biz
DRUCK
Buchproduktion Thomas Ebertin
Goethestra.e 9, 78333 Stockach
www.buchproduktion-ebertin.de
EBOOK-GESTALTUNG
Zeilenwert® GmbH
Schwarzburger Chaussee 74 – 07407 Rudolstadt
www.zeilenwert.de
Jede Verwertung von Auszügen dieser deutschen Ausgabe ist ohne Zustimmung von JOLANDOS unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Mikroverfilmungen und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
Inhalt
Cover
Titel
Über den Autor
Impressum
Einführung des Herausgebers
Warum Osteopathie boomt
Was aber ist Osteopathie?
John Martin Littlejohn
Zu diesem Text
Zitat
John Martin Littlejohn Osteopathie erklärt
Vorwort des Verlegers
Osteopathie
Osteopathie
Das Leidenserbe des Menschen
Leben und Gesundheit
Zurück zur Natur
Der Heilberuf
Mystizismus in der Medizin
Das Heraufdämmern des Neuen
Osteopathie: ihr Name, ihre Bedeutung
Grundprinzipien
Die Bedeutung leichter Abweichungen
Ordnung und Harmonie
Natürliche innere Heilmittel
Die Bedeutung struktureller Vollkommenheit
Kein Verabreichen körperfremder Arzneimittel
Die Osteopathie als unabhängiges System
Wiederherstellung des Normalzustandes
Druck durch Muskel oder Knochen
Osteopathie ist nichts Okkultes, sondern etwas Natürliches
Heads physiologisches Gesetz
Die Entwicklung der Osteopathie
Das osteopathische Grundkonzept
Die ultimative osteopathische Philosophie
Zusammenfassung der osteopathischen Prinzipien als System
Medikamente vs. Osteopathie
Durch Opposition gefördert
Keine Anziehung zwischen entgegengesetzten Therapien
Das osteopathische System ist unabhängig
Osteopathie ist keine Massage
Strukturelle Integrität ist wesentlich
Angepasste Integrität
Osteopathie und Symptome
Exaktes Wissen ist erforderlich
Das Beseitigen von Ursachen
Warum finden wir Läsionen?
Die Blutzirkulation der kleinen Arterien
Osteopathie und Kinderkrankheiten
Prinzipien, die bei Fällen, wie Lorenz sie hatte, von der Osteopathie angewendet werden
Zustände im Alter
Die Stellung der Medizin als Wissenschaft und Kunst
Therapeutisches Handeln als eine Wissenschaft und Kunst
Mechanische Kontrollmittel
Medikamente als therapeutische Mittel
Schulmedizin
Die homöopathische Schule der Medizin
Die eklektische Schule der Medizin
Die Schule der Naturmedizin
Brüderliche Anerkennung anderer Systeme
Die Theorie der osteopathischen Schule der Medizin
Das Leben aus osteopathischer Sicht
Osteopathie ist Medizin
Fundamentale Prinzipien
Physik, Chemie und Physiologie
Mechanische Stimulation
Die Grundlage therapeutischer Wirkung
In der mechanischen Therapie angewendete Grundprinzipien
Die Medikamententheorie als verschlissenes System der Praxis
Die Osteopathie führt etwas Neues ein
Tendenzen weg von den Medikamenten
Die osteopathische Ätiologie
Wissenschaftliche Diagnose ist von entscheidender Bedeutung
Die Primärursache der Krankheit – Läsionen
Die Konstitution des Körpers – mechanische Abweichungen
Osteopathische Pathologie
Die osteopathische Symptomatologie
Osteopathische Therapie
Der Bereich der therapeutischen Korrektur
Die große Tastatur der Wirbelsäule
Die Ernährung hängt vom Blut ab
Die Summe der neuen therapeutischen Prinzipien
Osteopathische Therapie zusammengefasst
Vergleichende Therapeutik
Ein Vergleich
Fußnoten
Einführung des Herausgebers
Warum Osteopathie boomt.
Die Osteopathie, eine der jüngsten Blüten der Medizin, erlebt nach über 100 Jahren ihrer Entdeckung gerade im deutschsprachigen Raum einen gewaltigen Zulauf. Gab es noch Ende der 1990er gerade einmal ein paar Dutzend gut ausgebildeter Osteopathinnen und Osteopathen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, beläuft sich ihre Gesamtzahl nach aktuellen Schätzungen auf etwa 2000. Weitere 3000 Mediziner und Therapeuten lassen sich gegenwärtig in dieser faszinierenden »Medizin mit Händen« ausbilden. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Dieses enorme Interesse hat viele Gründe, wovon hier nur die wichtigsten genannt werden sollen1:
– Das theoretische Gerüst basiert fast ausschließlich auf den soliden Pfeilern funktioneller Anatomie und Physiologie. Die alte medizinische Weisheit, dass Struktur und Funktion sich wechselseitig beeinflussen, wird hier – anders als in den medizinischen Universitäten – praxisrelevant und von Anfang an interdisziplinär gelehrt und von Mensch zu Mensch im direkten Kontakt durch Berührung ausgeübt.
– Aufgrund der funktionellen Ausbildung steht nie nur eine Struktur, ein Organ oder ein Körpersystem im Mittelpunkt des Interesses, sondern stets der gesamte Mensch. Die unübersehbaren Defizite der Schulmedizin in diesem Bereich, insbesondere in Bezug auf chronische und psychosomatische Beschwerden, bereiten alternativen Methoden, wie etwa der Osteopathie, zu Recht den Boden.
– Osteopathie spannt den Bogen über fast 2500 Jahre hin zum hippokratischen Idealarzt, der zugleich Körperarzt, Philosoph und Seelsorger war. Dadurch werden Osteopathinnen und Osteopathen auch in dem Bewusstsein ausgebildet, dass es keine vergleichbaren »Pathologien« gibt, sondern jede Beschwerde eines jeden Menschen zu jedem Zeitpunkt vollkommen individuell ist. So spielen Normen und Ideale bei der Therapie keine Rolle, was die Patienten enorm entlastet, da sie ja nicht »versagen« können.
– Der Mensch wird als Teil einer übergeordneten, vollkommenen und wohlwollenden Schöpfung so respektiert, wie er ist. Sämtliche »Läsionen« oder »somatischen Dysfunktionen« werden in der Osteopathie daher nicht korrigiert
– schließlich ist der Mensch ja schon vollkommen – sondern so angepasst, dass alle Teile wieder in Harmonie mit dem Ganzen stehen.
– In der Osteopathie wird der Natur bis ans Ende vertraut, d. h. den Patienten wird kein theoretisches Konzept übergestülpt, sondern der Körper selbst gibt vor, was zu tun ist und wie das immer vorhandene Potenzial der Selbstorganisation oder Selbstheilung optimal wirksam gemacht werden kann. Hierbei spielt die Palpation (Ertasten) eine überragende Rolle.
– Der Mensch wird ausführlich und wirklich mit vollem Interesse berührt. Da nicht wenige Organmediziner mehr an ihrer Medizin als am Menschen selbst interessiert sind und Patienten daher schnell als »Patientengut«, »die Schulter auf Zimmer 7«, »Simulantin« etc. abgestempelt werden, ist es nur allzu verständlich, wenn sich Patienten zunehmend dorthin wenden, wo sie respektvoll wahrgenommen und behandelt werden und nicht nur als Erfüllungsgehilfen eines zweifelhaften therapeutischen Egos dienen.
– Osteopathie erhebt nie den Anspruch zu heilen. Es werden lediglich optimierte Rahmenbedingungen geschaffen, in denen die inhärente Selbstheilungskraft über das Medium der Körperflüssigkeiten besser wirken kann. Diese Entmachtung des therapeutischen Egos und die Zerstörung der Therapeut-Patienten-Hierarchie ist unabdingbar, um einen freien und unverstellten diagnostischen Blick zu entwickeln. Das merken und schätzen auch die Patienten.
– Jeder Mensch hat sein individuelles Tempo und Potential, wenn es um die Heilung geht. Daran können auch noch so viele wissenschaftliche Studien seitens der Medizin und statistische Erhebungen der Kostenträger ändern. Osteopathinnen und Osteopathen vertrauen daher auf das, was ihnen der Körper erzählt und welche individuellen Lösungen er selbst »vorschlägt«. Insofern werden Patienten weder starre Konzepte noch Idealziele übergestülpt.
– Anders als immer wieder von Kritikern behauptet wird, steht die wissenschaftliche Forschung innerhalb der Osteopathie sehr hoch im Kurs. Und es wird hart daran gearbeitet diese Qualitätsstandards weiter zu etablieren und auszubauen. Die geplante Akademisierung der Osteopathie in den kommenden Jahren ist hierbei nur der Anfang. Auch die Patienten merken sehr schnell, dass seriöse Osteopathie alles andere ist als »unwissenschaftliche Quacksalberei«.
– Osteopathie ist offen für alle neuen Erkenntnisse, die der Philosophie natürlicher Heilung entsprechen. Sie schottet sich daher nicht ab, sondern verfährt auch mit anderen Medizinformen ganz gemäß einer der berühmtesten Aussagen Ihres Entdeckers, Andrew Taylor Still (1828 – 1917):
»Gesundheit zu finden ist Aufgabe des Arztes. Krankheit kann jeder finden. 2
– Osteopathie ist (Lebens-)Philosophie, Kunst und Wissenschaft, wobei alle drei Aspekte sich harmonisch ausbalancieren und keiner zugunsten des anderen geopfert wird. Dies erst ermöglicht die Ausübung einer ganzheitlichen Medizin – und das und nicht weniger praktizieren gut ausgebildete Osteopathinnen und Osteopathen – im besten Sinn des Wortes.
Was aber ist Osteopathie?
Schon wenige Jahre nach Gründung der ersten Osteopathieschule (1892) kam es zu Streitigkeiten innerhalb unter den Osteopathen. Hier standen sich die sogenannten lesionists und broadists gegenüber. Während erstere bedingungslos Stills »reiner Lehre«. (Behandlung ausschließlich mit den Händen & keine Medikamente) folgten, forderten letztere vehement eine Öffnung der Osteopathie auch gegenüber neuen Forschungsergebnissen. John Martin Littlejohn (1866 – 1947), eine Generation jünger als Still und anders als der von ihm hoch geschätzte Still hochgebildet und vielseitig belesen, galt hier als treibende Kraft.
Diese Spaltung und noch weitere historische Ereignisse haben dazu geführt, dass die Osteopathie sich international sehr heterogen präsentiert. Ein bis heute international verpflichtendes Glossar und Kurrikulum dürften hier eine große Rolle spielen. So erhält man auf die Frage, was denn Osteopathie eigentlich sei, abhängig von der durchlaufenen Ausbildungsstätte und ihrer Fakultät teilweise vollkommen unterschiedliche Auskünfte. Um hier eine befriedigende und umfassende Antwort zu erhalten muss, man in die Gründerzeit zurückgehen, jene Zeit, in der die Osteopathie als vollständige und vollwertige Medizin auch bei Akutfällen praktiziert wurde.
John Martin Littlejohn
Kein anderer Vertreter der Osteopathie hat es geschafft, die Osteopathie annähernd so klar und umfassend zu beschreiben wie John Martin Littlejohn, der wohl bedeutendste Vertreter der Osteopathie im 20. Jahrhundert. Ausgestattet mit einem brillanten analytischen Geist hat er Stills noch stark von der romatischen Wissenschaftssprache des 19. Jahrhunderts geprägte Philosophie der Osteopathie in die moderne Wissenschaftssprache übersetzt. Damit ist er nicht nur legitimer Erbe Stills, sondern zugleich auch die Brücke zwischen ihm und der modernen Osteopathie auch unserer Tage. Allein schon deshalb lohnt es sich, einen kurzen Blick auf die Biografie dieses außergewöhnlichen Menschen zu werfen:
John Martin Littlejohn wurde am 15. 02. 1866 in Glasgow als Pfarrerssohn geboren. Er war ein hochintelligenter und wissbegieriger, aber auch kränklicher junger Mann. Trotz bitterster Armut war das Elternhaus vom geisteswissenschaftlichem Studium erfüllt, und so begann seine sprachwissenschaftliche Ausbildung bereits mit 16 Jahren an der Akademie Colraine in Nordirland. Nach dem Studium der Theologie an der Universität in Glasgow ging er 1886 als Pfarrer nach Nordirland, um schon bald darauf wieder nach Glasgow zurückzukehren. Dort erwarb er mehrere Abschlüsse und Auszeichnungen in Jura, Theologie, Medizin, Philosophie und Soziologie und hielt 1886/87 seine ersten Vorlesungen.
Das raue Klima und seine Konstitution hatten ihn zu einem ebenso introvertierten wie brillanten und vielseitig gebildeten Analytiker geformt. Nach einem Unfall in der Universität, bei dem er sich eine Schädelfraktur zugezogen hatte, litt Littlejohn an mehrfach täglich rezidivierenden Blutungen im Hals, die ihn zum Klimawechsel zwangen. Eine große Universitätskarriere fand damit ihr jähes Ende.

AUSZUG AUS DER FAMILIENBIBEL DER LITTLEJOHNS (1865)
Hier ist das Geburtsjahr Littlejohns auf 1865 datiert. Laut Martin Collins, einem der renommiertesten Littlejohn-Kenner, dürfte es sich aber hier um einen Fehler in der Bibel handeln, da mehrere Originaldokumente jener Zeit das Geburtsjahr auf 1866 festlegen.
1892 siedelte er mit seinen Brüdern James und William nach Amerika über und setzte seine Studien an der Columbia University in New York fort. Aufgrund seiner hervorragenden Leistungen übernahm er schon bald die Leitung des Amity College in College Springs, Iowa. Seine Beschwerden besserten sich allerdings nicht, und so kam es 1895 in Kirksville zur schicksalhaften Begegnung mit Dr. Still. Bereits wenige Behandlungen führten zur deutlichen Linderung. Da Still dringend qualifizierte Lehrer an seiner 1892 gegründeten American School of Osteopathy benötigte, bot er Littlejohn einen Posten in seiner Fakultät an. Tief beeindruckt von Stills Naturkonzept der Osteopathie willigte er ein, begann 1898 seine Arbeit, schrieb sich im gleichen Jahr später als Student ein und wurde bereits 1899 zum Präsident der Schule gewählt.
Innerhalb der Fakultät gab es jedoch schon bald einen tiefen Konflikt: Stills Anhängern galt der anatomische Zugang zur Osteopathie als heilig (lesionists). Littlejohn und seinen Brüdern schien dies zu einfach; sie betrachteten die komplexere Physiologie als Kern der Osteopathie und befürworteten auch Therapien, die den osteopathsichen Prinzipien und den Prinzipien der Natur entsprachen (broadists). Aber es ging auch um einen zeitlosen Konflikt: Die analytisch orientierten Akademiker in der Fakultät standen den der Intuition vertrauenden Nichtakademikern gegenüber. Nach massiven Intrigen entschlossen sich die Littlejohn-Brüder schließlich, Kirksville bereits 1900 wieder zu verlassen, um in Chicago das Chicago College (School) of Osteopathy zu gründen. Die Einrichtung entwickelte sich rasch zum Wissenschaftszentrum der Osteopathie.
Man vermutet, dass der inzwischen verheiratete Littlejohn mit seinem feinen Gespür für politische Entwicklungen die verheerenden Folgen des von der American Medical Association initiierten Flexner-Reports zur Eradikation der immer stärker werdenden Osteopathie, Chiropraktik und Homöopathie voraussah und daher möglicherweise sein weiteres Glück in England vorzog. Auch der schwindende Einfluss in seiner eigenen Schule mag dazu beigetragen haben.
1913 zog die inzwischen achtköpfige Familie Littlejohn nach Bagger Hall nahe London, und John Martin begann noch während der Kriegsjahre mit Krankenhausarbeit und ›Unterweisungen‹. 1917 gründete er die British School of Osteopathy (BSO) in London, und mit dem Journal of Osteopathy legte er endgültig das Fundament der Osteopathie in Europa. Aber auch in England hatte er sich schon bald den Angriffen der British Osteopathic Association und der British Medical Association zu erwehren. Ähnlich den Folgen des Flexner-Reports führte eine Kampagne der BMA 1935 zum ›Paliamentary Bill‹. Der Osteopathie wurde die Anerkennung verweigert und Littlejohn zu Unrecht als unehrenhaft bezeichnet. Der Zweite Weltkrieg tat sein übriges, und die BSO schrumpfte schon bald auf eine kleine Klinik zusammen. Schließlich verstarb der neben Still wohl wichtigste Vertreter der Osteopathie 1947 in Bagger Hall, ohne je die Früchte seiner Arbeit ernten zu können.
Zu diesem Text
Der vorliegende kleine Traktat über Osteopathie für Laien tauchte bei Recherchen im Still National Osteopathic Museum, Kirksville, Mo., eher zufällig auf. Wie immer bei englischsprachigen Autoren sind auch bei Littlejohn im Originaltext medizinische Fachausdrücke teils lateinisch, teils englisch wiedergegeben. Mit Rücksicht auf Littlejohns Stil wurde auf eine Vereinheitlichung verzichtet. Die Altphilologen unter den medizinisch ausgebildeten Lesern mögen mir dies verzeihen.
Ich hoffe, der vorliegende Text trägt nicht nur dazu bei, dass die Osteopathie noch mehr als seriöse Medizinform wahrgenommen wird, sondern auch dass John Martin Littlejohn endlich jener Platz zuteil wird, den er aufgrund seines Lebenswerks mehr als verdient hat: als bedeutendster Osteopath der Gründerzeit!
Pähl, September 2009
Christian Hartmann
»Es liegt eine ganz eigene Heiligkeit in der Wissenschaft und Kunst der Heilung. Sie müssen sich den erschütterndsten Szenen stellen, die Sterbliche jemals zu sehen bekommen, und das große Vertrauen empfangen, das Menschen geben können.
Können Sie sagen, woher das Leben kommt, wohin es geht und welchem Zweck es dient? Wenn Sie Ihre Hände auf einen Kranken legen, dann tun Sie das so ehrfürchtig, als würden Sie den Urmechanismus von Erde und Himmel berühren, den Körper des Menschen, die vollkommenste Verkörperung göttlicher Weisheit.«
John Martin Littlejohn3
John Martin Littlejohn
Osteopathie erklärt
Vorwort des Verlegers
Angesichts der stetigen Nachfrage nach der Informationsschrift Die Wissenschaft der Osteopathie sind wir sicher, dass auch ihr Begleitband Ein Traktat über die Osteopathie auf einen herzlichen Empfang seitens der Profession und jener treffen wird, die Interesse an unserer Schule des Heilens haben, aber keine Ärzte sind.
In der zuerst genannten Broschüre schrieb Dr. Littlejohn insbesondere für jene Männer und Frauen, die in den mit der Heilkunst befassten Wissenschaften ausgebildet worden sind. In der zweiten, jetzt erstmals veröffentlichten Schrift hat er sich einer Darstellung für den intelligenten Laien gewidmet.
Dass sie ihm gelungen ist, davon sind wir als seine Verleger völlig überzeugt, denn beim Durchgehen der osteopathischen Fachliteratur können wir uns an keine andere derart intelligent und mit so viel Nachdruck geschriebene Broschüre über dieses Thema erinnern.
Die Verleger haben den derzeitigen Stand der öffentlichen Meinung zu dem als Osteopathie bekannten Heilungssystem sorgfältig untersucht und dabei festgestellt, dass vergleichsweise nur wenige seine Vorzüge kennen, während die Zahl derjenigen, die über dieses System nichts wissen, groß ist. Als sie zu diesem Schluss gekommen waren, begannen sie eine Vorgehensweise zu entwickeln, die es ermöglichen könnte, die breite Öffentlichkeit zu erreichen und sie aus der Knechtschaft der Medikamententherapien in die Freiheit, in die Gesundheit und in das Glück zu führen, welche die wohltätigen Methoden der Natur uns bringen. Mit diesem Ziel vor Augen wurde Die Wissenschaft der Osteopathie publiziert, die sich an Menschen der Berufsschichten Arzt, Lehrer, Rechtsanwalt und Geistlicher richten. Um das besagte Thema breiter zu erfassen, müssen intelligente Männer und Frauen außerhalb der Berufsstände erreicht werden. Zu diesem Zweck wurde die vorliegende Broschüre geschrieben und herausgebracht.
Autor und Verleger haben zwar einerseits hohen Respekt vor der Ernsthaftigkeit jener, die an die Wirksamkeit von Medikamenten glauben, sind jedoch andererseits fest davon überzeugt, dass diese Menschen sich im Irrtum befinden. Sie betrachten es daher als ihre Pflicht, deren Geister von einem Fehler zu befreien, der ihre Gesundheit, ihr Glück und ihr Leben betrifft.
Will man bei diesem Vorhaben den größtmöglichen Erfolg erzielen, dann muss man die intelligenten Männer und Frauen dazu bringen, lange genug bei diesem Thema zu verweilen, damit sie genau prüfen können, welche Argumente die Osteopathie vorzubringen hat gegen Medikamentenverschreibungen und für ein System, das auf die Großartigkeit der Natur vertraut, ein System, das ganz und gar die beweisbare Tatsache akzeptiert, dass der Körper ein Labor ist, eine Manufaktur all dessen, was für das Wachstum, die Erneuerung und die Verlängerung des Lebens erforderlich ist.
Wir sagen, dass die intelligenten Männer und Frauen erreicht werden müssen – und zwar deshalb, weil die Intelligenten in diesem und jedem anderen Land die Zentren des sozialen Einflusses bilden. Erlangt man bei diesen Zentren Gehör, spricht man gleichsam zur Menge.
Aus diesem Grund werden diese Informationsschriften verlegt. Ein Traktat über die Osteopathie angeboten zu bekommen, ist für jeden Mann und jede Frau eine Auszeichnung und zugleich ein Anerkennen ihrer Intelligenz und ihres Einflusses. Sind Männer und Frauen erst einmal auf diese Weise geehrt worden, dann ist die erste Barriere des Vorurteils gegenüber unserem System schon beseitigt.
Wir zögern nicht, die Verbreitung dieser Broschüre zu einer dringenden Angelegenheit zu machen. Niemand kann sie lesen, ohne hinterher überzeugter zu sein. Als eine Argumentation ist sie, wie wir glauben, konkurrenzlos innerhalb der osteopathischen Literatur. Und sie ist in einem Geist und zu einem Zweck geschrieben, die Respekt einflößen.
Weil wir glauben, dass das gesegnete Evangelium, das zu Reinlichkeit, zu sensibler Rücksichtnahme auf den Körper und zu völliger Abstinenz von jeder schwächenden Verhaltensgewohnheit aufruft, die moralische und intellektuelle Erhebung unserer Rasse begleiten muss, treibt es uns, die Grundsätze des Systems zu drucken, zu veröffentlichen und zu predigen – ein Vorhaben, das diese Broschüre vernünftig und überzeugend realisiert.
In der Überzeugung, dass diese Broschüre Wahrheit enthält, die zu beachten der Menschheit gut tun würde, und in der Hoffnung und dem Glauben, dass sie ehrliche Beachtung finden wird, stellen Autor und Verleger sie vertrauensvoll der Profession und der Öffentlichkeit vor.
Wm. R. Dobbyn & Söhne
Osteopathie
John Martin Littlejohn
Osteopathie
Die Osteopathie markiert ein neues Zeitalter in der Heilkunst. Anerkennung hat sie allein aufgrund ihrer Verdienste errungen und die bemerkenswerte Entwicklung, die sie durchlaufen hat, war das Ergebnis wunderbarer Erfolge bei der Heilung von Krankheiten. Sie ist keineswegs ein Allheilmittel und hat nichts durch Quacksalberwerbung für ihre Heilungen erreicht. Ihre beste Eigenwerbung besteht in den Wohltaten, die sie an der leidenden Menschheit vollbracht hat. Das winzigste Neugeborene, sogar das noch Ungeborene haben die Wohltat ihrer Berührung empfunden. Unter dem beruhigenden Einfluss osteopathischer Begleitung haben Frauen die Aufgabe der Mutterschaft ganz neu erfahren. Der Schmerz hat aufgehört, die Augenbrauen zu runzeln und das erschöpfte, bleiche Gesicht des leidenden Geistes im Körper zu zerfurchen, weil die magische Berührung des osteopathischen Genius und der osteopathischen Kunstfertigkeit bis zur Ursache durchgedrungen ist und die Irritation, die Quellen für Systemstörungen in sich trug, beseitigt hat.
Das Leidenserbe des Menschen
Der Mensch in seiner jetzigen Konstitution ist Erbe von Leid, Krankheit und Tod. Ihm widerfahren zudem Unfälle, er wird schicksalhaft Opfer ärztlicher Kunstfehler, tätlicher Angriffe und seiner Selbsttötungspläne. Dies beschreibt die Situation der Menschheit und ruft nach Linderung von Leid, Schmerz und Pein sowie nach Befreiung von Krankheiten, die unsere Art befallen und zusammen mit Seuche und Tod ihre Existenz bedrohen.
Leben und Gesundheit
Das große Ziel des Menschen ist das Leben. Und im Leben besteht sein höchstes Bestreben darin, seine Gesundheit zu sichern – was nicht anderes bedeutet als dass er frei ist von ungesunden Zuständen, die in sein Leben eindringen und ihn unglücklich machen. Um dieses Lebensideal, also Gesundheit – und somit Glück – zu erlangen, hat der Mensch jede Naturressource zu nutzen versucht. Auf den Trittsteinen der Besitztümer der Natur, zu denen auch riesigen Landdomänen gehören und der unermessliche Reichtum der in ihnen begrabenen Mineralien, auf den Flügeln des natürlichen Lebens, das im organischen Sein von Pflanzen und Tiere eingeschlossen ist, auf den Triumphwagen der Naturkräfte, also jener Kräften, die das Universum regieren und die sich miteinander mischen, um es zu einem Universum zu machen, in dem Gesetz, Ordnung und Evolution herrschen und in dem es Schwerkraft, gegenseitige Anziehung, Wärme, Licht, Ton usf. gibt: Auf all diesen Wegen hat der Mensch eine günstige Ausgangsposition zu erringen versucht, von der aus er die universale Natur als seinen Bereich aktiver Entwicklung zu überblicken und die Huldigung der Natur in Form von Gehorsam ihm gegenüber zu fordern vermag.
Doch der Mensch, der auf diese Weise aus sich herausgegangen ist, um das gesamte Universum des Seins und der Existenz zu erforschen, hatte darüber vergessen, in sich zurückzukehren, um die in ihm wohnenden Kräfte zu erforschen und zu nutzen. »Erkenne Dich selbst!«: Dieses oberste Gebot des Seins hat er also nicht erfüllt. Während er versuchte, alles zu erklären, was außerhalb seiner selbst liegt, hat er es versäumt, das zu untersuchen, was innen ist. sich folglich nur mit äußeren Ursachen und wesensfremden Voraussetzungen von mangelnder Gesundheit und Unglück befasst und versucht, diese von außen statt von innen zu korrigieren oder zu heilen.
Zurück zur Natur
Die Osteopathie bringt den Menschen zurück zu seiner ersten Liebe – nämlich zum Reichtum des Seins im Menschen selbst, zu den unzählbaren Schätzen des heilenden und stärkenden Lebens in ihm. Und zu der Tatsache, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist und nicht alle Dinge das Maß des Menschen sind.4
Der Heilberuf
Seit undenklicher Zeit gibt es einen Beruf, dessen Geschichte die Geschichte der Wissenschaft und Kunst der Heilung ist und der es zu seinem obersten Daseinszweck erklärt hat, dem Menschen zu helfen, sein Ideal von Leben und Gesundheit zu erlangen. An der Schwelle der Geschichte, in der Morgendämmerung der Zivilisation nahm dieser Beruf Gestalt an in Form einer philanthropischen Bruderschaft, die sich guten Sitten, guter Ernährung und physikalischer Vollkommenheit verschrieben hatte.
Die Geschichte dieses Berufsstands ist die Geschichte der Meinungsverschiedenheit. Wenn wir auf sie zurückschauen, stoßen wir an jedem Punkt auf Kontroversen und bitteren Streit. Bei einem genauen Blick auf diese kontroversen Kämpfe, sind wir geneigt, zu fragen, inwieweit es der Neuzeit gelungen ist, sich über die bloße Routine toter Orthodoxien der Vergangenheit zu erheben und Gesundheitsprobleme im Licht der modernen Wissenschaft und deren verbesserter Methoden zu betrachten. Wir müssen lernen, dass wir es mit Fakten zu tun haben, mit den Gegebenheiten des Lebens – und nicht mit bloßen Worten, toten Dogmen und klassischen Bezeichnungen für Krankheiten. Alles muss in das frische, lebendige Licht der Tatsache und der Natur miteinbezogen werden, in die persönliche Beobachtung und Erfahrung in Labor, Sektionsraum, Krankenhaus oder Krankenzimmer.
Mystizismus in der Medizin
Das Studium der Heilung war über lange Zeit an den Nominalismus gebunden, an das Studium von Worten und Dogmen. Diese besetzten den Platz, den eigentlich Symptome oder Zeichen und Ursachen von Krankheit einnehmen sollten. Das Ergebnis dieses dunklen5 Nominalismus ist die Polypharmazie6 der Neuzeit, denn undurchsichtige Anschauungen verlangen, dass auch die Eigenschaften der verabreichten Medikamentenmengen im Dunkeln bleiben.
Allmählich hat sich diese Art von Okkultismus noch vertieft, obgleich wissenschaftliche Forschung die Basis für Ungebundenheit gelegt hat. Vesalius schuf im 16. Jahrhundert die Grundlagen für das Studium der Anatomie. Ihm folgte eine lange Reihe berühmter Anatomen, die den Weg für die physiologischen Forschungen von Harvey, Haller und anderen bereitet haben. Obgleich die Wissenschaft seit Galileos mühevollem Eifer Fortschritte gemacht hat, sind Kunst und Wissenschaft der Heilung weiterhin von Präzedenzfällen bestimmt und von Erfahrung gelenkt, und zwar vor allem deshalb, weil die Heilkunst immer noch in die Antike eingetaucht ist und die meisten ihrer überlieferten Prinzipien aus der Ära vor dem christlichen Zeitalter stammen. Die traditionelle, sogenannte reguläre Schule der Medizin verwendet als Erbe die knidische Sprache und folgt der Praktik des Hippokrates, nicht aber dessen Prinzipien.
Das Heraufdämmern des Neuen
Wir befinden uns in einem Zeitalter des Wissens, der Macht – denn Wissen ist Macht –, höheren Lebens und weiter greifender Ideen. Und in diesem Geist erhebt auch die jüngste Tochter der Wissenschaft der Heilung, die Osteopathie, ihr Haupt und beansprucht alles Gute in der bisherigen Geschichte der Heilung als ihr Erbe. Die Osteopathie bildet den Höhepunkt der gesamten Entwicklung in der Wissenschaft und Kunst der Heilung. Der Bereich der Heilung zeigt mehr als alle anderen Bereiche des Wissens und der Praxis die Empfindungen des jeweiligen Zeitalters, bringt es mehr als alle anderen zum Ausdruck. So gesehen erreichen wir gerade das Mannesalter reifer Medizin.
Osteopathie: ihr Name, ihre Bedeutung
Den Begriff »Osteopathie« als technische Bezeichnung hat Dr. A. T. Still für die neue Wissenschaft und Kunst erstmals verwendet, weil bei seiner Entdeckung von Läsionen als Ursachen für die Entstehung krankhafter Zustände die Fehlstellung von Knochen in der zeitlichen Reihenfolge an erster Stelle stand. Ebenso wie alle anderen Bezeichnungen einer neuen Wissenschaft beinhaltet auch dieser Terminus nicht exakt all das, was die neue Wissenschaft ausmacht, sondern weist lediglich auf den Ursprung hin, von dem aus ihre Evolution begann.
Inzwischen ist die Wissenschaft über die Begrenzungen dieser Bezeichnung hinausgewachsen, weil sie sich aufgrund ihrer alles umfassenden Prinzipien erweitert und von innen heraus entwickelt hat. Sie eröffnet eine neue, genauere Sicht auf Krankheitsursachen sowie auf deren Pathologie und Behandlung.
Osteopathisch umfasst die Wissenschaft das Entdecken der Ursache oder der Ursachen von Krankheit sowie deren Anpassung oder Beseitigung mit dem Ziel, den Körperorganismus sowohl in struktureller als auch in funktioneller Hinsicht wieder in seinem Normalzustand zurückzubringen. Die neue Pathologie basiert auf der modernen Physiologie, und berücksichtigt deshalb Störungen in den Funktionsabläufen ebenso wie Veränderungen in der Struktur und in deren Anpassung.
Grundprinzipien
Da das Angepasstsein des Organismus Voraussetzung für seine normalen Aktivitäten und für die Koordination seiner Bewegungen ist, müssen wir auf Folgendes achten:
(1) Fehlstellungen von Knochen, Muskel, Ligament, Knorpel, Viszera usf.,
(2) Störungen in den Flüssigkeiten des Organismus, wozu Blut, Lymphe, Zerebrospinale Flüssigkeit und andere Sekrete zählen,
(3) Fehlsteuerungen und Unordnung des Nervensystems einschließlich Nervenzellen, Zentren, Ganglien, Plexus und Fasern.
Im Bereich der osteopathischen Therapie, die den Zweck verfolgt, die Gesundheit des Organismus wiederherzustellen, verwenden wir:
(1) wissenschaftliche Manipulationen, die darauf abzielen, die Fehlstellungen in den strukturellen Körperflüssigkeiten7 zu korrigieren;
(2) wissenschaftliche Manipulationen, die das Nervensystem mit seinen Fasern und Plexus in den verschiedenen Teilen des Körpers und in seinen Beziehungen zu den Organen nutzen;
(3) wissenschaftliche Manipulationen, die dazu dienen, Blutzirkulationsstörungen in Ganglien, Zentren und Zellen zu beheben – und zwar um gestörte Nervenzustände zu korrigieren, den allgemeinen Tonus im System und seinen lokalen Teilen zu erhöhen, die trophischen Zustände von Nerven und Muskeln zu fördern und die normale Koordination und Korrelation der psychischen, physiologischen und vegetativen Funktionen des Organismus anzuregen.
Die Bedeutung leichter Abweichungen
Der gesamte Körper dient der funktionellen Aktivität. Es gibt also keinen Abfall und nichts Überflüssiges und ebenso wenig ist Platz für anormale Zustände. Die leichteste Abweichung von der normalen Struktur impliziert mithin eine Störung der organischen Aktivität und kann Anlass für eine akute oder chronische Erkrankung in irgendeinem Teil des Körpers sein. Theoretisch unterstellt das osteopathische Prinzip einen Körper, dessen Knochengerüst perfekt und bis ins Kleinste angepasst und eingerichtet ist, dessen Muskeln sorgfältigst an ihrem Ursprung und Ansatz befestigt sind, dessen Blut frei in allen Organ- und Gewebeteilen zirkuliert und dessen Nervenkraft das assimilierende und lebensspendende Prinzip im gesamten Körper darstellt. Diese Nervenkraft beruht auf der physiologischen Balance aller Teile des Organismus. Die Gesetze der Nervenenergie liefern uns die Prinzipien, auf deren Grundlage diese kontinuierliche Balance aufrechterhalten wird, und erklären zugleich alle Abweichungen vom Gesundheitsstandard.
Ordnung und Harmonie
In der Harmonie dieser Gesetze, Prinzipien, Kräfte und Aktivitäten erkennen wir die Ordnung des gesamten Systems. Der Körper ist also ein perfekter physikalischer und vitaler Mechanismus8. Alle Teile stehen in harmonischer Beziehung zueinander und sind so miteinander vereint, dass sie ein vollkommenes System bilden. Ist das System nicht perfekt, müssen wir ein exaktes Wissen von der Struktur, von den Funktionen, von den Beziehungen der verschiedenen Teile des Mechanismus und vom Mechanismus als Ganzem anwenden, um die Abweichungen vom Normalzustand zu entdecken.
Nur so können wir die Gesetze herausfinden, die die Normalzustände des Körpers regulieren, und ebenso die Hilfsmittel der Natur, die für Erholung und Wiederherstellung zur Verfügung stehen.
Natürliche innere Heilmittel
Wir erkennen, dass der Körper jene natürlichen Heilmittel in sich birgt, jene notwendigerweise menschlichen Prinzipien der menschlichen Mechanik, jene trophischen und metabolischen Prozesse, die in einem Zustand normalen Gleichgewichts die Basis für Gesundheit und in einem Zustand mangelnder Gesundheit die Mittel zum Korrigieren von Fehlstellungen, Fehlanordnungen und Störungen liefern.
Die Bedeutung struktureller Vollkommenheit
In einem völlig gesunden menschlichen Organismus verrichten alle Gewebe und Strukturen des Körpers ohne Unterbrechung ihre Arbeit in der Ökonomie des Lebens. Die Körperstruktur stellt das Gerüst dar, auf dem die anderen Gewebe des Körpers aufgebaut und an dem sie befestigt sind. Daher verwenden wir das Knochengerüst, um Orientierungspunkte für die physikalische Untersuchung festzulegen, aber auch als Hilfsmittel der manipulativen Arbeit beim Wiederanpassen dislozierter Teile. Die Knochen sind also schlicht das Medium therapeutischen Arbeitens, so wie Wasser das Medium von Kälte- oder Wärmeanwendung ist oder wie Zucker in der homöopathischen Praxis als Mittel zur therapeutischen Anwendung der dynamischen Kraft bestimmter Agenzien benutzt wird. Gleichermaßen dienen Muskeln und Nerven als Medien solcher wirksamen Anwendungen.
Kein Verabreichen körperfremder Arzneimittel
Die Osteopathie legt fest, dass für den Körper in Gesundheit und Krankheit keinerlei von außen zugeführte Arzneimittel erforderlich sind – abgesehen von einer aus Erfahrung empfohlenen Ernährung auf der Grundlage der unmittelbaren Prinzipien des Körpers. Eine derartige Ernährung ist wesentlich für die Erhaltung und Wiederherstellung vorhandener Gewebe sowie zur Bildung neuer Gewebe im Zusammenhang mit den Auflösungsprozessen im Protoplasma. Gute Nahrung in ausreichender, nicht übermäßiger Menge, abwechslungsreich genug, um einseitiger Ernährung vorzubeugen, Muskelbewegung analog zu den rhythmischen Aktivitäten und Bewegungen des Körpers und seiner Teile sowie ausreichend tiefe und freie Atmung, um die 65 % Sauerstoff zu erhalten, die der Körper für gesunde Stärke und Vitalität braucht – das sind in Bezug auf Körperkultur, Gymnastik und Hygiene die Prinzipien der Osteopathie.
Die Osteopathie als unabhängiges System
Die Osteopathie distanziert sich von allen älteren Schulen der Medizin und behauptet dennoch, die Erbin allen medizinischen Wissens zu sein, das sich durch die Zeit angesammelt hat. Sie steht auf dem Standpunkt, dass eine genaue Kenntnis und eine wissenschaftliche Anwendung der anatomischen, physiologischen und hygienischen Prinzipien, die der menschlichen Natur zugrunde liegen, die therapeutische Basis für die Aufrechterhaltung von Gesundheit und für die Vermeidung und Heilung von Krankheit bilden.
Folgende Auffassungen runden dieses wissenschaftliche System ab:
(1) Das Nervensystem sorgt für das harmonische Zusammenwirken zwischen den Organen und Geweben des Körpers.
(2) Eine perfekte, störungsfreie Zirkulation der Organflüssigkeiten bildet die Grundlage eines völlig gesunden Bioplasmas.
(3) Das perfekte Funktionieren aller vitalen Kräfte und Prozesse unter der Leitung und regulativen Steuerung der Vitalität hält den Körper bei der Bewegung von Knochen, Muskel, Gelenkverbindung usf. frei von allen Hindernissen, Beeinträchtigungen, Druck usf.
Wiederherstellung des Normalzustandes
Für richtig hält die Osteopathie die negative Schlussfolgerung naturbezogener Wegbereiter, die schon vor Jahrhunderten den Gebrauch von Medikamenten als wertlos und schädigend für das System verurteilt haben. Auf der positiven Seite behauptet sie, dass grobe Medikamente tatsächliche Nachteile und Beeinträchtigungen für das System bringen und dass ihr Gebrauch beim Versuch, Krankheiten zu heilen, eine unwissenschaftliche Methode darstellt.
Das menschliche Wesen ist ein vollkommener natürlicher Organismus, welcher die Heilmittel der Natur in sich birgt und so über genügend Ressourcen verfügt, um in Bezug auf Krankheiten Stärkungs-, Wiederherstellungs- und Vorsorgemaßnahmen ergreifen zu können.
Krankheit ist das Ergebnis oder die Auswirkung einer beliebigen Störung, Unordnung oder Anormalität im System. Zur Wiederherstellung des Normalzustandes ist es daher notwendig, behindernden Zustände sowie alle anormalen, das organische Leben gefährdenden Entwicklungen zu beseitigen und gestörte Zustände zu korrigieren.
Jeder Krankheitszustand lässt sich anhand von Symptomen, Zeichen oder pathologischen Anhaltspunkten auf eine primäre Ursache in Nerv, Muskel, Blutgefäß, Knochen usf. zurückverfolgen. Sobald diese Ursache lokalisiert ist, erhält die Natur Unterstützung beim Wiederherstellen des Normalzustands. Dann wird durch Harmonisieren der natürlichen Kräfte, durch Anpassen struktureller Beziehungen, durch Aufbauen einer normalen funktionellen Aktivität im Nerven-, Verdauungs-, Sekretions- und Ausscheidungssystem sowie durch Beseitigen von Behinderungen des freien Spiels der Nervenkraft und der freien Zirkulation von Blut, Lymphe, Muskelflüssigkeit, Galle usf. ein normales Fundament für einen gesunden Organismus gelegt.
Druck durch Muskel oder Knochen
Beispielsweise wurde festgestellt, dass die Fehlstellung eines Teils der Körperstruktur, egal ob es sich dabei um Muskel oder Knochen handelt, einen Druck auf Nerven oder Blutgefäße hervorruft, der wiederum bewirkt, dass in einem bestimmten Bereich des Körpers die Zufuhr an Nervenkraft und Nahrung unterbunden wird. Dieser gestörte Zustand auf dem Sektor Ernährung und Trophik ist eine ergiebige Quelle für Erkrankungen des Magens, der Leber, des Appendix usf.
Bei spinalen Problemen erzeugt die Verdrehung oder Krümmung der Wirbel, wie leicht und unbedeutend sie auch erscheinen mag, häufig einen direkten Druck auf die Nervensubstanz, schneidet die Zirkulation sowohl der Flüssigkeiten als auch der Nervenkräfte ab und führt schließlich zu einem degenerativen Zustand von Nerven und Muskeln. Diese Degeneration findet – wie die Physiologie lehrt – entfernt vom Zentrum des trophischen Einflusses statt, also außen und abseits der im Rückenmark lokalisierten trophischen Zentren.
Der durch Fehlstellungen, Tumoren oder verspannte Gewebe entstandene Druck auf einen Nerv kann einen solchen Degenerationszustand bei Geweben oder Organen hervorrufen. Und besteht dieser Druck fort, kann die Vitalität des Gewebes oder Organs so geschwächt werden, dass eine gesunde, normale Aktivität unmöglich ist. Die Wirkung dieses Drucks beruht auf der physiologischen Maxime, dass sich bei ausreichend starker mechanischer Reizung eines Nervs die Nervensubstanz verändert, wodurch es zu einer pathologischen Veränderung kommt. Mit der Druckursache beseitigt man auch die Degenerationsursache. Dann beginnt der Wiederaufbau der aktiven Tendenz zum Normalzustand, die man in jedem Gewebe und Organ findet, solange Vitalität vorhanden ist. Wird diese Tendenz durch einen neuen Blutstrom und eine stärkere Nervenkraft von den großen Zentren der vitalen Aktivitäten unterstützt, ist die Wiederherstellung des Normalzustandes sichergestellt.
Empfindlichkeit, Sensibilität, das Kribbeln bestimmter Teile des Körpers sowie unterschiedlich starkes Schmerzempfinden veranschaulichen das physiologische Prinzip, wonach die weiße Schicht des Nervs mit winzigen Nervenfilamenten, den sogenannten Nervi nervorum versorgt ist, die spezielle Schmerznerven darstellen. Auf diese Weise verfügen die verschiedenen Nervenbahnen über eine besondere Sensibilität – teils um die Nerven vor möglicherweise eintretenden gefährlichen Zuständen zu schützen und teils als Signal einer Störung in der normalen Nervenfunktion. Folglich darf der Schmerz nicht, wie es im medizinischen Bereich so häufig geschieht, durch Analgetika blockiert werden, denn er signalisiert Gefahr – etwa eine durch irgendetwas verursachte übermäßige Reizung des Nervensystems oder einen Erschöpfungszustand des Blutes, aufgrund dessen die Nerven in einem Hungerzustand sind, weil ihnen anstelle von reinem arteriellem nur unreines, sauerstoffarmes oder mit Gift belastetes Blut zugeführt wird.
Das wahre Analgetikum besteht daher im Beseitigen des behindernden oder irritierenden Drucks auf die Nervenbahn und des irritierenden, nährstofflosen Bluts sowie im Spülen des Nervensystems mit reinem Blut aus den großen vitalen Zentren der Blutproduktion.
The free sample has ended.