Read the book: «James Bond 16: Kernschmelze»
JAMES BOND

KERNSCHMELZE
von
JOHN GARDNER
Ins Deutsche übertragen von Anika Klüver und Stephanie Pannen

Die deutsche Ausgabe von JAMES BOND – KERNSCHMELZE
wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.
Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,
Übersetzung: Anika Klüver und Stephanie Pannen;
verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;
Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik;
Cover Artwork: Michael Gillette. Printausgabe gedruckt von
CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.
Printed in the Czech Republic.
Titel der Originalausgabe: JAMES BOND – LICENSE RENEWED
German translation copyright © 2014, by Amigo Grafik GbR.

Copyright © Ian Fleming Publications Limited 1981 The moral rights of the author have been asserted. Die Persönlichkeitsrechte des Autors wurden gewahrt.
JAMES BOND and 007 are registered trademarks of Danjaq LLC, used under license by Ian Fleming Publications Limited. All Rights Reseved.
Print ISBN 978-3-86425-433-8 (September 2014) E-Book ISBN 978-3-86425-463-5 (September 2014)
WWW.CROSS-CULT.DE · WWW.IANFLEMING.COM
ÜBER DEN AUTOR
John Gardner war ein britischer Spionageroman- und Krimiautor. 1979 erhielt er von Glidrose Publications (heute Ian Fleming Publications) offiziell den Auftrag, Ian Flemings Vermächtnis weiterzuführen und neue James-Bond-Abenteuer zu schreiben. Zwischen 1981 und 1996 schrieb Gardner vierzehn eigene James-Bond-Romane und die Bücher zu zwei James-Bond-Filmen.
Bevor er in den frühen 1960ern eine Karriere als Romanschriftsteller begann, war John Gardner als Zauberkünstler, Offizier der königlichen Marine, Journalist und für kurze Zeit auch als Priester der Anglikanischen Kirche tätig. Gardner erschuf viele beliebte Figuren wie zum Beispiel Boysie Oakes und Herbie Kruger und verfasste insgesamt fünfundfünfzig Romane – darunter zahlreiche Bestseller –, bevor er im August 2007 verstarb.
Weitere Informationen finden sich auf www.john-gardner.com oder der Webseite für Ian Fleming: www.ianfleming.com.
Zum Gedenken an Ian Lancaster Fleming
DANKSAGUNGEN
Ich möchte ganz besonders den Vorstandsmitgliedern von Glidrose Publications Ltd., den Eigentümern des literarischen Urheberrechts für die Figur James Bond, dafür danken, dass sie mich gebeten haben, die recht einschüchternde Aufgabe zu übernehmen, dort weiterzumachen, wo Mr Ian Fleming aufgehört hat, und 007 in die 1980er zu transportieren. Im Speziellen gilt mein Dank Mr Dennis Joss und Mr Peter Janson-Smith und auch H.R.F.K., der als ursprünglicher »Vermittler« fungierte.
Wir sind mittlerweile so sehr an die verblüffenden technischen Spielereien in James-Bond-Abenteuern gewöhnt, dass ich für alle Ungläubigen gerne betonen würde, dass die gesamte »Hardware«, die Mr Bond in dieser Geschichte benutzt, echt ist. Alles, was die Q-Abteilung stellt und Bond bei sich trägt – sogar die Modifikationen an Mr Bonds Saab –, kann man auf gewöhnlichem oder geheimem Wege erwerben. Für die Hilfe auf der Suche nach Einzelheiten bezüglich dieser Ausrüstung bin ich besonders Communication Control Systems Ltd. zu Dank verpflichtet, genauer gesagt der wundervollen Ms Jo Ann O’Neill und dem gefürchteten Sidney.
Was die Erfindungen von Anton Murik, dem Laird von Murcaldy, angeht, werden wir wohl einfach abwarten müssen.
1981
JOHN GARDNER
INHALT
1. Passagier für Flug 154
2. Gedanken auf einer Straße in Surrey
3. Die Opposition
4. Dossier über einen Laird
5. Der Weg nach Ascot
6. Perlen vor die Säue
7. König Murik
8. Felsgrottenmadonna
9. Alle modernen Annehmlichkeiten
10. Dilly-Dilly
11. Der Steinschleuderersatz
12. Ein Auftrag, Mr Bond
13. Nächtliche Fahrt
14. Hochfrequenz
15. Fortgegangen
16. Ein schicksalhaftes Fest
17. Der Tod steht ihr gut
18. Der Plan
19. Ultimatum
20. Warlock
21. Luftangriff
22. Das Schloss des Warlocks
23. Durch und durch eine Lady

PASSAGIER FÜR FLUG 154
Der Mann, der die Toilettenräume des Flughafens betrat, hatte helles Haar, das ordentlich auf Kragenlänge geschnitten war. Er war stämmig, etwa ein Meter sechzig groß, trug eine verknitterte Jeans, T-Shirt und Turnschuhe. Einem geschulten Beobachter wären besonders die durchdringenden blauen Augen aufgefallen, über denen sich die dünnen geschwungenen Brauen fast über der schmalen Nase berührten.
Das Gesicht des Mannes war im Vergleich zu seinem Körper dünn, und die Haut wirkte im direkten Kontrast zu seiner Haarfarbe recht dunkel. Er trug einen kleinen braunen Koffer bei sich, und als er die Toilettenräume betrat, ging er schnurstracks auf eine der Kabinen zu, wobei er vorsichtig an einer Reinigungskraft im Blaumann vorbeitrat, die ohne große Begeisterung den gefliesten Boden mit einem Gummischrubber wischte.
Sobald er sich in der Kabine befand, schob der Mann den Riegel vor, legte den Koffer auf den Toilettendeckel und öffnete ihn, um einen Spiegel herauszuholen, den er an den Türhaken hängte, bevor er sich daran machte, sich bis auf seine weiße Unterhose auszuziehen.
Bevor er das T-Shirt auszog, schob er die Finger gekonnt unter den Haaransatz an seinen Schläfen und zog die Perücke ab, sodass darunter sein kurz geschorenes eigenes Haar zum Vorschein kam.
Mit einem Finger und einem Daumen packte er das Ende seiner linken Augenbraue und zog ruckartig daran, wie eine Krankenschwester, die ein Pflaster von einer Schnittwunde entfernt. Die schmalen Augenbrauen verschwanden – zusammen mit ein wenig Haut –, zurückblieben ungepflegte dicke schwarze Streifen aus natürlichem Haar.
Der Mann arbeitete wie ein Profi – sorgfältig und schnell, als stünde er unter Zeitdruck. Er holte ein Baumwollkorsett aus dem Koffer, legte es um seine Taille und zog es fest zusammen, wodurch er umgehend eine schmalere Taille bekam und gleichzeitig größer wirkte. Letztere Illusion wurde innerhalb weniger Sekunden noch verstärkt. Der Mann faltete die Jeans und das T-Shirt sorgfältig zusammen, schob seine Socken in die ausgezogenen Turnschuhe und zog ein neues Paar dunkelgrauer Socken sowie eine elegant geschnittene, leichte dunkelgraue Hose und schwarze Slipper an, in die etwas eingebaut war, das Schauspieler als »Erhöhung« bezeichnen. Auf diese Weise wurde er gute fünf Zentimeter größer.
Er verstellte den Spiegel an der Tür, zog ein weißes Seidenhemd an und band sich eine perlgraue Krawatte um, bevor er eine längliche Plastikkiste öffnete, die direkt unter dem Korsett, den Socken, der Hose und dem Hemd im Koffer gelegen hatte und aufbeiden Seiten durch je einen der Schuhe an ihrem Platz gehalten worden war.
In dieser Plastikkiste befanden sich neue Maskenteile für das Gesicht des Mannes. Zuerst ein Paar dunkler Kontaktlinsen und die dazugehörige Flüssigkeit, um den auffälligen hellblauen Augen eine dunkle, fast pechschwarze Farbe zu verleihen. Als Nächstes schob er sich kleine, speziell geformte Schaumgummikissen in die Backen, um sein Gesicht flacher wirken zu lassen. Während er sie im Mund hatte, würde er nicht in der Lage sein, zu essen oder zu trinken, aber das spielte im Vergleich zu dem gewünschten Effekt, den er damit erzielte, kaum eine Rolle.
Die wichtigsten Utensilien waren ein maßgefertigter kurzer Bart und ein dazugehöriger Schnurrbart, die aus echtem Haar auf einer unsichtbaren, selbstklebenden Latexschicht aufgebracht waren. Über den Rand der Latexschicht hingen echte Borsten, und wenn der Mann diesen falschen Bart korrekt an seinem Kinn und seiner Unterlippe anbrachte, entstand selbst aus nächster Nähe der Eindruck einer vollkommen echten Gesichtsbehaarung. Ein Experte in New York, der behauptete, in einem fragwürdigen entfernten Verwandtschaftsverhältnis zu Ludwig Leichner zu stehen – dem berühmten Wagnersänger aus dem neunzehnten Jahrhundert, der außerdem als Erfinder der Theaterschminke gilt –, hatte diesen Bart speziell hergestellt.
Der Mann lächelte das ungewohnte Gesicht an, das ihm nun aus dem Spiegel entgegenblickte, und komplettierte das neue Bild durch eine Metallgestellbrille mit Fensterglas. Auch ohne das Zutun von Leichners unbewiesenem Verwandten war die nicht wiedererkennbare Person, die ihn nun aus dem Spiegel anschaute, ein wahrer Make-up-Experte und Tarnkünstler. Es war Teil seines Repertoires – vermutlich der am wenigsten tödliche Teil –, und er hatte unter den besten Männern und Frauen in Hollywood studiert. Außerdem grenzte sein diesbezügliches persönliches Wissen fast an den Inhalt eines Lexikons. Er hatte all die berühmten Werke gelesen, wie zum Beispiel Lacys Art of Acting, den anonym verfassten Practical Guide to the Art of Making Up, der von Haresfoot and Rouge herausgegeben worden war, sowie all die anderen Standardwerke von Leman Rede, C. H. Fox und dem großen S. J. A. Fitzgerald.
Nun schloss er die längliche Kiste, nahm ein Jackett aus dem Koffer, das zu seiner Hose passte, steckte alles Notwendige in seine Taschen – Brieftasche, Pass, Reisepapiere, Taschentuch, Kleingeld und Scheine – und musterte sich ein letztes Mal im Spiegel. Dann packte er alles mit enormer Sorgfalt ein, befestigte eine goldene Digitaluhr an seinem linken Handgelenk und nahm einen letzten Gegenstand aus einer Tasche im Kofferdeckel – eine eng anliegende Hülle, die man über den Koffer ziehen konnte, um dessen Farbe zu verändern: Auf diese Weise wurde aus dem ursprünglichen Braun ein glänzendes Schwarz. Zum Schluss verschloss er den Koffer, zog die neue Hülle darüber und verriegelte die Zahlenschlösser.
Er schaute sich ein letztes Mal um, überprüfte seine Taschen und verließ die Kabine. Er war nun nicht mehr als die Person wiederzuerkennen, die den Toilettenraum betreten hatte. Er ging geradewegs auf den Ausgang zu, trat hinaus und marschierte quer durch die Wartehalle zum Check-in-Schalter.
Im Inneren der Toilettenräume lehnte der Mann, der den gefliesten Boden gewischt hatte, seinen Gummischrubber an die Wand und ging ebenfalls hinaus. Er ging genau wie der andere Mann durch die Wartehalle, aber am Check-in-Schalter vorbei und zu einer Tür mit der Aufschrift PRIVAT, die er mit einem eigenen Schlüssel aufschloss. Im Inneren des Raums befanden sich ein Tisch, ein Stuhl und ein Telefon.
Während sich der Mann mit dem neuen Gesicht darauf vorbereitete, an Bord der Aer-Lingus-Maschine EI 154 von Dublin nach London Heathrow zu gehen, sprach die unbedeutend aussehende Reinigungskraft schnell in das Telefon. Es war fast Viertel vor neun.

GEDANKEN AUF EINER STRASSE IN SURREY
James Bond schaltete in den dritten Gang runter, bog mit dem Saab 900 Turbo scharf nach links ab, kratzte am Grassaum entlang und beschleunigte dann noch ein wenig mehr, um den Wagen aus der Kurve herauszubringen.
Er folgte einer komplizierten Abfolge von Landstraßen, einer Abkürzung durch Hecken und Felder und vorbei an hohen Bäumen, die die Nebenstraßen von Surrey säumten. Es war eine Route, die quer durchs Land führte und ihn schließlich zur Zufahrt nach Guildford und dann geradewegs über gute Straßen nach London bringen würde. Bond fuhr viel zu schnell. Ein Blick auf die Digitalanzeigen, die sich in der Windschutzscheibe seines speziell aufgerüsteten Saabs spiegelten, verriet ihm, dass der Wagen mit fast hundertfünfzehn Stundenkilometern unterwegs war. Auf dieser Art von Nebenstraßen war das definitiv gefährlich. Der Motor heulte auf, als er erneut einen Gang runterschaltete und dann durch eine Reihe S-Kurven beschleunigte. Langsam kehrte der gesunde Menschenverstand zurück, und Bond bremste, um die Geschwindigkeit auf ein realistischeres Maß zu drosseln. Er war jedoch noch immer aufgebracht und wütend.
Er hatte diese Strecke an diesem Abend schon einmal in die andere Richtung zurückgelegt, um zu seinem kürzlich erworbenen und neu eingerichteten Landhaus zu gelangen. Nun raste er an diesem schönen Freitagabend Anfang Juli mit halsbrecherischer Geschwindigkeit nach London zurück. Das Wochenende war seit einiger Zeit geplant gewesen, und da die Handwerker und Innenausstatter ihre Arbeiten gerade abgeschlossen hatten, hätte das sein erstes freies Wochenende im Landhaus werden sollen. Außerdem hatte er geplant, es mit einer langjährigen Freundin zu verbringen – einer lebhaften, herrlich attraktiven Blondine –, mit der er sich, wie Ms Stabschef Bill Tanner es ausgedrückt hatte, »seit Jahren immer mal wieder vergnügte«. Die Tatsache, dass sie nur knapp zehn Kilometer von seinem Landhaus entfernt wohnte, hatte großen Einfluss auf Bonds Kaufentscheidung gehabt. An diesem Freitag hatte er einen ganzen Berg Papierkram in Rekordzeit erledigt und das Büro nicht einmal in der Mittagspause verlassen, damit er rechtzeitig das Londoner Verkehrschaos hinter sich lassen konnte, bevor der übliche freitägliche Feierabendverkehr begann.
Die Landschaft zeigte sich von ihrer besten Seite. Der vielseitige Duft eines perfekten Sommers strömte ins Innere des Autos und brachte ein Gefühl der Behaglichkeit und Zufriedenheit mit sich – etwas, das Bond in letzter Zeit nur selten erlebte.
James Bond war kein abergläubischer Mann, doch als er sich an diesem Abend dem Landhaus näherte, fiel ihm auf, dass sich dort mehr Elstern als gewöhnlich aufzuhalten schienen. Sie flogen tief, segelten und flatterten quer über die Straßen und Wege wie schwarz-weiße Würfel bei einem Glücksspiel. Bond dachte an das alte Sprichwort: »Eine steht für Trauer, zwei für Freude.« An diesem Abend segelten jede Menge einzelne Elstern um sein Auto herum.
Als er das Landhaus erreichte, stellte Bond eine Flasche 55er Dom Perignon kalt und wusste, dass er entweder köstlich oder der teuerste Weinessig sein würde, den er je probiert hatte.
Dann ging er in das zusätzliche Zimmer im Erdgeschoss, zog den einigermaßen konservativen Anzug aus und duschte erst mit kochend heißem und dann mit eiskaltem Wasser, das wie Nadeln auf seiner Haut prickelte. Nachdem er sich mit einem rauen Handtuch abgetrocknet hatte, trug Bond eine kleine Menge Parfum von Guerlain auf, bevor er eine leichte marineblaue Kammgarnhose und ein weißes Baumwollhemd anzog. Er schlüpfte in bequeme weiche Ledersandalen und befestigte gerade die alte und geschätzte goldene Rolex Oyster Perpetual an seinem Handgelenk, als das Telefon klingelte.
Es war eher ein Schnurren als ein Klingeln. Das rote Telefon. Sein Herz wurde schwer. Sowohl hier im Landhaus als auch in seiner Londoner Wohnung in der King’s Road musste James Bond zwei Telefone haben: eins für den normalen Gebrauch, auch wenn es nicht registriert war, und ein zweites, einen roten Apparat – ein flaches, eckiges Gerät ohne Wählscheibe oder Ziffernblock. In seiner Branche galt es als »abhörsicher«. Dieses sichere, saubere, nicht zu verwanzende Telefon war direkt mit dem Gebäude im Regent’s Park verbunden, das als Hauptgeschäftsstelle von Transworld Export Ltd. bekannt war.
Bevor er auch nur eine Hand nach dem Telefon ausgestreckt hatte, verspürte Bond einen ersten Anflug leichter Verärgerung. Der einzige Grund für einen Anruf aus dem Hauptquartier an einem Freitagabend war irgendeine Art Notfall, oder ein Bereitschaftszustand, den M extra für Bond geschaffen hatte. Bonds Verärgerung wurde vermutlich noch von der Tatsache verstärkt, dass in letzter Zeit viele Notfälle bedeutet hatten, tagelang in einem Kontroll- oder Kommunikationsraum herumzusitzen oder eine komplexe Besprechung durchzustehen, die mit der Anweisung endete, die geplante Mission abzubrechen. Die Zeiten hatten sich geändert, und Bond hielt nicht viel von den politischen Einschränkungen, die man dem Secret Service auferlegt hatte, dem er nun schon länger treue Dienste leistete, als er sich eingestehen wollte.
Er nahm den Hörer des roten Telefons ab.
»James?« Wie Bond erwartet hatte, erklang Bill Tanners Stimme am anderen Ende der Leitung.
Bond brummte eine säuerliche Bestätigung.
»M braucht Sie hier«, sagte Tanner tonlos.
»Jetzt?«
»Seine genauen Worte möchte ich am Telefon nicht wiederholen, aber er hat angedeutet, dass Sie sich so schnell wie möglich herbemühen sollen.«
»An einem Freitagabend?«, hakte Bond nach. Seine Verärgerung wuchs schnell an, während er vor seinem inneren Augen sah, wie sein idyllisches Wochenende verschwand wie der Inhalt einer ausgezeichneten Flasche Wein, die man in den Ausguss schüttete.
»Jetzt sofort«, betonte der Stabschef und legte auf.
Als er die Abfahrt nach Guildford erreichte, erinnerte sich Bond an die Enttäuschung in der Stimme seiner Freundin, als er sie angerufen hatte, um ihr gemeinsames Wochenende abzusagen. Er schätzte, dass ihm das ein gewisser Trost sein sollte – nicht dass es in letzter Zeit viel gegeben hätte, das Bond Trost spendete. Es hatte sogar Augenblicke gegeben, in denen er ernsthaft über eine Kündigung nachgedacht hatte – oder wie es im Fachjargon hieß: »eine Privatisierung«. Fachjargon änderte sich. Früher wäre dieser Ausdruck gleichbedeutend mit Abtrünnigkeit gewesen, doch das war nun nicht mehr der Fall.
»Die Welt und die Zeiten ändern sich, James«, hatte M vor ein paar Jahren zu ihm gesagt, als er ihm die Neuigkeit eröffnet hatte, dass sein gesonderter Doppelnullstatus – der bedeutete, dass er die Lizenz besaß, in Ausübung seiner Pflicht zu töten – abgeschafft werden würde. »Narren und Politiker haben keine Ahnung von unseren Anforderungen. Die werden schon bald dafür sorgen, dass wir nach der Stechuhr arbeiten müssen.«
Dieses Gespräch hatte während der sogenannten Neuordnungssäuberung stattgefunden, die man beim Secret Service oft nur als »Operation gelungen, Patient tot«-Aktion bezeichnete, ähnlich wie das berühmte »Halloween-Massaker« bei der CIA, bei dem man zahllose treue Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdiensts buchstäblich über Nacht entlassen hatte. Ähnliche Aktionen waren in Großbritannien durchgeführt worden. Man hatte die finanziellen Mittel gestrichen und eine Vorgehensweise angeordnet, die eine großspurige Anordnung aus Whitehall als »eine realistischere Logik in Bezug auf den Geheim- und Sicherheitsdienst« bezeichnete.
»Sie versuchen, uns die Zähne zu ziehen, James«, hatte M an diesem deprimierenden Tag weiter erklärt. Dann hatte M eines dieser seltenen Lächeln aufblitzen lassen, die seine tief liegenden grauen Augen stets zu erhellen schienen, und schnaubend bemerkt, dass sich Whitehall mit dem falschen Mann angelegt habe, solange er noch das Sagen habe. »Soweit es mich betrifft, 007, werden Sie 007 bleiben. Ich werde die volle Verantwortung für Sie übernehmen. Und Sie werden wie immer ausschließlich von mir Befehle und Aufträge entgegennehmen. Es gibt Momente, in denen dieses Land einen Friedensstifter braucht – eine Schlagwaffe –, und verdammt noch mal, den wird es auch haben. Die können uns mit ihrem Papierkram bombardieren und die Doppelnullabteilung abschaffen. Wir werden einfach den Namen ändern. Von nun an wird es die Spezialabteilung sein, und Sie sind ein Teil davon. Verstanden, 007?«
»Natürlich, Sir.«
Bond lächelte bei der Erinnerung daran. Trotz Ms brüsker und oft kompromissloser Art liebte Bond ihn wie einen Vater. Für 007 war M der Secret Service, und der Secret Service war Bonds Leben. Und was M vorschlug, war genau das, was die Russen mit seinen alten Feinden von SMERSCH – Smert Schpionam, Tod den Spionen – gemacht hatten. Er existierte noch, dieser dunkle Kern im Herzen des KGBs, und hatte eine ganze Reihe an Metamorphosen durchgemacht. Zuerst wurde daraus der OKR, dann die Dreizehnte Abteilung von Linie F und nun nannte sich die Organisation Abteilung Viktor. Doch ihre Arbeit und ihre grundlegenden Strukturen waren gleich geblieben – politischer Mord, Entführungen, Sabotage, Attentate und die schnelle Beseitigung feindlicher Agenten, entweder nach einem Verhör oder als Kriegshandlung auf dem geheimen Schlachtfeld.
Bond hatte Ms Büro an jenem Tag in gehobener Stimmung verlassen. Doch in den paar Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte er lediglich vier Missionen ausgeführt, in denen seine Doppelnullnummer eine Rolle gespielt hatte. Ein Teil seiner Arbeit bestand darin, Menschen zu töten. Er mochte diesen Aspekt nicht, aber da es seine Pflicht war, erfüllte er auch diese Aufgabe sehr gut. Dennoch empfand er definitiv kein Verlangen nach dieser Art von Arbeit. Bond vermisste das aktive Leben, die ständige Herausforderung eines neuen Problems, einer schwierigen Entscheidung im Dienst, das Gefühl, einen Zweck zu erfüllen und seinem Land zu dienen. Manchmal fragte er sich, ob er in den Bann jener Unpässlichkeit geraten war, die Großbritannien hin und wieder an der Kehle zu packen schien – politische und wirtschaftliche Lethargie, kombiniert mit einem kurzsichtigen Blick auf die Probleme der Welt.
Bonds letzte vier Missionen waren schnelle, unproblematische verdeckte Operationen gewesen. Und auch wenn es falsch wäre, zu behaupten, dass sich James Bond nach der Gefahr sehnte, schien es seinem Leben momentan gelegentlich an einem richtigen Sinn zu mangeln.
Er hielt sich nach wie vor topfit: Jeden Morgen absolvierte er ein strenges Trainingsprogramm aus Liegestützen, Bein-, Arm- und Atemübungen. Einmal im Monat machte er einen »Auffrischungskurs« in Nahkampf und Anschleichmethoden in der Trainingseinrichtung der Firma, einmal wöchentlich ging er zum Handfeuerwaffentraining am hochmodernen elektronischen Schießstand tief unter dem Hauptquartier im Regent’s Park und einmal monatlich zum Training für die größeren Schusswaffen am Polizeischießstand in Maidstone. Zweimal jährlich verschwand er für vierzehn Tage ins Hauptquartier des Special Air Service in Herefordshire.
Bond hatte es sogar geschafft, seinen Lebensstil ganz leicht zu verändern, um sich an die veränderten Anforderungen der 1970er und frühen 1980er anzupassen: Er hatte – zumindest für einen Großteil der Zeit – seinen Alkoholkonsum drastisch reduziert und bei Morelands in der Grosvenor Street eine Zigarettensorte mit einer neuen besonderen Tabakmischung bestellt, deren Teergehalt ein wenig geringer war als bei denen, die man momentan auf dem Markt erwerben konnte. In diesem Augenblick lagen zwanzig dieser Zigaretten – jede davon mit den drei charakteristischen goldenen Ringen direkt unterhalb des Filters versehen – in dem Etui aus Geschützbronze, das sicher in Bonds Brusttasche steckte.
Den Rest der vergangenen paar Jahre hatte Bond mit der Plackerei verbracht, die seine Position als Ms Verwaltungsbeamter mit sich brachte: Papierkram zur Planung, Befragungen, Abschlussbesprechungen, Analysen, schmutzige Tricks und Abhöroperationen und eine Menge Stunden im Hauptquartier in der Funktion des diensthabenden Offiziers. Seine einzigen kleinen Freuden während dieser Zeit waren der Kauf des Landhauses und des neuen Autos gewesen.
Er hatte schon lange mit der Anschaffung eines ruhigen kleinen Landsitzes geliebäugelt und fand das geeignete Objekt schließlich acht Kilometer außerhalb von Haslemere und gute anderthalb Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Das Haus passte perfekt zu Bonds Ansprüchen, und er kaufte es innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach der ersten Besichtigung. Einen Monat später waren die Handwerker und Inneneinrichter mit sehr genauen Anweisungen des neuen Besitzers angerückt.
Das Auto war eine andere Angelegenheit. Da die Benzinpreise mittlerweile enorm hoch waren und auch unweigerlich weiter steigen würden, hatte Bond beschlossen, seinen geliebten alten Bentley Continental Mark II den Weg seines Vorgängers, dem 4½-Liter-Bentley, gehen zu lassen.
Manch einer hatte verwundert reagiert, als er sich für ein ausländisches Auto entschied, obwohl man doch ständig bedrängt wurde, britische Produkte zu kaufen, aber Bond hatte die Bemerkungen abgetan und auf die Tatsache hingewiesen, dass die Feinheiten der besonders komplexen und hochentwickelten Sonderausstattung – wie die digitale Armaturenbrettanzeige, der Tempomat und die zahlreichen anderen Zaubertricks – von einer britischen Expertenfirma eingebaut wurden und nur durch britisches Fachwissen und den mächtigen Mikrochip verwirklicht werden konnten.
Er erwähnte nicht, dass der Wagen etwa einen Monat lang bei der multinationalen Firma Communication Control Systems (C.C.S.) gewesen war, damit die dortigen Experten ein paar ihrer eigenen Standardverbesserungen installieren konnten – Sicherheitsapparaturen, nach denen sich die Q-Abteilung die Finger lecken würde. Bond argumentierte, dass es sein Auto war und er, nicht die Q-Abteilung – die ohnehin unter enormen finanziellen Einschränkungen litt –, entscheiden würde, welche Sonderfunktionen eingebaut werden sollten. Bei mehreren Gelegenheiten hatte er den Waffenmeister Major Boothroyd in der Nähe seines Saabs herumschnüffeln sehen. Und mittlerweile war es ganz normal für ihn, Mitglieder der Q-Abteilung – die genialen Technikzauberer des Secret Service – dabei zu erwischen, wie sie einen gründlichen Blick auf den Wagen warfen. Keiner von ihnen erwähnte jemals die Dinge, die sie einfach nicht übersehen konnten – wie zum Beispiel die kugelsicheren Scheiben, die mit Stahl verstärkten Stoßstangen und die hochbelastbaren Reifen, die sich sogar dann noch selbst versiegeln konnten, wenn sie von Kugeln getroffen worden waren. Es gab allerdings noch weitere Feinheiten, die niemand aus der Q-Abteilung ohne Spezialausrüstung entdecken konnte.
Der Saab war nun an Bonds Bedürfnisse angepasst. Er ließ sich problemlos von Benzin auf Gas umrüsten, falls die Treibstoffsituation noch kritischer werden sollte, der Verbrauch war im Verhältnis zur Geschwindigkeit niedrig, und der Turboantrieb verlieh ihm diesen zusätzlichen dynamischen Schub, den man in einer brenzligen Situation immer brauchen konnte.
Nur wenige Personen wussten von dem Haus, also erntete Bond keine verwunderten Blicke oder dummen Sprüche dafür, dass er nun einen Landsitz besaß.
Das freitagabendliche Verkehrschaos in London war fast schon wieder vorbei, als er Roehampton erreichte, also konnte er den Saab noch vor halb acht auf seinem persönlichen Parkplatz in der Tiefgarage unter dem Hauptquartier abstellen.
Bond wäre jede Wette eingegangen, dass M irgendeine sinnlose und langweilige Aufgabe für ihn hatte, und schloss im Geiste sogar eine Wette mit sich selbst, während ihn der Aufzug lautlos in den neunten Stock des Gebäudes hinaufbrachte, in dem sich Ms Aufenthaltsraum und Büro befanden.
Miss Moneypenny, Ms persönliche Assistentin, schaute mit einem besorgten Lächeln auf, als Bond das Empfangsbüro betrat. Das war das erste Anzeichen dafür, dass es sich um etwas Wichtiges handeln könnte.
»Hallo, Penny.« Bond begrüßte sie fröhlich und verdrängte seinen Ärger über das verlorene Wochenende. »Sind Sie heute nicht mit einem Ihrer jungen Männer unterwegs? Wir haben verdammt noch mal Freitagabend, wissen Sie?«
Miss Moneypenny deutete mit dem Kopf in Richtung von Ms Bürotür und sagte: »Und er wartet verdammt noch mal auf Sie. Und deswegen muss ich auch hierbleiben.« Sie lächelte. »Außerdem schien der einzige Mann, der mich zu einer Runde durch die Stadt überreden könnte, anderweitig beschäftigt zu sein.«
»Oh Penny, wenn es doch nur so wäre …« Bond grinste. Sie neckten sich schon seit Jahren mit diesen kleinen Wortgefechten, und doch hatte Bond nie wirklich erkannt, wie sehr die fähige und ordentliche Moneypenny für ihn schwärmte.
»Sagen Sie Commander Bond, dass er sofort reinkommen soll«, schnauzte Ms blecherne Stimme aus der Gegensprechanlage auf Miss Moneypennys Schreibtisch.
Bond zog fragend eine Augenbraue hoch und ging auf die Tür zu. Mit gedämpfter Stimme raunte er: »Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Janet Reger ihr Geschäft mit dem Gedanken an Sie gegründet hat, Penny?«
Miss Moneypenny errötete, als Bond bereits in Ms Büro verschwand und die Tür hinter sich zuzog. Ein grünes Licht ging über der Tür an, als sie ins Schloss fiel. Sie starrte einen Augenblick lang ins Leere und hatte immer noch das Nachbild des Mannes im Kopf, der gerade Ms Allerheiligstes betreten hatte: das braungebrannte attraktive Gesicht mit den recht langen dunklen Augenbrauen über den großen, geraden blauen Augen; die fast acht Zentimeter lange Narbe, die vertikal über seine rechte Wange verlief; die lange, sehr gerade Nase und der feine, aber grausame Mund. Im dunklen Haar waren einzelne graue Strähnen aufgetaucht, doch das jungenhafte schwarze Komma über dem rechten Auge war noch immer da. Die Backen wirkten noch nicht dicklich, und das Profil um das Kinn herum war so glatt und fest wie eh und je. Es war das Gesicht eines attraktiven Freibeuters, dachte Miss Moneypenny und riss sich aus ihrem ein wenig unangemessenen Tagtraum. Sie fragte sich, ob sie James Bond hätte warnen sollen, dass M nicht allein in seinem Büro war.
Als James Bond die Tür zu Ms Büro öffnete, ging etwa achthundert Kilometer nördlich von London eine weitere Tür auf.
Der Mann, der Dublin früh an diesem Morgen in einer geschickten Tarnung verlassen hatte, schaute auf, erhob sich von seinem Stuhl und streckte zur Begrüßung eine Hand aus.
Der Raum, in dem er gewartet hatte, war für ihn nach so vielen Besuchen mittlerweile ein gewohnter Ort: voller Bücherregale, mit einem großen Militärschreibtisch, bequemen Lederstühlen und der beeindruckenden Vitrine, in der sich im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbare antike Waffen befanden – ein Paar Steinschlosspistolen aus ziseliertem Silber, ein passendes Set amerikanischer Handfeuerwaffen aus Kentucky mit großzügigen Einlegearbeiten, eine französische Radschlosspistole mit Perlmutt- und Golddrahtverziehrungen am Schaft, ein Paar Säbelpistolen und ein Allen-Bündelrevolver mit sechs drehbaren Läufen. Der Tarnkünstler kannte die Stücke und lechzte bei jeder Betrachtung nach ihnen. Der ganze Raum strahlte eine gediegene Atmosphäre aus, die mit dem einherging, was man als »altes Geld« bezeichnete.
Der Besitzer des Raums trat ein und spielte nun den Gastgeber für den Mann aus Dublin. Sie schüttelten sich fast schon ernst die Hände, und der Gast wartete schweigend, bis sein Gönner zu dem hohen geraden Stuhl hinter dem Schreibtisch gegangen war. Er sprach erst, nachdem er sich gesetzt hatte.
»Es ist schön, Sie wiederzusehen, Franco.«
»Es ist auch schön, Sie zu sehen. Aber ich arbeite gern für Sie, das macht immer den Unterschied aus.« Der Mann namens Franco hielt inne und suchte nach den richtigen Worten. »Wissen Sie, nach all dieser Zeit weiß ich immer noch nicht, wie ich Sie ansprechen soll – mit Ihrem Adelstitel oder Ihrem wissenschaftlichen …?« Er vollführte eine kleine Geste mit den Händen.
Das Bulldoggengesicht des anderen Mannes verzog sich zu einem Lächeln. »Warum nennen Sie mich nicht Warlock?«
Sie lachten beide. »Das ist passend.« Franco nickte. »Operation Kernschmelze startet mit Ihnen als kreative und leitende Kraft, Warlock.«
Der Mann hinter dem Schreibtisch legte seine Hände flach auf die lederne Fläche. »So sei es.« Er nickte mit einer kurzen, vogelartigen Kopfbewegung. »Es gab also keine Schwierigkeiten?«
»Absolut keine. Alles lief vollkommen reibungslos ab. Der Hubschrauber war pünktlich, ich wurde nicht verfolgt. Sie sollten mittlerweile wissen, dass ich immer sehr genau darauf achte.«
»Gut.« Wieder erfolgte das vogelartige Nicken. »Dann vertraue ich darauf, mein Freund, dass dies Ihr letzter Besuch hier sein wird.«
Franco ließ ein sonderbares Grinsen aufblitzen. »Noch nicht ganz. Wir müssen noch die Frage der Bezahlung klären.«
Der Mann hinter dem Schreibtisch breitete die Hände mit den Handflächen nach oben aus und spreizte die Finger. »Ich meine natürlich, dass das hier Ihr letzter Besuch vor dem Abschluss von Operation Kernschmelze ist. Ja, natürlich müssen wir noch klären, wie Sie Ihren Anteil erhalten. Aber zuerst sollten wir uns um die Frage nach dem Ort und die anderen kleinen Details kümmern. Das ist einer der Aspekte, über die wir sprechen müssen, und einer der Gründe, warum Sie dieses Mal ein wenig länger hierbleiben werden als sonst, Franco.«
»Natürlich.« Francos Stimme nahm einen kalten Tonfall an und er sprach jede einzelne Silbe dieses einen Wortes sehr deutlich aus, als ob es sich dabei um die langsamen, vorsichtigen Schritte eines Mannes handelte, der eine Eisbrücke über einer tiefen Gletscherspalte prüft.
»Es gibt viel zu besprechen. Ich gehe davon aus, dass für Europa alles vorbereitet wurde?«
»Ja, alle sind bereit.«
»Und in den Staaten?«
»Alle sind bereit und warten auf letzte Anweisungen.«
»Die Männer …?«
Franco lehnte sich vor. »Diese Leute warten, wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, schon sehr lange. Sie waren immer die geringste meiner Sorgen. Jeder einzelne von ihnen ist engagiert und bereit, sein oder ihr Leben für das jeweilige Ziel zu geben. Sie betrachten sich in jeglicher Hinsicht bereits als Märtyrer. Aber die diversen Organisationen, die das Personal für Ihre Operation gestellt haben – Organisationen, die von den meisten westlichen Regierungen gesetzlich verboten wurden und als Terroristen angesehen werden –, sind besorgt. Sie wollen Garantien dafür, dass sie ihren Anteil des Geldes erhalten werden.«
»Die Sie ihnen, da bin ich mir sicher, gegeben haben, Franco.« Das Bulldoggengesicht hinter dem Schreibtisch hatte aufgehört zu grinsen. »Unsere Verpflichtungen waren klar aufgeteilt. Ich meine, mich zu erinnern, dass wir das alles vor über einem Jahr ausführlich besprochen haben. Ich liefere den Plan, das – wie sagt man heutzutage? – das Know-how. Ich kümmere mich auch um die Mittel. Sie sind der Vermittler, der Kontaktmann. Und nun gibt es interessantere Dinge, über die wir sprechen müssen.«

DIE OPPOSITION
Bond wurde sofort wachsam, als er Ms Büro betrat. Er war darauf vorbereitet gewesen, seinen Vorgesetzten in seiner üblichen konzentrierten Haltung hinter dem großen Schreibtisch mit der gläsernen Oberfläche sitzen zu sehen, aber er hatte nicht erwartet, noch zwei weitere Männer im Raum anzutreffen.
»Kommen Sie rein, Bond.« M winkte ihn mit einer kleinen, sparsamen Handbewegung heran. »Meine Herren«, er warf einen Blick auf seine Besucher, »erlauben Sie mir, Ihnen Commander James Bond vorzustellen. Ich denke, er ist der Mann, den Sie suchen.«
Bond begrüßte die anderen Männer zurückhaltend. Er wusste nur zu gut, wer sie waren, doch er wollte es nicht offen zeigen.
M ließ die Stille gerade lange genug andauern, dass es so wirkte, als wolle er Bonds Diskretion testen, bevor er mit der Vorstellung fortfuhr. »Commander, das hier sind Sir Richard Duggan, Generaldirektor des MI5, und der stellvertretende Deputy Commissioner David Ross von der Spezialabteilung der Londoner Polizei.«
Bond streckte eine Hand aus und schüttelte nacheinander die der beiden Männer, wobei er bemerkte, dass sie beide einen festen, trockenen Händedruck hatten. Sie schauten ihm außerdem direkt in die Augen. Das waren zwei Eigenschaften, die Bond schon seit Langem entweder bewunderte oder als Warnzeichen erkannte – je nachdem für welche Seite der jeweilige Besitzer dieser Eigenschaften arbeitete.
Dies war zweifellos eine verwirrende Situation. Der MI5 und sein ausführendes Organ, die Spezialabteilung, stellten das dar, was offiziell als britischer Sicherheitsdienst bekannt war – sie waren für Gegenspionage und antiterroristische Aktivitäten im britischem Hoheitsgebiet zuständig.
In Bonds Dienststelle wurden sie stets scherzhaft als »die Opposition« bezeichnet, und es hatte schon immer eine scharfe Rivalität zwischen den beiden Organisationen bestanden: eine Rivalität, die manchmal zu folgenschweren Missverständnissen oder sogar offener Feindschaft führte.
Es war zweifellos äußerst ungewöhnlich, dass die Leiter »der Opposition« zu M kamen, der sie ohnehin regelmäßig sah – mindestens einmal die Woche bei einem Treffen des vereinten Geheimdienstkomitees.
M bedeutete Bond, auf einem ledernen Stuhl Platz zu nehmen, und schaute dann – ein wenig zu freundlich, fand Bond – zuerst seine beiden Besucher und dann wieder Bond an. »Unsere Freunde vom MI5 haben ein kleines Problem, Commander«, begann er, und Bond bemerkte, dass M ihn mit fast schon militärischer Korrektheit behandelte. »Es handelt sich um eine interessante Situation, und ich habe das Gefühl, dass Sie dabei behilflich sein könnten, besonders da alle Anzeichen darauf hindeuten, dass sich die Sache aus dem Zuständigkeitsbereich des MI5 heraus- und in unseren Bereich hineinbewegt.« Er klopfte seine Pfeife in dem kupfernen Aschenbecher auf seinem Schreibtisch aus. Bond fiel jetzt erst auf, dass direkt vor seinem Vorgesetzten eine Aktenmappe lag. Sie war dick und mit den roten Symbolen versehen, die für die höchste Geheimhaltungsstufe standen. Zwei kleine Kreise in der oberen rechten Ecke der weißen Bindung wiesen darauf hin, dass der Inhalt der Mappe sowohl die Verbindungen zu Europa als auch die zum Nahen Osten betraf. Auf einem kleinen Aufkleber prangten außerdem die Worte, die Bond problemlos kopfüber lesen konnte: »Nicht für Bruderschaft«. Das bedeutete, dass die Informationen in der Akte nicht an den amerikanischen Geheimdienst weitergegeben werden durften.
Das bloße Vorhandensein der Akte genügte, um Bond in Alarmbereitschaft zu versetzen. M hatte sie für diese Art von Besprechung zweifellos extra direkt vom gelagerten Mikrofilm vergrößern und fotokopieren lassen. Die Papiere würden vernichtet werden, sobald die Betroffenen sie gelesen hatten.
»Ich glaube«, sagte M mit Blick auf den Generaldirektor des MI5, »dass es am besten wäre, wenn Sie beide Commander Bond auf den neuesten Stand bringen würden. Dann können wir die Angelegenheit übernehmen.«
Sir Richard Duggan nickte und lehnte sich vor, um seine Aktentasche zu öffnen. Er holte eine Aktenmappe heraus und legte ein mattes, zwanzig mal fünfundzwanzig Zentimeter großes Foto vor Bond auf den Tisch. »Kennen Sie dieses Gesicht?«, fragte er.
Bond nickte. »Franco – für die Presse, die Öffentlichkeit und die meisten von uns. Codename Foxtrott für die Leute aus der Branche, also uns, die GSG 9, Gigene, Trupp R, Blaues Licht, C 11 und C 13.« Bond bezog sich auf die deutschen, französischen, italienischen und amerikanischen Antiterroreinheiten und die Abteilungen C 11 und C 13 von Scotland Yard, die oft eng mit der Spezialabteilung zusammenarbeiteten (C 11 stellte Personal für die Antiterroreinheit in Zusammenarbeit mit C 1).
Der Leiter des MI5 wollte Bond allerdings nicht so leicht davonkommen lassen. Ob der Commander sonst noch etwas über Codename Foxtrott – Franco wisse?
Bond nickte erneut. »Natürlich. Er ist ein internationaler Terrorist. Er steht auf der Fahndungsliste der meisten europäischen Länder und auch auf denen einiger Länder im Nahen Osten. Ein Gesuch verlangt, dass er in den Vereinigten Staaten festgehalten wird, obwohl er unseres Wissens bisher nie in oder aus ihnen operiert hat. Sein vollständiger Name lautet Franco Oliveiro Quesocriado, er wurde 1948 in Madrid geboren und ist gemischter Abstammung – sein Vater war Spanier, seine Mutter Engländerin. Ich glaube, sie hatte einen ganz gewöhnlichen Namen, wie Jones, Smith oder Evans …«
»Tatsächlich lautete ihr Name Leonard«, sagte der stellvertretende Deputy Commissioner Ross ruhig. »Mary Leonard.«
»Tut mir leid.« Bond schenkte ihm ein Lächeln, und der Polizist erwiderte es. Er wirkte wie ein moderner Gesetzeshüter, fand Bond. Zweifellos einer von denen mit Universitätsabschluss – ruhig, mit einer tief in den Augen verborgenen Wachsamkeit und der Ausstrahlung einer gespannten Sprungfeder, die nur durch Vorsicht und Gelassenheit zurückgehalten wurde. Bond vermutete umgehend, dass er sich als sehr zäh und gefährlich herausstellen würde, wenn man ihn reizte.
Er wandte sich wieder an Sir Richard Duggan und fragte ihn, ob er fortfahren solle.
»Natürlich.« Richard Duggan war von einem ganz anderen Schlag, und Bond erkannte seine Herkunft sofort – das war schließlich Teil seiner Arbeit. Duggan war ein altmodischer Mitarbeiter des Innenministeriums. Seine Ausbildung hatte er in Eton und Oxford erhalten, dann folgte eine Karriere in der Politik, die nur von kurzer Dauer war, bis ihn schließlich das Innenministerium wegschnappte. Duggan war groß, schlank und gut aussehend, hatte dichtes helles Haar, von dem seine Feinde behaupteten, dass es gefärbt war, und erfüllte damit auch optisch alle Erwartungen, die man an einen jungen, reichen Befehlshaber in einer leitenden Position stellte. Bond wusste allerdings, dass diese Jungendlichkeit eine Illusion war und sich nur auf eine dem Glück geschuldete gute Gesichtsknochenstruktur zurückführen ließ.
Während der Leiter des MI5 sein »Natürlich« künstlich in die Länge zog, fing Bonds Blick kurz den von M auf, und er entdeckte darin einen winzigen Funken aufkeimender Belustigung. Sir Richard zählte nicht zu Ms Lieblingspersonen.
Bond zuckte mit den Schultern. »Franco«, fuhr er fort, »erregte unsere Aufmerksamkeit damals zum ersten Mal in Verbindung mit der Entführung zweier britischer Passagierflugzeuge – die Fluglinie hieß damals noch BOAC – in den späten 1960ern. Er scheint keine direkten politischen Zugehörigkeiten zu haben, und hat als Planer agiert, der manchmal an terroristischen Handlungen teilnimmt. In dieser Funktion war er für Gruppierungen wie den ehemaligen Baader-Meinhof-Komplex tätig und steht immer noch mit der sogenannten Roten Armee Fraktion in Verbindung. Er hat Kontakte zur PLO und zur IRA und einem ganzen Netzwerk aus Terroristengruppen.« Bond holte sein Zigarettenetui hervor, schaute zu M, um sich die Erlaubnis zum Rauchen einzuholen, und erhielt ein knappes Nicken.
»Man könnte ihn wohl am besten als Antikapitalisten beschreiben.« Bond zündete seine Zigarette an und ließ ein schnelles kleines Lächeln aufblitzen. »Das Paradoxe daran war immer, dass er für einen Antikapitalisten enorm wohlhabend zu sein scheint. Es gibt Beweise, dass er die Waffen, die bei zahlreichen terroristischen Handlungen zum Einsatz kamen, persönlich bezahlt und zur Verfügung gestellt hat. Er hat zweifellos Morde begangen und steht mit zwei politischen Entführungen in Verbindung – ganz zu schweigen von den Menschen, die bei von ihm geplanten Bombenattentaten ums Leben kamen. Er ist ein sehr gefährlicher und dringend gesuchter Mann, Sir Richard.«
Sowohl Duggan als auch Ross nickten zustimmend, und Ross murmelte etwas darüber, dass Bond sich bestens auskannte. Duggan tat seine Meinung etwas lauter kund und sagte, dass Bond diesen Mann ruhig noch ein wenig besser kennenlernen könne. Dann griff er wieder in seine Aktentasche und zog fünf weitere Mattfotografien heraus, die er in einer Reihe auf Ms Schreibtisch direkt vor Bond legte. Auf jedem Foto klebte in der unteren rechten Ecke ein kleiner Zettel, auf dem ein Datum stand.
Bond schaute zuerst auf die Daten, bevor er sich die Fotos ansah. Das aktuellste stammte vom heutigen Tag. Die anderen vier waren mit 4. und 23. April sowie 12. und 25. Mai datiert. Die Bilder waren offensichtlich Vergrößerungen von einer Videoaufzeichnung, und er betrachtete sie alle mit größter Sorgfalt. Der darauf abgebildete Mann war auf jedem Foto anders gekleidet und sah auch sonst immer anders aus – dicklich in Jeans und Jeansjacke mit langem Haar und einem Schnurrbart; glatt rasiert, aber mit schulterlangem blondem Haar und einer dunklen Brille in einem zerknautschten Rollkragenpullover und einer Freizeithose; grauhaarig und hager in einem grellen Karoanzug, mit Kameras behangen und einem fest umklammerten amerikanischen Pass, sodass es schien, als würde er erwarten, ihn jeden Moment aus der Hand gerissen zu bekommen; dann wieder glatt rasiert, aber mit dunklem, modisch geschnittenem Haar in einer eleganten dunklen Hose und einer teuren Windjacke mit Pelzkragen.
Das Foto von heute zeigte ihn mit kurz geschorenem Haar, einem ordentlichen Bart und einer Brille. Er trug einen Geschäftsanzug.
Die Tarnungen waren alle ausgezeichnet, und doch bestand für Bond kein Zweifel. »Franco«, sagte er laut, als wäre es ein Befehl.
»Natürlich.« Duggan klang ein wenig gönnerhaft und wies als Nächstes darauf hin, dass alle Fotos am Flughafen Heathrow entstanden seien.
»Fünf Mal in den vergangenen drei Monaten, und er wurde nie einkassiert?« Bond runzelte die Stirn.
Der stellvertretende Deputy Commissioner David Ross holte tief Luft und übernahm die Erläuterung. Bei einer Besprechung früher in diesem Jahr sei entschieden worden, dass gewisse »meistgesuchte« Terroristen wie Franco unter strenger Beobachtung gehalten werden sollten, falls sie scheinbar allein ins Land einreisten. »Große Fische, kleine Fische«, sagte er und grinste, als würde das alles erklären. »Als die Überwachungsteams in Heathrow ihn im April entdeckten – das erste Mal –, gab es natürlich einen Großalarm.«
»Natürlich.« Bond ahmte Sir Richard Duggans gedehnte Sprechweise recht gut nach. M beschäftigte sich damit, seine Pfeife zu stopfen, drückte den Tabak behutsam in den Pfeifenkopf und hielt den Blick wohlweislich gesenkt.
Ross wirkte ein wenig beschämt. »Ich fürchte, wir haben ihn beim ersten Mal aus den Augen verloren. Wir waren nicht auf ihn vorbereitet. Er ist uns in London entwischt.«
In Bonds Erinnerung regte sich etwas. Anfang April war das Polizeiaufgebot erhöht worden, und er erinnerte sich an die eingehenden Telegramme mit den Anweisungen, besonders wachsam zu sein. Alle sollten verstärkt auf verdächtige Päckchen und Briefe achten, die Sicherheitsmaßnahmen in der Botschaft wurden verschärft – die übliche Vorgehensweise bei einem Roten Terroralarm, wie die Polizei und Sicherheitsdienste es nannten.
Ross redete weiter: »Wir haben alle seine möglichen Kontakte überprüft und gewartet. Niemand hat gesehen, wie er das Land verließ.«
»Aber natürlich tat er das«, warf Duggan ein.
Ross nickte. »Wie Sie hier alle sehen können, kehrte er später im April noch einmal zurück und kam wieder in Heathrow an. Dieses Mal fanden wir heraus, dass er London direkt wieder verließ und sich mit ziemlicher Sicherheit Richtung Norden bewegte.«
»Sie haben ihn wieder verloren«, stellte Bond fest. Ross nickte ruckartig, bevor er hinzufügte, dass sie beim ersten Besuch im Mai mehr Glück gehabt hätten.
»Wir folgten ihm bis nach Glasgow. Dann schüttelte er uns ab. Doch auf seiner letzten Reise behielten wir ihn die ganze Zeit über im Auge. Er kam schließlich in einem Dorf namens Murcaldy an, das sich von Applecross aus ein Stück weiter ins Landesinnere am Fuß der nordwestlichen Highlands befindet.«
»Und wir glauben zu wissen, wer ihn dorthin eingeladen hat«, verkündete Duggan lächelnd. »Genau wie wir uns sicher sind, dass er auch dieses Mal wieder an diesen Ort gereist ist. Ich habe zwei Beamte abgestellt, die ihn genauestens überwachen. Er kam heute Morgen aus Dublin an – und wir erhielten von dort einen Tipp. Er fuhr geradewegs nach King’s Cross und nahm den ersten Zug nach Edinburgh. Er wird sein Ziel mittlerweile erreicht haben. Wir erwarten jeden Moment weitere Berichte.«
Zwischen den vier Männern breitete sich Stille aus, die nur vom Kratzen von Ms Streichholz unterbrochen wurde, als er seine Pfeife anzündete. Bond sprach schließlich als Erster. »Und er besucht …?« Er ließ die Frage in der Luft hängen wie Ms Pfeifenrauch.
Duggan räusperte sich. »Der Großteil des Landes, einschließlich des Dorfes Murcaldy befindet sich im Besitz einer einzigen Familie – den Muriks. Seit mindestens drei Jahrhunderten, vermutlich länger, sind die Muriks die Lairds von Murcaldy. Es sind fast schon feudale Zustände. Murik Castle, das im sechzehnten Jahrhundert erbaut wurde, wurde im Laufe der Jahre oft modernisiert. Und dann gibt es noch die Ländereien der Muriks – Bauernhöfe sowie Jagd- und Fischgründe. Der aktuelle Laird ist außerdem eine Berühmtheit auf anderen Gebieten – Dr. Anton Murik, Leiter diverser Firmen und ein ebenso angesehener wie exzentrischer Kernphysiker.«
»Er trat erst kürzlich aufgrund irgendwelcher Unstimmigkeiten aus der internationalen Forschungskommission für Atomenergie aus«, fügte Ross hinzu. »Und wie Sie sehen werden, gibt es ernsthafte Zweifel bezüglich seines Anspruchs auf den Titel des Lairds von Murcaldy.«
Bond lachte. »Tja, Anton ist nicht gerade ein bekannter schottischer Name. Aber wo komme ich ins Spiel?« Er hatte bereits eine recht gute Vorstellung, aber es hatte keinen Zweck, die Sache zu überstürzen.
Duggans Gesichtsausdruck veränderte sich nicht: Die steinernen, gut aussehenden Züge wirkten bei genauerem Hinsehen makelbehaftet. Als er erneut sprach, war die übliche Gewandtheit von ihm abgefallen. »Franco hat Dr. Murik mittlerweile mit ziemlicher Sicherheit vier Besuche abgestattet. Dies wird sein fünfter sein. Ein internationaler Terrorist und ein Kernphysiker von nicht unerheblicher Bedeutung: Wenn man beides addiert, erhält man eine durchaus alarmierende Situation. Bei jeder Gelegenheit hat Franco das Land wieder verlassen, vermutlich – und hier können wir nur raten – über einen schottischen Hafen oder Flughafen. Wir bauen auf die Möglichkeit, dass sein Geschäft mit Murik noch ein wenig länger braucht, um zu einem Abschluss zu kommen, aber sobald er Großbritannien verlässt, sind uns die Hände gebunden. Wir sind heute hier, um Sie zu bitten, uns dabei zu helfen, seine Bewegungen außerhalb des Landes zu verfolgen.«
Nun war es an Bond, zu nicken. »Und Sie wollen, dass ich mal kurz nach Schottland düse, Kontakt herstelle und ihm aus dem Land folge?«
Duggan zögerte. »Nur wenn Ihnen das … ähm … passt. Aber ich glaube wirklich nicht, dass uns für diese Reise noch viel Zeit bleibt. Anton Murik besitzt eine Reihe Rennpferde, die er in England trainieren lässt. Zwei davon laufen am kommenden Wochenende in Ascot – eins sogar für den Gold Cup. Das ist abgesehen von der Kernphysik seine einzige Leidenschaft. Franco wird entweder Mitte der Woche abreisen oder auf dem Schloss auf Muriks Rückkehr aus Ascot warten.«
Bond streckte seine Beine aus und dachte nach. Falls es tatsächlich eine bösartige Verbindung zwischen Franco und Murik gab, deutete das Timing darauf hin, dass dies nicht Francos letzter Besuch sein würde. Aber man konnte nie wissen.
Duggan war aufgestanden. »Ich habe alle Informationen an M weitergeleitet.« Er deutete auf die Aktenmappe auf dem Schreibtisch – die Bond für eins von Ms Dossiers gehalten hatte –, während er die Fotos einsammelte und sie in seiner Aktentasche verstaute. »Er weiß auch, wie man meine Leute im Einsatz kontaktieren kann und all das. Wir sind hergekommen, um Sie im Interesse des Landes um Unterstützung zu bitten. Es wird Zeit, an einem Strang zu ziehen, und ich muss Ihnen nun die letzte Entscheidung überlassen.«
M paffte seine Pfeife. »Ich werde Commander Bond über alles in Kenntnis setzen«, sagte er freundlich. »Ich melde mich später am Abend bei Ihnen, Duggan. Wir werden tun, was wir können – in jedermanns Interesse.«
Die beiden Polizisten verabschiedeten sich recht herzlich von M und Bond, und sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, ergriff M das Wort. »Was halten Sie davon, 007?«
James Bonds Herz machte einen Sprung und er spürte, wie eine neue Dringlichkeit durch seine Venen raste. Es war lange her, dass M ihn mit 007 angesprochen hatte, und es bedeutete, dass er durchaus schon bald wieder zu einer Reise ins wahre Unbekannte aufbrechen mochte. Er konnte die Möglichkeiten beinahe riechen.
»Also, was halten Sie davon?«, wiederholte M.
Bond zündete sich eine weitere Zigarette an und schaute zur Decke hoch, bevor er sprach. »Ich könnte mir vorstellen, dass Sie mich noch heute Abend nach Schottland schicken wollen.« Ms Blick verriet nichts, während Bond fortfuhr. »Das ist keine gute Mischung – ein internationaler Terrorist und ein berühmter Kernphysiker. Das ist schon seit einer ganzen Weile einer der großen Albträume, nicht wahr, Sir? Dass eine Gruppe nicht nur die Materialien in die Hände bekommt, sondern auch die Mittel hat, eine wirklich tödliche Nuklearwaffe zu bauen? Wir vermuten, dass ein paar von ihnen die Materialien haben – zum Beispiel dieser Achmed Yastaff, den ich für Sie ausgeschaltet habe. Mindestens vier der Schiffe, die er verschwinden ließ, hatten Materialien geladen …«
M schnaubte. »Seien Sie kein Narr, 007. Eine so simple Waffe zusammenzubasteln, ist das Einfachste auf der Welt. Ja, sie haben zweifellos die Materialien – und fragen Sie mich nicht, wen ich mit »sie« meine. In dieser Angelegenheit müssen Sie logisch denken. Wenn irgendeine der existierenden Terrororganisationen eine selbstgebaute Bombe benutzen wollte, um eine Regierung zu erpressen, könnte sie das tun. Aber dass ein Mann wie Franco Umgang mit einem alten Teufel wie dem Laird von Murcaldy hat – nun, das ist eine ganz andere Sache und könnte eine von zwei Möglichkeiten bedeuten.«
»Ja …?« Bond lehnte sich vor.
»Erstens«, M zählte den Punkt am Zeigefinger seiner linken Hand ab, indem er mit dem seiner rechten dagegen tippte. Die Pfeife hatte er im Mundwinkel und hielt sie mit den Zähnen fest, während er sprach. »Erstens könnte es bedeuten, dass Franco eine sehr gut entwickelte Operation vorbereitet und Anton Murik aufgrund seines Expertenwissens um Hilfe bittet. Zweitens« – die Finger bewegten sich – »könnte es genau umgekehrt sein: Dr. Anton Murik braucht Francos Hilfe für irgendein eigenes kleines Abenteuer. Beide Möglichkeiten würden mehr als nur fünf kurze Besuche von Franco erfordern.«
»Und ist Anton Murik zu beidem in der Lage?« Bond runzelte die Stirn. Er konnte absolut nichts in Ms wettergegerbtem Gesicht lesen, und das war immer ein Warnsignal. Hinter dieser Sache steckte sehr viel mehr als die Informationen, die ihnen »die Opposition« mitgeteilt hatte.
»Er ist nicht nur dazu in der Lage, sondern auch ein äußerst wahrscheinlicher Kandidat.« M öffnete eine Schreibtischschublade und warf eine weitere Aktenmappe auf die, die ihnen die Leute vom MI5 zur Verfügung gestellt hatten. »Wir haben Dr. Anton Murik nun schon seit einer ganzen Weile auf dem Kieker.« Er tippte auf die beiden Aktenmappen. »Was Ross Ihnen erzählt hat, ist eine leichte Untertreibung – diese Sache, dass Murik wegen Unstimmigkeiten aus der internationalen Kommission für Atomenergie ausgetreten ist. Die haben nicht alle Fakten. Wir schon. Murik ist wegen einer verdammt heftigen Auseinandersetzung ausgetreten, 007. Tatsächlich wurde der Mann sogar rausgeworfen und reagierte darauf nicht gerade freundlich. Er ist ein brillanter Mann mit einer Menge Ressourcen.«
M nahm die Pfeife aus dem Mund und schaute Bond direkt in die Augen. »Sogar sein Titel – Laird von Murcaldy – ist mehr als nur ein wenig suspekt, wie Ross erwähnte. Nein, ich beabsichtige nicht, Sie nach Schottland zu schicken, 007. Meine Aufgabe besteht darin, Sie anständig zu informieren, Ihnen gute Unterstützung zu gewähren sowie Ihnen eine brauchbare Tarnung zu verschaffen. Zum Teufel mit ›der Opposition‹ und ihrem Überwachungsteam. Ich will, dass Sie so nah wie möglich an Murik herankommen. Sie sollen ihn unterwandern. Doch bevor wir dazu kommen, gibt es noch einiges, das Sie über den sogenannten Laird von Murcaldy wissen sollten.«

DOSSIER ÜBER EINEN LAIRD
Es würde offensichtlich ein langer Abend werden, und Bond fand, dass er May, seine fähige und treue Haushälterin, nicht überraschen sollte, indem er unvermittelt und mitten in der Nacht in seine Wohnung in der King’s Road zurückkehrte.
Bevor M mit den Einzelheiten des Dossiers, das voller Geheimnisse vor ihnen lag, loslegen konnte, bat Bond um die Erlaubnis, das Büro für einen Moment verlassen zu dürfen.
M schenkte ihm einen seiner verärgerten, altmodischen Blicke, bekundete aber widerwillig mit einem Nicken seine Zustimmung, dass Bond von seinem eigenen Büro aus ungestört ein Telefonat führen könne.
Letztendlich war es dann doch leichter für Bond, seine eigene Nummer an Miss Moneypennys Apparat zu wählen. May hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben, die Bürozeiten ihres Arbeitgebers zu begreifen, und fragte nur, ob er etwas Besonderes zu essen haben wolle, wenn er nach Hause komme. Bond erwiderte, dass er nichts gegen ein paar nette geräucherte Schellfische einzuwenden hätte – falls sie noch welche da hätte. Da May in Fragen der Küchenausstattung eine streng konservative Einstellung pflegte, hätte sie nie im Leben eine Gefriertruhe in ihrem Reich zugelassen. Bond war diesbezüglich ihrer Meinung, auch wenn es manchmal angenehm war, Delikatessen in Reichweite zu haben, also hatten sie einen Kompromiss gemacht. Bond hatte sie taktvoll dazu überredet, den Kauf eines großen Bosch-Kühlschranks mit einem geräumigen Tiefkühlfach zu gestatten, das May dann die Eiskiste getauft hatte. Nun glaubte sie, dass vielleicht noch ein paar geräucherte Schellfische in der »Eiskiste« sein könnten und fügte hinzu: »Ich werde sehen, was ich tun kann, Mr James, aber kommen Sie nicht allzu spät zurück.« Wenn sie in der richtigen Stimmung war, hatte May die Angewohnheit, Bond so zu behandeln wie ein Kindermädchen seine kleinen Schützlinge.
Die Tatsache, dass Bond das Büro nur für ein paar Minuten verlassen hatte, besänftigte M, der seine Pfeife neu gestopft hatte und die Dossiers studierte. In bissigem Ton fragte er, ob es 007 gelungen sei, die Angelegenheit so zu regeln, dass sie nicht noch einmal unterbrechen mussten.
»Ja, Sir«, antwortete Bond ruhig. »Ich bin bereit für den Laird von Murcaldy, Rob Roy und sogar Bonnie Prince Charlie, wenn Sie das wünschen.«
»Das ist nicht zum Lachen, 007«, sagte M streng. »Die Murik-Familie ist eine adlige Linie. Es gab einen Laird von Murcaldy bei Dunbar und einen weiteren bei Culloden Moor. Allerdings ist es möglich, dass die wahre Linie mit dem Großvater des aktuellen Lairds ausstarb. Das muss noch bewiesen oder sogar richtig getestet werden, aber das ist eine Angelegenheit, die den Lord Lyon King of Arms beschäftigt.« Er blätterte ein wenig im ersten Dossier. »Anton Muriks Großvater war ein bekannter Abenteurer – ein Reisender. Im Jahr 1890 war er für über drei Monate in Mitteleuropa verschollen – es hieß, er sei auf der Suche nach seinem Bruder gewesen, der wegen irgendeines Vergehens enterbt worden war. Ihre Eltern waren tot, und die Dorfbewohner glaubten, dass Angus Murik – so lautete sein Name – vorhatte, mit seinem Bruder zurückzukehren und das schwarze Schaf der Familie zurück in die Herde zu holen. Doch stattdessen kehrte er mit einer Ehefrau zurück. Den Aufzeichnungen zufolge handelte es sich um eine Ausländerin. Sie war schwanger, und es gab außerdem schriftliche Dokumente, die darauf hindeuteten, dass der verlorene Laird gar nicht Angus, sondern dessen Bruder Hamish war. Man vermutete auch, dass das Kind, das später Antons Vater werden sollte, unehelich geboren wurde, da es keinerlei Aufzeichnungen über eine Eheschließung gab.«
Bond schnaubte. »Aber das würde die Blutlinie doch sicher nur schwächen und nicht komplett zerstören.«
»Normalerweise schon«, fuhr M fort. »Doch Anton wurde zusätzlich unter ungewöhnlichen Umständen geboren. Sein Vater war ein wilder Bursche, der sich im Alter von achtzehn ebenfalls auf Reisen begab. Er kehrte nie zurück. Es gibt einen vollständig erhaltenen Brief, in dem steht, dass er in Palermo eine Engländerin von guter Herkunft geheiratet hätte. Doch kurz darauf traf eine junge hochschwangere Frau in Murik Castle ein und verkündete die Neuigkeit, dass ihr Ehemann, der Erbe des Titels, während einer Expedition nach Sizilien von Banditen getötet worden sei.«
»Wann war das?« Für Bond klang das nach einer verwirrenden und seltsamen Geschichte.
»1920.« M nickte, als würde er Bonds Gedanken lesen. »Ja, und es existieren Zeitungsberichte über einen ›englischen‹ Herrn, der auf Sizilien ermordet wurde. Die Zeitungen behaupten allerdings, dass die Frau dieses Mannes ebenfalls bei dem Überfall ums Leben kam, obwohl die junge Frau darauf beharrte, dass ihr Dienstmädchen diejenige war, die starb. Die Gräber in Caltanissetta sind entsprechend beschriftet, aber Tagebücher und ein paar Erinnerungen besagen, dass die junge Frau, die sich als die Ehefrau des mutmaßlichen Lairds vorstellte, alles andere als eine englische Dame von guter Herkunft war. Es ist schwierig, Fakten von Fiktion zu trennen. Doch wir wissen mit Sicherheit, dass einige der älteren Leute auf dem Murik-Anwesen nach wie vor darauf bestehen, dass Anton nicht der wahre Laird ist – doch da sie natürlich wissen, mit wem sie sich gut stellen müssen, flüstern sie nur heimlich darüber und werden es weder Fremden noch einer Behörde gegenüber zugeben.«
»Aber das Baby wurde Anton getauft und übernahm den Titel?«
»Es wurde Anton Angus getauft und erhielt den Titel Laird von Murcaldy, ja«, bestätigte M mit kaum merklich verzogenen Lippen.
»Also müssen wir ihn wie einen schottischen Laird behandeln, egal was passiert. Ich vermute, er ist außerdem ein echter Kernphysiker? Müssen wir diesen Teil ernst nehmen?«
»Wir nehmen ihn sogar sehr ernst«, sagte M und wiederholte: »Sehr ernst. Es besteht absolut kein Zweifel, dass Anton Murik ein hochintelligenter Mann mit großem Einfluss ist. Sehen Sie sich nur mal die Zusammenfassung seines Werdegangs an.« Er reichte Bond die entsprechende Seite des Dossiers, und Bond überflog die Informationen schnell:
Anton Angus Murik. Geboren in Murik Castle, Murcaldy, Ross und Cromarty, Schottland, 18. Dezember 1920. Ausgebildet in Harrow und am St. John’s College, Cambridge. Bestnoten in Physik gefolgt von einem Stipendium und dann einem Doktorat. So gut, dass er unter Professor Lindemann – dem späteren Lord Cherwell – arbeiten durfte, dem wissenschaftlichen Berater Winston Churchills. Arbeitete auch am Manhattan-Projekt (der Entwicklung und Erprobung der ersten Atombombe) und ist Mitglied im Komitee für den friedlichen Einsatz von Atomenergie und der internationalen Kommission für Atomenergie …
Murik hatte sich erst vor zwei Jahren von dieser letzten Position zurückgezogen. Es folgte eine lange und beeindruckende Liste aus Firmen, mit denen Murik in Verbindung stand. Bond zog seine Augenbrauen immer höher, während er die Liste las. Unter anderem war Anton Murik der Vorsitzende von Micro-Modulators Ltd., Eldon Electronics Ltd., Micro Sea Scale Ltd. und Aldan Aerospace Inc. Außerdem war er Mitglied in zahllosen Gremien, die alle eine direkte Verbindung zu Atomkraft oder Elektronik hatten. Bond sah auch, dass die Firmen einige Spezialisten unter Vertrag hatten, die sich bestens mit der Entwicklung und dem Bau von einsatzfähigen Kernreaktoren auskannten.
»Erkennen Sie, was nicht zum Rest passt?«, fragte M durch eine Wolke aus Pfeifenrauch.
Bond schaute erneut auf die Liste. Ja, dort zwischen all den Elektronik- und Atomenergiefirmen und den Luft- und Raumfahrtkonzernen befand sich ein seltsamer Eintrag mit der Bezeichnung Roussillon Fashions. Bond las den Eintrag laut vor.
»Ja. Eine verdammte Kleiderfabrik«, schnaubte M.
Bond lächelte in sich hinein. »Ich glaube, es ist ein wenig mehr als nur eine Kleiderfabrik, Sir. Roussillon ist eines der führenden Modehäuser der Welt. Sie haben Zweigstellen in London, Paris, Rom, New York, die ganze Palette. Fragen Sie jede beliebige Frau mit einem Sinn für Mode. Ich schätze, Roussillon rangiert unter den fünf größten Modehäusern der Welt.«
M schnaubte wieder. »Und sie verlangen zweifellos auch die höchsten Preise. Nun ja, Anton Murik besitzt einen Hauptanteil an dieser Firma.«
»Ich vermute, er zieht nicht einfach nur gerne schicke teure Frauenkleider an oder so was in der Art?« Bond grinste.
»Seien Sie nicht so frivol, 007. Sie müssen den finanziellen Aspekt bedenken.«
»Tja, er muss Multimillionär sein«, sagte Bond fast zu sich selbst. Solche Dinge beeindruckten ihn selten, aber allein anhand der Liste vor ihm auf dem Tisch konnte er erkennen, dass Dr. Anton Murik über beträchtliche Macht verfügte. »Wie in aller Welt hat es ein Mann mit diesen Qualifikationen geschafft, aus dem internationalen Komitee für Atomenergie geworfen zu werden, Sir?«
M zögerte nicht. »Zum einen ist er in Bezug auf Geschäftsangelegenheiten absolut skrupellos. Er hat sich bei einigen seiner Geschäfte mit den hier aufgeführten Firmen recht nah am Rand der Legalität bewegt. Mindestens zwei seiner Vorsitze erhielt er, indem er fast wortwörtlich über die Leichen anderer Männer ging.«
»Die meisten guten Geschäftsmänner neigen zur Skrupellosigkeit …«, begann Bond, aber M hob eine Hand.
»Da war noch etwas anderes«, sagte er. »Anton Murik ist in gewisser Hinsicht ein Fanatiker und neigt dazu, sich der Meinung der Leute anzuschließen, die gegen den Einsatz von Kernenergie und die Gefahren bei der Entsorgung von Atommüll protestieren. Er hat eine Kampagne gegen die Benutzung von bereits in Betrieb genommenen oder kurz vor der Inbetriebnahme stehenden Kernreaktoren ins Rollen gebracht. Weltweit. Sehen Sie, 007, der Mann behauptet, den ultimativen Reaktor entwickelt zu haben – ein Modell, das nicht nur Energie liefert, sondern auch den Abfall sicher entsorgt und keine Fehlfunktionen erleiden kann. Er nennt ihn den Murik-Ultrasicher-Reaktor.«
»Und seine Kollegen haben ihm das nicht abgenommen?«
»›Nicht abgenommen‹ ist eine Untertreibung. Seine Kollegen sagen, dass es in der Bauweise des Ultrasicher-Reaktors grobe Fehler gibt. Manche gehen sogar so weit, zu behaupten, dass das gesamte Ding potenziell hundert Mal gefährlicher ist als die derzeitigen Modelle – die Schnellbrutreaktoren, Siedewasserreaktoren, Druckwasserreaktoren, die gas- und graphitmoderierten Reaktoren und Schnellbrüter, die mit flüssigem Metall gekühlt werden. Murik wollte Fördergelder von der Kommission, um seinen eigenen Reaktor zu bauen und zu beweisen, dass seine Kollegen unrecht haben.«
»Also drehten sie ihm den Geldhahn zu.«
M bestätigte, dass sie genau das getan hatten, und Bond lachte erneut und wies darauf hin, dass etwas so Unbedeutendes wie Geld für einen Multimillionär keine Rolle spielen dürfte. »Murik könnte doch sicher einfach seinen eigenen Reaktor bauen – in seinem Garten hinterm Haus. Platz genug scheint dort ja zu sein.«
M seufzte. »Wir reden hier von mehreren Milliarden Dollar, Milliarden Pfund Sterling, James. Anton Murik hat sich mit seinen Kollegen gestritten. Offenbar gab es ein paar heftige Auseinandersetzungen und Andeutungen, dass der Mann alles andere als zurechnungsfähig ist.« Er berührte seine Stirn mit einem seiner Zeigefinger. »Das ist auch der Grund, warum mich die Tatsache, dass er Kontakt zu einem Burschen wie Franco hat, so beunruhigt. Und es ist der Grund, warum ich auf keinen Fall zulassen werde, dass Sie sich unvorbereitet in diesen Auftrag stürzen. Ich könnte natürlich falschliegen, aber ich glaube wirklich nicht, dass eine Woche oder so einen großen Unterschied machen wird. Vor allem wenn ich Sie in dieser Zeit zu einem idealen Maulwurf machen und Sie in Muriks Gefolge unterbringen kann. Und abgesehen davon«, M machte sich daran, wieder in seinem eigenen Dossier zu blättern, »denke ich, dass es besser wäre, wenn Sie Anton Murik in seinem eigenen Haushalt begegnen.« Er zog mehrere Fotos aus den Tiefen der dicken Aktenmappe.
»Dann werden Sie Duggans Anfrage also offiziell ablehnen?« Bond konzentrierte sich nun voll und ganz auf den vor ihm liegenden Auftrag. Die lange Zeit der Untätigkeit spielte für ihn keine große Rolle. Mit seiner Arbeit war es wie mit Schwimmen oder Tauchen: Sobald man die Grundlagen beherrschte, kam die Professionalität im Handumdrehen zurück, wenn sich etwas Wichtiges ergab. Welchen Plan Franco oder Dr. Anton auch ausheckten, Bond würde nun keine Ruhe mehr geben, bis er diesen Auftrag beendet hatte, egal als wie gefährlich oder anstrengend oder langweilig er sich herausstellen mochte.
M schnaubte. »Duggan hat zwei gute Leute im Einsatz. Sie haben bereits vier Mal versucht, sich an Francos Fersen zu heften – also haben sie darin jede Menge Übung. Das sollte sie irgendwann zu Meistern ihres Fachs machen. Ich vertraue darauf, dass sie den Ort, von dem aus er das Land verlässt, dieses Mal ausfindig machen werden. Wir werden Franco beschatten lassen, wenn der richtige Moment dafür gekommen ist. Ihre Aufgabe ist zu wichtig …« Er musste den fragenden Ausdruck auf Bonds Gesicht gesehen haben. »Und sagen Sie mir nicht, dass ich Sie in den Zuständigkeitsbereich des MI5 schicke. Das weiß ich, und Sie wissen es ebenfalls, aber ich habe so ein Gefühl, dass das nicht lange anhalten wird. Sie werden Schottland verlassen, sobald das, was immer sie da zusammenbrauen, anfängt zu kochen. Und nun schauen wir uns ein paar hübsche Bilder an.«
Zuerst erklärte er das Offensichtliche. Da er ein Schloss und ein riesiges Anwesen besaß, hatte der Laird von Murcaldy jede Menge Angestellte, auf die er jederzeit zurückgreifen konnte. »Er hat dort oben Wildhüter, Aufseher und jede nur vorstellbare Art von Bediensteten, von Fahrern bis hin zu Wachen. Was also den Laird angeht, hat er kein wirkliches Sicherheitsproblem. Es gibt allerdings noch einen zentralen Familienkern. Zuallererst ist da der Doktor selbst.«
Das Foto zeigte ein kampflustiges Gesicht, das dem des verstorbenen Lord Beaverbrook ähnelte, nur dass es keine Lachfalten um den Mund herum hatte. Eine Bulldogge von einem Mann mit kalten Augen, die auf jemanden oder etwas – mit Sicherheit nicht auf die Kamera – leicht rechts von ihm gerichtet waren. Der Mund war eine harte, unnachgiebige Linie, und die Ohren, die sehr flach an seinem Kopf anlagen, verliehen ihm eine seltsame, symmetrische Kontur. Fotos konnten trügerisch sein – Bond wusste das nur zu gut –, aber dieser Mann, der von einem schnellen Klicken und dem Schließen einer Blende auf das Papier gebannt worden war, hätte der Sohn eines Pfarrers sein können. Er hatte dieses leicht puritanische Aussehen – ein Verfechter von Disziplin, einer, der wusste, was er wollte, und seinen Willen durchsetzen würde, egal was ihm im Weg stand. Bond fühlte sich ein wenig unwohl. Er würde nicht offen zugeben, dass er beim Anblick eines Fotos etwas so Heftiges wie Angst empfand, aber das Bild machte deutlich, dass der Laird von Murcaldy eine Gewalt war: eine Macht.
Der nächste Abzug zeigte eine Frau, die vermutlich Anfang vierzig war, sehr gut aussah und scharfe, klassische Züge sowie dunkles, hochtoupiertes Haar hatte. Ihre Augen waren groß, aber nicht unschuldig – fand Bond. Selbst auf diesem Bild schienen sie eine Fülle an weltlichem Wissen zu enthalten, und der Mund war zwar groß, wirkte aber nicht unproportional. Die Mundwinkel waren leicht nach oben gezogen, wodurch die Gesichtszüge ein wenig milder schienen.
»Miss Mary-Jane Mashkin«, sagte M, als würde das alles erklären.
Bond warf seinem Vorgesetzten einen fragenden Blick zu. Das Komma aus Haaren hing über seine rechte Augenbraue, als wollte es ein Fragezeichen bilden.
»Seine graue Eminenz, wie manche behaupten.« M paffte an seiner Pfeife, als wäre er ein wenig peinlich berührt. »Zweifellos Muriks Geliebte. Sie war zehn Jahre lang seine Sekretärin. Sie ist Muriks starker rechter Arm und seine persönliche Beraterin. Sie ist ausgebildete Physikerin. Universität von Cambridge, genau wie der Laird, allerdings nicht sein Maßstab, wie es scheint. Sie fungiert für ihn als Gastgeberin und lebt in Murik Castle. Sie reist mit ihm, isst mit ihm … und macht auch sonst alles mit ihm.«
Bond überlegte, dass er mit seiner Einschätzung bezüglich des Puritanismus falschgelegen haben könnte, revidierte den Gedanken dann aber. Es war durchaus möglich, dass Anton Murik ein starkes Moralempfinden im Hinblick auf die Handlungen anderer Personen hatte, während er sich selbst von derartigen Einschränkungen ausschloss. So etwas kam ständig vor. Zum Beispiel bei den Leuten, die gegen Fernsehsendungen und Filme protestierten und sich dabei einbildeten, dass sie selbst gegenüber moralischen Gefahren immun waren.
»Ich vermute, dass er sich in vielen Angelegenheiten von ihr beraten lässt, aber ich bezweifle, dass sie ihn bei sehr wichtigen Entscheidungen beeinflussen kann.« M schob ein drittes Foto in Bonds Richtung.
Es zeigte eine weitere Frau. Sie war sehr viel jünger und, sofern das Bild die Realität widerspiegelte, absolut umwerfend. Dichtes blondes glattes Haar rahmte ihr Gesicht ein, das an die junge Lauren Bacall erinnerte. Es wies die gleichen hohen Wangenknochen und verführerischen dunklen Augen auf, und der Mund war aufgrund der Sinnlichkeit der Unterlippe bemerkenswert. Die Brauen über den Augen waren natürlich geformt und sahen wie eine Art verlängerter Zirkumflex aus. Bond gestattete sich ein fast unhörbares leises Pfeifen.
M unterband diese reflexartige Reaktion sofort: »Anton Muriks Mündel. Miss Lavender Peacock. Die Art ihrer Beziehung ist nicht bekannt. Sie wurde 1970 sein Mündel, vollkommen legal – im Gerichtsbeschluss heißt es, sie sei die Tochter eines Cousins zweiten Grades. Ihr Vater und ihre Mutter kamen bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Es gibt ein wenig Geld – ein paar Tausend –, das Miss Peacock erhält, sobald sie ihr siebenundzwanzigstes Lebensjahr erreicht. Das wird nächstes Jahr der Fall sein.«
Bond stellte laut fest, dass Lavender Peacock eine beeindruckende Frau sei, er aber auch glaube, sie von irgendwoher zu kennen – und das liege nicht nur an ihrer Ähnlichkeit mit der jungen Bacall.
»Schon möglich, 007. Dieses Mädchen wird allerdings an einer kurzen Leine gehalten. In manchen Angelegenheiten ist der Laird sehr altmodisch. Lavender Peacock wird wie ein zerbrechliches Porzellanpüppchen behandelt. Sie hatte als Kind Privatlehrer und durfte nur ins Ausland reisen, wenn Murik und ein paar zuverlässige Wachhunde sie begleiteten. Diese Mashkin hat sie ein wenig herumgeschleppt, und Sie könnten ihr Bild in Verbindung mit dieser Kleiderfirma gesehen haben. Von Zeit zu Zeit erlaubt der Laird ihr, als Modell zu arbeiten – aber nur zu ganz besonderen Anlässen und immer in Begleitung der Wachhunde.«
»Wachhunde?« Der Ausdruck machte Bond stutzig.
M stand auf und ging zum Fenster. Er schaute auf den Park hinaus, der nur noch undeutlich zu erkennen war, während die Sonne langsam unterging und die Lichter der Stadt nach und nach angingen.
»Wachhunde?«, wiederholte M. »Oh ja, hauptsächlich Frauen aus dem Umfeld der Mashkin und der Kleiderfirma.« Er drehte sich nicht zu Bond um. »Murik hat immer ein paar junge schottische Schlägertypen in der Nähe. Eine Art Leibwächter. Sie wissen ja, wie diese Leute sind. Sie sollen nicht nur sein Mündel, sondern die ganze Familie bewachen. Es gibt einen, der eine besondere Stellung innehat. Er ist so etwas wie der Leiter der Truppe. Wir haben kein Foto von ihm, aber ich habe eine Beschreibung erhalten. Er heißt Caber.«
Eine lange Stille entstand. Schließlich holte Bond tief Luft. Er hatte sich das Triptychon aus Fotos vor sich auf dem Tisch angesehen. »Ich soll mich also bei dieser kleinen Gruppe einschmeicheln, herausfinden, warum Franco ihnen so viel Aufmerksamkeit widmet, und mich im Großen und Ganzen unentbehrlich machen?«
»Ich denke, das wäre die geeignete Vorgehensweise.« M wandte sich vom Fenster ab. »Wir müssen das Spiel eine ganze Weile lang mitspielen, 007. Tatsächlich sogar sehr lange. Ich habe große Vorbehalte gegen Dr. Anton Murik. Er würde ohne zu zögern töten, wenn es für das Gelingen irgendeines Plans nötig wäre, von dem er besessen ist. Und wir wissen alle, dass er derzeit von dem Geschäft seines Ultrasicher-Kernreaktors besessen ist. Vielleicht steckt irgendein hirnrissiger Plan dahinter, bei dem er in eins von Francos Unternehmen investiert und damit großen Profit einstreicht – eine schnelle Nummer: genug Geld, um der Kommission für Atomenergie zu beweisen, dass sie falschliegt. Wer weiß? Es wird Ihre Aufgabe sein, das herauszufinden, James. Ihre Aufgabe und meine Verantwortung.«
»Vorschläge, wie ich das anstellen soll, wären mir willkommen«, begann Bond, doch als M gerade etwas erwidern wollte, klingelte das rote Telefon auf seinem Schreibtisch.
Für ein paar Minuten saß Bond schweigend da und lauschte Ms Seite der Unterhaltung mit Sir Richard Duggan. Als das Telefonat beendet war, lehnte sich M mit einem dünnen Lächeln zurück. »Damit wäre das also erledigt. Ich habe den MI5 darüber informiert, dass Sie bereit sind, einzuspringen und jeder Information nachzugehen, die sie mit uns teilen wollen, Duggan hat die Einzelheiten über seine Überwachungsleute hier drinnen zusammengefasst.« Er tippte mit den Knöcheln einer Hand auf die MI5-Akte. »Das übliche abenteuerliche Zeug, das sie zu mögen scheinen.«
»Und Franco?«
»Befindet sich definitiv auf Murik Castle. Sie haben es bestätigt. Keine Sorge, James, wenn er plötzlich abreist, werde ich jemanden auf ihn ansetzen, damit Sie Ihre Tarnung nicht aufgeben müssen.«
»Da wir gerade von Tarnung sprechen …«, begann Bond.
»Dazu komme ich gleich. Wie gelangen Sie in den Familienkreis? Nun, ich denke, Sie benutzen Ihren eigenen Namen, aber mit einer leicht abgeänderten Vita. Das können wir alles hier zusammenbasteln. Ein Söldner, denke ich. Sie haben gehört, was Ross über Muriks zweite Leidenschaft im Leben gesagt hat – Pferderennen. Tja, wie Sie wissen, laufen einige seiner Pferde nächste Woche in Ascot. Tatsächlich war das Pferd, das er für den Gold Cup angemeldet hat, erst einmal bei den drei großen Rennen dabei. Es heißt China Blue. Unser Freund, der Laird von Murcaldy, scheint ihnen gern beim Trainieren und Laufen zuzusehen – er genießt das ganze Drumherum mit den Rennstrecken und Trainern.«
»Nur zum Spaß«, sagte Bond, und M schaute ihn einen Augenblick lang merkwürdig an.
»Ich schätze schon«, erwiderte M schließlich. »Aber Muriks Besuch in Ascot nächste Woche sollte uns die Gelegenheit liefern. Sofern es keine kurzfristige Planänderung gibt, sollten Sie wohl in der Lage sein, am Tag des Gold Cups den Kontakt herzustellen. Damit bleibt uns noch genug Zeit, um Sie ausreichend vorzubereiten und anständig auszurüsten, was?«

DER WEG NACH ASCOT
Abgesehen von den großen Golfturnieren interessierte sich James Bond nicht sonderlich für jene Ereignisse, die nach wie vor das darstellten, was die Klatschkolumnisten – und die Schmarotzer, die Lippenbekenntnisse abgaben und ihnen Informationshappen zur Verfügung stellten – als »die Saison« bezeichneten. Ihn zog nichts nach Wimbleton, zur Henley-Regatta oder zum Royal Ascot. Die Tatsache, dass Bond ein standhafter Monarchist war, änderte nichts an den ernsten Bedenken, die er hegte, als er den Saab am Tag des Gold Cups in Richtung Ascot steuerte.
Sein Leben war seit dem Freitagabend der vergangenen Woche, an dem M beschlossen hatte, Bond ins Herz der Welt des Lairds von Murcaldy einzuschleusen, sehr betriebsam gewesen.
Im Inneren des Gebäudes am Regent’s Park stellte man keine Fragen, wenn ein plötzliches Verschwinden eines Mitarbeiters oder ein Ausbruch hektischer Aktivität die Tagesabläufe durcheinanderbrachten. Obwohl Bond gelegentlich auftauchte, wenn er von einer Besprechung zur nächsten eilte, hielt er sich nicht in der Nähe seines Büros auf.
Tatsächlich arbeitete Bond während dieser Vorbereitungsphase ganze siebzehn Stunden pro Tag. Für den Anfang gab es lange Besprechungen mit M in dessen großem Büro, das kürzlich renoviert worden war und nun von Coopers Gemälde von Admiral Jervis’ Flotte, die 1797 vor Cap St. Vincent über die Spanier triumphierte, dominiert wurde. Das Bild war eine Leihgabe des National Maritime Museum an den Secret Service.
Während der folgenden Wochen sollte sich Bond oft an diese Schlachtszene vor dem Hintergrund eines düsteren Himmels und die Darstellungen der britischen Krieger, der flatternden Flaggen und Banner erinnern, die durch die aufgewühlte See pflügten, die vom Glühen des Feuers und dem Rauch der Kanonen eingefärbt wurde.
Unter diesem Gemälde führte M Bond ruhig durch alle logischen Möglichkeiten der vor ihm liegenden Situation. Er eröffnete ihm das Ausmaß, in dem Anton Murik kürzlich in Unternehmen investiert hatte, die alle auf die ein oder andere Weise mit Atomenergie zusammenhingen, und verriet ihm seine schlimmsten insgeheimen Befürchtungen bezüglich möglicher Pläne, die der Laird von Murcaldy in diesem Augenblick aushecken mochte.
»Das Teuflische daran ist, James«, erklärte M ihm eines Abends, »dass dieser Murik seine Finger in einem Dutzend Märkten hat – in Europa, im Nahen Osten und sogar in Amerika.« Bisher hatte M die CIA noch nicht informiert, aber er hatte sich mit der Tatsache abgefunden, dass es nötig sein würde, falls sich Bond gezwungen sah – durch die Anstellung, die er bei Anton Murik zu ergattern hoffte –, innerhalb der streng behüteten Sphären des amerikanischen Einflussbereichs zu operieren.
In erster Linie bestand die Idee darin, Bond als eine Art wandelndes Abhörgerät in Muriks Gefolge unterzubringen. Natürlich musste er aus diesem Grund viel Zeit mit den Mitarbeitern der Q-Abteilung verbringen, den Experten für alle genialen technischen Spielereien. In der Vergangenheit hatten ihn die ernsthaften jungen Männer, die die dortigen Werkstätten und Testbereiche bevölkerten, oft gelangweilt, aber die Zeiten änderten sich. Innerhalb des vergangenen Jahrs hatte sich jeder im Hauptquartier über das Auftauchen eines neuen Gesichts unter den leitenden Mitarbeitern der Q-Abteilung gefreut: eine große, elegante, langbeinige junge Frau mit glattem und glänzendem strohblondem Haar, das sie in einer tadellosen, wenn auch strengen Hochsteckfrisur trug. Dies verlieh ihr in Kombination mit ihrer großen Brille ein gebieterisches, aber auch widersprüchliches Auftreten, denn sie strahlte sowohl Sexappeal als auch kühle Effizienz aus.
Innerhalb einer Woche nach ihrer Ankunft hatte die Q-Abteilung ihrer neuen leitenden Mitarbeiterin den Spitznamen Q’utie verpasst, denn sie war bereits in dieser kurzen Zeit zum Ziel zahlreicher Verführungsversuche durch unverheiratete Offiziere aller Altersstufen geworden. Bond war sie ebenfalls aufgefallen, und er hatte die Geschichten gehört. Es hieß, dass die kühlere Seite von Q’uties Persönlichkeit auch während der Stunden, in denen sie nicht im Dienst war, dominierte. Nun musste 007 plötzlich eng mit dieser jungen Frau zusammenarbeiten, denn sie war damit beauftragt worden, die Ausrüstung zusammenzustellen, die er mit auf seinen Auftrag nehmen würde, und ihm die Anwendung der einzelnen Geräte zu erklären.
Während dieses Zeitraums hielt James Bond professionellen Abstand. Q’utie war eine attraktive Frau, doch wie so viele Frauen, die zu dieser Zeit für die Sicherheitsdienste arbeiteten, blieb sie zwar freundlich, war aber stets bemüht, ihren männlichen Kollegen klarzumachen, dass sie eine selbstbestimmte Frau und damit Bond gleichgestellt war. 007 sollte erst später erfahren, dass sie ein Jahr lang im Außeneinsatz gearbeitet hatte, bevor sie den zweijährigen Technikkurs belegte, der ihr schließlich eine Beförderung in eine leitende Position in der Q-Abteilung einbrachte.
Innerhalb von achtundvierzig Stunden hatte Q’uties Team eine Reihe von Gegenständen zusammengestellt, die sie als »personalisiertes zusammenpassendes Gepäck« bezeichnete. Es bestand aus einem Lederkoffer mit einer ähnlich konstruierten stahlverstärkten Aktentasche. Beide Gepäckstücke enthielten ausgetüftelte Fächer, die versteckt und so gut wie nicht aufzuspüren waren und dazu dienten, jede Menge elektronischer Abhörgeräte, Sabotageausrüstung und ein paar andere nützliche Gegenstände aufzubewahren. Unter anderem befanden sich darunter ein hoch entwickelter Verwanzungs- und Abhörapparat, ein VL-22H-Wanzendetektor und ein Alarmstift, der auf eine Frequenz eingestellt war, die ihn mit einer Langstreckenmodifikation des SAS-900-Alarmsystems verband. Wenn er ausgelöst wurde, würde dieser Alarmstift für Bond eine sofortige Telegrammkommunikation mit dem Hauptquartier am Regent’s Park herstellen, damit er Hilfe anfordern konnte. Der Stift enthielt außerdem Microchips, wodurch er als eine Art Peilsender fungierte. Sobald er aktiviert war, konnten die Leute im Hauptquartier jeden Schritt ihres Manns im Außeneinsatz verfolgen – ein persönliches Alarmsystem in der Brusttasche.
Zur weiteren Unterstützung gab es einen kleinen Ultraschalltransmitter, und während er sich auf dieser Mission befand, sollte Bond eine exakte Kopie seines eigenen Dunhill-Feuerzeugs bei sich tragen – eine Nachbildung, die besondere Eigenschaften besaß. Des Weiteren gab es eine sogenannte »Sicherheitstaschenlampe«, die einen enorm hellen Strahl aussandte, der stark genug war, um jedes Opfer, das in sein Licht blickte, so heftig zu blenden, dass es die Orientierung verlor. Und dann hatte Q’utie noch – fast als nachträglichen Einfall – eine TH70-Nachtsichtbrille für ihn besorgt. Bond hielt es für unklug, zu erwähnen, dass diese leichte Brillenart zur Standardausrüstung gehörte, mit der Communication Control Systems Inc. seinen Saab ausgestattet hatte. Er hatte sie persönlich getestet – auf einem alten, stillgelegten Flugplatz in einer besonders dunklen Nacht –, indem er den Saab ohne Scheinwerfer mit Höchstgeschwindigkeit gefahren hatte, während er die Nachtsichtbrille getragen hatte. Durch die kleinen Projektionslinsen hatte er die umliegende Landschaft und die rissige Rollbahn, über die er den Wagen fuhr, genauso klar und deutlich sehen können, wie es an einem Sommerabend kurz vor der Dämmerung der Fall gewesen wäre.
Doch Bond verbrachte nicht nur viel Zeit mit M und Q’utie, sondern auch einige Stunden mit Major Boothroyd, dem Waffenmeister des Secret Service, um mit ihm über seine Bewaffnung zu sprechen. Ms Anweisungen zufolge sollte 007 bewaffnet losziehen – etwas, das zu dieser Zeit kein leichtes Unterfangen darstellte.
Im Laufe der Jahre, in denen er sich einen besonderen Ruf in der alten Doppelnullabteilung gemacht hatte, hatte Bond viele Handfeuerwaffen benutzt: angefangen bei der .25 Beretta – die der Waffenmeister sarkastisch als »eine Damenwaffe« abgetan hatte –, über den .38 Colt Police Positive, den .45 Colt Automatik und den .38 Smith & Wesson Centennial Airweight, bis hin zu seiner Lieblingswaffe, der 7,65mm Walther PPK, die er in dem berühmten Berns-Martin-Holster bei sich trug.
Mittlerweile war die PPK allerdings nicht mehr in Gebrauch, da sie in entscheidenden Momenten zu Ladehemmungen neigte. Die Waffe hatte das einmal zu oft gemacht, in der Nacht des 20. März 1974, als ein geisteskranker Möchtegernentführer versucht hatte, Prinzessin Anne und ihren Mann, Captain Mark Phillips, zu entführen. Der Leibwächter des königlichen Paars, Inspector James Beaton, war dabei verletzt worden, und als er versucht hatte, das Feuer zu erwidern, hatte seine Walther Ladehemmungen gehabt. Das war das Ende dieser speziellen Waffe gewesen, soweit es die britische Polizei und die Sicherheitsdienste betraf.
Seitdem hatte Bond den Großteil seiner Schießübungen entweder mit dem .45 Colt absolviert – der für einen verdeckten Einsatz viel zu schwer und unhandlich war – oder mit dem alten .38 Cobra, dem seit Langem beliebten kurzläufigen Revolver von Colt, den man für verdeckte Operationen benutzte. Bond verkündete natürlich nicht öffentlich, dass er einen nicht genehmigten .44 Magnum Ruger Super Blackhawk in einem geheimen Fach seines Saabs versteckt hatte.
Nun mussten sie sich einig werden und eine Entscheidung bezüglich Bonds Bewaffnung für den Einsatz treffen. Dadurch brach ein langwieriger, zeitraubender und manchmal recht heftiger Kampf zwischen Bond und dem Waffenmeister aus, bei dem es um die jeweiligen Vorzüge der Waffen ging.
Sie hatten die grundlegende Auseinandersetzung bereits tausend Mal geführt: Ein Revolver war immer verlässlicher als eine Automatikpistole, und zwar aus dem einfachen Grund, dass bei der Benutzung weniger schiefgehen konnte. Der Revolver hatte allerdings den doppelten Nachteil, dass man länger zum Nachladen brauchte und normalerweise nur sechs Patronen Munition in der Trommel hatte. Außerdem war seine Mündungsgeschwindigkeit und damit seine Mannstoppwirkung geringer – es sei denn, man entschied sich für ein größeres, unhandlicheres Modell.
Die Automatikpistole bot andererseits sehr viel einfachere Lademöglichkeiten (die schnelle Entfernung und Ersetzung eines Magazins im Griff), eine größere Patronenanzahl pro Magazin und sie hatte im Allgemeinen eine effektivere Mannstoppwirkung. Allerdings konnte aufgrund der vielen Einzelteile eben auch mehr schiefgehen.
Schließlich war Bond derjenige, der das letzte Wort hatte. Unter ein paar murrenden Bemerkungen von Major Boothroyd entschied er sich für eine alte, aber gut erprobte und treue Freundin: die frühe Browning 9mm, die ursprünglich von Fabrique Nationale-De Guerre in Belgien unter Anwendung der Browning-Patente hergestellt worden war. Trotz ihres Alters besaß diese Browning eine zielgenaue Mannstoppwirkung. Für Bond lag der Vorteil in ihrer Verlässlichkeit. Sie war insgesamt etwa zwanzig Zentimeter lang und hatte einen gut zwölf Zentimeter langen Lauf. Die frühe Browning war eine flache, tödliche Waffe, die von ihrer Bauweise her dem .32 Colt ähnelte, etwa neunhundert Gramm wog und in ihrem Magazin Platz für sieben 9mm-Patronen bot. Sie wurde mit Browning-Long-Patronen geladen, und es gab die Möglichkeit, eine zusätzliche Kugel in der Kammer aufzubewahren.
Bond war mit der Waffe zufrieden, kannte ihre Grenzen und hatte jegliche Gedanken an exotischere Handfeuerwaffen von modernerer Bauweise schnell beiseitegeschoben.
In dem erstaunlichen schatzkammerartigen Lagerraum des Waffenmeisters befanden sich unbenutzte Waffen aller Bauweisen, Sorten und Größen, und er holte eine der alten Brownings heraus, die noch immer in ihrer Originalverpackung lag. Sie war voller Schmierfett und in gelbes Wachspapier eingewickelt. Das war eine beachtliche Leistung, wenn man bedachte, dass diese spezielle Waffe schon seit Langem nicht mehr hergestellt wurde.
Der Waffenmeister kannte 007 gut genug, um dafür zu sorgen, dass kein Mitglied seiner Belegschaft die Waffe berührte. Er rief Bond zu sich nach unten in den Büchsenmacherraum, damit der Mann, der sie letztendlich benutzen würde, die Waffe reinigen, auseinanderbauen, überprüfen und ausgiebig ausprobieren konnte. Wenn Bond einen Fallschirmsprung hätte absolvieren müssen, hätten sowohl der Waffenmeister als auch die Q-Abteilung dafür gesorgt, dass 007 seinen Fallschirm selbst zusammenpackte. Und auch für Bond war das die einzig mögliche Vorgehensweise. Das Gleiche galt für die Vorbereitung der Schusswaffen.
An einem späten Nachmittag fand sich Bond im leeren Büchsenmacherraum ein. Er hatte den Bereich und den unterirdischen Schießstand ganz für sich allein, während er der anspruchsvollen Aufgabe nachging, von der sein Leben abhängen mochte.
Daher war er überrascht, als sich genau in dem Moment, als er sich daranmachte, das Schmierfett von der Browning zu wischen, die Tür öffnete und Q’utie eintrat. Sie trug braunen Samt und sah darin besonders begehrenswert aus. Major Boothroyd, teilte sie Bond mit, habe vorgeschlagen, dass sie herkommen solle, um die Reinigung und Vorbereitung der Waffe zu beaufsichtigen.
»Warum sollte er das tun?« Bond schaute kaum zu der jungen Frau auf, ihm war zum ersten Mal bewusst, dass ihre kühle Art eine direkte Herausforderung darstellte. Er hatte im Verlauf der vergangenen Tage hart gearbeitet und nun regte sich eine sinnliche Schlange in einer verborgenen Ecke seines Geistes. Q’utie würde eine entspannende Gesellschaft für den Abend darstellen. Q’utie schwang sich auf die hölzerne Werkbank, nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass die von ihr ausgewählte Stelle sauber war. »Der Waffenmeister gibt mir einen Schusswaffenkurs, wenn ich nicht im Dienst bin«, erklärte sie ihm. Zum ersten Mal bemerkte Bond, dass Q’uties Stimme ein wenig rau klang. »Ich bin nicht sehr gut im Umgang mit Handfeuerwaffen, und er meinte, Sie wären es. Er erwähnte, dass die Waffe außerdem ein altes Modell sei. Ich dachte nur, es wäre eine gute Idee, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Bonds starke, sichere Hände bewegten sich gekonnt, fast schon liebevoll über die Pistole, während er sie in stummer Routine auseinandernahm.
»Also, haben Sie?«, fragte Q’utie.
»Habe ich was?«
»Etwas dagegen, dass ich zusehe?«
»Keineswegs.« Er schaute zu der jungen Frau hoch, deren hübsches Gesicht hinter der großen Brille ungerührt blieb. »Es ist immer am besten, Waffen sorgfältig und sanft zu behandeln«, fuhr er lächelnd fort, während die Bewegungen seiner Hände an den Mechanismen zunehmend erotisch wurden.
»Sorgfältig, natürlich.« In Q’uties Stimme schlich sich ein Hauch Sarkasmus. Dann wiederholte sie wie ein Papagei eine Stelle aus dem Ausbildungshandbuch des Secret Service: »›Waffen jeglicher Beschreibung sollten mit großer Sorgfalt und Respekt behandelt werden.‹ Treiben Sie es damit nicht ein wenig zu weit, Commander Bond?«
Verdammt, dachte er. Q’utie war ein guter Spitzname für sie. Bond verlangsamte seine Handbewegungen und ließ dadurch zu, dass der Arbeitsvorgang an der Waffe noch ein wenig offensichtlicher wurde, während er stumm die Anweisungen wiederholte:
»Kopf der Schließfederführung greifen, in Richtung Mündung drücken, um den Kopf der Führung zu lösen. Lauf vom Bodenstück abheben. Griff entfernen, um Zugang zum Hahn zu erhalten. Verschluß abnehmen, mit dem Schlagbolzen anfangen und dann normal weitermachen …«
»Oh, ich bitte Sie, Commander Bond. Ein bisschen kenne ich mich mit Waffen schon aus. Außerdem glaubt heutzutage niemand mehr diesen Quatsch, dass Waffen Phallussymbole sind.« Sie warf den Kopf zurück und lachte kurz auf. »Hören Sie auf, bei dieser Waffe so zu tun, als würden Sie eine Frau ausziehen, falls Sie das meinetwegen tun. Ich habe nichts für diese Schundromane übrig, auf deren Covern Frauen auf riesigen Waffen sitzen oder sogar rittlings darauf reiten.«
»Worauf stehen Sie denn dann, Q’utie?«, fragte Bond lachend.
»Mein Name lautet Ann Reilly«, schnauzte sie. »Diesen albernen Spitznamen, den hier alle benutzen, kann ich nicht leiden.« Sie schaute ihm volle zwanzig Sekunden lang direkt in die Augen. »Und auf die Frage, was ich mag oder nicht mag – worauf ich stehe, wie Sie es ausdrücken –, kann ich nur antworten, dass Sie es vielleicht eines Tages herausfinden werden.« Sie lächelte nicht. »Ich bin eher daran interessiert, wie diese Automatikpistole funktioniert, warum Sie sie ausgewählt haben und woher dieses weiße Mal auf Ihrer Hand stammt.«
Bond schaute ruckartig auf, jeglicher Humor wich aus seinen Augen und sein Blick wurde so eisig, dass er Q’utie beinahe Angst einjagte. »Jemand versuchte vor langer Zeit, clever zu sein«, sagte er langsam. Tief in seinem Geist erinnerte er sich sehr deutlich an all die Umstände, die zu der kosmetischen Operation geführt hatten, von der nur noch ein weißer Fleck zu sehen war, nachdem SMERSCH ihm den kyrillischen Buchstaben für SCH in den Handrücken geritzt hatte, um ihn als Spion zu kennzeichnen. Das war vor langer Zeit gewesen, aber die Erinnerung war noch so klar, als wäre es gestern geschehen. Er bemerkte die Kerbe, die er mit seiner scharfen Grausamkeit in Q’uties Abwehr geschlagen hatte. Es war vor so langer Zeit gewesen, dachte er: diese Sache mit Le Chiffre in Royale-les-Eaux, eine Frau namens Vesper – sie war etwa im gleichen Alter gewesen wie diese junge Frau, die auf der Werkbank saß und ihm ihre wohlgeformten Knie und Waden präsentierte – hatte nach dem Tod durch eine Überdosis Medikamente vor ihm gelegen, und ihr Körper unter den Laken hatte dem steinernen Abbild auf einem Grab geglichen.
Die Kälte in Bonds Ausdruck verging. Er lächelte Q’utie an und richtete den Blick wieder auf seine Hände. »Ein kleiner Unfall – ich war unvorsichtig. Ich benötigte eine kleine Operation, das ist alles.« Dann machte er sich wieder daran, das Schmierfett von der Browning zu entfernen. Sämtliche Gedanken an einen kleinen Flirt mit der leitenden Mitarbeiterin der Q-Abteilung namens Ann Reilly waren verschwunden. Sie war relativ jung und musste die Gepflogenheiten der Geheimdienstwelt trotz ihrer elektronischen Effizienz erst noch lernen, entschied er.
Als wollte sie die Stimmung aufbrechen, fragte sie ihn zaghaft: »Wie fühlt es sich an, wenn man jemanden tötet? Die Kollegen sagen, Sie hätten während Ihrer Zeit beim Service eine Menge Menschen töten müssen.«
»Dann sollten die Kollegen nicht so viel reden.« Nun war es an Bond, patzig zu reagieren. Er setzte die Waffe jetzt wieder zusammen. »Beim Service gilt die Regel, dass jeder immer nur das Nötigste erfahren muss, um seine Arbeit erledigen zu können. Gerade Sie sollten wissen, dass man derartige Fragen besser nicht stellt.«
»Aber ich muss es wissen.« Sie war nun ruhiger, legte aber eine Sturheit an den Tag, die Bond schon zuvor in ihren Augen wahrgenommen hatte. »Immerhin habe ich mit einem Teil der wichtigen technischen Spielereien zu tun. Sie sollten wissen, dass das auch geheime Tode einschließt – Tötungsmethoden, die sich nicht nachvollziehen lassen. In dieser Branche kommen Leute ums Leben. Ich sollte über das Endprodukt Bescheid wissen.«
Bond hatte die Waffe wieder zusammengesetzt, bewegte den Mechanismus ein paar Mal vor und zurück und griff dann nach einem der Magazine, in dem sich sieben 9mm Browning-Long-Patronen befanden, die auf sechs Meter Entfernung ein gut zwölf Zentimeter dickes Brett aus Kiefernholz durchschlagen konnten.
Er betrachtete das schlanke Magazin, dachte an seinen tödlichen Zweck und daran, was jedes der kleinen umhüllten Metallstücke darin einem Mann oder einer Frau antun konnte. Ja, überlegte er, Q’utie – Ann Reilly – hatte ein Recht darauf, es zu wissen. »Würden Sie mir behilflich sein?« Er nickte in Richtung einer Kiste auf der Werkbank. »Bringen Sie ein paar Reservemagazine mit. Wir müssen dieses kleine Spielzeug am Schießstand ausprobieren und dann können wir für heute Feierabend machen.«
Sie nahm die Magazine und ließ sich von der Werkbank gleiten, wobei sie die Frage wiederholte: »Wie fühlt es sich an, einen Menschen zu töten?«
»Während es passiert, denkt man nicht sehr ausgiebig darüber nach«, antwortete Bond tonlos. »Es ist ein Reflex. Man tut es, ohne zu zögern. Wenn man klug ist und weiterleben will, denkt man auch danach nicht darüber nach. Ich habe Männer gekannt, die Zusammenbrüche erlitten haben – und dann bei halber Rente in den Frühruhestand gehen mussten –, weil sie danach darüber nachgedacht haben. Es gibt nichts zu erzählen, meine liebe Q’u… Ann. Ich versuche, mich nicht daran zu erinnern. Auf diese Weise bleibe ich von der Realität des Tötens losgelöst.«
»Und ist das der Grund dafür, dass Sie Ihre Pistole vor jemandem wie mir reinigen – sie ausziehen, als wäre sie eine Frau?«
Er antwortete nicht darauf, und sie folgte Bond schweigend durch den Korridor, der zum Schießstand führte.
Bond brauchte fast eine Stunde und sechs Reservemagazine, bevor er mit der Browning vollkommen zufrieden war. Als sie am Schießstand fertig waren, kehrte er dicht gefolgt von Q’utie in den Büchsenmacherraum zurück und nahm die Waffe wieder auseinander, um sie nach dem Schießen zu reinigen. Während er diese letzte Aufgabe erledigte, sah Bond zu ihr auf. »Tja, jetzt haben Sie alles gesehen, was es zu sehen gibt. Die Show ist vorbei. Sie können nun nach Hause gehen.«
»Dann benötigen Sie meine Dienste also nicht länger?«
Sie lächelte. Das hatte Bond nicht erwartet. »Tja«, sagte er vorsichtig. »Wenn Sie Lust auf ein Abendessen hätten …«
»Liebend gern«, erwiderte sie grinsend.
Bond nahm sie im Saab mit. Sie fuhren nach Kensington, zum Trattoo in der Abingdon Road, wo Carlo erfreut war, seinen alten Gast wiederzusehen. Bond war seit einer ganzen Weile nicht mehr hier gewesen und wurde mit großem Respekt behandelt. Er bestellte für sie beide – ein einfaches Mahl: die zuppa di verdura gefolgt von fegato Bacchus und dazu ein leichter, junger Bardolino zum Nachspülen (ein ’79er, denn einen Bardolino sollte man immer jung und gekühlt trinken, selbst wenn er rot ist, so wie die Franzosen ihre Roséweine jung genießen, erklärte Bond). Danach machte ihnen Carlo einfache Crêpes mit Zitrone und Zucker, und sie tranken Kaffee an der Bar, wo Alan Clare am Klavier saß und spielte.
Ann Reilly war entzückt und sagte, dass sie für immer dasitzen und Clares flüssigem, leichtem Spiel lauschen könne. Doch das Restaurant wurde bald voller. Ein paar Schauspieler kamen herein, ein bekannter Filmregisseur mit krausem grauem Haar und ein berühmter Komiker. Alan spielte noch ein letztes Stück für Ann – sie hatte sich »As Time Goes By«, den sentimentalen Oldie aus Casablanca gewünscht.
Bond fuhr den Saab auf Ann Reillys Bitte hin zurück in Richtung Chelsea. Während sie ihm die Richtung angab, lachte sie viel und sagte, sie habe sich seit Langem nicht mehr so gut amüsiert. Schließlich hielten sie vor einem Reihenhaus im georgianischen Stil an und Q’utie verkündete, dass ihr der gesamte zweite Stock als Wohnung zur Verfügung stehe.
»Wollen Sie mit reinkommen und sich meine Apparate ansehen?«, fragte sie. Bond konnte ihr Lächeln in der Dunkelheit des Autos nicht sehen, aber er wusste, dass es vorhanden war.
»Das ist mal was anderes«, erwiderte er amüsiert. »Ich halte mich immer noch an die Briefmarkensammlung.«
Sie hatte die Beifahrertür geöffnet. »Oh, aber ich habe wirklich Apparate«, sagte sie und lachte wieder. »Ich bin eine leitende Angestellte der Q-Abteilung, erinnern Sie sich? Ich nehme meine Arbeit gern mit nach Hause.«
Bond schloss den Wagen ab, folgte ihr die Stufen hinauf und in den kleinen Aufzug, der im Zuge einer – wie Immobilienmakler es bezeichnen würden – »ausgiebigen Modernisierung« eingebaut worden war.
Vom kleinen Eingangsbereich in Q’uties Wohnung aus konnte Bond die Küche und das Bad sehen. Sie öffnete die Haupttür, und sie betraten den restlichen Teil der Wohnung – einen riesigen Raum. An den Wänden hingen zwei große zueinander passende Spiegel mit Goldrahmen, ein echter Hockney und ein ebenso echter Bratby, das Porträt eines Komponisten, dessen Musicals vor fünfzehn oder zwanzig Jahren ihre besten Zeiten gefeiert hatten. Die Ausstattung bestand hauptsächlich aus Designermöbeln der späten 1960er, und die Beleuchtung war passend dazu ausgewählt – schwedisches Design und auf erhöhten Leisten angebracht, die sich in ausgeklügelten Winkeln in den Zimmerecken befanden.
»Ah, Retrodekor«, kommentierte Bond mit einem Grinsen.
Ann Reilly erwiderte das Lächeln. »Es ist nicht alles so, wie es scheint«, sagte sie schmunzelnd, und für einen Augenblick fragte sich Bond, ob sie nicht daran gewöhnt war, Alkohol zu trinken. Vielleicht war ihr der Wein zu Kopf gestiegen. Dann sah er, wie sich ihre Hand auf eine kleine Konsole mit Tasten in der Nähe der Lichtschalter zubewegte. Ihre Finger tippten auf die Tasten, und innerhalb der nächsten paar Sekunden konnte Bond nur noch an die Verwandlungsszenen aus den Zirkusattraktionen seiner Kindheit denken.
Das Licht wurde gedimmt, und der Raum wurde in ein sanftes rotes Glühen getaucht, das von den Fußleisten ausging. Der große runde Milchglastisch, der den Mittelpunkt des Zimmers bildete, schien im Teppich zu versinken. Plötzlich ertönte das Plätschern von Wasser, und der Tisch glühte auf, um zu einem kleinen Teich mit sprudelndem Springbrunnen in der Mitte zu werden. Der Hockney, der Bratby und beide Spiegel schienen zu beschlagen, wurden dann wieder klar und verwandelten sich in Bilder, die Bond in ihrer Deutlichkeit beinahe schockierten.
Er nahm einen Geruch wahr: Ein moschusartiger Duft war um ihn herum aufgestiegen, während die Klänge von Klaviermusik sanft an Lautstärke zunahmen – ein langsames, sinnliches Saxophonsolo, so nah und natürlich, dass Bond umherstarrte, da er dachte, die junge Frau säße tatsächlich irgendwo an einem Instrument. Der Duft und die Musik begannen, seine Sinne zu verwirren. Dann trat er einen Schritt zurück und ließ den Blick zu einer Wand zu seiner Rechten wandern. Die Wand hatte angefangen sich zu öffnen, und von dahinter glitt ein großes hohes Wasserbett lautlos in den Raum herein – darüber hing ein verspiegelter Baldachin an scharlachroten Seidenkordeln.
Ann Reilly war verschwunden. Für eine Sekunde war Bond desorientiert, stand mit dem Rücken zur Wand und ließ die Augen über den außergewöhnlichen Anblick wandern. Dann entdeckte er sie hinter dem Springbrunnen. Ein kleines dämmriges Licht wurde stärker, um sie zu beleuchten, während sie nackt bis auf ein dünnes durchsichtiges Nachthemd dastand. Ihr Haar war offen und fiel bis zu ihrer Taille – das Haar und der dünne Stoff wehten und tanzten, als würde sie ein unsichtbarer Zephyr umspielen.
Dann veränderte sich der Raum plötzlich genauso schnell, wie die erste Verwandlung begonnen hatte. Das Licht kehrte zu seiner normalen Stärke zurück, der Tisch erhob sich aus dem Brunnen, der Hockney, der Bratby und die Spiegel waren wieder da, und Q’uties Abbild verblasste. Nur das Bett blieb, wo es war.
Hinter ihm ertönte ein Kichern, und Bond drehte sich herum, um Q’utie zu sehen, die immer noch ihre Kleidung aus braunem Samt trug und deren Haar nach wie vor ordentlich und streng frisiert war. Sie lehnte sich gegen die Wand und lachte. »Gefällt es Ihnen?«, fragte sie.
Bond runzelte die Stirn. »Aber …?«
»Oh, ich bitte Sie, James. Die Verwandlung ist leicht: Mikrotechnik und Elektronik, son et lumière. Ich habe das alles selbst gebaut.«
»Aber Sie …?«
»Ja.« Sie zog die Brauen zusammen. »Das ist das kostspieligste Element, aber ich habe auch das zum größten Teil selbst zusammengebastelt. Und das Modell bin ich. Ein Hologramm. Sehr effektiv, nicht? Alles 3D. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Einzelheiten …«
Sie wollte sich gerade in Bewegung setzen, als Bond sie packte, nah zu sich heranzog und stürmisch küsste. Sie ließ ihre Hände auf seine Schultern gleiten und schob ihn sanft von sich weg. »Mal sehen.« Sie sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. »Ich dachte, Sie hätten verstanden, worum es geht. Sie sagten, das hier sei Retrodekor – 1960er. Alles, was ich getan habe – und ich habe viele glückliche Stunden damit verbracht, es richtig hinzubekommen –, war das Zusammenstellen einer Fantasie aus den Sechzigern: Musik, Beleuchtung, das Wasserbett, der Duft und eine willige, sehr leicht bekleidete Dame. Ich dachte, dass gerade Sie, James Bond, die Botschaft verstehen würden. Fantasien sollten sich mit der Zeit ändern. Zweifellos sind wir heutzutage alle realistischer. Besonders was Beziehungen angeht. Das Wort, das darauf zutrifft, ist, glaube ich, Reife.«
Ja, dachte Bond, während sie umherhuschte, und ihm die ganzen elektronischen Spielereien ihres Fantasiezimmers zeigte, Q’utie war ein guter Name für Ann Reilly. »Es mag eine Illusion sein«, sagte er, »aber es hat trotzdem eine tödliche Wirkung.«
Sie drehte sich zu ihm um. »Tja, James, das Bett ist noch da. Das ist es für gewöhnlich immer. Wir sollten Kaffee trinken und einander ein wenig besser kennenlernen.«
Bond wachte am nächsten Morgen vor halb sieben in seiner eigenen Wohnung auf. Ich wurde mit meinen eigenen Waffen geschlagen, dachte er mit einem ironischen Lächeln. Wenn jemals jemand den Bluff eines Mannes durchschaut hatte, dann war es die geniale Q’utie. Er machte sich gut gelaunt an seine Fitnessübungen, nahm ein heißes Bad und eine kalte Dusche, rasierte sich, zog sich an und war in seinem Esszimmer, als die treue May mit der Morgenausgabe der Times und seinem üblichen Frühstück hereinkam. Es war seine Lieblingsmahlzeit: zwei große Tassen schwarzer Kaffee von De Bry ohne Zucker, ein einzelnes »perfekt gekochtes« Ei (Bond beharrte immer noch darauf, ausschließlich braune Eier zu mögen, und hielt an seiner Meinung fest, dass die ideale Kochzeit dreieindrittel Minuten betrug), dann zwei Scheiben Vollkornweizentoast mit Jersey-Butter und »Little Scarlet«-Erdbeermarmelade von Tiptree, »Cooper’s Vintage Oxford«-Konfitüre oder norwegischem Heidehonig.
Regierungen konnten kommen und gehen, Krisen konnten ausbrechen, die Inflation mochte durch die Decke schießen, aber wenn er in London war, änderte sich Bonds Frühstücksroutine selten. In diesem Punkt verkörperte er das Schlimmste, was ein Mann in seiner Branche sein konnte: ein Mann der Gewohnheit, der den Tag gern auf eine ganz bestimmte Weise begann, aus dem dunkelblauen Eierbecher mit dem goldenen Ring um den Rand aß, der zum Rest seines Minton-Geschirrs passte, und sich freute, die silberne Kaffeekanne im Queen-Anne-Stil und die dazugehörigen Utensilien auf dem Tisch zu sehen. Diese Eigenart wirkte sicher sehr wählerisch, aber Bond wäre empört gewesen, wenn ihn deswegen irgendjemand als snobistisch bezeichnet hätte. In James Bonds Augen war Snobismus etwas für andere in allen Gesellschaftsschichten. Ein Mann hatte ein Recht auf gewisse angenehme Eigenarten – mehr als nur ein Recht, wenn sie seinen Geist und seinen Magen beruhigten und ihn auf den vor ihm liegenden Tag vorbereiteten.
Der Q’utie-Zwischenfall hinderte Bond keineswegs in seinen Vorbereitung auf das, was er im Geiste inzwischen als Verabredung mit Anton Murik am Tag des Gold Cups bezeichnete.
In letzter Zeit war er an den meisten Abenden direkt in seine Wohnung gefahren und hatte ein Buch gelesen, dass er zwischen seinen Ausgaben von Scarne’s Complete Guide to Gambling und einer Ausgabe des Klassikers Sharps and Flats von John Nevil Maskelyne aus dem Jahr 1895, in dem es um Kartenbetrug ging, aufbewahrte. Das Buch, in dem er eifrig jede Nacht las, war zur Zeit der Jahrhundertwende privat herausgebracht worden. Bond hatte es vor einigen Jahren in Paris entdeckt und hatte es von einem Drucker, der oft für den Service arbeitete, neu in Pappe und Rindsleder binden lassen. Es war von einem Mann geschrieben worden, der das Pseudonym Cutpurse benutzte, und hieß The Skills, Arts and Secrets of the Dip. Es handelte sich um eine umfangreiche Abhandlung über die alte Kunst des Taschendiebstahls und des Langfingergewerbes.
Bond benutzte Möbel, alte Mäntel – und sogar eine Stehlampe –, um die zahlreichen Tricks einzuüben, die er bereits recht gut beherrschte. Seine Besprechungen mit M, bei denen es darum ging, wie er sich dem Laird von Murcaldy und dessen Gefolge vorstellen sollte, hatten zu einem Plan geführt, der nach der geschicktesten Anwendung einiger Tricks verlangte, die Cutpurse in seinem Buch beschrieb. Bond wusste, dass er diese Bewegungen immer wieder üben musste, damit er sie nicht wieder verlernte – wie ein Kartenbetrüger oder auch ein Zauberkünstler, der seine harmlosen Taschenspielertricks ausschließlich zu Unterhaltungszwecken anwandte. Deswegen fing er noch einmal ganz von vorne an und lernte die einzelnen Griffe und Bewegungen von Neuem.
Ein Taschendieb arbeitete selten allein. Banden aus drei bis zehn Personen waren normalerweise die Regel, also würde Bonds Plan doppelt kompliziert sein: Erstens musste er die Sache ganz allein durchziehen und zweitens ging es hier nicht um einen einfachen Taschendiebstahl. Er arbeitete sich langsam zum schwierigsten Trick in dem Buch vor und trainierte seine Fähigkeiten, um ihn ausführen zu können: die Halskettenmasche. Dieser Trick ging auf das frühe neunzehnte Jahrhundert zurück, als er für gewöhnlich benutzt wurde, um einer Person die Taschenuhr zu stehlen. Gegen Ende der Vorbereitungsphase verbrachte Bond mehrere Stunden pro Nacht damit, die Bewegungen der Halskettenmasche zu perfektionieren. Er konnte nur hoffen, dass sich Ms Informationen, die er während der langen Stunden unter dem Cooper-Gemälde von Admiral Jervis’ Sieg erhalten hatte, als zutreffend herausstellen würden.
Nun verkündete ein Wegweiser ASCOT 6,5 KILOMETER, und Bond ordnete sich in eine Reihe Bentleys, Rolls-Royces, Daimler und so weiter ein, die alle zur Rennstrecke wollten. Er saß ruhig hinterm Steuer, hatte seine Browning samt Holster im Handschuhfach verstaut, und Q’uties personalisiertes Gepäck befand sich im Kofferraum. Er selbst trug ein Hemd, hatte den grauen Cutaway ordentlich gefaltet auf den Rücksitz gelegt, und der dazu passende Zylinder ruhte daneben. Bevor er aufgebrochen war, hatte Bond überlegt, dass er es Q’utie durchaus zugetraut hätte, irgendeine Art von Apparatur in den Zylinder einzubauen. Sie war sehr umgänglich gewesen und hatte ihm jede nur mögliche Unterstützung im Einsatz zugesichert – »Geben Sie mir einfach Bescheid, und ich werde Ihnen bringen, was immer Sie brauchen, 007«, hatte sie mit dem Hauch eines Augenzwinkerns versprochen.
Bond hatte darauf mit einem kaum merklichen Zucken einer Augenbraue reagiert.
Jetzt sah er wie jeder andere Mann aus, der im Royal Enclosure Eindruck schinden wollte. Tatsächlich war sein Verstand jedoch nur auf eine einzige Sache konzentriert – Dr. Anton Murik, Laird von Murcaldy, und seine Verbindung zu dem Terroristen Franco.
Die sorgfältige, wenn auch schnell geplante Vorbereitung auf den Auftrag war abgeschlossen. James Bond war auf sich allein gestellt und würde nur Hilfe rufen, wenn die Situation es erforderte.
Als er sich der Rennbahn näherte, fühlte sich Bond ein klein wenig freudig erregt, doch ein winziger Knoten in seiner Magengegend verriet ihm, dass der Geruch von Gefahr oder vielleicht sogar Katastrophe in der Luft lag.

PERLEN VOR DIE SÄUE
Auf jeder Rennstrecke gab es nur einen Ort, an dem sich James Bond wirklich wohlfühlte – der öffentliche Bereich für die unteren Gesellschaftsschichten. Direkt an der Strecke war das Leben bunt: Die Personen wirkten dort immer lebendiger und realer – Paare, die sich auf einem kurzen Tagesausflug befanden; Wettende mit ihrem hektischen Geplapper und überschwängliche Buchmacher, die alle ihre Späher dabeihatten, um nach Wettwilligen zu suchen, die zackige Zeichensprache, die über die Köpfe der Wettenden hinweg ausgetauscht wurde, um Veränderungen in den Wettchancen zu kommunizieren. Hier gab es Gelächter, Freude und genießerische Begeisterung.
Während der ersten paar Rennen des Tages schlenderte Bond – tadellos in Cutaway und Zylinder gekleidet – durch die Menge der Besucher, als würde er zögern, seinen rechtmäßigen Platz im Royal Enclosure einzunehmen. Das Abzeichen für die Zugangsberechtigung (das M ihm besorgt hatte) war mit einer Nadel am Revers seines Cutaways befestigt.
Er blieb sogar noch unten in der Nähe des Geländers, um die Ankunft Ihrer Majestät, Prinz Philips und der Königin Mutter zu beobachten. Wie immer empfand er eine gewisse Ergriffenheit bei dem beeindruckenden Anblick dieser Tradition, während die Mitglieder der königlichen Familie in ihren offenen Kutschen über die Rennstrecke gefahren wurden: eine Explosion aus Farben mit livrierten Kutschern und Postillionen – wie eine Zeremonie aus einem anderen Zeitalter.
Seine erste Handlung nach seiner Ankunft hatte darin bestanden, die Position von Anton Muriks Loge zu überprüfen, die sich auf der Tattersalls-Tribüne befand (eine weitere Tatsache, die sie dank Ms fachmännischer Quellen erfahren hatten). Muriks Loge war die dritte von links im zweiten Rang.
Bond lehnte sich an das Geländer und betrachtete die abgestuften Logen mit einem Fernglas, das ihm die Q-Abteilung zur Verfügung gestellt hatte – ein besonders leistungsstarker Feldstecher mit Zeiss-Linsen, die exklusiv für den Service von Bausch & Lomb hergestellt worden waren. Muriks Loge war leer, aber es gab Anzeichen dafür, dass sie schon bald besetzt sein würde. Bond würde kurz vor dem Gold-Cup-Rennen verstärkt auf den Führring achten müssen, doch schon vor diesem Ereignis verspürte er den unwiderstehlichen Drang, eine Wette auf das Pferd seiner Zielperson abzuschließen. Dr. Anton Muriks Pferd hatte keine guten Chancen. Das war anhand der gebotenen Einsätze recht offensichtlich.
Für den Gold Cup war das Pferd der Queen der Favorit, dicht gefolgt von Lester Piggott, und die Chancen standen nur fünf zu vier. Andere Teilnehmer waren sehr erfahrene Vierjährige, die meisten davon mit herausragenden Rennstatistiken. Besonders Francis’ Folly, Desmond’s Delight und Soft Centre wurden sehr hoch gehandelt. Die anderen zehn Pferde schienen nur zum Spaß teilzunehmen, und das Pferd des Lairds von Murcaldy, China Blue – der Abkömmling von Light Blue und Geisha Girl –, schien kaum eine Möglichkeit zu haben, auch nur in die Nähe der Spitze zu gelangen. Bonds Wettkarte besagte, dass das Pferd bei seinen letzten drei Rennen nur eine Platzierung erreicht hatte – auf der Karte stand dementsprechend 0-3-0.
Die harten Fakten wurden noch von den Wettchancen unterstützt, die bei fünfundzwanzig zu eins standen. Bond lächelte hämisch, denn er wusste, dass M vor Wut kochen würde, wenn er seine Spesenrechnung einreichte. Wenn man schon mit dem Geld der Firma um sich wirft, dachte er, sollte man es wenigstens mit ein wenig Stil tun. Mit diesem Gedanken im Kopf ging er auf einen Buchmacher zu, dessen Namensschild ihn als Honest Tone Snare auswies, und setzte einhundertzehn Pfund auf Sieg durch China Blue. Einhundertzehn Pfund waren eine unbedeutende Summe, aber für die Buchhalter des Secret Service waren sogar fünf Pfund ein Grund zur Diskussion.
»Wollen Sie Geld loswerden, Meister?« Honest Tone schenkte Bond ein zahnreiches Grinsen.
»Einhundertzehn auf Sieg«, wiederholte Bond gelassen.
»Tja, Sie werden schon wissen, was Sie tun, Meister, aber ich schätze, Sie haben entweder Geld wie Heu oder Sie wissen etwas, das der Rest von uns nicht weiß.« Honest Tone nahm das Geld und händigte ihm dafür einen Wettschein aus, der Bond, falls China Blue durch irgendeinen glücklichen Zufall tatsächlich gewinnen sollte, um die zweieinhalbtausend Pfund einbringen würde, abzüglich der acht Prozent Wettgebühren – weshalb er die zehn zusätzlichen Pfund gesetzt hatte.
Sobald er sich im Royal Enclosure befand, meldete sich Bonds Abneigung gegen diesen Bereich der Rennbahn. Sie überkam ihn wie eine dunkle, deprimierende Welle. So sehr er die weibliche Figur auch schätzte, stieß ihn die Vorstellung von so vielen Frauen auf einmal doch ab. Sie waren überall um ihn herum, junge wie alte, und stolzierten in ihren modischen Kleidern und ausgefallenen Hüten auf und ab. Darum ging es bei Pferderennen nicht, fand er.
Ein paar von ihnen waren zweifellos zum reinen Vergnügen hier und wollten den Tag genießen, der sich als warm und wolkenlos entpuppt hatte. Doch ein Großteil nahm nur an diesem Ereignis teil, um gesehen zu werden, die Aufmerksamkeit der Klatschkolumnisten auf sich zu ziehen und sich gegenseitig mit bizarrem Kopfschmuck zu überbieten. Vielleicht war diese Abneigung ein Zeichen von Reife. Das war ein deprimierender Gedanke, und um ihn zu verdrängen, ging Bond in die Hauptbar, wo er zwei Portionen Räucherlachssandwiches und eine kleine Flasche Dom Perignon verschlang.
Auf Ms persönliche Anweisung hin war er unbewaffnet ins Enclosure gegangen – die Browning befand sich nach wie vor sicher im Handschuhfach seines Wagens. Falls es Schwierigkeiten gab, hatte Bond lediglich den kleinen Stift mit dem eingebauten Gerät zur Kontaktaufnahme und die Kopie des Dunhill-Feuerzeugs dabei – das mehr gefährliche Funktionen enthielt, als die Herren Dunhill gutgeheißen hätten.
Er schlenderte beiläufig im Enclosure umher und machte es sich schließlich im Schatten der Bäume bequem, die den Führring umgaben. In seiner Tasche befand sich sicher versteckt Ms zusätzlicher Beitrag zu seiner Tarnung – ein gut gefälschter Besitzerausweis, der es ihm ermöglichen würde, den Führring zu betreten und somit nah an sein Ziel heranzukommen. Er musste nicht lange warten. Die Pferde liefen bereits vom entfernten Ende der Tribüne in den Führring ein. Bond beobachtete sie. Innerhalb weniger Minuten entdeckte er China Blue.
Das Pferd erweckte alles in allem keinen sonderlich vielversprechenden Eindruck. Das Fell war stumpf, und das Tier hatte ein seltsam mattes Aussehen – so als würde es anstelle eines Jockeys Dynamit brauchen, um es an diesem warmen Nachmittag zu etwas Schnellerem als einem gemäßigten Kanter anzutreiben. Bond musterte das Tier ausgiebig und kam zu dem Schluss, dass es sich lediglich um ein nicht sehr vielversprechend wirkendes Pferd handelte. Das bedeutete nicht, dass das Tier nicht zu ungewöhnlichen Leistungen in der Lage sein mochte. Es waren schon seltsamere Dinge passiert. Während er beobachtete, wie ein Stallbursche das Pferd herumführte, hatte Bond eine dieser plötzlichen instinktiven Eingebungen – die in seinem Beruf so oft Leben retteten –, dass er das Geld gewinnen würde. Hinter China Blue steckte mehr, als man mit bloßem Augen erkennen konnte.
Wie? Er hatte keine Ahnung. Betrügereien auf Rennstrecken waren in England heutzutage selten. Anton Murik würde sicher nicht auf unausgegorene Risiken wie Doping oder Austausch des Pferdes zurückgreifen, wenn er sein Tier gegen die Rassepferde antreten ließ, die am Ascot Gold Cup teilnahmen. Doch in diesem Augenblick wusste Bond, dass China Blue mit fast absoluter Gewissheit gewinnen würde.
Plötzlich stellten sich die kurzen Haare in seinem Nacken auf, und er verspürte einen angespannten Schauer. Ein Mann und zwei Frauen näherten sich China Blue – der Trainer wandte sich ihnen mit dem Hut in der Hand und einem ehrerbietigen Begrüßungslächeln im Gesicht zu. Bond konnte seinen ersten Blick auf Dr. Anton Murik werfen.
Er verließ seine Position und bewegte sich näher an den Eingang des Führrings heran.
Es war tatsächlich Anton Murik, das Gesicht des Mannes, den er auf dem Foto gesehen hatte. Was das Bild nicht eingefangen hatte, war die Mähne aus weißem Haar, die von dem Bulldoggengesicht aus nach hinten zurückgekämmt war. Bond war kurz schockiert, erinnerte sich dann aber, dass das Foto knapp oberhalb der Stirn abgeschnitten gewesen war. Außerdem konnte kein Foto die Gangart oder das Auftreten einer Person wiedergeben. Der Laird von Murcaldy war kaum ein Meter fünfzig groß und bewegte sich nicht mit den stolzen Schritten eines schottischen Clanführers, wie Bond es erwartet hatte, sondern vollführte stattdessen eine Reihe hüpfender kleiner Schritte. Seine Bewegungen – Hände, Kopf, Finger und Hals – wiesen die gleiche schnelle Präzision auf. Kurz gesagt wirkte es, als wäre Dr. Anton Murik, der Laird von Murcaldy, vom Geist eines flugunfähigen Vogels besessen.
Die gebieterische Art, auf die er den Trainer anzusprechen schien, machte seine körperliche Unzulänglichkeit allerdings mehr als wett. Selbst auf diese Entfernung konnte man deutlich erkennen, dass der Mann über Macht verfügte, die über körperliche Eigenheiten und Exzentrizitäten hinausging. Ein geborener Anführer, dachte Bond. Das waren manchmal die schlimmsten und manchmal die besten Menschen, denn geborene Anführer erkannten ihre Macht meist schon früh im Leben, wenn sie sich entweder für die gute oder für die böse Seite entschieden, um Erfolg zu haben.
Die beiden Frauen, die Murik begleiteten, waren leicht zu erkennen. Bond fiel auf, dass sie seltsamerweise, abgesehen von der Farbe, identisch gekleidet waren. Jede trug ein klassisch geschnittenes Kleid mit V-Ausschnitt aus gestricktem Bouclé, das bis zur Mitte der Wade reichte. Über dem Kleid trugen sie kurze Westen.
Das Ensemble der älteren Frau – offensichtlich Mary-Jane Mashkin – war in Marineblau mit weißen Säumen gehalten. Dazu trug sie einen adretten kurzkrempigen weißen Hut.
Das Mündel, Lavender Peacock, war größer, schlanker und genauso umwerfend wie auf dem Foto. Ihre Kleidung war weiß mit marineblauen Säumen und einem entsprechenden Hut. Bond fragte sich, ob ihre Outfits Originale aus Muriks Roussillon-Modelinie waren.
Die jüngere Frau lachte und wandte sich an Murik, wodurch die Weste aufklappte und die festen, neckischen Brüste unter dem Kleid offenbarte, die in hervorragender Proportion zum Rest ihres Körpers standen. Der Anblick war atemberaubend, und Bond wurde klar, warum der Laird von Murcaldy sie an der kurzen Leine hielt, wie M es ausgedrückt hatte. Lavender Peacock sah wie eine muntere, gesunde und lebhafte junge Frau aus. Bonds Erfahrung verriet ihm, dass sie außerdem die nervöse Anspannung einer ungebundenen Frau aufwies und an ihrer Leine zerrte. Wenn man sie sich selbst überlassen würde, mochte Lavender Peacock innerhalb weniger Monate durchaus eine ganze Reihe gebrochener Herzen – vielleicht sogar kaputter Ehen – in der schottischen und englischen Gesellschaft zurücklassen. Bond kniff die Augen zusammen und starrte angestrengt in Richtung der jungen Frau, ohne den Blick von ihr zu nehmen. Sie unterhielt sich angeregt und schaute unablässig zu Murik. Wann immer sie den Laird ansah, schien Besorgnis über ihre Züge zu huschen, aber Bond nahm das nur nebenbei wahr. Er suchte nach etwas anderem. Etwas, das von wesentlicher Bedeutung für diesen großen Plan sein mochte, der vorsah, dass er sich ins unmittelbare Umfeld des Lairds von Murcaldy einschlich. Etwas, das M ihm in den vielen Stunden der Planung sehr detailliert erklärt hatte.
Da war sie. Zweifellos. Die dreireihige schwere Perlenkette hing deutlich sichtbar um Lavenders Hals. Aus dieser Entfernung und im Schatten der Bäume um den Führring ließ sich natürlich unmöglich beurteilen, ob sie echt waren, aber sie würden zweifellos für echt gehalten werden. Das echte Schmuckstück existierte definitiv – Mohar-Perlen im Wert von fünfhunderttausend Pfund, die auf drei Stränge aufgezogen waren und von einem verzierten Kastenverschluss sowie einer Sicherheitskette im Nacken der Trägerin zusammengehalten wurden.
Die Perlen waren bis zu Lavenders einundzwanzigstem Geburtstag für sie aufbewahrt worden. Ursprünglich waren sie ein Hochzeitsgeschenk ihres Vaters an ihre Mutter gewesen und waren zu deren Lebzeiten hauptsächlich in einem Banktresor aufbewahrt worden.
Lavender – hatte M Bond erklärt – hatte mit dieser Gewohnheit gegen Anton Muriks Rat gebrochen und trug die Perlen nun bei jeder möglichen Gelegenheit. In der vertrauten Umgebung von Ms Büro hatte sich Bond laut gefragt, ob der Laird von Murcaldy es ihr tatsächlich gestattete, die Perlen zu tragen. Sie durch eine Nachahmung zu ersetzen, dürfte für einen Mann mit seinen Ressourcen relativ einfach sein. M hatte mürrisch erwidert, dass es darum gar nicht gehe. Die Peacock-Perlen waren dafür bekannt, dass sie in der Öffentlichkeit getragen wurden. Und an diesem Nachmittag schienen sie sich eindeutig um Lavenders Hals zu befinden.
Bond fand, dass sie keinen hübscheren Hals hätten zieren können. Wenn ihn das Foto der jungen Frau schon beeindruckt hatte, bezauberte ihn die echte Lavender erst recht. Murik hatte sich abgewandt und redete mit den beiden Frauen, während sich der Trainer dicht an den Jockey heranlehnte, um ihm letzte Anweisungen zu geben. Im Hintergrund stand China Blue und wirkte so gefügig wie eh und je: so lebhaft wie ein hölzernes Schaukelpferd.
Es wurde Zeit, dass Bond in Aktion trat. Der Eingang zum Führring war ein geschäftiger Bereich, in dem die Leute ständig ein- und ausgingen. Er hatte bereits bemerkt, dass die Mitarbeiter der Ascot-Rennstrecke nur flüchtige Blicke auf die hochgehaltenen Besitzerausweise warfen. Innerhalb der nächsten paar Minuten würden Anton Murik und sein Gefolge durch diesen Eingang kommen – der gleichzeitig als Hauptausgang diente – und das Royal Enclosure betreten, durch das sie dann vermutlich bis zur Tattersalls-Tribüne weitergehen würden. Die gesamte Zukunft der bevorstehenden Operation hing vom richtigen Timing und von Bonds Fähigkeiten ab. Mit der Fernglastasche über der rechten Schulter und der Wettkarte offen und fest in der linken Hand marschierte er in den Führring und ließ seinen Besitzerausweis kurz vor den Augen des Mitarbeiters aufblitzen, der am beschäftigtsten wirkte.
Die Jockeys stiegen auf die Pferde, und zwei von ihnen bewegten sich bereits auf den Ausgang zu, der sie zur Rennstrecke bringen würde. Bond umkreiste China Blue und die Gruppe, die ihn umgab, hielt Abstand und tat so, als würde er ein anderes Pferd in der Nähe begutachten. Schließlich schwang sich China Blues Jockey unter letzten guten Wünschen von der versammelten Gesellschaft in den Sattel. Murik, diese Mashkin, der Trainer und Lavender traten zurück und hielten ein paar Sekunden lang inne, während das vom Jockey angetriebene Pferd davonstolzierte. Bond fiel auf, dass der Jockey äußerst entspannt und zuversichtlich wirkte.
Muriks Gruppe bewegte sich langsam auf den Ausgang zu, durch den Bond gerade hereingekommen war. Der Bereich wurde nun immer voller, da die Besitzer mit ihren Familien und ausgewählten Freunden aufbrachen, um sich das Rennen anzusehen. Bond trat vorsichtig näher an Muriks Gruppe heran. Der Laird sprach mit dem Trainer, Mary-Jane Mashkin stand neben ihm. Lavender Peacock befand sich hinter ihnen. Bond manövrierte sich zwischen sie und den Laird mit seinen beiden Begleitern. Dabei blieb er gerade lange genug hinter ihnen, um anderen die Gelegenheit zu geben, sich um ihn herumzudrücken, wodurch er mehrere Leute zwischen Muriks Gruppe und Lavender Peacock brachte. Auf diese Weise würde sie einigermaßen weit hinter ihnen sein, wenn sie den Ausgang erreichten.
Bond machte erneut einen Schritt zur Seite, und ließ sich überholen, bis er sich direkt hinter Lavender Peacock drängen konnte. Sie waren fünf oder sechs Schritte vom Ausgang entfernt, der nun voller Leute war, die versuchten, so schnell und höflich wie möglich nach draußen zu gelangen. Bond war direkt hinter der jungen Frau und hatte den Blick auf den Kastenverschluss und die Sicherheitskette der Perlen in ihrem Nacken gerichtet. Beides war deutlich zu erkennen, und als er von der drängenden Menge sogar noch näher heran gedrückt wurde, nahm Bond den Duft des Parfüms der Frau wahr – Mille de Patou, dachte er: die limitierte Auflage und der teuerste Duft auf dem Markt. So exklusiv, dass man beim Kauf ein Zertifikat erhielt.
Es waren genug Leute um ihn herum, und Bond wurde ausreichend verdeckt. Er ließ sich leicht hin und her stoßen, drückte die Schultern zum zusätzlichen Schutz nach vorn und prallte mit vollem Körpereinsatz gegen Lavender Peacocks Rücken.
Für die nächsten komplizierten Bewegungen brauchte er nur Sekundenbruchteile, da er sie in den vergangenen Tagen eingeübt und genau geplant hatte. Die linke Hand, in der er die offene Wettkarte hielt, ließ er an der Seite herunterhängen, die rechte wanderte nach oben zum Nacken der Frau. Mit den Fingerkuppen seines Zeige- und Mittelfingers umfasste er den Kastenverschluss, der die Perlenkette zusammenhielt und hob die Kette an, damit die Besitzerin keinen Widerstand spürte. Gleichzeitig glitt sein Daumen durch die Sicherheitskette und zerbrach sie mit einer ruckartigen Drehbewegung. Nun fiel der Kastenverschluss in die richtige Position und saß sicher zwischen Bonds Daumen und Zeigefinger. Er drückte fest, neigte die Finger und fühlte, wie der Verschluss nachgab.
Wie der Name vermuten lässt, bestand der Kastenverschluss aus zwei kleinen Metallkästchen, die mit winzigen Perlen verziert waren und sich ineinanderstecken ließen. Wenn man Druck auf sie auslöste, trennten sie sich. Im inneren Kästchen befand sich ein kleiner Haken, der sich um einen Stab im äußeren Kästchen legte. Bond benutzte Daumen sowie Zeige- und Ringfinger, um beide Kästchen zu kontrollieren und den Haken vom Stab zu lösen. Dann zog er seine Hand zurück, schaute nach unten und ließ die Wettkarte fallen. Lautlos rutschten die Perlen zu Boden. Sein Ziel und sein Timing waren perfekt. Die Wettkarte folgte den Perlen und fiel flach darauf. Lavender Peacock spürte nichts davon, obwohl Bond die Massen am Ausgang kurz aufhielt, als er sich vorbeugte, um seine Karte aufzuheben. Gleichzeitig hob er die Perlen auf, sodass sie sich sicher in der zusammengefalteten Karte befanden.
Nun schlenderte Bond ganz entspannt in Richtung der Tattersalls-Tribüne. Die Karte und die Perlen hielt er hinter den Schößen seines Cutaways versteckt, während er Anton Muriks Gruppe in diskretem Abstand folgte. Auch sie bewegten sich auf die Tattersalls-Tribüne zu – genau wie er gehofft hatte. Lavender hatte sie eingeholt, und Bond betete, dass sie den Verlust ihrer Perlen nicht bemerken würde, bevor sie Muriks Loge erreichte.
Bond verlangsamte sein Tempo deutlich, um der Gruppe des Lairds einen ordentlichen Vorsprung zu gewähren. Er wusste, es bestand die vage Möglichkeit, dass irgendein Polizist in Zivil seine Handlung beobachtet hatte. Jeden Augenblick konnte eines von zwei Dingen passieren – ein Schrei von Lavender, die verkündete, dass ihre Perlen verschwunden waren, oder der feste Griff einer Hand an seiner Schulter, was bedeuten würde, dass er auf frischer Tat ertappt worden war. Falls Letzteres eintreten sollte, würde es nichts bringen, den Polizeibeamten zu sagen, dass sie M anrufen sollten. Dadurch würde er nur wertvolle Zeit verlieren.
Muriks Gruppe war nun in der Tribüne verschwunden. Nichts geschah, und Bond trat durch eine Seitentür ein und erklomm die Stufen zum zweiten Rang, etwa zwei Minuten nachdem der Laird mit seinem Gefolge hineingegangen war. Als er den Gang erreichte, der hinter den Logen entlang verlief, ließ Bond die Perlen in seine rechte Hand gleiten und näherte sich der Loge des Lairds von Murcaldy.
Sie hatten ihm alle den Rücken zugewandt, als er anklopfte und eintrat. Niemand bemerkte ihn, denn sie schienen alle konzentriert die Startaufstellung der Pferde zu beobachten. Bond räusperte sich. »Verzeihung«, sagte er. Die Gruppe drehte sich herum.
Anton Murik wirkte ein wenig verärgert. Die Frauen sahen interessiert aus.
Bond lächelte und hielt ihnen die Perlen entgegen. »Ich glaube, jemand hat diese Perlen vor diese ganz spezielle Sau geworfen«, erklärte er ruhig. »Ich habe sie draußen auf dem Boden gefunden. Sieht so aus, als wäre die Kette gerissen. Gehören sie …?«
Mit einem kleinen Aufschrei fuhr Lavender Peacock mit einer Hand an ihre Kehle. »Oh mein Gott«, keuchte sie mit einer Stimme, die selbst in diesem Schreckmoment noch tief und melodisch klang.
»›Mein Gott‹ ist richtig.« Muriks Stimme war in Anbetracht seiner Statur fast unnatürlich tief und wies kaum den Hauch eines schottischen Akzents auf. »Vielen Dank. Ich habe meinem Mündel oft genug gesagt, dass sie ein solch wertvolles Schmuckstück nicht in der Öffentlichkeit tragen soll. Nun wird sie mir vielleicht glauben.«
Lavender war kreidebleich geworden und streckte eine zitternde Hand nach Bond und den Perlen aus. »Ich weiß nicht, wie ich …«, begann sie.
Murik ergriff das Wort: »Das Mindeste, was wir tun können, Sir, ist Sie zu bitten, zu bleiben und sich das Rennen von hier aus mit uns anzusehen.« Bond schaute in die dunklen Schieferaugen, die die Farbe von abkühlender Lava hatten und ungefähr genauso lebendig wirkten. Dieser Blick würde einigen Leuten zweifellos eine Todesangst einjagen, dachte Bond – unter gewissen Umständen selbst ihm. »Gestatten Sie, dass ich uns vorstelle. Ich bin Anton Murik, das ist mein Mündel, Lavender Peacock, und dies ist eine alte Freundin, Mary-Jane Mashkin.«
Bond schüttelte ihre Hände und stellte sich ebenfalls vor. »Mein Name ist Bond«, sagte er. »James Bond.«
Nur ein Detail überraschte ihn. Als sie sprach, verriet Mary-Jane Mashkins Akzent, dass sie zweifelsfrei Amerikanerin war – diese Information war in keiner der Akten in Ms Büro aufgetaucht. Ursprünglich aus dem Süden, dachte Bond, aber deutlich mit den nasalen Lauten der Ostküste überlagert.
»Dann bleiben Sie also für das Rennen?«, fragte Murik schnell.
»Oh ja. Bitte.« Lavender schien die Fassung zurückgewonnen zu haben.
Mary-Jane Mashkin lächelte. Sie war eine attraktive Frau, und ihr Lächeln war sehr viel wärmer als Anton Muriks unterdrückte Boshaftigkeit. »Sie müssen bleiben. Anton hat ein Pferd am Start.«
»Danke.« Bond bewegte sich weiter in die Loge hinein und versuchte, sich zwischen Murik und seinem Mündel zu positionieren. »Darf ich fragen, welches Pferd?«
Murik hatte sein Fernglas erhoben, suchte die Rennstrecke ab und starrte in Richtung der Startmaschine. »China Blue. Er ist dort unten.« Er ließ das Fernglas sinken, und für eine Sekunde zeigte sich Bewegung in seinen Lavaaugen. »Er wird gewinnen, Mr Bond.«
»Das will ich doch hoffen. Was für ein Zufall«, sagte Bond lachend und griff nach seiner eigenen Fernglastasche. »Ich habe ein wenig Geld auf Ihr Pferd gesetzt. Der Name des Besitzers ist mir dabei gar nicht aufgefallen.«
»Tatsächlich?« In Muriks Stimme lag eine Spur Anerkennung. Dann ließ er ein dünnes Lächeln aufblitzen. »Ihr Geld ist sicher. Damit hätte ich Ihnen dann schon einen Teil des Finderlohns für Lavenders Perlen bezahlt. Warum haben Sie China Blue gewählt?«
»Mir gefiel der Name.« Bond bemühte sich, arglos zu wirken. »Ich hatte mal eine Tante, die eine Katze mit diesem Namen besaß. Eine reinrassige Siamkatze.«
»Gleich werden sie das Startsignal geben.« Lavenders Stimme klang atemlos. Sie richteten ihre Ferngläser auf den Startbereich des Ascot-Gold-Cup-Rennens über vier Kilometer.
Jubel wallte von der Menge unter ihnen auf. Bond hatte gerade noch Zeit, sein Fernglas neu einzustellen. Die Pferde waren gestartet.
Schon nach einem guten halben Kilometer schien sich ein Muster abzuzeichnen. Das Pferd der Queen führte zusammen mit den anderen Favoriten – Francis’ Folly und Desmond’s Delight, während Soft Centre der Gruppe dicht auf den Fersen war und sich weit vor drei anderen Pferden befand, die gute zehn Längen zurücklagen. Der Rest des Felds verteilte sich dahinter.
Bond hielt das Fernglas auf die drei Pferde hinter den vier führenden Tieren gerichtet, unter denen sich bereits die Sieger zu befinden schienen. Inmitten dieses Trios entdeckte er das auffällige Gelb und Schwarz von Muriks Wappen an China Blue.
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