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John Galsworthy

Die Forsyte Saga

Aus dem Englischen übersetzt von Luise Wolf und Leon Schalit

Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Maria Slavtscheva

Reclam

2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Anja Grimm Gestaltung

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961725-1

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-030080-0

www.reclam.de

Inhalt

  Stammbaum der Familie Forsyte

  Band 1: Der reiche Mann

  Vorwort

 Der reiche MannErster TeilEmpfang beim alten JolyonDer alte Jolyon geht in die OperDinner bei SwithinBauprojekte für das HausEin Forsyte’scher HaushaltJames auf eigene FaustDes alten Jolyon lässliche SündeBaupläneTante Anns TodZweiter TeilDer Bau des HausesJunes FestSpazierfahrt mit SwithinJames sieht selber nachSoames und Bosinney korrespondierenDer alte Jolyon im ZooEin Nachmittag bei TimothyBall bei RogerDer Abend in RichmondDiagnose eines ForsyteBosinney auf BewährungJune macht einige BesucheVollendung des HausesSoames sitzt auf der TreppeDritter TeilMrs MacAnders AussageNacht im ParkDie Begegnung im Botanischen GartenAuf dem Weg ins InfernoDie VerhandlungSoames überbringt die NachrichtJunes SiegBosinneys EndeIrenes Rückkehr

  Band 2: Nachsommer | In Fesseln

  Nachsommer I II III IV V

 In FesselnErster TeilBei TimothyEin Mann von Welt geht abSoames plant SchritteSohoJames quälen VisionenDer nicht mehr so junge Jolyon zu HauseDer Junge und das MädchenJolyon in der Rolle des BeratersVal erfährt die WahrheitSoames macht ZukunftspläneUnd sucht die Vergangenheit aufAn der Forsyte-BörseJolyon merkt, wie es um ihn stehtSoames entdeckt, was er willZweiter TeilDie dritte GenerationSoames versucht es noch einmalBesuch bei IreneDie Wege, die Forsytes scheuenJolly als RichterJolyon schwanktDartie contra DartieDie HerausforderungDinner bei JamesTod des Hundes BalthasarTimothy erhebt EinspruchFortsetzung der Jagd»Da bin ich wieder!«Eine seltsame NachtDritter TeilSoames in ParisIm SpinnennetzRichmond ParkÜber den FlussSoames handeltEin SommertagEine SommernachtJames in ErwartungAus dem Spinnennetz herausEnde einer EpocheNeue InteressenGeburt eines Forsyte-KindesJames erfährt esSeins

  Band 3: Erwachen | Zu vermieten

  Erwachen

 Zu vermietenErster TeilBegegnungFine Fleur ForsyteIn Robin HillDas MausoleumDie HeimaterdeJonFleurIdyll im GrasGoyaTrioDuettCapriceZweiter TeilMutter und SohnVäter und TöchterZusammentreffenIn der Green StreetRein Forsyte’sche AngelegenheitenSoames’ PrivatlebenJunes HilfeStörrischÖl ins FeuerEntscheidungTimothys ProphezeiungDritter TeilDer alte Jolyon geht umherBekenntnisIrene!Soames sinniertDie fixe IdeeVerzweiflungBotschaftDie wehmütige MelodieUnter der EicheFleurs HochzeitDer Letzte der alten Forsytes

  Anhang Zu dieser Ausgabe Im Namen des Romans Zeittafel


Den Stammbaum können Sie hier als PDF herunterladen: https://www.reclam.de/data/media/030080_Galsworthy_Die_Forsyte_Saga_Einlegeblatt.pdf

Band 1: Der reiche Mann


Impressum

Englischer Originaltitel: The Forsyte Saga. Vol. I: The Man of Property

2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Anja Grimm Gestaltung

Coverabbildung: Porträtgemälde von Herbert James Gunn, 1944 – © Artiz / Alamy Stock Photo; Landschaftsgemälde von William Green, um 1800 – © British Library Board. All Rights Reserved / Bridgeman Images

Bildnachweis: YANUSHEVSKAYA VICTORIA / shutterstock; © Christos Georghiou / shutterstock

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

Für meine Frau.

Ihr widme ich die gesamte »Forsyte Saga«, im Glauben, dass dies das am wenigsten unwürdige aller meiner Werke ist – ohne ihre Ermutigung, Zuneigung und Kritik wäre ich nicht einmal der Schriftsteller geworden, der ich bin.


Vorwort

Der Titel Die Forsyte Saga war ursprünglich für den Teil bestimmt, der Der reiche Mann genannt ist, und der Entschluss, ihn für die gesamten Chroniken der Familie Forsyte zu gebrauchen, ist der Forsyte’schen Hartnäckigkeit zuzuschreiben, die uns allen innewohnt. Gegen das Wort ›Saga‹ wäre vielleicht einzuwenden, dass es das Heroische in sich schließt und auf diesen Seiten wenig von Heroismus zu finden ist. Aber es ist mit wohlüberlegter Ironie gewählt, und schließlich fehlt es dieser langen Geschichte, wenn es sich auch um Leute in Gehröcken, um Plisseekleider und eine goldverbrämte Periode handelt, doch nicht an starken Konflikten. Abgesehen von der gigantischen Gestalt und dem Blutdurst vergangener Zeiten, wie sie uns in Märchen und Legenden überliefert sind, waren die Menschen der alten Sagas doch auch Forsytes in ihrem Streben nach Eigentum und ebenso wenig gefeit gegen den Einfall von Schönheit und Leidenschaft wie Swithin, Soames und gar der junge Jolyon. Und wenn heroische Gestalten in nie gewesenen Tagen aus ihrer Umgebung in einer Art hervorzuragen scheinen, wie sie sich für einen Forsyte aus dem viktorianischen Zeitalter nicht wohl schickt, so ist doch als sicher anzunehmen, dass das Stammgefühl selbst damals die vorherrschende Macht war und »Familie« und der Sinn für Heim und Eigentum, trotz aller späteren Bemühungen, es »abzustreiten«, ausschlaggebend waren, wie es bis auf den heutigen Tag der Fall ist.

Es haben so viele geschrieben und behauptet, in ihren Familien die Originale der Forsytes zu sehen, dass man sich fast ermutigt fühlt, an das Typische dieser Spezies zu glauben. Sitten ändern sich und Moden entwickeln sich weiter, und »das Haus Timothys in Bayswater Road« wird zu einem Nest des Unwahrscheinlichen, in allem abgesehen von dem Wesentlichen; wir werden seinesgleichen nicht mehr wiedersehen, vielleicht auch nicht einen wie James oder einen wie den alten Jolyon. Und doch liefern uns die Zahlen der Versicherungsgesellschaften und die Aussprüche von Richtern täglich den Beweis, dass unser irdisches Paradies, in das die wilden Eindringlinge Schönheit und Leidenschaft sich einschleichen und uns die Sicherheit vor der Nase wegstehlen, noch reiche Schätze birgt. So sicher ein Hund bellen wird, wenn man ihn an die Kette legt, so wird sich der wahre Soames in der menschlichen Natur immer unwillig gegen die Auflösung auflehnen, die die Grenzen des Eigentums umlauert.

»Lass die tote Vergangenheit ihre Toten begraben«1 wäre ein besserer Ausspruch, wenn die Vergangenheit jemals stürbe. Das Fortbestehen der Vergangenheit ist eine jener tragikomischen Segnungen, die jedes neue Zeitalter leugnet, das ganz sicher aber wieder auf dem Schauplatze erscheint, um seinen Anspruch auf etwas vollkommen Neues geltend zu machen. Allein kein Zeitalter ist so vollkommen neu! Die menschliche Natur ist und wird unter den wechselnden Forderungen und Kleidern immer viel von einem Forsyte haben und könnte schließlich ein noch viel schlimmeres Tier sein.

Blicken wir auf das viktorianische Zeitalter zurück, dessen Höhepunkt, Niedergang und Verfall gewissermaßen in der Forsyte Saga geschildert werden, so sehen wir jetzt, dass wir nur vom Regen in die Traufe gekommen sind. Es würde schwierig sein, die Behauptung zu untermauern, dass die Zustände Englands im Jahre 1913 besser waren als 1886, als sich die Forsytes beim alten Jolyon versammelt hatten, um die Verlobung Junes mit Philip Bosinney zu feiern. Und im Jahre 1920, als sich die Familie abermals versammelte, um der Hochzeit Fleurs und Michael Monts beizuwohnen, ist England sicher zu morsch und bankrott, wie es in den achtziger Jahren zu starr war und zu niedrige Prozente gab. Wären diese Chroniken wirklich wissenschaftliche Studien des Übergangs, so hätten wahrscheinlich solche Faktoren wie die Erfindung des Fahrrads, der Automobile und Flugzeuge, der Beginn einer billigen Presse, der Verfall des Landlebens, die Vergrößerung der Städte und die Entstehung des Kinos in Betracht gezogen werden müssen. Menschen sind in der Tat völlig unfähig, ihre eigenen Erfindungen zu kontrollieren, sie entwickeln bestenfalls eine Anpassungsfähigkeit an die neuen Bedingungen, die diese Erfindungen schaffen.

Aber diese lange Geschichte ist keine wissenschaftliche Epochenstudie, sie soll eher die Verwirrung versinnbildlichen, die Schönheit im Leben der Menschen anrichtet.

Die Figur Irenes, die man sich, wie die Leser wahrscheinlich bemerkt haben werden, fast nur durch die Empfindungen anderer vergegenwärtigen kann, ist eine Verkörperung verwirrender Schönheit, die auf eine besitzergreifende Welt einwirkt.

Leser, welche die Salzwasser der Saga durchwatet haben, werden geneigt sein, Soames mehr und mehr zu bemitleiden und zu glauben, sich dadurch gegen die Gesinnung seines Erschaffers aufzulehnen. Weit gefehlt! Auch er bemitleidet Soames, dessen Lebenstragödie die sehr einfache, unkontrollierbare Tragödie eines ungeliebten Menschen ist, dessen Fell nicht dick genug ist, um sich dieser Tatsache vollkommen unbewusst zu sein. Selbst Fleur liebt Soames nicht, wie er fühlt, geliebt werden zu müssen. Aber indem sie Soames bemitleiden, stehen die Leser Irene vielleicht feindselig gegenüber. Sie denken, er ist schließlich doch kein schlechter Mensch, es ist nicht seine Schuld, sie hätte ihm verzeihen müssen, und so weiter! Und bei dieser Parteinahme geht ihnen die Vorstellung der sehr einfachen Wahrheit verloren, die der ganzen Geschichte zugrunde liegt, dass nämlich, wo bei einem der Beteiligten sexuelle Anziehungskraft vollständig fehlt, kein Aufwand von Mitleid, Vernunft oder Pflicht einen Abscheu überwinden kann, der in seiner Natur begründet ist. Ob es so sein soll oder nicht, kommt hier nicht in Frage, weil es in der Tat niemals in Frage kommt. Und wo Irene hart und grausam erscheint – wie im Bois de Boulogne oder in der Goupenor Galerie –, ist sie allein weise realistisch, da sie weiß, dass das kleinste Zugeständnis zu unberechenbaren, abstoßenden Folgen führen kann.

Beim Kritisieren der letzten Phase der Saga könnte man beklagen, dass Irene und Jolyon – diese Rebellen gegen den Besitz – ihren Sohn Jon als geistiges Eigentum beanspruchen. Doch das wäre wahrlich eine übertriebene Kritik der Geschichte, wie sie erzählt ist. Denn kein Vater und keine Mutter hätte dem Jungen gestatten können, Fleur zu heiraten, ohne die Tatsachen zu kennen, und die Tatsachen bestimmen Jon, nicht die Überzeugung seiner Eltern. Überdies äußert Jolyon seine Ansicht nicht um seinet-, sondern um Irenes willen, und Irenes Ansicht äußert sich wiederholt in den Worten: »Denke nicht an mich, denke an dich selbst!« Dass Jon, der die Tatsachen kennt, die Gefühle seiner Mutter begreift, kann rechtmäßig kaum als Beweis dafür gelten, dass sie schließlich doch eine Forsyte ist.

Aber obgleich die Einwirkung der Schönheit und des Freiheitsdranges auf eine besitzergreifende Welt die zentralen Vorbedingungen der Forsyte Saga sind, kann sie nicht von der Aufgabe freigesprochen werden, die obere Mittelschicht einzubalsamieren. Wie die alten Ägypter ihre Mumien mit den notwendigen Dingen eines künftigen Daseins umgaben, so habe ich mich bemüht, den Gestalten von Tante Ann, Juley und Hester, von Timothy und Swithin, dem alten Jolyon, James und ihren Söhnen das beizugeben, was ihnen dereinst ein wenig Leben bewahren soll, ein wenig Balsam zur Erhaltung im gehetzten Gilead2 eines zersetzenden »Fortschritts«.

Wenn die obere Mittelschicht mit anderen Schichten dazu bestimmt ist, in Amorphie »überzugehen«, so liegt sie hier, auf diesen Seiten, konserviert unter Glas zur Schau für alle, die in dem weiten und schlecht angelegten Museum der Literatur umherstreifen. Hier ruht sie in ihrem eigenen Saft: dem Streben nach Eigentum.

John Galsworthy

1922

Erstes Buch

Der reiche Mann

»… Ihr antwortet:

Die Sklaven sind ja unser …«

Der Kaufmann von Venedig

Für Edward Garnett3



Stanhope Gate

Erster Teil

Erstes Kapitel

Empfang beim alten Jolyon

Jene Privilegierten, die einem Familienfeste der Forsytes beigewohnt haben, kennen dieses reizende und aufschlussreiche Bild – eine Familie der oberen Mittelschicht in voller Pracht. Besaß einer dieser Begünstigten aber die Gabe psychologischer Analyse (ein Talent ohne Geldwert und von den Forsytes angemessen ignoriert), so konnte er Zeuge eines Schauspiels sein, das nicht nur an sich ergötzlich war, sondern auch zur Illustration eines dunklen menschlichen Problems diente. Mit anderen Worten: Die Versammlung dieser Familie, in der kein Zweig Zuneigung für den anderen empfand und keine drei Mitglieder ein Gefühl verband, das die Bezeichnung Sympathie verdiente, bestätigte ihm jene rätselhafte eiserne Beharrlichkeit, die aus der Familie eine solch eindrucksvolle Einheit in der Gesellschaft, ein solch treues Abbild der Gesellschaft im Kleinen macht. Es zeigte sich ihm ein flüchtiger Schimmer der dunklen Pfade sozialen Fortschritts, er erhielt einen Begriff von patriarchalischem Leben, vom Nomadenleben wilder Stämme, von der Blüte und dem Verfall der Nationen. Man könnte ihn mit dem vergleichen, der das Wachstum eines Baumes – ein Vorbild für Beharrlichkeit und Gedeihen auf seinem isolierten Standpunkt inmitten hundert anderer absterbender Pflanzen, die weniger Fasern, Saft und Widerstandsfähigkeit haben – von Anfang an beobachtet hat und ihn eines Tages im vollen Schmuck seines zarten Laubes, in fast verblüffender Üppigkeit, auf der Höhe seiner Entfaltung vor sich sieht.

Am 15. Juni 1886 gegen vier Uhr nachmittags hätte sich ein zufälliger Beobachter unter den Gästen im Hause des alten Jolyon in Stanhope Gate von der höchsten Blütezeit der Forsytes überzeugen können.

Der Anlass des Empfanges war die Verlobung von Miss June Forsyte, der Enkelin des alten Jolyon, mit Mr Philip Bosinney. Im Festschmuck ihrer hellen Handschuhe, gelbbraunen Westen, Federn und Kleider war die ganze Familie anwesend – selbst Tante Ann, die nur noch selten die Ecke im grünen Salon ihres Bruders Timothy verließ, wo sie im Schutze eines Büschels gefärbter Pampasgräser in einer hellblauen Vase, von den Bildern dreier Generationen der Forsytes umgeben, den ganzen Tag lesend und strickend saß. Selbst Tante Ann war da; mit ihrem steifen Rücken und der stillen Würde ihres alten Gesichts ein Bild starren Festhaltens an der Familienidee.

Wenn ein Forsyte sich verlobte, heiratete oder geboren wurde, waren die Forsytes dabei; wenn ein Forsyte starb – aber bis jetzt war noch kein Forsyte gestorben; sie starben nicht, der Tod widersprach ihren Grundsätzen, und sie trafen Vorsichtsmaßnahmen dagegen, ganz instinktiv, wie Menschen von hoher Lebenskraft, die keine Eingriffe in ihr Eigentum dulden.

Der Erscheinung der Forsytes, die sich heute unter die Schar der Gäste mischten, war eine größere Sorgfalt als sonst anzumerken, eine wachsame, inquisitorische Sicherheit, eine gediegene Solidität, als wären sie darauf gefasst, sich gegen etwas zu wehren. Der schnüffelnde Zug, der dem Gesicht von Soames Forsyte eigen war, hatte sich in ihren Reihen verbreitet; sie waren auf der Hut.

Die unterbewusste Feindseligkeit ihrer Haltung stempelte den Empfang im Hause des alten Jolyon zum psychologischen Moment der Familiengeschichte, machte ihn zum Auftakt ihres Dramas.

Etwas verstimmte die Forsytes, nicht persönlich, aber als Familie; diese Verstimmung äußerte sich in einer mehr als sorgfältig gewählten Kleidung, einem Übermaß von Familienherzlichkeit, einer übertriebenen Betonung der Familienwürde – und in jenem ›Schnüffeln‹. Was die Forsytes witterten, war Gefahr – und eine solche war kaum zu vermeiden, wenn man den Grundeigenschaften einer Gesellschaft, einer Gruppe oder eines Individuums auf die Spur kommen wollte; die Vorahnung einer Gefahr verlieh ihren Waffen Glanz. Zum ersten Mal schienen sie als Familie das instinktive Gefühl zu haben, mit einer unbekannten und unsicheren Sache in Berührung zu kommen.

Dem Klavier gegenüber stand ein beleibter, stattlicher Mann mit zwei Westen über der breiten Brust, mit zwei Westen und einer Rubinnadel anstatt der einfachen Satinweste und der Diamantnadel für gewöhnlichere Anlässe; sein glattrasiertes, quadratisches altes Gesicht, von der Farbe blassen Leders und mit blassen Augen, trug seine würdevollste Miene über dem Satinkragen. Das war Swithin Forsyte. Dicht am Fenster, wo er mehr als genug frische Luft bekam, grübelte sein Zwillingsbruder James, vornüber geneigt wie immer, über die Szene nach. Wie der beleibte Swithin war er über sechs Fuß groß, aber sehr hager, als sei er von Geburt an dazu bestimmt, das Gleichgewicht herzustellen und den Durchschnitt aufrecht zu erhalten – den Dicken und den Dünnen nannte der alte Jolyon die beiden Brüder. James’ graue Augen hatten einen Ausdruck völliger Vertieftheit in irgendeine geheime Sorge, die nur zuweilen durch einen raschen prüfenden Blick auf die Vorgänge um ihn her unterbrochen wurde; seine Wangen, die zwei gleichlaufende Falten schmal erscheinen ließen, und die glattrasierte lange Oberlippe waren von mächtigen Koteletten à la Dundreary4 umrahmt. In den Händen drehte er einen Porzellangegenstand hin und her. Nicht weit davon, neben einer Dame in Braun, der er zuhörte, sah man blass und glattrasiert, mit dunklem Haar, aber ziemlich kahl, das Kinn seitwärts vorgeschoben, seinen einzigen Sohn Soames, der die Nase mit dem besagten ›Schnüffeln‹ hob, als verschmähe er ein Ei, das für ihn unverdaulich war. Hinter ihm stand sein Cousin, der lange George, ein Sohn Rogers, des fünften Forsyte, in Gedanken über einen seiner boshaften Späße mit einem quilphaften5 Ausdruck auf seinem fleischigen Gesicht.

Auf allen lastete ein Druck, der dem festlichen Ereignis innewohnte.

In einer Reihe, dicht nebeneinander, saßen drei Damen – die Tanten Ann, Hester (die beiden alten Jungfern der Familie Forsyte) und Juley (kurz für Julia), die sich, und nicht einmal in ihrer ersten Jugend, vergessen und Septimus Small, einen Mann von schwächlicher Konstitution, geheiratet hatte. Sie hatte ihn um viele Jahre überlebt und wohnte jetzt mit ihrer älteren und jüngeren Schwester im Hause ihres sechsten und jüngsten Bruders Timothy in Bayswater Road. Jede dieser Damen hielt einen Fächer in der Hand und betonte durch eine Farbennote, durch eine effektvolle Feder oder Brosche den feierlichen Anlass.

Mitten im Raum, unter dem Kronleuchter, stand, wie es sich für einen Gastgeber gebührt, das Haupt der Familie, der alte Jolyon selbst. Mit seinen achtzig Jahren, dem schönen weißen Haar, der hohen Stirn, den kleinen dunkelgrauen Augen und dem mächtigen, herabhängenden Schnurrbart, der sich über seinen starken Kiefer breitete, glich er einem Patriarchen, und trotz der hageren Wangen und eingefallenen Schläfen schien er über eine unversiegbare Jugendkraft zu verfügen. Er hielt sich außerordentlich aufrecht, seine scharfen ruhigen Augen hatten nichts von ihrem klaren Glanz verloren. So erweckte er den Eindruck der Überlegenheit über die Zweifel und Abneigungen unbedeutenderer Menschen. Nachdem es unzählige Jahre lang nach ihm gegangen war, hatte er ein unbestrittenes Recht darauf erworben. Ihm wäre es niemals in den Sinn gekommen, Bedenken oder Misstrauen zu hegen.

Zwischen ihm und den vier anderen Brüdern, James, Swithin, Nicholas und Roger, die sich alle eingefunden hatten, herrschte große Verschiedenheit und große Ähnlichkeit. Jeder einzelne dieser Brüder war sehr verschieden von den anderen, und doch glichen sie sich alle.

Bei aller Abweichung in Zügen und Ausdruck dieser fünf Gesichter fiel einem eine gewisse Festigkeit des Kinns auf; dies konnte trotz äußerlicher Unterschiede als ein Merkmal ihrer Abstammung – das wahre Kennzeichen und Gewähr für den Familienwohlstand – gelten, aber es bestand zu lange, es stammte aus zu ferner Vorzeit, um zurückverfolgt und untersucht zu werden.

Bei der jüngeren Generation, dem großen stierähnlichen George, dem bleichen kraftvollen Archibald, dem jungen Nicholas mit seinem liebenswürdig schüchternen Eigensinn und dem ernsten, in seiner Entschiedenheit fast albernen Eustace, bemerkte man, weniger ausgesprochen vielleicht, aber unverkennbar, dasselbe Merkmal – ein unausrottbares Zeichen der Familienseele.

Auf allen diesen unterschiedlichen und doch so ähnlichen Gesichtern hatte sich im Laufe des Nachmittags mitunter ein Ausdruck des Argwohns gezeigt, dessen Gegenstand offenbar der Mann war, den kennen zu lernen sie sich hier versammelt hatten.

Sie wussten, dass Philip Bosinney ein junger Mann ohne Vermögen war, aber Forsyte’sche Mädchen hatten sich auch früher mit solchen verlobt und sie dann auch wirklich geheiratet. Dies also war nicht eigentlich der Grund ihrer Besorgnis. Sie hätten den Ursprung dieser durch den Nebel des Familienklatsches verdunkelten Befürchtung nicht erklären können. Jedenfalls ging das Gerücht umher, er habe seinen Pflichtbesuch bei den Tanten Ann, Juley und Hester in einem weichen grauen Hut gemacht! – in einem weichen grauen Hut! und nicht einmal in einem neuen – in einem verstaubten, formlosen Ding. »So außerordentlich, meine Liebe, so merkwürdig!« Als Tante Hester durch den kleinen dunklen Flur ging, hatte sie versucht (sie war ziemlich kurzsichtig), das Ding vom Stuhl zu scheuchen, da sie es für eine gemeine fremde Katze hielt – ihr Tommy hatte so kompromittierende Freunde! Sie war ganz verstört, als es sich nicht rührte.

Wie ein Künstler beständig die bedeutsame Kleinigkeit zu entdecken sucht, in der der ganze Charakter einer Szene, eines Ortes oder eines Individuums zum Ausdruck kommt, waren die Forsytes, diese unbewussten Künstler, ganz intuitiv an diesem Hute haften geblieben. Das war für sie die bedeutsame Kleinigkeit, der kleine Nebenumstand, der die Bedeutung der ganzen Sache in sich fasst; denn jeder hatte sich gefragt: ›Hätte ich diesen Besuch in solch einem Hut gemacht?‹, und jeder hatte erwidert: ›Nein!‹, und einige mit mehr Phantasie hatten hinzugefügt: ›So etwas wäre mir nie in den Sinn gekommen!‹

Als George die Geschichte hörte, grinste er. Mit dem Hut hatte sich der junge Mann offenbar einen Scherz erlaubt! Er selbst verstand sich auf dergleichen.

»Sehr kühn!«, sagte er. »Dieser wilde Bukanier6!«

Und dieses mot, ›der Bukanier‹, ging von Mund zu Mund, bis es die Lieblingsform wurde, um auf Bosinney anzuspielen.

Die Tanten machten June später Vorwürfe wegen des Hutes.

»Wir finden, du solltest das nicht zulassen, Liebes!«, hatten sie gesagt.

Auf ihre herrisch lebhafte Art, in der sich die ganze Willenskraft des kleinen Geschöpfes offenbarte, hatte June geantwortet:

»Ach, was schadet das? Phil weiß nie, was er anhat.«

Niemand hätte eine so verwegene Antwort für möglich gehalten. Ein Mann, der nicht weiß, was er anhat? Unglaublich!

Wer war denn eigentlich dieser junge Mensch, der durch seine Verlobung mit June, der anerkannten Erbin des alten Jolyon, so gut für sich gesorgt hatte? Er war Architekt, das war an sich doch kein ausreichender Grund, einen solchen Hut zu tragen. Keiner der Forsytes war Architekt, aber einer von ihnen kannte zwei Architekten, die zu einem Pflichtbesuch in der Londoner Season niemals solch einen Hut getragen hätten. Gefährlich – sehr gefährlich!

June natürlich fand gar nichts darin, aber sie stand auch, trotz ihrer neunzehn Jahre, in einem besonderen Ruf. Hatte sie nicht zu Mrs Soames – die immer so wundervoll angezogen war – gesagt, Federn wären ordinär? Und Soames’ Frau hatte seitdem wirklich keine Federn mehr getragen, so schrecklich direkt war die liebe June.

Diese Besorgnisse, diese Missbilligung und dieses durchaus echte Misstrauen hinderten die Forsytes jedoch nicht daran, sich auf die Einladung des alten Jolyon hin in seinem Haus einzufinden. Ein Empfang in Stanhope Gate war eine große Seltenheit, seit dem Tode seiner Frau vor zwölf Jahren hatte er keinen mehr gegeben.

Noch nie hatte sich dort eine so zahlreiche Gesellschaft versammelt, denn trotz aller Verschiedenheit auf mysteriöse Art und Weise miteinander verbunden, hatten sie sich gegen eine gemeinsame Gefahr gewappnet. Wie eine Herde, wenn ein Hund ins Feld läuft, standen sie Kopf an Kopf und Schulter an Schulter, bereit, den Eindringling niederzurennen und totzutrampeln. Offenbar waren sie auch gekommen, um herauszufinden, was für Geschenke wohl von ihnen erwartet wurden. Regelten sie die Frage der Hochzeitsgeschenke auch gewöhnlich wie folgt: »Was schenkst du? Nicholas schenkt Löffel!«, so kam es doch sehr auf den Bräutigam an. War er gewandt, geschniegelt und von wohlhabendem Aussehen, so hielten sie es für geboten, ihm auch hübsche Geschenke zu machen, das durfte er von ihnen erwarten. Zuletzt gab jeder freilich genau das, was durch eine Art von Familienübereinkommen als passend und schicklich festgesetzt wurde, wie die Preise auf der Börse festgesetzt werden, wobei die genauen Einzelheiten in Timothys behaglichem, am Park gelegenen Haus aus roten Ziegeln näher bestimmt wurden, wo die Tanten Ann, Juley und Hester wohnten.

Die Unruhe der Familie Forsyte war durch die einfache Erwähnung des Hutes gerechtfertigt. Hätte nicht jede Familie der großartigen oberen Mittelschicht, die den ihr gebührenden äußeren Anstand zu wahren wusste, es für unmöglich und unrecht gehalten, sich hier nicht beunruhigt zu fühlen!

Der Urheber dieser Unruhe stand im Gespräch mit June an der nächsten Tür. Sein lockiges Haar war zerzaust, und er sah aus, als fände er alles ungewöhnlich, was um ihn herum vor sich ging. Seine Miene verriet auch, dass er seinen Spaß daran hatte.

George, der sich halblaut mit seinem Bruder Eustace unterhielt, sagte:

»Er sieht aus, als wolle er sich aus dem Staube machen – der flotte Bukanier!«

Dieser ›sehr sonderbar aussehende Mann‹, wie Mrs Small ihn hernach nannte, war mittelgroß und kräftig gebaut, er hatte ein bleiches, braunes Gesicht, einen staubfarbenen Schnurrbart, sehr prominente Backenknochen und hohle Wangen. Seine Stirn stieg bis zum Wirbel des Kopfes hinauf und trat über den Augen in Höckern hervor, wie man es an Löwenstirnen im Zoo sehen konnte. Er hatte Augen von der Farbe des Sherry, mit einem zuweilen beunruhigend zerstreuten Blick. Nachdem der Kutscher des alten Jolyon June und Bosinney ins Theater gefahren hatte, hatte er zum Butler gesagt:

»Aus dem wer’ ich nich’ klug. Mir kommt er wahrhaftig vor wie ’n ›halbgezähmter Leopard‹!«

Und hin und wieder tauchte ein Forsyte in der Nähe auf, schlich vorbei und warf einen Blick auf ihn.

June, das winzige Ding, ›ganz Haar und Geist‹, wie jemand einmal gesagt hatte, mit furchtlosen blauen Augen, festem Kiefer und frischer Farbe, stand vor ihm und wehrte diese müßige Neugierde ab; Gesicht und Körper waren fast zu zart für ihre Krone rotgoldenen Haares.

Eine große Frau mit schöner Figur, ein Familienmitglied hatte sie einmal mit einer heidnischen Göttin verglichen, beobachtete die zwei mit einem schattenhaften Lächeln.

Sie hielt ihre Hände in perlgrauen Handschuhen gekreuzt, das ernste schöne Gesicht zur Seite gewandt, und die Blicke aller Männer in der Nähe ruhten darauf. Ihre geschmeidige Gestalt wiegte sich, wie vom bloßen Lufthauch bewegt. Es war Wärme in ihren Wangen, aber wenig Farbe; ihre großen dunklen Augen blickten sanft. Aber die Männer schauten auf ihre Lippen, wenn sie mit jenem schattenhaften Lächeln eine Frage stellte oder eine Antwort gab. Es waren sensitive Lippen, süß und sinnlich, und wie von einer Blume schien Wärme und Duft von ihnen auszuströmen.

Von den Verlobten waren die passive Göttin und ihr forschender Blick bis jetzt unbemerkt geblieben. Bosinney entdeckte sie zuerst und fragte nach ihrem Namen.

June führte ihren Geliebten zu der Frau mit der schönen Figur.

»Irene ist meine allerbeste Freundin«, sagte sie. »Und ihr beide müsst auch gute Freunde werden.«

Alle drei lächelten bei dem Gebot der kleinen Dame, und während sie noch lächelnd dastanden, tauchte Soames Forsyte geräuschlos hinter der Frau mit der schönen Figur auf, die seine Frau war, und sagte: »Ah! Bitte, stelle mich doch auch vor!«

Er entfernte sich bei öffentlichen Gelegenheiten nur selten von Irenes Seite, und wenn sie von den Erfordernissen des gesellschaftlichen Verkehrs einmal getrennt wurden, konnte man sehen, wie seine Augen ihr mit einem seltsamen Ausdruck von Wachsamkeit und Verlangen folgten.

Am Fenster untersuchte James, sein Vater, noch immer den Fabrikstempel auf dem Porzellan.

»Ich wundere mich, dass Jolyon diese Verlobung erlaubt«, sagte er zu Tante Ann. »Wie ich höre, haben sie auf Jahre hinaus keine Aussicht zu heiraten. Dieser junge Bosinney« (im Gegensatz zu der üblichen Anwendung eines kurzen o machte er einen Daktylus aus dem Wort) »besitzt nichts. Als Winifred damals Dartie heiratete, sorgte ich dafür, dass er jeden Penny sicher anlegte – ein wahres Glück übrigens – sonst hätten sie jetzt nichts mehr!«

Tante Ann blickte von ihrem Samtsessel auf. Graue Locken rahmten ihre Stirn ein, Locken, die, seit Jahrzehnten unverändert, allen Sinn für Zeit in der Familie ausgelöscht hatten. Sie erwiderte nichts, denn sie sprach selten und schonte ihre alte Stimme, aber für James, der kein ganz ruhiges Gewissen hatte, war ihr Blick so gut wie eine Antwort.

»Ja«, sagte er, »ich konnte nichts dafür, dass Irene kein Geld hatte. Soames hatte es so eilig, er magerte sichtlich ab, als er so lange um sie warb.«

Verdrießlich stellte er die Schale aufs Klavier und ließ seine Augen zu der Gruppe an der Tür wandern.

»Meiner Ansicht nach«, sagte er ganz wider Erwarten, »ist es ganz gut, so wie es ist!«

Tante Ann forderte ihn nicht auf, diese merkwürdige Äußerung zu erklären. Sie wusste, woran er dachte. Da Irene keine Mittel hatte, würde sie nicht so töricht sein, dumme Streiche zu machen, denn es hieß – es hieß –, sie habe getrennte Zimmer verlangt; aber Soames natürlich hatte nicht –

James unterbrach ihre Träumerei.

»Wo ist denn Timothy?«, fragte er. »Ist er nicht mitgekommen?«

Über Tante Anns zusammengepresste Lippen drängte sich ein Lächeln.

»Nein, er hat es nicht für ratsam gehalten, wo so viel Diphtherie in der Luft sei und er so dazu neige, sich etwas zu holen.«

»Ja, er kümmert sich gut um sich selbst«, erwiderte James. »Ich kann’s mir nicht leisten, mich so um mich zu kümmern, wie er es tut.«

Es war nicht leicht zu sagen, ob Bewunderung, Neid oder Verachtung in dieser Bemerkung vorherrschte.

Timothy, das Baby der Familie, ließ sich in der Tat selten sehen. Er war Verleger von Beruf und hatte vor einigen Jahren, als das Geschäft noch in voller Blüte war, einen Stillstand vorausgewittert, der zwar immer noch nicht eingetreten war, aber nach der übereinstimmenden Meinung aller schließlich kommen musste, seinen Anteil an der Firma, die sich hauptsächlich mit der Herstellung religiöser Bücher beschäftigte, verkauft und den ganz beachtlichen Erlös in dreiprozentigen Konsols7 angelegt. Hierdurch war er sofort in eine völlig isolierte Stellung gekommen, denn kein Forsyte begnügte sich mit weniger als vier Prozent für sein Geld; und diese Isolierung hatte langsam, aber sicher einen Geist unterminiert, der mehr zu Vorsicht neigte, als gemeinhin üblich war. Er war fast zu einem Mythos geworden – einer Art Verkörperung der Sicherheit, die im Hintergrund der Forsyte’schen Welt spukte. Er hatte nie die Unklugheit besessen, zu heiraten oder sich irgendwie mit Kindern zu behelligen.

James fuhr fort, indem er das Porzellan beklopfte:

»Das ist kein echtes altes Worcester. Ich vermut’, Jolyon hat dir doch wohl etwas über den jungen Mann gesagt. Nach allem, was ich höre, hat er weder Geschäft noch Einkommen oder nennenswerte Verbindungen; aber ich weiß übrigens nichts – mir sagt keiner was!«

Tante Ann schüttelte den Kopf. Ein Zittern überflog ihr adlerähnliches altes Gesicht mit dem eckigen Kinn; die spindeldürren Finger pressten und verflochten sich ineinander, als wäre sie bemüht, Willenskraft nachzuladen.

Sie war um einige Jahre älter als die übrigen Forsytes und nahm deshalb eine besondere Stellung unter ihnen ein. Obwohl allesamt Opportunisten und Egoisten – wenngleich nicht mehr als ihre Nachbarn auch –, verzagten sie doch ihrem unbestechlichen Wesen gegenüber, und wurde es ihnen einmal zu arg, so gingen sie ihr lieber aus dem Wege!

James verdrehte seine langen dünnen Beine und fuhr fort:

»Jolyon muss immer seinen eigenen Weg gehen. Er hat keine Kinder«, hier stockte er, denn ihm fiel ein, dass der Sohn des alten Jolyon, der junge Jolyon, Junes Vater, noch existierte, der eine solche Torheit begangen hatte, sich selbst um alles zu bringen, indem er seine Frau und sein Kind verlassen hatte und mit der ausländischen Erzieherin durchgegangen war. »Na«, fing er hastig wieder an, »wenn er so was tut, muss er sich’s wohl leisten können, vermut’ ich. Was gibt er ihr denn jetzt mit? Wohl tausend Pfund jährlich, vermut’ ich; er hat ja sonst niemanden, dem er sein Geld hinterlassen kann.«

Er streckte die Hand aus, um sie einem lebhaften, glattrasierten Manne mit langer eingeknickter Nase, dicken Lippen und kalten grauen Augen unter rechtwinkligen Brauen zu reichen, der kaum ein Haar auf dem Kopfe hatte.

»Na, Nick«, murmelte er, »wie geht es dir?«

Mit seiner vogelartigen Geschwindigkeit und dem Aussehen eines außergewöhnlich braven Schuljungen legte Nicholas Forsyte (er hatte es bei den Gesellschaften, deren Direktor er war, durchaus rechtmäßig zu einem großen Vermögen gebracht) in diese kalte Hand seine noch kälteren Fingerspitzen und zog sie schnell wieder zurück.

»Mir geht’s schlecht«, sagte er verdrießlich, »die ganze Woche schon; kann nachts nicht schlafen, der Arzt weiß nicht, warum. Er ist ein tüchtiger Kerl, sonst hätte ich ihn nicht, aber ich bekomme nichts als Rezepte von ihm.«

»Ärzte!«, fiel James ihm scharf ins Wort. »Ich hatte die Ärzte von ganz London für uns. Aus denen ist nichts Vernünftiges herauszubekommen, sie erzählen einem alles Mögliche. Da, nimm zum Beispiel Swithin. Was haben sie dem denn genützt? Da ist er; er ist dicker denn je, geradezu unförmig; sie bekommen sein Gewicht nicht herunter. Sieh ihn nur an!«

Swithin Forsyte, groß, vierschrötig und breit, mit einer Brust in der Pracht seiner hellen Westen wie ein aufgeplusterter Täuberich, kam gerade auf sie zu stolziert.

»’n Tag, wie geht es euch?«, fragte er in seiner stutzerhaften Weise, indem er das h stark aushauchte (dieser schwierige Laut war bei ihm nahezu vollkommen sicher). »Wie geht es euch?«

Jeder der Brüder nahm eine verärgerte Miene an, wenn er die anderen beiden ansah, denn er wusste aus Erfahrung, dass sie versuchen würden, seine Leiden durch die ihren in den Schatten zu stellen.

»Wir sprachen eben davon«, sagte James, »dass du gar nicht dünner wirst.«

Swithins blasse runde Augen quollen bei der Anstrengung hervor, die ihm das Hören bereitete.

»Dünner? Ich bin in guter Verfassung«, sagte er und neigte sich etwas vor, »nicht so ein Zwirnsfaden wie ihr!«

Aber in der Furcht, etwas von seiner Stattlichkeit einzubüßen, richtete er sich wieder auf und nahm eine unbewegliche Haltung an, denn ihm ging nichts über eine distinguierte Erscheinung.

Tante Ann ließ ihre alten Augen von einem zum anderen schweifen. Ihr Blick war ernst und mild. Die drei Brüder wiederum blickten Tante Ann an. Sie begann zittrig zu werden. Eine wunderbare Frau! Mindestens sechsundachtzig, und könnte gut noch zehn Jahre länger leben, dabei war sie nie sehr kräftig gewesen. Swithin und James, die Zwillinge, waren erst fünfundsiebzig, Nicholas ein wahres Baby an die siebzig. Alle waren gesund und die Aussichten darum beruhigend. Von allem Eigentum lag ihnen ihre Gesundheit natürlich am meisten am Herzen.

»Mir geht’s eigentlich recht gut«, fuhr James fort, »aber meine Nerven sind nicht in Ordnung. Die geringste Kleinigkeit beunruhigt mich zu Tode. Ich werde nach Bath fahren müssen.«

»Bath!«, sagte Nicholas. »Ich hab’s mit Harrogate versucht. Das taugt nichts. Ich brauche Seeluft. Es geht nichts über Yarmouth. Wenn ich dort bin, schlafe ich –«

»Mit meiner Leber steht’s schlimm«, unterbrach ihn Swithin langsam. »Scheußliche Schmerzen hier«, und er legte die Hand auf die rechte Seite.

»Mangel an Bewegung«, murmelte James mit einem Blick auf die Porzellanschale. Schnell fügte er hinzu: »Ich habe da auch Schmerzen.«

Swithin wurde rot, sein altes Gesicht erinnerte an einen Truthahn.

»Bewegung!«, sagte er. »Die habe ich reichlich. Ich benutze nie den Fahrstuhl im Klub.«

»Das wusste ich nicht«, stieß James hervor. »Ich weiß nichts über niemanden; mir sagt keiner was.«

Swithin starrte ihn an und fragte:

»Was tust du gegen die Schmerzen da?«

James leuchtete auf.

»Ich nehme eine Mischung von –«

»Wie geht es dir, Onkel?«

June stand mit ausgestreckter Hand vor ihm und reckte ihr resolutes kleines Gesicht empor zu dem seinen.

Das Leuchten in James’ Gesicht erlosch.

»Wie geht es dir?«, fragte er unwirsch. »Du willst also morgen nach Wales, um die Tanten deines Verlobten zu besuchen? Da regnet es immer. Dies ist kein echtes altes Worcester.« Er beklopfte die Schale: »Das Service, das ich deiner Mutter zur Hochzeit schenkte, das war echt.«

June schüttelte ihren drei Großonkeln der Reihe nach die Hand und wandte sich darauf zu Tante Ann. Das Gesicht der alten Dame hatte einen innigen Ausdruck angenommen, sie küsste dem Mädchen die Wange mit zitternder Inbrunst.

»Nun, mein Liebes«, sagte sie, »du willst also auf einen ganzen Monat fort?«

Das junge Mädchen ging weiter, und Tante Ann sah der zierlichen kleinen Gestalt nach. Die runden, stahlgrauen Augen der alten Dame, die sich wie bei einem Vogel mit einem Schleier zu überziehen begannen, folgten ihr nachdenklich durch das lärmende Gedränge, denn die Gesellschaft fing gerade an aufzubrechen; und ihre Fingerspitzen pressten sich in erneuter Nachladung ihrer Willenskraft, wie zur Abwehr ihrer eigenen unabwendbaren letzten Reise, immer fester aneinander.

›Ja‹, dachte sie, ›es waren alle sehr freundlich; so viele kamen, um ihr zu gratulieren. Sie müsste so recht glücklich werden.‹

Von den Gästen, die sich an der Tür drängten – lauter gutgekleidete Leute aus den Kreisen von Juristen, Ärzten, Börsenkaufleuten und anderen zahllosen Berufen der oberen Mittelschicht – waren nur etwa zwanzig Prozent Forsytes. Aber Tante Ann schien alle als Forsytes zu betrachten – und ein großer Unterschied war sicher auch nicht vorhanden –, sie sah nur ihr eigen Fleisch und Blut. Die Familie, das war ihre Welt, und für sie gab es keine andere, hatte es vielleicht nie eine andere gegeben. All ihre kleinen Geheimnisse, Krankheiten, Verlobungen und Heiraten, wie sie vorankamen und ob sie Geld verdienten: All dies war ihr Eigentum, ihre Freude, ihr Leben; darüber hinaus gab es nur einen vagen, schattenhaften Nebel von Ereignissen und Personen ohne eigentliche Bedeutung. Das würde sie eines Tages aufgeben müssen, wenn die Reihe zu sterben an sie kam; das gab ihr dieses Ansehen, jenes geheime Selbstgefühl, ohne das keiner von uns das Leben erträgt; und daran klammerte sie sich inbrünstig mit einer täglich wachsenden Gier. Wenn das Leben ihr auch entglitt, das wollte sie bis zum Ende behalten.

Sie dachte an den jungen Jolyon, Junes Vater, der mit der Ausländerin durchgegangen war. Das war ein harter Schlag für seinen Vater und sie alle. Solch ein vielversprechender Junge! Ein harter Schlag, wenn es auch glücklicherweise zu keinem öffentlichen Skandal gekommen war, da Jos Frau keine Scheidung gewollt hatte! Es war lange her! Und als Junes Mutter vor sechs Jahren starb, hatte Jo jene Frau geheiratet, und sie hatten jetzt zwei Kinder, wie sie gehört hatte. Dennoch hatte er sein Recht verspielt, hier zu sein, hatte sie um die vollkommene Erfüllung ihres Familienstolzes betrogen und der rechtmäßigen Freude beraubt, ihren Liebling, solch einen vielversprechenden Jungen, auf den sie so stolz gewesen war, zu sehen und zu küssen! Dieser Gedanke zehrte mit der Bitterkeit lang erlittenen Unrechts an ihrem beharrlichen alten Herzen. Ihre Augen wurden feucht und sie trocknete sie verstohlen mit einem Taschentuch aus feinstem Batist.

»Na, Tante Ann?«, sagte eine Stimme hinter ihr.

Soames Forsyte, glattrasiert, mit flachen Schultern, flachen Wangen und flachen Hüften, aber doch mit etwas Glattem und Geheimnisvollem über seiner ganzen Erscheinung, sah schräg auf Tante Ann herab, als versuche er durch seine eigene Nase zu sehen.

»Und was sagst du zu dieser Verlobung?«, fragte er.

Tante Anns Augen ruhten mit Stolz auf ihm. Seit dem Verschwinden des jungen Jolyon aus dem Familienkreise war er ihr Liebling unter allen Neffen, denn in ihm erkannte sie einen treuen Heger der Familienseele, die ihrer Obhut so bald entrissen werden sollte.

»Sehr erfreulich für den jungen Mann«, sagte sie, »er sieht gut aus. Aber ich weiß nicht, ob er so ganz der Rechte für unsere June ist.«

Soames befühlte den Rand eines vergoldeten Kronleuchters.

»Sie wird ihn zähmen«, sagte er, indem er seinen Finger heimlich nass machte und an den knubbeligen Kolben rieb. »Das ist echte alte Vergoldung, so etwas gibt es heute gar nicht mehr. Der brächte einen guten Preis bei Jobson.« Er sprach mit Behagen, als fühle er, dass er die alte Tante aufheitere. Er war selten so mitteilsam. »Ich wollte, er gehörte mir«, fügte er hinzu, »alte Vergoldung wird man jederzeit gut los.«

»Du verstehst dich so gut auf solche Dinge«, sagte Tante Ann. »Und wie geht es der lieben Irene?«

Soames’ Lächeln erstarb.

»Ganz gut«, sagte er. »Sie klagt über schlechten Schlaf, dabei schläft sie viel besser als ich«, und er blickte zu seiner Frau hinüber, die an der Tür mit Bosinney sprach.

Tante Ann seufzte.

»Vielleicht wäre es besser«, sagte sie, »wenn sie nicht so viel mit June zusammensteckte. Sie ist ein so ausgesprochener Charakter, die liebe June!«

Soames stieg die Röte ins Gesicht; sie flog über seine flachen Wangen und setzte sich als Merkmal quälender Gedanken zwischen den Augen fest.

»Ich weiß nicht, was sie an dem kleinen Irrwisch findet«, entfuhr es ihm, doch als er merkte, dass sie nicht länger allein waren, drehte er sich um und fing wieder an, den Kronleuchter zu untersuchen.

»Ich höre, Jolyon hat ein neues Haus gekauft«, sagte seines Vaters Stimme dicht neben ihm; »er muss einen Haufen Geld haben – mehr, als er zu gebrauchen weiß! Am Montpellier Square, sagen sie, in der Nähe von Soames! Mir hat keiner was davon gesagt – Irene sagt mir nie was!«

»Ausgezeichnete Lage, keine zwei Minuten von mir«, ließ sich Swithins Stimme vernehmen, »und von meiner Wohnung fahre ich in acht Minuten bis zum Klub.«

Die Lage ihrer Häuser war für die Forsytes von essentieller Bedeutung, kein Wunder übrigens, denn der ganze Geist ihres Erfolges war darin verkörpert.

Ihr Vater, der einem Bauerngeschlecht entstammte, war Anfang des Jahrhunderts von Dorsetshire gekommen.

›Der große Dosset Forsyte‹, wie ihn seine Vertrauten nannten, war Steinmetz von Beruf gewesen und hatte sich zum Baumeister emporgearbeitet. Gegen Ende seines Lebens war er nach London gezogen, wo er in Highgate begraben wurde, nachdem er bis an seinen Tod gebaut hatte. Er hinterließ seinen zehn Kindern über dreißigtausend Pfund. Wenn der alte Jolyon ihn überhaupt einmal erwähnte, beschrieb er ihn als einen ›Mann von kräftig derbem Schlag – nicht sonderlich fein‹. Die zweite Generation hatte in der Tat das Gefühl, dass nicht viel Staat mit ihm zu machen war. Der einzige aristokratische Zug, den sie in seinem Wesen entdecken konnten, war seine Gewohnheit, Madeira zu trinken.

Tante Hester, eine Autorität auf dem Gebiet der Familiengeschichte, schilderte ihn in folgender Weise:

»Ich erinnere mich nicht, dass er je etwas tat, wenigstens nicht zu meiner Zeit. Er war eben – Hausbesitzer, Liebes. Sein Haar war etwa von der Farbe wie das von Onkel Swithin; ziemlich vierschrötig war er. Groß? N-nicht sehr«, er war fünfeinhalb Fuß groß gewesen, mit fleckigem Gesicht, »von frischer Farbe. Er trank sehr gern Madeira, das weiß ich noch, frag nur Tante Ann. Was sein Vater war? Der, hm – der hat mit dem Land da unten in Dorsetshire, an der See, zu tun gehabt.«

James war einmal hingefahren, um selbst zu sehen, aus was für einer Gegend sie eigentlich stammten. Er fand zwei alte Bauernhöfe vor, von wo aus eine Wagenspur, die die rote Erde durchfurchte, zu einer Mühle unten am Strande führte, eine kleine graue Kirche innerhalb einer Pfeilermauer und eine noch kleinere und grauere Kapelle. Der Strom, der die Mühle trieb, kam in einem Dutzend kleiner Bäche plätschernd herab, und an der Bucht trieben sich Schweine umher. Ein leichter Nebel verhüllte die Aussicht. Es schien, die Vorfahren der Forsytes wären hunderte von Jahren, Sonntag für Sonntag, zufrieden gewesen, die Füße tief im Morast und den Blick aufs Meer gerichtet, durch diese Senke zu gehen.

Ob James im Stillen ein Erbe oder sonst etwas Außergewöhnliches zu finden gehofft hatte oder nicht, er kam jedenfalls ganz kleinlaut zur Stadt zurück und war aufs äußerste bemüht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

»Da ist nicht viel zu holen«, sagte er, »ein richtiges kleines Landnest, und uralt.«

Das Alter war noch ein Trost. Der alte Jolyon, bei dem manchmal eine unverfrorene Ehrlichkeit hervorsprudelte, sprach von seinen Vorfahren zuweilen als von »Freisassen8 – kleine Verhältnisse vermutlich«. Doch wiederholte er das Wort ›Freisassen‹, als gewähre es ihm Trost.

Die Forsytes hatten es alle so weit gebracht, dass sie nun als ›gutsituierte Leute‹, wie man es nennt, eine gewisse Stellung einnahmen. Sie hatten ihr Vermögen in allen möglichen Aktien angelegt, nur – Timothy ausgenommen – nicht in Konsols, denn sie fürchteten nichts auf der Welt so sehr wie drei Prozent für ihr Geld. Sie sammelten Bilder und unterstützten Wohltätigkeitsanstalten, die ihren kranken Dienstboten einmal zugute kommen konnten. Von ihrem Vater, dem Baumeister, hatten sie Verständnis für Ziegel und Mörtel geerbt. Wenn sie ursprünglich vielleicht auch einer schlichten Sekte angehört hatten, waren sie nach dem natürlichen Lauf der Dinge jetzt Mitglieder der Staatskirche und hielten darauf, dass ihre Frauen und Kinder ziemlich regelmäßig die vornehmeren Kirchen der Hauptstadt besuchten. Zweifel an ihrer Christlichkeit hätten sie überrascht und verletzt. Einige von ihnen bezahlten sogar ihre Kirchenbänke und brachten so in der praktischsten Weise ihre Sympathie für die Lehren Christi zum Ausdruck.

Ihre Häuser lagen in bestimmten Abständen rings um den Park und passten wie die Schildwachen auf, dass das reiche Herz Londons, an dem ihre Wünsche hingen, nicht ihren Händen entschlüpfte und sie dadurch in der eigenen Achtung sinken ließ.

Der alte Jolyon wohnte in Stanhope Place; James in Park Lane; Swithin in der einsamen Pracht orangefarbener und blauer Gemächer in Hyde Park Mansions – er hatte nie geheiratet – Gott bewahre! –, Soames mit seiner Frau in ihrem Heim bei Knightsbridge; Roger in Prince’s Gardens (Roger stach dadurch unter den Forsytes hervor, dass er sich vorgenommen und es durchgesetzt hatte, seine vier Söhne zu einem neuen Beruf zu erziehen. »Legt euer Geld in Häusern an – darüber geht nichts!«, pflegte er zu sagen. »Ich hab’s nie anders gemacht!«).

Dann Hayman – Mrs Hayman war die einzige verheiratete Schwester der Forsytes – in einem Haus oben in Campden Hill, wie eine Giraffe geformt und so hoch, dass, wer es betrachtete, einen steifen Nacken bekam. Nicholas wohnte in Ladbroke Grove in einer geräumigen Wohnung und billig dazu; und endlich Timothy in Bayswater Road, wo Ann, Juley und Hester unter seinem Schutze lebten.

James hatte die ganze Zeit nachdenklich dagestanden und fragte endlich seinen Gastgeber und Bruder, was er für das Haus am Montpellier Square gezahlt hatte. Er selber habe seit Jahren dort ein Haus im Auge, aber sie forderten einen zu hohen Preis dafür.

Der alte Jolyon berichtete über die Einzelheiten seines Kaufes.

»Auf zweiundzwanzig Jahre?«, wiederholte James. »Gerade das Haus, das ich wollte – du hast zu viel dafür bezahlt!«

Der alte Jolyon runzelte die Stirn.

»Ich will es nicht etwa für mich haben«, sagte James hastig, »zu dem Preis passt es nicht für meine Zwecke. Soames kennt das Haus sehr gut, na – er wird dir sagen, dass es zu teuer ist – auf sein Urteil kann man etwas geben.«

»Ich gebe keinen Pfifferling dafür«, sagte der alte Jolyon.

»Na«, murmelte James, »du musst ja immer deinen Willen haben – aber sein Urteil ist gut. Auf Wiedersehen! Wir wollen zum Hurlingham9 hinausfahren. Ich höre, June geht nach Wales. Du wirst morgen einsam sein. Was hast du vor? Du solltest zum Essen lieber zu uns kommen!«

Der alte Jolyon lehnte ab. Er ging mit an die Vordertür, half ihnen in den Wagen und winkte ihnen zu, denn er hatte seinen Unmut schon vergessen. In Fahrtrichtung saß groß und majestätisch Mrs James mit rotbraunem Haar, ihr zur Linken Irene – die zwei Gatten, Vater und Sohn, leicht vorgebeugt, fast erwartungsvoll, ihren Frauen gegenüber. Sich auf ihren Sprungfederpolstern auf und ab bewegend, schwankten sie jeder Bewegung des Wagens nach und fuhren, von den Blicken des alten Jolyon begleitet, schweigend im Sonnenschein davon.

Während der Fahrt unterbrach Mrs James das Schweigen.

»Ist euch jemals solch eine Gesellschaft banaler Leute vorgekommen?«

Soames, der sie unter seinen Lidern hervor flüchtig ansah, nickte und bemerkte, wie ihm Irene einen ihrer unergründlichen Blicke zuwarf. Höchstwahrscheinlich hatte jeder Zweig der Familie Forsyte auf der Heimfahrt von dem Empfang beim alten Jolyon diese Bemerkung gemacht.

Unter den letzten der aufbrechenden Gäste gingen der vierte und fünfte Bruder, Nicholas und Roger, zusammen fort und schlugen die Richtung am Hyde Park entlang zu der Praed Street Station der Untergrundbahn ein. Wie alle anderen Forsytes in einem gewissen Alter hielten sie sich eigenes Fuhrwerk und vermieden es, wenn es sich irgendwie einrichten ließ, eine Droschke zu nehmen.

Es war ein schöner Tag, die Bäume des Parks standen in der vollen Pracht ihres Junilaubes, aber die Brüder schienen nicht auf die Natur zu achten, die nichtsdestoweniger zur Lebhaftigkeit ihres Ganges und der Unterhaltung beitrug.

»Ja«, sagte Roger, »eine schöne Frau, diese Gattin von Soames. Ich höre, sie verstehen sich nicht gut.«

Dieser Bruder hatte eine hohe Stirn und von allen Forsytes die frischeste Farbe. Seine hellgrauen Augen musterten die Häuser der Straßenfront am Wege, und dann und wann hob er seinen Schirm, um eine ›Monddistanz‹, wie er sich ausdrückte, der verschiedenen Höhen zu messen.

»Geld hatte sie nicht«, erwiderte Nicholas.

Er selbst hatte sehr reich geheiratet, und da es noch in der goldenen Zeit vor Einführung des Vermögensrechts der Ehefrauen10 war, hatte er glücklicherweise einen vorteilhaften Gebrauch von dem Gelde machen können.

»Was war ihr Vater?«

»Er hieß Heron, Professor, wie ich höre.«

Roger schüttelte den Kopf.

»Das bringt nichts ein«, sagte er.

»Ihr Großvater von Mutters Seite soll in Zement gearbeitet haben.«

Rogers Gesicht erhellte sich.

»Er ging aber bankrott«, fuhr Nicholas fort.

»Ah!«, rief Roger aus. »Soames wird seine Not mit ihr haben, merk dir meine Worte, er wird seine Not mit ihr haben – sie sieht ausländisch aus.«

Nicholas leckte sich die Lippen.

»Sie ist eine schöne Frau«, sagte er und winkte einem Straßenkehrer, beiseite zu gehen.

»Wie kam er eigentlich an sie heran?«, fragte Roger darauf. »Ihre Toilette muss ihn ein Heidengeld kosten!«

»Ann sagt«, erwiderte Nicholas, »er wäre ganz toll hinter ihr her. Fünfmal hat sie ihn abgewiesen. James ist die Sache fatal, das ist ihm anzumerken.«

»Ah!«, fing Roger wieder an. »Für James tut es mir leid, er hat schon mit Dartie seine Not gehabt.« Das Gehen hatte seine frische Farbe noch erhöht, er schwang den Schirm öfter denn je bis in Augenhöhe. Auch Nicholas’ Gesicht hatte einen heiteren Ausdruck.

»Zu blass für meinen Geschmack«, sagte er, »aber die Figur ist prachtvoll!«

Roger erwiderte nichts.

»Ich finde, sie sieht vornehm aus«, sagte er endlich – es war das höchste Lob im Forsyte’schen Wortschatz. »Aus diesem jungen Bosinney wird nie was – in Burkitt sagt man, er sei ein künstlerischer Junge – er hat sich in den Kopf gesetzt, die englische Architektur zu verbessern; das bringt nichts ein! Ich möchte wissen, was Timothy dazu sagt.«

Sie betraten die Station.

»Welche Klasse fährst du? Ich fahre zweiter.«

»Nur nicht zweiter«, sagte Nicholas, »man weiß nie, was man sich da holt.«

Er nahm ein Billett erster Klasse nach Notting Hill Gate, Roger eines zweiter nach South Kensington. Eine Minute später fuhr der Zug ein, die Brüder trennten sich und jeder stieg in sein Abteil. Jeder von ihnen verärgert, dass der andere nicht von der eigenen Gewohnheit abgewichen war, um seine Gesellschaft etwas länger zu genießen.

›Immer ein alter Starrkopf, dieser Nick!‹, dachte Roger bei sich.

Oder wie Nicholas es im Stillen ausdrückte:

›Ein streitsüchtiger Junge war Roger von jeher!‹

Sentimentalität war nicht gerade Sache der Forsytes. Wo sollten sie in dem großen London, das sie erobert und mit dem sie eins geworden waren, auch die Zeit hernehmen, sentimental zu sein?

Zweites Kapitel

Der alte Jolyon geht in die Oper

Mit einer Zigarre zwischen den Lippen und einer Tasse Tee auf einem Tisch neben sich saß der alte Jolyon am nächsten Tage um fünf Uhr allein. Er war müde, und ehe er noch seine Zigarre ausgeraucht hatte, schlummerte er ein. Eine Fliege setzte sich auf sein Haar, sein Atem klang schwer in der schläfrigen Stille, und seine Oberlippe hob und senkte sich unter dem weißen Schnurrbart. Die Zigarre entfiel den Fingern seiner geäderten faltigen Hand und brannte in dem leeren Kamin langsam zu Ende.

Das düstere kleine Arbeitszimmer mit Fenstern aus buntem Glas, die den Ausblick verhinderten, war mit dunkelgrünen Samt- und reichgeschnitzten Mahagonimöbeln gefüllt – eine Einrichtung, von der der alte Jolyon zu sagen pflegte: »Sollte mich nicht wundern, wenn einst ein hoher Preis dafür geboten würde!«

Es war ihm ein angenehmer Gedanke, dass die Sachen nach seinem Tode einen höheren Preis erreichen würden, als er für sie gezahlt hatte.

In der Atmosphäre von reichem Braun, die den hinteren Räumen im Hause Forsyte eigentümlich war, wurde der rembrandteske11 Eindruck seines großen Kopfes mit dem weißen Haar gegen das Kissen seines hochlehnigen Sessels durch den Schnurrbart beeinträchtigt, der seinem Gesicht einen etwas militärischen Ausdruck gab. Eine alte Uhr, die schon seit vor seiner Hochzeit vor vierzig Jahren in seinem Besitz war, verzeichnete mit ihrem Ticken eifersüchtig die Sekunden, die ihrem Herrn für immer entwichen.

Ihm lag nichts an diesem Raum, und er betrat ihn kaum jemals im ganzen Jahre, außer um Zigarren aus dem japanischen Wandschränkchen in der Ecke zu holen, und nun rächte sich der Raum.

Die Schläfen des alten Jolyon, die sich wie ein Strohdach über den Höhlen darunter wölbten, seine Backenknochen und das Kinn traten im Schlafe schärfer hervor, und sein Gesicht verriet, dass er ein alter Mann war.

Er erwachte. June war fort! James hatte gesagt, er würde einsam sein. Aber James war immer ein armseliger Tropf. Mit Genugtuung dachte er an seinen Hauskauf über James’ Kopf hinweg. Geschah ihm recht für seine Knauserei, das Einzige, woran der Kerl dachte, war Geld. Oder hatte er doch zu viel gezahlt? Es musste noch eine Menge hineingesteckt werden – wahrscheinlich würde er sein ganzes Geld brauchen, bevor die Sache mit June in Ordnung war. Er hätte diese Verlobung doch nie erlauben sollen. Sie hatte diesen Bosinney im Hause von Baynes, Baynes and Bildeboy, den Architekten, kennen gelernt. Er glaubte, Baynes, den er kannte – er hatte etwas von einer alten Frau –, war ein angeheirateter Onkel des jungen Mannes. Seitdem war sie ihm ständig nachgelaufen, und wenn sie sich etwas in den Kopf setzte, war sie nicht davon abzubringen. Sie hatte immer irgendwelche armen ›Hungerleider‹ an der Hand. Dieser Bursche besaß kein Geld, aber sie musste sich durchaus mit ihm verloben – mit diesem unpraktischen Windbeutel, der dauernd in Schwierigkeiten kommen würde.

Sie war eines Tages in ihrer unverfrorenen Art zu ihm gekommen und hatte es ihm gesagt; und wie zum Trost hatte sie hinzugefügt:

»Er ist prachtvoll, er hat oft schon eine Woche lang nur von Kakao gelebt!«

»Und er möchte, dass auch du nur von Kakao lebst?«

»Oh nein; jetzt kommt er schon ins rechte Fahrwasser hinein.«

Der alte Jolyon hatte seine Zigarre unter dem weißen, an den Enden mit Kaffee gefärbten Schnurrbart hervorgenommen und das winzige Ding angeschaut, das eine solche Macht über sein Herz gewonnen hatte. Er wusste über ›Fahrwasser‹ besser Bescheid als seine Enkelin. Aber sie hatte sich mit den Händen auf seine Knie gestützt, ihr Kinn an ihm gerieben und einen Laut von sich gegeben wie eine schnurrende Katze. Und er hatte, die Asche von seiner Zigarre klopfend, in nervöser Verzweiflung ausgerufen:

»Ihr seid alle gleich: Ihr gebt euch nicht zufrieden, bis ihr erreicht habt, was ihr wollt. Wenn du ins Unglück kommen musst, so tu’s. Ich wasche meine Hände.«

Und er hatte alle Verantwortung von sich geschoben, indem er zur Bedingung gemacht hatte, dass sie nicht heiraten durften, bis Bosinney wenigstens vierhundert Pfund im Jahr verdiente.

»Ich werde euch nicht viel geben können«, hatte er gesagt, eine Redewendung, die June kannte. »Vielleicht wird dieser Wie-heißt-er-doch für den Kakao sorgen.«

Er hatte sie kaum noch zu Gesicht bekommen, seitdem die Sache angefangen hatte. Eine böse Geschichte! Es fiel ihm nicht ein, ihr einen Haufen Geld zu geben, um diesem Menschen, von dem er nichts wusste, zu einem Faulenzerleben zu verhelfen. Er kannte das, es kam nie Gutes dabei heraus. Das Schlimmste aber war, dass er keine Hoffnung hatte, ihre Entschlossenheit zu erschüttern; sie war stur wie ein Maulesel, war es von Kind an gewesen. Das Ende war nicht abzusehen. Sie mussten sich nach ihrer Decke strecken. Er würde nicht nachgeben, bis er sah, dass der junge Bosinney ein eigenes Einkommen hatte. Dass June ihre Not mit ihm haben würde, war sonnenklar; er hatte ja nicht mehr Ahnung von Geld als eine Kuh. Und jetzt wieder diese überstürzte Fahrt nach Wales, um die Tanten des jungen Mannes zu besuchen, die sicherlich alte Drachen waren.

Ohne sich zu rühren, starrte der alte Jolyon auf die Wand, nur die offenen Augen verrieten, dass er nicht schlief … Diese Idee, anzunehmen, dass Soames, dieser junge Laffe12, ihm einen Rat geben könne! Er war immer ein hochnäsiger Laffe gewesen! Nächstens würde er sich wohl gar als der reiche Mann aufspielen, mit einem Haus auf dem Lande! Der reiche Mann! Hmm! Wie sein Vater war er unaufhörlich nur auf Gewinn bedacht, der kaltblütige Schlingel!

Er erhob sich, trat an das Schränkchen und fing an, sein Zigarrenetui methodisch mit frischem Vorrat zu befüllen. Sie waren nicht schlecht für den Preis, aber eine gute Zigarre war heutzutage gar nicht mehr zu haben, nichts im Vergleich zu den alten Superfinos von Hanson and Bridger. Das war eine Zigarre!

Der Gedanke trug ihn wie ein leiser Duft zu jenen wundervollen Abenden in Richmond zurück, wo er mit Nicholas Treffry und Traquair und Jack Herring und Anthony Thornworthy nach dem Essen auf der Terrasse von ›Crown and Sceptre‹ gesessen und geraucht hatte. Wie gut seine Zigarren damals waren! Armer alter Nick! – tot, und Jack Herring – tot, und Traquair – tot, durch seine Frau ins Grab gebracht, und Thornworthy – der war ja furchtbar zittrig (kein Wunder, bei seinem Appetit).

Von der ganzen Gesellschaft jener Tage schien er allein übrig geblieben zu sein, außer Swithin natürlich, aber der war so maßlos dick, es war gar nichts mit ihm anzufangen.

Schwer zu glauben, dass es so lange her war; er fühlte sich noch jung! Von allen Gedanken, die ihm beim Zählen seiner Zigarren durch den Kopf gingen, war dies der erschütterndste und bitterste. Mit seinem weißen Haar und seiner Einsamkeit war er im Herzen jung und frisch geblieben. Und die Sonntagnachmittage in Hampstead Heath, wenn er mit seinem Jungen einen Ausflug die Spaniards Road entlang bis nach Highgate oder Child’s Hill machte und hernach in Jack Straw’s Castle13 zum Essen einkehrte – wie köstlich waren seine Zigarren dann gewesen! Und das Wetter! Jetzt gab es gar kein Wetter mehr.

Als June ein kleiner Tolpatsch von fünf Jahren war und er sie jeden zweiten Sonntag von den beiden guten Frauen, ihrer Mutter und Großmutter, abholte, um sie in den Zoo mitzunehmen, wo er oben vom Bärenzwinger ihre Lieblingsbären mit Weißbrot fütterte, das er an seinen Schirm steckte, wie herrlich waren seine Zigarren da gewesen!

Zigarren! Er hatte nicht einmal mehr Gelegenheit, von seiner feinen Zunge Gebrauch zu machen – dieser berühmten feinen Zunge, auf die alle Leute in den fünfziger Jahren schworen und ihn, wenn sie von ihm sprachen, »die feinste Zunge in London« nannten! Dieser feinen Zunge hatte er übrigens in gewissem Sinne sein Glück zu verdanken – das Glück der berühmten Teefirma Forsyte and Treffry, deren Tee, wie kein anderer, ein romantisches Aroma und den Reiz einer ganz besonderen Echtheit hatte. Über dem Hause Forsyte and Treffry in der City hatte eine geheimnisvolle Atmosphäre von Unternehmungslust gelegen, von besonderen Handelsbeziehungen auf besonderen Schiffen in besonderen Häfen mit besonderen Firmen des Orients.

Und wie hatte er in diesem Geschäft gearbeitet! Damals arbeitete man noch! Diese jungen Grünschnäbel kannten kaum die Bedeutung des Wortes. Er hatte sich mit jeder Einzelheit beschäftigt, hatte von allem gewusst, was vorging, und zuweilen die ganze Nacht darüber gesessen. Und immer hatte er seine Agenten selbst ausgesucht und sich etwas darauf zugute getan. Seine Menschenkenntnis, hatte er immer gesagt, sei das Geheimnis seines Erfolges, und die Ausübung dieser meisterhaften Kunst der Auswahl wäre das Einzige von allem gewesen, was ihm wirklich Freude gemacht hätte. Eigentlich war es kein Beruf für einen Mann mit seinen Fähigkeiten. Selbst jetzt, wo das Geschäft in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt war und anfing zurückzugehen (er hatte seine Anteile längst heraus), empfand er einen bitteren Kummer, wenn er jener Zeit gedachte. Wie viel besser hätte er es haben können! Als Anwalt hätten glänzende Erfolge gewunken! Er hatte sogar daran gedacht, es mit dem Parlament zu versuchen. Wie oft hatte Nicholas Treffry zu ihm gesagt: »Du könntest alles machen, Jo, wenn du nicht so verdammt vorsichtig wärst!« Der liebe alte Nick! Ein so guter Kerl, aber ein wilder Geselle! Der berüchtigte Treffry! Er war nie vorsichtig gewesen. Nun war er tot. Der alte Jolyon zählte seine Zigarren mit fester Hand und fragte sich im Stillen, ob er nicht vielleicht zu vorsichtig gewesen war.

Er steckte das Zigarrenetui in die Brusttasche seines Rockes, knöpfte sie zu und stieg die hohe Treppe zu seinem Schlafzimmer hinauf, wobei er schwer einen Fuß nach dem anderen aufsetzte und sich am Geländer hielt. Das Haus war zu groß. Sobald June verheiratet war, wenn sie diesen Burschen wirklich jemals heiratete, was sie sicherlich tun würde, wollte er es vermieten und eine Wohnung nehmen. Wozu ein halbes Dutzend Dienstboten halten, die nichts zu tun hatten.

Auf sein Klingeln kam der Butler herein – ein großer Mann mit einem Bart, leisem Tritt und einer besonderen Gabe zu schweigen. Der alte Jolyon befahl ihm, seine Sachen herauszulegen, denn er wolle im Klub speisen.

Wie lange sei der Wagen zurück, seitdem er Miss June zum Bahnhof gebracht habe? Seit zwei Uhr? Dann solle er um halb sieben vorfahren.

Der Klub, in den der alte Jolyon Schlag sieben eintrat, gehörte zu jenen politischen Institutionen der oberen Mittelschicht, die bessere Tage gesehen hatten. Obwohl er in Verruf gekommen war, vielleicht infolge dieses Verrufes, erfreute er sich einer enttäuschenden Lebenskraft. Man war es müde geworden, zu sagen, der Disunion liege in den letzten Zügen. Auch der alte Jolyon pflegte das zu sagen, übersah die Tatsache jedoch in einer für eingefleischte Klubleute wahrhaft irritierenden Weise.

»Warum lässt du deinen Namen auf der Liste?«, fragte Swithin ihn oft in tiefem Verdruss. »Warum trittst du nicht in den ›Polyglot‹ ein? Du bekommst in ganz London keinen Wein wie unseren Heidsieck unter zwanzig Shillin’ die Flasche.« Und die Stimme senkend, fügte er hinzu: »Es sind nur noch fünftausend Dutzend da. Ich trinke ihn jeden einzelnen Abend.«

»Ich will’s mir überlegen«, pflegte der alte Jolyon zu erwidern; aber immer, wenn er überlegte, tauchte die Frage der fünfzig Guineen Eintrittsgeld wieder auf, und dass es vier oder fünf Jahre dauern würde, bis er Aufnahme fände. So überlegte er weiter.

Er war zu alt, um ein Liberaler zu sein, und hatte längst aufgehört, an die politischen Doktrinen seines Klubs zu glauben; man wusste sogar, dass er sie für ›dummes Zeug‹ erklärt hatte, und es machte ihm Spaß, trotz der Prinzipien, die den seinen widersprachen, weiter Mitglied zu bleiben. Er hatte immer eine gewisse Geringschätzung für den Klub gehabt und war ihm vor vielen Jahren nur beigetreten, weil man sich geweigert hatte, ihn im Hotch Potch aufzunehmen, weil er dem ›Kaufmannstande‹ angehörte. Als ob er nicht ebenso gut gewesen wäre wie einer von ihnen! Natürlich verachtete er den Klub, der ihn aufgenommen hatte. Seine Mitglieder waren ein armseliger Haufen, viele von ihnen Börsenmakler, Anwälte, Auktionatoren und wer weiß was sonst noch, in der City! Wie die meisten Männer von starkem Charakter, aber nicht allzu großer Originalität, hielt der alte Jolyon nicht viel von der Klasse, der er selbst angehörte. Getreulich richtete er sich nach ihren sozialen und sonstigen Gewohnheiten, betrachtete sie im Geheimen aber als ›ordinären Haufen‹.

Die Jahre und seine Philosophie hatten die Erinnerung an seine Niederlage im Hotch Potch etwas verwischt, und im Herzen betrachtete er ihn jetzt als Königin der Klubs. Er hätte schon all diese Jahre hindurch Mitglied sein können, aber dank der nachlässigen Art, mit der Jack Herring, der ihn vorgeschlagen hatte, zu Werke gegangen war, wussten sie nicht, was sie taten, als sie ihn abwiesen. Seinen Sohn Jo hatten sie ja gleich aufgenommen, und der Junge war wahrscheinlich noch Mitglied, denn er hatte vor acht Jahren einen Brief bekommen, der von dort datiert war.

Seit Monaten war er nicht in seinem Klub gewesen, und das Haus war inzwischen mit einer Buntheit aufgefrischt worden, wie sie bei alten Häusern und alten Schiffen angewendet wird, die man gern verkaufen möchte.

›Schauderhafte Farbe, dieser Rauchsalon!‹, dachte er. ›Der Speisesaal ist gut.‹

Das düstere Schokoladenbraun, mit hellem Grün durchsetzt, war nach seinem Geschmack.

Er bestellte das Essen und setzte sich in dieselbe Ecke, vielleicht an denselben Tisch (im Disunion, wo man fast radikalen Prinzipien huldigte, war von Fortschritten nicht viel zu merken), an dem er und sein Sohn vor fünfundzwanzig Jahren zu sitzen pflegten, wenn er ihn während der Ferien zuweilen mit in die Drury Lane nahm.

Der Junge schwärmte fürs Theater, und der alte Jolyon erinnerte sich, wie er ihm gegenüber zu sitzen pflegte und seine Aufregung hinter einer absichtlichen, aber sehr durchsichtigen Gleichgültigkeit zu verbergen suchte.

Er bestellte für sich auch genau dasselbe Dinner, das sich der Junge immer ausgesucht hatte – Suppe, Sprotten, Koteletts und eine Tarte. Ach, wenn er ihm doch jetzt gegenübersäße!

Die beiden hatten sich seit vierzehn Jahren nicht mehr gesehen. Und nicht zum ersten Mal während dieser vierzehn Jahre dachte der alte Jolyon darüber nach, ob er sich in der Sache mit seinem Sohn wohl etwas vorzuwerfen hatte. Eine unglückliche Liebesgeschichte mit der reizenden, koketten Danäe Thornworthy, jetzt Danäe Pellew, Anthony Thornworthys Tochter, hatte seinen Sohn auf der Suche nach Trost Junes Mutter in die Arme getrieben. Er hätte ihre Heirat vielleicht verhindern sollen, sie waren noch zu jung; aber nachdem er gesehen hatte, wie leicht entflammt Jo sein konnte, war er nur zu eifrig darauf bedacht gewesen, ihn verheiratet zu wissen. Und nach vier Jahren war es zu dem Krach gekommen! Das Verhalten seines Sohnes bei diesem Krach zu billigen war natürlich unmöglich gewesen; Vernunft und Disziplin – jene Kombination mächtiger Faktoren, die bei ihm Grundsätze vertraten – überzeugten ihn von der Unmöglichkeit, aber sein Herz sträubte sich dagegen. Doch bei der grausamen Unbarmherzigkeit solcher Pflicht gab es kein Mitleid für Herzen. Da war June, dies Atom mit dem flammenden Haar, das ganz und gar Besitz von ihm genommen hatte, völlig verwebt und verwachsen mit seinem Herzen. Und dies Herz war wie dazu geschaffen, ein Spielball und die Lieblingszuflucht winziger hilfloser Wesen zu sein. Mit charakteristischer Einsicht erkannte er, dass er sich von dem einen oder dem andern trennen müsse; halbe Maßregeln konnten in einer solchen Lage nichts nützen. Darin lag ihre Tragik. Und das winzige hilflose Wesen trug den Sieg davon. Er wollte nicht mit den Hasen laufen und mit den Hunden hetzen, und darum trennte er sich von seinem Sohn.

Diese Trennung hatte bis jetzt gewährt.

Er hatte dem jungen Jolyon einen kleinen Zuschuss angeboten, der aber hatte diesen zurückgewiesen, und diese Abweisung hatte ihn vielleicht mehr verletzt als alles andere, denn damit war die letzte Möglichkeit dahin, seine unterdrückte Liebe zum Ausdruck zu bringen; und es war zu einem so greifbaren und festen Beweis eines Bruches gekommen, wie ihn sonst nur Eigentumstransaktionen, die Zustimmung oder die Verweigerung solcher liefern können.

Das Essen schmeckte flau. Der Champagner war trocken und bitter, nicht wie der Veuve Cliquot in alten Tagen.

Bei seiner Tasse Kaffee kam ihm der Gedanke, ins Theater zu gehen. Er las daher in der Times – anderen Zeitungen schenkte er keinen Glauben – die Ankündigungen für den Abend durch. Es wurde Fidelio gegeben.

Glücklicherweise nicht eine jener neumodischen deutschen Pantomimen von diesem Wagner.

Er setzte seinen alten Chapeau claque auf, der mit seinem ungeheuren Umfang und der vom Gebrauch abgenutzten Krempe einem Sinnbild besserer Tage glich, zog ein paar alte, sehr dünne, lavendelfarbene Glacéhandschuhe hervor, die infolge der gewohnten Nachbarschaft mit dem Zigarrenetui in der Rocktasche stark nach Juchtenleder rochen, und stieg in eine Droschke.

Der Wagen rasselte fröhlich durch die Straßen, deren ungewöhnliche Belebtheit den alten Jolyon überraschte.

›Die Hotels müssen ein ungeheures Geschäft machen‹, dachte er. Vor ein paar Jahren hatte es hier noch keins dieser großen Hotels gegeben. Mit Befriedigung erinnerte er sich eines Grundstücks in der Nähe, das ihm gehörte. Sein Wert musste mit rapider Geschwindigkeit steigen! Was für ein Verkehr!

Aber dann versank er in eine jener sonderbaren unpersönlichen, für einen Forsyte so uncharakteristischen Betrachtungen, auf denen aber zum Teil das Geheimnis seiner Überlegenheit über die anderen beruhte. Was für Atome waren doch die Menschen, und was für eine Menge gab es! Und was würde aus ihnen allen werden?

Er stolperte, als er aus der Droschke stieg, gab dem Kutscher genau den Fahrpreis, ging an die Kasse, um sein Billett zu kaufen und stellte sich mit der Börse in der Hand davor hin – er trug sein Geld immer in einer Börse bei sich und hatte die Gewohnheit, es lose in der Tasche zu tragen, wie so viele junge Leute es heutzutage taten, nie gebilligt. Der Kassierer steckte den Kopf heraus wie ein alter Hund aus seiner Hütte.

»Ist’s möglich!«, sagte er in überraschtem Tone. »Sie sind’s, Mr Jolyon Forsyte! Wirklich! Habe Sie seit Jahren nicht gesehen, Sir! Du lieber Himmel! Die Zeiten haben sich geändert! Ja, ja, Sie und Ihr Herr Bruder und der Auktionator – Mr Traquair, und Mr Nicholas Treffry –, Sie hatten hier regelmäßig sechs oder sieben Plätze in jeder Spielzeit. Und wie geht’s Ihnen denn, Sir? Man wird nicht jünger!«

Die Farbe in den Augen des alten Jolyon vertiefte sich; er zahlte seine Guinee. Man hatte ihn nicht vergessen. Er schritt unter den Klängen der Ouvertüre hinein wie ein altes Schlachtross in den Kampf.

Seinen Hut zusammenklappend, setzte er sich, zog die lavendelfarbenen Handschuhe in gewohnter Weise aus und sah sich mit seinem Glas lange im Hause um. Endlich ließ er es auf seinen zusammengeklappten Hut sinken und heftete den Blick auf den Vorhang. Eindringlicher denn je fühlte er, dass es mit ihm aus und vorbei war. Wo waren all die Frauen, die schönen Frauen, von denen das Haus sonst so voll gewesen war? Wohin war das alte Gefühl im Herzen, wenn er auf eine der großen Sängerinnen gewartet hatte? Wo jene Empfindung des Lebensrausches und die eigene Fähigkeit, das alles zu genießen?

Der eifrigste Opernbesucher seinerzeit! Jetzt gab es gar keine Oper mehr! Dieser Wagner hatte alles verdorben; keine Melodie mehr und keine Stimme, sie zu singen. Ach! die wundervollen Sängerinnen! Dahin! Mit einem tauben Gefühl im Herzen folgte er den altbekannten Szenen.

Von der silbernen Locke überm Ohr bis zur Haltung seines Fußes in den mit Gummizug versehenen Lackstiefeln war nichts Schwerfälliges oder Schwächliches an dem alten Jolyon. Er hielt sich ebenso – beinahe ebenso aufrecht wie in jenen alten Zeiten, da er jeden Abend hier gewesen war; seine Augen waren noch ebenso – fast ebenso gut wie damals. Aber welch ein Gefühl von Müdigkeit und Enttäuschung!

Er war sein Leben lang gewohnt gewesen, alles zu genießen – selbst Unvollkommenes – und es gab viel Unvollkommenes –, er hatte alles mit Maß genossen, um jung zu bleiben. Aber nun hatten ihn seine Genussfähigkeit und seine Philosophie verlassen, und ihm blieb nur dies furchtbare Gefühl, dass alles vorbei war. Nicht einmal der Chor der Gefangenen noch Florians Gesang vermochten die Trübsal seiner Einsamkeit zu zerstreuen.

Wenn doch Jo nur bei ihm wäre! Der Junge musste jetzt nah an vierzig sein. Er hatte vierzehn Jahre vom Leben seines einzigen Sohnes vergeudet. Und Jo war kein gesellschaftlicher Außenseiter der Gesellschaft mehr. Er war verheiratet. Der alte Jolyon war nicht imstande gewesen, es sich zu versagen, seinem Sohn als Zeichen seiner Anerkennung dieser Tatsache einen Scheck über fünfhundert Pfund zu schicken. Der Scheck war in einem Brief aus dem Hotch Potch zurückgekommen, mit folgendem Wortlaut:

Mein liebster Vater,

Dein großzügiges Geschenk war als ein Zeichen dafür willkommen, dass Du schlimmer von mir hättest denken können. Ich schicke es Dir zurück, aber solltest Du es passend finden, es zugunsten unseres kleinen Buben anzulegen (wir nennen ihn Jolly), der unseren Vornamen und, aus Höflichkeit, unseren Familiennamen trägt, so würde es mich sehr freuen.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass Deine Gesundheit so gut wie immer ist.

Dein dich liebender Sohn

Jo.

Der Brief sah dem Jungen ähnlich. Er war immer ein liebenswürdiger Bursche gewesen. Der alte Jolyon hatte folgende Antwort geschickt:

Mein lieber Jo,

die Summe (fünfhundert Pfund) ist zugunsten von deinem Jungen unter dem Namen Jolyon Forsyte in meine Bücher eingetragen und wird mit fünf Prozent gebührend verzinst werden. Ich hoffe Du bist wohlauf. Mit meiner Gesundheit steht es gegenwärtig gut.

In alter Liebe

Dein getreuer Vater

Jolyon Forsyte.

Und alljährlich hatte er am ersten Januar ein Hundert und die Zinsen hinzugefügt. Die Summe wuchs an – am nächsten Neujahrstag mussten es fünfzehnhundert und etliche Pfund sein! Und es ist schwer zu sagen, welch Befriedigung ihm diese jährliche Transaktion gewährte. Aber die Korrespondenz hatte ein Ende genommen.

Trotz der Liebe zu seinem Sohne und trotz eines Instinktes, der zum Teil in seiner Natur lag, teils wie bei Tausenden seiner Klasse ein Resultat fortwährender Handhabung und Bewachung von Geschäften war und ihn befähigte, eine Handlungsweise mehr nach ihren Resultaten als nach Prinzipien zu beurteilen, blieb tief in seinem Herzen doch ein gewisses Unbehagen zurück. Sein Sohn hätte den Umständen nach vor die Hunde gehen müssen. Das war in allen Romanen, Predigten und Theaterstücken, die er je gehört, gelesen oder gesehen hatte, das Gesetz gewesen.

Als er den Scheck zurückbekommen hatte, schien ihm da irgendetwas nicht in Ordnung zu sein. Warum war sein Sohn nicht vor die Hunde gegangen? Doch wer konnte es wissen?

Er hatte natürlich erfahren – das heißt, er hatte sich bemüht, ausfindig zu machen –, dass Jo in St. John’s Wood lebte, in der Wistaria Avenue ein Häuschen mit Garten besaß, seine Frau mit in Gesellschaft nahm – eine sonderbare Art von Gesellschaft ohne Zweifel – und dass sie zwei Kinder hatten – den kleinen Jungen nannten sie Jolly (den Namen fand er in Anbetracht der Verhältnisse geradezu zynisch, und der alte Jolyon fürchtete und verabscheute allen Zynismus) und ein Mädchen namens Holly, das nach der Heirat geboren war. Wer wusste schon, in was für Verhältnissen sein Sohn eigentlich lebte? Er hatte das von seinem Großvater mütterlicherseits erhaltene Erbteil zu Kapital gemacht und eine Anstellung als Versicherungsmakler beim Lloyd genommen; und er malte Bilder – Aquarelle. Der alte Jolyon wusste das, denn er hatte sie von Zeit zu Zeit heimlich gekauft, nachdem er zufällig einmal den Namen seines Sohnes unter einer Themseansicht im Schaufenster eines Händlers entdeckt hatte. Er fand sie schlecht und hängte sie der Unterschrift wegen nicht auf, sondern bewahrte sie verschlossen in einer Schublade auf.

In dem großen Opernhaus überkam ihn eine heftige Sehnsucht nach seinem Sohn. Er gedachte der Tage, wo er ihn in einem braunen Leinenanzug zwischen den Beinen hatte hin- und herschwingen lassen, der Zeiten, wo er neben dem Pony des Jungen hergelaufen war und ihn reiten gelehrt hatte, und des Tages, an dem er ihn zum ersten Mal in die Schule gebracht hatte. Er war ein liebevoller, liebenswürdiger kleiner Bursche gewesen! Als er nach Eton gegangen war, hatte er vielleicht ein wenig zu viel von den wünschenswerten Manieren angenommen, die, wie der alte Jolyon wohl wusste, nur an solchen Orten und mit großen Kosten zu erwerben waren; aber er war immer umgänglich gewesen. Immer ein guter Kamerad, selbst nach dem Aufenthalt in Cambridge – vielleicht ein wenig von oben herab infolge der Vorteile, die er dort gehabt hatte. Des alten Jolyon Gefühle den öffentlichen Schulen und Universitäten gegenüber gerieten nie ins Wanken, und er bewahrte seine rührende Bewunderung wie sein Misstrauen gegen ein System, das nur den Ersten des Landes zugute kam und an dem teilzunehmen ihm nie vergönnt gewesen war … Jetzt, nachdem June fort war und ihn verlassen oder so gut wie verlassen hatte, wäre es ihm ein Trost gewesen, seinen Sohn wiederzusehen. Von diesem Verrat an seiner Familie, seinen Prinzipien, seinem Stande bedrückt, heftete der alte Jolyon seinen Blick auf die Sängerin. Ein armseliges Wesen – ein jämmerlich armseliges Wesen! Und dieser Florian, ein wahrer Stock!

Es war aus. Die Leute waren heutzutage leicht zufrieden zu stellen.

Im Gedränge auf der Straße schnappte er einem kräftigen und viel jüngeren Manne vor der Nase eine Droschke weg, die dieser bereits als die seine betrachtet hatte. Der Weg ging durch Pall Mall, aber an der Ecke bog der Kutscher in St. James’s Street ab und fuhr nicht durch den Green Park. Der alte Jolyon öffnete die Klappe (er konnte Umwege nicht leiden), doch als sie wendeten, sah er sich plötzlich dem Hotch Potch gegenüber, und die geheime Sehnsucht, die ihn den ganzen Abend nicht verlassen hatte, trug den Sieg davon. Er ließ den Kutscher halten. Er wollte hinein und fragen, ob Jo noch dazugehörte.

Er ging hinein. Der Vorraum sah noch genauso aus wie damals, als er mit Jack Herring hier zu speisen pflegte und sie die beste Küche in London führten. Er sah sich mit dem scharfen festen Blick um, der ihm sein Leben lang dazu verholfen hatte, besser bedient zu werden als die meisten Leute.

»Ist Mr Jolyon Forsyte noch Mitglied des Klubs?«

»Jawohl, Sir, er ist augenblicklich hier. Wen darf ich melden?«

Der alte Jolyon war überrascht.

»Seinen Vater«, sagte er.

Und nachdem er dies gesagt hatte, stellte er sich rückwärts an den Kamin.

Im Begriff, den Klub zu verlassen, hatte der junge Jolyon den Hut aufgesetzt und wollte eben den Vorraum kreuzen, als der Portier ihm begegnete. Er war nicht mehr jung, sein Haar fing an, grau zu werden, und das Gesicht – eine schmalere Kopie desjenigen seines Vaters, mit demselben herabhängenden großen Schnurrbart – war sichtlich abgezehrt. Er erbleichte. Das Zusammentreffen nach all den Jahren war furchtbar, denn nichts in der Welt war so furchtbar wie eine Szene. Sie gingen aufeinander zu und reichten sich ohne ein Wort die Hände. Dann sagte der Vater mit einem Zittern in der Stimme:

»Wie geht’s dir, mein Junge?«

Der Sohn erwiderte:

»Und dir, Papa?«

Des alten Jolyon Hand zitterte in dem dünnen lavendelfarbenen Handschuh.

»Wenn du den gleichen Weg hast, kann ich dich ein Stück mitnehmen.«

Und als wären sie gewohnt, sich gegenseitig jeden Abend nach Hause zu begleiten, gingen sie hinaus und stiegen in die Droschke.

Dem alten Jolyon kam es vor, als sei sein Sohn gewachsen. ›Mehr Mann geworden‹, dachte er im Stillen. Über das von Natur aus liebenswürdige Gesicht hatte sich eine sardonische Maske gelegt, als hätten seine Lebensumstände ihn genötigt, sich zu wappnen. Die Züge freilich verrieten völlig den Forsyte, aber der Ausdruck war mehr der eines in sich gekehrten Gelehrten oder Philosophen. Er hatte im Laufe dieser fünfzehn Jahre wohl auch häufig in sich hineinschauen müssen.

Den Sohn hatte der erste Anblick des Vaters offenbar erschreckt – er sah so abgezehrt und alt aus. Aber im Wagen schien es, als habe er sich kaum verändert, denn er hatte noch den wohlbekannten ruhigscharfen Blick und hielt sich aufrecht wie ehedem.

»Du siehst gut aus, Papa.«

»Ziemlich«, erwiderte der alte Jolyon.

Ihn quälte eine Angst, die er in Worte kleiden zu müssen glaubte. Nun er seinen Sohn wieder hatte, musste er wissen, wie seine finanzielle Lage war.

»Jo«, sagte er, »ich wüsste gern, in was für Verhältnissen du lebst. Du hast vermutlich Schulden?«

Er wählte diese Form, um seinem Sohne das Geständnis zu erleichtern.

Dieser antwortete in seiner ironischen Art:

»Nein, ich habe keine Schulden!«

Der alte Jolyon sah, dass es ihn verstimmte, und berührte seine Hand. Es war ein Wagnis gewesen. Aber es war der Mühe wert, und Jo hatte ihm nie etwas übel genommen. Ohne das Gespräch wieder aufzunehmen, fuhren sie weiter nach Stanhope Gate. Der alte Jolyon lud ihn ein, mit hineinzukommen, aber der junge Jolyon schüttelte den Kopf.

»June ist nicht hier«, sagte sein Vater hastig. »Sie reiste heute fort auf Besuch. Ich vermute, du weißt, dass sie verlobt ist?«

»Schon?«, murmelte der junge Jolyon.

Sein Vater stieg aus und gab dem Kutscher beim Bezahlen zum ersten Mal in seinem Leben aus Versehen einen Sovereign anstatt eines Shillings.

Der Kutscher steckte die Münze in den Mund, trieb sein Pferd verstohlen mit der Peitsche an und jagte davon.

Der alte Jolyon drehte den Schlüssel leise im Schloss herum, stieß die Tür auf und winkte. Sein Sohn sah ihn bedächtig, mit dem Ausdruck eines Jungen, der die Absicht hat, Kirschen zu stehlen, seinen Rock aufhängen.

Die Tür des Speisesaals stand offen, das Gas war heruntergedreht; ein Spirituskessel summte auf dem Teebrett, und daneben auf dem Esstisch lag eingeschlafen eine zynisch aussehende Katze. Der alte Jolyon scheuchte sie gleich hinaus und klapperte seinen Hut hinter dem Tiere her. Der kleine Zwischenfall war für ihn eine Erleichterung.

»Sie hat Flöhe«, sagte er und folgte ihr hinaus. Durch die Tür in den Vorraum, der zum Keller führte, rief er ein paarmal »Hsst!«, wie um sich vom Verschwinden der Katze zu überzeugen, als durch einen merkwürdigen Zufall der Butler unten erschien.

»Sie können zu Bett gehen, Parfitt«, sagte der alte Jolyon, »ich werde zuschließen und das Licht ausmachen.«

Als er in den Speisesaal zurückkehrte, kam die Katze ihm unglücklicherweise zuvor, den Schwanz steil in die Höhe gerichtet, als wolle sie damit zu verstehen geben, dass sie das Manöver, den Butler zurückzuhalten, von vornherein durchschaut habe.

Die häuslichen Kriegslisten des alten Jolyon waren von jeher vom Missgeschick verfolgt gewesen.

Jo konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Er hatte viel Sinn für Ironie, und an diesem Abend mutete alles ironisch an; die Episode mit der Katze ebenso wie die Nachricht von der Verlobung seiner Tochter. Er hatte an dieser ja nicht mehr Anteil als an dem Tier. Und die poetische Gerechtigkeit, die darin lag, gefiel ihm.

»Wie ist June denn jetzt?«, fragte er.

»Sie ist ein zartes Ding«, erwiderte der alte Jolyon, »sie soll mir ähnlich sein, aber das ist ein Unsinn. Sie gleicht mehr deiner Mutter – dieselben Augen und dasselbe Haar.«

»Ach! Und ist sie hübsch?«

Der alte Jolyon war ein zu echter Forsyte, um irgendetwas frei zu loben, vor allem etwas, das er wirklich bewunderte.

»Sie sieht nicht schlecht aus – hat das übliche Forsyte-Kinn. Es wird hier einsam werden, wenn sie fort ist, Jo.«

Der Ausdruck seines Gesichts erschreckte den jungen Jolyon wieder wie der erste Anblick des Vaters.

»Was wirst du dann anfangen, Papa? Sie ist wohl ganz vernarrt in ihn?«

»Was ich anfangen werde?«, wiederholte der alte Jolyon mit ärgerlichem Ton in der Stimme. »Es wird ein elendes Leben sein, hier allein zu wohnen. Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Ich wünschte wahrhaftig –« Er hielt an sich und fügte hinzu: »Die Frage ist, was ich mit dem Hause anfangen soll?«

Der junge Jolyon sah sich um. Der Raum war eigentümlich groß und düster mit seinen riesigen Stillleben – schlafende Hunde mit der Nase auf Möhrenbündeln und daneben Zwiebeln und Weintrauben in überraschend friedlicher Eintracht – er erinnerte sich ihrer noch aus seiner Knabenzeit. Das Haus stand zwar zwecklos da, aber er konnte sich das Leben seines Vaters in einer kleineren Wohnung nicht vorstellen; und umso größer schien ihm die Ironie, die darin lag.

In seinem großen Sessel mit dem Lesepult saß der alte Jolyon mit seinem weißen Haar und der hochgewölbten Stirn, die Galionsfigur seiner Familie, seines Standes und seines Glaubens, ein Repräsentant der Mäßigung, Ordnung und Eigentumsliebe, einsam wie nur je ein alter Mann in London.

Er saß da in der düsteren Behaglichkeit des Raumes, ein Spielball in der Gewalt großer Mächte, die sich weder um Familie noch um Stand oder Glauben kümmerten, sondern maschinenmäßig und unerbittlich zu unerforschlichen Zielen führten. So sah es der junge Jolyon von seinem unpersönlichen Standpunkt aus.

Der arme alte Papa! Das also war das Ende, der Zweck, zu dem er mit so großartiger Mäßigkeit gelebt hatte! Um einsam zu bleiben, älter und älter zu werden, voller Sehnsucht nach einer Seele, mit der er reden konnte!

Der alte Jolyon wieder sah zu seinem Sohne hin. Er hätte so gern über viele Dinge gesprochen, über die er in all diesen Jahren nicht hatte sprechen können. Es war unmöglich gewesen, June im Ernst anzuvertrauen, dass das Grundstück im Soho-Viertel seiner Überzeugung nach im Werte steigen werde, dass ihn das furchtbar lange Stillschweigen Pippins, des Leiters der New Colliery Company, beunruhige, dessen Vorsitzender er so lange gewesen war, und dass er sich über das ständige Fallen der amerikanischen Golgotha-Papiere ärgere, oder gar mit ihr zu beraten, wie durch eine Bestimmung irgendwelcher Art die Zahlung von Erbschaftssteuern zu vermeiden wäre, die seinem Hinscheiden folgen mussten. Jedoch unter dem Einfluss von einer Tasse Tee, in der er ohne Ende rührte, fing er endlich an zu sprechen. Ein neuer Lebensausblick bot sich ihm, ein verheißenes Land des Sichaussprechens, wo er einen Hafen finden konnte vor den Wogen der Befürchtungen und der Reue; wo er seine Seele mit dem Opium des Plänemachens einlullen konnte, wie sein Eigentum abzurunden und das Einzige, was von ihm zurückbleiben sollte, unsterblich zu machen war.

Der junge Jolyon war ein guter Zuhörer; es war eine seiner besten Eigenschaften. Er hielt den Blick fest auf des Vaters Gesicht gerichtet und stellte zuweilen eine Frage an ihn.

Die Uhr schlug eins, ehe der alte Jolyon geendet hatte, und mit ihrem Schlag stellten sich seine Prinzipien wieder ein. Mit einem überraschten Blick zog er seine Uhr hervor:

»Ich muss zu Bett, Jo«, sagte er.

Dieser erhob sich und streckte die Hand aus, um seinem Vater aufzuhelfen. Das alte Gesicht sah wieder fahl und eingefallen aus, die Augen hielt er beständig abgewandt.

»Leb wohl, mein Junge, lass es dir gut gehen!«

Ein Augenblick verging, der junge Jolyon drehte sich auf seinem Absatz und verließ eilig den Raum. Er vermochte kaum zu sehen, die lächelnden Lippen zitterten. Niemals in den fünfzehn Jahren, seitdem er zuerst festgestellt hatte, dass das Leben nicht so einfach sei, war es ihm so außerordentlich kompliziert erschienen.

Drittes Kapitel

Dinner bei Swithin

In Swithins hellblauem und orangefarbenem Speisesaal, der nach dem Park hinaus lag, war der runde Tisch für zwölf Personen gedeckt.

Ein geschliffener Kristallkronleuchter mit angezündeten Kerzen hing wie ein riesiger Stalaktit mitten darüber und warf seine Strahlen auf große, in Gold gerahmte Spiegel, auf die Marmorplatten der Seitentische und schwere goldene Stühle mit gewirkten Sitzen. Alles verriet jenen Schönheitssinn, der so tief in jeder Familie wurzelt, die sich aus dem Herzen des einfachen Volks herauf ihren Weg in die Gesellschaft gebahnt hat. Swithin war alle Einfachheit wahrhaft zuwider, und seine Vorliebe für Goldzierat stempelte ihn unter seinesgleichen zu einem Manne von großem, wenn auch etwas luxuriösem Geschmack. Und in dem Bewusstsein, dass niemand diese Räume betreten konnte, ohne den wohlhabenden Mann in ihm zu erkennen, hatte er ein stabiles und andauerndes Glück gefunden, wie es ihm vielleicht nichts anderes im Leben gewährt hätte.

Seitdem er vom Immobilienmaklertum in den Ruhestand gegangen war, ein Beruf, der namentlich wegen der dabei vorkommenden Auktionen niedrig in seiner Achtung stand, hatte er sich völlig natürlich aristokratischen Neigungen hingegeben.

In dem vollkommenen Luxus seiner späteren Lebenstage lag er eingebettet wie eine Fliege im Zucker; und seine Seele, in der vom Morgen bis zum Abend sehr wenig vorging, war von zwei merkwürdig entgegengesetzten Regungen beherrscht, einer leisen und trotzigen Genugtuung darüber, seinen eigenen Weg und sein eigenes Vermögen gemacht zu haben, und der Empfindung, dass ein Mann von seinen Vorzügen seine Seele niemals mit Arbeit hätte besudeln dürfen.

In einer weißen Weste mit großen Knöpfen aus Gold und Onyx stand er am Büfett und sah zu, wie sein Diener die Hälse von drei Champagnerflaschen tiefer in die Eiskübel hineindrehte. Zwischen den Ecken seines Stehkragens, den er – obwohl jede Bewegung ihn schmerzte – um keinen Preis hätte ändern lassen, blieb das blasse Fleisch seines Doppelkinns unbeweglich. Seine Augen schweiften von Flasche zu Flasche. Er überlegte und kam zu folgenden Schlüssen: ›Jolyon trinkt ein Glas, vielleicht zwei, er ist ja so vorsichtig; James, der kann jetzt gar keinen Wein vertragen. Nicholas und Fanny würden sicherlich Wasser in sich hineinschütten! Soames zählt nicht mit, diese jungen Neffen‹ – Soames war achtunddreißig – ›können ja nicht trinken! Aber Bosinney?‹ Als er auf den Namen dieses Fremden kam, der etwas außerhalb des Bereiches seiner Philosophie lag, hielt Swithin inne. Eine Besorgnis erwachte in ihm! Man konnte es nicht wissen! June war nur ein Mädchen, und dazu noch verliebt! Emily (Mrs James) liebte ein gutes Glas Champagner. Für Juley, die gute alte Seele, war er viel zu trocken, sie hatte keine feine Zunge. Und Hatty Chessman! Der Gedanke an diese alte Freundin beschwor eine Wolke herauf, die den hellen Glanz seiner Augen verdunkelte: Es sollte ihn nicht wundern, wenn sie eine halbe Flasche trank!

Aber als er an seinen letzten Gast dachte – an Mrs Soames – stahl sich ein Ausdruck über sein altes Gesicht wie der einer Katze, die eben anfängt zu schnurren. Sie trank vielleicht nicht viel, aber sie wusste das zu schätzen, was sie trank, es war ein Vergnügen, ihr guten Wein vorzusetzen. Eine schöne Frau – und ihm so sympathisch!

Der Gedanke an sie war wie Champagner selbst! Ein Vergnügen, einer jungen Frau guten Wein vorzusetzen, die so gut aussah, die sich zu kleiden wusste, charmante Manieren und ein ganz vornehmes Wesen hatte – ein Vergnügen, sie zu bewirten. Er gestattete seinem Kopf zwischen den Ecken seines Kragens an diesem Abend die erste kleine, schmerzhafte Bewegung.

»Adolf«, sagte er, »setzen Sie noch eine Flasche hinein.«

Er selbst durfte eine ganze Menge trinken, denn dank Blights Verordnung fühlte er sich außerordentlich wohl, und er war so vorsichtig gewesen, nicht zu Mittag zu essen. Er hatte sich seit Wochen nicht so wohl gefühlt. Die Unterlippe vorschiebend, gab er seine letzten Anordnungen.

»Adolf, eine Spur von dem Westindischen, wenn der Schinken kommt.«

Er ging in den Vorraum und setzte sich mit gespreizten Knien auf den Rand eines Stuhles. Seine große, wohlbeleibte Gestalt fiel alsbald in eine erwartungsvolle, seltsame, urzeitliche Reglosigkeit zurück. Er war bereit, sich jeden Augenblick zu erheben. Seit Monaten hatte er keine Abendgesellschaft gegeben. Dieses Dinner zu Ehren von Junes Verlobung war ihm anfangs lästig und langweilig erschienen (die Forsytes hielten andächtig an dem Brauch fest, Verlobungen durch Gastmähler zu feiern), aber nachdem die Mühe, Einladungen zu versenden und das Essen zu bestellen, überstanden war, fühlte er sich angenehm angeregt.

Und wie er wohlbeleibt und glatt und prächtig, einer abgeplatteten Butterkugel ähnlich, mit der Uhr in der Hand dasaß, dachte er an nichts.

Ein langer Mensch mit Koteletten, der früher in Swithins Dienst gestanden hatte, jetzt aber Gemüsehändler war, kam herein und meldete:

»Mrs Chessman, Mrs Septimus Small!«

Zwei Damen traten ein. Die vordere, ganz in Rot gekleidet, hatte große Flecken von der gleichen Farbe auf den Wangen und einen harten, blitzenden Blick. Sie ging auf Swithin zu und streckte ihm die Hand in langem primelfarbenen Handschuh entgegen:

»Nun, Swithin«, sagte sie, »ich habe dich eine Ewigkeit nicht gesehen. Wie geht es dir? Aber, lieber Junge, wie füllig du wirst!«

Nur der starre Blick in Swithins Augen verriet Erregung. Ein stummer, knurrender Groll schwellte seine Brust. Es war ordinär, füllig zu sein, von Fülligkeit zu reden; er hatte eben eine breite Brust, nichts weiter. Er wandte sich zu seiner Schwester, ergriff ihre Hand und sagte in gebieterischem Ton:

»Nun, Juley!«

Mrs Septimus Small war die größte der vier Schwestern; ihr gutes, rundes altes Gesicht war ein wenig griesgrämig geworden; zahllose Schmollfältchen durchzogen es, als hätte es bis zu diesem Abend in einer eisernen Drahtmaske gesteckt, die, plötzlich entfernt, kleine Wülste rebellischen Fleisches über ihrem ganzen Antlitz zurückgelassen hatte. Selbst ihre Augen blickten schmollend. Auf diese Weise gab sie ihren beständigen Groll über den Verlust von Septimus Small zu erkennen.

Sie war bekannt dafür, immer das Falsche zu sagen, und beharrlich wie ihre ganze Sippe hielt sie am Gesagten fest, fügte noch etwas Falsches hinzu und so weiter. Seit dem Hinscheiden ihres Gatten hatte die Beharrlichkeit der Familie, die Familiensachlichkeit, keinen fruchtbaren Boden mehr bei ihr gefunden. Sie war sehr gesprächig; wenn sie Gelegenheit dazu fand, konnte sie ohne die geringste Aufmunterung stundenlang mit epischer Eintönigkeit von den zahllosen Anlässen erzählen, bei denen sie vom Schicksal missbraucht worden war, und merkte nie, dass ihre Zuhörer mit dem Schicksal übereinstimmten, denn sie hatte ein gutes Herz.

Da die gute Seele lange Zeit am Bette von Septimus Small (einem Manne von schwächlicher Konstitution) hatte verbringen müssen, war es ihr zur Gewohnheit geworden, und sie hatte später zahllose Gelegenheiten gehabt, bei Kranken, Kindern und anderen hilflosen Personen lange zu sitzen und sie zu zerstreuen, war aber nicht davon abzubringen, die Welt für die undankbarste Stätte zu halten, in der man leben konnte. Sonntag für Sonntag saß sie zu Füßen des außerordentlich geistreichen Predigers Thomas Scoles, der einen großen Einfluss auf sie ausübte; aber es gelang ihr, jedermann zu überzeugen, dass selbst dies ein Unglück sei. Sie war sprichwörtlich in der Familie geworden, und wenn man einen von ihnen besonders verstimmt sah, wurde er ›eine wahre Juley‹ genannt. Ihr Gemütszustand hätte jeden, der kein Forsyte war, mit vierzig Jahren ins Grab gebracht; aber sie war zweiundsiebzig und hatte nie besser ausgesehen. Und man fühlte, dass Genussfähigkeiten in ihr schlummerten, die noch zutage treten konnten. Sie besaß drei Kanarienvögel, den Kater Tommy und einen halben Papagei – die andere Hälfte gehörte ihrer Schwester Hester, und diese armen Geschöpfe (sie wurden von Timothy sorgfältig ferngehalten – er mochte keine Tiere) erkannten besser als die Menschen, dass sie für ihr Missgeschick nichts konnte, und hingen leidenschaftlich an ihr.

Sie erschien an diesem Abend in der düsteren Pracht ihres schwarzen Bombasinkleides mit dem malvenfarbenen Einsatz und dem schüchtern dreieckigen Ausschnitt, den ein schwarzes Samtband um den Ansatz ihres dünnen Halses abschloss. Schwarz und Malvenfarbe für eine Abendtoilette galt bei fast allen Forsytes für sehr vornehm.

Schmollend sagte sie zu Swithin:

»Ann hat nach dir gefragt. Du bist eine Ewigkeit nicht bei uns gewesen!«

Swithin steckte die Daumen in die Armlöcher seiner Weste und erwiderte:

»Ann wird sehr zittrig, sie sollte einen Arzt zu Rate ziehen!«

»Mr und Mrs Nicholas Forsyte!«

Die rechtwinkligen Brauen hochgezogen, kam Nicholas Forsyte lächelnd herein. Es war ihm im Laufe des Tages geglückt, einen Vorschlag zur Beschäftigung von Einheimischen aus Oberindien in den Goldminen von Ceylon zur Annahme zu bringen. Ein Lieblingsplan von ihm, der trotz großer Schwierigkeiten schließlich doch zur Ausführung gekommen war – er konnte wohl zufrieden sein. Es würde den Ertrag seiner Minen verdoppeln, und wie er oft mit Nachdruck hervorgehoben hatte, zeigte alle Erfahrung, dass Menschen sterben müssen. Ob sie nun im eigenen Lande an kläglicher Altersschwäche starben oder frühzeitig an der Feuchtigkeit auf dem Grunde einer Mine in der Fremde, war sicherlich von geringer Bedeutung, vorausgesetzt, dass die Veränderung ihrer Lebensweise dem Britischen Reiche einen Nutzen brachte.

Seine Fähigkeiten waren nicht zu verkennen. Er pflegte die eingeknickte Nase zu seinem Zuhörer emporzuheben und hinzuzufügen:

»Aus Mangel an ein paar Hundert dieser Kerle haben wir jahrelang keine Dividende zahlen können. Sehen Sie nur, wie die Aktien stehen, ich bekomme keine zehn Shilling dafür.«

Er war auch in Yarmouth gewesen und mit dem Gefühl zurückgekehrt, sein Leben wenigstens um zehn Jahre verlängert zu haben. Er ergriff Swithins Hand und rief in scherzhaftem Tone:

»Na, da wären wir ja wieder!«

Mrs Nicholas, eine verblühte Frau, lächelte hinter ihm ein Lächeln verschüchterter Munterkeit.

»Mr und Mrs James Forsyte! Mr und Mrs Soames Forsyte!«

Swithin schlug die Hacken zusammen, seine Haltung war bewundernswert wie immer.

»Na, James, na, Emily! Wie geht es dir, Soames? Guten Abend!«

Seine Hand umschloss Irenes, und seine Augen vergrößerten sich. Sie war eine schöne Frau – ein wenig zu blass, aber diese Figur, diese Augen, diese Zähne! Viel zu schade für diesen Kerl Soames!

Die Götter hatten Irene mit dunkelbraunen Augen und goldenem Haar beschenkt, jener seltsamen Kombination, die die Blicke der Männer reizt und das Zeichen eines schwachen Charakters sein soll. Und die volle weiche Blässe ihres Halses und der Schultern über einem goldfarbenen Gewand gaben ihrer Persönlichkeit eine verführerische Fremdartigkeit.

Soames stand hinter seiner Frau, die Augen auf ihren Hals geheftet. Die Zeiger auf Swithins Uhr, die er noch immer geöffnet in der Hand hielt, waren über die Acht hinausgerückt; es war eine halbe Stunde über seine Tischzeit – er hatte nicht zu Mittag gegessen –, und eine seltsame, unverhüllte Ungeduld wallte in ihm auf.

»Es ist nicht Jolyons Art, zu spät zu kommen!«, sagte er zu Irene, ohne seinen Ärger verbergen zu können. »Wahrscheinlich hält ihn June auf.«

»Verliebte kommen immer zu spät«, erwiderte sie.

Swithin starrte sie an; ein dunkles Orange färbte seine Wangen.

»Sie haben kein Recht dazu! Das ist so ein moderner Unsinn!«

Und hinter diesem Ausbruch schien die unartikulierte Gewaltsamkeit früherer Generationen zu murren und zu knurren.

»Wie findest du meinen neuen Stern, Onkel Swithin?«, fragte Irene sanft.

Zwischen den Spitzen ihres Kleides leuchtete im Dekolleté ein fünfzackiger Stern aus elf Diamanten.

Swithin betrachtete den Stern. Er verstand sich auf Steine; keine Frage hätte wirksamer gewählt sein können, seine Aufmerksamkeit abzulenken.

»Wer hat ihn dir geschenkt?«, fragte er.

»Soames.«

Nichts veränderte sich in ihrem Gesicht, aber Swithins Augen traten hervor, als wäre plötzlich eine Erleuchtung über ihn gekommen.

»Ich wage es zu sagen, du langweilst dich zu Hause«, sagte er. »Wann immer du Lust hast, zu mir zu Tisch zu kommen, will ich dir eine Flasche vom besten Wein in London vorsetzen.«

»Miss June Forsyte – Mr Jolyon Forsyte! … Mr Bo-swainey! …«

Swithin machte eine Bewegung mit dem Arm und sagte mit knurriger Stimme:

»Zu Tisch jetzt – zu Tisch!«

Er begleitete Irene unter dem Vorwand, dass er sie seit ihrer Brautzeit nicht bewirtet habe. June wurde von Bosinney geführt, der sich zwischen Irene und seine Braut zu setzen hatte. Auf der anderen Seite neben June saß James mit Mrs Nicholas, dann der alte Jolyon mit Mrs James, Nicholas mit Hatty Chessman und Soames mit Mrs Small, die den Kreis schloss, wieder neben Swithin.

Bei Familientafeln der Forsytes wurden gewisse Traditionen beachtet. Es gab zum Beispiel keine Horsd’œuvres. Der Grund hierfür ist unbekannt. Nach Anschauung der jüngeren Generation war es auf den unerhörten Preis der Austern zurückzuführen; wahrscheinlicher ist der Wunsch schuld daran, zur Hauptsache zu kommen, und der gute praktische Sinn, nach dem Horsd’œuvres nichts als Notbehelf sind. Nur bei James, wo man einem in Park Lane fast allgemeinen Brauch nicht widerstehen konnte, wich man zuweilen davon ab.

Eine schweigende, fast verdrießliche Unaufmerksamkeit gegeneinander folgte dem Einnehmen der Plätze und währte beinah über den ersten Gang hinaus, wenn auch einzelne Bemerkungen fielen, wie: »Tom geht’s wieder schlecht, ich weiß nicht, was ihm fehlt!« – »Ann kommt morgens wohl gar nicht mehr herunter?« – »Wie heißt euer Arzt, Fanny? Stubbs? Er ist ein Quacksalber!« – »Winifred? Sie hat zu viele Kinder. Vier, nicht wahr? Sie ist dünn wie eine Latte!« – »Was zahlst du für diesen Sherry, Swithin? Mir zu trocken!«

Beim zweiten Glas Champagner vernahm man ein Gemurmel, das von gelegentlichen Nebengeräuschen befreit und in seine ursprünglichen Bestandteile zerlegt als James’ Erzählen einer Geschichte zu erkennen war, und da dies längere Zeit in Anspruch nahm, beeinträchtigte es zeitweise sogar den Genuss des allgemein als Höhepunkt eines Forsyte’schen Gastmahls angesehenen ›Hammelrückens‹.

Kein Forsyte gab je ein Dinner, ohne für einen Hammelrücken zu sorgen. In seiner saftigen Solidität liegt etwas, das Leuten von ›einer gewissen Position‹ zusagt. Er ist nahrhaft und schmackhaft, etwas, an dessen Verspeisung man sich erinnert. Er hat eine Vergangenheit und eine Zukunft, wie eine Geldanlage; und es lässt sich darüber disputieren.

Jeder Zweig der Familie hielt beharrlich an einer bestimmten Bezugsquelle fest – der alte Jolyon schwor auf Dartmoor, James auf Wales, Swithin auf Southdown, und Nicholas behauptete, wenn auch die Leute die Nase rümpften, dass nichts mit Neuseeland zu vergleichen sei. Aber Roger, das ›Original‹ unter den Brüdern, sah sich genötigt, eine Quelle für sich allein zu finden, und mit einem Scharfsinn, wie er eines Mannes würdig war, dem es gelungen war, einen neuen Beruf für seine Söhne zu ersinnen, hatte er einen Laden entdeckt, wo deutsches Hammelfleisch zu haben war. Als Einwendungen gemacht wurden, hatte er seine Behauptung durch Vorzeigen einer Metzgerrechnung bestätigt, aus der zu ersehen war, dass er mehr bezahlte als jeder der anderen. Bei dieser Gelegenheit hatte der alte Jolyon in einer seiner philosophischen Anwandlungen zu June gesagt:

»Die Forsytes sind ein verschrobener Haufen, darauf kannst du dich verlassen – du wirst schon noch dahinterkommen, wenn du älter wirst!«

Nur Timothy machte eine Ausnahme, denn obwohl er Hammelrücken sehr gern aß, fürchtete er sich doch davor, wie er sagte.

Für jeden, der ein psychologisches Interesse an den Forsytes hat, ist dieser Hang zum Hammelrücken von größter Bedeutung. Er illustriert nicht nur ihre Beharrlichkeit im Allgemeinen und als Individuen, sondern ist ein Zeichen dafür, dass sie mit Leib und Seele jener großen Klasse angehören, die an Nahrhaftigkeit und Geschmack glaubt und keinem sentimentalen Verlangen nach Schönheit nachgibt.

Die jüngeren Familienmitglieder hätten wohl gern ganz auf einen Braten verzichtet und Perlhuhn oder Hummersalat vorgezogen – etwas, das auf die Phantasie wirkte und weniger nahrhaft war –, aber das waren Frauen, oder wenn nicht das, doch von ihren Frauen oder Müttern verdorben, die ihr ganzes Eheleben hindurch gezwungen waren, Hammelrücken zu essen, und ihren Söhnen eine geheime Feindseligkeit dagegen eingeimpft hatten.

Nach Erledigung der großen Hammelrückenfrage kam ein Tewkesbury-Schinken mit einem Tropfen des Westindischen an die Reihe – Swithin hielt sich bei diesem Gang so lange auf, dass er eine Stockung im Fortgang des Dinners verursachte. Um sich ihm von ganzem Herzen widmen zu können, unterbrach er seine Unterhaltung.

Von seinem Platz neben Mrs Small stellte Soames seine Beobachtungen an. Er hatte seine eigenen, mit einem Lieblingsbauplan in Verbindung stehenden Gründe, Bosinney zu beobachten. Der Architekt konnte seinen Zwecken dienlich sein, er sah klug aus, wie er da zurückgelehnt in seinem Stuhl saß und nachdenklich kleine Wälle von Brotkrumen machte. Soames bemerkte, dass seine Kleidung einen guten Schnitt hatte, aber zu eng war, als wäre sie vor Jahren angefertigt.

Er sah, wie sich Bosinney Irene zuwandte und etwas sagte und ihr Gesicht strahlte, wie er es anderen Leuten gegenüber oft strahlen sah – aber niemals ihm gegenüber. Er versuchte aufzufangen, was sie sagten, aber Tante Juley unterhielt sich gerade mit ihm.

Sei es ihm nicht auch immer ganz merkwürdig vorgekommen? Erst am letzten Sonntag wieder wäre der liebe Pastor Scoles so geistreich in seiner Predigt, so sarkastisch gewesen. »Denn«, hätte er gesagt, »was nützt es, sein Seelenheil zu gewinnen, wenn man all sein Eigentum dabei verliert?« Das sei der Leitspruch der Mittelklasse; aber was habe er nur damit gemeint? Es könnte ja natürlich sein, dass die Mittelklasse so denke – sie wisse es nicht; was sei seine Ansicht darüber?

Er antwortete zerstreut: »Wie kann ich das wissen? Scoles ist ein Schwätzer, nicht?« Denn Bosinney sah sich am Tisch um, als mache er auf die Eigenheiten der Gäste aufmerksam, und Soames hätte gern gewusst, was er sagte. Ihrem Lächeln nach stimmte Irene seinen Bemerkungen offenbar zu. Sie schien mit anderen Leuten immer übereinzustimmen.

Ihre Augen waren auf ihn selbst gerichtet; Soames senkte sofort seinen Blick. Das Lächeln auf ihren Lippen war erloschen.

Ein Schwätzer? Was wolle er damit sagen? Wenn Mr Scoles ein Schwätzer wäre, er, ein Pastor – dann könnte ja jeder – es wäre schrecklich!

»Jawohl – und so sind sie!«, sagte Soames.

Während Tante Juleys momentanem entsetzten Schweigen fing er einige Worte Irenes auf, die klangen wie: »Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!«

Aber Swithin war nun mit seinem Schinken fertig.

»Wo kaufst du deine Champignons?«, fragte er Irene mit der Stimme eines Verehrers. »Du solltest zu Snileybob gehen – da bekommst du sie frisch. Diese kleinen Leute geben sich nicht die Mühe!«

Irene wandte sich um, ihm zu antworten, und Soames sah, wie Bosinney sie lächelnd beobachtete. Ein sonderbares Lächeln hatte der Kerl; halb einfältig wie ein Kind, das lächelt, wenn es sich freut. An Georges Spitznamen – ›der Bukanier‹ – dachte er gar nicht mehr. Und als er sah, wie Bosinney sich zu June wandte, lächelte Soames ebenfalls, aber spöttisch – er mochte June nicht, die nicht sehr zufrieden aussah.

Kein Wunder übrigens, denn sie hatte eben folgende Unterhaltung mit James gehabt:

»Auf meinem Rückweg sah ich vom Fluss aus ein schönes Grundstück für ein Haus, Onkel James.«

James, ein langsamer und gründlicher Esser, hielt im Kauen inne.

»Wie?«, sagte er. »Na, wo war das denn?«

»Dicht bei Pangbourne.«

James nahm einen Bissen Schinken in den Mund, und June wartete.

»Du weißt doch wohl nicht, ob das Land dort herum verkäuflich ist?«, fragte er schließlich. »Du wirst doch nichts über den Preis der Grundstücke da draußen wissen?«

»Doch«, sagte June. »Ich habe mich erkundigt.« Ihr resolutes Gesichtchen unter der Kupferkrone glühte in verdächtigem Eifer.

James musterte sie mit der Miene eines Inquisitors.

»Wie? Du denkst doch nicht etwa daran, Land zu kaufen?«, stieß er aus und ließ die Gabel sinken.

June ermutigte sein Interesse sehr. Es war lange ihr Lieblingsplan gewesen, dass ihre Onkel zu ihrem eigenen und Bosinneys Nutzen von diesem Landhäuser bauen lassen sollten.

»Natürlich nicht«, sagte sie. »Ich dachte nur, es wäre ein so prächtiger Platz für – dich oder – sonst jemand, um dort ein Landhaus zu bauen!«

James sah sie von der Seite an und nahm einen zweiten Bissen von dem Schinken.

»Das Land muss dort herum sehr teuer sein«, sagte er.

Was June für persönliches Interesse gehalten hatte, war nur die unpersönliche Erregung jedes Forsyte, der hörte, dass etwas Vorteilhaftes in andere Hände überzugehen droht. Aber sie wollte das Schwinden ihrer Chance nicht sehen und fuhr fort, ihr Ziel zu verfolgen.

»Du solltest aufs Land ziehen, Onkel James. Ich wünschte, ich hätte einen Haufen Geld, dann bliebe ich keinen Tag länger in London.«

James war bis ins Innerste seiner langen, dürren Gestalt empört. Er hatte keine Ahnung davon, dass seine Nichte so verwegene Ansichten hegte.

»Warum ziehst du nicht aufs Land?«, wiederholte June. »Es wäre ein wahres Glück für dich!«

»Na!«, begann James nervös. »Land kaufen – was glaubst du, hätt’ ich vom Landkaufen, und Häuserbauen? – Ich bekäme keine vier Prozent für mein Geld!«

»Was schadet das? Du hättest frische Luft.«

»Frische Luft!«, rief James aus. »Was soll ich mit frischer Luft –«

»Ich dachte, jeder liebt es, frische Luft zu haben«, sagte June verächtlich.

James wischte sich mit der Serviette über den Mund.

»Du kennst den Wert des Geldes nicht«, sagte er und wich ihrem Blicke aus.

»Nein! Und das werde ich hoffentlich nie!« Die arme June biss sich in unsagbarer Entrüstung auf die Lippen und schwieg.

Warum waren ihre eigenen Verwandten so reich, und Phil wusste nie, wo er am nächsten Tag das Geld für den Tabak hernehmen sollte. Warum konnten sie nicht etwas für ihn tun? Aber sie waren so selbstsüchtig. Warum konnten sie keine Landhäuser bauen? Sie hatte noch jenen festen naiven Glauben, der so rührend ist und zuweilen so Großes vollbringt. Bosinney, dem sie sich in ihrer Niedergeschlagenheit zuwandte, unterhielt sich mit Irene, und ein Frösteln erfasste Junes Seele. Ihre Augen wurden starr vor Zorn, wie die des alten Jolyon, wenn man sich ihm widersetzte.

Auch James war ganz verstört. Ihm war, als habe jemand ihm das Recht genommen, sein Geld zu fünf Prozent anzulegen. Jolyon hatte sie verzogen. Von seinen Töchtern hätte keine so etwas gesagt. James war gegen seine Kinder immer sehr freigebig gewesen, und das Bewusstsein davon ließ es ihn noch tiefer fühlen. Er stocherte verdrießlich in seinen Erdbeeren, dann überschwemmte er sie mit Sahne und verzehrte sie rasch; sie wenigstens sollten ihm nicht entgehen.

Kein Wunder, dass er außer sich war. Seit vierundfünfzig Jahren (er war so früh, wie das Gesetz dies erlaubte, als Anwalt zugelassen worden) hatte er Hypotheken zu vereinbaren, Kapitalanlagen zu hohen und sicheren Zinsen zu schützen, Verhandlungen nach dem Grundsatz zu leiten, aus anderen Leuten so viel wie möglich herauszuholen, sofern es mit der Sicherheit seiner Mandanten und seiner eigenen vereinbar war, und die genauen pekuniären Möglichkeiten in allen Lebenslagen berechnend, war er schließlich dazu gekommen, nur noch in Geldbegriffen zu denken. Geld war jetzt sein Licht, sein Mittel zu sehen, ohne das er tatsächlich unfähig war zu sehen, wirklich nichts zu erkennen vermochte; und dass man ihm ins Gesicht sagen konnte: ›Hoffentlich werde ich nie den Wert des Geldes kennenlernen!‹, betrübte und empörte ihn. Er wusste, dass es Unsinn war, sonst hätte es ihn erschreckt. Wohin sollte es noch kommen mit der Welt! Aber plötzlich fiel ihm die Geschichte des jungen Jolyon ein, und das tröstete ihn ein wenig, was konnte man schließlich mit einem solchen Vater erwarten! Seine Gedanken wurden dadurch auf eine noch unerfreulichere Bahn geleitet. Was bedeutete denn all dies Gerede über Soames und Irene?

Wie in allen Familien, die etwas auf sich halten, hatte man einen Stapelplatz eingerichtet, an dem die Familiengeheimnisse ausgetauscht und der Familienschatz bewertet wurde. Es war an der Forsyte-Börse bekannt, dass Irene ihre Heirat bereute. Aber ihre Reue wurde missbilligt. Sie hätte es sich vorher überlegen sollen; keine zuverlässige Frau täuscht sich in solchen Dingen.

James sagte sich verstimmt, dass sie doch ein hübsches, wenn auch ziemlich kleines Haus in ausgezeichneter Lage hatten, keine Kinder und keine Geldsorgen. Soames war in Bezug auf seine Angelegenheiten sehr zurückhaltend, aber er musste doch allmählich ein sehr wohlhabender Mann werden. Er hatte ein vorzügliches Einkommen aus dem Geschäft – denn Soames war wie sein Vater Teilhaber der wohlbekannten Anwaltsfirma Forsyte, Bustard and Forsyte – und war immer sehr vorsichtig gewesen. Er hatte einen ganz ungewöhnlich guten Erfolg mit einigen Hypotheken gehabt, die er aufgenommen hatte – dazu eine kleine rechtzeitige Pfändung – höchst glückliche Treffer!

Es gab keinen Grund für Irene, nicht glücklich zu sein, und doch hieß es, sie habe getrennte Zimmer verlangt. Er wusste, worauf das hinauslief. Wenn Soames noch ein Trinker gewesen wäre!

James sah zu seiner Schwiegertochter hinüber. Sein unbemerkter Blick war kalt und unsicher. Es lagen Furcht und Anklage darin und ein Gefühl persönlichen Kummers. Warum blieb ihm dieser Ärger nicht erspart? Wahrscheinlich war alles Unsinn. Frauen sind eben komische Geschöpfe! Sie übertreiben so, man weiß nie, was man ihnen glauben soll; und dann sagte ihm keiner was, er musste alles allein herausfinden. Wieder blickte er verstohlen zu Irene hin und von ihr hinüber zu Soames. Dieser hörte Tante Juley zu und warf dabei unter seinen Brauen einen Blick auf Bosinney.

›Er liebt sie, das weiß ich‹, dachte James. ›Man sieht es an der Art, wie er sie immer beschenkt.‹

Und das außerordentlich Unbillige ihrer Abneigung traf ihn mit erhöhter Gewalt. Wirklich schade, sie war ein liebes kleines Ding, und er, James, hätte sie wirklich gern gehabt, wenn sie es nur erlaubt hätte. Seit kurzem war sie sehr vertraut mit June; das war nicht gut für sie, das war ganz gewiss nicht gut für sie. Sie fing an, eigene Ansichten zu haben. Was wollte sie denn eigentlich damit. Sie hatte ein schönes Heim und alles, was sie nur wünschen konnte. Man müsste ihre Freunde für sie wählen. Es weiter gehen zu lassen wie bisher wäre gefährlich.

Gewohnt, Unglückliche unter ihren Schutz zu nehmen, hatte June Irene tatsächlich ein Geständnis abgelockt und ihrerseits dann die Notwendigkeit gepredigt, dem Übel, selbst durch eine Trennung, wenn es sein musste, Trotz zu bieten. Aber Irene hatte diesen Ratschlägen gegenüber nachdenklich geschwiegen, als fände sie den Gedanken fürchterlich, mit kaltem Blut einen solchen Kampf durchzuführen. Er würde sie nie gehen lassen, hatte sie zu June gesagt.

»Was macht das?«, rief June. »Lass ihn tun, was er mag – wenn du nur daran festhältst!« Und sie hatte keine Bedenken gehabt, bei Timothy einige Andeutungen darüber zu machen. Als James davon hörte, war er natürlich entrüstet und erschrocken.

Wenn Irene es sich nun wirklich in den Kopf setzte, Soames – er konnte den Gedanken kaum zu Ende denken – zu verlassen? Aber dieser Gedanke schien ihm so unerträglich, dass er ihn schnell von sich schob. Was für dunkle Visionen er heraufbeschwor, dies Familiengetuschel, das ihm im Ohre summte, dies Entsetzen, dass so etwas in seiner Nähe, bei einem seiner Kinder geschehen konnte! Glücklicherweise hatte sie kein Geld – elende fünfzig Pfund im Jahre! Und er dachte mit Verachtung an den verstorbenen Heron, der ihr nichts hatte hinterlassen können. Über seinem Glase brütend, die langen Beine unterm Tisch übereinandergeschlagen, versäumte er aufzustehen, als die Damen den Raum verließen. Er musste mit Soames sprechen – musste ihn warnen; so konnte es nicht weitergehen, nachdem eine solche Möglichkeit vor ihm aufgetaucht war. Und er bemerkte verstimmt und unwillig, dass June ihr gefülltes Weinglas hatte stehen lassen.

›Das kleine Ding ist an allem schuld‹, dachte er. ›Irene wäre von selbst nie darauf gekommen.‹ James hatte Phantasie.

Swithins Stimme erweckte ihn aus seiner Grübelei.

»Ich gab vierhundert Pfund dafür«, sagte er. »Es ist aber auch ein wirkliches Kunstwerk.«

»Vierhundert! Hm! Ein Haufen Geld!«, stimmte Nicholas ein.

Der Gegenstand, um den es sich handelte, war eine sorgfältig gearbeitete Gruppe aus italienischem Marmor, die auf einem hohen Sockel (ebenfalls aus Marmor) stand und eine Atmosphäre von Kultur im ganzen Raum verbreitete. Die Nebenfiguren, es waren deren sechs, weiblich und nackt, von höchst zierlicher Arbeit, wiesen alle auf die Mittelfigur hin, die ebenfalls weiblich und nackt war und auf sich selbst wies; und all dies gab dem Beschauer eine lebhafte Empfindung ihres hohen Wertes. Tante Juley, die ihr gerade gegenübergesessen hatte, hatte es den ganzen Abend die größte Schwierigkeit bereitet, sie nicht anzusehen.

»Vierhundert – Humbug! Du wirst mir doch nicht weißmachen, dass du dafür vierhundert Pfund ausgegeben hast?«, sagte der alte Jolyon jetzt, der die ganze Diskussion angefangen hatte.

Zwischen den Ecken seines Kragens machte Swithins Kinn die zweite schmerzhafte Bewegung an diesem Abend. »Vier-hundert Pfund guten englischen Geldes, keinen Farthing14 weniger. Es reut mich nicht. Es ist keine gewöhnliche englische Arbeit – sondern echt moderne italienische!«

Soames’ Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln, und er sah zu Bosinney hinüber. Der Architekt grinste hinter den Dampfwolken seiner Zigarette. Jetzt allerdings sah er wirklich eher wie ein Bukanier aus.

»Es steckt eine Menge Arbeit darin«, bemerkte James eifrig, denn die Größe der Gruppe machte sichtlich Eindruck auf ihn. »Man bekäme bei Jobson sicher einen guten Preis dafür.«

»Der arme fremde Dei-bel, der das gemacht hat«, fuhr Swithin fort, »er forderte fünfhundert – ich gab ihm vier. Wert ist es acht. Sah halb verhungert aus, der arme Dei-bel!«

»Ach ja!«, stimmte Nicholas plötzlich ein, »arme schäbige Gesellen, diese Künstler. Es ist mir ein Rätsel, wie sie leben. Da ist zum Beispiel dieser junge Flageoletti, den Fanny und die Mädchen immer kommen lassen, um Geige zu spielen; wenn’s hochkommt, verdient er hundert Pfund im Jahr!«

James schüttelte den Kopf. »Ja«, sagte er, »ich weiß nicht, wie sie leben!«

Der alte Jolyon hatte sich erhoben und sah sich, mit der Zigarre im Munde, die Gruppe aus nächster Nähe an.

»Ich hätte keine zweihundert dafür gegeben!«, sagte er schließlich.

Soames sah seinen Vater und Nicholas einen besorgten Blick wechseln, und auf der anderen Seite, neben Swithin, saß Bosinney immer noch in Rauch gehüllt.

›Ich möchte wissen, was er davon hält?‹, dachte Soames, der wohl wusste, dass diese Gruppe hoffnungslos vieux jeu war, hoffnungslos der vorigen Generation angehörte. Derlei Kunstwerke gingen bei Jobson nicht mehr.

Endlich kam Swithins Antwort. »Du hast nie was von Skulpturen verstanden; du hast deine Bilder, und das war’s!«

Der alte Jolyon ging an seinen Platz zurück und paffte an seiner Zigarre. Es fiel ihm nicht ein, sich mit einem so eigensinnigen Starrkopf wie Swithin auf einen Streit einzulassen, der störrisch wie ein Maulesel war und eine Statue von einem Strohhut nicht unterscheiden konnte.

»Stuck!«, war alles, was er sagte.

Es war seit langem eine physische Unmöglichkeit für Swithin, aufzuspringen; er schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Stuck! Ich möchte in deinem Hause mal etwas sehen, das nur halb so gut wäre!«

Und hinter seinen Worten schien abermals jene leidenschaftliche Gewaltsamkeit früherer Generationen hervorzutönen.

Es gelang James, die Situation zu retten.

»Und was sagen denn Sie dazu, Mr Bosinney? Sie sind Architekt, Sie müssen über Statuen und dergleichen doch Bescheid wissen!«

Alle Augen waren auf Bosinney gerichtet; jeder wartete mit seltsam misstrauischem Blick auf seine Antwort.

Und Soames, der zum ersten Mal das Wort ergriff, fragte:

»Ja, Bosinney, was meinen Sie?«

Bosinney erwiderte gelassen:

»Es ist eine bemerkenswerte Arbeit.«

Seine Worte waren an Swithin gerichtet, seine Augen lächelten verschmitzt dem alten Jolyon zu; nur Soames war unzufrieden.

»Bemerkenswert, weswegen?«

»Wegen ihrer Naivität.«

Der Antwort folgte ein eindrucksvolles Schweigen. Nur Swithin war nicht sicher, ob ein Kompliment beabsichtigt war.

Viertes Kapitel

Bauprojekte für das Haus

Drei Tage nach der Abendgesellschaft bei Swithin trat Soames Forsyte durch seine grüngestrichene Haustür, und als er von der anderen Seite des Squares zurückblickte, verfestigte sich der Eindruck, dass das Haus eines neuen Anstrichs bedurfte.

Er hatte seine Frau, mit gekreuzten Händen im Schoß, auf dem Sofa im Salon sitzend verlassen; sie hatte augenscheinlich auf sein Fortgehen gewartet. Das war nichts Ungewöhnliches. Es geschah eigentlich jeden Tag.

Er begriff nicht, was sie an ihm auszusetzen hatte. Wenn er noch ein Trinker gewesen wäre! Stürzte er sich in Schulden, spielte oder fluchte er, war er gewalttätig oder hatte er leichtsinnige Freunde? Blieb er die Nächte fort? Im Gegenteil.

Die tiefe, unterdrückte Abneigung, die er seiner Frau anmerkte, war ihm ein Mysterium und eine Quelle der furchtbarsten Aufregung. Dass sie sich getäuscht hatte und ihn nicht liebte, dass sie versucht hatte, ihn zu lieben, und es nicht vermochte, war doch kein Grund.

Wer eine so fernliegende Ursache dafür suchte, dass seine Frau nicht gut mit ihm stand, war sicherlich kein Forsyte.

Soames war darum geneigt, Irene allein alle Schuld zuzuschreiben. Er war nie einer Frau begegnet, die eine so allgemeine Bewunderung erregte. Überall, wo er sich mit ihr zeigte, sah er, welche Anziehungskraft sie auf die Männer ausübte; ihre Blicke, ihre Mienen und Stimmen verrieten es. Irenes Benehmen war bei diesem Aufsehen über jeden Tadel erhaben. Dass sie eine jener Frauen war – sie sind nicht häufig unter den Angelsächsischen –, die zum Lieben und Geliebtwerden geboren sind und ohne Liebe nicht leben können, war ihm mit Sicherheit nie in den Sinn gekommen. Ihre Anziehungskraft sah er als einen Teil ihres Wertes als sein Eigentum an; aber sie erweckte auch die Vermutung in ihm, dass sie ebenso geben könne wie nehmen; und ihm gab sie nichts! ›Warum hat sie mich dann geheiratet?‹, fragte er sich beständig. Er hatte vergessen, wie er um sie geworben hatte; hatte jene anderthalb Jahre vergessen, wo er sie belagert und ihr nachgestellt hatte, wo er Pläne zu ihrem Vergnügen geschmiedet, ihr Geschenke gebracht, immer wieder seinen Antrag wiederholt und durch seine beständige Anwesenheit ihre übrigen Verehrer verscheucht hatte. Er hatte jenen Tag vergessen, an dem er geschickt einen heftigen Ausbruch ihres Widerwillens gegen ihre häusliche Umgebung ausgenutzt hatte und seine Bemühungen von Erfolg gekrönt sah. Wenn noch etwas in seiner Erinnerung haftete, so war es die schnöde Launenhaftigkeit, mit der das goldhaarige, dunkeläugige Mädchen ihn behandelt hatte. Sicherlich erinnerte er sich nicht des Ausdrucks in ihrem Gesicht – seltsam, passiv, reizend –, als sie sich eines Tages plötzlich ergab und sagte, dass sie ihn heiraten werde.

Es war ein Werben voll inniger Hingebung gewesen, wie es in Büchern und von den Menschen gepriesen wird, wo der Liebende nach langem geduldigem Harren schließlich belohnt wird und mit den Hochzeitsglocken ein ewiges Glück beginnt.

Soames ging, beharrlich auf der Schattenseite der Straße hinschleichend, dem Osten zu.

Das Haus musste neu gestrichen werden, wenn er sich nicht entschloss, aufs Land zu ziehen und zu bauen.

Zum hundertsten Mal in diesem Monat überdachte er diesen Plan. Sich zu überstürzen hatte keinen Zweck! Er lebte in sehr behaglichen Verhältnissen, mit seinem wachsenden Einkommen, das fast dreitausend Pfund im Jahr betrug; aber sein angelegtes Vermögen war vielleicht nicht so groß, wie sein Vater glaubte – James neigte zu der Annahme, dass es seinen Kindern besser ging, als es der Fall war. ›Achttausend kann ich leicht aufbringen‹, dachte er, ›ohne Robertson oder Nicholl in Anspruch zu nehmen.‹

Er war stehen geblieben, um sich einen Bilderladen anzusehen, denn Soames war ein ›Liebhaber‹ von Bildern und hatte in Montpellier Square Nummer 62 einen kleinen Raum, wo an der Wand aufgestapelt eine Menge Gemälde standen, die aufzuhängen er keinen Platz hatte. Er brachte sie, gewöhnlich in der Dämmerung, auf seinem Wege aus der City mit nach Hause und pflegte sich an Sonntagnachmittagen in diesem Raum aufzuhalten, wo er Stunden damit zubrachte, die Bilder gegen das Licht zu wenden, die Zeichen auf ihrer Rückseite zu prüfen und sich gelegentlich Notizen zu machen.

Es waren fast nur Landschaften mit Figuren im Vordergrund, ein Zeichen geheimer Auflehnung gegen London, gegen die großen Häuser, die endlosen Straßen, wo sein Leben und das Leben der Seinen und seiner Klasse sich abspielte. Von Zeit zu Zeit nahm er dann ein oder zwei Bilder in einer Droschke mit und hielt auf dem Wege in die City bei Jobson an.

Er zeigte sie selten jemandem. Irene, auf deren Urteil er im Geheimen viel gab und es vielleicht darum nie forderte, kam nur bei seltenen Gelegenheiten in diesen Raum, um irgendeine Hausfrauenpflicht zu erledigen. Er forderte sie nicht auf, die Bilder anzusehen, und sie tat es auch niemals. Das war für Soames ein anderer Kummer. Er hasste ihren Stolz und fürchtete ihn heimlich.

Aus der Spiegelscheibe des Bilderladens schaute ihn sein eigenes Bild an.

Sein schlichtes Haar unter der Krempe des Zylinders glänzte ähnlich wie dieser. Seine blassen schmalen Wangen, die Linie seiner glattrasierten Lippen, das feste Kinn mit dem grauen Schimmer, der den Bartwuchs andeutete, und die zugeknöpfte Straffheit seines schwarzen Schoßrockes machten einen Eindruck von Zurückhaltung und Verschwiegenheit, von unerschütterlicher, sicherer Gelassenheit; aber seine kalten grauen Augen mit dem gespannten Blick und der Falte zwischen den Brauen musterten ihn nachdenklich, als wüssten sie von einer geheimen Schwäche.

Er sah nach dem Gegenstand der Bilder, dem Namen der Maler und berechnete ihren Wert, aber ohne die Befriedigung, die ihm dieses innerliche Taxieren sonst gewährte, und ging weiter.

Nummer 62 würde für ein weiteres Jahr völlig ausreichen, wenn er sich entschloss zu bauen! Die Zeiten waren günstig zum Bauen, Geld war seit Jahren nicht so hoch im Kurs gewesen; und das Grundstück, das er bei Robin Hill gesehen hatte, als er im Frühjahr hingefahren war, um Nicholls Hypotheken zu prüfen – wo konnte er ein besseres finden! Zwölf Meilen von Hyde Park Corner entfernt, würde der Wert des Landes sicher steigen und immer mehr einbringen, als er dafür zahlte, so dass ein wirklich in gutem Stil gebautes Haus eine erstklassige Kapitalanlage war.

Das Bewusstsein, der Einzige in der Familie zu sein, der ein Landhaus besaß, kam bei ihm kaum in Betracht, denn für einen echten Forsyte waren Gefühle, selbst das Gefühl der gesellschaftlichen Stellung, ein Luxus, den man sich erst gestatten durfte, nachdem das Verlangen nach mehr materiellen Freuden gestillt war.

Irene aus London fortbringen, ihr die Möglichkeit nehmen, auszugehen und Leute zu sehen, sie von ihren Freunden trennen und von allen, die ihr den Kopf verdrehten! Das war’s! Sie war zu eng befreundet mit June! June konnte ihn nicht leiden. Er erwiderte dies Gefühl. Sie waren von gleichem Blut.

Alles wäre gewonnen, wenn er Irene aus der Stadt herausbekommen konnte. Das Haus würde ihr gefallen, und es machte ihr vielleicht Spaß, sich an der Ausschmückung zu beteiligen, sie hatte sehr künstlerische Anlagen!

Das Haus musste in gutem Stil gebaut sein, so dass immer ein guter Preis zu erzielen war, es musste etwas Eigenartiges sein, wie das letzte Haus von Parker, das einen Turm hatte. Aber Parker hatte ihm selbst gesagt, sein Baumeister habe ihn ruiniert. Man wisse nie, woran man mit diesen Leuten sei. Hatten sie einen Namen, so veranlassten sie einen zu Ausgaben ohne Ende und waren noch dünkelhaft obendrein.

Und einen gewöhnlichen Architekten zu wählen hatte keinen Sinn – der Gedanke an Parkers Turm schloss die Verwendung eines gewöhnlichen Architekten aus.

Darum hatte er an Bosinney gedacht. Nach der Gesellschaft bei Swithin hatte er Erkundigungen eingezogen, deren Resultat dürftig, aber ermutigend war:

»Einer von der neuen Richtung.«

»Tüchtig?«

»Das wohl – aber ein bisschen – ein bisschen hoch hinaus!«

Es war ihm nicht gelungen, ausfindig zu machen, was für Häuser Bosinney gebaut hatte und wie seine Preise waren. Er hatte den Eindruck gewonnen, als würde er selber die Bedingungen stellen können. Je mehr er über die Idee nachdachte, desto besser gefiel sie ihm. Damit würde die Sache in der Familie bleiben, der Gedanke kam den Forsytes förmlich wie ein Instinkt; und er würde es wohl zu Vorzugspreisen, wenn nicht gar unter den billigsten Bedingungen erhalten – das war auch ganz in Ordnung so, wenn man bedachte, dass Bosinney Gelegenheit gegeben wäre, seine Talente zu entfalten, denn das Haus durfte kein gewöhnliches Bauwerk sein.

Soames freute sich bei dem Gedanken an die Aufträge, die es dem jungen Manne sicher einbringen würde; denn wie jeder Forsyte konnte er durch und durch Optimist sein, wenn es irgendetwas zu gewinnen gab.

Bosinneys Büro befand sich ganz in der Nähe, in der Sloane Street, so dass er die Pläne beständig würde überwachen können.

Übrigens würde Irene wohl auch nichts dagegen haben, London zu verlassen, wenn der Verlobte ihrer besten Freundin die Sache bekäme. Junes Heirat hing vielleicht davon ab. Irene konnte anstandshalber dieser Heirat nicht im Wege stehen; das würde sie niemals tun, dazu kannte er sie zu gut. Und June würde sich freuen, darin sah er auch einen Vorteil.

Bosinney sah gescheit aus, aber er machte auch den Eindruck – und das war einer seiner größten Vorzüge –, als wäre er nicht recht auf seinen Vorteil bedacht; in Geldsachen war es gewiss leicht, mit ihm fertig zu werden. Soames hatte bei diesen Betrachtungen keinen Betrug im Sinne; es war eine ganz natürliche Anschauungsweise bei ihm – die Anschauungsweise jedes guten Geschäftsmannes – all der Tausende von guten Geschäftsleuten, an denen vorbei er sich seinen Weg durch Ludgate Hill bahnte.

Er handelte also nach den unerforschlichen Gesetzen seiner großen Klasse – nach den Gesetzen der menschlichen Natur selbst –, wenn er mit einem Gefühl von innerer Zufriedenheit daran dachte, dass es leicht sein würde, in Geldsachen mit Bosinney fertig zu werden.

Während er sich weiter durch das Gewühl drängte, zog die Kuppel des St.-Pauls-Domes seine Blicke auf sich, die er sonst auf den Boden vor sich geheftet hielt. Dieser alte Dom übte einen eigentümlichen Zauber auf ihn aus, und er pflegte nicht nur einmal, sondern zwei-, dreimal in der Woche seine tägliche Pilgerfahrt zu unterbrechen, hineinzugehen und sich fünf oder zehn Minuten in den Seitenschiffen aufzuhalten, um die Namen und Inschriften auf den Grabmälern zu betrachten. Der Reiz, den diese große Kirche auf ihn ausübte, war unerklärlich, es sei denn, dass es ihm darin gelang, seine Gedanken auf die Angelegenheiten des Tages zu konzentrieren. Wenn irgendeine Sache, die von besonderer Bedeutung war oder besonderen Scharfsinn erforderte, auf seiner Seele lastete, ging er unwandelbar hinein und wanderte leise und aufmerksam wie eine Maus von Inschrift zu Inschrift. Und wenn er dann auf die gleiche geräuschlose Weise wieder umkehrte, pflegte er, jedes Mal ein klein wenig mehr verbissene Entschlossenheit in seinem Gang, Cheapside hinaufzugehen, als hätte er etwas gesehen, das er sich zu kaufen vorgenommen hatte.

Auch an diesem Morgen ging er hinein, aber anstatt sich von Grabmal zu Grabmal zu stehlen, richtete er die Augen empor zu den Säulen und Wandflächen und blieb regungslos stehen.

Sein emporgewandtes Gesicht mit dem andächtigen und wehmütigen Ausdruck, den Gesichter in der Kirche anzunehmen pflegen, war weiß wie Kalk in dem gewaltigen Gebäude geworden. Die behandschuhten Hände hatte er über dem Griffe seines Schirmes gefaltet. Er hob sie in die Höhe. Eine heilige Eingebung war vielleicht über ihn gekommen.

›Ja‹, dachte er, ›ich muss Platz haben, um meine Bilder aufzuhängen.‹

An demselben Abend sprach er auf seinem Heimweg aus der City in Bosinneys Büro vor. Er traf den Architekten in Hemdsärmeln, eine Pfeife rauchend und im Begriff, den Grundriss eines Planes zu zeichnen. Soames lehnte einen Drink ab und kam sogleich zur Sache.

»Wenn Sie am Sonntag nichts Besseres vorhaben, kommen Sie mit mir nach Robin Hill und sagen Sie mir Ihre Meinung über ein Grundstück.«

»Sie wollen bauen?«

»Vielleicht«, sagte Soames. »Aber sprechen Sie nicht darüber. Ich möchte nur Ihre Meinung wissen.«

»Sehr wohl«, sagte Bosinney.

Soames sah sich im Raum um.

»Sie wohnen hier ziemlich hoch«, bemerkte er.

Was er über Art und Zweck von Bosinneys Tätigkeit nur erfahren konnte, war von Nutzen für ihn.

»Für mich ist es so weit gut genug«, erwiderte der Architekt. »Sie sind an Protzen gewöhnt.«

Er klopfte seine Pfeife aus, steckte sie aber leer wieder zwischen die Zähne; es half ihm vielleicht, die Unterhaltung im Gange zu halten. Soames bemerkte eine Höhlung in jeder Wange, die wie vom Saugen entstanden war.

»Was zahlen Sie für ein Büro wie dieses?«, fragte er.

»Fünfzig zu viel«, erwiderte Bosinney.

Die Antwort machte einen günstigen Eindruck auf Soames.

»Es ist wahrscheinlich teuer«, sagte er. »Ich komme dann Sonntag gegen elf zu Ihnen.«

Am nächsten Sonntag holte er also Bosinney in einer Droschke ab und fuhr mit ihm zum Bahnhof. Als sie in Robin Hill eintrafen, fanden sie keinen Wagen und machten sich auf, die anderthalb Meilen zu Fuß zu gehen.

Es war der 1. August – ein herrlicher Tag mit glühender Sonne und wolkenlosem Himmel –, und auf dem geraden schmalen Wege, der den Hügel hinaufführte, wirbelten ihre Füße gelben Staub auf.

»Kiesboden«, bemerkte Soames und warf von der Seite einen Blick auf den Rock, den Bosinney trug. In den Seitentaschen dieses Rocks steckten Papierbündel, und unter dem Arm trug er einen sonderbar aussehenden Stock. Soames merkte sich diese und andere Eigenarten.

Nur ein gescheiter Mensch oder allenfalls ein Bukanier durfte sich in seinem Äußeren solche Freiheiten erlauben; und obwohl Soames solche Extravaganzen zuwider waren, gewährten sie ihm doch auch wieder eine gewisse Befriedigung, da sie auf Eigenschaften schließen ließen, die einen unbedingten Vorteil für ihn bedeuteten. Wenn der Mann Häuser bauen konnte, was kam es dann auf seine Kleider an?

»Ich sagte Ihnen schon«, begann er, »dass dies Haus eine Überraschung sein soll, sprechen Sie also nicht darüber. Ich rede nie über meine Angelegenheiten, bis sie erledigt sind.«

Bosinney nickte.

»Weiht man erst die Frauen in seine Pläne ein«, fuhr Soames fort, »so weiß man nie, wohin das führt.«

»Ja«, sagte Bosinney, »Frauen sind der Teufel!«

Im Grunde seines Herzens hatte Soames seit langem so gefühlt; er hatte es jedoch nie in Worte gekleidet.

»Ah!«, murmelte er. »Und nun haben Sie –« Er stockte, fügte aber mit unverhohlener Bosheit hinzu: »June besitzt ein Temperament – schon von jeher.«

»Temperament ist nichts Schlimmes bei einem Engel.«

Soames hatte Irene nie einen Engel genannt. Er hätte seine besten Empfindungen nicht dadurch entweihen können, dass er anderen Leuten das Geheimnis ihres Wertes enthüllte und sich so gehen ließ. Er erwiderte nichts.

Sie hatten einen neu angelegten Weg quer über ein Gehege eingeschlagen. Eine Karrenspur führte im rechten Winkel zu einer Kiesgrube, dahinter erhoben sich die Schornsteine eines Cottages inmitten einer Baumgruppe am Rande eines dichten Waldes. Büschel von Federgras bedeckten den rauen Boden, und daraus stiegen Lerchen in den Sonnendunst empor. Am fernen Horizont erhob sich über einer zahllosen Reihe von Feldern und Hecken eine Hügelkette.

Soames ging voran, bis sie die gegenüberliegende Seite erreicht hatten, und machte Halt. Es war das gewählte Grundstück; aber jetzt, da er im Begriff war, einem anderen den Platz zu zeigen, war er unsicher geworden.

»Der Agent wohnt in dem Cottage dort«, sagte er, »man kann bei ihm etwas zu essen bekommen – wir wollen lieber erst zu Mittag essen, bevor wir uns die Sache ansehen.«

Er ging wieder voran bis zu dem Haus, wo der Agent, ein großer Mann namens Oliver mit einem plumpen Gesicht und ergrautem Bart, sie begrüßte. Während des Mahls, das Soames kaum berührte, wandte er keinen Blick von Bosinney und wischte sich mit seinem Taschentuch ein paarmal verstohlen über die Stirn. Endlich war das Essen beendet, und Bosinney erhob sich.

»Sie haben gewiss Geschäftliches zu besprechen«, sagte er, »ich will mich indessen draußen ein wenig umschauen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, schlenderte er hinaus.

Soames war Anwalt dieses Besitztums und brachte beinahe eine Stunde in der Gesellschaft des Agenten zu, besichtigte Grundstückspläne und sprach über die Hypotheken Nicholls und anderer; dann brachte er wie zufällig das Gespräch auf das von ihm ins Auge gefasste Grundstück.

»Ihre Leute«, sagte er, »sollten mir im Preise entgegenkommen, da ich als Erster hier bauen will.«

Oliver schüttelte den Kopf.

»Der Platz, den Sie aussuchten, Sir, ist der billigste, den wir haben. Die Grundstücke auf der Höhe oben sind ein gut Teil teurer.«

»Übrigens«, sagte Soames, »ich bin noch nicht entschlossen, leicht möglich, dass ich gar nicht baue. Die Grundsteuer ist sehr hoch.«

»Es täte mir sehr leid, Mr Forsyte, wenn Sie es aufgeben würden, und ich glaube, Sie täten nicht recht daran. Es gibt in der Nähe von London kein Stück Land mit einer solchen Aussicht, und keins, das billiger wäre, wenn alles mit in Betracht gezogen wird. Wir brauchten nur zu annoncieren, und eine Menge von Leuten risse sich darum.«

Sie sahen sich beide an. Ihre Gesichter sagten sehr deutlich: ›Ich achte dich als Geschäftsmann, aber du kannst nicht erwarten, dass ich ein Wort von dem glaube, was du sagst.‹

»Also«, wiederholte Soames, »ich bin noch nicht entschlossen, es wird wahrscheinlich nichts aus der Sache werden!« Mit diesen Worten nahm er seinen Schirm, dann reichte er dem Agenten seine kalte Hand, zog sie ohne den geringsten Druck wieder zurück und ging hinaus in die Sonne.

In tiefem Nachdenken kehrte er langsam zurück. Sein Instinkt sagte ihm, dass der Agent Recht hatte. Ein billiges Grundstück. Und das Beste daran war, er wusste, dass der Agent es gar nicht für so billig hielt; sein eigenes intuitives Urteil über die Sachlage war also ein Sieg über das des Agenten.

›Billig oder nicht, ich muss es haben‹, dachte er.

Die Lerchen zu seinen Füßen flatterten auf, die Luft war voll von Schmetterlingen, und ein süßer Wohlgeruch stieg aus den wilden Gräsern empor. Der saftige Duft der Farnkräuter wehte leis vom Walde herüber, wo im Dickicht verborgen die Tauben gurrten, und fernher kam mit einem warmen Lüftchen der rhythmische Klang von Kirchenglocken.

Soames heftete die Augen beim Gehen auf den Boden, seine Lippen öffneten und schlossen sich, wie im Vorgeschmack eines leckeren Bissens. Aber als er das Grundstück erreichte, war Bosinney nirgends zu erblicken. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, ging er quer über das Gehege in der Richtung auf die Anhöhe zu. Er hätte gern gerufen, fürchtete sich aber vor dem Klang seiner Stimme.

Das Gehege war einsam wie eine Steppe, nur durch das Rascheln der Kaninchen, die in ihre Löcher schlüpften, und den Gesang der Lerchen wurde die Stille unterbrochen.

Soames, der Bahnbrecher und Anführer der großen Forsyte-Armee, die heranrückte, diese Wildnis zu zivilisieren, fühlte sich bedrückt durch diese Einsamkeit, den unsichtbaren Gesang und die heiße süße Luft. Er war schon im Begriff umzukehren, als er endlich Bosinney entdeckte.

Der Architekt lag lang ausgestreckt unter einer hohen Eiche mit vom Alter geborstenem Stamm und einem ungeheuren Dach von Zweigen und Laub, die am Rande der Anhöhe stand.

Soames musste seine Schulter berühren, ehe er aufblickte.

»Hallo! Forsyte«, sagte er, »ich hab einen Platz für Ihr Haus gefunden. Da, sehen Sie!«

Soames sah ihn sich an und sagte dann kühl:

»Alles sehr gut und schön, aber dieser Platz würde mich noch einmal so viel kosten.«

»Zum Henker mit den Kosten, Mensch! Sehen Sie sich die Aussicht an!«

Das reife Korn erstreckte sich fast bis zu ihren Füßen und verlor sich vor einem kleinen dunklen Wäldchen in der Ferne. Weite Felder und Hecken dehnten sich bis zu dem fernen graublauen Hügelland. Zur Rechten sah man in einem silbernen Streifen den Lauf des Flusses.

Der Himmel war so blau und die Sonne so strahlend, dass es war, als herrsche ein ewiger Sommer über dieser Gegend. Taumelig von der Ruhe des Äthers wirbelten die Flocken der Distelblüte rund um sie her. Die Hitze tanzte über dem Korn, und alles durchdringend wurde sie zu einem leisen, unmerklichen Summen zwischen Himmel und Erde, festlich wie das Gemurmel fröhlicher Minuten.

Soames sah sich um. Unwillkürlich schwellte etwas ihm die Brust. Hier im Anblick von alledem zu leben, es seinen Freunden zeigen zu können, sich darüber zu unterhalten, es zu besitzen! Seine Wangen glühten. Die Hitze, der Glanz, die Glut nahmen seine Sinne gefangen, wie vor vier Jahren Irenes Schönheit seine Sinne gefangen genommen und in ihm das Verlangen nach ihr erweckt hatte. Er warf verstohlen einen Blick auf Bosinney, dessen Augen, die Augen des ›halbgezähmten Leoparden‹, wie der Kutscher ihn genannt hatte, wild über die Landschaft zu schweifen schienen. Die Sonne fiel auf die vorspringenden Teile seines Gesichts, auf die vorstehenden Backenknochen, die Spitze seines Kinns und die vertikalen Erhöhungen über den Brauen. Und Soames beobachtete dieses kräftige, enthusiastische, unbekümmerte Gesicht mit einem unbehaglichen Gefühl.

Eine lange leise Windwelle kräuselte das Korn und wehte ihnen einen warmen Lufthauch ins Gesicht.

»Ich könnte Ihnen hier ein Mordsding bauen«, sagte Bosinney, der endlich das Schweigen unterbrach.

»Das will ich meinen«, erwiderte Soames trocken. »Sie brauchen es nicht zu bezahlen.«

»Für etwa achttausend könnte ich Ihnen einen Palast bauen.«

Soames war sehr blass geworden – er kämpfte mit sich. Er senkte die Augen und sagte eigensinnig:

»Das kann ich mir nicht leisten.«

Und langsam schritt er mit seinem schleichenden Gang den Weg zu dem ersten Grundstück zurück.

Sie verbrachten dort einige Zeit, da sie die Einzelheiten des geplanten Hauses besprachen, und Soames begab sich dann nochmals in das Haus des Agenten.

Nach etwa einer halben Stunde kam er wieder heraus und ging mit Bosinney zum Bahnhof.

»Also«, sagte er, kaum die Lippen öffnend, »ich habe schließlich doch Ihr Grundstück genommen.«

Dann schwieg er wieder und dachte betroffen darüber nach, wie es gekommen war, dass dieser Mensch, den er eigentlich verachtete, ihn in seinem eigenen Entschluss hatte wankend machen können.

Fünftes Kapitel

Ein Forsyte’scher Haushalt

Wie Tausende von Aufgeklärten seiner Klasse und seiner Generation in dem großen London, die nicht mehr an rote Plüschmöbel glaubten und wussten, dass moderne italienische Marmorgruppen ›vieux jeu‹ sind, bewohnte Soames Forsyte ein Haus, das allen Ansprüchen genügte. Es hatte einen kupfernen Türklopfer von eigenartiger Gestalt, Fenster, die sich nach außen öffnen ließen, hängende, mit Fuchsien gefüllte Blumenkästen, und an der Rückseite (sehr vornehm) einen kleinen, mit jadegrünen Fliesen ausgelegten Hof, von rosenroten Hortensien in pfaublauen Kübeln umgeben. Hier konnten sich unter einem pergamentfarbenen japanischen Sonnenschirm, der den ganzen Raum bedeckte, Bewohner und Gäste vor neugierigen Blicken schützen, wenn sie ihren Tee tranken und in Muße die neuesten von Soames’ kleinen silbernen Dosen betrachteten.

Bei der inneren Einrichtung wurden der Empirestil15 und William Morris16 bevorzugt. Für seine Größe war das Haus behaglich; überall waren zahllose kleine, Vogelnestern gleichende Nischen, und kleine silberne Nippsachen lagen umher wie Eier.

In dieser allgemeinen Vollkommenheit waren zwei verschiedene Geschmacksrichtungen sehr wählerischer Art miteinander im Streit. Es lebte eine Herrin darin, die sich auf einem wüsten Eiland ein reizendes Heim zu schaffen gewusst hätte, und ein Gebieter, dessen Schönheitssinn, den er nur im Gedanken an sein Emporkommen pflegte, eigentlich eine den Gesetzen des Wettbewerbs entsprechende Kapitalanlage war. Dieser berechnete Schönheitssinn hatte bei Soames schon während seiner Tage am Marlborough das Verlangen erweckt, der Erste unter den Jungen zu sein, der im Sommer weiße und im Winter Manchesterwesten trug; er hatte ihn davor bewahrt, öffentlich mit verschobener Krawatte zu erscheinen, und ihn veranlasst, seine Lackstiefel blank zu reiben, wenn sich bei der Schulfeier eine große Menge versammelte, um ihn Molière rezitieren zu hören.

Wie vielen Londonern war Soames eine makellose Sauberkeit angeboren; es war unmöglich, sich vorzustellen, dass bei ihm ein Härchen in Unordnung geraten könnte, dass seine Krawatte ein Haar breit von der senkrechten Linie abweichen, sein Kragen ohne Glanz sein könnte. Für nichts auf der Welt hätte er auf sein tägliches Bad verzichtet – es war Mode, Bäder zu nehmen, und mit welch bitterer Verachtung sah er auf Leute herab, die es unterließen!

Irene aber konnte man sich als Nymphe vorstellen, die, von der Frische und dem Anblick ihrer eigenen holden Gestalt erfreut, in verstecktem Weiher badet.

In diesem häuslichen Konflikt hatte die Frau nachgeben müssen. Wie bei dem Kampf zwischen Sachsen und Kelten, der noch in der Nation fortlebte, war das eindrucksfähigere und empfänglichere Temperament in eine konventionelle Form hineingezwängt worden.

So war das Haus nun von hundert anderen Häusern mit den gleichen hohen Ansprüchen kaum zu unterscheiden, war ›das sehr reizende kleine Haus von Soames Forsyte‹ geworden, ›ganz eigenartig – wirklich elegant!‹

Liest man für Soames Forsyte James Peabody, Thomas Atkins, Emmanuel Spagnoletti oder den Namen sonst eines Engländers der oberen Mittelklasse in London, der Anspruch auf guten Geschmack erhebt, so passt derselbe Satz auf sie, mag die Einrichtung auch verschieden sein.

Am Abend des 8. August, eine Woche nach der Expedition nach Robin Hill, saßen im Speisesaal dieses Hauses, das – ganz eigenartig – wirklich elegant! – war, Soames und Irene bei Tisch. Warmes Abendessen am Sonntag galt in diesem, wie in vielen anderen Häusern, als eine besondere Vornehmheit. Soames hatte es gleich zu Anfang seiner Ehe zur Bedingung gemacht. »Es muss am Sonntag warmes Abendessen geben«, pflegte er zu sagen, »sonst haben die Dienstboten nichts zu tun und spielen den ganzen Tag Harmonika.«

Die Anordnung war keinem Widerstand begegnet. Denn – Soames sah es als ein ziemlich bedauerliches Zeichen an – die Dienstboten hingen an Irene, die aller unverletzlichen Tradition zum Trotz deren Recht auf einen Anteil an den Schwächen der menschlichen Natur anzuerkennen schien.

Das glückliche Paar saß sich nicht gegenüber, sondern an den rechtwinklig zueinander stehenden Seiten des hübschen Tisches aus Rosenholz. Sie speisten ohne Tischtuch – eine besondere Eleganz – und hatten bis jetzt noch kein Wort gesprochen.

Soames liebte es, sich bei Tisch über Geschäfte oder seine Einkäufe zu unterhalten, und solange er sprach, verstimmte ihn Irenes Schweigsamkeit nicht. An diesem Abend aber war es ihm unmöglich zu sprechen. Die Absicht zu bauen hatte ihm die ganze Woche auf der Seele gelastet, und er war entschlossen, es ihr zu sagen.

Die Unruhe angesichts dieser Eröffnung ärgerte ihn sehr; sie durfte ein solches Gefühl in ihm nicht aufkommen lassen – Mann und Frau waren doch eins. Nicht ein einziges Mal hatte sie ihn angeblickt, seitdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, und er fragte sich, woran sie wohl die ganze Zeit hindurch gedacht haben mochte. Es war hart für einen Mann, der so arbeitete wie er, um Geld für sie zu verdienen – und dazu noch mit diesem Weh im Herzen –, wenn sie dasaß und aussah – aussah, als beengten sie die Wände des Raumes. Es konnte einen Mann vom Tisch vertreiben.

Das rosig gedämpfte Licht der Lampe fiel auf ihren Hals und ihre Arme – Soames sah sie bei Tisch gern im ausgeschnittenen Kleide, es gab ihm ein Gefühl von Überlegenheit über die Mehrzahl seiner Bekannten, deren Frauen sich mit ihren besten hohen Kleidern oder ›Teagowns‹ begnügten, wenn sie zu Hause speisten. Unter dem rosigen Licht bildeten ihr bernsteinfarbenes Haar und die helle Haut einen seltsamen Kontrast zu ihren dunkelbraunen Augen.

Konnte man etwas Hübscheres haben als diesen Speisetisch mit seinen tiefen Farben, den leuchtenden zartblättrigen Rosen, dem rubinfarbenen Glas und dem wunderbar feinen Silberzeug; konnte man etwas Reizenderes haben als diese Frau, die dort saß? Dankbarkeit war jedoch keine Forsyte’sche Tugend, denn mit ihrem gesunden Menschenverstand und nur auf Gewinn bedacht, hatten sie keine Verwendung dafür; und Soames empfand nur ein Gefühl der Verzweiflung, das sich bis zum Schmerz steigerte, weil er sie nicht besaß, wie es sein Recht war, sie zu besitzen, dass er seine Hand nicht ausstrecken konnte wie nach jener Rose, sie nicht pflücken und die tiefsten Heimlichkeiten ihres Herzens einatmen konnte.

All sein sonstiges Eigentum, alles, was er gesammelt hatte, sein Silber, seine Bilder, seine Häuser, seine Anlagen, gaben ihm ein geheimes vertrautes Gefühl, nur sie gab ihm keines.

Es stand auf jeder Wand dieses Hauses geschrieben. Seine geschäftsmäßige Natur wehrte sich gegen die geheime Mahnung, dass sie nicht für ihn geschaffen sei. Er hatte diese Frau geheiratet, hatte sie erobert, sie zu seinem Eigentum gemacht, und es schien ihm dem wesentlichsten aller Rechte, dem Besitzrecht, zu widersprechen, dass er nichts als ihren Körper sein Eigen nennen sollte – wenn das überhaupt der Fall war; er fing fast an, daran zu zweifeln. Hätte ihn jemand gefragt, ob er ihre Seele besitzen wolle, wäre ihm die Frage so lächerlich wie sentimental vorgekommen. Aber er wollte es, und die Schrift an den Wänden sagte ihm, dass es ihm nie gelingen würde.

Sie war stets schweigsam, passiv, sanft abweisend, als fürchtete sie durch ein Wort, eine Bewegung oder ein Zeichen den Glauben in ihm zu erwecken, dass sie ihn liebte; und er fragte sich: Wird es niemals anders werden?

Wie bei den meisten Romanlesern seiner Generation (und Soames war ein großer Freund von Romanen), waren seine Lebensanschauungen von der Literatur beeinflusst, und er wiegte sich in dem Glauben, dass es nur eine Frage der Zeit sei. Zuletzt gewann der Mann doch immer die Liebe seiner Frau. Selbst in Fällen – er liebte derartige Bücher nicht sehr –, die tragisch endeten, starb die Frau immer mit Worten bitterer Reue auf den Lippen, oder wenn der Mann starb – ein unangenehmer Gedanke –, warf sie sich in der Pein ihrer Gewissensqualen über ihn.

Er ging oft mit Irene ins Theater und wählte instinktiv moderne Gesellschaftsstücke mit modernen Eheproblemen, die glücklicherweise von den Eheproblemen im wirklichen Leben so verschieden waren. Er fand, dass sie ebenfalls immer in der gleichen Weise endeten, selbst wenn ein Liebhaber mit im Spiele war. Solange er dem Stück zuschaute, sympathisierte Soames mit dem Liebhaber; aber noch ehe er auf der Heimfahrt in der Droschke mit Irene zu Hause anlangte, sah er ein, dass es keinen Sinn hatte, und war froh, dass das Stück geendet hatte, wie er es gesehen hatte. Es war damals gerade eine neue Art von Ehemännern in Mode gekommen, der starke, ziemlich rohe, aber außerordentlich gesunde Mann, der am Ende des Stückes so merkwürdigen Erfolg hatte. Für diesen empfand Soames durchaus keine Sympathie, und wäre nicht seine eigene Stellung gewesen, so hätte er seinem Abscheu gegen den Burschen Ausdruck gegeben. Aber er war sich so wohl bewusst, wie wesentlich die Notwendigkeit für ihn war, ein erfolgreicher, gar ein ›starker‹ Ehemann zu sein, dass er niemals von seinem Widerwillen sprach, der vielleicht infolge von wunderlichen Naturprozessen aus einem geheimen Fonds von Brutalität in ihm selbst entstanden war.

Allein die Schweigsamkeit Irenes an diesem Abend war außergewöhnlich. Er hatte noch nie einen solchen Ausdruck in ihrem Gesicht gesehen. Und da Ungewohntes immer beunruhigt, war Soames beunruhigt. Er aß seinen Nachtisch und trieb das Mädchen an, als es die Krumen mit der silbernen Tischbürste abfegte. Als es den Raum verlassen hatte, füllte er sein Glas mit Wein und sagte:

»War heute Nachmittag irgendjemand hier?«

»June.«

»Was wollte denn die?« Es war ein Axiom bei den Forsytes, dass man nirgendwohin ging, ohne etwas zu wollen. »Wollte sich wohl über ihren Verlobten aussprechen?«

Irene erwiderte nichts.

»Es sieht für mich so aus«, fuhr Soames fort, »als wäre sie verliebter in ihn als er in sie. Sie läuft ihm überall nach.«

Irenes Blicke gaben ihm ein unbehagliches Gefühl.

»Es kommt dir nicht zu, so etwas zu sagen!«, rief sie aus.

»Warum nicht? Jeder kann es sehen.«

»Keiner kann das. Und wenn man es könnte, ist es unerhört, es zu sagen.«

Soames verlor seine Fassung.

»Du bist mir eine nette Frau!«, sagte er. Aber im Geheimen wunderte er sich über ihre hitzige Antwort, das sah ihr gar nicht ähnlich. »Du bist ganz übertrieben mit June. Eines kann ich dir sagen, jetzt, wo sie den Bukanier am Bändel hat, macht sie sich keinen Pfifferling aus dir, du wirst schon noch dahinterkommen. Aber du wirst sie künftig nicht mehr so häufig sehen, wir ziehen aufs Land.«

Es war ihm lieb, seine Eröffnung unter dem Deckmantel dieser gereizten Auseinandersetzung machen zu können. Er hatte einen Ausruf des Entsetzens erwartet, und das Schweigen, mit dem diese Mitteilung entgegengenommen wurde, beunruhigte ihn.

»Es scheint dich nicht zu interessieren«, sah er sich genötigt hinzuzufügen.

»Ich wusste es bereits.«

Er sah sie scharf an.

»Wer hat es dir gesagt?«

»June.«

»Woher wusste sie es?«

Irene antwortete nicht. Enttäuscht und verstimmt sagte er:

»Es ist eine gute Sache für Bosinney; er wird sein Glück dabei machen. Sie hat dir wohl alles darüber erzählt?«

»Ja.«

Es entstand abermals eine Pause, dann sagte Soames:

»Du tust es wohl nicht gern?«

Irene gab keine Antwort.

»Ja, ich weiß nicht, was du willst. Du scheinst hier nie zufrieden.«

»Kommen meine Wünsche dabei irgendwie in Betracht?«

Sie nahm die Vase mit den Rosen und verließ den Raum. Soames blieb sitzen. Hatte er dafür den Kontrakt unterzeichnet? Sollte er dafür an zehntausend Pfund ausgeben? Bosinneys Ausspruch fiel ihm wieder ein: ›Frauen sind der Teufel!‹

Aber bald beruhigte er sich. Es hätte schlimmer kommen können. Sie hätte aufbrausen können. Er hatte etwas mehr erwartet als dies. Ein glücklicher Zufall immerhin, dass June das Eis für ihn gebrochen hatte. Sie hatte es wohl aus Bosinney herausgelockt; das hätte er sich doch denken können.

Er zündete sich eine Zigarette an. Schließlich hatte Irene doch keine Szene gemacht! Sie würde nachgeben – das war das Beste an ihr; sie war zwar kalt, aber nicht trotzig. Er paffte einen Marienkäfer auf dem blanken Tisch an und versank in Gedanken über sein Haus. Es hatte keinen Zweck, sich zu ärgern; er wollte sofort zu ihr und alles wiedergutmachen. Sie saß wahrscheinlich im Dunkeln draußen unter dem japanischen Sonnenschirm und strickte. Die Nacht war warm und schön …

Tatsächlich war June am Nachmittag mit leuchtenden Augen gekommen und hatte gesagt: »Soames ist ein guter Kerl! Eine famose Sache für Phil – genau, was er braucht!«

Da Irenes Gesicht verständnislos und verblüfft blieb, fuhr sie fort:

»Euer neues Haus in Robin Hill nämlich. Wie? Weißt du nichts davon?«

Irene wusste nichts.

»Oh, dann hätte ich es dir wohl nicht sagen dürfen!« Und mit einem ungeduldigen Blick auf die Freundin hatte sie ausgerufen: »Du siehst aus, als liege dir nichts daran. Siehst du denn nicht, dass es gerade das ist, wofür ich immer gebetet habe – genau die Gelegenheit, die er braucht. Jetzt wirst du sehen, was er kann.« Und dann gab sie die ganze Geschichte zum Besten.

Seit ihrer eigenen Verlobung schien sie kein großes Interesse an der Lage der Freundin zu nehmen; die Stunden, die sie bei Irene zubrachte, waren ihren eigenen vertraulichen Mitteilungen gewidmet. Und zuweilen war es ihr trotz ihres liebevollen Mitgefühls unmöglich, einen Anflug verächtlichen Mitleids mit der Frau zu unterdrücken, die einen solchen Fehler im Leben begangen hatte – solch einen unbesonnenen, lächerlichen Fehler.

»Er soll auch die Inneneinrichtung machen – er hat völlig freie Hand. Es ist prächtig –« Sie lachte fröhlich auf, ihre kleine Gestalt bebte vor Vergnügen; sie hob die Hand und schlug nach einem Musselinvorhang. »Weißt du, ich bat sogar Onkel James –« Aber in einer plötzlichen Unlust, von dem Vorfall zu sprechen, hielt sie inne und ging, da sie ihre Freundin so einsilbig fand, dann plötzlich fort. Auf der Straße blickte sie noch einmal zurück, Irene stand noch in der Haustür. Ihren Abschiedsgruß erwidernd, winkte sie mit der Hand, wandte sich langsam um und schloss die Tür …

Soames ging in den Salon und spähte durchs Fenster nach ihr.

Draußen im Schatten des japanischen Sonnenschirmes saß sie ganz still, die Spitze auf ihren weißen Schultern bewegte sich, wie sich der Busen leise hob und senkte.

Aber die schweigsame Gestalt, die so regungslos dort im Dunkeln saß, schien eine Wärme, eine heimliche Glut zu durchzittern, als wäre ihr ganzes Wesen aufgewühlt und ein Wandel in ihrem tiefsten Innern eingetreten.

Er stahl sich unbemerkt in den Speisesaal zurück.

Sechstes Kapitel

James auf eigene Faust

Es währte nicht lange, bis sich Soames’ Entschluss zu bauen in der Familie herumgesprochen hatte und eine Unruhe verursachte, wie jede Entscheidung, die mit Vermögensangelegenheiten in Beziehung stand, sie unter den Forsytes hervorgerufen hätte.

Es war nicht seine Schuld, denn er war entschlossen gewesen, niemanden etwas davon wissen zu lassen. June hatte es in der Überfülle ihres Herzens Mrs Small erzählt und ihr erlaubt, es nur Tante Ann zu sagen – sie dachte, es würde die gute alte Seele erfreuen, denn Tante Ann musste seit vielen Tagen das Zimmer hüten.

Mrs Small erzählte es sogleich Tante Ann, die, in ihren Kissen liegend, lächelnd mit ihrer deutlichen, alten zittrigen Stimme sagte:

»Wie schön für die liebe June; aber ich hoffe, sie werden sorgsam sein – es ist doch ziemlich gewagt!«

Als sie wieder allein war, überflog ein Schatten gleich einer Wolke, die einen Regentag ankündigt, ihr Gesicht.

Wie sie die vielen Tage dort so lag, war sie unaufhörlich bemüht, ihre ganze Willenskraft immer wieder aufs Neue nachzuladen; auch ihrem Gesicht war es anzumerken, und um die Mundwinkel zuckte es beständig.

Ihr Mädchen – ›ein gutes Mädchen – aber langsam!‹ –, das seit fast zwanzig Jahren in ihren Diensten stand, vollzog jeden Morgen mit peinlichster Genauigkeit die Schlusszeremonie ihrer gewohnten Toilette. Aus der Tiefe einer sauberen weißen Putzschachtel nahm es die flachgedrückten grauen Locken, das Abzeichen persönlicher Würde, legte sie vorsichtig in die Hände ihrer Herrin und kehrte ihr den Rücken zu.

Und jeden Tag mussten die Tanten Juley und Hester kommen und berichten, wie es Timothy ging; was für Nachrichten von Nicholas gekommen waren; ob es June geglückt war, den alten Jolyon zu einer Kürzung der Verlobungszeit zu bestimmen, da Mr Bosinney doch nun das Haus für Soames baute; ob des jungen Rogers Frau wirklich in Erwartung war; wie Archie die Operation überstanden und was Swithin mit dem leeren Hause in Wigmore Street angefangen hatte, dessen Mieter sein ganzes Geld verloren und sich so schlecht benommen hatte. Vor allen Dingen aber über Soames. Verlangte Irene noch – immer noch getrennte Zimmer? Und jeden Morgen sagte sie zu ihrem Mädchen: »Ich komme heute Nachmittag hinunter, Smither, so gegen zwei Uhr. Du wirst mich stützen müssen nach all diesen Tagen im Bett.«

Nachdem Mrs Small Tante Ann alles erzählt hatte, sprach sie in strengstem Vertrauen zu Mrs Nicholas von dem Haus, und diese wieder ließ es sich von Winifred Dartie bestätigen, in der Voraussetzung natürlich, dass sie als Soames’ Schwester alles wissen müsse. Durch sie war es dann auf direktem Wege James zu Ohren gekommen. Er hatte sich nicht wenig darüber aufgeregt.

»Mir«, sagte er, »erzählt keiner was.«

Und anstatt direkt zu Soames zu gehen, vor dessen Einsilbigkeit er sich fürchtete, nahm er seinen Schirm und ging zu Timothy.

Er fand Mrs Septimus Small und Hester (man hatte es ihr gesagt, denn sie war so zuverlässig und fand es so ermüdend zu sprechen) bereit, sogar begierig, sich über die Neuigkeit zu unterhalten. Es wäre sehr gütig von dem lieben Soames, fanden sie, Mr Bosinney zu beschäftigen, aber ziemlich riskant. Wie hatte George ihn doch genannt? ›Den Bukanier!‹ Wie drollig! Aber George war immer so drollig! Immerhin würde alles in der Familie bleiben – sie mussten Mr Bosinney doch wohl als zur Familie gehörig betrachten, so sonderbar es ihnen auch vorkam.

James warf hier ein:

»Niemand weiß etwas von ihm. Ich verstehe nicht, was Soames mit diesem jungen Mann will. Es sollte mich nicht wundern, wenn Irene da die Hand mit im Spiele hätte. Ich werde darüber mit –«

»Soames«, fiel Tante Juley hier ein, »sagte zu Mr Bosinney, er wünsche nicht, dass darüber gesprochen werde. Er sähe es gewiss nicht gern, wenn man mit ihm darüber spräche, und wenn Timothy es wüsste, würde er sich sehr ärgern, ich –«

James hielt die Hand hinters Ohr.

»Wie?«, sagte er. »Ich werde sehr schwerhörig. Ich glaube, ich verstehe nicht recht, was gesagt wird. Emily hat einen schlimmen Zeh. Vor Ende des Monats werden wir nicht nach Wales reisen können. Es ist immer was los!« Und da er erfahren hatte, was er wollte, nahm er seinen Hut und ging.

Es war ein schöner Nachmittag, und er ging quer durch den Park zu Soames, wo er zu Tisch bleiben wollte, denn Emilys Zeh fesselte sie ans Bett, und Rachel und Cicely waren zum Besuch auf dem Lande. Er schlug einen Querweg von der Rotten Row auf der Seite von Bayswater zum Knightsbridge Gate über eine Wiese mit kurzem dürrem Gras ein, wo hier und dort zerstreut schwarze Schafe weideten, Pärchen saßen und sonderbare Gesellen auf dem Bauch lagen wie Leichen auf einem Feld, über das die Wogen einer Schlacht geflutet sind.

Er ging schnell, mit gesenktem Kopf, und blickte weder nach rechts noch nach links. Der Anblick dieses Parks, der Mittelpunkt seines eigenen Schlachtfeldes, auf dem er sein Leben lang gekämpft hatte, regte ihn weder zum Nachdenken noch zu Betrachtungen an. Diese dort im Sturm und Drang des Kampfes hingestreckten Leiber, diese Liebespaare, die dicht aneinandergeschmiegt der Einförmigkeit ihrer Tretmühle eine Stunde eitel Elysium abgerungen hatten, ließen seine Phantasie unberührt; diese Art von Vorstellungen war ihm fremd geworden; seine Nase war wie die eines Schafes auf die Weide gerichtet, die er abgraste.

Einer seiner Mieter hatte kürzlich angefangen, mit seiner Miete im Rückstand zu bleiben, und es war eine ernste Frage für ihn, ob er ihn nicht lieber gleich hinaussetzen sollte und so Gefahr laufen, die Wohnung vor Weihnachten nicht wieder zu vermieten. Swithin war gerade übel mitgespielt worden, aber es war ihm recht geschehen – er hatte zu lange gezaudert.

Darüber sann er nach, als er da gleichmäßigen Schrittes weiterging und seinen Schirm vorsichtig dicht unter der Krücke am Stock hielt, um mit der Zwinge den Boden nicht zu berühren und die Seide in der Mitte nicht abzunutzen. Und wie er gebeugt mit seinen hohen mageren Schultern weiterschritt, wobei sich die langen Beine mit mechanischer Genauigkeit vorwärtsbewegten, glich dieser Gang durch den Park, wo die Sonne mit hellem Licht auf so viel Müßiggang – auf so viele menschliche Zeugen des unbarmherzigen Kampfes um Hab und Gut herabschien, der draußen tobte – dem Flug eines Zugvogels über das Meer.

Er fühlte eine Berührung am Arm, als er bei Albert Gate aus dem Park trat.

Es war Soames, der, auf dem Wege vom Büro von der schattigen Seite von Piccadilly kommend, plötzlich neben ihm auftauchte.

»Deine Mutter liegt zu Bett«, sagte James. »Ich wollte eben zu euch, aber ich störe wohl.«

Die äußeren Beziehungen zwischen Soames und seinem Vater zeichneten sich durch einen echt Forsyte’schen Mangel an Herzlichkeit aus, aber die beiden hingen trotzdem aneinander. Vielleicht betrachteten sie sich gegenseitig als Kapitalanlage; jedenfalls war jeder um das Wohl des anderen besorgt und freute sich des Zusammenseins mit ihm. Nie hatten sie zwei Worte über intimere Lebensfragen gewechselt oder in der Gegenwart des anderen die Existenz eines tieferen Gefühls verraten.

Etwas, das sich in Worten nicht ausdrücken lässt, verband sie, etwas, das verborgen tief in Familien und Nationen wurzelt – denn Blut ist dicker als Wasser, wie man sagt –, und keiner von ihnen hatte kaltes Blut. Tatsächlich war James’ Liebe zu seinen Kindern jetzt die Haupttriebkraft seines Lebens. Um diesen, die Teile von ihm selbst waren, sein erspartes Geld hinterlassen zu können, hatte er gespart; und mit fünfundsiebzig Jahren, was war da schon geblieben, was ihm Vergnügen bereitete, als – das Sparen. Das Sparen für seine Kinder bildete den Inhalt seines Lebens.

James Forsyte war trotz all seiner ›Jonaismen‹17 der gesündeste Mensch (wenn der Selbsterhaltungstrieb wirklich das erste Symptom von Gesundheit ist, obwohl Timothy darin entschieden zu weit ging) in ganz London, dem er so viel verdankte, an dem er als dem Mittelpunkt seiner Tätigkeit mit einer stillen Liebe hing. Er besaß die wunderbare instinktive Gesundheit der Mittelschicht. Mehr als bei Jolyon mit seiner festen Willenskraft und seinen Anwandlungen von Zärtlichkeit und Philosophie – mehr als bei Swithin, dem Märtyrer seiner Verschrobenheit – und Nicholas, der unter seinen Fähigkeiten litt – mehr als bei Roger, dem Opfer seiner Unternehmungslust – trat bei ihm die Neigung für Kompromisse zutage. Von allen Brüdern war er an Geist und Persönlichkeit am wenigsten bemerkenswert, und aus diesem Grunde wahrscheinlich zu ewigem Leben ausersehen.

James hatte mehr Liebe für ›die Familie‹ und deren Bedeutung als jeder der anderen. Von jeher hatte in seinem Wesen dem Leben gegenüber etwas Ursprüngliches und Gemütliches gelegen; er liebte den häuslichen Herd, liebte es, zu plaudern und zu murren. Alle seine Entscheidungen waren wie ein Rahm, den er von der Familiengesinnung abschöpfte, und durch diese Familie wieder von der Gesinnung Tausender von anderen Familien gleicher Beschaffenheit. Jahr für Jahr und Woche für Woche besuchte er Timothy, saß mit übergeschlagenen Beinen und den langen weißen Koteletten um den glattrasierten Mund im Salon seines Bruders, sah die Familienkanne brodeln und den Rahm an die Oberfläche steigen und ging dann erfrischt und gestärkt, mit einem unbeschreiblichen Gefühl des Behagens, wieder fort.

Unter der diamantharten Decke seines Selbsterhaltungstriebes war viel echte Weichheit in James. Ein Besuch bei Timothy war wie eine Stunde auf dem Schoß einer Mutter; und sein tiefes Verlangen nach Schutz unter den Fittichen der Familie wirkte darum auch auf seine Empfindungen den eigenen Kindern gegenüber zurück. Wie ein Alp bedrückte es ihn, sie mit ihrem Vermögen, ihrer Gesundheit oder ihrem Ruf dem Treiben der Welt ausgesetzt zu sehen. Als der Sohn seines alten Freundes John Street als Freiwilliger eintreten wollte, schüttelte er klagend den Kopf und wunderte sich, dass John Street seine Einwilligung dazu gab. Und als der junge Street dann, durch einen Wurfspeer der Bantu getroffen, fiel, nahm er es sich so zu Herzen, dass er überall eigens zu dem Zweck Besuche machte, seine Empörung auszusprechen und zu sagen, dass er gewusst habe, wie es hätte kommen müssen, er habe kein Verständnis dafür.

Als sein Schwiegersohn Dartie damals infolge seiner Spekulationen mit Ölaktien jene verhängnisvolle geschäftliche Krisis durchzumachen hatte, war James vor Sorge krank geworden; ihm war, als würde aller Wohlstand zu Grabe geläutet, und es kostete ihn drei Monate und eine Reise nach Baden-Baden, um sich zu erholen; in dem Gedanken, dass ohne sein Geld Darties Name vielleicht auf die Konkursliste gekommen wäre, lag etwas Furchtbares.

Da er sich einer so gesunden Konstitution erfreute, dass er, wenn er Ohrenschmerzen hatte, schon zu sterben wähnte, betrachtete er gelegentliche Unpässlichkeiten seiner Frau und Kinder als persönliche Kränkung, als besondere Eingriffe der Vorsehung, um seinen Seelenfrieden zu stören. Aber bei Leuten außerhalb seiner unmittelbaren Familie glaubte er überhaupt nicht an Krankheit und schob die Schuld in jedem Fall auf ein vernachlässigtes Leberleiden.

»Was erwarten sie denn«, pflegte er zu sagen, »mir geht’s ebenso, wenn ich nicht vorsichtig bin!«

Als er an diesem Abend zu Soames ging, fand er, dass das Leben ihm hart mitspielte. Emily lag mit ihrem kranken Zeh zu Bett, und Rachel kutschierte auf dem Lande umher; um ihn kümmerte sich keiner. Ann war krank, sie würde den Sommer wohl kaum überstehen – dreimal war er nun bei ihr gewesen, ohne dass sie ihn hatte sehen können! Und diese Idee von Soames, ein Haus zu bauen, da musste man doch aufpassen. Dann aber diese Sorge mit Irene, was sollte daraus noch werden – es konnte alles Mögliche daraus entstehen!

Er betrat das Haus am Montpellier Square Nummer 62 mit der festesten Absicht, sich unglücklich zu fühlen.

Es war schon halb acht, und Irene saß, zum Essen angekleidet, im Salon. Sie trug ihr goldfarbenes Kleid – denn nachdem sie bei einer Abendgesellschaft, einer Soiree und einem Ball damit geprunkt hatte, musste es im Hause getragen werden – und hatte das Dekolleté mit einer Kaskade von Spitze geschmückt, an denen James’ Blicke sofort haften blieben.

»Wo kaufst du deine Sachen?«, fragte er gereizt. »Rachel und Cicely sehen nie auch nur halb so gut aus. Aber diese Spitze mit dem Rosenmuster da – die ist nicht echt!«

Irene trat dicht an ihn heran, um zu beweisen, dass er sich irre.

Und wider Willen empfand James den Einfluss ihres Wesens, des leisen verführerischen Duftes, der von ihr ausströmte. Kein Forsyte, der einige Selbstachtung besitzt, ergibt sich mit einem Schlage, darum sagte er nur: Er wisse es nicht – sie müsse wohl ein schönes Stück Geld für ihre Toilette ausgeben.

Der Gong ertönte, Irene schob ihren weißen Arm in den seinen und führte ihn in den Speisesaal. Sie wies ihm Soames’ gewöhnlichen Platz an der Seite zu ihrer Linken an. Das Licht fiel nur schwach dahin, so dass das allmähliche Verlöschen des Tages ihn nicht belästigen konnte; dann fing sie an, mit ihm über ihn selbst zu sprechen.

Mit James ging alsbald eine Veränderung vor, wie mit einer Frucht, die in der Sonne reift. Er fühlte sich wie geliebkost, gelobt und getätschelt, und all das ohne eine einzige Zärtlichkeit oder ein Wort des Lobes. Er hatte ein Gefühl, dass alles, was er aß, ihm zuträglich war; zu Hause hatte er nie diese Empfindung; er erinnerte sich nicht, dass ihm jemals ein Glas Champagner so gut geschmeckt hatte, und als er sich nach der Marke und dem Preis erkundigte, überraschte es ihn zu hören, dass es derselbe war, von dem er einen großen Vorrat besaß, jedoch zu Hause nie trinken konnte. Er beschloss, sogleich seinem Weinhändler zu melden, dass er betrogen worden war.

Von seinem Teller aufblickend bemerkte er:

»Ihr habt hier eine Menge hübscher Sachen. Was zahltet ihr zum Beispiel für diesen Zuckerstreuer? Wird wohl schweres Geld gekostet haben!«

Besonders gut gefiel ihm ein Bild an der gegenüberliegenden Wand, das er ihnen selbst geschenkt hatte.

»Ich hatte keine Ahnung, dass es so gut ist!«, sagte er.

Sie erhoben sich, um in den Salon zu gehen, und James folgte Irene auf dem Fuße.

»Das nenne ich ein ausgezeichnetes kleines Dinner«, murmelte er leise und atmete angenehm berührt auf ihre Schulter hinab, »nichts Schweres – und nicht zu sehr französiert. Aber zu Hause bekomme ich es nicht so. Ich zahle meiner Köchin sechzig Pfund das Jahr, aber sie kann mir kein Essen bereiten wie dieses!«

Er hatte bis jetzt noch nichts von dem Bau des Hauses erwähnt und tat es auch nicht, als Soames sich unter dem Vorwand von Geschäften nach oben in den Raum begab, wo er seine Bilder aufbewahrte.

James blieb mit seiner Schwiegertochter allein. Die Glut des Weines und eines ausgezeichneten Likörs wirkte noch in ihm nach. Er fühlte sich ihr zugeneigter. Sie war wirklich ein reizendes kleines Geschöpf, hörte einem zu und schien auch zu verstehen, was man sagte; und während der Unterhaltung betrachtete er beständig ihre Figur, von den bronzefarbenen Schuhen bis zu dem welligen Gold ihres Haares. Sie saß leicht zurückgelehnt in einem Empiresessel, die Schultern berührten den oberen Rand der Rückenlehne – ihr Körper, biegsam, gerade und ohne Unterstützung von den Hüften, wiegte sich bei jeder Bewegung, als überließe sie sich den Armen eines Geliebten. Ihre Lippen lächelten und die Augen waren halb geschlossen.

Vielleicht war es die Erkenntnis einer Gefahr in dem Zauber ihrer Erscheinung oder auch eine Verdauungsbeschwerde, die James plötzlich zum Schweigen brachte. Er erinnerte sich nicht, jemals mit Irene allein gewesen zu sein. Und als er sie anblickte, überkam ihn ein sonderbares Gefühl, als begegne ihm etwas Seltsames und Fremdes.

Woran dachte sie wohl – während sie so zurückgelehnt dasaß?

Als er wieder zu sprechen anfing, klang seine Stimme schärfer, als sei er aus einem angenehmen Traum erwacht.

»Was tust du eigentlich den ganzen Tag lang?«, sagte er. »Du kommst niemals zu uns in Park Lane!«

Sie brachte einige sehr lahme Entschuldigungen vor, und James sah sie nicht an. Er wollte nicht glauben, dass sie ihnen wirklich aus dem Wege ging – es wäre doch zu arg.

»Vermutlich hast du keine Zeit«, sagte er, »du bist ja immer mit June unterwegs, stehst ihr wohl bei, nimmst sie und ihren Verlobten unter deinen Schutz und anderes mehr. Sie soll jetzt nie zu Hause sein; dein Onkel Jolyon mag es, glaube ich, gar nicht, so viel allein gelassen zu werden. Sie soll immer um diesen jungen Bosinney sein; er kommt wohl jeden Tag hierher. Wie denkst denn du eigentlich über ihn? Glaubst du, er weiß, was er will? Mir scheint, er ist ein armseliger Tropf. Hier hat sie wohl das Regiment in Händen!«

Die Farbe in Irenes Gesicht vertiefte sich, und James beobachtete sie argwöhnisch.

»Vielleicht verstehst du Mr Bosinney nicht ganz«, sagte sie.

»Ich ihn nicht verstehen!«, fiel James hastig ein. »Warum nicht? – Man sieht doch, dass er einer von diesen Kunstfexen ist. Er soll gescheit sein – aber alle halten sich für gescheit. Doch du kennst ihn ja besser als ich«, fügte er hinzu und warf wieder einen argwöhnischen Blick auf sie.

»Er zeichnet den Plan zu einem Hause für Soames«, sagte sie sanft, offenbar bemüht, ihn zu besänftigen.

»Dabei fällt mir ein, was ich sagen wollte«, fuhr James fort. »Ich begreife nicht, was Soames mit diesem jungen Menschen will; warum geht er nicht zu einem Baumeister ersten Ranges?«

»Vielleicht ist Mr Bosinney ersten Ranges!«

James stand auf und ging gesenkten Hauptes durch den Raum.

»Dacht ich’s doch«, sagte er, »ihr jungen Leute haltet alle zusammen; ihr wollt alles immer am besten wissen!«

Mit seiner hohen schmächtigen Gestalt stellte er sich vor sie hin, drohte mit dem Finger, den er dicht vor ihrem Dekolleté hielt, wie um eine Anklage gegen ihre Schönheit zu erheben, und sagte:

»Soviel ich weiß, sind diese Künstler, oder wie sie sich nennen mögen, ganz unzuverlässige Leute; und dir möchte ich raten, gib dich nicht zu viel mit ihm ab!«

Irene lächelte, und in der Linie ihrer Lippen lag etwas seltsam Herausforderndes. Sie schien ihre Ehrfurcht abgelegt zu haben. Ihr Busen hob und senkte sich wie in geheimem Zorn; sie zog ihre Hände, die auf der Armlehne ihres Sessels geruht hatten, zurück, bis die Fingerspitzen sich berührten, und ihre dunklen Augen warfen einen unergründlichen Blick auf James.

Dieser musterte düster den Fußboden.

»Ich will dir etwas sagen«, begann er wieder, »es ist schade, dass du kein Kind hast, an das du denken und mit dem du dich beschäftigen kannst!«

Ein sinnender Ausdruck kam in Irenes Gesicht, und selbst James bemerkte die Starrheit, die sich ihrer ganzen Gestalt unter dem weichen Gewand von Seide und Spitze bemächtigte.

Ihn erschreckte die Wirkung, die er hervorgebracht hatte, und wie die meisten Männer, denen es an Mut fehlt, suchte er durch Schelten darüber hinwegzukommen.

»Du scheinst nicht gern auszugehen. Warum fährst du nicht mit uns zum Hurlingham? Und geh zuweilen doch ins Theater. In deinem Alter müsste dir all dies Freude machen. Du bist doch eine junge Frau.«

Der sinnende Ausdruck ihres Gesichts verfinsterte sich; James war unbehaglich zumute.

»Nun ja«, sagte er, »ich weiß ja nichts; mir sagt keiner was. Soames sollte sich selbst darum kümmern können. Wenn er sich nicht selbst darum kümmert, muss er nicht auf mich rechnen – das ist alles.«

Er nagte an der Spitze seines Zeigefingers und warf verstohlen einen kalten, scharfen Blick auf seine Schwiegertochter.

Doch er begegnete einem so dunklen tiefen Blick ihrer Augen, die fest auf die seinen gerichtet waren, dass er verstummte und in gelinden Schweiß geriet.

»Ja, ich muss fort«, sagte er nach einer kurzen Pause, und in leisem Erstaunen, als hätte er eine Aufforderung zu weiterem Bleiben erwartet, stand er eine Minute später auf. Er reichte Irene die Hand und ließ sich von ihr bis an die Haustür begleiten. Er wollte keine Droschke, wollte gehen, Irene sollte Soames für ihn Gutenacht wünschen, und wenn sie eine kleine Aufheiterung brauche, wäre er gern einmal bereit, mit ihr nach Richmond zu fahren.

Er ging nach Hause, und als er oben ankam, weckte er Emily aus dem ersten Schlaf, den sie seit vierundzwanzig Stunden gefunden hatte, um ihr zu sagen, dass die Dinge bei Soames seiner Ansicht nach eine schlimme Wendung nähmen. Nachdem er eine halbe Stunde über dieses Thema geredet hatte, drehte er sich endlich mit den Worten, er werde die ganze Nacht kein Auge zutun, auf die Seite und fing augenblicklich an zu schnarchen.

In dem Haus am Montpellier Square stand Soames, der aus dem Raum mit den Bildern gekommen war, ungesehen oben auf der Treppe und beobachtete Irene, während sie die mit der letzten Post eingetroffenen Briefe sortierte. Sie ging in den Salon zurück, kam aber eine Minute später wieder heraus und blieb lauschend stehen. Darauf kam sie mit einem Kätzchen im Arm ganz leise die Treppe hinauf. Er konnte sehen, wie sie ihr Gesicht über das Tierchen neigte, das an ihrem Halse schnurrte. Warum konnte sie ihn nicht so anschauen?

Plötzlich erblickte sie ihn, und ihr Gesicht veränderte sich.

»Sind Briefe für mich da?«, fragte er.

»Drei.«

Er trat zur Seite, und ohne ein Wort ging sie weiter ins Schlafzimmer.

Siebentes Kapitel

Des alten Jolyon lässliche Sünde

An demselben Nachmittag verließ der alte Jolyon Lords Kricketplatz in der Absicht, nach Hause zu gehen. Aber bevor er Hamilton Terrace erreicht hatte, wurde er anderen Sinnes, rief eine Droschke heran und nannte dem Kutscher eine Adresse in der Wistaria Avenue. Er hatte einen Entschluss gefasst.

June war die ganze Woche hindurch kaum zu Hause gewesen, sie hatte ihm seit langem nicht mehr Gesellschaft geleistet, eigentlich seit ihrer Verlobung mit Bosinney. Er bat sie nie um ihre Gesellschaft. Es war nicht seine Art, jemanden um etwas zu bitten! Sie hatte jetzt nur den einen Gedanken – Bosinney und seine Angelegenheiten – und ließ ihn mit einer Handvoll Dienstboten in dem großen Hause allein, wo er vom Morgen bis zum Abend keine Seele hatte, mit der er ein Wort hätte wechseln können. Sein Klub war der Reinigung wegen geschlossen; die Sitzungen im Aufsichtsrat hatten aufgehört; es gab also nichts, das ihn in die City führte. June hatte ihm zugeredet zu verreisen; sie selbst wollte nicht fort, weil Bosinney in London blieb.

Aber wo sollte er allein hin? Er konnte nicht allein ins Ausland reisen; die See war nichts für seine Leber, und Hotels waren ihm verhasst. Roger ging in eine Wasserheilanstalt – in seinem Alter wollte er damit nicht mehr anfangen, diese neumodischen Orte waren doch alle Humbug!

Mit solchen Sätzen machte er seiner seelischen Niedergeschlagenheit Luft, aber die Linien in seinem Gesicht vertieften sich, und seine Augen blickten von Tag zu Tag melancholischer, eine Melancholie, die so seltsam auf einem Gesicht berührt, das man immer stark und heiter zu sehen gewohnt ist.

Und daher machte er heute in dem goldenen Licht, das in verstreuten Flecken auf den runden grünen Kugelakazien vor den kleinen Häuschen lag, im Sommersonnenschein, der festlich über den kleinen Gärtchen glänzte, diese Fahrt durch den St. John’s Wood. Er schaute sich mit Interesse um, denn dies war eine Gegend, die kein Forsyte ohne offene Missbilligung und geheime Neugierde betrat.

Sein Wagen hielt vor einem kleinen Haus von jener gelbbraunen Farbe, die auf einen seit langem nicht erneuten Anstrich schließen lässt. Es hatte eine Gartenpforte und einen ländlichen Eingang.

Mit außerordentlicher Gefasstheit stieg er aus; der massive Kopf mit dem hängenden Schnurrbart und dem flügelartig wehenden weißen Haar war hochaufgerichtet unter einem übermäßig großen Zylinder; sein Blick fest, ein wenig finster. Dahin hatte er sich also treiben lassen!

»Ist Mr Jolyon Forsyte zu Hause?«

»Ja, Sir – wen darf ich melden, Sir?«

Der alte Jolyon konnte sich nicht erwehren, dem kleinen Dienstmädchen zuzublinzeln, als er seinen Namen nannte. Es war eine so komische kleine Kröte!

Er folgte ihr durch den dunklen Flur in einen kleinen Salon, dessen Möbel mit Chintz bezogen waren, und das kleine Dienstmädchen bot ihm einen Sitz an.

»Es sind alle im Garten, Sir; wenn Sie freundlichst Platz nehmen würden, ich melde Sie.«

Der alte Jolyon setzte sich in den mit Chintz bezogenen Sessel und sah sich um. Das ganze Haus kam ihm, wie er es ausgedrückt haben würde, dürftig vor; es hatte alles einen gewissen – er wusste nicht recht, wie er es nennen sollte –, einen Anstrich von Schäbigkeit oder vielmehr von großer Einschränkung. So viel er sehen konnte, war kein einziges Möbelstück auch nur fünf Pfund wert. Die vor ziemlich langer Zeit getünchten Wände waren mit Aquarellskizzen geschmückt; quer über der Decke klaffte ein langer Riss.

Diese kleinen Häuser waren sämtlich alt, Sachen zweiten Ranges. Hoffentlich betrug die Miete weniger als hundert Pfund das Jahr; der Gedanke, dass ein Forsyte – sein eigener Sohn – in einem solchen Hause wohnte, kränkte ihn mehr, als er sagen konnte.

Das kleine Dienstmädchen kam zurück. Ob er die Güte haben wollte, in den Garten zu kommen?

Der alte Jolyon trat durch die Glastür hinaus. Als er die Stufen hinabstieg, fiel ihm auf, dass sie eines neuen Anstrichs bedurften.

Der junge Jolyon, seine Frau, die beiden Kinder und sein Hund Balthasar saßen alle unter einem Birnbaum.

Dieser Gang ihnen entgegen war die mutigste Tat im Leben des alten Jolyon; aber kein Muskel seines Gesichts zuckte, keine unruhige Gebärde verriet ihn. Er richtete seine tiefliegenden Augen fest auf den Feind.

In diesen zwei Minuten lieferte er einen vollkommenen Beweis für die unbewusste Vernunft, Ausgeglichenheit und innere Lebenskraft, die ihn wie viele andere seines Standes zum Kern der Nation machten. In der unostentativen Leitung ihrer eigenen Geschäfte, worüber sie alles andere vernachlässigten, waren sie das Urbild des ausgeprägten, den Briten in der natürlichen Isolation ihres Landes angeborenen Individualismus.

Der Hund Balthasar beschnupperte den Saum seiner Beinkleider; dieser zutrauliche und zynische Mischling – der Sprössling einer Liaison zwischen einem russischen Pudel und einem Foxterrier – hatte eine Nase für das Ungewöhnliche.

Als die seltsame Begrüßung vorüber war, setzte sich der alte Jolyon in einen Korbstuhl, und seine beiden Enkelkinder, jedes an einem Knie, schauten ihn schweigend an, denn sie hatten noch nie einen so alten Mann gesehen.

Als wären sie sich der ungleichen Umstände ihrer Geburt bewusst, sahen sie sich gar nicht ähnlich. Jolly, das Kind der Sünde, pausbäckig, das flachsfarbene Haar aus der Stirn gebürstet, mit einem Grübchen am Kinn, hatte die beharrliche Liebenswürdigkeit und die Augen eines Forsyte; die kleine dunkle Holly, das Kind der Ehe, war ein ernstes Seelchen mit den grauen nachdenklichen Augen der Mutter.

Nachdem der Hund Balthasar um die drei kleinen Blumenbeete herumgegangen war, um seine Verachtung im Allgemeinen kundzugeben, hatte er sich ebenfalls vor dem alten Jolyon niedergelassen, wedelte mit dem dicht über dem Rücken von Natur aus buschigen Schwanz und starrte ihn an, ohne zu blinzeln.

Sogar in diesem Garten überschlich den alten Jolyon das Gefühl, dass alles schäbig war. Der Korbstuhl knarrte unter seinem Gewicht, die Gartenbeete sahen ›ruppig‹ aus, und drüben unter den rußgefleckten Mauern hatten sich die Katzen einen Weg gebahnt.

Während er und seine Enkelkinder sich gegenseitig eigentümlich prüfend, voll Neugierde und doch mit Vertrauen anschauten, wie sehr junge und sehr alte Menschen es zu tun pflegen, beobachtete der junge Jolyon seine Frau.

Die Röte in ihrem zarten ovalen Gesicht mit den geraden Brauen und den großen grauen Augen hatte sich vertieft. Ihr Haar, in schönen kühnen Linien aus der Stirn gekämmt, begann zu ergrauen wie das seine, und dieses Grau erhöhte den peinlich rührenden Eindruck ihres plötzlichen Errötens.

Der Ausdruck ihres Gesichts verriet, was er früher niemals bemerkt, was sie immer vor ihm verborgen hatte, geheimen Groll, Sehnsucht und Furcht. Ihre Augen unter den zuckenden Brauen starrten kummervoll. Sie schwieg.

Jolly allein hielt die Unterhaltung aufrecht. Er besaß viele Schätze und wünschte sehnlichst, dass sein unbekannter Freund mit dem ungeheuren Schnurrbart und den ganz von blauen Adern bedeckten Händen, der mit übergeschlagenen Beinen dasaß wie sein eigener Vater (eine Gewohnheit, die er sich anzueignen suchte), sie kennen lernen sollte; aber als echter Forsyte, wenn auch noch keine acht Jahre alt, erwähnte er nichts von dem, was ihm augenblicklich am meisten am Herzen lag – eine Armee Soldaten in einem Schaufenster, die ihm sein Vater zu kaufen versprochen hatte. Wahrscheinlich schien es ihm zu köstlich, hieß die Vorsehung versuchen, schon davon zu sprechen.

Und die Sonnenstrahlen spielten durch die Blätter auf die kleine schweigsame Gesellschaft von drei Generationen unter dem Birnbaum, der seit langem keine Früchte mehr getragen hatte.

Das gefurchte Gesicht des alten Jolyon war fleckig, rot geworden, wie die Gesichter alter Leute in der Sonne werden. Er ergriff eine von Jollys Händen, und der Knabe kletterte auf sein Knie, worauf Klein-Holly, von diesem Anblick magnetisiert, ebenfalls hinaufkroch; und dazu ertönte das rhythmische Kratzen des Hundes Balthasar.

Plötzlich erhob sich die junge Mrs Jolyon und eilte ins Haus. Eine Minute darauf stotterte ihr Mann eine Entschuldigung und folgte ihr. Der alte Jolyon blieb mit seinen Enkeln allein.

Und die Natur mit ihrer wunderbaren Ironie brachte eine ihrer seltsamsten Umwandlungen in ihm hervor, indem sie die Gesetze ihres Kreislaufs tief in sein Herz hinein verfolgte. Seine Zärtlichkeit für kleine Kinder, seine Leidenschaft für die Anfänge des Lebens, die ihn einst dazu bewegt hatten, seinen Sohn zu verlassen und June zu folgen, trieben ihn jetzt dazu, June zu verlassen und diesen kleinen Wesen zu folgen. Die Jugend brannte noch immer wie eine Flamme in seiner Brust, und an der Jugend hielt er fest, an den kleinen runden Gliedern, die so sorglos und der Fürsorge so bedürftig waren, an den kleinen runden, so grundlos feierlichen oder strahlenden Gesichtchen, an den hohen Stimmchen und dem hellen kichernden Lachen, den unaufhörlich zerrenden Händchen und dem Gefühl der kleinen Körper an seinen Beinen, an allem, was jung war, jung und abermals jung. Und seine Augen wurden sanft, sanft seine Stimme, die dünnen, geäderten Hände, und sanft das Herz in ihm. Und für die kleinen Wesen wurde er alsbald eine Quelle des Vergnügens, eine Zuflucht, wo sie sicher waren, wo sie plaudern und lachen und spielen konnten, bis die höchste Fröhlichkeit dreier Herzen von seinem Platz im Korbstuhl wie Sonnenschein erstrahlte.

Anders aber stand es mit dem jungen Jolyon, der seiner Frau in ihr Zimmer nachgefolgt war.

Er fand sie auf einem Stuhl vor ihrem Toilettenspiegel sitzend, das Gesicht in den Händen geborgen.

Ihre Schultern zuckten vor Schluchzen. Diese Leidenschaftlichkeit ihres Schmerzes war ihm unbegreiflich. Er hatte diese Stimmungen schon hundertmal erlebt; wie er sie ertragen hatte, wusste er selbst nicht, denn er konnte nie glauben, dass es wirklich nur Stimmungen waren und dass die letzte Stunde seines Ehebundes noch nicht geschlagen hatte.

In der Nacht würde sie sicherlich die Arme um seinen Hals schlingen und sagen: »Oh, Jo, was musst du durch mich leiden!« Wie sie es schon hundertmal getan hatte.

Er streckte die Hand aus und ließ das Rasieretui unbemerkt in seine Tasche gleiten.

›Ich kann hier nicht länger bleiben‹, dachte er, ›ich muss wieder hinunter!‹ Er verließ das Zimmer ohne ein Wort und ging zurück in den Garten.

Sein Vater hielt Klein-Holly, die sich seiner Uhr bemächtigt hatte, auf den Knien, und Jolly, ganz rot im Gesicht, versuchte zu zeigen, dass er auf dem Kopfe stehen könne. Dem Teetisch so nahe, wie es möglich war, hielt der Hund Balthasar die Augen fest auf den Kuchen gerichtet.

Der junge Jolyon hatte ein boshaftes Verlangen, ihrem Vergnügen ein Ende zu machen.

Was musste sein Vater heute auch hierher kommen und seine Frau aus der Fassung bringen? Es erschreckte sie nach all diesen Jahren! Er hätte es wissen können, hätte sie darauf vorbereiten sollen. Aber wann hätte ein Forsyte sich je vorgestellt, dass sein Verhalten jemanden außer Fassung bringen konnte! Und in Gedanken tat er seinem Vater unrecht.

Er sprach streng zu den Kindern und wies sie, zum Tee hinaufzugehen. Sehr erstaunt, denn sie hatten ihren Vater noch niemals so streng gesehen, gingen sie Hand in Hand davon, und Klein-Holly blickte über ihre Schulter zurück.

Der junge Jolyon schenkte den Tee ein.

»Meine Frau ist heute nicht ganz auf dem Posten«, sagte er, wusste jedoch sehr wohl, dass sein Vater die Ursache ihres plötzlichen Rückzugs durchschaut hatte, und hasste den alten Mann beinah dafür, dass er so ruhig sitzen blieb.

»Du hast hier ein hübsches kleines Haus«, sagte der alte Jolyon mit einem schlauen Blick, »du hast es wohl gemietet?«

Der junge Jolyon nickte.

»Die Nachbarschaft gefällt mir nicht«, sagte sein Vater, »ein heruntergekommener Haufen.«

»Ja«, erwiderte der junge Jolyon, »wir sind ein heruntergekommener Haufen.«

Die Stille wurde jetzt nur durch das Kratzen des Hundes unterbrochen.

»Ich hätte vielleicht nicht herkommen sollen, Jo«, sagte der alte Jolyon einfach, »aber ich bin jetzt so einsam!«

Bei diesen Worten stand der junge Jolyon auf und legte die Hand auf die Schulter seines Vaters.

Im Nebenhause spielte jemand unaufhörlich ›La donna è mobile‹18 auf einem verstimmten Klavier; der kleine Garten lag jetzt im Schatten, die Sonne erreichte nur noch den Rand der Mauer, wo eine Katze lag und sich wärmte, die gelben Augen träge auf den Hund Balthasar gerichtet. Man hörte von fern das schläfrige Gesumm des Straßenverkehrs; der mit Kletterpflanzen überwachsene Gartenzaun versperrte die Aussicht auf alles, bis auf den Himmel, das Haus und den Birnbaum, dessen oberste Zweige die Sonne noch vergoldete.

Eine Weile saßen sie da, ohne viel zu sprechen. Dann erhob sich der alte Jolyon, um zu gehen, und kein Wort von Wiederkommen wurde gesagt.

Er ging sehr traurig fort. Was für ein elender, armseliger Ort. Und er dachte an das große leere Haus in Stanhope Gate, ein Domizil, wie es einem Forsyte zukam, mit seinem großen Billardraum und dem Salon, den von einer Woche zur anderen niemand betrat.

Die Frau, deren Gesicht er ganz gern mochte, war viel zu zart besaitet; sie machte Jo sicher das Leben schwer! Und diese süßen Kinder! Ach, welch furchtbare Torheit!

Er ging Richtung Edgware Road, zwischen Reihen kleiner Häuser, hinter all denen er (wahrscheinlich ganz unberechtigt, aber die Vorurteile eines Forsyte sind geheiligt) irgendeine dunkle Geschichte vermutete.

Die Gesellschaft, fürwahr, die schwätzenden Hexen und Affen, hatten sich über sein Fleisch und Blut zu Gericht gesetzt! Ein Haufen alter Weiber! Er stieß seinen Schirm auf den Boden, als wolle er ihn jenem erbärmlichen Körper ins Herz bohren, der es gewagt hatte, seinen Sohn und seines Sohnes Sohn, in dem er wieder hätte aufleben können, zu ächten!

Er stieß heftig mit dem Schirm auf; und doch hatte er selbst sich vor fünfzehn Jahren dem Urteil der Gesellschaft angeschlossen – war ihm erst heute untreu geworden!

Mit all der alten Bitterkeit dachte er an June, ihre tote Mutter und die ganze Vergangenheit. Eine unselige Geschichte!

Er brauchte lange Zeit, bis er nach Stanhope Gate kam, denn obwohl er äußerst müde war, ging er aus angeborenem Eigensinn den ganzen Weg zu Fuß.

Nachdem er sich unten in der Toilette die Hände gewaschen hatte, begab er sich in den Speisesaal, der einzige Raum, den er benutzte, wenn June fort war – es war ihm dann weniger einsam. Das Abendblatt war noch nicht gekommen, die Times hatte er gelesen, er hatte also nichts zu tun.

Der Raum lag abseits vom Straßenverkehr und war sehr ruhig. Er mochte keine Hunde, aber selbst ein Hund wäre jetzt eine Gesellschaft gewesen. Sein Blick wanderte an den Wänden entlang und blieb auf einem Bilde mit dem Titel ›Holländische Fischerboote bei Sonnenuntergang‹ haften; es war das Meisterstück seiner Sammlung. Aber es machte ihm keine Freude. Er schloss die Augen. Er fühlte sich einsam! Er durfte sich nicht beklagen, das wusste er, aber er konnte nicht anders: Er war ein armer Wicht – war es immer gewesen – er hatte keinen Mut! Das ging ihm durch den Kopf.

Der Butler kam, um den Tisch zu decken, und da er glaubte, dass sein Herr schlief, befleißigte er sich der äußersten Vorsicht in seinen Bewegungen. Dieser bärtige Mann trug einen Schnurrbart, der vielen Familienmitgliedern, besonders denen, die wie Soames eine öffentliche Schule besucht hatten und in solchen Dingen auf das Vorschriftsmäßige sahen, Anlass zu ernsten Bedenken gegeben hatte. War er denn wirklich ein Butler? Mutwillige Geister nannten ihn: ›Onkel Jolyons Nonkonformist‹, und George, der anerkannte Witzbold, hatte ihm den Namen ›Sankey‹19 gegeben.

Der Butler bewegte sich mit unnachahmlicher Gewandtheit leise zwischen dem großen polierten Büfett und dem großen polierten Tisch hin und her.

Der alte Jolyon, der sich schlafend stellte, beobachtete ihn. Der Mensch war ein Schleicher – es war ihm immer so vorgekommen –, der keinen anderen Gedanken hatte, als schnell mit seiner Arbeit fertig zu werden und dann zu seinen Wetten oder seinem Schatz oder der Himmel weiß was hinauszukommen. Ein Faulenzer! Auch noch dick dazu! Und er machte sich nicht das Geringste aus seinem Herrn!

Aber dann kam wieder einer jener philosophischen Augenblicke, die den alten Jolyon von anderen Forsytes unterschieden:

Warum sollte der Mann sich schließlich etwas aus ihm machen? Dafür wurde er nicht bezahlt, also weshalb es dann erwarten? Man konnte in dieser Welt nicht auf Anhänglichkeit rechnen, wenn man nicht dafür zahlte. In einer anderen war es vielleicht nicht so – vielleicht, wer weiß? Und wieder schloss er die Augen.

Unentwegt und vorsichtig fuhr der Diener in seiner Arbeit fort, während er aus verschiedenen Fächern des Büfetts die Sachen nahm. Sein Rücken schien stets seinem Herrn zugewandt; auf diese Weise nahm er seinen Verrichtungen in dessen Gegenwart das Ungeziemende. Ab und zu hauchte er verstohlen auf das Silber und rieb es mit einem Stück gämsfarbenen Leder ab. Es sah aus, als wären seine Gedanken ausschließlich auf die Menge des Weins in den Karaffen gerichtet, die er vorsichtig und ziemlich hoch herbeitrug, wobei er seinen Bart schützend über sie niederhängen ließ. Als er fertig war, blieb er eine Minute lang stehen und beobachtete seinen Herrn mit einem verächtlichen Blick in den grünlichen Augen:

Der war doch eigentlich nur ein sonderbarer alter Kauz, mit dem nicht viel mehr anzufangen war!

Leise wie ein Kater ging er quer durch den Raum, um zu klingeln. Ihm war angesagt: »Dinner um sieben Uhr.« Wenn sein Herr nun auch schlief, das wollte er ihm bald vertreiben; zum Schlafen war die Nacht doch da! Er hatte an sich selbst zu denken, denn um halb neun musste er in seinem Klub sein!

Auf das Klingeln erschien ein Knabe in Livree mit einer silbernen Suppenterrine. Der Butler nahm sie ihm ab und setzte sie auf den Tisch, dann stellte er sich an die offene Tür, als wären Gäste hereinzulassen, und sagte mit feierlicher Stimme:

»Es ist angerichtet, Sir!«

Langsam erhob sich der alte Jolyon von seinem Sessel und setzte sich an den Tisch, um seine Mahlzeit zu sich zu nehmen.

Achtes Kapitel

Baupläne

Bekanntlich haben alle Forsytes ihre Schale, wie das äußerst nützliche kleine Tierchen20, aus dem Türkisches Konfekt bereitet wird. Mit anderen Worten, man sieht sie nie oder würde sie, wenn man sie sieht, ohne ihr Gehäuse nicht erkennen, das sich aus ihren äußeren Lebensumständen, ihrem Eigentum, ihren Bekannten und ihren Frauen zusammensetzt, von denen sie auf ihrem Wege durch eine Welt begleitet werden, die aus Tausenden von anderen Forsytes mit ihrem Gehäuse besteht. Ohne ein solches Gehäuse ist ein Forsyte undenkbar – er wäre wie ein Roman ohne Handlung, was als Abweichung von der Regel betrachtet wird.

In den Augen der Forsytes besaß Bosinney kein solches Gehäuse, er war einer jener bedauernswerten Menschen, die von Umständen, Eigentum, Bekannten und Frauen umgeben durchs Leben gehen, die nicht ihnen gehören.

Seine Wohnung in Sloane Street, im obersten Stockwerk, wo außen auf einem Schild sein Name, ›Philip Baynes Bosinney, Architekt‹, stand, war nicht die eines Forsyte. Er hatte keinen Empfangsraum neben seinem Büro, sondern es war eine große Nische abgetrennt, um die Bedürfnisse des Lebens – ein Ruhebett, einen Lehnstuhl, seine Pfeifen, Likörschränkchen, einige Romane und die Hausschuhe – zu verbergen. Der geschäftliche Teil des Raumes hatte die übliche Ausstattung: einen offenen Schrank mit Fächern, einen runden Eichentisch, einen Klappwaschtisch, ein paar harte Stühle und ein sehr großes Stehpult, das mit Zeichnungen und Entwürfen bedeckt war. June war unter dem Schutz seiner Tante zweimal zum Tee dagewesen.

Hinten sollte er irgendwo ein Schlafzimmer haben.

Sein Einkommen bestand, soviel die Familie Sicheres darüber erfahren konnte, aus je zwanzig Pfund im Jahr, die ihm zwei Anstellungen als Sachverständiger einbrachten, aus einem gelegentlichen Extrahonorar und ferner – was wertvoller war – aus einer jährlichen Leibrente von hundertfünfzig Pfund, die ihm im Testament seines Vaters ausgesetzt war.

Was dabei in Bezug auf diesen Vater ruchbar geworden war, klang nicht gerade beruhigend. Er war anscheinend Landarzt in Lincolnshire gewesen, eine auffallende Erscheinung, mit Byron’schen21 Neigungen – in seiner Gegend eine allbekannte Persönlichkeit. Bosinneys angeheirateter Onkel Baynes, von der Firma Baynes and Bildeboy, ein Forsyte in seinen Instinkten, wenn auch nicht dem Namen nach, wusste nur wenig Gutes von seinem Schwager zu berichten.

»Ein sonderbarer Mensch!«, erzählte er wohl. »Von seinen drei ältesten Söhnen sagte er immer, sie seien ›gute Jungen, aber so dumm‹, dabei bewährten sich alle ausgezeichnet als Beamte in den Indischen Kolonien! Philip war der Einzige, den er liebte. Ich hörte ihn die sonderbarsten Reden führen; einmal sagte er zu mir: ›Lieber Freund, lass deine arme Frau nie wissen, was du vorhast!‹ Aber ich, ich folgte seinem Rat natürlich nicht! Ein exzentrischer Mensch! Er pflegte zu Phil zu sagen: ›Einerlei, ob du als Gentleman lebst oder nicht, mein Junge, jedenfalls aber sieh zu, dass du als solcher stirbst!‹ und sich selbst ließ er im Gesellschaftsanzug mit seidener Krawatte und einer Diamantnadel einbalsamieren. Oh, er war wirklich ein Original, das kann ich Ihnen sagen!«

Von Bosinney selbst sprach Baynes mit Wärme und einem gewissen Mitleid: »Er hat etwas von der Byron-Natur seines Vaters. Bedenken Sie, welche Aussichten er aufgab, als er mein Büro verließ; ging da mit einem Ranzen einfach auf sechs Monate weg, und wozu? – um die Architektur des Auslands zu studieren – des Auslandes! Ich bitte Sie! Was hatte er davon? Nun sitzt er da – ein so gescheiter junger Kerl – und verdient keine hundert Pfund im Jahr. Diese Verlobung jetzt ist wirklich das Beste, was ihm passieren konnte – das wird ihn zur Vernunft bringen; er gehört zu denen, die am Tage schlafen und nachts aufsitzen, nur weil sie keine Methode haben; aber sonst ist kein Makel an ihm – nicht der leiseste Makel. Der alte Forsyte ist ein reicher Mann!«

Mr Baynes war sehr liebenswürdig gegen June, die in dieser Zeit sein Haus am Lowndes Square häufig besuchte.

»Dieses Haus von Mr Soames – übrigens ein ausgezeichneter Geschäftsmann – ist gerade das richtige für Philip«, pflegte er zu ihr zu sagen. »Sie dürfen nicht erwarten, jetzt viel von ihm zu sehen, mein liebes Fräulein. Ein guter Grund – ein guter Grund! Der junge Mann muss seinen Weg machen. Als ich in seinem Alter war, arbeitete ich Tag und Nacht. Meine liebe Frau pflegte zu sagen: ›Bobby, arbeite nicht so viel, denke an deine Gesundheit‹; aber ich schonte mich nie!«

June hatte sich darüber beklagt, dass ihr Verlobter gar keine Zeit fände, nach Stanhope Gate zu kommen.

Als er zum ersten Mal wieder kam, waren sie kaum eine Viertelstunde zusammen gewesen, als durch einen jener Zufälle, die charakteristisch für sie waren, Mrs Small erschien. Bosinney stand auf und verbarg sich, wie vorher verabredet war, in dem kleinen Kabinett, um ihr Fortgehen abzuwarten.

»Liebes«, sagte Tante Juley, »wie mager er ist! Ich habe das öfter bei Verlobten beobachtet; aber du darfst es nicht so weitergehen lassen. Gib ihm doch Barlows Fleischextrakt; es hat deinem Onkel Swithin außerordentlich gut getan!«

Junes kleine Gestalt stand aufrecht vor dem Kamin, ihr zartes Gesichtchen zuckte verdrießlich, denn sie betrachtete den ungelegenen Besuch der Tante als persönliche Beleidigung. Sie erwiderte verächtlich:

»Es kommt daher, dass er etwas tut; wer etwas tut, das der Mühe wert ist, wird niemals dick!«

Tante Juley war gekränkt. Sie selbst war immer mager gewesen, aber das einzige Vergnügen dabei lag für sie in der Sehnsucht, fülliger zu werden.

»Ich finde«, sagte sie grämlich, »du dürftest ihn nicht ›Bukanier‹ nennen lassen; jetzt, wo er das Haus für Soames bauen soll, könnten die Leute es sonderbar finden. Ich hoffe, er wird sich Mühe geben, es ist so wichtig für ihn; Soames hat einen so guten Geschmack!«

»Geschmack!«, rief June aufbrausend. »Ich gebe keinen Pfifferling für seinen Geschmack oder den irgendeines anderen aus der Familie!«

Mrs Small blickte sie überrascht an.

»Dein Onkel Swithin«, sagte sie, »hatte immer einen sehr guten Geschmack! Und Soames’ kleines Haus ist reizend; das ist doch wohl auch deine Ansicht!«

»Hm!«, sagte June. »Das ist alles Irenes Verdienst!«

Tante Juley versuchte nun etwas Angenehmes zu sagen:

»Und wird es der lieben Irene gefallen, auf dem Lande zu leben?«

June starrte sie gespannt, mit einem Blick an, als käme ihr plötzlich eine Erkenntnis; er wurde aber von einem noch gespannteren Starren abgelöst, das diese Erkenntnis wieder ins Wanken zu bringen schien. Sie erwiderte überlegen:

»Natürlich wird es ihr gefallen; warum auch nicht?«

Mrs Small wurde verlegen.

»Ich weiß nicht«, sagte sie, »ich dachte, sie würde sich nicht gern von ihren Freunden trennen. Dein Onkel James sagt, sie sei zu gleichgültig gegen alles. Wir – das heißt Timothy meint, sie sollte mehr ausgehen. Dir wird sie gewiss sehr fehlen!«

June verschränkte die Hände hinten im Nacken.

»Ich wollte«, rief sie, »Onkel Timothy redete nicht über Dinge, die ihn nichts angehen!«

Tante Juley erhob sich zur vollen Höhe ihrer langen Gestalt.

»Er spricht niemals über Dinge, die ihn nichts angehen«, sagte sie.

June bereute gleich ihre Worte; sie lief zu ihrer Tante hin und küsste sie.

»Verzeih mir, Tantchen, es tut mir leid, aber ich wünschte, sie ließen Irene in Frieden.«

Und Juley, der nichts einfiel, was sie über die Sache noch hätte sagen können, schwieg und rüstete sich zum Aufbruch, indem sie ihren schwarzseidenen Umhang über der Brust zuhakte und ihren grünen Pompadour nahm:

»Und wie geht es deinem Großvater?«, fragte sie im Vorraum, »er ist jetzt wohl sehr einsam, wo deine ganze Zeit von Mr Bosinney in Anspruch genommen ist?« Sie bückte sich, küsste ihre Nichte inbrünstig und ging mit kleinen trippelnden Schritten davon.

Junes Augen füllten sich mit Tränen; sie lief in das kleine Kabinett, wo Bosinney am Tisch saß und Vögel auf die Rückseite eines Kuverts zeichnete, sank an seiner Seite nieder und schluchzte:

»Oh Phil, es ist alles so grässlich!« Ihr Herz war so warm wie die Farbe ihres Haares.

Am folgenden Sonntagmorgen, während Soames sich rasierte, wurde ihm gemeldet, dass Mr Bosinney unten sei und ihn zu sprechen wünsche. Er öffnete die Tür zum Zimmer seiner Frau und sagte:

»Bosinney ist unten. Geh doch hinunter zu ihm, bis ich fertig bin. Ich komme in einem Augenblick. Er ist wahrscheinlich wegen der Pläne hier.«

Irene sah ihn an, ohne etwas zu erwidern, beendete ihre Toilette und ging hinunter.

Er konnte nicht dahinterkommen, wie sie über dieses Haus dachte. Sie hatte nichts dagegen gesagt und schien, soweit es Bosinney betraf, sogar sehr freundlich gestimmt.

Vom Fenster seines Ankleidezimmers aus konnte er die beiden unten in dem kleinen Hof miteinander plaudern sehen.

Er beeilte sich mit dem Rasieren und schnitt sich dabei zweimal am Kinn. Er hörte sie lachen und dachte im Stillen: ›Na, sie verstehen sich jedenfalls ganz gut!‹

Wie er erwartet hatte, war Bosinney gekommen, um ihn zur Besichtigung der Pläne abzuholen.

Er nahm seinen Hut und ging mit hinüber.

Die Pläne lagen ausgebreitet auf dem Eichentisch in Bosinneys Büro, und Soames stand blass, gelassen und forschend lange über sie gebeugt, ohne zu sprechen.

Schließlich sagte er unsicher:

»Das ist ja ein sehr merkwürdiges Haus!«

Die Zeichnung stellte ein rechteckiges, zweistöckiges Haus dar, das einen viereckigen Lichthof umschloss. Dieser war in der Höhe des oberen Stockwerks von einer Galerie umgeben und mit einem von acht Säulen getragenen Glasdach überdeckt, die vom Boden emporstiegen.

Für die Augen eines Forsyte war es allerdings ein merkwürdiges Haus.

»Es ist eine Menge Raum verschwendet«, fuhr Soames fort.

Bosinney fing an, auf und ab zu gehen, und Soames gefiel der Ausdruck in seinem Gesicht nicht.

»Der Hauptzweck dieses Hauses«, sagte der Architekt, »ist, Ihnen Raum zum Atmen zu schaffen – wie es sich für einen Gentleman gehört!«

Soames spreizte Zeigefinger und Daumen, wie um den Umfang der Vornehmheit zu messen, die er erlangen würde, und erwiderte:

»Jawohl; ich verstehe!«

Ein eigentümlicher Ausdruck, der seinen ganzen Enthusiasmus verriet, kam in Bosinneys Gesicht.

»Ich habe versucht, Ihnen hier den Plan eines Hauses zu zeichnen, das etwas auf sich hält. Wenn es Ihnen nicht gefällt, sagen Sie es lieber gleich. Es ist sicherlich das Letzte, was zu berücksichtigen wäre – wer verlangt schon Selbstachtung von seinem Hause, wenn irgendwo noch ein Toilettenraum hineingezwängt werden kann!« Er zeigte mit dem Finger plötzlich auf den linken Teil des mittleren Rechtecks: »Hier haben Sie Raum, sich zu bewegen. Das ist für Ihre Bilder, durch Vorhänge vom Hof getrennt; wenn man sie zurückzieht, entsteht ein Raum von einundfünfzig zu dreiundzwanzig Fuß. Dieser zweiseitige Ofen in der Mitte hier geht mit einer Seite auf den Hof und mit der anderen auf den Bildersaal; diese Wand besteht ganz aus Fenstern, durch sie fällt das Licht von Südosten, und Nordlicht kommt vom Hof her. Die übrigen Bilder können Sie oben rund um die Galerie aufhängen oder in den anderen Räumen. In der Architektur«, fuhr er fort und schien Soames nicht zu sehen, obwohl sein Blick auf ihn gerichtet war, was diesem ein unbehagliches Gefühl bereitete, »wie im Leben gibt es keine Selbstachtung ohne Regelmäßigkeit. Man wird Ihnen sagen, dass das altmodisch sei. Jedenfalls scheint es sonderbar, dass es uns niemals in den Sinn kommt, das Hauptprinzip des Lebens in unseren Bauten zu verkörpern; wir überladen unsere Häuser mit Verzierungen, Krimskrams, Erkern und allerlei, was das Auge ablenkt. Das Auge soll im Gegenteil Ruhe finden; man muss mit wenigen starken Linien eine Wirkung erzielen. Wovon alles abhängt, das ist Regelmäßigkeit – ohne die gibt es keine Selbstachtung!«

Mit unbewusstem Spott heftete Soames seinen Blick auf Bosinneys Krawatte, die durchaus nicht schnurgerade herabhing; er war auch unrasiert, und sein Anzug zeichnete sich nicht gerade durch Ordnung aus. Die Architektur schien seine ganze Regelmäßigkeit erschöpft zu haben.

»Wird es nicht wie eine Kaserne aussehen?«

Er erhielt nicht sogleich eine Antwort.

»Ich verstehe schon«, sagte Bosinney, »Sie wollen eins von Littlemasters Häusern – eins von der hübschen und geräumigen Sorte, wo die Dienstboten in Dachstuben wohnen und die Haustür tiefer liegt, so dass man gleich zu steigen hat. Gehen Sie doch zu Littlemaster, er ist ein vortrefflicher Mensch, ich kenne ihn seit langem!«

Soames erschrak. Die Pläne hatten wirklich Eindruck auf ihn gemacht und er hatte seine Befriedigung nur ganz instinktiv verheimlicht. Es war schwierig für ihn, seine Anerkennung auszusprechen. Er verachtete Leute, die freigebig mit ihrem Lobe waren.

Nun befand er sich in der peinlichen Lage, ein Kompliment aussprechen zu müssen, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, etwas Vorteilhaftes zu verlieren. Bosinney war ganz der Mann dazu, die Pläne zu zerreißen und sich zu weigern, weiter für ihn zu arbeiten; er war wie ein großes Kind!

Dieses Wesen eines großen Kindes, dem gegenüber er sich so überlegen fühlte, übte auf Soames eine merkwürdige, beinahe magnetische Wirkung aus, denn er hatte niemals etwas Ähnliches in sich gefühlt.

»Ja«, stotterte er endlich, »es ist – es ist jedenfalls originell!«

Er empfand ein geheimes Misstrauen, ja, sogar eine solche Abneigung gegen das Wort ›originell‹, dass er das Gefühl hatte, sich mit dieser Bemerkung eigentlich nicht zu verraten.

Bosinney schien erfreut. So etwas musste einen Menschen wie ihn natürlich freuen! Und Soames ermutigte dieser Erfolg.

»Es ist – ein großes Haus«, sagte er.

»Raum, Licht und Luft«, hörte er Bosinney murmeln, »in Littlemasters Häusern kann man nicht wie ein Gentleman leben – er baut für Fabrikanten.«

Soames machte eine abbittende Bewegung; er war mit einem Gentleman auf eine Stufe gestellt worden; um keinen Preis hätte er sich jetzt noch zu den Fabrikanten rechnen lassen mögen. Doch sein angeborenes Misstrauen gegen allgemeine Prinzipien erwachte aufs Neue. Was zum Teufel hatte es für einen Zweck, über Regelmäßigkeit und Selbstachtung zu reden? Er hatte den Eindruck, als würde das Haus kalt sein.

»Irene verträgt keine Kälte!«, sagte er.

»So!«, sagte Bosinney sarkastisch. »Ihre Frau? Sie liebt die Kälte nicht? Das lassen Sie meine Sorge sein; sie wird nicht frieren. Sehen Sie hier!«, er wies auf vier Zeichen in regelmäßigen Abständen an den Wänden des Hofes. »Ich habe hier Wasserheizung in Aluminiumkörpern vorgesehen; man bekommt sie in sehr hübschen Formen.«

Misstrauisch betrachtete Soames diese Zeichen.

»Das ist alles sehr gut und schön«, sagte er, »aber was wird es kosten?«

Der Architekt zog einen Bogen Papier aus der Tasche.

»Das Haus müsste eigentlich ganz in Stein gebaut werden, da ich aber annahm, dass es Ihnen zu teuer sein würde, habe ich mich für eine Verkleidung entschlossen. Es sollte ein kupfernes Dach haben, aber ich habe stattdessen grünen Schiefer genommen. Im Ganzen, einschließlich der Metallarbeiten, wird es Sie achttausendfünfhundert Pfund kosten.«

»Achttausendfünfhundert?«, sagte Soames. »Aber ich habe Ihnen doch achttausend als äußerste Grenze genannt!«

»Unmöglich für einen Penny weniger«, erwiderte Bosinney kühl. »Sie müssen sich dazu entschließen oder es ganz aufgeben!«

Dies war vielleicht die einzige Art, in der man Soames einen solchen Vorschlag machen konnte. Er war in die Enge getrieben. Eine innere Stimme riet ihm, die ganze Sache fallen zu lassen. Aber die Zeichnung war gut, das wusste er – und es lag eine gewisse Würde über allem, nichts fehlte; selbst die Räume für die Dienstboten waren ausgezeichnet. Sein Ansehen würde steigen, wenn er in einem Hause wohnte, das ein so eigenartiges Aussehen hatte und doch so vorzüglich eingerichtet war.

Er vertiefte sich wieder in die Pläne, während Bosinney in sein Schlafzimmer ging, um sich zu rasieren und anzukleiden.

Schweigend gingen die beiden zurück zum Montpellier Square, wobei Soames ihn mit einem Seitenblick beobachtete.

›Der Bukanier ist eigentlich ein hübscher Mensch‹, dachte er, w›enn er anständig angezogen ist.‹

Irene stand über ihre Blumen gebeugt, als die beiden Herren eintraten.

Sie sprach davon, nach June über den Park zu schicken.

»Nein, nein«, sagte Soames, »wir haben noch Geschäftliches zu besprechen.«

Beim Mittag war er fast herzlich und nötigte Bosinney fortwährend zum Essen. Er freute sich, ihn in so guter Laune zu sehen, und ließ ihn den Nachmittag über mit Irene allein, während er, seiner sonntäglichen Gewohnheit nach, seinen Bildern verstohlen einen Besuch abstattete. Zur Teezeit ging er in den Salon hinunter und fand sie in einer Unterhaltung, die, wie er es ausdrückte, vom Hundertsten ins Tausendste ging.

Er stand unbemerkt in der Tür und beglückwünschte sich dazu, dass alles ins richtige Geleis gekommen war. Ein Glück, dass sie und Bosinney gut miteinander standen; sie schien anzufangen, sich mit der Idee des neuen Hauses anzufreunden.

Bei ruhiger Überlegung unter seinen Bildern hatte er beschlossen, die fünfhundert Pfund noch zuzuschießen, wenn es notwendig war, aber er hoffte, dass der Nachmittag Bosinneys Kostenvoranschlag vielleicht herabgemindert hatte. Es war ihm sicher ein Leichtes, die Sache zu ändern; es musste doch mehr als einen Weg geben, die Kosten zu verringern, ohne die Wirkung zu beeinträchtigen.

Er wartete darum eine gelegene Zeit ab, bis Irene dem Architekten die erste Tasse Tee reichte. Ein Sonnenstrahl, der durch die Spitzen des Fenstervorhangs fiel, wärmte ihre Wange, leuchtete im Gold ihres Haares und in ihren sanften Augen. Derselbe Strahl vielleicht erhöhte auch Bosinneys Farbe und gab seinem Gesicht diesen fast bestürzten Ausdruck.

Soames war Sonnenschein verhasst, darum stand er sofort auf und zog die Vorhänge zu. Darauf nahm er seine Tasse Tee aus den Händen seiner Frau und sagte in kühlerem Ton, als er beabsichtigt hatte:

»Gibt es keine Möglichkeit, es doch für achttausend zu machen? Sie könnten gewiss eine Menge Kleinigkeiten ändern?«

Bosinney trank seine Tasse in einem Zuge aus und antwortete:

»Nicht eine!«

Soames sah, dass seine Frage einen unverständlichen Punkt von Bosinneys persönlicher Eitelkeit getroffen hatte.

»Gut«, erwiderte er in verdrießlicher Nachgiebigkeit, »es muss wohl alles nach Ihrem Willen gehen, vermute ich.«

Wenige Minuten später erhob sich Bosinney, um zu gehen, und Soames stand ebenfalls auf, um ihn hinauszubegleiten. Der Architekt schien in unglaublich guter Laune zu sein. Nachdem er ihn mit raschen Schritten hatte fortgehen sehen, kehrte Soames verstimmt in den Salon zurück, wo Irene die Noten wegräumte, und fragte in einem Anfall unwiderstehlicher Neugierde:

»Na, wie findest du denn den ›Bukanier‹?«

Er sah auf den Teppich, während er auf ihre Antwort wartete, und die ließ eine ganze Weile auf sich warten.

»Ich weiß nicht«, sagte sie schließlich.

»Findest du, dass er gut aussieht?«

Irene lächelte. Und Soames hatte die Empfindung, dass sie sich über ihn lustig mache.

»Ja«, erwiderte sie, »sehr.«

Neuntes Kapitel

Tante Anns Tod

Gegen Ende September kam ein Morgen, an dem Tante Ann unfähig war, die Abzeichen ihrer persönlichen Würde aus den Händen ihres Mädchens entgegenzunehmen. Nach einem Blick auf das alte Gesicht verkündigte der Arzt, den man eiligst herbeigerufen hatte, dass Miss Forsyte hinübergeschlummert sei.

Die Tanten Juley und Hester waren von Schreck überwältigt. An ein solches Ende hatten sie nie gedacht. Wahrscheinlich hatten sie sich überhaupt niemals vorgestellt, dass einmal ein Ende kommen musste. Im Geheimen fanden sie es unbegreiflich von Ann, sie so ohne ein Wort, ja selbst ohne jeden Kampf verlassen zu haben. Es sah ihr gar nicht ähnlich.

Was sie so tief ergriff, war vielleicht der Gedanke, dass eine Forsyte das Leben so hatte fahren lassen können. Wenn eine, warum dann nicht alle!

Es währte eine volle Stunde, ehe sie sich entschließen konnten, es Timothy zu sagen. Wenn man es ihm doch nur verheimlichen könnte! Oder es ihm allmählich beibringen!

Lange standen sie flüsternd vor seiner Tür. Und als es überstanden war, flüsterten sie wieder miteinander.

Sie fürchteten, dass er es mit der Zeit immer mehr empfinden würde. Indessen hatte er es besser aufgenommen, als sie erwarten konnten. Allerdings musste er das Bett hüten!

Sie trennten sich, jede leise weinend.

Tante Juley blieb, von dem Schlag niedergeworfen, in ihrem Zimmer. Ihr von Tränen entstelltes Gesicht war durch kleine Wülste vorquellenden Fleisches, das vor Erregung geschwollen war, in Felder eingeteilt. Ein Leben ohne Ann, mit der sie, nur durch das Interregnum ihrer kurzen Ehe, die ihr jetzt so unwirklich vorkam, dreiundsiebzig Jahre zusammengelebt hatte, schien ihr undenkbar. In bestimmten Abständen ging sie an ihre Kommode und nahm unter den Lavendelsäckchen ein frisches Taschentuch heraus. Ihr warmes Herz konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Ann so kalt dalag.

Tante Hester, die schweigsame, geduldige, dies Stauwasser der Familienenergie, saß bei zugezogenen Vorhängen im Salon. Auch sie hatte zuerst geweint, aber still, ohne sichtbare Wirkung. Ihr Hauptprinzip, die Energie aufrechtzuerhalten, verließ sie auch im Kummer nicht. Schmächtig und reglos saß sie da, den Blick unverwandt auf den Kaminrost gerichtet, die Hände müßig im Schoße ihres schwarzen Seidenkleides. Bald würde man sie wahrscheinlich aufstören und verlangen, dass sie etwas tue. Als ob das irgendeinen Zweck hätte! Es würde Ann nicht wieder zum Leben erwecken. Wozu würde man sie quälen?

Zum Tee um fünf Uhr kamen drei von den Brüdern, Jolyon, James und Swithin. Nicholas war in Yarmouth und Roger hatte einen schweren Gichtanfall. Mrs Hayman, die vorher schon allein dagewesen war und, nachdem sie Ann gesehen hatte, wieder fortgegangen war, hatte Timothy sagen lassen – doch es wurde ihm nicht bestellt –, man hätte es sie früher wissen lassen sollen. Eigentlich beherrschte sie alle ein Gefühl, dass man sie früher hätte benachrichtigen sollen, als ob sie etwas versäumt hätten. James sagte schließlich:

»Ich habe es lange kommen sehen; sagte ich euch nicht, sie werde den Sommer nicht überleben?«

Tante Hester antwortete nicht; es war fast Oktober, aber wozu darüber streiten; manche Leute sind nie zufrieden.

Sie schickte hinauf, um der Schwester sagen zu lassen, dass die Brüder da seien. Mrs Small kam sofort herunter. Sie hatte ihr Gesicht gebadet, das immer noch geschwollen war, und obwohl sie streng auf Swithins Beinkleider blickte, denn sie waren von hellem Blau – er war direkt aus dem Klub gekommen, wo ihn die Nachricht erreicht hatte –, sah sie heiterer aus als sonst, denn ihr Instinkt, das Falsche zu tun, verleugnete sich auch jetzt nicht.

Alsdann gingen alle fünf hinauf, um die Leiche zu sehen. Unter das reine weiße Laken war eine Steppdecke gebreitet, denn jetzt bedurfte Tante Ann der Wärme mehr denn je; die Kissen waren entfernt, und Kopf und Rücken ruhten flach in unbeugsamer Steifheit, wie man sie ihr Leben lang gekannt hatte. Ein Häubchen, an beiden Seiten bis zu den Ohren herabgezogen, umrahmte ihre Stirn, und zwischen ihm und dem weißen Laken wandte sich ihr Gesicht, fast ebenso weiß wie dieses, mit geschlossenen Augen den Gesichtern ihrer Brüder und Schwestern zu. In seinem unaussprechlichen Frieden war das Gesicht stärker denn je, fast nur Knochen unter dem kaum runzligen Pergament der Haut – das eckige Kinn, der Kiefer, die Backenknochen, die Stirn mit den eingefallenen Schläfen, die gemeißelte Nase – diese Festung eines unbesiegbaren Geistes, die sich dem Tod ergeben hatte, und in seiner nach oben gerichteten Blindheit schien es, den Geist zurückholen zu wollen, die Herrschaft, die es eben niedergelegt hatte, zurückgewinnen zu wollen.

Swithin warf nur einen Blick auf das Antlitz und verließ das Zimmer wieder; bei dem Anblick, sagte er hernach, wäre ihm sehr sonderbar zumute gewesen. Er ging hinunter, wobei das ganze Haus unter seinem Schritt bebte, nahm seinen Hut und stieg in seinen Wagen, ohne dem Kutscher irgendeine Richtung anzugeben. Dieser fuhr ihn nach Hause, und dort saß er den ganzen Abend in seinem Sessel, ohne sich zu regen.

Bei Tisch nahm er nichts als ein Rebhuhn und einen stattlichen Becher Champagner …

Der alte Jolyon stand mit gefalteten Händen am Fußende des Bettes. Er allein von allen im Zimmer erinnerte sich noch des Todes seiner Mutter, und obwohl er Ann anblickte, weilten seine Gedanken doch bei ihr. Ann war alt geworden, aber schließlich war der Tod zu ihr gekommen – der Tod kam zu allen! Nichts in seinem Gesicht bewegte sich, sein Blick schien von weither zu kommen.

Neben ihm stand Tante Hester. Sie weinte jetzt nicht mehr, die Tränen waren versiegt – ihre Natur wehrte sich gegen einen weiteren Kraftaufwand; mit ineinandergeschlungenen Händen blickte sie, nicht auf Ann, sondern von einer Seite zur anderen, als suche sie auf irgendeine Art der Anstrengung zu entrinnen, sich das Geschehene als wirklich vorzustellen.

Von allen Geschwistern schien James am tiefsten bewegt. Tränen rollten die gleichlaufenden Falten seines hageren Gesichtes herab; wem sollte er nun sein Leid klagen, er wusste es nicht. Juley war nicht zu gebrauchen, und Hester noch schlimmer als nutzlos! Er empfand Anns Tod mehr, als er je gedacht hätte; darüber würde er wochenlang nicht hinwegkommen!

Tante Hester stahl sich jetzt hinaus, und Tante Juley fing an, hin- und herzugehen und das ›Notwendige zu besorgen‹, wobei sie zweimal gegen etwas anstieß. Aus seiner Träumerei geweckt, einer Träumerei über längst vergangene Zeiten, warf der alte Jolyon ihr einen strengen Blick zu und ging fort. James blieb allein an dem Bett zurück; verstohlen um sich blickend, um zu sehen, ob er nicht beobachtet werde, beugte er sich mit seiner langen Gestalt herab und drückte einen Kuss auf die Stirn der Toten; dann verließ auch er hastig das Zimmer. Im Flur traf er Smither und begann, sie über die Beerdigung auszufragen, doch als er merkte, dass sie nichts wusste, beklagte er sich bitterlich, dass, wenn niemand sich darum kümmere, sicher alles verkehrt sein werde. Sie sollten lieber Mr Soames holen lassen – der wisse in all solchen Sachen Bescheid; ihr Herr wäre wahrscheinlich sehr mitgenommen und würde selber Hilfe brauchen; und die Damen, die verstünden das nicht – hätten kein Geschick dafür! Kein Wunder, wenn sie auch noch krank würden. Lieber sollte sie gleich nach dem Doktor schicken, es sei am besten, beizeiten etwas zu tun. Seiner Ansicht nach war seine Schwester Ann nicht in der besten Obhut gewesen; hätte sie Blank gehabt, so wäre sie jetzt noch am Leben gewesen. Wenn sie irgendeinen Rat brauchte, sollte sie nur ja zur Park Lane schicken. Sein Wagen stehe zum Begräbnis natürlich zur Verfügung. Ob er wohl ein Glas Wein und einen Keks haben könne? – er habe nichts zu Mittag gehabt!

Die Tage vor dem Begräbnis vergingen ruhig. Man wusste natürlich längst, dass Tante Ann ihr kleines Eigentum Timothy vermacht hatte. Es gab also nicht den geringsten Grund zur Aufregung. Soames war alleiniger Testamentsvollstrecker, traf alle Anordnungen und schickte an alle männlichen Mitglieder der Familie wie üblich folgende Einladung:

An –

Sie werden gebeten, der Beisetzung von Miss Ann Forsyte auf dem Friedhof von Highgate am 1. Oktober, mittags um 12 Uhr, beizuwohnen. Abfahrt der Wagen um 10.45 Uhr von »The Bower«, Bayswater Road. Blumenspenden auf Wunsch verbeten.

Um Antwort wird gebeten.

Der Morgen kam kalt, mit einem hohen, grauen Londoner Himmel, und um halb elf fuhr der erste Wagen, es war der von James, vor. Darin saßen James und sein Schwiegersohn Dartie, ein hübscher Mann mit breiter Brust, eng in einen schwarzen Gehrock eingeknöpft. Sein bleiches, ziemlich dickes Gesicht war mit einem dunkeln, schön gekräuselten Schnurrbart und jenem unvermeidlichen Ansatz von Koteletten geziert, der, allen Rasierversuchen trotzend, der Beweis für eine tief wurzelnde Eigenart der Persönlichkeit zu sein scheint, und hauptsächlich bei Männern zu bemerken ist, die spekulieren.

In seiner Eigenschaft als Testamentsvollstrecker empfing Soames die Gäste, denn Timothy hütete noch das Bett; er wollte nach dem Begräbnis aufstehen, und die Tanten Juley und Hester sollten erst herunterkommen, wenn alles vorüber war und das Mittagessen für jeden, der Lust hatte zurückzukommen, bereitstand. Der nächste war Roger, der infolge seiner Gicht noch hinkte, von dreien seiner Söhne – der junge Roger, Eustace und Thomas – begleitet. George, sein vierter Sohn, erschien fast unmittelbar darauf in einer Droschke und fragte Soames im Vorübergehen, wie sich die Leichenbestattung ausbezahle.

Sie konnten einander nicht leiden.

Dann kamen zwei Haymans – Giles und Jesse –, sie sprachen kein Wort und waren sehr sorgfältig gekleidet, mit neuen Bügelfalten in ihren schwarzen Abendgarderoben. Darauf der alte Jolyon allein. Nach ihm Nicholas mit seinem frischen Gesicht und sorgfältig verhüllter Lebhaftigkeit bei jeder Bewegung seines Kopfes und Körpers. Ihn begleiteten, bescheiden und schüchtern, drei seiner Söhne. Swithin Forsyte und Bosinney kamen im selben Augenblick an, und jeder wollte mit einer Verbeugung dem anderen den Vortritt lassen, aber als die Tür geöffnet wurde, versuchten sie, gleichzeitig einzutreten. In der Eingangshalle fingen sie von neuem mit ihren Entschuldigungen an, und Swithin, der seine im Eifer etwas in Unordnung geratene Halsbinde zurechtrückte, stieg sehr langsam die Treppe hinauf. Hierauf kamen noch die restlichen Haymans, zwei verheiratete Söhne von Nicholas zusammen mit Tweetyman, Spender und Warry, den Männern der verheirateten Töchter der Forsytes und Haymans. Nun war die Versammlung vollzählig, insgesamt einundzwanzig Personen; außer Timothy und dem jungen Jolyon fehlte kein männliches Mitglied der Familie.

Als sie in den rotgrünen Salon eintraten, dessen Ausstattung einen so lebhaften Rahmen für ihre ungewohnte Kleidung bildete, suchte jeder in dem Wunsche, das feierliche Schwarz seiner Beinkleider zu verbergen, nach einem Platz. Sie sahen in diesem Schwarz und in der Farbe ihrer Handschuhe etwas Unpassendes – eine Art von Übertreibung ihrer Gefühle; und viele warfen entrüstete Blicke voll geheimen Neides auf den ›Bukanier‹, der keine Handschuhe hatte und graue Beinkleider trug. Es entstand ein unterdrücktes Gesumme allgemeiner Unterhaltung, aber keiner sprach von der Verstorbenen, sondern jeder erkundigte sich nach dem anderen, wie um auf diese Weise dem Ereignis, das sie versammelt hatte, indirekt ein Trankopfer zu bringen.

Doch plötzlich sagte James:

»Nun ist es wohl Zeit aufzubrechen.«

Sie gingen hinunter und stiegen, zwei zu zwei, genau in der vorher festgesetzten Reihenfolge, in die Wagen.

Der Leichenwagen fuhr im Schritt; die Equipagen folgten langsam hinterher. In der ersten saß der alte Jolyon mit Nicholas; in der zweiten die Zwillingsbrüder, Swithin und James; in der dritten Roger mit dem jungen Roger; Soames, der junge Nicholas, George und Bosinney folgten in der vierten. In jedem der übrigen Wagen, acht an der Zahl, fuhren je drei oder vier von der Familie; hinter ihnen kam der Einspänner des Doktors, dann in gebührendem Abstand die Droschken mit den Angestellten und der Dienerschaft der Familie, und ganz zum Schluss ein Wagen, in dem niemand saß, der aber die Gesamtzahl auf dreizehn brachte.

Solange der Zug auf Bayswater Road blieb, ging es im Schritt, als er jedoch in die unbedeutenderen Nebenstraßen einbog, kam er bald in Trab, den er mit Unterbrechungen auf den vornehmeren Straßen beibehielt, bis er das Ziel erreichte. In dem ersten Wagen sprachen der alte Jolyon und Nicholas von ihren Testamenten. Im zweiten waren die Zwillinge nach einem einzigen Versuch, sich zu unterhalten, in tiefes Schweigen versunken; beide waren ziemlich schwerhörig, und die Anstrengung, sich verständlich zu machen, war zu groß. Nur einmal unterbrach James das Schweigen:

»Ich muss mich doch einmal irgendwo nach einer Grabstätte umsehen. Was für Anordnungen hast du getroffen, Swithin?«

Und Swithin starrte ihn entsetzt an und erwiderte:

»Sprich mir nicht von solchen Sachen!«

Im dritten Wagen wurde, während man hin und wieder hinaussah, um festzustellen, wie weit man gekommen war, eine unzusammenhängende Unterhaltung geführt. George bemerkte: »Na, es war höchste Zeit, dass sich die arme alte Dame ›davon machte‹.« Er glaubte nicht daran, dass Leute über siebzig noch leben konnten. Der junge Nicholas erwiderte mild, dass diese Regel auf die Forsytes nicht gut anzuwenden wäre. George sagte, dass er selbst mit sechzig Jahren Selbstmord begehen würde. Der junge Nicholas lächelte und strich sein langes Kinn, er meinte, dass sein Vater von dieser Theorie nichts halten würde, denn er habe seit seinem sechzigsten Jahr noch eine Menge Geld verdient. Dann sei aber siebzig die äußerste Grenze, sagte George, und es wäre Zeit für sie, zu gehen und ihr Geld den Kindern zu überlassen. Nun mischte sich Soames ein, der bis jetzt geschwiegen hatte; er konnte die Bemerkung über die ›Leichenbestattung‹ nicht vergessen und sagte mit kaum merkbarem Heben seiner Augenlider, dass Leute, die niemals Geld verdienten, gut reden hätten. Er selbst beabsichtige, so lange zu leben wie möglich. Das war ein Hieb gegen George, der tatsächlich immer in finanziellen Schwierigkeiten war. Bosinney murmelte zerstreut ein »Hört, hört!«, George gähnte, und die Unterhaltung brach ab.

Bei der Ankunft wurde der Sarg in die Kapelle getragen, und die Trauernden gingen zwei zu zwei in einer Reihe hinterher. In dem großen London mit seiner überwältigenden Mannigfaltigkeit des Lebens, seinen unzähligen Berufen, Vergnügungen und Pflichten, seiner furchtbaren Grausamkeit, seinem furchtbaren Trieb zur Individualität, gewährte diese Leibwache von Männern, die alle durch Verwandtschaftsbande mit der Toten verknüpft waren, einen eindrucksvollen und einzigartigen Anblick.

Die Familie hatte sich versammelt, um über all das zu triumphieren, um ihr beharrliches Zusammenhalten zu zeigen, um jenes Gesetz des Reichtums prächtig zu illustrieren, das dem Wachstum ihres Baumes zugrunde lag, dem zufolge Stamm und Zweige gediehen, der Saft sie alle durchströmte und der Baum zur bestimmten Zeit den vollen Wuchs erreichte. Der Geist der alten Frau, die hier im letzten Schlafe ruhte, hatte sie zu dieser Kundgebung gerufen. Es war ihr letzter Mahnruf an diese Einigkeit, die ihre Stärke gewesen war – ihr letzter Triumph, dass sie gestorben war, solange der Baum noch in Gesundheit stand.

Es war ihr erspart geblieben, mit anzusehen, wie die einzelnen Zweige aus ihrem Gleichgewicht gerieten. Sie konnte nicht in die Herzen derer blicken, die nach ihr kamen. Demselben Gesetz, dem sie unterworfen gewesen war, das aus dem schlanken, hochaufgeschossenen Mädchen eine starke erwachsene Frau gemacht hatte, und aus ihr dann eine schwache, hagere, fast hexenhafte Alte, deren Eigenart immer schärfer und schärfer hervortrat, da sich alles Weiche in der Berührung mit der Welt verlor – demselben Gesetz war die Familie unterworfen, die sie wie eine Mutter bewacht hatte.

Sie hatte den Baum jung und im Heranwachsen gesehen, hatte ihn kräftig und vollerblüht gesehen, und ehe ihre alten Augen Zeit oder Kraft gehabt hätten, noch mehr zu sehen, war sie gestorben. Gern hätte sie versucht, und wer weiß, ob es ihr nicht geglückt wäre, ihn – ein wenig länger noch – mit ihren alten Fingern, ihren zitternden Küssen jung und stark zu erhalten; aber ach! nicht einmal Tante Ann vermochte gegen die Natur zu kämpfen.

›Hochmut kommt vor dem Fall!‹ Und darum, ein Beweis für diese größte Ironie des Schicksals, hatte die Familie Forsyte sich, bevor sie fiel, zu einem letzten stolzen Festzug versammelt. Ihre Gesichter, links und rechts in einzelnen Reihen, die Hüter ihrer Gedanken, waren fast alle gleichgültig zu Boden gerichtet; nur hier und dort blickte einer mit einer Falte zwischen den Brauen empor und schien an den Wänden der Kapelle etwas zu sehen, das ihn überwältigte, oder etwas zu hören, das ihn erschreckte. Und das leise Gemurmel der Stimmen beim Gottesdienst, durch die immer derselbe Ton, derselbe schwer fassbare Familienklang zu hören war, hallte unheimlich, wie von einer einzigen Person in rascher Wiederholung hingestammelt.

Als die Trauerfeier in der Kapelle vorüber war, reihten sich die Leidtragenden wieder aneinander, um die Leiche an das Grab zu geleiten. Die Gruft stand offen, und ringsherum warteten schwarzgekleidete Männer.

Von dieser hochgelegenen, heiligen Stätte, wo tausende Mitglieder der oberen Mittelklasse in ihrem letzten Schlafe ruhten, glitten die Augen der Forsytes über die Schar der anderen Gräber hin. Dort – bis in die weite Ferne ausgedehnt, lag London, sonnenlos, und trauerte um den Verlust dieser Tochter, trauerte mit der Familie, die ihr so teuer war, um den Verlust derjenigen, die ihr Mutter und Hüterin gewesen war. Hunderttausende von Türmen und von Häusern, hinter dem weiten grauen Gespinst des Eigentums kaum erkennbar, lagen dort kniend wie Andächtige am Grabe dieser ältesten aller Forsytes.

Ein paar Worte, eine Handvoll Erde, dann senkte man den Sarg in sein Zuhause hinab, und Tante Ann fand ihre letzte Ruhestätte.

Rund um die Gruft standen, die weißen Häupter gesenkt, als Wächter dieses Heimgangs, die fünf Brüder; sie wollten sehen, dass Ann gut aufgehoben war. Ihr kleines Eigentum musste zurückbleiben, aber sonst sollte es ihr an nichts fehlen.

Dann traten sie einzeln zur Seite, setzten den Hut auf und kehrten zurück, um die neue Inschrift an der Marmortafel der Familiengruft zu betrachten:

Zum heiligen Gedächtnis von

Ann Forsyte,

Tochter von Jolyon und Ann Forsyte,

gestorben am 27. September 1886,

im Alter von 87 Jahren und

vier Tagen.

Bald vielleicht war für einen anderen eine Inschrift nötig. Es war sonderbar und unerträglich, denn sie hatten nie daran gedacht, dass ein Forsyte sterben könnte. Und sie alle sehnten sich fort aus der schmerzvollen Stimmung, dieser Feier, die sie an Dinge mahnte, an die zu denken sie nicht ertragen konnten – rasch fort, um an ihre Geschäfte zu gehen und zu vergessen.

Es war auch kalt; der Wind, einer langsam zersetzenden Macht gleich, blies die Anhöhe herauf über die Gräber hin und traf sie mit seinem eisigen Hauch; sie verteilten sich in Gruppen und eilten, so schnell wie möglich in die wartenden Wagen zu kommen.

Swithin wollte zum Mittagessen zu Timothy zurückfahren und erbot sich, jemanden in seinem Einspänner mitzunehmen. Es galt als zweifelhaftes Vergnügen, mit Swithin in seinem zweisitzigen Wagen zu fahren, denn er war nicht groß; niemand folgte der Einladung, und so fuhr er allein davon. James und Roger brachen unmittelbar darauf auf; auch sie wollten zum Mittagessen dort sein. Die anderen verloren sich allmählich, und der alte Jolyon nahm drei seiner Neffen mit in seinem Wagen, denn er hatte ein Verlangen nach diesen jugendlichen Gesichtern.

Soames, der im Friedhofsbüro noch einiges anzuordnen hatte, ging mit Bosinney zusammen fort. Er hatte vielerlei mit ihm zu besprechen, und nachdem das Geschäftliche erledigt war, schlenderten sie nach Hampstead, aßen zu Mittag zusammen und redeten lange eingehend über praktische Details des Hausbaus. Dann nahmen sie die Straßenbahn und trennten sich am Marble Arch, von wo aus Bosinney zu Stanhope Gate ging, um June zu besuchen.

Soames war in ausgezeichneter Stimmung, als er zu Hause anlangte, und erzählte Irene bei Tisch, dass er sich mit Bosinney, der wirklich ein vernünftiger Mensch zu sein scheine, sehr gut unterhalten habe. Sie hätten auch einen ausgezeichneten Spaziergang gemacht, und das habe seiner Leber gutgetan, denn es fehle ihm seit langem an Bewegung; es sei überhaupt ein recht zufriedenstellender Tag gewesen. Er wäre gern mit ihr ins Theater gegangen, das konnten sie aber mit Rücksicht auf die arme Tante Ann nicht und müssten darum versuchen, es sich zu Hause gemütlich zu machen.

»Der ›Bukanier‹ hat mehr als einmal nach dir gefragt«, sagte er plötzlich; und in einem unerklärlichen Verlangen, sein Besitzrecht geltend zu machen, erhob er sich von seinem Stuhl und drückte einen Kuss auf die Schulter seiner Frau.


Prince’s Gardens

Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Der Bau des Hauses

Es war ein milder Winter gewesen. Das Geschäft ging flau, und die Zeit war günstig zum Bauen, wie Soames vorausgesehen hatte, ehe er sich dazu entschloss. Der Rohbau des Hauses in Robin Hill war daher gegen Ende April vollendet.

Jetzt, wo für sein Geld etwas zu sehen war, fuhr er ein-, zwei-, ja sogar dreimal in der Woche hinaus und stelzte, stets darauf bedacht, seine Sachen nicht zu beschmutzen, stundenlang in dem Schutt umher, ging schweigend durch das unfertige Mauerwerk der Türbögen oder im Kreise um die Säulen im Mittelhofe.

Und er konnte dann minutenlang davor stehen bleiben, um die wahre Qualität ihres Materials zu prüfen.

Für den 30. April hatte er mit Bosinney verabredet, die Rechnungen durchzugehen, und fünf Minuten vor der festgesetzten Zeit betrat er das Zelt, das der Architekt dicht an der alten Eiche für sich hatte aufschlagen lassen.

Die Rechnungen lagen auf einem Klapptisch schon bereit, und mit einem Kopfnicken setzte sich Soames, um sie zu studieren. Erst nach einer Weile blickte er auf.

»Ich werde nicht klug daraus«, sagte er schließlich; »sie betragen beinahe siebenhundert mehr, als abgemacht war!«

Nach einem Blick auf Bosinneys Gesicht fuhr er schnell fort:

»Wenn Sie diesen Baumenschen gegenüber nur einen festen Standpunkt einnehmen, lassen sie schon nach. Sie betrügen einen überall, wenn man nicht aufpasst. Rechnen Sie von allem 10 Prozent ab. Es soll mir nicht darauf ankommen, wenn es die Grenze um hundert Pfund etwa übersteigt!«

Bosinney schüttelte den Kopf.

»Ich habe jeden Farthing abgezogen, den ich abziehen konnte!«

Soames stieß den Tisch mit einer zornigen Bewegung fort, so dass die Blätter zu Boden flatterten.

»Dann muss ich aber sagen«, stieß er aufgeregt hervor, »Sie haben da was Schönes angerichtet!«

»Ich habe Ihnen hundert Mal gesagt«, erwiderte Bosinney scharf, »dass Extraausgaben kommen würden, und habe Sie wieder und wieder darauf aufmerksam gemacht!«

»Das weiß ich«, knurrte Soames, »gegen eine Zehnpfundnote hier und da hätte ich auch nichts einzuwenden. Wie konnte ich aber wissen, dass Sie unter ›Extraausgaben‹ gleich siebenhundert Pfund verstehen?«

Die Charaktereigenschaften der beiden Männer trugen mit zu dieser nicht unerheblichen Meinungsverschiedenheit bei. Einerseits reizte es den Architekten bei der Hingabe an seine Idee und seine Schöpfung, an die er glaubte, wenn er aufgehalten und zu Notbehelfen gezwungen wurde; andrerseits wollte Soames in seiner nicht minder wahren und aufrichtigen Hingabe an das Beste, was mit Geld zu kaufen ist, nicht glauben, dass Dinge, die dreizehn Shilling wert waren, nicht auch für zwölf zu haben seien.

»Ich wollte, ich hätte es nie übernommen, Ihr Haus zu bauen«, sagte Bosinney plötzlich. »Sie kommen hier heraus und quälen mich zu Tode. Sie wollen für Ihr Geld doppelt so viel wie jeder andere, und jetzt, wo Sie ein Haus haben, von dessen Größe es in der ganzen Gegend kein zweites gibt, wollen Sie nicht zahlen. Wenn Sie die ganze Geschichte wieder los sein wollen, werde ich schon für den Betrag aufkommen, der den Kostenanschlag übersteigt, aber, der Teufel hole mich, wenn ich noch einen Finger für Sie rühre!«

Soames gewann seine Fassung wieder. Da er wusste, dass Bosinney kein Kapital besaß, betrachtete er diesen Vorschlag als tolle Unbesonnenheit. Er sah auch, dass ihm dies Haus, an dem sein Herz hing, auf unbestimmte Zeit hinaus vorenthalten bleiben würde, und gerade in dem entscheidenden Augenblick, wo alles auf die persönliche Sorgfalt des Architekten ankam. Außerdem musste auch auf Irene Rücksicht genommen werden! Sie war in der letzten Zeit sehr sonderbar. Er glaubte wirklich, dass sie den Gedanken an das Haus überhaupt nur erträglich fand, weil sie für Bosinney eingenommen war. Er durfte es doch zu keinem offenen Bruch kommen lassen.

»Sie brauchen sich nicht so zu ereifern«, sagte er. »Wenn ich mich in die Sache finden will, brauchen Sie sich doch nicht zu beklagen. Ich meine nur, dass wenn Sie mir sagen, eine Sache kostet so und so viel – so möchte ich – möchte ich eben wissen, woran ich bin.«

»Sehen Sie!«, sagte Bosinney, und Soames war ärgerlich und erstaunt zugleich über das Verschmitzte in seinem Blick. »Sie erhalten meine Dienste für einen schändlich billigen Preis. Für die Arbeit und die Zeit, die ich auf dieses Haus verwendet habe, hätten Sie bei Littlemaster oder einem anderen dieser Tölpel viermal so viel zahlen müssen. Sie aber wollen einen Baumeister ersten Ranges zu einem Preise vierten Ranges, und gerade das kriegen Sie!«

Soames sah, dass er es wirklich ernst meinte, und so ärgerlich er auch war, stiegen die Folgen eines Zwistes nur zu lebhaft vor ihm auf. Er sah das Haus unvollendet, seine Frau rebellisch und sich selbst dem allgemeinen Gespött ausgesetzt.

»Wir wollen die Sachen durchgehen«, sagte er mürrisch, »und sehen, wie das Geld draufgegangen ist.«

»Sehr gern«, pflichtete Bosinney bei. »Aber wir müssen uns beeilen, wenn Sie nichts dagegen haben. Ich möchte rechtzeitig zurück sein, um mit June ins Theater zu gehen.«

Soames warf ihm verstohlen einen Blick zu und sagte: »Sie treffen wohl bei uns mit ihr zusammen?« Er kam jetzt immer zu ihnen!

In der Nacht vorher war ein Regen niedergegangen – ein Frühlingsregen, und die Erde duftete nach Feuchtigkeit und wilden Gräsern. Der warme leise Wind bewegte die Blätter und die goldenen Knospen der alten Eiche hin und her, und im Sonnenschein sangen die Amseln sich die Seele aus dem Leib.

Es war ein Frühlingstag, der jeden mit einem unaussprechlichen Verlangen, einer schmerzlichen Süße, einem Sehnen erfüllt, dass er wie gebannt dasteht, die Blätter oder Gräser anschaut und die Arme ausbreiten möchte, um zu umarmen – er weiß nicht was. Von der Erde stieg eine schwache Wärme auf und stahl sich durch das frostige Gewand, in das der Winter sie gehüllt hatte. Es war ihr zärtliches Locken, sich in ihre Arme zu stürzen, sich hinzustrecken und die Lippen an ihre Brust zu pressen.

An einem solchen Tage hatte Soames einst Irenes Jawort erhalten, das er so oft von ihr begehrt hatte. Auf einem umgestürzten Baumstamme hatte er gesessen und zum zwanzigsten Male gelobt, dass sie so frei sein sollte, als habe sie ihn nie geheiratet, wenn ihre Ehe unglücklich werden sollte!

»Schwörst du es?«, hatte sie gefragt. Vor ein paar Tagen hatte sie ihn an diesen Schwur erinnert. »Unsinn!«, hatte er erwidert: »So etwas kann ich nicht geschworen haben!« Jetzt fiel es ihm durch einen fatalen Zufall wieder ein. Was für törichte Dinge schwören Männer doch um der Frauen willen! Um sie zu gewinnen, hätte er es jederzeit geschworen! Er würde es jetzt noch schwören, wenn er sie dadurch rühren könnte – aber niemand konnte sie rühren, sie hatte ein kaltes Herz!

Und Erinnerungen drangen mit dem frischen süßen Duft des Frühlingswindes auf ihn ein – Erinnerungen an sein Liebeswerben.

Im Frühling des Jahres 1881 hatte er seinen alten Schulkameraden und Mandanten George Liversedge aus Branksome besucht, der in der Absicht, seine Kiefernwälder in der Nähe von Bournemouth auszunutzen, Soames damit betraut hatte, die zu diesem Zwecke nötige Gesellschaft zu gründen. Mit ihrem feinen Gefühl für das Schickliche hatte Mrs Liversedge ihm zu Ehren eine Teegesellschaft mit Musik gegeben. Erst spät während der Darbietungen, die Soames, der nicht musikalisch war, unsagbar langweilten, fiel ihm das Gesicht eines Mädchens in Trauer auf, das allein dastand. Die Linien seiner hohen, noch ziemlich zarten Gestalt zeichneten sich durch den dünnen enganliegenden Stoff seines schwarzen Kleides ab, die Hände in schwarzen Handschuhen hielt es verschränkt, die Lippen waren leicht geöffnet, und die großen dunklen Augen schweiften von Gesicht zu Gesicht. Sein tief im Nacken aufgestecktes Haar schimmerte über dem schwarzen Kragen wie Gewinde leuchtenden Metalls. Und wie Soames dastand und es anschaute, durchzuckte ihn ein Gefühl, wie fast jeder Mann es einmal spürt – eine seltsame Befriedigung der Sinne, eine seltsame Gewissheit, die Romanschreiber und alte Damen Liebe auf den ersten Blick nennen. Verstohlen beobachtete er es, suchte sogleich die Gastgeberin auf und wartete beharrlich das Aufhören der Musik ab.

»Wer ist das Mädchen mit blondem Haar und dunklen Augen?«, fragte er.

»Die – ach, das ist Irene Heron. Ihr Vater, Professor Heron, starb dieses Jahr. Sie lebt mit ihrer Stiefmutter zusammen. Ein reizendes, ein hübsches Mädchen, aber ohne Geld!«

»Bitte, stellen Sie mich ihr vor«, sagte Soames.

Er wusste nur sehr wenig zu sagen und wurde durch sie nicht eben ermuntert. Aber er ging mit dem festen Entschluss fort, sie wiederzusehen. Ein Zufall half ihm, seinen Vorsatz auszuführen, als er sie mit ihrer Stiefmutter auf dem Steg traf, wo diese von zwölf bis eins spazieren zu gehen pflegte. Soames machte erfreut die Bekanntschaft dieser Dame, und es dauerte nicht lange, bis er in ihr die erwünschte Verbündete erkannte. Seine scharfe Witterung für die geschäftliche Seite des Familienlebens verriet ihm bald, dass Irene ihre Stiefmutter mehr als die fünfzig Pfund kostete, die sie ihr zubrachte, und ebenso, dass Mrs Heron, die noch in der Blüte des Lebens stand, sich wieder zu verheiraten wünschte, und die fremdartig heranreifende Schönheit der Stieftochter ihr dabei im Wege stand. Und Soames machte in seiner stillen Hartnäckigkeit nun seine Pläne.

Er verließ Bournemouth, ohne sich erklärt zu haben, kam aber in einem Monat wieder und sprach diesmal, nicht mit dem Mädchen, sondern mit der Stiefmutter. Er sei fest entschlossen, sagte er, und wolle warten, so lange es notwendig sei. Und er musste lange warten, sah Irene erblühen, sah die Linien ihrer jungen Gestalt weicher werden, das heißere Blut den Glanz ihrer Augen vertiefen und ihr Antlitz in wärmerem Ton leuchten lassen; und bei jedem Besuch hielt er um sie an, und jedes Mal, wenn der Besuch zu Ende war, nahm er wunden Herzens, aber standhaft und still wie das Grab ihre abschlägige Antwort mit nach London. Er versuchte die geheime Quelle ihres Widerstandes aufzuspüren, doch nur einmal sah er einen Schimmer davon. Es war auf einem jener Bälle, die dem Publikum in einem Seekurort die einzige Gelegenheit zur Äußerung leidenschaftlicher Gefühle bieten. Er saß mit ihr in einer Fensternische, die Sinne prickelnd nach der Berührung im letzten Walzer. Sie hatte ihn über den leise bewegten Fächer hinweg angesehen, und er hatte den Kopf verloren, hatte ihr Handgelenk ergriffen und seine Lippen auf den bloßen Arm gedrückt. Und sie hatte geschaudert – bis zum heutigen Tag hatte er diesen Schauder nicht vergessen – noch den Blick leidenschaftlichen Widerwillens, den sie ihm zugeworfen hatte.

Ein Jahr darauf hatte sie nachgegeben. Was sie dazu veranlasst hatte, dahinter konnte er nie kommen; und von Mrs Heron, einer Frau von einigem diplomatischen Talent, erfuhr er nichts. Nachdem sie verheiratet waren, hatte er einmal gefragt, warum sie ihn so oft abgewiesen habe. Ein seltsames Schweigen war ihre Antwort. Vom ersten Tage an, als er sie gesehen hatte, war sie ihm ein Rätsel gewesen und war ihm immer noch ein Rätsel …

Bosinney erwartete ihn an der Tür, und sein kräftiges hübsches Gesicht hatte einen seltsamen, sehnsüchtigen und doch glücklichen Ausdruck, als sähe auch er eine Verheißung von Seligkeit an dem Frühlingshimmel, und wittere in der Frühlingsluft ein kommendes Glück. Soames sah ihn an, wie er wartend dastand. Was ging mit dem Kerl vor, dass er so glücklich aussah? Worauf wartete er mit diesem Lächeln auf den Lippen und in den Augen? Aber Soames konnte nicht sehen, worauf Bosinney wartete, als er da den blütenwürzigen Wind einatmend stand. Und die Gegenwart des Mannes, den er eigentlich verachtete, machte ihn von neuem unsicher. Er eilte zum Haus.

»Die einzige Farbe für diese Fliesen da«, hörte er Bosinney sagen, »ist Rot mit einer Spur von Grau darin, um eine durchsichtige Wirkung zu erreichen. Ich wüsste gern Irenes Ansicht darüber. Ich bestelle purpurrote Ledervorhänge für den Torweg zum Hof; und wenn wir die Tapeten im Salon elfenbeinfarben überstreichen, gibt es einen blendenden Eindruck. Sie müssen bei der ganzen Ausschmückung immer im Auge zu behalten suchen, was ich – Charme nenne.«

»Sie meinen, dass meine Frau Charme hat!«, sagte Soames.

Bosinney wich der Frage aus.

»In die Mitte des Hofes müsste eine Gruppe von Irispflanzen.«

Soames lächelte überlegen.

»Ich werde gelegentlich bei Beech vorsprechen«, sagte er, »und sehen, was sich dafür eignet!«

Sie hatten sich sonst wenig mehr zu sagen, aber auf dem Wege zum Bahnhof fragte Soames:

»Sie halten Irene wohl für sehr künstlerisch veranlagt?«

»Ja!« Diese kurzabgebrochene Antwort war eine so deutliche Abweisung, als hätte er gesagt: ›Wenn Sie über sie reden wollen, suchen Sie sich einen anderen dazu aus!‹

Und der dumpfe, verdrießliche Ärger, den Soames den ganzen Nachmittag über empfunden hatte, brannte nun umso heller in ihm.

Keiner von ihnen sprach, bis sie dicht am Bahnhof waren, dann fragte Soames:

»Wann glauben Sie fertig zu werden?«

»Gegen Ende Juni, wenn Sie mir wirklich auch die Innendekoration übertragen wollen.«

Soames nickte. »Aber Sie sind sich doch ganz klar darüber«, sagte er, »dass mich das Haus ein Beträchtliches mehr kostet, als ich dachte. Ich will Ihnen offen sagen, dass ich das Ganze schon fallen lassen wollte, aber es ist nicht meine Art, etwas aufzugeben, das ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe!«

Bosinney erwiderte nichts, und Soames warf ihm von der Seite einen Blick verbissenen Grolles zu – denn trotz seiner anspruchsvollen Allüren und seiner hochmütigen, stutzerhaften Einsilbigkeit hatte er mit seinen zusammengepressten Lippen und dem eckigen Kinn doch Ähnlichkeit mit einer Bulldogge …

Als June an diesem Abend um sieben Uhr in Montpellier Square Nummer 62 eintraf, hörte sie vom Mädchen Bilson, dass Mr Bosinney im Salon sei und die gnädige Frau sich ankleide, aber in einer Minute unten sein werde. Sie werde ihr melden, dass Miss June gekommen sei.

June hielt sie zurück.

»Schon gut, Bilson«, sagte sie, »ich gehe hinein. Die gnädige Frau braucht sich nicht zu beeilen.«

Sie legte ihren Mantel ab, und mit verständnisvollem Blick öffnete das Mädchen nicht einmal die Tür für sie, sondern lief rasch hinunter.

June verweilte einen Augenblick, um sich in dem kleinen altmodischen silbernen Spiegel zu betrachten, der über der Eichentruhe hing – eine schmächtige, stolze, junge Gestalt mit einem kleinen resoluten Gesicht in weißem Kleide mit sichelförmigem Ausschnitt am Halse, der fast zu zart erschien für ihre Krone geflochtenen rotgoldenen Haares.

Leise öffnete sie die Tür, um ihn zu überraschen. Der Raum war erfüllt von dem starken süßen Geruch blühender Azaleen.

Sie atmete den Duft tief ein und hörte Bosinneys Stimme, nicht im Salon, aber ganz in der Nähe sagen:

»Ach, da war noch so vielerlei, das ich mit Ihnen besprechen wollte, aber jetzt haben wir keine Zeit mehr dazu!«

Irenes Stimme antwortete: »Warum nicht bei Tisch?«

»Wie kann man reden –«

Junes erster Gedanke war fortzugehen, aber stattdessen schritt sie hinüber an die große Glastür, die auf den kleinen Hof hinausführte. Von dorther kam der Duft der Azaleen, und dort, den Rücken ihr zugewandt, die Gesichter in die goldrosa Blüten vergraben, standen ihr Verlobter und Irene.

Schweigend, aber ohne Scheu, mit glühenden Wangen und zornigen Augen, beobachtete das Mädchen sie.

»Kommen Sie Sonntag allein – wir können dann zusammen das Haus ansehen –«

June sah Irene durch die Wand von Blumen zu ihm aufblicken. Es war nicht der Blick einer Koketten, aber – weit schlimmer für das lauschende Mädchen – der Blick einer Frau, die fürchtet, dass er zu viel verraten könnte.

»Ich versprach eine Spazierfahrt zu machen, mit Onkel –«

»Dem Dicken! Lassen Sie sich von ihm hinbringen; es sind nur zehn Meilen – gerade gut für seine Pferde.«

»Der arme alte Onkel Swithin!«

Eine Welle des Azaleenduftes wehte June ins Gesicht; ihr wurde übel und schwindelig.

»Tun Sie es doch, bitte, tun Sie’s!«

»Aber warum?«

»Ich muss Sie dort sehen – ich dachte, Sie wollten mir helfen –«

Dem Mädchen schien die Antwort, sanft, mit einem Zittern aus den Blüten zu kommen: »Das will ich auch!«

June trat in die Öffnung der Glastür.

»Wie schwül ist es hier!«, sagte sie. »Ich kann diesen Duft nicht ertragen!«

Ihre zornig blitzenden Augen streiften die beiden Gesichter.

»Spracht ihr über das Haus? Ich habe es auch noch nicht gesehen – wollen wir Sonntag zusammen hinaus?«

Alle Farbe war aus Irenes Antlitz gewichen.

»Ich mache an dem Tage eine Spazierfahrt mit Onkel Swithin«, antwortete sie.

»Onkel Swithin! Was tut das? Den kannst du ruhig sitzen lassen!«

»Es ist nicht meine Art, jemanden sitzen zu lassen!«

Man vernahm Schritte, und June sah Soames dicht hinter sich stehen.

»Nun, wenn ihr alle bereit seid«, sagte Irene, mit seltsamem Lächeln von einem zum anderen blickend, »das Essen ist’s auch!«

Zweites Kapitel

Junes Fest

Schweigend setzten sie sich zu Tisch, die beiden Damen einander gegenüber, ebenso die Herren.

Unter Schweigen wurde die Suppe gegessen – sie war ausgezeichnet, wenn auch ein wenig zu dick – und der Fisch serviert. Unter Schweigen wurde er herumgereicht.

Bosinney wagte es anzufangen: »Es ist der erste Frühlingstag.«

Irene wiederholte sanft: »Ja – der erste Frühlingstag.«

»Frühling!«, sagte June. »Es rührt sich kein Lüftchen!« Niemand antwortete.

Der Fisch, eine schöne frische Seezunge aus Dover, wurde abserviert, und Bilson brachte eine Flasche Champagner, deren Hals mit einer weißen Serviette umwickelt war.

Soames sagte: »Er wird euch zu trocken sein.«

Die Kotelettes wurden herumgereicht, jedes mit einer rosa Papiermanschette verziert. June lehnte ab, und ein Schweigen trat ein.

»Du solltest lieber ein Kotelett nehmen, June, es gibt nichts weiter«, sagte Soames.

Aber June lehnte wieder ab, und sie wurden abserviert. Dann fragte Irene: »Phil, haben Sie meine Amsel gehört.«

Bosinney antwortete: »Und wie – sie singt jetzt ihr Brunstlied. Als ich herkam, hörte ich sie schon auf dem Square.«

»Sie ist so ein Schatz.«

»Salat, Sir?« Die jungen Hähnchen wurden abserviert.

Aber Soames sagte: »Der Spargel ist sehr dünn. Ein Glas Sherry zu dem Süßen, Bosinney? June, du trinkst ja gar nichts!«

June erwiderte: »Du weißt doch, ich trinke nie. Wein ist ein schauderhaftes Zeug!«

Eine Apfelcharlotte wurde auf einem silbernen Teller gebracht. Und lächelnd sagte Irene: »Die Azaleen sind in diesem Jahr so wundervoll!«

Bosinney murmelte darauf: »Wundervoll! Ihr Duft ist außerordentlich!«

»Wie kannst du den Geruch mögen?«, sagte June. »Den Zucker, bitte, Bilson!«

Der Zucker wurde ihr gereicht, und Soames bemerkte: »Diese Charlotte ist gut!«

Die Charlotte wurde abserviert. Es folgte ein langes Schweigen. Irene winkte das Mädchen heran und sagte: »Nehmen Sie die Azalee hinaus, Bilson. Miss June verträgt den Geruch nicht.«

»Nein, lassen Sie sie stehen«, sagte June.

Oliven aus Frankreich wurden mit russischem Kaviar auf kleinen Tellern gereicht. Und Soames bemerkte: »Warum bekommen wir keine aus Spanien dazu?«

Aber niemand antwortete.

Die Oliven wurden abserviert. June hob ihr Glas und forderte: »Etwas Wasser, bitte.« Wasser wurde ihr eingeschenkt. Es kam eine silberne Platte mit deutschen Pflaumen. Eine längere Pause entstand. Alle aßen in vollkommener Harmonie.

Bosinney zählte die Kerne: »Dies Jahr – nächstes Jahr – einst –«

Irene vollendete leise: »Niemals. Es war ein so herrlicher Sonnenuntergang. Der Himmel ist immer noch ganz rot – zu schön!«

Er erwiderte: »Darunter die Dunkelheit.«

Ihre Blicke begegneten sich, und June rief verächtlich: »Ein Londoner Sonnenuntergang!«

Ägyptische Zigaretten in einem silbernen Etui wurden herumgereicht. Soames nahm eine und fragte: »Um welche Zeit beginnt das Theater?«

Niemand antwortete, und es kam der Kaffee in emaillierten Tassen.

Irene lächelte still und sagte: »Wenn es doch –«

»Wenn doch was?«, fragte June.

»Wenn es doch immer Frühling wäre!«

Es wurde Brandy gereicht, er war hell und alt.

Soames sagte: »Bosinney, nehmen Sie doch etwas Brandy.«

Bosinney nahm ein Glas; alle erhoben sich.

»Wollt ihr eine Droschke?«, fragte Soames.

June antwortete: »Nein. Meinen Mantel bitte, Bilson.« Das Mädchen holte ihn herein.

Vom Fenster her murmelte Irene: »Was für ein köstlicher Abend. Da sind schon die ersten Sterne!«

Soames fügte hinzu: »Viel Vergnügen, hoffentlich.«

Von der Tür her antwortete June: »Danke. Komm, Phil.«

Bosinney rief: »Ich komme schon.«

Soames lächelte boshaft und sagte: »Ich wünsche Ihnen Glück!«

Und an der Tür stand Irene und sah sie fortgehen.

»Gute Nacht!«, rief Bosinney.

Sie antwortete sanft: »Gute Nacht!« …

June bat ihren Verlobten, sie mit auf das Dach eines Omnibusses zu nehmen, da sie Luft haben wollte, und dort saß sie schweigend, das Gesicht dem Winde zugedreht.

Der Kutscher drehte sich ein- oder zweimal in der Absicht, eine Bemerkung zu wagen, besann sich aber eines Besseren. Das war ja ein munteres Paar! Auch ihm war der Frühling ins Blut gegangen, er fühlte das Bedürfnis, sich Luft zu machen, und schnalzte mit der Zunge, schwang die Peitsche und trieb die Pferde an, und selbst diese armen Tiere spürten den Frühling und stapften eine kurze halbe Stunde vergnügt auf dem Pflaster dahin.

Die ganze Stadt war zum Leben erwacht; die Zweige bogen sich im Schmuck ihres jungen Laubes aufwärts, wie in Erwartung einer Gabe, die der Wind ihnen bringen sollte. Die eben angezündeten Laternen gewannen die Herrschaft, und unter ihrem blendenden Glanz schienen die Gesichter der Menge bleich, indes in der Höhe die großen weißen Wolken eilig und sanft über den purpurnen Himmel glitten.

Herren im Gesellschaftsanzug hatten ihre Überzieher zurückgeschlagen und stiegen fröhlich die Stufen zu ihren Klubs hinauf; Arbeiter standen müßig umher, und Frauen – jene Frauen, die um diese Zeit noch einsam sind und einsam dem Strome Richtung Osten folgen – schlenderten langsam und erwartungsvoll einher und träumten von gutem Wein und einem guten Abendessen, oder in einem seltenen Augenblick wohl gar von Küssen der Liebe.

Jede einzige dieser zahllosen Gestalten, die unter den Laternen und dem bewegten Himmel ihres Weges dahinzogen, empfand etwas von dem unruhigen Wonnegefühl, das der gärende Frühling erweckt hatte. Und jeder Einzige hatte, wie jene Herren, die mit ihren offenen Überziehern zu ihren Klubs gingen, etwas von seiner Klasse, seinem Glauben und seinen Gewohnheiten abgelegt, und in der Art, wie sie die Hüte trugen, wie sie gingen, lachten oder schwiegen, offenbarten sie die allgemeine Zusammengehörigkeit im Reich der Leidenschaft.

Schweigend betraten Bosinney und June das Theater und stiegen zu ihren Plätzen im zweiten Rang hinauf. Das Stück hatte eben begonnen, und das halbdunkle Haus mit den Menschenreihen, die alle in eine Richtung blickten, glich einem großen Garten, in dem sich alle Blumen der Sonne zuwandten.

June war noch nie im zweiten Rang gewesen. Seit ihrem fünfzehnten Jahre hatte sie mit dem Großvater immer im Parkett gesessen, und nicht auf gewöhnlichen Plätzen, sondern auf den besten im ganzen Haus, ungefähr in der Mitte der dritten Reihe, die der alte Jolyon auf dem Wege von der City bei Grogan and Boyne lange vor dem Tage der Aufführung bestellt hatte. Die Billetts steckten zusammen mit seinem Zigarrenetui und seinen alten Glacéhandschuhen in der Rocktasche, und June erhielt sie dann zur Aufbewahrung bis zum bestimmten Abend. Auf diesen Plätzen pflegten sie – die Gestalt des alten Mannes mit dem weißen Haupt, aufrecht und gelassen, und daneben die kleine Gestalt des Mädchens mit dem rotgoldenen Haar, energisch und eifrig –, alle erdenklichen Stücke anzusehen. Und auf dem Heimweg sagte der alte Jolyon dann wohl von dem Hauptdarsteller: »Ach, das ist ja ein wahrer Stock! Du hättest nur den kleinen Bobson sehen sollen!«

Diesem Abend hatte sie mit lebhafter Freude entgegengesehen, denn sie waren heimlich hier, ohne Begleitung, und niemand in Stanhope Gate, wo man sie bei Soames vermutete, ahnte etwas davon. Sie hatte für diese List, die sie um ihres Verlobten willen ersonnen hatte, eine Belohnung erwartet; sie hatte erwartet, damit die dichte eisige Wolke zu durchbrechen und ihr Verhältnis zueinander – das seit kurzem so beunruhigend und quälend geworden war – wieder einfach und sonnig zu gestalten, wie es vor dem Winter gewesen war. Sie war mit der Absicht gekommen, ein entscheidendes Wort zu sagen, aber nun blickte sie mit einer Falte zwischen den Brauen auf die Bühne, ohne etwas zu sehen, und presste die Hände im Schoß zusammen. Ein Schwarm eifersüchtiger argwöhnischer Gedanken quälte und quälte sie.

Wenn Bosinney ihre Unruhe bemerkte, gab er es nicht zu erkennen.

Der Vorhang fiel. Der erste Akt war zu Ende.

»Es ist furchtbar heiß hier!«, sagte June. »Lass uns lieber hinausgehen!«

Sie war sehr blass, und sie wusste – denn mit ihren angespannten Nerven sah sie alles –, dass er unruhig war und ein schlechtes Gewissen hatte.

An der Rückseite des Theaters war ein offener Balkon über der Straße; dorthin begab sie sich und stand ohne ein Wort, in der Erwartung, dass er anfangen werde.

Schließlich konnte sie es nicht länger ertragen.

»Ich möchte dir etwas sagen, Phil«, sagte sie.

»Ja?«

Der abwehrende Ton in seiner Stimme trieb ihr das Blut in die Wangen und die Worte auf die Lippen: »Du gibst mir gar keine Gelegenheit, lieb zu dir zu sein, schon seit einer Ewigkeit nicht mehr!«

Bosinney starrte auf die Straße hinunter. Er gab keine Antwort.

Leidenschaftlich rief June: »Du weißt, dass ich alles für dich täte – dass ich dir alles sein möchte –«

Ein Summen von der Straße stieg empor, und mit durchdringend schrillem Ton kündigte die Glocke das Aufgehen des Vorhangs an. June rührte sich nicht. Ein verzweifelter Kampf tobte in ihr. Sollte sie alles auf die Probe stellen? Sollte sie offen Rechenschaft über jenen Einfluss, jene Anziehungskraft fordern, die ihn von ihr forttrieben? Es lag in ihrer Natur, zu fordern, und so sagte sie: »Nimm mich am Sonntag mit, Phil, und zeige mir das Haus!«

Mit einem bebenden, zuckenden Lächeln und dem – so schweren – Versuch, nicht zu verraten, dass sie ihn genau beobachtete, blickte sie ihn an. Sie sah ein Zittern und Zögern in seinem Gesicht, sah, wie eine verlegene Falte sich zwischen den Brauen bildete und das Blut ihm ins Antlitz schoss. Er erwiderte:

»Nicht Sonntag, Liebling, an einem anderen Tag!«

»Warum nicht Sonntag? Ich wäre doch Sonntag nicht im Wege.«

Er nahm sich offenbar zusammen und sagte: »Ich habe eine Verabredung.«

»Du willst mit –«

Seine Augen wurden zornig; er zuckte die Achseln und erwiderte: »Eine Verabredung, die mich verhindert, dir das Haus zu zeigen!«

June biss sich auf die Lippen, bis sie bluteten, und kehrte ohne ein Wort weiter auf ihren Platz zurück, aber sie konnte den Tränen des Zornes nicht wehren, die ihr über die Wangen rollten. Glücklicherweise war das Haus einer Szene wegen verdunkelt, und niemand konnte ihren Kummer sehen.

Allein in dieser Welt der Forsytes sollte keiner sich vor Beobachtung sicher wähnen.

Drei Reihen hinter ihnen saßen Euphemia, Nicholas’ jüngste Tochter, und deren verheiratete Schwester Mrs Tweetyman und passten auf.

Sie erzählten bei Timothy, wie sie June und ihren Verlobten im Theater gesehen hatten.

»Im Parkett?« »Nein, nicht da –« »Ach, im ersten Rang natürlich. Das ist jetzt wohl Mode bei den jungen Leuten?«

Na – nicht gerade da. Im – Doch einerlei, diese Verlobung würde jedenfalls nicht lange dauern. Sie hätten nie jemanden in einer solchen Donnerwetterlaune gesehen wie diese kleine June! Mit Tränen der Wonne in den Augen erzählten sie, wie sie einem Herrn den Hut heruntergestoßen hatte, als sie mitten im Akt auf ihren Platz zurückkam, und was für ein Gesicht der Mann dabei gemacht hatte. Euphemia war bekannt wegen ihres leisen Lachens, das sehr enttäuschend in hohe Quietschtöne überging; und als Mrs Small mit emporgehobenen Händen sagte: »Du lieber Himmel, einen Hu-hut heruntergestoßen?«, stieß sie eine solche Menge dieser Töne aus, dass sie mit Riechsalzen beruhigt werden musste. Beim Fortgehen sagte sie zu Mrs Tweetyman: »Einen Hu-hut heruntergestoßen! Ach! Ich lache mich noch tot!«

Für ›die kleine June‹ war dieser Abend, der ›ein Fest‹ für sie hatte sein sollen, der elendeste, den sie je erlebt hatte. Sie versuchte, weiß Gott, ihren Stolz, ihre Vermutungen und ihre Eifersucht zu verbergen!

An der Haustür trennte sie sich von Bosinney, ohne zusammenzubrechen; das Gefühl, ihren Verlobten wieder erobern zu müssen, war stark genug, sie aufrechtzuerhalten, bis seine verhallenden Schritte ihr den ganzen Umfang ihres Elends zum Bewusstsein brachten.

Der geräuschlose ›Sankey‹ ließ sie ein. Sie wäre gern nach oben in ihr eigenes Zimmer geschlüpft, aber der alte Jolyon, der sie gehört hatte, stand in der Tür des Speisesaals.

»Komm herein und trinke deine Milch«, sagte er. »Sie ist für dich warm gestellt. Du kommst sehr spät. Wo warst du denn?«

June stand am Kamin, einen Fuß auf dem Gitter und den Arm auf das Sims gestützt, wie ihr Großvater es getan hatte, als er neulich aus der Oper nach Hause gekommen war. Sie war dem Zusammenbrechen zu nahe, um zu überlegen, was sie ihm sagen sollte.

»Wir waren bei Soames zu Tisch.«

»Hm, bei dem reichen Mann! War seine Frau da – und Bosinney?«

»Ja.«

Der alte Jolyon heftete seine Augen mit dem durchdringenden Blick auf sie, vor dem so schwer etwas zu verbergen war; aber sie sah ihn nicht an, und als sie ihm das Gesicht zukehrte, gab er sogleich sein Forschen auf. Er hatte genug gesehen, sogar zu viel. Er bückte sich, um ihr die Tasse Milch vom Kamin zu reichen, und brummte, indem er sich abwand: »Du solltest nicht so spät nach Hause kommen, es taugt dir nicht.«

Er war jetzt nicht zu sehen hinter seiner Zeitung, die er mit zornigem Knistern umblätterte; aber als June zu ihm kam und ihn küsste, sagte er: »Gute Nacht, mein Liebling!« in einem so unvermutet zitternden Ton, dass sie den Raum gerade so verlassen konnte, ehe sie in einen Weinkrampf verfiel, der noch bis tief in die Nacht hinein andauerte.

Als die Tür sich geschlossen hatte, legte der alte Jolyon die Zeitung fort und starrte lange besorgt vor sich hin.

›Der Lump!‹, dachte er. ›Ich habe immer gewusst, dass sie ihre Not mit ihm haben würde!‹

Es stürmten unruhige Zweifel und argwöhnische Vermutungen auf ihn ein, die umso quälender waren, als er sich machtlos fühlte, den Gang der Ereignisse aufzuhalten oder zu bewachen.

Wollte der Bursche sie etwa sitzenlassen? Er hatte Lust, zu ihm zu gehen und ihn danach zu fragen. Aber wie konnte er? Er wusste wenig oder gar nichts, war aber bei seinem unfehlbaren Scharfsinn sicher, dass irgendetwas vorging. Er befürchtete, dass Bosinney zu oft in Soames’ Haus am Montpellier Square kam.

›Dieser Mensch‹, dachte er, ›ist vielleicht kein Taugenichts; er sieht nicht schlecht aus, aber er ist ein seltsamer Kauz. Ich werde nicht recht klug aus ihm, werde es sicher nie! Er soll arbeiten wie ein Schwarzer, aber es kommt nichts dabei heraus. Er ist unpraktisch und hat keine Methode. Wenn er hier ist, sitzt er mürrisch wie ein Affe da. Wenn ich ihn frage, was für Wein er will, sagt er: »Danke, es ist mir ganz einerlei.« Biete ich ihm eine Zigarre an, so raucht er sie, als wäre sie ein deutsches Zwei-Penny-Kraut. Ich sehe nie, dass er June anschaut, wie er sie anschauen sollte, und doch ist er nicht hinter ihrem Gelde her. Wenn sie nur einen Wink gäbe, machte ich die ganze Sache morgen rückgängig. Aber das tut sie nicht – niemals! Sie hält fest an ihm! Sie ist unbeugsam wie das Schicksal – sie gibt ihn niemals auf!‹

Mit einem tiefen Seufzer nahm er die Zeitung wieder auf; vielleicht fand er in ihren Spalten Trost.

Und oben in ihrem Zimmer saß June am offenen Fenster, wo der Frühlingswind vom Park herüberwehte, um ihr die heißen Wangen zu kühlen und das Herz zu verbrennen.

Drittes Kapitel

Spazierfahrt mit Swithin

Zwei Zeilen eines gewissen Liedes in einem berühmten alten Schulliederbuch lauten wie folgt:

»Wie die Knöpfe am blauen Rock blitzten fein, tra–la–la!

Und er jubelt’ und sang wie ein Vögelein! …«

Swithin jubelte und sang zwar nicht gerade wie ein Vögelein, aber er fühlte sich beinahe versucht, eine Melodie zu summen, als er aus dem Hause trat und seine Pferde betrachtete, die angeschirrt davorstanden.

Der Nachmittag war so lind wie ein Junitag, und um den Vergleich mit dem alten Liede zu vervollständigen, hatte er einen blauen Schoßrock angezogen und auf seinen Überzieher verzichtet, nachdem er Adolf dreimal hinuntergeschickt hatte, um sich zu vergewissern, dass auch nicht der geringste Hauch eines Ostwindes zu spüren war. Seine ansehnliche Gestalt war so fest in den Rock eingeknöpft, dass die Knöpfe, wenn sie auch nicht blitzten, es doch füglich hätten tun können. Majestätisch stand er auf dem Pflaster und zog sich ein paar hundslederne Handschuhe an; mit seinem breiten, glockenförmigen steifen Hut, seinem Umfang und seiner behäbigen Gestalt sah er für einen Forsyte fast zu urzeitlich aus. Sein dichtes weißes Haar, das Adolf mit einer Spur von Pomade bedacht hatte, strömte einen leisen Wohlgeruch von Opoponax22 und Zigarren aus – Zigarren der berühmten Marke Swithins, für die er hundertvierzig Shilling das Hundert zahlte und von denen der alte Jolyon unfreundlich gesagt hatte, er würde sie nicht geschenkt nehmen, dazu gehöre ein Pferdemagen! …

»Adolf!«

»Sir?«

»Das neue Plaid!«

Der Bursche würde nie lernen, schneidig auszusehen; und Mrs Soames hatte sicher einen Blick dafür!

»Das Verdeck herunter! Ich mache – eine – Spazierfahrt – mit – einer – Dame!«

Eine hübsche Frau lässt gern ihre Kleider sehen; und – er wollte eben mit einer Dame spazieren fahren! Es war, als käme die gute alte Zeit wieder.

Welche Ewigkeit, seit er mit einer Frau gefahren war! Das letzte Mal war es Juley gewesen, wenn er sich recht erinnerte; die arme alte Seele war die ganze Zeit so furchtsam gewesen wie ein Hase und hatte seine Geduld so auf die Probe gestellt, dass er gesagt hatte, als er sie in Bayswater Road absetzte: »Na, der Teufel soll mich holen, wenn ich noch einmal mit dir fahre!« Und er hatte es auch nie wieder getan, niemals!

Er trat zu den Pferden und prüfte ihr Gebiss; nicht, dass er irgendetwas von Gebissen verstand – er zahlte seinem Kutscher nicht sechzig Pfund das Jahr, um ihm die Arbeit abzunehmen, das war nie sein Grundsatz gewesen. Sein Ruf als Pferdekenner beruhte hauptsächlich auf der Tatsache, dass er einst bei einem Derby-Rennen einigen Betrügern in die Hände gefallen war. Aber als ihn jemand im Klub mit seinen Grauschimmeln vorfahren sah – er fuhr immer mit Grauschimmeln, das war stilvoller fürs Geld, dachten manche –, hatte er ihn ›Vierspänner-Forsyte‹ genannt. Nachdem ihm dieser Name durch Nicholas Treffry, den verstorbenen Geschäftspartner des alten Jolyon, diesen großen Fahrer, zu Ohren gekommen war, der notorisch mehr Wagenunfälle gehabt hatte als irgendein anderer im ganzen Lande, hielt Swithin es für richtig, sich danach zu benehmen. Der Name gefiel ihm, nicht etwa, weil er je vierspännig gefahren war oder die Absicht hatte, es je zu tun, sondern weil es so vornehm klang. ›Vierspänner-Forsyte!‹ Nicht übel! Zu früh geboren, hatte Swithin seinen Beruf verfehlt. Wäre er zwanzig Jahre später nach London gekommen, so hätte ihn natürlich nichts davon abgehalten, Börsenmakler zu werden, aber zu der Zeit, wo er sich hatte entscheiden müssen, bildete dieser hohe Beruf noch nicht den Glanzpunkt der oberen Mittelklasse. Er war buchstäblich in den Beruf eines Auktionators hineingezwungen worden.

Als er endlich auf dem Bock saß und die Zügel ihm übergeben waren, warf er, über die blassen alten Wangen hinweg in die helle Sonne blinzelnd, langsam einen Blick um sich. Adolf war schon hinten aufgestiegen; der Stallknecht mit der Kokarde am Hut stand bei den Pferden, bereit, sie loszulassen; alles wartete auf das Zeichen, und Swithin gab es nun. Die Equipage jagte davon, und ehe man bis drei zählen konnte, fuhr er mit Gerassel schwungvoll an Soames’ Tür vor.

Irene kam sofort heraus und stieg ein – er beschrieb es später bei Timothy – »so leicht wie – hm – wie die Taglioni23, ohne Umstände, ohne lange zu überlegen«; und vor allem, darauf legte Swithin besonderen Nachdruck und starrte Mrs Septimus Small auf eine Weise an, die sie ganz aus der Fassung brachte, »keine alberne Ängstlichkeit!« Tante Hester schilderte er Irenes Hut. »Nicht einen eurer großen, schlappen Dinger, die hin- und herfliegen und den Staub auffangen, wie unsere Damen sie heutzutage so lieben, sondern einen netten kleinen –« er zeichnete einen Kreis mit der Hand, »mit weißem Schleier – ein erlesener Geschmack!«

»Woraus war er gemacht?«, fragte Tante Hester, die bei jeder Toilettenfrage in eine gelinde, aber andauernde Aufregung geriet.

»Woraus gemacht?«, wiederholte Swithin. »Ja, wie soll ich das wissen?«

Er versank in ein so tiefes Schweigen, dass Tante Hester zu fürchten begann, er sei in Trance geraten. Aber sie versuchte nicht, ihn selbst daraus zu erwecken, denn das war nicht ihre Art.

›Wenn doch jemand käme‹, dachte sie. ›Sein Aussehen gefällt mir nicht!‹

Doch plötzlich erwachte Swithin wieder zum Leben. »Woraus gemacht?«, schnaufte er langsam hervor. »Woraus sollte er gemacht sein?«

Sie waren noch keine vier Meilen weit gekommen, als Swithin den Eindruck gewann, dass Irene gern mit ihm fuhr. Ihr Gesicht sah so sanft aus hinter dem weißen Schleier, die dunkeln Augen leuchteten im Frühlingslicht, und sobald er zu ihr sprach, blickte sie zu ihm auf und lächelte.

Am Samstagmorgen hatte Soames sie an ihrem Schreibtisch gefunden, wo sie eben ein Billett mit einer Absage an Swithin schrieb. Er fragte, warum sie ihn abweisen wolle. Ihre Verwandten könne sie abweisen, so oft sie wolle, aber er wünsche nicht, dass sie seine Verwandten abweise!

Sie hatte ihn unverwandt angesehen, das Billett zerrissen und gesagt: »Gut!«

Dann hatte sie begonnen, ein anderes zu schreiben. Er warf wie zufällig einen Blick darauf und sah, dass es an Bosinney gerichtet war.

»Was hast du denn an den zu schreiben?«, fragte er.

Irene sah ihn wieder mit dem unverwandten Blick an und erwiderte ruhig:

»Über etwas, um das er mich gebeten hat!«

»Hm! Besorgungen!«, sagte Soames. »Du wirst deine Last haben, wenn du damit erst anfängst!« Weiter sagte er nichts.

Swithin machte große Augen bei der Erwähnung von Robin Hill. Es war ein weiter Weg für seine Pferde, und er speiste stets um halb acht, bevor der große Andrang im Klub begann; der neue Chef gab sich mehr Mühe mit einem frühen Dinner – der faule Halunke!

Allein er hätte gern einen Blick auf das Haus geworfen. Ein Haus zog jeden Forsyte an, und besonders einen, der Auktionator gewesen war. Schließlich meinte er, die Entfernung sei nichts. Als jüngerer Mann habe er jahrelang in Richmond gewohnt, dort Wagen und Pferde gehalten und sei jeden einzelnen Tag hin und zurück ins Geschäft gefahren. ›Vierspänner-Forsyte‹ hätten sie ihn genannt! Sein Einspänner und seine Pferde wären von Hyde Park Corner bis ›Star and Garter‹24 bekannt gewesen. Der Duke von Z– habe sie gewollt, er hätte ihm den doppelten Preis dafür gegeben, aber er habe sie behalten. Habe man etwas Gutes, so solle man es schätzen, nicht wahr? Ein Ausdruck ungeheuer feierlichen Stolzes kam in sein breites, glattrasiertes, altes Gesicht, er wandte den Kopf in seinem Stehkragen hin und her wie ein aufgeblasener Truthahn.

Sie war wirklich eine reizende Frau! Er gab Tante Juley, die über seine Ausdrucksweise die Hände überm Kopf zusammenschlug, später eine eingehende Beschreibung von Irenes Kleid.

Es habe wie eine Haut gesessen – stramm wie auf einer Trommel. So gefielen sie ihm, alles wie aus einem Guss, »nicht wie eure Vogelscheuchen ohne Eleganz!« Er starrte Mrs Septimus Small an, die wie James lang und dünn geraten war.

»Sie hat Stil«, fuhr er fort, »eines Königs würdig! Und dabei macht sie nicht erst viel Wesens davon!«

»Sie scheint an dir jedenfalls eine Eroberung gemacht zu haben«, kam es gedehnt aus Tante Hesters Ecke.

Swithin hatte ein außerordentlich gutes Gehör, wenn ihn jemand angriff.

»Was soll das heißen?«, sagte er. »Ich weiß sehr wohl, ob eine Frau schön ist, wenn ich sie sehe, und ich kann nur sagen, dass ich keinen jungen Mann kenne, der für sie passt; aber du vielleicht – du – kennst vielleicht einen!«

»Oh!«, murmelte Tante Hester. »Frage Juley!«

Lange jedoch, bevor sie Robin Hill erreichten, hatte der ungewohnte Aufenthalt an der frischen Luft ihn furchtbar schläfrig gemacht; er fuhr mit geschlossenen Augen, und nur die zeitlebens streng bewachte Haltung bewahrte seine große, schwere Gestalt davor, seitwärts zu fallen.

Bosinney, der sie erwartete, kam ihnen entgegen, und alle drei betraten zusammen das Haus. Swithin ging voran, auf einen dicken goldbeschlagenen Malakka-Stock gestützt, den Adolf ihm in die Hand gegeben hatte, denn seine Knie spürten die Wirkung des langen Verharrens in derselben Lage. Er hatte seinen Pelzmantel übergeworfen, um sich in dem unfertigen Hause gegen die Zugluft zu schützen.

Die Treppe – sagte er – sei schön! Ein fürstlicher Stil! Da gehörten noch Bildwerke hin! Zwischen den Säulen des Torwegs zum inneren Hof blieb er stehen und streckte fragend seinen Stock aus.

Was bedeute denn dies – dies Vestibül oder wie man es sonst nenne? Aber als er das Oberlicht sah, kam ihm eine Erleuchtung.

»Aha, der Billardraum!«

Als ihm gesagt wurde, dass es ein mit Fliesen belegter, in der Mitte mit Pflanzen geschmückter Hof werden sollte, wandte er sich zu Irene:

»Dies für Pflanzen verschwenden? Folge meinem Rat und stelle hier einen Billardtisch auf!«

Irene lächelte. Sie hatte ihren Schleier umgeschlagen und ihn wie eine Nonnenhaube quer über die Stirn gebunden; das Lächeln ihrer dunklen Augen dünkte Swithin reizender denn je. Er nickte. Sie würde seinem Rat schon folgen, das sah er wohl. Er hatte wenig über den Salon und den Speisesaal zu sagen, die er als ›geräumig‹ beschrieb, geriet aber, soweit seine Würde es ihm gestattete, in Entzücken über den Weinkeller, zu dem er die Steinstufen hinunterstieg, während Bosinney mit einer Laterne voranging.

»Hier werdet ihr für sechs-, siebenhundert Dutzend Platz haben –« sagte er, – »ein sehr netter kleiner Keller!«

Als Bosinney aber den Wunsch äußerte, ihnen das Haus unten vom Wäldchen aus zu zeigen, machte Swithin Halt.

»Von hier ist der Blick sehr schön«, bemerkte er, »haben Sie nicht etwas wie einen Stuhl?«

Es wurde ein Stuhl aus Bosinneys Zelt geholt.

»Ihr geht hinunter«, sagte er freundlich, »ihr beide! Ich bleibe hier und sehe mir die Aussicht an.«

Er setzte sich neben die Eiche in die Sonne, breit und aufrecht; eine Hand ruhte ausgestreckt auf dem Knopf des Stockes, die andere fest aufs Knie gestützt. Seinen Pelzmantel hatte er geöffnet, der Hut beschattete das blasse Viereck seines Gesichts wie ein Dach, und sein Blick starrte leer in die Landschaft.

Er nickte ihnen zu, als sie durch die Felder hinuntergingen. Es tat ihm wirklich wohl, für einen Augenblick ruhigen Nachdenkens allein gelassen zu werden. Die Luft war mild, die Hitze in der Sonne nicht zu groß und der Blick schön, merkwürd–. Sein Kopf sank ein wenig auf die Seite, er riss ihn wieder in die Höhe und dachte: Sonderbar! Er – ah! Da winkten sie von unten herauf! Er hob die Hand und bewegte sie ein paarmal. Die waren aktiv – der Blick war merk–. Sein Kopf sank nach links, sofort riss er ihn wieder in die Höhe; er sank nach rechts, und so blieb er. Swithin war eingeschlafen.

Und im Schlafe, eine Schildwache auf der Anhöhe, schien er diese – merkwürdige – Gegend zu beherrschen wie ein Götzenbild, das ein Künstler der Ur-Forsytes in heidnischer Zeit eigens dafür errichtet hatte, um an die Herrschaft des Geistes über die Materie zu mahnen!

Und all die unzähligen Generationen seiner ländlichen Vorfahren, die gewohnt waren, am Sonntag mit in die Hüften gestemmten Armen ihr kleines Gut zu überschauen, deren starre graue Augen den heimlich in ihnen wurzelnden Trieb der Gewalttätigkeit, den Trieb nach Eigentum vor der Welt verbargen – all diese unzähligen Generationen schienen mit ihm auf der Anhöhe zu sitzen.

Aber der eifersüchtige Forsyte’sche Geist des Schlummernden wanderte weit in Gott-weiß-welche Wildnisse der Phantasie. Er folgte den beiden jungen Leuten, um zu sehen, was sie dort in dem Wäldchen unten trieben – in diesem Wäldchen, wo der Frühling im Duft der Säfte und der aufbrechenden Knospen, im Sang der zahllosen Vögel und einem Teppich von blauen Glockenblumen und lieblichen Kräutern schwelgte, und die Sonne sich wie Gold in den Wipfeln der Bäume fing; zu sehen, was sie taten, als sie dicht nebeneinander auf dem viel zu schmalen Pfad dahinschritten, so dicht nebeneinander, dass sie sich fortwährend berührten; Irenes dunkle Augen zu sehen, die wie Diebe das Herz des Frühlings stahlen. Und ungesehen, ein wahrer Ehrenwächter, war sein Geist bei ihnen, den kleinen pelzigen Leichnam eines Maulwurfs mit zu betrachten, der noch keine Stunde tot war, das bräunlich-silberne Fell noch unberührt von Regen oder Tau. Er sah Irenes gesenkten Kopf und den sanften Blick ihrer mitleidigen Augen, sah den Kopf des jungen Mannes, der sie so fest und seltsam starr anblickte. Dann folgte er ihnen weiter über die Lichtung, wo ein Holzfäller an der Arbeit gewesen war, wo die blauen Glockenblumen niedergetreten waren und ein Baumstamm schwankend von seinem morschen Stumpf herabgestürzt war. Er kletterte mit ihnen darüber hinweg und ging weiter mit bis zum Saum des Wäldchens, wo sich ein unentdecktes Land erstreckte und von fern der Ruf: ›Kuckuck – Kuckuck!‹ erklang.

Schweigend stand er dort mit ihnen, und ihr Schweigen bedrückte ihn! Sonderbar, sehr sonderbar!

Dann wie schuldbewusst zurück durch den Wald – zurück zu dem Holzschlag, immer noch schweigend inmitten des Vogelsangs, der nimmer verstummte, und des frischen Dufts des – was war es doch für ein Kraut – zurück bis zu dem Baumstamm, der quer über dem Wege lag.

Und ungesehen, unruhig, flatterte sein Forsyte’scher Geist über ihnen und suchte sich durch Geräusche bemerkbar zu machen, denn er sah die hübsche Gestalt schwankend auf dem Baumstamm balancieren und zu dem jungen Mann hinablächeln, der mit so seltsam leuchtenden Augen zu ihr aufblickte. Er sah sie ausgleiten – a – ah! ausrutschen, o – oh! gleiten und – an seine Brust sinken, sah den weichen warmen Körper umfasst, den Kopf vor seinen Lippen zurückgebogen, seinen Kuss, ihr Zurückweichen, vernahm seinen Ruf: »Sie müssen es wissen – ich liebe Sie!« Müssen es wissen – in der Tat – eine schöne –? Liebe! Ah!

Swithin erwachte. Die Freude an der schönen Natur war vorbei. Er hatte einen seltsamen Geschmack im Munde. Wo war er?

Verdammt! Er hatte geschlafen.

Er hatte etwas von einer neuen Suppe geträumt, mit einem Geschmack von Minze darin.

Die jungen Leute – wo waren sie denn? In seinem linken Bein kribbelte es wie von lauter Nadeln.

»Adolf!« Der Halunke war nicht da, er schlief wahrscheinlich irgendwo.

Groß, breit und schwer in seinem Pelz stand er auf, spähte eifrig über die Felder und sah sie eben kommen.

Irene ging voran; der junge Mann – was für einen Spitznamen hatte er doch – ›Der Bukanier?‹ – ging ja ganz niedergeschmettert hinter ihr her; der hat gewiss etwas zu hören bekommen. Geschah ihm recht, warum nahm er sie so weit mit, um das Haus anzusehen! Der richtige Platz, ein Haus zu betrachten, ist der Rasen davor.

Sie sahen ihn. Er streckte den Arm aus und winkte krampfhaft, um sie zu ermuntern. Aber sie waren stehen geblieben. Wozu standen sie dort denn still; schwätzten und schwätzten? Nun gingen sie wieder weiter. Sie hatte ihm einen Rüffel gegeben, daran zweifelte er nicht im Geringsten, und es war auch kein Wunder, denn ein solches Haus – ein großes garstiges Ding, keines der Art, an die er gewöhnt war.

Er blickte aufmerksam auf ihre Gesichter mit seinen blassen, unbeweglichen Augen. Dieser junge Mann sah sehr sonderbar aus!

»Daraus werden Sie nie was machen!«, sagte er scharf und wies auf das Gebäude. »Zu neumodisch!«

Bosinney starrte ihn an, als habe er ihn nicht gehört; und Swithin schilderte ihn später Tante Hester als »einen ganz extravaganten Burschen – hat eine sonderbare Art, einen anzusehen – der ungeschliffene Tölpel!«

Was der Anlass zu dieser plötzlichen Probe von Psychologie war, gab er nicht an. Wahrscheinlich Bosinneys vorstehende Stirn, Backenknochen und Kinn, oder etwas Hungriges in seinem Gesicht, das mit Swithins Begriff einer stillen Sattheit, die den vollendeten Gentleman charakterisieren soll, nicht übereinstimmte.

Die Erwähnung einer Tasse Tee heiterte ihn auf. Er verachtete Tee – denn sein Bruder Jolyon hatte seine Geschäfte in Tee gemacht und eine Menge Geld dabei verdient –, aber er war so durstig, und hatte einen solch seltsamen Geschmack im Munde, dass er bereit war zu trinken, was es auch sein mochte. Er wollte Irene gern von diesem Geschmack im Munde berichten – sie war so teilnehmend –, aber das wäre nicht vornehm gewesen; er rollte die Zunge zusammen und schnalzte leise.

In einer entfernten Ecke des Zeltes neigte Adolf seinen katzenartigen Schnurrbart über einen Kessel. Dann ließ er ihn stehen, um eine halbe Flasche Champagner aufzuziehen. Swithin lächelte, und Bosinney zunickend, sagte er: »Na, Sie sind ja der reine Monte Christo!« Dieser berühmte Roman – einer von dem halben Dutzend, die er gelesen hatte – hatte einst einen außerordentlichen Eindruck auf ihn gemacht. Er nahm das Glas vom Tisch und hielt es von sich weg, um die Farbe zu prüfen. So durstig er war, wollte er doch nicht irgendein schlechtes Gebräu trinken! Dann setzte er es an die Lippen und nippte daran.

»Ein ganz guter Wein«, sagte er schließlich und hielt ihn sich vor die Nase, »mit meinem Heidsieck aber nicht zu vergleichen!«

In diesem Augenblick war ihm der Gedanke gekommen, dass der junge Architekt sich in Mrs Soames verliebt haben könnte, wie er sich später bei Timothy äußerte. Und von diesem Moment an quollen seine hellen runden Augen im Eifer über diese Entdeckung noch mehr hervor als sonst.

»Der Mensch«, sagte er zu Mrs Septimus – »folgt ihr mit den Augen wie ein Hund – der arme Tölpel! Mich wundert das nicht – sie ist eine ganz entzückende Frau, der Gipfel der Holdseligkeit, möchte ich sagen!« Eine vage Erinnerung an den Duft, der Irene umwehte, den Duft einer halbgeschlossenen Blume mit glühendem Herzen, hatte ihn zu diesem Bilde angeregt. »Aber ich war meiner Sache erst sicher«, sagte er, »als ich ihn ihr Taschentuch aufheben sah.«

Mrs Smalls Augen brannten vor Aufregung.

»Und gab er es ihr zurück?«, fragte sie.

»Ob er es zurückgab?«, erwiderte Swithin. »Ich sah ihn daran schnüffeln, als er glaubte, ich schaute nicht hin!«

Mrs Small rang nach Atem – sie war zu aufgeregt, um zu sprechen.

»Aber Irene ermutigte ihn nicht«, fuhr Swithin fort. Er stockte und starrte ein oder zwei Minuten in der Weise vor sich hin, die Tante Hester so erschreckte – denn er erinnerte sich plötzlich, dass sie Bosinney vor der Rückfahrt im Wagen zum zweiten Mal die Hand gereicht und sie nicht zurückgezogen hatte … Um sie ganz für sich zu haben, hatte er seine Pferde lebhaft mit der Peitsche angetrieben. Aber sie hatte zurückgeschaut und auf seine erste Frage gar nicht geantwortet. Auch ihr Gesicht hatte er nicht sehen können – sie hielt es beständig tief gesenkt.

Es gibt irgendwo ein Bild von einem Manne – Swithin hatte es nie gesehen –, der auf einem Felsen sitzt, und neben ihm, in das stille grüne Wasser tauchend, eine Seenymphe auf dem Rücken, mit der Hand auf der nackten Brust. Ein verhaltenes Lächeln liegt auf ihrem Gesicht – ein Lächeln hoffnungsloser Ergebung und geheimer Lust. So mochte Irene wohl gelächelt haben, als sie dort neben Swithin saß.

Nun er, vom Champagner angeregt, sie ganz für sich hatte, schüttete er ihr sein Herz mit allem Ungemach aus. Er sprach von seinem geheimen Groll gegen den neuen Küchenchef im Klub; seinem Ärger über das Haus in Wigmore Street, wo der Halunke von Mieter Bankrott gemacht hatte, weil er für seinen Schwager eingesprungen war – als ob man sich nicht selbst der Nächste sei; von seiner Schwerhörigkeit und dem Schmerz, den er zuweilen in der rechten Seite hatte. Sie hörte ihm zu, ihre Augen schwammen in Tränen. Er dachte, sie nähme tiefen Anteil an seinem Leiden, und hatte großes Mitleid mit sich selbst. Und doch fühlte er sich in seinem Pelz, mit den Knopflochriegeln über der Brust, dem Hut schief auf der Seite und der schönen Frau im Wagen, vornehmer denn je.

Ein Obsthändler jedoch, der mit seinem Mädchen eine Sonntagsfahrt machte, schien von dem gleichen Gefühl beseelt zu sein. Der Kerl ließ seinen Esel neben dem Wagen dahergaloppieren und saß aufrecht wie eine Wachsfigur in seinem offenen Gefährt. Sein Kinn lag ebenso würdevoll auf dem roten Halstuch wie Swithins auf seiner bauschigen Krawatte; und das Mädchen äffte mit einer fliegenfleckigen Boa, deren Enden es nach hinten flattern ließ, die Modedame nach. Dessen Schatz fuchtelte mit einem Stock herum, an dessen Ende ein Stück zerfaserter Schnur herabhing, ahmte mit seltener Treue jede schwungvolle Bewegung von Swithins Peitsche nach und drehte den Kopf mit einem Blick zu seiner Dame hin, der eine unheimliche Ähnlichkeit mit Swithins urzeitlichem Starren hatte.

Wenn Swithin auch von der Gegenwart dieses rohen Patrons eine Weile nichts merkte, hatte er doch plötzlich das Gefühl, als würde er zum Besten gehalten. Er streifte mit seiner Peitsche die Flanke der Stute, die beiden Wagen blieben jedoch durch einen fatalen Zufall weiter nebeneinander. Swithins gelbes gedunsenes Gesicht wurde rot; er hob die Peitsche zu einem Hieb auf den Obsthändler, blieb aber durch ein besonderes Eingreifen der Vorsehung davor bewahrt, seine Würde so weit zu vergessen. Durch einen Torweg kam eine Equipage angefahren und zwang Wagen und Eselkarren dicht aneinander; die Räder knirschten, das leichtere Gefährt hakte sich fest und wurde umgerissen.

Swithin sah nicht danach hin. Um keinen Preis hätte er angehalten, um dem Flegel zu helfen. Geschah ihm recht, wenn er sich den Hals brach!

Aber er hätte es auch nicht gekonnt, wenn er gewollt hätte. Die Grauschimmel waren aufgescheucht. Der Wagen wurde von einer Seite auf die andere geschleudert, und die Leute blickten erschrocken auf, als sie vorübersausten. Swithins kräftige Arme waren lang ausgestreckt und zerrten an den Zügeln. Seine Backen blähten sich auf, die Lippen waren zusammengepresst, sein gedunsenes Gesicht vor Zorn dunkelrot.

Irenes Hand lag auf dem Wagenrand, und bei jedem Schleudern umfasste sie ihn fest. Swithin hörte sie fragen:

»Wird’s ein Unglück geben, Onkel Swithin?«

Er stieß keuchend hervor: »Es ist gar nichts; nur ein bisschen forsch!«

»Ich habe noch nie einen Unglücksfall erlebt!«

»Nur stillsitzen!« Er warf einen Blick auf sie. Sie lächelte, war vollkommen ruhig. »Sitze ganz still«, wiederholte er. »Keine Furcht, ich bringe dich sicher nach Hause!«

Und mitten in aller furchtbaren Anstrengung war er überrascht, sie mit einer Stimme, die nicht ihrer eigenen glich, antworten zu hören:

»Mir wär’s einerlei, wenn ich nie nach Hause käme!«

Da der Wagen gerade einen furchtbaren Stoß bekam, blieb Swithins Ausruf ihm im Halse stecken. Gezwungen, jetzt bergauf zu gehen, mäßigten die Pferde ihren Lauf, kamen in Trab und blieben schließlich von selber stehen.

»Als ich« – beschrieb Swithin es bei Timothy – »als ich die Pferde anhielt, war sie so ruhig wie ich selbst. Du lieber Himmel! Sie tat wahrhaftig, als wär’s ihr einerlei, ob sie den Hals bräche oder nicht! Wie sagte sie doch: ›Es wär mir einerlei, wenn ich nie nach Hause käme!‹« Und auf den Kopf seines Stocks gestützt, keuchte er zu Mrs Smalls Entsetzen hervor: »Und ich wundere mich gar nicht darüber, wo sie solch einen lächerlichen Zierbengel zum Manne hat wie diesen Soames!«

Es kam ihm nicht in den Sinn, darüber nachzudenken, was Bosinney gemacht hatte, nachdem sie ihn verlassen hatten; ob er herumgelaufen war wie ein Hund, mit dem ihn Swithin verglichen hatte; ob er in das Wäldchen hinuntergewandert war, wo noch der Frühling schwelgte und von fern der Kuckuck rief; dort unten ging und ihr Taschentuch an die Lippen presste, dessen leiser Duft sich mit dem Geruch von Thymian und Minze mischte. Ob er mit einem Weh im Herzen dort unten ging, so wild und heiß, dass er unter den Bäumen hätte aufschreien mögen. Oder was der junge Mann wohl sonst getan haben mochte. Bis er bei Timothy anlangte, hatte Swithin ihn wirklich ganz und gar vergessen.

Viertes Kapitel

James sieht selber nach

Wer die Forsyte-Börse nicht kennt, würde vielleicht all den Aufruhr nicht voraussehen, den Irenes Besuch des Hauses nach sich zog.

Nachdem Swithin bei Timothy die ganze Geschichte der denkwürdigen Fahrt erzählt hatte, wurde sie mit einem winzigen Anflug von Neugierde, einer ganz kleinen Spur von Bosheit, und in dem wirklichen Wunsch, Gutes zu tun, June hinterbracht.

»Und wie abscheulich, so etwas zu sagen, Liebes!«, schloss Tante Juley. »Das über ihr Nachhausekommen. Was meinte sie nur damit?«

Es war eine merkwürdige Erzählung für das Mädchen. Es hörte sie mit schmerzlichem Erröten an, und plötzlich ging es mit kurzem Händedruck davon.

»Beinah ungezogen!«, sagte Mrs Small zu Hester, als June fortgegangen war.

Die wahre Deutung hing von Junes Aufnahme dieser Nachrichten ab. Es hatte sie sehr mitgenommen. Darum war etwas nicht in Ordnung. Sonderbar! Sie und Irene waren so gute Freundinnen gewesen!

Es stimmte nur zu gut mit allem Flüstern und den Andeutungen überein, die seit einiger Zeit in Umlauf waren. Die Erinnerung an Euphemias Erzählung über den Theaterbesuch – Mr Bosinney, der immer bei Soames war! Oh, allerdings! Ja, freilich würde er viel dort sein – wegen des Hauses! Nichts wurde offen gesagt. Es war nur auf die lebhafteste, die dringendste Aufforderung hin notwendig, auf der Forsyte-Börse etwas offen zu sagen. Diese Maschine war zu gut geeicht; ein Wink, der unbedeutendste Ausdruck von Bedauern oder Zweifel genügte, die – so teilnehmende – Familienseele in Aufruhr zu bringen. Keiner wünschte jemandem dadurch ein Leid zuzufügen – durchaus nicht. Es geschah in bester Absicht, mit dem Gefühl, dass jedes Glied der Familie einen Anteil an der Familienseele hatte.

Und eigentlich liegt solchem Klatsch große Güte zugrunde. Sie äußert sich häufig in Beileidsbesuchen, wie ein gesellschaftlicher Brauch sie vorschreibt, eine wahre Wohltat für den Leidenden und ein Trost für den Gesunden, den es immer angenehm berührt, wenn jemand unter etwas leidet, unter dem er selbst nicht zu leiden hat. Wirklich nur der Wunsch, die Dinge eifrig zu erörtern, ein Wunsch, der zum Beispiel die öffentliche Presse beseelt, führte James jetzt mit Mrs Septimus Small zusammen, Mrs Septimus mit dem jungen Nicholas, den jungen Nicholas mit wer-weiß-wem, und so weiter. Die große Klasse, zu der sie aufgestiegen waren und der sie jetzt angehörten, forderte eine gewisse Offenheit und noch mehr eine gewisse Verschwiegenheit von ihnen. Beides war eine Gewähr für ihre Dazugehörigkeit.

Manche von den jüngeren Forsytes fühlten natürlich und erklärten offen, dass sie eine Einmischung in ihre Angelegenheiten nicht wünschten. Aber so mächtig war der unsichtbare magnetische Strom des Familienklatsches, dass sie sich um keinen Preis dagegen wehren konnten, alles über jeden zu erfahren. Sie betrachteten es also als hoffnungslos.

Einer von ihnen (der junge Roger) hatte einen heroischen Versuch gemacht, die heranwachsende Generation dadurch zu befreien, indem er Timothy einen ›alten Kater‹ nannte. Es war aber auf ihn selbst zurückgeprallt; denn als die Worte in der zartesten Weise Tante Juley zu Ohren kamen, hatte sie dieselben entrüstet Mrs Roger wiederholt, von wo sie wieder zu dem jungen Roger zurückkehrten.

Und schließlich litten nur die Übeltäter darunter, wie zum Beispiel George, als er sein ganzes Geld beim Billardspiel verlor; oder der junge Roger selbst, als er so furchtbar nahe daran war, das Mädchen zu heiraten, mit dem er, so flüsterte man, schon durch die Gesetze der Natur verbunden war; und auch Irene, von der man eher dachte als sagte, dass sie in Gefahr sei.

All dies war nicht nur angenehm, sondern heilsam. Und es vertrieb so manche Stunde bei Timothy in Bayswater Road, viele Stunden, die sonst öde und trübselig für die drei gewesen wären, die dort lebten. Und Timothys Heim war nur eines der Hunderte solcher Häuser in dem großen London – der Häuser neutraler Personen der gesicherten Klassen, die selbst keine Kämpfe zu bestehen haben und darum in den Kämpfen anderer ihre Daseinsberechtigung finden müssen.

Ohne die Süße des Familienklatsches wäre es dort wirklich einsam gewesen. Gerüchte und Erzählungen, Berichte und Vermutungen – waren sie nicht Kinder des Hauses, ihnen ebenso lieb und teuer wie plappernde Mäulchen, die Bruder und Schwestern auf ihrem Lebenswege hatten missen müssen? Darüber zu reden gab ihnen fast ebenso viel wie der Besitz all der Kinder und Enkel, nach denen sich ihre weichen Herzen sehnten. Denn wenn es auch zweifelhaft ist, ob sich Timothys Herz sehnte, kann nicht bestritten werden, dass ihn die Ankunft jedes neuen Forsyte-Kindes völlig mitnahm.

Es war nutzlos für den jungen Roger, ›alter Kater‹ zu sagen, nutzlos für Euphemia, die Hände emporzuheben, zu rufen: »Oh! Diese drei!«, und dann in ihr leises Lachen auszubrechen, das mit einem Quietschen endete. Nutzlos und nicht allzu freundlich.

Die Situation, die in diesem Stadium besonders Forsyte’schen Augen seltsam – um nicht zu sagen ›unmöglich‹ erschien, war angesichts gewisser Tatsachen eigentlich gar nicht so seltsam.

Einige Dinge hatte man ganz außer Acht gelassen.

Vor allem hatte man in dem Sicherheitsgefühl, das manche harmlose Ehen geben, völlig vergessen, dass Liebe keine Treibhausblume ist, sondern eine wilde Pflanze, die einer feuchten Nacht, einer Stunde Sonnenschein entstammt; einem wilden Samen entsprossen, den ein wilder Sturm über den Weg geweht hat. Eine wilde Pflanze, die wir, sobald sie zufällig innerhalb der Hecke unseres Gartens blüht, Blume nennen, und die, blüht sie draußen, Unkraut für uns ist; aber Blume oder Unkraut, Duft und Farbe bleiben immer wild!

Und ferner – denn Tatsachen und Gestalten ihres eigenen Lebens widersprachen dieser Vorstellung – merkten die Forsytes im Allgemeinen nicht, dass, wo diese wilde Pflanze wächst, Männer und Frauen nur wie Motten sind, die um die bleiche, flammengleiche Blüte flattern.

Es war lange her seit des jungen Jolyon Eskapade – man befürchtete, es könnte die alte Ansicht wieder erstehen, dass Leute ihrer Stellung nicht die Hecke übersteigen, um eine solche Blume zu pflücken; dass man zu einer bestimmten Zeit mit Liebe wie mit Masern rechnen könne und – im Hafen der Ehe – bequem für immer darüber hinwegkomme, wie bei den Masern durch eine lindernde Mixtur aus Butter und Honig.

Von allen, denen die sonderbaren Gerüchte über Irene und Bosinney zu Ohren kamen, war James am meisten betroffen. Er hatte längst vergessen, wie er, hager und blass, mit kastanienfarbenen Koteletten, in den Tagen seiner Werbung Emily umschwärmt hatte. Er hatte längst das kleine Haus in der Nähe von Mayfair vergessen, wo er die erste Zeit seiner Ehe verlebt hatte, oder hatte vielmehr längst diese erste Zeit vergessen, nicht das kleine Haus, ein Forsyte vergisst niemals ein Haus – das er später mit einem klaren Profit von vierhundert Pfund verkauft hatte.

Längst hatte er jene Tage mit ihren Hoffnungen, Ängsten und Zweifeln über die Klugheit der Verbindung vergessen (denn Emily war zwar hübsch, besaß jedoch nichts, und er selbst verdiente damals knapp tausend Pfund im Jahr), jene seltsame unwiderstehliche Anziehungskraft, die ihn vorwärtsgetrieben hatte, bis er glaubte, sterben zu müssen, wenn er das Mädchen mit dem blonden, so sauber zurückgestrichenen Haar, mit den schönen Armen, die das enganliegende Mieder freiließ, und der schönen Gestalt nicht heiraten sollte, die ein Käfig von wahrhaft verblüffendem Umfang züchtig schützte.

James war durchs Feuer gegangen, aber er war auch durch den Strom der Jahre gekommen, der das Feuer löscht. Er hatte die traurigste aller Erfahrungen gemacht – hatte vergessen, was es heißt zu lieben.

Vergessen! So lange schon vergessen, dass er gar vergessen hatte, dass er vergessen hatte.

Und nun war dies Gerücht zu ihm gelangt, das Gerücht über die Frau seines Sohnes; sehr vage, ein Schatten unter der handfesten, unmittelbaren Oberfläche, unwirklich, unfassbar wie ein Geist, aber wie ein Geist mit unsagbarem Schrecken im Gefolge.

Er versuchte klar darüber zu werden, aber es nützte nicht mehr als der Versuch, sich mit einer jener Tragödien vertraut zu machen, von denen er täglich in seiner Abendzeitung las. Er konnte es einfach nicht. Es konnte nichts daran sein. Es war alles Unsinn. Sie stand mit Soames nicht, wie sie sollte, aber sie war ein liebes kleines Ding – ein liebes kleines Ding!

Wie die nicht unbeträchtliche Mehrzahl der Menschen genoss James einen netten kleinen Skandal und sagte wohl in selbstverständlichem Tone, indem er sich die Lippen leckte: »Ja, ja – sie und der junge Dyson; man sagte mir, sie sollen in Monte Carlo leben!«

Aber die Bedeutung einer Sache dieser Art – ihr Entstehen, Sein und Werden – war ihm nie zum Bewusstsein gekommen. Auch nicht, was ihr zugrunde lag, aus welchen Qualen und Wonnen sie entstanden war, welch lauerndes, überwältigendes Verhängnis über den nackten, zuweilen schmutzigen, aber gewöhnlich pikanten Tatsachen schwebte, die sich seinem staunenden Blicke darboten. Es war durchaus nicht seine Art, solche Dinge zu tadeln, anzupreisen, daraus Schlüsse zu ziehen oder sie zu verallgemeinern; er hörte nur ziemlich lüstern zu, wiederholte, was ihm erzählt wurde, und fand ein solches Vergnügen daran wie am Genuss eines Sherry oder Kräuterbitteren vor einer Mahlzeit.

Jetzt jedoch, wo so etwas – oder vielmehr das Gerücht, ein Hauch davon – ihm persönlich nahe gekommen war, fühlte er sich wie in einem Nebel, der ihm einen schlechten muffigen Geschmack im Munde verursachte und ihm das Atmen erschwerte.

Ein Skandal! Die Möglichkeit eines Skandals!

Sich dieses Wort beständig zu wiederholen, war die einzige Art, es sich vorzustellen und begreiflich zu machen. Er hatte die Empfindungen vergessen, die zum Verständnis des Verlaufs, des Schicksals und der Bedeutung dieser Dinge notwendig waren; er konnte einfach die Möglichkeit nicht mehr begreifen, dass Leute um der Leidenschaft willen irgendwelche Gefahr laufen konnten. Es wäre ihm lächerlich vorgekommen anzunehmen, dass einer unter all seinen Bekannten, die tagtäglich in die City fuhren, dort ihren mannigfachen Geschäften nachgingen, in ihren müßigen Stunden Aktien und Häuser kauften, dinierten und spielten, wie es hieß, sich um etwas so Unklaren, Wesenlosen willen, wie die Leidenschaft es war, in irgendeine Gefahr begeben könnte.

Leidenschaft! Er hatte wohl davon gehört, und Regeln wie ›Ein junger Mann und eine junge Frau dürften einander nie anvertraut werden‹ saßen fest in seinem Gedächtnis wie die Breitengrade auf einer Landkarte (denn alle Forsytes haben, wenn es sich um felsenfeste Tatsachen handelt, ein feines Gefühl für Realismus), aber sonst – ja, er konnte eben auf all dies nur das eine Stichwort ›Skandal‹ anwenden.

Aber es war kein wahres Wort daran – es konnte nicht sein. Er fürchtete nichts; sie war wirklich ein liebes kleines Ding. Doch hatte man so etwas einmal im Kopf, wurde man es nicht wieder los. Und James war von nervösem Temperament – einer jener Menschen, die von den Dingen nicht loskommen, denen Unentschiedenheit und Vermutungen die größten Qualen bereiten. Aus Furcht, sich etwas entschlüpfen zu lassen, das er sich sonst hätte sichern können, war es ihm eine physische Unmöglichkeit, einen Entschluss zu fassen, bis er die absolute Gewissheit erhielt, durch diese Unentschlossenheit einen Verlust zu erleiden.

Im Leben jedoch gab es viele Gelegenheiten, wo es nicht an ihm war, einen Entschluss zu fassen, und dies war eine davon.

Was konnte er tun? Mit Soames darüber reden? Das würde die Sache nur verschlimmern. Und schließlich war doch nichts daran, dessen war er gewiss.

Das Haus allein war an allem schuld. Er hatte der Idee von Anfang an nicht getraut. Wozu brauchte Soames aufs Land zu ziehen? Und wenn er schon eine Masse Geld dafür ausgeben musste, sich ein eigenes Haus bauen zu lassen, warum nahm er dann nicht einen Mann ersten Ranges anstatt dieses jungen Bosinney, von dem niemand etwas wusste? Er hatte ihnen gesagt, wie es kommen würde. Und er hatte gehört, dass das Haus Soames einen hübschen Batzen mehr kostete, als er darauf zu verwenden gedacht hatte.

Diese Tatsache brachte James, mehr als irgendetwas anderes, die wirkliche Gefahr der Lage zum Bewusstsein. Es war immer dieselbe Geschichte mit diesen ›Kunstfexen‹; ein vernünftiger Mann würde sich gar nicht erst mit ihnen einlassen. Auch Irene hatte er gewarnt. Und was war nun daraus geworden!

Und plötzlich fiel es James ein, selbst hinzufahren und nachzusehen. Mitten in dem Nebel von Unbehagen, der seinen Geist umhüllte, gewährte ihm der Gedanke, dass er hingehen und das Haus sehen konnte, eine unaussprechliche Befriedigung. Vielleicht verschaffte ihm einfach der Entschluss, etwas zu unternehmen – wahrscheinlicher jedoch, die Möglichkeit, ein Haus zu sehen –, eine Erleichterung.

Er hatte das Gefühl, durch das Betrachten eines Gebäudes aus Mörtel und Ziegel, aus Holz und Stein, das von dem verdächtigen Mann selbst gebaut war, zu dem Kern des Gerüchtes über Irene vorzudringen.

Ohne daher irgendjemandem ein Wort zu sagen, nahm er eine Droschke zum Bahnhof und stieg in den Zug nach Robin Hill. Dort war er, da es wie in der ganzen Gegend keine Wagen gab, gezwungen, zu Fuß zu gehen.

Langsam stieg er die Anhöhe hinan, seine knochigen Knie und die hohen Schultern bogen sich klagend, die Augen hefteten sich auf die Füße, aber trotz alledem sah er gut aus mit seinem Zylinder und dem Schoßrock, dem höchste Sorgfalt fleckenlosen Glanz verliehen hatte. Dafür sorgte Emily; das heißt, sie sorgte natürlich nicht selbst dafür – denn gut situierte Leute sorgen nicht selbst für solche Dinge –, aber sie sorgte dafür, dass der Butler dafür sorgte.

Er musste dreimal nach dem Wege fragen; jedes Mal wiederholte er die ihm gegebenen Anweisungen, ließ sie sich ebenfalls wiederholen und wiederholte sie dann selbst noch einmal, denn er war von Natur aus gesprächig, und man konnte in einer neuen Gegend nicht vorsichtig genug sein.

Er versicherte sie unaufhörlich, dass er nach einem neuen Hause suche; und erst, als ihm durch die Bäume das Dach gezeigt wurde, war er wirklich überzeugt, nicht völlig falsch geführt worden zu sein.

Ein schwerer Himmel schien das gräuliche Weiß einer getünchten Zimmerdecke über die Welt zu breiten. In der Luft war weder Wohlgeruch noch Frische. An solch einem Tage taten selbst britische Arbeiter nicht mehr, als sie mussten, und erfüllten ihre Pflichten ohne jenes müßige Geplauder, das die Pein der Arbeit sonst vertreibt.

In den weiten Räumen des unfertigen Hauses sah man Gestalten in Hemdsärmeln langsam arbeiten, und es ertönten Geräusche – sporadisches Klopfen, Kratzen auf Metall, Sägen von Holz und das Rasseln der Schiebkarren die Bretter entlang. Dann und wann winselte der mit einem Strick an einen eichenen Balken festgebundene Hund des Aufsehers leise mit einem Ton wie ein summender Kessel.

Die eben eingesetzten Fensterscheiben, jede in der Mitte mit einem weißen Fleck beschmiert, stierten wie die Augen eines blinden Hundes auf James herab.

Und freudlos und grell ging es im Chor der Bauleute unter dem grau-weißen Himmel weiter. Aber die Drosseln, die in der frisch umgegrabenen Erde nach Würmern suchten, waren still.

James suchte sich einen Weg zwischen den Kieshaufen – die Auffahrt war eben angelegt –, bis er dem Portal gegenüberstand. Hier machte er Halt und blickte empor. Von dieser Stelle aus war nur wenig zu sehen, und dies Wenige übersah er sofort; aber doch blieb er mehrere Minuten in dieser Stellung stehen, und wer weiß, woran er dachte.

Seine porzellanblauen Augen unter den weißen Brauen, die in kleinen Hörnern vorstanden, bewegten sich nicht. Die lange Oberlippe seines breiten Mundes zwischen den schönen weißen Koteletten zuckte ein- oder zweimal. An diesem besorgten, entrückten Ausdruck war leicht zu erkennen, woher der gedrückte Zug kam, den Soames’ Gesicht zuweilen hatte. Vielleicht sagte James zu sich selbst: ›Ich weiß nicht – das Leben ist ein schwieriges Stück Arbeit!‹

Und so überraschte ihn Bosinney.

James’ Augen wandten sich von irgendeinem Punkt droben am Himmel, nach dem sie ausgeschaut hatten, zu Bosinneys Gesicht, das einen Zug von humoristischer Verachtung hatte.

»Guten Tag, Mr Forsyte! Sind Sie hergekommen, um selbst einmal nachzuschauen?«

Gerade dazu war James allerdings gekommen, und deshalb berührte ihn die Frage peinlich. Doch er reichte Bosinney die Hand.

»Wie geht es Ihnen?«, erwiderte er, ohne ihn anzusehen.

Bosinney machte ihm mit einem ironischen Lächeln Platz.

James witterte etwas Verdächtiges in seiner Höflichkeit. »Ich möchte gern erst außen herum gehen«, sagte er, »und sehen, wie weit Sie gekommen sind!«

Eine geflieste Terrasse aus abgerundeten Steinen mit einem ein- bis zweizölligen Rand führte um die südöstliche und südwestliche Seite des Hauses und ging mit einem abgeschrägten Rand in die Erde über, die eben festgestampft werden sollte; diese Terrasse entlang führte James.

»Was hat dies wohl gekostet?«, erkundigte er sich, als er sah, dass die Terrasse weiter um die Ecke ging.

»Was glauben Sie?«, fragte Bosinney dagegen.

»Wie kann ich das wissen?«, erwiderte James etwas aufgebracht. »Zwei- bis dreihundert, wahrscheinlich!«

»Genau so viel!«

James blickte ihn scharf an, aber der Architekt schien es nicht zu bemerken, er musste ihn wohl missverstanden haben.

Als sie beim Garteneingang anlangten, blieb er stehen, um die Aussicht zu betrachten.

»Die müsste fort«, sagte er und wies auf die Eiche.

»Finden Sie? Sie meinen, mit der Eiche haben Sie nicht genug Aussicht für Ihr Geld?«

Wieder blickte James ihn argwöhnisch an – dieser junge Mann hatte eine sonderbare Art, die Dinge zu bezeichnen.

»Nun«, sagte er verblüfft in erregtem Tone, »ich weiß nicht, was der Baum hier soll!«

»Er soll morgen herunter«, sagte Bosinney.

James erschrak. »Oh«, sagte er, »sagen Sie nicht etwa, dass ich ihn herunter haben wollte! Ich habe nichts damit zu tun!«

»Nein?«

James fuhr verwirrt fort. »Ja, was habe ich denn damit zu tun? Das geht mich gar nichts an. Tun Sie es auf Ihre eigene Verantwortung!«

»Gestatten Sie mir, Ihren Namen zu erwähnen?«

James erschrak mehr und mehr. »Ich weiß nicht, wozu Sie meinen Namen erwähnen wollen«, stammelte er, »Sie sollten den Baum lieber stehen lassen. Es ist doch nicht Ihr Baum!«

Er zog ein seidenes Taschentuch heraus und wischte sich über die Stirn. Sie gingen ins Haus. Wie auf Swithin machte der innere Hof auch auf James Eindruck.

»Dafür müssen Sie ein Heidengeld ausgegeben haben«, sagte er, nachdem er eine Weile die Säulen und die Galerie angestarrt hatte. »Was hat es denn gekostet, diese Säulen aufzustellen?«

»Ich kann es Ihnen aus dem Stegreif nicht sagen«, erwiderte Bosinney nachdenklich, »aber ich weiß, es war ein Heidengeld!«

»Das kann ich mir denken«, sagte James. »Ich würde –« Er fing einen Blick des Architekten auf und brach ab. Und wenn er von jetzt an die Kosten irgendeiner Sache zu wissen wünschte, unterdrückte er seine Neugierde.

Bosinney schien zu wollen, dass er alles sehe, und wenn James es in seinem ›Spürsinn‹ nicht allzu deutlich gemerkt hätte, wäre er gewiss noch ein zweites Mal rund um das Haus gegangen. Auch schien er so erpicht darauf, gefragt zu werden, dass James fühlte, er müsse auf der Hut sein. Die Anstrengung begann ihn jetzt zu ermüden, denn war er auch zäh genug für einen Mann von so hohem Wuchs, zählte er doch fünfundsiebzig Jahre.

Er war mutlos geworden, denn er war der Sache um nichts näher gerückt, hatte durch seine Besichtigung nichts von dem erfahren, was er vage gehofft hatte. Nur seine Abneigung und sein Misstrauen gegen diesen jungen Mann, der ihn mit seiner Höflichkeit ermüdete, hatten sich gesteigert, und er merkte in seinem Wesen jetzt deutlich den Hohn.

Der Bursche war schlauer, als er gedacht, und sah besser aus, als er gehofft hatte. Es lag etwas Sorgloses in seiner Art, das James, für den ein Wagnis das Unerträglichste im Leben war, wenig zu schätzen wusste. Auch ein sonderbares Lächeln hatte er, das kam, wenn man es am wenigsten erwartete; und sehr merkwürdige Augen. Er erinnerte James, wie er nachher sagte, an eine hungrige Katze. Das war das Beste, was ihm einfiel, als er Emily die sonderbare Mischung von Erbitterung, Weichheit und Spott in Bosinneys Wesen zu beschreiben suchte.

Endlich, nachdem er alles gesehen hatte, was zu sehen war, trat er aus derselben Tür ins Freie, durch die er hineingegangen war. Und in dem Gefühl, jetzt nur noch Zeit, Kraft und Geld für nichts zu verschwenden, nahm er all seinen Mut zusammen wie ein echter Forsyte, blickte Bosinney scharf an und sagte:

»Sie sehen meine Schwiegertochter doch jetzt recht oft, was sagt sie denn zu dem Hause? Aber sie hat es wohl noch gar nicht gesehen?«

Er sagte dies, obwohl er alles über Irenes Besuch wusste – natürlich hatte es mit diesem Besuch nichts auf sich, abgesehen von der merkwürdigen Äußerung, dass es ihr einerlei wäre, wenn sie nicht nach Hause käme – und der Art, wie June die Nachricht aufgenommen hatte!

Indem er so fragte, hatte er Bosinney eine Chance geben wollen, wie er zu sich selbst sagte.

Bosinney ließ lange auf die Antwort warten, hielt seinen Blick aber mit ungemütlicher Festigkeit auf James gerichtet.

»Sie hat das Haus gesehen, aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie sie darüber denkt.«

Obwohl verwirrt und verblüfft, war James jetzt anstandshalber verpflichtet, die Sache weiter zu verfolgen.

»Oh!«, fing er an. »Sie hat es gesehen? Soames brachte sie wohl her?«

Bosinney erwiderte lächelnd: »Oh, nein!«

»Wie, kam sie allein hierher?«

»Oh, nein!«

»Wer – brachte sie denn her?«

»Ich weiß wirklich nicht, ob ich Ihnen das sagen darf.«

James, der wusste, dass es Swithin gewesen war, war diese Antwort unbegreiflich.

»Aber!«, stammelte er. »Sie wissen doch, dass –«, doch er stockte, da er plötzlich die Gefahr merkte.

»Meinetwegen«, sagte er, »wenn Sie es mir nicht sagen, nehme ich an, dass Sie es nicht sagen wollen! Niemand sagt mir was!«

Zu seinem Erstaunen fragte ihn Bosinney:

»Übrigens, könnten Sie mir wohl sagen, ob noch jemand von Ihnen herkommen will? Ich wäre gern zur Stelle!«

»Noch jemand?«, sagte James bestürzt. »Wer sollte denn noch kommen? Ich weiß von keinem. Auf Wiedersehen!«

Zu Boden blickend streckte er die Hand aus und berührte flüchtig die Bosinneys; dann fasste er seinen Schirm gerade über dem Seidenbezug und ging die Terrasse entlang davon.

Ehe er um die Ecke bog, warf er einen Blick zurück und sah, dass Bosinney ›die Mauer entlang schleichend wie eine große Katze‹ – so kam es ihm vor – langsam folgte. Er beachtete es nicht, als der junge Mann den Hut lüftete.

Jenseits der Auffahrt und außer Sicht verlangsamte James seine Schritte noch mehr. Sehr matt, gebückter als beim Kommen, hager, hungrig und verzagt, legte er den Weg zur Bahnstation zurück.

Der Bukanier, der ihn so bedrückt nach Hause gehen sah, bedauerte vielleicht sein Benehmen gegen den alten Mann.

Fünftes Kapitel

Soames und Bosinney korrespondieren

James sagte seinem Sohne nichts von diesem Besuch des Hauses, doch als er eines Morgens in einer Angelegenheit zu Timothy ging, die ein Entwässerungssystem betraf, zu dem sein Bruder durch die Sanitätskommission gezwungen worden war, erwähnte er ihn dort.

Das Haus sei nicht schlecht, sagte er. Es ließe sich schon etwas daraus machen. Der Mensch sei tüchtig auf seine Art, aber was es Soames noch kosten würde, bevor es fertig werde, könne niemand wissen!

Euphemia Forsyte, die zufällig im Salon war – sie war gekommen, um Pastor Scoles neuestes Buch Passion und Paregoricum zu leihen, das so beliebt war –, mischte sich hinein.

»Ich sah Irene gestern im Kaufhaus. Sie und Mr Bosinney hatten dort ein nettes Plauderstündchen.«

Sie erwähnte damit einfach eine Szene, die wirklich einen tiefen, nachhaltigen Eindruck auf sie gemacht hatte. Sie wollte für ihre Mutter, die draußen im Wagen wartete, schnell ein Stück Prunella in der Seidenabteilung des Kirchen- und Handelskaufhauses aussuchen – jene Institution mit ihrem bewundernswerten System, nach dem nur verbürgte Personen zugelassen werden, die vor der Ablieferung bar zahlen, eine Einrichtung, wie sie für die Forsytes nicht empfehlenswerter gedacht werden konnte.

Als sie durch die Lebensmittelabteilung kam, zog der Rücken einer sehr schönen Gestalt ihren Blick in unangenehmer Weise auf sich. Sie war so wunderbar in ihren Verhältnissen, so ebenmäßig und so gut gekleidet, dass es Euphemia in ihrem instinktiven Anstandsgefühl sogleich verwirrte. Mehr intuitiv als aus Erfahrung wusste sie, dass solche Figuren selten im Verein mit Tugend zu finden sind, gewiss nicht in ihrer Vorstellung, weil ihr eigener Rücken nur schwer dazu passte.

Ihr Argwohn bestätigte sich glücklicherweise. Ein junger Mann, der aus der Drogerie kam, riss den Hut herunter und sprach die Dame mit dem unbekannten Rücken an.

Jetzt erst sah sie, wen sie vor sich hatte. Die Dame war ohne Zweifel Mrs Soames, der junge Mann Mr Bosinney. Schnell verbarg sie sich beim Einkauf einer Schachtel tunesischer Datteln, denn sie fand es unleidlich, jemandem zu dieser geschäftigen Zeit am Morgen unbeholfen mit Paketen in den Händen zu begegnen, und so wurde sie ganz unwillkürlich die interessierte Beobachterin ihrer kurzen Zusammenkunft.

Mrs Soames’ Wangen, die gewöhnlich etwas bleich waren, hatten eine wundervolle Farbe; und Mr Bosinneys Wesen war seltsam, wenn auch anziehend (sie fand sein Aussehen sehr vornehm, und Georges Namen für ihn, ›der Bukanier‹ – der etwas Romantisches hatte –, ganz reizend). Er schien um etwas zu bitten. Sie sprachen wirklich so ernst – oder vielmehr er sprach ernst, denn Mrs Soames sagte nicht viel –, dass sie rücksichtslos eine Stockung des Verkehrs veranlassten. Ein netter alter General, der in das Zigarrenlager wollte, war genötigt, einen Umweg zu machen, und als er zufällig aufblickte und Mrs Soames’ Gesicht sah, nahm er tatsächlich den Hut ab, der alte Narr! Das sah einem Manne ähnlich!

Aber es waren Mrs Soames’ Augen, die Euphemia beunruhigten. Sie blickte Mr Bosinney kein einziges Mal an, bis er ging, allein dann sah sie ihm nach. Und oh, dieser Blick!

Diesem Blick hatte Euphemia viele besorgte Gedanken gewidmet. Es ist nicht zu viel zu sagen, dass er sie mit seiner dunklen, sehnsüchtigen Weichheit verletzt hatte, es sah wahrhaftig aus, als wollte ihn die Frau damit zurückziehen und etwas zurücknehmen, was sie gesagt hatte.

Ja, eigentlich hatte sie mit dem Prunellastück in der Hand ja gar keine Zeit gehabt, sich in die Sache zu vertiefen; aber sie war sehr ›intriguée‹ – sehr! Sie hatte Mrs Soames dann eben noch zugenickt, um ihr zu zeigen, dass sie sie gesehen hatte; und hernach, als sie mit ihrer intimsten Freundin Francie (Rogers Tochter) darüber sprach, sagte sie im Vertrauen: »Sie sah ja aus wie eben ertappt!« …

James war durchaus abgeneigt, so auf den ersten Anstoß hin an Neuigkeiten zu glauben, die seinen eigenen quälenden Argwohn bestätigten, und unterbrach sie gleich.

»Ach«, sagte er, »sie haben sicherlich Tapeten ausgesucht.«

Euphemia lächelte. »In der Lebensmittelabteilung?«, sagte sie sanft; dann nahm sie Passion und Paregoricum vom Tisch und fügte hinzu, ehe sie ging: »Also du leihst es mir, Tantchen? Auf Wiedersehen!«

James ging fast unmittelbar darauf; es war spät geworden.

Als er das Büro von Forsyte, Bustard and Forsyte betrat, fand er Soames in seinem Drehstuhl sitzen und damit beschäftigt, eine Klageerwiderung auszuarbeiten. Er begrüßte den Vater mit einem kurzen Guten Morgen, zog dann ein Briefkuvert aus der Tasche und sagte:

»Es interessiert dich vielleicht, dies durchzulesen.«

James las Folgendes:

»Sloane Street 309 d.

15. Mai

Lieber Mr Forsyte,

da der Bau Ihres Hauses nun fertig ist, sind meine Dienste als Architekt zu Ende. Wenn ich mit der Innendekoration fortfahren soll, die ich auf Ihren Wunsch übernahm, bitte ich Sie zu berücksichtigen, dass ich freie Hand haben muss.

Sie sind nie hier, ohne etwas vorzuschlagen, was meinen Plänen widerspricht. Ich habe hier drei Briefe von Ihnen, von denen jeder einen Artikel empfiehlt, den anzuwenden ich mir nicht träumen lassen würde. Gestern Nachmittag war auch Ihr Vater hier, der weitere wertvolle Vorschläge machte.

Bitte fassen Sie daher eine Entscheidung, ob ich weiter für Sie arbeiten oder mich zurückziehen soll, was zu tun ich übrigens vorziehen würde.

Aber Sie verstehen, dass, wenn ich die Dekoration übernehme, ich allein darüber bestimme, ohne jede Einmischung irgendeiner Art.

Wenn ich die Sache übernehme, will ich alles gründlich tun, aber ich muss freie Hand haben.

Ihr ergebener

Philip Bosinney.

Was die eigentliche und unmittelbare Veranlassung zu diesem Briefe war, ist natürlich nicht gut zu sagen, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass Bosinney durch eine plötzliche Auflehnung gegen seine Stellung zu Soames dazu bewegt wurde – jene unabänderliche Stellung der Kunst dem Eigentum gegenüber, die der eine Satz auf der Rückseite der unentbehrlichsten modernen Gegenstände, der mit den besten im Tacitus zu vergleichen ist, so wunderbar kennzeichnet:

Thos. T. Sorrow25,

Erfinder.

Bert. M. Padland,

Eigentümer.

»Was wirst du ihm darauf antworten?«, fragte James.

Soames wandte nicht einmal den Kopf. »Ich habe noch keinen Entschluss gefasst«, sagte er und fuhr in seiner Arbeit fort.

Einer seiner Mandanten, der einige Bauten auf einem Grundstück hatte ausführen lassen, das ihm nicht gehörte, war plötzlich und höchst dringend aufgefordert worden, sie wieder zu entfernen. Nachdem Soames sich jedoch sorgfältig in die Tatsachen vertieft hatte, fand er einen Ausweg und bewies, dass sein Mandant etwas bekannt als Recht durch Besitz hatte und er, obwohl das Grundstück ihm ohne Zweifel nicht gehörte, doch berechtigt war, es zu behalten. Jetzt wollte er diesem Rat folgen und das Nötige veranlassen.

Er war seiner guten Ratschläge wegen bekannt; die Leute sagten von ihm: »Gehen Sie zu dem jungen Forsyte – der ist ein schlauer Kerl!«, und er schätzte seinen Ruf sehr hoch.

Seine angeborene Einsilbigkeit war ihm von großem Nutzen; nichts konnte geeigneter sein bei Leuten, besonders reichen Leuten (Soames hatte keine anderen Mandanten), den Eindruck von Sicherheit zu erwecken. Und sicher war er. Tradition, Gewohnheit, Erziehung, ererbte Fähigkeiten, angeborene Vorsicht, alles vereinigte sich, eine solide berufsmäßige Ehrlichkeit hervorzubringen, die schon dadurch aller Versuchung überlegen war, dass sie jedes Risiko instinktiv vermied. Wie konnte er fallen, wenn er im Innersten Umstände verabscheute, die einen Fall möglich machen – man fällt nicht, wenn man schon auf dem Boden ist!

Und jene zahllosen Forsytes, die bei ihren unzähligen Transaktionen mit Eigentum aller Art (von Frauen bis zu Wasserrechten) Verwendung für die Dienste eines zuverlässigen Mannes hatten, fanden es sowohl beruhigend wie vorteilhaft, sich Soames anzuvertrauen. Die leise Anmaßung in seinem Wesen in Verbindung mit dem scheinbaren Heranziehen von Präzedenzfällen sprach ebenfalls zu seinen Gunsten – ein Mann ist nicht anmaßend, es sei denn, dass er etwas weiß!

Er stand wirklich an der Spitze des Geschäfts, denn wenn auch James noch fast täglich hinkam, um selbst nachzusehen, tat er doch beinahe gar nichts, sondern saß mit übergeschlagenen Beinen in seinem Stuhl, brachte bereits entschiedene Dinge in Verwirrung und ging dann wieder fort. Und der andere Partner, Bustard, war ein armer Tropf, der eine Menge Arbeit leistete, aber nie um seine Meinung gefragt wurde.

Soames fuhr also unentwegt in seiner Arbeit fort. Allein es wäre müßig zu sagen, dass ihm wohl zumute war. Er litt unter dem Gefühl einer drohenden Gefahr, das ihn seit geraumer Zeit beunruhigte. Er versuchte, ihm eine physische Ursache zu geben – den Zustand seiner Leber –, aber er wusste, dass es nicht das war.

Er sah auf seine Uhr. In einer Viertelstunde musste er in der Generalversammlung der New Colliery Company sein – eine von Onkel Jolyons Angelegenheiten. Er sollte diesen dort treffen und konnte mit ihm über Bosinney sprechen – doch er war noch nicht entschlossen, was er sagen sollte – jedenfalls wollte er den Brief nicht beantworten, bis er Onkel Jolyon gesehen hatte. Er stand auf und verwahrte mit peinlicher Sorgfalt den Entwurf zu seiner Klageerwiderung. Dann ging er in ein kleines dunkles Gelass, drehte das Licht auf, wusch sich die Hände mit einem Stück brauner Windsorseife und trocknete sie sich an einem Handtuch ab. Hierauf bürstete er sein Haar, wobei er große Aufmerksamkeit auf den Scheitel verwandte, drehte das Licht wieder aus, nahm seinen Hut und ging hinaus, indem er sagte, dass er um halb drei wieder zurück sein werde.

Es war nicht weit bis zu dem Büro der New Colliery Company in Ironmanger Lane, wo deren Generalversammlung immer stattfand, während andere ehrgeizigere Gesellschaften das Cannon Street Hotel dazu wählten. Der alte Jolyon hatte sich von vornherein der Presse feindlich gegenübergestellt. Was gingen seine Angelegenheiten das Publikum an, sagte er.

Soames traf pünktlich mit dem Schlage ein und nahm am Tische Platz, wo alle Direktoren in einer Reihe, jeder hinter seinem eigenen Tintenfass, ihren Aktionären gegenübersaßen.

In der Mitte dieser Reihe lehnte sich der alte Jolyon in seinem schwarzen, eng zugeknöpften Gehrock und dem weißen Schnurrbart hochmütig zurück und kreuzte die Fingerspitzen auf einer Abschrift der Berichte und Rechnungen des Aufsichtsrats.

Zu seiner Rechten saß, fast ein wenig überlebensgroß, der Sekretär der Gesellschaft, ›der kleine Stern‹ Hemmings, mit einer fast zu traurigen Traurigkeit in den hübschen Augen. Sein eisengrauer Bart, trauervoll wie alles Übrige an ihm, erweckte ein Gefühl, als wäre die Krawatte dahinter fast zu schwarz.

Die Veranlassung war tatsächlich eine recht schmerzliche, erst vor sechs Wochen war jenes Telegramm von Scorrier, dem in einer privaten Mission in den Minen weilenden Sachverständigen, mit der Mitteilung eingetroffen, dass Pippin, ihr Oberinspektor, Selbstmord begangen und nach einem befremdlichen zweijährigen Stillschweigen einen Brief an den Aufsichtsrat hinterlassen habe. Dieser Brief lag jetzt auf dem Tisch und sollte den Aktionären vorgelesen werden, die natürlich mit allen Vorkommnissen bekannt gemacht wurden.

Hemmings hatte oft, wenn er mit den seitwärts zurückgeschlagenen Rockschößen am Kamin stand, zu Soames gesagt:

»Was unsere Aktionäre nicht über unsere Angelegenheiten wissen, lohnt sich nicht, gewusst zu werden. Das können Sie mir glauben, Mr Soames.«

Einmal, als Onkel Jolyon dabei gewesen war, hatte es einen kleinen unangenehmen Vorfall gegeben, an den sich Soames erinnerte. Sein Onkel hatte scharf aufgeblickt und gesagt: »Reden Sie keinen Unsinn, Hemmings! Sie meinen, was sie wissen, lohnt sich nicht, gewusst zu werden!« Dem alten Jolyon war aller Humbug verhasst.

Hemmings hatte mit wütendem Blick und einem Lächeln, wie das eines dressierten Pudels, in einem Ausbruch gekünstelter Höflichkeit erwidert: »Wahrhaftig, das ist gut, Sir – das ist sehr gut! Ihr Onkel muss immer seinen Spaß haben!«

Als er Soames das nächste Mal sah, benutzte er die Gelegenheit, ihm zu sagen: »Der Vorsitzende wird immer älter – ich kann ihm nichts mehr klar machen; und er ist so eigensinnig – aber was kann man erwarten, mit einem Kinn wie das seine?«

Soames hatte genickt.

Jedermann wusste, dass Onkel Jolyons Kinn eine Warnung war. Heute sah er trotz seines Generalversammlungsblickes gequält aus. Er (Soames) sollte wirklich über Bosinney mit ihm reden.

Dem alten Jolyon zur Linken saß der kleine Mr Booker, und auch er hatte seinen Generalversammlungsblick, als suche er einen besonders gutmütigen Aktionär. Neben ihm der taube Direktor mit einem Stirnrunzeln; und neben dem tauben Direktor wieder der alte Mr Bleedham, sehr mild und mit einer Miene, als sei er sich seines Wertes wohl bewusst, wenn auch er wusste, dass das Paket in braunem Papier, das er stets mit in den Versammlungssaal brachte, hinter seinem Hut versteckt lag (einem jener altmodischen Sorte flachrandiger Zylinder, die so gut zu sehr breiten Krawatten, glattrasierten Lippen, frischen Wangen und kleinen sauberen, weißen Koteletten passen).

Soames wohnte der Generalversammlung stets bei; man hielt es für richtiger, falls irgendetwas ›aufkommen‹ sollte! Er blickte in seiner verschlossenen, hochmütigen Art auf die Wände des Raumes, wo Pläne der Mine und des Hafens zusammen mit der großen Fotografie eines zu einer Grube führenden Schachtes hingen, die sich als besonders uneinträglich erwiesen hatte. Und diese Fotografie – ein Bild des Lieblings- und Schmerzenskindes der Direktoren – behielt als Zeuge der ewigen Ironie, die allen kaufmännischen Unternehmungen zugrunde liegt, ihren Platz an der Wand.

Jetzt erhob sich der alte Jolyon, um den Bericht und die Rechnungen vorzulegen.

Er verbarg die beständig tief in der Brust eines jeden Direktors wurzelnde Feindseligkeit gegen seine Aktionäre unter einer jupitergleichen Gelassenheit und sah ihnen ruhig ins Gesicht. Soames tat das Gleiche. Er kannte die meisten vom Sehen her. Da war der alte Scrubsole, ein Mann aus dem Teergeschäft, der wie Hemmings zu sagen pflegte, immer kam, ›um sich unangenehm zu machen‹, ein streitsüchtig aussehender, alter Geselle mit rotem Gesicht, Hängebacken und einem ungeheuren flachen Hut, den er auf dem Knie hielt. Dann der Pastor, Mr Boms, der jedes Mal eine Dankadresse für den Vorsitzenden in Vorschlag brachte, in der er unabänderlich die Hoffnung aussprach, dass der Aufsichtsrat nicht vergessen möchte, für die Erbauung der Angestellten zu sorgen, indem er das Wort so betonte, als sei dies nachdrücklicher und angelsächsischer (er hatte den starken imperialistischen Hang seines Standes). Er hatte die angenehme Gewohnheit, einen der Direktoren hernach beim Knopfloch zu fassen und zu fragen, ob er glaube, dass das nächste Jahr ein gutes oder schlechtes sein werde, und dann je nach Antwort innerhalb der nächsten vierzehn Tage drei Aktien zu kaufen oder zu verkaufen.

Ferner war da der Major O’Bally, der immer reden musste, wenn auch nur, um die Wiederwahl des Auditeurs zu befürworten, und mitunter ernste Bestürzung darüber hervorrief, dass er Toaste – oder vielmehr Anträge – aus den Händen von Personen nahm, denen man kleine Papierschnitzel anvertraut hatte, auf denen die besagten Anträge verzeichnet waren.

Das war die ganze Gesellschaft außer den vier oder fünf ernsthaften, stillen Aktionären, mit denen Soames sympathisieren konnte, denn es waren Geschäftsleute, die ihre Angelegenheiten gern selbst im Auge behielten, ohne viel Wesens davon zu machen – gute, gesetzte Männer, die täglich in die City kamen und abends zu ihren guten, gesetzten Frauen zurückkehrten.

Gute, gesetzte Frauen! Es war etwas in diesem Gedanken, das Soames’ namenlose Unruhe aufs Neue erweckte.

Was sollte er seinem Onkel sagen? Welche Antwort auf diesen Brief geben?

… »Wenn einer der Aktionäre eine Frage zu stellen hat, bin ich gern bereit, sie zu beantworten.« Ein leiser Ruck. Der alte Jolyon hatte den Bericht und die Rechnungen fallen lassen und drehte seine Brille, dessen Gestell aus Schildkrötenpanzer gemacht war, zwischen Zeigefinger und Daumen hin und her.

Der Schatten eines Lächelns erschien auf Soames’ Gesicht. Sie sollten sich mit ihren Fragen lieber beeilen! Er kannte die Methode seines Onkels (die ideale), wenn er sagte: »Ich beantrage dann, den Bericht anzunehmen und die Beträge zu bewilligen!« Sie nur ja nicht zu Atem kommen lassen – Aktionäre gingen notorisch verschwenderisch mit der Zeit um!

Ein großer weißbärtiger Mann mit hagerem, verdrießlichem Gesicht erhob sich:

»Ich darf mir wohl eine Frage über diesen Posten von 5000 Pfund erlauben, Herr Vorsitzender. ›Für die Witwe und Familie‹ (er blickte sich mürrisch im Kreise um) ›unseres verstorbenen Oberinspektors‹, der so – hm – so unbedacht (ich sage – unbedacht) zu einer Zeit Selbstmord beging, wo seine Dienste von größtem Wert für diese Gesellschaft waren. Sie haben erklärt, dass der Vertrag, den er mit eigener Hand so unglückselig abgekürzt hat, für einen Zeitraum von fünf Jahren lautete, von denen nur eines abgelaufen ist – ich –«

Der alte Jolyon machte eine ungeduldige Gebärde.

»Ich erlaube mir zu fragen, Herr Vorsitzender – ob dieser Betrag, der von der Versammlung gezahlt oder dessen Zahlung von ihr beantragt wurde, für Dienste des – hm – des Verstorbenen – bestimmt ist, die er der Gesellschaft geleistet haben würde, wenn er keinen Selbstmord begangen hätte?«

»Es geschah in Anerkennung der geleisteten Dienste, die, wie wir alle wissen – Sie ebenso wohl wie jeder von uns – von wesentlichem Werte waren.«

»Dann, Herr Vorsitzender, kann ich nur sagen, dass die Summe, da es sich um frühere Dienste handelt, zu groß ist.«

Der Aktionär setzte sich.

Der alte Jolyon wartete eine Sekunde und sagte dann: »Ich beantrage nun, dass der Bericht und –«

Der Aktionär erhob sich abermals. »Darf ich fragen, ob die Herren des Aufsichtsrats sich vergegenwärtigt haben, dass es nicht ihr Geld ist, das – ich zögere nicht zu sagen, dass, wenn es ihr Geld wäre –«

Ein anderer Aktionär mit einem runden unfreundlichen Gesicht, den Soames als den Schwager des verstorbenen Oberinspektors erkannte, stand auf und sagte warm: »Meiner Meinung nach genügt die Summe nicht!«

Jetzt sprang Pastor Boms auf. »Wenn ich eine Äußerung wagen darf«, begann er, »möchte ich sagen, die Tatsache, dass der – hm – der Verstorbene Selbstmord begangen hat, müsste bei unserem verehrten Vorsitzenden schwer – sehr schwer ins Gewicht fallen. Ich zweifle nicht, dass dies der Fall gewesen ist, denn – ich spreche für mich und ich denke im Namen jedes Einzelnen der Anwesenden (hört, hört) – er erfreut sich in hohem Maße unseres Vertrauens. Wir alle, so hoffe ich, haben den Wunsch, mildtätig zu sein. Aber ich bin sicher (er blickte streng zu dem Schwager des Verstorbenen hin), er wird irgendwie durch eine schriftliche Erklärung oder vielleicht besser durch eine Verminderung des Betrags unserer ernsten Missbilligung darüber Rechnung tragen, dass ein so vielversprechendes und wertvolles Leben ruchlos einer Sphäre entrückt wurde, in der sowohl seine eigenen Interessen als auch – wenn ich so sagen darf – unsere Interessen so gebieterisch sein Fortbestehen verlangten. Wir sollten – nein, wir dürfen – eine so ernste Pflichtvergessenheit, den Menschen wie Gott gegenüber, nicht unterstützen.«

Der geistliche Herr nahm seinen Platz wieder ein, und der Schwager des Verstorbenen erhob sich noch einmal: »Ich halte daran fest, was ich gesagt habe; die Summe genügt nicht!«

Der erste Aktionär fiel ein: »Ich bestreite die Rechtmäßigkeit der Zahlung. Meiner Ansicht nach ist diese Zahlung nicht rechtmäßig. Der Anwalt der Gesellschaft ist anwesend, ich darf ihm wohl die Frage vorlegen.«

Aller Augen richteten sich auf Soames. Es war etwas aufgekommen!

Kalt und mit festgeschlossenen Lippen erhob er sich; seine Nerven zitterten in ihm, seine Aufmerksamkeit riss sich endlich von jener Wolke los, die seinen Geist bedrückte.

»Der Punkt«, sagte er mit leiser dünner Stimme, »ist keineswegs klar. Da keine Aussicht auf künftige Entschädigung besteht, ist es zweifelhaft, ob die Zahlung streng rechtmäßig ist. Auf Wunsch kann die Ansicht des Gerichts darüber eingeholt werden.«

Der Schwager des Verstorbenen runzelte die Stirn und sagte in nachdrücklichem Tone: »Wir zweifeln nicht daran, dass die Ansicht des Gerichts eingeholt werden kann. Darf ich um den Namen des Herrn bitten, der uns diese bemerkenswerte Mitteilung gemacht hat? Mr Soames Forsyte? So, so!« Er blickte scharf von Soames zum alten Jolyon hin.

Röte überflog Soames’ blasse Wangen, aber er blieb unbeirrt in seiner Überlegenheit. Der alte Jolyon heftete seine Augen auf den Sprecher.

»Wenn«, sagte er, »der Schwager des Verstorbenen nichts mehr zu bemerken hat, beantrage ich, den Bericht und die Beträge –«

In diesem Augenblick jedoch stand einer der fünf stillen, gesetzten Aktionäre auf, die Soames’ Sympathie erweckt hatten. Er sagte:

»Ich lehne den ganzen Antrag ab. Man erwartet von uns Mitleid mit der Frau und den Kindern dieses Mannes, die, wie Sie sagen, von ihm abhängig waren. Mag sein, dass sie es waren; mich geht es nichts an, ob es so war oder nicht. Ich protestiere aus Prinzip gegen die ganze Sache. Es ist höchste Zeit, diesem sentimentalen Humanitarismus Einhalt zu gebieten. Das Land geht dabei zugrunde. Ich protestiere dagegen, dass mein Geld an diese Leute gezahlt wird, von denen ich nichts weiß, die nichts getan haben, es zu erwerben. Ich protestiere gegen das Ganze; das ist nicht Geschäft. Ich schlage deshalb vor, Bericht und Rechnungen zurückzugeben und die ganze Zuwendung zu streichen.«

Der alte Jolyon war stehen geblieben, während der kräftige, ruhige Mann sprach. Die Rede erweckte ein Echo in allen Herzen, denn sie unterstützte die von allen kräftigen Männern so befürwortete Bewegung gegen die Freigebigkeit, die damals bereits unter den vernünftigeren Mitgliedern der Gesellschaft begonnen hatte.

Die Worte ›das ist kein Geschäft‹ hatten selbst auf den Aufsichtsrat Eindruck gemacht; jeder empfand insgeheim, dass es wirklich so war. Aber sie kannten auch das herrische Temperament und die Hartnäckigkeit des Vorsitzenden. Er musste innerlich ebenfalls fühlen, dass es kein Geschäft war, aber er hatte für seinen eigenen Vorschlag einzutreten. Würde er ihn fallen lassen? Es war eigentlich nicht anzunehmen.

Alle warteten mit Spannung. Der alte Jolyon hob die Hand auf; die dunkelumrandete Brille zwischen Zeigefinger und Daumen zitterte leicht mit einem leisen Anflug von Drohung.

Er wandte sich zu dem kräftigen, ruhigen Aktionär.

»Sie kennen ja die Leistungen des Verstorbenen anlässlich der Minenexplosion, wünschen Sie wirklich trotzdem, dass ich den Abänderungsantrag stelle, Sir?«

»Jawohl.«

Der alte Jolyon tat es.

»Stimmt irgendjemand dafür?«, fragte er und sah sich ruhig um.

Und nun empfand Soames, der seinen Onkel ansah, die Macht des Willens in dem alten Mann. Niemand rührte sich. Der alte Jolyon blickte dem kräftigen ruhigen Aktionär fest in die Augen und sagte:

»Ich beantrage nun, ›den Bericht anzunehmen und die Beträge für das Jahr 1886 zu bewilligen‹. Sie stimmen dafür? Alle, die dafür sind, unterzeichnen in gewohnter Weise. Dagegen – nicht. Angenommen. Die nächste Sache, meine Herren.«

Soames lächelte. Allerdings, Onkel Jolyon hatte eine Art und Weise!

Aber jetzt wandte sich seine Aufmerksamkeit wieder Bosinney zu. Sonderbar, dass der Gedanke an diesen Menschen ihn selbst in den Geschäftsstunden heimsuchte.

Irenes Besuch des Hauses – aber das hatte ja nichts auf sich, nur hätte sie es ihm erzählen können; doch sie erzählte ihm freilich nie etwas. Von Tag zu Tag wurde sie stiller und empfindlicher. Er wünschte zu Gott, dass das Haus fertig wäre und sie darin, fort von London. Die Stadt war nichts für sie, ihre Nerven waren nicht stark genug. Und der Unsinn mit den getrennten Zimmern war wieder aufgekommen!

Die Versammlung fing an sich aufzulösen. Unter der Fotografie des verlorenen Schachtes wurde Hemmings von Pastor Boms beim Knopfloch festgehalten. Der kleine Mr Booker verzog seine borstigen Brauen zu einem grimmigen Lächeln und rief dem alten Scrubsole ein paar Abschiedsworte zu. Die beiden hassten sich wie Gift. Ein Teervertrag stand zwischen ihnen, den sich der kleine Mr Booker über des alten Scrubsole Kopf hinweg von der Gesellschaft für seinen Neffen gesichert hatte. Soames hatte das von Hemmings erfahren, der den Klatsch liebte, besonders über seine Direktoren, den alten Jolyon, vor dem er sich fürchtete, allerdings ausgenommen.

Soames wartete eine Gelegenheit ab. Als der letzte Aktionär durch die Tür verschwand, näherte er sich seinem Onkel, der eben seinen Hut aufsetzte.

»Kann ich eine Minute mit dir reden, Onkel Jolyon?«

Es ist ungewiss, was Soames von dieser Unterredung erwartete. Abgesehen von jener etwas geheimnisvollen Scheu, die der alte Jolyon seiner philosophischen Ader oder – wie Hemmings zweifellos gesagt haben würde – seines Kinnes wegen allen Forsytes im Allgemeinen einflößte, bestand und hatte zwischen dem jüngeren und dem älteren Manne immer eine subtile Feindseligkeit bestanden. Sie lauerte in der trockenen Art, sich zu grüßen, in ihren unverblümten Anspielungen aufeinander, und war vielleicht durch des alten Jolyon Wahrnehmung der stummen Hartnäckigkeit (er nannte es schon eher ›Eigensinn‹) des jungen Mannes oder den geheimen Zweifel entstanden, ob er auf seine Weise mit ihm würde fertig werden können.

Diese beiden Forsytes, in mancher Hinsicht wahre Antipoden, besaßen jeder auf seine Art – in größerem Maße als die übrige Familie – jene notwendige, eingehende, kluge ›Geschäftseinsicht‹, die der Gradmesser ihrer großen Klasse ist. Jeder von ihnen hatte das Zeug, mit ein wenig Glück und Gelegenheit eine große Karriere zu machen; jeder hätte einen guten Finanzier, einen großen Unternehmer oder Staatsmann abgegeben, wenn auch der alte Jolyon in gewissen Stimmungen – unter dem Einfluss einer Zigarre oder der Natur – seine eigene hohe Stellung vielleicht nicht gerade verachtet, sicher aber in Zweifel gezogen hätte, während Soames, der keine Zigarren rauchte, dies niemals in den Sinn gekommen wäre.

Außerdem lastete dem alten Jolyon immer der geheime Schmerz auf der Seele, dass der Sohn von James – von James, den er immer als eine Null betrachtet hatte, auf den Pfaden des Erfolges wandelte, während sein eigener Sohn –!

Und nun hatte er – denn er stand nicht weniger im Bereich des Familienklatsches als jeder andere Forsyte – von dem unseligen, unbestimmten, aber darum nicht weniger beunruhigenden Gerücht über Bosinney gehört und fühlte sich in seinem Stolz aufs Empfindlichste verletzt.

Sehr charakteristisch richtete sich seine Entrüstung nicht gegen Irene, sondern gegen Soames. Der Gedanke, dass seines Neffen Frau Junes Verlobten an sich locken sollte, war unerträglich demütigend für ihn. (Warum passte der Bursche auch nicht besser auf sie auf! Doch welche Ungerechtigkeit! Als ob Soames in der Lage gewesen wäre, noch besser aufzupassen!) Und da er die Gefahr sah, wies er es nicht, wie James, in lauter Seelenangst von sich, sondern erkannte mit der Unbefangenheit eines weiteren Blickes, dass es nichts Unwahrscheinliches war, denn Irene hatte etwas sehr Anziehendes.

Er hatte eine Vorahnung von dem Inhalt der Mitteilungen, die Soames ihm machen wollte, als sie zusammen den Versammlungssaal verließen und in den Lärm und die Hast von Cheapside hinauskamen. Sie gingen eine ganze Weile nebeneinander her, ohne zu sprechen, Soames mit seinen schleichenden kleinen Schritten, und der alte Jolyon aufrecht dahinschreitend, wobei er seinen Schirm nachlässig als Spazierstock benutzte.

Sie kamen bald in eine verhältnismäßig stille Gegend, denn der Weg des alten Jolyon zu einer zweiten Sitzung führte ihn in die Richtung der Moorgate Street.

Nun begann Soames, ohne aufzublicken: »Ich erhielt diesen Brief von Bosinney. Lies bitte, was er sagt; ich wollte es dich gern wissen lassen. Ich habe auf dies Haus eine Menge mehr verwendet, als ich beabsichtigte, und ich möchte Klarheit in der ganzen Sache.«

Die Augen des alten Jolyon überflogen unwillig den Brief: »Was er sagt, ist klar genug«, sagte er.

»Er spricht von ›freier Hand‹«, erwiderte Soames.

Der alte Jolyon blickte ihn an. Die lang unterdrückte Entrüstung und die Feindseligkeit gegen diesen jungen Burschen, dessen Angelegenheiten anfingen auf seine eigenen einzuwirken, kam nun zum Ausbruch.

»Wenn du ihm nicht traust, warum beschäftigst du ihn dann?«

Soames warf ihm verstohlen seitwärts einen Blick zu: »Es ist viel zu spät, davon zu reden«, sagte er, »es handelt sich hier darum, dass, wenn ich ihm freie Hand lasse, er mich an nichts heranlässt. Ich dachte, wenn du mit ihm reden wolltest, hätte es mehr Gewicht!«

»Nein«, sagte der alte Jolyon kurz, »ich will damit nichts zu tun haben!«

Die Worte beider, des Onkels und des Neffen, erweckten den Eindruck, dass Unausgesprochenes von größerer Bedeutung dahinter lag. Und der Blick, den sie wechselten, war wie eine Offenbarung dieses Bewusstseins.

»Gut«, sagte Soames, »ich wollte es dir nur um Junes willen sagen, das ist alles; ich wollte dich nur wissen lassen, dass ich keinerlei Unfug dulden werde!«

»Was geht mich das an?«, unterbrach ihn der alte Jolyon.

»Ach! Ich weiß nicht«, sagte Soames, der, von seinem scharfen Blick betroffen, unfähig war, noch mehr zu sagen. »Sage nicht, dass ich es dir nicht erzählt habe«, fügte er mürrisch und wieder gefasst hinzu.

»Mir erzählt!«, wiederholte der alte Jolyon. »Ich verstehe nicht, was du willst. Du kommst und belästigst mich mit diesen Dingen. Ich will von deinen Angelegenheiten nichts wissen; du musst allein damit fertig werden!«

»Gut!«, sagte Soames fest. »Das werde ich!«

»Einen guten Morgen noch«, sagte der alte Jolyon, und sie trennten sich.

Soames kehrte wieder um und ging in ein bekanntes Restaurant, wo er sich geräucherten Lachs und ein Glas Chablis geben ließ. Er aß selten mitten am Tage eine große Mahlzeit und nahm sein Essen gewöhnlich stehend zu sich, denn er fand diese Stellung zuträglich für seine Leber, die ganz gesund war, der er aber gern alle Schuld an seinen Verstimmungen zuschrieb.

Als er fertig war, ging er langsam in sein Büro zurück; er hielt den Kopf gesenkt und achtete nicht des Gewimmels der Tausende auf dem Bürgersteig, die seiner ebenfalls nicht achteten.

Die Abendpost brachte folgende Antwort an Bosinney:

Forsyte, Bustard and Forsyte.

Notare.

2001, Branch Lane, Poultry, E. C.

17. Mai 1887

Lieber Mr Bosinney,

ich erhielt Ihren Brief, dessen Inhalt mich nicht wenig überraschte. Ich stand unter dem Eindruck, dass Sie ›freie Hand‹ haben und immer gehabt haben, denn ich erinnere mich nicht, dass irgendwelche Anregungen, die ich zu meinem Leidwesen gemacht habe, Ihren Beifall gefunden hätten. Indem ich Ihnen nun auf Ihr Verlangen ›freie Hand‹ lasse, bitte ich Sie klar zu verstehen, dass die gesamten Kosten des Hauses, das mir vollständig eingerichtet übergeben werden muss, inklusive Ihres Honorars (wie wir übereinkamen) zwölftausend Pfund – 12 000 Pfund – nicht überschreiten dürfen. Dies gibt Ihnen einen genügenden Spielraum und ist viel mehr, als ich, wie Sie wissen, ursprünglich anzulegen dachte.

Ihr ergebener

Soames Forsyte.

Am folgenden Tage erhielt er ein Billett von Bosinney:

Philip Baynes Bosinney

Architekt.

309 d, Sloane Street S. W.

18. Mai

Lieber Mr Forsyte,

wenn Sie glauben, dass ich mich in einer so delikaten Sache, wie eine Inneneinrichtung es ist, an eine genaue Summe binden kann, sind Sie, fürchte ich, im Irrtum. Ich sehe wohl, dass Sie der ganzen Angelegenheit und meiner selbst müde sind, und darum ist es für mich wohl besser zu verzichten.

Hochachtungsvoll

Ihr

Philip Baynes Bosinney.

Soames sann lange und angestrengt über diese Antwort nach und verfasste spät abends im Speisesaal, als Irene zu Bett gegangen war, das Folgende:

62, Montpellier Square, S. W.

19. Mai 1887

Lieber Mr Bosinney,

ich denke, in unser beider Interesse wäre es wenig wünschenswert, die Sache auf dieser Stufe stehen zu lassen. Ich wollte nicht sagen, dass es, wenn Sie die in meinem Brief genannte Summe um zehn oder zwanzig, ja selbst fünfzig Pfund überstiegen, zu irgendwelchen Schwierigkeiten zwischen uns kommen würde. In Anbetracht dessen möchte ich Sie bitten, Ihre Antwort nochmals zu überdenken. Sie haben ›freie Hand‹ unter den Bedingungen dieser Korrespondenz, und ich hoffe, Sie werden einen Weg finden, die Einrichtung zu vollenden, wobei es, wie ich wohl weiß, schwer ist, absolut genau zu sein.

Ihr ergebener

Soames Forsyte.

Bosinneys Antwort, die im Laufe des nächsten Tages eintraf, lautete:

20. Mai

Lieber Mr Forsyte,

einverstanden.

Ph. Bosinney.

Sechstes Kapitel

Der alte Jolyon im Zoo

Der alte Jolyon erledigte seine zweite Sitzung – eine gewöhnliche Versammlung – ohne viel Federlesens. Er war so diktatorisch, dass die Mitdirektoren gegen seine zunehmende Herrschsucht nachher protestierten. Sie seien nicht gesonnen, diese länger zu dulden, wie sie sagten.

Er benutzte die Untergrundbahn bis zur Portland Road Station, wo er eine Droschke nahm und in den Zoo fuhr.

Er hatte dort eine jener in letzter Zeit häufiger werdenden Zusammenkünfte, zu denen seine wachsende Sorge um June und ›die Wandlung in ihr‹, wie er es ausdrückte, ihn trieben.

Sie zog sich zurück und magerte ab; wenn er zu ihr sprach, erhielt er keine Antwort oder wurde angefahren, oder sie sah aus, als wolle sie in Tränen ausbrechen. Sie hatte sich so verändert wie nur möglich, und alles durch diesen Bosinney. Und mit ihm über irgendetwas zu sprechen, daran dachte sie nicht!

Oft saß er mit der ungelesenen Zeitung vor sich und einer ausgegangenen Zigarre zwischen den Lippen lange sinnend da. Sie war ihm immer eine solche Gefährtin gewesen, von ihrem dritten Jahre ab! Und er liebte sie so sehr!

Mächte, stärker als Familie, Stand und Brauch, kamen gegen seine Garde an, und drohende Ereignisse, über die er keine Gewalt besaß, warfen ihre Schatten über ihn. Wie einer, der gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen, war er gereizt, und er wusste nicht, wogegen sich dieses Gefühl richtete.

Entrüstet über die Langsamkeit seiner Droschke, erreichte er den Eingang des Zoologischen Gartens; aber in seiner sonnigen Natur, mit der er das Gute jedes Augenblicks genoss, vergaß er seinen Unmut, als er dem Stelldichein entgegenging.

Von der Steinterrasse über dem Bärenzwinger eilten sein Sohn und seine beiden Enkel herab, als sie den alten Mann kommen sahen, und geleiteten ihn zu dem Löwenhaus. Sie führten ihn von beiden Seiten, jeder hielt ihn an einer Hand, und Jolly, eigenartig wie sein Vater, trug seines Großvaters Schirm in solcher Weise, als ob er den Leuten mit der Krücke nach den Füßen greifen wollte.

Es war wie ein Schauspiel, seinen Vater mit den Kindern zu sehen, aber ein Schauspiel, das man mit Lachen unter Tränen sieht. Man kann zu jeder Zeit des Tages einen alten Mann mit zwei kleinen Kindern sehen; aber beim Anblick des alten Jolyon mit Jolly und Holly hatte der junge Jolyon das Gefühl, als bekäme er Dinge zu sehen, die ganz tief im Herzen verborgen ruhen. Die völlige Hingabe der aufrechten Gestalt des alten Mannes an die kleinen Wesen an jeder Hand war von zu rührender Zärtlichkeit, und da seine Natur zu Reflexhandlungen neigte, fing der junge Jolyon leise an zu fluchen. Für einen Forsyte, der nichts gilt, wenn er seine Gefühle nicht zu unterdrücken versteht, bewegte ihn der Anblick auf eine ungeziemende Weise.

Sie langten beim Löwenhaus an.

Im Botanischen Garten hatte ein Morgenfest stattgefunden, und eine große Anzahl von Forsytes – das heißt von gut gekleideten Leuten, die einen eigenen Wagen hielten – waren von dort in den Zoo gekommen, um so, wenn möglich, mehr für ihr Geld zu bekommen, bevor sie Richtung Rutland Gate oder Bryanston Square fuhren.

»Lasst uns in den Zoo gehen«, hatten sie wohl zueinander gesagt, »das macht großen Spaß!« Es war Shilling-Tag, und da würden nicht all die schrecklich gewöhnlichen Leute dort sein.

Vor der langen Linie der Käfige standen sie reihenweise und beobachteten die braungelben, raubgierigen Tiere hinter den Gittern, die ihr einziges Vergnügen der vierundzwanzig Stunden erwarteten. Je hungriger ein Tier, desto größer die Faszination. Aber ob es so war, weil die Zuschauer es um seinen Appetit beneideten, oder, menschlicher, weil sie ihn so schnell befriedigt sahen, dahinter konnte der junge Jolyon nicht kommen. Es drangen Bemerkungen an sein Ohr: »Ein scheußliches Vieh, dieser Tiger!«, »Oh, wie entzückend ist er! Sieh nur sein kleines Mäulchen!«, »Ja, er ist ganz nett! Geh nicht zu nah, Mutter!«

Und häufig beklopfte einer oder der andere leise seine Taschen hinten und schaute sich um, als erwarte er, dass der junge Jolyon oder sonst eine harmlos blickende Person sie ihres Inhalts berauben könnte.

Ein wohlgenährter Mann in einer weißen Weste sagte langsam zwischen den Zähnen: »Es ist nur Gier, sie können nicht hungrig sein. Sie haben ja gar keine Bewegung.« Bei diesen Worten schnappte ein Tiger nach einem Stück blutiger Leber, und der dicke Mann lachte. Seine Frau, in einem Pariser Modekleid mit goldenem Zwicker, sagte vorwurfsvoll: »Wie kannst du lachen, Harry? Ein so schauderhafter Anblick!«

Der junge Jolyon runzelte die Stirn.

Die Verhältnisse seines Lebens hatten, wenn er sie auch nicht mehr so sehr vom persönlichen Standpunkt aus betrachtete, immer wieder eine gewisse Verachtung in ihm erweckt; und die Klasse, der er angehört hatte – die Equipagen-Klasse – reizte ihn ganz besonders zum Spott.

Einen Löwen oder Tiger eingesperrt zu halten war sicher eine furchtbare Barbarei. Aber kein kultivierter Mensch würde das zugeben.

Der Gedanke, dass es barbarisch war, wilde Tiere eingesperrt zu halten, war seinem Vater zum Beispiel wahrscheinlich nie gekommen; er gehörte zu der alten Schule, die es sowohl für menschlich wie erzieherisch hielt, Paviane und Panther einzusperren, und ohne Zweifel der Ansicht war, diese Geschöpfe im Laufe der Zeit dazu bewegen zu können, nicht unvernünftig vor Jammer und Herzensleid über ihr Käfiggitter zu sterben und die Gesellschaft dadurch zu der Ausgabe für die Anschaffung von neuen zu veranlassen! In seinen Augen, wie in den Augen aller Forsytes, überwog das Vergnügen, die schönen Geschöpfe in Gefangenschaft zu sehen, bei weitem die Unannehmlichkeiten, Tiere gefangen zu halten, die Gott so unbedachtsam in einen Zustand der Freiheit gesetzt hat! Es geschah zum Besten der Tiere, sie sofort den zahllosen Gefahren der Bewegung im Freien zu entziehen und sie instand zu setzen, ihre Fähigkeiten in der gesicherten Abgeschlossenheit gesonderter Gelasse zu üben. Es war wirklich die Frage, wozu anders wilde Tiere gemacht waren, wenn nicht dazu, in Käfige eingesperrt zu werden!

Da der junge Jolyon aber von Natur aus zu Unparteilichkeit neigte, überlegte er, dass es unrecht sein müsse, als Barbarei zu brandmarken, was nur Mangel an Phantasie war; denn keiner, der diesen Anschauungen huldigte, hatte sich je in einer ähnlichen Lage befunden wie die Tiere, die sie einsperrten, und es war darum nicht von ihm zu erwarten, dass er sich in deren Gefühle hineinzuversetzen vermochte.

Erst als sie im Begriff waren, den Garten zu verlassen – Jolly und Holly in einem Zustand seligen Entzückens –, fand der alte Jolyon Gelegenheit, mit seinem Sohne von der Sache zu sprechen, die ihm vor allem am Herzen lag. »Ich werde nicht klug daraus«, sagte er. »Wenn sie es weiter so treibt wie bisher, weiß ich nicht, was daraus werden soll. Ich wollte, dass sie zum Arzt geht, aber sie will es nicht. Mir gleicht sie nicht im Geringsten. Sie ist ganz und gar wie deine Mutter. Stur wie ein Maulesel! Wenn sie etwas nicht tun will, tut sie’s nicht, da ist nichts zu machen!«

Der junge Jolyon lächelte, sein Blick war auf seines Vaters Kinn gefallen. ›Da seid ihr zwei der gleichen Sorte!‹, dachte er, aber er sagte nichts.

»Und dann«, fuhr der alte Jolyon fort, »da ist dieser Bosinney. Ich hätte Lust, dem Burschen eine Tracht Prügel zu verpassen, aber das geht nicht, obwohl – doch ich sehe nicht ein, warum du es nicht könntest«, fügte er hinzu.

»Was hat er getan? Besser, es käme zu einem Ende, wenn sie nicht miteinander fertig werden!«

Der alte Jolyon blickte seinen Sohn an. Jetzt, wo es wirklich dazu gekommen war, von den Beziehungen zwischen den Geschlechtern zu reden, fing er an, misstrauisch zu werden. Jo hatte sicher sehr freie Ansichten darüber.

»Gut, ich weiß nicht, was du denkst«, sagte er, »wahrscheinlich sympathisierst du mit ihm – es würde mich nicht überraschen; aber ich finde, er benimmt sich unerhört schlecht, und wenn er mir über den Weg laufen sollte, werde ich es ihm auch sagen.« Er ließ den Gegenstand fallen.

Es war unmöglich, mit seinem Sohn über die wahre Natur und Bedeutung von Bosinneys Vergehen zu reden. Hatte sein Sohn vor fünfzehn Jahren nicht dasselbe (und womöglich Schlimmeres) getan? Es war kein Ende der Folgen jener Torheit abzusehen!

Der junge Jolyon schwieg ebenfalls; er hatte die Gedanken seines Vaters schnell durchschaut, denn nachdem er den Hochsitz natürlich einfacher Betrachtung der Dinge verlassen hatte, war er sowohl einfühlsam wie scharfsichtig geworden.

Die Haltung, die er vor fünfzehn Jahren sexuellen Dingen gegenüber eingenommen hatte, war zu verschieden von der seines Vaters. Die Kluft war nicht zu überbrücken.

Er sagte kühl: »Er hat sich wohl in eine andere Frau verliebt?«

Der alte Jolyon warf ihm einen unsicheren Blick zu. »Ich weiß es nicht«, erwiderte er, »so sagt man!«

»Dann ist es wahrscheinlich auch wahr«, bemerkte der junge Jolyon wider Erwarten, »und man hat dir wohl auch gesagt, wer sie ist?«

»Ja«, sagte der alte Jolyon, »Soames’ Frau!«

Der junge Jolyon pfiff nicht. Seine eigenen Lebensumstände hatten ihm die Möglichkeit genommen, bei einem solchen Anlass zu pfeifen; er blickte seinen Vater nur an, und der Schatten eines Lächelns huschte über sein Gesicht.

Wenn der alte Jolyon es sah, achtete er dessen nicht.

»Sie und June waren Busenfreundinnen!«, murmelte er.

»Arme kleine June!«, sagte der junge Jolyon weich. Er dachte seiner Tochter immer noch als dreijähriges Kind.

Plötzlich blieb der alte Jolyon stehen und sagte: »Ich glaube kein Wort davon, es ist alles Altweibergeschwätz. Rufe mir eine Droschke, Jo, ich bin todmüde!«

Sie stellten sich an eine Ecke, um eine leere Droschke abzuwarten, während Wagen auf Wagen mit Forsytes jeder Gattung vom Zoo vorüberfuhr. Die Geschirre, die Livreen, das glänzende Fell der Pferde glitzerten und leuchteten im Maiensonnenschein, und das Rollen der Räder jeder Equipage, ob Landauer26, Sociable27, Kalesche, Victoria28 oder Einspänner, schien stolz zu verkünden:

Ich und meine Pferde und meine Leute, wisst ihr,

ja, das ganze Gefährt hatten einen stolzen Preis,

aber wir sind jeden Penny wert. Schaut euch an

den Herrn und die Dame, die Hunde!

Behagen und Sicherheit – ach! Das ist es!29

Und für einen Forsyte ist das bekanntlich die rechte Begleitung zum Spazierenfahren.

Unter diesen Wagen kam eine Kalesche, von zwei hellbraunen Pferden gezogen, in schnellerer Fahrt als die anderen vorbei. Sie schwankte auf den hohen Federn, und die vier Personen im Innern schienen zu schaukeln wie in einer Wiege.

Dieses Gefährt zog die Aufmerksamkeit des jungen Jolyon auf sich, und plötzlich erkannte er auf dem Rücksitz seinen Onkel James, der trotz des immer weiter voranschreitenden Ergrauens seiner Koteletten nicht zu verkennen war. Ihm gegenüber saßen mit Sonnenschirmen, die den Rücken vor der Sonne schützten, Rachel Forsyte und ihre ältere, aber verheiratete Schwester, Winifred Dartie, in tadellosen Toiletten und die Köpfe überheblich bewegend wie zwei Vögel, die sie im Zoo gesehen hatten. Neben James lehnte sich Dartie in einem nagelneuen, eng zugeknöpften Gehrock mit sorgfältig aus den Ärmeln gezogenen breiten Manschetten zurück.

Ein ganz besonderer, wenn auch gedämpfter Glanz, eine Spur mehr vom besten Firnis oder Lack gaben diesem Gefährt seinen Charakter und schienen es vor allen anderen auszuzeichnen, als wäre es durch einen gewissen Schwung – wie er das wahre ›Kunstwerk‹ von einem gewöhnlichen ›Bilde‹ unterscheidet – der typische Triumphwagen, der eigentliche Thron des Forsytetums.

Der alte Jolyon bemerkte ihr Vorüberfahren nicht; er tröstete Holly, die müde war, aber die im Wagen waren auf die kleine Gruppe aufmerksam geworden; die Damen reckten plötzlich ihre Köpfe, mit krampfhaften Bewegungen wurden die Schirme vorgehalten, nur James’ Gesicht mit langsam sich öffnendem Munde ragte unbefangen hervor, wie der Kopf eines großen Vogels. Dann wurden die schildartigen Schirmkreise kleiner und kleiner und verschwanden ganz.

Der junge Jolyon hatte gesehen, dass er erkannt wurde, sogar von Winifred, die nicht mehr als fünfzehn gewesen sein konnte, da er sein Recht eingebüßt hatte, als ein Forsyte betrachtet zu werden.

Sie hatten sich nicht sehr verändert! Er erinnerte sich genau ihres Auftretens zu jener Zeit: Pferde, Leute, Wagen, alle waren ohne Zweifel heute andere, aber sie hatten den gleichen Stempel wie vor fünfzehn Jahren, die gleiche zierliche Aufmachung, der gleiche klug berechnete Dünkel – Behagen und Sicherheit! Genau der Schwung, genau die Haltung der Sonnenschirme, der Geist des Ganzen genau wie damals.

Und von den überheblichen Schilden der Schirme geschützt, kamen Wagen auf Wagen im Sonnenschein vorüber.

»Eben fuhr Onkel James mit seinen Damen vorbei«, sagte der junge Jolyon.

Sein Vater blickte finster drein.

»Hat dein Onkel uns gesehen? Ja? Hm! Was hat er denn in dieser Gegend zu suchen?«

Eine leere Droschke näherte sich in diesem Augenblick, und der alte Jolyon hielt sie an.

»Wir sehen uns bald wieder, mein Junge!«, sagte er. »Kümmere dich nicht darum, was ich über den jungen Bosinney gesagt habe – ich glaube kein Wort davon!«

Er küsste die Kinder, die ihn zurückzuhalten suchten, stieg ein und fuhr davon.

Der junge Jolyon, der Holly auf den Arm genommen hatte, blieb regungslos an der Ecke stehen und sah der Droschke nach.

Siebentes Kapitel

Ein Nachmittag bei Timothy

Wenn der alte Jolyon beim Einsteigen in die Droschke gesagt hätte: ›Ich will kein Wort davon glauben!‹, hätte es seine Empfindungen eher ausgedrückt.

Das Gefühl, von James und seinen Damen in der Gesellschaft seines Sohnes gesehen worden zu sein, hatte in ihm nicht nur einen Unmut erweckt, der ihn immer überkam, wenn ihn etwas ärgerte, sondern auch jene geheime, zwischen Brüdern so natürliche Feindseligkeit, deren Wurzeln – oft kleine Kinderstubeneifersüchteleien – im Verlauf des Lebens zuweilen zäher werden, tiefer eindringen und ganz im Verborgenen eine Pflanze wachsen lassen, die mitunter die bittersten Früchte tragen kann.

Bisher hatte es unter den sechs Brüdern keine andere unfreundliche Empfindung gegeben als jene durch den geheimen und natürlichen Argwohn veranlasste, dass die anderen reicher sein könnten als einer selbst. Es war ein Gefühl, das sich durch die Nähe des Todes – dem Ende aller Nachteile – und infolge der großen ›Verschwiegenheit‹ ihres Geschäftsführers bis zur höchsten Neugierde steigerte, wenn er, mit einem gewissen Scharfsinn, Nicholas Unwissenheit über James’ Einkommen beteuerte, James Unwissenheit über das des alten Jolyon, dem alten Jolyon Unwissenheit über Rogers, Roger Unwissenheit über Swithins, während er Swithin gegenüber die höchst irritierende Bemerkung zu machen pflegte, dass Nicholas ein reicher Mann sein müsse. Timothy allein bildete eine Ausnahme, da er seine goldsicheren Staatspapiere besaß.

Allein jetzt war, wenigstens zwischen zweien von ihnen, ein ganz anderes Gefühl der Kränkung entstanden. Von dem Moment an, wo James die Impertinenz gehabt hatte, die Nase in seine Angelegenheiten zu stecken – wie er es ausdrückte –, wollte der alte Jolyon dieser Geschichte über Bosinney keinen Glauben mehr schenken. Seine Enkelin durch ein Mitglied der Familie ›dieses Kerls‹ gedemütigt! Er war überzeugt, dass Bosinney verleumdet wurde. Seine Pflichtvergessenheit musste einen anderen Grund haben.

June war wohl auf ihn losgefahren, oder sonst etwas; sie war so empfindlich jetzt!

Jedoch wollte er Timothy an seiner Meinung teilhaben lassen und sehen, ob er ihm weitere Winke geben würde! Und er wollte keine Zeit verlieren, sondern gleich zu ihm fahren und dafür sorgen, dass er wegen dieser Sache nicht nochmals kommen musste.

Er sah James’ Wagen die Straße vor »The Bower« versperren. Also waren sie vor ihm hingelangt und schnatterten wohl darüber, dass sie ihn gesehen hatten! Und weiterhin standen Swithins Grauschimmel Nase an Nase mit James’ Hellbraunen, wie im Konklave über die Familie, während die Kutscher über ihnen im Konklave saßen.

Der alte Jolyon legte seinen Hut in der engen Eingangshalle auf einen Stuhl, wo der Bosinneys vor so langer Zeit für eine Katze gehalten worden war, strich sich mit seiner dünnen Hand ärgerlich über das Gesicht mit dem hängenden weißen Schnurrbart, wie um jede Spur eines Ausdrucks wegzuwischen, und begab sich nach oben.

Er fand den vorderen Salon gefüllt. Er war zu jeder Zeit voll genug – ohne Gäste – ohne, dass jemand darin war –, denn Timothy und seine Schwestern fanden einen Raum, der Tradition ihrer Generation gemäß, nicht wirklich ›hübsch‹, wenn er nicht ›ordentlich‹ möbliert war. Im Raum befanden sich darum elf Sessel, ein Sofa, drei Tische, zwei Schreibkabinette, unzählige Nippsachen und zur Hälfte ein Flügel. Und jetzt, wo sich Mrs Small, Tante Hester, Swithin, James, Rachel, Winifred, Euphemia, die gekommen war, um Passion und Paregoricum zurückzugeben, das sie beim Mittag gelesen hatte, und ihre engste Freundin Frances, Rogers Tochter (die musikalische unter den Forsytes, die Lieder komponierte), in dem Raum aufhielten, war nur ein Stuhl unbenutzt geblieben, außer den beiden natürlich, auf die sich nie jemand setzte – und der einzige Platz, wo man stehen konnte, war von der Katze eingenommen, auf die der alte Jolyon auch unverzüglich aus Versehen trat.

In diesen Tagen war es durchaus nichts Ungewöhnliches für Timothy, so viel Besuch zu haben. Jedes einzelne Mitglied der ganzen Familie hatte immer wahren Respekt für Tante Ann gehegt, und nun, wo sie nicht mehr war, besuchten sie »The Bower« viel häufiger und blieben auch länger.

Swithin war zuerst gekommen, er saß träge in einem roten Satinsessel mit vergoldeter Rückenlehne und sah aus, als werde er länger weilen als alle anderen. Mit seiner schweren Gestalt und seinem Umfang, dem dichten weißen Haar und dem unbeweglichen rasierten Gesicht entsprach er vollkommen Bosinneys Bezeichnung ›der Dicke‹ und wirkte in dem reich möblierten Raum urzeitlicher denn je.

Seine Unterhaltung drehte sich, wie gewöhnlich in letzter Zeit, um Irene, und er hatte nicht versäumt, Tante Juley und Hester seine Meinung hinsichtlich der Gerüchte zu sagen, die im Umlauf sein sollten. Ja – sie brauche wohl ein wenig Flirt, hatte er gesagt, eine schöne Frau müsse ein bisschen leben; aber mehr als das glaube er nicht. Nichts Offensichtliches, sie sei viel zu vernünftig, wüsste zu gut, was sie ihrer Stellung und der Familie zu verdanken habe! Kein Sk– er wollte ›Skandal‹ sagen, aber der Gedanke war so abgeschmackt, dass er abwehrend die Hand bewegte, wie um zu sagen – ›aber lassen wir das!‹

Möglich, dass Swithin die Situation vom Standpunkt des Junggesellen aus betrachtete – aber was war nicht dieser Familie zu verdanken, in der so viele durch eigene Kraft eine gewisse Stellung erreicht hatten? Wenn er in dunklen pessimistischen Augenblicken auch die Worte ›Freisassen‹ und ›sehr kleine Verhältnisse‹ in Verbindung mit seinen Vorfahren gehört hatte, glaubte er daran?

Nein! Er hegte die geheime Ansicht und umarmte sie anrührend in seiner Brust, dass irgendeiner unter seinen Ahnen etwas Vornehmes gewesen sein müsse.

»Es muss so sein«, hatte er einst zum jungen Jolyon gesagt, ehe dieser auf schlechte Bahnen geraten war. »Sieh uns an – wir sind vorwärtsgekommen! Es muss doch gutes Blut in uns stecken!«

Er war dem jungen Jolyon sehr zugetan gewesen! Am College war der Junge in guter Gesellschaft gewesen, hatte die Söhne des alten Halunken Sir Charles Fiste gekannt – von denen einer auch ein schöner Lump geworden war. Und er hatte einen gewissen Stil – es war jammerschade, dass er mit dieser halbfremden Gouvernante durchgegangen war! Wenn er schon so auf und davon musste, warum nicht mit einer, die ihnen Ehre gemacht hätte! Und was war er nun? – Versicherungsmakler beim Lloyd; er solle sogar Bilder malen – Bilder! Verflucht! Er hätte als Sir Jolyon Forsyte, Baronet30, enden können, mit einem Sitz im Parlament und einem Anwesen auf dem Lande!

Einem Impulse folgend, der früher oder später ein Mitglied jeder angesehenen Familie dazu treibt, war Swithin auch auf das Heroldsamt31 gegangen, wo er die Versicherung erhielt, dass er ohne Zweifel der nämlichen Familie angehöre wie die wohlbekannten Forsites mit einem ›i‹, deren Wappen ›drei Spangen rechts in schwarzrotem Felde‹ er, wie sie hofften, nun annehmen würde.

Swithin tat es jedoch nicht, aber als er sich vergewissert hatte, dass ihr Abzeichen ein ›richtiger Fasan‹ war und das Motto ›Für Forsite‹, hatte er den Fasan auf seinem Wagen und auf den Knöpfen seines Kutschers und das Abzeichen mit Motto auf seinem Briefpapier anbringen lassen. Das Wappen ließ er fort, teils, weil er fürchtete, dass es auffallen könnte, den Wagen damit zu schmücken, da er es nicht bezahlt hatte, und ihm alles Auffallende verhasst war, und teils, weil er, wie jeder praktische Mann im Lande, eine geheime Abneigung und Verachtung für Dinge hegte, die er nicht verstand – er fand, wie andere wohl auch, ›drei Spangen auf schwarzrotem Felde‹ waren ein harter Bissen.

Allein er vergaß nie, dass sie ihm gesagt hatten, er wäre berechtigt, das Wappen zu benutzen, wenn er dafür zahlte, und es befestigte seine Überzeugung, ein Gentleman zu sein. Unvermerkt hatten sich auch die übrigen Familienmitglieder den ›richtigen Fasan‹ angeeignet, und einige, denen es ernster war, nahmen auch das Motto an; der alte Jolyon allein weigerte sich, es zu führen, und nannte es Humbug, der, so viel er sehen könne, gar keinen Sinn habe.

Innerhalb der älteren Generation war es vielleicht bekannt, welch großem geschichtlichen Ereignis sie ihr Abzeichen eigentlich verdankten; und wenn sie dringend danach gefragt wurden, gestanden sie lieber schleunigst, dass Swithin es irgendwo aufgestöbert hatte, als dass sie eine Lüge sagten, denn sie logen nicht gern und waren der Meinung, dass nur Franzosen und Russen es täten.

Bei der jüngeren Generation blieb die Sache in Schweigen gehüllt. Sie wollten die Gefühle der Älteren nicht verletzen und sich selbst nicht lächerlich fühlen; sie benutzten einfach das Abzeichen …

»Nein«, sagte Swithin, er habe Gelegenheit gehabt, selbst zu sehen, und könne sagen, dass nichts in ihrem Wesen gegen diesen jungen Bukanier oder Bosinney oder wie sein Name sei, sich von ihrem Wesen gegen ihn selbst unterschieden habe, er würde tatsächlich eher sagen … Aber hier brach die Ankunft von Frances und Euphemia die Unterhaltung leider ab, denn diese Dinge konnten vor jungen Leuten doch nicht besprochen werden.

Und obwohl es Swithin irgendwie aufregte, gerade dann unterbrochen zu werden, wo er im Begriff war, etwas Wichtiges zu sagen, gewann er seine Liebenswürdigkeit doch bald wieder. Er hatte Frances – Francie, wie sie in der Familie genannt wurde – sehr gern. Sie war so klug und sollte sich ein hübsches kleines Sümmchen Taschengeld durch ihre Lieder erworben haben; er fand es sehr gescheit von ihr.

Er tat sich viel darauf zugute, Frauen gegenüber eine sehr freidenkende Haltung einzunehmen, denn er sah nicht ein, warum sie keine Bilder malen oder Lieder, ja selbst Bücher schreiben sollten, namentlich, wenn es ihnen Geld einbrachte; warum auch nicht – es hielt sie von dummen Streichen ab. Sie waren ja keine Männer!

›Die kleine Francie‹, wie sie gewöhnlich mit gutmütiger Herablassung genannt wurde, war eine bedeutende Persönlichkeit, wenn auch nur als lebendes Beispiel für das Verhältnis der Forsytes zur Kunst. Sie war eigentlich nicht ›klein‹, sondern ziemlich groß; ihr Haar, ziemlich dunkel für eine Forsyte, gab mit den grauen Augen ihrem Aussehen etwas ›Keltisches‹, wie man es nannte. Sie machte Lieder mit Titeln wie »Heimliche Seufzer« oder »Küss mich, Mutter, eh ich sterbe«, mit einem Refrain wie ein Anathema:

Küss mich, Mutter, eh ich sterbe;

Küss mich – küss mich, Mutter, oh!

Küss, oh, küss mich, e–eh ich –

Küss mich, Mutter, eh ich st–e–erbe!

Sie dichtete den Text dazu selbst, und auch andere Gedichte. In froheren Augenblicken schrieb sie Walzer, von denen einer, die »Kensington-Weise«, mit seinem schönen Rhythmus in Kensington fast zum Nationalwalzer geworden war:


Er war sehr originell. Dann waren da noch ihre »Lieder für kleine Leute«, zugleich erzieherisch und witzig, vor allem »Großmütterchens Goldfisch« und ein beinahe prophetisch von dem aufkommenden imperialistischen Geist des Landes erfülltes Liedchen mit dem Titel: »Haut ihm nur ein blaues Auge«. Jeder Verleger war bereit, sie anzunehmen, und Zeitschriften wie High Living und Ladies’ Genteel Guide waren entzückt von »jedem neuen von Miss Francie Forsytes geistvollen, glänzenden, anrührenden Liedchen. Wir waren zu Lachen und zu Tränen bewegt. Möchte Miss Forsyte so fortfahren.«

In dem sicheren Instinkt ihrer Art hatte es sich Francie zum Ziel gemacht, die richtigen Leute kennen zu lernen – Leute, die über sie schreiben und sprechen würden, auch Leute der feinen Gesellschaft – sie hatte eine Liste solcher im Kopf, bei denen sie ihre Vorzüge zur Geltung bringen konnte, und ließ die Stufenfolge steigender Honorare, die für sie die Zukunft bedeuteten, nicht aus dem Auge. Auf diese Weise gelang es ihr, sich allgemeine Achtung zu verschaffen.

Einmal, zu einer Zeit, als ihre Gefühle durch eine Neigung aufgewühlt waren – denn Rogers ganze Lebensführung mit seinem eifrigen Erwerb von Häusern hatte bei seiner einzigen Tochter einen Hang zur Leidenschaft hervorgerufen –, wandte sie sich einer größeren und ernsteren Aufgabe zu, indem sie die Sonatenform für die Violine wählte. Dies war das einzige ihrer Werke, das die Forsytes beunruhigte. Sie fühlten sofort, dass es sich nicht verkaufen würde.

Roger, der sich freute, eine talentvolle Tochter zu haben, und oft auf das Taschengeld anspielte, das sie sich selbst erworben hatte, war durch diese Violinsonate ganz aufgebracht.

»Solch ein Schund!«, sagte er davon. Francie hatte sich den jungen Flageoletti von Euphemia geborgt, damit er die Violinsonate im Salon von Prince’s Gardens spielte.

Was die Sache an sich betraf, so hatte Roger Recht. Es war Schund, aber – sehr ärgerlich! Eine Art von Schund, die sich nicht verkaufte. Wie jeder Forsyte weiß, ist Schund, der sich verkauft, durchaus kein Schund – keineswegs.

Und doch, trotz des gesunden Menschenverstands, der den Wert der Kunst nach dem bestimmt, was sie einträgt, konnten die Forsytes, Tante Hester zum Beispiel, die sehr musikalisch war, nicht umhin zu bedauern, dass Francies Musik, ebenso wie ihre Gedichte, nicht ›klassisch‹ waren. Aber wie Tante Hester sagte, gab es heutzutage gar keine Dichtkunst mehr, alle Gedichte wären ›kleine unbedeutende Dinger‹. Niemand konnte mehr ein Werk schreiben wie das Verlorene Paradies32 oder Childe Harold33, bei denen man wirklich das Gefühl hatte, etwas gelesen zu haben. Immerhin aber war es nett für Francie, etwas zu haben, womit sie sich beschäftigen konnte. Während andere Mädchen mit Einkäufen Geld ausgaben, erwarb sie es! Und sowohl Tante Juley als auch Tante Hester waren immer bereit, die neueste Geschichte zu hören, wie Francie ihre Honorare angehoben habe.

Sie hörten jetzt zusammen mit Swithin zu, der sich den Anschein gab, es nicht zu tun, denn diese jungen Leute sprachen so schnell und verschluckten so viel, dass er nie verstehen konnte, was sie sagten!

»Und ich kann nicht begreifen«, sagte Mrs Septimus, »wie du das machst. Ich hätte das nie gewagt!«

Francie lächelte leicht. »Ich habe viel lieber mit einem Manne zu tun als mit einer Frau. Frauen sind so streng!«

»Meine Liebe«, rief Mrs Small, »wir sind es sicher nicht.«

Euphemia brach in ihr leises Lachen aus, das mit Quietschen endete, und sagte, als würgte sie jemand: »Ich sterbe noch vor Lachen, Tantchen.«

Swithin sah keine Veranlassung zum Lachen; er verabscheute Leute, die lachten, wenn er selbst keinen Scherz merkte. Übrigens verabscheute er Euphemia überhaupt und erwähnte sie nur als ›Nicks Tochter, wie heißt sie doch, die Blasse?‹. Er wäre beinahe ihr Patenonkel geworden – ganz sicher, wenn er nicht energisch gegen diesen ausländischen Namen aufgetreten wäre. Er hasste es, Pate zu stehen. Jetzt sagte Swithin voll Würde zu Francie: »Schönes Wetter – hm – für diese Jahreszeit.« Aber Euphemia, die wohl wusste, dass er sich geweigert hatte, ihr Pate zu werden, wandte sich zu Tante Hester und fing an, ihr zu erzählen, wie sie Irene, Mrs Soames, im Kaufhaus gesehen habe.

»Und Soames war mit ihr?«, fragte Tante Hester, denn Mrs Small hatte noch keine Gelegenheit gefunden, ihr den Vorfall zu erzählen.

»Soames mit ihr? Natürlich nicht!«

»Aber war sie ganz allein in London?«

»Oh nein! Mr Bosinney war mit ihr. Sie war wundervoll angezogen.«

Aber als Swithin den Namen Irenes hörte, blickte er Euphemia streng an, die allerdings nie gut in einem Kleide aussah, was sie auch tragen mochte, und sagte:

»Wie eine vornehme Dame sicher. Es ist ein Vergnügen, sie zu sehen.«

In diesem Augenblick wurden James und seine Töchter gemeldet. Dartie, der sich nach einem Trunk sehnte, hatte eine Verabredung beim Zahnarzt vorgeschützt, sich, nachdem er am Marble Arch abgesetzt worden war, eine Droschke genommen, und saß bereits im Erkerfenster seines Klubs in Piccadilly.

Seine Frau, erzählte er seinen Freunden, habe einige Besuche mit ihm machen wollen. Das sei aber nicht sein Fall – ganz und gar nicht!

Er rief nach dem Kellner und schickte ihn hinaus, um nachzusehen, wer das Rennen um 16:30 Uhr gewonnen hatte. Er sei hundemüde, sagte er, und das sei eine Tatsache, denn er sei mit seiner Frau den ganzen Nachmittag von einer ›Schau‹ zur anderen herumgefahren. Schließlich habe er sich aus dem Staube gemacht. Ein Mann müsse doch auch sein eigenes Leben haben.

In diesem Augenblick schaute er durch das Fenster – er liebte diesen Platz, wo er jeden Vorübergehenden sehen konnte – und erblickte unglücklicherweise oder vielleicht glücklicherweise Soames, der mit der offenbaren Absicht hereinzukommen von der Seite von The Green Park her mit seinen kleinen Schritten die Straße kreuzte, denn er gehörte auch zu dem Iseeum.

Dartie sprang auf, ergriff sein Glas, stammelte etwas über ›das Rennen um 16:30 Uhr‹ und zog sich schnell in den Kartenraum zurück, wohin Soames niemals kam. Hier lebte er in vollkommener Einsamkeit, bei trübem Licht sein eigenes Leben bis halb acht, zu welcher Zeit Soames, wie er wusste, den Klub sicher verlassen haben musste.

Es war nicht ratsam, so wiederholte er sich jedes Mal, wenn der Drang, an den Unterhaltungen am Fenster teilzunehmen, zu stark in ihm wurde – es war absolut nicht ratsam, mit so geringen Einkünften, wie er sie hatte, und wo der ›Alte‹ (James) seit der Geschichte mit den Ölaktien, an der er gar keine Schuld hatte, immer noch so muffig war, einen Streit mit Winifred zu riskieren.

Wenn Soames ihn im Klub sah, würde sie sicher erfahren, dass er gar nicht beim Zahnarzt gewesen war. Er kannte keine einzige Familie, in der alles immer so ›herumkam‹. Mit einer mürrischen Falte in dem olivenfarbenen Gesicht, die Beine in den karierten Hosen gekreuzt, mit Lacklederstiefeln, die in der Dämmerung glänzten, saß er ungemütlich zwischen den mit grünen Fries bezogenen Tischen, kaute an seinem Zeigefinger und überlegte, wo zum Teufel er das Geld hernehmen sollte, wenn Erotic den Lancashire Cup nicht gewann.

Seine Gedanken wandten sich missmutig den Forsytes zu. Was das für ein Kreis war! Nichts war aus ihnen herauszubekommen, zumindest machte es die größten Schwierigkeiten. Sie waren so verd – – t genau in Geldangelegenheiten; kein Sportsmann in der ganzen Sippe, wenn nicht George gewesen wäre. Dieser Soames zum Beispiel bekäme einen Ohnmachtsanfall, wenn man einen Zehner von ihm borgen wollte, oder wenn nicht das, so sähe er einen mit seinem verfluchten überlegenen Lächeln an, als wäre man eine verlorene Seele, weil man Geld brauchte.

Und seine Frau (Darties Mund wurde unwillkürlich wässrig), mit der er versucht hatte, auf gutem Fuß zu stehen, wie man es mit einer hübschen Schwägerin natürlich gern wollte, aber er wäre verflucht, wenn die – (er gebrauchte wirklich ein grobes Wort) – wohl einen Blick für ihn hatte – sie sah ihn ja an, als wäre er Auswurf – und doch konnte sie es weit genug treiben, darauf wollte er eine Wette eingehen. Er kannte die Frauen; sie waren nicht umsonst mit so sanften Augen und solchen Figuren geschaffen, dahinter würde dieser Soames wohl bald genug kommen, wenn irgendetwas daran war, was er über den guten ›Bukanier‹ gehört hatte.

Dartie erhob sich von seinem Stuhl, machte einen Gang durch den Raum und hielt vor dem Spiegel über dem marmornen Kaminsims an, wo er lange in Betrachtung seines Gesichts versunken stehen blieb. Mit dem gewichsten dunklen Schnurrbart und dem kleinen vornehmen Ansatz von Koteletten hatte es das für manche Männer eigentümliche Aussehen, als wäre es in Leinöl getaucht; und beunruhigt fühlte er das Entstehen eines Pickels an der Seite der leicht gebogenen fettigen Nase.

Inzwischen hatte der alte Jolyon den übrig gebliebenen Sessel in Timothys behaglichem Salon entdeckt. Seine Ankunft hatte die Unterhaltung offenbar unterbrochen, und es war ein verlegenes Schweigen eingetreten. In ihrer wohlbekannten Gutherzigkeit beeilte sich Tante Juley, die Gemütlichkeit wiederherzustellen.

»Ja, Jolyon«, begann sie, »wir sprachen eben davon, dass du lange Zeit nicht hier gewesen bist; aber es darf uns nicht überraschen. Du bist natürlich sehr beschäftigt? James sagte gerade, wie viel es jetzt zu tun gibt –«

»Sagte er das?«, erwiderte der alte Jolyon und blickte James fest an. »Es gäbe nicht halb so viel zu tun, wenn jeder sich nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte.«

James, der nachdenklich in einem kleinen Sessel saß, von dem seine Knie in die Höhe ragten, schob unruhig die Füße vor und trat dabei mit dem einen auf die Katze, die unbesonnen vor dem alten Jolyon neben ihm Zuflucht gesucht hatte.

»Ihr habt ja hier eine Katze«, sagte er gekränkt und zog den Fuß nervös zurück, als er ihn auf dem weichen pelzigen Körper fühlte.

»Mehrere«, sagte der alte Jolyon und blickte von einem zum anderen. »Ich trat eben auf eine.«

Es schwiegen alle.

Dann fragte Mrs Small, indem sie die Finger ineinanderflocht und mit feierlicher Ruhe um sich blickte: »Und wie geht es der lieben June?«

Ein leiser Humor blitzte in den ernsten Augen des alten Jolyon auf. Eine merkwürdige alte Frau, diese Juley! Sie war einzig darin, immer das Falsche zu sagen!

»Schlecht!«, sagte er. »London bekommt ihr nicht – zu viele Leute, viel zu viel Geschwätz und Geklatsche überall.« Er legte Nachdruck auf die Worte und sah wieder James gerade ins Gesicht.

Niemand sprach.

Sie hatten alle ein Gefühl, dass es zu gefährlich sei, einen Schritt in irgendeine Richtung zu unternehmen oder eine Bemerkung zu wagen. Etwas von der Vorahnung des drohenden Verhängnisses, wie sie den Zuschauer einer griechischen Tragödie überkommt, hatte sich diesem reich möblierten Raum mit den weißhaarigen alten Männern in Schoßröcken und vornehm gekleideten Frauen mitgeteilt, die alle von demselben Blut waren, unter all denen eine ungreifbare Ähnlichkeit bestand.

Nicht, dass sie sich dessen bewusst gewesen wären, denn die Anwesenheit so verhängnisvoller böser Geister kann nur empfunden werden.

Jetzt erhob sich Swithin. Er wollte hier nicht sitzen, mit diesem Gefühl – er ließ sich von keinem einschüchtern! Noch würdevoller als sonst manövrierte er durch den Salon und schüttelte jedem einzeln die Hand.

»Bestelle Timothy von mir«, sagte er, »dass er sich zu sehr verweichlicht!« Dann wandte er sich zu Francie, die er ›fesch‹ fand, und fügte hinzu: »Du musst an einem dieser Tage eine Spazierfahrt mit mir machen.« Aber das beschwor die Vision jener anderen denkwürdigen Fahrt herauf, über die so viel gesprochen worden war, und er stand einen Augenblick ganz still, mit glasigen Augen, wie in Erwartung, auch die Bedeutung dessen zu erhaschen, was er selbst gesagt hatte; doch plötzlich erinnerte er sich daran, dass ihm all das ganz einerlei war, und sagte zum alten Jolyon: »Na, auf Wiedersehen, Jolyon! Du solltest nicht ohne Überzieher herumgehen, du wirst dir noch Ischias oder sonst was holen!« Dann gab er der Katze mit der Spitze seiner Lacklederstiefel einen leisen Stoß, und seine ungeheure Gestalt entfernte sich.

Als er gegangen war, blickte einer verstohlen den anderen an, um zu sehen, wie er das Wort ›Spazierfahrt‹ aufgenommen hatte, dieses Wort, das als einzige – sozusagen offizielle – Nachricht in Bezug auf das vage dunkle Gerücht, das die Zungen der Familie in Bewegung setzte, jetzt berüchtigt geworden war und eine überwältigende Bedeutung bekommen hatte.

Einem Impuls gehorchend, sagte Euphemia mit kurzem Lachen: »Ich bin froh, dass Onkel Swithin mich nicht zu Spazierfahrten auffordert.«

Um sie zu beruhigen und über kleine Verlegenheiten hinwegzuhelfen, die dieser Gegenstand vielleicht herbeiführen könnte, erwiderte Mrs Small: »Er nimmt jeden gern mit, meine Liebe, der gut angezogen ist und seinem Ansehen zugute kommt. Ich werde nie die Fahrt vergessen, zu der er mich mitnahm. Das war ein Erlebnis!« Und über ihr pausbäckig rundes Gesicht breitete sich für einen Augenblick eine seltene Zufriedenheit, doch gleich ließ sie wieder den Kopf hängen und Tränen traten ihr in die Augen. Sie gedachte einer lange vergangenen Spazierfahrt, die sie einst mit Septimus Small unternommen hatte.

James, der in seinem kleinen Sessel wieder in unruhiges Grübeln versunken war, erwachte plötzlich daraus: »Ein komischer Kerl, dieser Swithin«, sagte er halbherzig.

Das Schweigen des alten Jolyon und sein strenger Blick hielten sie alle in einer Art Lähmung. Die Wirkung seiner Worte hatte ihn selbst betroffen gemacht, sie schienen die Bedeutung des Gerüchts, das er hatte unterdrücken wollen, noch zu verstärken; aber er war immer noch ärgerlich.

Er war noch nicht fertig mit ihnen – nein, nein – sie sollten noch etwas zu hören bekommen!

Seine Nichten wollte er nicht schelten, er hatte ja keinen Streit mit ihnen – ein junges, präsentables weibliches Wesen war der Milde des alten Jolyon immer sicher –, aber dieser James und in geringerem Maße vielleicht all die anderen verdienten, was ihnen zugedacht war. Auch er fragte nach Timothy.

Wie in dem Gefühl, dass ihrem jüngeren Bruder eine Gefahr drohe, bot Tante Juley ihm plötzlich Tee an: »Er ist ganz kalt und schlecht geworden«, sagte sie, »da er im hinteren Salon so lange steht und auf dich wartet, aber Smither wird gleich frischen für dich machen.«

Der alte Jolyon stand auf: »Danke«, sagte er und blickte streng zu James hin, »aber ich habe keine Zeit für Tee und – Skandal und all das Übrige! Es ist Zeit für mich, nach Hause zu fahren. Auf Wiedersehen, Julia, auf Wiedersehen, Hester, auf Wiedersehen, Winifred.«

Ohne weitere Abschiedsförmlichkeiten ging er hinaus.

Als er wieder in seiner Droschke saß, verdampfte sein Ärger schnell, denn so ging es immer, wenn er zornig war – hatte er diesem erst Luft gemacht, so war es vorbei. Traurigkeit überkam ihn jetzt. Er hatte zwar ihr Gerede unterbunden, vielleicht, doch um welchen Preis! Um den Preis der Gewissheit, dass dieses Gerücht, dem er keinen Glauben hatte schenken wollen, wirklich wahr war. June war verlassen worden, und wegen der Frau von jenes Kerles Sohn! Er fühlte, dass sie Recht hatten, und zwang sich zu tun, als wäre es nicht so; aber der Schmerz, der sich hinter diesem Vorsatz verbarg, begann langsam und sicher in blinden Groll gegen James und seinen Sohn umzuschlagen.

Die in dem kleinen Salon zurückgebliebenen sechs Damen und der eine Mann kamen in so ungezwungene Unterhaltung, wie es nach solch einer Begebenheit nur möglich war, denn obgleich alle überzeugt waren, selbst niemals zu klatschen, wussten sie doch genau, dass die anderen sechs es taten; darum waren alle ärgerlich und verlegen. Nur James schwieg, bis ins Innerste seiner Seele verstört.

Plötzlich sagte Francie: »Weißt du, ich finde, Onkel Jolyon hat sich in diesem letzten Jahr sehr verändert. Meinst du nicht auch, Tante Hester?«

Tante Hester machte eine kleine Bewegung der Abwehr: »Oh, frage Tante Julia!«, sagte sie. »Ich weiß nichts darüber.«

Keiner von den anderen hatte Angst zuzustimmen, und James murmelte verdrießlich: »Er ist nicht halb das, was er war.«

»Ich habe es längst bemerkt«, fuhr Francie fort, »er ist furchtbar gealtert.«

Tante Juley schüttelte den Kopf, ihr Gesicht war plötzlich wieder ungeheure Trübsal.

»Der arme gute Jolyon«, sagte sie, »es müsste jemand auf ihn achtgeben!«

Wieder herrschte Schweigen, und dann, wie in der Furcht, einzeln zurückgelassen zu werden, standen alle fünf Gäste gleichzeitig auf und verabschiedeten sich.

Mrs Small, Tante Hester und ihre Katze blieben wieder allein, das Schließen einer Tür in der Ferne kündigte Timothys Kommen an.

Als Tante Hester an diesem Abend in dem hinteren Schlafzimmer, das früher Tante Juleys gewesen war, bevor Tante Juley das von Tante Ann bekommen hatte, eben eingeschlafen war, öffnete sich ihre Tür, und Mrs Small in einer rosa Nachtmütze trat mit einer Kerze in der Hand herein.

»Hester!«, rief sie. »Hester!«

Tante Hesters Betttücher raschelten leise.

»Hester«, wiederholte Tante Juley, um ganz sicher zu sein, dass sie wach war. »Ich bin sehr besorgt um den armen alten Jolyon. Was«, Tante Juley betonte das Wort, »meinst du, könnte man tun?«

Tante Hesters Betttücher raschelten wieder, und man hörte ihre Stimme leise abwehrend: »Tun? Wie soll ich das wissen?«

Tante Juley ging beruhigt wieder hinaus und schloss in der Furcht, die liebe Tante Hester zu stören, die Tür mit ganz besonderer Vorsicht, ließ sie aus den Fingern gleiten und mit einem ›Klack‹ zufallen.

Hinten in ihrem eigenen Schlafzimmer stellte sie sich ans Fenster und schaute durch eine Spalte der Muselinvorhänge, die fest zugezogen waren, damit niemand es sehen könne, auf den Mond über den Bäumen des Parks. Und in ihrer rosa Nachtmütze über dem runden trübseligen Gesicht dachte sie mit nassen Augen an den ›lieben Jolyon‹, der so alt und einsam war, wie sie ihm helfen könnte und wie er sie lieben lernen würde, sie lieben, wie keiner es getan hatte, seit – seit der arme Septimus dahingegangen war.

Achtes Kapitel

Ball bei Roger

Rogers Haus in Prince’s Gardens war glänzend erleuchtet. Eine große Menge von Wachskerzen brannte in den Kristallkronleuchtern, und der Parkettfußboden des langen Doppelsaales spiegelte den hellen Glanz wider. Durch das Ausräumen der Möbel, die auf die oberen Treppenabsätze gestellt waren, und die Ausstattung des Raumes mit jenem seltsamen Zubehör der Zivilisation, den bekannten ›Sitzgelegenheiten‹ für Tanzgesellschaften, hatte man den Eindruck wirklich geräumiger Größe erreicht.

In einer entfernten Ecke stand, von Palmen verdeckt, ein Pianino mit einem Exemplar der »Kensington-Weise« aufgeschlagen auf dem Notenständer.

Roger hatte gegen eine Musikkapelle protestiert. Er konnte durchaus nicht einsehen, wozu sie eine Musikkapelle brauchen sollten; er wolle die Ausgabe nicht, und es sei keine Rede mehr davon. Francie (ihre Mutter, die Roger längst zu chronischer Dyspepsie verurteilt hatte, ging bei solchen Gelegenheiten zu Bett) musste sich damit begnügen, zur Ergänzung des Klaviers einen jungen Hornbläser zu engagieren, und stellte die Palmen so, dass jeder, der den Dingen nicht auf den Grund schaute, glauben musste, es seien dort mehrere Musiker verborgen. Sie hatte sich vorgenommen, so zu tun, als sei das so, und wollte Anweisungen geben, dass laut gespielt werde – es war eine Menge Musik in einem Horn, wenn der Mann nur seine ganze Seele hineinlegte.

Wie die kultivierteren Amerikaner sagen, war sie ›durch‹, wenigstens war sie durch das gewundene Labyrinth von Kunstgriffen gekommen, die notwendig waren, um ein standesgemäßes Auftreten mit der gesunden Sparsamkeit eines Forsyte zu vereinen. Mager, aber prächtig in ihrem maisfarbenen Kleide mit viel Tüll um die Schultern, ging sie hin und her, passte ihre Handschuhe an und überschaute alles noch einmal.

Mit dem engagierten Butler (denn Roger hielt nur Dienstmädchen) sprach sie über den Wein. Habe er auch verstanden, dass Mr Forsyte ein Dutzend Flaschen Champagner von Whiteley herausgestellt zu haben wünsche? Aber wenn der zu Ende sei (sie glaubte nicht, dass es dazu kommen würde, da die meisten Damen sicher Wasser tranken), aber wenn es dazu kommen sollte, sei da noch die Champagnerbowle, und er müsse wissen, das Beste daraus zu machen.

Es war ihr verhasst, solche Dinge mit dem Butler zu besprechen, es war so unter ihrer Würde; aber was war mit Vater zu machen? Roger kam sicherlich, nachdem er unaufhörlich Schwierigkeiten wegen des Balles gemacht hatte, mit seinem frischen Gesicht und der höckrigen Stirn herunter, als hätte er ihn in Vorschlag gebracht. Wahrscheinlich würde er lächelnd die hübscheste Dame zu Tisch führen, und um zwei Uhr, wenn alles so recht in Schwung gekommen war, heimlich zu den Musikern gehen und ihnen sagen, dass sie »God Save the Queen« spielen und nach Hause gehen sollten.

Francie hoffte inständig, er möchte bald müde werden und sich fortstehlen, um zu Bett zu gehen.

Die drei oder vier engsten Freundinnen, die zu diesem Ball im Hause waren, hatten in einem kleinen verlassenen Zimmer oben mit ihr eilig servierten Tee und kaltes Huhn eingenommen. Die Herren wurden zum Essen in Eustace’ Klub geschickt, da man das Gefühl hatte, sie satt machen zu müssen.

Pünktlich mit dem Schlage neun langte Mrs Small allein an. Sie entschuldigte mit großer Beredsamkeit Timothys Abwesenheit, ohne Tante Hester auch nur zu erwähnen, die in der letzten Minute gesagt hatte, man solle sie nicht quälen. Francie empfing sie mit ausbündiger Freundlichkeit und wies ihr eine der ›Sitzgelegenheiten‹ an, wo sie sie einsam und trübselig in ihrem lavendelfarbenen Satinkleid sitzen ließ – sie trug zum ersten Mal seit Tante Anns Tod wieder Farben.

Die engsten Freundinnen kamen jetzt aus ihren Zimmern, jede wie auf ein magisches Gebot in einem Kleide von anderer Farbe, aber alle mit der gleichen freigebigen Ausstattung von Tüll um Schultern und am Dekolleté, denn sie waren durch ein unglückliches Missgeschick sehr mager für so junge Mädchen. Sie wurden alle zu Mrs Small geführt, aber keine sprach mehr als ein paar Worte mit ihr. Sie standen alle plaudernd dicht zusammen, zerknitterten ihre Tanzkarten und blickten verstohlen zur Tür, um das erste Erscheinen eines Herrn zu sehen.

Dann kamen, immer pünktlich, wie es in Ladbroke Grove Sitte war, gruppenweise eine Gruppe der Nicholases und gleich nach ihnen, düster und mit einem starken Geruch von Rauch an sich, Eustace mit seinen Männern.

Hierauf erschienen drei oder vier von Francies Verehrern, einer nach dem anderen; sie hatte jedem das Versprechen abgenommen, früh zu kommen. Alle waren glattrasiert und lustig, von jener eigentümlichen Art Lustigkeit junger Leute, wie sie kürzlich in Kensington Mode geworden war. Sie schienen von ihrer gegenseitigen Anwesenheit durchaus nicht unangenehm berührt zu sein und trugen bauschige Krawatten, weiße Westen und Socken mit Mustern. Alle hatten die Taschentücher in die Manschetten gesteckt. Sie bewegten sich lebhaft und mit einer geschäftsmäßigen Fröhlichkeit, als wären sie gekommen, um große Taten zu vollbringen. Ihre Gesichter, die beim Tanzen keineswegs jenen traditionellen feierlichen Ausdruck des tanzenden Engländers annahmen, waren verantwortungslos, liebenswürdig und verbindlich. Sie hüpften und wirbelten ihre Tanzpartnerinnen schnell herum, ohne sich pedantisch nach dem Rhythmus der Musik zu richten.

Auf andere Tänzer blickten sie mit einer gewissen Verachtung herab – sie, die leichte Brigade, die Helden von hundert Kensington-›Kränzchen‹ – von denen allein die rechten Manieren, das richtige Lächeln und Tanzen zu erwarten war.

Nun kam der Strom der übrigen Gäste; Begleiterinnen junger Damen, die an der Wand dem Eingang gegenüber saßen, und das beschwingte junge Element, das den Wirbel in dem größeren Raume schwellte.

Herren waren nur spärlich, und die Mauerblümchen hatten ihren gewohnten rührenden Ausdruck, ein geduldig säuerliches Lächeln, das zu sagen schien: ›Oh nein, täuschen Sie sich nicht in mir, ich weiß, dass Sie nicht zu mir kommen. Das kann ich kaum erwarten!‹ Und Francie redete wohl einem ihrer Verehrer oder einem der grüneren Jünglinge zu: »Mir zuliebe lassen Sie sich Miss Pink vorstellen, sie ist solch ein nettes Mädchen, wirklich!«, und dann führte sie ihn hin und sagte: »Miss Pink – Mr Gathercole. Können Sie ihm vielleicht noch einen Tanz gewähren?« Und Miss Pink lächelte ihr gezwungenes Lächeln, errötete ein wenig und erwiderte: »Oh! Ich glaube ja!«, verdeckte ihre leere Karte und trug, ihn leidenschaftlich buchstabierend, den Namen Gathercole für den von ihm vorgeschlagenen Tanz ein.

Doch als der Jüngling gemurmelt hatte, dass es heiß sei, und weitergegangen war, fiel sie wieder in den Zustand hoffnungsloser Erwartung und ihr säuerlich geduldiges Lächeln zurück.

Mütter, die sich langsam zufächelten, beobachteten ihre Töchter, und in ihren Augen war die ganze Geschichte des Glückes ihrer Töchter zu lesen. Was machte es aus, dass sie Stunde um Stunde hier todmüde, schweigend oder krampfhaft plaudernd sitzen mussten, wenn nur die Mädchen ihr Vergnügen hatten! Aber sie vernachlässigt und übersehen zu wissen! Wohl lächelten sie, doch ihre Augen stachen wie die eines verwundeten Schwanes; sie hätten den jungen Gathercole – diesen Laffen – am liebsten bei den Enden seiner stutzerhaften Garderobe gepackt und zu ihren Töchtern hingeschleppt –!

Und alle Grausamkeit und Härte des Lebens, sein Pathos und seine ungleichen Chancen, Dünkel, Selbstvergessenheit und Geduld waren auf dem Schlachtfeld dieses Ballsaals in Kensington vertreten.

Hier und dort suchten Liebende – aber nicht wie Francies Liebhaber, die von einer besonderen Gattung waren, sondern schlichte Liebende – einander zitternd, errötend, schweigend mit flüchtigem Blick, suchten eine Berührung in der Verwirrung des Tanzes, und wenn sie dann und wann zusammen tanzten, fiel der Glanz ihrer Augen manchem Zuschauer auf.

Nicht eine Sekunde vor zehn Uhr kam die Jameses – Emily, Rachel, Winifred (Dartie hatten sie zurückgelassen, weil er bei einer früheren Gelegenheit einmal zu viel Champagner bei Roger getrunken hatte) und der jüngsten, Cicely, deren Debüt heute war; ihnen folgten in einer Droschke Soames und Irene, die im väterlichen Hause zu Mittag gespeist hatten.

All diese Damen trugen Schulterriemen und keinen Tüll und gaben, indem sie auf kühne Art mehr Haut zeigten, gleich zu erkennen, dass sie von der vornehmeren Seite des Parks kamen.

Soames wich einer Berührung mit den Tanzenden aus und stellte sich an die Wand. Er wappnete sich mit einem matten Lächeln und stand beobachtend da. Walzer um Walzer begann und endete, Paar auf Paar fegte mit lächelnden Lippen, mit Lachen und Bruchstücken ihrer Unterhaltung vorüber, oder mit zusammengepressten Lippen und die Menge durchsuchenden Augen; zuweilen auch blickten sie einander mit stumm geöffneten Lippen an. Und diese Festesluft, der Duft von Blumen und Haar und Parfüms, wie Frauen sie lieben, mischte sich erstickend mit der Hitze der Sommernacht.

Schweigend, ein wenig Verachtung in seinem Lächeln, schien Soames von alledem nichts zu merken. Aber dann und wann, wenn seine Augen fanden, was sie suchten, blieben sie fest an einem Punkte in dem wechselnden Gewimmel haften, und das Lächeln auf seinen Lippen erstarb.

Er tanzte mit niemandem. Einige Männer tanzten mit ihren Frauen; sein Gefühl für die gute ›Form‹ hatte ihm seit der Heirat nie gestattet, mit Irene zu tanzen, und der Gott der Forsytes allein weiß, ob ihm das ein Trost war oder nicht.

In dem irisfarbenen Kleide, das um ihre Füße flutete, kam sie im Tanz mit anderen Männern an ihm vorüber. Sie tanzte gut; doch er war es müde, die Damen mit säuerlichem Lächeln sagen zu hören: »Wie wundervoll Ihre Frau tanzt, Mr Forsyte – es ist ein wahres Vergnügen, ihr zuzuschauen!« Er war es müde, ihnen mit einem Blick von der Seite zu antworten: »Finden Sie?«

Ein junges Paar dicht neben ihm fächelte abwechselnd mit einem Fächer, und es entstand eine unangenehme Zugluft dadurch. Francie stand mit einem ihrer Verehrer in der Nähe. Sie sprachen von Liebe.

Er hörte Rogers Stimme hinter sich, der einen Auftrag für das Dinner erteilte. Alles war zweiten Ranges! Er wünschte, dass er nicht gekommen wäre! Als er Irene gefragt hatte, ob sie wolle, dass er mitgehe, hatte sie mit ihrem Lächeln, das einen rasend machen konnte, »Oh nein!« geantwortet.

Warum war er gekommen? Die letzte Viertelstunde hatte er sie überhaupt nicht gesehen. Und jetzt kam George mit seinem quilphaften Gesicht; es war zu spät, ihm auszuweichen.

»Hast du den ›Bukanier‹ gesehen?«, sagte dieser anerkannte Spaßvogel. »Er ist auf dem Kriegspfad – Haar geschnitten und so weiter!«

Soames verneinte, kreuzte den während einer Tanzpause halb leeren Saal, ging auf den Balkon hinaus und blickte auf die Straße hinunter.

Eine Equipage mit späten Gästen war vorgefahren, und an der Tür trieben sich einige jener geduldigen Zuschauer der Londoner Straßen herum, die bei jedem Ruf von Licht oder Musik herbeieilen. Die bleichen, emporgekehrten Gesichter dieser schwarzen schmierigen Gestalten hatten eine beharrlich beobachtende Art, die Soames ärgerte: Warum erlaubte man ihnen, sich so herumzutreiben; warum jagte der Polizist sie nicht davon?

Doch dieser nahm gar keine Notiz von ihnen; er stand wie festgepflanzt auf dem Streifen des feuerroten Teppichläufers, der über das Pflaster gebreitet war, und sein Gesicht unter dem Helm hatte denselben beharrlich beobachtenden Ausdruck wie die ihren.

Über die Straße hinweg durch die Gitter konnte Soames die vom Winde leicht bewegten Zweige der Bäume im Schein der Straßenlaternen schimmern sehen, und darüber wieder das Licht oben in den Häusern auf der anderen Seite, wie viele Augen, die in die schwarze Stille des Gartens blicken; über allem aber den Himmel, diesen wundervollen Londoner Himmel, überstäubt vom tausendfältig schimmernden Widerschein der zahllosen Laternen, ein Dom zwischen den Sternen, von dem Menschenleid und Menschenlust zurückstrahlen – ein ungeheurer Spiegel von Glanz und Elend, der sich Nacht für Nacht mit gutmütigem Spott meilenweit über Häuser und Gärten, Paläste und Unrat, Forsytes, Polizisten und geduldige Zuschauer auf der Straße erstreckt.

Soames drehte sich um und starrte, versteckt in der Nische, in den erleuchteten Saal. Hier draußen war es kühler. Er sah die neuen Ankömmlinge, June und ihren Großvater, eintreten. Warum kamen sie so spät? Sie standen an der Tür und sahen mitgenommen aus. Merkwürdig, dass Onkel Jolyon nachts um diese Zeit noch ausgehen sollte! Warum war June nicht zu Irene gekommen, wie sie es zu tun pflegte, und plötzlich fiel ihm ein, dass er June lange gar nicht gesehen hatte.

Als er ihr Gesicht in müßiger Schadenfreude beobachtete, sah er, wie es sich veränderte, so blass wurde, dass er glaubte, sie würde ohnmächtig werden, und dann feuerrot aufflammte. Er wandte sich, um zu sehen, was sie erblickt hatte, und sah seine Frau an Bosinneys Arm aus dem Wintergarten am Ende des Saales kommen. Ihre Augen schauten wie in Antwort auf eine Frage, die er gestellt hatte, zu ihm empor, und sein Blick ruhte unverwandt auf ihr.

Soames blickte wieder zu June hinüber. Ihre Hand ruhte auf des alten Jolyon Arm, sie schien, um etwas zu bitten. Er sah einen erstaunten Ausdruck in seines Onkels Gesicht; sie kehrten um und entschwanden seinen Blicken durch die Tür.

Die Musik begann wieder – ein Walzer –, und wie eine Statue in der Fensternische, das Gesicht unbewegt, ohne ein Lächeln auf den Lippen, stand Soames immer noch wartend da. Eben kamen, kaum ein Yard von dem dunklen Balkon, seine Frau und Bosinney vorüber. Er fing den Duft der Gardenien auf, die sie trug, sah wie ihr Busen sich hob und senkte, sah die Sehnsucht in ihrem Blick, ihre geöffneten Lippen und einen Ausdruck in ihrem Gesicht, den er nicht kannte. Sie tanzten nach dem langsam wiegenden Takt vorüber, und es kam ihm vor, als schmiegten sie sich aneinander, er sah sie die Augen dunkel und sanft zu Bosinneys erheben und sie wieder senken.

Sehr bleich ging er wieder auf den Balkon hinaus, lehnte sich darüber und blickte auf den Square hinunter. Die Gestalten waren immer noch da und blickten mit blöder Hartnäckigkeit zum Licht empor, auch das Gesicht des Polizisten war starrend emporgerichtet, aber er sah nichts von allem. Unten fuhr ein Wagen vor, zwei Gestalten stiegen ein und fuhren davon …

An diesem Abend hatten June und der alte Jolyon sich zur gewohnten Zeit zu Tisch gesetzt. Das junge Mädchen trug wie gewöhnlich ein hochgeschlossenes Kleid, und der alte Jolyon hatte sich noch nicht umgekleidet.

Sie hatte beim Frühstück von dem Ball bei Onkel Roger gesprochen, zu dem sie gehen wollte, und gesagt, sie habe, dumm genug, nicht daran gedacht, jemanden zu bitten, sie mitzunehmen. Jetzt sei es zu spät dazu.

Der alte Jolyon blickte mit seinen scharfen Augen auf. June pflegte Bälle stets mit Irene zu besuchen. Langsam heftete er einen erstaunten Blick auf sie und fragte, warum sie nicht mit Irene ginge?

Nein! Mit Irene wolle sie nicht gehen, sie würde es nur tun, wenn er selbst dies eine einzige Mal – nur für ganz kurze Zeit –

Als er sie so ungestüm und gequält sah, hatte der alte Jolyon schließlich brummend eingewilligt. Er begriff nicht, was sie auf einem solchen Balle wollte, der doch sicher nur eine armselige Geschichte wäre; sie passe nicht besser als eine Katze dahin, sagte er. Sie brauche Seeluft, und nach der Generalversammlung der Globular Gold Concessions sei er bereit, sie hinzubringen. Sie wolle nicht verreisen? Oh, sie richte sich zugrunde! Und mit einem verstohlenen Blick auf sie fuhr er mit seinem Frühstück fort.

June ging früh aus und lief in der Hitze ruhelos umher. Ihre leichte kleine Gestalt, die in letzter Zeit so matt gewesen war, war lauter Feuer. Sie kaufte sich Blumen. Sie wollte – sie nahm sich vor, so gut auszusehen wie möglich. Er würde dort sein! Sie wusste ja, dass er eingeladen war. Sie wollte ihm zeigen, dass ihr alles einerlei war. Aber tief im Herzen fasste sie den Entschluss, ihn zurückzugewinnen. Sie kam aufgeregt zurück und sprach lebhaft beim Mittagessen, und der alte Jolyon ließ sich dadurch täuschen.

Am Nachmittag verfiel sie in einen verzweifelten Weinkrampf. Sie erstickte das Geräusch in den Kissen ihres Bettes, aber als es vorüber war, sah sie im Spiegel ein geschwollenes Gesicht mit roten Augen und violetten Ringen. Sie blieb bis zur Essenszeit in dem verdunkelten Zimmer.

Während der ganzen schweigsamen Mahlzeit kämpfte sie mit sich. Sie sah so schattenhaft und erschöpft aus, dass der alte Jolyon ›Sankey‹ gebot, den Wagen abzubestellen, er wollte sie nicht fort lassen. Sie sollte zu Bett gehen! Sie leistete keinen Widerstand, ging in ihr Zimmer hinauf und blieb im Dunkeln. Um zehn Uhr klingelte sie nach ihrem Mädchen.

»Bringen Sie mir heißes Wasser und sagen Sie Mr Forsyte, dass ich mich vollkommen ausgeruht fühle. Sagen Sie ihm auch, wenn er zu müde wäre, könnte ich allein auf den Ball gehen.«

Das Mädchen sah sie misstrauisch an, und June wandte sich gebieterisch um. »Gehen Sie«, sagte sie, »und bringen Sie das Wasser gleich!«

Ihr Ballkleid lag noch auf dem Sofa, und in wilder Hast kleidete sie sich sorgfältig an, nahm die Blumen in die Hand und ging hinunter, das kleine Gesichtchen hocherhoben unter der Last ihres Haares. Im Vorbeigehen konnte sie den alten Jolyon in seinem Zimmer hören.

Bestürzt und ärgerlich kleidete er sich an. Es war nach zehn, vor elf konnten sie nicht dort sein; das Mädchen war toll. Aber er wagte es nicht, ihm zu widersprechen – denn der Ausdruck seines Gesichts bei Tisch verfolgte ihn.

Mit großen Ebenholzbürsten glättete er sein Haar, bis es unter dem Licht wie Silber glänzte; dann kam er ebenfalls auf die dunkle Treppe hinaus.

June erwartete ihn unten, und ohne ein Wort gingen sie an den Wagen.

Als sie nach der Fahrt, die eine Ewigkeit zu währen schien, Rogers Saal betraten, verbarg sie all ihre quälende Unruhe und Erregung unter einer Maske von Entschlossenheit. Das Gefühl der Scham wegen des ›Nachlaufens‹, wie es genannt werden könnte, wurde durch die Furcht erstickt, ihn vielleicht nicht hier zu finden, ihn trotz allem vielleicht doch nicht zu sehen, und ebenso durch den eigensinnigen Entschluss, ihn – sie wusste noch nicht wie – zurückzugewinnen.

Der Anblick des Ballsaals mit seinem glänzenden Fußboden erweckte ein Gefühl der Lust und des Triumphs in ihr, denn sie liebte den Tanz, und schwebte, wenn sie tanzte, so leicht, wie ein behänder, wirbeliger kleiner Geist dahin. Er würde sie sicherlich zum Tanzen auffordern, und wenn er mit ihr tanzte, würde alles sein wie eh. Sie schaute sich eifrig um.

Allein der Anblick Bosinneys mit diesem seltsamen Ausdruck äußerster Versunkenheit in seinem Gesicht, als er mit Irene aus dem Wintergarten kam, traf sie zu plötzlich. Sie hatten nichts gesehen – und niemand, nicht einmal ihr Großvater sollte – ihren Kummer sehen.

Sie legte die Hand auf des alten Jolyon Arm und sagte leise:

»Ich muss nach Hause, Großväterchen, mir ist nicht wohl.«

Er eilte mit ihr fort, und brummte für sich selbst, dass er gewusst habe, wie es kommen werde.

Ihr sagte er nichts; erst als sie wieder im Wagen saßen, der durch einen glücklichen Zufall in der Nähe der Tür geblieben war, fragte er sie: »Was fehlt dir, Liebling?«

Als er ihren ganzen zarten Körper von Schluchzen geschüttelt sah, war er furchtbar erschrocken. Sie müsse Blank morgen rufen lassen, darauf würde er bestehen. Er könne sie nicht so sehen …

June unterdrückte ihr Schluchzen, drückte fieberhaft seine Hand und lehnte sich, das Gesicht in ihren Schal gehüllt, in ihre Ecke.

Er konnte nur ihre Augen sehen, die unverwandt ins Dunkel starrten, aber er hörte nicht auf, ihre Hand mit seinen dünnen Fingern zu streicheln.

Neuntes Kapitel

Der Abend in Richmond

Auch andere als Junes und Soames’ Augen hatten ›jene beiden‹ (wie Euphemia sie bereits zu nennen begann) aus dem Wintergarten kommen sehen, und andere Augen hatten auch den Ausdruck in Bosinneys Gesicht bemerkt.

Es gibt Momente, wo die Natur eine Leidenschaft offenbart, die sich sonst unter der sorglosen Ruhe ihrer gewöhnlichen Stimmungen verbirgt – ein plötzlicher Frühling, der weiß auf Mandelblüten durch die purpurnen Wolken blitzt; ein verschneiter mondheller Gipfel mit einem einzigen Stern droben im sehnsüchtigen Blau des Himmels; oder gegen die Flammen des Abendrots eine alte Eibe, die als finstere Hüterin eines feurigen Geheimnisses dasteht.

Es gibt auch Momente, wo in einer Bildergalerie ein Werk, das vom zufälligen Beobachter als ›*** Tizian – besonders bemerkenswert‹ bezeichnet wird, den Widerstand eines Forsyte durchbricht, der vielleicht besser zu Mittag gegessen hat als seine Mitmenschen, und ihn in einer Art von Ekstase gefangen hält. Hier sind Dinge, fühlt er – Dinge, die – die eben Dinge sind. Etwas Unüberlegtes, Unvernünftiges überkommt ihn; wenn er versucht, es mit der Gründlichkeit des praktischen Mannes zu erklären, entgleitet, entschlüpft es ihm, wie die Glut des Weines, den er getrunken hat, sich verliert, und ihn verstimmt zurücklässt und an seine Leber erinnert. Er fühlt, dass er extravagant gewesen ist, dass er etwas verschwendet hat; seine Kraft hat ihn verlassen. Er wünschte nichts von dem zu sehen, was die drei Sternchen seines Katalogs verhießen. Gott bewahre ihn davor, etwas von den Kräften der Natur zu wissen! Gott bewahre ihn davor, einen Augenblick zuzugeben, dass so etwas existiert! Gab er das einmal zu, wohin führte es dann? Man bezahlte einen Shilling für den Eintritt und einen zweiten für den Katalog.

Der Blick, den June und andere Forsytes gesehen hatten, war wie das plötzliche Aufblitzen einer Kerze durch das Loch eines imaginären Vorhangs, hinter dem sie sich bewegte – schattenhaft und lockend, wie das plötzliche Aufflammen eines vagen irrenden Scheines. Es gab den Zuschauern die Gewissheit, dass drohende Mächte an der Arbeit waren. Für einen Augenblick gewährte es ihnen Vergnügen und Interesse, dann aber hatten sie das Gefühl, es gar nicht bemerken zu dürfen.

Es erklärte jedoch die Ursache von Junes spätem Kommen und Verschwinden, ohne zu tanzen, ohne selbst ihren Verlobten begrüßt zu haben. Sie sei krank, hieß es, und das war kein Wunder.

Aber schuldbewusst blickten sie einander an. Sie wollten keinen Skandal verbreiten, wollten nicht boshaft sein. Wer wollte das wohl? Und es wurde Außenstehenden gegenüber kein Wort davon verraten, ein ungeschriebenes Gesetz unter ihnen hieß sie schweigen.

Dann kam die Nachricht, dass June mit dem alten Jolyon an die See gefahren war.

Er hatte sie nach Broadstairs gebracht, das jetzt in Mode kam, nachdem Yarmouth, trotz Nicholas, an Ansehen verloren hatte, und kein Forsyte ging ohne die Überzeugung an die See, für sein Geld eine Luft zu erhalten, die seine Galle in einer Woche krank machen musste. Die verhängnisvolle aristokratische Neigung des ersten Forsyte, Madeira zu trinken, hatte seine Nachkommen offenbar anfällig gemacht.

June ging also an die See. Die Familie wartete Entwicklungen ab; sonst war nichts weiter zu tun.

Aber wie weit – wie weit waren ›jene beiden‹ gegangen? Wie weit würden sie noch gehen? Ging wirklich überhaupt etwas vor? Es konnte sicherlich nichts daraus werden, denn sie hatten beide kein Geld. Höchstens ein Flirt, der wie all solche Beziehungen zu rechter Zeit ein Ende nehmen sollte.

Soames’ Schwester, Winifred Dartie, die mit der Luft von Mayfair, wo sie wohnte, modernere Grundsätze in Bezug auf eheliches Verhalten eingesogen hatte, als, zum Beispiel, in Ladbroke Grove üblich waren, lachte bei der Idee, dass etwas daran sein sollte. Das ›kleine Ding‹ – Irene war größer als sie selbst, und es war ein wesentliches Zeugnis für den soliden Wert einer Forsyte, dass sie immer so ein ›kleines Ding‹ bleiben würde –, das kleine Ding langweile sich. Warum solle sie sich nicht amüsieren? Soames sei ziemlich langweilig, und was Mr Bosinney anbetraf – nur dieser Hanswurst George könne ihn den ›Bukanier‹ genannt haben – sie blieb dabei, dass er sehr ›chic‹ sei.

Dieser Ausspruch – dass Mr Bosinney ›chic‹ sei – verursachte förmlich Aufsehen, doch er wirkte nicht überzeugend. Dass er ›einigermaßen gut aussah‹, waren sie bereit zuzugeben, aber dass man einen Mann mit so ausgesprochen vorstehenden Backenknochen, den merkwürdigen Augen und weichen Filzhüten ›chic‹ nennen konnte, war nur ein weiteres Beispiel für Winifreds extravagante Art, allem Neuen nachzulaufen.

Es war in jenem denkwürdigen Sommer, wo Extravaganz an der Tagesordnung war, wo selbst die Erde extravagant war, wo die Kastanien voller Blüten, die Blumen von Duft getränkt waren, wie nie zuvor; wo Rosen in jedem Garten blühten und die Nächte kaum Raum genug für das Gewimmel der Sterne hatten; wo jeden Tag von früh bis spät die Sonne in voller Rüstung ihren ehernen Schild über dem Park schwang, und die Menschen so sonderbare Dinge taten, wie ihr Mittagessen und Abendbrot im Freien einzunehmen. Unerhört war die Zahl der Droschken und Wagen, die über die Brücken des schimmernden Flusses strömten und die obere Mittelklasse zu Tausenden in die grüne Pracht von Bushey, Richmond, Kew und Hampton Court hinaustrugen. Beinahe jede Familie mit dem Anspruch, zur Equipagen-Klasse gerechnet zu werden, sah sich einmal in diesem Jahre die Rosskastanien in Bushey an oder unternahm eine Spazierfahrt unter den spanischen Kastanien im Richmond Park. Gemächlich, wenn auch in einer Wolke von Staub, die sie selber aufwirbelten, rollten sie dahin und starrten vornehm auf die ragenden Geweihe großer träger Hirsche im Adlerfarndickicht, der Herbstliebhabern eine Decke versprach, wie man sie nie zuvor gesehen hatte. Und dann und wann, wenn der zärtliche Duft der Kastanienblüten und des Farns ganz nahe herüberwehte, sagte wohl einer zum anderen: »Gott! Was für ein sonderbarer Geruch!«

Und die Lindenblüten waren in diesem Jahr von seltener Pracht, beinahe honigfarben. An den Ecken der Londoner Squares strömten sie einen Duft aus, wenn die Sonne unterging, der süßer war als der Honig, den die Bienen daraus gesogen hatten – einen Duft, der ein namenloses Sehnen in den Herzen der Forsytes und ihresgleichen erweckte, wenn sie die Kühle nach dem Essen im Bereich jener Gärten genossen, zu denen sie allein die Schlüssel besaßen.

Und diese Sehnsucht trieb sie, im sinkenden Licht des Tages inmitten der vage dämmernden Blumenbeete zu weilen, trieb sie, sich wieder und immer wieder umzuschauen, als warte ein Liebhaber auf sie – warte, das letzte Licht unter dem Schatten der Zweige verlöschen zu sehen.

Ein vages, durch den Duft der Linden erwecktes Mitgefühl, der schwesterliche Wunsch, sich selbst zu überzeugen, der Gedanke, die Wahrheit ihres Ausspruchs, dass ›nichts daran sei‹, zu beweisen, oder einfach nur das Verlangen, nach Richmond zu fahren, dem man in diesem Sommer nicht widerstehen konnte, veranlasste die Mutter der kleinen Darties (Publius, Imogen, Maud und Benedict), den folgenden Brief an ihre Schwägerin zu schreiben.

30. Juni

Liebe Irene,

ich höre, dass Soames morgen über Nacht in Henley bleibt. Wäre es nicht lustig, wenn wir uns in einer kleinen Gesellschaft aufmachten und nach Richmond führen. Willst Du Mr Bosinney bitten, so bringe ich den jungen Flippard mit.

Emily (sie nannten ihre Mutter beim Vornamen – es war so ›chic‹) will uns den Wagen leihen. Ich werde Dich und Deinen Herrn um sieben Uhr abholen.

Deine Dich liebende Schwester

Winifred Dartie.

Montague hält das Essen in ›Crown and Sceptre‹ für ganz schmackhaft.

Montague war Darties zweiter und bekannterer Name – der erste war Moses –, denn er war nichts, wenn nicht ein Mann von Welt.

Die Vorsehung setzte ihrem Plan mehr Widerstand entgegen, als ein so wohlwollendes Unternehmen verdiente. Erstens antwortete der junge Flippard:

Liebe Mrs Dartie,

tut mir schrecklich leid. Zu beschäftigt.

Ihr

Augustus Flippard.

Es war zu spät herumzuschicken, um dieses Missgeschick zu beseitigen. Mit der Entschlossenheit und Taktik einer Mutter kam Winifred auf ihren Mann zurück. Sie hatte ganz das entschiedene, aber tolerante Temperament, das zu einem markanten Profil, blondem Haar und grünlichen Augen passt. Sie kam selten oder nie in Verlegenheit; oder wenn es geschah, verstand sie es, dies immer in einen Vorteil umzuwandeln.

Auch Dartie war in bester Laune. Erotic hatte den Lancashire Cup nicht gewonnen. Dies berühmte Tier, obendrein noch Eigentum einer der Säulen des Rennplatzes, der heimlich viele Tausende gegen ihn gesetzt hatte, war nicht einmal gestartet. Die achtundvierzig Stunden, die dieser Schlappe folgten, gehörten zu den dunkelsten in Darties Leben.

Visionen von James suchten ihn Tag und Nacht heim. Schwarze Gedanken über Soames mischten sich mit leisester Hoffnung. Am Freitagabend war er so angegriffen, dass er sich betrank. Doch am Samstagmorgen triumphierte der echte Börseninstinkt in ihm. Mit ein paar hundert Pfund, die er unmöglich hätte zurückzahlen können, ging er in die Stadt und setzte alles auf Concertina im Saltown Borough Handicap.

Wie er zu Major Scrotton sagte, mit dem er im Iseeum zu Mittag aß, hatte ›der kleine Judenjunge, Nathans, ihm den Tipp gegeben‹. Ihm sei alles ganz einerlei. Sollte er knausern – ein Geizhals sein? Kam er nicht heraus – nun ja, dann zum Teufel, musste der Alte eben zahlen!

Eine Flasche Pol Roger auf eigene Rechnung hatte ihm neue Verachtung für James eingeflößt.

Er kam heraus. Concertina überstreckte den Hals durchs Finale – ein furchtbarer Schrei! Aber wie Dartie sagte: Es ging nichts über Mut!

Er war dem Ausflug nach Richmond durchaus nicht abgeneigt, wollte sogar selbst alles ›bestreiten‹. Er hegte große Bewunderung für Irene und wünschte, enger mit ihr zu werden.

Um halb sechs kam der Diener von Park Lane mit der Botschaft herüber, dass es Mrs Forsyte sehr leidtue, aber eines der Pferde huste. Unverzagt trotz dieses neuen Schlags schickte Winifred den kleinen (jetzt siebenjährigen) Publius sogleich mit der Gouvernante zu Montpellier Square.

Sie müssten in Droschken hinfahren und sich um 19:45 Uhr beim ›Crown and Sceptre‹ treffen.

Dartie war sehr zufrieden damit. Es sei angenehmer, als mit dem Rücken zu den Pferden zu sitzen! Er hatte nichts dagegen, mit Irene hinauszufahren. Sie sollten die anderen in Montpellier Square wohl abholen und dort die Droschken tauschen?

Bei dem Bescheid, dass sie sich zum ›Crown and Sceptre‹ treffen würden und er mit seiner Frau fahren sollte, war er verdrießlich und fand es verd – – t öde!

Um sieben Uhr brachen sie auf, und Dartie wollte mit dem Kutscher um eine halbe Krone wetten, dass er es in einer Dreiviertelstunde nicht machen könne.

Zweimal nur wechselten die Gatten unterwegs Bemerkungen.

Dartie sagte: »Der gute Soames wird seinen Ohren nicht trauen, wenn er hört, dass seine Frau mit Mr Bosinney in einer Droschke ausgefahren ist!«

Winifred erwiderte: »Rede nicht solchen Unsinn, Monty!«

»Unsinn!«, wiederholte Dartie. »Du kennst die Frauen nicht, meine feine Lady!«

Bei der zweiten Gelegenheit fragte er nur: »Wie sehe ich aus? Ein bisschen aufgedunsen wohl? Dieser Champagner, den George so liebt, ist ein windiger Wein.«

Er hatte mit George Forsyte im ›Haversnake‹ zu Mittag gegessen.

Bosinney und Irene waren vor ihnen angekommen. Sie standen in einer der großen Glastüren, die auf den Fluss hinausgingen.

In diesem Sommer standen die Fenster den ganzen Tag hindurch offen und auch die ganze Nacht, und Tag und Nacht kam der Duft von Blumen und Bäumen, der heiße Geruch des dürren Grases und der kühle Hauch des schweren Taus herein.

Für das Auge des beobachtenden Dartie schienen seine beiden Gäste nicht gerade sehr aufgelegt, wie sie dort, ohne ein Wort zu sprechen, dicht nebeneinanderstanden. Bosinney sah aus wie ein Hungernder – mit dem war nicht viel los!

Er überließ sie jedoch Winifred und übernahm es, das Dinner zu bestellen.

Ein Forsyte verlangt gutes, wenn auch nicht feines Essen, aber ein Dartie wird alle Hilfsmittel eines ›Crown and Sceptre‹ aufbieten. Wer von der Hand in den Mund lebe, wie er, finde nichts zu gut für seinen Gaumen; und er esse nur das Beste. Auch seine Getränke müssten sorgfältig gewählt sein; es gebe viele Getränke in diesem Lande, die für einen Dartie ›nicht gut genug‹ seien, er müsse die allerbesten haben. Da er nichts aus der eigenen Tasche bezahlte, lag kein Grund für ihn vor, sich einzuschränken. Einschränkung sei das Kennzeichen eines Narren, nicht eines Dartie.

Das Beste von allem! Es gibt keinen gesünderen Grundsatz, nach dem ein Mann sein Leben aufbauen kann, der einen Schwiegervater mit einem beträchtlichen Einkommen und einer besonderen Vorliebe für seine Enkel hat.

Mit seinem nicht unkundigen Blick hatte Dartie diese Schwäche bei James bereits im ersten Jahr nach der Ankunft des kleinen Publius (ein Versehen) erkannt und sich seine Scharfsichtigkeit zunutze gemacht. Jetzt waren vier kleine Darties eine Art von dauernder Versicherung.

Der Hauptgang des Festmahls war fraglos die rote Meeräsche. Dieser köstliche, in einem Zustand fast vollkommener Konservierung aus weiter Ferne kommende Fisch wurde nach einem nur wenigen auf dieser Erde bekannten Rezept zuerst gebraten, dann entgrätet und in Eis mit Madeirapunsch anstatt einer Sauce serviert.

Nichts anderes verdient Erwähnung außer der Tatsache, dass Dartie die Rechnung beglich.

Er war während der ganzen Mahlzeit sehr liebenswürdig gewesen und hatte nur selten den dreist bewundernden Blick von Irenes Antlitz und Figur gewandt. Wie er sich selbst eingestehen musste, schien es keinerlei Wirkung auf sie auszuüben – sie blieb ganz kühl, so kühl wie ihre Schultern unter dem Schleier der cremefarbenen Spitze. Er hoffte, sie bei einem kleinen Spiel mit Bosinney zu ertappen; aber keine Spur davon, sie hielt die Grenze ausgezeichnet inne. Und dieser Architekt, der Kerl war schwerfällig wie ein verwundeter Bär – Winifred konnte kaum ein Wort aus ihm herauslocken. Er aß nichts, trank aber viel; sein Gesicht wurde immer weißer und die Augen blickten seltsam.

Es war alles sehr unterhaltsam.

Dartie selbst war in ausgezeichneter Stimmung und sprach frei mit einer gewissen Anzüglichkeit, denn er war nicht dumm. Er erzählte zwei oder drei ans Unpassende streifende Geschichten, ein Zugeständnis an die Gesellschaft, denn seine Geschichten pflegten sonst solche Dinge nicht nur zu streifen. Er brachte in einer neckischen Rede Irenes Gesundheit aus, aber keiner stieß mit ihm an, und Winifred sagte: »Sei kein solcher Clown, Monty!«

Auf ihren Vorschlag hin gingen sie nach Tisch auf die öffentliche Terrasse hinaus, von der aus der Fluss zu übersehen war. »Ich möchte gern die Liebespärchen draußen sehen«, sagte sie, »das macht solchen Spaß!«

Eine Menge solcher gingen nach der Hitze des Tages in der Kühle spazieren, und die Luft war erfüllt von Tönen heiserer, lauter oder so leiser Stimmen, als flüsterten sie Geheimnisse.

Es währte nicht lange, so hatte Winifred – sie war die einzige Forsyte unter ihnen – umsichtig eine Bank für sie gesichert. Sie setzten sich in einer Reihe nieder. Ein großer Baum breitete einen mächtigen Baldachin über ihre Köpfe, und langsam verdichtete sich der Nebel über dem Fluss.

Dartie saß am Ende neben Irene, dann Bosinney, und als letzte Winifred. Es war kaum Platz für vier, und der Mann von Welt konnte Irenes Arm fühlen, der an den seinen gedrückt war. Er wusste, dass sie ihn nicht zurückziehen konnte, ohne ungezogen zu scheinen, und das machte ihm Spaß; er ersann jeden Augenblick eine Bewegung, die sie ihm noch näher brachte, und dachte: ›Dieser Narr von einem Bukanier soll sie nicht ganz für sich allein haben! Recht eng alles, allerdings!‹

Weither von dem dunklen Fluss herauf kam der Klang einer Mandoline und von Stimmen, die die alte Weise sangen:

Ein Kahn, ein Kahn, zur Fähre,

wir steigen ein, sind froh und lachen,

und trinken braunen Sherry!34

Und plötzlich erschien der Mond, kam jung und zart, langsam hinter einem Baum hervor. Und als ginge von ihm ein Atem aus, wurde die Luft kühler, aber immer noch drang der warme Duft der Linden durch diese Kühle.

Über seine Zigarre hinweg schielte Dartie nach Bosinney herüber, der mit gekreuzten Armen dasaß und gerade vor sich hinstarrte; sein Gesicht hatte den Ausdruck eines Gefolterten.

Dann warf Dartie schnell einen Blick auf das Gesicht zwischen ihnen. Es war von dem sich herabsenkenden Schatten so verhüllt, dass es sanft, geheimnisvoll, lockend wie ein dunkleres Stück der Dunkelheit erschien, die Gestalt und Leben angenommen hatte.

Ein Schweigen herrschte jetzt auf der geräuschvollen Terrasse, als hielten alle, die dort wandelten, ihre Geheimnisse für zu kostbar, um sie auszusprechen.

Dartie dachte: ›Frauen!‹

Die Abendglut erlosch über dem Fluss, der Gesang verstummte; der junge Mond verbarg sich hinter einem Baum, und alles wurde dunkel. Er presste sich an Irene.

Ihn erschreckte der Schauder nicht, der ihre Glieder überlief, als er sie berührte, auch der verstörte, verächtliche Blick ihrer Augen nicht. Er fühlte ihren Versuch, sich ihm zu entziehen, und lächelte.

Allerdings hatte der Mann von Welt mehr getrunken, als gut für ihn war.

Mit den dicken, halbgeöffneten Lippen unter seinem wohlgeschwungenen Schnurrbart und den frechen Augen, die von der Seite auf sie blickten, hatte er den tückischen Ausdruck eines Satyrs.

Auf der Himmelsbahn zwischen den Gruppen der Baumwipfel drängte sich Stern an Stern; wie Sterbliche hienieden schienen sie zu schwärmen, sich zu bewegen und zu wispern. Dann brach der Lärm auf der Terrasse aufs Neue los, und Dartie dachte: ›Ah, was für ein armer hungriger Teufel ist dieser Bosinney!‹, und presste sich wieder an Irene.

Die Bewegung hätte besseren Erfolg verdient. Sie stand auf, und alle folgten ihrem Beispiel.

Der Mann von Welt war fester denn je entschlossen zu sehen, aus was für Stoff sie gemacht war. Die Terrasse entlang hielt er sich dicht an ihrer Seite. Er war des guten Weines voll. Nun kam die lange Heimfahrt, die lange Fahrt, das warme Dunkel und die angenehme Enge des Wagens mit der Abgeschlossenheit von aller Welt, erdacht von einem großen und guten Manne. Der hungrige Laffe von Architekt konnte mit seiner Frau fahren – er wünschte ihm viel Vergnügen mit ihr! Und sich wohl bewusst, dass seine Stimme nicht ganz sicher klang, war er so vorsichtig, nicht zu sprechen; aber ein Lächeln hatte sich auf seinen dicken Lippen festgesetzt.

Sie liefen auf die andere Seite, wo ihre Droschken sie erwarteten. Sein Plan hatte den Vorzug aller großen Pläne, eine fast brutale Einfachheit – er wollte nur an ihrer Seite bleiben, bis sie einstieg, und schnell hinter ihr einsteigen.

Aber als Irene an ihre Droschke kam, stieg sie nicht ein, sondern schlüpfte stattdessen nach vorn zu dem Pferde. Dartie war im Augenblick nicht genügend Herr seiner Beine, um ihr folgen zu können. Sie streichelte die Nase des Pferdes, und zu seinem Ärger war Bosinney zuerst neben ihr. Sie drehte sich um und sprach mit leiser Stimme schnell zu ihm; die Worte ›dieser Mann‹ fing Dartie auf. Er blieb hartnäckig am Wagentritt stehen und wartete auf sie. Er kannte einen Trick, der zwei dieser wert war!

Hier im Laternenlicht mit seiner wohlgestalteten (nicht mehr als mittelgroßen) Figur, in der weißen Weste, den hellen Überzieher über den Arm geworfen, eine rosa Blume im Knopfloch und der Ausdruck von selbstsicherem, fröhlichem Übermut in dem dunklen Gesicht, kam er am besten zur Geltung – war er durch und durch ein Mann von Welt.

Winifred war bereits in ihrer Droschke. Dartie überlegte, dass Bosinney ein armseliges Vergnügen darin haben werde, wenn er nicht aufpasse! Plötzlich erhielt er einen Stoß, der ihn beinah zu Boden warf. Bosinneys Stimme zischte ihm ins Ohr: »Ich fahre mit Irene zurück, verstehen Sie?« Er sah ein Gesicht, weiß vor Leidenschaft, und Augen, die ihn anfunkelten wie die einer wilden Katze.

»Hä?«, stammelte er. »Wie? Keine Spur! Sie fahren mit meiner Frau!«

»Fort!«, zischte Bosinney. »Oder ich werfe Sie auf die Straße!«

Dartie trat zurück; er sah deutlich, dass der Kerl es ernst meinte. Irene schlüpfte an ihm vorbei, und ihr Kleid streifte seine Beine. Bosinney stieg hinter ihr ein.

»Fahren Sie!«, hörte er den Bukanier rufen. Der Kutscher trieb das Pferd an, und es griff aus.

Dartie stand einen Augenblick betäubt, dann stürzte er zu der Droschke, in der seine Frau saß, und kletterte hinein.

»Fahren Sie los!«, schrie er dem Kutscher zu. »Und verlieren Sie ja nicht den Kerl da vor uns aus den Augen!«

Als er neben seiner Frau saß, begann er zu fluchen. Schließlich beruhigte er sich mit äußerster Anstrengung und sagte: »Da hast du was Schönes angerichtet, dass du den Bukanier mit ihr nach Hause fahren lässt; warum in aller Welt konntest du ihn nicht festhalten? Er ist toll vor Liebe; jeder Narr kann das sehen!«

Er übertäubte Winifreds Erwiderungen mit neuen Anrufen des Allmächtigen und hörte auf dem ganzen Wege nicht auf mit seiner Jeremiade, in der er sie, ihren Vater, ihren Bruder, Irene, Bosinney, den Namen Forsyte, seine eigenen Kinder schmähte und den Tag verfluchte, an dem er geheiratet hatte.

Als Frau von starkem Charakter ließ Winifred ihn gewähren, worauf er endlich in verdrossenes Schweigen versank. Er wandte den zornigen Blick nicht von der Rückseite der Droschke, die wie ein verlorenes Glück in der Dunkelheit vor ihm spukte.

Glücklicherweise konnte er Bosinneys leidenschaftliche Bitten nicht hören – Bitten, die das Benehmen des Mannes von Welt zum Überfließen gebracht hatten, gleich einer Flut. Er konnte Irenes Erschauern nicht sehen, als wäre sie eines ihrer Kleidungsstücke beraubt, noch ihre Augen, dunkel und traurig, wie die Augen eines geschlagenen Kindes. Er konnte nicht hören, wie Bosinney unaufhörlich inständig bat und bat; konnte ihr plötzliches leises Weinen nicht hören, noch sehen, wie der arme hungrig blickende Teufel verschüchtert und zitternd ihre Hand demütig berührte.

Am Montpellier Square fuhr ihr Kutscher, den Weisungen genau folgend, getreulich hinter der Droschke vor ihnen her. Die Darties sahen Bosinney herausspringen, dann Irene ihm folgen und mit gesenktem Kopf die Stufen hocheilen. Sie hatte offenbar ihren Schlüssel in der Hand, denn sie verschwand sogleich. Es war unmöglich zu sagen, ob sie sich umgewandt hatte, um mit Bosinney zu sprechen oder nicht.

Dieser ging an ihrer Droschke vorüber; beide Gatten konnten sein Gesicht im Licht einer Straßenlaterne deutlich sehen. Es kämpfte mit einer heftigen Bewegung.

»Gute Nacht, Mr Bosinney!«, rief Winifred.

Bosinney stutzte, riss seinen Hut herunter und eilte davon. Er hatte ihre Existenz offenbar vergessen.

»Da!«, sagte Dartie. »Hast du das Gesicht der Bestie gesehen? Was habe ich gesagt? Schöne Spielchen!« Er machte sich die Gelegenheit zunutze.

So sicher war es zu einer Krisis in der Droschke gekommen, dass Winifred nicht imstande war, ihre Theorie zu verteidigen.

»Ich werde nicht darüber sprechen«, sagte sie. »Es hat doch keinen Zweck, viel Wesens davon zu machen!«

Mit dieser Anschauung stimmte Dartie ganz überein. Da er James als Privatdomäne betrachtete, war er durchaus dagegen, dass er durch die Nöte anderer beunruhigt wurde.

»Sehr richtig«, sagte er, »mag Soames selber aufpassen. Er hat ganz das Zeug dazu!«

Damit betraten die Darties ihr Haus in Green Street, deren Miete James bezahlte, und suchten die wohlverdiente Ruhe. Es war Mitternacht, und kein Forsyte blieb draußen in den Straßen, um Bosinneys Streifzüge auszuspähen, ihn zurückkehren zu sehen, am Gitter des Square Gartens, fern vom Licht der Straßenlaternen im Schatten der Bäume stehen und das Haus anstarren zu sehen, wo sie im Dunkeln verborgen war, die für einen einzigen Augenblick zu sehen er die Welt gegeben hätte – sie, die für ihn jetzt der Hauch der Linden, der Inbegriff von Licht und Dunkel, der Schlag seines eigenen Herzens selber war.

Zehntes Kapitel

Diagnose eines Forsyte

Es liegt in der Natur eines Forsyte, nicht zu wissen, dass er ein Forsyte ist; aber der junge Jolyon war sich wohl bewusst, einer zu sein. Er war sich bis nach dem entscheidenden Schritt, der ihn zu einem Außenseiter gemacht hatte, nicht klar darüber geworden; doch seitdem hatte ihn das Bewusstsein davon nicht wieder verlassen. Er fühlte es bei seiner Vermählung, bei all seinem Tun und seiner zweiten Frau gegenüber, die wohlgemerkt keine Forsyte war.

Er wusste, dass, wenn er keinen so offenen Blick für das gehabt hätte, was er wollte, und nicht die Beharrlichkeit besessen hätte, daran festzuhalten, wenn er die Torheit zu verschwenden, wofür er einen so hohen Preis gezahlt hatte, nicht erkannt hätte – mit anderen Worten, wenn er den ›Sinn für Eigentum‹ nicht gehabt hätte –, er sie bei all den finanziellen Sorgen, üblen Nachreden und Missverständnissen dieser fünfzehn Jahre nie hätte bei sich behalten können (vielleicht nie den Wunsch gehabt hätte, sie bei sich zu behalten); dass er sie nie dazu bewegt haben würde, ihn nach dem Tode seiner ersten Frau zu heiraten; dass er dies alles nie hätte durchmachen und sich nie, zwar dürftig, aber lächelnd, wieder hätte emporhelfen können.

Er gehörte zu jenen Menschen, die mit kreuzweise untergeschlagenen Beinen gleich chinesischen Miniaturgötzen im Gehäuse ihres eigenen Herzens sitzen, und ewig zweifelnd über sich selbst lächeln. Doch dieses beständige, so vertraute Lächeln widersprach nicht etwa seinen Handlungen, die wie sein Kinn und sein Temperament ein ganz sonderbares Gemisch aus Sanftmut und Entschiedenheit waren.

Er war sich auch voll bewusst, in seiner Arbeit ein Forsyte zu sein, in diesem Malen von Aquarellen, worauf er zu seinem eigenen Erstaunen so viel Energie verwandte, denn ihm war, als könne er ein so unpraktisches Tun nicht völlig ernst nehmen, und es beunruhigte ihn immer seltsam, dass er nicht mehr damit verdienen konnte.

Und dieses Bewusstsein, was es bedeutete, ein Forsyte zu sein, veranlasste ihn darum auch, den folgenden Brief des alten Jolyon mit einer Mischung aus Sympathie und Entrüstung zu empfangen:

Sheldrake House,

Broadstairs.

1. Juli

Mein lieber Jo,

(des Vaters Handschrift hatte sich in diesen dreißig Jahren, seit er sich ihrer erinnerte, nur sehr wenig verändert)

wir sind jetzt seit vierzehn Tagen hier und haben im Ganzen gutes Wetter gehabt. Die Luft ist stärkend, aber meine Leber ist nicht in Ordnung, und ich werde froh sein, in die Stadt zurückzukehren. Von June kann ich nicht viel sagen; mit ihrer Gesundheit und Stimmung geht es nicht sonderlich, und ich weiß nicht, was daraus werden soll. Sie sagt nichts, aber man merkt, dass diese Verlobung sie fortwährend beschäftigt, die eine Verlobung ist und doch wieder keine oder – weiß der liebe Himmel, was sie ist. Ich zweifle ernstlich, ob man sie unter den jetzigen Verhältnissen wieder nach London zurücklassen soll, aber sie ist so eigenwillig, dass es ihr jeden Augenblick einfallen könnte hinzufahren. Eigentlich müsste jemand mit Bosinney sprechen und zu erfahren suchen, was er vorhat. Ich selbst fürchte mich davor, denn ich würde ihm sicherlich auf die Finger klopfen, aber ich dachte, dass Du, da Du ihn vom Klub her kennst, ein Wörtchen mit ihm reden und Dich überzeugen könntest, was der Bursche treibt. Du darfst June natürlich in keiner Weise bloßstellen. Es würde mich freuen, im Laufe einiger Tage von Dir zu hören, ob es Dir gelungen ist, eine Auskunft zu erhalten. Die Sachlage bekümmert mich sehr, und es quält mich in den Nächten. Mit Grüßen für Holly und Jolly

Dein treuer Vater

Jolyon Forsyte.

Der junge Jolyon grübelte so lange und ernst über diesem Briefe, dass seine Frau ihn nach der Ursache seiner Nachdenklichkeit fragte. Er erwiderte: »Es ist nichts.«

Es war sein fester Grundsatz, June niemals zu erwähnen. Seine Frau hätte sich beunruhigt fühlen können, und er wusste nicht, wie sie es aufnehmen würde. Er beeilte sich darum, alle Spuren seiner Versunkenheit zu verwischen, war aber darin ebenso erfolgreich, wie sein Vater es gewesen wäre, denn er hatte des alten Jolyon ganze Durchsichtigkeit in Bezug auf Angelegenheiten häuslicher Finesse geerbt. Und die junge Mrs Jolyon ging bei ihren Beschäftigungen im Hause mit festgeschlossenen Lippen umher und warf verstohlen unergründliche Blicke auf ihn.

Am Nachmittag begab er sich mit dem Brief in der Tasche, doch ohne einen Entschluss gefasst zu haben, in den Klub.

Jemand auf ›seine Absichten‹ hin zu prüfen war ihm ganz besonders unangenehm, und seine eigene anomale Lage war nicht geeignet, das Unangenehme zu vermindern. Es sah seiner Familie und all den Leuten, die sie kannten und mit denen sie verkehrten, so ähnlich, ihre Rechte, wie sie es nannten, über jemanden geltend zu machen, ihn an seine Pflicht zu erinnern; es sah ihnen so ähnlich, ihre Geschäftsgrundsätze auf ihre Privatangelegenheiten zu übertragen!

Wie die Phrase in dem Brief – ›Du darfst June natürlich in keiner Weise bloßstellen‹ – die ganze Sache preisgab.

Und doch war der Brief mit dem persönlichen Kummer, der Sorge um June, dem ›auf die Finger klopfen‹ so natürlich. Kein Wunder, dass sein Vater wissen wollte, was Bosinney beabsichtigte, kein Wunder, dass er zornig war.

Es war schwer, es abzuschlagen! Aber warum musste die Sache gerade ihm übertragen werden? Sicherlich war das ganz unpassend; aber solange ein Forsyte erlangte, was er begehrte, war er nicht sonderlich wählerisch in Bezug auf die Mittel, vorausgesetzt, dass der äußere Schein gewahrt blieb.

Wie sollte er davon loskommen oder es abschlagen? Beides schien unmöglich. So, junger Jolyon!

Er traf um drei Uhr im Klub ein, und die erste Person, die er erblickte, war Bosinney selbst, der in einer Ecke saß und aus dem Fenster starrte.

Der junge Jolyon setzte sich nicht weit davon und begann unruhig, über seine Lage nachzudenken. Er blickte heimlich zu Bosinney hinüber, der ahnungslos dort saß. Er kannte ihn nicht sehr gut und studierte ihn aufmerksam vielleicht zum ersten Mal. Ein Mann von ungewöhnlichem Aussehen, den meisten anderen Klubmitgliedern unähnlich in Kleidung, Gesicht und Wesen – der junge Jolyon selbst hatte, so anders er auch von Einstellung und Temperament geworden war, immer die diskrete Vornehmheit eines Forsyte’schen Äußeren beibehalten. Ihm allein von allen Forsytes war Bosinneys Spitzname unbekannt. Der Mann war ungewöhnlich, nicht exzentrisch, aber ungewöhnlich; er sah auch abgezehrt, hager, hohlwangig unter den breiten starken Backenknochen aus, doch ohne jeden Anschein von Kränklichkeit, denn er war stark gebaut und hatte lockiges Haar, das ein Zeugnis für die volle Lebenskraft einer guten Konstitution zu sein schien.

Etwas in seinem Gesicht und seiner Haltung rührte den jungen Jolyon. Er wusste, was Leiden war, und dieser Mann sah aus, als litte er.

Er stand auf und berührte seinen Arm.

Bosinney fuhr auf, verriet aber keine Spur von Verlegenheit, als er sah, wer es war.

Der junge Jolyon setzte sich.

»Ich habe Sie lange nicht gesehen«, sagte er. »Wie weit sind Sie mit meines Cousins Haus?«

»Es wird in einer Woche etwa fertig sein.«

»Ich gratuliere!«

»Danke – ich weiß nicht, ob eine Gratulation hier angebracht ist.«

»Nicht?«, fragte der junge Jolyon. »Ich hätte gedacht, Sie wären froh, eine so lange Geschichte, wie das war, endlich los zu sein; aber Sie betrachten es wahrscheinlich wie ich, wenn ich mich von einem Bilde trenne – als eine Art Kind?«

Er blickte Bosinney freundlich an.

»Ja«, sagte dieser herzlicher, »man schafft es aus sich heraus, und dann ist alles vorbei. Ich wusste nicht, dass Sie malen.«

»Nur Aquarelle; ich kann nicht sagen, dass ich von meiner Arbeit etwas halte.«

»Sie halten nichts davon? Wie können Sie dann arbeiten? Arbeit hat keinen Zweck, wenn man nichts davon hält!«

»Sie haben Recht«, sagte der junge Jolyon, »genau, was ich immer sage. Übrigens, haben Sie bemerkt, dass man stets, wenn man sagt ›Sie haben Recht‹, auch hinzufügt ›genau, was ich immer sage‹! Aber wenn Sie mich fragen, warum ich es tue, erwidere ich, weil ich ein Forsyte bin.«

»Ein Forsyte! Ich habe Sie nie für einen solchen gehalten!«

»Ein Forsyte«, erwiderte der junge Jolyon, »ist kein seltenes Tier. Es gibt Hunderte unter den Mitgliedern dieses Klubs. Hunderte in den Straßen draußen; Sie begegnen ihnen, wo auch immer Sie gehen!«

»Und woran erkennen Sie sie?«, fragte Bosinney.

»An ihrem Sinn für Eigentum. Ein Forsyte schaut die Dinge vom praktischen Standpunkt an – man möchte sagen, mit gesundem Menschenverstand –, und ein praktischer Standpunkt gründet sich im Wesentlichen auf den Sinn für Eigentum. Ein Forsyte, werden Sie bemerken, vermeidet es, sich jemals bloßzustellen.«

»Sie scherzen?«

Des jungen Jolyon Augen blinzelten.

»Oh nein. Da ich selbst ein Forsyte bin, dürfte ich nicht darüber reden. Aber ich bin eine Art Vollblutmischling; in Ihnen aber kann man sich nicht täuschen. Sie sind so verschieden von mir wie ich von meinem Onkel James, der das vollkommene Muster eines Forsyte ist. Sein Sinn für Eigentum ist extrem, während Sie praktisch genommen gar keinen dafür haben. Wäre ich nicht dazwischen, so könnte man Sie für eine ganz andere Spezies halten. Ich bin das fehlende Glied. Wir alle sind natürlich Sklaven des Eigentums, und ich gebe zu, dass es eine Frage des Grades ist, aber ein Mann, den ich einen ›Forsyte‹ nenne, ist es entschieden mehr als weniger. Er weiß, was gut ist, weiß, was sicher ist, und sein Festhalten am Eigentum – ganz gleich, ob es sich um Frauen, Häuser, Geld oder Ansehen handelt – ist seine Zunftmarke.«

»Ah!«, murmelte Bosinney. »Das Wort sollten Sie sich patentieren lassen.«

»Ich würde gern«, sagte der junge Jolyon, »eine Vorlesung darüber halten: Eigenschaften und Sinnesart eines Forsyte. Dieses Tierchen, das sich durch den Spott von seinesgleichen beunruhigt fühlt, lässt das Lachen fremder Wesen (Sie oder ich) in seinen Bewegungen unberührt. Mit seiner angeborenen Anlage zur Kurzsichtigkeit erkennt es nur Personen von seinesgleichen, unter denen es ein Dasein angemessener Gelassenheit verbringt.«

»Sie sprechen von ihnen«, sagte Bosinney, »als ob sie halb England wären.«

»Das sind sie«, wiederholte der junge Jolyon, »halb England, und die bessere Hälfte, die gesicherte Hälfte sogar, die Drei-Prozent-Hälfte, die Hälfte, die zählt. Es ist ihr Reichtum und ihre Sicherheit, die alles möglich machen; die Ihre Kunst, die Literatur, Wissenschaft, selbst Religion möglich machen. Ohne Forsytes, die an nichts von diesen Dingen glauben, sie aber benutzen, wo würden wir alle sein? Werter Sir, die Forsytes sind die Vermittler, die Geschäftsleute, die Pfeiler der Gesellschaft, die Ecksteine der Konvention, alles, was bewundernswert ist!«

»Ich weiß nicht, ob ich Sie ganz verstehe«, sagte Bosinney, »aber ich glaube, in meinem Beruf gibt es eine Menge Forsytes, wie Sie sie nennen.«

»Gewiss«, erwiderte der junge Jolyon. »Die große Mehrzahl der Architekten, Maler oder Schriftsteller hat keine Grundsätze, wie jeder andere Forsyte auch. Kunst, Literatur, Religion können nur dank der wenigen Sonderlinge, die wirklich an solche Dinge glauben, und der vielen Forsytes, die einen kaufmännischen Nutzen daraus ziehen, weiter bestehen. Schlecht gerechnet sind drei Viertel der Mitglieder unserer Royal Academy, sieben Achtel unserer Romanschreiber und ein großer Teil der Presse Forsytes. Von der Wissenschaft kann ich nicht reden; aber sie sind großartig in der Religion vertreten; im Unterhaus vielleicht zahlreicher als sonst wo; die Aristokratie spricht für sich selbst. Aber ich lache nicht darüber. Es ist gefährlich, gegen die Mehrheit – und was für eine Mehrheit – zu gehen!« Er blickte Bosinney fest an. »Es ist gefährlich, sich von irgendetwas hinreißen zu lassen – sei es ein Haus, ein Bild oder – eine Frau!«

Sie blickten einander an. Und als hätte er getan, was kein Forsyte tat – als hätte er sich bloßgestellt, zog sich der junge Jolyon wieder in seine Schale zurück. Bosinney brach das Schweigen.

»Warum nehmen Sie Ihre eigenen Verwandten als Typus?«, fragte er.

»Meine Verwandten«, erwiderte der junge Jolyon, »sind nicht sehr extrem, und sie haben ihre eigenen geheimen Eigentümlichkeiten wie jede andere Familie, aber sie besitzen in bemerkenswertem Maße jene beiden Eigenschaften, die wahre Prüfsteine für einen Forsyte sind – die Kraft, sich niemals einer Sache mit Leib und Seele hinzugeben, und den ›Sinn für Eigentum‹.«

Bosinney lächelte: »Wie steht es zum Beispiel mit dem Dicken?«

»Meinen Sie Swithin?«, fragte Jolyon. »Ah, Swithin hat immer noch etwas Urzeitliches. Das Stadt- und Mittelschichtsleben hat ihn noch nicht ganz verdaut. All die Jahrhunderte von Landwirtschaft und roher Kraft sitzen fest in ihm und bleiben an ihm hängen, trotz all seiner Vornehmheit.«

Bosinney schien nachzudenken. »Ja, Ihre Beschreibung trifft Ihren Cousin Soames aufs Haar«, sagte er plötzlich. »Er wird sich nie eine Kugel durch den Kopf jagen.«

Der junge Jolyon warf einen durchdringenden Blick auf ihn.

»Nein«, sagte er, »das wird er nicht. Darum muss mit ihm gerechnet werden. Hüten Sie sich vor ihrem Griff! Es ist leicht zu lachen, aber missverstehen Sie mich nicht. Man darf einen Forsyte nicht verachten, darf ihn nicht geringschätzen!«

»Und doch haben Sie es selbst getan!«

Des jungen Jolyon Lächeln schwand, als er diesen Hieb entgegennahm.

»Sie vergessen«, sagte er mit sonderbarem Stolz, »dass ich auch hartnäckig sein kann – ich bin selbst ein Forsyte. Wir alle verfügen über eine große Kraft. Wer sich in Gefahr begibt – na, Sie wissen, was ich meine. Ich empfehle«, er sprach jetzt sehr leise, als wäre es eine Drohung, »nicht jedem, meinen – Weg – zu – gehen. Es kommt darauf an –«

Die Röte schoss Bosinney ins Gesicht, wich jedoch bald wieder und ließ es blassbraun wie zuvor. Er stieß ein kurzes Lachen aus, das ein seltsam starres, grimmiges Lächeln auf seinen Lippen zurückließ; seine Augen höhnten den jungen Jolyon.

»Danke«, sagte er. »Es ist verteufelt freundlich von Ihnen. Aber Sie sind nicht der Einzige, der hartnäckig sein kann.« Er erhob sich.

Den Kopf in die Hand gestützt, schaute der junge Jolyon ihm nach und seufzte.

In dem schläfrigen, fast leeren Raum waren das Knittern der Zeitungen und das Kratzen der Streichhölzer, die angezündet wurden, die einzigen Geräusche. Lange Zeit saß er regungslos da und durchlebte noch einmal jene Tage, wo auch er lange Stunden wartend dagesessen und auf die Uhr gesehen hatte, um das Schwinden der Minuten zu beobachten – lange Stunden voll Qual und Ungewissheit, doch auch voll wilden süßen Wehs; und die öde wonnige Seelenpein jener Zeit erwachte mit der alten Heftigkeit in ihm. Der Anblick Bosinneys mit seinem hageren Gesicht und den ruhelosen Augen, die fortwährend auf die Uhr gerichtet waren, hatte ein mit seltsamem, unwiderstehlichem Neid vermischtes Mitleid in ihm erweckt.

Er kannte die Zeichen so gut. Wohin würde es ihn führen – welchem Schicksal entgegen? Welcher Art war die Frau, die ihn mit dieser magnetischen Kraft an sich zog, der gegenüber keine Rücksicht auf Ehre, keine Prinzipien, kein Vorteil ihn zurückzuhalten vermochte, der nur durch die Flucht zu entgehen war.

Flucht! Aber warum sollte Bosinney fliehen? Ein Mann floh, wenn er in Gefahr war, Haus und Herd zu zerstören, wenn Kinder da waren, wenn er fühlte, dass er Ideale zertrat, dass er etwas zerbrach. Aber hier, so hatte er gehört, lag alles zerbrochen vor ihm da.

Er selbst war nicht geflohen, noch würde er fliehen, wenn alles noch einmal geschähe. Und doch war er weiter gegangen als Bosinney, hatte sein eigenes unglückliches Heim zerstört, nicht das eines anderen. Und der alte Spruch: ›Eines Mannes Schicksal liegt in seinem eigenen Herzen‹ kam ihm in Erinnerung.

In seinem eigenen Herzen! Um einen Pudding zu erproben, muss man ihn essen – Bosinney hatte seinen Pudding noch zu essen.

Seine Gedanken wandten sich der Frau zu, die er nicht kannte, deren Geschichte er in ihren Umrissen aber gehört hatte.

Eine unglückliche Ehe! Keine schlechte Behandlung – nur jenes undefinierbare Unbehagen, jene furchtbare Plage, die alle Süßigkeit unter dem Himmel tötet. Und so fort von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, bis der Tod es endet!

Aber der junge Jolyon, dessen Bitterkeit durch die Zeit gemildert war, sah diese Frage auch von Soames’ Seite an. Wo sollte ein Mann wie sein Cousin, mit allen Vorurteilen und Ansichten seiner Klasse durchtränkt, die Einsicht oder Erleuchtung hernehmen, sein Leben zu zerstören? Es war eine Frage der Phantasie, es galt, sich in die Zukunft hineinzuversetzen, sich über das unangenehme Geklatsche, das Spötteln und Geschwätz hinwegzusetzen, das solcher Scheidung folgte, über die furchtbaren Qualen, die der Verzicht auf ihren Anblick verursachte, und über die strenge Missbilligung der Ehrenmänner hinweg. Aber wenige Männer, besonders wenige von Soames’ Klasse, hatten dafür Phantasie genug. So viele Sterbliche in dieser Welt, und nicht Phantasie genug! Und, du lieber Himmel, welch ein Unterschied zwischen Theorie und Praxis; so mancher, vielleicht Soames selbst, hatte ritterliche Anschauungen in solchen Dingen, fand aber, wenn der Schuh ihn selbst drückte, einen besonderen Faktor, der ihn zu einer Ausnahme machte.

Aber dann misstraute er auch seinem Urteil. Er hatte selbst die Erfahrung gemacht, hatte die Bitterkeit einer unglücklichen Ehe bis auf die Neige ausgekostet, wie konnte er da den weiten leidenschaftslosen Blick jener haben, die niemals auch nur den Schall des Schlachtgetümmels vernommen hatten? Sein Urteil kam zu sehr aus erster Hand – wie das Urteil eines Soldaten über militärische Angelegenheiten, der lange im aktiven Dienst gestanden hat, gegenüber dem der Zivilisten, die nicht den Nachteil gehabt haben, die Dinge aus der Nähe zu sehen. Die meisten Leute würden eine Ehe wie die Soames’ und Irenes für ganz erfolgreich halten. Er besaß Geld, sie war schön; es war eben ein Kompromiss. Es war kein Grund vorhanden, weshalb sie nicht so weitertrotten sollten, selbst wenn sie einander hassten. Was schadete es, wenn jeder seinen eigenen Weg ging, solange der Anstand gewahrt wurde, solange die Heiligkeit des Ehebundes, des gemeinsamen Heims geachtet wurde. Beleidige nicht die Gefühle der Gesellschaft, beleidige nicht die Gefühle der Kirche! Nach diesem Satz wurde die Hälfte aller Ehen der oberen Schichten geführt. Das Vermeiden einer Beleidigung von Kirche und Gesellschaft ist das Opfer jeder Privatempfindung wert. Die Vorteile eines festen Heims sind sichtbar, fühlbar, sind wie Teile des Eigentums; es liegt keine Gefahr in dem Status quo. Ein Heim aufzulösen ist im besten Falle ein Experiment, und selbstsüchtig obendrein.

So war es um die Rechtfertigung bestellt, und der junge Jolyon seufzte.

›Der Kern von allem‹, dachte er, ›ist Eigentum, aber es gibt viele Leute, die die Sache nicht so betrachten wollen. Für sie ist er die Heiligkeit des Ehebundes; aber die Heiligkeit des Ehebundes ist abhängig von der Heiligkeit der Familie, und die Heiligkeit der Familie ist abhängig von der Heiligkeit des Eigentums. Und doch stelle ich mir all diese Leute als Nachfolger des Einen vor, der nichts besaß. Es ist sonderbar!‹

Und wieder seufzte der junge Jolyon.

›Werde ich auf meinem Heimweg jeden armen Teufel, den ich treffe, bitten, mein Abendbrot mit mir zu teilen, das dann zu knapp für mich oder jedenfalls für meine Frau wäre, die ich zu meinem Glück und Wohlbehagen brauche? Es mag schließlich sein, dass Soames wohl daran tut, auf seinem Recht zu bestehen und durch sein Tun den geheiligten Grundsatz des Eigentums aufrechtzuerhalten, der uns allen zugute kommt, ausgenommen denjenigen, die – dadurch leiden.‹

Er erhob sich von seinem Sessel, bahnte sich einen Weg durch das Gewirr von Sitzen, nahm seinen Hut und trat im Gedränge der Wagen in den heißen, dunstigen, von Staubgeruch erfüllten Straßen, langsam seinen Heimweg an.

Ehe er jedoch die Wistaria Avenue erreichte, nahm er den Brief des alten Jolyon aus der Tasche, zerriss ihn sorgfältig in winzige Stückchen und streute sie in den Staub der Straße.

Er öffnete selbst mit seinem Schlüssel und rief den Namen seiner Frau. Aber sie war mit Jolly und Holly ausgegangen, und das Haus war leer; nur im Garten lag der Hund Balthasar im Schatten und schnappte nach Fliegen.

Und der junge Jolyon setzte sich ebenfalls dort unter den Birnbaum, der keine Früchte trug.

Elftes Kapitel

Bosinney auf Bewährung

Am Tage nach dem Abend in Richmond kehrte Soames mit einem Morgenzug von Henley zurück. Da er sich für keinerlei Land- oder Wassersport interessierte, war sein Besuch, zu dem ihn ein Mandant von einiger Bedeutung eingeladen hatte, eher ein Geschäft als ein Vergnügen gewesen.

Er begab sich direkt in die City, als er aber nur Unwichtiges vorfand, ging er, froh über die Gelegenheit, ruhig nach Hause zu können, um drei Uhr wieder fort. Irene erwartete ihn nicht. Zwar hatte er nicht den Wunsch, ihr Tun auszuspionieren, aber es schadete nicht, den Schauplatz so unvermutet zu übersehen.

Nachdem er den Anzug gewechselt hatte, ging er in den Salon. Sie saß müßig in einer Sofaecke, ihrem Lieblingsplatz, und er sah Ränder unter den Augen, als hätte sie nicht geschlafen.

»Wie kommt es, dass du hier bist?«, fragte er. »Erwartest du jemanden?«

»Ja, – das heißt, nicht ausdrücklich.«

»Wen?«

»Mr Bosinney sagte, er würde vielleicht kommen.«

»Bosinney. Er sollte bei der Arbeit sein.«

Hierauf gab sie keine Antwort.

»Übrigens möchte ich dich bitten, mit mir ins Kaufhaus zu kommen«, sagte Soames, »und dann könnten wir in den Park.«

»Ich möchte nicht ausgehen; ich habe Kopfweh.«

Soames erwiderte: »Wann auch immer ich dich um etwas bitte, hast du stets Kopfweh. Es wird dir guttun, mitzukommen und draußen unter den Bäumen zu sitzen.«

Sie antwortete nicht.

Soames schwieg einige Minuten; schließlich sagte er: »Ich weiß nicht, was für eine Vorstellung du von den Pflichten einer Frau hast. Habe es nie gewusst!«

Er hatte nicht erwartet, dass sie antworten würde, aber sie tat es.

»Ich habe versucht zu tun, was du wolltest; ich kann nichts dafür, dass ich nicht imstande war, es aus dem Herzen zu tun.«

»Wer kann denn etwas dafür?« Er beobachtete sie von der Seite.

»Bevor wir heirateten, versprachst du, mich gehen zu lassen, wenn unsere Ehe nicht glücklich würde. Ist sie glücklich?«

Soames runzelte die Stirn.

»Glücklich«, stotterte er – »sie wäre glücklich, wenn du dich richtig benehmen wolltest!«

»Ich habe es versucht«, sagte Irene. »Willst du mich gehen lassen?«

Soames wandte sich ab. Heimlich erschrocken, suchte er eine Zuflucht im Toben.

»Dich gehen lassen? Du weißt nicht, was du redest. Dich gehen lassen? Wie kann ich dich gehen lassen? Wir sind verheiratet, oder vielleicht nicht? Also, wovon sprichst du? Um Gottes willen, lass doch all solchen Unsinn! Setze deinen Hut auf, und komm in den Park.«

»Also, du willst mich nicht gehen lassen?«

Er fühlte ihre Augen mit einem seltsam rührenden Blick auf sich gerichtet.

»Dich gehen lassen!«, sagte er. »Und was in aller Welt würdest du anfangen, wenn ich es täte? Du hast doch kein Geld!«

»Ich würde es schon irgendwie schaffen.«

Er ging schnell im Salon auf und ab; dann stellte er sich vor sie hin.

»Ich bitte dich ein für alle Mal«, sagte er, »sprich nicht wieder von solchen Dingen. Geh und hol deinen Hut!«

Sie rührte sich nicht.

»Du willst wohl Bosinney nicht versäumen, wenn er kommt!«, sagte Soames.

Irene erhob sich langsam und verließ den Raum. Dann kam sie mit ihrem Hut herunter.

Sie gingen aus.

Im Park war die bunte Stunde des Nachmittages vorüber, wo Fremde und andere feierliche Leute, die modern zu sein glauben, spazieren fahren; die wahre, die rechte Stunde war gekommen und fast wieder vorbei, bevor sich Soames und Irene unter die Achillesstatue setzten.

Es war ziemlich lange her, seit er ihre Gesellschaft im Park genossen hatte. Das war ehemals eine der höchsten Freuden der ersten beiden Jahre seines Ehelebens, wo das Gefühl vor ganz London, der Eigentümer dieses anmutigen Wesens zu sein, sein größter, wenn auch geheimer Stolz gewesen war. An wie vielen Nachmittagen hatte er äußerst elegant, mit hellen grauen Handschuhen neben ihr gesessen und mit leisem verächtlichen Lächeln, dann und wann den Hut lüftend, Bekannten zugenickt!

Seine hellgrauen Handschuhe trug er immer noch, und das spöttische Lächeln war auf seinen Lippen, aber wo war das Gefühl in seinem Herzen?

Die Sitze leerten sich schnell, aber er hielt sie immer noch zurück, still und blass, als wäre es eine heimlich ersonnene Strafe für sie. Ein- oder zweimal machte er eine Bemerkung, und sie senkte den Kopf oder antwortete mit müdem Lächeln ›Ja‹.

Das Gitter entlang ging ein Herr so schnell, dass die Leute ihm nachstarrten, als er vorüberkam.

»Sieh doch diesen Esel!«, sagte Soames. »Er muss verrückt sein, in der Hitze so zu rennen!«

Er drehte sich um; Irene hatte eine rasche Bewegung gemacht.

»Hallo!«, sagte er. »Es ist unser Freund, der Bukanier!«

Und er blieb mit seinem höhnischen Lächeln still sitzen, denn er wusste, dass auch Irene lächelte.

›Wird sie ihn grüßen?‹, dachte er.

Aber sie regte sich nicht.

Bosinney erreichte das Ende des Gitters und kam, die Fährte suchend wie ein Wachtelhund, zwischen den Stühlen hindurch wieder zurück. Als er sie sah, blieb er regungslos stehen und grüßte.

Das Lächeln schwand nicht mehr von Soames’ Gesicht; er nahm seinen Hut ebenfalls ab.

Bosinney kam heran, er sah erschöpft aus, wie nach einer starken physischen Anstrengung. Der Schweiß stand in Tropfen auf seiner Stirn, und Soames’ Lächeln schien zu sagen: ›Sie hatten eine harte Zeit, mein Freund!‹ … »Was machen Sie im Park?«, fragte er. »Wir glaubten, Sie verachten solche Frivolität!«

Bosinney schien ihn nicht zu hören; er antwortete Irene: »Ich war eben bei Ihnen; ich hoffte, Sie zu Hause zu treffen.«

Jemand tippte Soames auf die Schulter und sprach zu ihm; und im Austausch von Plattitüden über die Schulter hinweg überhörte er ihre Antwort und fasste einen Entschluss.

»Wir gehen gleich nach Hause«, sagte er zu Bosinney, »Sie sollten mitkommen und mit uns essen.« Durch seine Einladung klang eine sonderbare Prahlerei und ein noch sonderbareres Pathos: ›Du kannst mich nicht täuschen‹, schienen sein Blick und seine Stimme zu sagen, ›aber sieh – ich traue dir – ich fürchte dich nicht!‹

Sie brachen zusammen auf und gingen zum Montpellier Square zurück, Irene zwischen ihnen. In den belebten Straßen ging Soames voran. Er hörte nicht auf ihr Gespräch, der seltsame Entschluss zu vertrauen, den er gefasst hatte, schien selbst sein heimliches Verhalten zu beeinflussen. Wie ein Spieler sagte er sich: ›Es ist eine Karte, die ich nicht fortwerfen darf – ich muss sie ausspielen, was auch ihr Wert sein mag. Ich habe nicht zu viele Chancen.‹

Langsam kleidete er sich um, hörte sie ihr Zimmer verlassen und hinuntergehen und machte sich fünf Minuten länger in seinem Ankleidezimmer zu schaffen. Dann ging er hinunter und schloss die Tür absichtlich laut, um anzukündigen, dass er komme. Er fand sie am Kamin stehend, wo sie sich unterhielten oder auch nicht; er konnte es nicht erkennen.

Er spielte seine Rolle in dieser Farce den ganzen Abend hindurch, war in seinem Wesen freundlicher denn je zu seinem Gast, und als Bosinney endlich ging, sagte er: »Sie müssen bald wiederkommen; Irene spricht gern über das Haus mit Ihnen!« Wieder klang aus seiner Stimme die seltsame Prahlerei und das noch seltsamere Pathos, aber seine Hand war kalt wie Eis.

Seinem Entschluss treu, wandte er sich ab, als sie sich verabschiedeten, wandte sich von seiner Frau ab, als sie unter der Hängelampe stand, um gute Nacht zu sagen – wandte sich ab vom Anblick ihres golden schimmernden Hauptes unter dem Licht, von dem wehmütigen Lächeln auf ihren Lippen und sah auch Bosinney nicht in die Augen, als er sie anblickte, wie ein Hund seinen Herrn anblickt.

Und er ging mit der Gewissheit zu Bett, dass Bosinney seine Frau liebte.

Die Sommernacht war heiß, so heiß und still, dass durch jedes offene Fenster nur heißere Luft hereinkam. Lange Stunden lag er da und lauschte auf ihren Atem.

Sie konnte schlafen und er musste wach daliegen. Und das Wachen stählte ihn für die Rolle des gelassenen, vertrauensvollen Ehemanns.

Zu früher Stunde schlüpfte er aus dem Bett, ging in sein Ankleidezimmer und lehnte sich aus dem geöffneten Fenster.

Er vermochte kaum zu atmen.

Eine Nacht vor vier Jahren kam ihm in Erinnerung – die vorletzte Nacht vor seiner Hochzeit, heiß und stickig wie diese.

Er dachte daran, wie er in einen langen Rohrsessel an der Glastür seines Wohnzimmers in der Viktoria Street gelegen hatte. Unten in einer Nebenstraße hatte ein Mann an eine Tür geschlagen und eine Frau hatte aufgeschrien. Er erinnerte sich, als wäre es eben erst gewesen, des Tones bei dem Gezänk, des Zuschlagens der Tür und der Totenstille, die darauffolgte. Und wie sich dann ein früher Sprengwagen, der die dunstigen Straßen reinigte, durch das seltsam wirkende, jetzt überflüssige Laternenlicht genähert hatte; er meinte wieder das Rasseln zu hören, das näher und näher kam, bis es vorüber war und langsam verhallte.

Er lehnte sich weit aus dem Fenster des Ankleidezimmers über dem kleinen Hof unten, und sah, wie sich das erste Licht verbreitete. Die Umrisse dunkler Mauern und Dächer waren für einen Augenblick verwischt, dann traten sie schärfer hervor als sonst.

Er erinnerte sich, wie er in jener Nacht das Verblassen der Laternen die ganze Victoria Street hinunter beobachtet hatte; wie er sich eilig angekleidet hatte und auf die Straße hinuntergegangen war, an Häusern und Plätzen vorüber zu der Straße, wo sie wohnte, und wie er dort gestanden und die Front des kleinen Hauses angeschaut hatte, das so grau und still gewesen war wie das Antlitz eines Toten.

Und plötzlich schoss es ihm durch den Kopf, wie dem Kranken ein Einfall: ›Was tut er jetzt – dieser Mensch, der mich beunruhigt, der diesen Abend hier war, der meine Frau liebt – streift er vielleicht da draußen umher und schaut nach ihr aus, wie er es an diesem Nachmittag getan hat; beobachtet er wohl gar eben jetzt mein Haus!‹

Er schlich über den Flur an die Straßenseite des Hauses, zog verstohlen einen Vorhang fort und öffnete ein Fenster.

Das graue Licht hing an den Bäumen des Squares, als hätte die Nacht, wie eine große flaumige Motte, sie mit ihren Flügeln gestreift. Die Laternen brannten noch, ganz blass, aber keine Seele regte sich – nichts Lebendes war zu erblicken!

Doch plötzlich, ganz schwach, weit ab in der Totenstille vernahm er einen Schrei, wie die Stimme einer irrenden Seele, die vom Himmel ausgeschlossen war und um ihr Glück weinte. Da war es wieder – wieder! Soames schloss schaudernd das Fenster.

Dann dachte er: ›Ach, es sind nur die Pfauen überm Wasser drüben.‹

Zwölftes Kapitel

June macht einige Besuche

Der alte Jolyon stand in der engen Eingangshalle in Broadstairs und atmete den Geruch von Ölzeug und Hering ein, der alle soliden Gasthäuser an der See durchdringt. Auf einem Stuhl – einem hellen Lederstuhl, in dessen linker Ecke oben durch ein Loch das Rosshaar zum Vorschein kam – stand eine schwarze Aktentasche. Diese füllte er mit Papieren, mit der Times und einer Flasche Eau de Cologne. Er musste heute in Versammlungen der Globular Gold Concessions und der New Colliery Company, denn er versäumte niemals eine Sitzung des Aufsichtsrats; eine ›Aufsichtsratssitzung zu versäumen‹, wäre ein Beweis mehr dafür, dass er alt wurde, und das könnte sein eifriger Forsyte-Geist nicht ertragen.

Seine Augen sahen aus, als könnten sie jeden Augenblick vor Zorn auflodern, während er seine schwarze Aktentasche befüllte. So funkeln die Augen eines von seinen Kameraden gepeinigten Schuljungen, der sich erschreckt durch das große Übergewicht gegen ihn, im Zaume hält. Und der alte Jolyon hielt sich im Zaume und kämpfte mit meisterhafter, jetzt langsam schwindender Selbstbeherrschung die Aufregung nieder, die seine gegenwärtige Lage in ihm geweckt hatte.

Er hatte von seinem Sohne einen nichtssagenden Brief erhalten, worin der Junge mittels allgemeiner Redensarten die klare Beantwortung der einen Frage zu umgehen suchte. »Ich habe Bosinney gesehen«, schrieb er; »er ist kein Missetäter. Je besser ich die Menschen kennen lerne, desto mehr überzeuge ich mich davon, dass sie niemals gut oder schlecht sind, sondern nur komisch oder bemitleidenswert. Du stimmst wahrscheinlich nicht mit mir überein!«

Das tat der alte Jolyon freilich nicht; er fand es zynisch, sich so auszudrücken. Noch hatte er die Stufe des Greisenalters nicht erreicht, wo selbst ein Forsyte, der Illusionen und Grundsätze beraubt, die er so sorgsam fürs praktische Leben gehegt hat, wenn auch er nie daran geglaubt hat, aller leiblichen Freuden beraubt, bis ins innerste Herz getroffen, weil ihm nichts mehr zu hoffen bleibt – die Schranken der Zurückhaltung durchbricht und Dinge sagt, die auszusprechen er sich selbst nie zugetraut hätte.

Vielleicht glaubte er nicht mehr als sein Sohn an ›Gut‹ und ›Böse‹; aber er hätte gesagt, er wisse es nicht, könne es nicht sagen; es könnte etwas daran sein. Wozu sich denn durch unnötiges Eingestehen des Unglaubens selbst eines möglichen Vorteils berauben?

Er war es gewohnt, seine Ferien in den Bergen zu verbringen, die er leidenschaftlich liebte, wenngleich er (als ein echter Forsyte) niemals etwas sonderlich Abenteuerliches oder Tollkühnes unternommen hatte. Und wenn die wundervolle (im Baedeker35 als ›ermüdend, aber lohnend‹ bezeichnete) Aussicht sich ihm nach der Anstrengung des Kletterns darbot, hatte er sicherlich etwas wie die Existenz einer großen veredelnden Urkraft empfunden, die über allem chaotischen Streben, den winzigen Abgründen und lächerlichen dunkeln kleinen Grüften des Lebens waltet. Sein praktischer Sinn kam hier der Religion so nahe, wie er es überhaupt nur vermochte.

Aber es war viele Jahre her, seitdem er zuletzt in den Bergen gewesen war. Er hatte June zweimal hintereinander mitgenommen, nachdem seine Frau gestorben war, und hatte sich mit Bitterkeit gestehen müssen, dass es mit dem Wandern für ihn vorbei war.

Dem in den Bergen gewonnenen alten Vertrauen in eine höhere Ordnung der Dinge stand er längst fremd gegenüber.

Er wusste, dass er alt war, und fühlte sich doch jung, und das beunruhigte ihn. Es beunruhigte und verwirrte ihn zu denken, dass er, der immer so vorsichtig gewesen war, Vater und Großvater von Wesen sein musste, die zum Unglück geboren schienen. Er hatte nichts gegen Jo zu sagen – wer konnte dem Jungen, diesem liebenswürdigen Burschen, böse sein? –, aber seine Verhältnisse waren jammervoll, und mit Junes Angelegenheit stand es fast ebenso schlimm. Es schien wie ein Verhängnis, und ein Verhängnis gehörte zu den Dingen, die ein Mann seines Charakters weder begreifen noch geduldig ertragen kann.

Als er an seinen Sohn schrieb, hatte er eigentlich keine Hoffnung, dass es etwas nützen würde. Seit dem Ball bei Roger sah er zu klar, wie die Sachen standen – er konnte sich schneller als andere Leute einen Vers aus allem machen –, und mit dem Beispiel seines eigenen Sohnes vor Augen wusste er besser als irgendeiner der Forsytes, dass die bleiche Flamme den Menschen die Flügel versengt, ob sie mögen oder nicht.

In der Zeit vor Junes Verlobung, als sie und Mrs Soames immer zusammen waren, hatte er genug von Irene gesehen, um den Zauber zu fühlen, den sie auf Männer ausübte. Sie war nicht gefallsüchtig, nicht einmal kokett – Worte, die dem Herzen seiner Generation teuer waren, da sie es liebte, die Dinge durch ein bequemes, plattes, unzulängliches Wort zu definieren –, aber sie war gefährlich. Er konnte nicht sagen warum. Spräche man ihm von der angeborenen Eigenschaft mancher Frauen – einer verführerischen Kraft, die sich ihrer eigenen Kontrolle entzieht, so würde er nur ›Humbug!‹ antworten. Sie war eben gefährlich. Er wollte bei dieser Sache gern ein Auge zudrücken. War es so, so war es eben so; er wollte nichts mehr darüber hören, wollte nur Junes Ruf und ihren Seelenfrieden retten. Er hoffte immer noch, dass sie ihm dereinst vielleicht wieder ein Trost sein würde.

Und darum hatte er geschrieben. Er konnte wenig genug aus der Antwort ersehen. Das einzige Ergebnis der Unterredung war eigentlich nur der sonderbare Satz: »Ich glaube, dass er im Strudel ist.« Im Strudel! Was für ein Strudel? Was war das für eine neumodische Art zu reden?

Er seufzte und steckte das letzte Papier in die Aktentasche; er wusste nur zu gut, was gemeint war.

June kam aus dem Speisesaal und half ihm in seinen Sommerüberzieher. An ihrem Kostüm und dem Ausdruck ihres kleinen resoluten Gesichts erkannte er sogleich, was kommen würde.

»Ich fahre mit dir«, sagte sie.

»Unsinn, Liebling. Ich muss gleich in die City. Ich kann dich nicht so herumstreifen lassen!«

»Ich muss die alte Mrs Smeech besuchen.«

»Ach, deine ewigen ›armen Hungerleider‹!«, brummte der alte Jolyon. Er glaubte nicht an ihre Ausrede, gab jedoch seinen Widerstand auf. Mit diesem Eigensinn war doch nichts anzufangen.

An der Victoria Station setzte er sie in einen Wagen, der für ihn selbst bestellt war – ein charakteristischer Zug, denn er kannte keine kleinliche Selbstsucht.

»So, übermüde dich nicht, Liebling«, sagte er und nahm eine Droschke in die City.

June fuhr zuerst in eine Hinterstraße von Paddington, wo Mrs Smeech, eine alte Dienstmagd, ihre ›arme Hungerleiderin‹, wohnte, aber nachdem sie eine halbe Stunde damit verbracht hatte, deren gewöhnliche Klagen anzuhören und ihr ein wenig Trost zuzusprechen, fuhr sie weiter zu Stanhope Gate. Das große Haus war verschlossen und dunkel.

Sie hatte sich vorgenommen, um jeden Preis etwas zu erfahren. Es war besser, dem Schlimmsten ins Auge zu sehen und es zu überwinden. Ihr Plan war, zuerst Phils Tante, Mrs Baynes, zu besuchen, und wenn sie dort keine Auskunft erhielt, zu Irene selbst zu gehen. Sie hatte jedoch keine klare Vorstellung davon, was sie durch diese Besuche gewinnen würde.

Um drei Uhr war sie am Lowndes Square. Mit dem Instinkt einer Frau hatte sie angesichts des Ungemachs, das ihrer wartete, ihr bestes Kleid angezogen und ging mit einem Mut in den Kampf wie der alte Jolyon selbst. Ihr Zittern hatte sich in Eifer umgewandelt.

Mrs Baynes, Bosinneys Tante (ihr Name war Louisa), befand sich, als June gemeldet wurde, in der Küche, um die Köchin anzuweisen, denn sie war eine vortreffliche Hausfrau, und ›ein gutes Dinner bedeutet viel‹, wie Baynes immer sagte. Nach dem Essen arbeite er am besten. Er hatte die auffallend stattliche Reihe großer hochroter Häuser in Kensington gebaut, die mit manch anderem um den Titel ›das Hässlichste von London‹ wetteifern.

Als sie Junes Namen hörte, eilte sie schnell in ihr Schlafzimmer, nahm zwei breite Armbänder aus einem roten Lederetui in einer verschlossenen Schublade und legte sie um ihre weißen Handgelenke – denn sie besaß in bemerkenswertem Maße jenen ›Sinn für Eigentum‹, der bekanntlich der Prüfstein des Forsyteismus und die Grundlage wahrer Sittlichkeit ist.

Ihre breite Gestalt von mittlerer Größe mit einer Neigung zur Fülle in einem nach eigener Anweisung gearbeiteten Kleide in gebrochenen Farben, die an die getünchten Wände der Korridore großer Hotels erinnerten, blickte ihr aus dem Spiegel ihres Kleiderschranks aus weißem Holz entgegen. Sie hob die Hände zu ihrem Haar empor, das sie à la Princesse de Galles36 trug, zupfte es hier und dort zurecht, und ihre Augen waren voll von einem unbewussten Realismus, als ständen ihr die größten Widerwärtigkeiten bevor, mit denen sie sich abzufinden hatte. In ihrer Jugend waren ihre Wangen wie Milch und Rosen gewesen, das reifere Alter aber hatte ihre Haut verdorben, und als sie die Stirn jetzt mit einer Puderquaste betupfte, kam wieder die harte hässliche Nüchternheit in ihren Blick. Sie legte die Quaste fort, blieb ganz still vor dem Spiegel stehen und bemühte sich, über die große bedeutende Nase, ihr Kinn (das nie groß gewesen war, jetzt aber durch den stark gewordenen Hals noch kleiner wirkte) und den hängenden Mund mit den dünnen Lippen ein Lächeln zu breiten. Schnell, um die Wirkung nicht zu verlieren, raffte sie ihre Röcke fest mit beiden Händen zusammen und ging hinunter.

Sie hatte schon seit einiger Zeit auf diesen Besuch gehofft. Leise Gerüchte, dass zwischen ihrem Neffen und seiner Verlobten nicht alles in Ordnung sei, waren bis zu ihr gedrungen. Seit Wochen hatte sich keiner von beiden blicken lassen. Sie hatte Phil mehrmals zu Tisch eingeladen, aber unabänderlich lautete seine Antwort immer: »Zu beschäftigt.«

Sie war instinktiv beunruhigt, und der Instinkt dieser vortrefflichen Frau war in solchen Dingen sehr scharf. Sie hätte eine Forsyte sein müssen; im Sinne des jungen Jolyon besaß sie ganz gewiss das Vorrecht dazu und verdient es, als solche geschildert zu werden.

Sie hatte ihre drei Töchter auf eine Weise verheiratet, die weit über deren Verdienst ging, wie die Leute sagten, denn sie waren von jener typischen Einfalt, die in der Regel nur unter den weiblichen Angehörigen der gehobeneren Gesellschaftsschicht zu finden ist. Ihr Name war im Komitee zahlloser Wohltätigkeitsveranstaltungen – Bälle, Theatervorstellungen, Bazare –, die mit der Kirche in Verbindung standen, und sie gab ihren Namen nie her, ohne sich vorher versichert zu haben, dass alles gründlich organisiert war.

Sie war dafür, wie sie oft sagte, allem eine geschäftliche Basis zu geben, denn die eigentliche Aufgabe der Kirche, der Mildtätigkeit, wie alles anderen, sei, den Bau der ›Gesellschaft‹ zu kräftigen. Eigenmächtige Handlungen sah sie darum als unmoralisch an. Organisation war das einzig Wahre, denn durch Organisation allein konnte man sicher sein, etwas für sein Geld zu erhalten. Organisation – und abermals Organisation! Ohne Zweifel war sie darin ›hervorragend‹, wie der alte Jolyon es nannte, aber er ging weiter und nannte sie ›einen Humbug‹.

Die Veranstaltungen, für die sie ihren Namen hergab, waren so wunderbar organisiert, dass die Spenden in der Zeit bis zur Verteilung allerdings, wie abgerahmte Milch, aller Sahne menschlicher Güte beraubt waren. Aber wie sie oft betonte, war jede Empfindsamkeit zu verwerfen. Sie war in der Tat ein wenig akademisch.

Diese bedeutende, gute, in kirchlichen Kreisen so hoch geachtete Frau war eine der Hohepriesterinnen im Tempel des Forsyteismus und hütete Tag und Nacht die heilige Flamme des Gottes des Eigentums, auf dessen Altar die ermunternde Inschrift ›Nichts für nichts, und außerordentlich wenig für ein Sixpencestück‹ zu lesen ist.

Wenn sie einen Raum betrat, hatte man das Gefühl von etwas Solidem, das da hereingekommen war, und das war offenbar der Grund ihrer Beliebtheit als Vorstandsdame. Die Leute liebten etwas Solides, wenn sie Geld dafür bezahlt hatten; und auf Wohltätigkeitsbällen blickten sie zu ihr auf, als wäre sie ein General, wenn sie, von ihrem Stabe umgeben, mit ihrer imposanten Nase und der breiten kräftigen Gestalt in einem paillettenbesetzten Kleid wie in einer Uniform erschien.

Das Einzige, was gegen sie sprach, war, dass sie keinen Doppelnamen hatte. Sie war eine Macht in der Gesellschaft der oberen Mittelschicht mit ihren hundert Kreisen und Cliquen, die sich alle auf dem allgemeinen Schlachtfeld der Mildtätigkeit begegneten und auf diesem Schlachtfeld so angenehme Gelegenheit fanden, mit der GESELLSCHAFT, in Großbuchstaben geschrieben, in Berührung zu kommen. Sie war eine Macht in der Gesellschaft, ohne Großbuchstaben, in dieser größeren, bedeutenderen und mächtigeren Körperschaft, wo die kaufmännisch christlichen Anstalten, Maximen und ›Prinzipien‹, die Mrs Baynes verkörperte, wirklich frei zirkulierendes lebendiges Blut, und richtige Geschäftswährung waren und nicht lediglich eine sterilisierte Nachahmung davon, wie es in den Adern der kleineren GESELLSCHAFT, floss. Jeder, der sie kannte, sah in ihr das Tüchtige – die tüchtige Frau, die sich nie bloßstellte oder sich sonst etwas vergab, wenn sie es irgendwie vermeiden konnte.

Sie hatte in dem denkbar schlechtesten Einvernehmen mit Bosinneys Vater gestanden, der sie häufig zum Gegenstand des unverzeihlichsten Spotts gemacht hatte. Jetzt nannte sie ihn ihren ›armen, lieben, respektlosen Bruder‹, wenn sie von ihm sprach.

Sie begrüßte June mit geflissentlicher Überschwänglichkeit, die sie meisterlich beherrschte, denn sie fürchtete sie ein wenig, soweit eine Frau von ihrer Bedeutung in der kaufmännischen und christlichen Welt sich fürchten konnte – für ein so zartes Mädchen besaß June eine große Würde, die ihr die Furchtlosigkeit ihrer Augen verlieh. Und Mrs Baynes erkannte scharfsichtig, dass hinter der kompromisslosen Offenheit in Junes Wesen viel von einer Forsyte war. Wäre das Mädchen nur offen und mutig gewesen, so hätte Mrs Baynes es für ›überspannt‹ gehalten und verachtet; wäre es, wie Francie etwa, lediglich eine Forsyte gewesen, so hätte sie es schon allein des Geldwerts wegen unter ihren Schutz genommen; aber June erweckte in ihr, so klein sie war – Mrs Baynes bewunderte gewöhnlich nur Quantität –, ein Gefühl der Unruhe, und sie bot ihr einen Sessel an, der dem Licht gegenüberstand.

Es gab noch einen anderen Grund für den Respekt, den Mrs Baynes – eine zu eifrige Kirchgängerin, um weltlich zu sein – jedoch nie zugegeben hätte. Ihr Mann hatte den alten Jolyon oft als überaus wohlhabend geschildert, und sie war für seine Enkelin aus diesem vernünftigsten aller Gründe sehr eingenommen. Heute war sie in jener Erregung, mit der man den Roman über einen Helden liest, der eine Erbschaft erwartet, und die einen in bebende Angst versetzt, dass sie dem jungen Manne durch einen grässlichen Fehlgriff des Autors schließlich doch entgehen könnte.

Sie war sehr herzlich; nie hatte sie so klar empfunden, was für ein vornehmes und begehrenswertes Mädchen das war. Sie erkundigte sich nach dem Befinden des alten Jolyon. Ein wundervoller Mann für sein Alter; so aufrecht und jung im Aussehen, wie alt sei er eigentlich? Einundachtzig! Das hätte sie nie geglaubt! Sie seien noch an der See gewesen! Gewiss sehr angenehm; June höre wohl täglich von Phil? Ihre grauen Augen traten stärker hervor, als sie diese Fragen stellte, aber June wich ihrem Blick nicht aus.

»Nein«, sagte sie, »er schreibt nie!«

Mrs Baynes senkte die Augen; sie hatte es nicht beabsichtigt, aber sie senkte sie. Doch sie erholte sich schnell.

»Natürlich nicht. Das sieht Phil ähnlich – so war er immer!«

»War er?«, fragte June.

Die Kürze der Antwort verscheuchte Mrs Baynes’ freundliches Lächeln für einen Moment, doch sie verbarg es unter einer schnellen Bewegung, mit der sie ihr Kleid wieder glattstrich. »Ja, meine Liebe«, sagte sie dann, »er ist der unberechenbarste Mensch; man darf ihm niemals übelnehmen, was er tut.«

June überkam plötzlich die Überzeugung, dass sie ihre Zeit hier verschwendete. Selbst wenn sie geradeheraus eine Frage gestellt hätte, würde sie aus dieser Frau nichts herausbekommen haben.

»Sehen Sie ihn?«, fragte sie heftig errötend.

Der Schweiß brach Mrs Baynes unter dem Puder auf der Stirn aus.

»Oh ja! Ich erinnere mich nicht, wann er zuletzt hier war – wir haben ihn allerdings in letzter Zeit nicht oft gesehen. Er ist so beschäftigt mit dem Hause Ihres Cousins; wie ich höre, soll es sehr bald fertig sein. Wir müssen ein kleines Dinner zur Feier dieser Gelegenheit veranstalten; bitte kommen Sie und übernachten Sie bei uns!«

»Ich danke Ihnen«, sagte June. Sie dachte wieder: ›Ich verschwende nur meine Zeit, diese Frau wird mir nichts sagen.‹

Sie erhob sich, um zu gehen. Eine Veränderung ging mit Mrs Baynes vor. Sie stand ebenfalls auf; ihre Lippen zuckten und sie bewegte unruhig ihre Hände. Irgendetwas war offenbar nicht in Ordnung, und sie wagte nicht, dieses Mädchen mit der schmächtigen, straffen kleinen Gestalt, dem entschlossenen Gesicht, dem festen Kinn und dem zürnenden Blick, das da vor ihr stand, danach zu fragen. Es war nicht ihre Art, sich vor dem Fragen zu fürchten – alle Organisation fußte ja auf dem Fragenstellen!

Allein dieser Ausgang der Sache war so ernst, dass es ihre sonst so gleichmäßig starken Nerven erschütterte. Erst heute Morgen hatte ihr Mann noch gesagt: »Der alte Mr Forsyte muss wohl gut seine hunderttausend Pfund wert sein!«

Und da stand dieses Mädchen und streckte seine Hand aus – streckte seine Hand aus!

Die günstige Aussicht – die Aussicht, sie in der Familie zu behalten – konnte entschlüpfen, und doch wagte sie nicht zu sprechen.

Ihre Augen folgten June bis zur Tür.

Sie fiel ins Schloss.

Dann eilte Mrs Baynes, die behäbige Figur hin- und herwiegend, June mit einem Ausruf nach und öffnete sie wieder.

Zu spät! Sie hörte die Haustür zuschlagen und blieb mit einem Ausdruck hellen Zornes und Schmach im Gesicht stehen.

June ging mit ihrer vogelartigen Geschwindigkeit den Square entlang. Sie verabscheute diese Frau jetzt, die sie in glücklicheren Tagen für so gut gehalten hatte. Würde sie immer so hingehalten werden und gezwungen sein, diese quälende Ungewissheit zu ertragen?

Sie wollte zu Phil selbst gehen und ihn fragen, was seine Absicht war. Sie hatte ein Recht, es zu wissen. Sie eilte die Sloane Street hinunter, bis sie an Bosinneys Nummer kam. Mit schmerzhaft klopfendem Herzen ging sie durch die Haustür und rannte die Treppen hinauf.

Am Ende der dritten Etage machte sie Halt, um Atem zu schöpfen, und hielt sich lauschend am Geländer fest. Kein Laut war von oben zu hören.

Mit einem sehr bleichen Gesicht stieg sie die letzte Treppe hinauf. Sie sah die Tür mit seinem Namen auf dem Schild. Und ihre Entschlossenheit, die sie so weit gebracht hatte, verdampfte.

Die volle Bedeutung ihres Benehmens kam ihr zum Bewusstsein. Es überlief sie heiß; ihre Handflächen waren feucht unter der dünnen Seide ihrer Handschuhe.

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Release date on Litres:
18 March 2025
Volume:
1321 p. 19 illustrations
ISBN:
9783159617251
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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