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Der weiße Affe

John Galsworthy

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Erster Teil

1. Spaziergang

2. Daheim

3: Musik

4. Dinner

5. Eva

6. Der ›alte Forsyte‹ und der ›alte Mont‹

7. Der ›alte‹ Mont und der ›alte‹ Forsyte

8. Bicket

9. Wirrnis

10. Das Hinscheiden eines Sportsmannes

11. Auf gut Glück

12. Ziffern und Tatsachen

13. Auf glühenden Kohlen

Zweiter Teil

1. Marksturz

2. Victorine

3. Michael spaziert und spricht

4. Fleurs Körper

5. Fleurs Seele

6. Michael ›kriegt eins aufs Dach›

7. Das Evakostüm

8. Soames ergreift die Initiative

9. Spitzel

10. Das Gesicht

11. Erledigt

12. Ostwärts

Dritter Teil

1. Pfingstmontag

2. Bureauarbeit

3. Nachmittag einer Dryade‹

4. Nachmittag eines Bicket

5. Michael gibt Ratschläge

6. Abrechnung

7. Verhör mit Elderson

8. Durchgebrannt

9. Soames pfeift auf alles

10. Überläßt jedoch nichts dem Zufall

11. Naturkräfte

12. Spießrutenlaufen

13. Soames vor der Meute

14. Auf der Folter

15. Ruhe

Stilles Werben

Impressum

Vorwort

Wenn ich den zweiten Teil der Forsyte-Chronik ›Moderne Komödie‹ nenne, so ist der Ausdruck Komödie in seinem weitesten Sinn zu verstehen, genau so wie das Wort Saga im Titel des ersten Teils. Und dennoch: muß man nicht eine so aufrührerische Zeit wie die Nachkriegsperiode mit den Augen des Komödiendichters betrachten, muß man nicht ihre komödienhaften Elemente herausfühlen? Muß eine Epoche, die nicht weiß, was sie will, und sich dennoch mit ganzer Kraft für die Erreichung ihres Zieles einsetzt, nicht ein Lächeln hervorrufen, wenn auch nur ein trauriges Lächeln?

Ein Zeitalter in allen seinen Farben und Formen künstlerisch darzustellen, übersteigt die Kraft jedes Schriftstellers und geht darum auch weit über die Kraft des Autors dieses Buches. Aber zweifellos wirkte ein gewisses Bestreben, etwas von dem Geist dieser Zeit einzufangen und zu gestalten, dabei mit, als er diese Trilogie zu Papier brachte. Es ist eine unmögliche Aufgabe, durcheinander rennende Küchlein zu zählen, und ebenso unmöglich, die rasch abrollenden Ereignisse der Gegenwart in ihrer Gesamtheit zu erfassen; im besten Fall gelingt eine Momentaufnahme all dieses Drängens und Hastens, dieses Hastens einer Zukunft entgegen, ohne jede Vorstellung davon, wo sie zu suchen und zu finden ist und welcher Art sie sein wird.

Das England von 1886 – das Jahr, in dem ›Die Forsyte Saga‹ beginnt – besaß ebensowenig eine Zukunft wie das von heute, denn das damalige England erwartete die Fortdauer seiner Gegenwart. England fuhr gemächlich auf seinem Zweirad wie in einem Traum, den nur zwei Schreckgespenster störten: Mr. Gladstone und die irischen Parlamentsmitglieder.

Das England von 1926 – das Jahr, mit dem die ›Moderne Komödie‹ schließt – steht mit einem Bein in der Luft und mit dem andern in einem Auto neuester Konstruktion. Es rennt im Kreis herum wie ein Katzenjunges, das nach seinem Schwanz hascht, und brummt vor sich hin: ›Wenn ich nur wüßte, wo ich halt machen möchte!‹

Da heutzutage alles relativ ist, kann man sich nicht mehr vollkommen auf Gott verlassen, ebensowenig wie auf den Freihandel, die Ehe, auf Konsols, Kohle, oder auf seine Stellung in der Gesellschaft. Und da ganz England übervölkert ist, kann niemand lange an einem Ort bleiben, ausgenommen in entvölkerten ländlichen Gegenden, die – wie man gestehen muß – allzu öde sind und zweifellos ihre Bewohner nicht ernähren können.

Jedem, der dieses vier Jahre währende Erdbeben erlebt hat, ist die Gewohnheit, still zu stehen, abhanden gekommen.

Und dennoch hat sich der englische Charakter vielleicht überhaupt nicht oder doch nur sehr wenig geändert. Das bewies der Generalstreik im Jahre 1926, mit dem der letzte Teil dieser Trilogie beginnt. Wir sind noch immer ein Volk, das sich nicht drängen läßt, jedem Extrem mißtraut, mit der Verteidigungswaffe eines gesunden Humors ausgestattet ist, wir sind temperamentvoll mit Maß, voll Abneigung gegen jedwede Einmischung, sorglos und verschwenderisch, und mit einer gewissen genialen Fähigkeit begabt, uns wieder aufzuraffen. Wenn wir auch sonst fast an gar nichts glauben, so glauben wir doch immer noch an uns selbst. Diese hervorstechende Eigenschaft des Engländers ist wohl einer näheren Betrachtung wert. Warum, zum Beispiel, setzen wir uns beständig selbst herab? Einfach darum, weil wir keinen Minderwertigkeitskomplex haben und es uns gleichgültig ist, was andere von uns denken. Kein Volk der Welt scheint äußerlich weniger selbstsicher zu sein; und doch besitzt kein anderes Volk mehr innere Sicherheit. Im übrigen könnten diejenigen Persönlichkeiten, die sich der Dienste gewisser öffentlicher Fanfarenbläser der Nation versichert haben, daran denken, daß es schon einen versteckten Minderwertigkeitskomplex verrät, wenn man selbst seine Taten in allen Gassen ausposaunt. Nur wer stark genug ist, über sich selbst zu schweigen, wird stark genug sein, sich innerlich sicher zu fühlen. Die Epoche, in der wir leben, begünstigt eine falsche Beurteilung des englischen Charakters und der Stellung Englands. In keinem andern Land ist die Entartung der Rasse so wenig wahrscheinlich wie auf dieser Insel, weil kein anderes Land ein so wechselvolles, das Temperament mäßigendes Klima hat, das die Grundlage für ein mutiges und gesundes Leben bildet. Was hier weiter folgt, sollte von diesem Gesichtspunkt aus gelesen werden.

Im gegenwärtigen Zeitalter ist nichts mehr zu finden, das an den Früh-Viktorianismus gemahnt. Unter Früh-Viktorianismus verstehe ich die Epoche der alten Forsytes, die im Jahre 1886 schon im Schwinden begriffen war; was sich als lebensfähig erwiesen hat, ist der selbstbewußtere Viktorianismus Soames' und seiner Generation, der jedoch nicht selbstbewußt genug ist, um entweder selbstzerstörend oder selbstvergessend zu wirken. Vom Hintergrund dieses mehr oder minder feststehenden Ausmaßes von Selbstbewußtsein heben sich am klarsten Farbe und Gestalt der gegenwärtigen, außerordentlich selbstbewußten und alles in Frage stellenden Generation ab. Den alten Forsytes: dem alten Jolyon, Swithin und James, Roger, Nicholas und Timothy kam es nie in den Sinn zu fragen, ob das Leben auch lebenswert sei. Sie fanden es interessant, waren Tag für Tag vollständig davon in Anspruch genommen, und wenn sie auch nicht gerade an ein zukünftiges Leben glaubten, so glaubten sie doch felsenfest an die fortschreitende Besserung ihrer Position im Leben und an die Anhäufung von Schätzen für ihre Kinder. Dann kamen der junge Jolyon, Soames und ihre Zeitgenossen, und obzwar sie mit dem Darwinismus und dem Universitätsstudium auch bestimmte Zweifel an einem zukünftigen Leben eingesogen hatten und genügend Einsicht, sich zu fragen, ob sie selbst sich fortschrittlich entwickelten, so bewahrten sie sich doch den Sinn für Eigentum und den Wunsch, ihre Nachkommen zu versorgen und in ihnen weiterzuleben. Als das Viktorianische Zeitalter mit dem Tode der Königin zu Ende ging, kam eine neue Generation ans Ruder, mit neuen Ideen über Kindererziehung, eine Generation, die infolge der neuen Verkehrsmittel und des Weltkriegs sich für die Umwertung aller Werte entschied. Und da, wie es scheint, das persönliche Eigentum sehr wenig Zukunft hat und das Leben noch weniger, ist man um jeden Preis entschlossen zu leben, ohne sich viel um das Schicksal etwaiger Nachkommen zu kümmern. Nicht daß die gegenwärtige Generation ihre Kinder weniger liebte als die frühere – in so elementaren Dingen ändert die menschliche Natur sich nicht –, sondern es scheint ganz einfach nicht mehr der Mühe wert, die Zukunft auf Kosten der Gegenwart zu sichern, wenn nirgends in der Welt mehr absolute Sicherheit zu finden ist.

Hierin liegt eigentlich der fundamentale Unterschied zwischen der jetzigen und den früheren Generationen. Die Menschen wollen nicht mehr für etwas vorsorgen, was sie nicht voraussehn können.

All das bezieht sich natürlich nur auf jenes Zehntel der Bevölkerung, das die besitzende Klasse ausmacht; unter den übrigen neun Zehnteln gibt es keine Forsytes und es besteht daher kein Anlaß, sich in diesem Vorwort mit ihnen abzugeben. Und überdies, welcher Durchschnittsengländer mit einem Jahreseinkommen von weniger als dreihundert Pfund hat sich je über die Zukunft den Kopf zerbrochen, das Früh-Viktorianische Zeitalter mitinbegriffen?

Diese ›Moderne Komödie‹ spielt sich also vor dem Hintergrund eines mehr oder minder ausgeprägten Selbstbewußtseins ab, das vor allem durch Soames und Sir Lawrence Mont, den Leichtgewichtler und neunten Baronet, und an zweiter Stelle durch einige Neu-Viktorianer, wie den selbstgerechten Mr. Danby, Elderson, Mr. Blythe, Sir James Foskisson, Wilfred Bentworth und Hilary Cherrell, verkörpert wird. Wenn man alles in allem nimmt, ihre Neigungen und Abneigungen, ihre Eigenschaften und Charaktere, so erhält man ein ziemlich feststehendes und umfassendes Bild der Vergangenheit, von der sich die Gestalten der Gegenwart: Fleur und Michael, Wilfrid Desert, Aubrey Greene, Marjorie Ferrar, Norah Curfew, Jon, der ›Raffaelit‹ und andere Nebengestalten abheben. Selbst in der besitzenden Klasse ist die Mannigfaltigkeit der Menschentypen so groß, daß sie sich nicht einmal in zwanzig Romanen schildern ließe, so daß diese ›Moderne Komödie‹ notwendigerweise eine arge Unterschätzung der gegenwärtigen Generation sein muß, aber vielleicht nicht unbedingt eine Verleumdung. Da Symbolismus langweilt, hoffe ich, daß eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Schicksal Fleurs und dem ihrer Generation – die einem Glück nachjagt, dessen man sie beraubt hat – der Aufmerksamkeit des Lesers entgeht. Tatsache bleibt, daß wenigstens für den Augenblick die Jugend sich balancierend auf den Fußspitzen der Unsicherheit dreht. Wohin wird das führen? Wird man endlich doch das Glück erjagen? Wie wird sich alles klären? Werden sich die Dinge überhaupt jemals wieder klären, wer weiß es? Werden neue Kriege und neue Erfindungen kommen, brühheiß auf die früheren, die noch nicht verarbeitet und gemeistert sind? Oder wird das Schicksal ein zweites Intervall eintreten lassen, gleich der Viktorianischen Ära, währenddessen das Leben, in seinem ganzen Werte neuerkannt, feste Formen annehmen und der Sinn für Besitz mit allen damit zusammenhängenden Dogmen eine Wiedergeburt erleben wird?

Unabhängig davon, ob nun die ›Moderne Komödie‹ den Geist dieses Zeitalters mehr oder weniger widerspiegelt, führt sie doch in der Hauptsache die Geschichte von Soames und Irene weiter, die mit ihrer ersten Begegnung in einer Gesellschaft zu Bournemouth im Jahre 1881 beginnt und nicht eher enden kann, bis Soames sechsundvierzig Jahre später von dieser Erde Abschied nimmt.

Wenn man den Autor, wie dies oft geschieht, über Soames befragt, so weiß er nicht genau zu sagen, wo er mit ihm hinauswollte. Alles in allem war Soames zweifellos ein ehrlicher Mann. Er lebte und handelte nach seiner besondern Art, nun ist er tot. Man wird seinem Schöpfer verzeihen, wenn er das Ende Soames' für berechtigt hält. Denn so weit wir uns auch von griechischer Kultur und Philosophie entfernt haben mögen, so gilt doch noch immer die Wahrheit des griechischen Spruches: ›Was ein Mensch am meisten liebt, das wird ihn am Ende vernichten.‹

John Galsworthy

Max Beerbohm

zugeeignet

Erster Teil
1.
Spaziergang

An jenem denkwürdigen Nachmittag Mitte Oktober des Jahres 1922 stieg Sir Lawrence Mont, neunter Baronet, die von den Verfechtern des Bestehenden so gründlich ausgetretenen Stufen des konservativen Snooks-Klubs hinunter. Auf seinen dünnen Beinen schritt er eilig dahin, den Kopf mit der feinen Nase dem Ostwind zugekehrt. Mehr durch seine Geburt als von Natur aus zur Politik bestimmt, beurteilte er die Umwälzung, die seine Partei wieder ans Ruder gebracht hatte, mit leidenschaftslosem Interesse und nicht ohne Humor. Als er am liberalen Remove-Klub vorbeiging, dachte er: ›Die werden jetzt schwitzen da drinnen – die guten Zeiten sind vorüber! Keine komplizierten Speisen mehr. Zur Abwechslung einmal Schnepfe ohne Garnierung!‹

Die führenden Größen waren schon aus dem Snooks-Klub ausgetreten, ehe er Mitglied wurde. Er gehörte nicht ›zu jenen Konjunkturrittern, die ihr Schäfchen bereits geschoren hatten, o nein – diese Kerle, die im Augenblick, da der Krieg vorüber war, der Landwirtschaft den Rücken gekehrt hatten. Pah!‹ Eine Stunde lang hatte er sich verschiedene Meinungen angehört und sein beweglicher Geist, der in den Anschauungen der Vergangenheit wurzelte und der Gegenwart und allen politischen Beteuerungen und Verkündigungen skeptisch gegenüberstand, hatte amüsiert bemerkt, welche Verwirrung die schicksalsschwere Versammlung in allen Köpfen, patriotischen und andern, angerichtet hatte. Wie die meisten Grundbesitzer mißtraute er rein theoretischen Lehrsätzen. Seine politische Überzeugung, wenn er überhaupt eine hatte, lautete: Einfuhrzoll auf Weizen, und soweit er sehen konnte, stand er damit jetzt allein – aber er wollte ja auch gar nicht ins Parlament kommen. Mit andern Worten: er hatte nicht zu fürchten, daß seine politischen Grundsätze von den Stimmzetteln derjenigen, die das Brot bezahlen mußten, erschüttert würden. Grundsätze, überlegte er, waren im Grunde gleichbedeutend mit Profit; warum zum Kuckuck taten die Leute immer so, als wäre es anders! Profit, im tiefsten Sinne des Wortes natürlich, war nichts anderes als Selbsterhaltungstrieb für Mitglieder einer bestimmten Gemeinschaft. Und wie zum Kuckuck sollte diese bestimmte Gemeinschaft, die englische Nation, weiter existieren, wenn das ganze Land nicht mehr bebaut würde und alle Schiffe und Häfen Gefahr liefen, von Aeroplanen zerstört zu werden? Im Klub hatte er eine Stunde lang darauf gewartet, daß einer die Bodenfrage anschneiden würde. Kein einziger! Sie trieben keine praktische Politik! Verwünschte Kerle! Die wetzten wohl nur ihre Hosen durch bei dem ewigen Sitzeerobern und Sitzebehalten! Kein Zusammenhang zwischen ihrem Sitzfleisch und ihrer Politik, die noch künftigen Generationen in den Knochen sitzen sollte. Wahrhaftig keiner! Während seine Gedanken so bei der künftigen Generation angelangt waren, fiel ihm plötzlich ein, daß die Frau seines Sohnes noch gar keine Anzeichen aufwies. Zwei Jahre! Es war schon Zeit, daß sie an Kinder dachten. Es war gefährlich, sich an Kinderlosigkeit zu gewöhnen, wenn ein Titel und ein Landsitz davon abhingen. Die Lippen und buschigen Brauen zogen sich zu einem Lächeln zusammen, so daß zwei dunkle Runen über seinen Augen eingegraben schienen. Ein hübsches, junges Geschöpf, so anziehend; und sie wußte es auch! Wen lernte sie nicht alles kennen? Löwen und Tiger, Affen und Katzen – ihr Haus wurde nachgerade eine förmliche Menagerie von mehr oder weniger gefeierten Zelebritäten. Es lag etwas Phantastisches in ihrem Vorgehen. Und vor einem der vier britischen Löwen auf dem Trafalgar Square stehenbleibend, dachte er: ›Nächstens holt sie die da in ihr Haus! Sie hat die Sammelwut. Michael soll sich vorsehen. Im Hause einer Sammlerin gibt es immer ein Zimmer für das ausrangierte Gerümpel, und auch der Ehemann kann am Ende dort hineingesteckt werden. Da fällt mir ein: Ich habe ihr einen chinesischen Minister versprochen. Na, sie muß jetzt bis nach den allgemeinen Wahlen warten.‹

Am Ende von Whitehall erschienen einen Augenblick lang die Türme von Westminster unter dem grauen östlichen Himmel. ›Auch in diesem Bild liegt etwas Phantastisches‹, dachte er. ›Michael mit seinen fixen Ideen! Na, es ist halt Mode – sozialistische Prinzipien und eine reiche Frau. Selbstaufopferung gegen Sicherstellung! Frieden mit Wohlleben! Quacksalber-Medizinen – zehn für einen Penny!‹ In Charing Croß schritt er mitten durch das Gewühl der schreienden Zeitungsverkäufer, die die politische Krise närrisch gemacht hatte, und wandte sich nach links zum Haus der Verleger Danby & Winter, wo sein Sohn jüngerer Teilhaber war. Ein Thema zu einem neuen Buch beschäftigte seinen Geist, der schon eine Montrose-Biographie und ›Im fernen China‹, jenes orientalische Reisebuch, hervorgebracht hatte; ferner eine phantastische Konversation zwischen den Geistern Gladstones und Disraelis, ›Duett‹ betitelt. Mit jedem Schritt, den er vom Klub ostwärts tat, stach seine aufrechte magere Gestalt stets mehr von den übrigen ab, sein Mantel mit Astrachankragen, sein hageres Gesicht mit dem grauen Schnurrbart und dem schildkrotumrandeten Monokel unter der beweglichen dunklen Braue. Er wirkte fast auffallend in dieser düsteren Seitengasse, wo Karren herumstanden, wie Winterfliegen an der Wand kleben, und die Leute Bücher unterm Arm trugen, als wollten sie für Gebildete gelten.

Knapp vor der Tür von Danby begegnete er zwei jungen Männern. Einer von ihnen war offenbar sein Sohn, besser gekleidet seit seiner Heirat, und eine Zigarre im Mund – Gott sei Dank! – anstatt dieser ewigen Zigaretten. Und der andere – aha! der von Michael protegierte emporkommende Poet und sein Brautführer, die Nase in der Luft und einen Velourhut auf dem glatten Kopf. Sir Lawrence sagte: »Ha, Michael!«

»Hallo, Bart ›Bart‹ ist die englische Abkürzung von ›Baronet‹, hier als Spitzname gebraucht.! Du kennst doch meinen alten Herrn, Wilfrid? Wilfrid Desert. ›Kleine Münze‹ – es steckt ein echter Dichter drin, das sag ich Ihnen, Bart. Sie müssen ihn lesen. Wir gehen nach Hause. Kommen Sie mit!«

Sir Lawrence ging mit.

»Was war im Klub los?«

»Le roi est mort! Die Arbeiterpartei kann wieder anfangen zu lügen – nächsten Monat sind die Wahlen.«

»Bart ist in einer Zeit aufgewachsen, Wilfrid, die Demos noch nicht kannte.«

»Na, Mr. Desert, finden Sie etwas Reales in der heutigen Politik?«

»Finden Sie Realität in irgend etwas, Sir?«

»Vielleicht in der Einkommensteuer.«

Michael grinste. »Vom Adeligen aufwärts«, sagte er, »gibt es so etwas wie einfachen Glauben nicht mehr.«

»Angenommen, Michael, deine Freunde kämen ans Ruder – es wäre ja in mancher Beziehung gar nicht so schlecht, würde ihnen ja nur dazu verhelfen, reifer zu werden – was könnten sie tun, eh? Könnten sie den englischen Geschmack verbessern? Das Kino abschaffen? Die Engländer das Kochen lehren? Andere Staaten verhindern, mit Krieg zu drohen? Uns dazu bringen, alle Nahrungsmittel im Inland zu produzieren? Das Anwachsen des Lebens in den Städten verhindern? Würden sie die Erfinder der Giftgase aufknüpfen? Könnten sie die Fliegergefahr während des Krieges verhindern? Könnten sie irgendwo den Besitzinstinkt schwächen? Oder in Wirklichkeit irgend etwas anderes tun, als die zufälligen Besitzrechte ein wenig ändern? Alle Parteipolitik bleibt an der Oberfläche. Wir werden von den Erfindern beherrscht und von der menschlichen Natur; und dabei sind wir auf einen Holzweg geraten, Mr. Desert.«

»Ganz meine Meinung, Sir.«

Michael schwenkte seine Zigarre.

»Was für Pessimisten ihr seid, ihr beiden!«

Und die Hüte abnehmend, gingen sie an dem Kriegerdenkmal vorbei.

»Seltsam bezeichnend, dieses Ding da«, sagte Sir Lawrence, »eine Warnung vor allem Pomp – recht charakteristisch. Und die Warnung vor dem Pomp –«

»Nur weiter, Bart!« sagte Michael.

»Das Schöne, das Große und Ornamentale – alles dahin. Keine weitreichenden Ansichten mehr, keine großen Pläne, keine großen Grundsätze, keine große Religion oder große Kunst, ästhetisierendes Treiben von Cliquen in Hinterzimmern, kleine Menschen in kleinen Hütten.«

»Was sagst du dazu, Wilfrid?«

»Ja, Mr. Desert, was sagen Sie dazu?«

Deserts finsteres Gesicht nahm einen konzentrierten Ausdruck an. »Es ist ein Zeitalter der Widersprüche«, erklärte er. »Wir treten alle für die Freiheit in die Schranken, und die einzigen Institutionen, die mächtig werden, sind der Sozialismus und die römisch-katholische Kirche. Wir bilden uns schrecklich viel auf unsere Kunst ein – und die einzige Kunst, die vorwärts kommt, ist das Kino. Wir sind ganz versessen auf den Frieden, und das einzige, was wir dazu beitragen, ist die Vervollkommnung der Giftgase.«

Sir Lawrence warf einen Seitenblick auf den jungen Mann, der so bitter sprach. »Und macht sich das Verlagsgeschäft, Michael?«

»Na, ›Kleine Münze‹ geht wie frische Semmeln, und ›Ein Duett‹ läßt sich auch nicht übel an. Was halten Sie von folgender neuen Anzeige: Ein Duett‹ von Sir Lawrence Mont, Bart. Das hervorragendste Zwiegespräch, das zwei Tote je geführt haben.‹ Das sollte eigentlich die Spiritisten packen. Wilfrid hat vorgeschlagen: ›Gladstone und Disraeli. Eine Radiobotschaft aus der Hölle.‹ Welcher Titel gefällt Ihnen besser?«

Sie waren indessen bis zu einem Schutzmann gekommen, der seinen Arm hochhielt, gerade vor der Nase eines Lastpferdes, so daß alles stillstehen mußte. Die Motore der Autos liefen leer, die Gesichter der Lenker waren geradeaus auf die abgesperrte Straßenkreuzung gerichtet; ein Mädchen auf einem Fahrrad schaute müßig umher, wobei es sich hinten an einem Lastwagen festhielt, auf dem seitwärts ein Bursche saß und die Beine zu dem Mädchen herunterbaumeln ließ. Sir Lawrence blickte wieder zu dem jungen Desert hinüber. Ein mageres bleiches Gesicht mit feinen, wenn auch nicht ganz harmonischen Zügen; nichts Auffallendes in Kleidung oder Benehmen, dabei gesellschaftlich ganz unbefangen; weniger lebhaft als dieser temperamentvolle Schlingel, sein eigener Sohn, doch genau so steuerlos und noch skeptischer – Erlebnisse gingen ihm wahrscheinlich recht nahe. Der Schutzmann ließ den Arm sinken.

»Sie waren im Krieg, Mr. Desert?«

»Jawohl.«

»Luftdienst?«

»Und Infanterie. Von jedem ein bißchen.«

»Das ist schwer für einen Dichter.«

»Durchaus nicht. Poesie kann überhaupt nur entstehen, wenn man jeden Augenblick in die Luft fliegen kann, oder wenn man in einer typischen Londoner Vorstadt lebt.«

Sir Lawrence zog die Augenbraue hoch. »Meinen Sie?«

»Tennyson, Browning, Wordsworth, Swinburne – die konnten schaffen; ils vivaient, mais si peu.«

»Gibt es nicht noch eine dritte günstige Situation?«

»Und die wäre, Sir?«

»Wie soll ich mich ausdrücken – so eine Art geistiger Erregung im Zusammenhang mit Frauen?«

Deserts Gesicht zuckte und ein Schatten flog darüber.

Michael steckte den Schlüssel in seine Haustür.

2.
Daheim

Das Haus auf dem South Square, Westminster, das die jungen Monts vor zwei Jahren nach ihrer spanischen Hochzeitsreise bezogen hatten, konnte man ein ›emanzipiertes‹ Heim nennen. Es war das Werk eines Architekten, dessen Ideal ein neues, vollkommen altmodisches Haus war. und ein altes, vollkommen modernes Haus. Deshalb vermochte man auch keinen anerkannten Stil oder ›Anklänge an Herkömmliches‹ zu entdecken. Aber die Steine saugten den Schmutz der Großstadt so rasch auf, daß das Material schon ganz beträchtlich dem der St. Paulskathedrale glich. Die Fenster und Türen hatten sanft gerundete Bogen. Das steile Dach von schöner, rußiger rosa Farbe erinnerte fast an dänischen Stil und zwei putzige, kleine Fensterchen darin machten den Eindruck, als ob sehr großgewachsene Dienstboten dort oben wohnen müßten. Die Zimmer lagen zu beiden Seiten der breiten Haustür, die mit Lorbeerbäumen in schwarzgoldenen Kübeln geschmückt war. Das Haus war von beträchtlicher Tiefe und breit und einfach stieg die Treppe am andern Ende der Halle empor, in der Raum für eine ganze Anzahl von Hüten, Mänteln und Visitenkarten war. Es gab vier Badezimmer, aber nicht einmal einen Keller. Der Forsyte-Instinkt für Häuser hatte bei diesem Ankauf mitgewirkt. Soames hatte es für seine Tochter erstanden, ohne Innendekoration, in jenem psychologischen Augenblick, als die Inflationsseifenblase zerplatzte und aus dem Ballon des Welthandels das Gas entwich. Fleur hatte sich damals sofort mit einem Architekten in Verbindung gesetzt – eine Berufsatmosphäre, die Soames nie ganz verwinden konnte – und sich dafür entschieden, nicht mehr als drei Stilarten in ihrem Hause zu dulden: die chinesische, spanische und ihre eigene. Das Zimmer links von der Eingangstür, das die halbe Hausfront zur Gänze einnahm, war chinesisch, mit Elfenbeintäfelung, einem Kupferfußboden, Zentralheizung und gläsernem Kronleuchter. Es enthielt vier Bilder, die alle chinesisch waren, die einzige Schule, in der ihr Vater noch nicht spekuliert hatte. Neben dem großen, offenen Kamin standen chinesische Hunde auf besondern chinesischen Kacheln. Die Seide war vorwiegend von jadegrüner Farbe. Zwei herrliche alte schwarze Teetruhen standen dort, die man mit Soames' Geld bei Jobson erstanden hatte – nicht gerade ein Gelegenheitskauf. Ein Klavier stand nicht darin, zum Teil deshalb, weil Klaviere so herausfordernd europäisch waren, und dann auch, weil es zu viel Raum weggenommen hätte. Fleur brauchte ein geräumiges Gemach, da sie eher Menschen sammelte als Möbel und Nippsachen. Zwei Fenster an beiden Enden ließen ein Licht einströmen, das leider nicht chinesisch war. Manchmal stand sie ganz still inmitten dieses Zimmers und dachte darüber nach, wie sie ihre Gäste in Gruppen placieren, wie sie ihr Zimmer noch chinesischer machen könnte, ohne daß es unbequem würde; wie sie den Eindruck erwecken könnte, als ob sie ganz genau in Literatur und Politik beschlagen wäre; wie sie alle Geschenke ihres Vaters annehmen könnte, ohne ihn merken zu lassen, daß sein Geschmack doch etwas antiquiert war; wie sie Sibley Swan, den neuen literarischen Stern, festhalten könnte und gleichzeitig Gurdon Minho, den alten, dazu gewinnen; wie Wilfrid Desert anfing, sie zu lieb zu haben; welchen Stil sie eigentlich für ihre Kleider vorzog; warum Michael so komische Ohren hatte; und manchmal stand sie da und dachte überhaupt nichts – spürte nur ein leises Sehnen.

Als die drei eintraten, saß sie vor einem roten chinesischen Lack-Teetisch und beendete einen sehr ausgiebigen Tee. Sie nahm den Tee immer zeitig, so daß sie sich in aller Ruhe ganz allein tüchtig füttern konnte, ehe Besuch kam, denn sie war noch nicht ganz einundzwanzig und dies war die Stunde, in der sie sich ihrer Jugend erinnerte. Neben ihr stand Ting-a-ling auf den Hinterbeinen, seine braunen Vorderpfoten auf einem chinesischen Fußbänkchen, die schwarzbraune stumpfe Schnauze nach oben, den guten Dingen zugekehrt.

»Jetzt hast du genug, Ting. Nichts mehr, mein Liebstes, Schluß!«

Der Ausdruck Ting-a-lings schien zu sagen: ›Na, dann hör du aber auch auf! Und laß mich nicht Höllenqualen leiden!‹

Ein Jahr und drei Monate war er alt, als ihn Michael aus einem Schaufenster in der Bond Street heraus gekauft hatte, vor elf Monaten, an Fleurs zwanzigstem Geburtstag.

Zwei Jahre Ehe hatten ihr kurzes, dunkles, kastanienbraunes Haar nicht länger gemacht; hatten ihren beweglichen Lippen ein wenig mehr Entschlossenheit verliehen, ein wenig mehr Verlockung in ihre haselnußbraunen Augen gelegt unter den dunklen Wimpern und weißen Lidern, ihrer Haltung ein wenig mehr Balance und Schwung gegeben und Brust und Hüften ein wenig mehr gerundet, Taille und Waden waren ein wenig schlanker geworden, die etwas schmäleren Wangen zeigten etwas weniger Farbe, und die Stimme klang etwas weniger lieblich, aber ein wenig einschmeichelnder.

Sie erhob sich hinter dem Teetisch und streckte, ohne ein Wort zu sagen, ihren weißen runden Arm aus. Überflüssige Worte beim Begrüßen und Abschiednehmen vermied sie. Sie käme so oft in die Lage, sie zu sagen und diente ihrer Absicht besser durch einen Blick, einen Händedruck und ein leichtes Neigen des Kopfes nach der Seite.

Mit derselben Hand machte sie eine einladende Bewegung im Kreis und sagte: »Rückt näher! Sahne, Sir? Zucker, Wilfrid? Ting hat schon zu viel bekommen – gebt ihm nichts mehr! Reich die Sachen herum, Michael. Ich hab alles über das Meeting im Klub erfahren. Du wirst doch kein Wahlagent für die Arbeiterpartei werden, Michael – Propagandaarbeit ist so blödsinnig. Wenn irgend jemand mich überreden wollte, würde ich sofort den Kandidaten der Gegenpartei wählen.«

»Gewiß, mein Herz, aber du bist auch nicht der Durchschnittswähler.«

Fleur blickte ihn an. Sehr hübsch gesagt! Sie beobachtete gleichzeitig, wie Wilfrid sich auf die Lippen biß; wie Sir Lawrence es bemerkte; wie weit sie ihr seidenes Bein zeigte; sie bemerkte ihre schwarz- und cremefarbenen Teetassen, und brachte gleichzeitig alles in Ordnung. Ein leises Zucken ihrer weißen Lider – und Wilfrid hörte auf, sich auf die Lippen zu beißen; eine Bewegung ihrer seidenen Beine – und Sir Lawrence hörte auf, ihn anzublicken. Ihre Tassen anbietend, sagte sie: »Ich bin wohl nicht modern genug?«

Desert, der mit einem glänzenden kleinen Löffel in seiner schwarz-weißen Tasse rührte, erklärte, ohne aufzusehen: »Du bist um so viel moderner als die Modernen, als du altmodischer bist als sie.«

»Nur nicht so pathetisch!« sagte Michael.

Aber als er mit seinem Vater hinausgegangen war, um ihm die neuen Karikaturen von Aubrey Greene zu zeigen, sagte sie: »Bitte, erkläre mir, wie du das gemeint hast, Wilfrid.«

Aus Deserts Stimme war alle Zurückhaltung gewichen.

»Was liegt daran! Damit will ich mich nicht aufhalten.«

»Aber ich will es wissen. Es klang wie Hohn.«

»Hohn? Von mir? Fleur!«

»Dann erkläre es mir.«

»Ich habe gemeint, daß du ihre ganze Rastlosigkeit und Zielstrebigkeit hast, aber du hast, was sie nicht haben, Fleur: die Macht, einem den Kopf zu verdrehen. Und mir hast du ihn verdreht, das weißt du.«

»Wenn Michael dies hörte – von dir, seinem Brautführer?«

Desert trat rasch zum Fenster.

Fleur nahm Ting-a-ling auf den Schoß. Es hatten schon andere so zu ihr gesprochen, aber bei Wilfrid war es ernsthaft. Es war natürlich sehr nett zu wissen, daß sie sein Herz besaß. Nur, wo um alles in der Welt sollte sie es verwahren, wo es niemand anderer sehen würde außer ihr? Er war so unberechenbar – tat so seltsame Dinge! Sie fürchtete sich ein wenig – nicht vor ihm, aber vor diesem Unberechenbaren. Er kam zum Kamin zurück und sagte: »Abscheulich, nicht wahr? Tu den verdammten Hund fort, Fleur; ich kann dein Gesicht nicht sehn. Wenn du Michael wirklich liebtest, würde ich nicht so sprechen – ich schwör es dir; aber du liebst ihn nicht, du weißt es.«

Fleur erwiderte kalt: »Da weißt du sehr wenig; ich liebe Michael.«

Desert stieß sein gewohntes stoßweises Lachen aus.

»Ja, schon, aber nicht stark genug.«

Fleur blickte auf.

»Stark genug, daß ich mich sicher fühle.«

»Also eine Blume, die ich nicht pflücken kann.«

Fleur nickte.

»Bist du ganz sicher, Fleur? Ganz, ganz sicher?«

Fleur starrte ihn an; ihr Blick wurde etwas sanfter und die auffallend weißen Lider senkten sich, sie nickte; Desert sagte langsam: »In dem Augenblick, wo ich davon fest überzeugt bin, geh ich nach dem Osten.«

»Nach dem Osten?«

»Der ist nicht so mörderisch wie der Westen, der Kriegsschauplatz, nur eines bleibt sich gleich dabei: man kommt nicht mehr zurück.«

Fleur dachte: ›Der Osten! Wie gern möcht ich den Orient kennenlernen! Schade, daß sich das nicht auch machen läßt. Schade!‹

»Mich wirst du nicht in deiner Menagerie halten, liebe Fleur. Ich werde mich nicht hier herumtreiben und von Abfällen leben. Du weißt, was ich fühle – zu irgendeinem Krach muß es kommen.«

»Es war doch nicht meine Schuld, nicht wahr?«

»O doch, du hast mich gesammelt, wie du jeden sammelst, der in deine Nähe kommt.«

»Ich verstehe dich nicht.«

Desert beugte sich nieder und riß ihre Hand an seine Lippen.

»Sei nicht böse über mich; ich bin zu unglücklich.«

Fleur ließ ihre Hand an seinen Lippen ruhen.

»Es tut mir leid, Wilfrid.«

»Laß nur, Liebe. Ich werd gehen.«

»Aber du kommst doch morgen zum Dinner?«

Desert entgegnete heftig: » Morgen? Barmherziger Gott – nein! Wie glaubst du, soll ich das aushalten?«

Er stieß ihre Hand weg.

»Heftigkeit ist mir sehr zuwider, Wilfrid.«

»Also leb wohl; es ist besser, daß ich gehe.«

Auf ihren Lippen zitterten die Worte: ›Und es wäre auch besser, wenn du nicht wiederkämest‹, aber kein Laut wurde hörbar. Wenn Wilfrid nicht mehr da war, würde ihr Leben etwas von seiner Wärme verlieren! Sie winkte mit der Hand. Er war fort. Sie hörte die Tür zufallen. Armer Wilfrid! Wie nett, von dieser Flamme zu wissen, an der sie ihre Hände wärmen konnte! Angenehm, aber ein wenig gefährlich. Und plötzlich ließ sie Ting-a-ling vom Schoß gleiten, stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Morgen war ja ihr zweiter Hochzeitstag! Es schmerzte sie noch immer, wenn sie daran dachte, was er hätte sein können. Aber es gab wenig Zeit zum Nachdenken, und diese wenige Zeit benützte sie schlecht. Wozu überhaupt nachdenken? Es gab nur ein Leben, das war voll von Menschen, von Dingen, die man tun und haben konnte, von Dingen, die man sich wünschte, ein Leben, dem nur – eines fehlte, und wenn die Menschen dies eine besaßen, so dauerte es niemals lang! An ihren Lidern hingen zwei Tränen, die trockneten, ohne herunterzufallen. Sentimentalität! Nein! Das wäre das Letzte – ein unverzeihliches Vergehen! Wie sollte sie ihre Gäste morgen placieren? Und wen sollte sie an Wilfrids Stelle einladen, wenn Wilfrid nicht käme – der dumme Junge! Ein Tag – eine Nacht, was macht es für einen Unterschied? Wer sollte zu ihrer Rechten sitzen, wer zu ihrer Linken? War Aubrey Greene berühmter oder Sibley Swan? Waren beide vielleicht nicht so berühmt wie Walter Nazing und Charles Upshire? Ein Dinner für zwölf, ganz exklusiv literarisch und künstlerisch bis auf Michael und Alison Cherrell. Ah! Wenn Alison ihr nur Gurdon Minho bringen könnte, gerade nur einen Schriftsteller der alten Schule, ein Glas alten Weins, um das Aufbrausen zu mildern. Er veröffentlichte seine Werke nicht bei Danby & Winter, aber er fraß Alison aus der Hand. Rasch ging sie zu einer der alten Teetruhen und öffnete sie. Innen befand sich ein Telephon.

»Kann ich Lady Alison sprechen? Mrs. Michael Mont …Ja …Du, Alison? …hier Fleur. Wilfrid läßt uns morgen abend im Stich … Wäre es dir möglich, Gurdon Minho mitzubringen? Ich kenne ihn natürlich gar nicht, aber vielleicht interessiert er sich. Du wirst es versuchen? …Das wäre ja herrlich! Ist die Versammlung im Klub nicht aufregend gewesen? Bart sagt, sie werden einander auffressen, nun da sie sich gespalten haben …Was Mr. Minho anbetrifft – könntest du mir heute abend Bescheid sagen? Ausgezeichnet! …Ich bin dir schrecklich dankbar! … Leb wohl!«

Wenn Minho nun nicht käme, wer dann? In Gedanken durchflog sie die Namen in ihrem Adressenverzeichnis. Zu so später Stunde mußte es jemand sein, der auf Zeremoniell keinen Wert legte; aber außer Alison wäre keiner von Michaels Verwandten sicher vor Sibley Swan oder Nesta Gorse und ihren treffsichern Lästerungen. Was die Forsytes anbelangte – gänzlich außer Frage, die hatten wohl ihren versteckten bissigen Humor, wenigstens einige von ihnen, aber sie waren nicht modern, nicht wirklich modern. Übrigens sah sie gern so wenig als möglich von ihnen – sie waren etwas antiquiert, sie gehörten einer vergangenen Epoche an, konnten sich ein Leben ohne Anfang und Ende nicht vorstellen. Nein! Wenn Gurdon Minho sie aufsitzen ließe, dann müßte es ein Musiker sein, einer, dessen Werke hieroglyphisch waren und ein wenig an Chirurgie gemahnten, oder vielleicht noch besser ein Psychoanalytiker. Sie blätterte in dem Verzeichnis, bis sie auf jene beiden Kategorien stieß. Hugo Solstis? Das wäre eine Möglichkeit; aber wenn es ihm einfiele, eine seiner letzten Kompositionen vorzuspielen? Dafür hätte nur Michaels Flügel getaugt und da hätte man in sein Arbeitszimmer gehen müssen. Lieber Gerald Hanks – er würde sich zwar mit Nesta Gorse in Diskussionen über Träume verlieren, aber selbst das wäre kein tatsächlicher Verlust für die Unterhaltung. Ja, wenn Gurdon Minho nicht käme, dann Gerald Hanks; der hatte bestimmt Zeit und er sollte zwischen Alison und Nesta sitzen. Sie klappte das Verzeichnis zu, ging zu ihrem mit grau-grüner Seide bespannten kleinen Sofa, ließ sich nieder und starrte Ting-a-ling an. Der kleine Hund starrte sie mit seinen runden Glotzaugen ebenfalls an, sie waren glänzend, schwarz und uralt. Fleur dachte: ›Wilfrid darf nicht davonlaufen.‹ Unter der Menge von Menschen, die kamen und gingen bei ihr, bei andern und überall, war keiner, an dem ihr wirklich etwas lag. Man mußte alle kennen, mit allen Schritt halten, selbstverständlich! Es war alles so schrecklich amüsant und so schrecklich notwendig! Nur – nur wozu?

Stimmen! Michael und Bart kamen zurück. Bart hatte bei Wilfrid etwas gemerkt. Er war aber auch einer, der alles merkte! Sie fühlte sich niemals ganz behaglich, wenn er in der Nähe war – immer lebhaft und beweglich, und doch war etwas so Gesetztes und Aristokratisches in seinem Wesen; ein wenig wie Ting-a-ling, so wie ein kritischer Beurteiler, der ihr immer vorhielt, daß sie modern und flatterhaft sei. Er lag gewissermaßen fest vor Anker, konnte sich nur bewegen, so weit seine altmodische Kette es erlaubte, aber er konnte einen etwas plötzlich aus der Fassung bringen. Dennoch bewunderte er sie – das fühlte sie – o gewiß!

Nun, wie hatten ihm die Karikaturen gefallen? Sollte Michael sie in Buchform veröffentlichen und mit oder ohne Text? Und ob er nicht auch die kubistische Zeichnung, die Regierung darstellend und ›Stilleben‹ genannt, so entsetzlich komisch fände – besonders die ›Vertrocknete Bohne‹, mit der der Premierminister gemeint war? Sir Lawrences Antwort hörte sich an wie ein rasches, surrendes Geräusch, er erzählte ihr von seines Vaters Sammlung von Wahlkarikaturen. Sie wünschte so sehr, Bart würde aufhören, ihr von seinem Vater zu erzählen; er war so vornehm, aber er mußte auch so langweilig gewesen sein, Besuche machte er grundsätzlich nur zu Pferde, die Hosen mit einem Riemen unter dem Schuh befestigt. Er und Lord Charles Cariboo und der Marquis of Forfar waren die letzten drei ›Besucher‹ dieser Art gewesen. Wenn sie das nicht gewesen wären, dann hätte man sie schon vollständig vergessen. Sie mußte noch ihr neues Kleid anprobieren und ein Dutzend Dinge erledigen und Hugos Konzert begann um acht Uhr fünfzehn. Warum hatten die Leute der vorigen Generation immer so viel Zeit? Plötzlich blickte sie zu Boden und sah, wie Ting-a-ling den kupfernen Fußboden ableckte. Sie hob ihn in die Höhe: »Nicht, Liebling, pfui!« Ah, nun war der Zauber gebrochen. Bart empfahl sich, bis zum letzten Augenblick in seinen Erinnerungen schwelgend. Am Fuß der Treppe wartete sie, bis Michael die Haustür hinter ihm geschlossen hatte, dann flog sie hinauf. In ihrem Zimmer drehte sie alle Lichter an. Hier herrschte ihr eigener Stil: ein Bett, das einem Bett durchaus nicht ähnlich sah, und viele Spiegel. Das Lager Ting-a-lings nahm eine ganze Ecke ein, von wo aus er sich in drei Spiegeln sehen konnte. Sie setzte ihn nieder und sagte: »Nun gib Ruh!« Schon längst war er gegen die andern Hunde im Zimmer vollkommen gleichgültig geworden. Obwohl sie von seiner Rasse und ganz genau von der gleichen Farbe waren, so hatten sie doch keinen Geruch und konnten nicht mit den Zungen lecken – es war nichts mit ihnen anzufangen, nachäffende Geschöpfe, unglaublich blöd.

Ihr Kleid abstreifend, hielt Fleur die neue Toilette unter das Kinn.

»Darf ich dich küssen?« fragte eine Stimme, und hinter ihrem eigenen Bild erschien das Michaels im Spiegel.

»Mein lieber Junge, dazu ist jetzt wirklich keine Zeit! Hilf mir lieber.« Sie zog das Kleid über den Kopf. »Mach die drei obersten Haken zu. Wie gefällt es dir? Oh! Und hör nur, Michael! Gurdon Minho wird vielleicht morgen zum Dinner kommen – Wilfrid hat abgesagt. Hast du Minhos Sachen gelesen? Setz dich hin und erzähl mir etwas davon. Lauter Romane, nicht wahr? Von welcher Art?«

»Na, er hat immer etwas zu sagen gehabt. Und seine Katzen sind gut geschildert. Er ist natürlich ein bißchen romantisch.«

»Ach! Hab ich da am Ende einen Bock geschossen?«

»Nein, durchaus nicht, ein ganz guter Fang. Das Gemeine an unserer ganzen Gesellschaft ist, daß die Leute alles ganz hübsch sagen, daß sie aber gar nichts zu sagen haben. Sie werden nicht dauern.«

»Aber gerade darum werden sie dauern. Sie werden nicht veralten.«

»Glaubst du? Herrje!«

»Wilfrid wird dauern.«

»Ah! Wilfrid kennt Gefühl, Haß, Mitleid und Sehnsucht – wenigstens manchmal; wenn er echt ist, kommt ein verdammt gutes Zeug dabei heraus. Sonst dichtet er gerade nur ein Lied über nichts – wie alle übrigen.«

Fleur zog ihr Unterkleid zurecht.

»Aber, Michael, wenn das wirklich so ist, dann haben wir – dann hab ich ja die ganz verkehrte Gesellschaft eingeladen.«

Michael grinste. »Mein liebes Kind – die, die zur Stunde oben sind, sind immer die Richtigen; man muß nur gut aufpassen, damit man sie rasch genug wechseln kann.«

»Aber glaubst du wirklich, daß Sibley nicht dauern wird?«

»Sib? Du lieber Gott, keine Spur!«

»Aber er weiß doch so todsicher, daß fast jeder andere im Sterben liegt oder schon gestorben ist. Zumindest ist er doch ein kritisches Genie!«

»Wenn ich nicht mehr kritischen Verstand besäße als Sib, würd ich morgen das Verlagsgeschäft an den Nagel hängen.«

»Du – mehr als Sibley Swan?«

»Selbstverständlich hab ich mehr kritischen Verstand als Sib. Na, Sibs kritische Meinung ist gerade nur seine Meinung von Sib, das heißt einfach Intoleranz gegen irgendeinen andern. Er liest die Leute nicht einmal. Von jedem Autor liest er eine einzige Arbeit und sagt dann: ›Ach, dieser Kerl! Er ist fad, oder er ist moralisch, oder er ist sentimental, oder er ist antiquiert, oder ein Faselhans› – hundertmal hab ich ihn schon so reden hören. So urteilt er, wenn es sich um Lebende handelt. Wenn sie schon tot sind, ist es natürlich etwas anderes. Die Toten gräbt er immer aus und spricht sie heilig; auf diese Art hat er sich einen Namen gemacht. So einen Sib gibt es immer in der Literatur. Er ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Leute es verstehen, ihre eigene gute Meinung von sich der ganzen Welt beizubringen. Aber was das Dauern betrifft – natürlich wird er nicht bleiben; er hat nie eine eigene Idee, nicht einmal zufällig.«

Fleur dachte schon längst an etwas anderes. Ja! Es stand ihr gut, machte eine hübsche Linie! Herunter damit! Ehe sie sich ankleiden konnte, mußte sie ja noch die drei kurzen Briefe schreiben!

Michael hatte wieder zu reden begonnen. »Ich will dir einen Tip geben, Fleur. Die wirklich großen Leute schwätzen nicht und bilden keine Cliquen; sie paddeln in ihren eigenen Booten in Gewässern, die uns wie kleine Nebenflüsse vorkommen. Aber es sind die Nebenflüsse, aus denen der Strom gespeist wird. Donnerwetter, da hab ich sogar ein bon mot gesagt, oder ist es ein Paradoxon? Und sind Paradoxe bon mots oder bon mots Paradoxe?«

»Michael, wenn du an meiner Stelle wärst, würdest du Frederic Wilmer sagen, daß er Hubert Marsland nächste Woche beim Lunch hier treffen wird? Wird das ein Anreiz für ihn sein oder wird es ihn abschrecken?«

»Marsland ist ein liebes altes Schaf und Wilmer ist ein störrischer Bock – ich weiß nicht.«

»O bitte, Michael, sei doch ernst – du hilfst mir nie beim Arrangieren – niemals! Malträtier nicht immer meine Schultern, bitte?«

»Aber, Liebstes, ich weiß es wirklich nicht. Ich bin für solche Dinge nicht so begabt wie du. Marsland malt Windmühlen, Klippen und dergleichen – ich zweifle sehr daran, daß er schon vom Futurismus hat reden hören. Er ist fast wie Mathieu Maris, schwimmt nicht mit dem Strom. Wenn du meinst, daß er gern einen ›Rotorist‹ treffen möchte –«

»Ich hab dich nicht gefragt, ob er gern Wilmer treffen möchte, ich habe dich gefragt, ob Wilmer ihn treffen möchte.«

»Wilmer wird einfach sagen: ›Die kleine Mrs. Mont gefällt mir, man kriegt bei ihr verteufelt gut zu fressen‹, und er hat recht, mein Schätzchen. Ein ›Rotorist‹ muß gut genährt werden, sonst steigt es ihm nicht zu Kopf.«

Fleurs Feder flog wieder über das Papier; ihre Schrift fing schon an, ein wenig unleserlich zu werden. Sie murmelte:

»Ich glaube, Wilfrid würde die Situation retten – du wirst nicht da sein; eins – zwei – drei. Was für Frauen?«

»Für Maler – hübsch und mollig, ohne Verstand.«

Fleur entgegnete ungehalten: »Mollige Frauen kann ich nicht auftreiben, die gibt es jetzt nicht!« Und sie schrieb eifrig weiter:

›Lieber Wilfrid! Mittwoch – Lunch, Wilmer, Hubert Marsland, noch zwei Frauen. Hilf mir, damit fertig zu werden.

Stets Deine Fleur.‹

»Michael, dein Kinn kratzt wie eine Schuhbürste.«

»Tut mir leid, liebes Herz, deine Schultern sind eben zu zart. Bart hat Wilfrid einen Tip gegeben, als wir hierherkamen.«

Fleur hielt im Schreiben inne. »Ah?«

»Er hat ihn daran erinnert, daß Verliebtsein Dichtern förderlich ist.«

»Wie kamt ihr darauf?«

»Wilfrid hat sich beklagt, daß ihm jetzt nichts gelingen will.«

»Unsinn! Seine letzten Sachen sind die besten!«

»Ganz meine Meinung. Vielleicht war dieser Tip gar nicht so neu für ihn. Weißt du es vielleicht?«

Fleur wandte den Kopf und blickte in das Gesicht über ihrer Schulter. Nein, es sah ganz so aus wie sonst, offen, sorglos, fast faunartig, mit den spitzen Ohren und den beweglichen Lippen und Nasenlöchern.

Langsam sagte sie: »Wenn du es nicht weißt, dann weiß es wohl niemand.«

Michaels Antwort wurde von einem Schnüffeln unterbrochen. Ting-a-ling stand zwischen ihnen, langgestreckt, sein gesenkter Körper berührte fast den Boden und seine schwarzbraune Schnauze war emporgewandt. ›Mein Stammbaum ist lang‹, schien er zu sagen, ›aber meine Beine sind kurz – was läßt sich da machen!‹

3:
Musik

Weil Fleur und Michael Mont sich von dem bedeutenden und gültigen Gesetz gesellschaftlicher Beziehungen leiten ließen, nicht etwa weil sie sich ein Vergnügen erwarteten, besuchten sie das Konzert von Hugo Solstis. Außerdem waren sie der Meinung, daß Solstis, ein Engländer von russisch-holländischer Herkunft, zu den Erneuerern der englischen Musik gehörte: er befreite sie vom Zwang der Melodie und des Rhythmus und gab ihr so ungehemmte Möglichkeiten der Entwicklung, und zugleich stattete er sie mit literarischen und mathematischen Reizen aus. Niemals konnte man einem Konzert eines Künstlers dieser Schule beiwohnen, ohne beim Weggehen das Wort ›interessant‹ im Munde zu führen. Bei dieser erneuerten englischen Musik einzuschlafen, war ebenfalls ganz unmöglich. Fleur, die einen gesunden Schlaf hatte, hatte es nicht einmal versucht. Michael dagegen hatte es getan und sich danach beklagt, er habe so ungefähr das Gefühl gehabt, auf dem Bahnhof von Lüttich eingenickt zu sein. An diesem Abend hatten sie wieder die Sitze am Mittelgang in der ersten Reihe des Balkons, für die Fleur eine Art selbstverständliches Monopol besaß. Dort konnten Hugo und die übrigen sie sehen, wie sie ihren Platz in der englischen Erneuerungsbewegung einnahm. Von dort konnte man auch leicht in den Korridor entwischen, um mit den Herren Kunstkennern in Koteletten das Wort ›interessant‹ zu tauschen; oder man konnte rasch eine Zigarette dem kleinen goldenen Etui entnehmen, einem Hochzeitsgeschenk der Kusine Imogen Cardigan, um ein oder zwei Züge lang auszuruhen. Ehrlich gesagt, Fleur besaß ein natürliches Gefühl für Rhythmus, das peinlich berührt war während der langen und ›interessanten‹ Stücke, die gewissermaßen des Komponisten Aufstieg und Fall von seinem Dornenbett symbolisierten. Ganz im geheimen liebte sie Melodien, und die Unmöglichkeit, dies jemals zu beichten, ohne Solstis, Baff, Birdigal, Mac Lewis, Clorane und all die andern englischen Erneuerungskomponisten zu verlieren, heischte von ihrer Natur, die ihre spartanischen Züge hatte, manchmal die äußerste Selbstüberwindung. Nicht einmal Michael wollte sie ›beichten‹ und es war obendrein noch eine Qual, wenn er mit seiner angeborenen Respektlosigkeit vor Persönlichkeiten, die das Leben im Schützengraben und im Bureau eines Verlegers noch verstärkt hatte, manchmal murmelte: ›Herrgott! Komm doch endlich zur Sache!‹ oder ›Donnerwetter, dem ist aber übel!‹ Und dabei wußte sie ganz genau, daß Michael die Sache viel besser ertragen konnte als sie selber, da er wissenschaftlich gebildeter war und ihn der Trieb zu tanzen nicht so in den Fußspitzen juckte.

Das erste Thema der neuen Komposition von Solstis, ›Phantasmagoria Piemontesque‹, derenthalben sie eigens gekommen waren, begann mit einigen langgezogenen Akkorden.

»Au weh!« flüsterte ihr Michael ins Ohr. »Drei Möbelstücke werden gleichzeitig über einen Parkettboden geschleift!«

In Fleurs unwillkürlichem Lächeln lag das ganze Geheimnis, warum ihre Ehe doch erträglich war. Schließlich war Michael so ein lieber Kerl! Tiefes Gefühl und quecksilbriger Geist – Spaßmacher und treuer Liebhaber – alles zusammen reizte und rührte sogar ein Herz, das schon vergeben war, ehe es ihm geschenkt wurde. ‹›Gefühl‹ ohne ‹›Reiz‹ hätte sie gelangweilt, ‹›Reiz‹ ohne ‹›Gefühl‹ hätte sie irritiert. In diesem Augenblick kam er ihr höchst anziehend vor! Er hörte jenem Eröffnungsthema in einer Art und Weise zu, die Fleurs Bewunderung erzwang; die Hände hielten die Knie umklammert, seine Ohren standen ab, die Augen waren ganz glasig vor lauter Loyalität zu Hugo und seine Zunge spielte in der Wange. Das Stück war wohl ‹›interessant‹ – während sie scheinbar aufmerksam zuhörte, hing sie innerlich ihren Gedanken nach, wie das jetzt oft bei ihr vorkam. Da drüben saß L. S. D., der ‹›Über-Dramatiker‹; sie kannte ihn nicht – noch nicht. Er sah eigentlich erschreckend aus, sein Haar war so kerzengerade in die Höhe gebürstet. Und sie stellte sich vor, wie er sich gegen den Hintergrund eines chinesischen Bildes und auf ihrem kupfernen Fußboden ausnehmen würde. Und dort – ja! Gurdon Minho! Wie merkwürdig, daß er zu so etwas Modernem ging! Sein Profil sah wirklich etwas römisch aus, Zeitalter des Mark Aurel! Mit dem angenehmen Gedanken, daß morgen um diese Zeit diese Antiquität wahrscheinlich schon ihrer Sammlung angehören würde, ließ sie ihre Blicke weitergleiten und sortierte gewissermaßen die Versammlung, Gesicht um Gesicht, denn sie wollte keine einzige Größe übersehen haben.

Die ‹›Möbelstücke‹ waren ganz plötzlich zur Ruhe gekommen.

»Interessant!« sagte eine Stimme über ihrer Schulter. Aubrey Greene! Ungreifbar, wie mondbestrahlt, mit dem seidenen blonden Haar, das er glatt zurückgestrichen trug, und den grünlichen Augen; wenn er lächelte, wurde sie nie das Gefühl los, daß er sich über sie lustig mache. Aber er war ja auch ein Karikaturenzeichner!

»Ja, nicht wahr?«

Er schlängelte sich davon. Er hätte schon ein wenig länger bleiben können – für irgend einen andern war keine Zeit mehr, ehe Birdigal mit seinen Liedern anfing. Da kam auch schon der Sänger Charles Powls! Wie dick und brav er aussah, wie er so den kleinen Birdigal zum Klavier schleppte.

Eine reizende Begleitung – anmutig plätschernd, melodiös!

Der dicke brave Mann fing an zu singen. Er sang so anders als die Begleitung war! Der Gesang hämmerte mit jeder Note derart auf ihren plexus solaris los, daß ihr mit mathematischer Sicherheit Hören und Sehen verging. Birdigal mußte beim Komponieren in ständiger Angst gelebt haben, daß jemand sein Lied ‹›sangbar‹ finden könnte. Sangbar! Fleur wußte, wie ansteckend das Wort war; wie Masern würde es sich durch die ganze Gesellschaft ausbreiten, und dann war es um Birdigal geschehen! Der arme Birdigal! Aber ‹›interessant‹ war es auf jeden Fall. Nur, wie Michael sagte: »Herrgott noch einmal!«

Drei Lieder! Powls war wundervoll – so loyal! Niemals traf er einen Ton so, daß es wie Musik klang! Ihre Gedanken flatterten zu Wilfrid. Ihm allein von allen jüngeren Dichtern gestand man das Recht zu, etwas zu sagen; das gab ihm eine so eigene Position – er schien aus dem Leben zu kommen und nicht aus der Literatur. Außerdem hatte er allerhand im Krieg geleistet, war ein Sohn von Lord Mullyon, würde wahrscheinlich den Mercer-Preis, eine hohe Auszeichnung, für seine ›Kleine Münze‹ erhalten. Wenn Wilfrid sie verließ, so fiel ein Stern vom Firmament über ihrem Kupferfußboden. Er hatte kein Recht, sie im Stich zu lassen. Er mußte lernen, nicht so heftig zu sein, nicht so – körperlich zu denken. Nein, sie konnte sich Wilfrid nicht entschlüpfen lassen. Sie konnte aber auch keine Sentimentalität mehr in ihrem Leben dulden, keine verzehrende Leidenschaft mehr, die zu nichts führte und nur einen bitteren Nachgeschmack zurückließ. Davon hatte sie genug gekostet. Noch immer spürte sie einen dumpfen, warnenden Schmerz.

Birdigal verbeugte sich, Michael sagte: »Gehn wir hinaus auf eine Zigarette! Das nächste Stück ist eine Niete.« Oh! Ah! Beethoven. Der arme alte Beethoven! So antiquiert – und doch hörte man ihn ganz gern!

Im Korridor und Buffetraum wimmelte es von Anhängern der Restaurationsbewegung. Junge Männer und Frauen mit Gesichtern und Köpfen von lebhaftem und verschrobenem Charakter tauschten untereinander das Wort ›interessant‹. Männer von mehr massivem Typus, die Matadoren mit sitzender Lebensweise glichen, behinderten die Bewegungsfreiheit. Fleur und Michael gingen ein kurzes Stück, lehnten sich dann an die Wand und zündeten ihre Zigaretten an. Fleur rauchte sehr zierlich – eine ganz winzige Zigarette in einer winzigen Bernsteinspitze. Es hatte den Anschein, als ob sie den blauen Rauch viel lieber bewunderte als hervorbrächte. Sie mußte auch an Sphären denken, die jenseits dieser Menge lagen – man konnte nie wissen, wer hier war! – die Sphäre zum Beispiel, in der Alison Cherrell lebte: politisch-literarisch, vorurteilslos im Geschmack, aber wie Michael sich immer ausdrückte, ›so überzeugt davon, daß sie die einzige Gesellschaftssphäre überhaupt sind, ebenso wie ein Gesundheitsapostel von seinem System durchdrungen ist; man muß sich nur ansehn, wie sie fortwährend einer über den andern Memoiren schreiben!‹ Sie fürchtete immer, daß Leute dieser Sphäre das Rauchen der Frauen in öffentlichen Gebäuden vielleicht nicht billigen würden. Auf eine vorsichtige Weise den Bilderstürmern sich anschließend, vergaß sie doch nie, daß sie mit ihren beiden Beinen zumindest in zwei ganz verschiedenen Welten stand. Während sie beobachtete, was links und rechts von ihr vorging, bemerkte sie an die Wand gelehnt einen, dessen Gesicht hinter dem Programm verborgen war. ›Wilfrid‹, dachte sie, ›und er tut so, als sähe er mich nicht!‹ Gekränkt wie ein Kind, dem man einen Sixpence stibitzt hat, sagte sie: »Dort ist Wilfrid! Hol' ihn her, Michael!«

Michael ging zu seinem Brautführer hinüber und berührte seinen Arm. Desert blickte stirnrunzelnd von seinem Programm auf. Sie sah, wie er die Achseln zuckte, sich umwandte und in der Menge verschwand. Michael kam zurück.

»Wilfrid hat heute abend einen Rappel; er sagt, er paßt heute nicht in menschliche Gesellschaft – sonderbarer Kauz!«

Wie blind die Männer doch waren! Michael bemerkte nichts, weil Desert sein Freund war, und das war ein Glück! So war Wilfrid fest entschlossen, sie zu meiden! Na, man würde ja sehen! Und sie sagte: »Ich bin müde, Michael, gehen wir nach Hause.«

Er ließ die Hand durch ihren Arm gleiten.

»Das tut mir leid, mein Herz, gehn wir!«

Einen Augenblick blieben sie in einer Seitentür stehen, um Woomans, den Dirigenten, zu beobachten, der zum Orchester hinaufstürzte.

»Da schau ihn an«, sagte Michael, »wie eine Vogelscheuche, die man aus einem venetianischen Fenster hinausgehängt hat und deren ausgestopfte Arme und Beine im Winde flattern! Und schau die Frapka und ihren Flügel an – welch turbulentes Paar!«

Ein seltsamer Ton erklang.

»Himmel, eine Melodie!« sagte Michael.

Ein Diener murmelte leise: »Jetzt muß ich die Tür schließen.« Fleur sah noch einmal flüchtig L. S. D., der mit geschlossenen Augen, aufrecht wie seine Frisur, dasaß. Die Tür wurde geschlossen – sie standen draußen im Vestibül

»Wart hier, mein Schatz, ich werd ein Wägelchen auftreiben.«

Fleur vergrub ihr Kinn im Pelz. Es herrschte östlicher Wind und Kälte. Da sagte eine Stimme hinter ihr: »Nun, Fleur, soll ich ostwärts gehn?«

Wilfrid! Den Kragen bis zu den Ohren hochgestellt, die Zigarette zwischen den Lippen und die Hände in den Taschen, so verschlang er sie mit dem Blick.

»Wilfrid, du bist wirklich albern!«

»Alles was du willst. Soll ich ostwärts gehn?«

»Nein, Sonntag vormittag – elf Uhr in der Tate-Galerie. Wir wollen alles durchsprechen.«

»Abgemacht!« Und fort war er.

Wie sie so plötzlich wieder allein war, fühlte Fleur zum ersten Mal die erschreckende Wirklichkeit. Würde Wilfrid sich wirklich nicht zur Vernunft bringen lassen? Ein Taxi fuhr vor, Michael winkte, Fleur stieg ein.

Als sie an einer grell beleuchteten Gruppe junger Damen vorbeifuhren, die den interessierten Londonern die höchste Vollendung Pariser Unangezogenheit vorführten, fühlte sie, wie Michael sich zu ihr neigte. Wenn sie Wilfrid behalten wollte, mußte sie nett zu Michael sein. Nur: »Du brauchst mich nicht gerade in Piccadilly Circus zu küssen, Michael!«

»Tut mir leid, Kätzchen! Es war ein bißchen verfrüht – ich wollte dich gerade gegenüber dem ›Partheneum‹ erwischen.«

Fleur erinnerte sich, wie er die ersten vierzehn Tage ihrer Flitterwochen auf einem unbequemen spanischen Sofa geschlafen hatte; wie er immer darauf bestand, daß sie kein Geld für ihn ausgeben solle, und daß sie sich immer noch von ihm schenken lassen mußte, was ihm gefiel, obgleich sie dreitausend Pfund im Jahr erhielt und er nur zwölfhundert; wie er aus dem Häuschen geriet, wenn sie nur einen Schnupfen hatte, und wie er immer zum Tee nach Hause kam. Ja, er war wirklich ein lieber Kerl! Aber würde ihr das Herz brechen, wenn er morgen nach dem Osten oder Westen ginge?

Während sie an ihn geschmiegt dasaß, war sie überrascht von ihrem eigenen Zynismus.

In der Halle lag ein Zettel mit einer telephonischen Mitteilung: ›Bitte, sagen Sie Mrs. Mont, daß Mr. Gurdon Minho kommt. Lady Alison.‹

Das war eine Beruhigung. Eine wirkliche Antiquität! Sie drehte die Lichter an und stand einen Augenblick in Bewunderung ihres Zimmers versunken. Wirklich hübsch! Ein leichtes Schnaufen kam aus der Ecke. Ting-a-ling lag goldbraun auf seinem schwarzen Kissen wie ein kleiner chinesischer Löwe da, fremd und erhaben, er hatte gerade seine Abendunterhaltung an den Gittern des Platzes beendet.

»Ja, du bist auch da!« sagte Fleur.

Ting-a-ling rührte sich nicht. Seine runden, schwarzen Augen beobachteten, wie seine Herrin sich entkleidete. Als sie aus dem Badezimmer zurückkam, war er schon zu einer Kugel zusammengerollt. Fleur dachte: ‹›Sonderbar! Woher weiß er, daß Michael heute abend nicht zu mir kommt?‹ Und in ihr gut gewärmtes Bett schlüpfend, rollte auch sie sich zusammen und schlief ein.

Aber ganz gegen ihre Gewohnheit erwachte sie während der Nacht. Ein langer, unheimlich gedehnter Ruf erklang – von irgendwoher – von der Themse – von den Elendsvierteln in der Nähe; Erinnerungen stiegen auf – heftig, schmerzhaft – an ihre Flitterwochen – Granada, seine Dächer tief unten, Jet, Elfenbein, Gold; des Wächters Ruf, die Verse in Jons Brief:

›Ruf in der Nacht! Tief unten im Dunkel der alten

Schlafenden spanischen Stadt, unter den weißen Sternen!

Was will der Ruf? – Sein angstvoll dauernd Klagen?

Ist's der des Wächters, der sein zeitlos Lied der Ruhe singt?

Ist's nur ein Wandersmann, der Lieder singt dem Mond?

Nein! Ein Beraubter ist's, des liebend Herz der Klage voll.

Es ist sein Schrei: Wie lang noch?‹

Ein Ruf, oder hatte sie es nur geträumt? Jon, Wilfrid, Michael! Vergeblich, ein Herz zu haben!

4.
Dinner

Lady Alison Cherrell, geborene Heathfield, die Tochter des ersten Earl of Campden und die Gemahlin des Königlichen Rates Lionel Cherrell, Michaels jungen Onkels, war eine entzückende Engländerin, unter Menschen aufgewachsen, die man für die Seele der Gesellschaft hielt. Diese Gesellschaft, die eine Fülle von Geist, Energie, Geschmack und Geld besaß, entstammte Generationen von Politikern und Rechtsgelehrten, deren Blut durch Verbindungen mit Aristokraten blau gefärbt war, hatte aber nichts mit dem Snooks-Klub und den langweiligen Zufluchtsstätten der durch Geburt und Privilegien Begünstigten zu tun. Die Gesellschaft war reizend und lustig, frisch und frei und nach Michaels Meinung ›snobistisch und altmodisch in ästhetischer und intellektueller Hinsicht, aber einsehen werden sie's nie. Sie halten sich für die Krone der Schöpfung, für aufgeweckt, gesund, modern, vornehm und intelligent. Sie können sich einfach nicht vorstellen, daß es noch ihresgleichen gibt. Aber sie haben zu wenig Phantasie. Ihre wirklich schöpferischen Taten kann man an den fünf Fingern abzählen. Man muß sich nur ihre Bücher ansehen: immer schreiben sie über irgend etwas – über Philosophie, Spiritualismus, Poesie, Fischerei, oder über sich selbst. Sogar ihre Sonette versiegen, ehe sie fünfundzwanzig Jahre alt sind. Alles kennen sie, nur die Menschen außerhalb ihrer Gesellschaftsschicht nicht. Ja, arbeiten – das tun sie schon – sind Hans Dampf in allen Gassen; das müssen sie ja sein, denn niemand hat so viel Verstand, Energie und Geschmack wie sie. Aber sie drehen sich fortwährend in ihrem eigenen verwünschten Kreis herum. Der ist ihre Welt – und die könnte noch schlechter sein. Sie haben auf ihr eigenes Goldenes Zeitalter ein Patent genommen; aber seit dem Krieg zeigt sich schon ein wenig Fliegenschiß darauf.‹

Alison Cherrell, Gesellschaftsdame durch und durch, so energisch-seelenvoll, so freundlich, ungezwungen und gemütlich, wohnte in fast unmittelbarer Nähe von Fleur, in einem Hause, das so hübsch gebaut war wie nur irgend eines in London. Mit vierzig Jahren besaß sie drei Kinder und war von ansehnlicher Schönheit, die ganz leise Spuren ihrer geistigen und körperlichen Tätigkeit aufwies. Da sie sich leicht begeisterte, hatte sie Michael gern, trotz seiner seltsamen Art zu kritisieren, so daß sein Eheabenteuer ihr Interesse von Anfang an erregt hatte. Fleur besaß feinen Geschmack und eine rasche, natürliche Auffassungsgabe – es lohnte sich wohl, diese neue Verwandtschaft zu kultivieren. Aber obgleich Fleur aufnahms- und anpassungsfähig war, so paßte sie sich merkwürdigerweise durchaus nicht an; sie erregte noch immer die Neugier Lady Alisons, die an den engen Kreis auserwählter Geister gewöhnt war und nun einen gewissen Reiz im Kontakt mit Leuchten der Neuen Zeit fand, die sich auf Fleurs Kupferfußboden trafen. Dort stieß sie auf eine Respektlosigkeit, die, obwohl nicht allzu ernst genommen, sie doch stark aufmunterte. Auf jenem Boden kam sie sich fast altmodisch vor. Das gerade, stachelte ihren Ehrgeiz an.

Nach Fleurs telephonischer Anfrage wegen Gurdon Minho hatte sie den Schriftsteller angerufen. Sie kannte ihn, wenngleich nicht sehr gut. Niemand schien ihn gut zu kennen – er war liebenswürdig, höflich, schweigsam, ziemlich zurückhaltend und langweilig. Sein Lächeln, das manchmal ironisch, manchmal freundlich war, konnte einen aus der Fassung bringen. Seine Bücher waren bald beißend spöttisch, bald sentimental. Auf jeden Fall war es beinahe Mode, ihn abzukanzeln, obgleich er noch immer zu existieren schien!

Sie rief ihn an: Ob er morgen zum Dinner zu ihrem jungen Neffen, Michael Mont, kommen wolle, um dort die jüngere Generation zu treffen? Seine Antwort kam mit ziemlich hoher Stimme: »Herzlich gern! In voller Gala oder Smoking?«

»Das ist wirklich reizend von Ihnen! Man wird sich so freuen. Volle Gala, glaub ich. Es ist ihr zweiter Hochzeitstag.« Als sie das Hörrohr zurückhängte, dachte sie: ›Wahrscheinlich schreibt er ein Buch über die Leute!‹

Da sie sich ihrer Verantwortung bewußt war, ging sie früh hin.

Ihr Gatte hatte eine große Versammlung in der Advokatenkammer, so daß sie allein kam und das Gefühl hatte, ein Abenteuer zu erleben. Das war sehr angenehm nach einem Tag, den sie in unschlüssiger Erregung über das Ergebnis im Snooks-Klub verbracht hatte. Sie wurde nur von Ting-a-ling empfangen, der mit dem Rücken zum Feuer lag, sie anstarrte und weiter keine Notiz von ihr nahm. Sie ließ sich auf dem graugrünen Sofa nieder und sagte: »Na, du komischer kleiner Kauz, kennst du mich nach so langer Zeit noch immer nicht?«

Ting-a-lings glänzende schwarze Augen schienen zu sagen: ›Ich weiß, daß du immer wiederkehrst; die meisten Dinge kehren immer wieder. Es gibt nichts Neues in der Welt.‹

Lady Alison verfiel in Sinnen: Die neue Generation! Wünschte sie denn, daß ihre eigenen Töchter dazugehörten? Sie würde gern einmal mit Mr. Minho darüber sprechen – vor dem Krieg hatte sie einmal dort in Beechgroves ein sehr nettes Gespräch mit ihm geführt. Das war vor neun Jahren gewesen. So verging die Zeit, und alles änderte sich. Eine neue Generation! Und worin lag denn der Unterschied? »Ich glaube, wir besaßen mehr Tradition«, sagte sie leise zu sich.

Ein schwaches Geräusch ließ sie von ihren Füßen aufblicken, die sie gedankenvoll angestarrt hatte. Ting-a-ling bewegte seinen Schwanz auf der Matte hin und her, als applaudiere er. Fleurs Stimme sagte hinter ihr: »Ich komme schrecklich spät, liebste Alison. Es war wirklich reizend von dir, mir Mr. Minho zu verschaffen. Hoffentlich vertragen sie sich alle. Auf jeden Fall wird er zwischen uns beiden sitzen: ich setze ihn an die Spitze der Tafel und Michael an das Ende zwischen Pauline Upshire und Amabel Nazing, Sibley zu deiner Linken, Aubrey zu meiner Rechten, neben ihn Nesta Gorse und Walter Nazing, ihnen gegenüber Linda Frewe und Charles Upshire. Zwölf. Du kennst sie alle. Oh, und bitte, nimm es Nesta und den Nazings nicht übel, wenn sie zwischen den Gängen rauchen. Amabel läßt sich davon nicht abhalten. Sie kommt aus Virginien – es ist die Reaktion. Ich hoffe nur, daß sie wenigstens etwas wie Kleider anhat, wenn Michael auch sagt, daß gerade das ein Fehler von ihr wäre. Da Mr. Minho heute kommt, bin ich ein wenig nervös. Hast du Nestas Parodie im ›Bouquet‹ gelesen? Oh, das ist doch schrecklich lustig – ganz klar auf L. S. D. gemünzt! Ting, lieber Ting, wirst du denn hierbleiben, wenn alle die Leute kommen? Na, dann leg dich hier hinauf, sonst wird man auf dich treten. Sieht er nicht ganz chinesisch aus? Er verleiht diesem Zimmer gewissermaßen die letzte Vollendung.«

Ting-a-ling lag mit der Schnauze auf den Vorderpfoten mitten auf einem grau-grünen Kissen.

»Mr. Gurdon Minho!«

Der berühmte Romancier sah blaß und gefaßt aus. Während er die beiden ihm entgegengestreckten Hände schüttelte, starrte er Ting-a-ling an und sagte: »Wie hübsch! Sei gegrüßt, mein Kleiner!«

Ting-a-ling rührte sich nicht. ›Sie halten mich also für einen, ganz gewöhnlichen englischen Hund, mein Herr?‹ schien sein Schweigen zu sagen.

»Mr. und Mrs. Walter Nazing, Miss Linda Frewe.«

Amabel Nazing trat zuerst ein, unverhüllter Alabaster vom blonden Haar abwärts bis zu den sechs Zoll schimmernden Rückens über der Taille, verhüllter Alabaster von vier Zoll unter dem Knie bis zu den schimmernden Spitzen ihrer Schuhe. Der hervorragende Romancier wandte unwillkürlich seinen Blick von Ting-a-ling ab.

Walter Nazing, der seiner Frau folgte, die er um ein gut Stück überragte, ließ nur einen winzigen weißen Kragenrand aus Schwaden von Schwarz hervorscheinen, und sein Gesicht, das vor hundert Jahren gemeißelt schien, ähnelte leicht dem Shelleys. Auch seine literarischen Produktionen ähnelten manchmal, wie behauptet wurde, der Poesie jenes Barden und manchmal der Prosa von Marcel Proust. ›Au weh!‹ wie Michael sagte.

Über Linda Frewe, die Fleur sofort mit Gurdon Minho bekannt machte, waren noch nie zwei Leute in ihrem Salon einig gewesen. Die Meinungen über ihre Werke ›Nichtigkeiten‹ und ›Der wütende Don‹ waren vollkommen geteilt. Diese Bücher, die nach der Ansicht einiger genial, nach andern Faseleien waren, erregten immer eine interessante Debatte, ob ein klein wenig Verrücktheit den Wert der Kunst vermehre oder vermindere. Sie selber legte wenig Wert auf Kritik – sie schuf.

» Der Mr. Minho? Wie interessant! Ich habe noch nie etwas von Ihnen gelesen.«

»Wie, du kennst nicht Mr. Minhos Katzen? Aber sie sind doch wundervoll. Mr. Minho, ich möchte so gern, daß Mrs. Walter Nazing Ihre Bekanntschaft macht. Amabel – Mr. Gurdon Minho.«

»Oh, Mr. Minho, wie wunderbar nett! Ich wünschte mir schon als Baby Ihre Bekanntschaft, zu machen.«

Fleur hörte den Romancier ruhig erwidern: »Ich wollte, es wäre noch früher gewesen«, und ging von Zweifeln befangen zu Nesta Gorse, um sie und Sibley Swan zu begrüßen, die hereinkamen, als ob sie zusammenlebten: sie stritten gerade über L. S. D. Nesta trat für ihn ein, weil er so laut seinen eigenen Ruhm verkündete, während Sibley dabei blieb, daß die Erneuerungsbewegung dem Witz ein Ende gemacht hätte; dieser Bursche aber lebte!

Michael folgte mit den Upshires und Aubrey Greene, den er in der Halle getroffen hatte. Die Gesellschaft war vollzählig.

Fleur schwärmte für Vollkommenheit und empfand an diesem Abend etwas wie Alpdrücken. War es ein Erfolg? Es war so offenbar, daß Minho von allen Anwesenden am wenigsten brillierte; sogar Alison verstand sich besser zu unterhalten. Und doch hatte er einen so feinen Schädel. Wenn er nur nicht etwa früh nach Hause ging! Sie konnte darauf wetten, daß jemand sagen würde: ›Eine Antiquität!‹ oder ›fad und kahlköpfig!‹, ehe sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Er war rührend nett, als ob ihm daran läge, daß man ihn gern habe oder wenigstens nicht zu sehr verachte. Und es mußte natürlich mehr in ihm stecken, als seine Worte jetzt verrieten. Nach der Krabbenomelette schien er sich tatsächlich mit Alison über die Jugend zu unterhalten. Fleur hörte mit einem Ohr zu.

»Jugend fühlt …Hauptstrom des Lebens …findet nicht, was sie braucht. Vergangenheit und Zukunft von einem Heiligenschein umstrahlt sehen …Stimmt! …Das gegenwärtige Leben ist nichts wert …Nein … Der einzige Trost für uns – wir werden eines Tages veraltet sein wie Congreve, Sterne, Defoe …wir werden eine Möglichkeit haben? …Warum? Was treibt sie denn weg von dem Hauptstrom? Oh! Wahrscheinlich Übersättigung …Zeitungen …Photographien. Sie sehen nicht das Leben selbst, nur Berichte …Wiedergaben des Lebens; alles erscheint ihnen schäbig, unsauber und spekulativ …Die Jugend sagt: ›Weg damit, wir wollen die Vergangenheit oder die Zukunft!‹«

Er nahm einige gesalzene Mandeln und Fleur sah, wie seine Augen über die Schultern Amabel Nazings hinglitten. Dort unten war die Konversation das reine Ballspiel – jeder empfing den Ball, um ihn gleich wieder weiterzugeben. Er flog von Kopf zu Kopf. Und nach jedem Angriff streckte jemand die Hand aus, nahm eine Zigarette und blies eine blaue Wolke über den Speisetisch, auf dem keine Decke lag. Fleur erfreute sich an dem Glanz ihres spanischen Zimmers, an dem mit Fliesen belegten Fußboden, den farbenprächtigen Früchten aus Porzellan, dem gepreßten Leder, den Kupfergegenständen und Soames' Goya über dem maurischen Diwan. Wenn der Ball zu ihr kam, gab sie ihn prompt weiter, aber sie ergriff nie die Initiative. Ihre Gabe war, alles gleichzeitig zu bemerken, Mrs. Michael Mont präsentierte die brillanten Nichtigkeiten Linda Frewes, die Anregungen und Nadelstiche von Nesta Gorse, die wie Mondlicht nie ganz zu fassenden Andeutungen von Aubrey Greene, die aufwühlenden Schlagworte von Sibley Swan, Amabel Nazings kleine, kühle amerikanische Kühnheiten, die sonderbaren kurzen Anekdoten von Charles Upshire, Walter Nazings aufreizende Widersprüche, die kritischen verwickelten Bemerkungen von Pauline Upshire, Michaels lustig-unbekümmerte Schleudern und Pfeile, sogar Alisons kluge Lebendigkeit und Gurdon Minhos Schweigen – das alles präsentierte sie gleichzeitig, setzte es ins beste Licht und hielt Auge und Ohr auf den Ball der Unterhaltung gerichtet, damit er ja nicht zu Boden falle und liegenbleibe. Ein brillanter Abend, aber – war es ein Erfolg?

Auf dem graugrünen Sofa saß sie, nachdem der letzte Gast gegangen war und Michael Alison nach Haus begleitete, und dachte an Minhos ›Jugend, die nicht findet, was sie braucht‹. Nein! Die Dinge paßten nicht zusammen. »Passen nicht zusammen, nicht wahr, Ting?« Aber Ting-a-ling war müde, nur die Spitze eines seiner Ohren zitterte. Fleur lehnte sich seufzend zurück. Ting-a-ling rollte sich auf, legte seine Vorderpfoten auf ihr Bein und blickte ihr ins Gesicht ›Schau mich an‹, schien er zu sagen, ›mir geht es gut. Ich bekomme, was ich will, und ich will, was ich bekomme. Jetzt will ich schlafen gehn.‹

»Aber ich will nicht!« sagte Fleur, ohne sich zu rühren.

›Nimm mich nur auf den Arm!‹ sagte Ting-a-ling.

»Na ja«, sagte Fleur, »ein netter Mensch, aber nicht der richtige, Ting.«

Ting-a-ling legte sich auf ihren bloßen Armen zurecht.

›Alles ganz schön und gut‹, schien er zu sagen. ›Aber es gibt zu viel Sentimentalität und ähnliches außerhalb von China. Komm doch!‹

5.
Eva

Die Wohnung des Honourable Wilfrid Desert lag gegenüber der Bildergalerie der Cork Street. Er war das einzige männliche Mitglied der Aristokratie, dessen Verse überhaupt jemand drucken wollte. Er hatte diese Zimmer mehr wegen ihrer ruhigen Lage als wegen ihrer Bequemlichkeit gemietet. Seine Möbel jedoch waren mit dem Geschmack und Luxus ausgestattet, von dem die reichen Häuser Englands überfließen. Als Wilfrid einzog, hatte Lord Mullyon, der cornische Edelmann, zwei Möbelwagen voll von Einrichtungsgegenständen von seinem Landsitz in Hampshire geschickt. Man fand Wilfrid aber selten zu Hause und hielt ihn für einen Sonderling wegen seiner ziemlich einzigartigen Position unter den jüngeren Schriftstellern, und weil er im Ruf eines Nomaden stand. Er wußte vielleicht selbst kaum, wo er seine Zeit zubrachte oder seine Sachen schrieb, da er an einer Art krankhafter Angst vor geschlossenen Räumen litt, an einer Furcht, daß andere seine Freiheit beschränken könnten. Als der Krieg ausbrach, hatte er gerade Eton verlassen; nach Beendigung des Krieges war er dreiundzwanzig und fühlte sich so alt wie nur je ein junger Mann, der ein Gedicht zustandegebracht hat. Seine Freundschaft mit Michael, die im Spital begonnen hatte, war eingeschlafen und dann plötzlich zu neuem Leben erwacht, als Michael im Jahre 1920 in die Verlagsfirma Danby & Winter, Blake Street, Covent Garden, eintrat. Wilfrids Verse hatten den leichtsinnigen Enthusiasmus des emporkommenden Verlegers geweckt. Wilfrid mußte unbedingt literarisch festen Fuß fassen und die vertraulichen gemeinsamen Mahlzeiten hatten damit geendet, daß die Firma den eindringlichen Vorstellungen Michaels nachgab. Sie berauschten sich gegenseitig an dem ersten Buch, das Wilfried geschrieben und bei dem Michael Pate gestanden, und Michaels Hochzeitsfest setzte allem die Krone auf. Brautführer! Seit damals war Desert an jene beiden gebunden, so weit er überhaupt an irgend etwas gebunden sein konnte; doch um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, war es ihm erst seit einem Monat klar geworden, daß die Anziehungskraft nicht von Michael, sondern von Fleur ausging. Desert sprach niemals vom Krieg. Es war unmöglich, aus seinem eigenen Munde ein Bekenntnis zu hören, das etwa folgendermaßen gelautet hätte: ›Ich habe so lange zwischen Grauen und Tod gewohnt; ich habe die Menschen kennengelernt, wie sie zuinnerst sind; ich habe die Hoffnung auf irgend etwas so gründlich aus meinem Wesen getilgt, daß ich nie mehr den geringsten Respekt vor Theorien, Versprechungen, Konventionen, Prinzipien und Morallehren haben kann. Ich habe die Menschen zu sehr gehaßt, die darin geschwelgt haben, während ich in Dreck und Blut schwelgte. Die Illusion ist weg. Keine Religion und keine Philosophie kann mich befriedigen – Worte, nichts als Worte. Ich habe noch meine Sinne, aber ihr Verdienst ist es nicht. Ich bin noch immer, wie ich finde, der Leidenschaft fähig; ich kann noch mit den Zähnen knirschen und grinsen; ich hab noch etwas von dem Kameradschaftsgefühl des Schützengrabens in mir, aber ob das Wirklichkeit ist oder nur ein Komplex, das weiß ich noch nicht. Ich bin gefährlich, aber nicht so gefährlich wie jene, die in Worten handeln, in Theorien, Prinzipien und allen Arten von fanatischem Idiotismus, der sich in Blut und Schweiß anderer Menschen auswirkt. Eines hat mich der Krieg gelehrt: das Leben als Komödie zu betrachten. Darüber lachen – das einzige, was einem übrigbleibt!‹

Als er Freitag abend das Konzert verlassen hatte, war er sofort nach Hause gegangen. Er warf sich der Länge nach auf eine Mönchsbank aus dem fünfzehnten Jahrhundert, die mit seidenen Federkissen aus dem zwanzigsten restauriert worden war, verschränkte die Arme unter dem Kopf und gab sich folgenden Gedanken hin: ›So wird es nicht weiter gehen. Sie hat mich verzaubert. Für sie bedeutet es gar nichts, aber für mich ist es die Hölle. Am Sonntag werd ich Schluß machen – in Persien ist man gut aufgehoben. Auch in Arabien ist man gut aufgehoben – Blut und Sand genug. Sie ist unfähig, irgend etwas aufzugeben. Wie sie mich bestrickt hat! Bestrickt durch ihre Augen, ihre Haare, ihren Gang und den Klang ihrer Stimme, bestrickt durch Wärme, Duft und Farbe. Die Brücken hinter sich abbrechen – das wird sie nie tun! Was dann? Soll ich an ihrem chinesischen Kamin herumlungern mit dem kleinen chinesischen Hund? Und immer dieses Fieber, diese Qual, weil ich sie nicht küssen kann? Lieber möcht ich wieder zwischen den feindlichen Granaten fliegen. Sonntag! Wie die Frauen es lieben, Höllenqualen zu verlängern! Es wird nur wieder dasselbe sein wie heute nachmittag. Wie unliebenswürdig von dir, fortzugehen, wo mir deine Freundschaft so kostbar ist! Bleib und sei doch meine zahme Katze, Wilfrid! Nein, meine Liebe, diesmal wirst du es nicht so leicht haben. Und ich auch nicht. Bei Gott!‹

Als sich am Sonntagmorgen die zwei jungen Leute in jener Galerie, die auch britischer Kunst ein Asyl bietet, vor der ›Eva‹ trafen, die an den Blumen im Garten Eden riecht, waren noch sechs Mechaniker da, in schmierigen Kleidern und übermüdet aussehend, ein Aufseher und ein Paar aus der Provinz, von denen keiner fähig schien, auch nur das geringste zu bemerken. Und tatsächlich war diese Zusammenkunft ganz unauffällig. Zwei junge Leute jener Klasse, die keine Ideale mehr hat, verdammten gemeinsam die Vergangenheit. Desert mit seiner scheinbar gleichgültigen Sprechweise, seinem Lächeln und seiner elegant-unkonventionellen Art ließ kein sehnendes Herz vermuten. Fleur war von beiden die bleichere und interessantere. Desert sagte fortwährend zu sich selbst: ›Nur kein Theater – denn etwas anderes würde es nicht sein!‹ Und Fleur dachte: ›Wenn ich ihn so in diesem ruhigen Zustand halten kann, so werd ich ihn nicht verlieren, denn solang es nicht zu einem Ausbruch seiner Leidenschaft kommt, wird er nicht weggehen.‹

Erst als sie ein zweites Mal vor der ›Eva‹ standen, sagte er: »Ich weiß nicht, warum du mich herbestellt hast, Fleur. Es hat keinen Sinn, so herumzuspielen. Ich verstehe dein Gefühl sehr gut. Ich bin ein Porzellan aus deiner Sammlung, das du nicht verlieren willst. Aber das Spielen behagt mir nicht, meine Liebe, und damit basta!«

»Wie abscheulich von dir, Wilfrid!«

»Also, hier trennen wir uns! Gib mir die Pfote!«

Er blickte sie lächelnd, aber mit einem dunklen, schicksalsschweren Blick seiner schönen Augen an, und sie sagte stammelnd: »Wilfrid, ich – ich weiß nicht. Ich brauche Zeit. Ich kann es nicht ertragen, dich unglücklich zu sehen. Geh nicht fort! Vielleicht werd ich – auch unglücklich sein. Ich – ich weiß nicht!«

Desert schoß der bittere Gedanke durch den Kopf: ›Sie kann nichts loslassen – sie versteht es einfach nicht!‹ Aber er entgegnete ganz sanft: »Kopf hoch, mein Kind! In vierzehn Tagen wirst du's überwunden haben. Ich werd dir etwas schicken – zum Trost. Warum soll ich nicht nach China gehn – ein Land ist so gut wie das andere? Ich werd dir ein Stück Porzellan aus der Ming-Periode schicken, ein besseres Zeitalter als dieses.«

Fleur sagte leidenschaftlich: »Hör auf, du beleidigst mich!«

»Ich bitte um Entschuldigung. Ich will dich nicht so böse zurücklassen.«

»Was willst du eigentlich von mir?«

»Oh! Ach, laß! Das hieße wieder von vorn anfangen. Und übrigens hab ich auch seit Freitag nachgedacht. Ich will nichts weiter, Fleur, als deinen Segen und deine Hand. Gib sie mir! Los!«

Fleur legte ihre Hand auf den Rücken. Es war zu demütigend! Er hielt sie für eine kaltblütige Sammlerin, für eine kleine Katze, die Mäuse packte und mit ihnen spielte, obzwar sie sie nicht fressen wollte!

»Du glaubst, ich bin aus Eis«, sagte sie und ihre Zähne nagten an der Oberlippe. »Nun, da irrst du dich!«

Desert blickte sie an; sein ganzes Unglück lag in diesem Blick. »Ich habe deinen Stolz nicht aufstacheln wollen«, sagte er. »Machen wir ein Ende, Fleur. Es hat keinen Sinn.«

Fleur wandte sich ab und schaute die ›Eva‹ an – ein ungestümes Frauenzimmer, ohne Sorge, gierig sog sie den Duft der Blumen bis zur Neige ein. Warum nicht auch so sorglos sein und alles mitnehmen, was einem in den Weg kam? So viel Liebe gab es doch nicht in der Welt, daß man vorübergehen konnte, ohne den Duft der Blumen einzuatmen, ohne sie zu pflücken. Davonlaufen! Nach dem Osten gehen! So etwas Extravagantes konnte sie sich natürlich nicht leisten! Aber, vielleicht – – was lag daran? – Diesen Mann oder jenen, wenn man keinen wirklich liebte!

Unter den gesenkten, weißen, dunkel bewimperten Lidern hervor sah sie den Ausdruck seines Gesichtes und daß er regungsloser dastand als die Statuen. Und plötzlich sagte sie: »Du bist ein Narr, wenn du fortgehst. Warte!« Und ohne ein weiteres Wort oder einen Blick ging sie davon und ließ Desert atemlos vor dem Bild der gierigen Eva stehen.

6.
Der ›alte Forsyte‹ und der ›alte Mont‹

Als Fleur verwirrt und bestürzt wegging, trat sie einer allzu bekannten Gestalt fast auf die Zehen, die vor einem Alma Tadema wie in finsterer Sorge stand und als grüble sie über die Veränderlichkeit des Marktpreises.

»Papa! Du bist in der Stadt? Komm mit mir zum Lunch. Ich muß schnell nach Hause.«

Sie hängte sich in seinen Arm ein, und mit ihrer Gestalt die ›Eva‹ vor ihm verdeckend, führte sie ihn weg, während sie dachte: ›Hat er uns gesehen? Kann er uns gesehen haben?‹

»Bist du warm genug gekleidet?« murmelte Soames.

»Mehr als genug!«

»Das sagt ihr Frauen immer. Ostwind, und dein Hals so offen! Na, ich weiß wirklich nicht.«

»Nein, Papa, aber ich weiß es.«

Die grauen Augen überflogen sie prüfend von Kopf bis Fuß.

»Was machst du denn hier?« fragte er. Und Fleur dachte: ›Gott sei Dank, er hat nichts gesehen. Er würde nie gefragt haben, wenn er was gesehen hätte.‹ Und sie erwiderte: »Ich interessiere mich für Kunst, liebster Papa, ebenso wie du.«

»Also, ich logiere bei deiner Tante in Green Street. Dieser Ostwind hat meine Leber angegriffen. Was treibt denn dein – wie geht es Michael?«

»Danke, soso. Gestern abend hatten wir ein Dinner.«

Hochzeitstag! Der Realismus der Forsytes erwachte in ihm, und er blickte ihr von unten her in die Augen. Er steckte seine Hand in die Manteltasche und sagte: »Ich wollte dir das da bringen.«

Fleur sah einen flachen Gegenstand, in rosa Seidenpapier eingewickelt.

»Geliebter Papa, was ist es?«

Soames steckte das Paketchen in die Tasche zurück. »Das werden wir später sehen. Kommt jemand zum Lunch?«

»Nur Bart.«

»Der alte Mont! Ach du lieber Gott!«

»Aber, Liebster, hast du denn Bart nicht gern?«

»Gern? Er und ich haben nichts miteinander gemein.«

»Ich hatte geglaubt, daß ihr so ziemlich die gleichen Ansichten habt.«

»Er ist ein Reaktionär«, sagte Soames.

»Und was bist du denn, Papachen?«

»Ich? Was soll ich denn sein?« Mit diesen Worten bekräftigte er die Politik, die sich auf nichts festlegt und die er mit zunehmendem Alter immer mehr als die einzig richtige für einen vernünftigen Menschen erkannte.

»Wie geht's der Mama?«

»Sie sieht gut aus. Ich sehe nichts von ihr – sie hat ihre Mutter zu Besuch – sie amüsieren sich.«

Er nannte Madame Lamotte niemals Fleurs Großmutter. Je weniger seine Tochter mit ihrer französischen Verwandtschaft zu tun hatte, um so besser.

»Oh!« rief Fleur, »dort ist Ting und eine Katze!« Ting-a-ling, der von einem Stubenmädchen an der Leine spazierengeführt wurde, schnaufte entsetzlich und versuchte, ein Gitter zu erklettern, auf dem eine schwarze Katze saß, mit einem Buckel und glühenden Augen.

»Gib ihn mir, Ellen. Komm zum Frauchen, mein Kleiner!«

Ting-a-ling kam wirklich, aber nur, weil er doch nicht in der andern Richtung gehen konnte; er schnaufte mit gesträubten Haaren und drehte immer wieder den Kopf zurück.

»Ich hab's so gern, wenn er natürlich ist«, sagte Fleur.

»Hinausgeworfenes Geld – für so einen Hund!« erklärte Soames. »Du hättest eine Bulldogge anschaffen sollen und sie in der Halle schlafen lassen. Die Einbrüche nehmen kein Ende. Deiner Tante wurde der Türklopfer gestohlen.«

»Ich würde Ting nicht hergeben, nicht für hundert Türklopfer.«

»Eines schönen Tages wird man dir ihn noch stehlen – die Rasse ist jetzt in der Mode.«

Fleur öffnete ihre Haustür. »Aha«, sagte sie, »Bart ist schon da!«

Ein Zylinder ruhte auf einem von Soames geschenkten Marmorschrank, der Mäntel aufheben und die Motten fernhalten sollte. Soames legte seinen Hut neben den andern und betrachtete beide. Sie glichen einander wie ein Ei dem andern, groß, hoch, glänzend, und dieselbe Firma stand drinnen. Er hatte die Zylindermode wieder mitgemacht, nachdem der Generalstreik und der Kohlenstreik von 1921 zusammengebrochen waren, denn sein Instinkt hatte ihm gesagt, daß die Revolution nun für geraume Zeit in Mißkredit gekommen sei. Er zog das rosa Paket aus der Tasche und sagte: »Ich weiß nicht, was du mit diesem Ding da anfangen wirst, aber da hast du's.« Es war ein seltsam geschnittener und gefärbter Opal in einem Kreis von winzigen Brillanten.

»Oh!« schrie Fleur auf, »wie entzückend!«

»Venus, die sich auf den Wellen wiegt, oder etwas Ähnliches«, murmelte Soames. »Es ist ungewöhnlich. Starkes Licht bringt es erst zur Geltung.«

»Aber es ist einfach himmlisch! Ich werd es sofort anlegen.«

Venus! Wenn ihr Vater gewußt hätte! Sie schlang die Arme um seinen Hals, um ihr Gefühl der Betroffenheit zu verbergen. Soames verlor keinen Augenblick seine gewohnte Ruhe, als sie ihre Wange gegen sein gut rasiertes Gesicht rieb. Wozu Gefühle verraten, wenn sie beide ganz genau wußten, daß seine Liebe doppelt so groß war als ihre?

»Leg es an«, sagte er, »damit wir sehen können.«

Vor einem alten Spiegel in Lackrahmen befestigte Fleur die Brosche an ihrem Hals. »Es ist herrlich. Liebster Papa, ich bin dir so dankbar! Ja, deine Krawatte sitzt gerade. Dieser weiße Vorstoß gefällt mir. Das solltest du immer mit Schwarz tragen. Komm jetzt mit!« Und sie zog ihn in ihr chinesisches Zimmer. Es war leer.

»Bart muß oben bei Michael sein und ihm von seinem neuen Buch erzählen.«

»Schreiben – in seinem Alter?« sagte Soames.

»Aber Liebster, er ist doch ein Jahr jünger als du.«

»Ich schreibe nicht. So ein Narr bin ich doch nicht. Hast du wieder ein paar neumodische Freunde aufgetrieben?«

»Nur einen: Gurdon Minho, den Romancier.«

»Wieder einer von der neuen Schule?«

»Aber nein, liebster Papa! Du hast doch sicherlich von Gurdon Minho gehört. Er schreibt schon seit Menschengedenken.«

»Für mich sind sie alle gleich«, brummte Soames. »Hält man etwas von ihm?«

»Ich glaube wohl, daß sein Einkommen größer ist als deines. Er ist beinahe schon ein Klassiker – er braucht bloß noch zu sterben.«

»Ich werd mir eines seiner Bücher kaufen und es lesen. Wie heißt er, sagtest du?«

»Kauf dir ›Große und kleine Fische‹ von Gurdon Minho. Das kannst du dir doch merken, nicht wahr? Oh, da sind sie ja! Michael, schau, was mir der Vater geschenkt hat.«

Sie nahm seine Hand und führte sie zu dem Opal an ihrem Hals. ›Sie sollen nur beide sehen‹, dachte sie, ›wie gut wir miteinander stehen.‹ Obgleich ihr Vater sie nicht mit Wilfrid in der Galerie bemerkt hatte, befahl ihr das Gewissen: ›Stärke deine Achtbarkeit, du kannst nicht wissen, ob du nicht in Zukunft eine Stütze brauchen wirst!‹

Aus einem Winkel ihres Auges beobachtete sie jene beiden. Eine Zusammenkunft zwischen dem ›alten Mont‹ und dem ›alten Forsyte‹, wie Bart ihren Vater im Gespräch mit Michael nannte, kam ihr immer lachhaft vor, aber sie wußte niemals genau warum. Bart war sehr gebildet, aber sein Wissen war wunderschön eingebunden und nach strengen Grundsätzen revidiert von einem Geist, der noch immer mit dem achtzehnten Jahrhundert verbunden war. Ihr Vater wußte nur, was für ihn von Vorteil war, doch seine Wissenschaft war ohne Einband und er kümmerte sich keineswegs darum, sie zu revidieren. Wenn er wirklich ein Spät-Viktorianer war, so war es doch nicht unter seiner Würde, nötigenfalls auch von einer späteren Zeit zu profitieren. Der alte Mont glaubte an die Tradition, der alte Forsyte nicht. Fleurs Scharfsinn hatte schon lange einen Unterschied bemerkt, der zu Gunsten ihres Vaters sprach. Und doch war des alten Mont Unterhaltung so viel aktueller, flüssiger, abwechslungsreicher und geschwätziger, und man wähnte sich immer ganz genau informiert. Der alte Forsyte dagegen brachte nur kurz gefaßte Tatsachen vor. Es war wirklich unmöglich zu entscheiden, welcher von beiden ein wertvolleres Museumsstück war; und alle beide waren so gut konserviert!

Sie schüttelten einander nicht gerade die Hände, aber Soames sagte etwas über das Wetter. Und fast augenblicklich machten sich alle vier über die Sonntagsmahlzeit her, der Fleur durch andauernde Willensanstrengung jede Beziehung zum britischen Nationalcharakter genommen hatte. Sie tranken also Hummer-Cocktails und speisten ein Risotto von Hühnerleber und eine Omelette au rhum; und das Dessert gab sich Mühe, so spanisch auszusehen wie nur möglich.

»Ich war in der Tate-Galerie«, sagte Fleur, »ich finde sie so rührend.«

»Rührend?« fragte Soames und schnupperte in der Luft.

»Fleur meint, Sir, daß so viel altenglische Kunst auf einmal zu sehen einen genau so rührt wie eine Baby-Schönheitskonkurrenz.«

»Das versteh ich nicht«, sagte Soames steif. »Es sind ein paar sehr gute Bilder dort.«

»Aber keine Bilder von Erwachsenen, Sir.«

»Ah! Ihr jungen Leute haltet eure ganze verrückte Fingerfertigkeit für Reife!«

»Nein, Vater, das meint Michael nicht. Es ist ganz richtig, daß der englischen Malerei die Weisheitszähne noch nicht gewachsen sind. Auf den ersten Blick kannst du den Unterschied zwischen englischer und irgendeiner kontinentalen Malerei sehen.«

»Gott sei Dank, daß man ihn sieht!« fiel Sir Lawrence ein. »Die Schönheit der Kunst dieses Landes ist ihre Unschuld. Politisch sind wir das älteste Land der Welt und ästhetisch das jüngste. Was sagen Sie dazu, Forsyte?«

»Mir ist Turner alt und weise genug«, sagte Soames kurz. »Kommen Sie am Dienstag zur Aufsichtsratssitzung der P.P.R.G.?«

»Dienstag? Wir wollten doch Fasane jagen, nicht wahr, Michael?«

Soames brummte. »Die können warten«, sagte er. »Wir werden den Rechenschaftsbericht beschließen.«

Durch des alten Mont Einfluß hatte er einen Sitz im Aufsichtsrat dieses emporkommenden Unternehmens, der ›Providentia-Prämien-Rückversicherungs-Gesellschaft‹, erhalten und, um die Wahrheit zu sagen, saß er nicht sehr bequem darin. Obgleich das Gesetz über die Geltendmachung von Ansprüchen das zuverlässigste in der Welt war, so gab es doch Umstände, die anfingen, ihn mit Unruhe zu erfüllen. Er schielte über seine Nase hinweg. Leichtes Gewicht, dieser engstirnige Kerl von einem Baronet mit den beweglichen Augenbrauen – und wie der Vater so der Sohn. Und plötzlich fügte er hinzu: »Ich bin besorgt. Wenn ich vorher gewußt hätte, daß dieser Elderson das große Wort führen würde, zweifle ich sehr daran, ob ich in den Aufsichtsrat eingetreten wäre.«

Wie der alte Mont das Gesicht verzog!

»Elderson!« sagte er. »Sein Großvater war meines Großvaters Wahlagent zur Zeit der Reform Bill; es war der korrupteste Wahlkampf, der jemals ausgefochten wurde, und der Agent brachte ihn durch – er kaufte jede einzelne Stimme – küßte die Frauen aller Farmer. Eine wundervolle Zeit, Forsyte, eine wundervolle Zeit.«

»Und vorüber«, sagte Soames. »Ich halte nichts davon, daß man dem Urteil eines einzelnen Mannes so weit vertrauen soll, wie wir Elderson vertrauen; dieses ausländische Versicherungsgeschäft gefällt mir nicht.«

»Mein lieber Forsyte – ein erstklassiger Kopf, dieser Elderson; ich kenne ihn, seitdem ich auf der Welt bin, wir studierten ja zusammen auf der Universität in Winchester.«

Soames stieß einen tiefen Laut aus. In dieser Antwort des alten Mont lag ja gerade ein gut Teil der Ursache seiner Beunruhigung. Die Herren vom Aufsichtsrat hatten anscheinend alle zusammen in Winchester studiert! Es war zum Tollwerden! Sie waren alle so achtbar, daß sie nicht wagten, einander gegenseitig auf die Finger zu sehn, nicht einmal ihre gemeinsame Politik näher zu prüfen. Schlimmer als ihre Angst vor Irrtum oder Schwindel war die Angst, den Anschein zu erwecken, als ob sie einander mißtrauten. Und das war auch natürlich, denn einander mißtrauen war ein Übel, das man unmittelbar spürte. Und Soames wußte, daß man solch unmittelbare Übel gern vermied. Was eigentlich diese Unruhe heraufbeschworen hatte, war nur die von seinem Vater James ererbte Neigung, zwischen zwei und vier Uhr morgens wach zu liegen, wo aus der Puppe leichten Mißtrauens so leicht der Schmetterling Panik auskriecht. Die P.P.R.G. war ein so imposanter Konzern, und er stand erst seit kurzer Zeit mit ihr in Verbindung, daß es vermessen schien, jetzt schon Lunte zu riechen, besonders, da er seine Stellung als Aufsichtsrat würde aufgeben müssen und damit auch die tausend Pfund im Jahr, die sie ihm einbrachte, wenn er Lunte roch ohne Grund und ohne Lunte. Wie aber, wenn die Lunte schon vorhanden wäre? Das war es ja gerade! Und da saß der alte Mont und schwätzte von seinen Fasanen und seinem Großvater! Der Kerl war doch zu beschränkt! Und der traurige Gedanke überfiel ihn: ›Niemand hier ist imstande, eine Sache ernsthaft zu betrachten, nicht einmal meine eigene Tochter‹, und er schwieg still. Ein Geräusch an seinem Ellenbogen scheuchte ihn auf. Dieser Seidenaff von einem Hund hatte sich auf einen Stuhl zwischen ihm und seiner Tochter aufrecht hingesetzt! Wollte er vielleicht, daß er ihm etwas geben solle? Eines Tages würden ihm noch die Augen herausfallen. Und Soames fragte: »Na, was willst denn du?« Wie ihn das kleine Biest anstarrte mit seinen Augen wie Schuhknöpfe! »Da hast du!« sagte er und bot ihm eine gesalzene Mandel an. »Das frißt du wohl nicht?«

Ting-a-ling fraß es.

»Er hat eine Leidenschaft dafür, Vater. Nicht wahr, Liebling?«

Ting-a-ling blickte auf und starrte Soames an, den ein sonderbares Gefühl durchrieselte. ›Ich glaube, das kleine Biest hat mich gern‹, dachte er, ›es blickt mich immer an.‹ Mit der Fingerspitze tippte er dem Hund auf die Nase. Ting-a-ling leckte ihn ganz leicht mit seiner eingerollten, schwärzlichen Zunge.

»Armer Kerl!« murmelte Soames unwillkürlich und wandte sich dem alten Mont zu.

»Bitte, erwähnen Sie meine Bemerkung nicht.«

»Lieber Forsyte, was haben Sie denn gesagt?«

Grundgütiger! Und mit einem solchen Menschen saß er zusammen im Aufsichtsrat! Warum er den Posten eigentlich angenommen hatte, da er doch weder das Geld brauchte noch neue Sorgen wollte – das mochte Gott wissen. Sowie er Aufsichtsrat geworden war, hatten Winifred und andere Mitglieder seiner Familie sofort angefangen, Aktien zu kaufen, um ihre Einkommensteuer auszugleichen – sieben Prozent Zinsen für Vorzugsaktien, neun Prozent für gewöhnliche, statt der beständigen fünf Prozent, mit denen sie hätten zufrieden sein sollen. Es war nun einmal so: er konnte nichts tun, was man ihm nicht nachgemacht hätte. Er war immer so sicher gewesen, ein so vollkommener Führer durch den Irrgarten finanzieller Angelegenheiten! In seinem Alter noch solche Sorgen zu haben! Seine Augen suchten Trost in dem Glanz des Opals am Halse seiner Tochter, – hübsche Sache, hübscher Hals! Na! Sie schien ja jetzt recht glücklich zu sein – und hatte ihre Vernarrtheit vor zwei Jahren nunmehr vergessen! Dafür mußte man jedenfalls dankbar sein. Was sie jetzt nötig hatte, war ein Kind, damit sie ein wenig ins Gleichgewicht käme in all dem Getümmel von modernen Zwei-Groschen-Dichtern und Malern und Musikern. Eine leichtfertige Gesellschaft, aber Fleur hatte einen gescheiten kleinen Kopf. Wenn sie ein Kind bekäme, würde er ihr weitere Zwanzigtausend aussetzen. Das war eben ein Vorzug ihrer Mutter: sie war solid in Geldangelegenheiten, gute französische Art. Und Fleur, soweit er sie kannte, streckte sich nach der Decke. Was war das? Der Name ›Goya‹ schlug an sein Ohr. Eine neue Biographie über ihn kam heraus? Hm! Das bestätigte seine langsam wachsende Überzeugung, daß Goya wieder obenauf war.

»Ich glaube, ich werde das da losschlagen«, sagte er und zeigte auf das Bild. »Ein Argentinier ist hier, der es haben möchte.«

»Sie wollen Ihren Goya verkaufen, Sir?« Es war Michaels Stimme. »Bedenken Sie doch, wie sehr man Sie darum beneidet.«

»Man kann nicht alles haben«, sagte Soames.

»Die Reproduktion, die wir für ›Die neue Biographie‹ haben anfertigen lassen, ist großartig gelungen. ›Eigentum des Mr. Soames Forsyte‹ steht darunter. Warten Sie doch auf jeden Fall noch, bis das Buch herausgekommen ist, Sir.«

»Schein oder Wirklichkeit, eh, Forsyte?«

Machte der sich am Ende gar über ihn lustig, dieser schmalköpfige Kerl von einem Baronet?

» Ich hab keinen Erbsitz«, sagte er.

»Nein, aber wir, Sir«, murmelte Michael, »Sie könnten es eigentlich Fleur hinterlassen.«

»Na ja,« sagte Soames, »das wollen wir abwarten.« Und er blickte seine Tochter an.

Fleur errötete selten, aber nun nahm sie Ting-a-ling auf den Arm und erhob sich von dem spanischen Tisch. Michael folgte ihr. »Der Kaffee wird im andern Zimmer serviert«, sagte er. Der alte Forsyte und der alte Mont erhoben sich und wischten ihre Schnurrbärte ab.

7.
Der ›alte‹ Mont und der ›alte‹ Forsyte

Die Bureaus der P.P.R.G. waren nicht weit vom Wappenamt. Soames, der wußte, daß die ›drei Schilde rechts in rotschraffiertem, dunklem Felde‹ und ein ›dazugehöriger Fasan‹ von seinem Onkel Swithin während der Sechzigerjahre dort mit einigen Kosten erworben worden war, hatte über dieses Gebäude stets die Nase gerümpft; erst vor einem Jahr war er unversehens auf den Namen Golding gestoßen, als er geistesabwesend in einem Buch im Connoisseurs-Klub geblättert hatte. Der betreffende Inhalt sollte beweisen, daß William Shakespeare in Wirklichkeit Edward de Vere, Earl of Oxford, gewesen war. Die Mutter dieses Earl war eine Golding – ebenso wie die Mutter von Soames! Diese Übereinstimmung frappierte ihn, und er las weiter in dem Buche. Der Band ließ ihn zu keinem endgültigen Urteil über die Hauptfrage gelangen, weckte jedoch eine ausgesprochene Neugier in ihm, ob Shakespeares Blut nicht auch in seinen Adern rolle. Selbst wenn der Earl nicht mit dem Barden identisch war, so empfand Soames dennoch, daß eine solche Verbindung für ihn nur ehrenvoll sein könne, obgleich, soweit er es beurteilen konnte, dieser Oxford ein anrüchiger Geselle gewesen sein mußte. Seitdem er vor kurzem in den Aufsichtsrat der P.P.R.G. gewählt worden war, kam er jeden zweiten Dienstag am Wappenamt vorüber; dabei dachte er: ›Viel Geld werd ich nicht dranhängen, aber ich könnte gelegentlich doch hineinschauen.‹ Nachdem er hineingeschaut, war es einfach erstaunlich, wie sehr ihn die ganze Sache interessiert hatte. Die Spuren seiner Mutter zu verfolgen, kam ihm beinahe vor wie die Untersuchung einer Kriminalaffäre; es war fast so kompliziert und ebenso kostspielig. Da er einmal die Sache begonnen hatte, konnte es die Hartnäckigkeit eines Forsyte kaum zulassen, knapp vor der Mutter Shakespeare de Veres halt zu machen, nicht einmal, wenn sie einer Seitenlinie angehörte; unglücklicherweise konnte er über die Zeit Oliver Cromwells nicht hinauskommen und über einen gewissen William Gouldyng, ›Ingerer‹ – Gott allein wußte, was das für ein Beruf war, und Soames hatte fast Angst nachzuforschen. Vier Generationen harrten noch der Entwirrung und dabei verlor er sein Geld und hatte keine Aussicht, irgend etwas dafür zu bekommen. Daher kam es, daß er dem etwas abseits stehenden Gebäude scheele Blicke zuwarf, als er an jenem Dienstag nach dem Lunch bei Fleur auf seinem Weg zur Aufsichtsratssitzung daran vorüberging. Nachdem er wieder zweimal die frühen Morgenstunden schlaflos verbracht hatte, war er zu der unwiderruflichen Überzeugung gelangt, daß er sich endlich Gewißheit verschaffen müsse, wie es eigentlich um die P.P.R.G. stünde. Diese plötzliche Mahnung, daß er mit seinem Geld herumwerfe, nach links, nach rechts, überall hin, wozu noch überdies die allerdings sehr entfernte Möglichkeit finanzieller Haftpflicht kam, spannten seine von bösen Ahnungen bereits angegriffenen Nerven auf die Folter. Während er, ohne den Fahrstuhl zu benützen, langsam die zwei Treppen hinaufstieg, ging er wohl zum fünfzehntenmal seine Kollegen im Aufsichtsrat in Gedanken durch. Der alte Lord Fontenoy saß natürlich nur wegen seines Namens drin, nahm nur selten an den Sitzungen teil und war nur dazu da, damit man mit ihm Staat mache. Was den Vorsitzenden, Sir Luke Sharman, betraf, so schien er unausgesetzt bemüht zu sein, nicht als Jude erkannt zu werden. Seine Nase war zwar gerade, aber seine Augenlider gaben Anlaß zu Zweifeln. Sein Zuname war unantastbar, aber sein Vorname fragwürdig. Seine Stimme war von beruhigender Schneidigkeit, seine Kleider aber um eine Nuance zu elegant. Alles in allem zwar ein durchtriebener Kerl, dem Soames es jedoch trotzdem nicht zutraute, daß er sich mit dem ganzen Herzen auch einer andern Sache widmen könnte. Was den alten Mont betraf – was hatte ein Aufsichtsrat davon, daß ein neunter Baronet dazugehörte? Guy Meyricke, Königlicher Rat, der letzte der drei, die zusammen in Winchester studiert hatten, war zweifellos ein tüchtiger Jurist, aber fürs Geschäft hatte er keine Zeit und auch nicht den rechten Sinn! Blieb nur noch der zu den Quäkern übergetretene alte Cuthbert Mothergill, dessen Familienname durch das ganze letzte Jahrhundert hindurch geradezu sprichwörtlich geworden war für erfolgbringende Lauterkeit des Charakters, so daß man noch immer – fast automatisch – Mothergills zu Aufsichtsräten ernannte; er war ein netter, sauberer, alter Herr, fast taub, harmlos und humorvoll, aber sonst nichts. Zweifellos eine vollkommen ehrliche Gesellschaft, aber oberflächlich und sorglos. Keiner von ihnen war mit seinem Herzen bei der Sache! Obendrein hatte sie Elderson alle in der Tasche, Sharman vielleicht ausgenommen, und auch auf den war kein Verlaß. Und Elderson selbst, ein gescheiter Kerl – vielleicht ein wenig Bohèmenatur –, von Anfang an Generaldirektor, verstand alles aus dem ff! Jawohl! Und das war gerade das Unglück! Das Prestige der überlegenen Geschäftskenntnis und Jahre des Erfolges – alle gingen sie ihm blindlings nach, und es war auch kein Wunder. Das Beunruhigende an einem solchen Menschen war, daß, sobald er einmal zugab, einen Fehler gemacht zu haben, er damit die Legende von seiner Unfehlbarkeit zerstörte. Soames besaß selbst genug Unfehlbarkeit, um sich darüber klar zu sein, wie sehr sie einen Menschen dazu trieb, nie einen Fehler zuzugeben. Als er vor zehn Monaten in den Aufsichtsrat eingetreten war, schien alles in vollem Schwunge. Die Valuten hatten die tiefsten Kurse erreicht, wie man allgemein annahm; die Politik der ›Rückversicherung von Auslandsverträgen‹, die Elderson ungefähr vor einem Jahr eingeführt hatte, schien vielleicht – angesichts der steigenden Kurse – zu den schönsten Hoffnungen zu berechtigen. Und nun, schon nach etwa einem Jahr, hegte Soames den unbestimmten Verdacht, daß sie nicht wußten, wo sie standen; und dabei sollte die Generalversammlung bereits in sechs Wochen stattfinden! Wahrscheinlich wußte es Elderson nicht einmal selbst; wenn er es aber wußte, dann behielt er seine Meinung, die er allen Aufsichtsräten hätte mitteilen müssen, ausschließlich für sich.

Mit verschlossenem Gesicht betrat Soames den Sitzungssaal. Alle waren sie versammelt, sogar Lord Fontenoy und der ›alte Mont‹ – der hatte also doch die Fasane aufgegeben! Soames nahm seinen Platz am Ende des Tisches beim Kamin ein. Während er Elderson anstarrte, ward ihm plötzlich klar, wie stark die Position dieses Menschen war, und ebenso klar sah er, wie schwach die P.P.R.G. war. Bei diesen abwechselnd steigenden und fallenden Kursen konnten sie niemals die genaue Höhe ihrer Verpflichtungen ermessen – sie spielten einfach Hasard. Wie er so, das Kinn in die Hand gestützt, der Verlesung der Protokolle und den andern üblichen Vorgängen zuhörte, ließ er den Blick von Gesicht zu Gesicht schweifen – vom alten Mothergill zu Elderson und Mont gegenüber; zu Sharman an der Spitze des Tisches, Fontenoy und Meyricke und dann zu sich selbst zurück – die entscheidende Aufsichtsratssitzung des Jahres. Er konnte und durfte auf keinen Fall in irgendeine fragwürdige Position geraten! Bei seiner ersten Generalversammlung dieses Unternehmens durfte er den Aktionären nicht gegenübertreten, ohne ganz genau zu wissen, wo er stand. Wieder blickte er Elderson an – einschmeichelnde Züge, ein kahler Schädel fast wie Julius Cäsar, nichts, das auf Mangel an Solidität oder auf übertriebenen Optimismus hätte schließen lassen, es erinnerte ihn eigentlich etwas an den alten Onkel Nicholas Forsyte, der der vorletzten Generation in seinem Geschäftsgebaren so beispielgebend gewesen war. Nachdem der Direktor seine Darlegung beendet hatte, wandte Soames den Blick nach dem rosig-verschlafenen Gesicht des alten Mothergill und erklärte: »Meiner Ansicht nach enthüllt dieser Rechenschaftsbericht keineswegs unsere wahre Lage. Herr Vorsitzender, ich verlange, daß die Sitzung auf heute in einer Woche vertagt wird und daß inzwischen jedes Mitglied des Aufsichtsrates die genauen Einzelheiten der ausländischen Vertragsverpflichtungen erhalten soll, die während des laufenden Rechnungsjahres nicht fällig werden. Wie ich sehe, sind diese Verpflichtungen alle unter einem einzigen Posten ›Allgemeiner Überschlag der Verbindlichkeiten‹ zusammengefaßt. Damit kann ich mich nicht zufrieden geben. Die Verbindlichkeiten sollten getrennt angeführt werden.« Während sein Blick an Elderson vorbei zum Gesicht des alten Mont hinüberschweifte, fuhr er fort: »Wenn sich die Lage auf dem Kontinent nicht wesentlich bessert, was ich nicht erwarte (ganz im Gegenteil), so bin ich überzeugt davon, daß diese Verpflichtungen uns im nächsten Jahr todsicher in eine Sackgasse führen werden.«

Scharren der Füße, unruhiges Hin- und Herrücken, Räuspern – alles gewöhnlich Zeichen einer leisen Empörung – folgten dem Wort ›Sackgasse‹; und eine Art Genugtuung erfüllte Soames; er hatte sie aus ihrer Ruhe aufgescheucht, hatte ihnen etwas von der Angst eingejagt, an der er selber litt.

»Wir haben von Anfang an unsere Verpflichtungen unter dem Posten ›Allgemeiner Überschlag‹ angeführt, Mr. Forsyte.«

Welch ein Diplomat!

»Was nach meiner Meinung unrichtig war. Diese ausländischen Verträge bedeuten eine neue Geschäftspolitik. Nach meiner Ansicht sollten wir in diesem Jahr keine Dividende ausschütten, sondern den Gewinn dazu verwenden, einen sicheren Verlust im nächsten Jahr auszugleichen.«

Neuerliches Rascheln und Unruhe.

»Einfach lächerlich, verehrter Herr!«

In Soames erwachte die schnüffelnde Bulldogge.

»Das sagen Sie gab er zurück. »Erhalte ich die gewünschten Einzelheiten?«

»Natürlich kann der Aufsichtsrat jede gewünschte Einzelheit erfahren. Gestatten Sie mir jedoch die Bemerkung, daß in diesem Falle nur ein Überschlag möglich ist. Wir haben immer auf konservativer Basis operiert.«

»Das ist Ansichtssache«, erwiderte Soames, »und nach meiner Meinung kann der Aufsichtsrat erst nach peinlich genauer Prüfung der vorhandenen Ziffern zu einer solchen Ansicht gelangen.«

Nun sprach der alte Mont.

»Mein lieber Forsyte, einen jeden Vertrag zu prüfen, würde uns eine Woche kosten und wir kämen um keinen Schritt vorwärts; wir können nur zu einem Durchschnittsüberschlag kommen.«

»Was aus diesem Bericht nicht zu ersehen ist«, sagte Soames, »ist das Verhältnis unseres Auslandsrisikos zum Inlandsrisiko – unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine überaus wichtige Sache.«

Der Vorsitzende sprach.

»Ich denke, Elderson, daß das keine Schwierigkeiten machen dürfte. Aber auf jeden Fall, Mr. Forsyte, würden wir kaum berechtigt sein, das gegenwärtige Jahr so ungünstig abzuschließen wegen eventueller Verluste, die hoffentlich niemals eintreten werden.«

»Ich weiß nicht«, sagte Soames. »Wir sind hier versammelt, um uns über eine Geschäftspolitik des gesunden Menschenverstandes schlüssig zu werden, und man muß uns jede Möglichkeit dazu geben. Das ist mein Standpunkt. Wir sind nicht genügend informiert.«

Der ›Diplomat‹ ergriff wieder das Wort.

»Mr. Forsytes Worte scheinen einen Mangel an Vertrauen zur Geschäftsleitung anzudeuten.« Aha, der packte den Stier bei den Hörnern!

»Kann ich die gewünschten Informationen erhalten?«

In dem allgemeinen Schweigen erklang beruhigend die Stimme des alten Mothergill: »Die Sitzung könnte vielleicht verschoben werden, Herr Vorsitzender. Zur Not könnte ich ja noch einmal nach London kommen. Wahrscheinlich könnten wir alle anwesend sein. Es sind ganz merkwürdige Zeiten – wir dürfen uns auf kein unnötiges Risiko einlassen. Das Geschäft in ausländischen Verträgen ist zweifellos etwas neu für uns. Bisher haben wir keine Ursache, uns über die Resultate zu beschweren. Und ich bin überzeugt davon, daß wir alle das äußerste Vertrauen in die Urteilsfähigkeit unseres Generaldirektors setzen. Nichtsdestoweniger, da Mr. Forsyte diese Informationen verlangt hat, möchte ich zur Ansicht neigen, daß man sie uns geben sollte. Was sagen Sie dazu, Mylord?«

»Ich kann nächste Woche nicht in die Stadt kommen. Ich schließe mich der Meinung des Vorsitzenden an, daß der Rechenschaftsbericht uns nicht die Handhabe bietet, in diesem Jahr keine Dividende auszuschütten. Wozu denn Alarm blasen, ehe es unbedingt nötig ist! Wann wird der Rechenschaftsbericht ausgeschickt, Elderson?«

»Normalerweise Ende dieser Woche.«

»Das sind aber keine normalen Zeiten«, erklärte Soames. »Kurz und gut, wenn ich diese Informationen nicht erhalte, muß ich meinen Rücktritt anmelden.« Er erkannte recht gut, was in ihnen vorging. Ein Neugebackener, der sich patzig machte – sie würden seinen Rücktritt mit Vergnügen zur Kenntnis nehmen – nur würde es gerade vor einer Generalversammlung unangenehm auffallen, wenn man nicht als Grund ›plötzliche Erkrankung der Gattin‹ oder dergleichen vorschützen könnte – aber er wollte schon dafür sorgen, daß dies nicht möglich wäre.

Der Vorsitzende entgegnete kühl: »Na, dann vertagen wir die Sitzung auf heute in einer Woche. Sie werden uns doch die gewünschten Ziffern verschaffen können, Elderson?«

»Bestimmt.«

Soames durchzuckte der Gedanke: ›Ich sollte eigentlich eine Untersuchung durch die Vertrauensmänner fordern.‹ Aber er sah sie einen nach dem andern an. Vielleicht ging er doch zu weit, wenn er im Aufsichtsrat bleiben wollte – und er wollte ja gar nicht zurücktreten – schließlich handelte es sich um eine bedeutende Position und tausend Pfund im Jahr! Nein! Nur nicht übertreiben!

Im Fortgehen genoß er seinen Triumph, der ihm zweifelhaft schien, durchaus nicht sicher, daß er etwas erreicht hatte. Seine Haltung hatte bewirkt, daß die übrigen sich nur noch dichter um Elderson scharten. Die Schwäche seiner Stellung lag darin, daß er sich nicht auf die geringste Tatsache stützen konnte; und wenn er sein Gefühl der Unruhe einer gründlichen Prüfung unterzog, blieb eigentlich nichts übrig als das Empfinden mangelnder Selbstbeherrschung. Und doch, an der Spitze stehen konnte nur ein Leiter und dem mußte man vertrauen!

Eine geschwätzige Stimme hinter ihm piepste: »Sie, Forsyte, Sie haben uns einen wahren Schrecken eingejagt. So etwas ist meines Erinnerns in unserm Aufsichtsrat noch gar nicht vorgekommen.«

»Fade Gesellschaft«, sagte Soames.

»Gewiß, ich halte gewöhnlich ein Schläfchen dabei. Es wird dort immer sehr heiß. Wäre ich nur auf die Fasanenjagd gegangen! Sie fliegen hoch, sogar zu dieser Jahreszeit.«

Unverbesserlich frivol, dieser geschwätzige Baronet.

»Was ich noch sagen wollte, Forsyte: Bei dieser modernen Geburtenbeschränkung und was dazu gehört, wird man ein wenig unruhig. Wir sind zwar nicht die königliche Familie. Aber pflichten Sie mir nicht bei, daß es schon Zeit für einen Erben wäre?«

Soames war derselben Meinung. Aber er wollte nicht so taktlos sein, etwas dergleichen bei seiner eigenen Tochter zuzugeben.

»Noch Zeit genug«, murmelte er.

»Der Hund paßt mir nicht, Forsyte.«

Soames starrte ihn an. »Der Hund!« sagte er. »Was hat das damit zu tun?«

»Erst das Kind und dann der Hund; Hunde und Dichter verdrehen jungen Frauen den Kopf. Meine Großmutter hatte fünf Kinder, ehe sie siebenundzwanzig war. Sie war eine Montjoy; können Sie sich an die sieben Montjoy-Schwestern erinnern? – alle hübsch – und zur Mutterschaft wie geschaffen. Der alte Montjoy hatte siebenundvierzig Enkel. Das gibt es heutzutage nicht mehr, Forsyte.«

»Das Land ist übervölkert«, sagte Soames grimmig.

»Aber von der falschen Sorte – es sollte weniger von denen übervölkert sein und mehr von unserer Art. Das müßte man eigentlich zum Gesetz erheben.«

»Sprechen Sie mit Ihrem Sohn«, sagte Soames.

»Ah! Aber Sie wissen doch, daß man uns für altmodische Käuze hält. Wenn wir nur auf einen Grund hinweisen könnten, warum man Kinder in die Welt setzen soll! Aber das ist schwer, Forsyte, sehr schwer.«

»Die beiden haben alles, was sie sich wünschen können«, sagte Soames.

»Nicht genug, mein lieber Forsyte, nicht genug; der gegenwärtige Zustand der Dinge geht den Jungen auf die Nerven. England ist zum Teufel gegangen. Der Himmel ist zum Teufel und auch die Hölle. Nirgends liegt eine Zukunft, nur in der Luft. Aber in der Luft kann man nicht zeugen, wenigstens zweifle ich daran – die Schwierigkeiten sind beträchtlich.«

Soames schnaubte. »Wenn nur die Journalisten aufhören wollten, ihre verdammten Schnäbel zu wetzen!« sagte er. Mit abnehmender Panikstimmung in den Tagesblättern gewann er nämlich mehr und mehr das alte gesunde Forsyte-Gefühl der Sicherheit zurück. »Wir müssen nur unsere Finger vom Kontinent lassen«, fügte er hinzu.

»Die Finger davon lassen! Und gute freundschaftliche Beziehungen pflegen mit allen Staaten, die wir auf dem Seeweg erreichen können. Die übrigen sollen allein mit ihrem Schicksal fertig werden. Das ist eine Idee! Forsyte, ich glaube, Sie haben's getroffen.« Wie der Kerl plapperte!

»Ich verstehe nichts von Politik«, sagte Soames.

»Gute freundschaftliche Beziehungen! Das neue Schlagwort. Ganz ohne es zu wollen, haben wir es gefunden! Und was den Handel anbetrifft – die Behauptung, daß wir nicht leben könnten, ohne mit diesem oder jenem Land Handel zu treiben – Quatsch, mein lieber Forsyte! Wir können auch so existieren – die Welt ist groß.«

»Davon verstehe ich nichts«, entgegnete Soames. »Ich weiß nur, daß wir diese ausländischen Versicherungsverträge lösen müssen.« Dann sagte er hastig: »Ich muß mich hier verabschieden, ich gehe zu meiner Tochter.«

»So! Und ich gehe zu meinem Sohn. Schauen Sie sich nur diese armen Teufel an!«

Ein Haufen Arbeitsloser mit Sammelbüchsen in den Händen zog trübselig den Themse-Kai entlang.

»Der Keim der Revolution! Eines wird immer vergessen, Forsyte, und das ist sehr schade.«

»Was denn?« fragte Soames düster. Der Kerl würde den ganzen Tag so weiter quatschen!

»Man wasche die armen Leute, ziehe ihnen hübsche, bunte Kleider an, lehre sie sprechen, wie wir beide sprechen, und der Klassenhaß wird mit einem Schlag verschwinden. Es ist alles Nervensache. Möchten Sie nicht lieber mit einem sauberen, nett gekleideten Handwerker Ihr Schlafzimmer teilen, der sprechen und riechen würde wie Sie, als mit einem Kriegsgewinnler, der mir und mich verwechselt und nach Opopanax stinkt? Natürlich möchten Sie das.«

»Hab's nie versucht«, sagte Soames, »wie soll ich's wissen?«

»Sie nehmen's aber genau! Aber glauben Sie mir, Forsyte, wenn sich die Arbeiterklasse auf Reinlichkeit und Grammatik verlegen wollte anstatt auf ihr politisches und wirtschaftliches Gewäsch, dann wäre die Gleichheit von heut auf morgen da.«

»Ich brauche keine Gleichheit«, sagte Soames, und nahm seine Fahrkarte nach Westminster.

Die geschwätzige Stimme verfolgte ihn, wie er in den Lift der Untergrundbahn einstieg.

»Wenn wir eine Gleichheit der ästhetischen Anschauungen hätten, Forsyte, so würde sich niemand mehr irgendeine andere wünschen. Haben Sie's je erlebt, daß ein armer Teufel von Professor König werden wollte?«

»Nein«, entgegnete Soames und entfaltete seine Zeitung.

8.
Bicket

Unter der Oberfläche fröhlicher Sorglosigkeit hatte Michael Monts Charakter während der letzten zwei Jahre seines regelmäßigen und nicht mehr ziellosen Lebens sich vertieft. Er war gezwungen gewesen, auch an andre zu denken, und seine Zeit war vollauf in Anspruch genommen. Von Anbeginn seiner Ehe wußte er, daß er von Fleur nur geduldet war, und er anerkannte auch die Halbwahrheit: ›Il y a toujours un qui baise et l'autre qui tend la joue‹; so hatte er ein beträchtliches Maß an häuslicher Rücksichtnahme entwickelt. Und dennoch schien es ihm nicht zu gelingen, das Gleichgewicht im allgemeinen oder in seiner beruflichen Tätigkeit wieder herzustellen. Er fand, daß die menschliche Seite des Geschäftes bei ihm die finanzielle Seite zu stark überwiege. Danby & Winter waren ihm jedoch gewachsen und zeigten so weit kein Anzeichen des Bankrotts, den Soames ihnen prophezeit hatte, als er die Grundsätze erfuhr, die sein Schwiegersohn dort einführen wollte. Weder im Verlagsgeschäft noch in irgendeiner andern Lebenslage fand es Michael möglich, ganz nach seinen Ideen zu arbeiten, denn er stieß bei seiner Tätigkeit auf zu viele Tatsachen aus dem Menschen-, Pflanzen- und Mineralreich.

Nachdem er an diesem Dienstag sich lange mit den Preisen für Produkte aus dem Pflanzenreich, nämlich Papier und Leinwand, herumgeschlagen hatte, hörte er mit seinen spitzen Ohren den Klagen eines Packers zu, der mit fünf Exemplaren von ‹Kleine Münze› in der Manteltasche ertappt worden war, die er ganz offenbar zum eigenen Nutzen hatte verkaufen wollen.

Mr. Danby hatte ihn an die Luft gesetzt – der Mann leugnete auch gar nicht, daß er sie hatte verkaufen wollen, aber was hätte Mr. Mont an seiner Stelle getan? Er war die Miete schuldig –, und seine Frau mußte nach einer Lungenentzündung dringend aufgefüttert werden, höchst dringend. ›Hol's der Teufel!‹ dachte Michael, ›ich würde eine ganze Auflage stibitzen, um Fleur nach einer Lungenentzündung wieder aufzufüttern!‹

»Ich komm nicht aus mit meinem Lohn bei den hohen Preisen. Ich komm nicht aus, Mr. Mont, bei Gott!«

Michael drehte sich auf seinem Stuhl herum. »Aber bedenken Sie doch, Bicket, wenn wir bei Ihnen durch die Finger sehen, dann werden alle Packer stehlen, und wenn das alle tun, wo bleiben dann Danby & Winter? Machen Bankrott. Und wenn wir Bankrott machen, wo kämt dann ihr alle hin? Auf die Straße. Es ist doch besser, daß einer von euch auf die Straße fliegt, als alle, nicht wahr?«

»Ganz gewiß, Sir, ich verstehe Ihren Standpunkt – er ist sehr vernünftig, aber wenn man kaum noch existieren kann, schmeißt einen das Geringste um. Bitten Sie doch Mr. Danby, noch einen Versuch mit mir zu machen.«

»Mr. Danby sagt immer, daß die Arbeit eines Packers eine ganz besondere Vertrauenssache ist, weil eine Kontrolle fast unmöglich ist.«

»Jawohl, Sir, ich werd in Zukunft dran denken; aber bei der großen Arbeitslosigkeit und ohne Zeugnis werd ich niemals einen andern Posten bekommen. Und was soll aus meiner Frau werden?«

Michael war es, als wenn er gesagt hätte: ›Was soll aus Fleur werden?‹ Er begann im Zimmer hin und her zu laufen; und Bicket, der junge Mann, beobachtete ihn mit großen klagenden Augen. Plötzlich blieb er mit eingezogenen Schultern stehen, die Hände tief in den Taschen vergraben.

»Ich werd ihn fragen«, erklärte Michael, »aber ich glaube nicht, daß er es tun wird; er wird sagen, es sei den andern gegenüber nicht fair. Sie haben fünf Exemplare genommen – ein starkes Stück, wissen Sie; das bedeutet, daß Sie auch schon vorher ›genommen‹ haben? Was?«

»Na ja, Mr. Mont, wenn mir das vielleicht helfen kann, so will ich gern beichten. Ich hab schon vorher hie und da was genommen, und es hat gerad dazu gereicht, meine Frau am Leben zu erhalten. Sie haben keine Ahnung, was so eine Lungenentzündung für arme Leute bedeutet.«

Michael fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

»Wie alt ist Ihre Frau?«

»Fast ein Kind noch – zwanzig.«

Zwanzig! Gerade Fleurs Alter!

»Ich werd Ihnen etwas sagen, Bicket. Ich werde die Sache Mr. Desert vorlegen; wenn er für Sie eintritt, wird sich Mr. Danby vielleicht rühren lassen.«

»Ja, Mr. Mont, ich danke Ihnen – Sie sind ein Gentleman, das sagen wir alle.«

»Ach was! Zum Teufel! Hören Sie, Bicket, Sie haben doch mit diesen fünf Exemplaren gerechnet. Nehmen Sie das statt dessen und kaufen Sie Ihrer Frau das Notwendigste. Sagen Sie's nur um Gottes willen nicht Mr. Danby.«

»Mr. Mont, nicht um die Welt möcht ich Sie verraten – kein Wort werd ich sagen, Sir. Und meine Frau – na ja!«

Ein Räuspern, ein Schlurfen – Michael war allein, die Schultern noch höher gezogen und die Hände noch tiefer in den Taschen. Und plötzlich lachte er auf. Mitleid! Mitleid war Schwachsinn! Das war alles so verdammt komisch. Er hatte also Bicket noch dafür belohnt, daß er ›Kleine Münze‹ gestohlen hatte! Ein plötzliches Verlangen überkam ihn, dem kleinen Packer nachzugehen und zu sehen, was er mit den zwei Pfund anfing, zu erkunden, ob die Lungenentzündung wirklich war oder nur in der Phantasie dieses Menschen mit den klagenden Augen bestand. Aber das war unmöglich! Statt dessen mußte er Wilfrid anrufen und ihn bitten, ein gutes Wort beim alten Danby einzulegen. Sein eigenes Wort wäre vollkommen zwecklos gewesen. Er hatte es schon zu oft eingelegt! Bicket! Wie wenig man von seinem Nebenmenschen wußte, das Leben war so tief und dunkel und so unberechenbar! Was war Ehrlichkeit? Wenn die Widerstandskraft des Menschen vom Leben hart bedrängt wird und in diesem Kampfe dennoch Sieger bleibt, so ist das Ehrlichkeit! Aber warum Widerstand leisten? Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – aber nicht mehr! Und war es nicht verdammt schwer für Bicket, bei zwei Pfund in der Woche ihn zu lieben – so viel schwerer als für ihn, Michael, mit vierundzwanzig Pfund in der Woche Bicket zu lieben? …

»Hallo …Bist du's, Wilfrid? …Hier Michael …Einer von unsern Packern hat ein paar Exemplare von ›Kleine Münze‹ stibitzt. Man hat ihn an die Luft gesetzt, den armen Teufel! Könntest du nicht ein Wort für ihn einlegen? – Auf mich hört der alte Dan ja nicht …jawohl, hat auch eine Frau – in Fleurs Alter; Lungenentzündung, sagt er. Deine Bücher wird er auf keinen Fall mehr anrühren, du bist dann durch seine Dankbarkeit gesichert – wie? …Danke, lieber Junge, schrecklich nett von dir – kommst auf einen Sprung herauf? Dann können wir zusammen heimgehn …Oh! Na, auch gut! Also du kommst auf jeden Fall. Wiedersehn!«

Ein guter Kerl, der Wilfrid! Ein seelenguter Kerl – grundgütig!

Als er das Höhrrohr zurückhängte, fühlte sich Michael plötzlich in eine Wolke von Bildern, Gerüchen und Geräuschen eingehüllt, die den Prinzipien seiner Firma so fremd waren, daß er gewohnheitsmäßig jedes Manuskript sofort zurückwies, das einen solchen Eindruck machte. Der Krieg mochte aus sein, vorbei jedoch war er für Wilfrid und ihn noch lange nicht. Ein Sprachrohr ergreifend, fragte er: »Ist Mr. Danby in seinem Zimmer? Gut! Sobald er Miene macht fortzugehen, sagen Sie mir's bitte sogleich …«

Zwischen Michael und seinem Partner klaffte eine tiefe Kluft, die so tief war wie die Kluft zwischen zwei Epochen, obgleich sie zum Teil durch das ausgleichende Temperament des im mittleren Alter stehenden Winter ausgefüllt wurde. Michael hatte fast gar nichts gegen Mr. Danby einzuwenden, ausgenommen, daß er immer recht hatte, dieser Philip Norman Danby von ›Sky House‹, Campden Hill – ein verheirateter Mann von sechzig Jahren, mit hoher Stirn, einem im Verhältnis zu den Beinen hohen Oberkörper und einem ruhigen und nachdenklichen Gesichtsausdruck. Seine Augen standen vielleicht etwas zu dicht beisammen und seine Nase war ziemlich mager, aber er machte doch gute Figur in seinem schön proportionierten Zimmer. Er war gerade dabei, sich ein korrektes Urteil über eine Inseratenangelegenheit zu bilden, und blickte auf, als Wilfrid Desert eintrat.

»Guten Tag, Mr. Desert, womit kann ich Ihnen dienen? Bitte nehmen Sie Platz!«

Desert blieb stehen, blickte bald die Kupferstiche, bald seine Finger, bald Mr. Danby an und sagte schließlich: »Ich möchte, daß Sie den Packer laufen lassen, Mr. Danby.«

»Packer? Oh! Aha! Bicket. Mont hat es Ihnen wohl gesagt?«

»Ja; er hat eine junge Frau, die gerade eine Lungenentzündung hinter sich hat.«

»Die Leute gehen alle zu unserm Freund Mont und binden ihm einen Bären auf, Mr. Desert – er hat ein sehr gutes Herz. Aber diesen Mann kann ich doch nicht behalten. Das ist eine zu hinterlistige Vorgangsweise. Schon seit einiger Zeit versuchen wir herauszubekommen, wohin einzelne Exemplare verschwinden.«

Desert lehnte sich gegen das Kaminsims und starrte ins Feuer. »Ja, Mr. Danby«, sagte er, »Ihre Generation liebt vielleicht Güte und Milde in der Literatur, aber im Leben sind Sie recht hart. Unsere Generation kann Weichheit in der Kunst nicht ausstehn, aber im Leben sind wir ganz verteufelt weniger hart.«

»Ich glaube nicht, daß ich hart bin«, sagte Mr. Danby, »nur gerecht.«

»Wissen Sie genau, was gerecht ist?«

»Ich glaube schon.«

»Machen Sie einmal vier Jahre Hölle durch und dann urteilen Sie wieder.«

»Was hat das damit zu tun? Das, was Sie gelitten haben, Mr. Desert, mußte Sie natürlich einseitig machen.«

Wilfrid wandte sich um und starrte ihn an. »Verzeihen Sie, daß ich es so gerade heraus sage, aber Sie scheinen mir viel einseitiger geworden, wenn Sie hier sitzen können und gerecht sein. Das Leben ist nicht viel besser als ein Fegefeuer für alle, ausgenommen vielleicht ein Drittel der Erwachsenen.«

Mr. Danby lächelte. »Mein lieber junger Mann, wir könnten einfach unser Geschäft zusperren, wenn nicht jeder Angestellte peinlich ehrlich wäre. Es wäre ganz unfair, zwischen Ehrlichkeit und Unehrlichkeit überhaupt keinen Unterschied zu machen. Darüber sind Sie sich doch vollkommen im klaren.«

»Ich bin mir über gar nichts ganz im klaren, Mr. Danby, und ich mißtraue allen denen, die behaupten, vollkommen im klaren zu sein.«

»Na, wollen wir es so formulieren: es gibt Spielregeln, die eingehalten werden müssen, wenn die Gesellschaft überhaupt funktionieren soll.«

Nun lächelte auch Desert: »Aber zum Teufel mit den Regeln! Tun Sie's doch mir zuliebe. Ich hab doch das blöde Buch geschrieben.«

In Mr. Danbys Gesicht zeigte sich kein Zeichen eines Kampfes; aber in seinen tiefliegenden, nahe beieinander stehenden Augen blitzte ein kleines Licht auf.

»Ich würde es nur zu gerne tun, aber es ist eine Sache – na, sagen wir, eine Sache des Gewissens. Ich zeige den Mann nicht an. Er muß gehen – das ist alles.«

Desert zuckte die Achseln. »Also, dann empfehle ich mich!« Und er ging hinaus.

Draußen stand Michael, von Zweifeln geplagt.

»Nun?«

»Nichts zu machen. Der alte Schubjack ist zu gerecht.«

Michael zerwühlte sein Haar.

»Warte fünf Minuten in meinem Zimmer, während ich's dem armen Teufel sage, dann begleit ich dich.«

»Nein«, sagte Desert, »ich geh einen andern Weg.«

Nicht die Tatsache, daß Wilfrid einen andern Weg ging – das tat er fast immer –, sondern etwas im Ton seiner Stimme und in seinem Gesichtsausdruck beschäftigte Michaels Phantasie, während er hinunterschritt, um Bicket zu suchen. Wilfrid war ein wunderlicher Mensch – er konnte so plötzlich ›dunkel‹ werden!

In den untern Regionen fragte Michael: »Bicket schon fort?«

»Nein, Sir, da ist er.«

Da stand er in seinem schäbigen Mantel, mit den eingesunkenen Schultern, dem schmalen, blassen Gesicht und den viel zu großen Augen.

»Bedaure, Bicket, Mr. Desert hat's versucht, aber es war vergebens.«

»Ja, Sir.«

»Kopf hoch! Sie werden schon eine Stelle finden.«

»Nicht viel Aussicht, Sir. Aber ich dank Ihnen herzlich, und ich dank auch Mr. Desert. Gute Nacht, Sir! Leben Sie wohl!«

Michael sah ihn den Gang hinunter schwanken und in der dämmerigen Straße verschwinden. »Großartig!« sagte er und lachte …

Der natürliche Verdacht Michaels und seines älteren Geschäftsteilhabers, daß man ihnen einen Bären aufgebunden hatte, war wirklich nicht berechtigt. Weder die Frau noch die Lungenentzündung waren erfunden. Während Bicket in der Richtung der Blackfriars-Brücke davonschwankte, dachte er nicht an seine Missetat und auch nicht daran, wie gerecht Mr. Danby gewesen war, sondern, was er seiner Frau sagen sollte. Natürlich würde er ihr nicht erzählen, daß er beim Stehlen erwischt worden war; er mußte sagen, daß man ihn hinausgeschmissen hatte wegen Widersetzlichkeit gegen den Oberpacker; aber was würde sie nun von ihm denken, wo doch alles davon abhing, daß er sich keine Widersetzlichkeit gegen den Oberpacker zuschulden kommen ließ! Es war einer jener traurigen Fälle großer Zuneigung, so daß er Tag für Tag mit dem Gefühl in die Arbeit gegangen war, daß er sein halbes Herz daheim gelassen hatte, in dem Zimmer, wo sie lag. Und als der Arzt schließlich sagte: »Sie ist über das Schlimmste hinaus, aber sie ist durch die Krankheit sehr herabgekommen – Sie müssen sie ordentlich auffüttern«, da hatte er den festen Entschluß gefaßt, daß er diese Angst um ihre Gesundheit nicht länger ausstehen wolle. Während der nächsten drei Wochen hatte er achtzehn Exemplare von ›Kleine Münze‹ auf die Seite gebracht, die fünf mitinbegriffen, die man in seinem Mantel gefunden hatte. Er war nur deshalb auf Mr. Deserts Buch verfallen, weil es so gut ging, und nun tat es ihm leid, daß er sich nicht auf irgend einen andern verlegt hatte. Mr. Desert war so anständig gewesen! An der Ecke des ›Strand‹ blieb er stehen und überzählte sein Geld. Die zwei Pfund, die ihm Michael gegeben hatte, und sein Lohn, zusammen fünfundsiebzig Shilling, das war alles in der Welt, was er besaß. Er kaufte ein Gelee und eine Büchse ›Kraftnahrung‹, die man mit Wasser kochen konnte. Mit vollgestopften Taschen bestieg er einen Autobus, der ihn bis zur Ecke seiner kleinen Gasse in Surrey führte. Er bewohnte mit seiner Frau zwei Parterrezimmer zu acht Shilling die Woche, und seit drei Wochen war er die Miete schuldig. ›Am besten, ich bezahl das‹, dachte er, ›und hab ein Dach überm Kopf, bis ihr besser ist.‹ Er würde es ihr auch leichter beibringen können, wenn er ihr die Quittung für die Miete mitbrächte und ein bißchen gutes Essen. Was für ein Glück, daß sie gut achtgegeben hatten, kein Kind zu bekommen! Er ging in das Tiefparterre hinunter. Seine Vermieterin war mit der wöchentlichen Wäsche beschäftigt. Vor lauter Überraschung über die vollständige und freiwillige Bezahlung hielt sie inne und erkundigte sich nach seiner Frau.

»Es geht ihr recht gut, danke schön.«

»Na, das freut mich, es muß Ihnen doch eine große Erleichterung sein.«

»Freilich«, sagte Bicket.

Die Vermieterin dachte: ›So dünn wie ein Schneider – ich muß immer an einen kleinen Krebs denken, eh man ihn kocht, mit den Augen, die er hat.‹

»Hier ist Ihre Quittung, und ich dank schön. Tut mir leid, daß ich deswegen nervös war, aber man hat's schwer heutzutag.«

»Sehr schwer«, sagte Bicket. »Wiedersehn!«

Mit der Quittung und dem Gelee in der linken Hand öffnete er die Tür seines Vorderzimmers.

Seine Frau saß vor einem sehr kleinen Feuer. Ihr kurzgeschnittenes schwarzes Haar, das sich an den Enden ringelte, war während ihrer Krankheit gewachsen; sie warf es zurück, als sie lächelnd den Kopf wandte. Schon manchmal war Bicket dieses Lächeln sonderbar vorgekommen – so auch heute – einfach rührend, geheimnisvoll, als könnte sie Dinge sehen, die ein anderer nicht sah. Sie hieß Victorine, und er sagte: »Nun, Vic? Dieses Gelee wird gut schmecken, und die Miete hab ich auch bezahlt.« Er setzte sich auf die Lehne des Sessels und sie legte ihre Hand auf sein Knie – ihr dünner Arm schaute bläulich-weiß aus dem dunklen Schlafrock hervor.

»Nun, Tony?«

Ihre großen dunklen Augen unter den wunderschön geschwungenen Brauen in dem blassen schmalen Gesicht schienen aus der Ferne zu blicken, und wenn sie einen anschauten, dann ging's einem durch und durch.

So packte es ihn auch jetzt wieder und er sagte: »Hast du Luft gekriegt?«

»Danke – schon viel besser. Jetzt werd ich bald ausgehen können.«

Bicket beugte sich über sie und suchte ihre Lippen.

Der Kuß dauerte einige Zeit, weil er in ihn alle Gefühle legte, die er während der letzten drei Wochen weder ihr noch irgend jemand sonst hatte anvertrauen können. Etwas erschöpft richtete er sich wieder auf, starrte ins Feuer und sagte: »Keine guten Nachrichten, Vic – ich hab meinen Posten verloren.«

»O Tony! Warum?«

Bicket schluckte.

»Tatsache ist, das Geschäft geht schlecht und sie bauen ab.«

Es war ihm nun zur Gewißheit geworden, daß er lieber seinen Kopf unter den Gasschlauch legen würde, als ihr die Wahrheit sagen.

»Ach du lieber Gott, was sollen wir jetzt tun?«

Bickets Stimme klang fest.

»Sorg dich nur nicht, ich werd schon was finden«; und er begann zu pfeifen.

»Aber du hast doch das Geschäft so gern gehabt.«

»So, wirklich? Ein paar von den Burschen dort hatt ich ganz gern; aber das Geschäft – was war denn eigentlich dran? Den ganzen Tag Bücher einpacken in einem Kellergeschoß. Wir wollen was essen und früh schlafen gehen – ich glaub, ich könnt eine Woche schlafen, jetzt, wo ich die Zeit dazu hab.«

Während er mit ihrer Hilfe ihr Nachtmahl herrichtete, hütete er sich, ihr in die Augen zu blicken, aus Angst, daß es ihm wieder ›durch und durch gehen‹ könnte! Sie waren erst ein Jahr verheiratet, nachdem sie sich auf der Trambahn kennengelernt hatten, und Bicket wunderte sich oft, was sie wohl an ihm gefunden haben mochte, an ihm, der acht Jahre älter und im Krieg nicht diensttauglich gewesen war. Und doch mußte sie ihn gern haben, sonst hätte sie ihn doch niemals so angeschaut.

»Setz dich und kost dieses Gelee.«

Er selbst aß Brot mit Margarine und trank Kakao dazu, er war niemals recht hungrig.

»Soll ich dir sagen, was mein Fall wär?« fragte er. »Zentral-Australien, das wär mein Fall! Wir haben dort drinnen ein Buch drüber gehabt; es sollen viele dorthin auswandern. Ich möcht ein bißchen Sonne. Ich glaub, wenn wir Sonne gehabt hätten, wären wir beide doppelt so groß geworden. Ich möcht dich gern einmal mit roten Backen sehen, Vic.«

»Was kostet es denn, dorthin zu fahren?«

»Viel mehr, als was wir zusammenscharren können, das ist das Schlimme. Aber ich hab darüber nachgedacht. In England ist nichts mehr zu machen. Es sind zu viele meinesgleichen hier.«

»Nein«, sagte Victorine, »noch nicht genug.«

Bicket blickte in ihr Gesicht und dann rasch wieder auf seinen Teller.

»Warum hast du mich eigentlich gern?«

»Weil du nie zuerst an dich denkst, deshalb.«

»Eh ich dich kannte, war's anders. Aber für dich, Vic, möcht ich alles tun.«

»Dann iß ein bißchen von dem Gelee, es ist schrecklich gut.«

Bicket schüttelte den Kopf. »Wenn wir eines Morgens aufwachen könnten und in Australien sein!« sagte er. »Aber das eine ist ganz sicher: wir werden nur in dem elenden kleinen Zimmer aufwachen. Tut nichts! Ich werd eine Stelle bekommen und doch noch das Geld zusammensparen.«

»Könnten wir nicht auf ein Pferd wetten?«

»Na ja, ich hab alles in allem nur siebenundvierzig Shilling, und was fängst du an, wenn wir das verlieren? Du weißt, daß du dich gut nähren mußt. Nein, ich muß eine Stelle finden.«

»Sie werden dir doch ein gutes Zeugnis geben, nicht wahr?«

Bicket erhob sich und räumte die Teller und Tassen zusammen. »Natürlich werden sie mir's geben, aber in der Branche ist nichts mehr zu machen – überfüllt.«

›Ihr die Wahrheit sagen? Niemals! Gott steh mir bei!‹

Nun lag er in dem Bett, das gerade etwas zu groß für einen war und gerade etwas zu klein für zwei, und dachte darüber nach, was er seiner Gewerkschaft sagen solle und wie er es anstellen müsse, um wieder eine Stelle zu bekommen. Ihr Haar hing ihm fast in den Mund. Und wie die Stunden dahinschlichen, verbrannte er in Gedanken alle seine Schiffe hinter sich. Um die Arbeitslosenunterstützung zu bekommen, würde er der Gewerkschaft sagen müssen, was los war. Zum Teufel mit der Gewerkschaft! Es fiel ihm nicht ein, sich dort zu rechtfertigen! Er wußte ganz genau, warum er die Bücher stibitzt hatte, aber das ging keinen sonst was an; niemand würde begreifen, was er gefühlt hatte, wie er sie so schweratmend, bleich und mager hatte im Bett liegen sehen. Er mußte sich selber einen Weg bahnen! Und anderthalb Millionen Arbeitsloser! Na, für vierzehn Tage hatte er noch zu leben, und irgend etwas würde sich schon finden. Er könnte am Ende doch einen oder zwei Shilling riskieren, um etwas Geld zu gewinnen, man konnte ja nie wissen! Sie rührte sich im Schlaf. ›Jawohl‹, dachte er, ›ich würd es noch einmal tun …‹

Nachdem er am nächsten Tag einige Stunden herumgelaufen war, blieb er in einer grauen Straße unter dem grauen östlichen Himmel vor einem Schaufenster stehen, hinter dem ein Arrangement von Früchten zu sehen war, Korngarben, Metallstücke und leuchtende blaue Schmetterlinge in der bescheidenen goldenen Sonne eines annoncierten Australiens. Für Bicket, der niemals England und nur selten London verlassen hatte, war es dasselbe, als wenn er vor dem Paradies stünde. Die Atmosphäre drinnen im Bureau war zwar nicht so goldig-warm und die verlangte Geldsumme war ganz beträchtlich; aber er war doch dem Paradies einen Schritt näher gekommen, als er Prospekte heimtrug, die ihm in den Händen brannten, so heiß schienen sie zu sein.

Später saßen sie beide in ihrem einzigen Lehnstuhl – es war doch ein Vorteil, so mager zu sein – und studierten mit dem größten Eifer die Blätter, die sich vor ihren Augen in Gold verwandelten, und berauschten sich an ihrem Glanz.

»Glaubst du, daß das wirklich wahr ist, Tony?«

»Wenn nur ein Drittel davon wahr ist, so ist das für mich mehr als genug. Irgendwie müssen wir nur hinüberkommen. Gib mir einen Kuß.«

Aus der Hauptstraße, um die Ecke herum, erklang das Rumpeln der Trambahnen und Lastwagen, und das Klirren der Fensterscheiben, durch die der trockene Ostwind hereinzog, vervollständigte ihre Illusion, daß sie in einem von der Gaslampe erhellten Paradies Zuflucht gefunden hatten.

9.
Wirrnis

Zwei Stunden, nachdem Bicket gegangen war, schwankte auch Michael heimwärts. Wie gewöhnlich hatte der alte Danby recht – wenn man seinen Packern nicht mehr trauen konnte, dann konnte man ebensogut gleich das Geschäft zusperren. Nun, da er Bickets Augen nicht mehr vor sich hatte, begann er zu zweifeln. Vielleicht hatte der Kerl gar keine Frau. Doch bald mußte er anstatt über Bickets Moral über Wilfrids Benehmen nachdenken. Die letzten drei Mal, da er ihn getroffen hatte, war der gute Wilfrid so kurz angebunden und sonderbar gewesen. Brütete er vielleicht Gedichte aus?

Am Fuß der Treppe fand er Ting-a-ling in abwartender Haltung sitzen. ›Ich werde hier sitzen bleiben‹, schien er zu sagen, ›bis mich jemand hinaufträgt; gleichzeitig möchte ich bemerken, daß es später als gewöhnlich ist!‹

»Wo ist deine Herrin, du kleines Wappentier?«

Ting-a-ling schnüffelte. ›Ich könnte es verzeihen‹, fuhr er stillschweigend fort, ›wenn du mich tragen wolltest, die Stufen sind zu anstrengend für mich.‹

Michael nahm ihn auf den Arm. »Wir wollen sie suchen gehn.«

Dieser Arm preßte ihn etwas unsanfter als der seiner Herrin, und Ting-a-ling starrte mit schwarzen Glasaugen vor sich hin und seine herunterhängende Schwanzquaste zitterte.

Im Schlafzimmer ließ ihn Michael so geistesabwesend niederfallen, daß er mit hängendem Schweif in seine Ecke schlich und sich dort grollend hinkauerte.

Fast zur Zeit zum Dinner und Fleur noch nicht zu Hause! Michael ging, so weit er sich erinnerte, ihre Pläne durch. Heute hatte sie Hubert Marsland und jenen Rotoristen – wie hieß er doch gleich? – zum Lunch gehabt. Danach hatte man wohl tüchtig auslüften müssen. Die Rotoristen verursachten – wie Milch – Kohlensäure in den Lungen. Was, schon halb acht! Was hatten sie denn eigentlich heute abend vor? Wollten sie nicht zu jenem Stück von L.S.D. gehen? Nein – das war morgen. War denn wirklich gar nichts los? In diesem Falle würde sie natürlich ihre freie Zeit so viel wie möglich einschränken. Demütig machte er diese Feststellung. Michael hatte keine Illusionen, er wußte, daß er ein alltäglicher Mensch war; er besaß nur ein gewisses ausgleichendes Temperament und natürlich seine Liebe zu ihr. Er gab sogar zu, daß seine Liebe eine Schwäche war, da er leicht in übertriebene Ängstlichkeit verfiel, was sonst seinen Grundsätzen zuwider lief. Sich zum Beispiel bei Coaker oder Philps – ihrem Diener und ihrem Stubenmädchen – zu erkundigen, wann sie fortgegangen war, wäre ganz gegen jene Grundsätze gewesen. Die Zustände in der Welt waren derart, daß Michael sich ständig fragte, ob seine eigenen Angelegenheiten überhaupt der Aufmerksamkeit wert waren; aber gleichzeitig waren die Zustände in der Welt auch derart, daß manchmal seine eigenen Angelegenheiten das einzige zu sein schienen, was überhaupt der Aufmerksamkeit wert war. Praktisch gesprochen konnte man seine Angelegenheiten mit einem Wort bezeichnen: Fleur! Doch wenn er ihnen zu viel Aufmerksamkeit schenkte, so fürchtete er, ihr lästig zu fallen.

Er ging in sein Ankleidezimmer und knöpfte seine Weste auf. ›Lieber nicht‹, dachte er, ›wenn sie mich beim Heimkommen schon angekleidet findet, so sieht das so absichtlich aus!‹ Er knöpfte seine Weste wieder zu und ging hinunter. Coaker war in der Halle.

»Mr. Forsyte und Sir Lawrence waren um sechs Uhr hier, Sir. Mrs. Mont war ausgegangen. Um welche Zeit soll ich das Dinner servieren?«

»Oh! Ungefähr um viertel neun. Ich glaube nicht, daß wir ausgehn.«

Er ging ins Wohnzimmer, durchschritt seine chinesische Öde und zog den Vorhang zurück. Der Platz lag kalt, dunkel und zugig da und er dachte: ›Bicket – Lungenentzündung – hoffentlich hat sie ihren Pelz an.‹ Er nahm eine Zigarette heraus und steckte sie wieder zurück. Wenn sie ihn am Fenster stehen sähe, würde sie es für eine lächerliche Besorgnis halten. So ging er wieder hinauf, um nachzusehen, ob sie ihren Pelz angezogen hatte!

Ting-a-ling, der noch immer in seiner Ecke lag, grüßte ihn mit wedelndem Schweif, der jedoch plötzlich wie enttäuscht stillstand. Michael öffnete den Schrank. Der Pelz fehlte. Gut! Er sog den Duft ein, als Ting-a-ling an ihm vorbei trottete, und eine Stimme sagte: »Guten Abend, Liebling!« Michael wünschte, daß der Gruß ihm gegolten hätte, und kam hinter der Schranktür hervor. Himmel! Wie reizend sie aussah mit vom Wind geröteten Wangen! Er stand schweigend und nachdenklich.

»Hallo, Michael! Ich hab mich etwas verspätet. Bin im Klub gewesen und zu Fuß nach Haus gegangen.«

Michael hatte ein ganz unerklärliches Gefühl, daß sie ihm etwas verschwieg. Er verschwieg auch etwas und sagte: »Ich wollte gerade nachschauen, ob du deinen Pelz anhast, es ist so scheußlich kalt. Dein Vater und Bart waren hier, und da sie fasten mußten, sind sie wieder weggegangen.«

Fleur warf ihren Mantel ab und ließ sich in einen Stuhl fallen. »Ich bin so müde! Wie hübsch deine Ohren heute abend gespitzt sind, Michael!«

Michael ließ sich auf ein Knie nieder und legte seine Arme um ihre Taille. Ihre Augen blickten so seltsam, so forschend, daß er, ein wenig erschreckt, von bangen Zweifeln gepackt wurde.

»Wenn du Lungenentzündung bekämst«, sagte er, »dann würde ich einfach den Verstand verlieren.«

»Warum in aller Welt soll ich denn Lungenentzündung bekommen?«

»Du kennst den Zusammenhang nicht – macht nichts, es würde dich auch nicht interessieren. Wir gehen nicht aus, nicht wahr?«

»Natürlich gehn wir aus. Heute ist Alisons Empfang.«

»O weh! Aber wenn du müde bist, könnten wir doch absagen.«

»Aber mein Lieber, unmöglich! Die verschiedensten Leute kommen zu ihr.«

Eine abfällige Bemerkung unterdrückend, seufzte er nur: »Ganz recht! In voller Kriegsbemalung?«

»Ja, weiße Weste. Ich seh dich so gern in weißer Weste.«

Kleine Schmeichelkatze! Er drückte ihre Taille und erhob sich. Fleur streichelte ganz leicht seine Hand, und er ging getröstet in sein Ankleidezimmer …

Aber Fleur saß wenigstens fünf Minuten sehr still – nicht gerade eine Beute widerstreitender Empfindungen, aber doch von beträchtlicher Verwirrung erfaßt. Zwei Männer hatten in der letzten Stunde dasselbe getan – vor ihr gekniet und die Arme um ihre Taille gelegt. Es war zweifellos voreilig von ihr gewesen, in Wilfrids Wohnung zu gehen. Erst im Augenblick, als sie dort war, empfand sie deutlich, daß sie in der Tat vollkommen unvorbereitet für irgend etwas Physisches war. Er war ja in Wahrheit nicht weiter gegangen als Michael. Aber – du lieber Gott! – sie hatte das Feuer gespürt, mit dem sie spielte, seine Qualen waren ihr plötzlich klar geworden. Sie hatte ihm streng verboten, Michael ein Wort zu sagen, aber instinktiv begriff sie, daß sie sich in seinem Kampf, beiden gegenüber loyal zu sein, auf gar nichts verlassen könne. Obgleich sie erschrak, verwirrt und gerührt war, konnte sie doch nicht umhin, eine angenehme Wärme zu fühlen, daß sie von zwei Männern zugleich so sehr geliebt wurde, und gleichzeitig war sie neugierig, wie die Sache enden würde. Sie seufzte. Sie hatte ihrer Sammlung von Erfahrungen eine neue hinzugefügt – aber wie sie weiter sammeln konnte, ohne die Sammlung zu beschädigen oder vielleicht sogar die Sammlerin, das war ihr nicht klar.

Nachdem sie zu Wilfrid vor der ›Eva‹ gesagt hatte: ›Du bist ein Narr, wenn du fortgehst, warte!‹, wußte sie, daß irgend etwas, und zwar bald, geschehen müsse. Oft hatte er sie gebeten, zu ihm zu kommen, um seine alten Möbel zu besichtigen. Vor einem Monat, ja vor einer Woche noch wäre sie gegangen, ohne sich zu bedenken, und hätte Michael später von den alten Möbeln erzählt. Aber jetzt sann sie immer wieder darüber nach; und wenn nicht die Kohlensäuredünste des Lunchs gewesen wären und das Gefühl, das von der Gesellschaft des Rotoristen, von Amabel Nazing, von Linda Frewe ausging, nämlich, daß Skrupel solcher Art altmodisch wären, daß Sensationen aller Art das Leben bedeuteten, so würde sie wahrscheinlich noch immer darüber nachdenken. Als die Gäste gegangen waren, hatte sie tief Atem geschöpft und das Hörrohr des Telephons in der chinesischen Teetruhe ergriffen.

Wenn Wilfrid um halb sechs zu Hause wäre, würde sie kommen und seine alten Möbel anschauen.

Seine Antwort: »Mein Gott! Wirklich?« ließ sie fast innehalten. Aber indem sie ihr Zögern mit dem Gedanken überwand: ›Ich will pariserisch – wie Proust sein!‹, war sie in den Klub gegangen. Dreiviertel Stunden verbrachte sie ohne eine andere Anregung als drei Schalen russischen Tees, drei alte Nummern des ›Modespiegels‹, die Rückansicht dreier Mitglieder, Fossilien vom Lande, und achtete schließlich genau darauf, eine Viertelstunde zu spät zu kommen. Im letzten Stockwerk stand Wilfrid in der offenen Tür, bleich wie eine Seele im Fegefeuer. Sanft ergriff er ihre Hand und zog sie herein. Mit einem leichten Schauder dachte Fleur: ›Also so ist es? Du coté de chez Swann?‹ Sie machte ihre Hand los und begann sofort eifrig von einem Möbelstück zum andern zu gehen, alles eingehend besichtigend.

Es waren altenglische Möbel, die an ein Rittergut gemahnten, hie und da ein Stück aus dem Osten oder Ersten Kaiserreich, von irgendeinem Desert gesammelt, der Reisen gemacht oder am französischen Hof gedient hatte. Sie fürchtete sich, Platz zu nehmen, aus Angst, daß dann geschehen könnte, was die führenden Autoritäten der Literatur in solchen Situationen immer geschehen ließen: ebenso wenig wollte sie das intensive Gespräch aus der Tate-Galerie fortsetzen. ›Möbel betrachten‹ war ungefährlich, und nur in den kurzen Zwischenräumen, in denen er sie nicht ansah, blickte sie zu ihm hin. Sie wußte, daß sie sich nicht ganz in der Art der ›Garçonne‹ benahm oder nach den Vorschriften Amabel Nazings; daß sie in der Tat in Gefahr war wegzugehen, ohne eine neue Sensation erlebt zu haben. Sie konnte nichts dafür, aber Wilfrid tat ihr leid; seine Augen suchten flehentlich die ihren, und es war peinvoll, den Zug um seinen Mund zu sehen. Als sie schließlich die Möbel total erschöpft hatte, so daß sie sich niedersetzen mußte, warf er sich ihr zu Füßen. Sie stemmte die Knie gegen seine Brust, und so viel Sicherheit als möglich gewinnend, fühlte sie halb hypnotisiert die Tragik der Sache, sein Entsetzen über sich selbst, seine Leidenschaft für sie. Es ging ihr nahe und tat weh; sie hatte sich verleiten lassen, etwas zu erwarten, was nun in Wirklichkeit ganz anders war. Es fiel gewissermaßen aus dem Rahmen, und wie – wie konnte sie nur davonkommen, ohne ihm und sich selber noch mehr weh zu tun? Als sie schließlich draußen war, ohne den Kuß, den er ihr gegeben hatte, zu erwidern, ward ihr klar, daß sie jetzt eine Viertelstunde wirklich gelebt hatte, aber sie war durchaus nicht sicher, ob es ihr auch gefiele …Nun, da sie sich wieder in ihrem Zimmer in Sicherheit befand und sich für Alisons Gesellschaft umkleidete, versuchte sie sich vorzustellen, was sie wohl gefühlt hätte, wenn die Sache so weit gediehen wäre, wie es nach den führenden Autoritäten der Literatur durchaus in Ordnung war. Ganz bestimmt hatte sie nicht ein Zehntel der Gedanken und Sensationen durchgekostet, die ihr in irgendeinem modernen Literaturwerk angedichtet worden wären. Ihre Illusionen waren etwas zerstört, oder war sie selber nicht auf der Höhe? Und das Gefühl, nicht auf der Höhe zu sein, konnte Fleur nicht ertragen. Während sie leicht ihre Schultern puderte, wandte sie ihre Gedanken der bevorstehenden Gesellschaft bei Alison zu.

Obgleich Lady Alison an einer gelegentlichen Zusammenkunft mit der jungen Generation Gefallen fand, so glänzten an ihren Abenden doch die Aubrey Greenes und Linda Frewes nicht durch ihre Anwesenheit. Nesta Gorse allerdings war einmal dagewesen, aber ein Politiker aus Juristen- und zwei aus literarischen Kreisen, die sich mit ihr abgegeben, hatten sich nachträglich über sie beklagt. Sie hatte, wie es schien, mit kleinen, spitzen Pfeilen die eitlen Gewänder ihres Selbstgefühls geritzt. Sibley Swan wäre willkommen gewesen, weil er für die Vergangenheit eine Lanze brach, aber er schien bisher die Dinge von oben zu betrachten. So war es nicht die Intelligenz, sondern nur die intellektuelle Gesellschaft, die versammelt war, als Fleur und Michael eintraten, und die Konversation sprühte von all dem Glanz und dem ›savoir faire‹, das jedem Gespräch über Kunst und Wissenschaft eigen ist, wenn es von denjenigen geführt wird, die, wie Michael sich ausdrückte, glücklicherweise das ›faire‹ nicht zu machen brauchten.

»Trotzdem sind das die Leute«, flüsterte er Fleur ins Ohr, »die Künstlern und Schriftstellern einen Namen machen. Wer ist die große Kanone heute abend?«

Es schien eine Dame zu sein, die zum erstenmal in London auftrat und Volkslieder vom Balkan sang. Aber in einer Nische rechts standen vier Tische zum Bridgespiel bereit. Sie waren schon besetzt. Unter denen, die noch immer umherstanden und zuhörten, waren hie und da ein Gurdon Minho, ein Gesellschaftsmaler und seine Frau oder ein Bildhauer, der auf einen Auftrag wartete. Fleur, die zwischen Lady Feynte, der Frau des Malers, und Gurdon Minho in Person eingekeilt war, begann eine Flucht zu planen. Dort, ja dort war Mr. Chalfont! Fleur, die eine ausgezeichnete Beurteilerin des Milieus war, verschwendete bei Lady Alison nie ihre Zeit an Künstler und Schriftsteller – die konnte sie überall treffen. Hier suchte sie sich instinktmäßig das ›politisch-literarische größte Tier‹ aus, um es festzunageln. Ganz von der Idee besessen, wie sie Mr. Chalfont festnageln könnte, übersah sie ein Drama, das sich draußen abspielte.

Michael war oben auf der Treppe stehengeblieben, da ihm der Sinn nicht nach Unterhaltung und Geplänkel stand. Er lehnte gegen das Geländer; wespenschlank in seiner weißen Weste und die Hände tief in den Hosentaschen, beobachtete er die Drehungen und Windungen von Fleurs weißem Hals und lauschte den Balkanliedern, fast ohne überhaupt zu denken. Bei dem Wort: ›Mont‹ schrak er zusammen. Wilfrid stand gerade unter ihm. Mont! Seit zwei Jahren hatte Wilfrid ihn nicht mehr so genannt.

»Komm herunter!«

Auf dem Treppenabsatz stand eine Büste von Lionel Cherrell, Königlichem Rat, von Boris Strumolowski, in dem Genre, das er aus Zynismus angenommen hatte, als June Forsyte es aufgegeben, seinen wahren, aber nicht anerkannten Genius zu unterstützen. In der Ausstellung der Royal Academy in jenem Jahre war die Büste von den andern fast nicht zu unterscheiden gewesen, und die jungen Cherrells machten sich nun einen Spaß daraus, ihr einen Schnurrbart anzumalen.

Neben dieser Statue lehnte Desert mit geschlossenen Augen an der Wand. Sein Gesicht war für Michael ein Rätsel.

»Was ist geschehen, Wilfrid?«

Desert rührte sich nicht. »Du sollst es wissen. Ich liebe Fleur.«

»Was?«

»Ich mag nicht hinterm Berg halten. Du hast mit mir zu rechnen. Tut mir leid, aber es ist einmal so. Schlag zu!« Sein Gesicht war totenblaß und dessen Muskeln zuckten. Bei Michael war es umgekehrt, sein Herz begann zu zucken. Was für ein ganz abscheulicher und so seltsam schrecklicher Augenblick! Sein bester Freund – sein Brautführer! Instinktiv tastete er nach seinem Zigarettenetui, instinktiv bot er es Desert an. Instinktiv nahmen sie beide Zigaretten und gaben sich gegenseitig Feuer. Dann sagte Michael: »Fleur – weiß es?«

Desert nickte. »Sie weiß nicht, daß ich es dir sage, sie hätte es nicht erlaubt. Du kannst ihr nichts vorwerfen – noch nicht.« Und die Augen geschlossen, fügte er hinzu: »Ich kann nichts dafür.« Das war Michaels eigener unterbewußter Gedanke. Natürlich! Natürlich! Es war absurd, nicht zu sehen, wie natürlich es war. Dann verschloß sich etwas in ihm gegen Desert, und er sagte: »Anständig von dir, es mir mitzuteilen; aber wirst du nun nicht – abreisen?«

Deserts Schultern zuckten gegen die Wand zurück.

»Ich hab es anfangs geglaubt, aber es scheint nicht so.«

»Scheint nicht? Das verstehe ich nicht.«

»Wenn ich ganz sicher wüßte, daß ich keine Aussichten hätte – aber ich weiß es nicht sicher«, und plötzlich blickte er Michael ins Gesicht: »Es hat jetzt keinen Sinn mehr, uns gegenseitig mit Glacéhandschuhen anzufassen. Ich bin verzweifelt, und ich entreiße sie dir, wenn ich kann.«

»Mein Gott!« sagte Michael. »Das geht zu weit!«

»Jawohl! Sag mir's nur gründlich! Aber wenn ich daran denke, daß du jetzt mit ihr heimgehst, während ich –« er stieß ein grauenhaftes kurzes Lachen aus, »dann rate ich dir, mir nichts zu sagen!«

»Gut!« entgegnete Michael. »Da es sich hier um keinen Dostojewskij-Roman handelt, so ist, glaube ich, kein Wort weiter drüber zu verlieren.«

Desert trat einen Schritt vor und legte die Hand auf die Büste Lionel Cherrells.

»Wenigstens begreifst du, daß ich mein möglichstes getan hab – meine Aussichten vielleicht ruiniert – wenn ich dir's jetzt sagte. Ich hab wenigstens keine Bombe geworfen, ohne vorher Krieg erklärt zu haben.«

»Nein«, sagte Michael düster.

»Schmeiß meine Bücher hinaus, irgendein anderer Verleger soll sie übernehmen.«

Michael zuckte die Achseln.

»Also gute Nacht!« sagte Desert. »Tut mir leid, so primitiv zu sein.«

Michael blickte seinem Brautführer gerade ins Gesicht. Den Ausdruck bitterster Verzweiflung darin konnte man nicht mißverstehen. Er machte eine halbe Bewegung mit der Hand, rief halb seinen Namen ›Wilfrid‹ und stieg dann die Treppe empor, während Desert hinunterging.

Als er wieder auf seinem Beobachtungsposten gegen das Treppengeländer gelehnt stand, versuchte er sich weiszumachen, daß das Leben doch eigentlich zum Lachen sei, aber es gelang ihm nicht. Seine Position verlangte die Klugheit einer Schlange, den Mut eines Löwen und die Sanftmut einer Taube; und er war sich nicht bewußt, diese sprichwörtlichen Tugenden zu besitzen. Wenn Fleur ihn so geliebt hätte, wie er sie liebte, so hätte er für Wilfrid wahres Mitgefühl empfinden können. Es war so natürlich, sich in Fleur zu verlieben. Aber sie liebte ihn nicht, o nein, sie liebte ihn nicht! Michael besaß eine Tugend, wenn man es überhaupt eine Tugend nennen konnte: eine bescheidene Meinung von sich selbst und die Neigung, von seinen Freunden nur das Beste zu glauben. Er hatte eine hohe Meinung von Desert gehabt; und – seltsamerweise dachte er auch jetzt nicht niedrig von ihm. Da war sein Freund, der ihm eine tödliche Schmach antun, der ihm die Liebe seiner Frau abspenstig machen wollte, ehrlich gesagt ihre Zuneigung, und dennoch hielt er ihn nicht für einen Schurken. Er wußte, daß eine solche Duldsamkeit fehl am Platze war; aber Willensfreiheit und die Freiheit, sich nach eigenem Ermessen zu binden, waren für ihn nicht nur literarische Begriffe, sie waren ein Teil seiner Natur. Härte, so wünschenswert sie auch immer sein mochte, würde er nicht anwenden können. Und etwas wie Verzweiflung zerriß sein Herz, als er die kleinen Tricks beobachtete, mit denen sich Fleur bei dem großen Gerald Chalfont einzuschmeicheln versuchte. Wenn sie ihn nun Wilfrids wegen verließ? Aber nein, sie würde doch gewiß nicht ihren Vater verlassen – ihr Haus, ihren Hund, ihre Freunde, ihr – ihre Sammlung von – von – sie würde nicht – die konnte sie doch einfach gar nicht aufgeben! Aber wenn sie nun alles behielte? Auch Wilfrid? Nein, nein, das würde sie nicht tun. Nur für eine Sekunde verdüsterte jene Möglichkeit den natürlichen Glauben seines Herzens an sie.

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420 p.
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9783754176276
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