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Johannes V. Jensen

Des Königs Fall

Julia Koppel

Saga

Des Königs Fall ÜbersetzerinJulia Koppel Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1901, 2020 Johannes V. Jensen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726479799

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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FRÜHLING

Michel

Die Landstrasse bog nach links ab, führte über eine Brücke und lief dann auf das Dorf Serritslev zu, das dicht vor Kopenhagen lag. Die Gräben waren mit dunklem Gras und gelben Blumen gesäumt, über den Feldern ruhte hier und da fahles Licht, Blumennebel in der Dämmerung. Die Sonne war untergegangen, der Himmel wölbte sich in kühler Klarheit, wolkenlos, aber ohne Sterne.

Eine Heufuhre kam vom Lande und fuhr in das Dorf ein, langsam und auf dem schlechten Wege schwankend. Wie sie so in der Dämmerung durch die enge Dorfstrasse schlich, glich sie einem grossen, kurzbeinigen, zottigen Tier, das vorwärts stapfte und den Erdboden beschnüffelte, in Betrachtung versunken.

Die Fuhre hielt vor dem Serritslever Krug; die schwitzenden Pferde wandten die Köpfe und kauten auf dem Zaum, das Stillstehen behagte ihnen. Der Kutscher schwang sich auf die Deichsel herab, sprang zur Erde und befestigte die Zügel. Darauf wandte er sich dem Krug zu, schnäuzte sich die Nase und rief:

„He, ist jemand da?“

Was — es schimmerte hell hinter den Fenstern, hatte man drinnen Licht angezündet? Im selben Augenblick erschien ein Mädchen in der Tür. Der Kutscher bestellte einen Schnaps. Während er darauf wartete, wurde es im Heu lebendig, zwei lange Beine schoben sich vorsichtig heraus und suchten die Deichsel, die Gestalt lag auf dem Bauch und grunzte beschwerlich. Schliesslich stand sie auf der Erde und schüttelte sich — ein langer, knochiger Mensch mit einer Mütze auf dem Kopf.

„Prost!“ sagte er. Der Kutscher goss den roten Schnaps hinunter und hustete tüchtig. Ob er gleich weiter wolle? Sonst könnten sie ja mal im Wirtshaus einen Schnaps auf gute Weggenossenschaft miteinander trinken.

Als sie ins Licht traten, blieb aber der Kutscher vor Ehrerbietung in der Tür stehen; auch der andere verlor seine Sicherheit. Mitten in der Stube sassen vier vornehme Landsknechte von der sächsischen Garde, die kürzlich in Kopenhagen eingezogen war. Sie strahlten vor Kleiderpracht, ihre roten Puffärmel, Federn und Bärte fingen den Blick wie ein Freudenfeuer. Schwerter und Speere, gediegene Waffen, standen gegen Tisch und Bänke gelehnt. Ein jeder konnte sehen, dass die Lederstrippen einen Fall hatten, der von geübter Hantierung herrührte. Alle vier wandten die Köpfe, drehten sich aber gleich wieder um und setzten ihre Unterhaltung fort.

Das Mädchen brachte zwei Krüge Bier und stellte ein Licht auf den kleinen Tisch neben der Tür. Kaum war sie draussen, als einer der Landsknechte am anderen Tisch sich aufrichtete und in lautes Gelächter ausbrach.

„Seht den da mit der Mütze — ei, ist der spassig!“ Er sprach deutsch.

Die andern wandten sich gutmütig um, mussten aber auch lachen. Der Lange stand mit Krummen Knien da und trank, wobei seine spitze Rase über den Krug ragte. Er bot wahrlich einen komischen Anblick. Nachdem er getrunken hatte, setzte er sich gelassen nieder, das Licht fiel ihm in die Augen, er blinzelte zum Tisch hinüber, halb beleidigt, halb gutmütig spöttisch wie ein Mann, der Lebensphilosophie besitzt.

Da erhob sich der eine der Burschen, trat einige Schritte vor und begann höflich in seinem Deutsch:

„Unser Lachen war nicht bös gemeint — wollen Sie uns nicht die Ehre antun und ein Glas Wein mit uns trinken?“

„Danke“, sagte der Lange und trat mit vielen Kratzfüssen an den Tisch heran. Bevor er über die Bank stieg und sich setzte, machte er jedem einzelnen eine Verbeugung und nannte seinen Namen, Michel Thögersen, Studiosus. Dann fuhr er sich verlegen durchs Haar und rieb die Handflächen gegen seine rauhen Backen. Er hörte, wie vier Namen genannt wurden, wovon der eine dänisch klang, und sah ein Glas blutroten Weines vor sich auf dem Tisch glühen. Und prost, prost!

Ihr Herren! Michel Thögersen tat mit Anstand Bescheid und richtete seinen langen, dünnen Körper höher auf, während der Wein ihm die Kehle hinabfloss. Er liess seinen Blick hastig über den Tisch schweifen und musterte den einen der Herren, den jüngsten, der seinen Kopf in die Hand stützte. Es war eine weisse, feste Hand ohne sichtbare Adern oder Knöchel, die Finger gruben sich in das hellbraune Haar. Das Gesicht war länglich — der Ausdruck rief plötzlich die Erinnerung an einen Seiltänzer in Michel wach, den er mal auf einem Jahrmarkt gesehen hatte, einen jungen Luftspringer, der einsam in einem Winkel sass und sich nicht an der Vorstellung beteiligte — krank wahrscheinlich. Michel erinnerte sich des jungen leidenden Gesichts — gerade solche Augen hatte der da. Ausserdem aber meinte Michel ihn zu kennen. Wer war er, wo hatte er ihn schon gesehen? Er sah aus wie ein Edelmann.

Von neuem stand ein gefülltes Glas vor Michel Thögersen. Er tat voll Sittsamkeit Bescheid, während er von angestrengtem Nachdenken zerstreut und durch den Anblick des jungen Menschen auf der anderen Seite des Tisches ganz umnebelt war. Der braune Kopf war wie von Mystik umflossen; jetzt wandte der junge Mensch ihm seine Brust ganz zu, und Michel sah, dass die Arme ungewöhnlich weit auseinauseinander sassen; er war auffallend gut gewachsen; weshalb mochte er Kummer haben? Seine Züge eigneten sich besser zur Heiterkeit.

Es wurde lebhaft geschwatzt, die vier Soldaten begegneten Michel mit Zuvorkommenheit. Uno Michel fühlte sich diesen Deutschen gegenüber voll Zuversicht, denn sie konnten ja nicht wissen, dass man ihn in der Stadt „Storch“ nannte. Michel radebrechte sehr gelassen Deutsch, wurde aber immer wieder zerstreut, weil er es doch nicht lassen konnte, an seinen Spitznamen zu denken… andererseits aber wussten diese Deutschen auch nicht, dass er in einem engeren Kreis als Verfasser von lateinischen Oden und Distichen bekannt war... warum sagte der junge Mann dort nichts?

Otte Iversen! Da fiel der Name. Er war es also wirklich. Im selben Augenblick erinnerte Michel sich eines grauen, baufälligen Tores, einer Mauer und eines Turmes in seiner Heimat in Jütland — und er sah sich selbst mager und schüchtern davor stehen. Es war lange her. Das also war der Junker Otte, den er als schmächtigen Knaben einen Augenblick im Burghof gesehen hatte und nie wieder vergessen konnte. Er hatte zwischen einem Rudel Hunde gestanden, mit einem zerzausten Falken auf dem Daumen. Und nun sass er hier, grossgewachsen, schlank wie ein Page.

Die Landsknechte kicherten. Michel nahm sich zusammen und trank einen Schluck.

Der Fuhrmann erschien in der Tür. „Ich fahr weiter“, sagte er, stellte einen Sack und einen kleinen Korb mit Eiern neben der Tür auf den Fussboden und verschwand. Das war Michels Eigentum, die Ausbeute seines Bettelausflugs aufs Land — da stand seine Schmach ganz nackt an der Tür; er kehrte ihr verwirrt den Rücken.

Die deutschen Soldaten aber lachten und bekamen einen guten Einfall — Eier waren nie zu verachten. Michel gab ihnen die Eier, froh und doch gedemütigt, und sie wurden alle roh getrunken. Otte Iversen wollte keine und sagte noch immer nichts.

Michel sass heiss und verlegen und freundlich auf der Bank, der leckere Wein befreite ihn von seiner Schwere, aber trotzdem fühlte er sich missgestimmt. Sein Herz flog den sorglosen Herren zu, und dennoch verliess ihn nicht die Angst, dass er ihnen ausgeliefert sei — seine Stimmung begann in Rhythmen zu schaukeln und zu schwimmen. Er blickte verstohlen zu Junker Otte hinüber, verliebt, misstrauisch, kriechend... ob er ihn wohl erkannte? — Ach, wenn er ihn nur nicht erkennen würde!

Der eine der deutschen Kriegsknechte hatte eine Narbe auf der Oberlippe; sie wurde durch den Bart nur halb verdeckt und verursachte, dass er lispelte. Michel Thögersen hörte den losen Reden zu und amüsierte sich wehmütig — ihm wurde heiss bei all dem, was er zu hören bekam. Und während Wein und Wohlbehagen seinen Sinn lösten, verhärtete er sich inwendig, fühlte eine rauhe Kälte in sich aufsteigen, hielt sie aber nieder und sammelte sich.

Die drei Deutschen trieben sich beim Schenktisch herum. Michel Thögersen und Otte Iversen blieben allein am Tisch sitzen. Keiner von ihnen sagte etwas, Michel versuchte in sich zu gehen. Er blickte in die Dunkelheit zwischen Tisch und Bank hinunter und empfand eine bittere Einsamkeit. Aber er wollte sich zufrieden geben, seufzte, zog seine Storchbeine an sich, wischte sich den Schweiss von der Stirn und fasste sich. Otte Iversen drehte seinen Becher zwischen den Händen; er sah noch immer aus, als ob er krank sei.

Als die Deutschen mit neuentdeckten Getränken zurückkamen, hatte Michel Thögersen sich gesammelt, trank verständig und ohne Unruhe. Jetzt kneipten sie alle darauflos und dachten an nichts weiter. Otte Iversen leerte seinen Becher, sooft er gefüllt wurde, und veränderte sich nicht im geringsten dabei. Clas, der Mann mit der Narbe in der Lippe, stimmte ein Lied an, das recht seltsam klang.

Michel Thögersen nahm eines der gewaltigen Zweihandschwerter und wog es prüfend in der Hand — sie zeigten ihm die Griffe. Jedesmal, wenn die scharfe Spitze sich auf ihn richtete, zog es hässlich wie ein eiskalter Wind durch sein Rückgrat — das wunderte ihn, er fürchtete sich doch sonst nicht vorm Messer.

Und Clas sang:

Ei werd’ ich dann erschossen,

Erschossen auf weiter Heid’

Man trägt mich auf langen Spiessen,

Ein Grab ist mir bereit;

So schlägt man mir den Pumerlein Pum,

Das ist mir neunmal lieber

Denn aller Pfaffen Gebrumm.

Die Hälfte der Worte rann ihm in den Bart. Man wartete mit Kriegsgeschichten auf, von Gefechten hier und dort — hui, hui — von Sieg und Todesgefahren und…

„Heinrich, erinnerst du dich noch der blonden Leonore?“ schrie Glas ausgelassen. Ja, Heinrich erinnerte sich ihrer noch. Die Geschichte sprudelte ihm aus dem Munde, Clas und Samuel wälzten sich vor Lachen.

Michel Thögersen aber schwieg und wand sich unter diesem Schwall von Offenherzigkeit, er schielte zu Otto Iversen hinüber — und er allein bemerkte ein Lächeln auf dem jungen, hochmütigen Gesicht, einen kaum sichtbaren Zug um die Lippen, als habe Junker Otte einen widerlichen Geruch gespürt.

Michel wurde das Atmen schwer, er strich sich wieder und wieder über die Stirn.

Heinrich aber erzählte drauflos. Otte Iversen wandte sich vom Tisch ab und schlug die Beine übereinander. Als die Erzählung schliesslich beendigt war, wurde es ganz still, als hätte man seine Verstimmtheit gespürt. Vielleicht merkte Otte Iversen, dass er die Pause verschuldet hatte — er drehte sich zum Tisch um, als wolle er seine Meinung vertreten, und blickte dem Erzähler fest ins Auge.

Heinrich sah ganz betroffen aus. Da aber fuhr Samuel mit einer anderen Geschichte dazwischen. Er war nicht jung und erzählte nicht von Liebe, sondern von einer grossen wahnsinnigen Schlachterei, die er mal mitgemacht, wobei sie den Leuten die Gedärme mit ihren Stiefelhacken aus dem Leib getreten und in ihrem eigenen Mist erstickt hatten. Die Erzählung machte die Luft in der Stube roher und frischer. Clas kam mit eifrigen Kennerfragen, Michel Thögersen musste plötzlich über seinen drolligen Sprachfehler lachen, hob die Nase und platzte los — gru, gru! Da sah Otte Iversen langsam auf und verzog widerwillig die Lippen, und schliesslich legte auch er den Kopf in den Nacken und lachte. Sein Gelächter klang wie eine Knarre. Auf einmal, Punktum, hielt er inne und sass wieder verschlossen da wie vorher.

Kurz darauf brachen sie auf, um noch vor Torschluss in die Stadt zu gelangen. Als sie ins Freie kamen, fühlte Michel Thögersen wieder den Abstand zwischen sich und den Soldaten, hielt sich bescheiden zurück und verabschiedete sich, sobald sie durchs Nordtor gekommen waren. Die Landsknechte gingen tiefer in die Stadt hinein; Michel sah ihnen eine Weile nach, bevor er sich nach links wandte, um nach Hause zu gehen.

Kopenhagen bei Nacht

Michel Thögersen wohnte in einem Haufe, das dem Palisadenwerk von Pusterwig gegenüber lag; dort bewohnte er eine Bodenkammer zusammen mit einem anderen Studenten, Ove Gabriel. Als Michel hereintrat, sass Ove wie gewöhnlich bei einem Pfenniglicht und studierte; er sah von seinen Büchern auf, las aber gleich weiter.

Michel warf sich vor dem anderen Tischende auf einen Stuhl und wühlte zwischen seinen Kollegheften. Hier hatte er heute morgen aufgehört, und nichts hatte sich seitdem geändert.

Michel atmete geräuschvoll. Da sah Ove Gabriel zu ihm hinüber und wischte sich mit der hohlen Hand langsam übers Gesicht.

„Du hast getrunken“, sagte er. Er stellte es nur fest und sah Michel mit seinen runden, moralischen Augen an, die weder blinzelten noch tränten. Michel Thögersen hatte dieses unverändert laudable Gesicht nun seit drei Jahren vor Augen gehabt, Ove Gabriels beredtes Schweigen hatte jederzeit über ihn zu Gericht gesessen. Ove Gabriels gerechte Augen würden ihm folgen und mit gesetzmässiger Bosheit stechen, bis er auf dem Stuhl verreckte. Über kurz oder lang würde Ove Gabriel bemerken: Erinnere dich, dass es mein Licht ist, bei dem wir studieren.

Michel Thögersen stand auf und öffnete die Dachluke; er war so lang, dass er mit seinem ganzen Oberkörper herausragte. Auf diese Weise pflegte er sich Ove Gabriels Blicken zu entziehen.

Oh! die Luft war kühl, die Sterne blitzten über seinem Kopf. Zu beiden Seiten machten die Strohdächer krumme Buckel, wie Tiere, die mit eingezogenem Kopf schlafen. Unten auf der Strasse wankte der Nachtwächter mit seiner Laterne und leuchtete die verschlossenen Türen ab. Drüben aber, auf der anderen Seite des Palisadenwerkes, glitzerte Wasser, ein Stern spiegelte sich zwischen dem Schilf im Graben. Das Land lag in der Ferne in moosgrüner Dunkelheit, von den Seen erklang lebhaftes Froschkonzert. Die Stadt hatte sich zur Ruhe begeben. Das Wasser schlug leise glucksend gegen die Pfähle im Graben. Eine Katze krümmte sich miauend auf einem Dach.

Michel Thögersen drehte sich in seinem Loch um, legte den Kopf in den Nacken und sah zu den Schornsteinen und Sternen hinauf. Es schwindelte ihm. Ihm war, als ob er mit nackten Füssen über ein Bund Messer glitt. Aber so war es ihm gerade recht, denn er konnte seine Qual nicht mehr ertragen. Lieber wäre es ihm noch gewesen, wenn er an einem Strick hoch oben unterm Himmel baumelte, diese Stellung würde seinem inneren Schwindel einigermassen entsprochen haben. Michel machte eine Wendung und lehnte seine Arme gegen das kalte Dach.

Susanna! dachte er. Susanna. Und sein Sinn war so weich, dass alle stummen und leblosen Dinge um ihn her Atem und Herz zu bekommen schienen. Die tauben Häuser verhielten sich still, aber drückten eitel Güte aus, die Sterne blinzelten gerührt. Es klopfte ein Puls in der sanften Stille; über die Bucht lief eine Kräuselung, selbst die dunkle Luft schien wie ein Wesen zu erschauern, das sich seines Geheimnisses und Schicksals bewusst ist.

Der Gedanke an Susanna aber machte Michel armselig und boshaft, er lachte höhnisch vor sich hin und richtete sich auf.

Still! Von der Strasse tönten Stimmen herauf. Der Laut rief eine Vorstellung von erleuchteten Räumen und Ereignissen in ihm wach.

Michel Thögersen zog sich wieder in die Kammer zurück. Ove Gabriel stand nackend da, im Begriff, ins Bett zu steigen, seine Augen sprachen von Vollbringung, er leuchtete wie eine stille Wachskerze.

„Pfui, wie bist du mager... mich wundert’s, dass deine Seele noch in dir bleiben mag“, sagte Michel und lachte spöttisch, während er Ove Gabriels Körper von oben bis unten musterte. Er sah aus wie eine arme, abgezehrte Kuh, die gekalbt hatte. Ove Gabriel kroch unter die Felldecke, und nachdem er sich gebettet hatte, faltete er die Hände und schoss einen Vers auf seinen Zimmergenossen ab. Et nunc extingue lucem! fügte er in einem satten Lon hinzu.

Das Licht löschen, das Licht löschen! dachte Michel, es gehörte nicht viel Atem dazu. Er beugte sich herab und blies das Pfenniglicht aus, nahm dann seinen Stachelstecken und tastete sich die Stiege hinunter. Über ihm erklang Ove Gabriels satisfakte Stimme; er sprach sein Abendgebet.

Die Zeit, wo man sich auf der Strasse aufhalten durfte, war bereits vorüber, Michel Thögersen aber trotzte dem Verbot. Er bog hastig nach rechts ab und ging die Pilesträde hinunter. Als er ein Stück gegangen war, zögerte er und blieb stehen. Kein Mensch war zu sehen, alle Häuser waren dunkel, die Bäume in den Gärten stützten ihre dichten Laubkronen gegeneinander. Überall duftete es nach frischem Laub, lauwarm und säuerlich, wie nach Regen.

Michel ging langsam weiter. Als er an der nächsten Ecke vorbeikam, hörte er, dass im Sankt-Klara-Kloster Vigilie gesungen wurde; die Stimmen klangen klar und doch mauergedämpft, flehend, als rührten sie von Gefangenen unter der Erde her. Michel stellte sich vor, wie das Kruzifix drinnen rot und blau durch das Halbdunkel ragte.

Michel blieb vor einem Garten stehen, der zwischen zwei ziemlich hohen Häusern lag, durch ein Gitter von der Strasse getrennt. Dort verweilte er einige Minuten. Hin und wieder knisterte es leise, als fiele ein Haufen Laub in sich selbst zusammen. Der tauige Rand des Giebels schimmerte im Sternenlicht. Schliesslich schlich Michel zögernd weiter.

Auf dem Marktplatz war noch Leben und Licht; die fremden Kriegsknechte hielten es zu Hause nicht aus; es waren aber auch viele Bürger der Stadt darunter. Michel Thögersen wollte gerade in die Köbmager-Gade einbiegen, um nach Hause zu gehen, als er einer Schar Landsknechte begegnete, die in gehobener Stimmung daherkam.

„Da haben wir ja unseren gelehrten Freund!“ rief der eine von ihnen, und seine lispelnde Sprache verriet ihn. Es waren die vier, die Michel draussen in Serritslev getroffen hatte, und noch einige andere. Clas fasste Michel untern Arm und forderte ihn auf mitzukommen; Michel konnte nicht nein sagen. Sie bummelten von einem Laden in den anderen, und überall wurde tüchtig gezecht. Michel hatte den besten Willen, seiner Laune die Zügel schiessen zu lassen wie die andern, aber es glückte ihm nicht, weil er sah, dass Otte Iversen immer noch düster und verstimmt war. Ausserdem wusste Michel recht gut, dass die Herren sich nur mit ihm beschäftigten, weil er sie belustigte.

Sie kamen über den Höbroplatz, und hier gesellte sich ein schmächtiger, gelbholiger Gesell zu ihnen und erzählte etwas, was grossen Eindruck zu machen schien, denn der ganze Schwarm schloss sich ihm an und bog eiligst um die Ecke zur Hyskengade, wo die grossen Kaufherren wohnten. Michel wurde vergessen. Er blieb stehen und schaute sich um. Das Schloss lag still und dunkel da, nichts rührte sich, nur eine Jolle im Graben am Brückenpfeiler schaukelte sacht. Der Turm dort hinten strebte ruhig in die Luft und sah sich mit kleinen, zusammengekniffenen Guckäuglein um. Michel murmelte einige Verse von Virgil vor sich hin — von der ewigen Nacht und ihm, der wacht.

Jetzt nach Hause geben? Um im Bett zu liegen und Ove Gabriel schnarchen zu hören. Nein, Michel senkte den Kopf und folgte den andern. Dass sie ihn stehen liessen, brauchte ja nicht zu bedeuten, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten.

In der Hyskengade war in mehreren Häusern Licht. Michel schlich an den geschlossenen Toren vorbei und spürte den eigenartigen Duft, den er schon kannte, von Bastmatten und Muskat — er gab ihm eine Vorstellung von indischen Karawanen, Kameldünger, Dürre.

Aus Conrad Vincens’ Laden tönten Stimmen, und die Tür stand offen. Michel Thögersen näherte sich vorsichtig und guckte hinein; Herren standen im Zimmer herum — es war klar, dass hier etwas Besonderes vorging. Michel konnte sich nicht entschliessen hineinzugehen; er schlich zur Seite, so dass er sehen konnte, ohne selbst bemerkt zu werden. Da entdeckte er eine Gestalt neben der grossen Waage und erkannte den jungen sechzehnjährigen Junker, des Königs Sohn Christiern. Michel fuhr zusammen, ihm wurde ganz heiss, er trat einen Schritt zurück, gerührt und unruhig. Und wie er Prinz Christiern dort sah, vergass er ihn nie wieder. Er stand mit gespreizten Beinen, trug weissgrüne Hosen und rote Schnabelschuhe, die Brust war Michel halb zugewandt; über den Schultern und auf der Brust lag eine Goldkette. In der linken Hand hielt er eine Traube teurer Rosinen, von der er hin und wieder mit der rechten Hand eine abzupfte und verzehrte. Michel sah deutlich seinen feinen, glatten Mund; am Kinn lag ein zarter Schatten, wie von dunklem Bartwuchs. Aber besonders die Augen überraschten Michel, sie waren klein, sehr glänzend und standen ein klein wenig schräg zur Schläfe. Der Prinz hatte einen grossen Hinterkopf, sein Hals war dick und rund. Nun wandte er den Kopf zu dem entzückt kriechenden Conrad Vincens um und nickte — sein Haar hatte eine tiefe, dunkelrote Farbe.

Ach, auch ich bin rothaarig, dachte Michel.

Welch ein Ernst in dem noch halb kindlichen Gesicht — nein, jetzt lachte er und runzelte die Brauen — Gleichgewicht! Seltsam! So sah ein Mensch aus.

Michel starrte ihn an und bekam feuchte Augen, seufzte unwillkürlich laut auf, während er sich in Anbetung verlor. Er verfolgte alles genau. Die Herren bewegten sich voller Anstand um den Prinzen, standen in galanter Position mit den Füssen; bald trat der eine vor und fegte stilvoll mit seinem Federbarett nach rückwärts über den Fussboden, bald sprach ein anderer, vornübergebeugt mit lächelnden Lippen. Grosse Becher wurden formell gehoben und auf das Wohl des Prinzen geleert, und er nickte allen auf gleiche Weise zu, das Kinn gegen die Brust gedrückt. Conrad Vincens trippelte fieberhaft herum mit einer Glorie um den Kopf.

Einer aber war da, der sich frei bewegte, ein buckliges Männchen in bunten Kleidern. Wenn jemand mit ihm sprach, warf er sein Bein seitwärts in die Höhe und antwortete schnippisch und wie ein Mops, der auf den Hinterbeinen steht und kläfft; Michel konnte sehen, dass er seine rechte Backe mit der Zunge aushöhlte, wenn er etwas gesagt hatte. Einmal lachten alle, der Prinz zeigte seine Zähne, und der Zwerg höhlte seine Backe furchtbar aus — da lachte auch Michel dankbar in sich hinein. Wie wohlerzogen und gedämpft die Stimmen drinnen klangen. Zwei grosse Ambralichter brannten. Ganz im Hintergrund sah Michel Otte Iversen, er stand allein, schien aber froher Laune zu sein. Michel hatte übrigens in diesem Augenblick nicht viel Interesse für ihn.

Lange stand Michel Thögersen in Anschauung versunken und sättigte sich an den Farben und dem Anblick der freien Herren; er fand, dass auch auf ihn ein kleiner Strahl der Gnade fiel. Als sich im Laden jetzt eine Bewegung bemerkbar machte, als ob die Herren aufbrechen wollten, trat Michel schleunigst zur Seite. Er sah die ganze Gesellschaft munter auf die Strasse schwärmen und auf der gegenüberliegenden Seite in den Laden des reichen Martin Gälze treten. Dabei fiel Michel Prinz Christierns Gang auf.

Michel schlenderte noch einige Stunden durch die Stadt. Weit über Mitternacht sah er seine deutschen Bekannten noch einmal, als sie, ohne ihn zu bemerken, in eine berüchtigte Spelunke unten am Strand zogen. An ihren Stimmen konnte er hören, dass sie stark bezecht waren. Otte Iversen war nicht mehr unter ihnen.

Am nächsten Tag sahen die Bürger von Kopenhagen einen Wagen mit allen vier Rädern auf der Dachfirst eines hohen Hauses am Marktplatz stehen. Jemand hatte den Wagen in der Nacht auseinander genommen, die Teile aufs Dach geschleppt und dort oben wieder zusammengesetzt. Vor Mittag wusste die ganze Stadt, dass Prinz Christiern dies Meisterstück vollbracht hatte.

Der Träumer

Es war schon spät am Tage, als Michel Thögersen erwachte. Er lag eine Weile, bevor er sich über sich selbst klar wurde; er hatte so seltsam geträumt, konnte sich aber auf nichts mehr besinnen.

Das Tageslicht fiel aus der Dachluke senkrecht in die elende Kammer. Obgleich Ove Gabriel schon lange zur Vorlesung gegangen war, konnte Michel ihn noch riechen und rümpfte voller Ekel die Nase.

Würde sich heute etwas ereignen, war es der Mühe wert aufzustehen und sich dem Schicksal in der Stadt zwischen den Leuten feilzubieten? Michel dachte nach. Eigentlich hatte sich gestern gar nichts Entscheidendes ereignet, und dennoch empfand er seine Erlebnisse besonders stark. Was sie auch bedeuten mochten, jedenfalls war er dadurch aufgerüttelt worden. Alle Werte waren noch tiefer gesunken, Michel fühlte, dass er seine Lage nicht länger ertragen konnte.

Michel drehte sich zur Wand um und grübelte, während er vor sich hinstarrte. Plötzlich bog er den Kopf krampfhaft in den Nacken und schloss die Augen: Susanna war ihm eingefallen. Fast gleichzeitig fühlte er einen heftig nagenden Hunger; er stand auf und griff nach seinem Anzug.

Michel besass nichts, er lebte wie die Sperlinge und schlug sich jeden Tag mit Gottes und jedermanns Hilfe durch. Während er seine roten, verhassten Lederhosen anzog, überlegte er, wo er heute betteln wollte. Er beschloss, vor die Stadt zu gehen, wo die Leute nicht so sehr von Studenten und anderm Pack aus der Stadt missbraucht wurden.

Es war ein herrlicher Maitag. Michel ging schnellen Schrittes durch das Nordtor. Und kaum erblickte er die Felder, als er vor Lust ganz verwirrt wurde; fast verlegen sah er zum Himmel hinauf. Die Erde atmete Frühlingsdüfte — an was erinnerte ihn das doch? —, der grüne Roggen breitete sich weit. Die Sonne wärmte segensreich.

Michel marschierte über die Landstrasse und sah sich nach rechts und links um. Heute war gewiss ein Glückstag, ihm war so leicht und wohl zumute.

Ja, es war ein Glückstag. Michel ging frisch drauflos und sass bald behaglich in einem Bauernhof, an einem freundlichen Ort, wo man ohne Umschweife und gottesfürchtiges Augenverdrehen eine reichliche Mahlzeit für ihn auftischte. Der Bauer schenkte schäumendes Bier in den Krug und fühlte sich durch Michels Besuch angeregt. Hier schienen Gott sei Dank nicht alle Tage gelehrte Leute zu kommen. Michel schrieb es sich hinter die Ohren.

Nachdem er tüchtig gegessen und getrunken hatte, wanderte er zur Stadt zurück, in tiefem Frieden mit sich selbst. Er saugte an seinen Zähnen und blickte zu den Wolken hinauf, folgte blinzelnd einem Vogel mit den Augen und sprach lateinisch mit seiner unsterblichen Seele.

Plötzlich blieb Michel stehen und überlegte — sollte er Heute das tun, was er schon so lange im Sinn gehabt hatte: sich an Jens Andersen heranmachen? Michel versprach sich etwas davon, denn der grosse Magister war aus seiner Heimatgegend. Ja, heute sollte es sein, jetzt wollte er es wagen.

Kaum aber hatte Michel den Entschluss gefasst und sich in Bewegung gesetzt, als er den Kopf senkte und den Mut verlor. Verzagt erreichte er die Strasse, wo Jens Andersen wohnte. Als er vor seiner Tür stand, war all sein Mut dahin, aber jetzt war er in Schwung gekommen, nun sollte der Sache ein Ende gemacht werden.

Michel Thögersen trat in ein grosses Zimmer, sah flüchtig Folianten an den Wänden... da stand Jens Andersen von einem Tisch auf, an dem er gesessen hatte, und kam hastig auf ihn zu. Jens Andersen — ein untersetzter, breiter Mann mit einer gewaltigen Stirn. Er trug ein Pelzwams. Michel betrachtete seinen langen, glattrasierten Mund, als Jens Andersen zu sprechen begann. Seine Stimme war leise und klanglos, aber Michel merkte, dass er sie nur senkte, weil er mit so einem wie ihm sprach — was er wolle, wie er heisse, seine Zeit sei knapp.

Michel Thögersen rückte mit seinem Anliegen heraus. Ob er ihm vielleicht einen guten Rat geben könne, er wolle zum Studieren ins Ausland...wie gewöhnlich aber wurde Michel zerstreut, lahmgelegt durch Beobachtungen — er sah ein langes, dünnes Kruzifix aus einfachem Eisen an der Wand hängen und dachte, ob Jens Andersen es wohl gelegentlich dazu benutzte, um seine Hunde damit zu züchtigen. Ausserdem war er gewöhnt, dass man ihn mit einem gewissen Staunen als „Storch“ empfing, und das tat Jens Andersen nicht — solch Art Mensch war er also. Michel vermisste heute den sonst so bedauernswerten Umstand. Und indem er davon sprach, dass er ins Ausland wollte, stammelte er hilflos, schwindlig beim Gedanken an Rom und all das Vogelferne im Süden — er sei übrigens der Sohn eines Schmiedes aus der Gegend am Limfjord ... und dann sass er fest.

Ghm! Jens Andersen machte einige Schritte durchs Zimmer, den Kopf auf die Seite gelegt, er war kurz und knapp in seiner Art, wie ein Krämer. Michel schielte nach oben und sah einen dicken Stierhals, kurzgeschorenes, weissliches Nackenhaar ... jetzt bohrte Sens Andersen ihm seine matten Augen wieder ins Gesicht, der Blick war höflich und gleichgültig, aber es war eine Macht darin, die geradezu wütete — Michel suchte Rettung, indem er seinen Blick tiefer auf das grosse, blosse Gesicht des Mannes schweifen liess. Die Haut war farblos und fest, ohne eine einzige Falte. Schwarze Zähne... man sah ihm den Jütländer an. Michel konnte seinen Blick nicht länger ertragen, er sah wie verzaubert auf die Bücherborde, es schwindelte ihm.

Eine Viertelstunde später stand Michel wieder unten auf der Strasse. Wie hatte es geendigt? Nun ja, Jens Andersens kahles Gesicht hatte von allem möglichen geschnackt und gehackt, und schliesslich hatte er Michel gnädigst examiniert! Michel hatte wie im Traum geantwortet, dennoch hatte seine Gelehrsamkeit ganz gut bestanden. Einen Vers von Horaz hatte er allerdings verkehrt skandiert, und Jens Andersen hatte mit seiner behaarten Hand durch die Luft geschlagen — so, da, da, da, da.

Michel Thögersen schlich davon, nass und mit krummem Rücken, wie ein ’rausgeworfener Köter.

Als er seine beschämte Schnauze wieder hinter der Mütze hervorwagte, um sich umzusehen, befand er sich auf dem Höbroplatz. Hier war wie gewöhnlich reges Leben. Michel stand neben einem Torweg und zog ein Gesicht, als dächte er angestrengt nach. In Wirklichkeit war er halb bewusstlos. Scham und Enttäuschung lagen schwer auf ihm, sein inneres gigantisches Selbstgefühl rührte sich wie ein gefährliches Tier. Trotz der Geistesabwesenheit, in der er dastand, beobachtete er aber alles ringsum, ja, die starken Farben drängten sich seinem Auge mit verletzender Schärfe auf — ein Fischweib rief Heringe aus —, wund, wund stand Michel da, bebend wie frisch geschlachtetes Fleisch in der bösen Luft.

Hört, jetzt wurde drüben im Schloss geblasen, es ging ihm wie ein Dorn über die Kopfhaut.

Michel schüttelte sich und ging sehr niedergeschlagen weiter. Vorm Schlosstor wurde die Zugbrücke herabgelassen, und gleich darauf donnerte eine Reiterschar über die Bohlen, lauter hochvornehme Herren. Sie sausten auf die Strasse und bogen in scharfem Trab um die Ecke zum Höbroplatz, Pferde und Reiter lagen beim Schwung ganz auf der Seite. Wie komisch sie im Sattel hüpften — kling, kling, die Schwerter tanzten wie verrückt in den Gurten, und die farbigen Mäntel schwenkten wie Hurras durch die Luft.

Michel schlenderte durch die Stadt. Überall Soldaten, Pferdespektakel. Sogar Junker Slentz kam in höchsteigener Person durch die Strassen geritten, mit seinem Knappen hinterdrein; er war in voller Rüstung. Der pompöse Eisenmensch drehte den Helm nach rechts und links, mit der Würde eines Kaisers; das Visier war zurückgeschlagen, und der fürchterliche Knebelbart schimmerte in der Sonne. Das Pferd wieherte aus der Schabracke; es war auch nicht aus Pappe.

Michel bummelte durch die Stadt, Strasse auf und Strasse ab, und sammelte sich. Alle Strassen mündeten in den Wall; eingesperrt war er in dieser elenden, schmutzigen Stadt, die mit Fischleim und Heringsschuppen beschmiert und an allen Ecken von Mönchen und Schweinen besudelt war. — Er sah zum Himmel hinauf, um wenigstens den freien Raum zu empfinden. Die Luft war feucht. Droben zogen Wolken, Michel musste an das offene Meer denken und schlenderte zum Strand hinunter.

Der Wind war erfrischend, die Wellen hüpften munter und keck. Draussen auf dem blauen, unruhigen Sund kämpften Jollen sich unermüdlich vorwärts, bald standen sie auf den Hinterbeinen, bald lagen sie auf der Nase.

Und plötzlich fiel es wie Nebel von Michels Augen, er erinnerte sich seines Traumes. Er war auf dem weiten Meer gewesen und hatte dort eine seltsame Erscheinung gehabt. Fern am Rand des Horizontes schimmerte eine strahlend weisse Säule, nicht grösser als ein Finger, aber dennoch war es ihm klar, dass sie ungeheuer gross sein musste, sie war nur so unfassbar weit fort. Wie eine schneeweisse, leuchtende Silberspitze hob sie sich vom Himmel ab. Und nicht weit davon entfernt sah er eine niedrige, glasblaue Kuppel, die sicher mehrere Meilen lang war, wenn man in ihre Nähe kam. Während Michel über das leere, wandernde Meer zu der Erscheinung hinüberstarrte, schien es ihm, als müsse vom Meer ein grosser Strom in die Stadt hineinfliessen. Denn was er dort sah, war eine Stadt, die auf der anderen Seite der Erdkugel lag.

Michel Thögersen ging nach Hause, er mochte nicht mehr leben. Er schlug nicht den Weg durch die Pilesträde ein, wollte heute nicht an dem Gitter vorübergehen und zu Susanna hineinstarren.

Als er nach Hause kam, legte er sich auf sein Bett. Ove Gabriel war nicht da, ging wahrscheinlich von Tür zu Tür, sang und verdrehte seine reinen Augen im Kopf. Michel lag mehrere Stunden auf dem Rücken, viele Gedanken lösten einander ab. Gegen Abend kam Ove Gabriel mit einem gefüllten Sack nach Hause. Michel erhob sich ohne ein Wort und ging seines Weges.

Als es dunkel geworden war, befand Michel sich irgendwo auf der Landstrasse, vor dem Westtor. Er hörte einen Reiter im Galopp aus der Stadt kommen. Und kaum hatte er sich umgedreht, um zu sehen, wer es sei, als der Reiter ihn schon erreichte. Es war Otte Iversen. In einer Sekunde war er vorbeigesprengt. Er sass vornübergebeugt im Sattel und jagte ins Land hinein. Michel starrte ihm nach und hörte, wie das Pferd im Galopp wieherte. Erde und Steine spritzten unter den Hufschlägen auf.

Ringsum duftete das grüne Korn. Der Abend war ganz still. Die Frösche sangen und sangen in unendlichen Träumen.

Als Michel eine Stunde später auf das Nordtor zustrebte, hörte er wieder den wilden Hufschlag hinter sich. Er trat zur Seite, und Otte Iversen sprengte in vollem Galopp an ihm vorbei zur Stadt.

Einige Tage später wurde Michel Thögersen, auch der „Storch“ genannt, plötzlich und ohne Verwarnung von der Kopenhagener Universität relegiert. Zwar kam es ihm nicht ganz unerwartet, denn er hatte seit längerer Zeit seine Pflichten beim Gottesdienst vernachlässigt. Selbigen Tages betrachtete Ove Gabriel ihn wie jedweden anderen ungelehrten Mann.

Michel aber fühlte sich befreit, obgleich er im geheimen ein schlechtes Gewissen hatte. Als erstes liess er sich einen Bart stehen. Während die kommende Zeit Unglück aller Art auf ihn herabwälzte, Not, Verblendung, Angst, legte er sich einen fuchsroten Schnurrbart zu, zwei üppige Besen, die an den Mundwinkeln hartnäckig nach unten wuchsen.

Frühlings Leiden

Michel Thögersen wusste von Susanna nur, dass sie zum Hauswesen des alten Juden Mendel Speyer gehörte; vielleicht war sie seine Tochter. Bevor Michel sie im Garten gesehen hatte, war ihr Name ihm schon bekannt gewesen, denn er hatte häufig mit gemeinen Zeichnungen in Kreide an der Mauer des Hauses gestanden. Name und Zeichnung wurden ausgewischt, kamen wieder und wurden ebenso schnell wieder ausgelöscht. Eines Tages sah Michel den alten Juden nach Hause kommen; bevor er ins Haus ging, überflog sein Auge hastig die Mauer — an jenem Tage aber stand nichts darauf. Susanna hiess sie. Michel hatte sie nur zweimal deutlich gesehen. Seitdem hatte er es nicht wieder gewagt, sich lange vor dem Gitter aufzuhalten. Er ging durch die Gasse wie jemand, der zufällig vorbeikommt. Befand er sich dann vor dem Gitter, sah er unversehens hinein und bekam bisweilen einen Schimmer von Susanna zu sehen. Um die Mittagszeit und gegen Abend pflegte sie auf den verwilderten Gängen des Gartens zu spazieren.

Der Garten war voller Unkraut, hohem Schierling und wild wachsendem Meerrettich; die uralten Apfelbäume breiteten ihre Äste nach rechts und links. In der Ecke, hart an der Strasse, stand ein mächtiger Holunderbusch, dicht wie eine Mauer; Michel ahnte, dass er eine Laube bildete, und dass Susanna sich bisweilen dort aufhielt. Er hatte es dort hinter dem Laub rascheln hören. Vielleicht sass Susanna dahinter verborgen und guckte aus — Michel war der Baum nicht recht geheuer, und dennoch zog er ihn an.

Wenn Michel des Abends vorbeiging, sah er Licht in einem kleinen Fenster im Giebel. Nachts war das Licht gelöscht. Michel ging vorbei und blickte hinauf.

Mendel Speyers Haus schräg gegenüber lag das Sankt-Klara-Kloster, und dort war ein dunkler Winkel, wo Michel abends und nachts regungslos zu stehen pflegte. Von dort aus konnte er das Giebelfenster sehen.

Dort stand er am späten Abend des Pfingsttages, nachdem die Stadt endlich zur Ruhe gegangen war. Denn die Stadt war aus Rand und Band gewesen. Schon bei Sonnenaufgang hatte das Fest seinen Anfang genommen. Die ganze Stadt hatte Pfingsten mit Tanz, Gesang, Trunkenheit und Musik gefeiert. In den Gärten nördlich vor der Stadt standen die Maibüsche so dicht wie ein Wald, jeder selige Mensch schwärmte dort herum; es ging wüst zu mit Trinken und Essen. Die deutschen Soldaten schlugen über die Stränge; alle Wetter, wie spornten sie ihre Lebensgeister an, bevor sie in den Krieg zogen.

Michel Thögersen hatte sich in das frohe Treiben hinausgewagt, war aber gleich die Ursache zu einem jubelnden Auflauf geworden. Die Jungen kannten ihn, und heute hatte er noch dazu seinen Mantelkragen und seine Kapuze abgelegt, so dass seine roten Beine in ihrer ganzen märchenhaften Länge zu sehen waren. Die Jugend erwählte ihn zum Gegenstand eines Kultus; sie tanzte um ihn herum und sang ein Freudenlied. Michel machte sich aus dem Staube und suchte sich ein Versteck auf dem Kirchhof von Sankt Nikolai. Dort lag er fast den ganzen Tag in einem dichten, üppigen Winkel zwischen den Gräbern und liess sich von der Sonne bescheinen. Ringsum war es still, die Vögel zwitscherten, Fliegen schwirrten. Eine Weihe schwang sich aus einem Guckloch hoch oben im Turm und reiste ins Land hinaus. Michel lag untätig auf dem Rücken und versank tief in Gras und Unkraut. Er brach den Stengel einer Pflanze, die ihm zu Häupten stand, und sah, dass er einen gelben Saft enthielt; er steckte frische Schösslinge in den Mund und kaute darauf, rollte Grashalme zwischen den Fingern, und die Zeit verging. Die Stadt lebte ringsum, hin und wieder drangen laute Freudenrufe aus der Ferne zu ihm.

Als es endlich dunkel geworden war, schlich Michel zur Stadt hinaus und ergatterte sich eine Mahlzeit in einem einfältigen Bauernhof. Bei jedem Bissen, den er hinunterschluckte, war er sich darüber klar, dass er seinen Wirt betrog, weil er ja kein Student mehr war.

Und nun stand er in seinem Winkel, in der stillen, kühlen Nacht. Die Stadt war zur Ruhe gegangen, Michel aber wachte wie das stille Sausen, das im Ohr bleibt, wenn jeder andere Laut verstummt ist. Die Nacht war von tauigen Gärten duftgeschwängert. Es war sehr hell, der Mond war im Begriff aufzugehen, es dämmerte im Osten über den Gärten.

Jemand kam die Strasse entlang. Michel hörte, wie die Schritte sich näherten. Zuerst glaubte er, dass es der Nachtwächter sei. Bald aber vernahm er Sporengeklirr. Michel wollte nicht bei Mendels Haus gesehen werden, deshalb trat er aus dem Schatten und schlenderte die Strasse hinab. Ungefähr bei der Östergade wurde er von dem Fussgänger eingeholt; plötzlich fühlte er einen Handschlag auf seiner Schulter. Er drehte sich um und sah zu seinem Erstaunen, dass es Otte Iversen war. So hatte er ihn also doch erkannt; was jetzt wohl geschehen würde?

„Guten Abend“, sagte der Junker gedämpft und mit freundlicher Vertraulichkeit — „sind Sie nicht Michel Thögersen?“

„Ja, freilich.“

„Wir waren neulich zusammen in Serritslev. Und ich bin Ihnen auch später begegnet. Sie machen einen nächtlichen Spaziergang, ja, das Wetter ist herrlich. Ich weiss nicht...“

Er sprach mit verschleierter Stimme und einer eigenen Milde, als sei er lange allein gewesen. Er blieb stehen und machte eine unschlüssige Bewegung; das schwache Nachtlicht streifte den Knauf seines Dolches.

„Ja, das Wetter ist fast zu schön, um es zu verschlafen“, sagte Michel.

„Eigentlich könnten Sie ... da Sie doch unterwegs sind — wollen wir nicht ein Stück zusammen gehen?“

Dagegen hatte Michel nichts einzuwenden, und sie folgten der Östergade durch die Stadt.

„Ich kenne gar keine Dänen hier in der Stadt“, fuhr Otte Iversen fort.

Ach, nein. Das fand Michel begreiflich. Er schwieg, und sie gingen ganz bis zur Frauenkirche, ohne etwas zu sagen.

„Hm!“ Otte Iversen räusperte sich. „Haben Sie nicht Lust, mit mir nach Hause zu gehen und einen Becher Wein mit mir zu trinken?“ Er sprach jetzt in einem anderen Ton, kälter und missmutig, wie es schien.

Michel fand keinen Grund, nein zu sagen, und sie kamen zu einem Hause in der Vestergade, wo Otte Iversen im Quartier lag. Das Haus war verschlossen.

„Wir können nicht hinein, ohne die Leute zu wecken“, sagte Otte Iversen wie zu sich selbst. „Aber ich habe eine Kanne Met draussen beim Pferd.“

Sie gingen über den mondhellen Hof und kamen zu einem grossen, halbgedeckten Schuppen. Otte Iversen stiess die Tür auf. „Ich bin es“, sagte er, als ein Knecht von seinem Strohlager aufsprang. „Zünde Licht an.“

Nachdem der Knecht Licht angezündet hatte, blickte er verstohlen zu Michel hin. Es war ein grosser Stallraum, aber nur ein einziges Pferd stand am Spilltau angebunden. Otte Iversen trat zu ihm, streichelte es und machte sich daran zu schaffen.

„Leg’ dich nur wieder hin“, sagte er zum Knecht. Er griff in eine Ecke und zog einen langen, hölzernen Humpen hervor, klappte den Deckel auf und guckte hinein.

„Ich halte mich übrigens meistens hier draussen bei meinem Pferd auf ... wir können wohl auf dem Trog sitzen, es ist noch ein guter Schluck in der Kanne, das dicke Ende ist nach. Wohl bekomm’s!“

Michel trank, der starke Met schmeckte verführerisch gut, durchrieselte ihn und machte ihn sofort warm. Otte Iversen tat einen tiefen Schluck nach ihm. Sie sassen Seite an Seite auf dem Trog. Der Knecht hatte sich wieder ins Heu geworfen und schlief schon fest. Das Pferd nippte am Häcksel und kaute still. Der Lichtstummel brannte in seiner Klammer an der Wand. Es war Totenstille ringsum. Der Hof vor der Tür lag weiss im Mondlicht, wie frisch gefallener Schnee. Es war nach Mitternacht.

Michel blickte verstohlen zu Otte Iversen, ihm wurde in seiner Gesellschaft immer seltsamer zumute. Doch konnte er Ottes Gesicht nichts als peinliche Versonnenheit ansehen, er presste die Lippen zusammen und starrte vor sich hin.

„Es ist schwül hier“, sagte Otte Iversen schliesslich, indem er aus seinen Gedanken auffuhr. „Wir wollen lieber hinausgehen. Zuerst aber wollen wir die Kanne leeren.“

Sie leerten die Kanne und gingen hinaus. Otte Iversen schob die Stalltür zu. Kurz darauf befanden sie sich vor der Stadtmauer, bogen nach rechts ab und folgten ihr, immer noch stumm.

Schliesslich aber konnte Otte Iversen nicht mehr schweigen.

„Ach, ja!“ rief er scherzend, und Michel sah, wie er sein lächelndes Gesicht im Mondlicht aufwärts wandte. „Hier gehen wir nun in dem schönen Maiwetter, und in vierzehn Tagen ist vielleicht alles vorbei, Mondschein und alles andere.“

Michel betrachtete erstaunt den jungen Soldaten, der mit einem Ruck stehenblieb, als würde er von einem Zittern befallen.

„Sie glauben doch nicht, dass ich mich vor dem Krieg fürchte?“ sagte Otte Iversen und ging weiter. „Aber sagen Sie mal... sind Sie vielleicht verlobt oder gar verheiratet?“

„I, bewahre“, sagte Michel fast entsetzt und schüttelte heftig den Kopf.

„Können Sie sich vorstellen, Sie wären verlobt und müssten von Ihrer Herzliebsten scheiden? Ich bin verlobt und habe mich von meinem Mädchen trennen müssen. Bevor ich fortzog, hat sie mir aber versprochen, dass sie auf mich warten will, wie lange es auch dauern mag.“

Michel wagte sich kaum zu bewegen, so schlecht war ihm zumute bei Otte Iversens Verlegenheit und der Niedergeschlagenheit, die ihn offenbar quälte.

„Sie heisst Ane Mette“, sagte Otte Iversen kurz darauf ganz leise.

Sie gingen stillschweigend weiter. Als Otte Iversen wieder zu sprechen begann, klang seine Stimme warm und matt, nur weil er vorhin ihren Namen genannt hatte.

„Ich stamme aus Jütland, von einem kleinen Rittergut am Limfjord.“ Er hustete unruhig und wartete, bis seine Stimme ihre Sicherheit zurückerlangt hatte. „Mein Vater ist schon lange tot, meine Mutter bewirtschaftet den Hof.“ — Er zögerte, wusste offenbar nicht, ob er fortfahren solle.

Michel überlegte, ob er sich zu erkennen geben sollte. Aber warum eigentlich! Er würde Otte Iversen Ärger ersparen, wenn er es unterliess. Michel schwieg.

Sie kamen am Nordtor vorbei. Die Wache schritt auf und ab mit der Hellebarde im Arm; nun stand sie still und spähte misstrauisch nach den beiden Nachtwanderern aus.

„Ich habe sie... wir kennen uns seit fünf Jahren“, begann Otte Iversen wieder. „Seit ich ein Knabe war. Meine Mutter wusste nichts davon. Es ist alles so seltsam gekommen. Ich pflegte in meinem kleinen Boot auf dem Bach zu rudern und kam bisweilen ganz bis zum Meeresstrand. Sie wohnt in einem Haus am Fjord, ihr Vater ist Fischer. Dort sah ich sie zum erstenmal. Sie war vierzehn Jahre alt und fast erwachsen; von da an sah ich sie häufiger. Und da geschah es, dass wir einst in der Mündung des Baches lagen und fischten — sie liess sich gern von mir ein Stück rudern, wenn ich zu ihrem Hause kam.“

Otte Iversen schwieg und schöpfte tief Atem. Michel kannte den Fischer sehr gut, es war ja Jens Sivertsen. Ane Mette hatte er fast täglich gesehen, als sie noch ein kleines Mädchen war. Damals hatte sie blondes Haar und war rot und weiss wie alle kleinen Kinder. Aber ... aber, wie hing das alles zusammen?

„Da plötzlich, als wir uns umblickten, waren wir vom Lande abgetrieben!“ erzählte Otte Iversen in grosser Gemütsbewegung. „Ich hatte wohl gemerkt, dass das Wasser tief wurde, dachte aber nicht weiter darüber nach; wir hatten beide im Boot gelegen und ins Wasser geblickt. Wir waren vom Lande abgetrieben! Ich fuhr in die Höhe, nahm die Stange, die zum Boot gehörte, und wollte sie auf den Grund stossen, um uns nach Hause zu staken — da konnte ich den Grund nicht mehr erreichen!“

Otte nickte nervös.

„Es war Landwind und kein Mensch weit und breit zu sehen — Jens Sivertsen, der Fischer, wohnt weiter landeinwärts und war gar nicht mal zu Hause. Was sollten wir tun? Wir waren so erschrocken, dass wir zuerst gar nichts sagten, wir konnten nicht einmal um Hilfe rufen. Als ich aber sah, dass das Boot immer weiter hinaustrieb und der Abstand vom Lande immer grösser wurde, da schrie ich, bis ich nicht mehr konnte, und dann fingen wir beide an zu jammern und zu weinen. Das Boot schaukelte und legte sich ganz auf die Seite, so wild gebärdeten wir uns. Es war ein Wunder, dass wir nicht kenterten und ins Wasser fielen — ich konnte damals noch nicht schwimmen; mein Vater starb, als ich noch klein war, darum hab’ ich alles erst spät erlernt. Schliesslich wurden wir müde vom Schreien und Toben — recht klug waren wir damals überhaupt noch nicht —, setzten uns jeder auf eine Ruderbank und weinten und weinten. Hin und wieder, wenn wir aufsahen und das Land vor uns wieder kleiner geworden war, fingen wir von neuem an zu rufen, bis uns der Atem ausging und wir müde wurden. Es war eine furchtbare Gefahr. Ich glaube, dass wir hin und wieder vor Erschöpfung einschliefen. Kurz und gut, wir trieben immer weiter. Schliesslich aber landeten wir bei Salling, auf der anderen Seite des Fjords.“

Otte Iversen holte tief Atem.

„Am selben Tage setzte ein Fischer uns wieder über. Dann vergingen noch vier Jahre, bevor wir einander die Treue versprachen. Es war im letzten Frühjahr. Aber nun sind wir ja beide schon lange erwachsen.“

Er schwieg. Sie waren zu einem offenen, mondbeleuchteten Platz gekommen neben der Mauer. Otte Iversen zeigte auf einen Stein. — „Wollen wir uns ein wenig setzen?“

Sie setzten sich. Otte Iversen hatte noch mehr auf dem Herzen, er sass in Gedanken versunken. Michel wusste nichts zu sagen, er sah, wie ratlos Herr Otte den Finger in einen Schlitz seiner Hose bohrte. Zwischen ihm und mir ist kein grosser Unterschied, dachte Michel, wir sind beide in derselben Verfassung; Gott steh uns bei.

„Aber ich soll sie nicht heiraten“, fuhr Otte nach einer Weile fort, tief niedergeschlagen, nachdenklich, eigensinnig. „Meine Mutter will es nicht, weil sie unter meinem Stand ist. Ich kann den Hof nicht bekommen, wenn ich sie heirate. Da hörte ich, dass der König zum Krieg rüstet. Und wenn ich auch ganz von unten anfangen muss, so ist das doch ein Ausweg.“

Otte Iversen hatte nun erzählt, was er erzählen konnte. Das übrige, die verzehrende Sehnsucht des Mannes nach dem Mädchen, dessen Namen er kaum auszusprechen vermochte, die Krankheit seines Blutes, erfasste Michel durch Sympathie.

„Wer weiss, ob das Glück mir hold sein wird“, sagte Otte Iversen in müdem Ton. Er beugte sich vornüber und hielt die gefalteten Hände zwischen den Knien.

„Der Hof ist alt und verfallen“, fuhr er mit belegter Stimme fort. „Nichts ist, wie es sein sollte.“ Er fuhr schaudernd zusammen und gähnte laut. „Wir wollen weitergehen!“

Sie brachen auf. Der Mond war am Himmel verblichen, die Sonne wollte aufgehen. Bevor die Dämmerung kam, legte sich ein dünner, rosenroter Nebel über die Stadt. Michel konnte Otte Iversen anmerken, dass er seine Vertraulichkeit bereute. Er verabschiedete sich bald und ging seines Wegs.

Michel hatte kein Obdach. Er legte sich in einem Winkel auf dem Friedhof nieder; es war schon hell genug dazu. Gerade als die Sonne über der Stadt aufging, schlummerte er ein.

Michel sinkt

Der Totengräber kam gegen Mittag auf den Kirchhof und sah den langen, regungslosen Körper im Unkraut liegen. Er glaubte, dass es ein Toter sei; als er aber herantrat, sah er, dass der Mann nur schlief, seine Augenlider zitterten unter den Sonnenstrahlen.

Michel träumte, dass er einen hohen, steilen Berg bestieg, er watete metertief im lockerem Schnee. Als er den Gipfel erreicht hatte, setzte er sich nieder, er konnte nicht mehr weiter. Über seinem Kopf sah er den Pfad, der abwärts führte; um aber dieses kleine Stück höher zu steigen, musste er einen grossen Umweg machen, ganz um den Berg herum. Er hatte es aufgegeben, sass mit beiden Beinen im Schnee vergraben; es war vorbei. Der Pfad über ihm lag in einer Wolke von Schneegestöber, der reif-feine Schnee des Berges schien bis auf den Grund aufgewühlt zu sein. Den Pfad herab schritt eine lange Reihe junger Mädchen in schwarzen Mänteln; während sie sich unter grausamer Heiterkeit durch die hochaufwirbelnden Schneewolken vorwärts kämpften, flogen ihre Mäntel hin und wieder zur Seite; ihre Körper waren ganz rot vor Kälte. Sie kamen in einer endlos langen Kette vom Berg herab, einige lächelten, andere lachten. Alle glichen Susanna, sie selbst aber war nicht darunter.

Als Michel am Nachmittag erwachte, erinnerte er sich deutlich seines Traumes und wurde davon beunruhigt. Ihm ahnte, dass er Susanna nie näherkommen würde, obgleich er fühlte, dass sie sein Schicksal sei. Mir wird es gewiss schlecht ergehen, dachte er, banger Ahnungen voll. Es hing Unglück über seinem Haupt, und doch hatte er sich selbst grössere Glückseligkeit prophezeit als den meisten Menschen. Und plötzlich überkam es ihn wie eine dunkle, traurige Vorahnung, dass er von eigener Hand sterben werde.

Nicht weit vom Galgenhügel, vor dem Westtor, lag die Schindergrube. Zur Sommerszeit stand sie meistens voller Dunst, so dass man die Äser auf dem Grunde nicht sehen konnte. An der Seite, die der Landstrasse am nächsten lag, hatte der Schinderknecht eine Stange mit dem Schädel eines Pferdes errichtet, um die Leute vorm Hineinfallen zu warnen. Michel ging dort häufig vorbei — er hielt sich am liebsten auf dem Kirchhof oder dem Richtplatz auf, weil er dort Frieden vor den Leuten fand. Nach und nach fühlte er ein seltsames Wohlwollen für den Pferdekopf dort oben auf der Stange; es war, als teilte er ein Geheimnis mit dem toten, ohnmächtigen Schädelknochen. Der Schädel war immer wie zu einem lautlosen Höllengewieher geöffnet, die Augenhöhlen glotzten, die entblössten Zahnreihen gemahnten an die ewige Hitze bei Satan — selbst der Nasenknochen sprach von knochiger Bosheit. Michel aber war im geheimen mit ihm befreundet.

Eines Abends traf Michel den Schinderknecht, der mit dem Schlachten einer verendeten Mähre beschäftigt war. Er redete ihn an, Jerck aber wollte Lange keine Notiz von ihm nehmen. Jerck war ein wortkarger Mann. Nicht weit von hier stand seine Hütte. An jenem Abend ass Michel Pferdefleisch an dem Tisch des Schinderknechtes. Seit jener Zeit schloss er sich ihm an und half ihm hin und wieder beim Geschäft. Der Schinder hatte eine gewisse verschlossene Verständigkeit in seinem Wesen; Michel betrachtete ihn als seinen Freund.

Eines Tages, als sie einem Pferd das Fell abzogen, blieb Michel lange in tiefen Gedanken sitzen mit dem Messer in der Hand.

Er erinnerte sich eines Tages in Jütland, als Anders Graas Pferd krank geworden war und nicht mehr leben konnte. Anders Graa entleibte es selbst, indem er ihm einen Armbrustbolzen zwischen die Augen schoss, und im selben Augenblick grub es die Zähne in den Schnee. Die Erde nahm zuerst den Kopf, dann kam der Körper hinterdrein, weil die Kniekehlen erschlafften. Ja... ja, die Erde weiss Bescheid, wenn sie auch mit ihrer Weisheit zurückhält. Wir alle bekommen eine Weile Urlaub, und je vergnügter wir sind, desto leichter fallen wir herein. Alle Wesen werden im Streit mit der Natur erschaffen, der Schwere zum Trotz; der Mensch hat sogar das Vorderteil von der Erde erhoben und die Schwere um ein Paar Beine betrogen. Gott mästet die Lebenden, damit ihr Fall um so schlimmer werde, denn Gott und Satan sind ein und dieselbe Person. Die Erde aber...

Michel sah ein hilfloses Neugeborenes vor sich auf der Erde liegen, er stellte es sich ganz deutlich vor: es liegt auf dem Rücken wie eine Leibesfrucht mit zusammengefalteten Gliedern. Aber es wächst vor seinen Augen — so schnell, dass er gar nicht allen Einzelheiten zu folgen vermag. Nun sehen ihn schon zwei offene, vernünftige Augen an, die Arme liegen weiss und zart an den Seiten; sieh, wie lang die Beine geworden sind. Jetzt wird das Antlitz von Sorgen beschattet, Lächeln überfliegt die Züge, süsse Wollust, Angst, Zweifel. Die Hände sind bereits gross und braun geworden. Und während Michel von den Zehen zum Kopf sieht, schwingt sich schon ein Bart wie eine dunkle Wehe um das Untergesicht, die Stirn wird vom Schmerz gerundet. Jetzt ist er schon ein reifer Mann, liegt einen Augenblick still da, mit seinem Inneren beschäftigt. Und nun ist er schon alt. Der Bart wird grau, die Haare fallen aus, die Knie ragen spitz in die Höhe. Alles sind Runzeln, das Fleisch welkt unter der Haut — und plötzlich legt sich der schwarze Rahmen um die Kläglichkeit des Alters —, ein Schimmer noch von gelben Knochen, und schon schrumpft der Deckel unter einem Regen von Erde zusammen.

Oh, die Erde holt sich die Ihren, schleudert sie zu Boden und streckt sie längelang auf ihre Scholle. Sobald du irgendwo löcherig geworden bist, sollen deine Rippen gegen die Erde klappern, und du sollst auf den Boden schlagen wie ein Pfahl, dessen Wurzel verfault ist.

…Als Anders Graa sein Pferd erschossen hatte, wurde es dem Schinder übergeben. Er schlachtete und zerlegte es draussen im Schnee, Michel stand dabei und sah zu.

Es war an einem frühen, mondklaren Frostmorgen. Der Schnee breitete sich meilenweit in dem geisterhaft schwachen Kerzenlicht im Westen, weit über die Felder blaute der Schnee, lag wie ein weisses Florgewebe über den Hügeln, niemand konnte unterscheiden, was weisser Dunst, was schneebegrabenes Land war. Es war so kalt, dass der Schnee laut unter den Füssen knirschte, die Kälte ätzte die Finger wie mit einer tröpfelnden Säure. Durch die Ebene aber kroch offen und schwarz der Bach, unheilbar lebendig zwischen den erfrorenen Feldern.

Der Schinder zerrte Anders Graas Pferd auf den Rücken und fing an, es zu öffnen. Das Blut bildete eine grosse, braune Pfütze, die sich in den Schnee frass, der hellrote Schaum gefror bald zu Eis. Mit jedem Messerschnitt quoll eine Farbe aus dem dampfenden Pferdekörper, das Fleisch spielte in wunderbar blauen und roten Tönen. Und die Fasern fuhren fort, sich zu bewegen, krampften sich zusammen und bebten in der Frostluft; die durchschnittenen Muskeln Krümmten sich wie Würmer im Feuer. Die Lange Luftröhre kam an den Tag, die Backenzähne lagen offen da wie vier Zeilen mystischer Buchstaben. Eine hellrote Haut kam zum Vorschein, die mit zahlreichen blauen Adern gemustert war, wie ein flussreiches Land aus der Vogelperspektive. Als die Brust geöffnet wurde, bot sich eine Höhle dar; grosse weissblaue Häute hingen herab, braunes und schwarzes Blut floss aus kleinen Löchern in den geäderten Wänden, das gelbe Fett hing in länglichen und tropfenden Bündeln. Die Leber war brauner als irgend etwas in der Welt, die Milz blau und schimmelig wie die Nacht und die Milchstrasse. Und da waren noch viele reine Farben, blaue und grüne Eingeweide, ziegelsteinrote und ockergelbe Teile.

Alle üppigen, rohen Farben des Orients. Gelb wie der Sand Ägyptens, türkisblau wie der Himmel über dem Euphrat und Tigris; alle schamlosen Farben Indiens und des Orients blühten mitten im Schnee empor, unter dem schmutzigen Messer des Schinders.

Otte Iversens Fall

Kopenhagen füllte sich mehr und mehr mit Menschen, während die Wärme zunahm. Die Lehnsmannen waren mit ihren Leuten gekommen und lagen überall im Quartier; einberufene Bauern kamen täglich in Scharen zur Stadt; Kopenhagen schwitzte vor Kriegsvorbereitungen. So standen die Dinge — ohne innere Notwendigkeit —, jeder Sommer brachte seiner Natur zufolge Unruhe und Menschenandrang mit sich. Um die Zeit der Roggenblüte sassen die Bauern jedes Jahr scharenweise auf den Treppen der Häuser, jeder Mann hockte eifersüchtig auf seinem Futtersack. Da kamen grosse Butterbrote aus der Gegend von Ringsted oder vom Himmelberg zum Vorschein, ganz schief und krumm vom langen Liegen; gesalzene Flundern aus Blaarvandshuk wurden nachbarlich mit Räucherschinken aus der Heidegegend verzehrt. Reiter, Deutsche, Junker schwärmten von morgens bis abends durch die Strassen. Es war im Juni, die Zeit, wo man sich zusammenrottet; die Schiffe lagen bereit, der König eroberte Schweden jedes Jahr um diese Zeit.

Es war in der Dämmerung, am Tage vor der Abreise des Heeres. Michel Thögersen bückte sich nach einer Speckschwarte, die auf die Strasse geworfen war; nicht weit davon fand er die Pelle einer Blutwurst. Er war auf dem Weg zur Stadt, um ein gewisses Vorhaben auszuführen; auf der Brust trug er einen Zettel, den er am Morgen geschrieben hatte.

Just als Michel an einer hohen Treppe vorbeiging, bekam er einen sausenden Hieb in den Nacken — ein wohlgekleideter Mann, der vor seiner Tür die Abendluft genoss und dem Michel zu nah gekommen war, hatte ihm mit seinem Stock den Schlag versetzt. Na, na. Michel schüttelte sich, der Hieb hatte die empfindlichste Stelle des Rückenwirbels getroffen. Er ging einige Schritte weiter. Vielleicht war es eine gute Vorbedeutung für das, was er vorhatte. Plötzlich aber machte er kehrt, packte den Mann am Fuss und riss ihn mit einem Ruck von der Treppe herunter, so dass er rittlings auf einem Pfahl des Gitters hängenblieb, einen lauten Schrei ausstiess und in Ohnmacht fiel. Michel floh um die nächste Ecke.

„Haltet ihn — haltet ihn... den da!“, erklang es vom gegenüberliegenden Fusssteig. „Da soll doch —!“

Laute Rufe. Michel wurde scharf verfolgt, aber er lief und lief, setzte mit einem Sprung über den Deich und stand auf dem Kirchhof. Dort legte er sich nach Atem ringend zwischen den Gräbern nieder.

Es war noch nicht ganz dunkel. Michel dachte vorläufig nur an die Wurstpelle, die er gefunden hatte, zog sie hervor und tat sich daran gütlich; Michel war noch nie im Dunkeln auf dem Kirchhof gewesen, sonst pflegte er hier nur am Tage zu schlafen. Je mehr die Dunkelheit zunahm, desto wachsamer wurde er; er sah sich um und begann vor Aufregung zu zittern; schnell legte er sich nieder und grub seinen Kopf in das hohe Gras.

Nachdem er eine Weile so gelegen hatte, hörte er ein knisterndes Geräusch — jetzt beugte Satan sich gewiss über ihn und lachte. Michel fuhr wild in die Höhe, aber es war niemand da.

Die Kirche ragte schwarz und unselig zum Himmel, undeutlich, wie ein Klumpen verdichtete Dunkelheit. Michel zitterte vor Entsetzen, richtete sich auf und rief unwillkürlich den Bösen an; er fluchte fürchterlich — beim siedend heissen Höllenfeuer! Die Gräber lagen schweigend und mit Bosheit geladen da. Kreuze und Steine grinsten mit brutaler Vertraulichkeit durch die Dunkelheit — alles Übelgesinnte, das unsichtbar ist und sich hütet zu erscheinen, schwebte in der Nähe und blies Michel ins Gesicht. Er bebte, sah drohend vor sich hin und murmelte den Namen Satans in seiner Bedrängnis.

Michel zwang sich, in ein und dieselbe Richtung zu sehen, um der Hölle freies Spiel im Rücken zu lassen, die Todesangst trieb ihn, sich eine Blösse zu geben. Wenn er sich jetzt umdrehte, würde ein hässlicher Affe wie aus der Erde gewachsen lautlos hinter ihm stehen — von Angst bis zum äussersten getrieben, drehte er sich um, aber es war nichts zu sehen. Die Zähne schlugen ihm im Munde zusammen. Das Tier würde sicher noch kommen, würde sich auf ihn legen mit seiner ganzen Schwere, und er würde sich vergeblich zu wehren versuchen. Keine Erklärung, kein Wort, das Tier würde nur die zottige Hand über seinem Kopf erheben, zwei Finger spreizen und auf ihn zielen. Michel überlegte hastig, ob es kein Mittel gegen diese verhasste Macht, gegen dieses Fingerpaar gäbe, das auf seine Augen zielte — ach nein! Oh! Da grub der Böse schon beide Finger in seine Augen. Oh! Wieder. Michel lag ohnmächtig auf seinen Knien und drückte den Kopf in den Nacken — oh! Der Böse grub beide Finger in seine Augen.

Lange forderte Michel die feigen Mächte heraus — kommt nur heran! — obgleich er sich mehr fürchtete als der verzweifelte Spatz, der sein Junges vor dem Maul des Hundes verteidigen will. Die Bosheit um ihn her aber schien ihn totschweigen zu wollen. Die Kreuze standen behaglich da, wie ein Kapital von Fluch und Entsetzen, das mit Zins und Zinseszins angelegt ist; selbst die dunkle Luft umgab ihn mit ihrem Inhalt von giftigem Spott, die Dunkelheit stach ihn von hinten. Nichts gab sich ehrlich zu erkennen, die stille Grausamkeit gönnte ihm nicht den Gnadenstoss.

In drei Teufels Namen! Michel legte sich nieder und schwur, dass er Ruhe haben wollte. Er fühlte nach seiner Brust, ob der Zettel noch da sei. — Aber schon begann ein Zweifel die Oberhand zu gewinnen. — Michel war von Natur ein Heide; das einzige, was er und sein Geschlecht im Laufe der Zeiten von der Religion gelernt hatten, waren die Flüche. Hatte das Ganze überhaupt einen Sinn?

Aber er fürchtete sich, die Aufregung schüttelte ihn, er fieberte vor Schreck, während die Mitternachtsstunde heranrückte. Kalter Schweiss stand ihm auf der Stirn, die Tropfen rollten von Haar zu Haar auf seine Brust herab, die Angst warf sich auf den Leib, so dass er auf der Stelle der Natur folgen musste.

Und die Zeit schlich dahin, es wurde dunkler und dunkler. Auch die Stille nahm zu. Alles veränderte sich unmerklich und unwiderruflich, wie für einen Sterbenden. Die Luft gerann beim leisesten Laut. Das Entsetzen reckte sein versteinertes Gesicht mit weit geöffnetem Mund durch die Stille.

Als die zwölf Schläge endlich vom Turm erklangen, war Michel so elend, dass er kaum aufstehen konnte. Er glaubte nicht mehr an sein Vorhaben, es hatte ja doch keinen Zweck. Aber obgleich er nicht mehr daran glaubte, wollte er es doch ausführen. Und Michel schlich zur Kirchentür mit seinem Pergamentstreifen in der Hand, worauf er die Teufelsbeschwörung geschrieben hatte. Er beugte sich zum Schlüsselloch herab — und fuhr zurück, von einem kalten Luftstrahl unterm Auge getroffen. Ohne zu zögern blies er durch das Schlüsselloch und klopfte dreimal mit dem Knöchel gegen die Tür, während er alle Titel und Ehren des Bösen hersagte.

Satan aber hütete sich und kam nicht.

Da tat Michel einen tiefen, beschämten Seufzer und trollte sich davon. —

Am Mittag desselben Tages geschah es, dass Otte Iversen durch die Pilesträde ging und Mendel Speyers Tochter sah. Er war mit seinen Gedanken beschäftigt — morgen sollte er fort. Wie mochte es Ane Mette gehen, Ane Mette mit dem teuren, blonden Haar? — Da sah er Susanna. Er ging weiter, ohne sich ihrer zu erinnern.

Des Abends sass Otte Iversen draussen bei seinem Pferd. Seine Ausrüstung war in Ordnung, alles war bereit. Was sollte er beginnen? Das Herz sass ihm in der Kehle, er konnte sich vor Heimweh und Sehnsucht nicht ruhig verhalten. Es war schon spät geworden, sein Blut aber wollte sich nicht beruhigen.

Er ging hinaus, streifte durch die Strassen und kam durch die Pilesträde, an dem Garten vorbei, wo er einen Schimmer von einem schwarzhaarigen Mädchen gesehen hatte. Er rüttelte zornig zwei Stäbe aus dem Gitter heraus und schoss kopfüber wie ein Hirsch durch die Büsche auf den Gartenweg. Zur Linken ertönte ein leiser Schrei, er hörte jemand fliehen, das weiche Rauschen eines Kleides; da sprang er blindlings von seinem Instinkt geführt über Gras und Unkraut, schlüpfte um einen Zaum herum und fing sie.

Er gab sie sofort wieder frei und liess die Arme sinken. Eine Weile standen sie sich gegenüber, er konnte sie nur undeutlich sehen, hörte sie aber hastig atmen. Ein Zweig, der herabgedrückt worden war, löste sich wieder und strich Otte mit flaumigen, kühlen Blättern übers Gesicht.

Plötzlich machte sie eine hastige Bewegung, als wollte sie fliehen.

„Nein“, stammelte Otte flehend und streckte schnell beide Arme nach ihr aus.

„Wie, wie ...?“ flüsterte sie heiser. Zitterte sie, reckte sie sich auf den Zehenspitzen — Otte sah sie und konnte sie im Dunkeln unter den Bäumen doch nicht erkennen. Da legte er seine rechte Hand auf ihr Haar, das von Tau feucht war. Er seufzte klagend, zog seine Hand zurück und fragte leise:

„Wie heisst du?“

„Susanna“, entwortete sie atemlos flüsternd. Im selben Augenblick entwisch sie seitwärts, stiess gegen den Baum, schwang sich um den Stamm herum und war fort. Die Büsche raschelten laut, als sie sich hinter ihr schlossen, und fuhren fort zu nicken. Schliesslich war wieder alles still.

Otte Iversen sah nach oben. Der Sommerhimmel wölbte sich über dem Garten, die frommen Sterne funkelten. Zu beiden Seiten des Gartens standen die dunklen Dreiecke der Giebel. Sie war fort! Otte kehrte langsam zur Strasse zurück, ihm war zum Ersticken schwer ums Herz. Wenn er mit dem Fuss das tiefe Gras aufwühlte, spürte er den kühlen Geruch von Kräutern und Erde. Nein, er konnte den Garten noch nicht verlassen. Er folgte dem Gang hinter dem Gebüsch und kam zu einem Holunderstrauch.

Dort drinnen hatte sie sich versteckt; Otte fand sie, als er sich mit ausgestreckten Armen vorwärts tastete, seine Hände stiessen gegen ihr Haar. Sie gab keinen Laut von sich, zog nur den Kopf tief zwischen die Schultern und zitterte. Otte legte sich auf die Knie und wollte sie an sich ziehen; sie aber drückte sich hartnäckig in das dichte Geäst des Holunderstrauchs. Otte rutschte ihr auf den Knien nach und stiess gegen die Kante eines Tisches, der in der Laube stand.

„Susanna“, flüsterte er, „Susanna.“ Er wiederholte den Namen und war ruhiger geworden. Sie sprang hastig auf. Er aber hielt sie mit beiden Armen um Rock und Knie gefasst.

„Wer bist du?“ fragte sie bebend.

Statt zu antworten, lachte er leise, versunken, er spürte die Wärme ihres Körpers; ihr Kleid fühlte sich rauh und grob an, doch rieselte es ihm dabei glücklich durch beide Hände. In seiner Freude zwang er sie vor sich auf die Knie, fasste sie behutsam um das Haar und die heissen Wangen und wollte ihren Kopf zu sich herumdrehen. Es glückte ihm auch — aber da narrte sie ihn und wandte schnell das Gesicht nach der anderen Seite. Otte zwang ihren runden, widerstrebenden Kopf abermals zu sich herum — da gab sie unerwartet nach und drehte den Kopf nach der entgegengesetzten Seite.

„Nein, nein“, flüsterte Otte entzückt, er war in seinem guten Recht, gebrauchte Gewalt und zog sie an sich; sie aber stemmte ihm Knie und Ellbogen entgegen. Er reckte den Hals, und es glückte ihm, sie zu küssen, bevor sie wusste, wie ihr geschah; er küsste sie noch einmal, bekam aber nur einen kleinen, festgeschlossenen Mund zu schmecken — plötzlich aber streckte sie sich langsam, gutwillig unter ihn, und er hielt sie in ihrer ganzen demütigen Länge, schmal und fügsam in seinen Armen. Otte küsste sie wieder, und ihr Mund entfaltete sich wie eine Rose mit vielen schwellenden Blättern. Es rann ihm bitter durch die Kehle, und er zog sich scheu zurück. Noch einmal küsste er Susanna und begegnete ihrem Feuer, und da wurde er zaghaft und drückte sich tief verstimmt in das kühle Laub des Holunderbusches. Susanna aber legte ihren Kopf auf seine Brust unter sein Kinn.

So sassen sie lange. In der Stadt war alles still. Die Mitternachtsglocken fielen mit tiefen, hallenden Schlägen ein. —

„Morgen brechen wir auf“, sagte Herr Otte. Das war doch nicht traurig, und das konnte nicht der Grund sein, weshalb Otte Susannas Haupt mit einem tiefen Seufzer hob.

„Bist du traurig?“ fragte Susanna.

„Wie?“ Seine Stimme hatte einen metallenen Klang bekommen. „Ja“, antwortete er lange nachher tonlos. Susanna biss und küsste die Knöchel seiner Finger.

Otte hörte Schritte auf der Strasse und lauschte eine Weile angestrengt — sie verhallten, und er vergass sie.

Es war aber Michel Thögersen, der draussen vor dem Holunderbusch stand. Er war vorbeigegangen und hatte das Loch im Gitter gesehen. Und er blieb regungslos stehen, bis er die Kirchenglocken eins über die schlafende Stadt verkünden hörte. Da kamen die beiden zum Vorschein, und Michel erkannte Otte Iversen. Er sah, wie sie durch die Büsche des öden Gartens schlichen, wo alte, schiefe Stämme in der duftenden Wildnis standen, ergraute Urwesen, die ihre Äste hierhin und dorthin streckten, als wüssten sie selbst nicht, wohin sie mit ihrer knöcherigen Lebensweisheit deuten sollten.

Otte gelangte über die Stiege in Susannas kleine Mädchenkammer, sie führte ihn bei der Hand. Hier, wo der Schein der Sommernacht durch die Luke fiel, sah er, wie schön sie war, dunkel und weiss wie die Nacht und der Tag, ein Sonnenkind aus einer Welt, die er nicht kannte — sieh, sie war schimmernd weiss und von güldener Bräune beschattet, als wäre sie sonnverbrannt gewesen, bevor sie heranwuchs und weiss wurde. Und ihr Blut war wie die Nacht und der Tag, wild und unschuldig. — Otte beugte sich, von ihrer Glut geblendet, zog sich erschrocken in sich selbst zurück und dachte an Ane Mette. Aber je kummervoller ihm zumute wurde, desto reicher strahlte Susannas Gefühl, Wonne und Angst; sie wurde glückselig bei diesem lichtscheuen Schmerz, sie liebte ihn, weil er schwieg und seine Augen voll fremder Verzweiflung waren. Dreimal lockte sie ihn mit ihrer goldbraun beschatteten Brust, von Zärtlichkeit glühend, und dreimal wich er zurück, als wäre sie sein Tod, bis er sie ganz gebrochen und heimlich weinend in seine Arme nahm.

Der Nachtwächter fang unten auf der Strasse — die Uhr hat eben vier geschlagen! In weiter Ferne wurde durch die weisse Morgenstille Trompete geblasen. Da taumelte Otte Iversen davon. Vor dem Garten lief er dem Nachtwächter geradeswegs in die Arme, und einige zornige, wachsame Worte tönten ihm in die Ohren. Er machte, dass er weiter kam. Es war ein nebliger Morgen. Hört, Pferdehufe schrappten in den geschlossenen Höfen auf dem Steinpflaster, alle machten sich fertig.

Hier und dort drang Licht durch die Türritzen, und leises Klirren von Waffen ertönte, man stand im Zimmer und legte den Harnisch um ... Otte Iversen lief, um in sein Quartier zu gelangen, er wollte auf der Stelle bis ans Ende der Welt laufen, kopfüber in Schlacht und Spektakel hinein — er musste aus seinem Herzen herausbrennen, was er getan hatte, vergessen, vergessen. Während er lief, drückte er unwillkürlich die Augen fest zu, weil er sie, die ihn so glühend liebevoll empfangen hatte, noch immer sah, er fühlte ihre Hände noch in seinem Haar. Oh, sie hatte seinen Kopf so fest, so fest gegen ihre Brust gedrückt — und er hatte im verborgenen an ihrem Herzen geweint ... Otte sprang in Erinnerung daran wie von einer Kugel getroffen in die Höhe. Verstört lief er durch die morgenbetauten Strassen.

In seiner Blindheit verirrte Otte sich und geriet in eine enge Gasse; er ging langsamer und bekam Erleichterung für die Qual seiner Kehle, indem er aus vollem Halse weinte. Er fühlte sein Leben von Pein bedrängt und fing wieder an zu laufen. Da sah er ein schmutziges Licht im Nebel, es kam aus dem erleuchteten Fenster eines kleinen, armseligen Hauses. Und wie ein Kind in seinem unermesslichen Kummer darauf verfallen kann, Kalk von einer Wand zu bröckeln, so trat Otte Iversen an das Fenster und guckte durch ein kleines, dreieckiges Loch im Fensterladen.

Er sah eine niedrige, unordentliche Stube. Gerade vor ihm, mit dem Rücken gegen das Fenster, stand ein Mann über einen Stuhl gebeugt; im Stuhl sass ein junges Weib, man sah nur ihre hellroten Ärmel und die Hände. Die beiden Gestalten verdeckten das Licht, das auf dem Tisch stand. Gerade in dem Augenblick, als Otte durch das kleine Loch guckte, sah er, wie der Mann seinen rechten Arm auf eine schleichende Weise hob — es sah aus, als ob er seine linke Hand auf ihre Stirn legte — Herr Jesus! Da schnitt er mit einer grossen ausholenden Bewegung dem Frauenzimmer die Kehle durch; ein erstickter, gurgelnder Laut, und der Mann drehte das Messer um und pflanzte es in die Brust seines Opfers, liess es sitzen, stemmte sein Knie gegen den Rücken des Stuhls und kippte ihn mit der Ermordeten gegen den Tisch. Das Licht erlosch.

Otte Iversen griff sich an den Kopf und wandte sich der Strasse zu, wie ein Verrückter vor sich hinstierend. Dann stürmte er davon, lief und lief, bis er ohne Mütze, mit zerzaustem Haar, sein Quartier erreichte. Vollkommen trostlos stürmte er zu seinem Pferd in den Stall.

Steine werden aus der Stadt getragen

Am nächsten Tag war das Heer fort, König Hans mit seinen Mannen, Landsknechten und Bauern, Fahnen und Sporen, Büchsen und Futtersäcken, alles war wie aus der Stadt gefegt. Die Strassen lagen von einem bis zum anderen Ende in greller Menschenleere, die Luft, die früher von Eisenklang und Prahlerei widergehallt hatte, schwieg reuevoll still. Seitdem die Gefahr nicht mehr so gross war, gelegentlich einen Fusstritt zu erhalten, kamen Hunde und Schweine allerwegen mutig zum Vorschein und schnüffelten in dem Abfall herum, den das Heer hinterlassen hatte. Die Stadt hatte wieder Zeit, ihren Blick nach innen zu richten. Am Mittag desselben Tages wurde der Galgen vor dem Westtor mit zwei alten Missetätern geschmückt, einem grossen und einem kleinen. Ferner wurden Untersuchungen eingeleitet wegen mehrerer in der Nacht begangener Verbrechen; unter anderem hatte man die Hamburger Lotte mit durchschnittener Kehle in ihrem Haus gefunden. Es hatte sich in der vergangenen Nacht allerhand ereignet; das war nicht zu verwundern, denn Herzen werden beim Gedanken an den nahen Abschied auf verschiedene Weise gerührt. Wer weg ist, kann nicht gehängt werden.

Nachmittags hatte sich ein kleiner Auflauf vor dem Rathaus gebildet. Dort sassen zwei im Pranger, ein Mann, der gestohlen hatte, und ein Weib, das auf Bühlerei ertappt worden war. Es war sehr jung und über alle Massen schön. Mendel Speyers Tochter Susanna war es. Der Nachtwächter hatte sie frühmorgens erwischt, als ihr Kunde sie gerade verliess. Er hatte Susanna schon lange im Verdacht gehabt, wegen der Zeichnungen, die die Leute so unzweideutig an die Mauer malten. Der Nachtwächter war einäugig, ein Schelm hatte ihm mal bei einer nächtlichen Rauferei das andere ausgestochen ... wäre Susanna, Mendels Tochter, dänisch gewesen und ihre Einnahme in der Stadt geblieben, so hätte der Nachtwächter wahrscheinlich sein sehendes Auge auch noch zugedrückt; er war ein Mann, der Recht von Unrecht zu unterscheiden wusste. Nun aber war Susanna ein schwarzes, ausländisches Ding. Darum wurde sie zur Schau gestellt, und wenn die Leute auf sie gespuckt hatten, sollte sie Steine aus der Stadt tragen.

Die Leute standen in einem Halbkreis dicht um den Pranger herum. Der Dieb sass wachsam, mit umherirrenden Blicken da; kam jemand ihm zu nah, kläffte und geiferte er mit seinen weissen Zähnen und schnappte durch die Luft wie ein toller Hund. Sogar seine Füsse, die durch die Löcher im Pranger steckten, zitterten vor Wut. Schliesslich wurde er etwas ruhiger, seine Züge erschlafften, er bekam einen vergrämten Ausdruck ... im selben Augenblick aber entdeckte er einen älteren, gut gekleideten Mann, der sich ihm mit einem Scherz auf den Lippen näherte — raj, raj, raj, da biss der Gefangene so wütend und raubtierähnlich um sich, dass der Mann erschrocken zurückwich. Die Leute lachten. Und sieh, das Gesicht des anständigen Mannes verhärtete sich, bekam einen gehässigen Zug; in einem Augenblick, als der bewaffnete Wächter nicht aufpasste, versetzte er dem Gefangenen im Pranger einen Fusstritt ins Gesicht, worauf er sich mit bösen Blicken umdrehte — seht den Schuft an! — und seines Weges ging. Der Dieb schimpfte, drei-, viermal, sah ihm mit stahlblanken Augen nach und knirschte mit den Zähnen, schrie aber nicht auf. Auf jeder Seite seiner Nase hatte sich ein leichenweisser Fleck gebildet.

In passendem Abstand, vier Löcher von dem Spitzbuben entfernt, sass Susanna. Die Füsse, die nackt waren, steckten im Block; manch einer fühlte sich versucht, sie unter den allerliebsten kleinen Füssen zu kitzeln. Sie hatte ein grünes Kleid an, über ihre Schultern hatte man einen groben Sack gelegt, der die Arme verbarg. Sie sass unbeweglich da, den Kopf auf die Brust gesenkt; das dicke, schwarzbraune Haar war voll von Spucke.

Nicht weit von ihr stand der alte Mendel Speyer in seinem schwarzen Judenkaftan; der Bart hing von den langen, bekümmerten Zügen herab; er stand gebeugt und sprach mit einem jungen brünetten Mann, den niemand kannte. Er war dünn wie ein Messer, hatte dichtes, krauses Haar und rötlichschwarze Rattenaugen. Es war ein Kaufmann aus Helsingör; Mendel Speyer hatte am Morgen nach ihm geschickt.

Der Schinder Jerck war inzwischen gekommen und hatte zwei grosse Steine zusammengebunden. Grösserer Vorbereitungen bedurfte es nicht. Bevor aber Susanna aus dem Pranger erlöst wurde, näherte ihr Vater sich zögernd und zweifelnd — mit seinen erloschenen Augen sah er zu dem Wächter auf, dann auf zwei kleine Schuhe herab, die er in der Hand hielt, und auf die blossen Füsse seiner Tochter — dann dieselbe Runde noch einmal. Der Wächter stützte sich auf die Hellebarde, sein brummiger Schnurrbart rührte sich nicht, er sagte nicht nein — aber bedeutete es ja? Mendel Speyer zögerte und war auf einen Rückzug gefasst, während er die Schuhe hastig und unbeholfen an Susannas arme kleine Füsse band. Er gab ihr die Hand und half ihr beim Aufstehen. Dann musste er aus dem Weg.

Kein Muskel bewegte sich in Jercks braunem Männergesicht, während er den Strick über Susannas Rücken legte. Einige fanden übrigens, dass die Steine reichlich klein seien.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Voran gingen Jerck und Susanna. An ihrer anderen Seite wankte Mendel Speyer; etwas hinter ihnen kam der junge Schwarze, mit dem er gesprochen hatte. Darauf folgte der frohe Schwarm von ehrlichen und reinlichen Leuten aus der Stadt, Schuhmachern und Fischern, Studenten, Hebammen und Jungfrauen. Langsam, langsam ging es vorwärts, denn Susanna wankte unter ihrer Bürde. Jedesmal, wenn sie taumelte, fuhr Mendel Speyers braune Knochenhand in die Höhe, wie um zu helfen, und der Schmerz verzog sein Gesicht wie unter einem Peitschenhieb.

Es gab viel Belustigung heute — seht nur, seht, der „Storch“ hatte sich auch auf die Beine gemacht. Die rote Vogelscheuche tauchte an der Ecke der Heiligengeistkirche auf und wurde von der Jugend mit Jubel begrüsst. Aber er schlug heute mit seinem Stachelstecken um sich; die Jungen fuhren mit zornigen Rufen auseinander und liessen ihn in Ruhe. Der „Storch“ hatte sich einen Bart zugelegt, wie die Menge lachend bemerkte. Seht nur, wie gierig er etwas von dem Mädchen zu erspähen versuchte.

Als der Zug den Marktplatz erreichte, wuchs das Aufsehen, Leute erschienen in Türen und Fenstern. Ein junger Fant kam keck aus einem Kaufladen gesprungen, sehr angeheitert, und indem er ein witziges, verschämtes Geheul ausstiess, griff er unter Susannas Kleid und wirbelte es in die Höhe, so dass sie bis an den Leib entblösst war. Wenn dies auch von den Leuten als wohlgelungener Scherz aufgenommen wurde, so durfte es doch nicht sein, es war ungebührlich. Jerck winkte dem munteren Burschen ernst mit den Augen und ging näher an Susanna heran, um sie vor Spässen zu schützen. Indem Jerck sich umblickte, bemerkte er Michel Thögersen. Aber er tat, als kenne er ihn nicht.

Susanna konnte die Steine kaum mehr tragen, sie zitterte vor Müdigkeit, ihre Wangen glühten vor Anstrengung wie Purpur. Auf der Östergade schlug sie zum erstenmal die grossen blanken Augen auf — brach sofort in Tränen aus — und blieb stehen. Da nahm Jerck ihr, ohne ein Wort zu sagen, die Bürde von den Schultern und stützte sich wartend auf seinen Stock. Mendel Speyer flüsterte seiner Tochter hastig einige Worte zu, das Weinen zuckte ihm in den Mundwinkeln. Aber er sprach in einem sehr bestimmten Ton. Susanna senkte den Kopf und weinte nicht mehr.

Jerck gab ihr die Steine wieder zu tragen, und sie kamen schliesslich zum Tor hinaus. Dort las der Gerichtsdiener Susanna in aller Kürze vor, dass sie nach empfangener Strafe gehen könne, wohin sie wolle; wenn sie sich aber jemals wieder in der Stadt blicken liesse, so würde sie dem Gesetz verfallen. Nicht weit davon hielt ein Wagen. Vater und Tochter stiegen mit dem fremden Juden ein und fuhren davon. Michel Thögersen folgte ihnen.

Das elende Fahrzeug kam nur langsam vorwärts; der Kutscher, ein Bauer mit sonnengebleichtem Nackenhaar, peitschte unverdrossen auf seinen Gaul ein und ermunterte ihn fortwährend; bald rollte der Wagen etwas schneller einen Hügel hinunter und wühlte den Staub auf, wobei er ganz aufgeregt über seine eigene Leistung kreischte, bald ging es wieder Schritt für Schritt.

Es war ein trockener Julitag, die grossen Büschel gelben Labkrautes, die am Wegsaum blühten, verbreiteten süssen Honigduft. Der Roggen reifte auf den Feldern im warmen Sommerwind. Der Sund kräuselte sich dunkelblau, in der Ferne sah man im klaren Sommerdunst die geschwungene Waldlinie. Die Sonne aber stand schon westlich, es würde bald Abend werden.

Michel folgte dem Wagen vier Meilen, die Reisenden aber blickten sich kein einziges Mal um.

Einige Meilen vor Helsingör kehrten sie in einem Krug ein; es war dunkel geworden. Eine halbe Meile landeinwärts läutete eine klägliche Kirchenglocke den Abend ein, sie klagte, schimpfte, miaute, untröstlich wie eine Katze, die um die Hofgebäude herumschleicht, sich den Tau von den Pfoten schüttelt und unermüdlich nach ihren toten Jungen sucht.

Michel Thögersen hatte nichts im Krug zu suchen, darum setzte er sich auf die Bettlerbank unter der grossen Linde. Als nach einer Weile in der Wirtsstube Licht angezündet wurde, stand er auf und trat vor die offene Tür. Er warf nur einen einzigen Blick hinein.

Susanna sass am Tisch, und die beiden anderen standen daneben und redeten eifrig auf sie ein. Der alte Mendel schien sie mit seiner ganzen Erfahrung überzeugen und trösten zu wollen, er sprach so besänftigend, in seiner Haltung lag der Wunsch zu helfen und so viel zärtliche Fürsorge, wie nur ein Vater sie seinem Kind bezeugen kann. Der junge Jude mit dem dicken Kraushaar und den kalten Augen fiel ihm ins Wort, bewegte die Hände mit breiten, überzeugenden Gesten — hatten sie nicht recht, war es nicht so? Susanna aber schien ihre Worte gar nicht zu hören.

Sie hielt die Hände auf dem Stuhlrücken gefaltet und ruhte ihren müden Kopf darauf; das Gesicht war der Tür zugewandt, die Augen aber sahen nichts. Die Lippen waren halb geöffnet, ja, sie war es — der feine Schattenstrich auf der Oberlippe, die seltsam ruhelosen Nasenflügel. Wie weich ihre Züge im Schmerz waren, unsagbar schön und wehmütig, die Augen krankhaft klar und hellseherisch ... Oh, ihr Kummer galt ja etwas ganz anderem, als die beiden glaubten — der leidende Zug um den Mund konnte auch ein rätselhaftes Lächeln sein, der müde, müde Glanz in den Augen war nicht Kummer allein, der Ausdruck der verweinten Augen war zwischen Kummer und Lust geteilt.

Michel zog sich zurück und wanderte davon; er eilte über die Landstrasse auf Helsingör zu, Hügel auf und Hügel ab; erst als er die Lichter der Stadt in der Ferne sah, mässigte er seine Schritte und setzte sich am Grabenrand nieder. Er konnte nicht weiter. Viel Schlimmes war ihm während der letzten Tage und Nächte widerfahren, das Bitterste aber war ihm geschehen, als er Otte Iversen in Susannas schmerzumflortem Blick gesehen hatte. Von nun an liebte er sie nicht mehr. Er dachte an die widerlichen Zeichnungen auf Mendel Speyers Haus (die er sonst heimlich in seinem Herzen angebetet hatte) und geriet in wilden Zorn. Nein, fort mit ihr.

Während Michel so am Grabenrand sass, blieb sein Lebenstrieb einen Augenblick sich selbst überlassen; er warf sich in den Graben und stöhnte laut vor Qual. Aber er war jung, noch konnten seine Leidenschaften nicht durch sich selbst bestehen, sie verlangten nach einem Gegenstand. Und da verkehrte all sein Schmerz sich in Hass, Hass gegen Otte Iversen. Der Gedanke, Otte Iversen ein Leid anzutun, rettete ihn. Er wurde ruhiger und begann in Gedanken zu martern und zu töten... Ja, so, so sollte Otte Iversen unter dem Messer zucken, so wollte er ihn von Unglück flach getreten und Glied für Glied zerbrochen sehen.

Michel Thögersen erwachte aus seinen glühenden Nacheträumen, als er einen Wagen in der Ferne kommen hörte; die Räder kreischten durch den stillen Abend. Jetzt fuhren sie die Anhöhe hinauf, Michel konnte das Schnalzen des Kutschers hören — und er sprang auf und eilte, so schnell er konnte, der Stadt zu. Noch in derselben Nacht bekam er Fahrgelegenheit mit einem Schiffer nach Grenaa hinüber. Als das Schiff bei völliger Windstille an der Südspitze von Schweden, Kullen, vorbeitrieb, lag Michel Thögersen vorn im Boot und schlief, als sollte er nie wieder erwachen.

Als die Sonne aufging, war es noch immer windstill. Das Schiff war nordwärts getrieben, Kullen lag wie eine niedrige Wolkenwand im Süden. Der Schiffer und seine beiden Leute legten zwei Ruder aus, aber es gab dennoch kein Vorwärtskommen.

In seiner Ungeduld holte der Schiffer ein Fass Bier aus der Kajüte und weckte Michel. Michel rieb sich die Augen und sah sich geblendet auf dem spiegelglatten Wasser um. Sie schafften Platz auf Deck und fingen an zu trinken. Und Michel wurde betrunken, bevor er noch richtig wach war, ausgehungert und leidend, wie er sich fühlte. Er schwang den Krug und verlor die Besinnung bald ganz. Schliesslich schwiegen die andern, Michel fabelte allein.

„Ich bin schon lange dem Untergang geweiht“, rief er geifernd und keuchend, „ich bin so armselig, dass selbst der Teufel mich nicht haben will. Aber es schadet nichts, es kann dennoch alles gut werden. Ich hänge die ganze Geschichte einfach an den Nagel und geh meines Weges, wenn ich nicht mehr mag. Nichts leichter als das. Hurra! Kommt und feiert mit mir, all ihr Toten und Hinkenden, ihr, die verbrannt oder um einen Kopf kürzer gemacht worden seid, hei, der Tisch ist gedeckt, sucht euch einen Platz, wie ihr geht und steht in euren Leichengewändern — hier ist Platz für alle, deren Backen in Fetzen hängen und deren Handrücken mit kleinen Steinen besetzt sind — heran, ihr Ertrunkenen und armen Seelen vom Galgenhügel! Ich bin einer der Euren und werde euren Besuch bald erwidern. Was geht mein Kopf mich an, ich stehe ganz allein in der Welt. Was kümmert es mich, ob es einen Vogel gibt, den man Strauss nennt, was kümmert es mich, ob in Frankreich ein Narr den Thron besteigt. Ich gehe nach Hause, denn ich kann nicht mehr aus den Augen sehen. Lebt wohl, lebt wohl!“

Das Boot lag vollkommen still im Sonnenschein, es war kein anderer Laut zu hören als das Glucksen des Wassers gegen den Schiffskiel. Der Schiffer und seine Leute hatten ihren Spass an Michel. Er trank, schluchzte, prahlte noch eine Weile, bald auf dänisch, bald auf latein, bis er schliesslich auf Deck hinfiel und wieder einschlief.

Heimkehr

Es war Heuerntezeit, als Michel in sein Heimattal zurückkehrte, hoch oben in Jütland am Limfjord.

Die Nächte wurden kaum dunkel, und die Wärme nahm kaum ab, wenn die sanfte Dämmerung sich herabsenkte, sie Hüllte den Bach und die Ebene nur in Nebel ein. Das Heu wurde auf den Feldern zu Diemen aufgeschichtet, und das junge Volk aus drei umliegenden Dörfern blieb des Nachts auf den Feldern. Jeden Abend erklang der Ruf der jungen Burschen aus Kourum: Zu Bett, zu Bett! Der Ruf ging von Dieme zu Dieme; kurz darauf antwortete eine ferne, warme Mädchenstimme von den Grauböller Heudiemen: Zu Bett, zu Bett! Das Echo gab den Ruf von den Anhöhen zurück, als ob er von Gnomen gestottert würde. Und schliesslich klang es unendlich fern und nur in fadendünnen Bruchstücken:... Zu Bett! Das kam von den Diemen der Thorrilder Leute, weit hinten im Tal.

Bett, Bett, echote es von den Abhängen. Der Nebel verdichtete sich über dem Bach. Die Nacht lag in göttlicher Ruhe da, der Himmel breitete seine Schleier über die reine Stille.

Westlich und östlich vom Fjord erstreckte sich das Tal eine halbe Meile landeinwärts; an seinem östlichen Ende lag das Rittergut Moholm, das Iver Ottesens Witwe gehörte; ihr gehörten auch das Tal und die Dörfer.

Nicht weit vom Fjord lag das Haus und die kleine Wassermühle, wo Thöger der Schmied lebte. Dort hatte er schon über dreissig Jahre gewohnt. Ausser Michel, der nun schon seit acht Jahren an der Schwarzen Schule studierte, besass er noch den Sohn Niels, der das Handwerk des Vaters erlernt hatte.

Thöger war froh über die Heimkehr des Sohnes. Er setzte sich auf die Truhe und fing an zu schwatzen. Michel sah, dass des Vaters Beine von Gicht gekrümmt waren. Das breite, kräftige Gesicht, das heimlich die Rührung des Wiedersehens spiegelte, offenbarte unbarmherzig das Alter.

„Wie fein du bist“, sagte Thöger aufgeräumt und musterte blinzelnd Michels rote Lederhose.

Michel schlug die Augen nieder und wollte sich nicht bewundern lassen.

„Ja, ja, man kann sehen, dass du etwas auf dich hältst. Ein bisschen spitz bist du im Gesicht von dem vielen Studieren ... die Nase hast du von keinem Fremden“, fügte er schalkhaft hinzu. Thögers Nase war aussergewöhnlich lang, zweimal gebogen, wie der Rüssel eines Wildschweins, und kantig an der Spitze; sie gab ihm einen übertrieben schlauen Ausdruck, den Michel geerbt hatte. Thöger war übrigens ein sehr tüchtiger Mann, mit guten natürlichen Anlagen. In jungen Jahren hatte er eine Kunst betrieben, die er selbst Kochen nannte. Michel hatte als Kind bisweilen gesehen, dass er seltsame Dinge in einem Tiegel schmolz, Wolle, Blei, kleine rote Steine, Mausezähne. Nun aber kochte Thöger nicht mehr. Sein Verlangen nach dem Stein der Weisen hatte sich mit dem Alter verloren.

„Ich wollte Gold machen“, sagte der alte Thöger scherzend, und seine Vertraulichkeit schnitt dem Sohn ins Herz, weil sie von den hohen Jahren zeugte, „habe aber nie ein Goldkorn gefunden. Als ich es zum letztenmal versuchte — lass mal sehen, ach, das ist lange her, da bekam ich plötzlich einen Einfall, hahaha: wenn du nun das Rezept mitschmilzt, sagte ich mir, dann muss es dir gelingen! Das Rezept hatte ich einem Waffenschmied in Stettin abgekauft, vor langer, langer Zeit, keiner hat es je zu sehen bekommen, und er hatte mich auch gelehrt, es zu deuten. So schmolz ich denn das Rezept mit einem Haufen anderer kräftiger Dinge, Gold aber bekam ich nicht. Nein, Klein-Michel, na, und später hat es sich dann von selbst verloren.“

Thöger der Schmied war alt geworden. Auf seiner kahlen, gewölbten Stirn begannen zum zweitenmal Haare zu wachsen, der runde, weisse Bart wucherte bis über die Ohren. Das Gesicht war voll von bleichen Flecken, und auch die mächtigen Hände waren verblichen.

Für gewöhnlich versorgte der Alte die Mühle. Nur hin und wieder verfertigte er ein Stück Arbeit in der Schmiede; dann begab Niels sich finster und russig an den Blasebalg. Thöger stand mit zurückgelegtem Kopf vor dem Amboss, er war weitsichtig geworden und schmiedete kaltblütig mit unglaublicher Tüchtigkeit. Wahrlich, er wusste mit einem heissen Eisen umzugehen! Doch höchstens eine halbe Stunde, dann hielt er hastig inne, gebärdete sich, als sei ihm etwas eingefallen, und ging in die Stube. Dort sass er und schnappte nach Luft und versuchte die verräterische Atemnot zu verbergen.

„Sieh mal, was ich hier habe“, rief der Alte eines Tages und wühlte in einem kleinen Holzkasten zwischen alten Knöpfen und Metallresten, „wo ist er nur geblieben? ’s ist nämlich ein falscher Schilling — wenn ich ihn nur finden könnte! Hab’ ihn viele Jahre aufgehoben, bis du nach Hause kämst. Ich kann ja nicht lesen, was drauf steht, wenn auch meine Augen dazu taugten, denn es ist wohl Latein. Hier ist er, ich hab’ ihn mal in der Erde gefunden. Na, Michel, was steht darauf?“

Michel beugte sich feuchten Auges über die grünspanige Münze und deutete die Inschrift.

„Nun sollst du sie auch haben“, sagte Thöger, sehr zufrieden mit dem Wissen des Sohnes. „Sie ist aus gutem Silber.“

„Danke.“ Michel nahm die Münze und verwahrte sie; er trug sie von nun an stets bei sich.

Während der ersten Tage umfasste Thöger seinen Sohn manch liebes Mal mit einem gedankenvollen Blick.

„Ja, ja, es geht im Leben gar seltsam zu“, sagte er, „keiner weiss, was in einem Menschen steckt: da ist der Sohn des Schuhmachers in Bröndum, der hat es weit gebracht; man sagt, dass er ein grosser Mann bei Hofe sei.“

„Das stimmt“, antwortete Michel unruhig. Der Besuch bei Jens Andersen tauchte mit peinlicher Deutlichkeit vor ihm auf. „Er hat aber auch Geld gehabt, um in Rom und Paris zu studieren.“

„Das mag wohl sein“, murmelte Thöger, und seine Züge erschlafften beim Gedanken an die weite Welt. Er war selbst ausser Landes gewesen, aber nur bis nach Norddeutschland gekommen.

„Das mag wohl sein“, wiederholte Thöger und drehte seine Daumen umeinander. „Hast du den Junker vom Gutshof gesehen, Herrn Otte, wie er genannt wird?“

Die Frage kam so unerwartet, dass Michel von der Bank in die Höhe fuhr. „Wen, wo?“

„Unseren jungen Burgherrn. Hast ihn wohl nicht gesehen, er ritt im Frühjahr nach Kopenhagen. Ja, ja, das ist eine seltsame Geschichte.“

Michel schüttelte den Kopf und wandte sich ab, als interessiere ihn die Geschichte nicht.

„Nun, solche jungen Herren und ihr Gelehrten habt natürlich verschiedenen Umgang, darum bist du ihm wohl nicht begegnet. Er ritt im Monat April zur Königsstadt — aus freien Stücken, aber gegen den Willen seiner Mutter. Er hatte es nicht nötig, denn das Kriegsaufgebot traf ihn nicht, weil seine Mutter Witwe ist. Aber er wollte fort. Man sagt, es sei Ane Mettes wegen — kannst du dich ihrer noch erinnern?“

Das konnte Michel.

„Ane Mette ist eine bildsaubere Dirn geworden“, sagte Der alte Thöger fast verwundert und mit runden Augen, „so sauber, wie ich noch keine gesehen hab’! Sie hat’s von ihrer Mutter; du wirst sie ja zu sehen bekommen. Ihre Mutter war die Tochter des starken Knud, der im Bauernkrieg erschlagen wurde. Damals wurden viele erschlagen. Jens Sivertsen aber hatte die schönste Frau in der ganzen Gegend. Ja, ja, wir waren beide schon bei Jahren, als wir uns eine Frau nahmen — deine Mutter und sie waren sich übrigens nicht grün, hei, nein, nein... na, jetzt sind sie beide tot und begraben. Ja, ach ja.“

…Was Jens Sivertsen dazu sage? Was solle er sagen. Könne doch keinen Stock nehmen und den jungen Edelherrn vor die Tür jagen. Seltsam, wie der junge Herr an ihr hinge und sie auf ihn lauere. Er habe ihr wohl versprochen, mit allen Schätzen der Welt heimzukehren und sie dann zu heiraten. Wer weiss, wer weiss; die Gutsherrin sei dem allen nicht wohlgesonnen.

„Lass uns zu Jens Sivertsen rudern und ihm guten Tag sagen; er möchte dich gern wiedersehen“, schlug Thöger am nächsten Tag vor, „ich werde mich wohl zu ihm hinschleppen können, wenn wir den Bach hinunterrudern.“

Thöger band sich für den Ausflug ein wollenes Tuch um den Hals. Michel ruderte den Prahm den Bach hinunter, und nachdem sie ihn bei der Mündung vertäut hatten, legten sie das letzte Stück bis zu Jens Sivertsens Haus zu Fuss zurück.

Und Michel sah Ane Mette. Bis zu dem Augenblick, wo sie vor ihm stand, hatte er sie sich nur als das kleine blondhaarige Mädchen mit der klaren Hautfarbe vorstellen können, und nun sah er sie wie durch ein Wunder zu einer schlanken, vollentwickelten Jungfrau verwandelt; ihr Haar leuchtete durch die stille Stube, sie war noch weiss und rein wie ein Kind, mit einem roten Mund und klaren, hellblauen Augen. So musste Freyja ausgesehen haben.

Ane Mette gab Michel die Hand; er sah sie an, bis sie die Augen niederschlug. Entzückend war sie. Michel war es, als hätte er sich die Hand verbrannt: Otte Iversen! dachte er — jetzt will ich es dir heimzahlen.

Thöger führte das Wort; es wurde von allem möglichen gesprochen, auch von intim persönlichen Dingen, das Verhältnis zwischen Ane Mette und dem jungen Edelmann aber wurde mit Keinem Wort erwähnt. Man konnte ihr auch nichts anmerken, sie war ein sanftes und zurückhaltendes Mädchen wie andere Jungfern. Aber sie sah aus wie ein Mensch, den das Glück über alle anderen emporgehoben hat; ihre von Natur seinen Züge hatten den Freimut einer Achtzehnjährigen und leuchteten von innerem Gleichgewicht. Michel begriff, dass Otte Iversen Himmel und Erde in Bewegung letzte, um sie zu erringen — desto besser war die Gelegenheit, ihn unglücklich zu machen. Der Entschluss umspann Michels Herz wie mit einem Gürtel.

„Du hättest Ane Mette heiraten sollen“, sagte der alte Thöger halb im Scherz auf dem Heimweg, „ihr beide hättet gut zueinander gepasst, das darf ich wohl sagen. Jens Sivertsen ist nicht geldgierig, alles was recht ist. — Ich hab’ dir ja nicht viel geben können. Aber wenn du mit Ane Mette nach Rom reisen könntest — davon hast du ja neulich gesprochen... Jens Sivertsen hat in seinem Leben viele tausend geräucherte Aale zur Stadt gesetzelt!“

Da Michel den Scherz übel aufzunehmen schien, schwieg Thöger. Nach einer Weile aber rundete er seinen Traum doch mit folgender Bemerkung ab: „Ane Mette ist noch immer nicht zu verachten. Man sagt ja, dass sie sich lieben. Du bist vielleicht noch nicht alt genug, um zu begreifen, was das sagen will. Aber ein jeder kann sehen, dass sie bis zum heutigen Tag noch unberührt ist... ja, ja, Klein-Michel, lass uns nach Hause zurückkehren.“

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280 p. 1 illustration
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9788726479799
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