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DAS NATIONALSOZIALISTISCHE WIEN


Sehnsucht nach dem größeren Reich des „Führers“: Gedenkmünze zum „Anschluss“.

Eintragung einer Lehrerin zum „Führergeburtstag“ in ihrem Unterrichtsbuch, 20. April 1943.

Robert Bouchal · Johannes Sachslehner

DAS NATIONALSOZIALISTISCHE WIEN

Orte · Täter · Opfer


INHALT

Cover

Titel

PROLOG

Auch die Österreicherinnen und Österreicher grüßen deutsch

AM ABGRUND

Der „Anschluss“

Der Beutezug

Novemberpogrom

Die Verwandlung der Stadt und ihrer Menschen

BRENNPUNKTE DER NS-HERRSCHAFT

Ein Balkon für den „Führer“ – der Tag des Großdeutschen Reiches

Das Gauhaus

Hitler auf der Hohen Warte: die Schirach-Villa · Hohe Warte 52

Deutsche Arbeitsfront – Theobaldgasse 19

Reichspropagandaamt · Reisnerstraße 40

Im Hauptquartier der Hitlerjugend Albertgasse 35

Standortheim der HJ: das Otto-Planetta-Haus auf der Hohen Warte

Das Luftgau-Kommando XVII in der Esders-Villa

Kein „Heldenbunker“: der Schirachbunker

Das „Führerzimmer“ im Volkstheater

Maria-Theresien-Kaserne · Am Fasangarten

SA-Kaserne in Kaltenleutgeben

EINE STADT WIRD „JUDENFREI“

Die Deportation der Wiener Juden

WAS MAN MIT UNS MACHT, IST NACKTER MORD

Orte des Terrors

WIDERSTAND UND OPFER

Höllische Wettfahrt mit der Gestapo: Otto Vogl

Liebe in Zeiten der Guillotine

In den Händen der Gestapo-Folterknechte: Josef Sasso

Für ein Gedicht in den Tod: Felix Grafe

Wehrkreiskommando XVII

TÖTEN IM NAMEN DER GESUNDEN VOLKSGEMEINSCHAFT

Das Hauptgesundheitsamt · Das klassifizierende Archiv der Menschen

Monatlich töteten wir zwischen 6 und 10 Kinder · Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund

Der Kongress der Mörder in Gugging

DIE STADT IM „TOTALEN KRIEG“

Der Luftschutzbunker hinter dem Rathaus Wien

Das „Luftschutz- Raumnetz- Innere Stadt“: der Schutzraumkeller unter dem Palais Harrach

Zwei Luftschutzkeller unter einem Haus · Babenbergerstraße 5

Im Luftschutzbunker Schönbornpark

Der Splitterschutzdeckungsgraben im Orthopädischen Krankenhaus

Das Flugmotorenwerk Ostmark

Im Keller des ehemaligen Michaeler Bierhauses

Ein alter Luftschutzplan taucht auf

Ein Granatleitwerk im Holzgebälk

EPILOG

Literatur und Quellen

Bildnachweis

Danksagung

Die Autoren

Impressum


Machtdemonstration: 1.-Mai-Aufmarsch der Parteiformationen am Heldenplatz, 1938.


Stramme Idealhaltung, gewichste Stiefel: Hitler demonstriert den „deutschen Gruß“.

PROLOG
AUCH DIE ÖSTERREICHERINNEN UND ÖSTERREICHER GRÜSSEN DEUTSCH

Studiert man aufmerksam die Wochenschauberichte und Fotos aus den Tagen des „Anschlusses“, so fällt eines auf: Die rechten Arme der Österreicherinnen und Österreicher, die nun Deutsche sein wollen, fliegen so zackig und gekonnt zum „Heil Hitler!“ empor, dass man glauben könnte, sie hätten das schon lange vorher geübt. Der Winkel stimmt, die Handfläche ist wie in den Richtlinien vorgeschrieben nach unten geöffnet. Mit dem „deutschen Gruß“, so scheint es, wollen sie dem „Erlöser“, der da kommt, kundtun, dass sie für ihn bereit sind, ja, sich ihm ganz hingeben wollen. Es ist diese markige Unterwerfungsgeste, die sie dem „Führer“ zur Ankunft schenken können und die sie einbindet in die als groß und mächtig empfundene Gemeinschaft der Formel „Ein Volk! Ein Reich! Ein Führer!“. Ihre große Sehnsucht hat endlich Erfüllung gefunden.

Das ist keine Belanglosigkeit. Wenn es so ist, wie der deutsche Soziologe Tilman Allert in seiner luziden Studie über den „deutschen Gruß“ schreibt, dass der Gruß die „menschliche Begegnung moderiert, ihr einen Rahmen setzt, der die ersten Spielregeln definiert“, so gilt es, die offenkundige Faszination dieses Grußrituals für die neuen „Volksgenossen“ näher zu betrachten. Die „Ostmärker“, die dem „Führer“ zuliebe auf „Grüß Gott!“, „Servus!“ und „Guten Tag!“ verzichten, demonstrieren mit ihm vordergründig Loyalität, doch dahinter verbirgt sich mehr: Mit der Übernahme des „deutschen Grußes“ akzeptieren sie seine Herrschaft und liefern sich seinem Charisma aus, es entsteht eine Einengung der Wahrnehmung, eine „Wahrnehmungsschließung“, wie Tilman Allert dieses Phänomen nennt – sie gehe, so seine These, dem „antisemitischen Furor“ und den späteren Verbrechen der Nazis voran. Der „Hitlergruß“ ebne den Weg zur „moralischen Indifferenz und moralischen Perversion“. Jene, die sich dem neuen Gruß verweigern, müssen dies oft schmerzvoll erkennen – der Respekt vor der Würde des Menschen wird preisgegeben, es siegt die Sehnsucht nach Bindung im großen Heer des „Führers“.

Der ausgestreckte Arm ist allgegenwärtig: Bei Paraden, Aufmärschen, in der Propaganda der Presse und selbst bei Beerdigungen (oben) wird dem „Führer“ mit dem „verkleideten Schwur“ des Hitlergrußes gehuldigt.


Die Freiheit des

Grüßens gilt nicht mehr: emailliertes Metallschild, das den Eintretenden auf die neue Grußformel verpflichtet.

„Heil Hitler!“ ist nicht bloß ein Gruß. „Die Grußworte“, so schreibt der Völkische Beobachter schon 1935, „sollen uns immer wieder aus dem Kleinkram des Alltags herausheben und an die großen Ziele und Aufgaben erinnern, die Adolf Hitler uns allen gab“, sie sind die Zusicherung, dass man sich dem „Führer“ verpflichtet fühlt, wie Tilman Allert in seiner Analyse zeigt. Die Person Adolf Hitler werde durch die Grußformel sakralisiert, der „Führer“ mit „der Wirkungsmacht einer göttlichen Instanz ausgestattet gedacht, man glaubt an ihn, so wie man an Gott glaubt, und im Gruß wünscht man sich Heil durch ihn.“ Verstärkt werde diese Sakralisierung durch die Bewegung des Arms: Man gibt seinem Gegenüber nicht mehr die Hand, sondern reißt diese über ihn empor: „Er weist in die einsame Leere des Raumes auf den fiktiven Ort einer möglichen Begegnung, die im Irgendwo hoch über den Grüßenden liegt“. Zu diesem Aspekt der Unendlichkeit gesellt sich die militärische Zackigkeit: Der soldatisch anmutende „deutsche Gruß“ signalisiert „Aktionsbereitschaft“. Auch wenn sie keine Uniform tragen – die „Volksgenossen“, die zusammenstehen und die Arme hochreißen, agieren wie militärische Körper, demonstrieren bedingungslose Treue. Der „deutsche Gruß“ ist zugleich ihr exklusives Privileg – Juden ist die Ausführung des Hitlergrußes verboten, sein „magisches Potential“, wie Tilman Allert es nennt, bleibt den Mitgliedern der Volksgemeinschaft vorbehalten. In einer Art von „verkleidetem Schwur“, der beständig erneuert wird, verpflichten sie sich immer wieder aufs Neue dem „Führer“.

Für all jene, die meinen, bisher zu kurz gekommen zu sein, für die „nicht zu Ende Geborenen“, wie Klaus Theweleit dieses Phänomen einst in seinen Männerphantasien umschrieben hat, wird der Hitlergruß zum willkommenen Ritual, ja, zur „revolutionären“ Geste, birgt er doch durch die „Verkehrung von weltlicher und religiöser Ordnung“ (Tilman Allert) auch Hoffnung – Hoffnung auf eine bessere Zukunft, von der etwa der Schriftsteller Bruno Brehm, einer der umtriebigsten Agitatoren der illegalen Wiener Nazi-Szene, in seinem Brief aus Wien, abgedruckt im Maiheft 1938 der Zeitschrift Das Innere Reich, erzählt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Franz Tumler ist er in den „Tagen der Freude“ in der südlichen Steiermark und in Kärnten unterwegs, das „Schönste von allem“ sei dabei der „Sieg Heil!“-Gruß eines „blassen rotznäsigen kleinen Bübleins“ gewesen, das „sein Ärmchen in die Luft“ warf und ihnen den Gruß entgegenjubelte, „und es war so hell und freundlich alles, wie die vielen Himmelschlüsseln auf den fahlen Winterwiesen und die leuchtenden Blüten des Krokus am Rande der dunklen Wälder“.

Durch „die Gnade des Himmels und die Kraft des Führers“ habe man nach der „Befreiung“ wieder eine „frohe Zukunft“: „Es wird wieder Arbeit geben, die Menschen werden hoffen können, die Frauen werden den Mut haben, Kinder zu gebären.“ Doch das „größere Reich“, von dem Teil zu sein Brehm so ergriffen schwärmt, wird sich als Reich des Terrors und des Todes erweisen …


Burgtor und Heldenplatz werden zur Bühne für die Botschaft des Hakenkreuzes.

AM ABGRUND


Der „Messias“ erscheint den jubelnden Wienern im offenen Mercedes: die Ankunft Hitlers am 13. März 1938.

Über das nationalsozialistische Wien zu schreiben, bedeutet mehr: Es ist kein nostalgischer Rückblick in eine verklärt erscheinende Vergangenheit, kein wehmütig-sentimentales Erinnern. Es ist, wir wollen das mit allem Nachdruck festhalten, ein Blick in den Abgrund, in den Abgrund menschlicher Niedertracht und Gemeinheit, von Hass und Habgier, in den Abgrund ideologischer Verblendung, gespeist aus Mythen und Ressentiments.

Es ist eine Begegnung mit der Macht der Phrasen und der Parolen, der markigen Sprüche, der Hybris eines Staates, dessen Menschen zu glauben beginnen, was man ihnen einhämmert: ein auserwähltes „Volk“ zu sein, von der Vorsehung dazu bestimmt, die Weltherrschaft anzutreten.

Es ist letztlich eine Auseinandersetzung mit der Frage nach Schuld und Sühne. Die Verzweiflung und die Todesangst der Opfer sind verweht, wir, die Nachgeborenen, können sie nur mehr erahnen, wir können die Dokumente studieren und hinter den nackten nüchternen Buchstaben, hinter den „Streng geheim!“-Stempeln und Unterschriften, das Furchtbare spüren. Wien, das wird manchmal schon wieder vergessen, war das erste Exerzierfeld des Holocausts, die Bühne auf der die Mordmaschine des Genozids ihre Probe hielt. Adolf Eichmann und seine Schergen entwickelten hier ihre Ökonomie des industriellen Massenmords, die sie später in das „Protektorat“ und nach Frankreich, nach Ungarn und in die Slowakei „exportieren“.

Das „verordnete Gedächtnis“, das uns in den Schulen und bei offiziellen Gedenkfeiern der Republik begegnet, bewirkt wenig, die österreichische Gesellschaft tat sich lange schwer mit ihrer „Vergangenheitsbewältigung“ und auch heute noch hat man den Eindruck, dass es für viele einfacher ist, mit einer Lüge zu leben – der Lüge von der „gewaltsamen“ Annexion Österreichs durch Hitler.

DER „ANSCHLUSS“

Viele können es kaum erwarten. Auf dem Land, wo die Ordnungsmacht weit ist, wehen schon im Februar 1938 die Hakenkreuzfahnen von den Bauernhäusern. In den Städten hat man das blutrote Tuch mit der Swastika längst in der Schublade. Hinter den Kulissen werden in Nazi-Kreisen schon die Posten von morgen vergeben, „kommissarische Leiter“ werden verhandelt, die Stiefel blank geputzt, die Armbinden bereitgelegt. Es soll ja ein Festtag sein und man will dabei sein, wenn es um die Verteilung der Beute geht.

Die illegale Nazi-Szene ist gut vorbereitet: Wie aus dem Nichts tauchen Uniformen und Hakenkreuz-Binden auf.

Das Warten auf die Ankunft des „Führers“ wird mit sakraler Inbrunst begangen. „Immer aber wenn eine Stimme von jenseits der Grenzen kam“, so erzählt Karl Hans Strobl (1877 – 1946), erfolgreicher Autor und Mitglied des Naziliteraten-Zirkels um Bruno Brehm, Mirko Jelusich und Josef Weinheber, in seinen Erinnerungen, „saßen alle um den Tisch und es war wie in der Kirche. Wir hatten eine blaue Schulvereinskerze angezündet und hatten alle das Parteiabzeichen angesteckt und waren durch das innigste, andächtigste Gemeingefühl verbunden. Und zum Schluß erhoben wir uns und erhoben die Hände und sangen – wir kleines Häufchen Leute – stehend das Deutschland- und dann das Horst-Wessellied und so mag den ersten Christen zumut gewesen sein, als sie in den Katakomben noch Staatsfeinde und schwer illegal waren.“ Die „Weihestunden“ in seinem Haus in Perchtoldsdorf sind Strobl und seinen Freunden ein „Kraftquell“, niemand geht von dannen, „ohne Erbauung und Erhebung“ mitzunehmen. Was er verschweigt: Die Nazi-Runde hat für ihn ein ehrenwertes Amt vorgesehen: Strobl, der später stolz darauf ist, die erste Hakenkreuzfahne in Wien und Umgebung gehisst zu haben, soll Landesleiter der Reichsschrifttumskammer „beim Landeskulturwalter Gau Wien“ werden – eine repräsentative Funktion, die ihm Ende 1938 tatsächlich zugesprochen wird. Der neue Arbeitsplatz: ein Büro am Schwarzenbergplatz 7. Als „Kenner der hiesigen Verhältnisse“, so hat er schon am 13. März 1938 in einem Brief an Hanns Johst, den Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, deponiert, sei er für die „Erfassung und Auswahl der Kameraden“ besonders qualifiziert.

Auch für seinen Freund Mirko Jelusich (1886 – 1969), der Ambitionen als Dramatiker hat und eine von „artfremden Einflüssen freie Bühne“ schaffen will, findet sich eine prestigeträchtige Aufgabe: Jelusich, in den Kriegsjahren mit einem jährlichen Einkommen zwischen 150.000 und 170.000 Reichsmark der Topverdiener unter den österreichischen Autoren, soll „kommissarischer Leiter“ des Burgtheaters werden. So hat denn der „uralte Wunschtraum von der Einheit und Freiheit des Reiches“, von der Strobl und Kollegen schwärmen, dann doch auch den etwas schalen Beigeschmack von materieller Besserstellung, die mit dem Erscheinen des „Führers“ zu gewärtigen ist.

Jene aber, die wie Stefan Zweig mit politischem Instinkt und Gespür für den Puls der Zeit die Entwicklung beobachten, „zersorgen“ sich das Herz. Sie ahnen, ja wissen, dass die Katastrophe des „Anschlusses“ unvermeidlich ist, hilflos müssen sie zusehen, wie ihre Welt zugrunde geht. Finis Austriae ist nur mehr eine Frage der Zeit und so nimmt Stefan Zweig im Herbst 1937 für immer Abschied von Wien und Österreich: „Ich habe in jenen zwei Tagen jede einzelne der vertrauten Straßen, jede Kirche, jeden Garten, jeden alten Winkel in der Stadt, in der ich geboren war, mit einem verzweifelten ‚Nie mehr‘ angeblickt.“ (Zitiert nach Stefan Zweig, Die Welt von Gestern.) Wien bleibt zurück als „zu bitterem Salz erstarrte Vergangenheit“, Zweig, der tatsächlich seine Heimatstadt nie mehr wieder sehen wird, begeht viereinhalb Jahre später im brasilianischen Exil Selbstmord.

„So viel strahlendes Glück auf dieser bisher so dreckigen Welt“ (Karl Hans Strobl): Freudentaumel und Rausch im ganzen Land bei all jenen, die sich Erlösung von ihrem tristen Alltag und wirtschaftliche Verbesserung erwarten.


Ein erster Gruß aus dem „Reich“ an die neuen „Volksgenossen“ und die Regierung Seyß-Inquart: Noch existiert das Wort „Österreich“.

Unter jenen hellsichtigen österreichischen Intellektuellen, die erkannt haben, dass Hitler durch den Austrofaschismus nicht aufgehalten werden kann, ist auch Sigmund Freud. Schon 1936 meint er: „Österreichs Weg zum National-Sozialismus scheint unaufhaltbar. Alle Schicksale haben sich mit dem Gesindel verschworen. Mit immer weniger Bedauern warte ich darauf, daß für mich der Vorhang fällt.“ Jahre zuvor hat er in seinen Schriften bereits Erklärungen für die Faszination des Faschismus gefunden – so beruft sich später Klaus Theweleit auf ihn, wenn er die „ungeheure Attraktion des faschistischen Festes“ mit der „öffentlichen Inszenierung des Verbotenen“ erklärt. In den Ritualen der Paraden und Aufmärsche würde „der Anbruch der Freiheit inszeniert, einer Freiheit, in der sich der Faschist nicht auflöst“, im Ritual selbst würden die faschistischen Männer „Teil des transzendenten Phallus“ werden, der „allen Sinn stiftet“, „Teilchen einer riesigen, gebändigten Flut“. „Im Ritual“, so das Resümee Theweleits, werde „der Faschist so zum Darsteller seiner befreiten Triebe und zum Darsteller des Prinzips, das sie unterdrückt“. (Zitiert nach Klaus Theweleit, Männerphantasien, Bd. 1.)

Als das Erhoffte Wirklichkeit wird, sind jene, die das Parteiabzeichen bisher versteckt halten mussten, vom „Glück“ wie betäubt, Karl Hans Strobl bezeugt es offen: „War es möglich, daß es so viel Glück, so viel strahlendes Glück auf dieser bisher so dreckigen Welt gab? Wir umarmten und küssten unsere Nachbarn in den Viererreihen. Wir sangen und brüllten abwechselnd.“

Sein Freund Bruno Brehm, einer der aktivsten Autoren der Wiener illegalen NS-Literaturszene, schreibt im Mai 1938 einen Brief aus Wien an die Volksgenossen im „Altreich“ und bittet diese, sich mit ihm zu freuen: „Wärmt eure Herzen an unserer Freude, denn es ist das Leben selbst, das hier aufschreit vor Freude.“ Was Brehm als Sieg des Lebens dünkt, entpuppt sich nur allzu rasch als Triumph des Todes. „Wien ist tot“, konstatiert denn auch der Publizist Willi Schlamm in seinem Aufsatz Das war Wien, der am 30. April 1938 im Pariser Neuen Tage-Buch erscheint. Zwar sei die Stadt „so lebhaft, eilig und laut“ wie eh und je, und „viel Gigantisches“, das die Nazis so lauthals versprächen, würde auch tatsächlich verwirklicht werden. Doch das werde nicht mehr Wien sein, denn: „Wien war nicht eine Stadt, sondern eine Art zu leben. Eine einmalige, unverwechselbare, etwas müde, überaus menschliche Lebensart“ und genau diese „sehr differenzierte“ Kultur sei nun verschwunden: Die „Person Wien, die atmende fühlende, denkende Person Wien ist tot.“ Jetzt ist dagegen die Stunde jener gekommen, die ihren Hass auf die „Saujuden“ und Tschechen, ihre Ressentiments ausleben wollen, „ungestrafte Unmenschlichkeit“ (Günter Anders) ist an der Tagesordnung, die Menschenwürde gilt nichts mehr. Der englische Journalist George Eric Rowe Gedye (1890 – 1970), der für den Daily Telegraph aus Wien berichtet, wird Augenzeuge der ersten Demütigungsrituale:

„Die erste Reibpartie sah ich auf dem Praterstern. Sie musste das Bild Schuschniggs entfernen, das mit einer Schablone auf den Sockel eines Monuments gemalt worden war. SA-Leute schleppten einen bejahrten jüdischen Arbeiter und seine Frau durch die beifallklatschende Menge. Tränen rollten der alten Frau über die Wangen, und während sie starr vor sich hinsah und förmlich durch ihre Peiniger hindurchblickte, konnte ich sehen, wie der alte Mann, dessen Arm sie hielt, versuchte, ihre Hand zu streicheln.

Wien im Zeichen des Hakenkreuzes: Fahnenschmuck in den Märztagen 1938.

‚Arbeit für die Juden, endlich Arbeit für die Juden!‘, heulte die Menge.

‚Wir danken unserem Führer, er hat Arbeit für die Juden geschafft!‘“

Opfer von Demütigungen in den Tagen des „Anschlusses“ wird auch der Journalist Robert Breuer (1909 – 1996), dem es später gelingt, Wien zu verlassen und sich in New York eine neue Existenz als Musikkritiker aufzubauen. In seinem Erlebnisbericht Nacht über Wien erzählt er, wie er von SA-Leuten zum Mistkehren in ihrem verdreckten Quartier gezwungen wird: „Ich kehrte nochmals. Und nochmals. Dann wurde ich in ein anderes Zimmer geführt, wo einige hohe Pritschen standen, auf denen halbwüchsige SA-Burschen herumlungerten. Schallendes Gelächter empfing mich. Hier war der Schmutz unbeschreiblich. ‚Kannst auch deine Finger zu Hilf ’ nehmen!‘, rief mir einer zu. ‚Jetzt kannst einmal dasselbe arbeiten, was du zu Hause dein arisches Dienstmadel arbeiten lässt!‘, höhnte einer auf den Betten. Und ein dritter rief: ‚Was hältst du den Besen so verkehrt? Glaubst vielleicht, dös is a Mosesstab?‘ Ein vierter orgelte: ‚Wann’st net anständig kehrst, wer’n ma dir a paar aufwichsen, Saujud! Verstanden?‘“

DER BEUTEZUG

Unter jenen Parteigenossen, die nach dem „Anschluss“ aus dem „Altreich“ nach Wien zurückkehren und hier ihr Glück schmieden wollen, ist auch ein Mann namens Johannes Katzler. Der 1900 in Wien geborene „Legionär“ träumt von einer Karriere als Buchhändler, seine Erfahrungen in der Branche sind allerdings mehr als bescheiden: In München war er Mitarbeiter des Zentralverlags der NSDAP Franz Eher, seine Aufgabe war es, diverse Werbebriefe an die österreichischen „Volksgenossen“ zu verfassen; 1933 trat er der SA bei. Johannes Katzler ist ein Mann ohne Skrupel, seine Devise lautet: Jetzt oder nie!

Eine Buchhandlung in bester Lage soll es gleich zum Auftakt sein: der Laden des Juden Richard Lányi. Lányi (1884 – 1942), der 1912 die 1789 gegründete Buchhandlung „Robert Friedländer in der Kärntner Straße 44“ übernommen hat, ist den Nazis schon lange ein Dorn im Auge, er gilt ihnen als Symbolfigur für die „Verjudung“ des Wiener Buchhandels. Sie werfen ihm vor, ein „pornographischer Buchhändler“ zu sein, sein „Vergehen“ besteht allerdings nur darin, in dem der Buchhandlung angeschlossenen Verlag zahlreiche Werke von Karl Kraus publiziert zu haben, außerdem hat Lányi, der auch ein bedeutender Sammler ist, Zeichnungen Egon Schieles, den er persönlich gekannt hat, auf Postkarten vertrieben. Gleich nach dem „Anschluss“ wird die Buchhandlung von einer Meute marodierender HJ-Jugendlicher heimgesucht, Bücher, die der tumben braunen Weltsicht nicht konform gehen, werden auf die Straße geworfen, ein Teil des Lagerbestandes wird beschlagnahmt, das Geschäft für drei Tage gesperrt. Richard Lányi wird verhaftet, nach einigen Tagen aber wieder freigelassen. Mit der Führung des Betriebes wird sein Angestellter Lothar Watzke betraut.

Ja sagen und „Teilchen einer riesigen, gebändigten Flut werden“: Titelseite der „Wiener Neuesten Nachrichten“ zum „Tag der großdeutschen Volksabstimmung“ am 10. April 1938.

Watzke, seit 1923 bei Lányi in leitender Stellung tätig, macht sich selbst Hoffnungen auf den Betrieb, doch da taucht Anfang Mai 1938 Johannes Katzler in der Kärntner Straße auf. Er sei, so gibt er vor, vom Zentralverlag Franz Eher damit beauftragt, die Buchhandlung zu übernehmen. Es kommt zu Gesprächen mit Lányi, bei denen Katzler dem hilflosen Buchhändler, den er als „Saujuden“ beschimpft, mit Gestapo und KZ droht, Lothar Watzke wird Zeuge, wie Lányi vor dem „Ariseur“ niederkniet und ihn mit aufgehobenen Händen bittet, nichts gegen ihn zu unternehmen. (Zeugenaussage von Lothar Watzke, Landesgericht für Strafsachen Wien, Vg lf Vr 5194 / 46) Das brutale Vorgehen Katzlers hat Erfolg: Lányi unterzeichnet einen Vorvertrag, in dem er diesem die Buchhandlung für 40.000 Reichsmark mit allen Passiva und Aktiva überträgt. Am 11. Mai 1938 lässt die Gestapo das Geschäft schließen, zwei Tage später wird es wieder geöffnet – in der Auslage steht eine Hitlerbüste und auf den Eingangstüren prangt der Name des angeblich neuen Inhabers der nunmehr „arischen Firma“: Johannes Katzler. Tatsächlich hat dieser zwar noch keinen Rechtstitel auf das Unternehmen, gebärdet sich jedoch wie der neue Eigentümer. Vor allem weiß er sich bei seinen Kumpanen zu bedanken: Einige wertvolle Gemälde und Bücher wandern zu den Freunden von der Gestapo, andere wiederum lässt er in seine Privatwohnung bringen. Für die Angestellten gibt es dagegen eine böse Überraschung, wie später die Mitarbeiter zu Protokoll geben werden: „Die Angestellten können mir den Buckel runterrutschen, sie müssen froh sein, dass sie überhaupt amtieren können. Ich habe in der Partei so viel zu tun, daß ich auf das Geschäft schon pfeife. Der Laden wird wahrscheinlich geschlossen, mit Herrn Lanyi [sic!] wird etwas geschehen und die Angestellten werden dann gar nichts haben. Außerdem werden die Gehälter ab 1. Juli rückwirkend gekürzt. (Zitiert nach Pawlitschko, Jüdische Buchhandlungen in Wien.) Lothar Watzke, der zusehen muss, wie Katzler die Buchhandlung sehenden Auges in den Ruin führt, indem er etwa „kistenweise aus dem Magazin Bücher an die Deutsche Buchvertriebs- und Verlagsgesellschaft m. b. H.“ verramscht, beschwert sich vergeblich bei Gauleiter Odilo Globocnik – Katzlers Rückhalt in der Partei ist zu stark.

Richard Lányi, formal noch Eigentümer der Buchhandlung, muss schließlich Konkurs anmelden, Raubritter Katzler ist pünktlich zur Stelle: Er kauft das verbliebene Warenlager um 20.000 Reichsmark auf. Für Lányi wird das Konkursverfahren zur tödlichen Falle: Da er seine Steuerschulden nicht bezahlen kann, bekommt er keine Genehmigung zur Ausreise und so fällt auch er den Häschern Adolf Eichmanns zum Opfer: Lányi wird am 2. Februar 1942 nach Auschwitz deportiert. Als er im Vernichtungslager beim Diebstahl von Kartoffeln erwischt wird, lautet das unmenschliche Urteil: 300 Stockschläge. In einem Bericht in der Zeitung Die Woche vom 26. Mai 1946 heißt es über seinen Tod am 28. Mai 1942: „Ob er, eine blutige Masse, noch lebend ins Krematorium geschleppt wurde, konnte mein Gewährsmann, der es mitansehen mußte, nicht feststellen.“ (Zitiert nach Murray G. Hall, Jüdische Buchhändler und Verleger im Schicksalsjahr 1938 in Wien.) Lányis Frau Anni ist „Arierin“ und bleibt unbehelligt, 1948 wird sie die Republik erfolgreich auf Rückstellung der von Katzler gestohlenen Bilder klagen.


Plötzlich will auch der Wiener Buchhandel mit jüdischen Kollegen und Autoren nichts mehr zu tun haben. Auslage der „arisierten“ Buchhandlung Alois Reichmann in der Wiedner Hauptstraße 18 – 20.

Johannes Katzler hat inzwischen seine nächste Beute im Visier: die Buch- und Antiquariathandlung Alois Reichmann in der Wiedner Hauptstraße 18 – 20. Felix Reichmann, der Sohn des 1936 verstorbenen Gründers Alois Reichmann, ist bereits im März 1938 nach Dachau deportiert worden, seine Mutter Emilie hat den Machenschaften der „Ariseure“ nur wenig entgegenzusetzen. Der „kommissarische Leiter“ Karl Günther, langjähriger Mitarbeiter der Buchhandlung und seit 1937 Mitglied der NSDAP, will den Betrieb an Lányi-Mitarbeiter Lothar Watzke übergeben, den Zuschlag erhält am 26. Oktober 1938 wieder Johannes Katzler, der die bei Lányi aufgekauften Restbestände nun in die Wiedner Hauptstraße bringen lässt. Ablöse zahlt Katzler keine, aus der Buchhandlung Reichmann wird die Buchhandlung Johannes Katzler, ein „arisches deutsches Geschäft“, das zügig mit neuer Ware bestückt wird: Noch im Herbst 1938 wird die Verlagsbuchhandlung Josef Kende am Opernring 17 geschlossen, Mitbesitzer Josef Kende, ein 70-jähriger Jude, stirbt im Oktober 1938 im KZ Buchenwald, die verbliebenen Bücher wandern in die Wiedner Hauptstraße.

Im Frühjahr 1939 geht Katzlers Raubzug weiter, für 3.500 Reichsmark kauft er die Bestände der „arisierten“ Verlagsbuchhandlung M. Breitenstein in der Währinger Straße 5 – 7, dann erwirbt er das Lager der Buchhandlung Heinrich Saar in der Mariahilfer Straße 176, ebenso einverleibt wird von ihm der Bestand der Akademischen Buchhandlung Dr. Carl Wilhelm Stern am Dr.-Karl-Lueger-Platz 3.

Zum letzten Opfer Katzlers wird schließlich die 1869 gegründete Buchhandlung Moritz Perles in der Seilergasse 4, ein traditionsreiches Unternehmen, das sich in der Monarchie durch die Herausgabe von Fachzeitschriften und Kalender – etwa des Jagdkalenders – und als Auslieferer wichtiger deutscher Verlage einen Namen erworben hat. Die einstige Großfirma, zu der auch Häuser in der Kärntner Straße und in der Wiesingerstraße gehören, alle im Besitz der Familie Perles, wird Stück für Stück demontiert, mit dem Stichtag 30. September 1938 muss auf Beschluss der Reichsschrifttumskammer der Betrieb eingestellt werden. Das Haus in der Seilergasse erwirbt die Deutsche Werkstätten A. G., eine Möbelfabrik aus Hellerau bei Dresden, die froh ist, dass sich Johannes Katzler bereit erklärt, die vorhandenen Bücherbestände zu übernehmen. Das lukrative Geschäft wickelt Katzler mit dem Anwalt der Firma, Dr. Arnulf Hummer, Maysedergasse 5, ab.

NOVEMBERPOGROM

An jenem 10. November wurden wir morgens aus einem nunmehr schon schwer bedrängten Schlaf gerissen und in den Abgrund eines Höllentraumes gestoßen, aus dem kein gnädiges Erwachen mehr zu hoffen war. Das Furchtbare war geschehen, Qual und Marter machten das Blut erstarren, zermürbte den Verstand und geißelte den Herzschlag zum Zerspringen.

Bericht eines Augenzeugen

Den Sommer 1938 über verschärfen sich die Schikanen gegen die jüdische Bevölkerung. So verfügt Polizeipräsident Otto Steinhäusl, dass die am rechten Ufer des Donaukanals gelegenen Parkanlagen des 1. und 9. Bezirks von Juden „ausnahmslos“ nicht mehr betreten werden dürfen, „Zuwiderhandelnde haben strengste Ahndung zu gewärtigen“.

Bereits in den ersten Monaten seiner Amtsführung leistet „Judenreferent“ SS-Sturmbannführer Adolf Eichmann ganze Arbeit: Mit eiskalter bürokratischer Präzision bringt er die jüdische Bevölkerung um ihr Hab und Gut. Bis Ende Oktober 1938 verlassen 50.000 Juden das Land, doch den neuen Herren geht das zu langsam und so inszeniert man am 5. und 6. Oktober 1938 „spontane Kundgebungen“ des „Volkes“ gegen die Juden, die so zur Emigration gezwungen werden sollen. Eichmann unterstützt die „Aktionen“ durch Zwangsräumungen von jüdischen Wohnungen; die Gewaltbereitschaft wächst, angeheizt nicht zuletzt durch die von Globocnik am 2. August miteröffnete Ausstellung „Der ewige Jude“ in der Nordwestbahnhalle. Am 7. Oktober wüten in der Stadt SA und HJ: Jüdische Passanten werden auf den Straßen überfallen und jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört.

Der Novemberpogrom bedeutet für die jüdische Bevölkerung das Ende aller Illusionen: ausgebrannte Synagoge in der Tempelgasse.


Demonstrative Fürsorge als Instrument der Propaganda: SS-Oberführer Polizeivizepräsident Fitzthum sammelt in der Kärntner Straße für den „Schulverein Ostmark“.

Für einen großen Schlag gegen jüdische Einrichtungen fehlt vorläufig der Anlass, doch dann verübt Herschel Grynszpan am 7. November 1938 in Paris ein Attentat auf den deutschen Botschaftssekretär Ernst vom Rath und damit lässt sich auch in Wien die Pogromstimmung weiter anheizen: Für den 9. November planen die Nazis eine „Aktion“, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen soll. Gauleiter Globocnik will vorbauen und ruft noch in der Nacht vom 8. auf den 9. November seinen Rechtsberater Dr. Viktor Sauer an, um von ihm zu erfahren, wie man es anstellen solle, dass die Täter strafrechtlich nicht belangt werden können. Als Sauer ihn warnt und meint, dass nach geltendem Recht auch die Anstifter strafrechtlich belangt werden könnten, fragt Globocnik „höhnisch, ob auch er eingesperrt werde“ – „mit blutleeren Paragraphenreitern“ sei eben nichts zu machen, er werde „die Sache schon schaukeln“. (Zitiert nach Rosenkranz, Novemberpogrom 1938.) Und er will die „Sache schaukeln“, obwohl er gar nicht in Wien sein wird: Am Nachmittag des 9. November reist er nach München, wo sich die Nazi-Führer mit Hitler im Alten Rathaus zum Gedenken an den Marsch zur Feldherrnhalle 1923 treffen. Als aus Paris die Nachricht vom Tod des Botschaftssekretärs eintrifft, ist die „Judenhatz“ nicht mehr aufzuhalten. Von seinem Hotel aus ruft Globocnik um etwa 22.30 Uhr in Wien an und gibt die Anweisungen zum Losschlagen; am Morgen setzen sich die Rollkommandos der SS in Bewegung, das Ziel: die Zerstörung von Bethäusern und Synagogen. Um 9.35 Uhr brennt in der Neuen Weltgasse 7 der erste jüdische Tempel, insgesamt sind es 42 jüdische Gotteshäuser, die dem „gesteuerten Vandalismus“ zum Opfer fallen. Gleichzeitig werden von SA und Schutzpolizei jüdische Geschäfte demoliert und Tausende jüdische Wohnungen durchsucht und beschlagnahmt, 6.547 Juden, erstmals auch Frauen und Kinder, werden verhaftet, 3.700 von ihnen überstellt man am 13. November 1938 ins KZ Dachau.

Im Laufe des 10. November kehrt Globocnik nach Wien zurück, so wie Reichskommissar Bürckel ist er mit „dem Erfolg der Aktion durchaus zufrieden“; sein abschließender Bericht zur „Kristallnacht“ fasst die aus seiner Sicht „positiven“ Effekte zusammen: So wären von den 5.000 jüdischen Einzel- und Kleinhandelsgeschäften in Wien nun 4.000 „innerhalb kürzester Zeit“ gesperrt und der „arische Kleinhandel dadurch auf eine gesunde Wirtschaftslage gebracht“ worden, ca. 2.000 Parteigenossen hätten durch diese Aktion entsprechende Kleinwohnungen erhalten, die Lagerbestände der demolierten Geschäfte würde man „arischen“ Geschäftsleuten übergeben. Über die „Skandalszenen“ in der „Nacht der langen Finger“ ist man parteiintern nicht unbedingt glücklich, in einer Sitzung im Gauwirtschaftsamt am 12. November ist es vor allem Hermann Göring, der sich gegen die unnötige Zerstörung von „Konsumgütern“ und „Volksgütern“ ausspricht, um dann zynisch zu resümieren: „Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und nicht solche Werte vernichtet.“ Die Herren stimmen dem zu – gemeinsam beschließen sie die sofortige Sperre aller jüdischen Bankguthaben, vor allem auch jener Juden, die von der Gestapo festgenommen worden sind.

Brutale Hiebe, fließendes Blut: Notarrest Kenyongasse 2 – 4

Es ist der 12. November 1938. Die Männer von der 3. Kompanie der in der Radetzkykaserne stationierten SS-Standarte „Der Führer“ sind in ihrem Element. Über 2.000 Juden hat man im Laufe des Nachmittags im Gebäude der ehemaligen Klosterschule in der Kenyongasse 4 zusammengetrieben. Das Haus steht leer, den Schwestern der „Kongregation der Töchter des Göttlichen Heilands“ hat man schon bald nach dem Anschluss das Recht zur Lehrtätigkeit entzogen, die ordenseigenen Gebäudebereiche stehen nun den neuen Herren zur Verfügung, die Schwestern dürfen die ehemaligen Schulräume nicht mehr betreten und sich nur mehr im Kloster und im Keller aufhalten. Im Oktober sind hier kurz sudetendeutsche Flüchtlinge einquartiert gewesen, doch jetzt hat man eine bessere Idee: Warum nicht hier die Juden unterbringen, die man in diesen Tagen der Willkür zusammentreibt?


Das Schulgebäude in der Kenyongasse 2 – 4 wird während des Novemberpogroms zum „Notarrest“: Über 2.000 Juden werden hier zusammengepfercht, gedemütigt und misshandelt.

Die Revolver der beiden Wache schiebenden SS-Männer Otto Seethaler und Heinz Eichler sitzen locker: Als der gefangene Jude Dr. Gottfried Abraham, Jahrgang 1883, wohnhaft in der Taborstraße 27, sich zu wehren versucht und einem der SS-Wächter das Bajonett entwenden will, zögern die beiden nicht lange und eröffnen das Feuer. Dr. Abraham wird tödlich getroffen, zwei weitere Juden, der 31-jährige Friedrich Schönfeld aus der Castellezgasse und ein gewisser Ferdinand Löw, geboren 1903 in Wien, werden ebenfalls getötet. Der Jude Greif Mendl, geboren 1891 im galizischen Kolomea, ein Kaufmann aus der Laurenzgasse, wird mit einem Kopfschuss ins Sophienspital geschafft, erliegt aber noch am selben Tag seiner schweren Verletzung. Der Totenschein vermerkt für die Opfer lapidar „Schädelschuss“, die näheren Umstände werden diskret verschwiegen.

Jeweils bis zu 200 Menschen werden in die Klassenzimmer gepfercht, zur Begrüßung gibt es für die Gefangenen Hiebe, dann müssen sie sich auf den Boden legen und bekommen die „Hausordnung“ erklärt. Die SS-Männer bestimmen jeweils einen Inhaftierten zum Zimmerkommandanten, der auf Verlangen mit einem „Tagesbericht“ aufwarten muss. Der Rechtsanwalt Siegfried Merecki, Jahrgang 1887, der bereits eine Schiffskarte für die Überfahrt nach Amerika besitzt und später tatsächlich emigrieren kann, erinnert sich: „Einmal verlangte ein SS-Mann vom Kommandanten den Tagesbericht. Dieser sagte: ‚Melde gehorsamst, hier sind 137 Mann.‘ Darauf erhielt er einen Schlag übers Gesicht, so dass er wiederholte, und es kam die Antwort: ‚Hier sind nicht 137 Mann, sondern 137 jüdische Schweine.‘ Als dann ein anderer Soldat kam, sagte unser Kommandant diesmal schon belehrt: ‚Melde gehorsamst, hier sind 137 Juden.‘ Für diesen Bericht bekam er erst recht Schläge, denn dieser SS-Mann war wiederum der Meinung, dass er Späße mache.“ (Zitiert nach Gerhardt/Karlauf, Nie mehr zurück in dieses Land.)


Das Haus in der Kenyongasse bleibt bis 1945 in den Händen der Nazis: auffälliges Fliesenmuster mit stilisierten Hakenkreuzen?

Die Prügel in den Klassenzimmern sind jedoch nur der Auftakt zum großen Spaß am Abend. „Turnübungen für die Juden“ heißt die Parole: Die SS-Männer treiben einen Teil der Gefangenen in den Turnsaal der Schule, die „Übungen“ beginnen mit dem beliebten „Wippen“, wer vor Erschöpfung nicht exakt mitmacht, wird von den Wachen gnadenlos mit Peitschenschlägen traktiert. Emanuel Fuchs, der 20-jährige Sohn eines Buchbinders aus der Leopoldstadt, wird Zeuge dieser Torturen. So zwingen die SS-Männer einen beleibten jüdischen Rechtsanwalt, eine Leiter hochzuklettern und sich dann nur mit den Händen an einer Sprosse festhaltend runterhängen zu lassen – dann prügeln sie mit Stöcken auf ihn ein, so lange, bis der Unglückliche sich nicht mehr halten kann und von der Leiter fällt. Andere Inhaftierte wiederum werden dazu gezwungen, wie Gladiatoren gegeneinander zu einem Zweikampf anzutreten, wer zuerst blutig geschlagen zu Boden geht, hat verloren. „Immer wahnsinniges Geschrei im Hause, brutale Hiebe, fließendes Blut, waren das noch Menschen?“, wird sich später ein Überlebender fragen.


Da ist die Welt noch in Ordnung: Ernst Benedikt mit seiner Frau Irma und den vier Töchtern. Foto: Hermann Kosel, 1927.

Unter jenen Wienern jüdischer Abstammung, die aus der Sammelstelle in der Pramergasse 10, der Reitschule der Wiener Berittenen Polizei, in die Kenyongasse gebracht werden, ist auch Ernst Benedikt (1882 – 1973), der ehemalige Herausgeber und Chefredakteur der Neuen Freien Presse, dem später zusammen mit seiner Familie die Flucht nach England und weiter nach Schweden gelingen wird. Er ist am Morgen des 10. November von einem Wachmann aus seinem Haus in der Himmelstraße 55 in Döbling abgeholt worden, nicht ahnend, welch Terror ihm bevorstehen würde; die Warnung vor einer „Nacht der langen Messer gegen die Juden“ hat er, das schwedische Visum bereits zugesichert, leichtfertig in den Wind geschlagen. Zusammen mit 105 anderen Gefangenen landet auch er in einem Klassenzimmer, in dem er und seine Leidensgenossen von einem „Sportlehrer“ mit diversen Übungen schikaniert werden: „Er schrie, daß unsere Fensterscheiben zitterten, er warf sich bei jeder Meldung in die Brust, als stünde er vor einem Feldmarschall. […] Tiefe Kniebeuge, zehn Mal, zwanzig Mal wurde gefordert. Niederwerfen auf den Boden ohne Rücksicht auf das Bein oder die Arme des Nachbarn, zehn Mal, zwanzig Mal, wie Rekruten bei einer ernsten Felddienstübung. Liegestütz als Strafe für jene, die der leichteren Gymnastik nicht oder nicht gut mächtig waren. Fünf oder sechs Stunden dauerte diese, zum Teil auch von einem Wachmann geleitete ‚Unterhaltung‘.“

Die Gefangenen bekommen kaum zu essen, es gibt keine Möglichkeit, sich zu waschen, keine Matratze oder Pritsche, um sich hinzulegen. Das Schlimmste ist jedoch die „Begleitmusik der Himmlergarde“, wie Ernst Benedikt die Demütigungen nennt, die ausgewählte Opfer der SS-Männer über sich ergehen lassen müssen. So erinnert er sich an einen jungen Hebräischlehrer, der für eine „Vorstellung“ auserkoren wird: „Mit ein paar Stößen brachte man ihn auf den Katheder. Was er denn tue, wie er die Christen betrogen, was für Sauereien er betrieben habe. Solche oder ähnliche Fragen beantwortet er entweder schweigend oder in kindlicher Unbeholfenheit. Nun erklärte ihm der nach stärksten Effekten suchende ‚Prüfer‘: ‚Also, du wirst erschossen. Jetzt sing etwas!‘ Der also Angeherrschte zögerte naturgemäß. Singen – da einem der Tod verkündet wird –, wie sollte er das fassen? Da fuhr schon die Hand des Peinigers ihm ins Gesicht und packte seinen Bart. ‚Sing, du!‘ Nun begann er wirklich zu singen. Zuerst zögernd, ersichtlich freier, immer – ich kann es nicht anders sagen – erhabener. Wir alle standen atemlos dieses Schauspiel begleitend, mitleidend, mitweinend und innerlich mitsingend, mit diesem, der wie die Jünglinge im Feuerofen aller Haft und allen Scheußlichkeiten spottete. ‚Andere Platte einlegen!‘, schnarrte der Befehl und wieder begann er ein Lied, immer fröhlicher, immer weniger unter uns verweilend. ‚Was hast du gesungen, was heißt dein Gemauschel?‘ Leise kam die (sehr kluge) Antwort: ‚Der Sinn passt für alle …‘ ‚Jetzt bete mal zu deinem Volke, ehe du erschossen wirst. Du wirst ja erschossen. Los, los, vorwärts!‘, hieß es […] Nun begann er zu beten und noch nie habe ich so viele Augen in Tränen gesehen, nie noch so innig die alten, ehrwürdigen Worte der Überlieferung mitgesprochen, wie damals, da der anscheinend Todgeweihte uns sagte: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen. So segne der Herr deinen Eingang und deinen Ausgang und gebe dir Frieden. Ich wußte, als dieser Priester nun weggeführt wurde – unbekannt wohin –, daß ich nie seine Worte vergessen würde, daß die an Christus auf manchen Bildern gemahnende Gestalt – Christus von Kriegsknechten verhöhnt, bespien und gepeitscht – mir nie aus der Seele schwinden wird, da er uns allen durch seine Freiheit die Freiheit gab.“

Unter den verzweifelten Häftlingen kommt es zu Selbstmordversuchen. So versucht am Abend des 12. November Dr. Max Oberjäger, wohnhaft in der Schubertgasse 8, aus dem Fenster eines Zimmers im dritten Stock zu springen, wird aber von seinen Mithäftlingen im letzten Moment noch zurückgehalten. Oberjäger zieht sich schwere Schnittwunden durch splitterndes Glas zu und wird auf die 1. Unfallstation des Allgemeinen Krankenhauses gebracht, von dort überstellt man ihn in die psychiatrische Abteilung. Die Versorgung für den eingelieferten Juden ist jedoch „mangelhaft“ – Max Oberjäger verstirbt noch am selben Tag.


Leidensstation Pramergasse 10: Durchgang zur ehemaligen Reitschule der Wiener Sicherheitswache, einer der „Sammelstellen“ während des Novemberpogroms.

Wie Ernst Benedikt in seinem Bericht hervorhebt, sehen sich die Gefangenen physischen und psychischen Misshandlugen gegenüber, denen sie kaum gewachsen sind. Menschen wie ihre Peiniger haben sie bisher nicht gekannt, „Zorn und Ekel“ sind die dominierenden Empfindungen: „Ich sehe ihn noch vor mir – ich höre noch seine krachende Stimme –, wie dieser Riese mit dem blutrünstigen flachen Kindergesicht, seinen seltsam gestielten, runden Augen – ähnlich gewissen Fleischern oder Saufbolden – auf seine Opfer losfuhr, Gemeinheit und Hohn in jeder Faser seines Wesens. Hohn mit einer Art pseudoliterarischer und gleichzeitig obszöner Finesse, etwa wie ein Zuhälter, der vor einem Lustmord etwas aus ein paar Magazinen oder ein paar Bildungsbrocken zum Besten gibt. Unmöglch, die Fülle dieses Unflats wiederzugeben.“

Ein Teil der festgehaltenen Juden wird einige Tage später wieder in die Reitschule in der Pramergasse überstellt und von dort nach Dachau geschickt, andere landen zunächst im Polizeigefangenenhaus auf der Elisabethpromenade und müssen von hier den Weg ins bayrische KZ antreten. „So absurd es klingt“, wird der oben zitierte Überlebende in seiner Zeugenaussage feststellen, „für uns Insassen der Kenyongasse war nach den vielen unmenschlichen und unberechenbaren Ausschreitungen Dachau fast eine Erholung.“ (Yad Vashem, Bericht 02 / 455, zitiert nach Safrian/Witek, Und keiner war dabei.) Ähnlich ergeht es Ernst Benedikt, der von der Kenyongasse für einen „kurzfristigen Aufenthalt“ in eine Zelle des Landesgerichts gebracht wird. Hier, zusammen mit „wirklichen Verbrechern“ wie einem Totschläger und einem Brandstifter, genießt er die „gemütliche Atmosphäre“ – dann geht es für ihn zurück nach Hause und zwei Tage später ins Spital: Die Folgen des „Notarrests“ machen sich unter anderem mit Blutungen und eitriger Bronchitis bemerkbar.

Nach dem Abtransport der Juden steht das Schulgebäude Kenyongasse 4 wieder leer, eine Schwester, die sich verwegen in die verlassenen Räume vorwagt, stößt auf durch Pistolen- und Gewehrschüsse durchbohrte Fenster und Türen, die Wände in den Klassen sind mit Blut bespritzt (Gedenkdienst Nr. 1a/11). Das Haus geben die Nazis jedoch nicht mehr aus der Hand. Vom Dezember 1938 bis August 1939 macht sich hier die „Deutsche Arbeitsfront“ breit, die eine Höhere Fachschule der Gastwirtgenossenschaft betreiben will, abgelöst wird sie von der Heeresstandortverwaltung mit ihrer Standortgebührenstelle; in der Kenyongasse 6 und 8 befindet sich ab dem 1. April 1940 die Wehrmachts-Unterkunftststelle Westbahnhof und im Exerzitienhaus der Ordensschwestern in der Kaiserstraße 25 und 27 wird 1941 ein Reservelazarett eingerichtet. Nach einer neunmonatigen Ausbildung, ausgestattet mit einem „Verwendungsbuch“, einer Ausweiskarte, einer Erkennungsmarke und zwei Armbinden, dürfen sie nun verwundete Soldaten pflegen …

Heute ist die Schule in der Kenyongasse mit über 1.000 Jugendlichen ein stark frequentiertes Gebäude. Da ist einiges los! Eine Gedenktafel, die an das Geschehen in den Novembertagen 1938 erinnert, sucht man jedoch vergeblich. Wir haben nachgefragt – angeblich hat man das Anbringen einer Gedenktafel bereits einmal angedacht. Dem Projekt fehlte es aber an entscheidender Unterstützung.

Der Zutritt zu den Kellern wird vom Betriebsleiter nicht gestattet. Ein Detail lässt uns allerdings stutzig werden: Bodenfliesen, deren Ornamente an stilisierte Hakenkreuze erinnern. Sind das Fliesen aus der NS-Zeit?

Pramergasse 10: eine Reitmanege als „Sammelstelle“

Das mächtige Neorenaissance-Haus Pramergasse 10, der „Lohner-Hof“, ist heute ein schön restauriertes Gebäude, errichtet 1884 von Alois Sallatmeyer als Zinshaus für den Karosseriefabrikanten Franz Lohner, dessen Porträt, so der Dehio, im Keilstein des hohen Rundbogenportals zu sehen sein soll. Nach dem Tod seines Vaters Heinrich Lohner leitete Franz Lohner zusammen mit seinem Bruder Jakob die legendäre Wagenfabrik der Familie in der nahen Porzellangasse 2. Das Besondere der Lohnerwerke, die später nach „Neuleopoldau“, heute Donaufeld, übersiedeln: Die gesamte Produktion – von der Planung bis zur fertigen Pferdekutsche – erfolgt im Haus. Um 1900 steigt man auf den Bau von Automobilen um, einer der Mitarbeiter ist Ing. Ferdinand Porsche.

Die Pramergasse, Querverbindung von der Porzellangasse zum Donaukanal, hieß ursprünglich Kothgasse, und der Name war kein Zufall, doch das ist 1938 schon längst vergessen. Nur ein einziges Detail verrät dem Wissenenden noch, dass der „Lohner-Hof“ während des Novemberpogroms eine zentrale Rolle spielte: Oberhalb des Rundbogenportals ist im Bogenfeld des Torblatts ein großer geschnitzter Pferdekopf zu sehen – letzte Reminiszenz daran, dass sich im Hoftrakt der Anlage seit dem Jahr 1913 die Reitschule der Reiterstaffel der Wiener Sicherheitswache befindet.

Wir haben Glück: Zufällig ist der Rauchfangkehrer im Haus und er öffnet uns das Eingangstor, sodass wir die Möglichkeit haben, einen Blick hinter das Haus zu werfen. Von der ehemaligen Reitschule keine Spur mehr, ein modernes Wohnhaus hat sich vor jede Erinnerung geschoben.

Für Ernst Benedikt und viele andere verhaftete Juden wird die Reitschule im November 1938 zur ersten Leidensstation. In seinen Erinnerungen berichtet er von der Ankunft: „Wir eilten unter dem brüllenden Zuruf der SS-Leute – ‚Tempo, Tempo!‘ – in das Gebäude, das uns als Kerker dienen sollte. Durch einen ziemlich breiten Eingang rannten wir geradeaus und kamen in einen Riesensaal, der in diesem Augenblick noch völlig leer war. Sofort wurden wir – etwa fünfzehn Leute – an die Wand gestellt und mussten in tiefer Kniebeuge mit ausgestreckten Armen unsere Personaldaten mitteilen – wohl eine der seltsamsten Positionen, die für solche Zwecke ausgesucht werden können. Und merkwürdigerweise wir alle – Nichtturner von Beruf und in begreiflicher Erregung – wir taten das Befohlene – der ältere Herr, der Mensch mit der Krampfader, der Philosoph wie der Arzt. Sie konnten es, weil eben die Angst – wir sollten dies noch gut erfahren – ein starker Motor ist. […] Die ganze Nacht, bis in den Morgen dauerten diese Prozeduren mit immer neuen Abteilungen und ich hatte Zeit genug, um das Milieu zu besichtigen, in das von Minute zu Minute mehr Menschen kamen, alle sichtlich unter dem Eindruck des ‚Tempos‘. Also totenblaß, nach Atem ringend, von Angst erschüttert. Der Raum, in dem wir uns befanden, war ein Saal von gewaltigen Dimensionen. Es war ein Rechteck, groß etwa wie der Saal der Hofstallungen und der Vergleich stimmte fast in jeder Richtung, denn wir waren in der Reitmanege der Polizei, in der Pramergasse im neunten Bezirk gelegen. Dünner Sand bedeckte den Boden, ein mächtiges Tor war jenem gegenüber, durch dessen Öffnung wir gekommen waren. Ganz in der Höhe des immerhin etwa zwei Stock hohen Raumes waren die Fenster angebracht und glücklicherweise zum größten Teil während der ganzen Zeit unserer Haft geöffnet. Es war ein milder Novembertag gewesen und auch die Nacht war mild, wir froren nicht und hatten ziemliche Freiheit zu tun, was wir wollten, da das immer dichter werdende Gedränge jede Disziplin im ernsterem Sinne verhinderte. Wir waren schließlich 2.800 Menschen – so lautete die Schätzung, die allgemein verbreitet war in dieser Menge.“


Nichts erinnert mehr an die „Epidemie des Irrsinns“ im November 1938: das mächtige Portal des „Lohner-Hofs“ mit dem Porträt des Karosseriefabrikanten Franz Lohner.

Ernst Benedikt nützt die Gelegenheit, um mit den „Mithäftlingen“ über ihre Erlebnisse zu reden, und muss erkennen, dass ein wahrer „Glücksstern“ über ihn gewaltet hatte. So erfährt er, dass es in diversen Kellern zu den „infamsten perversen Szenen“ gekommen sei, auch „homosexuelle Excesse“ seien geschehen, viele in „diesen Marterkammern“ stundenlang zu dem bei der SS beliebten „Wippen“ gezwungen worden. Der Aufenthalt im Reitsaal der Pramergasse wird zur „Epidemie des Irrsinns“: Der folgende Tag und die folgende Nacht vergehen, ohne dass die Festgehaltenen etwas zu essen bekommen, ein ungenießbares Stück Brot ist „offenkundig“ mit „irgendeiner Droge“ versetzt, „um unseren Widerstand zu lähmen und unseren Willen zu vergewaltigen“. Erst nach 48 Stunden werden Semmeln verteilt, sie werden den Verteilern von der „dichten Schar der Tobenden“ förmlich aus den Händen gerissen, der „eiserne Hohn der von der Estrade niederblickenden Beobachter vervollständigte die Hässlichkeit der Szene“.

Vor der Überstellung in die Kenyongasse gibt es schließlich noch eine Tasse Tee und ein Stück Weißbrot, dann geht es zu den Lkws, wieder beginnt das „Regime des Tempos“: „Wer spricht, wird erschossen, wer zum Fenster geht, wird erschossen, wer nicht gehorcht, wird erschossen.“

Die berittene Abteilung der Wiener Sicherheitswache, 1938 noch eine Stütze der Polizeiverwaltung, hat im nationalsozialistischen Wien keine Zukunft: 1940 / 41 wird sie schrittweise aufgelöst, in der ehemaligen, nunmehr zur Garage umfunktionierten Reitmanege, parken die Jeeps und Lkws der U.S. Army.


Grundlage für einen „lebenswichtigen Unterricht“: „Die einfachen Zeichnungen werden sich dem Gedächtnis des Schülers weit besser einprägen als der beste Vortrag.“ (Aus dem Geleitwort Sepp Burgstallers)

Jüdinnen müssen nackt tanzen

Charakteristisch für das Novemberpogrom ist das brutale Vorgehen gegen jüdische Frauen. Zum Schauplatz von Misshandlungen wird u. a. die Brigittenau. In einem großen Saal haben SS-Männer etwa 200 Jüdinnen zusammengetrieben. Plötzlich flammt ein Vorschlag auf, der begeisterte Zustimmung findet: Die Jüdinnen sollen sich ausziehen und nackt auf den Tischen tanzen. Unter dem Gejohle der SS-Männer müssen sich die „Judenhuren“ ihrer Kleider entledigen, auf die Tische steigen und zu tanzen beginnen. Eine der Frauen weigert sich, dem Befehl nachzukommen – sie wird gepackt und auf einen der Tische gebunden, dann müssen die anderen Frauen an der Unglücklichen vorbeidefilieren und ihr ins Gesicht spucken.

„Ich möchte kein Jude in Deutschland sein“

Die Maßnahmen zur Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung gehen nach dem Novemberpogrom unvermindert weiter: Juden wird die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen untersagt, am 28. Dezember hebt Göring den Mieterschutz für Juden auf – damit soll der jüdische Hausbesitz endgültig „arisiert“ werden. Am 30. April 1939 folgt das Gesetz über die „Mietverhältnisse mit Juden“, das die Grundlage dafür wird, dass die meisten Juden ihre Wohnungen verlassen müssen.

„Zeichenskizzen für den Schulgebrauch“: Sepp Burgstallers Einführung in „Erblehre, Rassenkunde und Bevölkerungspolitik“, 1941.

Mit gnadenloser Konsequenz wir die Ausschließung von Jüdinnen und Juden aus dem Berufsleben betrieben. Mit 31. Jänner 1939 verlieren die Zulassungen für jüdische Zahnärzte, Veterinäre und Apotheker ihre Gültigkeit, jüdischen Privatgelehrten, Künstlern, Schriftstellern, Handelsagenten und Maklern wird die Befreiung von der Umsatzsteuer entzogen, jüdische Musiker und Komponisten werden aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen. Auch gegen die jüdischen Familien geht man vor: Ihnen wird die Kinderermäßigung entzogen, jüdische Familienväter werden in die höchste Steuerstufe von Ledigen transferiert. Wer umziehen will, muss eine Steuer von 100 Prozent auf den Wert der mitgeführten Gegenstände zahlen. Eine neue Steuer oder besser Kontributionszahlung wird von Hermann Göring unmittelbar nach dem Novemberpogrom erfunden: die „Judenvermögensabgabe“, kurz „Juva“ genannt, die bis zum 15. November 1939 zu zahlen ist. An Zynismus ist diese Göring’sche Perfidie, die von Hitler und Goebbels gedeckt wird, nicht mehr zu überbieten: Als „Sühneleistung“ für die „feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“ wird eine Zahlung von einer Milliarde Reichsmark verhängt, die sich später noch auf 1,25 Milliarden erhöhen wird. In der diesbezüglichen „Besprechung über die Judenfrage“ am 12. November erklärt Göring sein Vorhaben: „Ich werde den Wortlaut wählen, dass die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit als Strafe für die ruchlosen Verbrechen usw. usw. eine Kontribution von 1 Milliarde auferlegt bekommen. Das wird hinhauen. Die Schweine werden einen zweiten Mord so schnell nicht machen. Im übrigen muss ich noch einmal feststellen: Ich möchte kein Jude in Deutschland sein.“

Hitler braucht dringend Geld für die Aufrüstung der Wehrmacht, die Juden sollen sie mitfinanzieren. Auch wer sein Geld in einer Stiftung angelegt hat, bleibt daher nicht verschont: Mit Erlass des Reichsinnenministeriums vom 8. Mai 1939 werden Juden vom Genuss der Stiftungsmittel allgemeiner Stiftungen oder solcher für Juden und Nichtjuden gegründeter ausgeschlossen, rein jüdische Stiftungen dürfen nur mehr für den Zweck weiter bestehen, die jüdische Auswanderung zu unterstützen bzw. jüdische Fürsorgeeinrichtungen wie Krankenhäuser und Schulen zu unterhalten.

Reichsstatthalter Arthur Seyß-Inquart wartet mit einer weiteren Schikane auf: Mit einem Gesetz über die Änderung von Familien- und Vornamen, verlautbart am 24. Jänner 1939, verfügt der „Anschluss“-Kanzler, dass Jüdinnen und Juden die zusätzlichen Vornamen „Sara“ bei den Frauen und „Israel“ bei den Männern in ihren Kennkarten und anderen offiziellen Dokumenten eintragen müssen, die Frist dafür erstreckt sich bis zum 1. April 1939. Auch für den Fall, dass manche Juden die Vornamen nicht eintragen werden, hat man vorgesehen: Die Anführung der Vornamen wird im Rechts- und Geschäftsverkehr zur verpflichtenden Maßnahme erklärt.

Bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939 werden es insgesamt 250 antijüdische Gesetze sein, mit denen die jüdische Bevölkerung ausgegrenzt, diskriminiert, in ihrer Mobilität eingeschränkt und entrechtet wird.

DIE VERWANDLUNG DER STADT UND IHRER MENSCHEN

Es verwandelte sich die Stadt und es verwandelten sich die Menschen: Aus Ärzten wurden Mörder, aus Polizeibeamten willfährige Folterknechte, aus wohlbestallten Richtern Handlanger der Nazi-Todesmaschine, aus der Hausfrau von nebenan eine gefürchtete Denunziantin.

Die Nazis halten sich zugute, dass sie die Wiener aus ihrem etwas lethargischen Alltagstrott gerissen haben, jetzt wollen sie zeigen, dass es auch zackiger geht. Einer jener, der den Wienern die Gemütlichkeit austreiben will, ist der Ratsherr und umtriebige Kulturfunktionär Hans Berner, ein Freund von Josef Bürckel und Mitglied der NSDAP seit 1930. In seiner Broschüre Reichsstadt Wien zieht er gegen dieses „Zerrbild“ des Wieners zu Felde, das von den „Juden und ihren separatistischen Helfershelfern“ bewusst propagiert werden würde. Der Wiener sei eben nicht nur der „blöd lächelnde und idiotisch witzelnde Backhendel fressende und Heurigen sumpfende ‚liebe Kerl‘“, sondern wisse sehr wohl, was seine Pflicht ist, „wenn es um die großen Belange von Volk und Reich geht“. Ja, der Wiener wisse „nicht nur zu leben, sondern auch zu sterben“, wie er das als Soldat des „Großdeutschen Reiches“ an „allen Fronten des großdeutschen Freiheitskampfes“ auch beweise.

Berner, der später in die Parteizentrale nach München übersiedelt, spielt eine besonders unrühmliche Rolle im „Kesseltreiben“ gegen den Lehrer und Schriftsteller Max Stebich, der nach dem „Anschluss“ als Geschäftsführer der Reichsschrifttumskammer (RSK) Landesleitung Österreich den Aufbau der RSK in der „Ostmark“ organisieren soll, auf Betreiben Berners und anderer „Alter Kämpfer“ jedoch fristlos entlassen wird.

Gauleiter Odilo Globocnik spricht auf einer der zahlreichen Kundgebungen im Sommer 1938. Foto: Heinrich Hoffmann.

Aktiv strahlende Augen, ein kleines quadratisches Oberlippenbärtchen und der strenge Seitenscheitel: Die Attribute des „Führers“ werden zum modischen Vorbild.

Alle wollen Führer sein

Jeder kann jetzt zu einem „Führer“ werden und so ein wenig Anteil haben an Glanz und Macht des einen strahlenden Übermenschen. Wer „Führer“ ist, ist kein Knecht mehr, sondern Herr, kein Sklave, sondern „Tatmensch“. Er darf sich eins fühlen mit den neuen Machthabern, die durch ihr zackig-resolutes Auftreten den Eindruck vermitteln, dass es für sie nichts Unmögliches gibt. Ein Führeramt vermittelt Sozialprestige, schmeichelt der Eitelkeit, man spielt mit in der neuen Welt. Es gibt wieder Hoffnung für die eigene Zukunft, an die man schon nicht mehr glauben mochte. So haben die „Führermacher“ jetzt Konjunktur und bald macht sich ein Heer aus großen und kleinen und kleinsten „Führern“ in Stadt und Land breit, kein Bereich des Lebens, der nicht durch das Führerprinzip eine Neuordnung erfährt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: Tausende Positionen in Wirtschaft und Verwaltung, in Kultur und Wissenschaft werden mit „Führern“ und auch mit „Führerinnen“ besetzt, vom „Betriebsführer“ bis zur „Verwaltungsführerin“, vom „Sportgauführer“ bis zum „Gaukriegerführer“, vom „Jungbannführer“ in der Hitlerjugend bis zu den zahllosen „Gefolgschafts“- und „Kameradschaftsführern“.

Wer „Führer“ sein will, muss auch sein körperliches Erscheinungsbild anpassen, es gilt, sich die Attribute des „Führers“ anzueignen. Gerne wäre man auch so eine unbeugsame „Stahlnatur“, wie Hitler zu sein vorgibt, und so lassen sich die kleinen „Führer“ kleine quadratische Oberlippenbärtchen wachsen und üben sich in einer markigen Sprechweise. So wie ihr großes Vorbild wollen sie auch durch ihren Blick beeindrucken, das aktiv strahlende Auge kündet ja in der Sicht der Faschisten von der Kraft des Übermenschlichen, von jenem Mythischen, das Privileg des „Führers“ ist und ihn zur Herrschaft prädestiniert. Alle kennen die Auftritte Hitlers und sein Bestreben, durch das Schweifen des prüfenden, unerbittlichen Blickes die Zuhörer vor ihm in seinen Bann zu ziehen.

Mit der Ernennung zum „Führer“ wird der damit Ausgezeichnete über die „Masse“ hinausgehoben, er kann sich als „Erwählter“ fühlen, als jemand, der für die große „Lichtgestalt“ die Last der Verantwortung mitträgt.

Das „Führerprinzip“ gibt die Möglichkeit, die Machtverhältnisse in der Gesellschaft neu zu ordnen. Die Qualifikationen von gestern – Bildung, Leistung – zählen nur mehr wenig, „Führer“ kann auch der brutale Schläger, die verkrachte Existenz, der machtgeile Sadist werden. Jetzt ist die Stunde all jener gekommen, die glauben, zu kurz gekommen zu sein, und es ist die Stunde der „soldatischen Männer“ (Klaus Theweleit), die ihre Gewalt- und Vernichtungsfantasien bald in die Tat umsetzen werden können. Die Führerämter korrumpieren das Gewissen, viele verlieren den Sinn für Recht und Unrecht. Es ist die Menschlichkeit, die im Wettlauf der vielen „Führer“ auf der Strecke bleibt.

Verkehrsplan des „Reichsgaues Wien“. „Groß-Wien“ ist flächenmäßig knapp dreimal so groß wie das heutige Wien und reicht im Süden fast bis Baden, im Westen bis weit in den Wienerwald hinein.

Groß-Wien und die NS-Bürokratie

Mit der Neugliederung der „Ostmark“ am 24. Mai 1938 wird Wien zum „Reichsgau Wien“ erklärt. Im Oktober 1938 wird das Stadtgebiet durch die Eingemeindung von 98 niederösterreichischen Gemeinden auf 1.218 km2 erweitert, die Einwohnerzahl von „Groß-Wien“ steigt damit auf 2,1 Millionen Menschen, Orte wie Mödling, Klosterneuburg oder Korneuburg sind nun ein Teil von Wien, das in 26 Bezirke geteilt wird. Doch damit nicht genug: Die Nazis überziehen Wien mit ihrer ausgeklügelten Bürokratie, die das Fundament der Diktatur bildet. Die Bezirke werden in zehn „Kreise“ geteilt, wobei der Kreis I die Innenstadt sowie die Bezirke Mariahilf, Neubau, Josefstadt und Alsergrund umfasst. Jeder Kreis wird von einem „Kreisleiter“ geführt, dem ein „Organisationsleiter“ zur Seite steht. Der Sitz der Kreisleitung I befindet sich in der Spiegelgasse 21, Kreisleiter ist ab Oktober 1943 der Lehrer Hans Arnhold, ein „alter Kämpfer“, der in der illegalen Zeit bereits das Amt eines stellvertretenden Gauleiters ausgeübt hat und dem Stab Bürckels bei der Vorbereitung der „Volksbefragung“ vom 10. April 1938 angehört. Arnhold wird zum Ratsherrn ernannt und später „Beauftragter für die Koordination der Aufgaben des Wehrmachterkundigungseinsatzstabes und der Organisation Todt für die Planung des Südostwalles“.


Um die Bevölkerung noch enger und systematischer mit Herrschaft und Ideologie durchdringen zu können, wird jeder Kreis in „Ortsgruppen“ geteilt, im Kreis I sind es z. B. 32 Ortsgruppen, im Kreis IX, zu dem Klosterneuburg gehört, 39. Jede Ortsgruppe, die nicht mehr als 1.500 Haushalte umfassen soll, wird von einem „Ortsgruppenleiter“ geführt. Die Ortsgruppe gliedert sich wiederum in acht „Zellen“, die jeweils von einem „Zellenleiter“ geführt werden. Ihm unterstellt sind die „Blockleiter“ oder „Blockwarte“, wobei sich eine Zelle in vier bis acht Blocks gliedert. Ein Blockwart, der rangniedrigste Parteifunktionär, betreut etwa 40 bis 60 Haushalte, er ist jener Mann, der unmittelbar an der „Front“ steht und für die Menschen seines Bereichs der erste Ansprechpartner ist. Die Blockwarte einer Zelle treffen einander zu gemeinsamen Besprechungen, bei denen auch der Zellenleiter anwesend ist, der wiederum an den Ortsgruppenleiter berichtet.

Der Vorteil dieser fein verästelten hierarchischen Struktur: Für jeden, der mitmachen will, findet sich auch ein Amt, in dem er „Leiter“ oder „Führer“ sein und sich wichtig machen kann.

Die Stadterweiterung wird am 15. Oktober 1938 mit einer Triumphfahrt von Gauleiter Odilo Globocnik gefeiert. Zum Empfang vor dem Rathaus in Perchtoldsdorf gibt es für den neuen Herrn ein Glas Wein. Foto: Heinrich Hoffmann.

Versprechen werden nicht gehalten

Groß-Wien soll Schauplatz einer gigantischen Bautätigkeit werden, pompöse Pläne werden gewälzt: Nicht weniger als 60.000 Wohnungen in großen Siedlungsanlagen sollen errichtet werden. Vizebürgermeister Thomas Kozich (1901 – 1983), der als ehemaliger Spieler der Vienna auch „Sportgauführer“ Wiens ist, kündigt im Herbst 1938 das Programm an: „Lichte, sonnige Räume müssen geschaffen werden, die einen behaglichen Aufenthalt ermöglichen und eine günstige Entwicklung der heranwachsenden Generation gewährleisten […] das Recht des schaffenden Menschen auf würdige Wohnräume muß in die Tat umgesetzt werden.“ Bürgermeister Hermann Neubacher, bis 1934 Generaldirektor der Gesiba, will den Bau dieser Siedlungen forcieren, muss aber bald erkennen, dass die hochfliegenden Pläne nicht realisierbar sind. Immerhin, er darf den Spatenstich für die Erweiterung der Siedlung Lockerwiese im 13. Bezirk vornehmen, 116 Häuser sollen hier von Architekt Karl Schartelmüller errichtet werden. Als erste „nationalsozialistische Siedlung der Ostmark“ wird im Herbst 1938 die „SA-Dankopfer-Siedlung in Leopoldau“ eröffnet, ein Bauvorhaben, das allerdings noch auf die sozialdemokratische Verwaltung Wiens zurückgeht. Der Völkische Beobachter jubelt am 1. November dennoch: „Wir sehen, wie der sehnsüchtige Drang des deutschen Menschen zum Boden Erfüllung findet in einer Art, die die heimische Landschaft veredelt. Die Haustypen wiederholen sich nicht eintönig, sondern sind reizvoll abgewandelt, um ein harmonisches Gesamtbild zu erzielen.“


Führerpose: die Ankunft Globocniks in Perchtoldsdorf. Foto: Heinrich Hoffmann.

Ausgedehnte Siedlungen sollen vor allem in den neu eingemeindeten Stadterweiterungsgebieten errichtet werden, einige wie die Holzweber-Siedlung am Eichkogel in Guntramsdorf und die Dr. Ley-Siedlung in Ebergassing werden zumindest teilweise gebaut, von den 5.000 geplanten Wohnungen der Holzweber-Siedlung werden knapp 300 fertiggestellt. Am Wienerberg wird der Bau der Siedlung Wienerfeld (Ost und West) begonnen, geplant sind hier 4.000 Wohnungen. Im Juli 1939 kann Bürgermeister Neubacher noch das Richtfest für 202 Häuser feiern, dann bleiben die Bauarbeiten allerdings stecken, bis 1942 sind es nur mehr 53 weitere Häuser, die fertiggestellt werden – der Krieg zwingt zu anderen Prioritäten: Anstatt der „lichten, sonnigen Räume“ werden nun unterirdische Bunkeranlagen gebaut und riesige Geschütz- und Feuerleittürme für die Luftverteidigung. Statt neuer Siedlungen gibt es primitive Barackenlager für Juden und Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten. Zur Verfügung stehen den „Volksgenossen“ auch die 70.000 Wohnungen, die durch die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung „frei“ geworden sind.

Von „Arbeit und Brot“ bis zum „Ehestandsdarlehen“: das große Versprechen des „Führers“ zur Volksabstimmung am 10. April 1938. („Wiener Bilder“, 3. April 1938)

Die Indoktrinierung der Kinder und Jugendlichen

Wie jedes totalitäre Regime richtet auch der Nationalsozialismus sein besonderes Augenmerk auf die Lebensbereiche der Kinder und Jugendlichen. Ihre Erziehung soll im Geist der „revolutionären“ braunen Ideologie erfolgen, sie soll Überzeugungen und Haltungen vermitteln, die sie später im „Großdeutschen Reich“ benötigen werden: Das sind etwa Treue und Gehorsam gegenüber dem „Führer“ und das opferbereite Bekenntnis zur „Volksgemeinschaft“. Hitler selbst sieht in Mein Kampf die „Krönung“ der Erziehung im Bestreben, dass „sie den Rassensinn und das Rassegefühl instinkt- und verstandesmäßig in Herz und Gehirn der ihr anvertrauten Jugend hineinbrennt“, „kein Knabe und kein Mädchen“ solle die Schule verlassen, ohne „zur letzten Erkenntnis über die Notwendigkeit und das Wesen der Blutreinheit“ geführt worden zu sein. Damit stellt er die Weichen: Nicht das Faktenwissen, nicht praktische Kenntnisse und Fähigkeiten sind das Entscheidende, sondern die Haltung zu Rasse, Volk und „Führer“, alles andere ist nachrangig. Sein Parteiideologe Alfred Rosenberg wird später im Mythus des 20. Jahrhunderts von „Charakterbildung“ sprechen, von jenen Werten, wie „sie zutiefst im germanischen Wesen schlummern und sorgfältig hochgezüchtet werden müssen“. Die Erziehung im NS-Staat gewinnt eine Perspektive konträr zum gewohnten bürgerlichen Bildungsideal:

Nicht die individuelle Vervollkommnung, die Ausbildung der persönlichen Talente, steht im Vordergrund, sondern der Nutzen für das „Volksganze“. Die jungen Menschen, so das Ziel der Indoktrinierung, sollen sich mit Freude als Teil dieses „Volksganzen“ verstehen – bis hin zur Bereitschaft, für „Führer und Vaterland“ auch in den Tod zu gehen.


Beliebtes Sujet der NS-Propaganda: die Trommel.

Spielzeugwelt Krieg

Die Ideologie des Nationalsozialismus und der Krieg erobern auch die Wiener Kinderzimmer. Ideales Instrument dafür ist das Spielzeug. Ob kleine Plastikfiguren Hitlers oder technisch raffiniert ausgestattete U-Boote, Flugzeuge oder Schlachtschiffe, ob ein Wehrmachtsquartett oder eine Biografie des „Führers“ für Kinder – der Nachwuchs kann dem Geist der braunen Revolution kaum entkommen. Da es sonst kaum Attraktionen gibt, gewinnt das Spielzeug in den Kriegstagen enorm an Bedeutung: Man freut sich auch über ganz banale Dinge: ein kleines Spielzeugauto, eine Puppe oder über den aus Stoffresten zusammengenähten Teddybären. Diese Schätze werden auch bei einem Fliegerangriff nie in der Wohnung zurückgelassen. Erin der Hand hält man das heiß geliebte Spielzeug, man weiß, die Kinder würden darauf nie verzichten!


„Jugend“ und „Zukunft“ sind zentrale Schlagworte: Ankündigung einer Rede von „Reichsjugendführer“ Baldur von Schirach auf dem Rathausplatz, nunmehr „Adolf-Hitler-Platz“.

Überwacht wird die ideologisch-politische Korrektheit der Spielsachen vom 1933 gegründeten „Reichsverband der deutschen Spielwaren-, Korbwaren- und Kinderwagenhändler“, was nicht in das Weltbild passt, wird mit dem Bann belegt.

Mit den Siegen der Wehrmacht in den „Blitzkriegen“ 1939 bis 1941 setzt ein Boom bei Kriegsspielzeug ein, von dem vor allem die Buben begeistert sind. Waffen und Fahrzeuge im Miniformat lassen sie von den Heldentaten träumen, die in der NS-Presse und im Goebbels-Rundfunk gefeiert werden. Genau das ist das zynische Kalkül der Spielzeugmacher: In den heranwachsenden jungen Menschen soll die Bereitschaft wachsen, für „Führer“ und Deutschland hinauszuziehen an die Front, von deren wahren Schrecken man sich im Kinderzimmer keine Vorstellung machen kann. Im spielerischen Umgang mit den technischen Finessen der Todesmaschine wird ihnen die Welt des Krieges vertraut, der Krieg wird zum großen Abenteuer stilisiert.

Viele Zeitzeugen, mit denen wir gesprochen haben, sehen ihre Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus als durchaus erfüllte Zeit. Man traf sich in der Gruppe; Kameradschaft und die Zugehörigkeit zum „Reich“, gemeinsame Abende am Lagerfeuer mit Singen und Musizieren sind vielen als positive Erlebnisse in Erinnerung geblieben. Aus ihrer Sicht war es eine wunderbare, glückliche Zeit. Entscheidend, so sagen sie, war die elementare Erfahrung des „Dazugehörens“.

Einen ganz besonderen Einblick in ihre Lebenswelt geben Kinder, wenn sie zu zeichnen beginnen. Wenn sie zu Papier bringen, was sie bewegt. In ihren Zeichnungen wird der Erfolg der Indoktrinierung sichtbar. Ein Zeitzeuge, der seine Kinderzeichnungen bis heute aufbewahrt hat, ist Heinz Düringer, geboren am 9. November 1930. Er zeichnet in seiner Kindheit mit Bleistiften und Buntstiften das, was seine tägliche Wahrnehmung bestimmt – und das ist der Krieg. Schon bald lässt sich sein Talent fürs Zeichnen erkennen, als begnadeter Architekt wird er später eine erfolgreiche Berufslaufbahn einschlagen. Für diesses Buch hat er uns einige seiner Kinderzeichnungen zur Verfügung gestellt.

Bei uns in Wien

Der Vermittlung ihrer Ideologie durch Kinder- und Jugendbücher widmen die Nazis, die lieber von „Weltanschauung“ sprechen, erhebliche Anstrengungen. Bücher, so ein gängiges Wort der Zeit, sind „Schwerter des Geistes“ oder auch einfach „Waffen“, entsprechend massiv führt man sie zur gewünschten Bewusstseinsbildung ins Gefecht. So werden Schulbücher geschickt mit Ideologie aufgeladen, auch dort, wo man es im ersten Augenblick nicht erwarten würde, z. B. etwa in Mathematikbüchern. Vom einfachen Zählen und Bestimmen von Mengen bis hin zu anspruchsvollen Textaufgaben: „Führer“ und Deutschland und ihre Symbole wie das Hakenkreuz sind allgegenwärtig.

Der Krieg in allen Facetten beherrscht die kindliche Vorstellungswelt: Zeichnungen des 1930 geborenen Heinz Düringer.

Das Buch als „Waffe“: Die Ideologie wird als Teil der kindlichen Erlebniswelt inszeniert. Umschlagillustration des 1943 erschienenen Kinderbuches „Bei uns in Wien“.

Die Beeinflussung der Jugendlichen erstreckt sich in alle Lebensbereiche. Oft nur sehr im Hintergrund gehalten, jedoch ständig präsent, wird die Bewusstseinsbildung zum richtigen, dem „Führer“ treu ergebenen Menschen angebahnt. Es wird dabei nichts dem Zufall überlassen. Ein einfaches Kinderbuch aus dem Jahre 1943 trägt den Titel Bei uns in Wien und soll uns veranschaulichen, mit welchen Bildern ein Kind in Wien aufwächst. Die Titelseite des Buches zeigt zwei Kinder, die dem Treiben an der Donau ihre volle Aufmerksamkeit schenken. Im Hintergrund sind der Kahlenberg und der Leopoldsberg zu sehen. Eine Dampflokomotive überquert auf einer weiteren Brücke den Donaustrom. Das Mädchen winkt mit einem Taschentuch den Passagieren, die sich auf einem unter ihnen durchfahrenden Dampfschiff mit dem Namen Donau befinden. Am Heck des Schiffes sehen wir bereits auf dem Titelbild die Hakenkreuzfahne im Wind wehen! Spielerisch sollen die Kinder auf die vor ihnen liegende Zukunft vorbereitet werden. Wir spielen Arbeitsdienst!

Noch einmal sind wir an der Donau und entdecken hier nun ein ganz anderes Schiff, einen Schaufelraddampfer, der ebenfalls die Hakenkreuzfahne am Heck aufgezogen hat!

Das Zeltlager als gemeinsame Erlebniswelt: Die Aktivitäten unter freiem Himmel mit Lagerfeuer, Musizieren und Singen sollen die Zusammengehörigkeit fördern und die Gruppe im Willen stärken! Wie immer ist die Hakenkreuzfahne mit dabei.

Der Begriff Vaterland soll gepflegt und die deutsche Fahne soll als Symbol für das Deutsche Reich in den Köpfen der Kinder fest verankert werden! Bereits im Vorsatz und im Nachsatz werden wichtige Bilder und vor allem Bezeichnungen angeführt.

Das Gauhaus der NSDAP und die Fahnen werden zum immer präsenten Symbol in mitten der vielen anderen Sehenswürdigkeiten welche Wien auch noch zu bieten hat!

Wir lernen lesen und schreiben mit dem „Führer“

Am 16. März 1938 ernennt Landeskulturleiter Hermann Stuppäck den Parteigenossen Karl Alexander Wilke (1879 – 1954) zum kommissarischen Leiter des Österreichischen Bundesverlages. Wilke ist Maler und Illustrator, bekannt sind seine Beiträge für die Zeitschrift Die Muskete und diverse Bücher des Staackmann-Verlags. Mit dem Verlagsgeschäft hatte er bislang wenig zu tun, doch das tut wenig zur Sache – er ist in der Wiener NS-Szene bestens vernetzt, befreundet u. a. mit Mirko Jelusich, einem alten Weggefährten in der Muskete. Wilkes erste Amtshandlung: Er benennt den Österreichischen Bundesverlag in „Österreichischen Landesverlag“ um, in einer ganzseitigen Annonce im Börsenblatt am 22. März 1938 wird die „Firmenänderung“ bekannt gegeben, mit einem markigen „Heil Hitler!“ versichert Wilke der Buchhandelsbranche, dass der Verlag nun auf dem „glücklich eroberten Boden des Nationalsozialismus“ stehen werde und „nationalsozialistisches Gedanken- und Bildungsgut namentlich auf dem Gebiete der Pädagogik und des Jugendschrifttums pflegen und durchsetzen“ werde.


Musizieren und Singen im Zeltlager sollen das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken: Seite aus dem 1941 erschienenen Lesebuch „Wir lernen lesen“.

„Bücher aus der Ostmark“ werden nun im „Österreichischen Landesverlag“ verlegt – eine Inkonsequenz, die jedoch niemand zu stören scheint. So erscheint 1941 bereits in der 12. Auflage als Ausgabe B für Stadtschulen das erfolgreiche Lesebuch Wir lernen lesen, in Inhalt und Ausstattung auf dem letzten Stand der NS-Richtlinien für den Unterricht in den Volksschulen.

Bas Buch ist reichhaltig illustriert, es werden Szenen aus dem Alltag der Leseanfänger beschrieben. Mit einfacher Symbolsprache und bunten Bildern führt es von A-–Z durch das Alphabet, um danach über die Wort- und Satzbildung zu fließendem erzählerischem Text überzuleiten. Nach dem Einkauf beim Fleischhacker und einem kurzen Aufenthalt in der Küche folgt auf Seite 22 ein Zeltlager, das Kinder bei Ausübung des Hitlergrußes zeigt. Der „Führer“ selbst darf da nicht fehlen:

Krieg, Hitlerjugend, Bund deutscher Mädchen und auch der „Führer“ darf nicht fehlen: Die Schulbücher sind exakt auf die Leitlinien der Propaganda abgestimmt.

Appell an die Solidarität der Jugendlichen: das „Hilf mit!“-Buch, ein Projekt des Jahres 1938.

Nach idyllischen Szenen aus Garten und Park, Bauernhof und Stall kommt auf Seite 78 das obligate Hitlerbild. Die Schülerinnen und Schüler erfahren hier, dass sie stolz darauf sind, dass Adolf Hitler in der „Ostmark“ geboren ist. Gott erhalte unseren Führer noch viele, viele Jahre gesund und froh!

Die Realität des Krieges hält eine Seite später Einzug im Buch: Ich werde ein Soldat! Es beginnt die Verherrlichung des Soldatentums, die auf den nächsten Seiten mit dem Kapitel Wir ziehen in den Krieg fortgesetzt wird.

Auf Seite 108 marschiert dann „unser Jungvolk“ in Schritt und Tritt, das Buch appelliert an Pflichtbewusstsein und Kameradschaft und versteckt dahinter die böse Absicht, bereits die Schüler auf ihr Opfer für die „Volksgemeinschaft“ einzustimmen. Voraussetzung dafür ist der unbedingte Glaube an den „Führer“, und so widmet man ihm gleich noch einen Abschnitt: Einmal vom „Führer“ eingeladen zu werden und ihm persönlich begegnen zu dürfen, so wird suggeriert, sei das höchste Glück.

Ideologie wird geschickt mit den „Lockangeboten“, die das Regime bietet, verbunden: Zuallerletzt, passend zum Ferienbeginn, findet sich unter der Überschrift „Die Schule ist aus“ noch ein Hinweis auf die von der „Deutschen Arbeitsfront“ ins Leben gerufene Aktion „Kraft durch Freude“. Auch Menschen mit wenig Einkommen können nun auf das Land fahren oder eine Reise absolvieren – mit dem „Führer“, so die Botschaft, ist die neue, bessere, moderne Zeit angebrochen.

Arische Kinder auf die rechte Seite

Für die Schülerinnen und Schüler Wiens beginnen die Tage der NS-Herrschaft ausgesprochen erfreulich: Es ist schulfrei und viele nützen die Gelegenheit, um bei den aufregenden Inszenierungen der neuen Machthaber dabei zu sein – manche jubeln ihnen schon in HJ-Uniform oder in der Bluse der „Jungmädel“ zu. Die Schule beginnt erst wieder am 21. März und als sie in ihre Klassen kommen, erwartet sie so manche Überraschung: Vielerorts ist der Direktor durch einen „kommissarischen Leiter“ abgelöst worden und so manche jüdische Lehrer sind ebenfalls nicht mehr da. Auch von den Schülern sind nicht mehr alle willkommen: „Unser Lehrer, leider kann ich mich nicht an seinen Namen erinnern, sagte gleich in der Frühe, alle jüdischen Schüler auf die linke Seite im Klassenzimmer und arische Kinder auf die rechte Seite. Er sagte das mit Tränen in den Augen, und hätte er dem Befehl nicht gefolgt, so hätte er sicher seinen Posten verloren.“ (Zitiert nach Renate Göllner, Schule und Verbrechen.) Ja, das Lernen ist in diesen Tagen nicht mehr wichtig, die Schule wird zum Schauplatz hasserfüllter Aktionen. Der entmachtete Stadtschulrat für Wien findet sich damit ab, wenn er im Verordnungsblatt vom 15. April 1938 verkündet: „Von einer geregelten Unterrichts- und Lernarbeit konnte daher in diesen Tagen und kann voraussichtlich auch in den nächsten Wochen nicht die Rede sein.“ Manche Schulen wie das Piaristengymnasium in der Josefstadt nutzen den ersten Schultag nach dem „Anschluss“ für eine würdige Feier des „Umbruchs“: Lehrer und Schüler versammeln sich im Festsaal, dann zieht die illegale HJ unter den Klängen des markigen Fehrbelliner Reitermarsches ein, befehligt vom „Schulführer“ Karl Schmied aus der 7 b. Stolz halten die Schüler ihre Hakenkreuzwimpel hoch. „Es war, als hätten diese tapferen Jungen das alles seit Monaten vorbereitet und geübt, so marschierten und standen sie“, liest man im Jahresbericht 1937 / 38 der Schule.


Zählen lernen mit der Hitlerjugend. Seite aus einem Rechenbuch für Volksschüler der ersten Klasse.

Am 22. März soll wieder normaler Unterricht beginnen, doch bald kündigen sich neue Sensationen an: Am 26. März kommt Hermann Göring nach Wien und am 29. wirft sich Joseph Goebbels in die Propagandaschlacht für den 10. April, den Tag der Volksabstimmung. Vorher, am 9. April, soll aber noch einmal der „Führer“ in Wien erscheinen. Die ganze Stadt ist darob in Aufregung, ab dem 2. April gibt der Stadtschulrat daher wieder frei, aus den Klassenzimmern werden Wahllokale und so mancher Lehrer meldet sich als Wahlhelfer. Nach dem 10. April beginnen die Osterferien, der nächste Schultag ist daher erst der 20. April – und das ist der Geburtstag des „Führers“, also wieder ein Tag zum Feiern. Egon Schwarz, damals 16 Jahre alt und jüdischer Schüler des Gymnasiums Stubenbastei, erinnert sich: „Tatsächlich lähmten und überschatteten die neuen Verhältnisse jeden Lehr- und Lernvorgang. Die Unterrichtsstunden wurden so weit wie möglich mit gegenstandsfernen Dingen hingebracht und in stillschweigender Übereinkunft wurden die Aufgaben weder von den Schülern präpariert noch von den Lehrern abgehört. […] Als man erfuhr, daß der Vater eines jüdischen Mitschülers, ein bekannter Rechtsanwalt, Selbstmord verübt hatte, quittierte ein Lehrer die Nachricht mit einem gemurmelten Hinweis auf die ‚Härten einer jeden neuen Zeit‘ […]“ (Zitiert nach Egon Schwarz, Keine Zeit für Eichendorff.)

Die Schülerzahlen in den Klassen sinken, da die jüdischen Mitschüler vertrieben werden, dafür wird jetzt beim Betreten der Klasse vom Lehrer stramm mit dem „Hitlergruß“ gegrüßt, die Parolen des „Führers“ zieren die Wandtafeln. Dafür müssen die Kreuze aus den Klassenzimmern verschwinden, die Nazis dulden neben ihrem Abgott keinen anderen Gott und keine „andere Erziehungsmacht“ (Herbert Dachs) als die NS-Ideologie. Kaplan Heinrich Zeder (1903 – 1985), der Kontakte zur „Österreichischen Freiheitsbewegung“ um Roman Karl Scholz hat und dafür auch ins Visier der Gestapo gerät, hat zwar, wie er später erklärt, nichts gegen die Nazis, das Entfernen der Kreuze treibt aber auch ihn zu einer Reaktion: Er hält eine sogenannte „Kreuzpredigt“ und schlägt in dieser den Eltern vor: „Kauft’s statt irgendwelcher anderer Dinge euren Kindern ein Kreuzerl. Hängt es ihnen um den Hals, und wenn sie in der Schule sitzen, haben sie auch das Kreuz bei sich und sogar noch näher.“

Nicht nur die Kreuze, sondern die vielen konfessionellen Schulen generell sind den Nazis ein Dorn im Auge. Nachdem Hitler am 22. Mai 1938 das österreichische Konkordat für erloschen erklärt hat, sind seine Beamten handlungsfähig: Im Herbst 1938 werden alle konfessionellen Schulen und Internate aufgehoben, der Religionsunterricht wird zu einem „Freigegenstand“ herabgesetzt und durch bürokratische Schikanen an den Rand gedrängt. Nur mehr eine „einzige Schule“ soll in Zukunft existieren: die „nationalsozialistische Schule des Staates“. Betroffen von den Schulschließungen ist etwa auch das traditionsreiche Realgymnasium Luithlen, Tuchlauben 14, das im Schuljahr 1936 / 37 noch von 241 Schülerinnen besucht wird, darunter überwiegend jüdische Mädchen. Bereits am 29. April 1938 muss das Institut zusperren, die nichtjüdischen Schülerinnen werden in das Realgymnasium in der Kalvarienberggasse im 17. Bezirk umgeschult. Wenig später, im August 1938, muss auch die berühmte Schwarzwald-Schule schließen, die Begründung: Die Schule sei vor dem „Umbruch verjudet“ gewesen. Die Sammlungen und die Bibliothek der Schwarzwald-Schule werden konfisziert.

Im März 1939 werden im Theresianum, dem ehemaligen Lustschloss „Neue Favorita“ der Habsburgerkaiser, und im Kommandogebäude Theodor Körner in Wien-Breitensee, Hütteldorfer Straße 126, zwei „Nationalpolitische Erziehungsanstalten“ eröffnet, sie sollen auch in Wien für die Ausbildung der jungen NS-Führerelite sorgen. Die Schüler dieser als Internate geführten Anstalten sind „Jungmänner“, ein Schwerpunkt des Unterrichts ist die vormilitärische Ausbildung.


Auch die Schule beginnt mit dem Hitlergruß. Seite aus einem Lesebuch für Volksschüler.

Lehrbücher und Lehrpläne werden „gesäubert“, jüdische Schriftsteller aus den Lesebüchern eliminiert, der Unterricht konzentriert sich auf ein Ziel: „alle Kräfte der Jugend für den Dienst an Volk und Staat“ zu entwickeln. Die Devise, die jungen Lehrerinnen bei einem „Erziehungs- und Schulungslager“ verkündet wird, lautet: „Lassen Sie alles Denken beiseite, seien Sie nichts als Nationalsozialistinnen!“ (Zitiert nach Renate Göllner, Schule und Verbrechen.)

Am 13. Juni 1938 wird die „endgültige Regelung“, die ab dem Schuljahr 1938 / 39 für jüdische Schüler zu gelten hat, erlassen. Für Wien gelten laut „Erlass Z. 20394-III/9“ nun folgende Bestimmungen:

„Jüdische Schüler unterliegen der Schulpflicht. Für die Pflichtschulen (6- bis 14-Jährige) gilt:

a) in Stadtgebieten, in denen nach den bestehenden Verhältnissen die Zusammenziehung schulpflichtiger jüdischer Kinder in eigenen allg.öff. Schulen möglich ist, sind die hierfür erforderlichen Vorkehrungen in der Weise zu treffen, daß eine dem rassischen Gesichtspunkte entsprechende Neufestsetzung der Schulsprengel vorgenommen wird;

b) sollte es in einzelnen Stadtgebieten nicht möglich sein, für die jüdischen Schüler eigene öffentliche Pflichtschulen zu führen, so sind bei mindestens 20 solcher Schüler an den öffentlichen Pflichtschulen Sammelklassen für diese jüdischen Schüler einzurichten. In diesen Sammelklassen können auch mehrere Schulstufen zusammengefaßt werden;

c) auch an den privaten Volks- und Hauptschulen ist die Unterrichtsführung nach den vorstehenden Richtlinien zu gestalten; Privatschulen, die von einer überwiegenden Zahl jüdischer Schüler besucht werden, sind künftighin zu Privatschulen für ausschließlich jüdische Kinder umzubilden.“

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Release date on Litres:
23 December 2023
Volume:
349 p. 182 illustrations
ISBN:
9783990404461
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