Read the book: «Gottes Herz für dein Dorf»
Johannes Reimer ist Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach, Professor Extraordinarius an der Universität von Südafrika und leitet das „Netzwerk für Frieden und Versöhnung“ der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Er ist verheiratet mit der Pädagogin Cornelia Reimer, hat drei Kinder und lebt in Bergneustadt.
JOHANNES REIMER
Gottes Herz
für dein Dorf
Ideen und Strategien für Gemeinde auf dem Land

Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Abkürzungen
Kapitel 1 Auf dem Land geht nichts, oder?
1.1.Gemeindebau auf dem Land – ein Relikt aus vergangenen Zeiten?
1.2.Lasst die Kirche im Dorf, aber wie?
1.3.Die Chancen stehen gut
Fragen zum Nachdenken
Kapitel 2 Der ländliche Raum und Kirche
2.1.Was ist unter „Land“ zu verstehen?
2.2.Was ist wichtig auf dem Land?
2.3.Menschen und Gemeinschaft
2.4.Typen ländlicher Räume und Gemeinden
2.5.Kirche auf dem Dorf
Fragen zum Nachdenken
Kapitel 3 Dorfgemeinde – Begriff und Wirklichkeit
3.1.Dorfgemeinde – was ist gemeint?
3.2.Erwartungen an die Dorfgemeinde
3.3.Wir hatten einen Traum
Fragen zum Nachdenken
Kapitel 4 Gemeindeaufbau im ländlichen Raum
4.1.Gemeindeaufbau verstehen
4.2.Gemeindegründung und Gemeindepflanzung
4.3.Gemeindeaufbau, -entwicklung und -wachstum
4.4.Gemeindeaufbau auf dem Land als Fortpflanzungsprozess
4.5.So bauen andere
4.5.1.Ortsbezogen oder überörtlich
4.5.2.Integriert und wachsend
4.5.3.Alter Inhalt – neue Formen
Fragen zum Nachdenken
Kapitel 5 Gemeinden, die das Dorf verändern
5.1.Nahe bei den Menschen
5.2.Mit den anderen für Dorferneuerung
5.3.Wo können und sollen sich Christen engagieren?
5.4.Ganzheitlich transformieren
Fragen zum Nachdenken
Kapitel 6 Bausteine auf dem Weg zur Landgemeinde
6.1.Flexibel und doch mit beiden Füßen auf der Erde
6.2.Von den Briten lernen
6.3.Eine Gemeinde – viele Gottesdienste
6.4.Land-Dorf-Netzwerke
6.5.Eine internationale Dorfgemeinde
6.5.1.Diasporale Gemeinschaften – was ist gemeint?
6.5.2.Diasporas – eine neue Perspektive für Mission
6.5.3.Die ethnokonfessionelle Falle
6.5.4.Gemeinde für die Völker im Dorf
6.6.Familie als Ziel und Agent des Gemeindeaufbaus
6.6.1.Familie – Herz des Gemeindeaufbaus
6.6.2.Gemeindekultur als Beziehungskultur
6.6.3.Die Struktur ist wichtig
6.6.4.Familie als Anliegen der Mission
6.6.5.Familie als Träger der Mission auf dem Land
6.6.6.Glauben wachsen lassen
6.6.7.Wie wird Gemeinde zu einer familienzentrierten evangelistischen Gemeinde?
6.6.8.Eine Familienakademie verändert alles
6.7.Bausteine im Gemeindeaufbau auf dem Land
Fragen zum Nachdenken
Kapitel 7 Gemeindeaufbau durch eine einsatzfähige Gemeinschaft
7.1.Gott baut seine Gemeinde durch Jünger
7.2.Familie – Basisagent für den Gemeindeaufbau
7.3.Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst
7.4.Familien-Cluster als Trainingszelle
7.5.Die lokale Gemeinde ist wichtig
Fragen zum Nachdenken
Kapitel 8 Evangelisieren, wo jeder jeden kennt
8.1.Ohne Evangelisation geht es nicht
8.2.Evangelisation durch gute Nachbarschaft
8.3.Familienevangelisation in der Praxis
8.3.1.Nachbarn werden Freunde
8.3.2.Auch Nachbarn brauchen mal Hilfe
8.3.3.Helfen, wo ein Wunder gebraucht wird
8.4.Anbindung an die Gemeinde ist wichtig
8.4.1.Gemeide hilft
8.4.2.Der Freund meines Freundes ist auch mein Freund
8.4.3.Ich kenne da einen
8.4.4.Heute einmal kinderfrei
8.5.Unsere Kirche braucht Hilfe
8.6.Wir haben da eine Möglichkeit
8.7.Vom Freundestreff zum Gemeindeangebot
8.7.1.Gemeindeanbindung im Visier
8.7.2.Gemeinwesen-Mediation
8.7.3.Lebensberatung und -begleitung
8.7.4.Aus der Kreativ-Werkstatt der Landgemeinde
8.8.Vom Erlebnis zum Gespräch
8.9.Vom Gespräch zur Entscheidung
8.10.Von der Entscheidung zur missionalen Familie
Fragen zum Nachdenken
Kapitel 9 Dorf braucht Gemeinde
9.1.Zukunft auf dem Dorf?
9.2.Auf das Gemeindeverständnis kommt es an
9.3.Vielfalt als Bereicherung
9.4.Gottesdienst als die Mitte der Gemeinde
9.5.Neue Strukturen wagen
9.6.Neue Leiter braucht das Land
9.7.Mit den Menschen – Gemeinde im ländlichen Netzwerk
9.8.Entscheidungsfreudig bleiben
Fragen zum Nachdenken
Verzeichnis der Abbildungen
Personenregister
Sachregister
Bibelstellenregister
Bibliographie
Vorwort
„Wir haben vor, Gemeinde auf dem Dorf zu bauen“, erzählte ich vor einigen Jahren einem Freund, der als Experte für Gemeindegründung durch unser Land zog. – „Unnütz, funktioniert sowieso nicht“, meinte er. „Auf dem Dorf kann sich geistliches Leben in Deutschland nicht entwickeln.“
Zugegeben, die Worte meines Freundes schockierten und provozierten mich gleichermaßen. Aber beeindrucken ließ ich mich von ihm nicht. Wir gründeten die Gemeinde. Und sie wuchs zu einer erstaunlichen Größe heran. Wenn ich ehrlich bin, dann hat kaum ein anderes Projekt mich jemals mit so viel Genugtuung und Freude erfüllt wie dieses. Gemeindeaufbau auf dem Land funktioniert! Das und nicht weniger ist die Botschaft dieses Buches. Es ist eine Liebeserklärung an den Gemeindebau auf dem Land.
Entsprechend widme ich das Buch allen meinen Freunden in dem kleinen oberbergischen Dorf Brüchermühle. Hier haben wir in wenigen Jahren eine Gemeinde aufgebaut, die mit einer Handvoll hingegebener Leute begann und zu einer Größe von mehreren Hundert Mitgliedern heranwuchs. Ihr habt mir Hoffnung verliehen, dass auch in den Dörfern Westeuropas lebendiges Gemeindeleben entstehen kann. Danke!
Dieses Buch ist aber weniger ein Erfahrungsbericht, auch wenn Erfahrungen aus dem Gemeindeaufbau auf dem Dorf, wie ich sie selbst gemacht habe, reflektiert werden. Vielmehr geht es mir um eine grundsätzliche Einführung in den Gemeindebau in ländlichen Räumen. Wie kann und wie sollte Gemeinde auf dem Land gebaut werden? Was sind die Spezifika des ländlichen Raumes und welche Rolle spielen sie im konkreten Gemeindebau vor Ort? Antworten auf diese und ähnliche Fragen füllen die Seiten dieses Buches. Sie wollen ermutigen und herausfordern zugleich.
Johannes Reimer
Abkürzungen
| AOK | – | Allgemeine Orts-Krankenkasse |
| CBB | – | Christliche Beschäftigungsgesellschaft Brüchermühle |
| DBW | – | Dietrich Bonhoeffer Werke |
| DTh | – | Doctor of Theology |
| EC | – | Entschieden für Christus |
| EKD | – | Evangelische Kirche Deutschland |
| EfG | – | Evangelisch Freikirchliche Gemeinde |
| EN | – | Evangelii Nuntiandi |
| FC | – | Familien-Cluster |
| FeG | – | Freie evangelische Gemeinde |
| FFE | – | Family-to-Familiy-Evangelisation |
| GAS | – | Gemeindeaufbauspirale |
| GWA | – | Gemeinwesenarbeit |
| GWM | – | Gemeinwesenmediation |
| HG | – | Heiliger Geist |
| LKWE | – | Lausanner Komitee für Weltevangelisation |
| LOP | – | Lausanne Occasional Paper |
| LZMG | – | Lebenszyklus missionarischer Gemeinde |
| MTh | – | Master of Theology |
| ÖRK | – | Ökumenischer Rat der Kirchen |
| QPT | – | Question of Prior Trust |
| RGG | – | Religion in Geschichte und Gegenwart |
| RGN | – | Religionales Gemeinde-Netzwerk |
| RKK | – | Römisch-Katholische Kirche |
| TEAM.F | – | Team Familie |
| UNISA | – | University of South Africa |
| WCCC | – | Willow Creek Community Church |
| WEA | – | Weltweite Evangelische Allianz |
| ZGA | – | Zyklus des Gemeindeaufbaus |
| ZGG | – | Zyklus gesellschaftstransformativer Gemeindearbeit |
Kapitel 1
Auf dem Land geht nichts, oder?

1.1.Gemeindebau auf dem Land – ein Relikt aus vergangenen Zeiten?
Kaum ein anderes Thema verursacht so viel Skepsis in Deutschland wie Gemeindebau auf dem Land. Kirchengemeinden auf dem Dorf? Ja, die gibt es noch. Und ja, die Kirchen sind alle am Kämpfen. Allerdings findet man kaum noch einen Pastor, der begeistert aufs Land ziehen würde. Geht Gemeindebau im Dorf überhaupt? Gibt es nicht auf dem Land genug Kirchen, die nicht funktionieren, weil die Menschen nicht mehr hingehen oder sich in die nächste Stadt orientieren? Es ist erstaunlich, wie weit manch ein Dorfbewohner bereit ist, Sonntag für Sonntag zu fahren, um den von ihm favorisierten Gottesdienst zu besuchen. Zwanzig bis fünfzig Kilometer in eine Richtung sind da keine Seltenheit. Und das Sonntag für Sonntag. Dabei könnte man ja auch im eigenen Dorf Versammlungen anbieten ...
Geht nicht? – Warum? Weiß man nicht mehr, wie Gemeinde auf dem Dorf funktioniert? Oder weiß man nicht mehr, was Gemeinde an sich ist? Gilt Luthers geflügeltes Wort aus seinen Schmalkaldischen Artikeln – „Es weiß, Gott Lob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche ist: nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören“ (nach Johannes 10,3) – auch auf dem Lande nicht mehr?1
Die meisten Gemeindegründungsinitiativen machen tatsächlich einen großen Bogen um das Dorf, weil man hier, wie der britische Gemeindegründungsexperte Stuart Murray unterstreicht, auf der einen Seite oft rigide Verhältnisse antrifft, also festgefahrene Mentalitäten, Misstrauen allem Fremdem und Ungewohntem gegenüber; und auf der anderen Seite die Bereitschaft der jüngeren Familien steht, die Fahrt in die nächste Stadt auf sich zu nehmen.2
Ist Gemeindeaufbau auf dem Land ein Relikt aus vergangenen Zeiten? Immer stärker breitet sich eine nie dagewesene Frustration aus angesichts einer radikalen Kontextveränderung für die Kirche, die der katholische Autor Rainer Bucher in dem markanten Satz zusammenfasst: „Wenn nichts bleibt, wie es war.“3
Auf dem Land bleibt für die Katholische Kirche in Deutschland nichts, wie es war. Allein im Zeitraum von 1990 bis 2011 hat sie 2000 Pfarreien „eingespart“, sprich zu größeren pastoralen Einheiten zusammengeschlossen. Das ist immerhin jede siebte Pfarrei. Und die meisten dieser Einsparungen fanden im ländlichen Raum statt.4
Untersuchungen in Gemeinden unterschiedlicher konfessioneller Prägung scheinen diesen Trend zu bestätigen. Katholische5 wie evangelische6 Gemeinden auf dem Land schrumpfen, werden zusammengelegt, Pfarrstellen werden gestrichen und kirchliche Angebote zurückgenommen.
Dabei ist Westeuropa hier eher die Ausnahme. So kommen in manchen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas die meisten Menschen in Landgemeinden zum Glauben. Hier kennen sich die Menschen, hier wirkt das Lebenszeugnis des zum Glauben an Jesus gekommenen Menschen sofort und unmittelbar.
Warum dann nicht auch in Europa? Man kennt sich doch auch auf dem deutschen Dorf. Fehlt hier das entsprechende Zeugnis? Überwiegt die Skepsis, weil hier Menschen, die Christus kennen, sich weniger auf ihr Zeugnis und mehr auf Form und Struktur ihrer Kirchen verlassen? Meint Murray das, wenn er von „festgefahrener Mentalität“ spricht?
Es gilt jedenfalls zu untersuchen, warum Gemeindebau auf dem Land in Europa, vor allem in Westeuropa, zum Problem geworden ist. Denn erst wenn man versteht, wo der Schuh drückt, kann man den Fehler beheben. Wenn man weiß, welche Modelle des Gemeindebaus auf dem Land nicht funktionieren und welche es gerade tun, kann man adäquat über ruralen Gemeindebau reden.
George Barna, der nordamerikanische Experte in Sachen Gemeindebau, behauptet mit Recht, dass „jede Kirche einer absolut einzigartigen Zusammenstellung von Umständen gegenübersteht, denen gegenüber sie aufgerufen ist zu dienen“.7 Das gilt natürlich auch für Landgemeinden. Man wird deshalb nicht umhin können, sich mit den Besonderheiten des ländlichen Raumes, der ländlichen Kultur usw. intensiv auseinanderzusetzen, wenn man nach Lösungen für das offensichtliche Problem sucht.
Der deutsche Gemeindeaufbau-Spezialist Prof. Christian Möller ermutigte seine Leser, sich nicht nur über den Zustand der Kirche zu beschweren. Es sei zwar richtig, dass viele Gemeinden in Deutschland vor enormen Problemen stünden. Aber das negative Reden über diese Probleme mache diese nicht weniger aktuell. Er schreibt: „Die Fixierung auf den Mangel beschreibt nicht nur Fakten, sie schafft auch Fakten.“8 Gemeinde muss auch erglaubt werden, so Möller. Gott ist auch in Deutschland immer noch ein Gott, der Veränderung will und Veränderung und Erneuerung bewirken kann. Und davon sind Stadt und Land betroffen. Man wird Mut, und hier vor allem Glaubensmut, brauchen, um sich neu der Gemeinde auf dem Land zuzuwenden.
1.2.Lasst die Kirche im Dorf, aber wie?
Glaubensmut ermutigt zur Tat. Zur Aktion. Natürlich kann damit aber nicht jener blinde Aktivismus gemeint sein, der unser Land von Zeit zu Zeit mit immer neuen kreativen Ideen überschwemmt. Da kann man Professor Möller verstehen, dass er sich im Vorwort seines Buches mit dem programmatischen Titel „Lasst die Kirche im Dorf!“9 gegen die Flut an exotischen Ideen wehrt, die zwar gut gemeint sind, aber selten gut sind, weil sie das Nächstliegende übersehen und die Probleme nur noch vergrößern. Möller meint damit Ideen für die parochiale Struktur seiner Landeskirche, in der er ein überaus großes Potenzial zum Gemeindeaufbau im postchristlichen Deutschland erkennt. Sicher, er hat dabei die Kirche auf dem Land nicht besonders im Blick. Ihm geht es vielmehr um die Gemeindesituation im Ganzen. Aber das schließt die Landgemeinde zumindest mit ein.
Keine Frage, man kann Möller nur zustimmen, dass es wohl kaum um immer neue Experimente gehen kann. Nicht alles Neue, Amerikanische, Britische oder auch Erweckliche aus der südlichen Hälfte des Globus ist bei uns in Deutschland, und erst recht nicht auf dem Land, angebracht. Aber die Kirche im Dorf so zu belassen, wie sie einmal war, ist mit Sicherheit auch keine Option. Denn das so bewährte Parochialsystem mit den Landeskirchen ist selbst längst zum Problem geworden.
Die Lösung kann wohl kaum in Durchhalteparolen bestehen. Davon gab es genug. Ansätze müssen gefunden werden, neue Wege zum Herzen der Menschen auf dem Land zu finden. Und da werden auch altbewährte Formen, wenn nötig, weichen müssen. Eine Suche nach solchen Wegen ist dringend angesagt.
1.3.Die Chancen stehen gut
Die gängige Meinung über den Gemeindebau auf dem Land lautet: „Es geht auf dem Land fast nirgendwo um Wachstum, sondern schlicht und einfach ums Überleben.“10 Tausende ziehen in die Städte. Ganze Dörfer gleichen Friedhöfen. Bauernwirtschaften geben auf, weil die Agrarindustrie ihnen das Wasser abgräbt. Schulen und Volksschulen, Industriezweige, Lebensmittelläden, Arztpraxen, Apotheken und viele andere lebensnotwendige Einrichtungen schließen. Das Leben auf dem Land ist zum Risiko geworden. Wenn noch Menschen auf den Dörfern bleiben, dann sind es die alten und die gebrechlichen.
Karl Schäfer, Küster und Kirchenältester aus Niedermöllrich in Hessen, bringt die Lage auf den Punkt: „Ist doch nichts mehr da: Wir hatten zwei Metzger, die sind weg. Die Post ist weg. Die Wirtschaft ist zu. Nur die Kirche ist noch da. Wenn sie die uns auch noch wegnehmen, haben wir gar nichts mehr.“11
Aber stimmt das denn? Sieht man sich die Entwicklung des ländlichen Raumes an, so muss man an dieser Stelle deutlich differenzieren. Keine Frage, immer noch leiden weite Teile Westeuropas unter massiver Landflucht. Die wenigen Chancen, einen Ausbildungsplatz und später einen Job zu finden, treiben vor allem junge Leute zur Flucht in die Großstadt. Aber es entsteht auch neues Leben auf dem Land, im Schatten der Großstädte. Immer mehr Menschen kommen in den überteuerten Städten nicht an. Vor allem der Wohnraum ist kaum noch zu bezahlen. Da nimmt man lieber die ein oder andere Stunde Anfahrt zur Arbeit in Kauf und sucht sich eine Wohnung oder gar ein günstiges Haus auf dem Land. Andere ziehen aus der Stadt, weil sie ihren Kindern den Lärm dort nicht mehr zumuten und dafür die Schönheit der Natur bieten wollen. So entsteht, vor allem in der Nähe der Städte, eine ganz neue Landbevölkerung.
Seit Jahren beobachten wir diesen Trend. Auch im europäischen Ausland. Der Brite Stuart Murray sieht in seinem Land einen solchen Prozess im Gange. Immer mehr Menschen ziehen auch in England wieder aus der Stadt aufs Land. Die einen, weil sie der Enge entfliehen wollen, die anderen, weil sie sich das immer teurer werdende Leben in der Stadt nicht leisten können. Gerade im Umfeld der Großstädte entsteht so auch in Großbritannien neues Landleben.
Hierfür besteht dringender Bedarf an neuen Gemeindekonzepten und damit auch an Gemeindegründungen.12
Wir werden in Zukunft mehr Landgemeinden brauchen, weil sich eine neue Landbevölkerung etabliert, die zwar nicht klassisch rural denkt, aber auf dem Land ihr neues Zuhause gefunden hat. Die Landbevölkerung wird sicherlich ausgedünnt. Und doch nicht überall. Man muss deshalb differenzieren. Verallgemeinerungen helfen da nur wenig.
Aber nicht nur Menschen ziehen aufs Land. Gesundheitsbewusste Sozialfirmen entdecken zum Beispiel das Land als Ressource. Bemerkenswert ist etwa die Entscheidung mancher Sozialkonzerne, ihre Angebote von den Städten aufs Land zu verlegen.13
Sicherlich ist die neue Landbevölkerung keineswegs offener für den Glauben als diejenige, die vom Land flieht. Eher umgekehrt. Für die neue Landbevölkerung gilt, was Martin Reppenhagen für die westliche Gesellschaft insgesamt beschreibt:
„Säkularisierung, Individualisierung und Pluralisierung haben dazu geführt, dass die vormaligen Mehrheitsreligionen ihre kollektive Bedeutung für die Gesellschaft verloren haben. Dadurch kam es zwar nicht zu einem Verschwinden der Religion, aber durch ihre Privatisierung und Individualisierung zu einer deutlichen Schwächung ihrer gesellschaftlichen Prägekraft.“14
Und der Pastoraltheologe Bernhard Spielberg spricht von der „Exkulturation der Kirche“, womit er die zunehmende Distanz der Kirche zu sozialen und kulturellen Entwicklungen in der Gesellschaft beschreibt.15
Wer aufs Land zieht, zieht nicht notwendigerweise zu den christlichen Landgemeinden. Es fällt auf, wie viele neue spirituell-orientierte Sekten sich gerade auf dem Land ansiedeln. Die Folge: Nicht an der Kirche, sondern am bunten spirituellen Markt orientieren sich die Leute. Hier Gemeinde zu bauen wird daher ein Umdenken verlangen sowie neue, vor allem spirituell neue Wege und Formen des Glaubens. Dazu will dieses Buch ermutigen.
Fragen zum Nachdenken:
1.Wohnen Sie auf dem Land? Wie steht es um Ihre Kirche im Dorf?
2.Besuchen Sie eine Dorfgemeinde oder fahren Sie lieber in die nächste Stadt? Warum?
3.Was machen Dorfgemeinden Ihrer Meinung nach falsch? Was würden Sie im Leben Ihrer Dorfgemeinde anders gestalten?
4.Hat die Kirche auf dem Land eine Zukunft? Begründen Sie Ihre Position!
5.Kennen Sie lebendige Dorfgemeinden? Was zeichnet diese Gemeinden aus?
Kapitel 2
Der ländliche Raum und Kirche

2.1.Was ist unter „Land“ zu verstehen?
Der Zuzug städtischer Bevölkerung aufs Land macht es notwendig, den ländlichen Raum neu zu definieren. Wurde dieser noch vor wenigen Jahrzehnten vor allem ökonomisch bestimmt – auf dem Land ging die Bevölkerung vor allem ihrem Lebenserwerb in der Landwirtschaft nach –, so sieht die Lage heute wesentlich anders aus. Ein Großteil der Landbevölkerung lebt nicht mehr von der Landwirtschaft, sondern von der in der Nähe angesiedelten Industrie. Auch die Landbevölkerung ist in Westeuropa im Wesentlichen urbanisiert worden und kann nicht mehr nur in den Kategorien von gestern beschrieben werden. „Der ländliche Raum war noch nie so vielschichtig und unübersichtlich wie heute. Viele Berufe, Lebensstile und Kulturen treffen aufeinander.“16
Sicher, es gibt noch den klassischen ländlichen Raum, aber nicht mehr durchgängig. Bischof Anthony Russell von der Anglikanischen Kirche in England unterscheidet daher zwischen vier Kategorien des ländlichen Raumes, die er folgendermaßen nennt17:
(a) städtischer Schatten,
(b) zugängliches Land,
(c) weniger zugängliches Land,
(d) marginalisiertes, entferntes Land.
In diesen ländlichen Räumen hat sich eine jeweils andere Kultur etabliert. Während der erste Raum dem urbanen am nächsten ist, unterscheidet sich der letzte wesentlich vom Leben in der Stadt.
Wir werden diese Typen unterscheiden müssen, wenn wir vom Gemeindebau auf dem Land reden. Denn kontextualisierter Gemeindebau nimmt den Kontext ernst, und wenn dieser sich wesentlich unterscheidet, dann müssen sich auch die gemeindlichen Angebote unterscheiden.
Im Sinne des Gemeindebaus kann es allerdings nur um Menschen gehen. Egal, wie und warum sie aufs Land gezogen sind – hier leben sie, und hier müssen sie pastoral versorgt werden. Insofern werden sich auch die Konzepte des Gemeindebaus diesen Menschen anpassen müssen. Denn wandelt sich die Landbevölkerung, dann müssen sich auch Konzepte des Gemeindebaus auf dem Land verändern.
2.2.Was ist wichtig auf dem Land?
•Was ist also wirklich wichtig auf dem Land?
•Wo und inwieweit unterscheiden sich die einzelnen ruralen Räume von der Stadt und voneinander?
•Wie empfänglich ist die Landbevölkerung für das Evangelium?
•Geht es hier um ein traditionelles ökonomisches Bewusstsein oder eher um eine Bevölkerung, die sich aus ökologischen und anderen Gründen auf dem Land niederlässt?
•Was bestimmt das Leben und was bestimmt den Glauben auf dem Dorf?
Auf dem Dorf gelten eigene Regeln. Jeder, der einmal aus der Stadt aufs Land gezogen ist, wird das festgestellt haben. Eine dörfliche Umgebung entschleunigt Prozesse, verlangsamt den Lebensrhythmus, bringt Ruhe und Muße auf die Tagesordnung. Und damit auch einen gewissen Hang zu Tradition.
Untersuchungen in England zeigen, dass der ländlichen Bevölkerung selbst da, wo sie sich nicht mehr zur Kirche hält, letztlich das Kirchengebäude wichtig ist. Die Autoren von Faith in the Countryside schreiben:
„Sie (die Kirche, Anm. d. Verf.) ist ein Totem, ein Fixpunkt der eigenen Identität, sogar für solche Menschen, die kaum über ihre Schwelle kommen ... sogar solche, die nichts mehr mit dem Christentum zu tun haben, sind oft dabei, wenn Geld gesammelt wird, um das Kirchengebäude zu renovieren.“18
Traditionsbewusstsein kann zu einer gewissen Erstarrung von Gemeindeinhalten und Strukturen führen. Karl Barth schrieb vor Jahren über eine in Traditionen verhaftete Gemeinde: „Sie kann sich nicht mehr erneuern, sondern erzeugt immer wieder Gesetzlichkeit, und die Freude am Evangelium erlischt.“19 Das ist sicher ein Grund, warum man heute auf dem Land so wenig geistliches Leben findet. Aber Traditionen haben auch positive Seiten. Sie halten Symbole hoch, die für Fremde zu einem willkommenen Anlass werden können, sich doch einmal Gedanken über den eigenen Glauben zu machen.
Mir fällt an dieser Stelle Sabine ein. Sie ist 50 und erst vor Kurzem aus Köln in das kleine idyllisch gelegene Dorf im Sauerland gezogen. Mitten im Dorf liegt die jahrhundertealte katholische Kirche. Schon lange werden hier keine regelmäßigen Gottesdienste mehr angeboten. Aus Pfarrermangel, wie es offiziell heißt. Sabine ist weder katholisch noch gläubig. Trotzdem sagt sie von sich:
„Ich gehe mittlerweile regelmäßig in die Kirche. Die Ruhe in ihren Räumen, das sakrale Etwas, tut mir gut. Die Erinnerungen nach der Scheidung von meinem Mann verstummen dann. Irgendwie finde ich hier zu mir selbst. Manchmal rede ich vor mich hin, klage den alten Mauern meine Situation. Oder auch den Bildern an den Wänden. Neulich konnte ich mir sogar zum ersten Mal vorstellen, dass es vielleicht doch so etwas wie Gott gibt.“
Sabine ist bei Weitem nicht die Einzige, die so etwas in verlassenen Landkirchen erlebt. Tausende begeben sich auf ihrer Suche nach Stille, Sinn und spiritueller Lebenstiefe aufs Land. Manche Landregionen werben bereits mit entsprechenden Angeboten, so beispielsweise das Tölzer Land in Bayern.20 Pilgerschaften, Wanderschaften, Zeiten der Stille und des Schweigens – all das scheint der gestressten Seele in unserer schnelllebigen Welt gutzutun.
Natürlich bezieht sich ein solch dörfliches Traditionsbewusstsein nicht nur auf das Kirchengebäude und die Erhaltung religiöser Bräuche. Da kann es auch um ein altes Backhaus oder den Dorfversammlungsplatz gehen. Wo wenige Menschen auf beschränktem Raum zusammenleben, sind gemeinsame Werte von ganz besonderem Interesse. Sie nicht zu fördern ist auf kurz oder lang kontraproduktiv. Man gewinnt Beachtung bei den Menschen nur dann, wenn man ihren Lebensstil und ihre Geschichte wertschätzt.
Es macht daher Sinn, altbewährte Strukturen mit Leben zu füllen, statt völlig neue zu schaffen. Die Renovierung einer alten Kirche kann deshalb mehr bewirken als der Bau eines völlig neuen Gemeindezentrums. Der Aufbau neuer Formen des Glaubens sollte traditionelle Strukturen berücksichtigen.
2.3.Menschen und Gemeinschaft
Christliche Gemeinden auf dem Land müssen auf die Menschen in ihrem Gemeinwesen hören und sich ihrer Geschichte und Tradition stellen. Dass die Landbevölkerung schon lange nicht mehr so einheitlich gestrickt ist und, besonders in der Nähe der Städte, recht bunt zusammengewürfelt wurde, scheint nur bedingt bei den Gemeindeaufbau-Experten angekommen zu sein. Hier braucht es kreative Neuansätze. Der Glaubenssatz von Donald McGavran, der lange die Gemeindeentwicklung dominiert hat, hat sich im großen Ganzen als falsch erwiesen. McGavran schrieb:
„Menschen werden gerne Christen, wenn sie dazu nicht Rassen-, Klassen-, oder Sprachbarrieren überwinden müssen. [...] Alle Menschen bauen Mauern um ihre eigene gesellschaftliche Gruppe.“21
Heute wissen wir, dass es weniger die Konzentration auf die homogene Zielgruppe, sondern ein gemeinwesen-zentrierter Ansatz im Gemeindebau ist, der in der Stadt wie auf dem Dorf Erfolg verspricht. Menschen suchen Gemeinschaft im Alltag, und je bunter dieser Alltag ist, desto schneller suchen sie nach integrativen Wegen, mit Menschen, so anders diese auch sein mögen, gut und nachbarschaftlich auszukommen.
2.4.Typen ländlicher Räume und Gemeinden
In ihrer Studie zu Kirche im ländlichen Raum unterscheidet die EKD sieben Typen ländlicher Räume. Die Autoren der Studie schreiben: „So ist – in Aufnahme einer verbreiteten Unterscheidung nach Zentrenerreichbarkeit und Bevölkerungsdichte – zwischen: Peripherieräumen (dünn besiedelte Gebiete, größere Entfernung zu Zentren), Zwischenräumen (erweitertes Umland der Zentren, mittlere Siedlungsdichte) und Zentralräumen (städtische Siedlungsgebiete mit Siedlungskorridoren, hohe Siedlungsdichte) zu unterscheiden.“22
Diese Typen reflektieren die komplexer gewordene soziale Welt auf dem Land:
Typ 1: Strukturschwache Räume
Der strukturschwache Raum beschreibt das, was Bischof Russel als das „marginalisierte, weit entfernte Land“ bezeichnet hat. Die EKD-Studie spricht auch vom „Peripherieraum mit geringer Bevölkerungsdichte“23. Entfernt von der Stadt, Industrie und Entwicklungsschwerpunkten stellt sich dieser Raum in jeder Hinsicht als weniger entwickelt dar.
Mit einer Bevölkerungsdichte von weniger als 100 Einwohnern pro Quadratkilometer stehen diese Räume in allen Fragen gesellschaftlicher Entwicklung hintenan. Die soziale, infrastrukturelle und demographische Erosion sind an der Tagesordnung. Die Bevölkerung überaltert, junge Leute ziehen auf der Suche nach Arbeit weg. Und die Kirche verliert ihre Mitglieder und Mitarbeiter. Was das im Einzelnen heißen kann, zeigt das Beispiel der Evangelisch-Lutherischen Kirche Mecklenburgs:
„Die Propstei Stargarder Land in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs umfasst 10 Kirchgemeinden, in denen 53 Kirchen und Kapellen stehen, drei Gemeindezentren und viele Pfarrhäuser und in der knapp 6.000 Mitglieder leben. Sie wohnen auf einer Fläche von ca. 50 Kilometern Länge und 25 Kilometern Breite. Es gibt 7,5 Pfarrstellen, drei Stellen für gemeindekatechetische Mitarbeitende (die sich fünf Mitarbeitende teilen), einen Jugendmitarbeiter (für eine Hälfte des Kirchenkreises), eine befristete Projektstelle für Kirchenmusik (finanziert von der Landeskirche) und einige kleine Honorarstellen für Kirchenmusik und Sekretariatsarbeit.
Die Bevölkerungszahlen in der Region gehen stark zurück, sie sind zwischen 1989 und 2003 um knapp 12 % gesunken, die Zahl der Gemeindeglieder sogar noch stärker. Drei Viertel dieses Verlustes sind darauf zurückzuführen, dass mehr Menschen sterben als geboren werden, ein Viertel hängt mit der Abwanderung aus der Region zusammen. Das Land verliert wichtige Unternehmen und gut ausgebildete Menschen. Die Zahlen der Arbeits- und Ausbildungsplätze gehen zurück. Etwa 20 % der Einwohner sind arbeitslos. Vor 13 Jahren war Mecklenburg-Vorpommern noch das jüngste Bundesland, 2020 wird es wohl das älteste sein. Damit ist deutlich, dass das Land nicht nur seine Jugend verliert, sondern auch seine Dynamik und Zukunftsfähigkeit.“ 24
Die Kirchgemeinden werden immer kleiner und älter, es gibt kaum junge Familien, die Entfernungen zwischen den Predigtstätten sind groß. Und die Kirche sieht wenige Perspektiven für diesen Raum.
Typ 2: Periphere Räume mit einzelnen Entwicklungsfeldern
Periphere Räume oder in den Worten Russels „weniger zugängliche Räume“, markieren die Grenze zwischen strukturschwachen und dynamischen Regionen.25 In peripheren Räumen können sich neben effektiver Landwirtschaft auch touristische Betriebe ansiedeln, was die Chancen auf Arbeit für die ansässige Bevölkerung erhöht und auch saisonale Arbeiter anzieht.
Der Fremdenverkehr bietet auch den Kirchen neue missionarische Möglichkeiten. Das EKD-Papier schlägt unter anderem eine Art „Kirche auf Zeit“ vor.26 Gemeint ist ein kirchliches Angebot, das sich gezielt an die Saisonarbeiter richtet, und damit aber auch der verbleibenden einheimischen Bevölkerung pastorale Betreuung garantiert. In der Saat- und der Erntezeit sind es dann vor allem die landwirtschaftlichen Hilfskräfte, die angesprochen werden, im Sommer die Urlauber.
Typ 3: Periphere Räume mit ausgesprochener Eigendynamik
Dieser Typ zeichnet sich durch Nähe zu den Klein- und Mittelstädten aus. Hier siedeln sich an zentralen Verkehrsadern der Region mittelständische Wirtschaftsbetriebe in ländlichen Industriezonen an. Sie bieten Arbeit. Der günstige Wohnraum auf dem Land, vorhandene Arbeit und Ausbildung für junge Leute mindern die Abwanderung der Bevölkerung und unterstützen den Ausbau der Infrastruktur vor Ort.27
Der Raum bietet sehr gute Voraussetzungen für den kirchlichen Gemeindeaufbau.
Typ 4-5: Ländliche Räume im weiteren Umfeld von Verdichtungsgebieten
Bei den ländlichen Räumen im weiteren Umfeld von Verdichtungsgebieten handelt es sich um klassische Zwischenräume, die in der Nähe der Städte entstehen und die sowohl die aufs Land ziehende städtische als auch die in die Stadt drängende ländliche Bevölkerung anziehen.
In diesen Räumen herrschen günstige wirtschaftliche Bedingungen, was sich nicht nur positiv auf die Bevölkerungsdichte, sondern auch auf die missionarischen Möglichkeiten der Kirche auswirken kann.28 Die Zwischenräume führen aber auch zu einer zunehmenden Bereitschaft der Menschen, über die Zäune ihres Dorfes zu blicken und nach kirchlichen Alternativen in der Nachbarschaft zu suchen. Traditioneller Kirchenerhalt wird so eher problematisch.
Typ 6-7: Ländliche Räume im engeren Umfeld von Verdichtungsgebieten
Die hier genannten Räume grenzen direkt an urbane Gebiete an und bieten der Stadt Wachstumsräume. Hier kommt es zu den typisch suburbanen Entwicklungen, die je nach Stadt positiv oder negativ ausfallen. Wächst die Stadt, so wächst die Zwischenstadt, der Vorort, mit, geht sie ein, so leidet auch das verstädterte Umland.29
Gemeindeaufbau trifft in wachsenden suburbanen Räumen auf günstige Voraussetzungen. Die zuziehende Bevölkerung stellt jedoch die traditionellen Konzepte in Frage. Gemeinden sehen sich herausgefordert, Programme anzupassen. Neue Formen finden günstigen Boden. Besonders Freikirchen finden ihre Räume.30 In nicht wachsenden Städten wird der Aufbau zur großen Herausforderung.
2.5.Kirche auf dem Dorf
Die Kirche gehört zum europäischen Dorf wie die Landwirtschaft. Das ist seit Jahrhunderten so. Hier liegen die Wurzeln christlicher Identität Europas. Dörfer entstanden einst um die Kirche herum und die Städte um die Dörfer. Als im Mittelalter immer mehr städtische Siedlungen entstanden, blieben am Anfang die Pfarrkirchen außerhalb dieser in den Dörfern. Ein klassisches Beispiel ist die Stadt Ulm. Bevor das Ulmer Münster gebaut wurde, wurde das kirchliche Leben von dem auf dem Land liegenden Kloster Reichenau bestimmt. Erst mit dem zunehmenden ökonomischen Erfolg der Stadt wanderten auch die kirchlichen Autoritäten dorthin. Die Dorfbewohner wehrten sich, ihre Pfarrei in die Stadt zu verlegen. Daher pflegt man bis heute „Lass die Kirche im Dorf“ zu sagen.
Die Kirche auf dem Dorf ist somit ein Symbol christlicher Identität und immer noch in einem Gemeindemodell verhaftet, das aus einer Zeit kommt, als wir in Europa noch christlich waren. Tim Chester und Steve Timmis nennen es das „christliche System“, das nach dem Motto zu funktionieren schien: „Ring the bell and the people come“ (Lass die Glocken läuten, und die Menschen kommen).31
Die Glocken mögen auf dem Dorf immer noch läuten, nur die Menschen kommen nicht mehr. Der Säkularismus hat auch die Landbevölkerung erfasst. Was gestern noch so selbstverständlich war (Jeder Bauer hatte seine Kirche.), ist heute ganz und gar nicht mehr selbstverständlich. Wer heute Gemeinde auf dem Land bauen will, der muss damit rechnen, dass auch hier die meisten Menschen der Kirche den Rücken gekehrt haben, auch wenn zumindest die traditionelle Landbevölkerung immer noch formal der Kirche angehört.
Die neue Landbevölkerung geht dagegen nicht mehr geschlossen zur Kirche, jedenfalls nicht in den durchs Kirchenjahr bestimmten Gottesdienst. Man hat die dörfliche Bevölkerung in vier Gruppen eingeteilt:
(a) die Kirchenzentrierten;
(b) die Kirchenkulturellen;
(c) die Kirchendistanzierten und
(d) Anti-Kirchlichen.32
Dabei ist die erste Gruppe bei Weitem die Kleinste, und sie vermag es immer weniger, ein kirchliches pastorales Angebot für alle anzubieten, was Bernhard Spielberg als potenzielle Gefahr ansieht, dass die Kirche in eine „pastorale Mittelmäßigkeit“ abrutscht.33
Wenn überhaupt, dann ist die Kirche auf dem Land zu einem Ort undefinierter spiritueller Suche geworden. Obgleich das alte Gemäuer der Dorfkirchen auf einen gewissen säkularisierten Menschentyp eine magische Anziehungskraft auszuüben scheint. Die Frage aber lautet: Können Kirchen wieder zu Plätzen vitaler christlicher Spiritualität werden? Ich glaube: Ja, das können sie. Und Erfahrungen bestätigen meine Vermutung. Aber hierfür muss Kirche wieder zu ihrer eigenen Bestimmung zurückkehren und eben Kirche werden.
Fragen zum Nachdenken:
1.Wie erleben Sie das Dorfleben?
2.Was gehört typischerweise zum Dorf? Welche Charakteristika dörflichen Lebens finden Sie gut? Welche weniger?
Warum?
3.Zu welchem Typ ländlicher Raum gehört das Dorf, in dem Sie leben?
4.Was macht Ihrer Meinung nach kirchliches Leben in Ihrem Dorf so schwierig?
5.Wie würden Sie es verändern? Geht das überhaupt?
Kapitel 3
Dorfgemeinde Begriff und Wirklichkeit

3.1.Die Dorfgemeinde
Die klassische Dorfgemeinde gibt es nicht mehr. Die EKD konstatiert:
„Es gibt nicht den einen ländlichen Raum, sondern sehr unterschiedliche ländliche Räume mit divergierenden Entwicklungstendenzen und folglich verschiedenen Herausforderungen und Chancen für das missionarische Wirken von Kirche.“34
Gemeindeaufbau auf dem Land wird sich deshalb auf unterschiedliche Gemeindekonzepte konzentrieren müssen, wenn man zu den entsprechenden Ergebnissen kommen möchte. Dabei ist es wichtig zu klären, was wir unter Gemeinde verstehen. Mit Luther entscheiden wir uns bewusst für den Begriff Gemeinde und nicht Kirche. Gemeinde ist, wo sich die Gläubigen versammeln.
Jesus drückt diesen Gedanken mit dem griechischen Begriff ekklesia aus, wenn er in Matthäus 16,18 sagt: „Ich will meine Gemeinde (ekklesia) bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden.“
Ekklesia beschreibt hier eine aus der Welt herausgerufene Gemeinschaft, die Verantwortung für die Welt übernehmen soll.35 Sie ist von ihrem Wesen her missionarisch und somit missional.36 Dabei steht „Welt“ an dieser Stelle immer für das lokale Gemeinwesen.37 In diesem Gemeinwesen hat sie ihren Platz.
Hier soll sie …
„Salz der Erde und Licht der Welt“ (Matthäus 5,13-15),
Botschafterin der Versöhnung mit Gott und Mensch (2. Korinther 5,18-20),
Gottes auserwähltes Volk (1. Petrus 2,10),
königliches Priestertum (1. Petrus 2,9-10) sein.
Mit anderen Worten: Mit seiner Gemeinde zeigt Gott den Menschen seine eigene Gestalt, den Leib Christi (Epheser 1,23), seine Gerechtigkeit (2. Korinther 5,21), ja sein Königreich. Sie ist „eine Bundesgemeinschaft, Zeichen und Vorgeschmack, Agent und Instrument der Herrschaft Gottes“.38
Der ekklesiale und damit lokale Charakter der Gemeinde als Versammlung der zur Verantwortung für die Welt berufenen Menschen bestimmt ihre kontextuelle Gestalt. Sie ist gesandt, wie Jesus gesandt wurde (Johannes 20,21). Und er kam in die Welt der Menschen als „Mensch wie wir ... nur ohne Sünde“ (Hebräer 4,15). Nur so konnten Menschen seine göttliche Herrlichkeit sehen (Johannes 1,1,14).
Analog dazu kann und muss die Gemeinde im Dorf eben das sein, was sie im Dorf ist – Dorfgemeinde, die die Verantwortung für Lebensräume im Dorf zugesprochen bekommen hat. Ihre Aufgabe im Dorf besteht darin, dem Leben Grundzüge eines unter der guten Herrschaft Gottes stehenden Gemeinwesens zu vermitteln. Mit anderen Worten, sie setzt sich für soziale Räume ein, in denen Gerechtigkeit, Wohlbefinden, Lebensfreude und Frieden herrschen. In solchen Räumen leben, arbeiten und feiern Menschen gern.
Hier wird das Wirklichkeit, was der Prophet Jesaja einmal seinem eigenen Volk Israel zugesagt hat: Menschen arbeiten und genießen das Werk ihrer Hände, sie bauen Häuser und leben selbst darin, sie setzen sich füreinander ein und kennen Gott persönlich (Jesaja 65,1ff.).
Natürlich ist das eine Vision, eine Zielvorgabe, aber nichts weniger meint Jesus, wenn er seinen Jüngern befiehlt, die Völker zu Jüngern zu machen (Matthäus 28,19-20).
Der Begriff Volk = griechisch ethnos steht für den soziokulturellen Raum und ist am besten als Gemeinwesen zu übersetzen. Man kann daher auch übersetzen: „Gehet in alle Welt und machet zu Jüngern alle Gemeinwesen.“ In unserem Fall ist das Gemeinwesen ein Dorf. Was aber bedeutet es, wenn die christliche Gemeinde sich auf dem Land bemüht, das ganze Dorf zum Jünger Jesu zu machen? Doch nur das Eine – dass die Einwohner des Dorfes so leben, wie Jesus es seine Jünger gelehrt hat.
Die Gemeinde Jesu ist somit für die Menschen da. So hat es Dietrich Bonhoeffer formuliert: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“39 Als solche müsse sie sich am allgemeinen Leben der Menschen beteiligen.40 Auch wenn andere, allen voran der Heidelberger Missionswissenschaftler Theo Sundermeier, Bonhoeffers Satz kritisiert haben und statt einer Kirche für Andere von der Kirche mit Anderen gesprochen haben41, bleibt klar – Gemeinde Jesu ist „von ihrem Wesen her als missionarische Gemeinde zu sehen“42. Sie ist es, weil Gott einen Plan mit den Menschen hat. Um Menschen geht es ihm. Für sie gab er „seinen eingeborenen Sohn hin auf das alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16).
Deswegen existiert die Kirche im Dorf, weil Gott Interesse an den Menschen dort und am Gelingen ihres Zusammenlebens hat. So gesehen ist sie der beste Liebesbeweis Gottes. In der Zuwendung Gottes zu den Menschen zeigt sich seine souveräne Herrschaft.
Es ist hilfreich, zwischen Gemeinde als Bewegung und Gemeinde als Institution zu unterscheiden.43 Kirche im Dorf ist zunächst und vor allem Gemeinde Jesu, aber als Dorfgemeinde wird sie sich als dörfliche Institution etablieren müssen, wenn die Einwohner in ihr eine Institution erkennen sollen, die zu ihnen gehört.
Jesus beispielsweise kam zu den Seinen, und man hat an seinem Äußeren erkannt, dass er Jude war. Paulus wiederum ging zu den Griechen und wurde unter ihnen wie ein Grieche (1. Korinther 9,19 ff.), um sie für Jesus zu gewinnen. Und so lehrte er auch die Gemeinde in Korinth – und folglich auch uns. Denn wenn wir aufs Land gehen, um die Landbevölkerung für den Glauben an Jesus zu gewinnen, sollte die Landbevölkerung an der Gemeinde erkennen, dass diese zu ihnen gehört.
Dekan Martin Reppenhagen hat acht Charakterzüge einer missionarischen Gemeinde formuliert. Danach (1) hat eine Gemeinde eine missionale Berufung, (2) lebt sie Nachfolge und Jüngerschaft mit der Bibel als Grundlage, (3) geht sie Risiken ein im Kontrast zur Welt, (4) verkörpert sie Gottes Absichten für die Welt, (5) hat sie den Gottesdienst im Zentrum, in dem sie Gott feiert, (6) lebt sie in Abhängigkeit zum Heiligen Geist und im Gebet, (7) ist sie Zeugin, Agentin, Instrument und Zeichen des anbrechenden Reichs Gottes (mit vorläufigem Charakter) und (8) hat sie eine missionale Autorität in der Gemeinde, um die missionale Berufung zu fördern.44
Alle diese Positionen beziehen sich auch auf die Gemeinde im Dorf, aber das dörfliche Leben wird jedem der acht Charakterpunkte seinen eigenen Stempel aufdrücken. Nur wer auf dem Dorf angekommen ist, kann auch eine Dorfgemeinde bauen. Edmonson schreibt mit Recht: „Effektive Evangelisation auf dem Land kann nur von Menschen gestaltet werden, die das ländliche Leben verstehen und sich hingegeben haben, auf dem Land zu leben.“45 Und der britische Gemeindeaufbau-Experte Stuart Murray behauptet gar, dass man kaum Gemeinden auf dem Land mit Menschen von außerhalb bauen kann.46
3.2.Erwartungen an die Dorfgemeinde
Gemeinde ist Gottes Pflanzung, aber sie ist in menschlicher Gestalt in der Welt. In ihr sehen Menschen Gottes Herrschaft im Vollzug. Hier können sie das Evangelium sehen, erfahren und hören. Durchaus können die Menschen Gottes Absichten am Leben der Gemeinde auch missverstehen. Was also können Menschen von der Gemeinde Jesu auf dem Dorf erwarten?
In einer Untersuchung im Unterallgäu, die erforschte, was Dorfbewohner von der Kirche im Dorf erwarten, sind unter anderem folgende Ergebnisse zutage getreten47.
Die Kirche soll …
(1)Glauben vermitteln,
(2)das Dorf zusammenbringen,
(3)soziales Leben schaffen und unterhalten,
(4)unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in die Gemeinschaft integrieren,
(5)seelsorgerliche Betreuung leisten,
(6)für Menschen in Notlagen sorgen,
(7)Menschen zum Ehrenamt motivieren,
(8)Heimatgefühle stiften sowie
(9)Ruhe und Kontemplation bieten.
Damit beschreiben die Unterallgäuer ziemlich genau die Bedürfnisse in ihrem Lebensraum. Die Kirche soll Verantwortung für ihren Lebensraum übernehmen, diesen gestalten und zum Besseren transformieren. Unmissverständlich schließen ihre Wünsche geistliche und soziale Aspekte ein. Glauben, Seelsorge und Gebet stehen hier neben sozialem Miteinander, Fürsorge, Integration und Heimat. Kann das eine Dorfgemeinde leisten? Muss sie es gar? Sind die Erwartungen nicht zu hoch geschraubt? Und wenn sie es nicht schaffen kann, wie soll der Gemeindeaufbau all das leisten? Welche Art von Aufbau braucht die Gemeinde, und wer kann ihn leisten?
3.3.Wir hatten einen Traum
„Ein Traum von der Gemeinde: Mut zum Missionarischen Gemeindeaufbau“, so betitelt Bernd Schlottoff sein überaus lesenswertes Buch zum missionarischen Gemeindebau.48 Offenbar muss man ein Träumer sein, wenn man heute noch missionarische Gemeinden bauen will. Das gilt vor allem für den Gemeindeaufbau auf dem Land.
Ich bin ein solcher Träumer. Aber der Traum, den ich da träume, ist weniger das Ergebnis eines überreizten Gehirns, sondern einer von Gott geschenkten Vision. Mir wurde sie, zusammen mit einigen anderen, zum ersten Mal 1999 geschenkt. Gerade nach einem längeren Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückgekehrt, standen meine Frau und ich vor der Frage, welcher Gemeinde wir uns in der neuen Heimat im Bergischen Land anschließen würden. Doch dazu kam es nicht. Denn ein befreundetes Ehepaar sprach uns an, eine neue Gemeinde zu gründen, und zwar auf dem Dorf. Zugegeben, ich hätte mir einen solchen Auftrag niemals selbst gegeben. Ich bin eigentlich ein Stadtmensch. Obwohl auf dem Land geboren, habe ich den allergrößten Teil meines Lebens in der Stadt gelebt. Das Dorfleben war mir fremd. Die Einladung unserer Freunde traf uns also überraschend und stieß erst mal auf Ablehnung. Aber der Gedanke, gegen alle Vernunft den Gemeindeaufbau auf dem Land zu wagen, reizte uns.
Nach viel Gebet und dem Drängen unserer Freunde gaben wir schließlich nach. So entstand das Gemeindegründungsprojekt in Brüchermühle im Bergischen Land. Es sollte ein ausgesprochen gesellschaftstransformatives Projekt werden und die Gemeinde, die wir bauten, eine missionale Gemeinde. Martin Schulten hat in seiner wissenschaftlichen Arbeit das Projekt und die Ergebnisse beschrieben.49
Die EfG Brüchermühle wurde im Jahr 1999 als eingetragener Verein von zwei Ehepaaren und fünf weiteren Freunden gegründet. Im Dorf gab es keine eigene Kirche, und Gottesdienste wurden lediglich unregelmäßig im Rahmen einer landeskirchlichen Gemeinschaft gehalten. Der Ort selbst – ein Ortsteil der Sammelgemeinde Reichshof – wurde in den 1970er-Jahren in die Gemeinde Reichshof (mit dem Rathaussitz in Denklingen) eingemeindet, die im Rahmen der Gebietsreform aus über einhundert einzelnen Ortschaften entstanden ist.50 Schulten schreibt:
„Das Dorf selbst mit seinen angrenzenden Nebendorfteilen hat 1891 Einwohner und besaß für diese Größe eine erstaunlich gute Infrastruktur. Mit zwei Tankstellen, einer Postfiliale, einem Lebensmittelmarkt, zwei Gaststätten, zwei Bankfilialen, einem Friseur, zwei Autowerkstätten, einer Fahrschule, einem Sportplatz, einem Bäcker, einem Drogeriemarkt und diversen anderen Geschäften, Handwerks- und Handelsbetrieben waren die Einkaufsmöglichkeiten für ein solches Dorf gut ausgeprägt, obwohl seit Anfang der 90er-Jahre ein Abbau der Infrastruktur begann. Das Hallenbad wurde aus Kostengründen Anfang der 90er-Jahre geschlossen, und die Bausubstanz zerfiel zusehends. Die Arbeitsmarktsituation der Bürger in diesem Dorf stellte sich so dar, dass sich zwei größere, produzierende Gewerbe nachhaltig in Brüchermühle angesiedelt hatten und viele Arbeitsplätze, die multikulturell besetzt waren, zur Verfügung standen.“51
Trotz dieser bemerkenswerten Lage sah man in Brüchermühle überall Spuren des beginnenden Zerfalls. Langfristig schien die Aushöhlung der Infrastruktur unabwendbar.
In diesem Dorf wollten wir nun eine missionale und dorfadäquate Gemeinde bauen. In unserem Gemeindehandbuch hieß es: „Das Ziel ist nicht, Gemeinde zu erhalten und ein attraktives Gemeindezentrum mit frommen Programmen aufzubauen, sondern Verbreitung des Evangeliums und Transformieren der Gesellschaft vor Ort. Dies soll in erster Linie in und um Brüchermühle geschehen (Kirche fürs Dorf). Der Blickwinkel der Gemeinde ist extern fokussiert.“52
Die Konzentration auf die Menschen vor Ort war somit in der DNA der Gemeinde angelegt. Im Handbuch heißt es weiter: „Die Menschen, die Jesus Christus noch nicht kennen, sollen durch die erfahrbare Liebe und Annahme von Christen auf die gute Nachricht hingewiesen werden und selbst Jünger Jesu werden.“53
Ein weiteres klares Bekenntnis zur Gesellschaftsrelevanz findet sich im Handbuch: „Gemeindewachstum geschieht dort, wo Christen entsprechend ihrer Begabung den Auftrag Gottes ernst nehmen und auf die Bedürfnisse und Not der Welt eingehen. Die Menschen im Dorf sollen ihre Bedürfnisse ausdrücken können, und die Gnade Gottes soll dort hineinkommen. In dieser Schnittmenge liegen der Auftrag und Dienst. Das Streben der Gemeinde ist, Gottes Gegenwart in die Welt zu bringen durch missionarische Arbeit als Dienst und Gemeinschaft mit den Menschen im Lernen voneinander.“54 Schulten schreibt:
„Dies wird sowohl bei der Auswahl der Räumlichkeiten, die EfG Brüchermühle ist im Frühjahr 2000 bewusst aus dem privaten Wohnzimmer in öffentliche Räume gezogen, als auch in den allerersten Anfängen bei der Arbeit mit Drogenabhängigen sichtbar, denn die EfG Brüchermühle hatte von Beginn an sowohl Kontakte zu Drogenabhängigen als auch zu den Bewährungshelfern und Ämtern aufgenommen, um mit ihnen gemeinsam zusammenzuarbeiten. Schon nach wenigen Monaten hat die EfG Brüchermühle dem Bürgermeister der politischen Gemeinde einen Entwurf einer gesellschaftsrelevanten Gemeinde „Kirche fürs Dorf“ vorgelegt. Darin wurde vorgeschlagen, das seit sechs Jahren zerfallende alte Schwimmbad in ein Gemeindezentrum zu verwandeln, das sowohl dem Dorf als auch der EfG Brüchermühle dienen sollte, ein Ort, an dem das gesellschaftliche Leben des Dorfes stattfindet. Im Hof sah der Entwurf Outdoor-Aktivitäten mit einer Grillstelle, Spielplatz, Volleyballplatz usw. vor. Es sollte ein Dorfzentrum entstehen, das als säkularer Treffpunkt in der Woche auf die Bedürfnisse der Dorfbewohner eingestellt ist und am Sonntag einen Gottesdienst anbietet.“55
Die Gemeinde verstand ihre Vision „Gemeinsam die Zukunft gestalten“ so, dass sie diese gemeinsam mit anderen Sozialakteuren vor Ort umsetzen wollte. Der lokale Fußballverein erhielt Räume im neu entstandenen Gemeindezentrum, genauso wie der Gesangsverein die Möglichkeit erhielt, im Saal Konzerte aufzuführen. Schon bald entstanden eine Musik-, Ballett- und Malschule für Kinder, Kurse für Jugendliche ohne Schulabschluss, eine Beschäftigungsgesellschaft für Arbeitslose, Gymnastikkurse für Frauen u.v.m.
Wie deutlich die Vision des gemeinsam gestalteten Lebens auch mit Menschen verstanden wird, die noch keine Christen sind, wird im Gemeindehandbuch sichtbar, wenn im Punkt 4.1. die 5 Glaubensziele der Gemeinde Brüchermühle beschrieben werden. Unter dem Aspekt der Gemeinschaft wird ausgesagt: „Gemeinschaft – ich will mit anderen Christen und mit meinen Mitmenschen echte Gemeinschaft in gegenseitiger Anteilnahme leben.“56
Diese gesellschaftstransformative Vision der EfG Brüchermühle drückte sich vor allem in den folgenden 4 Aspekten aus:
•Wir wollen eine Gemeinde im Dorf sein.
•Wir wollen eine Gemeinde für andere sein.
•Wir wollen Gemeindebau als Bau des Reiches Gottes leben.
•Soziale Arbeit ist ein integraler Teil unseres Gesamtauftrags.
Die EfG Brüchermühle hat sich von Anfang an lokal positioniert und sowohl in ihrem Auftrag als auch in ihrer Vision dem Dorf Brüchermühle verpflichtet. Sie wollte eine Gemeinde für die Menschen vor Ort sein, eine „Gemeinde für andere“57.
Dass Gemeinde nicht für sich, sondern für andere da ist, ist gerade in den Anfangsjahren der Gemeinde Brüchermühle an der Entwicklung der Mitglieder und Taufzahlen sichtbar geworden. Die weit überwiegende Zahl der neuen Mitglieder sind Menschen, die als Nichtchristen in Kontakt zur Gemeinde gekommen und dort getauft worden sind. Von 2000 bis 2005 schlossen sich der Gemeinde 251 Menschen an, wovon 214 in der Gemeinde zum Glauben kamen und getauft wurden.58 Es gab nur vereinzelt Übertritte bzw. Überweisungen aus anderen Gemeinden, da dies konzeptionell nicht gewollt war.
Das Geheimnis des Wachstums der Gemeinde lag vor allem in der Mitarbeit aller Gemeindeglieder, die sich bewusst in ihrem Alltag für die Belange des Reiches Gottes in der Gesellschaft einsetzten. Im Gemeindehandbuch der EfG Brüchermühle heißt es:
„Gemeindewachstum geschieht dort, wo Christen entsprechend ihrer Begabung den Auftrag Gottes ernst nehmen und auf die Bedürfnisse und die Not der Welt eingehen. Die Menschen im Dorf sollen ihre Bedürfnisse ausdrücken können, und die Gnade Gottes soll dort hineinkommen. In dieser Schnittmenge liegen Auftrag und Dienst. Das Streben der Gemeinde ist, Gottes Gegenwart in die Welt zu bringen, durch missionarische Arbeit als Dienst und Gemeinschaft mit den Menschen im Lernen aneinander.“59
Mitglieder der Gemeinde schlossen sich dem Bürgerverein des Dorfes an, spielten im lokalen Fußballklub, und die Gesamtgemeinde trat als Sponsor für den Sportverein des Ortes auf. Die Vorgabe war klar: „Kontakte werden geknüpft und dadurch Interesse und Offenheit gegenüber dem Glauben geschaffen. Auch Berührungsängste gegenüber der Gemeinde werden abgebaut.“60
Mehr noch: Die Gemeinde nahm bald unterschiedliche soziale Aufgaben am Ort wahr. Zu ihr kamen immer mehr Menschen, die ohne Arbeit waren und sozial absackten. Eine Analyse unter den neuen Mitgliedern der Gemeinde ergab, dass über 100 Personen aus ihrem Umfeld keine Arbeit hatten. Viele von ihnen hatten keinen Schulabschluss.61 Diese Arbeitslosen hatten auf dem primären Arbeitsmarkt kaum eine Chance. So entstand die Christliche Beschäftigungsgesellschaft Brüchermühle (CBB) – heute Christliche Beschäftigungsgesellschaft im Bergischen.62 Die CBB organisierte Schuldnerberatung für hoch verschuldete Bürger des Ortes, nahm sich der Situation der Arbeitslosen an und bot ihnen Resozialisierungsprogramme an – Hausarbeiten und einfache Bauarbeiten, Reparatur von Rollstühlen, Pflasterarbeiten. Sogar die Unterhaltung einer eigenen Tankstelle mit dem dazugehörigen Autoservice kam dazu.63
Um diese Menschen auch schulisch besser zu stellen, wurde die Ausbildungsinitiative für Beschäftigungssuchende Brüchermühle (ABB) ins Leben gerufen. Vor allem Jugendliche erhielten hier die Möglichkeit zur Weiterbildung, sodass sie ihren Schulabschluss nachmachen konnten. Das Lehrpersonal wurde aus den Reihen arbeitsloser Lehrer rekrutiert. An der lokalen Grundschule bot die CBB Nachmittagsbetreuung für Kinder an, deren Eltern beide arbeiteten.
Aus einem denkbar kleinen Anfang wurde bald eine ansehnliche kirchliche Arbeit. Mitten auf dem Land. Der Einsatz hatte sich gelohnt, und der Beweis war erbracht – auch auf dem Land kann man Gemeinden bauen und entwickeln. Meine eigenen Erfahrungen machen mir Mut, dass auch in anderen Teilen des Landes Gemeinden aufblühen.
W. Frost ordnet der Beziehung zwischen Christen und Noch-nicht-Christen eine ganz hohe Stellung zu, wenn er schreibt: „Das Ziel jeder Mission ist, dass Noch-nicht-Christen verstehen, dass Jesus für sie ist, das heißt, dass er das Beste der Gruppe will; dass er auf ihrer Seite ist. In einer Welt, in der viele Noch-nicht-Christen inzwischen annehmen, dass Gott sie ablehnt (vielleicht, weil sie den Eindruck gewonnen haben, dass Gottes Leute sie ablehnen), ist es wichtig, diese Botschaft zu einem Hauptziel der inkarnierenden Gemeinde zu machen: Wir wollen Menschen helfen, den Kontakt zu einem Gott zu suchen, der sie sucht und ihre Freundschaft begehrt.“64
Im Verlauf seiner Strategiebeschreibung kommt der Autor zu dem Punkt, dass es Orte geben muss, an denen man Christus entdecken kann. Er sagt: „Die Gesellschaft braucht Gelegenheiten, bei denen Christen und Noch-nicht-Christen, die mehr über das Evangelium erfahren wollen, sich in einer nicht-bedrohlichen Umgebung treffen können, in der sie respektiert werden.“65
Fragen zum Nachdenken:
1.Was verstehen Sie unter Gemeinde?
2.Was sagt die Bibel über Kirche und Gemeinde?
3.Wie verhält sich Ihrer Meinung nach die Gemeinde als Gottes Idee zur Kirche als Organisation, wie wir sie heute kennen?
4.Welche Rolle kommt dem Kontext, in dem die Gemeinde existiert, für die Gestaltung des Gemeindelebens zu?
5.Wie müsste Ihrer Meinung nach Gemeinde im Dorf sein?
Kapitel 4
Gemeindeaufbau im ländlichen Raum

4.1.Gemeindeaufbau verstehen
In diesem Buch geht es um kirchlichen Gemeindeaufbau auf dem Land. Unsere Frage lautet daher: Wie kann man heute effektiv Kirchengemeinden auf dem Land gründen, pflanzen und entwickeln, sprich zum Wachstum bringen? Wachstum meint dabei nicht bloß numerisches Wachstum. Es geht um weit mehr als nur um einen besser besuchten Gottesdienst oder wachsende Mitgliederzahlen. Michael Herbst konstatiert richtig: „Selbsterbauung der Kirche als Leib Christi bedeutet extensives und intensives Wachstum.“66
Uns geht es um Wachstum nach innen und außen. Gemeindeglieder sollen sowohl in ihrem Glauben, in ihrer Beziehung zu Gott und zueinander als auch in ihrer missionarischen Ausrichtung gestärkt und aufgebaut werden. Gemeindeaufbau ist, wie Christian Möller es richtig sagt, „ein geduldiges und behutsames Knüpfen an jenem offenen Gewebe von Gemeinde, das mal an dieser und dann an jener Stelle reißt und ständig neu wieder geknüpft sein will, damit möglichst niemand verlorengehe, sondern in seiner Nachbarschaft, einem Verein, einem Hauskreis, einer Gruppe der Frauenhilfe oder einem Freundeskreis aufgefangen werde“.67 Gründen und pflanzen, begießen und entwickeln, gewinnen und aufbauen, und wieder gründen, pflanzen – das sind die Kategorien, die den Gemeindeaufbau beschreiben.
Natürlich drücken diese Begriffe nicht nur eine gemeinsame Perspektive, sondern auch immer Aspekte des Ganzen aus. Gemeinde zu gründen meint etwas anderes, als diese zu pflanzen und diese zu entwickeln, und akzentuiert wiederum einen anderen Aspekt als Gemeindeaufbau. Wir gehen auf diese einzelnen Punkte ein und werden uns sowohl mit der Gründung neuer Gemeinden (Gemeindegründung) als auch mit deren Entwicklung (Gemeindewachstum) auseinandersetzen. Dabei bleibt das Dorf jedoch immer unser Zielort. Nicht der Aufbau eines zufällig am Ort angesiedelten christlichen Zentrums ist im Blick, sondern eine Gemeinde, die die Menschen im sozialen Raum erreicht. In der Literatur unterscheiden wir an dieser Stelle zwischen kategorialem und territorialem Gemeindebau. Während im ersten Fall Menschen einer gewissen sozialen Gruppe aus allen Windrichtungen zum Gottesdienst, der meist als Event gefeiert wird, geladen werden, konzentriert sich der territoriale Ansatz auf die Menschen vor Ort. Nicht die Kirche und ihr Leitungsteam bestimmen hier Stil, Struktur und Gestalt, sondern der Kontext, der Ort. Während eine kategoriale Gemeinde ihr Gemeindehaus vor Ort hat, ist die territoriale per definitionem Ortsgemeinde. Die meisten Landeskirchen sind territorial in Parochien, die meisten Freikirchen kategorial als zielgruppenorientierte Gemeinden organisiert.
Das freikirchliche Modell galt lange Zeit als zukunftsweisend. Im Gegensatz zur Parochie wendet sich dieses Modell an bekennende und aktive Christen. Das Ergebnis sind in der Regel Sammelgemeinden, die stark nach innen gerichtet sind. Entsprechend gering ist dann ihre Wirkung nach außen. Uns erscheint eine Kombination der beiden Modelle sinnvoll – eine Bekenntnisgemeinde mit ausgesprochener Konzentration auf das lokale Gemeinwesen. So können im besten Sinne des Wortes Ortsgemeinden entstehen.
Wie baut man Ortsgemeinden auf dem Land? Wie sollten sie gegründet und strukturiert werden, um nicht der um sich greifenden Landflucht zum Opfer zu fallen? Und wie können sie sich entwickeln, wachsen und gedeihen? Gehen wir den Begriffen einmal einzeln nach.
4.2.Gemeindegründung und Gemeindepflanzung
Gemeinden wachsen nicht natürlich aus dem Boden. Sie entstehen da, wo Missionare das Evangelium hinbringen. Gemeindeaufbau ist möglich, weil Mission geschieht. Und wo Gemeinden aufgebaut werden, sollte Mission folgen. Michael Herbst bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Gemeindeaufbau ist entweder missionarisch – oder gar nicht!“68
Die Entstehung einer Gemeinde vor Ort ist mit der Gemeindegründung verbunden. Der Begriff ist eher typisch für den deutschen und hier freikirchlichen Raum. Das Gemeindeverständnis dieser Kirchen geht in der Regel von der absoluten Priorität der lokalen Kirchengemeinde aus. Man hat deshalb auch keine Mühe mit der Gründung, weil sich darin eine Neukonstituierung der Gemeinde vor Ort äußert.
Kirchen, die viel stärker von der Einheit des Leibes Christi ausgehen, weigern sich dagegen, von der Gründung der Gemeinde zu reden, da die Kirche nicht immer wieder neu gegründet werden kann. Hier benutzt man eher den Begriff Gemeindepflanzung und versteht darunter einen „Prozess, durch den die Saat des Lebens und der Botschaft Jesu Christi, verkörpert durch eine Gemeinschaft von Christen, aus missionarischen Gründen in einen bestimmten kulturellen oder geographischen Kontext eingepflanzt wird. Diese Gemeinschaft soll dort Wurzeln schlagen, damit eine ganz neue, eigenständige und aus dem kulturellen Kontext erwachsene Gestalt des Leibes Christi entsteht. Diese Nachfolger Christi sollen ihrerseits in der Lage sein, den Staffelstab zu übernehmen und sich den missionarischen Auftrag zu eigen zu machen.“69
Beide Begriffe betonen die Entwicklung einer neuen Gestalt der Kirche im Kontext. Es geht also nicht um bloßes Kopieren einer bestehenden Gemeinschaft in den neuen Ort. Es geht nicht um Klonen. Der britische Gemeindebauexperte Stuart Murray weist auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Pflanzen und Klonen einer Gemeinde hin.70 Er schreibt: „Im Zusammenhang mit Gemeindepflanzung […] beschreibt das Klonen den Prozess der Replikation von Struktur, Stil, Ethos, Aktivitäten mit dem Ziel der Verwirklichung einer Gemeinde des gleichen Typos. Der Ort, an dem sich die Gemeinde trifft, mag sich verändert haben, aber die Gestalt bleibt die gleiche.“71 Murray bedauert die Tatsache, dass Klonen eher zur Regel als zur Ausnahme im Gemeinde-Neuaufbau gehört.72
Gemeindegründung und -pflanzung sind immer der Beginn einer neuen Gemeindewirklichkeit. Michael Herbst schreibt richtig: „Mit dem Vorgang des Pflanzens untrennbar verbunden sind Bewegung und Veränderung. Die Samen müssen aus der Verpackung genommen und in den Boden des missionarischen Kontextes eingegraben werden, wo die Saat (in diesem Fall das Pflanzungsteam) für das alte Leben und Umfeld ‚stirbt‘. Der Same verliert seine ursprüngliche Identität, nämlich die als Teil der aussendenden Gemeinde mit ihrer ganz bestimmten Prägung und Kultur.“73 Das Ziel der Gründung/Pflanzung einer neuen Gemeinde muss daher immer sein, „so natürlich wie möglich die Gemeinde in den neuen Kontext einzubinden“74.
4.3.Gemeindeaufbau, -entwicklung und -wachstum
Von Gemeindegründung und -pflanzung grundsätzlich zu unterscheiden sind Wachstumsbegriffe wie Gemeindewachstum, -aufbau und -entwicklung. Gemeindewachstum beschreibt den Prozess der Entwicklung einer bestehenden Gemeinde im gegebenen Kontext. Im deutschen Sprachraum werden hierfür auch gerne die Begriffe Gemeindeentwicklung75 und Gemeindeaufbau76 bemüht. Schon Fritz Schwarz definierte in seinem Versuch, eine Theologie des Gemeindeaufbaus zu formulieren, Gemeindeaufbau als „alles Handeln, das
auf Ereignis- und Gestaltwerden von Ekklesia zielt“77. Es geht um die Frage, wie man die Kirchengemeinde zum Wachstum nach innen und außen führen kann.
Dabei wird das Wachstum nach innen vor allem durch die Mündigkeit der Gemeindeglieder angezeigt, ganz im Sinne Christian Möllers, der im Gemeindeaufbau vor allem den Aufbau einer mündigen Gemeinschaft von Nachfolgern Christi sah. Möller schreibt:
„Alle Bemühungen um Gemeindeaufbau sollten aber darin übereinstimmen, dass eine Gemeinde angestrebt wird, die so als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft lebt, dass möglichst viele Glieder in mündiger Mitarbeit Verantwortung übernehmen und einander helfen, als Christen in der Welt von heute zu leben.“78
Das Wachstum nach außen, in die Welt hinein, ist dagegen ein missionarisches Wachstum. Es ist ein Zugewinn von Menschen, die Christus nicht kannten und die ihm dank der Evangelisation der Gemeinde nun bewusst nachfolgen. Gerade angesichts der schwindenden Zahlen von Gemeindegliedern ist diese Frage seit Jahrzehnten von herausragender Bedeutung. Eine Flut von Konzepten ist entwickelt worden. Die weiteste Verbreitung erreichte dabei die nordamerikanische Gemeindewachstumsbewegung (Church Growth Movement), die sich auf die theoretische Arbeit des Missionswissenschaftlers Donald McGavran (1897-1990) stützte.79 Seine Konzepte waren von Beginn an stark umstritten, weil sie eher soziologisch als theologisch den Aufbau zu fördern suchen.80 Eine solche Organisationsentwicklung hat gewiss ihren
Platz, darf aber die theologische Natur der Kirche an sich nicht außer Kraft setzen. Orlando Costas bezeichnete das Gemeindewachstum als „multidimensionales Phänomen“81. Entsprechend muss eine Theorie des Gemeindeaufbaus sich prinzipiell aller Aspekte des Wachstums der Gemeinde annehmen.
4.4.Gemeindeaufbau auf dem Land als Fortpflanzungsprozess
Menschen verlassen heute das Land. Dörfer verwaisen. Wie oben gesehen sind die Räume auf dem Land alles andere als uniform. Gefragt ist ein Gemeindeaufbaumodell, das dieser Tatsache Rechnung trägt. Die Entwicklungen auf dem Land verlangen nach flexiblen Alternativen. Was gestern für die Kirche auf dem Dorf noch galt, kann schon heute in Frage stehen. Die Wandlung des ländlichen Raumes wird der Gemeinde viel Gestaltungskreativität abverlangen, einen „sensus pro loco et tempore“, wie Christian Möller ihn nannte, einen geschärften Sinn für das, was jetzt und hier möglich und was an der Zeit ist.82 Gemeindeaufbau nach Schema F, nach einer immer gültigen Vorlage, ist im Kontext des wandelnden Dorfes zum Scheitern verurteilt. Gemeindeaufbau kann nicht ohne ein fortwährendes Neupflanzen gelingen.83 Fortpflanzung gehört in die Erbanlage, zur DNA einer wachsenden Kirche.84
Gemeinden auf dem Land sollten daher schon heute über Veränderungen von morgen nachdenken, ihre Strukturen müssen denkbar flexibel aufgebaut werden, um den Wandlungen des Kontextes effektiv begegnen zu können. Sehr treffend beschreibt eine solche DNA der englische Begriff transforming, der üblicherweise mit Wandel übersetzt wird.85 Dabei ist der Unterschied zwischen dem Deutschen und Englischen groß. Während der deutsche Begriff den Wandel immer in Richtung des angestrebten Zieles beschreibt, geht es im Englischen um eine reziproke, also wechselseitige Beeinflussung. Transforming meint einen Wandel sowohl im Dorf als auch in der Gemeinde.
Natürlich verlangt eine so flexible Arbeit am Bau der Gemeinde mehr als fähige Mitarbeiter. Sie verlangt nach Gottes Gegenwart, nach einem Verständnis dafür, dass letztlich Gottes Geist Gemeinde baut und nicht Menschen. Gemeinde begann an Pfingsten. Der Geist Gottes ist der wahre und eigentliche Baumeister. Christian Möller schreibt:
„Wenn eine Gemeinde wieder von Herzen in den Ruf ‚Komm, Schöpfer Geist!‘ einstimmen kann, so mag es ihr geschenkt werden, dass sie die Gegenwart des Heiligen Geistes als das wahrhaft tragende Element und die eigentlich aufbauende Kraft im Gemeindeaufbau erfährt. Gottes Alleinwirksamkeit und des Menschen Tun finden so zusammen.“86
4.5.So bauen andere
4.5.1.Ortsbezogen oder überörtlich
Wie baut man Gemeinde auf dem Land heute? Welche Ansätze werden angewandt? Die oben zitierte EKD-Studie bemüht sich um unterschiedliche Zugänge für jeden der sieben definierten Räume auf dem Land. Beim näheren Hinsehen lassen sich die diskutierten und praktizierten Ansätze unterscheiden in ortsbezogene und überörtliche Modelle sowie Kombinationen, die aus der Überlagerung der beiden Modelle entstehen. Wir nennen diese dritten Modelle integrative Modelle. Das EKD-Papier zum Gemeindebau auf dem Land spricht an dieser Stelle von geistlichen Zentren und Wachstumsgemeinden. Im Papier heißt es:
„Geistliche Zentren und Wachstumsgemeinden zeichnen sich gemeinsam dadurch aus, dass sie als Entwicklungskerne innerhalb einer Region, eines Kirchenkreises bzw. einer Landeskirche fungieren. Ihr wesentlicher Unterschied besteht darin, dass es bei den geistlichen Zentren um ein extraordinäres, nur an singulären Orten praktizierbares kirchliches Wirken geht, bei den Wachstumsgemeinden dagegen um ein exemplarisches, multiplikationsfähiges Wirken der Kirche.“87
Ortsbezogene Ansätze konzentrieren sich beim Gemeindebau auf den jeweiligen Ort, das jeweilige Dorf. So sind die traditionellen Kirchen entstanden – eine Kirchengemeinde vor Ort als ortsbezogene Gestalt der Kirche. Auch die Landeskirchlichen Gemeinschaften und später Freikirchen praktizierten das Modell. Die rückläufige Größe der Gemeinden zwang die unterschiedlichen Gemeinschaften aber schon früh, mehrere Ortsgemeinden in Sammelgemeinden zusammenzulegen. Solche Gemeinden kommen aus mehreren Dörfern an einem zentralen Ort zusammen. Die Gemeinden verstehen sich als ortsbezogen, behaupten ihre Eigenständigkeit, unterhalten einen zentralen Gottesdienstort, haben einen Pastor etc.
Überörtliche Gemeinden praktizieren dagegen ein Netzwerk-System. Hier unterscheidet man zwischen der ortsbezogenen Lokalgruppe und dem zentralen Gottesdienst, der in regelmäßigen Abständen für alle Lokalgemeinden angeboten wird. Gottesdienste finden in den Lokalgemeinden und am zentralen Versammlungsort statt, die restlichen Veranstaltungen wie Bibelstunden, Hauskreise etc. jeweils am Ort. Die Jugendarbeit wird häufig wie der Gottesdienst an einem zentralen Ort angeboten. So entwickelten sich beispielsweise Täufergemeinden seit der Reformation, und so arbeiten heute die Netzwerkgemeinden.
Die Konzentration auf eine bestimmte Zielgruppe, wie das in der nordamerikanischen Gemeindebewegung – allen voran von der von Donald McGavran begründeten Schule – empfohlen wird88, ist auf dem Land nur bedingt möglich. Amerikanische Muster-Mega-Gemeinden, so die Saddleback-Church in Los Angeles mit ihrem Pastor Rick Warren89 und die Willow-Creek-Community-Church (WCCC) von Bill Hybels90, folgen diesem Programm. Diese Beispiele erweisen sich nur sehr bedingt als hilfreich, wenn es um den Gemeindebau auf dem Land geht.
4.5.2.Integriert und wachsend
Heute wird sehr viel über integrative Modelle gesprochen, die sowohl den Ortsbezug als auch die überörtliche Weite suchen. Das an dieser Stelle oft benutzte Bild ist die Vermehrung der Erdbeer-Pflanze. Diese vermehrt sich ganz natürlich wie Unkraut im Feld. „In unmittelbarer Nähe zur Mutterpflanze wächst ein Ableger heran. Durch eine direkte Verbindung wird die Tochterpflanze ernährt, bis diese eigene Wurzeln gefasst hat.“91 Sobald das passiert ist, nabelt sich die Mutterpflanze vom Setzling ab, aber nur, um ab jetzt anderen Nahrung zu geben. In diesem Bild gesprochen werden christliche Gemeinden dafür sorgen, in sich verändernden urbanen Kontexten „neue Formen“ kirchlicher Existenz zu gründen.
„Einige Pflanzen vermehren sich, indem Samen durch den Wind ausgesät werden.“92 Mit diesem Bild wird eine Variante beschrieben, in
der die Tochtergemeinde geographisch wie auch genetisch in einem größeren Abstand zur Muttergemeinde steht. Auch hier wird ein Team als Same an einem neuen Ort „eingepflanzt“, meist deutlich kleiner als bei einem Ableger, der aber nicht in einer solch engen Verbindung zur Mutterpflanze steht wie dieser. Die Chance ist größer, dass sich die Tochtergemeinde einpflanzt und nicht klont. Die Muttergemeinde unterstützt die Tochtergemeinde, aber aufgrund der größeren Distanz nicht in dem Umfang wie bei einem Ableger. Die Erfolgsquote dieser Variante ist, dem Bild der Aussaat entsprechend, tendenziell geringer, kann aber quantitativ öfter von der Gemeinde durchgeführt werden.93
Man könnte von Aufpfropfen oder Zusammenpflanzen reden. In dieser Variante können die Aussendung und die Verbindung des Teams der Tochtergemeinde in ähnlicher Variante wie bei der Aussaat erfolgen, nur dass sich das Team aus mehreren Gemeinden zusammensetzt. Durch die Kreuzung mehrerer Muttergemeinden ist die Chance hoch, dass sich die gemeinsame Tochtergemeinde nicht nur klont, da möglicherweise keine einheitlichen Prägungen seitens der Muttergemeinden vorliegen, sondern diese sich in ihren neuen Kontext einpflanzt. Ebenso hoch ist aber auch das Konfliktpotenzial. Die Tochtergemeinde erhält von allen Muttergemeinden Unterstützung, wobei diese unterschiedlich ausfallen kann.94
„Ein Gärtner weiß, wie man große Pflanzen teilt, um dann die Hälfte als Setzling an anderer Stelle einzupflanzen.“95 In dieser Variante des Modells wird kein Team ausgesandt, sondern ein größerer Teil der Gemeinde trennt sich ab, um sich an einem anderen Standort direkt als neue „fertige“ Gemeinde einzupflanzen. Je nach Größe der Teile ist es schwer, zwischen Mutter- und Tochtergemeinde zu unterscheiden. Darin hat diese Variante auch die größte Unterscheidung zu den anderen: Es gibt nach der Teilung nicht mehr „die“ Muttergemeinde, die ausgesendet hat. Auch ist die „neue“ Gemeinde direkt so groß, dass sie nicht zwangsläufig auf Unterstützung (untereinander) angewiesen ist. Die Wahrscheinlichkeit des Klonens ist allerdings sehr hoch, da viele mit gleicher Prägung in der „neuen“ Gemeinde Mitglied sind. Es ist nicht auszuschließen, dass die Motivation für die Verpflanzung weniger aus missionarischer/evangelistischer Motivation erfolgt, sondern aus logistischer. Diese Variante der Pflanzung kann auf der einen Seite, positiv auf Wachstum ausgelegt, als Verpflanzung oder Gemeindeteilung gesehen werden, negativ aber auch das Ergebnis einer Gemeindespaltung sein.96
Integrative Modelle streben Multiplikation als Ausgang und Ziel des Gemeindeaufbaus an. Das schließt ebenfalls ein, dass die Tochtergemeinde zu einer autonomen Gemeinde werden muss. Sie muss die starke Verbindung und Unterstützung zur Muttergemeinde lockern, auf „eigenen Beinen stehen“, damit sie sich selbst wieder multiplizieren kann und zur aussendenden Muttergemeinde wird.97
4.5.3.Alter Inhalt – neue Formen
Gemeinden, die auf Fortpflanzung setzen, kommen schnell zur Einsicht, dass man im neuen Kontext auch neue Formen des Gemeindelebens finden muss. Michael Noss bringt es sehr treffend auf den Punkt, wenn er schreibt: „Die Grundlage ihres Handelns nimmt die Gemeinde aus dem Wort Gottes, die Art und Weise ihres Handelns ist bestimmt durch die Herausforderungen ihrer jeweiligen Umwelt und Zeit.“98 Und eine neue Umwelt verlangt dann nach neuen Zugängen, Formen und neuer Gestalt.
Die Gründung neuer Ausdrucksformen kirchlichen Lebens muss nicht notwendigerweise mit der Gründung selbstständiger Gemeinden zusammenhängen. Gerade in sozialen Ballungsräumen kann die Beibehaltung der organisationellen Einheit der Gemeinde von großem Vorteil sein. In solchen Fällen werden die neuen Formen unter dem Dach der einen Gemeinde etabliert. Dies geschieht, um damit neue ethnische, sprachliche oder soziale Gruppen mit dem Evangelium zu erreichen. Man spricht dann auch von multi- oder auch interkulturellen Gemeinden.99 „Typisch für diese Gemeinde ist, dass sich die neuen Gemeinschaften im selben Gemeindehaus zusammenfinden, aber zu einem gewissen Grad unter der Autorität der gastgebenden Gemeinde bleiben.“100 So verwirklichen sie gemeinsam ihre wichtigsten missionarischen Ziele und Projekte.
Das multioptionale Modell erfreut sich zurzeit großer Beliebtheit in den USA und Großbritannien. Viele „neue Ausdrucksformen des kirchlichen Lebens“ (fresh expressions) der anglikanischen Kirche sind auf diese Weise in ihre Muttergemeinde integriert. Bei dieser Variante sind die Merkmale der klassischen Aussendung sowie das Ausgelegtsein auf Multiplikation nur teilweise vorhanden.101
Eine abgewandelte Variante des Modells findet sich in der Multisite-Kirche, die alle Vorteile einer multioptionalen Gemeinde nutzt, aber anstatt eines Versammlungslokals mehrere nutzt. Dabei bleibt jede neue Gründung als Teil der Gesamtgemeinde bestehen.102 Die Mitglieder der einzelnen Niederlassungen bleiben Mitglieder in der einen Gemeinde. Sie treffen sich abwechselnd in ihrer separaten Gruppe bzw. als ganze Gemeinde. „Eine Gemeinde – mehrere Versammlungsorte“103 ist das Programm dieses Gemeindetyps. Die Gemeinde hat, ähnlich der multikulturellen Gemeinde, eine gemeinsame Vision, Konzeption und strategische Leitung. Auf der operativen Ebene können sich die einzelnen Satelliten dagegen sehr selbstständig entwickeln.104
Multioptionale Modelle können auch auf dem Land funktionieren. Die Diversität des ländlichen Raumes zwingt den Gemeindeentwicklern den Gedanken pluraler Zugänge regelrecht auf. Die ausdünnende Bevölkerung legt zudem eine Zusammenlegung lokaler Gemeinden in einen Verbund nahe. Auf diese Weise kann die Gemeinde denkbar flexibel auf die Entwicklungen des sozialen Raumes reagieren und dabei eine gemeinsame Strategie des Aufbaus verfolgen.
Fragen zum Nachdenken:
1.Worin besteht der Unterschied zwischen Gemeindegründung und Gemeindepflanzung? Warum wird diese Unterscheidung gemacht?
2.Was ist unter Gemeindeaufbau zu verstehen?
3.Was meint man mit Gemeindeentwicklung und Gemeindewachstum?
4.Was ist der Unterschied zwischen integrativen Modellen des Gemeindeaufbaus und multioptionalen?
5.Welche Modelle sind Ihrer Meinung nach geeignet, um auf dem Land Gemeinde zu bauen?
Kapitel 5
5.1.Nahe bei den Menschen
Gemeinde Jesu ist theologisch gesehen die aus der Welt herausgerufene Versammlung, die Verantwortung für die Welt übernehmen soll. Auf dem Land ist diese Welt das Dorf! Und das sind wiederum immer zunächst und vor allem die Menschen vor Ort. Unter ihnen, mit ihnen und für sie soll Gemeinde gebaut werden. Soll sie diese Menschen erreichen, dann wird sie als gesellschaftsrelevante und damit dorfrelevante Gemeinde gebaut werden müssen. Denn es geht um nichts Geringeres als um die Gemeinde Gottes im konkreten Lebenszusammenhang konkreter Menschen.
Gemeinde auf dem Dorf muss zuerst und vor allem Dorfgemeinde werden. Nicht eine Gemeinde auf dem Dorf, die sich eigentlich darum bemüht, ihr Ideal aus der Stadt am Leben zu erhalten, sondern eine Dorfgemeinde, die die Lebensformen und Sehnsüchte der Menschen vor Ort widerspiegelt und sie kraft des Evangeliums zum Besseren transformiert.
Wie wird eine Gemeinde im Dorf zu einer Dorfgemeinde im besten Sinn des Wortes?
Die Antwort lautet: Sie muss kontextualisiert werden.
Der Prozess einer solchen Kontextualisierung sieht sieben Schritte vor:
(1) Verortung,
(2) Potenzialanalyse,
(3) Kontextanalyse,
(4) Visionsfindung,
(5) Planung,
(6) Aktion und
(7) Evaluation.
Wir reden hier vom „Zyklus gesellschaftstransformativer Gemeindearbeit“ (ZGG) 105.
Abb. 1: Zyklus gesellschaftstransformativer Gemeindearbeit (ZGG)
In der Verortung entscheidet sich die Gemeinde für den territorialsozialen Raum, in dem sie Gemeinde bauen will. Sie fragt Gott nach ihrem Einsatzgebiet und nimmt dieses als ihre Berufung an.106
Gesellschaftstransformative Gemeindearbeit hat immer einen Ort, einen sozialen Raum, im Blick und unterscheidet sich somit prinzipiell von jedem an Zielgruppen orientierten Bau.107 Allen Menschen vor Ort samt all ihren Anliegen und Nöten gilt ihre Aufmerksamkeit.
Gemeinde wird von Gott gebaut, aber er bedient sich dabei seiner Kinder. Hierfür hat er ihnen Gaben gegeben (1. Korinther 12,4) für Werke, die er zuvor bestimmt hat, dass sie darin wandeln sollen (Epheser 2,10; 1. Korinther 12,5). Wo sie ihre Gaben für Dienste nutzen, die er für sie bestimmt hat, da entwickelt sich jene transformative Energie, die in der Stadt allen zu leuchten vermag (1. Korinther 12,6-7).
Es macht daher Sinn, den gesellschaftsrelevanten Gemeindebau als gabenzentrierten Gemeindebau zu begreifen. Und hierfür ist eine detaillierte Potenzialanalyse der Gemeinde vonnöten. Dabei wird sowohl nach materiellen, sozialen, kognitiven als auch geistlichen Fähigkeiten und Kompetenzen gefragt. Hierzu kann die vom Trafo-Institut in Marburg entwickelte Arbeitshilfe zur Durchführung einer Potenzialanalyse in der Gemeinde von großer Hilfe sein.108
Die Ermittlung eigener Potenziale schärft den Blick der Gemeinde für den Kontext. Und diesen zu verstehen ist der nächste Schritt in der Entwicklung effektiver Gemeindearbeit auf dem Land.
Die Kontextanalyse will zur Sehhilfe für die Gemeinde werden. Welche Menschen leben im Gemeinwesen, in dem die Gemeinde gebaut wird? Woran glauben sie, was können sie, und wogegen kämpfen sie an? Was sind ihre Herausforderungen, Bedürfnisse, Nöte, und über welche Potenziale verfügen sie? Was ist ihre materielle wie soziale Lage? Vor welchen intellektuellen Herausforderungen stehen sie? Kennen sie Gott, und wie denken sie über ihn?
Das sind die Fragen, deren Beantwortung eine menschenfreundliche Gemeindearbeit ermöglicht. Nur wenn man weiß, was die schlechten Nachrichten vor Ort sind, kann man es wagen, gute Nachrichten zu formulieren und dem Evangelium Raum zu verschaffen. Einer Gemeinde, die sich an die Sozialraum-Untersuchung wagt, stehen umfangreiche Hilfen und Materialien zur Verfügung, die vom Trafo-Institut in Marburg entwickelt wurden.109
Jetzt, wo die betreffende Gemeinde ihr Einsatzgebiet, ihr Potenzial und den Kontext kennt, in dem sie arbeiten will, kann sie an die Entwicklung ihrer Vision gehen. Dabei ist es enorm wichtig, dass das Bild von der Zukunft, das die Gemeinde hier entwickelt, sowohl biblischtheologisch korrekt als auch kontextbezogen verständlich ist. Nur eine Vision, die von allen Menschen vor Ort verstanden wird, wird Menschen aus dem Ort anziehen. Vorausgesetzt natürlich, dass sie konkret und praxisnah formuliert ist. Einer Gemeinde im Prozess der Visionsfindung stehen ebenfalls Mitarbeiter und Materialien des Marburger Trafo-Instituts zur Verfügung.110
Erst wenn eine Gemeinde ihre Ziele formuliert hat, kann sie an konkrete Projektplanungen gehen. Auch hierfür stehen ihr Marburger Hilfen zur Verfügung.111 Zu beachten ist jedoch, dass man zunächst materielle Projekte, dann soziale, dann ideelle und schlussendlich erst evangelistische anvisieren sollte. Das Evangelium muss von den Menschen erst gesehen werden (im Dienst an materiell bedürftigen Nachbarn), dann erfahren (im Gespräch über soziale Engpässe), dann diskutiert werden, bevor es angenommen werden kann. Der Evangelisation gehen somit
(a) Dienst, der Vertrauen schafft,
(b) Gespräch über Lebensfragen, das Vertrauen verstärkt, sowie
(c) Diskussion, die Unklarheiten und Missverständnisse ausräumt, voraus. Nur so wird das Vertrauen der Menschen zur Gemeinde und ihrer Botschaft wachsen und die Entscheidung vorbereiten, Christus, den Herrn der Gemeinde, ernst zu nehmen.
Und schließlich wird gehandelt. Aktionen in die Bevölkerung hinein stellen die tatkräftigen Arme der Gemeinde dar, zeigen ihr Bemühen, das Gemeinwesen als Change-Agent zu transformieren, in dem die Gemeinde auf allerlei Weise Versöhnung mit Gott, sich selbst und dem Nächsten kommuniziert. So wird sie ihrer ekklesialen Rolle als Priester, König und Prophet gerecht. Ihre lebensspendende Mission erscheint lebensnah, konkret und wird als missio politica, als umfassende politische Alternative, wahrgenommen.112
Diese Lebensäußerungen der Gemeinde sollten regelmäßig einer umfassenden Evaluation unterzogen werden. Dabei ist es entscheidend, nicht nur die Gemeindeglieder selbst nach dem Erfolg ihrer Aktionen zu befragen, sondern vor allem die Menschen im Gemeinwesen, denen sie sich anschickt zu dienen.
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