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Johanna Spyri

Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

Eine Geschichte für Kinder

und solche, die Kinder lieb haben

Saga

Heidi kann brauchen, was es gelernt hatCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1881, 2020 Johanna Spyri und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726539998

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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– a part of Egmont www.egmont.com

Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

Erstes Kapitel

Reisezurüstungen

Der freundliche Herr Doktor, der den Entscheid gegeben hatte, dass das Kind Heidi wieder in seine Heimat zurückgebracht werden sollte, ging eben durch die Breite Strasse dem Hause Sesemann zu. Es war ein sonniger Septembermorgen, so licht und lieblich, dass man hätte denken können, alle Menschen müssten sich darüber freuen. Aber der Herr Doktor schaute auf die weissen Steine zu seinen Füssen, so dass er den blauen Himmel über sich nicht einmal bemerken konnte. Es lag eine Traurigkeit auf seinem Gesichte, die man vorher nie da gesehen hatte, und seine Haare waren viel grauer geworden seit dem Frühjahr. Der Doktor hatte eine einzige Tochter gehabt, mit der er seit dem Tode seiner Frau sehr nahe zusammengelebt hatte, und die seine ganze Freude gewesen war. Vor einigen Monaten war ihm das blühende Mädchen durch den Tod entrissen worden. Seither sah man den Herrn Doktor nie mehr so recht fröhlich, wie er vorher fast immer gewesen war.

Auf den Zug an der Hausglocke öffnete Sebastian mit grosser Zuvorkommenheit die Eingangstür und machte gleich alle Bewegungen eines ergebenen Dieners; denn der Herr Doktor war nicht nur der erste Freund des Hausherrn und seines Töchterchens, durch seine Freundlichkeit hatte er sich, wie überall, die sämtlichen Hausbewohner zu guten Freunden gemacht.

„Alles beim alten, Sebastian?“ fragte der Herr Doktor wie gewohnt mit freundlicher Stimme und ging die Treppe hinauf, gefolgt von Sebastian, der nicht aufhörte, allerlei Zeichen der Ergebenheit zu machen, obschon der Herr Doktor sie eigentlich nicht sehen konnte, denn er kehrte dem Nachfolgenden den Rücken.

„Gut, dass du kommst, Doktor“, rief Herr Sesemann dem Eintretenden entgegen. „Wir müssen durchaus noch einmal die Schweizerreise besprechen, ich muss von dir hören, ob du unter allen Umständen bei deinem Ausspruche bleibst, auch nachdem nun bei Klärchen entschieden ein besserer Zustand eingetreten ist.“

„Mein lieber Sesemann, wie kommst du mir denn vor?“ entgegnete der Angekommene, indem er sich zu seinem Freunde hinsetzte. „Ich möchte wirklich wünschen, dass deine Mutter hier wäre; mit der wird alles gleich klar und einfach und kommt ins rechte Geleise. Mit dir aber ist ja kein Fertigwerden. Du lässt mich heute zum dritten Male zu dir kommen, damit ich dir immer noch einmal dasselbe sage.“

„Ja, du hast recht, die Sache muss dich ungeduldig machen; aber du musst doch begreifen, lieber Freund“ — und Herr Sesemann legte seine Hand wie bittend auf die Schulter seines Freundes —, „es wird mir gar zu schwer, dem Kinde zu versagen, was ich ihm so bestimmt versprochen hatte und worauf es sich nun monatelang Tag und Nacht gefreut hat. Auch diese letzte schlimme Zeit hat das Kind so geduldig ertragen, immer in der Hoffnung, dass die Schweizerreise nahe sei und dass es seine Freundin Heidi auf der Alp besuchen könne; und nun soll ich dem guten Kinde, das ja sonst so vieles entbehren muss, die langgenährte Hoffnung mit einemmal wieder durchstreichen — das ist mir fast nicht möglich.“

„Sesemann, das muss sein“, sagte sehr bestimmt der Herr Doktor, und als sein Freund stillschweigend und niedergeschlagen dasass, fuhr er nach einer Weile fort: „Bedenke doch, wie die Sache steht. Klara hat seit Jahren keinen so schlimmen Sommer gehabt, wie dieser letzte war; von einer so grossen Reise kann keine Rede sein, ohne dass wir die schlimmsten Folgen zu befürchten hätten. Dazu sind wir nun in den September eingetreten, da kann es ja noch schön sein oben auf der Alp, es kann aber auch schon sehr kühl werden. Die Tage sind nicht mehr lang, und oben bleiben und da die Nächte zubringen kann Klara doch nun gar nicht; so hätte sie kaum ein paar Stunden oben zu verweilen. Der Weg von Bad Ragaz dort hinauf muss ja schon mehrere Stunden dauern, denn zur Alp hinauf muss sie entschieden im Sessel getragen werden. Kurz, Sesemann, es kann nicht sein! Aber ich will mit dir hineingehen und mit Klara reden, sie ist ja ein vernünftiges Mädchen, ich will ihr meinen Plan mitteilen. Im kommenden Mai soll sie erst nach Ragaz hinkommen; dort soll eine längere Badekur unternommen werden, so lange, bis es hübsch warm wird oben auf der Alp. Dann kann sie dort von Zeit zu Zeit hinaufgetragen werden, da wird sie diese Bergpartien, erfrischt und gestärkt, wie sie dann sein wird, ganz anders geniessen, als es jetzt geschähe. Du begreifst auch, Sesemann, wenn wir noch eine leise Hoffnung für den Zustand deines Kindes aufrechterhalten wollen, so haben wir die äusserste Schonung und die sorgfältigste Behandlung zu beobachten.“

Herr Sesemann, der bis dahin schweigend und mit dem Ausdrucke trauriger Ergebung zugehört hatte, fuhr jetzt auf einmal empor: „Doktor“, rief er aus, „sag es mir ehrlich: Hast du wirklich noch Hoffnung auf eine Änderung dieses Zustandes?“

Der Doktor zuckte die Achseln. „Wenig“, sagte er halblaut. „Aber komm, denk einmal einen Augenblick an mich, lieber Freund! Hast du nicht ein liebes Kind, das nach dir verlangt und sich auf deine Heimkehr freut, wenn du weg bist? Nie musst du in ein verödetes Haus zurückkehren und dich allein an deinen Tisch hinsetzen. Und dein Kind hat’s auch gut daheim. Muss es auch vieles entbehren, was andere geniessen können, so ist es in manch anderem auch vor vielen bevorzugt. Nein, Sesemann, ihr seid nicht so sehr zu beklagen, ihr habt es doch recht gut, so zusammen zu sein; denk an mein einsames Haus!“

Herr Sesemann war aufgestanden und ging nun mit grossen Schritten im Zimmer auf und ab, wie er immer zu tun pflegte, wenn ihn irgendeine Sache stark beschäftigte. Auf einmal stand er vor seinem Freunde still und klopfte ihm auf die Schulter.

„Doktor, ich habe einen Gedanken: Ich kann dich nicht so sehen, du bist ja gar nicht mehr der alte. Du musst ein wenig aus dir heraus, und weisst du, wie? Du sollst die Reise unternehmen und das Kind Heidi auf seiner Alp besuchen in unser aller Namen.“

Der Herr Doktor war sehr überrascht von dem Vorschlage und wollte sich dagegen wehren, aber Herr Sesemann liess ihm keine Zeit. Er war so erfreut und erfüllt von seiner neuen Idee, dass er den Freund unter den Arm fasste und nach dem Zimmer seines Töchterchens hinüberzog. Der gute Herr Doktor war für die kranke Klara immer eine erfreuliche Erscheinung, denn er hatte sie von jeher mit einer grossen Freundlichkeit behandelt und ihr jedesmal, wenn er kam, etwas Lustiges und Erheiterndes zu erzählen gewusst. Warum er das jetzt nicht mehr konnte, wusste sie wohl und sie hätte so gern ihn wieder froh gemacht. Sie streckte ihm gleich die Hand entgegen, und er setzte sich zu ihr hin. Herr Sesemann rückte seinen Stuhl auch heran, und indem er Klara bei der Hand fasste, fing er an von der Schweizerreise zu reden, und wie er sich selbst darauf gefreut hatte. Über den Hauptpunkt aber, dass sie nun unmöglich mehr stattfinden könnte, glitt er eilig hinweg, denn er fürchtete sich ein wenig vor den kommenden Tränen. Dann ging er schnell auf den neuen Gedanken über und machte Klara darauf aufmerksam, wie wohltätig es für ihren guten Freund wäre, wenn er diese Erholungsreise unternehmen würde.

Die Tränen waren wirklich aufgestiegen und schwammen in den blauen Augen, wie sehr sich auch Klara Mühe gab, sie niederzudrücken, denn sie wusste, wie ungern der Papa sie weinen sah. Aber es war auch hart, dass nun alles aus sein sollte, und den ganzen Sommer hindurch war die Aussicht auf die Reise zum Heidi ihre einzige Freude und ihr Trost gewesen in all den langen, einsamen Stunden, die sie durchlebt hatte. Aber Klara war nicht gewohnt zu markten, sie wusste recht gut, dass der Papa ihr nur versagte, was zum Bösen führen würde und darum nicht sein durfte. Sie schluckte ihre Tränen hinunter und wandte sich nun der einzigen Hoffnung zu, die ihr blieb. Sie nahm die Hand ihres guten Freundes und streichelte sie und bat flehentlich:

„O bitte, Herr Doktor, nicht wahr, Sie gehen zum Heidi, und dann kommen Sie, um mir alles zu erzählen, wie es ist dort oben, und was das Heidi macht und der Grossvater und der Peter und die Geissen, ich kenne sie alle so gut! Und dann nehmen Sie mit, was ich dem Heidi schicken will, ich habe schon alles ausgedacht, und auch etwas für die Grossmutter. Bitte, Herr Doktor, tun Sie’s doch; ich will auch gewiss unterdessen Fischtran nehmen, soviel Sie nur wollen.“

Ob dieses Versprechen der Sache den Ausschlag gab, kann man nicht wissen, aber es ist anzunehmen, denn der Herr Doktor lächelte und sagte:

„Dann muss ich ja wohl geben, Klärchen, so wirst du uns einmal rund und fest, wie wir dich haben wollen, Papa und ich. Und wann muss ich denn reisen, hast du das schon bestimmt?“

„Am liebsten gleich morgen früh, Herr Doktor“, entgegnete Klara.

„Ja, sie hat recht“, fiel hier der Vater ein; „die Sonne scheint, der Himmel ist blau, es ist keine Zeit zu verlieren, für jeden solchen Tag ist es schade, den du noch nicht auf der Alp geniessen kannst.“

Der Herr Doktor musste ein wenig lachen: „Nächstens wirst du mir vorwerfen, dass ich noch da bin, Sesemann; so muss ich wohl machen, dass ich fort komme.“

Aber Klara hielt den Aufstehenden fest; erst musste sie ihm ja noch alle Aufträge an das Heidi übergeben und ihm noch so vieles anempfehlen, das er recht betrachten und ihr dann davon erzählen sollte. Die Sendung an das Heidi konnte ihm erst später zugeschickt werden, denn Fräulein Rottenmeier musste erst alles verpacken helfen; sie war aber eben auf einer ihrer Wanderungen durch die Stadt begriffen, von denen sie nicht so schnell zurückkehrte.

Der Herr Doktor versprach alles genau auszurichten, die Reise, wenn nicht am Morgen früh, so doch womöglich noch im Laufe des folgenden Tages anzutreten und dann bei seiner Heimkehr getreulich Bericht zu erstatten über alles, was er gesehen und erlebt haben würde.

Die Diener eines Hauses haben oft eine merkwürdige Gabe, die Dinge zu erfassen, die im Hause ihrer Herren vor sich geben, lange bevor diese dazu kommen, ihnen Mitteilung davon zu machen. Sebastian und Tinette mussten diese Gabe in hohem Grade besitzen, denn eben, als der Herr Doktor, von Sebastian begleitet, die Treppe hinunterging, trat Tinette ins Zimmer der Klara ein, die nach dem Mädchen geschellt hatte.

„Holen Sie diese Schachtel voll ganz frischer, weicher Kuchen, wie wir sie zum Kaffee haben, Tinette“, sagte Klara und deutete auf die Schachtel hin, die schon lange bereitgestanden hatte. Tinette erfasste das bezeichnete Ding an einer Ecke und liess es verächtlich an ihrer Hand baumeln; unter der Türe sagte sie schnippisch:

„Es ist wohl der Mühe wert.“

Als der Sebastian unten mit gewohnter Höflichkeit die Türe aufgemacht hatte, sagte er mit einem Bückling:

„Wenn der Herr Doktor wollten so freundlich sein und dem Mamsellchen auch einen Gruss vom Sebastian bestellen.“

„Ah, sieh da, Sebastian“, sagte der Herr Doktor freundlich; „so wissen Sie denn auch schon, dass ich reise?“

Sebastian musste ein wenig husten:

„Ich bin — ich habe — ich weiss selbst nicht mehr recht — ach ja, jetzt erinnere ich mich: Ich bin eben zufällig durch das Esszimmer gegangen, da habe ich den Namen des Mamsellchens aussprechen gehört, und wie es so geht, man hängt dann so einen Gedanken an den anderen an und so — und in der Weise —“

„Ja wohl, ja wohl“, lächelte der Herr Doktor, „und je mehr Gedanken einer hat, je mehr wird er inne. Auf Wiedersehen, Sebastian, der Gruss wird bestellt.“

Jetzt wollte der Herr Doktor gerade durch die offene Haustür enteilen, aber er traf auf ein Hindernis: der starke Wind hatte. Fräulein Rottenmeier verhindert, ihre Wanderung weiter fortzusetzen; eben war sie zurückgekehrt und wollte ihrerseits durch die offene Tür eintreten. Der Wind hatte ihr weites Tuch, in das sie sich gehüllt hatte, aber dergestalt aufgebläht, dass es gerade so anzusehen war, als habe sie die Segel aufgespannt. Der Herr Doktor wich augenblicklich zurück. Aber gegen diesen Mann hatte Fräulein Rottenmeier von jeher eine besondere Anerkennung und Zuvorkommenheit an den Tag gelegt. Auch sie wich mit ausgesuchter Höflichkeit zurück, und eine Weile standen die beiden mit rüdsichtsvoller Gebärde da und i machten einander gegenseitig Platz. Jetzt aber kam ein so starker Windstoss, dass Fräulein Rottenmeier auf einmal mit vollen Segeln gegen den Doktor heranflog. Er konnte eben noch ausweichen; die Dame aber wurde noch ein gutes Stück über ihn hinausgetrieben, so dass sie wieder zurückkehren musste, um nun den Freund des Hauses mit Anstand zu begrüssen. Der gewalttätige Vorgang hatte sie ein wenig verstimmt, aber der Herr Doktor hatte eine Art und Weise, die ihr gekräuseltes Gemüt bald glättete und eine sanfte Stimmung darüber verbreitete. Er teilte ihr seinen Reiseplan mit und bat sie in der einnehmendsten Weise, ihm die Sendung an das Heidi so zu verpacken, wie nur sie zu packen verstehe. Dann empfahl sich der Herr Doktor.

Klara erwartete, dass sie erst einige Kämpfe mit Fräulein Rottenmeier zu bestehen haben würde, bevor diese ihre Zustimmung zum Absenden all der Gegenstände geben werde, die Klara für das Heidi bestimmt hatte. Aber diesmal hatte sie sich getäuscht: Fräulein Rottenmeier war ausnehmend gut gelaunt. Sogleich räumte sie alles weg, was auf dem grossen Tische lag, um die Dinge alle, die Klara zusammengebracht hatte, darauf auszubreiten und dann vor ihren Augen die Sendung zu verpacken. Es war keine leichte Arbeit, denn die Gegenstände, die da zusammengerollt werden sollten, waren vielgestaltig. Erst kam der kleine dicke Mantel mit der Kapuze, den Klara für das Heidi ausgesonnen hatte, damit es im kommenden Winter die Grossmutter besuchen könnte, wann es wollte, und nicht warten müsste, bis der Grossvater kommen konnte, und es dann in den Sack eingewickelt werden musste, damit es nicht erfriere. Dann kam ein dickes, warmes Tuch für die alte Grossmutter, damit sie sich darin einhülle und nicht frieren müsse, wenn der Wind wieder so schaurig um die Hütte klappern würde. Dann kam die grosse Schachtel mit den Kuchen; die war auch für die Grossmutter bestimmt, dass sie zu ihrem Kaffee auch einmal etwas anderes als ein Brötchen zu essen habe. Jetzt folgte eine ungeheure Wurst; die hatte Klara ursprünglich für den Peter bestimmt, weil er doch nie etwas anderes als Käse und Brot bekam. Aber sie hatte sich jetzt anders besonnen, denn sie fürchtete, der Peter könnte vor Freuden die ganze Wurst auf einmal aufessen. Darum sollte die Mutter Brigitte diese bekommen und erst für sich und die Grossmutter einen Teil davon nehmen und dem Peter den seinigen in verschiedenen Lieferungen abgeben. Jetzt kam noch ein Säckchen Tabak; der war für den Grossvater, der ja so gern ein Pfeifchen rauchte, wenn er am Abend vor der Hütte sass. Zulegt kam noch eine Anzahl geheimnisvoller Säckchen, Päckchen und Schächtelchen, welche Klara mit besonderer Freude zusammengekramt hatte, denn da sollte das Heidi allerhand überraschungen finden, die ihm grosse Freude machen würden. Endlich war das Werk beendet, und ein stattlicher Ballen lag reisefertig an der Erde. Fräulein Rottenmeier schaute darauf nieder, in tiefsinnige Betrachtungen über die Kunst zu packen versunken. Klara ihrerseits warf Blicke froher Erwartung darauf hin, denn sie sah das Heidi vor sich, wie es vor Überraschung in die Höhe springen und aufjauchzen würde, wenn das ungeheure Paket bei ihm anlangte.

Jetzt trat Sebastian herein und hob mit einem starken Schwung den Ballen auf seine Schulter, um ihn unverzüglich nach dem Hause des Herrn Doktors zu spedieren.

Zweites Kapitel

Ein Gast auf der Alm

Das Frührot glühte über den Bergen, und ein frischer Morgenwind rauschte durch die Tannen und wiegte die alten Äste mächtig hin und her. Das Heidi schlug seine Augen auf, der Ton hatte es erweckt. Dieses Rauschen packte das Heidi immer im Innersten seines Wesens und zog es mit Gewalt hinaus unter die Tannen. Es schoss von seinem Lager auf und hatte kaum Zeit, sich fertig zu machen; das musste aber doch sein, denn Heidi wusste nun recht gut, dass man immer sauber und ordentlich aussehen muss.

Jetzt kam es von dem Leiterchen herunter. Des Grossvaters Lager war schon leer; Heidi sprang hinaus. Draussen vor der Tür stand der Grossvater und schaute den Himmel an nach allen Seiten hin, wie er jeden Morgen tat, um zu sehen, wie der Tag werden wollte.

Es zogen rosige Wölkchen oben hin, und mehr und mehr blaute der Himmel, und drüben floss es wie lauter Gold über die Höhen und das Weideland, denn eben kam droben die Sonne über die hoben Felsen heraufgestiegen.

„O wie schön! O wie schön! Guten Tag, Grossvater“, rief das Heidi heranspringend.

„So, sind deine Augen auch schon hell?“ gab der Grossvater zurück, dem Heidi die Hand zum Morgengruss hinhaltend.

Jetzt lief das Heidi unter die Tannen und hüpfte vor Freuden über das Tosen und Sausen da droben unter den wogenden Ästen herum, und bei jedem neuen Windstoss und lauten Wipfelbrausen jauchzte es auf vor Wonne und sprang noch ein wenig höher.

Unterdessen war der Grossvater zum Stalle hingegangen und hatte dem Schwänli und Bärli die Milch abgenommen; dann hatte er beide schön geputzt und gewaschen zur Bergreise und brachte sie nun auf den Platz heraus. Als das Heidi seine Freunde erblickte, kam es herangesprungen und fasste sie beide um den Hals, begrüsste sie zärtlich, und sie meckerten fröhlich und zutraulich, und jede von den Geissen wollte dem Heidi mehr Zuneigung beweisen und drückte ihren Kopf noch immer näher an seine Schultern heran, so dass es zwischen den zweien fast zerdrückt wurde. Aber das Heidi hatte keine Furcht, und wenn das lebhafte Bärli gar zu arg bohrte und drängte mit seinem Kopfe, dann sagte das Heidi: „Nein, Bärli, du stösst ja wie der grosse Türk“, und augenblicklich zog Bärli seinen Kopf zurück! und stellte sich ganz anständig hin, und das Schwänli hatte auch schon seinen Kopf in die Höhe gereckt und machte eine vornehme Gebärde, so dass man deutlich sehen konnte, es dachte bei sich: „Das soll mir denn keiner nachsagen, dass ich mich benehme wie der Türk.“ Denn das schneeweisse Schwänli war noch ein wenig vornehmer als das braune Bärli.

Jetzt hörte man von unten herauf die Pfiffe des Peter ertönen, und bald kamen sie heraufgesprungen, die lustigen Geissen alle, voran der flinke Distelfink in hohen Sprüngen. Gleich war das Heidi wieder mitten in dem Rudel drin, und vor lauter stürmischen Begrüssungen wurde es hin- und hergeschoben, und dann schob es wieder ein wenig; denn es wollte zu dem schüchternen Schneehöppli vordringen, das ja von den grösseren immer wieder weggedrängt wurde, wenn es dem Heidi entgegenstrebte.

Nun kam der Peter heran und tat einen letzten, fürchterlichen Pfiff, der sollte die Geissen aufscheuchen und der Weide zujagen, denn er wollte Platz bekommen, um dem Heidi etwas zu sagen. Die Geissen sprangen ein wenig auseinander auf den Pfiff hin; so konnte der Peter vorrücken und sich nun vor das Heidi hinstellen.

„Du kannst einmal wieder mitkommen heut“, war seine etwas störrige Anrede.

„Nein, das kann ich nicht, Peter“, entgegnete das Heidi. „Jeden Augenblick können sie jetzt von Frankfurt kommen, und dann muss ich daheim sein.“

„Das hast du schon manchmal gesagt“, brummte der Peter.

„Es gilt aber immer noch, und es gilt, bis sie kommen“, gab das Heidi zurück. „Oder meinst du etwa, ich müsse nicht daheim sein, wenn sie von Frankfurt zu mir kommen? Meinst du etwa so etwas, Peter?“

„Sie können zum Öhi kommen“, versetzte der Peter knurrend.

Jetzt ertönte von der Hütte her die kräftige Stimme des Grossvaters: „Warum geht’s nicht vorwärts mit der Armee? Fehlt’s am Feldmarschall oder an den Truppen?“

Augenblicklich machte der Peter kehrum, schwang seine Rute in der Luft, dass sie sauste und alle Geissen, die den Ton wohl kannten, auf und davon rannten, der Peter hinter ihnen drein, alle miteinander in vollem Trabe den Berg hinan. —

Seit das Heidi wieder daheim beim Grossvater war, kam ihm hier und da etwas in den Sinn, woran es vorher nicht gedacht hatte. So machte es jetzt alle Morgen mit grosser Anstrengung sein Bett zurecht und strich so lange daran herum, bis es ganz glatt aussah. Dann lief es in der Hütte hin und her, stellte jeden Stuhl an seinen Ort, und was etwa da und dort herumlag oder -hing, das kramte es alles in den Schrank hinein. Dann holte es einen Lappen herbei, kletterte auf einen Stuhl hinauf und rieb so lange mit seinem Lappen auf dem Tische herum, bis dieser ganz blank war. Wenn dann der Grossvater wieder hereinkam, schaute er wohlgefällig um sich und sagte etwa: „Bei uns ist’s jetzt immer wie Sonntag, das Heidi ist nicht vergebens in der Fremde gewesen.“

Auch heute hatte Heidi, nachdem der Peter fortgetrabt war und es mit dem Grossvater. gefrühstückt hatte, sich gleich an seine Geschäfte gemacht; aber es wurde fast nicht fertig damit. Draussen war es heut morgen gar so schön, und alle Augenblicke geschah wieder etwas, was das Kind in seiner Tätigkeit unterbrach. Jetzt kam durch das offene Fenster ein Sonnenstrahl so lustig hereingeschossen, und es war geradezu, als riefe er: „Komm heraus, Heidi, komm heraus!“ Da konnte es nicht mehr drinnen bleiben, es rannte hinaus. Da lag der funkelnde Sonnenschein um die ganze Hütte herum, und auf allen Bergen glänzte er und weit, weit das Tal hinunter, und der Boden dort am Abhang sah so goldig und trocken aus, es musste ein wenig darauf niedersitzen und umherschauen. Dann kam ihm auf einmal in den Sinn, dass das Dreibeinstühlchen noch mitten in der Hütte stand und der Tisch noch nicht geputzt war vom Morgenessen. Nun sprang es schnell auf und lief in die Hütte zurück. Aber es währte gar nicht lange, so sauste es draussen so mächtig durch die Tannen, dass es dem Heidi in alle Glieder fuhr, es musste schon wieder hinaus und ein wenig mithüpfen, wenn alle Zweige da droben hin- und herwogten und rollten. Der Grossvater hatte einstweilen hinten im Schopf allerlei Arbeit zu verrichten; er trat von Zeit zu Zeit unter die Tür hinaus und schaute lächelnd Heidis Sprüngen zu. Eben war er wieder zurückgetreten, als mit einemmal das Heidi laut aufschrie:

„Grossvater, Grossvater! Komm, komm!“

Er trat rasch wieder heraus, fast erschrocken, was mit dem Kinde sei. Da sah er, wie dieses dem Abhange zulief, laut schreiend: „Sie kommen, sie kommen! Und voran der Herr Doktor!“

Das Heidi stürzte seinem alten Freunde entgegen. Dieser streckte grüssend die Hand aus. Wie das Kind ihn erreicht hatte, umfasste es zärtlich den ausgestreckten Arm und rief in voller Herzensfreude: „Guten Tag, Herr Doktor! Und ich danke auch noch viel tausendmal!“

„Grüss Gott, Heidi! Und wofür dankst du denn schon?“ fragte freundlich lächelnd der Herr Doktor.

„Dass ich wieder heim konnte zum Grossvater“, erklärte ihm das Kind.

Dem Herrn Doktor ging’s wie ein Sonnenschein über das Gesicht. Diesen Empfang auf der Alp hatte er nicht erwartet. Im Gefühl seiner Einsamkeit war er unter tiefsinnigen Gedanken den Berg hinaufgestiegen und hatte noch nicht einmal gesehen, wie schön es um ihn her war, und dass es immer schöner wurde. Er hatte angenommen, das Kind Heidi werde ihn kaum mehr kennen; es hatte ihn so wenig gesehen, und er kam sich vor wie einer, der kommt, den Leuten eine Enttäuschung zu bereiten, und den sie darum nicht ansehen mögen, weil er ja die erwarteten Freunde nicht mitbringt. Statt dessen leuchtete dem Heidi die helle Freude aus den Augen, und voller Dank und Liebe hielt es immer noch den Arm seines guten Freundes fest.

Mit väterlicher Zärtlichkeit nahm der Herr Doktor das Kind bei der Hand. „Komm Heidi“, sagte er in freundlichster Weise, „führe mich nun zu deinem Grossvater und zeige mir, wo du daheim bist.“

Aber das Heidi blieb noch stehen und schaute verwundert den Berg hinunter.

„Wo sind denn Klara und die Grossmutter?“ fragte es jetzt.

„Ja, nun muss ich dir’s sagen, was dir leid tun wird, wie mir auch“, erwiderte der Herr Doktor. „Sieh, Heidi, ich komme allein. Klara war recht krank und konnte nicht mehr reisen, und so kam auch die Grossmama nicht mit. Aber dann im Frühjahr, wenn die Tage wieder warm und schön lang werden, dann kommen sie ganz sicher.“

Das Heidi stand sehr betroffen da; es konnte gar nicht fassen, dass es nun alles, was es so sicher vor sich gesehen hatte, auf einmal gar nicht mehr sehen sollte. Regungslos stand es eine Weile wie verwirrt von dem Unerwarteten. Schweigend stand der Herr Doktor vor ihm, und ringsum war alles still, nur hoch oben hörte man den Wind durch die Tannen sausen. Da fiel es dem Heidi auf einmal wieder ein, warum es heruntergelaufen sei, und dass der Herr Doktor ja gekommen sei. Es schaute zu ihm auf. Da lag etwas so Trauriges in den Augen, die zu ihm niederschauten, wie es noch gar nicht gesehen hatte; so war es nie gewesen, wenn der Herr Doktor in Frankfurt es angeblickt hatte. Das ging dem Heidi zu Herzen; es konnte nicht sehen, dass jemand traurig war, und nun gar der gute Herr Doktor. Gewiss war er so, weil Klara und die Grossmama nicht hatten mitkommen können; es suchte schnell nach einem Trost und fand ihn.

„O, es währt gewiss nicht lange, bis es wieder Frühling wird, und dann kommen sie ja bestimmt“, tröstete das Heidi, „bei uns währt es gar nie lange, und dann können sie ja viel länger dableiben, das will die Klara gewiss noch lieber; und jetzt wollen wir zum Grossvater hinauf.“

Hand in Hand mit dem guten Freunde stieg es nun zu der Hütte hinan. Es war dem Heidi so sehr daran gelegen, den Herrn Doktor wieder froh zu machen, dass es ihn noch einmal zu überzeugen anfing, es währe so wenig lange auf der Alm, bis die langen, warmen Sommertage wiederkommen, dass man es kaum merke, und dabei wurde das Heidi selbst so überzeugt von seinem Trost, dass es oben dem Grossvater ganz fröhlich entgegenrief:

„Sie sind noch nicht da, aber es währt gar nicht lange, so kommen sie auch.“

Für den Grossvater war der Herr Doktor kein Fremder, das Kind hatte ja so viel von ihm gesprochen. Der Alte streckte seinem Gaste die Hand entgegen und bewillkommte ihn mit Herzlichkeit. Dann setzten sich die Männer auf die Bank an der Hütte, auch für das Heidi wurde da noch ein Plätzchen gemacht, und der Herr Doktor winkte ihm freundlich, dass es neben ihm sitzen solle. Nun fing er an zu erzählen, wie Herr Sesemann ihn ermuntert habe, die Reise zu machen, und wie er auch selbst gefunden, es möchte gut für ihn sein, da er sich seit langem nicht mehr recht frisch und rüstig kühle. Dem Heidi sagte er dann ins Ohr, es werde bald noch etwas den Berg heraufkommen, das aus Frankfurt mit hergereist sei und ihm eine viel grössere Freude machen werde als der alte Doktor. Das Heidi war sehr gespannt darauf, zu erfahren, was das sein könne. Der Grossvater ermunterte den Herrn Doktor sehr, die schönen Herbsttage noch auf der Alm zuzubringen oder wenigstens an jedem schönen Tage heraufzukommen, denn hier oben zu bleiben, dazu konnte ihn der Alm-Öhi nicht einladen, da war ja keine Gelegenheit, den Herrn einzulogieren. Er riet aber seinem Gaste, nicht bis nach Ragaz zurückzukehren, sondern unten im Dörfli ein Zimmer zu beziehen, das er im dortigen Wirtshause in einer einfachen, aber ganz ordentlichen Art finden werde. So könnte der Herr Doktor jeden Morgen nach der Alm heraufkommen, was ihm wohltun müsste, meinte der Öhi; auch würde er dann gern den Herrn noch auf allerlei Punkte führen, weiter hinauf in die Berge, wo es ihm gefallen sollte. Diesem gefiel der ganze Vorschlag sehr wohl, und es wurde festgesetzt, dass er ausgeführt werden sollte.

Unterdessen war die Sonne in den Mittag gekommen; der Wind hatte sich schon lange gelegt, und die Tannen waren ganz still geworden. Die Luft war für die Höhe noch mild und lieblich und säuselte. erfrischende Kühle um die sonnenbeschienene Bank.

Jetzt stand der Alm-Öhi auf und ging in die Hütte hinein, tam aber gleich wieder und brachte einen Tisch heraus, den er vor die Bant hinstellte.

„So, Heidi, nun hol herbei, was wir zum Essen brauchen“, sagte er. „Der Herr muss nun vorlieb nehmen; ist unsere Küche auch einfach, so ist das Esszimmer doch anständig.“

„Das meine ich auch“, erwiderte der Herr Doktor, indem er auf das sonnenbeleuchtete Tal hinunterschaute, „und die Einladung nehme ich gern an, hier oben muss es schmecken.“

Das Heidi lief nun hin und her wie ein Wiesel und brachte herbei, was es nur drinnen im Schranke finden konnte; denn dass es den Herrn Doktor bewirten durfte, war ihm eine ungeheure Freude. Der Grossvater bereitete unterdessen das Mahl und trat nun heraus mit dem dampfenden Milchkruge und dem goldig glänzenden Käsebraten. Dann schnitt er schöne, durchsichtige Schnitten von dem rosigen Fleisch herunter, das er hier oben an der reinen Luft getrocknet hatte. Dem Herrn Doktor schmeckte sein Mittagsmahl so gut, wie das ganze Jahr durch noch kein einziges Mal.

„Ja, ja, hierhin muss unsere Klara kommen“, sagte er jetzt; „da wird sie zu ganz neuen Kräften gelangen, und wenn sie eine Zeitlang isst wie ich heute, so wird sie rund und fest werden, wie sie in ihrem Leben noch nie war.“

Jetzt kam von unten herauf einer angestiegen, der hatte einen grossen Ballen auf dem Rücken. Wie er oben bei der Hütte ankam, warf er seine Last auf den Boden hin und sog ein paar gute Züge von der frischen Almluft ein.

„Ah, da kommt, was mit mir von Frankfurt hergereist ist“, sagte der Herr Doktor aufstehend, und das Heidi mit sich ziehend trat er an den Ballen hin und fing an, ihn aufzulösen. Als die erste, schwere Hülle weg war, sagte er:

„So Kind, nun fahr weiter fort und hol dir deine Schätze selbst heraus!“

Das Heidi tat so, und wie nun alles auseinanderrollte, schaute es mit grossen, verwunderten Augen auf die Dinge hin. Erst als der Herr Doktor wieder herzutrat und von der grossen Schachtel den Deckel weghob, dem Heidi bedeutend: „Sieh, was die Grossmutter zum Kaffee bekommt“, da schrie es auf vor Freuden: „Oh! Oh! Jetzt kann die Grossmutter einmal schöne Kuchen essen“ und sprang rings um die Schachtel herum und wollte gleich alles zusammenpacken und zur Grossmutter hinuntereilen. Aber der Grossvater sagte, gegen Abend wollten sie dann miteinander den Herrn Doktor begleiten und die Sachen mitnehmen. Jetzt fand das Heidi auch das schöne Säckchen Tabak und brachte es schnell dem Grossvater herüber. Das gefiel ihm sehr wohl; er füllte gleich sein Pfeifchen damit, und die beiden Männer sprachen nun, auf der Bank sitzend und grosse Rauchwolken von sich blasend, über allerhand Dinge, während das Heidi hin und her sprang von einem seiner Schätze zum anderen. Auf einmal kam es wieder zu der Bank zurück, stellte sich vor den Gast hin, und sowie die erste Pause im Gespräch entstand, sagte es sehr bestimmt:

„Nein, das andere hat mir nicht mehr Freude gemacht als der alte Herr Doktor.“

Die beiden Männer mussten ein wenig lachen, und der Herr Doktor sagte, das hätte er nicht gedacht.

Als die Sonne bald hinter die Berge hinabsteigen wollte, stand der Gast auf, um seine Rückreise nach dem Dörfli anzutreten und dort Quartier zu nehmen. Der Grossvater packte die Kuchenschachtel, die grosse Wurst und das Tuch unter seinen Arm, der Herr Doktor nahm das Heidi an die Hand, und so wanderten sie den Berg hinunter bis zur Geissenpeter-Hütte. Hier musste das Heidi Abschied nehmen; es sollte drinnen bei der Grossmutter warten, bis es wieder abgeholt würde vom Grossvater, welcher seinen Gast nach dem Dörfli hinunter geleiten wollte. Als der Herr Doktor dem Heidi die Hand zum Abschied bot, fragte es: „Wollen Sie etwa gern morgen mit den Geissen auf die Weide hinaufgehen?“, denn das war das Schönste, was es kannte.

„Es bleibt dabei, Heidi“, erwiderte er, „wir gehen zusammen.“

Nun gingen die Männer weiter, und das Heidi trat bei der Grossmutter ein. Erst schleppte es mit Anstrengung die Kuchenschachtel mit; dann musste es wieder hinaus, um die Wurst zu holen — denn der Grossvater hatte alles vor der Tür niedergelegt —, nachher musste es erst noch einmal hinaus, das grosse Tuch zu holen. Es brachte alles so nahe an die Grossmutter heran, als nur möglich, damit sie recht alles berühren könne und wisse, was es sei. Das Tuch legte es ihr auf die Knie.

„Es ist alles aus Frankfurt, von der Klara und der Grossmama“, berichtete es der hocherstaunten Grossmutter und der verwunderten Brigitte, der die Überraschung so in die Glieder gefahren war, dass sie unbeweglich zugeschaut hatte, wie das Heidi mit der grössten Anstrengung die schweren Gegenstände hereingeschleppt und nun alles vor ihren Augen ausgebreitet hatte.

„Aber gelt, Grossmutter, die Kuchen freuen sich furchtbar stark? Sieh nur, wie weich sie sind!“ rief das Heidi immer wieder, und die Grossmutter bestätigte: „Ja, ja, gewiss, Heidi; was sind das auch für gute Leute!“ Dann strich sie wieder mit der Hand über das warme, weiche Tuch und sagte: „Aber das ist etwas Herrliches für den kalten Winter! Das ist etwas so Prächtiges, dass ich nie geglaubt hätte, ich könnte in meinem Leben dazu kommen.“

Das Heidi aber musste sich sehr verwundern, dass die Grossmutter an dem grauen Tuch noch mehr Freude haben konnte als an den Kuchen. Die Brigitte stand immer noch vor der Wurst, die auf dem Tische lag, und schaute sie fast mit Verehrung an. In ihrem ganzen Leben hatte sie nie eine solche Riesenwurst gesehen, und diese sollte sie nun selbst besitzen und einmal sogar anschneiden; das kam ihr unglaublich vor. Sie schüttelte den Kopf und sagte zaghaft: „Man wird doch noch den Öhi fragen müssen, wie das gemeint sei.“

Aber das Heidi sagte ganz ohne Zweifel: „Das ist zum Essen gemeint und gar nicht anders.“

Jetzt kam der Peter hereingestolpert: „Der Alm-Öhi kommt hinter mir drein, das Heidi soll —“; er konnte nicht mehr weiter. Seine Blicke waren auf den Tisch gefallen, wo die Wurst lag, und der Anblick hatte ihn so überwältigt, dass er kein Wort mehr fand. Aber das Heidi hatte schon gemerkt, was kommen sollte, und gab schnell der Grossmutter die Hand. Der Alm-Öhi ging zwar jetzt nie mehr an der Hütte vorbei, ohne schnell hereinzutreten und die Grossmutter zu grüssen, und sie freute sich auch immer, wenn sie seinen Schritt hörte, denn er hatte jedesmal ein ermunterndes Wort für sie; aber heute war es spät geworden für das Heidi, das alle Morgen mit der Sonne draussen war. Der Grossvater aber sagte: „Das Kind muss seinen Schlaf haben“, und dabei blieb er. So rief er durch die offene Tür der Grossmutter nur eine gute Nacht zu und nahm das heranspringende Heidi bei der Hand, und unter dem flimmernden Sternenhimmel hin wanderten die beiden ihrer friedlichen Hütte zu.

Drittes Kapitel

Eine Vergeltung

Am anderen Morgen in der Frühe stieg der Herr Doktor vom Dörfli den Berg hinan in der Gesellschaft des Peter und seiner Geissen. Der freundliche Herr versuchte ein paar Mal mit dem Geissbuben ein Gespräch anzuknüpfen; aber es gelang ihm nicht, kaum dass er als Antwort auf einleitende Fragen unbestimmte, einsilbige Worte zu hören bekam. Der Peter liess sich nicht so leicht in ein Gespräch ein. So wanderte die ganze, schweigende Gesellschaft bis hinauf zur Almhütte, wo schon erwartend das Heidi stand mit seinen beiden Geissen, alle drei munter und fröhlich wie der frühe Sonnenschein auf allen Höhen.

„Kommst mit?“ fragte der Peter, denn als Frage oder als Aufforderung sprach er jeden Morgen diesen Gedanken aus.

„Freilich, natürlich, wenn der Herr Doktor mitkommt“, gab das Heidi zurück.

Der Peter sah den Herrn ein wenig von der Seite an.

Jetzt trat der Grossvater hinzu, das Mittagsbrotsäckchen in der Hand. Erst grüsste er den Herrn mit aller Ehrerbietung; dann trat er zum Peter hin und hing ihm das Säckchen um.

Es war schwerer als sonst, denn der Öhi hatte ein schönes Stück von dem rötlichen Fleische hineingelegt; er hatte gedacht, vielleicht gefalle es dem Herrn droben auf der Weide und er nehme dann gern sein Mittagsmahl gleich dort oben mit den Kindern ein. Der Peter lächelte fast von einem Ohr bis zum anderen, denn er ahnte, dass da drinnen etwas Ungewöhnliches versteckt sei.

Nun wurde die Bergfahrt angetreten. Das Heidi wurde ganz von seinen Geissen umringt, jede wollte zunächst bei ihm sein, und eine schob die andere immer ein wenig seitwärts. So wurde es eine Zeitlang mitten in dem Rudel mit fortgeschoben. Aber jetzt stand es still und sagte ermahnend: „Nun müsst ihr artig vorauslaufen, aber dann nicht immer wiederkommen und mich drängen und stossen; ich muss jetzt ein wenig mit dem Herrn Doktor gehen.“ Dann klopfte es dem Schneehöppli, das sich immer am nächsten zu ihm hielt, zärtlich auf den Rücken und ermahnte es noch besonders, nun recht folgsam zu sein. Dann arbeitete es sich aus dem Rudel heraus und ging nun neben dem Herrn Doktor her, der es gleich bei der Hand fasste und festhielt. Er musste jetzt nicht mit Mühe nach einem Gespräch suchen wie vorher, denn das Heidi fing gleich an und hatte ihm so viel zu erzählen von den Geissen und ihren merkwürdigen Einfällen und von den Blumen oben und den Felsen und Vögeln, dass die Zeit unvermerkt dahinging und sie ganz unerwartet oben auf der Weide anlangten. Der Peter hatte im Hinaufgehen öfters seitwärts auf den Herrn Doktor Blicke geworfen, die diesem einen rechten Schrecken hätten beibringen können; er sah sie aber glücklicherweise nicht.

Oben angelangt, führte das Heidi seinen guten Freund gleich auf die schönste Stelle, wohin es immer ging und sich auf den Boden setzte und umherschaute, denn da gefiel es ihm am besten. Es tat, wie es gewohnt war, und der Herr Doktor liess sich gleich auch neben Heidi, auf den sonnigen Weideboden nieder. Ringsum leuchtete der goldene Herbsttag über die Höhen und das weite, grüne Tal. Von den unteren Alpen tönten überall die Herdenglocken herauf, so lieblich und wohltuend, als ob sie weit und breit den Frieden einläuteten. Auf dem grossen Schneefelde drüben blikten funkelnd und flimmernd, goldene Sonnenstrahlen hin und her, und der graue Falkniss hob seine Felsentürme in alter Majestät hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf. Der Morgenwind wehte leise und wonnig über die Alp und bewegte nur sachte die letzten blauen Glockenblümchen, die noch übrig geblieben waren von der grossen Schar des Sommers und nun noch wohlig ihre Köpfchen im warmen Sonnenscheine wiegten. Obenhin flog der grosse Raubvogel in weiten Bogen umher, aber er krächzte heute nicht; mit ausgebreiteten Flügeln zog er ruhig durch die Bläue und liess sich’s wohl sein. Das Heidi guckte dahin und dorthin. Die lustig nickenden Blumen, der blaue Himmel, der fröhliche Sonnenschein, der vergnügte Vogel in den Lüften, alles war so schön, so schön! Heidis Augen funkelten vor Wonne. Nun schaute es nach seinem Freunde, ob er auch alles recht sehe, was so schön war. Der Herr Doktor hatte bis jetzt still und gedankenvoll um sich geblict. Wie er nun den freudeglänzenden Augen des Kindes begegnete, sagte er:

„Ja, Heidi, es könnte schön sein hier; aber was meinst du? Wenn einer ein trauriges Herz hierher brächte, wie müsste er es wohl machen, dass er an all dem Schönen sich freuen könnte?“

„O, oh!“ rief das Heidi ganz fröhlich aus, „hier hat man gar nie ein trauriges Herz, nur in Frankfurt.“

Der Herr Doktor lächelte ein wenig; aber das ging schnell vorüber. Dann sagte er wieder: „Und wenn einer käme und alles Traurige aus Frankfurt mit hier heraufbrächte, Heidi; weisst du da auch noch etwas, das ihm helfen könnte?“

„Man muss nur alles dem lieben Gott sagen, wenn man gar nicht mehr weiss, was machen“, sagte das Heidi ganz zuversichtlich.

„Ja, das ist schon ein guter Gedanke, Kind“, bemerkte der Herr Doktor. „Wenn es aber von ihm selbst kommt, was so ganz traurig und elend macht, was kann man da dem lieben Gott sagen?“

Das Heidi musste nachdenken, was dann zu machen sei; es war aber ganz zuversichtlich, dass man für alle Traurigkeit eine Hilfe vom lieben Gott erhalten könne. Es suchte seine Antwort in seinen eigenen Erlebnissen.

„Dann muss man warten“, sagte es nach einer Weile mit Sicherheit, „und nur immer denken: jetzt weiss der liebe Gott schon etwas Freudiges, das dann nachher aus dem anderen kommt; man muss nur noch ein wenig still sein und nicht fortlaufen. Dann kommt auf einmal alles so, dass man ganz gut sehen kann, der liebe Gott hatte die ganze Zeit nur etwas Gutes im Sinn gehabt; aber weil man das vorher noch nicht sehen kann, sondern immer nur das furchtbar Traurige, so denkt man, es bleibe dann immer so.“

„Das ist ein schöner Glaube, den musst du festhalten, Heidi“, sagte der Herr Doktor. Eine Weile schaute er schweigend auf die mächtigen Felsenberge hinüber und in das sonneleuchtende, grüne Tal hinab, dann sagte er wieder:

„Siehst du, Heidi, es könnte einer hier sitzen, der einen grossen Schatten auf den Augen hätte, so dass er das Schöne gar nicht aufnehmen könnte, das ihn hier umgibt. Dann möchte doch wohl das Herz traurig werden, doppelt traurig hier, wo es so schön sein könnte. Kannst du das verstehen?“

Jetzt schoss dem Heidi etwas Schmerzliches in sein frohes Herz. Der grosse Schatten auf den Augen brachte ihm die Grossmutter in Erinnerung, die ja nie mehr die belle Sonne und all das Schöne hier oben sehen konnte. Das war ein Leid in Heidis Herzen, das Immer neu erwachte, sobald die Sache ihm wieder ins Bewusstsein kam. Es schwieg eine Weile ganz still, denn das Weh hatte es so mitten in die Freude hineingetroffen. Dann sagte es ernsthaft:

„Ja, das kann ich schon verstehen. Aber ich weiss etwas: dann muss man die Lieder der Grossmutter sagen, die machen einem wieder ein wenig helle und manchmal so hell, dass man ganz fröhlich wird. Das hat die Grossmutter gesagt.“

„Welche Lieder, Heidi?“ fragte der Herr Doktor.

„Ich kann nur das von der Sonne und dem schönen Garten und noch von dem anderen langen die Verse, die der Grossmutter lieb sind, denn die muss ich immer dreimal lesen“, erwiderte das Heidi.

„So sag mir einmal diese Verse, die möchte ich auch hören“, und der Herr Doktor setzte sich zurecht, um aufmerksam zuzuhören.

Heidi legte seine Hände ineinander und besann sich noch ein Weilchen:

„Soll ich dort anfangen, wo die Grossmutter sagt, dass einem wieder eine Zuversicht ins Herz kommt?“

Der Herr Doktor nickte bejahend.

Jetzt begann Heidi:

„Ihn, ihn lasst tun und walten,

Er ist ein weiser Fürst

Und wird es so gestalten,

Dass du dich wundern wirst,

Wenn er, wie ihm gebühret,

Mit wunderbarem Rat

Das Werk hinausgeführet,

Das dich bekümmert hat.

Er wird zwar eine Weile

Mit seinem Trost verziehn

Und tun an seinem Teile,

Als hätt’ in seinem Sinn

Er deiner sich begeben,

Als sollt’st du für und für

In Angst und Nöten schweben,

Als fragt’ er nichts nach dir.

Wird’s aber sich begeben,

Dass du ihm treu verbleibst,

So wird er dich erheben,

Da du’s am mind’sten gläubst.

Er wird dein Herz erlösen

Von der so schweren Last,

Die du zu keinem Bösen

Bisher getragen hast.“

Heidi hielt plötzlich inne, es war nicht sicher, dass der Herr Doktor auch noch zuhöre. Er hatte die Hand über seine Augen gebreitet und sass unbeweglich da. Es dachte, er sei vielleicht ein wenig eingeschlafen; wenn er dann wieder erwachte und noch mehr Verse hören wollte, würde er es schon sagen. Jetzt war alles still. Der Herr Doktor sagte nichts, aber er schlief doch nicht. Er war in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt. Da stand er als ein kleiner Junge neben dem Sessel seiner lieben Mutter; die hatte ihren Arm um seinen Hals gelegt und sagte ihm das Lied vor, das er eben von Heidi gehört und nun so lange schon nicht mehr vernommen hatte. Jetzt hörte er die Stimme seiner Mutter wieder und sah ihre guten Augen so liebevoll auf ihm ruhen, und als die Worte des Liedes verklungen waren, hörte er die freundliche Stimme noch andere Worte zu ihm sprechen; die musste er gern hören und ihnen weit nachgehen in seinen Gedanken, denn noch lange Zeit sass er so da, das Gesicht in seine Hand gelegt, schweigend und regungslos. Als er sich endlich aufrichtete, sah er, wie das Heidi in Verwunderung nach ihm blickte. Er nahm die Hand des Kindes in die seinige.

„Heidi, dein Lied war schön“, sagte er, und seine Stimme klang froher, als sie bis jetzt geklungen hatte. „Wir wollen wieder hierherkommen, dann sagst du mir’s noch einmal.“

Während dieser ganzen Zeit hatte der Peter genug zu tun gehabt, seinem Ärger Luft zu machen. Da war das Heidi seit vielen Tagen nicht mit auf der Weide gewesen, und nun, da es endlich einmal wieder mit war, sass der alte Herr die ganze Zeit neben ihm, und der Peter konnte gar nicht an das Heidi herankommen. Das verdross ihn sehr stark. Er stellte sich in einiger Entfernung hinter dem ahnungslosen Herrn auf, so, dass dieser ihn nicht sehen konnte, und hier machte er erst eine grosse Faust und schwang sie drohend in der Luft herum, und nach einiger Zeit machte er zwei Fäuste, und je länger das Heidi neben dem Herrn sitzen blieb, je schrecklicher ballte der Peter seine Fäuste und streckte sie immer höher und drohender in die Luft hinauf hinter dem Rücken des Bedrohten.

Unterdessen war die Sonne dahin gekommen, wo sie steht, wenn man zu Mittag essen muss; das kannte der Peter genau. Auf einmal schrie er aus allen Kräften zu den zweien hinüber:

„Man muss essen!“

Heidi stand auf und wollte den Sack herbeiholen, damit der Herr Doktor auf dem Platze, wo er sass, sein Mittagsmahl abhalten könne. Aber dieser sagte, er habe keinen Hunger, er wünsche nur ein Glas Milch zu trinken, dann wolle er gern noch ein wenig auf der Alp umhergehen und etwas weiter hinaufsteigen. Da fand das Heidi, dann habe es auch keinen Hunger und wolle auch nur Milch trinken, und nachher wolle es den Herrn Doktor hinaufführen zu den grossen, moosbedeckten Steinen hoch oben, wo der Distelfink einmal fast hinuntergesprungen wäre und wo alle die würzigen Kräutlein wuchsen. Es lief zum Peter hinüber und erklärte ihm alles, und dass er nun erst eine Schale Milch vom Schwänli nehmen müsse für den Herrn Doktor und dann noch eine, die es für sich haben wolle. Der Peter schaute erst eine Weile sehr erstaunt das Heidi an, dann fragte er:

„Wer muss haben, was im Sack ist?“

„Das kannst du haben, aber zuerst musst du die Milch geben und hurtig“, war Heidis Antwort.

So rasch hatte der Peter in seinem Leben noch keine Tat vollendet, als er nun diese fertig brachte, denn er sah immer den Sack vor sich und wusste noch nicht, wie das aussah, was drinnen war und ihm gehörte. Sobald drüben die beiden ruhig ihre Milch tranken, öffnete der Peter den Sack und tat einen Blick hinein. Als er das wundervolle Stück Fleisch gewahr wurde, da schüttelte es den ganzen Peter vor Freude, und er tat noch einen Blick hinein, um sich zu versichern, dass es auch wahr sei. Dann fuhr er mit der Hand in den Sack hinein, um die erwünschte Gabe zum Genuss herauszuholen. Aber auf einmal zog er die Hand wieder zurück, als ob er nicht zugreifen dürfe. Es war dem Peter in den Sinn gekommen, wie er dort hinter dem Herrn gestanden und gegen ihn gefaustet hatte, und nun schenkte ihm derselbe Herr sein ganzes, unvergleichliches Mittagessen. Jetzt reute den Peter seine Tat, denn es war ihm gerade so, wie wenn sie ihn verhinderte, sein schönes Geschenk herauszunehmen und sich daran zu erlaben. Auf einmal sprang er in die Höhe und lief zurück auf die Stelle hin, wo er gestanden hatte. Da streckte er seine beiden Hände ganz flach in die Luft hinauf, zum Zeichen, dass das Fausten nicht mehr gelte, und so blieb er eine gute Weile stehen, bis er das Gefühl hatte, die Sache sei nun wieder ausgeglichen. Dann kam er in grossen Sprüngen zu dem Sack zurück, und nun, da das gute Gewissen hergestellt war, konnte er mit vollem Vergnügen in sein ungewöhnlich leckeres Mittagsmahl beissen.

Der Herr Doktor und das Heidi waren lange miteinander herumgewandert und hatten sich sehr gut unterhalten. Jetzt aber fand der Herr, es sei Zeit für ihn, zurüczukehren, und meinte, das Kind wolle nun auch gern noch ein wenig bei seinen Geissen bleiben. Aber das kam dem Heidi nicht in den Sinn, denn dann musste ja der Herr Doktor mutterseelenallein die ganze Alp hinuntergehen. Bis zur Hütte vom Grossvater wollte es ihn durchaus begleiten und auch noch ein Stück darüber hinaus. Es ging immer Hand in Hand mit seinem guten Freunde und hatte auf dem ganzen Wege ihm noch genug zu erzählen und ihm alle Stellen zu zeigen, wo die Geissen am liebsten weideten und wo es im Sommer am meisten von den glänzenden gelben Weideröschen und vom roten Tausendgüldenkraut. und noch anderen Blumen gebe. Die wusste es nun alle zu benennen, denn der Grossvater hatte ihm den Sommer durch alle ihre Namen beigebracht, so wie er sie kannte. Aber zuletzt sagte der Herr Doktor, nun müsse es zurückkehren. Sie nahmen Abschied, und der Herr ging den Berg hinunter; doch kehrte er sich von Zeit zu Zeit noch einmal um. Dann sah er, wie das Heidi immer noch auf derselben Stelle stand und ihm nachschaute und mit der Hand ihm nachwinkte. So hatte sein eigenes, liebes Töchterchen getan, wenn er von Hause fortging. —

Es war ein klarer, sonniger Herbstmonat. Jeden Morgen kam der Herr Doktor zur Alp herauf, und dann ging es gleich weiter auf eine schöne Wanderung. Öfters zog er mit dem Alm-Öhi aus, hoch in die Felsenberge hinauf, wo die alten Wettertannen herunternickten und der grosse Vogel in der Nähe hausen musste, denn da schwirrte er manchmal sausend und krächzend ganz nahe an den Köpfen der beiden Männer vorbei. Der Herr Doktor hatte ein grosses Wohlgefallen an der Unterhaltung seines Begleiters, und er musste sich immer mehr verwundern, wie gut der Öhi alle Kräutlein ringsherum auf seiner Alp kannte und wusste, wozu sie gut waren, und wie viel kostbare und gute Dinge er da droben überall herauszufinden wusste: so in den harzigen Tannen und in den dunklen Fichtenbäumen mit den duftenden Nadeln, in dem gekräuselten Moos, das zwischen den alten Baumwurzeln emporspross, und in all den feinen Pflänzchen und unscheinbaren Blümchen, die noch ganz hoch oben dem kräftigen Alpenboden entsprangen.

Ebenso genau kannte der Alte auch das Wesen und Treiben aller Tiere da oben, der grossen und der kleinen, und er wusste dem Herrn Doktor ganz lustige Dinge von der Lebensweise dieser Bewohner der Felsenlöcher, der Erdhöhlen und auch der hohen Tannenwipfel zu erzählen.

Dem Herrn Doktor verging die Zeit auf diesen Wanderungen, er wusste gar nicht wie, und oftmals, wenn er am Abend dem Öhi herzlich die Hand zum Abschiede schüttelte, musste er von neuem sagen: „Guter Freund, von Ihnen gehe ich nie fort, ohne wieder etwas gelernt zu haben.“

An vielen Tagen aber, und gewöhnlich an den allerschönsten, wünschte der Herr Doktor mit dem Heidi auszuziehen. Dann sassen die beiden öfter miteinander auf dem schönen Vorsprunge der Alp, wo sie am ersten Tage gesessen hatten, und das Heidi musste wieder seine Liederverse sagen und dem Herrn Doktor erzählen, was es nur wusste. Dann sass der Peter öfter hinter ihnen an seinem Platze, aber er war jetzt ganz zahm und faustete nie mehr.

So ging der schöne Septembermonat zu Ende. Da kam der Herr Doktor eines Morgens und sah nicht so fröhlich aus, wie er sonst immer ausgesehen hatte. Er sagte, es sei sein letzter Tag, er müsse nach Frankfurt zurückkehren; das mache ihm grosse Mühe, denn er habe die Alp so lieb gewonnen, als wäre sie seine Heimat. Dem Alm-Öhi tat die Nachricht sehr leid, denn auch er hatte sich über- aus gern mit dem Herrn Doktor unterhalten, und das Heidi hatte sich so daran gewöhnt, alle Tage seinen liebevollen Freund zu sehen, dass es gar nicht begreifen konnte, wie das nun mit einem Male ein Ende nehmen sollte. Es schaute fragend und ganz verwundert zu ihm auf. Aber es war wirklich so. Der Herr Doktor nahm Abschied vom Grossvater und fragte dann, ob das Heidi ihn noch ein wenig begleiten werde. Es ging an seiner Hand den Berg hinunter, aber es konnte immer noch nicht recht fassen, dass er ganz fortgehe.

Nach einer Weile stand der Herr Doktor still und sagte, nun sei das Heidi weit genug gekommen, es müsse zurückkehren. Er fuhr ein paarmal zärtlich mit seiner Hand über das krause Haar des Kindes hin und sagte: „Nun muss ich fort, Heidi! Wenn ich dich nur mit mir nach Frankfurt nehmen und bei mir behalten könnte!“

Dem Heidi stand auf einmal ganz Frankfurt vor den Augen, die vielen, vielen Häuser und steinernen Strassen und auch Fräulein Rottenmeier und die Tinette, und es antwortete ein wenig zaghaft: „Ich wollte doch lieber, dass Sie wieder zu uns kämen.“

„Nun ja, so wird’s besser sein. So leb’ wohl, Heidi“, sagte freundlich der Herr Doktor und hielt ihm die Hand hin. Das Kind legte die seinige hinein und schaute zu dem Scheidenden auf. Die guten Augen, die zu ihm niederblickten, füllten sich mit Wasser. Jetzt wandte sich der Herr Doktor rasch und eilte den Berg hinunter.

Das Heidi blieb stehen und rührte sich nicht. Die liebevollen Augen und das Wasser, das es darinnen gesehen hatte, arbeiteten stark in seinem Herzen. Auf einmal brach es in ein lautes Weinen aus, und mit aller Macht stürzte es dem Forteilenden nach und rief, von Schluchzen unterbrochen, aus allen Kräften:

„Herr Doktor! Herr Doktor!“

Der kehrte um und stand still.

Jetzt hatte ihn das Kind erreicht. Die Tränen strömten ihm die Wangen herunter, während es herausschluchzte:

„Ich will gewiss auf der Stelle mit nach Frankfurt kommen und will bei Ihnen bleiben, solang’ Sie wollen, ich muss es nur noch geschwind dem Grossvater sagen.“

Der Herr Doktor streichelte beruhigend das erregte Kind.

„Nein, mein liebes Heidi“, sagte er mit dem freundlichsten Tone, „nicht jetzt auf der Stelle; du musst noch unter den Tannen bleiben, du könntest mir wieder krank werden. Aber komm, ich will dich etwas fragen: Wenn ich einmal krank und allein bin, willst du dann zu mir kommen und bei mir bleiben? Kann ich denken, dass sich dann noch jemand um mich kümmern und mich lieb haben will?“

„Ja, ja, dann will ich sicher kommen, noch am gleichen Tag, und Sie sind mir auch fast so lieb wie der Grossvater“, versicherte das Heidi noch unter fortwährendem Schluchzen.

Jetzt drückte ihm der Herr Doktor noch einmal die Hand, dann setzte er rasch seinen Weg fort. Das Heidi aber blieb auf derselben Stelle stehen und winkte fort und fort mit seiner Hand, solange es nur noch ein Pünktchen von dem forteilenden Herrn entdecken konnte. Als dieser zum letztenmal sich umwandte und nach dem winkenden Heidi und der sonnigen Alp zurückschaute, sagte er leise vor sich hin: „Dort oben ist’s gut sein, da können Leib und Seele gesunden, und man wird wieder seines Lebens froh.“

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140 p. 1 illustration
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9788726539998
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