Read the book: «Abseits»

unveränderte eBook-Ausgabe
© 2020 Seifert Verlag
1. Auflage (Hardcover): 2020
ISBN: 978-3-904123-48-8
ISBN Print: 978-3-904123-35-8
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Erstellt mit Vellum
Inhalt
Vorwort von Univ.-Prof. Dr. Josef Marksteiner
Einleitung
1. Auf bald, Schmetterling
2. Löwenmutter-Manier
3. Stir it up
4. Hashtag Didi Constantini
5. Kraft und Philosophie
6. Abseits
7. (K)ein Demenzratgeber
8. Rot oder Schwarz?
9. Der Sheriff von Nottingham
10. Weil auch Buben weinen dürfen
11. Auf den Spuren von Pippi Langstrumpf
12. Gesellschaftliche Kür oder menschliche Pflicht?
13. Demenzfreundlich ist
14. Mehr als Nullen und Einsen
15. Familiensachen
16. Schmetterlingsgedanken
Danke
Quellen
Anlaufstellen
Bildteil
Anmerkungen
für alle, die verstehen möchten
Wenn nichts anderes gilt, als den Moment zu leben. Weil jener Moment im nächsten Moment bereits in Vergessenheit geraten könnte.
Johanna Constantini, 2020
Vorwort von Univ.-Prof. Dr. Josef Marksteiner

„Abseits“ – ein paradigmatischer Titel – und nicht nur für Fußballfans ein Reizwort. Über keine Entscheidung beim Fußballspiel wird so heftig diskutiert und debattiert. Je nach Standpunkt.
Das Buch „Abseits“ von Johanna Constantini, Tochter des ehemaligen Fußballnationaltrainers und Fußballprofis Didi Constantini, ist nie belehrend, besserwisserisch oder gar reißerisch. Die Tochter beschreibt mit großer Empathie persönliche Begegnungen und Erlebnisse in der Familie, zwischen Vater und Tochter und mit der Öffentlichkeit. Die Autorin lässt die Leser dadurch an einer persönlichen Lebensgeschichte intensiv teilhaben.
Manchmal ist es wie ein langsamer Sturm. Die Wucht der Erkrankung umfasst den Patienten, die Familie, das gesamte dementielle Umfeld. Es gibt inzwischen gute epidemiologische Daten über dementielle Erkrankungen. Wir wissen vieles über die Häufigkeit, über die Ursachen und vorbeugende Maßnahmen. Die Anzahl der Menschen mit Demenz wird weiter steigen, dabei ist das Alter der größte Risikofaktor.
Die allgemeinen statistischen Daten sollen nicht den Blick auf den einzelnen Patienten verdecken. Didi Constantini, ein Betroffener, der in der Öffentlichkeit steht, kann die Dimension einer Demenzerkrankung für viele erkennbarer machen. In diesem Buch wird deutlich, dass ein an Demenz erkrankter Mensch trotz der Erkrankung ein Mensch mit charakteristischen Eigenschaften bleibt. Niemals sollten wir Menschen auf die Erkrankung reduzieren – auch nicht Menschen mit Demenz.
Ein Leben besteht aus vielen Erinnerungen, aus Episoden, die wir intensiv erlebt haben. Besonders Fußballfans werden sich detailreich an Didi Constantini erinnern, werden die fußballerischen Freuden im Gedächtnis wieder erleben. Genau so versuchen auch Menschen mit Demenz sich an Episoden der Vergangenheit zu erinnern. Nur, insbesondere bei der Alzheimerkrankheit, können sie die vergangenen Episoden nicht mehr oder nur bruchstückhaft im Gedächtnis finden.
Erlebnisse können nicht mehr gespeichert werden, alte Erinnerungen gehen langsam verloren.
Es ist, wie es ist. Die Erkrankung ist belastend, besonders durch Verhaltensauffälligkeiten, die im Rahmen einer Demenzerkrankung auftreten können. Es gibt aber auch die schönen Momente, in denen persönliche Begegnung möglich ist – vielleicht nur für kurze Augenblicke. Solche Momente sind in diesem Buch viele beschrieben.
Josef Marksteiner
Innsbruck, im Juni 2020
Einleitung

„Du musst immer wissen, wer der Schiedsrichter ist“, war eine der Fußballweisheiten, die meine Oma zum Besten gab. Sie musste es ja wissen, schließlich war sie Zeit ihres Lebens von vielen fußballbegeisterten Männern umgeben gewesen. Einer davon ihr zweitältester Sohn. Mein Papa. Didi Constantini. Einstiger Profifußballer, Trainer so ziemlich jeder österreichischen Bundesliga- und nicht zuletzt der Österreichischen Nationalmannschaft. Liebender Papa, toller und fürsorglicher Familienmensch. Geisterfahrer und Betroffener. Betroffener einer Demenzerkrankung, wie so viele andere. Einer Erkrankung, die die meisten Menschen ins Abseits zu stellen droht. In eine Position, über die auch am Rasen immer die Schiedsrichter entscheiden. Was das Spielfeld des Lebens betrifft, so sind wir alle jene Schiedsrichter. Denn nicht nur wir als Angehörige, sondern auch wir als Gesellschaft bestimmen letzten Endes darüber, ob demenzkranke Menschen im Abseits stehen müssen oder nicht. Wir als Angehörige und wir als Gesellschaft legen fest, wann Betroffene vom Platz gar verwiesen werden sollen. Um nicht mehr teilnehmen zu dürfen. Am Spiel und am Leben.
Mehrere Motive haben mich zu diesem Buch bewogen. Einerseits dienen meine Zeilen der persönlichen Aufarbeitung familiärer Geschehnisse, wie sie sich zuletzt in meinem Leben zugetragen haben. Dabei spreche ich vor allem von jenem Unfall, den Papa im Juni 2019 als Geisterfahrer verursacht hatte. Und in dessen Folge ihm die Diagnose einer Demenz, im Speziellen die einer Alzheimer-Erkrankung attestiert worden war.
Auch zur Klärung offener Fragen zu jenen Geschehnissen, die das öffentliche Interesse über alle Maßen beschäftigt haben, sollen die folgenden Seiten beitragen. Und nicht zuletzt sollen sie über Demenzerkrankungen aufklären: Ich möchte bewusst Einblicke in Papas Leben wie auch in unsere Familiengeschichte und unseren ganz persönlichen Umgang mit dem Schicksalsschlag gewähren. Einem Schicksalsschlag, wie er viele Menschen ereilt. Menschen, mit denen ich nicht zuletzt in meiner Rolle als Psychologin in Kontakt trete, mit denen ich persönliche Herausforderungen aufarbeite. Schließlich gibt es in beinahe jeder Familie einen oder gar mehrere Fälle psychischer Erkrankungen. Vor allem dementielle Erkrankungen nehmen stetig zu.
Während sich mein Buch sowohl an Betroffene als auch an Angehörige und die Gesellschaft richtet, möchte ich mit meinen Zeilen keinen wissenschaftlichen Ratgeber liefern. Eher als professionelle Expertentipps will ich meine bzw. unsere persönlichen Sichtweisen und Strategien im Umgang mit der Erkrankung preisgeben. An die Öffentlichkeit zu gehen war uns als Familie auch deshalb wichtig, um Vorbild sein zu können.
Dass eine Demenzerkrankung viele Herausforderungen für Betroffene und auch für Angehörige mit sich bringt, ist und bleibt unbestritten. Dass diese Erkrankung aber auch neue Möglichkeiten und Chancen für zahlreiche gemeinsame Momente birgt, möchte ich nicht zuletzt am Beispiel unserer Familie zeigen.
Letztlich ist dieses Buch also der Versuch, persönliche und berufliche Denkanstöße zu vereinen, um demenzkranke Menschen ihre Positionen selbst wählen zu lassen. Sie vor allem nicht ins Abseits zu stellen, ihnen vielmehr so gut wie nur möglich ein Dasein auf dem Spielfeld des Lebens zu erhalten.
Dafür schreibe ich. Als Psychologin. Und als Tochter.
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1
Auf bald, Schmetterling

Der Wald riecht noch frisch. Ein wenig nach Frühling. Obwohl die Sonne für diese frühen Stunden bereits recht hoch steht. So wie Anfang Juni eben üblich. Die warme Jahreszeit hielt bisher noch zögerlich Einzug, sodass der Waldboden in diesem Jahr später als normal sein frisches, sattes Grün zeigt. Doch was ist schon normal? Diese Frage wird mich in meinem Buch, von dem ich heute noch nicht genau weiß, wo es mich hinführen wird, wohl noch einige Male beschäftigen. Der weiche Waldboden trägt mich Meter für Meter durch das vom späten Frühlings- und frühen Sommerlicht durchflutete Dickicht der Tannenbäume. Meter für Meter lasse ich hinter mir, begleitet von meinem vierbeinigen Partner.
Wir laufen, und meine Gedanken schweifen ab. So wie sie es immer tun, wenn ich dieser – einer meiner liebsten sportlichen –
Betätigungen nachgehe. Beim Laufen konnte ich schon immer wunderbar abschalten. Eine Gabe, die mir dieser Tage sehr zugute kommen soll. Ich blicke durch das Geäst, mir fallen die vielen Eichhörnchen auf, die hurtig die Baumstämme hinaufklettern, ihre Augen, und damit auch ihre wachsame Aufmerksamkeit immer wieder auf meinen Vierbeiner und mich gerichtet. Auf unsere kleine Laufgemeinschaft sozusagen.
Trotz ihrer akrobatischen Kunststücke schaffen es die quirligen Baumfüchse jedoch nicht lange, mich in ihren Bann zu ziehen. Im Nachhinein bin ich verwundert, weshalb es einem der unscheinbarsten Waldbewohner gelang, meinen Blick auf sich zu ziehen: Es ist ausgerechnet eine kleine Raupe, die fortan meine ungeteilte Aufmerksamkeit genießt. Obwohl sie nicht mehr tut, als an einem scheinbar seidenen Faden vor mir zu hängen und sich fortwährend nach oben und nach unten zu schlängeln. In einem fahlen Gelb, fast schon Beige erscheint sie in diesem frühen Sonnenlicht eines Dienstags im Juni des Jahres 2019. „Gut, dass sie im Wald leben kann“, denke ich in diesem Moment …

„Ich muss die Raupe rausbringen!“, sagte ich zu meiner Mama, die neben mir saß, und blickte auf den Zipfel meiner Laufhose. Fast alle anderen Sitze in dem Warteraum der Innsbrucker Universitätsklinik waren zu diesem Zeitpunkt leer. Auch der Platz des Portiers war nicht besetzt. Es war kurz vor fünf Uhr Nachmittag an eben jenem Dienstag. Uns gegenüber hatte eine Familie Platz genommen, Mutter, Vater und ein junger Mann, offenbar der Sohn. Der Bruder des jungen Mannes, der wohl auch in den Autounfall von heute Nachmittag verwickelt worden war. In den Unfall, der auch uns schnurstracks in die Notaufnahme geführt hatte. Direkt nach meinem Waldlauf, auf dem mich mein Hund, viele, viele Eichhörnchen und der wohl hartnäckigsten Mitreisende, eine kleine, hellgelbe Raupe, begleitet hatten. Auf dem ich mir erhofft hatte, ein wenig abschalten zu können. Von den letzten Wochen, die sich für mich beruflich wie eine Achterbahnfahrt angefühlt hatten. Ständig hatten sich neue, durchaus spannende und abwechslungsreiche Projekte in meiner psychologischen Arbeit ergeben. Meine Selbstständigkeit hatte zunehmend Fahrt aufgenommen, und ich genoss die vielen neuen Aufgabengebiete. Der Waldlauf und die frische Luft sollten mir guttun.
Und plötzlich – „Notfall“! Eine Whatsapp-Nachricht meiner Mama hatte meine Illusion eines energiespendenden Tagesausklangs jäh beendet. Kaum gelesen, noch mitten im Wald, rief ich meine Mama zurück. „Es ist wohl nicht viel passiert. Es war ein Autounfall. Mehr weiß ich noch nicht. Papa ist auf dem Weg in die Klinik.“
Meine Schritte wurden schneller. In welche Richtung sollte ich nun bloß weiterlaufen? Wieder retour und nach Hause, zu meinem Auto? Geradewegs weiter, immer der Nase nach in Richtung Stadt?
Ich versuchte, meinen Freund zu erreichen, in der Hoffnung, dass er mich abholen würde. Danach ging alles – wie immer, wenn derartige, obwohl meist etwas kleinere Notfälle unsere Familie betreffen – ganz schnell. Ich erinnere mich nur, wie ich in das Auto meines Freundes eingestiegen bin, der es, schneller als vorerst gedacht, durch den Feierabend-Verkehr aus der Stadt bis zum Waldeingang geschafft hatte, um mich dort aufzulesen.
„Ich habe auch was von einem Geisterfahrer-Unfall gehört“, sagte meine Mama, als ich sie auf der Fahrt ins Krankenhaus nochmals nach ihrem genauen Standort fragte. Notaufnahme.
Einen Zusammenhang mit dem Geisterfahrerunfall, der sich laut Verkehrsmeldungen an jenem Nachmittag auf der Brennerautobahn zugetragen hatte, kam uns keine Sekunde in den Sinn, sodass die oberste Devise für uns erst einmal lautete, die Klinik schnellstmöglich zu erreichen. Zumindest das gelang uns in Rekordzeit.
Ich stieg aus und warf mit einem lauten Knall die Autotüre hinter mir zu, dann öffnete sich die Schiebetüre zur Aufnahme akuter Notfälle langsam – in diesem Moment viel zu langsam – vor mir.
Mama? Zahlreiche Menschen, die vor den verschlossenen Behandlungsräumen auf ihre Angehörigen warten mussten, doch keine Spur von einer blonden Frau mit kurzen Haaren, meist bunt und etwas verrückt, jedoch sehr modisch und immer schick gekleidet. Keine Spur von einer der stärksten Frauen, die ich in meinem bisherigen Leben kennengelernt hatte. Keine Spur von einer meiner besten Freundinnen. Keine Spur von meiner geliebten Mama. Die einen wesentlichen Teil dazu beigetragen hat, mich ebenfalls zu einer – wie ich von mir behaupten würde – starken Frau zu machen. Schließlich war sie es, die dafür gesorgt hatte, dass wir ein Leben leben durften, wie es sich andere wohl nur träumen konnten. Dabei war unsere Kindheit weder von übermäßigem Luxus noch von hochkarätig besetzten Events geprägt, wie man es sich vielleicht für die Familie eines bekannten Fußballtrainers vorstellen würde. Viel lieber blieben wir unter uns. Zeit, die wir tanzend in unserem Garten, an Gletscherseen oder beim Würstelbraten vor dem Lagerfeuer verbrachten, in der Mama uns in den Stall zu unseren Reitstunden begleitete, in der wir Bäche aufstauten, um Frösche zu fangen, und Kräuter-Bündel banden oder Zwetschgen pflückten, um sie in der Nachbarschaft verkaufen zu können. Ausgerüstet mit einem alten Leiterwagen und voller Zuversicht, ein paar Schillinge unseres eigenen Geldes verdienen zu können. Dass dieses privilegierte Leben keine Selbstverständlichkeit ist, war unseren Eltern immer wichtig zu vermitteln. Vor allem meinem Papa, der gemeinsam mit drei Brüdern aufgewachsen war und sich zwischenzeitlich das einzige Badezimmer der Zwei-Zimmer-Wohnung nicht nur mit Eltern und Brüdern, sondern auch mit einem ständig wechselnden Untermieter teilen musste. Und obwohl auch seinen Eltern Bescheidenheit nicht nur ein großes Anliegen, sondern auch eine Notwendigkeit gewesen ist, so wusste vor allem mein Opa Walter seinen Söhnen trotz geringer finanzieller Möglichkeiten das ein oder andere Abenteuer zu bieten. Opa war zunächst selbstständiger Frächter gewesen, um sich nach einer diabetesbedingten Netzhautablösung und der daraus folgenden einseitigen Erblindung als Platzwart seinen und seiner Familie Lebensunterhalt zu verdienen. Viel weiß ich nicht von ihm – er ist leider noch vor meiner Geburt verstorben –, doch erzählt Papa bis heute gerne von den damals illegalen Brennerfahrten, die ihm, seinem Bruder Germar und seinem Papa nur durch dessen LKW-Fahrer-Freund ermöglicht wurden. Dieser holte die drei wagemutigen Constantinis meist spätnachts aus der Innsbrucker Gumppstraße ab, um sie am frühen Morgen jenseits der Grenze in Italien ein paar Stunden Süden genießen zu lassen. Diese Stunden verbrachte mein Papa mit Opa Walter und seinem Bruder mit tollen Spaziergängen und Wanderungen, bevor die drei meist nach Einbruch der Dunkelheit wieder an einer Straße warten mussten, um – wieder im Laderaum des LKWs – die Rückfahrt nach Innsbruck antreten zu können. „Passt auf, da sind ganz viele Schlangen!“, hatte mein Opa den beiden Buben immer weisgemacht, bevor sie das Feld in Richtung der Hauptstraße überquerten. Worauf Germar und Dietmar, hysterisch hüpfend versuchten, schleunigst wieder Asphalt unter ihren kleinen Füßen zu spüren. Glücklicherweise ohne dabei jemals von den giftigen italienischen Schlangen gebissen worden zu sein.
In diesen Momenten in der Klinik fühlte ich mich so verloren, wie sich Papa auf dem Feld mit den eingebildeten Schlangen verloren gefühlt haben musste.
Nach einer Ewigkeit, in der ich meine Mama einfach nicht entdecken konnte, drehte ich mich um, ließ die Schiebetür sich – ein zweites Mal viel zu langsam – wieder vor mir öffnen und ging nach draußen. Schnell und mit dem für mich typischen Aktionismus zückte ich mein Handy und wollte gerade Mamas Nummer wählen, als mich ein älterer Herr hinter mir mit einem lauten „Hallo, hier lang, bitte!“ unterbrach. Lautlos, mit einem zögerlichen Lächeln folgte ich ihm. Woher wusste der, wo ich hinmusste? Wer ich war? Der Mann führte mich vorbei an all den betrübt wirkenden Menschen, die vor den mit Schiebetüren verschlossenen Behandlungsräumen der Notaufnahme warten mussten. Vorbei an zahlreichen leeren Warteraum-Sitzen und hinein in einen abgetrennten Bereich.
Eine weitere Schiebetüre entfernt sah ich sie endlich: meine geliebte Mama. Sie saß auf einem der Plastikstühle. Sie wirkte geschockt, traurig, aber unheimlich stark zugleich.
„Das ist die andere Familie. Ihr Sohn war einer der Fahrer“, murmelte sie leise und zeigte mit der geöffneten Hand und einem verhaltenen Lächeln in Richtung der drei anderen Wartenden.
„Hallo.“
„Hallo.“
„Wie geht’s ihm?“
„Wir wissen nicht viel, wir sind gleichzeitig gekommen.“
An viel mehr als diesen Dialog kann ich mich nicht erinnern, bevor sich ein letztes Mal die Schiebetüre viel zu langsam öffnete. Durch den Spalt konnte ich Matthias erkennen, der den Raum betrat. Seine Umarmung gab mir jetzt noch mehr Kraft als sein erster tröstender Blick an diesem Nachmittag im Auto.
„Die Raupe, ich muss die Raupe rausbringen“, sagte ich leise, kaum hörbar, und heute weiß ich nicht, ob diese Botschaft an irgendjemanden außer mir – und vielleicht noch an die Raupe – gerichtet war. Inzwischen hatte neben uns und der anderen Familie auch ein Paar mittleren Alters Platz genommen. Ihr Sohn war offenbar ohne Führerschein gefahren und hatte dabei einen Unfall verursacht. Das war zumindest aus einem Gespräch der beiden herauszuhören, ganz genau konnte und wollte ich den Unfallhergang gar nicht erfahren. Lieber ließ ich mich in diesem Moment von der kleinen, friedlichen Raupe ablenken. Meine Gedanken schweiften zurück zu meinem so abrupt beendeten Waldlauf. Zurück zu den Stunden der Unbekümmertheit, wie ich sie lange nicht gekannt hatte. Unbekümmerte Zeiten durfte ich glücklicherweise in meiner Kindheit viele genießen. Aber über die Jahre meines Erwachsenwerdens hatte ich mehr und mehr Verantwortung übernommen. Mich schon sehr früh durch den aufwendigen Reitsport (Pferde, Pferde, Pferde) und die Adoption meines ägyptischen Strandhundes an Pflichten gebunden. Noch dazu bin ich jemand, der immer für sehr viele Dinge einstehen möchte. Manchmal mit zu viel Einsatz. Dabei verliere ich zwar nie meinen Optimismus, vergesse aber oft, auf meine Ressourcen zu achten. Dieser Aktionismus wurde mir wohl bereits in die Wiege gelegt – immerhin entstamme ich einer überaus aktiven Familie –, vor allem durch meinen Vaters, dessen schier unbändiger Ehrgeiz ihm Zeit seines Lebens eine berufliche Topstation nach der nächsten sicherte. Der gern gesehene, strahlende „Sunnyboy“, wie er bis heute vielfach bezeichnet wird, durfte während seiner aktiven Karriere schließlich so ziemlich jede österreichische Fußballmannschaft unter seine Fittiche nehmen. Und nicht nur das. Obwohl er – wie er von sich immer behauptet – „nie der Schnellste“ gewesen ist, spielte Papa auch selbst bei so mancher Mannschaft im In- und Ausland auf hohem Niveau. Zu verdanken hatte er jene Chancen nicht zuletzt seinem Kampfgeist und der Bereitschaft, stets an seine Grenzen zu gehen.
Dabei hatte seine Karriere relativ unspektakulär begonnen. Als einer von vielen kickte er am Innsbrucker Tivoli, wohin er seinen Vater, der damals dort Platzwart war, schon sehr früh auf den Rasen begleiten durfte. Opa Walter, in Bozen geboren und aufgewachsen, war nach Kriegsende von Italien nach Tirol gekommen und hatte dort meine Oma Johanna, geborene Angerer, kennengelernt. Johanna war zum damaligen Zeitpunkt bereits verwitwet, nachdem sie ein knappes Jahrzehnt vergeblich auf die Rückkehr ihres ersten Mannes aus dem Zweiten Weltkrieg gewartet hatte. Opa Walter konnte sie schließlich dank seiner charmanten Art erobern. Fußball, Kartenspielen und „Paschen“ („Würfelpoker“) sowie gesellige Abende mit Freunden bildeten die Leidenschaften der beiden. Die teilten später auch die vier Söhne, denen Johanna, „Hanni“, und Walter, „Goggl“, nach und nach das Leben schenkten: Nach dem Ältesten, Germar, kam mein Vater im Jahr 1955 auf die Welt, gefolgt von Oskar und Elmar.
Kaum konnte Papa laufen, nahm ihn Walter bereits mit auf den Rasen, sodass die beiden viele der insgesamt 25 Platzwart-Jahre meines Opas gemeinsam verbrachten. Opa Walter zählte stets zu Papas größten Fans und förderte Papas Leidenschaft für das runde Leder von Beginn an.
Trotz jener fehlenden Schnelligkeit schaffte Papa es, dank der familiären Unterstützung und seines unbändigen Ehrgeizes, nach einigen erfolgreichen Einsätzen in Tirols Jugend- und Juniorenauswahl 1975 im Alter von 20 Jahren als Vorstopper, Libero und Mittelfeldspieler in den FC Wacker Innsbruck – und damit in die damalige Profiliga.
„Ich möchte kündigen“, eröffnete er zu jener Zeit seinem Chef in der Innsbrucker Druckerei, wo er eine Lehre als Lithograf absolviert hatte. Als dieser fragte „Warum?“, meinte Papa selbstbewusst, er würde lieber Fußballprofi werden.
Um diesen Traum tatsächlich auch verwirklichen zu können, lief er immer und immer wieder die Bergiselschanze hinauf, erzählt Papa. Die Höhenmeter bis ganz nach oben nahm er oft mehrere Male pro Tag in Angriff. Und das nur, um fitter und schneller werden zu können als vermeintlich talentiertere Spielerkollegen. Sein Fleiß sollte sich lohnen. Bald bildete der Fußball tatsächlich seinen absoluten Lebensmittelpunkt.
In den folgenden vier Jahren, von 1975 bis 1979, spielte er bei FC Wacker Innsbruck in der Profiliga. Während dieser Zeit wurde der „Durchschnittskicker“, wie er sich selbst charakterisierte, mit dem FC Wacker zweimal Meister und hatte im legendären UEFA-Europacup-Spiel vom 2. November 1977 sogar den starken Gegner Celtic Glasgow 3:0 besiegt. Trotzdem zog es ihn nach diesen vier Jahren aus seiner Heimatstadt Innsbruck weg, und er wechselte zum Linzer ASK nach Oberösterreich.
Den Wechsel konnte auch sein damaliger Innsbruck-Trainer Branko Elsner, von dem Papa bis heute schwärmt, nicht verhindern. Der hatte ihn übrigens wiederholt rigoros stoppen müssen, war er doch als ehrgeizigster Spieler für Übertrainings und intensive Extra-Einheiten bekannt.
Diese Zusatzeinheiten machten sich allerdings in Linz bezahlt, wo Papa von 1979 bis 1980 einmal mehr – wie es hieß – die „Spitze des damaligen Konditionszuges“ bildete. Auch menschlich war er ein großer Zugewinn für die Mannschaft. „Der Didi ist als Mensch in Ordnung. Ein lustiger, ehrlicher Bursche und ein kameradschaftlicher Gewinn“, meinte sein dortiger Trainer Dolfi Blutsch, der ihn auch schon mal als „zweiten Bruno Pezzey“ handelte. Auch seinen Spitznamen „Didi“ bekam Papa in jener erfolgreichen Saison beim LASK verpasst.
Aus Innsbruck war der junge Dietmar, jetzt „Didi“, Constantini weggegangen, um nicht mehr hautpsächlich „der Sohn vom Platzwart“ zu sein. Papa hatte schon immer am liebsten selbst die Verantwortung für sein Tun übernommen. Bereits damals war es sein Traum, „einmal in Griechenland oder Italien – jedenfalls im Ausland – zu spielen“. Obwohl er 1981 aufgrund seiner Spielertätigkeit bei der damaligen SPG Raika Innsbruck für eine Saison in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, sollte sein Traum vom Auslandsaufenthalt kurz darauf in Erfüllung gehen. AO Kavalla hieß der Verein, für den er noch im selben Jahr in Griechenlands erster Liga kicken durfte.
Das geschichtsträchtige Griechenland war auch der Ort, wo sich meine Eltern kennenlernten. Mama als bekennende Fußball-Laiin hatte in Papa keineswegs den Profi erkannt. Es begegneten einander daher im Jahr 1987 nicht so sehr eine zukünftige Spielerfrau und ein Profikicker, sondern eine zufällig auf Mykonos urlaubende Wienerin und ein Tiroler Naturbursche.
Fast wie damals bei meiner Oma Johanna, die sich auch Zeit gelassen hatte, bevor sie eine Beziehung mit dem charmanten Bozner Walter Constantini einging, dauerte es auch bei meinen Eltern eine Weile, bis sich aus diesem ersten Kennenlernen etwas Ernsthaftes entwickeln sollte. Papa war zum Zeitpunkt jenes ersten Zusammentreffens bereits als junger Trainer tätig und verabschiedete sich anschließend kurzerhand für zwei Jahre ins Königreich Saudi-Arabien. Kurzerhand, wie so oft in diesem Geschäft, in dem nicht nur ein Job den nächsten jagt, sondern die beruflichen Stationen eben auch häufig auf verschiedenen Kontinenten lokalisiert sind. Er hatte sich mittlerweile dem Trainerdasein verschrieben, denn eine Achillessehnenverletzung hatte seiner Spielerlaufbahn nach insgesamt 198 Spielen in der österreichischen Bundesliga und sechs erzielten Toren ein Ende gesetzt.
„Es is a so, es is a Sucht. Trainer is a Sucht. I hab ja des nit erfunden, es ist oanfach so kemmen“, fasste Papa seine große Leidenschaft später in Worte.
Meine Mama, die er im Jahr 1991 dann heiratete, ließ ihn diese berufliche Leidenschaft stets voll und ganz ausleben. „Lieber einen glücklichen Mann, der unterwegs ist, als einen unglücklichen, der nur zu Hause sitzt“, meinte sie.
So begleiteten wir – Mama, meine Schwester Leni und ich – als Dreimäderl-Kommando Papa von allem Anfang an auf vielen seiner Reisen, weshalb unsere Wohnorte während unserer Kindheit in
regelmäßigen Abständen wechselten: Wien, Linz, Niederösterreich, Mainz, Mutters, um schließlich – zur Zeit meines Schuleintritts im Jahr 2002 – den Rest der Kindheit in Telfes im Stubaital verbringen zu dürfen. Damals entschieden die Eltern, unseretwegen doch sesshaft zu werden. Und während wir im Stubaital mit seinen eisigen Gletscherseen, bei spannenden Lagerfeuer-Abenden und Froschfang-Aktionen mehr als beschäftigt waren, trainierte Papa noch viele weitere Mannschaften.
Den Aktionismus, den er auch mir weitervererbt hat – und den ich an diesem Frühsommertag 2019 einmal mehr in mir spürte –, forderte er nicht nur von sich, sondern auch von seinen zahlreichen Spielern: „Wenn er nit rennt, kriegt er eh an Spitz in Hintern, und wenn er rennt, bin i wie a Löwenmutter“, sagte er oft. Aber obwohl er die 150 Prozent, die er sich einst auf der Bergiselschanze selbst antrainiert hatte, stets auch von seinem Gegenüber erwartete, verlor er niemals seine Menschlichkeit, die schon Branko Elsner so an ihm geschätzt hatte.
Bis heute nicht. Bis zu diesem heutigen Tag, an dem meine Gedanken herumirrten und die kleine Raupe immer wieder in ihren Mittelpunkt geriet. Mitten in der Klinik, unter den Piepstönen mir unbekannter Gerätschaften, zwischen Ärztekitteln und Türöffnern, dachte ich daran, dass es ein sehr kurzer Moment auf meiner Waldroute gewesen sein musste, in dem sich die kleine Waldbewohnerin an meinen Laufhosenzipfel gehängt haben konnte.
Nachdem ich erst wenige Minuten in dem für Kliniken typisch kühl wirkenden Warteraum verbracht hatte, beschloss ich, noch einmal nach draußen zu gehen. Schließlich würde in der nächsten Minute nicht viel passieren, und die Raupe hatte sich sicherlich nicht diesen Ort als endgültiges Reiseziel gewünscht. Wenn ich schon hier saß, ohne auch nur den geringsten Einfluss auf die Situation nehmen zu können, so wollte ich zumindest dem Schicksal meines blinden Passagiers eine positive Wendung geben.
Ein weiteres Mal also durch die Schiebetüre. Viel zu langsam öffnete sie sich. Behutsam setzte ich meine kleine, hellgelbe Kameradin auf der einzigen grünen Fläche vor dem Klinikgebäude ab. Wohin sie ihr Weg nun wohl führen würde? In diesem kurzen Moment erschien mir die kleine Raupe als normalster Teil meiner Gegenwart. Die nächsten Stunden, Tage und Wochen sollten mich vor eine vollkommen neue Normalität stellen. Wehmütig entließ ich das friedvolle Tier, und noch bevor die langsamste aller langsamen Schiebetüren sich hinter mir schloss, musste ich an ihren zukünftigen Weg denken: „Auf bald, als Schmetterling!“, möglicherweise ...

Germar, Johanna, Dietmar, der kleine Elmar, Walter und Oskar Constantini (von links) Foto: Constantini

Johanna „Hanni“ Constantini kümmerte sich gemeinsam mit ihrem Mann Walter um ihre vier „Burschen“. Foto: Constantini

Opa Walter mit seinen Söhnen Dietmar, Oskar und Germar (von links) Foto: Constantini

Papas Mama Johanna sorgte sich Zeit ihres langen Lebens liebevoll um ihre „Burschen“... Foto: GEPA

... und unterstützte Papa als Fußballkennerin nicht nur, indem sie ihn über die Schiedsrichter informierte. Foto: GEPA

Walter Constantini förderte seinen Sohn Dietmar, wo er nur konnte. Er selbst war Fan der italienischen Mannschaft Juventus Turin. Foto: Constantini

Für seinen Aktionismus war mein Papa Zeit seiner Karriere bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Foto: Norbert Schmeisser

Tivoli 2016: Lange erinnerte eine Erfolgstafel an Papas Zeiten am Innsbrucker Tivoli. Foto: Constantini

Dank seines Ehrgeizes war Papa als Spieler vielen voraus. Foto: Sündhofer

Als junger Spieler erreichte Papa (ganz links im Bild) je zwei Österreichische Jugend- und Juniorenmeistertitel sowie acht Teilnahmen an UEFA-Spielen, sechs Auftritte beim Amateur- und fünf beim Olympiateam. Foto: Constantin

Lehrabschlussbild 1974: Das Zeichnen und Malen hat Papa im späteren Erwachsenenalter wiederentdeckt. Foto: Constantini

Lehrabschluss 1974: Ein Jahr, bevor Papa in die Kampfmannschaft berufen wurde, schloss er seine Lehre als Lithograf in Innsbruck ab. Foto: Constantini

Im Achtelfinale des UEFA-Europacups der Landesmeister besiegte der FC Wacker Innsbruck den FC Celtic Glasgow mit einem 3:0. Gerhard Forstinger, Friedrich „Friedl“ Koncilia und Dietmar „Didi“ Constantini (von links) vom FC Wacker Innsbruck bejubeln den Sieg. Foto: Krug

Seine Ausbildungserlaubnis als Trainer erhielt Papa erstmals im Jahr 1981, als er den Wiener Sportclub coachte, um kurz darauf als Co von Walter „Schani“ Skocik nach Saudi-Arabien zu Al-Ittihad Dschidda zu wechseln. Foto: Constantini

Gemeinsam mit seinem Freund „Schani“ trainierte Papa zwei Jahre in Saudi-Arabien. Nach Griechisch lernte er dort auch, sich auf Arabisch zu verständigen. Wenn er auf dem Feld fluchte, so tat er das übrigens immer in einer anderen Sprache. Foto: Constantini


Von der Zeit in Saudi-Arabien schwärmt Papa heute noch. Foto: Constantini

In Saudi-Arabien coachte Papa neben Walter Skocik die Mannschaft von Al-Ittihad Dschidda. Foto: Constantini

Seine Spielerlaufbahn endete aufgrund einer Achillessehnenverletzung, als Trainer setzte Papa seine Karriere über viele Jahre fort. Foto: Sündhofer

Natürlich haben wir uns nicht davor gescheut, die Frösche auch zu küssen. Foto: Constantini

Eines der seltenen Bilder von uns als Familie, das es im Jahr 1994 sogar in die Zeitungen geschafft hatte. Foto: Fotograf und Zeitung unbekannt
2
Löwenmutter-Manier

Dass ich in diesem Sommer 2019 wenige Schmetterlinge und dafür umso mehr langsame Klinik-Schiebetüren sehen und die Normalität meiner bisherigen Tage an diesem Punkt enden würde, davon war ich spätestens nach dem Wort „Notfall“ überzeugt. Es las sich für mich fast unwirklich, bedrohlich, ich wollte nicht wissen, was es in sich barg. In diesem Warteraum saß ich nun, zusammen mit sieben weiteren Personen, zwei davon an meiner Seite. Mittlerweile hatte sich auch bestätigt, dass es sich bei den ebenfalls Wartenden tatsächlich um die Familie des jungen Mannes handelte, der in denselben Unfall wie Papa verwickelt war. Zu diesem Zeitpunkt wusste aber auch diese Familie kaum etwas über Unfallhergang und Verletzungen.
Mama und ich erfuhren etwas mehr, nachdem wir wenige Minuten später in einen ersten Behandlungsraum eintreten durften. Umgeben von Vorhängen und ausgestattet mit allerhand Gerätschaften, wurden hier wohl die Unfallverletzten erstversorgt. Einer davon war Papa. Ich erinnere mich daran, dass eine tiefe Wunde auf seiner Stirn klaffte. Sie verzog sich ein wenig, als er uns jetzt in diesem Erstversorgungszimmer anlächelte.
So lange ich zurückdenken kann, erinnere ich mich an meinen Papa lächelnd. Es gab sehr wenige Momente, in denen ich ihn tatsächlich zornig erleben musste. Vielleicht dann, wenn der Drucker in seinem Büro zu Hause wieder einmal streikte und er neben Trainingslagern und Spielbeobachtungen lediglich einen Tag zur Verfügung hatte, um all seine E-Mails auszudrucken. Da flogen dann schon mal die Fetzen, oder besser gesagt die Druckertinte und das Papier. Ansonsten aber gab es tatsächlich sehr wenige Situationen, die Papa abseits vom Spielfeld in Rage bringen konnten.
Auf die Frage eines Journalisten, wie es denn um sein Temperament (als Trainer) stehe, hatte er hingegen einst geantwortet: „Ob ich impulsiv bin? Klar, i bin von einer Sekunde auf die andere in der Höh! Dabei bin i a unbändiger Optimist. Und a totaler Realist. Mit an eisernen Willen kannst alles machen. Früher hab i trainiert wie a Berserker, weil i als Kicker viel z’ langsam war. Zufrieden bin i praktisch nie, i will immer was verändern.“
Als Familie erlebten wir viel eher den optimistischen Realisten als irgendwelche Anzeichen eines wilden Berserkers. Den ließ Papa glücklicherweise stets auf dem Platz zurück.
Dass wir ihn sogar in dieser Situation, von der wir alle noch nicht wussten, wo sie uns hinführen würde, lächeln sahen, war nur eine weitere Bestätigung dafür.
Trotzdem kam ich mir vor wie in einer Blase. Was würde nun passieren? War die Wunde auf seinem Kopf die einzige Verletzung? Weit gefehlt, wie uns die Ärzte wenig später bestätigten. Zwar hatte Papa keine „lebensbedrohlichen Verletzungen“ erlitten, dafür ganze acht Rippenbrüche, ein gebrochenes Brustbein, Brüche an Hand- und Fußgelenken sowie eine ordentliche Gehirnerschütterung.
Es stellte sich nun auch heraus, dass es sich bei dem Unfall tatsächlich um den im Radio berichteten Geisterfahrerunfall auf der Brennerautobahn gehandelt hatte. Wie genau es dazu gekommen war, konnten zu diesem Zeitpunkt weder die Polizei noch die behandelnden Ärzte und schon gar nicht Papa oder der andere Unfallteilnehmer rekonstruieren.
Was Papa anging, so folgten an jenem Nachmittag noch einige Untersuchungen, Röntgenaufnahmen und ein CT. Wie lange wir währenddessen in dem kühlen Warteraum gesessen hatten, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls fühlten sich die Stunden wie eine Ewigkeit an. Und wir waren extrem beunruhigt, besorgt um Papa und den Schweregrad seiner Verletzungen. Besorgt um den jungen Mann, der ebenso in den Unfall verwickelt gewesen war. Aber auch beunruhigt darüber, was genau passiert sein konnte. Dass es die kleine Raupe früher aus den Klinikgemäuern geschafft hatte, dafür war ich auch im Nachhinein sehr dankbar. Das kleinste Fleckchen Grün hätte ich diesem unbequemen Raum mit der langsamen Schiebetüre wohl auch vorgezogen.
Andererseits waren Mama und ich sehr froh, immer wieder zu Papa in die Untersuchungsräume gehen zu dürfen. Mit ihm ein paar Worte wechseln zu können. Dabei beteuerte er immer, wir sollten uns keine zu großen Sorgen machen. Ganz wie einst diese zitierte „Löwenmutter“ eben.
Zwischendurch konnten wir jedoch mit Ärzten sprechen, um nachzufragen, welche Untersuchungen als Nächstes folgen würden. Und außerdem erfuhren wir im Erstversorgungsbereich zu unserer Beruhigung, dass der junge Mann nur leichte Verletzungen davongetragen hatte und die Klinik wohl bald werde verlassen können. Auch mit ihm konnten wir, es war mittlerweile Abend, noch einige Worte wechseln, als er in seinem Krankenbett an unseren Wartezimmerstühlen vorbeigeschoben wurde. Zu diesem Zeitpunkt war mein Freund Matthias bereits nach Hause gefahren – schließlich musste auch unser Vierbeiner mit Wasser und Futter versorgt werden.
Meine Schwester Leni, die seit vielen Jahren in Wien lebt, hielten wir inmitten des Trubels immer wieder telefonisch auf dem Laufenden.
Kurz nachdem wir das letzte Gespräch an diesem Abend mit ihr beendet hatten, klingelte Mamas Telefon erneut.
„Mama, eine unbekannte Nummer ruft dich an.“
„Heb du bitte ab!“, sagte sie. Sie wirkte müde. Kein Wunder, schließlich befanden wir uns zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Stunden in der Klinik, mal im Erstversorgungszimmer, mal im Wartebereich der Notaufnahme und nun endlich mit Papa auf der etwas ruhigeren Station.
„Hallo?“, sagte ich ins Telefon.
Eine laute Stimme ertönte: „Frau Constantini, Autobahnpolizei. Ich rufe wegen der Einvernahme an.“
Ich merkte, wie meine Kräfte schwanden und mir die Tragweite dieses Unfalls langsam, aber sicher bewusst wurde.
„Ja. Hallo. Ich bin die Tochter. Meine Mutter kann gerade nicht“, erwiderte ich.
Der Mann von der Exekutive wollte mir einige Fragen zum Unfallhergang stellen.
„Ich bin nicht dabeigewesen“, dachte ich bei mir. „Ich war im Wald. Mit meinem Hund, den Eichhörnchen und der kleinen Raupe.“
Schließlich wollte ich meinen Gesprächspartner nicht zu sehr irritieren: „Ich bin nicht bei dem Unfall dabeigewesen“, sagte ich ins Telefon, „und mein Vater ist derzeit nicht vernehmungsfähig. Ich kann Ihnen zum Unfallhergang nichts sagen.“
Ich wusste, dass nur mein Papa ihm die Informationen zum Unfallhergang geben konnte, und versuchte dies dem Polizisten schließlich zu vermitteln.
Kurz nachdem ich das Gespräch mit dem Polizisten beendet hatte – wir waren dahingehend verblieben, dass wir uns in den nächsten Tagen wegen einer Einvernahme bei der Exekutive melden würden –, kam ein Anruf von Lenis Freund Sebastian: „Johanna, ein Polizist hat mich angerufen und gefragt, ob Didi eine Demenz hat. Ich habe den Kontakt von Irmi weitergegeben. Ich konnte auch keine Antwort darauf geben. Überhaupt ist es mir komisch vorgekommen, dass die mich sowas einfach so fragen.“
Nicht nur die Art, telefonisch Auskünfte einzuholen, sondern auch diese sehr plumpe und zudem unbefugte Nachfrage bei Sebastian empfanden wir als Familie in diesem Moment sehr unpassend. Allerdings war uns klar, dass diese Nachfrage Gerüchten geschuldet war, wie sie schon länger zu Papas Gesundheitszustand kursierten. Den „Didi“ kannte schließlich jeder, und so lag es wohl nicht fern, gleich direkt nachzufragen, auch ohne die genauen Familienverhältnisse des Gesprächspartners vorab zu klären.
Bis heute wissen wir nicht genau, ob es tatsächlich ein Polizist gewesen ist, der Sebastian angerufen hat, und wir wissen auch nicht, wie er ausgerechnet an seine Nummer gekommen war. Möglicherweise durch den Fund von Papas Handy am Unfallort und die darin gespeicherten Daten. Jedenfalls hatte der Anrufer Sebastian nicht nach seinem Bezug zur Familie gefragt. Und Sebastian hatte das einzig Richtige getan, indem er dem Anrufer Mamas Nummer weitergegeben und darum gebeten hatte, sich doch an die primären Angehörigen und demnach auch die einzigen Informationsberechtigten zu wenden.
Was wir zudem in den Tagen nach dem Unfall erfahren konnten war, dass sich in den Stunden nach Bekanntwerden von Papas Verwicklung darin einige Personen ungefragt an die Autobahnpolizei gewandt hatten. Um ihre Vermutungen kundzutun. Vermutungen, die als Gerüchte, wie erwähnt, schon lange kursiert waren. Diese waren zwar kaum persönlich an uns als Familie herangetragen worden, dafür aber umso mehr aus zweiter Hand – und relativ rasch nach Papas Rückzug aus seiner aktiven Karriere – in Umlauf gebracht. Auch ehemalige Freunde fragten sich, ob Papa denn an einer Depression, einer Demenz oder einer Nervenkrankheit leide, ohne sich dabei jemals an uns direkt zu wenden. Unsere aktuellen Freunde waren es, die solche Gerüchte immer wieder an uns weitergaben. Schon vor dem Unfall fragte ich mich oft enttäuscht, warum uns die Menschen denn nicht direkt konfrontierten, sondern statt dessen irgendwelche Vermutungen unreflektiert verbreiteten.
Genau so wie dieser Anrufer, der Polizeibeamter war oder auch nicht. Und viele weitere Menschen sollten in diesen Stunden ihr „ersehntes Fressen“ erhalten. Lange bevor wir in irgendeine Richtung bestätigen oder dementieren konnten, wie es um Papas Gesundheitszustand tatsächlich stand, wurde nämlich die Kunde etwas später an diesem Abend auch medial weiterverbreitet ...
„Sie werden nichts schreiben. Die Redakteure haben versprochen, erst einmal keine Namen zu nennen“, versicherte mir Helli, einer von Papas besten Freunden, noch am selben Abend telefonisch, nachdem er von den ersten Journalisten, noch mehr von den Chefredakteuren, persönlich zum Unfall kontaktiert worden war. Schließlich war niemand Geringerer als der „Ex-Nationaltrainer Didi“ in einen Unfall verwickelt worden. In einen Geisterfahrerunfall noch dazu. Obwohl Helli sich noch darum bemüht hatte, die Schlagzeilen abzuwenden, blieben seine Versuche am Ende doch vergeblich. Beinahe im Sekundentakt folgte in jener ersten Nacht ein Artikel nach dem anderen über den Unfall. Und das fast ausschließlich unter Angabe des vollen Namens und nicht, wie eigentlich bei derartigen Unfallberichten üblich, anonymisiert. Storys rund um den „Didi“ eben. Es waren somit auch jene Veröffentlichungen, die unsere bisherige Normalität für immer verändern würde.
3
Stir it up

In einer Zeit von Smartphones und Social Media ließ natürlich auch das erste Unfallbild nicht lange auf sich warten. Da sich die Medienberichte nur so überschlagen hatten – der Unfall lag immer noch erst wenige Stunden zurück –, bemühte ich mich um eine mediale Richtigstellung auf unserer eigenen Facebook-Seite.
Und zwar auf der Seite, auf der sich ansonsten nur Bilder von fußballbegeisterten Kindern finden, die eines der vielen Nachwuchscamps besuchen, wie sie mein Papa seit knapp zwei Jahrzehnten veranstaltet.
Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als er mit jenen Camps erstmalig startete. Kurz zuvor, es war das Jahr 1998 gewesen, hatten wir einige Monate in Ober-Olm bei Mainz gelebt. Papa hatte den deutschen Erstligisten FSV Mainz 05 im September des Vorjahres unter Präsident Harald Strutz übernommen und bei der Pressekonferenz, danach gefragt, was er denn mit der Stadt am Rhein verbinde, schlichtweg mit „Helau“ geantwortet. Eine Finanzkrise, schlechte Trainingsbedingungen und die schier ausweglose Suche nach leistbaren Spielern hatten Papa, der auch bei den Deutschen als „personifizierte Furchtlosigkeit“ bekannt war, nicht abgeschreckt. Neben dem heute als Erfolgstrainer im internationalen Fußball geltenden Jürgen Klopp hatte er dabei auch seine übrigen Kicker großteils auf seiner Seite. In Zeitungsberichten von damals ist sogar nachzulesen, dass er die Profis dazu ermutigen konnte, in eigens organisierten Fahrgemeinschaften zu den Auswärtsspielen zu reisen, um das Geld für den Mannschaftsbus in die dringend benötigten Ersparnisse des Vereins einzahlen zu können. Eindeutig bestätigen konnte mir diese Episoden zwar auch Harald Strutz (der insgesamt 29 Jahre lang, von 1988 bis 2017, Präsident des Sportvereins 1. FSV Mainz 05 gewesen ist) heute nicht mehr, doch halte ich es für ohne Weiteres vorstellbar, dass Papa derartige oder ähnliche „Sparmaßnahmen“ einzuführen wusste.
Geholfen hatten auch jene durchaus unkonventionellen Methoden dem Verein am Ende zu wenig, und nachdem die Mannschaft seines Erachtens zu häufig unentschieden gespielt hatte, war es damals Papa selbst gewesen, der dem Präsidenten gegenüber schließlich meinte: „Woast, i mag euch wirklich. Und deswegen müssts ihr jetzt den Trainer wechseln.“ Ein Eingeständnis, das Harald Strutz bis heute imponiert, wie er mir gegenüber bestätigte. Nach einer Saison war jedenfalls Schluss mit Papas Tätigkeit im Nachbarland und unser Weg führte uns zurück nach Mutters in Tirol.
Wir als Familie – allen voran Mama, der die Mainzer Gegend ohnehin nie wirklich zugesagt hatte – waren erleichtert, wieder nach Österreich zurückkehren zu können. Und so kam es, dass Papa – zurück in der Heimat und vorübergehend arbeitslos – seinen lang gehegten Plan von Nachwuchscamps in die Tat umsetzen konnte. Zwar nicht vorrangig deshalb, weil er nach seinem Job bei Mainz 05 arbeitslos geworden war. Das passierte ihm als Trainer in seiner Karriere nämlich öfters. „Der Fußball is kurzlebig. Warum soll i zittern, nur weil i a Woche ohne Job bin? Man muss zufrieden sein mit dem, was man hat. Du kannst a intelligenter Mensch sein, aber des Pech haben, dass’d in Jugoslawien wohnst und deine Familie umgebracht wird. Is es da net wurscht, wer Teamchef wird?“ So relativierte Papa im Jahr 1992 den Verlust seines ersten Interimstrainerpostens beim Österreichischen Nationalteam mit dem Hinweis auf den zum damaligen Zeitpunkt herrschenden Jugoslawienkrieg.
Der Beruf des Fußballtrainers gehört bestimmt zu den populärsten, jedoch nicht wirklich zu den sichersten Arbeitsplätzen unserer Republik. Und weil Papa nach jahrelanger Trainertätigkeit bereits an diese regen Wechsel gewöhnt war, hatte ihn auch jene vorübergehende berufliche Pause nach unserer Rückkehr aus Deutschland nicht allzu sehr gesorgt. „Der Papa ist gerade arbeitslos, aber irgendwie wird es schon weitergehen. Denn: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!“, erinnere ich mich an eine seiner Bemerkungen kurz nach dem Weggang von Mainz 05.
Die Kindercamps rief er jedenfalls ins Leben, um endlich seiner lang gehegten Leidenschaft der Nachwuchsförderung frönen zu können: „Vielleicht, wenn’s mich wieder einmal in die Ferne zieht, werde ich Fußballlehrer in einem US-Jugendcamp, wie es derzeit mein Freund Peter Koncilia macht“, hatte er sich bereits als 28-jähriger Spieler vom FC Union Wels zu möglichen Zukunftsprojekten geäußert.
Rund 15 Jahre später sollte er dieses Vorhaben in die Tat umsetzen können: Die „Fußballcamps mit Didi Constantini“ waren geboren. Gesponsert und unterstützt von zahlreichen namhaften Unternehmen, darunter Telekom Austria und Intersport Österreich, finden Papas Camps bis heute jeden Sommer an unterschiedlichen Orten Österreichs für fußballbegeisterte Kinder statt.
„Unsere Philosophie ist, dass wir mit ehemaligen Fußballprofis arbeiten. Das is das, was ich auch immer predige. Und dass die Kinder auch wirklich was lernen, dass es nicht nur ein Urlaubscamp ist“, erklärte er einmal einem Filmteam seine Motivation für die Camps.
Neben dieser Art der Nachwuchsförderung liebte es Papa auch, als aktiver Trainer Fußballturniere für Kinder mitzugestalten und verschiedene Jugendmannschaften als Gasttrainer zu coachen. Wie stolz war auch ich, als Papa sogar regelmäßig in meine damalige Schule kam, um das alljährliche Fußballturnier zur Weihnachtszeit zu pfeifen.
Sogar sportartübergreifend sorgte er für viel kindliche Freude, wenn er meine Schwester und mich bei unseren Reitturnieren besuchte, um mit uns und unseren Reitfreunden allerhand Aufwärmprogramme zu gestalten, bevor wir in den Sattel steigen mussten. „Locker, aber konzentriert“, gab er uns dabei immer mit, bevor wir in die Wettbewerbe einritten.
Und nahmen Leni und ich einmal nicht im Sattel Platz, so tauschten wir jene Reitturniere gegen Trainingswochen, in denen wir Papa und sein Team zu den Camps begleiten durften. Neben den angesprochenen Profitrainern bestand seine Camp-Mannschaft stets auch aus Betreuern, die sich vor allem abends und in den Trainingspausen um die vielen Kinder kümmerten. Für Leni und mich als sogenannte „Juniorbetreuerinnen“ war es toll, die teilnehmenden Jungs (meist kickten übrigens auch Mädchen mit!) beim Spielen beobachten zu können, sie beim täglichen Morgenlauf anzuspornen, vor allem aber sie an die Bettruhe zu erinnern. Um anschließend mit dem Trainer- und Betreuerteam noch Karten spielen zu können. Wie die Großen eben! An jene „Nachtwachen“, die wir stets an der Seite der Campbetreuerinnen (meist handelt es sich dabei um Frauen) verbrachten, erinnere ich mich besonders gerne. Dabei wurden wir nicht nur einmal von diversen Buben-Zimmer-Gruppen mit einem musikalischen Ständchen überrascht. „Stir it up“ und „No woman no cry“ von Bob Marley sind bis heute die unangefochtenen most-played Klassiker jener Abend-Chöre. Ob unter den Sängern auch jene Teilnehmer gewesen sind, die später und nicht zuletzt durch die Empfehlungen und Vermittlungen meines Papas zu wahrhaftigen Spitzen-Fußballern geworden sind, ist mir heute leider nicht mehr gegenwärtig. Jedenfalls fanden sich unter seinen Schützlingen Namen wie Daniel Royer, Julian Baumgartlinger, Aleksandar Dragović, Yasin Pehlivan, Jakob Jantscher und einige mehr.
„Es ist uns gelungen, einen Tormann, einen Fünfzehnjährigen, zu AS Roma zu schicken, letztes Jahr hab ich einen zu Bayern München geschickt, zu Austria Wien einen Neunjährigen oder zu 1860. Des is ein Leichtes für mich, aber wenn, dann mach ich das nur mit wirklichen Toptalenten“, fasste Papa die erfolgreichen Vermittlungen einiger seiner Campkids zusammen, die später zu Toptalenten werden sollten. So manche von ihnen hatten zu Beginn nicht die Mittel gehabt, um an dem kostenpflichtigen Kindercamp teilzunehmen. Mein Papa löste das dann schon mal auf seine Art: „Gebt ihm ein Dress und einen Ball und lasst ihn einfach mitspielen.“ Und so hält sich beispielsweise auch der heute 29-jährige Aleksandar Dragović, dem als Nachwuchskicker ein Didi-Camp ermöglicht worden war, mittlerweile bei einem stolzen Marktwert von 5,2 Millionen Euro.1 Sein Nationalteam-Debüt gab der in Wien geborene und aus Serbien stammende Innenverteidiger, der bis 2018 von seinem Stammverein Bayer Leverkusen an den englischen Erstligisten Leicester City verliehen worden war, im Übrigen ebenfalls unter meinem Papa als Trainer. Nämlich am 6. Juni 2009 beim Qualifikationsspiel der Österreichischen Nationalmannschaft gegen Serbien.
Aber um zu unseren Camp-Abenden zurückzukommen: Ganz egal, welcher spätere Profi-Fußballer sie auch zum Besten gegeben haben mag, jene einstigen „Camp-Chöre“ bildeten häufig nur einen Vorwand, um den ein oder anderen Liebesbrief zwischen den Campjungs und uns Mädchen wechseln zu lassen.

Unkonventionelle Methoden, um an Geld für den Verein zu kommen, wusste Papa auch aus Spielerzeiten anzuwenden. Wie hier bei der verzweifelten Sponsorsuche kurz vor der Auflösung des FC Union Wels, für die er im Jahr 1984 selbst gekickt hatte. Foto: rubrafoto

Diese Richtigstellung habe ich kurz nach dem Unfall auf unserer Camp-Facebook-Seite verfasst. Das Camp wird seit 2018 durch Papas langjährigen Spieler- und Trainerkollegen Andi Schiener verstärkt. Foto: Constantini

Die ersten der nun über zwei Jahrzehnte andauernden Fußballcamps mit Didi Constantini wurden von der Telekom Austria unterstützt. Foto: Constantini

Bis zu 13 Camps fanden jeden Sommer statt. Die 6- bis 16-jährigen Teilnehmer konnten dabei lange Zeit auch vor Ort in Unterkünften übernachten. Aktuell finden nach wie vor zwei Trainingseinheiten täglich statt, und die Teilnehmer schlafen zu Hause. Foto: Constantini

Nach wie vor lässt es sich Papa nicht nehmen, seine Camps zu besuchen. Wie hier im Jahr 2019 kurz nach seinem Unfall. Foto: Constantini

Mit Camp-Teilnehmer Julian beim Camp in Ischgl im Jahr 2018. Foto: Constantini

Auch im Jahr 2019 und damit kurz nach seinem Unfall fieberte Papa am Rand des Austragungsplatzes des Turniers mit. Foto: Mel Burger

Dank unserer Eltern wurde Leni und mir der Reitsport ermöglicht. Bis heute genießen wir die Zeit mit den Pferden. Foto: Fotoagentur Dill

Aleksandar Dragovich zählte zu jenen „jungen Wilden“, die ihr Nationalteam-Debüt unter Papa als Trainer gegeben haben. Foto: APA
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