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Schauderwelsch

Spannende Texte zum Schmunzeln, Fürchten, Trösten, Lieben, Lachen ...

Jochen Stüsser-Simpson


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2019

Cover gestaltet mit Bildern von © Zacarias da Mata (Hintergrund),

© nicolasprimola (Fledermaus) + © eshma (Blutstropfen)

alle Adobe Stock lizensiert

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-773-6 – Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-357-6 – E-Book

*

Inhalt

Am Flimmersee

Ich bin der Zauberwald

Ein Wichtel in der Abendstunde

Manchmal

Sommerski in Mecklenburg

Wippen

Stumme Hirsche

Schneebälle aus der Tiefkühltruhe

Kleiner Maulwurf auf Entdeckungsreise

Lyrisches Aquarium

Katzen Haiku

Die Katze am See

Spinne

Kommt, wir spielen Tiere

Fliehen und Flüchten

Falschrum-Welt

Wolken-Tanka

Regenbogenrutsche

regenbogen

Falsch gebeichtet

Lob der Beichte

Der Elefant ist interessant

Liebe Mama, deine Anna

Frischwärts

Wie ich Herrn Müller ausgetrickst habe

Die Ziege, der Wolf und die sieben Geißlein

Blondmarie

Sie sitzt auf

Im toten Winkel

Sardischer Cocktail

Blonder Hypochonder

Sieben Todsünden - in der Provence

Vorsicht bei Hagelschlag

Hammelsprung

Die Vögelein im Frühling

Jogging zum Friedhof

Mond-Beschimpfung

Bella Figura - ein Toter im Direktorzimmer

Orkan im Herbst

Vergeltung

Hannelore aus Hannover

Botschaften von Störtebeker

Störtebekers Schädel

Sündenfall in Bad Münstereifel

Lass uns kausale Ketten knacken

Physik des Todes

Husten

Auflösung

Spreizfinger

Schneckenwelt

Butterfly-Machinery

Im Banne der Vampirin

Amor omnia vincit

Unheimlich unsteinlich

Zauber eines Spielzeugladens

Tod im Rapsfeld

Im Halbschlaf

Gutes Gefühl

Mit dem Westwind kam der Werwolf

Und Johann lächelt

Fliegen im Schilf

Begegnungen im Frühling

Blauer Sommer

Flachland

Schneemann

Handy-Haiku

Kleine Philosophie des Hochbahnfahrens

stellungen der liebe

stille liebe

Zweierlei Blicke

Weintrinken in der Wachau

Menu-Bar

mündig, mündlich

Was ist los mit Marie?

Der Jogger, das Fernsehen und die Liebe

Herzfall, deklinierter

Komm mit

Irrgarten

Santa Teresa di Gallura

Im Zauber der Rosen

Gesichel im Aquarium

Gender-Blending im Besteck

kein ausstieg

Shades of Blue

Adam am Ackersrand

Nach den Sternen greifen

Geduldsprobe

Philosophieren auf dem Hochsitz

Wir warten aufs Christkind

In der Unterführung zum Bahnhof

Seltsame Begegnung auf dem Dach

Im Schornstein

Moralisches Geschlampe

Komisches Jahresende

Franziska Linkerhand

Schulreform

werde wohl bleiben

Meine neue Klinik

G 20 Stunde des Wolfs

seltener griff

Hey Kafka

Sommerflüchtlinge am bayerischen See 2015

Nase hoch

Ringparabel Revisited

Nein. Er ist’s.

überforderung eines einsilbigen tieres

Eng wird es für Zitronenfalter

Zall-Art Berlin 2017

In Höhlen

Hambacher Herbst 2018

Der Autor

Unser Buchtipp

*

Am Flimmersee

Wo ist die kleine Schwester? Sie ist schon wieder weg. Manchmal ist sie etwas anstrengend, wirklich. „Dafür ist sie nicht langweilig“, sagt Mama. Und: „Sie kann doppelt sehen, die kleine Schwester, sie sieht auch hinter den Nebel und den Dunst und unter die Wasseroberfläche.“

Erwachsene reden oft Unsinn. Als er neulich mit seinen Freunden angeln ging, wusste sie noch nicht einmal, an welcher Uferstelle die Karpfen gründeln. Sie ist nicht langweilig, ja, das stimmt. Sie ist neugierig und immer in Bewegung, wenn sie nicht schläft oder malt oder auf einem Zweig sitzt und singt.

Der kleine Elf setzt die Trockenpilz-Kappe auf und macht sich auf die Suche. Verkehrt herum trägt er sie, die Pilz-Kappe, mit dem Schirm im Nacken. Wozu denn das? Vielleicht findet er es einfach schön. Fast alle Leute hier tragen Käppis, aber richtig herum, in Blau und Gelb, in Grün und Rot. Der alte Wald-Elb, der vor langer Zeit zugewandert ist, meint, deshalb hießen die Leute hier Pilz-Elfen. Aber wer glaubt schon Wald- Elben, die uralt sind? Großvater sagt, das liegt an den vielen Hütten, die sie unter den großen Pilzen bauen. Die Hauben und Kappen der Pilze schützen vor Regen und schirmen im Sommer vor der heißen Sonne ab.

Großmutter lacht, wenn sie das hört. „So ein Quatsch“, sagt sie dann immer sehr laut und macht sich lustig: „Ihr dummen Beerensammler-Elfen, ihr Angel-Elfen und Seeufer-Elfen, ihr Apfelpflücker- und Rotkäppi-Elfen – wir sind alle einfach Elfen.“ Dann klopft sie auf den Holztisch und das Gespräch ist beendet. So ist die Großmutter.

Unser kleiner Elf macht sich auf den Weg durch das Dorf. Die Strohdachhütten und Ställe ziehen sich am Ufer entlang. Übrigens können die meisten Dorfbewohner mit den Pflanzen und Tieren reden. Wie sie das genau machen, hat ihnen noch niemand abgeschaut. Auch unser kleiner Elf versteht sie schon ein bisschen. Er fragt die Elfenblumen, ob sie seine kleine Schwester gesehen haben, doch die schwingen nur ihre schwefelgelben Blüten zum Gruß und haben nichts bemerkt. Er fragt die Trollblumen, aber die wackeln nur und sind albern. Das Pfeifengras orgelt in den höchsten Tönen, um auf sich aufmerksam zu machen, die Gräser haben leider auf nichts geachtet. Wo der feste Grund endet und das Wasser beginnt, rauschen und wogen überall die Schilfhalme in Wellen und Wind. Hier rastet gerne der Fischotter, sein Schnurrbart ist auch gleich zu sehen. Bis zu den Knien watet der kleine Elf ins Wasser, dann steht er vor ihm und stupst ihn zur Begrüßung auf die Nase.

Der Otter faucht und lacht überrascht, er war ein bisschen eingeschlafen: „Heute ist ja viel Unruhe am See, ständig passiert etwas, seit heute Morgen ist der blaurote Schneckendrache zu Besuch auf dem See, heute Mittag sind nicht nur die Tauben und die Schwalben über das Wasser geflogen, sondern auch zwei kleine Engel“, prustet er.

Der junge Elf macht einen sehr weisen Gesichtsausdruck: „Du siehst Gespenster, lieber Otter, du solltest auch einmal aus dem Wasser herauskommen.“

Der Otter spuckt einen Wasserstrahl in Richtung des kleinen Elfen, dass dieser sich zu Seite dreht, um nicht nass zu werden. „Sag das nicht, kleiner Elf, du bist wie der große Hecht vom Südufer, der hat einmal nach einem Engel geschnappt, aber er ist gegen eine unsichtbare Wand geprallt. Der Engel stand wie eine Libelle über dem Wasser in der Luft, hier vor dem Schilf. Und als der Hecht zurück ins Wasser gefallen ist, hat der Engel gewinkt – und ich glaube – gelächelt. Der Hecht hat das nie wieder versucht, er ist ja nicht dumm.“

Der kleine Elf rümpft die Nase und sagt, er hat noch nie Engel gesehen. Der Otter schnaubt: „Du bist ja noch jung, kleiner Elf, und die Engel kann längst nicht jeder sehen. Zwischen Wasser und Himmel gibt es mehr Dinge, als du sehen und riechen kannst. Du verstehst die Pflanzen und viele Tiere. Hast du dich auch schon einmal mit Muscheln unterhalten? Und die Sprache der Steine versteht niemand von uns. Die Engel mit ihren Flatterflügeln haben einen lustigen Lichtkranz, der ihnen folgt wie anderen ein Schatten in der Sonne, nur leuchtet er auch im Dunkeln. Das sind keine Käppis.“

Der junge Elf spitzt die Lippen und spuckt in hohem Bogen über den Otter, der unbeirrt weiterredet: „Im Schilf sind die Engel nur selten, ihr Gebiet ist hoch über den Wolken, da kennen sie sich aus. Hinter den Wolken geht es nämlich weiter, wie auf einer Treppe, immer nach oben – in die Richtung des Lichts, das auf uns strahlt und leuchtet. Und das uns sieht. Es ist nämlich nicht nur eine Lampe zum Anzünden und Ausblasen, es ist wie ein großes freundliches Auge.“

Der Elf wird unruhig und schnippst mit den Fingern, weshalb soll er dumme Steine verstehen, die nur in der Gegend herumliegen. Der alte Fischotter ist seltsam geworden, vielleicht ist das so, wenn man nie aus dem Wasser herauskommt. Vieles hat er gesehen, aber nicht seine Schwester. Zum Abschied würde Elf gerne noch einmal spucken, leider hat er keine Spucke mehr. Deshalb gibt er dem Otter einen Klaps auf die Nase und zieht weiter am Ufer entlang.

Auf einem Baumstumpf in der Nähe hockt der kleine Drache mit den undurchsichtigen Flügeln und lauert auf Fische. Er traut sich nicht mehr weiter hinein in die Schilfwelt und den unermesslichen See, weil er schon einige Male vom Hecht gebissen worden ist. Und: Das Ungeheuer aus dem Flimmersee hat ihn auch schon zweimal verprügelt. „Er wird immer mehr zum Pflanzenfresser“, sagen die alten Leute, „er frisst jetzt auch Rüben und Ranunkeln.“

Nach der Begrüßung murmelt der kleine Drache, dass heute ja viel Betrieb auf dem See sei: „Hast du auch den uralten Schneckendrachen auf dem Wasser gesehen?“ Der junge Elf schüttelt den Kopf, wer soll denn das sein? „Er taucht mal hier und mal da auf, meist an den Küsten, aber auch auf den größeren Seen und hier bei uns, er ist wasservernarrt. Der Schneckendrache liebt es, zu schwimmen, er surft auf der Wasseroberfläche, fast ohne eine Welle zu machen, tauchen kann er auch, so wie er möchte ich auch gerne schwimmen können.“

Der kleine Drache seufzt und der Elf wird ungeduldig, er hat noch nie von dem Schneckendrachen gehört, wie er denn aussehen solle. „Er trägt sein Haus wie eine Schnecke auf dem Rücken. In ihm spiegeln sich die Wolken und der Himmel, ja, die ganze Welt. An manchen Stellen ist sein Gehäuse durchsichtig und sein rotes Drachenblut schimmert und leuchtet, er soll sehr klug sein und die Engel lieben ihn.“

Schon wieder die Engel, der kleine Elf stöhnt. Immerhin passt der kleine Drache besser auf als all die anderen. Er hat nämlich die kleine Schwester gesehen, sitzend und strampelnd auf dem Haus der Weinbergschnecke, in der Hand hat sie ein Steinchen zum Klopfen gehabt. Sie feuerte die Schnecke an und rief ununterbrochen: „Schneller, schneller!“ Und dann sagt der kleine Drache: „Neben ihr hoppelte der Waschbärhamster.“

Der junge Elf und der Drache müssen da beide lachen, alle kennen den Kleinen, der irgendwann aus den Weizenfeldern eingewandert ist und meint, er sei ein Biberhamster. Stundenlang sitzt er am Ufer oder auf den Stegen und sieht auf den See. Wenn man ihn fragt, hört man, dass er gerne mit den Enten und den Kormoranen um die Wette taucht und dass er es liebt, die Fische zu necken. Aber noch niemand hat ihn im Wasser schwimmen sehen.

Großvater sagt, er sei ein Lügner: „Er kann gar nicht schwimmen.“ Jedenfalls ist er oft in der Nähe der kleinen Schwester und begleitet sie wie ein Hund. Der Drache hat von der Schnecke sogar noch gehört, dass sie gurgelte und murrte, irgendetwas wie: „Setz dich doch auf ein anderes Tier, wenn dir mein Kriechgang nicht gefällt.“

Der kleine Elf murmelt: „Na, Gott sei Dank, die Schnecke.“ Schnecke ist nicht so gefährlich wie Maus. Maus holpert und buckelt, das weiß er aus eigener Erfahrung. Nun folgt er der Spur der Schnecke, die silbern in der Sonne glänzt. Sie führt durch das Dorf am See entlang durch wohlriechende Pflanzen und Blumen, denn angenehme Gerüche sind den Elfen noch wichtiger als schöne Farben.

„Düfte öffnen geheime Türen unserer Seelen“, sagt die Großmutter manchmal abends. Morgens vergleicht sie sie gerne mit Musik: „Die strengen und die zarten, die milden und die starken Düfte bringen besondere Stimmungen in uns hervor, Düfte sind wie Musik.“ Auf dem Marktplatz wachsen die besonders ausgewählten Morcheln und Stäublinge mit den Zauberdüften, die alle Elfen so lieben. Sie können so stark werden, dass Kobolde kleben bleiben, dass Feen nicht mehr losfliegen können und dass Menschen in ihren Bann geschlagen werden. Sie verharren dann in der Bewegung und bleiben wie versteinert stehen. Aber niemandem passiert etwas, keiner wird verletzt. Die alten Frauen und Männer aus dem Elfen-Dorf haben ihre Pass- und Zauberwörter, um den Bann wieder zu lösen. Und wenn sie sich dann wieder bewegen können, die Menschen und Feen und Kobolde, dann lächeln sie so, als hätten sie etwas sehr Schönes geträumt.

Unser kleiner Elf lässt den Pilzplatz hinter sich und geht zum Ausgang des Dorfes, wo die Fliegen- und Steinpilze wachsen, er riecht schon Lavendel, Melisse und Minze. Veilchen nicken ihm freundlich zu, lustig schaukeln die Lavendelstengel. Kapuzinerkresse wuchert ein Stück neben ihm her und erzählt, verhaspelt sich: „Die Schneckenschwester, die Schwesternschnecke, nein, die Schwester auf der Schnecke ist vorbeigekommen.“ Doch dann kann die wuchernde Kresse nicht Schritt halten und fällt zurück.

Unter dem tanzenden Mückenschwarm kommt dem Elf eine pralle Zucchini entgegengeschlängelt und bleibt mitten auf dem Weg liegen. „Sei nicht so frech“, sagt der Jung-Elf, „sonst wirst du eingetopft und umgesiedelt.“ Elf wartet eine Antwort nicht ab, sondern folgt der Schneckenspur in das Reich der Menschen, in einen Garten. Auf dem Rasen spürt er überall die schlechte Laune der Grashalme. Er versteht sie gut. Mit Kalk und Dünger werden sie ermuntert, möglichst schnell zu wachsen, aber bevor sie blühen können und Samen verbreiten, werden sie schon wieder geschnitten. Fast niemand wächst so schnell wie die Grashalme, und doch steht die Zeit still, weil nie ein Ziel erreicht wird. Über dem Rasen liegt kein Glück, aber in der Ecke die Schnecke. Genauer das Schneckenhaus, denn die Schnecke hat sich in ihr Haus zurückgezogen und den Eingang mit Schleim versiegelt. Der Jung-Elf klopft mit seinem Stöckchen dagegen und ruft: „Liebe Schnecke, komm heraus, aus dem runden Schneckenhaus.“ Er weiß, dass Schnecken Reime und Lieder mögen, aber nichts geschieht. Er weiß nicht, dass die alte Schnecke schlecht hört und nur das Klopfen mitbekommt. Doch das kann auch Gefahr bedeuten, also bleibt sie lieber im Schutz ihres Hauses. Und je mehr der Elf klopft, umso mehr zieht sie sich zusammen. Wie weiter? Der Elfen-Junge weiß es nicht und macht erst einmal eine Pause. Er denkt, denn denken hilft immer, doch ihm fällt erst einmal nichts ein.

Wie er so sitzt, kommt ein Schmetterling vorbeigeflattert und lässt sich auf dem Schneckenhaus nieder: „Weshalb schlägst du denn die arme Schnecke?“ Der Elf will doch nur mit ihr reden, er schlägt sie doch gar nicht! „Wenn du sie herauslocken möchtest, musst du sie streicheln und ihr die Hand auflegen. Dann spürt sie die Wärme und weiß, dass du es gut mit ihr meinst“, rät der Schmetterling, seine bunt schillernden Flügel in den Sonnenstrahlen bewegend. Gesagt, getan.

Das Schneckenhaus wackelt und hebt sich, langsam gleitet die Schnecke heraus und fährt ihre schlanken glänzenden Fühler aus. „Hallo, kleiner Elf, was willst du denn?“

Er sucht seine Schwester, das kann sie sich doch denken. „Weißt du, wo sie jetzt ist?“

Die Schnecke wiegt ihr Haupt und sagt mit hoher freundlicher Stimme: „Du bist genauso ungeduldig wie deine Schwester, der ich immer zu langsam bin. Manchmal ärgert mich das, doch ich mag sie, du hast eine besonders allsichtige Schwester, obwohl sie noch so jung ist. Sie war mit diesem seltsamen Kaninchen und einem kleinen Engel unterwegs und wollte unbedingt ans andere Ufer, ich weiß nicht warum, vielleicht aus Neugier ...“

Der kleine Elf unterbricht sie, ob sie vielleicht den Schneckendrachen meint? Die Schnecke hat plötzlich eine hohe Fistelstimme: „Das sagen die Drachen immer, ich weiß, aber in Wirklichkeit ist sie eine Schnecke.“ Dem Elfen ist es gleich – Schneckendrache, Drachenschnecke – seinetwegen kann sie auch eine Graugans oder ein Schwan sein.

„Dann hatte ich eine gute Idee“, die Schneckenstimme hört sich wieder normal an, „bei mir war gerade eine uralte Verwandte zu Besuch, meine Urahnin, die blaurote Drachenschnecke. In der riesigen Trauerweide da vorne hielt sie ihren Mittagsschlaf. Zu ihr brachte ich deine Schwester, damit sie ihre Bitte vortragen konnte. Und die Drachenschnecke ist sofort darauf eingegangen. Bei den Fliegenpilzen ist sie ins Wasser geplätschert, es sah aus, als würde eine Fähre losfahren. Deine Schwester saß mitten auf dem großen Schneckenhaus, zwei kleine Engel schwebten über ihnen und das Begleitkaninchen wollte hinterherschwimmen.“

Während sie sich unterhalten, spürt der Elf einen Luftzug und sieht einen silbernen Schatten auf das Schneckenhaus fallen, in der Luft ist ein Geräusch, als würde mit Papier geraschelt. Er hebt den Kopf und sieht über sich die Libelle, die mit schwirrenden Flügeln und blau funkelndem Leib in der Sonne steht.

„Willst du wissen, wo deine Schwester ist, kleiner Elf? Sie liegt am Westufer des Sees in einer Seerose und schnarcht fürchterlich.“

Der Elf stöhnt, was hat er nur für eine Schwester! Dann sagt er: „Ja, liebe Libelle, das muss sie sein. Aber wie komme ich dahin?“

Der Schmetterling zuckt mit den Flügeln: „Ich kann dich fliegen, setz dich zwischen meine Flügel in den Reitersitz und halte still.“

Gesagt, getan. Der kleine Elf sitzt auf, sie winken der Schnecke zum Abschied, die Libelle fliegt vor und zeigt den Weg zu den Seerosen, sie landen auf einem Blatt neben der großen weißen Blüte, in der seine Schwester schon aufgewacht ist.

„Willerwat der grosche Bruder?“

„Kannst du nicht normal reden?“ Seine Schwester ist oft sehr peinlich.

„Kann isch nisch, isch bin eine Prinzesschin leder.“

„Was hat das denn mit Leder zu tun?“

„Leder, luder, lieder.“

„Jetzt rede endlich mal normal, ich soll dich nach Hause bringen.“ Manchmal mag er sie überhaupt nicht, obwohl es seine Schwester ist.

„Läder, leuder, leider.“ Er stöhnt, doch seine Schwester scheint unbeeindruckt: „Leider, leider weiß isch nischt, wie man alles rischtisch sprischt.“

Mit lauter Stimme fragt der Elf: „Wo ist der Drache und wo ist der Biberhamster?“

Für einen Augenblick wird die Schwester ernst: „Der Biberhamster ist beim Schwimmen doch immer so ungeschickt, doch er wollte uns folgen. Ich habe ihm zugerufen, er soll zurückschwimmen, aber dann habe ich ihn nicht mehr gesehen. Die beiden Engel haben mir gesagt, sie kümmern sich um ihn. Aber jetzt genug, liebes Bruderherz, die Engel sind verschwunden, der Schneckendrache hat sich vom Wasser in die Luft erhoben und ist weitergereist – und ich habe jetzt Hunger. Wie kommen wir nach Hause?“

Der Schmetterling, der schon ein bisschen ungeduldig ist, bietet an, die Schwester zu fliegen, er hat ja nun schon Übung.

„Dann nehme ich dich, kleiner Elf“, sagt die blaue Libelle, „du musst dich nur gut an meinem Körper festhalten.“ Zu zweit können sie also die Elfen-Geschwister zurückfliegen.

Da wird die kleine Schwester schon wieder peinlich: „Lieber guter Schmetterling, ganz im Ernscht, dasch ischt kein Ding, du verstehst doch sischer Spaß, und isch glaub, da geht noch was.“ Bei dem ungeduldigen Pfauenauge geht nichts mehr, alberne Elfenkinder, es startet und die Libelle folgt. Als kleine Luftflotte fliegen sie die Geschwister sicher ins Elfendorf ein. Beim Landeanflug gibt es allerdings ein kleines Missgeschick, Schwester Elfe rutscht ab und stürzt in einen Knollenblätterpilz, der in sich zusammenbricht und sie unter sich begräbt.

Der kleine Elf stellt sich daneben und ruft: „Schwesterschen, vorsischt, Mund zuhalten, der Pilz ischt giftisch.“

*

Ich bin der Zauberwald

... montags

Es war einmal und kommt doch wieder

Mir in meiner blauen Stunde

Wenn ich fühle meine Glieder

Wenn ich lausche in die Runde

Wo der Wind bewegt die Wipfel

All meiner Bäume hier und hier

Und streicht über Felsengipfel

In mir erwacht jetzt das Getier.

Junge Drachen lassen’s krachen,

knicken Bäume, kokeln, lärmen,

Lachen Feuer aus dem Rachen,

um ihre Därme aufzuwärmen.

Sie ziehn schwärmende Riesen an

Und dicke Trolle, die hier hausen

Dreadlocks am Kopf, im Kopf nur Flausen

Zum Kräftemessen ohne Plan,

Die brausend ihre Haare zausen

Und klatschend Ohrfeigen verteilen

Sich keilen bis sie nichts mehr peilen,

Den Waldestieren kommt das Grausen.

Auch Riesen mischen gerne mit: Schiet.

Sie haun sich kräftig auf die Hüte

Und wollen es partout nicht lassen,

Nicht zu fassen, meine Güte.

Ich dreh mich weg zu Elfen, Feen

Da gibt es Schöneres zu sehn:

In Händen haltend bunte Bänder

Sie weben wallende Gewänder

Die leben. Und mit lauen Winden

Lassen sie sich höher wehen

Bis sie meinem Blick entschwinden

Und dann sind sie wieder zu sehen

Geflügelte über den Wellen

Mit Silbermöwen, Schwalben schaukelnd

Über dem Schilf mit den Libellen

Im schrägen Licht der Nebel gaukelnd.

... dienstags

Es war einmal und kommt doch wieder

mir in meiner blauen Stunde

wenn ich fühle meine Glieder

wenn ich spüre in die Runde.

Man durchstreift mich laut und leise

die Wanderer sind überall

viele sind hier auf der Reise

am Wasser singt die Nachtigall.

Ich höre tuscheln, höre Schritte

es kitzelt mich wer ist das nur

zwei Kinder gehen durch die Mitte

legen mit Brot die Krümelspur.

Es joggt ein Hase, auch zwei Igel

verstecken sich tun so, als ob

an ferner Wand vor einem Spiegel

gibt eine Königin sich grob.

Man reist in Gruppen und allein

mit blauen und mit roten Kappen

im Sonnen- und im Mondenschein

auf Pferden und auf Schusters Rappen.

In Schuluniform auf Wanderschaft

mit auf die Stirn geblitztem Mal

ein Junge schlurft mit halber Kraft

und Brillensprung durchs Areal

– auf der Schulter eine Eule

trifft er den mit der Glückskuh

den Hans stört nicht das Wolfsgeheule

er wandert fröhlich immerzu.

Ein Wanderer mit grauem Bart

gebückt mit Stab und blauem Hut

ein Bogenschütze blond behaart

ein Rotbartzwerg mit Wagemut

gespäßig kichernd drei Hobbits

unter einem Regenbogen

braun gelockt rotblond mit Witz

die Ringgesellschaft kommt gezogen

stößt auf Esel, Hahn und Hund

und Katze, diese Tiergemeinschaft

unter dem Regenbogenrund

hat eine klare starke Botschaft:

im Einvernehmen bei Problemen

heißt die Lösung immer Bremen.

Ich bin viele, ich find’s schwierig

doch bin ich immer lernbegierig.

*

Ein Wichtel in der Abendstunde

Und es irrt der kleine Wicht

durch Dickicht, Busch und Dämmerlicht.

zwischen Borke, Moos und Rinden

Sucht er seinen Weg zu finden.

Und Elfen auf den Blütenblättern

mit kleinen Händchen greifen, klettern,

mit ihren feinen Flügeln, sirren,

und glänzen, gaukeln, schaukeln, schwirren.

Wenn im Abendrot die Drachen

röchelnd aus dem Schlaf erwachen,

lassen sie die Schwarte krachen,

und dann dröhnt ihr lautes Lachen

und es erschrickt der kleine Wichtel

im Gebüsch, Getann, Gefichtel

vor dem Krachen und dem Lachen,

wenn schnaubend Flammen sie entfachen

und leuchten, wenn das Licht verschwindet,

dass seinen Pfad er wiederfindet.

Und wenn dann auch die Elfen helfen

Fasst er Mut: Alles wird gut.

*

Manchmal

Manchmal fürchte ich mich

dass ein Drache vorbeikäme

doch dann erscheint er

in einer warmen Wolke

und ich finde ihn

unwiderstehlich.

Manchmal wünsche

ich mir groß zu sein

wie eine Riesin

aber wenn ich

die Zwerge tanzen sehe

freut mich mein kleiner Wuchs

*

Sommerski in Mecklenburg

Der Winterüberfall hatte mit Kirschen zu tun. Im heißen Frühsommer hatten sie sich prächtig entwickelt, allerdings gab es nicht zu viele.

„Auf die Vögel musst du achten“, sagte meine sonst etwas karge alte Nachbarin und stellte eine Vogelscheuche auf. In jenem Sommer hatte ich mich aus beruflichen Gründen – und um mich gegen die gesellige Versuchung der Altonaer Bars und Kneipen abzuhärten – in die Weiten Mecklenburgs verfügt und ein Haus am See gemietet.

Als ich eines Abends in meinem Garten saß und mir die noch milde Sonne ins Gesicht scheinen ließ, nahm ich eine Bewegung in den Zweigen meines Kirschbaumes wahr. Ich blickte genauer hin und erkannte am Stamm eine blaue Kunststoffschüssel, aus der es weiß leuchtete. Was ich genau gerufen habe, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls plumpsten zwei Jungen aus dem Blattwerk des Baumes auf die Wiese, ein kleiner Eimer schlug auf den Boden und dunkelrote Kirschen kullerten heraus. Sie rappelten sich auf, griffen in das Weiße der Schüssel und starteten ihren Winterangriff.

Der erste Schneeball traf mich an der Schulter. Er zerplatzte und ich spürte den kalten nassen Schnee an der Wange. War das wirklich Schnee? Dem Unglauben folgte das Staunen: Ja, es war Schnee, weiß und kalt und nass. Und das Staunen wandelte sich in ein Gefühl heftigster Empörung, als mich der nächste Schneeball mitten im Gesicht erwischte. Die Schneekristalle rutschten an meiner Nase entlang. Es roch nach Schnee und es schmeckte nach Schnee, Pappschnee. Ich stellte mir kurz vor, es wäre Winter. Aber trotz des Schnees in den Augenwinkeln sah ich grünes Laubwerk, mit Kirschen rot gesprenkelt, und zwei verwischte Jungs, die über den Zaun verschwanden. Mit dieser Episode begann in dem kleinen Ort die Wintersaison.

Die Jungen waren schnell ausfindig gemacht, im ganzen Dorf gab es nämlich nur zwei. Obwohl sie ihr Kirschvorhaben langfristig und gründlich vorbereitet hatten, war ihnen diese Tatsache entgangen. Zehn Minuten später zeigte sich der Kirschenraubzug für die beiden Urheber als ein einziger Schlag ins Wasser. Zerknirscht standen sie vor ihrer Großmutter, die ihre Seelen durch den Fleischwolf drehte. Angesichts dieses Bildes überkam mich Großmut. Die Jungen hatten die Tiefkühltruhe des verstorbenen Großvaters für ihre Zwecke genutzt. Der hatte dort früher sein Hammelfleisch eingefroren. Im Winter wollten die Jungs noch keine Vorstellung davon gehabt haben, dass die Frischobst-Versuchung auf ein nicht mehr kontrollierbares Maß anschwellen könnte. Gramgebeugt beteuerten sie ihre Winterliebe. Und als der Schnee im Frühjahr taute und der Winter stöhnte, da retteten sie ihn eben. Zumindest teilweise – in die Gefriertruhe. Damit auch im Sommer ein bisschen Winterlust aufkäme.

„Für etwas frische Kühle habt ihr ja schon gesorgt“, sprang ich ihnen bei. Dankbar griffen sie diesen Faden auf und erzählten mit großen Augen von den Wonnen beim Schneemannbauen. Das winterliche Reden ließ auch die großmütterlichen Grundsätze schmelzen und mit den Jungs war auf einmal gut Kirschen essen. Ich erzählte ein bisschen von meinen früheren Skiurlauben in Tirol.

Als ich am nächsten Abend die Glocke des Verkaufwagens hörte, der hier mit seinen Lebensmitteln über die Dörfer fuhr, überkam mich die Lust auf ein Eis am Stiel, denn es war noch immer sehr heiß und ich hatte tagsüber viel geschwitzt. Der alte Fiete war gerade mit seinem Einkauf fertig geworden. „Du kannst also Skilaufen“, sprach er mich an.

Das klang eher nach einer Feststellung. Als er noch als Zimmermann gearbeitet hat, habe er auch auf den höchsten Gebäuden keine Höhenängste, aber ein gutes Gleichgewichtsgefühl gehabt. „Wer so gut die Balance halten kann, der kann doch auch Skifahren, oder?“

Ich äußerte einige Bedenken und wunderte mich, dass der wirkliche Kirschen-Diebstahl in dem kleinen Dorf offensichtlich schon vergessen war, nicht aber die mit den verschiedensten Absichten geäußerten Winterfantasien.

Doch dann vergaß ich zunächst das kurze Gespräch. Als ich mir wenig später ein paar Kirschen zum Nachtisch pflücken wollte, lehnte sich meine alte Nachbarin über den Zaun und fragte, ob Skilaufen genauso wäre wie Schlittschuhlaufen. Im Fernsehen hatte sie gesehen, wie ein Skifahrer erfolgreich vor einer Lawine weggefahren war. „Die Lawine kam nicht hinterher.“ Und dann holte sie zu der entscheidenden Frage aus: „Geht Skilaufen auch ohne Skilift?“

Ich zupfte mich an meinem Ohr, man braucht keinen Lift, natürlich, sogar ein Trockenkurs wäre denkbar. Ich sagte: „Ja, das geht.“ Ich hatte gerade meinen folgenreichsten und wichtigsten Satz in diesem Jahr gesprochen. Ich wurde Skilehrer. Skilehrer in Mecklenburg. Das Märchen begann.

Wir trafen uns zweimal die Woche am frühen Abend in meinem Garten. An der höchsten Stelle steht das Backsteinhaus, ungefähr zehn Meter über dem See. Das ist nicht sehr viel, aber für die Gegend gar nicht schlecht. Im Dorf gibt es keine höhere Erhebung. Der Garten fällt zum See hin ab, allerdings nicht gleichmäßig. Dadurch ist der Hang in einigen Partien etwas steiler. Und für die Fantasie sind steilere Hänge natürlich anregender, genauso wie beim richtigen Abfahrtslauf.

Mit Gekicher und Räuspern zogen sich alle Handschuhe und Mützen an und ich sorgte für einen schönen stillen Schneefall. Ich bat alle Teilnehmer, für einen Augenblick die Augen zu schließen, und beschrieb mit ruhiger Stimme die Schneeflocken, die wie an unsichtbaren Fäden langsam und gleichmäßig herabschwebten. Nach und nach begann alles weiß zu werden, die Baumkronen hellten auf und bekamen einen Überzug, das gegenüberliegende Ufer schien ferner gerückt, frischer lockerer Schnee lag vor unseren Skiern, die Welt im Schneegestöber wurde leiser. Und meine Stimme auch.

Wir begannen den Skikurs mit dem Schneepflug, denn Fiete und meine Nachbarin waren schon über Achtzig. Da wird Sicherheit großgeschrieben. Sie mussten lernen, in jeder Situation abbremsen zu können. In Wirklichkeit glitten oder rutschten sie natürlich nicht den Hang hinunter, sondern standen still auf der Stelle. Dies war eine der vielen Gelegenheiten, bei denen sie die Fantasie bemühen mussten, und ich natürlich auch. Wir bildeten also ein V mit den untergebundenen Brettern oder Ästen und belasteten die gedachten Innenkanten. Nur bei Fiete waren sie nicht gedacht, der hatte seine Kanthölzer gehobelt und mit Stahl beschlagen. Dann nahmen wir in beide Hände einen Stock und belasteten zuerst das rechte, dann das linke Bein, um das Kurvenfahren zu lernen. Und um nicht im Schuss geradeaus in den See fahren zu müssen. Der See ist übrigens schon nach einigen Metern so tief, dass man mit Skiern an den Füßen ertrinken könnte. Vor allem Großmutter war nicht nur wasserscheu, sie konnte nicht schwimmen und hatte panische Angst, zu ertrinken. Deshalb ließ ich den See zufrieren. Ich war sozusagen der Winter. Auf diese Weise war es nicht so schlimm, wenn die Kurventechnik noch nicht ganz klappte, denn man konnte den Schwung auch bei einer Schussfahrt auf der Eisfläche auslaufen lassen. Schlittschuhfahren kann jeder. Ein schöner Erfolg: Nach der ersten Woche konnten alle, ohne zu stürzen, den Abhang hinunter bis zum See fahren.

In der zweiten Woche übten wir, den Talski zu belasten und den Bergski leicht anzuheben. Die beiden Jungs schlugen vor, sich diese Bewegung nicht nur vorzustellen, sondern sich von einem Bein auf das andere zu stellen, um das richtige Gespür zu entwickeln. Neuerungen gegenüber bin ich immer aufgeschlossen. Ich griff den Vorschlag auf und belohnte die beiden Jungs, indem ich sie wie ein Tiroler Skilehrer Buben nannte. Wir simulierten den Parallelschwung und alle wirkten am Ende der Woche glücklich. Niemand sprang von dem Skikurs ab, im Gegenteil, ein Schäfer stieß neu hinzu, der am Ortsrand in seinem Wagen wohnte. Wir alle brauchen hin und wieder Gefahren in unserem Leben, weil der Alltag so langweilig ist. Deshalb steigerte ich die sportlichen Ansprüche.

Als der Hang zum See eines Tages mit Maulwurfshügeln übersät war, übten wir das Buckelpistenfahren. Die beiden Buben legten sich ständig auf die Nase, bis sie dann konzentrierter und rechtzeitig in die Knie gingen. Auch Fiete hatte sich zu viel vorgenommen. Er meinte, er sei mit der Skispitze im Schnee hängen geblieben und habe sich das Bein gebrochen. Immer wenn er an sein Bein dachte, spürte er den Schmerz. Jedenfalls verzog er das Gesicht.

„Er hat ein Wirklichkeitsproblem“, sagte die Nachbarin, „er hat den Schmerz im Kopf und meint, er wäre im Bein.“

Doch niemand wollte sich auf solche schwierigen Überlegungen einlassen. Als praktische Frau ging sie mit Fiete in dessen Werkschuppen neben dem Hühnerstall, wo er sein Material sammelte, und machte ihm dort einen gewaltigen Gipsverband. Als er getrocknet war und Fiete ihn vorführen konnte, schien er sehr glücklich. Mit Schwung und Geschick nahm er unter allgemeinem Beifall die Buckelpiste. Dass man mit einem gebrochenen Bein eigentlich nicht weiter Ski läuft, sondern erst einmal aussetzt, verriet ich nicht. Fiete lief weiter, der Skikurs ging in die vierte, siebte und zehnte Woche, in der vierzehnten nahm sich Fiete den Gips ab, die Monate mit R begannen.

Im Oktober waren wir so weit, dass wir uns an den schnellen Abfahrtslauf machen konnten. Wir fuhren unser erstes Rennen. Alle gingen leicht in die Hocke, verlagerten das Gewicht nach hinten, die Jungs, bis sie fast umfielen – und los ging’s. Der Schnee stob seitlich hinweg, in den Kurven schabten die Kanten und wir warfen sprühende Schneefahnen, die Geschwindigkeit griff unter unsere Ski, der See flog uns entgegen. Wir spürten den Fahrtwind im Gesicht, und als wir am Ufer ankamen, tränten uns die Augen. Nur bei der Nachbarin tränte gar nichts. Sie hatte geschummelt – und gab es auch zu. Sie wollte gar nicht erst die Hügel hinunterfahren, sondern gleich am Ufer sein. Das ging natürlich nicht. Dennoch blieb sie stur: Sie hielt nichts von hohem Tempo und von Rennen. Sie wollte in eleganten Schwüngen abwärtsfahren.

Das Rennen gewannen übrigens die Buben. Sie waren gleichzeitig mit mir am Ufer, aber ich war als der Coach nur außer Konkurrenz mitgelaufen.

Als wir uns im November auf meiner Seehangwiese versammelt hatten und ich über die Gewichtsverlagerung beim Wedeln redete, fing es an zu schneien. Zuerst tanzten einige Flocken aus den tief hängenden grauen Wolken. Sie wurden immer dichter, bis die Luft von grauweißen Wirbeln erfüllt war. Es schien, als senkten sich die Wolken immer mehr herab und lösten sich über unserem Hang auf. Der See war nicht mehr zu sehen. Wir rückten einander näher, um uns nicht aus den Augen zu verlieren.

„Ein Traum wird Wirklichkeit“, sagte die Großmutter. Der Schnee dämpfte ihre Stimme.

„Jetzt fehlen nur noch richtige Ski“, sagten die Buben.

Ich stellte das Programm um auf Tiefschneefahren. In den kommenden Tagen fror der See tatsächlich zu, in der Weite war das Eis mit Schnee bedeckt, am Ufer war es blankgefegt, der Wind hatte ganze Arbeit geleistet – um jeden einzelnen Schilfhalm in Ufernähe bildeten sich kleine Schneeberge.

Als ich im Dezember über spiegelglatte Kopfsteinstraßen nach Hause fuhr, sah ich einen ungewöhnlichen Menschenauflauf vor meinem Haus. Eine Frau mit einer Pelzmütze schälte sich aus der Gruppe heraus und trat ein paar Schritte auf mich zu. Sie hatte rot geschminkte Lippen und graugrüne Augen. Sie lächelte ins Mikrofon: „Sie sind also der Skilehrer dieser Gruppe, der einzige Skilehrer in Mecklenburg. Die jungen Leute haben sich an unser Studio in Schwerin gewandt und wir drehen nun eine Reportage. Alle Teilnehmer haben wir bereits interviewt.“

Im Hintergrund wurde gelacht, die beiden Jungs machten Faxen. „Diese Reportage wird sich für Sie lohnen. Wir spendieren der gesamten Gruppe eine Skiausrüstung und einen vierzehntägigen Skiurlaub in Oberhof in Thüringen.“

Es wurde geklatscht.

Nur die alte Nachbarin sagte: „Da fahr ich nicht mit. Das ist mir zu weit. Wenn ich Ski laufe, dann nur in Mecklenburg.“

Alle lachten – und alles ward gut.

*

Wippen

Auf dem Spielplatz die Kleinen

sie weinen und lachen

sie schaukeln und schaufeln

sie wippen und schippen

sie schlucken und lutschen

und rutschen und spucken

und spielen im Sand.

Alleine geht Schaukeln

alleine geht Schippen

gehen Lutscher lutschen

und Rutsche rutschen

nicht alleine geht Wippen

gilt für Große und Kleine

geht gar nicht alleine.

Sie spielen das Spiel

mit dem Gleichgewicht

mit Senken und Heben

und Fliegen und Schweben

laut geht es und munter

mal hoch und mal runter.

Verhungern heißt ein Wippenspiel

und bloße Erdung ist das Ziel

wer oben bleibt ist angeschmiert

die Wippenseite immer siegt

die am Ende schwerer wiegt

wer oben zappelt der verliert.

Das Hin und Her wird abgehackt

es zählt allein der Fußkontakt

zu Mutter Erde; mit Gekicher

wird die Wippe stillgestellt

wer unten sitzt der fühlt sich sicher

auf einmal zeigt sich nun die Welt

In den Verhältnissen stabil

Geschrei von oben zählt nicht viel.

Doch bald beginnt ein neues Spiel.

*

Stumme Hirsche

Super findet und schnieke

aus Flottbek die blonde Ulrike

geschmacklich ohne zu knirschen

kleine Modelle von Hirschen

Hirsche in Ganz und in Teilen

Hirsche, die kommen, enteilen

springende Hirsche, Geweihe

bunt durcheinander, in Reihe

im Küchenregal, auf der Fensterbank

sie röhren nicht auf dem Wohnzimmerschrank

zu ihr passen nur die Stillen

also Hirsche, die chillen

und wenn ich mich etwas drehe

seh ich auch überall Rehe

auf Möbeln, auch auf dem Pulli

äsen und schmücken sie Ulli

alle Hornhufer aber ringsum

bleiben stille und stumm

Meiner kleinen Nachbarin gewidmet

*

Schneebälle aus der Tiefkühltruhe

Eine sommerliche Winterballade

Sie braucht sie im Augenblick nicht mehr

– und wir lieben so sehr den Winter.

Großmutters Gefriertruhe steht leer

und draußen tropft und rinnt er,

der Winter taut und schmilzt und stöhnt,

wir werden ihn teilweise retten,

wir lieben ihn, sind Schnee gewöhnt,

wollen ihn etwas umbetten

und stopfen in die Tiefkühltruhe,

für uns, für Freunde, Nachbarschaft,

dass er bis zum Sommer ruhe,

dann beginnt die Vorratswirtschaft.

Zwar geht der Frost, doch kommt kein Frust,

denn viele, viele Schneebälle

liegen bereit und Winterlust –

kann mit dem Schnee auf alle Fälle

und mit ihrer frischen Kühle

Platz greifen in der Sommerschwüle.

Im Juni nachmittags um 4,

es ist dreißig Grad im Schatten,

ein Anruf im Polizeire4,

wie sie ihn dort bisher nicht hatten:

Wissen Sie was, wie unerhört –

sich die frechen Jungs benehmen!

Ich hatte etwas im Garten gehört –

nun müssen Sie sie festnehmen;

Die beiden Jungs sind übern Zaun

in meinem Garten Kirschen klaun;

als ich rufe, sie glauben es nicht,

bekomme ich Schneebälle ins Gesicht,

und zwar von den harten und kalten.

Ich bin empört, noch ganz verstört,

wie soll ich mich jetzt verhalten?

Im Hintergrund sein Kollege lacht,

Halbkreise sichelnd, gestikulierend

in Nasenhöhe er Zeichen macht,

dann flüstert er leise Luft inhalierend:

Eierlikör, Eierlikör.

Der Polizist am Telefon

wirkt hin und her gerissen,

in dieser seltsamen Situation,

schenkt er der Dame sein Gehör?

Er antwortet dienstbeflissen:

Ich bitte Sie, im Sauseschritt

kommen Sie auf diese Wache,

das Corpus Delicti bringen Sie mit,

wir prüfen diese Strafsache. –

Sie antwortet, das ginge nicht,

außerdem müsse sie bekunden,

die Schneebälle seien im Sonnenlicht

leider längst getaut und verschwunden.

Unterm Kirschbaum die feuchten Flecken

könnten niemanden mehr erschrecken. –

Die Antwort: Lassen Sie es bleiben!

Wir wollen nicht übertreiben.

Wenn die Jungen wiederkommen

In der kalten Jahreszeit,

werden sie gleich festgenommen,

wegen Ungehörigkeit!

Vielleicht kämen Sie damit klar? –

Ja, vielen Dank, Herr Kommissar!

*

Kleiner Maulwurf auf Entdeckungsreise

Sanft fällt das Land ab zum See. Im Winter kann man mit dem Schlitten nach unten rodeln, allerdings nicht allzu schnell. Ein kleiner Teil des Landes wird durch Zäune abgetrennt. Das sind die Gärten der Menschen. Wenn man ein Seeadler oder ein Storch oder eine Gans wäre – oder ein kleiner Spatz – und hoch oben über das Land und den See fliegen würde, dann sähen die Gärten wie lange Handtücher aus, denn sie sind viel länger, als sie breit sind.

Es gibt vier solcher Streifen. Untereinander sind die Gärten noch einmal durch Hecken unterteilt. Auf der Erde merkt man, dass sie gar nicht schmal sind, sondern breit wie Fußballfelder. Oben auf dem höchsten Punkt stehen in einer Reihe drei Häuser aus rotem Backstein an einem Feldweg. In einem wohnt der etwas mürrische alte Mann mit der Pfeife, der in der Dämmerung immer auf dem Steg sitzt und angelt. Daneben wohnt die alte Katrin mit ihrer gelben Katze. Die gelbe Katze sieht man oft im Garten, die alte Katrin fast nie.

Der kleine neugierige Maulwurf hat die getigerte Katze natürlich noch nie gesehen, jedoch schon so schreckliche und unheimliche und gruselige Geschichten von ihr gehört, dass er am liebsten an sie gar nicht denken mag.

In dem letzten Haus wohnen Lisa und Max mit ihren Eltern. Auf der anderen Seite des Grundstücks hinter Hecke und Zaun steht kein weiteres Haus, sondern eine große alte Eiche, in der tagsüber regelmäßig die Schleiereule schläft. Und unter der Eiche in der Erde wohnt der kleine neugierige Maulwurf mit seinen drei Geschwistern und seinen Eltern, die ähnlich wie die Eltern von Lisa und Max ständig beschäftigt sind. Sie haben die Gänge so geschickt zwischen die Wurzeln der Eiche gegraben und dort ein gemütliches weiches Nest angelegt, dass sie alle gut geschützt sind und der alte rotbraune Fuchs schon zweimal verärgert seine Versuche aufgegeben hat, die Maulwürfe auszugraben. Die Maulwurfseltern haben die Kinder immer wieder gewarnt, nicht auf der Weide gegenüber zu spielen, ganz gleich, ob unter oder über der Erde. In jungen Jahren ist nämlich einer Maulwurfstante von einem großen Pferd aufs Auge getreten worden, obwohl sie eine schlaue und vorsichtige Maulwürfin ist und damals, in jungen Jahren, die Pferdeweide in einem stabilen Gang unterqueren wollte. Doch das Pferd war so schwer, dass es mit dem Huf eingebrochen ist. Seitdem ist das rechte Auge der Tante nicht mehr so schön wie das linke, sagt die Mutter.

Der kleine neugierige Maulwurf kann da eigentlich keinen Unterschied sehen, aber vielleicht hat er auch nicht so genau hingesehen. Und aus den Pferdeweiden und Menschengärten sollten kleine Maulwürfe auch ihre Nasen heraushalten! Man wisse nie, sagen die alten Maulwürfe.

Der kleine Maulwurf sagt überhaupt nichts und findet den Nachbargarten viel interessanter als die eigene Wiese. Von dort hört er die Stimmen der Kinder, wenn sie rufen und lachen und singen und schimpfen. Und von dort ziehen gelegentlich eigenartige und geheimnisvolle Gerüche über die Maulwurfswiese. Deren Ursprung würde der kleine Maulwurf gerne erkunden! Also gräbt er sich unter der Hecke durch und folgt den angenehmen Düften.

Als er den Kopf vorsichtig aus der Erde schiebt, sieht er sich von roten und blauen und gelben Blumen umgeben. Die duften gut, so gut: Der Schmetterlingsbaum riecht nach Honig, die roten und gelben Rosen nach Äpfeln und Orangen, die Iris nach reifen Pflaumen. Dabei hat der kleine Maulwurf noch nie in seinem Leben Pflaumen gegessen, denn die haben gerade erst die Blüte hinter sich und sehen noch klein und grün und langweilig aus. Kurzum: Er ist zu jung. Aber das weiß er nicht, also schließt er seine Augen und saugt die Luft genießerisch durch die Nase ein. Er grunzt glücklich und zufrieden.

Hier könnte er in dieser Stellung immer so bleiben, wenn ihn nicht das plötzliche und zornige Brummen einer großen dicken Hummel aufgeschreckt hätte, die ganz knapp an seinem Näschen vorbeibraust, als wollte sie es rammen. Der kleine erschreckte Maulwurf duckt sich und zieht sich, so schnell er kann, unter die Erde zurück. Na so was! Diese dumme Hummel, murmelt er: „Denkt sie, ich würde ihr den Honig wegsammeln?“

Und er machte sich auf, um eine andere Gegend zu erkunden. Seinen Weg findet der kleine Maulwurf mithilfe seiner Nase, in der er zuerst einen schwachen verführerischen Geruch spürt, der allmählich stärker wird und ihn anspornt, schneller zu graben und zu schaufeln. Inmitten der herrlich riechenden Himbeerhecke durchbricht unser kleiner Abenteurer die Erdkruste, direkt neben einer abgefallenen Himbeere, die schon ein bisschen reif ist. Er schnuppert vorsichtig, nimmt sie in sein Mäulchen, kostet sie auf der Zunge und schluckt sie sehr schnell. So etwas Leckeres hat er noch nie gegessen! Und schon liegt ihm ein neuer Duft in der Nase, er gräbt sich langsam zum Beet für Spargel und Schwarzwurzeln, das der Vater von Lisa und Max angelegt hat.

Doch vorsichtig, kleiner Maulwurf! Sperr deine Ohren auf, dann könntest du hören, dass Vater gerade in der einen Ecke des Gartens mit dem Spaten arbeitet. Und so ein Spaten kann zu einer ähnlich großen Gefahr wie ein Pferdehuf werden. Im Augenblick ist der kleine Maulwurf jedoch viel zu gierig. Mit aller Kraft drängt er vorwärts und durchpflügt die sandige Erde. Er stößt durch die angehäufelte Erde hindurch – und sieht sich Auge in Auge dem Vater gegenüber.

„O du Maulwurf“, sagt der Vater, und es klingt überhaupt nicht freundlich. Gott sei Dank ist der kleine Maulwurf nicht dumm. Er erkennt die Tonlage und zieht sofort den Kopf ein, um in seinem Gang zu verschwinden. „Wenn ich dich erwische ...“, hört er den Vater schimpfen.

Und als er schon tief unter den Wurzeln der Tomaten ist, hört er Lisas helle Stimme: „Papa, jetzt sei mal nicht so unfreundlich!“

Obwohl der kleine Maulwurf weiß, dass die Kinder auf seiner Seite stehen, beschließt er trotz aller Verlockungen, diese Gegend des Gartens zu verlassen und bergab in Richtung See zu wandern. Den wohlriechenden Komposthaufen lässt er links liegen, frisst allerdings zum Trost einige fette Maden, die ihm in die Quere kommen. Seine unterirdische Reise zum See unterbricht er nur einmal, als er dem Duft der Veilchen nicht widerstehen kann, die irgendwo über seinem Gang wachsen.

Als die Erde feuchter und manchmal ein bisschen schlammig wird, als es modrig nach Moosen und Hölzern riecht, steckt er behutsam seinen Kopf heraus. Er hört leise das Wasser plätschern und das Schilf rauschen, er sieht Blumen, die mächtigen Stämme alter Kopfweiden und einen braunen Frosch, der ihn freundlich begrüßt. Der kleine Maulwurf freut sich zuerst, dann wundert er sich und fragt: „Weshalb hast du so lange Beine?“

Der Frosch weiß es nicht recht und denkt nach. Und während er noch überlegt, huscht ein dunkler Schatten über Frosch und Maulwurf. „Das ist der Bussard“, quakt der Frosch und springt mit einem großen Sprung in den See. Es spritzt ein bisschen – und er ist verschwunden. Jetzt weiß der neugierige Maulwurf, warum der Frosch so lange Beine hat. Als er sich in seinen Gang zurückziehen will, sieht er die Bescherung: Das geht gar nicht mehr, denn der Gang ist inzwischen mit Wasser vollgelaufen. Als der Schatten zum zweiten Mal, und nun schon viel größer, über ihn hinwegsaust, fängt der kleine Maulwurf gar nicht erst an, sich Gedanken zu machen, ob er nun schwimmen kann oder nicht. Er hoppelt und läuft zum Wasser, lässt sich hineinfallen – und ist begeistert. So gut kann er schwimmen. Das hätte er nicht gedacht. Und es ist ihm ein Leichtes, die Luft anzuhalten, so wie manchmal in eingestürzten Gängen.

Gemächlich taucht er zum Grund und macht mit seiner Schnauze eine kleine Schlammwolke, die vom Ufer in die Tiefe des Sees wegzieht. Er will gerade eine Muschel ausbaggern, als ihm das Herz fast stehen bleibt. Er klammert sich mit einer Schaufel an der weißen Süßwassermuschel fest und rührt sich nicht mehr. Ganz langsam schiebt sich ein riesiges Maul auf ihn zu. Es ist voller Zähne. Sie sind spitz und nach hinten gebogen.

„Das war’s“, denkt der neugierige kleine Maulwurf. „Gleich werde ich gefressen, hoffentlich schmerzt es nicht zu sehr.“

Und während er das noch denkt, gleitet der gelblich braune Hecht langsam, sehr langsam an ihm vorbei. Der Maulwurf sieht in das schwarze unbewegliche Hechtauge, das vorbeiwandert. Er hat nicht den Eindruck, dass er sich mit dem Hecht so freundlich unterhalten kann, wie vorhin mit dem Frosch. Der kleine Maulwurf fühlt sich unendlich erleichtert, als der Hecht vorbeigezogen ist.

Als er wieder Luft zum Atmen und Überlegen hat, beschließt der neugierige kleine Maulwurf, kein Wassertier zu sein. An Land macht er sich sogleich auf den Heimweg zu der Maulwurfswiese, denn im Garten der Menschen hat er nun genug erlebt, zumindest für heute.

*

Lyrisches Aquarium

Und Kindern sollte man Aquarien schenken

die sanft beleuchtet sind mit fahlem Licht

sie werden langsam sich versenken

und tauchen ein in neues Gleichgewicht

in einen anderen Ort, in eine neue Welt

mit großen Augen werden sie dann schweben

und es verlieren sich Konturen beigesellt

den schönen Fischen träumerisch sie leben

wenn ihre Lippen leicht das Glas berühren

sind ganz bei sich sie und in eins

stirbt ohne Laut einmal ein Fisch werden sie spüren

dass dennoch Grenzen sind die Endlichkeit des Seins

*

Katzen Haiku

Zugelaufen im

Juni, die kleine Katze

sie redet und redet

Grüngelbe Blicke

Mondsicheln im Sommer und

sie hat gewonnen

Nach fast einem Jahr

Wiederkehr im Dezember

Könnte er reden!

Viel Lärm im Frühjahr

gefiederte Treppe, ganz

oben der Kater

Du alter Kater

schläfst in der Frühlingssonne

vor dem Mauseloch

*

Die Katze am See

Das Blatt schimmert in der Sonne. Es ist ganz gelb und bewegt sich ein wenig, obwohl es windstill ist. Aus größerer Nähe sind zwei sich bewegende Stäbchen an einem Vorsprung zu sehen, unter dem ein aufgerollter Faden liegt. Das Blatt lässt sich nicht berühren. Kurz vorher hebt es ab und flattert hoch in die Luft, unerreichbar hoch. Also doch kein Blatt, ein Tier. Es fliegt und trudelt über der Wiese in Richtung Wasser und Sonne, verdeckt und vergittert durch Blüten und Blätter. In dem hohen Gras ist es schwierig, es im Auge zu behalten. Hindurch zwischen Halmen, Grasbüschel durchteilend, Stängelgeschiebe. Gezähnte und gefiederte Blattränder kratzen, niederliegende Winden verhaken sich, es klettet und klebt. Peitschende Bewegung trifft zwischen die Augen, einhalten und ducken, Tier oder Pflanze? Schlagende Kolben, elastische Stiele, hochschießend mitten in Kräutern und Klee. Bloß weiter, hier beißen rote Ameisen. Aus bräunlichen Blüten duftet es schwer. Es wimmelt von Fliegen und Schildläusen. Ein kleiner Luftsprung, erfolgreicher Zugriff, es knirscht und es schmeckt. Auffliegen im Umfeld Hummeln und Bienen, es brummt und sirrt: Vorsicht! Schon bekannt wehrhafte Wespen.

Jetzt neben der silbern glänzenden Schleimspur, gelegt von braunroten Pflanztieren, die wie zwei abgetrennt menschliche Finger ihre Bahn ziehen, nur ohne jede knöcherne Härte, feuchtweich und übel riechend, häufig gesehen beim Saugen von Blättern und toten Mäusen, vorne auch Stäbe wie das fliegende Gelbblatt, aber zum Ausfahren. Ihr nicht schluckbarer Schleim klebt auf der Zunge, schmeckt scheußlich. Und sie können nicht fliegen und besser schmecken Kleinvögel trotz ihrer Federn.

Für einen Augenblick Lebensgefahr, unbemerkt. Hoch im Himmel, sehr weit oben und schattenlos, schüttelt kurz der Seeadler. Vor ein paar Wochen noch hätte er dich bei klirrender Kälte mitgenommen, jetzt ist er wählerisch. Vorsicht kleine Katze! Sie verharrt auf schwankendem Grund, unter ihr lebt es, langsam fällt die Schafgarbe zur Seite, ein Duftstoß von knickenden weißroten Blüten. Ein kurzes Innehalten und das Beben geht weiter, aufbricht die Erde und türmt sich in Schüben nach oben, aus bröckelndem Erdhaufen stößt zwischen Schaufeln schnüffelnd die große Nase. Erschrocken duckt sie sich zurück und beginnt zu fauchen. Der Maulwurf wendet langsam seinen flachen Kopf und taucht wieder ab. Der aufgeworfene Hügel fällt in sich ein bisschen zusammen.

Vorsichtig riecht die kleine Katze an ihm und stochert zögernd mit einer Pfote in den Erdkrumen. Sie ist über sich selbst überrascht: Dass sie so fauchen kann! Sie fühlt die Sonnenstrahlen warm auf ihrem Fell, legt sich ins Gras und streckt alle viere von sich. Sie wäre wohl liegengeblieben, doch schreckt sie das zornige Brummen einer großen dicken Hummel auf, die ganz knapp an ihrem Näschen vorbeibraust, als wolle sie es rammen.

Sofort ist sie wieder auf den Pfoten. Sie kraust die Nase und atmet durch. Ständig muss sie auf der Hut vor unbekannten Gefahren sein. Sie sieht über die abfallende Wiese, die an der einen Seite von einer Hecke begrenzt wird, bis zu den Sträuchern und hohen Bäumen, zwischen denen das Wasser des Sees in der Sonne blitzt. Über der hohen Wiese fliegt und flattert es – sie erkennt ihren Gelbling wieder, der zwischen blauen und weißen Schmetterlingen zum Ufer segelt.

In schleichender Haltung setzt sie ihren Weg fort, die Kräuter und Blumen als Deckung nutzend. Sie verharrt riechend bei den angenehm duftenden weißen Pilzen, weich wie die schleimspurigen Pflanztiere, aber fest verwurzelt in der Wiese und angenehm duftend. Gleich daneben ein anderer eigentümlicher Geruch von weißem Klee, sie schnuppert und hat schon ein Blatt im Mäulchen, da fällt ihr der harte Pfotenschlag der Mutter ein, quer über den Kopf. Sie lässt es also und zieht weiter. Glück gehabt, kleine Katze: Hättest du den Steinklee gefressen, hättest du zuerst Blähungen und dann schlimmere Schmerzen bekommen. Vielleicht wärest du gestorben. Du musst lernen, was für dich giftig ist und welche Pflanzen du fressen kannst. Für eine so große Wanderung bist du noch sehr jung.

Zur gleichen Zeit läuft die schwarzweiße Katzenmutter unruhig durch die Stallgebäude, in denen sie wohnen. Im alten Schafstall sucht sie zwischen den dort gelagerten Strohballen nach ihrer Tochter. Auf ihr Miauen erhält sie keine Antwort. Im Hauptgebäude klettert sie die Leiter hinauf auf den großen Dachboden voller Heurollen. Hier soll das kleine Kätzchen nicht spielen, weil es viel zu gefährlich ist. Oben im Gebälk unterm Dach sitzt schlafend die große alte Schleiereule, die hier auch wohnt. Wahrscheinlich hat sie etwas damit zu tun, dass zwei Geschwisterchen des kleinen Kätzchens verschwunden sind. Die schwarze Katze läuft schnell den gesamten Boden ab und sieht vor allem in die dunklen Winkel am Rande.

Umsonst! Sie springt – oder besser – sie lässt sich von einem großen Trägerbalken tief nach unten auf die hinter dem Traktor gestapelten Strohballen fallen. Durch die Katzenklappe schlüpft sie in den angebauten Schweinekoben, wo sie ein paar Fledermäuse aufscheucht, die dort an der Decke hängen. Doch vergebens, von ihrem Kätzchen keine Spur!

Sie eilt durch die Sattelkammer, aber auch da ist keine kleine Katze. Ihre Unruhe steigt so, dass sie die kleine Maus, die ihren Weg quert, gar nicht beachtet. Im Pferdestall ist es ruhig, nur die Hengste stehen dort und dösen, die übrige Herde ist draußen auf den Weiden am Bach oder See. Allein unter der Decke herrscht reger Betrieb. Dort bauen die Schwalben neue Nester, einige haben die alten bezogen und sind schon beim Brüten.

Als es modrig nach Hölzern und Moosen riecht, ist die kleine Katze am Komposthaufen angekommen. Hier wimmelt es von Ohrenkneifern und Kellerasseln, von schwarz und grün glänzenden Käfern, im Schatten klumpen Schleimspurler. Sie knackt einen wohlschmeckenden Schwarzkäfer und lässt eine große weiche Raupe folgen, die fast keine Haare hat. Eine Ecke des Komposthaufens ist so warm, als würde darunter ein Feuer brennen. Das Kätzchen legt sich auf die abgeschnittenen Zweige und ist sofort eingeschlafen.

Durch die weit geöffneten Türen läuft die Schwarzweiße auf die Koppel, vorbei an dem leeren Reitplatz, über die kleine Dorfstraße hinüber zu den zum Wasser abfallenden Wiesen. Kurz hat sie den schwachen Duft ihrer Tochter in der Nase – und verliert ihn gleich wieder. Ungerührt steht der Storch im Graben, hoch über ihr hallt das Geschrei ziehender Kraniche.

Das kleine gelbe Kätzchen erwacht durch ein Kratzen und Schaben. Eine große braune Wasserratte macht sich im Komposthaufen zu schaffen. Die kleine Katze fährt hoch, die Haare stehen ihr zu Berge – und aus ihrem kleinen Körper ertönt auf einmal ein tiefes gefährliches Knurren, über das sie selbst überrascht und sogar ein bisschen erschreckt ist. Die Ratte hebt den Kopf und zeigt riesige Zähne. Für einen Moment kreuzen sich die Blicke, grün gegen rot. Gemächlich dreht sich die Wasserratte um und verschwindet im Heckengesträuch. So einfach ist das also!

Langsam, kleine Katze, werde nicht übermütig. Hätte auch anders ausgehen können. Von da, wo die Ratte im Unterholz der Hecke verschwunden ist, ertönt ein schwaches Schnorcheln, das sie sich nicht erklären kann. Weil sie weiß, dass sie über das gefährliche Knurren verfügt, das riesige Wasserratten vertreibt, macht sich die kleine Katze kühn auf den Weg, um die Ursache des Geräusches zu entdecken. Entlang der Hecke wird es lauter. Inmitten von Brennnesseln, die unter einem Holunderbusch stehen, liegt eine grauweiße Stachelkugel, die sich aufpumpt und wieder zusammenfällt. Behutsam steckt sie ihre Tatze durch die Brennnesseln, fährt ein wenig die Krallen aus und zupft an den Stacheln. Mit einem Gurgeln entrollt sich das Stacheltier und richtet sich mit blinzelnden Augen auf. Der Igel ist größer als das Kätzchen, das so ein Dornentier noch nie gesehen hat. Schnell dreht es sich um und springt und läuft schleunigst zum Ufer. Wenig später hat sich der gestörte Igel wieder zur Kugel gerollt.

Sein Schnarchen hört das Kätzchen schon nicht mehr, denn in einer leichten Windböe rauscht leise das Schilf und das Wasser plätschert hinter den alten Kopfweiden. Auf einem Stein, der zur Hälfte von Wasser überspült ist, sitzt ein brauner Frosch, der so groß ist, wie es das Kätzchen noch nie gesehen hat. Die dunklen Frösche im Graben am Stall und die grünen auf den Bäumen der Koppel sind viel kleiner.

„Weshalb hast du so lange Beine?“, fragt die kleine Katze und ist sich nicht sicher, ob der Frosch sie versteht. Er scheint es nicht recht zu wissen und über die Antwort nachzudenken. Und während er noch überlegt, huscht ein großer dunkler Schatten über Frosch und Katze.

„Das ist der Reiher“, quakt der Frosch und springt mit einem weiten Sprung in den See. Es spritzt ein bisschen – und er ist verschwunden. Jetzt weiß das neugierige Kätzchen, weshalb der Frosch so lange Beine hat.

Über den Rand eines an Land liegenden Kanus balanciert die kleine Katze und hüpft dann auf den alten Holzsteg, der knapp über dem Wasser und ein ganzes Stück durch das Schilf in den See hinausführt. Jetzt ist es fast windstill und die Wasseroberfläche ganz glatt. Das mit Bäumen bestandene gegenüberliegende Ufer ist gut zu sehen, bei den beiden anderen Richtungen ist das jeweilige Ende des Sees nicht abzusehen, er verliert sich hinter Windungen oder im Röhrricht. Viele Fliegen und Schmetterlinge fliegen über dem Schilf und dem Wasser. Auch ihr schöner gelber fliegt weit hinaus auf das Wasser, bis die kleine Katze ihn nicht mehr sieht. In der Ferne schwimmen Gänse und zwei große weiße Schwäne auf dem Wasser – sie ist erstaunt, dass sie schwimmen können. Sie kennt sie bisher nur im Winter, wenn sie in großen Schwärmen und mit schweren Flügelschlägen über das Stallgebäude ziehen, das ihr Zuhause ist. Die Schwalben jagen dicht über die Wasseroberfläche und stoßen immer wieder mit ihren Schnäbeln ins Wasser, um kleine Tiere aufzusammeln. Sie ritzen die glatte Wasserfläche auf, hinterlassen Furchen auf der Oberfläche, die sich nach kurzer Zeit wieder glättet. Über und im Schilf sirren wie blaue und grüne Blitze die Libellen, einige mit verknüpften Körpern. Die kleine Katze beugt sich vom Steg über das Wasser und beobachtet die flinken Wasserläufer, die direkt unter ihr hin und her jagen. Und auf einmal sieht sie im Wasser eine Katze. Die kleine Katze legt ihren gelb-weißen Kopf zur Seite – und die Katze im See tut das auch, nur zur anderen Seite neigt sie den Kopf. Die Katze im Wasser stellt die Ohren auf und blickt intensiv aus dem Wasser nach oben zu der kleinen Katze. Verschreckt faucht die kleine Katze und zeigt ihre Zähne, aber die Wasserkatze ist so ungeheuer schnell, dass sie im selben Augenblick auch faucht. Der kleinen Katze wird ganz unheimlich und sie weicht ein bisschen zurück. Doch dann sammelt sie ihren ganzen Mut, fährt die Krallen ihrer rechten Pfote aus und schlägt damit nach der Wasserkatze. Noch während des Schlages hat sie gesehen, dass die Wasserkatze auch nach ihr ausholt. Doch sie schlägt nur in Wasser, dass es spritzt. Da ist keine andere Tatze und keinerlei Widerstand. Die Katze im See muss sehr schnell und sehr geschmeidig sein, wenn sie solchen Schlägen ausweichen kann.

Es frischt auf, die Schilfhalme biegen sich, die Wasseroberfläche wird gesichelt und plötzlich verzerrt sich das Katzengesicht, es dehnt sich in die Länge, zerreißt – und es gibt zwei Katzengesichter nebeneinander im See. Das hält die kleine Katze nicht aus, sie weicht zurück und dreht sich zur anderen Seite des Stegs. Warum sind die beiden Katzen in den See gegangen und was wollen sie dort? Auf der anderen Seite sieht sie im Wasser eine schnelle Bewegung. Sie kann überall auf den Grund sehen, nur zwischen zwei Stegbohlen gibt es eine kleine Schlammwolke, die langsam vom Steg weg in das dichte Schilf nebenan zieht.

Plötzlich löst sich aus der Wolke ein Schatten, ein sehr großer Fisch dreht langsam zurück zum Steg und lässt sich zur Oberfläche treiben. Die kleine Katze bleibt regungslos sitzen, als sich das riesige Maul voller Zähne langsam auf sie zuschiebt. Sie sieht sie gestochen scharf, sehr spitz sind sie und nach hinten gebogen. „Gleich werde ich gefressen“, denkt die kleine Katze, und sehr langsam gleitet der gelblich braune Hecht auf sie zu, sie sieht genau in die schwarzen unbeweglichen Augen, – die unter den Brettern des Stegs hinweg zur anderen Seite wandern, dorthin, wo die beiden Katzen hausen. Die kleine gelbe Katze ist nun sehr froh, dass sie eine Landkatze ist und nicht im Wasser wohnt. Als jetzt die Gefahr vorbei ist, merkt die kleine Katze, wie anstrengend ihr abenteuerliches Leben ist. Sie rollt sich zur Seite in die Mitte des Steges und bleibt dort liegen, um erst einmal ein bisschen auszuruhen.

Auf dem gepflasterten Stück des Weges begegnet die schwarzweiße Katzenmutter dem Dorfdackel. Er bleibt mit gefletschten Zähnen knurrend stehen. Sie macht einen riesigen Buckel und schreitet langsam an ihm vorbei, als wäre er nicht vorhanden. Als sie auf seiner Höhe ist, verstummt das Knurren und der Dackel dreht sich um, als wollte er Reißaus nehmen. Doch da wendet sich die Schwarzweiße schon zu der hohen bunten Wiese, die in diesem Sommer noch nicht gemäht worden ist. Sie schlängelt sich durch das hohe Gras und sieht von einer lichteren Stelle aus, dass auf dem Steg irgendetwas liegt, auf dem abends immer der alte Mann mit seiner Pfeife sitzt und angelt.

Geschickt und schnell durchquert sie die Wiese von oben nach unten. Auf dem Steg angekommen erkennt sie ihre schlafende Tochter und stupst sie unsanft mit der Nase an. Noch während das Töchterchen sich gähnend reckt, ist vom See her ein plätscherndes Geräusch zu hören. Mit großer Geschwindigkeit kommt der Fischotter an den Steg geschwommen; Mutter und Tochter fahren zugleich einen Schritt zurück, als der Fischotter den Mund öffnet und sagt: @&&§§***++*“““####////////. Fischotter sind schwer zu deuten – und beide Katzen sind froh, auf dem Steg und nicht im Wasser zu sein. Die Katzenmutter fasst ihr Kleines nicht sonderlich sanft am Genick, wedelt dem Otter freundlich mit ihrem Schwanz zu, dessen Umfang sie allerdings verdreifacht hat, und verlässt ruhig den Steg landeinwärts.

Kurze Zeit später legt sie ihre Ausreißer-Tochter im heimatlichen Stall in ihre Heuhöhle. Das kleine gelbe Kätzchen schläft sofort tief und fest. Das gleichmäßige schnurrende Atmen wird immer wieder durch ruckende Bewegungen unterbrochen, als erlebte es im Traum große Abenteuer.

*

Spinne

Hoch auf der Zinne

Und tief in der Rinne

Lebt die liebe Spinne

Und wird einmal ihr Netz zerfetzt

Dann wird es wieder neu vernetzt

Dann muss sie fleißig Fäden kleben

Und eben weben weben weben

Die Schwalben zwitschern im Geschwätz

Hoch in der Luft und in der Schwebe

Das Spinnennetz das Spinnennetz

Heißt deshalb auch Gewebe

*

Kommt, wir spielen Tiere

Kommt, wir spielen Tiere, kommt auf alle viere

hebt sie hoch die Tatzen, wir sind alle Katzen

wir schnurren, schauen schlau: miau miau miau

und schau da unterm Himmelsblau,

sitzt Herr Hund und macht: wau wau

wir machen eine Biege, und spielen Schaf und Ziege

es kommt aus nächster Näh’: mäh mäh mäh mäh.

Nicht so brav wie das Schaf, doch in der Nähe

spaziert sehr stolz die schwarze Krähe: kräh kräh kräh

auf der Wiese steht, nanu,

schwarzweißbunt die junge Kuh: muh muh muh

Wenn es dunkelt kommt dazu Mutter, Vater, Kind Uhu:

huhu huhu huhu

Im Aquarium auf dem Tisch schwimmt malerisch der alte Fisch:

blubb blubb blu

Ohne Plan geht der Hahn in die Knie: kikeriki, kikeriki

Mit Federn nur und ohne Fell im Apfelbaum sitzt die Amsel:

triller trilleri trilleri

Darunter mit Genäsel steht der alte Esel, er äße lieber Pizza: ia ia ia

Auch im Moos ist viel los, Frau Frosch, die feiert Freudentag:

quak quak quak

Auf der Erde in der Herde traben Pferde,

kommt ein Pferd, aufgesessen, nicht verkehrt:

hopp hopp brrr hopp hopp brrr

Hinterm Zaun rauscht ein Baum, schnell merken wir,

ist kein Tier, ausgetauscht:

blasenpusten blasenpusten

*

Fliehen und Flüchten

Oder: Wie ängstlich sind die Tiere?

„Jetzt kommt schon raus“, ruft Jannick. Er steht auf dem großen Platz zwischen Stall und Bauernhof. Die Ferien haben angefangen. Für eine Woche ist Jannick mit seinen Schwestern und mit Mama und Papa auf dem Bauernhof am See. Jannick ist schon in der zweiten Klasse, er spielt gerne Fußball und kann freihändig Fahrrad fahren. Seinen Namen schreibt er vorne mit J. Das ist ihm wichtig, weil die Lehrer das oft falsch machen.

Nele ist das egal, denn sie kann noch nicht schreiben. Auch noch nicht schwimmen. Das will sie aber in diesen Ferien lernen. Sie geht in die Kita und kann sehr schön singen. Eigentlich heißt sie nach ihrer Großmutter Cornelia, aber das ist zu lang und kompliziert. Jedenfalls kommt sie jetzt aus der Tür gestürmt „Was wollen wir denn machen?“, fragt sie ihren Bruder.

„Ich habe ein neues Spiel erfunden“, sagt Jannick, „wie mutig sind die Tiere. Wir gehen einfach auf sie zu und finden heraus, wann sie weglaufen oder wegfliegen. Manche Tiere sind mutig – wie hier die kleine Katze auf der Bank, sie bleibt schön sitzen und schnurrt sogar, wenn ich sie streichele.“ Auch Nele streicht der Katze über das Fell, schön weich. Als sie ihren Schwanz anfasst, dreht sich die Katze auf den Rücken und schlägt mit der Pfote nach Nele. Ganz schnell zieht Nele ihre Hand weg. Ja, die ist wirklich mutig!

„Sieh mal hier.“ Jannick macht ein paar schnelle Schritte auf zwei Hühner zu und bremst kurz vor ihnen ab. Sie flattern mit den Flügeln und rennen gackernd davon. Ja, die Hühner haben weniger Mut als die Katze.

Inzwischen ist auch Anna herausgekommen. Sie ist schon in der Vorschule und liebt Pferde und Fußball. „Was macht ihr denn mit den armen Hühnern?“, fragt sie. Sie erklären Anna das neue Spiel, sie sagt: „Klar, die Hühner haben mehr Angst als die Katze. Wir essen ja auch ihre Eier und manchmal sogar Hühnchenfleisch. Aber niemals Katzenfleisch.“

Nele verzieht den Mund: „Igitt. Sollten wir das Spiel vielleicht das Angst-Spiel nennen?“

„Mir doch egal“, murrt Jannick, „wir können es auch das Flüchten-Spiel nennen, oder einfach Flieh-Spiel. Ich möchte doch nur wissen, wie nah wir an die Tiere kommen können.“

Anna ist nicht zufrieden: „Ich würde es lieber das Spiel vom Weggehen oder Weglaufen nennen.“

Jannick beendet das Gespräch: „Ok, dann heißt es Weglauf-Spiel!“ Weil der Bauer von den Rehen auf den Wiesen hinter dem Stall erzählt hat, gehen die Kinder um die Ecke – und siehe da – in einiger Entfernung stehen tatsächlich drei Rehe. „Die grasen“, meint Nele.

Anna macht ein kluges Gesicht. „Die Kühe grasen, aber die Rehe äsen.“

„Hört auf damit, ist doch ganz egal.“ Jannick runzelt die Stirn und die Rehe heben die Köpfe in Richtung der Kinder und laufen langsam in den Wald.

Die Kinder gehen den Hang hinunter zum See. Im Gras sitzt eine Amsel und fliegt weg, als sich die Kinder nähern. „Die Tauben bei uns in der Einkaufsstraße fliegen nie weg, sogar dann nicht, wenn ich in die Hände klatsche“, erzählt Nele.

Anna lacht: „Dann müssen die Tauben ja sehr mutig sein.“

„Irgendwann fliegen sie immer weg“, bemerkt Jannick und Anna fügt hinzu: „Man kann auch ohne Angst wegfliegen, wenn es langweilig wird zum Beispiel.“ Auf der Wiese glänzt zwischen zwei Brennnesseln Spinngewebe. Jannick wedelt mit den Händen darüber, eine große Kreuzspinne krabbelt an den Rand des Netzes und duckt sich auf ein Blatt. Ist sie jetzt mutig, weil sie hier sitzen bleibt?

„Vielleicht läuft sie aus Angst nicht weg“, meint Anna.

„Aber dann ist Angst ja das Gleiche wie Mut“, denkt Nele und fragt: „Ist Angst eigentlich schlecht und Mut gut?“

Jannick richtet sich auf: „Wenn ich ein Angsthase bin, ist das doch nicht gut!“

„Aber“, Anna hebt den Finger, „wenn die Hasen vor dem Fuchs nicht weghoppeln, werden sie gefressen. Also ist Angst nicht so schlecht.“

Als sie ans Ufer kommen, macht es Platsch und Platsch und Platsch. Drei Frösche hüpfen ins Wasser und schwimmen mit kräftigen Stößen auf den Grund unter der Wasseroberfläche. Dort bleiben sie unbeweglich sitzen. Eine blau schillernde Libelle steigt vom Steg auf, bleibt einen Augenblick mit einem knisternden Geräusch in der Luft stehen und fliegt ins Schilf. Die Kinder betreten den Steg und bemerken auf dem Wasser davor eine Bewegung. Eine Schwanenfamilie gleitet langsam vorüber, zwei große weiße Schwäne und zwischen ihnen drei kleine braune Schwanenkinder. Plötzlich dreht sich der eine große Schwan zur Seite und schwimmt genau auf den Steg zu. Gleichzeitig beginnt er sehr laut zu zischen. Anna und Lena laufen ganz schnell zurück zum Ufer, nur Jannick macht ein paar Schritte zurück, bleibt aber am Anfang des Steges stehen. Hier kann ihn der Schwan mit seinem langen Hals und dem zischenden Schnabel nicht erreichen.

Auf dem festen Land sagt Lena: „Ich habe noch nie so viel Angst gehabt, mir gefällt das Weglauf-Spiel nicht mehr. Warum ist der Schwan so böse, ich will ihm doch nichts tun, ich finde ihn sehr schön.“

Inzwischen ist auch Jannick zurückgekommen: „Ich hatte auch Angst, aber bin trotzdem nicht weggelaufen. Das ist Mut.“

Anna blinzelt mit einem Auge: „Das ist Angeberei. Du kannst doch ruhig weglaufen!“

*

Falschrum-Welt

Draußen Regen, Regen, Regen

graue Wolken ohne Ende

Anna ist nass ebendeswegen

dreht sie eine scharfe Wende

zurück nach Haus und in ihr Zimmer

da ist sie gerne, da spielt sie immer

und ihren Schritt gediegen lenkt

obwohl sie nicht ans Liegen denkt

direkt zum Bett, zum Hüpfen Schütteln

der Kissen und Wörter, zum Reimen und Rütteln

abwärts, aufwärts, seitwärts springt sie

vorwärts rückwärts singt und reimt sie

ihr Herz hüpft mit den Wörterketten

NETTE KETTEN, NETTE KETTEN

von hinten gehen auch NETTE BETTEN

und mit sich selbst, was tut sie da

sie spricht sich rückwärts, die Anna

ANNA TUT NUN, NUN TUT ANNA

*

Wolken-Tanka

Nur eine Wolke

Steht vor der Sonne. Der Wind

bläst sie nach links, dann

nach rechts. Oh, wie ich friere:

überall nur Gänsehaut.

*

Regenbogenrutsche

Es war nicht in der alten Zeit, als die Menschen arm und sehr oft hungrig waren. Als viele Kinder obdachlos und verwaist ihres Weges zogen. Dennoch war das kleine Mädchen traurig und unglücklich. Mutter hatte ihre Koffer gepackt und war ausgezogen. Vater würde ihr im Haus alles alleine überlassen und nie staubsaugen, sagte die Mutter. Vom Wäschewaschen und Rasenmähen war auch die Rede. Mutter, mit der sie so viele Bilderbücher gelesen hatte und von der sie so viele Märchen kannte, hatte die Koffer gepackt. Mutter, die so oft mit ihr gekuschelt hatte, war weg. Ohne ihr einen Kuss zu geben oder einen Ton zu sagen. Und Papa sagte gar nichts. Er tat auch nichts. Bis auf etwas Unsinniges: Er goss sich ein rotbraunes Getränk ins Glas und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Dabei hatte er schon vor zwei Jahren aufgehört zu rauchen.

Das kleine Mädchen hatte keine Lust auf eine böse Stiefmutter, die jetzt bestimmt bald einziehen würde. Es schnappte sein Bündel wie eine Müllersburschin und ging in den nächsten Park, der den Namen Stadtpark hatte. Ein leichter Wind kam auf, und aus dem wolkenverhangenen Himmel begann es zu regnen. Das Mädchen stellte sich in den Schutz einer mächtigen Eiche und fühlte sich elternlos und ausgesetzt, obwohl es ja von alleine in den Stadtpark gekommen war. Weil es sich aber so unglücklich fühlte, weinte es bitterlich auf seiner alten Parkbank, obwohl es in Wirklichkeit noch Eltern besaß und auch nicht obdachlos war.

Der anhaltende Wind wurde noch stärker und schob an einigen Stellen die Wolken beiseite, sodass die Sonnenstrahlen einen Teil der großen Parkwiese hell beleuchtete. Obwohl es über ihr noch regnete, kam die Sonne immer mehr hervor und es entstand ein Regenbogen, der von der einen Seite des Parks bis zu der anderen reichte. Das Mädchen betrachtete die stärker werdenden Farben und staunte: „So ein schöner Rogenbegen!“ Es merkte aber sogleich, dass das irgendwie falsch war, und dann fiel ihm ein, dass der Rogenbegen eigentlich Regenbogen heißt. Um seinen Fehler möglichst schnell wiedergutzumachen, rief es ganz laut noch einmal: „So ein schöner Regenbogen!“ Es wollte auch verhindern, dass der Regenbogen gleich wieder verschwand, man wusste ja nie. Und dann sah es sich in Ruhe die leuchtenden Farben an, das Rot und das Gelb! Und das Grün und das Blau! So schön! Das Mädchen überlegte, ob die Farbe unter dem Blau Violett oder Lila hieß. Es war da sehr unsicher. Hätte ihre Mutter ein Kleid in dieser Farbe gehabt, hätte sie es bestimmt gewusst.

An der höchsten Stelle des Regenbogens nahm sie irgendetwas Zappelndes wahr, so als ob eine Fliege im Spinnennetz gefangen wäre. Es wischte sich kurz die Augen, vielleicht waren da noch Tränen. Der kleine dunkle Punkt bewegte sich langsam auf dem Regenbogen nach unten. Dann sah es so aus, als würde der Regenbogen genau da, wo er gerade war, ein bisschen kräftiger, er hatte eine Verdickung, die wie ein Knoten aussah, der sich bewegte, vielleicht, weil er noch zugezogen wurde. Der Knoten wurde jedoch nicht kleiner, sondern immer größer und immer schneller. Die Knotenverdickung war ein Männlein, das wie auf einer Rutsche nach unten glitt und im letzten Augenblick schwungvoll aus dem Rutschstrahl absprang. Mit grünen Augen und noch bebendem roten Bart stand es vor dem kleinen Mädchen, machte ein besorgtes Gesicht und runzelte die Stirn.

„Wo drückt dich der Schuh, du schönes Kind?“, fragte das Männchen in den blaugelbgrünen Kleidern. Und das Mädchen erzählte ihm, dass seine Mutter es gerade zur Waise machen würde, zumindest zur Halbwaise. Da nahm das Männchen, das ein bisschen wie ein bunter Prinz aussah, das Mädchen an der Hand und ging mit ihm bis zum Ende der Stadtparkwiese, wo der Regenbogen den Boden berührte. Mit seinem Zeigefinger machte das Männlein einen raffiniert angedrehten Doppelschlag in den Regenbogen, dass die Funken sprühten. Und dann sprach es: „Gehe an den Rand des Stadtparks zur großen Bushaltestelle. Dort steht der blaue Koffer, auf dem deine Mutter sitzt. Du kannst beide abholen und nach Hause gehen. Wahrscheinlich will deine Mutter den Koffer nicht schon wieder alleine tragen.“

Das Mädchen tat genau das, und alles klappte wunderbar. Es war nicht zur Waise geworden, sondern lebte glücklich und zufrieden in seiner Familie. Der Vater hatte übrigens wieder mit dem Rauchen aufgehört.

Das Glücklich- und Zufrieden-Sein dauerte so lange, bis es von der Grundschule in eine weiterführende Schule kam. Denn es war nicht die alte Zeit, in der die Kinder noch nicht schulpflichtig waren und frisch in die Welt hinausziehen konnten, um dort Prinzen kennenzulernen oder anderweitig ihr Glück zu machen. Als sie die neue Klasse betrat, sah sie, dass sich dort niemand von ihren netten Mitschülerinnen aus der Grundschule befand. Stattdessen stand da eine Gruppe kichernder Mädchen, die sagten zu ihr, sie sei pummelig. Die Mädchen selbst waren so dünn, dass sie einzeln vielleicht gar nicht zu erkennen gewesen wären. Doch weil die Magermädchen nicht aufhörten zu kichern, taten sie ihm doch nicht mehr so leid, wie das kleine Mädchen sich selbst leidtat. Und als einige Jungen ihr „Guten Morgen“ wünschten, war es sich auch nicht sicher, wie diese das meinten.

Das kleine Mädchen hatte also Grund, unglücklich zu sein. Als ihr Unglück am größten war, fiel ihm das bunte Regenbogen-Männchen wieder ein, und es lief aus der Schule zum nächsten Park. Dort flogen nur ein paar Tauben im Himmel, der noch blau und leer war. Drei Tage musste es warten, bis endlich Wolken aufzogen und es zu regnen begann. Und weil es Sommer und die Sonne stark war, gab es wieder einen Regenbogen. Es drückte die Daumen ganz fest und sagte: „So ein schöner Regenbogen!“ Dabei dachte es ganz stark an das Regenbogenmännchen von früher. Und während es so dachte und wünschte und hoffte, nahm es eine Bewegung auf dem Regenbogen wahr, die größer und immer schneller wurde. Und schon sprang das Männlein mit dem roten Bart von seiner Regenbogenrutsche ab. Als es in seinem bunten Wams vor ihm stand, erzählte es ihm von der neuen Klasse mit den Stabheuschrecken und seinem großen Unglück. Das blaugelbgrüne Männlein mit dem violetten Hut furchte die Stirn, ließ den Daumen so schnell kreisen, dass er kaum mehr zu sehen war, hielt ihn in den Regenbogen und versprach im Funkenflug, ihm zu helfen.

In der zweiten Stunde am nächsten Morgen klopfte es an der Klassentür und der Schulleiter bat das Mädchen heraus. Er sah ein bisschen wie ein Köhler aus und sprach sehr freundlich. Er entschuldigte sich und erklärte, dass es durch einen Fehler im Sekretariat in die falsche Klassenliste gerutscht sei. Es hätte eigentlich von Anfang an mit seinen alten Grundschulfreundinnen in die Parallelklasse gehen sollen. Der Fehler war im Computer schon verbessert, und nun wollte der Direktor es noch in seine neue Klasse bringen. Als sie dort angeklopft hatten, sah das Mädchen, dass in der Klasse noch ein einziger Platz frei war – genau neben seiner besten Freundin aus der Grundschule.

Ohne sich sonderlich anzustrengen, wuchs das kleine Mädchen zu einem jungen Mädchen heran. Das klingt, als wäre sie jünger geworden, aber das Gegenteil war natürlich der Fall. Wie so manche Dinge um es herum, waren manchmal auch die Wörter wie verzaubert. Da es nicht nur zum jungen, sondern zum hübschen jungen Mädchen herangewachsen war, mit lustigen braunen Augen, langen blonden Rapunzel-Haaren und vielen Sommersprossen um die Nase, hatte es auch nur wenige Probleme, sondern war meist glücklich und zufrieden. Und wenn es doch einmal in Schwierigkeiten war, sah es einfach auf seine Fingernägel und schöpfte sofort wieder neuen Mut. Die Fingernägel nämlich hatte das junge hübsche Mädchen aus Dankbarkeit in den Regenbogenfarben lackiert. Und anders als viele andere Menschen war es immer guter Laune, wenn Regenwolken aufzogen.

*

regenbogen

regensonne bewegt sonnenregen

dunkwolkige wand beiseite

aufbaut und zitternd steht

ein rot ein gelb ein grün ein blau

am geschleiften himmel kalibriert

widersteht wind anders als wolken

boden buntbogen berührt fährt in die erde

ferne rückt näher im farbigen halbkreis

länger als sternschnuppen dennoch

halbwertzeit offen wir müssen uns widmen

lässt sich nicht speichern mit dem

handy fangen nun ja mit dem handy

an seinem anfang an seinem ende

wusste schon mickey mouse

da liegt ein schatz

*

Falsch gebeichtet

Die zugezogene Mitschülerin

schlechtes Gewissen, Grübchenkinn

auf dem Schulhof kleinlaut und wunderlich

mit schönen Haaren schämt sie sich

sie hat gebeichtet, gesteht sie inmitten

der anderen Mädchen, sie hätte gestritten

mit ihrer Schwester, das stimmt aber nicht

verliert sie endgültig ihr Gesicht?

Hinzu kommen Jungen, es wird gelacht

Ist doch nicht schlimm, war ausgedacht

ist es dir wirklich eine Qual

Fastnacht beginnt, das ist normal.

*

Lob der Beichte

Und einmal im Monat, das reichte

ging es im Beichtstuhl zur Beichte

qua Katechismus einstudiert

wurden die Sünden nummeriert

der Katalog war hinlänglich

erinnerlich und sachdienlich.

Punkt Sechs, der war in früheren Zeiten

– der Sex, die Unschamhaftigkeiten –

am schwierigsten zu präsentieren

und wohl dosiert zu balancieren

von Mal zu Mal zu variieren

niemand sprach gern vom Masturbieren.

Tuch vor dem Mund hinter dem Gitter

und sein Rasierwasser roch bitter

in unbeweglicher und starrer

Haltung im Beichtstuhl saß der Pfarrer

wenn wir vor ihm im Beichtstuhl knieten

erzählten, auch ins Stottern gerieten

oder ins Schwitzen bei den Witzen

zuerst kam irgendein Klein-Klein

der Schwerpunkt dann im nachhinein

war das Geständnis, gequält, gestählt:

„Ich habe schmutzige Witze erzählt!“

Im Beichtstuhl Schweigen, schauderhaft

der Frevel drückte uns nieder

als er Fassung und Worte wieder

gefunden hatte, der Pfarrer

das ist zu pauschal, so sprach er

welche denn, wollte er wissen

und die Witze, die wir gerissen

ob scharf, ob mittel, beschissen

die wurden nun wiedergegeben

anfänglich mit Widerstreben

doch zunehmend besser. Eben!

Beim Beichten die schmutzigen Witze

waren der Hit, an der Spitze

all unserer lässlichen Sünden

das waren Sünden, die zünden.

Wir sprachen uns ab und berieten

versuchten uns zu überbieten

in der Schule, im Fußballverein

kann auch im Schwimmbad gewesen sein

wir sammelten und erfanden

und wo wir uns gerade befanden

Witze wurden ausgebreitet

und die Beichte vorbereitet.

Die Beichte hat uns angesteckt

und die Erzählfreude geweckt.

Der Pfarrer hat fast nie gelacht

im Beichtstuhl dann den Job gemacht:

„Ego te absolvo a pecatis

tuis in nomine Patris

et Filii et Spiritus Sancti. Amen.“

Danach die Bußauflagen kamen

zehn „Vater unser“ hinterher

zu beten war denn nicht so schwer

auch „Gegrüßet seist Du, Maria“

trainierte gratia plena

hervorragend die Fertigkeit

verbaler Hochgeschwindigkeit.

*

Der Elefant ist interessant

Suchst du zum Elefant den Schlüssel

dann rat ich dir, such nach dem Rüssel

sehn im Gesicht wir eine Nase

steht da vielleicht ein Hund, ein Hase

doch ganz bestimmt kein Elefant

der wird am Rüssel nur erkannt.

Die Elefanten leben wo?

Meist in den Steppen, oft im Zoo

wo sie zwischen andern Dingen

gerne Schwanz und Rüssel schwingen.

Der Elefant hat keine Pranken

für die Bananen wird er danken

gibst du ihm aber Tannenzapfen

so wird er mit den Füßen stapfen.

Bekommt er Wasser aus der Schüssel

bläst er Fontänen mit dem Rüssel

wenn Wärter ihm die Ohren kneten

hören wir leise ihn trompeten

*

Liebe Mama, deine Anna

Liebe Mama,

eigentlich geht es mir sehr gut, das Wasser im Mittelmeer ist schön warm und das Brot hier schmeckt cool. Jeden Morgen esse ich ein ganzes Baguette. Nur gestern hatte ich ein weniger schönes Erlebnis. Wir waren mit unserer Pfadfinder-Gruppe ja neu in St. Maries angekommen und kannten den Campingplatz noch nicht richtig. Ich musste dringend aufs Klo, aber habe es nicht richtig gefunden. Das mit den Waschräumen und Duschen war klar, aber wo waren die Klos? Nur so eine Art Bodenwaschbecken gab es, mit einem nicht allzu großen Loch in der Mitte. Ich habe eine Frau nach den Toiletten gefragt, das ist ja ein französisches Wort, und sie hat gelacht und auf diese Bodenwannen gezeigt. In der Mitte haben die solche Erhebungen, zwei waagerechte Flächen für die Füße. Auf die habe ich mich mit den Flipflops gestellt. Und habe mein Geschäft verrichtet. Wahrscheinlich hätte ich mehr in die Hocke gehen sollen. Jedenfalls ist es über die Füße gegangen – und ich habe einen Schrecken bekommen, weil es plötzlich so warm war. Nicht nur warm, auch feucht. Und ich hatte Angst, wegzurutschen.

Deshalb habe ich mit einer schnellen Bewegung nach Halt gesucht und den Griff zu fassen bekommen. Den Griff an der Kette des riesigen Wasserkastens irgendwo unter der Decke. Und dann kam das Wasser angerauscht, wie bei einem Wasserfall. Plötzlich wirbelten die Wassermassen um meine Füße und über das Bikiniteil zwischen meinen Schienbeinen. Ich habe mich so erschreckt, dass ich wirklich ausgerutscht bin und mit dem linken Fuß – er tut immer noch weh – in das Loch geglitscht. Da steckte ich dann fest und konnte mein Bein nicht mehr herausziehen – und die Wassermassen konnten nicht richtig abfließen. Einen Moment hatte ich Panik, zu ertrinken, weil ich inzwischen auf dem Beckenboden saß oder hockte und das Wasser bis über die Hüfte sprudelte. So laut ich konnte, habe ich um Hilfe geschrien.

Jean-Pierre, der Mann vom Campingplatz, hat mich nicht verstanden, aber er konnte ja sehen, was los war. Unter den Armen hat er mich abgestützt und mein Bein aus dem Loch vorsichtig herausgedreht und gehoben. Jetzt weiß ich auch, dass es ein normales südfranzösisches Klo ist.

Als wir nach dem Abendessen am Lagerfeuer saßen, hat mein lieber Bruder die Gitarre genommen und das Scheiße-Lied gespielt. Du weißt, das mit den Strophen wie Scheiße in der Lampenschale gibt gedämpftes Licht im Saale und so weiter – du magst es nicht und hast ihm zu Hause verboten, es zu singen. Und jetzt hat er es in der großen St. Georgs-Lagerfeuerrunde vorgetragen – und sogar noch eine neue Strophe dazugedichtet. Auf mein Missgeschick. Die ist so dumm, dumm, dumm, dass ich sie hier nicht schreiben will. Sag ihm bitte nicht, dass du das alles von mir hast. Dann nennt er mich wieder Petze.

Ansonsten ist es hier sehr warm und wir baden immer im Mittelmeer. Ich bin schon eine richtige Wasserratte.

Liebe Mama, viele Grüße, deine Anna

*

Frischwärts

Zwanzigpunktzwanzig

Immer spielt der Peter

online.

Oma schickt ihn

in die Garage.

Frische Luft,

sagt sie.

Sie denkt:

Vielleicht wird es

ein Weltkonzern.

*

Wie ich Herrn Müller ausgetrickst habe

So übel ist mein neuer Klassenlehrer nicht. Wir haben ihn in Deutsch und Sport. Er kann super Fußballspielen und beim Turnen hat er uns ein Flickflack vorgemacht. In Deutsch hat er eine Leseliste ausgeteilt. Wenn man ein Buch von der Liste gelesen hat, lässt du dich abfragen und bekommst dafür Punkte, für die dickeren und langweiligeren Bücher gibt es mehr als für die dünnen und spannenden. Für einen Band Harry Potter will er nur fünf Punkte geben, weil das angeblich sowieso jeder kennt. Die Punkte werden aufgeschrieben und am Ende des Halbjahres kannst du deine mündliche Deutschnote um eine ganze Stufe verbessern, aus einer Drei wird eine Zwei usw.. Bei der Gesamtnote zählt bei uns das Mündliche mehr als das Schriftliche. Ich will gute Noten haben, weil ich später ein weltberühmter Architekt werde. Mit einigen Jungen aus meiner Klasse, die im selben Fußballverein spielen, hatte ich mich verabredet, dasselbe Buch zu wählen: Jugend ohne Gott, von Horvath. Jeder liest nur ein Kapitel, beim Training erzählen wir uns dann schnell die anderen in der Umkleide, sodass jeder einen Überblick hat. Herr Müller fragt meist mehrere Schüler zugleich in den Pausen ab. Anselm hatte dann im Internet noch eine Zusammenfassung gefunden und für uns ausgedruckt.

Und dann ging es los, direkt nach der normalen Deutschstunde zu Beginn der großen Pause. Ole erzählte den Anfang des Buches, wie der Lehrer neu in die Klasse kommt usw.. Herr Müller unterbrach ihn mit der Frage: „Wann taucht der gefährliche große Hund auf?“

Ole stockte, runzelte die Stirn und sagte: „Als der Lehrer von der Schule nach Hause gegangen ist.“

Und dann: „Welche Rolle spielt der Hund, Anselm?“

Anselm sagte: „Na ja, der hat den Lehrer angefallen.“

Mit diesen Antworten waren die beiden draußen. „Ihr habt das Buch nicht gelesen, ihr könnt gehen“, so Müller.

Felix erzählte als Nächster von dem Diebstahl und dem Mord, aber Herr Müller kam wieder mit einer Zwischenfrage: „Was ist mit dem Mann im Mond?“ Felix dachte, das wäre eine Fangfrage, dachte ich übrigens auch, und sagte: „Der kommt nicht vor.“

Dann konnte auch Felix gehen, es war doch keine Fangfrage. Ich blieb übrig und erzählte das Ende des Romans, wie der Lehrer nach Afrika fährt. Herr Müller fragte mich, welche Bedeutung die Prinzessin aus dem Hochadel hat. Keine Ahnung, aber ich bin ein guter Spieler, ich sagte: „Sie kommt nicht vor.“

„Richtig“, meinte Müller, „aber du kannst bestimmt etwas zu dem Erdbeben sagen.“ Ich hatte wieder keine Ahnung, ich bluffte: „In dem ganzen Roman ist die Erde ruhig.“

„Stimmt“, sagte Herr Müller, „du scheinst das Buch gelesen zu haben, volle Punktzahl.“

Tricksen und Täuschen zahlt sich aus! Allerdings werde ich noch mal nachlesen, wie das mit dem Mann im Mond ist, ob es den gibt, bin da halt neugierig geworden.

*

Die Ziege, der Wolf und die sieben Geißlein

Ein Märchen von der Liebe

Es war einmal ein neugieriger Wolf, den trieb es auf die alte Route, die von Polen bis nach Frankreich führt. Er folgte der Fährte bis ins Mecklenburgische, da wurde er von einem schrecklichen Unwetter überrascht. Die Bäume bogen sich im Orkan, die morschen Äste brachen und fielen krachend und splitternd zu Boden. Blitze schlugen in das Wasser des nahen Sees und schreckten Reiher und Enten auf, und in der Luft lag der Geruch von Schwefel. Der Sturm heulte so laut, dass er nicht von dem andauernden Donnern zu unterscheiden war. Der Regen fiel so dicht, dass sich die Erde unter den Pfoten verflüssigte und der alte Wolfspfad sich in einen Bach verwandelte. Kurzum, es war kein Reisewetter.

Also beschloss der neugierige Wolf, seine Wanderung zu unterbrechen und unter einer alten Eiche Schutz zu suchen, denn er teilte nicht den Aberglauben der Menschen und kannte deshalb auch nicht das Sprichwort von den Eichen, vor denen zu weichen wäre. Als er seinen Körper gegen den mächtigen Eichenstamm drückte, bemerkte er Bewegungen hinter und über sich. Er war nicht der Einzige, der hier Zuflucht gesucht hatte. In strömendem Regen kletterte eine Katze an der Eichenrinde nach oben und entschwand im dichten Laubwerk. Die Bewegung hinter ihm hatte eine junge Ziege verursacht, die jetzt allerdings keinen Mucks mehr von sich gab, sondern in Schreckstarre verharrte. Die Ziege hatte zwei schöne braune Flecken in ihrem Fell und sie roch trotz des Regens köstlich nach Klee und Gras. Er stupste sie mit seiner warmen feuchten Nase, über deren magische Kraft er im Lauf der Zeit ein schwaches Bewusstsein entwickelt hatte. Damit dieser wunderbare Nasenzauber auch recht zur Geltung gelangte, bemühte er sich, seine schönen weißen Zähne nicht blinken zu lassen, er hatte da so seine Erfahrungen. Und tatsächlich tat der Nasenzauber seine Wirkung. Die Ziege rührte sich wieder und sprach mit zitternden Flanken: „Friss mich nicht!“

Der Wolf, der vor Kurzem einen Hasen verspeist hatte, war nicht hungrig, sondern zunehmend von einer anderen Neigung beseelt, die als einzige in der Lage ist, die sonst undurchdringlichen Grenzen zwischen den Tierarten dahinschwinden zu lassen, genauso wie sie als einzige Kraft bei den Menschen die Barrieren zwischen den Kulturen durchlässig macht.

„Hallo Ziege“, flüsterte der Wolf zärtlich.

Doch die Ziege mochte dem Frieden nicht recht trauen. Immerhin hatte sie ihre Sprache wiedergefunden: „Wie sollen wir uns vertragen, dir knurrt doch gleich der Magen.“

Doch dem verzückten Wolf stand der Sinn nicht nach Fressen, die Kraft der Liebe zügelte seinen Appetit vollkommen, und als er ihre Ohren sanft leckte, verschwendete er keinerlei Gedanken daran, wie diese wohl schmecken würden. Er spürte ihr weiches samtiges Fell mit den Lippen und nahm es leicht zwischen die Zähne. Und da schlug auch bei der Ziege die Liebe ein wie ein Blitz, sie erdrückte fast den Wolf und hätte ihn vor Liebe fressen können. So warteten die beiden ab, bis das Gewitter hinweggezogen war, und wärmten sich gegenseitig.

Als es aufgehört hatte zu regnen und der Wind sich gelegt hatte, sprach die Ziege: „Gegen die Liebe ist kein Kraut gewachsen.“

Und der Wolf erwiderte mit wohltönender Stimme: „Der Liebe kann niemand entgehen.“ Und so gingen sie gemeinsam in das modern ausgestattete Walmdachhaus, in dem die alleinerziehende Geiß mit ihren sieben Kindern wohnte. Die Geißlein waren ganz aus dem Häuschen, dass ihre Mutter wieder einen Freund hatte, und sie schlugen Kapriolen und machten die wagemutigsten Bocksprünge.

So lebten sie glücklich für sieben Tage, zuerst von Luft und Liebe, dann sammelte der Wolf Gras und Löwenzahnblätter und hin und wieder ein paar Mäuschen, mit denen die Geißlein aber wenig anzufangen wussten. Der Wolf lernte schnell und er fand Gefallen am modernen Ziegenleben, er lernte mit dem Herd hantieren und die Musikanlage bedienen, selbst der Rechner blieb ihm nicht fremd. Allerdings sang der Wolf am dritten Tag unter der Dusche: „Die Liebe, die soll blühn, ich mag aber kein Grün!“

Die Ziege, die den Gesang zufällig gehört hatte, drehte ihm sofort das warme Wasser ab und war empört. „Wenn du mich liebst“, meckerte sie, „musst du dein Leben ändern.“ Und sie erhob reimend ihre Stimme: „Liebe geht auch durch den Magen, sonst wird sie nicht lange tragen.“

Und die kleinen Zicklein rappten den Refrain.

Das Wohlleben hatte den Wolf bequem und unaufmerksam gemacht, und er merkte gar nicht, dass ihm Familie Ziege ein Ultimatum gestellt hatte. Als der Wolf den dritten Tag nacheinander weder sein Zimmer aufgeräumt noch frisches Grünzeug organisiert hatte, warf die Ziege ihn kurzerhand hinaus. Der Wolf trollte sich und fraß versehentlich einen Dackel, der ihm in der Nähe eines Parkplatzes in die Quere kam. Er war todunglücklich und zog nicht weiter auf der alten Wolfsfährte nach Westen, sondern blieb in der Nähe des Hauses.

Eines Tages beobachtete der Wolf, wie es seine Art war, das Haus der geliebten Geiß. Er sah, dass sie die Tür hinter sich verschloss und verriegelte und ausging, wohl um Futter zu holen. Sie hatte also die Kinder alleine zurückgelassen. Und einige Zeit später bemerkte der Wolf Rauch über dem Dach des Hauses, der nicht aus dem Schornstein stammte. Obwohl das Haus sehr neu war, hatte es ein altes Reetdach und der Wolf wusste gut, wie lichterloh diese Dächer brennen können. Mit Feuer kannte sich der Wolf überhaupt gut aus, denn die Jäger hatten oftmals versucht, ihn mit Feuer aus Dickichten zu vertreiben, in denen er sich versteckt hatte oder ihn aus seinen Höhlen auszuräuchern.

Der Wolf dachte kurz und tief nach, und mit zu Schießscharten verengten Augen und mahlenden Kiefern presste er hervor: „Ich muss sie täuschen, wenn ich sie retten will. Denn ihre Mutter hat sicher nicht viel Gutes über mich erzählt.“

Er nahm seinen Rucksack, den er seit dem Aufenthalt im Hause Ziege besaß, und eilte zum Eingang des gefährdeten Hauses. Er drückte auf den Klingelknopf und hoffte, dass ihm nun kein Fehler unterliefe. Als eine Kennziffer verlangt wurde, tippte er das Geburtsdatum der Ziege ein, denn er wusste: Sie war eitel. Es klappte auf Anhieb. Als er von der scheppernden Stimme aufgefordert wurde, eine Erkennungsmelodie zu singen, dachte er nach, was Ziege meist gesungen hatte, im Bett, in der Badewanne, in der Küche. Ihm fiel ein Rocksong ein, er holte seinen I-Pod aus dem Rucksack und spielte den Originalsong in die Sprechanlage, den die geliebte Ziege immer gesummt hatte. Es funktionierte ebenfalls.

Als er aufgefordert wurde, seine Pfote auf den Scanner zu legen, wurde er ein wenig unsicher. Sein eigenes Fell war zu struppig, aber auch das der Ziege war an den Füßen nicht sehr schön. Ihm fiel wieder ihre Eitelkeit ein: Bestimmt hatte sie das feinere Fell eines anderen Tieres oder ein schönes Tuch zur Erkennung eingegeben. Auf gut Glück legte er ein Mäusefell auf die Photozelle, und die Tür sprang auf. Im Nu war er bei den sieben Geißlein, die im Zickzack durch das Treppenhaus liefen und sich in den Zimmern versteckten. Er musste sie nach draußen bringen, damit sie nicht verbrannten, und zwar alle auf einmal. Denn wenn er ein Zicklein nach dem anderen aus dem Haus brächte, würden ihn die restlichen Geißlein aussperren, denn sie waren muntere Gesellen. Sie würden die Schlossanlage verändern oder sich verbarrikadieren, sodass er nicht mehr hereinkäme.

Und da kam die Eingebung. Er hatte von Tieren gehört, die ihre Jungen zum Schutz in den Mund nahmen und sie wieder freiließen, wenn die Gefahr vorbei war. Sein Mund war so groß nicht, er musste sie vorsichtig herunterschlucken und anschließend wieder hochwürgen, als wäre er ein Wiederkäuer. Eine Zeit lang würden sie in seinem Bauch überleben können, dafür gab es Beispiele.

Gesagt, getan.

Er stöberte die Geißlein in ihren Verstecken auf und verschluckte sie, eins nach dem anderen, bis er das Gefühl hatte, er würde gleich platzen. Mit schweren Schritten torkelte er aus dem Haus und legte sich schwer atmend unter den nächsten Busch in einiger Entfernung von dem Ziegenhaus. Vor Anstrengung und Müdigkeit schwanden ihm die Sinne und bald schnarchte er in einem tiefen ohnmächtigen Schlaf.

Er hatte einen schweren Traum, in dem die Mutter Geiß zurückkam. Sie ging ins Haus und holte etwas, aber sie herzte und streichelte ihn nicht, sondern schnitt ihm mit einem Skalpell den Bauch auf, um alle ihre Kinder schnell wieder an die frische Luft zu holen. Und dann hantierte sie in seinem Bauch herum, ohne dass er sehen konnte, was sie da eigentlich machte. Und er wurde im Traum immer schwerer, und er hatte einen großen, großen Durst. Mühsam richtete er sich auf und bewegte sich zum nächsten Brunnen, um seinen Durst zu löschen. Als er sich aber über den Brunnenrand beugte, verlor er plötzlich das Gleichgewicht und eine mächtige Kraft zog ihn nach unten und er fiel und fiel, und während seines Falles hörte er von weit oben über sich Gesang und Geschrei, und es klang, als würde da gerufen: „Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!“

Als der Wolf immer tiefer in seinen Albtraum fiel, kam ein kräftiger Regen auf, der das Feuer im Reetdach löschte. Als die Ziege nach Hause kam, hörte sie von dem Zicklein, das der Wolf vergessen hatte, die Geschichte. Und sie machte sich ihren eigenen Reim darauf. Sie ging zum Brunnen, zum Wolf, der im Schlaf stöhnte, schüttelte ihn sanft an den Schultern. Als er die Augen aufschlug, sagte sie zärtlich: „Wolf! Lieber Wolf! Ich werde dich nie wieder hinauswerfen! Und sie streichelte über seinen Bauch.“

*

Blondmarie

Oder wie der Hans zum Großbauern wird

Eine schlechte Ernte steht ins Haus! Das muss man sich mal vorstellen. Sie steht ins Haus, sie ist noch gar nicht da. Bestens noch leben alle von der letzten Ernte, die Scheunen und Ställe und Vorratskammern sind voll. Hans schüttelt den Kopf und bestellt ein Bier. Die Sonne scheint und es riecht nach Frühling. Ihn will kein scheuendes Pferd abwerfen und er muss keiner spritzenden Kuh an das Euter. „Und was sollen wir im nächsten Jahr essen?“, fragt ihn der Jungbauer mit dem grünen Hut.

„Das wird sich schon finden“, sagt Hans und lacht.

„Sind wir dir egal?“, fragt der Jungbauer und runzelt die Stirn. „Wenn wir nichts zu essen haben, wirst du auch hungern.“

„Mal sehn“, sagt Hans. Über seine Hand buckelt eine Raupe.

Im Dorf seiner Mutter ist gerade Jahrmarkt. Deshalb ist er gar nicht erst nach Hause gegangen, Mutter läuft nicht weg. Er sitzt vor dem Tanzboden unter der Linde und redet ein bisschen mit den Jungs, die die Mundwinkel hängen lassen. Und die Schultern. Wegen der schlechten Ernte. Alle Mühe umsonst. Es reicht gerade noch zum Trinken. Zum Tanzen nicht mehr, aber das macht nichts, denn Hans ist immer zu einem Tänzchen aufgelegt. Und die Mädchen sind besser gelaunt und so tanzfreudig, dass sie sogar ohne Jungen tanzen.

Der Reiter mit dem gelben Hut bindet sein Pferd fest, tritt an die Theke unter der Linde, sieht zu den Tanzenden. Und dann staunt er: Da tanzt doch tatsächlich der Hans, dessen Pferd er eingetauscht hat. Tanzt der Hans da mit der Blondmarie? Wie macht er denn das! „Mit mir tanzt sie nicht, und ich habe zwanzig Morgen Land im Rücken.“

Die Glatze mit dem Ohrring lacht. Die Blondmarie wird die riesigen Felder im Westen des Dorfes erben. Die sieht nicht auf das Land, die sieht nur ins Gesicht, und du hast da eine Zahnlücke. Und der Hans ist hell und strahlt, als würde die ganze Zeit die Sonne scheinen.

Hans dreht sich rechts herum und flüstert der Marie ins Ohr: „Ich kann aber nicht reiten.“

„Bei mir wirst du das schon lernen“, lacht die Marie.

Hans dreht sich links herum und sagt ihr in das andere Ohr: „Ich kann aber nicht melken.“

Marie dreht sich, dass die Zöpfe fliegen, und ruft: „Dafür habe ich doch meine Knechte!“ Und sie walzen zusammen, dass das Zusehen eine Freude ist.

„Wer hätte das gedacht“, sagt der Scherenschleifer, und setzt sein Schnapsglas ab, „die Goldmarie. Jetzt macht der Hans sein Glück, ohne dass er ein Schleifer geworden ist. Wie macht er das nur?“

Der Pfarrer tritt unter die Linde und bestellt einen Weißwein. Nach dem ersten Schluck legt er dem Schleifer die Hand auf die Schulter: „Immer gewinnt die Liebe, mein Sohn, amor omnia vincit.“

„Mein Hänschen“, ruft die Mutter, als er ihr am Abend seine Braut vorstellt.

*

Sie sitzt auf

Ein Feenmärchen

Wie splitterndes Holz war die erste schöne Sommerwoche in die Brüche gegangen. Am Morgen war er zu einem Termin im Personalbüro eingeladen. Carlotta, die vor Kurzem an einer ganzen Mannschaft verdienter Mitarbeiter vorbei zur Personalchefin befördert worden war, blitzte ihn spitzbübisch an. Ob er sich in der letzten Zeit Gedanken über seine berufliche Zukunft gemacht habe, wollte sie wissen, während sie Latte Macchiato orderte. Vielleicht lächelte sie, vielleicht war dies ihre Mundform, jedenfalls hatte er das angenehme Gefühl, im selben Boot zu sitzen. Seit Längerem hoffte er, in die Abteilung versetzt zu werden, die die Gourmet-Zeitschriften betreute. Für den Sterne-Koch und die Essen und Feiern hatte er schon häufiger mit viel Vergnügen fotografiert und getextet. Immerhin hatte er vor ein paar Jahren im Interconti eine Lehre als Koch abgeschlossen. Er liebte gutes Essen.

Nachdem die Sekretärin den Kaffee gebracht hatte, ließ Carlotta ihre silbernen Ohrringe leise klirren und setzte das Gespräch fort, indem sie sich über die Entwicklung des Internets und den Rückgang der Print-Medien ausließ. Er hörte ihrer warmen Stimme gerne zu, auch wenn ihre Ausführungen erst einmal nicht viel Neues enthielten. Säße er jetzt dem Chef direkt gegenüber, wäre es weniger behaglich, es gäbe keinen Small-Talk, sondern Excel-Tabellen und Statistiken. Beim Chef war der Glamour-Faktor kaum vorhanden, er betonte, dass er rechnen könne.

Die Internet-Werbung, unterstrich Carlotta mit freundlichen Armbewegungen, würde weiterentwickelt und die Etats für die Print-Medien halbiert. „Und hier, lieber John“, – in der Firma war es hierarchieübergreifend üblich, sich zu duzen – „ kommst du ins Spiel.“ Anders als er hatte sie sich durchaus über seine berufliche Zukunft Gedanken gemacht, mit dem Ergebnis – „da wollen wir nichts beschönigen oder verklären“ – ihn zu kündigen. Erst einmal. Mit einem kleinen Scherz hatte sie versucht, ihn über den Moment seiner Sprachlosigkeit zu bringen und hinzugefügt, „als Freelancer würden wir deine Dienste aber gerne weiter in Anspruch nehmen.“ Da sein anarchischer Geist in solchen Situationen zu Entgleisungen und Geschmacklosigkeiten neigte, hatte er sich zur Ruhe gezwungen und schafsgeduldig zurückgelächelt.

Es gibt Tage im Leben, an denen so viel schiefläuft, dass sie einen surrealen Charakter annehmen. Nach seinem ersten Scheitern am Vormittag folgte sein zweites am Abend, beim Italiener. Zum Dessert trieb ihm seine Freundin einen Eiszapfen durchs Herz. Sie erklärte ihre Beziehung für beendet. Er wäre mit dem Job verheiratet usw.. Er fühlte sich wie im Auge eines Orkans – und verzichtete auf den Grappa. Er benötigte jetzt eine wirklich rauschhafte Auszeit, fand er.

Am nächsten Morgen nahm er sich frei und die BMW aus der Garage. Auf der Autobahn Richtung Berlin fuhr er, nun ja, zügig. Obwohl er die Maschine auf 200 Kilometer beschleunigte, sah er überall Carlottas blonde Locken oder die Züge seiner trennungsfreudigen Freundin in den tieffliegenden Wolken und wogenden Feldern und später noch im Nebel, der sanft aus dem Schweriner See aufstieg. Und dann stand sie irgendwo hinter Schwerin an der langen Straße, die mitten durch den See führt, neben einer großen Birke; hell gekleidet, mit rosafarbener Bluse und hellblauen Hot Pants, ihr Schal und die Sandaletten waren weiß. Fast hätte er sie übersehen, doch dann bremste er, ohne zu zögern, und hatte schon genickt, ehe sie ihre Frage überhaupt formulierte. Ein pudriger Geruch lag in der Luft, er sah ihre seidig schimmernden Beine, als sie auf den Sozius aufstieg. Ja, er könne sie nach Hause fahren zu einem See, dessen Namen er noch nie gehört hatte.

Unter dem hochgeklappten Visier rief er über die Schulter nach hinten: „In Ordnung, Nadja, ich heiße John. Und was machst du beruflich?“

„Fee“, rief sie mit klarer und wohlklingender Stimme zurück.

„Natürlich“, lachte er und schrie gegen den Fahrtwind: „Ich liebe Feen!“ Dann gab er Gas und schaltete hoch. Sie presste sich mit aller Kraft an seinen Rücken und rief etwas Unverständliches. Ihre Hände spürte er auf Bauch und Rippen, zwischen den Schulterblättern ihr Gesicht oder ihre Wangen. Und als er vor der Kurvenstrecke in Richtung Güstrow herunterbremste, drückten ihre Brüste sanft auf seinen Rücken. Seine Vorstellung einer Fee war bisher durch die feingliedrig geflügelten Feen-Skulpturen des Wieland-Denkmals am Entenmarkt bestimmt, wo er einmal gearbeitet hatte. Ihr Gesicht? Hatte er eigentlich noch gar nicht richtig gesehen. Ihren Mund schon, allerdings zu kurz, um ihn beschreiben zu können, aber schon zu lang, um ihm nicht zu verfallen. Von diesen verlockenden Lippen konnte nur Gutes kommen.

Rechts und links der Landstraße leuchteten jetzt riesige Rapsfelder gelb in der durchbrechenden Sonne, am Himmel waren Greifvögel und Störche. Er spürte, wie sich die schwarze Blase irgendwo in seinem Inneren auflöste, die Wut auf Carlotta und seine Trennungsfreundin war wie weggeblasen. Die Fee auf dem Sozius hatte so einiges bei ihm durcheinandergebracht, seine Gedanken, seine Gefühle. Obwohl er sie durch den Motorenlärm nicht verstehen konnte, dirigierte sie ihn klar und deutlich zu ihrem Ort. Über Körperberührungen, Gedankenübertragung?

Er hatte das Gefühl, durch die Lederhose hindurch ihre Hüften zu spüren, die seltsam hager wirkten. Ihm fiel ein, dass er ihr Gesicht noch nicht wirklich gesehen hatte. Jedenfalls bogen sie in einen Feldweg ab, der durch weite Getreide- und weitere Rapsfelder führte. Der Rapsgeruch wurde zunehmend durch den des überall blühenden Holunders überlagert, er spürte die Sonne auf dem Kinn, links blitzte der See, der sich hinter Hügeln verlor. Sie fuhren gemächlich durch eine Häuseransammlung, die auf einem Ortsschild angekündigt worden war. Ihre Stimme war wieder zu verstehen, doch sie klang krächzend, der Kopfsteinweg war so uneben, dass er sogar mit seiner BMW langsamer fahren musste. Hohe und labyrinthische Hecken verstellten den Blick auf die wenigen Häuser, an einer Stelle blickte ein Bullenkopf hindurch, gegenüber auf der anderen Seite des Weges ging der Blick auf Weiden, die sich hügelabwärts zum See erstreckten. Auf ihnen standen schwere schwarze Pferde.

Vor einem roten Backsteinhäuschen winkte hinter einer niedrigeren Ligusterhecke gleich an der Straße eine alte Frau mit einer Sichel in der Hand. Offensichtlich kannte sie seine schöne Beifahrerin, er fuhr noch langsamer und glaubte, seine Fee lachen zu hören, sehr heiser, doch das musste die alte Frau im Garten gewesen sein. Er öffnete das Visier, im Schritttempo rollten sie langsam bergab, der Motor tuckerte, vorbei an einigen kleinen Bungalows direkt am See, die wohl als Ferienhäuser dienten und augenblicklich nicht bewohnt waren. Der Weg führte über eine Rasenfläche durch einige Weidenhecken und Knicks hindurch auf einen schmalen Damm, der sich in eine dichte Schilflandschaft zu weiten schien. Wo hier das Land endete und das Wasser begann, war nicht zu erkennen. Zwei Weiden waren zu einer Pergola zusammengebunden, an ihr hing eine Girlande aus getrocknete Blumen und Kräutern. Vor einer weiteren Weide stand so etwas wie ein Kaninchenstall, eine eigenartige Holzkonstruktion. Hinter ihm lachte es krächzend. Er hielt an und blickte über die Schulter: auf eine überdimensionierte Sonnenbrille, die in einem uralten Gesicht saß. Die Stirn war verrunzelt, die Wangen eingefallen, die schmalen Lippen unter der knöchernen Nase farblos. Die Gestalt der schönen Beifahrerin war wie geschrumpft. Als wäre sie ein kleines Kind, reichte der Kopf nicht bis zu seinen Schultern. Ihn schwindelte. Mit letzter Kraft stellte er das Motorrad ab und sank daneben zu Boden. Er verlor das Bewusstsein.

Als er aufwachte, hatte er einen aromatischen Duft in der Nase. Eine Teetasse wurde an seine Lippen gedrückt, er nahm vorsichtig einen Schluck und öffnete die Augen. Neben ihm saß die alte Frau, die noch immer ihre Augen hinter einer Sonnenbrille unter Verschluss hielt.

„Ich verstehe deinen Schrecken“, flüsterte sie, „leider habe ich nicht genügend Kraft, um meine wahre Gestalt während des ganzen Tages aufrecht zu erhalten. Wie bei einem Handy, dessen Akku leer ist, setzt nach einigen Stunden die Wandlung zur alten Frau ein. Um neue Energien zu sammeln, brauche ich anschließend eine ganze Nacht. Ja, ich verstehe deinen fragenden Blick, doch ich bin eine echte Fee, aber auf mir liegt ein Bann. Ja, das ist eine lange Geschichte.“ Sie reichte ihm erneut die Tasse, die er austrank.

Sein Kreislauf belebte sich, die Alte hob an: „Es ereignete sich vor langer Zeit auf einem Mondscheinfest hier am See. Nicht nur die freundlichen Feen waren geladen. Und so erschien auch Fanferlüsch. Sie hielt einen Kröterich an der Leine, den sie zur allseitigen Belustigung über ein Stöckchen springen ließ und der auf Kommando ein wenig quakte. Um sich mit einigen Elfen plantschend am Ufer zu vergnügen, ließ ihn Fanferlüsch zurück. Meine Zwillingsschwester Melusine und ich kümmerten uns um den Kröterich und wandten beim Spielen verschiedene leichtere Zauber auf ihn an. Und wie der Zufall es wollte, zeigten diese überraschend Wirkung. Das ist so ähnlich, als stießest du beim Computerspielen plötzlich auf ein Kennwort und könntest dich einloggen. Zuerst nahmen wir die Schwachstellen an seinem Kopf unter Zauber, im Weiteren bezauberten wir ein bisschen seinen Unterkörper, und siehe da, der Kröterich wandelte sich zu einem jungen Mann, der hübsch anzuschauen war, wenn er auch etwas einfältig daherredete. Wir spielten Fangen und bespritzten ihn mit Wasser. Alles war ganz harmlos wie auf einer Pyjama-Party. Melusine ließ sich von ihm gerade ihren Rücken massieren, als Fanferlüsch zurückkehrte – und überreagierte. „Warum lasst ihr nicht die Finger von meinem Frosch!“ Uns ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. „Ich will euer doppelzüngiges Gerede nicht hören“, schrie sie, „ich werde euch in einen Zustand bringen, der euer Privileg der Unsterblichkeit in sein Gegenteil verkehren wird, und dich, Melusine, werde ich mit einem besonderen Bann belegen.“ Und dann wurde es finster, schreckliche Wirbelwinde peitschten das Wasser, und als das Unwetter vorüber war, fanden wir uns als missgestaltete Greisinnen wieder. Meine Schwester war noch mehr geschrumpft als ich, auf ihr lastet der Fluch der Verzwergung. Darüber hinaus hatten wir fast alle Zauberkompetenzen verloren, sogar die einfachsten Hauszauber-Formeln funktionierten nicht mehr. Und nachdem Fanferlüsch so ausgerastet war und uns dergestalt sah, beruhigte sie sich ein wenig und sie wollte wissen, was wir mit ihrem Frosch genau gemacht hätten. Wir berichteten aufrichtig von unseren Spielen am Ufer, und da wurde sie ganz still und sagte, sie habe wohl vorschnell gehandelt und jetzt Mitleid mit uns. Es sei aber nicht mehr in ihrer Gewalt, den Bann insgesamt rückgängig zu machen, sie könne ihn nur abmildern. Und dann sprach sie wörtlich: „Sobald ihr einen jungen Mann unter dreißig Jahren gefunden habt, der euch liebt, sollt ihr zurück in eure ursprüngliche Gestalt verwandelt werden. Seitdem haben wir Fanferlüsch nicht mehr aus der Nähe gesehen. Sie hat wohl ein schlechtes Gewissen – zurecht. Mit unseren verbliebenen Kräften und Fähigkeiten vermögen wir den Bann nicht aufzuheben. Und die paar Stunden, die ich täglich meine wahre Gestalt annehmen kann, waren zu wenig, um einen wirklichen Retter zu finden.“

Sie schwieg, und er ergriff ihre Hand. Nach einer Pause fragte er: „Weshalb denn wirklicher Retter?“ Sie hatte, hörte er dann, schon einmal einen Verehrer, einen Angler, der sie wohl aufrichtig liebte, aber ohne jedes Ergebnis. Daraufhin stellte sich heraus – sie blieb hier etwas allgemein – dass der Angler bei seinem Alter gemogelt hatte, denn er war schon 32. John griff nach ihrer Hand. Er merkte, dass er immer noch seine Bikerhandschuhe trug und zog sie aus. „Und wo ist deine Schwester?“ Er folgte ihrem Blick in Richtung des Kaninchenstalls.

„Melusine lebt in der Kiste.“ Die alte Frau hielt seine Hand und drückte sie leicht. Ansonsten geschah nichts. „Du musst mich lieben“, hauchte sie. John fühlte ihre raue und schrumpelige Haut und blickte auf ihre weißen dünnen Haare. So konnte das nichts werden! Hier musste die Fantasie über die schlechte Wirklichkeit siegen. Er konzentrierte sich auf die Erinnerung, und stellte sich den Augenblick vor, als sie zu ihm auf das Motorrad gestiegen war, wie hatte sie da ausgesehen? Zugleich küsste er die alte Frau auf die Stirn und bemerkte etwas wie eine Bewegung in ihrer Hand. Er sah genauer hin: Die Hand schien größer zu werden, fülliger, die Haut straffte sich und hellte auf, dunkle Flecken verschwanden und die herausgetretenen Adern waren nicht mehr zu sehen, die ganze alte Frau vollzog in Windeseile eine Verwandlung, sie wurde jünger und jünger, ihr Oberkörper richtete sich auf, sie wuchs, ihre weißen Haare erblondeten, John blickte auf spektakuläre Beine. Als sie ihn anlächelte, hätte er um ein Haar erneut das Bewusstsein verloren. So schön war sie.

Sie lachte und forderte ihn auf, zu warten, sie wolle ihren Rucksack ablegen. Ihre Augen hinter der spiegelnden Sonnenbrille stellte er sich bernsteinfarben vor. Bald würde er ihr ganzes Gesicht zu sehen bekommen, und zwar unverdeckt.

Sie war zwischen dichten Feuerdorn- und Sanddornsträuchern verschwunden. Ihn wunderte, dass nirgends ein Haus zu sehen war, denn er befand sich in einem wunderschönen, aber zugleich fremdartigen Garten. Auf der Rasenfläche vor sich sah er eine Sonnenuhr, davor lud eine Buchsbaumbank täuschend zum Sitzen ein. Von dem untersten Ast eines Walnussbaumes hingen gebundene Sträuße von Kräutern zum Trocknen an der Luft. Er setzte sich vor ein Beet, das mit Lavendel eingefasst war, der leicht duftete. Als guter Koch erkannte er in dem Beet sogleich Oregano, Salbei und Bohnenkraut. Nach einigen Augenblicken wurde das frische Zitronenaroma in seiner Nase durch einen bekannten, würzigen Geruch unterlegt – dies musste eine besonderer Thymian sein. In der linken Hälfte des Beetes sah er purpurrote und die übliche Pfefferminze, als er sich leicht vorneigte, spürte er den typischen Pfefferminzduft. Sein Interesse war geweckt, er richtete sich wieder auf, schloss die Lider und folgte seiner Nase in die überraschenden Geruchslandschaften. In den Nachbarbeeten erkannte er Koriander, Knoblauch, Fenchel, Basilikum, Estragon und Dill. Jetzt müsste er in der Küche stehen: Er würde einen unabwendbaren Liebesbeweis komponieren. Sie würde ja bald wiederkommen.

Wenn sie hier lebte, musste es eine Unterkunft geben, und keine Wohnung ohne Küche! Ihn irritierte, dass in einem anderen Beet Bärlauch und Maiglöckchen durcheinander standen, wie in der Giftecke eines botanischen Gartens. Doch da legte sich schon ihre zarte Hand auf seine Schulter, sie lächelte – noch immer mit Sonnenbrille: „Und jetzt meine Schwester!“ Zuerst war ihm unklar, was sie wollte, er fragte nach, ob Melusine nicht einen eigenen Liebhaber bräuchte. „Fanferlüsch ist nicht nur launenhaft, sie ist auch ungenau und schlampig. Ob wir zwei junge Männer benötigen oder ob einer reicht, ist unklar. Wir sollten es auf jeden Fall versuchen, wenn du dir das liebesmäßig zutraust.“

John holte tief Luft und ging in sich, um langsam, aber voller Überzeugung zu sagen: „Ich glaube, ich kann euch beide lieben, ich bin sehr liebesstark.“

Nadja streichelte über seine Wange, dass ihm ein Schauer über den Rücken lief: „Wahre Liebe ist grenzenlos und nicht beschränkt auf eine Person.“ Sie gingen zu dem Holzverschlag und sahen durch einen Spalt Melusine in grauen Kleidern in einem Sessel sitzen, wie in einer Puppenstube. Als sie sich beobachtet fühlte, grüßte sie, erhob sich und kam zu dem Spalt zwischen den Brettern. Sie erschien genau so uralt wie ihre Schwester noch vor wenigen Augenblicken. Offensichtlich war sie über die Ereignisse im Bilde und hatte bereits ihre erlöste Schwester gesehen. Sie sprach direkt John an: „Du kannst mir einen Finger durch den Spalt stecken, damit ich ihn berühre.“

Übermütig antwortete dieser: „Das ist ja wie bei Hänsel und Gretel – und dabei spielen wir doch in einem Feen-Märchen.“

„Feen haben nichts gegen Volksmärchen“, wandte Nadja ein, „sie finden sie nur nicht immer lustig. Und gegen die schlechten sind sie gefeit. Doch wir sollten Melusine aus ihrer Kiste holen, dann wird alles einfacher werden.“ Sie öffnete eine Klappe und holte ihre winzige Schwester aus dem Verschlag.

John überlegte sich, wie er es am besten anstellen sollte; er musste nur auf die faszinierende Nadja sehen und sich einen ähnlichen Wandlungsprozess für Melusine vorstellen, vielleicht reichte das. Er wurde durch Nadja in seinen Gedanken unterbrochen: „Bei Melusine solltest du dir besondere Mühe geben, denn sie muss nicht nur verjüngt, sondern auch entzwergt werden. Die Sache steht also etwas komplizierter als bei mir.“

Er kniff die Augen zusammen und versuchte eine starke Vorstellung von Liebe herzustellen. Vom See her spürte er einen kalten Windhauch, das Schilf und der See verschwammen, als wären sie eingenebelt. Der Garten um ihn herum schien sich zu dehnen. Auf Melusine blickend stellte er fest, dass sie sich mit hoher Geschwindigkeit verjüngte und verschönerte – und immer größer wurde. Gleichzeitig schien sich indes mit seinem Körper auch etwas zu verändern. Er blickte Nadja an, um genau zu sein, er sah an ihr hoch, an ihren Beinen, die jetzt ins Unermessliche verlängert schienen. Mit der Verjüngung hatte es geklappt, nicht aber mit der Entzwergung.

„Leider ist das in Teilen danebengegangen“, hörte er Nadja von weit oben, „wir versuchen es noch einmal, indem wir uns an den Händen halten. “ Sie ging in die Knie und sie hielten sich zu dritt ihre Hände. Dem sprachlosen John fiel auch nichts Besseres ein, er schloss die Augen und versuchte kraft seines Willens erneut einen Liebesstrahl herzustellen. Er dachte an die tausendschöne große Nadja und an die wunderschöne kleine Melusine. Es wurde ihm schwarz vor Augen, um sie herum schien die Erde zu beben, als er die Augen öffnete, schaukelte der See und die Bäume wurden riesig groß. Nadja und Melusine standen vor ihm, gleich groß, ein entzückendes Paar, zum Verwechseln ähnlich. Ebenso gut hätte sich Nadja einfach verdoppeln können. Er wusste auf Anhieb nicht, wer nun Nadja und wer Melusine war, und musste sich erinnern, wo noch vor wenigen Augenblicken jede gestanden hatte. Dann irritierte ihn im Augenwinkel der Baum zu seiner Linken. Beim genauen Hinschauen war es gar kein Baum, vielmehr ein riesiger Lavendel-Stängel. Der Schreck fuhr ihm in alle Glieder. Sie waren zwar gleich groß, aber alle verzwergt.

Nadja – oder war es Melusine? – hatte es auch bemerkt: „So ein Pech, es hat wieder nicht geklappt.“ Dann sah sie ihm aufmerksam ins Gesicht: „Wie siehst du denn aus?“

Wenn sich seine Gefühle in seinem Gesicht spiegelten, musste sie das blanke Entsetzen wahrnehmen. Sie näherte langsam ihre roten Lippen seinem Gesicht und gab ihm einen Kuss. Einen Kuss. Der ging ihm so durch und durch, dass Lavendel und Garten und Schilf und See und Himmel verschwanden und alles wurde leicht.

In diese Leichtigkeit hinein hörte er die Stimme von Melusine oder Nadja: „Uns ist wahrscheinlich ein Fehler unterlaufen. Wir müssen uns nicht nur an den Händen halten, sondern sollten uns zugleich mit den Knien berühren.“ Und schon fühlte er sich bei beiden Händen gefasst und in die Hocke gezogen. Als er die Knie der beiden Feen berührte, ging es durch ihn wie ein elektrischer Schlag. Ja, er konnte, er schaffte es. Er liebte beide zugleich, und der Gedanke war kaum gedacht, als er ein schmatzendes Geräusch und dann ein Krachen vernahm, der Garten verfinsterte sich und er hatte das Gefühl, auf Pudding zu stehen. Als dann die Welt zurückkehrte, merkte er sogleich an dem Lavendel, dass alles war, wie es gehörte. Die Formate stimmten und Nadja und Melusine stimmten in ein glockenhelles Gelächter ein.

Melusine nahm seine Hand und führte ihn durch den Garten hindurch zum Ufer des Sees, vorbei an Schafgarbe und Aloe Vera, an Lupinen und großen Fingerhüten, an Rittersporn und Eisenhut. In fleischigem Blattwerk, das er nicht kannte, torkelten Insekten und platzten volle Knospen. Sie setzten sich am Ufer nieder, sahen auf Wasserschierling und Seerosen, er war benommen von einem berauschenden fremden Duft.

„Lass uns schwimmen“, sagte Melusine – oder war es doch Nadja – und begann langsam sich zu entkleiden. Er wollte gerade sein Hemd ausziehen, als er hinter sich eine Bewegung spürte: Vor dem Rosenbusch stand Nadja und winkte ihm lächelnd zu. John wollte aufstehen und zu ihr gehen, konnte sich aber nicht dazu aufraffen, als er im Wasser Melusines oder Nadjas Spiegelbild sah. Sie war nackt, lächelte und sprang – oder besser: Sie warf ihren Körper ins Wasser. Fast ohne Spritzer tauchte sie in Johns Spiegelbild, das für einen Moment zerriss. Er vermochte nicht, ihr zu folgen, und er stand nicht auf. Es war, als würde er sich selbst zuschauen, wie er handlungsunfähig und verzückt zwischen zwei so schönen Frauen am Seeufer saß. Eine sanfte Müdigkeit kam über ihn, er sank zurück und fiel in einen tiefen Schlaf, träumend von einem wunderschönen paradiesischen Garten, in dem die beiden Feen umhergingen. Sie sammelten Kräuter.

*

Im toten Winkel

Er blieb stehen und zog langsam an dem Reißverschluss seiner Hose. Ein paar Meter vor sich: der See, der Holzsteg. Aber das war nicht wichtig. Obwohl alle sechs Männer an einem Seeufer umgebracht worden waren. Zuerst dachte er, das hätte mit Wasser zu tun. Hatte es vielleicht, indirekt. Es gab zu viele Seen in der Gegend. Er hatte sich auch den Kopf darüber zerbrochen, dass alle Opfer Bauern waren. Doch hier lebte fast jeder von der Landwirtschaft, wenn er nicht gerade Handwerker war. Aus dieser Ecke war kein Motiv zu holen.

Hinter ihm fiel das Land ab zum See, wie bei vielen Seen der Region. Oben standen die Häuser mit den Terrassen und Gärten. Würde man über das Land und den See fliegen, dann sähen die Gärten von oben wie lange Handtücher aus, die nach unten ausfransten. Sie gingen über in Wiesen, die sich bis zu den Büschen und Weiden am Ufer erstreckten. Im Augenblick wurde oben gefeiert, gedämpfte Musik und fröhliche Stimmen waren zu hören. Hätte er sich jetzt umgedreht, hätte er von der Feier allerdings gar nichts gesehen, sondern nur die satte grüne aufsteigende Wiese. Er nestelte noch immer an seinem Reißverschluss. Er wollte ihn aufziehen, doch er hakte. Er wollte. Eigentlich gab er auf den menschlichen Willen und ähnlichen Firlefanz gar nichts. Die meisten Menschen wurden durch Gefühle und Triebe gesteuert, ob sie sich das nun zugestanden oder lieber sich etwas vormachten. Und die ließen sich berechnen. Je einfacher ein Trieb war, umso leichter war er kalkulierbar.

Seine Kollegen hatten die Tatorte an den Ufern genau untersucht, doch nichts Wesentliches gefunden – bis auf ein paar abgeknickte Äste und niedergetretenes Gras. Da es in diesem Sommer oft und stark regnete, ergaben sich keine verwertbaren Spuren. Der Abteilungsleiter, der sich selbst immer wieder als den großen Empiriker ausgab, stand erst einmal mit leeren Händen da. Dass drei der Seeuferopfer mit offenem Hosenstall gefunden worden waren, führte zunächst nicht weiter. Schnell war geklärt, dass Sex hier keinerlei Rolle gespielt hatte.

Während er zumindest ein wenig freies Spiel bei seinem Reißverschluss gewann, er zog ihn nun abwechselnd hoch und runter, überlegte er, ob er sich nicht auch als Empiriker bezeichnen könne. Schließlich spekulierte er nicht über Motivcocktails. Er hielt sich neben dem Tatort an die menschliche Natur. Die hatte sich bei der Begehung von zwei Tatorten bei ihm gemeldet: Er musste pinkeln. Am liebsten gleich am Tatort. Wie magisch zog dieser ihn an. Er musste sich zwingen, einige Schritte weiterzugehen. Dort war es ihm ein bisschen peinlich, dass er von oben zu sehen war. Und dabei fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Jeder pinkelt gerne da, wo ihn kein anderer sieht. Im toten Winkel. Spontan, ohne langes Nachdenken. Das war die Lösung. Der Mörder hatte auf die Scham, auf ein Gefühl der Peinlichkeit gesetzt. Keiner der Tatorte am See war von oben einsehbar. Alle Morde hatten sich ereignet, als oben gefeiert wurde: Schützen- oder Erntefeste, große Jubiläen, bei denen jeweils nicht nur die Dorfbewohner, sondern auch Gäste aus den Nachbardörfern und sogar Touristen aus der Stadt zu Besuch waren. Und bei allen Feiern hier auf dem Lande gab es eine hohe Gewissheit: Es wurde gerne und viel getrunken. Auf diese beiden Faktoren musste der Mörder gesetzt haben, Schamgefühl und natürlichen Drang. Auch wenn viele Menschen eine Feier besuchten, konnte er sicher voraussagen, an welchem Ort er seinen Mann im Laufe des Abends treffen würde, und zwar ganz alleine. Dass oben fast immer ein paar Toilettenhäuschen aufgestellt waren, tat nichts zur Sache. Die meisten Männer erledigten sie lieber unter freiem Himmel.

Endlich bekam er seinen Reißverschluss frei. Das leise knackende Geräusch der Waffe, die in den Büschen hinter ihm entsichert wurde, hörte er nicht. Doch er wusste, es musste da sein. Er drehte sich nicht um. Er machte sich nicht klein. Außerhalb des Schattens der Bäume stehend, musste er gut zu sehen sein. Er hielt inne und sagte laut und deutlich über die Schulter nach hinten: „Guten Abend!“

Eine tiefe Stimme antwortete ihm: „Nun begegnen wir uns endlich, Sie schnüffeln ja auf jedem Fest hinter mir her.“ Die Stimme kam ihm bekannt vor, ohne dass er sie gleich zuordnen konnte.

Er war kein Mann rhetorischer Umwege: „Wollen Sie mich umbringen?“

Er hörte, wie der Mann aus dem Gebüsch hervortrat und sich langsam näherte: „Persönlich finde ich Sie nicht unsympathisch. Sehen Sie, es ist eigentlich Ihr Pech, dass Sie ausgerechnet mir in die Quere kommen. Aber nun pischern Sie mal in aller Ruhe gegen die Sträucher, sehen Sie ruhig noch einmal auf den See – solange vertrete ich mir hier die Beine.“

Sich umzudrehen wagte er nicht. Er spürte seine Rückenmuskeln und bewegte leicht seine Schultern. Er sog den Holunderduft tief ein – und schloss die Augen. Ein Schuss zerriss die Stille, sein Echo rollte über den See. Für einen Augenblick stand er unbeweglich da. Dann drehte er sich sehr vorsichtig um. Zuerst nur mit dem Oberkörper. Dann auch mit den Beinen. Einige Meter entfernt sah er sein Gegenüber, einen großen stattlichen Mann mit verwischtem Gesicht und schwarzem Hut. Langsam begann der Hut sich vorwärts zu neigen. Der große Körper kippte wie in Zeitlupe vornüber und fiel ins Gras, genau aufs Gesicht. Als er sich zu ihm hinunterbeugte, drehte sich der Hut ein wenig zur Seite: „Aber Sie hatten doch keine Waffe!“

Von allen Seiten kamen nun Männer aus Büschen und Hecken, einige mit vermummten Gesichtern und mit Gewehren in den Händen. Der Abteilungsleiter trug einen modischen Trenchcoat. Ihm wendete er sich zu: „Sie haben mit Ihrem Zugriff ja lange gewartet. Unser Gespräch haben Sie doch über Mikro mitgehört, das Geständnis war gleich da. Mir wurde schon ganz mulmig.“

Der Abteilungsleiter holte einen Kaugummi aus der Tasche und grinste: „Sie sind zu emotional, lieber Kollege. Wir hatten ihn die ganze Zeit im Infrarot-Visier von drei Scharfschützen. Mit jeder Sekunde stieg für uns die Sicherheit.“

„Genau das Gefühl hatte ich aber nicht.“

„Sie sehen das falsch, mit jedem Moment wurde für uns sicherer, dass er der gesuchte Mörder ist.“

*

Sardischer Cocktail

Er wusste nicht, was der elegante weiße Rucksack enthielt. Jedenfalls sollte er ihn schon einmal mitnehmen, weil sie ohnehin gleich nachkäme. Sie hatte noch irgendetwas zu erledigen, auf der Post – oder so. Behutsam stellte er ihn auf den Barhocker neben sich und machte eine schnelle Handbewegung über dem Tresen, als wollte er einen leichten Ärger wegwischen. Der Geruch von frischem Kaffee kitzelte ihm angenehm in der Nase. Am Eingang der Bar Centrale war er freundlich, aber bestimmt von einigen breitschultrigen Männern angesprochen worden: Ob sie kurz seine Lederjacke abklopfen dürften, ob dies sein Rucksack wäre. Ja, das sei sein Rucksack, hatte er behauptet, ohne weiter nachzudenken, während gleichzeitig der eine Sicherheitsmann eine flüchtige Leibesvisitation mehr angedeutet als durchgeführt und ihm der andere ein plastikverschweißtes Schriftstück vor die Augen gehalten hatte, auf dem er im Augenblick nur die Worte Security und Securité hatte entschlüsseln können.

Der Barkeeper bestreute einige Crostini mit gehackter Petersilie und schob sie ihm mit Pfeffer und Salz herüber. Ein ritterliches Gefühl stieg in ihm auf. Es gehörte sich nicht, einen ihm anvertrauten Rucksack durchsuchen zu lassen. Dabei lag es auf der Hand, dass dieser schicke Cityrucksack eher zu einer Frau als zu einem Mann mit Motorradjacke gehörte: Sein wasserdichter Biker-Sack mit dem Alpen-Cross-Sticker etwa, den er im Clubhotel zurückgelassen hatte, sah völlig anders aus, er war dunkler, robuster, hatte viel mehr Stauraum und war nicht vom Aussehen her mit einem Kleidungsstück zu verwechseln. Vom Gewicht her gab es allerdings auch bei diesem Designerteil über seine Funktion keinerlei Zweifel. Er fand ihn erstaunlich schwer, mochte sich darüber jedoch keine weiteren Gedanken machen, denn die mit Olivenöl bestrichenen und mit Mozzarella belegten Baguette-Scheiben schmeckten ausgezeichnet. Dazu bestellte er sich einen Averna Shakerato mit Eiswürfeln. Mit Crushed Ice wollte er ihn jetzt nicht verwässern lassen. Dann hätte er sich wie die meisten deutschen und englischen Touristen auch ein Bier bestellen können.

Er sah zu, wie der Bartender mit sicheren schnellen Griffen Eiswürfel in ein Aperitifglas gab, Vermouth und Cynar auf ihnen verrührte und mit Orange abspritzte. Er hantierte hinter einem Wald verschiedenster Flaschen, bunten Sirup- , hohen Prosecco- und Vermouth-Flaschen, Martini und Cinzano, gedrungenen Wodka- und Gin-Flaschen, kantigem Amaretto, kleinen Avernas und Fernets, langhalsigem Grappa. Mit dem Markennamen Serner konnte er nichts anfangen. Es roch nach Apfelsine, als ihm der Cocktail auf die Glastheke gestellt wurde.

„Heute kommt der Ex wohl wieder“, knurrte er wenig begeistert und nickte in Richtung Eingang, wo im Halbdunkel die Security-Leute oder Bodygards standen.

Carlo, der Barmann, hatte ihm die Geschichte in verschiedenen Versionen erzählt, barock und ausschweifend, und im Zusammenhang natürlich: „Du darfst nichts isoliert sehen, Mann, dann wird es falsch.“ Der Zusammenhang war gerne die Geschichte Sardiniens, und das konnte dauern. Dann nahm er den Zustand mit Erleichterung zur Kenntnis, dass die Bar gut besucht war und Carlo alle Hände voll zu tun hatte. Früher oder später musste eine Unterbrechung kommen, ein Intermezzo. Den guten Besuch hatte er zu anderen Zeitpunkten, beim Warten auf die Cocktails, auch schon verflucht.

Dieser Ex war nun auch außerhalb italienischer Verhältnisse kein Unbekannter. Mit Zeitungen und privaten Fernsehsendern hatte er ein großes Vermögen angehäuft und war mit dieser Starthilfe zum führenden Politiker aufgestiegen. Sein Erfolg war ihm überraschend lange treu geblieben. Bei der letzten Wahl musste er staunend zur Kenntnis nehmen, dass ihm zum zweiten Mal politisch die Mehrheit abhanden gekommen war. Auf der steten Suche nach lukrativen Investitionsmöglichkeiten war ihm die Idee gekommen, zwischen Olbia und der Costa Smeralda eine riesige Feriensiedlung für Tausende von Touristen zu errichten. Diese Idee polarisierte die ansässige Bevölkerung: Einige wenige sahen die Chance auf kurzfristig verfügbare Arbeitsplätze, die meisten befürchteten die architektonische Verschandelung der Küste mit der Folge abnehmender Touristenströme.

Carlo machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, er trug es auf der Zunge: „Heute Abend muss ich ihm wahrscheinlich wieder einen Bellini servieren! Leider kannst du am Tresen nicht streiken.“ Er zeigte auf den weißen Rucksack: „Soll ich diesen edlen Sac à Dos nicht an die Garderobe hängen oder hinter den Tresen nehmen?“ Carlo, der Barmann, den er schon im Urlaub vor zwei Jahren kennengelernt hatte, sprach Französisch, Deutsch und Englisch. Genau in dieser Reihenfolge – unter dem Gesichtspunkt der Qualität gesehen. Dankend winkte er ab und dachte an Isabella, die ihm so einiges durcheinandergebracht hatte. Seinen Tagesablauf, seine Gefühle, seine Gedanken. Und dabei wusste er noch immer nicht so ganz genau, wie ihr Gesicht eigentlich aussah, denn sie trug eine spiegelnde Sonnenbrille und hatte die meiste Zeit diesen roten Seidenschal gegen den Fahrtwind vor dem Mund. Verstecken musste sie den weiß Gott nicht. Von ihren verlockenden Lippen konnte nur Gutes kommen. Über kurz oder lang würde er ihr ganzes unverdecktes und schönes Gesicht sehen, wenn sie gleich neben ihm säße.

Schließlich lag es nicht an ihr, dass ihre erste Begegnung eher tastend und fühlend verlief, dass die Gespräche über die Schulter schreiend gegen den Fahrtwind geführt wurden. Gleich hinter Orgosolo, dem alten Banditen-Dorf inmitten von Sardinien, hatte sie unter einem durchlöcherten Verkehrsschild am Straßenrand gestanden und gewunken, bis auf ihren Schal und die Sandaletten ganz in Weiß: ihr Käppi, die Bluse und die Hot Pants über ihren braungold schimmernden Beinen. Eine Erscheinung wie im Traum oder im Film. Er hatte sofort gebremst und schon genickt, ehe sie ihre Frage, ob er nach Norden an die Küste führe, formuliert hatte. Auf Englisch und Italienisch hatte sie gefragt, später waren sie dann beim Französischen hängen geblieben.

Er war sich nicht sicher, ob sie nun Italienerin oder Französin war, vielleicht Korsin. Als Isabella hatte sie sich vorgestellt, sehr selbstbewusst, sehr charmant – und dann mit spöttisch geschürzten Lippen hinzugefügt, als wäre sie eine lokale Schutzheilige: Isabella von Orgosolo. An Heiligenlegenden, religiösen Erweckungserlebnissen oder Wunderheilungen hatte das Bergdorf natürlich wenig vorzuweisen. Immerhin wurde die Vergangenheit, die von Blutrachen und der ständigen Auseinandersetzung zwischen Carabinieri und den in die Macchia wegtauchenden Banditen geprägt war, für den Tourismus kommerziell ähnlich gut genutzt wie der Devotionalienhandel in einem gut organisierten Wallfahrtsort. Ob die vielen durchsiebten Verkehrsschilder auf den Zufahrtsstraßen, die offensichtlich als Zielobjekte für Schießübungen gedient hatten, im Rahmen dieser Vermarktung zu sehen waren, blieb ihm ein ungelöstes Geheimnis.

Und dann saß sie auch schon auf seinem Sozius und er konnte es sich nicht verkneifen, hochzuschalten und seine Yamaha kurz auf Zweihundert zu beschleunigen. Sie presste sich mit aller Kraft an seinen Rücken und rief etwas, was wohl langsamer bedeuten sollte, pas trop vite. Ihre Hände spürte er auf seinem Bauch und seinen Rippen, als er langsamer wurde, ihre festen Brüste und ihren Bauch auf seinem Rücken, ihre Wangen zwischen seinen Schulterblättern. Er war mit nacktem Oberkörper und ohne Helm unterwegs.

Nur für den Rundgang durch Orgosolo und den Macchiato in der Bar hatte er sich ein Hemd übergezogen. Er fuhr nicht sehr schnell, also ohne großes Risiko, und war auch schon so braun, dass er die Sonne nicht fürchtete. Am Morgen war er in seinem Touristik-Club gestartet. Vor den anderen Touristen, den Animations-Programmen und vor allem vor einem Mädchen aus Leipzig namens Birgit wollte er einmal einen Tag Ruhe haben. Er war ihr am zweiten Abend bei deutlich zu vielen Cocktails etwas näher gekommen. Seinem Prinzip war er dabei untreu geworden, sich bei jeder neuen Bekanntschaft zu überlegen, wie er sie sich wieder vom Halse schaffen könnte. Also war er zu einer Motorradtour gestartet, weg aus dem Club, weg von der Küste und ihren Touristen, ins Landesinnere, ins echte ursprüngliche Sardinien. Er war überrascht über die hohen Berge, darüber, dass alles braun und verdörrt und schwarz war. Manchmal traf er bei seiner stundenlangen Fahrt durch das gebirgige Innere der Insel auf einen Schäfer mit seiner Herde und überlegte, wo die Tiere etwas Grünes zum Fressen finden sollten. Ihm fielen die Erzählungen seines Barkeepers in Olbia über die traditionelle kämpferische Konkurrenz zwischen Hirten und Bauern ein. Beruhigenderweise wurden die Touristen an den Küsten davon nicht in Mitleidenschaft gezogen. Einige Male sah er rechts und links der Straße Feuer in vertrockneten Wiesen und Hecken. Als er eine Feuerwand sah, die quer über die Straße stand, hatte er sich seine Lederjacke und seinen Helm wieder angezogen, um sie mit hohem Tempo zu durchfahren. Dies war auf der Hinfahrt gewesen, dies war die Zeit, bevor jener schöne langbeinige Engel zugestiegen war, den er dann so sanft in seinem Rücken spürte, die Zeit vor Isabella.

Die Eiswürfel in seinem Cocktailglas erinnerten ihn an die Berge bei Nuoro während der Rückfahrt nach Norden, der durch das Barlicht rot leuchtende Shakerato hatte die Farbe der allmählich untergehende Sonne kurz vor Olbia. Er war längere Zeit genau in sie hineingefahren, seine Augen waren geblendet – wie sein Verstand isabellen geblendet war. Als die Straße abrupt in einen Tunnel führte, in dem es keinerlei Licht gab, hatte er zuerst einen großen Schrecken bekommen. Er hatte gefürchtet, gegen die Wand zu fahren und hielt für einen Augenblick mit aller Kraft den Lenker fest, es blieb keine Zeit, das Licht einzuschalten. Der Tunnel war voller Motorenlärm, Echos und ursprüngliche Geräusche waren ununterscheidbar. Zum Bremsen war er viel zu schnell, sehen konnte er so gut wie nichts. Er fühlte, wie sich ihr Körper anspannte, als wolle sie Schutz von hinten geben. Da schaltete ein Auto weit vor ihm sein Licht an und er konnte sich an den roten Rücklichtern orientieren. Sonst wäre er wohl doch gegen die Wand gekommen, da der Tunnel eine leichte Kurve nach links machte.

In der Bar hörte er nun aber keinen Motorenlärm, sondern das Zischen der Espressomaschine, das matschende Sauggeräusch der Saftpresse, das Crunching der Eisportionierer. Sogar der schöne weiße Rucksack schien Geräusche zu machen, als hätte jemand einen Wecker hineingesteckt.

Wo war Isabella? Wie lange wartete er schon? Wo sie nur blieb? Zwei Touristen am unteren Ende der Bar bestellten lachend in fließendem Italienisch und mit unüberhörbarem Akzent einen T.N.T., einen Zombie und die Rechnung – sie diskutierten heftig über apokalyptische Entwicklungen in der Welt. Der Mecklenburger argumentierte für die ökonomische Katastrophe, der Berliner sah die Welt ökologisch kollabieren. Carlo merkte wenig geschäftsfördernd an, die Welt könnte auch an Alkohol zugrunde gehen, als er ihnen die Cocktails servierte.

Er bestellte bei Carlo einen Italian Pousse Café und beobachtete, wie dieser mit sicheren Griffen die Farben der italienischen Flagge ins Glas zauberte. „Lass deine Antipathien gegen deinen Ex nicht auf meinen Cocktail überspringen, Carlo!“ Nachdem Carlo die Grenadine in ein hohes Shotglas gefüllt hatte, gab er den Orangenlikör behutsam über einen Löffelrücken auf den Grenadinesirup, verrührte Wodka und Crème de Menthe in einem Becher und ließ die grün leuchtende Mischung langsam auf den Orangenlikör fließen: Viva Italia! Grünweißrot lagen die Schichten sauber unterschieden übereinander, Carlo war ein Künstler! Mit einem „Ciaaaaao!“ verabschiedeten sich die beiden deutschen Endzeitvisionäre.

Er hatte gerade die Hälfte der grünen Schicht der italienischen Nationalfarbe in kleinen Schlucken zu sich genommen und spürte versonnen dem Minze-Geschmack nach, als draußen plötzlich ein durchdringendes Quietschen zu hören war, das mit einem ohrenbetäubenden Knall abschloss. Er lief Carlo sofort hinterher. Vor ihnen waren die Sicherheitskräfte aus der Bar schon am Unfallort: Die apokalyptischen deutschen Touristen hatten ihren Porsche etwas zu schnell beschleunigt und waren mit einem großen Fiat der Carabinieri zusammengestoßen, der offenbar das Vorauskommando einer Wagenkolonne bildete. In gebührendem Abstand weiter hinten wurden bei zwei Fahrzeugen weitere Blaulichter aufgesteckt und eingeschaltet, Männer stiegen aus und kamen auf die beiden zusammengeprallten Autos zu. Zwei Carabinieri in Uniform stiegen langsam aus dem einen Unfallwagen, aus dem Porsche waren kräftige Tritte gegen die Wagentür zu hören, die wohl klemmte. Er dachte kurz an Isabella und griff nach der Porschetür, um sie zu öffnen. Zugleich mit seinem Ziehen erfolgte die Detonation, markerschütternd und durchdringend. Er hielt in der Bewegung inne und drehte sich um zur Bar Centrale, die sich in ihre Bestandteile auflöste. Teile des Daches flogen in den Abendhimmel, die Fassade stürzte nach vorne, verharrte einen Moment in der Luft, als bliebe sie stehen – und brach dann in viele Einzelteile auseinander, die auf den gepflasterten Boden des Platzes prasselten. Ob die übrigen Hauswände noch standen, war nicht zu sehen, denn aus dem, was einmal das Innere der Bar gewesen war, wuchs eine Rauchwolke, die sich sehr schnell nach oben und allen Seiten ausbreitete. Ziegel, Steine und andere Gebäudeteile fielen klatschend und klirrend auf den Boden – alle duckten sich um und hinter die Autos.

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Release date on Litres:
12 November 2025
Volume:
371 p. 3 illustrations
ISBN:
9783960743576
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Bookwire
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