Read the book: «Zwei Sommer»

Font::

Jochen Ruderer

Zwei Sommer

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

St. Peter-Ording, Sonntag 1. August 2010

Materialermüdung

St. Peter-Ording, Montag, 2. August 2010.

Universum

Abkürzungen

Wendung

Schwimmen

Freunde

Wachsen

Der Regen bleibt

St. Peter-Ording, Dienstag, 3. August 2010

Neues Land

Kapitulation

Ein Brief

St. Peter-Ording, Donnerstag, 5. August 2010

Ellis Island

Liv

Pläne

Sommer

Der Schwur

St. Peter-Ording, Montag, 9. August 2010

Verpasste Gelegenheiten

Spielen

Achsbruch

Neue Pläne

Erbe

Schluss

Neustart

Tennissocken

Vorwärts

St. Peter-Ording, Freitag, 13. August 2010

Hamburg

Richard Gere

Köln

Erstverwertung

Maja

Trotz

3 Buchstaben

Wiedersehen

Wahnsinn

Jeykab

Watte

St. Peter-Ording, Donnerstag 19. August 2010

Nachtrag: Livingston, Donnerstag 9. September 2010

Impressum neobooks

St. Peter-Ording, Sonntag 1. August 2010

Was ich an meiner Situation mag, ist die Aussicht. Und das meine ich nicht metaphorisch. Dieser Raum, in den Sie mich einquartiert haben, bemüht sich wenig, durch übermäßige Gemütlichkeit zu gefallen - ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle und ein kleines Sofa. An den Wänden hängen Zeichnungen von Booten in irgendeinem kleinen Nordseehafen. Alles zweckmäßig und nüchtern – wäre da nicht dieses Fenster. Der ganze Raum wird dominiert von der riesigen Scheibe und dem, was jenseits des Rahmens liegt. Ich kann das Fenster zwar nicht öffnen, aber die Vergitterung bedeckt nur das untere Drittel. Dafür bin ich sehr dankbar. Über dem Gitter, hinter der tadellos geputzten Scheibe liegt das Meer. Wie ein riesiges Seidentuch, in einem endlosen Raum liegt es da; weit und glatt und grau.

In dieser sonderbaren Situation, in der ich mich befinde, wirkt dieser Schatz zu meinen Füßen umso kostbarer. Jetzt gerade, da ich die Sonne noch nicht sehen kann, ihr Licht aber umso stärker von schräg oben herabstrahlt, glänzt das Meer, als bestünde es aus nichts als flüssigem Gold. Der Fensterrahmen in meinem Zimmer beginnt zu glühen, als wäre er ein Flammenportal, durch das ich nur hindurch schreiten müsste, um in das Goldmeer einzutauchen. Aber keine Angst – ich habe keinerlei Absichten dieser Art. Bitte kommen Sie nicht auf die Idee, das Fenster ganz zu verrammeln. Das wäre wirklich schade – und unnötig.

Was ich Ihnen als allererstes mitteilen möchte ist: ich bin nicht verrückt. Oder schizophren oder verwirrt oder wie Sie es nennen möchten. Mir ist natürlich klar, dass ich nicht der erste Ihrer Insassen bin, der in diesem Punkt anderer Auffassung ist als Sie oder Ihre Kollegen. Wahrscheinlich hören Sie das sogar jeden Tag. Aber bei mir stimmt es. So etwas gibt es.

Ich habe zum Beispiel einen Nachbarn, also nicht den hier – zu Hause, über den alle, die ihn kennen, sagen, er habe den Verstand verloren. Er selbst sieht das völlig anders. Aber auch ich hatte zunächst keinerlei Zweifel daran, dass er vollkommen verrückt sei.

Jeder, der meinen Nachbarn kennt, nennt ihn den Hasen. Ich glaube, er selbst hat mittlerweile Gefallen an diesem Namen gefunden. Eigentlich heißt er Sinanovic, Mensur Sinanovic. Sie können das nachprüfen. Er ist ein paar Jahre jünger als ich und stammt aus Bosnien. Der Grund, warum ihn alle den Hasen nennen, liegt in seiner Fortbewegungsweise. Beim Laufen schlägt er ständig Haken. Wenn er stehen bleibt, zuckt er unvermittelt und springt plötzlich zur Seite, geht unerwartet in die Hocke und rollt sich ab. Das macht er auch beim Einkaufen oder mitten in einem Gespräch und wie dieser Mensch die Geranien auf seinem Balkon gießt, ohne dabei das gesamte Haus zu wässern, ist mir ein Rätsel. Er steht niemals wirklich still. Wie gesagt, er wirkt völlig verrückt. Und eine Unterhaltung mit ihm treibt einen fast selbst in den Wahnsinn.

Ich lernte ihn vor etwa fünf Jahren kennen, als ich mit meiner Freundin in eine Dachwohnung im Belgischen Viertel zog. Der Hase wohnte direkt unter uns und alles, was durch den Dielenboden an Rumpeln, Stoßen und Springen zu uns heraufdrang, ließ darauf schließen, dass seine Springerei selbst in der Wohnung nicht aufhörte. Aus dem Haus oder der Nachbarschaft wusste niemand irgendetwas über die Ursache der Zuckungen zu sagen. Er sei halt irre, war die einhellige Meinung, aber ansonsten harmlos. Nachdem ich ihn ein paar Wochen lang mit einer Mischung aus Faszination und Befremden beobachtet hatte, beschloss ich, ihn direkt auf seine Macke anzusprechen. „Herr Sinanovic“, sagte ich, denn ich wusste damals noch nicht, wie er zu seinem Spitznamen stand. Ich traf ihn im Hausflur, wo er sich etwas ruhiger bewegte, den Kopf jedoch ständig schräg nach oben gerichtet hielt, als erwarte er die Ankunft von irgendwas oder irgendwem direkt aus dem Himmel. Als ich die Treppe herunter kam, lief ich ihm also genau ins Blickfeld. „Herr Sinanovic“, sagte ich, „verzeihen Sie meine Neugier, aber ich habe mich gefragt, ob ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen kann. Wie ist das mit ihrem Zucken? Ist das irgendeine Art Muskelerkrankung?“ Zu meiner Überraschung erstarrte er fast vollständig und musterte mich mit einem Blick, von dem ich nicht sicher war, ob er Verwirrung oder vielleicht sogar Belustigung ausdrückte. Gut drei, vier Sekunden lang stand er vollkommen still und sprach kein Wort. Dann sagte mit ruhiger und fester Stimme: „Nein. Keine Krankheit. Ich kann auch aufhören mit Hüpfen.“ Wie zum Beweis lehnte er sich scheinbar entspannt an das Treppengeländer. Er hielt das noch mal gut drei Sekunden durch, dann sprang er auf mich zu und legte verschwörerisch einen Arm um mich. „Ich mache das wegen Sicherheit. Wegen Kugeln.“ Ich muss ihn wohl ziemlich fragend angesehen haben. Jedenfalls zog unvermittelt ein breites Grinsen über sein Gesicht und er sprach zum ersten Mal jene typischen Worte: „Keine Angst, ich nicht verrückt.“ Damit klopfte er mir freundschaftlich auf die Schultern, ließ sich urplötzlich zu Boden gleiten und sprang mit einem Satz an seine Wohnungstür. Die Sekunden, bis er die Tür geöffnet hatte, bereiteten ihm zusehends Unbehagen, aber schließlich verschwand er mit einer Schraube um den Rahmen und ließ die Tür elegant zuklappen.

In diesem Moment im Treppenhaus war ich mir absolut sicher, dass dieser Mann vollkommen verrückt war. Aber später erzählte er mir seine Geschichte.

Als Kind lebte der Hase in der Nähe von Srebrenica. Sie wissen schon, das Massaker. 1995 war er zwölf Jahre alt und musste mit ansehen, wie sein Vater und seine beiden älteren Brüder erschossen wurden. Er stand neben seinem 17-jährigen Bruder Mesud, als diesen die Kugeln in den Oberkörper trafen und er rückwärts in eine Grube sackte. Der Befehlshaber des Exekutionskommandos wandte sich nach der Erschießung Mensur zu. Er zeigte in Richtung eines nahe gelegenen Waldes und rief „Du. Hau ab. Lauf.“ Mensur erzählte mir, dass er sich zunächst überhaupt nicht rühren konnte, bis der Offizier ihn anbrüllte, er solle machen, dass er wegkomme. „Und da habe ich gesehen in seine Augen“, erklärte er mir. „Wenn ich laufe, er wird mich schießen in Rücken.“ Erst, als der Offizier unmittelbar vor seinen Füßen in den Boden feuerte, lief Mensur los. Er blickte noch kurz über seine Schulter, aber der Offizier schrie ihn an. „Dreh dich nicht um. Hau endlich ab!“ Aus den Augenwinkeln glaubte Mensur zu sehen, dass sich zwei Soldaten mit ihren Gewehren in seine Richtung drehten und dann begann es. „Es ist passiert – einfach von selbst“ sagte er zu mir. Nach den ersten fünf Schritten machte er einen überraschenden Sprung nach links. Im gleichen Moment meinte er zu fühlen, wie eine Kugel direkt rechts neben ihm vorbei pfiff. Sie schienen also tatsächlich auf ihn zu schießen. Allerdings hütete sich der Hase, noch einmal zurückzublicken. Er lief weiter, so schnell er irgendwie konnte. Und während er das Wäldchen vor sich fest ins Visier nahm, hüpfte er von links nach rechts, duckte sich urplötzlich, rollte sich ab, schlug Haken und rannte, rannte, rannte. Immer wieder glaubte er, Schüsse zu hören. Jedes Mal rechnete er fest damit, dass ihm ein Projektil den Rücken aufreißen und ihn in den Matsch schleudern würde. Die Angst machte ihn fast wahnsinnig. Und dann, so erzählte er es mir, hörte er von einem Moment auf den anderen auf, überhaupt zu denken. Er dachte nicht mehr darüber nach, wo er war und was er hier tat. Er vergaß, was vor einigen Minuten geschehen war und was mit ihm jeden Moment geschehen könnte. Sein Gehirn gab das letzte bisschen Kontrolle ab und seine Beine übernahmen: er sprang, krabbelte, änderte die Richtung und kam immer weiter fort. Das einzige, was er noch wahrnahm war, das Keuchen seiner Atemzüge und das schmerzhafte Pochen seines Herzens. Es raste in seiner Brust, wie eine Nähmaschine, wild entschlossen, sich nicht von einem Stück Metall auseinanderreißen zu lassen. „Herz war laut - aber Herz war ruhig“, so formulierte es der Hase mir gegenüber. „Und da, ich wusste, ich werde schaffen.“

Mensur erreichte den schützenden Wald ohne einen Kratzer. „Weil ich gelaufen bin wie Hase“, erzählte er mir voller Stolz. Seit diesem Tag hatte er nicht mehr damit aufgehört. Aber nicht, weil er nicht konnte, wie er mir versicherte – er wollte nicht. Das Hakenschlagen hatte ihm das Leben gerettet und vielleicht würde es das wieder tun. Vielleicht würde ihn sonst ein herabstürzender Blumentopf treffen oder ein Auto, das außer Kontrolle geraten war, sagte er. Ein Stein, den irgendjemand in Wut geschleudert hatte oder eben doch eine Patrone seiner Verfolger, die ihn nach all den Jahren aufgespürt hatten. „Herz schlägt immer noch“, beschloss er seine Geschichte mit einem Lächeln und der Hand auf der Brust. „Immer noch so, wie diese Tag“. Ich erwiderte sein Lächeln, um ihm zu zeigen, dass ich ihn verstand. Aber ich schien ihn nicht zu überzeugen. Wie um mich zu beruhigen, legte er die Hand auf meinen Unterarm und sagte in beschwichtigendem Ton erneut: „Ich nicht verrückt.“

Und ich eben auch nicht. Ich weiß sehr gut, dass Ihnen mein Verhalten sonderbar erscheint. So sonderbar, dass Sie mir geraten haben, erstmal hier zu bleiben. So sonderbar, wie mir das Gehüpfe des Hasen erschien, bevor er mir seine Geschichte erzählte. Also möchte ich Ihnen meine Geschichte erzählen, auch wenn ich dafür ein wenig mehr Zeit benötigen werde als der Hase. Aber lassen Sie mich diese beiden Dinge vorausschicken: Erstens, ich bin nicht verrückt. Zweitens, ich verstehe und akzeptiere, dass Sie Gründe haben, das anders zu sehen. Aber Sie irren sich.

Materialermüdung

Am Morgen des 3. November 1978 erwachte mein Vater, Herbert Josef Boltenhagen, bei bester Gesundheit und Laune. Er trank seine übliche Tasse Ostfriesentee, aß zwei Scheiben Graubrot mit Käse, küsste seine Frau und seinen neun Monate alten Sohn zärtlich auf die Stirn, verließ pünktlich um 8:30 Uhr die frisch eingerichtete Vierzimmerwohnung und kam nie wieder nach Hause. Arbeitsunfall. Dabei hatte er einen geradezu lächerlich ungefährlichen Beruf. Er war Pianist des örtlichen Konzerthauses – in Festanstellung, wie meine Mutter niemals hinzuzufügen vergaß. „Er war das jüngste Mitglied des gesamten Ensembles und das bei einem so seltenen Posten“.

Das Schlimmste, was einem Pianisten bei der Arbeit gewöhnlicherweise zustoßen kann, ist, dass ein vermeintlicher Kunstkenner, von einem schiefen Ton bis aufs Blut gereizt, sich zum Äußersten genötigt sieht und die halb aufgekaute Pausenbrezel in den Orchestergraben pfeffert. Aber mein Vater begnügte sich nicht mit dem Gewöhnlichen.

Meine Mutter erzählte immer, es geschah pünktlich zum Ende der nachmittäglichen Probe – auch dieses Detail scheint ihr wichtig. Als ob mein Vater noch im Tod ein besonderes Pflichtbewusstsein an den Tag gelegt hätte, indem er erst nach der Probe das Zeitliche segnete. Jedenfalls vernahmen die übrigen Orchestermitglieder unvermittelt einen lauten Knall. Und dort, wo Momente zuvor mein Vater seine ganze Hingabe und all das überbordende Talent seiner achtundzwanzig Lebensjahre in die Tasten eines Bösendorfer-Konzertflügels gehauen hatte, lag nun ein etwa fünfzehn Kilo schwerer Bühnenscheinwerfer. Niemand konnte wirklich verstehen, woher und wieso und warum gerade jetzt. Eine eilig angesetzte Überprüfung am Nachmittag bescheinigte dem Betreiber des Hauses, dass die Anlage ordnungsgemäß gewartet wurde und ermittelte als Ursache Materialermüdung. Bis auf die Bruchstelle, so steht es in dem Bericht, habe sich die Anlage in einwandfreiem Zustand befunden. Alles bestens also. Niemand war schuld. Ich weiß nicht, ob diese Aussage den angeblich großen Ordnungssinn meines Vaters befriedigt hätte – für seinen Schädel war sie wenig tröstlich. Er verlor den Kampf gegen die unnachgiebigen Gesetzmäßigkeiten der Physik eine knappe halbe Stunde nach dem Aufprall, als man ihn gerade auf den OP-Tisch des örtlichen Krankenhauses heben wollte.

Meine Mutter erzählte mir die Geschichte vom Tod meines Vaters schon, als ich noch sehr klein war. Wahrscheinlich ist es sogar die erste Geschichte, die ich bewusst hörte. In meinem Kopf steht sie in einer Reihe mit den anderen Erzählungen meiner Kindheit. Märchen von Kindern, die von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden. Geschichten von Königinnen, die nach der Geburt ihrer Tochter sterben, um schon im nächsten Satz von einer jüngeren, schöneren Frau ersetzt zu werden. Und dazu eben der Bericht von dem talentierten jungen Musiker, der so unglücklich und sinnlos zu Tode kommt. Erst mit dreizehn oder vierzehn begriff ich wirklich, dass diese Geschichte von dem Mann handelte, der mich gezeugt, monatelang freudig auf mich gewartet und mir als Baby stundenlang Lieder vorgesungen hatte. Und erst als ich mit Mitte zwanzig zum ersten Mal von der Materialermüdung las, empfand ich so etwas wie Wut und Verzweiflung über mein eigenes Unglück. Meine gesamte Kindheit hindurch jedoch blieb der Tod meines Vaters nicht mehr als eine Geschichte.

Verstehen Sie mich nicht falsch - natürlich konnte ich die Tragik eines so frühen Todes mit meinem Verstand erfassen. Die Geschichte an sich fand ich sehr traurig und es tat mir leid für die Frau und das Kind. Und natürlich wusste ich, dass ich dieses Kind war - aber es gelang mir nicht, diese Geschichte als persönlichen Schicksalsschlag zu empfinden. Es war einfach meine Geschichte. „Mein Vater wurde von einem herabstürzenden Scheinwerfer erschlagen, als ich noch ein Baby war“. Das ging mir vergleichsweise leicht über die Lippen. Oder einfacher: „Mein Vater ist schon lange tot.“ Die traurigen und mitleidigen Blicke, die ich daraufhin erntete, waren mir meist unangenehm. Ich wurde dann still und blickte zu Boden und irgendwie waren alle mit dieser Reaktion einverstanden. Ich selbst fühlte mich dabei wie ein schlechter Schauspieler, wie ein Betrüger. Den traurigen Jungen, den alle mitleidig anblickten, spielte ich nur vor, weil man es von mir erwartete. Aber es gelang mir nie, diese Trauer auch zu empfinden. Andere Väter waren Säufer oder Schläger. Mein Vater war tot. Es gab Schlimmeres.

St. Peter-Ording, Montag, 2. August 2010.

Wenn ich aus meinem Fenster blicke, in die gewaltige Weite aus Wolken und Meer, in der der Horizont heute nur als schmale hellgraue Linie auszumachen ist, dann gefällt es mir zu sagen: „Am Beginn dieser Geschichte stand der Regen.“ Diese unzähmbare, immer wiederkehrende Kraftmeierei der Natur.

Hatte es nicht auch geregnet, als Sie mich - wie soll ich sagen? - gefunden haben oder …aufgegriffen? Oder haben Sie mich sogar gerettet? Ich erinnere mich daran, dass ihr Gesicht ganz feucht war, als sie es so nah vor meins geschoben haben. Als wären Sie, wie ich, über Nacht draußen gewesen und Tau hätte sich auf Ihre Wangen gelegt. Oder wie beim ersten Gang in die Sauna - überall diese kleinen Tröpfchen. Und dazu diese überdeutliche Stimme - als sei ich vielleicht schwerhörig oder weggetreten. Oder bescheuert. „KÖN-NEN SIE MICH HÖ-REN?“ Ich habe zwar nicht reagiert, ich weiß, aber hätten Sie mir nur etwas genauer in die Augen gesehen, dann wäre Ihnen vermutlich aufgefallen, dass ich Sie sehr wohl wahrgenommen habe.

Dass ich auch dann noch keinen Ton von mir gegeben oder mich bewegt habe, als die Sanitäter mich auf diese Trage gehoben haben, liegt einzig daran, dass ich das nicht wollte. Ich war beschäftigt. Ich habe nachgedacht. Ich musste Ordnung schaffen in meinem Kopf. Und als Sie kamen, war ich noch nicht fertig.

Wenn ich Ihre Fragen so lese, könnte dieser Bericht auch sehr kurz werden. „Schildern Sie die Vorkommnisse aus Ihrer Sicht“ steht hier. „Was haben Sie gefühlt? Woran haben Sie gedacht?“ Die Vorkommnisse sahen so aus: Ich saß auf dieser Bank auf dem Deich und habe rausgeschaut aufs Meer. Ob ich tatsächlich drei Tage da gehockt habe, halte ich für unwichtig. Und wenn schon? Ist das nicht meine Sache? Was ich gefühlt habe, waren die Kälte in den frühen Morgenstunden, die Sonne am Mittag, der Wind am Abend und einen stetig wachsenden Druck in der Blasengegend. Gedacht habe ich an ziemlich viel gleichzeitig. Aber vor allem: „Liv“.

Verstehen sie mich nicht falsch. Wie ich schon gesagt habe - mir ist klar, dass es auf Außenstehende merkwürdig wirkt, wenn ein Typ mehrere Tage hintereinander auf einer Bank sitzt und nichts tut. Wenn ich ein Buch gelesen hätte - das wäre etwas anderes gewesen. Oder hätte ich die Möwen gefüttert. Wahrscheinlich hätte es schon gereicht, wenn ich eine alte Angelrute ein paar Meter vor mir in den Deich gerammt hätte. Auch wenn gar keine Schnur dran gewesen wäre und das Wasser unerreichbar weit weg - ich wette, ich wäre Ihnen dann nicht aufgefallen. Aber so ohne alles dasitzen und starren. Das ist natürlich nicht normal.

Und auch wenn ich sicher bin, trotz meines Schweigens geistig gesund zu sein, ich denke, ich brauche Ihren Rat. Eine unabhängige Meinung zu all dem. Von einem Experten. Und wenn ich jetzt versuche zu rekonstruieren, womit alles anfing, dann fällt mir die Sache mit dem Regen ein. Das liegt sechzehn Jahre zurück, aber es war wahrscheinlich das erste Mal, dass ich den Regen wirklich beachtet habe. Und mir gefällt die Vorstellung, dass es eine tiefe, ursprüngliche Kraft war, die meinem Leben einen Schubs gab und in Gang setzte, was passieren würde.

Ohne den Regen hätte ich nicht an diesem Wettbewerb teilgenommen, wäre nicht nach St.Peter gefahren, hätte niemals Liv getroffen und den Schwur und seine Folgen hätte es nie gegeben. Aber es hatte nun mal geregnet.

Universum

Im Frühjahr 1994 war ich sechzehn Jahre alt, besuchte die zehnte Klasse des altsprachlichen Gymnasiums meiner Heimatstadt, war mindestens einen Kopf kleiner als jeder meiner Klassenkameraden und gelangte mehr und mehr zu der Überzeugung, meine Existenz müsse eine Art Irrtum des Universums sein. Ich liebte Englisch und Sport - die Schwerpunktfächer meiner Schule waren Latein und Mathematik. Ich liebte Musik und hörte in jeder freien Minute Radio - meine Mutter hatte alles, was mit Musik zu tun hatte, aus unserem Leben verbannt. Vor allem aber liebte ich sämtliche Mädchen meiner Klassenstufe sowie die meisten der neunten und achten, vereinzelt auch ein paar der älteren, ohne dass mir das bisher einen einzigen Kuss, ein Händchenhalten oder auch nur eine Verabredung zum Eis essen eingebracht hatte. Ich war völlig verzweifelt über mein unspektakuläres Leben und ohne jede Idee, wie ich daran etwas ändern könnte.

Das Spektakulärste, was im Frühling 1994 in meinem Leben passieren sollte, war die Anmeldung zu einem Wettberwerb für junge Forscher. Nie im Leben wäre ich selbst auf die Idee gekommen, bei so etwas mitzumachen und wenn doch, hätte ich die Idee sofort auf einen großen Zettel geschrieben, den Zettel zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen und den Papierkorb danach mit einer Flasche Spiritus feierlich abgefackelt. Es war mein bester und einziger Freund Basti, der diese Idee hatte. Oder eigentlich war ihm die Idee von unserem Physiklehrer eingeflüstert worden und Basti war sofort uneingeschränkt begeistert. Er meinte, wir könnten damit einen wichtigen Grundstein legen. Ein erster Schritt auf einem langen, schnurgeraden Weg in die Welt von Wissenschaft und Forschung. Und als ich diese Worte unvorsichtigerweise vor meiner Mutter wiederholte, waren die beiden wichtigsten Bezugspersonen in meinem Leben wild entschlossen, aus mir einen Forscher zu machen.

Ich selbst war von dem Plan alles andere als begeistert. Erstens gab es nicht ein einziges naturwissenschaftliches Thema, das mich auch nur annähernd interessiert hätte und zweitens war ich nicht bereit, meine ohnehin schon geringen Chancen auf Annäherung an das andere Geschlecht durch die Teilnahme an der größtmöglichen Streberaktion diesseits des Mississippi zu ruinieren.

„Diesseits des Mississippi“, äffte Basti mich nach. „Was ist das denn für ein bekloppter Spruch? Und was ist das überhaupt für ein Argument?“

Wir standen im Wartehäuschen an der Bushaltestelle, um zum Schwimmtraining zu fahren und der Regen trommelte so laut auf das Plexiglas, dass wir kaum ein normales Gespräch führen konnten. Aber wir waren allein und so brüllten wir munter gegen das Prasseln an. „Ist überhaupt kein bekloppter Spruch. Ist von meinem Vater“, rief ich und warf Basti einen Blick an den Kopf, der gleichzeitig Wut und Verletzung ausdrücken sollte. Aber Basti grinste nur. „Daran erinnerst du dich? Na, du hast ja’n phänomenales Gedächtnis, Junge!“ Für einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, dass ich jetzt eigentlich richtig verletzt und noch wütender sein müsste. Stattdessen musste ich grinsen. „Weißte doch. Elefanten vergessen nix.“

Basti legte freundschaftlich den Arm um meine Schulter und im Spiegelbild des Wartehäuschens sah ich unsere verschwommene Silhouette. Basti war riesig. Er sah aus wie ein Erwachsener. Mit Haaren über der Lippe und breiten Schwimmerschultern. Darunter ich. Wie ein Kind mit viel zu großem Kopf. Die meisten Leute hielten Basti für meinen älteren Bruder, weil wir im gleichen Haus wohnten, in die selbe Klasse gingen, den selben Schwimmverein besuchten und ständig zusammen hingen. Dabei war ich fast drei Monate älter.

„Das wäre übrigens auch ein gutes Thema“, stieg Basti wieder ein.

„Was? Elefanten?“

„Na ihr Gedächtnis. Ob sie wirklich so ein gutes Gedächtnis haben.“

„Ja. Haben sie.“

„Ja. Aber warum… das wäre eine interessante Fragestellung.“

„Weil sie so alt werden.“

„Wie bitte?“

„Na die werden fast neunzig. Da müssen sie sich doch bitteschön auch an früher erinnern können. Also haben sie ein gutes Gedächtnis, weil es blöd ist, wenn die Kumpels von vor siebzig Jahren vorbeikommen und sie bieten ihnen nicht mal einen Tee an, weil sie sie gar nicht erkennen.“

„Elefanten trinken keinen Tee.“

„Du weißt was ich meine, Basti. Das kann man doch alles irgendwo nachlesen. In der Schulbibliothek stehen mindestens zehn Bücher zu dem Thema. Hunderte Forscher in der ganzen Welt arbeiten seit fünfzig Jahren an nichts anderem. Da müssen wir doch nicht auch noch ganz niedliche Fragen dazu stellen, damit alle Lehrer sich freuen und wir in Biologie ne bessere Note kriegen.“

„Ich kann in Bio gar keine bessere Note kriegen.“

Es war zwecklos. Auf alles, was ich sagte, hatte Basti eine Antwort. Und umgekehrt. Und wir kamen kein Stückchen weiter.

„Was findest du denn interessant?“, fragte Basti plötzlich.

„Nichts. Ich finde nichts von dem Forscher-Zwerge-Kram interessant.“

„Ja. Aber davon abgesehen. Wenn es jetzt was mit Schwimmen zu tun hätte?

„Hat es aber nicht. Und ich will auch gar nicht zum Schwimmen forschen. Ich will einfach schwimmen. Dabei muss ich wenigstens dein Gequatsche nicht ertragen.“

In dem Moment kam der Bus und wir stiegen ein. Auf der letzten Bank lümmelten ein paar sehr erwachsen aussehende Jungs, also zog ich Basti in einen Vierer ganz vorne. Wir mussten rückwärts fahren und saßen gegenüber einer alten Dame mit Pudel auf dem Schoß. Aber das nahm ich in Kauf, denn unsere Streberpläne wären im hinteren Teil des Busses sicher kein günstiges Thema. Eine Weile saßen wir schweigend nebeneinander, dann nahm Basti einen neuen Anlauf.

„Katrin Morgentaler macht auch bei dem Wettbewerb mit.“

Ich starrte Basti mit aufgerissenen Augen an. Er lächelte. Die Alte lächelte. Der Pudel lächelte. Ich blickte wütend aus dem Fenster.

„Na und?“

„Sie untersucht das Flugverhalten von Eulen. Wie sie es schaffen, so lautlos zu fliegen.“

„Weiche Federn“, erwiderte ich.

„Meine Güte. Jetzt fang nicht wieder so an. Gut. Meinetwegen steht das alles schon in irgendwelchen Büchern. Aber es geht ja nicht nur um das Ergebnis, sondern um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Um Forschung.“

Basti war lauter geworden und ich blickte beunruhigt auf die letzte Bank. Die beiden Jungs dort schenkten uns jedoch keinerlei Beachtung. Sie versuchten gerade, gemeinsam einen Song aus einem einzelnen Kopfhörer zu hören. Es schepperte bis nach vorne.

„Hör zu, Pete“, versuchte Basti es nochmal. „Es muss ja nix mit Tieren sein, wenn das nicht so dein Ding ist. Gibt es denn gar nichts, was dich interessiert?“

Ich erkannte das Scheppern, das aus dem Walkman nach vorne klang. Ben, unser Schwimmtrainer, hörte das immer in seinem Auto. Manchmal nahm er mich mit. Manchmal gab er mir auch seinen Walkman für ein paar Minuten.

„New Model Army“, sagte ich.

Mit einem Seufzer der Verzweiflung sackte Basti in seinem Sitz zusammen.

„Ausgeschlossen. Wir können keine Forschungsarbeit über New Model Army machen. Das lässt der Böttcher niemals zu und das lässt auch deine Mutter niemals zu. OK. Vergiss es.“

Dann war es wieder still. Ich blickte durch die beschlagene Scheibe nach draußen und lauschte der Musik, die von hinten kam. Man konnte den Text nicht hören, aber ich kannte ihn auswendig und sprach leise mit. …on the bus ride … that meanders… up these valleys of green and grey… Das war erstaunlich passend für eine Busfahrt durch den Regen. Vor meinen Augen schoben sich die Tropfen die Scheibe hinab, verschmolzen miteinander und rasten in mäandrierenden Rinnsalen nach unten. Ich versuchte vorauszusagen, welchen Weg der nächste Tropfen nehmen würde, aber es war unmöglich. Das Wasser schien völlig chaotische Bahnen zu nehmen. Wobei sich im unteren Teil richtige kleine Flüsse ausbildeten, die nebeneinander im Nichts verschwanden. Es faszinierte mich. Warum ging das Wasser keinen geraden Weg? Warum all die Schleifen und Bögen? Warum ließ sich die Reise des Tropfens nicht vorausberechnen? Das waren Fragen, die mich wirklich interessierten - nicht Elefanten oder Eulen. Ich drehte mich zu Basti. Er hatte die Augen geschlossen. Die Alte hatte die Augen geschlossen. Der Pudel hatte die Augen geschlossen.

„Regen“, sagte ich.

Basti seufzte ohne Aufzublicken. Ich grinste. Und damit hatten wir doch noch unser Forschungsthema gefunden.

Abkürzungen

Später behauptete Basti, er hätte schon vorher in meinen Augen gesehen, dass ich mitmachen würde. „Und zwar in dem Moment, als ich Katrin Morgentaler erwähnt habe.“ Aber das ist Unsinn. Auch meine Mutter wollte mir mein plötzliches Interesse an Wissenschaft nicht so recht abnehmen, beschloss aber, sich einfach über den Sinneswandel zu freuen und erklärte ihn sich selbst und mir als Zeichen meiner wachsenden Reife. Allerdings bedauerte sie, dass wir uns nicht für ihr Fach, Mathematik, oder wenigstens Biologie oder Chemie als Forschungsgebiet entschieden hatten. Aber als Basti ihr erklärte, dass unser Fachgebiet Geo- und Raumwissenschaft quasi zur Physik gehöre und das Ganze eine astreine naturwissenschaftliche Untersuchung werde, sah sie sehr glücklich aus. Sofort bot sie Unterstützung an. Wir könnten die Uni-Bibliothek nutzen. Sie wolle mit ihrer Chefin sprechen, damit wir Forscher interviewen könnten und so weiter. Basti musste sie bremsen. „Das ist leider verboten, Frau Boltenhagen. Wir müssen wirklich alles ganz alleine erarbeiten. Nur Herr Böttcher darf uns beraten. Er ist da offiziell als Betreuer angemeldet, wissen Sie.“ Das wirkte. Vor Regeln hatte meine Mutter Respekt. Wenn es verboten war, war es verboten.

Bastis Begeisterung und der Stolz meiner Mutter verdrängten meine eigenen Zweifel für etwa zwei Wochen. Dann traten wir bei Herrn Böttcher an, um unseren Arbeitsplan für die nächsten Monate zu erfahren und aus meinen Zweifeln wurde die Gewissheit, einen Fehler begangen zu haben.

Zunächst hatte Herr Böttcher unser Thema so weit verändert, dass es kaum mehr etwas mit Regen zu tun hatte. „Regelmäßigkeiten bei der Ausbildung von Mäandern“ lautete das Thema unserer JuFo-Arbeit, wie unser Projekt ab jetzt genannt werden sollte. Böttcher schaffte es gleich zu Beginn seines Monologs, die Abkürzung dreimal in einem Satz unterzubringen. „Die JuFo-Arbeit und die Teilnahme am JuFo-Wettbewerb eröffnen euch ein ganzes Universum an Möglichkeiten und Kontakten in der JuFo-Welt.“ Ich hasste dämliche Abkürzungen und diese brachte es direkt auf Platz eins meiner Liste, noch vor O-Saft und HDGDL. Meinen Einwand, dass wir doch eigentlich über die Wege der Regentropfen forschen wollten, hatte er offenbar erwartet. Mit einem künstlichen Showmaster-Grinsen tänzelte er zur Tafel und klappte sie mit großer Geste auf. Wir starrten auf ein gezeichnetes Rechteck mit Schlangenlinie und ich rechnete fest damit, dass jeden Moment diese Musik ertönte, die im Fernsehen immer dann kommt, wenn ein Kandidat gerade seinen ganzen Einsatz verzockt hat.

„Genau das machen wir natürlich auch, mein lieber Peter“, pries Böttcher seinen vermeintlichen Hauptgewinn an. „Ein Tropfen auf einer Scheibe ist ja nichts anderes als Wasser auf einer schiefen Ebene. Zugegeben: im Fall der Fensterscheibe ist diese Ebene mehr als nur schief. Wir bauen also eine solche Ebene auf einen verstellbaren Winkel und montieren am oberen Ende einen Wasserzufluss mit Druckregulierung. So erhalten wir zwei Variablen, den Wasserdruck und den Neigungswinkel der Ebene und können in drei Monaten ausreichend Experimente durchführen, um belastbare empirische Daten über das Fließverhalten des Wassers zu erhalten.“

„Fantastisch“, platzte es aus Basti heraus.

Ich bemerkte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Nicht genug, dass ich noch nicht so genau verstanden hatte, was wir da empirisch und mit zwei Variablen eigentlich veranstalten würden, das mit den drei Monaten meinte Herr Böttcher erschreckend wörtlich. „Wenn wir in zwölf Wochen jeden Tag zwei Durchläufe von je vier Stunden machen, kommen wir auf 120 Testreihen. Mit dem einen oder anderen Durchlauf am Wochenende oder abends sollten wir genügend Daten zusammenkriegen, um Mitte Juli fertig zu sein. Bis Ende August könnt ihr dann die Arbeit schreiben. Abgabe ist am 15. September. Was sagt ihr - ist das ein Plan?“

Nach diesem Gespräch hatten Basti und ich die schlimmste Krise unserer 15-jährigen Freundschaft. Drei Monate lang irgendwelche Variablen variieren? In den Sommermonaten am Schreibtisch sitzen und eine Arbeit schreiben? Ich erklärte Basti, ich würde aussteigen. Ich meinte es ernst, aber er nahm mir das nicht mal eine Sekunde lang ab.

„Mal ernsthaft, Pete - was würde deine Mutter wohl davon halten?“ Dieser Satz machte mich so wütend, dass ich fast geschrien hätte. Blöderweise standen wir mitten auf dem Schulhof. Noch mehr als dämliche Abkürzungen hasste ich dramatische Szenen in aller Öffentlichkeit. Also würgte ich ein erbärmliches „mirdochscheißegal“ hervor, schubste Basti so fest gegen die Brust, wie ich nur konnte und rannte wortlos nach drinnen.

Der Papierkorb im Jungs-Klo bekam dann meine ganze Wut zu spüren. Idiotischerweise war es mir nämlich gar nicht scheißegal, was meine Mutter davon halten würde. Scheiß Papierkorb. Kein winziges bisschen scheißegal, denn es war verdammt nochmal meine einzige sinnvolle Aufgabe auf diesem Planeten, ihr keinen Kummer zu bereiten. Verdammter Scheiß Papierkorb. Und Basti wusste das genau. Er hatte von Anfang an geplant, meine Mutter als Druckmittel einzusetzen. Verblödeter, dämlicher Blech-Papierkorb-Arsch.

„Sag mal, geht’s noch?“ Die Tür ging auf und Katrin Morgentaler stand vor mir. Ich starrte sie an, als spräche sie Suaheli. Sie starrte mich an, als sei ich bescheuert. Für eine solche Situation hatte ich eigentlich, gemeinsam mit Basti, eine ganze Liste cooler Sprüche vorbereitet - von Immer locker bleiben, Schätzchen bis Es ist nicht das, wonach es aussieht. Stattdessen nuschelte ich: „Das ist das Jungs-Klo“ und stürmte an ihr vorbei.

Wendung

Das Problem mit mir war: ich war verdammt schlecht im Streiten. Wirklich schlecht. Meist kam es überhaupt nicht dazu, dass ich mit irgendjemandem in Konflikt geriet. Aber wenn doch, war ich drüber so erschrocken, dass ich alles dafür tat, die Wogen so schnell wie möglich zu glätten. Der Anlass war mir egal. Der Schuldige war mir egal. Ich wollte Frieden. Wenn meine Mutter mich als fernsehsüchtig beschimpfte, wenn Sie nach 19 Uhr nach Hause kam und bemerkte, dass der Fernseher noch warm war, schrie ich ihr nicht etwa entgegen, ich hätte nur MTV Europe im Hintergrund laufen lassen, weil es in diesem Irrenhaus nicht mal ein Radio gäbe. Und dabei hatte ich immerhin eine Stunde lang Wäsche zusammen gelegt. Stattdessen sagte ich einfach tut mir leid und verschwand in meinem Zimmer. Wenn sie mich einmal in drei Monaten von einem Schwimmwettkampf abholen sollte, eine ganze Stunde zu spät kam und sich kaum war die Autotür geöffnet, wortreich entschuldigte, war ich schon nicht mehr sauer, bevor ich auf dem Sitz saß. Natürlich, ich hatte sie mehrfach daran erinnert. Aber dann hatte es beim Friseur eben länger gedauert, sie hatte sich ein wenig verquatscht und dann waren da tatsächlich auch noch andere Autos auf den Straßen.

Im Grunde war mir meistens alles nicht so wichtig. Ich konnte die Beweggründe von anderen besser verstehen, als meine eigenen. Basti wollte mich unbedingt dabei haben. Er wusste, worauf ich anspringen würde. Also hat er das ausgenutzt und es hat funktioniert. Das war zwar berechnend, aber er hatte sich entschuldigt. Und ganz ehrlich - ich hatte eh nix besseres vor.

Eine Woche nach unserem Streit begannen wir mit dem ersten Experiment.

Unser Labor war ein nicht genutzter Klassenraum, dessen hintere Hälfte bis unter die Decke mit alten Holzstühlen vollgestellt war. Der Raum lag im Keller des Altbaus, unterhalb der Straßenebene, so dass kaum Licht durch die Fenster hineindrang. In der Luft hing eine undefinierbare Mischung aus schimmelndem Holz, Rattengift und toter Ratte.

Unsere Experimentierfläche war eine drei Meter lange Pressspanplatte, die Basti mit Bootslack eingepinselt und auf das Holzgerüst eines Liegestuhls geschraubt hatte. Mit Hilfe eines Schlauches am oberen Ende der Platte konnte man Wasser die Ebene runterlaufen lassen, wobei sich Mäander ausbildeten, diese typischen Schleifen.

Unsere Hypothese war: verändern wir Wasserdruck oder Neigungswinkel der Platte, verändern sich auch die Mäander.

Unser Forschungsziel war: Regeln und Gesetze für die Herausbildung der Wasserbögen zu finden.

Unsere Motivation war: in die tieferen Sphären der Wissenschaft vorzudringen und den Rätseln des Kosmos ein weiteres wertvolles Geheimnis abzutrotzen. Zumindest konnte ich genau das in Bastis Gesicht lesen, als er zum ersten Mal den Wasserhahn öffnete und zusah, wie sich ein winziges Rinnsal Wasser über unsere Platte wand, um leise strullernd in die Auffangwanne zu laufen.

Meine ganz eigene Motivation war es, Basti zu unterstützen, meine Mutter zufriedenzustellen und auf irgendeine überraschende Wendung dieser Forschungsgeschichte zu hoffen. Bisher erschien mir nämlich alles genau so, wie ich es erwartet hatte: aufgeblasen, mühselig und unendlich langweilig.

Unsere gesamte Arbeit bestand darin, Neigungswinkel und Druck einzustellen, die ganze Apparatur vier Stunden lang laufen zu lassen und in Intervallen von dreißig Minuten zu zählen, wie viele Schleifen sich ausgebildet hatten, zu messen wie breit ihre Ausdehnung war und alles sorgfältig zu notieren und zu fotografieren. Jede Messung dauerte weniger als eine Minute, so dass uns am Vormittag im Namen der Forschung erlaubt wurde kurz den Unterricht zu verlassen, um im Keller Notizen zu machen.

An den Tagen, an denen ich dafür eingeteilt war, hielt ich mich streng an den Plan, vergaß nie auch nur eine Messung und dokumentierte gewissenhaft jede kleinste Veränderung. Allein - ich verstand immer noch nicht, warum wir das alles taten. Zugegeben, den Unterricht einfach so verlassen zu dürfen, fand ich gut. Die Kehrseite davon war: die ganze Klasse wusste, warum einer von uns immer mal wieder kommentarlos den Saal verließ. Und nicht nur die Klasse. Die ganze Schule wusste es. Basti und Peter aus der 10b, der Große und der Kleine, dieses ohnehin schon merkwürdige Pärchen, waren freiwillig und anscheinend mit Begeisterung in die JuFo-Welt übergetreten. Und während Basti von unserer wachsenden Berühmtheit wenig bis nichts mitzukriegen schien, hörte ich auf den Gängen immer öfter Getuschel oder spürte spöttische Blicke in der Pause.

Trotz all dieser negativen Vorzeichen klopfte dann aber tatsächlich die überraschende Wendung an unsere Tür. Es war Montag in unserer zweiten Forschungswoche. Ich war gerade dabei, das Schachbrett aufzubauen, mit dem Basti und ich uns am Nachmittag die Wartezeit vertrieben, als die Tür aufging und Herr Böttcher mit der Wendung mitten in unser Laboratorium gelaufen kam. „Jungs, ich bringe euch heute eine Kollegin. Wir brauchen einen Raum, in dem wir einen kleinen Windkanal aufbauen können. Und ich denke, hier ist genug Platz für zwei Forschungsprojekte. Wir müssen nur schnell die Stühle auf den Hof räumen. Herr Schneider lässt sie morgen abholen.“ Er hielt kurz inne, als er unsere ungläubigen Gesichter sah. Dann wandte er sich um. „Ihr kennt doch Katrin aus der 10a, oder?“

„Klar“, antworte Basti für uns beide. Dabei grinste er mich dermaßen auffällig an, dass ich verzweifelt wünschte, statt einer nutzlosen Liste mit coolen Sprüchen, lieber eine Tarnkappe zu besitzen.

Die Begrüßung hatte ich verpatzt und danach wollte mir kein einziger brauchbarer Satz einfallen. Also schnappte ich mir wortlos die ersten beiden Stühle und fing an, sie auf den Hof zu schleppen. So konnte ich in Ruhe darüber nachdenken, was hier gerade geschah. Katrin Morgentaler sollte sich mit uns ein Labor teilen. Katrin Morgentaler war tatsächlich auch Teil der JuFo-Welt. Aber wieso? Oder besser: womit hatte ich das verdient? Katrin war das beliebteste Mädchen der ganzen Klassenstufe. Sie stand in allen Fächern auf Eins, war Klassensprecherin, Mittelstufensprecherin und Kapitänin der Volleyball-Schulmannschaft. Dazu sah sie aus wie ein Fotomodel. Lange braune Haare, riesige Rehaugen und über ihren Po oder ihre Brüste nachzudenken, geschweige denn sie in halbwegs verständlichen Worten zu beschreiben, wäre mir nur nach monatelanger Meditation in einem tibetanischen Mönchskloster möglich gewesen. Katrin Morgentaler war fester Bestandteil meiner erotischen Tag- und Nachtträume. Aber bis auf unsere Begegnung auf der Toilette hatte ich nie auch nur ein direktes Wort mit ihr gesprochen. Ich lächelte beim Stühle schleppen vor mich hin. Das würde sich jetzt ändern.

Durch Katrins Ankunft bekam der Mikrokosmos unseres Labors eine Ordnung. Bisher hatten wir zwar pflichtbewusst unsere Messungen gemacht, aber unser ganzes Dasein war mir vollkommen sinnlos erschienen. Wir waren ziellos im Raum umhergewabert - jetzt hatten wir unsere eigene kleine Sonne, um die wir kreisen konnten. Vielleicht kreiste Basti etwas aktiver und ich war eine Art Trabant, ein Mond, der an Basti dranhing. Aber auch ich bekam meine Portion Sonnenlicht ab und alles war gut. Bisher hatte ich an diesem JuFo-Projekt teilgenommen, weil meine Mutter und Basti es wollten. Jetzt wollte ich es selbst. Nicht wegen der Wassertropfen auf dieser schiefen Ebene, die wenig mit meiner Busscheibe zu tun hatte. Wegen Katrin. Die echte Welt machte endlich den ersten Schritt auf mein Fantasie-Universum zu und ich war mehr als gespannt, wie weit die beiden sich annähern würden.

Wir räumten für Katrin die hintere Saalhälfte frei, bewiesen unsere Tapferkeit an einem halb skelettierten Nagetier und schleppten für sie ein riesiges Windrad aus der Physiksammlung in den Keller. Als Lohn dafür durften wir von nun an regelmäßig ein paar Stunden mit Katrin verbringen.

Am zweiten Tag schaffte dann auch ich es, eine Art Konversation mit ihr zu führen. Basti ließ sich gerade den Windkanal erklären, als sie darüber klagte, die Lichtverhältnisse im Keller seien wirklich schlecht.

„Sind doch Nachtvögel“, sprach ich in den leeren Raum vor meinem Mund. Ich rechnete nicht mit einer Reaktion, aber die beiden drehten sich abrupt zu mir um. Basti hatte direkt wieder sein Grinsen angeknipst.

„Was?“

Katrin bedachte mich mit einem ausdruckslosen Blick, so als gälte es ein weiteres Versuchsobjekt zu beobachten.

„Na, Eulen. Eulen sind Nachtvögel. Für die ist es gut, dass es hier dunkel ist.“

„Aber ich will doch keine echten Eulen hier runter bringen.“

Ich versuchte ein Lächeln, das mir allerdings hoffnungslos über die Unterlippe entglitt.

„Ich weiß“, stammelte ich.

„Das war ein Scherz!“, sprang Basti mir bei. „Pete macht ständig solche Sprüche. Er ist wirklich witzig.“

Ich rückte meine Unterlippe zurecht und dachte sehnsüchtig an die Tarnkappe. Katrin betrachtete mich einen Moment lang still, ohne dass irgendetwas ihre Gedanken verriet. Zu meiner Verblüffung öffnete sie dann ihren Mund und schenkte mir ein großes, weißes Lächeln.

Schwimmen

Die kommenden Wochen gehörten eindeutig zu den besten meiner gesamten Schulzeit. In Mathe kam ich immer noch nicht mit, in Latein musste ich seit neustem sogar die Förderstunden besuchen und einer der Schul-Rambos hatte Spaß daran gefunden, mir ständig ein Bein zu stellen - aber das spielte alles keine Rolle. Wichtiger war: ich verbrachte regelmäßig Zeit mit Katrin Morgentaler. Sie stieg zwar nur an zwei oder drei Tagen pro Woche in unseren Keller herab, aber das genügte mir. Anfangs sprachen wir nur wenig und ausschließlich über Eulen, aber nach und nach gewöhnten wir uns aneinander. Ich hatte zwar immer noch Mühe nicht ständig auf die Wölbung ihrer Brust zu starren, aber immer öfter hielt ich ihrem Blick beim Sprechen stand. Irgendwann stellte sie mir dann tatsächlich eine Frage, die gar nichts mit Forschung oder Schule zu tun hatte.

„Basti hat erzählt, du schwimmst auch beim KSK?“

Ich nickte.

„Welche Lage?“

„Delphin.“

„Er ist sogar Jahrgangsbester“, warf Basti ein.

Katrin zog skeptisch die linke Augenbraue hoch.

„Tatsächlich? Aber Basti ist doch bestimmt nen Kopf größer als Du?“

„Du solltest ihn mal im Wasser sehen“, machte Basti weiter. „Pete hat eine unglaubliche Technik. Unser Trainer nennt ihn den Wasserfloh.“

Katrin lachte laut auf und mein stolzes Lächeln rutschte leicht erdwärts. Aber dennoch schien sie ein wenig beeindruckt.

„OK, Wasserfloh. Vielleicht musst Du mir diese Technik mal zeigen.“

Und dabei hob sie die Augenbraue gleich noch mal. Ich war völlig gebannt von der Leichtigkeit dieser Bewegung. Wie in Trance antwortete ich: „Klar. Komm gerne mal mit zum Training.“

„Ist das nicht nur für Jungs?“

An dieser Stelle wusste selbst Basti nichts mehr zu meiner Verteidigung hervorzubringen.

„Doch. Nur für Jungs. Die Mädchen trainieren eine Stunde früher.“

„Na das mein’ ich doch“, versuchte ich die Situation zu retten. „Zum Mädels-Training. Du bleibst einfach nen Moment länger und ich zeige Dir, wie es geht.“

Katrin lächelte entschuldigend. „Das würde ich wirklich gerne sehen. Aber ich kann nicht auch noch in den Schwimmverein. Ich geh schon viermal die Woche zum Volleyball - dazu jetzt noch das hier.“

Das verstand ich natürlich. Außerdem spielte Katrin ja noch Geige im Schulorchester. Und sie hatte sicher auch sonst noch einige Termine. Doch anstatt es gut sein zu lassen, hörte ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen: „Dann gehen wir am Samstag. Da ist zwar Spaßbaden, aber wir finden schon ne Bahn.“ Und zu meiner noch größeren Überraschung war Katrin einverstanden.

Meiner Mutter war irritiert, dass ich Samstags trainieren wollte, denn eigentlich begleitete ich sie an diesem Tag immer auf den Markt. „Ich dachte wir gehen ins Café Schwonke?“, versuchte sie es. „Vera kommt auch mit den Zwillingen.“ Aber ich war unnachgiebig. Und da im Juli die Vereinsmeisterschaften anstanden und selbst meine Mutter ahnte, dass es spannenderes für einen Sechzehnjährigen gab als zwei Muttis und zwei Achtjährige, war es ausnahmsweise sie, die nachgab.

Basti kam um Punkt dreizehn Uhr. Wir waren erst um zwei verabredet und der Bus brauchte keine zehn Minuten zum Bad. Dennoch hatte er auf den frühen Treffpunkt bestanden. Dass die Verabredung für uns beide galt, hatte für keinen von uns auch nur einen Moment in Zweifel gestanden. Zu meiner Verwunderung trug er Sporthosen, T-Shirt und Laufschuhe. Verschwörerisch blinzelte er mich an.

„Bereit Katrin Morgentaler im Bikini zu sehen?“

Ich versuchte mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen.

„Vielleicht trägt sie ja auch nen Badeanzug.“

Basti schloss für einen Moment theatralisch die Augen. „Was auch immer sie trägt - heute bekommt mein Leben endlich einen Sinn.“

„Was ist mit Sandra?“, fragte ich.

„Was soll sein?“ fragte er betont gut gelaunt. „Wir gehen miteinander. Aber Katrin Morgentaler im Bikini, ist Katrin Morgentaler im Bikini. Und außerdem steht sie ja wohl eher auf Dich, Wasserfloh.“

Ich wurde rot. „Badeanzug - nicht Bikini“, stammelte ich, „ich denke, es wird Katrin Morgentaler im Badeanzug. Schließlich wollen wir schwimmen.“

Bastis gute Laune steigerte sich noch.

„Ja. Das sagtest Du bereits. Egal was sie trägt - ich hoffe, du bist vorbereitet?“ Er zwinkerte mir zu.

Ich verstand nicht.

Basti rollte theatralisch die Augen.

„Na vorbereitet. Du hast hoffentlich dafür gesorgt, dass in deiner Badehose niemand einen spontanen Zeltausflug unternimmt.“

Ich sagte gar nichts und Basti wurde noch theatralischer.

„Pete, also wirklich. Ich fass` es nicht. Das ist unprofessionell. Na los, ab mit Dir ins Bad.“

Dazu öffnete er die Badezimmertür und macht eine tiefe Verbeugung. Ich begriff zwar mittlerweile, bewegte mich aber kein Stück.

„Oh. Nein Danke. Ich kann doch nicht… während Du hier hockst“

„Ich kann so lange fernsehen. Aber beeil dich.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Vergiss es. Ich hab das schon im Griff“

Basti pfiff mit gespielter Anerkennung durch die Zähne. „OK, OK. Aber versteck dich nicht hinter meinem breiten Rücken, wenn Du nachher die Kontrolle verlierst.“ Dann zeigte er auf mein Zimmer. „Los - Sportsachen an. Schwimmsachen in den Rucksack. Wir laufen zum Bad.“

„Wir laufen zum Bad? Warum das denn?“

„Du kapierst aber auch gar nichts. Das ist auch Vorbereitung, Mann. Wir wollen doch jeden einzelnen unserer mühsam herangezüchteten Muskeln in Bestform bringen.“

Ich wollte widersprechen, denn eigentlich ging es wohl vor allem um Bastis Muskeln. Aber er hatte recht. Neben ihm sah ich zwar aus wie ein Kind, aber immerhin war ich ein Schwimmer. Und in letzter Zeit hatte ich im Spiegel immer mal wieder neue Muskeln entdeckt. Es konnte sicher nicht schaden, diese ein wenig in Form zu bringen.

In der Umkleidekabine vom Schwimmbad verordnete Basti mir dann noch eine Trainingseinheit von fünf mal zwanzig Liegestütze. Zwei Rentner lachten herzlich, als sie uns auf dem Kabinenboden japsen sahen. Als wir das Bad betraten war ich überall am Körper rot und immer noch kurzatmig, aber tatsächlich wirkte ich etwas größer als sonst. Basti lief wie Adonis vor mir her. Katrin zeigte sich jedoch in keiner Weise beeindruckt. Oder vielleicht habe ich auch nur nichts davon mitbekommen, denn ich habe kaum auf ihr Gesicht geachtet. Sie trug tatsächlich einen Bikini. Er war weiß mit schwarzen Nähten, betonte die gesunde Bräune ihrer Haut und verriet deutlich, dass ihre körperliche Entwicklung zur erwachsenen Frau mehr als abgeschlossen war. Ich konnte nicht anders, als einen Moment lang gedankenverloren zu starren und bereute sofort, nicht auf Basti gehört zu haben. Also dachte ich intensiv an exponentielle Funktionen und hoffte auf den Vertuschungseffekt meiner dunklen Badehose.

„Die Herren Forscher“, begrüßte uns Katrin mit einem koketten Blick, bei dem sie wieder die Augenbraue hochzog.

„Hallo Katrin. Wartest Du schon lange?“, hörte ich Basti sagen. Ob er ihr zur Begrüßung die Hand gab oder sie gar umarmte, sah ich gar nicht mehr. So schnell es ging, trat ich an den Beckenrand und ließ mich kommentarlos ins Schwimmerbecken fallen. Ein älterer Herr ohne Schwimmbrille konnte gerade noch ausweichen und bedachte mich mit einer kleinen Schimpftirade. Ich tauchte zurück an den Beckenrand. Katrin lachte. „Uuups. Und da kommt auch schon der Bademeister.“

Tatsächlich bewegte sich ein junger Mann in weißen Shorts und blauem Polo-Shirt auf uns zu. Aber er lächelte. Es war Ben, unser Schwimmtrainer.

„Dass ich dir noch mal die Baderegeln erklären muss, hätte ich nicht gedacht.“ Er half mir mit einer Hand aus dem Wasser, begrüßte Basti und schließlich Katrin.

„Was macht ihr hier, Jungs? Trainieren am Wochenende.“

„Klar“, lächelte ich.

„Peter wollte mir zeigen, wie man richtig Delphin schwimmt“, ergänzte Katrin mit einem Blick, den ich bisher noch nicht an ihr kannte. Ihre Stimme wurde ziemlich sanft. Sie schnurrte beinahe.

Ben setzte ein breites Grinsen auf.

„Oh. Da hast du dir unseren Spezialisten ausgesucht. Er hat wirklich eine einzigartige Technik. Los ab mit Dir. Zeig uns wie’s geht.“

Ich schlurfte brav zum Startblock und sprang ins Wasser. Beim ersten Zug war ich tatsächlich so etwas wie aufgeregt. Die vertrauten Bewegungen brachten mich aber schnell zur Ruhe. Mein Körper ging in den Schwimmmodus. Beinschlag, gleiten, Beinschlag, Arme. Ich fixierte den Beckenboden schräg vor mir und hörte auf zu denken. Bevor ich es richtig merkte, hatte ich schon gewendet und war auf dem Weg zurück. Ben war neben Katrin stehen geblieben und erklärte ihr irgendwas. Sie beobachteten mich. Ich richtete meinen Blick wieder in die Tiefe. Als ich am Beginn der Bahn ankam, war mir blöderweise noch nicht eingefallen, was ich jetzt sagen könnte. Also wendete ich und hängte zwei weitere Bahnen dran. Diesmal gab mir Basti mit einem Patsch auf die Schulter zu verstehen, dass ich aufhören sollte.

„Ich bin dran“, raunte er mir zu. Dann sprang er über mich und zog mit schnellen Kraulschlägen davon. Ich stieg aus dem Wasser.

„Bei Freistil spielt die Spannweite eine größere Rolle. Da schwimmt Basti allen weg. Aber Delphin ist neben Kraft vor allem Technik. Körperbeherrschung. Koordination.“ Ben grinste stolz zu mir rüber. Katrin lachte übers ganze Gesicht.

„Nicht schlecht, Wasserfloh“, rief sie. Sie lächelte anerkennend und ein prickelndes, warmes Etwas breitete sich überall in meinem Körper aus. Ein wenig wie Fieber, nur fühlte es sich verdammt gut an. Das war ein Anfang, eindeutig. Und besser als Eis essen. Aber da mir immer noch kein kluger Satz einfiel, stürzte ich mich einfach wieder ins Wasser.

Hinterher war ich unsicher, wie Katrin den Schwimmbadbesuch wirklich fand. Erst dachte ich, sie langweilt sich. Denn während Basti und ich alleine durchs Wasser pflügten, stand Katrin nur draußen bei Ben und hörte ihm zu. Aber dann war sie auch reingesprungen und ließ sich von mir die Arm- und Beinbewegungen beim Delphinschwimmen zeigen. Ich machte es vor und sie machte es nach. Ben kam auch noch mal dazu und korrigierte ihre Haltung von außen. Katrin brauchte ungefähr vier Versuche, dann hatte sie die Bewegung drauf. Sie forderte sofort ein Wettrennen. Ich musste schwören, ich würde Vollgas geben und gewann mit einer halben Bahn Vorsprung. Aber das schien ihr zu gefallen. Sie gab mir einen kleinen, anerkennenden Klaps auf die Schulter und lachte aus vollem Hals. „Nicht schlecht“, sagte sie wieder. „Wirklich nicht schlecht.“ Aber als ich ihr dann die Bewegung nochmal vormachen wollte, musste sie schon nach Hause. Sie war richtig erschrocken, als sie sah, wie spät es war und verschwand mit einer kurzen Verabschiedung aus Becken, Bad und meinen Wochenendplänen.

Freunde

Am folgenden Montag kam Katrin direkt auf unseren Schwimmbadbesuch zu sprechen und wie toll sie alles fand. Ich fürchtete zunächst, sie mache sich über mich lustig, aber sie sprach ganz ernsthaft davon, sich im Schwimmklub anzumelden. Ihr enger Zeitplan schien auf einmal kein Hindernis mehr zu sein. „Ich geh nur Montag und Mittwoch. Das ist der perfekte Ausgleich zum Volleyball.“ Ich war überglücklich, versuchte mir aber möglichst wenig anmerken zu lassen. Basti hingegen reagierte mit fast schon besorgniserregender Zurückhaltung. Ich beschloss, ihn zu ignorieren.

Ich sah Katrin in dieser Woche an jedem Tag irgendwo im Schulhaus. Jedes Mal grüßte sie mich zumindest oder blieb stehen, um ein paar Worte mit mir zu wechseln. Das schien irgendeine Art von Zauber in Gang zu setzen. Es begann mit Katrins Freundinnen, die ebenfalls begannen, mir zuzunicken. Dann grüßten mich ein paar von den cooleren Jungs aus der Elften. Schließlich ging sogar der Rambo, der mich zu seinem Lieblingsopfer auserkoren hatte, nur mit einem schiefen Grinsen an mir vorbei. Ohne mir das Bein zu stellen. Ohne mir ans Ohr zu schnipsen. Ohne irgendeinen Spruch. Ich war glücklich wie nie in meinem Leben und am Freitag konnte ich die Tatsachen nicht länger leugnen.

„Basti. Ich glaube, mich hat’s erwischt.“

Grinsen.

„Scheiße.“

Schweigen.

„Katrin?“

Nicken.

„Scheiße.“

Grinsen.

Wir saßen zu zweit im Forschungskeller und unsere Wasserplatte plätscherte fröhlich vor sich hin. Basti hatte mich gerade in Rekordzeit matt gesetzt, ohne dass ich wirklich viel davon mitbekommen hätte. Er fuchtelte mit meinem König wie mit einem Messer vor meiner Nase rum.

„Ich sag das nicht gern, Petey. Aber vergiss es.“

„Sie hat sich im Klub angemeldet.“

„Das ist eine andere Liga. Nicht meine und schon bestimmt nicht deine.“

„Sie hat mich an der Schulter berührt. Im Schwimmbad.“

„Sag mal hörst Du mir überhaupt zu?“

„Sie zieht die linke Augenbraue immer so hoch, wenn sie mich ansieht.“

„Scheiße.“

„Ja. Scheiße.“

Das Wochenende zog an mir vorbei, wie in einem Nebel. Ich dachte 48 Stunden lang pausenlos an Katrin. An ihren weißen Bikini. An ihre makellose Haut. An den Stups, den sie mir auf den Arm gegeben hatte. Die Bilder standen so real vor mir, dass ich glaubte, sie berühren zu können. Es fiel mir schwer, mich auf die Welt um mich herum zu konzentrieren und wusste keinen anderen Ausweg, als auf Bastis Rat zu hören. Katrins Brüste unter den weißen Stoffdreiecken - ich rannte ins Bad. Katrins Po unter Wasser - ich rannte ins Bad. Katrins Augenbraue - ich rannte ins Bad. Meine Mutter wollte mich schon zum Arzt schleppen, weil ich ständig die Toilette blockierte. Ich erzählte von Durchfall und bekam zwei Tage lang nichts, als geriebenen Apfel, Zwieback und Banane zu essen. Aber wenn das der Preis für meine Fantasien war, dann zahlte ich ihn gerne.

Am Montag kam Katrin nicht ins Labor und ich sah sie auch nicht auf dem Flur. Beim Training war sie dann aber da. Basti und ich waren gemeinsam von der Schule zum Schwimmbad gejoggt. Viertel vor fünf standen wir außer Atem, aber in Bestform, in der Halle. Katrin zog fleißig ihre Bahnen zwischen den anderen Mädels. Sie trug diesmal einen Badeanzug, aber das änderte nichts daran, dass sich ein neues erotisches Bild in mein Gehirn einbrannte, als sie aus dem Wasser stieg. Ben nahm sie zur Seite und erklärte ihr was. Dabei legte sie ihre Hand scheinbar gedankenlos auf seinen Oberarm und lachte. Dann kam sie auf uns zu.

„Hi Jungs.“ Katrin winkte, obwohl sie direkt vor uns stand. „Viel Spaß. Ich muss unter die Dusche.“ Und schon war sie weg. „Ja. Viel Spaß!“, rief ich ihr hinterher. Dann beeilte ich mich ins Wasser zu springen.

Schon bei den ersten Kraulzügen zum Aufwärmen wusste ich: Basti hatte recht. Ich starrte auf seine Zehen, die vor mir im Wasser tanzten und wusste, er hatte recht. Katrin Morgentaler war nicht in mich verliebt. Das war unmöglich. Aber vielleicht, so hoffte ich, vielleicht würde sie sich einfach meines jugendlichen Körpers bedienen wollen, um die wilde Lust einer erwachsenen Frau zu stillen. Ich starrte ein Loch in Bastis Füße. Ich hatte das Gefühl, sein Grinsen durch die Fußsohlen sehen zu können. Ich versuchte nicht an Katrins Brüste zu denken und konzentrierte mich auf die monotonen Armbewegungen. Es funktionierte nicht.

An diesem Tag brach ich das Training zum ersten und einzigen Mal vorzeitig ab. Was ich auch versuchte - ich kam einfach nicht in meinen Schwimmmodus.

Am Dienstagnachmittag traf ich meinen Schwimmtrainer Ben vor unserer Schule und bekam eine erste Ahnung, was mit Katrin wirklich los war. Am Mittwoch beim Training sah ich, wie er zärtlich über ihren Unterarm strich und am Freitag holte Ben sie aus dem Keller ab und all meine Befürchtungen hatten sich bestätigt.

„Dreiundzwanzig. Ich kapier das nicht. Ben ist dreiundzwanzig. Ist das nicht irgendwie verboten oder so?“

Basti legte tröstend seinen Arm um meine Schulter.

„Ich hab doch gesagt: eine andere Liga.“

„Aber mal im Ernst: dreiundzwanzig. Ben könnte fast ihr Vater sein. Er ist unser Trainer. Im Grunde so was wie ein Lehrer.“ Ich wollte es verhindern, aber meine Stimme bekam unwillkürlich einen weinerlichen Klang.

„Manche stehen eben auf ältere.“

„Aber dreiundzwanzig!“

„Das sind gerade mal sieben Jahre.“

„Ja eben: sieben Jahre. Das ist doch nicht normal.“

Basti klopfte mir aufmunternd auf die Schultern.

„Hey - wir haben sie im Bikini gesehen und wir werden sie wieder im Bikini sehen. Und außerdem sind wir immer noch Forscherkollegen.“

„Forscherkollegen? Ach Scheiße!“

„Ja, Pete. Scheiße.“

Das nächste Mal sah ich Katrin in der folgenden Woche in unserem Labor wieder. Sie kam in Begleitung ihrer Freundin Lisa. Schon durch die Tür hörte man die beiden laut „Baby, we keep on smiling“ singen. Basti begrüßte sie mit seinem theatralischen Blick. „Bitte. Wer hört das denn noch?“

Die Mädels gaben sich einem Kicheranfall hin und ließen sich ihre gute Laune nicht verderben.

„Entschuldigung, bitte. Aber was versteht ihr denn von Musik?“, fragte Lisa. Katrin übernahm der Einfachheit halber die Antwort.

„Nichts, meine Liebe. Aber wir wollen uns hier unten ja auch nur der Forschung widmen. Der Forschung und nichts als der Forschung.“

Wieder prusteten beide los. Basti zuckte nur mit den Schultern warf mir einen hilflosen Blick zu. Ich beugte mich mit dem Zollstock über einen unserer Wasserbögen und trug die Ausdehnung in die Liste ein. Dann setzte ich mich zurück ans Schachbrett und täuschte angestrengtes Nachdenken vor. Katrin erklärte Lisa zuerst ihren Windkanal und danach unsere Wasserplatte. Basti ließ mich alleine sitzen und zeigte ihr den genauen Aufbau. Lisa stellte ein paar Fragen, ließ dabei deutlich erkennen, dass sie all das nicht sonderlich interessierte und verabschiedete sich. Basti verließ den Raum mit ihr, um etwas zum Trinken zu holen.

Ich war mit Katrin alleine. Ich bohrte meinen Blick auf das Schachbrett und versuchte dabei aus den Augenwinkeln zu erkennen, was sie machte. Ich glaubte zu erkennen, dass sie sich mit dem Rücken an ihren Arbeitstisch lehnte. Ich konnte nicht ganz sicher sein, aber es schien, als sehe sie zu mir rüber. Mein Puls begann anzusteigen, so dass man das Pochen in meinen Schläfen wahrscheinlich sogar sehen konnte. Ich drehte meinen Kopf nur für eine winzige Millisekunde und zuckte sofort wieder zurück. Katrin sah mich direkt an.

„Peter. Ich muss mit dir reden.“

Ich schob meinen Bauern ein Feld voran und warf ihn damit sinnlos Bastis Pferd zum Fraß vor. Dann drehte ich mich zu Katrin.

„Klar. Was ist?“

Katrins Lächeln war ein wenig gequält.

„Es ist mir ein bisschen peinlich.“

Bong. Bong. Bong. Meine Schläfen puckerten dermaßen deutlich, dass ihr das einfach auffallen musste. Aber Katrin blickte zu Boden.

„Also. Du und ich…“, begann sie.

Ich sprang auf, ging zu unserer Wasserplatte und drehte den Hahn zu. Ich wusste selbst nicht genau warum. Katrin blickte mich entgeistert an.

„Ääh, das Plätschern.“, stammelte ich. „Das nervt.“

Katrin lächelte verständnisvoll.

„Was ich sagen will. Wir beide sind doch mittlerweile sowas wie Freunde, oder?“ In ihrem Blick lag fast so etwas wie Hoffnung.

„Klar“, hörte ich mich sagen.

„Es ist wegen Ben“, rückte sie heraus. „Ich brauche deinen Rat. Du kennst ihn doch ein wenig besser, oder?“

Ich hätte mir am liebsten wie ein kleines Kind mit beiden Händen die Ohren zugehalten, aber ich nickte nur.

„Ich hoffe, Du findest mich nicht kindisch, aber…weißt du, ob er eine Freundin hat? Ich meine, wir verstehen uns wirklich gut und wir waren am Freitag sogar im Kino. Aber ich hab das Gefühl, das ihn irgendwas blockiert. Weißt Du, wie ich meine?“

„Nein“, stammelte ich.

„Na, ich weiß eben nicht, ob er bereit ist, sich auf was Festes einzulassen, verstehst Du?“

„Nein“, sagte ich noch einmal. „Nein. Er hat keine Freundin.“

In Katrins Gesicht gingen mit einem Schlag alle Lampen an. Sie strahlte mit voller Leuchtkraft.

„Echt nicht? Bist du ganz sicher?“

„Ja“ sagte ich und quälte mir ein Lächeln ins Gesicht.

„Oh Mann. Das sind fantastische Neuigkeiten, Pete. Fantastisch.“ Sie hüpfte mit zwei Schritten durch den Raum und schloss mich in die Arme. Ihr Haar duftete nach einer Mischung aus Aprikose und Wildblumen. Ihre Wange war weich wie Seide und ihre Brüste drückten mit deutlicher Spannung an meinen Oberkörper. Ich stand einfach nur da und atmete tief ein.

„Na hier wird wohl für Fackeln im Sturm geprobt, oder was“, hörte ich Basti, der plötzlich in der offenen Tür stand. Katrin wandte sich von mir ab und strahlte in seine Richtung.

„Besser, Basti. Viel besser.“ Sie blickte sich noch einmal um, winkte mir zu, hüpfte durch dieTür und war verschwunden.

Skeptisch blickte Basti zu mir.

„Oder doch nicht?“.

Ich schüttelte den Kopf.

„Denver-Clan. Oder Falcon Crest oder sowas.“

Basti reichte mir eine Fanta und setzte sich ans Schachbrett.

„Falcon Crest? Na du kennst Sachen.“

Ich nahm einen Schluck und lächelte.

„Wir sind jetzt Freunde.“

Basti atmete geräuschvoll aus.

„Ey? Wer hat das Wasser abgestellt?“

Ich schloss die Augen. Es roch nach Aprikose.

Wachsen

Die Wochen bis zu den Sommerferien verbrachte ich mit Schule, Schwimmen und Schach. Immer öfter saß ich auch alleine im Keller, denn Basti hatte sich von Sandra getrennt und investierte all seine überschüssige Energie in Lisa. Manchmal war ich dann auch mit Katrin allein. Wir führten lockere Gespräche über dies und das, und immer wieder auch über ihre Beziehung mit Ben und wie gut alles lief und wie dankbar sie mir war und so weiter. Ich kam erstaunlich gut damit klar. Letzten Endes hatte Basti doch recht gehabt: im Bikini gesehen hatte ich sie. Das konnte mir keiner nehmen. Genau wie die Erinnerung an das Gefühl ihrer Brüste durch den Pullover oder den Geruch ihres Haares. Ab und an bekam ich einen leichten Stich in der Herzgegend, wenn ich mir vorstellte, was hätte sein können, aber ich war weit von dem entfernt, was ich von einem echten Liebeskummer gelesen und erwartet hatte. In meinen Träumen schloss Katrin die Kellertür immer noch von Innen ab, aber in der Wirklichkeit kam ich mit der Rolle des Kumpels ganz gut zurecht.

Die Episode mit Katrin hatte außerdem zu echten Verbesserungen in meinem Alltag geführt. Niemand fiel mehr in dunklen Gängen über mich her, niemand tuschelte hinter meinem Rücken und ich absolvierte mittlerweile auch mal ein Gespräch mit einem Mädchen, ohne mich wie ein vollkommener Trottel zu verhalten. Der Zauber, der mit ihrer Bekanntschaft begonnen hatte, blieb bestehen.

Dazu bemerkte ich im Sportunterricht, dass ich Rainer Seelemann mittlerweile um gut zwei bis drei Zentimeter überragte. Damit war ich offiziell zwar immer noch der zweitkleinste Zehntklässler der gesamten Schule, aber es war ein Anfang, der mir Hoffnung gab.

Kurz vor den Sommerferien stellte ich einen neuen Vereinsrekord über 100 Meter Delphin in meiner Altersklasse auf und hatte das Gefühl, gleich mehrere Zentimeter an einem Tag zu wachsen. Ben änderte meinen Spitznamen in Mini-Albatros und bot mir an, in den Sommerferien an einem zweiwöchigen Schwimmcamp an der französischen Mittelmeerküste teilzunehmen. Der Verein zahlte die Unterkunft und Verpflegung. Für uns blieben nur die Fahrkosten von je 80 D-Mark und ein bisschen Taschengeld.

„Frankreich. La France. Das ist das Land der Liebe.“, schwärmte Basti, der auch eingeladen war. „Überall kleine Mademoiselles, für die wir Liegestütze am Strand machen können.“

„Heißt es nicht Stadt der Liebe und geht es dabei nicht nur um Paris?“, wandte ich ein.

„Stadt, Land, scheißegal. Paris ist die Hauptstadt, also ist Frankreich auch das Land der Liebe, klar?“

„Und was ist mit der Arbeit?“

Basti grinste. „Ich hab schon mit Böttcher gesprochen. Er ist zwar nicht begeistert, aber so lange wir alles bis Ende August fertig haben, ist es ihm egal.“

„Aber wie sollen wir das schaffen? Alles auswerten und fünfzehn Seiten schreiben. Ich hab keine Ahnung, was wir überhaupt rausbekommen haben.“

„Ach das ist kein Problem. Wir beschreiben einfach, wie sich die Mäander entwickelt haben. Wann sie länger wurden und wann breiter und so was. Vornedran noch ein paar Zusammenfassungen und am Ende unsere Schlussfolgerung.“

„Und was ist unsere Schlussfolgerung?“

„Weiß ich auch nicht. Auf jeden Fall sowas wie die Ausbildung der natürlichen Wasserbögen zu unterdrücken, wie es bei Flussbegradigungen geschieht, erscheint uns als höchst unratsam.“

Ich starrte Basti mit offenem Mund an.

„Was ist? Das war von vorne rein unser Ergebnis. War dir das nicht klar?“

Und als ich mal wieder nichts sagte, nahm Basti mich in den Arm und rief laut „Vive la France!“

Als er zweieinhalb Wochen später braun gebrannt aus Südfrankreich zurückkam, war Basti nicht mehr mit Lisa zusammen, sondern mit Yvette. Ich hatte die vergangenen Wochen mit meiner Mutter im städtischen Freibad und alleine am Schreibtisch verbracht. Sie freue sich zwar über meinen Erfolg im Schwimmen, hatte meine Mutter erklärt. Leider ließen es aber weder unsere finanzielle Situation noch meine schulischen Leistungen zu, dass ich den Erfolg meiner Forschungsarbeit gefährde, indem ich mit irgendwelchen Fremden nach Frankreich fuhr. Außerdem freue sie sich auf ein paar freie Tage für uns beide. Sie übermittelte mir ihren Beschluss fast beiläufig beim Abendessen und ich kam nicht auf die Idee, daran zu rütteln. Als Basti und später Ben für mich auf die Barrikaden gehen wollten und beide sogar anboten, die Gebühr auf unbestimmte Zeit vorzustrecken, musste ich sie bremsen. Ich könnte ja auch im Freibad trainieren. Ich könnte anfangen, die Arbeit zu schreiben. Und schließlich schien die Sonne auch bei uns. Ben hatte es nicht verstanden und Basti war richtig sauer geworden.

„Dann bleib doch bei Mutti. Aber ich fahre, sag ich Dir. Ich fahre.“

Also war er gefahren und ich war hier geblieben.

Bei unserem Wiedersehen war von Groll nichts mehr zu spüren. Basti platzte gut gelaunt in mein Zimmer und war euphorisch wie eh und je.

„Das Land der Liebe, Pete. Ich hab’s dir gesagt. Sonne, Strand und l’amour française. Jetzt kann ich sterben!“

Ich lächelte und schloss die Tür hinter ihm.

„Das wolltest Du schon, nachdem wir Katrin Morgentaler im Bikini gesehen haben.“

„Ja stimmt. Aber was interessiert mich mein Geschwätz von vorgestern. Yvette…sie ist…na weisst Du…sie ist neunzehn. Sie weiß Bescheid, verstehst Du?“

„Na dann stirb’ lieber noch nicht. Wäre ja schade.“

Basti sah mich an, als wäre das das Lustigste, was ich je gesagt hätte.

„Ja, Mann. Das wäre verdammt schade. Ich kann noch so viel lernen. Ich muss noch so viel üben. Am liebsten würde ich jetzt gleich damit weitermachen.“

Er schürzte die Lippen zu einem Kussmund und stürzte sich in einer wilden Umarmung auf mich. Ich ließ mich aufs Bett fallen und schüttelte ihn lachend ab. Wir lagen einen Moment nebeneinander auf dem Bett, so dass unsere Blicke genau auf das Foto von meinem Vater und mir als Baby fielen.

„Dein Alter war ein ziemlich großer Mann, oder? Also sieht zumindest auf dem Foto so aus.“

„Er hat ein kleines Baby auf dem Arm. Da sieht jeder groß aus“

„Ich meine… guck doch mal die Hände an. Er hat echt große Hände.“

„Naja. Er war Pianist.“

„Ja und wenn man Pianist ist, wachsen einem automatisch große Hände oder was?“

Ich betrachtete das Bild von dem feingliedrigen Mann, mit dem winzig wirkenden Baby auf dem Arm. Keine Ahnung, wie groß er war. Aber er blickte sehr ernst in die Kamera. Das fiel mir auf. Und das Baby auch. Mit den gleichen tief-schwarzen Augen. Fast schon feierlich. So als wüssten sie, dass dieses Foto, das einzige Bild von Vater und Sohn bleiben würde.

Basti rappelte sich auf.

„Wie war’s an der Heimatfront?“

„Gut. Es war wirklich gut. Ich glaube, es hat nicht einen Tag geregnet.“

„Ich mein doch nicht das Wetter. Ich mein: wie war’s? Was hast Du gemacht? Wie lief’s mit Mutti?“

Basti wusste, dass Mutti in unserer Familie ein Unwort war. Aber ich ging nicht darauf ein.

„Ich meine nicht nur das Wetter. Es war gut. Wir waren jeden Tag im Freibad. Ich hab mein Pensum absolviert. Wir haben Karten gespielt und Schach und sowas. Ich hab natürlich nicht einmal gewonnen.“

„Nichtmal Remis?“

„Nichtmal Remis.“

„Oh Mann. Ich muss mal gegen deine Mutter spielen.“

„Geh. Frag sie. Da kannst du auch was lernen.“

„Ach echt?“, grinste Basti und ich erahnte seine Gedanken.

„Boah, du hast echt ein massives Hormonproblem, weißt du das?“

„Absolut“, grinste Basti. „Und du? Was hast du mit deinen Hormonen so angestellt in den letzten Wochen?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Alles wie immer.“

In Bastis Abwesenheit hatte ich mit genau zwei weiblichen Wesen gesprochen. Das eine war meine Mutter und das andere war eine etwa vierzigjährige Frau, mit der ich beim Schwimmen zusammengestoßen war. Sie hatte gelächelt und mich ermahnt, ich solle nicht so stürmisch sein. Dann hatte sie mir zugezwinkert und war weitergeschwommen. Manchmal habe ich ein paar von Katrins Freundinnen am Volleyballplatz gesehen, ohne irgendein Wort mit ihnen zu wechseln. Katrin selbst war mit Lisa und ihren Eltern in einem Ferienclub auf Lanzarote. Volle sechs Wochen lang. Aber dennoch hatte ich die Tage genossen. Meine Mutter hatte frei. Wir spielten Sechsundsechzig, Rommé und Canasta und meistens eben Schach. Ich las Unterm Rad von Hermann Hesse und war ehrlich beeindruckt. Nicht nur, dass der jugendliche Held am Ende starb. Das kam mir sehr erwachsen vor. Es gab auch eine zarte, zumindest leicht erotische Szene, die mir sehr gefiel. Meine Mutter hatte mir das Buch gegeben und ich hatte das Gefühl, sie beobachtete mich beim Lesen. So als wollte sie testen, ob mich Liebe und Sex und Mädchen überhaupt interessierten. Es war peinlich von ihr so angestarrt zu werden, aber das Buch war trotzdem gut.

An den Nachmittagen hatte ich mich an der Forschungsarbeit versucht. Meine Mutter hatte mir ein Programm gezeigt, mit dem ich aus unseren Tabellendaten, Grafiken erstellen konnte.

„Hey. Die sehen ja prima aus“. Basti klickte sich in unserem Wohnzimmer durch die Bilder. „Damit kriegen wir die fünfzehn Seiten locker gefüllt.“

Die restlichen Wochen der Sommerferien verliefen in etwa so, wie die ersten beiden, nur dass ich statt meiner Mutter nun Basti dabei hatte. Immerhin spielten wir jetzt ein paar mal Volleyball. Aber seitdem Basti mit Lisa Schluss gemacht hatte, war die Mädels-Gang nicht wirklich gut auf ihn zu sprechen. Wir blieben meistens für uns und hängten uns beim Schwimmen voll rein. Auch das Training am Nachmittag begann wieder und wenn wir danach an unserm Computer vor der JuFo-Arbeit saßen, war ich oft zu müde, auch nur eine Taste zu drücken. Glücklicherweise wusste Basti genau, was er schreiben wollte und wie er unsere Ergebnisse zu interpretieren hatte. Ich las einen Artikel über Mäander in einer Fachzeitschrift, fügte die Schaubilder ein und den Rest erledigte er. Am letzten Tag der Ferien, lag unsere Arbeit fix und fertig ausgedruckt vor uns. Regelmäßigkeiten bei der Ausbildung von Mäandern von Sebastian Reuscher und Peter Boltenhagen, Klassenstufe 10.

„Fünfzehn Seiten mit Literaturverzeichnis und Anhängen“, triumphierte Basti.

„Müssten wir mittlerweile nicht Klassenstufe 11 drauf schreiben, fragte ich?“

„Richtig, Pete“, freute sich Basti. „Wenn ich dich nicht hätte.“

Während er die Titelseite neu ausdruckte, beschlich mich das Gefühl, damit meinen wichtigsten Beitrag zu unserem Werk geleistet zu haben.

Der Regen bleibt

Das neue Schuljahr begann mit viel Routine, aber auch einigen Neuerungen. Trotz meines milde vorgetragenen Protests besuchte ich immer noch die Lateinklasse, um irgendwann das große Latinum zu erreichen. Latein war eines der Themen, über das meine Mutter nicht mit sich reden ließ. All meine Hoffnungen ruhten auf Basti und den Reclam-Übersetzungen, die wir bei Klassenarbeiten auf dem Klo deponierten.

Chemie hatte ich abwählen dürfen. Immerhin. In Physik hatten wir weiterhin Herrn Böttcher, so dass ich mit einer sicheren Drei am Jahresende rechnen konnte. Mathe war kritisch wie immer, aber mit ein bisschen Fleiß würde ich schon durchkommen.

Frauen hingegen waren das Thema, das mir wirklich Sorgen machte. Katrin Morgentaler war tief gebräunt aus ihrem Urlaub zurückgekommen. Trotz der brutalen Wochen der Distanz, wie sie erzählte, war sie immer noch mit Ben zusammen und dieses Jahr endlich zur Schülersprecherin gewählt worden. Den Schwimmunterricht hatte sie wieder aufgegeben. Er ließ sich wohl doch nicht so günstig mit Volleyball verbinden. Da wir auch nicht mehr im Keller zusammen hockten, sahen wir uns kaum noch, aber waren immer noch befreundet. Sie winkte mir im Schulflur zu und ich nickte mit einem Lächeln zurück. Ich war nicht mehr in sie verknallt und unsicher, ob ich es jemals wirklich gewesen war. Nach wie vor turnte sie mit und ohne Bikini durch meine Träume und machte dort ziemlich spannende Sachen mit mir. Das schon. Aber die Realität war nun mal die Realität.

Wenigstens hatte sich mein Körper endgültig für die Idee des Wachsens begeistern lassen. Badehosen, Turnschuhe und alles was sonst noch unbedingt nötig war, wurden durch größere ersetzt. Leider standen Shirts und Pullover nicht auf der Prioritätenliste meiner Mutter ganz oben, so dass ich oft wie ein Clown durch die Gegend lief, bis Basti mir aushalf. Im Sportunterricht standen mittlerweile eine ganze Reihe von Jungs zwischen mir und Rainer Seelemann, dessen Wachstumsprozess offenbar bei 1,70m sein Ende gefunden hatte. Dazu gab es kein einziges Mädchen mehr, das größer war als ich. Tanja Hofmann war vielleicht genau so groß. Aber ich wirkte um einiges größer als sie. Wenn ich mich selbst irgendwo in einer Scheibe sah, erschrak ich jedes Mal. Ich sah tatsächlich aus wie sechzehn. Wie ein ganz normaler Teenager. Das Tolle daran war: alle um mich herum schienen das auch zu sehen. Die Mädchen ließen bei der Begrüßung ein kleines Lächeln aufblitzen und manche der coolen Jungs klatschten mich sogar ab. Das Blöde daran war: ich nahm mir die Rolle selbst nicht ab. Ich war unsicher, wie ich mit wem sprechen sollte und vor allem worüber. Ich fragte mich andauernd, was die anderen über mich dachten. Und ich war vollkommen planlos, wie ich ein Mädchen dazu bringen konnte, mich endlich von meiner schmerzhaften Unberührtheit zu erlösen. Da ich keine Strategie hatte, unternahm ich in dieser Hinsicht einfach gar nichts, hoffte auf ein Zeichen des Himmels oder die Hilfe von Basti.

Wie Basti es vorhergesehen hatte, war Herr Böttcher begeistert von unserer JuFo-Arbeit. Oder besser gesagt von Bastis Arbeit.

„Damit haben wir reelle Chancen auf den Landeswettbewerb, vielleicht sogar auf den Bundeswettbewerb. Dieser Bezug zu den Flussbegradigungen ist geradezu genial. Überall Hochwasser - da kommt so eine Arbeit genau zur richtigen Stunde.“

Böttcher war in der Pause auf dem Schulhof auf Basti und mich zugestürmt. Wir standen in Sichtweite der Raucherecke und von dort drehten sich einige Köpfe in unsere Richtung. Böttcher schrie fast vor Begeisterung.

„Ha. Und das Bundesfinale ist dieses Jahr auch noch in Köln. In Köln. Direkt am Rhein.“

Basti beugte sich verschwörerisch nach vorne und lotste Herrn Böttcher in Richtung Hauptgebäude.

„Wissen Sie, Herr Böttcher. Wir hatten da noch so eine Idee.“

Während wir uns von den grinsenden Oberstufenschülern entfernten, schlug Basti vor, wir könnten doch noch einen zweiten Versuchsaufbau starten. Statt Brett würden wir diesmal eine Art Sandkasten bauen.

„Den könnten wir mit Erdreich füllen, wie bei einem echten Flussbett. Und dann machen wir noch eine Testreihe.“

Böttcher dachte nach.

„Das ist ein wenig aufwändig, aber gut. Und für den Wettbewerb wäre es sehr anschaulich. Sehr gut. Das machen wir. Prima, Sebastian. Prima, Peter.“

Anerkennend klopfte er uns auf die Schultern und hätten wir nicht auf dem Schulhof gestanden, wäre er uns vermutlich um den Hals gefallen.

„Wahnsinn, was wir so für Ideen haben“, sagte ich zu Basti, als wir eine Woche später neben dem neu gebauten Sandkasten standen. Basti hatte für unsere Forschungsarbeit schnell eine Seite eingefügt, dafür bei den Grafiken wieder gekürzt und schon hatte unsere Arbeit einen handfesten Bezug, zur Hochwasserproblematik, die seit vergangenem Frühjahr das ganze Land beschäftigte.

„Du hast es gehört“, grinste Basti. „Wir sind echte Genies. Der Wettbewerb kann kommen.“

Der Regionalwettbewerb Junge Forscher fand im Casino genannten Speisesaal des lokalen Opel-Werkes statt. Mit Stellwänden und Tischen waren in dem riesigen Raum sieben Gänge geschaffen worden, in denen nebeneinander die Teilnehmer jedes Wissensgebietes auf den Besuch der Jury warteten. In Biologie, Physik, Mathematik, Chemie und Technik quetschten sich in jeden Gang zwölf Projekte. Bei Arbeitswelt waren zwei Tische frei. In unserem Gebiet Geo-und Raumwissenschaften sah es genau umgekehrt aus. Insgesamt traten nur drei Projekte an. Ein neunzehnjähriger Nerd, der ein eigenes Teleskop gebaut hatte und überall Fotos vom Mond an seinem Stand hängen hatte, ein ebenso altes Geschwisterpaar, das über Fossilien im Hunsrück forschte und wir. Auch wenn es nur zwei Konkurrenten waren - ihre professionell wirkenden Stände, die Fragestellungen, über die ich noch nie nachgedacht hatte und ihr bloßes Alter, machten starken Eindruck auf mich.

„Wir sind die jüngsten“, raunte ich Basti zu, während wir den mitgebrachten Sand eimerweise in unsere Kiste schütteten.

„Ja“, lächelte er. „Sehr gut.“

Auch Herr Böttcher schien allerbester Laune, als er unsere Konkurrenz sah. Fast so, als hätte er alles genau so erwartet. Ich war dennoch nervös. Es war schon peinlich genug, mit einer Streberarbeit in einer Halle voller Streber an seinem Streberstand rumzustehen. Ich wollte nicht auch noch gegen die Streber verlieren.

Als wir aufgebaut hatten, machten wir einen Rundgang durch den Saal. Das machte mich noch nervöser. Überall gut gekleidete junge Menschen mit ebenso gut klingenden Themen: Strom aus Aluminium. Fluoreszierenden Algen. Antibiotika-Resistenzen. Das klang alles viel wichtiger als als Regelmäßigkeiten bei der Ausbildung von Mäandern.

Mitten im Gewühl entdeckten wir Katrin. Ihr Stand war mit Abstand der schönste von allen. Sie war mit Abstand die Schönste von allen. Sie stand hinter einer ausgestopften Eule und unterhielt sich mit einem jungen Mann im Anzug. Sie wirkte vollkommen ruhig. Nicht anders, als bei uns im Keller. Wir winkten kurz hin und her, dann kehrten Basti und ich zu unserem Stand zurück. Wir waren als erste dran.

Den Vortrag, den wir der Jury lieferten, hatten wir genau abgesprochen. Basti hielt eine kleine Einleitungsrede, in der er alles über Mäander zusammenfasste, was man wissen konnte. Er sprach sogar von ihrem Vorkommen als Muster auf byzantinischen Vasen. Mein Job war es, unseren Versuchsaufbau zu erklären. Das waren alles technische Dinge: wie lang das Brett war, welche Winkel wir einstellen konnten, welchen Wasserdruck und so weiter. Gleich im ersten Satz fiel mir das Wort Mäander nicht mehr ein. Ich stockte, wurde still, meine Schläfen pochten wie wild und schließlich sagte ich. „Bögen“. Es war absurd, dass mir ausgerechnet dieses Wort entfiel. Aber offenbar konnte sich niemand in der Jury ernsthaft vorstellen, dass ich unser Thema vergessen hatte und so erntete ich verständnisvolles Lächeln überall.

Basti übernahm den langen Teil mit den Ergebnissen und Schlussfolgerungen. Danach stellte ich kurz und ohne Zwischenfälle unseren neuen Versuch mit dem Sandkasten vor und Basti referierte abschließend zu Flussbegradigungen und Hochwasser. Nach fünfzehn Minuten von Basti und fünf von mir, waren wir fertig.

Die Juroren lächelten auf ihre Klemmbretter und jeder machte sich schweigend Notizen. In die Stille hinein fixierte mich der Vorsitzende, ein etwa Fünfzigjähriger, der aussah wie Lothar de Maizière und fragte:

„Und warum haben Sie das alles gemacht?“

Ich wurde knallrot.

„Warum?“ wiederholte ich.

De Maizière lächelte aufmunternd.

„Ja. Warum? Was war ihr Antrieb?“

„Na die Wissenschaft voran bringen natürlich“, sprang Basti ein und erntete dafür tatsächlich Lacher der beiden weiblichen Jury-Mitglieder. Aber de Maizière ließ nicht locker.

„Ich meine, wie fing das denn an? Wie haben Sie Ihr Thema gefunden?“

Sein Blick war eindeutig auf mich gerichtet. Er wollte, dass ich antwortete. Auch die Damen blickten jetzt zu mir. Böttcher blickte zu mir. Und selbst Basti schien nicht zu wissen welche Antwort an dieser Stelle erwartet wurde. Also sagte ich: „der Regen.“

De Maizière zog überrascht und ein wenig verwirrt die Augenbrauen hoch.

„Der Regen?“

Ich nickte. „Wir waren auf dem Weg zum Training. Also, zum Schwimmen. Wir gehen in den gleichen Schwimmklub, den KSK. Und es regnete…“

Ich weiß nicht woher die Worte kamen, aber als ich einmal angefangen hatte, erzählte ich der Jury die ganze lange Geschichte, inklusive aller Nebensächlichkeiten und einiger Ausschmückungen. Dass wir im gleichen Haus wohnten zum Beispiel und deswegen immer zusammen mit dem Bus fuhren. Dass wir Musik gehört hätten. Was ja stimmte, auch wenn es nicht unser Walkman war. Dass im Bus eine alte Frau mit Pudel saß. An dieser Stelle hatte ich das Gefühl, Basti wollte mich unterbrechen. Aber ich redete einfach weiter. Wie wir gemeinsam die Tropfen auf der Scheibe beobachtet hätten, obwohl Basti eigentlich die Augen geschlossen hatte. Ich beschrieb in blumigen Worten, wie unsere Neugier erwachte und erklärte unsere Begeisterung für die Tropfen mit unserer Liebe zu Wasser im Allgemeinen, schließlich seien wir Schwimmer. Dazu erfand ich noch eine Großmutter, deren Keller voll gelaufen sei, durch die wir auf das Thema Hochwasser gekommen wären. An diesem Punkt geriet ich ins Stocken, denn mir fiel ein, dass die Jury das möglicherweise überprüfen könnte und ich verstummte. Wieder war es sehr still. Ich sah zu Basti. Sein Mund stand offen und er blickte mich mit einer Mischung aus Schreck und Belustigung an. Ich blickte zu de Maizière. Auch sein Mund stand offen. Ganz langsam jedoch verzogen sich seine Mundwinkel zu einem Schmunzeln. Dann lächelten auch die Frauen. Wieder notierten alle irgendwas auf ihren Klemmbrettern und es gab keine weiteren Fragen.

Als wir abends beim Italiener saßen, zu dem Katrins Eltern auch Herrn Böttcher und uns eingeladen hatten, stand ich immer noch voll im Bann der Ereignisse des Tages. Um mich herum prosteten sich alle zu und gratulierten sich gegenseitig. Ich saß nur da und hielt mich an meinem Glas Sekt fest, dass es zur Feier des Tages gab. Ich fühlte mich, als wäre ich nur um Haaresbreite einer Katastrophe entgangen. Der einzige Überlebende eines Schiffbruchs. Das Gefühl war beängstigend, aber auch gut. Ich war hier. Ich war heil. Wir hatten’s gepackt.

Basti legte zum x-ten Mal den Arm um mich und flüsterte mir zu:

„Wir haben gewonnen, Pete. Gewonnen.“

„Ich weiß“, flüsterte ich zurück.

Basti nahm den Kopf ein wenig zurück und blickte mir forschend ins Gesicht.

„Du siehst aber nicht so aus, als ob du das wüsstest.“

„Es ist nur…“, fing ich an. Dann blickte ich Basti in die Augen und musste unwillkürlich grinsen. „Ich dachte, ich hab’s verkackt, Mann. Ich dachte, mit dieser bescheuerten Geschichte hab ich uns alles versaut.“

Basti strahlte.

„Quatsch, Mann. Die fanden die Geschichte obergut. Die beiden Wasserratten aus dem Hochhaus auf dem Weg durch den Regen. Wegen dieser geilen Geschichte haben wir überhaupt gewonnen. Du hast es nicht verkackt. Du hast es gebracht, Mann.“

„Meinst Du?“, fragte ich und grinste noch mehr.

„Na klar. Das war authentisch. Da gab’s Plattenbau, Musik und sogar ne abgesoffene Omma. Das war the real shit. Auf sowas stehen Akademiker.“

„Ja“, sagte ich. „Das war cool“. Und in dem Moment spürte ich, wie etwas von mir abfiel. Druck oder Stress oder was-weiß-ich. Ich fühlte mich leichter und größer und stärker und schaffte es endlich, mich einfach nur zu freuen. Freuen über unseren Sieg. Freuen über die Anerkennung. Freuen über meine verrückte Geschichte.

„Und beim Landeswettbewerb erzählst du die Story gleich nochmal“, lachte Basti.

„Aber nicht, das mit der Oma?“, fragte ich erschrocken.

„Unbedingt das mit der Oma. Diesmal kriegt sie noch einen lustigen Namen, einen ulkigen Hut und ein chronisches Rückenleiden dazu. Und aus dem Regen machen wir ein Gewitter.“

„Nein“, lachte ich. „Finger weg vom Regen. Der Regen bleibt.“

St. Peter-Ording, Dienstag, 3. August 2010

Nachdem Sie in unserer Sitzung am Vormittag auf so viele Details meines Berichtes eingegangen sind, möchte ich gerne zugeben, dass ich vielleicht an manchen Stellen ein bisschen was hinzugedichtet habe. Also nicht wirklich erfunden oder so. Aber ob ich jeden Satz genau so gesagt habe oder ob Katrin Morgentaler vielleicht etwas mehr nach Pfirsich gerochen hat, als nach Aprikose, das weiß ich nicht mehr genau.

Aber ich weiß, dass Sie Ihren Job gut machen, Frau Doktor. Ich will mich nicht einschmeicheln. Es ist mehr weil - Sie haben sich überhaupt nicht in die Karten gucken lassen. Das finde ich gut. Ich kann wirklich nicht sagen, ob Ihnen jetzt gefällt, was Sie da gelesen haben oder nicht. Ob es uns vorwärts bringt oder nicht. Ob ich so weiter machen soll oder nicht. Sie lassen das erstmal so stehen. Wertfrei. Das ist professionell.

Aber meine Mutter. Das hat Sie interessiert. Das habe ich dann doch bemerkt. Ob ich mich ihr damals nah gefühlt habe? Ob ich mich ihr jetzt nah fühle? Was sie mir bedeute? Das haben Sie gefragt. Darüber wollen Sie mehr wissen.

Aber ich fand das jetzt nicht aufdringlich. Sie haben ganz selbstverständlich gefragt. Ganz natürlich. Und es war OK, dass ich nicht geantwortet habe. Sie lassen mich machen. Ich hab keine Ahnung, ob Sie das aus einem Lehrbuch haben oder so. Aber für mich ist das gut.

Natürlich wollen Sie mehr darüber wissen, wie ich hierher gekommen bin. Das ist mir klar. Warum Maja mich als vermisst gemeldet hat. Also… meine Freundin. Das wusste ich ehrlich gesagt gar nicht, bis Sie es gestern erwähnt haben. Aber natürlich, wenn einer einfach so verschwindet. Obwohl ich ihr ja diese Nachricht geschrieben habe, dass alles in Ordnung sei. Aber vielleicht hat sie das nur noch mehr verwirrt. Bitte erzählen Sie ihr irgendetwas Tröstliches. Irgendeine Diagnose. Sie kann das alles gar nicht verstehen. Aber ich kann ihr das auch nicht erklären. Also nicht jetzt. Wobei ich eigentlich dachte, Maja hätte etwas gemerkt. An dem Abend als ich den Brief bekommen habe. Und sie uns im Treppenhaus getroffen hatte. Mich und den Hasen.

Am 30. Juni kam ich ziemlich spät nach Hause. Ich war gegen 7:30 Uhr zur Arbeit gefahren, hatte die erste Hälfte des Tages lesend, die zweite schreibend verbracht und die Kanzlei um 19 Uhr verlassen. Um 19:30 stand ein Abendessen mit Dr. Lang und seiner Frau an. Maja hatte keine Lust auf ein „getarntes Arbeitsessen, bei dem ich Beate unterhalten soll“ und mir schon Wochen zuvor abgesagt. Meinem Chef erzählte ich erst am Abend etwas von plötzlichem Unwohlsein. Er war ganz offensichtlich enttäuscht, fügte sich aber mit einem kraftlosen Kopfnicken und einem Seitenblick auf seine Frau in sein Schicksal.

„Die Gesundheit ist das allerwichtigste“, flötete Beate Lang übertrieben heiter über den Tisch. „Gerade in Majas Alter ist es für eine Frau besonders wichtig, auf die Zeichen des Körpers zu achten. Wer weiß, was er euch sagen will… euch beiden.“ Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu und ich rang mir ein gequältes Lächeln ab. Gut, dass Maja nicht mitgekommen war.

Dr. Lang blickte entrückt in Richtung Tür, hob entschuldigend die Schultern und während er im Verlauf der Konversation auf seinem Stuhl langsam immer kleiner wurde, wuchs seine Frau stetig in Richtung Zimmerdecke.

Am Ende gehörte ihr der ganze Abend. In Ermangelung eines anderen Ansprechpartners erzählte sie mir alles über die Erfüllung, die ihr die Mutterrolle gebracht hatte, wie schwer - aber auch lehrreich - es gewesen sei „loszulassen“ und wie sehr sie sich wünsche, möglichst bald Großmutter zu werden. Je mehr Wein sie trank, desto lauter wurde sie und weil ich aus vergangenen Treffen wusste, dass das für alle Anwesenden unangenehm enden könnte, bemühte ich mich, sie mit gezielten kleinen Fragen zum Weiterreden zu bringen, wann immer sie zum Glas greifen wollte. Dr. Lang unterstützte mich, indem er einen großen Teil des für Beate so gefährlichen Rebensaftes während ihrer Monologe, mit bewundernswerter Opferbereitschaft höchstselbst vernichtete. Wie immer arbeitete er konzentriert, effektiv und gründlich. Den ganzen Abend hindurch sprach er nicht mehr als drei oder vier Sätze. Als mich die beiden zum Abschied übermütig an die jeweilige Brust zogen, fühlte er sich deutlich wackliger an als sie. Sein Blick war trüb. Es fiel ihm schwer mir in die Augen zu sehen. Doch das Lächeln um seine Mundwinkel bedeutete mir, dass er zufrieden mit uns beiden war. Ich hatte mir brav alles über Stoffwindeln, Milchstau und Homöopathie angehört, er hatte seine Niere gründlich durchspült und niemand war unter Heulkrämpfen in den Ficus gestürzt oder rückwärts im Springbrunnen gelandet.

Ich kam in einer eigenartig melancholischen Stimmung zu Hause an. Möglich, dass auch ich mehr getrunken hatte, als mir gut tat, aber es lag auch an Beates Auftritt. Sicher - Beate war schräg und exzentrisch. Beate war alt und frustriert. Beate war dekadent und unverschämt reich. Aber sie tat mir leid. Ihre Trauer über die verlorene Mutterrolle war echt und berührte mich. Ihre Kinder waren weg und Beate hatte ihre Lebensaufgabe verloren. Und nach zwanzig Jahren zu Hause, hatte sie keine Idee, was als nächstes kommen könnte.

Natürlich musste ich dabei an Maja denken. Maja tat mir auch leid. Sie hatte zwar unbestritten sehr viele Ideen, was sie mit ihrem Leben anfangen könnte, aber mehr als alles andere, sehnte sie sich nach dem, was Beate verloren hatte. Sie wollte ein Kind.

Nur ich wollte nicht. Ich kann nicht so genau benennen warum. Natürlich werden Sie als Fachfrau meine Vaterlosigkeit als Erklärung anführen. Tun Sie das ruhig. Ich glaube, das ist es nicht. Wenn es einen Zusammenhang gibt, dann eher den, dass beides keine übermäßig große Rolle für mich gespielt hat. Ich hatte keinen Vater. Ich hatte kein Kind. Ich will gar nicht sagen, dass mir ein Vater nie gefehlt hätte. Aber eine Tochter oder ein Sohn haben mir bisher tatsächlich nie gefehlt. Ich glaube, man kann ein fehlendes Elternteil nicht durch ein Kind ersetzen.

Aber es gab noch etwas, was zwischen mir und einem Kind stand. Also, einem Kind mit Maja. Ich wollte mir das nie eingestehen, weil es so lächerlich klang. Aber ich hatte eben dieses starke Gefühl, dass ich vorher noch etwas erledigen musste. Ich musste mir Gewissheit verschaffen. Über mich. Über den Sommer 95. Ich musste hierher kommen. Auf die Bank. Auf den Deich. Wo sie mich gefunden haben. Und an dem Abend, am 30. Juni, wurde mir das endlich klar.

Ich betrat also spätabends unser Treppenhaus, holte die Post aus dem Briefkasten und begann meinen Aufstieg ins Dachgeschoss. Zwischen Werbeprospekten und offiziell aussehenden Schreiben fiel mir ein handgeschriebener Brief auf. Ein schmuckloser weißer Umschlag ohne Absender. Adressiert war er an mich. Im Innern befand sich ein sauber gefalteter Zettel. Ich faltete ihn auf und las die kurze Nachricht, die aus einem Datum und einem Imperativ bestand: „28. 7. 2010 - Komm!“.

Während ich das Treppenhaus hinaufstolperte, drehte ich das Blatt drei oder viermal hin und her, aber das war alles. Also - nicht, dass mir diese Nachricht nicht ausgereicht hätte. Ich verstand sehr gut. Aber wer von den beiden hatte den Brief geschickt? Liv? Oder Paco? Und warum anonym?

Ich wollte mir den Umschlag gerade genauer ansehen, da öffnete sich zu meiner Rechten eine Wohnungstür. Ich war so in meine Gedanken versunken, dass ich erschrak. Einen kurzen, unheimlichen Moment lang schien es mir, als wären alle Geräusche im Treppenhaus mit einem Schlag verschwunden. Die Türöffnung wurde immer größer und wie in Zeitlupe trat ein Schatten auf die Schwelle. Dann kehrte der Sound zurück, das Tempo zog an und mit einem großen Satz landete der Hase direkt vor mir auf beiden Füßen, rollte sich über die linke Schulter ab und setzte sich auf die Stufen nach oben. Sein Oberkörper pendelte von links nach rechts, er blickte mir direkt in die Augen und ich sah, dass er am Rande einer Panik stand.

„Peter!“, rief er. „Bist du Peter??“

Ich war so erschrocken, dass ich nichts anderes sagen konnte als „Ja.“ Er starrte mich an. Ich starrte ihn an. Er schien nicht wirklich zu begreifen. Also beugte ich mich zu ihm runter und sagte so sanft wie möglich: „Peter. Ich bin Peter.“

Das funktionierte. Die Gesichtszüge des Hasen entspannten sich. Er lächelte. Ich lächelte. Dann sprang er mit einem Satz auf die Beine und nahm mich in den Arm.

„Peter“, flüsterte er kaum hörbar in mein Ohr. Und dann noch einmal wie zu sich selbst „Peter“. Dann bückte er sich urplötzlich und hob die Nachricht auf, die aus dem Umschlag gefallen sein musste. Mit einem kleinen Sprung war er zurück in seinem Türrahmen und hielt mir den Zettel hin. Als hätte er ihn gelesen sagte er nur: „Komm.“

In seiner Küche versuchte mir der Hase in seiner üblichen pendelnden Sitzhaltung zu erklären, was geschehen war. Er mache seit einigen Monaten eine Therapie. „Doktor ist nicht zufrieden“, erklärte er. „Doktor sagt, muss ich loslassen im Kopf. Aber ich verstehe nicht. Wie kannst du lassen, was ist in dir drin? Wenn du lässt, ist immer noch in dir drin, oder?“

Er blickte mir forschend ins Gesicht und so nickte ich zustimmend. Der Hase lächelte. „Ich wusste, du verstehst, Peter.“

Heute Abend hatte der Hase auf Anweisung seines Arztes versucht, vor dem Schlafengehen eine Stunde lang still im Sessel zu sitzen.

„Hab ich probiert, Peter, wirklich. Hab ich gesessen wie Stein für dreißig Minuten. Nicht gedacht. Nicht gefühlt. Hab ich losgelassen. Aber dann hab ich gehört. Da waren die Schritte. Im Treppenhaus. So spät. Hab ich gedacht - ist vielleicht Peter. Aber hab ich nicht gefühlt. Was, wenn ist nicht Peter? Wenn ist jemand Übles? Wenn ausgerechnet jetzt kommt zu mir und ich bin Stein und bin nicht Hase. Verstehst du? Bin ich gesprungen. Zuerst in Ecke. Dann Wohnzimmer. Dann Treppenhaus. Konnte ich nicht loslassen.“ Er blickte mich durchdringend an. Dann schlich sich ein Lächeln in seine Mundwinkel. „Aber bist du wirklich Peter.“ Er grinste.

Ohne weitere Worte sprang er auf, hüpfte den Flur entlang und öffnete die Wohnungstür. Er hatte gesagt, was er sagen wollte und ich war froh, ins Bett zu kommen. Bevor ich ging hielt ich ihn an der Schulter fest.

„Alles in Ordnung?“

Er lächelte breit.

„Alles in Ordnung Peter. Doktor versteht nicht. Was ist in deinem Kopf, ist in deinem Kopf.“

Wieder blickte er mir genau in die Augen und ich hatte das Gefühl, als spräche er gar nicht über sich, sondern von mir. Wie zur Bestätigung meiner Gedanken tippte er auf den Brief, den ich vor meiner Brust hielt und sagte.

„Du kannst nicht loslassen, was ist in deinem Kopf. Du bist Peter. Wenn du gehen musst, du musst gehen.“

Verwirrt trat ich ins Treppenhaus und sagte: „Ja. Vielleicht muss ich das wirklich.“ Aber er hatte die Tür schon zugeklappt. Eine halbe Treppe tiefer blickte jemand zu mir hinauf. Es war Maja, die gerade erst nach Hause kam.

„Was musst du?“

„Gehen“, sagte ich ganz automatisch.

„Gehen? Wohin denn?“

„Ich…“, fing ich an, aber mir fiel nicht ein, wie es weitergehen sollte. Ich schüttelte mich kurz und fand meine Fassung wieder.

„Nichts. Er hatte Panik, als er mich im Treppenhaus gehört hat. Aber jetzt ist alles wieder gut. Und jetzt muss ich eben gehen.“

Ich lächelte und verdrehte die Augen, um zu unterstreichen, wie absurd die ganze Situation war. Aber Maja lächelte nicht. Und genau in dem Moment hatte ich den Eindruck, sie wüsste ganz genau wohin ich gehen musste.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, haben Sie wohl recht - woher hätte sie das wissen sollen? Ich glaube, es wäre wirklich gut, wenn Maja irgendwann die ganze Geschichte erfährt. Ich weiß nur nicht, ob ich ihr das alles erzählen kann. Aber vielleicht machen Sie das? Sie könnten ihr einfach meine Akte zeigen. Den ganzen Text. Diese Zeilen. Irgendwann. Wenn alles wieder seinen Gang geht.

Welchen Gang alles wieder gehen soll, weiß ich noch nicht. Aber ich tue was ich kann, um das herauszukriegen. Das Schreiben ist mir dabei momentan das Wichtigste. Ich könnte auch damit aufhören und mit Ihnen über alles reden - auch wenn diese Liege in Ihrem Zimmer sehr viel weniger einladend wirkt als die Sofas, die man im Fernsehen bei Therapeuten sieht. Aber das ist nicht dasselbe. Ich kann sprechen, aber ich will es nicht. Noch nicht. Ich fürchte, dann alles auf einmal erklären zu wollen. Dabei habe ich es selbst noch nicht verstanden.

Ich denke, es liegt auch an diesem Zimmer. An der Aussicht. Wenn ich hier sitze, an dem kleinen Tisch vor dem Fenster, dann spüre ich Ruhe in mir. Eine Ruhe, die mir in meinem Alltag abhandengekommen ist. Niemand kommt rein. Niemand will etwas von mir. Dazu liegt mein Schweigen wie eine Schutzglocke über diesen Raum. Ich habe Zeit nachzudenken und auszuwählen, was ich Ihnen erzähle und wie ich es erzähle.

Neues Land

Im Frühjahr 1995 war ich siebzehn Jahre alt, hatte die gleichen Schulprobleme wie im Jahr zuvor und nach wie vor keine Ahnung, wie ich meine quälende Jungfräulichkeit loswerden könnte. Ich war immer noch nicht besonders groß, nicht besonders gut aussehend, nicht besonders schlau und gelangte dennoch mehr und mehr zu der Überzeugung, das Universum könnte vielleicht am Ende doch irgendetwas Gutes mit mir vorhaben.

Neben der Tatsache, dass ich tatsächlich gewachsen war, fühlte ich mich auch größer als im Vorjahr. Ich drückte meine Brust raus beim Laufen und hob meinen Kopf. Die zahllosen Pickel, die mittlerweile auf meiner Stirn und an den Wangen heimisch geworden waren, trug ich mit Stolz, als Zeichen meiner unaufhaltsamen Mannwerdung. Bartstoppeln als Zeichen wären mir lieber gewesen, aber das konnte ja noch kommen. Wie ich mittlerweile wusste, war mein Vater 1,88m groß gewesen. Diese Marke setzte ich mir als Ziel und hoffte insgeheim, sie noch zu übertreffen.

Ein Grund für meine gestiegene Zuversicht lag tatsächlich in der verachtenswerten Streberveranstaltung. Der JuFo-Wettbewerb hatte mir einen Schub gegeben. Oder besser: die Wettbewerbe. Kurz vor Weihnachten hatten wir nämlich am Landesentscheid teilgenommen und trotz der diesmal deutlich größeren Konkurrenz wieder gewonnen. Diesen Sieg konnte ich noch weniger fassen, als den vorherigen. Nicht, dass es für unseren Erfolg keine nachvollziehbaren Gründe gegeben hätte. Durch den Sandkasten lieferten wir einen Beitrag zur aktuellen Hochwasserproblematik, wir hatten tatsächlich ein paar Zusammenhänge zwischen Gefälle, Wasserdruck und Ausbildung der Mäander beweisen können und unsere Arbeit war formal einwandfrei. Was mich verblüffte war: der Grund für unseren Erfolg lag nicht in unserer Forschung, sondern ganz offensichtlich in unserer Show. Und damit zu einem Großteil in meinem Auftritt als niedlich-naiv plapperndes Vorstadt-Kid. Das war es, was die Jury für uns einnahm.

Wie Basti es vorgeschlagen hatte, war die Geschichte noch lebendiger geworden. Die Oma hieß jetzt Hedwig, ein Name, der uns zwar alt, aber nicht so klischeebelastet erschien. Sie hatte seit Wochen ihr Leibgericht, Reibekuchen, nicht mehr essen können, da ihr Kartoffelkeller, der den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte, den Fluten unseres Kleinstadtflüsschens zum Opfer gefallen war. Und ihre niedlichen Enkel grübelten bei einer Busfahrt darüber nach, wie sie das Problem ihrer Oma für künftige Generationen lösen könnten. Das mit dem Zweiten Weltkrieg enttarnte ich als scherzhafte Übertreibung und die Jury lachte. Im Gegenzug nahmen sie mir den Rest der Story gerne ab.

Unsere Geschichte wog schwerer als all die Fakten, die unsere Konkurrenten in sachlichen Vorträgen vor der Jury aufstapelten. Die Leichtgläubigkeit der Erwachsenen und ihr offensichtliches Bedürfnis, eine schöne Geschichte erzählt zu bekommen, verblüfften und erfreuten mich. Genauso, wie meine Rolle dabei.

Die Kombination aus geschickt gewähltem Thema, grundsolider Empirie und unserer Performance brachte uns schließlich nach Köln zum Bundeswettbewerb der Jungen Forscher. Auch hier schien unser Zauber zu wirken und wir landeten auf einem, nicht mal von Herrn Böttcher erwarteten, fünften Platz.

Auf dem Foto mit allen Preisträgern, das meine Mutter aus dem Lokalteil der Zeitung ausgeschnitten hatte, lächeln wir ungläubig neben jungen Genies, die komplizierte Geräte wie Gezeitengravimeter entwickelt hatten oder die Erosionsgefahr im Oberweser Bergland bekämpften. Genau neben mir, im Zentrum des Bildes, steht ein riesiger Mann, der damalige Bundeskanzler, dem ich beim Reden gerade so über die Schulter, oder besser gesagt, am Oberarm vorbei, hatte sehen können. Ich erinnere mich, dass er frei formulierte und unterstützt von kleinen Stichpunktzetteln durch einen Text navigierte, der von muffigen Schulräumen zu den Laboren künftiger Einsteins führte. Nach ungefähr zehn Minuten hielt er plötzlich inne, blickte irritiert in seine Hände und ich konnte erkennen, dass er ganz oben wieder das Kärtchen über die muffigen Klassenräume hielt, das erste seiner Rede. Er ließ die Zettel kurz in seinen teigigen Händen vor- und zurückwandern, ohne neue Informationen zu finden, schob die Karten schließlich zusammen und legte die Hände auf seinem enormen Bauch ab. Ich rechnete mit einem entschuldigenden Satz und erwartete jeden Moment einen unglücksseligen Assistenten auf der Bühne, der mit schuldvollem Stammeln die fehlenden Karteikärtchen brächte, doch nichts dergleichen geschah. Noch bevor die Stille in Raum unbehaglich wurde, setzte der große, dicke Mann sein breitestes Lächeln auf, blickte entspannt in die Kameras und begann von der Küche seiner Mutter zu erzählen. Die Verbindung zu den bisherigen Sätzen seiner Rede zimmerte er hölzern über einen jungen Spenglermeister hin. Mit unglaublichem Erfindergeist habe der aus alten Munitionskisten aus dem Krieg, ein Podest für Herd, Schränke und Arbeitsplatten der Mutter gebastelt, denn diese sei, was niemanden überraschen möge, eine ungewöhnlich große Frau gewesen und habe vom ständigen Gebücke, böse unter Rückenschmerzen gelitten. Das Publikum lachte. In meinen Ohren machte die Geschichte wenig Sinn - was auch immer ein Spengler genau war, mit Holz hatte er meiner Meinung nach wenig zu tun. Und nebenbei löste dieser Typ auch noch die orthopädischen Probleme der Mutter eines künftigen Kanzlers? - aber um mich herum sah ich nichts als glückliche Gesichter. Niemand außer mir schien an der Geschichte irgendetwas unglaubwürdig zu finden. Und wenn doch, so war es allen egal. Das Publikum war einfach dankbar für die persönliche Anekdote. Und als der Kanzler seine Rede mit der absurden Aufforderung beendete, wir alle - und ich glaube er meinte mindestens alle Menschen in Deutschland, wenn nicht sogar der ganzen Welt - sollen sein wie der Spengler, gab es begeisterten Applaus. Nach kurzem Zögern fiel ich selbst mit ein. Nur war ich wohl der einzige im Raum, der nicht der Geschichte selbst applaudierte. Ich honorierte die Improvisationsleistung des Kanzlers und war wieder einmal verblüfft, welch starke Wirkung eine meisterhafte Schauspieleinlage erzielen konnte.

Nach und nach gelang es mir, ein wenig von diesem Zauber in meinen Alltag hineinzutragen. Meine Unwissenheit in Latein versteckte ich hinter einer Maske aus gelangweilter Gleichgültigkeit. Dadurch verstand ich zwar nicht eine Silbe mehr von der toten Sprache, doch es führte verblüffenderweise dazu, dass ich weniger oft an die Tafel musste. Meine Angst vor den Schulrowdies überspielte ich mit einem irren Starren, dass ich mit Bastis Hilfe auf der Busfahrt zum Schwimmunterricht einstudiert hatte und sogar meine Schüchternheit in Gegenwart weiblicher Wesen, bekam ich besser in den Griff. Wenn ich nicht wusste was oder wie ich überhaupt etwas sagen sollte, starrte ich einfach angestrengt in die Ferne. Ich hoffte, dadurch nachdenklich oder gedankenverloren zu wirken. Das fand ich besser, als wie ein Volltrottel vor mich hin zu stottern. Von all meinen neuen Methoden funktionierte das zwar noch am schlechtesten und ich musste immer wieder Rückschläge hinnehmen, aber zumindest reichte es aus, um mich mit Simone Arndt fürs Kino zu verabreden.

Ich habe überlegt, ob diese Geschichte für Sie überhaupt interessant ist. Schließlich geht jeder 17-jährige doch irgendwann mal mit irgendeiner Simone ins Kino, ohne dass daraus gleich ein Fall für die Abendnachrichten wird. Objektiv gesehen hatte auch unser Kinobesuch keine erderschütternden Folgen. Es gab keinen Vulkanausbruch, keine Lavaströme. Die Landmassen um mich herum blieben an Ort und Stelle.

Und doch wirkte danach alles verändert. Es war, als hätte ich einen Gipfel erklommen und ein unbekanntes Tal entdeckt, das dahinter lag. Es sah vollkommen anders aus als alles, was ich bisher kannte: schön, wild, fremd und vor allem beängstigend.

Ich habe oft gedacht, wenn ich mich gleich am Anfang ein wenig weiter in dieses Tal hinein getraut hätte, dann wäre die Geschichte mit Liv vielleicht anders gelaufen. Ich hätte es einfach riskieren sollen. Voll reinstürzen. Und wenn ich irgendwo runtergefallen wäre - egal. Aber so bin ich nach wenigen Schritten umgekehrt und habe versucht, vom sicheren Gipfel aus alles zu verstehen. Ich muss zugeben, dass ich jetzt vielleicht wirklich etwas verwirrt klinge. Also der Reihe nach.

Simone Arndt war eine der Fluppen. So nannten wir die etwa zehn bis fünfzehn Mädchen, die in jeder Hofpause hinter der Turnhalle standen und rauchten. Die Besetzung der Gruppe wechselte ständig. Jahr für Jahr dezimierte der Schulabschluss die verrauchten Reihen gnadenlos, aber immer wieder kamen neue storchenbeinige Sechzehnjährige nach, die sich mit feuchten Augen durch die Aufnahmezigarette husteten. Viele von ihnen verschwanden kurz darauf wieder in der formlosen Masse des Schulhofs, andere standen an einem Tag in der Raucherecke am anderen nicht, aber ein kleiner Teil der Mädchen war praktisch immer da. Zu dieser Gruppe gehörte auch Simone Arndt.

Simone war ein Jahr jünger als ich und ich kannte sie schon seit der Grundschule. Wir waren nicht befreundet. Ich wusste eben wer sie war. Ihre ältere Schwester Steffi war in der Grundschule noch ein Jahr über mir und ging mittlerweile in meine Parallelklasse. Die Familie wohnte in der Neubausiedlung direkt hinter unseren Hochhäusern. Wenn man sich auf Bastis Balkon etwas vorreckte, konnte man das Haus gut sehen. Mit dem weinroten Ziegeldach, dem gepflegten Rasen, dem Carport für den Polo von Frau Arndt und der Garage für Herrn Arndts Mercedes, sah das Zuhause der Familie toll aus. Aber anscheinend war es nicht so toll. Simone und Steffi waren eigentlich immer unterwegs. Jede von ihnen hatte eine feste Clique und wenn bei keiner ihrer Freundinnen irgendwas los war, hingen die Schwestern zusammen in der Stadt rum oder fuhren rauchend mit Steffis uraltem, blauen Renault 4CV durch die Gegend. Für Basti war die Familie ein klassischer Fall. „Zu viel Geld - zu wenig Hirn. Die Alten Spießer - die Kinder Hippies.“ Möglich, dass er recht hatte.

Nur dass mit dem Hirn stimmte meiner Meinung nach nicht ganz - zumindest bei Simone. Zum einen las sie Salinger und Kerouac und all diesen Kram und zum anderen - und das war für mich das überzeugendere Argument - trug sie T-Shirts von New Model Army und den Ärzten. Wer die Ärzte hörte, konnte nicht vollständig blöd sein.

Zufälligerweise war es dann auch bei einer echten Intellektuellenversammlung, auf der wir die ersten Worte miteinander wechselten, einem Matchday vom Schachclub meiner Mutter. Als ich kleiner war, hatte sie mich immer zu diesen Spieltagen mitgeschleppt. Zum einen, weil sie nicht wusste, wo sie mich hätte unterbringen sollen. Zum anderen hatte sie wohl die Hoffnung, dadurch ein kleines Genie aus mir zu machen. Ich sah das in ihrer anfänglichen Begeisterung, wenn es mir gelang, einen deutlich älteren Gegner zu schlagen. Vor allem aber bemerkte ich es in der stillen Enttäuschung, wenn ich vollkommen chancenlos unterging. Es schien beim Schach eine Art unsichtbare Grenze für mich zu geben, über die ich niemals hinauskam. Meine Mutter operierte jenseits dieser Grenze. Sie spielte ein ganz anderes Spiel, zu dem ich keinen Zugang fand. Ich verlor immer gegen sie. Und es gehörte zu ihren unumstößlichen Erziehungsprinzipien, mich niemals absichtlich gewinnen zu lassen.

Normalerweise nutzte ich die Stunden, in denen meine Mutter beim Schach war, um mit Basti Musik zu hören oder mal in Ruhe fernzusehen, aber an diesem Tag gab es einen guten Grund, sie zu begleiten. Das Match fand im Gemeindezentrum eines Dorfes statt, in dem es ein Kino gab, das Filme ausschließlich im englischen Original zeigte. Meine Mutter liebte diesen Ort und da ich die Sprache weitaus besser verstand als Latein oder die positionellen Schwächen meiner Bauernstruktur, sahen wir uns manchmal gemeinsam einen Film an.

An diesem Samstag wurde „Stargate“ gespielt, der neue Film von Roland Emmerich. Meine Mutter machte sich nichts aus Science-Fiction, aber sie kannte die Schwester des Regisseurs von früher und sah sich deswegen alle seine Filme an.

Während meine Mutter verbissen damit beschäftigt war, die Tabellenführung der Universitätsmannschaft zu verteidigen, verlor ich zuerst drei Freundschaftspartien gegen einen Zwölfjährigen und dann die Lust am Spielen. Ich gratulierte artig, verließ das Gemeindezentrum und setzte mich auf eine Bank vor dem Haus ohne einen größeren Plan, was ich dort tun sollte. Ich hatte noch keine zwei Sekunden gesessen, da sprach mich jemand von der Seite an.

„Ach nee. Der Boltenhagen. Was machstn du hier? Bist du bei diesem Schachdings?“

Ich blickte auf und vor mir stand Simones Schwester Steffi. Natürlich rauchte sie. Natürlich war sie geschminkt als würde sie gleich auf eine Party gehen und natürlich hatte sie Simone im Schlepptau.

„Schachdings?“ wiederholte ich.

„Na da drin ist doch son Turnier, oder?“

„Ach so, ja.“ Ich spielte den Ahnungslosen. „Die spielen da drin Schach, ja. Aber ich bin ja hier draußen.“

„Stimmt“, grinste Steffi und zog an ihrer Zigarette. „Du bist hier draußen.“

Simone klappte das Buch zu, in dem sie gelesen hatte und kam zu uns rüber.

„Und was machst du dann hier?“

„Haste doch gehört.“ Steffi lachte. „Er ist hier draußen. Hat mit dem Schachturnier gar nix zu tun.“

„Wirklich“, beeilte ich mich zu erklären. „Ich… bin nur hier weil…wir gehen ins Kino.“

Steffi lachte laut auf. „Oh Kino. Wie cool. Na dann viel Spaß!“ Sie schnippte ihre Kippe auf den Boden, trat mit der Fußspitze drauf und ging in Richtung Straße davon. Simone blieb vor mir stehen.

„Ist heute wieder diese De Niro-Reihe?“

„Ääh…was?“

„Na die zeigen doch gerade ständig Filme mit Robert De Niro. Hier. Den hab ich letzte Woche gesehen.“

Sie hielt mir ihr Buch hin. Nicholas Pileggi. Der Mob von innen: ein Mafioso packt aus.

Ich blickte sie verständnislos an.

„Kenn ich nicht.“ Um nicht völlig ahnungslos zu wirken, fügte ich hinzu. „Also…ich hab Taxi Driver gesehen und Good Fellas. Aber den kenn ich nicht.“

Simone lächelte. „Das IST Good Fellas. Also die Vorlage. Der Roman.“

„Ach so….das ist… wusste gar nicht, dass es dazu ein Buch gibt. Ich dachte dieser Mafioso hätte wirklich gelebt.“

Wieder lächelte Simone. Im Gegensatz zu ihrer Schwester wirkte sie nicht spöttisch oder feindselig.

„Das stimmt ja auch. Dieser Pileggi hat eben über einen echten Fall geschrieben. Sozusagen als Inspiration.“

„Ach so“, sagte ich. Und diesmal musste ich auch lächeln.

„Und?“ fragte Simone.

„Und was?“

„Na guckst du De Niro?“

„Ach so. Nein. Stargate. Science-Fiction. Da spielt de Niro bestimmt nicht mit.“

„Nein“, grinste Simone. „De Niro hat ein bisschen mehr Klasse. Mit wem gehst du?“

Steffi rief von der anderen Straßenseite rüber. Ich blickte zwischen den Schwestern hin und her.

„Ich glaub Steffi will los“, sagte ich schnell.

„Oh ja. Wir wollen rüber zu den Ammies. So ein Soldat hat Steffi zum Bowling eingeladen. Sie wollte unbedingt, dass ich mitkomme.“

„Oh. Klingt toll.“

Simone rollte mit den Augen.

„Bowling ist absolut bescheuert. Findet Steffi auch. Aber deswegen ist sie ja auch nicht hier, verstehst du?“

Sie zwinkerte. Ich nickte. Steffi rief.

„OK. Ich muss. Wenn du willst kannst du das Buch gerne mal ausleihen. Aber ich sag’s nicht gern: der Film ist besser. Im Buch fehlt De Niro.“

„Klar“, stammelte ich. „Gern.“

Sie streckte mir das Buch hin. „Weißt du was? Nimm’s einfach gleich. Ich bin eh fast durch.“

Ich nahm es, hielt das Buch aber mit ausgestrecktem Arm von mir weg.

„Willst du es nicht erst fertig lesen?“

Aber Simone war schon ein paar Meter weiter gelaufen.

„Ach was. Ich weiß eh wie es ausgeht. Und ohne De Niro macht es keinen richtigen Spaß. Wir sehen uns.“

Sie überquerte die Straße und ging einfach an ihrer Schwester vorbei, die lachend auf sie einredete und ihr dann folgte.

„Cool“, murmelte ich vor mich hin und blickte auf das Cover auf dem sich zwei Hände kreuzten, die beide eine Pistole hielten und je einen imaginären Gegenüber außerhalb des Bildrands bedrohten. „Wir sehen uns.“

Meiner Meinung nach irrte sich Simone. Das Buch war kein Meilenstein der Literaturgeschichte, aber es war gut. Es hatte Spannung, gute Sprüche, coole Gangster und es hatte De Niro. Man konnte ihn nicht sehen oder hören, aber gerade wenn man den Film kannte, war er überall in dem Buch. Es lag völlig auf der Hand, warum der Regisseur ihn für den Film ausgewählt hatte. Und Liotta, mit seinen glasigen Augen. Ich sah sein verlorenes Gesicht beim Lesen bildhaft vor mir. Ich bin ein durchschnittlicher Niemand. Ich werde den Rest meines Lebens wie irgendein Trottel verbringen. Das gefiel mir. Das kannte ich.

Am Montag in der großen Pause stattete ich den Fluppen den ersten Besuch meines Lebens ab. Ich hielt das Buch deutlich sichtbar in der Hand und hob es sogar etwas in die Höhe, als mich die ersten kritischen Blicke der rauchenden Mädchen trafen. Es war mein Kruzifix, meine Eintrittskarte, meine Berechtigung, mich dem Haufen zu nähern.

Als sie mich sah, löste sich Simone sofort aus der Gruppe und kam zwei Schritte auf mich zu.

„Ich bringe das Buch zurück, das ich mir geliehen habe“, sagte ich dabei so laut, dass möglichst viele der Mädels es hören konnten. Tatsächlich schien damit für die anderen alles geklärt. Sie ließen ihre Blicke sinken und konzentrierten sich ganz darauf, weiter ihre Fußspitzen anzustarren und dabei aus den Mundwinkeln Gespräche zu führen. Simone musterte mich mit einem forschenden Blick.

„Bringst du mir echt das Buch schon zurück?“

„Naja. Es gehört doch dir.“

Simone grinste.

„Ja tatsächlich. Es scheint genau das Buch zu sein, was ich dir vorgestern in die Hand gedrückt habe. Aber hast du es auch gelesen?“

„Ach so. Ja. Klar.“

Simone zog die Stirn in Falten.

„Scheint ein langweiliger Sonntag gewesen zu sein.“

Ich spürte die alt bekannte Beklemmung in meinem Hals aufsteigen. Doch statt mich um sie zu kümmern fixierte ich einen Punkt an der Wand der Turnhalle und sagte möglichst unbeteiligt.

„Nein. Gar nicht. Es war cool.“

Simone musterte mich eingehend und um ihren Mund schien etwas von dem spöttischen Grinsen ihrer Schwester zu zucken.

„Ooookayyy“, sagte sie gedehnt. „Und wie war der Film?“

„Der Film? Ach so, der Film. Naja… also es sah schon alles cool aus und so. Aber die Geschichte war Mist. Soldaten und ein Wissenschaftler, die durch ein Steintor auf einen anderen Planeten reisen, um dort die Welt zu retten.“

„Ach dieses Tor ist das Stargate oder was?“

„Ja, genau. Aber es ist alles total absurd. Am Ende wird der Fiesling mit einer Atombombe in die Luft gejagt und der Held bleibt auf dem fremden Planeten zurück, weil er seine Liebe gefunden hat.“

Es gab eine kleine Pause.

„Und mit wem warst du?“

Ich suchte wieder den Punkt an der Wand. Ich dachte an die Liste mit den coolen Sprüchen. Ich überlegte, ob ich die Frage vielleicht ignorieren konnte. Und dann tat ich etwas für mich völlig untypisches. Etwas, von dem ich bis heute nicht weiß, woher ich den Mut dazu hatte. Ich sagte: „Mit meiner Mutter.“

Simone sagte nichts.

Ich sagte nichts.

Simone hob den Kopf und blickte mir direkt in die Augen. Und dann sagte sie: „Ich war noch nie mit meiner Mutter im Kino.“

Ein paar Tage später verließ Simone den Schutz ihrer Raucherecke und kam quer über den Schulhof auf mich zu. In der Hand hielt sie eine Zeitung. Basti erzählte gerade vom Schwimmcamp in Frankreich und einer gewissen Véronique, von der ich zum ersten Mal hörte. Als er Simone kommen sah, verstummte er abrupt. Simone lächelte entspannt.

„Kann ich dich was fragen?“

„Klar“, antwortete ich.

Simone zögerte. Basti zog deutlich hörbar die Luft ein und drehte sich mit einem Grinsen weg.

„Ich lass euch mal.“

Ich versuchte ihn am Arm zu packen.

„Nein. Musst du nicht.“

Aber Basti kümmerte sich nicht um mich. Ich blickte ihm nach und drehte mich entschuldigend zu Simone.

„Keine Ahnung, was er hat.“

Simone hielt mir die Zeitung hin.

„Hier. Hast du gesehen?“

Auf den eng bedruckten Zeilen war etwas mit grünem Filzstift eingekreist. In den Straßen der Bronx. 19:30.

„Kennst du den schon?“

„Nein. Den nicht. Aber wieso läuft der noch im Kino?“

„Das De-Niro-Special. Weißt du noch?“

„Ach so. Klar. Wann ist das?“

„Donnerstag. Kommst du mit?“

„Donnerstag. Wohin? Ins Broadway?“

Simone nickte.

„Aber wie kommen wir denn da wieder zurück. Fährt um die Zeit noch ein Bus?“

Simone grinste.

„Da weiß ich schon was. Also, du kommst?“

„Ja.“ Ich nickte vielleicht etwas zu heftig, rieb mir den Nacken und blickte über Simones Schulter hinweg. „Gerne. Ich komme gerne.“

„Prima.“ Simone lächelte. Wir treffen uns um Viertel nach vorm Kino, OK?“

„OK.“ Ich lächelte auch. Simone verschwand. Basti kam zurück. Ich lächelte immer noch. Basti grinste.

„Hab ich was verpasst?“

„Nein“, sagte ich. „Nichts Erderschütterndes.“

Der Kinobesuch mit Simone war einer dieser Abende, die viel zu voll gepackt sind mit Ereignissen. Mein liebstes Kino. Mein liebster Schauspieler. Meine erste Verabredung. Vielleicht ist mir das an jenem Abend zum ersten Mal aufgefallen. Heute bemerke ich das ständig. Tage, Wochen oder Monate ziehen vollkommen ereignislos dahin und man würde sich freuen, wenn man vorm Zubettgehen wenigstens sagen könnte Heute habe ich einen echt interessanten Wortbeitrag im Kulturradio gehört und dann - Bumm. Alles auf einmal. Drei Veranstaltungen gleichzeitig, zu denen man eingeladen ist. Alle wollen am selben Tag zu Besuch kommen. Auf Arbeit steht ein entscheidender Termin an, die Freundin wartet mit Theaterkarten und ein alter Schulfreund hat Geburtstag. Alles wichtig, alles spannend, alles entscheidend - und alles zusammen viel zu viel.

Bereits am Nachmittag war ich so aufgeregt, dass ich mich selbst kaum noch ertragen konnte. Ich hatte mir fest vorgenommen, cool zu sein. Ich wollte nur an den Film denken. Ich wollte auch Basti eigentlich gar nichts erzählen - nichts davon gelang mir.

Zu meiner Überraschung war Basti absolut prima. Er stellte nicht zu viele Fragen. Er machte keine Witze. Und statt Ratschlägen gab er mir sein schwarzes Sonic Youth T-Shirt mit der gelben Schrift. Das war cool.

Meine Mutter musste an dem Abend lange arbeiten, so dass sie nur verlangte, ich solle vor Mitternacht zurück sein. Sie fragte weder wie ich nach Hause kommen würde noch mit wem ich ins Kino ginge. Perfekte Bedingungen.

Als ich um kurz nach sieben vorm Kino ankam, war Simone schon da. Sie stand im Eingangsbereich vor den Plakaten und rauchte. Ihre Dreadlocks hatte sie mit Hilfe eines hellblauen Stofftuches nach hinten gebunden. Über einer Jeans trug sie eine braune Lederjacke und darunter ein düster aussehendes Metal-Shirt auf dem in kantiger Schrift stand: Daddy’s Girl. Wir umarmten uns zur Begrüßung.

„Du bist zu früh“, sagte sie.

„Ja“, sagte ich. „Die Bahn fährt nur alle Stunde.“

Sie nickte und musterte mich.

„Cooles Shirt.“

Ich lächelte.

„Ja…danke“, brachte ich hervor.

Sie grinste.

„Gehen wir einfach schon rein.“

Sie schnipste ihre Zigarette weg, hakte mich unter und zog mich nach drinnen.

Ich hatte also endlich mein erstes richtiges Date. Mit einem Mädchen, dass ich ernsthaft nett fand. Mit vier Flaschen Bier, die sie in den Saal reingeschmuggelt hatte. Und mit De Niro. Und das war ein Fehler.

Ich erinnere mich, dass ich bei der Werbung noch darüber nachgedacht habe, wie und wo ich meine Hand am günstigsten ablegen sollte, um sie im richtigen Moment zu Simone rüber zu schieben. Dann begann der Film und das nächste Mal, dass ich an meine Hand dachte, war beim Abspann.

Ich mochte alles an dem Film. Alles. Die Geschichte. Die Sprüche. Den Look. Den jugendlichen Helden. Den fiesen Gangsterboss. Den Vater. Eben alles. Ich erlebte einen dieser Momente, die immer seltener werden, je älter man wird. Ich tauchte vollkommen in die Filmwelt ein. Und dabei vergaß ich, warum ich gekommen war. Simone. Händchen halten. Vielleicht sogar Knutschen.

Als irgendwann die ganzen Namen von unten nach oben durchs Bild liefen wusste ich, die Chance war vorbei. Ich würde niemals mehr den Mut haben, Simones Hand zu berühren. Oder sie sogar zu küssen. Das Licht würde angehen, wir würden uns angrinsen und dann jeder für sich nach Hause gehen. Ich hatte komplett versagt.

Als ich mich zu Simone hinwenden wollte, war ihr Kopf zu meiner Überraschung sehr viel näher an meinem, als ich erwartet hatte. Plötzlich stieg mir ein rauchiger Duft in die Nase, ich spürte eine kratzige Haarsträhne an meiner Stirn und ehe ich so richtig begriff, was gerade geschah, hatte ich eine zweite Zunge in meinem Mund. Sie war kalt und klein und schmeckte nach Kippen und Bier. Es war großartig.

Die kleine Zunge schlug wild und ungestüm um sich, als wäre sie mächtig wütend darüber, dass sie so lange auf Bewegung hatte warten müssen. Ich versuchte, so gut ich konnte, sie einzufangen. Aber ich hatte keine Ahnung, wie. Simone schien das nicht weiter zu stören. Sie drückte ihren Mund mit erstaunlicher Kraft auf meinen, hielt sich mit den Händen an meinem Hals fest und ließ ihre Zunge frei galoppieren. Erst als das Licht im Raum anging, löste sie sich, zog ihren Kopf zwei bis drei Zentimeter zurück und lächelte. Streng genommen hatte ich in den letzten Minuten eigentlich gar nichts gemacht - aber damit schien sie hoch zufrieden.

Auf der Heimfahrt, auf dem Rücksitz des 4CV, bekam meine Zunge dann weiteren Unterricht. Dabei blickte Simones Schwester Steffi immer wieder grinsend in den Rückspiegel, drehte sich zu uns rum und sagte Sätze wie: „Nicht das Luftholen vergessen“ oder „Na das muss Liebe sein.“ Dazu jammerten glatt gebügelte Synthesizer-Klänge grausam durch den Wagen, es war unerträglich heiß und ich fühlte mich alles anders als wohl. Klar, dass wir knutschten war toll. Es war interessant, spannend, aufregend - das ja. Aber irgendwie auch viel zu hektisch und schnell und angestrengt. Dazu noch die Kommentare von Steffi und im Hintergrund Gedudel von Modern Talking. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Mitten in der Knutscherei spürte ich einen Schmerz in der Schulter. Es war nur ein kleiner Stich, aber stark genug, um mich aufspringen zu lassen und Simone von mir runter zu schieben. Ich griff mit der rechten Hand um meinen linken Oberarm und tastete nach einer Stelle an meinem Rücken.

„Oh, nein“, rief Simone. „Scheiße. Du hast dir eine von den Sitzfedern in den Rücken gepiekst.“ Sie wandte sich nach vorne. „Steffi, dein blödes Auto. Hier hinten gehen die Sitze jetzt auch kaputt.“

„Ehrlich? Ach Mist.“ Steffi klang ernsthaft in Sorge um ihren Wagen.

„Ist nicht so schlimm“, stammelte ich tapfer. Was stimmte und gleichzeitig auch nicht stimmte. Ich hatte vielleicht nur eine kleine Wunde abbekommen, aber das T-Shirt war ein Totalschaden. Aus dem kleinen Einschnitt war durch mein Zusammenzucken ein Riss geworden, der sich einmal quer über meinen Rücken zog. Und das war furchtbar.

„Das Shirt ist durch“, urteilte Simone.

Ich nickte.

„Ist nicht schlimm“, wiederholte ich dennoch. Und damit war für Simone genug geredet. Sie beugte sich wieder über mich und fuhr mit dem Unterricht fort. Immerhin kam es mir so vor, als ob sie jetzt ein wenig vorsichtiger wäre.

Als ich später dem kleinen, blauen Wagen hinterher winkte, war ich alles in allem sehr zufrieden. Ich hatte eine Verabredung hinter mich gebracht. Ich hatte einen fantastischen Film gesehen. Und vor allem: ich hatte geknutscht. Nur das mit dem T-Shirt war nicht gut. Basti würde ausrasten.

Aber als ich ihm am nächsten Morgen die Plastiktüte mit den Überresten seines geliebten Kleidungsstückes, zusammen mit einer Tafel Nussschokolade, in die Hand drückte und dabei aufrichtig gemeinte Entschuldigungen stammelte, beachtete Basti das Shirt kaum. Stattdessen legte er mir die Hand auf die Schulter und blickte mir tief in die Augen.

„Pete, jetzt beruhig dich mal und sag mir nur eins.“ So ernsthaft hatte ich meinen Freund selten erlebt. Sein Gesicht war vollkommen unbeweglich und ich hatte Mühe seinem bohrenden Blick Stand zu halten.

„Hast du’s gepackt?“

Wir starrten uns an. Ich überlegte, ob ich erzählen sollte, dass ich es eigentlich kolossal versiebt hätte. Dass ich überhaupt nichts gepackt hätte, wenn nicht Simone mich… Ich nickte.

Bastis Gesicht verwandelte sich im Bruchteil einer Sekunde in eine übermütige Grimasse. Mit einer ausholenden Bewegung schleuderte er die Plastiktüte mit dem Shirt hoch in die Luft und schrie: „Hallelujah!!“ Dann formte er seine Hände zu Trichtern und rief einer unsichtbaren Menschenmenge zu: „Er hat’s gepackt! Peter Boltenhagen hat’s gepackt.“ Ich sah ihm still lächelnd bei seiner Performance zu. Dann ging ich zwei Meter zurück, hob die Plastiktüte mit den Shirt-Resten auf und warf sie in einen Papierkorb.

The free sample has ended.

$11.12

Genres and tags

Age restriction:
0+
Volume:
370 p. 1 illustration
ISBN:
9783754178133
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books