Read the book: «Schöne Gedichte»

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Zum Buch

»So stark ist der Dichter in dem Manne, der erlebt, dass das Banalste und Niedrigste durch ihn zum Wunder wird.«

ERICH KÄSTNER

Dieses Buch bietet einen Querschnitt durch das Werk von Joachim Ringelnatz. So skurril wie das WAS er erzählt, ist die Sprache WIE er es erzählt – mit Wortneuschöpfungen wie »Seichtlärm« und »Eilgier«; poetisch und derb, kindlich naiv und gewitzt, geradeweg und manchmal wunderschön geringelt wie die Seepferdchen, denen er seinen Namen entlehnte – ein Klassiker der komischen Muse, ein Leichter mit Tiefgang.

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,

Die wollten nach Australien reisen.

Bei Altona auf der Chaussee,

Da taten ihnen die Beine weh,

Und da verzichteten sie weise

Dann auf den letzten Teil der Reise

Joachim Ringelnatz

Schöne Gedichte

Joachim Ringelnatz

Schöne Gedichte


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2014

Zusammenstellung der Anthologie: Christine Schaefer, Berlin

Covergestaltung: Katharina Staal Design, Köln

Bildnachweis: Getty Images, München/Imagezoo,

A giraffe on an bicycle von Ryan Retiro Ashburn

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0402-8

www.marixverlag.de

Ernster Rat an Kinder
Kinder, spielt mit einer Zwirnsrolle!

Gewaltigen Erfolg erzielt,

Wer eine große Rolle spielt.

Im Leben spielt zum Beispiel so,

Ganz große Rolle: der Popo.

Denkt nach, dann könnt ihr zwischen Zeilen

Auch mit geschlossenen Augen lesen,

Daß Onkel Ringelnatz bisweilen

Ein herzbetrunkenes Kind gewesen.


Kindergebetchen

Erstes

Lieber Gott, ich liege

Im Bett. Ich weiß, ich wiege

Seit gestern fünfunddreißig Pfund.

Halte Pa und Ma gesund.

Ich bin ein armes Zwiebelchen,

Nimm mir das nicht übelchen.

Zweites

Lieber Gott, recht gute Nacht.

Ich hab noch schnell Pipi gemacht,

Damit ich von dir träume.

Ich stelle mir den Himmel vor

Wie hinterm Brandenburger Tor

Die Lindenbäume.

Nimm meine Worte freundlich hin,

Weil ich schon sehr erwachsen bin.

Drittes

Lieber Gott mit Christussohn,

Ach schenk mir doch ein Grammophon.

Ich bin ein ungezognes Kind,

Weil meine Eltern Säufer sind.

Verzeih mir, daß ich gähne.

Beschütze mich in aller Not.

Mach meine Eltern noch nicht tot

Und schenk der Oma Zähne.


Kleine Lügen und auch kleine

Kinder haben kurze Beine.


Das Abc ist äußerst wichtig,

Im Telefonbuch steht es richtig.


Der Klapperstorch hat krumme Beine.

Die Kinder werfen ihn mit Steine.

Aber Kinder bringt er keine.


Der Spanier lebt in fernen Zonen

Für die, die weitab davon wohnen.


Und der Osterhase legt

(Bald sehr eitel, bald bewegt)

Rührei oder Spiegelei.

Schauerlich stöhnt er dabei.


Sechs Beine hat der Elefant.

Er wird auch Mißgeburt genannt.


Die Guh gibt Milch und stammt aus Leipzig.

Wer zuviel Milch trinkt, der bekneipt sich.

Der Ochse gibt statt Milch: Spinat.

Er spielt am Nachmittage Skat.


Bist du schon
auf der Sonne gewesen?

Bist du schon auf der Sonne gewesen?

Nein? – Dann brich dir aus einem Besen

Ein kleines Stück Spazierstock heraus

Und schleiche dich heimlich aus dem Haus

Und wandere langsam in aller Ruh

Immer direkt auf die Sonne zu.

So lange, bis es ganz dunkel geworden.

Dann öffne leise dein Taschenmesser,

Damit dich keine Mörder ermorden.

Und wenn du die Sonne nicht mehr erreichst,

Dann ist es fürs erstemal schon besser,

Daß du dich wieder nach Hause schleichst.

Maikäfermalen

Setze Maikäfer in Tinte. (Es geht auch mit Fliegen.)

Zweierlei Tinte ist noch besser, schwarz und rot.

Laß sie aber nicht zu lange darin liegen,

Sonst werden sie tot.

Flügel brauchst du nicht erst rauszureißen.

Dann mußt du sie alle schnell aufs Bett schmeißen

Und mit einem Bleistift so herumtreiben,

Daß sie lauter komische Bilder und Worte schreiben.

Bei mir schrieben sie einmal ein ganzes Gedicht.

Wenn deine Mutter kommt, mache ein dummes Gesicht,

Sage ganz einfach: »Ich war es nicht!«


Das Bergmannspiel

Unter dem Bett ist der Schacht.

Der wird entweder mit Bettdecken dunkel gemacht,

Oder ihr spielt das Spiel bei der Nacht.

In den Schacht schüttet ihr erst recht viel Kohlen.

Die muß der Bergmann auf dem Bauche herausholen.

Ein Licht oder Spirituskocher und zum Graben

Eine Schaufel muß jeder Bergmann haben.

Außerdem muß er vor allen Dingen sich hinten

Ein Stück Leder aus Schuh oder Ranzen anbinden.

Dann baut ihr aus Tisch und Stuhl und Fußbank drei Stufen,

Dort, wo der Eingang sein soll.

Jeder, der runterkriecht, muß erst »Glückauf« rufen

Und schaufelt eine Zigarrenkiste voll Kohlen voll.

Jeder, der rauskriecht, muß dann ganz dreckig sein.

Und jedesmal müssen alle »Glückauf« schrein.

Geben euch eure Eltern was hinten drauf,

Dann habt ihr doch hinten das Leder und ruft nur:

»Glückauf«.


Afrikanisches Duell

Wenn dich der Paul oder jemand, den du kennst,

Schwein schimpft oder wenn du ihn Rindvieh nennst,

Dann habt ihr euch beleidigt.

Dann müßt ihr afrikanisches Duell machen.

Ich bin der Schiedsrichter, der bei Ehrenwort euch vereidigt.

Niemand darf auch nur mit der Wimper lachen.

Jeder schweigt. Und ihr stellt euch dabei

Gegenüber. Mit sechs Handbreit Abstand. Und dann

Zähle ich langsam bis drei.

Darauf spuckt jeder dem anderen ins Gesicht

Möglichst so lange, bis der nicht mehr sehen kann.

Mich anspucken gilt aber nicht.

Wer zuerst sagt, er habe genug abgekriegt,

Der ist besiegt

Und muß sich von mir eine runterhauen lassen,

Ohne sich wehren oder mich anfassen.

Darauf dürft ihr euch nicht mehr hassen,

Sondern müßt euch bezähmen

Wie Männer von Ehre und Stand.

Jeder reicht dem andern die Hand.

Weil die Helden in Afrika sich wegen Spucke nicht schämen.


Eine Erfindung machen

Nur für Kinder, die keinen Schiß haben

Wer was erfindet, wird furchtbar reich.

Was man erfindet, ist ganz gleich.

Wenn man nur allerlei Dinge zusammenmischt,

Noch länger, als bis es zischt, und das Richtige rausfischt,

Dann wird man in wenigen Stunden

Berühmt oder macht Gold.

Ich hab auch schon mal was zur Hälfte erfunden,

Aber Wolfgang, mein Bruder, wollte nicht mehr. –

Wenn ihr das etwa fertig erfinden wollt,

Will ich’s euch sagen. Aber es ist sehr, furchtbar sehr schwer.

Das allerwichtigste ist die teure

Furchtbar gefährliche Salzsäure.

Entweder findet ihr die im Klosett

Hoch oben auf einem Brett.

Oder ihr müßt euch unter das Dienstmädchen stecken.

Dürft aber ja nicht dran lecken.

Erst legt ihr einen Goldfisch oder anderen Fisch –

Es kann auch ein Rollmops sein –

Nicht etwa auf den Tisch,

Sondern: Auf Elfenbein.

Und zwar auf die weißen Tasten von dem Klavier.

Müßt aber die Fische vorher mit Bier

Und Zahnpulver kneten

Und auch erst tottreten,

Damit sie auch liegenbleiben.

Nun müßt ihr Seife, dann Zwiebel darüber reiben.

Dann müßt ihr Pfennige, Nachtleuchterstücken

und anderes Kupfer tief in die Fische drücken

Und nun darüber langsam Salzsäure träufeln.

Dann holt ihr schnell eine Schaufel (eigentlich zwei

Schäufeln)

Voll glühender Kohlen.

Wolfgany ließ mich damals die zweite Schaufel nicht holen.

Der dumme Ochse ist ja zu unverschämt.

Aber ihr müßt das zu Ende bringen.

Wenn ihr noch Soda und Wachs und so was zu nehmt,

Dann wird’s schon gelingen.

Und wenn eure Eltern was wollen,

Dann müßt ihr zum Trotz in die glühenden Kohlen fassen.

Und sagt nur ganz barsch: Sie sollen

Sich lieber und recht bald begraben lassen.


Sich interessant machen

Für einen großen Backfisch

Du kannst doch schweigen? Du bist doch kein Kind

Mehr! – Die Lederbände im Bücherspind

Haben, wenn du die umgeschlagenen Deckel hältst,

Hinten eine kleine Höhlung im Rücken.

Dort hinein mußt du weichen Käse drücken.

Außerdem kannst du Käsepfropfen

Tief zwischen die Sofapolster stopfen.

Lasse ruhig eine Woche verstreichen.

Dann mußt du immer traurig herumschleichen.

Bis die Eltern nach der Ursache fragen.

Dann tu erst, als wolltest du ausweichen,

Und zuletzt mußt du so stammeln und sagen:

»Ich weiß nicht – ich rieche überall Leichen –.«

Deine Eltern werden furchtbar erschrecken

Und überall rumschnüffeln nach Leichengestank

Und dich mit Schokolade ins Bett stecken.

Und zum Arzt sage dann: »Ich bin seelenkrank.«

Nur laß dich ja nicht zum Lachen verleiten.

Deine Eltern – wie die Eltern so sind –

Werden bald überall verbreiten:

Du wärst so ein merkwürdiges, interessantes Kind.


Ernster Rat an Kinder

Wo man hobelt, fallen Späne.

Leichen schwimmen in der Seine.

An dem Unterleib der Kähne

Sammelt sich ein zäher Dreck.

An die Strähnen von den Mähnen

Von den Löwen und Hyänen

Klammert sich viel Ungeziefer.

Im Gefieder von den Hähnen

Nisten Läuse; auch bei Schwänen.

(Menschen gar nicht zu erwähnen,

Denn bei ihnen geht’s viel tiefer.)

Nicht umsonst gibt’s Quarantäne.

Allen graust es, wenn ich gähne.

Ewig rein bleibt nur die Träne

Und das Wasser der Fontäne.

Kinder, putzt euch eure Zähne!!


Abzähl-Reime

Bülow, Nolle, Witte, Zoo …

Auf dem Dache sitzt ein Floh,

Der sich nicht zu helfen wo.

Konikoki Kakadu …

Rose auf und Rose zu.

Ferkel Ei und Ferkel Zwei.

Wer nicht fehlt, ist mit dabei.

Stachus, Kios, Kaos, Kies,

Spinne, Speise, Scheiße, schieß.

Sexu Elefant Asie.

Fische haben nie kein Knie.

Ritze Rotze Ringelratz

Zwei Miezeschwein, ein Grunzekatz.

Mein Großpapa heißt Lali,

Der wird des Nachts ganz lila.


Die Feder

Ein Federchen flog über Land;

Ein Nilpferd schlummerte im Sand.

Die Feder sprach: »Ich will es wecken!«

Sie liebte, andere zu necken.

Aufs Nilpferd setzte sich die Feder

Und streichelte sein dickes Leder.

Das Nilpferd öffnete den Rachen

Und mußte ungeheuer lachen.

Der Funke

Es war einmal ein kleiner Funke.

Das war ein großer Erzhallunke.

Er sprang vom Herd und wie zum Spaß

Gerade in ein Pulverfaß.

Das Pulverfaß, das knallte sehr;

Da kam sofort die Feuerwehr

Und spritzte dann mit Müh und Not

Das Feuer und das Fünkchen tot.


Der Edelstein

Der gute König Magarone

Trug einen Stein in seiner Krone.

Es war ein schöner Edelstein,

Er funkelte wie Sonnenschein.

Ein böser König kam aus Polen,

Um sich den Edelstein zu holen.

Sie stritten sich fast zehn Minuten,

Der böse König mit dem guten.

Dann kam ein fürchterlicher Krieg.

Der gute König kam zum Sieg.

Und schenkte – weil er sich so freute –

Den Edelstein an arme Leute.


Die Seifenblase

Es schwebte eine Seifenblase

Aus einem Fenster auf die Straße.

»Ach nimm mich mit dir«, bat die Spinne

Und sprang von einer Regenrinne.

Und weil die Spinne gar nicht schwer,

Fuhr sie im Luftschiff übers Meer.

Da nahte eine böse Mücke,

Sie stach ins Luftschiff voller Tücke.

Die Spinne mit dem Luftschiff sank

Ins kalte Wasser und ertrank.


Das Ei

Es fiel einmal ein Kuckucksei

Vom Baum herab und ging entzwei.

Im Ei da war ein Krokodil;

Am ersten Tag war’s im April.


Der Floh

Herr Müller hatte einen Floh,

Der stach Herrn Müller irgendwo.

Herr Müller dankte für die Ehre,

Dann nahm er eine lange Schere

Und schnitt ihn in zwei gleiche Teile.

Jedoch, nach einer kurzen Weile,

Da wurden aus dem einen Floh

Zwei neue Flöh’ daraus. – Oho!

Da sprach der eine von den beiden:

»Man muß nicht einen Floh zerschneiden.«


Die Nadel

Ein Schneider eine Nadel fand,

Die stach den Schneider in die Hand.

Der Schneider sprang entsetzt zurück,

Die Nadel sprach, ich bring’ dir Glück.

Der König hörte Schneiders Leid,

Und er bestellte sich ein Kleid.

Der Schneider nähte dieses gleich;

Am andern Tage war er reich.

So hat die Nadel über Nacht

Dem armen Schneider Glück gebracht.


Das Samenkorn

Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,

Die Amsel wollte es zerpicken.

Aus Mitleid hat sie es verschont

und wurde dafür reich belohnt.

Das Korn, das auf der Erde lag,

Das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.

Jetzt ist es schon ein hoher Baum

Und trägt ein Nest aus weichem Flaum.

Die Amsel hat das Nest erbaut;

Dort sitzt sie nun und zwitschert laut.


Der Wassertropfen

Ein Wassertropfen fiel vom Himmel;

Es war ein ungezog’ner Lümmel.

Im Grase schlief ein dummer Hase,

Der Tropfen fiel auf seine Nase.

Der Hase dachte sich dabei,

Daß er jetzt totgeschossen sei.

Er sprang in seinem großen Schreck

Aus seinem sicheren Versteck.

Der Jägersmann stand an der Straße

Und schoß ihn wirklich in die Nase.


Der Knopf

Es war ein Knopf an Fritzens Mütze,

Der machte ungezogne Witze.

Erst strampelte er stundenlang,

Worauf er von der Mütze sprang.

Er fiel auf einen Kieselstein,

Dort schlief er ganz ermüdet ein.

Und eine Schlange sah den Schläfer;

Sie dachte sich, es sei ein Käfer.

Und weil der Käfer ihr gefiel,

So fraß sie ihn mit Stumpf und Stiel.


Der Stein

Ein kleines Steinchen rollte munter

Von einem hohen Berg herunter.

Und als es durch den Schnee so rollte,

Ward es viel größer als es wollte.

Da sprach der Stein mit stolzer Miene:

»Jetzt bin ich eine Schneelawine.«

Er riß im Rollen noch ein Haus

Und sieben große Bäume aus.

Dann rollte er ins Meer hinein,

Und dort versank der kleine Stein.


Der kleine Junge

Es war ein kleiner, böser Junge,

Der zeigte jedermann die Zunge,

Ging statt zur Schule auf die Straße

Und drehte allen eine Nase.

Als seine Eltern beide tot,

Kam er in bitterliche Not.

Und lebt nun – weil er sonst nichts kann –

Als armer Leierkastenmann.


Das kleine Mädchen

Es war ein armes kleines Mädchen,

Das stickte nur mit kurzen Fädchen;

Ich glaube, Lina war ihr Name.

Sie wurde eine schöne Dame,

War fleißig, brav und lernte gerne,

Da kam ein Prinz aus weiter Ferne.

Der sagte: »Liebe gute Lina,

Komm mit mir auf mein Schloß nach China.«

Dort sitzen sie nun alle beide

Auf einem Thron von gelber Seide.

Wer hört ein Stäubchen lachen?
Wer hört ein Stäubchen lachen?

Stäubchen stob durch die Stube.

Dort saß ein kleiner Bube

(Der Stäubchen wie ein Riese erschien)

Vor einem Stadtplan von Berlin.

Stäubchen lachte: »Berlin ist klein!«

Drang in Bübchens Nase hinein

Und ließ sich von dem Riesen

Wieder ins Weltall niesen.


Arm Kräutchen

Ein Sauerampfer auf dem Damm

Stand zwischen Bahngeleisen,

Machte vor jedem D-Zug stramm,

Sah viele Menschen reisen

Und stand verstaubt und schluckte Qualm

Schwindsüchtig und verloren,

Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,

Mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.

Der arme Sauerampfer

Sah Eisenbahn um Eisenbahn,

Sah niemals einen Dampfer.


Spielball

Es weint ein Kind.

Ein Luftballon mit dünnem Zopf

Und kleiner als des Kindes Kopf

Entflieht im Wind.

Und reist und steigt verwegen.

Ein Nebel wallt.

Ein Fehlschuß knallt.

Dann fällt ein sanfter Regen.

Rundrote Riesenbeere

Rollt müde und verschrumpft

In einem Wipfelmeere,

Hat austriumpht.

Witziger Kräherich

Bringt seinem Bräutchen

Ein hohles Häutchen,

Die aber ärgert sich.


Das scheue Wort

Es war ein scheues Wort.

Das war ausgesprochen

Und hatte sich sofort

Unter ein Sofa verkrochen.

Samstags, als Berta das Sofa klopfte,

Flog es in das linke, verstopfte

Ohr von Berta. Von da aus entkam es.

Ein Windstoß nahm es,

Trug es weit und dann hoch empor,

Wo es sich in das halbe, bange

Gedächtnis eines Piloten verlor.

Fiel dann an einem Wiesenhange

Auf eine umarmte Arbeiterin nieder,

Trocknete deren Augenlider.

Wobei ein Literat es erwischte

Und, falsch belauscht,

Eitel aufgebauscht,

Mittags dann seichten Fressern auftischte.

Und das arme, mißbrauchte,

Zitternde scheue Wort

Wanderte weiter und tauchte

Wieder auf, hier und dort.

Bis ein Dichter es sanft einträumte,

Ihm ein stilles Palais einräumte. –

Kam aber sehr bald ein Parodist

Mit geschäftlich sicherem Blick,

Tauchte das Wort mit Speichel und Mist

In einen Aufguß gestohlner Musik.

So ward es publik.

So wurde es volkstümlich laut.

Und doch nur sein Äußeres, seine Haut,

Das Klangliche und das Reimliche.

Denn das Innerste, Heimliche

An ihm war weder lauschend noch lesend

Erreichbar, blieb öffentlich abwesend.


Am Sachsenplatz: Die Nachtigall

Es sang eine Nacht …

Eine Nachti …

Ja Nachtigall am Sachsenplatz

Heute morgen. – Hast du in Berlin

Das je gehört? – Sie sang, so schien

Es mir, für mich, für Ringelnatz.

Und gab mir doch Verlegenheit,

Weil sie dasselbe Jauchzen sang,

Das allen Dichtern früherer Zeit

Durchs Herz in ihre Verse klang.

In schöne Verse!

Nachtigall,

Besuche bitte ab und zu

Den Sachsenplatz;

Dort wohne ich. – Ich weiß, daß du

Nicht Verse suchst von Ringelnatz.

Und hatten doch die Schwärmer recht,

Die dich besangen gut und schlecht.


Im Park

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum

Still und verklärt wie im Traum.

Das war des Nachts elf Uhr zwei.

Und dann kam ich um vier

Morgens wieder vorbei,

Und da träumte noch immer das Tier.

Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –

Gegen den Wind an den Baum

Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.

Und da war es aus Gips.


Der Globus

»Wo sitzt«, so frug der Globus leise

Und naseweise die weise, weiße,

Unübersehbar weite Wand,

»Wo sitzt bei uns wohl der Verstand?«

Die Wand besann sich eine Weile,

Sprach dann: »Bei dir – im Hinterteile!«

Nun dreht seitdem der Globus leise

Sich um und um herum im Kreise –

Als wie am Bratenspieß ein Huhn,

Und wie auch wir das schließlich tun –,

Dreht stetig sich und sucht derweil

Sein Hinterteil, sein Hinterteil.


»Oh«, rief ein Glas Burgunder

»Oh«, rief ein Glas Burgunder,

»Oh, Mond, du göttliches Wunder!

Du gießt aus silberner Schale

Das liebestaumelnde, fahle,

Trunkene Licht wie sengende Glut

Hin über das nachtigallige Land – –«

Da rief der Mond, indem er verschwand:

»Ich weiß! Ich weiß! Schon gut! Schon gut!«


Bumerang

War einmal ein Bumerang;

War ein weniges zu lang.

Bumerang flog ein Stück,

Aber kam nicht mehr zurück.

Publikum – noch stundenlang –

Wartete auf Bumerang.


Logik

Die Nacht war kalt und sternenklar,

Da trieb im Meer bei Norderney

Ein Suahelischnurrbarthaar. –

Die nächste Schiffsuhr wies auf drei.

Mir scheint da mancherlei nicht klar,

Man fragt doch, wenn man Logik hat,

Was sucht ein Suahelihaar

Denn nachts um drei am Kattegat?

Lustig quasselt

Lustig quasselt der seichte Bach.

Scheinchen scheppern darüber flach.

Stumm gegen die Wellchen steht ein Stein,

Sieht – wie mir scheint –

Ernst aus und verweint.

Denn es macht traurig, unbequem zu sein.


Weiß nicht mehr, was ich sagen wollte

Angegriffen und doch unversehrt

Rollt ein Bächlein zu Tale.

Und ein Stahlhelm ist umgekehrt

Eine stillende Schale.

Mancher Dieb wird erwischt.

Jedes Leben erlischt.

Zu dem Staubgefäß in der Dolde

Schleicht sich auch mancher Dieb –

Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen wollte –

Sei lieb!


Ein Kehlkopf litt an Migräne

Ein Kehlkopf litt an Migräne

Und schrie wie eine Hyäne,

Er schrie sich wund.

Doch als ihm niemand zu Hilfe kam

Und niemand ein Geschrei vernahm,

War er auf einmal – – – gesund.

Ein Pinsel mit sehr talentvollen Borsten

Ein Pinsel mit sehr talentvollen Borsten,

Der mußte viel hungern und viel dorsten.

Er war 60 Jahre alt und hieß Tipfelchen.

Aus festem Tannenholz war sein Stiel.

Er malte, und was er malte, gefiel.

Doch, wie gesagt, er litt Hunger und Durst.

Da kam eine junge fettige Wurst.

Sie wog 500 Gramm und war vom Stamme Rindvieh.

Kaum hatte der Pinsel die Wurst gesehn,

Blieb er stehn.

Bückte sich tief dabei,

Knickte dann schief entzwei.

Die Wurst aber, mit Namen Schulze,

Sagte: »Mein lieber Tipfelchen,

Hier hast du ein Wurstzipfelchen,

Male mir mal drei Meter Sulze.«


Abschiedsworte an Pellka

Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,

Du Ungleichrunde,

Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,

Du Vielgequälte,

Du Gipfel meines Entzückens.

Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens

Mit der Gabel! – – Sei stark!

Ich will auch Butter und Salz und Quark

Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.

Mußt nicht so ängstlich dampfen.

Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.

Soll ich Schnittlauch über dich streun?

Oder ist dir nach Hering zumut?

Du bist ein so rührend junges Blut. –

Deshalb schmeckst du besonders gut.

Wenn das auch egoistisch klingt,

So tröste dich damit, du wundervolle

Pellka, daß du eine Edelknolle

Warst und daß dich ein Kenner verschlingt.


Meine Schuhsohlen

Sie waren mir immer nah.

Obwohl ich sie selten sah,

Die Sohlen meiner Schuhe.

Sie waren meinen Fußsohlen hold.

An ihnen klebt ewige Unruhe

Und Dreck und Blut und vielleicht sogar Gold.

Sie haben sich aufgerieben

Für mich und sahen so selten das Licht.

Wer seine Sohlen nicht lieben

Kann, liebt auch die Seelen nicht.

Mir ist seit einigen Tagen

Das Herz so schwer.

Ich muß meine Sohlen zum Schuster tragen,

Sonst tragen sie mich nicht mehr.


Es war einmal ein Kragenknopf

Es war einmal ein Kragenknopf

Mit einer Mechanik am Kopf.

Der Kragenknopf saß im Genick.

Er schnipste mit der Mechanik,

Worauf mit unheilvollem Klang

Ein Kragen, der den Hals umschlang,

Elastisch aus der Angel sprang.

Ein Finger mühte sich durch Knipsen,

Ihn wieder richtig einzuschnipsen,

Doch weil ihm das nicht wollte glücken,

Ergriff besagter Kragenknopf

Schnell die Gelegenheit beim Schopf

Und rutschte an des Menschen Rücken

Mit nie geahnter Blitzesschnelle

Hinab nach jener düstern Stelle,

Die sich der arme Mensch verletzt,

Wenn er sich auf was Spitzes setzt.


Die Schnupftabaksdose

Es war eine Schnupftabaksdose,

Die hatte Friedrich der Große

Sich selbst geschnitzelt aus Nußbaumholz.

Und darauf war sie natürlich stolz.

Da kam ein Holzwurm gekrochen,

Der hatte Nußbaum gerochen.

Die Dose erzählte ihm lang und breit

Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.

Sie nannte den alten Fritz generös.

Da aber wurde der Holzwurm nervös

Und sagte, indem er zu bohren begann:

»Was geht mich Friedrich der Große an!«


Ein männlicher Briefmark erlebte

Was Schönes, bevor er klebte.

Er war von einer Prinzessin beleckt.

Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wiederküssen,

Da hat er verreisen müssen.

So liebte er sie vergebens.

Das ist die Tragik des Lebens!


Emanuel Pips

Zu seinem 81. Geburtstag

Den Kammerjäger Emanuel Pips

Vom linken Ufer des Mississipps

Mochte jedermann leiden.

Er war äußerst bescheiden.

Er trug acht Zentimeter Rips

Als Anzug und einen Seiden-

Faden in Grün als Schlips,

Fragte niemals nach Rennbahntips,

Hatte überhaupt keinen Grips,

Aß einmal am Tage (potato-ships),

Trank alkoholfreie Salzwasserflips,

Wurde trotz alledem magenkrank

Und starb am Schwips.

Seine kleine Büste aus Gips

Steht unter anderen Nippes

Heute auf meinem Bücherschrank.

Berichtigung: Kammerjäger Pips

Schrieb sich eigentlich innen mit Yps-

Ilon, doch war so bescheiden und lieb,

Daß es ihm gleich war, wie man ihn schrieb.


Schwefelholz

War einmal ein Schwefelholz,

Das sich mit erhabnem Stolz

Einen Anarchisten nannte

Und ein ganzes Haus verbrannte.

Dieses war schon ungewöhnlich,

Doch es kannte auch persönlich

Meyers Taschenlexika,

Ganz speziell das Bändchen »A«,

Weshalb es sich nach dem Brande

An besagtes Bändchen wandte

Mit den Worten: »Sag, was ist

Eigentlich ein Anarchist?«


Ringelnatter

»Nein«, schimpfte die Ringelnatter, »die Mode

Von heutzutage, die wurmt mich zu Tode.

Jetzt soll man täglich, sage und schreibe,

Zweimal die Wäsche wechseln am Leibe.

Und immer schlimmer wird’s mit den Jahren.

Es ist rein um aus der Haut zu fahren!«

So schimpfte die Ringelnatter laut,

Und wirklich fuhr sie aus der Haut.

Der Vorfall war nicht ohne Bedeutung,

Denn zoologisch nennt man das Häutung.


Es war ein Brikett

Es war ein Brikett, ein großes Genie,

Das Philosophie studierte

Und später selbst an der Akademie

Im gleichen Fache dozierte.

Es sprach zur versammelten Briketterie:

»Verehrliches Auditorium,

Das Leben – das Leben – beachten Sie –

Ist nichts als ein Provisorium.«

Da wurde als ketzerisch gleich verbannt

Der Satz mit dem Provisorium.

Das arme Brikett, das wurde verbrannt

In einem Privatkrematorium.


Sie faule, verbummelte Schlampe

»Sie faule, verbummelte Schlampe«,

Sagte der Spiegel zur Lampe.

»Sie altes, schmieriges Scherbenstück«,

Gab die Lampe dem Spiegel zurück.

Der Spiegel in seiner Erbitterung

Bekam einen ganz gewaltigen Sprung.

Der zornigen Lampe verging die Puste.

Sie fauchte, rauchte, schwelte und rußte.

Das Stubenmädchen ließ beide in Ruhe

Und doch: Ihr schob man die Schuld in die Schuhe.


Das Schlüsselloch

Das Schlüsselloch, das im Haustor saß,

Erlaubte sich nachts einen Spaß.

Es nahten Studenten

Mit Schlüsseln in Händen.

Da dachte das listige Schlüsselloch:

Ich will mich verstecken,

Um sie zu necken!

Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch.

Alsbald nun tasteten die Studenten

Suchend,

Fluchend,

Mit Händen

An Wänden.

Und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter.

Schlüsselloch lachte heiter.

(Die Herren erreichten ihr Zimmer nimmer.

Eigentlich war die Sache noch schlimmer.

Ich selbst war nämlich bei den Studenten –

Doch lassen wir es dabei bewenden.)


Es trafen sich von ungefähr

Es trafen sich von ungefähr

Ein Wolf, ein Mensch sowie ein Bär,

Und weil sie lange nichts gegessen,

So haben sie sich aufgefressen.

Der Wolf den Menschen, der den Bär,

Der Bär den Wolf. – Es schmeckte sehr

Und blieb nichts übrig als ein Tuch,

Drei Haare und ein Wörterbuch.

Das war der Nachlaß dieser drei.

Der eine Mensch, der hieß Karl May.


Ein Pflasterstein

Ein Pflasterstein, der war einmal

Und wurde viel beschritten.

Er schrie: »Ich bin ein Mineral

Und muß mir ein für allemal

Dergleichen streng verbitten!«

Jedoch den Menschen fiel’s nicht ein,

Mit ihm sich zu befassen,

Denn Pflasterstein bleibt Pflasterstein

Und muß sich treten lassen.

Ruhe ist viel wert

»Ruhe ist viel wert«,

Sagte das Nilpferd

Und setzte sich in ’was Weiches.

Der Elefant tat ein Gleiches.


Es lebte an diskretem Orte

Es lebte an diskretem Orte

Ein Stückchen Seife, bester Sorte,

In einem Porzellanbehälter.

Das ward mit jedem Tage älter.

Weil es mit Moschusduft durchhaucht,

Ward es vom Menschen gern gebraucht.

Einstmals – das wann und wie ist schnuppe –

Geriet es in die Erbsensuppe.

Der Mensch benahm sich miserabel.

Er stach die Seife mit der Gabel,

Beroch sie roh und rief: »Pfui, Spinne!«

Da schwanden ihr vor Angst die Sinne.


Die Badewanne

Die Badewanne prahlte sehr.

Sie hielt sich für das Mittelmeer

Und ihre eine Seitenwand

Für Helgoländer Küstenland.

Die andre Seite – gab sie an –

Sei das Gebirge Hindustan,

Und ihre große Rundung sei

Bestimmt die Delagoabai.

Von ihrem spitzen Ende vorn

Erklärte sie, es sei Kap Horn.

Den Kettenzug am Regulator

Hielt sie sogar für den Äquator.

Sie war – nicht wahr, das merken Sie? –

Sehr schwach in der Geographie.

Dies eingebildete Bassin.

Es wohnte im Quartier latin.


Es waren einmal zwei Gummischuh

Es waren einmal zwei Gummischuh,

Die waren stehen gelassen.

Ihr Herr, der suchte sie immerzu

Und konnte sie nirgend fassen.

Er suchte sie nah und suchte sie fern,

Er suchte sie vorn und hinten,

Und die Gummischuhe suchten den Herrn

Und konnten ihn nirgend finden.

Der Herr durchsuchte die ganze Welt;

Die Gummischuhe desgleichen,

Und wenn die Sache so weitergeht,

So werden sie nie sich erreichen.


Ein Gemisch

Es bildete sich ein Gemisch

Von Stachelschwein und Tintenfisch.

Die Wissenschaft, die teilt es ein

In Stachelfisch und Tintenschwein.

Der Fisch bewohnt den Ozean.

Gefährlich ist es, ihm zu nahn.

Das Tintenschwein trifft man in Büchern,

An Fingerspitzen, Taschentüchern.

Es ist – das liegt ja auf der Hand –

Dem Igelschwein noch sehr verwandt.


Der Lackschuh

Lackschuh sprach zum Wasserstiebel:

»Lieber Freund, du riechst so übel.

Und du bist nach meiner Meinung

Eine störende Erscheinung.

Darum muß wohl von uns beiden

Einer dieses Schuhhaus meiden.«

Stiefel lächelte dazu

Und begann: »Verehrter Schuh,

Wenn du jenes Sprichwort kennst:

Alles ist nicht Gold, was glänzt,

Nimm es besser dir zu Herzen,

Denn die Welt, sie liebt zu schwärzen,

Was da glänzt, auch zieht sie keck

Das Erhabne in den Dreck.

Will dein Lack mir auch gefallen,

Teurer Schuh, bedenke doch,

Wenn der Lack in Staub zerfallen,

Lebt das fette Leder noch.

Niemals hieltest du den nassen

Kalten Wasserfluten stand,

Denn die Elemente hassen

Das Gebild von Menschenhand.«

Und der Schuh verbeugte sich.

Darauf sprach er ernst und würdig:

»Freund, ich überzeugte mich,

Daß du mir ganz ebenbürtig.

Leider war mir anfangs duster,

Was mir jetzt Gewißheit ist,

Daß du Meisterwerk vom Schuster

Wasser-Dichter Stiefel bist.«


Ein Taschenkrebs

Ein Taschenkrebs und ein Känguruh,

Die wollten sich ehelichen.

Das Standesamt gab es nicht zu,

Weil beide einander nicht glichen.

Da riefen sie zornig: »Verflucht und verdammt

Sei dieser Bureaukratismus!«

Und hingen sich auf vor dem Standesamt

An einem Türmechanismus.


Frau Teemaschine

Frau Teemaschine sang auf dem Feuer.

Der Beifall war ganz ungeheuer.

Ja, ihre Base Petroleumkanne

War von dem Liede ganz gefangen.

Ihr rannen die Tränen über die Wangen

Und tropften gerade in eine Pfanne,

In der ein Schweinebraten briet,

Der ausgezeichnet dann geriet.

War auch Petroleum drauf geflossen,

Er wurde trotzdem doch genossen.

Sein Herr war mit dem Koch zufrieden.

(Besagter Herr war ein Kosak;

Sein Leibgericht war Siegellack.)

Ja, die Geschmäcker sind verschieden.


Man stirbt hier vor Langeweile

Man stirbt hier vor Langeweile,

Dachte die Nagelfeile

Beim Mittagessen!

Und machte sich, wie von ungefähr,

Über den Fingernagel her,

Beim Mittagessen!

Da begann eine silberne Gabel zu schrein:

»Meine Dame – – Sie sind hier nicht allein!«


Die Nacht erstarb

Die Nacht erstarb. Und der Tag erwachte. –

Draußen unter dem Sternenhimmel

Stand ein Droschkenpferd, ein Schimmel,

Und lachte.

Der Tag entwich und die Nacht begann.

Auf steiniger Ebene ruhte das Pferd.

Es hatte die Beine gen Himmel gekehrt

Und sann.

Und wieder durchzuckten die Sterne den Himmel. – –

Das rechte Auge des Pferdes tränte. – –

Der Mann auf dem Kutschersitze gähnte

Und trank einen Kümmel.

An einem Teiche

An einem Teiche

Schlich eine Schleiche,

Eine Blindschleiche sogar.

Da trieb ein Etwas ans Ufer im Wind.

Die Schleiche sah nicht, was es war,

Denn sie war blind.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Das dunkle Etwas aber war die Kindsleiche

Einer Blindschleiche.


Im dunklen Erdteil Afrika

Im dunklen Erdteil Afrika

Starb eine Ziehharmonika.

Sie wurde mit Musik begraben.

Am Grabe saßen zwanzig Raben.

Der Rabe Num’ro einundzwanzig

Fuhr mit dem Segelschiff nach Danzig

Und gründete dort etwas später

Ein Heim für kinderlose Väter.

Und die Moral von der Geschicht? –

Die weiß ich leider selber nicht.


Der Mensch

Der Mensch braucht – ohne sich zu sputen –

Zum Kilometer zwölf Minuten.

Die Wanderratte läuft so weit

In ungefähr derselben Zeit.

Da nun genannte Wanderratte

Bis dato stets vier Beine hatte,

Wie schnell läuft da ein Tausendfuß? – –

Ich weiß es wirklich nicht. Weißt du’s?


Tante Qualle und der Elefant

Die Tante Qualle schwamm zum Strand.

Es liebte sie ein Elefant,

Mit Namen Hildebrand genannt.

Der wartete am Meeresstrand

Mit einem Sträußchen in der Hand.

Das übergab er ihr galant

Und bat um Tante Quallens Hand.

Da knüpften sie ein Eheband.

Der Doktor Storch, der abseits stand,

Der dachte: »Armer Hildebrand!«

Worauf er weiterging und lachte.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Warum der Storch wohl so was dachte?


Ein Schutzmann

Ein Schutzmann wurde plötzlich krank

Und setzte sich auf eine Bank.

Dort saß bereits ein Stachelschwein.

Der Schutzmann setzte sich hinein.

Da schrie er: »Au!« und schrie er: »Oh!«

Und kratzte sich an dem Po–lizeihelm.


Unterm Tisch

Es war ein Stückchen Fromage de brie,

Das fiel untern Tisch. Man sah nicht wie.

Dort standen zwei Lackschuh mit silbernen Schnallen.

Die fanden an dem Fromage Gefallen

Und traten nach einiger Überwindung

Mit ihm in ganz intime Verbindung.

Als abends die beiden Schnallengezierten

In einer feudalen Gesellschaft soupierten,

Erhoben sich plötzlich zwei andere Schuhe

Und knarrten verlegen und baten um Ruhe

Und sagten, als alles ruhig war:

»Verehrte, es – riecht hier so sonderbar.«


Ein Nagel

Ein Nagel saß in einem Stück Holz.

Der war auf seine Gattin sehr stolz.

Die trug eine goldene Haube

Und war eine Messingschraube.

Sie war etwas locker und etwas verschraubt,

Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.

Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm

In einem Astloch. Sie wurden intim.

Kurz, eines Tages entfernten sie sich

Und ließen den armen Nagel im Stich.

Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.

Noch niemals hatte sein eisernes Herz

So bittere Leiden gekostet.

Bald war er beinah verrostet.

Da aber kehrte sein früheres Glück,

Die alte Schraube, wieder zurück.

Sie glänzte übers ganze Gesicht.

Ja, alte Liebe, die rostet nicht!


Der Spiegel

Der Spiegel, der Kamm

Und der Schwamm

Und das weiße Handtuch an der Wand

Und ein Mann, der hinter dem Kleiderschrank stand,

Die warteten auf das schöne Mädchen

Käthchen.

Und endlich, endlich kam Käthchen gegangen.

Da küßte der Schwamm ihr Mund und Wangen,

Und sie küßte den Schwamm und beugte sich nieder

Und küßte das Handtuch und küßte es wieder.

Sie ließ sich von dem Spiegel umschmeicheln

Und von dem Kamme ihr Goldhaar streicheln.

Dann sagte sie allen recht schönen Dank.

Dann sah sie den Mann hinterm Kleiderschrank

Und rannte davon und schrie dabei:

»Zu Hilfe! Mörder!« und »Polizei!« – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Der Mensch glaubt über den Dingen zu stehen.

Hier war das Gegenteil deutlich zu sehen.

Es war eine gelbe Zitrone

Es war eine gelbe Zitrone,

Die lag unter einer Kanone,

Und deshalb bildete sie sich ein,

Eine Kanonenkugel zu sein.

Der Kanonier im ersten Glied,

Der merkte aber den Unterschied.

– – – – – – – – – – – – – – – – –

Bemerkt sei noch zu diesem Lied,

Ein Unterschied ist kein Oberschied.


Das Nadelkissen

Das Nadelkissen bildete sich ein,

Mit dem Stachelschwein

Verwandt zu sein.

Das Nadelkissen

Ist, wie wir wissen,

Eine recht nützliche Erscheinung.

Natürlich sind wir ganz seiner Meinung.


Es war einmal ein Kannibale

Es war einmal ein Kannibale,

Der war aus Halle an der Saale.

Man sah ihn oft am Bodensee

Für zwanzig Pfennige Entree.


Ein bettelarmer, braver Mann

Ein bettelarmer, braver Mann,

Der Tag und Nacht nur Gutes sann

Und gar nichts mehr zu essen hatte

Als eine halbverweste Ratte,

Der auch kein Bett besaß zum Schlafen,

Der ging in seiner höchsten Not

Zu einem reichen, stolzen Grafen

Und bat ihn um ein Stückchen Brot.

Der Graf nahm das gewaltig übel

Und schlug mit dem Champagnerkübel

Den braven Bettler lächelnd tot.

Doch niemand wagte es, den Grafen

Für solche Freveltat zu strafen.

Und deshalb wurde sein Betragen

Dann mit den Jahren noch viel schlimmer. –

So manchen Leser hör’ ich sagen:

Ja, ja! – Ja, ja! – So ist das immer!

Ich aber denke still für mich:

Der Leser ist ein Gänserich.


Ein kühnes Roßhaar

Ein kühnes Roßhaar erklärte den andern:

Es müsse aus der Matratze wandern.

Es poche auf seine Großjährigkeit,

Und es liege in seiner Roßhärigkeit

Der Trieb zum Wandern. Da rief es: »Adieu!«

Und damit schnellte es sich in die Höh’.

Ein Mensch saß auf besagter Matratze.

Das Roßhaar hüpfte auf seine Glatze,

Und weil es sehr gut gedieh an dem Orte,

So wuchsen dort bald noch mehr von der Sorte.


Miliz

»Sie haben sich gestern schrecklich betragen!«

Wollte das Putzleder zur Trommel sagen.

Aber die Trommel spannte schnell

Ihr dickes Fell

Und begann einen donnernden Wirbel zu schlagen,

Na – und da blieb dem Putzleder vor Schrecken

Das Wort im Munde stecken.


Es war ein Stahlknopf irgendwo

Es war ein Stahlknopf irgendwo,

Der ohne Grund sein Knopfloch floh.

(Vulgär gesprochen: Es stand offen.)

Ihm saß ein Fräulein vis-à-vis.

Das lachte plötzlich: Hi hi hi.

Da fühlte sich der Knopf getroffen

Und drehte stumm

Sich um.

Solch’ Peinlichkeiten sind halt nur

Die schlimmen Folgen der Kultur.


An der Zehe

An der Zehe gleich vorn

Saß ein Leichdorn.

Der Bader, den man befragte,

Der sagte:

Der Leichdorn sei eine Sommersprosse.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Verzeihe mir, Leser, diese Posse!

Als ich noch ein
Seepferdchen war
Seepferdchen

Als ich noch ein Seepferdchen war,

Im vorigen Leben,

Wie war das wonnig, wunderbar,

Unter Wasser zu schweben.

In den träumenden Fluten

Wogte, wie Güte, das Haar

Der zierlichsten aller Seestuten,

Die meine Geliebte war.

Wir senkten uns still oder stiegen,

Tanzten harmonisch umeinand,

Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,

Wie Wolken sich in Wolken wiegen.

Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,

Auf daß ich ihr folge, sie hasche,

Und legte mir einmal im Ansichziehn

Eierchen in die Tasche.

Sie blickte traurig und stellte sich froh,

Schnappte nach einem Wasserfloh

Und ringelte sich

An einem Stengelchen fest und sprach so:

Ich liebe dich!

Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,

Du trägst ein farbloses Panzerkleid

Und hast ein bekümmertes altes Gesicht,

Als wüßtest du um kommendes Leid.

Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnaß!

Wann war wohl das?

Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen?

Es ist beinahe so, daß ich weine –

Lollo hat das vertrocknete, kleine

Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.


Seehund zum Robbenjäger

»Ich bin ein armer Hund.

Ich habe keine Brieftasche. Im Gegenteil:

Man macht aus mir welche; sehr wohlfeil.

Und Wohlfeil ist Schund.

Taten wir jemals Menschen beißen?!

Im Gegenteil: Jedes menschliche Kind

Wird uns, wenn wir auf dem Lande sind,

Mit Steinen totschmeißen.

Wie ihr Indianer und Neger

Nicht glücklich für sich leben ließt,

Stellt ihr uns nach und schießt

Uns nieder. Für Bettvorleger!

Wo ihr Menschen Freischönes erschaut,

Öffnet ihr, staunend, euren Rachen.

Warum erstrebt ihr es nicht, euch vertraut

Mit den Tieren zu machen?

Wilde Tiere sahen allem, was neu

Und friedlich war, anfangs unsicher zu.

Wer nahm den wilden Tieren die Ruh?

Wer gab ihnen zur Angst die Wut?

Der Mensch verkaufte Instinkt und Scheu.

Das Tier ist ehrlich und deshalb gut.«


Übergewicht

Es stand nach einem Schiffsuntergange

Eine Briefwaage auf dem Meeresgrund.

Ein Walfisch betrachtete sie bange,

Beroch sie dann lange,

Hielt sie für ungesund,

Ließ alle Achtung und Luft aus dem Leibe,

Senkte sich auf die Wiegescheibe

Und sah – nach unten schielend – verwundert:

Die Waage zeigte über hundert.


Im Aquarium in Berlin

Aus tiefster Nacht alles Grauen

Im Funkeln kindlicher Fernseligkeit.

Deine eigenen Augen schauen

Dich an durch tausendjährige Zeit.

Zwischen atmendem Stein und Mimose

Wandert und wundert, ohne Schrei,

Ohne Klage, das nicht seelenlose,

Nur seelenbindende Vorbei.

Auch dein Herz ist stehengeblieben

Und lauscht – du merkst es nicht –

Auf etwas, was nie geschrieben

ist und was keiner spricht.


Thar

Als ich abends den Zoo verließ,

Entdeckte ich noch ein Tier. Das hieß

Thar,

Himalaja. Es war

Wunderbar.

Seines Felles langseidenes Haar

Legte ein Wind bald sohin, bald sohin.

Es hatte wonnige Farben in Braun.

Das Tier schien mir durch die Seele zu schaun

Und weiter und fernhin, doch wohin?

– Himalaja – Himalaja – –

Der, die oder das Thar? –

Wie ernst ich vor dem Käfig war.


Pinguine

Auch die Pinguine ratschen, tratschen,

Klatschen, patschen, watscheln, latschen,

Tuscheln, kuscheln, tauchen, fauchen

Herdenweise, grüppchenweise

Mit Gevattern,

Pladdern, schnattern

Laut und leise.

Schnabel-Babelbabel-Schnack,

Seriöses, Skandalöses, Hiebe, Stiche.

Oben: Chemisette mit Frack.

Unten: lange, enge, hinderliche

Röcke. – Edelleute, Bürger, Pack,

Alte Weiber, Professoren.

Riesenvolk, in Schnee und Eis geboren.

Sie begrüßen herdenweise

Ersten Menschen, der sich leise

Ihnen naht. Weil sie sehr neugierig sind.

Und der erstgesehene Mensch ist neu.

Und Erfahrungslosigkeit starrt wie ein kleinstes Kind

Gierig staunend aus, jedoch nicht scheu.

Riesenvolk, in Schnee und Eis geboren,

Lebend in verschwiegener Bucht

In noch menschenfernem Lande.

Arktis-Expedition. – Revolverschuß –:

Und das Riesenvolk, die ganze Bande

Ergreift die Flucht.


Ein ganzes Leben

»Weißt du noch«, so frug die Eintagsfliege

Abends, »wie ich auf der Stiege

Damals dir den Käsekrümel stahl?«

Mit der Abgeklärtheit eines Greises

Sprach der Fliegenmann: »Gewiß, ich weiß es!«

Und er lächelte: »Es war einmal –«

»Weißt du noch«, so fragte weiter sie,

»Wie ich damals unterm sechsten Knie

jene schwere Blutvergiftung hatte?« –

»Leider«, sagte halb verträumt der Gatte.

»Weißt du noch, wie ich, weil ich dir grollte,

Fliegenleim-Selbstmord verüben wollte?? –

Und wie ich das erste Ei gebar?? –

Weißt du noch, wie es halb sechs Uhr war?? –

Und wie ich in Milch gefallen bin??« –

Fliegenmann gab keine Antwort mehr,

Summte leise, müde vor sich hin:

»Lang, lang ist’s her – – lang – –«


Meine Musca Domestica

Hoch soll sie leben!

Auch tief darf sie leben,

Meine Stubenfliege in der Winterzeit.

Alle Sauberkeit

Darf sie schwarz verkleben.

Was mag sie denken?

Was mag sie lenken,

Wenn sie scheinbar sinnlos auf dem Frühstückstisch

Zwischen Braten, Käse, Milch und Fisch

Immer unbehelligt flugwirr flieht,

Aber plötzlich einen Tischtuchfleck beehrt,

Wo kein Mensch etwas Besonderes sieht?

Ist ein Krümelchen wohl eines Totschlags wert!

Mag sie meinetwegen

Ihre Eier legen

Wann, wohin und wieviel ihr beliebt!

Immer noch studiere

Ich am kleinsten Tiere:

Weiche himmelhohen Rätsel es gibt.


Die Krähe

Die Krähe lacht. Die Krähe weiß,

Was hinter Vogelscheuchen steckt

Und daß sie nicht wie Huhn mit Reis

Und Curry schmeckt.

Die Krähe schnupft. Die Krähe bleibt

Nicht gern in einer Nähe.

Dank ihrer Magensäure schreibt

Sie Runen. Jede Krähe.

Sie torkelt scheue Ironie,

Flieht souverän beschaulich.

Und wenn sie mich sieht, zwinkert sie

Mir zu, doch nie vertraulich.


Die Rakete und der Kater

Hui! Die Rakete stieg. Sie fauchte

Am Dach vorbei und höher. Glühend jung.

Bis sie in wundervollem Linienschwung

In ferne, dunkle Abendwolken tauchte.

Auf jenem Dache saß ein schwarzer Kater.

Der sah die schöne Linie, und was tat er?

Zunächst: er fauchte ebenfalls.

Dann dehnte er sich, reckte seinen Hals.

Dann krümmte er den Buckel, hob ein Ohr

Und streckte seinen Schweif graziös empor,

Um jene schöne Linie nachzumachen.

Doch die Rakete oben barst vor Lachen.

Da warf sich unser schwarzer Kater

Wild auf den Rücken. Und was tat er?

Was tat er, außer sich vor Wut?

Nun, was man sonst gewöhnlich nicht

Gerade auf dem Rücken liegend tut.

Er tat es kräftig, tat es reichlich, gut;

Er hatte kurz zuvor zu Haus

Zwei Babyflaschen ausgesogen.

Doch jenen herrlichen Raketenbogen – –

Nein, nein, den kriegte er nicht raus.


Heimatlose

Ich bin fast

Gestorben vor Schreck:

In dem Haus, wo ich zu Gast

War, im Versteck,

Bewegte sich,

Regte sich

Plötzlich hinter einem Brett

In einem Kasten neben dem Klosett,

Ohne Beinchen,

Stumm, fremd und nett

Ein Meerschweinchen.

Sah mich bang an,

Sah mich lange an,

Sann wohl hin und sann wohl her,

wagte sich

Dann heran

Und fragte mich:

»Wo ist das Meer?«


Dickhäuter

Ein Elefant von vorn sieht fast

So aus wie ein Nilpferd von rückwärts.

Sie tragen beide schwere Last,

Manchmal pechwärts und manchmal glückwärts.

Sic tragen unter zementiger Haut

Viel Weiches und viel Zartes.

Wer richtig in ihren Rachen schaut,

Gewahrt es.

Sie lassen von Leuten, die außen weich,

Innen hart sind, sich erschießen.

Ich glaube: Ihr kommt ins Himmelreich,

Ihr Riesen!

Der Flieger, der die Erde umkreist,

Kriegt ähnliches in Sicht.

Wie die Fliege, die euch belästigt, nicht beißt,

Beißen kann sie euch nicht.


Stalltüren

Zwei dicke Elefanten

Wollten inkognito

Heimwandern. Doch alle Passanten

Erkannten die Elefanten

Als Flüchtlinge aus dem Zoo.

Und wenn sich auch niemand getraute,

Sie anzufassen, ward ihnen doch klar,

Daß man ihre Absicht durchschaute

Und daß nun bald was im Gange war.

Verfolgt von einem großen Heer

Von Schauvolk und Soldaten

Und Autos, Mob und Feuerwehr,

Schwenkten sie links und betraten

Zwei Eingänge einer Bedürfnisanstalt –

Für Herren und für Damen –

Und äpfelten. – Schutzleute kamen

Und haben sie niedergeknallt.


Bär aus dem Käfig entkommen

Was ist nun jetzt?

Wo sind auf einmal die Stangen,

An denen die wünschende Nase sich wetzt?

Was soll er nun anfangen?

Er schnuppert neugierig und scheu.

Wie ist das alles vor ihm so weit

Und so wunderschön neu!

Aber wie schrecklich die Menschheit schreit!

Und er nähert sich geduckt

Einem fremden Gegenstande. –

Plötzlich wälzt er sich im Sande,

Weil ihn etwas juckt.

Kippt ein Tisch. Genau wie Baum.

Aber eine Peitsche knallt.

Und der Bär flieht seitwärts, macht dann halt.

Und der Raum um ihn ist schlimmer Traum.

Läßt der Bär sich locken. Doch er brüllt.

Läßt sich treiben, läßt sich fangen.

Angsterfüllt und haßerfüllt

Wünscht er sich nach seines Käfigs Stangen.


Blindschl

Ich hatte einmal eine Liebschaft mit

Einer Blindschleiche angefangen;

Wir sind ein Stück Leben zusammen gegangen

Im ungleichen Schritt und Tritt.

Die Sache war ziemlich sentimental.

In einem feudalen Thüringer Tal

Fand ich – nein glaubte zu finden – einmal

Den ledernen Handgriff einer

Damenhandtasche. Es war aber keiner.

Ich nannte sie »Blindschl«. Sie nannte mich

Nach wenigen Tagen schon »Eicherich«

Und dann, denn sie war sehr gelehrig,

Verständlicher abgekürzt, »Erich«.

Allmittags haben gemeinsam wir

Am gleichen Tische gegessen,

Sie Regenwürmer mit zwei Tropfen Bier,

Ich totere Delikatessen.

Sie opferte mir ihren zierlichen Schwanz.

Ich lehrte sie überwinden

Und Knoten schlagen und Spitzentanz,

Schluckdegen und Selbstbinder binden.

Sie war so appetitlich und nett,

Sie schlief Nacht über in in meinem Bett

Als wie ein kühlender Schmuckreif am Hals,

Metallisch und doch so schon weichlich.

Und wen ihr wirklich was schlimmstenfalls

Passierte, so war es nie reichlich.

Kein Sexuelles und keine Dressur.

Ich war ihr ein Freund und ein Lehrer,

Was keiner von meinen Bekannten erfuhr;

Wer mich besuchte, der sah sie nur

Auf meinem Schreibtisch steif neben der Uhr

Als bronzenen Briefbeschwerer.

Und Jahre vergingen. Dann schlief ich einmal

Mit Blindschl und träumte im Betti

(Jetzt werde ich wieder sentimental)

Gerade, ich äße Spaghetti.

Da kam es, daß irgendwas aus mir pfiff.

Mag sein, daß es fürchterlich krachte.

Fest steht, daß Blindschl erwachte

Und – sie, die sonst niemals nachts muckte –

Wild züngelte, daß ich nach ihr griff

Und sie, noch träumend, verschluckte.

Es gleich zu sagen: Sie ging nicht tot.

Sie ist mir wieder entwichen,

Ist in die Wälder geschlichen

Und sucht dort einsam ihr tägliches Brot.

Vorbei! Es wäre – ich bin doch nicht blind –

Vergebens, ihr nachzuschleichen.

Weil ihre Wege zu dunkel sind.

Weil wir einander nicht gleichen.


Meditation

Wolleball hieß ein kleiner Hund,

Über den ein jeder lachte,

Weil er keine Beine hatte und

so viel süße Schweinereien machte.

Warum ist man überall geniert?

Warum darf man nicht die Wahrheit sagen?

Warum reden Menschen so geziert,

Wenn sie ein Bein übers andre schlagen?

Um dies überschätzte homo sum

Werd ich täglich wirrer und bezechter.

Ach, die Schlechtigkeit ist gar zu dumm,

Doch die Dummheit ist noch zehnmal schlechter.

Hat der Wolleball von seinem Herrn

Nichts gewußt, nur Launen mitempfunden,

Hatte der ihn andrerseits sehr gern

Und verstand im Grunde nichts von Hunden.

Er ist tot, auf den ich solches dichte.

Mir ist Wurscht, wo sein Gebein jetzt ruht.

Aber die Pointe der Geschichte

Muß ich sagen: er war herzensgut.

Und sein Wolleball war gut. Er grollte

Nie. Ein einzig Mal nur biß

Er nach mir, als ich verhindern wollte,

Daß er wieder in die Hausschuh schiß.


Sinnender Spatenstich

Unter der Erde murkst etwas,

Unter der Erde auf Erden.

Pitschert, drängelt. – Was will das

Ding oder was wird aus dem Ding,

Das doch in sich anfing, einmal werden??

Knolle, Puppe, Keim jeder Art

Hält die Erde bewahrt,

Um sie vorzubereiten

Für neue Zeiten.

Die Erde, die so viel Gestorbenes deckt,

Gibt dem Abfall, auch Sonderlingen

Asyl und Ruhe und Schlaf. Und erweckt

Sie streng pünktlich zu Zwiebeln, zu Schmetterlingen.

Zu Quellen, zu Kohlen – – –

Unter der Erde murkst ein Ding,

Irgendwas oder ein Engerling.

Zappelt es? Tickt es? Erbebt es? –

Aber eines Tages lebt es.

Als turmaufkletternde Ranke,

Als Autoöl, als Gedanke – – –

Fäule, Feuchtigkeit oder feiner Humor

Bringen immer wieder Leben hervor.

Das Käferconzert

In einem schönen Thal am Rein

Befand sich der Käfermusikverein,

Es sollte nämlich unter den Linden

Ein größes Käferconzert stattfinden.

Und wo man nur war jeden Augenblick,

Hörte man sprechen von dieser Musik.

Und beim hellen Sonnenschein,

Fanden sich nun die Tiere ein.

Und als alle angekommen,

Natürlich die Vögel ausgenommen,

Da kamen die Musikanten an

Es waren 560 Mann.

Und zuletzt kam n‘auch noch schnelle

Musikdirektor Herr Libelle.

Und die ganzen Käferlein,

Stimmten an die Wacht am Rein.

Die Bienen,

spielten auf Violienen.

Der Bettfloh,

Spielte Cello.

Die Ameise,

Spielte die Flöte leise.

Der Goldschmied,

Sang ein Lied.

Das Scheibentier,

Spielte auf dem Klavier.

Aber der Wasserfloh,

Spielte Oboe.

Die Kleidermotten

Bliesen Fagotten.

Das Lied ist nun aus.

Sagte die Laus.

Nun mußten Solo singen 2,

Man stimmte an die Lorelei,

Der Widder- und der Trauerbock die beiden

Die kratzten ganz erbärmlich auf den Geigenseiten.

Da plötzlich kam ein unerbetner Gast an diese Stelle

Es war ein Spatz ein hungriger Geselle,

Er nahm die Käfer sich zum Frühstück mit Behagen,

Und aß sie auf und klopfte sich den Magen.

Da lachte laut der Strauß

Als er den Spatz vor Freude hörte piepen

Und damit ist hier das Concert nun aus,

Und auch das Buch worin es steht geschrieben.


Im See

Der Häring erzählt zur nächtlichen Zeit

Dem Walfisch die letzte Neuigkeit:

Frau Aal hat neulich den Hummer geneckt,

Indem sie ihn aus dem Schlummer geweckt.

Da gab es einen großen Disput.

Der Hummer fauchte und kochte vor Wut

Und weil er kochte, so wurde er rot

Und als er rot war, da war er tot.

»Ja«, seufzte der Walfisch und weinte gar sehr,

»Ja, rote Hummer, die leben nicht mehr.«

Freiübungen
Turnermarsch

Melodie: Leise flehen meine Lieder

Schlagt die Pauken und Trompeten,

Turner in die Bahn!

Turnersprache laßt uns reden.

Vivat Vater Felix Dahn!

Laßt uns im Gleichschritt aufmarschieren,

Ein stolzes Regiment.

Laßt die Fanfaren tremulieren!

Faltet die Fahnen ent!

Die harte Brust dem Wetter darzubieten,

Reißt die germanische Lodenjoppe auf!

Kommet zu Hauf!

Wir wollen uns im friedlichen Wettkampf üben.

Braust drei Hepp-hepps und drei Hurras

Um die deutschen Eichenbäume!

Trinkt auf das Wohl der deutschen Frauen ein Glas,

Daß es das ganze Vaterland durchschäume.

Heil! Umschlingt euch mit Herz und Hand,

Ihr Brüder aus Nord-, Süd- und Mitteldeutschland!

Daß einst um eure Urne

Eine gleiche Generation turne.


Zum Aufstellen der Geräte

Ein Muster

So unterwegs in einem schönen Hechtsprung

Erblickte er das Licht der Welt, das Leben,

Und hat – obwohl er damals doch noch recht jung –

Sich doch sofort in Hilfsstellung begeben.

Den Kniesturz übend und manch andre Tugend,

Verging ihm eine turnerische Jugend

Im Wachen teils und teils im Traum

Und Freitag nachmittags am Schwebebaum.

Vorturner wurde er und Löwenbändiger,

Seemann und Schornsteinfeger, Akrobat

Und schließlich turnerischer Sachverständiger

Im transsibirischen Artistenrat.

Er las die Morgenzeitung stets im Handstand,

Vom Hang der Freiheit sprach sein roter Schlips.

Er glich – wie er im Turnsaal an der Wand stand –

Dem altbekannten Herkules aus Gips.

Inhaber aller silbernen Pokale,

Erwarb er sich den Franziskanerpreis

Und im August in Halle an der Saale

Die Jahnkokarde mit dem Lorbeerreis.

Ein zarter Kern in einer rauhen Schale.

Er hat sich mit einem Salto mortale

Aus dem Leben

Über ein Felsengeländer

Hinwegbegeben.


Freiübungen

Grundstellung

Wenn eine Frau in uns Begierden weckt

Und diese Frau hat schon ihr Herz vergeben,

Dann (Arme vorwärts streckt!),

Dann ist es ratsam, daß man sich versteckt.

Denn später (langsam auf den Fersen heben!),

Denn später wird uns ein Gefühl umschweben,

Das von Familiensinn und guten Eltern zeugt.

(Arme beugt!)

Denn was die Frau an einem Manne reizt

(Hüften fest – Beine spreizt! – Grundstellung),

Ist Ehrbarkeit. Nur die hat wahren Wert,

Auch auf die Dauer (ganze Abteilung kehrt!).

Das ist von beiden Teilen der begehrtste,

Von dem man sagt: (Rumpfbeuge) Das ist der allerwertste.


Klimmzug

Das ist ein Symbol für das Leben.

Immer aufwärts, himmelan streben!

Feste zieh! Nicht nachgeben!

Stelle dir vor: Dort oben winken

Schnäpse und Schinken.

Trachte sie zu erreichen, die Schnäpse.

Spanne die Muskeln, die Bizepse.

Achte ver die Beschwerden.

Nicht einschlafen. Nicht müde werden!

Du mußt in Gedanken wähnen:

Du hörtest unter dir einen Schlund gähnen.

In dem Schlund sind Igel und Wölfe versammelt.

Die freuen sich auf den Menschen, der oben bammelt.

Zu! Zu! Tu nicht überlegen.

Immer weiter, herrlichen Zielen entgegen.

Sollte dich ein Floh am Po kneifen,

Nicht mit beiden Händen zugleich danach greifen.

Nicht so ruckweis hin und her schlenkern;

Das paßt nicht für ein Volk von Turnern und Denkern.

Klimme wacker,

Alter Knacker!

Klimme, klimb

Zum Olymp!

Höher hinauf!

Glückauf!

Kragen total durchweicht.

Äh – äh – äh – endlich erreicht.

Das Unbeschreibliche zieht uns hinan.

Der ewigweibliche Turnvater Jahn.


Während der Riesenwelle

Seht ihr mich? Und spürt ihr nicht den Wind,

Den ich mache? Ja, das ist gefährlich!

Aber mir, dem alten Seemann, sind

Riesenwellen eben unentbehrlich.

Käme mir jetzt einer in die Speichen

(Wär es auch ein Riese aus Granit),

Würde er doch damit nur erreichen,

Daß ich ihn in dünne Scheiben schnitt.

Aber nicht die Herstellung von Scheiben

Denk ich mir als Lebenszweck. O nein!

Eine Sägemühle möcht ich treiben,

Möcht ein Schwungrad für Dynamo sein.

Wenn ich plötzlich jetzt die Hände strecke

(Und ich habe ähnliches im Sinn),

Ja dann – splittert augenblicks die Decke,

Und der Wellenriese – ist dahin.


Wettlauf

Publikum ungeduldig scharrt –

Scharren lassen – hier Start –

Taschentuch? Keins –

Schweiß –

Heiß –

Zum Beweis

Des Nichtaufgeregtseins:

Billet Spucke kneten.

Achtung: Eins!

Nicht mehr Zeit auszutreten –

Was? Rauchen verbeten? –

Sie da, der dritte, weiter zurücktreten –

Soo! – Endlich Musik –

Der bekannte

Augenblick,

Wo –

Wenn der Trikot

Nur nicht so spannte –

Schweinerei –

Wäre fatal –

Achtung: Zwei!

Teufel noch mal!

Heiliger Joseph, steh mir bei!

Achtung: Drei!

Tapelti, tapelti, tapelti

Mut!

Gut!

Kopf senken!

Arme vom Leib!

Frieda denken!

Herrliches Weib!

Schade, daß Mund stinkt!

Das war sie! – Lacht – winkt –

Oh, oh! Oh, oh!

Mein Trikot!

Vorne gespalten.

Taschentuch vorhalten –

Jetzt Quark!

Nur laufen!

10 000 Mark –

Wochenlang saufen –

Wenn’s glückt –

Schulden bezahlen –

Tante verrückt –

Meyers prahlen –

Sieger gratuliert –

Fotografiert –

Händedruck –

Tun als ob schnuppe –

Wändeschmuck –

Lorbeersuppe –

Zeitungsreklame –

Filmaufnahme –

Frieda seidenes Kleid –

Otto platzt Neid –

Engelmann – Wut –

Anton – Pump –

Aushalten! Mut!

Weg da! Lump! –

Einer von beiden –

Weg abschneiden –

Puff!

Was bild’t sich –

Uff!

Gilt nich!

Feste druff!

Gar nicht kümmern!

Schädel zertrümmern!

Zuchthaus –

Flucht – Haus –

Schande –

Tante –

Sterben –

Beerben –

Unsinn! Was Quatsch! Quatsch!

Teufel noch mal!

Laternenpfahl.

Mehr links, ach! Ach!

Stopp! Frieda! Halt! Krach!

Kladderadatsch!

Knätsch daun! Au! Aus!

Ohhhhh! – Publikum Applaus.


Fußball

nebst Abart und Ausartung

Der Fußballwahn ist eine Krank-

Heit, aber selten. Gott sei Dank.

Ich kenne wen, der litt akut

An Fußballwahn und Fußballwut.

Sowie er einen Gegenstand

In Kugelform und ähnlich fand,

So trat er zu und stieß mit Kraft

Ihn in die bunte Nachbarschaft

Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,

Ein Käse, Globus oder Igel,

Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,

Ein Kegelball, ein Kissen war,

Und wem der Gegenstand gehörte,

Das war etwas, was ihn nicht störte.

Bald trieb er eine Schweineblase,

Bald steife Hüte durch die Straße.

Dann wieder mit geübtem Schwung

Stieß er den Fuß in Pferdedung.

Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.

Die Lampenkuppel brach sofort.

Das Nachtgeschirr flog zielbewußt

Der Tante Berta an die Brust.

Kein Abwehrmittel wollte nützen,

Nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,

Noch Puffer, außen angebracht.

Er siegte immer, 0 zu 8.

Und übte weiter frisch, fromm, frei

Mit Totenkopf und Straußenei.

Erschreckt durch seine wilden Stöße,

Gab man ihm nie Kartoffelklöße.

Selbst vor dem Podex und den Brüsten

Der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,

Was er jedoch als Mann von Stand

Aus Höflichkeit meist überwand.

Dagegen gab ein Schwartenmagen

Dem Fleischer Anlaß zum Verklagen.

Was beim Gemüsemarkt geschah,

Kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.

Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen

Durchs Publikum wie wilde Bienen.

Da sah man Blutorangen, Zwetschen

An blassen Wangen sich zerquetschen.

Das Eigelb überzog die Leiber,

Ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.

Kartoffeln spritzten und Zitronen.

Man duckte sich vor den Melonen.

Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.

Dann donnerten die Kokosnüsse.

Genug! Als alles dies getan,

Griff unser Held zum Größenwahn.

Schon schäkernd mit der U-Bootsmine,

Besann er sich auf die Lawine.

Doch als pompöser Fußballstößer

Fand er die Erde noch viel größer.

Er rang mit mancherlei Problemen.

Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?

Dann schiffte er von dem Balkon

Sich ein in einem Luftballon.

Und blieb von da an in der Luft.

Verschollen. Hat sich selbst verpufft. –

Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,

Vor dem Gebrauch des Fußballwahns!


Zum Wegräumen der Geräte

Veterinär, gleichzeitig Veteran,

Ein Mann, der 92 Jahre zählte,

Daß man zuletzt ihn aus Gewohnheit wählte,

Und trotzdem biegsam, schmiegsam wie ein Schwan.

Das war – trotz eines halbgelähmten Beines –

Der Ehrenvorstand unsres Turnvereines.

Und wirklich nahm er’s noch im Dauerlauf

Und Schleuderball mit jedem Rennpferd auf.

Wettläufer sah ich – nun Gott weiß wieviel,

Doch ihrer keiner hielt wohl mit der gleichen

Bescheidenheit gelassen vor dem Ziel.

Denn niemand konnte ihm das Wasser reichen.

Dann griff er abseits zum Pokal. Und Hei!

Wie Donner klang sein Frisch-Fromm-Fröhlich-Frei.

Wie sich sein Vollbart, den er gern sich wischte,

Nach einem 80-cm-Sprung

Mit Kokosfasern einer Matte mischte,

Das bleibt mir ewig in Erinnerung.

Im Springen konnte überhaupt dem Alten

Zuletzt wohl keiner mehr die Stange halten.

Einmal, nach dem Genuß von sehr viel Weißwein,

Verstauchte er beim Spaltsitz auf dem Reck

Ganz unvermutet plötzlich sich das Steißbein.

Er aber wich und wankte nicht vom Fleck.

Im Gegenteil, er brach, um uns zu necken,

Sich noch den Sitzknorren der Sitzbeine am Becken.

Er turnte gern der Jugend etwas vor

Und mühte sich vor Buben oder Mädeln,

Die Beine in die Ringe einzufädeln,

Wobei er niemals die Geduld verlor.

Dann staunte ehrfurchtsvoll solch junges Ding,

Wenn er wie Christbaumschmuck im Nesthang hing.

Denn was ein Nesthängchen werden will, krümmt sich beizeiten.


Am Barren

(Alla donna tedesca)

Deutsche Frau, dich ruft der Barrn,

Denn dies trauliche Geländer

Fördert nicht nur Hirn und Harn,

Sondern auch die Muskelbänder,

Unterleib und Oberlippe.

Sollst, das Hüftgelenk zu stählen,

Dich im Knickstütz ihm vermählen.

Deutsches Weib, komm: Kippe, Kippe!

Deutsche Frau, nun laß dich wieder

Ellengriffs im Schwimmhang nieder.

So, nun Hackenschluß! Und schwinge!

Schwinge! Hurtig rum den Leib!


Ringkampf

Gibson (sehr nervig), Australien,

Schulze, Berlin (ziemlich groß).

Beißen und Genitalien

Kratzen verboten. – Nun los!

Ob sie wohl seelisch sehr leiden?

Gibson ist blaß und auch Schulz.

Warum fühlen die beiden

Wechselnd einander den Puls?

Ängstlich hustet jetzt Gibson.

Darauf schluckt Schulze Cachou.

Gibson will Schulzen jetzt stipsen.

Ha! Nun greifen sie zu.

Packen sich an, auf, hinter, neben, in,

Über, unter, vor und zwischen,

Statt, auch längs, zufolge, trotz

Stehen auf die Frage wessen.

Doch ist hier nicht zu vergessen,

Daß bei diesen letzten drei

Auch der Dativ richtig sei.

(Pfeife des Schiedsrichters.)

Wo sind die Beine von Schulze?

Wem gehört denn das Knie?

Wirr wie lebendige Sulze,

Mengt sich die Anatomie.

Ist das ein Kopf aus Australien?

Oder Gesäß aus Berlin?

Jeder versucht Repressalien,

Jeder läßt keinen entfliehn.

Hat sich der Schiedsmann bemeistert,

Lange parteilos zu sein;

Aber nun brüllt er begeistert:

»Schulze, stell ihm ein Bein!

Zwinge den Mann mit den Nerven

Nieder nach Sitte und Jus.

Kannst du dich über ihn werfen

Just wie im Koi, dann tu’s!«

Der Athlet

Mein Name ist Murxis, der Kraftmensch genannt.

Meine Nahrung ist Goulasch vom Elefant

In einer Sauce des Stärkemehles.

Meine Heimat ist das Zentrum Südwales,

Upsala!

Ich wurde durch einen Kaiserschnitt

Geboren, mit Hilfe von Dynamit.

Daß ich noch lebte, war reines Glück.

Von meiner Mutter blieb wenig zurück.

20 kg mit dem kleinen Finger.

Man baute um mich eine Art von Dock.

Mit Strebestützen im 16. Stock

Eines Wolkenkratzers von Rockefeller.

Das Stockwerk brach, man fand mich im Keller

Mit verschränkten Armen.

Ich war in allen Städten der Welt

Als Muster von Herkules ausgestellt.

Wer das bezweifelt – 5 Groschen –, der fordre

An der Kasse die Wachskabinettsordre.

Ich nenne mich selbst den Venus von Milo.

Bruttogewicht: 200 Kilo.

Es haben mich Königinnen betastet.

Ich habe einmal drei Wochen gefastet

Und unternehme auch heute noch Schritte

Zu meiner Entlastung. Und deshalb bitte

Ich die Herrschaften um ein kleines Douceur.


Am Hängetau

Das Hängetau ist lang und steil.

Jedoch die Übung an dem Seil

Ist heilsam und veredelt.

Dieweil du kletterst, wächst das Tau

Dir hintenraus und wedelt

A la Wauwau.

Marie, die unten nach dir blickt,

Kommt mit der Quaste in Konflikt.

Ich wette um ein Faß Gelee:

Drei Meter über der Erden

Erfaßt dich plötzlich die Idee,

Du möchtest Seemann werden.

Der Kletterschluß mißlingt dir freilich.

Er klingt auch häßlich papageilich.

Schon dieserhalb und um so mehr

Schwankst du verzweifelt hin und her,

Als atemloser Pendel.

Und jäh umgibt dich in der Luft

Ein unartikulierter Duft

Sehr abseits von Lavendel.

Und dann erreichst du ganz verzagt

Den Balken unter Pusten,

Und weil Marie von unten fragt,

Und weil die Stimme dir versagt,

So fängst du an zu husten.

Die Dame fragt ob schwindelfrei

Und schüttelt die Manilla.

Du mimst voll Angst und Heuchelei

Den schwärmenden Gorilla.

Doch weil allmählich Zeit vergeht

Und nirgends eine Leiter steht,

Entschließt du dich voll Grausen

Und präsentierst dein Hinterteil

Und angelst lange nach dem Seil

Und läßt dich plötzlich sausen.

Du plumpst der Dame auf die Brust

Und tust, als tätst du das bewußt,

Und blähst dich wie ein Segel.

Und nickst ein heiteres Allheil!

Und lachst und fühlst dich doch derweil

Teils Burschenschaft, teils Flegel.

Kein Mädchen, nicht einmal die Braut,

Sieht gerne Hände ohne Haut.


Kniehang

Ich wollte, ich wär eine Fledermaus,

Eine ganz verluschte, verlauste,

Dann hing ich mich früh in ein Warenhaus

Und flederte nachts und mauste,

Daß es Herrn Silberstein grauste.

Denn Meterflaus, Fliedermus, Fledermaus –

(Es geht nicht mehr; mein Verstand läuft aus.)


Box-Kampf

Bums! – Kock, Canada: – Bums!

Käsow aus Moskau: Puff! puff!

Kock der Canadier: – Plumps!

Richtet sich abermals uff.

Ob dann der Käsow den Kock haut,

Oder ob er das vollzieht,

Ob es im Bauchstoß, im Knock-out*

Oder von seitwärts geschieht –

Kurz: Es verlaufen die heit’ren

Stunden wie Kinderpipi.

Sparen wir daher die weit’ren

Termini technici.

Und es endet zuletzt

Reizvoll, wie es beginnt:

Kock wird tödlich verletzt.

Käsow aber gewinnt.

Leiche von Kock wird bedeckt.

Saal wird langsam geräumt.

Käsow bespült sich mit Sekt.

Leiche aus Canada träumt:

Boxkampf –

Boxer –

Boxen –

Boxel –

Boxkalf –

Boxtrott –

Boxtail –.


Kniebeuge

Kniee – beugt!

Wir Menschen sind Narren.

Sterbliche Eltern haben uns einst gezeugt.

Sterbliche Wesen werden uns später verscharren.

Schäbige Götter, wer seid ihr? und wo?

Warum lasset ihr uns nicht länger so

Menschlich verharren?

Was ist denn Leben?

Ein ewiges Zusichnehmen und Vonsichgeben. –

Schmach euch, ihr Götter, daß ihr so schlecht uns versorgt,

Daß ihr uns Geist und Würde und schöne Gestalt nur borgt.

Eure Schöpfung ist Plunder,

Das Werk sodomitischer Nachtung.

Ich blicke mit tiefster Verachtung

Auf euch hinunter.

Und redet mir nicht länger von Gnade und Milde!

Hier sitze ich; forme Menschen nach meinem Bilde.

Wehe euch, Göttern, wenn ihr uns drüben erweckt!

Beine streckt!


Zum Bockspringen

(Nach einer Fabel Ae-sops)

Wie war die Geschichte mit Bobs Wauwau?

Ich erinnere mich nicht ganz genau,

Ob dieser Hund Bobs

– Eins, zwei, drei – hops! –

Ob dieser Hund ein Rebhuhn gebar?

Auf welcher Seite er schwanger war,

Und inwiefern und ob’s

– Eins, zwei, drei – hops! –

Ein Dackel war, der das Rebhuhn erzeugte,

Und ob er das arme Geflügel dann säugte. –

Ich glaube, der Dackel war ein Mops. –

– Eins, zwei, drei – hops! –

Jedenfalls fraß er zu jedermanns Ärger

Nur Wickelgamaschen und Königsberger,

Auch Danziger Klops.

– Eins, zwei, drei – hops!

Ein seltsamer Mops war Bobs Wauwau.

– Eins, zwei, drei – hops! au! au!


Felgeaufschwung

Die wir im Felgeaufschwung uns befinden,

Schwer wie das Eisen, das der Ristgriff faßt,

Und wurde uns der eigne Leib zur Last.

Und langsam sehen wir den Tag entschwinden.

Ein abgerissenes Sichvorwärtsschwingen –

Ein seelenloses Steigen über nichts. –

Von Leiden spricht das Zucken des Gesichts.

Nur in der Ferne tönt ein Vesperklingen.

Nun sinkt das Haupt herab, und wie zum Schwören

Hebt sich der Füße zages Doppelspiel.

Und abermals erlahmt die Kraft am Ziel,

Um wieder sich von neuem zu betören.

Und werden doch den toten • überwinden,

Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist weich,

Sitzwellend einst, dem Wellensittich gleich,

So werden wir uns droben wiederfinden.

Rundlauf

Heran in die Tiefe, seitab in die Höh –

Auf der Reise im Kreise gewiegt.

Die Mädels, die Buben, Madame und Monsieur,

Das baumelt und taumelt und fliegt.

Es schweben die Röcke wie Glocken dahin,

Und ein viel tätowierter Gesell,

Der fiedelt und sieht nur die Klöppel darin,

Und er spielt, und er fühlt Karussell.

Ein strudelnder Drall im ätherischen Bad,

Vor dem selbst der König sich bückt.

O Leben im Winkel von 50 Grad,

Du lachst uns und machst uns verrückt.


Zum Keulenschwingen

Die Merowinger sind weit verzweigt.

Es lebte ein Merowinger,

Den die Geschichte uns leider verschweigt,

Ein wackerer Keulenschwinger.

Mit beiden Händen und Leidenschaft

Schwang er die Keulen, die schönen.

Er schwang sie mit barbarischer Kraft

Unter leisem teutonischen Stöhnen.

Er teilte die Lüfte und teilte vorbei

Mit seiner gewuchtigen Keule.

Er schlug seiner Mutter die Backe entzwei,

Erschlug seine Kinder und Gäule.

Erschlug mit übernatürlicher Kraft

Des Königs wieherndes Vollblut.

Da wurde er aber fortgeschafft

In eine Zelle für Tollwut.

Man nahm ihm die Keule, er konnte nicht mehr

Sie schwingen in sausenden Kurven.

Die Zelle ward still und nahezu leer,

Man hörte nur Schritte schlurfen.

Doch eines Tages dröhnte es dumpf.

Der Wächter tat sich beeilen.

Da sah er einen niedrigen Rumpf

Mit seinen leibeigenen Keulen

Die Wände der Zelle verbeulen.

Da fing der Mann an zu heulen.


Das Turngedicht am Pferd

(Schon den Römern bekannt)

Es lebte an der Mündung der Dobrudscha

Ein Roll- und Bier- und Leichenwagenkutscher.

Der riß lebendigem Getier – o Graus! –

Mit kaltem Blut die Pferdeschwänze aus.

Hopla!

Jedoch verscherzte er mit solchen Streichen

Sich den Verkehr mit Roll und Bier und Leichen

Und frönte nun dem Trunk, auch nebenbei

Der Kunst, speziell der Pferdeschlächterei.

Hopla!

Man traf ihn manchmal unter Viadukten

Mit Pferdeköpfen, die noch lebhaft zuckten,

Und fragte man dann nach dem Preis pro Pfund,

Dann brüllte er und hatte Schaum vorm Mund:

»Hopla!«

Doch abermals aus dem Beruf gestoßen,

Ergab er sich dem Schicksal aller Großen

Und wurde – solches traf sich eben gut –

Pedell an einem Turninstitut.

Hopla!

Schon im Begriff, sein Leben umzuwandeln,

Besoff er sich und stürzte über Hanteln.

Er wußte selber nicht, wie weit, wie tief;

Jedoch er fragte gar nicht, sondern schlief.

… la …

Punkt Mitternacht bemerkte der Betäubte,

Daß sich sein Haar mit leisem Knirschen sträubte.

Er wachte auf und sah im bleichen Glanz

Ein Pferd, ein Pferd, ganz ohne Haupt und Schwanz.

… pla!

Nun reckte sich das abenteuerliche

Gespenst und wuchs ins Ungeheuerliche.

Drei Meter mochte es gewachsen sein,

Da hielt es inne, schnappte plötzlich ein.

Hopla!

Und nun, wohl in Ermangelung von Äpfeln,

Begann es Sägemehl aus sich zu tröpfeln.

»Mensch,« rief es, »der du Tiere quälen kannst,

Auf! Springe über meinen Lederwanst.

Hopla!«

Er sprang bereits, wie ihn die Formel bannte,

Er sprang und fiel, erhob sich wieder, rannte

Und sprang und rannte, sprang und sprang und sprang,

Wohl stunden-, tage-, wochen-, jahrelang.

Hopla! Hopla! Hopla! Hopla!

Bis plötzlich unter ihm das Pferd zerkrachte.

Da brach er auch zusammen und erwachte.

Indem er schwur, nie wieder nachts zu picheln,

Bemerkte er, gereizt durch fremdes Sticheln,

Daß ihn, der doch sich täglich glatt rasierte,

Ein langer Zwickelbart aus Roßhaar zierte.

Ho!


Zum Schwimmen

(Die Brüder)

Plumps! Nun liegst du endlich drin,

Nun hat es wirklich nicht mehr Sinn,

Noch länger den Denker und Dichter zu mimen.

Sonst gibt’s mal was mit dem ledernen Riemen!

Lacht mal den Onkel aus, ihr Kinder!

Wißt ihr’s?

Das ist der Erfinder

Des drahtlosen Schwebeklistiers,

Der Panslapopel, der große Mann!

Wie Seidenpapier liegt die Hose an.

Der Doktor phil. und der Doktor jur. – –

Ja, pruste du nur!

Wie eifrig du spuckst

Und das Gespuckte noch einmal verschluckst.

Du »Autor« von »Das Leben von Stosch!« –

Eine Qualle bist du, ein schleimiger Frosch,

Ein wulstiger, schwulstiger, schwappliger, nasser.

Und willst der Verfasser

Der Biographie sein!

Ziehe das Knie ein!

Nach auswärts die Beine!

Du Stubenhocker!

Hier sind ein paar Steine

Am Ufer recht locker. – –

Sieht aus wie Blaukraut mit Sommersprossen.

Na? Eins, zwei, drei – vier, fünf, die Hände geschlossen!

Und: eins, zwei, drei – vier, fünf; noch besser, viel besser!

Ich werde dir was von wegen Professor!

Los: eins, zwei, drei – vier, fünf. Du Schlumpsack, nur weiter!

Wird’s? Eins, zwei, drei – vier, fünf. Nun ’ran an die Leiter!

Du ausgeschwängertes Schwielenschwein!

Ein Wort – und ich stoße dich nochmals hinein.


Laufschritt-Couplet

Wenn doch die Pferdebahn noch wär’!

Da wurde bald der Kondukteur

Und bald der Gaul verdroschen,

Und manchmal lief man nebenher

Und sparte sich den Groschen.

Die Feuersbrunst ergriff mich sehr.

Das Schulgebäude steht nicht mehr.

Schon spielen Kinder fromm umher

Mit den verkohlten Stücken.

Dann räumt man auf, der Platz wird leer,

Und nun beginnt die Feuerwehr

Allmählich anzurücken.

Der Laufschritt freut beim Militär

Uns über alle Maßen.

Zwar drückt der Affe reichlich schwer,

Ganz abgesehn von dem Gewehr,

Der Blase und den Blasen,

Doch außerdem: Man fühlt sich sehr,

Singt: »Wenn ich doch ein Vöglein wär’«

Und kann sich so von ungefähr

Das Mittagbrot vergasen.


Sorge dividiert durch 2 hoch x

Grübeln und grübeln nun stundenlang –

Bing – Bumpf – Bang – –

Korks jetzt! Lona, und prost! Kling! Klang!

Ein Schurke ist gar kein Feind.

Hoch steht überm zeitlichen Raffinement

Die ewige Regel:

Daß immer mal wieder die Sonne scheint.

Liebstes, armes, verquollenes Kind,

So wie wir beide im Augenblick so sind,

Scheint uns die Sonne noch immer recht anständig lind.

Ihn macht sie frösteln oder sie kocht ihn jetzt heiß.

Bleiben wir aber so!

Sein wir nie schadenfroh!

Ist auch die Sache sehr unangenehm –

Jedes w soll schwinden im Schweiß,

Oder – nein, vor allem und außerdem – –

Na du weißt – – Und ich weiß – –


Gewitter

Oben in den Wolken krachte der Donner.

Am Ufer des Indischen Ozeans balzte ein Kind.

Würde der Mond noch monder, die Sonne noch sonner,

So würden die Menschen vielleicht noch drehlicher, als sie

schon sind.

Tausend Menschen lachten und weinten;

Sechs von dem Tausend wußten, warum;

Zwei von den sechsen aber meinten

Von sich selber, sie seien eigentlich dumm.

Breite Straße filmte mir vorbei,

Links und rechts mit Lichtern und Reflexen

Fechtend und mit Worten und Geschrei.

Helle Nacht ergoß sich brausend.

Und ich grüßte ehrfurchtsvoll die zwei,

Und ich beugte staunend mich den sechsen,

Kniete, echt und bettelnd, vor dem Tausend.

Vor dem Grand Hotel zu den Drei Mohren

Kreiste jämmerlich ein Hund und schiß.

Nebenbei, von irgendwem verloren,

Lag ein künstliches Gebiß.

Doch ich räusperte und spie,

Und ich rotzte,

Bis ich einer weichen Phantasie

Würdig trotzte.

Und zur gleichen Zeit mag ein Kommis

(Elegante Kleidung – sauber – Schaf)

Auf dem Teppich heiß gestammelt haben,

Einer, der vom lieben Gott was wollte,

Was das Hauptbuch und den nächsten Tag betraf;

Dachten andere an Schützengraben.

Denn der Donner grollte.


Der Zahnfleischkranke

Was geht mich der Frühling, was geht mich dein dummes

Gesicht,

Dein Leben an. Aber nur weine nicht.

Geh, Mädchen! Geh! Geh!

Mir tun meine Zähne,

Deine Knietschträne tut noch mehr weh.

Eine entzündete Wurzelhaut

Kennt keine Braut,

Noch Kunst noch Konstabler.

Wer mir jetzt eins in die Fresse haut,

Oder ein Kinnladenschuß

Wären immerhin diskutabler.

Sterben jetzt, wäre Genuß.

Siehst du den gelben Schaum?

Das Fleisch ist ganz weich.

Selbst wenn ich schliefe,

Blähen versäumte Präservative

Sich Luftschiffen gleich

In meinen Traum.

Stochern muß ich; gib eine Gabel!

Was sagst du? Halt deine – Schnabel!!


Aus dem Tagebuch eines Bettlers

Ich klingelte. Ich bettelte um Brot.

Um alte Sachen.

Ich beschrieb anschaulich die Not.

Ich kann so eine jämmerliche Miene machen.

Meine Familie sei teils hungrig, teils tot.

Nur ein kleines, hartes, verschimmeltes Restchen Brot,

Womit ich eigentlich Geld meinte.

Der Herr verneinte.

Ich versuchte diverse Gebärden.

Ich kann so urplötzlich ganz mager werden.

Ich taumelte krank.

Ich – stank.

Da wurde ich gepackt.

Fünf Minuten später war ich nackt.

In einer Wanne im Bad

Bei dreißig Grad.

Ich weinte. – Ich wußte:

Hier half kein Beteuern.

Man fing an, meine Kruste

Herunterzuscheuern.

Dieser Herr war ein Schelm.

Ich wurde auf die Straße gestoßen.

Ich fand mich in schwarzen Hosen,

Lackschuhen, Frack und Tropenhelm.

Ich fand kein Geld. – Mir wurde bang,

Ich fand nur ein Trambahn-Abonnement.

Und ich ging auf die Reise,

Fuhr mit der Sechzehn stundenlang

Immer im Kreise.

Was halfen die noblen Sachen?

Ich bettelte. Probeweise.

Ich kann so eine kummervolle Miene machen.

Aber die Leute begannen zu lachen

Und die Haltestelle zu verpassen.

Ich sann auf einen Schlager.

Ich wurde urplötzlich ganz mager.

Ich wurde gewaltsam aus der Trambahn heruntergelassen.

Da waren die Anlagen und Gassen

Auf einmal ganz traurig und fremd.

Als ich aus dem Pfandhause kam,

Trug ich nur noch Hose, Barfuß und Hemd.

Ich mußte mir einen Anzug leihn.

Ich ging mit der Gräfin Mabelle,

Die eigentlich eine Büfettmamsell

Ist und gesucht wird, in ein Hotel.

Wir speisten: Hirschbraten mit Knickebein.

Wir sangen zu zwein:

»Wer hat uns getraut – …«

Und zuletzt, ganz laut:

»Wohlauf, noch getrunken den funkelnden Wein …«


Von einem, dem alles danebenging

Ich war aus dem Kriege entlassen,

Da ging ich einst weinend bei Nacht,

Weinend durch die Gassen.

Denn ich hatte in die Hosen gemacht.

Und ich habe nur die eine

Und niemanden, wo sie reine

Macht oder mich verlacht.

Und ich war mit meiner Wirtin der Quer.

Und ich irrte die ganze Nacht umher,

Innerlich alles voll Sorgen.

Und sie hätten vielleicht mich am Morgen

Als Leiche herausgefischt.

Aber weil doch der Morgen

Alles Leid trocknet und alle Tränen verwischt –

*) Sprich – »nock«, wie Butternockerlsuppe.

Schiffersentiment
Vom Seemann Kuttel Daddeldu

Eine Bark lief ein in Le Haver,

Von Sidnee kommend, nachts elf Uhr drei.

Es roch nach Himbeeressig am Kai

Und nach Hundekadaver.

Kuttel Daddeldu ging an Land.

Die Rü Albani war ihm bekannt.

Er kannte nahezu alle Hafenplätze.

Weil vor dem ersten Haus ein Mädchen stand,

Holte er sich im ersten Haus von dem Mädchen die Krätze.

Weil er das aber natürlich nicht gleich empfand,

Ging er weiter – kreuzte topplastig auf wilder Fahrt.

Achtzehn Monate Heuer hatte er sich zusammengespart.

In Nr. 6 traktierte er Eitvie und Kätchen,

In 8 besoff ihn ein neues, straff lederbusiges Weib.

Nebenan bei Pierre sind allein sieben gediegene Mädchen

Ohne die mit dem Zelluloid-Unterleib.

Daddeldu. the old Seelerbeu Kuttel,

Verschenkte den Albatrosknochen.

Das Haifischrückgrat, die Schals,

Den Elefanten und die Saragossabuttel.

Das hatte er eigentlich alles der Mary versprochen,

Der anderen Mary; das war seine feste Braut.

Daddeldu – hallo! Daddeldu,

Daddeldu wurde fröhlich und laut.

Er wollte mit höchster Verzerrung seines Gesichts

Partu einen Niggersong singen

Und »Blu beus blu«.

Aber es entrang sich ihm nichts.

Daddeldu war nicht auf die Wache zu bringen.

Daddeldu Duddel Kuttelmuttel, Katteldu

Erwachte erstaunt und singend morgens um vier

Zwischen Nasenbluten und Pomm de Schwall auf der Pier.

Daddeldu bedrohte zwecks Vorschuß den Steuermann.

Schwitzte den Spiritus aus. Und wusch sich dann.

Daddeldu ging nachmittags wieder an Land,

Wo er ein Renntiergeweih, eine Schlangenhaut,

Zwei Fächerpalmen und Eskimoschuhe erstand.

Das brachte er aus Australien seiner Braut.


Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

Die Springburn hatte festgemacht

Am Petersenkai.

Kuttel Daddeldu jumpte an Land,

Durch den Freihafen und die stille Heilige Nacht

Und an dem Zollwächter vorbei.

Er schwenkte einen Bananensack in der Hand.

Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten.

Wenn er es wagte, ihn anzuhalten.

Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden.

Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von

Schweden.

Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere,

Denn sie stammte aus Bayern.

Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre,

Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.

Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakeeler.

Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich:

»Hallo old sailer!«

Daddeldu liebte solch freie, herzhafte Reden,

Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden.

Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri

Und sagte: »Da nimm, du Affe!«

Daddeldu sagte nie »Sie«.

Er hatte auch Wanzen und eine Masse

Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.

Aber nun sangen die Gäste »Stille Nacht, Heilige Nacht«.

Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse

Und behielt für die Braut nur noch drei.

Aber als er sich später mal darauf setzte,

Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,

Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte.

Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold

Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.

Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.

Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt

Still in die Taschen und lächelte hold

Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.

Daddeldu dacht in die wartende Braut.

Aber es hatte nicht sein gesollt,

Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.

Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,

Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.

Und das war alles wie Traum.

Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.

Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete,

Kam eine Marmorplatte geschwirrt,

Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt.

Und die See ging hoch, und der Wind wehte.

Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase

(Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.

Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie:

»Sie Daddel Sie!«

Und links und rechts schwirrten die Kolibri.

Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete

erloschen.

Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.

Draußen stand Daddeldu

Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.

Da trat aus der Tür seine Braut

Und weinte laut:

Warum er so spät aus Honolulu käme?

Ob er sich gar nicht mehr schäme?

Und klappte die Tür wieder zu.

An der Tür stand: »Für Damen«.

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen

Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.


Kuttel Daddeldu und Fürst Wittgenstein

Daddeldu malte im Hafen mit Teer

Und Mennig den Gaffelschoner Claire.

Ein feiner Herr kam daher,

Blieb vor Daddeldu stehn

Und sagte: »Hier sind fünfzig Pfennig,

Lieber Mann, darf man wohl mal das Schiff besehn?«

Daddeldu stippte den Quast in den Mennig,

Daß es spritzte, und sagte: »Fünfzig Pfennig ist wenig.

Aber, God demm, jedermann ist kein König.«

Und der Fremde sagte verbindlich lächelnd: »Nein,

Ich bin nur Fürst Wittgenstein.«

Daddeldu erwiderte: »Fürst oder Lord –

Scheiß Paris! Komm nur an Bord.«

Wittgenstein stieg, den Teerpott in seiner zitternden Hand,

Hinter Kutteln das Fallreep empor und kriegte viel Sand

In die Augen, denn ein schwerer Stiefel von Kut-

Tel Daddeldu stieß ihm die Brillengläser kaputt

Und führte ihn oben von achtern nach vorn

Und von Luv nach Lee.

Und aus dem Mastkorb fiel dann das Brillengestell aus Horn,

Und im Kettenkasten zerschlitzt der Cutaway.

Langsam wurde der Fürst heimlich ganz still.

Daddeldu erklärte das Ankerspill.

Plötzlich wurde Fürst Wittgenstein unbemerkt blaß.

Irgendwas war ihm zerquetscht und irgendwas naß.

Darum sagte er mit verbindlichem Gruß:

»Vielen Dank, aber ich muß – – –«

Daddeldu spuckte ihm auf die zerquetschte Hand

Und sagte: »Weet a Moment, ich bringe dich noch an Land.«

Als der Fürst unterwegs am Ponte San Stefano schmollte,

Weil Kuttel durchaus noch in eine Osteria einkehren wollte,

Sagte dieser: »Oder schämst du dich etwa vielleicht?«

Da wurde Fürst Wittgenstein wieder erweicht.

Als sie dann zwischen ehrlichen Sailorn und

Dampferhalunken

Vier Flaschen Portwein aus einem gemeinsamen Becher

getrunken,

Rief Kuttel Daddeldu plötzlich mit furchtbarer Kraft:

»Komm, alter Fürst, jetzt trinken wir Brüderschaft.«

Und als der Fürst nur stumm auf sein Chemisette sah,

Fragte Kuttel: »Oder schämst du dich etwa?«

Wittgenstein winkte ab und der Kellnerin.

Die schob ihm die Rechnung hin.

Und während der Fürst die Zahlen mit Bleistiftstrichen

Anhakte, hatte Kuttel die Rechnung beglichen.

Der Chauffeur am Steuer knirschte erbittert.

Daddeldu hatte schon vieles im Wagen zersplittert,

Während er dumme Kommandos in die Straßen und Gassen

Brüllte, »Hart backbord!« – »Alle Mann an die Brassen!«

Rasch aussteigend, fragte Fürst Wittgenstein:

»Bitte, wo darf ich Sie hinfahren lassen?«

Aber Daddeldu sagte nur: »Nein!«

Darauf erwiderte jener bedeutend nervös:

»Lieber Herr Seemann, seien Sie mir nicht bös;

Ich würde Sie bitten, zu mir heraufzukommen,

Aber leider – –« Daddeldu sagte: »Angenommen!«

Auf der Treppe bat dann Fürst Wittgenstein

Den Seemann inständig:

Um Gottes willen doch ja recht leise zu sein;

Und während er später eigenhändig

Kaffee braute – und goß in eine der Tassen viel Wasser

[hinein –,

Prüfte Kuttel nebenan ganz allein,

Verblüfft, mit seinen hornigen Händen

Das Material von ganz fremden Gegenständen.

Bis ihm zu seinem Schrecken der fünfte

Zerbrach. – Da rollte er sich in den großen Teppich hinein.

Dann kam mit hastigen Schritten

Der Kaffee. Und Fürst Wittgenstein

Sagte, indem er die Stirne rümpfte:

»Nein, aber nun muß ich doch wirklich bitten – –

Das widerspricht selbst der simpelsten populären Politesse.«

Daddeldu lallte noch: »Halt die Fresse!«


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