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Joachim Ringelnatz

Flugzeuggedanken

Saga

Flugzeuggedanken

Coverbild/Illustration: a compendium of illustrations

Copyright © 1929, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788728015780

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

www.sagaegmont.com

Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com

Flugzeuggedanken

Dort unten ist die Erde mein

Mit Bauten und Feldern des Fleißes.

Wenn ich einmal nicht mehr werde sein,

Dann graben sie mich dort unten hinein,

Ich weiß es.

Dort unten ist viel Mühe und Not

Und wenig wahre Liebe. –

Nun stelle ich mir sekundenlang

Vor, daß ich oben hier bliebe,

Ewig, und lebte und wäre doch tot – –

O, macht mich der Gedanke bang.

Mein Herz und mein Gewissen schlägt

Lauter als der Propeller.

Du Flugzeug, das so schnell mich trägt,

Flieg schneller!

Einsamer Spazierflug

Nun ich wie gestorben bin

Und wurde ein Engelein,

Fliege ich über dein Wohnhaus hin.

Häuschen klein.

Die du als Witwe wieder umworben

Sein magst,

Da ich doch schon verstorben

Bin –. Was du wohl sagst?

Ob du gefaßt bist oder klagst?

Oder ob dein Humor wieder steht,

Du dessen eingedenk bist,

Daß ein aufrichtiges Gebet

Ein unterweges Selbstgeschenk ist?

Ach, wie es dir wohl geht?

Ob du dich verlassen meinst?

Ob du gar Gott verneinst,

Anstatt daß du dankbar

Bist. Wüßte ich, daß du jetzt so weinst

Wie einst, da ich krank war,

Kippte ich die Maschine kurz

Steil ab auf Sturz.

Oder sollte einem Engelein

Solch ein Kegelpurz

Verboten sein??

Versöhnung

Es ließe sich alles versöhnen,

Wenn keine Rechenkunst es will.

In einer schönen,

Ganz neuen und scheuen

Stunde spricht ein Bereuen

So mutig still.

Es kann ein ergreifend Gedicht

Werden, das kurze Leben,

Wenn ein Vergeben

Aus Frömmigkeit schlicht

Sein Innerstes spricht.

Zwei Liebende auseinandergerissen:

Gut wollen und einfach sein!

Wenn beide das wissen,

Kann ihr Dach wieder sein Dach sein

Und sein Kissen ihr Kissen.

Fallschirmsprung meiner Begleiterin

Wie sie den Fallschirm mir zeigt und erklärt,

Kann ich nur halb zuhörn und zusehen.

Ich muß daran denken, wie ganz verkehrt

Oft Frauen mit ihren Schirmen umgehen.

Ich bin doch sonst kein solch Angstpeter.

Aber nun – – Und nun sind wir so weit,

Vielmehr so hoch. Etwa zweitausend Meter!

Wir erheben uns. »Alles bereit?«

Ich öffne die Türe.

»Gott soll Sie erhalten

Und Ihren seidenen Schirm entfalten.

Ich schösse mich tot, wenn ich jemals erführe – –«

Mir graust.

Das Frauenzimmer ist abgesaust.

Ich blicke ihr nach. Einmal überschlägt sie

Sich, wird ein Punkt, dann ein Pünktchen, und, ach,

Plötzlich ein sonnig blitzendes Dach,

Und ich weiß: das Dach trägt sie.

Ich schließe die Türe und reiße die Watte

Aus meinen Ohren. Ich fühle mich frei

Und sicher. Und ärgre mich doch dabei,

Weil sie mehr Schneid als ich hatte.

Ein Freund erzählt mir

»Ich sah auf der Wiese –– Oskar ist Zeuge –

Eine Dame sich aus der Kniebeuge

Langsam erheben

Und vor ihr etwas wie Segeltuch schweben.

Eine tausendköpfige Menge gafft

Nach dieser Lady in Hosen aus Loden.

Dann, langsam, bläht sich das Segel und strafft

Seine Taue. Die ziehen die Dame vom Boden.

Und hoch in die Wolken. Grotesk anzuschauen.

Das Weib schwebt unter dem Schirm an den Tauen.

Dann schließt sich der Schirm, aber trägt dennoch sie

Höher und höher, man weiß gar nicht, wie.

Dann zeigt sich ein Flugzeug. Die Tür der Kabine

Steht offen, und aus der Öffnung sieht

Ein Mann mit einer Ringelnatzmiene.

(Es gibt doch wahrhaftig nicht viel solcher Nasen!)

Und wieder plötzlich – nein, alles geschieht

Ganz langsam –– also unplötzlich neigt

Der Schirm sich nach unten. Die Dame steigt

Fußoberst weiter. Und solchermaßen,

Im Bogen, schweben der Schirm und die Dame

Ins Flugzeug hinein. Und sie oder du,

Einer von euch schlägt die Türe zu.«

Film. Rückwärts gedrehte Zeitlupenaufnahme.

Bär aus dem Käfig entkommen

Was ist nun jetzt?

Wo sind auf einmal die Stangen,

An denen die wünschende Nase sich wetzt?

Was soll er nun anfangen?

Er schnuppert neugierig und scheu.

Wie ist das alles vor ihm so weit

Und so wunderschön neu!

Aber wie schrecklich die Menschheit schreit!

Und er nähert sich geduckt

Einem fremden Gegenstande. –

Plötzlich wälzt er sich im Sande,

Weil ihn etwas juckt.

Kippt ein Tisch. Genau wie Baum.

Aber eine Peitsche knallt.

Und der Bär flieht seitwärts, macht dann halt.

Und der Raum um ihn ist schlimmer Traum.

Läßt der Bär sich locken. Doch er brüllt.

Läßt sich treiben, läßt sich fangen.

Angsterfüllt und haßerfüllt

Wünscht er sich nach seines Käfigs Stangen.

Helfen

Es betteln Armut und Betrug.

Es betteln die Faulen und Schwachen.

Wer viel gegeben, gab nie genug.

Ehrliches Lachen darf lachen.

Wir reden gern uns die Schuld vom Hals

Und arbeiten ungern für Faule.

Es packt uns Reue erledigtenfalls

Oder Gruseln bei offenem Maule.

Und ganz erschüttert hörn wir und schreiben

Von Armen, die unerreichbar bleiben.

Wie leicht klingt das, wenn jemand spricht:

»Hart! Aber das Schwache muß sterben!«

Doch dürfen auch manche Leute nicht

Am ewigen Helfen verderben.

Frühling

Die Bäume im Ofen lodern.

Die Vögel locken am Grill.

Die Sonnenschirme vermodern.

Im übrigen ist es still.

Es stecken die Spargel aus Dosen

Die zarten Köpfchen hervor.

Bunt ranken sich künstliche Rosen

In Faschingsgirlanden empor.

Ein Etwas, wie Glockenklingen,

Den Oberkellner bewegt,

Mir tausend Eier zu bringen,

Von Osterstören gelegt.

Ein süßer Duft von Havanna

Verweht in ringelnder Spur.

Ich fühle an meiner Susanna

Erwachende neue Natur.

Es lohnt sich manchmal, zu lieben,

Was kommt, nicht ist oder war.

Ein Frühlingsgedicht, geschrieben

Im kältesten Februar.

Flugzeug am Winterhimmel

Ich fliege im Flockengewimmel.

Ach, guter Himmel, laß das doch sein!

Ich Flugriese bin nur klein Vögelein

Gegen dich, schüttender Himmel.

Sag Schneegestöber, ich bäte es sehr,

Ein wenig nachzulassen.

Denn meine Flügel tragen schon schwer

An sechs ganz dicken Insassen.

Die spielen Karten in meinem Leib

Und trinken, weil sie so frieren.

Und wollen nach Zoppot, um Zeitvertreib

Und Örtliches zu studieren.

Und käme ich dort nicht pünktlich hin,

Die würden es niemals verzeihen.

Lieber Himmel, wenn ich gelandet bin,

Dann darfst du gern wieder schneien.

Der Sänger

Vor dem Debut soupierend saß,

Bei einer Frau, der Sänger.

Sie staunte über seinen Fraß

Und wurde immer länger.

Der Sänger auf die Bühne trat,

Schlicht, ohne sich zu rühmen.

Ein Hauch von Bier und Fleischsalat

Verlor sich in Parfümen.

Der Sänger sang das hohe C.

Der Beifall wuchs und tobte.

Die Dame in der Loge B

Stand auf und garderobte.

Der Sänger stürzte aus dem Haus

In den verschneiten Garten.

Die Dame folgte, einen Strauß

Auspackend, voll Erwarten.

Der Sänger lüpfte seinen Frack

Und duckte sich im Garten.

Es klang wie »Schlacht am Skagerrak«.

Die Dame mußte warten.

Vom langen Stehn im nassen Schnee

Holt man sich Rheumatismus. –

Der Sänger mit dem hohen C

Kennt seinen Mechanismus.

Gedanken an Wedekind

(März 1928)

Wedekind war immer interessant,

Ein Stoßhorn in die häßlich mittlere Welt.

Wahrscheinlich hat er mich nie gekannt.

Ich bin ihm wohl zehnmal vorgestellt.

Das letzte Mal hatten wir eine absurde,

Mir unvergeßliche Stunde mitnand,

Als ich zum Kriege gerufen wurde

Nach dem Nordseestrand.

Und als ich zurückkehrte,

War der Verehrte

Verstorben.

Mehr bekämpft als umworben,

Hat er doch trotzig gesiegt.

Ehrliche und unehrliche Feinde

Haben doch ihn nicht kleingekriegt.

In seiner treuen Gemeinde

Will ich mitgenannt sein.

Ich senke jetzt meine Nase

Zu einem stillen Glase

Wein.

Apropos:

Wein gibt sich anders als Bier. Und wo

Ist in München die Wedekindstraße?

Freunde, die wir nie erlebten

Ihr, die nie ich sah,

Nimmer menschlich sehe,

Seid mir nun so nah,

Wenn ich einsam gehe.

Was ich weiß, nicht wußte

Über euch, hab ich's versäumt?

Ich's verfehlt? –

Oder mußte

Fern vergehn, was ich erträumt? –

Schenkte Gott die Kunst, das Wort

Ferner, Toter nachzulesen.

Ach wie heiß mich das beschlich:

Dann und dann und da und dort

Ist ein Herz wie meins gewesen,

Still für sich.

Tröstliches Gefühl: Es dächte

Später wer so über mich. –

Keine aller Erdenmächte,

Wär sie noch so übermütig,

Kann uns trennen,

Die wir Gleiche sind zu nennen.

Denn wir waren nie gesellt,

Weil der Gott uns weise, gütig

Fern vonander aufgestellt,

Wissend um die Welt.

An der alten Elster

Wenn die Pappeln an dem Uferhange

Schrecklich sich im Sturme bogen,

Hu, wie war mir kleinem Kinde bange! –

Drohend gelb ist unten Fluß gezogen.

Jenseits, an der Pferdeschwemme,

Zog einmal ein Mann mit einer Stange

Eine Leiche an das Land.

Meine Butterbemme

Biß ein Hund mir aus der Hand. –

O wie war mir bange,

Als der große Hund plötzlich neben mir stand!

Längs des steilen Abhangs waren

Büsche, Höhlen, Übergangsgefahren. –

Dumme abenteuerliche Spiele ließen

Mich nach niemand anvertrauten Träumen

Allzuoft und allzulange

Schulzeit, Gunst und Förderndes versäumen. –

Hulewind beugte die Pappelriesen.

O wie war mir bange!

Pappeln, Hang und Fluß, wo dieses Kind

So viel heimlichstes Erleben hatte,

Sind nicht mehr. Mir spiegelt dort der glatte

Asphalt Wolken, wie sie heute sind.

Fliegerleute

(1928)

Vielleicht wird sich das später ändern.

Auch ist es vielleicht in verschiedenen Ländern

Anders. Doch wie das in Deutschland heute

Liegt, muß ich sagen: Die Fliegerleute,

Piloten, Bordmonteure, Flugleiter,

Bezirksleiter, Funker und so weiter,

Auch die im Büro und der luftige Boy

Sind goldige Kerls. – Ihnen Gutes! Ahoi!

Nur ehrliche Leistung bringt nach der Ferne

Durch Wetter und Wogen ein Schiff.

Doch bei der Luftfahrt kommt die moderne

Weltmännische Bildung hinzu und der Schliff.

Humorvoll und kühn, sich beherrschend, bescheiden –.

Heraus ohne Schmeichelei:

Ich mag diese Kerls leiden.

Ihre Welt ist noch frei.

So, wie sie sind, und dort, wo sie sind,

Wehn alle Flaggen und ein guter Wind.

Wie wohl das heute tut.

Prost Fliegerleute, ich denke an euch!

Ändert euch nicht. Ich schwenke vor euch

Meinen Hut.

Dreiste Blicke

Über die Knie

Unter ein Röckchen zu schaun – –

Wenn sie doch das und die

Haben, die schönen Fraun!

Über einen öffnenden Saum

In Täler zwischen Brüstchen

Darf Blick wie stiller Traum

Stürzen sein Lüstchen.

Sollen doch Frauen auch

So blicken, – nicht schielen –

Wenn Arm, Popo und Bauch

In Fältchen spielen.

Nimm, was der Blick dir gibt,

Sei es, was es sei.

Bevor sich das selber liebt,

Ist's schon vorbei.

Streit

Mächtig ist die Ehrlichkeit.

Glückt es listigen Gewalten,

Sie im Gradweg aufzuhalten,

Immer nur für kurze Zeit.

Doch die kurze Zeit kann lang sein,

Länger als ein Flügelheben,

Länger als ein wartend Leben,

Und das Ehrliche kann bang sein.

Die um Falsch und Ehrlich deuten,

Ältere mit jüngren Leuten,

Irreleitend, irrgeleitet,

Wie's um Falsch und Ehrlich streitet – –,

All die Zeit, die sie vergeuden,

Könnte die mit Lustspielfreuden

Besser ausgenossen sein?

Ich sag: Nein!

Wenn ich doch so ehrlich wäre

Wie ein neugebornes Kind,

Und mich trüge dann ein Wind –

Freiballons – ins Ungefähre.

Schlag mich einer flach und breit:

Mächtig ist die Ehrlichkeit.

Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter?

Wir haben zu großen Respekt vor dem,

Was menschlich über uns himmelt.

Wir sind zu feig oder sind zu bequem,

Zu schauen, was unter uns wimmelt.

Wir trauen zu wenig dem Nebenuns.

Wir träumen zu wenig im Wachen.

Und könnten so leicht das Leben uns

Einander leichter machen.

Wir dürften viel egoistischer sein

Aus tierisch frommem Gemüte. –

In dem pompösesten Leichenstein

Liegt soviel dauernde Güte.

Ich habe nicht die geringste Lust,

Dies Thema weiter zu breiten.

Wir tragen alle in unsrer Brust

Lösung und Schwierigkeiten.

An Alfred Schloßhauer

Lieber Alfred Schloßhauer,

Du wußtest nie, was in mir um Dich warb.

Ich sah Dich einst in tiefster stiller Trauer

Um einen Freund, der Dir entstarb.

Was rauh und stacheldrähtig uns verband,

Verlegner Witz und scheuer Stichelscherz,

Ich sah Lücken darin, doch hinter Lücken Herz.

Und hinterm Herzen weites offnes Land.

Weil Du mir so im Innersten gefällst,

Bitte ich Dich – doch prüfe dieses kühl –:

Bewahre mir ein Stück von dem Gefühl,

Was jenem Freund Du schenktest und behältst.

Kindergebetchen
Erstes

Lieber Gott, ich liege

Im Bett. Ich weiß, ich wiege

Seit gestern fünfunddreißig Pfund.

Halte Pa und Ma gesund.

Ich bin ein armes Zwiebelchen,

Nimm mir das nicht übelchen.

Zweites

Lieber Gott, recht gute Nacht.

Ich hab noch schnell Pipi gemacht,

Damit ich von dir träume.

Ich stelle mir den Himmel vor

Wie hinterm Brandenburger Tor

Die Lindenbäume.

Nimm meine Worte freundlich hin,

Weil ich schon sehr erwachsen bin.

Drittes

Lieber Gott mit Christussohn,

Ach schenk mir doch ein Grammophon.

Ich bin ein ungezognes Kind,

Weil meine Eltern Säufer sind.

Verzeih mir, daß ich gähne.

Beschütze mich in aller Not,

Mach meine Eltern noch nicht tot

Und schenk der Oma Zähne.

An ein startendes Flugzeug

Da stehst du in nächster Nähe

Vor mir, stumm, starr, dumm und grau.

Torkle davon, du listige Krähe,

Töff töff und surr und dann auf in das Blau.

Weiß ich doch, daß du ganz genau weißt,

Was du zu tun hast, damit du fliegst.

Wenn du so leicht in den Lüften kreist,

Ein wenig wippst und ein wenig dich wiegst,

Fehlt nur noch, daß du trillerst und singst

Wie ein Vogel im erdfernen Glück.

Ach dann scheint uns: Am liebsten gingst

Du gar nicht wieder zum Boden zurück.

Um Gottes willen, du Loser, entrinn nicht

Der Erde, die doch menschlich dich schuf.

Überstürz dich auch nicht und besinn dich

Auf unser Vertraun und auf deinen Beruf.

Stalltüren

Zwei dicke Elefanten

Wollten inkognito

Heimwandern. Doch alle Passanten

Erkannten die Elefanten

Als Flüchtlinge aus dem Zoo.

Und wenn sich auch niemand getraute,

Sie anzufassen, ward ihnen doch klar,

Daß man ihre Absicht durchschaute

Und daß nun bald was im Gange war.

Verfolgt von einem großen Heer

Von Schauvolk und Soldaten

Und Autos, Mob und Feuerwehr

Schwenkten sie links und betraten

Zwei Eingänge einer Bedürfnisanstalt –

Für Herren und für Damen –

Und äpfelten. – Schutzleute kamen

Und haben sie niedergeknallt.

Dickhäuter

Ein Elefant von vorn sieht fast

So aus wie ein Nilpferd von rückwärts.

Sie tragen beide schwere Last,

Manchmal pechwärts und manchmal glückwärts.

Sie tragen unter zementiger Haut

Viel Weiches und viel Zartes.

Wer richtig in ihren Rachen schaut,

Gewahrt es.

Sie lassen von Leuten, die außen weich,

Innen hart sind, sich erschießen.

Ich glaube: Ihr kommt ins Himmelreich,

Ihr Riesen!

Der Flieger, der die Erde umkreist,

Kriegt Ähnliches in Sicht.

Wie die Fliege, die euch belästigt, nicht beißt,

Beißen kann sie euch nicht.

Museumsschweigen

Wie's Gedanken gibt,

Die durch Stein und Welten gehn,

Kann's geschehn,

Daß die Fliege den Ichthyosaurus liebt.

Still ist's im Museumssaal.

»Lieber Freund, ich liege

Fest in Bernstein«, sagt die Fliege,

»Bernstein ist ein Mineral.

Und ich liebe dich, du Riesenexemplar,

Und ich möchte deinetwegen

Nur noch einmal Eier legen.«

»Bernstein?

Kann gern sein«,

Sagt das Ichthyosau,

»Aber ich bin auch eine Frau,

Eine sehr entschlossene sogar.

Weil ich noch in dem Momente,

Als gewisse Elemente

Mich erstickten, noch ein Kind halb gebar.«

»Eier oder lebendig – –«,

Sagt die Fliege, »Wir wohnen

Beide auf der Welt seit Millionen

Jahren. – Wissen Sie die Zahl noch auswendig?«

»Nicht so ganz genau«,

Sagt Frau Ichthyosau,

»Aber wollen wir doch nicht sentimental

Flöten oder winseln.

Nein, versuchen wir jetzt wieder einmal,

Ganz verliebt einander anzublinzeln.«

Da betrat den Museumssaal

Der pensionsberechtigte Museumswärter.

Und da blinzelten die beiden nicht.

Denn solch Wärter

Tut eben seine Pflicht

Und schürft nicht tiefer.

Denn Beamtenpflicht ist härter

Als Bernstein und Schiefer.

Madonnengesichter

Schwer zu ertragen

Ist Dummheit, wenn sie verschlagen

Ist oder sich überhebt.

Aber im Grunde der Dummheit lebt

Das wehrlos Naive.

Der Dummheit schöne Tiefe

Ist kein Loch.

Hat sie doch

Keinen richtigen Rand

Wie etwa Löcher in Strumpf, Flöte, Sand.

Huren, sich einsam zur Weihnacht berauschend;

Wassermädchen, den Gästen lauschend;

Mägde, die wartend vorm Haus stehn,

Können ergreifend schön aussehn.

Je mehr Verzicht

Aus der Dummheit spricht,

Desto tiefer neigt

Desto höher steigt

Sie. – Warum zagte der Dichter

Vor dem Titel »Madonnengesichter«?

Klein-Dummdeifi

Klein-Dummdeifi ging vorüber,

Witzig wie ein Nasenstüber.

Doch ihr schnippisches Geschau

Spielte Hochmut und verneinte,

Ungefragt, was ich nicht meinte,

Sah in mir nur »Kerl zur Frau«.

Daß ich beinah um sie weinte,

Ahnt sie nicht. Ihr eignes, scheues

Proletarisch, tierisch treues

Abwehr-Notgesicht

Kennt sie nicht.

Hab mit ihr nicht angebandelt,

Liebte, schwieg und ging.

Klein-Dummdeifi, junges Ding!

Du und ich! – Die Zeit verwandelt.

Ob auch mir jemals jemand begegnete,

Der mich dumm fand und doch segnete? –

Zimmermädchen

Die Zimmermädchen der Hotels,

Die meine Betten schlagen und dann glätten,

Ach wenn sie doch ein wenig Ahnung hätten

Vom Unterschiede zwischen Polster und Fels.

Ach wüßtet ihr, wie süß ihr für mich ausseht

Im Arbeitskleid, ihr Engel der Hotels!

Wenn wirklich eine heimlich mit mir ausgeht,

Dann trägt sie Seide und trägt sogar Pelz,

Sei's auch nur Wunderwandlung Hasenfells.

Dann im Café krümmt ihr beim Tasseheben

Den kleinen, roten Finger nach Manier.

Und du merkst nicht, wie gern ich doch mit dir

Oft eine Stunde möchte unmanierlich leben.

Und würde dann – nebst Geld – als Souvenir

Ein schließend, stilles, zartes Streicheln geben.

Und würdet ihr dies Streicheln doch nicht spüren.

Denn ihr bedient nur Nummern an den Türen.

Und wenn sie schlichte Ehre eng verschließen,

Dann dienen sie, da andere genießen.

Hab ich euch tausendmal in Korridoren

Heiß zugesehn und heiser angesehn,

Was ich erträumte, war voraus verloren.

Denn meine Liebe könnt ihr nicht verstehn.

Fernflug

Viel Höflichkeit wird uns am Start geboten.

Die Flugfahrthelfer und Piloten

Sind wohlerzogen, pflichtbewußt

Und jung. Auch die, die alt an Jahren

Sind zeitvoran, doch welterfahren.

Da schwellt sich auf dem Festplatz unsre Brust,

Denn Festplatz darf ich diesen Flugplatz nennen,

Mit seinen Masten, Flaggen und Antennen.

Gezähmte Riesenvögel gibt's zu sehn.

Dort landen sie in Kurven, sanft gelenkt,

Torkeln ein wenig, zwei, drei Schritte,

Daß man an Regenschirm und Raben denkt,

Und stehn.

»Aussteigen bitte!«

Und wie nun wir in ihrem Bauch bequem

In weiche Polsterstühle niedersinken,

Empfinden wir den Fortschritt angenehm,

Lächeln durchs Fenster Menschen zu, die winken.

Und fahren plötzlich über grüne Wiesen

Im Auto hin. Auto? O nein, wir schweben

Bereits. Ach, daß wir das erleben,

Erlernen durften und genießen!

Wir sind vom Erdball fort, schau'n auf ein Teppichmuster

Aus Wäldern, Feldern, Spielzeugkram gewebt,

Werden der Himmelsnähe jäh bewußter.

Wie klein sich doch da unten alles lebt.

Dort geht ein Dienstmädchen von Stadt zu Stadt.

Wie ich den weiten Schlängweg überseh,

Den sie zurückzulegen hat,

Weiß ich, der tun nachher die Beine weh.

Und wie wir höher streben, werden

Die Dinge unten winziger, schon sind

Wagen nur noch Insekten, ist ein Kind

Nurmehr ein Punkt, und große Rinderherden

Sehn aus wie Kommas, kreuz und quer gestellt.

Die Schifflein stehen still im Fluß, sind Würmlein.

Ein Dorf ist Häufchen Häuschen, um ein Türmlein,

Und das war unsre sorgenvolle Welt.

»Ei, ei, Herr Nachbar, warum plötzlich

So blaß – Seekrank? Nein? Drückt Ihr Kissen

Oder vielleicht Ihr ängstliches Gewissen?

Der Blick zur Tiefe ist doch höchst ergötzlich!«

Jetzt: unter uns entrollen sich Balladen.

Da ziehen dichtgeballte Nebelschwaden,

Wolkenkolosse hin, bedrückt und stumm

Und grell von höherer Gewalt besonnt.

Und Land und Luft verschwimmt am Horizont

In einer Landschaft aus dem Arktikum.

Und da wir nun noch höher uns erheben

Und auf die dunkle, starre Erde schauen,

Wo sich kein Mensch mehr zeigt, kein Tier, kein Leben,

Als hätte eine Sündflut – O mit Grauen

Stell ich mir vor, wir säßen jetzt zu zwein

In einer Arche Noah ganz allein.

»Nachbar, ich höre Ihren Pulsschlag pochen.

Sie schielen ängstlich nach den schlanken Knochen,

Die unsres Vogels Flügel stützen

Und, wie Sie meinen, unser Leben schützen.

Es stirbt sich sowieso und überall,

Und jedes Ding veranlaßt Unglücksfall.

Vergessen Sie nicht töricht über diesen

Gedanken, schönste Freiheit zu genießen.

Was Tage einst, das schaffen heute Stunden.

Noch kurze Zeit, dann werden wir's erfinden,

Den Nebel und den Schnee zu überwinden.

Das Flugzeug selber ist erfunden,

Und wird so wie die Eisenbahn bestehn.

Wie die zu jenem sich verhält,

Gilt's nicht, daß eins von beiden siege.

Es reise jeder, wie es ihm gefällt.

Ich – läßt es irgendwie sich drehn –

Ich fliege!«

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Release date on Litres:
05 May 2025
Volume:
60 p. 1 illustration
ISBN:
9788728015780
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