Read the book: «Der Kiffer – Ein Leben ohne Kompromisse»

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Jim Krasso

DER KIFFER – EIN LEBEN OHNE KOMPROMISSE

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

MEINE REISE NACH FRANKREICH

MEIN ERSTER JOINT

LEICHTSINNIG

DER EINSTIEG

HASCHJOGHURT

DIE SPIELSUCHT

DIE TOUR NACH BERLIN

ENDE DER KNEIPENZEIT

FERNFAHRER

DAS NEUE LEBEN ALS ROCKER IM MC

SPEED

MEMBER IM MC

LSD-TRIP

KOKAIN OHNE ENDE

HIRNLOS

MEINE ERSTE ERKENNTNIS

ERSTER VERSUCH

DREI WOCHEN IN HOLLAND

SECHSEINHALB WOCHEN IN THAILAND

TRAUMHAFTE BEGEGNUNG

BANKÜBERFALL

ROCKER-HOCHZEIT

ENDE DER ROCKERZEIT

KIFFERKREIS

UNSER ERSTES KIND

STEIGERUNG

DAS ZWEITE KIND

HAUSBAU

ERSTER ENTZUG

DIE BEICHTE

DER HARTE WEG IM ENTZUG

DROGENTOD

DER RICHTIGE WEG

FALSCHE FREUNDE

SEK-EINSATZ

MEINE KINDHEIT

FREUNDE UND GEWALT

SELBSTMITLEID UND EUPHORIE

ZUWACHS

ALBTRÄUME

ABRECHNUNG

BILANZ

MEINE VISION

Weiteres Buch vom Autor

Kapitel 1
MEINE REISE NACH FRANKREICH

Ich konnte es noch gar nicht so richtig glauben. Die Prüfung war bestanden und somit hatte ich endlich die Berechtigung, Auto zu fahren. Jetzt konnte unser lang ersehnter Trip in Erfüllung gehen. Mein Freund Roland und ich hatten nämlich seit längerem geplant, eine vierwöchige Reise nach Südfrankreich an die Côte d’Azur zu unternehmen. Und zwar mit dem eigenen Auto, einem VW Käfer, auf den ich lange gespart hatte. Viele Monate hatte ich damit verbracht, nebenbei auf dem Schrottplatz zu arbeiten, um so das Geld für den Führerschein und das Auto zu verdienen. Was für ein herrliches Gefühl es doch jetzt war, ein eigenes Auto zu besitzen. Es würde unsere erste Reise ins Ausland sein, die ohne Eltern stattfinden sollte. Zu oft musste ich gemeinsam mit ihnen in den Urlaub fahren. Immer wieder nach Jugoslawien an den gleichen Strand. Alle Jahre musste ich es ertragen, acht bis zehn Stunden in einem Auto zu sitzen, in dem man wegen der Zugluft kein Fenster öffnen durfte. Radio gab es keins und gesprochen wurde auch nicht – es hätte ja den Fahrer ablenken können.

Mein Vater, so glaubte ich, hatte seinen Führerschein irgendwo gefunden oder im Lotto gewonnen, denn sein Fahrstil war eine Bedrohung für alle Teilnehmer im Straßenverkehr. Meine Mutter, die keinen Führerschein besaß und selbst auch keinen blassen Schimmer vom Autofahren hatte, war als Beifahrer nicht einmal dazu geeignet, in die Landkarte zu schauen. Dass bei diesen Horrorfahrten keiner zu Tode kam, ist mir bis heute ein Rätsel. Aber zum Glück hatten die gemeinsamen Reisen nun für mich endlich ein Ende gefunden, und ich musste mir auch deswegen keine Gedanken mehr machen. Wir hatten die Reise nach Frankreich schon ein Jahr vorher geplant und freuten uns sehr darauf, die Welt auf unsere Weise zu erkunden. Am 14. August 1980 war es endlich soweit: Mit meinem Führerschein in der Tasche, genügend Proviant und mit einem vollen Tank, fuhren Roland und ich früh morgens um sechs Uhr los. Mit der aufgehenden Sonne und unserer guten Laune, konnte diese langersehnte Reise beginnen. Obwohl unsere Reisegeschwindigkeit auf der Autobahn nicht gerade berauschend war, da mein VW Käfer ja nur 55 PS hatte, waren wir schon gegen Mittag in Saarbrücken. Jetzt nur noch über die Grenze und wir wären in Frankreich. Etwas aufgeregt war ich schon, als wir uns der Grenze näherten, an der die Grenzposten mit wachsamen Blicken die Autos kontrollierten.

Sollte aus irgendeinen Grund etwas nicht in Ordnung sein, dann würden wir wohl die Grenze nicht passieren dürfen. Jetzt war es so weit, vor der Schranke blieb ich stehen und kurbelte mein Fenster herunter. Beim Hinaufschauen sah ich den Grenzposten, der in seiner Uniform direkt neben mir stand.

„Ihre Ausweise, bitte!“, hörte ich ihn sagen. Zu meiner Verwunderung sprach er Deutsch.

Ich erzählte ihm, dass es unsere erste Reise nach Frankreich sei und dass wir zuerst Paris einen Besuch abstatten wollten, um den Eifelturm zu sehen. Anschließend wollten wir weiter über Dijon nach Lyon und dann von Montpellier direkt nach Marseille fahren. Von da aus dann nach Cassis. „Ja das kleine Fischerdorf, das am Mittelmeer liegt, ist mir bekannt“, sagte der Grenzbeamte, „Ja, da habt ihr euch eine schöne Route ausgesucht.“

„Dankeschön … Später wollen wir dann noch die Küste entlang über Toulon bis nach Saint-Tropez fahren, um dort noch eine Woche Urlaub am Meer zu verbringen.“

„Da kann ich bloß noch sagen: Willkommen in Frankreich!“ Damit übergab er uns unsere Pässe und wir konnten weiterfahren.

Auf der Landkarte fanden wir uns nicht wirklich immer zurecht, und so mussten wir immer wieder anhalten, um nach dem richtigen Weg zu fragen. Keiner von uns beiden war der französischen Sprache mächtig und die Franzosen verfügten über keinerlei Deutschkenntnisse. Deswegen blieb uns nichts anderes übrig, als mit den Händen zu „sprechen“.

Dies führte natürlich zu einigen lustigen Missverständnissen. Um zu erfahren, auf welcher der beiden Straßen wir nach Paris weiterfahren sollten, hatte Roland einen vorbeigehenden Mann angehalten. Er streckte ihm Zeigefinger und den Mittelfinger seiner Hand zum Peace-Zeichen entgegen und deutete dabei mit der anderen Hand auf die zwei Straßen, die sich gabelten. Als Roland dann den Zeigefinger einzog, um zu verdeutlichen, welche Straße wir denn jetzt nehmen sollten, hatte es den Anschein, als ob er ihm den Stinkefinger zeigen würde. Dies war jedoch keine böswillige Absicht, sondern es hatte sich einfach nur um eine unbedachte Beschreibung gehandelt. Wir lachten. Und nachdem sich der Franzose wieder eingekriegt hatte, zeigte er bereitwillig auf die Straße, die wir zur Weiterfahrt nehmen sollten. Trotz dieser zweideutigen Zeichensprache, gab es bei der Verständigung keinerlei Probleme. Die positiven Erfahrungen, die wir unterwegs mit der französischen Bevölkerung sammelten, waren immer von freundlicher Zuvorkommenheit geprägt, die uns immer wieder aufs Neue erstaunte. So hieß es doch, dass die Franzosen durch den Krieg auf Deutschland nicht gut zu sprechen seien, doch das konnten wir bei der bisherigen Reise nicht bestätigen. Trotz der Pausen, die wir immer wieder einlegten, waren wir dennoch froh, schon so weit gekommen zu sein. Wir steuerten unsere erste Großstadt an … Paris.

Der Eifelturm war unser erstes Ziel, ein 324 Meter hoher Eisenfachwerkturm, der nahe dem Ufer der Seine stand. Um ihn zu finden, fuhren wir kreuz und quer durch die Großstadt. Auf der fünfspurigen Straße, auf der die Verkehrsteilnehmer ohne Blinkzeichen die Spuren hin und her wechselten, wurde es mir schon etwas mulmig. Mir kam es vor, als ob keiner so richtig wissen würde, wo er eigentlich hinfahren müsste. Dann stand er vor uns, „la tour Eiffel“. Dieser beeindruckende Anblick aus der Ferne war allein schon die Reise wert. Als wir dann aber davorstanden, wurde mir erst einmal bewusst, wie klein ich im Gegensatz zu diesem Bauwerk doch war. Etwas Vergleichbares hatte ich zuvor noch niemals gesehen. An diesem Tag hatten wir mit dem Wetter Glück und konnten so von der obersten Plattform, die in knapp 276 Meter gelegen war, die Aussicht rund 60 Kilometer in alle Richtungen genießen. Allerdings hatten wir uns vorher entschlossen die 395 Stufen zur ersten Plattform aus eigener Kraft zu bezwingen, um dann die restliche Höhe mit dem Aufzug zu nehmen. Ein unvergessliches Erlebnis, das wir mit vielen Fotos dokumentierten.

Es war mittlerweile schon zu spät geworden, um die Reise fortzusetzen, zudem wäre eine Weiterfahrt sowieso nicht mehr in Frage gekommen, da wir auch das Nachtleben von Paris kennenlernen wollten. So machten wir uns auf die Suche nach den Kneipen, in denen die Jugendlichen feierten.

Es dauerte nicht lange, bis wir fündig wurden. Es war für uns nicht überraschend, dass auch hier die Post abging, jedoch hatten wir nicht mit so vielen Kneipen gerechnet. An jeder Ecke wurde etwas geboten, somit versanken wir im Zentrum der Nachtschwärmer. Die sprachliche Barriere war für alle, die wir in dieser Nacht kennengelernt hatten, kein Hindernis. Zu späterer Stunde, als Roland und ich schon etwas angetrunken waren, lernten wir, auf dem Rückweg zum Auto, zwei Typen kennen, die, wie ich meine, etwas aufdringlich waren. Einer von ihnen hatte uns aufgehalten und auf Englisch gefragt, ob wir aus Deutschland kommen und ob wir nicht Lust hätten, in die Kneipe zu gehen, auf die er zeigte, um mit ihnen auf die Völkerverständigung zu trinken.

„Ja, warum nicht?“, gaben wir ihnen zu Antwort.

Nach ein paar Drinks hatten wir unser Level schließlich erreicht und wollten eigentlich gehen, solange wir noch in der Lage dazu waren, da hatten uns die beiden angeboten, bei ihnen in der Wohnung zu übernachten. Da die angeblich nicht weit von hier entfernt wäre, könnten wir ruhig mit ihnen noch etwas feiern. Zuerst dachte ich mir: „Das ist aber nett von den beiden!“, doch als ich mitbekommen hatte, dass die zwei sich sonderbar verhielten, sagte ich zu Roland, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Als wir den beiden Typen ihr Angebot, bei ihnen zu übernachten dankend abschlugen, wurden sie uns gegenüber deutlich lauter. Ich hatte sie zwar nicht verstanden, dennoch glaubte ich, dass ihnen das gegen den Strich ging. Jetzt hatten wir ein Problem und irgendwie mussten wir die zwei ganz schnell loswerden. Da ich vorher schon einmal auf der Toilette war, wusste ich, dass man das Lokal durch einen Hinterausgang verlassen konnte. Ich erzählte Roland von meinem Plan. Das war unsere einzige Möglichkeit, um die beiden, die nichts Gutes im Schilde führten, auf die Schnelle loszuwerden. Gesagt – getan! Wir schwankten also Arm in Arm dem Flur entgegen, so als würden wir ziemlich angetrunken auf die Toilette gehen. Die beiden standen an der Bar und beobachteten uns dabei. Jetzt musste alles sehr schnell gehen! Als wir nicht mehr zu sehen waren, gingen wir nicht auf die Toilette, sondern liefen weiter geradewegs auf den Hinterausgang zu. Unbeobachtet öffneten wir die Tür ins Freie und verließen das Lokal. Dann sind wir, so schnell wir konnten, gerannt. Immer wieder haben wir uns umgedreht, um zu sehen, ob wir von den beiden verfolgt würden, aber zum Glück kam da niemand. Wir hatten zwar in der Kneipe unsere Getränke nicht bezahlt, aber dafür waren wir die Typen los. Keine Ahnung was die letztlich von uns wollten, wir waren auf jeden Fall nicht scharf darauf gewesen, das herauszukriegen. Da wir uns nicht getraut hatten, auf dem nahegelegenen Parkplatz im Auto zu schlafen, entschlossen wir uns, schnell weiterzufahren, solange, bis wir außerhalb von Paris wieder in Sicherheit waren, um dann irgendwo auf einem Rastplatz zu übernachten.

So lag unser erstes Abenteuer hinter uns und wir waren froh, die Sache so glimpflich überstanden zu haben. Im Auto zu übernachten, war überhaupt kein Problem, denn ich hatte, bevor wir losgefahren waren, die Rückbank ausgebaut und eine Sperrholzplatte zugeschnitten, die passend die ganze Fläche ausfüllte. Zudem hatte ich den Platz mit einer dicken Schaumstoffmatte ausgelegt. Somit hatten wir eine bequeme Schlafstätte im Auto.

Nachdem wir ausgeschlafen hatten, frühstückten wir ausgiebig auf dem Rastplatz und machten uns danach voller Reiselust wieder auf den Weg. Diese Etappe nach Marseille bereitete uns zum Glück keine Probleme, so war es jetzt nicht mehr weit nach Cassis. Wir konnten es kaum noch erwarten endlich das Meer zu sehen. Als wir uns der Küste näherten, schlängelten sich Serpentinen unaufhörlich ins Tal. Dann kam mir eine spontane Idee. Ich sagte zu Roland: „Weißt du was, wir könnten etwas Sprit sparen, indem ich den Motor ausschalte.“ Roland sah mich an und nickte. Also gut … ich drehte den Zündschlüssel nach Links und der Motor ging aus. Doch ich hatte eines nicht bedacht, denn als die nächste Kurve kam und ich einlenken wollte rastete auf einmal die Lenkradsperre ein und ich konnte nicht mehr lenken. Erschrocken riss ich am Lenkrad hin und her. Da ich im ersten Augenblick überhaupt nicht realisiert hatte, was denn eigentlich passiert war, überkam mich Panik. Hilfesuchend schaute ich zu Roland, in der Hoffnung, dass er vielleicht wüsste, was ich jetzt machen sollte.

Viel Zeit blieb uns nämlich nicht mehr, wir steuerten geradewegs auf den Abgrund zu. Da es keine Leitplanken gab, würde unsere Reise gleich in der Tiefe enden. Geistesgegenwärtig griff ich zum Zündschlüssel und versuchte das Auto wieder zu starten – gleichzeitig versuchte ich zu bremsen. Doch das Bremspedal reagierte nicht! Ich hatte einfach keine Bremswirkung mehr. Nur dem instinktiven hin und her reisen am Lenkrad ist es zu verdanken gewesen, dass sich der Schlüssel drehen ließ und ich so das Auto wieder starten konnte. Gerade noch konnte ich das Lenkrad herumreisen. Eine Sekunde später und wir wären gute 200 Meter in den Abgrund gestürzt. Puh, das war wirklich knapp gewesen! Wegen einer solch unüberlegten Idee wären wir fast draufgegangen. Das sollte mir eine Lehre gewesen sein und mit Sicherheit würde ich auf diese Art keinen Sprit mehr sparen wollen. Ich zitterte am ganzen Körper und auch Roland, der immer noch kreidebleich im Gesicht war, brachte kein Wort heraus. Bei der nächsten Einbuchtung blieb ich stehen und wir holten erst einmal tief Luft. Da roch ich das salzige Meer und beim genauen Hinhören konnte man auch schon die Brandung hören. Wir schauten uns an, klatschten uns ab und stiegen so schnell wir konnten wieder in das Auto, um weiterzufahren. Wir wollten diese Aktion vergessen, deswegen sprachen wir auch nicht mehr darüber, denn jeder von uns beiden wusste, dass wir verdammt noch Mal großes Glück gehabt hatten. Dann endlich sahen wir das azurblaue Meer.

Die Wellen, die mit einer rollenden Kraft an den Klippen zerschellten, das aufpeitschende Salzwasser, das in den Sonnenstrahlen glitzerte, und der Wind, der mir durch das Haar wehte, ließ mich endlose Freiheit verspüren. Eine lange Fahrt lag hinter uns. Wir waren glücklich und stolz auf uns, es geschafft zu haben. Aus einem langersehnten Traum wurde Wirklichkeit. Wir umarmten uns, wie Freunde es tun, und besiegelten diese Geste mit gestreckten Armen, die siegreich in den Himmel ragten.

Kapitel 2
MEIN ERSTER JOINT

Gut zwei Wochen mit viel Sonnenschein und herrlichen Sandstrand am Meer lagen nun vor uns. Doch bevor Chillen angesagt war, mussten wir uns erst noch einen geeigneten Ort zum Übernachten suchen. Ein Hotelzimmer konnten wir uns für die Dauer des Aufenthalts nicht leisten, außerdem wäre das für uns auch nicht in Frage gekommen. Wir wollten das Gefühl der Freiheit verspüren und nicht weiße Wände in einem Hotelzimmer anstarren, das hätten wir schließlich auch zu Hause das ganze Jahr gehabt … Da wir aber nur je einen Schlafsack dabei hatten, musste uns dieser Schlafplatz vor eventuellen Regenschauern schützten. Die Buchten mit ihren herrlichen weißen Sandstränden waren zwar sehr schön, doch auf Dauer zum Übernachten ungeeignet. Wir wollten in der Nacht ja ungestört schlafen und nicht von einem ungebetenen Gast überrascht werden. Der 3.500 Hektar große Wald, der rundum von Cassis zu sehen war, kam für uns auch nicht in Frage. Doch dann entdeckten wir vom Strand aus eine kleine Höhle in den Klippen, die so zirka zehn Meter über dem Meer gelegen war und die man mit etwas klettern auch erreichen konnte.

Genau so einen Ort hatten Roland und ich uns vorgestellt. Geschützt, mit ausreichend Platz für uns zwei und einen Blick von oben auf das Meer. Wir holten unsere Schlafsäcke aus dem Auto und deponierten die schon mal für unsere erste Nacht. Anschließend gingen wir noch zum Hafen, um dort in der angrenzenden Altstadt in einem Lokal etwas zu trinken. Dabei kamen wir an einem Denkmal vorbei, auf dem unterhalb einer angebrachten Steintafel stand, dass diese Stadt im 18. Jahrhundert erbaut wurde … Ein herrliches Ambiente, das sich uns hier bot. Ein bisschen weiter im Schatten gelegen, spielten Einheimische unter großen Bäumen Boccia auf hart gewalzten Sandbahnen. Ein Mindestmaß von 24 Meter Länge und eine Breite von mindestens 3,80 Meter müssen diese Bahnen vorweißen, um nach den vorgegebenen Regeln spielen zu können. In Zweierteams, die mit zwei Kugeln pro Spieler ausgestattet waren, versuchten sie jeweils abwechselnd an die Setzkugel (Pallino) so nah wie möglich ranzukommen … Es war schon beeindruckend, mit was für einer Genauigkeit sie ihre Kugeln platzierten.

Die ersten Tage vergingen wie im Fluge. Morgens gingen wir ans Meer, mittags schauten wir den Franzosen beim Boccia spielen zu und am Nachmittag saßen wir an der Bar bei einem kühlen Getränk und beobachteten die schönen Mädchen, die braun gebrannt in ihren Bikinis an uns vorbeiliefen. Abends blickten wir von den Klippen auf das weite Meer und beobachteten dabei den Sonnenuntergang. So rückte das Ende des Aufenthalts in Cassis immer näher und keiner von uns beiden wollte eigentlich die Reise fortsetzen.

Der Zufall hatte unsere Entscheidung zu bleiben erleichtert, denn zwei Tage vor unserer Weiterfahrt nach St. Tropez lernten wir am Strand zwei Mädchen kennen. Sie waren aus Schweden, beide 19 Jahre alt und hießen Freja und Lovisa. Sie hatten beide lange blonde Haare und die Chemie zwischen uns stimmte vom ersten Augenblick. Sie erzählten uns, dass sie „Tramper“ wären und alles, was sie dabei hätten, in ihren Rucksäcken sei. Sie waren erst seit einem Tag in Cassis und wollten so etwa eine Woche hierbleiben. Den ganzen Tag verbrachten wir mit ihnen am Strand. Am Abend saßen wir zusammen an einem Lagerfeuer am nahegelegenen Strand und erzählten uns bis in den frühen Morgen Geschichten, dazu tranken wir ein paar Flaschen Wein. Als wir ihnen gesagt hatten, dass wir eigentlich am nächsten Morgen abreisen wollten, um weiter nach St. Tropez zu fahren, waren sie darüber gar nicht erfreut … Die Blicke der Mädchen reichten aus, um zu wissen, dass wir bei ihnen bleiben sollten. So entschieden wir uns noch eine weitere Woche mit Freja und Lovisa hier in Cassis zu verbringen.

Wir luden ihre Rucksäcke in mein Auto und boten ihnen an, die verbleibenden Tage bei uns in den Klippen zu übernachten. Sie nahmen das Angebot sehr gerne an. Wir waren unzertrennlich in der Zeit, die uns noch blieb. Den Tag verbrachten wir am Strand und am späteren Abend saßen wir in den Klippen und genossen den Anblick des Sonnenunterganges, der sich uns in seiner ganzen Pracht zeigte …

Ich weiß nicht mehr woher, aber auf einmal hatte Freja, die neben mir saß, eine lange trichterförmige Zigarette in der Hand. Ein Streichholz entflammte und mit zwei, drei Zügen glimmte die Tüte. Ich war zwar Nichtraucher, dennoch kannte ich den Geruch von Tabak. Diese Zigarette roch jedoch anders. Ohne, das jemand etwas sagte, machte die Tüte ihre Runde. Jeder zog mehrmals daran, und auch ich inhalierte diesen wohlriechenden Rauch.

Es dauerte nicht lange und ich dachte, mein Gehirn würde durch den Druck, den ich in meinem Kopf verspürte, zusammengepresst. Mein Herz fing an zu rasen, als wäre ich auf der Flucht. Eine Leichtigkeit machte sich in mir breit, wie ein Luftballon, der langsam aufsteigt … Ein Blick nach unten machte mir aber deutlich, dass ich immer noch auf meinem Platz saß. „Keine Angst“, sagte Freja und hielt meine Hand, dabei schmiegte sie sich ganz nah an mich. Ein Kuss wäre jetzt wohl super gewesen, aber stattdessen starrte ich euphorisch aufs Meer, die Sterne waren zum greifen nah und das Rauschen des Meeres war so intensiv, als spräche es zu mir … Ein Glücksgefühl, das ich so noch nicht kannte. Ich kann nicht mehr sagen, wie lange ich mich in diesem Zustand befunden habe, denn irgendwann muss ich wohl eingeschlafen sein. Als ich am nächsten Morgen meine Augen öffnete, sah ich als erstes ein Fischerboot auf dem Meer, das in gar nicht so weiter Entfernung von uns ankerte.

Die Fischer warfen ihr Netz aus und sangen dazu ein Lied … Die See war ruhig, nur ein leichter Wellengang ließ das Fischerboot hin und her schaukeln. Die Strahlen der Sonne, die langsam am Horizont aufstieg, fingen an, mich zu blenden. Freja hatte sich in der Nacht ganz eng an mich gekuschelt, was sich sehr angenehm anfühlte. Ich versuchte mich nicht zu bewegen, um Frejas wärmende Nähe noch weiterhin genießen zu können. Soweit war alles okay mit mir und ich fragte mich, was zur Hölle haben wir da bloß geraucht. Dieses enorme Glücksgefühl, das ich in diesem Zustand erlebte, war es auf jeden Fall wert, diese Tüte mitgeraucht zu haben. Egal, dachte ich mir, was auch immer das für ein Rauschmittel war, es versetzte mich in einen Zustand, den ich einfach nur geil fand. Frejas Hand, die unter meinem T-Shirt auf meiner Brust lag, fing ganz langsam an, mich zu kitzeln. Als ich sie ansah, blickte Freja bereits schon mit einem liebevollen Blick zu mir auf. Sie zog sich etwas an mir hoch und küsste mich kurz auf den Mund, dabei fragte sie mich: „Geht es dir gut?“

„Ja, Freja“, gab ich ihr mit einem Lächeln im Gesicht zur Antwort. Da küsste sie mich ein zweites Mal, nur dieses Mal deutlich länger und zärtlicher. Danach kuschelte sie sich wieder an mich. Nach einer Weile fragte ich sie: „Was haben wir da gestern eigentlich geraucht?“

„Das war ein Haschisch-Joint …“

„Was ist denn eigentlich Haschisch?“

„War wohl das erste Mal, dass du Shit geraucht hast?“

„Ja, es war fantastisch! Ich kann mich bloß nicht mehr erinnern, was später war.“

„Keine Angst. Das ist ganz normal, wenn du das erste Mal Pot rauchst. Man pennt irgendwann einfach weg. Außerdem war in diesem Joint eine etwas zu große Menge an Haschisch drin.“ Nach einer kurzen Weile der Stille fragte ich sie erneut: „Was ist denn nun eigentlich Haschisch?“

„Haschisch ist Harz, das aus Pflanzenteilen der weiblichen Cannabispflanze gewonnen wird. Bei der Weiterverarbeitung wird das Harz zu Platten oder Blöcken gepresst, die dann so zum Verkauf angeboten werden.“

„Ah. Und wo hast du es her?“

„Als Lovisa und ich in Paris unterwegs waren, hat uns ein Typ angesprochen und uns gefragt, ob wir Shit kaufen wollen. Da wir in Schweden schon öfters mal etwas geraucht haben, dachten wir uns, warum nicht? Wenn wir am Meer sind, dann kommt das bestimmt ganz gut, abends am Strand einen zu rauchen. Weil das Dope nicht so teuer war, kauften wir dem Typen ein fünf-Gramm-Piece ab. Dass das Dope so knallt, hätte ich auch nicht gedacht … du warst ganz schön weggetreten, man konnte es sehen, dass du dich auf einer Reise befunden hast …“

Ja, diese Erfahrung war etwas ganz Neues für mich, ein Gefühl, an das ich mich gewöhnen könnte, wenn ich nicht wieder einschlafe! „Das war nur, weil du es nicht gewohnt bist, Dope zu rauchen. Heute Abend werden wir einen kleineren Joint am Meer rauchen und wenn du aktiv bist, schläfst du auch nicht mehr ein. Du wirst sehen, wie viel Spaß das macht. Wir suchen uns eine einsame Bucht, in der wir ganz alleine sind, da können wir dann nackt schwimmen gehen. Es gibt sehr viele schöne Möglichkeiten, die man ausleben kann, wenn man High ist.“

„Kann es sein, dass du von dem sprichst an das ich gerade denke?“

„Ja, vielleicht …?“ Wir unterhielten uns noch eine Weile, bevor auch Lovisa und Roland aufwachten. „Guten Morgen ihr zwei, entschuldigt bitte, aber ich kann mich an den Verlauf des gestrigen Abends nicht mehr vollständig erinnern. Ich weiß nur noch, dass wir zusammen diese Tüte geraucht haben, und von da ab bin ich in einen Traum gefallen, der mich auf eine euphorische Reise schickte.“

„Das ist schon in Ordnung, Jim, wir alle haben eine schöne Reise erlebt, die uns in den Sternenhimmel führte. Das war wirklich unglaublich schön. Kommt, lasst uns bei dem schönen Wetter etwas unternehmen“, sagte Roland plötzlich. Freja blickte zu Lovisa, dabei zwinkerte sie ihr zu. Roland sah mich verwundert an, da er ja nicht wusste, was Freja heute vorhatte. „Komm Lovisa, wir müssen noch ein paar Besorgungen machen“, sagte Freja, wir treffen uns dann später wieder am Strand. Als die beiden weg waren, erzählte ich Roland, was Freja heute vorhatte. Sich eine einsame Bucht zu suchen, um mit den beiden einen schönen Tag zu verbringen und später am Abend ungestört nackt baden zu können, hielten wir beide für eine tolle Idee …

Als wir uns später trafen, schauten wir zusammen auf die Landkarte, um zu sehen, welche Bucht denn für uns in Frage kommen würde. Mit ein paar Flaschen Wein und etwas zu Essen machten wir uns mit dem Auto auf den Weg. Nach ein paar Kilometern hatten wir das richtige gefunden. Beim Blick vom Klippenrand entdeckten wir eine kleine schmale Bucht mit weißem Sandstrand. Nicht einsehbar lag sie zwischen den hohen Felsen. Um aber dahin zu gelangen, mussten wir etwa acht Meter in die Tiefe klettern. Ein einsamer Traum, der genau der richtige Ort war, um mit den Mädchen ungestört nackt baden zu können …

Als wir alle runter geklettert waren und alles Nötige verstaut war, machten wir es uns am Strand gemütlich. Die Sonne, das Meer, zwei wunderschöne Mädchen, mit denen wir einsam am weißen Sandstrand lagen, war ein Traum, der für Roland und mich Wirklichkeit wurde. Es war so ungezwungen: Wir unterhielten uns über alles Mögliche, machten Witze und tranken Wein dazu. Später, als es zu dämmern anfing, zündeten wir ein Lagerfeuer an und blickten auf das offene Meer, dabei rauchten wir einen Joint … Auch dieses Mal verspürte ich einen Hochgenuss an Emotionen. Freja hatte Recht mit dem was sie sagte: Nachdem wir den Joint geraucht hatten, alberten wir am Strand herum, machten Faxen, hatten einen riesen Spaß zusammen und keiner dachte daran, sich irgendwo hinzulegen, um zu träumen. In der ausgelassenen Stimmung, in der wir uns befanden, konnte man zunehmend spüren, wie wir die Nähe zueinander suchten, jede Berührung zwischen Freja und mir versprühte eine Lust, die förmlich brannte.

Beim gemeinsamen Schwimmen im Meer überkamen uns die Gefühle füreinander. Die gedankenlose Hingabe, die nicht endende Euphorie im Liebesrausch, war ein Feuerwerk der Lust. Etwas Vergleichbares hatte ich vorher noch nicht erlebt … Ich werde dieses für immer in meinen Gedanken verwahren, als eine der schönsten Erinnerungen in meinem Leben.

Wie auch die Tage zuvor, wachten wir am frühen Morgen bei herrlichem Wetter auf. Alles war wunderbar. So beschlossen wir, heute erst einmal schön Frühstücken zu gehen und später mit dem Auto in die nächste Stadt zu fahren, um dort ein wenig einzukaufen. Wir packten alles zusammen, um diese Bucht auch wieder so zu verlassen, wie wir sie vorgefunden hatten.

Kapitel 3
LEICHTSINNIG

Beim Hinaufklettern an den Klippen war Vorsicht geboten, denn bei einem Absturz riskierte man wohlmöglich sein Leben. Als wir alle unbeschadet oben angelangt waren, machten wir uns auf den Weg zum Auto, das ich nicht allzu weit entfernt geparkt hatte.

Komisch, dachte ich mir noch, als ich mein Auto von weitem sah, die Beifahrertür war nicht geschlossen, sondern stand weit offen. Mein erster Gedanke war, dass ich sie wahrscheinlich nicht richtig zugemacht hatte, doch beim Näherkommen wurde mir klar, jemand hatte in der Nacht das Auto aufgebrochen … Ein Blick in das Wageninnere bestätigte die Vermutung, alles wurde gestohlen: unsere Klamotten, die Fotoapparate, die Rucksäcke, unser Essen, das Trinken. Das schlimmere Übel aber war, dass unsere Ausweise in den Rucksäcken waren und wir somit jetzt ein Problem hatten. Ohne Papiere könnten wir das Land nicht verlassen.

Zum Glück hatten wir die Rucksäcke von Freja und Lovisa im Kofferraum verstaut, denn ich wusste, dass man die Fronthaube vom Innenraum des Wagens nicht öffnen konnte, weil das Zugseil vor ein paar Tagen abgerissen war. Nur mit Hilfe eines Schraubenziehers war es möglich, die Haube von unten zu öffnen. Das bedeutete, die Rucksäcke mussten noch da sein. Als ich die Haube öffnete und die Mädchen sahen, dass ihre Rucksäcke noch an ihrem Platz lagen, schnauften sie erleichtert durch. Und auch wir waren froh, denn beim Verlust ihrer Sachen wäre der Urlaub von Freja und Lovisa hier beendet gewesen. Im Aschenbecher hatte ich außer dem Ersatz-Autoschlüssel auch noch 300 DM deponiert, die als eiserne Reserve gedacht war. Beim Herausziehen des Aschenbechers konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, da der Schlüssel und das Geld immer noch vorhanden waren … Unsere Sachen so offensichtlich im Auto zu deponieren, war sehr leichtsinnig von uns gewesen, dennoch war es dem unprofessionellen Vorgehen der Täter zu verdanken, dass wir letztendlich nicht alles verloren hatten. Das einzige, was mich wirklich sehr geärgert hatte war, dass unsere Fotoapparate weg waren. Die Ausweise konnte man ja ersetzen, doch die zeitlich festgehaltenen Erinnerungen auf den Filmen waren für immer verloren. Das einzige Foto, das mich bis heute noch an die schöne Zeit erinnert, ist das Passfoto im Ersatzausweis, den wir auf der Heimreise in Marseille vom Deutschen Konsulat erhalten hatten.

Nachdem die herbeigerufene Police eingetroffen war und unsere Personalien notiert hatte, wurden wir gebeten zum Commissariat mitzufahren, um unsere Aussage zu Protokoll zu geben. Auch wenn uns die Police gesagt hatte, dass nur wenig Hoffnung bestünde, den oder die Täter zu fassen, waren wir trotz allem froh, dass uns nichts passiert war. Nicht auszudenken, was uns hätte passieren können, wenn wir in das Zeitfenster der Tatzeit geraten wären.

An diesem Tag verließen wir alle zusammen Cassis und fuhren weiter die Küste entlang über Toulon bis zum Pearl Beach in Saint-Tropez, weit genug entfernt, um vom Geschehenen Abstand zu gewinnen. Das nächste Etappenziel von Roland und mir war somit erreicht, und auch Freja und Lovisa hatten Saint-Tropez auf ihrem Reiseplan.

Die vielen großen Yachten, die entlang der Küste vor Anker lagen, waren beeindruckend. Doch als ich die noblen Restaurants und exklusiven Hotels zu sehen bekam, wurde mir erst klar, wie viele reiche Menschen hier Urlaub machen.

Uns blieb noch eine Woche, um mit den Mädchen abzuhängen, und die wollten wir auf jeden Fall, in jeder freien Minute, zusammen verbringen. Die Tage vergingen schneller, als wir es eigentlich wollten. Und als der Tag des Abschieds gekommen war, fiel dieser allen sehr schwer. Ein wunderschöner Urlaub mit den Mädchen war zu Ende gegangen … Ein Flirt, von dem ich wusste, dass er zeitlich begrenzt sein würde, der dennoch bis Heute für mich unvergesslich geblieben ist.

Irgendwie freute ich mich auch wieder auf zu Hause, aber auf der Heimfahrt waren Roland und ich doch sehr betrübt. Die schönen Tage und Abende mit den Mädchen waren unser Hauptgesprächsthema auf der Heimfahrt. Ein Urlaub der einmalig war …

Immer wieder in all den Jahren erinnerte ich mich an Freja. Leider hat uns das Schicksal nie wieder zusammengeführt. Was mir aber für immer bleibt, ist die Erinnerung an sie und an die schöne Zeit, die ich mit ihr erleben durfte …

Kapitel 4
DER EINSTIEG

Es vergingen so etwa zwei Jahre, bis ich wieder in den Genuss kam, einen Joint zu rauchen. Mein Freund Horst hatte mich eingeladen, bei ihm zu Hause seinen Geburtstag mitzufeiern. Selbstverständlich freute ich mich auf diesen Abend. Es ging ganz schön zur Sache: Wir tranken ein Bier nach dem anderen, und wir waren gut drauf. Als ein paar von uns auf der Terrasse eine Zigarette geraucht hatten, kam Horst dazu. „Habt ihr Bock einen zu rauchen?“, fragte er und holte zugleich einen Joint aus seiner Tasche. Ganz selbstverständlich zündete er ihn auch sofort an. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Horst kifft. Bevor ich mir dazu Gedanken machen konnte, drückte mir Horst den Joint in die Hand. Ich überlegte kurz, ob ich überhaupt mitrauchen sollte, aber schließlich zog ich doch. Horst grinste mich an und ich inhalierte den Rauch genüsslich in mehreren Zügen. Es dauerte nicht lange und mir wurde furchtbar schlecht, so schlecht, dass ich auf die Toilette musste, um mich zu übergeben.

So saß ich auf der Schüssel und konnte mich nicht mehr bewegen, denn sobald ich es versuchte, wurde mir schwindelig. Horst, der sich darüber amüsierte, sagte zu mir: „Du hast zu oft gezogen, jetzt ist dein Kreislauf nicht mehr stabil. Aber mach dir keine Sorgen, bleibe einfach sitzen, bis es dir wieder besser geht.“

„Vielen Dank auch“, sagte ich mit einer leisen, aber sarkastisch klingenden Stimme. So etwa nach einer Stunde versuchte ich mich vorsichtig aufzurichten, was mir auch gelang. Mein Gang aus der Toilette war noch wackelig und meine Wahrnehmung ließ zu wünschen übrig. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Verdammt noch mal, mir war so schlecht gewesen, dass ich mir geschworen habe, nie wieder einen Joint zu rauchen.

Mein Schwur sollte nicht lange halten, denn schon eine Woche später fuhren meine Kumpels und ich zu einem nahegelegenen Kloster, wo durch Mönche eine Wirtschaft mit Biergarten betrieben wurde. Das Bier dort schmeckte sehr gut. Es war ein Geheimtipp, denn das Schwarzbier, das hier gebraut wurde, gab es nur ein paar Monate im Sommer. Die restliche Zeit des Jahres war die Klosterstube geschlossen.

Wir hatten an dem schönen Sommertag schon einige Bier getrunken, als wir auf die Idee kamen, auf eine Anhöhe zu fahren, die ganz in der Nähe des Klosters gelegen war, um einen schönen Ausblick über die Landschaft zu haben. So glaubte ich zumindest … Als wir oben angekommen waren, holte einer der Jungs Zigarettenpapier aus seiner Hosentasche und eine kleine Tüte, in der sich Marihuana befand. Es schien mittlerweile jeder zu rauchen, den ich kannte. Immer wieder sah ich hin, um zu sehen, wie ein Joint gebaut wird. Ben blickte mich an. Als er fertig war gab er mir den Joint und sagte: „Los, zünde ihn an.“ Ich zögerte keinen Moment, und so kam ich in den Genuss, das erste Mal einen Marihuana-Joint anzurauchen. Ich hatte keine Ahnung, welche Wirkung mich erwartete. Deswegen zog ich dieses Mal nicht so intensiv an, sondern gab den Joint schnell weiter. Schließlich wollte ich nicht wieder so enden wie das letzte Mal bei Horst. Es dauerte nicht lange und wir alle fingen an zu kichern, wie kleine Kinder lachten wir über alles, was wir sahen, redeten wirre Sachen, die in keinem Zusammenhang standen. Es war so befreiend. Kein Gedanke war von Dauer und nichts war mir zu diesem Zeitpunkt wichtig. Zeitlos verbrachten wir den Nachmittag, bis der Heißhunger auf Essen unerträglich wurde. Ein cooler Tag neigte sich dem Ende entgegen und ich machte mir keine Gedanken darüber, dass ich schon wieder Drogen konsumiert hatte.

„Am kommenden Wochenende findet ein Open-Air-Konzert statt“, sagte Ben noch, bevor wir uns verabschiedeten. Er fragte mich, ob ich da mitfahren wolle. „Natürlich, sehr gerne“, sagte ich spontan, denn ich wusste, dass es da bestimmt wieder etwas zu Rauchen geben würde. „Alles klar, dann bis Freitag, wir holen dich ab“, sagte Ben mit einem Grinsen im Gesicht. Ich freute mich darüber und konnte das Wochenende kaum erwarten.

Wie versprochen stand Ben mit seinem VW-Bus am Freitag vor dem Haus, in dem ich wohnte. Er hupte dreimal, um auf sich aufmerksam zu machen. Ich rannte schnell die Treppe hinunter. Als sich die Schiebetür vom Bus auftat, kam mir als erstes eine Rauchwolke entgegen, die nach Marihuana roch.

„Hi“, begrüßte ich die darin sitzenden Leute, die ich zum Teil gar nicht kannte. Ein lautes Lachen schallte mir entgegen. Mit einem: „Komm rein, setz dich“ wurde ich begrüßt und bevor ich Platz genommen hatte, hielt ich schon den ersten Joint in meiner Hand. So hatte ich bis zur Ankunft beim Festival mindestens fünf Joints mitgeraucht. Ich war so zugedröhnt als ich ausstieg, dass ich das, was um mich herum geschah, gar nicht mehr wahrnahm. Lachend und Arm in Arm hängend betraten wir das Gelände, wo das Konzert stattfand. Abwesend bewegte ich mich zu der Musik, um mich herum waren alle gut drauf, und ich schwebte auf Wolke sieben. Doch nach ein paar Stunden hatte ich keine Power mehr – ausgelaugt und mit null Plan lag ich abseits im Dreck. Ich bekam von dem ganzen Trubel so gut wie nichts mehr mit. Alkohol und die Joints zollten ihren Tribut, das Konzert lief an mir vorbei. Ausgeliefert und meiner Persönlichkeit beraubt, hatte mich der Drogenrausch zu einem wehrlosen Objekt für andere gemacht. Ein Typ hatte mir meine Uhr und mein Geld gestohlen. Ich wurde ausgelacht, beschimpft und von manchen sogar getreten. Ein wehrloses Opfer, mit dem man alles machen konnte.

Irgendwann am nächsten Tag war ich wieder zu Hause, ohne Erinnerung an den Ablauf des Konzerts wollte ich nur noch wieder fit werden. Müde und lustlos stand ich Montagfrüh um sechs Uhr auf, um zur Arbeit zu gehen. Es fiel mir sichtlich schwer und am liebsten wäre ich im Bett geblieben. Nicht die Arbeit, nein der Gedanke, wie ich mir selber etwas zum Rauchen besorgen konnte, schwirrte in meinem Kopf herum und so rief ich Horst nach der Arbeit an und fragte ihn, ob er Zeit hätte, sich mit mir zu treffen.

„Klar, komm vorbei“, antwortete er mir am Telefon. Ich fuhr gleich zu ihm nach Hause.

Als ich in sein Wohnzimmer trat sagte er: „Mach es dir gemütlich.“ Auf dem Tisch stand ein Glas Chillum, daneben lagen Tabak und ein paar Knospen Marihuana. So ein Rauchgerät hatte ich vorher noch niemals gesehen, und irgendwie war ich schon scharf darauf, es auszuprobieren. Ich schaute gespannt zu, als Horst die Mischung im vorgesehenen Trichter anzündete und sich das Glasrohr mit Rauch füllte. Während dieser Zeit hielt er mit einem Finger ein kleines Loch zu, nahm diesen dann von der Öffnung und sog zugleich den ganzen Rauch wie ein Staubsauger ein. Er verdrehte leicht die Augen, als er mich ansah. Ohne Worte nickte er mit dem Kopf und gab mir zugleich das Chillum in die Hand. Etwas zögerlich zog ich an, bis das Glasrohr mit Rauch gefüllt war, und hob Sofort merkte ich die Dröhnung in meinem Kopf. Wie ein Blitz schlug das ein. Meine Augenlider senkten sich und mit einer sanften Bewegung versank ich im Sofa. „Wow, das war der Hammer, der dir auf den Kopf schlägt“, sagte ich grinsend zu Horst.

Im Laufe des Abends wiederholte ich dies noch ein paar Mal, bis ich total breit keinen Muckser mehr von mir gab. Nach einer gewissen Zeit erholte ich mich wieder halbwegs, so dass ich Horst darauf ansprach, ob er mir etwas zum Rauchen verkaufen könnte. „Klar, wie viel willst du denn?“, meinte er.

„Ich habe keine Ahnung. Was kostet das Gramm Shit oder Gras?“, fragte ich ahnungslos.

„Haschisch kostet 6,50 DM das Gramm und ein Gramm Marihuana kostet fünf DM. Frisch aus Holland eingetroffen.“

Ich nahm jeweils zehn Gramm. Auf einer Apotheker-Waage wog Horst alles ab und verpackte es anschließend in einer verschließbaren Plastiktüte. „Das macht 115 DM.“ Eine Menge Geld, aber es war mir egal, denn endlich hatte ich selber was zu rauchen und ich kam mir ziemlich cool dabei vor. Zugedröhnt verabschiedete ich mich nach ein paar Stunden von Horst und fuhr zufrieden nach Hause zurück. Wegen der Polizei machte ich mir am Anfang der Heimfahrt noch keine Gedanken. Doch schon nach fünf Minuten Fahrt sollte sich das ändern. Mein berauschter Zustand war offensichtlich gewesen und ich dachte mir noch, bei einer Fahrzeugkontrolle würde die Polizei das bestimmt merken. Gerade noch daran gedacht und schon sollte sich mein Gedanke erfüllen.

Eine Zivilstreife mit Blaulicht überholte mich außerhalb der Ortschaft und ein Beamter winkte mit der Kelle aus dem Fenster, um mir zu signalisieren, dass ich rechts ranfahren sollte. Im Auto roch es schon enorm nach Gras. Deshalb öffnete ich sofort das Fenster, damit der Geruch aus dem Auto zog. Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Das erste Mal mit Drogen unterwegs und schon bin ich dran. Jetzt bloß keine Panik. Bleib einfach locker, dann wird das schon gut gehen, redete ich mir ein. Aus meiner Sicht gab es keinen Grund, mich anzuhalten. Schnell packte ich die Plastiktüte mit dem Marihuana und dem Haschisch und hielt sie in meiner Hand, bereit zum Werfen. Jetzt musste alles ganz schnell gehen, die vor mir fahrende Zivilstreife bog in eine Straßeneinbuchtung ein. da es schon Dunkel war, konnte ich diesen Vorteil für mich nutzen. Denn genau in diesem Augenblick konnte keiner sehen, dass ich die Beutel aus dem Fenster in den gegenüberliegenden Straßengraben warf. Erst dann folgte ich in die Einbuchtung und blieb hinter ihnen stehen.

Als die zwei Beamten ausgestiegen waren und auf mein Auto zukamen, tat ich so, als würde mich das nicht sonderlich kümmern. Mit einem: „Guten Abend das ist eine Fahrzeugkontrolle. Führerschein und Ausweis bitte“, begrüßte mich der Polizist.

„Aber klar doch. Einen Augenblick bitte“, sagte ich und holte aus meiner Jackentasche die gewünschten Papiere heraus. „Hat das einen besonderen Grund, warum Sie mich außerhalb der Ortschaft anhalten?“, fragte ich. „Denn ich bin mir da gar nicht so sicher, ob Sie das überhaupt dürfen, da könnte ja jeder auf die Idee kommen und ein Auto anhalten.“ Einer der Beamten ging zurück, um über Funk meine Personalien zu überprüfen. Der andere fragte mich, wo ich denn herkomme. „Woher ich komme, geht Sie gar nichts an. Was wollen Sie eigentlich von mir?“, gab ich zur Antwort.

„Sind Sie alleine unterwegs?“, fragte der Polizist.

„Ja, warum?“, antwortete ich fragend. Gerade als der Polizist mir antworten wollte unterbrach ihn sein Kollege, der mittlerweile wieder neben ihm stand mit den Worten: „Alles in Ordnung, der kann es nicht sein.“ Na Super, dachte ich mir. Denn im Auto roch es immer noch stark nach Marihuana und keiner von den beiden hatte etwas gerochen. „Komm wir müssen weiter“, sagte der eine plötzlich. „Alles klar ich komme gleich, geh schon mal vor! Hier haben Sie ihre Papiere zurück. Eines möchte ich Ihnen noch sagen“, dabei beugte er sich in das offene Fenster. „Sie haben Glück!“

„Ja, wieso?“, fragte ich ihn.

„In ihrem Auto riecht es nach Marihuana, und wenn wir nicht gerade im Einsatz wären, dann hätten Sie jetzt ein Problem! Verstanden!!“

„Oh ja, ich habe verstanden!“, antwortete ich erschrocken.

„Schönen Abend noch und eine gute Weiterfahrt …“, verabschiedete er sich. Das war ja wohl der Hammer! Hätte ich das nicht selbst erlebt, würde ich das nicht glauben.

Ich wartete noch ein wenig, bis sich das Polizeiauto entfernt hatte, um meinen Beutel wiederzuholen, der nicht wie angenommen im Straßengraben landete, sondern sichtbar am Straßenrand lag. Ich hatte richtig Glück gehabt, dass diese Kontrolle nicht zum Albtraum wurde.

Am nächsten Tag besorgte ich mir Tabak und Paper und nach der Arbeit wollte ich mir zu Hause meinen ersten Joint bauen. Doch irgendwie bekam ich das nicht hin. So blieb mir nichts anderes übrig, als noch mal zu Horst zu fahren, um es mir von ihm zeigen zu lassen. Horst drückte mir die Paper in die Hand und sagte: „Also pass auf, wenn du dir einen Stick baust, brauchst du ein bis zwei Blatt, die du an der Klebefläche miteinander verbindest. Mit dem Feuerzeug erhitzt du dann das Dope, bis du es mit den Fingern flockig aufbröseln kannst – so viel, wie du für Nötig hältst. Wenn man alleine raucht etwas weniger! Bei mehreren Leuten baut man ein Dreiblatt. So, wie beim Zweiblatt, nur das man hier noch ein Blatt quer über die zwei Paper klebt. Beim Zusammenrollen versuchst du einen Trichter zu wickeln. Unten wird dann ein selbstgemachter Filter reingesteckt. Beides schön locker rollen, nicht zu fest sonst geht er dir beim Rauchen laufend aus und das nervt.“

„Wieso geht er dann aus?“, fragte ich neugierig.

„Wenn der Joint zu fest gedreht ist und der zusammengerollte Filter zu eng drinnen steckt, kann man nur schwer daran ziehen und dadurch kann keine richtige Glut entstehen“, antwortete er. „Hinzu kommt, dass man bei intensiver Unterhaltung vergisst, den Joint weiterzugeben und somit erlischt die Glut! Hast du alles verstanden, Jim?“, fragte er. Als ich nickte, meinte er: „Dann leg mal los!“

Beim ersten Mal sah das noch nicht mal annähernd nach einem Joint aus, doch mit der Zeit lernte ich richtig schöne Joints zu bauen. Es war mir immer wichtig, dass ein Joint perfekt gedreht war, denn umso besser knallte er. Doch am Abend alleine zu rauchen, machte keinen Sinn, denn es war ja keiner da, mit dem man sich hätte unterhalten oder über irgendetwas lachen können. So war ich ständig unterwegs, um mit irgendwelchen Leuten abzuhängen und zu rauchen.

Kapitel 5
HASCHJOGHURT

Ich lernte immer wieder neue Leute kennen, die mir zeigten, welche verschiedenen Möglichkeiten es gab, Cannabis und Haschisch zu konsumieren. Unter anderem war da auch der Haschjoghurt. An einem Morgen bevor ich zur Arbeit fuhr, probierte ich diesen aus. Ein Esslöffel voll mit aufgebröseltem Haschisch, dazu ein paar Tropfen Speiseöl. Dies erhitzte ich mit dem Feuerzeug auf der Unterseite des Löffels bis es flüssig wurde. Dann vermischte ich es mit dem Jogurt. Es schmeckte abscheulich, deshalb schlürfte ich ihn schnell in mich rein … Danach rauchte ich noch einen kleinen Joint. Es sollte ja auch richtig knallen, dachte ich mir. Und wie es knallte! Während der Fahrt merkte ich schon, wie sich mein Zustand zunehmend verschlimmerte. Was hatte ich mir bloß dabei gedacht, einen Hasch-Jogurt auf nüchternen Magen zu essen und dazu noch einen Joint zu rauchen. Ich Vollidiot! Jetzt hatte ich ein riesengroßes Problem. Die Straße verschwamm vor meinen Augen und ich hatte große Angst, dass ich in den Gegenverkehr geraten würde. Mein Herz fing an zu rasen. Mit zittrigen Händen wischte ich mir die Schweißtropfen von meiner Stirn. Als ich endlich in der Firma ankam, war ich schon so breit, dass mir das Aussteigen aus dem Auto große Schwierigkeiten bereitete.

Es war mir klar, dass ein normales Gespräch mit den Arbeitskollegen nicht mehr möglich war … Zum Glück hatte Peter, der mit mir zusammenarbeitete erkannt, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Er kam zum Auto und fragte mich, was denn los sei. Da ich Peter vertrauen konnte und er auch wusste, dass ich rauchte, sagte ich ihm, dass er die Fahrt zur Baustelle übernehmen solle, da es mir nicht gut gehe, weil ich einen Joint geraucht habe. Vom Haschjogurt sagte ich ihm nichts, denn dann hätte er bestimmt den Notarzt gerufen und es wäre alles herausgekommen.

Auf der Baustelle angekommen, war mein Kreislauf total im Keller. Peter meinte, dass ich noch etwas sitzen bleiben solle, bis es mir wieder besser ginge. Er bereitete derweil alles vor und meinte fürsorglich, dass, wenn es mir wieder möglich sei zu laufen, ich nachkommen solle. Nach etwa einer halben Stunde stieg ich kreidebleich aus dem Auto. Ich begab mich, da ich glaubte mein Zustand sei wieder stabil, mit mulmigem Gefühl direkt auf das Flachdach, wo wir Pappe aufbringen sollten … Peter hatte schon mit dem Bullibrenner die ausgerollte Pappe am Rand des Daches erhitzt. Um zu helfen, stellte ich mich neben ihn und trat mit meinem Fuß die angeheizte Pappe an. Dabei schaute ich Peter an und signalisierte mit meinem Daumen, dass alles wieder in Ordnung sei. Doch dann auf einmal passierte es, alles um mich drehte sich. Mir wurde schwarz vor Augen und ich fiel einfach um. Zum Glück nicht in den Abgrund, sondern direkt neben Peter auf das Dach. Da blieb ich regungslos liegen. Als ich wieder zu mir kam, lehnte ich an der Mauer des Aufzughäuschens.

„Verdammt noch Mal, was machst du für Sachen“, sagte Peter erschrocken. Dann holte er schnell Wasser, um meinen Nacken und Stirn zu kühlen. Was hatte ich bloß für ein Glück. Aus dem vierten Stock auf Beton zu stürzen, hätte ich wahrscheinlich nicht überlebt. Nach einer halben Stunde hatte ich mich wieder etwas erholt. Peters fürsorgliche Hilfe hatte mich vor Schlimmerem bewahrt, jedoch konnte ich an diesem Tag nicht mehr arbeiten. Mein Leichtsinn hätte mir fast das Leben gekostet. So schwor ich mir, Haschisch auf diese Art nicht mehr zu konsumieren.

Kapitel 6
DIE SPIELSUCHT

Ein paar Tage später saß ich mit ein paar Kumpels zusammen beim Rauchen und sie erzählten mir, dass in der Stadt eine neue Kneipe namens Perle eröffnet hätte. Der Wirt soll ein ehemaliger Zuhälter aus München sein, hieß es, der sich hier angeblich mit dieser Kneipe einen Neustart erhofft, weil er sich aus dem Milieu der Zuhälterei zurückziehen möchte. Das hörte sich wirklich interessant an. Diesen Typen wollte ich mir auf alle Fälle einmal ansehen. Am nächsten Abend ging ich in diese Kneipe. Schon beim Eintreten vermittelte mir diese durch ihr besonderes Ambiente eine Atmosphäre, in der ich mich sofort wohlfühlte. Der Wirt hinter seiner quadratischen, sich mitten im Raum befindenden Bar erinnerte mich in seiner imposanten Erscheinung an einen Kämpfer im Ring, der auf den Gong wartet.

An der Bar bestellte ich mir erst einmal ein Bier und beobachtete den Wirt beim Umgang mit seinen Gästen. Seine lockere Art mit den Leuten umzugehen gefiel mir. Etwas später kam auch ich mit ihm ins Gespräch, ganz höflich stellte er sich mir vor. „Ich heiße Hannes“, dabei reichte er mir seine Hand über den Tresen. „Mein Name ist Jim“, erwiderte ich und hielt ihm sogleich meine Hand entgegen. „Was willst du trinken, ich gebe einen aus“, sagte Hannes mit einer rauen kräftigen Stimme. „Jägermeister!“

Ich muss dazu sagen, dass es nicht der einzige war, den Hannes mir an diesem Abend ausgegeben hat.

Obwohl zwischen Hannes und mir ein großer Altersunterschied bestand, verstanden wir uns von Anfang an super. Ich glaube, ich habe immer den coolen Vater in ihm gesehen. Er war immer da, wenn man ihn brauchte, und wenn ein Problem anstand, hat er geholfen, soweit es ihm möglich war … Meine Freizeit verbrachte ich in dieser Kneipe, entweder mit meinen Freunden beim Trinken, Abhängen und Spaß haben oder beim Zocken. Kein Limit zu haben, war in dieser Kneipe angesagt. Zwischendurch haben wir bei irgendwelchen Leuten, die in der Nachbarschaft wohnten, gekifft. In der Winterzeit war Schlechtwetter angesagt. Daher war es mir als Dachdecker nicht möglich, zu arbeiten. So musste ich mich für drei bis vier Monate arbeitslos melden, dass, so fand ich damals, hervorragend war. So konnte ich meine Zeit immer in der Kneipe verbringen. Immer pünktlich um neun Uhr sperrte Hannes die Kneipe auf. Mit einem Kaffee in der Hand begann der Vormittag für mich am Spielautomaten bis allmählich die richtigen Leute eintrudelten, um Karten zu spielen. Es wurde jeden Tag bis zur Sperrstunde gepokert. Danach ging es in geschlossener Runde weiter, manchmal sogar die ganze Nacht hindurch, solange man genügend Geld hatte. So manch einer verspielte sein ganzes Monatsgehalt und noch mehr. Ich war meistens bei den Gewinnern und hatte so immer genügend Geld in den Taschen, um zu zocken.

Es wurde aber nicht nur beim Poker um Geld gespielt, sondern auch beim Würfeln, Darts, Pool-Billard, Flipper … Genau genommen, es ging bei allen Spielen in der Kneipe um Geld.

Ab und zu fuhr ich auch ins Spielcasino. Es war interessant mit ansehen zu können, wie das Spielfieber am roulette-Tisch jeden in seinen Bann zog. Ob Arm oder Reich, jeder wollte nur das eine – zocken bis der Arzt kommt. Auch ich war infiziert von dem Flair. Das Risiko einzugehen, alles zu verlieren, war Adrenalin pur. Der sagenhafte Kick, den man bekam, wenn die Kugel vom Croupier in den Roulettekessel geworfen wurde. Wenn sie dann die Zahlen von Null bis 36 umkreiste und man darauf hoffte, dass sie bei der gesetzten Zahl liegen blieb. Letztendlich aber das Glück darüber entschied, in welchem Feld die kleine weiße Kugel liegen bleiben sollte.

Als ich an diesem Abend den Raum betrat, in dem die Luft schon brannte, war meine Spielleidenschaft sofort entflammt. Zielstrebig ging ich zum erstbesten Roulette-Tisch und setzte voller Euphorie meine ersten Jetons auf Rot – und gewann! Ich spielte und gewann immer wieder, bis ich Jetons im Wert von 17.000 DM in meinen Hosentaschen hatte. Zuerst wollte ich ja das Glück nicht überstrapazieren und wechselte deshalb meine Jetons in Bargeld. Eine schöne Summe, dachte ich mir noch, die mir eigentlich als Gewinn für diesen Abend reichen sollte. Als ich jedoch gerade gehen wollte, blickte ich noch einmal zum Roulette und sah, dass auf der Anzeige die Farbe Schwarz siebenmal in Folge gekommen war.

Ich hatte bis zu dieser Zeit immer vorsichtig gespielt und nie eine hohe Summe gesetzt, doch jetzt war ich mir sicher, den großen Wurf zu landen und setzte 5.000 DM auf Rot. Mein Puls raste, meine Hände schwitzten vor Aufregung, dann fiel die Kugel – 13 Schwarz. 5.000 DM waren auf einen Schlag verloren. Aber anstatt aufzuhören setzte ich noch einmal 5.000 DM auf Rot mit der Zuversicht, jetzt zu gewinnen. Der Croupier warf die Kugel und mein Blick wandte sich vom Tisch ab in der Hoffnung, dass sie bei einer geraden Zahl liegen bleibt. „17 Schwarz“, hörte ich den Croupier sagen, als die Kugel gefallen war und damit blieb mir fast das Herz stehen. Das konnte doch nicht möglich sein neunmal in Serie Schwarz. 7.000 DM hatte ich noch. Ich setzte noch einmal 5.000 DM, denn jetzt sollte doch endlich Rot kommen. Die Kugel rollte und fiel auf die Null damit hatte ich zwar noch nicht verloren aber auch nicht gewonnen. Das hieß, der Einsatz ist gesperrt. Sollte beim nächsten Spiel die Kugel auf die Farbe Rot fallen, erhalte ich mein Jetons zurück, ansonsten hätte ich auch diese verloren. Ich war schon ziemlich fertig, doch als die Kugel wieder auf Schwarz fiel, wäre ich am liebsten im Boden versunken. Jetzt waren nur noch 2.000 DM übrig, von diesem Betrag waren immerhin 1.500 DM Gewinn. Aber es war mir egal, jetzt musste Rot kommen und deshalb setzte ich mein restliches Geld auf diese Farbe. Es kam wie es kommen musste, das elfte Mal Schwarz, somit hatte ich in vier Spielen alles verloren.

Der Ärger über meine Dummheit, der in mir aufkam, war grenzenlos, wie konnte das nur passieren. In diesem schrecklichen Moment fühlte ich mich wie der größte Versager auf dieser Welt und hätte ich in diesem Augenblick eine Schusswaffe gehabt, dann hätte ich mich höchstwahrscheinlich erschossen. So aber wendete ich mich langsam von dem Spieltisch ab, um zu gehen. Auf der Treppe blieb ich ein letztes Mal stehen, um auf die Anzeigetafel des Roulette-Tisches zu blicken. Ich traute meinen Augen kaum, denn die schwarze Serie war nun gebrochen, auf der Tafel leuchtete die 12 in Rot. Ja, so kann das gehen. Ironie des Schicksals – wie gewonnen so zerronnen.

Auf der zweistündigen Heimfahrt hatte ich genügend Zeit, um über das Geschehene nachzudenken. Als ich zu Hause angekommen war, hatte ich mich entschlossen, niemals wieder in ein Spiel-Casino zu fahren. Die Freude am Zocken hatte mich in eine unkontrollierbare Spielsucht getrieben, die sich auf keinen Fall mehr wiederholen sollte. Diese Erfahrung war mir eine Lehre gewesen. Um dieses auch einhalten zu können und nicht wieder in Versuchung zu geraten, warf ich sicherheitshalber meinen kompletten Anzug zusammen mit den Schuhen in die Mülltonne. Ich hatte die Schnauze voll vom Zocken! Trost konnte mir jetzt nur der Schlaf bieten, so ging ich zu Bett.

Kapitel 7
DIE TOUR NACH BERLIN

Am nächsten Morgen, als ich aufwachte, waren meine Gedanken sofort wieder bei dem vielen Geld, das ich verloren hatte. Mein Frust darüber war immer noch ziemlich hoch. Trotzdem konnte ich das auch als ein positives Erlebnis für mich verbuchen, denn diese Erfahrung öffnete mir endlich die Augen. Das Spiel um Geld sollte im Alltag nicht mehr bestimmend für mich sein. Ich zog es vor, erst mal niemanden etwas von dem Debakel im Spielcasino zu erzählen, denn schließlich war es eine Sache, die nur mich etwas anging. Konsequent hielt ich mich die nächsten Tage vom Glückspiel fern. Zu meiner Überraschung machte es mir überhaupt nichts aus. Der Reiz, um Geld zu spielen, war für mich verloren. Stattdessen genoss ich es, mein Geld überschaubar auszugeben.

Ein paar Wochen später, als ich mit ein paar Kumpels in den frühen Morgenstunden an der Bar einer Disco das letzte Bier zur Sperrstunde trank, kam uns die spontane Idee, nach Berlin zu fahren, um uns dort etwas zum Rauchen zu besorgen. Nach ungefähr fünf Stunden Autofahrt kamen wir gegen Mittag gutgelaunt in Berlin an.

Wir beschlossen das Auto stehen zu lassen, um uns so auf Plätzen, die wir vom Hörensagen kannten, auf die Suche nach einem Dealer zu machen. Wir waren schon eine Zeitlang unterwegs, als wir an einem großen Spielsalon vorbeikamen, den wir uns einmal näher anschauen wollten. Hier konnte man in einzelnen Kabinen, ungesehen von anderen, an Automaten spielen.

Beim Vorbeilaufen roch es plötzlich verdächtig nach Gras. Obwohl es mindestens 30 Kabinen waren, konnten wir schnell die richtige ausfindig machen, denn nur aus einer kam dicker Rauch. Als ich den Vorhang zur Seite zog, erblickte ich einen Typen mit schulterlangem Haar, der mich grinsend ansah, und der zwischen den Fingern seiner linken Hand einen extrem großen Joint hielt. „Hi“, sagte ich und betrat die Kabine. „Hast du etwas zum Kiffen für mich und meine Freunde oder kannst du uns sagen, wo wir etwas kaufen können?“, fragte ich ihn, um gleich auf den Punkt zu kommen.

Er schaute mich an, zog erst einmal an seinem fetten Joint und meinte: „Klar, wenn ich hier fertig gespielt habe, zeige ich euch einen Laden, wo ihr etwas bekommt.“ Dabei hielt er mir seinen Joint rüber. Super, dachte ich und zog genüsslich an der riesigen Tüte. Ich war etwas misstrauisch, schließlich kannten wir den Typen nicht und wer weiß, wo er uns hinführen würde, deshalb fragte ich ihn, wie weit es denn bis zu diesem Laden sei? „Alles cool, es ist gleich hier um die Ecke“, meinte er.

Es dauerte eine Zeit, bis er so weit war, aber das Warten lohnte sich. Nach einem Zehn-Minuten-Fußmarsch kamen wir an einem etwas älteren Haus an. Die Tür war knallrot und eine Videokamera überwachte den Eingang. Eine Klingel suchte man hier vergeblich. Stattdessen winkte der Typ in die Kamera. Es dauerte ein wenig, dann öffnete sich die Tür und ein muskulöser Mann stand vor uns, der den langhaarigen Typen mit einem Lächeln begrüßte.

„Ich habe hier ein paar Jungs kennengelernt, die kommen aus Bayern. Die sind in Ordnung.“

„Also gut“, sagte er und lies uns eintreten. Was ich dann sah, war der Hammer. An den Tischen saßen Leute, die sich unterhielten, gemeinsam tranken und nebenbei Joints bauten oder schon eine Tüte rauchten. An der Theke konnte man sich nach einem Blick in die Karte sein gewünschtes Dope oder Marihuana bestellen. Zwanzig verschiedene Sorten gab es zur Auswahl.

HASCHISCHSORTEN GRASSORTEN

„Grüner Marokkaner“

„Thai Gras“

„Dunkelbrauner Sputnik“

„Skunk“

„Grün schwarzer Chocolata“ Crystal-Skunk

„Schwarzer Marokk“

„K2“

„Eier Marokk“

„Super Skunk“

„Pollen Shit“

„Libanese“

„Roter Libanese“

„Grüner Türke“

„Gelber Libanese“

„Schwarzer Afghane“

„Schwarzer Pakistani“

„Schwarzer Inder“

„Dunkelbrauner Kaschmir“

„Nepal Shit“

Da war ich baff denn Coffeeshops gab es eigentlich nur in Holland, so dachte ich. Ich hatte noch nie so eine große Auswahl an verschiedenen Sorten gesehen. Geschweige denn die Möglichkeit gehabt, diese auch zu kaufen. Ein absoluter Traum für jeden Kiffer und obwohl dieser Schuppen mit Sicherheit keine Lizenz hatte Haschisch und Marihuana zu verkaufen, kam es mir so vor, als würde das hier keinen interessieren. Da ich mich nicht entscheiden konnte, welche Sorten ich mir kaufen sollte, nahm ich einfach von jeder Sorte fünf Gramm. Als jeder von uns eingekauft hatte, machten wir es uns erst einmal an einem Tisch bequem, bestellten uns etwas zum Trinken und jeder von uns baute sich einen Joint vom Allerfeinsten.

So verbrachten wir mit dem Typen aus dem Spielsalon einen Abend in einem Club, den man nur durch Beziehungen kennenlernen konnte und der in der Kiffer-Szene wahrscheinlich als Top-Adresse galt, denn eigentlich hatten hier nur Club-Mitglieder Zutritt. Bis weit nach Mitternacht kifften wir, hörten Musik und unterhielten uns über alles Mögliche. Wir machten uns überhaupt keine Gedanken darüber, wo wir eigentlich übernachten wollten. Erst als Rich uns darauf ansprach. Eine gute Frage, denn in diesem bekifften Zustand waren wir nicht in der Lage, nach Hause zu fahren. Zudem war es schon der zweite Tag, an dem wir nicht geschlafen hatten.

Rich bot uns schließlich an, dass wir alle bei ihm pennen könnten. Er wohne zwar nicht alleine, so sagte er, und seine Wohnung sei auch nicht die größte, aber für eine Nacht würde das schon irgendwie reichen. Der Typ war wirklich schwer in Ordnung. Wir nahmen sein Angebot gerne an. Als wir etwas später alle bei ihm zu Hause eintrudelten und er die Wohnungstür öffnete, bat er uns erst einmal zu warten. Was ich dann zu sehen bekam, machte mir richtig Angst. Aus einem Zimmer der Wohnung streckten zwei Hunde ihren Kopf heraus. Obwohl, Hunde konnte man dazu nicht mehr sagen. Denn als beide im Flur bei ihrem Herrchen standen und zu uns rüber blickten, glaubte ich zwei Bären zu sehen. Oder hatte ich zu viel geraucht? „Es ist alles in Ordnung, kommt rein“, sagte Rich zu uns. Ganz langsam begaben wir uns in seine Wohnung und schlossen die Tür hinter uns. „Bist du dir sicher, dass die uns nichts tun?“, fragte ich Rich.

„Die schauen bloß, bleibt einfach cool …“ Jetzt verstand ich auch, warum er kein Problem damit hatte, fremde Leute bei sich übernachten zu lassen. „Was ist das für eine Rasse?“, fragte ich neugierig.

„Das sind Russischer Schwarze Terrier. Die wurden im Krieg extra dafür gezüchtet, nachts die Wachen lautlos auszuschalten, um in deren Lager eindringen zu können! Bei einer Größe von zirka 75 bis 85 Zentimeter und einem Gewicht bis zu 80 Kilo hatten die Soldaten keine Chance. Doch heute kann man diese Rasse bedenkenlos zu Hause halten.“ Wie ermutigend diese Aussage doch war, dennoch nahm ich mir vor, mich nicht hastig zu bewegen und ihnen vor allem nicht in die Augen zu schauen. Ihr Blick war nämlich furchteinflößend! Am liebsten wäre ich wieder gegangen, doch zwei Tage ohne Schlaf und die vielen Joints, die wir zusammen geraucht hatten, trugen letztlich dazu bei, dass ich vor Müdigkeit auf der Couch einschlief.

Irgendwann am Vormittag wachte ich auf, um mich herum lagen meine Kumpels und schliefen noch. Die schwarzen Terrier waren nirgendwo zu sehen. So glaubte ich aufstehen zu können, ohne dass es jemand mitbekommt, denn ich musste dringend auf die Toilette. Doch als ich mich von der Couch erhob, standen plötzlich die beiden Hunde vor mir. Erst jetzt bei Tageslicht sah ich, was für eine imposante Erscheinung diese Terrier waren. Ich dachte mir: Egal, in der Nacht haben sie mir und den anderen nichts getan, dann kann ich sie jetzt auch streicheln. Zu meinem Erstaunen schien ihnen das zu gefallen, denn beide wedelten mit ihrer wuscheligen langen Rute. Trotzdem hatte ich großen Respekt und war ehrlich gesagt froh, als Rich das Zimmer betrat. „Na, gut geschlafen?“, fragte er mit einem Schmunzeln. „Wollt ihr einen Kaffee?“

„Ja, gerne!“, antwortete ich dankbar.

Nach einem Joint, den wir zum Kaffee rauchten, war es an der Zeit, uns zu verabschieden. Eine nicht ganz alltägliche Bekanntschaft, die ich erst mit Rich und dann mit seinen Hunden gemacht habe, ging zu Ende. So begaben wir uns auf die Heimreise, mit den Taschen voller Dope und Gras. Als wir am Nachmittag wieder in unserem Gay ankamen und jeder wieder seiner Wege ging, war ich froh, dass bei der Heimfahrt alles glatt gegangen war. Den anschließenden Abend verbrachte ich alleine zu Hause. Beim Fernsehen rauchte ich gemütlich ein paar Joints und freute mich darüber, dass ich eine so große Auswahl an Haschisch und Marihuana hatte.

Kapitel 8
ENDE DER KNEIPENZEIT

Für mich war das Kiffen zu der Zeit stets ausreichend, doch einige meiner Kumpels, mit denen ich in der Perle zusammen war, griffen schon längst zu härteren Drogen. Speed und Koks wurden von ihnen schon seit längerem konsumiert, ohne dass ich es eigentlich richtig mitbekam. Das Kiffen war zur Nebensache für sie geworden, ein neuer Kick musste her, hieß es, als ich mich mit Horst über das Thema unterhielt. „Willst du auch einmal Koks schnupfen?“, fragte mich Horst. „Das ist der absolute Hammer. Da bist du der King“, schwärmte er. Ich lehnte dankend ab. Mir reichte es, Alkohol zu trinken und fast jeden Tag ein paar Joints zu rauchen. So machte ich mir keine großen Gedanken darüber, was die anderen machten, schließlich war es ihre Sache. Bis zu jenem Tag, als Max verstarb. Er war erst 25 Jahre alt, als man ihn zu Hause auf der Toilette fand. Eine Überdosis Heroin beendete sein kurzes Leben. Ich war total schockiert. Wir hatten so schöne Zeiten miteinander verbracht und nie hätte ich daran gedacht, dass er ein Fixer war. Wie konnte das nur so schnell gehen, fragte ich mich. Was war da bloß geschehen. Nicht nur Max war Heroinsüchtig gewesen, sondern auch Horst und noch ein paar andere hatten schon mit dieser Droge Kontakt.

Wie jeden Tag waren wir alle in der Perle, es sollte ein gemütlicher Abend werden, bei ein paar Bier und guter Unterhaltung verschwendeten wir keinerlei Gedanken daran, dass etwas aus dem Ruder laufen könnte. Plötzlich drängte sich ein mir nicht bekannter Typ zwischen uns und wollte Horst sofort draußen sprechen. „Was ist da los?“, fragte ich. „Macht der Schwierigkeiten?“

„Ist schon gut“, beschwichtigte uns Horst und ging mit ihm raus. Eigentlich musste ich mir um ihn keine Sorgen machen, denn ich wusste ja, dass er nie Angst hatte. Wenn es hart auf hart ging, zog sein Gegner immer den Kürzeren. Denn Horst war einer von der Sorte, der keine Gewissensbisse hatte, wenn er angegriffen wurde. Doch dieses Mal hatte ich mich getäuscht. Nicht ein Typ war an diesem Abend sein Gegner, sondern das Heroin, das sich Horst gedrückt hatte. Als Horst nach einer viertel Stunde immer noch nicht zurück war, sagte ich zu Ivo: „Komm, wir schauen mal nach, was da draußen vor sich geht.“

Vor der Kneipe war niemand zu sehen und so gingen wir auf die Suche. Wir liefen einmal um den Häuserblock bis hin zur Tiefgarage. Ich glaubte etwas gehört zu haben und so gingen wir langsam die Abfahrt hinab, um nachzuschauen. Zuerst bemerkten wir nichts, doch dann sah ich ihn.

Er lag regungslos am Boden neben einem Auto, dass Fixer-Besteck auf der Motorhaube. So wie es aussah hatte sich Horst einen Schuss gesetzt und war nach dem Druck zusammengebrochen. Eine Überdosis. Wir mussten sofort handeln, um sein Leben zu retten. Ivo rannte so schnell er konnte zurück zur Kneipe, um Hilfe zu holen. Ich fühlte inzwischen seinen Puls, der mittlerweile schon ganz schwach war. Seine Augen waren verdreht, so dass man keine Pupillen mehr sehen konnte. Das ganze sah beängstigend aus! Ich legte Horst in die stabile Seitenlage, mehr konnte ich nicht für ihn tun. Zehn Minuten dauerte es, bis der Notarzt eintraf. Mit ihm kamen auch die Polizei und der Krankenwagen.

Horst hatte Glück und überlebte die Überdosis. Dank der schnellen Hilfe. Für mich war klar, wie die Sache abgelaufen war. Horst traf in der Kneipe seinen Dealer, den er schon erwartet hatte. Draußen kaufte er dann das Heroin. Weil er wegen der krampfartigen Schmerzen, die er wahrscheinlich schon hatte, nicht mehr länger warten konnte, setzte er sich gleich vor Ort einen Schuss. In der Eile war er nicht vorsichtig genug und wollte einfach nur schnell den Schmerzen entfliehen. Das hätte ihn fast das Leben gekostet. Es war absolut traurig für mich zu sehen, dass Horst ein paar Tage später wieder auf Heroin war. Um seinem Drang auf die Droge nachzukommen, war ihm jedes Mittel Recht, an das Geld zu kommen, dass er dazu benötigte. Es wäre naiv gewesen zu glauben, dass man ihm helfen könnte. Unsere Freundschaft war nichts mehr Wert. Seinen körperlichen Verfall mitzuerleben, wurde für mich mit der Zeit abstoßend.

Die wunderschöne Zeit in der Perle neigte sich dem Ende zu. Die meisten meiner Kumpels hatten sich verändert, die Lockerheit war verloren gegangen. Was für sie nun zählte, war die Beschaffung von harten Drogen. Man sah sie kaum noch in der Kneipe und wenn doch, konnte man das Elend kaum noch ertragen. Um an Geld zu kommen, wurde alles versprochen, nur um sich Heroin kaufen zu können und sich dann den nächsten Schuss zu setzen. Ich hatte absolut keinen Bock mehr auf diese Scheiße. So war die Ära „Perle“ für mich nach sechs Jahren Geschichte.

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
211 p. 2 illustrations
ISBN:
9783957442444
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