Read the book: «Edgar – Mein Leben zwischen Nobelpreis und Arschkarte»
Edgar –
Mein Leben zwischen
Nobelpreis und Arschkarte
Jens Reinländer
EDGAR —
MEIN LEBEN ZWISCHEN
NOBELPREIS UND ARSCHKARTE
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
www.jens-reinlaender.de
Bibliografische Information durch die
Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte beim Autor
Illustrationen © Sven Häberlein
www.engelsdorfer-verlag.de
Heute ist der vierte Advent und ich liege gefesselt und geknebelt in meinem Bett.

Normalerweise liege ich an so einem Tag nicht gefesselt und geknebelt im Bett. Normalerweise! Aber was ist bei mir in letzter Zeit schon normal verlaufen? Seit sich dieses nervige Quasselmonster in meinem Ohr eingenistet hat, stolpere ich von einem Fettnäpfchen ins nächste. Keine Ahnung, wie ich das bisher alles überleben konnte. Aber ich bin noch da! Obwohl mir das eigentlich fast unmöglich erscheint, wenn ich alle Katastrophen zusammenzähle, die mich bis jetzt heimgesucht haben.
Bestimmt bin ich bloß noch nicht aus den Latschen gekippt, weil ich als Genie auf die Welt gekommen bin.

Ich bekomme ja demnächst alle möglichen Nobelpreise überreicht. Aber im Augenblick bin ich noch auf dem steinigen Weg zum Ruhm unterwegs und werde deshalb als Genie leider noch nicht so richtig wahrgenommen. Manche halten mich sogar für irre. Selbst mein bester Kumpel, der Gescheitelte Bernd. Aber Bernd hat mich beruhigt. Ich soll mir deswegen keine grauen Haare wachsen lassen, hat er gesagt. Das ist normal. Jedes Genie ist auch gleichzeitig immer ein bisschen bekloppt.
Und Bernd muss es wissen. Sein Onkel arbeitet in einer Klapsmühle. Darum weiß Bernd auch ziemlich genau über Klapsmühlen und bekloppte Genies Bescheid. In Klapsmühlen wimmelt es nämlich nur so von denen. Alles durchgeknallte Typen, die dir auf Anhieb sagen können, wie viel 237 x 894 ist. Bloß, dass sie dabei auf dem Kopf stehen und sich mit allen zehn Fingern gleichzeitig in der Nase popeln.
„Das Problem ist, Genie und Wahnsinn sind leider Geschwister“, hat Bernd mir erklärt und dazu ein Gesicht gemacht, als ob er mir damit ein großes Geheimnis offenbaren würde. Dabei wusste ich das längst. Bei mir zu Hause existiert dieses Geschwisterproblem schon so lange ich auf der Welt bin. Ich bin das Genie und mein kleiner Bruder Malte und meine große Schwester Stella sind die Wahnsinnigen. Aber ich schweife ab. Dazu später mehr. Jetzt wieder zurück zu den wichtigen Dingen. Zu mir!
Wie ich ja bereits erwähnte, werde ich demnächst alle möglichen Nobelpreise bekommen. Manchmal träume ich davon. Es ist immer derselbe Traum. Plötzlich hupt ein gelbes Postkranauto vor der Wohnungstür und der Briefträger ruft aus dem Fahrerhaus: „Guten Tag! Ich habe hier wieder einen Nobelpreis für Sie. Wo soll ich ihn denn diesmal abstellen?“
Daraufhin verdrehe ich die Augen und seufze: „Oh Mann, schon wieder ein Nobelpreis. Hört denn das nie auf? Stellen Sie ihn einfach zu den anderen.“ Und schon brummt und rattert der Kran los und ein gigantischer Pokal schwebt an einem Stahlseil baumelnd über das Haus in den Garten.

Dass der Pokal so riesig ist, habe ich der Auszeichnung zu verdanken. Weil die ja auch riesig ist. Ein Nobelpreis ist sozusagen der Dinosaurier unter den Preisen. Und ich habe schon neunundneunzig Stück davon. Jedenfalls in meinem Traum. Der ganze Garten ist mit Nobelpreisen vollgestellt. Ganz hinten links steht der Nobelpreis für die Erfindung des Ja-Pulvers. Ein sehr hilfreiches Mittel gegen widerspenstige Eltern. Darum ist es auch nur an Kinder verkäuflich. Es ist sehr sparsam im Gebrauch. Für einen mittleren Erwachsenen braucht man nicht mehr als eine Messerspitze davon. Man lässt die benötigte Menge Pulver auf die Handfläche rieseln und pustet sie dann dem störrischen Erwachsenen ins Gesicht. Und schon hat sich das Problem, das eben noch da war, in Luft aufgelöst.
„Darf ich heute Abend den Gruselfilm sehen?“ – „Ja.“
„Fahren wir morgen in den Zoo?“ – „Ja.“
„Kaufst du mir eine PlayStation?“ – „Ja.“
Natürlich gibt es in meinem Traum auch ein Nein-Pulver. Auch dafür habe ich einen Nobelpreis bekommen. Und klar, auch das Pulver darf nicht in falsche Hände geraten. Was heißt: Es darf nicht an Erwachsene verkauft werden! Damit es nicht zu Missbrauch kommt. Es soll ja Kindern helfen, ihren schwierigen Eltern Vernunft beizubringen.
„Muss ich mein Zimmer aufräumen?“ – „Nein.“
„Soll ich jetzt wirklich aufstehen?“ – „Nein.“
„Muss ich echt für Mathe üben?“ – „Nein.“
Welches der beiden Pulver man nimmt, ist egal. Sie helfen beide großartig, das Leben als Kind zu meistern. Man muss bloß höllisch aufpassen, dass man nicht aus Versehen das falsche Pulver erwischt. Die Pulver sehen sich nämlich zum Verwechseln ähnlich. Für den Fall habe ich gleich noch ein drittes Pulver erfunden. Das Lass-uns-später-noch-mal-drüberreden-Pulver. Mit dem Pulver verschafft man sich die nötige Zeit, das richtige Pulver herbeizuschaffen und den Fehler wieder auszubügeln. Natürlich habe ich auch dafür einen Pokal im Garten stehen. Der steht zwischen dem Nobelpreis für die Erfindung der Ganzjahresferien und dem Nobelpreis für die erste Achterbahn zum Mond. Dann gibt es noch Nobelpreise für die Entdeckung des Luft-in-Pizza-Umwandlers und der Zahnpflege-Limonade. Und für die Erfindung von „Haarstopp“. Zwei Tropfen davon auf die Kopfhaut geträufelt und man hat eine Sorge weniger. Die Haare hören auf der Stelle zu wachsen auf und man muss nie wieder zum Friseur.
Nobelpreis um Nobelpreis reiht sich in meinem Garten aneinander wie auf einer Perlenschnur. Und nun also noch einer. Der Einhundertste. Ein Jubiläums-Nobelpreis. Ein Nobelpreis für das massenhafte Erhalten von Nobelpreisen. Einhundert Pokale stehen jetzt in meinem Traumgarten herum, versperren mir die Sicht und drücken den Rasen platt. Und jeder ist mindestens so groß wie eine ausgewachsene Kuh.
„Bloß gut, dass sie nicht auch noch Kuhfladen auswerfen. Als Nobelpreisträger hat man es echt nicht leicht“, stöhne ich jedes Mal und wache dann prompt an der Stelle immer auf.
Darum weiß ich auch nicht, wie der Traum weitergeht. Aber eins weiß ich ganz sicher: dass mir mein erster Nobelpreis schon im Nacken sitzt. Und ich weiß auch schon, wofür ich den bekommen werde. Für meine peinlich-blöden Sprüche. Die habe ich dem Quasselmonster zu verdanken, das sich in meinem linken Ohr eingenistet hat. Seit es dort haust, bin ich echt reif für den Literaturnobelpreis.
Angefangen hat alles beim Frühstück.
Ich weiß nicht mehr genau, an welchem Tag es war. Aber ich weiß noch genau, dass es draußen vorm Fenster wie aus Kübeln gegossen hat. Ich sitze also in die Küche und mampfe mein Müsli. Nebenbei grüble ich wieder mal darüber nach, wofür ich wohl meinen ersten Nobelpreis bekommen werde, denn das ist mir zu diesem Zeitpunkt noch ein großes Rätsel. Da entdecke ich plötzlich in der Zeitung, die Papa auf dem Tisch liegen gelassen hat, ein Bild von Bruno Barrikade. Und über dem Bild steht in fetten Buchstaben: Heute große Sonderbeilage mit Fanposter!
Hammer! Ein Fanposter von Bruno Barrikade!, schießt es mir durch den Kopf und ich weiß auch sofort, wo ich das Poster aufhängen werde. Natürlich muss der beste Torhüter auf der Welt den besten Platz an meiner Posterwand bekommen. Denn beinahe wäre ich ja selbst in seine Stelle getreten. Aber weil ich als zukünftiger Nobelpreisträger dauernd so viel um die Ohren habe, musste ich die Karriere als weltbester Torhüter frühzeitig wieder an den Nagel hängen und Bruno den Vortritt lassen.
„Bruno Barrikade im Großformat an meiner Posterwand, das ist Klasse“, juble ich. Bis ich die Zeitung auseinander gefaltet habe und die Bescherung entdecke. Das Poster ist tropfnass und total zusammengepappt. Unsere Briefkastenabdeckung ist nämlich nicht ganz dicht und sobald es mal etwas kräftiger regnet, wird gleich der ganze Briefkasten geflutet. So wie an diesem Morgen. Schönen Dank, Regen! Jetzt hilft bloß noch wedeln. Wenn es fürs Postertrockenwedeln einen Nobelpreis gäbe, auch der wäre mir spätestens jetzt sicher gewesen. Ich wedele, bis dicke Schweißperlen auf meiner Stirn wachsen und ich so schlapp bin, dass es mir vor den Augen flimmert und eine Stimme in meinem Kopf irre kreischt: „Yippie, gib alles!“ Doch obwohl ich mich voll reinhänge und alles gebe, kommt mein Rettungsversuch leider zu spät. Die Druckerschwärze der Buchstaben ist bereits verschmiert und hat sich mit dem Bruno-Barrikade-Poster vermischt. Bruno Barrikade hat mit einemmal ein großes O unter der Nase hängen und auf seinem Kopf balanciert ein Fragezeichen. Auf seinem Torwartdress steht in schwarzen verwaschenen Buchstaben: Fliegenfänger. Und im Tornetz hinter ihm hat sich gleich ein ganzer Schwarm Wörter verfangen. In dem Zustand kann ich das Poster vergessen. Bruno Barrikade mit einem Nasenring und der Aufschrift: Fliegenfänger. Was für eine Schande!

Rudi würde jetzt vor Lachen glatt Schnappatmung kriegen.
Rudi ist mein zweiter bester Kumpel. Und eigentlich ist er der Letzte, der über einen Torwart lachen darf. Selbst wenn der die Aufschrift „Fliegenfänger“ trägt. Rudi ist nämlich als Torwart unterirdisch schlecht. Das liegt an seiner niedrigen Bauhöhe. Rudi ist vom Wuchs her etwas tiefergelegt. Deshalb fängt er auch keine hohen Bälle und ist im Tor allerhöchsten als dritter Pfosten zu gebrauchen. Im Turnen ist Rudi dagegen ein Ass. Er kann in einer Geschwindigkeit Purzelbäume schlagen, dass einem beim Zugucken schwindlig wird. Aber im Tor, da ist er eine Flasche. Da braucht er Stelzen, um an die hohen Bälle zu kommen.
Bei den meisten von uns ist es genau umgekehrt. Wir fischen fast jeden Ball von der Linie. Doch wenn wir Purzelbäume schlagen sollen, sehen wir immer aus wie umhereiernde Pflaumen.
Am meisten eiert dabei die Heidelbeere. Mit bürgerlichem Namen heißt sie Heidrun-Beatrice. Sie ist unsere Klassensprecherin und der geborene „Bewegungsidiot“. Mit Sport hat sie gar nichts am Hut. Das ist aber auch gleich ihr einziger Mangel. Sonst ist sie eine Schülerin, von deren Fleiß wir uns alle eine Scheibe abschneiden können. Meinen jedenfalls unsere Lehrer. Wir Schüler dagegen meinen, dass die Heidelbeere mit ihrer Arbeitswut mächtig übertreibt und dass selbst ein Streber gegen sie noch ein Faultier ist. Beweise dafür liefert uns die Heidelbeere regelmäßig. Auch an dem Morgen, an dem ich Bruno Barrikade vergeblich zu retten versuche.
Kaum bimmelt es wenig später in der Schule zur ersten Unterrichtsstunde, kommt Direktor Kittel ins Klassenzimmer gefegt und überbringt uns die Nachricht, dass unsere Musiklehrerin Frau Schrei erkrankt ist. Weil unser Direktor das bedauerlich findet, hat er eine sorgenvolle Miene aufgesetzt. Wir bekommen sofort sorgenfreie Mienen, denn wir finden die Nachricht toll. Weil Frau Schrei ja zu Hause im Bett liegt und uns deshalb schon mal nicht anstecken kann. Und es kommt noch besser. Da Direktor Kittel so schnell keinen Ersatz bekommen konnte, bekommen wir jetzt eine Freistunde. Wir sollen im Zimmer bleiben und uns leise verhalten und nicht den Unterricht der anderen stören.
Die ganze Klasse sitzt da, als hätte Direktor Kittel gerade von einer „Freustunde“ gesprochen. Bloß die Heidelbeere macht ein Gesicht, als hätte sie soeben eine Zwei plus verpasst bekommen und müsste zur Strafe dafür nun vier Wochen in den Stubenarrest.
Die meisten von uns wären ja schon mit einer Zwei minus zufrieden. Aber wenn man wie die Heidelbeere als Eltern zwei Ärzte hat, kommt eine Zwei plus einer Katastrophe gleich. Da muss mindestens eine Eins mit Sternchen her. Bei Ärzten ist das wohl so üblich. Dagegen bin ich echt ein Glückspilz. Mama arbeitet nämlich in einem Bäckerladen und Papa ist Bademeister in unserer Schwimmhalle. Da ist auch mal eine Drei erlaubt, wenn es nicht zum Dauerzustand wird. Ich habe mal heimlich beobachtet, wie die Mütter von Meerschweinchen-Klara und Pfannkuchen-Rosi die Köpfe zusammengesteckt und getuschelt haben: „Diese Heidrun-Beatrice ist wirklich sehr strebsam. Kein Wunder, dass das Kind so ist. Die Eltern färben ab!“ Ich habe lange darüber nachgedacht, ob Eltern abfärben können. Leider bin ich bis heute zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Einerseits, wenn das stimmt, dann müsste der Vater von Rudi ein Zwerg sein. Ist er aber nicht. Andererseits trägt Bernd haargenau denselben Scheitel wie sein Vater. Das Ganze ist eine wirklich komplizierte Angelegenheit, die mich wohl noch länger beschäftigen wird.
Aber jetzt zurück zur Heidelbeere. Die meldet sich plötzlich und sagt doch tatsächlich mitten in die Freude der Klasse hinein: „Können Sie uns für den verlorenen Unterrichtsstoff nicht ein paar sinnvolle Übungen geben, Herr Direktor?“ Direktor Kittel ist so überrascht, dass er erst mal schlucken muss. Und die ganze Klasse schluckt mit.
„Hat die eine Meise? Was gibt es denn Sinnvolleres, als eine Freistunde ohne Übungen?“, stöhnt Hannibal hinter mir und verdreht die Augen. Also, nicht der Hannibal von ganz früher. Der Hannibal hinter mir ist bloß sein Namensvetter. Die Eltern von Hannibal haben mal einen Film gesehen, wie der Hannibal von ganz früher die Römer verkloppt hat. Mit Pauken und Trompeten hat er sie in die Flucht geschlagen. Und Elefanten waren auch noch dabei. Das behauptet jedenfalls der Hannibal von heute stolz. Aber auf seinen Namen ist er nicht stolz. Eigentlich würde er viel lieber Max oder Moritz heißen, hat er mir unter vier Augen verraten. Hannibal ist ihm zu altbacken und zu kriegerisch. Daraufhin habe ich ihm gesagt, dass er froh sein soll, dass seine Eltern keinen Film über Donald Duck oder Pharao Thutmosis gesehen haben. Ich glaube, das hat ihn ein bisschen getröstet. Es ist wirklich ungeheuerlich, wie leichtfertig manche Eltern das Glück ihrer Kinder auf’s Spiel setzen. Fast so ungeheuerlich wie der Satz, den die Heidelbeere da gerade herausposaunt hat. Und Direktor Kittel lässt sich auch nicht lange bitten und ruft nach dem ersten Überraschungsanfall prompt in die Klasse: „Eine sehr löbliche Einstellung, Heidrun-Beatrice. Alle mal herhören. Ihr habt ja als nächstes Deutschunterricht bei eurer Klassenlehrerin Fräulein Lieblich. Fräulein Lieblich hat heute Geburtstag. Jeder sucht sich in seinem Deutschbuch ein Geburtstagsgedicht und lernt es bis zur nächsten Stunde auswendig. Und damit überrascht ihr dann Fräulein Lieblich. Ist das nicht eine prima Idee?“
Die Heidelbeere nickt erfreut. Und wir bewerfen sie mit giftigen Blicken.

Nicht, dass ich etwas gegen Gedichte hätte.
Wenn sie bloß nicht immer so furchtbar langweilig wären. Und kapieren tue ich sie meistens auch nicht. Mama sagt, Gedichte sind Poesie und Poesie ist Medizin für unsere Herzen. Mag ja sein. Aber mein Herz braucht so was nicht. Es ist kerngesund. Doktor Heilfroh kann das bezeugen. Er hat mir versichert, dass ich einen prima Herzschlag habe. Laut und kräftig wie eine stampfende Lokomotive. Und wie es scheint, haben auch die anderen in der Klasse starke gesunde Herzen, denn alle blättern nun mit Zähneknirschen und viel Gestöhn in ihren Deutschbüchern herum und suchen nach einem Geburtstagsgedicht für Fräulein Lieblich. Außer Heidrun-Beatrice natürlich. Die Heidelbeere hat längst das passende Gedicht gefunden und paukt eine Strophe nach der anderen. Ich werfe einen Blick in ihr aufgeschlagenes Buch. Na klar, eine Ballade. Was denn sonst?
Balladen sind der Hammer unter den Gedichten. Sie sind nicht nur meistens in einer grässlich altbackenen Sprache geschrieben, sie sind obendrein auch noch furchtbar lang. Wenn du eine Ballade vorträgst, musst du zwischendurch unbedingt immer mal auf der Stelle hüpfen. Sonst sind deine Schuhsohlen am Ende der Ballade garantiert mit dem Fußboden verwachsen und du kommst nicht mehr vom Fleck. Balladen sind wahrscheinlich ursprünglich als ausgefeilte Trainingsmethode für Hochspringer geschrieben worden – oder eben für Menschen mit kranken Herzen.
Sprunggewaltig ist die Heidelbeere nicht gerade. Ich habe sie mal beim Hochsprung erlebt und muss sagen: Entweder die Erdanziehungskraft wirkt bei ihr zehnmal stärker oder sie trägt Turnschuhe aus Blei. Ich glaube, jede Bowlingkugel kann höher hüpfen als sie. Bleibt also noch das Herz. Möglicherweise hat sie ja ein wirklich schlimmes Herzproblem.
Während ich mir gerade darüber so meine Gedanken mache, ertönt plötzlich neben mir ein leises unappetitliches Geräusch. Das gibt’s doch nicht, die Heidelbeere hat gerülpst, durchzuckt es mich wie ein Blitz. Heidrun-Beatrice, das angeblich vorbildlichste, anständigste und wohlerzogenste Kind an unserer Schule hatte jetzt einfach so gerülpst. Mitten im Unterricht! Auch wenn es nur eine Freistunde ist, ich bin schwer beeindruckt. So was hätte ich ihr niemals zugetraut. Ich werfe einen Rundumblick in die Klasse. Aber außer mir scheint niemand die Sensation bemerkt zu haben. Auch die Heidelbeere tut so, als wäre überhaupt nichts passiert. Kerzengerade wie eine Zaunlatte sitzt sie neben mir und brabbelt mit geschlossenen Augen ihre Ballade. Da rülpst es schon wieder! Und nun höre ich obendrein auch noch eine Stimme kichern: „Ups! Heilige Kacke! Was ist denn heute los?“ Hätte ich nicht bereits auf meinem Hintern gesessen, mit Sicherheit hätte es mich jetzt umgehauen. Die Heidelbeere steckt nicht dahinter, dass wird mir jetzt ziemlich schnell klar. Die leiert ja gerade in rekordverdächtigem Tempo eine Strophe nach der anderen herunter. Da kann sie unmöglich nebenbei noch andere Geräusche verursachen. Außerdem kommt mir die Stimme plötzlich sehr bekannt vor. Als ich das Poster von Bruno Barrikade trocken gewedelt habe, hat es in meinem Kopf genauso geklungen. Mir wird ganz komisch bei dem Gedanken, dass ich Stimmen höre, die außer mir niemand hört. Ich drehe mich um und frage Hannibal leise, ob er glaubt, dass man vom Postertrocknen eine Meise bekommen kann. Hannibal guckt mich an, als hätte ich hundertprozentig eine Meise und schüttelt den Kopf.
„Uff“, meldet sich da die Stimme erneut und ich bin mir jetzt fast hundertprozentig sicher, dass sie in meinem linken Ohr steckt. Doch bevor ich der Sache weiter auf den Grund gehen kann, klingelt es plötzlich und die Freistunde ist vorbei.
Wieso Freistunden immer viel schneller vergehen als Unterrichtsstunden ist mir wieder mal ein Rätsel. Rudi erklärt mir, dass das an den verschiedenen Eigenschaften der Stunden liegt, welche man schon an den Wörtern „Frei“ und „Unter“ ablesen kann. In einer Freistunde ist man frei und glücklich und die Zeit vergeht wie im Flug. In einer Unterrichtsstunde dagegen wird man unterdrückt. Da hat man nichts zu lachen und die Zeit wird zur Qual.
Im nächsten Moment kommt Fräulein Lieblich ins Klassenzimmer gerauscht und flötet gut gelaunt: „Guten Morgen, ihr Lieben. Ich hoffe, ihr hattet eine lehrreiche Freistunde. Direktor Kittel hat mir erzählt, dass ihr etwas vorbereitet habt. Und ich soll mich überraschen lassen. Na, da bin ich jetzt aber mal mächtig gespannt.“ Plumps, lässt sie sich auf die Polster von ihrem Lehrerstuhl fallen und blickt uns erwartungsvoll an. Wie immer in solchen Augenblicken, wo alle etwas sagen dürfen aber keiner etwas sagen will, ist es jetzt totenstill im Raum. Doch schon schnellt die Heidelbeere vom Stuhl hoch und alle atmen auf. Auf unsere Heidelbeere ist zum Glück Verlass. Sie spricht, im Gegensatz zum Rest der Klasse, gern und viel. Deshalb haben wir sie auch einstimmig zu unserer Klassensprecherin gewählt. Und auch diesmal werden wir nicht enttäuscht. Als sie mit ihrer Geburtstagsglückwunsch-Ballade fertig ist, ist die Unterrichtsstunde beinahe vorbei und wir anderen sind so gut wie gerettet. Fräulein Lieblich ist gerührt und verpasst der Heidelbeere eine Eins und viel Lob. Doch dann rutscht ihr Finger im Klassenbuch weiter abwärts und bleibt schließlich in einer Region hängen, in der es für mich ungemütlich wird. Mit einem Blick auf ihre Armbanduhr sagt sie: „Fünf Minuten haben wir noch. Edgar, dir fehlt noch eine Zensur. Lass uns doch bitte einmal hören, was du vorbereitet hast.“ In solchen Momenten wünsche ich mir immer, dass alle in meiner Klasse auch Edgar heißen mögen. Dann könnte ich nämlich einfach sitzen bleiben und so tun, als wäre ein anderer Edgar gemeint und mich ginge das alles nichts an. Aber leider haben Eltern nicht immer den gleichen Geschmack, wenn es um die Namen ihrer Kinder geht. Und wenn man großes Pech hat, haben sie dann kurz vor der Namensverleihung auch noch irgendeinen doofen Film gesehen, der dann alles noch schlimmer macht. So wie bei Hannibal. Das Pech habe ich zwar nicht, aber blöd ist es trotzdem, dass ich jetzt hier weit und breit der Einzige bin, der Edgar heißt. Mein Herz wummert mächtig und der Hals fühlt sich plötzlich furchtbar trocken an. Die Heidelbeere hat eben fast eine ganze Unterrichtsstunde lang ein Gedicht heruntergerattert und ich habe noch nicht mal einen Zwei-Minuten-Reim parat. Ich habe in meinem Deutschbuch einfach nichts Brauchbares gefunden. Nur wird mir Fräulein Lieblich das jetzt garantiert nicht glauben.

„Oh, Mann, das wird bestimmt eine Sechs minus geben“, seufze ich deprimiert. Da höre ich plötzlich in meinem linken Ohr wieder diese Stimme. Und ohne dass ich jetzt irgendwas dagegen tun kann, plappere ich ihr plötzlich automatisch nach:
„Fritzchen Frosch und Mia Mücke
kaufen sich eine Perücke.
Montag darf sie Mia tragen,
Dienstag will es Fritzchen wagen,
Mittwoch steht Mia in Locken,
Donnerstag lässt Fritz sie rocken,
Freitag geht die Mücke schick,
Samstag ist der Frosch im Glück.
Sonntag hängt sie an der Wand,
– da ist Glatzentag im Land.“
Die Klasse tobt und ich möchte am liebsten ganz schnell im Erdboden versinken. Was für eine Blamage! Etwas Unpassenderes gibt es ja wohl kaum, um Fräulein Lieblich zum Geburtstag zu gratulieren. Weshalb habe ich bloß die doofe Stimme nachgeäfft? Und wieso höre ich sie überhaupt? Oder bilde ich mir das vielleicht alles bloß ein und es gibt sie gar nicht? Aber woher kommt dann dieses alberne Gedicht? Ich kenne es doch überhaupt nicht! Und wie kann ich etwas aufsagen, wovon ich doch eigentlich keinen blassen Schimmer habe?
„Das Gedicht steht ja gar nicht im Deutschbuch!“, ruft die Heidelbeere und zieht einen Schmollmund. Klar, steht es nicht da drin. Es kommt ja aus meinem linken Ohr, denke ich zerknirscht.
„Das ist Unfair! Wir sollten Gedichte aus dem Deutschbuch nehmen“, mault die Heidelbeere weiter. Typisch! Sie will immer die Klassenbeste sein und gönnt niemand anderem den Ruhm. Nicht mal, wenn er so peinlich ist, dass sich die ganze Klasse darüber scheckig lacht. Nur Fräulein Lieblich ist jetzt ganz still. Wahrscheinlich hat es ihr die Sprache verschlagen. Doch plötzlich klappt sie das Klassenbuch zu und murmelt: „Mit der Benotung, das überlege ich mir noch. Komm doch nach der Hofpause bitte mal zu mir ins Lehrerzimmer, Edgar. Ich habe etwas mit dir zu bereden!“ Dann rauscht sie aus dem Zimmer und ich falle wie ein nasser Sack auf meinen Stuhl zurück. Ich kann mir schon denken, was sie mit mir zu bereden hat. Das gibt einen saftigen Eintrag ins Elternheft. Was denn sonst?
Auf dem Schulhof bin ich jetzt ein Star.
Mein schräges Geburtstagsgedicht für Fräulein Lieblich ist Gesprächsthema Nummer eins. Wie ein Lauffeuer hat sich die Neuigkeit in der ganzen Schule verbreitet. Ich bin plötzlich der Hingucker. Alle starren mich an, als hätte ich nicht wie Bernd bloß einen, sondern gleich zehn Scheitel auf dem Kopf. Die Mädchen tuscheln und kichern und die Jungs grinsen mir hinterher. Rudi und Bernd laufen neben mir wie zwei Bodyguards. Fehlt bloß noch, dass ich jetzt Autogramme geben muss. Es ist ganz schön anstrengend, eine Berühmtheit zu sein.
Ich verkrieche mich auf der letzten Bank im hintersten Winkel vom Schulhof. Hier habe ich ein bisschen Ruhe. Nur nicht vor Rudi. Der nervt schon die ganze Zeit über mächtig.
„Habt ihr gesehen, wie der Heidelbeere vor Überraschung der Mund runtergeklappt ist? Die war ja total sprachlos. Ich hätte nie geglaubt, dass ihr so was mal passieren würde. Dass du ein Gedicht ohne zu Stocken aufsagen kannst, das hat sie dir garantiert nicht zugetraut“, schwärmt er.
„Ich mir auch nicht!“, knurre ich zurück und grüble immer noch über die Stimme in meinem Ohr nach. „Sagt mal, hat euch schon mal jemand angesprochen, der eigentlich gar nicht da ist?“, zische ich leise. Es muss ja nicht jeder wissen, dass ich Stimmen höre.
„Ist bei dir ‘ne Schraube locker?“, platzt Rudi erschrocken hervor. Ich seufze.
„Wenn ich das bloß wüsste.“ Bernd zuckt mit den Schultern. „Das ist doch nichts Besonderes. In der Klapsmühle von meinem Onkel finden jeden Tag solche Gespräche statt. Da unterhalten sich die Verrückten ständig mit irgendwelchen unsichtbaren Typen.“
Na toll! So weit ist es also mit mir gekommen. Ich bin verrückt. Ich bin reif für die Klapsmühle. Und wie zur Bestätigung krächzt es im nächsten Augenblick erneut in meinem Ohr: „Verflixt, ist das klebrig hier. Autsch! Jetzt bin ich ausgerutscht. Igitt, was für eine Pampe! Eine Schweinesuhle ist nichts dagegen!“
„Oh nein, da ist die Stimme schon wieder“, stöhne ich panisch. Rudi rutscht neugierig an mich heran. „Echt? Und was sagt sie?“
„Sie meckert über den Dreck in meinem linken Ohr.“
„Die Stimme kommt aus deinem linken Ohr? Cool, zeig mal her“, sagt Bernd und leuchtet mit seiner Minitaschenlampe in mein Ohr.

Das ist sehr unangenehm, denn Bernd kriecht fast mit hinein. Er ist ein bisschen kurzsichtig und sieht nur richtig gut, wenn er mit der Nase fast drauf stößt. Deshalb sitzt er bei Frau Schrei im Musikunterricht auch immer ganz hinten. Damit er „das Elend“ vorn nicht sehen muss. Es reicht ihm vollkommen, wenn er es hört. Am liebsten wäre er in Musik auch noch taub. Aber Hören tut er ausgezeichnet. Und manchmal ist das ja auch sehr wichtig. Zum Beispiel, wenn man sich in einer Leistungskontrolle mal etwas vorsagen lassen muss. Und Bernd muss sich in Musik sehr oft sehr viel vorsagen lassen. Weil er auf musikalische Bildung keinen Wert legt. Wenn es ihn auf die Opernbühnen diese Welt ziehen würde, wäre das was anderes. Aber er will später mal Pilot oder Müllfahrer werden. Und für so was brauche er kein musikalisches Gemüt, behauptet er.
Doch im Moment sagt er nichts. Im Moment schnauft er nur und verrenkt sich neben mir nach allen Seiten, um auch wirklich jeden Winkel meiner Ohrmuschel auszuleuchten. Von Weitem muss es aussehen, als würden wir zwei gerade eine ziemlich komplizierte Yoga-Übung aufführen. Ich halte zähneknirschend still und hoffe, dass uns jetzt niemand dabei beobachtet. Ich bin nicht scharf auf noch mehr doofe Bemerkungen.
Schließlich lässt Bernd die Lampe wieder in seiner Hosentasche verschwinden und ächzt enttäuscht: „Da sitzt ein fetter Klumpen Ohrenschmalz. Aber sonst ist nichts zu sehen.“
„Was hast du denn gedacht?“, knurre ich zurück. „Dass ich einen Mann im Ohr sitzen habe?“ Bernd nickt. „Wieso nicht? Bei meinem Onkel in der Klapsmühle gibt es einen, der hat sogar eine ganze Blaskapelle im Ohr. Jedes Mal wenn sie losspielt, reißt der Typ den Mund auf und die Musik kommt wie aus einem Lautsprecher hervorgescheppert. Vielleicht ist es ja bei dir ähnlich. Aber in deinem Ohr kann man ja leider nichts erkennen. Der Gehörgang ist dicht wie ‘n verkorkter Flaschenhals. Da hat die Stimme vollkommen Recht, wenn sie über den Dreck in deinem Ohr meckert. Moment mal! Woher weiß die Stimme eigentlich, dass dein Ohr zugemüllt ist? Das kann sie doch nur wissen, wenn sie Augen zum Sehen hat. Und wenn sie Augen hat, bedeutet das folglich, dass sie nicht bloß als Stimme in deinem Kopf existiert, denn eine Stimme hat keine Augen“, kombiniert Bernd.
„Sie hat nicht nur Augen, sie hat auch Beine. Sie ist nämlich in meinem Ohr ausgerutscht“, grummle ich und schaffe es damit zum zweiten Mal an diesem Tag, dass bei jemandem der Mund herunterklappt. Diesmal ist es Rudi, der sich nicht einkriegt. Er zieht sich bis zum Ende der Bank zurück und stöhnt: „Mann, das wird mir jetzt aber langsam echt unheimlich. Hoffentlich ist das nicht ansteckend. Kann man sich gegen so was impfen lassen?“
„Kann man nicht. Sonst wäre der Typ mit der Blaskapelle im Ohr ja nicht in der Klapsmühle gelandet“, murmelt Bernd düster und schafft es damit, mir auch noch das letzte Fünkchen Hoffnung zu nehmen, dass es vielleicht doch nicht so schlimm ist.
Wenig später stehe ich vorm Lehrerzimmer und überlege, ob ich jetzt echt da reingehen soll.
Unser Lehrerzimmer ist nämlich neben dem Direktorenzimmer der bedrohlichste Ort für uns Schüler. Weil dort die Lehrer meistens in geballter Ladung vorkommen. Schon einzelne Lehrer sind ja für einen Schüler nur schwer zu verkraften. Wo Lehrer aber in Massen auftreten, da wird’s erst richtig ungemütlich.
Auch hinter dieser Tür ist das so. Da brennt dauernd die Luft. Das Telefon klingelt unablässig, irgendwer hämmert Schriftstücke in eine Computertastatur und von allen Seiten hetzen die Lehrer zum Kopierer hin oder in die entgegengesetzte Richtung davon. Jeder Schüler, der sich in dem Chaos blicken lässt, läuft echt Gefahr, totgetrampelt zu werden. Und falls man es doch irgendwie schafft, wieder lebend da rauszukommen, hat man plötzlich irgendeinen doofen Auftrag am Hals, wie Unterrichtsmaterialien austeilen oder Schülerlotsenvertretung. In unserem Lehrerzimmer herrscht ein Gewusel wie in einem Ameisenhaufen. Bloß, dass die Ameisen hier größer sind und dauernd Aufgaben verteilen.
Ganz anderes dagegen ist es im Zimmer vom Direktor Kittel. Da ist es so still wie in einer Friedhofsgruft. Leider fühlt man sich dort auch begraben wie in einer Gruft. Deshalb heißt dieser Raum unter uns Schülern auch: die Todeszone. Wer da hinein muss, der ist mindestens ein Schwerverbrecher und eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Dort werden die „ganz schlimmen Fälle“ behandelt und verurteilt. Strafen wie Schulverweise oder Elterneinladungen sind das Mindeste. Manchmal gibt es noch drei Wochen Tafeldienst oder Papier aufsammeln auf dem Schulhof als Zugabe obendrauf. Welche Strafe man kriegt, weiß man vorher nie. Das kommt daher, weil die Strafen von Lehrern gemacht werden und die meisten Dinge die Lehrer tun, für uns Schüler völlig unlogisch sind.
Genauso unlogisch wie jetzt die Tatsache, dass mich Fräulein Lieblich ins Lehrerzimmer bestellt hat. Obwohl sie doch wissen müsste, dass es dort für mich höchst gefährlich werden kann. Aber vielleicht habe ich ja Glück und es ist gerade niemand drin. Dann kann ich mich schnell wieder verziehen und keiner darf hinterher behaupten, ich wäre ein Feigling und hätte mich bloß vor der Gefahr gedrückt.
Doch meine Hoffnung hält nur kurz an. Kaum habe ich an die Tür gepocht, ruft jemand von drinnen: „Herein.“ Die Stimme erkenne ich sofort. Sie gehört unserem Direktor. Ich wundere mich ein bisschen, wieso sich unser Direktor im Lehrerzimmer aufhält. Denn eigentlich gehört er ja ins Direktorenzimmer und demzufolge genauso wenig hierher wie ich. Aber wo er schon mal hier ist, will ich ihm einen hochachtungsvollen Gruß entbieten, so, wie es sich für einen braven Schüler gehört. Man weiß ja nie, ob es sich nicht hinterher mal auszahlt, wenn man einer Führungskraft höflich begegnet. Und unser Direktor Kittel ist ja sogar die oberste Führungskraft an unserer Schule.

Er ist der „Big Boss“ und steht über uns allen an der Spitze. Danach kommen die Lehrer. Dann Hausmeister Schlüsselbund, unser Küchenbulle Frau Aufessen und unser Putztäufelchen Fräulein Besenrein. Die stehen wiederum in der Hackordnung über den Schildkröten aus dem Schulzoo und den Schnecken und Käfern im Salatbeet vom Schulgarten. Darin sind sich alle einig. Da braucht man hier mit niemandem drüber zu diskutieren. Nur, wo wir Schüler stehen, ist noch nicht ganz klar.
Einige von uns meckern rum, wir Schüler kommen immer ganz zum Schluss. Wir sind der letzte Arsch im Glied. Andere dagegen finden, dass das so nicht stimmt. Weil wir wichtig sind. Wenn es uns nicht gäbe, könnten sie den Laden hier nämlich dichtmachen. Ich persönlich glaube ja, ein bisschen haben alle Recht und die Wahrheit liegt wohl eher in der Mitte.
Doch als ich nun ins Lehrerzimmer trete, zerbreche ich mir über so etwas natürlich nicht den Kopf. Ich nicke unserem Direktor freundlich zu und grüße ihn mit den Worten:
„Wenn zur Weise sich der greise
Weise dreht auf schräge Weise,
weiß die weiße weise Waise,
er hat’s wieder mit dem Steiße.“
Direktor Kittel starrt mich an, als wäre ich irgendeine übernatürliche Erscheinung und ich merke, wie ich einen knallroten Kopf bekomme. Was war denn das jetzt? Schon wieder so ein peinlicher Aussetzer! Ich wollte doch bloß sagen: „Guten Tag, lieber Herr Direktor! Ich hoffe, ihnen geht es gut. Grüßen Sie Ihre Frau schön von mir!“ Doch stattdessen plappere ich irgendwelchen Schwachsinn. Was ist bloß mit mir los?
In meinem linken Ohr meldet sich wieder die Stimme und jubelt: „Yippie!“ Und dafür habe ich jetzt bloß eine Erklärung: Ich bin reif für die Klapsmühle!
Während ich darüber nachgrüble, wie ich nun aus der peinlichen Nummer wieder herauskomme, schallt plötzlich Beifall durchs Zimmer und Fräulein Lieblichs Stimme zwitschert: „Na, was sagst du jetzt? Habe ich dir zuviel versprochen, Bernhard? Edgar hat ein unglaubliches Talent. Glaubst du mir jetzt, dass er der Richtige ist?“ Direktor Kittel nickt und lächelt verschmitzt. Die Überraschung in seinem Gesicht ist wie weggeblasen. Dafür sitzt bei mir der Schreck jetzt umso tiefer. Was meint Fräulein Lieblich jetzt bloß? Wofür bin ich der Richtige? Und was für ein Talent soll das sein? Bis jetzt bin ich auch ganz gut ohne Talent klargekommen. Und eigentlich hatte ich auch in Zukunft nicht vor, mit irgendeinem Talent in Verbindung gebracht zu werden. Denn hast du erst mal eins, wirst du es nie wieder los. Dann haftet es an dir, wie Hundekacke an deiner Schuhsohle. Überall musst du es mit herumschleppen und vorzeigen. So ein Talent ist eine Last, die ich nicht gebrauchen kann. Deshalb war ich bisher auch froh, keins zu besitzen. Und jetzt das: Ein Talent hat sich klammheimlich an mich rangemacht. Und seine Folgen bekomme ich auch gleich zu spüren. Fräulein Lieblich taucht hinter einem Bücherstapel auf, sieht mich mit leuchtenden Augen an und flötet: „Wir würden uns sehr freuen, wenn du am Lyrischen Abend teilnehmen und dort deine Klasse vertreten würdest. Was hältst du davon, Edgar?“
Ich weiß nicht, ob der Schock über mein unverhofftes Talent daran Schuld ist oder wieder die Stimme in meinem Ohr. Aber anstatt eines klaren: Nein danke! Ich bin doch nicht bekloppt! Nehmt doch die Heidelbeere!, kommt wieder so ein Mist aus meinem Mund:
„Alphabet mal anders:
Vier Hexen wollen Rudern geh’n,
die Jüngste heißt Sybille.
Die Älteste liebt Speisequark,
die Schönste trägt ‘ne Brille.
Die Letzte, die heißt Muh-Muh-Muh,
da ist es fast kein Wunder,
dass sie auch schwer ist wie ‘ne Kuh,
so geht das Boot rasch unter.“
Fräulein Lieblich und Direktor Kittel sind begeistert.
„Willkommen im Team. Wir gratulieren dir zu deiner löblichen Entscheidung. Unser Lyrischer Abend ist zwar nicht die Nobelpreisgala, aber ein guter Anfang. Er kann für dich der Beginn einer großen Karriere werden“, sagt Direktor Kittel hocherfreut und kugelt mir beim Händeschütteln fast den Arm aus.
„Ja, nur den Besten wird diese Ehre zuteil. Selbstverständlich habe ich dir für dein schönes Gedicht von vorhin ein „sehr gut“ mit Sternchen ins Klassenbuch eingetragen“, trällert Fräulein Lieblich und strahlt mich an. Und ich werde irgendwie das Gefühl nicht los, dass es bis zum Literaturnobelpreis jetzt echt nicht mehr weit sein kann.

Der Lyrische Abend findet in jedem Jahr an unserer Schule statt.
Er ist ein Höhepunkt unseres Schülerlebens, sagen die Lehrer. Was aber falsch ist, weil es in einem Schülerleben gar keine Höhepunkte gibt. Vielmehr gibt es massenhaft Tiefpunkte. Wie Zeugnisausgaben, Leistungskontrollen, das Schulessen, Musikunterricht bei Frau Schrei – die Aufzählung ließe sich endlos fortführen.
Da unsere Schule schon sehr alt ist, ist auch der Lyrische Abend nicht mehr ganz jung. Was ihm aber nichts ausmacht, weil er eine lang Tradition hat und Traditionen müssen lang sein, weil man sie sonst nicht ernst nimmt. Unser Lyrischer Abend hat eine sehr lange Tradition, hat uns Direktor Kittel erläutert und seiner ehrfürchtigen Miene nach zu urteilen, müssen auch schon Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe hier aufgetreten sein.
Wie immer beginnt auch in diesem Jahr der Lyrische Abend mit den Vorbereitungen. Hausmeister Schlüsselbund holt von überall Stühle zusammen und sperrt sie in einen besonderen Raum. Der Raum ist sehr prunkvoll. An der Decke hängen riesige Kronleuchter und die Fensterscheiben sind aus buntem Glas. Sogar eine Orgel gibt es. Es ist fast wie in einer Kirche. Nur, dass es hier keine Empore gibt, von wo aus unser Direktor auf uns Schüler herabpredigen kann. Wenn Direktor Kittel seine Predigten hält, steht er an einem Rednerpult auf einer kleinen Bühne. Deshalb heißt der Raum auch nicht Kirche sondern Aula. Ich persönlich finde Aula ja etwas unpassend, weil die Bezeichnung eher nach einem Speichelprodukt klingt. Prunkhalle oder Luxuskabuff wäre hier meiner Meinung nach angebrachter. Aber mich fragt ja keiner. Schülermeinungen sind an unserer Schule leider meistens nur in Leistungskontrollen gefragt.
Nachdem Hausmeister Schlüsselbund genügend Stühle eingesammelt hat, schleppt er haufenweise Kartons vom Dachboden in die Aula. In den Kartons ist so ziemlich alles drin, was man für einen Lyrischen Abend so braucht. Kerzen und Kerzenleuchter, Bankett-Tischdecken, Plasteblumen, ein Buchständer, ein Mikrofon, Korkenzieher, Flaschenöffner Mottenkugeln und Fliegenspray. Einen ganzen Tag braucht Hausmeister Schlüsselbund für den Transport. Weil er nur zwei Hände hat und nicht hexen kann, wie er sagt. Aber beim Konzertflügel holt er sich noch ein paar Hände aus den oberen Klassen dazu. Die stärksten Jungs müssen mit anpacken und den Flügel aus dem Musikzimmer in die Aula rollen. Leider ist noch keiner drauf gekommen, ihn gleich für immer dort stehen zu lassen. Dann müsste er nie wieder hin und her gerollt werden und wir hätten endlich Ruhe im Musikunterricht, weil Frau Schrei uns damit nicht länger quälen könnte.
Nicht nur Hausmeister Schlüsselbund hat Vorbereitungen zu treffen. Auch unsere Eltern tragen Verantwortung. Sie müssen für die Beköstigung sorgen. Kuchen, Plätzchen, Kartoffel- und Nudelsalate, Würstchen, Schmalzbrote, Pizzen, gebratene Hühnerkeulen – alles wird gebraucht. Weil Lyrik anstrengend ist und hungrig macht. Und weil wir sonst nichts auf den Bankett-Tischen stehen hätten. Denn leere Bankett-Tische sehen nicht besonders stimmungsvoll aus und wir brauchen eine stimmungsvolle Umgebung, damit wir die „aufwühlende Kraft der Lyrik erspüren können“. Sagt jedenfalls Direktor Kittel in seiner Eröffnungsrede. Ich habe ihn zufällig dabei belauscht, als er sie einstudiert hat – wie immer auf dem Jungsklo, vor dem großen Spiegel überm Waschbecken.

Es waren sehr viele Worte, die er gesprochen hat und die meisten davon habe ich nicht kapiert. Aber das ist bei unserem Direktor nichts Neues. Seine Reden sind für uns Schüler immer schwer verständlich. Er könnte sie auch auf Indonesisch halten oder uns das Telefonbuch rückwärts aufsagen, es wäre dasselbe. Aber Direktor Kittel stört sowas nicht, Hauptsache er kann reden und die Schüler sperren ihre Ohren weit auf.
Hannibal meint, dass es keinen Zweck hat, sich darüber weiter aufzuregen, weil es unser Schicksal ist. Ein Direktor ist das Oberhaupt und somit der Chef der Schule und darf reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und wir Schüler sind seine Untertanen und müssen die Ohren aufsperren. So läuft das nicht nur an Schulen, so funktioniert das ganze Leben: Der Kopf spricht und der Arsch hört zu.
Am Lyrischen Abend aber ist Direktor Kittel mal nicht die Hauptperson, jedenfalls sagt er das in seiner Rede. Stattdessen stehen wir, die Vortragenden, im Rampenlicht. Nun sind zur Abwechslung wir mal die Leittiere der Schülergemeinde.
Meerschweinchen-Klara hat sich vor Lachen ausgeschüttet, als ich ihr das erzählt habe. Dann hat sie gesagt, dass ich auf meine Figur aufpassen soll, weil Leittiere schnell dick werden. Sie hätte da so ihre Erfahrungen. Ich wusste sofort, wen sie meint. Rambo nämlich. Rambo ist der Anführer ihrer Meerschweinchenherde. Deshalb steht Rambo in der Hackordnung ganz vorn und frisst immer zuerst. Und erst, wenn er satt ist, dürfen die anderen an den Futternapf. Ein Leittier muss beim Fressen mit niemandem teilen, deshalb hat es Überbreite, hat mir Klara erklärt. Aber ich glaube, hier täuscht sie sich. Leittiere sind nicht automatisch dick. Und wer dick ist, ist nicht automatisch ein Leittier. Wenn es anders wäre, dann müsste ja beim Lyrischen Abend auch Pfannkuchen-Rosi mit auf der Bühne stehen. Die hat schließlich mehr Überbreite als die meisten von uns.
Seit ich der Bildungselite unserer Schule angehöre sind Rudi und Bernd schwer beeindruckt.
Rudi sagt, er hätte nie gedacht, dass ich es mal so weit bringen würde. Weil ich doch in Deutsch bis jetzt immer so eine Niete war. Und Bernd erinnert mich an unseren Schwur, dass wir alles teilen wollen und dass alle Preise, die ich beim Lyrischen Abend abräume, somit durch drei gehen.
Die Heidelbeere dagegen ist stinksauer, als sie Wind von meinem kometenhaften Aufstieg bekommt. Sie hatte fest damit gerechnet, selber ins Lyrik-Kompetenzteam befördert zu werden. Schließlich ist sie Klassenbeste und Schülersprecherin dazu und eine solch löbliche Doppelbelastung könne ja wohl niemand sonst vorweisen, schimpft sie aufgebracht. Hannibal hält dagegen, dass das noch lange kein Grund sei, sich so aufzublasen. Er mache schließlich auch nicht so ein Theater, obwohl er sogar eine Dreibfachbelastung zu verkraften hätte. Einmal durch den Unterricht, dann hinterher auf dem Bolzplatz und am Abend schließlich auch noch zu Hause, wo er seinen Eltern ständig die miserablen Zensuren beibringen müsse, klärt er uns auf. Aber das lässt die Heidelbeere nicht gelten. Sie sagt, wenn er nicht so faul wäre, hätte er auch keine Unterrichtsbelastung und bessere Zensuren. Und wenn es einer verdient hätte, unsere Klasse beim Lyrischen Abend zu vertreten, dann doch wohl nur jemand mit ihren Qualitäten.
Daraufhin geht die Heidelbeere zu den Mädchen und meckert dort weiter rum – wieso mir Fräulein Lieblich für mein Gedicht eine Eins mit Sternchen geben konnte, während sie selber nur eine einfache Eins bekommen hat. Und dann motzt sie noch: Ein solch unterirdisch schlechtes Gedicht wie meins, hätte sie das letzte Mal im Kindergarten in der Krabbelgruppe gebrabbelt. Und weiter, dass Fräulein Lieblich wohl nicht richtig hingehört habe, sonst hätte sie mein Gestotter ganz bestimmt nicht so gut benotet. Aber die Mädchen lässt das kalt. Besonders Pfannkuchen-Rosi. Die zuckt nur mit den Schultern. Wenn es nicht um Pfannkuchen geht, hat Rosi auch keine Meinung. Und Meerschweinchen-Klara hat zwar eine Meinung. Aber die behält sie lieber für sich. Weil Frauen kleine Geheimnisse haben müssen. Das macht sie attraktiver, hat sie mir etwas später anvertraut und mich dabei ganz komisch angelächelt.
Beim Abendessen dann fällt mir das Wort attraktiv wieder ein und ich frage gleich mal nach, was es bedeutet. Mama erklärt mir, dass man es beispielsweise sagt, wenn jemand einen sehr gepflegten Eindruck macht und immer gut gekleidet ist. Dann spricht man von einer attraktiven Person.
„So wie Frau Stöckelschuh aus dem Nachbarhaus?“, frage ich.
„Richtig, Frau Stöckelschuh ist so eine attraktive Person“, bestätigt mir Mama und ich kapiere, dass attraktiv dasselbe ist wie aufgedonnert. Denn Papa nennt Frau Stöckelschuh immer: Aufgedonnertes Modepüppchen. Manchmal gibt es eben für ein und dieselbe Sache gleich mehrere Bezeichnungen – auch das habe ich längst kapiert. Beispielsweise nennt Mama mich immer „Edgarchen“, wenn sie mich ruft. Papa dagegen nennt mich „mein Großer“. Stella findet, „Blödmann“ passt am besten zu mir. Und Malte plärrt meistens „Ägar“, wenn er mich meint.
Oder nehmen wir mal die Heidelbeere. Die heißt ja eigentlich Heidrun-Beatrice. Doch Direktor Kittel nennt sie mitunter auch „Vorbild“, unser Sportlehrer Triller dagegen meistens „steife Gurke“ und wir Schüler sagen „Streberin“ zu ihr oder „blöde Ziege“ oder „liebe Heidrun“, je nachdem, was wir gerade von ihr wollen. Welche Bezeichnung man wählt, hängt immer von der Wertschätzung ab, die man einer Sache oder einer Person gegenüber empfindet. Je größer die Wertschätzung, umso liebenswerter das Wort.
Bei der Heidelbeere genieße ich derzeit eine unterirdisch geringe Wertschätzung. Seit sie Wind davon bekommen hat, dass ich unsere Klasse beim Lyrischen Abend vertreten soll, nennt sie mich bloß noch Doofplapper. Aber da stehe ich drüber. Es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel Pfannkuchen-Rosi beim Felgumschwung. Eigentlich ist es ein lustiger Anblick, wenn Rosi wie ein aufgehängter Sitzsack an der Reckstange baumelt. Solange man nicht selber mit ran muss. Wenn aber unser Sportlehrer Triller ruft: „Jungs, helft doch der Rosi mal beim Schwung holen!“, dann wird’s Schwerstarbeit und wir haben hinterher meistens blaue Flecken und Muskelkater. Da lebt man als Doofplapper doch wesentlich gesünder. Und Gesundheit ist bekanntlich ein kostbares Gut. Das bekomme ich jedenfalls regelmäßig von Mama zu hören. Nämlich immer dann, wenn ich vom Spielen nach Hause komme und gerade mal nicht besonders attraktiv aussehe. Dann macht Mama jedes Mal ein Riesenfass auf und schimpft, dass es ein Wunder sei, dass bei mir noch alles heil geblieben ist, wo ich doch wieder aussehe, wie von einer Gerölllawine überrollt. Und dann sagt sie meistens noch, ich solle ein bisschen mehr auf mich achtgeben und meine Gesundheit nicht immer so leichtfertig aufs Spiel setzen.
Neulich erst hat sie wieder damit angefangen.
„Wie kann man nur auf die duselige Idee kommen, bei Tauwetter zu rodeln?“ hat sie gerufen. Und ich habe mich verteidigt und gesagt: „Pah, das bissel Dreck und die paar Schrammen. Wenn der Schnee weg ist, dann ist Rodeln eben etwas problematisch. Da hättest du erst mal Hannibal sehen sollen. Der hat hinterher mit seinen Schlittschuhen sogar noch ein paar Runden im Goldfischteich gedreht. Mama hat entsetzt den Kopf geschüttelt und gesagt, dass wir unbelehrbar wären und wenn wir erst mal richtig krank würden, was sie uns niemals wünscht, dann würden wir sie schon verstehen.
Nein, über Gesundheit kann man mit meiner Mutter echt nicht diskutieren. Deshalb mache ich jetzt auch gar nicht erst meine Klappe auf, als Mama sich plötzlich zu mir über den Abendbrottisch beugt und ruft: „Findet ihr nicht auch, dass unser Edgarchen krank aussieht? Es hat ja fast keine Farbe mehr im Gesicht. Irgendwas stimmt nicht mit dem Jungen!“
Was soll denn mit mir nicht stimmen? Der Tag eines Schülers ist hart und entbehrungsreich. Da sieht man eben so aus, wenn man ihn überstanden hat, denke ich, sage aber nichts dazu. Papa blinzelt mich kurz an und brummelt: „Wenn etwas mit unserem Großen nicht stimmt, dann wird er es uns schon erzählen. Schließlich hat er ja einen Mund zum Reden.“ Ich nicke und hoffe, dass das Thema damit jetzt durch ist. Aber wie immer, wenn es um die Gesundheit geht, lässt sich Mama so schnell nicht stoppen.
„Fühlst du dich nicht gut? Ist etwas mit dir, Edgarchen?“, bohrt sie weiter und lässt nun ihren berühmten Kummerblick auf mich niedergehen. Ich schüttle den Kopf und will nun doch etwas sagen, nämlich: Mach dir keine Sorgen. Mir geht es super. Ich bin heute aufgrund außergewöhnlicher Leistungen in meiner Muttersprache ins Team der Vortragenden zum Lyrischen Abend erwählt worden. Und solche Leistung kann man schließlich nur erbringen, wenn man topfit ist. Doch stattdessen kommt jetzt aus meinem Mund:
„Auf meiner Luftmatratze
hockt eine fette Katze,
sie presst und zieht ‘ne Fratze.
Jetzt seufzt sie auf und wird ganz dünn
- oh, Mann, ich glaub, ich platze!“

Danach denkt niemand mehr ans Abendessen. Stella wirft sich fast weg vor Lachen. Malte will auf der Stelle die fette Katze sehen. Mama starrt mich entgeistert an und Papa stammelt verblüfft: „Äh, wie war das eben? Könntest du das bitte noch mal wiederholen?“
Eigentlich will ich jetzt gar nichts mehr sagen. Aber wie von selbst öffnet sich mein Mund erneut und schon höre ich mich die unglaublichen Worte sprechen:
„Ob Rocker, Zocker, Stubenhocker,
alle tragen Knickebocker.
Bloß Lügen haben keine,
die haben kurze Beine.“
„Fieber! Er hat Fieber! Unser armes Edgarchen“, ruft Mama erschrocken und stürzt ins Badezimmer zum Medizinschrank, um das Fieberthermometer zu holen.
Nein, ich habe kein Fieber! Daran ist bloß die doofe Stimme in meinem Ohr schuld, versuche ich die Sache klarzustellen. Doch auch das geht schief. Diesmal sage ich:
„Dem Hüpfspecht sind Hüpfburgen recht,
auf Schaukeln wird ihm immer schlecht.
Das sagt doch schon der Name – echt,
sonst hieße er ja Schaukelspecht!“
Der Rest des Abends ist schnell beschrieben. Natürlich zeigt das Thermometer kein Fieber an, trotzdem muss ich sofort ins Bett. Mama will den Notarzt anrufen. Papa meint, das wäre übertrieben und man solle nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen. Wahrscheinlich wäre ich bloß ein bisschen überarbeitet und er könne ja mal Direktor Kittel anrufen und ihn fragen, ob es nicht ein bisschen viel ist, was uns Kindern in der Schule an Unterrichtsstoff zugemutet wird. Direktor Kittel ist aber gerade nicht erreichbar. Und da Mama der Meinung ist, dass sie doch irgendwas tun müssten, ruft sie nun die Praxis von Doktor Heilfroh an und vereinbart gleich für den kommenden Tag einen Arzttermin für mich.
The free sample has ended.