Read the book: «Die Heimat in uns»
Jenny Green
DIE HEIMAT IN UNS
Roman
© 2020
édition el!es
www.elles.de info@elles.de
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-318-0
Coverfotos:
iStock.com/AnirutKhattirat
iStock.com/stickasa
1
August 2019
Der Kaugummi in ihrem Mund schmeckte schal. Wie alles in diesem Moment.
Ein leises Rauschen surrte durch die Luft, durch ihre Adern und Nervenbahnen.
Flattriges Herz.
Der leise Sonnenaufgang verdrängte nur allmählich die Geister der Nacht. Fehlende Gardinen gewährten dem Licht freie Bahn. Doch alles in ihr blieb schwarz.
Ein letzter Blick an die Wand, dann rollte sie sich mit letzter Kraft zur Seite, richtete sich auf, saß jetzt auf der einsamen Matratze im spärlich eingerichteten Raum und atmete Schwere aus.
Greta rieb sich die Augen, die Lider brannten. Alles schien noch so unwirklich. Das Leben und der Tod gleichermaßen. Dass sie heute hier sitzen würde, in der ihr nicht vertrauten Wohnung, in diesem Land, in dieser Stadt, erschien ihr genauso unbegreiflich wie der Grund, warum sie hier war.
Sie war hier, weil jemand anderes nicht mehr hier war. Hier in dieser Stadt, in diesem Land, auf dieser Welt.
Tränen sammelten sich erneut in ihren Augen, ihr Blick verschwamm.
Der Tod war bisher ein Thema gewesen, das sie wenig interessiert hatte. Das Leben und die Freiheit waren viel interessanter. Wir werden alle sterben, das war klar, doch dass der Tod so schnell Raum in ihrem Leben finden würde, damit hatte sie nicht gerechnet.
Dass Oma Hannelore mit ihren sechsundneunzig Jahren wahrscheinlich keine vier oder fünf Amtszeiten amerikanischer Präsidenten mehr erleben würde, so gut oder schlecht sie auch sein mochten, war jedem mit gesundem Menschenverstand klar.
Doch dass sie nun nicht mehr da sein würde, traf Greta mit voller Wucht. Dass ein Mensch, der ging, eine Lücke hinterließ, hielt sie bisher für eine Floskel, doch diese Lücke hatte sich nun auch in ihr Leben gefressen, und Greta spürte mit einem Mal, dass dies alles andere als eine Floskel war.
Sie hatten sich in den letzten Jahren wenig gesehen, doch die Zeit, die sie gemeinsam hatten, war ihnen immer heilig gewesen. Sie waren Verbündete, egal wie groß die räumliche Distanz zwischen ihnen auch sein mochte.
So harsch Oma Hannelore zu ihrer eigenen Tochter und vielen anderen Menschen in ihrem Umfeld sein konnte und oftmals auch war, so innig war das Verhältnis zu ihrer einzigen Enkelin. Manche mochten sie eine eigenwillige, exzentrische alte Frau nennen, doch Greta kannte ihren weichen Kern.
•••
Leichenschmaus.
Was war das eigentlich für ein absurdes, morbides Wort? Jede Faser von Gretas Körper sträubte sich dagegen, das Gasthaus zu betreten, in dem die Trauergemeinde nach der Beerdigung zusammensaß, um sich die Bäuche vollzuschlagen und auf die Verstorbene zu trinken.
Sie lehnte mit dem Rücken an der Wand, zog an ihrer Zigarette und lies den Rauch wieder aus ihrem Körper strömen. Ein kleiner Rückfall nach vier Jahren Abstinenz. Wäre sie an allen anderen Tagen von sich selbst maßlos enttäuscht gewesen, in diesem Moment war es ihr völlig gleichgültig.
Ihr Blick schweifte über den vertrauten Dorfplatz hinüber zum alten Kastanienbaum, an dem sie als kleines Kind immer gestanden und einen Stock hoch in den Blätterwald geworfen hatte, um dann in Windeseile alle Kastanien, die zu Boden fielen und den Berg hinab zur Hauptstraße kullerten, einzusammeln. Stundenlang hatte sie dieses Spiel wiederholt.
Voller Stolz hatte sie anschließend taschenweise ihren Schatz nach Hause getragen, den ihre Mutter geduldig im Heizungsraum hatte trocknen lassen, wohlwissend, dass so viele Kastanienmännchen gar nicht gebaut werden konnten. Doch sie tat es, weil es Greta glücklich gemacht hatte.
Sie hatte eine unbeschwerte Kindheit gehabt, die sie selbst mit zahlreichen Abenteuern gefüllt hatte. Sie war umhergezogen, hatte Hütten im Wald gebaut, hatte mit ihrer Fantasie aufregende Welten geschaffen und war abends glücklich und dreckverschmiert pünktlich zum Abendessen wieder nach Hause gekommen.
Schon damals hatte sie die Freiheit wie ein Schwamm in sich aufgesogen, hatte es kaum ausgehalten, länger als nötig zuhause zu sitzen. Immer hatte es sie nach draußen gezogen, raus in die Welt, die so viel für sie bereitzuhalten schien, und sie wollte jedes Wunder, jeden unbekannten Winkel entdecken, nichts versäumen.
Den Geschichten ihres Großvaters hatte sie gelauscht. Von fernen Ländern und fremden Kulturen, die er, als er noch zur See gefahren war, kennengelernt hatte. Seine Erzählungen hatten Greta so in den Bann gezogen, dass sie sich bereits als kleines Kind geschworen hatte, diese Länder eines Tages zu entdecken. Freiheit zu spüren, genau wie es ihr Großvater getan hatte. Vielleicht nicht auf einem Schiff, aber sie würde ihren eigenen Weg gehen.
Und genau dieser Drang nach Freiheit hatte sie schließlich von hier weggezogen. Raus aus dem kleinen, beengten Dorf in die große Stadt und schließlich in die weite Welt, als ihr selbst die Stadt zu klein wurde. Nur nicht gebunden sein an Konventionen oder in allzu engen Beziehungen, die sie hätten ausbremsen können.
Hierher zurückzukommen wirbelte in ihr natürlich einerseits schöne Gefühle auf, doch im anderen Moment hatte sie den Eindruck, dass diese Gefühle unter einem schweren Deckel immer wieder vergraben würden wie in einem schwelenden Kessel.
Die Trauer tat ihr Übriges, und zum ersten Mal seit langem fühlte sie sich einsam und verloren.
Greta kämpfte wie so oft an diesem Tag gegen den Kloß in ihrem Hals, gegen die aufsteigenden Tränen, als sich plötzlich eine Hand sanft auf ihre Schulter legte.
»Ich dachte, du könntest vielleicht jemanden zum Anlehnen brauchen.« Klaras sanfte und in diesem Moment doch leicht raue, belegte Stimme war wie Balsam auf Gretas Seele.
Greta wischte sich mit einer schnellen Handbewegung die Tränen aus den Augen. Sie versuchte ein Lächeln, als sie Klara ansah, doch sie merkte gleich, dass ihr das nicht wirklich gelang. »Woher wusstest du, dass . . .?« Ihre Stimme brach.
Klara sah sie fragend an. »Woher wusste ich was?«
Greta atmete immer noch unruhig. »Dass ich einfach nur hier weg will.«
»Ich hatte da so eine Ahnung«, lächelte Klara aufmunternd und zuckte die Schultern. »Der Fluchtwagen steht bereit.« Klara wies zur Straße, griff nach Gretas Hand und zog sie mit sich.
Der Lärm, der aus der Gastwirtschaft nach draußen drang, das wilde Durcheinander der vielen Gespräche, das Klirren und Scheppern von Geschirr, das Weinen eines kleinen Kindes verquoll zu einem dicken Brei, der mit jedem Schritt, den sie sich entfernten, langsam leiser und gedämpfter wurde.
Doch das Rauschen in ihrem Kopf blieb.
2
Breslau, 1. Weihnachtsfeiertag 1944
Hannelore hatte das Gefühl, als tauchte sich der Himmel in ein immer tieferes, dunkleres Grau. Die Wolken bäumten sich bedrohlich über ihnen auf und schienen die Stadt zu verschlingen. Es war bitterkalt geworden in den letzten Tagen. Der Schnee türmte sich mittlerweile meterhoch in den Straßen der Stadt.
Mit den letzten Resten Kohle und Holz, deren Vorrat erschreckend schnell zu Ende ging, konnten sie wenigstens noch den kleinen Kachelofen im Wohnzimmer heizen, um den sich nun alle in dicke Decken gehüllt drängten.
Tante Margot, die sonst so lebensfrohe und quirlige Schwester ihrer Mutter, saß zusammengekauert in der Ecke und sah Hannelores Mutter mit großen, angsterfüllten Augen an, während sie leise, sodass sie auch ja niemand außerhalb der Wohnungsmauern hören konnte, murmelte: »Angeblich stehen die russischen Truppen nicht einmal mehr zweihundert Kilometer vor Opeln. Der Gustav hat es mir gestern gesagt, und der wiederum hat es bereits von vielen seiner Kollegen gehört.«
Hannelore hörte ihrer Tante leise zu. Sie war in den letzten Tagen oft selbst durch die Stadt gelaufen, hatte überall die Ohren gespitzt, hatte jeden noch so kleinen Informationsfetzen aufgesaugt. Die Wehrmachtsberichte und Durchhalteparolen in den Zeitungen sagten ihnen nicht die Wahrheit, da war sie sich sicher. Die Wahrheit lag irgendwo zwischen den Gerüchten, die unter vorgehaltener Hand ausgetauscht wurden und die langsam wie ein dichtes Spinnennetz die Stadt überzogen.
Hannelore hatte auch gehört, dass man vor wenigen Tagen der Abschreckung wegen einen Mann erschossen hatte, weil er Gerüchte in der Stadt verbreitet hatte. Vor aller Öffentlichkeit, vor Frauen und Kindern.
Kaum einer wagte es mehr, öffentlich den Mund aufzumachen, doch hinter vorgehaltener Hand, in versteckten Ecken und Verschlagen, in Hausfluren und Hinterhöfen, bahnten sich die Geschichten doch ihren Weg, weil sie die Menschen innerlich zu zerfressen drohten.
Unterhielt man sich auf offener Straße für alle mithörbar, so beschränkten sich die Gespräche auf das Wetter oder darüber, was man aus den letzten Vorräten noch kochen könnte. Ahnungslosigkeit heucheln, als würde man sich für dumm verkaufen lassen.
Vor dem Fenster zogen immer wieder Flüchtlinge mit ihren vollbeladenen Bauernwagen vorbei. Angeblich kamen sie aus der Gegend östlich von Ratibor. So sprach es sich zumindest herum.
»Gustav meinte, wir sollen uns möglichst bald überlegen, wohin wir gehen wollen«, flüsterte Tante Margot eindringlich weiter. »Er sagt, wir sind hier nicht mehr lange sicher.«
Hannelores Mutter sah erschrocken auf. »Wohin sollen wir denn gehen? Überall herrscht Krieg.« Sie drückte die kleine Elisabeth noch enger an sich. Das kaum ein paar Monate alte Kind wusste noch gar nicht, in welch schreckliche Welt es geboren worden war und welch schreckliches Schicksal es bereits auf seinen kleinen Schultern trug. »Das hier ist doch alles, was wir haben! Das ist unser Zuhause!«
Elisabeth war ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Immer wenn Hannelore in das Gesicht ihrer Tochter sah, wurde sie schmerzlich daran erinnert, dass Elisabeth ihren Vater wahrscheinlich nie kennenlernen würde. Sie würde ohne Vater aufwachsen müssen.
Als sie die Nachricht erhalten hatte, dass Ernst vermisst werde, hatte sie fast ein Jahr lang inständig gehofft, doch noch Nachricht von ihm zu bekommen. Doch alles blieb still, und die Hoffnung, ihn noch einmal zu sehen, starb jeden Tag ein Stück mehr.
Sie hatten nur noch sich. Drei Frauen und ein unschuldiges kleines Kind blickten dem Schrecken vor ihren Fenstern angstvoll entgegen und wussten, dass sie nun noch enger zusammenrücken mussten.
3
August 2019
»Du kannst doch nicht so einfach von der Trauerfeier verschwinden. Was sollen die Leute denken? Ich habe dich überall gesucht.«
Greta schnaubte verächtlich. »Du meinst das scheinheilige Getue, den Klatsch und Tratsch, der ausgetauscht wird, über den lauthals gelacht wird, kurz nachdem die Verstorbene unter der Erde liegt? Sollen sie doch denken, was sie wollen. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig.«
Gretas Mutter legte das Geschirrtuch beiseite, stützte sich an die Küchenzeile und sah Greta an. »Deine Großmutter hätte sich gefreut.«
Greta schüttelte den Kopf. »Oma ist tot. Außerdem hätte sie es verstanden. Sie mochte diese komischen Traditionen doch selbst nicht.«
»Wie du meinst.« Gretas Mutter setzte ihre Arbeit fort, um sie kurz danach doch noch einmal zu unterbrechen. »Wir haben übrigens übermorgen einen Termin beim Nachlassgericht. Hannelores Testament wird eröffnet. Kannst du das bitte einrichten?«
Greta ließ sich schwer auf die alte, hölzerne Eckbank fallen, angelte über den Tisch nach der Kaffeekanne und goss ihre Tasse bis zum Rand voll.
Ihr Vater warf ihr einen flüchtigen Blick über den Zeitungsrand zu, ehe er sich wortlos in den nächsten Artikel vertiefte. Mehr als ein Brummen hier und da hatte er der aufgeladenen Stimmung zwischen den Frauen nicht hinzuzufügen. Er wusste, wann es besser war zu schweigen.
»Muss ich denn unbedingt dabei sein?«, seufzte Greta.
»Tu es nicht für mich, tu es für deine Großmutter«, erwiderte Gretas Mutter resigniert. Sie wirkte müde. Dunkle Augenringe zeichneten ihr Gesicht.
»Gut, schön, ich werde da sein«, gab Greta nach und leerte ihren Becher in Windeseile.
Als sie gerade nach ihrem Rucksack greifen und aufstehen wollte, trat ihre Mutter an den Tisch, zog einen Stuhl heran und setzte sich zu ihrer Tochter. Dabei rieb sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Hüfte, die ihr schon so lange Probleme bereitete. Doch einen Arzt aufzusuchen, hielt sie für völligen Humbug. Das eine Wehwehchen hie und da war schließlich bei einer fünfundsiebzigjährigen Frau nichts Ungewöhnliches und kein Grund zur Panik. Lieber biss sie die Zähne zusammen, bevor sie ihrem Stolz nachgab. Das bisschen Rückenschmerzen war doch nicht der Rede wert.
Eindringlich sah Elisabeth ihre Tochter an, was Greta dazu bewog, den Rucksack wieder loszulassen und sich, wenn auch widerwillig, noch einmal zu setzen. Fragend sah sie ihre Mutter an.
»Und danach?«
»Was meinst du?«
»Willst du danach gleich wieder weg?« In Elisabeths Augen spiegelte sich Kummer.
Greta benötigte etwas Zeit, ehe sie antworten konnte. Doch eine wirkliche Antwort hatte sie nicht. »Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, wie es weitergehen wird. Vielleicht, ja. Keine Ahnung.«
Sie hatte ihre Zelte überstürzt in Kanada abgebrochen, ihr weniges Hab und Gut gepackt und hatte sich hineingestürzt in den Strudel aus Ungewissheit, Trauer und Bodenlosigkeit, sodass jeglicher Gedanke an die Zukunft, sei es die nahe oder die ferne, bisher keinen Platz darin gehabt hatte.
»Willst du nicht etwas länger bleiben? Wir würden uns so freuen. Nicht wahr, Johann?«
Und in der Tat legte Gretas Vater jetzt doch die Zeitung zur Seite und nickte zustimmend. »Hier ist es doch auch schön. Woanders ist es doch auch nicht besser.«
»Hier in Winterberg?« Kaum hatte sie es ausgesprochen, baute sich erneut das Gefühl von Enge in Greta auf, das sie nur allzu gut kannte.
»Du musst ja nicht gleich zurück ins Dorf ziehen. Aber du hast doch jetzt die kleine Wohnung in der Stadt. Das wäre immerhin nicht so weit weg von uns.«
»Ich . . . ich weiß nicht«, stammelte Greta. »Ich muss erst einmal einen klaren Kopf bekommen, bevor ich entscheide, wie es weitergeht.«
»Lass dir Zeit«, brummte Gretas Vater. »Wenn du etwas brauchst, wenn wir dich unterstützen können, dann lass es uns wissen.«
Greta winkte ab. »Macht euch keine Sorgen, ich habe Ersparnisse, und ich will euch nicht zur Last fallen. Und ich kann euch nichts versprechen.« Doch seine Fürsorge rührte sie.
Elisabeth versuchte ein Lächeln, doch Greta sah ihr an, welche Sorgen ihre Mutter plagten.
»Wir sehen uns übermorgen«, schob Greta ihre Verabschiedung an. »Ich will jetzt einfach nur noch ins Bett. Seid mir nicht böse.«
4
Breslau, 30. Dezember 1944
Gustav hatte die wenigen Habseligkeiten der Frauen auf seinen alten Karren gepackt, dem die Frauen nun schweigend hinterhereilten. Keine von ihnen wagte einen letzten Blick zurück. Zu schmerzhaft wäre der Blick auf ihr verlorenes Zuhause gewesen. Ein Blick zurück hätte sie vielleicht doch noch einmal zweifeln lassen.
Ihnen hatten sich zwei weitere Familien angeschlossen, die nun mit Gustavs Hilfe den Abschiedsmarsch zum nächsten Bahnhof antraten, von wo aus sie ein Zug über Prag ins sichere, aber unbekannte Bayern bringen sollte.
Die Angst war übermächtig, doch sie hatten keine andere Wahl. Sie glaubten Gustav, der in der Stadt gut vernetzt war, dass dies eine der letzten wenigen Chancen war, sich in Sicherheit zu bringen.
Während sie ihr Zuhause und die so vertraute Umgebung verließen, erstickte Angst und Kummer jegliches Wort. Nur das Knirschen des Schnees unter ihren Schuhen und das Quietschen der Wagenräder durchbrachen die Stille.
Trauermusik.
Erst als sie völlig erschöpft nach stundenlangem Marsch durch die Eiseskälte den rettenden Bahnsteig erreichten, wagte Hannelore, sich das erste Mal umzublicken. Elisabeth hatte sie dick eingewickelt eng an sich gedrückt, damit sie nicht fror.
Der Wind heulte über den Bahnsteig, auf dem sich vermummte Gestalten gegen das dichte Schneetreiben zu schützen versuchten. Gesichter waren kaum zu erkennen. Die Mützen tief ins Gesicht gezogen, die Mantelkrägen nach oben geschlagen.
In den vergangenen Stunden hatte sie lediglich funktioniert. Wie eine Maschine war sie stur nach vorn geschritten, hatte weder nach links noch rechts geblickt, und schon gar nicht hatte sie den anderen Menschen, die sich ihrem kleinen Tross angeschlossen hatten, Aufmerksamkeit geschenkt. Nur das Ziel zählte.
Sie wollte nicht daran denken, was sie zurückließ. Sie wollte nicht den kleinsten Gedanken daran verschwenden, dass sie ihre Heimat, so wie sie sie kannte, womöglich nie wiedersehen würde. Ihre einzigen Gedanken galten dem kleinen Geschöpf auf ihrem Arm, das es zu beschützen galt.
Nein, Hannelore hatte sich kein einziges Mal umgesehen.
Bis jetzt.
Die Gruppe, die sich ihrem Tross angeschlossen hatte, stand dichtgedrängt zusammen. Sie verschwammen zu einem schneebedeckten, zitternden Häufchen.
Doch plötzlich löste sich aus dem Gedränge eine kleine, zierliche Gestalt. Wirre blonde Locken umspielten das zarte, von der Kälte gerötete Gesicht.
Die Stimmen der Wartenden um Hannelore herum verschwammen. Und mit einem Mal war es still. Nur ihr wummernder Herzschlag pulsierte in ihren Ohren.
Genau wie damals.
Damals, als sie diese gleichzeitig zarte und wilde Frau auf einer Feier eines ehemaligen Schulkameraden das erste Mal gesehen hatte, wie sie auf den Holztreppen im Treppenhaus sitzend lässig an ihrer Zigarette gezogen und den Rauch in die flackernde Dämmerung geblasen hatte, während im Stockwerk über ihr hitzige Tanzmusik nach draußen dröhnte.
Damals, als sich ihr Herzschlag in einem Sekundenbruchteil mit dem Wummern der Musik vereint und sie dieses Gefühl, das sie noch nie zuvor verspürt hatte, verwirrt in die tanzende Menge getrieben hatte.
Die tanzende, aufgeheizte Menge hatte sie verschlungen. Aufforderungen zum Tanz ließ sie links liegen, klammerte sich an das Glas, das ihr ein attraktiver junger Mann in die Hand gedrückt hatte, während ihr Blick an der Eingangstür verweilte, durch die die schöne Unbekannte nun das Geschehen betrat.
Sie erweckte den Eindruck, zugleich unerreichbar und doch erreichbar zu sein. Die jungen Männer bedachte sie mit einem bezaubernden Lächeln, doch ihre Avancen, die ihr von allen Seiten zuteil wurden, erwiderte sie nicht weiter.
Dennoch schien sie die Aufmerksamkeit zu lieben, ließ sich geradezu von ihr tragen und lachte dabei das schönste Lachen, das Hannelore jemals zuvor gesehen hatte.
Sie konnte ihren Blick nicht von dieser wunderschönen Frau abwenden.
Und dann, als sich ihre Blicke trafen und verweilten, verlor Hannelore jegliches Gefühl für Zeit und Raum.
Wie dieser Abend hätte verlaufen können, diese Frage hatte sie sich nicht nur einmal gestellt. Denn in jenem Moment, übermannt von einem Rausch an Gefühlen, der ihr vor allem Angst einflößte, hatte sie in Windeseile und kopflos den Ort des Geschehens verlassen und war allein in die laue Sommernacht verschwunden.
Weg von ihr.
Doch sie hatte sie eingeholt.
5
August 2019
»Einen Espresso, bitte. Extra stark. Doppelt und tiefschwarz.«
Ein sanfter Windstoß trug herrlich warmen Sommerduft in die kleine Küche. Raschelnde Blätter des Ahornbaums vor dem Fenster sangen eine leise Melodie. Das geöffnete Fenster mit seinem schönen alten Holzrahmen schaukelte von der Melodie getragen leicht auf und zu.
Greta hatte ihren Kopf seitlich auf die kühle Tischplatte gelegt, sie betrachtete die Welt in Schieflage. Und endlich passte das reale Bild zu ihrem inneren Bild des aktuellen Weltgeschehens.
Ein Stuhl wurde zurückgezogen, und Klara setzte sich zu ihr an den Tisch, den Kopf ebenfalls auf die Tischplatte legend, um ihrer Freundin in die Augen sehen zu können.
Sie mochten ein komisches Bild abgeben in diesem Moment, aber wen sollte es stören?
Greta forschte in ihren Erinnerungen nach Momenten, in denen sie sich genauso haltlos und schwermütig gefühlt hatte wie in diesem Augenblick. Doch sie konnte sich an keinen vergleichbaren Moment erinnern. Noch nie hatte etwas ihre Welt so aus den Angeln gehoben.
Sie hatte tagelang geweint, bis die Tränen versiegt und eine Leere die Trauer verdrängt hatte. Sie fühlte sich wie ausgekotzt.
»Deine Großmutter hat immer so von ihrer Enkelin geschwärmt, die hinaus in die Welt gezogen war und sich den Abenteuern des Lebens gestellt hatte. Sie war so stolz auf deinen Tatendrang und deine Neugierde. Durch deine Geschichten und Erzählungen hatte sie das Gefühl, selbst all die wunderbaren Orte bereist zu haben. Dich so zu sehen, würde ihr das Herz brechen.«
»Aber sie sieht mich nicht mehr. Es gibt kein Herz mehr, das ich brechen könnte.«
Ein harter Boxhieb traf Gretas Schulter, und sie zuckte zusammen.
»Glaubst du wirklich, Hannelore möchte, dass du dich so hängenlässt? Dass du deinen Tatendrang verlierst? Sie war es doch immer, die dich ermutigt hat, deinen Sehnsüchten nachzugehen. Nichts zu versäumen.«
Greta rieb sich die Schulter und richtete sich leise vor sich hingrummelnd auf. »In mir ist kein Tatendrang. Ich spüre keine Kraft, mich aufzuraffen. Ich will mich auch gar nicht aufraffen. Das bringt doch alles sowieso nichts.«
Klara richtete sich ebenfalls auf und stützte ihre Ellbogen auf den Tisch. »Das ist völlig in Ordnung. Für jetzt. Für heute. Für die nächsten Tage. Aber dann musst du aufstehen, dich schütteln, nach vorn sehen. Dein Leben geht weiter, Greta!«
»Alles ist aus den Fugen geraten. Ich hatte ein Leben, in dem ich glücklich war. Ich habe mich endlich nach langer Zeit wohlgefühlt, hatte mir vorstellen können, an einem Ort endlich länger zu bleiben. Und jetzt? Plötzlich ist nichts mehr wie vorher. Ich bin hier und habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Ich habe überhaupt keinen Plan.«
Klaras Gesichtsausdruck wurde ernst. »Ich finde es sehr schön, dich nach der langen Zeit wieder hierzuhaben. Auch wenn ich weiß, dass das nicht von Dauer sein wird.«
»Meine Eltern haben mich auch schon gefragt, ob ich nicht länger bleiben will.«
Klara schob die noch volle Tasse Kaffee von sich. »Und was hast du ihnen gesagt?«
Greta zuckte die Schultern. »Das gleiche wie dir. Ich weiß es nicht. Es ist, als hätte ich den Faden verloren. Egal ob ich daran denke, hierzubleiben oder nach Kanada zurückzugehen, nichts scheint in diesem Moment plausibel. Ich kann gerade keine Entscheidung treffen.«
»Du kannst die Wohnung mindestens ein Jahr lang zur Untermiete haben, das weißt du. Vorher wird Helena nicht aus Australien zurückkehren. Was das angeht, musst du dir also keinen Druck machen.«
Greta nickte und versuchte ein Lächeln, als sie Klara ansah. »Fürs Erste bleibe ich hier. Ich versuche, nichts zu überstürzen und schaue einfach, wie sich die nächsten Wochen entwickeln.« Dann griff sie über den Tisch nach Klaras Hand. Sie lag warm und weich in ihrer, als sie sagte: »Ich freue mich doch auch, dich endlich wiederzusehen. Und ich bin sehr dankbar, dass du an meiner Seite bist. Dass du es die ganze Zeit warst und jetzt noch umso mehr.«
•••
Greta hielt den kleinen alten Holzkoffer fest an sich gedrückt, als sie im Wartezimmer des Notars auf ihre Eltern wartete. In ihr drehte sich alles. So sachlich der Notar auch aus dem Testament ihrer Großmutter zitiert hatte, so aufwühlend war jedes einzelne Wort für Greta gewesen.
Ein unangenehmer Termin.
Nachdem Greta im letzten Willen ihrer Großmutter bedacht worden war, wurde sie gebeten, im Wartezimmer Platz zu nehmen, bis alles Weitere, das lediglich ihre Eltern betraf, geregelt worden war.
Mit weichen Knien hatte sie den Raum zögernd verlassen.
Ihre Gedanken fuhren Karussell und überschlugen sich ein ums andere Mal. Hannelore hatte dem Notar kurz vor ihrem Tod einen kleinen Koffer anvertraut, der ihn nun an Greta übergeben hatte. Dazu hatte er ein paar Worte ihrer Großmutter verlesen, die ihr bedeuteten, dass sie den Inhalt des Koffers vertraulich und allein öffnen sollte. Mehrmals hatte Hannelore dies in der Nachricht an sie betont, sodass keine Zweifel an ihrem Willen aufkommen konnten.
Ihre Mutter schien bei jedem Wort ein Stückchen mehr in ihrem Stuhl zusammenzusinken. Die Farbe war langsam aus ihrem Gesicht gewichen.
Greta hatte das den vergangenen anstrengenden Tagen zugeschrieben. Zudem hatte der August zu einer erneuten Hitzewelle ausgeholt, die die Luft in den Räumen wie eine Wand stehen ließ. Hitze hatte ihre Mutter noch nie allzu gut vertragen.
Nach wenigen Minuten schien es ihrer Mutter auch wieder besser zu gehen, doch immer wieder warf sie einen prüfenden Blick auf den Koffer, den Greta auf ihrem Schoß abgelegt hatte. Ihre Hände lagen oben auf, um ihren Schatz, das letzte Geschenk ihrer Großmutter, zu hüten.
Als Greta schließlich das Zimmer verließ, folgte ihre Mutter ihr mit einem durchdringenden Blick, der Greta unweigerlich innerlich zusammenzucken ließ.
Nervös rutschte sie nun auf dem Stuhl hin und her. Sie saß allein in dem kleinen Wartebereich. Nur das Ticken der Wanduhr erfüllte den Raum.
Greta war kurz davor, ihrem Drang nachzugeben und aufzuspringen, als sich die Tür öffnete und ihre Eltern erschienen, die sie mit mattem Gesichtsausdruck ansahen.
Doch in Elisabeths Blick funkelte noch etwas anderes, das Greta nicht sofort greifen konnte. »Was ist los?«, fragte sie ihre Mutter umgehend, als ihre Eltern auf sie zu kamen. »Geht es dir wieder besser?«
»Lass uns jetzt einfach gehen«, entgegnete ihre Mutter kurzangebunden, schüttelte dem Notar ein letztes Mal mit versteinerter Miene die Hand und verschwand schnurstracks ins Treppenhaus.
Greta und ihr Vater folgten ihr wortlos.
Draußen angekommen hatte sich ihre Mutter auf die Bank vor dem Haus gesetzt und schien nach Luft zu japsen.
Schnell waren Johann und Greta bei ihr.
Greta kniete vor ihr nieder und sah sie sorgenvoll an. »Mama, was ist denn los? Brauchst du etwas?«
Elisabeth atmete schwer ein und aus, dann blieb ihr Blick erneut auf dem Koffer haften, den Greta neben sich auf dem Kopfsteinpflaster abgestellt hatte. »Willst du ihn wirklich allein aufmachen?«
»Es war Omas ausdrücklicher Wille«, entgegnete Greta. »Sie wird ihre Gründe gehabt haben.«
Elisabeth sah hoch in den blau-weißen Sommerhimmel. Dann verdunkelte sich ihre Miene schlagartig. »Das war sicher wieder eine ihrer Schnapsideen«, fauchte sie. »Nicht einmal jetzt kann sie Frieden geben.«
Johann und Greta sahen sie erschrocken an.
»Warum willst du denn in der Vergangenheit kramen?«, fügte Elisabeth noch hinzu, dann rappelte sie sich schwerfällig auf. »Hannelore ist tot, kann die Vergangenheit nicht endlich ruhen?« Mit jedem Wort wurde ihr Ton schärfer.
Greta schluckte schwer. Sie wusste nicht, was in ihre Mutter gefahren war.
»Komm, Johann, wir fahren, ich muss mich hinlegen.« Ohne eine Antwort abzuwarten stand Elisabeth auf und zog Johann am Oberarm mit sich.
Er schenkte seiner Tochter einen letzten entschuldigenden Blick, ehe sie ohne ein Wort des Abschiedes um die Ecke zum Parkplatz verschwanden und Greta allein und ratlos zurückließen.
Erst jetzt bemerkte Greta, dass sie anscheinend die Luft angehalten hatte. Sie atmete aus, um sogleich wieder nach Luft zu schnappen. Was sollte das eben? Warum war ihre Mutter so aufgebracht?
Und gleichzeitig regte sich neben dem Unverständnis auch Wut in ihr. Wut auf etwas, von dem sie anscheinend keine Ahnung zu haben schien. Etwas, das zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter geschehen sein mochte, als Greta nicht hier war.
Aber sie würde es herausfinden, ob ihre Mutter es wollte oder nicht. Nun war ihre Neugierde auf das im Koffer Verborgene erst recht geweckt.
Entschlossen griff sie nach dem Henkel, machte kehrt und marschierte in Richtung der nächsten Bushaltestelle, ohne sich noch einmal umzusehen.
6
Zwischen den Grenzen
Das gleichmäßige Rattern des Zuges hatte die kleine Elisabeth, die in Margots Armen lag, langsam in einen sanften Schlaf gewogen. Sie wusste zum Glück nicht, was um sie herum passierte. Die Anstrengung des Tages hatte dennoch ihren Tribut gefordert und äußerte sich in langen Weinkrämpfen Elisabeths, die an den Nerven aller zerrten, so sehr man Rücksicht auf die Kleinsten unter ihnen nehmen wollte.
Hannelores Rücken schmerzte. Das lange Sitzen auf den Holzbänken, die jedes Holpern des Zuges in alle Winkel des Körpers übertrugen, machte sie mürbe.
Der Zug war bis auf den letzten Platz besetzt. Sogar auf dem Boden, zwischen all den Habseligkeiten, hatten sich die Menschen gedrängt. Hauptsache weg, egal wie, hatten sich viele gedacht und sich in den vollen Zug geschoben.
Hannelore konnte keine Sekunde länger sitzen. Sie stand auf, bot einem Mädchen, das neben ihr auf dem Boden kauerte, ihren Platz an und stieg über alle Hindernisse hinweg, bis sie einen kleinen freien Platz fand, auf dem sie ein paar Schritte hin und her gehen und sich strecken konnte.
Sie war erfüllt von grenzenloser Müdigkeit, doch das Adrenalin, das ständige Auf-der-Hut-Sein hielten sie in einem nervösen Wachzustand.
Hannelore hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sie wusste nicht, wie lange sie bereits unterwegs waren, noch, wie viele Stunden vor ihnen lagen, ehe sie ihr rettendes Ziel erreichten. Wie es danach weitergehen sollte, stand ohnehin in den Sternen.
Um die aufkeimende Angst vor dem Ungewissen zu unterdrücken, zwang Hannelore sich, einen Schritt nach dem anderen zu unternehmen. Sie würde alles auf sich zukommen lassen, und erst dann würde sie sich über den nächsten Schritt Gedanken machen. So hatte sie es sich zumindest vorgenommen. Aber was waren Pläne in diesen Zeiten schon wert? Es ging nur noch darum, zu überleben und sich so gut es ging nicht verrückt machen zu lassen.
Sie betrachtete all die Menschen um sich herum. Alte Großmütter, junge Frauen und deren Kinder. Die meisten Passagiere waren Frauen. Nur wenige Männer waren unter den Reisenden. Viele waren an der Front, viele vermisst oder gefallen.
All die Soldaten, die ihr Leben riskieren mussten, wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, wohin ihre Frauen und Kinder flüchteten.
Hannelore dachte erneut an Ernst, und ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals. Und wenn er doch noch nach Hause zurückkehrte? Würde er nach ihnen suchen und sie finden?
»Darf ich?«
Hannelore schreckte aus ihren Gedanken auf. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie Gesellschaft bekommen hatte. Als sie aufsah, blieb ihr Blick an diesen tiefblauen, faszinierenden Augen hängen, die sie nicht zum ersten Mal aus dem Konzept brachten.
Auch wenn die Strapazen selbst an ihr nicht spurlos vorbeizugehen schienen, war der Glanz in ihren Augen doch geblieben.
Hannelore nickte und machte einen kleinen Schritt zur Seite, sodass die Frau sich neben sie stellen und sich ebenfalls an der Trennwand zwischen den Abteilen anlehnen konnte.
Sie folgte Hannelores Blick und ließ ihn über die Mitreisenden schweifen. »Sieh uns an. Wer hätte das vor einem halben Jahr noch gedacht? Wir dachten, uns würde nichts aus der Bahn werfen.« Ihre Stimme klang fest, beinahe unerschütterlich. »Ich bin übrigens Ilse«, fügte sie hinzu, und ein leises Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie Hannelore ansah.
»Hannelore«, erwiderte sie knapp. Ihr Mund fühlte trocken an.
»Ich weiß«, sagte Ilse und zwinkerte.
Fragend sah Hannelore sie an.
»Damals, als ich dich auf der Feier bei Jakub das erste Mal gesehen habe, wollte ich wissen, wer dieses Mädchen ist, das so Hals über Kopf verschwand. Denk nicht, dass mir das nicht aufgefallen wäre.«
Hannelore wurde heiß. »Ich . . . ich war noch anderweitig verabredet.«
Ilse nickte. Doch ihr Lächeln verriet, dass sie Hannelore kein Wort glaubte.
Eine Weile standen sie nur nebeneinander und schwiegen. Die schneebedeckte Landschaft zog im Eiltempo an ihnen vorbei. Immer wieder durchbrachen lediglich kleine Dörfer die Tristesse.
»So schrecklich all das hier ist, alles, was uns und diesen Menschen hier passiert, so gibt es doch einen kleinen Lichtschimmer, der mich all das mit leiser Hoffnung ertragen lässt.« Ilse sprach so leise, dass Hannelore angestrengt hinhören musste, um jedes ihrer Worte zu verstehen.
Sie sah Ilse von der Seite an. Die Locken fielen ihr wirr ins Gesicht. Sie betrachtete ihre Lippen, während sie sprach, und die kleinen Grübchen, die sich auf ihren Wangen abzeichneten. Es bedurfte keiner ausgesprochenen Worte, nur eines Blickes, um Ilse zu zeigen, dass sie wissen wollte, was dieser Hoffnungsschimmer wäre.
Doch Ilse schenkte ihr nur ein letztes Lächeln. Und als sie sich von der Wand abstieß, um zu gehen, berührte ihre Hand kurz Hannelores und hinterließ ein sanftes Kribbeln, das noch anhielt, als Ilse bereits wieder in der Menge verschwunden war.
7
Der laue Sommerabend hüllte Greta in eine warme Umarmung. Letzte Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Blättermeer des Baumes, unter dem sie Platz genommen hatte.
Sie hatte Glück. Der kleine Hinterhof, der von allen Bewohnern des Hauses, in dem vor allem Studenten wohnten, genutzt werden durfte, war heute ausnahmsweise friedlich leer. Keine andere Menschenseele hatte sich hierher verirrt. Heute war er ihre kleine Oase.
Der leise Singsang der Vögel, das Vibrieren der aufgeheizten Luft und der leichte Hauch kühlerer Luft, der sich dazumischte, schienen sie zu erden. Das erste Mal, seit sie hier angekommen war, hatte sie das Gefühl, frei atmen zu können.
Greta lehnte ihren Kopf gegen die Rinde des Baumes und schloss die Augen. Ihr Körper hatte förmlich nach Ruhe geschrien, als sie nach Hause gekommen und den Koffer in ihrem Zimmer abgestellt hatte. Entgegen ihrer fast überschäumenden Neugierde, den Inhalt des Koffers sofort und auf der Stelle zu erkunden, übertrumpfte das Gefühl, endlich den Pausenknopf zu drücken, jegliches andere Verlangen.
Und so hatte sie den Koffer verschlossen und unangerührt in ihrem Zimmer zurückgelassen. Stattdessen versuchte sie, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.
Freiheit ist das, was du selbst daraus machst. Das hatte ihre Großmutter ihr stets eingebläut.
Nun nahm Greta sich die Freiheit, die Gedanken an diesen denkwürdigen Nachmittag mit aller Kraft beiseitezuschieben und Schönes herbeizudenken. Sie wollte nicht mehr an das seltsame Verhalten ihrer Mutter denken. Zumindest für einen kurzen Augenblick.
Als sie so dem Zwitschern der Vögel lauschte, tauchten vor ihrem inneren Auge zunächst sehr zögerlich und dann immer mehr Bilder der vergangenen Monate auf, die sich tief in ihr Herz eingebrannt hatten, auch wenn sie in den letzten Tagen hatten in den Hintergrund treten müssen.
Das Zirpen der Grillen erinnerte sie an die Tage auf den Feldern, auf denen sie ihre Gastfamilie, auf deren Hof sie leben und arbeiten durfte, tatkräftig unterstützte. Das wohlige Gefühl abends, nach einem kräftezehrenden, aber produktiven Tag zurück zum Hof zu kommen, gemeinsam zu Abend zu essen und anschließend erschöpft aber glücklich ins Bett zu fallen, war unbezahlbar. Der Duft nach Heu hing immer noch in ihrer Nase.
Als sie vor drei Jahren aufgebrochen war, hatte sie sich geschworen, sich in keine engen Konventionen, keine engen Verpflichtungen drängen zu lassen. Sie wollte ihrem Herzen folgen, wenn nötig weiterziehen, wenn ihr danach war. Ohne vorgefertigten Plan in der Tasche wollte sie ihren Weg in der Welt finden.
Sie hatte schon lange davor immer wieder mit dem Gedanken gespielt, irgendwann waren ihre Recherchen konkreter geworden und die Entscheidung war gefallen. Sie hatte ihren Job gekündigt, all ihr Hab und Gut verkauft, das sie nicht bei sich tragen konnte, und hatte sich auf den Weg nach Kanada gemacht.
Im Rahmen eines Work-and-travel-Programms hatte sie erste Schritte gewagt, viele freundliche und vor allem hilfsbereite Menschen kennengelernt und so ihren Weg in den Westen des Landes in die Nähe von Banff gefunden.
Sie hatte sich verliebt. Verliebt in ein Land, dessen Landschaft wie gezeichnet, die Menschen so liebenswert waren, dass Greta anfangs völlig überwältigt war. Sie war diesem Land, das so viele wunderschöne Facetten offenbarte, Hals über Kopf verfallen.
Und von diesem Gefühl der Freiheit getragen, war sie in Gretas Leben gekommen. Gretas Herz beschleunigte seinen Takt. Eine Suchende wie sie, deren Weg sich eines Tages mit ihrem kreuzte. So zufällig wie unerwartet und doch mit einem Knall, als sie aufeinandertrafen.
Zwei Getriebene, die aufeinander zugesteuert waren, um in der Hast ihres Seins endlich ihren Schritt zu verlangsamen, wie ein Pendel, das nach heftigem Ausschlag in seine Mitte zurückfand.
Ein Halt und doch wie im Rausch. So hatte sich die Zeit mit ihr angefühlt. Die Wochen, in denen sie sich abends matt von der Arbeit, aber voller aufgeregter Sehnsucht trafen und die Nächte nur ihnen gehörten, vergingen wie im Flug. Katherine war die erste Frau seit langem gewesen, bei der Greta keine Enge, vielmehr Geborgenheit fühlte.
Sie hatten nie ausgesprochen, welchen Namen die Beziehung trug, die sie beide miteinander führten, noch hatten sie über die Zukunft, weder die nahe noch die ferne, gesprochen. Sie hatten im Moment gelebt, hatten sich genossen, ohne Fragen zu stellen.
Und dann war der Anruf aus Deutschland gekommen, und Greta hatte kopflos all ihre Sachen gepackt, hatte den nächsten freien Flug gebucht und war abgereist, ohne dass sie Katherine noch einmal gesehen hätte.
Lediglich einen kurzen Brief hatte sie für sie zurückgelassen und seitdem keinen Anruf, keine Nachricht von ihr beantwortet. Greta wusste nicht, was sie ihr hätte sagen sollen. Sie konnte noch nicht darüber sprechen, was geschehen war.
Bisher hatte es in ihr auch keinen Raum gegeben, der es zugelassen hätte, etwas anderes als Trauer zu verspüren. Der Anflug von Wut heute Nachmittag war das erste Gefühl, das sich langsam in diesen Raum gedrängt hatte.
In ihrer gemeinsamen Zeit hatten sie kaum über ihre Familien gesprochen. Die Vergangenheit hatten sie beide so weit wie möglich ausgeklammert. Vielleicht hatte ihre gemeinsame Zeit daher den Anschein gehabt, als würden sie sich in eine Seifenblase flüchten, die sie schützte und nur die positiven Gefühle einschloss. Es gab nur das Jetzt, weder das War noch das Wird.
Wenn Greta ehrlich zu sich selbst war, vermisste sie Katherine. Sie vermisste die unbeschwerten Stunden. Wünschte sich dieses Gefühl herbei, gerade jetzt. Wollte endlich wieder loslassen, wie sie es bei ihr konnte.
Doch andererseits scheute sie sich, ihre Nachrichten zu beantworten. Etwas hielt sie davon ab, ihr von den vergangenen Tagen zu erzählen, von dem Gefühl, das seither in ihr wohnte.
Zudem konnte sie ihr keine Antwort auf die Frage geben, wann sie zurückkommen würde. Ob sie sich sehen würden, ehe Katherine weiter Richtung Osten zu ihrem nächsten Ziel zog. Ihnen war immer klar gewesen, dass sie nicht von Dauer am selben Ort verweilen würden, noch den gleichen Weg gehen würden. Es war so klar, dass keine es sich traute, laut auszusprechen.
Katherine jedoch gänzlich ohne Antwort zu lassen, kam für Greta nicht in Frage. Katherine hatte mehr als das verdient. Doch nicht jetzt, nicht in diesem Moment. Alles zu seiner Zeit. Katherine würde es verstehen, da war sich Greta sicher.
Sie öffnete die Augen, blinzelte mehrmals, um wieder ganz in der Realität anzukommen. Die Sonne gab der einkehrenden Nacht immer mehr Raum, und es war Zeit, diesen Tag loszulassen.
•••
Meine liebe Greta,
mir war immer klar, dass die Briefe, Tagebücher und Andenken in diesem Koffer nur in deinen Händen an ihrem richtigen Bestimmungsort sein würden.
Du standst mir immer am nächsten, doch es gibt vieles, das du bisher über deine und meine Geschichte nicht wusstest. Warum ich dir nicht selbst davon erzählen konnte, war nicht nur dem tief in mir wohnenden Schmerz geschuldet, sondern auch einem Versprechen, das ich deiner Mutter gegeben habe. Doch du verdienst die Wahrheit, auch wenn Elisabeth sicher anderer Meinung ist. Sie wird es irgendwann verstehen und wissen, dass es richtig so ist.
Sicherlich ahnt sie, welch Bürde ich dir mit diesem Koffer auf den Weg gebe. Und sicherlich verflucht sie mich dafür. Vielleicht wirst du es auch tun. Vielleicht aber wirst du diese Bürde, meine Geschichte, mit Verständnis und Mut für dein eigenes Leben tragen, mich vielleicht sogar verstehen und vieles, das unausgesprochen zwischen uns blieb, nachvollziehen können.
Und verurteile nicht die Angst einer Mutter, die ihre schützende Hand über dich legen will. Ein Mutterherz wirft sich schützend vor sein Kind, sie wird nichts anderes tun.
Ich hoffe, dass du am Ende dieser kleinen Spurensuche in meiner Vergangenheit meinen letzten Willen erfüllen kannst. Ich konnte es selbst leider nicht mehr.
Folge immer deinem Herzen. Wenn ich etwas aus meinen Fehlern gelernt habe, dann genau das.
Und sei dir sicher, dass das Bündnis, das wir beide unser Eigen nennen konnten, nicht von Gesetzmäßigkeiten bestimmt ist, sondern es einfach sein durfte, was es war. Vertrauen und Heimat.
Deine Hannelore
Greta sah auf die zittrige, leicht undeutliche Handschrift, die offenbarte, wie viel Mühe und Anstrengung dieser Brief ihre Großmutter gekostet haben musste.
Das Blut pulsierte in ihren Adern und rauschte in ihren Ohren wie die unruhige See.
Es war ihr schwerer gefallen als gedacht, den alten Holzkoffer zu öffnen, und noch schwerer, den Brief, der offen oben auflag, zu öffnen und zu lesen. Sie hatte Angst, erneut von ihren Gefühlen überwältigt zu werden, wenn sie auch nur ein Wort ihrer Großmutter las.
Nur mit diesem Koffer und den wenigen Habseligkeiten, die hineingepasst hatten, war Hannelore nach dem Krieg nach Bayern gekommen. Den Koffer hatte sie seither wie einen Schatz gehütet. Niemand hatte ihn anfassen und schon gar nicht öffnen dürfen. Zunächst hatte sie ihn immer in ihrem großen Schlafzimmerschrank und später neben ihrem Bett im Altenheim, wo sie ihn immer im Auge behalten konnte, aufbewahrt.
Hannelore hatte nur selten über die Zeit ihrer Flucht und die Nachkriegszeit gesprochen. Hin und wieder, wenn sie lange beisammengesessen hatten, hatte sie mit Wehmut in ihrem Blick von ihrer alten Heimat erzählt, und der Schmerz über den Verlust dieser war auch Jahrzehnte später noch greifbar gewesen.
Greta hatte ihr stets ergriffen gelauscht, und es hatte ihr wehgetan, ihre Großmutter so zu sehen.
Doch jede Nachfrage hatte ihre Großmutter sofort abgewiegelt und umgehend das Thema gewechselt. Kein weiteres Wort war ihr dann mehr über ihre Vergangenheit über die Lippen gekommen.
Irgendwann hatte Greta es aufgegeben und ihren Frieden damit geschlossen, dass das Leben ihrer Großmutter für sie ein großes Geheimnis bleiben würde.
Bis jetzt.
Akkurat breitete Greta den Inhalt vor sich auf dem Holzboden aus. Zusammengeschnürte Briefe, Heftchen mit der Aufschrift Tagebuch, Fotos, gestrickte Kinderhandschuhe und ein weißes, mit Blumen besticktes Tuch. Daneben ein paar kleinere Pakete, die gut verschnürt ihren Platz im Koffer gefunden hatten und ihren Inhalt gut verbargen.
Minutenlang sah Greta auf das Werk vor ihr, als plötzlich ein schriller Ton die gedrängte Stille durchbrach. Sie schreckte auf und lies den Brief fallen, auf dem sich nasse Abdrücke ihrer Finger gebildet hatten.
Gedankenverloren hangelte Greta nach ihrem Smartphone, und dann wurde sie endgültig in die Realität zurückkatapultiert. Was zum Teufel machst du denn da? schrie immer wieder ihre innere Stimme, als sie das Ende ihres gemeinsamen Weges einläutete, indem sie, nachdem sie diesem Schritt so lange aus dem Weg gegangen war, den Anruf entgegennahm.
Schwere lag in jedem einzelnen Wort, das sie mit Katherine wechselte.
Mit einem Mal war alles so klar, und auch wenn der stechende Schmerz einen letzten Versuch startete, sie umzustimmen, vehement an ihrem Inneren zerrte, sie kurz taumeln ließ, wusste sie, dass sie das Richtige tat. Hoffte zumindest, dass es wirklich das Richtige sein würde.
Ein Blick auf das Vermächtnis ihrer Großmutter schürte immer mehr das Gefühl, an diesem Ort bleiben zu müssen, nicht zurückkehren zu können.
Nicht jetzt.
Ihre innere Stimme verlor schließlich den aufopfernden Kampf. Der Kopf gewann und mit ihm auch ein Stück ihres Herzens, das schon immer wusste, dass dieses Glück nicht von Dauer sein würde.
Sie saugte den Klang ihrer Stimme ein letztes Mal in sich auf, als sie leise, sehr zögernd Abschied nahmen. Und dann hatte Katherine ihr Leben verlassen.
Hitze durchströmte ihren Körper. Nein, es war gut so, wie es war.
Das musste es einfach sein.
8
»Was liest du denn da?« Klara lies sich mit hochrotem Kopf auf den Stuhl gegenüber von Greta fallen.
Im Café herrschte reger Betrieb, den Greta offenbar völlig ausgeblendet hatte. Der Lärm prasselte mit einem Mal unvermittelt auf sie ein wie eine einstürzende Mauer, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Blitzschnell ließ sie das Tagebuch in ihrem Rucksack verschwinden.
»Bei was genau habe ich dich denn jetzt gestört?«, lachte Klara, während sie sich mit der Getränkekarte eifrig Luft zufächerte.
»Ähm . . . ich . . . war nur gerade so vertieft«, stammelte Greta und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Die Worte ihrer Großmutter hallten nach, tanzten vor ihren Augen, verhallten dann langsam in dem Trubel um sie herum.
Klara sah sie prüfend an, ein Schmunzeln lag auf ihren Lippen. »Das Buch muss ja besonders aufwühlend sein, so verwirrt, wie du mich gerade ansiehst.«
Greta griff nach ihrem Wasserglas und stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter. »Nein, ach . . . nein, überhaupt nicht«, wehrte sie ab. »Irgendein Krimi aus der Bücherei. Nichts Besonderes. Ich war nur einfach so vertieft, es wurde gerade richtig spannend.«
Klara sah sie immer noch prüfend an, doch dann gab sie auf. »Du musst mal wieder unter Leute. Spaß haben. Du wirst schon ganz seltsam, meine Liebe!«
»Ich bin doch hier unter Leuten.« Das Café war bis auf den letzten Platz besetzt.
»Nein, ich meinte, du solltest mal wieder ausgehen. Wir beide und ein paar Freundinnen von mir. Du musst mal wieder tanzen!«
Greta verdrehte die Augen. »Ehrlich, Klara? Mir ist wirklich nicht nach tanzen. Mir reichen die Menschen hier schon völlig aus.«
»Das ist doch nicht dasselbe! Komm schon, einfach mal den Kopf freitanzen, nicht so viel nachdenken, nur die Musik spüren.«
»Arbeitest du neuerdings als Werbefuzzi für einen Club?«
Klara zog einen Schmollmund. »Wenn ich dich dadurch dazu bringe, mich heute Abend zu begleiten, dann würde ich auch das machen. Oder hast du schon etwas anderes vor?«
Greta suchte fieberhaft nach einer Ausrede, die ihr diesen Abend ersparen könnte. Doch sie fand keinen Grund, der Klara auch nur im Geringsten zufriedenstellen würde.
Eigentlich sprach auch gar nichts dagegen. Sie konnte es ja versuchen und wenn nötig immer noch die Beine in die Hand nehmen und das Weite suchen.
Wahrscheinlich war es wirklich an der Zeit, ihre Höhle, in die sie sich seit Tagen verkrochen hatte, den dumpfen Schmerz aushaltend, den mancher wohl Liebeskummer nennen würde, zu verlassen und nach vorn zu blicken. Immerhin war es heute nur noch ein leise pochender Schmerz, der hin und wieder zudrückte.
Sie hatte sich immer wieder mit dem Gedanken herumgeschlagen, ob es nicht vielleicht weniger Katherine war, die sie in diesem Augenblick vermisste, sondern das Gefühl von Geborgenheit, von Leichtigkeit, das sie bei ihr gehabt hatte.
Sie hatte sich in das Gefühl verliebt, sich fallenzulassen und vielleicht auch in das Verliebtsein an sich. Doch zur Liebe hatte es nicht gereicht.
Und es war okay.
Katherine hatte ihr mehr gegeben als jede Frau zuvor und ihr gezeigt, dass sie anscheinend doch keine verschrobene Einsiedlerin war, für die sie sich selbst immer gehalten hatte.
Und war das nicht auch etwas Gutes?
•••
»Und du bist jetzt die, die jahrelang durch die Weltgeschichte getingelt ist?«, schnorrte es Greta etwas undeutlich entgegen.
Eine leicht wankende Gestalt hatte sich an den Barhocker neben sie geklammert und versuchte nun, hin- und herwehend, Greta in ein Gespräch zu verwickeln.
Den ganzen Abend zuvor hatte eben diese Dame sehr schweigsam der Frauengruppe beigewohnt, lieber zugehört als geredet. Doch Alkohol hatte noch so manchen redselig gemacht.
Während Klara sich mit Anna, die mehr als offensichtlich ein Auge auf sie geworfen hatte und das nicht erst seit vorgestern, auf der Tanzfläche die Seele aus dem Leib tanzte, hatte sich Greta eher an den Rand zurückgezogen und betrachtete das Treiben aus der Ferne.
Sie konnte gerade noch sehen, dass Klara ihren Fokus von Anna abgewandt und Greta zugewandt hatte, da klammerte sich die wenig standhafte Frau etwas unsanft an Greta und riss sie halb mit sich vom Barhocker. Ihr Getränk ergoss sie dabei in voller Fülle über Gretas Bluse. Greta hatte keine Zeit zu reagieren oder das Unglück zu verhindern.
Bevor sie anfangen konnte, Entschuldigungen murmelnd zu versuchen, Greta mit Servietten trockenzutupfen, und zwar wenig galant und zurückhaltend, beförderte Greta sie mit Schwung auf den Barhocker neben sich, vertraute sie Tina, einer der anderen Freundinnen von Klara, an, die ihr zur Hilfe geeilt war, und entschwand entnervt Richtung Toilette. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.
Das schummrige Licht der Toilettenleuchte ließ die Bescherung noch viel schlimmer erscheinen. Greta stützte sich genervt auf den Rand des Waschbeckens und sah ihr Spiegelbild eindringlich an. »Du hast auch schon einmal besser ausgesehen«, komplimentierte sie sich selbst, und dann musste sie doch schmunzeln. Wie sinnbildlich dieser Abend doch war.
Immer wieder drängten Frauen in den viel zu kleinen Raum, schoben sich mit mächtig Körperkontakt an ihr vorbei, und Greta gab ihr Rettungsmanöver auf. Zeit für den endgültigen Rückzug.
Als sie sich wieder Richtung Tanzfläche schieben wollte, um sich zu verabschieden, wurde sie auf dem Weg unvermittelt am Arm gepackt und sacht, aber bestimmt in eine kleine Nische gedrückt.
»Da hat sie aber einen Volltreffer gelandet.« Klara betrachtete die Bescherung auf Gretas Bluse. »Das hatte sich Betti bestimmt auch anders vorgestellt. Sei ihr nicht böse, sie verträgt einfach nichts.«
»Ich glaube, dass sie sich gar nicht mehr viel vorgestellt noch gedacht hatte«, konterte Greta. »Was das Thema Tuchfühlung betrifft, bin ich für heute bedient. Es ist ein guter Zeitpunkt zu gehen.«
Klara machte einen kleinen Schritt auf Greta zu, sodass sie Schulter an Schulter eng beieinander standen. »Ich würde gern noch mit dir tanzen.«
»Ich denke, dass ich heute nicht die richtige Wahl bin. Aber Anna wartet auf dich, sie verfolgt dich ja regelrecht mit ihren Blicken«, erwiderte Greta und deutete mit einer Kopfbewegung Richtung Tanzfläche. »Kann es sein, dass sie völlig verrückt nach dir ist?«, grinste Greta, doch Klaras Blick versteinerte sich innerhalb weniger Sekunden.
»Man kann wirklich Spaß mit ihr haben. Ich hatte einen netten Abend, aber an mehr habe ich kein Interesse.«
»Du siehst aus, als wäre es dir unangenehm, von ihr angehimmelt zu werden.«
»Ich will ihr einfach keine falschen Hoffnungen machen, das ist alles.«
»Ach Klara, so ein bisschen Spaß hat noch niemandem geschadet«, versuchte Greta, ihre Freundin aus der Reserve zu locken.
»Vielleicht bist du eher der Typ für Spaß, ich nicht. Und das müsstest du eigentlich wissen.«
Die Luft zwischen ihnen schien zu vibrieren. Greta musste irgendetwas entgangen sein. Klaras ausgelassene Stimmung, mit der sie an diesem Abend alle mitgerissen hatte, war wie ausradiert. Etwas diffus Unangenehmes lag stattdessen zwischen ihnen. Greta konnte nicht greifen, weshalb sich Klaras immerwährende Fröhlichkeit mit einem Mal derart verhärtete, dass Greta die Kälte, die sie ihr entgegenstrahlte, förmlich spüren konnte.
»Klara, ich wollte dir sicher nichts unterstellen«, versuchte sie eine Entschuldigung für das, was eigentlich nur gutgemeint, aber offensichtlich falsch umgesetzt war.
Klaras Blick war weiter streng und unbeirrt auf die Tanzfläche gerichtet. »Schon gut, Greta, woher solltest du es auch wissen.«
»Was wissen?« Greta strich sich verwirrt eine wilde Haarsträhne aus dem Gesicht.
Dann schien Klara wieder aufzutauen, ihr Körper befreite sich aus der Starre, und während sie wortlos, die Hand zum Abschied kurz gehoben, mit kaltem Ausdruck im Gesicht, zurück in die wabernde Menge verschwand, blieb Greta restlos verwirrt zurück.
•••
Scharf sog sie die Luft ein.
Ein – aus. Ein – aus.
Ruhiger! Beruhige dich!
Ein – aus. Ein – aus.
Ihre Lungen japsten förmlich nach Luft.
Ein – aus. Ein – aus.
Ihr Herz flog im Takt einer Blechtrommel.
Ein – aus. Ein – aus.
Greta hatte sich aufgerichtet, wischte sich fahrig Haarsträhnen aus dem Gesicht, die wild in alle Richtungen abstanden oder zum Teil schweißnass an ihr klebten. Sie fixierte den Schlitz zwischen den Vorhängen, der einen kleinen Lichtstrahl ins Zimmer ließ.
Was war das bitte für ein Traum? In grässlichsten Farben und Formen hatten sich die vergangenen Tage immer und immer wiederholt. Ihre keifende Mutter und das verblassende Gesicht ihrer Großmutter hallten dumpf nach und ließen sich ihr Herz verkrampfen.
Trockener, ekliger Geschmack lag in ihrem Mund. Unangenehmes Pochen in den Schläfen ließ sie zusammenzucken.
Ihr Shirt klebte an ihr.
Sie war viel zu müde für Krawall in Gedanken und in ihrem Unterbewusstsein. Hastig griff sie nach der Wasserflasche neben ihrem Bett und stürzte das kühle Nass hinunter. Es wirkte wie Löschwasser für ihre aufgewühlten Nerven.
Greta schob die Decke zur Seite. Die ganze Wohnung fühlte sich fremd an. Die kahlen Wände umzingelten sie. Ein Wohlfühlort wie aus dem Bilderbuch.
Nur langsam beruhigte sich ihr Atem wieder. Sie hatte kaum vier Stunden geschlafen und das auch nur unruhig und mit Unterbrechungen. Sie fühlte sich, als hätte sie die Nacht durchgesoffen, und dabei hatte sie außer zwei Bier im Club nichts getrunken.
In der Dämmerung tastend hangelte sie nach einem neuen T-Shirt, schälte sich aus dem schweißnassen und streifte sich das neue über. Dann rappelte sich auf.
Sie hatte das dringende Bedürfnis, die letzte Nacht so schnell wie möglich im Duschwasser zu ertränken.
Sie hatte ewig nur dagestanden und das warme Wasser über ihren Körper laufen lassen, der sich nur allmählich beruhigte. Den Kopf gegen die Fliesen gelehnt, versuchte sie, halbwegs aufrecht zu stehen. Das Prasseln des Wassers hatte irgendwann die Stimme ihrer Mutter verdrängt. Sie hatte versucht, sich allein darauf zu konzentrieren.
»Es war nur ein Traum. Nur ein Traum«, murmelte sie immer wieder vor sich hin. Und erst als sich ihr Pulsschlag wieder in normalen Takten zu bewegen schien, stellte sie das Wasser, das mittlerweile das ganze Badezimmer in eine Dampfwolke getaucht hatte, ab, schlüpfte in ihren Bademantel und ging anschließend in die kleine Küche, die mehr Nische als Raum war.
Mit einer Tasse Koffein bewaffnet – und ja, sie wusste, dass dies alles andere als beruhigend war, doch die Müdigkeit wollte vertrieben werden – setzte sie sich an den kleinen Esstisch, den sie wenige Tage zuvor samt Stühlen am Flohmarkt um die Ecke erstanden hatte, schloss die Augen und ließ Kaffeeduft in ihre Nase steigen.
Als sie die erste Tasse geleert hatte, hatte sie das Gefühl, langsam zu sich zu kommen. Aber es gab keine Eile, schließlich war Sonntag.
Tag der Ruhe.
Doch dann fiel ihr Blick auf den kleinen Holzkoffer in der Nähe und sie wusste, dass Ruhe sicher nicht das war, was sie heute empfinden würde.
9
»Margot Vogl. Heidi Führmann. Hannelore Führmann. Und Elisabeth Führmann«, schallte eine tiefe Männerstimme durch den Raum. »Bitte kommen Sie mit.« Er verwies die Frauen an einen weiteren Mann und fuhr damit fort, weitere Namen aus einer Liste vorzulesen, die er anschließend einem anderen Kollegen zuwies.
Die Frauen ergriffen ihr weniges Hab und Gut und folgten dem Mann ins Freie.
»Sie kommen auf dem Bauernhof der Familie Artinger unter. Sie können dort wohnen, bekommen Essen, müssen aber auf dem Hof mithelfen«, erklärte er, und sein Schnurrbart tanzte dabei auf seiner Oberlippe, als er die Frauen durch das Dorf führte, in das sie letzten Endes mit einigen weiteren Familien nach einem langen, abschließenden Fußmarsch vom weiter entfernten Bahnhof gelandet waren.
Ihre Klamotten fühlten sich klamm an. Der Winter hatte sich bis auf ihre Haut gefressen. Wie sehr sehnten sie sich nach einem warmen Ort, trockener Kleidung, nach einer warmen Suppe und so etwas wie Sicherheit. Doch alles um sie herum war beängstigend. Der bayerische Dialekt machte ihnen zu schaffen. Sie verstanden nur die Hälfte des Gesagten, wenn überhaupt. Es klang wie ein undeutliches Nuscheln und Gebelle.
Am Hoftor empfing sie eine kleine, verhärmte Gestalt, die sich knapp als Josefa, Magd des Hofes, vorstellte und dann mit eiligen kleinen Schritten vor den Frauen über den Hof tippelte, eine Außentreppe nach oben stieg, dort eine kleine Tür aufstieß und nach innen zeigte. »Dieses Zimmer können Sie haben. Waschzuber und so weiter steht unten im Stall. Stellen Sie Ihre Sachen ab und kommen Sie runter in die Stube. Die Hofbesitzer wollen Sie kurz kennenlernen.«
Und dann drückte sie sich an den Frauen, die scheu und überfordert auf der Treppe stehengeblieben waren, vorbei und tippelte die Stufen wieder nach unten. Dann war sie verschwunden.
Hannelore steckte als Erstes den Kopf in das kleine Zimmer. Es war eng, durch ein kleines Fenster fiel nur spärlich Licht hinein. Doch es standen tatsächlich kleine Betten darin. Und darauf, Hannelore konnte ihr Glück kaum fassen, lagen dicke Bettdecken, die endlich etwas Wärme für die anstehende Nacht versprachen.
Weder Hannelore noch ihre Mutter oder Tante hatten jemals zuvor auf einem Hof gearbeitet. Die schwere körperliche Arbeit machte ihnen besonders in den ersten Tagen zu schaffen.
Während die kleine Elisabeth bei den Kindern der Artingers gut aufgehoben war, malochten die Frauen im Stall, schleppten Holz für das Kaminfeuer oder nähten, stickten und stopften Kleidung und Decken. Immerhin konnten sie Letzteres im Warmen ausführen.
Viele der Tätigkeiten musste Hannelore erst lernen, noch nie hatte sie nähen oder sticken müssen, all das hatte zu Hause ihre Mutter übernommen, während sie jeden Tag mit dem Vater zur Arbeit aufgebrochen war.
Die Artingers schienen zunächst wenig begeistert davon, Flüchtlinge auf ihrem Hof aufzunehmen, doch als sie sahen, dass die Frauen bereit waren anzupacken, änderte sich langsam ihre Haltung und hin und wieder wurde auch ein persönliches Wort gewechselt.
Die Angst, die Hannelore vor allem in den ersten Tagen und Wochen jede einzelne Sekunde begleitet hatte, verglimmte nun langsam. Doch der Verlust ihres Zuhauses, ihrer Heimat, brannte in ihr weiter wie Feuer.
Sie lebten wie in einer Blase.
Schlafen, arbeiten.
Schlafen, arbeiten.
Schlafen, arbeiten.
Tag für Tag.
Bis zu jenem Tag, der die neugewonnene Sicherheit erneut gefährlich ins Wanken brachte.
•••
In der einsetzenden Dämmerung näherte sich eine zierliche Gestalt schnellen Schrittes den langen Weg hinab zum Hoftor. Die Hand war schützend über die Augen gelegt, Februarschneeflocken zeigten noch einmal ihr ganzes Repertoire.
Hannelore unterbrach ihr Tun, kniff die Augen zusammen und versuchte, den späten Besuch zu erkennen. Sie stand allein im Hof, suchte nun Schutz an der Mauer und spähte weiter in die Dämmerung.
Das spärliche Hoflicht flackerte im Wind. Als die Gestalt schließlich das Hoftor öffnete, flink hindurchschlüpfte, sich kurz umsah und dann zielsicher auf Hannelore zueilte, hatte Hannelore das Gefühl, alles um sie herum beginne sich zu drehen.
Ilse zitterte am ganzen Körper, als sie sich neben Hannelore an die Mauer drückte, die sie trotzdem nicht vor der Kälte schützte. Ohne nachzudenken griff Hannelore nach Ilses Hand und zog sie mit sich Richtung Stall, in dem sich um diese Zeit keine Menschenseele mehr aufhielt. Die Arbeit war verrichtet, das Leben spielte sich um diese Zeit im Haus ab.
Ilses blonde Locken waren übersät mit Schneeflocken, Nase und Wangen von der Kälte gerötet. Ihre Stimme zitterte, als sie zu sprechen begann. Sie wirkte völlig nervös und es war ein leichtes, Hannelore damit anzustecken. »Als ich gehört habe, dass ihr hier auf diesem Hof untergekommen seid, bin ich sofort losgelaufen.«
»Du bist ja völlig durchgefroren! Wie lange bist du denn unterwegs gewesen?«
»Wir sind zwei Dörfer weiter auf einem Hof. Alles gut, ich taue schon wieder auf«, lächelte Ilse. »Das war es mir wert. Ich habe es nicht ausgehalten und konnte nicht länger warten. Geht es euch gut?«
Hannelore nickte und konnte Ilses Blick kaum standhalten. Sie hatte sie eiskalt erwischt. Wie oft hatte sie sich in letzter Zeit dabei ertappt, an Ilse zu denken, und wie oft hatte sie es sich selbst verboten.
Es verzweifelt versucht.
»Tut mir leid, wenn ich hier einfach so auftauche, ich scheine dich ganz schön überrascht zu haben.«
Hannelore versuchte abzuwehren, doch ihre Stimme klang dünn. »Ich habe nicht damit gerechnet, dich so schnell wiederzusehen.«
»Ich musste mich auch eine Weile durchfragen, bis ich herausgefunden habe, wo ihr untergekommen seid. Das war gar nicht so einfach. Ich kenne ja nur deinen Vornamen.«
»Du hast also wirklich nach mir gesucht?«
»Ich musste dich wiedersehen.« Nun war es Ilses Stimme, die zerbrechlich klang, aber ihr Blick, mit dem sie Hannelore festhielt, blieb fest.
Und dann wurde ihr Körper von heißen Wogen durchströmt. Ilses Lippen auf ihren, warmer Atem, der ihr Gesicht streichelte, und ihre Körper, die sich in eine innige Umarmung zogen, ließen Hannelore taumeln.
Sanft drückte Ilse sie gegen die Holzwand, ihren Körper noch enger an ihren, fordernde Küsse, die kaum Luft zum Atmen ließen.
Minuten fühlten sich wie Sekunden an.
Erst ein lautes Knarren im Hof ließ die beiden Frauen auseinanderfahren.
Eilig fischte Ilse in ihrem Mantel nach einem Stück Papier, das sie flink in Hannelores Manteltasche verschwinden ließ. »Lass mich nicht zu lange warten«, raunte sie Hannelore ins Ohr, und sofort stieg erneut Hitze in Hannelore auf.
Im Schutze der Nacht und auf leisen Sohlen verschwand Ilse kurz darauf, ohne dass Hannelore sie davon abhalten hätte können.
Wie ein schwarzer Panther entschwand sie in der Dunkelheit.
•••
Greta drehte das kleine Stück Papier vorsichtig zwischen ihren Fingern.
Auerhof
Von da aus Richtung Süden
Alte Scheune
Sonntagabend
Ich warte auf dich
Auerhof. Auerhof?
Greta dachte angestrengt nach. Der Name sagte ihr irgendetwas, doch es mochte ihr nicht einfallen. Wie sie ihre Gedanken auch drehte und wendete, sich zu fokussieren versuchte, sie kam allein nicht weiter.
Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, wählte sie die Nummer ihrer Eltern.
Nach langem Läuten hätte sie beinahe schon aufgelegt, als sich doch noch zur Gretas Freude die sonore Stimme ihres Vaters meldete.
Telefonate mit ihrem Vater waren immer sehr unaufgeregt. Meist sehr kurz, die wichtigsten Informationen wurden ausgetauscht, und sobald man sich gegenseitig versichert hatte, dass es dem jeweils anderen gutginge, legte man mit gutem Gewissen wieder auf.
Doch ehe ihr Vater auch heute ihrer eingeschliffenen Tradition nachgehen konnte, schob Greta flink ihr eigentliches Anliegen ein. »Sagt dir ein Auerhof etwas?«, fragte sie mit bemüht ruhiger Stimme. Innerlich kämpfte sie mit ihrer Unruhe, die sie niederzuringen versuchte.
Kurzes Schweigen. Ein kurzes Schnaufen. »Willst du nicht lieber deine Mutter fragen?«
»Ich glaube, dass das momentan keine gute Idee ist, Papa. Weißt du nicht irgendetwas.«
Greta merkte, wie ihr Vater zu zögern schien. »Das ist der alte Hof drüben in Pfingstin. Aber da kümmert sich keiner mehr darum. Ist den Nachkommen wohl nicht fein genug.«
Ihr Vater fragte nicht nach, warum Greta sich für diesen Hof interessierte. So war er. Sie würde schon ihre Gründe haben, warum sie das wissen wollte. Er war nur da, um Antworten zu geben.
»Weißt du mehr über den Hof?«
»Nur, dass er momentan leersteht. Sprich mit deiner Mutter, wenn du uns das nächste Mal besuchst. Ich kann dir nicht mehr dazu sagen. Vielleicht weiß sie mehr.«
»Danke«, erwiderte Greta. In ihr widerstrebte sich alles, im Moment mit ihrer Mutter darüber zu sprechen. Schließlich hatte es etwas mit ihrer Großmutter zu tun, und das schien ein rotes Tuch für ihre Mutter zu sein. Greta wollte sich nicht erneut auf Diskussionen oder Predigten einlassen.
Pfingstin also. Nach ihrem Laptop fischend spann sie bereits Pläne für den vor ihr liegenden Sonntagnachmittag. Schädelbrummen hin oder her. Was soll’s?
Zwei Stunden später stand Greta, mehr oder weniger aufgeräumt, tatsächlich vor einer alten, halb verfallenen Scheune südlich des Hofes.
Dachschindeln hatten sich gelöst und lagen nun verstreut um die Scheune, deren Holzverkleidung auch bessere Tage gesehen haben musste.
Unschlüssig betrachtete Greta das marode Bild vor sich. In sicherem Abstand, man wusste ja nie, ob ein weiteres Geschenk vom Dach rasseln würde, schritt Greta durch das hohe Gras schließlich um die Scheune herum. Durch die großen Spalten der Holzverkleidung sah sie, dass die Scheune nichts mehr beherbergte außer vielleicht das ein oder andere Tier, das hier Unterschlupf suchte und dem Greta nicht unbedingt begegnen wollte.
Angestrengt sah sie sich um. Suchend, obwohl sie nicht wusste, wonach sie Ausschau hielt.
Was hatte sie auch gehofft zu finden?
Die Sonne brannte vom Himmel, was ihren Kopfschmerzen nicht gerade zuträglich war. Greta wischte sich den Schweiß von der Stirn und stemmte die Hände in die Hüften.
Sie hätte jetzt genauso gut im Liegestuhl im Hof liegen können, im Schatten.
Hinter der Scheune stand ein prächtiger Kastanienbaum, der zumindest etwas Schatten spendete. Greta flüchtete sich eilig in die kleine Oase.
Wer wohl hier gelebt haben mochte? Und was hatte Großmutter damit zu tun? grübelte Greta.
Die Scheune allein schien keine großen Erkenntnisse mit sich zu bringen, also entschloss Greta sich, noch einmal zum Hof zurückzugehen und sich dort ein wenig genauer umzusehen.
So schnell es ihr bei der Hitze möglich war, marschierte sie den Kiesweg entlang einen kleinen Hügel hoch, bis der Hof erneut vor ihr auftauchte.
Wäre nicht helllichter Tag, ihr wäre wohl unwohl gewesen, so allein und verlassen wie das alte Bauernhaus unweit des nächsten Dorfes vor ihr lag.
Langsam fragte sie sich ernsthaft, was sie hier eigentlich zu finden glaubte. Alle Türen und Fenster waren verriegelt, der Garten um das Haus herum wucherte, wie es ihm gefiel, und das Namensschild an der Haustür hing verrostet auf halbmast.
Greta spähte durch ein Fenster ins Innere. Wie ein Stillleben lag das Esszimmer vor ihr, aufgeräumt, als hätte kurz zuvor jemand den Tisch abgeräumt. Nur eine dicke Staubschicht konservierte den Inhalt des Hauses. An der Wand erblickte Greta alte Fotografien, doch sie waren viel zu weit weg, um irgendetwas zu erkennen.
Mist.
Das war doch alles vergebene Mühe.
Zumindest für heute wurde sie aus all dem hier nicht schlauer.
Resigniert gab Greta auf, wischte sich die Hände, mit denen sie sich eben noch auf der verschmutzten Fensterbank abgestützt hatte, an der Hose ab und trat den Rückzug an.
10
Greta stand vor einer großen Pinnwand, die sie tags zuvor unter Aufbringung aller Kraft, unzähligen Schweißtropfen und ihrem gesamten Fluchrepertoire vom Baumarkt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln irgendwie nach Hause geschleppt hatte und die nun provisorisch an der leeren Wand lehnte.
So wie alles in diesem Zimmer irgendwie provisorisch war. Zweckmäßig, aber wenig liebevoll. Äußerst karg und für manchen wohl bedrückend. Der Raum strahlte bisher alles andere als Gemütlichkeit aus, Greta hatte auch wenig dazu beigetragen, ihn in eine bessere Version zu verwandeln. Bisher war sie der Meinung, dass der Aufwand sich für ein Jahr Bleibe wenig lohnen würde.
Bis dato hatte Greta dieses karge Leben nichts ausgemacht, doch als sie im Baumarkt durch die Gänge und Flure getigert war, wurde sie von einer gestalterischen Euphorie gepackt, sodass ihr Rucksack bald das Gewicht dreier Bowlingkugeln aufwies und sie zu einem äußerst aufrechten Gang verdonnert wurde.
Schweißnass von oben bis unten, aber irgendwie glücklich und zurecht stolz, hatte sie ihre Errungenschaften schließlich nach Hause gebracht, ohne wie zunächst befürchtet, im letzten Bus vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Wobei der Bus so heillos überfüllt war, dass das Zusammenbrechen in stehender Form vollzogen worden wäre. Grandiose Haltungsnoten wären ihr garantiert gewesen.
Während sie das Streichen der Wände zunächst noch etwas beiseiteschob, machte sie sich daran, die bisherigen Schätze aus Großmutters Koffer feinsäuberlich und geordnet an der Pinnwand anzubringen. Angefangen von dem kleinen Zettel mit dem Verweis auf den Auerhof, über alte Essensmarken bis hin zu einem Bild eines kleinen Mädchens, auf dessen Rückseite mit schöner Handschrift der Name ihrer Mutter geschrieben war.
Neben diesem Bild fand ein weiteres seinen Platz, das ihre Großmutter sowie zwei ältere Damen, ihre Urgroßmutter und deren Schwester, wie Greta herausgefunden hatte, mit Elisabeth auf dem Arm auf dem Feld neben zwei Kühen zeigte. Seltene Zeugnisse aus dem ersten Nachkriegsjahr. Wie schön, dass ihre Großmutter sie aufbewahrt hatte.
Hannelore hatte wahrlich nichts dem Zufall überlassen. Alle Dokumente und Gegenstände des Koffers hatte sie doch tatsächlich mit kleinen Aufklebern und Zahlen versehen und sie so in eine ganz bestimmte Reihenfolge gebracht. Rätsellösen nach Zahlen sozusagen.
Nicht nur einmal hatte Greta das Bedürfnis gehabt, alles wahllos durchzublättern, um so vielleicht schneller ans Ziel oder eine bestimmte Erkenntnis zu gelangen, wer hätte sie schon daran hindern sollen? Aber dann besann sie sich stets schnell wieder.
Wenn ihre Großmutter sich so viel Mühe damit gegeben hatte, musste diese Reihenfolge irgendeinen Zweck erfüllen, und so hieß es für Greta, sich am Riemen zu reißen und dieser Art ›Schnitzeljagd‹ zu folgen. Leider war Geduld nicht ihre allergrößte Stärke, aber vielleicht war auch das eine Lektion ihrer Großmutter. So genau wusste man bei ihr nie.
Das Schellen der Türklingel unterbrach Gretas Handeln, als sie gerade nach dem Tagebuch greifen wollte, welches das nächste Puzzleteil sein sollte. Greta hielt kurz inne, überlegte, ob sie die Klingel nicht einfach ignorieren konnte, doch als es zum zweiten Mal schellte, legte sie das Buch doch zur Seite.
Mit einer federleichten Abgründigkeit in ihrem Blick stand sie wenig später vor ihr. Die Augen klein, müde und unausgeschlafen wirkend, melancholiegetränkt, versuchte sie ein Lächeln, das nicht einmal beim größten Optimisten unserer Zeit gewonnen hätte.
Kurz gesagt, ein Häufchen Elend hatte sich vor Gretas Tür in Stellung gebracht und hielt ihr nun eine weiße Papiertüte entgegen. »Deine Lieblingsdonuts.«
»Ist das so etwas wie ein geheimer Eintrittscode?«, versuchte Greta scherzend die angespannte Stimmung zwischen ihnen zu lösen.
Seit neulich Abend hatten sie weder voneinander gehört noch gelesen. Geschweige denn sich gesehen. Greta war in ihrem Biberbau untergetaucht, und Klara hatte nach ihrem wütenden Abgang auf Funkstille gesetzt.
Bis jetzt.
»Ich würde dich ja reinbitten, aber bei mir ist das absolute Chaos ausgebrochen.«
Klara beugte sich nach vorn, um einen Blick in das Innere der Höhle zu erhaschen. Und dann ruhte ihr Blick etwas länger auf dem Koffer und dem ausgebreiteten Inhalt, als Greta lieb war. »Was genau machst du denn da?«
Schnell schob Greta sich zwischen Klara und dem Objekt ihrer Neugierde. »Ich sortiere nur Großmutters alte Sachen. Du, wollen wir nicht nach draußen ans Wasser? Ich habe genug von stickigen Räumen. Ich könnte etwas frische Luft vertragen.«
Klara bedachte Greta mit einem skeptischen Blick, ließ aber zum Glück von weiteren Fragen ab und zuckte nur mit den Schultern. »Wie du willst. Mein Wagen steht vor der Tür, lass uns an den See fahren.«
Während die Sonnenstrahlen auf dem Wasser glitzerten, auf dem Enten, groß und klein, in Reih und Glied ihre Bahnen zogen, saßen sie beide nebeneinander auf der Decke, die Münder voll mit herrlich fettigem Teig der Donuts, die nackten Füße ausgestreckt, während auf der anderen Seite des Sees Kinderlachen zu ihnen herüberschallte.
Das Wetter, das Vogelgezwitscher, der Duft von Sonnencreme in der Luft suggerierten Leichtigkeit. Nur um sie beide, vielleicht in einem Kasten, der über sie gestülpt worden war und unter dem sie nun saßen wie in einem Vakuum, lagerte Schwere.
Ganz so, als gehörten sie hier nicht her. Als würden sie der Unbeschwertheit des Spätsommertages schaden, an ihm kratzen und in einzelne Fetzen zerlegen. Ein Störfaktor in der Idylle.
»Was ist letztes Mal denn in dich gefahren?«, schoss es schließlich scharf und ohne Wattebauschverpackung aus Greta heraus.
Das Gewabere und Balancieren auf dem heißen Brei gehörte nicht zu ihren Kernkompetenzen. Direkt raus, Problem benennen, Problem erörtern, eine Lösung finden. Sie wusste selbst, wie hart sie in diesem Moment klang. Aber mussten sie noch Stunden hier sitzen, angespannt, dass die Nackenmuskeln langsam verrücktspielten, nur um ja nichts Falsches zu sagen? Die Stimmung war ohnehin schon beschissen genug.
Gretas Worte schienen Klara wie die flache Hand zu treffen. Sie schreckte aus ihrer Starre auf, ließ die Hand mit dem Donut sinken. »Ich bin nicht wie du. Hier ein bisschen Spaß, da ein bisschen Spaß. Nur nichts Festes, nur an nichts binden, lieber schnell weiterziehen, bevor es zu eng werden kann. So bin ich nicht.«
»Das habe ich dir doch auch nie unterstellt«, konterte Greta, und sie merkte den Groll in ihr aufsteigen. »Nichts davon habe ich dir angedichtet.«
»Doch, irgendwie schon. Ich bin niemand, der einfach irgendeine Frau für eine Nacht mit nach Hause nimmt. War ich noch nie und im Moment erst recht nicht.«
»Ich wollte einfach nur, dass du Spaß hast und es dir gutgeht. Du hast doch einen tollen Abend mit Anna verbracht. Aber offensichtlich ist es ein Verbrechen, unverbindlichen Spaß zu haben.«
Mit einem Ruck drehte sich Klara auf der Decke zu Greta, um ihr nun direkt in die Augen sehen zu können. »Wenn du mit so etwas glücklich bist, okay, aber mir reicht so etwas nicht.«
»Und das ist doch völlig okay. Wir müssen nicht einer Meinung darüber sein. Jeder definiert sein Glück anders. Warum müssen wir deswegen streiten?«
»Was genau ist so schlimm daran, die eine Frau finden zu wollen, die nicht nur für kurze Zeit eine Rolle in deinem Leben spielt?« Klara wurde immer aufgebrachter, als mussten nun all die schlechten Gedanken, die sich seit neulich Abend angestaut hatten, heraus.
»Gar nichts. Natürlich nicht. So etwas habe ich aber auch nie behauptet. Leg mir nicht einfach Wörter in den Mund, die ich so nie gesagt habe.«
»Aber für dich scheint es trotzdem so zu sein. Du scheinst ja förmlich Panik vor engeren Bindungen und zu viel Nähe zu haben.«
»Klara, hör auf. So gut kennst du mich nun auch nicht. Klar, du weißt, dass ich durch die Welt getingelt bin, dass ich gern weiterziehe und ja, auch gern meinen Spaß habe. Dass mir das Leben hier irgendwann zu eng geworden ist, weil das nun einmal zu diesem Zeitpunkt so war. Aber mir Panik vor Beziehungen zu unterstellen, ist unfair.«
»Ach ja? Klar, wir kennen uns noch nicht so lange. Du bist bald nach unserem Kennenlernen in den nächsten Flieger gestiegen. Aber in all der Zeit haben wir dennoch über so vieles gesprochen, du hast mir vieles erzählt. Wir haben beinahe täglich voneinander gehört.«
»Das heißt noch lange nicht, dass du wirklich weißt, was in mir vorgeht. Und warum würde es dich eigentlich so stören, wenn ich lieber ungebunden sein möchte?« Ein dicker Kloß bildete sich in Gretas Hals, der ihre Stimme belegt klingen ließ, als sie sprach. Sie dachte an Katherine und schob die Gedanken sogleich vehement von sich, wie eine große, meterhohe schwere Bleikugel.
Und plötzlich Stille.
Gretas Frage hatte Klara mit einem Mal verstummen lassen.
Ihre Wangen gerötet saß sie nun wieder starr neben Greta und blickte aufs Wasser. »Ja, vielleicht weiß ich wirklich kaum etwas von dir«, sagte sie dann leise, ohne den Blick noch einmal zu wenden.
»Klara, ich . . .«, versuchte Greta eine Antwort, doch Klara unterbrach sie umgehend.
»Du bist mir auch gar keine Rechenschaft schuldig. Ich war einfach wütend an dem Abend und auch heute, wenn ich darüber spreche, aber du kennst ja jetzt meinen Standpunkt, und damit ist alles gesagt.«
»Ich wollte dir sicher nichts unterstellen oder dich verletzten. Du bist mir wirklich wichtig geworden, auch aus der Ferne. Auch wenn Tausende Kilometer zwischen uns lagen. Aber natürlich lernt man die andere erst besser kennen, wenn man auch wirklich Zeit mit ihr verbringen kann. Denkst du nicht? Vielleicht müssen wir uns erst an die Nähe gewöhnen«, versuchte Greta ein Lächeln, um die Spannung zwischen ihnen zu mildern.
Sie wollte nicht mit Klara streiten. Es gab doch eigentlich keinen Grund dafür.
»Ja, vielleicht. Vielleicht müssen wir das. Keine Ahnung«, erwiderte Klara und schob sich irgendwie trotzig das letzte große Stück Donut in den Mund. »Vielleicht musst du meine Nähe erst einmal aushalten«, schmatzte sie dann weiter und zerknüllte die Tüte zu einem kleinen Ball.
»Ich bin mir sicher, dass ich das schaffe, und wenn ich das bei jemandem möchte, dann sicherlich und absolut bei dir«, lächelte Greta nun ehrlich und knuffte Klara in die Schulter. »Und jetzt lass uns den Sommerabend genießen, wie er genossen werden sollte. In himmlischem Frieden, zuckergesättigt und mit Grillduft in der Nase.«
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