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Jason Brügger

Traumfänger

Jason Brügger

Traumfänger

Ein Leben zwischen Höhen und Tiefen


Copyright ©2018 Cameo Verlag GmbH, Bern

Alle Rechte vorbehalten.

Redaktion: Franziska Keller, Einsiedeln

Lektorat: Katja Völkel, Dresden

Umschlaggestaltung: Cameo Verlag GmbH, Bern

Umschlagabbildung: Remo Neuhaus, Rubigen

Layout und Satz: Cameo Verlag GmbH, Bern

ISBN: 978-3-906287-48-5

Printed in Switzerland

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Meine Träume

Der kleine Rebell

Eine Löwenfamilie

Eine schwierige Verwandschaft

Niveauwechsel auf eigene Faust

Coming-out mit 16

Ich folge meinem Traum - oder doch nicht?

«Step by step»

Zirkusschule Kanada

Meine persönliche Lebensschule

Der Traum wird wahr

Beim Cicus Monti

Ein unerwartetes Abenteuer

Das große Casting

«Run boy run»

Ikarus

Plötzlich stehst du in der Öffentlichkeit

Motivation für andere

Freunde kommen und gehen

Da sind noch mehr Träume in mir

Die Zeit danach

Ich lebe in zwei Welten

Beim Circus Knie

Meine Höhenangst

Das Spiel mit dem Leben

Mein Körper ist mein Kapital

Mentale Stärke und positive Energie

Entgegen der Scheinwelt

Bombo, mein kleiner Sportmops

Das Leben leben

Im Libanon

Mein Wohlfühlort

Auch du bist ein Traumfänger

Mein Dank

In Liebe für meine Löwenfamilie

Vorwort

Vor der Bodenseearena kämpfe ich mich durch die vielen angereisten Fans, welche sich schon Stunden vor dem Finale von «Die grössten Schweizer Talente» versammelt haben und auf das große Spektakel warten. Die Hauptproben sind bereits in vollem Gang. Als ich die Halle durch den Seiteneingang betrete, sehe ich den jungen Artisten mit seinen großen Kunst-Flügeln zum ersten Mal live auf der Bühne. Was für ein majestätischer Anblick! Obwohl ich schon viele Jahre im Showbusiness tätig bin, läuft es mir kalt den Rücken herunter. Was gerade meine Augen erblicken, ist einfach nur unglaublich. Was für eine Inszenierung! Was für ein Talent! Eine Show mit so viel Kraft und gebündelter Emotion habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Der Abend in der Arena war voller spannender Momente. Die Konkurrenz war riesig und äußerst stark aufgestellt, die Spannung schier unerträglich. Würde Jason seine Nummer an den Strapaten ohne Fehler abrufen können? Würde er mit der gleichen Energie wie bei den Proben vor einem Millionenpublikum am Fernseher bestehen?

Es kam tatsächlich so: Jason Brügger begeisterte mit seiner Ikarus-Nummer auf der ganzen Linie und gewann die beliebte Casting-Show sogar mit riesigem Vorsprung. An der anschließenden Siegesfeier wurde er derart belagert, dass ich ihm nicht mal persönlich gratulieren konnte.

Ein paar Tage später bekam ich einen Anruf von Jonny Fischer, welcher mir am Telefon eindrücklich schilderte, dass Hunderte von Anfragen an Jason eingingen und dass er mich als seinen Manager empfohlen habe. Das eine führte zum anderen und ich traf mich kurz darauf mit Jason Brügger an seinem Wohnort in Basel. Ich erlebte Jason vom ersten Augenblick an als eine Persönlichkeit mit starkem Charakter und gleichzeitig als einen bescheidenen Menschen, der das Herz am rechten Fleck trägt. Wir beide haben uns auf Anhieb gut verstanden.

Jason Brügger hat sich schnell entschieden, den Künstlervertrag bei meiner Firma «Plan B Entertainment GmbH» zu unterschreiben. Damit begann ein neues Kapitel in der Karriere von Jason Brügger. Er hatte eine Casting-Show gewonnen, was jedoch nicht immer bleibenden Erfolg verheißt. Im Gegensatz zu anderen Gewinnern blieb er aber keine Eintagsfliege, an die sich schon bald niemand mehr erinnern konnte. Seine dreijährige Ausbildung zum Zirkus-Artisten in Montreal gab Jason das nötige Fundament. Es bot ihm die Möglichkeit, sich zu einem der besten Artisten weltweit zu entwickeln. Der Weg war bereitet: Jason trat an den größten Events in ganz Europa auf, feierte Erfolge im Varieté-Theater GOP sowie im Circus Flic Flac in Deutschland und wurde schließlich vom Schweizer National-Zirkus Knie für eine Tournee engagiert. Sogar der oft unzimperliche Dieter Bohlen war derart begeistert, dass er Jason an der deutschen TV-Show «Das Supertalent» auf RTL auffallend lang lobte.

«Traumfänger – Ein Leben zwischen Höhen und Tiefen» ist nicht nur der Buchtitel, sondern gleichzeitig Inhalt und Programm. Jason Brügger zeigt den Lesern in seinem Werk eindrücklich auf, wie man persönliche Ziele erreicht, welche für nicht wenige als unerreichbar gelten. Er hat in seinem Leben gelernt, sich allen Widerständen zu stellen und sich durchzukämpfen. Je unmöglicher ein Ziel war, desto beharrlicher hat Jason darauf hingearbeitet. Die Kindheit von Jason war nicht nur eitel Sonnenschein, sondern auch durch negative Erlebnisse geprägt. Diese Tatsache hat aus ihm den Menschen gemacht, der er heute ist. Seine Geschichte zeigt auf, wie ein Artist trotz Höhenangst unter der Zirkuskuppel oder in einem Ballon in mehr als 30 Meter Höhe schweben kann. Oder wie man Schwindelanfälle kontrollieren kann, die bei vielen Menschen zu einem beruflichen oder persönlichen Stillstand führen.

Trotz des Erfolgs in den Lüften ist Jason als Mensch auf dem Boden geblieben. So genießt er es, wenn immer möglich, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Und wo Jason ist, ist auch sein Hund Bombo. Er ist ein Mensch, der gerne und viel lacht, und er liebt es, mit seinen Freunden herumzualbern. Trotz all der Herausforderungen und des Stresses konnte er sich seine sprichwörtliche Fröhlichkeit bewahren. Was ursprünglich als Geschäftsbeziehung zwischen mir und Jason begann, ist heute zu einer tragfähigen Freundschaft gewachsen.

Jason ist ein ausgesprochen sensibler Künstler. Ich bin überzeugt, dass es nur feinfühlige Menschen fertigbringen, mit einem Auftritt die Emotionen bei anderen derart intensiv zu wecken. Wenn man Jason in der Manege zuschaut, spürt man diese außergewöhnliche Energie sofort und das macht ihn ganz klar zu einem Ausnahmeartisten. Er versteht es wie kein anderer, die Herzen der Zuschauer zu berühren.

Mit seiner persönlichen Geschichte macht Jason allen Menschen Mut, welche ähnliche Schicksale erlebt haben oder die gerade durch schwere Zeiten gehen. Jason möchte den Menschen so viel wie möglich zurückgeben von seinem Erfolg. Dazu gehört auch sein Projekt im Libanon, wo er traumatisierten Flüchtlingen mit Gehörproblemen durch sein Engagement Mut machen will. Jason Brügger kann für viele Menschen ein Vorbild sein. Er beweist mit seiner unbeirrbaren Tatkraft, dass man sein Leben meistern kann. Das bedeutet auch, dass man sein Schicksal nicht immer vollumfänglich akzeptieren muss, sondern es selber in die Hand nehmen kann.

Ich habe in all den Jahren im Showbusiness die Erfahrung gemacht, dass nur authentische Menschen mit einem außergewöhnlichen Talent und mit dem richtigen Charisma als Künstler langfristig Erfolg haben werden. Jason Brügger verfügt über all diese Eigenschaften, und deshalb werden wir auch in Zukunft noch viel vom ihm hören und sehen, sei es in der Schweiz oder auf der ganzen weiten Welt.

Ich wünsche Ihnen allen viele spannende Momente bei der Lektüre seines ersten Buches.

Edgar P. Lehmann

Meine Träume

Eigentlich waren sie schon immer da, schlummerten tief in mir drin: Meine Träume – kleine und große. Einzelne verhielten sich ganz still, andere regten sich und wollten gelebt werden. Einer von ihnen war besonders groß: Der Traum, als Artist um die Welt zu reisen und auf den ganz großen Bühnen zu stehen. Und dann war es meine Schwester, die mir den ersten Schritt zu diesem Weg vormachte. Sie war bereits Mitglied im Jugend Circus Basilisk und durfte fleißig auf das große Ziel hintrainieren. Denn während des Winters bereiteten sich die Kinder und Jugendlichen auf eine richtige Zirkustournee vor. Ich, der zwei Jahre jüngere Bruder, war eigentlich noch zu klein, um auch dabei zu sein. Doch das hielt mich nicht davon ab, es auch zu probieren. Und als ich das Einrad meiner Nachbarn ausleihen durfte, übte ich stundenlang. Da war wohl schon damals dieser Ehrgeiz in mir, zu üben, bis ich es konnte. Ich stieg auf, schaffte eine Umdrehung, fiel wieder hin, stieg wieder auf – dies hunderte von Malen. Bis ich zum ersten Mal oben blieb. Es war ein wunderbares Gefühl. Von diesem Tag an war das kleine rote Einrad mein ständiger Begleiter.

Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade mal vier Jahre alt. Und als ich meine Schwester Stephanie einmal in ihrer Zirkusprobe besuchte, beobachteten mich die anderen Kinder, wie ich behände auf meinem kleinen Einrad in der Gegend herumkurvte und ich durfte von nun an – obwohl ich noch etwas zu jung war – bei ihnen mitmachen. Erst einmal pro Woche, dann mehrmals. Ja, und da war es um mich geschehen.

Im Sommer gingen wir auf Tournee. Dann die erste Aufführung vor Publikum. Ich als Kleinster inmitten der anderen Einradfahrerinnen und Einradfahrer mit silbrigen Rädern und ich mit dem roten. Ich war so glücklich – unbewusst fühlte ich schon damals, dass ich angekommen war: im Zirkus. Dahin wollte ich und nirgendwo anders. Sehr gerne nehme ich euch mit auf dieses Abenteuer meines jungen Lebens zwischen Höhen und Tiefen.

Ein sensibles Kind

Doch da lag halt erst noch die obligatorische Schulzeit dazwischen. Und die war nicht so einfach für mich. Ich sei ein sensibles Kind, hörte ich immer wieder. War das jetzt eine gute oder eine schlechte Eigenschaft? Weil ich das selbst nicht richtig einordnen konnte, erachtete ich meine Sensibilität als negativ. Ich spielte gerne mit einem Mädchen, sie war meine beste Freundin, und die anderen Jungs der Klasse lachten mich deshalb aus. Sie betitelten mich als «Schwuler». Und nicht nur einmal wurde ich deshalb auch verprügelt. Nur weil ich gerne mit Mädchen spielte? War ich denn so anders als die anderen?

So begann ich Fußball zu spielen, um den anderen Jungs ähnlich zu scheinen. Spaß daran hatte ich mittelmäßig, aber ich gehörte wenigstens dazu. Nein, eigentlich gehörte ich nicht richtig dazu, die anderen merkten bald, dass es um meine Ballkünste nicht allzu hoch stand. In den Zeiten, als sich meine Mitschüler über mich lustig machten, fühlte ich mich elend und war überzeugt davon, dass alle anderen Menschen tausendmal besser wären als ich. Ich war ein wunderbares Mobbingopfer und ich brauchte lange, bis ich realisierte, dass nicht nur ich das Problem für sie war – sie selbst hatten ein Problem. Eines, das sie veranlasste, einen anderen Menschen seelisch zu zerstören, einen Jungen, «der halt anders ist, so anders, der Gefühle zeigt und mit Mädchen spielt, die Schwuchtel halt».

Ich fühlte mich nicht mehr wohl in meiner eigenen Klasse, fraß alles in mich hinein, wurde schweigsam, und als ich realisierte, dass auch meine Primarlehrerin mit mir extrem Mühe bekam, entwickelte sich dies zu einer richtiggehenden Abwärtsspirale nach unten. Einmal auf dem Nachhauseweg ging ich einigen meiner Mitschüler, da wir denselben Heimweg hatten, in einem gewissen Abstand hinterher, wollte aber nicht von ihnen bemerkt werden. Da zog plötzlich einer von ihnen eine «Käpselipistole» hervor und schoss damit durchs offene Fenster unseres Klassenzimmers. Leider wurden sie in dem Moment vom Hausmeister beobachtet und am nächsten Tag von der Lehrerin vor die ganze Schulklasse zitiert – zur großen Freude der Mitschüler wurde aber auch mein Name genannt. Ich musste darauf dieselbe Strafe wie die anderen Jungs ausführen. Dies empfand ich als ungerecht und es war bei mir der Anlass, welcher das Fass zum Überlaufen brachte. Ich begann, mich zum allersten Mal zu wehren.

In einem Brief an alle Eltern der gesamten Schulklasse schrieb die Lehrerin daraufhin, dass die fünfte Klasse aus diversen Gründen für Schülerinnen und Schüler nicht einfach sei, vor allem die Buben würden vermehrt Grenzen und Orientierung suchen und aus einer Unsicherheit heraus Kräfte messen. Meine Lehrerin erkannte man schon immer von weitem an ihrem zackigen Schritt. Stets trug sie eine rote Baskenmütze, unter der ihre kurzen grauen Haare hervorlugten. Ihr Blick erschien stets leer, da war kein Strahlen in ihren Augen, und ihre Stimme war irgendwie tonlos, was bei mir ein unbeschreiblich unangenehmes Gefühl auslöste.

All ihre Erfahrungen wusste sie aus ihrer langen Tätigkeit als Lehrerin und schließlich waren alle Jungs ja so. Mit mir konnte sie gar nicht umgehen, stellte mich vermehrt bloß und ich wurde immer mehr zu einem Außenseiter. Ich, der Kleinste aus der ganzen Klasse, mit einem Selbstwertgefühl unter null.

Der kleine Rebell

Nach unzähligen weiteren Ungerechtigkeiten, vielen ungelösten Problemen und tiefer Frustration hatte ich kurz vor meinem elften Geburtstag eine Art Nervenzusammenbruch. Ich weinte nur noch und erklärte meiner Mutter, dass ich nicht mehr leben wolle, wenn ich nur noch einmal in diese Schule zurückgehen müsste. Meine Eltern nahmen diese Äußerung sehr ernst. Trotzdem durfte ich aber nur einen einzigen Tag daheimbleiben und ließ mich nur mit gutem Zureden umstimmen, nachdem mir meine Mutter versichert hatte, dass sie mich in die Schule begleiten und mit meiner Lehrerin reden würde. Sie würde ihr von meinem ungeheuerlichen Leidensdruck erzählen, den wahrscheinlich niemand, schon gar nicht meine Lehrerin, abschätzen konnte.

Als meine Mutter gegangen war, schaute die Lehrerin mich streng an. Ich spürte in dem Moment ganz tief in mir: Diese Frau mag mich nicht. Und vor der ganzen Klasse sagte sie, meine Mutter sei böse, so kam es bei mir an. Ich fühlte mich gedemütigt und splitterfasernackt vor der ganzen Klasse – meine Seele schrie. In ihrem Verhalten mir und meiner Mutter gegenüber bestärkte sie die Ungerechtigkeiten, die meine Mitschüler mir gegenüber all die Jahre gezeigt hatten. Und da kam er: der Moment, als ich zum kleinen Rebell wurde.

Ich stand auf, alle schauten mich an, ich blickte zur Tür und rannte los. Rannte so schnell meine kleinen Beine mich trugen und so schnell, wie ich nie zuvor gerannt war. Mein Gesicht war nass von meinen Tränen und mein einziger Gedanke war: «Dahin geh ich nie mehr zurück!»

Ich wollte nicht mehr existieren, war absolut zerstört. Ich wollte nicht mehr da sein; weder in der Schule, noch sonst wo. Mit Sorge bemerkten meine Eltern zu genau dieser Zeit, wie ich, der Kleine, Schüchterne auch daheim begann, meine Geschwister zu ärgern, um meine innere Unzufriedenheit an ihnen rauszulassen. Es folgten Abklärungen und Gespräche mit einem Arzt, dem Schulpsychologen, meinen Eltern und der Lehrerin. Als es wieder eskalierte und die Situation irreparabel geworden war, wurde ich kurzfristig freigestellt: drei Monate vor dem Übertritt in die Oberstufe.

Um zwischenzeitlich nicht noch eine andere Klasse besuchen zu müssen, bis alle Abklärungen getroffen waren, entschieden sich meine Eltern für ein Beschäftigungsprogramm zuhause; ich verbrachte viel Zeit draußen in der Natur, mit unseren Tieren, freute mich aufs Trainieren im Circus Basilisk, wo man mich so nahm und genauso schätzte, wie ich war, und spielte stundenlang am Tag Playmobil. Mit meinen Figuren zusammen konnte ich mir eine eigene Welt aufbauen – in dieser Fantasiewelt fühlte ich mich aufgehoben und geborgen. Da war keine Lehrerin, die mich bis ins Innerste traf, da waren keine Mitschüler, die mich mobbten oder verprügelten, weil ich eine beste Freundin anstelle eines besten Freundes hatte. Hier in dieser Fantasiewelt war ich in Ordnung. Ich schätzte diese Wochen daheim sehr und kämpfte mich Schritt für Schritt wieder nach oben – und zu mir selbst. Ohne Einflüsse von außen.

Casting für Ovomaltine

Zur selben Zeit rief eine Sachbearbeiterin von Ovomaltine beim Circus Basilisk an, auf der Suche nach einem Jungen, der einen Salto machen konnte. Die Zuständige vom Jugendzirkus schlug zwei Jungs vor – einer davon war ich. Das war gerade in der Zeit, als es mir so richtig schlecht ging. Ich hatte null Selbstbewusstsein und hätte vor der Kamera stehen und etwas aufführen sollen, wofür mich meine Mitschüler ständig ausgelacht hatten. Nur schon die Tatsache, dass ich überhaupt die Chance bekam, meinen Salto vorzuzeigen, erfüllte mich mit einer unglaublichen Freude. Fremde Menschen wollten etwas von mir sehen, das ich gut konnte.

Ich machte es. Zusammen mit meinem Vater fuhren wir ins Tessin, wo das Casting stattfand, und sie waren mit meiner Leistung zufrieden. Sie waren mit meiner Leistung tatsächlich zufrieden! Da war jemand außerhalb meiner Familie, der anerkannte, was ich konnte. Und ich bekam den Auftrag.

Klar war das eigentlich nur ein kleiner Erfolg, aber für mich bedeutete dies immens mehr. Ich war innerlich so froh, glücklich und dankbar. Nicht nur für mich, sondern in erster Linie für meine Eltern. Sie hatten durch mich in der vergangenen Zeit so viel Ärger und Leid gehabt, hatten sich so sehr für mich eingesetzt, mich unterstützt und angenommen, obwohl ich anscheinend so anders war als andere Jungs. Und doch hatten sie durch all die Probleme und Anfechtungen hindurch immer an mich geglaubt.

Dieser Salto bei Ovomaltine war ein kleiner Teilerfolg, durch den ich ihnen beweisen konnte: Ich kann das. Ich kann mit meiner Liebe zur Akrobatik einen kleinen Erfolg haben. Und ich verdiente durch dieses Casting sogar mein erstes Taschengeld. Die Ovomaltinewerbung wurde daraufhin im Fernsehen ausgestrahlt und man sah mich etwa eine hundertstel Sekunde lang auf dem Bildschirm. Man musste mich fast suchen – trotzdem war ich sehr stolz darüber.

Eine Löwenfamilie

Durch meine Eltern spürte ich während der ganzen schlimmen Schulzeit immer, dass ich nicht falsch war. Ja, ich war wohl anders als andere Kinder, viel sensibler. Ich spürte Dinge und wusste Sachen, über die sich die anderen Kinder wahrscheinlich noch gar keine Gedanken machten. Ich war immer sehr kreativ und einfallsreich, hatte viel Energie und konnte meine eigenen Ideen umsetzen. Und ich wurde nach meiner Auszeit von der Schule daheim wieder angenehm, vertrug mich auch wieder mit Stephanie, der Ältesten, und den jüngeren Brüdern Dennis und Tim.

Wir vier waren ein wunderbares Gespann und zu sechst bildeten wir «die Löwenfamilie». Wir konnten wieder viel unbeschwerter die Freizeit zusammen erleben – mit und ohne Streit, manchmal wegen lächerlicher Kleinigkeiten. Es lief bei uns eben immer etwas. Meine Eltern schafften es, mir die unbeschwerte Kindheit wieder zurückzubringen.

Die Trainingsstunden im Circus Basilisk wurden für mich zum Highlight der Woche. Nach der Nummer mit dem Einradfahren kamen Boden- und Luftakrobatik dazu. Ich durfte in die Luft und fühlte mich frei und glücklich am Trapez. Außer vielleicht in dem einzigen Moment, als während einer Aufführung meine Hose riss, oops … Die Trainer gaben mir, wie den etwa vierzig anderen Kindern und Jugendlichen, die Gelegenheit, alles Mögliche auszuprobieren.

Neben meiner älteren Schwester Stephanie kamen irgendwann auch meine beiden jüngeren Brüder zum Basilisk. Es war für mich mein zweites Zuhause. Eigentlich schon erstaunlich, dass wir vier diese Zirkuseuphorie in uns trugen, obwohl weder Mutter noch Vater aus einer Zirkusfamilie abstammen – da fließt kein Tropfen Zirkusblut in ihren Adern – oder vielleicht doch? Wer weiß …

Mit 14 Jahren bewarben sich drei meiner Zirkusfreunde und ich an einem internationalen Zirkusfestival in Dresden. Große Aufregung und Vorfreude herrschte auf unseren Auftritt hin. Es war ein einzigartiges Erlebnis und wir gewannen den unglaublichen zweiten Platz. Wie war das Seelenbalsam für mich, im Sinne von: «Ich kann doch etwas.» Ich durfte zum ersten Mal in meinem jungen Leben auf einer riesigen Bühne stehen. Die Auftritte im Jugend Circus Basilisk fanden ja eher im kleinen Rahmen statt. Und als ich da im Scheinwerferlicht auf dieser immensen Bühne stand, wusste ich, ich will das. Genau das.

Wir vier

Wir vier sind so verschieden wie die vier Jahreszeiten und trotzdem sind wir eine Einheit. Mit meinen Geschwistern erlebte ich bisher meine schönsten, aber auch meine schwierigsten Zeiten. Sie sind wohl das schönste Geschenk, das mir meine Eltern gemacht haben. Nie wäre ich ohne sie das geworden, was ich jetzt bin. Sie machen mein Leben so viel besser.

Wir sind mehrere Male während meiner Kindheit umgezogen. Die schönsten Erinnerungen haben wir jedoch alle an unser Zuhause in einem dreihundertjährigen Riegelbau mit grünen Fensterläden am Arishofweg im Dorfkern von Allschwil. Hinter dem Haus lag unser Garten, vorne plätscherte ein alter Brunnen, der stets von unserer krummen Birke beschattet wurde, und durch den benachbarten Wald schlängelte sich der kleine Bach, an dem wir vier uns stundenlang vergnügten. Eine Holztreppe führte zu unserer Eingangstür, die nie abgeschlossen war und dadurch irgendwie auch zeigte: Herzlich willkommen. Die Holzböden knarrten unter unseren Schritten und anhand des Knarrens erkannten wir Kinder immer, wer die Treppe hochkam.

In den kalten Wintermonaten hielten wir uns gerne gemeinsam in der Stube auf, da unsere einzige Heizquelle der Holzofen war. Dort entzündete Vater frühmorgens das Feuer, um unser Heim zu wärmen. Wir mussten uns während dieser Zeit trotzdem einen Pullover und ein paar Socken mehr überziehen.

Viel lieber mochte ich den Sommer. Da konnte ich durch das kleine Fenster meines Zimmers klettern, um auf dem Nachbardach die Aussicht zu genießen und zu träumen. Herrlich, wie ich die wärmenden Sonnenstrahlen auf meiner Haut spürte. Ich beobachtete von dort, wie die Sonne langsam unterging und die Schatten immer länger wurden. Da saß ich gedankenversunken so lange, bis der Nachbar meine Eltern anrief: «Jason sitzt mal wieder auf unserem Dach!» Da war nichts, kein Anschein von Höhenangst. Ängste entwickeln sich oft erst mit der Zeit.

Manchmal heckte ich da oben neue Ideen aus, die ich dann zusammen mit Dennis und Tim ausprobieren musste. Stephanie hatte mich schneller durchschaut und ließ sich nicht mehr so einfach für all meine verrückten Ideen begeistern wie die zwei Kleinen. Beispielsweise wollte ich meinen eigenen kleinen Gemüsegarten mit Tomaten, Bohnen und verschiedenen Kräutern anlegen, aber da ich mich fürchterlich vor Würmern und Schnecken ekelte, mussten meine beiden Brüder diese schleimigen Viecher dann für mich aus dem Weg räumen. Als wir unser neues Gummiboot im Bach testen wollten, waren es wieder Dennis und Tim, die als Erste einsteigen mussten. Schließlich wollte ich nicht untergehen. Aber immer passte ich auf uns auf.

Wir vier ließen uns in dieser besonderen Umgebung neu inspirieren. Wir lachten zusammen, hatten Spaß und spielten gerne Streiche – eine unserer Nachbarinnen war unser Lieblingsziel. Inmitten unserer Nachbarschaft fühlten wir uns sehr wohl, nur sie nannten wir «die alte Hexe», weil sie jeweils hinter dem Vorhang auf uns lauerte und das Fenster öffnete, sobald wir in die Nähe kamen. Doch wir waren schneller und schon landete wieder einer unserer Wasserballone in ihrer Stube.

Unsere Eltern bekamen während unserer Kinder- und Jugendjahre wohl viele Anrufe und mussten sich oft für unsere Streiche entschuldigen, welche aber nie aus böser Absicht waren. Sie hatten wirklich enorm viel Geduld mit uns und ließen uns große Freiheit. Wir vier wuchsen in einer Zeit auf, in welcher Kinder noch Kinder sein durften. Das hat uns enorm zusammengeschweißt und ein festes Band um uns gelegt. Wir vier – eine wilde Truppe mit viel Herz.

Ich und mein Name

Interessanterweise habe ich den englischsten Namen von uns vier Kindern. Manchmal fragen mich Leute, ob Jason mein Künstlername sei. Und weil er in der Schweiz nicht so geläufig ist, wird er auch oft falsch ausgesprochen. Aber ich wurde auf genau diesen Namen getauft: Jason Lukas. Lukas, wie mein Vater. Ich denke oft, dass der Name viel über einen Menschen aussagt und vielleicht gar einen Einfluss auf dessen Werdegang hat, auch wenn ich mich noch nie eingehend damit auseinandergesetzt habe. Aber ich frage mich doch, was aus mir geworden wäre, wenn ich Urs oder Paul geheißen hätte.

Als kleiner Junge klebte ich immer an meiner Mutter, erzählt man mir immer wieder. Ich war eben ein richtiges Mami-Kind. Wir beide sind uns sehr ähnlich, pflegen denselben englischen Humor und können uns über Situationen kaputtlachen, die für andere gar nicht lustig sind – eben den schwarzen Humor. Meine Mutter ist gebürtige Engländerin, hatte da oft die Schule und den Wohnort gewechselt. Als sie mit 17 Jahren in die Schweiz gekommen war, hatte sie kein einziges Wort Schweizerdeutsch gesprochen, und dies, obwohl ihr Vater Schweizer ist – ohne den sie aber bei ihrer Mutter in England aufgewachsen ist. Und weil sie durch das ständige Umziehen selbst erfahren hatte, wie schwierig es ist, als Außenseiterin zu leben, sprach sie mit uns Kindern fast kein Englisch. Wir sollten dazugehören – überall. Das wünschte sie sich. Auch für mich. Leider gehen im Leben nicht alle Wünsche in Erfüllung. Vielleicht warten dafür aber umso größere …?

Gemeinsam können sich meine Mutter und ich uns über Dinge amüsieren, welche unsere Umwelt nicht versteht. Beispielsweise über einen gewöhnlichen Kokosnusskuchen, der halt auch nach dem Backen noch immer einen schwimmenden Teig darstellt und Mama und mich dadurch zum Tränenlachen bringt. In Momenten, in denen wir ernst und schweigsam sein sollen, schauen wir uns dann besser nicht an. Diese Vertrautheit in der Familie ist für mich unglaublich wertvoll. Da ist dieser Zusammenhalt, dieses Verständnis, eine unglaublich starke Familienbande – eben Löwenfamilie.

Die Beziehung zu meinem Vater veränderte sich im Laufe der Jahre sehr. Er hatte sich immer für uns eingesetzt, trotzdem war er viel ernster und etwas strenger mit uns. Vor ein paar Jahren brach meine Familie den Kontakt zu Mutters Ursprungsfamilie ab. Wenige Zeit später dann auch zur Ursprungsfamilie meines Vaters. Es gab leider schwerwiegende Probleme in der Verwandtschaft, aber dazu möchte ich mich später noch äußern. Seit diesem Bruch war mein Vater auf jeden Fall viel unbeschwerter, hatte keinen Druck mehr durch seine Familie, und von diesem Zeitpunkt an hatte auch ich ein viel besseres Verhältnis zu ihm. Er durfte endlich glücklich und er selbst sein. Es fühlte sich an wie eine Befreiung für uns alle. Dafür gratuliere ich meinen Eltern, aber speziell meinem Vater.

Mein Herz für Tiere

Neben meiner Familie fand ich Halt und Geborgenheit bei anderen Wesen: bei den Tieren. Zu ihnen hatte ich auch während der ganzen schlimmen Primarschulzeit immer eine gute Verbindung. Bei ihnen musste ich mich nie rechtfertigen oder erklären – bei ihnen durfte ich so sein, wie ich war. Vor allem bei Bibo, unserem herzenslieben Hund, einer Straßenmischung aus Italien, der uns irgendwann einfach adoptierte. Denn eigentlich gehörte er einem Nachbarn in unserer Straße, aber eines schönen Tages kam Bibo daher, spazierte in unsere Küche und bewegte sich nicht mehr weg. Der Nachbar, ein älterer Herr, meinte dazu: «Der hat sich euch ausgesucht!», und schenkte ihn uns daraufhin. Bibo gehörte zu uns und wir konnten uns ein Leben ohne ihn alsbald überhaupt nicht mehr vorstellen. Er war es, der mich neben meiner Mutter am besten trösten konnte. Bibo spürte immer, wenn es mir schlecht ging, kuschelte sich neben mich, als wollte er mir zeigen: «Ich mag dich, komm, bei mir darfst du einfach sein.» Später kam dann noch Charlie in einer Schuhschachtel zu uns. Damals war er noch klein und trug ein Glöckchen um den Hals, und auch er wurde zu einem lieben Freund. Ich glaube, es gibt keine treuere Seele als die des Hundes.

Als ich dann Max und Moritz, zwei kleine Hamster, geschenkt bekam, eröffnete sich für mich ein neues Hobby. Ich freute mich und pflegte die beiden, bis sich herausstellte, dass Max eine Maxine ist und eines schönen Morgens zehn kleine Babys im Käfig lagen. Erst erschraken wir, als wir die nackten, noch blinden Würmchen sahen – also vor allem meine Eltern –, doch dann beruhigte ich sie und versicherte ihnen, mich gut um die Tiere zu kümmern. So wurde ich mit gerade mal elf Jahren zum Hamsterzüchter.

Ich schaute Dokumentationen, las Bücher darüber, wollte Hintergründe zu den einzelnen Stammbäumen erfahren und züchtete verschiedene Kreuzungen. Dahinter steckte eine richtige Wissenschaft, die mich faszinierte. Ja, ich weiß, irgendwie war ich schon ein kleiner Freak. Ich telefonierte und belieferte etwa fünf Jahre lang praktisch alle Zoohandlungen in der Umgebung und besserte dadurch mein Taschengeld auf. Pro Hamster verdiente ich nämlich zwei Franken.

Einmal passierte beinahe ein Unfall während einer Lieferung. Mein Vater fuhr uns, eine Kollegin, mich und die kleinen Hamster, zur nächsten Zoohandlung. Aus Jux nahm die Kollegin ein kleines Pelztier aus der Schachtel, hielt es meinem Vater ans Ohr und konnte nicht ahnen, dass er sich vor meinen geliebten Hamstern etwas ekelte. Er erschrak furchtbar und fuhr uns fast in den Straßengraben. Wir kamen jedoch glimpflich davon. Diese Kollegin ist auch heute noch als «Nicole, der Hamsterschreck» bei uns bekannt.

Durch meine Hamsterzucht konnte ich meiner Familie zeigen, dass ich Verantwortung übernehmen konnte. Ich war nicht nur im Zirkus geschickt, sondern bewies, dass ich auch sonst ein ideenreiches Kind war. Diese lustige Geschichte erzähle ich heute noch gerne.

Drei weiße Federn

Ein anderes Tier muss an dieser Stelle natürlich auch noch erwähnt werden: «Tigerli», mein Kuscheltier, eine Art Raubkatze, ähnlich ein Panther, jedoch nicht schwarz. Ganz einfach mein «Tigerli», den ich zur Geburt von meinem Patenonkel geschenkt bekommen hatte und der mich bis zu meinem zwölften Lebensjahr überallhin begleiten durfte und dadurch aus manch misslichen Situation gerettet werden wollte: Einmal fiel er mir im Zoo einen Abhang runter, mitten in ein Feld von Brennnesseln. Ja, und dann war es mein Vater, der mein Kuscheltier rettete und sich an dem miesen Unkraut verbrannte.

Irgendwann habe ich «Tigerli» leider verloren. Vielleicht war es in der Zeit, als ich spürte, viel Gutes in mir zu haben, als ich selbstbewusster wurde, nicht mehr an Äußerlichem Halt suchte, sondern dieses Vertrauen in mir fand. Mein Patenonkel hatte wohl intuitiv ganz zu Anfang schon gewusst, was mir guttat und was ich brauchte. Das blieb auch im späteren Leben so. Noch heute pflege ich zu ihm, wie auch zu meiner lieben Patentante, ein herzliches Verhältnis. Ehrliche und liebenswerte Familienbande sind mir sehr viel wert.

Einer der wenigen Gegenstände, der mir heute noch sehr wichtig ist, hängt über meinem Bett: ein feiner, hölzerner Weidereifen, in den ein spinnennetzartiges Geflecht aus Garn eingearbeitet wurde. In der Mitte thront eine glänzende Perle. Am Reifen baumeln drei weiße Federn. Das ist er, mein Traumfänger. Er hilft mir, meine Herzensträume einzufangen. Wenn ich dann nachts im Bett liege, an die Decke schaue und im Mondlicht beobachte, wie sich die Federn sanft im Wind des offenen Fensters bewegen, spüre ich: er lebt. Genauso wie meine Träume, die ich mir erfüllen werde.

Eine schwierige Verwandtschaft

Ich weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, in einem harmonischen Umfeld aufwachsen zu können. Das folgende Kapitel ist ein schwieriges. Aber auch dieses Kapitel gehört zu meiner Geschichte. Die Kindheitserinnerungen an meine Verwandtschaft sind geprägt von Lügengeschichten, unnötigen Auseinandersetzungen, Eifersucht und auch das Thema Gewalt war immer wieder präsent. Mein Großvater väterlicherseits, ein Patriarch alter Schule, hatte das Sagen und man hatte ihm blind zu gehorchen. Die Großeltern waren sehr kalt, gefühlslos – doch äußerlich versuchten sie immer, den Schein perfekt zu wahren.

Meine Eltern fügten sich viele Jahre und machten dieses Spiel mit: nach außen hin die feinen Leute, im Hintergrund alles andere als lieb und nett. Ich erlebte mehrmals Situationen, in denen Gewalt angewendet wurde. Ja, da gab es unzählige Momente in meiner Kindheit, die nicht in Ordnung waren. Man wusste es auch in meinem Heimatdorf Allschwil, aber niemand unternahm etwas dagegen. Meine Großeltern waren angesehene Leute, die man eben kannte. Auch meine Eltern getrauten sich noch nicht, gegen sie anzutreten.

Weil man es wusste und schwieg, wurde oft hinter unseren Rücken gemunkelt. Ich dachte mir überhaupt nichts dabei, mit kurzärmeligem T-Shirt herumzulaufen, obwohl meine Arme vom vielen Training beim Circus Basilisk recht geschunden aussahen und blaue Flecken aufwiesen. Als meine Schwester Stephanie und ich dann während eines Trainings wegen einer Kleinigkeit zur Kinderärztin mussten, entdeckte diese die Verletzungen und Wunden an meinen Armen. Sie schaute mich ganz ernst an: «Möchtest du mir etwas erzählen?» Nein, was sollte ich ihr denn erzählen? Sollte sie sich für den Zirkus interessieren? Oder für unschöne Erlebnisse mit meiner Lehrerin? «Du kannst mir wirklich alles sagen. Was hier drin gesprochen wird, fällt unter das Arztgeheimnis», meinte sie dann ernst, mit Blick auf meine Arme. Erst dann begriff ich und lachte: «Ach so, Sie meinen die Wunden und blutunterlaufenen blauen Flecken an den Armen? Das kommt vom Training. Sie dürfen mir gerne einmal zuschauen kommen, dann verstehen Sie, warum ich so aussehe.» Und Stephanie ergänzte: «Wir werden nicht misshandelt, da können Sie ganz unbesorgt sein.» Ich realisierte in dem Moment, dass die blauen Flecken an meinen Armen tatsächlich als Misshandlungen angesehen werden konnten. Von da an bevorzugte ich langärmlige T-Shirts.

Ich erinnere mich: Als ich noch ganz klein war und Stephanie und ich bei den Großeltern notfallmäßig übernachten mussten, erlebten wir mit, wie sich einer unserer Cousins aus Angst vor der Großmutter hinter dem Sofa versteckte. Als sie ihn entdeckt hatte, zerrte sie ihn an einem Bein hervor und schlug ihn. Er schrie und weinte verzweifelt. Stephanie und ich weinten mit ihm. In dieser Nacht konnte ich vor Angststarre kaum einschlafen, da Stephanie und ich in zwei getrennten Zimmern untergebracht worden waren. Es war eine endlose Nacht. Alleine im Dunkeln auf meiner Matratze am Boden. Ohne zu wissen, wie es meiner Schwester geht. Noch heute frage ich mich, weshalb man unsere Zimmer von außen abgeschlossen hatte. Zum Glück mussten wir danach nie mehr in diesem Haus übernachten.

In meiner Verwandtschaft war die Liebe nicht spürbar, da herrschten andere Regeln. Und dies, obwohl sie doch so perfekt waren – nach außen hin jedenfalls. Man besuchte regelmäßig den Sonntagsgottesdienst. Ja, nach außen die feine, nette Familie, nach innen das Gegenteil. Das war für mich überhaupt nicht miteinander vereinbar und davor wollte und musste ich mich distanzieren. Ich habe meine eigenen Ideen und Vorstellungen über Spiritualität, und auftanken oder inspirieren lasse ich mich liebend gerne in der Natur.

Welch wohltuende Erlösung, als meine Eltern dieses «familiäre» Band nach vielen – viel zu vielen – Jahren endlich lösten! Vielleicht verharrt man manchmal viel zu lange in einer Situation, auch wenn sie noch so schwer zu ertragen ist, bevor man sie loslässt und sich mutig und überzeugt ins Neue und Unbekannte aufmacht.

Manchmal macht es mich traurig, nicht zu wissen, wie es sich anfühlt, eine herzliche Oma oder einen fürsorgenden Opa zu haben. Wie schön wäre es doch gewesen, an dieser Stelle eine tolle Anekdote über meine Großeltern zu erzählen, um ihnen diese dann stolz vorlesen zu dürfen. Leider ist da keine in mir. Der Grund, warum ich dieses Kapitel mit euch teilen wollte, ist vielleicht schwer zu verstehen. Es geht mir nicht darum, meine Verwandtschaft an den Pranger zu stellen. Vergangenheit bleibt Vergangenheit und ich mache niemandem einen Vorwurf. Auch sie tragen ihre eigene Geschichte durchs Leben und diese wirkt sich in ihr Denken und Handeln ein. Ich schreibe dieses Buch aus der Motivation heraus, den Menschen Mut zu machen: «Befreit euch von Negativität und von Menschen, die nicht an euch glauben!» Wenn ich mit diesem Kapitel auch nur einer Person dabei helfen konnte, sich aus einer ähnlichen Situation zu befreien, war es mir das bereits wert.

Niveauwechsel auf eigene Faust

Vor dem Übertritt in die Oberstufe ins Schulhaus Breite in Allschwil war ich ins Niveau E eingeteilt worden, dem mittleren der drei. Von den Noten her hätte ich eigentlich ins Niveau P, das beste, eingeteilt werden müssen. Doch die Lehrerin wie auch der Schulpsychologe fürchteten, mich sonst zu überfordern – mich, den «Kleinen», den Sensiblen, den zu wenig reifen und für sie wohl auch nicht leicht zu handhabenden Schüler. Denen wollte ich es zeigen! Ich lernte, musste mich nicht mal allzu sehr anstrengen, und haute immer gute Noten heraus.

Einen großen Einfluss hatte gewiss auch meine Oberstufenlehrerin auf mich. In den vergangenen zweieinhalb Jahren war ich mit der damaligen Lehrperson auf Feindesfuß gewesen, hier an der Oberstufe durfte ich spüren, dass auch eine Lehrerin nett sein kann. Welch wunderbare Erfahrung! Frau Koller glaubte an mich, genauso wie meine Eltern, sie hatte Freude an mir und ließ mich dies auch sichtlich spüren. Das tat mir bis in die Seele hinein gut.

Mein Ziel war nicht das Niveau E, das mittlere, sondern P, das beste. Und nach einem Semester hatte ich meine Noten da, wo ich hinwollte. An einem Freitagabend, kurz vor Semesterschluss, klopfte ich daher an die Tür der Schulleitung, legte ihnen meine Noten vor und verkündete: «Ich bleibe nicht länger im Niveau E. Ich habe jetzt bewiesen, dass ich es kann, und würde gerne ins Niveau P wechseln.» Der Rektor zeigte sich sehr erstaunt über mein mutiges Auftreten, war aber sehr erfreut, wusste er doch über meine Geschichte in der Vergangenheit genau Bescheid.

Noch in derselben Stunde telefonierte er mit meinen Eltern, um sie zu informieren: «Ab Montag besucht Jason das andere Niveau, aber auf einer anderen Stufe.» Und weil ich durch den Niveauwechsel auch ein Jahr wiederholen musste, war ich auf einmal einer der Ältesten, fühlte mich stärker als die anderen und entwickelte mich zu einem selbstbewussten Jungen. Was für ein neues Lebensgefühl! Selbstbewusstsein – bisher ein Fremdwort für mich. Auf einmal war ich nicht mehr der Außenseiter und hatte tolle Freundinnen und Freunde. Teilweise wussten meine neuen Kollegen über meine Vergangenheit Bescheid, doch das war überhaupt nicht relevant. Noch heute erzählt man sich anscheinend im Dorf: «Weißt du, das ist der Junge, welcher in der Primar aus der Schule abgehauen und nicht wiedergekommen ist.» Toll, wenn man den Menschen dadurch in Erinnerung bleibt. Aber ist es nicht so, dass viele Menschen sich viel mehr mit Negativem umgeben als mit Positivem?

Jedenfalls überquerte ich noch Jahre später ungerne den Pausenplatz des früheren Schulhauses. Schlimme, beängstigende Gefühle kamen jedes Mal in mir hoch. Ich spürte noch lange nach, wie ich mich damals als kleiner Wurm gefühlt hatte. Manchmal spielte sich ein innerlicher Film ab und ich wünschte mir so sehr, ich könnte den Film nur einmal für einen kurzen Moment in die Zeit von damals zurückdrehen und mir zureden: «Du bist so viel wert. Du bist gut.» Ich würde dem früheren Ich gerne Mut zusprechen. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber es ist nicht vorbei. Es ist in uns und prägt uns für die Zeit danach. Es kann den Menschen brechen oder weiterbringen. Mich hatte die Zeit sehr geprägt – und weitergebracht. Und irgendwann werde ich dieses Trauma verarbeitet haben. Irgendwann.

Jahre später begegnete ich der damaligen Primarlehrerin in der Straßenbahn. Es war kurz nach meinem großen Sieg bei «Die grössten Schweizer Talente». Sie streckte mir die Hand hin und ich spürte dieselbe Antipathie wie Jahre zuvor: Sie mag mich nicht. «Ich weiß schon, was du machst», sagte sie kühl, «ich habe dich im Fernsehen gesehen.» Da kam keine Gratulation, keine Anerkennung, kein Lob oder etwas im Sinne von: «Schön, dass du deinen Weg gemacht hast.» Ich weiß nicht, warum ich das von ihr erwartet hätte. Vielleicht, weil sie meine Primarschulzeit so ruiniert hatte. Aber ich war in dem Moment stolz und ich fühlte eine Genugtuung, wie ich sie nie zuvor verspürt habe.

Coming-out mit 16

Das Gymnasium besuchte ich dann in Basel, konkret war es das Sportgymnasium «Bäumlihof». Wie ich diese Zeit genoss! Sie gehörte zu einer der besten meines Lebens überhaupt. Ich wurde akzeptiert, wie ich war, und spürte, dass ich voll integriert war und dazugehörte. Ich war Mitglied einer coolen Klasse, war schweizweit der Erste, der als Zirkusartist zur Sportklasse zugelassen worden war, und realisierte, wie stark ein angenehmes, positives Klassenklima auf den Jugendlichen einwirken kann. Ich, der Jahre zuvor anderes erleben musste, war dafür umso dankbarer. Wie gut hätte mir dies damals als scheuer, kleiner Junge getan.

Wir Gymnasiastinnen und Gymnasiasten waren uns alle auf eine Art ähnlich. Wir pflegten eine sportliche Leidenschaft, trainierten viel, wenn auch an unterschiedlichen Orten und zu anderen Zeiten, aber wir alle verfolgten offensichtlich einen persönlichen Traum: Wir trainierten für unsere Lieblingssportart und wollten uns immer verbessern. Meine Leidenschaft für den Zirkus wuchs von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als auf den ganz großen Bühnen dieser Welt stehen zu dürfen.

Und dies in einer Zeit, in der wir alle ziemlich am Pubertieren waren, die ersten Partys besuchten, zum ersten Mal die Schule schwänzten. Zusammen rebellierten wir. Eine besondere Nummer unter den Lehrpersonen war meine aus Polen stammende Mathematiklehrerin Frau Michalsky, die nie meinen Namen richtig aussprechen konnte. So war ich in jeder Lektion ein anderer: James, Jackson, Jenson, Janson, einfach nur nie Jason. Ich selbst freue mich darüber, dass meine Eltern sich bei mir für diesen englischen Namen entschieden hatten. Ich habe seither noch keinen Namensgefährten in der Schweiz getroffen.

Nicht die Mathematiklehrerin, sondern ich selber war schuld, dass ich in Mathematik extrem schlecht war. Diese ganzen Zahlen und Formeln brachte ich einfach nicht auf die Reihe und das alles interessierte mich auch nicht. So hatte ich in Mathe bei der Matura eine glatte Zwei, die ich aber dank der anderen Fächer kompensieren konnte. Frau Michalsky tadelte mich nicht ein einziges Mal deswegen, sondern zeigte großartiges Verständnis für meine miserablen Noten und entschuldigte sie mit den Worten: «Er ist anders. Er ist ein Künstler. Da braucht er keine Mathematik.» Wahrscheinlich zeigte sie so viel Einfühlungsvermögen, weil sie selbst eine Affinität zum Theater besaß. Zum ersten Mal war ich stolz, anders zu sein.

Trio infernale

Ich hatte viele tolle Freunde und zwei beste Freundinnen: Laura und Maria. Unglaublicherweise waren Laura und ich uns schon einmal begegnet: in der Primar bei der besagten Lehrerin. Sie hatte da zwei Wochen zugebracht, wurde als schwer erziehbar betitelt und musste daraufhin die Klasse wechseln. Vielleicht müssen gewisse Begegnungen aber doch zustande kommen? Jedenfalls bildeten wir, Maria, Laura und ich, zusammen das «Trio infernale», stellten so viel Mögliches und Unmögliches auf die Beine, hatten unglaublich viel Unsinn im Kopf und waren nicht einfach zu handhaben für unsere Lehrpersonen. Zusammen waren wir stark – wir waren ein Team. Mit diesen zwei Mädchen konnte ich so glücklich sein wie schon lange nicht mehr. Sollte sich nicht jeder Mensch zu einem Team zugehörig fühlen dürfen? Ich mochte diese Unbeschwertheit. Und im Nachhinein denke ich, als Teenager hat man das Recht, auf unsere Art rebellisch zu sein. Ich, der kleine Rebell, war auf dem Weg, erwachsen zu werden. Wir waren ja nicht böse, wir waren einfach in der Veränderung.

Wir dachten, nichts könne uns aufhalten, nichts könne uns trennen. Doch der Moment kam, an dem wir alle unsere eigenen Wege gehen mussten. Maria ging zurück nach Bern, Laura begann zu arbeiten, und ich hatte ja auch hoffnungsvolle Pläne. Das Trio infernale wurde getrennt. Wenn ich an den letzten gemeinsamen Abend denke, kommen mir wieder die Tränen. Die Freundschaft zu Maria und Laura wird eine lange Freundschaft bleiben – durch weitere Höhen und Tiefen hindurch.

Ich stehe zu mir

Es war die Zeit, in der ich mich outete, homosexuell zu sein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich selbst betrogen, nach außen eine Rolle gespielt, durfte nie ich selber sein. Nun wollte ich nicht mehr. Die Welt sollte es erfahren. Das war keine einfache Sache für mich. Obwohl es eigentlich offensichtlich war, dass ich immer anders gefühlt hatte als andere Jungs. Wahrscheinlich hatten sich dies viele Menschen in meinem Umfeld auch schon gedacht, mich aber nie darauf angesprochen. Ich fühlte, dass es nun an der Zeit war, zu mir selbst und zu meinen Gefühlen zu stehen. Warum sollte ich sie auch verstecken? Homosexualität ist keine Krankheit und nichts, wofür man sich schämen muss.

Ich überlegte mir lange, wie ich mich outen sollte und erzählte es erst zwei guten Freunden von mir. Sie waren nicht sehr überrascht. Bei ihnen fühlte ich mich wohl und getragen. Da wusste man einiges voneinander. Und bei ihnen fiel es mir ja noch einfach. Doch wie sollte ich mich der Schulklasse erklären? Würde ich dadurch wieder zu einem Außenseiter und gemobbt werden? Für viele war es keine Überraschung und es schien für keinen Einzigen ein Problem zu sein. Innerlich war ich sehr froh darüber. Schon bald lernte ich meinen ersten Freund kennen. Die Zeit sollte kommen, dass ich meine Familie über meine Homosexualität aufklären sollte. Aber wie? Und wann?

Vor dem Einschlafen malte ich mir die Reaktionen meiner Eltern und Geschwister aus. Wie würden sie reagieren? Eigentlich schätzte ich sie recht offen ein und dachte mir, dass sie das einfach so akzeptieren würden – ja, etwas naiv von mir. Und ich hatte mich damit auch ziemlich getäuscht, wie ich dann realisierte.

Ich passte also den richtigen Moment ab, der an einem Wochenende nach den Sommerferien kam. Zusammen mit meiner Mutter saß ich auf dem Sofa und wir schauten einen schrecklichen Horrorfilm – ob dies der richtige Zeitpunkt war? Jedenfalls fiel ihr auf, dass ich ständig an meinem Handy war und Nachrichten verschickte.

«Hast du eine Freundin oder einen Freund?», wollte sie da plötzlich wissen.

«Ja, wäre es denn schlimm für dich, wenn es tatsächlich ein Freund wäre?», entgegnete ich.

«Nein. Ist es denn so?»

«Ja, ich bin schwul.»

Nach dieser Neuigkeit brauchte meine Mutter erst einmal eine Zigarette. Wir schauten den Film an jenem Abend nicht mehr zu Ende, denn sie verließ kurz darauf das Haus und fuhr zu meinem Vater, der hauptberuflich als Feuerwehrmann arbeitete und deshalb oft auch abends und am Wochenende Bereitschaftsdienst hatte. Meine Eltern hofften inständig, dass ich doch noch einer jungen, hübschen Frau begegnen würde, die meine Gefühle von der Homo- in die Heterosexualität hätte polen können. Ja, sie hatten schon Mühe mit der Tatsache, dass ihr sechzehnjähriger Sohn einen anderen Jungen liebte. Und sie fragten sich auch: «Was kommt jetzt wieder auf uns zu?», und konfrontierten mich mit ihrer Angst, dass ich nun wieder zu einem Außenseiter werden könnte. Denn sie wünschten sich eigentlich nichts sehnlicher, als mich glücklich zu sehen. Dies zu akzeptieren, brauchte Zeit. In dieser Zeit traf ich meinen Freund heimlich, bis zum elterlichen Verbot, ihn wiederzusehen. Das war schwer für mich. Wie hätte ich mir gewünscht, dass durch mein Outing mein Leben einfacher werden würde und meine Eltern mir in diesem Moment das nötige Verständnis und Mitgefühl geschenkt hätten.

Trotzdem weihte ich Schritt für Schritt alle ein. Keiner meiner gleichaltrigen Freunde hatte ein Problem damit. Warum muss man sich so viele Gedanken machen, wenn man realisiert, anders zu sein als die große Masse? Meine Schwester Stephanie erfuhr es durch meine Eltern, und meinen jüngeren Brüdern schrieb ich einige Monate später einen Brief aus Kanada.

Dass sich meine Eltern kurze Zeit darauf trennten, machte mir schwer zu schaffen, weil ich fürchtete, der Auslöser gewesen zu sein. Ich fühlte mich irgendwie schuldig, als mein Vater in eine andere Wohnung zog. Es war ein schweres halbes Jahr, in dem viele Probleme totgeschwiegen wurden. Aber wahrscheinlich brauchte es einfach diese Zeit, denn irgendetwas veränderte sich bei meinen Eltern. Mein Vater zog danach wieder daheim ein und ich erlebte die beiden nun nicht mehr als Gegner, sondern als Partner, die von nun an am gleichen Strick ziehen wollten, um mit mir diesen Weg zu gehen und zu akzeptieren, wie ich bin, und mich zu hundert Prozent zu unterstützen. Manchmal braucht es eben etwas Zeit.

Ich folge meinem Traum – oder doch nicht?

In jener Zeit verspürte ich einen enormen Ehrgeiz in mir. Ein Feuer, das in mir entfacht war, um meine Träume zu verwirklichen. Ich, der ehemalige kleine Rebell, wollte es allen aus der früheren Zeit zeigen. Ich wollte ihnen, aber auch mir beweisen, dass ich etwas kann. Mein größter Traum war es, Artist zu werden. Ich informierte mich, googelte mich durch Internetseiten und entdeckte sie: eine Zirkusschule in Kanada. Und mir wurde zum ersten Mal so richtig bewusst, dass ich als Artist mit der entsprechenden Ausbildung tatsächlich Erfolg haben könnte. In Kanada gab es eine der besten Schulen diesbezüglich. Es beeindruckte mich, was die jungen Menschen in dieser Zirkusschule lernten, dass sie damit ihr Geld verdienen und in der ganzen Welt herumreisen konnten.

Dies war mein Ansporn, richtig hart zu trainieren. Ich wollte gut werden. Nein, noch viel besser. Ich trainierte Dienstag- und Donnerstagvormittag und fuhr jeden Abend nach dem Unterricht mit dem Fahrrad in die Trainingshalle des Circus Basilisk, die eine halbe Stunde außerhalb entfernt lag. Nichts war mir zu aufwendig, nichts zu anstrengend. Ich sah mein Ziel und arbeitete dafür. Oftmals alleine, dann auch mit Judith, meiner Trainerin, die von der ersten Sekunde an mich geglaubt hatte. Mein Training bestand darin: aufwärmen, Krafttraining, da ich, der Kleine von damals, stark werden wollte und Muskeln aufbauen musste. Trotz des Muskeltrainings hatte ich immer noch eine große Beweglichkeit, was extrem wichtig ist. Viele Artisten sind entweder stark oder beweglich. Ich war beides und dankbar darüber. So sollte es bleiben. Daran arbeitete ich weiter – tagelang, stundenlang, Woche für Woche, Monat für Monat. Immer mein Ziel vor Augen: die Aufnahmeprüfung für Kanada zu bestehen, auch wenn dies für einen Schweizer Artisten fast unmöglich war. Obschon meine Chancen gleich null waren, setzte ich alles auf genau diese Karte.

Trainierte ich alleine, informierte ich mich vorab übers Internet und ahmte autodidaktisch nach, um mich selbst weiterzubringen. Begleitete mich Judith, konnte sie mir viele wertvolle Tipps geben, da sie selbst ausgebildete Artistin ist. Mit 14 Jahren war sie daheim ausgezogen, um in Deutschland eine Zirkusschule zu besuchen. Daraufhin war sie auf Tournee gegangen, um dann genau die Zirkusschule in Kanada zu besuchen, die auch ich im Visier hatte. All das, was sie bereits hinter sich hatte, lag vor mir, und mein innigster Wunsch an sie war: «Bitte hilf mir, es an diese Schule zu schaffen. Ich unternehme alles dafür und trainiere Tag und Nacht, wenn es nötig sein sollte. Aber ich möchte es schaffen. Es ist mein größter Traum, Artist zu werden!»

Ich hatte durch den Jugend Circus Basilisk Vorkenntnisse am Trapez, am Vertikaltuch, am Chinesischen Masten und vielen anderen Disziplinen. Doch meine Leidenschaft hatte ich inzwischen eindeutig herausgespürt: die galt den Strapaten. Das sind Bänder, die an der Decke befestigt werden und an denen man verschiedene akrobatische Darbietungen ausübt. Ich verliebte mich mehr und mehr in die Arbeit mit diesen Bändern und wusste: «Damit möchte ich Profi werden.» Aber obwohl sie mir so wichtig sind und mein Leben daran hängt, bedeuten sie mir nicht alles. Sie sind meine Arbeitsinstrumente – nicht mehr und nicht weniger. Ich wechsle sie ja auch ständig, da sie abgenutzt werden. Aber mit gewissen Bändern werde ich Jahre später unglaublich schöne Erlebnisse machen.

Judith war zu jener Zeit meine wichtigste Bezugsperson, meine Mentorin und eine gute Freundin in einem. Sie verstand mich oftmals als Einzige, weil sie genau das kannte, was ich anstrebte. Wir redeten über vieles und da ich bereits einzelne Auftritte absolvierte, war mir der Austausch mit ihr umso wertvoller. Sie konnte mir Tipps und Anregungen für den Auftritt, die Vorbereitung davor und die Zeit danach geben. Sie verstand, wenn ich von meinem Gefühl auf der Bühne und dem Gefühl nach dem Auftritt hinter der Bühne sprach, wenn ich es in Worte zu fassen versuchte. Momente, die man gar nicht richtig in Worten erklären konnte, die man selbst durchlebt haben musste. Ihr verdanke ich so vieles und ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft. Noch heute ist sie mein Fels in der Brandung.

Nichts «Normales»

Ich konnte mir keine Sekunde lang vorstellen, etwas «Normales» zu machen. Einen handwerklichen Beruf zu erlernen oder mich wie viele meiner Freundinnen und Freunde aus dem Gymnasium für ein Studium einzuschreiben. Mich lockte weder Medizin, noch Jura, noch sonst was – da war nur ein Berufswunsch: Ich wollte Artist werden. Und dafür tat ich alles. Wie hart dies für mich werden würde, ahnte ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht.

Ich erzählte allen offen über meinen Traum, Artist zu werden. Es mochte auch etwas naiv klingen, bestimmt belächelten mich Einzelne auch – mir gegenüber sprach kaum einer seine Missbilligung aus. Vielleicht taten sie es hinter meinem Rücken, das weiß ich nicht – das war mir aber auch egal. Ein Einziger tat es offensichtlich und mir gegenüber: mein eigener Großvater mütterlicherseits. Er fand die Idee vom Zirkus Kinderkram und meinte dazu: «Der Junge soll etwas Vernünftiges machen. Zum Beispiel in die Chemie einsteigen.»

Vielleicht hätte man dann ja ein geregeltes Einkommen, aber das beschäftigte mich damals noch nicht. Genauso wenig wie der Gedanke, dass man als Zirkusartist nicht weiß, welcher Auftrag überhaupt als Nächstes reinkommt. Oder dass man dann von heute auf morgen sofort bereit sein muss, die Koffer zu packen. Doch durch das Erzählen meines Traumes hatte ich das Gefühl, ihm immer einen Schritt näher zu kommen. Ihn wahr werden zu lassen. Ich war mir so sicher und spürte immer stärker eine tiefe Überzeugung in mir, dass ich den Traum wahr werden lassen könnte. Ich musste nur daran glauben. An meinen Traum und an mich.

Der Körper reagiert

Und dann passierte es: Nach einem Training wurde mir plötzlich schwindelig, ich hörte auf dem rechten Ohr nicht mehr deutlich und da war ein ständiges Geräusch, ein unglaublich lautes Pfeifen. Von da an war er da, der Tinnitus. Und seit diesem Tag erschwert er mir das Leben. Diese kaum auszuhaltende Lärmquelle macht es mir zeitweise fast unmöglich, meinen Alltag zu meistern. Ich sehne mich seither danach, wenigstens mal für einen kurzen Augenblick wieder Stille zu erleben – absolute Stille. Zu diesem Zeitpunkt, ich war gerade erst 18 Jahre alt und befand mich mitten in meiner Ausbildung im Sportgymnasium, ahnte ich noch nicht, dass alles noch viel schlimmer werden würde. Manchmal ist es besser, nicht zu wissen, welche Schwierigkeiten auf einen zukommen.

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151 p. 2 illustrations
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9783906287546
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